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VII
Die Briefe I. 1882-1907
VIII
1-6
An
Miß Harriett Mary Chamberlain
Liebstes Tantchen
Fast möchte
ich
mit Parsifal ausrufen: „Ha, welcher Sünden, welches Frevels Schuld
muß dieses Toren Haupt belasten“, wenn ich bedenke, daß
fast
eine Woche seit meinem letzten Brief verstrichen ist und ich inzwischen
dreimal den „Parsifal“ erlebte. Hoffentlich hast Du Dich nicht etwa
gesorgt,
sondern begriffen, daß, da ich kein beruflicher Berichterstatter
bin, dieses Meisterwerk mich einfach verstummen machte. Hiermit sage
ich
keine Redensart, denn wenn auch solche überwältigende
Schönheit
nach anderen, stärkeren als den herkömmlichen Worten der
Bewunderung
verlangt, so ist da noch eine zweite Überlegung, die es schwer, ja
unmöglich macht, sich in der Hoffnung an den Schreibtisch zu
setzen,
etwas auch nur einigermaßen Zusammenhängendes oder
Verständliches
niederzuschreiben: und das ist die Schwierigkeit, nach ein- oder
zweimaligem
Hören ein Meisterwerk hinlänglich zu erfassen, an dem das
Genie
jahrelang schuf, — selbst dann, wenn man sich wie ich durch vorheriges
Studium darauf vorbereitet hatte. — Als ich soeben meine Karte für
die morgige Aufführung (die vierte) holte, sprach mich Prof.
Riedel
(Professor der Musik in Leipzig) an und meinte, daß, wenn man
dieses
Werk nur ein- oder zweimal gehört hätte, der Eindruck ein
„schiefer“
sein müsse, da man nach den Schönheiten des 1. und 2. Aktes
noch
nicht reif für die Steigerung im dritten wäre. Und das erfuhr
ich tatsächlich; denn zuerst bewunderte ich den 1. Akt am meisten,
dann den 2. und jetzt erst, über allen Vergleich hinaus, den
dritten.
Wie wünschte
ich, mein geliebtes Tantchen, daß Du das miterlebt hättest!
Meine Erwartungen sind in jeder Hinsicht übertroffen worden, und,
da Du es nicht mit eignen Augen sahest, fürchte ich, Du wirst mich
für „wagnerverrückt“ halten, wenn wir heimkommen.
Zuvörderst —
das Theater, in all seiner Einfachheit und aus gewöhnlichstem
Material
erbaut, ist nach meiner Meinung durchaus imposant, erhaben. Ich spreche
nur vom Innern. (Das Äußere konnte vermutlich bei Wagners
kargen
Mitteln überhaupt nur im einfachsten Stil errichtet werden und ist
nun leider durch die Notwendigkeit eines angefügten Vorbaues — als
Eingang für die kgl. Herrschaften — verdorben worden.) Es ist ein
wirkliches Amphitheater, eine Sitzreihe über der anderen,
genügend
überhöht, um über den Kopf des Vordermanns hinweg jedem
freien Blick auf die Bühne zu gewähren. Je weiter nach
hinten,
desto breiter werden die Reihen, d. h. sie erweitern sich
fächerartig,
und über der letzten ist die sogenannte „Fürstengalerie“, die
aus drei langen und flachen Logen besteht, welche die ganze Breite
einnehmen.
An beiden Seiten springen dorische und ionische Säulen vor,
oberhalb
welcher, wie auch über der Fürstenloge, Kronleuchter
angebracht
sind, da es keine Zentralbeleuchtung gibt.
Ganz unten, zwischen
der vordersten Reihe und der Bühne, ist ein dunkler,
geheimnisvoller
Zwischenraum, dessen Bestimmung uns erst durch einen leichten
Taktstockaufschlag
des Dirigenten — es ist dies das einzige Zeichen, das dem Publikum den
Beginn des Aktes verkündet — und darauf durch das Erklingen des
wunderbaren
„Liebesmahlspruchs“ erklärt wird. Du kannst Dir unmöglich den
Eindruck dieser von unsichtbaren Händen gespielten Musik
vorstellen,
welche zwar nicht vom Himmel herunterkommt, aber gerade darum noch
rührender,
ja reinmenschlicher uns packt, durch das Heraufschweben der
unsäglich
ergreifenden Töne, die aus dem tiefsten Innern der Erde zu kommen
Scheinen.
Nun wirst Du mich
am Ende für ganz verrückt halten, und dabei habe ich noch
nichts
über das Werk selbst gesagt. Was soll, was kann ich aber
darüber
sagen?! Dreimal habe ich es erlebt, nachdem ich es mit allen mir zu
Gebote
stehenden Mitteln durchstudiert, die ganze Musik auch Note für
Note
mit dem Klavierauszug verfolgt hatte, — — und nun ist es mir zur festen
Überzeugung geworden, daß es sich jenen
allergrößten
Meisterwerken anreiht, auf welche die Menschheit stolz ist, und
daß
Wagner damit, ohne Widerspruch, unter die leuchtendsten Sterne erster
Ordnung
versetzt werden wird. — Möglich, daß ich mich hierin
täusche;
erste Eindrücke können ja noch eher irreleiten, als
spätere,
und die außergewöhnlichen Umstände mögen in diesem
Falle ein besonders günstiges Urteil erzeugen.
Du kannst besser
darüber urteilen als ich. Ich muß nur noch hinzufügen,
daß, obschon das Publikum durchaus nicht bloß aus
„unbedingten
Wagnerverehrern“ bestand, wir dennoch nur Worte der tiefsten
Bewunderung
hörten, ja selbst die (sehr wenigen) Zeitungsberichte, die ich
gelegentlich
zu sehen bekam, drückten sich ganz in gleichem Sinne aus.
„Parsifal“ ist zwar
kein Drama von so riesigen Ausmaßen wie der „Ring des
Nibelungen“,
von welchem man sagen darf, daß er nicht nur ein ganzes Epos,
sondern
eine ganze Mythologie in sich birgt, aber er ist ein g r
ö
ß e r e s und tieferes Werk, das in seiner
dichterischen
Konzeption noch mehr allumfassende Wahrheit enthält, ein
wirkliches
D r a m a (was jener nicht ist), in dem die Einheit der
Handlung
fast buchstäblich zu nehmen ist und als übertrieben
betrachtet
werden könnte, — und der Sinn dieser Handlung ist reinmenschlich,
wendet sich an die edelsten und höchsten Gefühle und
Leidenschaften
des menschlichen Herzens und zeigt deren Sieg über die niedrigen,
mögen diese auch in noch so glanzvoll schillernde Gewänder
gehüllt
sein. Es ist merkwürdig zu sehen, wie recht Wagner hat, wenn er
meint,
daß man seine Werke unmöglich verstehen könne, wenn man
nur einen der beiden Teile betrachte, sei es die Musik oder die
Dichtung,
oder auch beide, aber getrennt; denn ich besitze z. B. das Gedicht
dieses
letzten musikalischen Dramas seit Jahren und habe es unzählige
Male
gelesen, muß aber gestehen, daß ich keinen Begriff von
seiner
wunderbaren Schönheit und Tiefe hatte, bis ich die „Verse mit der
unsterblichen Musik vermählt“ hörte (vergib diese
Abänderung
Miltons!). Ein Musikreferent schreibt, daß er sich kaum der
Tränen
enthalten konnte beim Vorspiel. Du kennst ja den „Liebesmahlspruch“ —
er
wird jedoch hier viel langsamer genommen, und besonders die
Schlußnoten
dehnen sich bis zu dem, was Schumann „himmlische Länge“ genannt
haben
würde. Der Klavierauszug gibt einem keine Ahnung von den Akkorden,
welche dann folgen und die wir den Harfen zuschrieben, während sie
von sämtlichen Streichern „mit Dämpfern“ gespielt werden, — w
i e —‚ das wissen wohl nur Gott und Wagner; es ist himmlisch, und der
von
mir früher oft verlachte Wolzogen spricht die reine Wahrheit, wenn
er sagt: „Mit diesen göttlichen Harmonien zieht der göttliche
Geist der Liebe alsbald in die ergriffen lauschenden Herzen ein, die,
wie
e m p o r g e z o g e n zum himmlischen Quell usw. usw.“.
Ja,
„emporgezogen“ — das ist das rechte Wort; man fühlt sich wirklich
auf Engelsschwingen zum Himmel hinaufgetragen. Wären nicht die
sehr
langen Zwischenakte (in deren einem man zu Abend ißt), brauchte
man
erst beim letzten Fallen des Vorhangs wieder zur Erde hinabzugleiten.
Trotz des, wie ich
schon sagte, Reinmenschlichen und zu jedem Herzen Sprechenden im
„Parsifal“
ist dieses Werk dennoch durchaus deutsch, indem es auch wahrhaft
subjektiv
ist, und diese Eigenschaft erhebt es ins Ideale. Die äußere
Handlung ist gering und obendrein grundverschieden von dem, was unser
jetziges
äußeres Leben ausmacht; der dichterische Grundgedanke, die
Gemütsbewegungen,
die inneren Konflikte, die eigentlichen Situationen an sich (wenn man
sie
der äußeren Hüllen entkleidet) sind wahr und
lebensvoll;
aber sie werden uns wie in einem Gleichnis vorgeführt. Die
Handlung
spielt in der noch halb sagenhaften Zeit der Ritter von der Tafelrunde,
wo der Glaube an Zauberei bewies, daß die Kluft zwischen dem
Menschen
und der übrigen Natur nicht so tief war wie jetzt. Der Ort der
Handlung
ist in eine halb fabelhafte Gegend verlegt, nicht mehr in das gute alte
Deutschland, wie in Wagners früheren Werken, sondern auf einen
unbestimmten
Berg Spaniens „dem arabischen Spanien zugewandt“. Dazu die wunderbare,
jedes Wort, jede Bewegung begleitende Musik, die der unbedeutendsten
Einzelheit
einen idealen Reiz verleiht und uns weit über das Alltägliche
hinaushebt; ja, dieses sogenannte „Zukunftsdrama“ zeigt uns wirklich
den
Menschen in einem zukünftigen, höheren Entwicklungszustand, —
das materielle Substrat bleibt zwar unverändert, aber seine
Kundgebung
erscheint uns in schönerer, idealerer Form.
Im Verlauf dieser
letzten Woche hat sich mein Standpunkt zum Wagnertum sowie meine
Einschätzung
des grundlegenden Gedankens vom „Musik-Drama“ erheblich geändert.
Jeder vernünftige Mensch wird leicht zugeben, daß man
Wagners
Dichtungen ohne die Musik gar nicht zu beurteilen vermag, — aber weit
schwerer
zu begreifen (schwerer ob der Neuheit dieser Vorstellung) ist, wie
unmöglich
es ist, Wagners Musik ohne die Dichtung — besonders ohne das gesungene
Wort — zu verstehen und in irgendeiner, höchst unvollkommenen
Weise
einzuschätzen.
Das mag vielleicht
paradox klingen, aber im gegenwärtigen Augenblick bin ich von
der
ü b e r w ä l t i g e n d e n S c h ö n h e
i t dieses — wie soll ich es nennen? — Gesanges, besser,
dieser
gesungenen Worte bezwungen. Es muß wirklich ein neues Wort
gefunden
werden, denn es ist geradezu absurd, von einem „endlosen Rezitativ“ zu
Sprechen, wie oft geschehen ist, und anderseits kann man es ebensowenig
eine „Melodie“ nennen. Du entsinnst Dich gewiß, daß uns
schon
im Klavierauszug einige Stellen auffielen, so: „Muß ich denn
sterben,
vom Retter ungeleitet?“, — „Wehe, wehe, usw.“. „Er naht, sie bringen
ihn
getragen“, und andere. Aber abgesehen von der für Dilettanten
beträchtlichen
Schwierigkeit, Klavierspiel und Gesang zu vereinigen, oder die
Singstimme
mitzuspielen, sind Übung und Vertrautheit zur wirklichen
Würdigung
dieser zugleich ureigensten, tiefsten und bedeutendsten Wagnerschen
Neuerungen
unumgänglich notwendig. Beim ersten Durchblättern der
Partitur
meint man, daß die Singstimme in ihrem Auf- und Absteigen
ziemlich
willkürlich behandelt wäre, ja man ist fast zu der Annahme
versucht,
daß die einzige „raison d‘être“ des Notenwechsels
in
dem Gesetz der Unterordnung unter die begleitende Musik läge. —
Irrtum!
Tiefer Irrtum! Du ahnst gar nicht, wie zart bei aller Kraft und
Fülle
das Wagnersche Orchester ist; die Stimme beherrscht es immer. Die oft
gehörte
Behauptung, daß die Stimme in Wagners Dramen in dem Tonmeer
ertränkt
werde, ist haltlos. Wohl g i b t es einen Ozean
von Harmonien, und Welle auf Welle rollt in unendlicher Folge aus dem
unsichtbaren
Orchester empor, aber es ist ein Ozean, der Handlung und Darsteller
trägt
und in dem diese als Sieger schwimmen.
Wunderschön
und namentlich durchaus geschmackvoll ist auch die Inszenierung, und
die
Hauptgruppierungen sind offenbar von Künstlerhand entworfen
worden.
— Im ersten Akt ist die Wirkung der von links nach rechts sich
bewegenden
Wandeldekoration, in welcher das ursprüngliche Waldesdickicht
allmählich
in eine felsige Gegend mit Gewölben und Säulengängen
übergeht,
von ganz großartiger Wirkung, besonders durch das wiederholte
Auftauchen
der Gestalten von Gurnemanz und Parsifal, dunkel und undeutlich im
Hintergrund.
Es gemahnte mich an G. Dorés Zeichnungen von Dantes Hölle.
Die
Blumenmädchen
sind einfach entzückend; alle Musiker stimmen darin überein,
daß Wagner mit diesem Chor, wenn man es so nennen will, „etwas
noch
nie Dagewesenes“ geschaffen habe; die unglaublich schweren
Anforderungen,
welche er darin stellt, sind so glänzend überwunden worden,
daß
man sich sorglos dem unbeschreiblichen Zauber dieser Szene hingeben
darf,
deren jugendliche Darstellerinnen aus den besten Theatern Deutschlands
auserlesen wurden. — Aber die Krone dieses Wunderwerks ist die
Fußwaschung
Parsifals durch die büßende Kundry im 3. Akt und die
begleitende
Episode der „Blumenaue“ oder „Charfreitagszauber“, wo Parsifals Ausruf
„Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön!“ vom alten
Gurnemanz
mit den Worten beantwortet wird: „Das ist Charfreitagszauber, Herr! Des
Sünders Reuetränen sind es, die heut‘ mit heil‘gem Tau
beträufeln
Flur und Au‘ . Der ließ sie so gedeihen, usw. usw.“ — „Da
hört
Alles auf“ und so auch
Dein Houston.
Dank für die beiden Karten.
7-12
An
Miß Harriett Mary Chamberlain
Liebstes Tantchen,
Besten Dank
für
Deinen Brief vom 19. und den — anbei zurückfolgenden — von Harry,
der uns die Geburt seines Sohnes mitteilt.
Es wird Dich freuen,
daß Seeluft wie Seebäder mir sehr zuträglich sind;
sogar
ein kleiner Ausschlag, den ich hier bekommen habe, wird als
günstige
Wirkung des Wassers gedeutet und beweist mir jedenfalls, daß
meine
Haut und vielleicht auch mein Blut reagieren, und da ich mich recht
wohl
fühle, darf die Warnemünder Theorie den Vorrang vor manchen
anderen
landläufigen beanspruchen. Eigentlich gedachte ich heute in
Kopenhagen
zu sein („Kjöpenhavn“, was wörtlich „Kaufhafen“ bedeutet),
allein
eine Verletzung der Zehe, die ich mir neulich auf den Stufen der
Badehütte
zuzog, zwang mich zum Aufschub. Doch es ist nichts Schlimmes und
schmerzte
bloß einen Tag, und wenn sich der Wind einigermaßen legt,
will
ich morgen aufbrechen und vielleicht über Lübeck am Sonntag
zurückkehren.
Jeder, der Kopenhagen kennt, ist entzückt davon, und allein das
Thorwaldsen-Museum
würde genügen, um den Ausflug zu einem interessanten zu
machen.
Möglicherweise werde ich dem nördlichsten Punkte:
Helsingör
einen Nachmittag widmen, — man erblickt von dort die schwedische
Küste.
Nach Lübeck würde ich hauptsächlich um der Kirchen
willen
gehen, da sie durch die ausschließliche Verwendung von
Backsteinen
typisch für den reinen gotischen Stil des nördlichen
Deutschland
sein sollen und sich in manchem von anderen bekannteren Bauarten, wie
den
Kirchen am Rhein, in Frankreich und in Süddeutschland wesentlich
unterscheiden.
Die in letzterem so stark ins Auge fallenden Bogenpfeiler, welche dem
Äußeren
jene merkwürdige arabeskenartige, nach oben drängende Form
geben,
sind, wie ich erfahre, wegen der Backsteine dort unbekannt. Das
Äußere
wirkt dadurch etwas schwerfällig, — aber ohne, meiner Meinung
nach,
der Schönheit und Größe zu ermangeln; denn abgesehen
von
Einzelheiten ist die Anlage die gleiche wie bei anderen gotischen
Kirchen.
Die einzige Kirche dieser Art, die ich sah, diejenige in Doberan bei
Heiligendamm
(aus dem 13. und 14. Jahrhundert) erinnert in ihrem äußeren
Bau auffallend an den Dom von Pisa. Du entsinnst Dich wohl des
großartigen
Eindrucks, den dieser, von der Ostseite neben dem Kampanile aus
gesehen,
uns machte? Er ist ja viel älter, eigentlich Frühgotik, aber
sein Erbauer war ein Deutscher (il Tedesko), und obschon ich
hier
von Dingen rede, von denen ich nichts verstehe, sollte es mich sehr
wundern,
wenn da nicht eine Art von Verbindung vorläge, so auffallend ist
die
Verwandtschaft in der allgemeinen Inspiration. Leider habe ich kein
einziges
Buch bei mir, das mir, wie Lübke, den erwünschten
Aufschluß
gäbe.
Aber ich werde
weitschweifig,
und das ist meinem widerspenstigen rechten Handgelenk nicht eben
zuträglich,
— da ich täglich wenigstens einen, oft mehrere
Geschäftsbriefe
zu schreiben habe und die Hand dann nach Ruhe verlangt. So kam es,
daß
ich Dir noch kaum etwas von Leipzig berichtete, wohl nur, daß ich
dort dem alten Liszt vorgestellt worden bin, der von Weimar
herübergekommen
war (wo er trotz seiner 72 Jahre ein Oratorium¹ schreibt), um
Berlioz‘
„Benvenuto Cellini“ anzuhören. Prof. Riedel kennt meine tiefe
Abneigung
gegen jedwedes Hervordrängen und jene rohe Belästigung
berühmter
Männer, aber e r bestand in diesem Fall
darauf,
daß ich eingeführt würde, und da Liszt sein
langjähriger
Freund sei, könne ich das sehr einfach. Prof. Riedel hatte Liszt
von
mir gesprochen und daß ich sein Gast sei. Dieser habe gleich
erwidert,
daß er m i c h bereits k e n
n e (d. i. von mir wüßte) und sich sehr auf
meine
persönliche Bekanntschaft freue. Leider konnten mir weder Vater
noch
Tochter Riedel erklären, wodurch und was Liszt etwa von mir
wüßte.
„Mystère!“
Immer von einer Menge
Anbeter umgeben, war der greise Herr auch diesmal mit etwa 20 Menschen
von Weimar herübergefahren; darunter befanden sich neben
Gräfinnen
auch Damen geringerer Herkunft, Kapellmeister und Pianisten; bei
letzteren
ein sehr netter Engländer. Du bist wahrscheinlich ebensowenig, wie
ich es bis vor kurzem noch war, darüber im klaren, einen wie
bedeutsamen
Anteil Liszt an der ganzen Entwicklung der modernen Musik hat. Seine
Stellung
als größter Pianist und als Schöpfer einer ganz neuen
Kunst
des Klavierspiels, welche das Klavier vollständig umwandelte,
bedingt
bei weitem nicht seinen einzigen oder größten Anspruch auf
Ruhm
und auf die förmliche Anbetung, die ihm von zahlreichen Musikern
gezollt
wird. Im Gegensatz zu den anderen Virtuosen hat er von Anfang an seinen
ganzen Einfluß, seine ganze Popularität dazu verwendet,
jungen
Talenten die Wege zu ebnen, sie zu ermutigen, indem er ihre
Klavierwerke
spielte und ihre Opern und Oratorien usw. aufführte, als er
längere
Zeit in Weimar Musikdirektor war. Dabei kämpfte er auch mit seiner
stets bereiten glänzenden Feder für sie, so daß wir in
großem Maße, um nur einige zu nennen, Berlioz, Chopin,
Schumann,
Wagner ihm zu verdanken haben. Und Wagner selbst sprach es in seiner
Rede
am Schluß der vorjährigen Festspiele aus, daß er
alles,
was er sei, Franz Liszt schulde.
Schließlich
muß ich auch noch seinen Ruhmesanspruch als Komponist
erwähnen,
der nach zuständigstem Urteil mir als groß bezeichnet wurde,
als weit bedeutender, als die Allgemeinheit ahnt. Er selbst hält
nicht
viel von den meistgekannten seiner Werke, wie den „Ungarischen
Rhapsodien“,
die er eigentlich um des technischen Könnens willen schrieb.
Leider
kenne ich kaum etwas von ihm; seine Kompositionen sind ausnehmend
schwer,
— man sagt mir, sein „Waldweben²“ für Klavier gehöre zu
dem Schönsten, — seine Oratorien „Die heilige Elisabeth“ und
„Christus“
sowie andere Werke kann man nur in einigen Städten, wie in
Leipzig,
hören. — Ich muß sagen, ich blickte mit achtungsvoller
Bewunderung
auf diesen Mann, der noch ein Zeitgenosse Beethovens gewesen ist, und
unter
dessen Flügeln alle größten Musiker dieses Jahrhunderts
emporwuchsen, und der nun, nachdem er sie a l l
e
zu Grabe geleitet hat, ruhig in seinem kleinen Weimar sitzt und neue
Werke
schafft. — Du kennst mich genügsam, um zu glauben, daß ich
mich
beim gemeinsamen Abendessen so weit ab als möglich von seinem
Gesichtskreis
setzte. Prof. Riedel meinte: „Es ist immer ein Anfang!“ „Benvenuto
Cellini“
ist eine ebenso merkwürdige als originelle Schöpfung des
ebenso
merkwürdigen als originellen Genies Berlioz, der sicher ein halbes
Jahrhundert zu früh in die Welt kam und überdies das
Mißgeschick
hatte, in einem Land geboren zu werden, das ein musikalisches Empfinden
von geringer Tiefe besitzt. Die Leipziger Musiker stimmten meiner
Verwunderung
darüber bei, daß ein solches Werk bereits 1836 oder 1837
(ich
vergaß, in welchem Jahre) geschrieben wurde. Die Instrumentation
ist — wie übrigens in allen Berliozschen Werken — durchaus das,
was
wir mit modern bezeichnen, und wenn auch seine Rezitative
grundverschieden
von der musikalischen Deklamation in den Wagnerschen Werken der 3.
Periode
sind, so darf man den „Cellini“ doch insofern als Vorläufer der
Wagnerschen
Musikdramen bezeichnen, als man darin kaum mehr eine Spur von der alten
konventionellen Form findet und sein Orchester eine sehr
unabhängige
Rolle spielt. Natürlich kann man aber Berlioz ebensowenig mit
Wagner
vergleichen wie das Licht des Sirius mit der Sonne, doch bleibt der
„Benvenuto“
nichtsdestoweniger sehr interessant, und ich betrachte es als einen
Glückszufall,
daß ich ihn zu hören bekam, denn bei den ungewöhnlichen
Schwierigkeiten in Ansehung der musikalischen Ausführung und
seiner
schweren Zugänglichkeit wird dieses Werk stets nur ein
„Leckerbissen“
für Feinschmecker bleiben und niemals ein Zugstück des
Repertoires
werden.
Gerne würde
ich Dir so manches von meinen eingehenden Unterhaltungen mit dem alten
Riedel mitteilen, aber ich muß es leider aufschieben und hoffe,
einiges
in späteren Briefen nachzuholen, erstens meiner Hand wegen,
zweitens
soll der Brief heute noch in den Kasten.
Ich machte nette
Spaziergänge in dem reizenden Leipziger Anlagen, sah auch das
kleine
Haus, in dessen Dachzimmer Schiller einst als Student wohnte und sein
„Freude,
schöner Götterfunken“ schrieb. Der Raum ist fast
unberührt
geblieben, sein Tintenfaß ist noch da, ebenso die weiße
Weste,
welche er zu großen Gelegenheiten trug. Es ist fast zu bedauern,
daß so alltägliche Nebensächlichkeiten wie sein
Waschtisch
der Aufmerksamkeit des Besuchers aufgedrängt werden, — mit der
unausbleiblichen
Folgerung, daß der Dichter, dessen sämtliche
Toilettengegenstände
auf einem Raum etwa zweimal so groß wie dieses Blatt Papier Platz
hätten, einen sehr, sehr beschränkten Gebrauch von dem
gemacht
haben muß, was wir chemisch H20 nennen. —
Ich
sah auch Auerbachs Keller. Hierher pflegte Goethe als ganz junger
Student
zu kommen, und man ersieht daraus, wie frühzeitig schon sein Sinn
auf den Stoff seiner großen Dichtung gerichtet war, — denn in
diesem
Keller befindet sich das große Faß, auf dem Dr.
Faustus
der Überlieferung zufolge ritt, mit einer alten Inschrift und
einem
Erinnerungsbild an dieses Interessante Faktum. Eine Menge
verschiedenartigster
alter Bücher aus den frühesten Tagen der Buchdruckerkunst
befinden
sich seit Goethes Zeit auch noch daselbst und berichten von Dr.
Fausts Wundertaten und Zauberei.
Mit Ruthardt³
und seinem Bruder, der jetzt als erster Kapellmeister nach Magdeburg
geht
(zum Leidwesen der Leipziger, da er ein sehr netter Mensch ist),
verbrachte
ich einen angenehmen Abend.
Wir verließen
Heiligendamm, wie ich Dir, denke ich, schon erzählte, einesteils
wegen
der Ausgabe, und anderseits, weil mich nach ein wenig Seeleben
verlangte,
nachdem ich die See so lange nicht gesehen hatte. Obwohl der hiesige
Hafen
klein ist, da Rostock in den letzten 50 Jahren viel von seiner
Bedeutung
als Handelsstadt eingebüßt hat, vergeht dennoch kaum ein
Tag,
ohne daß Schiffe ein- und auslaufen. Fast alle bringen Holz aus
Schweden,
Norwegen und Finnland, aber einige führen auch Kohlen aus Grimsby
und andere Petroleum aus Amerika. Fast alle Schiffe sind deutsche (aus
Rostock) oder skandinavische, einige auch russische, während
bisher
nur ein einziges französisches (das Petroleum führte) einlief
und vorgestern ein großer englischer Kohlendampfer. Die Ausfuhr
scheint
dagegen gering zu sein, da alle diese Schiffe Sand als Ballast nehmen.
Fischerboote gibt es die Menge, nicht ganz so groß wie in Cannes,
mit zwei Masten und drei Segeln, durchaus sauber; und die Schiffer
haben
jenen eigentümlich gewinnenden Ausdruck auf ihren verwitterten
Gesichtern,
der vielen Seeleuten eigen zu sein scheint. Die meisten können
Englisch,
da sie sämtlich manches Jahr zur See gefahren sind. Ich fahre fast
täglich auf einige Stunden mit dem Boot hinaus; es ist fast immer
eine gute Brise auf der Ostsee, und schwerer Wind und hohe See sind
manchmal
ganz plötzlich da; aber die Boote hier gehen meilenweit hinaus und
halten viel aus.
Der einzige
Mißstand
hier ist die Nahrung; sie verhindert, daß das gesunde Leben seine
volle wohltätige Wirkung tut. Nicht daß sie schlecht an sich
sei, — aber diese guten Deutschen haben in dieser Hinsicht, in manch
anderer
auch, fürchte ich, einen sehr verdorbenen oder besser
überhaupt
keinen Geschmack. Sie lieben alles Ungesunde, Schwere, Unverdauliche, —
nähren sich von stopfenden Sachen und essen nichts Nahrhaftes.
Dabei
und bei ihrem gänzlich unathletischen Leben ist es ein Wunder, wie
diese Rasse so kraftvoll bleibt; sicher ist das eine Gottesgabe, — sie
selbst tun nichts dazu.
Grüße
mir herzlich Onkel und Tante Anna und vergiß nicht, mir
Nachrichten
von ihr zu geben.
Dein Houston.
—————
¹
Das unvollendet gebliebene Oratorium „Stanislaus“.
²
Gemeint ist wohl die Konzertetüde „Waldesrauschen“.
³
Adolf Ruthardt, hochangesehener Musiklehrer in Genf (vgl. „Lebenswege
meines Denkens“ S. 226 f.), später in Leipzig.
Sehr geehrter Herr
Sie mögen
mich
gut verfluchen! Und nun soll ich Ihnen noch gar s c h r e i
b e n über diese Cellini-Geschichte? Frau Wagner
bittet
mich darum [Cosima
Wagner und H. S. Chamberlain in Briefwechsel, 8. Februar 1889],
ich tue es ihr zu Gefallen und bitte, es mir nicht übel zu nehmen.
Am Jahre 1883, gleich
nach Schluß der Bayreuther Festspiele, war ich einige Tage bei
dem
verstorbenen Carl Riedel zu Besuch in Leipzig. Am Tage vor meiner
Abreise
fand die erste Aufführung von Cellini statt, mit Schott als Gast.
Liszt kam dazu von Weimar herüber — mit einem gar wunderlichen
Kometenschweif.
An den Tagen vor
der Aufführung war Prof. Riedel so freundlich gewesen, mir den
größten
Teil des Cellinis vorzumusizieren, und zwar aus einem Klavierauszug mit
französischem und deutschem Text. Dabei hatte sich zwischen uns
eine
kleine Diskussion entsponnen, — indem ich von einer Arie der Therese im
ersten Akt behauptete, dieselbe passe gar nicht in den Rahmen des
übrigen,
sei unschön usw., was Riedel seinerseits n i c h
t
zugab. In der Aufführung wurde nun diese Arie gesungen.
Während
der Pause zwischen dem ersten Akt und dem zweiten unterhielten sich
Liszt
und Riedel sehr lebhaft; ich hörte ihre Unterhaltung nicht; — aber
auf einmal kommt Riedel auf mich zugelaufen, sehr heiter, und sagt: „—
— das ist ein merkwürdiges Zusammentreffen! Sie wissen diese Arie
der Therese, die Sie nicht mögen — und über die wir uns
stritten;
Liszt erzählt mir soeben, es sei das Einzige, was er in Weimar
gestrichen
habe, — er habe dem Berlioz erklärt, das wolle und könne er
nicht
dirigieren. Es hat ihn geärgert, daß man die Arie hier
gesungen
hat.“
Das ist meine erste
Cellini-Anekdote; — nun die zweite.
Nach dem Theater
waren wir alle zusammen im Hotel de Prusse (oder einem anderen
Gasthause);
— als Gast Riedels hatte ich die Ehre, mich dem wunderlichen Schweife
anschließen
zu dürfen; ich saß neben Riedel und nicht sehr weit von
Liszt,
so daß ich der Unterhaltung gut folgen konnte. Ich entsinne mich,
daß Liszt behauptete, Cellini sei die schwerste Tenorrolle, die
es
überhaupt gäbe (wozu ich allerdings bemerken muß,
daß
Schott am Tische saß). Das wichtigste war aber, daß Liszt —
einigen anderen Meinungen gegenüber — ausführte und mit
großer
Bestimmtheit behauptete, die große Arie (Monolog) von Cellini im
dritten Akt (vor dem Gusse: „sur les monts“) sei der
Höhepunkt
des ganzen Dramas, — man solle Cellini lieber nicht geben, als diese
Streichen.
(Schott hatte sie auch gesungen.) Riedel stimmte Liszt vollkommen bei.
Dieses kann ich beschwören; und ich habe ein gutes und
nüchternes
Gedächtnis.
Mit vielen Grüßen in herzlicher Ergebenheit
Ihr Houston S. Chamberlain.
Geehrte gnädige Frau
Gestatten Sie mir
die Mitteilung, daß ich — nach dem endlich definitiven
Entschluß
des dortigen Wagner-Vereins — nächsten Samstag. den 17. d. M., in
Graz — meinen Vortrag — „Schematische Übersicht über das
Leben
R. W.s“, halten soll.
Ich werde nicht
ermangeln,
Ihrem Herrn Vater¹ meine Aufwartung zu machen; sehr wird es mich
freuen,
wenn seine Geschäftstätigkeit (die, nach den Zeitungen zu
urteilen,
gerade in diesem Augenblick außerordentlich groß sein
muß)
ihm gestattet, mich zu empfangen. — Dürfte ich Sie nun bitten,
gnädige
Frau, Herrn Dr. Portugall durch eine Zeile meinen Besuch
anzukündigen?
— nämlich nur, damit nicht im ersten Augenblick ein
Mißverständnis
entstehe und er mich nicht etwa als Kandidaten für die Stelle
eines
Wasserleitungsinspektors oder dgl. halte! Mir ist einmal etwas
Ähnliches
passiert, und es war wirklich eine peinliche Minute.
Seit meinem Besuch
in Berlin habe ich Influenza mit Diphtheritis durchgemacht; kann mich
noch
gar nicht erholen. Hoffentlich ist es Ihnen besser ergangen? In dem „Guide
Musical“ von Brüssel lese ich immer das Lob Ihres Herrn
Gemahls;
das tröstet mich für die Notlage, welche mich zwingt, das
alberne
Blatt zu halten. Seit unserem Fidelio-Gespräch ist mir Dr.
Muck sehr nahe; e i n Wort führt einen
bisweilen
weiter, als zehn Jahre Schwatzens. Wer versteht es, die Verwandtschaft,
die Ebenbürtigkeit, zwischen den Großen, die es können
— Beethoven —‚ und den Großen, die es nicht können,
Hoffmann,
zu empfinden? Wer begreift es, daß der gänzliche Mangel an
derber
Volkstümlichkeit ebenso sicher von der Erreichung der sogenannten
Genialität abschneidet, als hätte der Mensch gar kein Talent?
Wer hört die Stimmen derjenigen, welchen ein überirdisches
Gelübde
Schweigen auferlegt? — Die „E i n f a c h e n“,
das ist die Alltagsmenschen, jedenfalls nicht, — aber Ihrem lieben
Manne
traue ich alles zu, — für m i c h braucht
er keine Gedichte zu schreiben und keine Musik zu Papier zu bringen, —
die Luft um ihn herum phosphoresziert ordentlich von Erscheinungen aus
einer anderen Welt, und während er bei Dressel saß, war es
mir,
als weile seine viertdimensionale Seele irgendwo ganz anders und
führe
ein Meisterwerk auf! Ob hier, ob dort, gleichviel!
Mit vielen Grüßen Ihr ganz ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹ Bürgermeister Portugall von Graz.
15-22
An
Professor Christian von Ehrenfels
Lieber Freund
Entschuldige die
Aufdringlichkeit einer umgehenden Antwort; wie Du aber, glaube ich,
weißt,
habe ich in diesem Winter eine — für meine Schwachen Kräfte —
ungeheuer große Aufgabe¹ vor. Ich bin aus diesem Grunde zur
sofortigen Beantwortung — wie ein Kaufmann — gezwungen, sonst komme ich
gar nicht zu Rande — wenn Ich die Sachen Sich anhäufen lasse, —
ich
vergesse sie überhaupt. [...]
Der Ausdruck
„Chamberlainsche
Strich“ gefällt mir außerordentlich; ich bin sehr stolz
darauf.
Dieser Strich ist sogar ein ganzer Kreis, — ein Zauberkreis, in den ich
die unsichtbaren Geister banne, — fest überzeugt, daß nur
eines
wahrhaft produktiv auf dieser Erde ist: die poetische Schöpfung.
Ob
wir Isaac Newton, Charles Darwin oder Beethoven und Wagner sind, wir
müssen
es immer so anfangen, wie seinerzeit unser lieber Herrgott und „aus
Nichts
Etwas machen“, — das Etwas zerbröckelt in unseren Fingern zu
Nichts.
Bezüglich
der
K r i t i k, so möchte ich auf den großen
Unterschied
aufmerksam machen in der Bedeutung, die diesem Wort in den positiven
Naturwissenschaften
und dagegen in den literarischen, politischen und anderen Disziplinen
beigelegt
wird. Das Grundprinzip der Naturforschung ist das alte „panta kala
lian“des
ersten Buches Moses‘; was ist, ist gut: die Natur anders zu wollen als
sie ist, — die Behauptung aufzustellen, dieses Tier hätte zu lange
Beine und jener Baum eine nicht schön genug gefärbte
Blüte,
— so etwas brächte den Naturforscher ins Narrenhaus. K
r i t i k wird dort nur und ausschließlich in bezug
auf
die Person des Beobachters, auf seine Instrumente usw. angewandt, und
das
Kriterion für seine Hypothesen wird aus den
vorliegenden
T a t s a c h e n entnommen, — und zwar „sans appel“.
Diese Tatsachen bewegen sich aber gänzlich außerhalb dessen,
was wir „logisch“ nennen. Es gibt kaum eine organische Gestalt, die uns
nicht bei ihrer ersten Entdeckung geradezu a b s u r
d
erschiene, lächerlich, mißgestaltet, unpraktisch (ich
verweise
Dich z. B. auf die neuen amerikanischen Entdeckungen auf
paläontologischem
Gebiete), — und erst allmählich konstruieren wir uns die „logische
Zweckmäßigkeit“ dieses bestimmten Typus zu unserer
Zufriedenheit
— wobei das Grundgesetz der notwendigen Einheit aller Apperzeption
(siehe
Kant) sein Amt fehlerlos versieht, indem es sich erst wie
Gummielastikum
ausdehnen läßt, und dann — sowie die neue „Tatsache“
umfaßt
ist, sich — wiederum elastisch — fest um das Bündel Anschauungen
zusammenzieht,
so daß jeder die Überzeugung hat: „Mehr geht nicht hinein.“
Nur der klarblickende Naturforscher sagt sich: „There are more
things
in heaven and earth —“. Und ich meine, daß auf diese Art in
demjenigen,
der — mit philosophischem Sinne begabt — die praktische — beobachtende
und experimentierende — Schule der Naturwissenschaft durchgemacht hat,
sich ein besonderer Begriff, oder sagen wir lieber eine besondere
Praxis
der K r i t i k ausbildet, — eine Praxis, die
so
grundverschieden ist von derjenigen der Literaten, Fachphilosophen
usw.,
daß es allerdings sehr auffallen muß, wenn ein solcher Mann
sich nun auf einmal einen großen Mann, ein Genie, vornimmt und
sagt:
„Den will ich mir genau so ansehen und ähnlich betrachten, als
wäre
er eine Giraffe.“ Denn nun haben wir einen Kritiker, der die scharfe
Waffe
seiner Vernunft nach i n n e n richtet, —
während
er nach a u ß e n das Auge nur liebevoll
und weit öffnet. Jeder andere tritt an die Erscheinungen mit
bestimmten,
logisch gegliederten Vorstellungen, Meinungen heran, mit anderen
Worten,
mit Dogmen. Der Naturforscher hat nun allerdings auch ein Dogma — das
muß
ich zugeben — es ist aber die N a t u r, die
Natur
sans
paroles. — Und ich meine nun, daß meine sog.
„Kritiklosigkeit“
durchaus kein Mangel an kritischem Scharfsinn ist, sondern nur eine
andere
Orientierung dieser Tätigkeit des Geistes. Ich nannte vorhin
das
A u g e; aber was das Auge für die Erfassung der
äußeren
Gestalt, das ist das H e r z in bezug auf das
Begreifen
der inneren Regungen, des Charakters, der ganzen individuellen
Persönlichkeit.
Selbst der alte, dürre, hausbackene Kant — mit seinem
„hölzernen
Bein“ der Moral, wie Schopenhauer spottet — sagt einmal, „in
der
w a h r e n W e i s h e i t gäbe das Herz
dem Verstande die Vorschrift“. — Und so trifft Wagners berühmter
Spruch:
„n u r wer ihn liebe, könne ihn verstehen“, ganz und
gar
mit meiner ureigenen Empfindung zusammen. Und hier muß ich Sie
(!)
darauf aufmerksam machen — denn dieser Brief ist ein apologetischer —‚
daß bei mir zu dem Naturforscher sich der Poet gesellt. Will ich
jemandens Ansichten, seine Lehren, seine Paradoxen — kurz, seine
geistige
Erscheinung — verstehen, so versuche ich so vollkommen als möglich
in seine Haut hinein zu schlüpfen; ich schaue in die Welt hinaus
durch
seine A u g e n, — ich lasse dieselben Einflüsse auf
mich
wirken, — ja, ich bin auch mit ihm unaufrichtig oder gar
lügnerisch
— was kann denn ich dafür, wenn die betr. Giraffe einmal so ist?
Und
nur in dem Maße, in dem mir diese Identifizierung gelingt,
empfinde
ich, daß ich wirklich v e r s t e h e.
Und
— das gestehe ich — was man gewöhnlich unter Kritik versteht, ist
mir dann gemeiniglich höchst langweilig. Wer nicht in jener Haut
gesteckt
hat, wer nicht durch jene Augen die Welt betrachtet hat, der weiß
ja doch nicht, was das Genie meinte, er kann ja doch nicht den gesamten
Zusammenhang überblicken, sonst müßte er mit Gott
sagen:
„Und siehe da, es ist sehr gut.“
Der ungeheure Vorzug
von Menschen Deiner Art, lieber Freund, ist nun der, daß sie mit
jeder einzelnen „Kritik“, die sie an anderen üben, klarer in sich
selbst sehen. Ihr seid gewissermaßen Kanibale, — und wißt
sehr
gut, daß ein in Stücke zerrissener Organismus nur noch zur
Nahrung
taugen kann, — womit ich keineswegs Mangel an Originalität
vorwerfen
will, da ja die Nahrung assimiliert und zu neuem Fleisch umgewandelt
wird.
Wir dagegen sind Metempsychosianer, — uns ist die Seelenwanderung das
Allergeläufigste!
Der Genuß ist ein großer, ein göttlicher. Du darfst
nur
ja nicht glauben — wie Du anzunehmen scheinst —‚ daß ein Mensch
meiner
Art imstande wäre, sich „mit Haut und Haar“ an irgend jemanden —
und
sei es selbst der Teufel in höchsteigener Person — zu vergeben.
Zwar
sehen wir in uns selbst nicht sehr klar, — ich kann z. B. aufrichtig
sagen,
daß auf der ganzen Welt kein Mensch mich so wenig interessiert
wie
ich selber, und 999mal von Tausend, wenn ich an einer Diskussion
nicht teilnehme, so kommt das einfach daher, daß ich wirklich gar
keine Meinung habe, sondern mich ganz neutral im Innern verhalte — nur
immer bereit, wo ich auch Geist und Hochherzigkeit sehe, deren Partei
zu
nehmen. Aber ich muß in mir die Einseitigkeit gewissermaßen
künstlich großziehen und erhalten, sonst würde mich
meine
naturwissenschaftliche Objektivität zu der weiten
Steppeneinöde
des à tout prix genau gerechten, alles abwägenden
Geistes
verführen; und dann der Schalk, die Ironie, oh! vor dem muß
ich mich sehr in acht nehmen, — der brächte meine Seele in die
Hölle,
wenn ich nicht sehr aufpaßte. Denn, Männer meiner Art sind
die
wirklichen Skeptiker par excellence; ein so feiner Psycholog,
wie
Du, kann das unmöglich übersehen haben; und genau so wie die
Griechen nicht bloß infolge ihrer so vieles ermöglichenden
Begabung
die größten Bildner der Welt waren, — sondern auch deswegen,
weil sie die häßlichsten Weiber von ganz Europa die ihren
nannten,
— so daß die S e h n s u c h t das
eigentliche
treibende Motiv ihrer großen Kunst war, ebenso sind Männer
wie
ich gute Apostel, w e i l sie solche Skeptiker
sind, die überall mit sicherem Blick die Unzulänglichkeit
sofort
entdecken, — und darum mit Verzweiflungskraft glauben.
Nun zu etwas anderem.
Mit religiöser
Gewissenhaftigkeit vermeide ich, wenn ich von Wagner spreche, eine
eigene
Ansicht vorzubringen. Ich bin ein Anwalt, ein Anwalt, der zugleich ein
leidenschaftlich liebender Freund ist. Ja, ich bin mehr als das: ich
bin
ein Dichter, der sich mit dem Toten, dem er zum Worte verhilft, ebenso
identifiziert wie ein Shakespeare mit seinem Falstaff, seinem Lear,
seinem
Macbeth — Ich rede natürlich nicht von der Intensität des
erreichten
Ausdrucks, sondern einzig von der A r t zu
empfinden.
Wenn ich mich bestrebe, Wagners Ansichten und die Bilder, die ihm
vorschwebten,
anderen so lebendig, so plastisch als möglich vorzuführen, —
so bin ich niemals als selber mitredend, parteinehmend zu denken. Wie
ich
bisweilen im Gespräch meine Frau ungeduldig unterbreche:
„Ach
i c h? Ich existiere ja gar nicht!“ Und um da wieder
speziell
auf Deinen Brief zurückzukommen, — nie ist es mir im Traume
eingefallen,
Wagners politische Ideen als die meinigen mir anzueignen (wie der
drastische
englische Ausdruck lautet: to e s p o u s e
his ideas). Ich bin Dir allerdings sehr dankbar, daß Du den
Vortrag
nicht durch den Zuruf „Das ist ja greulicher Unsinn“ unterbrachst; bei
Deiner stürmischen Natur muß Dir diese Zurückhaltung
große
Überwindung gekostet haben; Du bist eben ein Gentleman, und das
ist
etwas sehr Schönes; übrigens verspreche ich eine
ähnliche
Diskretion, wenn Du einmal Deine weltbeglückenden,
evolutionssozialistischen
Ideen vorträgst. Übrigens habe ich nicht das Geringste gegen
den drastischen Ausdruck „greulichen Unsinn“ einzuwenden; ich liebe die
Drastik. Ich finde nur, daß Richard Wagners Ansichten in bezug
auf
„absolutes Königtum“ und „freies Volk“ nicht mehr und nicht
weniger
Unsinn sind als die Lehren Christi, — nicht mehr und nicht weniger
Unsinn
als das Ideal Karl des Großen, — nicht mehr und, nicht weniger
Unsinn
als Schillers Ästhetische Briefe, — nicht mehr und nicht weniger
Unsinn
als der Anarchismus des großen (und übrigens in aller Praxis
des Lebens und der Geschäfte höchst versierten) Proudhons —
usw.
ad
infinitum. Genie zu haben ist überhaupt — in einem gewissen
Sinne
— Narretei. Und bei Wagner ist nicht allein die erstrebte soziale
Lösung,
sondern ebenfalls das erstrebte Kunstideal ein Unsinn, — nämlich
ein
Unding. — Auf j e d e m Gebiete, überall,
wo wir bis auf den G r u n d gehen, treffen wir
auf Widerspruch. Es ist nicht bloß die reine Vernunft, die zu
unlösbaren
Antinomien führt, — sondern, im Zusammenhang mit dieser
fundamentalen
Eigenschaft unserer Natur, braucht man überall das Blei nur tief
genug
zu senken, so stößt es auf den festen Boden des organischen,
naturgesetzmäßigen Widerspruchs. Ein wirklich großer
Geist
bewährt sich — unter anderem — in der unverwüstlichen Kraft,
mit der überall der Widerspruch bei ihm zu Tage tritt; die
Ungeniertheit
des Widerspruchs (wenn ich mich so ausdrücken darf) ist der Beweis
seiner Aufrichtigkeit. Wo kein Widerspruch, da ist der Geist gleichsam
eine Fläche; körperlich wird er nur durch den Widerspruch.
Carlyle
sagt irgendwo, nichts sei bewunderungswürdiger an dem englischen
Volke
(als politisches Wesen betrachtet) als der eigensinnige, „dogged“
Widerstand, den es der L o g i k entgegensetze. Darin
— in diesem Instinkt, daß es eine supralogische Einsicht gebe,
die
mit dem wahren Wesen der Natur weit mehr harmonisiere als jedes nicht
„unsinnige“
System — dokumentiere sich das überragende politische
G e n i e des englischen Volkes, daher kämen seine
großartigen
Erfolge. — Und für mich ist Wagners widerspruchsvolle Lehre des
„absoluten
Königtums“ und des „freien Volkes“ darum so hoch interessant —
nicht
weil sie w a h r sei, denn das dünkt mich
gänzlich irrelevant, sondern — weil sie genial ist! Und diese
Genialität
ist hier so frappierend, weil diese Ansicht — hier künstlerisch
zusammengedrängt
und verdichtet — die urgermanische Empfindung in sozialen Dingen ganz
genau
widerspiegelt. Alle Denker sind darin einig, daß das
V o l k der Wahre Dichter sei, die dichterische Urkraft;
das
gilt aber nicht allein von symbolischen und mythologischen Dingen,
sondern
auf jedem Gebiet betätigt sich sein Instinkt unbewußt
schöpferisch
und — nicht logisch — sondern „naturgemäß“. Und unserem
Stamme
ist diese Antithese: Einherrschertum und Freiheit ebenso natürlich
und angeboren — das heißt, eine Folge seiner ganzen Anlage — wie
seine besondere Körpergestalt oder irgendeine andere seiner
Eigentümlichkeiten.
Tatsächlich verwirklicht finden wir dieses Ideal — soweit
Verwirklichung
möglich gewesen sein mag — in der Verfassung der alten deutschen
Stämme;
in dem einzigen deutschen Staate, der so hartnäckig dem fremden
Einflusse
widerstand, daß er noch heute keinerlei „Verfassung“ besitzt, in
Mecklenburg, existiert n o c h h e u t
e
ein machtvollkommener Einherrscher, den keine Konstitution bindet, der
aber infolge der dort noch herrschenden altdeutschen Gebräuche in
bezug auf Besitz, in bezug auf die Rechte der „Stände“ usw. doch
über
ein Volk gebietet, das nicht mit Unrecht sich „freier“ nennen kann als
die meisten parlamentarischen Staaten. Und sehr lehrreich finde ich es,
die beiden deutschen Völker, die es am weitesten „in der Welt“
gebracht
haben, in bezug auf diesen unausrottbaren antithetischen Instinkt der
Germanen
zu prüfen: die Preußen, bei denen das absolute Königtum
nur wenig verschminkt sich erhalten hat und bei der geringsten Gefahr
unumschränkt
auftreten würde, — bei denen aber die „moralische“ Freiheit —
Glaubensfreiheit,
Lehrfreiheit usw. — wie sonst nirgends blüht; und die
Engländer,
bei denen das „freie Volk in politischen Dingen die Oberhand gewonnen
hat,
dafür aber das „absolute Königtum“ — jetzt eine unsichtbare,
unpersönliche Gewalt — mit eiserner Hand gebietet und jede
staatsgefährliche
Äußerung persönlicher Ansichten unterdrückt.
Und noch etwas, was
uns die wunderbare Tiefe des Wagnerschen Blickes enthüllt, und was
ihn in so naher lebendiger Berührung mit der Natur zeigt: er
weiß
ganz genau, daß nichts Unsinniger ist, als die Zukunft
organisieren
zu wollen; er nennt es „w a h n s i n n i g,
das
Leben der Zukunft durch gegenwärtig gegebene Gesetze ordnen zu
wollen“.
Und schon diese eine Einsicht — in welcher er mit den
größten
Politikern zusammentrifft — beweist einen so tiefen Einblick, daß
sie für mich genügen würde, um mich mit großem
Respekt
an Wagners soziale Anschauungen herantreten zu lassen; vielleicht
erspart
man sich selbst eine peinliche Blamage, wenn man sich nicht allzusehr
beeilt,
„greulichen Unsinn“ auszurufen? Dem weisen Mime war das ja schon einmal
passiert, als er dem kindischen, nur die Natur getreu beobachtenden
Siegfried
zurief: „Greulichen Unsinn kramst du da aus!“
Jedoch, ich
wiederhole
es, diese Anschauung von Einherrschertum und Freiheit ne me tient
pas
à coeur personnellement. Was genial ist, erfreut mein Herz,
genau so wie der Sonnenstrahl mein Auge; aber die W a h r h
e i t — materiell aufgefaßt — ist ein feu-follet, nach
welchem
ich, für mein Teil, nicht zu laufen gesonnen bin; mir liegt daran,
nicht in den Sumpf zu geraten, sondern auf freier Höhe zu bleiben,
von wo aus ich dem Narrenspiel gut zusehen kann.
„Vor einer Vernunft
ohne Schranken ist die Richtung zugleich die Vollendung“, sagt
Schiller.
Und nur insofern und in diesem Sinne kann man auch derartigen
Anschauungen
von Wagner „praktischen Wert“ beilegen.
Aber es ist
höchste
Zeit, daß ich mich unterbreche! Einen so ausschweifend langen
Brief
darf ich heutzutage, wo ich unter der Arbeitslast förmlich
ersticke,
nicht schreiben... Jedenfalls hoffe ich das eine, — daß
meine
freundschaftlichen Gesinnungen sich nicht aufrichtiger betätigen
konnten,
als indem je saisis la balle au saut et te la renvoie!
Tausend
Grüße
von ganzem Herzen an Euch beide von uns beiden.
Houston S. Chamberlain
—————
¹
Das erste große Werk „Richard Wagner“.
Lieber Karl
Besten Dank
für
Deinen neulichen Brief. Auf Deinen langen Brief vom Frühjahr war
es
mir leider ganz unmöglich zu antworten; ich war dermaßen mit
Arbeit überbürdet, daß ich — namentlich wo es, wie bei
literarischer Arbeit nicht bloß darauf ankommt, daß eine
Arbeit
erledigt wird, sondern namentlich auf das, „wie“ das geschieht — mich nolens
volens entschließen mußte, jeder nicht unbedingt
notwendigen
Korrespondenz auszuweichen. Nun hätte ich Dir aber von Herzen gern
auf Deine Fragen geantwortet und wartete nur, bis ich Zeit dazu
fände.
Dieser Augenblick ist jetzt gekommen, die Korrekturen zu meinem
Buch¹
sind seit vorgestern fertig und neue Arbeiten, die meiner harren, noch
nicht begonnen — aber siebe da, in meiner Buchstabenmappe ist Dein
Brief
nicht zu finden, wo ich ihn doch gut aufgehoben wähnte! Er
muß
irrtümlicherweise vernichtet worden sein, und so muß ich
mich
jetzt auf mein Gedächtnis verlassen. Entschuldige, bitte, und
frage
nur lustig weiter, wenn Dir an meinem Urteil etwas gelegen ist, ich bin
ja nicht immer so beschäftigt, wie ich das jetzt die letzten
zwölf
Monate war, und es wird mir immer eine H e r z e n s f r e
u d e sein, Dir meine aufrichtige Meinung zu sagen: Du bist
ja gebildet und gescheit, ich kann mich folglich immer kurz fassen, Du
wirst mich schon verstehen. Und ich habe die Überzeugung,
daß
ich Dir manchen guten Rat für Deinen Studiengang geben
könnte.
Gerade weil ich außerhalb stehe, ist in mancher Beziehung mein
Blick
freier als der des richtigen Fachmannes, der eigentlich immer (oder
meistens)
nur wieder den Fachmann im Auge hat, nicht den freien Menschen, nicht
die
Individualität des einzelnen.
Und erlaube,
daß
ich mich gleich heute im Ratgeben übe! Es wird mich zu der
Beantwortung
der Frage, ob Du schon jetzt Darwins Ursprung der Arten lesen solltest,
hinüberführen.
Ich kann Dir
nämlich
nicht dringend genug raten — gleichviel was Du auch studieren willst —
a u f j e d e n F a l l ein
naturwissenschaftliches
Kollegium zu besuchen. Nichts gibt es, was einen Menschen so schnell
von
der zugleich papiernen und bleiernen Schulweisheit befreit, nichts
auch,
was das Urteil so schärft, nichts, was der Phantasie ein so
weites,
anregendes Gebiet eröffnet. Ich möchte fast raten, mit
Zoologie
zu beginnen, das fesselt am meisten durch die unendliche Varietät
der Formen. Höre nur zwei Semester Zoologie zunächst, das
läßt
Dir ja alle Zeit für Deine übrigen eigentlichen Fachstudien.
Macht es Dir Vergnügen und hast Du Zeit, so höre später
Botanik (Anatomie und Physiologie, nicht Systematik), — und willst Du
in
Naturwissenschaft wirklich eingeweiht sein, so gebe noch später
beherzt
an das schwierigere, abstrusere Studium der Chemie, wo Dir wieder ganz
neue Welten aufgehen werden. Nun muß ich aber sofort
hinzufügen,
daß man ohne Laboratoriumarbeit niemals in den Geist der
Wissenschaft
eingeführt werden kann: Naturwissenschaft ist eben sehen, anstatt
glauben, meinen, schwatzen. Ob Dir Deine Augen das Mikroskopieren
erlauben,
weiß ich nicht, wenn nicht, so braucht Dir das keinen Kummer zu
machen;
es hat große Naturforscher zu jenen Zeiten gegeben, wo Mikroskope
noch gar nicht existierten, und worauf es ankommt bei jener geistigen
Bildung,
die ich hier im Sinne habe, ist durchaus nicht, daß man alles
sehe,
sondern daß man überhaupt s e h e n
lerne. Die grobe Anatomie erzieht ebensosehr wie die seine und wie die
histologische, es kommt nur darauf an, daß man durch
persönliche
E r f a h r u n g den Unterschied zwischen Natur und
Bücherweisheit
kennenlernt, und alle Naturwissenschaften haben das für sich,
daß
der grenzenlose Subjektivismus, die Herrschaft des Wortes und der
Dialektik
durch die „harten Tatsachen“ (wie Carlyle sagt), durch die strenge Hand
der großen Mutter Natur gezügelt und gebändigt werden.
Glaube mir, was Du auch wirst — Kunsthistoriker, Kritiker, Pädagog
oder was sonst noch, — Du wirst mir Dein ganzes Leben für diesen
Rat
danken, wenn Du ihn befolgst. — Und lasse Dir nur ja nicht von
Studenten
oder Professoren einreden, Du hättest dazu keine Zeit: Wenn Du
nicht
bloß eine gelehrte Maschine, ein in ein „Fach“
hineingezwängter
und niemals über die engen Grenzen seiner Schublade
hinausschauender
Mann sein willst, sondern ein ganzer, weitblickender Mensch, ein Mann
Deiner
Zeit, so m u ß t Du zur Naturwissenschaft
wenigstens in unmittelbare Fühlung getreten sein. Du brauchst ja
nicht
auf diesem Gebiete mitzureden, Du mußt aber verstehen, wenn der
Fachmann
redet. — Die größten Denker der letzten hundert Jahre, Kant
und Schopenhauer, waren beide in den Wissenschaften gründlich
beschlagen,
Herbert Spencer, der jetzt noch lebende berühmte englische
Philosoph
und Soziolog, hat mit einer pflanzenphysiologischen Arbeit seine
Laufbahn
begonnen. Überhaupt spielen heutzutage auf allen Gebieten
naturwissenschaftliche
Fragen mit, und da eine wissenschaftliche Ästhetik von der
Psychologie
nicht mehr absehen kann, da aber die Psychologie heute überall bis
auf das physiologische Gebiet zurückgeführt wird, so behaupte
ich, daß es auch den Kunstkritiker nur fördern kann, wenn er
auch naturwissenschaftliche Kenntnisse besitzt, vor allem aber die
Kenntnisse
der naturwissenschaftlichen M e t h o d e n.
Denn
das kann ich Dir gar nicht oft genug wiederholen, vor allem kommt es
darauf
an, den G e i s t zu erweitern, zu bilden, ihn
gewissermaßen
zu beleuchten — die faktischen Kenntnisse, die er in irgendeiner
bestimmten
Frage braucht, schafft sich dann ein gescheiter Mensch schnell genug
an.
In dieser Beziehung möchte ich Dir gern auf Deinen Studienweg als
Geleitspruch Worte mitgeben, die ich als Motto zu der Allgemeinen
Einleitung
meines „Richard Wagner“ verwendet habe; sie sind von jenem großen
Denker, der dem Schwegler und den anderen Schulpfaffen so zuwider ist,
Demokrit: „Nicht nach Fülle des Wissens soll man streben, sondern
nach Fülle des Verstandes.“ — Merke Dir dieses Wort, mein lieber
Junge,
Du glaubst nicht, wie unendlich viel Weisheit es enthält; unter
anderem
könnte es für einen begabten Studiosus ein ganzes Programm
abgeben:
sich systematisch den Verstand ausbilden und das Wissen als Nebensache
betrachten.
Hier will ich nun
meine Antwort wegen Darwin einschieben, sie wird kurz sein, wird mich
aber
zu einer zweiten Reihe von Betrachtungen hinüberführen. — Ich
möchte Dir nämlich raten, Darwin einstweilen zu lassen. Du
wirst
ihn ja viel mehr genießen, wenn Du durch gründliche
zoologische
Kenntnisse und durch das S e h e n vieler
Formen
und Präparate in diese Welt der Anschauung, aus welcher Darwins
Auffassung
hervorging, mehr eingeweiht bist. Sonst bleibt die Sache wieder papiern
und ist eigentlich Zeitverlust. — Aber jedenfalls, wenn Du einmal an
diese
Evolutionshypothese herantrittst, so wende Dich an Darwin, Wallace,
Romanes,
Weißmann usw., aber lasse Dich nicht von Häckels
Phantastereien
und seichter Systematisierungssucht verführen.
Und gerade diese
Empfehlung und diese Warnung führen mich auf den zweiten
Gegenstand,
den ich — durch Deinen Brief angeregt — schon seit dem Frühjahr
gern
mit Dir besprechen wollte. Deine Worte weiß ich nicht mehr genau;
Du meintest aber, Darwin würde Dir helfen, Dir das Rätsel der
Welt und des Daseins zu lösen. Das hat wohl mancher gemeint, es
ist
aber ein tiefer Irrtum, und nur ganz seichte Geister, wie der famose
und
unselige Ludwig Büchner, werden sich an einer Naturphilosophie
genügen
lassen. Darwin selber hat niemals im Traume daran gedacht, dem
„Welträtsel“
nachzuforschen. Er hat sich ganz empirisch gefragt, wie mag es wohl
kommen,
daß in einem Genus verschiedene Spezies entstehen? Sollten sie
nicht
verwandt sein? Sollten sie nicht von einer Urform abstammen? Diese
Frage
erweiterte sich später ganz von selbst: wenn die Arten einer
Gattung
von einer gemeinsamen Urform abstammen, warum denn nicht auch die
Gattungen
einer Familie? Und wenn die Gattungen einer Familie, warum denn nicht
auch
die Familien einer Klasse usw. — Hierbei folgte der Menschengeist einem
seiner unwiderstehlichsten Triebe — dem Trieb zur Generalisation, dem
Trieb,
jede Idee bis zu ihrem logischen Endpunkt zu treiben. Ausgegangen war
ja
Darwin von der Empirie, von den Beobachtungen, die er auf seiner
Weltumsegelung
gesammelt hatte. Dann hatte er mit Tauben experimentiert usw. Die
Darwinsche
Theorie aber, wie sie heute vor uns steht, ist einfach eine Dichtung;
sie
ist unbewiesen und unbeweisbar. Ich möchte sie ein nützliches
und wohltuendes Hirngespinst nennen, der Naturwissenschaft hat sie
durch
ihre Anregungskraft ganz unberechenbare Dienste geleistet, dem
menschlichen
Denken und Empfinden lehrte sie, sich des innigen Zusammenhangs des
Menschen
mit der ihn umgebenden Natur immer bewußter zu werden. Das ist
gewiß
etwas Großes und Bewundernswertes. Wer aber nicht mit dem Strome
schwimmt, um in einem Jahrhundert diesem, in einem anderen Jahrhundert
jenem Dogma Glauben zu schenken, — wer durch besondere Beanlagung und
durch
metaphysische Schulung dahin gelangt ist, tiefer zu schauen, der wird
gewiß
niemals wähnen, daß mir durch eine Hypothese wie die
Darwinsche
der Lösung des Welträtsels auch nur um einen Schritt
nähergekommen
sind. — Wenn Du nun aber in so jungen Jahren Dich mit derlei Gedanken
abgibst,
so scheinst Du mir Anlagen zur Philosophie zu besitzen, und da
möchte
ich Dir dringend raten, sie in edler und würdiger Weise
auszubilden.
Philosophie ist und bleibt die Krone jeder Bildung. Ich verstehe aber
unter
„Philosophie“ nicht die Geschichte der Philosophie und das viele
gelehrte
Rüstzeug der angeblichen „Fachphilosophen“, sondern eigenes
Denken,
eigenes Versenken in die Weltanschauungen der verwandten großen
Geister
der Vergangenheit, bis zum ganz allmählichen Ausreifen einer
eigenen
Weltanschauung.
Das Schlimme ist
nun, daß keine einzige Disziplin so grundunehrlich auf den
Universitäten
betrieben wird, wie gerade die Philosophie. Die Philosophie soll nach
dem
von den Regierungen den Akademien aufgezwungenen Lehrplan nicht Denker,
sondern Staatsbürger erziehen, — nicht die Wahrheit, mit anderen
Worten
nicht seine Überzeugung darf der Lehrer verkünden, sondern er
muß seine Ausführungen so einrichten, daß dasjenige
dabei
herauskommt, was der Staat wünscht. — Und so werden denn die
jungen
Köpfe prinzipiell verschroben; nicht die Wahrheitsliebe, nicht
sein
individueller Wert, der Adel seines Charakters und das Geniale seiner
Fähigkeiten,
bestimmen bei den historischen Vorlesungen die Behandlung dieses und
jenes
Philosophen, sondern nur die Ergebnisse seines Denkens, die
Qualität
seines Systems: paßt er in das offizielle Programm, so ist er ein
großer Philosoph, paßt er nicht hinein, so wird er so
nebenbei
kurz abgefertigt. Und natürlich wird dasselbe Prinzip auch in den
Lehrbüchern durchgeführt. Die größten Denker der
Welt
— die Inder — werden einfach übergangen in solchen Werken wie
Erdmanns
großer Geschichte der Philosophie; in anderen wird in einer
geradezu
empörenden Weise über sie kurz referiert. So ist auch die
Fabel
von den „Sophisten“ entstanden, während in Wirklichkeit Protagoras
ein größerer Denker als Sokrates war. So konnte es
geschehen,
daß ein schöpferisches Genie von der Bedeutung des Demokrit
so ganz kurz und verachtungsvoll von diesen Fachleuten abgehandelt zu
werden
pflegt —‚ wenn die Herren nur eine Spur naturwissenschaftlicher
Kenntnisse
besäßen, so müßten sie sich sagen, daß ein
Mann, dessen Ideen gestaltend auf die gesamte moderne Naturwissenschaft
wirken, doch kein Esel gewesen sein kann!
Nun, hieraus folgt
die Notwendigkeit für einen Studenten, dessen Ehrgeiz sich nicht
mit
dem erfolgreichen Durchschlüpfen durch eine Staatsprüfung
befriedigt
findet, die Notwendigkeit, es weder bei den offiziellen Vorlesungen
noch
bei den offiziellen Lehrbüchern bewenden zu lassen, — und zwar
muß
er beizeiten dafür sorgen, daß dieses Gift nicht zersetzend
auf seine Denkfähigkeiten wirkt. Er muß für die
Selbständigkeit
seines Urteils und seines Denkens sorgen. Und da will ich Dir gleich
eines
der wenigen Bücher dieses Jahrhunderts nennen, welche auf
philosophischem
Gebiete von bleibender, echter Bedeutung sind. Es ist dies Friedrich
Albert
Langes Geschichte des Materialismus, — eine neue, wohlfeile Ausgabe
erscheint
gerade jetzt in Lieferungen. Das wäre für Dich ein famoses
Antidot
gegen die offiziellen Geschichten, — zugleich so fesselnd, so
verständlich,
so überzeugt, daß man es wie ein Unterhaltungsbuch liest. In
manchen seiner Urteile stimme ich mit dem Verfasser durchaus und
keineswegs
überein — z. B. in seiner Wertschätzung Schopenhauers, den
ich,
mit Tolstoj, für „den genialsten aller Menschen“ halten
möchte
—‚ aber darauf kommt es gar nicht an, diese Engherzigkeit muß man
den Philosophieprofessoren überlassen und nur immer nach dem
individuellen
Geisteswert des Denkers fragen. Wenn Du Lange liest und gründlich
studierst — wobei Du zugleich die vorzüglichste Einführung in
Kant mitbekommst — und wenn Du nachher dann Schopenhauers Werke
vornimmst,
so wirft Du einen sehr weiten Überblick über den Gang der
Philosophie
besitzen und Dir Deinen weiteren Weg schon allein bahnen.
Auch diesen Rat bitte
ich Dich herzlich nicht unbeachtet zu lassen. Wieviel Zeit und
Mühe
hätte ich mir nicht gespart, wenn ich nicht erst jahrelang durch
allerhand
Kram hätte waten müssen!
Aber nun genug und
mehr als genug für heute. — Du weißt, daß wir gerade
in
München manche Verbindungen haben, und zwar der verschiedensten
Arten.
Jetzt wollte ich Dich nicht damit belästigen. Du bist vielleicht
und
wahrscheinlich lieber ganz ungeniert und läufst Dir die
Hörner
erst ein bissel gründlich ab. Aber natürlich wird es uns ein
Vergnügen sein, Dich hier und dort einzuführen, sobald es Dir
selbst ein Vergnügen ist.
Also für heute,
leb‘ wohl, Herr Studiosus! Laß es Dir recht gut gehen und suche
ein
klassisches Gleichgewicht herzustellen zwischen dem Studieren und dem
Kneipen!
Die Tante
grüßt
vielmals.
Dein alter, treuer Onkel.
—————
¹
„Richard Wagner.“
29-34
An
Ali Ćehič
[H.
S. Chamberlain's Serbian teacher, named Alicehié
according to P. Pretzsch. Anna Chamberlain spells: Ali Ćehič.]
Lieber Herr Ali Ćehič
Ihnen
gegenüber
habe ich wirklich ein sehr schlechtes Gewissen. Sie waren so
freundlich,
nicht bloß öfters zu schreiben, sondern auch Besorgungen
auszuführen
— und zwar in vorzüglicher Weise — und dennoch kam ich niemals
dazu,
Ihnen zu danken. Nun, durch meine Frau haben Sie ja erfahren, wie
übermäßig
beschäftigt ich war, nicht beschäftigt nach Art jener vielen
Herren, die um zehn Uhr ins Bureau gehen und um fünf Uhr abends
auf
dem Ringkorso zu treffen sind, sondern buchstäblich den ganzen Tag
mit Ausnahme der kurzen Mahlzeiten und des unentbehrlichen
Spazierganges
an der Arbeit angekettet. Anders wird es wohl auch schwerlich mit mir
werden,
denn aus einer Arbeit ergibt sich fast von selbst eine oder mehrere
andere,
— ich werde jetzt auch immer mehr von den verschiedensten Seiten um
Beiträge
angegangen und mag nicht überall nein sagen. Den endgültigen
Abschluß der Arbeiten für mein Wagnerbuch benutze ich aber
wenigstens,
um eine Reihe von Briefen zu erledigen — unter anderen auch diesen.
Mein „Richard Wagner“
wird am 14. November im Buchhandel sein. Es ist ein großes und
ziemlich
kostspieliges Werk geworden, wozu namentlich die vielen sehr schön
ausgeführten Illustrationen beitragen. Ich glaube aber, der
Verleger
wird auf sein Geld kommen; der Deutsche Kaiser hat sofort auf Nr. 1 der
Luxusausgabe subskribiert, andere Fürsten sind seinem Beispiel
gefolgt,
so daß jetzt schon — zehn Tage vor dem Erscheinen — eine sehr
beträchtliche
Zahl Exemplare fest verkauft sind. Unter diesen Bedingungen hat auch
der
Verleger meine Autoren-Freiexemplare vermehrt, und ich hoffe die Freude
zu haben, Ihnen das Buch zur Erinnerung an die schönen Stunden in
der Blümelgasse schenken zu können. Manches darin hat ja
für
Sie wenig Interesse, aber ich möchte Sie doch bitten, das erste
Kapitel
zu lesen, wo ich Wagners Leben sehr kurz und gedrängt erzählt
habe. Außerdem finden Sie auf Seite 182¹ eine Erinnerung an
meine bosnischen Erlebnisse, namentlich an den Abend nach dem Volksfest
auf Gerzovo.
Wir denken viel an
Bosnien und sprechen oft davon, leider ist durch diese anhaltenden
rheumatischen
und gichtigen Zustände die Möglichkeit einer wirklichen Reise
für mich noch immer sehr problematisch. Zwar geht es mir jetzt
unvergleichlich
besser. Ich spüre den Fuß allerdings noch immer, kann aber
zwei
und drei Stunden marschieren, ohne zu hinken oder eine sonstige
Belästigung
zu empfinden, das vermaledeite Zeug steckt aber noch fest in mir: heute
im Handgelenk, morgen im Nacken — an eine Zeitreise könnte ich
noch
immer nicht denken und auch sonst an größere Strapazen wohl
kaum. Wer aber irgendeinen Einblick in die wahren Reize Bosniens
gewonnen
hat, kann sich unmöglich mehr mit den Vorführungen des
„Weltbads“
Ilidze begnügen! — Wir hatten gedacht, diesen Winter in Ragusa
zuzubringen,
um dann über Bosnien nach Hause zu reisen, verschiedener Arbeiten
wegen ist dieser Plan aber schwer ausführbar, und außerdem
hat
das Theater in Zürich ein Schauspiel² von mir zur
Aufführung
angenommen, und es soll im Februar drankommen, — natürlich
möchten
wir dabei sein, und es wäre gefährlich, gerade zu dieser
Jahreszeit
aus dem wärmeren Süden nach der kalten Schweiz zu kommen —.
Kurz,
die Geschichte klappt wieder nicht. Und im nächsten Sommer denken
wir ernstlich daran, Wien und überhaupt Österreich zu
verlassen.
Wenn man schon infolge seiner körperlichen Schwächen und
alter
Gewohnheiten in der sogenannten „Zivilisation“ leben m u
ß,
so ist es am Ende doch besser, man geht in ein ganz zivilisiertes Land.
— Jedoch, so Gott will, besuchen wir Sie doch noch, und vielleicht mehr
als einmal; auf nichts würde ich mich namentlich mehr freuen, als
auf eine Reise mit Ihnen durch Albanien, wo ich bestimmt hoffe, mich an
dem Anblick wahrer Menschen noch einmal laben zu können. — Alle
Tage
ist es mir ein Genuß, die bosnischen Soldaten exerzieren zu
sehen.
Auf demselben Felde werden zugleich ungarische Infanteristen und
deutsche
Artilleristen gedrillt. Die Bosniaken sind aber nicht allein
durchschnittlich
schönere Menschen, sondern besonders auffallend ist das edlere
Gesicht
und die lebendigeren Gesichtszüge. Manche sehen freilich nicht
besonders
schlau aus, das Pulver hätten sie gewiß nicht erfunden, —
ich
entdecke aber unter ihnen weder diese viehischen Gesichter unserer
Bauern
noch diese elenden, alle Laster widerspiegelnden Kanaillenantlitze
unserer
großstädtischen Arbeiterbevölkerung. Womit ich durchaus
nicht im Sinne habe, Ihnen in geschmackloser Weise zu schmeicheln; in
diesen
Gesichtern erschauen wir einfach, welchen Preis die Menschheit für
die unleugbaren Vorzüge und Segen der Zivilisation zu bezahlen
hat.
Billiger wird es die Natur auch bei Ihnen nicht machen! Daß viele
arm werden müssen, damit einer reich wird, das liegt auf der Hand;
ich finde es auch kein besonderes Unglück, denn Reichtum gibt kein
Glück. Woran die Menschen aber gar nicht denken — auch die
Staatsökonomen
nicht, die immerwährend nur mit Ziffern herumwerfen — ist,
daß,
damit der V e r s t a n d einzelner die abnorme
Entwicklung erfahre, welche er bei den Befähigteren unter uns
erreicht,
die Mehrzahl der Nation verdummen muß. Das hört sich im
ersten
Augenblick paradox an, ist aber eine unbestreitbare Wahrheit. Der Geist
eines Naturmenschen, der alles für sich selbst im Leben tun und
schaffen
muß, ist entschieden allseitiger und namentlich harmonischer
ausgebildet
als der eines gewerblichen Arbeiters, dessen ganzes Leben mit der
Fabrikation
eines einzigen Gegenstandes ausgefüllt wird; wieviel höher
steht
dieser aber als so ein Fabrikarbeiter, der nur einen einzigen Handgriff
kennt und übt, der von frühester Jugend an nur das
Bruchstück
irgendeines Gegenstandes erzeugt, und das auch nur mit Hilfe einer
komplizierten
Maschine, deren Funktionierung ihm ganz unbekannt ist. Beim Bauern
findet
eine ähnliche Degeneration statt; ein amerikanischer Bauer im
Farwest
ist heutzutage nur so eine Art untergeordneter Lokomotivführer.
Auch
bei uns in Europa wird es alle Tage für den Bauer unmöglicher
zu existieren, es muß auch die Landwirtschaft „im großen“
betrieben
werden, — der Bauer wird folglich nach und nach auch zu einem
Fabrikarbeiter.
Sein Verstand trocknet ein; es findet ja keine Wechselwirkung mehr
statt
zwischen dem Geist und der umgebenden Natur. Nur aber die
Hochkultivierten
können diese Losreißung des Verstandes von der Natur
vertragen,
denn bei ihnen findet nunmehr eine neue Nahrungszufuhr statt, und es
wird
bei ihnen die Gehirntätigkeit der ganze Lebenszweck, während
sie doch im natürlichen Zustand nur nebengeordnetes Hilfsmittel
zum
Leben ist. Es findet also auch hier das Prinzip der Teilung der Arbeit
statt; die einen werden immer gescheiter, indem die anderen unter das
Niveau
des Viehs zurücksinken. — Diesem notwendigen Vorgang kann die
Schulbildung
durchaus nicht steuern; sie kann nur auf Grundlage des vorhandenen
Verstandes
operieren; der Verstand selbst ist eine Lebensfunktion wie irgendeine
andere,
und wie das Sprichwort sagt: Wo nichts ist, da verliert selbst der
König
seine Rechte!
Nun, das war eine
lange philosophische Disquisition, zu der die Rekruten uns anregten,
und
wahrscheinlich noch immer viel zu kurz, um mich deutlich
verständlich
zu machen.
Ich glaube wirklich,
die Bosniaken sind in diesem Augenblick das glücklichste Volk der
ganzen Erde: noch Naturmensch genug, um gesund und frei sich zu
fühlen,
und dennoch mit den besten Segen der Zivilisation schon begabt und mit
dem Ausblick in eine ganze Zukunft von unbekannter und darum auf alle
Fälle
schön dünkender Entwicklung! Dabei — und das ist der
größten
Segen einer — keine parlamentarische Regierung! Möge sie Gott
viele
Jahre davor schützen!
Die Zeitungen
bringen,
soviel ich weiß, gar keine Nachrichten aus Bosnien, und bei uns
sagt
man: „No news, good news“, das heißt: Keine Nachrichten
sind
gleichbedeutend mit guten Nachrichten. Daß nicht alles ganz so
rosig
ist, wie es am offiziellen Himmel erscheint, das hat mir neulich ein
Vögelein
ins Ohr geraunt; das ist aber überall auf der ganzen Welt so, und
ich muß gestehen, ich habe nicht die geringste Sympathie mit den
Radaumachern. Die Leute wissen gar nicht, wie gut sie es haben, und
daß
sie nachsichtiger, humaner und überhaupt besser regiert werden als
vielleicht irgendein anderer Staat in ganz Europa — das heißt
also,
in der ganzen Welt.
Neulich hat mir
übrigens
etwas viel Spaß gemacht: die englische „Daily Chronicle“ brachte
einen ellenlangen Aufsatz über Bosnien, — das gewöhnliche
Wischi-Waschi
von einem Menschen, der sich Bosnien vom Eisenbahnwaggonfenster aus
angesehen
hat und sich dann den bewußten Zettel über die Länge
der
Straßen, die Anzahl der Schulen usw. vom Pojman hat geben lassen,
— das Lob des Ministers aber hat er, natürlich ohne mich zu
nennen,
W o r t f ü r W o r t aus
meinem
Aufsatze der „Revue Universelle³“ abgeschrieben.
Der letzte Teppich,
den Sie für uns besorgt haben, hat so außerordentlich
gefallen,
daß Sie wohl nächstens wieder einen Auftrag bekommen; ich
hoffe,
wir fallen Ihnen mit diesen Kommissionen nicht lästig.
Viele
Grüße
von meiner Frau, und von mir die allerherzlichsten, sowohl Ihnen wie
dem
ganzen lieben Bosnien. Herrn Dr. Oberlugauer (oder
U
n t e r lugauer??), wenn Sie ihn kennen, viele Grüße, bitte.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Neue Illustrierte Ausgabe 1911 S. 289.
²
„Der Weinbauer“, Schauspiel in drei Auszügen.
³
„La
Bosnie sous le protectorat de l‘Autriche“, Bibliothèque
universelle
et Revue suisse XLIIe année, tome LIV pages 5—21, 349—368.
34-36
An
den Heidelberger Richard-Wagner-Verein
Sehr geehrter Herr
Mit bestem Dank
zeige
ich den Empfang Ihrer Zeilen vom 25. an. Es hat mich herzlich gefreut,
von der Gründung eines Akademischen Richard-Wagner-Vereins in
Heidelberg
zu erfahren. Die akademischen Vereine sind augenblicklich (mit
Hinzunahme
des nichtakademischen Grazer Vereins) die einzigen, die eine
ersprießliche
Tätigkeit entfalten und es mit dem „fernest reichenden
Kulturgedanken“
(vgl. X, 378), aus welchem Wagners Bayreuth erwuchs, ernst nehmen. Gut
also, daß neue entstehen! An einer Universität, wo Prof.
Thode
und Prof. Wolfrum wirken, ist es nicht anders möglich, als
daß
der neue Akademische blühe und segensreich wirke. — Vielleicht
ergreifen
später einmal die akademischen Vereine die Initiative zu jener
gründlichen
Umgestaltung des Allgemeinen Richard-Wagner-Vereins, wodurch einzig
dieser
aus seinem heutigen Marasmus aufgerüttelt und auf die Lösung
jener großen Aufgabe hingewiesen werden könnte, die der
Meister
ihm im Jahre 1882 so deutlich vorgezeichnet hatte. Der Meister hatte
dem
Verein eine „große und bedeutungsvolle Wirksamkeit“ vorhergesagt,
sie war aber bisher weder groß noch bedeutungsvoll, und zwar
deswegen
nicht, weil wir nie begreifen wollten, daß die erste Bedingung,
um
sich einen Anhänger Wagners, einen Angehörigen Bayreuths
nennen
zu dürfen, eine m o r a l i s c h e ist.
Die
Grundlage zu Wagners ganzem Leben und Wirken ist die S e l
b s t l o s i g k e i t. Auf künstlerischem Gebiete
wird
das Ziel sehr schön vom Meister als „die Erlösung des
Nützlichkeitsmenschen
in den künstlerischen Menschen“ bezeichnet; das unterschreibt denn
auch jeder gern, es handelt sich ja um ein Fernes (wie man wähnt),
um ein Ideal, bei dem keiner viel riskiert. — Nun kommt aber Wagner —
nachdem
er uns durch fünfzig Jahre seines Lebens hindurch das
unvergleichlichste
Beispiel der gänzlichen Selbstlosigkeit, ja gerade der Verachtung
aller egoistischen Interessen gegeben hat, und sagt uns: Nun habt ihr
euch
selber genügend patronisiert, jetzt sollt ihr das Publikum
patronisieren.
— Da hörte die Gemütlichkeit auf! Die Statuten, die unter
Genehmigung
des Meisters im Jahre 1882 zur Bildung eines neuen Vereins vorgelegt
worden
waren, wurden mit Entrüstung verworfen, und dafür wurde eine
Deputation an Wagner entsandt, welche ihn versicherte: „Die Vereinigung
seiner Anhänger werde ihre Lebensaufgabe darin erblicken, für
alle Fälle vorhanden zu sein usw.“ Nun, mein geehrter Herr, mit
dem
Vorhandensein ist verflucht wenig gewonnen; und auch die T
a t ist von keiner großen Bedeutung, wenn sie nicht
auf
einer moralischen Grundlage ruht. Und diese moralische Grundlage ist
vom
Meister in seiner berühmten Antwort auf die Frage „Was ist
Deutsch?“
klar bezeichnet worden, — sie ist die Selbstlosigkeit, die Aufopferung
der eigenen Interessen und Wünsche im Interesse einer Sache, eines
zu verwirklichenden Ideals.
Sie waren so
freundlich,
mich von der Bildung Ihres Vereins zu unterrichten, meine Dankbarkeit
und
mein Interesse glaube ich durch den Hinweis auf die nötige
Grundlage
jeder Vereinigung, welche dem Namen Wagner Ehre erweisen will, besser
als
durch eine leere Phrase bewiesen zu haben.
Ich bitte mir
mitzuteilen,
ob Ihr Verein eine Bücherei hat oder zu beschaffen beabsichtigt,
in
welchem Falle ich die Ehre haben werde, Ihnen meine größeren
Schriften zuzuschicken.
Dem neuen Verein
rufe ich von ganzem Herzen zu: „Vivat, crescat, floreat!“
Houston S. Chamberlain.
Lieber Freund
Erst heute komme
ich
dazu, Ihnen in wenigen Worten für Ihre Besprechung meines Buches
zu
danken. Daß sie spät genug erschien, um kaum mehr den
Charakter
einer „Empfehlung“ an sich zu tragen, befreite sie von jenem
mercenären
Beigeschmack, welcher selbst der „süßesten“ Kritik einen
bitteren
Beigeschmack verleiht.
In diesem speziellen
Falle ist es natürlich schwer für mich, den Eindruck zu
beurteilen,
den Ihre Worte auf andere machen werden: Erstens handelt es sich um
mein
eigenes Werk, und sodann sagen Sie manches über mich aus, dessen
Wahrheit
i c h unmittelbar bezeugen kann, was andere Ihnen aber
vielleicht
bestreiten oder doch nur hypothetisch zugeben würden. Mich aber
haben
Sie ergriffen und beglückt. Es gibt Dinge, die man im besten Falle
nur ein- oder zweimal im Leben zu hören bekommen kann, — das
genügt
auch vollkommen —‚ man lechzt aber doch nach diesem einen Male.
Daß
gerade Sie mir die „erquickende Labung“ darreichten, war schön; es
war Ihrer sehr würdig; Sie werden, glaube ich, noch manchmal
Genugtuung
empfinden, daß Sie es taten.
Das Kapitel der
Widersprüche
betreffend — ich meine nicht der „plastischen“, die sich zwischen Logik
und Anschauung ergeben, sondern der Widersprüche, zu denen mein
Buch
manchmal reizt — muß ich gestehen, daß nach meiner
Erfahrung,
wo ein Autor nicht zum Widerspruch reizt, entweder sein Werk herzlich
wenig
enthält oder der Kopf seines Lesers wenig „reaktionsfähig“
ist.
Nur dem unzweifelhaften Genie gegenüber darf dieses Verhalten in
ein
entgegengesetztes umschlagen — und das geschieht ganz von selbst —‚
hier
redet ja die Stimme Gottes zu einem wie in der Natur. Und selbst das
Genie:
insofern es das schöpferische Gebiet der Gestaltung
verläßt,
um auf den verschlungenen Pfaden der Dialektik die Vernunft zu
überzeugen,
wird es seines Vorrechtes verlustig — wenigstens in einem gewissen
Maße.
Bei Schopenhauer z. B. renne ich bisweilen in der Stube wutschnaubend
herum
wie ein Tiger in seinem Käfig. Und doch bin ich — weiß Gott
— intelligent genug, einzusehen, daß mehr wahre Weisheit in dem
Verhalten
liegt, einen solchen Geist mit jeder Überwindung zu verstehen zu
suchen,
als ihm zu widersprechen. — Bei mir kommt nun noch folgendes hinzu,
worauf
ich Sie gern besonders aufmerksam machen möchte. Ich bin kein
„Schriftsteller“.
Ich bin ein Mensch, der durch seine Lebensschicksale dahin geführt
worden ist, nur mit der Feder wirken zu können, — und der nun die
Feder gebraucht, so gut und so schlecht er kann, um bei bestimmten
Menschen
bestimmte Wirkungen hervorzubringen. Man hält mich für
rechthaberisch,
ich bin es aber so wenig, daß ich meine persönlichen
Ansichten
oder aber die Limitationen, die nötig wären, um eine
einseitige
Behauptung zu rechtfertigen, mit Willen auslasse: bin ich nur deutlich
und drastisch, gelingt es mir, eine feindliche Position zu
erschüttern,
so genügt mir das. Ein seiner Geist wird aber an zahlreichen
Stellen
sehen, daß ich aus taktischen Gründen mich selbst gar nicht
zu Worte habe kommen lassen. Manchmal wird einzig der Leser, der mir
widerspricht,
mit mir einig sein.
Houston S. Chamberlain.
37-40
An
Professor Wolfgang Golther
Hochgeehrter Herr und Freund
Daß Sie In
Ihrem
so freundlichen Schreiben vom vorigen Sonntag mich „Freund“ nennen, hat
mich besonders gefreut, weil ich daraus zu entnehmen glaube, daß
Sie unsere Begegnung des Jahres 1884 nicht vergessen haben. Ich besitze
eine merkwürdige Anlage, nicht nur die Namen, sondern sogar die
Existenz
von Menschen zu vergessen. — Sie aber habe ich nicht vergessen: ich
sehe
Sie noch als Studenten Ihre Nachtstunden dem Dienste jener guten, armen
Zentralleitung widmen, deren Mitglieder alle mehr Muße gehabt
hätten
als Sie, und ich besinne mich auf einige flüchtige Begegnungen in
München in solchen „Postludium“ Ringzyklen-Tagen (ich glaube nach
den Festspielen von 1884), wo wir uns zwar kaum gesprochen haben
dürften,
Ihre Erscheinung sich mir aber mit jener wehmutsvollen Deutlichkeit
einprägte,
welche man stets bei dem Anblick des vereinzelten Idealisten inmitten
einer
Welt, der er so wenig angehört, empfindet. Und nun haben Sie doch
gesiegt! Sie sind nicht unterlegen, weder physisch noch geistig, die
Fahne
des deutschen Idealismus haben Sie hochgehalten — heute kein
unbedenkliches
Unterfangen — und haben trotzdem die allgemeine Anerkennung dieser
Welt,
welcher Sie nicht angehören, erkämpft und ertrotzt.
Wären
Sie ein Jude, so könnten Sie nunmehr von sich sagen: Nennt man die
besten Namen — usw. — Es genügt aber, daß die anderen, die
Feinde
des deutschen Idealismus, von denen wir umringt sind, das sagen
müssen.
Das ja ist der Sieg Bayreuths — oder vielmehr die Grundlage zu dem
zukünftigen
Siege Bayreuths —‚ daß solche Männer wie Sie zu anerkannten
Lehrern ihres Volkes werden. — Es ist jetzt hohe Zeit, daß die
ganze
schwülstige Phrasenmacherei, Musikomanie, kurz, die ganze — auf so
zweifelhaften Elementen beruhende — „Wagnerei“ zum Teufel gejagt werde.
Wir brauchen jetzt auf allen Gebieten Männer ersten Ranges,
Männer,
deren wissenschaftliche Befähigung, mitzureden, von niemanden
geleugnet
werden kann, zugleich aber nicht Memmen, sondern kampflustige,
herrmannschlaue
Männer: es gilt, eine Position nach der anderen zu erobern. In
diesem
Heere sind Sie nun, verehrter Herr, ein Hauptmann geworden, und dazu
beglückwünsche
ich Sie von Herzen, — vor allem beglückwünsche ich Bayreuth
dazu
und den großen Meister, dessen Weiterleben nicht an die
Schwingungen
kapellmeisterlicher Taktstöcke gebunden ist, sondern an
große,
begeisterungsfähige Herzen und große, gut organisierte
Gehirne.
Warum ich Ihnen das
alles sage?
Weil Sie aus meiner
warmen Anteilnahme an Ihrer Laufbahn entnehmen mögen, wie sehr es
mich gefreut hat, von einem Manne, den ich so besonders verehre, so
freundliche
Worte über mein eigenes Wirken zu vernehmen. Mein Verleger war
neulich
in Wien und erzählte mir viel von dem „großartigen Erfolg“
des
Buches; natürlich freue auch ich mich über die Verbreitung
meines
Werkes, eine Gewähr aber, daß ich dieses Erfolges
würdig
bin, und daß diesem Worte überhaupt jener Sinn innewohnt, in
welchem allein er mir Befriedigung gewähren kann, die gibt mir
einzig
das Urteil der wenigen, zu denen Sie gehören.
Sie haben recht,
es ist schade, daß das Buch in so teurer Gestalt vorliegt.
Jedoch,
ich habe merkwürdige Erfahrungen gemacht: manche Leute, die mir
selber
sagten, sie hätten nicht 3 Mark übrig, um mein „Drama
R. Wagners“ zu kaufen, haben unbedenklich den „Richard Wagner“
für
30 Mark gekauft. Wenn mein Text ohne Illustrationen erschienen
wäre,
etwa zum Preise von 6 Mark, so hätte der Verleger nicht hundert
Exemplare
bis jetzt abgesetzt, und nicht zwei Tausend, wie nunmehr der Fall.
Darüber
mache ich mir nicht die geringste Illusion. Nicht mir, sondern der
Ausstattung
gilt der Erfolg. Auch der geschickten und nicht sehr wählerischen
Reklame, die einem allen Mut, sich noch künftig mit der
Öffentlichkeit
zu befassen, rauben könnte, wäre nicht gerade diese Seite
einer
solchen Unternehmung so bodenlos lächerlich.
Vielen Dank schulde
ich Ihnen für ihre Berichtigung meiner Anmerkung auf Seite 270.
Allerdings
hatte ich Sie mißverstanden.
Das Interesse
sagenwissenschaftlicher
Forschungen, auch für die Erkenntnis des vollen Wertes der
dichterischen
Taten Wagners, war ich durchaus nicht gesinnt abzustreiten. Selbst bei
Shakespeare lese ich immer wieder die Einleitungen von Delius; die
Quellen,
aus denen der Dichter schöpfte, zu kennen, würzt ungemein den
Genuß seines Werkes. Nur scheint es mir unzulässig, die
Würze
zur „pièce de résistance“ zu machen. Mir
wenigstens
verdirbt das den Magen. Ich empfand, daß ich mit einiger
Schroffheit
dieser Verirrung entgegentreten müsse. Vielleicht läßt
sich später einiges abmildern.
Wollen Sie
gefälligst
Ihrer sehr geehrten Gattin meinen Dank sagen und an die herzlich
ergebene
Gesinnung glauben
Ihres hochachtungsvoll ergebenen
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr Professor
Wenn ich Sie heute
mit einer Frage belästige, welche ebensogut heute in einem Monat
hätte
gestellt werden können, so geschieht das, weil ich — nach einer
langen
Unterredung mit Hofrat Wiesner heute vormittag im
Pflanzenphysiologischen
Laboratorium — so freudig erregt bin, daß die nüchterne
Arbeit
nicht recht vorwärts will, und so will ich lieber die Frage, die
der
Hofrat an mich richtete, gleich an Sie weiter übermitteln; mit der
Antwort hat es bis Ende Mai (leider) Zeit.
Da meine eigentliche
Arbeit nunmehr vollkommen beendet ist und mir nur noch der historische
Rückblick zu schreiben übrig bleibt, so konnte ich heute
Prof.
Wiesner ausführlich über die Ergebnisse meiner Experimente
berichten.
Er war in hohem Maße davon überrascht und erfreut und
bestätigte
mir, daß Experimente in der Art, wie ich sie angestellt und
durchgeführt
habe, noch nicht versucht wurden, und daß meine Ergebnisse ganz
neue
Ausblicke eröffnen und unsere Vorstellungen über den
Mechanismus
des aufsteigenden Saftes wahrscheinlich tief modifizieren werden.
Natürlich
ist meine Arbeit nur ein Fragment, und ich betrachte sie selber
lediglich
als eine Anregung. Es hat doch gewiß etwas für sich, neue
Tatsachen
und neue Ideen in die Wissenschaft zu bringen, selbst wenn man selber
nicht
Fachmann genug ist, um diese Dinge bis zu ihren letzten Konsequenzen zu
verfolgen. In meiner Dissertation habe ich mich prinzipiell
möglichst
an die Tatsachen gehalten und die Hypothesen den Gescheiteren
überlassen.
Dabei sind die von mir erdachten Versuche so kindisch einfach,
daß
man sich nicht genug wundern kann, daß die Fachgelehrten noch
nicht
darauf verfielen. — Kurz, ich war über das Ergebnis dieser
Unterredung
sehr glücklich. Prof. Wiesner redete mir sogar sehr zu, ich solle
mich zum Doktoratsexamen melden, ich tue es aber entschieden nicht. Wie
soll ich jetzt, in meinem einundvierzigsten Jahre, eine Prüfung
über
Chemie, Zoologie und Botanik bestehen können? Den Kopf seit Jahren
voll anderer Dinge, und mit einer großen literarischen
Arbeitslast
auf den Schultern, die ich nicht abschütteln kann. — Ich habe, wie
es scheint, eine recht gute Arbeit geliefert: nun denn, soll ich das
Gute,
was ich konnte, durch ein recht miserables Examen trüben, durch
welches
ich höchstens durch die Güte einiger mitleidiger Seelen wie
ein
Schiff, das Mast und Steuer verloren hat, hindurchgeschleppt werden
würde?
Die Wissenschaft um eine kleine, aber anregende Arbeit zu bereichern
von
dauerndem Werte, wird meinen Ehrgeiz mehr befriedigen, als einen nicht
verdienten Doktortitel meinem Namen anhängen zu können. — Da
ich nun also den Vorschlag, das Examen zu bestehen, durchaus nicht
annehmen
wollte, so fand Herr Wiesner meine Idee, die Arbeit dennoch
gewissermaßen
als Dissertation herauszugeben, indem ich mir die Erlaubnis erwirke,
sie
der Genfer Universität zu widmen, eine recht gute und für die
Beachtung meiner Ergebnisse sogar nötige. — Ich teilte ihm nun den
Passus eines Ihrer Briefe mit, in welchem Sie meinen, daß eine
Empfehlung
seitens dieses berühmten Physiologen nur nützen könnte.
Wiesner erklärte sich sofort zu allem bereit. Natürlich kann
er sein endgültiges Urteil erst abgeben, wenn die gedruckte Arbeit
ihm vorliegt — und leider sind die Attingers in Neuchatel durch die
Genfer
Ausstellung derart mit Arbeit überhäuft, daß sie den
Druck
noch nicht einmal haben beginnen können — er ist aber bereit, ein
Zeugnis über den Wert der Arbeit abzulegen, sobald ich sie ihm
gedruckt
vorlege, und er ließ mich bestimmt hoffen, daß dieses
Zeugnis
ein recht gutes sein wird.
Aber wie soll er
das tun? Diese Frage war nicht ganz leicht zu beantworten. An den Senat
einer fremden Universität zu schreiben, dazu fehlt vielleicht die
Veranlassung; an Prof. Thury, der als Pflanzenphysiolog sich sein
eigenes
Urteil bilden wird, geht wohl kaum an; an mich — da hält man seine
Worte für pure Höflichkeit; und so schlug der Hofrat selber
vor,
an S i e direkt zu schreiben. — Zwar kennt er
Sie
persönlich nicht, aber doch als Naturforscher. — Sie sind beide
Deutsche
und waren beide meine Lehrer; sein Brief trüge also den Stempel
einer
Privatmitteilung, und Sie könnten nichtsdestoweniger im Senat
Gebrauch
davon machen, falls Sie die Güte haben wollten.
Ich bitte mir
hierüber
bei Gelegenheit eine einzige Zeile zu schreiben. Wie gesagt, Prof.
Wiesner
ist zu allem bereit; er möchte es nur so einrichten, daß es
mir möglichst nützt und dadurch meiner Arbeit.
Für Ihr
gefälliges
Schreiben vom 15. d. M. sage ich nachträglich noch den besten Dank.
An Prof. Thury habe
ich einen langen Brief geschrieben und ihm die wichtigsten Ergebnisse
meiner
Untersuchungen kurz mitgeteilt.
Bald sind ja diese
Belästigungen vorbei; ich bitte, mir bis dahin Ihre so freundliche
Gesinnung zu bewahren. Darüber hinaus auch — aber dann ohne
Bemühung!
Ihr dankbar ergebener
Houston S. Chamberlain.
Lieber Siegfried Wagner
Bitte, „tragen Sie
uns nicht Übermut“ wie Ihre Frau Mutter und gestatten Sie,
daß
wir Ihnen das, was Ihr Eigen ist, zu Eigen geben. Meine Frau und ich
waren
glücklich im Besitze des kostbaren Buches¹; ich kann Sie aber
versichern, daß wir noch zehnmal glücklicher sein werden, es
in Ihren Händen zu wissen. Die ganze Sache ist so
selbstverständlich,
daß ich mich durch die Bedenken Ihrer Frau Mutter und Ihrer
Schwester
fast verletzt fühlte. Wenn es Bayreuth nützte, würde ich
mich ohne Zaudern auf einem langsamen Feuer braten lassen, aber auch
ohne
Überspanntheit, — ebenso bedeutet der Trennungsschmerz von dem
lieben
Buch einen Genuß, wenn ich glauben darf, Ihnen damit eine wahre
Freude
zu machen; ich empfinde es aber nicht als eine Heldentat, sondern als
eine
ganz natürliche Sache, über die keine Worte zu verlieren
sind,
weder hüben noch drüben.
Ich denke, das
stimmt!
(Vgl. Heckel.)
Ihr getreuer
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Die e r s t e Ausgabe der Dichtung zum Ring des
Nibelungen vom Jahre 1853.
43-45
An
Carl Friedrich Glasenapp
Verehrter, teuerer Freund
Wenn Ihr Gewissen
Sie beißt, muß es eine uns Angelsachsen ganz unbekannte
Zartheit
der Organisation besitzen. Ich, ja, ich habe mir wirklich Vorwürfe
zu machen gehabt und hätte sie mir gemacht, hätte ich nur
Zeit
dazu gehabt, was aber nicht der Fall war. Ich weiß nicht, wie
Leute,
die, wie Sie, eine angestrengte Berufstätigkeit haben, es
möglich
machen, noch außerdem große Werke zu schreiben? Ich — der
ich
keinen Beruf habe — komme nicht zu der Hälfte von dem, was ich zu
tun hätte, und bin doch fast fieberhaft tätig. Teils
dürfte
dies auf angeborene Schwerfälligkeit zurückzuführen
sein,
teils auf mangelhafte Bildung, teils auf den enormen Kreis der
Interessen.
Bei der riesenhaften Produktion unserer Tage hätte es selbst ein
Goethe
schwer.
Nun, lieber Freund,
nachdem Bessere als ich — ich weiß es — Ihnen für Ihr
Festspielgeschenk
gedankt haben, komme als letzter auch ich. Die gezwungene Langsamkeit
des
Entstehens darf Sie nicht entmutigen, sie ist symbolisch für die
lange
Dauer des lebendigen Wertes Ihres Werkes. Sie schaffen da
etwas
H e r r l i c h e s, von der weittragendsten Bedeutung. Ihr
Werk ist ein Monument deutscher Wissenschaftlichkeit, deutschen
Fleißes,
dazu ist dieser Band ein Meisterstück der Darstellung, und so
gewinnt
das, was im Grunde ein Werk der Liebe ist — und das höchste Lob
natürlich
in dieser Eigenschaft verdient — noch die anderen Qualitäten,
welche
ihm den entscheidenden Einfluß sichern. S i
e
werden als grundlegende Darstellung und Sichtung noch bestehen und
fleißig
benutzt werden, wenn wir Eintagsfliegen schon längst vergessen
sein
werden — darum danke ich Ihnen herzlich, daß Sie schon beizeiten
und in so überaus freundlicher Weise dafür gesorgt haben,
daß
wenigstens etwas von mir erhalten bleibt. Nirgends will ich lieber
weiterleben
als in den Spalten Ihres Buches.
Von meiner
journalistischen
Tätigkeit hat meine Frau Ihnen wohl alles Wichtigste zugesandt?
Hoffentlich
auch den Aufsatz aus der Revue des Deux Mondes¹: R.
Wagner
et le Génie français? Denn dies war das Einzige von
größerer
Bedeutung. Aber natürlich, wie alles, was ich mache, nicht eine
allseitig
abgerundete Darstellung des wichtigen Verhältnisses, sondern ein
diplomatischer
oder sagen wir lieber taktischer Versuch, durch Beredsamkeit und
bewußte
Einseitigkeit dem Verständnis vorzuarbeiten und die Aufnahme der
Kunst
und der Lehren unseres Meisters fördernd vorzubereiten. Dieses
Ziel
werden Sie hoffentlich überall, auch in den Kleinigkeiten,
deutlich
gemerkt haben? „Börsen-Courier“ und „Zukunft“ sind ausgesprochen
jüdische
Blätter, die „Redenden Künste“ ein Revolverblatt, die
„Berliner
Deutsche Zeitung“ Antisemiten Dühringscher Richtung, die in ihrem
Programm davon sprechen, daß Wagners Kunst „einen Schatten“
über
Deutschland werfe usw. — Nirgends kann i c h zu
Worte kommen. Ein jeder von uns hat sein Kreuz zu tragen: das meine ist
die beständige Selbstverleugnung, das Verschweigen dessen, was das
innerste Herz erfüllt. — Vor kurzem habe ich (in Frau W.s Auftrag)
zwei Aufsätze dieser Art für ein amerikanisches Blatt
geschrieben;
ich werde sie Ihnen schicken. Einen größeren Aufsatz
über
Stein bereite ich für die „Deux Mondes“ augenblicklich vor. Bald
muß
ich aber diese Tätigkeit sehr einschränken, um alle
Kräfte
dem neuen großen Unternehmen zu widmen, dem mir von Bruckmann
aufgetragenen
Werke über „Das 19. Jahrhundert“. Hoffentlich soll auch dies eine
Bayreuther Tat werden. Beten Sie nur fleißig für mich — wie
ich für Sie es tue.
Dies zum
Neujahrsgruß!
Ihnen allen von uns beiden und von Colla² alles Beste von Herzen!
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Nr. vom 15. Juli 1896, S. 432—456.
²
Kleiner schwarzer Spitz.
Sehr geehrter Herr
Lebhaft bedauere
ich,
daß ich erst heute dazu komme, auf Ihr freundliches Schreiben vom
1. dieses Monats zu antworten. Dringende Arbeiten dienen mir zur
Entschuldigung.
Was mich aber viel mehr drückt als die Verspätung meiner
Antwort,
ist die Tatsache, daß ich so ganz unfähig bin, Ihre Bitte —
die in meinem Herzen ein geradezu leidenschaftliches Interesse erweckt
— zu erfüllen. Wie gern würde ich Ihnen das „Material“, um
das
Sie mich bitten, zur Verfügung stellen, wenn ich nur eines
besäße
— ich habe aber leider gar kein Material, sondern nur einiges Werkzeug,
darunter in erster Reihe einen gar ungelehrten, ungehobelten, aber
ziemlich
geräumigem Gehirnkasten, in welchen ich nach und nach so manches
hineingesteckt
habe. — Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in der Hauptsache Autodidakt
— das Wenige, was ich von akademischer Bildung genoß,
gehörte
einem fernliegenden Felde an (Chemie, Physik, Physiologie), und auch
dort
gelang es mir niemals, mir die Methoden des eigentlichen Gelehrten
anzueignen.
Ich weiß recht wohl, welcher Nachteil dies ist, bin aber nicht
mehr
jung genug, um mich umzumodeln, und übrigens, überlege ich‘s
mir, so bin ich auch als Kind jeder diesbezüglichen Belehrung
unzugänglich
gewesen. Da ist nichts zu machen: das Leben muß mich so
aufbrauchen,
wie ich nun einmal bin; was mich beglückt, ist die Wahrnehmung,
die
ich an Ihrem gütigen Schreiben noch einmal machte, daß
gelehrte
Männer doch von mir Anregung empfangen können.
So sieht es mit
meinem
Material aus: Ich mache hinten in jedem einzelnen Band Anmerkungen —
Stichworte,
auch ganze Sätze — nur nicht etwa sehr ordentlich und methodisch,
sondern so, daß eine jede von diesen Seiten ein eigenes Gesicht
erhält;
das ist der Grundstock — der wird bei jeder Lektüre sofort
angelegt,
ob ein bewußter, bestimmter Zweck dabei vorhanden ist oder nicht,
gleichviel. Habe ich eine ganz bestimmte Arbeit vor, so kann es auch
geschehen,
daß ich einzelne Zettel ausschreibe — diese entsprechen aber
wenig
meinem physiognomisch-mnemotechnischen Bedürfnis, sie verarbeiten
sich nicht gut in dem Brei, den ich um- und umzurühren habe, ehe
eine
fertige Gestalt herauskommt — da nehme ich lieber einen beliebigen
Bogen
zur Hand, stöbere in dem betreffenden Autor, durch die
vorgenannten
Anmerkungen hinten im Bande geleitet, überall herum und notiere
mir
alles durcheinander — versuche mir z. B. im Laufe eines einzigen
Vormittags
(damit nur ja kein Eindruck verroste) einen Gesamtüberblick
über
Herders Auffassung des Verhältnisses zwischen Wort und Ton, von
seiner
Jugend bis in sein hohes Alter zu verschaffen; einen solchen Bogen
würde
ich aber selber später nicht mehr verstehen — er wandert nach
getanen
Diensten in den Papierkorb und macht sich nützlich beim
Anzünden
des Ofens. Und nun — in dieser Hypothese einer bestimmten Arbeit —
häuft
und konzentriert sich alles: das Brauchbare, das Unbrauchbare, das
Gute,
Vortreffliche und Mittelmäßige — es kämpft mit meinen
eigenen
Ideen, mit dem Drang nach Gestaltung und dem Bewußtsein eines
undurchdringlichen
Chaos — ich versichere Sie, es ist die reine Hexenküche, und ich
renne
wie ein Besessener in der Stube oder auch in den Gassen Wiens herum;
plötzlich
tagt‘s, Gott weiß wie, ich weiß es nicht: ich setze mich
hin
und schreibe verhältnismäßig schnell und bemerke erst,
wenn ich ganz fertig bin, nach welchem Prinzip die ganze Sache angelegt
ist, wodurch Klarheit über den Gegenstand kam usw.
Entschuldigen Sie,
geehrtester Herr, daß ich Ihnen das alles so ausführlich
erzähle;
ich nehme einen so innigen Anteil an Ihrem Vorhaben, daß ich das
Bedürfnis empfinde, Ihnen ganz klar zu machen, wieso es kommt,
daß
ich nicht in der Lage bin, Ihnen etwas anderes zu geben außer der
Anregung.
Dazu kommt noch ein
Umstand. Was ich im Augenblick nicht brauche, schwindet mir —
vorübergehend
— fast ganz aus dem Gedächtnis. Bei dem weiten Kreise meiner
geistigen
Interessen wäre es auch anders gar nicht möglich; nach dem
Rufe
eines zweiten Magliabigghi¹ geize ich nicht und behalte mir lieber
so viel Gehirn als nur irgend möglich zum Denken übrig.
Und so kann ich Ihnen
denn in bezug auf Herder nur einige ganz allgemeine Winke geben.
Vor allem hat mich,
weiß ich, gefesselt: der Abschnitt 33 aus den „Ideen zur
Geschichte
und Kritik der Poesie und bildenden Künste“. Auch Abschnitt 57.
Dazu
in anderen Abschnitten einzelnes.
In dem ersten
„Kritischen
Wäldchen“ finden Sie einiges zu unserem Thema, aber wenig.
Um so mehr dagegen
in der „Nachlese zur schönen Literatur und Kunst“ — einiges in
Abschnitt
4 „Lyra“, noch mehr aber und Herrliches in Abschnitt 5 „Alcäus und
Sappho“.
Einige der
bezeichnendsten
Aussprüche fand ich, wo keiner sie zu suchen scheint (wenigstens
schrieb
mir neulich ein spezieller Herderkenner, er könne sie nicht
finden),
in den „Früchten aus den sogenannten goldenen Zeiten des 18.
Jahrhunderts“;
studieren Sie namentlich, bitte, Abschnitt 10 „Händel“ und darin
ganz
besonders den Schlußteil, der dessen Cäcilia behandelt — und
dann den folgenden Abschnitt „Das Drama“.
Sehr wertvolle
Bemerkungen
zu unserem Thema finden Sie ebenfalls in der „Nachlese zur Adrastea“ —
über die Möglichkeit, das griechische Theater auf das unsere
zu verpflanzen.
Zu den „Früchten
usw.“ vergaß ich den Abschnitt 9 zu nennen; was von Herder sonst
angeführt wird, kommt meistens daraus. Ich persönlich habe
aber
Herders Bemerkungen lieber dort, wo sie ganz unerwartet, wie
Lichtstrahlen,
aufblitzen, als bei einer derartigen regelrechten Besprechung der
Musikverhältnisse,
die er um sich fand.
Ich vermute,
daß
in den „Fragmenten zur deutschen Literatur“ man manche Bemerkung
über
Sprache finden muß, die in bezug auf Wagner Interesse bietet.
Vor allem möchte
ich Ihnen aber dringend raten, sich nicht durch die absprechenden Worte
Schillers und Goethes davon abhalten zu lassen, der „Kalligone“ Ihre
volle
Aufmerksamkeit zu schenken. Für mein Gefühl ist dieses Werk
fast
durchwegs eines der Wunder der deutschen Seele. Über Musik
speziell
finden Sie in den Abschnitten „Vom Erhabnen hörbarer
Gegenstände“
und „Das Schöne als Symbol betrachtet“ viel Köstliches. —
Außerdem
würde ich Ihnen, in bezug auf Wagner, den Abschnitt „Von
Kunstrichterei,
Geschmack und Genie“ warm empfehlen — man lernt da gut begreifen, warum
Kant dem Bayreuther Meister so wenig war und blieb.
Schließlich
brauche ich wohl kaum zu sagen, daß Herder zu jenen Männern
gehört, bei denen man überall etwas und meistens Unerwartetes
findet. Ich wenigstens mache immer jeden beliebigen Band Herders auf
und
lese nur darauf los, gleichviel wovon die Rede ist; man wird immer
reichlich
belohnt. Was ich schwer fertig bringe, ist in Herder hintereinander
weiterzulesen,
denn er ist so eigentümlich anregend, es ist ihm so
natürlich,
in unvergleichlich genialer Weise, stets, wovon auch gehandelt werden
mag,
diese eine Betrachtung mit den entlegensten harmonisch
zusammenzufassen;
die Einheit des Kosmos pulsiert so heftig in diesem warmen,
verschwenderischen
Herzen — daß unwillkürlich die eigene Denkmaschine in
Bewegung
kommt — Gott, wie falsch drücke ich mich aus! —‚ gerade das
Mechanische
in einem wird durch dieses übersprudelnde Leben so überboten,
daß der eigene G e i s t die Flügel
ausbreitet; man schließt das Buch zu mit seinen dummen gedruckten
Lettern und folgt jener herrlichen Seele, wie sie wollte, daß man
ihr folge:
Ihr hochachtungsvoll ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Wohl Magliabecchi, italienischer Gelehrter des 17. Jahrhunderts.