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| Aus: Bruno Brehm, Das Zwölfjährige Reich - Der Trommler. (Seiten 262-270), Styria Verlag, Graz 1960. BAYREUTH Die wirtschaftlich arme Oberpfalz war im Norden durch den Kommunismus des großen sächsischen Industriegebietes bedroht, deshalb mußte man, um den Roten Respekt einzuflößen, in der Oberpfalz einmal mit ganzer Macht aufmarschieren. Wenn Major Buchrucker in Küstrin gegen das rote Berlin aufbegehrte, wenn das noch rötere Dresden sich dem Kommunismus zuwandte, dann mußte Bayern seine militanten Formationen aufmarschieren lassen, um allen zu zeigen, daß man auf Überraschungen gefaßt sei. Dietrich Eckart, der sich gern als derber Pfälzer gab, weil er ein empfindsames Herz besaß, hatte Hitler oft und oft in der Schwabinger „Brennessel“ von der unvergleichlichen Herrlichkeit Bayreuths vorgeschwärmt. Möge in Wien oder in München oder in Berlin eine Wagneroper noch so gut und glanzvoll aufgeführt werden, an eine Bayreuther Aufführung komme man doch nirgends heran, denn Bayreuth sei einmalig, in Bayreuth wehe geheiligte Luft, Bayreuth sei das von Hölderlin gesuchte Olympia der Deutschen, ihre Weihestätte, der heilige Ort ihrer Einheit. Bayreuth betreten und im Vorraum des Himmels selbst sein! Unvergeßlich die herrlichen Stunden des Glücks, unvergeßlich die durchschwärmten Nächte, die durchzittert waren vom Nachbeben der gewaltigen Klänge, die immer wieder aus der Tiefe emporwogten. Einmal sei man nach einer solchen göttlichen Nacht in der „Eule“ nach dem Schloßpark gezogen und habe bei Sonnenaufgang den Karfreitagszauber gesungen, denn damals sei Kunst mehr als Kunst, sie sei tiefster, herzerschütternder Glaube gewesen. Als Hitler nach dem großen Vorbeimarsch der nationalen Formationen die Einladung in das Haus Wahnfried erhielt, zitterten seine Hände. Endlich sollte es ihm vergönnt sein, die geweihte Schwelle zu überschreiten und die Räume zu betreten, in denen sein Abgott geschaffen hatte. Und in Wahnfried wird er auch Wagners Schwiegersohn Chamberlain treffen, dessen „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ ihm ein Trost in seiner schwärzesten Wiener Zeit gewesen waren. Rosenberg, der Kunststudent aus Riga und Mitarbeiter des Münchner Beobachters, hatte Hitler erst vor kurzem eingestanden, daß auch für ihn die „Grundlagen“ das entscheidende Buch gewesen seien. Damals hatte Dietrich Eckart gesagt: „Für uns alle, die wir in der Vorkriegszeit jung gewesen sind, ist dieses Buch das Buch des Schicksals, der bestimmende Wegweiser gewesen. Und niemand ist so tief in das Wesen Wagners eingedrungen wie Chamberlain, der sich als Engländer aus Liebe zu Wagner und zur deutschen Kunst bei Kriegsausbruch vorbehaltlos auf die Seite der Deutschen gestellt hat.“ Gleichzeitig mit der Einladung nach Wahnfried erhielt Hitler die Nachricht vom Putsch des Majors Buchrucker in Küstrin. Er fragte sogleich, ob neue Nachrichten eingetroffen seien, und man teilte ihm mit, auf Befehl General Seeckts sei Buchrucker mit der Schwarzen Reichswehr von der Küstriner Garnison eingeschlossen worden. Es sei zwar zu einem kurzen Feuerwechsel gekommen, aber man habe das Gelecht bald eingestellt und warte darauf, daß sich Buchrucker ergebe. Etwas befangen kam Siegfried Wagner Hitler auf der Treppe von Wahnfried entgegen, denn er wollte im kommenden Frühjahr die Festspiele wieder eröffnen, und er fürchtete, daß es ihm die große Presse nicht verzeihen werde, diesen Mann empfangen zu haben. Frau Winifred, der die Münchner Freunde vieles und Widersprechendes über den Demagogen und Volksführer aus Österreich erzählt hatten, teilte diese Sorge nicht, ja, sie erwartete den Mann mit kaum gezügelter Neugierde. Auch die Witwe Wagners, die Tochter Liszts, zeigte sich für kurze Zeit, um den seltsamen Gast zu begrüßen. Weisheit und Alter hatten ihre scharfen Züge fast durchsichtig gemacht, sie schien aus einer anderen, einer versunkenen Welt zu kommen. Im großen Saal mit Lenbach- und Makart-Prunk nahm Hitler dem halbblinden Chamberlain gegenüber Platz und ließ bald vergessen, welchen befremdenden Eindruck sein unbedeutendes Aussehen bei seinem Eintritt gemacht hatte. Mit bewegter Stimme, die seine Ergriffenheit verriet, gestand er, daß sich heute der Traum seiner Jugend erfülle, deren Stern und Trost, deren Zuversicht der große Meister gewesen sei. Wie oft habe er gehungert, weil er sich die Theaterkarte für eine Wagner-Aufführung vom Munde abgespart habe. Aber wie sei er auch für dieses Opfer beschenkt worden! Welches Glück habe ihn erfüllt, wenn er in die Armut seines Hinterhofzimmers zurückgekehrt sei. Bei ihm habe sich des Meisters Wunsch, Weihespiele dem deutschen Volke zu schenken, erfüllt, ihm seien die Opern kein Theater, ihm seien sie Gottesdienst gewesen mit allen Beseligungen, die den Gläubigen zuteil werden und die des Alltags Nöte entschwinden lassen. Hitler sprach mit rauher, etwas belegter Stimme, nur stokkend brachte er sein Bekenntnis vor, das ihn selbst zu ergreifen schien. Er war jetzt nicht der Massenredner, der mit rollenden Köpfen und mit dem Vernichten der kommunistischen Pest drohte, er sprach vom Landestheater in Linz, von seinem Freund, vom Heimweg über die Donaubrücke, vom Stehparterre der Wiener Oper, er nannte Namen von Sängern und Sängerinnen, von Dirigenten und Inszenierungen, er zitierte Verse des Meisters, er war glücklich, den Dank für die schönsten Stunden seiner Jugend im Innersten des Heiligtums abstatten zu dürfen. Winifred Wagner und Eva, die Frau Chamberlains, lauschten begierig dem seltsamen Gast aus einer anderen Welt, diesem Mann aus Österreich, der davon träumte, das, was Wagner in der Kunst gewesen war, in der Politik zu werden, der jenen Sozialismus zu erfüllen suchte, für den einst Wagner in Dresden auf die Barrikaden gegangen war und den das Kaiserreich unter Bismarck nicht hatte verstehen wollen. Chamberlain lauschte vornübergebeugt dem Gast, der nun berichtete, daß ihm die „Grundlagen“ nächst Wagners Werken und Schriften das Wichtigste seiner Jugend gewesen seien. Er habe dieses Buch ganz anders gelesen als jemand, der fern vom Schuß über den Rassenkampf rede, er habe ihn aus nächster Nähe mitgemacht, er sei sehr früh an diese Front gekommen, er habe in der Brigittenau und in der Leopoldstadt in Wien das unaufhörliche Einströmen von Juden und Slawen gesehen. Er sei glücklich, heute Chamberlain dafür danken zu können, daß dieser ihm beizeiten die Augen geöffnet und ihn auf die große Gefahr aufmerksam gemacht habe. Chamberlain gestand, daß auch ihm während seiner Wiener Zeit Wagner der größte Trost gewesen sei. Er, der jetzt halbvergessen und abseits von allem Weltgeschehen in Bayreuth lebe und den man beschuldige, mit seinen „Grundlagen“ der Urheber der deutschen Überheblichkeit zu sein, ihn beglücke es nach diesem furchtbaren Zusammenbruch des deutschen Stolzes, nach all der Kriecherei vor den übermütigen Siegern, die Wiedergeburt seines Wollens und Denkens erleben und den Mann sehen und hören zu können, der das deutsche Volk aus seiner Niederlage wieder emporführe. Auch aus Amerika könne man jetzt schon einzelne Stimmen hören, die bezeugten, daß man nun den tieferen Sinn des Weltgeschehens erfasse. Gott habe, so schreibe ihm jemand von drüben, die englischsprechenden und die germanischen Völker nicht für nichts anderes als für eitle und faule Selbstbetrachtung und Selbstbewunderung vorbereitet, im Gegenteil, Gott habe diese Völker deshalb zu Meister-Organisatoren der Welt gemacht, damit sie dort Ordnung schaffen, wo das Chaos herrsche. Gott habe den germanischen Völkern deshalb die Fähigkeit zum Regieren verliehen, damit sie bei wilden und bei senilen Völkern die Regierung übernähmen. Gäbe es nicht dieses urgermanische Wollen, wäre die Welt verurteilt, in Nacht und Barbarentum zu versinken. Chamberlain gab zu, auf solch ein Echo seiner Rufe stolz zu sein, denn das, was jetzt drohend vom Osten heranrücke, bezeuge täglich, wie recht er gehabt habe: es gehe um nichts anderes als um den Bestand der von den Germanen geformten Welt. Wenn es Hitler gelingen würde, davon auch die Engländer zu überzeugen, die sich heute über die deutsche Niederlage freuten, ohne zu ahnen, daß es auch ihre Niederlage sei, dann werde Hitler das Allergrößte geleistet, nämlich die arische Rasse vor ihrem drohenden Untergang gerettet haben; dann werde er das durch die Tat verwirklicht haben, wovon er, Chamberlain, nur in seinen Büchern geträumt habe. Hitler senkte sein Haupt, er nahm den Auftrag entgegen und erwiderte mit gedämpfter Stimme: Lange könne Deutschland dem unausgesetzten Druck aus dem Osten nicht widerstehen, wenn man nichts unternehme, um endlich zum Gegenangriff überzugehen. Wenn sich Deutschland aufraffe, so könne das nicht durch Hunderte von Grüppchen geschehen, die alle das Beste wollten, doch jede für sich fürchtete, die anderen könnten ihr zuvorkommen oder ihre Macht beschneiden. Er habe geglaubt, der Trommler zu sein, der alle die vielen Grüppchen zusammenrufe, damit sie sich endlich in einer großen Marschkolonne zusammenschließen sollten, er hätte dann dem höheren und berufenen Führer gesagt: Das habe ich gesammelt, das habe ich zusammengetrommelt, ich übergebe es dir, führe diese Männer zum Siege! Mit Sehnsucht habe er auf einen solchen Führer gewartet, aber dieser Führer sei nicht erschienen. Nur allmählich seien er und seine Freunde zur Überzeugung gelangt, daß er ganz allein befähigt sei, die Menge nicht nur zu rufen und zu sammeln, sondern auch zu führen. Auch seine Freunde hätten allmählich eingesehen, daß es jetzt nicht mehr um den von Preußen einst so vergotteten Staat gehe, sondern um das Volk selbst, denn der preußische Staat sei in seiner ganzen Herrlichkeit in Stücke gegangen, das Volk aber raffe sich wieder auf, um sich eine neue, eine für Jahrhunderte bleibende Form zu geben. Sein Nahziel sei von allem Anfang an gewesen, die internationale Sozialdemokratie zu bekämplen. Er habe nämlich in Wien während seiner bitteren Lehrzeit erkannt, daß international ganz allein immer nur die deutschen Sozialdemokraten seien, während die tschechischen, polnischen, ungarischen und italienischen Sozialdemokraten zuerst Tschechen, Polen, Ungarn und Italiener und dann in zweiter Linie Sozialdemokraten seien. Aber heute sei er auch in dieser Erkenntnis fortgeschritten, heute sehe er, daß es nicht mehr um die Sozialdemokraten, sondern um das ganze Volk gehe. Wann er antreten werde, den großen Wurf zu wagen und sich der Regierungsgewalt zu bemächtigen, das könne er nicht sagen, aber er hoffe, daß es bald geschehen werde. Dann solle die Welt erfahren, was ein einiges und in sich geschlossenes deutsches Volk leisten könne. Hitler erhob sich. Chamberlain schüttelte ihm ergriffen beide Hände: „Sie können nicht ahnen, was Sie mir gegeben haben! Sie können sich nicht vorstellen, was mir Ihr Besuch bedeutet.“ Die Tränen traten in Hitlers Augen: „Bitte, lassen Sie mich schweigen, ich kann es nicht ausdrücken, was ich empfinde; die Gefühle sind zu stark.“ „Herr Hitler, Sie haben einem alten Mann, der nie aufgehört hat, an das deutsche Volk zu glauben, reich beschenkt.“ Frau Winifred und Frau Eva ersuchten den Gast, im Frühling wieder nach Bayreuth zu kommen und der Eröffnung der Festspiele beizuwohnen. Als Hitler das Haus verließ, überreichte ihm ein Bote ein Fernschreiben aus München: „Major Buchrucker hat sich mit der Schwarzen Reichswehr den Regierungstruppen ergeben.“ Hitler erschrak nicht, im Gegenteil, er freute sich über den Ausgang des kleinen Putsches. Denn diese Buchrucker, Kapp, Kahr und wie sie alle hießen, waren nur kleine Provinzverschwörer mit irgendwelchen alten, verstaubten bürgerlichen oder konservativen Zielen, sie wollten das Alte und Vergangene wieder erwecken und zurückführen, sie hatten keine anderen Ziele als die Ehre Preußens, Bayerns oder der Fahne Schwarz-Weiß-Rot. Auch die Meldungen aus Sachsen waren günstig, General Müller schien den kleinen sozialdemokratisch-kommunistischen Aufstand niedergeworfen zu haben. Am Tag darauf erhielt Hitler in München ein Schreiben, das Chamberlain seiner Frau Eva diktiert hatte:
Note 1: Bruno Brehm has taken the literary liberty to make some alterations to H. S. Chamberlain's original letter to Hitler. The reference to Ludendorff for instance is omitted. |
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Seitenende. Letzte Änderung am / Paginaeinde. Laatste wijziging: 21 December 2003