Hereunder follows the transcription of the first half of the first volume of Briefe 1882-1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II, letters from Houston Stewart Chamberlain to various people and correspondence between him and emperor Wilhelm II, edited by Paul Pretzsch, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1928.

Hieronder volgt de transcriptie van de 1e helft van het 1e deel van Briefe 1882-1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II, brieven van Houston Stewart Chamberlain aan verscheidene personen en de correspondentie tussen hem en keizer Wilhelm II, geredigeerd door Paul Pretzsch, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1928.
 
 
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Band I, Seite I-VI: Einführung/Inhaltsübersicht

Band I, Seite 001-171: Die Briefe I. 1882-1907
Band I, Seite 172-332: Die Briefe I. 1908-1915
Band II, Seite 001-128: Die Briefe II. 1916-1924
Band II, Seite 129-275: Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II
Band II, Seite 276-288: Verzeichnis der Eigennamen
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VII


Die Briefe I. 1882-1907

VIII



Leere Seite.

1-6 An Miß Harriett Mary Chamberlain



Montag, 31/7/1882.     660 Bahnhofstraße, Bayreuth.

Liebstes Tantchen

    Fast möchte ich mit Parsifal ausrufen: „Ha, welcher Sünden, welches Frevels Schuld muß dieses Toren Haupt belasten“, wenn ich bedenke, daß fast eine Woche seit meinem letzten Brief verstrichen ist und ich inzwischen dreimal den „Parsifal“ erlebte. Hoffentlich hast Du Dich nicht etwa gesorgt, sondern begriffen, daß, da ich kein beruflicher Berichterstatter bin, dieses Meisterwerk mich einfach verstummen machte. Hiermit sage ich keine Redensart, denn wenn auch solche überwältigende Schönheit nach anderen, stärkeren als den herkömmlichen Worten der Bewunderung verlangt, so ist da noch eine zweite Überlegung, die es schwer, ja unmöglich macht, sich in der Hoffnung an den Schreibtisch zu setzen, etwas auch nur einigermaßen Zusammenhängendes oder Verständliches niederzuschreiben: und das ist die Schwierigkeit, nach ein- oder zweimaligem Hören ein Meisterwerk hinlänglich zu erfassen, an dem das Genie jahrelang schuf, — selbst dann, wenn man sich wie ich durch vorheriges Studium darauf vorbereitet hatte. — Als ich soeben meine Karte für die morgige Aufführung (die vierte) holte, sprach mich Prof. Riedel (Professor der Musik in Leipzig) an und meinte, daß, wenn man dieses Werk nur ein- oder zweimal gehört hätte, der Eindruck ein „schiefer“ sein müsse, da man nach den Schönheiten des 1. und 2. Aktes noch nicht reif für die Steigerung im dritten wäre. Und das erfuhr ich tatsächlich; denn zuerst bewunderte ich den 1. Akt am meisten, dann den 2. und jetzt erst, über allen Vergleich hinaus, den dritten.
    Wie wünschte ich, mein geliebtes Tantchen, daß Du das miterlebt hättest! Meine Erwartungen sind in jeder Hinsicht übertroffen worden, und, da Du es nicht mit eignen Augen sahest, fürchte ich, Du wirst mich für „wagnerverrückt“ halten, wenn wir heimkommen.
    Zuvörderst — das Theater, in all seiner Einfachheit und aus gewöhnlichstem Material erbaut, ist nach meiner Meinung durchaus imposant, erhaben. Ich spreche nur vom Innern. (Das Äußere konnte vermutlich bei Wagners kargen Mitteln überhaupt nur im einfachsten Stil errichtet werden und ist nun leider durch die Notwendigkeit eines angefügten Vorbaues — als Eingang für die kgl. Herrschaften — verdorben worden.) Es ist ein wirkliches Amphitheater, eine Sitzreihe über der anderen, genügend überhöht, um über den Kopf des Vordermanns hinweg jedem freien Blick auf die Bühne zu gewähren. Je weiter nach hinten, desto breiter werden die Reihen, d. h. sie erweitern sich fächerartig, und über der letzten ist die sogenannte „Fürstengalerie“, die aus drei langen und flachen Logen besteht, welche die ganze Breite einnehmen. An beiden Seiten springen dorische und ionische Säulen vor, oberhalb welcher, wie auch über der Fürstenloge, Kronleuchter angebracht sind, da es keine Zentralbeleuchtung gibt.
    Ganz unten, zwischen der vordersten Reihe und der Bühne, ist ein dunkler, geheimnisvoller Zwischenraum, dessen Bestimmung uns erst durch einen leichten Taktstockaufschlag des Dirigenten — es ist dies das einzige Zeichen, das dem Publikum den Beginn des Aktes verkündet — und darauf durch das Erklingen des wunderbaren „Liebesmahlspruchs“ erklärt wird. Du kannst Dir unmöglich den Eindruck dieser von unsichtbaren Händen gespielten Musik vorstellen, welche zwar nicht vom Himmel herunterkommt, aber gerade darum noch rührender, ja reinmenschlicher uns packt, durch das Heraufschweben der unsäglich ergreifenden Töne, die aus dem tiefsten Innern der Erde zu kommen Scheinen.
    Nun wirst Du mich am Ende für ganz verrückt halten, und dabei habe ich noch nichts über das Werk selbst gesagt. Was soll, was kann ich aber darüber sagen?! Dreimal habe ich es erlebt, nachdem ich es mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln durchstudiert, die ganze Musik auch Note für Note mit dem Klavierauszug verfolgt hatte, — — und nun ist es mir zur festen Überzeugung geworden, daß es sich jenen allergrößten Meisterwerken anreiht, auf welche die Menschheit stolz ist, und daß Wagner damit, ohne Widerspruch, unter die leuchtendsten Sterne erster Ordnung versetzt werden wird. — Möglich, daß ich mich hierin täusche; erste Eindrücke können ja noch eher irreleiten, als spätere, und die außergewöhnlichen Umstände mögen in diesem Falle ein besonders günstiges Urteil erzeugen.
    Du kannst besser darüber urteilen als ich. Ich muß nur noch hinzufügen, daß, obschon das Publikum durchaus nicht bloß aus „unbedingten Wagnerverehrern“ bestand, wir dennoch nur Worte der tiefsten Bewunderung hörten, ja selbst die (sehr wenigen) Zeitungsberichte, die ich gelegentlich zu sehen bekam, drückten sich ganz in gleichem Sinne aus.
    „Parsifal“ ist zwar kein Drama von so riesigen Ausmaßen wie der „Ring des Nibelungen“, von welchem man sagen darf, daß er nicht nur ein ganzes Epos, sondern eine ganze Mythologie in sich birgt, aber er ist ein   g r ö ß e r e s   und tieferes Werk, das in seiner dichterischen Konzeption noch mehr allumfassende Wahrheit enthält, ein wirkliches   D r a m a   (was jener nicht ist), in dem die Einheit der Handlung fast buchstäblich zu nehmen ist und als übertrieben betrachtet werden könnte, — und der Sinn dieser Handlung ist reinmenschlich, wendet sich an die edelsten und höchsten Gefühle und Leidenschaften des menschlichen Herzens und zeigt deren Sieg über die niedrigen, mögen diese auch in noch so glanzvoll schillernde Gewänder gehüllt sein. Es ist merkwürdig zu sehen, wie recht Wagner hat, wenn er meint, daß man seine Werke unmöglich verstehen könne, wenn man nur einen der beiden Teile betrachte, sei es die Musik oder die Dichtung, oder auch beide, aber getrennt; denn ich besitze z. B. das Gedicht dieses letzten musikalischen Dramas seit Jahren und habe es unzählige Male gelesen, muß aber gestehen, daß ich keinen Begriff von seiner wunderbaren Schönheit und Tiefe hatte, bis ich die „Verse mit der unsterblichen Musik vermählt“ hörte (vergib diese Abänderung Miltons!). Ein Musikreferent schreibt, daß er sich kaum der Tränen enthalten konnte beim Vorspiel. Du kennst ja den „Liebesmahlspruch“ — er wird jedoch hier viel langsamer genommen, und besonders die Schlußnoten dehnen sich bis zu dem, was Schumann „himmlische Länge“ genannt haben würde. Der Klavierauszug gibt einem keine Ahnung von den Akkorden, welche dann folgen und die wir den Harfen zuschrieben, während sie von sämtlichen Streichern „mit Dämpfern“ gespielt werden, — w i e —‚ das wissen wohl nur Gott und Wagner; es ist himmlisch, und der von mir früher oft verlachte Wolzogen spricht die reine Wahrheit, wenn er sagt: „Mit diesen göttlichen Harmonien zieht der göttliche Geist der Liebe alsbald in die ergriffen lauschenden Herzen ein, die, wie   e m p o r g e z o g e n   zum himmlischen Quell usw. usw.“. Ja, „emporgezogen“ — das ist das rechte Wort; man fühlt sich wirklich auf Engelsschwingen zum Himmel hinaufgetragen. Wären nicht die sehr langen Zwischenakte (in deren einem man zu Abend ißt), brauchte man erst beim letzten Fallen des Vorhangs wieder zur Erde hinabzugleiten.
    Trotz des, wie ich schon sagte, Reinmenschlichen und zu jedem Herzen Sprechenden im „Parsifal“ ist dieses Werk dennoch durchaus deutsch, indem es auch wahrhaft subjektiv ist, und diese Eigenschaft erhebt es ins Ideale. Die äußere Handlung ist gering und obendrein grundverschieden von dem, was unser jetziges äußeres Leben ausmacht; der dichterische Grundgedanke, die Gemütsbewegungen, die inneren Konflikte, die eigentlichen Situationen an sich (wenn man sie der äußeren Hüllen entkleidet) sind wahr und lebensvoll; aber sie werden uns wie in einem Gleichnis vorgeführt. Die Handlung spielt in der noch halb sagenhaften Zeit der Ritter von der Tafelrunde, wo der Glaube an Zauberei bewies, daß die Kluft zwischen dem Menschen und der übrigen Natur nicht so tief war wie jetzt. Der Ort der Handlung ist in eine halb fabelhafte Gegend verlegt, nicht mehr in das gute alte Deutschland, wie in Wagners früheren Werken, sondern auf einen unbestimmten Berg Spaniens „dem arabischen Spanien zugewandt“. Dazu die wunderbare, jedes Wort, jede Bewegung begleitende Musik, die der unbedeutendsten Einzelheit einen idealen Reiz verleiht und uns weit über das Alltägliche hinaushebt; ja, dieses sogenannte „Zukunftsdrama“ zeigt uns wirklich den Menschen in einem zukünftigen, höheren Entwicklungszustand, — das materielle Substrat bleibt zwar unverändert, aber seine Kundgebung erscheint uns in schönerer, idealerer Form.
    Im Verlauf dieser letzten Woche hat sich mein Standpunkt zum Wagnertum sowie meine Einschätzung des grundlegenden Gedankens vom „Musik-Drama“ erheblich geändert. Jeder vernünftige Mensch wird leicht zugeben, daß man Wagners Dichtungen ohne die Musik gar nicht zu beurteilen vermag, — aber weit schwerer zu begreifen (schwerer ob der Neuheit dieser Vorstellung) ist, wie unmöglich es ist, Wagners Musik ohne die Dichtung — besonders ohne das gesungene Wort — zu verstehen und in irgendeiner, höchst unvollkommenen Weise einzuschätzen.
    Das mag vielleicht paradox klingen, aber im gegenwärtigen Augenblick bin ich von der   ü b e r w ä l t i g e n d e n   S c h ö n h e i t   dieses — wie soll ich es nennen? — Gesanges, besser, dieser gesungenen Worte bezwungen. Es muß wirklich ein neues Wort gefunden werden, denn es ist geradezu absurd, von einem „endlosen Rezitativ“ zu Sprechen, wie oft geschehen ist, und anderseits kann man es ebensowenig eine „Melodie“ nennen. Du entsinnst Dich gewiß, daß uns schon im Klavierauszug einige Stellen auffielen, so: „Muß ich denn sterben, vom Retter ungeleitet?“, — „Wehe, wehe, usw.“. „Er naht, sie bringen ihn getragen“, und andere. Aber abgesehen von der für Dilettanten beträchtlichen Schwierigkeit, Klavierspiel und Gesang zu vereinigen, oder die Singstimme mitzuspielen, sind Übung und Vertrautheit zur wirklichen Würdigung dieser zugleich ureigensten, tiefsten und bedeutendsten Wagnerschen Neuerungen unumgänglich notwendig. Beim ersten Durchblättern der Partitur meint man, daß die Singstimme in ihrem Auf- und Absteigen ziemlich willkürlich behandelt wäre, ja man ist fast zu der Annahme versucht, daß die einzige „raison d‘être“ des Notenwechsels in dem Gesetz der Unterordnung unter die begleitende Musik läge. — Irrtum! Tiefer Irrtum! Du ahnst gar nicht, wie zart bei aller Kraft und Fülle das Wagnersche Orchester ist; die Stimme beherrscht es immer. Die oft gehörte Behauptung, daß die Stimme in Wagners Dramen in dem Tonmeer ertränkt werde, ist haltlos. Wohl   g i b t   es einen Ozean von Harmonien, und Welle auf Welle rollt in unendlicher Folge aus dem unsichtbaren Orchester empor, aber es ist ein Ozean, der Handlung und Darsteller trägt und in dem diese als Sieger schwimmen.
    Wunderschön und namentlich durchaus geschmackvoll ist auch die Inszenierung, und die Hauptgruppierungen sind offenbar von Künstlerhand entworfen worden. — Im ersten Akt ist die Wirkung der von links nach rechts sich bewegenden Wandeldekoration, in welcher das ursprüngliche Waldesdickicht allmählich in eine felsige Gegend mit Gewölben und Säulengängen übergeht, von ganz großartiger Wirkung, besonders durch das wiederholte Auftauchen der Gestalten von Gurnemanz und Parsifal, dunkel und undeutlich im Hintergrund. Es gemahnte mich an G. Dorés Zeichnungen von Dantes Hölle.
    Die Blumenmädchen sind einfach entzückend; alle Musiker stimmen darin überein, daß Wagner mit diesem Chor, wenn man es so nennen will, „etwas noch nie Dagewesenes“ geschaffen habe; die unglaublich schweren Anforderungen, welche er darin stellt, sind so glänzend überwunden worden, daß man sich sorglos dem unbeschreiblichen Zauber dieser Szene hingeben darf, deren jugendliche Darstellerinnen aus den besten Theatern Deutschlands auserlesen wurden. — Aber die Krone dieses Wunderwerks ist die Fußwaschung Parsifals durch die büßende Kundry im 3. Akt und die begleitende Episode der „Blumenaue“ oder „Charfreitagszauber“, wo Parsifals Ausruf „Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön!“ vom alten Gurnemanz mit den Worten beantwortet wird: „Das ist Charfreitagszauber, Herr! Des Sünders Reuetränen sind es, die heut‘ mit heil‘gem Tau beträufeln Flur und Au‘ . Der ließ sie so gedeihen, usw. usw.“ — „Da hört Alles auf“ und so auch

Dein Houston.

Dank für die beiden Karten.
 

7-12 An Miß Harriett Mary Chamberlain



Warnemünde 28/8 1883.

Liebstes Tantchen,

    Besten Dank für Deinen Brief vom 19. und den — anbei zurückfolgenden — von Harry, der uns die Geburt seines Sohnes mitteilt.
    Es wird Dich freuen, daß Seeluft wie Seebäder mir sehr zuträglich sind; sogar ein kleiner Ausschlag, den ich hier bekommen habe, wird als günstige Wirkung des Wassers gedeutet und beweist mir jedenfalls, daß meine Haut und vielleicht auch mein Blut reagieren, und da ich mich recht wohl fühle, darf die Warnemünder Theorie den Vorrang vor manchen anderen landläufigen beanspruchen. Eigentlich gedachte ich heute in Kopenhagen zu sein („Kjöpenhavn“, was wörtlich „Kaufhafen“ bedeutet), allein eine Verletzung der Zehe, die ich mir neulich auf den Stufen der Badehütte zuzog, zwang mich zum Aufschub. Doch es ist nichts Schlimmes und schmerzte bloß einen Tag, und wenn sich der Wind einigermaßen legt, will ich morgen aufbrechen und vielleicht über Lübeck am Sonntag zurückkehren. Jeder, der Kopenhagen kennt, ist entzückt davon, und allein das Thorwaldsen-Museum würde genügen, um den Ausflug zu einem interessanten zu machen. Möglicherweise werde ich dem nördlichsten Punkte: Helsingör einen Nachmittag widmen, — man erblickt von dort die schwedische Küste. Nach Lübeck würde ich hauptsächlich um der Kirchen willen gehen, da sie durch die ausschließliche Verwendung von Backsteinen typisch für den reinen gotischen Stil des nördlichen Deutschland sein sollen und sich in manchem von anderen bekannteren Bauarten, wie den Kirchen am Rhein, in Frankreich und in Süddeutschland wesentlich unterscheiden. Die in letzterem so stark ins Auge fallenden Bogenpfeiler, welche dem Äußeren jene merkwürdige arabeskenartige, nach oben drängende Form geben, sind, wie ich erfahre, wegen der Backsteine dort unbekannt. Das Äußere wirkt dadurch etwas schwerfällig, — aber ohne, meiner Meinung nach, der Schönheit und Größe zu ermangeln; denn abgesehen von Einzelheiten ist die Anlage die gleiche wie bei anderen gotischen Kirchen. Die einzige Kirche dieser Art, die ich sah, diejenige in Doberan bei Heiligendamm (aus dem 13. und 14. Jahrhundert) erinnert in ihrem äußeren Bau auffallend an den Dom von Pisa. Du entsinnst Dich wohl des großartigen Eindrucks, den dieser, von der Ostseite neben dem Kampanile aus gesehen, uns machte? Er ist ja viel älter, eigentlich Frühgotik, aber sein Erbauer war ein Deutscher (il Tedesko), und obschon ich hier von Dingen rede, von denen ich nichts verstehe, sollte es mich sehr wundern, wenn da nicht eine Art von Verbindung vorläge, so auffallend ist die Verwandtschaft in der allgemeinen Inspiration. Leider habe ich kein einziges Buch bei mir, das mir, wie Lübke, den erwünschten Aufschluß gäbe.
    Aber ich werde weitschweifig, und das ist meinem widerspenstigen rechten Handgelenk nicht eben zuträglich, — da ich täglich wenigstens einen, oft mehrere Geschäftsbriefe zu schreiben habe und die Hand dann nach Ruhe verlangt. So kam es, daß ich Dir noch kaum etwas von Leipzig berichtete, wohl nur, daß ich dort dem alten Liszt vorgestellt worden bin, der von Weimar herübergekommen war (wo er trotz seiner 72 Jahre ein Oratorium¹ schreibt), um Berlioz‘ „Benvenuto Cellini“ anzuhören. Prof. Riedel kennt meine tiefe Abneigung gegen jedwedes Hervordrängen und jene rohe Belästigung berühmter Männer, aber   e r   bestand in diesem Fall darauf, daß ich eingeführt würde, und da Liszt sein langjähriger Freund sei, könne ich das sehr einfach. Prof. Riedel hatte Liszt von mir gesprochen und daß ich sein Gast sei. Dieser habe gleich erwidert, daß er   m i c h   bereits   k e n n e   (d. i. von mir wüßte) und sich sehr auf meine persönliche Bekanntschaft freue. Leider konnten mir weder Vater noch Tochter Riedel erklären, wodurch und was Liszt etwa von mir wüßte. „Mystère!“
    Immer von einer Menge Anbeter umgeben, war der greise Herr auch diesmal mit etwa 20 Menschen von Weimar herübergefahren; darunter befanden sich neben Gräfinnen auch Damen geringerer Herkunft, Kapellmeister und Pianisten; bei letzteren ein sehr netter Engländer. Du bist wahrscheinlich ebensowenig, wie ich es bis vor kurzem noch war, darüber im klaren, einen wie bedeutsamen Anteil Liszt an der ganzen Entwicklung der modernen Musik hat. Seine Stellung als größter Pianist und als Schöpfer einer ganz neuen Kunst des Klavierspiels, welche das Klavier vollständig umwandelte, bedingt bei weitem nicht seinen einzigen oder größten Anspruch auf Ruhm und auf die förmliche Anbetung, die ihm von zahlreichen Musikern gezollt wird. Im Gegensatz zu den anderen Virtuosen hat er von Anfang an seinen ganzen Einfluß, seine ganze Popularität dazu verwendet, jungen Talenten die Wege zu ebnen, sie zu ermutigen, indem er ihre Klavierwerke spielte und ihre Opern und Oratorien usw. aufführte, als er längere Zeit in Weimar Musikdirektor war. Dabei kämpfte er auch mit seiner stets bereiten glänzenden Feder für sie, so daß wir in großem Maße, um nur einige zu nennen, Berlioz, Chopin, Schumann, Wagner ihm zu verdanken haben. Und Wagner selbst sprach es in seiner Rede am Schluß der vorjährigen Festspiele aus, daß er alles, was er sei, Franz Liszt schulde.
    Schließlich muß ich auch noch seinen Ruhmesanspruch als Komponist erwähnen, der nach zuständigstem Urteil mir als groß bezeichnet wurde, als weit bedeutender, als die Allgemeinheit ahnt. Er selbst hält nicht viel von den meistgekannten seiner Werke, wie den „Ungarischen Rhapsodien“, die er eigentlich um des technischen Könnens willen schrieb. Leider kenne ich kaum etwas von ihm; seine Kompositionen sind ausnehmend schwer, — man sagt mir, sein „Waldweben²“ für Klavier gehöre zu dem Schönsten, — seine Oratorien „Die heilige Elisabeth“ und „Christus“ sowie andere Werke kann man nur in einigen Städten, wie in Leipzig, hören. — Ich muß sagen, ich blickte mit achtungsvoller Bewunderung auf diesen Mann, der noch ein Zeitgenosse Beethovens gewesen ist, und unter dessen Flügeln alle größten Musiker dieses Jahrhunderts emporwuchsen, und der nun, nachdem er sie   a l l e   zu Grabe geleitet hat, ruhig in seinem kleinen Weimar sitzt und neue Werke schafft. — Du kennst mich genügsam, um zu glauben, daß ich mich beim gemeinsamen Abendessen so weit ab als möglich von seinem Gesichtskreis setzte. Prof. Riedel meinte: „Es ist immer ein Anfang!“ „Benvenuto Cellini“ ist eine ebenso merkwürdige als originelle Schöpfung des ebenso merkwürdigen als originellen Genies Berlioz, der sicher ein halbes Jahrhundert zu früh in die Welt kam und überdies das Mißgeschick hatte, in einem Land geboren zu werden, das ein musikalisches Empfinden von geringer Tiefe besitzt. Die Leipziger Musiker stimmten meiner Verwunderung darüber bei, daß ein solches Werk bereits 1836 oder 1837 (ich vergaß, in welchem Jahre) geschrieben wurde. Die Instrumentation ist — wie übrigens in allen Berliozschen Werken — durchaus das, was wir mit modern bezeichnen, und wenn auch seine Rezitative grundverschieden von der musikalischen Deklamation in den Wagnerschen Werken der 3. Periode sind, so darf man den „Cellini“ doch insofern als Vorläufer der Wagnerschen Musikdramen bezeichnen, als man darin kaum mehr eine Spur von der alten konventionellen Form findet und sein Orchester eine sehr unabhängige Rolle spielt. Natürlich kann man aber Berlioz ebensowenig mit Wagner vergleichen wie das Licht des Sirius mit der Sonne, doch bleibt der „Benvenuto“ nichtsdestoweniger sehr interessant, und ich betrachte es als einen Glückszufall, daß ich ihn zu hören bekam, denn bei den ungewöhnlichen Schwierigkeiten in Ansehung der musikalischen Ausführung und seiner schweren Zugänglichkeit wird dieses Werk stets nur ein „Leckerbissen“ für Feinschmecker bleiben und niemals ein Zugstück des Repertoires werden.
    Gerne würde ich Dir so manches von meinen eingehenden Unterhaltungen mit dem alten Riedel mitteilen, aber ich muß es leider aufschieben und hoffe, einiges in späteren Briefen nachzuholen, erstens meiner Hand wegen, zweitens soll der Brief heute noch in den Kasten.
    Ich machte nette Spaziergänge in dem reizenden Leipziger Anlagen, sah auch das kleine Haus, in dessen Dachzimmer Schiller einst als Student wohnte und sein „Freude, schöner Götterfunken“ schrieb. Der Raum ist fast unberührt geblieben, sein Tintenfaß ist noch da, ebenso die weiße Weste, welche er zu großen Gelegenheiten trug. Es ist fast zu bedauern, daß so alltägliche Nebensächlichkeiten wie sein Waschtisch der Aufmerksamkeit des Besuchers aufgedrängt werden, — mit der unausbleiblichen Folgerung, daß der Dichter, dessen sämtliche Toilettengegenstände auf einem Raum etwa zweimal so groß wie dieses Blatt Papier Platz hätten, einen sehr, sehr beschränkten Gebrauch von dem gemacht haben muß, was wir chemisch H20 nennen. — Ich sah auch Auerbachs Keller. Hierher pflegte Goethe als ganz junger Student zu kommen, und man ersieht daraus, wie frühzeitig schon sein Sinn auf den Stoff seiner großen Dichtung gerichtet war, — denn in diesem Keller befindet sich das große Faß, auf dem Dr. Faustus der Überlieferung zufolge ritt, mit einer alten Inschrift und einem Erinnerungsbild an dieses Interessante Faktum. Eine Menge verschiedenartigster alter Bücher aus den frühesten Tagen der Buchdruckerkunst befinden sich seit Goethes Zeit auch noch daselbst und berichten von Dr. Fausts Wundertaten und Zauberei.
    Mit Ruthardt³ und seinem Bruder, der jetzt als erster Kapellmeister nach Magdeburg geht (zum Leidwesen der Leipziger, da er ein sehr netter Mensch ist), verbrachte ich einen angenehmen Abend.
    Wir verließen Heiligendamm, wie ich Dir, denke ich, schon erzählte, einesteils wegen der Ausgabe, und anderseits, weil mich nach ein wenig Seeleben verlangte, nachdem ich die See so lange nicht gesehen hatte. Obwohl der hiesige Hafen klein ist, da Rostock in den letzten 50 Jahren viel von seiner Bedeutung als Handelsstadt eingebüßt hat, vergeht dennoch kaum ein Tag, ohne daß Schiffe ein- und auslaufen. Fast alle bringen Holz aus Schweden, Norwegen und Finnland, aber einige führen auch Kohlen aus Grimsby und andere Petroleum aus Amerika. Fast alle Schiffe sind deutsche (aus Rostock) oder skandinavische, einige auch russische, während bisher nur ein einziges französisches (das Petroleum führte) einlief und vorgestern ein großer englischer Kohlendampfer. Die Ausfuhr scheint dagegen gering zu sein, da alle diese Schiffe Sand als Ballast nehmen. Fischerboote gibt es die Menge, nicht ganz so groß wie in Cannes, mit zwei Masten und drei Segeln, durchaus sauber; und die Schiffer haben jenen eigentümlich gewinnenden Ausdruck auf ihren verwitterten Gesichtern, der vielen Seeleuten eigen zu sein scheint. Die meisten können Englisch, da sie sämtlich manches Jahr zur See gefahren sind. Ich fahre fast täglich auf einige Stunden mit dem Boot hinaus; es ist fast immer eine gute Brise auf der Ostsee, und schwerer Wind und hohe See sind manchmal ganz plötzlich da; aber die Boote hier gehen meilenweit hinaus und halten viel aus.
    Der einzige Mißstand hier ist die Nahrung; sie verhindert, daß das gesunde Leben seine volle wohltätige Wirkung tut. Nicht daß sie schlecht an sich sei, — aber diese guten Deutschen haben in dieser Hinsicht, in manch anderer auch, fürchte ich, einen sehr verdorbenen oder besser überhaupt keinen Geschmack. Sie lieben alles Ungesunde, Schwere, Unverdauliche, — nähren sich von stopfenden Sachen und essen nichts Nahrhaftes. Dabei und bei ihrem gänzlich unathletischen Leben ist es ein Wunder, wie diese Rasse so kraftvoll bleibt; sicher ist das eine Gottesgabe, — sie selbst tun nichts dazu.
    Grüße mir herzlich Onkel und Tante Anna und vergiß nicht, mir Nachrichten von ihr zu geben.

Dein Houston.
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    ¹ Das unvollendet gebliebene Oratorium „Stanislaus“.
    ² Gemeint ist wohl die Konzertetüde „Waldesrauschen“.
    ³ Adolf Ruthardt, hochangesehener Musiklehrer in Genf (vgl. „Lebenswege meines Denkens“ S. 226 f.), später in Leipzig.
 

12-14 An Felix Mottl



9. Februar 1889.        3 Reichenbach Straße. Dresden.

Sehr geehrter Herr

    Sie mögen mich gut verfluchen! Und nun soll ich Ihnen noch gar   s c h r e i b e n   über diese Cellini-Geschichte? Frau Wagner bittet mich darum [Cosima Wagner und H. S. Chamberlain in Briefwechsel, 8. Februar 1889], ich tue es ihr zu Gefallen und bitte, es mir nicht übel zu nehmen.
    Am Jahre 1883, gleich nach Schluß der Bayreuther Festspiele, war ich einige Tage bei dem verstorbenen Carl Riedel zu Besuch in Leipzig. Am Tage vor meiner Abreise fand die erste Aufführung von Cellini statt, mit Schott als Gast. Liszt kam dazu von Weimar herüber — mit einem gar wunderlichen Kometenschweif.
    An den Tagen vor der Aufführung war Prof. Riedel so freundlich gewesen, mir den größten Teil des Cellinis vorzumusizieren, und zwar aus einem Klavierauszug mit französischem und deutschem Text. Dabei hatte sich zwischen uns eine kleine Diskussion entsponnen, — indem ich von einer Arie der Therese im ersten Akt behauptete, dieselbe passe gar nicht in den Rahmen des übrigen, sei unschön usw., was Riedel seinerseits   n i c h t   zugab. In der Aufführung wurde nun diese Arie gesungen. Während der Pause zwischen dem ersten Akt und dem zweiten unterhielten sich Liszt und Riedel sehr lebhaft; ich hörte ihre Unterhaltung nicht; — aber auf einmal kommt Riedel auf mich zugelaufen, sehr heiter, und sagt: „— — das ist ein merkwürdiges Zusammentreffen! Sie wissen diese Arie der Therese, die Sie nicht mögen — und über die wir uns stritten; Liszt erzählt mir soeben, es sei das Einzige, was er in Weimar gestrichen habe, — er habe dem Berlioz erklärt, das wolle und könne er nicht dirigieren. Es hat ihn geärgert, daß man die Arie hier gesungen hat.“
    Das ist meine erste Cellini-Anekdote; — nun die zweite.
    Nach dem Theater waren wir alle zusammen im Hotel de Prusse (oder einem anderen Gasthause); — als Gast Riedels hatte ich die Ehre, mich dem wunderlichen Schweife anschließen zu dürfen; ich saß neben Riedel und nicht sehr weit von Liszt, so daß ich der Unterhaltung gut folgen konnte. Ich entsinne mich, daß Liszt behauptete, Cellini sei die schwerste Tenorrolle, die es überhaupt gäbe (wozu ich allerdings bemerken muß, daß Schott am Tische saß). Das wichtigste war aber, daß Liszt — einigen anderen Meinungen gegenüber — ausführte und mit großer Bestimmtheit behauptete, die große Arie (Monolog) von Cellini im dritten Akt (vor dem Gusse: „sur les monts“) sei der Höhepunkt des ganzen Dramas, — man solle Cellini lieber nicht geben, als diese Streichen. (Schott hatte sie auch gesungen.) Riedel stimmte Liszt vollkommen bei. Dieses kann ich beschwören; und ich habe ein gutes und nüchternes Gedächtnis.

Mit vielen Grüßen in herzlicher Ergebenheit

Ihr Houston S. Chamberlain.
 

14-15 An Frau Dr. Karl Muck



Wien Blümelgasse 1. 11. II. 1894.

Geehrte gnädige Frau

    Gestatten Sie mir die Mitteilung, daß ich — nach dem endlich definitiven Entschluß des dortigen Wagner-Vereins — nächsten Samstag. den 17. d. M., in Graz — meinen Vortrag — „Schematische Übersicht über das Leben R. W.s“, halten soll.
    Ich werde nicht ermangeln, Ihrem Herrn Vater¹ meine Aufwartung zu machen; sehr wird es mich freuen, wenn seine Geschäftstätigkeit (die, nach den Zeitungen zu urteilen, gerade in diesem Augenblick außerordentlich groß sein muß) ihm gestattet, mich zu empfangen. — Dürfte ich Sie nun bitten, gnädige Frau, Herrn Dr. Portugall durch eine Zeile meinen Besuch anzukündigen? — nämlich nur, damit nicht im ersten Augenblick ein Mißverständnis entstehe und er mich nicht etwa als Kandidaten für die Stelle eines Wasserleitungsinspektors oder dgl. halte! Mir ist einmal etwas Ähnliches passiert, und es war wirklich eine peinliche Minute.
    Seit meinem Besuch in Berlin habe ich Influenza mit Diphtheritis durchgemacht; kann mich noch gar nicht erholen. Hoffentlich ist es Ihnen besser ergangen? In dem „Guide Musical“ von Brüssel lese ich immer das Lob Ihres Herrn Gemahls; das tröstet mich für die Notlage, welche mich zwingt, das alberne Blatt zu halten. Seit unserem Fidelio-Gespräch ist mir Dr. Muck sehr nahe;   e i n   Wort führt einen bisweilen weiter, als zehn Jahre Schwatzens. Wer versteht es, die Verwandtschaft, die Ebenbürtigkeit, zwischen den Großen, die es können — Beethoven —‚ und den Großen, die es nicht können, Hoffmann, zu empfinden? Wer begreift es, daß der gänzliche Mangel an derber Volkstümlichkeit ebenso sicher von der Erreichung der sogenannten Genialität abschneidet, als hätte der Mensch gar kein Talent? Wer hört die Stimmen derjenigen, welchen ein überirdisches Gelübde Schweigen auferlegt? — Die   „E i n f a c h e n“,   das ist die Alltagsmenschen, jedenfalls nicht, — aber Ihrem lieben Manne traue ich alles zu, — für   m i c h   braucht er keine Gedichte zu schreiben und keine Musik zu Papier zu bringen, — die Luft um ihn herum phosphoresziert ordentlich von Erscheinungen aus einer anderen Welt, und während er bei Dressel saß, war es mir, als weile seine viertdimensionale Seele irgendwo ganz anders und führe ein Meisterwerk auf! Ob hier, ob dort, gleichviel!

Mit vielen Grüßen Ihr ganz ergebener

Houston S. Chamberlain.
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     ¹ Bürgermeister Portugall von Graz.
 

15-22 An Professor Christian von Ehrenfels



7. November 1894        VI Blümelgasse 1. Wien.

Lieber Freund
    Entschuldige die Aufdringlichkeit einer umgehenden Antwort; wie Du aber, glaube ich, weißt, habe ich in diesem Winter eine — für meine Schwachen Kräfte — ungeheuer große Aufgabe¹ vor. Ich bin aus diesem Grunde zur sofortigen Beantwortung — wie ein Kaufmann — gezwungen, sonst komme ich gar nicht zu Rande — wenn Ich die Sachen Sich anhäufen lasse, — ich vergesse sie überhaupt. [...]
    Der Ausdruck „Chamberlainsche Strich“ gefällt mir außerordentlich; ich bin sehr stolz darauf. Dieser Strich ist sogar ein ganzer Kreis, — ein Zauberkreis, in den ich die unsichtbaren Geister banne, — fest überzeugt, daß nur eines wahrhaft produktiv auf dieser Erde ist: die poetische Schöpfung. Ob wir Isaac Newton, Charles Darwin oder Beethoven und Wagner sind, wir müssen es immer so anfangen, wie seinerzeit unser lieber Herrgott und „aus Nichts Etwas machen“, — das Etwas zerbröckelt in unseren Fingern zu Nichts.
    Bezüglich der   K r i t i k,   so möchte ich auf den großen Unterschied aufmerksam machen in der Bedeutung, die diesem Wort in den positiven Naturwissenschaften und dagegen in den literarischen, politischen und anderen Disziplinen beigelegt wird. Das Grundprinzip der Naturforschung ist das alte „panta kala lian“des ersten Buches Moses‘; was ist, ist gut: die Natur anders zu wollen als sie ist, — die Behauptung aufzustellen, dieses Tier hätte zu lange Beine und jener Baum eine nicht schön genug gefärbte Blüte, — so etwas brächte den Naturforscher ins Narrenhaus.   K r i t i k   wird dort nur und ausschließlich in bezug auf die Person des Beobachters, auf seine Instrumente usw. angewandt, und das Kriterion für seine Hypothesen wird aus den vorliegenden   T a t s a c h e n   entnommen, — und zwar „sans appel“. Diese Tatsachen bewegen sich aber gänzlich außerhalb dessen, was wir „logisch“ nennen. Es gibt kaum eine organische Gestalt, die uns nicht bei ihrer ersten Entdeckung geradezu   a b s u r d   erschiene, lächerlich, mißgestaltet, unpraktisch (ich verweise Dich z. B. auf die neuen amerikanischen Entdeckungen auf paläontologischem Gebiete), — und erst allmählich konstruieren wir uns die „logische Zweckmäßigkeit“ dieses bestimmten Typus zu unserer Zufriedenheit — wobei das Grundgesetz der notwendigen Einheit aller Apperzeption (siehe Kant) sein Amt fehlerlos versieht, indem es sich erst wie Gummielastikum ausdehnen läßt, und dann — sowie die neue „Tatsache“ umfaßt ist, sich — wiederum elastisch — fest um das Bündel Anschauungen zusammenzieht, so daß jeder die Überzeugung hat: „Mehr geht nicht hinein.“ Nur der klarblickende Naturforscher sagt sich: „There are more things in heaven and earth —“. Und ich meine, daß auf diese Art in demjenigen, der — mit philosophischem Sinne begabt — die praktische — beobachtende und experimentierende — Schule der Naturwissenschaft durchgemacht hat, sich ein besonderer Begriff, oder sagen wir lieber eine besondere Praxis der   K r i t i k   ausbildet, — eine Praxis, die so grundverschieden ist von derjenigen der Literaten, Fachphilosophen usw., daß es allerdings sehr auffallen muß, wenn ein solcher Mann sich nun auf einmal einen großen Mann, ein Genie, vornimmt und sagt: „Den will ich mir genau so ansehen und ähnlich betrachten, als wäre er eine Giraffe.“ Denn nun haben wir einen Kritiker, der die scharfe Waffe seiner Vernunft nach   i n n e n   richtet, — während er nach   a u ß e n   das Auge nur liebevoll und weit öffnet. Jeder andere tritt an die Erscheinungen mit bestimmten, logisch gegliederten Vorstellungen, Meinungen heran, mit anderen Worten, mit Dogmen. Der Naturforscher hat nun allerdings auch ein Dogma — das muß ich zugeben — es ist aber die   N a t u r,   die Natur sans paroles. — Und ich meine nun, daß meine sog. „Kritiklosigkeit“ durchaus kein Mangel an kritischem Scharfsinn ist, sondern nur eine andere Orientierung dieser Tätigkeit des Geistes. Ich nannte vorhin das   A u g e;   aber was das Auge für die Erfassung der äußeren Gestalt, das ist das   H e r z   in bezug auf das Begreifen der inneren Regungen, des Charakters, der ganzen individuellen Persönlichkeit. Selbst der alte, dürre, hausbackene Kant — mit seinem „hölzernen Bein“ der Moral, wie Schopenhauer spottet — sagt einmal, „in der   w a h r e n   W e i s h e i t   gäbe das Herz dem Verstande die Vorschrift“. — Und so trifft Wagners berühmter Spruch:   „n u r   wer ihn liebe, könne ihn verstehen“, ganz und gar mit meiner ureigenen Empfindung zusammen. Und hier muß ich Sie (!) darauf aufmerksam machen — denn dieser Brief ist ein apologetischer —‚ daß bei mir zu dem Naturforscher sich der Poet gesellt. Will ich jemandens Ansichten, seine Lehren, seine Paradoxen — kurz, seine geistige Erscheinung — verstehen, so versuche ich so vollkommen als möglich in seine Haut hinein zu schlüpfen; ich schaue in die Welt hinaus durch seine   A u g e n, — ich lasse dieselben Einflüsse auf mich wirken, — ja, ich bin auch mit ihm unaufrichtig oder gar lügnerisch — was kann denn ich dafür, wenn die betr. Giraffe einmal so ist? Und nur in dem Maße, in dem mir diese Identifizierung gelingt, empfinde ich, daß ich wirklich   v e r s t e h e.   Und — das gestehe ich — was man gewöhnlich unter Kritik versteht, ist mir dann gemeiniglich höchst langweilig. Wer nicht in jener Haut gesteckt hat, wer nicht durch jene Augen die Welt betrachtet hat, der weiß ja doch nicht, was das Genie meinte, er kann ja doch nicht den gesamten Zusammenhang überblicken, sonst müßte er mit Gott sagen: „Und siehe da, es ist sehr gut.“
    Der ungeheure Vorzug von Menschen Deiner Art, lieber Freund, ist nun der, daß sie mit jeder einzelnen „Kritik“, die sie an anderen üben, klarer in sich selbst sehen. Ihr seid gewissermaßen Kanibale, — und wißt sehr gut, daß ein in Stücke zerrissener Organismus nur noch zur Nahrung taugen kann, — womit ich keineswegs Mangel an Originalität vorwerfen will, da ja die Nahrung assimiliert und zu neuem Fleisch umgewandelt wird. Wir dagegen sind Metempsychosianer, — uns ist die Seelenwanderung das Allergeläufigste! Der Genuß ist ein großer, ein göttlicher. Du darfst nur ja nicht glauben — wie Du anzunehmen scheinst —‚ daß ein Mensch meiner Art imstande wäre, sich „mit Haut und Haar“ an irgend jemanden — und sei es selbst der Teufel in höchsteigener Person — zu vergeben. Zwar sehen wir in uns selbst nicht sehr klar, — ich kann z. B. aufrichtig sagen, daß auf der ganzen Welt kein Mensch mich so wenig interessiert wie ich selber, und 999mal von Tausend, wenn ich an einer Diskussion  nicht teilnehme, so kommt das einfach daher, daß ich wirklich gar keine Meinung habe, sondern mich ganz neutral im Innern verhalte — nur immer bereit, wo ich auch Geist und Hochherzigkeit sehe, deren Partei zu nehmen. Aber ich muß in mir die Einseitigkeit gewissermaßen künstlich großziehen und erhalten, sonst würde mich meine naturwissenschaftliche Objektivität zu der weiten Steppeneinöde des à tout prix genau gerechten, alles abwägenden Geistes verführen; und dann der Schalk, die Ironie, oh! vor dem muß ich mich sehr in acht nehmen, — der brächte meine Seele in die Hölle, wenn ich nicht sehr aufpaßte. Denn, Männer meiner Art sind die wirklichen Skeptiker par excellence; ein so feiner Psycholog, wie Du, kann das unmöglich übersehen haben; und genau so wie die Griechen nicht bloß infolge ihrer so vieles ermöglichenden Begabung die größten Bildner der Welt waren, — sondern auch deswegen, weil sie die häßlichsten Weiber von ganz Europa die ihren nannten, — so daß die   S e h n s u c h t   das eigentliche treibende Motiv ihrer großen Kunst war, ebenso sind Männer wie ich gute Apostel,   w e i l   sie solche Skeptiker sind, die überall mit sicherem Blick die Unzulänglichkeit sofort entdecken, — und darum mit Verzweiflungskraft glauben.
    Nun zu etwas anderem.
    Mit religiöser Gewissenhaftigkeit vermeide ich, wenn ich von Wagner spreche, eine eigene Ansicht vorzubringen. Ich bin ein Anwalt, ein Anwalt, der zugleich ein leidenschaftlich liebender Freund ist. Ja, ich bin mehr als das: ich bin ein Dichter, der sich mit dem Toten, dem er zum Worte verhilft, ebenso identifiziert wie ein Shakespeare mit seinem Falstaff, seinem Lear, seinem Macbeth — Ich rede natürlich nicht von der Intensität des erreichten Ausdrucks, sondern einzig von der   A r t   zu empfinden. Wenn ich mich bestrebe, Wagners Ansichten und die Bilder, die ihm vorschwebten, anderen so lebendig, so plastisch als möglich vorzuführen, — so bin ich niemals als selber mitredend, parteinehmend zu denken. Wie ich bisweilen im Gespräch meine Frau ungeduldig unterbreche: „Ach   i c h?   Ich existiere ja gar nicht!“ Und um da wieder speziell auf Deinen Brief zurückzukommen, — nie ist es mir im Traume eingefallen, Wagners politische Ideen als die meinigen mir anzueignen (wie der drastische englische Ausdruck lautet: to   e s p o u s e   his ideas). Ich bin Dir allerdings sehr dankbar, daß Du den Vortrag nicht durch den Zuruf „Das ist ja greulicher Unsinn“ unterbrachst; bei Deiner stürmischen Natur muß Dir diese Zurückhaltung große Überwindung gekostet haben; Du bist eben ein Gentleman, und das ist etwas sehr Schönes; übrigens verspreche ich eine ähnliche Diskretion, wenn Du einmal Deine weltbeglückenden, evolutionssozialistischen Ideen vorträgst. Übrigens habe ich nicht das Geringste gegen den drastischen Ausdruck „greulichen Unsinn“ einzuwenden; ich liebe die Drastik. Ich finde nur, daß Richard Wagners Ansichten in bezug auf „absolutes Königtum“ und „freies Volk“ nicht mehr und nicht weniger Unsinn sind als die Lehren Christi, — nicht mehr und nicht weniger Unsinn als das Ideal Karl des Großen, — nicht mehr und, nicht weniger Unsinn als Schillers Ästhetische Briefe, — nicht mehr und nicht weniger Unsinn als der Anarchismus des großen (und übrigens in aller Praxis des Lebens und der Geschäfte höchst versierten) Proudhons — usw. ad infinitum. Genie zu haben ist überhaupt — in einem gewissen Sinne — Narretei. Und bei Wagner ist nicht allein die erstrebte soziale Lösung, sondern ebenfalls das erstrebte Kunstideal ein Unsinn, — nämlich ein Unding. — Auf   j e d e m   Gebiete, überall, wo wir bis auf den   G r u n d   gehen, treffen wir auf Widerspruch. Es ist nicht bloß die reine Vernunft, die zu unlösbaren Antinomien führt, — sondern, im Zusammenhang mit dieser fundamentalen Eigenschaft unserer Natur, braucht man überall das Blei nur tief genug zu senken, so stößt es auf den festen Boden des organischen, naturgesetzmäßigen Widerspruchs. Ein wirklich großer Geist bewährt sich — unter anderem — in der unverwüstlichen Kraft, mit der überall der Widerspruch bei ihm zu Tage tritt; die Ungeniertheit des Widerspruchs (wenn ich mich so ausdrücken darf) ist der Beweis seiner Aufrichtigkeit. Wo kein Widerspruch, da ist der Geist gleichsam eine Fläche; körperlich wird er nur durch den Widerspruch. Carlyle sagt irgendwo, nichts sei bewunderungswürdiger an dem englischen Volke (als politisches Wesen betrachtet) als der eigensinnige, „dogged“ Widerstand, den es der  L o g i k   entgegensetze. Darin — in diesem Instinkt, daß es eine supralogische Einsicht gebe, die mit dem wahren Wesen der Natur weit mehr harmonisiere als jedes nicht „unsinnige“ System — dokumentiere sich das überragende politische   G e n i e   des englischen Volkes, daher kämen seine großartigen Erfolge. — Und für mich ist Wagners widerspruchsvolle Lehre des „absoluten Königtums“ und des „freien Volkes“ darum so hoch interessant — nicht weil sie   w a h r   sei, denn das dünkt mich gänzlich irrelevant, sondern — weil sie genial ist! Und diese Genialität ist hier so frappierend, weil diese Ansicht — hier künstlerisch zusammengedrängt und verdichtet — die urgermanische Empfindung in sozialen Dingen ganz genau widerspiegelt. Alle Denker sind darin einig, daß das   V o l k   der Wahre Dichter sei, die dichterische Urkraft; das gilt aber nicht allein von symbolischen und mythologischen Dingen, sondern auf jedem Gebiet betätigt sich sein Instinkt unbewußt schöpferisch und — nicht logisch — sondern „naturgemäß“. Und unserem Stamme ist diese Antithese: Einherrschertum und Freiheit ebenso natürlich und angeboren — das heißt, eine Folge seiner ganzen Anlage — wie seine besondere Körpergestalt oder irgendeine andere seiner Eigentümlichkeiten. Tatsächlich verwirklicht finden wir dieses Ideal — soweit Verwirklichung möglich gewesen sein mag — in der Verfassung der alten deutschen Stämme; in dem einzigen deutschen Staate, der so hartnäckig dem fremden Einflusse widerstand, daß er noch heute keinerlei „Verfassung“ besitzt, in Mecklenburg, existiert   n o c h   h e u t e   ein machtvollkommener Einherrscher, den keine Konstitution bindet, der aber infolge der dort noch herrschenden altdeutschen Gebräuche in bezug auf Besitz, in bezug auf die Rechte der „Stände“ usw. doch über ein Volk gebietet, das nicht mit Unrecht sich „freier“ nennen kann als die meisten parlamentarischen Staaten. Und sehr lehrreich finde ich es, die beiden deutschen Völker, die es am weitesten „in der Welt“ gebracht haben, in bezug auf diesen unausrottbaren antithetischen Instinkt der Germanen zu prüfen: die Preußen, bei denen das absolute Königtum nur wenig verschminkt sich erhalten hat und bei der geringsten Gefahr unumschränkt auftreten würde, — bei denen aber die „moralische“ Freiheit — Glaubensfreiheit, Lehrfreiheit usw. — wie sonst nirgends blüht; und die Engländer, bei denen das „freie Volk in politischen Dingen die Oberhand gewonnen hat, dafür aber das „absolute Königtum“ — jetzt eine unsichtbare, unpersönliche Gewalt — mit eiserner Hand gebietet und jede staatsgefährliche Äußerung persönlicher Ansichten unterdrückt.
    Und noch etwas, was uns die wunderbare Tiefe des Wagnerschen Blickes enthüllt, und was ihn in so naher lebendiger Berührung mit der Natur zeigt: er weiß ganz genau, daß nichts Unsinniger ist, als die Zukunft organisieren zu wollen; er nennt es   „w a h n s i n n i g,   das Leben der Zukunft durch gegenwärtig gegebene Gesetze ordnen zu wollen“. Und schon diese eine Einsicht — in welcher er mit den größten Politikern zusammentrifft — beweist einen so tiefen Einblick, daß sie für mich genügen würde, um mich mit großem Respekt an Wagners soziale Anschauungen herantreten zu lassen; vielleicht erspart man sich selbst eine peinliche Blamage, wenn man sich nicht allzusehr beeilt, „greulichen Unsinn“ auszurufen? Dem weisen Mime war das ja schon einmal passiert, als er dem kindischen, nur die Natur getreu beobachtenden Siegfried zurief: „Greulichen Unsinn kramst du da aus!“
    Jedoch, ich wiederhole es, diese Anschauung von Einherrschertum und Freiheit ne me tient pas à coeur personnellement. Was genial ist, erfreut mein Herz, genau so wie der Sonnenstrahl mein Auge; aber die   W a h r h e i t — materiell aufgefaßt — ist ein feu-follet, nach welchem ich, für mein Teil, nicht zu laufen gesonnen bin; mir liegt daran, nicht in den Sumpf zu geraten, sondern auf freier Höhe zu bleiben, von wo aus ich dem Narrenspiel gut zusehen kann.
    „Vor einer Vernunft ohne Schranken ist die Richtung zugleich die Vollendung“, sagt Schiller. Und nur insofern und in diesem Sinne kann man auch derartigen Anschauungen von Wagner „praktischen Wert“ beilegen.
    Aber es ist höchste Zeit, daß ich mich unterbreche! Einen so ausschweifend langen Brief darf ich heutzutage, wo ich unter der Arbeitslast förmlich ersticke, nicht schreiben...  Jedenfalls hoffe ich das eine, — daß meine freundschaftlichen Gesinnungen sich nicht aufrichtiger betätigen konnten, als indem je saisis la balle au saut et te la renvoie!
    Tausend Grüße von ganzem Herzen an Euch beide von uns beiden.

Houston S. Chamberlain
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    ¹ Das erste große Werk „Richard Wagner“.
 

23-29 An Karl Horst



31 Oktober 95   VI Blümelgasse 1 Wien.

Lieber Karl

    Besten Dank für Deinen neulichen Brief. Auf Deinen langen Brief vom Frühjahr war es mir leider ganz unmöglich zu antworten; ich war dermaßen mit Arbeit überbürdet, daß ich — namentlich wo es, wie bei literarischer Arbeit nicht bloß darauf ankommt, daß eine Arbeit erledigt wird, sondern namentlich auf das, „wie“ das geschieht — mich nolens volens entschließen mußte, jeder nicht unbedingt notwendigen Korrespondenz auszuweichen. Nun hätte ich Dir aber von Herzen gern auf Deine Fragen geantwortet und wartete nur, bis ich Zeit dazu fände. Dieser Augenblick ist jetzt gekommen, die Korrekturen zu meinem Buch¹ sind seit vorgestern fertig und neue Arbeiten, die meiner harren, noch nicht begonnen — aber siebe da, in meiner Buchstabenmappe ist Dein Brief nicht zu finden, wo ich ihn doch gut aufgehoben wähnte! Er muß irrtümlicherweise vernichtet worden sein, und so muß ich mich jetzt auf mein Gedächtnis verlassen. Entschuldige, bitte, und frage nur lustig weiter, wenn Dir an meinem Urteil etwas gelegen ist, ich bin ja nicht immer so beschäftigt, wie ich das jetzt die letzten zwölf Monate war, und es wird mir immer eine   H e r z e n s f r e u d e   sein, Dir meine aufrichtige Meinung zu sagen: Du bist ja gebildet und gescheit, ich kann mich folglich immer kurz fassen, Du wirst mich schon verstehen. Und ich habe die Überzeugung, daß ich Dir manchen guten Rat für Deinen Studiengang geben könnte. Gerade weil ich außerhalb stehe, ist in mancher Beziehung mein Blick freier als der des richtigen Fachmannes, der eigentlich immer (oder meistens) nur wieder den Fachmann im Auge hat, nicht den freien Menschen, nicht die Individualität des einzelnen.
    Und erlaube, daß ich mich gleich heute im Ratgeben übe! Es wird mich zu der Beantwortung der Frage, ob Du schon jetzt Darwins Ursprung der Arten lesen solltest, hinüberführen.
    Ich kann Dir nämlich nicht dringend genug raten — gleichviel was Du auch studieren willst — a u f   j e d e n   F a l l   ein naturwissenschaftliches Kollegium zu besuchen. Nichts gibt es, was einen Menschen so schnell von der zugleich papiernen und bleiernen Schulweisheit befreit, nichts auch, was das Urteil so schärft, nichts, was der Phantasie ein so weites, anregendes Gebiet eröffnet. Ich möchte fast raten, mit Zoologie zu beginnen, das fesselt am meisten durch die unendliche Varietät der Formen. Höre nur zwei Semester Zoologie zunächst, das läßt Dir ja alle Zeit für Deine übrigen eigentlichen Fachstudien. Macht es Dir Vergnügen und hast Du Zeit, so höre später Botanik (Anatomie und Physiologie, nicht Systematik), — und willst Du in Naturwissenschaft wirklich eingeweiht sein, so gebe noch später beherzt an das schwierigere, abstrusere Studium der Chemie, wo Dir wieder ganz neue Welten aufgehen werden. Nun muß ich aber sofort hinzufügen, daß man ohne Laboratoriumarbeit niemals in den Geist der Wissenschaft eingeführt werden kann: Naturwissenschaft ist eben sehen, anstatt glauben, meinen, schwatzen. Ob Dir Deine Augen das Mikroskopieren erlauben, weiß ich nicht, wenn nicht, so braucht Dir das keinen Kummer zu machen; es hat große Naturforscher zu jenen Zeiten gegeben, wo Mikroskope noch gar nicht existierten, und worauf es ankommt bei jener geistigen Bildung, die ich hier im Sinne habe, ist durchaus nicht, daß man alles sehe, sondern daß man überhaupt   s e h e n   lerne. Die grobe Anatomie erzieht ebensosehr wie die seine und wie die histologische, es kommt nur darauf an, daß man durch persönliche   E r f a h r u n g   den Unterschied zwischen Natur und Bücherweisheit kennenlernt, und alle Naturwissenschaften haben das für sich, daß der grenzenlose Subjektivismus, die Herrschaft des Wortes und der Dialektik durch die „harten Tatsachen“ (wie Carlyle sagt), durch die strenge Hand der großen Mutter Natur gezügelt und gebändigt werden. Glaube mir, was Du auch wirst — Kunsthistoriker, Kritiker, Pädagog oder was sonst noch, — Du wirst mir Dein ganzes Leben für diesen Rat danken, wenn Du ihn befolgst. — Und lasse Dir nur ja nicht von Studenten oder Professoren einreden, Du hättest dazu keine Zeit: Wenn Du nicht bloß eine gelehrte Maschine, ein in ein „Fach“ hineingezwängter und niemals über die engen Grenzen seiner Schublade hinausschauender Mann sein willst, sondern ein ganzer, weitblickender Mensch, ein Mann Deiner Zeit, so   m u ß t   Du zur Naturwissenschaft wenigstens in unmittelbare Fühlung getreten sein. Du brauchst ja nicht auf diesem Gebiete mitzureden, Du mußt aber verstehen, wenn der Fachmann redet. — Die größten Denker der letzten hundert Jahre, Kant und Schopenhauer, waren beide in den Wissenschaften gründlich beschlagen, Herbert Spencer, der jetzt noch lebende berühmte englische Philosoph und Soziolog, hat mit einer pflanzenphysiologischen Arbeit seine Laufbahn begonnen. Überhaupt spielen heutzutage auf allen Gebieten naturwissenschaftliche Fragen mit, und da eine wissenschaftliche Ästhetik von der Psychologie nicht mehr absehen kann, da aber die Psychologie heute überall bis auf das physiologische Gebiet zurückgeführt wird, so behaupte ich, daß es auch den Kunstkritiker nur fördern kann, wenn er auch naturwissenschaftliche Kenntnisse besitzt, vor allem aber die Kenntnisse der naturwissenschaftlichen   M e t h o d e n.   Denn das kann ich Dir gar nicht oft genug wiederholen, vor allem kommt es darauf an, den   G e i s t  zu erweitern, zu bilden, ihn gewissermaßen zu beleuchten — die faktischen Kenntnisse, die er in irgendeiner bestimmten Frage braucht, schafft sich dann ein gescheiter Mensch schnell genug an. In dieser Beziehung möchte ich Dir gern auf Deinen Studienweg als Geleitspruch Worte mitgeben, die ich als Motto zu der Allgemeinen Einleitung meines „Richard Wagner“ verwendet habe; sie sind von jenem großen Denker, der dem Schwegler und den anderen Schulpfaffen so zuwider ist, Demokrit: „Nicht nach Fülle des Wissens soll man streben, sondern nach Fülle des Verstandes.“ — Merke Dir dieses Wort, mein lieber Junge, Du glaubst nicht, wie unendlich viel Weisheit es enthält; unter anderem könnte es für einen begabten Studiosus ein ganzes Programm abgeben: sich systematisch den Verstand ausbilden und das Wissen als Nebensache betrachten.
    Hier will ich nun meine Antwort wegen Darwin einschieben, sie wird kurz sein, wird mich aber zu einer zweiten Reihe von Betrachtungen hinüberführen. — Ich möchte Dir nämlich raten, Darwin einstweilen zu lassen. Du wirst ihn ja viel mehr genießen, wenn Du durch gründliche zoologische Kenntnisse und durch das   S e h e n   vieler Formen und Präparate in diese Welt der Anschauung, aus welcher Darwins Auffassung hervorging, mehr eingeweiht bist. Sonst bleibt die Sache wieder papiern und ist eigentlich Zeitverlust. — Aber jedenfalls, wenn Du einmal an diese Evolutionshypothese herantrittst, so wende Dich an Darwin, Wallace, Romanes, Weißmann usw., aber lasse Dich nicht von Häckels Phantastereien und seichter Systematisierungssucht verführen.
    Und gerade diese Empfehlung und diese Warnung führen mich auf den zweiten Gegenstand, den ich — durch Deinen Brief angeregt — schon seit dem Frühjahr gern mit Dir besprechen wollte. Deine Worte weiß ich nicht mehr genau; Du meintest aber, Darwin würde Dir helfen, Dir das Rätsel der Welt und des Daseins zu lösen. Das hat wohl mancher gemeint, es ist aber ein tiefer Irrtum, und nur ganz seichte Geister, wie der famose und unselige Ludwig Büchner, werden sich an einer Naturphilosophie genügen lassen. Darwin selber hat niemals im Traume daran gedacht, dem „Welträtsel“ nachzuforschen. Er hat sich ganz empirisch gefragt, wie mag es wohl kommen, daß in einem Genus verschiedene Spezies entstehen? Sollten sie nicht verwandt sein? Sollten sie nicht von einer Urform abstammen? Diese Frage erweiterte sich später ganz von selbst: wenn die Arten einer Gattung von einer gemeinsamen Urform abstammen, warum denn nicht auch die Gattungen einer Familie? Und wenn die Gattungen einer Familie, warum denn nicht auch die Familien einer Klasse usw. — Hierbei folgte der Menschengeist einem seiner unwiderstehlichsten Triebe — dem Trieb zur Generalisation, dem Trieb, jede Idee bis zu ihrem logischen Endpunkt zu treiben. Ausgegangen war ja Darwin von der Empirie, von den Beobachtungen, die er auf seiner Weltumsegelung gesammelt hatte. Dann hatte er mit Tauben experimentiert usw. Die Darwinsche Theorie aber, wie sie heute vor uns steht, ist einfach eine Dichtung; sie ist unbewiesen und unbeweisbar. Ich möchte sie ein nützliches und wohltuendes Hirngespinst nennen, der Naturwissenschaft hat sie durch ihre Anregungskraft ganz unberechenbare Dienste geleistet, dem menschlichen Denken und Empfinden lehrte sie, sich des innigen Zusammenhangs des Menschen mit der ihn umgebenden Natur immer bewußter zu werden. Das ist gewiß etwas Großes und Bewundernswertes. Wer aber nicht mit dem Strome schwimmt, um in einem Jahrhundert diesem, in einem anderen Jahrhundert jenem Dogma Glauben zu schenken, — wer durch besondere Beanlagung und durch metaphysische Schulung dahin gelangt ist, tiefer zu schauen, der wird gewiß niemals wähnen, daß mir durch eine Hypothese wie die Darwinsche der Lösung des Welträtsels auch nur um einen Schritt nähergekommen sind. — Wenn Du nun aber in so jungen Jahren Dich mit derlei Gedanken abgibst, so scheinst Du mir Anlagen zur Philosophie zu besitzen, und da möchte ich Dir dringend raten, sie in edler und würdiger Weise auszubilden. Philosophie ist und bleibt die Krone jeder Bildung. Ich verstehe aber unter „Philosophie“ nicht die Geschichte der Philosophie und das viele gelehrte Rüstzeug der angeblichen „Fachphilosophen“, sondern eigenes Denken, eigenes Versenken in die Weltanschauungen der verwandten großen Geister der Vergangenheit, bis zum ganz allmählichen Ausreifen einer eigenen Weltanschauung.
    Das Schlimme ist nun, daß keine einzige Disziplin so grundunehrlich auf den Universitäten betrieben wird, wie gerade die Philosophie. Die Philosophie soll nach dem von den Regierungen den Akademien aufgezwungenen Lehrplan nicht Denker, sondern Staatsbürger erziehen, — nicht die Wahrheit, mit anderen Worten nicht seine Überzeugung darf der Lehrer verkünden, sondern er muß seine Ausführungen so einrichten, daß dasjenige dabei herauskommt, was der Staat wünscht. — Und so werden denn die jungen Köpfe prinzipiell verschroben; nicht die Wahrheitsliebe, nicht sein individueller Wert, der Adel seines Charakters und das Geniale seiner Fähigkeiten, bestimmen bei den historischen Vorlesungen die Behandlung dieses und jenes Philosophen, sondern nur die Ergebnisse seines Denkens, die Qualität seines Systems: paßt er in das offizielle Programm, so ist er ein großer Philosoph, paßt er nicht hinein, so wird er so nebenbei kurz abgefertigt. Und natürlich wird dasselbe Prinzip auch in den Lehrbüchern durchgeführt. Die größten Denker der Welt — die Inder — werden einfach übergangen in solchen Werken wie Erdmanns großer Geschichte der Philosophie; in anderen wird in einer geradezu empörenden Weise über sie kurz referiert. So ist auch die Fabel von den „Sophisten“ entstanden, während in Wirklichkeit Protagoras ein größerer Denker als Sokrates war. So konnte es geschehen, daß ein schöpferisches Genie von der Bedeutung des Demokrit so ganz kurz und verachtungsvoll von diesen Fachleuten abgehandelt zu werden pflegt —‚ wenn die Herren nur eine Spur naturwissenschaftlicher Kenntnisse besäßen, so müßten sie sich sagen, daß ein Mann, dessen Ideen gestaltend auf die gesamte moderne Naturwissenschaft wirken, doch kein Esel gewesen sein kann!
    Nun, hieraus folgt die Notwendigkeit für einen Studenten, dessen Ehrgeiz sich nicht mit dem erfolgreichen Durchschlüpfen durch eine Staatsprüfung befriedigt findet, die Notwendigkeit, es weder bei den offiziellen Vorlesungen noch bei den offiziellen Lehrbüchern bewenden zu lassen, — und zwar muß er beizeiten dafür sorgen, daß dieses Gift nicht zersetzend auf seine Denkfähigkeiten wirkt. Er muß für die Selbständigkeit seines Urteils und seines Denkens sorgen. Und da will ich Dir gleich eines der wenigen Bücher dieses Jahrhunderts nennen, welche auf philosophischem Gebiete von bleibender, echter Bedeutung sind. Es ist dies Friedrich Albert Langes Geschichte des Materialismus, — eine neue, wohlfeile Ausgabe erscheint gerade jetzt in Lieferungen. Das wäre für Dich ein famoses Antidot gegen die offiziellen Geschichten, — zugleich so fesselnd, so verständlich, so überzeugt, daß man es wie ein Unterhaltungsbuch liest. In manchen seiner Urteile stimme ich mit dem Verfasser durchaus und keineswegs überein — z. B. in seiner Wertschätzung Schopenhauers, den ich, mit Tolstoj, für „den genialsten aller Menschen“ halten möchte —‚ aber darauf kommt es gar nicht an, diese Engherzigkeit muß man den Philosophieprofessoren überlassen und nur immer nach dem individuellen Geisteswert des Denkers fragen. Wenn Du Lange liest und gründlich studierst — wobei Du zugleich die vorzüglichste Einführung in Kant mitbekommst — und wenn Du nachher dann Schopenhauers Werke vornimmst, so wirft Du einen sehr weiten Überblick über den Gang der Philosophie besitzen und Dir Deinen weiteren Weg schon allein bahnen.
    Auch diesen Rat bitte ich Dich herzlich nicht unbeachtet zu lassen. Wieviel Zeit und Mühe hätte ich mir nicht gespart, wenn ich nicht erst jahrelang durch allerhand Kram hätte waten müssen!
    Aber nun genug und mehr als genug für heute. — Du weißt, daß wir gerade in München manche Verbindungen haben, und zwar der verschiedensten Arten. Jetzt wollte ich Dich nicht damit belästigen. Du bist vielleicht und wahrscheinlich lieber ganz ungeniert und läufst Dir die Hörner erst ein bissel gründlich ab. Aber natürlich wird es uns ein Vergnügen sein, Dich hier und dort einzuführen, sobald es Dir selbst ein Vergnügen ist.
    Also für heute, leb‘ wohl, Herr Studiosus! Laß es Dir recht gut gehen und suche ein klassisches Gleichgewicht herzustellen zwischen dem Studieren und dem Kneipen!
    Die Tante grüßt vielmals.

Dein alter, treuer Onkel.
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    ¹ „Richard Wagner.“
 

29-34 An Ali Ćehič
[H. S. Chamberlain's Serbian teacher, named Alicehié according to P. Pretzsch. Anna Chamberlain spells: Ali Ćehič.]



5 November 95     VI Blümelgasse 1 Wien.

Lieber Herr Ali Ćehič

    Ihnen gegenüber habe ich wirklich ein sehr schlechtes Gewissen. Sie waren so freundlich, nicht bloß öfters zu schreiben, sondern auch Besorgungen auszuführen — und zwar in vorzüglicher Weise — und dennoch kam ich niemals dazu, Ihnen zu danken. Nun, durch meine Frau haben Sie ja erfahren, wie übermäßig beschäftigt ich war, nicht beschäftigt nach Art jener vielen Herren, die um zehn Uhr ins Bureau gehen und um fünf Uhr abends auf dem Ringkorso zu treffen sind, sondern buchstäblich den ganzen Tag mit Ausnahme der kurzen Mahlzeiten und des unentbehrlichen Spazierganges an der Arbeit angekettet. Anders wird es wohl auch schwerlich mit mir werden, denn aus einer Arbeit ergibt sich fast von selbst eine oder mehrere andere, — ich werde jetzt auch immer mehr von den verschiedensten Seiten um Beiträge angegangen und mag nicht überall nein sagen. Den endgültigen Abschluß der Arbeiten für mein Wagnerbuch benutze ich aber wenigstens, um eine Reihe von Briefen zu erledigen — unter anderen auch diesen.
    Mein „Richard Wagner“ wird am 14. November im Buchhandel sein. Es ist ein großes und ziemlich kostspieliges Werk geworden, wozu namentlich die vielen sehr schön ausgeführten Illustrationen beitragen. Ich glaube aber, der Verleger wird auf sein Geld kommen; der Deutsche Kaiser hat sofort auf Nr. 1 der Luxusausgabe subskribiert, andere Fürsten sind seinem Beispiel gefolgt, so daß jetzt schon — zehn Tage vor dem Erscheinen — eine sehr beträchtliche Zahl Exemplare fest verkauft sind. Unter diesen Bedingungen hat auch der Verleger meine Autoren-Freiexemplare vermehrt, und ich hoffe die Freude zu haben, Ihnen das Buch zur Erinnerung an die schönen Stunden in der Blümelgasse schenken zu können. Manches darin hat ja für Sie wenig Interesse, aber ich möchte Sie doch bitten, das erste Kapitel zu lesen, wo ich Wagners Leben sehr kurz und gedrängt erzählt habe. Außerdem finden Sie auf Seite 182¹ eine Erinnerung an meine bosnischen Erlebnisse, namentlich an den Abend nach dem Volksfest auf Gerzovo.
    Wir denken viel an Bosnien und sprechen oft davon, leider ist durch diese anhaltenden rheumatischen und gichtigen Zustände die Möglichkeit einer wirklichen Reise für mich noch immer sehr problematisch. Zwar geht es mir jetzt unvergleichlich besser. Ich spüre den Fuß allerdings noch immer, kann aber zwei und drei Stunden marschieren, ohne zu hinken oder eine sonstige Belästigung zu empfinden, das vermaledeite Zeug steckt aber noch fest in mir: heute im Handgelenk, morgen im Nacken — an eine Zeitreise könnte ich noch immer nicht denken und auch sonst an größere Strapazen wohl kaum. Wer aber irgendeinen Einblick in die wahren Reize Bosniens gewonnen hat, kann sich unmöglich mehr mit den Vorführungen des „Weltbads“ Ilidze begnügen! — Wir hatten gedacht, diesen Winter in Ragusa zuzubringen, um dann über Bosnien nach Hause zu reisen, verschiedener Arbeiten wegen ist dieser Plan aber schwer ausführbar, und außerdem hat das Theater in Zürich ein Schauspiel² von mir zur Aufführung angenommen, und es soll im Februar drankommen, — natürlich möchten wir dabei sein, und es wäre gefährlich, gerade zu dieser Jahreszeit aus dem wärmeren Süden nach der kalten Schweiz zu kommen —. Kurz, die Geschichte klappt wieder nicht. Und im nächsten Sommer denken wir ernstlich daran, Wien und überhaupt Österreich zu verlassen. Wenn man schon infolge seiner körperlichen Schwächen und alter Gewohnheiten in der sogenannten „Zivilisation“ leben   m u ß,   so ist es am Ende doch besser, man geht in ein ganz zivilisiertes Land. — Jedoch, so Gott will, besuchen wir Sie doch noch, und vielleicht mehr als einmal; auf nichts würde ich mich namentlich mehr freuen, als auf eine Reise mit Ihnen durch Albanien, wo ich bestimmt hoffe, mich an dem Anblick wahrer Menschen noch einmal laben zu können. — Alle Tage ist es mir ein Genuß, die bosnischen Soldaten exerzieren zu sehen. Auf demselben Felde werden zugleich ungarische Infanteristen und deutsche Artilleristen gedrillt. Die Bosniaken sind aber nicht allein durchschnittlich schönere Menschen, sondern besonders auffallend ist das edlere Gesicht und die lebendigeren Gesichtszüge. Manche sehen freilich nicht besonders schlau aus, das Pulver hätten sie gewiß nicht erfunden, — ich entdecke aber unter ihnen weder diese viehischen Gesichter unserer Bauern noch diese elenden, alle Laster widerspiegelnden Kanaillenantlitze unserer großstädtischen Arbeiterbevölkerung. Womit ich durchaus nicht im Sinne habe, Ihnen in geschmackloser Weise zu schmeicheln; in diesen Gesichtern erschauen wir einfach, welchen Preis die Menschheit für die unleugbaren Vorzüge und Segen der Zivilisation zu bezahlen hat. Billiger wird es die Natur auch bei Ihnen nicht machen! Daß viele arm werden müssen, damit einer reich wird, das liegt auf der Hand; ich finde es auch kein besonderes Unglück, denn Reichtum gibt kein Glück. Woran die Menschen aber gar nicht denken — auch die Staatsökonomen nicht, die immerwährend nur mit Ziffern herumwerfen — ist, daß, damit der   V e r s t a n d   einzelner die abnorme Entwicklung erfahre, welche er bei den Befähigteren unter uns erreicht, die Mehrzahl der Nation verdummen muß. Das hört sich im ersten Augenblick paradox an, ist aber eine unbestreitbare Wahrheit. Der Geist eines Naturmenschen, der alles für sich selbst im Leben tun und schaffen muß, ist entschieden allseitiger und namentlich harmonischer ausgebildet als der eines gewerblichen Arbeiters, dessen ganzes Leben mit der Fabrikation eines einzigen Gegenstandes ausgefüllt wird; wieviel höher steht dieser aber als so ein Fabrikarbeiter, der nur einen einzigen Handgriff kennt und übt, der von frühester Jugend an nur das Bruchstück irgendeines Gegenstandes erzeugt, und das auch nur mit Hilfe einer komplizierten Maschine, deren Funktionierung ihm ganz unbekannt ist. Beim Bauern findet eine ähnliche Degeneration statt; ein amerikanischer Bauer im Farwest ist heutzutage nur so eine Art untergeordneter Lokomotivführer. Auch bei uns in Europa wird es alle Tage für den Bauer unmöglicher zu existieren, es muß auch die Landwirtschaft „im großen“ betrieben werden, — der Bauer wird folglich nach und nach auch zu einem Fabrikarbeiter. Sein Verstand trocknet ein; es findet ja keine Wechselwirkung mehr statt zwischen dem Geist und der umgebenden Natur. Nur aber die Hochkultivierten können diese Losreißung des Verstandes von der Natur vertragen, denn bei ihnen findet nunmehr eine neue Nahrungszufuhr statt, und es wird bei ihnen die Gehirntätigkeit der ganze Lebenszweck, während sie doch im natürlichen Zustand nur nebengeordnetes Hilfsmittel zum Leben ist. Es findet also auch hier das Prinzip der Teilung der Arbeit statt; die einen werden immer gescheiter, indem die anderen unter das Niveau des Viehs zurücksinken. — Diesem notwendigen Vorgang kann die Schulbildung durchaus nicht steuern; sie kann nur auf Grundlage des vorhandenen Verstandes operieren; der Verstand selbst ist eine Lebensfunktion wie irgendeine andere, und wie das Sprichwort sagt: Wo nichts ist, da verliert selbst der König seine Rechte!
    Nun, das war eine lange philosophische Disquisition, zu der die Rekruten uns anregten, und wahrscheinlich noch immer viel zu kurz, um mich deutlich verständlich zu machen.
    Ich glaube wirklich, die Bosniaken sind in diesem Augenblick das glücklichste Volk der ganzen Erde: noch Naturmensch genug, um gesund und frei sich zu fühlen, und dennoch mit den besten Segen der Zivilisation schon begabt und mit dem Ausblick in eine ganze Zukunft von unbekannter und darum auf alle Fälle schön dünkender Entwicklung! Dabei — und das ist der größten Segen einer — keine parlamentarische Regierung! Möge sie Gott viele Jahre davor schützen!
    Die Zeitungen bringen, soviel ich weiß, gar keine Nachrichten aus Bosnien, und bei uns sagt man: „No news, good news“, das heißt: Keine Nachrichten sind gleichbedeutend mit guten Nachrichten. Daß nicht alles ganz so rosig ist, wie es am offiziellen Himmel erscheint, das hat mir neulich ein Vögelein ins Ohr geraunt; das ist aber überall auf der ganzen Welt so, und ich muß gestehen, ich habe nicht die geringste Sympathie mit den Radaumachern. Die Leute wissen gar nicht, wie gut sie es haben, und daß sie nachsichtiger, humaner und überhaupt besser regiert werden als vielleicht irgendein anderer Staat in ganz Europa — das heißt also, in der ganzen Welt.
    Neulich hat mir übrigens etwas viel Spaß gemacht: die englische „Daily Chronicle“ brachte einen ellenlangen Aufsatz über Bosnien, — das gewöhnliche Wischi-Waschi von einem Menschen, der sich Bosnien vom Eisenbahnwaggonfenster aus angesehen hat und sich dann den bewußten Zettel über die Länge der Straßen, die Anzahl der Schulen usw. vom Pojman hat geben lassen, — das Lob des Ministers aber hat er, natürlich ohne mich zu nennen,   W o r t   f ü r   W o r t   aus meinem Aufsatze der „Revue Universelle³“ abgeschrieben.
    Der letzte Teppich, den Sie für uns besorgt haben, hat so außerordentlich gefallen, daß Sie wohl nächstens wieder einen Auftrag bekommen; ich hoffe, wir fallen Ihnen mit diesen Kommissionen nicht lästig.
    Viele Grüße von meiner Frau, und von mir die allerherzlichsten, sowohl Ihnen wie dem ganzen lieben Bosnien. Herrn Dr. Oberlugauer (oder   U n t e r lugauer??), wenn Sie ihn kennen, viele Grüße, bitte.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Neue Illustrierte Ausgabe 1911 S. 289.
    ² „Der Weinbauer“, Schauspiel in drei Auszügen.
    ³ „La Bosnie sous le protectorat de l‘Autriche“, Bibliothèque universelle et Revue suisse XLIIe année, tome LIV pages 5—21, 349—368.
 

34-36 An den Heidelberger Richard-Wagner-Verein



30 November 1895        VI Blümelgasse 1 Wien.

Sehr geehrter Herr

    Mit bestem Dank zeige ich den Empfang Ihrer Zeilen vom 25. an. Es hat mich herzlich gefreut, von der Gründung eines Akademischen Richard-Wagner-Vereins in Heidelberg zu erfahren. Die akademischen Vereine sind augenblicklich (mit Hinzunahme des nichtakademischen Grazer Vereins) die einzigen, die eine ersprießliche Tätigkeit entfalten und es mit dem „fernest reichenden Kulturgedanken“ (vgl. X, 378), aus welchem Wagners Bayreuth erwuchs, ernst nehmen. Gut also, daß neue entstehen! An einer Universität, wo Prof. Thode und Prof. Wolfrum wirken, ist es nicht anders möglich, als daß der neue Akademische blühe und segensreich wirke. — Vielleicht ergreifen später einmal die akademischen Vereine die Initiative zu jener gründlichen Umgestaltung des Allgemeinen Richard-Wagner-Vereins, wodurch einzig dieser aus seinem heutigen Marasmus aufgerüttelt und auf die Lösung jener großen Aufgabe hingewiesen werden könnte, die der Meister ihm im Jahre 1882 so deutlich vorgezeichnet hatte. Der Meister hatte dem Verein eine „große und bedeutungsvolle Wirksamkeit“ vorhergesagt, sie war aber bisher weder groß noch bedeutungsvoll, und zwar deswegen nicht, weil wir nie begreifen wollten, daß die erste Bedingung, um sich einen Anhänger Wagners, einen Angehörigen Bayreuths nennen zu dürfen, eine   m o r a l i s c h e   ist. Die Grundlage zu Wagners ganzem Leben und Wirken ist die   S e l b s t l o s i g k e i t.   Auf künstlerischem Gebiete wird das Ziel sehr schön vom Meister als „die Erlösung des Nützlichkeitsmenschen in den künstlerischen Menschen“ bezeichnet; das unterschreibt denn auch jeder gern, es handelt sich ja um ein Fernes (wie man wähnt), um ein Ideal, bei dem keiner viel riskiert. — Nun kommt aber Wagner — nachdem er uns durch fünfzig Jahre seines Lebens hindurch das unvergleichlichste Beispiel der gänzlichen Selbstlosigkeit, ja gerade der Verachtung aller egoistischen Interessen gegeben hat, und sagt uns: Nun habt ihr euch selber genügend patronisiert, jetzt sollt ihr das Publikum patronisieren. — Da hörte die Gemütlichkeit auf! Die Statuten, die unter Genehmigung des Meisters im Jahre 1882 zur Bildung eines neuen Vereins vorgelegt worden waren, wurden mit Entrüstung verworfen, und dafür wurde eine Deputation an Wagner entsandt, welche ihn versicherte: „Die Vereinigung seiner Anhänger werde ihre Lebensaufgabe darin erblicken, für alle Fälle vorhanden zu sein usw.“ Nun, mein geehrter Herr, mit dem Vorhandensein ist verflucht wenig gewonnen; und auch die   T a t   ist von keiner großen Bedeutung, wenn sie nicht auf einer moralischen Grundlage ruht. Und diese moralische Grundlage ist vom Meister in seiner berühmten Antwort auf die Frage „Was ist Deutsch?“ klar bezeichnet worden, — sie ist die Selbstlosigkeit, die Aufopferung der eigenen Interessen und Wünsche im Interesse einer Sache, eines zu verwirklichenden Ideals.
    Sie waren so freundlich, mich von der Bildung Ihres Vereins zu unterrichten, meine Dankbarkeit und mein Interesse glaube ich durch den Hinweis auf die nötige Grundlage jeder Vereinigung, welche dem Namen Wagner Ehre erweisen will, besser als durch eine leere Phrase bewiesen zu haben.
    Ich bitte mir mitzuteilen, ob Ihr Verein eine Bücherei hat oder zu beschaffen beabsichtigt, in welchem Falle ich die Ehre haben werde, Ihnen meine größeren Schriften zuzuschicken.
    Dem neuen Verein rufe ich von ganzem Herzen zu: „Vivat, crescat, floreat!“

Houston S. Chamberlain.
 

36-37 An Hans von Wolzogen



16 Februar 96   Wien.

Lieber Freund

    Erst heute komme ich dazu, Ihnen in wenigen Worten für Ihre Besprechung meines Buches zu danken. Daß sie spät genug erschien, um kaum mehr den Charakter einer „Empfehlung“ an sich zu tragen, befreite sie von jenem mercenären Beigeschmack, welcher selbst der „süßesten“ Kritik einen bitteren Beigeschmack verleiht.
    In diesem speziellen Falle ist es natürlich schwer für mich, den Eindruck zu beurteilen, den Ihre Worte auf andere machen werden: Erstens handelt es sich um mein eigenes Werk, und sodann sagen Sie manches über mich aus, dessen Wahrheit   i c h   unmittelbar bezeugen kann, was andere Ihnen aber vielleicht bestreiten oder doch nur hypothetisch zugeben würden. Mich aber haben Sie ergriffen und beglückt. Es gibt Dinge, die man im besten Falle nur ein- oder zweimal im Leben zu hören bekommen kann, — das genügt auch vollkommen —‚ man lechzt aber doch nach diesem einen Male. Daß gerade Sie mir die „erquickende Labung“ darreichten, war schön; es war Ihrer sehr würdig; Sie werden, glaube ich, noch manchmal Genugtuung empfinden, daß Sie es taten.
    Das Kapitel der Widersprüche betreffend — ich meine nicht der „plastischen“, die sich zwischen Logik und Anschauung ergeben, sondern der Widersprüche, zu denen mein Buch manchmal reizt — muß ich gestehen, daß nach meiner Erfahrung, wo ein Autor nicht zum Widerspruch reizt, entweder sein Werk herzlich wenig enthält oder der Kopf seines Lesers wenig „reaktionsfähig“ ist. Nur dem unzweifelhaften Genie gegenüber darf dieses Verhalten in ein entgegengesetztes umschlagen — und das geschieht ganz von selbst —‚ hier redet ja die Stimme Gottes zu einem wie in der Natur. Und selbst das Genie: insofern es das schöpferische Gebiet der Gestaltung verläßt, um auf den verschlungenen Pfaden der Dialektik die Vernunft zu überzeugen, wird es seines Vorrechtes verlustig — wenigstens in einem gewissen Maße. Bei Schopenhauer z. B. renne ich bisweilen in der Stube wutschnaubend herum wie ein Tiger in seinem Käfig. Und doch bin ich — weiß Gott — intelligent genug, einzusehen, daß mehr wahre Weisheit in dem Verhalten liegt, einen solchen Geist mit jeder Überwindung zu verstehen zu suchen, als ihm zu widersprechen. — Bei mir kommt nun noch folgendes hinzu, worauf ich Sie gern besonders aufmerksam machen möchte. Ich bin kein „Schriftsteller“. Ich bin ein Mensch, der durch seine Lebensschicksale dahin geführt worden ist, nur mit der Feder wirken zu können, — und der nun die Feder gebraucht, so gut und so schlecht er kann, um bei bestimmten Menschen bestimmte Wirkungen hervorzubringen. Man hält mich für rechthaberisch, ich bin es aber so wenig, daß ich meine persönlichen Ansichten oder aber die Limitationen, die nötig wären, um eine einseitige Behauptung zu rechtfertigen, mit Willen auslasse: bin ich nur deutlich und drastisch, gelingt es mir, eine feindliche Position zu erschüttern, so genügt mir das. Ein seiner Geist wird aber an zahlreichen Stellen sehen, daß ich aus taktischen Gründen mich selbst gar nicht zu Worte habe kommen lassen. Manchmal wird einzig der Leser, der mir widerspricht, mit mir einig sein.

Houston S. Chamberlain.
 

37-40 An Professor Wolfgang Golther



22 März 96      VI Blümelgasse 1 Wien

Hochgeehrter Herr und Freund

    Daß Sie In Ihrem so freundlichen Schreiben vom vorigen Sonntag mich „Freund“ nennen, hat mich besonders gefreut, weil ich daraus zu entnehmen glaube, daß Sie unsere Begegnung des Jahres 1884 nicht vergessen haben. Ich besitze eine merkwürdige Anlage, nicht nur die Namen, sondern sogar die Existenz von Menschen zu vergessen. — Sie aber habe ich nicht vergessen: ich sehe Sie noch als Studenten Ihre Nachtstunden dem Dienste jener guten, armen Zentralleitung widmen, deren Mitglieder alle mehr Muße gehabt hätten als Sie, und ich besinne mich auf einige flüchtige Begegnungen in München in solchen „Postludium“ Ringzyklen-Tagen (ich glaube nach den Festspielen von 1884), wo wir uns zwar kaum gesprochen haben dürften, Ihre Erscheinung sich mir aber mit jener wehmutsvollen Deutlichkeit einprägte, welche man stets bei dem Anblick des vereinzelten Idealisten inmitten einer Welt, der er so wenig angehört, empfindet. Und nun haben Sie doch gesiegt! Sie sind nicht unterlegen, weder physisch noch geistig, die Fahne des deutschen Idealismus haben Sie hochgehalten — heute kein unbedenkliches Unterfangen — und haben trotzdem die allgemeine Anerkennung dieser Welt, welcher Sie nicht angehören, erkämpft und ertrotzt. Wären Sie ein Jude, so könnten Sie nunmehr von sich sagen: Nennt man die besten Namen — usw. — Es genügt aber, daß die anderen, die Feinde des deutschen Idealismus, von denen wir umringt sind, das sagen müssen. Das ja ist der Sieg Bayreuths — oder vielmehr die Grundlage zu dem zukünftigen Siege Bayreuths —‚ daß solche Männer wie Sie zu anerkannten Lehrern ihres Volkes werden. — Es ist jetzt hohe Zeit, daß die ganze schwülstige Phrasenmacherei, Musikomanie, kurz, die ganze — auf so zweifelhaften Elementen beruhende — „Wagnerei“ zum Teufel gejagt werde. Wir brauchen jetzt auf allen Gebieten Männer ersten Ranges, Männer, deren wissenschaftliche Befähigung, mitzureden, von niemanden geleugnet werden kann, zugleich aber nicht Memmen, sondern kampflustige, herrmannschlaue Männer: es gilt, eine Position nach der anderen zu erobern. In diesem Heere sind Sie nun, verehrter Herr, ein Hauptmann geworden, und dazu beglückwünsche ich Sie von Herzen, — vor allem beglückwünsche ich Bayreuth dazu und den großen Meister, dessen Weiterleben nicht an die Schwingungen kapellmeisterlicher Taktstöcke gebunden ist, sondern an große, begeisterungsfähige Herzen und große, gut organisierte Gehirne.
    Warum ich Ihnen das alles sage?
    Weil Sie aus meiner warmen Anteilnahme an Ihrer Laufbahn entnehmen mögen, wie sehr es mich gefreut hat, von einem Manne, den ich so besonders verehre, so freundliche Worte über mein eigenes Wirken zu vernehmen. Mein Verleger war neulich in Wien und erzählte mir viel von dem „großartigen Erfolg“ des Buches; natürlich freue auch ich mich über die Verbreitung meines Werkes, eine Gewähr aber, daß ich dieses Erfolges würdig bin, und daß diesem Worte überhaupt jener Sinn innewohnt, in welchem allein er mir Befriedigung gewähren kann, die gibt mir einzig das Urteil der wenigen, zu denen Sie gehören.
    Sie haben recht, es ist schade, daß das Buch in so teurer Gestalt vorliegt. Jedoch, ich habe merkwürdige Erfahrungen gemacht: manche Leute, die mir selber sagten, sie hätten nicht 3 Mark übrig, um mein „Drama R. Wagners“ zu kaufen, haben unbedenklich den „Richard Wagner“ für 30 Mark gekauft. Wenn mein Text ohne Illustrationen erschienen wäre, etwa zum Preise von 6 Mark, so hätte der Verleger nicht hundert Exemplare bis jetzt abgesetzt, und nicht zwei Tausend, wie nunmehr der Fall. Darüber mache ich mir nicht die geringste Illusion. Nicht mir, sondern der Ausstattung gilt der Erfolg. Auch der geschickten und nicht sehr wählerischen Reklame, die einem allen Mut, sich noch künftig mit der Öffentlichkeit zu befassen, rauben könnte, wäre nicht gerade diese Seite einer solchen Unternehmung so bodenlos lächerlich.
    Vielen Dank schulde ich Ihnen für ihre Berichtigung meiner Anmerkung auf Seite 270. Allerdings hatte ich Sie mißverstanden.
    Das Interesse sagenwissenschaftlicher Forschungen, auch für die Erkenntnis des vollen Wertes der dichterischen Taten Wagners, war ich durchaus nicht gesinnt abzustreiten. Selbst bei Shakespeare lese ich immer wieder die Einleitungen von Delius; die Quellen, aus denen der Dichter schöpfte, zu kennen, würzt ungemein den Genuß seines Werkes. Nur scheint es mir unzulässig, die Würze zur „pièce de résistance“ zu machen. Mir wenigstens verdirbt das den Magen. Ich empfand, daß ich mit einiger Schroffheit dieser Verirrung entgegentreten müsse. Vielleicht läßt sich später einiges abmildern.
    Wollen Sie gefälligst Ihrer sehr geehrten Gattin meinen Dank sagen und an die herzlich ergebene Gesinnung glauben

Ihres hochachtungsvoll ergebenen

Houston S. Chamberlain.
 

40-42 An Professor Graebe



26. April 1896.     VI Blümelgasse 1, Wien.

Sehr geehrter Herr Professor

    Wenn ich Sie heute mit einer Frage belästige, welche ebensogut heute in einem Monat hätte gestellt werden können, so geschieht das, weil ich — nach einer langen Unterredung mit Hofrat Wiesner heute vormittag im Pflanzenphysiologischen Laboratorium — so freudig erregt bin, daß die nüchterne Arbeit nicht recht vorwärts will, und so will ich lieber die Frage, die der Hofrat an mich richtete, gleich an Sie weiter übermitteln; mit der Antwort hat es bis Ende Mai (leider) Zeit.
    Da meine eigentliche Arbeit nunmehr vollkommen beendet ist und mir nur noch der historische Rückblick zu schreiben übrig bleibt, so konnte ich heute Prof. Wiesner ausführlich über die Ergebnisse meiner Experimente berichten. Er war in hohem Maße davon überrascht und erfreut und bestätigte mir, daß Experimente in der Art, wie ich sie angestellt und durchgeführt habe, noch nicht versucht wurden, und daß meine Ergebnisse ganz neue Ausblicke eröffnen und unsere Vorstellungen über den Mechanismus des aufsteigenden Saftes wahrscheinlich tief modifizieren werden. Natürlich ist meine Arbeit nur ein Fragment, und ich betrachte sie selber lediglich als eine Anregung. Es hat doch gewiß etwas für sich, neue Tatsachen und neue Ideen in die Wissenschaft zu bringen, selbst wenn man selber nicht Fachmann genug ist, um diese Dinge bis zu ihren letzten Konsequenzen zu verfolgen. In meiner Dissertation habe ich mich prinzipiell möglichst an die Tatsachen gehalten und die Hypothesen den Gescheiteren überlassen. Dabei sind die von mir erdachten Versuche so kindisch einfach, daß man sich nicht genug wundern kann, daß die Fachgelehrten noch nicht darauf verfielen. — Kurz, ich war über das Ergebnis dieser Unterredung sehr glücklich. Prof. Wiesner redete mir sogar sehr zu, ich solle mich zum Doktoratsexamen melden, ich tue es aber entschieden nicht. Wie soll ich jetzt, in meinem einundvierzigsten Jahre, eine Prüfung über Chemie, Zoologie und Botanik bestehen können? Den Kopf seit Jahren voll anderer Dinge, und mit einer großen literarischen Arbeitslast auf den Schultern, die ich nicht abschütteln kann. — Ich habe, wie es scheint, eine recht gute Arbeit geliefert: nun denn, soll ich das Gute, was ich konnte, durch ein recht miserables Examen trüben, durch welches ich höchstens durch die Güte einiger mitleidiger Seelen wie ein Schiff, das Mast und Steuer verloren hat, hindurchgeschleppt werden würde? Die Wissenschaft um eine kleine, aber anregende Arbeit zu bereichern von dauerndem Werte, wird meinen Ehrgeiz mehr befriedigen, als einen nicht verdienten Doktortitel meinem Namen anhängen zu können. — Da ich nun also den Vorschlag, das Examen zu bestehen, durchaus nicht annehmen wollte, so fand Herr Wiesner meine Idee, die Arbeit dennoch gewissermaßen als Dissertation herauszugeben, indem ich mir die Erlaubnis erwirke, sie der Genfer Universität zu widmen, eine recht gute und für die Beachtung meiner Ergebnisse sogar nötige. — Ich teilte ihm nun den Passus eines Ihrer Briefe mit, in welchem Sie meinen, daß eine Empfehlung seitens dieses berühmten Physiologen nur nützen könnte. Wiesner erklärte sich sofort zu allem bereit. Natürlich kann er sein endgültiges Urteil erst abgeben, wenn die gedruckte Arbeit ihm vorliegt — und leider sind die Attingers in Neuchatel durch die Genfer Ausstellung derart mit Arbeit überhäuft, daß sie den Druck noch nicht einmal haben beginnen können — er ist aber bereit, ein Zeugnis über den Wert der Arbeit abzulegen, sobald ich sie ihm gedruckt vorlege, und er ließ mich bestimmt hoffen, daß dieses Zeugnis ein recht gutes sein wird.
    Aber wie soll er das tun? Diese Frage war nicht ganz leicht zu beantworten. An den Senat einer fremden Universität zu schreiben, dazu fehlt vielleicht die Veranlassung; an Prof. Thury, der als Pflanzenphysiolog sich sein eigenes Urteil bilden wird, geht wohl kaum an; an mich — da hält man seine Worte für pure Höflichkeit; und so schlug der Hofrat selber vor, an   S i e   direkt zu schreiben. — Zwar kennt er Sie persönlich nicht, aber doch als Naturforscher. — Sie sind beide Deutsche und waren beide meine Lehrer; sein Brief trüge also den Stempel einer Privatmitteilung, und Sie könnten nichtsdestoweniger im Senat Gebrauch davon machen, falls Sie die Güte haben wollten.
    Ich bitte mir hierüber bei Gelegenheit eine einzige Zeile zu schreiben. Wie gesagt, Prof. Wiesner ist zu allem bereit; er möchte es nur so einrichten, daß es mir möglichst nützt und dadurch meiner Arbeit.
    Für Ihr gefälliges Schreiben vom 15. d. M. sage ich nachträglich noch den besten Dank.
    An Prof. Thury habe ich einen langen Brief geschrieben und ihm die wichtigsten Ergebnisse meiner Untersuchungen kurz mitgeteilt.
    Bald sind ja diese Belästigungen vorbei; ich bitte, mir bis dahin Ihre so freundliche Gesinnung zu bewahren. Darüber hinaus auch — aber dann ohne Bemühung!

Ihr dankbar ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

42-43 An Siegfried Wagner



18. Juli 1896.
Bayreuth.

Lieber Siegfried Wagner

    Bitte, „tragen Sie uns nicht Übermut“ wie Ihre Frau Mutter und gestatten Sie, daß wir Ihnen das, was Ihr Eigen ist, zu Eigen geben. Meine Frau und ich waren glücklich im Besitze des kostbaren Buches¹; ich kann Sie aber versichern, daß wir noch zehnmal glücklicher sein werden, es in Ihren Händen zu wissen. Die ganze Sache ist so selbstverständlich, daß ich mich durch die Bedenken Ihrer Frau Mutter und Ihrer Schwester fast verletzt fühlte. Wenn es Bayreuth nützte, würde ich mich ohne Zaudern auf einem langsamen Feuer braten lassen, aber auch ohne Überspanntheit, — ebenso bedeutet der Trennungsschmerz von dem lieben Buch einen Genuß, wenn ich glauben darf, Ihnen damit eine wahre Freude zu machen; ich empfinde es aber nicht als eine Heldentat, sondern als eine ganz natürliche Sache, über die keine Worte zu verlieren sind, weder hüben noch drüben.
    Ich denke, das stimmt! (Vgl. Heckel.)

Ihr getreuer

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Die   e r s t e   Ausgabe der Dichtung zum Ring des Nibelungen vom Jahre 1853.
 

43-45 An Carl Friedrich Glasenapp



30. Dezember 1896.  VI Blümelgasse 1   Wien.

Verehrter, teuerer Freund

    Wenn Ihr Gewissen Sie beißt, muß es eine uns Angelsachsen ganz unbekannte Zartheit der Organisation besitzen. Ich, ja, ich habe mir wirklich Vorwürfe zu machen gehabt und hätte sie mir gemacht, hätte ich nur Zeit dazu gehabt, was aber nicht der Fall war. Ich weiß nicht, wie Leute, die, wie Sie, eine angestrengte Berufstätigkeit haben, es möglich machen, noch außerdem große Werke zu schreiben? Ich — der ich keinen Beruf habe — komme nicht zu der Hälfte von dem, was ich zu tun hätte, und bin doch fast fieberhaft tätig. Teils dürfte dies auf angeborene Schwerfälligkeit zurückzuführen sein, teils auf mangelhafte Bildung, teils auf den enormen Kreis der Interessen. Bei der riesenhaften Produktion unserer Tage hätte es selbst ein Goethe schwer.
    Nun, lieber Freund, nachdem Bessere als ich — ich weiß es — Ihnen für Ihr Festspielgeschenk gedankt haben, komme als letzter auch ich. Die gezwungene Langsamkeit des Entstehens darf Sie nicht entmutigen, sie ist symbolisch für die lange Dauer des lebendigen Wertes Ihres Werkes. Sie schaffen da etwas   H e r r l i c h e s,   von der weittragendsten Bedeutung. Ihr Werk ist ein Monument deutscher Wissenschaftlichkeit, deutschen Fleißes, dazu ist dieser Band ein Meisterstück der Darstellung, und so gewinnt das, was im Grunde ein Werk der Liebe ist — und das höchste Lob natürlich in dieser Eigenschaft verdient — noch die anderen Qualitäten, welche ihm den entscheidenden Einfluß sichern.   S i e   werden als grundlegende Darstellung und Sichtung noch bestehen und fleißig benutzt werden, wenn wir Eintagsfliegen schon längst vergessen sein werden — darum danke ich Ihnen herzlich, daß Sie schon beizeiten und in so überaus freundlicher Weise dafür gesorgt haben, daß wenigstens etwas von mir erhalten bleibt. Nirgends will ich lieber weiterleben als in den Spalten Ihres Buches.
    Von meiner journalistischen Tätigkeit hat meine Frau Ihnen wohl alles Wichtigste zugesandt? Hoffentlich auch den Aufsatz aus der Revue des Deux Mondes¹: R. Wagner et le Génie français? Denn dies war das Einzige von größerer Bedeutung. Aber natürlich, wie alles, was ich mache, nicht eine allseitig abgerundete Darstellung des wichtigen Verhältnisses, sondern ein diplomatischer oder sagen wir lieber taktischer Versuch, durch Beredsamkeit und bewußte Einseitigkeit dem Verständnis vorzuarbeiten und die Aufnahme der Kunst und der Lehren unseres Meisters fördernd vorzubereiten. Dieses Ziel werden Sie hoffentlich überall, auch in den Kleinigkeiten, deutlich gemerkt haben? „Börsen-Courier“ und „Zukunft“ sind ausgesprochen jüdische Blätter, die „Redenden Künste“ ein Revolverblatt, die „Berliner Deutsche Zeitung“ Antisemiten Dühringscher Richtung, die in ihrem Programm davon sprechen, daß Wagners Kunst „einen Schatten“ über Deutschland werfe usw. — Nirgends kann   i c h   zu Worte kommen. Ein jeder von uns hat sein Kreuz zu tragen: das meine ist die beständige Selbstverleugnung, das Verschweigen dessen, was das innerste Herz erfüllt. — Vor kurzem habe ich (in Frau W.s Auftrag) zwei Aufsätze dieser Art für ein amerikanisches Blatt geschrieben; ich werde sie Ihnen schicken. Einen größeren Aufsatz über Stein bereite ich für die „Deux Mondes“ augenblicklich vor. Bald muß ich aber diese Tätigkeit sehr einschränken, um alle Kräfte dem neuen großen Unternehmen zu widmen, dem mir von Bruckmann aufgetragenen Werke über „Das 19. Jahrhundert“. Hoffentlich soll auch dies eine Bayreuther Tat werden. Beten Sie nur fleißig für mich — wie ich für Sie es tue.
    Dies zum Neujahrsgruß! Ihnen allen von uns beiden und von Colla² alles Beste von Herzen!

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Nr. vom 15. Juli 1896, S. 432—456.
    ² Kleiner schwarzer Spitz.
 

45-49 An Dr. Arthur Prüfer



29. September 1897.    VI Blümelgasse 1        Wien.

Sehr geehrter Herr

    Lebhaft bedauere ich, daß ich erst heute dazu komme, auf Ihr freundliches Schreiben vom 1. dieses Monats zu antworten. Dringende Arbeiten dienen mir zur Entschuldigung. Was mich aber viel mehr drückt als die Verspätung meiner Antwort, ist die Tatsache, daß ich so ganz unfähig bin, Ihre Bitte — die in meinem Herzen ein geradezu leidenschaftliches Interesse erweckt — zu erfüllen. Wie gern würde ich Ihnen das „Material“, um das Sie mich bitten, zur Verfügung stellen, wenn ich nur eines besäße — ich habe aber leider gar kein Material, sondern nur einiges Werkzeug, darunter in erster Reihe einen gar ungelehrten, ungehobelten, aber ziemlich geräumigem Gehirnkasten, in welchen ich nach und nach so manches hineingesteckt habe. — Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in der Hauptsache Autodidakt — das Wenige, was ich von akademischer Bildung genoß, gehörte einem fernliegenden Felde an (Chemie, Physik, Physiologie), und auch dort gelang es mir niemals, mir die Methoden des eigentlichen Gelehrten anzueignen. Ich weiß recht wohl, welcher Nachteil dies ist, bin aber nicht mehr jung genug, um mich umzumodeln, und übrigens, überlege ich‘s mir, so bin ich auch als Kind jeder diesbezüglichen Belehrung unzugänglich gewesen. Da ist nichts zu machen: das Leben muß mich so aufbrauchen, wie ich nun einmal bin; was mich beglückt, ist die Wahrnehmung, die ich an Ihrem gütigen Schreiben noch einmal machte, daß gelehrte Männer doch von mir Anregung empfangen können.
    So sieht es mit meinem Material aus: Ich mache hinten in jedem einzelnen Band Anmerkungen — Stichworte, auch ganze Sätze — nur nicht etwa sehr ordentlich und methodisch, sondern so, daß eine jede von diesen Seiten ein eigenes Gesicht erhält; das ist der Grundstock — der wird bei jeder Lektüre sofort angelegt, ob ein bewußter, bestimmter Zweck dabei vorhanden ist oder nicht, gleichviel. Habe ich eine ganz bestimmte Arbeit vor, so kann es auch geschehen, daß ich einzelne Zettel ausschreibe — diese entsprechen aber wenig meinem physiognomisch-mnemotechnischen Bedürfnis, sie verarbeiten sich nicht gut in dem Brei, den ich um- und umzurühren habe, ehe eine fertige Gestalt herauskommt — da nehme ich lieber einen beliebigen Bogen zur Hand, stöbere in dem betreffenden Autor, durch die vorgenannten Anmerkungen hinten im Bande geleitet, überall herum und notiere mir alles durcheinander — versuche mir z. B. im Laufe eines einzigen Vormittags (damit nur ja kein Eindruck verroste) einen Gesamtüberblick über Herders Auffassung des Verhältnisses zwischen Wort und Ton, von seiner Jugend bis in sein hohes Alter zu verschaffen; einen solchen Bogen würde ich aber selber später nicht mehr verstehen — er wandert nach getanen Diensten in den Papierkorb und macht sich nützlich beim Anzünden des Ofens. Und nun — in dieser Hypothese einer bestimmten Arbeit — häuft und konzentriert sich alles: das Brauchbare, das Unbrauchbare, das Gute, Vortreffliche und Mittelmäßige — es kämpft mit meinen eigenen Ideen, mit dem Drang nach Gestaltung und dem Bewußtsein eines undurchdringlichen Chaos — ich versichere Sie, es ist die reine Hexenküche, und ich renne wie ein Besessener in der Stube oder auch in den Gassen Wiens herum; plötzlich tagt‘s, Gott weiß wie, ich weiß es nicht: ich setze mich hin und schreibe verhältnismäßig schnell und bemerke erst, wenn ich ganz fertig bin, nach welchem Prinzip die ganze Sache angelegt ist, wodurch Klarheit über den Gegenstand kam usw.
    Entschuldigen Sie, geehrtester Herr, daß ich Ihnen das alles so ausführlich erzähle; ich nehme einen so innigen Anteil an Ihrem Vorhaben, daß ich das Bedürfnis empfinde, Ihnen ganz klar zu machen, wieso es kommt, daß ich nicht in der Lage bin, Ihnen etwas anderes zu geben außer der Anregung.
    Dazu kommt noch ein Umstand. Was ich im Augenblick nicht brauche, schwindet mir — vorübergehend — fast ganz aus dem Gedächtnis. Bei dem weiten Kreise meiner geistigen Interessen wäre es auch anders gar nicht möglich; nach dem Rufe eines zweiten Magliabigghi¹ geize ich nicht und behalte mir lieber so viel Gehirn als nur irgend möglich zum Denken übrig.
    Und so kann ich Ihnen denn in bezug auf Herder nur einige ganz allgemeine Winke geben.
    Vor allem hat mich, weiß ich, gefesselt: der Abschnitt 33 aus den „Ideen zur Geschichte und Kritik der Poesie und bildenden Künste“. Auch Abschnitt 57. Dazu in anderen Abschnitten einzelnes.
    In dem ersten „Kritischen Wäldchen“ finden Sie einiges zu unserem Thema, aber wenig.
    Um so mehr dagegen in der „Nachlese zur schönen Literatur und Kunst“ — einiges in Abschnitt 4 „Lyra“, noch mehr aber und Herrliches in Abschnitt 5 „Alcäus und Sappho“.
    Einige der bezeichnendsten Aussprüche fand ich, wo keiner sie zu suchen scheint (wenigstens schrieb mir neulich ein spezieller Herderkenner, er könne sie nicht finden), in den „Früchten aus den sogenannten goldenen Zeiten des 18. Jahrhunderts“; studieren Sie namentlich, bitte, Abschnitt 10 „Händel“ und darin ganz besonders den Schlußteil, der dessen Cäcilia behandelt — und dann den folgenden Abschnitt „Das Drama“.
    Sehr wertvolle Bemerkungen zu unserem Thema finden Sie ebenfalls in der „Nachlese zur Adrastea“ — über die Möglichkeit, das griechische Theater auf das unsere zu verpflanzen.
    Zu den „Früchten usw.“ vergaß ich den Abschnitt 9 zu nennen; was von Herder sonst angeführt wird, kommt meistens daraus. Ich persönlich habe aber Herders Bemerkungen lieber dort, wo sie ganz unerwartet, wie Lichtstrahlen, aufblitzen, als bei einer derartigen regelrechten Besprechung der Musikverhältnisse, die er um sich fand.
    Ich vermute, daß in den „Fragmenten zur deutschen Literatur“ man manche Bemerkung über Sprache finden muß, die in bezug auf Wagner Interesse bietet.
    Vor allem möchte ich Ihnen aber dringend raten, sich nicht durch die absprechenden Worte Schillers und Goethes davon abhalten zu lassen, der „Kalligone“ Ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Für mein Gefühl ist dieses Werk fast durchwegs eines der Wunder der deutschen Seele. Über Musik speziell finden Sie in den Abschnitten „Vom Erhabnen hörbarer Gegenstände“ und „Das Schöne als Symbol betrachtet“ viel Köstliches. — Außerdem würde ich Ihnen, in bezug auf Wagner, den Abschnitt „Von Kunstrichterei, Geschmack und Genie“ warm empfehlen — man lernt da gut begreifen, warum Kant dem Bayreuther Meister so wenig war und blieb.
    Schließlich brauche ich wohl kaum zu sagen, daß Herder zu jenen Männern gehört, bei denen man überall etwas und meistens Unerwartetes findet. Ich wenigstens mache immer jeden beliebigen Band Herders auf und lese nur darauf los, gleichviel wovon die Rede ist; man wird immer reichlich belohnt. Was ich schwer fertig bringe, ist in Herder hintereinander weiterzulesen, denn er ist so eigentümlich anregend, es ist ihm so natürlich, in unvergleichlich genialer Weise, stets, wovon auch gehandelt werden mag, diese eine Betrachtung mit den entlegensten harmonisch zusammenzufassen; die Einheit des Kosmos pulsiert so heftig in diesem warmen, verschwenderischen Herzen — daß unwillkürlich die eigene Denkmaschine in Bewegung kommt — Gott, wie falsch drücke ich mich aus! —‚ gerade das Mechanische in einem wird durch dieses übersprudelnde Leben so überboten, daß der eigene   G e i s t   die Flügel ausbreitet; man schließt das Buch zu mit seinen dummen gedruckten Lettern und folgt jener herrlichen Seele, wie sie wollte, daß man ihr folge:

„Wie das erhabne Gestirn dem Wanderer leuchtet im Tale
Und dem Schiffbrüchigen glänzt, also erhebe du dich.“
    Sie erinnern sich, wie schön Herder sagt: „Die Gedanken kommen und gehen; sie ziehen wie Zugvögel vorüber.“ Er ist ein großer Zauberer, um diese Zugvögel herbeizulocken; wenn man ihn eine Viertelstunde gelesen hat, kommen sie schon gezogen, von Mittag und von Mitternacht, von Morgen und von Abend.
    Doch, mein wertester Herr, ich sehe, ich speise Sie mit Worten! Ich möchte Sie eben so gern von meiner vollen, warmen Sympathie überzeugen für Ihr schönes Unternehmen und bin trostlos, daß ich so gar nichts zu dessen Gelingen beitragen kann. Und so bleibt mir eigentlich nichts, als Ihnen von ganzem Herzen Glück zu wünschen. Ich wünsche Ihnen zwei Schutzengel — der eine möge Sie auf alles Wichtige und Wesentliche aufmerksam machen, der andere möge alle überflüssige Literatur von Ihnen fernhalten!
    Mit verbindlichstem Gruß bin ich, sehr geehrter Herr,

Ihr hochachtungsvoll ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Wohl Magliabecchi, italienischer Gelehrter des 17. Jahrhunderts.
 

50-51 An F. A. Brockhaus



27. Oktober 1897       VI Blümelgasse 1