Briefe
1882—1924
und

Liebstes Tantchen
Fast möchte
ich
mit Parsifal ausrufen: „Ha, welcher Sünden, welches Frevels Schuld
muß dieses Toren Haupt belasten“, wenn ich bedenke, daß
fast
eine Woche seit meinem letzten Brief verstrichen ist und ich inzwischen
dreimal den „Parsifal“ erlebte. Hoffentlich hast Du Dich nicht etwa
gesorgt,
sondern begriffen, daß, da ich kein beruflicher Berichterstatter
bin, dieses Meisterwerk mich einfach verstummen machte. Hiermit sage
ich
keine Redensart, denn wenn auch solche überwältigende
Schönheit
nach anderen, stärkeren als den herkömmlichen Worten der
Bewunderung
verlangt, so ist da noch eine zweite Überlegung, die es schwer, ja
unmöglich macht, sich in der Hoffnung an den Schreibtisch zu
setzen,
etwas auch nur einigermaßen Zusammenhängendes oder
Verständliches
niederzuschreiben: und das ist die Schwierigkeit, nach ein- oder
zweimaligem
Hören ein Meisterwerk hinlänglich zu erfassen, an dem das
Genie
jahrelang schuf, — selbst dann, wenn man sich wie ich durch vorheriges
Studium darauf vorbereitet hatte. — Als ich soeben meine Karte für
die morgige Aufführung (die vierte) holte, sprach mich Prof.
Riedel
(Professor der Musik in Leipzig) an und meinte, daß, wenn man
dieses
Werk nur ein- oder zweimal gehört hätte, der Eindruck ein
„schiefer“
sein müsse, da man nach den Schönheiten des 1. und 2. Aktes
noch
nicht reif für die Steigerung im dritten wäre. Und das erfuhr
ich tatsächlich; denn zuerst bewunderte ich den 1. Akt am meisten,
dann den 2. und jetzt erst, über allen Vergleich hinaus, den
dritten.
Wie wünschte
ich, mein geliebtes Tantchen, daß Du das miterlebt hättest!
Meine Erwartungen sind in jeder Hinsicht übertroffen worden, und,
da Du es nicht mit eignen Augen sahest, fürchte ich, Du wirst mich
für „wagnerverrückt“ halten, wenn wir heimkommen.
Zuvörderst —
das Theater, in all seiner Einfachheit und aus gewöhnlichstem
Material
erbaut, ist nach meiner Meinung durchaus imposant, erhaben. Ich spreche
nur vom Innern. (Das Äußere konnte vermutlich bei Wagners
kargen
Mitteln überhaupt nur im einfachsten Stil errichtet werden und ist
nun leider durch die Notwendigkeit eines angefügten Vorbaues — als
Eingang für die kgl. Herrschaften — verdorben worden.) Es ist ein
wirkliches Amphitheater, eine Sitzreihe über der anderen,
genügend
überhöht, um über den Kopf des Vordermanns hinweg jedem
freien Blick auf die Bühne zu gewähren. Je weiter nach
hinten,
desto breiter werden die Reihen, d. h. sie erweitern sich
fächerartig,
und über der letzten ist die sogenannte „Fürstengalerie“, die
aus drei langen und flachen Logen besteht, welche die ganze Breite
einnehmen.
An beiden Seiten springen dorische und ionische Säulen vor,
oberhalb
welcher, wie auch über der Fürstenloge, Kronleuchter
angebracht
sind, da es keine Zentralbeleuchtung gibt.
Ganz unten, zwischen
der vordersten Reihe und der Bühne, ist ein dunkler,
geheimnisvoller
Zwischenraum, dessen Bestimmung uns erst durch einen leichten
Taktstockaufschlag
des Dirigenten — es ist dies das einzige Zeichen, das dem Publikum den
Beginn des Aktes verkündet — und darauf durch das Erklingen des
wunderbaren
„Liebesmahlspruchs“ erklärt wird. Du kannst Dir unmöglich den
Eindruck dieser von unsichtbaren Händen gespielten Musik
vorstellen,
welche zwar nicht vom Himmel herunterkommt, aber gerade darum noch
rührender,
ja reinmenschlicher uns packt, durch das Heraufschweben der
unsäglich
ergreifenden Töne, die aus dem tiefsten Innern der Erde zu kommen
Scheinen.
Nun wirst Du mich
am Ende für ganz verrückt halten, und dabei habe ich noch
nichts
über das Werk selbst gesagt. Was soll, was kann ich aber
darüber
sagen?! Dreimal habe ich es erlebt, nachdem ich es mit allen mir zu
Gebote
stehenden Mitteln durchstudiert, die ganze Musik auch Note für
Note
mit dem Klavierauszug verfolgt hatte, — — und nun ist es mir zur festen
Überzeugung geworden, daß es sich jenen
allergrößten
Meisterwerken anreiht, auf welche die Menschheit stolz ist, und
daß
Wagner damit, ohne Widerspruch, unter die leuchtendsten Sterne erster
Ordnung
versetzt werden wird. — Möglich, daß ich mich hierin
täusche;
erste Eindrücke können ja noch eher irreleiten, als
spätere,
und die außergewöhnlichen Umstände mögen in diesem
Falle ein besonders günstiges Urteil erzeugen.
Du kannst besser
darüber urteilen als ich. Ich muß nur noch hinzufügen,
daß, obschon das Publikum durchaus nicht bloß aus
„unbedingten
Wagnerverehrern“ bestand, wir dennoch nur Worte der tiefsten
Bewunderung
hörten, ja selbst die (sehr wenigen) Zeitungsberichte, die ich
gelegentlich
zu sehen bekam, drückten sich ganz in gleichem Sinne aus.
„Parsifal“ ist zwar
kein Drama von so riesigen Ausmaßen wie der „Ring des
Nibelungen“,
von welchem man sagen darf, daß er nicht nur ein ganzes Epos,
sondern
eine ganze Mythologie in sich birgt, aber er ist ein g r
ö
ß e r e s und tieferes Werk, das in seiner
dichterischen
Konzeption noch mehr allumfassende Wahrheit enthält, ein
wirkliches
D r a m a (was jener nicht ist), in dem die Einheit der
Handlung
fast buchstäblich zu nehmen ist und als übertrieben
betrachtet
werden könnte, — und der Sinn dieser Handlung ist reinmenschlich,
wendet sich an die edelsten und höchsten Gefühle und
Leidenschaften
des menschlichen Herzens und zeigt deren Sieg über die niedrigen,
mögen diese auch in noch so glanzvoll schillernde Gewänder
gehüllt
sein. Es ist merkwürdig zu sehen, wie recht Wagner hat, wenn er
meint,
daß man seine Werke unmöglich verstehen könne, wenn man
nur einen der beiden Teile betrachte, sei es die Musik oder die
Dichtung,
oder auch beide, aber getrennt; denn ich besitze z. B. das Gedicht
dieses
letzten musikalischen Dramas seit Jahren und habe es unzählige
Male
gelesen, muß aber gestehen, daß ich keinen Begriff von
seiner
wunderbaren Schönheit und Tiefe hatte, bis ich die „Verse mit der
unsterblichen Musik vermählt“ hörte (vergib diese
Abänderung
Miltons!). Ein Musikreferent schreibt, daß er sich kaum der
Tränen
enthalten konnte beim Vorspiel. Du kennst ja den „Liebesmahlspruch“ —
er
wird jedoch hier viel langsamer genommen, und besonders die
Schlußnoten
dehnen sich bis zu dem, was Schumann „himmlische Länge“ genannt
haben
würde. Der Klavierauszug gibt einem keine Ahnung von den Akkorden,
welche dann folgen und die wir den Harfen zuschrieben, während sie
von sämtlichen Streichern „mit Dämpfern“ gespielt werden, — w
i e —‚ das wissen wohl nur Gott und Wagner; es ist himmlisch, und der
von
mir früher oft verlachte Wolzogen
spricht die reine Wahrheit, wenn
er sagt: „Mit diesen göttlichen Harmonien zieht der göttliche
Geist der Liebe alsbald in die ergriffen lauschenden Herzen ein, die,
wie
e m p o r g e z o g e n zum himmlischen Quell usw. usw.“.
Ja,
„emporgezogen“ — das ist das rechte Wort; man fühlt sich wirklich
auf Engelsschwingen zum Himmel hinaufgetragen. Wären nicht die
sehr
langen Zwischenakte (in deren einem man zu Abend ißt), brauchte
man
erst beim letzten Fallen des Vorhangs wieder zur Erde hinabzugleiten.
Trotz des, wie ich
schon sagte, Reinmenschlichen und zu jedem Herzen Sprechenden im
„Parsifal“
ist dieses Werk dennoch durchaus deutsch, indem es auch wahrhaft
subjektiv
ist, und diese Eigenschaft erhebt es ins Ideale. Die äußere
Handlung ist gering und obendrein grundverschieden von dem, was unser
jetziges
äußeres Leben ausmacht; der dichterische Grundgedanke, die
Gemütsbewegungen,
die inneren Konflikte, die eigentlichen Situationen an sich (wenn man
sie
der äußeren Hüllen entkleidet) sind wahr und
lebensvoll;
aber sie werden uns wie in einem Gleichnis vorgeführt. Die
Handlung
spielt in der noch halb sagenhaften Zeit der Ritter von der Tafelrunde,
wo der Glaube an Zauberei bewies, daß die Kluft zwischen dem
Menschen
und der übrigen Natur nicht so tief war wie jetzt. Der Ort der
Handlung
ist in eine halb fabelhafte Gegend verlegt, nicht mehr in das gute alte
Deutschland, wie in Wagners früheren Werken, sondern auf einen
unbestimmten
Berg Spaniens „dem arabischen Spanien zugewandt“. Dazu die wunderbare,
jedes Wort, jede Bewegung begleitende Musik, die der unbedeutendsten
Einzelheit
einen idealen Reiz verleiht und uns weit über das Alltägliche
hinaushebt; ja, dieses sogenannte „Zukunftsdrama“ zeigt uns wirklich
den
Menschen in einem zukünftigen, höheren Entwicklungszustand, —
das materielle Substrat bleibt zwar unverändert, aber seine
Kundgebung
erscheint uns in schönerer, idealerer Form.
Im Verlauf dieser
letzten Woche hat sich mein Standpunkt zum Wagnertum sowie meine
Einschätzung
des grundlegenden Gedankens vom „Musik-Drama“ erheblich geändert.
Jeder vernünftige Mensch wird leicht zugeben, daß man
Wagners
Dichtungen ohne die Musik gar nicht zu beurteilen vermag, — aber weit
schwerer
zu begreifen (schwerer ob der Neuheit dieser Vorstellung) ist, wie
unmöglich
es ist, Wagners Musik ohne die Dichtung — besonders ohne das gesungene
Wort — zu verstehen und in irgendeiner, höchst unvollkommenen
Weise
einzuschätzen.
Das mag vielleicht
paradox klingen, aber im gegenwärtigen Augenblick bin ich von
der
ü b e r w ä l t i g e n d e n S c h ö n h e
i t dieses — wie soll ich es nennen? — Gesanges, besser,
dieser
gesungenen Worte bezwungen. Es muß wirklich ein neues Wort
gefunden
werden, denn es ist geradezu absurd, von einem „endlosen Rezitativ“ zu
Sprechen, wie oft geschehen ist, und anderseits kann man es ebensowenig
eine „Melodie“ nennen. Du entsinnst Dich gewiß, daß uns
schon
im Klavierauszug einige Stellen auffielen, so: „Muß ich denn
sterben,
vom Retter ungeleitet?“, — „Wehe, wehe, usw.“. „Er naht, sie bringen
ihn
getragen“, und andere. Aber abgesehen von der für Dilettanten
beträchtlichen
Schwierigkeit, Klavierspiel und Gesang zu vereinigen, oder die
Singstimme
mitzuspielen, sind Übung und Vertrautheit zur wirklichen
Würdigung
dieser zugleich ureigensten, tiefsten und bedeutendsten Wagnerschen
Neuerungen
unumgänglich notwendig. Beim ersten Durchblättern der
Partitur
meint man, daß die Singstimme in ihrem Auf- und Absteigen
ziemlich
willkürlich behandelt wäre, ja man ist fast zu der Annahme
versucht,
daß die einzige „raison d'être“ des Notenwechsels
in
dem Gesetz der Unterordnung unter die begleitende Musik läge. —
Irrtum!
Tiefer Irrtum! Du ahnst gar nicht, wie zart bei aller Kraft und
Fülle
das Wagnersche Orchester ist; die Stimme beherrscht es immer. Die oft
gehörte
Behauptung, daß die Stimme in Wagners Dramen in dem Tonmeer
ertränkt
werde, ist haltlos. Wohl g i b t es einen Ozean
von Harmonien, und Welle auf Welle rollt in unendlicher Folge aus dem
unsichtbaren
Orchester empor, aber es ist ein Ozean, der Handlung und Darsteller
trägt
und in dem diese als Sieger schwimmen.
Wunderschön
und namentlich durchaus geschmackvoll ist auch die Inszenierung, und
die
Hauptgruppierungen sind offenbar von Künstlerhand entworfen
worden.
— Im ersten Akt ist die Wirkung der von links nach rechts sich
bewegenden
Wandeldekoration, in welcher das ursprüngliche Waldesdickicht
allmählich
in eine felsige Gegend mit Gewölben und Säulengängen
übergeht,
von ganz großartiger Wirkung, besonders durch das wiederholte
Auftauchen
der Gestalten von Gurnemanz und Parsifal, dunkel und undeutlich im
Hintergrund.
Es gemahnte mich an G. Dorés Zeichnungen von Dantes Hölle.
Die
Blumenmädchen
sind einfach entzückend; alle Musiker stimmen darin überein,
daß Wagner mit diesem Chor, wenn man es so nennen will, „etwas
noch
nie Dagewesenes“ geschaffen habe; die unglaublich schweren
Anforderungen,
welche er darin stellt, sind so glänzend überwunden worden,
daß
man sich sorglos dem unbeschreiblichen Zauber dieser Szene hingeben
darf,
deren jugendliche Darstellerinnen aus den besten Theatern Deutschlands
auserlesen wurden. — Aber die Krone dieses Wunderwerks ist die
Fußwaschung
Parsifals durch die büßende Kundry im 3. Akt und die
begleitende
Episode der „Blumenaue“ oder „Charfreitagszauber“, wo Parsifals Ausruf
„Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön!“ vom alten
Gurnemanz
mit den Worten beantwortet wird: „Das ist Charfreitagszauber, Herr! Des
Sünders Reuetränen sind es, die heut' mit heil'gem Tau
beträufeln
Flur und Au' . Der ließ sie so gedeihen, usw. usw.“ — „Da
hört
Alles auf“ und so auch
Dein Houston.
Dank für die beiden Karten.
7-12
An
Miß Harriett Mary Chamberlain
Liebstes Tantchen,
Besten Dank
für
Deinen Brief vom 19. und den — anbei zurückfolgenden — von Harry,
der uns die Geburt seines Sohnes mitteilt.
Es wird Dich freuen,
daß Seeluft wie Seebäder mir sehr zuträglich sind;
sogar
ein kleiner Ausschlag, den ich hier bekommen habe, wird als
günstige
Wirkung des Wassers gedeutet und beweist mir jedenfalls, daß
meine
Haut und vielleicht auch mein Blut reagieren, und da ich mich recht
wohl
fühle, darf die Warnemünder Theorie den Vorrang vor manchen
anderen
landläufigen beanspruchen. Eigentlich gedachte ich heute in
Kopenhagen
zu sein („Kjöpenhavn“, was wörtlich „Kaufhafen“ bedeutet),
allein
eine Verletzung der Zehe, die ich mir neulich auf den Stufen der
Badehütte
zuzog, zwang mich zum Aufschub. Doch es ist nichts Schlimmes und
schmerzte
bloß einen Tag, und wenn sich der Wind einigermaßen legt,
will
ich morgen aufbrechen und vielleicht über Lübeck am Sonntag
zurückkehren.
Jeder, der Kopenhagen kennt, ist entzückt davon, und allein das
Thorwaldsen-Museum
würde genügen, um den Ausflug zu einem interessanten zu
machen.
Möglicherweise werde ich dem nördlichsten Punkte:
Helsingör
einen Nachmittag widmen, — man erblickt von dort die schwedische
Küste.
Nach Lübeck würde ich hauptsächlich um der Kirchen
willen
gehen, da sie durch die ausschließliche Verwendung von
Backsteinen
typisch für den reinen gotischen Stil des nördlichen
Deutschland
sein sollen und sich in manchem von anderen bekannteren Bauarten, wie
den
Kirchen am Rhein, in Frankreich und in Süddeutschland wesentlich
unterscheiden.
Die in letzterem so stark ins Auge fallenden Bogenpfeiler, welche dem
Äußeren
jene merkwürdige arabeskenartige, nach oben drängende Form
geben,
sind, wie ich erfahre, wegen der Backsteine dort unbekannt. Das
Äußere
wirkt dadurch etwas schwerfällig, — aber ohne, meiner Meinung
nach,
der Schönheit und Größe zu ermangeln; denn abgesehen
von
Einzelheiten ist die Anlage die gleiche wie bei anderen gotischen
Kirchen.
Die einzige Kirche dieser Art, die ich sah, diejenige in Doberan bei
Heiligendamm
(aus dem 13. und 14. Jahrhundert) erinnert in ihrem äußeren
Bau auffallend an den Dom von Pisa. Du entsinnst Dich wohl des
großartigen
Eindrucks, den dieser, von der Ostseite neben dem Kampanile aus
gesehen,
uns machte? Er ist ja viel älter, eigentlich Frühgotik, aber
sein Erbauer war ein Deutscher (il Tedesko), und obschon ich
hier
von Dingen rede, von denen ich nichts verstehe, sollte es mich sehr
wundern,
wenn da nicht eine Art von Verbindung vorläge, so auffallend ist
die
Verwandtschaft in der allgemeinen Inspiration. Leider habe ich kein
einziges
Buch bei mir, das mir, wie Lübke, den erwünschten
Aufschluß
gäbe.
Aber ich werde
weitschweifig,
und das ist meinem widerspenstigen rechten Handgelenk nicht eben
zuträglich,
— da ich täglich wenigstens einen, oft mehrere
Geschäftsbriefe
zu schreiben habe und die Hand dann nach Ruhe verlangt. So kam es,
daß
ich Dir noch kaum etwas von Leipzig berichtete, wohl nur, daß ich
dort dem alten Liszt vorgestellt worden bin, der von Weimar
herübergekommen
war (wo er trotz seiner 72 Jahre ein Oratorium ¹ schreibt), um
Berlioz'
„Benvenuto Cellini“ anzuhören. Prof. Riedel kennt meine tiefe
Abneigung
gegen jedwedes Hervordrängen und jene rohe Belästigung
berühmter
Männer, aber e r bestand in diesem Fall
darauf,
daß ich eingeführt würde, und da Liszt sein
langjähriger
Freund sei, könne ich das sehr einfach. Prof. Riedel hatte Liszt
von
mir gesprochen und daß ich sein Gast sei. Dieser habe gleich
erwidert,
daß er m i c h bereits k e n
n e (d. i. von mir wüßte) und sich sehr auf
meine
persönliche Bekanntschaft freue. Leider konnten mir weder Vater
noch
Tochter Riedel erklären, wodurch und was Liszt etwa von mir
wüßte.
„Mystère!“
Immer von einer Menge
Anbeter umgeben, war der greise Herr auch diesmal mit etwa 20 Menschen
von Weimar herübergefahren; darunter befanden sich neben
Gräfinnen
auch Damen geringerer Herkunft, Kapellmeister und Pianisten; bei
letzteren
ein sehr netter Engländer. Du bist wahrscheinlich ebensowenig, wie
ich es bis vor kurzem noch war, darüber im klaren, einen wie
bedeutsamen
Anteil Liszt an der ganzen Entwicklung der modernen Musik hat. Seine
Stellung
als größter Pianist und als Schöpfer einer ganz neuen
Kunst
des Klavierspiels, welche das Klavier vollständig umwandelte,
bedingt
bei weitem nicht seinen einzigen oder größten Anspruch auf
Ruhm
und auf die förmliche Anbetung, die ihm von zahlreichen Musikern
gezollt
wird. Im Gegensatz zu den anderen Virtuosen hat er von Anfang an seinen
ganzen Einfluß, seine ganze Popularität dazu verwendet,
jungen
Talenten die Wege zu ebnen, sie zu ermutigen, indem er ihre
Klavierwerke
spielte und ihre Opern und Oratorien usw. aufführte, als er
längere
Zeit in Weimar Musikdirektor war. Dabei kämpfte er auch mit seiner
stets bereiten glänzenden Feder für sie, so daß wir in
großem Maße, um nur einige zu nennen, Berlioz, Chopin,
Schumann,
Wagner ihm zu verdanken haben. Und Wagner selbst sprach es in seiner
Rede
am Schluß der vorjährigen Festspiele aus, daß er
alles,
was er sei, Franz Liszt schulde.
Schließlich
muß ich auch noch seinen Ruhmesanspruch als Komponist
erwähnen,
der nach zuständigstem Urteil mir als groß bezeichnet wurde,
als weit bedeutender, als die Allgemeinheit ahnt. Er selbst hält
nicht
viel von den meistgekannten seiner Werke, wie den „Ungarischen
Rhapsodien“,
die er eigentlich um des technischen Könnens willen schrieb.
Leider
kenne ich kaum etwas von ihm; seine Kompositionen sind ausnehmend
schwer,
— man sagt mir, sein „Waldweben ² “ für Klavier gehöre
zu
dem Schönsten, — seine Oratorien „Die heilige Elisabeth“ und
„Christus“
sowie andere Werke kann man nur in einigen Städten, wie in
Leipzig,
hören. — Ich muß sagen, ich blickte mit achtungsvoller
Bewunderung
auf diesen Mann, der noch ein Zeitgenosse Beethovens gewesen ist, und
unter
dessen Flügeln alle größten Musiker dieses Jahrhunderts
emporwuchsen, und der nun, nachdem er sie a l l
e
zu Grabe geleitet hat, ruhig in seinem kleinen Weimar sitzt und neue
Werke
schafft. — Du kennst mich genügsam, um zu glauben, daß ich
mich
beim gemeinsamen Abendessen so weit ab als möglich von seinem
Gesichtskreis
setzte. Prof. Riedel meinte: „Es ist immer ein Anfang!“ „Benvenuto
Cellini“
ist eine ebenso merkwürdige als originelle Schöpfung des
ebenso
merkwürdigen als originellen Genies Berlioz, der sicher ein halbes
Jahrhundert zu früh in die Welt kam und überdies das
Mißgeschick
hatte, in einem Land geboren zu werden, das ein musikalisches Empfinden
von geringer Tiefe besitzt. Die Leipziger Musiker stimmten meiner
Verwunderung
darüber bei, daß ein solches Werk bereits 1836 oder 1837
(ich
vergaß, in welchem Jahre) geschrieben wurde. Die Instrumentation
ist — wie übrigens in allen Berliozschen Werken — durchaus das,
was
wir mit modern bezeichnen, und wenn auch seine Rezitative
grundverschieden
von der musikalischen Deklamation in den Wagnerschen Werken der 3.
Periode
sind, so darf man den „Cellini“ doch insofern als Vorläufer der
Wagnerschen
Musikdramen bezeichnen, als man darin kaum mehr eine Spur von der alten
konventionellen Form findet und sein Orchester eine sehr
unabhängige
Rolle spielt. Natürlich kann man aber Berlioz ebensowenig mit
Wagner
vergleichen wie das Licht des Sirius mit der Sonne, doch bleibt der
„Benvenuto“
nichtsdestoweniger sehr interessant, und ich betrachte es als einen
Glückszufall,
daß ich ihn zu hören bekam, denn bei den ungewöhnlichen
Schwierigkeiten in Ansehung der musikalischen Ausführung und
seiner
schweren Zugänglichkeit wird dieses Werk stets nur ein
„Leckerbissen“
für Feinschmecker bleiben und niemals ein Zugstück des
Repertoires
werden.
Gerne würde
ich Dir so manches von meinen eingehenden Unterhaltungen mit dem alten
Riedel mitteilen, aber ich muß es leider aufschieben und hoffe,
einiges
in späteren Briefen nachzuholen, erstens meiner Hand wegen,
zweitens
soll der Brief heute noch in den Kasten.
Ich machte nette
Spaziergänge in dem reizenden Leipziger Anlagen, sah auch das
kleine
Haus, in dessen Dachzimmer Schiller einst als Student wohnte und sein
„Freude,
schöner Götterfunken“ schrieb. Der Raum ist fast
unberührt
geblieben, sein Tintenfaß ist noch da, ebenso die weiße
Weste,
welche er zu großen Gelegenheiten trug. Es ist fast zu bedauern,
daß so alltägliche Nebensächlichkeiten wie sein
Waschtisch
der Aufmerksamkeit des Besuchers aufgedrängt werden, — mit der
unausbleiblichen
Folgerung, daß der Dichter, dessen sämtliche
Toilettengegenstände
auf einem Raum etwa zweimal so groß wie dieses Blatt Papier Platz
hätten, einen sehr, sehr beschränkten Gebrauch von dem
gemacht
haben muß, was wir chemisch H20 nennen. —
Ich
sah auch Auerbachs Keller. Hierher pflegte Goethe als ganz junger
Student
zu kommen, und man ersieht daraus, wie frühzeitig schon sein Sinn
auf den Stoff seiner großen Dichtung gerichtet war, — denn in
diesem
Keller befindet sich das große Faß, auf dem Dr.
Faustus
der Überlieferung zufolge ritt, mit einer alten Inschrift und
einem
Erinnerungsbild an dieses Interessante Faktum. Eine Menge
verschiedenartigster
alter Bücher aus den frühesten Tagen der Buchdruckerkunst
befinden
sich seit Goethes Zeit auch noch daselbst und berichten von Dr.
Fausts Wundertaten und Zauberei.
Mit Ruthardt ³
und seinem Bruder, der jetzt als erster Kapellmeister nach Magdeburg
geht
(zum Leidwesen der Leipziger, da er ein sehr netter Mensch ist),
verbrachte
ich einen angenehmen Abend.
Wir verließen
Heiligendamm, wie ich Dir, denke ich, schon erzählte, einesteils
wegen
der Ausgabe, und anderseits, weil mich nach ein wenig Seeleben
verlangte,
nachdem ich die See so lange nicht gesehen hatte. Obwohl der hiesige
Hafen
klein ist, da Rostock in den letzten 50 Jahren viel von seiner
Bedeutung
als Handelsstadt eingebüßt hat, vergeht dennoch kaum ein
Tag,
ohne daß Schiffe ein- und auslaufen. Fast alle bringen Holz aus
Schweden,
Norwegen und Finnland, aber einige führen auch Kohlen aus Grimsby
und andere Petroleum aus Amerika. Fast alle Schiffe sind deutsche (aus
Rostock) oder skandinavische, einige auch russische, während
bisher
nur ein einziges französisches (das Petroleum führte) einlief
und vorgestern ein großer englischer Kohlendampfer. Die Ausfuhr
scheint
dagegen gering zu sein, da alle diese Schiffe Sand als Ballast nehmen.
Fischerboote gibt es die Menge, nicht ganz so groß wie in Cannes,
mit zwei Masten und drei Segeln, durchaus sauber; und die Schiffer
haben
jenen eigentümlich gewinnenden Ausdruck auf ihren verwitterten
Gesichtern,
der vielen Seeleuten eigen zu sein scheint. Die meisten können
Englisch,
da sie sämtlich manches Jahr zur See gefahren sind. Ich fahre fast
täglich auf einige Stunden mit dem Boot hinaus; es ist fast immer
eine gute Brise auf der Ostsee, und schwerer Wind und hohe See sind
manchmal
ganz plötzlich da; aber die Boote hier gehen meilenweit hinaus und
halten viel aus.
Der einzige
Mißstand
hier ist die Nahrung; sie verhindert, daß das gesunde Leben seine
volle wohltätige Wirkung tut. Nicht daß sie schlecht an sich
sei, — aber diese guten Deutschen haben in dieser Hinsicht, in manch
anderer
auch, fürchte ich, einen sehr verdorbenen oder besser
überhaupt
keinen Geschmack. Sie lieben alles Ungesunde, Schwere, Unverdauliche, —
nähren sich von stopfenden Sachen und essen nichts Nahrhaftes.
Dabei
und bei ihrem gänzlich unathletischen Leben ist es ein Wunder, wie
diese Rasse so kraftvoll bleibt; sicher ist das eine Gottesgabe, — sie
selbst tun nichts dazu.
Grüße
mir herzlich Onkel und Tante Anna und vergiß nicht, mir
Nachrichten
von ihr zu geben.
Dein Houston.
—————
¹
Das unvollendet gebliebene Oratorium „Stanislaus“.
²
Gemeint ist wohl die Konzertetüde „Waldesrauschen“.
³
Adolf Ruthardt, hochangesehener Musiklehrer in Genf (vgl. „Lebenswege
meines Denkens“ S. 226 f.), später in Leipzig.
12-14
An
Felix Mottl
Sehr geehrter Herr
Sie mögen
mich
gut verfluchen! Und nun soll ich Ihnen noch gar s c h r e i
b e n über diese Cellini-Geschichte? Frau Wagner
bittet
mich darum [Cosima
Wagner und H. S. Chamberlain in Briefwechsel, 8. Februar 1889],
ich tue es ihr zu Gefallen und bitte, es mir nicht übel zu nehmen.
Am Jahre 1883, gleich
nach Schluß der Bayreuther Festspiele, war ich einige Tage bei
dem
verstorbenen Carl Riedel zu Besuch in Leipzig. Am Tage vor meiner
Abreise
fand die erste Aufführung von Cellini statt, mit Schott als Gast.
Liszt kam dazu von Weimar herüber — mit einem gar wunderlichen
Kometenschweif.
An den Tagen vor
der Aufführung war Prof. Riedel so freundlich gewesen, mir den
größten
Teil des Cellinis vorzumusizieren, und zwar aus einem Klavierauszug mit
französischem und deutschem Text. Dabei hatte sich zwischen uns
eine
kleine Diskussion entsponnen, — indem ich von einer Arie der Therese im
ersten Akt behauptete, dieselbe passe gar nicht in den Rahmen des
übrigen,
sei unschön usw., was Riedel seinerseits n i c h
t
zugab. In der Aufführung wurde nun diese Arie gesungen.
Während
der Pause zwischen dem ersten Akt und dem zweiten unterhielten sich
Liszt
und Riedel sehr lebhaft; ich hörte ihre Unterhaltung nicht; — aber
auf einmal kommt Riedel auf mich zugelaufen, sehr heiter, und sagt: „—
— das ist ein merkwürdiges Zusammentreffen! Sie wissen diese Arie
der Therese, die Sie nicht mögen — und über die wir uns
stritten;
Liszt erzählt mir soeben, es sei das Einzige, was er in Weimar
gestrichen
habe, — er habe dem Berlioz erklärt, das wolle und könne er
nicht
dirigieren. Es hat ihn geärgert, daß man die Arie hier
gesungen
hat.“
Das ist meine erste
Cellini-Anekdote; — nun die zweite.
Nach dem Theater
waren wir alle zusammen im Hotel de Prusse (oder einem anderen
Gasthause);
— als Gast Riedels hatte ich die Ehre, mich dem wunderlichen Schweife
anschließen
zu dürfen; ich saß neben Riedel und nicht sehr weit von
Liszt,
so daß ich der Unterhaltung gut folgen konnte. Ich entsinne mich,
daß Liszt behauptete, Cellini sei die schwerste Tenorrolle, die
es
überhaupt gäbe (wozu ich allerdings bemerken muß,
daß
Schott am Tische saß). Das wichtigste war aber, daß Liszt —
einigen anderen Meinungen gegenüber — ausführte und mit
großer
Bestimmtheit behauptete, die große Arie (Monolog) von Cellini im
dritten Akt (vor dem Gusse: „sur les monts“) sei der
Höhepunkt
des ganzen Dramas, — man solle Cellini lieber nicht geben, als diese
Streichen.
(Schott hatte sie auch gesungen.) Riedel stimmte Liszt vollkommen bei.
Dieses kann ich beschwören; und ich habe ein gutes und
nüchternes
Gedächtnis.
Mit vielen Grüßen in herzlicher Ergebenheit
Ihr Houston S. Chamberlain.
Geehrte gnädige Frau
Gestatten Sie mir
die Mitteilung, daß ich — nach dem endlich definitiven
Entschluß
des dortigen Wagner-Vereins — nächsten Samstag. den 17. d. M., in
Graz — meinen Vortrag — „Schematische Übersicht über das
Leben
R. W.s“, halten soll.
Ich werde nicht
ermangeln,
Ihrem Herrn Vater ¹ meine Aufwartung zu machen; sehr wird es mich
freuen,
wenn seine Geschäftstätigkeit (die, nach den Zeitungen zu
urteilen,
gerade in diesem Augenblick außerordentlich groß sein
muß)
ihm gestattet, mich zu empfangen. — Dürfte ich Sie nun bitten,
gnädige
Frau, Herrn Dr. Portugall durch eine Zeile meinen Besuch
anzukündigen?
— nämlich nur, damit nicht im ersten Augenblick ein
Mißverständnis
entstehe und er mich nicht etwa als Kandidaten für die Stelle
eines
Wasserleitungsinspektors oder dgl. halte! Mir ist einmal etwas
Ähnliches
passiert, und es war wirklich eine peinliche Minute.
Seit meinem Besuch
in Berlin habe ich Influenza mit Diphtheritis durchgemacht; kann mich
noch
gar nicht erholen. Hoffentlich ist es Ihnen besser ergangen? In dem „Guide
Musical“ von Brüssel lese ich immer das Lob Ihres Herrn
Gemahls;
das tröstet mich für die Notlage, welche mich zwingt, das
alberne
Blatt zu halten. Seit unserem Fidelio-Gespräch ist mir Dr.
Muck sehr nahe; e i n Wort führt einen
bisweilen
weiter, als zehn Jahre Schwatzens. Wer versteht es, die Verwandtschaft,
die Ebenbürtigkeit, zwischen den Großen, die es können
— Beethoven —‚ und den Großen, die es nicht können,
Hoffmann,
zu empfinden? Wer begreift es, daß der gänzliche Mangel an
derber
Volkstümlichkeit ebenso sicher von der Erreichung der sogenannten
Genialität abschneidet, als hätte der Mensch gar kein Talent?
Wer hört die Stimmen derjenigen, welchen ein überirdisches
Gelübde
Schweigen auferlegt? — Die „E i n f a c h e n“,
das ist die Alltagsmenschen, jedenfalls nicht, — aber Ihrem lieben
Manne
traue ich alles zu, — für m i c h braucht
er keine Gedichte zu schreiben und keine Musik zu Papier zu bringen, —
die Luft um ihn herum phosphoresziert ordentlich von Erscheinungen aus
einer anderen Welt, und während er bei Dressel saß, war es
mir,
als weile seine viertdimensionale Seele irgendwo ganz anders und
führe
ein Meisterwerk auf! Ob hier, ob dort, gleichviel!
Mit vielen Grüßen Ihr ganz ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹ Bürgermeister Portugall von Graz.
15-22
An
Professor Christian von Ehrenfels
Lieber Freund
Entschuldige die
Aufdringlichkeit einer umgehenden Antwort; wie Du aber, glaube ich,
weißt,
habe ich in diesem Winter eine — für meine Schwachen Kräfte —
ungeheuer große Aufgabe¹ vor. Ich bin aus diesem Grunde zur
sofortigen Beantwortung — wie ein Kaufmann — gezwungen, sonst komme ich
gar nicht zu Rande — wenn Ich die Sachen Sich anhäufen lasse, —
ich
vergesse sie überhaupt. [...]
Der Ausdruck
„Chamberlainsche
Strich“ gefällt mir außerordentlich; ich bin sehr stolz
darauf.
Dieser Strich ist sogar ein ganzer Kreis, — ein Zauberkreis, in den ich
die unsichtbaren Geister banne, — fest überzeugt, daß nur
eines
wahrhaft produktiv auf dieser Erde ist: die poetische Schöpfung.
Ob
wir Isaac Newton, Charles Darwin oder Beethoven und Wagner sind, wir
müssen
es immer so anfangen, wie seinerzeit unser lieber Herrgott und „aus
Nichts
Etwas machen“, — das Etwas zerbröckelt in unseren Fingern zu
Nichts.
Bezüglich
der
K r i t i k, so möchte ich auf den großen
Unterschied
aufmerksam machen in der Bedeutung, die diesem Wort in den positiven
Naturwissenschaften
und dagegen in den literarischen, politischen und anderen Disziplinen
beigelegt
wird. Das Grundprinzip der Naturforschung ist das alte „panta kala
lian“des
ersten Buches Moses'; was ist, ist gut: die Natur anders zu wollen als
sie ist, — die Behauptung aufzustellen, dieses Tier hätte zu lange
Beine und jener Baum eine nicht schön genug gefärbte
Blüte,
— so etwas brächte den Naturforscher ins Narrenhaus. K
r i t i k wird dort nur und ausschließlich in bezug
auf
die Person des Beobachters, auf seine Instrumente usw. angewandt, und
das
Kriterion für seine Hypothesen wird aus den
vorliegenden
T a t s a c h e n entnommen, — und zwar „sans appel“.
Diese Tatsachen bewegen sich aber gänzlich außerhalb dessen,
was wir „logisch“ nennen. Es gibt kaum eine organische Gestalt, die uns
nicht bei ihrer ersten Entdeckung geradezu a b s u r
d
erschiene, lächerlich, mißgestaltet, unpraktisch (ich
verweise
Dich z. B. auf die neuen amerikanischen Entdeckungen auf
paläontologischem
Gebiete), — und erst allmählich konstruieren wir uns die „logische
Zweckmäßigkeit“ dieses bestimmten Typus zu unserer
Zufriedenheit
— wobei das Grundgesetz der notwendigen Einheit aller Apperzeption
(siehe
Kant) sein Amt fehlerlos versieht, indem es sich erst wie
Gummielastikum
ausdehnen läßt, und dann — sowie die neue „Tatsache“
umfaßt
ist, sich — wiederum elastisch — fest um das Bündel Anschauungen
zusammenzieht,
so daß jeder die Überzeugung hat: „Mehr geht nicht hinein.“
Nur der klarblickende Naturforscher sagt sich: „There are more
things
in heaven and earth —“. Und ich meine, daß auf diese Art in
demjenigen,
der — mit philosophischem Sinne begabt — die praktische — beobachtende
und experimentierende — Schule der Naturwissenschaft durchgemacht hat,
sich ein besonderer Begriff, oder sagen wir lieber eine besondere
Praxis
der K r i t i k ausbildet, — eine Praxis, die
so
grundverschieden ist von derjenigen der Literaten, Fachphilosophen
usw.,
daß es allerdings sehr auffallen muß, wenn ein solcher Mann
sich nun auf einmal einen großen Mann, ein Genie, vornimmt und
sagt:
„Den will ich mir genau so ansehen und ähnlich betrachten, als
wäre
er eine Giraffe.“ Denn nun haben wir einen Kritiker, der die scharfe
Waffe
seiner Vernunft nach i n n e n richtet, —
während
er nach a u ß e n das Auge nur liebevoll
und weit öffnet. Jeder andere tritt an die Erscheinungen mit
bestimmten,
logisch gegliederten Vorstellungen, Meinungen heran, mit anderen
Worten,
mit Dogmen. Der Naturforscher hat nun allerdings auch ein Dogma — das
muß
ich zugeben — es ist aber die N a t u r, die
Natur
sans
paroles. — Und ich meine nun, daß meine sog.
„Kritiklosigkeit“
durchaus kein Mangel an kritischem Scharfsinn ist, sondern nur eine
andere
Orientierung dieser Tätigkeit des Geistes. Ich nannte vorhin
das
A u g e; aber was das Auge für die Erfassung der
äußeren
Gestalt, das ist das H e r z in bezug auf das
Begreifen
der inneren Regungen, des Charakters, der ganzen individuellen
Persönlichkeit.
Selbst der alte, dürre, hausbackene Kant — mit seinem
„hölzernen
Bein“ der Moral, wie Schopenhauer spottet — sagt einmal, „in
der
w a h r e n W e i s h e i t gäbe das Herz
dem Verstande die Vorschrift“. — Und so trifft Wagners berühmter
Spruch:
„n u r wer ihn liebe, könne ihn verstehen“, ganz und
gar
mit meiner ureigenen Empfindung zusammen. Und hier muß ich Sie
(!)
darauf aufmerksam machen — denn dieser Brief ist ein apologetischer —‚
daß bei mir zu dem Naturforscher sich der Poet gesellt. Will ich
jemandens Ansichten, seine Lehren, seine Paradoxen — kurz, seine
geistige
Erscheinung — verstehen, so versuche ich so vollkommen als möglich
in seine Haut hinein zu schlüpfen; ich schaue in die Welt hinaus
durch
seine A u g e n, — ich lasse dieselben Einflüsse auf
mich
wirken, — ja, ich bin auch mit ihm unaufrichtig oder gar
lügnerisch
— was kann denn ich dafür, wenn die betr. Giraffe einmal so ist?
Und
nur in dem Maße, in dem mir diese Identifizierung gelingt,
empfinde
ich, daß ich wirklich v e r s t e h e.
Und
— das gestehe ich — was man gewöhnlich unter Kritik versteht, ist
mir dann gemeiniglich höchst langweilig. Wer nicht in jener Haut
gesteckt
hat, wer nicht durch jene Augen die Welt betrachtet hat, der weiß
ja doch nicht, was das Genie meinte, er kann ja doch nicht den gesamten
Zusammenhang überblicken, sonst müßte er mit Gott
sagen:
„Und siehe da, es ist sehr gut.“
Der ungeheure Vorzug
von Menschen Deiner Art, lieber Freund, ist nun der, daß sie mit
jeder einzelnen „Kritik“, die sie an anderen üben, klarer in sich
selbst sehen. Ihr seid gewissermaßen Kanibale, — und wißt
sehr
gut, daß ein in Stücke zerrissener Organismus nur noch zur
Nahrung
taugen kann, — womit ich keineswegs Mangel an Originalität
vorwerfen
will, da ja die Nahrung assimiliert und zu neuem Fleisch umgewandelt
wird.
Wir dagegen sind Metempsychosianer, — uns ist die Seelenwanderung das
Allergeläufigste!
Der Genuß ist ein großer, ein göttlicher. Du darfst
nur
ja nicht glauben — wie Du anzunehmen scheinst —‚ daß ein Mensch
meiner
Art imstande wäre, sich „mit Haut und Haar“ an irgend jemanden —
und
sei es selbst der Teufel in höchsteigener Person — zu vergeben.
Zwar
sehen wir in uns selbst nicht sehr klar, — ich kann z. B. aufrichtig
sagen,
daß auf der ganzen Welt kein Mensch mich so wenig interessiert
wie
ich selber, und 999mal von Tausend, wenn ich an einer Diskussion
nicht teilnehme, so kommt das einfach daher, daß ich wirklich gar
keine Meinung habe, sondern mich ganz neutral im Innern verhalte — nur
immer bereit, wo ich auch Geist und Hochherzigkeit sehe, deren Partei
zu
nehmen. Aber ich muß in mir die Einseitigkeit gewissermaßen
künstlich großziehen und erhalten, sonst würde mich
meine
naturwissenschaftliche Objektivität zu der weiten
Steppeneinöde
des à tout prix genau gerechten, alles abwägenden
Geistes
verführen; und dann der Schalk, die Ironie, oh! vor dem muß
ich mich sehr in acht nehmen, — der brächte meine Seele in die
Hölle,
wenn ich nicht sehr aufpaßte. Denn, Männer meiner Art sind
die
wirklichen Skeptiker par excellence; ein so feiner Psycholog,
wie
Du, kann das unmöglich übersehen haben; und genau so wie die
Griechen nicht bloß infolge ihrer so vieles ermöglichenden
Begabung
die größten Bildner der Welt waren, — sondern auch deswegen,
weil sie die häßlichsten Weiber von ganz Europa die ihren
nannten,
— so daß die S e h n s u c h t das
eigentliche
treibende Motiv ihrer großen Kunst war, ebenso sind Männer
wie
ich gute Apostel, w e i l sie solche Skeptiker
sind, die überall mit sicherem Blick die Unzulänglichkeit
sofort
entdecken, — und darum mit Verzweiflungskraft glauben.
Nun zu etwas anderem.
Mit religiöser
Gewissenhaftigkeit vermeide ich, wenn ich von Wagner spreche, eine
eigene
Ansicht vorzubringen. Ich bin ein Anwalt, ein Anwalt, der zugleich ein
leidenschaftlich liebender Freund ist. Ja, ich bin mehr als das: ich
bin
ein Dichter, der sich mit dem Toten, dem er zum Worte verhilft, ebenso
identifiziert wie ein Shakespeare mit seinem Falstaff, seinem Lear,
seinem
Macbeth — Ich rede natürlich nicht von der Intensität des
erreichten
Ausdrucks, sondern einzig von der A r t zu
empfinden.
Wenn ich mich bestrebe, Wagners Ansichten und die Bilder, die ihm
vorschwebten,
anderen so lebendig, so plastisch als möglich vorzuführen, —
so bin ich niemals als selber mitredend, parteinehmend zu denken. Wie
ich
bisweilen im Gespräch meine Frau ungeduldig unterbreche:
„Ach
i c h? Ich existiere ja gar nicht!“ Und um da wieder
speziell
auf Deinen Brief zurückzukommen, — nie ist es mir im Traume
eingefallen,
Wagners politische Ideen als die meinigen mir anzueignen (wie der
drastische
englische Ausdruck lautet: to e s p o u s e
his ideas). Ich bin Dir allerdings sehr dankbar, daß Du den
Vortrag
nicht durch den Zuruf „Das ist ja greulicher Unsinn“ unterbrachst; bei
Deiner stürmischen Natur muß Dir diese Zurückhaltung
große
Überwindung gekostet haben; Du bist eben ein Gentleman, und das
ist
etwas sehr Schönes; übrigens verspreche ich eine
ähnliche
Diskretion, wenn Du einmal Deine weltbeglückenden,
evolutionssozialistischen
Ideen vorträgst. Übrigens habe ich nicht das Geringste gegen
den drastischen Ausdruck „greulichen Unsinn“ einzuwenden; ich liebe die
Drastik. Ich finde nur, daß Richard Wagners Ansichten in bezug
auf
„absolutes Königtum“ und „freies Volk“ nicht mehr und nicht
weniger
Unsinn sind als die Lehren Christi, — nicht mehr und nicht weniger
Unsinn
als das Ideal Karl des Großen, — nicht mehr und, nicht weniger
Unsinn
als Schillers Ästhetische Briefe, — nicht mehr und nicht weniger
Unsinn
als der Anarchismus des großen (und übrigens in aller Praxis
des Lebens und der Geschäfte höchst versierten) Proudhons —
usw.
ad
infinitum. Genie zu haben ist überhaupt — in einem gewissen
Sinne
— Narretei. Und bei Wagner ist nicht allein die erstrebte soziale
Lösung,
sondern ebenfalls das erstrebte Kunstideal ein Unsinn, — nämlich
ein
Unding. — Auf j e d e m Gebiete, überall,
wo wir bis auf den G r u n d gehen, treffen wir
auf Widerspruch. Es ist nicht bloß die reine Vernunft, die zu
unlösbaren
Antinomien führt, — sondern, im Zusammenhang mit dieser
fundamentalen
Eigenschaft unserer Natur, braucht man überall das Blei nur tief
genug
zu senken, so stößt es auf den festen Boden des organischen,
naturgesetzmäßigen Widerspruchs. Ein wirklich großer
Geist
bewährt sich — unter anderem — in der unverwüstlichen Kraft,
mit der überall der Widerspruch bei ihm zu Tage tritt; die
Ungeniertheit
des Widerspruchs (wenn ich mich so ausdrücken darf) ist der Beweis
seiner Aufrichtigkeit. Wo kein Widerspruch, da ist der Geist gleichsam
eine Fläche; körperlich wird er nur durch den Widerspruch.
Carlyle
sagt irgendwo, nichts sei bewunderungswürdiger an dem englischen
Volke
(als politisches Wesen betrachtet) als der eigensinnige, „dogged“
Widerstand, den es der L o g i k entgegensetze. Darin
— in diesem Instinkt, daß es eine supralogische Einsicht gebe,
die
mit dem wahren Wesen der Natur weit mehr harmonisiere als jedes nicht
„unsinnige“
System — dokumentiere sich das überragende politische
G e n i e des englischen Volkes, daher kämen seine
großartigen
Erfolge. — Und für mich ist Wagners widerspruchsvolle Lehre des
„absoluten
Königtums“ und des „freien Volkes“ darum so hoch interessant —
nicht
weil sie w a h r sei, denn das dünkt mich
gänzlich irrelevant, sondern — weil sie genial ist! Und diese
Genialität
ist hier so frappierend, weil diese Ansicht — hier künstlerisch
zusammengedrängt
und verdichtet — die urgermanische Empfindung in sozialen Dingen ganz
genau
widerspiegelt. Alle Denker sind darin einig, daß das
V o l k der Wahre Dichter sei, die dichterische Urkraft;
das
gilt aber nicht allein von symbolischen und mythologischen Dingen,
sondern
auf jedem Gebiet betätigt sich sein Instinkt unbewußt
schöpferisch
und — nicht logisch — sondern „naturgemäß“. Und unserem
Stamme
ist diese Antithese: Einherrschertum und Freiheit ebenso natürlich
und angeboren — das heißt, eine Folge seiner ganzen Anlage — wie
seine besondere Körpergestalt oder irgendeine andere seiner
Eigentümlichkeiten.
Tatsächlich verwirklicht finden wir dieses Ideal — soweit
Verwirklichung
möglich gewesen sein mag — in der Verfassung der alten deutschen
Stämme;
in dem einzigen deutschen Staate, der so hartnäckig dem fremden
Einflusse
widerstand, daß er noch heute keinerlei „Verfassung“ besitzt, in
Mecklenburg, existiert n o c h h e u t
e
ein machtvollkommener Einherrscher, den keine Konstitution bindet, der
aber infolge der dort noch herrschenden altdeutschen Gebräuche in
bezug auf Besitz, in bezug auf die Rechte der „Stände“ usw. doch
über
ein Volk gebietet, das nicht mit Unrecht sich „freier“ nennen kann als
die meisten parlamentarischen Staaten. Und sehr lehrreich finde ich es,
die beiden deutschen Völker, die es am weitesten „in der Welt“
gebracht
haben, in bezug auf diesen unausrottbaren antithetischen Instinkt der
Germanen
zu prüfen: die Preußen, bei denen das absolute Königtum
nur wenig verschminkt sich erhalten hat und bei der geringsten Gefahr
unumschränkt
auftreten würde, — bei denen aber die „moralische“ Freiheit —
Glaubensfreiheit,
Lehrfreiheit usw. — wie sonst nirgends blüht; und die
Engländer,
bei denen das „freie Volk in politischen Dingen die Oberhand gewonnen
hat,
dafür aber das „absolute Königtum“ — jetzt eine unsichtbare,
unpersönliche Gewalt — mit eiserner Hand gebietet und jede
staatsgefährliche
Äußerung persönlicher Ansichten unterdrückt.
Und noch etwas, was
uns die wunderbare Tiefe des Wagnerschen Blickes enthüllt, und was
ihn in so naher lebendiger Berührung mit der Natur zeigt: er
weiß
ganz genau, daß nichts Unsinniger ist, als die Zukunft
organisieren
zu wollen; er nennt es „w a h n s i n n i g,
das
Leben der Zukunft durch gegenwärtig gegebene Gesetze ordnen zu
wollen“.
Und schon diese eine Einsicht — in welcher er mit den
größten
Politikern zusammentrifft — beweist einen so tiefen Einblick, daß
sie für mich genügen würde, um mich mit großem
Respekt
an Wagners soziale Anschauungen herantreten zu lassen; vielleicht
erspart
man sich selbst eine peinliche Blamage, wenn man sich nicht allzusehr
beeilt,
„greulichen Unsinn“ auszurufen? Dem weisen Mime war das ja schon einmal
passiert, als er dem kindischen, nur die Natur getreu beobachtenden
Siegfried
zurief: „Greulichen Unsinn kramst du da aus!“
Jedoch, ich
wiederhole
es, diese Anschauung von Einherrschertum und Freiheit ne me tient
pas
à coeur personnellement. Was genial ist, erfreut mein Herz,
genau so wie der Sonnenstrahl mein Auge; aber die W a h r h
e i t — materiell aufgefaßt — ist ein feu-follet, nach
welchem
ich, für mein Teil, nicht zu laufen gesonnen bin; mir liegt daran,
nicht in den Sumpf zu geraten, sondern auf freier Höhe zu bleiben,
von wo aus ich dem Narrenspiel gut zusehen kann.
„Vor einer Vernunft
ohne Schranken ist die Richtung zugleich die Vollendung“, sagt
Schiller.
Und nur insofern und in diesem Sinne kann man auch derartigen
Anschauungen
von Wagner „praktischen Wert“ beilegen.
Aber es ist
höchste
Zeit, daß ich mich unterbreche! Einen so ausschweifend langen
Brief
darf ich heutzutage, wo ich unter der Arbeitslast förmlich
ersticke,
nicht schreiben... Jedenfalls hoffe ich das eine, — daß
meine
freundschaftlichen Gesinnungen sich nicht aufrichtiger betätigen
konnten,
als indem je saisis la balle au saut et te la renvoie!
Tausend
Grüße
von ganzem Herzen an Euch beide von uns beiden.
Houston S. Chamberlain
—————
¹
Das erste große Werk „Richard Wagner“.
Lieber Karl
Besten Dank
für
Deinen neulichen Brief. Auf Deinen langen Brief vom Frühjahr war
es
mir leider ganz unmöglich zu antworten; ich war dermaßen mit
Arbeit überbürdet, daß ich — namentlich wo es, wie bei
literarischer Arbeit nicht bloß darauf ankommt, daß eine
Arbeit
erledigt wird, sondern namentlich auf das, „wie“ das geschieht — mich nolens
volens entschließen mußte, jeder nicht unbedingt
notwendigen
Korrespondenz auszuweichen. Nun hätte ich Dir aber von Herzen gern
auf Deine Fragen geantwortet und wartete nur, bis ich Zeit dazu
fände.
Dieser Augenblick ist jetzt gekommen, die Korrekturen zu meinem
Buch¹
sind seit vorgestern fertig und neue Arbeiten, die meiner harren, noch
nicht begonnen — aber siebe da, in meiner Buchstabenmappe ist Dein
Brief
nicht zu finden, wo ich ihn doch gut aufgehoben wähnte! Er
muß
irrtümlicherweise vernichtet worden sein, und so muß ich
mich
jetzt auf mein Gedächtnis verlassen. Entschuldige, bitte, und
frage
nur lustig weiter, wenn Dir an meinem Urteil etwas gelegen ist, ich bin
ja nicht immer so beschäftigt, wie ich das jetzt die letzten
zwölf
Monate war, und es wird mir immer eine H e r z e n s f r e
u d e sein, Dir meine aufrichtige Meinung zu sagen: Du bist
ja gebildet und gescheit, ich kann mich folglich immer kurz fassen, Du
wirst mich schon verstehen. Und ich habe die Überzeugung,
daß
ich Dir manchen guten Rat für Deinen Studiengang geben
könnte.
Gerade weil ich außerhalb stehe, ist in mancher Beziehung mein
Blick
freier als der des richtigen Fachmannes, der eigentlich immer (oder
meistens)
nur wieder den Fachmann im Auge hat, nicht den freien Menschen, nicht
die
Individualität des einzelnen.
Und erlaube,
daß
ich mich gleich heute im Ratgeben übe! Es wird mich zu der
Beantwortung
der Frage, ob Du schon jetzt Darwins Ursprung der Arten lesen solltest,
hinüberführen.
Ich kann Dir
nämlich
nicht dringend genug raten — gleichviel was Du auch studieren willst —
a u f j e d e n F a l l ein
naturwissenschaftliches
Kollegium zu besuchen. Nichts gibt es, was einen Menschen so schnell
von
der zugleich papiernen und bleiernen Schulweisheit befreit, nichts
auch,
was das Urteil so schärft, nichts, was der Phantasie ein so
weites,
anregendes Gebiet eröffnet. Ich möchte fast raten, mit
Zoologie
zu beginnen, das fesselt am meisten durch die unendliche Varietät
der Formen. Höre nur zwei Semester Zoologie zunächst, das
läßt
Dir ja alle Zeit für Deine übrigen eigentlichen Fachstudien.
Macht es Dir Vergnügen und hast Du Zeit, so höre später
Botanik (Anatomie und Physiologie, nicht Systematik), — und willst Du
in
Naturwissenschaft wirklich eingeweiht sein, so gebe noch später
beherzt
an das schwierigere, abstrusere Studium der Chemie, wo Dir wieder ganz
neue Welten aufgehen werden. Nun muß ich aber sofort
hinzufügen,
daß man ohne Laboratoriumarbeit niemals in den Geist der
Wissenschaft
eingeführt werden kann: Naturwissenschaft ist eben sehen, anstatt
glauben, meinen, schwatzen. Ob Dir Deine Augen das Mikroskopieren
erlauben,
weiß ich nicht, wenn nicht, so braucht Dir das keinen Kummer zu
machen;
es hat große Naturforscher zu jenen Zeiten gegeben, wo Mikroskope
noch gar nicht existierten, und worauf es ankommt bei jener geistigen
Bildung,
die ich hier im Sinne habe, ist durchaus nicht, daß man alles
sehe,
sondern daß man überhaupt s e h e n
lerne. Die grobe Anatomie erzieht ebensosehr wie die seine und wie die
histologische, es kommt nur darauf an, daß man durch
persönliche
E r f a h r u n g den Unterschied zwischen Natur und
Bücherweisheit
kennenlernt, und alle Naturwissenschaften haben das für sich,
daß
der grenzenlose Subjektivismus, die Herrschaft des Wortes und der
Dialektik
durch die „harten Tatsachen“ (wie Carlyle sagt), durch die strenge Hand
der großen Mutter Natur gezügelt und gebändigt werden.
Glaube mir, was Du auch wirst — Kunsthistoriker, Kritiker, Pädagog
oder was sonst noch, — Du wirst mir Dein ganzes Leben für diesen
Rat
danken, wenn Du ihn befolgst. — Und lasse Dir nur ja nicht von
Studenten
oder Professoren einreden, Du hättest dazu keine Zeit: Wenn Du
nicht
bloß eine gelehrte Maschine, ein in ein „Fach“
hineingezwängter
und niemals über die engen Grenzen seiner Schublade
hinausschauender
Mann sein willst, sondern ein ganzer, weitblickender Mensch, ein Mann
Deiner
Zeit, so m u ß t Du zur Naturwissenschaft
wenigstens in unmittelbare Fühlung getreten sein. Du brauchst ja
nicht
auf diesem Gebiete mitzureden, Du mußt aber verstehen, wenn der
Fachmann
redet. — Die größten Denker der letzten hundert Jahre, Kant
und Schopenhauer, waren beide in den Wissenschaften gründlich
beschlagen,
Herbert Spencer, der jetzt noch lebende berühmte englische
Philosoph
und Soziolog, hat mit einer pflanzenphysiologischen Arbeit seine
Laufbahn
begonnen. Überhaupt spielen heutzutage auf allen Gebieten
naturwissenschaftliche
Fragen mit, und da eine wissenschaftliche Ästhetik von der
Psychologie
nicht mehr absehen kann, da aber die Psychologie heute überall bis
auf das physiologische Gebiet zurückgeführt wird, so behaupte
ich, daß es auch den Kunstkritiker nur fördern kann, wenn er
auch naturwissenschaftliche Kenntnisse besitzt, vor allem aber die
Kenntnisse
der naturwissenschaftlichen M e t h o d e n.
Denn
das kann ich Dir gar nicht oft genug wiederholen, vor allem kommt es
darauf
an, den G e i s t zu erweitern, zu bilden, ihn
gewissermaßen
zu beleuchten — die faktischen Kenntnisse, die er in irgendeiner
bestimmten
Frage braucht, schafft sich dann ein gescheiter Mensch schnell genug
an.
In dieser Beziehung möchte ich Dir gern auf Deinen Studienweg als
Geleitspruch Worte mitgeben, die ich als Motto zu der Allgemeinen
Einleitung
meines „Richard Wagner“ verwendet habe; sie sind von jenem großen
Denker, der dem Schwegler und den anderen Schulpfaffen so zuwider ist,
Demokrit: „Nicht nach Fülle des Wissens soll man streben, sondern
nach Fülle des Verstandes.“ — Merke Dir dieses Wort, mein lieber
Junge,
Du glaubst nicht, wie unendlich viel Weisheit es enthält; unter
anderem
könnte es für einen begabten Studiosus ein ganzes Programm
abgeben:
sich systematisch den Verstand ausbilden und das Wissen als Nebensache
betrachten.
Hier will ich nun
meine Antwort wegen Darwin einschieben, sie wird kurz sein, wird mich
aber
zu einer zweiten Reihe von Betrachtungen hinüberführen. — Ich
möchte Dir nämlich raten, Darwin einstweilen zu lassen. Du
wirst
ihn ja viel mehr genießen, wenn Du durch gründliche
zoologische
Kenntnisse und durch das S e h e n vieler
Formen
und Präparate in diese Welt der Anschauung, aus welcher Darwins
Auffassung
hervorging, mehr eingeweiht bist. Sonst bleibt die Sache wieder papiern
und ist eigentlich Zeitverlust. — Aber jedenfalls, wenn Du einmal an
diese
Evolutionshypothese herantrittst, so wende Dich an Darwin, Wallace,
Romanes,
Weißmann usw., aber lasse Dich nicht von Häckels
Phantastereien
und seichter Systematisierungssucht verführen.
Und gerade diese
Empfehlung und diese Warnung führen mich auf den zweiten
Gegenstand,
den ich — durch Deinen Brief angeregt — schon seit dem Frühjahr
gern
mit Dir besprechen wollte. Deine Worte weiß ich nicht mehr genau;
Du meintest aber, Darwin würde Dir helfen, Dir das Rätsel der
Welt und des Daseins zu lösen. Das hat wohl mancher gemeint, es
ist
aber ein tiefer Irrtum, und nur ganz seichte Geister, wie der famose
und
unselige Ludwig
Büchner, werden sich an einer Naturphilosophie
genügen
lassen. Darwin selber hat niemals im Traume daran gedacht, dem
„Welträtsel“
nachzuforschen. Er hat sich ganz empirisch gefragt, wie mag es wohl
kommen,
daß in einem Genus verschiedene Spezies entstehen? Sollten sie
nicht
verwandt sein? Sollten sie nicht von einer Urform abstammen? Diese
Frage
erweiterte sich später ganz von selbst: wenn die Arten einer
Gattung
von einer gemeinsamen Urform abstammen, warum denn nicht auch die
Gattungen
einer Familie? Und wenn die Gattungen einer Familie, warum denn nicht
auch
die Familien einer Klasse usw. — Hierbei folgte der Menschengeist einem
seiner unwiderstehlichsten Triebe — dem Trieb zur Generalisation, dem
Trieb,
jede Idee bis zu ihrem logischen Endpunkt zu treiben. Ausgegangen war
ja
Darwin von der Empirie, von den Beobachtungen, die er auf seiner
Weltumsegelung
gesammelt hatte. Dann hatte er mit Tauben experimentiert usw. Die
Darwinsche
Theorie aber, wie sie heute vor uns steht, ist einfach eine Dichtung;
sie
ist unbewiesen und unbeweisbar. Ich möchte sie ein nützliches
und wohltuendes Hirngespinst nennen, der Naturwissenschaft hat sie
durch
ihre Anregungskraft ganz unberechenbare Dienste geleistet, dem
menschlichen
Denken und Empfinden lehrte sie, sich des innigen Zusammenhangs des
Menschen
mit der ihn umgebenden Natur immer bewußter zu werden. Das ist
gewiß
etwas Großes und Bewundernswertes. Wer aber nicht mit dem Strome
schwimmt, um in einem Jahrhundert diesem, in einem anderen Jahrhundert
jenem Dogma Glauben zu schenken, — wer durch besondere Beanlagung und
durch
metaphysische Schulung dahin gelangt ist, tiefer zu schauen, der wird
gewiß
niemals wähnen, daß mir durch eine Hypothese wie die
Darwinsche
der Lösung des Welträtsels auch nur um einen Schritt
nähergekommen
sind. — Wenn Du nun aber in so jungen Jahren Dich mit derlei Gedanken
abgibst,
so scheinst Du mir Anlagen zur Philosophie zu besitzen, und da
möchte
ich Dir dringend raten, sie in edler und würdiger Weise
auszubilden.
Philosophie ist und bleibt die Krone jeder Bildung. Ich verstehe aber
unter
„Philosophie“ nicht die Geschichte der Philosophie und das viele
gelehrte
Rüstzeug der angeblichen „Fachphilosophen“, sondern eigenes
Denken,
eigenes Versenken in die Weltanschauungen der verwandten großen
Geister
der Vergangenheit, bis zum ganz allmählichen Ausreifen einer
eigenen
Weltanschauung.
Das Schlimme ist
nun, daß keine einzige Disziplin so grundunehrlich auf den
Universitäten
betrieben wird, wie gerade die Philosophie. Die Philosophie soll nach
dem
von den Regierungen den Akademien aufgezwungenen Lehrplan nicht Denker,
sondern Staatsbürger erziehen, — nicht die Wahrheit, mit anderen
Worten
nicht seine Überzeugung darf der Lehrer verkünden, sondern er
muß seine Ausführungen so einrichten, daß dasjenige
dabei
herauskommt, was der Staat wünscht. — Und so werden denn die
jungen
Köpfe prinzipiell verschroben; nicht die Wahrheitsliebe, nicht
sein
individueller Wert, der Adel seines Charakters und das Geniale seiner
Fähigkeiten,
bestimmen bei den historischen Vorlesungen die Behandlung dieses und
jenes
Philosophen, sondern nur die Ergebnisse seines Denkens, die
Qualität
seines Systems: paßt er in das offizielle Programm, so ist er ein
großer Philosoph, paßt er nicht hinein, so wird er so
nebenbei
kurz abgefertigt. Und natürlich wird dasselbe Prinzip auch in den
Lehrbüchern durchgeführt. Die größten Denker der
Welt
— die Inder — werden einfach übergangen in solchen Werken wie
Erdmanns
großer Geschichte der Philosophie; in anderen wird in einer
geradezu
empörenden Weise über sie kurz referiert. So ist auch die
Fabel
von den „Sophisten“ entstanden, während in Wirklichkeit Protagoras
ein größerer Denker als Sokrates war. So konnte es
geschehen,
daß ein schöpferisches Genie von der Bedeutung des Demokrit
so ganz kurz und verachtungsvoll von diesen Fachleuten abgehandelt zu
werden
pflegt —‚ wenn die Herren nur eine Spur naturwissenschaftlicher
Kenntnisse
besäßen, so müßten sie sich sagen, daß ein
Mann, dessen Ideen gestaltend auf die gesamte moderne Naturwissenschaft
wirken, doch kein Esel gewesen sein kann!
Nun, hieraus folgt
die Notwendigkeit für einen Studenten, dessen Ehrgeiz sich nicht
mit
dem erfolgreichen Durchschlüpfen durch eine Staatsprüfung
befriedigt
findet, die Notwendigkeit, es weder bei den offiziellen Vorlesungen
noch
bei den offiziellen Lehrbüchern bewenden zu lassen, — und zwar
muß
er beizeiten dafür sorgen, daß dieses Gift nicht zersetzend
auf seine Denkfähigkeiten wirkt. Er muß für die
Selbständigkeit
seines Urteils und seines Denkens sorgen. Und da will ich Dir gleich
eines
der wenigen Bücher dieses Jahrhunderts nennen, welche auf
philosophischem
Gebiete von bleibender, echter Bedeutung sind. Es ist dies Friedrich
Albert
Langes Geschichte des Materialismus, — eine neue, wohlfeile Ausgabe
erscheint
gerade jetzt in Lieferungen. Das wäre für Dich ein famoses
Antidot
gegen die offiziellen Geschichten, — zugleich so fesselnd, so
verständlich,
so überzeugt, daß man es wie ein Unterhaltungsbuch liest. In
manchen seiner Urteile stimme ich mit dem Verfasser durchaus und
keineswegs
überein — z. B. in seiner Wertschätzung Schopenhauers, den
ich,
mit Tolstoj, für „den genialsten aller Menschen“ halten
möchte
—‚ aber darauf kommt es gar nicht an, diese Engherzigkeit muß man
den Philosophieprofessoren überlassen und nur immer nach dem
individuellen
Geisteswert des Denkers fragen. Wenn Du Lange liest und gründlich
studierst — wobei Du zugleich die vorzüglichste Einführung in
Kant mitbekommst — und wenn Du nachher dann Schopenhauers Werke
vornimmst,
so wirft Du einen sehr weiten Überblick über den Gang der
Philosophie
besitzen und Dir Deinen weiteren Weg schon allein bahnen.
Auch diesen Rat bitte
ich Dich herzlich nicht unbeachtet zu lassen. Wieviel Zeit und
Mühe
hätte ich mir nicht gespart, wenn ich nicht erst jahrelang durch
allerhand
Kram hätte waten müssen!
Aber nun genug und
mehr als genug für heute. — Du weißt, daß wir gerade
in
München manche Verbindungen haben, und zwar der verschiedensten
Arten.
Jetzt wollte ich Dich nicht damit belästigen. Du bist vielleicht
und
wahrscheinlich lieber ganz ungeniert und läufst Dir die
Hörner
erst ein bissel gründlich ab. Aber natürlich wird es uns ein
Vergnügen sein, Dich hier und dort einzuführen, sobald es Dir
selbst ein Vergnügen ist.
Also für heute,
leb' wohl, Herr Studiosus! Laß es Dir recht gut gehen und suche
ein
klassisches Gleichgewicht herzustellen zwischen dem Studieren und dem
Kneipen!
Die Tante
grüßt
vielmals.
Dein alter, treuer Onkel.
—————
¹
„Richard Wagner.“
29-34
An
Ali Ćehič
[H.
S. Chamberlain's Serbian teacher, named Alicehié
according to P. Pretzsch. Anna Chamberlain spells: Ali Ćehič.]
Lieber Herr Ali Ćehič
Ihnen
gegenüber
habe ich wirklich ein sehr schlechtes Gewissen. Sie waren so
freundlich,
nicht bloß öfters zu schreiben, sondern auch Besorgungen
auszuführen
— und zwar in vorzüglicher Weise — und dennoch kam ich niemals
dazu,
Ihnen zu danken. Nun, durch meine Frau haben Sie ja erfahren, wie
übermäßig
beschäftigt ich war, nicht beschäftigt nach Art jener vielen
Herren, die um zehn Uhr ins Bureau gehen und um fünf Uhr abends
auf
dem Ringkorso zu treffen sind, sondern buchstäblich den ganzen Tag
mit Ausnahme der kurzen Mahlzeiten und des unentbehrlichen
Spazierganges
an der Arbeit angekettet. Anders wird es wohl auch schwerlich mit mir
werden,
denn aus einer Arbeit ergibt sich fast von selbst eine oder mehrere
andere,
— ich werde jetzt auch immer mehr von den verschiedensten Seiten um
Beiträge
angegangen und mag nicht überall nein sagen. Den endgültigen
Abschluß der Arbeiten für mein Wagnerbuch benutze ich aber
wenigstens,
um eine Reihe von Briefen zu erledigen — unter anderen auch diesen.
Mein „Richard Wagner“
wird am 14. November im Buchhandel sein. Es ist ein großes und
ziemlich
kostspieliges Werk geworden, wozu namentlich die vielen sehr schön
ausgeführten Illustrationen beitragen. Ich glaube aber, der
Verleger
wird auf sein Geld kommen; der Deutsche Kaiser hat sofort auf Nr. 1 der
Luxusausgabe subskribiert, andere Fürsten sind seinem Beispiel
gefolgt,
so daß jetzt schon — zehn Tage vor dem Erscheinen — eine sehr
beträchtliche
Zahl Exemplare fest verkauft sind. Unter diesen Bedingungen hat auch
der
Verleger meine Autoren-Freiexemplare vermehrt, und ich hoffe die Freude
zu haben, Ihnen das Buch zur Erinnerung an die schönen Stunden in
der Blümelgasse schenken zu können. Manches darin hat ja
für
Sie wenig Interesse, aber ich möchte Sie doch bitten, das erste
Kapitel
zu lesen, wo ich Wagners Leben sehr kurz und gedrängt erzählt
habe. Außerdem finden Sie auf Seite 182 ¹ eine Erinnerung an
meine bosnischen Erlebnisse, namentlich an den Abend nach dem Volksfest
auf Gerzovo.
Wir denken viel an
Bosnien und sprechen oft davon, leider ist durch diese anhaltenden
rheumatischen
und gichtigen Zustände die Möglichkeit einer wirklichen Reise
für mich noch immer sehr problematisch. Zwar geht es mir jetzt
unvergleichlich
besser. Ich spüre den Fuß allerdings noch immer, kann aber
zwei
und drei Stunden marschieren, ohne zu hinken oder eine sonstige
Belästigung
zu empfinden, das vermaledeite Zeug steckt aber noch fest in mir: heute
im Handgelenk, morgen im Nacken — an eine Zeitreise könnte ich
noch
immer nicht denken und auch sonst an größere Strapazen wohl
kaum. Wer aber irgendeinen Einblick in die wahren Reize Bosniens
gewonnen
hat, kann sich unmöglich mehr mit den Vorführungen des
„Weltbads“
Ilidze begnügen! — Wir hatten gedacht, diesen Winter in Ragusa
zuzubringen,
um dann über Bosnien nach Hause zu reisen, verschiedener Arbeiten
wegen ist dieser Plan aber schwer ausführbar, und außerdem
hat
das Theater in Zürich ein Schauspiel² von mir zur
Aufführung
angenommen, und es soll im Februar drankommen, — natürlich
möchten
wir dabei sein, und es wäre gefährlich, gerade zu dieser
Jahreszeit
aus dem wärmeren Süden nach der kalten Schweiz zu kommen —.
Kurz,
die Geschichte klappt wieder nicht. Und im nächsten Sommer denken
wir ernstlich daran, Wien und überhaupt Österreich zu
verlassen.
Wenn man schon infolge seiner körperlichen Schwächen und
alter
Gewohnheiten in der sogenannten „Zivilisation“ leben m u
ß,
so ist es am Ende doch besser, man geht in ein ganz zivilisiertes Land.
— Jedoch, so Gott will, besuchen wir Sie doch noch, und vielleicht mehr
als einmal; auf nichts würde ich mich namentlich mehr freuen, als
auf eine Reise mit Ihnen durch Albanien, wo ich bestimmt hoffe, mich an
dem Anblick wahrer Menschen noch einmal laben zu können. — Alle
Tage
ist es mir ein Genuß, die bosnischen Soldaten exerzieren zu
sehen.
Auf demselben Felde werden zugleich ungarische Infanteristen und
deutsche
Artilleristen gedrillt. Die Bosniaken sind aber nicht allein
durchschnittlich
schönere Menschen, sondern besonders auffallend ist das edlere
Gesicht
und die lebendigeren Gesichtszüge. Manche sehen freilich nicht
besonders
schlau aus, das Pulver hätten sie gewiß nicht erfunden, —
ich
entdecke aber unter ihnen weder diese viehischen Gesichter unserer
Bauern
noch diese elenden, alle Laster widerspiegelnden Kanaillenantlitze
unserer
großstädtischen Arbeiterbevölkerung. Womit ich durchaus
nicht im Sinne habe, Ihnen in geschmackloser Weise zu schmeicheln; in
diesen
Gesichtern erschauen wir einfach, welchen Preis die Menschheit für
die unleugbaren Vorzüge und Segen der Zivilisation zu bezahlen
hat.
Billiger wird es die Natur auch bei Ihnen nicht machen! Daß viele
arm werden müssen, damit einer reich wird, das liegt auf der Hand;
ich finde es auch kein besonderes Unglück, denn Reichtum gibt kein
Glück. Woran die Menschen aber gar nicht denken — auch die
Staatsökonomen
nicht, die immerwährend nur mit Ziffern herumwerfen — ist,
daß,
damit der V e r s t a n d einzelner die abnorme
Entwicklung erfahre, welche er bei den Befähigteren unter uns
erreicht,
die Mehrzahl der Nation verdummen muß. Das hört sich im
ersten
Augenblick paradox an, ist aber eine unbestreitbare Wahrheit. Der Geist
eines Naturmenschen, der alles für sich selbst im Leben tun und
schaffen
muß, ist entschieden allseitiger und namentlich harmonischer
ausgebildet
als der eines gewerblichen Arbeiters, dessen ganzes Leben mit der
Fabrikation
eines einzigen Gegenstandes ausgefüllt wird; wieviel höher
steht
dieser aber als so ein Fabrikarbeiter, der nur einen einzigen Handgriff
kennt und übt, der von frühester Jugend an nur das
Bruchstück
irgendeines Gegenstandes erzeugt, und das auch nur mit Hilfe einer
komplizierten
Maschine, deren Funktionierung ihm ganz unbekannt ist. Beim Bauern
findet
eine ähnliche Degeneration statt; ein amerikanischer Bauer im
Farwest
ist heutzutage nur so eine Art untergeordneter Lokomotivführer.
Auch
bei uns in Europa wird es alle Tage für den Bauer unmöglicher
zu existieren, es muß auch die Landwirtschaft „im großen“
betrieben
werden, — der Bauer wird folglich nach und nach auch zu einem
Fabrikarbeiter.
Sein Verstand trocknet ein; es findet ja keine Wechselwirkung mehr
statt
zwischen dem Geist und der umgebenden Natur. Nur aber die
Hochkultivierten
können diese Losreißung des Verstandes von der Natur
vertragen,
denn bei ihnen findet nunmehr eine neue Nahrungszufuhr statt, und es
wird
bei ihnen die Gehirntätigkeit der ganze Lebenszweck, während
sie doch im natürlichen Zustand nur nebengeordnetes Hilfsmittel
zum
Leben ist. Es findet also auch hier das Prinzip der Teilung der Arbeit
statt; die einen werden immer gescheiter, indem die anderen unter das
Niveau
des Viehs zurücksinken. — Diesem notwendigen Vorgang kann die
Schulbildung
durchaus nicht steuern; sie kann nur auf Grundlage des vorhandenen
Verstandes
operieren; der Verstand selbst ist eine Lebensfunktion wie irgendeine
andere,
und wie das Sprichwort sagt: Wo nichts ist, da verliert selbst der
König
seine Rechte!
Nun, das war eine
lange philosophische Disquisition, zu der die Rekruten uns anregten,
und
wahrscheinlich noch immer viel zu kurz, um mich deutlich
verständlich
zu machen.
Ich glaube wirklich,
die Bosniaken sind in diesem Augenblick das glücklichste Volk der
ganzen Erde: noch Naturmensch genug, um gesund und frei sich zu
fühlen,
und dennoch mit den besten Segen der Zivilisation schon begabt und mit
dem Ausblick in eine ganze Zukunft von unbekannter und darum auf alle
Fälle
schön dünkender Entwicklung! Dabei — und das ist der
größten
Segen einer — keine parlamentarische Regierung! Möge sie Gott
viele
Jahre davor schützen!
Die Zeitungen
bringen,
soviel ich weiß, gar keine Nachrichten aus Bosnien, und bei uns
sagt
man: „No news, good news“, das heißt: Keine Nachrichten
sind
gleichbedeutend mit guten Nachrichten. Daß nicht alles ganz so
rosig
ist, wie es am offiziellen Himmel erscheint, das hat mir neulich ein
Vögelein
ins Ohr geraunt; das ist aber überall auf der ganzen Welt so, und
ich muß gestehen, ich habe nicht die geringste Sympathie mit den
Radaumachern. Die Leute wissen gar nicht, wie gut sie es haben, und
daß
sie nachsichtiger, humaner und überhaupt besser regiert werden als
vielleicht irgendein anderer Staat in ganz Europa — das heißt
also,
in der ganzen Welt.
Neulich hat mir
übrigens
etwas viel Spaß gemacht: die englische „Daily Chronicle“ brachte
einen ellenlangen Aufsatz über Bosnien, — das gewöhnliche
Wischi-Waschi
von einem Menschen, der sich Bosnien vom Eisenbahnwaggonfenster aus
angesehen
hat und sich dann den bewußten Zettel über die Länge
der
Straßen, die Anzahl der Schulen usw. vom Pojman hat geben lassen,
— das Lob des Ministers aber hat er, natürlich ohne mich zu
nennen,
W o r t f ü r W o r t aus
meinem
Aufsatze der „Revue Universelle³“ abgeschrieben.
Der letzte Teppich,
den Sie für uns besorgt haben, hat so außerordentlich
gefallen,
daß Sie wohl nächstens wieder einen Auftrag bekommen; ich
hoffe,
wir fallen Ihnen mit diesen Kommissionen nicht lästig.
Viele
Grüße
von meiner Frau, und von mir die allerherzlichsten, sowohl Ihnen wie
dem
ganzen lieben Bosnien. Herrn Dr. Oberlugauer (oder
U
n t e r lugauer??), wenn Sie ihn kennen, viele Grüße, bitte.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Neue Illustrierte Ausgabe 1911 S. 289.
²
„Der Weinbauer“, Schauspiel in drei Auszügen.
³
„La
Bosnie sous le protectorat de l'Autriche“, Bibliothèque
universelle
et Revue suisse XLIIe année, tome LIV pages 5—21, 349—368.
34-36
An
den Heidelberger Richard-Wagner-Verein
Sehr geehrter Herr
Mit bestem Dank
zeige
ich den Empfang Ihrer Zeilen vom 25. an. Es hat mich herzlich gefreut,
von der Gründung eines Akademischen Richard-Wagner-Vereins in
Heidelberg
zu erfahren. Die akademischen Vereine sind augenblicklich (mit
Hinzunahme
des nichtakademischen Grazer Vereins) die einzigen, die eine
ersprießliche
Tätigkeit entfalten und es mit dem „fernest reichenden
Kulturgedanken“
(vgl. X, 378), aus welchem Wagners Bayreuth erwuchs, ernst nehmen. Gut
also, daß neue entstehen! An einer Universität, wo Prof.
Thode
und Prof. Wolfrum wirken, ist es nicht anders möglich, als
daß
der neue Akademische blühe und segensreich wirke. — Vielleicht
ergreifen
später einmal die akademischen Vereine die Initiative zu jener
gründlichen
Umgestaltung des Allgemeinen Richard-Wagner-Vereins, wodurch einzig
dieser
aus seinem heutigen Marasmus aufgerüttelt und auf die Lösung
jener großen Aufgabe hingewiesen werden könnte, die der
Meister
ihm im Jahre 1882 so deutlich vorgezeichnet hatte. Der Meister hatte
dem
Verein eine „große und bedeutungsvolle Wirksamkeit“ vorhergesagt,
sie war aber bisher weder groß noch bedeutungsvoll, und zwar
deswegen
nicht, weil wir nie begreifen wollten, daß die erste Bedingung,
um
sich einen Anhänger Wagners, einen Angehörigen Bayreuths
nennen
zu dürfen, eine m o r a l i s c h e ist.
Die
Grundlage zu Wagners ganzem Leben und Wirken ist die S e l
b s t l o s i g k e i t. Auf künstlerischem Gebiete
wird
das Ziel sehr schön vom Meister als „die Erlösung des
Nützlichkeitsmenschen
in den künstlerischen Menschen“ bezeichnet; das unterschreibt denn
auch jeder gern, es handelt sich ja um ein Fernes (wie man wähnt),
um ein Ideal, bei dem keiner viel riskiert. — Nun kommt aber Wagner —
nachdem
er uns durch fünfzig Jahre seines Lebens hindurch das
unvergleichlichste
Beispiel der gänzlichen Selbstlosigkeit, ja gerade der Verachtung
aller egoistischen Interessen gegeben hat, und sagt uns: Nun habt ihr
euch
selber genügend patronisiert, jetzt sollt ihr das Publikum
patronisieren.
— Da hörte die Gemütlichkeit auf! Die Statuten, die unter
Genehmigung
des Meisters im Jahre 1882 zur Bildung eines neuen Vereins vorgelegt
worden
waren, wurden mit Entrüstung verworfen, und dafür wurde eine
Deputation an Wagner entsandt, welche ihn versicherte: „Die Vereinigung
seiner Anhänger werde ihre Lebensaufgabe darin erblicken, für
alle Fälle vorhanden zu sein usw.“ Nun, mein geehrter Herr, mit
dem
Vorhandensein ist verflucht wenig gewonnen; und auch die T
a t ist von keiner großen Bedeutung, wenn sie nicht
auf
einer moralischen Grundlage ruht. Und diese moralische Grundlage ist
vom
Meister in seiner berühmten Antwort auf die Frage „Was ist
Deutsch?“
klar bezeichnet worden, — sie ist die Selbstlosigkeit, die Aufopferung
der eigenen Interessen und Wünsche im Interesse einer Sache, eines
zu verwirklichenden Ideals.
Sie waren so
freundlich,
mich von der Bildung Ihres Vereins zu unterrichten, meine Dankbarkeit
und
mein Interesse glaube ich durch den Hinweis auf die nötige
Grundlage
jeder Vereinigung, welche dem Namen Wagner Ehre erweisen will, besser
als
durch eine leere Phrase bewiesen zu haben.
Ich bitte mir
mitzuteilen,
ob Ihr Verein eine Bücherei hat oder zu beschaffen beabsichtigt,
in
welchem Falle ich die Ehre haben werde, Ihnen meine größeren
Schriften zuzuschicken.
Dem neuen Verein
rufe ich von ganzem Herzen zu: „Vivat, crescat, floreat!“
Houston S. Chamberlain.
36-37
An
Hans
von Wolzogen
Lieber Freund
Erst heute komme
ich
dazu, Ihnen in wenigen Worten für Ihre Besprechung meines Buches
zu
danken. Daß sie spät genug erschien, um kaum mehr den
Charakter
einer „Empfehlung“ an sich zu tragen, befreite sie von jenem
mercenären
Beigeschmack, welcher selbst der „süßesten“ Kritik einen
bitteren
Beigeschmack verleiht.
In diesem speziellen
Falle ist es natürlich schwer für mich, den Eindruck zu
beurteilen,
den Ihre Worte auf andere machen werden: Erstens handelt es sich um
mein
eigenes Werk, und sodann sagen Sie manches über mich aus, dessen
Wahrheit
i c h unmittelbar bezeugen kann, was andere Ihnen aber
vielleicht
bestreiten oder doch nur hypothetisch zugeben würden. Mich aber
haben
Sie ergriffen und beglückt. Es gibt Dinge, die man im besten Falle
nur ein- oder zweimal im Leben zu hören bekommen kann, — das
genügt
auch vollkommen —‚ man lechzt aber doch nach diesem einen Male.
Daß
gerade Sie mir die „erquickende Labung“ darreichten, war schön; es
war Ihrer sehr würdig; Sie werden, glaube ich, noch manchmal
Genugtuung
empfinden, daß Sie es taten.
Das Kapitel der
Widersprüche
betreffend — ich meine nicht der „plastischen“, die sich zwischen Logik
und Anschauung ergeben, sondern der Widersprüche, zu denen mein
Buch
manchmal reizt — muß ich gestehen, daß nach meiner
Erfahrung,
wo ein Autor nicht zum Widerspruch reizt, entweder sein Werk herzlich
wenig
enthält oder der Kopf seines Lesers wenig „reaktionsfähig“
ist.
Nur dem unzweifelhaften Genie gegenüber darf dieses Verhalten in
ein
entgegengesetztes umschlagen — und das geschieht ganz von selbst —‚
hier
redet ja die Stimme Gottes zu einem wie in der Natur. Und selbst das
Genie:
insofern es das schöpferische Gebiet der Gestaltung
verläßt,
um auf den verschlungenen Pfaden der Dialektik die Vernunft zu
überzeugen,
wird es seines Vorrechtes verlustig — wenigstens in einem gewissen
Maße.
Bei Schopenhauer z. B. renne ich bisweilen in der Stube wutschnaubend
herum
wie ein Tiger in seinem Käfig. Und doch bin ich — weiß Gott
— intelligent genug, einzusehen, daß mehr wahre Weisheit in dem
Verhalten
liegt, einen solchen Geist mit jeder Überwindung zu verstehen zu
suchen,
als ihm zu widersprechen. — Bei mir kommt nun noch folgendes hinzu,
worauf
ich Sie gern besonders aufmerksam machen möchte. Ich bin kein
„Schriftsteller“.
Ich bin ein Mensch, der durch seine Lebensschicksale dahin geführt
worden ist, nur mit der Feder wirken zu können, — und der nun die
Feder gebraucht, so gut und so schlecht er kann, um bei bestimmten
Menschen
bestimmte Wirkungen hervorzubringen. Man hält mich für
rechthaberisch,
ich bin es aber so wenig, daß ich meine persönlichen
Ansichten
oder aber die Limitationen, die nötig wären, um eine
einseitige
Behauptung zu rechtfertigen, mit Willen auslasse: bin ich nur deutlich
und drastisch, gelingt es mir, eine feindliche Position zu
erschüttern,
so genügt mir das. Ein seiner Geist wird aber an zahlreichen
Stellen
sehen, daß ich aus taktischen Gründen mich selbst gar nicht
zu Worte habe kommen lassen. Manchmal wird einzig der Leser, der mir
widerspricht,
mit mir einig sein.
Houston S. Chamberlain.
37-40
An
Professor
Wolfgang Golther
Hochgeehrter Herr und Freund
Daß Sie In
Ihrem
so freundlichen Schreiben vom vorigen Sonntag mich „Freund“ nennen, hat
mich besonders gefreut, weil ich daraus zu entnehmen glaube, daß
Sie unsere Begegnung des Jahres 1884 nicht vergessen haben. Ich besitze
eine merkwürdige Anlage, nicht nur die Namen, sondern sogar die
Existenz
von Menschen zu vergessen. — Sie aber habe ich nicht vergessen: ich
sehe
Sie noch als Studenten Ihre Nachtstunden dem Dienste jener guten, armen
Zentralleitung widmen, deren Mitglieder alle mehr Muße gehabt
hätten
als Sie, und ich besinne mich auf einige flüchtige Begegnungen in
München in solchen „Postludium“ Ringzyklen-Tagen (ich glaube nach
den Festspielen von 1884), wo wir uns zwar kaum gesprochen haben
dürften,
Ihre Erscheinung sich mir aber mit jener wehmutsvollen Deutlichkeit
einprägte,
welche man stets bei dem Anblick des vereinzelten Idealisten inmitten
einer
Welt, der er so wenig angehört, empfindet. Und nun haben Sie doch
gesiegt! Sie sind nicht unterlegen, weder physisch noch geistig, die
Fahne
des deutschen Idealismus haben Sie hochgehalten — heute kein
unbedenkliches
Unterfangen — und haben trotzdem die allgemeine Anerkennung dieser
Welt,
welcher Sie nicht angehören, erkämpft und ertrotzt.
Wären
Sie ein Jude, so könnten Sie nunmehr von sich sagen: Nennt man die
besten Namen — usw. — Es genügt aber, daß die anderen, die
Feinde
des deutschen Idealismus, von denen wir umringt sind, das sagen
müssen.
Das ja ist der Sieg Bayreuths — oder vielmehr die Grundlage zu dem
zukünftigen
Siege Bayreuths —‚ daß solche Männer wie Sie zu anerkannten
Lehrern ihres Volkes werden. — Es ist jetzt hohe Zeit, daß die
ganze
schwülstige Phrasenmacherei, Musikomanie, kurz, die ganze — auf so
zweifelhaften Elementen beruhende — „Wagnerei“ zum Teufel gejagt werde.
Wir brauchen jetzt auf allen Gebieten Männer ersten Ranges,
Männer,
deren wissenschaftliche Befähigung, mitzureden, von niemanden
geleugnet
werden kann, zugleich aber nicht Memmen, sondern kampflustige,
herrmannschlaue
Männer: es gilt, eine Position nach der anderen zu erobern. In
diesem
Heere sind Sie nun, verehrter Herr, ein Hauptmann geworden, und dazu
beglückwünsche
ich Sie von Herzen, — vor allem beglückwünsche ich Bayreuth
dazu
und den großen Meister, dessen Weiterleben nicht an die
Schwingungen
kapellmeisterlicher Taktstöcke gebunden ist, sondern an
große,
begeisterungsfähige Herzen und große, gut organisierte
Gehirne.
Warum ich Ihnen das
alles sage?
Weil Sie aus meiner
warmen Anteilnahme an Ihrer Laufbahn entnehmen mögen, wie sehr es
mich gefreut hat, von einem Manne, den ich so besonders verehre, so
freundliche
Worte über mein eigenes Wirken zu vernehmen. Mein Verleger war
neulich
in Wien und erzählte mir viel von dem „großartigen Erfolg“
des
Buches; natürlich freue auch ich mich über die Verbreitung
meines
Werkes, eine Gewähr aber, daß ich dieses Erfolges
würdig
bin, und daß diesem Worte überhaupt jener Sinn innewohnt, in
welchem allein er mir Befriedigung gewähren kann, die gibt mir
einzig
das Urteil der wenigen, zu denen Sie gehören.
Sie haben recht,
es ist schade, daß das Buch in so teurer Gestalt vorliegt.
Jedoch,
ich habe merkwürdige Erfahrungen gemacht: manche Leute, die mir
selber
sagten, sie hätten nicht 3 Mark übrig, um mein „Drama
R. Wagners“ zu kaufen, haben unbedenklich den „Richard Wagner“
für
30 Mark gekauft. Wenn mein Text ohne Illustrationen erschienen
wäre,
etwa zum Preise von 6 Mark, so hätte der Verleger nicht hundert
Exemplare
bis jetzt abgesetzt, und nicht zwei Tausend, wie nunmehr der Fall.
Darüber
mache ich mir nicht die geringste Illusion. Nicht mir, sondern der
Ausstattung
gilt der Erfolg. Auch der geschickten und nicht sehr wählerischen
Reklame, die einem allen Mut, sich noch künftig mit der
Öffentlichkeit
zu befassen, rauben könnte, wäre nicht gerade diese Seite
einer
solchen Unternehmung so bodenlos lächerlich.
Vielen Dank schulde
ich Ihnen für ihre Berichtigung meiner Anmerkung auf Seite 270.
Allerdings
hatte ich Sie mißverstanden.
Das Interesse
sagenwissenschaftlicher
Forschungen, auch für die Erkenntnis des vollen Wertes der
dichterischen
Taten Wagners, war ich durchaus nicht gesinnt abzustreiten. Selbst bei
Shakespeare lese ich immer wieder die Einleitungen von Delius; die
Quellen,
aus denen der Dichter schöpfte, zu kennen, würzt ungemein den
Genuß seines Werkes. Nur scheint es mir unzulässig, die
Würze
zur „pièce de résistance“ zu machen. Mir
wenigstens
verdirbt das den Magen. Ich empfand, daß ich mit einiger
Schroffheit
dieser Verirrung entgegentreten müsse. Vielleicht läßt
sich später einiges abmildern.
Wollen Sie
gefälligst
Ihrer sehr geehrten Gattin meinen Dank sagen und an die herzlich
ergebene
Gesinnung glauben
Ihres hochachtungsvoll ergebenen
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr Professor
Wenn ich Sie heute
mit einer Frage belästige, welche ebensogut heute in einem Monat
hätte
gestellt werden können, so geschieht das, weil ich — nach einer
langen
Unterredung mit Hofrat
Wiesner heute vormittag im
Pflanzenphysiologischen
Laboratorium — so freudig erregt bin, daß die nüchterne
Arbeit
nicht recht vorwärts will, und so will ich lieber die Frage, die
der
Hofrat an mich richtete, gleich an Sie weiter übermitteln; mit der
Antwort hat es bis Ende Mai (leider) Zeit.
Da meine eigentliche
Arbeit nunmehr vollkommen beendet ist und mir nur noch der historische
Rückblick zu schreiben übrig bleibt, so konnte ich heute
Prof.
Wiesner ausführlich über die Ergebnisse meiner Experimente
berichten.
Er war in hohem Maße davon überrascht und erfreut und
bestätigte
mir, daß Experimente in der Art, wie ich sie angestellt und
durchgeführt
habe, noch nicht versucht wurden, und daß meine Ergebnisse ganz
neue
Ausblicke eröffnen und unsere Vorstellungen über den
Mechanismus
des aufsteigenden Saftes wahrscheinlich tief modifizieren werden.
Natürlich
ist meine Arbeit nur ein Fragment, und ich betrachte sie selber
lediglich
als eine Anregung. Es hat doch gewiß etwas für sich, neue
Tatsachen
und neue Ideen in die Wissenschaft zu bringen, selbst wenn man selber
nicht
Fachmann genug ist, um diese Dinge bis zu ihren letzten Konsequenzen zu
verfolgen. In meiner Dissertation habe ich mich prinzipiell
möglichst
an die Tatsachen gehalten und die Hypothesen den Gescheiteren
überlassen.
Dabei sind die von mir erdachten Versuche so kindisch einfach,
daß
man sich nicht genug wundern kann, daß die Fachgelehrten noch
nicht
darauf verfielen. — Kurz, ich war über das Ergebnis dieser
Unterredung
sehr glücklich. Prof. Wiesner redete mir sogar sehr zu, ich solle
mich zum Doktoratsexamen melden, ich tue es aber entschieden nicht. Wie
soll ich jetzt, in meinem einundvierzigsten Jahre, eine Prüfung
über
Chemie, Zoologie und Botanik bestehen können? Den Kopf seit Jahren
voll anderer Dinge, und mit einer großen literarischen
Arbeitslast
auf den Schultern, die ich nicht abschütteln kann. — Ich habe, wie
es scheint, eine recht gute Arbeit geliefert: nun denn, soll ich das
Gute,
was ich konnte, durch ein recht miserables Examen trüben, durch
welches
ich höchstens durch die Güte einiger mitleidiger Seelen wie
ein
Schiff, das Mast und Steuer verloren hat, hindurchgeschleppt werden
würde?
Die Wissenschaft um eine kleine, aber anregende Arbeit zu bereichern
von
dauerndem Werte, wird meinen Ehrgeiz mehr befriedigen, als einen nicht
verdienten Doktortitel meinem Namen anhängen zu können. — Da
ich nun also den Vorschlag, das Examen zu bestehen, durchaus nicht
annehmen
wollte, so fand Herr Wiesner meine Idee, die Arbeit dennoch
gewissermaßen
als Dissertation herauszugeben, indem ich mir die Erlaubnis erwirke,
sie
der Genfer Universität zu widmen, eine recht gute und für die
Beachtung meiner Ergebnisse sogar nötige. — Ich teilte ihm nun den
Passus eines Ihrer Briefe mit, in welchem Sie meinen, daß eine
Empfehlung
seitens dieses berühmten Physiologen nur nützen könnte.
Wiesner erklärte sich sofort zu allem bereit. Natürlich kann
er sein endgültiges Urteil erst abgeben, wenn die gedruckte Arbeit
ihm vorliegt — und leider sind die Attingers in Neuchatel durch die
Genfer
Ausstellung derart mit Arbeit überhäuft, daß sie den
Druck
noch nicht einmal haben beginnen können — er ist aber bereit, ein
Zeugnis über den Wert der Arbeit abzulegen, sobald ich sie ihm
gedruckt
vorlege, und er ließ mich bestimmt hoffen, daß dieses
Zeugnis
ein recht gutes sein wird.
Aber wie soll er
das tun? Diese Frage war nicht ganz leicht zu beantworten. An den Senat
einer fremden Universität zu schreiben, dazu fehlt vielleicht die
Veranlassung; an Prof. Thury, der als Pflanzenphysiolog sich sein
eigenes
Urteil bilden wird, geht wohl kaum an; an mich — da hält man seine
Worte für pure Höflichkeit; und so schlug der Hofrat selber
vor,
an S i e direkt zu schreiben. — Zwar kennt er
Sie
persönlich nicht, aber doch als Naturforscher. — Sie sind beide
Deutsche
und waren beide meine Lehrer; sein Brief trüge also den Stempel
einer
Privatmitteilung, und Sie könnten nichtsdestoweniger im Senat
Gebrauch
davon machen, falls Sie die Güte haben wollten.
Ich bitte mir
hierüber
bei Gelegenheit eine einzige Zeile zu schreiben. Wie gesagt, Prof.
Wiesner
ist zu allem bereit; er möchte es nur so einrichten, daß es
mir möglichst nützt und dadurch meiner Arbeit.
Für Ihr
gefälliges
Schreiben vom 15. d. M. sage ich nachträglich noch den besten Dank.
An Prof. Thury habe
ich einen langen Brief geschrieben und ihm die wichtigsten Ergebnisse
meiner
Untersuchungen kurz mitgeteilt.
Bald sind ja diese
Belästigungen vorbei; ich bitte, mir bis dahin Ihre so freundliche
Gesinnung zu bewahren. Darüber hinaus auch — aber dann ohne
Bemühung!
Ihr dankbar ergebener
Houston S. Chamberlain.
Lieber Siegfried Wagner
Bitte, „tragen Sie
uns nicht Übermut“ wie Ihre Frau Mutter und gestatten Sie,
daß
wir Ihnen das, was Ihr Eigen ist, zu Eigen geben. Meine Frau und ich
waren
glücklich im Besitze des kostbaren Buches¹; ich kann Sie aber
versichern, daß wir noch zehnmal glücklicher sein werden, es
in Ihren Händen zu wissen. Die ganze Sache ist so
selbstverständlich,
daß ich mich durch die Bedenken Ihrer Frau Mutter und Ihrer
Schwester
fast verletzt fühlte. Wenn es Bayreuth nützte, würde ich
mich ohne Zaudern auf einem langsamen Feuer braten lassen, aber auch
ohne
Überspanntheit, — ebenso bedeutet der Trennungsschmerz von dem
lieben
Buch einen Genuß, wenn ich glauben darf, Ihnen damit eine wahre
Freude
zu machen; ich empfinde es aber nicht als eine Heldentat, sondern als
eine
ganz natürliche Sache, über die keine Worte zu verlieren
sind,
weder hüben noch drüben.
Ich denke, das
stimmt!
(Vgl. Heckel.)
Ihr getreuer
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Die e r s t e Ausgabe der Dichtung zum Ring des
Nibelungen vom Jahre 1853.
43-45
An
Carl
Friedrich Glasenapp
Verehrter, teuerer Freund
Wenn Ihr Gewissen
Sie beißt, muß es eine uns Angelsachsen ganz unbekannte
Zartheit
der Organisation besitzen. Ich, ja, ich habe mir wirklich Vorwürfe
zu machen gehabt und hätte sie mir gemacht, hätte ich nur
Zeit
dazu gehabt, was aber nicht der Fall war. Ich weiß nicht, wie
Leute,
die, wie Sie, eine angestrengte Berufstätigkeit haben, es
möglich
machen, noch außerdem große Werke zu schreiben? Ich — der
ich
keinen Beruf habe — komme nicht zu der Hälfte von dem, was ich zu
tun hätte, und bin doch fast fieberhaft tätig. Teils
dürfte
dies auf angeborene Schwerfälligkeit zurückzuführen
sein,
teils auf mangelhafte Bildung, teils auf den enormen Kreis der
Interessen.
Bei der riesenhaften Produktion unserer Tage hätte es selbst ein
Goethe
schwer.
Nun, lieber Freund,
nachdem Bessere als ich — ich weiß es — Ihnen für Ihr
Festspielgeschenk
gedankt haben, komme als letzter auch ich. Die gezwungene Langsamkeit
des
Entstehens darf Sie nicht entmutigen, sie ist symbolisch für die
lange
Dauer des lebendigen Wertes Ihres Werkes. Sie schaffen da
etwas
H e r r l i c h e s, von der weittragendsten Bedeutung. Ihr
Werk ist ein Monument deutscher Wissenschaftlichkeit, deutschen
Fleißes,
dazu ist dieser Band ein Meisterstück der Darstellung, und so
gewinnt
das, was im Grunde ein Werk der Liebe ist — und das höchste Lob
natürlich
in dieser Eigenschaft verdient — noch die anderen Qualitäten,
welche
ihm den entscheidenden Einfluß sichern. S i
e
werden als grundlegende Darstellung und Sichtung noch bestehen und
fleißig
benutzt werden, wenn wir Eintagsfliegen schon längst vergessen
sein
werden — darum danke ich Ihnen herzlich, daß Sie schon beizeiten
und in so überaus freundlicher Weise dafür gesorgt haben,
daß
wenigstens etwas von mir erhalten bleibt. Nirgends will ich lieber
weiterleben
als in den Spalten Ihres Buches.
Von meiner
journalistischen
Tätigkeit hat meine Frau Ihnen wohl alles Wichtigste zugesandt?
Hoffentlich
auch den Aufsatz aus der Revue des Deux Mondes¹: R.
Wagner
et le Génie français? Denn dies war das Einzige von
größerer
Bedeutung. Aber natürlich, wie alles, was ich mache, nicht eine
allseitig
abgerundete Darstellung des wichtigen Verhältnisses, sondern ein
diplomatischer
oder sagen wir lieber taktischer Versuch, durch Beredsamkeit und
bewußte
Einseitigkeit dem Verständnis vorzuarbeiten und die Aufnahme der
Kunst
und der Lehren unseres Meisters fördernd vorzubereiten. Dieses
Ziel
werden Sie hoffentlich überall, auch in den Kleinigkeiten,
deutlich
gemerkt haben? „Börsen-Courier“ und „Zukunft“ sind ausgesprochen
jüdische
Blätter, die „Redenden Künste“ ein Revolverblatt, die
„Berliner
Deutsche Zeitung“ Antisemiten Dühringscher Richtung, die in ihrem
Programm davon sprechen, daß Wagners Kunst „einen Schatten“
über
Deutschland werfe usw. — Nirgends kann i c h zu
Worte kommen. Ein jeder von uns hat sein Kreuz zu tragen: das meine ist
die beständige Selbstverleugnung, das Verschweigen dessen, was das
innerste Herz erfüllt. — Vor kurzem habe ich (in Frau W.s Auftrag)
zwei Aufsätze dieser Art für ein amerikanisches Blatt
geschrieben;
ich werde sie Ihnen schicken. Einen größeren Aufsatz
über
Stein bereite ich für die „Deux Mondes“ augenblicklich vor. Bald
muß
ich aber diese Tätigkeit sehr einschränken, um alle
Kräfte
dem neuen großen Unternehmen zu widmen, dem mir von Bruckmann
aufgetragenen
Werke über „Das 19. Jahrhundert“. Hoffentlich soll auch dies eine
Bayreuther Tat werden. Beten Sie nur fleißig für mich — wie
ich für Sie es tue.
Dies zum
Neujahrsgruß!
Ihnen allen von uns beiden und von Colla² alles Beste von Herzen!
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Nr. vom 15. Juli 1896, S. 432—456.
²
Kleiner schwarzer Spitz.
Sehr geehrter Herr
Lebhaft bedauere
ich,
daß ich erst heute dazu komme, auf Ihr freundliches Schreiben vom
1. dieses Monats zu antworten. Dringende Arbeiten dienen mir zur
Entschuldigung.
Was mich aber viel mehr drückt als die Verspätung meiner
Antwort,
ist die Tatsache, daß ich so ganz unfähig bin, Ihre Bitte —
die in meinem Herzen ein geradezu leidenschaftliches Interesse erweckt
— zu erfüllen. Wie gern würde ich Ihnen das „Material“, um
das
Sie mich bitten, zur Verfügung stellen, wenn ich nur eines
besäße
— ich habe aber leider gar kein Material, sondern nur einiges Werkzeug,
darunter in erster Reihe einen gar ungelehrten, ungehobelten, aber
ziemlich
geräumigem Gehirnkasten, in welchen ich nach und nach so manches
hineingesteckt
habe. — Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in der Hauptsache Autodidakt
— das Wenige, was ich von akademischer Bildung genoß,
gehörte
einem fernliegenden Felde an (Chemie, Physik, Physiologie), und auch
dort
gelang es mir niemals, mir die Methoden des eigentlichen Gelehrten
anzueignen.
Ich weiß recht wohl, welcher Nachteil dies ist, bin aber nicht
mehr
jung genug, um mich umzumodeln, und übrigens, überlege ich's
mir, so bin ich auch als Kind jeder diesbezüglichen Belehrung
unzugänglich
gewesen. Da ist nichts zu machen: das Leben muß mich so
aufbrauchen,
wie ich nun einmal bin; was mich beglückt, ist die Wahrnehmung,
die
ich an Ihrem gütigen Schreiben noch einmal machte, daß
gelehrte
Männer doch von mir Anregung empfangen können.
So sieht es mit
meinem
Material aus: Ich mache hinten in jedem einzelnen Band Anmerkungen —
Stichworte,
auch ganze Sätze — nur nicht etwa sehr ordentlich und methodisch,
sondern so, daß eine jede von diesen Seiten ein eigenes Gesicht
erhält;
das ist der Grundstock — der wird bei jeder Lektüre sofort
angelegt,
ob ein bewußter, bestimmter Zweck dabei vorhanden ist oder nicht,
gleichviel. Habe ich eine ganz bestimmte Arbeit vor, so kann es auch
geschehen,
daß ich einzelne Zettel ausschreibe — diese entsprechen aber
wenig
meinem physiognomisch-mnemotechnischen Bedürfnis, sie verarbeiten
sich nicht gut in dem Brei, den ich um- und umzurühren habe, ehe
eine
fertige Gestalt herauskommt — da nehme ich lieber einen beliebigen
Bogen
zur Hand, stöbere in dem betreffenden Autor, durch die
vorgenannten
Anmerkungen hinten im Bande geleitet, überall herum und notiere
mir
alles durcheinander — versuche mir z. B. im Laufe eines einzigen
Vormittags
(damit nur ja kein Eindruck verroste) einen Gesamtüberblick
über
Herders Auffassung des Verhältnisses zwischen Wort und Ton, von
seiner
Jugend bis in sein hohes Alter zu verschaffen; einen solchen Bogen
würde
ich aber selber später nicht mehr verstehen — er wandert nach
getanen
Diensten in den Papierkorb und macht sich nützlich beim
Anzünden
des Ofens. Und nun — in dieser Hypothese einer bestimmten Arbeit —
häuft
und konzentriert sich alles: das Brauchbare, das Unbrauchbare, das
Gute,
Vortreffliche und Mittelmäßige — es kämpft mit meinen
eigenen
Ideen, mit dem Drang nach Gestaltung und dem Bewußtsein eines
undurchdringlichen
Chaos — ich versichere Sie, es ist die reine Hexenküche, und ich
renne
wie ein Besessener in der Stube oder auch in den Gassen Wiens herum;
plötzlich
tagt's, Gott weiß wie, ich weiß es nicht: ich setze mich
hin
und schreibe verhältnismäßig schnell und bemerke erst,
wenn ich ganz fertig bin, nach welchem Prinzip die ganze Sache angelegt
ist, wodurch Klarheit über den Gegenstand kam usw.
Entschuldigen Sie,
geehrtester Herr, daß ich Ihnen das alles so ausführlich
erzähle;
ich nehme einen so innigen Anteil an Ihrem Vorhaben, daß ich das
Bedürfnis empfinde, Ihnen ganz klar zu machen, wieso es kommt,
daß
ich nicht in der Lage bin, Ihnen etwas anderes zu geben außer der
Anregung.
Dazu kommt noch ein
Umstand. Was ich im Augenblick nicht brauche, schwindet mir —
vorübergehend
— fast ganz aus dem Gedächtnis. Bei dem weiten Kreise meiner
geistigen
Interessen wäre es auch anders gar nicht möglich; nach dem
Rufe
eines zweiten Magliabigghi¹ geize ich nicht und behalte mir lieber
so viel Gehirn als nur irgend möglich zum Denken übrig.
Und so kann ich Ihnen
denn in bezug auf Herder nur einige ganz allgemeine Winke geben.
Vor allem hat mich,
weiß ich, gefesselt: der Abschnitt 33 aus den „Ideen zur
Geschichte
und Kritik der Poesie und bildenden Künste“. Auch Abschnitt 57.
Dazu
in anderen Abschnitten einzelnes.
In dem ersten
„Kritischen
Wäldchen“ finden Sie einiges zu unserem Thema, aber wenig.
Um so mehr dagegen
in der „Nachlese zur schönen Literatur und Kunst“ — einiges in
Abschnitt
4 „Lyra“, noch mehr aber und Herrliches in Abschnitt 5 „Alcäus und
Sappho“.
Einige der
bezeichnendsten
Aussprüche fand ich, wo keiner sie zu suchen scheint (wenigstens
schrieb
mir neulich ein spezieller Herderkenner, er könne sie nicht
finden),
in den „Früchten aus den sogenannten goldenen Zeiten des 18.
Jahrhunderts“;
studieren Sie namentlich, bitte, Abschnitt 10 „Händel“ und darin
ganz
besonders den Schlußteil, der dessen Cäcilia behandelt — und
dann den folgenden Abschnitt „Das Drama“.
Sehr wertvolle
Bemerkungen
zu unserem Thema finden Sie ebenfalls in der „Nachlese zur Adrastea“ —
über die Möglichkeit, das griechische Theater auf das unsere
zu verpflanzen.
Zu den „Früchten
usw.“ vergaß ich den Abschnitt 9 zu nennen; was von Herder sonst
angeführt wird, kommt meistens daraus. Ich persönlich habe
aber
Herders Bemerkungen lieber dort, wo sie ganz unerwartet, wie
Lichtstrahlen,
aufblitzen, als bei einer derartigen regelrechten Besprechung der
Musikverhältnisse,
die er um sich fand.
Ich vermute,
daß
in den „Fragmenten zur deutschen Literatur“ man manche Bemerkung
über
Sprache finden muß, die in bezug auf Wagner Interesse bietet.
Vor allem möchte
ich Ihnen aber dringend raten, sich nicht durch die absprechenden Worte
Schillers und Goethes davon abhalten zu lassen, der „Kalligone“ Ihre
volle
Aufmerksamkeit zu schenken. Für mein Gefühl ist dieses Werk
fast
durchwegs eines der Wunder der deutschen Seele. Über Musik
speziell
finden Sie in den Abschnitten „Vom Erhabnen hörbarer
Gegenstände“
und „Das Schöne als Symbol betrachtet“ viel Köstliches. —
Außerdem
würde ich Ihnen, in bezug auf Wagner, den Abschnitt „Von
Kunstrichterei,
Geschmack und Genie“ warm empfehlen — man lernt da gut begreifen, warum
Kant dem Bayreuther Meister so wenig war und blieb.
Schließlich
brauche ich wohl kaum zu sagen, daß Herder zu jenen Männern
gehört, bei denen man überall etwas und meistens Unerwartetes
findet. Ich wenigstens mache immer jeden beliebigen Band Herders auf
und
lese nur darauf los, gleichviel wovon die Rede ist; man wird immer
reichlich
belohnt. Was ich schwer fertig bringe, ist in Herder hintereinander
weiterzulesen,
denn er ist so eigentümlich anregend, es ist ihm so
natürlich,
in unvergleichlich genialer Weise, stets, wovon auch gehandelt werden
mag,
diese eine Betrachtung mit den entlegensten harmonisch
zusammenzufassen;
die Einheit des Kosmos pulsiert so heftig in diesem warmen,
verschwenderischen
Herzen — daß unwillkürlich die eigene Denkmaschine in
Bewegung
kommt — Gott, wie falsch drücke ich mich aus! —‚ gerade das
Mechanische
in einem wird durch dieses übersprudelnde Leben so überboten,
daß der eigene G e i s t die Flügel
ausbreitet; man schließt das Buch zu mit seinen dummen gedruckten
Lettern und folgt jener herrlichen Seele, wie sie wollte, daß man
ihr folge:
Ihr hochachtungsvoll ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Wohl Magliabecchi, italienischer Gelehrter des 17. Jahrhunderts.
Sehr geehrter Herr
Soeben als ich
mich
anschickte, Ihnen einen S. A. meines Deussen-Aufsatzes in den
„B.(ayreuther)
B.(lättern)“ zu schicken, erhalte ich Ihre Nachricht, daß
Sie
ihn schon bekommen haben.
Einliegende
Ankündigung
eines Vortrages, den ich gestern abend hielt, wird für Sie wohl
ebenfalls
von Interesse sein. Der Saal war bombenvoll. Die Ordinarii der
Philosophie
waren alle anwesend und ich glaube auch alle Privatdozenten des Faches;
außerdem viele andere Gelehrte, Gymnasialprofessoren usw. — Der
Vortrag
fand viel Beifall. Seine Hochwürden Prof. Muellner, der
frühere
Rektor, wollte mich durchaus überreden, diesen Vortrag als
Broschüre
bei Braumüller erscheinen zu lassen; andere wieder meinten, die
Sache
würde mehr „Retentissement“ haben, wenn ich sie in die
„Münchener
Allgemeine“ könnte hineinbringen. Es liegt mir durchaus fern, mich
der Öffentlichkeit aufdrängen zu wollen; da dieser Vortrag
aber
offenbar einen sehr tiefen Eindruck machte und namentlich
aufklärend
wirkte (Prof. Jodl z. B. versicherte mir, es wäre das
allererstemal,
daß er die Hauptcharakteristika des indischen Denkens klar
erschaue),
so wäre es vielleicht wirklich — im Interesse der Sache — wert,
ihn
einer größeren Öffentlichkeit mitzuteilen.
Da nun das Hausieren
mit eigener Ware bei Zeitungsredaktionen mir höchst zuwider ist,
würde
ich in diesem Falle, wie in früheren, mich an meinen Freund und
Verleger
Herrn Hugo Bruckmann wenden. Vorher frage ich aber bei Ihnen an, ob Sie
mir irgendeinen besonderen Rat geben möchten, oder ob Sie
vielleicht
geneigt wären, Ihren Einfluß bei diesem oder jenem Blatte im
Interesse dieser Publikation geltend zu machen?
Etwa die Hälfte
des Vortrages ist allerdings meinen beiden Aufsätzen über
Deussen
in den „B. B.“ entnommen; wer kennt aber dieses geheime Archiv des
Wagnertums?
Und die ganze Anlage ist eine durchaus andere. Ich erwähne
Deussens
große Arbeiten am Anfang, zitiere, ich glaube, zwei Stellen aus
ihm
im Verlauf des Vortrages und schließe mit einem Zitat aus seiner
Geschichte der Philosophie: das Ganze gilt dem indischen Denken im
allgemeinen
und versucht die Grundprinzipien des indischen Denkens möglichst
plastisch
und anschaulich, ohne jeden gelehrten Ballast, so hinzustellen,
daß
jeder denkende Mensch ein Bild von der Sache bekommt. — Natürlich
hatte ich die kleinen antisemitischen Bosheiten sowie alles, was
außerhalb
eines gewissen Kreises für überspannt gilt, aus meinem
Vortrage
gestrichen. Eines schickt sich nicht für alle.
Noch will ich hinzufügen, daß
ich abends beim Souper mich viel mit Prof. Jerusalem unterhielt, der
ein
ganz besonders aufmerksamer Zuhörer gewesen war, und der mich sehr
viel über Deussens Upanishads ausfragte: er getraut sich nicht
recht,
das Werk zu besprechen, weil er in den Gegenstand zu wenig eingeweiht
ist.
Ich habe getan, was ich konnte, um ihn zu informieren.
Die Notwendigkeit
der Anschaffung von Deussens Werken für die Bibliothek der
Gesellschaft
wurde lebhaft erörtert, begegnete aber noch vielfachem Widerspruch
— wie denn auch mein Vortrag mehr verblüfft und durch die Form
gefallen
hatte, als tief überzeugend gewirkt; darüber gebe ich mich
keinerlei
Illusion hin; die Herren vom Fach stecken zu tief in ihren Vorurteilen,
als daß sie dem so fern Abliegenden plötzlich gerecht werden
könnten.
Indem ich einer
gefälligen
Gegenäußerung entgegensehe, verbleibe ich mit
vorzüglicher
Hochachtung
Houston S. Chamberlain.
Verehrter Freund
Bezüglich
Wiesners
ist mir folgendes eingefallen; vielleicht ist es nützlich, wenn
ich
Sie darauf aufmerksam mache.
Vor kurzem erst aus
Spitzbergen zurückgekehrt, wo er massenhaftes neues Material zu
seinen
Beobachtungen über den Einfluß des Lichtes auf die
Vegetation
gesammelt hat — ist er, das weiß ich, ungeheuer beschäftigt
und wird, fürchte ich, sich zunächst schwer
entschließen,
neue Arbeit auf sich zu nehmen. „Doch, wo er schwach ist, blieb mir
auch
nicht verschwiegen“ — und das ist das Thema des Plasoms. Daß
Weißmann
und die Herren Zoologen ihn einfach ignorieren und dabei großtun
mit ihren „Biophoren“ — das kränkt ihn natürlicherweise sehr.
Nun sehe ich zwar, daß Sie schon vor Jahren einmal einen Vortrag
über die Plasomentheorie hatten — doch, von Wiesner selbst ist es
was anderes. Und dann, gerade die letzten Jahre haben hier die
interessantesten
neuen Einsichten gebracht, die immer mehr die eigentlich philosophische
Betrachtung herausfordern. So hat man z. B. noch zu meiner Studienzeit
erzählt, Stärke entstehe unter gewissen rein physischen und
chemischen
Bedingungen; jetzt ist aber nachgewiesen, daß zur Entstehung der
Stärke noch eine dritte Bedingung gehört: es muß das
Gerüst,
die Anlage, wie soll ich sagen? — die potentielle Form schon in der
Zelle
von Anfang an vorhanden sein, sonst entsteht aus allen Kohlehydraten
der
Welt nimmermehr ein einziges Stärkekorn usw. für andere
Inhaltskörper.
— Sie sehen ein, wie wir da mit vollen Segeln auf die schwierigsten
„Grenzprobleme“
des Denkens hinsteuern. — Wiesner ist ein geradezu bezaubernder
Freiredner;
wenn Sie diese Fragen bei ihm antippen und dabei ein klein wenig auf
die
Zoologen schimpfen, so sagt er gewiß zu, und Sie haben der
Gesellschaft
den schönsten Abend verschafft.
Houston S. Chamberlain.
52-53
An
Hans
von Wolzogen
Lieber Freund
Ihre
Großmeister ¹
(man möchte sie, wie das österreichische Regiment, kurzweg
„Deutschmeister“
nennen) erhielt ich gestern und habe sofort — trotz unsagbaren
Zeitmangels
— den Buch von A bis Z durchgelesen, so sehr hat mich Ihre
Erzählung
gefesselt. Das ist ein wahrhaft schönes Weihnachtsbuch! Ich war
ganz
begeistert. Ein erstrebenswertes Ziel schwebt Ihnen vor, und nie
verlieren
Sie es aus den Augen; ein solches Buch sollte in Hunderten und
Tausenden
von Familien, bei der aufwachsenden Jugend, in den Herzen der
Mütter,
auch in den Dick- und Querköpfen der Männer Gutes wirken. —
Das
Einzige, was mir persönlich einige Bedenken in dieser Beziehung
erweckt
hat, ist die Hereinziehung der metaphysischen Spekulationen bei
Beethoven;
ich fürchte, man schlägt damit den Leuten vor den Kopf, ohne
schließlich das Geringste erreicht zu haben. Doch sage ich das
nur,
damit Sie mich nicht, wie Seidl und so manche, für „einen
unkritischen
Kopf“ halten!
Ich schrieb soeben
dem Antropp ², ob ich in der „Ostdeutschen“ das Buch
ankündigen
darf. Ich meine, es müßte in Deutschösterreich ein
gutes
Absatzgebiet finden.
In den Blättern
wird es natürlich am allerbesten durch einen Schemann
oder einen
Golther
angezeigt werden. Ihr Buch ist so ganz deutsch, daß ich es wohl
bewundern
kann, mir aber nicht einbilde, es auf seinen wahren Wert würdigen
zu können. Doch, sollte Not an Mann sein, so verfügen Sie,
bitte,
über Ihren herzlich ergebenen Angelsachsen
Houston S. Chamberlain.
Mein neulicher
Vortrag
hat einen so unverdienten Erfolg bei den Professoren gehabt (weniger
bei
den aktiven Mitgliedern der Philosophischen Gesellschaft, die alle,
unter
unseres guten Höflers Leitung strenge „Empirischen“ sind und
namentlich
über die Geschichte mit dem Hunde³ empört waren) —
daß
sie mir jetzt einen Verleger auf die Bude geschickt haben: ich solle
ein
kleines Buch über die altindische Philosophie schreiben!
—————
¹
Hans von Wolzogen „Großmeister deutscher Musik“ (Berlin); neue
erweiterte
Ausgabe 1924 als Band 30 der Deutschen Musikbücherei bei Gustav
Bosse,
Regensburg, erschienen.
²
Theodor
Antropp, Schriftleiter der Ostdeutschen Rundschau.
³
Vgl. Bayreuther Blätter 1897, S. 358 f.
Hochgeehrter Herr Professor
Für Ihre
freundlichen
Zeilen sage ich Ihnen meinen besten Dank. Aufrichtig bedauere ich, Sie
schon wieder belästigen zu müssen; doch hoffe ich auf Ihre
Verzeihung,
da Sie aus dem Folgenden entnehmen werden, daß es sich um eine
nicht
ganz unwichtige Sache handelt, und Sie es auch begreiflich finden
müssen,
daß ich mich in diesem besonderen Falle gerade an Sie
wenden
m u ß.
Ich erzählte
Ihnen neulich von meinem Vortrag¹. Den Eindruck auf die besseren
Geister
hatte ich wohl nicht überschätzt; denn nicht von Dilettanten,
sondern von Fachprofessoren der Universität (mit denen ich
persönlich
in keiner Verbindung stehe) wurde ein reichsdeutscher Verleger zu mir
geschickt,
mich zu bitten, ich möchte ein kleines, für gebildete
Menschen
allgemein verständliches Buch über altindische Philosophie
schreiben
— gewissermaßen eine in den allgemeinsten Umrissen gehaltene
Einführung
in diesen so schwierigen Gegenstand, — für manche genügend,
für
andere ein erster, bald überwundener Schritt, sagen wir ein
Sprungbrett,
von dem aus man bequem in diesen Ozean der Weltgedanken sich
hineinstürzen
könnte. — Der betreffende Verleger hat bereits in einer Anzahl
kleiner
Bücher verschiedenen Einzelphilosophen einen ähnlichen Dienst
geleistet, mit mehr oder weniger Glück, je nach den Autoren.
Natürlich sprang
ich gleich entsetzt vom Stuhle auf und sagte, es müsse ein
Mißverständnis
sein; denn ich hatte gleich zu Beginn meines Vortrages
ausdrücklich
gesagt, daß ich kein Fachmann, überhaupt kein Gelehrter sei,
auch hatte ich kein Geheimnis daraus gemacht, daß ich kein
Sanskrit
verstehe. Um den Mann von seinem Gedanken abzubringen, gab ich ihm
meinen
Vortrag mit; er hat aber umgekehrt gewirkt, als ich erwartete; jetzt
will
er erst recht das Buch von mir geschrieben haben! Selbst die Tatsache,
daß ich, augenblicklich durch übergroße Arbeiten in
Anspruch
genommen, ihn warten lassen müßte, erschreckt ihn nicht. Und
so wende ich mich an Sie, hochgeehrter Herr, um Sie zu fragen: Sind Sie
nicht der Meinung, daß ein Mann, der weder Fachphilosoph, noch
Indolog,
noch Sprachkenner ist, nicht der richtige Mann sein kann, um das
verlangte
Buch zu schreiben?
Befürchten Sie
nicht, mich zu verletzen; es handelt sich um eine rein
tatsächliche
Frage, und sprechen Sie Ihr — für mich — entscheidendes „Nein! Sie
sind unfähig!“, so entheben Sie mich einer neuen Arbeit in einem
Augenblick,
wo ich schon überbürdet bin. — Meiner Scheu, mich an eine
derartige
Aufgabe heranzuwagen, liegt noch ein weiteres, viel tieferes Bedenken
zugrunde:
die innige, religiöse Liebe, die glühende Begeisterung, die
mir
die Gesamterscheinung des Indischen Denkens einflößt. Es
handelt
sich hier nicht um rein akademische Dinge, wahrlich nein! sondern um
große
und entscheidende Erkenntnisse, die auf die fernere Kultur der
europäischen
Menschheit von unermeßbarem Einfluß sein können.
Wollte
ich auf meine eigene geringfügige Person mit ihren kleinen
Eitelkeiten
die geringste Rücksicht nehmen, so wäre ich unwürdig —
ich
will sagen, ich würde mich als einen schlechten Schüler
indischer
Weisheit erweisen. — Sollte es denn nicht unter Ihren persönlichen
Schülern einen geben, der zu tüchtigen Spezialkenntnissen
auch
die Gabe plastischer, anschaulicher Darstellung, der edlen
Popularisierung
gesellt? Nennen Sie ihn mir, bitte, und ich werde sofort dem
betreffenden
Verleger davon Mitteilung machen.
Einer gütigen
Meinungsäußerung entgegensehend, verbleibe ich Ihr
verehrungsvoll
ergebener
Houston Stewart Chamberlain
—————
¹
Vgl. Brief an F. A. Brockhaus vom 27. 10. 1897;
S.
50.
56-61
An
Hans
von Wolzogen
Lieber Freund
Endlich beginnt es
mir etwas besser zu gehen und ich kann auf Ihre Mitteilungen vom 10.
November
eine freilich kurze, für den Augenblick aber wohl genügende
Antwort
geben.
Den Gedanken,
daß
eine Vorlesungstournee durch Europa und — wenn möglich — auch
durch
die Vereinigten Staaten für die Verbreitung eines tieferen
Verständnisses
Richard Wagners nützlich sein könnte, habe ich öfters
gehabt.
Ich entsinne mich, schon vor Jahren mit Frau Wagner darüber
gesprochen
zu haben. Diese Vorträge dachte ich mir deutsch, französisch
und englisch. Doch natürlich immer mit dem Hauptgewicht auf das
Deutsche
gelegt. Nur durch die Deutschen kann der deutsche Kulturgedanke
verwirklicht
werden: wer also diesem Gedanken lebt, darf durch alle Erfolge
Wagnerscher
Kunst im Ausland und bei Ausländern sich nie dazu verleiten
lassen,
diese grundlegende Tatsache aus den Augen zu verlieren. Ich für
meinen
Teil habe, zuerst unbewußt, nunmehr mit vollem Bewußtsein,
das wenige, was ich vermag, ganz in den Dienst dieser spezifisch
deutschen
Aufgabe gestellt; wo ich auch wirke auf fremdem Gebiete (z. B. in der
„Revue
des Deux Mondes“), wirke oder wirken könnte, nie würde ich
diesen
für mich maßgebenden Standpunkt aus den Augen verlieren
können.
Mit einem Worte: nicht den deutschen Kunst- und Kulturgedanken, der in
Wagner seinen Kulminationspunkt erreichte, den Nichtdeutschen mundrecht
übersetzen, könnte ich je als eine nützliche und darum
auch
edle Aufgabe betrachten, sondern im Gegenteil einzig das
Herüberziehen
des Nichtdeutschen zum Deutschen. Der Mensch kann nur das verstehen,
was
er ist; sollen die Deutschen, wie Wagner es wollte, „Veredler der
Menschheit
werden“, so muß zuerst dafür gesorgt werden, daß die
Menschen
in ihrem Empfinden und Denken deutsch genug werden, um jenen
veredelnden
Einfluß überhaupt in sich aufnehmen zu können. Wobei
aber
als dringendstes Bedürfnis erkannt werden muß: daß die
Deutschen selber (daheim und auswärts) deutsch werden! — — —
Ob unsere Freunde
jenseits des Wassers diese Andeutungen begreifen würden,
weiß
ich nicht; ich hatte eigentlich auch nur Sie im Auge und wollte Ihnen
verständlich
machen, wie etwa ich mir meine Vorträge gedacht hätte. Sie
können
sich denken, wie angenehm es mich berührte, als ich vorigen Sommer
von Deutschen „draußen im Reich“ in herzlichster Weise
aufgefordert
wurde, Vorträge im angedeuteten Sinne bei ihnen zu halten,
Vorträge
nicht über Wagner den Musiker, sondern über Wagner die
„große
Kulturgewalt“ (wie Nietzsche sagt).
Nun — darüber
kann ich mich keiner Illusion hingeben — die für mich ehrende
Nachfrage
der John-Hopkins-Universität zielt auf etwas ganz anderes.
Skioptikonbilder
und Klaviervorträge und Deklamationen sind eigentlich nicht mein
Feld;
die ungeschminkteste Aufrichtigkeit ist viel zu sehr mein
Lebenselement,
als daß ich es nicht gleich geradeaus gestehen sollte. Noch eher
als mit den Musikvorträgen würde ich mich mit den Bildern
befreunden.
Nirgends kommt das Innerste eines Menschen so deutlich zum Vorschein
wie
auf der äußersten Oberfläche seiner Erscheinung, in der
Epidermis und den subkutanen Muskeln. Sonstige Bilder — außer
Porträts
— sind eigentlich nicht recht am Platze bei der Besprechung geistiger
Interessen.
— Doch lassen wir alle diese Bedenken. Vor einem Jahre schrieb ich
für
„Ladies Home Journal“ zwei Aufsätze, in denen mir ebenfalls ein
bestimmtes
Programm vorgezeichnet war — wenn Herr
Prof. Haupt ¹ sie lesen
will,
wird er gleich sehen, ob ich den gewünschten populären Ton zu
treffen weiß oder nicht. (Die Aufsätze sollen im Juli
erschienen
sein; ich habe sie nicht zu Gesicht bekommen.) Ich glaube, daß
meine
Eigenschaft als Engländer mir schon den Instinkt verleiht, auch
den
Bedürfnissen und Erwartungen eines derartigen, zunächst mehr
auf das Chronistische, auf die „circumstantial facts“
ausgehenden
Publikums gerecht zu werden. Und bedenke ich des weiteren, daß
eine
derartige Einladung (falls sie definitiv erfolgte) ein unverhofft
günstiges
Mittel wäre, um in Amerika Fuß zu fassen und — entweder
nebenbei
oder später — diejenige Propaganda zu machen, die mir eigentlich
am
Herzen liegt, so bin ich durchaus geneigt, die ausgestreckte Hand mit
freudiger
Dankbarkeit zu ergreifen, und alle Konzessionen zu machen, die ich
machen
kann, ohne meinen innersten Überzeugungen untreu zu werden.
Daß die Herren
in Baltimore äußerst vorsichtig vorgehen, gefällt mir
an
ihnen sehr gut; sollten sie mich jedoch ernstlich in Betracht ziehen,
so
müssen sie es mir nicht verübeln, wenn ich ebenfalls mein
Jawort
nur vorsichtig gebe. Ihre Vorsicht richtet sich auf meine Person; meine
richtet sich natürlich nicht auf die ihrige, da ihre offizielle
Stellung
eine genügende Bürgschaft ist; meine Vorsicht richtet sich
ebenfalls
auf meine eigene Person. Ich muß genau wissen, was man von mir
verlangt,
ehe ich sagen kann, ob ich es kann und darf. Etliche tausend Dollars
hätte
ich schon gern „im Sack“, doch nur wenn ich sie redlich verdienen kann,
und das tue ich nur, wenn ich genau das erfülle, was dort von mir
erwartet wird.
Nur nebenbei
erwähne
ich, daß ich 1898 auf keinen Fall kommen könnte; ob ich in
der
ersten Hälfte des Jahres 1899 könnte, ist mir ebenfalls sehr
fraglich. Das große Werk², an dem ich jetzt arbeite und das
ich — zwar nicht kontraktlich, doch moralisch — meinem Verleger
gegenüber
verpflichtet bin, in möglichst kurzer Zeit zu vollenden, kann
schwerlich
vorher fertig sein.
Inzwischen scheint
mir das Wichtigste, daß Sie und Frau Wagner und — ja, und wer?
vielleicht
Gräfin Wolkenstein? — die große Güte hätten, die
geforderten
dokumentarischen Zeugnisse zu liefern.
Wollen die Herren
Auskunft über meine Familie haben, so können sie sich diese
leicht
verschaffen, denn gewiß findet man in jeder größeren
amerikanischen
Stadt unser englisches „Peerage and Baronetage“, und da finden
sie
mich ja (allerdings nur in den vollständigen Ausgaben, da in den
gekürzten
entweder der kleinere Adel überhaupt oder mindestens die
jüngeren
Söhne jüngerer Söhne — mein Fall — nicht genannt
werden).
Daß mein Großvater, Sir Henry Chamberlain, der erste
Baronet,
selber wiederum ein illegitimer Sohn aus großer Familie war, tut
es nicht not auszuführen, da wir Chamberlains seit dem kurzen
Bestand
unserer Familie (mit keinem anderen Chamberlain — ein ziemlich roturier
Name — irgendwie verwandt) so viele brave, tüchtige Männer
hervorgebracht
haben, daß wir uns unseres Stammhauses in seiner jetzigen Gestalt
eher schämen als rühmen müßten. — Über die
Familie
meiner Mutter findet man Aufschluß, wenn man im selben Buche den
jetzigen Sir Basil Hall aufsucht. Ältere Amerikaner englischer
Abstammung
dürfte es interessieren, daß meine Mutter die Tochter des
seinerzeit
sehr bekannten Reisenden Captain Basil Hall war, der vor etwa sechzig
Jahren
seine „Travels in North-America“ veröffentlichte. — Auch der nahen
Blutsverwandtschaft mit Wolfe³, dem Helden von Quebec, darf ich
mich
— als gutes Omen — freuen. Was also Abstammung anbelangt, so mögen
sich die Herren drüben schon zufrieden erklären, sonst reise
ich auf eigene Kosten mit Pistolen hinüber.
Biographische
Notizen?
Du lieber Gott, die werden nicht viel Papier schwärzen! Geboren am
9. September 1855 in Portsmouth, als jüngster Sohn des Admirals
(damals
Kapitän) C., kam ich, fast sofort, infolge des Todes meiner
Mutter,
zu meiner Großmutter, Lady C., die des Klimas wegen in
Versailles,
nicht in England lebte. Als Schulen besuchte ich erst das Lycée
Impérial in V., später Cheltenham College.
Schon
früh bedingte meine eigentümliche Unfähigkeit, meinen
Geist
dem Schulpensum anzubequemen, häufige Unterbrechungen. Ich sollte
Offizier werden und habe vorwiegend mathematische Schulbildung
genossen.
Doch ehe ich in die Kriegsschule kam, brach meine Gesundheit zusammen:
jahrelang lebte ich den Winter an der Riviera, den Sommer in der
Schweiz.
Die Naturwissenschaften, speziell Botanik, erweckten mein lebhaftes
Interesse;
dazu trat dann die Erlernung der deutschen Sprache. Erst mit 24 Jahren
konnte ich mich als Student der Naturwissenschaften an der Genfer
Universität
immatrikulieren. Ich habe dort speziell Botanik und Chemie studiert,
doch
auch in Physik, Zoologie, Geologie usw. alle vorgeschriebene Examina
mit
gutem Erfolg bestanden — dazu als Extra: physikalische Geographie,
Astronomie
und die grundlegenden medizinischen Disziplinen. Noch ehe ich meine
sehr
umfangreich konzipierte Doktorarbeit vollenden konnte, brach meine
Gesundheit
abermals zusammen: ich hatte mich riesig überarbeitet, namentlich
aber durch nächtliche Beobachtungen an Präzisionsinstrumenten
das Nervensystem überreizt. Jeder spätere Versuch, meine
eigentlichen
Fachstudien wieder aufzunehmen, erzeugte binnen kurzem einen
pathologischen
Zustand — gleichsam als risse man eine vernarbte Wunde wieder auf. Und
so danke ich Gott, daß ich diese naturwissenschaftliche Episode
meines
Lebens wenigstens durch die Veröffentlichung meiner „Recherches
sur la Sève ascendante“ im Frühjahr dieses laufenden
1897
krönen durfte. Die Universität Genf nahm als öffentliche
Anerkennung des Wertes meiner Arbeit die Widmung an, und der
größte
lebende Pflanzenphysiolog, Hofrat Wiesner,
führte sie durch warme
Worte ein. Das war ein Abschluß. — Inzwischen hatten mich
philosophische
Studien viel beschäftigt — namentlich während der langen
Jahre,
wo mein Geist nur Abstraktes aufnehmen konnte; einzelne Aufsätze
über
indische Philosophie, über Kant usw. bezeugen es; daß ich
vor
kurzem von fachmännischer Seite aufgefordert wurde, ein Buch
über
altindisches Denken zu schreiben, erzählte ich Ihnen wohl schon.
Augenblicklich
arbeite ich aber im Auftrag eines Verlegers an einem
größeren
Werke allgemein Kulturhistorischen Inhaltes und fühle mich dabei
so
recht wie ein Fisch im Wasser. Nicht allein bin ich kein Gelehrter,
sondern
ich bin organisch unfähig, jemals einer zu werden; mich
interessiert
nur das Leben, das Lebendige, und sitze ich hier an meinem
Schreibtisch,
so fühle ich trotzdem, daß ich doch ein Offizier geworden
bin,
ein Offizier, der manchmal zehn Stunden nicht aus dem Sattel steigt. —
Und so sehen Sie, lieber Freund, daß ich mein Leben erzählen
kann, ohne die Hauptsache auch nur mit einem Wort zu erwähnen.
Derlei
Biographien gefallen mir: ich hatte immer einen „faible“
für
jenen berühmten Biographen Lord Bacons, der dessen Leben in drei
Bänden
schilderte und erst, als das Buch gedruckt war, merkte, daß er
vergessen
hatte zu erwähnen, Lord Bacon habe sich auch mit Philosophie
abgegeben!
Ich nun vergaß es nicht; jedoch es gibt Dinge, über die man
schweigt, ich meine, lieber schweigt als redet. Wollte ich darüber
reden, so müßte ich in mein eigentliches, lebendiges Leben
hineingreifen:
derartige Autovivisektion kann niemand von mir fordern. Was nötig
ist, wissen Sie ja, — Sie wissen es sogar besser als ich, denn Sie
wissen,
was ich tat, während ich erfüllt bin von dem, was ich gern
getan
hätte. Also sagen Sie, was Sie für recht halten.
Ein letztes:
Photographien
halte ich nicht auf Lager. Nur wenn die Angelegenheit in ein ernsteres
Stadium getreten wäre, könnte ich meine fast
unüberwindliche
Abneigung gegen eine Schaustellung meiner Person besiegen.
Ihr getreuer
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Orientalist in Baltimore.
²
„Die
Grundlagen des 19. Jahrhunderts.“
³
Vgl. „Lebenswege meines
Denkens“,
S. 20.
Hochgeehrter Herr Professor
Schon längst
hätte ich Ihnen den schuldigen Dank für Ihren Brief vom 14.
November
entsendet; ich wollte aber Ihre Zeit nicht in Anspruch nehmen, ehe ich
Ihnen etwas Bestimmtes über jenes Vorhaben mitzuteilen gehabt
hätte
— der betreffende Verleger aber, der mir versprochen hatte, bis Mitte
Dezember
eine definitive Antwort zu schicken, schweigt sich beharrlich aus, und
ich glaube, diese Sache ist als definitiv gescheitert zu betrachten.
Vermutlich
hat er (dieser „er“ ist Emil Hauffe, Inhaber von Frommanns Verlag)
einen
andern mit der Aufgabe betraut. Es war ihm nicht recht, bei mir warten
zu müssen, und ich anderseits bin kontraktlich verpflichtet, ein
größeres
Werk, an dem ich augenblicklich arbeite, möglichst bald
fertigzustellen.
— Das Schicksal weiß am besten, was förderlich ist; und
wiewohl
ich diesen Ausgang augenblicklich bedauere, so sollen doch — das
verspreche
ich Ihnen — Ihre so überaus gütigen Anregungen an mir nicht
verloren
sein. So Gott will, werde ich die bescheidene Aufgabe, für welche
Sie mich befähigt und sogar „berufen“ halten, erfüllen; mit
Friedrich
dem Großen bekenne ich: „Mon devoir est mon Dieu
suprême“;
der Verleger ist Nebensache. — Inzwischen diene ich der heiligen Sache,
so gut ich kann, auf weit abliegendem Gebiete, und hoffe, einem
zahlreichen
Publikum, welches sich nie im Leben um indische Philosophie und
Religion
bekümmert hat, diese Dinge nahezulegen, indem ich immer wieder, wo
man es am wenigsten erwartet, sie zu Vergleichen heranziehe oder ein
kurzes
Zitat anbringe. Handelt es sich doch bei mir um eine Leben gestaltende
Überzeugung.
Und nun, hochgeehrter
Herr Professor, nahe ich wiederum mit einer kleinen Bitte.
Jenen Vortrag
„Über
indisches Denken“ möchte ich — da einstweilen aus dem Hauffeschen
Projekt nichts wird — einem möglichst weiten Leserkreis mitteilen.
Der geeignetste Platz schiene mir die wissenschaftliche Beilage zur
„Münchner
Allgemeinen Zeitung“, die schon recht schwache Vorträge aus
derselben
Philosophischen Gesellschaft zum Abdruck gebracht hat. Die
Schwierigkeit
ist aber die: mein Name ist höchstens als der eines
„Wagnerschriftstellers“
bekannt — für die meisten Zeitungen keine besondere Empfehlung —‚
und wenn ich auch als weitere Legitimation meine
pflanzenphysiologischen
Arbeiten der Redaktion einschicken wollte (über die der
bedeutendste
lebende Fachmann, Hofrat
Wiesner, so überaus günstig
geurteilt
hat), so wäre das noch immer keine Beglaubigung, daß ich
über
indisches Denken mitzureden berufen sei. In einer Redaktion, wo
offenbar
niemand ein Urteil gerade über ein solches Thema sich zutrauen
wird,
werden die Herren den Universitätskalender aufschlagen; da sie
mich
dort nicht finden, fragen sie bei einem Sanskritphilologen telephonisch
an, und erhalten die Antwort: „Kamberlain? Habe niemals den Namen
gehört!“
— während der Mediziner, der heute in keiner Redaktion mehr fehlt,
ihnen nur wird melden können: „Chamberlain? Erfinder der
Geburtszange,
schon über zwei Jahrhunderte tot!“ — Und da es sich nun bei mir
durchaus
um keine Frage handelt, die mir einen persönlichen Vorteil bringen
soll, sondern lediglich um eine Sache, für die ich mein Herzblut
zu
geben bereit wäre, so nehme ich mir die Freiheit, anzufragen, ob
Sie
bereit wären, der Erreichung des genannten Zieles durch eine
einzige
Zeile behilflich zu sein? Vielleicht haben Sie, wie viele andere
Gelehrte,
selber Beziehungen zur „Allgemeinen“? Oder Sie würden mir auf
einer
Postkarte schreiben, daß Sie sich freuen, meinen Vortrag in einer
vielgelesenen Zeitung gedruckt zu sehen? kurz irgend etwas, was mir als
Legitimation dienen kann, irgend etwas, was die guten Leute
überzeugt,
daß sie mich abdrucken können, ohne sich zu blamieren.
Sollten Sie den
Vortrag
vorher sehen wollen, so liegt er in einer sauberen, leicht lesbaren
Abschrift
vor; diese Mühe möchte ich Ihnen jedoch gar nicht zumuten.
Sie
wissen ja, was ich zu sagen habe und wie ich es sage; außerdem
ist
sehr vieles meinen Arbeiten in den „B.(ayreuther) B.(lättern)“
entnommen
— nur daß ich mich hier auf einen mehr „akademischen“ Standpunkt
habe stellen müssen, ohne aber deswegen langweilig zu werden. Ich
schließe mit den Worten aus der Vorrede zu Ihrer „Allgemeinen
Geschichte
der Philosophie“, Seite X — „ein vollständiges und zureichendes
Bekanntwerden
usw.“.
Indem ich Sie
ersuche,
hochgeehrter Herr, mir diese Belästigung nicht übelzunehmen —
man sagt ja, Wohltaten verpflichten den Wohltäter, und vielleicht
haben wenige Menschen der jetzigen Generation die Wohltaten Ihres
unermüdlichen
Wirken so bewußt und innig dankbar genossen wie ich! — verbleibe
ich
Ihr verehrungsvoll ergebener
Houston S. Chamberlain.
Lieber, armer Freund
Ihren soeben
erhaltenen
Brief vom 2. d. M. beantworte ich sofort: erstens weil es mich
drängt,
Ihnen und namentlich Ihrer verehrten lieben Frau unser beider inniges
Mitleid
auszusprechen, — sodann auch weil Sie wichtige Fragen an mich stellen,
deren Beantwortung bei dem großen Drang der Arbeit — wenn sie
nicht
sofort geschieht, vielleicht lange auf sich warten lassen würde.
Bezüglich des
Wörterbuches ist die Antwort sehr einfach: es gibt überhaupt
nur zwei wirkliche WB. deutscher Sprache, das von Sanders und das von
Heyne.
Sanders ist, glaube ich, besser, d. h. vollständiger,
ausführlicher
— aber in einem entsetzlichen Druck; Heynes WB. erschien in drei
Lexikonoktavbänden
(nicht dick) zwischen 1890 und 1895 — der Verfasser ist Mitarbeiter am
Grimmschen WB., sein Werk besitzt darum autoritative Geltung: ich
möchte
es Ihnen empfehlen. Nur müssen Sie bedenken, daß gar kein
deutsches
WB. vollständig ist, da diese Philologen die Marotte besitzen, die
sogenannten Fremdwörter nicht aufzunehmen — in denen aber auch ein
„Fremder“ sich nicht immer auskennt: darum ist eine Ergänzung —
etwa
durch das Fremdwörterbuch von Sanders (in einem Bande) —
anzuraten.
— Mir persönlich ist von allen WB. das liebste das
„Deutsch-Französische
Enzyklopädische WB. von Sachs-Villatte“ (Verlag
Toussaint-Langenscheidt)
— so vollständig, so übersichtlich wie sonst nichts auf der
Welt
außer unseren unvergleichlichen englischen WB.
Schwieriger ist die
Beantwortung Ihrer anderen Frage. Wie Sie Ihr Publikum schildern,
läßt
mich glauben, daß Nietzsche mit seinem W. in B. ¹ mindestens
eine Meile über ihre Köpfe hinwegschießen würde.
So
unvergleichlich diese kleine Schrift ist, so schwer finde ich sie. N.s
Art war, nach den ersten paar Schritten im rechten Winkel abzubiegen:
wer
das weiß und wem es gelingt, gleichsam um die Ecke zu schauen,
für
den ist alles einfach und sonnenklar, doch setzt das eine eigene
Initiative,
eine eigene Kraftanstrengung des Publikums voraus, und das ist gerade,
was nicht einer in Zehntausend leisten will und die meisten
überhaupt
nicht mehr können. Übersetzen Sie N., so tun Sie ein gutes,
verdienstliches
Werk, das im Laufe der Jahre manchem ernsten Geiste zugute kommen wird,
doch rechnen Sie nicht darauf, einen populären, durchschlagenden
Erfolg
zu erzielen: bei N. war von Anfang an der böse Geist stärker
als der gute; einzig die Nähe des großen und guten Meisters
hat ihn einige Jahre auf dem geraden Wege der Wahrheit und Ehre
erhalten:
im R. W. in B. ist es darum, als vernähme man eine Stimme aus
einer
anderen Welt, Nietzsche spricht hier wie eine hellsehend gemachte
Somnambule,
— sobald aber diese Somnambule aus dem Schlaf erwachte und niemand mehr
da war, um sie in den magnetischen Schlaf zu versetzen (in welchem der
außerordentliche Bau des physischen Hirnes Ungewöhnliches
zustande
brachte), da hatte man — wie das bei anderen Hellseherinnen der Fall —
eine recht gemeine Person vor sich, welche die ekelerregenden
Trivialitäten
des „Fall
Wagner“ zum besten gab. Nietzsche ist ein Mensch, bar jeglicher
geistigen
Initiative; sein Gehirn gleicht einer ungewöhnlich
leistungsfähigen
Mahlmaschine, die alles immer gemahlen hat, was man auch hineinwarf.
Ich
wette, daß Sie im ganzen Nietzsche nicht einen Satz, nicht ein
Fragment
eines Satzes, geschweige denn einen Gedanken oder irgendeine einzige
konstruktive
Idee finden, dessen Autor nicht nachgewiesen werden kann: Wagner,
Plato,
Simonides, Schopenhauer, Goethe (der „Übermensch“ ist aus Faust,
die
„Blonde Bestie“ ist eine Verballhornung des Satyros oder der
vergötterte
Waldteufel usw.) usw. Wenn also der Meister an N. beim Empfang seiner
Schrift
schreiben konnte: „Ich begreife nicht, wie Sie mich so kennen
können“
(ich zitiere nach dem Gedächtnis) — so ist es höchste
Naivität,
wenn wir daraus mit der Menge schließen wollen — seht, Wagner
selber
bezeugt, N. habe ihn gut gekannt; im Gegenteil, Wagner begriff es
nicht,
und wir könnten es nach allem, was sofort darauf eintraf, noch
viel
weniger begreifen, lernten wir nicht einsehen, daß hier ein
krankhaftes
Phänomen vorliegt und daß der wirkliche Autor des R. W. in
B.
der Meister selber ist, der hier gleichsam durch einen in ekstatischer
Verzückung redenden, aller eigenen Persönlichkeit baren,
orphischen
Priester sich die Wahrheit über sich selbst eingestanden hat.
Darum
aber auch der dithyrambische Ton, das Prophetische, das
gewissermaßen
aus Zeit und Raum Losgerissene; und darum die (für mein
Gefühl)
unendliche Schwierigkeit dieses Werkes, welches nicht das Ergebnis
eines
kritischen Verständnisses, sondern einer unfreiwilligen, von einem
stärkeren Willen gebotenen Vision ist. Hier liegt eine kleine
Persönlichkeit
(denn wer nicht Willen besitzt, ist auf alle Fälle klein) vor
einer
inkommensurabel großen anbetend im Staube; N.s fabelhafte
Intellektuellen
Fähigkeiten, gepaart mit ausgedehntem Wissen, gestatten ihm, die
Bedeutung
eines Wagner soweit zu ahnen, daß er der Suggestion unterliegen
kann,
womit zugleich eines der merkwürdigsten Werke in der gesamten
Geschichte
der Menschheit ausgeführt wird — doch sobald sein Lebenswerk
vollendet
ist (und das ist es an dem Tage, an dem er die letzte Zeile des R. W.
in
B. geschrieben hat), kehrt er sich gegen seinen Herrn und Meister, um
ihn
zu begeifern — völlig unbewußt dessen, was er geleistet hat
und noch mehr des komplizierten Mechanismus, durch den er zugleich
befähigt
und gezwungen ward, es zu leisten. — Doch, ich sehe, lieber Freund, ich
schreibe Ihnen einen ganzen Aufsatz, wogegen ich Ihnen nur sagen
wollte,
weswegen ich N.s Werk für durchaus u n g e e i g n e
t
halte, jemals zu einem populären umgestaltet zu werden. Diese
Schrift
ist eine esoterische im strengsten Sinne des Wortes. Lassen Sie ihr in
der Übersetzung ihren Charakter, so wird sie nur auf vereinzelte
wirken;
nehmen Sie ihr ihren Charakter, so begehen Sie einen Frevel. — Wollen
Sie
sie nun doch übersetzen, so kann ich das nur gutheißen; ich
bitte Sie aber, dann sechs Monate darauf zu verwenden, damit es Ihnen
gelinge,
in Ihrer schönen Sprache ein echtes Gegenstück, nicht eine
wörtliche
Verdrehung hinzustellen; und tun Sie es mit dem Bewußtsein, keine
öffentliche Anerkennung ernten zu wollen.
Ihre andere Absicht
bliebe also auf alle Fälle bestehen. Daß mein Buch Ihnen zur
Verfügung steht, versteht sich von selbst. Ich bleibe aber dabei,
daß es besser und auch leichter für Sie wäre, etwas
Ihrem
besonderen Zwecke Entsprechendes selber zu schreiben, als diesem Zweck
durch eine Übersetzung gerecht werden zu wollen. Nicht etwa, als
besäße
ich die Autoreneitelkeit, über die Verstümmelung, die Ihrem
Freundesherzen
schon im voraus Schmerzen macht, auch nur eine einzige Träne zu
vergießen.
Verstümmeln Sie, so viel Sie wollen, schreiben Sie ab, stehlen Sie
Gedanken, Dispositionen, Vergleiche, was Sie wollen. Gott kann
bezeugen,
daß ich nur arbeite in der Hoffnung, auf andere zu wirken. Man
muß
das Gute nehmen, wo man es findet; finden Sie es bei mir, so haben Sie
die Pflicht, es zu nehmen. Doch eine ganz andere Frage ist es, ob die
Übersetzung
von Fragmenten meines Buches ein glücklicher Gedanke ist. Ich
glaube
fast, daß, wenn so etwas in einem einzigen Menschenkopf
wächst
und sich abrundet, es gewisse Eigenschaften der vielseitigen inneren
Verknüpfung
erhält — dem Verfasser selbst oft ganz unbewußt —‚ durch
welche
zum richtigen Verständnis des einen Teiles die übrigen fast
unentbehrlich
werden. — Schreiben Sie doch lieber eine Broschüre von — sagen wir
sechs Bogen. Tun Sie es ohne jeden literarischen Ehrgeiz; sagen Sie in
einem kurzen Vorwort, Sie hätten nicht die Prätention, einen
selbständigen Beitrag zur Wagnerliteratur zu liefern, sondern Ihr
Wissen und zum guten Teil auch das Detail Ihrer Ausführungen
hätten
Sie den Schriften der Herren Glasenapp,
Nietzsche, Wolzogen,
Chamberlain
usw. entnommen; was aber habe Sie veranlaßt, sich an diese
Männer
um Belehrung zu wenden? Die Kunst Richard Wagners, Ihre Erlebnisse in
Bayreuth,
die innige Liebe und Verehrung, die Sie zu dem großen Manne
gefaßt
haben. Ein Herzensbedürfnis ist es Ihnen, Ihre Landsleute an
diesem
Schatze teilnehmen zu lassen — nicht wahr? Nun gut, lassen Sie Ihrem
Herzen
die Zügel; vertrauen Sie sich ihm ohne jegliches Bedenken an;
durch
das Vorwort haben Sie ja Ihr allzu zartes Gewissen beruhigt; nunmehr
soll
Vult von Steyern reden — und ich weiß, daß er gut reden
wird.
Machen Sie einen sehr mäßigen Gebrauch von den Schriften und
Briefen — wobei Ihnen Glasenapps
Lexikon und Enzyklopädie
vorzügliche
Dienste leisten werden —‚ aber wie gesagt, nur nicht zu viel zitieren,
in einem solchen Fall ist das nicht am Platze; reden Sie selber aus der
Fülle ihres Herzens und — glauben Sie mir nur, das wird zu den
Herzen
anderer gehen. Für Tatsachen, für die Art und Weise,
schwierige
Dinge mundgerecht zu machen, kurz, für das ganze materielle
Gerüst
haben Sie dann einige wenige Bücher auf dem Tische liegen — bei
meiner
Seele, ich glaube, Glasenapp und Chamberlain sind vollauf
genügend,
dazu etwa, wenn Ihnen etwas in einem Drama Schwierigkeiten macht, ein
Bändchen
Wolzogen — namentlich insofern ein skandinavisches Buch, bei noch so
knapper
Fassung, die nordischen Sagen nicht unerwähnt lassen dürfte.
(Nicht vergessen, daß auch Senta eine Norwegerin ist und den ganz
spezifischen skandinavischen Charakter besitzt — hellsehend wie
Swedenborg,
in sich gekehrt, heroisch — ein ganz eigenartiges Ineinanderverflechten
des physischen und des moralischen Charakters.) — Dies meine Meinung;
und
hier breche ich ab, da ich augenblicklich nur zu Pflichten noch Zeit
übrig
habe und meiner Frau das übrige überlassen muß.
Herzlich
der Ihre
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
„Richard
Wagner in Bayreuth.“
Geehrter und lieber Herr Haller
Entschuldigen Sie
eine verspätete und gewiß ungenügende Antwort. Ich
gehöre
nämlich immer mehr zu den vielgeplagten Menschen, und trotz
redlichen
Fleißes weiß ich nicht mehr, woher die Zeit nehmen.
Ihr Vorhaben kann
nicht anders als lebhaftes Interesse erregen — und dennoch (ich will's
gleich gestehen) hat es in meinem Kopfe einige jener Wagner so
verhaßten
„Dochs und Abers“ geweckt. Ich war indirekt an mehreren
Zeitschriftbegründungen
beteiligt und habe nie Freude, sondern immer das Gegenteil erlebt. Ohne
Kapital verschwindet jegliche Zeitschrift sofort von der
Bildfläche.
Oder aber sie kommt wie seinerzeit der tüchtige, begeisterte
Brendel
mit seiner „N. Z. für Musik“ in die Notlage, gewissen
geschäftlichen
Unternehmungen dienen zu müssen — und wie mißlich das ist,
selbst
wo der unterstützende Teil ein durchaus ehrlicher Kaufmann ist,
zeigt
jener Fall (siehe Bülows Briefe) und zahllose andere. Ich
könnte
Ihnen also nur zureden, wenn Sie schon einen Verleger sicher haben, der
sich außerdem verpflichtet hat, Ihre Aktionsfreiheit als
Schriftführer
nicht zu beeinträchtigen.
Dann glaube ich auch
nicht, daß bei einem künstlerischen Unternehmen ein
negatives
Programm — wie etwa Antisemitismus — eine ersprießliche Grundlage
abgeben kann. Das Prinzip muß ein positives, bejahendes sein,
welches
durch eigene Kraft das, „was ihm nicht angehört“, beiseite
schiebt.
Ich gestehe, daß eine deutsche Memme oder ein germanischer Esel
mir
viel weniger sympathisch ist als ein ernster und leistungsfähiger
Künstler jüdischer Abkunft — und gerade um in solchen
Fällen
(von denen wir umringt sind — ich verweise nur auf Lueger und Mahler)
das
tief Trennende und insofern für uns Bedenkliche nachzuweisen, und
zwar mit überzeugender Kraft nachzuweisen, dürfte man nicht
von
vornherein einen Parteistandpunkt als ausschlaggebend erwählt
haben,
der in Wirklichkeit die Linie nicht dort zieht, wo sie gezogen werden
müßte.
Es ist halt ein
schlimmes
Ding um die Kunstzeitschriften: denken Sie nur an den Mißerfolg
von
Schiller und von Goethe!
Dies sage ich Ihnen
ganz ehrlich, weil jede Verhüllung meiner Meinung ein Unrecht
wäre.
Daß ich zugleich Ihre Energie bewundere und mit dem, was Ihrem
Vorhaben
zugrunde liegt, vollkommen sympathisiere, versteht sich von selbst.
Was meine eventuelle
Mitarbeiterschaft anbelangt, so weiß ich nicht, inwiefern ich
mich
da verpflichten kann — ohne befürchten zu müssen, daß
ich
Sie dann im Stiche lasse. Zum Journalisten habe ich nicht die geringste
Befähigung — und doch meine ich, Ihre Zeitschrift müßte
vor allem sehr „aktuell“ sein und insofern doch „journalistisch“. Ich
sehe
ja, daß ich schon jetzt kaum dazu komme, versprochene kurze
Aufsätze
zu liefern — die umfassenden Studien und die enorme materielle Arbeit,
welche größere Werke mir heute auferlegen, lassen mich nur
ab
und zu, gewissermaßen sporadisch, zu kleineren Arbeiten kommen.
Eine
Redaktion kann deswegen auf mich nicht rechnen. Mag sein, daß ich
manchmal hintereinander mehreres liefere; gewiß treten aber dann
lange Pausen ein. Mehr könnte ich auch Ihnen nicht versprechen. —
In diesem Sommer verreise ich überhaupt auf längere Zeit, so
daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach erst spät im Jahre
1900
nach Wien zurückkehre.
Dies alles nur, damit
ich Sie nicht mit hohlen Versprechungen speise. Doch, wie gesagt, Ihre
Anregung interessiert mich lebhaft, und ich würde gern eine
Gelegenheit
ergreifen, mich mit Ihnen darüber mündlich zu unterhalten.
Stets Ihr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Gnädige Frau Gräfin
Heute erhielt ich
die „Revue des deux Mondes“ und die „Allgemeine Zeitung“ mit der Arbeit
Göbels. Ihre so sehr freundliche Aufmerksamkeit hat mich wirklich
gerührt; das „out of sight out of mind“ ist ein so
weitverbreitetes
Gesetz, daß man förmlich überrascht ist, wenn es einmal
nicht zutrifft; schon vier Personen — von denen zwei mir
gewissermaßen
verpflichtet waren — hatte ich um jene „Allgemeine Zeitung“ gebeten,
ohne
sie erhalten zu haben. Ich fürchte, Sie schaffen sich bei uns
Blümelgäßlern
einen so guten Ruf, daß wir anfangen werden, Ihre Güte zu
mißbrauchen
— schon jetzt schwirrt mir verschiedenes durch den Kopf, worum ich
einen
so trefflichen Korrespondenten bitten möchte — doch nein, ich will
Ihnen zeigen, daß auch ich ein Diplomat bin und werde Sie nicht
gleich
erschrecken!
Brunetiere lese ich
heute abend und schicke ihn dann gleich zurück; ich weiß
schon
ungefähr, was ich da zu erwarten habe; ein Mann, der so über
das Genie schreibt, wie er seinerzeit geschrieben hat (daß es
nämlich
gar keins gäbe), wird auch nicht viel Tiefes über Religion
mitzuteilen
haben. Dagegen darf ich wohl die „Allgemeine“ als mein Eigentum
betrachten,
nicht wahr? Dieses Dokument kommt zu anderen für ein Werk, das
schon
lange meine Gedanken beschäftigt, das ich aber vielleicht nie
schreiben
werde, jedenfalls nur, wenn Gott mir noch eine genügende Spanne
Lebens
schenkt, um bedeutend weiser zu werden als ich jetzt bin. Doch, bin
ich's
nicht, so wird's ein anderer sein; die neue Anschauung über die
Lebenswesen
wird sich Bahn brechen müssen — der Fortgang der Philosophie und
der
Wissenschaft erfordert es gebieterisch — kein einzelner ist da
unentbehrlich.
— Ein anderesmal mehr darüber, vielleicht interessiert es sogar
Ihren
Herrn Gemahl, da es ja Naturwissenschaftliches betrifft — allerdings
Philosophie
der Naturwissenschaft. Doch wie eng Philosophie und Wissenschaft
zusammenhängen,
sieht man täglich jetzt mehr ein; erst heute erhalte ich einen
Brief
von einem rühmlichst bekannten Professor der Hygiene, der seine
Überzeugung
ausspricht, Kant und Schopenhauer seien für die Naturwissenschaft
mindestens ebenso unentbehrlich wie Bunsen und Pasteur. Die
antiphilosophischen
Tage der Herren Virchow und Konsorten sind gründlich vorbei — Gott
Lob!
Heute schickte ich
das Manuskript zum Kapitel 7 „Religion“ nach München ab. Von
früh
bis abends hatte ich diese Tage in der Revision gesteckt und habe oft
lebhaft
an Sie denken müssen, verehrte Frau Gräfin, da so manches
Thema,
welches in unseren Gesprächen kaum gestreift wurde, manche Frage,
auf die ich sehr ungenügend, so aus dem Stegreif und ohne jeden
sicheren
Anknüpfungspunkt antworten konnte, hier gründliche
Erörterung
findet. Zwar ist das Ganze natürlich nur eine Skizze, ein
Umriß,
a
skeleton sketch (wie wir sagen), — doch kommt es bei diesen Dingen
darauf an, daß sie in einem bestimmten, umfassenden Zusammenhang
dargestellt und durchgenommen werden. Das ist hier geschehen — und ich
muß offen gestehen, daß ich von dieser Arbeit, die ich seit
dem Juni vorigen Jahres, wo ich sie beendete, nicht wieder gesehen
hatte,
hingerissen und — an gewissen Stellen — tief ergriffen war. Sie bildet
den Höhepunkt des Buches; hier handelt es sich wirklich um die
heiligsten
Güter — alles, was folgt, ist dann gewissermaßen nur
Ausführung
und Erläuterung. Bei Ihrem lebhaften künstlerischen Empfinden
werden Sie überhaupt längst erkannt haben, daß nicht
das
Detail einem Werk den Eindruck lebendiger Naturtreue und
unwiderstehlicher
Überzeugungskraft verleiht, sondern bestimmte Eigenschaften der
Formgebung,
der Perspektive usw. — denken Sie nur an Rembrandts Handzeichnungen!
Wer
möchte da noch ein Meissonier sein?
Doch, je crains
que je n'abuse. Wer weiß, ob Sie meine leidenschaftliche
Liebe
für das Briefschreiben — ich bitte, mich nicht
mißzuverstehen,
ich meine in diesem Falle für das Brief l e s e n — teilen? Nichts
ist herrlicher im Leben, als wenn zwei Menschen, die sich sofort als
„verschwisterte“
Seelen erkennen, doch so gut wie nichts voneinander wissen, nichts
„Staatsbürgerliches“,
„Stammbäumiges“, Chronistisches — wenn man sich also etwa wie zwei
Handzeichnungen Rembrandts gegenübersteht — die kühnen Linien
der Persönlichkeit nicht estompiert durch ein Wissen von tausend
Zufälligkeiten
aus der Reise durch das Jammertal. Daß Sie eine Botschafterin
sind
und ich ein Schriftsteller, das bildet bis jetzt ungefähr unser
ganzes
chronistisches Gepäck; und wenn für Sie das Botschaftersein
nicht
mehr zu bedeuten hat als für mich das Schriftstellersein, so ist
das
herzlich wenig. — Doch ist dieser paradiesische Zustand etwas weniger
ideal,
sobald nicht das lebendige und im selben Augenblick seine Seele
verhauchende
Wort, sondern das geschriebene daran kommt. Das geschriebene ist
aufdringlicher,
rücksichtsloser, — es merkt nicht die leichte Wolke, die am
Horizont
der Stirne sich bildet, es kann sich nicht anpassen durch den Wechsel
der
Rede und Gegenrede — außerdem weiß der Schreiber nicht, zu
wem allem er spricht... Und was ist ein Brief, wenn man ihn nicht genau
so schreibt, wie einem der Schnabel gewachsen ist? In unserer
halbmumifizierten
Gesellschaft, die einem auf die Hände (jene wunderbaren
Ausdrucksorgane!)
Glacéhandschuhe und auf das Gesicht die stereotype Maske
auflegt,
wäre der Brief berufen, unsere Rettung zu sein — freilich un
oiseau
en cage, der aber nach Herzenslust herumhüpfen und singen
kann.
— Das alles dient, Sie darauf vorzubereiten, daß mein Brief bald
zu Ende geht!
Doch mag ich ihn
nicht beenden, ohne vorher etwas gesagt zu haben, was ich auf dem
Herzen
habe zu sagen, ja, geradezu als eine Pflicht empfinde. Es bezieht sich
auf Bemerkungen von Ihnen, als ich mit meiner Frau bei Ihnen den Tee
nahm
und auch auf andere in der Galerie (im Rembrandtzimmer) gemachten —
oder
vielmehr sollte ich sagen, daß es sich auf den ganzen Untergrund
unserer verschiedenen Unterhaltungen bezieht und viel eher noch auf
ungesagt
Gebliebenes als auf das tatsächlich Ausgesprochene. Sie werden
sehen,
ich geriere mich gleich in meinem ersten Brief als Lehrer und Pedant,
doch
so sind wir Männer alle, ich will nicht besser scheinen als die
anderen;
außerdem betrachte ich Ihre Fragen über philosophische Dinge
implicite
als eine Ermächtigung „to lay down the law“. —
Mächtig
angezogen hat mich bei Ihnen der Anblick einer wirklich lebendigen, und
das heißt einer suchenden, nach Wahrheit dürstenden Seele.
In
einer derartigen Seelenverfassung liegt ja immer etwas von dem, was wir
Chemiker einen „Verbrennungsprozeß“ nennen würden, — der
Mensch
hat die Wahl: entweder versteinern oder verbrennen —
Ihr
Houston S. Chamberlain.
77
An
die Redaktion der „Jugend“
Sehr geehrte Redaktion
Einliegend die
Korrektur
zu Jung-Siegfried.
Wenngleich ich
augenblicklich
wirklich fast übermäßig beschäftigt bin,
würde
es mich doch reizen, etwas über Kaiser Wilhelm II. zu sagen — der
von Ihnen vorgeschriebene Umfang ist so gering, daß man
schließlich
dazu immer noch Zeit finden kann. Nur muß ich Ihnen gestehen,
daß
ich seit etwa drei Jahren — infolge der sehr ausgedehnten Studien, die
meine „Grundlagen“ benötigten — dem Gange der politischen
Ereignisse
fast gar keine Aufmerksamkeit habe schenken können. Somit
würde
ich in die Zwangslage kommen, ein wenig in den Wolken schweben zu
müssen
— und ich bezweifle, ob Ihr immer so „aktuelles“ Blatt sich mit einer
mehr
oder weniger „idealen“ Betrachtung über eine der Gegenwart
angehörige
Person begnügen würde?
Über die
Judenfrage
gäbe es freilich noch viel zu sagen. Ich bin kein eigentlicher
Antisemit;
ich habe merkwürdig viele Juden oder Halbjuden zu Freunden, denen
ich herzlich zugetan bin. Doch hasse ich die Redensart von der
„Menschheit“
und meine, die möglichst klare Erkenntnis der Eigenart und ihre
resolute
Verteidigung „envers et contre tous“ ist nicht allein ein
Recht,
sondern ein Gebot. Wir werden viel besser mit unseren jüdischen
Mitbürgern
auskommen, wenn eine reinliche — intellektuelle und moralische —
Scheidung
stattgefunden hat, als heute, wo alles durcheinanderschwirrt. Das
Dümmste,
was man tun kann, ist die Existenz der jüdischen „Frage“ zu
leugnen
— dann ist man reif für das „Suttnerasyl“.
Hochachtungsvoll ergeben
Houston S. Chamberlain.
78-80
An
Hans
von Wolzogen
Lieber Freund
Vielen Dank
für
Ihren Brief von gestern. Im ersten Augenblick war ich über Ihren
Vorschlag
ein wenig bestürzt, denn trage ich auch den Kopf hoch vor der
Welt,
so bin ich doch sicherlich nicht unbescheiden — und die „B.(ayreuther)
B.(lätter)“ gehören zum „Innerlichen“, so daß ich eine
gewisse Scheu empfand, als könnte ich dort über Gebühr
geschätzt
werden. Doch jetzt habe ich schon den Weg bis zur vollen
„Objektivität“
zurückgelegt, betrachte die Sache, als ob sie mich persönlich
nichts anginge, und sage mir, daß der „verantwortliche
Herausgeber“
wissen muß, was er zu tun hat. Auch darf die obgenannte Scheu Sie
nicht bezweifeln lassen, daß ich glücklich und stolz bin,
Ihre
Teilnahme zu verdienen.
Es haben sich eine
große Anzahl Leute mit meinem Buche befaßt; natürlich
kommt aber nur eine kleine Minderzahl für Bayreuth in Betracht.
Wenn
nun mehrere darüber in den „B. B.“ schreiben sollen, so meine ich,
wäre es gut, möglichst verschiedene Beurteilungen
zusammenzustellen
— das liegt im Interesse des Werkes und des Lesers. Das gestattet auch,
einem jeden vorzuschreiben, daß er sich kurz fassen solle und
einzig
das hervorheben dürfe, was ihm besonders aufgefallen ist —
gleichviel,
ob zustimmend oder abwehrend. Von dieser Rücksicht geleitet,
bringe
ich folgende Namen in Vorschlag, damit Sie die geeigneten wählen.
Die von Ihnen schon genannten — Sie selber, Wernicke, Thode, Golther —
lasse ich aus.
1. Max Koch hat an
verschiedenen Orten, namentlich in seiner Übersicht der Schiller-
und Goethe-Literatur des Jahres, lebhaftes Interesse für das Werk
bekundet.
2. Wilhelm Hertz
hat — nicht schriftlich, soviel ich weiß — doch mündlich zu
vielen Leuten mit auffallender Wärme von dem Buche gesprochen. Ein
paar Worte von ihm würden mich besonders freuen, wenn ich auch nie
wagen würde, ihn darum zu bitten.
3. Hermann Levi ist
einer der genauesten Kenner des Buches, und sein mit fast komischer
Aufrichtigkeit
geäußertes Entsetzen über das Judenkapitel hat ihn doch
nicht verhindert, alles Folgende mit eingehender Begeisterung zu
studieren.
Ich weiß, Sie sind schon bei der Nennung dieses Namens zur Decke
gesprungen — und doch wäre es ein sehr interessanter Akt der
Gerechtigkeit,
nachdem ein Germane das Kapitel über den Eintritt der Juden
geschrieben
hat, einen Juden dazu zu bringen, daß er zeige, was er dagegen
vorzubringen
habe.
4. Gustav
Schönaich
ist hier einer der eifrigsten Verbreiter des Buches und kann — wie Sie
wissen — den Mund nicht aufmachen, ohne etwas Geistreiches zu sagen.
5. Theodor
Antropp,
unser lieber Freund, würde mit weniger Geist, aber von Herzen
schreiben.
6. Höfler nenne
ich nur, um zu sagen, daß er — der fast nie zum Bücherlesen
kommt — ein lebhaftes Interesse für die Grundlagen an den Tag legt.
7. Christian
Ehrenfels,
mein lieber Duzfreund, hat die Spezialität, daß er mich
für
ziemlich unbegabt hält. Neulich schrieb er mir nun in hellster
Begeisterung
über das Kapitel
Völkerchaos, das ihn „dauernd bereichert habe“, und welches zu
schreiben er „mir nie zugetraut hätte“!! Ich meine, seine
Wertschätzung
müßte höchst originelle Momente enthalten.
8. Ein Herr Sippel,
Pfarrer zu Tann im Rhöngebirge, hat mir einen der schönsten
Briefe
geschrieben, die ich bekommen habe. Er dankt mir „für die
große
Bereicherung seines inneren Lebens“, spricht seine „begeisterte
Zustimmung“
aus und hält nur mit Rücksicht auf meine Zeit die „ernsten
Einwendungen“
zurück, die er gegen „einige Ausführungen“ vorzubringen
hätte.
Ich für meine Person würde besonders gern die Stimme eines
christlichen
Geistlichen vernehmen; Sie vielleicht auch.
9. Prof. Ferdinand
Hüppe, der bekannte Hygieniker und Anthropolog, wäre der
Gegenpol.
Er ist einer der ersten Verfechter des Buches, und wir sind seitdem
persönlich
befreundet, — gerade gestern abend aß er bei uns. Freilich,
Bayreuth
steht er persönlich fern — nur aber, weil sein Schicksal ihn nie
nahe
brachte; er ist aber ein Hauptvertreter der Deutschen in Prag, ein
kämpfender
Antisemit, ein Germane von Kopf bis Fuß — und: ein Neffe der
Gräfin
Wolkenstein.
10. Rudolf Louis
hat sich eingehend mit dem Buche beschäftigt.
11. Wilhelm Lacroix,
der junge Schullehrer aus Karlsruhe, der unter Golthers besonderer
Protektion
steht, hat mir Dithyramben geschrieben. Er beginnt seine Briefe:
„Vortrefflicher
Mensch!“ — Er meint, ich sei ihm in seinem Lehrerberuf besonders
nützlich
gewesen.
12. E. von Meyenburg
(Florenz, Lugarno, Acciajuoli 2 bis), ein Schüler Thodes, ist der
einzige unter den Jüngeren, der mir schon öfters und mit
eingehendem
Verständnis geschrieben hat. Als Stimme aus der Studentenschaft
wäre
er vielleicht nicht gering zu schätzen.
Bitte erschrecken
Sie über diese Liste nicht; ich fühlte mich verpflichtet, auf
Ihren freundlichen Vorschlag eingehend zu erwidern, und es lag mir
daran,
Ihnen durch mehr Namen eine freiere Auswahl zu geben. Wenn Sie vier von
den zwölf aussuchen und zwei zusagen, ist es gut.
Das Exemplar für
Wahrmund wird besorgt. Die erste Lieferung ist augenblicklich
vergriffen
und wird neu gedruckt.
Herzlich
grüßend,
Ihr getreuer
Houston S. Chamberlain.
80-83
An
I. G. Cottasche Buchhandlung, Nachfolger, Stuttgart
Sehr geehrte Herren
Auf Ihren Brief
vom
13. d. M. — für den ich ergebenst danke — habe ich nicht gleich
geantwortet,
weil meine „Anleitung“ zu einem Goetheregister in anderen Händen
war
und nicht sofort zu erhalten war. Jetzt aber soll Ihnen diese kleine
Arbeit
von München aus direkt zugeschickt werden.
Sie werden bemerken,
daß diese „Anleitung“ für ein Register bestimmt ist, welches
alle wichtigen Ausgaben umfassen sollte, nicht bloß eine einzige.
Doch ändert dies nichts in bezug auf die prinzipiellen Fragen.
Ich erlaube mir
folgende
Bemerkung zu machen, die Sie mir bitte nicht als Unbescheidenheit
auslegen
wollen, sondern einfach als Stimme aus dem großen gebildeten,
aber
ungelehrten Publikum. — Sie werden bei allen Gelehrten finden,
daß
sie fast einzig auf ein Namenregister Wert legen. Für ihre
Forschungen
— bei denen das Geschichtliche immer vorwiegt — ist das in der Tat
für
sie das Wichtigste. Mit Goethes Ideen ist ein Spezialist ohnehin
vertraut;
dagegen kann er unmöglich mit Sicherheit alle Stellen im Kopfe
tragen,
die auf Personen sich beziehen. Wir aber — wir großes Publikum —
befinden uns im entgegengesetzten Falle; wir kümmern uns
spottwenig
um Heinz und Kunz, und wollen wir zufällig einmal Aufklärung
über persönliche Beziehungen, so nehmen wir eine Biographie
zur
Hand oder ein Kommentar. Was wir aber brauchen, das ist ein wirklich
gutes
Sach- und Begriffsregister. Wir wollen wissen, was Goethe über die
und jene wichtige Frage gesagt hat, — oder aber wir lesen zur Erholung
ein Werk G.s — ich will mal sagen seinen Winckelmann — und sind sehr
betroffen
von einigen scheinbar sehr schroffen, einseitigen Meinungen — das Genie
liebt aber das Paradoxe, dies ist ein Lebensgesetz, welches daraus
entspringt,
daß ein genialer Mensch sich stets dem gegenwärtigen
Eindruck
ganz hingibt —‚ gut, wo finden wir aber in den dreißig
Bänden
einer Cottaschen Ausgabe diejenigen Stellen, die uns als Korrektiv zu
der
vorhin genannten dienen können, die uns dazu verhelfen werden,
Goethe
wirklich zu verstehen, nicht mißzuverstehen? Wie unschätzbar
ist es, bei Voltaire oder Rousseau einen bestimmten Begriffskomplex —
dank
der „Table analytique“ — ganz durchstudieren zu können!
Und
wie herrlich, sich dem Genusse einer Schrift ganz hingeben zu
können,
sicher, daß man am Schlusse oder in zukünftigen Jahren jede
Stelle, die einem Eindruck gemacht hat, mühelos wird wiederfinden
können! Ein solches Register wird die Kenntnis von Goethe und
namentlich
die Sicherheit der Kenntnis enorm steigern. Denn nicht einmal der
professionelle
Goethephilolog ist imstande, eine solche Welt wie Goethes im Kopfe zu
tragen
— und was soll erst der arme Laie, der schließlich doch auch
Mensch
ist, tun! Mit unschuldiger Schadenfreude habe ich das ganze vorige Jahr
zugesehen, wie kein einziger Goetheforscher Auskunft geben konnte, wo
das
Motto zu meinen Grundlagen steht. Ja, daß diese Worte
überhaupt
existieren, scheint nicht ein einziger gewußt zu haben.
Aus dieser
Erwägung
ergibt sich genau die Natur des Werkes, das uns fehlt, und welches zu
schaffen
daher verdienstlich sein wird. Was die Weimarer Ausgabe bis jetzt
gebracht
hat, beschränkt sich entweder auf bloße Namenregister oder
ist
ein gänzlich unzulänglicher, ungeschickter Versuch zu einem
Begriffs-
und Sachregister — wie ich das in Briefen, die Herr Dr.
Bettelheim
gesehen hat, an Beispielen dargetan habe.
Ich bitte, betrachten
Sie das Gesagte nicht als einen Angriff auf die so verdiente
Goethephilologie,
noch auf das unvergleichliche Monument — die Weimarer Ausgabe. Ich
wollte
Sie bloß darauf aufmerksam machen, daß wenn Sie, als
praktische
Männer, denen sowohl geschäftlich als moralisch die
Verbreitung
Goethes am Herzen liegt, ein derartiges Register herausgeben wollen, es
Ihnen nicht leicht fallen wird, den geeigneten Bearbeiter zu finden.
Ein
Mann, der Goethe nicht sehr gut kennt, nützt Ihnen nichts, und ein
Goetheforscher wird wahrscheinlich mehr Fühlung mit der
Wissenschaft
als mit den Bedürfnissen des Lebens haben. Außerdem ist das
Registermachen eine wahre Kunst. Durch ein Zuviel oder durch
Unübersichtlichkeit
wird ein Register unbrauchbar. Darum muß der verantwortliche
Herausgeber
von Ihnen sehr genaue Instruktionen erhalten und verpflichtet sein,
sich
danach zu richten. — In diesem Sinne und zu diesem Behufe war damals
meine
„Anleitung“ ausgearbeitet worden. Sie sollte als Instruktion —
gleichsam
— dienen.
Da Sie die Güte
haben, zu sagen, Sie legten Wert auf meine Gedanken über diese
Sache,
war ich so frei, obige Bemerkungen zu machen.
Ich darf Sie wohl
bitten, mir die Abschrift meiner Anleitung (die eigentlich, wie Sie aus
dem Stempel ersehen, Besitz der Firma Bruckmann in München ist)
später
zurückzuschicken.
Mit vorzüglicher
Hochachtung
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
83-85
An
Ernst von
Wolzogen
Verehrter Herr und Freund
Also ich sollte es
doch erleben! — eine Kritik nämlich, welche das hervorhebt, was
mir
die Hauptsache ist — die künstlerische Gestaltung. Recht und
unrecht
haben: welche Schattenvorstellungen! Ich weiß, ich rede ziemlich
dogmatisch, das, was wir „cutting“ nennen, — ich tue es aber
nur,
um die Langeweile zu vermeiden, — auch weil es das einzig Aufrichtige
ist;
außerdem braucht wohl kein Mensch — kein vernünftiger —
extra
zu erklären, er doziere nicht ex tripode? Doch kann ich
Sie
versichern, niemand ist weniger dogmatisch als ich. Mich dürstet
einzig
nach der Freiheit der Person; wer sie mir raubt, den hasse ich; im
übrigen
gilt es auch im Reiche der Ideen, die Welt des Wissens, der
Erkenntnisse,
ja selbst des abstrakten Denkens und der dunklen Ahnungen schön zu
gestalten, — und zwar wenn irgend möglich in der Art, daß
das
Schöne wiederum Schönes erzeuge.
Und da sind wir denn
schon beim Hauptpunkt. Sie meinen, meine Auffassung der Rasse sei
Wagnersches
Erbgut? Nun, ich bin der letzte, der die Einflüsse der Umgebung
leugnen
möchte — und gar einer solchen Umgebung. So etwas kann auch ganz
unbewußt
stattfinden. Also: concedo. Doch kann ich Sie versichern,
daß
diese Einflußreihe jedenfalls erst in zweiter Reihe kommt. Ich
habe
stets das größte Mißtrauen gegen phantastische
Wissenschaft
gehegt und habe Wagners Schriften (und Gobineaus usw.) erst zu einer
Zeit
kennengelernt, als ich seit etwa 15 Jahren eifrig Naturwissenschaft
trieb.
Ohne allen Zweifel gründet sich meine Auffassung — nicht
bloß
jetzt nachträglich als Stütze Wagnerscher Ideen, sondern von
vornherein — auf Darwin. Die Naturforscher, wie Sie wissen, betrachten
heute einmütig Darwins spezielle Theorie der Zuchtwahl als ganz
unzureichend.
— Darwin hat sich in dieser Beziehung als nicht sehr „tiefer“ Denker
bewährt;
das steht fest. Und Sie wissen aus meinem Buche, daß ich für
mein Teil sehr viel weitergehe und die ganze Hypothese der Evolution
nicht
für sehr tief halte — die Geschichte hört sich zwar ganz
hübsch
und plausibel an, aber gar zu menschlich, zugleich naiv —‚ mir sagt ein
Instinkt: hier stimmt der Menschengedanke nicht mit der Natur
überein.
Es wäre zwar sehr schön gewesen, es hat aber nicht sollen
sein.
— Doch das alles nur nebenbei, und damit Sie begreifen, welch ein
enormes
Gewicht ich auf des großen Darwins positives — nicht
hypothetisches
— Lebenswerk lege. Und dieses positive, rein empirische, nie mehr
wegzuleugnende
Werk ist der Beweis von der Bedeutung von Rasse im ganzen Bereich
lebender
Wesen. Das Hauptwerk führt den sehr paradoxen Titel „The
Origin
of Species“ — paradox, weil wir Menschen nicht imstande sind,
über
„Ursprünge“ etwas zu erfahren, und doppelt paradox, da Darwin in
Wirklichkeit
nicht den Ursprung der Arten zeigen will, sondern den Nachweis zu
führen
unternimmt, daß es gar keine Arten (in dem bestimmten,
wissenschaftlichen
Sinne des Wortes) überhaupt gibt. Dieser Titel malt den ganzen
Mann:
wir haben es nicht mit einem philosophischen oder auch nur konsequent
denkenden
Kopf zu tun. Der Untertitel dagegen zeigt uns das empirische Genie
(wenn
man so sagen darf), den unvergleichlichen Beobachter, den
phänomenalen
Tatsachensammler am Werke — das Genie des Details, das Genie des
sicheren
Blickes für kleinste, sonst ungesehene Dinge; der Untertitel
lautet:
„oder die Erhaltung bevorzugter Rassen“. Wenn Sie nun, verehrter
Freund,
die leidige Hypotheserei beiseite lassen, einschließlich aller
der
staatsanwältlichen Argumente, die aus Embryologie und
Paläontologie
geschöpft werden, und die man alle (glauben Sie mir nur, denn ich
habe viel darüber nachgedacht), die man alle ganz und gar anders
deuten
kann und sicherlich bald deuten wird, und wenn Sie nun Darwins gesamtes
Werk noch einmal auf das durchgehen, was er positiv gesehen, positiv
gesammelt,
positiv dargetan hat, so werden Sie sehen, daß das
Unumstößliche
an seinen Ergebnissen der Nachweis von der Bedeutung der Rasse ist. Das
gerade ist keine Sternguckerei, sondern die Entdeckung eines
Naturgesetzes,
eines ebenso unwiderlegbaren und für uns Menschen viel wichtigeren
Gesetzes als das der Gravitation. Denn welche Gründe könnten
Sie anführen, um das Menschengeschlecht auszunehmen? Das wäre
so unüberlegt unwissenschaftlich wie nur möglich.
In einigen Tagen
erscheint in der hiesigen „Wage“ (wenn sie es zu bringen wagt [soll
kein
Wortspiel sein]) ein kleiner Aufsatz über dieses Thema, den ich
Ihnen
gern schicken würde. Vielleicht sagen Sie mir auf einer Postkarte
Ihre Adresse?
Haben Sie meinen
Aufsatz in der „Allg.“ vor einem Jahre über „Richard Wagners
Philosophie“
gelesen? Ich will Sie sonst nicht mit Literatur aus meiner Feder
belästigen,
doch aus mehreren Gründen würde ich Wert darauf legen,
daß
gerade Sie ihn kennen. Ich habe noch ein Exemplar übrig.
Entschuldigen Sie
das lange Schreiben — es geschieht mir heutzutage sonst nie, da Zeit
und
Kraft fehlen (Sie wissen, daß unsere erste Auflage, 2500, schon
weg
ist). — Sie haben mich dazu angeregt; und hätte dieser Brief Sie
nun
wiederum angeregt, so würde ich fühlen, daß ich eine
Dankespflicht
erfüllt habe.
Houston S. Chamberlain.
85-86
An
Professor Leopold von Schröder
Hochgeehrter Herr
Durch die
persönliche
Übersendung Ihres Vortrags haben Sie mir eine sehr große
Freude
gemacht.
Sie waren's, der
mich — vor nun zwölf Jahren — durch Ihr vortreffliches Werk in
„Indiens
Literatur und Kultur“ einführte — nein, Barths „Religions de
l'Inde“
war vorangegangen, doch hatte dieses letztere Buch mein armes Gehirn in
einen Zustand atomistischer Konfusion aufgelöst, und Sie erst
brachten
Licht und Ordnung und klaren Überblick. Und durch Sie angeregt und
belehrt, schlossen sich dann nach und nach andere Studien an — vor
allem
die der Upanishads und der Vedantasutras. Doch fehlt mir leider zu
einem
gelehrten Befassen mit dieser Materie jede Grundlage; mich zog ein
Instinkt,
eine angeborene intellektuelle Affinität zu dem echten
altindischen
Denken hin, und als ich dann tiefer eindrang (soweit das uns Laien
durch
Deussen und Garbe möglich ist) und immer deutlicher erkannte,
welche
einzige, kostbare Arznei für die Bedürfnisse unserer Zeit
hier
vergraben liege, da wurde aus der persönlichen Liebhaberei eine
heiße
Herzenssache; der Unzulänglichkeit der Kenntnisse kam die Glut der
Überzeugung zur Hilfe, und, wo es nur möglich war, versuchte
ich dieser heiligen Sache zu dienen. Manchem mag es unbescheiden
geschienen
sein, doch wurde ich von keinem geringeren als Deussen dazu ermutigt;
ja,
er wollte, ich sollte ein Buch über altindisches Denken schreiben!
— wozu ich mich aber doch nicht entschließen konnte. Nur als ein
Franktireur will ich dienen, und stets die Menschen auf unsere wahren
Lehrer
über Indien verweisen, unter denen Sie einen so hervorragenden
Platz
einnehmen.
In diesem Sinne
grüßt
Sie hochachtungsvollst und dankbarst
Houston S. Chamberlain.
Mein lieber teurer Freund und Bruder
Das waren freilich
recht betrübende Nachrichten, denn wenn es auch einem echten
Wagnerianer
nicht schlecht steht, Wagners Leibkrankheit zu haben, so hätte ich
doch herzlich gewünscht, daß Du Deinen Enthusiasmus etwas
gezügelt
hättest. Doch — Spaß beiseite — die Rose ist une maladie
de santé, ich glaube, sie ist es, die Wagner bis in das
siebzigste
Jahr am Leben erhalten hat. Sie bedeutet eine kräftige innere
Revolution
gegen ein Übel, das sich gern in den verborgenen Tiefen festsetzen
möchte. — Gräfin Wolkenstein würde wieder sagen, ich sei
ein unverbesserlicher Optimist, — das ist auch wahr. Aber ich frage:
als
Wagner anfangs der fünfziger Jahre zwölf Anfälle der
Rose
kurz nacheinander hatte — wer hätte recht gehabt, der Pessimist,
der
darin das Symptom eines gänzlich zerrütteten Organismus
gesehen
hätte, oder der Optimist, der gesagt hätte: Bravo, Freund,
nur
heraus mit dem ganzen Giftzeug! Du mußt noch während
dreißig
Jahre Herrliches schaffen, — die kräftige Reaktion deutet auf die
ungeschwächte Lebenskraft. Hier steht Leib und Seele im Kampfe.
Ich
betrachte die Rose als eine erste gewonnene Schlacht für die
Seele,
die jenem Halunken eine tüchtige Schlappe versetzt hat.
Also, Kondolation
und zugleich Gratulation!
Bei mir steht's
schlimmer,
denn ich leide an einer Krankheit, die kein Doktor kurieren kann — an
Anämie
des Geldbeutels. Zu alledem, was Du schon weißt, ist noch Neues
hinzugekommen
— Zinsenverminderungen wegen des Krieges, die plötzliche
Einstellung
einer kleinen Rente von zweitausend Gulden, die ich seit Jahren
genoß,
aus demselben Grunde usw., und um alles auf die Spitze zu treiben, das
irrtümliche Hinaussenden nach Japan, an meinen ältesten
Bruder,
der Papiere, welche mein sonstiges festes Einkommen in England
betreffen
— in einer solchen Lage war ich überhaupt noch nie in meinem
Leben;
dabei laufende Ausgaben, die doch nicht plötzlich eingestellt
werden
können, und — meine Frau in Meran. Zum Glück ist es mir
gelungen,
ihr manches vollständig zu verheimlichen, so daß sie sich
zwar
wunderte, warum ich nicht Frau Wagners Einladung nach Bayreuth folgte,
doch nicht darauf kam, daß ich eben keinen Kreuzer im Hause
hatte.
Doch — lieber Bruder — wenn es auch für mich ein neues Gefühl
ist, meinen Schneider und meinen Buchhändler nicht bezahlen zu
können
und meine Steuern vorige Woche erst am Tage der Exekution zu
begleichen,
so mußt Du nicht glauben, daß solche unverdiente Misere mir
den Humor verdorben hat. Du siehst ja, daß dem nicht so ist. Nur
habe ich auf Geldarbeit sehen müssen, und mein Goethe ist ganz und
gar liegen geblieben, — und ich habe viel bis in die späte Nacht
hinein
geschrieben, und das hat mit der Zeit meine Augen sehr angegriffen. Und
nun hoffe ich, daß sich nach und nach das Gleichgewicht
herstellen
wird, wenn ich auch immer noch nicht genau weiß, wie und wann das
wird sein können... Den Rassenaufsatz bekamst Du (37 Gulden!!),
einiges
andere wirst Du noch kriegen. — Und, wie es halt geht, und weil wir
Menschen
aus Gegensätzen aufgezimmert sind, habe ich diese Zeit über
nicht
allein einiges Lyrisches geschrieben, wovon ich hoffe, daß es
schön
ist, sondern auch andere Sachen entworfen — namentlich ein Werk —‚ dank
welchem, wenn auch die vollständige Ausführung nie erfolgen
sollte,
gerade dieser Winter einer der schönsten für mich
persönlich
gewesen sein wird. —
Und so reiht sich
ein Tag an den andern, und in meiner Einsamkeit, die fast niemals
unterbrochen
wird durch einen Besuch oder durch eine Einladung ins Theater, fliegen
in gleichmäßiger Emsigkeit die Wochen dahin. Freilich ich
habe
nichts dafür aufzuweisen, wie in jenen ruhigeren Jahren der
„Grundlagen“,
doch hoffe ich, daß diese schwere Zeit für mein Leben und
meinen
Charakter nicht verloren sein wird.
Von meiner Frau hatte
ich seit einiger Zeit schon recht befriedigende, wenn auch nicht
glänzende
Nachrichten erhalten, als die Arme jetzt eine schlimme Influenza mit
Bronchialkatarrh
bekam, was sie recht heruntergebracht hat. Sonst fühlt sie sich
wohl
genug dort. Sie ist ja umringt von Bekannten — die beiden Ihnen
bekannten
Fräulein von Schleinitz in erster Reihe, die ganz in der Nähe
leben und rührend gut zu ihr sind. Der kleine Hund ist auch mit.
Hoffen
wir alles Beste. Moralisch hat es ihr jedenfalls sehr gut getan — denn
der Anblick meines Arbeitens hatte, wie Du weißt, sie in eine Art
Fieberzustand versetzt; zugleich konnte sie sich nie daran
gewöhnen,
mich jetzt weniger und vielfach in Gedanken abwesend zu sehen — diese
Zeit
allein hat entschieden klärend gewirkt, ich merke es an ihren
Briefen,
und sie begreift jetzt, daß ein Mann in meiner Lage nicht
für
sich und nicht für die Seinen da ist, sondern um zu dienen. Und so
ist denn diese Trennung, die für mich in einem Augenblick so
schwerer
materieller Sorgen ein wahrer Segen ist, für sie gewiß ein
Vorbote
neuer, besserer Zeiten.
Gräfin
Coudenhove
war einmal bei mir zu Abend mit ihrer Gesellschaftsdame, Fräulein
Mayr — das war noch im Januar; sie hat sich für Anfang
nächster
Woche wieder angezeigt. Sie schrieb mir, sie sei fast täglich
eingeladen
gewesen. In Wien amüsiert man sich fest!
Doch nun schnell
für heute Ade! Das waren gestohlene Minuten. Über die
„Grundlagen“
regnet es fortwährend schöne Briefe aus allen
Himmelsgegenden.
Da Du Dich für Kritiken interessierst, schickte ich Dir das
„Echo“.
Wenn Du es schon hast, bitte zurück.
Houston S. Chamberlain.
Hochgeehrter Herr
Haben Sie besten
Dank
für Ihre freundlichen Zeilen vom 28. März. Einen elektrischen
Schlag gab mir die Unterschrift „Ed. Pötzl“. Was? — fragte ich
mich
— der echte, der unvergleichliche Pötzl, mein Seelenarzt seit
manchem
Jahre? Und es wird mir versichert, ja, Sie seien es. In dem Falle
muß
ich aber um die Erlaubnis bitten, soweit das per Schreibmaschine geht,
Ihnen voll herzlicher Dankbarkeit die Hand zu drücken. Wenn ich
Sie
auf Seite 337 der „Grundlagen“
verweise, zehnte Zeile der Anmerkung, so
werden Sie schon Bescheid wissen. Sterne ¹ schläft immer
neben
meinem Bette, manchmal auch unter dem Kissen, Lichtenberg auch, Swift
manchmal,
von Labiche besitze ich eine der vollständigsten Sammlungen von
Europa,
und der unvergleichliche Willy schickt mir jeden Band, den er schreibt,
per Expreß zu, denn — sagt er — „vous êtes un des rares
hommes qui savent encore rire“. — Dies alles nur, damit Sie sehen,
daß Sie bei mir in guter Gesellschaft sich bewegen, und daß
ich selber die „Humoristen“ nicht früh zum Kaffee — wie die
blöden
Philister —‚ sondern in der heiligen Nacht, zugleich mit den
Upanishaden
und Mystikern, als eine der ganz exquisiten Früchte des Lebens
genieße.
Ich soll Feuilletons
für eine Zeitung schreiben? Nun, an und für sich hätte
ich
nichts dagegen. Es hat mir in letzter Zeit Spaß gemacht, kleinere
Arbeiten für Hardens „Zukunft“, für die „Münchener
Jugend“
usw. zu liefern, und hin und wieder juckt's mich, das kritische Amt,
das
ich seinerzeit gegen Präger ² mit Erfolg ausübte, wieder
aufzunehmen (siehe auch die letzte Nummer der „Wiener Rundschau“). Nur
will ich Ihnen gestehen — aber nur Ihnen, Sie dürfen's nicht
weiter
erzählen —‚ daß ich kein Zeitungsleser bin; der gute Wille
nützt
nichts, ich kann einfach nicht; c'est plus fort que moi. Aus
alter
Tradition schaue ich alle Tage — mit Ausnahmen — den „Temps“ an, worin
auch manchmal literarisch interessante Sachen zu finden sind; doch die
„Neue Freie Presse“ finde ich unendlich viel langweiliger als — ja,
selbst
als Hegels Philosophie der Geschichte. Und die Folge ist, daß ich
nicht weiß, was ein zeitungslesendes Publikum verlangt.
Wahrscheinlich
das Gegenteil von dem, was ich zu geben vermag. Ich bitte, dieses
Bekenntnis
nicht als Unhöflichkeit zu deuten, vielmehr als eine unter dem „confessionis
sigillum“ abgegebene Beichte. — Doch, wie gesagt, ich bin gern
bereit,
es zu versuchen, wenn Sie als erfahrener Mann mir zureden zu
können
glauben.
Hierzu wäre
wohl eine gelegentliche persönliche Begegnung ersprießlich.
Ich bin auch gern bereit, wenn es für Sie bequemer ist, Sie in
Ihrem
Bureau aufzusuchen, erlaube mir aber die Bemerkung, daß mir
unendlich
viel an meinem Inkognito in Wien liegt; verlöre ich es, so
würde
ich einpacken; ich kann nicht das geringste Maß von
Notorietät
vertragen. Darum will ich keinen einzigen Menschen mehr kennen lernen,
als gerade unentbehrlich ist.
Es würde mich
herzlich freuen, wenn Sie meine „Grundlagen“ für sich
persönlich,
zum Vergnügen (Sie sehen, wie unbescheiden ich bin) lesen
würden.
Die Sorge um „Kritik“ stört, namentlich bei einem solchen Werke. —
Wollen Sie meinen „schwachen Punkt“ in bezug auf Besprechungen wissen?
Jede Kritik, auch die heftigste Polemik, wie ich sie z. B. von Prof.
Joell
erfuhr, macht mir nur Freude; was mich verletzt, ist, wenn ein Mensch —
wie z. B. Ziegler — stumpfsinnig achtlos an den literarischen
Eigenschaften
des Buches vorbeigeht, als ob Anlage, Stil usw. nichts wären. Das
ist bitter und entmutigend.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Vgl. hierzu „Lebenswege
meines Denkens“, Brief V, S. 385 ff.
²
Richard Wagner an Ferdinand
Praeger. Berlin 1908, wo auch jene
früheren
Veröffentlichungen aus den Jahren 1893 und 1894 wieder abgedruckt
sind.
Sehr geehrter Herr Graf
Wollte man auf
jede
Antwort antworten, so käme etwas Ähnliches heraus wie Punchs
berühmte Anekdote: „I'm so glad, you're glad, I'm glad, you're
glad, I'm glad — ad inf.“ Doch läßt es mir keine Ruhe,
Ihnen
zu sagen, wie sehr es mich beglückt hat, mein kleines
Zigeunerlied ¹
von Ihnen — und auch von einigen anderen echten Ungarn herzlich
bewundert
zu sehen. Es gibt Dinge, von denen man auf prosaischem Wege nicht gut
reden
kann — es hört sich unnatürlich an, und dazu gehört
meine
glühende Liebe für Ungarn. Vermittelt ward sie mir durch
diese
Weisen, welche von einer Liebe zur Heimat unmittelbar zeugen, wie gar
nichts
anderes auf der Welt, — außerdem auch durch einige magyarische
Frauen
und Mädchen, die auf mich einen ähnlich berauschenden
Eindruck
machten, wie die Musik ihres Vaterlandes...
Gesehen habe ich
von Ungarn sehr, sehr wenig. Das eine Mal reiste ich über Pest und
die Donau hinunter bis zur Mündung der Drau (von wo aus ich nach
Esseg
und Bosnien abzweigte), das Inundationsgebiet war überschwemmt,
das
Ganze glitt wie ein Traumbild an dem Schiff vorbei —
unvergeßlich,
doch fern und unberührt. Das andere Mal durchraste ich im
Schnellzug
Ungarn, schwerkrank, ganz unempfänglich, um in Herkulesbad eine
Heilung
zu suchen, die ich dort nicht fand (von rheumatischen Gelenkschmerzen),
— erwachte dort in einem gräßlichen Publikum von
Rumänen,
Serben, Türken, Pester Juden und lebte in permanentem
Kriegszustand
mit der frechsten, impertinentesten, rüpelhaftesten Badedirektion,
die ich je zu erblicken die Ehre hatte, die vierzig Räuber des
Ali-Baba,
aber ohne deren guten Manieren. Und — ich gestehe es mit einiger Scham
— diese ganze Direktion war deutsch — aus Temesvar, wenn ich mich recht
erinnere — und brüstete sich damit, daß sie kein Magyarisch
verstande. Krank, verstimmt und ausgerupft kehrte ich per Nachtzug nach
Wien zurück und eilte — sobald sich einige Fünfguldenscheine
wieder angesammelt hatten — zu meinem guten alten Lakatosch Ferri in
irgendeinem
inavouablen Wiener Nachtlokal und ließ mir die Liebe zu Ungarn
von
neuem angeigen.
Sollte es mir
wirklich
einmal vergönnt sein, das echte Ungarn zu „erleben“? Ich kann's
eigentlich
kaum glauben und frage mich, ob ich nicht ein Stück von mir dort
zurücklassen
würde. — Doch hat Ihre so sehr gütige Aufforderung, Sie dort
zu besuchen, mir eine so große Freude gemacht, daß Sie es
sich
schwer vorstellen können. Ich danke Ihnen von Herzen.
Herr von
Schröder
hat mir sehr interessante Mitteilungen gemacht: die Österreicher
wollen
richtig nichts wissen von einer Expedition nach Zentralasien, dagegen
ist
die Konjunktur in Ungarn eine sehr hoffnungsvolle — sowohl weil die
Akademie
dort über viel Geld verfügt, als auch weil ein ungarischer
Gelehrter,
dem Schröder eine große Zukunft prophezeit, augenblicklich
als
Beamter der englischen Regierung in Turkestan an Forschungen teilnimmt.
Dieser junge Gelehrte hat nun den einen Wunsch, in Pest eine Professur
zu erhalten; sobald das geschieht, so braucht es nur noch einigen
Anstoß
von einflußreichen Personen, und alle Bedingungen wären
gegeben,
um eine glänzende Expedition zu organisieren. Daß diese
unerwartete
Resultate in bezug auf die Hunnen und Magyaren gibt, davon ist
Schröder
überzeugt.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Veröffentlicht im Budapester Tagblatt vom 8. April 1900.
93-95
An
Professor Christian Ehrenfels
Lieber Freund
Habe herzlichen
Dank
für die Mitteilung Deines Vortrages. Ich las ihn gestern abend
vor,
und wir fanden ihn sehr lebendig, belehrend und anregend. Mein Freund
Leopold
von Schröder hat vor kurzem fast dasselbe Thema (doch mit nur
gelegentlicher
Nennung Wagners) behandelt, — die „Zeit“ brachte seine Arbeit
verstümmelt,
die Wissenschaftliche Beilage der „Allgemeinen“ wird sie demnächst
ungekürzt bringen.
Der Widerspruch,
der sich hier und da in mir regte, war nur jener milden Art, die
eigentlich
mehr die Form als den Inhalt trifft, und der als Würze zum
Genuß
beiträgt. — Nur in einem Bezug glaube ich Dich ganz im Irrtum, und
das ist dort, wo Du die Lehre Christi als lediglich aus der Erwartung
des
nahen Weltunterganges entstanden behauptest. Das ist nachweislich
falsch.
Wohl hat im ältesten Christentum — im Anschluß an damals
weitverbreitete
Meinungen, die durchaus kein Eigentum und daher auch keine
Eigentümlichkeit
christlichen Denkens sind — vielfach die Vorstellung des Weltendes die
religiöse Anschauung gefärbt; doch für Christus selber
kann
die Sache nicht die Wichtigkeit besessen haben, die Du ihr zuschreibst,
wie sich schon aus der rein statistischen Erwähnung ergibt,
daß,
wenn man alle Aussprüche zusammenzählt, welche die Evangelien
Christo in den Mund legen, nicht mehr als 1½ Prozent auf den
Weltuntergang
hinweisen. Das wäre nun unerklärlich, wenn die Lehre Christi
auf der Erwartung des Weltunterganges aufgebaut wäre. Selbst die
sogenannte
Parusierede (die Matth. 24, Markus 13 und Lukas 21 steht) enthält
die Versicherung: „Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand,
auch die Engel nicht im Himmel, auch der Sohn nicht — — —.“ Und
daß
diese angebliche Rede nicht so gehalten worden ist, kann mit aller
Bestimmtheit
gezeigt werden, ist sie doch fast in Gänze aus Zitaten aus dem
Alten
Testament zusammengeschweißt. Niemand, der für den
unnachahmlichen
T o n der Stimme Christi das Ohr geschärft hat, wird
verkennen,
daß er hier n i c h t spricht; die
eingehenden
Arbeiten der Textkritiker haben ein übriges getan. — Ganz
entscheidend
ist aber hier die sicher echte — weil nirgendwo sonst auch nur
angedeutet
zu findende Behauptung: „Das Himmelreich kommt n i c h
t
mit äußerlichen Geberden; man w i r
d
auch nicht sagen: Siehe, hier ist es, oder da ist es; denn sehet, das
Himmelreich
i s t i n w e n d i g i n e u c h.“
— Während die Erwartung eines nahen Endes damals allverbreitet
war,
also von jedem dummen Apostel hineingeflickt werden konnte, —
hören
wir hier Worte, welche besagter Apostel nicht erfinden oder woanders
her
beitragen konnte. (Und nota bene ist das die Antwort Christi
auf
die direkte Frage: Wann wird die Welt untergehen und das Gottesreich
kommen?)
Ich wundere mich, daß ein so feiner Psycholog wie Du für
derartiges
kein Gefühl hat; ich glaube, in der Reaktion gegen
eingetrichterten
Aberglauben hat Dich die Heftigkeit Deines Charakters ins andere Extrem
geworfen, — und Du verschließest Dich gegen Einsichten, die Dir
sofort
einleuchten würden, wenn Du unbefangen an die Sache
heranträtest.
Sonst wäre ja doch eine so e n o r m e
Mißdeutung
des Wortes von den Lilien auf dem Felde unmöglich. „Es ist genug,
daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe“, ist doch wahrlich
ein Gedankengang, den selbst die ärgste Sophistik nicht so sollte
drehen können, wie es Dir gelungen ist. Hier liegt wirklich ein
abgründliches
Nichtverstehen der Persönlichkeit Christi vor.
Doch ich komme ins
Schwatzen, und diese Bemerkung mache ich nur, weil ich weiß,
daß
Du die Diskussion liebst und dem „ewigen Ja-sagen“ nicht traust. Und im
übrigen habe ich bei Deinem Vortrag so beständig I-a gesagt,
daß, wenn diese zustimmende Gebärde nicht innerlich
geblieben
wäre, man leicht hätte vermuten können, ein Equus
asinus
habe sich in den Leuchtturm ¹ verirrt.
Sowohl die feine
Analyse als die starke Hervorhebung der Hauptsache: beides hat mich
entzückt.
Also, nochmals Dank!...
Ich bin wirklich
arg daran; denn Br. läßt wegen der 2. Auflage „R. Wagner“
nicht
locker, und so habe ich in diesem Augenblick v i e
r
Bücher zugleich zu besorgen: eins in 3. Auflage, eins in 2.
Auflage,
eins in 1. Auflage und eins im Manuskript! — Du wirst Dich also nicht
wundern,
wenn ich Dummheiten sage.
Euch beiden und Euren
Lieben alles Gute von Herzen.
Dein
Houston.
—————
¹
So nannte er seine hochgelegene Wiener Wohnung gerne.
95-98
Replik
auf Dr. Wittelshöfers Angriff in der „Münchener Allg.
Zeitung“
Houston Stewart Chamberlain.
—————
*
Sollte
Justizrat Wittelshöfer an Wellhausens Kenntnis des Alten
Testaments
zweifeln, so bitte ich ihn, in der nächstgelegenen
Universitätsstadt
Nachfrage zu halten.
Sehr geehrter Herr!
Sie stellen
Fragen,
die um so schwerer zu beantworten sind, als sich über solche Dinge
keine allgemeinen Regeln aufstellen lassen und das meiste von der
individuellen
Anlage eines jeden und außerdem von den Umständen, in denen
er lebt und dem Leben entgegengeht, abhängt.
Ich meinerseits
würde
zunächst behaupten: es gibt gar kein Buch, das „jeder Gebildete
gelesen
haben muß“. Gegen derartige Tyrannei empört sich mein
Empfinden.
Und kann es zwar nie etwas schaden, dieses und jenes zu wissen, so ist
es doch nie eine Schande, etwas nicht zu wissen. Darum würde ich's
mir — namentlich wenn ich wie Sie ein Fachstudium hatte, das schon
große
Ansprüche macht — ich würde mir's recht gemütlich
einrichten,
durchdrungen von dem Gefühl, daß jeder einzelne Augenblick
die
Ewigkeit umfaßt, daß jeder Augenblick potentiell alles
bietet,
was ein ganzes Leben bieten kann, und daß es darum viel mehr
darauf
ankommt, was ich bin, als was ich weiß. „La peste de l'homme,
c'est l'opinion de savoir“, sagt Montaigne. Und so würde ich
denn
mein Lesen (außerhalb des Spezialfaches) hauptsächlich nach
dem, was ich als ein Bedürfnis für mein eigenes Wesen
empfinde,
und nicht mit Rücksicht auf mein Verhältnis zur Welt
einrichten.
Hätte ich einen
Sohn, der im dritten Jahrgang Jurist wäre, ich würde ihn vor
allem anhalten, sich mit Naturwissenschaft zu beschäftigen; Gottes
Buch ist das lehrreichste und schönste aller Bücher; wer
weder
als Ackerbauer noch als gebildeter Beobachter und Schauer mit der Natur
in Berührung tritt, ist ein recht armselig abstraktes Wesen. Einen
gründlichen Gesamtüberblick kann sich heutzutage jeder Laie
unschwer
verschaffen; sodann (wenn die geringste Anlage vorhanden ist)
wähle
er sich für Mußetage und Mußestunden irgendeine
Spezialität.
Es wird den armen geplagten Kopf, die anschauungsbaren Augen ausruhen;
namentlich der Jurist findet in derlei Erholung von den widerlichen
menschlichen
Dingen.
Nun soll aber doch
gelesen werden. Mein Grundsatz ist stets gewesen — wie ich es in der Vorrede
zur 1. Auflage der „Grundlagen“ schon bekannte — nicht
möglichst
viel, sondern möglichst wenig zu lesen. Wenn man nicht jung
stirbt,
summiert sich's nach und nach. Die Hauptsache ist der unmittelbare
Verkehr
mit den großen Genies; das allein klärt wirklich auf und
gibt
Sicherheit im Urteil. Nicht auf ihre Meinungen kommt es an, sondern auf
ihre Persönlichkeit; durch sie wird man frei und das heißt
kultiviert.
Dagegen muß namentlich ein noch junger Mann sich wohl hüten,
die Vermittler einen zu bestimmenden Einfluß auf seine Auffassung
gewinnen zu lassen. Mich überrieselte es kalt, als ich hörte,
Sie hätten Schopenhauer weggelegt und Paulsen zur Hand genommen;
brrrrr!
Das war ein schlechter Tausch. Ich bin kein Schopenhauerianer — wenn
alles
„Anertum“ überhaupt einen Sinn hat — ich bin in entscheidenden
Fragen
ein Gegner Schopenhauers; doch sage ich sofort: nehmen Sie
Schopenhauer,
lesen Sie Schopenhauer, Sie werden ein anderer Mensch werden.
Schopenhauer
ist ein gewaltiger, klarer Geist, der auf höchsten Höhen
wandelt,
der alles Beste kennt, was Menschen gedacht und geschaffen haben, der
ein
prachtvolles Deutsch schreibt; er ist ein Befreier aus aller
Philisterei
und allem Professorentum. Wenn Sie mit Schopenhauer warten wollen, bis
Sie Kant gelesen, und mit Kant, bis Sie Descartes studiert, und so
weiter,
dann gelangen Sie in einen regressus in infinitum; wir sind
alle
vor lauter Geschichte verrückt geworden; jetzt wollen wir leben.
Und um zu leben,
ist ohne Frage der größte aller Lehrer Goethe. Jeder
Deutsche
sollte es sich zum Gesetz machen, alle Tage Goethe zu lesen — und
wäre
es auch nur eine einzige Seite. Lesen Sie seine Italienische
Reise,
seine
Campagne in Frankreich, seine literarischen Aufsätze, lesen Sie
seine
Annalen und Dichtung und
Wahrheit, lesen Sie seine Briefe an Zelter, an
Marianne usw. (am besten vielleicht zunächst die jetzt im
Erscheinen
begriffene Auswahl aus allen Briefen von Philipp Stein, Berlin, bei
Elsner),
lesen Sie seine Gespräche; lassen Sie es sich nicht
verdrießen,
in den naturwissenschaftlichen Bänden fleißig Umschau zu
halten.
— Goethes Naturauffassung ist jedem kultivierten Manne zugänglich
und fördernd. Leben Sie sich in die Gedichte, in die Sprüche
ein. — Erwählen Sie sich Goethe, und halten Sie fest daran, was
auch
sonst alles dazwischen kommen mag.
Überhaupt, wenn
Sie, ermüdet vom vielen Studieren, nach einem Buche greifen,
möchte
ich nicht Lehrbücher empfehlen, namentlich nicht philosophische,
sondern
Briefwechsel, Memoiren und dergleichen. Können Sie gut
französisch,
so sind Voltaire und Rousseau eine unerschöpfliche Quelle der
Unterhaltung,
zugleich die beste Schule für Geschmack und Stil und
Menschenkenntnis.
Sehr empfehle ich Ihnen auch den großen G. Chr. Lichtenberg,
dessen
Aphorismen soeben in neuer Ausgabe und Auswahl von Leitzmann erschienen
sind (Berlin, bei Behr). Die alten englischen Humoristen (vor allem Sternes
Tristram Shandy) erweitern Geist und Gemüt; in Herder zu
blättern,
gleicht einem schönen Spaziergang an dem Morgen des Tages, dessen
schwüler Mittag uns heute umgibt (wogegen Lessing wenig
fördert).
Richard Wagners Jugendschriften (Kunstwerk der Zukunft, Kunst und
Revolution)
sind ungemein anregend; Hebbels Briefe und Tagebücher in ganz
anderer
Weise ebenso. — Vor allem, seien Sie nicht pedantisch (die Pedanterie
hebt
man sich fürs Fach auf), und lassen Sie nicht Allzukluge Sie
stören,
— sondern irren Sie herum, bis Sie die Gegenstände und die Autoren
finden, die Ihnen wirklich zusagen — nur mit dem einen Vorbehalt:
hüten
Sie sich vor dem Gemeinen, das überall auf uns lauert. Das
übrige
macht sich von selbst; ein guter Tag gebiert den nächsten.
Mit besten
Empfehlungen
und Wünschen
Ihr ergebener
Houston S. Chamberlain.
P.S. Noch zwei
Ratschläge:
1. Wollen Sie sich
ernstlich mit Philosophie abgeben — was ich Ihnen nur dringend
wünschen
kann —‚ so lesen Sie zunächst Fr. Alb. Langes „Geschichte des
Materialismus“.
Dies ist die einzige wirklich vortreffliche Einleitung in die
Geschichte
europäischen Denkens, die es überhaupt gibt. Die Einleitung
Cohens
und seine Nachträge über neuere und neueste Philosophie
lassen
Sie ganz weg. Schon bei Lange selbst ist der 4. Abschnitt des 2. Buches
— seine Ethik und Soziologie — wenig wert. Halten Sie sich an die
Geschichte
bis einschließlich Kant.
2. Lesen Sie in
Schopenhauers
„Parerga und Paralipomena“ das Kapitel 24 des 2. Bandes „Über
Lesen
und Bücher“.
102-115
An Herrn J. F. Lehmann, Verleger, in München
Sehr geehrter Herr!
Ihr Brief vom 4.
Februar
trifft in einem Augenblick ein, wo meine Kräfte fast
übermäßig
in Anspruch genommen sind. Seit vier Jahren arbeite ich an einem Buche
über Immanuel Kant, das, wenn nichts dazwischen kommt, im Herbst
dieses
Jahres bei Bruckmann erscheinen soll; zwei Tage ehe Ihr Brief eintraf,
hatte ich das letzte und schwerste Kapitel zu schreiben begonnen. In
Anbetracht
dessen wollen Sie die Verzögerung meiner Antwort entschuldigen.
Diese
Verzögerung selbst wird Ihnen zeigen, daß Ihre Anregung mir
einen tiefen Eindruck gemacht und mich zu ernstestem Nachdenken
veranlaßt
hat. Alle sonstigen Verlagsangebote, die seit dem
buchhändlerischen
Erfolg meiner „Grundlagen“ zahlreich einliefen, habe ich bisher kurzweg
abgelehnt, denn ich habe, wenn mir Leben und Arbeitskraft bleiben, noch
manches vor und sehe mich nicht veranlaßt, meinem Freund und
Verleger
Hugo Bruckmann, der sich um mich verdient gemacht hat, untreu zu
werden.
Doch konnte ich nicht verkennen, daß Ihr Vorschlag aus tieferem
Bronnen
quillt; was Sie planen, ist von großer Bedeutung, und
d a ß Sie es planen, mußte mir verehrungsvolle
Sympathie für Sie einflößen. Ob ich der Mann bin, das
betreffende
Werk zu unternehmen, das ist allerdings eine Frage; eine Frage, die mit
großer Ruhe und Objektivität zu untersuchen sein wird. Ich
gestehe
Ihnen, ich habe nie daran gedacht, ein derartiges Werk zu verfassen;
meine
geheime Liebe ist, wie Sie vielleicht wissen, die Naturwissenschaft; in
ihr allein habe ich akademische Bildung genossen, und mit Mühe
halte
ich mich von ihr zurück im Interesse anderer Aufgaben, die sich
immer
wieder unverhofft aufdrängen, wie unabweisbare Pflichten, vom
Schicksal
mir auferlegt. So geschah es mit den „Grundlagen“, die ich nicht
geplant
hatte, die mich mitten in Arbeiten über die Bewegung des
Pflanzensaftes
überrumpelten, und an die ich mit begreiflichem Zagen heranging.
Genau
ebenso erging es mit dem Kant-Buch; über Nacht ließ ich
alles
stehen und liegen; von außen war das Gebot an mich ergangen, und
der innere Dämon forderte Gehorsam. Und dieser selben Stimme Klang
glaubte ich zu vernehmen, als Ich Ihren Brief las und wieder las. Aber
leicht werde ich mich nicht ergeben; es stört alle meine
Pläne;
ich möchte so gerne aus dieser fieberhaften Arbeit heraus, aus
diesem
Kämpfen und Gestalten. In letzter Zeit habe ich die
Beschäftigung
mit Spinnen wieder aufgenommen; mein Traum wäre, Semiten und Arier
und Römlinge und Protestanten und Bülowianer und Bebelisten
ganz
zu vergessen, um stille Tage in Betrachtung der ewigen Natur
zuzubringen.
Und nun soll ich gar in alle schlimmsten Wespennester der Welt greifen?
Religionsgeschichte! Welcher Mensch, der bei Sinnen ist, wird sich auf
so etwas einlassen? Ich tue es nur, wenn ich überzeugt werden
kann,
daß es meine Pflicht ist, sonst nicht. Und wie sollte es meine
Pflicht
sein? Ich bin doch kein Religionsforscher. In einer gewissen Beziehung
ist nichts schwerer, als über Religion zu sprechen; alle logischen
Subtilitäten, alle Herzensleidenschaften, jede abergläubische
Beschränktheit und jede politische Tücke ruft man gegen sich
auf; wenn Gott selber das Wort ergriffe, die Pfaffen aller Konfessionen
würden ihm haarscharf nachweisen, daß er nichts von Religion
verstehe. Und wie wäre denn gerade ich zu diesem Unternehmen
gerüstet,
ich schlichter Naturforscher und Philosoph? Wohl bin ich im Gemüte
tief religiös; wenigstens verstehe ich das Wort so, daß ich
mich religiös nenne. Ich gehöre aber keiner Kirche an. Schon
sehr jung, weigerte ich mich, mich konfirmieren zu lassen, und zwar aus
Religion; ich konnte doch nicht mein eigenes Innere mit einer
feierlichen
Lüge beflecken; und dabei blieb es. Nehmen Sie noch die
große
Beschränktheit meines Wissens hinzu, der ich mich nie speziell mit
Religion und Religionsgeschichte befaßt habe — so haben wir,
glaube
ich, schon ziemlich viele subjektive Gründe, die gegen mich
sprechen.
Doch lassen wir das Subjektive und gehen wir zum Objektiven über.
1. Zunächst
ist zu bemerken, daß ich jedenfalls bis in den Herbst hinein
vollauf
mit meinem „Kant“ und dessen Drucklegung beschäftigt bin. Und
sobald
das halbwegs erledigt ist, habe ich für eine Enzyklopädie den
Artikel „Rasse“ zu liefern. Dann aber wird es mit den Kräften
gewiß
aus sein. Ich vermute, daß ich nächsten Winter einige
Erholung
werde nehmen müssen. Zwar könnte ich wohl dabei manche
Lektüre
und manche vorbereitende Überlegung pflegen, doch vor
Frühjahr
1905 könnte ich an keine wirkliche Arbeit gehen. Und dann? Ja, das
läßt sich schwer berechnen; erst müßte die
Aufgabe
genauer ins Auge gefaßt und die Ausführung im Umfange
annähernd
bestimmt sein. Ich glaube aber, daß mir eine derartige Arbeit
1½
bis 3 Jahre kosten würde. Sie würden jedenfalls weit
schneller
ans Ziel mit fast jedem anderen möglichen Bearbeiter kommen. Und
daß
Ihnen hieran liegen muß, begreife ich.
2. Mehr ins Innere
führt mich ein zweites Bedenken. Mit dem Anfange Ihres Briefes
stimme
ich vollkommen überein; wie der bekannte André Bourrier auf
dem vorjährigen Kongreß in Amsterdam sagte: „On ne sort
pas
d'une orthodoxie pour entrer dans une autre.“ Der orthodoxe
kirchliche
Protestantismus besitzt gar keine Werbekraft. Erst vor drei Tagen
erhielt
ich aus Graz von einem durch und durch „protestantischen“ Katholiken
einen
Brief, in dem er sagt, der dortige Pfarrer fordere von ihm den Glauben
an die Umwandlung des Brotes und des Weines und weigere sich, ihn ohne
diese Erklärung aufzunehmen; und so verbleibe er denn lieber mit
seiner
Familie in der katholischen Kirche. Millionen ergeht es ähnlich.
Über
„die erzkatholischen Protestanten“ hat der alte Kant ein kräftiges
Wörtlein. Wer hier etwas leisten will, muß den Mut haben —
stark
in Christo —‚ eine völlige Umwandlung des Protestantismus zu
erstreben;
Halbheiten und Kompromisse nützen nichts, vielmehr erliegen sie
notwendig
der ungeheuren logischen Konsequenz Roms. Es handelt sich um eine neue
Reform, bei welcher, wenn auch ein Teil der Protestanten verloren
ginge,
viel mehr Katholiken — und der allerbesten — zu gewinnen wären,
als
die Menschen heute ahnen; dabei die wachsende Zahl der Schwebenden.
Insoferne
teile ich also gewiß Ihre Ansichten.
Bedenklich ist mir
aber Ihr Erwähnen von Boussets „Wesen der Religion“. Freilich ist
es oft ein Zufall, welches Buch gewisse Gedankenreihen weckt; es kann
vorkommen,
daß ein Buch einem mehr gibt, als es selbst enthält. Wenn
aber
Boussets Buch Ihnen als solches wirklich gefällt, wenn es Ihren
Wünschen
— in bezug auf Aufbau, Gedankenführung, Stil — entspricht, dann
bin
ich gewiß nicht Ihr Mann, nicht der, den Sie suchen. Die
Gesinnung,
ja die ist sicher gut; sonst aber mißfällt mir Boussets Buch
gründlich; ich finde so ziemlich alles daran schlecht. Im weiteren
Verlauf Ihres Briefes nennen Sie einmal Pfleiderer; das hat mir wieder
Vertrauen eingeflößt; Bousset ist für mein Empfinden
nicht
in einem Atemzug mit Pfleiderer zu nennen. Man sagt mir, Bousset sei in
seinem speziellsten Fache von Bedeutung; ich will es glauben;
Gelehrsamkeit
hat aber mit persönlicher Bedeutung wenig zu tun, und dieses eine
Buch genügt mir für alle Ewigkeiten zum Beweise, daß
hier
keine große Persönlichkeit vor uns steht. Die Architektonik
des Ganzen — eine verwässerte und um so schlechtere Hegelei — ist
erbärmlich; die Grundbegriffe sind entweder unbestimmt oder
falsch,
flau, oberflächlich bestimmt; die Definition von Mythos (Seite 77)
hätte ein Quartaner geben können; unter „Kultur“ scheint
Bousset
Zivilisation und Technik zu verstehen; die Auffassung von Religion als
Gegensatz zu Kultur, wo sie doch ihr wesentlicher Bestandteil ist,
verdirbt
alles unrettbar. Außerdem ist mit Ausnahme der zwei letzten
Kapitel
eine erstaunliche Unzulänglichkeit zu bemerken. Ich glaube, wenn
ein
Laie wie ich die Charakterisierung des Brahmanismus gegeben hätte,
die hier Seite 161 bis 164 steht, das Hohngelächter aller
Sachkenner
hätte ihn bis ins Grab verfolgt. Schon die Literaturangaben hinten
charakterisieren den Mann. In einer noch so kurzen Liste über
Indische
Religion Deussens Namen gar nicht und dagegen Oldenbergs alle drei
Zeilen
von neuem zu nennen, das sagt alles; denn es zeigt, daß das erste
Erfordernis fehlt: die Urteilsfähigkeit. Die Unterscheidung
zwischen
Gelehrten und Ungelehrten trifft ein Relatives, die Unterscheidung
zwischen
Urteilsfähigen und Urteilsunfähigen trifft das Wesen.
Verzeihen Sie, wenn
ich mich etwas hart ausspreche; vielleicht ist Professor Bousset ein
persönlicher
Freund; es täte mir
leid, wenn ich Sie kränkte, ich
muß aber deutlich und wahr reden, sonst können wir uns nicht
verständigen. Übrigens spreche ich nur zu Ihnen, ich bin
nicht
dazu berufen, öffentlich über Boussets Buch zu urteilen, und
hoffe, noch manche Belehrung aus seinen Fachwerken zu gewinnen.
Inzwischen
genügt vielleicht das Gesagte, damit Sie die Überzeugung
gewinnen,
daß Sie und ich doch nicht genügend harmonieren, um ein
solches
Werk gemeinsam zu unternehmen.
3. Jetzt aber will
ich zum Positiven übergehen; ich habe gezeigt, was ich nicht mag
und
nicht will, was ich nicht wollen kann. Jetzt will ich andeuten, wie
eine
solche Aufgabe nach meinem Dafürhalten aufzufassen wäre.
„Vergleichende
Religionsgeschichte“
könnte ein Buch nicht heißen, das mich zum Verfasser
hätte;
nur ein Fachgelehrter darf Geschichte (proprio sensu)
schreiben.
Ich dächte mir als Titel einfach „Religion“; vielleicht mit einem
erläuternden Untertitel. Gerade solche Dinge sind schwer zu finden
und wichtig; indem der Gedanke sich nach und nach läuten und den
Gegenstand
schärfer erfaßt, findet sich's schon.
Nun zum Inhalt.
Daß Religion
zur Sittenlehre in keinem Identitätsverhältnis steht, wird
heute
allgemein zugegeben; hier kann nur von gegenseitiger (allerdings
großer)
Beeinflussung die Rede sein. Nun käme es aber darauf an, zu
beachten,
daß Religion ebensowenig von Philosophie und Wissenschaft scharf
geschieden werden kann. Außerdem bildet sie als „Kirche“ (in sehr
wechselndem Grade) einen wichtigsten Bestandteil von Staat und Politik.
Wenn wir das nicht bedenken, sondern mit den meisten Theologen
ergebenst
Houston S. Chamberlain.
12. 2., 4 Uhr nachm.
P.S. Indem ich
meinen
Brief noch einmal durchlese, empfinde ich schmerzlich seine
Unzulänglichkeit.
Vieles Wichtigste, was ich zu sagen mir vorgenommen hatte, ist nicht
mit
einem Worte berührt. Ich muß nur hoffen, daß das Ganze
zu einer vorläufigen Klärung beitragen wird, indem auch
dieses
Abgerissene wohl genügen wird, Sie empfinden zu lassen, ob wir
beide
einen ähnlichen Kurs steuern oder nicht.
Jedenfalls
könnte
ich nicht definitiv zusagen, ohne vorher bei einigen befreundeten und
kompetenten
Gelehrten, auf deren Urteil ich mich verlassen kann, um Rat gefragt zu
haben, so vor allem bei Adolf Harnack, Paul Deussen und Leopold von
Schröder.
Übrigens ist
letzterer (der vortreffliche Sanskritist und Verfasser des Ihnen
wahrscheinlich
bekannten „Indiens Literatur und Kultur“) im Begriff, ein sehr
wichtiges
Buch zu vollenden über „Altarische Religion“. Der erste Band liegt
im Manuskript bei mir, da ich mit Leopold von Schröder intim
befreundet
bin und der allzu bescheidene Gelehrte das Buch eigentlich nur auf mein
Zureden beendet; immer wieder verliert er bei der Größe der
Aufgabe den Mut. Diese Mitteilung bitte ich als s t r e n g
v e r t r a u l i c h e zu behandeln; es wird eben wichtig
sein, daß der Bearbeiter des von Ihnen geplanten Werkes das
Schrödersche
kenne. — Ich hatte sogar daran gedacht, Ihnen Schröder für
Ihren
Zweck zu empfehlen; ich fürchte aber, er ist doch (bei aller
Freiheit)
zu gläubig kirchlich-protestantisch, — außerdem besitzt sein
Stil nicht die Kraft und den Glanz, die hier vonnöten wären.
Auch die Gelehrsamkeit würde ihn Schritt für Schritt hemmen.
Als Berater aber wäre er auch für Sie eine kostbare
Akquisition.
Sehr geehrter Herr!
Vielen Dank
für
Ihren freundlichen Brief von gestern; Dank auch dafür, daß
Sie
sich die Sache reiflich überlegen und mir dann ausführlich
schreiben
wollen.
Ich möchte nur
in aller Eile zur Verhütung von möglichen
Mißverständnissen
Sie bitten, den improvisierten Charakter meines Schreibens nicht aus
den
Augen zu lassen und nur das G a n z e, nicht
die
einzelnen Behauptungen, Ihrer gütigen kritischen Überlegung
zu
unterziehen. So z. B. wäre es durchaus ein Irrtum, wenn Sie
voraussetzen
würden, ich „glaube“ an die Dreieinigkeit in einem Sinne, der
irgendeine
nähere Beziehung zu den vertrackten Dogmen der christlichen
Kirchen
hat. Was mich aber in Boussets Buch irritiert hat, ist die öftere
Anführung des albernen Wortes über „hölzernes Eisen“ und
die Aufstellung, als ob solch ein Gedanke, wie der an einen dreieinigen
Gott, aus dem Hirnkasten einzelner verrückter Pfaffen entsprungen
wäre. Wir sehen ja bei den indoeuropäischen Völkern seit
den ältesten Zeiten und, soviel ich weiß, in allen Zweigen
dieser
Menschenart immer wieder den Gedanken an eine Dreiheit des
Göttlichen
und zugleich auch an die wesentliche Einheit dieses Dreifachen
auftauchen.
Dies ist namentlich von Andrew Lang gezeigt worden, und mein Freund
Leopold
von Schröder hat es noch viel ausführlicher in seinem noch
ungedruckten
Werke, von dem ich Ihnen neulich erzählte, nachgewiesen. Wir sehen
also, daß solche Dinge die Bedeutung wirklicher
Naturphänomene
besitzen — Phänomene des Geistes bloß, aber darum doch
wahrlich
nicht weniger interessant und nicht weniger reell. Es käme also
darauf
an, in allen solchen Dingen nach dem mythischen, unvergänglichen
Wert
zu suchen; wie ich in dem Kapitel
„Religion“ meiner „Grundlagen“ gezeigt habe, ist nichts
gefährlicher
für die Freiheit und den Reichtum und die Schöpferkraft des
Menschengeistes,
als wenn man seine Mythen restlos zu rationalisieren unternimmt. Das
ist
nun gerade, was die christliche Kirche im Laufe der Jahrhunderte getan
hat; und meinetwegen mag man diese völlig wertlosen, weil
sinnlosen
Formulierungen als „hölzernes Eisen“ bezeichnen; man muß
sich
aber darüber klar sein, daß damit einzig das Dogma und nicht
die Mythe getroffen ist; erst wer das einsieht, geht der Sache auf den
Grund und beweist, daß er das W e s e n
erfaßt
hat; davon finde ich bei Bousset keine Spur.
Wenn sonst noch
irgendeine
Stelle in meinem Briefe dunkel wäre, so will ich gerne
Aufklärung
geben, damit wir uns sicher genau über die Grundfragen
verständigen.
Bei der Behandlung
derartiger Probleme scheint mir vor allem nötig, daß man ein
sehr weites und tiefes Gefühl für die Bedürfnisse der
großen
Masse der Menschheit besitze. Es geht nicht an, die Sache von einem
rein
gelehrten Standpunkt aus anzufassen, ebensowenig aber aus dem
Standpunkt
eines persönlichen privaten Fürwahrhaltens. Es kann nicht ein
Mann seinen Glauben anderen aufzwingen; alle wahre Religion ist in
ihrem
tiefsten Wesen unendlich elastisch; Sie sehen das ja selbst in der
Geschichte
der römischen Kirche (vgl. „Grundlagen“); besonders
großartig
beobachten wir dasselbe Phänomen im arischen Indien der Glanzzeit,
wo alle philosophischen Systeme — vom Materialismus bis zum mystischen
Idealismus — innerhalb derselben Religion nebeneinander lebten. Wer
jetzt
helfen will, darf dies nie aus den Augen verlieren. Es ist ein Wahn zu
vermeinen, man könne als Erstes ein Glaubensbekenntnis feststellen
und würde daraus dann eine Religion entstehen sehen; umgekehrt
geht
es zu und ist es immer in der Weltgeschichte zugegangen: erst ist die
Religion
da, und dann bildet sich daraus das Bekenntnis, oder es bilden sich
mehrere
Bekenntnisse, den verschiedenen Bedürfnissen verschiedener Geister
angepaßt. Ich hoffe und glaube, Sie verstehen mich: nichts ist
wichtiger,
als daß man die Sache nicht beim falschen Ende anpacke. Und wenn
ich solche Dinge lese, wie z. B. die jetzige Diskussion zwischen
Naumann
und Mauernbrecher, so habe ich immer die Empfindung, daß alle
diese
Männer nicht weltgeschichtlich, nicht rein menschlich im
umfassendsten
Sinne des Wortes denken und fühlen; sie sind Atome, sie werden
selber
getrieben, sie sind nicht Schöpfer, sie besitzen nicht jene
große
Ruhe der Männer, für die Zeit nichts ist, weil sie begreifen,
daß große Wirkungen gleichsam außerhalb des Willens
den
Geburtsort ihrer Kraft haben.
Ihren Zartsinn
bezüglich
der Verlegerfrage weiß ich sehr zu Schätzen. Einstweilen ist
sie ja sekundär; einstweilen wirken Sie und ich zusammen für
die Ausarbeitung der Grundlagen des Werkes; die weitere Entscheidung
wird
natürlich in Ihren Händen liegen.
In warmer Sympathie
und Verehrung
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter und lieber Herr!
Schon so lange
will
ich Ihnen schreiben, konnte aber beim besten Willen nicht dazu kommen.
Inzwischen traf Ihr lieber Brief vom 28. Januar ein, für den ich
vielmals
danke. Das Buch von Weinel wird meine Frau Ihnen wohl schon
zurückgeschickt
haben; wenn nicht, werde ich veranlassen, daß sie es heute tut.
Ich
besaß es schon und habe es mit Interesse gelesen. Es ist auch bei
diesem Mann schade, daß er von den „Grundlagen“ spricht, ohne sie
gelesen zu haben. Ich kann mit mathematischer Bestimmtheit nachweisen,
daß er einzig das Kapitel „Die
Erscheinung Christi“ kennt; in das übrige hat er nicht einen
Blick
geworfen. Daher die — bei aller Anerkennung — so vollkommen schiefe
Auffassung.
So wirft er mir z. B. vor, wie Sie bemerkt haben werden, daß ich
gewisse wichtige Fragen nicht beantworte, und deutet dies wenig
generös
(aber echt pfaffenmäßig) auf ein absichtliches Ausweichen
und
Sich-nicht-kompromittieren-Wollen — ein Vorwurf, den man mir, wenn
irgend
jemandem, ersparen könnte; und dabei hätte er ja nur das
Kapitel
„Judentum“
und das Kapitel „Religion“
aufzuschlagen nötig gehabt, und er hätte ausführliche
Antworten
gefunden. Da der Mann mit Recht Ansehen genießt und viel gelesen
wird, hatte ich daran gedacht zu antworten; aber schließlich
lohnt
es sich doch nicht; ich bin dieser Dinge furchtbar
überdrüssig.
Den Artikel des Herrn
Oppenheimer kannte ich auch; ich finde ihn ohne Bedeutung.
Dagegen muß
ich Ihnen meinen warmen Dank für den Genuß aussprechen, den
der Bielschowsky ² mir gewährt hat. Den ersten Band kannte
ich
schon flüchtig von früher her; doch habe ich ihn jetzt
gründlich
durchstudiert und den zweiten Band, der mir pünktlich beim
Erscheinen
geliefert wurde, ebenfalls. Ich freue mich sehr über den Besitz
dieses
Werkes und freue mich, es aus Ihrer Hand empfangen zu haben.
Freilich ist B. noch
lange nicht dasjenige Buch, das ich über Goethe ersehne. Es steckt
doch in den fachmäßigen literarischen Traditionen der
Universitätsgermanistik;
die wahre Freiheit des Urteils fehlt; es fehlt auch die
Größe;
man wird nie überrascht; man vernimmt nie eines jener Worte, bei
denen
einem plötzlich ein ganz neues Verständnis aufgeht. Es ist
alles
das Gute, Alte, Überkommene. Aber der Ton des Werkes ist dennoch
sehr
wohltuend, und für mich hatte es namentlich etwas fast
Rührendes
zu sehen, wie der Mann, der so viele Jahre dieser Arbeit gewidmet hat,
selber nach und nach an ihr emporwächst und sich läutert. Der
klärende, adelnde Einfluß Goethes liegt hier sichtbarlich
vor
Augen. Schon im Stil ist das bemerkbar. Es ist ein eigenes Geschick
Goethes,
daß die besten Bücher über ihn von Juden geschrieben
werden.
Und in seinem ersten Bande passieren dem B. noch geradezu unglaubliche
Dinge, so daß ich vermute, er war noch nicht lange von Galizien
eingetroffen.
Haben Sie z. B. den Satz Seite 19 bemerkt, welcher beginnt: „Was war es
wunderbar, wenn etc.!“ Das ist doch eine Leistung, die man einer
Boshaftigkeit
des Kladderadatsch zuschreiben möchte. Aber die Sprache wird nach
und nach reiner und edler; da ich auf solche Dinge achte, habe ich eine
wahrhafte Freude daran gehabt. Jammerschade ist es, daß er vor
Vollendung
seines Werkes starb, denn wo der echte Germane Theobald Ziegler
für
ihn eingetreten ist, da ist die jämmerlichste Parodie daraus
geworden.
Ich geriet in helle Empörung. Erstens dieses ekelhafte
Professorendeutsch,
von dem ich so große Portionen in letzter Zeit habe verschlucken
müssen, daß es auf mich wie ein Brechmittel wirkt. Und dann
diese Frechheit und Geschmacklosigkeit, das Lebenswerk, das der
Idealist
B. seinem Abgotte Goethe gewidmet hat, durch diese dumme, völlig
verständnislose
Zerpflückung des „Faust“ zu verunzieren! Den Kerl möchte ich
prügeln. Und alles so dumm, so unwissend, so tief ignorant. Vor 40
Jahren konnte wohl ein Vischer derartige Albernheiten zum besten geben;
heute gottlob ist doch „Faust II.“ ein Besitz aller Gebildeten geworden.
Also nochmals Dank.
Daß Sie den
Ludwig Stein bewundern, habe ich schon aus früheren Briefen
entnommen;
ich störe so sehr ungern Bewunderung, denn ich finde, daß
man
damit nimmt, ohne zu geben, — doch wenn ich weiter schwiege, namentlich
da Sie mich direkt fragen, wäre es Unaufrichtigkeit; und ich
muß
Ihnen sagen, daß mir dieser Stein ganz besonders zuwider ist. Sie
fragen mich, dubitativ, ob er ein Jude ist; an und für sich
wäre
Ihnen das wohl ebenso gleichgültig wie mir, denn wir verdanken
beide
den vortrefflichen Autoren jüdischer Nation zu viel, als daß
diese Tatsache ein Werk entwerten könnte. Ich muß Ihnen aber
sagen, daß Stein ein Jude in des Wortes schlimmster Bedeutung
ist;
nämlich einer von denjenigen, die Wissenschaft und Philosophie von
dem Standpunkt der Getreidebörse aus behandeln. Ein ganz
unverfälschter
ungarischer Jude von Geburt, hat er niemals in deutschen oder
österreichischen
Ländern eine Anstellung erhalten können; dazu war er doch zu
nichtig; und so kam er denn nach der Schweiz, wo die Professoren so
jämmerlich
bezahlt sind, daß ein Philosoph nicht existieren kann, wenn er
nicht
von Hause aus Mittel besitzt. Stein ist nun von Hause aus reich und hat
eine vielfache Millionärin — auch eine ungarische Jüdin —
geheiratet,
so daß er auf die 6000 Franken Gehalt nicht zu sehen braucht. Er
besitzt die großartigste Villa in ganz Bern, oben in der
Nähe
des Schänzli, und betreibt von dort aus seinen Ruhm durch
Vermittlung
aller großen Blätter der Welt. Wie so etwas gemacht wird,
werden
Sie als praktischer Mann genau wissen. Ich habe aber noch nie einen
unabhängigen
Gelehrten getroffen — gleichviel ob Christ oder Jude —‚ der nicht mit
äußerster
Geringschätzung von dieser ganz künstlich gemachten
Berühmtheit
spräche. Sie sagen, sein letztes Buch zeige, „daß er
Chamberlain
nicht kenne“. Danken wir Gott und hoffen wir, daß er mich bis ans
Ende seiner Tage ignorieren wird. Daß er mich aber in
Wirklichkeit
sehr gut kennt, weiß ich genau; denn als ich im vorigen Jahre auf
der Grimmialp weilte, war er einer der Ersten, die
hinübertelephonierten
an die Direktion, ob ich wirklich da sei und wann man mich sehen und
sprechen
könnte; ich floh natürlich wie vor der Pest — namentlich da
noch
eine Reihe anderer Professoren sich anschließen wollten. Gottlob,
die Torrentalp ist für solche Herren nicht erreichbar.
Bölsche ist
ein außerordentlich geschickter und kenntnisreicher
Schriftsteller.
Ich lese ihn sehr gerne; doch immer mit Vorsicht, denn er ist doch ein
Phantast und steht stark unter dem bedenklichen Einfluß
Häckels.
Die Geschichte mit
der Akademie war gar zu dumm; diese Journalisten zeigen bisweilen eine
erstaunliche Unbildung. Eine Akademie kann wohl ein Werk krönen;
daß
aber eine Akademie ein Werk offiziell ablehnen sollte, ist geradezu
albern
erdacht; das wäre ja eine Konkurrenz gegen die Kongregation des
Index!
Ein Akademiemitglied besuchte mich gerade, als die Nachricht durch die
Zeitungen ging, und lachte halb erzürnt über die
Leichtgläubigkeit
der Blätter, die die Notiz einander nachdruckten.
Übrigens wenn
Sie ein vortreffliches Buch über Kant lesen wollen, so glaube ich,
Ihnen Simmels „Kantvorlesungen“ warm empfehlen zu können; S. ist
auch
ein Jude, aber gottlob anderer Art als Ludwig Stein; und ich habe mich
gewundert zu sehen, wie dieser fabelhaft gelehrte Mann so sehr einfach
werden konnte — was doppelt verdienstlich ist bei der Behandlung eines
derartigen Problems.
Ich bin jetzt
beschäftigt,
mein Kant-Kapitel zu schreiben; es rückt sehr langsam vor; doch
hoffe
ich, es soll gegen das übrige nicht zurückbleiben.
Mit vielen herzlichen
Grüßen von uns beiden
Ihr
Houston S. Chamberlain.
Ich lege Ihnen
einen
Aufruf des Professor Baihinger bei; er hat mich gebeten, ihn unter
meinen
Bekannten zu verbreiten. Ob diese Herren wirklich sehr viel für
die
Kenntnis Kants beitragen, kann ich nicht beurteilen; doch die Absicht
ist
eine gute, und derartige Unternehmungen ermöglichen es, daß
hier und da ein junger Gelehrter zu Worte kommt, der sonst schwer
durchdränge.
Insoferne kann man es wohl der Beachtung Wohlgesinnter empfehlen.
—————
¹
Vgl. Widmung der „Lebenswege
meines
Denkens“.
²
„Goethe.“
122-125
An Basil Hall Chamberlain
Mein lieber Basil!
Es ist Deine
eigene
Schuld, wenn ich Dir heute vermittelst Stenogramm und Druckmaschine
schreibe;
Du hörst ja nicht auf, mir dazu zuzureden. Freilich bedenkst Du
nicht,
daß für einen Mann in meinen Verhältnissen eine
derartige
Hilfe seine Mittel doch übersteigt, indem diejenigen Stenographen,
die wenig verlangen, nichts leisten können — ich weiß das
aus
der traurigen Erfahrung des vorigen Winters —‚ und die sehr
spärlich
gesäten anderen natürlich entsprechend gesucht sind. Doch es
sei denn!
Schon seit sehr lange
wollte ich auf Deinen lieben an meinem Geburtstage geschriebenen Brief
antworten; doch das Gefühl, daß ich Dir ziemlich viel zu
sagen
haben würde, hat mich immer davon abgehalten. Meine jetzige Arbeit
strengt mich doch fast über die Maßen an; und namentlich im
Winter, als ich mir das systematische Durchstudieren aller wichtigeren
Kant-Kommentatoren vorgenommen hatte, dachte ich manchmal,
zusammenzubrechen
oder verrückt zu werden. Mir ist es überhaupt entsetzlich,
viel
lesen zu müssen; ganz glücklich bin ich doch nur beim
Schreiben.
Und nun d i e s e Lektüre! Dieses
fürchterliche
Professorendeutsch und dieses verständnislose Herumquälen um
Kant in zehntausend Subtilitäten. Im ganzen ist doch Hermann Cohen
— wie mir scheint — der bedeutendste Ausleger; nicht etwa, daß er
immer recht hätte; er konstruiert sich manches gar rabulistisch
hinein,
und ich habe viele Seiten viermal hintereinander lesen müssen, ehe
ich einen Schimmer bekam, worauf der gute Mann hinauswollte. Doch der
große
Ernst und die unglaublich genaue Kenntnis der Schriften Kants ist bei
ihm
sehr wohltuend. Sehr gut und empfehlenswert ist auch das Werk von
Hagerström,
„Kants Ethik“, — namentlich der erste Teil, in welchem er die
allgemeine
Erkenntnistheorie behandelt. Aber alles übrige, namentlich der
vielgenannte
Kommentar von Vaihinger, der in zwei großen Bänden von
zusammen
1000 Seiten erst bis zu § 8 der „Reinen Vernunft“ gelangt ist —
also
73 Seiten von den 880 des Originals behandelt hat — ist wohl eines der
entsetzlichsten Produkte deutscher Gelehrtenliteratur. Wenn die Sache
so
weitergeht, wird — so ist berechnet worden — der Kommentar in
zweihundert
Jahren beendet sein; inzwischen wird aber natürlich ein Kommentar
des Kommentars höchst notwendig geworden sein. Traurige Dinge;
reden
wir nicht davon!
Was nun Deinen Brief
und den dort behandelten Gegenstand betrifft, so muß ich Dir
aufrichtig
gestehen, daß Du mich nicht überzeugt hast. Freilich,
hätte
ich gewußt, daß Du augenblicklich keinen deutschen Vorleser
hast, so hätte ich die Sache überhaupt nicht vorgeschlagen;
Deine
Anfrage betreffs deutscher Bücher hatte mich irregeführt;
selbstverständlich
habe ich nie daran gedacht, Dir persönlich das Lesen zuzumuten.
Denn
wenn auch das ganze Manuskript in Type vorliegt, so ist doch gerade
diese
Art Schrift für Augen wie die Deinen auf die Dauer sehr
anstrengend.
Aber abgesehen von diesem Umstand überzeugen mich, wie gesagt,
Deine
Argumente gar nicht, daß ich — wie Du sagst — „unpraktisch“ war;
ich glaube im Gegenteil, meine Idee war eine sehr gute, und wir
hätten
reichlich Zeit gehabt. Was soll die Entfernung hier für einen
Unterschied
machen? Sobald man nicht mündlich mit einem Freund über eine
solche Angelegenheit verkehren kann, dann ist es egal, ob er zehn
Meilen
oder tausend Meilen weit ist. — Dann wirfst Du ein, Du kennest das
Publikum
nicht, für das ich schreibe: diesen Einwand würde ich aber
sofort
mühelos entkräften. Denn wenn ich einem Manne ein Manuskript
zur Beurteilung vorlege, so ist es klar, daß e
r
in diesem Augenblick das Publikum ist, an das ich mich wende. Im
übrigen
glaube ich, einen so sichern Instinkt zu besitzen für das, was
weite
Kreise der Gebildeten ersehnen, daß ich gerade in dieser
Beziehung
von niemandem mir Rat zu holen brauche; da wäre ich eher
befähigt,
an andere Rat zu erteilen. Es ist also alles übrige — nur nicht
die
Rücksicht auf das Publikum —‚ was hier in Betracht zu ziehen
gewesen
wäre. Und da muß ich gestehen, empfinde ich es als eine sehr
große Härte des Schicksals, daß ich so ganz und gar
ohne
jede freundlich-kritische Unterstützung seitens kompetenter und
freier
Beurteiler arbeiten muß. Wie manches wäre in den „Grundlagen“
besser geworden, hätte ich Deine kostbare Hilfe zur Seite gehabt,
wie ich es für die einzige allgemeine Einleitung in der Tat hatte.
Ich weiß nicht, ob Dein Gedächtnis so treu ist, daß Du
jemals realisiert hast, welchen Vorteil ich damals aus Deine Winken
gezogen
habe. Genau ein Drittel habe ich gestrichen. Nichts, was Du für
überflüssig
fandest, blieb stehen. Du siehst also, was für ein dankbarer und
wirklich
wenig eingebildeter Autor ich bin. Aber nun habe ich ja niemanden. Der
gute Kuntze¹ ist rührend in seiner Gewissenhaftigkeit; das
betrifft
aber doch lediglich grammatikalische und stilistische Fragen.
Namentlich
dieses Buch übertrifft seine geistigen Fähigkeiten ganz und
gar.
Und ich habe gar niemanden, dem ich die Mühe und den Zeitaufwand
zumuten
kann, und auf dessen Urteil ich mich verlassen könnte. Wer von
meinen
Bekannten Muße hat, ist nicht begabt genug, und die Begabten
haben
zu viel zu tun und stehen mir zu ferne, als daß ich mich an sie
wenden
könnte. — Du redest von der angeblichen „ungeheuren
Gelehrsamkeit“,
welche nötig wäre, um ein Urteil abzugeben; doch da muß
ich wirklich lachen, wenn Du, der Gelehrte von Fach, mir, dem
Dilettanten,
mit dergleichen kommst. Freilich muß man in meinem Buche
bisweilen
ein wenig denken können, aber eigentlich Gelehrtes kommt darin gar
nicht vor. Und dann, worauf es mir ankommt — oder vielmehr angekommen
wäre
—‚ ist nicht der gelehrte Rat; hier wieder wie dort beim Publikum
weiß
ich schon selber, was ich brauche und nicht brauche; sondern es sind
die
Fragen des Geschmackes, des stilistischen Ebenmaßes, des Zuviel
und
Zuwenig, des klaren Verständnisses usw., in denen ich gerne die
große
Hilfe Deines Rates genossen hätte. Erst gestern abend las ich in
Goetheschen
Briefen und erstaunte wieder wie schon so oft, daß dieser
größte
Meister der Sprache immer ein Dutzend Berater hatte und nicht leicht
etwas
dem Drucke übergab, was nicht durch soundso viele Hände
gegangen
war; auf jeden Einwurf achtete er und zog irgendeinen Vorteil daraus.
So
verfährt ein unerhörtes Genie, und ein armer Wicht wie ich
sitzt
da ganz allein und muß fertig werden, so gut er kann. Ich finde
das
traurig; es hat fast etwas Würdeloses; so, als ob es gar nicht
darauf
ankäme, wie die Sachen gemacht würden; und doch möchte
ich,
weiß Gott, sie so vollendet herstellen, wie nur immer meinen
Kräften
nach möglich.
Nun genug davon.
Jedenfalls merke ich mir Dein Versprechen, die erste Auflage des
Kant-Buches
sorgfältig zu lesen und mir Deine kritischen Einwürfe
zukommen
zu lassen. Freilich können diese dann nur Kleinigkeiten betreffen;
denn hier ist alles dermaßen ineinander verwoben, daß es
unmöglich
sein wird, nachträglich viel daran zu machen; hierin unterscheidet
sich das Buch stark von den „Grundlagen“, für die man öfter
und
erst neuerdings wieder einmal verlangt hat, man solle die
Kapitel
e i n z e l n herausgeben.
Du fragst, aus
welchem
Jahre das Bild ² von mir stamme, das Du am liebsten hast: wenn ich
nicht Irre, aus dem Jahre 1887; gemacht ist es in Dresden. Inzwischen
sind
aber 17 Jahre vergangen, und da bist Du wohl nicht ganz gerecht, wenn
Du
es den Photographen zuschreibst, daß die neuen Bilder Dir weniger
gefallen.
Über die kleinen
Vorgänge des Lebens brauche ich ja nichts zu sagen, da die Tante
Dir
meine wöchentlichen Briefe wohl meistens schickt, wenn sie das
Geringste
von Interesse enthalten. Wir hoffen bestimmt, auf etwa 14 Tage nach
Bayreuth
zu gehen, denken aber mit viel weniger Freude daran, seitdem wir sicher
wissen, daß Du nicht da sein wirst.
Dein Houston.
—————
¹
Otto K., Hauslehrer H. S. C's. (siehe „Lebenswege
meines Denkens“).
²
Es ist das diesem Briefband
beigegebene
Bild.
125-126
An Dr. Ludwig Woltmann
Sehr geehrter Herr!
Ihre freundliche
Sendung
erhielt ich gestern und danke Ihnen bestens. Zwar bin ich infolge des
vielen
Schimpfens einigermaßen abgestumpft; wenn man die „Grundlagen“
überschätzt, so ist das doch nicht meine Schuld; ich habe das
Buch in der Abgeschiedenheit meiner Studierstube geschrieben, ohne zu
wissen,
ob es je von einer Seele gelesen werden würde, und habe
dementsprechend
offen und unbefangen gesprochen; es ist mir nie in den Sinn gekommen,
daß
irgend jemand mich jemals als Urheber einer neuen weltbewegenden
Rassentheorie
bezeichnen würde; und ich begreife es recht gut, wenn hier und
dort
ein Fachmann darüber ungeduldig wird und auf meine Person die
Gereiztheit
überträgt, die eigentlich nur den oberflächlich
arbeitenden
Journalisten gelten sollte. Doch hat es mich gefreut zu erfahren,
daß
Sie nicht ganz unfreundlich über mein Werk urteilen. Ich glaube
wirklich,
es ist nicht so schlecht, wie es die leidenschaftliche
Voreingenommenheit
vieler macht.
Weit wichtiger ist
es mir aber, Ihnen meine sehr große Freude über Ihre mir vor
einigen Wochen mitgeteilte Arbeit über die Germanen in Italien
auszusprechen.
Meine Frau hatte Ihnen gleich kurz gedankt; seitdem habe ich Ihre
vorläufigen
Mitteilungen — trotzdem ich augenblicklich eigentlich gar keine Zeit
für
diese Sachen habe und durch andere Arbeiten über die Maßen
in
Anspruch genommen bin — gründlich studiert und habe die
Überzeugung,
daß, wenn es Ihnen wirklich gelingt, das hier nur Angedeutete
auszuführen
und wissenschaftlich zu belegen, Sie damit ein epochemachendes Werk
vollbracht
haben werden. Die Konfusion, die in diesen Fragen herrscht, ist
geradezu
sinnverwirrend; Ihr Werk wird endlich Licht bringen. Ich kann Ihnen
nichts
Besseres wünschen, als die Kraft und die Ausdauer, es zu Ende zu
führen.
Ihr in besonderer
Hochachtung ergebener
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr!
Daß ich
Ihren
ausführlichen lieben und mich nach jeder Richtung hin lebhaft
interessierenden
Brief vom 26. v. M. erst heute beantworte, müssen Sie mit
Rücksicht
auf meine Arbeit und auf manche unabweisbare Korrespondenz gütigst
entschuldigen. Ich bin Ihnen ganz besonders zu Dank verpflichtet
für
Ihre Mitteilungen über Ihre eigene Laufbahn und über Ihre
Pläne
für die Zukunft. Auch habe ich aus Ihrem Briefe die
Überzeugung
geschöpft, daß Sie und ich geschaffen sind, uns zu
verstehen,
und daß wir uns hinfürder nicht mehr aus den Augen verlieren
werden. Gerade deswegen ist aber die unbedingteste Offenheit zwischen
uns
vonnöten — ich sage nicht „Aufrichtigkeit“, denn diese versteht
sich
bei anständigen Menschen von selbst, — ich meine aber jene
rückhaltlose
Offenheit, die in dieser Welt durchaus nicht überall am Platze
ist.
Ich habe nun in diesen Tagen mitten unter meinen anderen
Beschäftigungen
viel über unsere Verhandlungen und über Ihren letzten Brief
nachgedacht,
und dabei haben sich meine ersten Eindrücke zu festen
Überzeugungen
entwickelt. Diese Ihnen kurz, aber möglichst klar mitzuteilen,
wird
der Hauptzweck meines heutigen Briefes sein; lassen Sie mich aber
vorher
eine Reihe von teils nebensächlichen, teils wichtigen Punkten in
Ihrem
Briefe berühren, die ich sonst möglicherweise vergessen
würde,
wenn der Hauptgegenstand unseres Interesses schon zur Erörterung
gelangt
wäre.
Eine Bemerkung in
Ihrem Schreiben bedarf einer kleinen Berichtigung. Sie meinen, ich
hätte
mich gewundert, daß Sie in Ihrem ersten Briefe so wenig über
den Eindruck gesagt hätten, den meine „Grundlagen“ auf Sie machen,
— ich kann Sie versichern, das ist mir so wenig eingefallen und
aufgefallen,
daß ich den betreffenden Brief habe hervorholen müssen, um
mich
zu überzeugen, ob Sie wirklich viel oder wenig darin von den
„Grundlagen“
gesprochen hatten. Zu den sehr vielen Fehlern, die ich an mir kenne,
und
den vielen, die mir wahrscheinlich unbewußt bleiben, gehört
nicht der „Egotismus“; ich habe keine übertriebene Meinung von
meinen
Sachen; sie sind von mir vollkommen losgelöst, und ich betrachte
sie,
wenn auch nicht mit einer ganz reinen Objektivität, so doch nicht
anders als wie selbständige Kinder, die ihren Weg durch die Welt
machen
und den Lebenskampf kämpfen müssen, so gut es ihnen gelingen
will; der Vater kann ihnen nicht mehr helfen. Meine „Grundlagen“
namentlich
sind ein sehr selbstiges Kind, und hat es mich auch furchtbar
enerviert,
dieses dicke Buch fünf Jahre hintereinander Wort für Wort
durchkorrigieren
zu müssen, so habe ich doch immer viel Freude und nicht wenig
Erstaunen
dabei empfunden, denn ich kann ohne jede Pose sagen, daß ich
keine
Ahnung habe, wie man so etwas macht. Also jenes „Wundern“ hat es
wirklich
nicht gegeben. — Übrigens, wieso kommen Sie auf die Zahl 20 000?
Sie
stimmt nämlich fast mathematisch genau mit der Zahl der heute
verkauften
Exemplare überein, und da sollte ich doch meinen, daß, wenn
auch viele Besitzer das Buch nicht lesen, doch andrerseits die Tausende
von Exemplaren in Bibliotheken von zahlreichen Menschen gelesen werden,
so daß 20 000 verkaufte Exemplare wohl ohne Übertreibung auf
50 000 Leser schließen lassen. Ich denke, Sie Verleger
müssen
dafür eine ziemlich sichere Berechnung haben. — Sie reden von
einer
Volksausgabe; daß es noch keine gibt, ist meine Schuld; Bruckmann
wollte sie schon machen, aber mir fehlte die Zeit; ich wünsche,
daß
diese Ausgabe besser als die große sei und will dafür einige
Teile gründlich revidieren.
Ihre Erwähnung
Gunkels berührte mich sympathisch; ich kenne ihn nicht
persönlich,
habe aber seine Schriften sehr gerne. Die eigentümliche
Beschränkung
des Fachgelehrten darf man ihm nicht übelnehmen; wie sollten diese
armen Leute sonst fertig werden? Aber warum betiteln Sie mich in dem
nachgesandten
Postskriptum zu Ihrem Briefe „Herr Professor“? Ich bin weder Professor,
noch Magister, noch Doktor, noch sonst irgend etwas... aber nein, eben
fällt mir ein, das ist nicht wahr, ich bin ja Bachelier
ès
sciences naturelles et physiques!
Es war mir lieb,
zu erfahren, daß Sie die „Wartburg“ herausgeben; ich bin seit
langem
Abonnent und finde manches Gute in der kleinen Zeitschrift; namentlich
halte ich sie für geeignet, auf gewisse Kreise günstig zu
wirken.
Was Ihr Projekt
anbelangt,
dessen vorläufiges Programm Sie mir mitteilten, so fühle ich
mich im Augenblick nicht fähig, etwas Wertvolles darüber zu
sagen.
Ich müßte dazu eingeweihter sein. Soweit ich es beurteilen
kann,
scheint mir das Programm gut. Bedenklich ist mir immer das Mitarbeiten
einer größeren Anzahl von Männern an einem und
demselben
Werke; Einheitlichkeit ist dabei natürlich ausgeschlossen, und das
ist immer bei Werken, die — im Gegensatze zu rein wissenschaftlichen
Publikationen
— einen einheitlichen Eindruck bezwecken, von Nachteil. Doch ist diese
Vielfältigkeit der Urheber durch den Gedanken selbst, durch das
befolgte
Ziel gegeben; und somit ist meine Kritik eigentlich gegenstandslos. Da
Sie mich fragen, so will ich gestehen, daß einer Ihrer
Mitarbeiter,
nämlich Theobald Ziegler, mir nicht sympathisch ist, unb zwar
nicht
deswegen, weil er eine der dümmsten Kritiken über die
„Grundlagen“
geschrieben hat, die je geschrieben wurden, sondern weil ich ihn auch
sonst
immer und überall unausstehlich gefunden habe; so hat er zum
Beispiel
vor kurzem das Buch Bielschowskys über Goethe durch sein
Faust-Kapitel
ganz verdorben. Allerdings versichern mir Freunde, er sei ein
prächtiger
Mensch und dazu sehr selbstlos und energisch; das macht aber noch lange
keinen Schriftsteller. Kennen Sie Herrn Pfarrer Dr. Max
Christlieb
(Freistett, Amt Kehl, in Baden)? Ich glaube, das wäre so recht ein
Mann für Ihre Zwecke. Ein äußerst liberaler Theologe,
umfassend
gelehrt im besten Sinne des Wortes, dabei als Pfarrer mit Kenntnis des
praktischen Lebens und dazu noch — als früherer Missionär in
Japan — gründlich bewandert in der Kenntnis der verschiedenen
Völker
und Sprachen dieser Erde. Wenn auch vielleicht jetzt nicht zu
gebrauchen,
so wäre er doch nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn Sie seine
Schreibweise
kennenlernen wollen, so finden Sie in den „Preußischen
Jahrbüchern“
und in der „Christlichen Welt“ manches von ihm. Soeben erhalte ich den
„Theol. Jahresbericht“ für 1902, in welchem Chr. die ganze
„Religionsphilosophie“
bearbeitet hat (S. 949 bis 1058). Auf d e n
haben
Sie ein Auge! Augenblicklich schreibt er etwas für Bruckmann, was
— zwischen uns gesagt — recht gut für Sie gepaßt hätte
und bei Ihnen richtiger am Orte gewesen wäre.
Und in diesem
Zusammenhange
möchte ich anregen, ob Sie nicht vielleicht Leopold von
Schröders
Werk über die arische Religion in Verlag nehmen möchten. Sein
früherer Verleger ist gestorben, sagte er mir vorgestern, und die
Nichte, die das Geschäft weiterführt, übernimmt nichts
Neues.
Somit wird er einen neuen Verleger brauchen. Ich nannte ihm Ihren Namen
und sagte ihm nur ganz allgemein, ich stünde seit kurzem in
Beziehungen
zu dem Verleger der „Wartburg“. Er hat mich zwar nicht gebeten, aber
doch
ermächtigt, Ihnen von seinem Buche zu sprechen, so daß,
falls
Sie die Sache für eventuell möglich und wünschenswert
halten,
hiermit der Anstoß gegeben wäre zu weiteren Verhandlungen.
Freilich
rechnet Schröder selber auf keinen sehr großen Absatz,
dafür
weiß ich aber, daß er nur bescheidene
Gelehrtenansprüche
auf Honorierung macht; und ich glaube doch, daß bei den jetzigen
Strömungen ein Werk, das sich wie das seine zugleich an den
Fachgelehrten
und an den gebildeten Laien wendet und ein Thema von so enormem
Interesse
behandelt, nicht wenig Leser finden wird. Es wird ja die allererste
Gesamtbehandlung
des Gegenstandes sein, und zwar von einem Manne, der als
Indo-Germanist,
der sich von jeher außerdem mit vergleichender Volks- und
Religionskunde
speziell abgegeben hat, zu diesem Zwecke wie wenige befähigt ist.
Das Buch — an dessen zweitem Band Schröder jetzt arbeitet — ist
durchaus
nicht genial in der Anlage und der Ausführung; jedoch
übertrifft
es in beiden Beziehungen die meisten Bücher der Fachgelehrten. Es
ist äußerst klar geschrieben, und der rein gelehrte Apparat
steckt fast ganz in den Anmerkungen. — Ich bin gerne bereit, die
Vermittlung
zu übernehmen; sonst aber ist Professor Dr. Leopold von
Schröders
Adresse: Wien IX., Maximiliansplatz 13. Schröder ist ordentliches
Akademiemitglied.
Jetzt gehe ich aber
zur Hauptsache über.
Ich werde es noch
genauer begründen; lassen Sie mich aber sofort — denn ich kann mit
diesem Geständnis nicht warten —‚ lassen Sie mich sofort sagen,
daß
ich aus Ihrem gesamten Briefe und aus allen Mitteilungen, die er
enthält,
die bestimmte Überzeugung gewonnen habe, daß i c
h abseits bleiben soll und muß.
Ich weiß, das
muß sich hart anhören; gerade aber, weil ich — wie anfangs
gesagt
— so gar nicht egotistisch und ebensowenig egoistisch bin, sehe ich in
solchen Dingen sehr klar und mache nicht gerne Umschweife, um anderen
mitzuteilen,
wie ich sie sehe.
Sie reden in Ihrem
Briefe öfters von Luther, von dem, was er tat, und von der Art,
wie
er es anfing; um mich nun verständlich zu machen, lassen Sie mich
zu einem geradezu horrenden und barocken Vergleiche greifen; sobald er
seinen Eindruck hervorgebracht hat, wollen wir ihn über Bord
werfen;
mein Vergleich ist folgender: ich fühle mich weit mehr mit
Christus
verwandt als mit Luther. Verstehen Sie, was ich meine? Ich will damit
sagen,
daß ich mich mehr geeignet fühle, an die Urguellen der
Religion
hinaufzusteigen, als praktisch reformatorisch einzugreifen. Das
hängt
mit einer ganzen Menge von Eigenschaften und Anlagen zusammen, die alle
in einem Punkte konvergieren. Ein Unabhängigkeitsbedürfnis,
das
mir den Kontakt mit fast allen Menschen unerträglich macht —
sobald,
heißt das, ich mich mit ihnen eingliedern soll — ist, glaube ich,
bei mir nichts Launenhaftes und Willkürliches, sondern eine
wirklich
organische Wachstumserscheinung. Ja, ich will ganz ruhig die jedenfalls
schwächste Seite dieser Erscheinung offen nennen: es steckt mir
tief
in der Seele und nur oberflächlich verborgen ein unausrottbarer
Aristokratenhochmut.
Erschrecken Sie nicht; es rollt ja in meinen Adern gemischtes Blut;
mein
Großvater, ein uneheliches Kind, hatte zur Mutter ein
Mädchen
aus dem Volke, also jedenfalls eine echte Angelsächsin; doch von
väterlicher
Seite stammte er von dem ganz unverfälschten ältesten
normannischen
Adel; solche Dinge lassen sich nicht verwischen; um das Volk zu lieben,
muß ich es nicht zu nahe sehen, sonst wacht sofort der Hochmut
auf
und nichts würde mich bewegen, für diese Kanaille auch nur
einen
Gedanken zu Opfern — Da haben Sie das Schlimmste an der genannten
Eigentümlichkeit.
— Viel tiefer geht eine andere Tatsache. Und hier empfinde ich,
daß
das Nicht-über-mich-Denken, von dem ich vorher sprach, mir jetzt
im
Wege ist; denn ich weiß nicht recht, wie ich's Ihnen beschreiben
soll. Ich will es so sagen: das Unbewußte spielt in meinem Leben
eine geradezu entscheidende Rolle. Zwar bin ich ein ganz
nüchterner,
vernünftiger Mensch und weise sogar die mystischen Regungen
strenge
von mir ab; doch hat mich die Erfahrung das eine gelehrt: daß, wo
ich ein Höchstes leisten soll, ich es nicht mit Willen, sondern
gleichsam
aus Eingebung tun muß — worunter ich verstehe, daß das
Beste
unberechnet, unerklärbar kommen muß. Es handelt sich da um
Geheimnisse
des Schaffens, die ich selbst niemals zu ergründen versucht habe.
So habe ich zum Beispiel in meinen beiden größeren Werken
etwas
ganz anderes geschaffen, als was beabsichtigt worden war. Man bat mich,
ein kleines populäres Buch über Wagner zu schreiben, um damit
eine Serie von illustrierten Musiker-Biographien zu eröffnen; ich
sagte zu; das war der Augenblick, wo ich das Werk machen wollte; als
aber
das Werk zu entstehen begann, nötigte es mir gebieterisch eine
andere
Gestalt auf; das ganze Projekt der illustrierten Musiker-Biographien
wurde
durch mich in den Grund gebohrt. Nicht unähnlich erging es mit den
„Grundlagen“. Ich wurde gefragt, wie man ein Werk über das 19.
Jahrhundert
anlegen müßte. Ich machte einen Entwurf und erhielt den
Auftrag,
das Buch zu schreiben; ich verpflichtete mich auch kontraktlich dazu.
Doch
unter meinen Händen entstanden dann „Die Grundlagen“, und das Buch
über das 19. Jahrhundert blieb ungeschrieben. Sie müssen
nicht
etwa die Sache so auffassen, als ob ich nicht mit großem
Bewußtsein
und besonnenster Überlegung zu Werke ginge; wenn Sie mich einmal
in
Wien besuchen, werde ich Ihnen jenen allerersten Entwurf zeigen, und
Sie
werden sich vielleicht wundern zu sehen, wie genau die „Grundlagen“,
wie
sie jetzt dastehen, gleich am ersten Tage entworfen wurden. Das ist
aber
eine Art Inspiration, und ich hatte selbst keine Ahnung vom Wert und
von
der Bedeutung dessen, was ich da entworfen hatte. — Noch bezeichnender
ist das Werden meines Kant-Buches. Einige Damen bitten mich um Rat
wegen
Kant-Lektüre. Ich lasse meine Arbeiten liegen und werfe in
geradezu
rasender Eile einige kurze Vorträge aufs Papier — und jetzt
arbeite
ich seit vier Jahren daran und habe ein Werk geschaffen, über das
ich selbst immerfort staune, weil ich gar nicht begreife, wie ein
Mensch
überhaupt auf diesen Gedanken kommen konnte. — Sie sehen, es liegt
hier — wenn auch in kleineren Verhältnissen — etwas vor, was
Goethe
an sich selbst das „Nachtwandlerische“ nennt — Goethe, der so positive,
fast pedantische Mann!
Und wie wollen Sie
da einen solchen Mann in große, wichtige Pläne
hineinbringen,
wo — wie Sie mit Recht immer wieder betonen — es auf „System“,
„Organisation“,
„Pläne“ usw. ankommt und wo — wie Sie ebenfalls mit Recht sagen —
„das Ziel von langer Hand ausgearbeitet sein muß“? Auch was Sie
von
Herumreisen und öffentlich Reden sagen, ist ja ganz richtig,
paßt
aber nicht auf mich. Ich bin nur ich in der völligsten Einsamkeit;
sobald ich in die Gesellschaft von auch nur drei oder vier Menschen
gehe,
zieht sich das bessere ich vollkommen zurück. Ich kann mir
allerdings
vorstellen, daß ich unter bestimmten zwingenden Umständen
ein
öffentliches Amt — ich meine, die öffentliche Vertretung
einer
Sache — übernehmen würde; das würde aber nur durch
äußerste
Nötigung geschehen; es müßte sich als die Pflicht aller
Pflichten mir aufzwingen. Gäbe es gar kein Entkommen mehr, dann
würde
ich am Ende auch in dieser Beziehung meinen Mann stellen.
Im Grunde genommen
sind es also praktische Bedenken, die mich wünschen lassen, in
meiner
literarischen Tätigkeit vollständig außerhalb jeglicher
Gruppe und jeglichen besonderen Strebens zu stehen. Ich glaube, ein
gegenteiliges
Verhalten würde meine Kräfte aufzehren und schließlich
vernichten. Auch die Beziehungen mit einflußreichen Kreisen, auf
die Sie anspielen, könnten dadurch nur gefährdet werden: so
als
einzelner, kaum einmal einer Nation Angehörender, also
außerhalb
eines jeden Verbandes Stehender, bin ich frei, bin ich ich, und jeder
kann
mit mir offen verkehren, ohne sich nach irgendeiner Richtung hin etwas
zu vergeben. Keine Partei kann mich für sich beanspruchen. So ist
es recht, und so habe ich auch den größten Einfluß.
Alles, was ich da
mehr oder weniger ungeschickt, au courant de la plume
vorbringe,
läßt sich vielleicht in eine Formel fassen, eine paradox
klingende
Formel, deren Sinn aber Ihnen nach und nach aufgehen wird:
u m z u k ö n n e n , m u
ß
i c h n i c h t w o l l e n. Dieses
Nichtwollen, wie ich es nenne, ist in Wirklichkeit eine sehr hohe
Äußerung
des Willens; Schopenhauers „Verneinung des Willens“ ist dagegen ein
Kinderspiel;
hier kommt es darauf an, nicht zu wollen, damit dann der Wille zu jener
Tat, die (gleichsam in einer anderen Dimension) gefordert und geleistet
werden soll, vollkommen frei und ungeschmälert zur Verfügung
stehe. Sobald der Mensch „will“, beschränkt er; die ganz
große
Gewalt, diejenige, die Unerklärliches schafft, liegt jenseits. Das
ist eine Überzeugung, die mein Wesen durchdringt; sie ist mir eine
Lebenserfahrung. Ich weiß nicht, ob Ihnen der Tâoismus
bekannt
ist, den ich in den „Grundlagen“
S. 743 f. kurz erwähnt habe? „Wer nicht sucht, der findet; wer
nicht anklopft, dem wird aufgetan.“ Der chinesische Weise hat das
Paradoxon
ins Groteske übertrieben; er sucht eben nach der Möglichkeit,
eine Erkenntnis auszudrücken, die in Worte gar nicht zu fassen
ist.
Mit dem Wollen frißt man sich sozusagen selber auf, und zwar mit
dem weiteren Nachteil, daß es die Logik ist, die den Weg
gezeichnet
hat, und diese sieht nicht weiter als die eigene Nasenspitze; dagegen
das
Nichtwollen — wie ich es meine — das Gemüt gleichsam
jungfräulich,
sündenlos und insoferne ewig jung läßt, dabei frei, das
Unerwartete, Nichtvorhergesehene, Über- und Außerlogische zu
vollbringen — die eigentliche schöpferische Tat. Nun liegt es mir
ferne, diese Erkenntnis anderen aufdrängen zu wollen; ein
Lebensgesetz
für mich braucht nicht für alle ein Gesetz zu sein. Doch ich
selber muß mich dagegen wehren, daß ich in irgendeine
Organisation,
in irgendeinen Plan, in irgendeine Partei eingespannt werde. Freilich
denken
Sie hoch von mir, Sie reden von den „Jüngern“, die meiner warten,
und stellen mich in Gedanken auf einen Posten, wo ich mehr der Meister
wäre, der das Gesetz gibt, als einer aus dem Heere, der das Gesetz
empfängt; doch mir sagt diese Aussicht nicht zu; keinen
größeren
Knecht gibt es als den, der anderen befiehlt. Ich will und ich
muß
abseits stehen. Ich will nicht als Weltbeweger auftreten; „hinter dem
Kreuze
steckt der Teufel“ ist ein Lieblingswort des Cervantes; die Reinheit,
die
ich erstrebe, ist die von jeglicher Eitelkeit; ich will gewissenhaft
weiterschaffen,
weil ich es als Pflicht empfinde und auch als Freude; doch soll das
Leben
in meiner Seele wie das Leben in einem Wassertropfen sein, eine
abgeschlossene
Welt für sich; ob dieses Leben zugleich ein Werkzeug in den
Händen
höherer Mächte ist oder nicht, diese Frage frage ich nicht
einmal.
„Wer sich heute nicht mit Gewalt isoliert, ist verloren“, sagte einmal
Goethe; und an anderer Stelle: „Wer auf die Welt wirken will, darf sich
nicht mit ihr einlassen.“ Beides ist mir aus der Seele gesprochen. In
früheren
Zeiten zogen sich gewisse Menschen in die Wüste oder auf einen
Gipfel
zurück und erhoben von dorther ihre Stimmen, und sie wurden
gehört;
heute stehen Palace-Hotels in den Wüsten und auf den Gipfeln, —
unser
Wille ist es, der uns isolieren muß.
Kurz, je mehr ich
mir Ihr Vorhaben vergegenwärtige und je wärmer dadurch die
Sympathie
wird, die ich ihm und namentlich auch Ihnen persönlich
entgegenbringe,
um so mehr empfinde ich, daß ich außerhalb verbleiben
muß.
Ich muß es im Interesse dieses Vorhabens selbst, und ich
muß
es in meinem Interesse. Denn erstens liegt die Gefahr näher, als
Sie
vielleicht glauben, daß meine Gegenwart genügen würde,
Ihre wohldurchdachten Pläne über den Haufen zu werfen. Einige
sehr ergebene Freunde habe ich unter den Fachgelehrten, dafür aber
zahllose erbitterte Feinde; wenn Sie meinen Namen nennen, fallen viele
von Ihnen ab, und das wäre schade; außerdem kann es
vorkommen,
daß ich der Sache eine Richtung gebe, die mit Ihren praktischen
Plänen
gar nicht übereinstimmt; das kann ich nicht wissen. Und zweitens,
da ich mein Bestes unabhängig und isoliert leiste und dieses Beste
dann aller Welt zur Verfügung steht, also auch für Ihre
Pläne
brauchbar ist, so wäre es unverantwortlich, wollten wir uns mit
einem
Zweitbesten begnügen.
Und darum möchte
ich Sie offen und ehrlich bitten, unser Verhältnis ein anderes
sein
zu lassen, als Sie es sich ursprünglich gedacht und ich es selber
aufgefaßt hatte: nicht das des Verlegers und des Schriftstellers,
sondern das zweier Freunde, die auf verschiedenen Wegen ähnlichen
Zielen zustreben, — der eine mit vollem Bewußtsein und festen
Plänen,
der andere, wie ihn der Dämon treibt, der eine als echter
Reformator,
der andere als Künstler und Denker. Es ist mir nämlich bei
der
Überlegung Ihrer Vorschläge so recht zu Bewußtsein
gekommen,
welches providentielle Schicksal in der Tatsache meines
Verlagsverhältnisses
zu Bruckmann waltet. Ich habe es nicht gesucht; er auch nicht; ein
Zufall
hat es gefügt. Nun bin ich aber dort gewissermaßen allein,
isoliert,
ganz für mich. Diese Firma ist doch schließlich in erster
Reihe
ein Kunstverlag und wird es immer bleiben; auch ich bin durch die Kunst
mit ihr in Verbindung getreten; der Buchverlag ist Nebensache und ohne
jede bestimmte Richtung. Auch das Freundschaftsverhältnis zwischen
Hugo Bruckmann und mir könnte ich ein vorwiegend
„künstlerisches“
nennen: denn wir haben in manchen Beziehungen wenig Gemeinsamkeit der
Empfindungen
und Interessen; dafür aber schätzt er sehr meine Leistungen
rein
als solche, künstlerisch-objektiv — und das ist etwas, was mir
eine
um so größere Freude macht, als sie mir seltener zuteil
wird,
und ich selber schätze an ihm außer der geschäftlichen
Energie und Zuverlässigkeit den Geschmack, der nicht nur
äußerlich
sich kundtut (wenngleich ich hierfür empfindlich bin), sondern
auch
innerlich in dem ganzen Verhältnis zwischen uns sich bewährt.
Wir stehen uns nahe genug, damit die schon zehn Jahre dauernden
Beziehungen
sich stets angenehm gestalteten, und ferne genug, damit ich mich
völlig
unabhängig fühle. Daß aber sein Verlag außerhalb
der Kunst gar keine bestimmte Richtung hat, ist für mich gerade
recht;
so bin ich ich, und Bruckmann ist mein Verleger.
Nun möchte ich
aber nicht von Ihnen mißverstanden werdend. Dem Leser kann es
gleichgültig
sein, ob ein Buch bei Kunz oder bei Meier erschienen ist; und an und
für
sich wäre es mir sehr sympathisch, bei einem so gesinnungsvollen,
wackeren, mir in vielen Dingen gleichgesinnten Manne wie Sie zu
verlegen.
Materielle Interessen spielen weder für Sie noch für mich
hierbei
eine Rolle: für mich nicht, da Sie mir dieselben Bedingungen wie
Bruckmann
anbieten, für Sie nicht, da Sie große Opfer für die
Verbreitung
bringen wollen. Ich denke einzig und allein an mein Gemüt und
dessen
geheimnisvolle Gesetze; denn hiervon hängt alles, was ich
produzieren
kann, ab. Und da möchte ich mich völlig frei fühlen, —
nicht
nur kontraktlich, sondern innerlich. Ich will wissen, daß niemand
etwas erwartet, auf etwas wartet, auf etwas rechnet, etwas voraussetzt.
Wird mein Buch über Religion populär ausfallen? Ich
weiß
es nicht, kann es nicht wissen; für das eigentliche Popularisieren
scheine ich wenig Sinn zu besitzen, und alles Demagogische ist mir
verhaßt.
Wird das Buch für oder gegen eine besondere Richtung ausfallen?
Ich
weiß es nicht, kann es nicht wissen. Ist jetzt der Augenblick,
daß
es an die Reihe kommen soll, oder soll ein reiferes Alter abgewartet
werden?
Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen; das merke ich erst, wenn
ich darangehe; ich bin in dieser Beziehung ganz unfrei und war schon
mit
Leib und Seele für Aufgaben begeistert, die ich dann unfähig
war zu lösen. Ich vermag es nicht, mich künstlich zu zwingen.
Was i c h nicht leiste, wird ein anderer
leisten.
Kein Mensch ist unentbehrlich, und vor Gott hat nichts Eile. Mehrere
Aufgaben
harren meiner; in diesem Augenblick, wo der „Kant“ alle Kräfte
beansprucht,
bin ich unfähig, das Zukünftige zu übersehen; ich bin
ganz
Gegenwart. Wohl hat mich Ihr Vorschlag gewaltig ergriffen und
vielleicht
um so mehr, als ich bei der eingehenden Beschäftigung mit Kant
mich
viel mit Religion zu befassen habe; ich möchte mich gleich auf die
Sache stürzen; vielleicht tue ich es; vielleicht aber auch nicht.
Die Reihenfolge: Wagner, Grundlagen,
Worte Christi, Kant war
nicht vorher berechnet, ist aber darum so organisch; ich will mich
nicht
jetzt mit logischen Erwägungen in diese Entwicklung hineinmischen,
sondern die Sache weiterwachsen lassen. Und dasselbe möchte ich
von
Ihnen mir gegenüber in Freundschaft erbitten.
Durch Ihre Anregung
haben Sie für alle Fälle meine Gedanken stark
beeinflußt
und dadurch vielleicht auch mein Weiterschaffen; vom ersten Augenblick
an habe ich den Eindruck gehabt, hier klopft wieder einmal das
Schicksal
vernehmlich an die Pforte. Doch bezüglich der Verwirklichung
läßt
mich mein durchaus nüchternes, besonnenes, auf Erfahrung
beruhendes
Urteil einen anderen Weg der Weiterentwicklung als einzig
ersprießlich
erkennen. Auch Sie hiervon zu überzeugen, bezweckt diese
übermäßig
lange Epistel.
Übrigens ist
es, was meine Person betrifft, nicht unerläßlich, daß
irgend etwas sofort abgemacht werde; die Sache kann in der Schwebe
bleiben.
Was dagegen nicht in der Schwebe bleiben konnte, das sind die
bestimmten
Erwartungen, die Sie an meine Mitwirkung knüpfen; hier war ich
verpflichtet,
sofort volle Klarheit zu geben.
Mit dem Ausdrucke
besonderer Sympathie und aufrichter Verehrung
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain
Beim Wiederlesen
dieser
Zeilen habe Ich den Eindruck, als ob manches Ihnen vielleicht mystisch
überspannt vorkommen könnte; doch wäre das Ihrerseits
ein
Irrtum; ich urteile sehr praktisch und besonnen und habe von meinem
Erbteil
des englischen matter-of-fact nichts eingebüßt. Ich
liebe
aber die Offenheit und versuche — so gut es gehen will — die Dinge so
auszusprechen,
wie sie sind, nicht in fertig vorliegenden Redensarten.
Sehr geehrter Herr Graf!
Entschuldigen Sie,
wenn ich erst heute dazu komme, Ihnen meinen Dank für Ihre
Sendungen
auszusprechen. Ich weiß, es ist sehr unartig, doch wissen Sie
durch
Rantzau, wie wenig ich augenblicklich als normaler Mensch aufzufassen
bin.
Wirklich, ich verdiene Nachsicht, denn bei der augenblicklichen Art
meiner
Arbeit weiß ich von Zeit nichts, und kaum bin ich aufgestanden,
ist
es schon Abend.
Eine Abwesenheit
meiner Frau habe ich nun benutzt, um abends eine große Menge
Sendungen
durchzusehen, darunter auch die Ihrige. Es war mir recht interessant,
nach
langer Zeit wieder englische Journale zu lesen; seit dem Tode eines
alten
Onkels, vor zwei Jahren, sehe ich nie mehr welche. Allerdings
deprimiert
mich diese Lektüre immer wieder, denn trotz des vielen
Vortrefflichen,
ja Unvergleichlichen in meinem Volke finde ich doch gar Vieles sehr
bedenklich
in den Erscheinungen seines Lebens; in solch einer Revue liegt das
alles
schwarz auf weiß. Ein großer Mangel an Kenntnissen und an
Urteil,
ein rettungsloses Eingeschlossensein in überkommene Vorurteile
usw.
Wie kann man sich von solch einem saltimbanque wie B. in einer
ernsten
Zeitschrift über politische Dinge etwas vorerzählen lassen?
Das
ist ja der berühmte Mann, der vor einigen Jahren nach
Österreich
geschickt wurde, um die hiesige politische Lage gründlich zu
untersuchen;
man glaubte, er würde mindestens sechs Monate dableiben — wie
sollte
denn ein Ausländer in kürzerer Zeit auch nur einen
oberflächlichen
Einblick in das hiesige Wirrwarr gewinnen? Doch er blieb genau zwei
Tage
— weder mehr noch weniger; und als man ihn erstaunt fragte: Was, Sie
reisen
schon nach England zurück?, erwiderte er: Aber ja, ich habe schon
von Dr. Kramař alles erfahren, ich kenne mich genau aus in der
österreichisch-ungarischen
Politik.
Am meisten hat mich
der Aufsatz von Crackanthorpe „Behind the fiscal veil“
interessiert.
Das ist einer, der einmal die Wahrheit sagt und über dieses
entsetzliche
Elend, in dem die übergroße Mehrzahl aller Engländer
schmachtet,
sich keine Illusionen macht. Sehr interessant ist auch Fairbairns
Aufsatz
über Herbert Spencer; namentlich der Hinweis auf die vollendete
philosophische
Unzulänglichkeit bei diesem bedeutenden Manne, der einem aus ganz
anderen Gründen sympathisch und interessant sein muß und
nicht,
wie die deutschen Professoren uns vordozieren, weil er ein
„großer
Philosoph“ gewesen sei. Sir Oliver Lodges Aufsatz über den freien
Willen hat mich ebenso belustigt wie empört; man sieht, daß
ein Engländer einer der größten Physiker sein kann,
ohne
auch nur einen Dunst zu haben von dem, was die Menschheit seit
dreitausend
Jahren gedacht hat.
Dem Buch von Ledos
habe ich keinen Geschmack abgewinnen können; wenn der Franzose
schwärmt,
ist er unerträglich. Ich liebe ihn nur präzis und empirisch.
Eine ganze Reihe prächtiger Menschen haben die Franzosen heute auf
dem Gebiete der exakten Wissenschaften — wirkliche Klassiker des
Denkens,
des Beobachtens und des Stils. An die halte ich mich. Übrigens
hatte
ich gerade eine große Sendung von „Revue des deux mondes“
durchgenommen:
welch ein Unterschied! Gott erhalte uns Frankreich und die Franzosen!
Mit bestem
Gruße,
vielem Dank und der Bitte, meiner auch fernerhin bisweilen in Güte
zu gedenken, bin ich, sehr geehrter Herr Graf,
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr!
Nun muß ich
doch wieder zur Feder greifen oder wenigstens zum Blei meines
Stenographen.
Denn ich möchte nicht, daß auch nur der Schatten eines
Mißverständnisses
zwischen uns schwebte. Meine Zeilen neulich waren ganz flüchtig
und
eilig geschrieben, eigentlich bloß, um Sie auf die Sendung
vorzubereiten.
Es lag mir ferne, einen Zweifel an dem Bildungsgrad des
preußischen
Unteroffizierskorps auszusprechen; die große
Leistungsfähigkeit
gerade dieses Korps ist mir aus der Geschichte bekannt; ich betrachte
es
als den Kern der deutschen Armee. Ich hatte es ganz anders gemeint. Ich
gehöre nämlich selber zu einer Familie, in der — Sowohl
väterlicher-
wie mütterlicherseits — die meisten Männer sich dem
Waffenhandwerk
widmen. Mein Vater und seine sämtlichen Brüder waren bis zu
ihrem
Tode im aktiven Dienst; ich selber bin nur durch den Zufall einer
Erkrankung
nicht Offizier geworden. Und so fühle ich mich denn in mancher
Beziehung
viel mehr als Soldat denn als Schriftsteller; wie Sie aus meinem Buche
hier und da bemerkt haben mögen, will es mir nicht immer recht
gelingen,
viel Sympathie für die gelehrten Berufsarten aufzubringen; ich bin
ein Mann, der für Ideen k ä m p f t, der
für
ihren Sieg mit dem Schwert in der Hand streitet, — nicht ein
Tintenkuli.
Und so habe ich denn immer eine besondere Freude über die
Anerkennung
von Soldaten; es ist für mein inneres Gefühl ein Trost gegen
manche Verunglimpfung, die mir von Pfaffen und Professoren zuteil wird.
Natürlich aber geschah es — wenigstens bisher — und trotz mancher
schöner Briefe, nicht gar so oft; um so größer ist die
Genugtuung.
Im übrigen
muß
ich Ihnen sagen, daß ich zwischen den Ständen, soweit sie
durch
das Glück der Geburt bestimmt sind, gar keinen Unterschied mache;
ich persönlich stehe vollständig außerhalb dieser
sozialen
Klassifikation. Mein bester Freund — jedenfalls einer der besten, die
ich
je gehabt habe — war ein französischer Matrose, der weder lesen
noch
schreiben gelernt hatte und mit dem ich viele Jahre intim befreundet
war;
er war einer der originellsten Denker und der tüchtigsten
Menschen,
die ich je gekannt habe. Von Ihm aus bis zu Seiner Majestät dem
Deutschen
Kaiser habe ich Beziehungen in allen denkbaren Klassen der Gesellschaft
gehabt und weiß schon längst, daß das Individuum
allein
— die Persönlichkeit des betreffenden Menschen — Wert besitzt.
Und somit für
heute genug.
Mit einem festen
Händedruck verbleibe ich
Ihr hochachtungsvoll ergebener
Houston Stewart Chamberlain.
Sehr geehrter Herr!
Haben Sie
wärmsten
Dank für Ihr gütiges Schreiben vom 27. April. Leider bin ich
aber nicht in der Lage, es in angemessener Weise zu beantworten: die
Fragen,
die Sie stellen, würden eine umfangreiche, eingehende Erwiderung
fordern,
und dazu fehlt mir augenblicklich die Muße vollständig, und
auch meine Gedanken sind zu sehr von meiner Arbeit beansprucht.
Auf die Hauptsache
möchte ich zunächst mit einer zahmen Xenie Goethes antworten:
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr Graf!
Mit derselben Post
sende ich Ihnen mit verbindlichstem Dank die drei Zeitschriften
zurück:
zwei „Contemporary“ und eine „Nineteenth Century“. Bei weitem am
meisten
— so daß alles übrige dagegen ganz in den Hintergrund tritt
— hat mich der Aufsatz von Roderick Jones über The Black Peril
in South Africa interessiert. Wenn Sie ihn nicht gelesen haben
sollten,
so bitte ich Sie dringend, es zu tun. Die Blindheit sämtlicher
Europäer
in dieser Frage ist geradezu entsetzenerregend. Ich möchte Sie
bitten,
als Ergänzung einen Aufsatz von Harry Fiedler in den
„Preußischen
Jahrbüchern“ für April 1904 zu lesen über die Negerfrage
in Amerika. Dieser Aufsatz ist um so lesenswerter, als der in Neuyork
lebende
Verfasser vom unbedingt negrophilen Standpunkt aus spricht und seine
ganzen
Darlegungen auf Negerbüchern beruhen; wer aber Augen hat, sieht um
so deutlicher in die Verhältnisse hinein. Sehr charakteristisch
ist
es, daß Fiedler, wie die meisten anderen Schwärmer, eine
kleine
Fälschung begeht, indem er nämlich immerfort von dem Booker
Washington
als von einem Vollblutneger spricht, ohne einen auch nur ahnen zu
lassen,
daß er ein Mulatte ist, und zwar mit 1/2 oder 1/3 weißem
Blut.
Ich erfuhr das zuerst durch einen Schweizer, der 14 Jahre lang in
Südamerika
gelebt und Washington gut gekannt hat; dieser sehr gebildete Mann war
als
Menschheitsrechtler, als gläubiger Christ usw. für die Neger
schwärmend, hinübergegangen; jetzt spricht er anders, denn er
hat als redlicher Mann beobachtet und kennt die Gefahr. Dann
bestätigten
es mir im vorigen Jahre zwei Amerikaner, und vor 14 Tagen nahm mir die
letzten Zweifel einer der bedeutendsten wissenschaftlichen
Anthropologen
Deutschlands, der sogar alle Daten über Washington besitzt. Sie
sehen
also, daß mit diesem Paradeneger ein geradezu frevelhaftes Spiel
getrieben wird, denn die organisatorischen Talente eines Mannes, der
zur
Hälfte Angelsachse ist, beweisen natürlich gar nichts
für
die Begabung der wirklichen Neger. Haben Sie übrigens Pritchards „Where
Black rules White“ gelesen? Wenn nicht und wenn diese große
Frage
Sie interessiert, dann bitte ich Sie, es gleich zu tun.
Gott, wie dumm, wie
dumm sind nicht die Menschen! Wenn in Europa ein Mensch zu behaupten
wagt
— was doch die gesamte Natur bezeugt —‚ daß R a s s
e
etwas zu bedeuten habe, wird er als Fanatiker, als Pfaffe, als
weiß
Gott was alles gebrandmarkt und verfolgt; außerhalb Europas aber
weiß jede Mensch — denn der bloße gesunde Instinkt
genügt
hierzu —, d a ß Rasse etwas ist,
und
w a s es ist; und hier sehen Sie die Neger in ihrer ersten
großen Weltorganisation sofort als ersten Artikel den festsetzen:
nur Neger dürfen aufgenommen werden. Das kann schön werden,
wenn
die Herren vom Stamme und der Richtung der „Neuen Freien Presse“ noch
lange
bei uns ausschlaggebend sind!
Es hat mir recht
herzlich leid getan, mich niemals in diesem Frühjahr bei Ihnen
anmelden
zu können; erst hielt mich die Pflicht der Arbeit Tag für
Tag;
zuletzt war ich krank. Jetzt gedenken wir, Anfang dieser Woche zu
verreisen,
und zwar zunächst nach Tarasp, wo wir bis Ende Juni bleiben
(Kurhaus),
um dort eine Kur zu gebrauchen. Dann geht's ins Hochgebirge.
Mit wiederholtem
Dank
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
146-148
An Prof. Werner Sombart
Sehr geehrter Herr!
Mit bestem Dank
bestätige
ich den Empfang Ihres geehrten Schreibens vom 9. d. M., das mit einiger
Verspätung gestern in meine Hände gelangte.
An Ihrem „Archiv
für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ mitzuarbeiten, wäre
für mich eine Ehre, doch wird es wohl mein Bildungsgang und meine
unbedingte Hochhaltung echter, objektiver Wissenschaft mit sich
bringen,
daß ich in Ihrem Archiv nur lerne, nicht aber andre zu belehren
mich
vermesse. Zwar bin ich nach einer durch Krankheit und andre
Umstände
verzettelten Jugend in reiferem Alter ein eifriger „scholar“
geworden
— im englischen Sinne dieses Wortes — und gedenke, es bis zu meinem
Tode
zu bleiben, doch habe ich ein viel zu gesundes Urteil, als daß
ich
mir einbilden sollte, ein Mensch könnte nachträglich ein
wirklicher
G e l e h r t e r werden im fachmännischen Sinne des
Wortes.
Es geschieht nicht ohne Schmerz, doch muß ich mich bescheiden,
auf
einem andren Gebiete, nicht auf dem der Wissenschaft, Nützliches
zu
leisten oder wenigstens den Versuch hierzu zu machen, — da mir ein
Dämon
doch keine Ruhe läßt und mich immerwährend antreibt,
das,
was ich weiß oder denke, was dunkel im Bewußtsein schwebt,
plastisch klar zu gestalten.
Das Buch von
Friedrich
Hertz kenne ich nicht; eine Arbeit über Immanuel Kant
beschäftigt
mich seit mehreren Jahren intensiv und fast bis zur völligen
Erschöpfung
meiner Kräfte. Bruchstücke von Hertzens Buch, die mir in
verschiedenen
Zeitschriften zu Gesichte kamen, interessierten mich, doch zeugte der
gegen
mich angeschlagene Ton von einer völligen Mißdeutung meines
Zieles und damit auch meiner Leistung; in eine persönliche Polemik
würde ich mich unter keiner Bedingung einlassen; außerdem
fehlt
mir die Ruhe und die Lust zu anderen Arbeiten, ehe ich nicht mein
Kantbuch,
das fast beendet vorliegt, abgeschlossen habe.
Über die
Rassenfrage
ganz allgemein habe ich seit langem eine kurze, fachliche
Übersicht
für eine Enzyklopädie versprochen; ich glaube, ich werde
genötigt
sein, diese kleine Arbeit im Herbst zu machen, da der Buchstabe R, wie
ich höre, heranrückt. Sollte sie mir einigermaßen
gelingen,
so könnte ich sie Ihnen vielleicht vor dem Erscheinen in dem
betreffenden
Sammelwerke zum Druck anbieten — wenn der Herausgeber es gestattet;
doch
mache ich diesen Vorschlag zögernd und eigentlich nur, damit Sie
an
meinem guten Willen nicht zweifeln.
Mit der Bitte, den
Ausdruck meiner besonderen Hochachtung und den Dank für reiche
Belehrung
und Anregung entgegenzunehmen, bin ich, sehr geehrter Herr,
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr!
Gestern abend in
Wien
nach langer Abwesenheit eingetroffen, finde ich unter der Unmenge
angehäufter
Korrespondenz auch Ihre freundlichen Zeilen vom 13. d. M. und bedauere,
daß Sie durch diesen Zufall ohne rechtzeitige Antwort geblieben
sind.
Zugleich finde ich einen Brief der Komtesse de Gasparin aus Orange vor,
die mir viel von ihrer Begegnung mit Ihnen bei dem liebsten meiner
Freunde,
Agénor Boissier, mitteilt.
Für Ihre
gütige
Absicht, mich zu besuchen, danke ich Ihnen verbindlichst; vielleicht
ist
das Schicksal ein anderes Mal günstiger, entweder hier oder in
Bern
— wo ich mich in diesem Jahre auf der Durchreise nur einmal eine Nacht,
von 8.30 abends bis 6.50 früh aufhielt.
Mlle. de Gasparin
scheint meine Verteidigung sehr hitzig geführt zu haben, mit der
ganzen
Generosität und dem Überschwange des Südländers.
Mich
hätten Sie viel toleranter gefunden. Es leben — soweit ich sehe —
nicht viele Menschen unter uns, die so wenig dogmatisch wie ich sind,
so
sehr bestrebt, das Denken und Fühlen anderer — soweit es gelingen
will — zu verstehen und zu würdigen. Das ist aber kein Grund,
seine
eigenen Ansichten nicht frank und frei auszusprechen. Nichts ist mir
verhaßter
als das ewige Verklausulieren und das feige Wegnehmen mit einer Hand
dessen,
was man mit der andren gegeben hat. Eine Eigenschaft meiner
„Grundlagen“
ist gerade der gänzliche Mangel an Vorsicht; wozu noch kommt,
daß
ich dieses Buch als ganz unbekannter Mann schrieb, in der Stille meiner
Stube, gleichsam nur für mich; wie hätte ich den Erfolg
voraussehen
können? Wer mir Irrtümer nachweist, tut recht daran; wer —
wie
hin und wieder geschehen — mir Perfidie und Unlauterkeit vorwirft, ist
selber im Irrtum und wird darum nichts gegen mein Werk ausrichten.
Wie Fräulein
de Gasparin mir mitteilt, ist es speziell die Rassenfrage, über
die
Sie zu schreiben beabsichtigen. Da muß ich Ihnen sagen, daß
nie jemand erstaunter war als ich, da ich zum ersten Male las, ich sei
der Urheber einer besonderen Rassentheorie; dergleichen ist mir niemals
eingefallen. Und ebenso groß war mein Erstaunen, als ich des
weiteren
vernahm, diese meine „Theorie“ sei nichts weiter als eine Adaptation
und
geschickt verdeckte Ausnützung der Lehren Gobineaus. Kein
wissenschaftlich
gebildeter Biolog wird leugnen können, daß R a s
s e ein Grundphänomen alles Lebens ist; Rasse ist
für
die Kollektivität, was Persönlichkeit für das Individuum
(vgl. „Grundlagen“,
Seite 311—313). Daß man den Begriff „Rasse“ nicht scharf zu
definieren
vermag, tut nichts zur Sache; man kann überhaupt nur Gedanken, nie
Tatsachen definieren — Rasse ebensowenig wie Blau oder Grün.
Dagegen
kann man recht wohl die Bedingungen untersuchen, unter denen Tatsachen
zum Vorschein kommen. Und so sehen wir denn heute die exakten Forscher
— einen Galton, einen Carl Pearson, einen Bunge, einen Woltmann — immer
mehr die Bedeutung der Rasse auch in dem Menschengeschlecht und
für
das Menschengeschlecht hervorheben und statistisch nachweisen; und die
Begründung im Jahre 1904 eines besonderen „Archivs für
Rassenbiologie“
durch die Professoren Plate, Plötz und Nordenholz — Männer,
die
wirklich nicht Phantasten sind —‚ eines Archivs, für das
außerdem
Gelehrte wie Ratzel, Ziegler (der Zoolog), Hüppe usw.
Beiträge
geliefert haben... das alles beweist, wohin die wirklich
wissenschaftliche
Forschung strebt, und welche Wege sie als die richtigen erkannt hat;
zugleich
beweist es, welcher Wert der journalistischen und feuilletonistischen
Hetze
gegen die Erkenntnis der Bedeutung von Rasse zukommt. Dort ist
wissenschaftlicher
Ernst und die Unbestechlichkeit von Männern, die die Wahrheit
suchen;
hier ist Ignoranz, namentlich fast durchwegs eine vollständige
Unkenntnis
aller naturwissenschaftlichen Tatsachen und Methoden und außerdem
— in häufigen Fällen — eine sehr durchsichtige Absicht, zu
deren
Erreichung man vor keinen Mitteln zurückschrickt.
Was nun mich
anbetrifft
— da Sie einmal die Güte haben, sich für meine Wenigkeit zu
interessieren
—‚ so bekenne ich mich und habe ich mich stets bekannt zu den
Ergebnissen
echter Wissenschaft der Natur. Daher meine fast unüberwindliche
Abneigung
gegen Gobineau und gegen das Hypothesengebäude von Männern
wie
Wilser u. a. Nach meiner Überzeugung diskreditieren diese
Männer
eine der wichtigsten Einsichten der Biologie, die außerdem
für
das Verständnis der Geschichte der Menschheit in der Vergangenheit
und für das lebendige Verständnis unserer Gegenwart und
unserer
möglichen Zukunft geradezu entscheidende Bedeutung besitzt. Rasse
ist eine T a t s a c h e: das gilt für
mich
als ein sicheres Ergebnis aller Biologie und auch aller Geschichte.
Dagegen
hatte ich den Begriff von „Urrassen“ für einen Wahn, wie
überhaupt
alles Suchen nach letzten Ursachen und ersten Ursprüngen. Wir
müssen
vom Bekannten, nicht vom Unbekannten ausgehen. Vom Bekannten ausgehend
und auf die Lehren der Biologie — namentlich auf Darwins Untersuchungen
über das Entstehen und Bestehen von Rassen — mich stützend,
habe
ich in meinen „Grundlagen“ versucht, einige deutliche Vorstellungen
über
das, was Rasse ist und bedeutet, zu gewinnen. Weiter nichts. Eine
eigene
Rassentheorie besitze ich nicht.
Halten Sie es nicht
für unbescheiden, sehr geehrter Herr Professor, wenn ich die
Hoffnung
ausspreche, daß, falls Sie öffentlich über mein Buch
das
Wort ergreifen, Sie es vorher gelesen haben werden. Es ist nämlich
in letzter Zeit öfter vorgekommen daß Gelehrte über
mich
den Stab gebrochen haben, die nachweislich niemals auch nur den Deckel
meiner „Grundlagen“ gesehen hatten. Man urteilt nach Referaten
über
Referate. Dabei werden auch angebliche Zitate nach und nach derart
verunstaltet,
daß sie zuletzt bisweilen das genaue Gegenteil dessen aussagen,
was
in Wirklichkeit geschrieben steht. Das ist not quite fair; und
wenn
ich auch weiß, daß Sie zu meinen Gegnern gehören, ich
hoffe doch, nach allem, was ich höre, in Ihnen einen ritterlichen
zu gewinnen.
Mit dem Ausdrucke
vollkommener Hochachtung bin ich, sehr geehrter Herr,
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
151-152
An Josef Stibitz, Lehrer
Sehr geehrter Herr!
Ihre erste Frage
kann
ich dahin beantworten, daß ich als kleines Kind am liebsten mit
dem
Baukasten gespielt habe; schon von Natur mit einer besonderen Vorliebe
für die Einsamkeit ausgestattet, war mir mit diesen stummen
Steinen,
aus denen sich so viel machen läßt, am allerwohlsten.
Später
kamen natürlich die Bleisoldaten dazu; doch auch dann war es meine
größte Freude, alle erreichbaren Baukasten heranzuziehen, um
große Festungen zu errichten, um die dann die Schlacht tobte.
Ihre zweite Frage
beantworte ich dahin, daß Märchen meine
Lieblingslektüre
ausmachten, und zwar je phantastischer, desto willkommener. Die
englische
Sammlung, die meiner Erinnerung hauptsächlich vorschwebt, habe ich
nie auftreiben können, kann also nur sagen, daß die
Geschichte
des unsichtbaren Prinzen und eine andere, betitelt Beauty and the
beast,
mir den dauerndsten Eindruck hinterlassen haben. Später kamen dann
Tausend und eine Nacht dazu, die ich in so hohem Grade auswendig
beherrschte,
daß ich in der Schule ein gesuchter Erzähler war.
Ihre Fragen habe
ich gern beantwortet, weil ich den Eindruck habe, als ob heute eine
Tendenz
vorherrschte, die Phantasie beim Kinde nicht frei sich entwickeln zu
lassen
— was ich für seine spätere Entwicklung für sehr
gefährlich
halten möchte.
Ihr sehr ergebener
Houston Stewart Chamberlain.
Sehr geehrter Herr Lehmann
Wirklich muß
ich auf Ihre ganze Nachsicht rechnen, wenn ich erst so spät auf
Ihre
beiden Briefe von April und Mai und für Ihre verschiedenen
Sendungen
danke. Allerhand Umstände haben zu dieser Versäumnis
beigetragen,
und ich weiß, Sie werden mir nicht böse sein.
Ihre
naturwissenschaftlichen
Sendungen haben für mich immer das allergrößte
Interesse;
ich bin Ihnen sehr dankbar dafür.
Das Buch über
die Willensfreiheit habe ich wegen des vielen wertvollen Materials
unter
meine philosophischen Bücher gereiht, um es bei Gelegenheit zu
benutzen;
doch muß ich gestehen, daß ich es nicht g e l e
s e n habe, da ich mich über den allgemeinen
Standpunkt
zu sehr ärgerte. Daß vom Standpunkte der Natur aus der Wille
nicht frei erscheinen kann, liegt doch auf der Hand; im Grunde genommen
haben dies vernünftige Menschen von jeher gewußt und seit
Kant
liegt der ganze Zusammenhang klar und unwidersprechlich zutage. Doch
daß
es möglich ist, hundert Jahre nach Kant die Frage so einseitig, so
unmäßig beschränkt aufzufassen, das ist traurig. Der
Mensch
ohne Metaphysik ist doch eigentlich nichts weiter als ein vom Baum
herabgekletterter,
bodenständiger Affe. Für diesen hat Ihr Autor geschrieben.
Ganz anders
verhält
es sich mit Pfleiderers Buch, das ich abends im Bette lese und bald
beendet
haben werde. Mit wirklicher Freude und Aufregung lese ich dieses
schöne
Werk, das trotz aller Sachlichkeit der Form und wissenschaftlichen
Nüchternheit
der Darstellung, so offenbar durchglüht ist von inniger
Religiosität.
Ob Pfleiderer denselben Standpunkt vertritt wie ich oder nicht, das hat
auf mein Urteil nicht die geringste Bedeutung; so hoch schätze ich
nicht meine Privatmeinungen ein; außerdem darf man auch dem
großen
Gelehrten das jedem Menschen unveräußerliche Recht, zu
irren,
nicht absprechen. Meiner Meinung nach kommt es einzig darauf
an,
w a s einer will, und w i e er es
will,
— und in diesen beiden Beziehungen verdient, meine ich, Pfleiderer
uneingeschränkte
Anerkennung, vielleicht geht ihm ein gewisses Etwas ab — eine gewisse
Frische
und Kraft der Darstellung, die auf weite Kreise bedeutend wirkt; und
das
bedauere ich. So ist mir z. B. Pfleiderer als Gelehrter viel
sympathischer
als Harnack, — und doch besitzt letzterer eine gewisse Gewalt über
die Masse, und ich wünschte, Pfleiderer besäße dasselbe
Geheimnis. Jedenfalls ist es ein schönes Buch, zu dessen
Verbreitung
jeder das Seinige beitragen muß.
Sie erkundigen sich
nach meinem beabsichtigten Werke. Geschehen ist dafür
natürlich
nichts. Es ist auch noch nicht in das Stadium getreten, wo ich sagen
könnte,
die Sache gewinnt Gestalt; nichtsdestoweniger denke ich manchmal
darüber
nach und sammle allerhand. Sie werden aber begreifen, daß mein
Kantwerk
— das mich fast ins Grab gebracht hat — mir nicht die nötige
Frische
läßt, um augenblicklich ein solches Thema ernstlich in
Angriff
zu nehmen. Vorher muß eine allgemeine Aufheiterung und Belebung
des
ganzen Geistes gehen, — und diese suche ich in einem Buch aus einem
ganz
anderen Gebiete, das ich schon skizziert habe. Für ein Werk
über
die Religion kann es nur nützlich sein, wenn man ein reifes, an
Erfahrung
reiches Alter erreicht hat.
Wir stecken mitten
im Druck des Kant, der wohl sehr zeitig im Herbst erscheinen wird.
Meine Frau ist seit
einigen Wochen in Paris zur ärztlichen Behandlung und bleibt dort
noch bis Mitte Juli. Was dann geschieht, ist noch unbestimmt. Ich
selber
werde wohl heuer sehr spät wegkommen.
Mit herzlichsten
Grüßen
Ihr sehr ergebener
Houston Stewart Chamberlain
154-167
An Graf Hermann Keyserling
Also Ihr
Buch¹
habe ich gelesen, und zwar in einem Zuge von A bis Z, wie man das ein
erstes
Mal soll.
Eigentlich sollte
ich noch, ehe ich davon Spreche, Ihnen eine kleine querelle de
Prussien
machen; denn Sie belehrten mich in Ihrem vorletzten Briefe, daß
man
nicht nach bloßem Durchblättern über ein Buch urteilen
könne, wogegen ich nun Sie hätte belehren mögen,
daß
man auch einen Brief von vier Seiten aufmerksam lesen muß, wenn
man
darüber sprechen will; ein Urteil abzugeben, war mir gar nicht
eingefallen,
sondern ich hatte ausdrücklich nur von dem ersten Eindruck eines
gelegentlichen
Blätterns gesprochen. — Doch, lassen wir das.
Zunächst
beglückwünsche
ich Sie zu der Menge Arbeit und Leben, die in diesem Buche steckt;
jedenfalls
empfinden Sie es als eine feste Stufe, auf der Sie nunmehr mit dem
einen
Fuße ruhen, während der andere (wie ich aus dem Bericht
über
Ihre vorträge entnehme) schon energisch nach neuem, höherem
Stehraum
ausschreitet. Sie mögen es meiner Art und wohl auch meiner fast
väterlich
gesinnten Freundschaft zugut halten, wenn mich an dem Werk
zunächst
Keyserling — das Subjektive, Schaffende, Strebende — mehr fesselt als
das
objektive Ergebnis; bei erneuter Lektüre mag es vielleicht anders
werden. Einstweilen bringt auf mich Ihr Werk den Eindruck eines
Selbstgespräches
hervor. Ich höre Sie mit sich selber reben. Trotz der klaren
Disposition
der Massen, was auf genaue innere Ausarbeitung schließen
läßt,
hätte ich das Ganze für die vorbereitende Arbeit des Autors
mit
und an sich selbst gehalten, für den Rohstoff, nicht für das
eigentliche Werk. Und wer weiß, vielleicht gibt die Folge diesem
Empfinden in irgendeinem Sinne recht. Jedenfalls rücke ich mir
hierdurch
unter dem ersten Eindruck alles in eine anregende, sympathische
Atmosphäre.
Wenn ein Denker, wie Kant, zwanzig Jahre an einem Werke arbeitet, so
wird
dieses Werk zwar in einem andern und höheren Sinne zum Ausdruck
seiner
Persönlichkeit — aber es ist die festgebannte, ewige Person,
gleichsam
ihre Statue, wogegen ich hier — wenn Sie mir den trivialen Vergleich
erlauben
— Ihre lebende Photographie, das Biorama Ihres Denkens zu erblicken
glaube.
Wie es bei Ihnen, wenn Sie erregt reden, zischt und siedet und sprudelt
und spuckt, so geht's auch hier. Wenn man etwas erst vorbereitet — ich
weiß es aus Erfahrung —‚ sieht man sich bald
genötigt,
a l l e s zu sammeln, was einem einfällt; das nicht
gewußt
zu haben, hat mich lange vom Schreiben zurückgehalten; ich
glaubte,
ich müßte auf große Gedanken warten; endlich entdeckte
ich, daß auch das scheinbar Triviale und Selbstverständliche
des Sammelns wert ist, denn nur auf diese Weise gewinnt man nach und
nach
die Kenntnis und Übersicht des Ganzen; die eigentlichen Gedanken —
diejenigen, über die man selber am meisten staunt — stellen sich
dann
im Laufe der Arbeit von selber ein; und ist diese fertig, so trägt
man das Gerüst ab. Sie haben das Gerüst stehen lassen, und es
ist köstlich zu sehen, wie Sie darauf herumlaufen, hinauf, hinab,
hierher und dorthin.
Was ich hier ziemlich
unbeholfen anzudeuten versuche, ist vielleicht die eine Erklärung
— unter andern — für das Interesse, das Ihr Buch bei Leuten
geweckt
hat, denen man solche Lektüre kaum zugetraut hätte. Indem Sie
bemüht sind, sich selbst zu überzeugen, überzeugen Sie
die
andern.
Diese Deutung ist
mir auch darum von Wert, weil ich sonst im Zweifel wäre,
für
w e n das Buch eigentlich geschrieben ist. Natürlich
steht
es jedem Verfasser frei, seinen Leserkreis sich auszuwählen; er
kann
wie Henri Beyle „To the happy Few“ auf die Widmung schreiben
oder,
wie ein Shakespeare es füglich gekonnt hätte: „Allen Wesen
menschlichen
Geschlechts“; zum harmonischen Gesamteindruck gehört aber, auf
alle
Fälle, daß der Leser genau empfinde, zu wem geredet wird.
Sobald
ich die Vorstellung Ihrer in Selbstgespräch vertieften Person aus
den Augen verlor, war ich nun gepeinigt durch die Empfindung, nicht zu
wissen, welches Publikum Sie im Auge gehabt haben. Dem allgemeinen Ton
nach, würde ich glauben, die große geistige Mittelklasse,
nicht
die Ignoranten, nicht die Denkfaulen, aber auch nicht den Gelehrten und
noch weniger den alleinigen Geistesadel, da Sie für diesen
gewiß
schlichter und weniger oratorisch geschrieben hätten. Anderseits
aber
setzen Sie so viel an naturwissenschaftlichen Kenntnissen voraus und
namentlich
— an manchen Orten — eine solche Vertrautheit mit subtilen
erkenntniskritischen
Gedanken, Sie gleiten über diese Dinge
verhältnismäßig
so schnell hinweg, daß ich mir wiederum sagen muß, jene
Mittelklasse
kann Ihnen unmöglich hier folgen, — entweder Sie überspringt,
oder sie watet in irgendeinem für uns kaum vorstellbaren grotesken
Mißverständnis. Redet man mit sich selber, so ist das ganz
etwas
anderes; denn wer in einer glücklichen Morgenstunde Denkgenosse
Immanuel
Kants war, kann unter Umständen, ehe es Abend wird, der Kommensal
Monsieur Homais'² werden.
Und da ich
unversehens
schon in die Kritik hineingeraten bin, muß ich gestehen,
daß,
sobald ich das Buch nicht als Konfession, sondern als
Gedankenarchitektonik
betrachte, ich den auf Seite 129 zum bestimmten Ausdruck gelangenden
Hauptgedanken
des Ganzen ungenügend herausgearbeitet finde. Natürlich kehrt
er wieder und immer wieder, da er die Achse bildet, um die sich alles
dreht;
für einen im Denken Geübten, außerdem in Freundschaft
Ihnen
Folgenden ist Ihr Sinn unzweifelhaft klar; doch bezweifle ich sehr, ob
jene geistige Mittelklasse, von der ich oben sprach, dem Gedankengang
zu
folgen vermag. Denn architektonisch liegt (nach meiner Meinung)
entschieden
ein Fehler vor; der tragende Gedanke ist weit flüchtiger
ausgearbeitet
als alle die umkreisenden Strebepfeiler, er steht nicht fest und massiv
und zentral genug da. Bald am Anfang schnell und luftig in die
Höhe
geführt, wächst er erst nach und nach und sozusagen
unversehens
zu der Hauptsache aus, so daß der Leser zwar weiß, ja, das
ist festgestellt worden, gewiß aber nicht einer unter hundert
oder
vielleicht unter tausend Rechenschaft zu geben vermöchte, wie das
geschah und was damit genau besagt sein sollte.
Womit ich nun zu
einem weiteren und gewichtigeren Vorwurf gelange. Mit Freude habe ich
von
Ihnen erfahren, Gott sei zu Zeiten „Sophist“ betitelt worden; denn ich
hoffe, es wird dann keinen verletzenden Beigeschmack haben, wenn ich
gestehe,
daß ich beim Lesen Ihres Buches bisweilen den Eindruck kaum
verschleierter
Sophistik gewann. Ich hätte dies wohl nicht näher zu
motivieren
vermocht; es quälte mich jedoch. Jetzt aber glaube ich die
Ursache,
wenigstens in den Hauptzügen, aufzeigen zu können. Sie
vermengen
transzendentale Erkenntniskritik und Empirie; dadurch erleichtern Sie
sich
Ihre Aufgabe und gewinnen außerdem viele Leser; statthaft ist es
aber dennoch nicht. Während ich Sie las, griff ich öfter zu
Schopenhauer,
denn ich fand Ihren leitenden Gedanken und auch manche Nebenargumente
so
vollkommen analog den seinigen, daß ich nachzuschlagen nicht
unterlassen
konnte. Dies begründet keineswegs einen Vorwurf. Originalität
ist ein Phantom. Interessant ist eine Persönlichkeit, das
heißt,
ein Mensch, dem es gelungen ist, sein Ich aus den hundertfachen
Hüllen,
die ihm von Geburt an umgeworfen wurden, so weit zu befreien, daß
er uns mit seinem eigenen echten naturwahren Gesicht anblickt und nicht
bloße Formeln wiederkaut. Dagegen sind alle Gedanken alt wie die
Welt und jede gewollte Originalität ist nur eine Grimasse und kann
nie etwas andres sein. Das sind Binsenwahrheiten. Ich will nichts
weiter
damit sagen, als daß ich Sie beglückwünsche, in so
guter
Gesellschaft zu wandern. Wenn man ein wenig tief erfaßt, was
Schopenhauer
unter „Wille“ versteht, so finde ich es in allen wesentlichen Punkten
vollkommen
identisch mit Ihrem unpersönlichen und überpersönlichen
Ich, der „grenzenlos fortwirkenden Entelechie“ usw. (S. 161).
Namentlich
findet man das Argument, auf welches Sie mit Recht großen Wert
legen,
wenn Sie es auch nach meinem Dafürhalten allzu flüchtig
behandeln,
das Argument meine ich des Unbewußtseins, bei Schopenhauer mit
aller
Bestimmtheit und aller wünschenswerten Kraft ausgeführt. In
der
Welt als Wille usw., Band 2, Kapitel 19, lese ich: „Der Wille, als das
Ding an sich, macht das innere, wahre und unzerstörbare Wesen des
Menschen aus: an sich selbst ist er jedoch bewußtlos.“ Des
weiteren
führt er dann aus, das Bewußtsein sei bedingt durch den
Intellekt
und dieser sei eine Funktion des Gehirns, welches er gar köstlich
als bloßen „Parasit des übrigen Organismus“ bezeichnet,
welcher
in das eigentliche innere Getriebe des Wesens gar nicht eingreife. Es
ist
mir unbegreiflich, daß Sie hier (Anmerkung zu Seite 173)
behaupten,
einzig auf Nietzsche hinweisen zu können; in mancher Beziehung ist
doch Nietzsche, der Denker, im buchstäblichen Sinne des Wortes ein
Parasit an Schopenhauer, weswegen man viele seiner Leitgedanken recht
wohl
mit den von hohen Bäumen herabhängenden, blattlosen
Orchideenblüten
vergleichen könnte, zauberreich und doch erschreckend kunstlich,
weil
des selbständigen Eigenlebens unfähig. Bezeichnet nun, wie
gesagt,
Schopenhauer unser Bewußtsein als eine bloße
„Oberflächenerscheinung“
(Band 2, Kapitel 14), so ist es nicht zu verwundern, wenn er in seinem
Kapitel „Über den Tod und sein Verhältnis zur
Unzerstörbarkeit
unseres Wesens an sich“ zu Ergebnissen gelangt, die — soweit mein
Verständnis
reicht — die Ihrigen Punkt für Punkt vorwegnehmen. Wie gesagt
aber,
das würde mich nicht im geringsten gegen Ihr Werk einnehmen; Sie
verweisen
ja selber dabei auf alte Griechen und Inder, wie Schopenhauer es
seinerzeit
auch getan hatte. Bei diesem aber finde ich die bezeichnete Auffassung
des Wesens des Menschen und infolgedessen auch des Wesens des Todes als
festgefügte, nötige, unvermeidliche, also organische
Bestandteile
eines durchaus konsequenten Systems, wogegen ich in Ihrem Buche nicht
bloß
Flüchtigkeit im Aufbau, sondern kaum verdeckte Sophistik zu
erblicken
glaube. Wenn Schopenhauer Kants Gedanken der Transzendentalität
psychologisch
erklärt und die Kritik der reinen Vernunft als Kritik der
Gehirnfunktionen
bezeichnet, so wissen Sie und ich, daß dies, insofern es als
Interpretation
gelten soll, so völlig verfehlt ist, daß in Wirklichkeit
Kant
ganz dadurch vernichtet wird. Es ist aber wenigstens der Irrtum eines
durchweg
konsequenten Geistes; seiner Voraussetzung bleibt er treu; er geht an
alles
psychologisch heran, und — da er das Gehirn und dessen Funktionen
voraussetzt
— so kann er auch die ganze vielgestaltige Natur und ihre Funktionen
voraussetzen;
daß er dies alles als „Vorstellung“ auffaßt, ist
sekundär.
Sie aber sind tiefer in Kant eingedrungen; Sie haben den rein
methodischen
Gedanken dieses Meisters begriffen und wissen damit zu operieren; Sie
brauchen
ihn auch hier und gewinnen dadurch für Ihr „Ich“ eine meiner
Meinung
nach tiefere Grundlage, als das Schopenhauersche Symbol besitzt, oder
zum
wenigsten die Möglichkeit einer solchen, wenn Sie mehr Ausdauer
darauf
verwandt hätten. Nun aber springen Sie auf das andere Gebiet
hinüber
und verfahren als psychologischer Realist. Das sehr interessante
Kapitel
„Individuum und Leben“ ist ganz schopenhauerisch in der Art, wie an die
Natur herangetreten und wie diese Betrachtung zur Aufhellung von
Problemen
herangezogen wird, die nach Kants Überzeugung transzendent sind
und
darum keine derartige Aufhellung gestatten; für den
Transzendentalisten
sind alle solche Argumente Selbstbetrug. Daraus ergibt sich nun,
daß
man nicht weiß, woran man bei Ihnen ist — sobald man nämlich
genauer hinsieht (was freilich die wenigsten tun mögen). Ich
für
meinen Teil finde darin verkappte Sophistik. Sie tun Gedanken zusammen,
die sich in Wirklichkeit ausschließen, und erreichen hierdurch
den
Vorzug, aus unvereinbaren Weltanschauungen sozusagen den Rahm
abzuschöpfen,
das Beste für Ihren Zweck. Dergleichen Dinge werden aber teuer
bezahlt.
Sie sind nun genötigt, Grenzen zu verwischen und mit Begriffen zu
gaukeln.
Da ich in einem
Briefe
nur andeuten kann, will ich bloß den Begriff „Glauben“ nennen.
Schon
bei einer früheren Publikation konnte ich mich mit Ihrer
Auffassung
nicht befreunden; jetzt begreife ich zwar, wozu Sie diese
Begriffsverwirrung
benötigten, doch kann sie mir nur desto weniger gefallen. Es
handelt
sich zunächst um die Definition eines Begriffs; Sie haben
natürlich
das Recht, neu zu definieren, Sie haben aber nicht das Recht, Kant eine
Unzulänglichkeit anzudichten, deren er sich nicht schuldig gemacht
hat. Würde man den gemeinen Mann fragen, er würde antworten,
Glauben sei das Gegenteil von Wissen. Wie überall, so auch hier,
geht
Kant der unbewußten Weisheit der Jahrhunderte parallel, nur
deutet
er kritisch: bei allen transzendenten Fragen (und zu ihnen gehören
Gott und Unsterblichkeit) ist ein Wissen ausgeschlossen, nur ein
Glauben
kann statthaben. Und wenn er dann sagt: Das Wissen habe ich vertilgen
müssen,
um zum Glauben Platz zu bekommen, so muß ihn jeder denkende
Mensch
verstehen, ein Mißverstehen ist ausgeschlossen. Nun kommen Sie
und
rufen: Halt! auch daß ich eine Nase besitze, ist Glaubenssache,
es
gibt kein Wissen im Gegensatz zum Glauben, überall muß der
Glaube
vorangehen. Ich weiß wohl, daß Sie sich hierbei auf keinen
Geringeren als den Heiligen Augustinus hätten berufen können;
sein bekanntes „credere nihil aliud est, nisi cum assensione
cogitare“
führt ihn zu Begriffsbestimmungen, die dahin münden, wir
könnten
zwar glauben, ohne zu wissen, nichts aber wissen, ohne daß ein
Glauben
voranginge — was mir Ihrer Auffassung so ähnlich sieht wie ein Ei
einem anderen, fünfzehnhundert Jahre jüngeren Ei. Meiner
Meinung
nach ist aber hiermit zwar einem genialen Kirchenvater gedient,
für
uns spätgeborene Nachkopernikaner aber nichts, gar nichts
geleistet.
Der Glaube an die Existenz Ihrer Nase und der Glaube an die
Unsterblichkeit
sind zwei ganz verschiedene Dinge; es tut nicht gut, sie
zusammenzuwerfen.
Welcher Wert, welcher vielfach bedingte, aus bloßen Relationen
auferbaute
Wert unserm vorgeblichen „Wissen“ zukommt, hat wahrhaftig kein Mensch
tiefer
untersucht und umständlicher dargetan als Kant; das Wort „Glaube“
aber hat er mit weiser Absichtlichkeit für ein ganz anderes Gebiet
reserviert, wo von gar keinem Wissen die Rede sein kann, auch nicht von
einem relativen. Daß dies, wie Sie Seite 108 und 110 behaupten,
ein
„summarisches“ und „starres“ Verfahren unseres Großmeisters sei,
kann ich nicht finden; ich finde es tief, einfach, entscheidend. Und
ich
glaube, er und Kierkegaard (den Sie dort anführen) hätten
sich
besser darüber miteinander verständigt als mit Ihnen.
Wenn ich so frei
von der Leber weg rede, lieber Freund, so tue ich es im Vertrauen,
daß
Sie meine Gemütsstimmung sicher begreifen. Weder will ich Sie
damit
belehren, noch will ich mir anmaßen, über Ihr Werk von hohem
Richterstuhle zu urteilen. Da Sie mir aber Freundschaft schenken und
ich
sie von Herzen erwidere, glaube ich Ihnen nichts Angenehmeres erweisen
zu können, als indem ich auf diese erste Lektüre spontan und
ungezwungen reagiere; ich will mir tausendmal lieber Blößen
geben, als Ihr Vertrauen in meine Aufrichtigkeit betrügen. In
diesem
Augenblicke reagiere ich einfach wie unsere liebe alte Froschkeule auf
den elektrischen Strom. Und da die Froschkeule so flott im Zuge ist, so
soll noch ein weiteres Geständnis hinzukommen.
Was ich oben das
Sophistische an Ihrem Werke nannte (vergessen Sie nicht, Sophist =
Gott!),
scheint mir darin Kreis um Kreis zu bilden, so daß ich den
Eindruck
gewinne, das Ganze laufe Schließlich auf einen großen
Sophismus
hinaus. Ich weiß, ich bin und bleibe in einigen Beziehungen ein
ziemlich
ungeschlachter Geist, ein Urwäldler; zwar arbeite ich unausgesetzt
an mir, um meiner Seele das Feinere, Subtilere einzuverleiben; doch
gebe
ich mich hierüber keinen Selbsttäuschungen hin; man tut gut
daran,
seine Grenzen zu ehren; darum befürchte ich, daß mir
vielleicht
an Ihrem Gedankengang gewisse zarteste, raffinierteste Absichten
entgangen
sein mögen. Dieses Bedingende vorausgeschickt, gestehe ich,
daß
Sie mir Ihre Leser — jene große Mittelklasse, an die Sie sich
wenden
— mit Ihrer Hauptthese zum besten zu haben scheinen. Wahrscheinlich
geschieht's
unbewußt (Siehe Kapitel 5). Allen Philosophen zum Trotz
weiß
nämlich der naive Durchschnittsmensch sehr wohl, was er sich unter
„Unsterblichkeit“ denkt und erwünscht. Diese seine Hoffnung sind
Sie
als ehrlicher Denker genötigt ihm zu rauben. Nun aber reden Sie so
viel und so schön, vous brassez tant d'idées,
daß
Sie nach und nach besagten Leser in eine weiche, sentimentale Stimmung
kriegen, wobei das Wort „Entelechie“ Ihnen eben solche Dienste leistet
wie in der berühmten englischen Predigt „that blessed word
Me—so—po—ta—mia“;
der Leser fühlt das Herz im Busen schwellen, er wird
großmütig,
entsagungsvoll; wie Curtius in den Abgrund sprang, so wirft er seine
ihm
sonst so liebe Person in den reißenden Strom der Zeit und
fühlt
sich zu Heldengröße heranwachsen, indem er sich zuruft: „Mit
dem Bewußtsein, daß ich mehr bin als meine Person (Seite
161),
mit der Unsterblichkeit meines ewigen Kernes (Seite 342) gebe ich mich
zufrieden!“ Und dies ist natürlich ein Irrtum, eine
Täuschung,
ein Selbstbetrug. Denn wäre der gute Mann befähigt, weiter zu
forschen, und würden Sie ihn dazu antreiben, statt ihn so
oratorisch
geschickt zwischen stets ergreifenden Erlebnissen Ihres eigenen
Seelenlebens
und allen möglichen soziologischen und naturphilosophischen
Erwägungen
sanft oder stürmisch hin und her zu wiegen, er würde
entdecken,
daß — wenigstens in bezug auf das, was er wünscht und
erhofft
— dieser überpersönliche ewige Kern auch nicht eine taube
Nuß
wert ist. Wäre nicht von Unsterblichkeit die Rede, so ließe
sich nichts gegen die Ausmalung in Giordano-Brunoschen Farben der
Allzusammengehörigkeit
einwenden (wenngleich ich es nicht schön von einer „Allmutter“
finde,
wenn sie „freudig über Leichen fortschreitet“, Seite 163); aber
gerade
die Einbeziehung des Unsterblichkeitsgedankens verrückt das Ganze
in ein falsches Licht. An demselben Orte bezeichnen Sie „das Treiben
der
Menschen“ als „mesquin“; in Wirklichkeit aber ist wahrhafte
Größe
n u r im Menschenherzen zu finden, und zu dem
überschwenglich
Großen des Menschen gehört seine übermütige Idee
der
Unsterblichkeit. Sie rauben uns nun diese Dichtung, dieses Symbol,
diesen
„Glauben“, indem Sie Analyse auf Analyse häufen, durch welche das
Unzulängliche daran nachgewiesen wird, und tauschen uns dafür
einen Wechselbalg ein, von dem ich nicht leugnen will, daß Sie
ihn
edel und groß gedacht und ausgestattet haben, der aber in
Wirklichkeit
eine Abstraktion ist — und mit Abstraktionen lassen sich Menschenherzen
nicht abspeisen. Daß er aber dies ist, darüber wird der
durchschnittliche
Leser durch die vielen konkreten Erörterungen getäuscht.
Kant,
der das Glauben sein säuberlich vom Wissen scheidet, senkt dadurch
die Idee der Unsterblichkeit (zugleich mit der der Freiheit und der
göttlichen
Fürsorge) in die Tiefen des Gemütes; Sie haben den Ehrgeiz,
daraus
eine Erkenntnis zu machen, verwischen zu diesem Behufe die Grenzen,
bringen
hierdurch sowohl Empirie wie Metaphysik ins Wanken, zerstören
sowohl
das rein naiv-religiöse Bild der Unsterblichkeit wie deren
tiefsinnige,
mystisch-transzendente Ahnung und geben dafür ein sonderbares
Gemisch
von transzendentaler Erkenntniskritik und handgreiflich realer
psychologischer
Naturphilosophie, dazu noch Soziologie, Ethik, Religionsgeschichte; so
daß der erstaunte Leser das Phantom einer Unsterblichkeit, die
keine
Unsterblichkeit ist und doch wieder eine Art Unsterblichkeit sein soll,
an den verschiedensten Orten und in den verschiedensten Farben wie ein
Irrlicht auftauchen sieht — bis er entweder, geblendet von diesem
Feuerwerk
(in welchem allerdings Ihre sprühende Natur sich bewährt) die
Augen schließt und Ihnen blind glaubt oder aber, nüchterner
beanlagt, sich sagt: dies ist glänzende Sophistik. Ihre
große
Belesenheit und die Geistesgaben, welche die Entelechie Ihrer Person
zur
Verfügung gestellt hat, bewirken, daß man an jedem einzelnen
Orte eine Fülle des Interessanten findet; es mag nur wenige geben,
die das Buch ohne Belehrung aus der Hand legen; das für Sie
eigentümliche
Handinhandgehen von reichem positiven Wissen und spekulativem
Höhentrieb
bringt stets eine größere oder geringere Ernte anregender
Einfälle.
Habe ich aber oben gesagt, Sie täuschten den Leser, so muß
ich
jetzt daran erinnern, daß mir, wie anfangs bemerkt, das Buch den
Eindruck eines Selbstgespräches macht, so daß ich jenen
Ausdruck
dahin modifizieren muß: Ich glaube, Sie haben sich selbst
getäuscht.
Was ich früher den „umgekehrten Fichte“ in Ihnen zu nennen
pflegte,
scheint mir sich hier gehörig weiterentwickelt zu haben. Von
meinem
Standpunkt aus kann ich nicht anders, als es bedauern; wohin es Sie
nichtsdestoweniger
vielleicht führen wird, darüber fehlt mir alle
Möglichkeit
eines Urteils; über die Gegenwart könnte nur jener
vollgültig
urteilen, der die Zukunft genau erblickte. Und so bin ich denn geneigt
anzunehmen — und hoffe es außerdem von Herzen —‚ daß ich
Ihr
Buch augenblicklich in einer nicht ganz richtigen Perspektive sehe.
Über Formfragen
hörten Sie früher gern meine Meinung. Und so will ich denn
zum
Beschluß dieser überlangen Epistel nur kurz sagen, daß
ich zugleich eine Freude und eine Enttäuschung erfuhr. Die Freude
bezieht sich auf die allgemeine Disposition. Wenn ich an Ihre ersten
Aufsätze
zurückdenke, wo man bisweilen nicht wußte, warum das Ende
nicht
den Anfang bilde usw., so muß ich mir sagen, Keyserling ist
nichts
versagt, was er ernstlich will. Sowohl die Disposition in Kapitel wie
die
zweckmäßige Gliederung jedes einzelnen Kapitels in kleinere
Abteilungen scheint mir vortrefflich gelungen. An dem Muster der besten
französischen und englischen naturwissenschaftlichen Schriften
haben
Sie sich mit Erfolg geübt. Höchstens schiene mir der gehobene
Ton ein wenig unharmonisch zu dieser paragraphos-trockenen
Schichteneinteilung
zu stimmen; cela jure un peu. Doch die große Klarheit
tröstet
leicht hierüber hinweg. Meine Enttäuschung bezieht sich auf
den
Stil im engeren Sinne des Wortes: Sprache, Ausdrucksweise, Ton. Hier
finde
ich gegen Ihr „Weltgefüge“ einen Rückschritt. Wohl kann ich
mir
vorstellen, daß innere Gründe — vielleicht außerdem
noch
äußere Umstände — Sie mit vollem Bewußtsein
veranlaßt
haben, schnell zu arbeiten und wenig zu revidieren; darüber
entgeht
mir das Urteil; ich kann nur von dem Ergebnis reden. Unerträgliche
Provinzialismen finde ich, die mir im „Weltgefüge“ nicht
aufgefallen
waren. Dreimal z. B. ein „gehört sich“, das baltisch sein soll,
höre
ich, jedenfalls aber nicht deutsch ist: Seite 85 „zu dieser Einsicht
gehört
sich eben kritische Besinnung“, Seite 111 „es gehört sich gerade
soviel
Glaubenskraft“, Seite 176 „dazu gehört sich eine Mentalität“.
Ich habe in meiner reichhaltigen Sammlung Nachschlagbücher
gesucht;
kein Schriftsteller von Ruf hat jemals diese offenbar sinnwidrige
Wendung
gebraucht. Wortbildungen wie „tiefgründigste“ (Seite 275 usw.)
dürften
auch schwer zu rechtfertigen sein. Denn Grund ist Grund; man ist
hiermit
schon auf das Unterste gekommen; daß dieser Grund besonders tief
liegt, mag wohl durch „tiefgründig“ angedeutet werden können.
Was aber soll ich mir unter einem „gründiger“ vorstellen? und gar
einem „gründigster“? Also noch mehr Grund als der Grund? Zu einer
anderen Gattung von Stilfehlern würde ich solche Bildungen wie
folgende
rechnen (Seite 58): „tiefe Gedanken werden vom Pöbel u
n w e i g e r l i c h mißverstanden“. Wie kann da von
einem „Weigern“ die Rede sein? Unweigerlich heißt: ohne eine
Weigerung
zu gestatten. Ich halte solche Dinge für Zeitungsdeutsch.
Außerdem
ist das Wort „Pöbel“ hier sicher nicht am Platze, wo vom Volk im
weitesten
Sinne die Rede ist. Dann finde ich sehr viel Outriertes und dadurch
Häßliches
im einzelnen Ausdruck. So z. B. Seite 276: „der Gedanke ist zum
Zerspringen
furchtbar“. Wer und was soll aus Furchtbarkeit zerspringen? Das
hört
sich fast wie Höheretochtersprache an. Und warum soll (Seite 279)
die Biene „empörten“ Widerspruch erheben? oder Kant „beim besten
Willen“
in Athen nicht schreiben können (Seite 2)? und Mohammed (Seite 54)
nicht bloß wenig Neues, sondern „herzlich wenig“ Neues bringen?
und
(Seite 48) unpersönliche Unsterblichkeit der Sterblichkeit
„verzweifelt“
ähnlich sehen? und der Glaube an die Heilwirkung guter Werke
„einfach
läppisch“ sein (Seite 72)? usw. usw. Ich weiß wohl, der
gewöhnliche
Leser achtet auf dergleichen gar nicht; glauben Sie mir aber, lieber
Freund,
der Wert der Sprache für die „tiefgründige“ Wirkung einer
Schrift
ist dennoch unermeßlich. Im Grunde heißt nämlich an
seiner
Sprache arbeiten an seinem Denken und an seinem Fühlen arbeiten;
Reinheit,
Klarheit, Schönheit, Wahrheit. Hier liegt die Betätigung der
eigentlichen T u g e n d seitens derjenigen
Menschen,
die sich einreden, schreiben zu sollen oder zu müssen. Talent und
Genie ruhen in Gottes Hand; doch Reinschreiben sollte ebenso streng
gefordert
werden, wie wir auf allen Gebieten vollendete Technik als
selbstverständlich
voraussetzen — selbst bei einem Drechsler und einem Schuster.
Über Ihr Buch
kann ich mich täuschen; über die Mängel Ihres Stils
täusche
ich mich nicht. Und ich tröste mich nur mit meiner oben
ausgesprochenen
Überzeugung: Keyserling kann, was er will. Möge er hier
wollen!
[...]
Und nun habe ich
so lange kritisiert, daß mir für den Ausdruck vielfacher
freudiger
Zustimmung weder Raum noch Zeit noch Lust bleibt; ich glaube, es ist
besser,
ich lasse das für ein anderes Mal. Schließlich liegt Ihnen
gewiß
auch mehr an einer einigermaßen motivierten Darlegung kritischer
Einwürfe, als an nichtssagenden Lobesphrasen. Mich wenigstens
berühren
solche immer so kalt, daß mich ein Frostgefühl von Kopf zu
Fuß
überfährt; habe ich mein Bestes gegeben, so hat kein Mensch
das
Recht, mich dafür mit einer Banalität zu berühren; in
einem
schweigenden Händedruck liegt mehr Achtung vor ehrlicher Arbeit.
Und
doch hatte ich mir verschiedenes notiert. Von Kleinigkeiten an, wie
Seite
37 der Satz über die „Koordinaten“ zu Liebe, amour, love,
über
gute Einfälle, wie Seite 20 jeder Gottesglaube Fetischismus (ein
wirklicher
Lichtblitz, der um so wohltuender wirkt als er nach unten zu, wo wir
gern
geringschätzen, aufleuchtet), und vieles dieser Art, namentlich im
Kapitel „Individuum und Leben“, weiter dann, über tiefe Einblicke
gewährende Analysen, wie die über den Unsterblichkeitsglauben
aus der Unvergleichbarkeit von Kraft und Stoff hervorgehend (Seite 28),
bis zu dem mittleren Gedanken des Ich als Kraft und daher grenzenlos
usw.
Und das führt mich zum anfangs Gesagten zurück: ich
fühle,
daß intensives persönliches Leben in diesem Buche steckt,
ein
Ringen, das manchmal in kaum unterdrücktes Klagen mündet.
Wenn
das Buch wirkt und wenn es dauert, wird es beides diesem
persönlichen
Elemente verdanken. Wir wollen uns daher hüten, die
Leidenschaftlichkeit
und Oratorik, die der Philosophie nicht förderlich sind, zu
tadeln,
denn sie sind meiner Meinung nach das Beste an dem Buche; es steckt ein
Mensch darin. Und diesem Menschen, da ich ihn hochschätze und
liebe,
habe ich in dem schwachen Maße, in welchem so etwas möglich
ist, zu seinem ferneren Arbeiten dienen wollen, — nicht durch ein
Urteil,
sondern durch eine ungebundene, möglichst deutliche
Rückwirkung
auf die empfangenen Eindrücke. Zwischen zwei Naturforschern
jedenfalls
die zulässigste Methode zur gegenseitigen Förderung.
Möge
der Versuch in Freundschaft aufgenommen werden.
Von dem Erfolg Ihrer
Vorträge habe ich mit Freude gehört. Nach der Lektüre
dieses
Buches wundert er mich nicht. Mehr als einmal hatte ich das
Gefühl,
Sie wären vielleicht eher zum Redner geboren als zum
Schriftsteller.
Ihr feuriges Temperament, Ihre Neigung, weite Wirkungen zu erstreben,
Ihr
geselliges Wesen; alles das dürfte in dem freien Kampf von Rede
und
Gegenrede mehr in seinem Element sich fühlen als in jener
Ausübung
entsagungsvoller Geduld und langen Schweigens, welches wir mehr oder
weniger
halluzinierte Menschen unter Bücherschreiben verstehen.
Ihr Arzt, der Ihnen
Ägypten und mehrjähriges Schweigen verordnet, ist — mit
Respekt
zu sagen — ein Esel, wie übrigens fast alle Ärzte. Sie
würden
sich ja innerlich völlig aufreiben. Meinetwegen Ägypten, —
aber
lernen Sie dann Arabisch und halten Sie mit den Imams Disputationen.
Und nun verzeihen
Sie dieses megalotherisch angewachsene Sendschreiben, das an die alten
Zeiten erinnert, wo die Menschen noch Muße hatten, Briefe zu
schreiben
und Briefe zu lesen; so etwas in die Hauptstadt der Automobile und
Hochbahnen
zu schicken ist mehr als naiv; noch einmal, Verzeihung! Und glauben Sie
an die alte, urwäldliche, tumbe und herzliche Freundschaft
Ihres
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Graf Hermann Keyserling, Unsterblichkeit. Eine Kritik der
Beziehungen
zwischen Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt, Lehmann
Vlg., München 1907.
²
Vgl. Flaubert, Madame Bovary.
167-171
An Leopold von Schröder
Verehrter lieber Freund!
Aufrichtigen Dank für Ihre freundliche Sendung, die mich natürlich sehr interessiert hat. Ich lebe so gänzlich außerhalb der Tagesereignisse, daß ich von dem Katholikenkongreß und von Dr. Luegers Rede gar nichts gewußt hätte, wenn nicht die braven Studenten mich dringend eingeladen hätten, an ihrer Protestversammlung teilzunehmen und dort das Wort zu ergreifen — was ich natürlich beides abzulehnen hatte. Später scheint Ihr Aufsatz in der „Neuen Freien Presse“ bedeutendes Aufsehen erregt zu haben, denn auch davon drang selbst bis in meine abgelegene Klause dunkle Kunde. Ich zwar konnte mir sofort das Wie und das Warum denken, denn vor meinen Augen steht Ihr Charakter so unverrückbar fest und unerschütterlich wie... nun, sagen wir, wie das Nordkap. Trotzdem war ich für die Aufklärung, welche diese letzte Publikation brachte, dankbar, und ich fühle Ihnen die Empörung über die geschehene und nie wieder gutzumachende Unbill nach. Denn von tausend Lesern der „Neuen Freien“ wird kaum einer die „Zeit“ zu Gesicht bekommen. Wer sich mit Niederträchtigen einläßt, ist — was diese Wirkungen betrifft — verloren:
Verehrungsvoll und herzlich Ihr
Houston S. Chamberlain.
Letzte Änderung am / Last update: 18 April 2010