Houston Stewart Chamberlain

Auswahl aus seinen Werken

Cover Auswahl


N.B.: Enumerated notes ¹), ²), etc. are original, notes with asterisks *), **), are made by me.

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Hirt's Deutsche Sammlung

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Literarische Abteilung





Gruppe IX: Gedankliche Prosa

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Band 11: Chamberlain, Auswahl aus seinen Werken
Bestell-Nr. 8501
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Houston Stewart Chamberlain
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Houston Stewart Chamberlain Auswahl aus seinen Werken


Houston Stewart Chamberlain

Auswahl aus seinen Werken

Die Rassenfrage — Die germanische Rasse —
Martin Luther — Die deutsche Sprache — Heimat —
Bismarck der Deutsche — Bayreuth — Adolf Hitler

Mit einem Titelbild


The NSDAP has no objection...

Gegen die Herausgabe dieser Schrift werden seitens der NSDAP keine Bedenken erhoben.
Der Vorsitzende der Parteiamtlichen Prüfungskommission. Berlin, 6 Februar 1935.


Logo Ferdinand Hirt


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Ferdinand Hirt in Breslau

Königsplatz 1
4

Ausgewählt und mit Angaben aus dem Leben des Verfassers
sowie mit Anmerkungen versehen von
Hardy L. Schmidt †


Inhalt



Seite
1.
Die Rassenfrage (Aus: Rasse und Persönlichkeit) 5
2.
Die germanische Rasse (Aus: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts)
19
3.
Martin Luther (Aus: Deutsches Wesen)
27
4.
Die deutsche Sprache (Aus Kriegsaufsätze)
40
5.
Brief über den begriff der „Heimat“ (Aus: Der Wille zum Sieg)
50
6.
Bismarck der Deutsche (Aus: Deutsches Wesen)
55
7.
Der Bayreuther Festspielgedanke (Aus: Rasse und Persönlichkeit)
61
8.
Adolf Hitler (Aus: Deutsche Presse [München] 2. Jahrgang, Folge 65/66 vom 20./21. April 1924, S. 1)
65
9.
Brief an Adolf Hitler (Aus: Briefe 1882—1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II.)
67
Das Leben Houston Stewart Chamberlains
70
Chamberlains Hauptwerke
72
Literatur
74
Anmerkungen
75

Copyright 1934 by Ferdinand Hirt in Breslau



5


1. Die Rassenfrage


Wer die Geschichte des 19. Jahrhunderts darstellen und beurteilen will, kann die Frage nach den an dem Aufbau dieser Geschichte beteiligten   R a s s e n   nicht umgehen.
    Wollen wir über den Gang eines menschlichen Ereignisses Klarheit und ein organisch-kritisches Verständnis besitzen, so wird unsere erste Frage nach den handelnden Personen sein, und zwar mit Recht; denn alles Verstehen bedeutet eine Ableitung aus Ursachen, und hier sind die Ursachen   M o t i v e,   das heißt also die Bedingtheit bestimmter Handlungen durch bestimmte intellektuelle Anlagen im Bunde mit bestimmten Eigenschaften des Charakters. Daß wir niemals dazu gelangen können, eine Definition eines Individuums zu geben, wird uns keinen Augenblick abhalten, nach einem möglichst umfassenden Bilde seiner Persönlichkeit zu streben; ebensowenig wird uns der circulus vitiosus beirren, der daraus entsteht, daß wir Handlungen aus der Persönlichkeit des Handelnden erklären wollen und doch andererseits auf die Statur der betreffenden Persönlichkeit einzig aus ihren Handlungen schließen können. Ein logischer circulus ist eben nicht notwendigerweise auch ein organischer circulus, und wissen die Philosophen nach 5000 Jahren nicht, ob das Ei oder das Huhn zuerst da war, so weiß doch jeder Bauer, daß man aus dem Ei auf das Huhn und aus dem Huhn auf das Ei schließen kann. Ich wüßte nun nicht, warum einem größeren Komplex von Ereignissen gegenüber dasselbe so natürliche und gesunde Bestreben, die Individualität der handelnden, schaffenden Faktoren in ihren Hauptzügen klar zu erfassen, nicht ebenso am Platze sein sollte. Geschichte besitzt doch nicht bloß akademisches Interesse, sondern wir Lebenden, wir machen sie ja, und darum eignet unseren Vorstellungen und unseren mehr oder weniger wissenschaftlichen Erkenntnissen ein lebendiger Wert. Gerade die Wissenschaft spielt uns aber in dieser Beziehung manchmal üble Streiche; sie, welche
fördern sollte,

6 DIE RASSENFRAGE

hemmt; sie, welche die Sicherheit des freien Urteils entwickeln und gewährleisten sollte, schlägt uns in Ketten, beraubt uns unseres natürlichen Erbteils eines klaren Blickes und gesunden Urteils und macht uns so dumm, wie den Schüler in „Faust“. Dieser Tyrannei wollen wir uns aber ebenso wenig beugen, wie irgend einer anderen; einer der freiesten Männer unseres Jahrhunderts, Friedrich Albert Lange, hat uns schon vor 30 Jahren vor diesem „modernen Pfaffentum“ gewarnt, das er um sich herum aufwachsen sah. So z. B. in der   R a s s e n f r a g e.
    Daß gegenwärtig auf der Oberfläche dieses Planeten verschiedene Menschenrassen leben, bezeugt schon der Anblick der Physiognomien; ebenso evident — nein, noch evidenter! — ist die Tatsache, daß unter dem Einfluß besonderer historisch-geographischer Umstände sich innerhalb dieser Rassen kleinere Nationaleinheiten bilden, die zur ausgeprägtesten Individualität gelangen; wie alles Individuelle, entstehen und vergehen diese „völkischen“ Persönlichkeiten vor unseren Augen — was, nebenbei gesagt, die Vermutung nahelegt, daß auch die größeren, weniger differenzirten Rassenkomplexe keine Sempiternität besitzen, sondern ebenfalls entstehende und vergehende Erscheinungen sind.
    Nun kommt aber eine Schule von Naturforschern, die uns ex cathedra verbietet, von Rassen zu sprechen. Und warum? Weil sich keine scharfe Definition der verschiedenen Rassen geben läßt, weil Übergangsformen oder schwebende Mischformen gefunden werden, vor allem aber, weil es der Wissenschaft durchaus nicht gelingen will, die Rassen bis auf ihren Ursprung zurückzuverfolgen und sie hübsch sauber auseinanderzuhalten. Selbst ein so geistvoller Anthropolog, wie Salomon Reinach, spottet in seinem unterhaltenden Buch L'origine des Aryens über den Begriff einer arischen Rasse und verbietet uns, das Wort jemals in den Mund zu nehmen, das heist uns Laien verbietet er es, er selber aber spricht in dieser selben Schrift und auch in späteren immerfort von „Ariern“, weil in der Tat diese schwer definierbare Vorstellung einer ganzen Reihe von unleugbaren Phänomenen zum zusammenfassenden und dadurch verdeutlichenden Ausdruck dient. Auf halbem Wege konnten unsere Neodogmatiker aber nicht stehenbleiben; gibt es keine Rassen im weiteren Sinne, so gibt es auch keine im engeren — sonst läge ja auch die Vermutung

7 DIE RASSENFRAGE

nahe, daß dieser engere nur eine Steigerung, eine Klimax des weiteren bedeuten und somit die Existenz des letzteren unumstößlich dartun würde, — und richtig, vor wenigen Jahren wurde auf einem anthropologischen Kongreß zu Ulm, unter dem Pontifikat Virchows und dem Vikariat Kollmanns das Dogma verkündet, alle Menschen seien „für jede Aufgabe gleichbegabt“. Die Hellenen haben sich also nicht von den Römern unterschieden, der Gesamtcharakter des Volkes und seine Leistungen sind die „gleichen“? Phidias wäre in Jerusalem eben so am Platze gewesen, wie in Athen, und Jeremia brauchte bloß nach Latium auszuwandern, um ein Koriolan zu werden? Hier wird Wissenschaft offenbar Wahnsinn. Sie wird aber Frevel, sobald sie — was gerade hier bei der Rassenfrage der Fall gewesen ist — in das praktische und politische Leben gesetzgebend eingreift. Virchow und seine Schule haben seit 40 Jahren viel Unheil angestiftet, denn sie haben urbi et orbi proklamiert, die Vermengung aller Typen sei ein Menschheitsideal, sie haben es als ihre besondere Aufgabe betrachtet, alle Pfade, die zur weiteren Differenzierung und dadurch zu immer höherer Entwicklung von besonderen Anlagen führen, mit Dornen zu bepflanzen und dadurch unzugänglich zu machen, und indem sie den Mischmasch des Blutes als die Panazee der Menschheit priesen, waren sie in Wirklichkeit — ganz unbewußt, aber nicht minder erfolgreich — die mächtigsten Bundesgenossen aller Jesuiten der Welt. Sie haben uns bereits soweit auf dem Wege zum Chaos zurückgeführt, daß uns im Kopfe wirre wurde, sowohl in bezug auf unsere Herkunft, wie in bezug auf unsere Zukunft. Und dies alles durch das, was die Franzosen la confusion des pouvoirs nennen, weil sie nämlich nach oben und nach unten zu unfähig waren, die Grenzen — die scharfgezogenen engen Grenzen — der Wissenschaft wahrzunehmen; nach oben infolge philosophischer Unzulänglichkeit, nach unten infolge politischer Voreingenommenheit. Jetzt endlich tritt eine Reaktion ein, und gebärdet sie sich auch hier und dort recht absurd, so kann uns das nicht verhindern, sie mit freudiger Hoffnung zu begrüßen. Überall zugleich macht sie sich bemerklich. Der Germane wird sich seines Germanentums wieder bewußt; der südeuropaische Bastard empfindet deutlich seine Abneigung gegen das echt Germanische und sucht mit verzweifelter Anstrengung in dem erdichteten „Romanentum“ einen

8 DIE RASSENFRAGE

organischen Mittelpunkt, aus welchem Leben sich entwickeln ließe; die Juden, die zwar nicht ihre eigene Existenz, aber doch ihren Stolz ein wenig vergessen hatten, erwachen wieder zu alttestamentarischem Selbstgefühl und strafen Jean Paul Lügen, der von unserem Jahrhundert vorausgesagt hatte: „Die Juden werden aufhören und die Völker frei werden.“ Woran es noch empfindlich mangelt, das sind klare regulative Ideen. Wir ahnen die Bedeutung von Rasse, finden uns aber in der großen, verwirrten Masse von Tatsachen nicht zurecht. Hier brauchen wir einen Führer. Goethe mahnt:

Willst im Unendlichen dich finden,
Mußt unterscheiden und dann verbinden.

    Es hat aber nicht jeder die Zeit, so komplizierte Fragen durchzustudieren und — vor allem — durchzudenken. Wer jedoch sie hat, soll unbefangen daran gehen, im Bewußtsein, daß hier allerdings das Wissen ein gewichtiges Wort mitzusprechen hat, vor allem aber das Wissen als Anschauungs- und Gestaltungskraft, nur in zweiter Reihe die theoretische Wissenschaft, und vollends gar nicht die Grübelei über Ursprünge und dergleichen. Und da ich selber noch wenig Autorität besitze, will ich einen Protagonisten aller wissenschaftlichen Freiheit anrufen, einen Mann, dem niemand Obskurantismus oder Illuminismus vorwerfen wird, Diderot. Dieser geniale Mann warnte schon vor mehr als 100 Jahren gegen die Verrohung des Geistes, welche eine schlecht verstandene Wissenschaftlichkeit verursachen könnte, und meint in Bezug hierauf (Entretien d'un père avec ses enfants): „Wir nennen uns zivilisiert und sind in Wirklichkeit schlimmer daran als die Wilden. Es scheint, als ob wir uns noch während Jahrhunderten im Kreise herumdrehen und aus einer Extravaganz in die andere, aus einem Irrtum in den anderen verfallen würden, um zu guter Letzt dort anzugelangen, wo ein einziger Funke gesunden Urteils, ja, der bloße Instinkt uns sofort ohne Umwege hingeführt hätte.“
    Getrieben nun durch die gebietende Notwendigkeit, Klarheit über unser Jahrhundert zu gewinnen, habe ich in meinem Buch „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ es unternommen, die Rassenfrage zu untersuchen und für den praktischen Gebrauch eines gegen-

9 DIE RASSENFRAGE

wärtig lebenden Menschen zu gestalten; das ist weder Selbstüberhebung noch Tollkühnheit — wie gesagt worden ist —, sondern die einfache Ausübung einer unerläßlichen Lebensfunktion. Es ist Selbst-erhaltungstrieb auf geistigem Gebiete, Vertrauen auf die allgütige Mutter Natur, Arbeiten bei dem Lichte jener von Diderot angerufenen „Funken“ eines gesunden Urteils.
    Das Wort „Rasse“ ist nicht lateinischen, sondern germanischen Ursprungs; es gehört zu den vielen Wörtern, welche die echten Germanen nach Westen hinausgetragen und dann von Frankreich und Italien romanisiert zurückbekommen haben; es stammt von dem mittelhochdeutschen „Reiz“ und dem althochdeutschen „Reiza“ ab, welche eine gerade Linie bedeuten, und daher auch das gerade — d. h. das echte — Geschlecht, zum Unterschiede von dem aus Zickzacklinien zusammengesetzten, vermischten. Und dieses Wort Reiza hängt wiederum mit einem im Altpersischen und Altindischen nachweisbaren Stamme zusammen, der in einem weiteren, umfassenderen Sinne überhaupt das Gerade, das Richtige, das Gerechte bezeichnet. *)
    Ist nun diese Erwähnung, ich gestehe es, zunächst vor allem eine pittoreske, so ist sie trotzdem nicht ohne weiteren Wert. Denn sie zeigt uns, daß die Betonung des Geraden und die Wertschätzung einer einheitlichen Abstammung nicht etwas Neues ist, sondern ein uralter gesunder Instinkt. Den Verlust dieses Instinktes hat ohne Zweifel die christliche Kirche auf dem Gewissen, denn sie ist ihrem Wesen nach zugleich antiwissenschaftlich und antinational; sie sieht nur Individuen und alle Individuen gelten ihr gleich: „Der Letzte ist der Erste“. Und so war das Wort Rasse außer Geltung gekommen und mußte im vorigen Jahrhundert gleichsam von neuem erfunden werden. Man sieht aber, daß es sich hierbei nicht, wie der populäre Unverstand wähnt, um eine neue, sondern um eine uralte, uns lange Zeit hindurch gleichsam gestohlene Vorstellung handelt.

    Das ist die eine Seite der Sache; die andere ist noch interessanter. Manche Leute, ja auch viele Gelehrte, fragen erstaunt, woher es komme, daß man gerade in neuester Zeit die Betonung der Rasse so energisch in den Vordergrund rückt. So bezichtigte mich z. B. vor kurzem der Philosoph Ziegler in einem Wiener Blatte mittel-
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     *) Next line omitted by Schmidt: „(Daher, nebenbei gesagt, ist die richtigere Schreibart die mit ss, nicht die noch vielfach übliche mit dem französischen entstellenden c).“

10 DIE RASSENFRAGE

alterlicher Reaktionsgelüste, er sah mich schon die Scheiterhaufen für die Juden anzünden, bloß weil ich mit vollkommener Objektivität die grundlegende Bedeutung von Rasse für die Gestaltung — und daher auch für das Verständnis — der Geschichte der Menschheit in meinen „Grundlagen“ kräftig hervorgehoben hatte. Das heißt aber blind sein für die unabweisbaren geistigen Strömungen unserer Zeit; und nicht derjenige Steuermann, der mit offenen Augen deutlich sieht, nach welcher Richtung das Schiff vom Lebensstrom getrieben wird, läuft Gefahr, es an einem Felsen zerschellen zu lassen, sondern der andere, welcher die Gewalt der Elemente mißachtet und gegen Tatsachen mit Prinzipien zu kämpfen unternimmt. Das Vergangene sollen wir gewiß achten, doch ein wirkliches Leben gibt es nur in der jeweiligen Gegenwart, und die Anschauungen des vergangenen Jahrhunderts und der Achtundvierziger sind weder die unseren von heute, noch können und sollen sie die unserer Söhne sein. Denn zwischen uns und unseren Vätern liegt eine gewaltige Entwicklung wissenschaftlichen Wissens und eine gewaltige Gärung im wissenschaftlichen Denken. Dasjenige daran, was unser Rassenthema betrifft, läßt sich in dem einen Satz deutlich zusammenfassen: in dem Maße, als der Begriff „Art“ schwankend wurde, nahm der Begriff „Rasse“ an Bestimmtheit und an Inhalt zu. Nirgends läßt sich das besser verfolgen als in den Werken Darwins. Gleich im ersten Kapitel des „Origin of species“ wird die ungeheure Bedeutung der Rasse mit einer Fülle von Beispielen belegt und die unbedingte Notwendigkeit der geraden Abstamnungslinie — der „Reiza“ — hervorgehoben, solle die Natur Edles hervorbringen. Freilich hat die Welt diese Seite der Darwinschen Lehren zunächst gar nicht beachtet. Denn wie viel man auch das Empirische betonen mag, wir Menschen fliegen intuitiv in einer Tangente ab und ereifern uns immer mehr über das Unerforschte und Unerforschliche, als über die sicheren Ergebnisse tatsächlicher Beobachtung. Je platter sich der angebliche Empirist gebärdet, um so üppiger wuchert bei ihm — wie der Urwald im Sumpfe — Superstition und Phantasterei; und so sahen wir in unserem Jahrhunderte einen Ludwig Büchner einer Scheherezade den Rang ablaufen. Ob wir Menschen von Affen abstammen oder nicht, das war der Roman, für den wir uns passionierten; außerdem eignete sich der Fachmann die Hypothese der

11 DIE RASSENFRAGE

natürlichen Zuchtwahl an und bekämpfte sie leidenschaftlich; wogegen die praktischen Ergebnisse, die sich aus Darwins gewaltigem Lebenswerke für uns — Götter- oder Gorillasöhne, gleichviel — ergaben, gänzlich unbeachtet blieben. Darwin selber, und zwar trotzdem er in seinen „Animals and plants“ die Rassenfrage noch ausführlicher dargelegt und in seinem „Descent of Man“ häufig die Anwendbarkeit der von ihm gesammelten Erfahrungen auf das Menschengeschlecht betont hat, lebte ganz seinem babylonischen Weltbau. Jedoch es gibt in allen menschlichen Dingen einen Unterstrom, der lange unbeachtet bleibt, später aber das Übergewicht erlangt. So auch hier. Darwins Theorie der natürlichen Züchtung ist nach kaum einem Menschenalter von allen kompetenten Naturforschern als gänzlich unzureichend erkannt worden; und ob die Welt wirklich noch lange fortfahren wird, sich an demselben Märchen angeblicher „Ursprünge“ und „Abstammungen“ zu erquicken, möchte ich bezweifeln; sämtliche Tatsachen, die für die Evolutionslehre vorgebracht werden, ließen sich auch anders deuten, es brauchte nur der rechte Baumeister zu kommen, der mit demselben Material ein neues Gebäude aufzuführen verstünde. Man weiß, wie weit auch die Weltbahn um die Sonne ist, es ergibt sich aus ihr keine Parallaxe für die meisten Fixsterne; ebenso verschmelzen die noch so gegensätzlichen Gedanken über die Natur, sobald sie den engen Gesichtskreis des dem Menschengeist Faßbaren überschreiten. Moses oder Ernst Haeckel: der Unterschied ist nicht gar so groß. Dagegen kommt heute das Sichere und das praktisch Verwendbare an Darwins Lebensarbeit immer mehr zur Geltung. Sein Hauptwerk trägt den nicht sehr bezeichnenden Titel: „Über die Entstehung der Arten“, gilt aber dem Nachweis, daß es gar keine Arten gebe; dies ist jedoch nur die negative Leistung; in ihr liegt die positive Leistung gleichsam verhüllt und belehrt uns über Ursprung, Bestand und Bedeutung der Rassen (wie dies übrigens der nie zitierte Nebentitel ausdrücklich besagt). Auf Darwin, sowie auf die ganze große wissenschaftliche Bewegung, welche durch ihn teils gefördert, teils ins Leben gerufen wurde, ist die wachsende Erkenntnis von der Bedeutung der Rasse im Menschengeschlecht zurückzuführen.
    Das ist eines jener „Ergebnisse“, von denen ich im vorigen Aufsatz sprach, und zwar das grundlegende. Die unvergleichliche Bedeutung

12 DIE RASSENFRAGE

der Rasse ist eine unanfechtbare, bleibende wissenschaftliche Erkenntnis. Daß manche, auch unter den häufig genannten Naturforschern, es noch nicht eingesehen haben, tut nichts zur Sache; es sind eben mittelmäßige Köpfe, und wie Anselm Feuerbach so schön sagt: „Die Mittelmäßigkeit wägt immer richtig, nur ihre Waage ist falsch.“ Man darf auch nicht etwa glauben, daß die Fülle und Präzision der Einzelkenntnisse die Denkkraft schärfen, im Gegenteil, sie scheinen häufig bedenklich lähmend auf sie zu wirken. Nur ein sehr glücklich veranlagtes Gehirn vermag es, die riesige Wissenslast eines heutigen Gelehrten zu tragen, ohne an Anschauungskraft und allgemeiner Schärfe des bindenden und trennenden Urteils einzubüßen; schon Schiller hat dies erkannt und in ergreifenden Worten darauf hingewiesen. Wir dürfen uns also nicht irremachen lassen, und zwar um so weniger, als die Mehrzahl der hervorragenden und unabhängigen Naturforscher die Richtigkeit des Gesagten einsieht und bezeugt.
    Für die näheren Ausführungen über die Rassenfrage im allgemeinen, wie sie sich aus unseren heutigen Kenntnissen ergibt, und für einen Versuch, die wichtigsten Gesetze, welche das Entstehen und Vergehen der Rassen zu bedingen scheinen, muß ich auf das vierte Kapitel meiner „Grundlagen“ verweisen, wo ich bestrebt war, diese Ergebnisse in einem übersichtlichen System anschaulich vorzuführen und mit typischen Beispielen aus der genauer bekannten Geschichte der Menschheit zu belegen. Natürlich darf man nicht die Begriffe Rasse und Nation miteinander verwechseln: die Rasse gilt für die gesamte organische Natur, die Nation ist nur ein Gebilde unter anderen in der gesellschaftlichen Gliederung der Menschheit. Es kann Rassen geben ohne eigentliche Nationenbildung, wie das im alten Indien Jahrtausende hindurch der Fall war; für gänzlich rassenlose Nationen bieten uns Vergangenheit und Gegenwart viele Beispiele. Doch ist die Nation die kräftigste Erhalterin und Förderin der Rasse (siehe das alte Rom) und sie ist namentlich dazu geeignet, neue, scharf differenzierte Rassen zu erzeugen (so z. B. die Spartaner, die Preußen, die Engländer).
    Wollen wir nun Klarheit über die Beschaffenheit und die Bedeutung der Rasse in dem geschichtlichen Werden und in dem heutigen Sein der europäischen Menschheit erlangen, so müssen wir vor allem

13 DIE RASSENFRAGE

die soeben genannte wissenschaftliche Methode im Auge behalten. Der herrschende ungenaue Gebrauch des Wortes Rasse, sobald die Menschheit in Betracht gezogen wird, stiftet zunächst viel Schaden. Was man bisher bei Menschen „Rasse“ genannt hatte — die Arier, die Semiten, die Mongolen, die Neger u. s. w. — sind eigentlich „species“, d. h. Arten. Darwin setzt dies sehr klar auseinander in dem 7. Kapitel seiner „Menschenabstammung“, und der bekannte französische Anthropolog Topinard hat es neuerdings bestätigt. Ob wir dabei mit einigen Fachmännern trotz aller Verschiedenheiten nur eine einzige Art, oder mit anderen zwei, vier, acht, sechzehn oder gar dreiundsechzig Menschenarten annehmen, das ist hier gleichgültig, denn es ist bloßes Herumwaten in formalistischen Nebeln; niemand weiß heute, wie eine „Art“ zu begrenzen ist. Wichtig ist für den Historiker einzig die Einsicht, daß die Angehörigkeit zu dieser oder jener „Art“ noch lange keine   R a s s e   bedingt. Rasse ist ein gesteigerter Lebenszustand, der durch reine Züchtung, verbunden mit besonderen, einseitig fördernden Umständen, erzeugt wird, und durch welchen gewisse Anlagen des Körpers oder auch gewisse Züge des Charakters und des Intellektes eine früher ungeahnte, individuell differenzierende Entwicklung erfahren. Bei Tieren und Pflanzen erzeugen wir Rassen künstlich (innerhalb der von der Natur gesteckten Grenzen); bei uns Menschen werden sie von historisch-geographischen Umständen erzeugt. Genau so wie bei Tieren und Pflanzen sehen wir auch bei Menschen die Rassen entstehen, blühen, sich verzweigen, sich durch Kreuzung (gefolgt von Inzucht) vermannigfaltigen oder auch entarten und vergehen. Und diese „Rassen“ sind die eigentlichen geschichtlichen   I n d i v i d u e n;   sie haben alles wahrhaft Große geleistet, was bisher der Menschheit zum Ruhme vollbracht wurde. Man sieht aber, daß wir — um über diese Rassen ins Klare zu kommen — nicht in eine gänzlich unbekannte Vergangenheit und zu rein hypothetischen Urrassen zurückzugreifen haben, sondern im Gegenteil von der Gegenwart und von der ihr unmittelbar vorangegangenen, gut gekannten Zeitepoche ausgehen müssen. In meinen „Grundlagen“ schreibe ich: „Schließlich bleibt der Semit, als Begriff einer Urrasse, gleichwie der Arier, einer jener Rechenpfennige, ohne welche man sich nicht verständigen könnte, die man sich aber wohl hüten muß, für bare Münze zu halten; die wirkliche

14 DIE RASSENFRAGE

bare Münze sind dagegen die empirisch gegebenen, historisch gewordenen Individualitäten“. Das Wort „Hellenentum“ z. B. bezeichnet nicht ein luftiges Gedankending, sondern eine erlebte Tatsache, eine unendlich reich dokumentierte Tatsache, voller Widersprüche gewiß, wie alles, was lebt, anlehnend an alles Nachbarliche, von ihm borgend und aufnehmend, kurz, nicht ausgeschaltet aus dem Kreislauf gegenseitiger Beeinflussungen, außerdem zusammengesetzt aus edlen und gemeinen, aus klugen und dummen Menschen, aus Genies und aus Böotiern, trotz alledem aber eine scharf umschriebene, deutlich zu unterscheidende, durchaus individuelle Erscheinung, zwar in ihrem Wesen mit manchem, was vorging und nachkam, verwandt, doch so klar und eingreifend differenziert, daß sie nirgends ihresgleichen findet. Das ist Rasse. Ob nun diese unter besonderen Bedingungen geschlechtlicher Vermischung zwischen nahe verwandten, kräftigen Stämmen entstandene, durch Krieg gesichtete, durch Absonderung zur Inzucht angehaltene, durch günstige geographische Lage, anregende Nachbarschaft, schönen Himmel geförderte hellenische Rasse mit den Italienern und Germanen genetisch nahe verwandt war, das ist, obschon gewiß zu bejahen, doch immerhin eine verwickelte, strittige Frage, und noch strittiger ist die Frage des verwandtschaftlichen Zusammenhanges dieser Stämme mit den Indoariern und den Eraniern. Das alles berührt aber den Historiker der Gegenwart nur mittelbar; denn wenn es auch tatsächlich eine „arische Menschenspezies“ geben sollte, so sehen wir, daß aus ihm tüchtige und minder tüchtige, energische und indolente, geschichtlich wichtige und geschichtlich belanglose Menschen hervorgingen: eine Anlage, die hier zum Segen gedieh, konnte dort zum Fluche ausarten. Wesentlich ist für uns nur die von der gesamten biologischen Wissenschaft unwidersprechlich bezeugte und von der Menschengeschichte allerorten bestätigte Erkenntnis, daß einzig gezüchtete „Rassen“ Außerordentliches leisten.
    Betrachten wir nun von diesem Standpunkte aus das jetzige Europa, und ziehen wir dabei unsere geschichtlichen Kenntnisse über die Vorgänge der letzten drei Jahrtausende zu Rat, so erhalten wir ein weit einfacheres und infolgedessen auch belehrenderes Bild, als nach bisherigen Methoden möglich war. In der Hauptsache stehen zwei große Mächte einander gegenüber. Die numerisch kleinen, doch

15 DIE RASSENFRAGE

infolge ihrer reingezüchteten Rasse großen und gestaltenden Völker des südlichen Europa — Hellas und Rom — sehen wir zu Beginn unserer Zeitrechnung vor unseren Augen hinschwinden. Das kaiserliche Rom gab die festbegrenzte Nation mit ihrem verantwortungsvollen und zugleich adelnden Bürgerrecht preis und setzte an ihre Stelle den orbis, das Weltimperium. Und nicht bloß strömten Kleinasiaten aller Gattungen, Syrier, Ägypter, Nordafrikaner nach Europa ein, sondern Rom machte es sich zur besonderen Aufgabe, die Menschen kolonienweise von einem Ende seines Reiches zum anderen zu versetzen; man braucht nur an die nach Galatien verpflanzten Kelten und an die in umgekehrter Richtung nach Spanien hinübergeführten Juden zu denken. Ähnliches geschah jahraus, jahrein. Auf diese Weise wurde im ganzen Bereiche des römischen Imperiums ein durch und durch bastardiertes, rassenloses Völkerchaos gezüchtet. Dieses Völkerchaos ist nie ausgerottet worden; an ihm läßt sich noch heute die frühere Grenzlinie des römischen Imperiums verfolgen. Zwar haben die germanischen Invasionen große Mengen edlen Rassenblutes nach Süden und Westen getragen und dort Nationen gegründet, von denen einige noch heute bestehen. Doch mit der Zeit wurde dieses Blut aufgesogen; das Chaos wächst wieder heran; eine südliche Nation nach der anderen löst sich in Anarchie auf; es fehlt ihnen die physische und die moralische Kraft, welche Rasse allein verleiht. Dieser negativen Macht gegenüber steht eine positive: der reingezüchtete nordeuropäische Mensch, den der französische Anthropolog Lapouge als Homo europaeus genau beschrieben hat und der für den gewöhnlichen Gebrauch am besten einfach „Germane“ genannt wird. Dieser Germane ist seit 1500 Jahren die lebendige, die einzig und allein schöpferische Kraft unserer Zivilisation und unserer Kultur. Das heutige weltumfassende Europa ist sein Werk; ein Werk, das er trotz dem Völkerchaos und gegen das Völkerchaos durchgesetzt hat. Wohin er kam, entstanden — so lange er sich von der Bastardenplebs abgesondert hielt — mächtige Völker und trieb der Menschengeist die Blüte des Genies; wo er sich mit einer ungermanischen Überzahl vermischte, schwand er, und mit ihm schwand die überschwängliche Lebenskraft dahin.
    Auch hier zwingt mich die Rücksicht auf den Raum, für alles Nähere auf meine „Grundlagen“ zu verweisen. Nur auf zweierlei

16 DIE RASSENFRAGE

möchte ich noch in aller Kürze den aus seinen hergebrachten Anschauungen allzu heftig aufgerüttelten Leser aufmerksam machen. Erstens, daß die ursprüngliche Identität der Kelten, der Germanen (im engeren Sinne) und der Slaven eine unwidersprechlich erwiesene Tatsache ist. Wir haben ja gesehen, daß Rasse nicht eine tote, mathematische Erscheinung ist, von je auf je, etwa wie eine kristallinische Gestalt, sondern ein Lebendiges, Bewegliches. Das Wesen der Rasse ist ja, daß durch Züchtung der Rasse ein   N e u e s,   individuell Differenziertes erzeugt wird; zu ihrem Wesen gehört also Bewegung, Bewegung nach irgend einer bestimmten Richtung hin. Diese Bewegung kann aber auch nach anderen Richtungen in mehr oder weniger spitzen Winkeln abzweigen; und so spaltet sich eine echte Rasse in mehrere neue, ebenso echte Rassen; zahllose Beispiele aus der Tier- und Pflanzenzucht können zur Illustration dienen; bei den Menschen wirken neue geographische Bedingungen und neue Kreuzungen zwischen verwandten, doch differenzierten Stämmen dahin. Und so hat sich denn die ursprünglich einheitliche germanische Rasse zunächst in drei Rassen gespaltet, und dann häufig wieder, so daß wir noch heute neue germanische Völkerrassen entstehen sehen. Doch ursprünglich treten, wie gesagt, nicht drei Rassen aus dem Norden auf, sondern eine. Schon vor 25 Jahren seufzte Virchow ¹) über die Unmöglichkeit, unterscheidende anatomische Merkmale zwischen den alten Kelten, Germanen und Slaven aufzuweisen, und die Schriftsteller Roms schildern sie in der Tat als physisch und moralisch identisch. Für den streng wissenschaftlichen Nachweis der Identität der alten Kelten und der alten Germanen verweise ich auf das erschöpfende Werk von Gabriel de Mortillet, Professor an der École d'Anthropologie in Paris: „Formation de la nation française“ (1897). Was die Slaven betrifft, so hat schon Tacitus gewußt (Germania, 46), daß sie „zu den Germanen gezählt werden müssen“, und wenn man auch leider hier nicht auf ein zusammenfassendes Werk nach der Art Mortillets hinweisen kann, so bin ich doch in der Lage, meine Behauptung durch ein autoritatives Zeugnis zu bekräftigen, durch dasjenige des Herrn Professors Ferdinand Hueppe in Prag, der mir neulich im Gespräche bestätigte, die   u r s p r ü n g l i c h e
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    ¹) Abhandl. d. kgl. Akad. d. Wiss., Berlin 1875 (nach Buchner).

17 DIE RASSENFRAGE

I d e n t i t ä t   v o n   „S l a w e“   u n d   „G e r m a n e“   könne von keinem Sachkundigen mehr bezweifelt werden. Ein zweiter Punkt, der bisher so gut wie unbeachtet geblieben ist, trotzdem der große Rechtslehrer Savigny ihn schon vor 80 Jahren ins hellste Licht gestellt hatte, ist die Tatsache, daß diejenigen Germanen, welche sich keilweise in die vom Völkerchaos dichtbesetzten Gebiete hineingedrängt hatten, sich Jahrhunderte hindurch von diesem geschieden hielten, und somit eine geradezu exzessive Inzucht trieben. Den Westgoten z. B. war bei Todesstrafe die Ehe mit Nichtgermanen verboten; so wurde der herrliche spanische Adel gezüchtet. In Italien lebten die Alamannen, die Langobarden usw. bis ins 13., 14., ja teilweise sogar bis ins 15. Jahrhundert — wie urkundlich nachgewiesen werden kann — zwar durch Sprache und Sitte mit dem übrigen Volke vereint, doch geschlechtlich geschieden. Daß Dante z. B. ein Germane reinster Abkunft sei, kann heute kaum mehr bezweifelt werden; eine Menge Einzeltatsachen weisen darauf hin, ¹) und das einzige ganz Sichere, was bisher über seine Ahnen in Erfahrung gebracht werden konnte, ist, daß seine Großeltern den gut deutschen Namen Aldigêr führten und Goten aus Ferrara waren (vergl. F. X. Kraus, „Dante“, 1897). Alle die berühmten Fürstenhäuser Italiens sind germanischer Abkunft, und es wird ohne Zweifel mit Evidenz nachgewiesen werden„ daß auch die geistige und künstlerische Blüte dieses Volkes eine germanische war, wenn auch natürlich nicht in der Person aller einzelnen Künstler und Denker, so doch als Gesamterscheinung und treibende, erfindende Kraft. ²) Wogegen das jetzt so sehr beliebte Wort „Romane“ ein pures Gedankending bezeichnet. Nannte ich die Begriffe Semit und Arier „Rechenpfennige“, so muß ich den Begriff Romane (insoferne damit eine Rasse und eine Kultur bezeichnet werden sollen) eine „falsche Münze“ nennen. Was man romanische Kultur zu nennen beliebt, ist einfach eine besondere Erscheinung germanischer Kultur, vielfach begünstigt durch Klima
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    ¹) Siehe „Grundlagen“, S. 499 der I. Auflage.
    ²) So teilt uns z. B. derjenige Fachmann mit, der unter allen lebenden Gelehrten am genauesten mit der Lebensgeschichte Michelangelos bekannt ist, Henry Thode, daß der dokumentarische Nachweis von dessen germanischer Abstammung nur noch eine Frage der Zeit ist, da die Tatsachen mit Bestimmtheit darauf hindeuten.

18 DIE RASSENFRAGE

und Sonne, vielfach belehrt und in bestimmte Richtungen gewiesen durch die Überreste vergangener Rassenkulturen, vielfach aber auch gehemmt und entartet durch den Einfluß des stets Originalität und Lebenskraft schwächenden und zuletzt vertilgenden Bastardenwesens.
    Das also sind die zwei großen Faktoren unserer Geschichte: auf der einen Seite eine kraftstrotzende, völlig originale, ewig neue Zweige hervortreibende Rasse; auf der andern ein saft- und kraftloses, alles nivellierendes Völkerchaos, ohne Originalität, ohne Charakter, ohne Genie, und welches die Edlen schnell aufsaugt, die unvernünftig genug sind, sich ihm anzuvertrauen.
    Doch fordern noch zwei geschichtliche Elemente die Aufmerksamkeit, will man vollständig sein: leider muß ich mich heute darauf beschränken, sie zu nennen. Über das eine ist es nicht gerade leicht, zu sprechen, denn es besitzt noch keinen zusammenfassenden generischen Namen. Es gibt nämlich in Europa Überreste einer vermutlich sowohl von den Hellenen und Italern im Süden, als später von den Germanen in Nord- und Mitteleuropa teilweise ausgerotteten, teilweise unterjochten und teilweise in das Gebirge vertriebenen früheren Einwohnerschaft. In welchem Maße diese Stämme zur heutigen Bevölkerung beitragen, ob sie selber früher rassenartig einheitlich, rassenartig vielfältig oder rassenlos waren, das alles sind vielumstrittene hypothetische Fragen. Sicher ist, daß höchst charakteristische und durch Abgeschiedenheit reingezüchtete Bruchstücke dieser fremdartigen Menschen vorkommen, so z. B. die Basken und die Savoyarden. Und das Eine wissen wir genau: daß von dieser Menschengruppe der Schlachtenplan entworfen und das Signal gegeben wurde zum Ansturm auf alles Germanische. Von den drei ersten Jesuiten waren zwei — Ignatius von Loyola und Franz Xavier — reinrassige Basken, der dritte — Faber — ein typischer Savoyard. ¹)
    Das letzte Element, das zu nennen wäre, ist das jüdische Volk. Zu den zuletzt genannten Völkern geheimnisvoller Herkunft und unheimlicher Ubiquität bilden die Juden den absolutesten Kontrast: der Vorgang ihres Werdens ist genau bekannt, und seit der baby-
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    ¹) Und die Konstitutionen des Ordens sind ein wörtlicher Abklatsch von mohammedanischen, d. h. reinsemitischen Ordensregeln: hier tritt also das Antigermanische geschlossen auf.

19 DIE GERMANISCHE RASSE
lonischen Gefangenschaft (d. h. seit 2500 Jahren) halten sie sich von allen übrigen Völkern vollkommen abgeschieden, so daß keine zweite menschliche Erscheinung derartig scharf abgegrenzt uns entgegentritt. So haben z. B. Virchows Untersuchungen an sämtlichen Schulkindern Deutschlands ergeben, daß die Juden als völlig „abgesonderte Rasse unter den Germanen wohnen“ (vergl. Joh. Ranke: „Der Mensch“, 2. Ausg., II, 293). Die ganze Macht des Judentums liegt in seiner Rasse. Alle seine Brüder — die aus ähnlichen Mischungen von Syriern und Semiten hervorgegangenen Völker — sind spurlos untergegangen; nur das eine kleine Volk blieb und trotzte allen verwischenden Trennungen des Raumes, allen schwächenden Dehnungen der Zeit, und behauptete sich nicht allein trotz zerstörender Verfolgungen, das ist das wenigste, sondern sogar trotz der zerstörenden Gewalt des bis zu schwindligen Höhen emporgestiegenen Glückes. Das geschah, weil eine Handvoll patriotischer Männer in der Stunde der höchsten Not dem widerspenstigen Volk die Reinheit der Rasse als das heiligste aller religiösen Gesetze aufgezwungen hatte. Und darum — weil ihn eines der merkwürdigsten und bewunderungswürdigsten Blätter der Geschichte belehrte — durfte der berühmteste Jude unseres Jahrhunderts, Disraeli, jene Worte sprechen (in „Coningsby“), welche uns allen als Mahnung dienen sollten: „Rasse ist alles; es gibt keine andere Wahrheit. Und jede Rasse muß zugrunde gehen, die ihr Blut sorglos Vermischungen hingibt.“
(Januar 1900.)


2. Die germanische Rasse


Gewisse Anthropologen hatten uns belehren wollen, alle Menschenrassen seien gleichbegabt; wir wiesen auf das Buch der Geschichte hin und antworteten: Das lügt ihr! Die Rassen der Menschheit sind in der Art ihrer Befähigung, sowie in dem Maße ihrer Befähigung sehr ungleich begabt, und die Germanen gehören zu jener Gruppe der Zuhöchstbegabten, die man als Arier zu bezeichnen pflegt. Ist diese Menschenfamilie eine durch Blutbande geeinigte, einheitliche? Entwachsen diese Stämme wirklich alle derselben Wurzel? Ich weiß es

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nicht, es gilt mir auch gleich; keine Verwandtschaft kettet inniger aneinander als Wahlverwandtschaft, und in diesem Sinne bilden ohne Frage die indoeuropäischen Arier eine Familie. In seiner   P o l i t i k   schreibt Aristoteles (I, 5): „Wenn es Menschen gäbe, die an Körpergröße allein soweit hervorragten, wie die Bilder der Götter, so würde jedermann gestehen, daß die übrigen von   R e c h t s w e g e n   sich diesen unterwerfen müssen. Ist aber dies in Beziehung auf den Körper wahr, so kann mit noch größerem Rechte diese selbe Unterscheidung zwischen hervorragenden Seelen und gewöhnlichen gemacht werden.“ Körperlich und seelisch ragen die Arier unter allen Menschen empor; darum sind sie von Rechtswegen (wie der Stagirit sich ausdrückt) die Herren der Welt. Aristoteles faßt übrigens seinen Gedanken noch knapper zusammen und sagt: „Einige Menschen sind von Natur frei, andere Sklaven“; damit trifft er den moralischen Kernpunkt. Denn die Freiheit ist durchaus nicht ein abstraktes Ding, auf welches jeder Mensch von Hause aus ein Anrecht hätte, sondern ein Recht auf Freiheit kann offenbar einzig aus der Befähigung zu ihr hervorgehen, und diese wiederum setzt physische Kraft und geistige Kraft voraus. Man darf die Behauptung aufstellen, daß selbst die bloße Vorstellung der Freiheit den meisten Menschen gänzlich unbekannt ist. Sehen wir nicht den Homo syriacus sich genau ebensogut und glücklich entwickeln als Knecht wie als Herr? Bieten uns nicht die Chinesen ein großartiges Beispiel derselben Gesinnung? Erzählen uns nicht alle Historiker, daß die Semiten und Halbsemiten trotz ihrer großen Intelligenz niemals einen dauernden Staat zu bilden vermochten, und zwar weil stets jeder die ganze Macht an sich zu reißen bestrebt war, somit zeigend, daß sie nur für Despotie und Anarchie, die beiden Gegensätze der Freiheit, Befähigung besaßen? Und da sehen wir gleich, welche großen Gaben einer besitzen muß, damit von ihm gesagt werden könne, er sei „von Natur frei“, denn die erste Bedingung hierzu ist die Kraft der Gestaltung. Nur eine staatenbildende Rasse kann eine freie sein; die Begabung, welche den einzelnen zum Künstler und Philosophen macht, ist wesentlich dieselbe, welche, durch die ganze Masse als Instinkt verbreitet, Staaten bildet und dem Einzelnen das schenkt, was der gesamten Natur bisher unbekannt geblieben war: die Idee der Freiheit. Sobald wir das einsehen, fällt die nahe Verwandtschaft der Germanen

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mit den Hellenen und Römern auf, zugleich erkennen wir das sie Unterscheidende. Bei den Griechen überwiegt das individualistisch Schöpferische sogar bis in die Staatenbildung; bei den Römern ist die kommunistische Kraft der die Freiheit verleihenden Gesetzgebung, der die Freiheit verteidigenden Kriegsgewalt das Vorherrschende; den Germanen dagegen ist vielleicht eine geringere Gestaltungskraft zu eigen, sowohl dem Einzelnen wie dem Gesamtkörper, doch besitzen sie eine Harmonie der Beanlagung, ein Gleichgewicht zwischen dem Freiheitsdrang des einzelnen, der in der freischöpferischen Kunst seinen höchsten Ausdruck findet, und dem Freiheitsdrang der Gesamtheit, der den Staat schafft, durch welche sie sich den größten Vorgängern ebenbürtig erweisen. Nie hat eine Kunst Gewaltigeres (wenn auch Formvollendeteres) geschaffen als die, welche zwischen der beschwingten Feder Shakespeares und dem Ätzgriffel Albrecht Dürers alles Menschliche einschließt, und welche in ihrer ureigensten Sprache, der Musik, tiefer ins innerste Herz hineingreift als jeder vorangegangene Versuch, aus Sterblichem Unsterbliches zu schaffen, Stoff zu Geist umzuwandeln. Und inzwischen bewährten sich die von Germanen gegründeten Staaten Europas, trotz ihres gewissermaßen improvisierten, ewig provisorischen, wechselreichen Charakters — eher, sollte ich wohl sagen, dank diesem Charakter — als die dauerhaftesten der Welt, auch als die machtvollsten. Trotz aller Kriegesstürme, trotz der Bethörungen jenes Erbfeindes, des Völkerchaos, der das Gift bis in das Herz unserer Nationen hineintrug, blieben Freiheit und ihr Korrelat, der Staat, wenn auch manchmal das Gleichgewicht zwischen beiden arg gestört schien, doch durch alle Zeiten hindurch das gestaltende und erhaltende Ideal: deutlicher als je erkennen wir das heute.
    Damit das stattfinden konnte, mußte sich jener zugrunde liegenden gemeinsamen „arischen“ Anlage zu freier Schöpfungskraft ein weiterer Zug beigesellen: die unvergleichliche und durchaus eigenartige   g e r m a n i s c h e   T r e u e.   War jene geistige und körperliche Entwicklung, die bis zur Idee der Freiheit führt und auf der einen Seite Kunst, Philosophie und Wissenschaft, auf der anderen Staaten (sowie Alles, was an Kulturerscheinungen unter diesem Begriff sich subsumieren läßt) erzeugt, den Germanen mit den Hellenen und Römern gemeinsam, so ist dagegen die überschwängliche Auffassung

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der Treue ein spezifischer Charakterzug der Germanen. Wie der alte Johann Fischart singt:
Standhaft und treu, und treu und standhaft,
Die machen ein recht   t e u t s c h   Verwandtschaft!
     Julius Caesar hatte neben der kriegerischen Tüchtigkeit auch die beispiellose Treue der Germanen sofort erkannt und bei ihnen so viele Reiter gedungen, wie er nur bekommen konnte. In der für die Weltgeschichte so entscheidenden Schlacht bei Pharsalus schlugen sie sich für ihn; die romanisierten Gallier hatten den Imperator in der Stunde der Not verlassen, die Germanen dagegen bewährten sich als eben so treu wie tüchtig. Diese Treue gegen den aus freier Entschließung, eigenmächtig erwählten Herrn ist der bedeutendste Zug im Charakter der Germanen; an ihm können wir sehen, ob reines germanisches Blut in den Adern fließt oder nicht. Man hat viel gespottet über die deutschen Söldnerheere, doch gerade an ihnen zeigt sich das echte, kostbare Metall dieser Rasse. Gleich der erste römische Alleinherrscher, Augustus, bildete seine persönliche Leibgarde aus Germanen; wo hätte er sonst auf unbedingte Treue rechnen dürfen? Während der ganzen Dauer des römischen West- und Ostreiches wird dieser selbe Ehrenposten mit denselben Leuten besetzt, nur schickt man immer weiter nach Norden, da mit der sogenannten „lateinischen Kultur“ die Pest der Treulosigkeit immer weiter in die Länder gedrungen war; zuletzt, ein Jahrtausend nach Augustus, sind es Angelsachsen und Normannen, die um den Thron von Byzanz Wache stehen. Der arme germanische Leibgardist! Von den politischen Prinzipien, welche die chaotische Welt zu einer scheinbaren Ordnung mit Gewalt zusammenschmiedeten, verstand er dazumal ebensowenig, wie von den Streitigkeiten über die Natur der Dreifaltigkeit, die ihm manchen Tropfen Blut kosteten: doch Eines verstand er: die Treue zu wahren dem selbsterwählten Herrn. Als unter Nero die friesischen Gesandten die hinteren Plätze, die man ihnen im Zirkus angewiesen hatte, verließen und sich stolz auf die vordersten Bänke der Senatoren unter die reichgeschmückten Vertreter fremder Völker setzten, was gab den Besitzlosen, die nach Rom gekommen waren, um sich Land zum Ackerbau zu erbitten, ein so kühnes Selbstbewußtsein? Wessen durften sie einzig sich

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rühmen? „Kein Mensch der Welt übertreffe die Germanen an   T r e u e!“ ¹)   Über diesen großen grundlegenden Charakterzug der Treue in seiner geschichtlichen Bedeutung hat Karl Lamprecht so schöne Worte geschrieben, daß ich mir einen Vorwurf daraus machen müßte, wollte ich sie hier nicht abdrucken. Er hat soeben von dem „Gefolge“ gesprochen, welches in dem altdeutschen Staate seinem Häuptling Treue bis in den Tod schuldete und bewährte, und fährt dann fort: „Es ist einer der großartigsten Züge   s p e z i f i s c h   g e r m a n i s c h e r   L e b e n s a u f f a s s u n g,   welcher in der Bildung dieser Gefolge mitspricht, der Zug der Treue. Unverstanden dem Römer, unerläßlich dem Germanen, bestand es schon damals, jenes ewig wiederkehrende deutsche Bedürfnis engster persönlicher Aneinanderkettung, vollen Aufgehens ineinander, gänzlichen Austausches aller Strebungen und Schicksale: das Bedürfnis der Treue. Die Treue war unseren Altvordern nie eine besondere Tugend, sie war der Lebensodem alles Guten und Großen; auf ihr beruhte der Lehensstaat des früheren, auf ihr das Genossenschaftswesen des späteren Mittelalters, und wer wollte sich die militärische Monarchie der Gegenwart denken ohne Treue?... Man sang nicht bloß von der Treue, man lebte in ihr. Das Gefolge der Frankenkönige, die Hofgesellschaft der großen Karlinge, die staatsmännische und kriegerische Umgebung unserer mittelalterlichen Kaiser, das Personal der Zentralverwaltungen unserer Fürsten seit dem 14. und 15. Jahrhundert sind nichts als Umformungen des alten germanischen Gedankens. Denn darin beruhte die wundersame Lebenskraft der Einrichtung, daß sie nicht in wandelbare politische oder auch moralische Grundlagen ihre Wurzel senkte, sondern in dem Urgrund wurzelte germanischen Wesens selbst, in dem Bedürfnis der Treue.“
    Lamprecht hat, glaube ich, an dieser Stelle, so wahr und schön auch Alles ist, was er sagt, den „Urgrund“ doch nicht vollkommen aufgedeckt. Die Treue, wenngleich sie einen unterscheidenden Zug den Mestizenvölkern gegenüber bildet, ist nicht ohne weiteres ein spezifisch germanischer Zug. Treue findet man bei fast allen reingezüchteten Rassen, nirgends mehr z. B. als bei Negern, und — ich frage es — welcher Mensch vermöchte in der Bewährung der Treue
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    ¹) Tacitus: Annalen, Bd. XIII, S. 54.

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Höheres zu leisten als der edle Hund? Nein, um jenen „Urgrund germanischen Wesens“ aufzudecken, muß man zeigen,   w e l c h e r   A r t   diese germanische Treue ist, was aber nur gelingen kann, wenn man vorher die Freiheit als den intellektuellen Untergrund des gesamten Wesens erfaßt hat. Denn das Kennzeichen dieser Treue ist ihre freie Selbstbestimmung; das ist es, was sie unterscheidet. Der menschliche Charakter gleicht dem Wesen Gottes, wie die Theologen es darstellen: mannigfaltig und doch ununterscheidbar, untrennbar einheitlich. Diese Treue und jene Freiheit wachsen nicht eine aus der anderen, sondern sind zwei Erscheinungsformen desselben Charakters, welcher sich uns einmal mehr von der intellektuellen, das andere Mal mehr von der moralischen Seite zeigt. Der Neger und der Hund dienen ihrem Herrn, wer er auch sei: das ist die Moral des Schwachen, oder, wie Aristoteles sagt, des von Natur zum Sklaven Geborenen; der Germane   w ä h l t   sich seinen Herrn, und seine Treue ist daher Treue gegen sich selbst: das ist die Moral des Freigeborenen. Doch hatte sie die Welt noch niemals in der Art erblickt wie beim Germanen. Die Untreue des übermäßig begabten Verkünders der poetischen und politischen Freiheit, nämlich des Hellenen, war von jeher sprichwörtlich; der Römer war nur treu in der Verteidigung des Seinen, deutsche Treue blieb ihm, wie Lamprecht sagt, „unverstanden“; näher scheint hier (wie überhaupt auf moralischem Gebiete) die Verwandtschaft mit den Indoeraniern, doch fehlte diesen so auffällig der künstlerische Zug ins Abenteuerliche, das Leben Freigestaltende, daß auch ihre Treue jene schöpferische, weltgeschichtliche Bedeutung nicht erlangte, welche germanische Sinnesart ihr verlieh. Hier wieder, wie vorhin bei der Betrachtung des Freiheitsgefühles, finden wir bei dem Germanen eine höhere Harmonie des Charakters; daher dürfen wir sagen, daß auf dem Erdenrund kein Mensch, auch die größten nicht, ihn übertroffen hat. Eines ist sicher: will man die geschichtliche Größe des Germanen erklären, indem man sie in ein einziges Wort zusammenfaßt — immer ein bedenkliches Unternehmen, da alles Lebendige proteusartig ist — so muß man seine   T r e u e   nennen. Das ist der Mittelpunkt, von wo aus der gesamte Charakter, oder besser, die gesamte Persönlichkeit sich überblicken läßt. Nur muß man wohl verstehen, daß diese Treue nicht der Urgrund ist, wie Lamprecht meint, nicht die Wurzel, sondern

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die Blüte, die Frucht, an welcher wir den Baum erkennen. Daher ist gerade diese Treue der feinste Prüfstein, um echtes germanisches Wesen von unechtem zu scheiden; denn nicht an den Wurzeln, sondern an den Früchten erkennt man die Arten; doch bedenke man, daß bei schlechter Witterung mancher Baum keine Blüten oder nur verkümmerte treibt, was bei den hartbedrängten Germanen sich auch manchmal traf. Die Wurzel des besonderen Charakters ist ohne allen Zweifel jene allen Ariern gemeinsame und ihnen allein eigentümliche, bei den Griechen am üppigsten in die Erscheinung tretende freischöpferische Anlage, über die ich mich in dem Anfang des Kapitels über Hellenische Kunst und Philosophie ausgelassen habe; alles leitet sich daher: Kunst, Philosophie, Politik, Wissenschaft; auch die Blüte der Treue finden wir durch diesen besonderen Saft gefärbt. Den Stamm bildet dann die positive Kraft, die physische und die intellektuelle (die voneinander gar nicht zu scheiden sind); bei den Römern, denen wir die festen Grundlagen von Familie und Staat verdanken, war gerade dieser Stamm mächtig entwickelt. Doch die wahren Blüten eines derartigen Baumes sind die, welche Gemüt und Gesinnung zeitigen. Freiheit ist eine Expansivkraft, welche die Menschen auseinander sprengt, germanische Treue ist das Band, welches freie Menschen durch ihre innere Gewalt fester aneinander anschließt als das Schwert des Tyrannen; Freiheit bedeutet Durst nach unmittelbarer, selbstentdeckter Wahrheit, Treue die Ehrfurcht vor dem, was den Ahnen wahr dünkte; Freiheit schafft sich ihre eigene Bestimmung, Treue hält unerschütterlich an dieser Bestimmung fest. Treue gegen die Geliebte, Treue gegen Freund und Eltern und Vaterland finden wir vielerorten; doch hier, beim Germanen, ist etwas hinzugekommen, wodurch der große Instinkt zu einer unendlich tiefen Seelenkraft, zu einem Lebensprinzip wird. Shakespeare läßt den Vater seinem Sohne als höchsten Ratschlag für seinen Lebensweg, als diejenige Mahnung, welche alle anderen in sich beschließt, die Worte mitgeben:
Dies eine über alles — sei dir selber treu!
     Das Prinzip der germanischen Treue ist, wie man sieht, nicht das Bedürfnis der Aneinanderkettung, wie Lamprecht meint, sondern im Gegenteil das Bedürfnis der Beharrlichkeit innerhalb des eigenen,

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autonomen Kreises; sie bezeugt die Selbstbestimmung; in ihr bewährt sich die Freiheit; durch sie behauptet der Lehensmann, der Innungsgenosse, der Beamte, der Offizier seine persönliche Unabhängigkeit. Für den freien Mann heißt Dienen sich selber befehlen. „Erst die Germanen brachten der Welt die Idee der persönlichen Freiheit,“ bezeugt Goethe. Was bei den Indern Metaphysik war und insofern notwendiger Weise verneinend, weltabgewandt, ist hier als ein Ideal des Gemütes ins Leben übertragen, es ist der „Lebensodem alles Guten und Großen“, in der Nacht ein Stern, dem Ermatteten ein Sporn, dem vom Sturm Gejagten ein Rettungsanker. ¹) Bei der Charakteranlage des Germanen ist Treue die notwendige Vollendung der Persönlichkeit, ohne welche sie auseinanderfällt. Immanuel Kant hat eine kühne, echt germanische Definition der Persönlichkeit gegeben: sie ist, sagt er, „die Freiheit und Unabhängigkeit von dem Mechanismus der ganzen Natur“; und was sie leistet, hat er folgendermaßen geschildert: „Was den Menschen über sich selbst (als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann und die zugleich die ganze Sinnenwelt unter sich hat, ist die Persönlichkeit.“ Ohne die Treue wäre diese Erhebung aber eine todbringende; dank ihr allein kann der Freiheitsdrang sich entwickeln und Segen bringen statt Fluch. Treue in diesem germanischen Sinne kann ohne Freiheit nicht   e n t stehen, doch ist nicht abzusehen, wie ein unbegrenzter, schöpferischer Drang nach Freiheit ohne Treue   b e stehen könnte. Sie bezeugt die kindliche Angehörigkeit zur Natur und gestattet gerade dadurch dem Menschen, sich über die Natur zu erheben, ohne daß er, wie der hellenische Phaeton, zerschmettert zur Erde falle. Darum schreibt Goethe: „Treue wahrt uns die Person!“ Die germanische Treue ist der Gürtel, welcher dem vergänglichen Einzelnen unvergängliche Schönheit verleiht, sie ist die Sonne, ohne welche kein Wissen zur Weisheit reifen kann, der Zauber, durch den allein das leidenschaftliche Tun des Freien zur bleibenden Tat gesegnet.
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    ¹) Der indischen Empfindung jedoch durchaus analog, insofern auch hier das regulative Prinzip ins innerste Herz verlegt wird.


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3. Martin Luther
ein ergänzender Abschnitt zu den „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“


    Ein Volk sind die Deutschen erst durch
Luthern geworden.      G o e t h e.

Luther — ein politischer Held: dieser Ausdruck, der, wenn ich nicht irre, zweimal in den „Grundlagen“ vorkommt, hat einige Leser verletzt, anderen wenigstens ein Kopfschütteln verursacht. Hier möge es unerörtert bleiben, ob es mir an Deutlichkeit oder den betreffenden Lesern an Phantasie gefehlt hat. Ein Buch will aus dem Ganzen verstanden werden. Die Begriffsbestimmung des Wortes „Politik“ war bei mir weit gezeichnet und umfaßte alles, was den Staat gestaltet, namentlich auch die Kirche; außerdem schwebte mir vor, daß den Deutschen eine besondere Auffassung von „Politik“ zukomme, die wir zuerst gerade bei Luther kennenlernen und später bei Kant theoretisch ausgebildet und bei Bismarck (wenigstens teilweise) in die diplomatische Praxis umgesetzt finden. So verschieden diese drei Männer in allem sind: aus ihnen kann man lernen, was deutsche Politik im Unterschied von römischer und romanischer Politik ist.
    In einem Abschnitt, der „Politik“ überschrieben ist, war es nun natürlich und geboten, vom Politischen zu reden; außerdem war in einem früheren Teil des Werkes von der — bereits ein halbes Jahrtausend vor Luther geforderten und unterdessen durch das Blut ungezählter Märtyrer geweihten — religiösen Reformation die Rede gewesen, und an der Hand der Tatsachen war gezeigt worden, daß eine rein und ausschließlich religiöse Bewegung niemals einen durchdrin
genden Erfolg gegen die römische Hierarchie erfechten konnte. Rom ist Religion, Rom ist aber auch Politik und war es zu jenen Zeiten fast ausschließlich; über die politische Idee Roms konnte nur eine andere politische Idee siegen; die Idee der   C i v i t a s   D e i   war an und für sich eine große, heilige Idee; nur eine große, wahrhaftige, begeisternde Idee konnte erfolgreich gegen jene, wenn auch noch so entartete, auftreten; indem Luther ausrief: „Für meine Deutschen bin ich geboren; ihnen will ich dienen!“ schob er dem politischen

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Chaos des päpstlichen Europa einen Riegel vor; das neue politische Ideal war gegeben: das Vaterland! Und zwar als die bestimmte Vorstellung eines seelisch Besonderen, Unvergleichlichen. Von den Schriften der deutschen „Gottesfreunde“ sagt Luther: „Ich dank' Gott, daß ich in deutscher Zungen meinen Gott also hör und find, als ich, und sie mit mir, anher nit funden haben, weder in latinischer, griechischer noch hebreyischer Zungen.... Wir werden finden, daß die deutschen Theologen ohn Zweifel die besten Theologen sein.“ Und so legt er sich in reifsten Jahren den Ehrennamen zu: „der Deutschen Prophet“! „Luther“ — so heißt es in den „Grundlagen“ — „ist der erste Mann, der sich der Bedeutung des Kampfes zwischen Imperialismus und Nationalismus vollkommen bewußt ist ... und während er Fürsten, Adel, Bürgertum, Volk zum Kampf aufruft, läßt er es durchaus nicht bei diesem negativen Werke der Auflehnung gegen Rom bewenden, sondern schenkt im selben Augenblick den Deutschen eine ihnen allen gemeinsame, sie alle verbindende Schriftsprache und faßt die eigentliche politische Organisation an den zwei Punkten an, die für die Zukunft des Nationalismus entscheidend waren: Kirche und Schule.“ Das sind politische Taten.
    Eine andere Frage tut sich jedoch auf, sobald man den Blick weniger ausschließlich auf den allgemeinsten Zusammen
hang der geschichtlichen Geschehnisse richtet und die Persönlichkeit des wunderbaren Mannes näher ins Auge faßt; dann fragt man sich verwundert, wie es möglich ward, daß die folgenschwerste politische Wirkung der neunzehn christlichen Jahrhunderte von einem innerlich und äußerlich der Religion gewidmeten Menschen ausging? Im Drange des überreichen Vorhabens kam ich vor 18 Jahren nicht dazu, dieser Frage Aufmerksamkeit zu schenken; mein Werk eilte ungestüm gen Ende; heute möchte ich versuchen, das Versäumte nachzuholen, doch ohne den in jenem Werke gegebenen Rahmen des Weltgeschichtlichen und knapp Bezeichnenden zu überschreiten — etwa wie das dort für Paulus, Augustinus, Loyola versucht wurde.

*    *
*
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    Das Gegensätzliche — logisch betrachtet, das sich Widersprechende — scheint in dem Menschennatur als ein Gesetz ihres Seins zu liegen; darüber zu philosophieren ist hier nicht der Ort; was wir aber an Luther lernen können — wie an Paulus und Augustinus, an Descartes und Kant, an Leonardo und Wagner, an Friedrich und Bismarck — ist, daß dieses Nebeneinanderbestehen gegensätzlicher und insofern auch widersprechender Elemente im Geist und im Gemüt einer sonst gesunden und abgeschlossen einheitlichen Persönlichkeit um so kräftiger und dadurch auch um so verblüffender und für den oberflächlichen Blick verwirrender zum Ausdruck kommt, je eindringlicher die Wechselfälle des Schicksals ihr dazu Veranlassung geben und je gewaltiger diese Persönlichkeit die Kraft, sich zu äußern, besitzt. In einem seltenen Maße hat bei Luther beides mitgewirkt: Das Schicksal schuf ihm Gelegenheiten von einer Tragweite, wie sie die Geschichte nicht häufig bietet, und seiner Seele stand eine Sprachgewalt zu Gebote, die fast ohne Vergleich ist.
    Bei Luther können wir sogar den Widerspruch dort fassen, wo er am weitesten klafft: nämlich zwischen angeborener Neigung des Gemütes und aufgedrungenem Geschick. Luther ist von Hause aus heiter und empfindsam, ein wackerer Gesell, der Freundschaft und dem Gesang zugetan, dem Übermut nicht abgeneigt; seine Stimme ist sanft; er ist ein liebevoller Freund, später ein zärtlicher Gatte und Vater — seine Witwe erzählt davon in rührenden Worten. Dennoch wog der angeborene Hang zur Einsamkeit bei ihm vor, denn sein Sinn war von jung auf unverrückbar auf Vertiefung des Denkens und auf Heiligung des Wollens gerichtet — „geisthüngrig und gnaddürstig“, wie er es nennt. Mehr, als die meisten es ahnen, war Luther — der in   l i t t e r i s   wohlbewanderte   m a g i s t e r   a r t i u m — ein frommer und in sich gekehrter Gelehrter, dessen Sinn so ganz auf die Ewigkeit gerichtet war, daß er den Dingen dieser Welt gern ihren Lauf ließ. Staupitz, sein edler Seelsorger, schilt ihn einen „Grübler“. Der dramatischen Wirkung zulieb pflegen populäre Darstellungen dem jähen Schreck, der Luther zur Weltflucht veranlaßt habe, eine übertriebene Wirkung zuzuschreiben; offenbar erfolgte die Wendung zu Gott und zur Gottesgelahrtheit aus einem so unwiderstehlichen inneren Drang, daß er sogar den Geboten seines strengen Vaters zu trotzen den Mut fand. Am


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liebsten hätte er lange Jahre in der Stille seiner Mönchszelle gearbeitet, gebetet, gerungen. Selbst ein akademisches Lehramt tritt er widerstrebend an, denn es entreißt ihn der Beschaulichkeit. „Aufgedrungen worden, ist mir mein Lehramt,“ schreibt er, und zwar nicht etwa aus späterer Perspektive, sondern im Jahre 1509, als der Sechsundzwanzigjährige soeben zum Professor an der Universität ernannt worden war. 30 Jahre später sagt er in dem Vorwort zu der ersten Gesamtausgabe seiner deutschen Schriften: „Ich selber (daß ich Mäusedreck auch mit unter den Pfeffer menge) habe sehr viel meinen Papisten zu danken, daß sie mich durch des Teufels Toben so zuschlagen, zudränget und zuängstet, das ist, einen ziemlich guten Theologen gemacht haben, dahin ich sonst nicht kommen wäre.“ Noch mehr widerstrebte er dem Predigt- und Seelsorgeramt, das ihm sechs Jahre später zufiel; darüber besitzen wir Dutzende von Zeugnissen aus seinem Munde. Der Zufall einer Erkrankung des Stadtpfarrers von Wittenberg zwang ihn, stellvertretend einzuspringen; Gott und Menschen gaben den großen Prediger nie wieder frei. Er selber erzählt: „Zum Lehr- und Predigtamt bin ich mit den Haaren gezogen; hätte ich aber gewußt, das ich itzt weiß, so hätten mich kaum zehen Roß dazu ziehen sollen“; und noch 1530 schreibt er: „Für mich zu reden, wollt ich kein lieber Botschaft hören, denn die, so mich vom Predigtamt absetzt“. Feiern wir am 31. Oktober das Anschlagen der Lehrsätze über den Ablaß an den Toren der Wittenberger Schloßkirche als die Geburtsstunde der Reformation, so machen wir uns jedenfalls eine ganz andere Vorstellung von Luthers erstem Auftreten vor der großen Öffentlichkeit als er selber, der diese lateinisch von ihm verfaßten Thesen einer akademischen Gewohnheit gemäß so anschlug, sie nicht selber verdeutschte, noch zu ihrem Bekanntwerden in weiteren Kreisen beitrug: „Die Verbreitung,“ schreibt er damals einem Freunde, „lag weder in meiner Absicht, noch entspricht sie meinem Wunsche. Mir lag weiter nichts im Sinn, als mich mit einigen Gelehrten unserer Stadt und aus deren Nachbarschaft über diese Fragen auszusprechen.“ Mitten aus dem „großen Jahre“ 1520 versichert er uns, er habe sich, trotz der Stürme der letzten drei Jahre, still verhalten und sich „nicht um des Papstes Recht oder Unrecht bekümmert“; Eck und Emser seien es, die ihn „mit Gewalt auf diesen Kampfplatz hinausgeschleppt

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hätten“. In späteren Jahren, rückblickend auf seine öffentliche Tätigkeit, soll er gesprochen haben: „Gott hat mich hinangeführet wie einen Gaul, dem die Augen geblendet sind, daß er die nicht sehe, so zu ihm zurennen.“ Wohin wir auch schauen mögen, in allen seinen Beziehungen nach außen hin handelt Luther Schritt für Schritt gedrängt, gezwungen, genötigt. Ich weiß es wohl, ein anderer hätte diese Nötigung nicht — oder nicht so gewaltig stark — empfunden; in dem Wort „Hier steh' ich; ich kann nicht anders“ kommt sowohl das äußere Schicksal wie die innere Gegenwirkung zum Ausdruck: wer einen Blick ins Innere dieser Seele getan hat, wird gerade dieses Wort unausdenklich finden. Im Gegensatz zu ich „will“ nicht anders: ich „kann“ nicht anders! Nur im Dienen ist dieser Wille nach außen hin gerichtet; er ist nicht Eigenwille, sondern Gotteswille; „ich kann nicht anders als wollen“. Damit ist aber zugleich gesagt: hier gebietet keine Willkür, kein Ehrgeiz, kein Übereifer; das gewaltige Wollen ist — von innen aus gesehen — schlichter Gehorsam, Gehorsam, der die eigene Neigung überwindet. In diesen verborgenen Sinn des ehernen „ich kann nicht anders“ dringen wir ein, wenn wir es durch ein zweites, an den Kaiser gerichtetes Wort ergänzen: „Ungern und wider mein Willen hab ich mich an Tag geben; und nicht anders, dann durch der Anderen Zumüssigung, Gewalt und betrüglichen Nachtrachten gedrungen, hab ich geschrieben alles, das ich geschrieben hab, und nie nichts sehrer und mehrer begehrt und gewunscht, dann daß ich als ein begebener Mann in einem Winkel heimlich und unbekannt bleiben mocht“.
    Inzwischen ruht und reift in Seelentiefen verborgen die weltbewegende Gewalt seines Willens. So lange der Reiz
zur Gegenwirkung nicht rücksichtslos ins Innere durchbricht, zeigt er Sanftmut und Wohlwollen, und alles Unerbittliche zehrt sich auf in der Gestalt beispielloser Arbeitsleistungen und heißer Gewissenskämpfe gegen den Satan der Versuchung und um Erlösung aus Sündenschuld. Man betrachte in diesem Licht Luthers zähes Festhalten an der römischen Kirche. Lange nach dem Anschlagen der Thesen hat er die Ablässe noch gutgeheißen und einzig gegen Mißbräuche Einspruch erhoben! Er selber erzählt später, erst die Schriften der Dominikaner zugunsten der Ablässe hätten ihm die Augen über den „lauteren Betrug“ geöffnet, so daß er endlich begriff: „der Ablaß

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ist eine nichtsnutzige Erfindung Roms.“ ¹) Noch mit 35 Jahren erklärt er: „Kein Ursach ist so groß, noch werden mag, daß man sich von der römischen Kirchen reißen oder scheiden soll; ja, je übler es do zugeht, je mehr man zulaufen und anhangen soll; denn durch Abreißen oder Verachten wird es nit besser.“ Der hier redet, ist der stille Luther, der „begebene Mann“. Nur die unaufhörliche Aufreizung „der vielen reißenden Wölfe“, die ihm keine ruhige Stunde gönnen, rüttelt ihn schließlich auf, bis er zuletzt — als er „die subtilsten Subtilitäten dieser Troßler, womit sie ihren Abgott aufrichten“, kennen gelernt hat — auf dem Thron, den er bisher verehrte, den leibhaftigen Antichrist zu erblicken glaubt und die Kirche Roms als die Grundsuppe aller Greuel einschätzt.
    Viel lernt man durch die genauere Betrachtung einzelner näher bekannten Vorfälle.
    Als der Kardinallegat Kajetan im Oktober 1518 Luther in Augsburg empfing, um ihn im Auftrag der Kurie zu verhören und zum Widerruf zu bestimmen, erstaunte er bei dem Anblick eines so schüchternen „Mönchleins“; Kajetan, einer der bedeutendsten Theologen jener Zeit, scheint nämlich aus den wenigen damaligen Veröffentlichungen Luthers Achtung und
fast Sympathie für ihn geschöpft zu haben; rohe Hetzkapläne nach Art des Eck waren ihm zuwider, und er hat sogar noch später den übereifrigen Löwener und Kölner Doktoren zu bedenken gegeben, daß Luthers Hauptlehren nicht so ketzerisch seien, wie es auf den ersten Blick den Anschein habe; darum empfing er den verklagten Mönch „gütig, ja fast ehrerbietig“ und „betonte wiederholt, daß er mit ihm als Vater, nicht als Richter verhandeln wolle“. Nun ging es merkwürdig zu. Luther war dermaßen schüchtern und demütig, er richtete so „flehentliche Bitten um Schonung“ an den Legaten, daß dieser sich in seiner Erwartung getäuscht sah; er hatte geglaubt, einen starken Mann anzutreffen, rechthaberisch und zanklustig, einen überzeugten Umstürzler, — diesen Eindruck hatten Luthers Schriften auf ihn gemacht, und er hatte sich infolgedessen vorgenommen, sich auf keinen theologischen Streit einzulassen, ebensowenig ihn mit dem Bannfluch, den er bei sich führte, aufzureizen, vielmehr ihn durch Güte zu gewinnen und durch
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    ¹) Dieser Satz war bisher von der Zensur verboten und noch nicht veröffentlicht.

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moralische Ermahnungen umzustimmen. Jetzt aber, wo der bescheidene, stammelnde Augustiner vor ihm stand und vor Ehrerbietung verstummte, da warf der Kirchenfürst seinen eigenen Schlachtplan als unzweckmäßig um und begann dem jungen Theologieprofessor seine Irrtümer schulgemäß nachzuweisen. Damit war aber für Kajetan das Spiel verloren; denn nun hatte er dem Helden ins Innerste gegriffen: nicht mehr ging es um die gegebene Kirche, der Luther angehörte und der er demutvoll zu dienen damals noch gewillt war, nicht ging es um sein eigenes Wohl und sein Verhalten, sondern um die Lehren des Heilands und damit um das ewige Heil der Seele; es schwand die Schüchternheit, es schwand die Unsicherheit, es schwand die Furcht; vor den erstaunten Augen des italienischen Edelmanns reckte sich empor „der Deutschen Prophet“, und so wenig ließ sich dieser mehr einschüchtern, daß er dem größten Gelehrten des Vatikans keck ins Gesicht rief, er verstünde kein Latein! Kajetan erschrak dermaßen, daß er zu Staupitz nachher sagte: „Mit diesem bestialischen Menschen mag ich nimmermehr reden; aber unergründliche Augen hat er und in seinem Kopfe kreisen wunderbare Gedanken.“ Ist nicht ein solcher Vorfall ungemein belehrend zur Erkenntnis der Persönlichkeit in ihrem verborgenen Gefüge, reich an Gegensätzen? Nicht unähnlich verhielt es sich bei dem weltbekannten Auftreten vor dem Reichstag zu Worms, drei Jahre später. Am ersten Tage war Luthers Benehmen nach allen Schilderungen ein so seltsames, daß seine Feinde frohlockten, die Gleichgültigen staunten und die Freunde verzweifelten; viele hielten ihn für verrückt oder betrunken; Kaiser Karl V. rief lachend aus: „Der da soll mich nie zum Ketzer machen!“ Auf die Frage, ob die ihm vorgelegten Schriften von ihm seien, antwortete er so leise, daß selbst der Beamte, der neben ihm stand, das „Ja“ kaum vernahm; und auf die Frage, ob er zu widerrufen bereit sei, erwiderte er nicht mit einem donnernden „Nein“, sondern mit der geflüsterten Bitte um Bedenkzeit. Am nächsten Tag aber, wo die Eindrücke Zeit gehabt hatten, sich bis in die Tiefen der Seele hinabzusenken, stand ein verwandelter Mann da. Kaiser und Fürsten waren vor Gott ein Nichts: „Wie ist es nur ein Ding um die Welt! Wie sperret sie den Leuten die Mäuler auf!“ Auch er selber war sich als beschränkter, hoffender, fürchtender, wünschender Mensch nunmehr entschwunden.

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Nachts hatte er gebetet: „Du mein Gott, stehe du mir bei wider aller Welt Vernunft und Weisheit! Ist es doch nicht meine sondern deine Sache! Hab ich doch für meine Person allhie nichts zu schaffen und mit diesen großen Herren der Welt zu thun. Wollt ich doch auch wohl gute, geruhige Tage haben und unverworren sein! Aber dein ist die Sach, Herr!“ Die Schüchternheit nach außen, die innere Sehnsucht nach guten, geruhigen Tagen, alles ist bei dem zweiten Erscheinen vor versammeltem Reichstag entschwunden; jetzt geht's um ewige Dinge. Aufrecht steht der Mann, der in Gottes Namen, nicht im eigenen redet; seine Stimme dringt in alle Ecken des Saales; gefragt, ob er dabei beharre, daß Kirchenkonzilien irren können, erwidert er: „Als ein harter Fels.“ Und nun beachte man, daß, sobald diese Stimmung waltet, d. h. also, sobald der im Innern verborgene Genius gebietet und der eigentliche Seher und Prophet redet, da kommen ihm Worte über das deutsche Vaterland auf die Zunge! Gefragt wird er nur nach theologischen Dingen; er aber legt immer in solchen Augenblicken Nachdruck auf die vaterländischen. Die bekannte große Rede vor dem Reichstag gipfelt in den Worten: „Ich sag dies nicht darum, daß so großen Häuptern meine Lehre oder Ermahnung von Nöten sei, sondern daß ich meiner Heimath, deutschen Landen, meinen Dienst damit erzeigen wolle.“ Und als er wenige Tage darauf seinem „lieben Gevatter“, dem Maler Lukas Cranach, in einem Briefe die Vorgänge vor dem Reichstag kurz erzählt, knüpft er unmittelbar daran den Wehruf: „O wir blinde Deutschen! Wie kindisch handeln wir, und lassen uns so jämmerlich die Romanisten äffen und narren!“
    Auf untheoretischem Wege — auf dem Wege der Beobachtung — habe ich den Leser zu der lebensvollen Wahrnehmung einer Tatsache hinführen wollen, die, nach meinem Dafürhalten, die Achse dieser gewaltigen Persönlichkeit ausmacht:   s o b a l d   L u t h e r   e r h a b e n   w i r d,   w i r d   e r   p r a k t i s c h.   Luther in Ruhe, in innerer Beschaulichkeit, in innerem Seelenkampf, Luther bei ungestörter Auslegung der Schrift vor seinen jungen Hörern und bei Trostsprechung für seinen kurfürstlichen Herrn ist ein anderer Mann — er denkt anders,
lehrt anders, handelt anders — als Luther der Zerstörer und der Wiederauferbauer, Luther der Prophet, dessen Stil schon die Zeitgenossen als eine   m e t h o d u s   h e r o i c a   (eine Heldenart) bezeichneten.

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Luther, der bloße Mensch, hält sich zurück, leidet unter Gewissensqualen, ist versöhnlich, schont sogar den Papst, der ihn verfolgt; Luther, der Held, greift zu, fürchtet weder Mensch noch Teufel, scheut vor keinem Paradoxon, opfert zarteste Gedanken, opfert sich selbst, seine Folgerichtigkeit, seinen Ruf als Theolog, alles, was not tut, dem großen allgemeinen und — wie Goethe gesagt hätte — „baumeisterlichen“ Ziel zulieb. Bleibt er unangefochten, so gleicht seine Seele auf der Oberfläche einem ungekräuselten Wasser; immer sinnend, manchmal heiter, manchmal schwermütig, spiegelt sie die Umgebung treu und lächelnd wieder; in ihren mystischen Tiefen lebt sie ein zweites, oft von stürmischen Bewegungen aufgewühltes Leben, reich an Qualen und an Schrecknissen, reich auch an Hoffnung, an Gewißheit, an Jubel. Das ist der „begebene Mann“, geschaffen wie nur je einer es war, „in einem Winkel heimlich und unbekannt“ — daß heißt inmitten eines kleinen Kreises einfacher, arbeitsamer, guter Menschen — zu leben. Reißt ihn aber der Strom der Geschehnisse aus seiner Stille heraus, muß er sich sogar in einem weltgeschichtlich entscheidenden Augenblick zum Gotteskämpen auserkoren fühlen, so findet eine Umwälzung statt innerhalb des Wesens, und weil die große   T i e f e   das Bezeichnende an diesem Wesen ist, so wirkt die Umwälzung von unten nach oben, eruptiv. Wie aus einem Feuerberg sprühen und schießen die Erkenntnisse, die Taten, die Worte empor! Die üblichen Verhältnisse menschlicher Dinge gelten hier nicht; von einem Vulkan hat man nicht Maß zu erwarten, sondern Kraft; das stille „Mönchlein“ rüttelt an jahrtausendalten Weltgewalten, zerstört sie zu einem Teil und segnet sie zum andern zu wiedergewonnenem besseren Leben; Neues baut er auf; er wird der größte Befreier, von dem überhaupt die Weltgeschichte zu melden weiß; er bahnt gar vielem, wovon er selber keine bewußte Vorstellung besitzt, die Wege. Aus dem hier berührten Zusammenhang ist z. B. die maßlose Grobheit Luthers gegen seine Widersacher zu erklären, von der er selber sagt: „Ich bekenne mich heftiger gewest sein, dann christlichem Wesen und Stand geziempt“. Er kann nichts dafür: Wäre er von Natur weniger sanft, er würde in solchen Augenblicken weniger rauh sein; wäre er weniger schüchtern, er würde weniger trotzig auftreten; wäre er weniger tief beanlagt, weniger in gottselige Ewigkeitsbetrachtung einsiedlerisch versunken, es hätte sich

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nicht in seinem Innern diese elementare Kraft angesammelt und zu gigantischer Stärke gesteigert, fähig, Throne zu erschüttern, Fürsten zu gebieten, ein ganzes Volk aufzurufen, fähig zu einer Kraftschöpfung, die wie glühendes Gestein aus dem unbewußten Innern hervordrang, um sich dann in unvergängliche Gestalt zu wandeln und der Seele der europäischen Menschheit eine neue Umgebung zu schaffen.
    Hier quillen nun die scheinbaren, aber organisch bedingten, für jedes schöpferische Beginnen unentbehrlichen Widersprüche ebenso miteinander verschlungen empor, wie Erde und Himmel, ehe sie Gott auseinander geschieden hatte. Einige Beispiele. Um gleich sehr tief zu greifen: Luthers Lehre der Erlösung durch den alleinigen Glauben an Christus hebt, wie jede echte Mystik alle Zeit und dadurch auch alle zeitliche Verpflichtung, auch die Notwendigkeit jeder weiteren Dogmatik auf, wie denn Luther gelegentlich zugibt, die Sakramente der Taufe und des Abendmahls seien zwar förderlich, doch zur Seligkeit nicht unentbehrlich: „Ohn das Sakrament kannst leben, fromm und selig werden“; tritt er dann aber in die
Welt hinein und sieht, wie wenig doch von einem solchen Glauben die Rede sein kann, wie er und Paulus ihn verstanden — „eine Standveste des Herzens, die nicht wanket, wackelt, bebet, zappelt, noch zweifelt“ — so greift sein praktischer Sinn durch, errichtet eine verwickelte, aber praktisch brauchbare Kirchenlehre und Kirchenübung, in welcher zum Christusglauben nicht allein der buchstäblich zu fassende Schriftglaube hinzukommt, sondern auch manches Ding, für das es kein Schriftzeugnis gibt, wie z. B. das sogenannte apostolische Glaubensbekenntnis, und nun gebietet er: „Entweder alles geglaubt, oder nichts geglaubt!“ Oder wieder, um ein einzelnes herauszugreifen: er lehrt, selbst gerechte Verteidigung komme dem Christen nicht zu. „Habt recht, wie ihr wollet, so gebühret keinem Christen zu rechten noch zu fechten, sondern, Unrecht zu leiden und das Übel zu dulden“; denn „Christen erobern mit Leiden, nicht mit der Faust“, „sie streiten nicht für sich selbs mit dem Schwert, noch mit Büchsen, sondern mit dem Kreuz und Leiden, gleichwie ihr Herzog, Christus, nicht das Schwert führet, sondern am Kreuze hanget“; das hindert ihn aber nicht, an anderer Stelle das Recht, sich und die Seinigen und das Seinige „zu schützen und zu schirmen, wo der Mann nur kann“ als ein Unbestreitbares warm zu verfechten und über die zu spotten,

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die es nicht tun wollen, denn das „wäre eben genarret, wie man sagt von einem tollen Heiligen, der sich selbs ließ die Läuse fressen, und wollt keine tödten ... gab für, man müßte leiden und dem Bösen nicht widerstehen“. Wenige Männer haben den moralischen Mut gehabt, zwei entgegengesetzten Gedankengängen so unbekümmert frei das Wort zu reden. Und gleich dieses auf gut Glück, ohne weitere Absichtlichkeit herausgegriffene Beispiel zeigt uns das Nebeneinanderbestehen der zwei Welten: Religion und Politik. Die Religion verbietet die Verteidigung, die Politik gebietet sie; und wenn ich dem politischen Gebot nicht folge, so bin ich ein toller Heiliger, und die falsche Religion wird über die wahre Religion Gottes triumphieren. Es zeigt sich eben überall bei Luther ein zwiefacher Mensch: der stille Theolog und Stadtpfarrer, der in sich selbst beschlossen ist, mit seinem Gott und seiner Umgebung unbefangen offen verkehrt und nichts lieber will denn leben und leben lassen; und der Held, der gebietet, und der schmiedet, und der — gerade weil sein Sinn auf Ewiges und Allgemeines gerichtet ist — für eine zeitbefangene, beschränkte, unverbesserliche Menschheit aufbaut, wie und was er für praktisch und wirksam und haltbar hält. Der erste Luther ist ein hoher, der zweite ist ein erhabener Mann.
    Hier nun führt ein Steg hinüber von einer Welt zur andern, von der religiösen zu der politischen. Wer die ausführliche Darstellung der Jahre 1515 bis 1520 von Paul Kalkoff durchstudiert, wird staunen, wieviel   P o l i t i k   vom ersten Augenblick an bei Luthers Reformation mitratet und mittatet ¹). Ohne den edlen Kurfürsten Friedrich —
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    ¹) Vgl. die „Einleitung zum ersten und zweiten Band“ der von Hans Heinrich Borcherdt herausgegebenen, im Erscheinen begriffenen Ausgabe „Ausgewählter Werke Martin Luthers“ (1914, bei Georg Müller in München), die erste Auswahl, welche nicht theologische oder erbauliche Ziele verfolgt, sondern die Kenntnis der ganzen Persönlichkeit als einer der großen Kulturgewalten der Geschichte bezweckt. Aus derselben Ausgabe ist (1915, als Separatdruck käuflich) erschienen Henry Thodes Abhandlung „Luther und die deutsche Kultur“, die in einem von Franz von Assisi bis Richard Wagner reichenden kühnen Wurf Luthers Wesen und Wirken von ihrem Entstehen an bis in die letzten Verzweigungen ihrer Folgen darzustellen unternimmt. Bei dieser Gelegenheit empfehle ich jedem, dem es um die Kenntnis Luthers ernst ist, die überaus vortreffliche kleine Schrift von Heinrich Boehmer: „Luther im Lichte der neueren

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den erfahrenen, klugen, schlauen, festen — wäre sein Werk gleich in den ersten Anfängen gescheitert. Der Fürst gleicht einem Steuermann, der bei Sturm und Gewitter das Schiff zwischen tausend sichtbaren und unsichtbaren Riffen leitet, jeder List gewachsen, für jede Versuchung (wie die eines Kardinalhuts für seinen Luther!) unempfänglich. Was gab ihm hierzu die Befähigung und die Beharrlichkeit? Doch einzig die Religion; die Religion, wie sie auf ihn durch die gotterfüllte Persönlichkeit Luthers unwiderstehlich wirkte. Und wieviel hat Luther von seinem Fürsten gelernt! Wie hat er in späteren Jahren es verstanden, die verschiedenen Fürsten, auf die es ankam, „politisch“ zu behandeln! Manche haben ihm dies zum Vorwurf gemacht. Doch damit berühren wir nur die schmale Kante dieser Beziehungen zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit, zwischen Erdenreich und Gottesreich. Wer wirklich nicht einsieht, daß Luther das Gesicht unserer greifbaren „politischen“ Welt völlig umgewandelt hat, so daß wir alle eine andere Luft atmen, als wir ohne ihn atmen würden, von dem behaupte ich: er ist weit entfernt, die Bedeutung Luthers in der Religion und für die Religion zu ahnen. Denn eine Tatsache, auf die häufig aufmerksam gemacht worden ist, die aber nie zu oft wiederholt werden kann, ist, daß Luthers Religion seine Theologie weit überragt. Seine Theologie bleibt mittelalterlich befangen, seine Kirche ist ein Kompromiß, an dem er nicht einmal selber überall Freude hatte und teilnahm; so hat er z. B. andere das „Augsburger Glaubensbekenntnis“ aufsetzen lassen; „denn“ — sagt er — „ich so sanft und leise nicht treten kann“; hier überall zieht die zeitliche Rücksicht auf gebietende Umstände, auch vielfach der zeitliche Horizont des im 15. Jahrhundert geborenen Augustiners Grenzlinien. Diese gewaltige Kraft — der erhabene Mann mit den unergründlichen Augen, in dessen Kopf selbst ein päpstlicher Legat „wunderbare Gedanken kreisen sah“ — diese Kraft brauchte einen Horizont von Jahrhunderten und eine Entwirrung der europäischen Menschheit aus dem zerwühlten Chaos seiner Zeit zu großen klaren Gestalten; was ihm „Religion“ hieß, betraf mehr als eine bloße Kirchenlehre, es umfaßte alle mensch-
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Forschung“, dritte vermehrte und umgearbeitete Auflage, Leipzig und Berlin bei B. G. Teubner, 1914 (Nr. 113 der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt“).

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lichen Verhältnisse. „Wenn Deutschland nur   e i n e n   Herrn hätte, so wäre es nicht zu gewinnen“ (das heißt nicht zu besiegen): so ruft er 350 Jahre vor Bismarck! Freilich ist es ein seltener Fall, daß die Religion einen Mann zum hellsehenden Politiker schuf; hier tat sie es. Vielleicht ist das Größte, was Luther uns überhaupt gelehrt hat, die Erkenntnis, daß des Menschen Wesen — und daher auch seine Pflicht — die   T ä t i g k e i t,   die   A r b e i t   ist: „Wer nicht thätig ist, der ist auch nicht glaubig.“ Nicht Weltflucht, sondern kräftiges Sichbewähren: das ist die erste Pflicht des Menschen, ohne die es keine Seligkeit für ihn geben kann. Jedes Gewerbe, jeder Beruf, jedes Amt, jedes Schicksal steht Gott und Christus gleich nahe; der Soldat, indem er tötet, tut genau ebenso sehr seine Pflicht wie der Geistliche, indem er predigt; „der Bauer gilt mir genau so viel wie der König“. Nicht Keuschheit heiligt, sondern gottgewollte Ehe und Kindersegen. Was Luther hierdurch vernichtet, ist der Glaube an eine Kaste von Männern und Frauen, die durch ihren Beruf und ihre Lebensführung Gott näher stehen als andere: dadurch ist aber der seit dem frühesten Aufdämmern einer primitiven Kultur bis zum heutigen Tage überall Aberwitz züchtende, Unheil wirkende Medizinmann und Priester, der gutes und böses Wetter zu schaffen vorgibt, die Früchte wachsen läßt oder sie, wenn er und sein Gott zürnen, verdörrt oder im Gewitter vernichtet, der ewiges Heil und ewige Qualen nach Gutdünken austeilt — dieser Fluch der Menschheit ist auf immer abgeschafft, und wir treten endlich aus Nacht und Dämmerung in den Morgen ein. Das ist die religiös-politische Lehre des vollendet erhabenen Luther: die Freiheit des Christenmenschen; jeder Christ ein König und ein Priester.
    Wer sieht denn nicht ein, daß hier das Äußere und Sichtbare sich eng mit dem Innern, Unsichtbaren, Ewigen berührt? Es ist nicht möglich, eine reinliche Trennung durchzuführen. Diese Religion schafft unsere politische Welt um, indem sie uralten Vorstellungen aus geistumnachteter Zeit — wie der Erzengel dem Drachen — den Todesstoß versetzt.
    In welchem Sinne Luther ein politischer Held genannt werden darf, inwiefern gerade seine hierher gehörigen Gedanken aus den Abgründen seines in tiefsten Tiefen schöpferisch brütenden Geistes ans Licht hinaufsteigen, auch warum sie mit unüberwindlicher Lebenskraft auf die


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Welt gewirkt haben, wirken und weiterhin wirken werden: das hoffe ich hiermit zwar nicht dargelegt, aber genügend klar angedeutet zu haben, so daß es zu eigenem Nachdenken anregen kann.

    B a y r e u t h,   30. September 1915.






4. Die deutsche Sprache
    (Brief an E. E.)

Das köstliche Gut, die deutsche Sprache, die alles
ausdrückt, das Tiefste und das Flüchtigste, den
Geist, die Seele, die voller Sinn ist: die deutsche
Sprache wird die Welt beherrschen.       (Schiller)

Gewiß, Du hast Recht; es wäre frevelhaft, wollte man gerade in diesen Septembertagen, wo die erste große Entscheidung noch schwebt — diejenige, die wahrscheinlich über alle weiteren Entscheidungen „entscheiden“ wird —, es wäre frevelhaft, wollte man sich dem Rausch einer übermütigen Zuversicht hingeben; von einem Denker wenigstens verlangt man mehr Logik, als daß er Gott demütig um Hilfe bitte und zugleich überzeugt sei, der Deutsche könne nicht anders als siegen. Ich glaube, der Deutsche hat alles getan, was menschenmöglich war, um siegreich aus dem ihm aufgezwungenen Kampfe hervorzugehen; ich weiß aber, welche Rolle unscheinbare Nebendinge, Zufälle, wie man sie nennt, in der Geschichte gespielt haben; aus Grund des Herzens wende ich mich zu Gott und sage, wie der Heiland es uns vorgebetet hat: „Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Wahre Demut heißt auf alles gerüstet sein; wissen wir denn, was schwerer zu tragen sein wird: Niederlage oder Sieg?
    Aber, aber... wie soll ich's sagen? ...  ich fürchte, ich werde nun doch unlogisch oder gar unfromm: eine Niederlage der Deutschen könnte ich nur als hinausgeschobenen Sieg betrachten; ich würde mir sagen: die Zeit ist also noch nicht reif, es gilt, des Heiligtums noch weiter im Kreise des engeren Vaterlandes treu zu hüten. Denn Deutschland allein unter allen Nationen wahrt heute noch ein lebendiges, entwicklungsfähiges Heiliges; unausdenkbar ist es, wie alles, was von Gott kommt, und ich fühle mich mehr als bloß un-

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fähig, es zu beschreiben oder auch nur zu umschreiben; man muß deutsch geboren oder geworden sein, um zu wissen, wovon die Rede ist, zu verstehen, wenn Einer davon spricht; man muß mitten in diesem mannigfaltigen Segen leben und weben, muß dessen Luft atmen, in dessen Licht arbeiten, in dessen Sonne lieben, unter dessen gütigem Schutze ruhen... Ach, und da fällt mir unsers so ganz und ausschließlich deutschen Schillers Wort ein: „Sobald es Licht wird in dem Menschen, ist auch außer ihm keine Nacht mehr.“ Vorläufig soll mir an diesem Worte genügen: was wir „deutsch“ nennen, ist das Geheimnis, wodurch es in dem Menschen Licht wird; und das Organ dieses Lichtwerdens ist die Sprache.
    Durch nichts lasse ich mich irremachen: dieser Sprache ist gewiß der Sieg bestimmt! Auch andere Sprachen gibt es, reich an Werken des Geistes; wer möchte das in Abrede stellen? Ich am allerwenigsten, der ich von Kindheit an und bis zu Stunde im Englischen und im Französischen daheim bin, so daß Shakespeare, Hume und Sterne, Ronsard, Pascal und Rousseau meinem Ohre und meinem Verstande in ihren ureigenen Worten und in den unübertragbaren Redewendungen der schillernden, aus Geschichte und Klang entstehenden Beziehungen ebenso nahe und vertraut sind, wie Luther, Herder, Goethe. Auch besitze ich wenigstens eine Art Ahnung von dem Gefüge und der Kraft der alten Sprachen, kann Italienisch lesen und verdanke dauernde Eindrücke dem Studium des Spanischen und des Serbokroatischen. Auf Grund dieser Kenntnisse und auch anderer, aus den Ergebnissen der vergleichenden Sprachwissenschaft gewonnenen, behaupte ich: unter lebenden Sprachen steht fraglos die deutsche einzig da, in einer Majestät und einer Lebensfülle, die jeden Vergleich ausschließen. Dies liegt zum Teil in der Struktur dieser Sprache begründet, wie sie sich aus ihrer Geschichte ergibt, zum Teil in dem Inhalt, den sie durch eine beispiellose Reihe tüchtiger, bedeutender, hervorragender, zum teil heroischer Geister gewonnen hat. Dieser Inhalt — das sei gleich hinzugefügt — reicht über das Sprachgefüge hinaus: so ist z. B. Johann Sebastian Bach, der Wundermann, den Goethe nur mit Gott zu vergleichen wußte, undenkbar außerhalb des Gebietes der deutschen Sprache und außerhalb der Richtung, die Martin Luther dem Geist, dem diese Sprache entwächst, angewiesen hatte. Es ist das alles ein und derselbe Strom.

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    Was nun zunächst die Struktur betrifft: Es ist so viel Treffendes darüber gesagt worden, und so manches davon wird Deinem treu haftenden Gedächtnisse eingeprägt sein, daß ich mich fast darauf beschränken kann, Dich an die vierte von Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ zu erinnern. Mir fallen Fichtes Schriften im Allgemeinen, ich gestehe es, nicht leicht; meistens gehen sie mir gegen den Strich; doch dieser Vortrag über die „Hauptverschiedenheit zwischen den Deutschen und den übrigen Völkern germanischer Abkunft“ lese ich immer wieder von Zeit zu Zeit und erbaue mich stets daran. Erstens freut es mich, daß er zu den „Völker germanischer Abkunft“ auch die Franzosen, die Spanier, die Italiener zählt; zwar liegt es auf der Hand, wieviel germanisches Blut in ihren Adern als Quelle ihrer Kraft fließen muß —, es genügt zu wissen, was der Begriff „Germane“ bedeutet, und ein klein wenig Geschichte studiert zu haben; und doch mußte diese im Wintersemester 1807 bis 1808 als selbstverständlich ausgesprochene Wahrheit in unseren Tagen neu entdeckt werden. Zweitens spricht Fichte in schlichten Worten eine geradezu entscheidende Wahrheit aus, indem er den Grund der zunehmenden Verschiedenheit vor Allem in den Sprachen findet: unter den Sprachen Europas ist die deutsche die einzige lebendige. Aus dieser Tatsache folgt alles andere; denn, wie Fichte bemerkt: „Zwischen Leben und Tod findet gar keine Vergleichung statt, und das erste hat vor dem letzten unendlichen Wert; darum sind alle unmittelbaren Vergleichungen der deutschen und der neulateinischen Sprachen durchaus nichtig und sind gezwungen, von Dingen zu reden, die der Rede nicht wert sind.“ Die Katastrophe, die alle jene Sprachen — die englische nicht ausgenommen — vom Leben abgeschnitten hat, entstand dadurch, daß sie auf fremden Wurzeln, also aus totem Material, aufgebaut sind; darum waren sie von Anfang an künstliche, nicht naturgeborene Sprachen; „jene Völker haben“, sagt Fichte mit Recht, „genau genommen eine Muttersprache gar nicht“, eine Tatsache, für welche Richard Wagner den schlagenden Ausdruck fand: „Ihre Sprache spricht für sie, nicht aber sprechen sie selbst in ihrer Sprache.“ Sobald nämlich alle Wörter, die nicht bloß greifbare Dinge bezeichnen, sondern dem Denken und Mitteilen des Gedachten dienen, nicht mehr dem sinnlich Bekannten entstammen — wenn z. B. Erfolg „succès“ heißt, und somit an Stelle der

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lebendigen Vorstellung eines Hinrennens auf ein Ziel zu, gekrönt durch das den Abschluß andeutende „er“ zwei Silben „suc“ und „cès“ stehen, die beide für den heutigen Franzosen keine Bedeutung besitzen — sobald das geschieht, sind die Wörter nur mehr abstrakte Rechenpfennige, keiner Steigerung, keiner Modulation, keiner Verbindungen fähig; und das Volk, das eine solche Sprache redet, kennt dann keine Stufenleiter des Verständnisses: der gemeine Mann denkt gar nicht, das Genie findet kein Organ vor, woraus es Neues gestalten könnte; la médiocrité est de rigueur — Mittelmäßigsein ist Pflicht. Da hingegen in einer lebendig gebliebenen Sprache, wie die deutsche, „der übersinnliche Teil sinnbildlich ist, zusammenfassend bei jedem Schritte das Ganze des sinnlichen und geistigen in der Sprache niedergelegten Lebens der Nation in vollendeter Einheit, um einen, ebenfalls nicht willkürlichen, sondern aus dem ganzen bisherigen Leben der Nation notwendig hervorgehenden Begriff zu bezeichnen.“ Man darf nicht übersehen, daß die lateinische Sprache, als sie gegen Ende der Republik eine Kultursprache zu werden anfing, sich aufs Borgen verlegen mußte; von ihr kann man nicht in selben Sinn wie von der griechischen sagen, daß sie „lebe“; denn sie entnimmt der griechischen zahlreiche Bezeichnungen für Gedanken, Gefühle und Ahnungen, fix und fertig, wie sie aus der durchaus originellen, Jahrhunderte alten Entwicklung der hellenischen Völker hervorgegangen waren; und bei dem Versuch, eigene lebendige Wörter dem fremden Inhalt anzupassen, entstanden Konfusionen, unter denen wir noch heute leiden; Du brauchst nur in meinem Goethebuche den Abschnitt über das Wort „Natur“ nachzuschlagen. Teils also verstand man gar nicht und teils verstand man falsch; die lateinische Sprache der klassischen Zeit besaß infolgedessen — sobald sie sich über das Alltägliche erhob — keine lebendigen Beziehungen mehr zu der Sprache des Volkes; vielmehr war sie eine künstliche, dem Volke unverständliche Sprache geworden, „in der eigenen Heimat halb tot“. Hieraus geht hervor, daß die heutigen Sprachen Westeuropas auf zwiefach abgestorbenen Wurzeln aufgebaut sind; außer der deutschen blieben einzig die skandinavischen rein.
    Nur so viel über die Struktur der deutschen Sprache; nur ein andeutendes Weckrufen des Gedächtnisses. Die deutsche Sprache lebt, und weil sie lebt, ist sie geeignet, einem Göttlichen zum Gefäß zu dienen.

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    Nun aber bitte ich Dich, Deine Auge auf den kritischen Punkt zu richten, wo dem Gefäß ein Inhalt zugeführt werden soll. „Mit dem Besitzer einer solchen Sprache spricht unmittelbar der Geist, und offenbart sich ihm, wie ein Mann dem Manne,“ sagt Fichte. Und Goethe ruft aus:
Komm' heil'ger Geist, du schaffender,
Und alle Seelen suche heim!
    Dazu gehört aber Manches: eine vereinzelte Seele, hier und da, fähig, Offenbarungen des heiligen Geistes unmittelbar zu empfangen und mitzuteilen, das genügt nicht; soll die Sprache an dem Inhalt Kraft gewinnen, so muß jede dieser begnadeten Seelen einem breitangelegten völkischen Leben angehören, reich an Kräften, an Begabungen, an leidenschaftlichem Daseinsdrang; im Nebeneinander und im Nacheinander muß sich Seele an Seele ketten; Sprache und Inhalt bedingen sich gegenseitig, sie wachsen an einander; vereint streben sie wie ein sich verästelnder Baum empor. Zwar bilden die skandinavischen Sprachen eine kostbare Reserve, eine Art Stärkung der deutschen im Hintergrunde; doch versagte die geographische Lage in ihrer strengen Unwirtlichkeit dem Leben dieser Nationen breite und üppige Entfaltung. Hingegen fand diese Entfaltung in Deutschland in idealer Weise statt. Mag der Historiker Deutschlands Zerrissenheit beklagen, sowie die unsäglichen von ihr in früheren Zeiten verursachten Leiden; das Geistesleben gewann daraus die unvergleichliche Mannigfaltigkeit der Lebensbedingungen und daher auch die Verschiedenheit der richtenden Einflüsse innerhalb der durch die Sprache gegebenen Einheit das Erlebens und des Denkens. Die Sprache wurde hierdurch und wird noch heute beständig in Fluß erhalten. Wer das Französische etwa von Rabelais und Montaigne an bis zu Voltaire verfolgt, gewahrt eine zunehmende Verarmung, sowohl des Wortschatzes, wie der Sprachformen, bis dann das Gefüge endgültig zu blankem Stahl verhärtet ist und nur mehr maschinenmäßig arbeitet; diese von einem höheren Standpunkt aus betrachtet unstreitig rückwärtige Bewegung entspricht einem genialen Instinkt: da die Sprache eine künstliche war, so gab es für sie nur ein Mittel, relative Vollendung zu erreichen: sie mußte ganz Kunst — gar nicht mehr Natur — werden. Ein heute lebender Montaigne

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müßte stillschweigen... oder Deutsch lernen. Worauf ich Dich nun besonders aufmerksam machen möchte, ist folgendes: Reifte dieser merkwürdige Vorgang zu beispiellosem Erfolg, so ist das nicht allein der zwingenden Logik der sprachlichen Lage zuzuschreiben, vielmehr namentlich auch der politischen Entwicklung; die französische Sprache ward genau so, wie ihre die unbedingte Einheit und Einheitlichkeit und Einförmigkeit fordernde Monarchie sie wollte: die äußere Bastille konnte die französische Revolution vernichten, nicht aber die innere; der Geist dieses Volkes ist auf immer eingekerkert. Auch die deutsche Sprache hat an Wort- und Sprachbildungen seit Luthers Zeiten manche Einbuße gelitten; namentlich die unselige Vorherrschaft des Lateinischen unter den Gebildeten bis etwa 1750 wirkte zerstörend; gerade die politische Mannigfaltigkeit war es nun, die, neben den oben besprochenen Kerneigenschaften der Sprache, eine Katastrophe abwendete. Man braucht nur auf Ober- und Niederösterreich, auf Steiermark, auf die Schweiz, auf das Niederdeutsche zu schauen, um gewahr zu werden, welcher Reichtum an lebendigen Wörtern und Wendungen dank der politischen Spaltung erhalten blieb, fähig, jeden Augenblick wieder Allgemeingut zu werden; ein großer Teil des heutigen Wortschatzes ist im Laufe des 18. Jahrhunderts, von Gottsched bis Abelung, der drohenden Vergessenheit entrissen worden; Leibniz hat in seinen „Unvorgreiflichen Gedanken“ den Weg gewiesen, Goethe und Richard Wagner griffen kühn bis auf die Wurzeln zurück; hier bleibt noch viel zu tun. Ein unsagbarer Segen ist es, daß politische Nation und Sprache nicht zusammenfallen: Deutsch ist, wer die deutsche Sprache redet. Kein Völkergebilde der Gegenwart und der Vergangenheit — außer dem hellenischen — kann sich der reichen Mannigfaltigkeit dessen, was Deutsch ist, vergleichen. Und auf diesem reichen Boden hat nun „der Geist sich offenbart“ in einer solchen seit Jahrhunderten ununterbrochenen Fülle, daß auch der Inhalt der deutschen Sprache heute einzig dasteht.
    Für sehr wichtig ist zu erachten, daß die Anfänge der deutschen Sprache in die Urzeit zurückreichen, ohne Unterbrechung: hierauf beruht ja das Lebendigsein der Wortwurzeln, von dem ich vorhin sprach. Ähnliches bietet keine andere Sprache der Gegenwart, wenigstens keine Kultursprache. Namentlich das Französische zeigt schon an seinen Ursprüngen einen zufälligen, willkürlichen Werdegang.

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Es entsteht als ein Kompromiß zwischen zwei widerstreitenden Sprachen: der germanische Eroberer, als der weitaus begabtere, erlernt die Sprache des besiegten Galliers, haut aber die ihm unerträglichen Abwandlungsendungen kurzerhand ab, so weit tunlich, und muß infolgedessen die schwankende Wortfolge unter ein Gesetz stellen, pfropft außerdem auf den dürren lateinischen Stamm zahlreiche neue, kräftige, seinem heimischen Deutsch entlehnte Ausdrücke; bis ins 16. Jahrhundert hinein blieben noch Spuren von germanischer Kraft rege, Montaigne nahm sich noch die Freiheit, Worte zu erfinden und zusammenzustellen; doch drang er damit nicht durch, und gleich nach ihm verlosch die Flamme auf immer. Ungleich mehr Kraft wohnt der englischen Sprache inne; sie allein besitzt Eigenschaften, die sie befähigen, der deutschen eine gefährliche Rivalin zu sein. Hier nämlich lagen die Verhältnisse umgekehrt: der normannische Besieger war bereits dem Französischen verfallen; der im Kampf unterlegene, doch numerisch überlegene Angelsachse besaß die stärkere Sprache; aus dieser Mischung, in welcher das Deutsche die Oberhand behält — namentlich in Bezug auf die allgemeine Struktur — ist nun ein so wunderbares Organ für menschliche Mitteilung geworden, daß ein Shakespeare aus ihrer Mitte heraus ins Leben treten konnte. Und dennoch! Sobald wir genauer zuschauen, entdecken wir einen furchtbaren, nie gutzumachenden Mangel: das Englische ist fähig, dem Erhabenen und dem Überschwenglichen zu dienen, ebenso der energischen Tat, der politischen Debatte, überhaupt allem unmittelbar Gegebenen, damit auch dem Geschäft, dem Spiel, sowie dem Trivialen und dem Rohen, nicht aber ist es möglich, auf Englisch tief und zart zu denken. Selbst das Denken von glänzenden Köpfen versiegt und versandet, und der Halbschotte Kant mußte in Deutschland geboren werden, damit die geniale Gedankenarbeit seines Landsmannes Hume zu Ende geführt werden konnte. Das kommt daher, weil für alle höhere geistige Tätigkeit einzig die lateinisch-französischen Wurzeln in Verwendung genommen worden waren; zum Denken hatte nur der Adelige Muße gefunden, das in Hörigkeit verfallene Sachsenvolk mußte die harte Arbeit verrichten und gewann sich höchstens noch zum Dichten einen Feierabend. Somit fand sich, als die Zeiten für neue Gedankengänge gereift waren, kein gestaltungsfähiges Material zur Hand,

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sondern nur ungelenke, verrostete Rüstung. Die Folge ist aber, daß England von den höchsten Errungenschaften der letzten zwei Jahrhunderte wie abgeschnitten bleibt, indem es an dem bewußten und unbewußten geistigen Leben des führenden Deutschland nicht teilzunehmen vermag; daher ein von Tag zu Tag zunehmendes Zurückbleiben, das dem schärfer Blickenden schon lange nicht  mehr verborgen bleiben konnte. Denn unter Denken verstehe ich beileibe nicht bloß und nicht in erster Reihe Philosophie, vielmehr den wertvollsten Teil von Wissenschaft und von Kunst, sowie von Allem, was zu Bildung und Besitz einer Weltanschauung und überhaupt zu einem geistig ausgefüllten Leben beiträgt. Englische Naturwissenschaft z. B. ist selbst dem gebildeten Manne ein gänzlich unverständliches Abracadabra, aus lauter barbarischen griechischen und lateinischen Brocken zusammengesetzt, durchspickt mit noch unverständlicheren und dazu unaussprechlichen deutschen Kunstausdrücken, — sie ist also eine Technik, nicht ein Kulturelement; ein englischer Theolog — um ein anderes Beispiel zu nennen — der der deutschen Sprache nicht mächtig ist, weiß heute nicht mehr, wovon in diesem Fache die Rede ist. Darum dringt in England keine Spur wahrer Bildung ins Volk: die Sprache, in der das geschehen könnte, ist nicht vorhanden. Bei dem Vergleich zwischen der deutschen und der englischen Sprache trifft das zu, was Fichte gesagt hatte: „Beim Volke der lebendigen Sprache greift die Geistesbildung ein ins Leben; beim Gegenteile geht geistige Bildung und Leben, jedes seinen Gang für sich fort.“ Die sehr hohe, vornehme, freie Bildung, die man in England antrifft, steht völlig außerhalb des nationalen Lebens; sie übt auf die Haltung der Bevölkerung, auf die regierenden Kreise, auf Ziele und Wege des Staates nicht den geringsten Einfluß.
    Daher nun die zwingende Notwendigkeit, daß die deutsche Sprache — nicht die englische — die Weltsprache werde. Siegt die englische Sprache, so steht die Kultur der Menschheit vor einem Abgeschlossenen, und das heißt vor dem Tode. Der moralische Verfall Englands hat sich seit dem Beginn des gegenwärtigen Krieges in erschreckendem Maße offenbart: Verlogenheit, Roheit, Gewalttätigkeit, Prahlerei, dabei Mangel an Haltung, Würde, Gerechtigkeitssinn, Mannhaftigkeit: es ist ein trauriger Anblick. Nun lasse man die immensen Kolonialreiche und auch die anderen Länder englischer Sprache in

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die Lage kommen, ebenfalls Gesinnung und Seele bloßzustellen: man wird mit Entsetzen gewahren, welcher Verrohung wir entgegengehen — der endgültigen Verrohung des ganzen Menschengeschlechts. Deswegen m u ß   der Deutsche — und mit ihm das Deutsche — siegen; und hat er erst gesiegt — heute oder in hundert Jahren, das Muß bleibt das gleiche — so gibt es keine einzige Aufgabe, die so wichtig wäre, wie diese: die deutsche Sprache der Welt aufzuzwingen. Überall, auch in fremden Rassen, gibt es unter Hunderttausenden einzelne Hochbegabte und Hochgesinnte; ohne Kenntnis der deutschen Sprache bleiben sie von höchster Kultur ausgeschlossen. Und ich habe nicht bloß den genialen Menschen im Auge; auf Alle, namentlich auch auf die Einfachen, Schlichten, der Natur Nahestehenden wirkt die deutsche Sprache wie ein Segen, der unmittelbar aus Gottes Hand ins Herz sich senkt. Welche Sprache bietet uns Märchen, wie die von den Gebrüdern Grimm gesammelten? Und — hält man uns ewig Shakespeare vor, der übrigens einzig in Deutschland wirkend lebt, nicht in England — besitzt die deutsche Sprache nicht in Luther einen vergleichbaren Schatz, eine unversiegbare Quelle volkskräftiger Rede, dazu entströmend einer heroischen Gestalt ohnegleichen? Warum gelang die Reform nicht in England, nicht in Polen, nicht in Frankreich? Weil einzig die deutsche Sprache die Kraft in sich barg, das Fremde zu überwinden. Das sage ich nicht den deutschen Katholiken zuleide; mögen sie ihrem Glauben treu bleiben; deutsch aber wurden wir Alle in erster Reihe durch Luther; er lehrte uns, im deutschen Volk und im deutschen Staatswesen ein von Gott Gewolltes, Heiliges erkennen, wert der Liebe und der Ehrfurcht; damit legte er die Grundlage. Und von hier an — ich meine von der in den deutschen Volksmärchen sich offenbarenden Volksseele und von der in dem gewaltigen Manne sich offenbarenden Volkskraft — von hier an steigt der göttliche „Inhalt“ der deutschen Sprache bis zu jenem mächtigen Schöpfer von Gedanken und von Wörtern, in denen neue Erkenntnis Gestalt und dadurch erst Leben findet — Immanuel Kant, dem Keiner nachdenken kann, der nicht die deutsche Sprache beherrscht; er steigt bis zu dem Kant ergänzenden, erhabenen Weltweisen Goethe, von dem Jakob Grimm schön sagt: „Ohne ihn könnten wir uns nicht einmal recht als Deutsche fühlen, so stark ist diese heimliche Gewalt, vaterländischer Sprache

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und Dichtung“; er steigt bis zu jenem Gipfel, wo die deutsche Tonsprache — diese den Himmel erstürmende Schöpfung — mit der deutschen Wortsprache so innig verschmolz, daß nunmehr der letzteren auch für alles Unaussprechbare die Fähigkeit des Ausdrucks eignet, womit der Menschheit ein neues Organ geschenkt ist in Kunstwerken, die untrennbar an die einzige deutsche Sprache verknüpft sind, weil Wort und Ton eine Einheit bilden.
    Durchführbar ist dieser Traum der weltbeherrschenden deutschen Sprache: es liegt nicht bloß im Interesse der Deutschen, vielmehr ist ihnen hier eine Pflicht vorgezeichnet. Das Pflichtgebot umfaßt zwei Absätze: zum ersten, es darf niemals ein Deutscher von seiner Sprache lassen, weder er, noch seine Kindeskinder; zum zweiten, an jedem Ort, zu jeder Zeit soll er eingedenk sein, sie Anderen aufzunötigen, bis sie allerorten ebenso triumphiert wie mit seinen Waffen das deutsche Volksheer. Der Geschäftsmann gehe voran und verlange von seinen Korrespondenten die deutsche Sprache — wie das bisher der Engländer und Amerikaner mit seiner Sprache tat. Durch Ausbreitung des Kolonialreiches und ständige Vermehrung der Handelsflotte wird nach allen Winkeln der Welt mit der deutschen Flagge auch das deutsche Wort ziehen, und nicht mehr als ein geduldetes, untergeordnetes, nach besten Kräften mit englischen Brocken durchsetztes Element, sondern überall als die Sprache der Tüchtigkeit, Redlichkeit, Bildung, und daher als die höchste geachtet. Soweit das Reich sich erstreckt, unterrichte und predige der Geistliche nur deutsch; der Lehrer lehre nur in deutscher Sprache. Im Ausland begehe kein Deutscher das Verbrechen, seine Sprache preiszugeben; er lerne begreifen, daß er hiermit einer niederträchtigen Schande sich schuldig macht. Wenn alle Deutschen in den Vereinigten Staaten, in Kanada, in Australien usw. an ihrer Sprache, auch Geschlechter hindurch, treu festhalten, dann kommt bald der Tag, wo diese Sprache auch in den gesetzgebenden Körperschaften und Verwaltungen Gleichberechtigung genießt, und ist es erst so weit, dann dringt sie siegend ins Leben ein. Inzwischen muß durch Schulen und auf jedem möglichen Wege dahin gewirkt werden, daß die deutsche Sprache die Sprache aller höheren Bildung werde. Die Menschen müssen einsehen lernen, daß, wer nicht Deutsch kann, ein Paria ist. Die fremden Völker werden Deutsch lernen aus Neid, aus Interesse, aus Pflicht,

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aus Ehrgeiz, — mir ist jede Veranlassung recht; mit der deutschen Sprache schenken wir jedem ein so unermeßliches Gut, daß wir uns kein Gewissen über die Veranlassung zu machen brauchen.
    So ungefähr denke ich mir den Siegeszug der deutschen Sprache, und kann ich ihn auch nicht mehr erleben, der heutige Krieg läßt mich hoffen, daß ich vielleicht nicht die Augen schließe, ohne den Anfang der Verwirklichung des brennendsten aller meiner Herzenswünsche erblickt zu haben. Wie Du siehst, es mischt sich in die Zuversicht, von der ich anfangs sprach, ein subjektives Element: ich glaube, wie an Gott, an die heilige deutsche Sprache!

    B a y r e u t h,   22. September 1914.





5. Brief über den Begriff der „Heimat“

Herrn Willy Jahn
    Soldat im 7. Bayer. Infanterie-Regiment
        10. Kompagnie, im Felde.

    Lieber Herr Jahn!

Von Herzen freue ich mich, daß sich Ihre Nerven von der Erschütterung erholt haben und Sie sich wieder zum Dienst in der Front melden konnten. Jetzt kann also der kleine regelmäßige Feldpostdienst von neuem losgehen, und Sie können sicher sein, daß wir daheim gebliebenen Bayreuther Sie ebensowenig wie Ihre Kameraden vergessen. Geht doch der erste Gedanke früh und der letzte abends, alle Tage, nach Westen und nach Osten hinaus! Und liegen wir nachts wach — was häufig vorkommt — so weilt die Seele immerfort in den Schützengräben und hofft zu Gott, es möge da draußen nicht so ununterbrochen regnen wie hier; denn bei uns hört's seit Wochen nur selten auf.
    Aus Ihrem lieben Briefe greife ich heute ein Einziges heraus; denn es hat mir zu denken gegeben; eine echt deutsche Frage werfen Sie auf, und mir liegt daran, Ihnen zu sagen, wie ich die Sache sehe. Ihre Kompanie hatte eine französische Patrouille abgefangen; Sie wurden zur Begleitung der Gefangenen kommandiert; und Sie erzählen nun, wie der eine Franzose, der ein wenig deutsch

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radebrechte, von seiner Liebe zu Frankreich sprach und zuletzt in Tränen ausbrach. Das hat Sie ergriffen und Sie zugleich ein wenig stutzig gemacht; denn Sie hatten noch nie darüber nachgedacht, daß der Feind nicht bloß haßt, sondern auch liebt; Sie wähnen, er liebe sein Vaterland ebenso wie der Deutsche das seinige; Sie fühlen sich jenem Franzosen und seinen Kameraden näher als vorher, und, da Sie ein braver deutscher Mann sind, überkommt Sie eine wehmutvolle Stimmung, die Ihrem Gemüte Ehre tut, aus der ich Sie aber dennoch aufrütteln will, denn sie fußt nicht auf genauer Kenntnis der Tatsachen und auf der dadurch bedingten genauen Überlegung.
    Die Liebe zu dem Lande, wo man geboren ward und die Kinderjahre verlebte, ist eine allen Menschen gemeinsame Eigenschaft; sie wird aus hundert Wurzeln gespeist: Jugenderinnerungen, Sprache, Gewohnheiten usw. Man kann sie wohl einen Instinkt nennen, das heißt, eine unbewußte, unüberlegte, von selbst sich einstellende Seelenregung, die die Natur weckt, weil sie für die Lebensinteressen des Menschen praktischen Wert besitzt. Sobald aber die Heimatsliebe wirklich nur Instinkt ist, besitzt sie für das Gemütsleben des Menschen keine höhere Bedeutung; es ist praktisch, daß der Mensch so empfindet, er wird aber dadurch kein besserer, höherer Mensch. Hier — wie übrigens überall — muß noch eine Verklärung hinzukommen, soll man von der Heimatsliebe sagen können, sie sei etwas Großes und Heiliges. Damit Sie mich richtig verstehen, bitte ich Sie, zum Vergleich auf den Mut zu schauen. Mut wird von jeher und überall gepriesen; und doch haben wir allen Grund zwischen Mut und Mut zu unterscheiden. Wenn körperliche Selbstbeherrschung und Schmerzüberwindung für höchsten Mut gelten sollen, dann müssen wir die amerikanischen Rothäute und gewisse Negerstämme die mutigsten aller Menschen nennen: bei den gräßlichsten Martern stoßen sie keinen Schrei aus, verziehen oft keine Muskel. Dieser Mut ist mit einem gewissen Stumpfsinn, mit einer geringeren Entwicklung des Hirns und des ganzen Nervensystems verbunden — wenn man ihn auch keineswegs verachten soll. Es wäre aber lächerlich von dem weit feiner gegliederten, weit bewußter lebenden, weit mehr Einbildungskraft besitzenden Europäer ein Gleiches zu fordern. Bei ihm besteht der Mut darin, daß er seine berechtigte Furcht vor

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Schmerz überwindet, daß er einem hohen Ziel zuliebe sein reiches Leben opfert und in den Tod geht. Mut kann dieser Mann auch innerhalb des Lebens betätigen: Fürst Bismarck meinte, der größte und auch seltenste Mut sei „die Zivilcourage“, nämlich, der Mut, überall seinen Mann zu stellen, immer die Wahrheit zu reden, trotz Gewalt, trotz Spott, entgegen dem eigenen Vorteil, koste es was es wolle... Ich deute nur flüchtig an, und will bloß, daß Sie mich verstehen, wenn ich sage, daß wir zwischen Mut und Mut zu unterscheiden allen Grund haben: ebenso haben wir nun zwischen Heimatsliebe und Heimatsliebe zu unterscheiden.
    Vom ersten Lebensjahr ab habe ich den größten Teil meiner Kindheit In Frankreich gewohnt: ich kenne das Land, die Leute, ihre Sprache, ihre Geschichte, ihre Dichtung. Und auf Grund dieser Kenntnisse kann ich Sie versichern, daß das Wort „Vaterland“ und das entsprechende französische Wort „Patrie“ zwei ganz verschiedene Dinge bedeuten: sie wecken andere Gedanken, andere Vorstellungen, andere Gefühle. „Patrie“ ist ein rein und ausschließlich politisches Wort, ohne eine Spur von Beziehung zum Gemütsleben; „Patrie“ ist eine Art Kriegsfanfare, eine übermütige Selbstbehauptung; wogegen das Wort Vaterland von Liebe und Innerlichkeit glüht. Der geistvollste aller Franzosen, Voltaire, spottet über die Vorstellung Patrie = Vaterland; er meint, es sei ein leeres Gewäsche, wenn Menschen rufen, sie liebten ihr Vaterland; die das sagen lieben nur sich selber und suchen eine gute Anstellung oder Pfründe! Dagegen singt schon das uralte deutsche Lied, das mit den Worten beginnt:

Kein seliger Tod ist auf der Welt,
als wer vorm Feind erschlagen —

am Schlusse:

Mancher Held fromm
hat zugesetzt Leib und Blute
dem Vaterland zugute.

    Den Deutschen war eben von jeher das Vaterland ein Heiligstes, gleichsam ein besseres Ich. Nun aber das andere naheliegende Wort „Heimat“? Für „Heim“ und für „Heimat“ besitzen die Franzosen überhaupt kein Wort, woraus Sie ersehen können, daß ihnen diese

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Vorstellungen unbekannt sind — unbekannt wenigstens im deutschen Sinne. Wenn hier in Bayreuth die Soldaten an meinen Fenstern singend vorüberziehen und ich höre den Kehrreim: „In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn!“ — ich kann mir nicht helfen, meine Augen werden immer feucht; es liegt etwas Unaussprechliches, etwas Heiliges in dieser deutschen Vorstellung: die Heimat. Und jetzt sagen Sie sich selber: Wie anders muß es in dem Herzen eines Mannes und eines ganzen Heeres aussehen, das jenes einfache Volkslied nicht singen, ja, nicht übersetzen und nicht verstehen kann, weil es überhaupt kein Wort für Heimat besitzt! Dem Engländer geht's aber auch nicht wesentlich besser. Zwar besitzt er das selbe Wort „Heim“, das er „Home“ spricht; bei ihm bezeichnet aber dieses Wort einen weit beschränkteren, eigensüchtigeren Kreis, nämlich nur die vier Wände innerhalb deren man lebt und in die man keinem Fremden einzubringen erlaubt. Ein deutscher Denker hat gesagt: „Jeder Engländer ist ein Insel“; und wie das Meer seine Insel, so umgeben das „Home“ die unverletzlichen Wände und schließen es ab gegen alle Welt. „Mein Heim ist meine Burg“, sagt das englische Sprichwort; diese Burg trägt der Engländer überallhin mit sich, wie die Schnecke ihr Gehäuse, und richtet sie, wo es auch sei, auf — in Australien oder in Afrika oder an dem Nordpol — und da hat er sein „Home“. Beim Wort Heim öffnet sich vor unsren Blicken eine Türe, beim Wort Home schließt sich eine Türe. Darum war es nicht möglich, im Englischen aus der Vorstellung Heim die Vorstellung „Heimat“ zu gewinnen, und darum wird nie ein Engländer mit einstimmen können: „In der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn!“, denn er versteht nicht, was das heißen solI. Ja, der Engländer ist noch schlimmer dran als der Franzose; denn dieser besitzt wenigstens das lateinische Wort Patrie für Vaterland, wogegen dem Engländer jedes Wort dafür fehlt! Seit dem vorigen Jahrhundert, wo ein bedeutender Teil der Bevölkerung Englands sich in Kolonien an alle vier Weltenden zerstreut hat, ist zwar der Ausdruck „mother country“, d. h. „das Mutter-Land“, aufgekommen, nur aber, um dieses von den „Töchter-Ländern“ zu unterscheiden; doch das Wort Vaterland ist dem Engländer völlig unbekannt und mit dem Wort auch alle die innigen Gefühle, die dem Deutschen das Wort weckt. Wohl singt der Eng-

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länder trotzige Lieder: „England beherrscht die Wellen!“ usw., aber keiner seiner Dichter hat Worte gefunden wie der deutsche Schiller:

Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen:
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft!

    Da haben Sie's: Deutsch sein ist zugleich Weihe und Kraft! Jener französische Gefangene, von dem Sie mir erzählen, weinte, weil er Frankreichs Boden verlassen mußte; er soll ungescholten bleiben, aber übermäßig rühren kann es mich nicht; auch der freie Franzose reist sehr selten; es gibt wohlhabende Pariser, die noch niemals das Weichbild der Stadt verlassen haben; sie kleben am Orte wie die Katze es tut; wohl lieben sie ihr Frankreich, aber diese Liebe ist Beschränkung. Der Deutsche dagegen ist der geborene Wandersmann: er schaut sich so viel von der Muttererde an wie irgend geht, er lernt die fremden Sprachen, er beobachtet die fremden Sitten, und gerade deswegen erfährt er und weiß er, was sein deutsches Vaterland ist und was es wert ist; seine Vaterlandsliebe ist nicht Trägheit und Bequemlichkeit, sondern Überzeugung. Zwar stürmt auch der Engländer in alle Welt hinaus; aber überall sieht er nur sich; er verachtet alles Nicht-Englische und beachtet es darum nicht. Es ist eine dem Deutschen ganz eigene Gabe: daß er gern gegen jede menschliche Erscheinung gerecht ist, alles studiert, alles zu verstehen trachtet, alles sich aneignet; weder beim Franzosen noch beim Engländer werden Sie eine Spur davon finden. Diese Gabe ist nun nichts anderes als die Fähigkeit, zu lieben. Nur wer liebt, versteht. Und darum — weil sein Herz mehr Liebe birgt — darum liebt der Deutsche auch sein Vaterland mehr und anders als die anderen das ihrige: bewußter, tiefer, treuer, hingebender; es liegt in seiner Vaterlandsliebe zugleich mehr Bescheidenheit und mehr Glut — wenn Sie mich recht verstehen, will ich sagen: mehr Religion. Und indem er so liebt, adelt er sich selbst und sein Vaterland.
    Doch für heute genug! Leben Sie wohl und lassen Sie bald wieder von sich hören.

    Stets Ihr herzlich ergebener

        Houston Stewart Chamberlain.

    B a y r e u t h,   30. Januar 1917.


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6. Bismarck der Deutsche

    Es war der Glaube an das wahre Wesen des
deutschen Geistes, der einen deutschen Staats-
mann unserer Tage mit dem ungeheuren Mute
beseelte, das von ihm erkannte Geheimniß der
politischen Kraft der Nation durch kühne Taten
aller Welt aufzudecken.   R i c h a r d   W a g n e r
.

Was meinen wir eigentlich, welcher genauen Vorstellung geben wir Ausdruck, wenn wir einen Mann, der sich vor Andren auszeichnet, also jedenfalls eigenartig ist, als den Inbegriff eines ganzen, mehr oder weniger gleichmäßig vorgestellten Volkes auffassen? So glaubt z. B. Milton in den Schöpfungen Shakespeares das Echo aus den Wäldern Englands zu vernehmen, und Schlegel führt das Wort an, Shakespeare sei „der Genius der Britischen Insel“ — wobei das Wort „Genius“ der Vorstellung eines Inbegriffs, das heißt der Verkörperung des ganz reinen und darum kräftig klaren Sonderwesens nahekommt (vgl. Grimm). Wir aber sehen uns unwillkürlich nach den anderen englischen Shakespeares um und finden sie nicht; ja, es taucht sogar aus Tiefen die Frage auf: Bildet nicht dieser große Dichter — wenigstens in gewissen Beziehungen — einen polaren Gegensatz zu allem, was man als charakteristisch „englisch“ berechtigterweise bezeichnen kann? Wer nun Bismarcks Leben an sich vorüberziehen läßt, wer, gründlich beschlagen, an der Hand eines kurzen Leitfadens, wie wir jetzt einen ganz vortrefflichen von Valentin besitzen, sich in wenigen Tagen, besser noch in wenigen Stunden die Laufbahn des Begründers des Deutschen Reiches von Anfang bis Ende vergegenwärtigt, so daß die Kraft des einheitlichen Bildes auf den sinnenden Geist etwa wie der Eindruck eines Heldendramas wirkt — der wird verstummen unter dem niederdrückenden Gefühl einer ungeheuren Tragik: der Tragik der Einsamkeit. Dieser Inbegriff des Deutschen steht unter Deutschen allein: das stimmt uns nachdenklich. So wenig sie sonst sich gleichen mögen, in einem Bezug zeigen Bismarck und Hamlet Ähnlichkeit: der eine kennt von Jugend auf nur ein Sehnen — das Land, den Wald, die lautlose Pirschjagd —‚ der andere sagt, die Umgrenzung einer Nußschale

56 BISMARCK DER DEUTSCHE

würde ihm genügen, sich als Monarch des unermeßlichen Weltenraumes zu empfinden; beide stellt das Schicksal in den Mittelpunkt von Hof und Staat und Politik, und weil sie nicht allein sind, sind sie einsam. Von dem Tage an, wo Bismarck (1864) im Abgeordnetenhause hören mußte, „das ganze preußische Volk sage sich von jeder Gemeinschaft mit ihm los“, bis zu jenem 18. Januar, an weIchem der soeben zum Kaiser Ausgerufene an dem Minister, der allein und gegen alle das Werk vollbracht hatte, vorüberging, ohne ihn nur eines Blickes, geschweige eines Händedrucks zu würdigen, und bis zu jenen letzten Tagen der Verbannung, wo er bekannte: „Ich bin im Walde lange nicht so einsam, wie in den vorangehenden 30 Jahren“: immer steht er allein — allein in seinem Erkennen, allein in seinem Wollen, allein in seinem Vollbringen. Nicht bloß steht er einsam da, vielmehr brandet und braust Tag und Nacht um ihn ringsumher Haß, Neid, Todfeindschaft, Intrige, und um jeden seiner Schritte werfen Hinterlist und Tücke ihre verräterischen Schlingen. Und dieses unabsehbare Heer von Widersachern, das sind doch alles Deutsche! Von den vier Königen, unter denen Bismarck gewirkt hat, achtete ihn der erste, doch traute er ihm nicht, der zweite schenkte ihm sein Vertrauen, widerstrebte ihm aber fast Schritt für Schritt, der dritte lehnte von Anfang an die Politik Bismarcks in jeder Einzelheit ab, schrieb in den sechziger Jahren, er sei der allergefährlichste Ratgeber für Krone und Vaterland“, und von dieses Königs kurzer Regierung berichtet der Kanzler, es seien für ihn (Bismarck) „die schwersten Tage seines ganzen Lebens“ gewesen, der vierte entriß ihm — dem größten Staatsmann aller Zeiten — acht volle Jahre unberechenbaren Wirkens.... Mit den verschiedenen parlamentarischen Körperschaften — den „Häusern der Phrase“, wie er sie nennt — steht Bismarck von Anfang bis Ende seiner Laufbahn in erbittertem Kampfe; gelingt es ihm, die eine Partei oder die andere für die Durchbringung dieses und jenes Gesetzes zu gewinnen, immer handelt es sich um vorübergehende, irgend einem Sonderinteresse zulieb abgeschlossene Vereinbarungen; eine Bismarck-Partei, eine Partei, entschlossen, dem gewaltigen Schöpfer des Reiches zu trauen, zu folgen, zu dienen, hat es nie gegeben. „Immer befinde ich mich in meinen Bemühungen einem Ring von Fraktionen gegenüber, wo ich voraussehe, daß jeder Schritt, den ich nach irgendeiner

57 BISMARCK DER DEUTSCHE

Richtung tue, erfolglos sein wird.“ Mit dem Offizierkorps ist das Verhältnis wenig erfreulich: während des Feldzugs 1866 meidet Bismarck die höheren Offiziere möglichst, so unfreundlich benehmen sie sich gegen ihn, und 1870 meldet er seiner Gattin aus Versailles, außer dem guten und klugen alten Moltke gefalle ihm der Generalstab überhaupt nicht. Aus seinen eigenen Landadelskreisen ist ihm wohl kaum ein Freund zu allen Zeiten treu geblieben, und mancher hat mehr als niederträchtig gegen ihn gehandelt. Und was die breiten Massen des Mittelstandes und des Volkes anbelangt, ihnen war im neuen Deutschen Reiche durch das allgemeine Wahlrecht die Gelegenheit gegeben, sich zu Mitarbeitern am Werke des Einzigen aufzuschwingen, und daß sie diese Gelegenheit ergreifen würden, darauf hatte der Schöpfer der Verfassung gerechnet: sie aber zogen es vor, Bebel und Richter, Virchow und Windthorst ins Haus zu schicken, sowie Konservative und Liberale, die sich in bezug auf den „politischen Kuhhandel“ gleichkamen. Nichtsdestoweniger ist es gewiß kein Irrtum, wenn wir Bismarck für ebenso typisch und mustergültig „deutsch“ halten, wie es gewiß ist, daß nur das eine englische Volk einen Shakespeare gebären konnte. Es tut aber gut, sich zu überlegen, wie es sich mit diesem „Deutschsein“ verhält.
    Da kommt es zunächst darauf an, ein Verhältnis zu würdigen, das dem Physiker und Chemiker geläufig, den meisten Menschen jedoch nicht nach Gebühr bekannt ist: im Kopf machen zwei und zwei vier, und nochmal zwei dazu sechs, die Linie wird länger, die Menge nimmt zu, weiter nichts; in der Natur dagegen bedingt häufig dem Zuwachs von Gleichem zu Gleichem eine Umwandlung des Wesens. So besteht z. B. das Gas „Sauerstoff“ aus kleinen Molekeln, deren jede aus zwei gleichmäßigen Atomen zusammengesetzt ist; gelingt es, zu den zwei Atomen ein drittes völlig gleiches hineinzuzwingen, so daß jede Molekel nicht mehr zwei, sondern drei Atome umfaßt, dann ist ein neuer Stoff, „Ozon“, entstanden, der sich durch Farbe und Geruch sowie auch durch den Besitz einer wirksameren Energie von dem gewöhnlichen Sauerstoff wesentlich unterscheidet. Für die Erkenntnis der Eigenart außerordentlicher Männer besitzt diese Tatsache — und die Stofflehre bietet ähnliche so viele man will — mehr Wert als den einer bloßen Fabel oder Allegorie; sie vermittelt wahre Einsicht. Das nüchterne, praktische englische Volk

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bringt den gewaltigsten Seher der menschlichen Lebenstragödie hervor; die an politischem Scharfsinn besonders spärlich begabten Deutschen erzeugen das vollendete politische Genie: der Abstich ist ein Beweis der Verwandtschaft, ja, mehr als das, ein Beweis für die außerordentlich starke Durchsättigung mit den die Besonderheit des Volkes ausmachenden Eigenschaften. — Unser Sauerstoff-Ozon führt uns aber noch einen Schritt weiter. Das Ozon weist Ähnlichkeiten mit völlig fremden Stoffen auf, so z. B. mit Wasserstoffverbindungen, von denen es manchmal schwer fällt, es zu unterscheiden, was bei dem Sauerstoff nie vorkommt. Gegensätze können also auf nahe Verwandtschaft, Übereinstimmungen häufig auf unverwandte Herkunft deuten. Ebenso muten uns die Universalität und Objektivität, überhaupt die reine, sinnende Betrachtung Shakespeares wie deutsche Anlagen an, während Bismarcks schmerzhaft einseitiges Interesse für Politik — von dem er selber sagt, es habe alle anderen Neigungen in ihm „nach und nach aufgefressen“ — ein Zug ist, der gar nicht an deutsches, um so mehr an englisches Wesen gemahnt. Wenn also Bismarck als alter Mann einmal sagt, er fühle sich „wohler und zufriedener“, wenn die Mehrheit seiner Mitbürger ihn hasse, als an den Tagen, wo sie ihm zujubele, so entnehmen wir daraus die Belehrung, daß er seinen Landsleuten um so fremder und ungeheuerlichem vorkam, je echter und intensiver er als „Deutscher“ dachte und handelte.
    Nun folgt aber die andere Seite der Betrachtung. Das bewußte Denken — wenn nicht Vernunft als bedächtiger, weitblickender Reiter die Zügel führt — ist oft ein arger Irreleiter; rein wirkender Instinkt urteilt mit Sicherheit. Noch stritt sich Hof und Stadt um Shakespeares Wert und suchten die Kollegen ihn schlechtzumachen, und schon hatte das Volk das Epitheton „sweet Shakespeare“ gefunden, von ihm in den gleichen Worten wie ein Mann von dem geliebten Mädchen redend, während der eine Southampton ihm Herz und Vermögen gewidmet hatte, beide instinktiv erratend, was einzig dem Dichter not tat und geschenkt werden konnte und mußte: Liebe. Welche Beachtung verdient eine
solche Tatsache, wenn wir uns die Gewalt und Unerbittlichkeit, die Tiefe und Schreckensfülle der Bühnenwerke Shakespeares vergegenwärtigen! Was ein Bismarck für sein Werk brauchte, war Vertrauen. Und da hat sich in

59 BISMARCK DER DEUTSCHE

dem einen Manne, Wilhelm dem Getreuen, der Instinkt für das, was der heiligen Sache des gesamten Deutschtums frommte, wunderbar und ewig bewundernswert verkörpert, später dann in dem eigentlichen „deutschen Volke“, überall, wo es unvermittelt spontan sich zu äußern Gelegenheit fand, zum deutlichen Beweis — jetzt im Jahre 1914 erneuert beigebracht —‚ daß der Reichstag ebensowenig wie irgendein anderes Parlament Erkenntnisse und Stimmungen des Volkes widerspiegelt. Ich wüßte nicht, wo des Menschen „geeinte Zwienatur“ in der Weltgeschichte so deutlich und ergreifend zutage träte wie in dem Verhalten des verehrungswürdigen Königs und Kaisers gegen den gewaltigen Mann, der wie eine von himmlischen Mächten hergesandte Verkörperung des unbewußten deutschen Wollens und Müssens, in dem   e i n e n   zu unheimlich hellseherischem Bewußtsein erwacht, vor ihm stand. Eine gewisse, offiziös begünstigte Tendenz, die Sache so hinzustellen, als sei König Wilhelm der Erfinder und Gestalter, Bismarck der Diener und Ausführer, hat nicht nur den Nachteil, die offenkundige Wahrheit in ein phrasenhaftes Nichts aufzulösen, sondern sie zerstört gerade dasjenige, was in seiner Beispiellosigkeit alle Zeiten zu staunender Bewunderung des Monarchen anregen wird. Durch die Treue wird er Mitbegründer des Reiches. Schenkt uns einstens der Himmel einen großen Dichter, der die Geschichte der Reichsentstehung zu gedrängter Prägnanz verdichtet und formt, kein Motiv wird ihm mehr am Herzen liegen als dieses einzig von einem Poeten vollkommen zu erfassende des stolzen und eigenwilligen Fürsten, der zuerst die Bedeutung des ihm dem Wesen nach fremden Mannes erkennt und dann — von einem untrüglichen Instinkt geleitet — ihm durch 30 Jahre Treue hält, Schritt für Schritt dem kühnen Steuermann nachgibt, nachdem er sich Schritt für Schritt ihm widersetzt hat. Hier sehen wir die kindlich reine Gläubigkeit des Königs am Werke; der schlichte Mann besitzt Kraftquellen, die dem Skeptiker verschlossen geblieben wären; seine Seele empfängt Belehrung, die er für höher einzuschätzen weiß als die Gründe seines Verstandes und die überkommenen Vorurteile seiner Umgebung. Richard Wagner schreibt 1871 in einem Briefe: „Der Gang der Bildung des neuen Reiches ist wundervoll. Hier hat alles aus tiefem Instinkt und unvertilgbaren Anlagen gewirkt.“ Und wenn wir nun diesen Instinkt des Königs, der dann millionen-

60 BISMARCK DER DEUTSCHE

haft im ganzen deutschen Volke — sofern es der Politik fernstand — aufloderte, in einem einzigen Satze zusammenfassen wollten, was müßten wir darüber aussagen? König und Volk hatten erkannt, daß von allen Deutschen Bismarck der deutscheste war. Die guten Absichten der Widersacher wollen wir nicht anzweifeln; rückblickend erkennen wir aber klar: bei allen wurzelte der Fehler in der Unzulänglichkeit der deutschen Einsicht, wogegen Bismarck überall das einzig echt Deutsche vertrat. Nur-Preuße sein war ebenso verfehlt wie Preußengegner sein; einzig Bismarck steuerte zwischen beiden Klippen geradeaus. Es war ebenso falsch, für die Rechte des Augustenburgers sich zu erhitzen wie den dänischen Forderungen nachzugeben; es war ebenso verfehlt, Revolution zu machen und Republik zu predigen, wie es falsch war, irgend ein Heil vom kaiserlichen Wien zu erhoffen. Die zweijährige Dienstzeit einführen und die Heeresausgaben herabsetzen, wie das die Majorität des preußischen Abgeordnetenhauses am Vorabend der entscheidenden Jahre wollte, das hieß einfach, Deutschland im Mutterschoße ermorden zugunsten Frankreichs, Englands, Rußlands; Bismarck aber, als er es verhinderte, mußte sich von seinen Landsleuten „Französling“, „Napoleonid“, „Staatsstreichskandidat“ usw. schimpfen lassen. Und das geht immer so weiter bis zu jenem letzten gewaltigen Werke seines Lebens — jetzt selbst von den Feinden Deutschlands als dessen höchster Ruhmestitel anerkannt — die Grundlegung der Sozialen Gesetzgebung: von allen politischen Parteien bekämpft, von Bismarck — unter erzwungenem Verzicht auf manche seiner großartigsten, segenvollsten Pläne — Stein für Stein errichtet. Wir Heutigen wissen, welch ein im besten Sinne des Wortes   d e u t s c h e s   Werk hier mit heldenmäßigem moralischen und sozialpolitischen Mute erfunden und hingestellt worden ist, ein Rückgrat zu der Volkskraft, die sich 1914—1915 kundtut.
    Hiermit finden wir uns auf die anfänglichen Betrachtungen zurückgewiesen, wo wir die außerordentlichen Männer die Schranken des im engeren Sinne einen Volkscharakter Bezeichnenden überschreiten sahen. Ein alter Satz der Weltweisheit lehrt: Einer Aufgabe vollkommen gerecht wird nur, wessen Brust darüber hinaus noch überschüssige Kraft birgt. Bismarck der Deutsche war mehr als bloß ein Deutscher: darum unterlag er manchem Hemmnis

61 DER BAYREUTHER FESTSPIELGEDANKE

nicht, darum übertraf sein Erkennen und sein Können das der anderen, darum war er fähig, den Rahmen des deutschen Wollens und Vollbringens ganz auszufüllen, und dürfen wir ihn preisen als einen Inbegriff des Deutschen.

    B a y r e u t h,   7. März 1915.




7. Der Bayreuther Festspielgedanke

Festspiele, Meisterspiele, Heroenaufführungen! Ganz Deutschland ist voll davon; und der Gedanke, den Richard Wagner vor 50 und etlichen Jahren faßte und der während 40 Jahren als die praktisch undurchführbare Extravaganz eines eitlen, allzu begehrlichen Künstlers verhöhnt und bekämpft wurde, scheint auf dem besten Wege, „Mode“ zu werden. Und dennoch — oder vielleicht gerade deswegen — wird mancher sich mit den Nürnberger Meistern fragen:

„Soll man sich freu'n? oder wär' Gefahr?“

    Jedenfalls wird sich jeder das fragen, der wirklich weiß, was   W a g n e r   ursprünglich gewollt und was er und seine Nachfolger in Bayreuth erstrebt und in einem zu hoher Bewunderung herausfordernden Maße erreicht haben. Denn ihm kann es nicht verborgen bleiben, daß unter demselben Schild entgegengesetzte Ideale am Werke sind. Nicht gern möchte ich feindselige Polemik in Festesstimmung hineintragen; vielmehr will ich ohne weiteres anerkennen, daß für abweichende Auffassungen auf dieser weiten Welt Platz ist und daß man es keinem Theaterunternehmen verübeln kann, wenn es einen Teil der durch Wagners Genie gewonnenen Ergebnisse sich aneignet und einen anderen Teil abweist, entweder weil es kein Verständnis dafür hat, oder weil es seine Unfähigkeit, den Anforderungen zu genügen, einsieht. Suum cuique! Lassen wir also den anderen das ihrige, doch versuchen wir, uns über das Unterscheidende der Bayreuther Festspiele klar zu werden.
    Zugrunde lag bei Wagner die heilig feste Überzeugung, das Theater sollte nicht — oder doch nur in untergeordneter Weise — der Zerstreuung einerseits und dem Gelderwerb andererseits, vielmehr sollte es den höchsten Zielen der Kultur dienen. „Im Theater“, schreibt er,

62 DER BAYREUTHER FESTSPIELGEDANKE

„liegt der Keim und der Kern aller national-poetischen und national-sittlichen Geistesbildung“. Darum kommt es zunächst auf zweierlei an: die wirtschaftliche Grundlage des Theaters muß geändert werden; die Gemütsverfassung, in welcher das Publikum das Theater betritt, muß geändert werden. „Nur dann wird das Theater den höchsten und gemeinsamen Berührungspunkt eines öffentlichen Kunstverkehres ausmachen, wenn es aufgehört haben wird, eine industrielle Anstalt zu sein, die um des Gelderwerbes willen ihre Leistungen so oft und dringend wie möglich ausbietet“. So lautet die eine Forderung; über die andere äußert sich Wagner: „Wollen Sie dies Publikum wirklich erziehen, so müssen Sie es vor allen Dingen zur Kraft erziehen, ihm die Feigheit und Schlaffheit aus den philisterhaften Gliedern treiben, es dahin bestimmen, im Theater sich nicht zerstreuen, sondern sammeln zu wollen.“
    Das sind die zwei Wurzeln, aus denen der   F e s t s p i e l g e d a n k e   W a g n e r s   hervorwächst. Moralisch betrachtet, ist es eine zwiefache Veredelung, die er erstrebt: Die Faktoren, durch welche das Kunstwerk in die Erscheinung tritt, sollen in jeder Beziehung auf eine höhere Stufe gehoben werden; die Zuhörer aber sollen nicht bloß neue Forderungen an die Aufführung, sondern vor allem an sich selbst stellen und einsehen lernen, daß große Kunstereignisse nicht ohne die Mitwirkung eines „allmächtig mitgestaltenden Publikums“ (wie Wagner sich ausdrückt) zustande kommen können.
    Aus diesen Prämissen ergibt sich von selbst der eigentliche Festspielgedanke: die Veranstaltung seltener, außerordentlich sorgfältig vorbereiteter Aufführungen an einem abseits gelegenen Orte. Von dem   E n t w u r f   z u r   O r g a n i s a t i o n   e i n e s   d e u t s c h e n   N a t i o n a l t h e a t e r s,   vom Jahre 1848 an, bis zu der Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses, 1872, und bis zu dem Entschlusse, die Festspiele nicht nur den „mitschöpferischen Freunden“, sondern dem großen zahlenden Publikum ohne weiteres freizugeben, 1882, hat der Meister die verschiedensten Pläne ausgearbeitet und hat er sich bereit gefunden, verschiedene Kompromisse einzugehen, damit sein Gedanke nur kenntlich in die Erscheinung trete. „Das Publikum muß durch Tatsachen gebildet werden, denn eher als es das Gute nicht in konsequenter Folge kennen gelernt hat, kann ihm auch kein rechtes Bedürfnis danach geweckt werden.“ Ganz ohne Kompromiß

63 DER BAYREUTHER FESTSPIELGEDANKE

ging es auch in Bayreuth nicht ab, doch dürfen wir mit Freude feststellen, daß das jetzige Bayreuth das Ideal Wagners weit reiner verkörpert, als dies bei den früheren Plänen mit Dresden, Zürich, Weimar, München der Fall gewesen wäre. Kein Hof- und kein Stadttheater hätte sich mit einem Verzicht auf den Gelderwerb einverstanden erklärt oder sein Repertoire auf lange der Festspielvorbereitungen wegen unterbrechen können. Ja, gestehen wir es unumwunden: einzig der Umstand, daß das Festspielhaus im ungeteilten Besitze Wagners und seiner Erben verblieb, hat die Fortführung von Festspielen in seinem Sinne ermöglicht, denn hierdurch allein war die unbedingte Selbstlosigkeit des Unternehmens, seine Verwaltung à fonds perdu mit unantastbarem Grundstock möglich — ganz abgesehen von der Befähigung zur künstlerischen Leitung. Und wenn auch die Zulassung jedes beliebigen hinzugereisten Zuschauers gegen Lösung einer Eintrittskarte Wagner in der Seele zuwider war und er sie nur „notgedrungen“ ein Jahr vor seinem Tode zugab, gerade hierdurch hat sich Bayreuth nach und nach eine eigene Gemeinde aus aller Herren Länder erzogen, Leute, die Wagners Festspielgedanken erfaßt haben und seinem in diesem Gedanken verkörperten allgemeinen Kulturideal heute auf den verschiedensten Gebieten leben.
    So viel nur über die praktisch-geschäftliche Seite. Künstlerisch ist das Ziel: „Jede Aufführung muß den Stempel möglichster Vollendung an sich tragen.“ Heißt aber hier „Vollendung“ das Zusammentrommeln möglichst vieler „Sterne“? Über diese Unsitte, die jetzt wieder üppig aufblüht in vielen Festspielen — bei denen die Hauptdarsteller kontraktlich von dem Besuche auch nur einer einzigen Probe entbunden sind! — urteilt Wagner: „Man füttert den Mimen mit Leckerbissen und läßt den Dichter verhungern. Alles, was von schlechter Anlage und Herzlosigkeit in der Mimennatur steckt, wird, wiederum mit dem alles leitenden Instinkt, angelegentlichst hervorgelockt und einzig gepflegt: widerwärtigste Eitelkeit und dirnenmäßige Gefallsucht.“ Was Wagner erstrebt, steht hiervon so fern wie nur irgend möglich. Es ist — in geistiger Beziehung — die vollkommene Durchdringung der dramatischen Absicht des Dichters, — in technischer Beziehung, die „absolute Korrektheit“. Dagegen gesteht er der Virtuosität der Mittel, rein als solcher, so wenig Wert zu, daß er häufig betont, die Aufführungen an deutschen Provinz-

64 DER BAYREUTHER FESTSPIELGEDANKE

theatern seien durchwegs besser als die an den großen Hoftheatern, daß er behauptet: „Auch die geringsten Mittel sind fähig, eine künstlerische Absicht zu verwirklichen,“ und daß er hinzufügt: „Wo eine so verwirklichte künstlerische Absicht dem Publikum vorgeführt wird, handelt es sich nicht mehr um eine Kritik der Mittel; das Publikum hat nicht mehr in bezug auf sie zu wünschen und zu sorgen, keine Vergleichung mit anderen (Mitteln) mehr anzustellen.“ Die Vergleichung soll eben ein anderes betreffen: die Vollendung des Ganzen, die Art, in welcher „die künstlerische Absicht verwirklicht worden ist.“

*     *
*

    Als Wagner nun sah, daß sein Bayreuth, obwohl es nicht ganz sein Ideal verkörpern konnte, doch nach beiden Richtungen hin das von ihm Erstrebte klar genug andeutete — da schuf er sein letztes Werk, Parsifal, zur Weihe dieser einen, einzigen Bühne und beschritt damit, wie er sagt, „eine unseren Operntheatern mit Recht durchaus abgewandt bleiben sollende Sphäre.“ Dieses Werk ist seinem Bühnenfestspiel — dem Kulturgedanken seines ganzen Lebens — heilig. In ihm hat er — wie er selber kurz vor seinem Tode sagte — „eine Anleitung“ hinterlassen, eine Anleitung zu dem vollen Verständnis dessen, was ihm vorschwebte, wenn er so Überschwengliches von der Bühne und ihrem Einfluß auf die Geistesbildung der Menschheit erwartete.
    So besitzen wir denn die eine, dem ganzen Geist ihrer Anlage und ihrer Absicht und ihres Wirkens nach einzige und unvergleichliche Bühne, und diese hohe Stätte besitzt ein für sie erdachtes, nur an diesem Ort mögliches Werk erhabenster Religiosität. Wer bedenkt, wie hier erstens der Gedanke, zweitens dessen Verwirklichung, und drittens die Weihe dieser Verwirklichung ineinander greifen, wird das Unterscheidende der Bayreuther Festspiele klar erkennen.

(Juli 1902.)



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8. Adolf Hitler zu seinem Geburtstag
am 20. April 1924

Ich bin Adolf Hitler zweimal begegnet: das erstemal war er so freundlich, mich am Spätabend des Bayreuther „Deutschen Tages“ aufzusuchen, das zweitemal traf ich ihn am folgenden Morgen, in einem größeren Kreise sitzend, im Garten vom Hause Wahnfried. Außerdem habe ich viel von ihm erzählen gehört, und zum Teil von Menschen, die ich besonders hoch zu schätzen Veranlassung habe und welche alle weiter treu an ihm hängen; auch sind mir Hitlers Reden in der Sammlung von Koerber bekannt. Sie werden mir sagen, das sei wenig, um einen Menschen zu beurteilen, doch gehört Hitler zu den seltenen   L i c h t g e s t a l t e n   — zu den ganz durchsichtigen Menschen.
   Wir alle sind aus hundert Mischungen zusammengesetzt, nichts ist seltener als Einfachheit; darum sind wir so undurchsichtig, so schwer auszukennen. Hitler gab sich ganz in jedem Wort, das er spricht, und wenn er spricht, faßt er stets irgendeinen der Zuhörer fest ins Auge, niemand kann diesem faszinierenden Blick widerstehen, diese Gewohnheit gründet sich offenbar auf die Tatsache, daß sich seine Worte immer unmittelbar an das Herz wenden und deswegen die Sprache des Auges nicht entbehren können; kann auch das Auge in jedem Augenblicke nur einen einzelnen erfassen, so teilt sich doch etwas im Tone mit, das auf alle wirkt — etwas Intimes, zu Herzen Gehendes, unmittelbar Wirkendes. Somit wären wir bei dem Hauptorgan dieser Persönlichkeit angelangt: dem Herzen! Man kann bedeutende Menschen in zwei Klassen unterscheiden, je nachdem der Kopf oder das Herz vorwiegt. Hitler würde ich entschieden zu den Herzmenschen rechnen, nicht etwa, daß ich seine intellektuellen Fähigkeiten gering schätze, im Gegenteil; aber das mittlere Bewegungsorgan, der Herd, worauf die Glut sich entfacht, in der seine Gedanken geschmiedet werden, ist das Herz. Das unterscheidet ihn von den meisten Politikern, er liebt das Volk, er liebt sein deutsches Volk mit inbrünstiger Liebesleidenschaft. Hier haben wir den Mittelpunkt, aus dem seine ganze Politik, seine Wirtschaftslehre, seine Gegnerschaft gegen die Juden, sein Kampf gegen die Verrohung der Sitten usw. erfließen.

66 ADOLF HITLER ZU SEINEM GEBURTSTAG

    So z. B. liegt das klar auf der Hand bei seinem viel beklagten Antisemitismus. Weil er kein Phrasendrescher ist, sondern konsequent seine Gedanken zu Ende denkt und furchtlos seine Folgerungen daraus zieht, erkennt er und verkündet er: Man kann sich nicht zugleich zu Jesus bekennen und zu denen, die ihn ans Kreuz schlugen. Das ist das Großartige an Hitler: sein Mut! Die Zivilcourage, deren Fehlen bei den meisten Deutschen Bismarck so sehr beklagte, besitzt er in überschwenglichem Maße. In dieser Beziehung gemahnt er an Luther. Und woher kommt diesen beiden Männern der Mut? Er kommt ihnen daher, daß es ihnen beiden   h e i l i g   ernst um die Sache ist, die sie vertreten. Hitler spricht kein Wort, um das ihm nicht ernst wäre, es findet sich in seinen Reden kein Füllsel, keine Übergangsphrasen. Goethe sagte einmal: „Man glaubt nicht, in welcher Hochburg der Mann wohnt, dem es immer ernst ist um die Sache.“ In solch einer Hochburg wohnt Hitler; dies hat aber die Folge, daß er als Phantast verschrien wird. Man behauptet, Hitler wäre ein Träumer, der den Kopf voller Unmöglichkeiten habe, und doch sagt ein höchst beachtenswerter neuerer Historiker von ihm, er sei „seit Bismarck der schöpferischste Kopf auf dem Gebiete der Staatskunst“. Ich glaube, jenes Vorurteil leitet sich daher, daß wir alle geneigt sind, die Dinge für unausführlich zu halten, die wir nicht als schon vollbracht vor uns sehen. Es ist ihm z. B. unmöglich, unser aller Überzeugung über den verderblichen, ja, über den todbringenden Einfluß des Judentums auf das Leben des deutschen Volkes zu teilen und nicht danach zu handeln; erkennt man die Gefahr, so müssen schleunigst Maßregeln gegen sie ergriffen werden; das sieht wohl jeder ein, aber keiner wagt's auszusprechen, keiner wagt die Konsequenz von seinem Denken auf sein Handeln zu ziehen; keiner außer Adolf Hitler.
    Ebenso in seinem Verhältnis zu den Marxisten; da kennt er nur Vernichtungskrieg, während ihre politischen Gegner im Reichstage „Koalition“ mit ihnen bilden. Der Jude Gambetta brachte das Wort „Opportunismus“ in Gang, und es ist für alle Fachpolitik unentbehrlich geworden; nun denn, Hitler ist das Gegenteil eines Opportunisten und gewinnt dadurch jedes redliche, gerade, gesunde Gemüt für sich. Endlich einmal der Mann, der meint, was er sagt, und was er meint, ist überall so tief als wahr und so einfach als

67 ADOLF HITLER ZU SEINEM GEBURTSTAG

tief. Hitler würde es als Lüge empfinden, wenn er nicht seine Gedanken in äußerster Einfachheit auszusprechen verstünde, er ist ein großer Vereinfacher, das gehört zu seiner Wahrhaftigkeit, zu seinem Mut, zu seinem Ernst, zu seiner Liebe. Hier liegt der Quell des tiefen Eindrucks, den seine Reden auf jedermann ausüben. Der einfachste Mensch kann ihm überall folgen, er gewinnt das Volk im Sturme, sein Wort hält es im Banne, sein Ernst erzwingt Achtung, seine Folgerichtigkeit überzeugt, sein pulsierendes Herz begeistert. Das erklärt seine unerhörte Wirkungsgewalt auf die uns so entfremdeten Arbeiter, die   e s   i h m   a l l e i n   g e l a n g,   scharenweise zu gesünderen Ansichten zu bekehren und damit zugleich eine Macht zu brechen und eine andere an ihrer Stelle aufzurichten.
    Das, was Hitler schon geschaffen hat, als sein eigenstes Werk, ist bereits ein Gewaltiges, was nicht sobald hinschwinden wird. Dieser Mann hat gewirkt wie ein Gottessegen, die Herzen aufrichtend, die Augen auf klar erblickte Ziele öffnend, die Gemüter erheiternd, die Fähigkeit zur Liebe und Entrüstung entfachend, den Mut und die Entschlossenheit stählend. Aber wir haben ihn noch bitter notwendig: Gott, der ihn uns geschenkt hat, möge ihn uns noch viele Jahre bewahren, zum Segen für das deutsche Vaterland!



9. Ein Brief Chamberlains an Adolf Hitler

Bayreuth, den 7. Oktober 1923.
    Sehr geehrter und lieber Herr Hitler.

Sie haben alles Recht, diesen Überfall nicht zu erwarten, haben Sie doch mit eigenen Augen erlebt, wie schwer ich Worte auszusprechen vermag. Jedoch ich vermag dem Drange, einige Worte mit Ihnen zu sprechen, nicht zu widerstehen. Ich denke es mir aber ganz einseitig — d. h. ich erwarte keine Antwort von Ihnen.
    Es hat meine Gedanken beschäftigt, wieso gerade Sie, der Sie in so seltenem Grade ein Erwecker der Seelen aus Schlaf und Schlendrian sind, mir einen so langen erquickenden Schlaf neulich schenkten, wie ich einen ähnlichen nicht erlebt habe seit dem verhängnisvollen Augusttag 1914, wo das tückische Leiden mich befiel. Jetzt

68 EIN BRIEF CHAMBERLAINS AN ADOLF HITLER

glaube ich einzusehen, daß dies gerade Ihr Wesen bezeichnet und sozusagen umschließt: der wahre Erwecker ist zugleich Spender der Ruhe.
    Sie sind ja gar nicht, wie Sie mir geschildert worden sind, ein Fanatiker, vielmehr möchte ich Sie als den unmittelbaren Gegensatz eines Fanatikers bezeichnen. Der Fanatiker erhitzt die Köpfe, Sie erwärmen die Herzen. Der Fanatiker will überreden, Sie wollen überzeugen, nur überzeugen, — und darum gelingt es Ihnen auch; ja, ich möchte Sie ebenfalls für das Gegenteil eines Politikers — dieses Wort im landläufigen Sinne aufgefaßt — erklären, denn die Asche aller Politik ist die Parteiangehörigkeit, während bei Ihnen alle Parteien verschwinden, aufgezehrt von der Glut der Vaterlandsliebe. Es war, meine ich, das Unglück unseres großen Bismarck, daß er durch den Gang seines Schicksals — beileibe nicht durch angeborene Anlagen — ein bißchen zu sehr mit dem politischen Leben verwickelt ward. Möchte Ihnen dieses Los erspart bleiben!
    Sie haben Gewaltiges zu leisten vor sich, aber trotz Ihrer Willenskraft halte ich Sie nicht für einen Gewaltmenschen. Sie kennen Goethes Unterscheidung von Gewalt und Gewalt! Es gibt eine Gewalt, die aus Chaos stammt und zu Chaos hinführt, und es gibt eine Gewalt, deren Wesen es ist, Kosmos zu gestalten, und von   d i e s e r   sagte er: „Sie bildet regelnd jegliche Gestalt — und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.“
    In solchem kosmosbildenden Sinne meine ich es, wenn ich Sie zu den auferbauenden, nicht zu den gewaltsamen Menschen gezählt wissen will.
    Ich frage mich immer, ob der Mangel an politischem Instinkt, der an den Deutschen so allgemein gerügt wird, nicht ein Symptom für eine viel tiefere staatsbildende Anlage ist. Des Deutschen Organisationstalent ist jedenfalls unübertroffen (siehe Kiautschou!), und seine wissenschaftliche Befähigung bleibt unerreicht: darauf habe ich meine Hoffnungen aufgebaut in meiner Schrift „Politische Ideale“. Das Ideal der Politik wäre,   k e i n e   zu haben. Aber diese Nicht-Politik müßte freimütig bekannt und mit Macht der Welt aufgedrungen werden. Nichts wird erreicht, solange das parlamentarische System herrscht; für dieses haben die Deutschen, weiß Gott, keinen Funken Talent! Sein Obwalten halte ich für das größte Unglück, es kann

69 EIN BRIEF CHAMBERLAINS AN ADOLF HITLER

immer nur wieder und wieder in den Sumpf führen und alle Pläne für Gesundung und Hebung des Vaterlandes zu Fall bringen.
    Aber, ich weiche ab von meinem Thema, denn ich wollte nur von Ihnen sprechen. Daß Sie mir Ruhe gaben, liegt sehr viel an Ihrem Auge und an Ihren Handgebärden. Ihr Auge ist gleichsam mit Händen begabt, es erfaßt den Menschen und hält ihn fest, und es ist Ihnen eigentümlich, in jedem Augenblicke die Rede an einen Besonderen unter Ihren Zuhörern zu richten, — das bemerke ich als durchaus charakteristisch. Und was die Hände anbetrifft, sie sind so ausdrucksvoll in ihren Bewegungen, daß sie hierin mit Augen wetteifern. Solch ein Mann kann schon einem armen geplagten Geist Ruhe spenden!
    Und nun gar, wenn er dem Dienste des Vaterlandes gewidmet ist.
    Mein Glauben an das Deutschtum hat nicht einen Augenblick gewankt, jedoch hatte mein Hoffen — ich gestehe es — eine tiefe Ebbe erreicht. Sie haben den Zustand meiner Seele mit einem Schlage umgewandelt. Daß Deutschland in der Stunde seiner höchsten Not sich einen Hitler gebiert, das bezeugt sein Lebendigsein; desgleichen die Wirkungen, die von ihm ausgehen; denn diese zwei Dinge — die Persönlichkeit und ihre Wirkung — gehören zusammen... *)
    Ich durfte billig einschlafen und hätte auch nicht nötig gehabt, wieder zu erwachen. Gottes Schutz sei bei Ihnen!

     Houston Stewart Chamberlain.

—————
    *) Next line removed by the censor: „
Daß der großartige Ludendorff sich offen Ihnen anschließt und sich zu der Bewegung bekennt, die von Ihnen ausgeht: welche herrliche Bestätigung!“. Hitler and Ludendorff were not on speaking terms anymore when this book was published.


70


Das Leben Houston Stewart Chamberlains

    In Southsea bei Portsmouth in England wurde Houston Stewart Chamberlain am 9. September 1855 geboren. Sein Vater, William Charles Chamberlain, war Kapitän in der englischen Marine und wurde später zum Admiral befördert. Da die Mutter schon nach einem halben Jahre starb und der Vater durch seinen Beruf sehr in Anspruch genommen war, wurde der Junge von der Mutter und der Schwester seines Vaters in Versailles erzogen und verbrachte aus diesem Grunde einen großen Teil seiner Jugendzeit in Frankreich. Die folgenden Jahre verlebte er abwechselnd in England und Schottland und kam im Alter von 15 Jahren zum erstenmal nach Deutschland. Der Aufenthalt in Ems 1870 wurde ihm zum großen Erlebnis und gab seinem Leben die entscheidende Wendung. Von dieser Zeit an beginnt in ihm das germanische Wesen sich bemerkbar zu machen, das er von seiner Urgroßmutter, Maria Katharin Böckmann, geerbt hatte. Diese stammte aus der Familie des Lübecker Kaufmanns Gerhard Böckmann, dessen Vorfahren aus Skandinavien kamen. Hier in Ems traten dem jungen H. S. Chamberlain deutscher Geist und deutsche Art in der Gestalt Kaiser Wilhelms I., der damals noch König von Preußen war, entgegen und schlugen ihn in ihren Bann. Die weiteren Jahre hielt sich Chamberlain in der Schweiz auf. Von dem jungen Kandidaten der Theologie Otto Kuntze, der ebenfalls zur Erholung in Montreux weilte, erhielt er den ersten Unterricht in der deutschen Sprache und die erste gründliche und vertiefte Einführung in das Deutschtum. Fortan lebte und wirkte in dem englischen Jungen nur noch deutsche Wesensart, die später in so herrlicher Weise bei ihm sich offenbaren sollte. 1885 siedelte Chamberlain von Genf nach Dresden über und verblieb dort bis 1889. Darauf begab er sich nach Wien und führte seine bereits vor Jahren begonnenen naturwissenschaftlichen Studien und Arbeiten bei Professor Julius Wiesner fort. Die Ergebnisse seiner eingehenden Beobachtungen und Untersuchungen regten ihn zu einer umfangreichen Dissertation an über den aufsteigenden Saft in den Pflanzen (Wurzeldruck), die allerdings erst 1896 veröffentlicht werden konnte. Die intensive Beschäftigung mit Richard Wagner und seinem Werk veranlaßte Chamberlain zu kleineren Schriften über den größten deutschen Tonschöpfer und Dichter Wagner, als deren Krone dann im Jahre 1895 das berühmt gewordene Buch „Richard Wagner“, in dem er das Wesen und das Werk des Meisters durchdringend darstellt, erschien. Bereits im Jahre 1899 konnte er das

71 DAS LEBEN HOUSTON STEWART CHAMBERLAINS

gewaltige werk „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ der Öffentlichkeit vorlegen. Mit einem ungeheuren erfolg wurden die beiden Bände aufgenommen, und die vielen kritischen Urteile über das Werk beweisen seine hohe Bedeutung. An kleineren Arbeiten veröffentlichte Chamberlain dann 1900 seine „Parsifalmärchen“, 1902 „Drei Bühnendichtungen“: „Der Tod der Antigone“, „Der Weinbauer“ und „Antonie oder die Pflicht“. Kurz vorher gab er die vielgelesenen „Worte Christi“ mit der „Apologie“ als Vorwort heraus. Vertieft und erweitert hat Chamberlain seine Gedanken über Religion in dem 1905 veröffentlichten Werk „Arische Weltanschauung“. Inzwischen waren die Studien für sein neues großes Buch, die er schon im Jahre 1900 begonnen hatte, beendet, und er konnte noch 1905 dasselbe unter dem Titel „Immanuel Kant, die Persönlichkeit als Einführung in das Werk“ erscheinen lassen. Als das beglückendste und schönste Ereignis in seinem Leben betrachtete Chamberlain seine Vermählung mit der Tochter seines geliebten und verehrten Meisters, Eva Wagner, am 26. Dezember 1908. Der Aufenthalt in Wien wurde daher im Mai 1909 aufgegeben, und Chamberlain bezog sein Heim in Bayreuth. Hier in der Stille seines neuen Heimes nahm er dann nach der Veröffentlichung seines Kantbuches die Goethestudien wieder auf und schenkte uns im Jahre 1912 das beste Buch, das je über den großen deutschen Meister geschrieben worden ist: „Goethe“. Gleich zu Beginn des Krieges trat Chamberlain vor die deutsche Bevölkerung und begeisterte sie mit seinen „Kriegsaufsätzen“. Während des Krieges erschienen noch seine Schriften „Politische Ideale“ (1915) und „Demokratie und Freiheit“ (1917). 1919 gab Chamberlain eine biographische Darstellung „Lebenswege meines Denkens“ heraus, und bald darauf schenkte uns dieser unermüdlich und rastlos schaffende Geist sein letztes und tiefstes Werk „Mensch und Gott“.
    Die Anfänge der neuen Zeit nahm er mit Begeisterung auf und bekannte sich schon im Jahre 1923 öffentlich zu Adolf Hitler und seiner Idee. Seit langen Jahren hatte ihn ein schweres Leiden befallen, das ihn in seiner Arbeit beträchtlich hinderte. Trotzdem aber blieb er der Kämpfer und glaubensstarke Streiter für sein deutsches Vaterland bis an seinen Tod, am 7. Januar 1927.


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Chamberlains Hauptwerke

1895.
Richard Wagner.
Allgemeine Einleitung — Richard Wagners Lebensgang — Richard Wagners Schriften und Lehren — Richard Wagners Kunstwerke — Bayreuth.

1899.
Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts.
Vorworte. — Allgemeine Einleitung.
I. Teil: Die Ursprünge.
1. Das Erbe der alten Welt.
2. Die Erben.
3. Der Kampf
II. Teil: Die Entstehung einer neuen Welt.

1901.
Worte Christi.
Apologie. — Worte Christi: Über Glauben und Beten. Über Gott und das Reich Gottes. Über sich und die Seinen. Über die Priester und ihre Religionsgebräuche. Über die Welt und die Menschen (Lebensweisheit). Über Tun und Lassen (Sittliche Gebote).

1905.
Immanuel Kant. Die Persönlichkeit als Einführung in das Werk.
Vorrede. Erster Vortrag: Goethe (Idee und Erfahrung). Mit einem Exkurs über die Metamorphosenlehre.
Zweiter Vortrag: Leonardo (Begriff und Anschauung). Mit einem Exkurs über physikalische Optik und Farbenlehre.
Dritter Vortrag: Descartes (Verstand und Sinnlichkeit). Mit einem Exkurs über analytische Geometrie.
Vierter Vortrag: Bruno (Kritik und Dogmatismus). Mit einem Exkurs über die Geschichte der Philosophie.
Fünfter Vortrag: Plato (Wissen und Wähnen). Mit einem Exkurs über das Wesen des Lebens.
Sechster Vortrag: Kant (Wissenschaft und Religion). Mit einem Exkurs über das Ding an sich.
Register.

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1912.
Goethe.
Einleitung.
1. Das Leben (Umrißlinien).
2. Die Persönlichkeit.
3. Der praktisch Tätige.
4. Der Naturforscher.
5. Der Dichter.
6. Der Weise.
Anhang. — Register.

1919.
Lebenswege meines Denkens.
Einführung.
I. Meine Herkunft.
II. Meine Erziehung.
III. Meine Naturstudien.
IV. Mein Weg nach Bayreuth.
V. Mein Buchgaden.
Schattenriß des Lebenslaufes. — Verzeichnis der Orts- und Eigennamen.

1921.
Mensch und Gott. Betrachtungen über Religion und Christentum.
Zur Verständigung.
I. Mensch und Gott.
II. Der Mittler.
III. Der Heiland.
IV. Die Evangelien.
V. Paulus.
VI. Die christliche Kirche und die Religion Jesu.
Verzeichnis der Hauptbegriffe.

1921.
Natur und Leben. Herausgegeben von J. v. Uexküll.
Unser Wissen von der Natur — Lebenslehre.


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Literatur

     Alb. H. Ehrhard, Houston Stewart Chamberlains Grundlagen des 19. Jahrhunderts kritisch gewürdigt. Vorträge und Abhandlungen, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft, Heft 14. Mayer & Co. 1901. 25 Seiten.
     Herm. Grauert, Dante und Houston Stewart Chamberlain. Herdersche Verlagsbuchhandlung Freiburg im Breisgau. 1904. 92 Seiten.
     Prof. Dr. Baentsch, H. St. Chamberlains Vorstellungen über die Religion der Semiten, speziell der Israeliten. Pädagogisches Magazin. Herausgegeben von Friedrich Mann. Heft 246. Hermann Beyer & Söhne, Langensalza. 1905. 83 Seiten.
    
Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts und Immanuel Kant. Kritische Urteile. F. Bruckmann A.-G., München. 1909. 157 Seiten.
    
Hans v. Wolzogen, Kunst und Kirche. Offener Brief an Houston Stewart Chamberlain, Xenien-Bücherei Nr. 3. E. Haberland, Leipzig. 1913. 61 Seiten.
    
L. v. Schroeder, Houston Stewart Chamberlain. Ein Abriß seines Lebens auf Grund eigener Mitteilungen. J. F. Lehmanns Verlag, München. 1918. 114 Seiten.
    
Prof. Dr. R. H. Grützmacher, Kritiker und Neuschöpfer der Religion im 20. Jahrhundert. A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung Dr. Werner Scholl, Leipzig und Erlangen. 1921. 92 Seiten.
    
Anna Chamberlain, Meine Erinnerungen an Houston Stewart Chamberlain. C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung, München. 1923. 201 Seiten.
    
Alfred Rosenberg, Houston Stewart Chamberlain als Verkünder und Begründer einer deutschen Zukunft. H. Brückmann (Verlag Frz. Eher Nachf. G. m. b. H.), München. 1927. 128 Seiten.
    
Dr. Georg Schott, Auf des Lebens Höhe. Eine Idee, entfaltet in Wort, Ton und Bild, zur bleibenden Erinnerung an H. St. Chamberlain. J. F. Lehmanns Verlag, München. 1927. 40 Seiten.
    
Dr. Georg Schott, Das Lebenswerk Chamberlains in Umrissen, J. F. Lehmanns Verlag, München. 1927. 192 Seiten.
    
Dr. Georg Schott, Houston Stewart Chamberlain, der Seher des Dritten Reiches. Eine Auslese aus seinen Werken. F. Bruckmann, München. 1934. 120 Seiten.
    
Alfred Rosenberg, Blut und Ehre. Ein kampf für deutsche Wiedergeburt. Franz Eher Verlag, München. 1934.

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Anmerkungen

     S. 5 circulus vitiosus: Zirkelschluß, eine Schlußfolgerung, die nicht weiter, sondern zum Ausgangspunkt zurückführt.
     S. 6 Friedrich Albert Lange: deutscher Nationalökonom und Philosoph. 1828—1875. Hauptwerk: „Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart“ (1866).
Physiognomien: Gesichtsausdruck.

evident: offenbar.
Sempiternität: Beständigkeit.
ex cathedra: vom Lehrstuhl herab.
Salomon Reinach: franz. Philologe und Archäologe.
„L'origine des Aryens“: Die Abstammung der Arier.
Neodogmatiker: Verkünder einer neuen Lehre.

     S. 7 Klimax: Steigerung der Ausdrücke.
Pontifikat: Amtstätigkeit und Amtsdauer (eines Papstes).

Vikariat: Amt des Stellvertreters.
Rudolf Virchow: deutscher Mediziner und Anthropologe (Zellenlehre) 1821—1902.
Julius Kollmann: Anatom, 1834—1918.
Phidias: größter Meister der griech. Plastik, geb. 490 v. Chr.
Koriolan: Coriolanus Marcius, röm. Patrizier; starb in der Verbannung. Vgl. Shakespeares „Coriolan“.

urbi et orbi: allgemein verkündigen; „der Stadt Rom und dem Erdkreise“ (Formel des in der Osterwoche gespendeten päpstlichen Segens).
Panazee: Allheilmittel, Wundermittel.
la confusion des pouvoirs: Vereinigung der geistlichen und weltlichen Macht in einer Hand.
     S. 8 Jean Paul: deutscher Dichter, 1763—1825.
Protagonist: Verfechter (Träger der Hauptrolle im altgriechi
schen Drama).
Obskurantismus: Feindschaft gegen klarheit.
Illuminismus: das Bestreben, alles zu erklären und zu erläutern.
Denis Diderot: franz. Schriftsteller, 1713—1784.
„Entretien d'un père avec ses enfants“: Gespräch eines Vaters mit seinen Kindern.

     S. 9 pittoresk: malerisch schön.
Leopold Ziegler: deutscher Philosoph. *)
—————
    *) Leopold Ziegler was indeed a German philosopher. But Chamberlain meant Theobald Ziegler.

76 ANMERKUNGEN

    S. 10 Charles Darwin: amer. Naturforscher, 1809—1882. *)
„Origin of species“: „Entstehung der Arten“.

das Empirische: die durch beobachtete Tatsachen gemachte Erfahrung.
intuitiv: anschaulich, durch innere Anschauung.
Superstition: Aberglaube.
Ludwig Büchner: naturwissenschaftlicher Schriftsteller, 1824 bis 1899. Verfasser der Schrift „Kraft und Stoff“.
Scheherezade: Märchenerzählerin aus Tausendundeiner Nacht.
    S. 11 „Animals and plants“: Tiere und Pflanzen.

„Descent of Man“: Die Abstammung des Menschen.
Evolutionslehre: Entwicklungslehre Darwins (Darwinismus).
Parallaxe: Abweichung (der Winkel, den zwei von verschiedenen Punkten der Erdoberfläche oder der Bahn der Erde um die Sonne nach einem Gestirn gezogene Linien bilden und aus dem man dessen Entfernung berechnen kann).

Ernst Haeckel: Zoologe und Philosoph, 1834—1919.
     S. 12 Anselm Feuerbach: deutscher Maler, 1829—1880.
     S. 13 Paul Topinard: franz. Anthropolog, 1830—1911.
     S. 14 Böotier: Bewohner der altgriechischen Landschaft Böotien; hier: denkfauler Mensch.
genetisch: gemäß der Entstehung und Entwicklung.
Indoarier: asiatischer Zweig der Indogermanen.
Eranier: Bewohner Irans, asiat. Tafelland südlich des kaspischen Meeres.
indolent: gleichgültig, träge.
     S. 15 orbis: Erdkreis.
Weltimperium: Weltreich.
Galatien: Landschaft in Kleinasien.
Invasionen: feindliche Einfälle.
Georges Vacher de Lapouge: franz. Anthropolog.
homo europaeus: Typ des germanischen Menschen (vgl. Chamberlain: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, S. 466).
     S. 16 Identität: völlige Übereinstimmung, Wesenseinheit.
Gabriel de Mortillet: franz. Anthropologe.

„Formation de la nation française“ (1897): Entstehung des französischen Volkes.
Ferdinand Hueppe: deutscher Hygieniker und Bakteriolog.
    S. 17 Friedrich Karl v. Savigny: deutscher Rechtslehrer, 1779 bis
1861. Hauptwerke: „System des heutigen römischen Rechts“, „Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter“.
exzessiv: frevelhaft.
Dante Allighieri: der größte Dichter Italiens, 1265—1321.
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    *) ? It seems Darwin has evolved into an American. But this book was published in
Nazi Germany, 1934, for educational purposes, and I'm not sure if this mistake is intentional or not.

77 ANMERKUNGEN

    S. 18 generisch: die Gattung (das Geschlecht) betreffend, Gattungsnamen.
Basken: Volksstamm auf beiden Abhängen der Pyrenäen.
Savoyarden: Einwohner der franz. Landschaft Savoyen.
Ubiquität: Allgegenwart.
Konstitutionen: Verfassung, Ordensregeln.
     S. 19 Johannes Ranke: Physiolog und Anthropolog, 1836—1916. „Der Mensch, populäre Anthropologie“ (1886).
Benjamin Disraeli Earl of Beaconsfield: brit. Staatsmann und Schriftsteller, 1804—1881.
„Coningsby, or the new generation“: Roman von Disraeli (1844).
    S. 20 indoeuropäische Arier: Völker- und Sprachenstamm, den über Asien verbreitet ist und sich nach Europa weiter ausgedehnt hat.
Aristoteles: der einflußreichste Philosoph und Naturkundige Griechenlands, 384—322 v. Chr.
Stagirit: von: Stageira, Stadt auf der Insel Chalkidike, Geburtsort des Aristoteles; Stagirit: Beiname des Aristoteles.
homo syriacus: Ureinwohner Syriens.
Despotie: Gewaltherrschaft.
Anarchie: Gesetzeslosigkeit.
     S. 21 kommunistisch: die kraft, die aus der Gemeinsamkeit und Gemeinschaft herauswächst.
korrelat: Gegenstück.
     S. 22 subsumieren: zusammenfassen.
Johann Fischart: deutscher Satiriker, um 1545 bis um 1590.
Pharsalus: Entscheidungskampf zwischen Cäsar und Pompejus, 9. August 48 v. Chr. in Thessalien.
Byzanz: alter Name für Konstantinopel.
Nero: röm. kaiser, 37—68; durch seine Grausamkeit berüchtigt.
    S. 23 Karl Lamprecht: deutscher Geschichtsforscher, 1856—1915.
    S. 24 Mestizenvölker: Abkömmlinge von Weißen mit Indianern im span. Amerika.
Indoeranier: indoeuropäische Arier.
proteusartig: gleich. dem griech. Meergott Proteus, der alle möglichen Gestalten anzunehmen vermag; veränderlich.
    S. 26 autonom: selbständig.
Phaëton: Sohn des griech. Sonnengottes Apollo.
     S. 27 Civitas Dei: Gottesstaat; Werk von Augustin, 354—430 (Gemeinschaft der reinen Gottesliebe; Engel und fromme Menschen).
     S. 29 litteris: Wissenschaften.
magister artium: Magister der freien Künste, akademische Würde.

78 ANMERKUNGEN

    S. 30 Papisten: Anhänger des Papstes, päpstlich Gesinnte.
Johann Mayr v. Eck: Professor der Theologie in Ingolstadt;
1486—1543; Eck war einer der heftigsten Gegner der Reformation. Trat gegen Luther bei der Leipziger Disputation 1519 auf und veranlaßte die Bannbulle gegen Luther.
Hieronymus Emser: 1478—1527. Einer der größten Gegner der Reformation. Emser geriet mit Luther nach der Leipziger Disputation in Streit. Mit der päpstlichen Bannbulle verbrannte Luther auch Emsers Schriften.
     S. 32 Subtilitäten: Scharfsinnigkeiten, Spitzfindigkeiten.
Kardinallegat: kathol. kirchenfürst und päpstlicher Gesandter.

     S. 35 Paradoxon: Widerspruch, widersinnige Behauptung.
     S. 37 Paul Kalkoff: deutscher Geschichtsforscher.
     S. 41 David Hume: engl. Philosoph und Historiker, 1711—1776.
Lawrence Sterne: engl. Humorist, 1713—1768.
Pierre de Ronsard: franz. Dichter, 1524—1585.
Blaise Pascal: franz. Philosoph und Mathematiker, 1623
bis 1662.
Jean-Jacques Rousseau: franz. Schriftsteller und Philosoph, 1712—1778.
     S. 44 François Rabelais: franz. Satiriker, 1490—1553.
Michel Montaigne: franz. Philosoph und Essayist, 1533—1592.
Fran
çois Marie Arouet Voltaire: franz. Dichter, 1694 bis 1778.
     S. 45 Bastille: Zwingburg in Paris, die unter den königen als Staatsgefängnis diente und am 14. Juli 1789 erstürmt und später zerstört wurde.
     S. 47 Abracadabra: sinnloses, geheimnisvolles Gerede (persisches Zauberwort als Schutzmittel gegen das Fieber).
Paria: Ausgestoßenen, Rechtloser.
    S. 55 John Milton: einer der größten Dichter Englands, 1608—1674.
August Wilhelm v. Schlegel: deutscher Sprachforscher, Dichter
und kritiker, 1767—1845.
Veit Valentin: „Bismarck und seine Zeit“. Verlag. B. G. Teubner, Leipzig. 1916. Sammlung: „Aus Natur und Geisteswelt“.
    S. 57 August Bebel: sozialdemokratischer Parteiführer und Mitbegründer der Partei, 1840—1913.
Eugen Richter: deutscher Politiker, Führer der freisinnigen Partei, 1838—1906.
Rudolf Virchow: Mediziner und Anthropologe, 1821—1902.
Ludwig Windthorst: Führer der Zentrumspartei, 1812—1891.
Molekel: Massenteilchen, kleinste Verbindung von Atomen.
Allegorie: sinnbildliche Darstellung.

79 ANMERKUNGEN

    S. 58 Epitheton: Beiwort.
sweet: lieblich, reizend.

Southampton: gemeint ist hier der Graf von Southampton, dem Shakespeare das Gedicht „Venus und Adonis““ gewidmet hat.
     S. 59 offiziös: halbamtlich.
Prägnanz: Gedankenfülle.
     S. 60 Augustenburger: Prinz Friedrich von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, 1829—1880.
     S. 61 Richard Wagner: deutscher komponist, Dichter und Musikschriftsteller, 1813—1883.
Extravaganz: Überspanntheit, überspannte Idee.
Suum cuique!: „Jedem das Seine!“‘ Wahlspruch des preußi
schen Schwarzen Adlerordens.
     S. 62 Prämissen: Voraussetzungen.
     S. 63 Repertoire: Spielplan.
à fonds perdu: unverzinslich und nicht rückzahlbar.

Mime: Schauspieler.
     S. 65 Wahnfried: Villa Richard Wagners mit seiner Grabstätte in Bayreuth.
Viktor v. Koerber: Adolf Hitler. Sein Leben und seine Reden. Herausgegeben von Adolf Viktor v. Koerber. Deutscher Volksverlag Dr. E. Boepple, München.
faszinierend: bezaubernd.
     S. 66 Léon Gambetta: franz. Staatsmann, 1838—1882.
Opportunismus: ein sich den Umständen anpassendes Verhalten.
    S. 68 Kiautschou: frühere deutsche Kolonie, durch Pachtvertrag vom
März 1898 gewonnen; 1914 wurde die Kolonie an Japan übergeben und kam dann 1922 an China zurück.







Druck von Breitkopf & Härtel in Leipzig




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Letzte Änderung am / Last update: 23. November 2010