Houston Stewart Chamberlain

Briefe

1882—1924

und

Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II.

Erster Band: Seite 1—171, Briefe 1882—1907


Houston Stewart Chamberlain, Briefe und Briefwechsel


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Band I, Seite I-VI: Einführung/Inhaltsübersicht

Band I, Seite 001-171: Die Briefe I. 1882-1907
Band I, Seite 172-332: Die Briefe I. 1908-1915
Band II, Seite 001-128: Die Briefe II. 1916-1924
Band II, Seite 129-275: Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II
Band II, Seite 276-288: Verzeichnis der Eigennamen
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VII


Die Briefe I. 1882-1915

VIII


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1-6 An Miß Harriett Mary Chamberlain


Montag, 31/7/1882.     660 Bahnhofstraße, Bayreuth.

Liebstes Tantchen

    Fast möchte ich mit Parsifal ausrufen: „Ha, welcher Sünden, welches Frevels Schuld muß dieses Toren Haupt belasten“, wenn ich bedenke, daß fast eine Woche seit meinem letzten Brief verstrichen ist und ich inzwischen dreimal den „Parsifal“ erlebte. Hoffentlich hast Du Dich nicht etwa gesorgt, sondern begriffen, daß, da ich kein beruflicher Berichterstatter bin, dieses Meisterwerk mich einfach verstummen machte. Hiermit sage ich keine Redensart, denn wenn auch solche überwältigende Schönheit nach anderen, stärkeren als den herkömmlichen Worten der Bewunderung verlangt, so ist da noch eine zweite Überlegung, die es schwer, ja unmöglich macht, sich in der Hoffnung an den Schreibtisch zu setzen, etwas auch nur einigermaßen Zusammenhängendes oder Verständliches niederzuschreiben: und das ist die Schwierigkeit, nach ein- oder zweimaligem Hören ein Meisterwerk hinlänglich zu erfassen, an dem das Genie jahrelang schuf, — selbst dann, wenn man sich wie ich durch vorheriges Studium darauf vorbereitet hatte. — Als ich soeben meine Karte für die morgige Aufführung (die vierte) holte, sprach mich Prof. Riedel (Professor der Musik in Leipzig) an und meinte, daß, wenn man dieses Werk nur ein- oder zweimal gehört hätte, der Eindruck ein „schiefer“ sein müsse, da man nach den Schönheiten des 1. und 2. Aktes noch nicht reif für die Steigerung im dritten wäre. Und das erfuhr ich tatsächlich; denn zuerst bewunderte ich den 1. Akt am meisten, dann den 2. und jetzt erst, über allen Vergleich hinaus, den dritten.
    Wie wünschte ich, mein geliebtes Tantchen, daß Du das miterlebt hättest! Meine Erwartungen sind in jeder Hinsicht übertroffen worden, und, da Du es nicht mit eignen Augen sahest, fürchte ich, Du wirst mich für „wagnerverrückt“ halten, wenn wir heimkommen.
    Zuvörderst — das Theater, in all seiner Einfachheit und aus gewöhnlichstem Material erbaut, ist nach meiner Meinung durchaus imposant, erhaben. Ich spreche nur vom Innern. (Das Äußere konnte vermutlich bei Wagners kargen Mitteln überhaupt nur im einfachsten Stil errichtet werden und ist nun leider durch die Notwendigkeit eines angefügten Vorbaues — als Eingang für die kgl. Herrschaften — verdorben worden.) Es ist ein wirkliches Amphitheater, eine Sitzreihe über der anderen, genügend überhöht, um über den Kopf des Vordermanns hinweg jedem freien Blick auf die Bühne zu gewähren. Je weiter nach hinten, desto breiter werden die Reihen, d. h. sie erweitern sich fächerartig, und über der letzten ist die sogenannte „Fürstengalerie“, die aus drei langen und flachen Logen besteht, welche die ganze Breite einnehmen. An beiden Seiten springen dorische und ionische Säulen vor, oberhalb welcher, wie auch über der Fürstenloge, Kronleuchter angebracht sind, da es keine Zentralbeleuchtung gibt.
    Ganz unten, zwischen der vordersten Reihe und der Bühne, ist ein dunkler, geheimnisvoller Zwischenraum, dessen Bestimmung uns erst durch einen leichten Taktstockaufschlag des Dirigenten — es ist dies das einzige Zeichen, das dem Publikum den Beginn des Aktes verkündet — und darauf durch das Erklingen des wunderbaren „Liebesmahlspruchs“ erklärt wird. Du kannst Dir unmöglich den Eindruck dieser von unsichtbaren Händen gespielten Musik vorstellen, welche zwar nicht vom Himmel herunterkommt, aber gerade darum noch rührender, ja reinmenschlicher uns packt, durch das Heraufschweben der unsäglich ergreifenden Töne, die aus dem tiefsten Innern der Erde zu kommen Scheinen.
    Nun wirst Du mich am Ende für ganz verrückt halten, und dabei habe ich noch nichts über das Werk selbst gesagt. Was soll, was kann ich aber darüber sagen?! Dreimal habe ich es erlebt, nachdem ich es mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln durchstudiert, die ganze Musik auch Note für Note mit dem Klavierauszug verfolgt hatte, — — und nun ist es mir zur festen Überzeugung geworden, daß es sich jenen allergrößten Meisterwerken anreiht, auf welche die Menschheit stolz ist, und daß Wagner damit, ohne Widerspruch, unter die leuchtendsten Sterne erster Ordnung versetzt werden wird. — Möglich, daß ich mich hierin täusche; erste Eindrücke können ja noch eher irreleiten, als spätere, und die außergewöhnlichen Umstände mögen in diesem Falle ein besonders günstiges Urteil erzeugen.
    Du kannst besser darüber urteilen als ich. Ich muß nur noch hinzufügen, daß, obschon das Publikum durchaus nicht bloß aus „unbedingten Wagnerverehrern“ bestand, wir dennoch nur Worte der tiefsten Bewunderung hörten, ja selbst die (sehr wenigen) Zeitungsberichte, die ich gelegentlich zu sehen bekam, drückten sich ganz in gleichem Sinne aus.
    „Parsifal“ ist zwar kein Drama von so riesigen Ausmaßen wie der „Ring des Nibelungen“, von welchem man sagen darf, daß er nicht nur ein ganzes Epos, sondern eine ganze Mythologie in sich birgt, aber er ist ein   g r ö ß e r e s   und tieferes Werk, das in seiner dichterischen Konzeption noch mehr allumfassende Wahrheit enthält, ein wirkliches   D r a m a   (was jener nicht ist), in dem die Einheit der Handlung fast buchstäblich zu nehmen ist und als übertrieben betrachtet werden könnte, — und der Sinn dieser Handlung ist reinmenschlich, wendet sich an die edelsten und höchsten Gefühle und Leidenschaften des menschlichen Herzens und zeigt deren Sieg über die niedrigen, mögen diese auch in noch so glanzvoll schillernde Gewänder gehüllt sein. Es ist merkwürdig zu sehen, wie recht Wagner hat, wenn er meint, daß man seine Werke unmöglich verstehen könne, wenn man nur einen der beiden Teile betrachte, sei es die Musik oder die Dichtung, oder auch beide, aber getrennt; denn ich besitze z. B. das Gedicht dieses letzten musikalischen Dramas seit Jahren und habe es unzählige Male gelesen, muß aber gestehen, daß ich keinen Begriff von seiner wunderbaren Schönheit und Tiefe hatte, bis ich die „Verse mit der unsterblichen Musik vermählt“ hörte (vergib diese Abänderung Miltons!). Ein Musikreferent schreibt, daß er sich kaum der Tränen enthalten konnte beim Vorspiel. Du kennst ja den „Liebesmahlspruch“ — er wird jedoch hier viel langsamer genommen, und besonders die Schlußnoten dehnen sich bis zu dem, was Schumann „himmlische Länge“ genannt haben würde. Der Klavierauszug gibt einem keine Ahnung von den Akkorden, welche dann folgen und die wir den Harfen zuschrieben, während sie von sämtlichen Streichern „mit Dämpfern“ gespielt werden, — w i e —‚ das wissen wohl nur Gott und Wagner; es ist himmlisch, und der von mir früher oft verlachte Wolzogen spricht die reine Wahrheit, wenn er sagt: „Mit diesen göttlichen Harmonien zieht der göttliche Geist der Liebe alsbald in die ergriffen lauschenden Herzen ein, die, wie   e m p o r g e z o g e n   zum himmlischen Quell usw. usw.“. Ja, „emporgezogen“ — das ist das rechte Wort; man fühlt sich wirklich auf Engelsschwingen zum Himmel hinaufgetragen. Wären nicht die sehr langen Zwischenakte (in deren einem man zu Abend ißt), brauchte man erst beim letzten Fallen des Vorhangs wieder zur Erde hinabzugleiten.
    Trotz des, wie ich schon sagte, Reinmenschlichen und zu jedem Herzen Sprechenden im „Parsifal“ ist dieses Werk dennoch durchaus deutsch, indem es auch wahrhaft subjektiv ist, und diese Eigenschaft erhebt es ins Ideale. Die äußere Handlung ist gering und obendrein grundverschieden von dem, was unser jetziges äußeres Leben ausmacht; der dichterische Grundgedanke, die Gemütsbewegungen, die inneren Konflikte, die eigentlichen Situationen an sich (wenn man sie der äußeren Hüllen entkleidet) sind wahr und lebensvoll; aber sie werden uns wie in einem Gleichnis vorgeführt. Die Handlung spielt in der noch halb sagenhaften Zeit der Ritter von der Tafelrunde, wo der Glaube an Zauberei bewies, daß die Kluft zwischen dem Menschen und der übrigen Natur nicht so tief war wie jetzt. Der Ort der Handlung ist in eine halb fabelhafte Gegend verlegt, nicht mehr in das gute alte Deutschland, wie in Wagners früheren Werken, sondern auf einen unbestimmten Berg Spaniens „dem arabischen Spanien zugewandt“. Dazu die wunderbare, jedes Wort, jede Bewegung begleitende Musik, die der unbedeutendsten Einzelheit einen idealen Reiz verleiht und uns weit über das Alltägliche hinaushebt; ja, dieses sogenannte „Zukunftsdrama“ zeigt uns wirklich den Menschen in einem zukünftigen, höheren Entwicklungszustand, — das materielle Substrat bleibt zwar unverändert, aber seine Kundgebung erscheint uns in schönerer, idealerer Form.
    Im Verlauf dieser letzten Woche hat sich mein Standpunkt zum Wagnertum sowie meine Einschätzung des grundlegenden Gedankens vom „Musik-Drama“ erheblich geändert. Jeder vernünftige Mensch wird leicht zugeben, daß man Wagners Dichtungen ohne die Musik gar nicht zu beurteilen vermag, — aber weit schwerer zu begreifen (schwerer ob der Neuheit dieser Vorstellung) ist, wie unmöglich es ist, Wagners Musik ohne die Dichtung — besonders ohne das gesungene Wort — zu verstehen und in irgendeiner, höchst unvollkommenen Weise einzuschätzen.
    Das mag vielleicht paradox klingen, aber im gegenwärtigen Augenblick bin ich von der   ü b e r w ä l t i g e n d e n   S c h ö n h e i t   dieses — wie soll ich es nennen? — Gesanges, besser, dieser gesungenen Worte bezwungen. Es muß wirklich ein neues Wort gefunden werden, denn es ist geradezu absurd, von einem „endlosen Rezitativ“ zu Sprechen, wie oft geschehen ist, und anderseits kann man es ebensowenig eine „Melodie“ nennen. Du entsinnst Dich gewiß, daß uns schon im Klavierauszug einige Stellen auffielen, so: „Muß ich denn sterben, vom Retter ungeleitet?“, — „Wehe, wehe, usw.“. „Er naht, sie bringen ihn getragen“, und andere. Aber abgesehen von der für Dilettanten beträchtlichen Schwierigkeit, Klavierspiel und Gesang zu vereinigen, oder die Singstimme mitzuspielen, sind Übung und Vertrautheit zur wirklichen Würdigung dieser zugleich ureigensten, tiefsten und bedeutendsten Wagnerschen Neuerungen unumgänglich notwendig. Beim ersten Durchblättern der Partitur meint man, daß die Singstimme in ihrem Auf- und Absteigen ziemlich willkürlich behandelt wäre, ja man ist fast zu der Annahme versucht, daß die einzige „raison d'être“ des Notenwechsels in dem Gesetz der Unterordnung unter die begleitende Musik läge. — Irrtum! Tiefer Irrtum! Du ahnst gar nicht, wie zart bei aller Kraft und Fülle das Wagnersche Orchester ist; die Stimme beherrscht es immer. Die oft gehörte Behauptung, daß die Stimme in Wagners Dramen in dem Tonmeer ertränkt werde, ist haltlos. Wohl   g i b t   es einen Ozean von Harmonien, und Welle auf Welle rollt in unendlicher Folge aus dem unsichtbaren Orchester empor, aber es ist ein Ozean, der Handlung und Darsteller trägt und in dem diese als Sieger schwimmen.
    Wunderschön und namentlich durchaus geschmackvoll ist auch die Inszenierung, und die Hauptgruppierungen sind offenbar von Künstlerhand entworfen worden. — Im ersten Akt ist die Wirkung der von links nach rechts sich bewegenden Wandeldekoration, in welcher das ursprüngliche Waldesdickicht allmählich in eine felsige Gegend mit Gewölben und Säulengängen übergeht, von ganz großartiger Wirkung, besonders durch das wiederholte Auftauchen der Gestalten von Gurnemanz und Parsifal, dunkel und undeutlich im Hintergrund. Es gemahnte mich an G. Dorés Zeichnungen von Dantes Hölle.
    Die Blumenmädchen sind einfach entzückend; alle Musiker stimmen darin überein, daß Wagner mit diesem Chor, wenn man es so nennen will, „etwas noch nie Dagewesenes“ geschaffen habe; die unglaublich schweren Anforderungen, welche er darin stellt, sind so glänzend überwunden worden, daß man sich sorglos dem unbeschreiblichen Zauber dieser Szene hingeben darf, deren jugendliche Darstellerinnen aus den besten Theatern Deutschlands auserlesen wurden. — Aber die Krone dieses Wunderwerks ist die Fußwaschung Parsifals durch die büßende Kundry im 3. Akt und die begleitende Episode der „Blumenaue“ oder „Charfreitagszauber“, wo Parsifals Ausruf „Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön!“ vom alten Gurnemanz mit den Worten beantwortet wird: „Das ist Charfreitagszauber, Herr! Des Sünders Reuetränen sind es, die heut' mit heil'gem Tau beträufeln Flur und Au' . Der ließ sie so gedeihen, usw. usw.“ — „Da hört Alles auf“ und so auch

Dein Houston.

Dank für die beiden Karten.
 

7-12 An Miß Harriett Mary Chamberlain



Warnemünde 28/8 1883.

Liebstes Tantchen,

    Besten Dank für Deinen Brief vom 19. und den — anbei zurückfolgenden — von Harry, der uns die Geburt seines Sohnes mitteilt.
    Es wird Dich freuen, daß Seeluft wie Seebäder mir sehr zuträglich sind; sogar ein kleiner Ausschlag, den ich hier bekommen habe, wird als günstige Wirkung des Wassers gedeutet und beweist mir jedenfalls, daß meine Haut und vielleicht auch mein Blut reagieren, und da ich mich recht wohl fühle, darf die Warnemünder Theorie den Vorrang vor manchen anderen landläufigen beanspruchen. Eigentlich gedachte ich heute in Kopenhagen zu sein („Kjöpenhavn“, was wörtlich „Kaufhafen“ bedeutet), allein eine Verletzung der Zehe, die ich mir neulich auf den Stufen der Badehütte zuzog, zwang mich zum Aufschub. Doch es ist nichts Schlimmes und schmerzte bloß einen Tag, und wenn sich der Wind einigermaßen legt, will ich morgen aufbrechen und vielleicht über Lübeck am Sonntag zurückkehren. Jeder, der Kopenhagen kennt, ist entzückt davon, und allein das Thorwaldsen-Museum würde genügen, um den Ausflug zu einem interessanten zu machen. Möglicherweise werde ich dem nördlichsten Punkte: Helsingör einen Nachmittag widmen, — man erblickt von dort die schwedische Küste. Nach Lübeck würde ich hauptsächlich um der Kirchen willen gehen, da sie durch die ausschließliche Verwendung von Backsteinen typisch für den reinen gotischen Stil des nördlichen Deutschland sein sollen und sich in manchem von anderen bekannteren Bauarten, wie den Kirchen am Rhein, in Frankreich und in Süddeutschland wesentlich unterscheiden. Die in letzterem so stark ins Auge fallenden Bogenpfeiler, welche dem Äußeren jene merkwürdige arabeskenartige, nach oben drängende Form geben, sind, wie ich erfahre, wegen der Backsteine dort unbekannt. Das Äußere wirkt dadurch etwas schwerfällig, — aber ohne, meiner Meinung nach, der Schönheit und Größe zu ermangeln; denn abgesehen von Einzelheiten ist die Anlage die gleiche wie bei anderen gotischen Kirchen. Die einzige Kirche dieser Art, die ich sah, diejenige in Doberan bei Heiligendamm (aus dem 13. und 14. Jahrhundert) erinnert in ihrem äußeren Bau auffallend an den Dom von Pisa. Du entsinnst Dich wohl des großartigen Eindrucks, den dieser, von der Ostseite neben dem Kampanile aus gesehen, uns machte? Er ist ja viel älter, eigentlich Frühgotik, aber sein Erbauer war ein Deutscher (il Tedesko), und obschon ich hier von Dingen rede, von denen ich nichts verstehe, sollte es mich sehr wundern, wenn da nicht eine Art von Verbindung vorläge, so auffallend ist die Verwandtschaft in der allgemeinen Inspiration. Leider habe ich kein einziges Buch bei mir, das mir, wie Lübke, den erwünschten Aufschluß gäbe.
    Aber ich werde weitschweifig, und das ist meinem widerspenstigen rechten Handgelenk nicht eben zuträglich, — da ich täglich wenigstens einen, oft mehrere Geschäftsbriefe zu schreiben habe und die Hand dann nach Ruhe verlangt. So kam es, daß ich Dir noch kaum etwas von Leipzig berichtete, wohl nur, daß ich dort dem alten Liszt vorgestellt worden bin, der von Weimar herübergekommen war (wo er trotz seiner 72 Jahre ein Oratorium ¹ schreibt), um Berlioz' „Benvenuto Cellini“ anzuhören. Prof. Riedel kennt meine tiefe Abneigung gegen jedwedes Hervordrängen und jene rohe Belästigung berühmter Männer, aber   e r   bestand in diesem Fall darauf, daß ich eingeführt würde, und da Liszt sein langjähriger Freund sei, könne ich das sehr einfach. Prof. Riedel hatte Liszt von mir gesprochen und daß ich sein Gast sei. Dieser habe gleich erwidert, daß er   m i c h   bereits   k e n n e   (d. i. von mir wüßte) und sich sehr auf meine persönliche Bekanntschaft freue. Leider konnten mir weder Vater noch Tochter Riedel erklären, wodurch und was Liszt etwa von mir wüßte. „Mystère!“
    Immer von einer Menge Anbeter umgeben, war der greise Herr auch diesmal mit etwa 20 Menschen von Weimar herübergefahren; darunter befanden sich neben Gräfinnen auch Damen geringerer Herkunft, Kapellmeister und Pianisten; bei letzteren ein sehr netter Engländer. Du bist wahrscheinlich ebensowenig, wie ich es bis vor kurzem noch war, darüber im klaren, einen wie bedeutsamen Anteil Liszt an der ganzen Entwicklung der modernen Musik hat. Seine Stellung als größter Pianist und als Schöpfer einer ganz neuen Kunst des Klavierspiels, welche das Klavier vollständig umwandelte, bedingt bei weitem nicht seinen einzigen oder größten Anspruch auf Ruhm und auf die förmliche Anbetung, die ihm von zahlreichen Musikern gezollt wird. Im Gegensatz zu den anderen Virtuosen hat er von Anfang an seinen ganzen Einfluß, seine ganze Popularität dazu verwendet, jungen Talenten die Wege zu ebnen, sie zu ermutigen, indem er ihre Klavierwerke spielte und ihre Opern und Oratorien usw. aufführte, als er längere Zeit in Weimar Musikdirektor war. Dabei kämpfte er auch mit seiner stets bereiten glänzenden Feder für sie, so daß wir in großem Maße, um nur einige zu nennen, Berlioz, Chopin, Schumann, Wagner ihm zu verdanken haben. Und Wagner selbst sprach es in seiner Rede am Schluß der vorjährigen Festspiele aus, daß er alles, was er sei, Franz Liszt schulde.
    Schließlich muß ich auch noch seinen Ruhmesanspruch als Komponist erwähnen, der nach zuständigstem Urteil mir als groß bezeichnet wurde, als weit bedeutender, als die Allgemeinheit ahnt. Er selbst hält nicht viel von den meistgekannten seiner Werke, wie den „Ungarischen Rhapsodien“, die er eigentlich um des technischen Könnens willen schrieb. Leider kenne ich kaum etwas von ihm; seine Kompositionen sind ausnehmend schwer, — man sagt mir, sein „Waldweben ² “ für Klavier gehöre zu dem Schönsten, — seine Oratorien „Die heilige Elisabeth“ und „Christus“ sowie andere Werke kann man nur in einigen Städten, wie in Leipzig, hören. — Ich muß sagen, ich blickte mit achtungsvoller Bewunderung auf diesen Mann, der noch ein Zeitgenosse Beethovens gewesen ist, und unter dessen Flügeln alle größten Musiker dieses Jahrhunderts emporwuchsen, und der nun, nachdem er sie   a l l e   zu Grabe geleitet hat, ruhig in seinem kleinen Weimar sitzt und neue Werke schafft. — Du kennst mich genügsam, um zu glauben, daß ich mich beim gemeinsamen Abendessen so weit ab als möglich von seinem Gesichtskreis setzte. Prof. Riedel meinte: „Es ist immer ein Anfang!“ „Benvenuto Cellini“ ist eine ebenso merkwürdige als originelle Schöpfung des ebenso merkwürdigen als originellen Genies Berlioz, der sicher ein halbes Jahrhundert zu früh in die Welt kam und überdies das Mißgeschick hatte, in einem Land geboren zu werden, das ein musikalisches Empfinden von geringer Tiefe besitzt. Die Leipziger Musiker stimmten meiner Verwunderung darüber bei, daß ein solches Werk bereits 1836 oder 1837 (ich vergaß, in welchem Jahre) geschrieben wurde. Die Instrumentation ist — wie übrigens in allen Berliozschen Werken — durchaus das, was wir mit modern bezeichnen, und wenn auch seine Rezitative grundverschieden von der musikalischen Deklamation in den Wagnerschen Werken der 3. Periode sind, so darf man den „Cellini“ doch insofern als Vorläufer der Wagnerschen Musikdramen bezeichnen, als man darin kaum mehr eine Spur von der alten konventionellen Form findet und sein Orchester eine sehr unabhängige Rolle spielt. Natürlich kann man aber Berlioz ebensowenig mit Wagner vergleichen wie das Licht des Sirius mit der Sonne, doch bleibt der „Benvenuto“ nichtsdestoweniger sehr interessant, und ich betrachte es als einen Glückszufall, daß ich ihn zu hören bekam, denn bei den ungewöhnlichen Schwierigkeiten in Ansehung der musikalischen Ausführung und seiner schweren Zugänglichkeit wird dieses Werk stets nur ein „Leckerbissen“ für Feinschmecker bleiben und niemals ein Zugstück des Repertoires werden.
    Gerne würde ich Dir so manches von meinen eingehenden Unterhaltungen mit dem alten Riedel mitteilen, aber ich muß es leider aufschieben und hoffe, einiges in späteren Briefen nachzuholen, erstens meiner Hand wegen, zweitens soll der Brief heute noch in den Kasten.
    Ich machte nette Spaziergänge in dem reizenden Leipziger Anlagen, sah auch das kleine Haus, in dessen Dachzimmer Schiller einst als Student wohnte und sein „Freude, schöner Götterfunken“ schrieb. Der Raum ist fast unberührt geblieben, sein Tintenfaß ist noch da, ebenso die weiße Weste, welche er zu großen Gelegenheiten trug. Es ist fast zu bedauern, daß so alltägliche Nebensächlichkeiten wie sein Waschtisch der Aufmerksamkeit des Besuchers aufgedrängt werden, — mit der unausbleiblichen Folgerung, daß der Dichter, dessen sämtliche Toilettengegenstände auf einem Raum etwa zweimal so groß wie dieses Blatt Papier Platz hätten, einen sehr, sehr beschränkten Gebrauch von dem gemacht haben muß, was wir chemisch H20 nennen. — Ich sah auch Auerbachs Keller. Hierher pflegte Goethe als ganz junger Student zu kommen, und man ersieht daraus, wie frühzeitig schon sein Sinn auf den Stoff seiner großen Dichtung gerichtet war, — denn in diesem Keller befindet sich das große Faß, auf dem Dr. Faustus der Überlieferung zufolge ritt, mit einer alten Inschrift und einem Erinnerungsbild an dieses Interessante Faktum. Eine Menge verschiedenartigster alter Bücher aus den frühesten Tagen der Buchdruckerkunst befinden sich seit Goethes Zeit auch noch daselbst und berichten von Dr. Fausts Wundertaten und Zauberei.
    Mit Ruthardt ³ und seinem Bruder, der jetzt als erster Kapellmeister nach Magdeburg geht (zum Leidwesen der Leipziger, da er ein sehr netter Mensch ist), verbrachte ich einen angenehmen Abend.
    Wir verließen Heiligendamm, wie ich Dir, denke ich, schon erzählte, einesteils wegen der Ausgabe, und anderseits, weil mich nach ein wenig Seeleben verlangte, nachdem ich die See so lange nicht gesehen hatte. Obwohl der hiesige Hafen klein ist, da Rostock in den letzten 50 Jahren viel von seiner Bedeutung als Handelsstadt eingebüßt hat, vergeht dennoch kaum ein Tag, ohne daß Schiffe ein- und auslaufen. Fast alle bringen Holz aus Schweden, Norwegen und Finnland, aber einige führen auch Kohlen aus Grimsby und andere Petroleum aus Amerika. Fast alle Schiffe sind deutsche (aus Rostock) oder skandinavische, einige auch russische, während bisher nur ein einziges französisches (das Petroleum führte) einlief und vorgestern ein großer englischer Kohlendampfer. Die Ausfuhr scheint dagegen gering zu sein, da alle diese Schiffe Sand als Ballast nehmen. Fischerboote gibt es die Menge, nicht ganz so groß wie in Cannes, mit zwei Masten und drei Segeln, durchaus sauber; und die Schiffer haben jenen eigentümlich gewinnenden Ausdruck auf ihren verwitterten Gesichtern, der vielen Seeleuten eigen zu sein scheint. Die meisten können Englisch, da sie sämtlich manches Jahr zur See gefahren sind. Ich fahre fast täglich auf einige Stunden mit dem Boot hinaus; es ist fast immer eine gute Brise auf der Ostsee, und schwerer Wind und hohe See sind manchmal ganz plötzlich da; aber die Boote hier gehen meilenweit hinaus und halten viel aus.
    Der einzige Mißstand hier ist die Nahrung; sie verhindert, daß das gesunde Leben seine volle wohltätige Wirkung tut. Nicht daß sie schlecht an sich sei, — aber diese guten Deutschen haben in dieser Hinsicht, in manch anderer auch, fürchte ich, einen sehr verdorbenen oder besser überhaupt keinen Geschmack. Sie lieben alles Ungesunde, Schwere, Unverdauliche, — nähren sich von stopfenden Sachen und essen nichts Nahrhaftes. Dabei und bei ihrem gänzlich unathletischen Leben ist es ein Wunder, wie diese Rasse so kraftvoll bleibt; sicher ist das eine Gottesgabe, — sie selbst tun nichts dazu.
    Grüße mir herzlich Onkel und Tante Anna und vergiß nicht, mir Nachrichten von ihr zu geben.

Dein Houston.
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    ¹ Das unvollendet gebliebene Oratorium „Stanislaus“.
    ² Gemeint ist wohl die Konzertetüde „Waldesrauschen“.
    ³ Adolf Ruthardt, hochangesehener Musiklehrer in Genf (vgl. „Lebenswege meines Denkens“ S. 226 f.), später in Leipzig.
 

12-14 An Felix Mottl



9. Februar 1889.        3 Reichenbach Straße. Dresden.

Sehr geehrter Herr

    Sie mögen mich gut verfluchen! Und nun soll ich Ihnen noch gar   s c h r e i b e n   über diese Cellini-Geschichte? Frau Wagner bittet mich darum [Cosima Wagner und H. S. Chamberlain in Briefwechsel, 8. Februar 1889], ich tue es ihr zu Gefallen und bitte, es mir nicht übel zu nehmen.
    Am Jahre 1883, gleich nach Schluß der Bayreuther Festspiele, war ich einige Tage bei dem verstorbenen Carl Riedel zu Besuch in Leipzig. Am Tage vor meiner Abreise fand die erste Aufführung von Cellini statt, mit Schott als Gast. Liszt kam dazu von Weimar herüber — mit einem gar wunderlichen Kometenschweif.
    An den Tagen vor der Aufführung war Prof. Riedel so freundlich gewesen, mir den größten Teil des Cellinis vorzumusizieren, und zwar aus einem Klavierauszug mit französischem und deutschem Text. Dabei hatte sich zwischen uns eine kleine Diskussion entsponnen, — indem ich von einer Arie der Therese im ersten Akt behauptete, dieselbe passe gar nicht in den Rahmen des übrigen, sei unschön usw., was Riedel seinerseits   n i c h t   zugab. In der Aufführung wurde nun diese Arie gesungen. Während der Pause zwischen dem ersten Akt und dem zweiten unterhielten sich Liszt und Riedel sehr lebhaft; ich hörte ihre Unterhaltung nicht; — aber auf einmal kommt Riedel auf mich zugelaufen, sehr heiter, und sagt: „— — das ist ein merkwürdiges Zusammentreffen! Sie wissen diese Arie der Therese, die Sie nicht mögen — und über die wir uns stritten; Liszt erzählt mir soeben, es sei das Einzige, was er in Weimar gestrichen habe, — er habe dem Berlioz erklärt, das wolle und könne er nicht dirigieren. Es hat ihn geärgert, daß man die Arie hier gesungen hat.“
    Das ist meine erste Cellini-Anekdote; — nun die zweite.
    Nach dem Theater waren wir alle zusammen im Hotel de Prusse (oder einem anderen Gasthause); — als Gast Riedels hatte ich die Ehre, mich dem wunderlichen Schweife anschließen zu dürfen; ich saß neben Riedel und nicht sehr weit von Liszt, so daß ich der Unterhaltung gut folgen konnte. Ich entsinne mich, daß Liszt behauptete, Cellini sei die schwerste Tenorrolle, die es überhaupt gäbe (wozu ich allerdings bemerken muß, daß Schott am Tische saß). Das wichtigste war aber, daß Liszt — einigen anderen Meinungen gegenüber — ausführte und mit großer Bestimmtheit behauptete, die große Arie (Monolog) von Cellini im dritten Akt (vor dem Gusse: „sur les monts“) sei der Höhepunkt des ganzen Dramas, — man solle Cellini lieber nicht geben, als diese Streichen. (Schott hatte sie auch gesungen.) Riedel stimmte Liszt vollkommen bei. Dieses kann ich beschwören; und ich habe ein gutes und nüchternes Gedächtnis.

Mit vielen Grüßen in herzlicher Ergebenheit

Ihr Houston S. Chamberlain.
 

14-15 An Frau Dr. Karl Muck



Wien Blümelgasse 1. 11. II. 1894.

Geehrte gnädige Frau

    Gestatten Sie mir die Mitteilung, daß ich — nach dem endlich definitiven Entschluß des dortigen Wagner-Vereins — nächsten Samstag. den 17. d. M., in Graz — meinen Vortrag — „Schematische Übersicht über das Leben R. W.s“, halten soll.
    Ich werde nicht ermangeln, Ihrem Herrn Vater ¹ meine Aufwartung zu machen; sehr wird es mich freuen, wenn seine Geschäftstätigkeit (die, nach den Zeitungen zu urteilen, gerade in diesem Augenblick außerordentlich groß sein muß) ihm gestattet, mich zu empfangen. — Dürfte ich Sie nun bitten, gnädige Frau, Herrn Dr. Portugall durch eine Zeile meinen Besuch anzukündigen? — nämlich nur, damit nicht im ersten Augenblick ein Mißverständnis entstehe und er mich nicht etwa als Kandidaten für die Stelle eines Wasserleitungsinspektors oder dgl. halte! Mir ist einmal etwas Ähnliches passiert, und es war wirklich eine peinliche Minute.
    Seit meinem Besuch in Berlin habe ich Influenza mit Diphtheritis durchgemacht; kann mich noch gar nicht erholen. Hoffentlich ist es Ihnen besser ergangen? In dem „Guide Musical“ von Brüssel lese ich immer das Lob Ihres Herrn Gemahls; das tröstet mich für die Notlage, welche mich zwingt, das alberne Blatt zu halten. Seit unserem Fidelio-Gespräch ist mir Dr. Muck sehr nahe;   e i n   Wort führt einen bisweilen weiter, als zehn Jahre Schwatzens. Wer versteht es, die Verwandtschaft, die Ebenbürtigkeit, zwischen den Großen, die es können — Beethoven —‚ und den Großen, die es nicht können, Hoffmann, zu empfinden? Wer begreift es, daß der gänzliche Mangel an derber Volkstümlichkeit ebenso sicher von der Erreichung der sogenannten Genialität abschneidet, als hätte der Mensch gar kein Talent? Wer hört die Stimmen derjenigen, welchen ein überirdisches Gelübde Schweigen auferlegt? — Die   „E i n f a c h e n“,   das ist die Alltagsmenschen, jedenfalls nicht, — aber Ihrem lieben Manne traue ich alles zu, — für   m i c h   braucht er keine Gedichte zu schreiben und keine Musik zu Papier zu bringen, — die Luft um ihn herum phosphoresziert ordentlich von Erscheinungen aus einer anderen Welt, und während er bei Dressel saß, war es mir, als weile seine viertdimensionale Seele irgendwo ganz anders und führe ein Meisterwerk auf! Ob hier, ob dort, gleichviel!

Mit vielen Grüßen Ihr ganz ergebener

Houston S. Chamberlain.
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     ¹ Bürgermeister Portugall von Graz.
 

15-22 An Professor Christian von Ehrenfels



7. November 1894        VI Blümelgasse 1. Wien.

Lieber Freund
    Entschuldige die Aufdringlichkeit einer umgehenden Antwort; wie Du aber, glaube ich, weißt, habe ich in diesem Winter eine — für meine Schwachen Kräfte — ungeheuer große Aufgabe¹ vor. Ich bin aus diesem Grunde zur sofortigen Beantwortung — wie ein Kaufmann — gezwungen, sonst komme ich gar nicht zu Rande — wenn Ich die Sachen Sich anhäufen lasse, — ich vergesse sie überhaupt. [...]
    Der Ausdruck „Chamberlainsche Strich“ gefällt mir außerordentlich; ich bin sehr stolz darauf. Dieser Strich ist sogar ein ganzer Kreis, — ein Zauberkreis, in den ich die unsichtbaren Geister banne, — fest überzeugt, daß nur eines wahrhaft produktiv auf dieser Erde ist: die poetische Schöpfung. Ob wir Isaac Newton, Charles Darwin oder Beethoven und Wagner sind, wir müssen es immer so anfangen, wie seinerzeit unser lieber Herrgott und „aus Nichts Etwas machen“, — das Etwas zerbröckelt in unseren Fingern zu Nichts.
    Bezüglich der   K r i t i k,   so möchte ich auf den großen Unterschied aufmerksam machen in der Bedeutung, die diesem Wort in den positiven Naturwissenschaften und dagegen in den literarischen, politischen und anderen Disziplinen beigelegt wird. Das Grundprinzip der Naturforschung ist das alte „panta kala lian“des ersten Buches Moses'; was ist, ist gut: die Natur anders zu wollen als sie ist, — die Behauptung aufzustellen, dieses Tier hätte zu lange Beine und jener Baum eine nicht schön genug gefärbte Blüte, — so etwas brächte den Naturforscher ins Narrenhaus.   K r i t i k   wird dort nur und ausschließlich in bezug auf die Person des Beobachters, auf seine Instrumente usw. angewandt, und das Kriterion für seine Hypothesen wird aus den vorliegenden   T a t s a c h e n   entnommen, — und zwar „sans appel“. Diese Tatsachen bewegen sich aber gänzlich außerhalb dessen, was wir „logisch“ nennen. Es gibt kaum eine organische Gestalt, die uns nicht bei ihrer ersten Entdeckung geradezu   a b s u r d   erschiene, lächerlich, mißgestaltet, unpraktisch (ich verweise Dich z. B. auf die neuen amerikanischen Entdeckungen auf paläontologischem Gebiete), — und erst allmählich konstruieren wir uns die „logische Zweckmäßigkeit“ dieses bestimmten Typus zu unserer Zufriedenheit — wobei das Grundgesetz der notwendigen Einheit aller Apperzeption (siehe Kant) sein Amt fehlerlos versieht, indem es sich erst wie Gummielastikum ausdehnen läßt, und dann — sowie die neue „Tatsache“ umfaßt ist, sich — wiederum elastisch — fest um das Bündel Anschauungen zusammenzieht, so daß jeder die Überzeugung hat: „Mehr geht nicht hinein.“ Nur der klarblickende Naturforscher sagt sich: „There are more things in heaven and earth —“. Und ich meine, daß auf diese Art in demjenigen, der — mit philosophischem Sinne begabt — die praktische — beobachtende und experimentierende — Schule der Naturwissenschaft durchgemacht hat, sich ein besonderer Begriff, oder sagen wir lieber eine besondere Praxis der   K r i t i k   ausbildet, — eine Praxis, die so grundverschieden ist von derjenigen der Literaten, Fachphilosophen usw., daß es allerdings sehr auffallen muß, wenn ein solcher Mann sich nun auf einmal einen großen Mann, ein Genie, vornimmt und sagt: „Den will ich mir genau so ansehen und ähnlich betrachten, als wäre er eine Giraffe.“ Denn nun haben wir einen Kritiker, der die scharfe Waffe seiner Vernunft nach   i n n e n   richtet, — während er nach   a u ß e n   das Auge nur liebevoll und weit öffnet. Jeder andere tritt an die Erscheinungen mit bestimmten, logisch gegliederten Vorstellungen, Meinungen heran, mit anderen Worten, mit Dogmen. Der Naturforscher hat nun allerdings auch ein Dogma — das muß ich zugeben — es ist aber die   N a t u r,   die Natur sans paroles. — Und ich meine nun, daß meine sog. „Kritiklosigkeit“ durchaus kein Mangel an kritischem Scharfsinn ist, sondern nur eine andere Orientierung dieser Tätigkeit des Geistes. Ich nannte vorhin das   A u g e;   aber was das Auge für die Erfassung der äußeren Gestalt, das ist das   H e r z   in bezug auf das Begreifen der inneren Regungen, des Charakters, der ganzen individuellen Persönlichkeit. Selbst der alte, dürre, hausbackene Kant — mit seinem „hölzernen Bein“ der Moral, wie Schopenhauer spottet — sagt einmal, „in der   w a h r e n   W e i s h e i t   gäbe das Herz dem Verstande die Vorschrift“. — Und so trifft Wagners berühmter Spruch:   „n u r   wer ihn liebe, könne ihn verstehen“, ganz und gar mit meiner ureigenen Empfindung zusammen. Und hier muß ich Sie (!) darauf aufmerksam machen — denn dieser Brief ist ein apologetischer —‚ daß bei mir zu dem Naturforscher sich der Poet gesellt. Will ich jemandens Ansichten, seine Lehren, seine Paradoxen — kurz, seine geistige Erscheinung — verstehen, so versuche ich so vollkommen als möglich in seine Haut hinein zu schlüpfen; ich schaue in die Welt hinaus durch seine   A u g e n, — ich lasse dieselben Einflüsse auf mich wirken, — ja, ich bin auch mit ihm unaufrichtig oder gar lügnerisch — was kann denn ich dafür, wenn die betr. Giraffe einmal so ist? Und nur in dem Maße, in dem mir diese Identifizierung gelingt, empfinde ich, daß ich wirklich   v e r s t e h e.   Und — das gestehe ich — was man gewöhnlich unter Kritik versteht, ist mir dann gemeiniglich höchst langweilig. Wer nicht in jener Haut gesteckt hat, wer nicht durch jene Augen die Welt betrachtet hat, der weiß ja doch nicht, was das Genie meinte, er kann ja doch nicht den gesamten Zusammenhang überblicken, sonst müßte er mit Gott sagen: „Und siehe da, es ist sehr gut.“
    Der ungeheure Vorzug von Menschen Deiner Art, lieber Freund, ist nun der, daß sie mit jeder einzelnen „Kritik“, die sie an anderen üben, klarer in sich selbst sehen. Ihr seid gewissermaßen Kanibale, — und wißt sehr gut, daß ein in Stücke zerrissener Organismus nur noch zur Nahrung taugen kann, — womit ich keineswegs Mangel an Originalität vorwerfen will, da ja die Nahrung assimiliert und zu neuem Fleisch umgewandelt wird. Wir dagegen sind Metempsychosianer, — uns ist die Seelenwanderung das Allergeläufigste! Der Genuß ist ein großer, ein göttlicher. Du darfst nur ja nicht glauben — wie Du anzunehmen scheinst —‚ daß ein Mensch meiner Art imstande wäre, sich „mit Haut und Haar“ an irgend jemanden — und sei es selbst der Teufel in höchsteigener Person — zu vergeben. Zwar sehen wir in uns selbst nicht sehr klar, — ich kann z. B. aufrichtig sagen, daß auf der ganzen Welt kein Mensch mich so wenig interessiert wie ich selber, und 999mal von Tausend, wenn ich an einer Diskussion  nicht teilnehme, so kommt das einfach daher, daß ich wirklich gar keine Meinung habe, sondern mich ganz neutral im Innern verhalte — nur immer bereit, wo ich auch Geist und Hochherzigkeit sehe, deren Partei zu nehmen. Aber ich muß in mir die Einseitigkeit gewissermaßen künstlich großziehen und erhalten, sonst würde mich meine naturwissenschaftliche Objektivität zu der weiten Steppeneinöde des à tout prix genau gerechten, alles abwägenden Geistes verführen; und dann der Schalk, die Ironie, oh! vor dem muß ich mich sehr in acht nehmen, — der brächte meine Seele in die Hölle, wenn ich nicht sehr aufpaßte. Denn, Männer meiner Art sind die wirklichen Skeptiker par excellence; ein so feiner Psycholog, wie Du, kann das unmöglich übersehen haben; und genau so wie die Griechen nicht bloß infolge ihrer so vieles ermöglichenden Begabung die größten Bildner der Welt waren, — sondern auch deswegen, weil sie die häßlichsten Weiber von ganz Europa die ihren nannten, — so daß die   S e h n s u c h t   das eigentliche treibende Motiv ihrer großen Kunst war, ebenso sind Männer wie ich gute Apostel,   w e i l   sie solche Skeptiker sind, die überall mit sicherem Blick die Unzulänglichkeit sofort entdecken, — und darum mit Verzweiflungskraft glauben.
    Nun zu etwas anderem.
    Mit religiöser Gewissenhaftigkeit vermeide ich, wenn ich von Wagner spreche, eine eigene Ansicht vorzubringen. Ich bin ein Anwalt, ein Anwalt, der zugleich ein leidenschaftlich liebender Freund ist. Ja, ich bin mehr als das: ich bin ein Dichter, der sich mit dem Toten, dem er zum Worte verhilft, ebenso identifiziert wie ein Shakespeare mit seinem Falstaff, seinem Lear, seinem Macbeth — Ich rede natürlich nicht von der Intensität des erreichten Ausdrucks, sondern einzig von der   A r t   zu empfinden. Wenn ich mich bestrebe, Wagners Ansichten und die Bilder, die ihm vorschwebten, anderen so lebendig, so plastisch als möglich vorzuführen, — so bin ich niemals als selber mitredend, parteinehmend zu denken. Wie ich bisweilen im Gespräch meine Frau ungeduldig unterbreche: „Ach   i c h?   Ich existiere ja gar nicht!“ Und um da wieder speziell auf Deinen Brief zurückzukommen, — nie ist es mir im Traume eingefallen, Wagners politische Ideen als die meinigen mir anzueignen (wie der drastische englische Ausdruck lautet: to   e s p o u s e   his ideas). Ich bin Dir allerdings sehr dankbar, daß Du den Vortrag nicht durch den Zuruf „Das ist ja greulicher Unsinn“ unterbrachst; bei Deiner stürmischen Natur muß Dir diese Zurückhaltung große Überwindung gekostet haben; Du bist eben ein Gentleman, und das ist etwas sehr Schönes; übrigens verspreche ich eine ähnliche Diskretion, wenn Du einmal Deine weltbeglückenden, evolutionssozialistischen Ideen vorträgst. Übrigens habe ich nicht das Geringste gegen den drastischen Ausdruck „greulichen Unsinn“ einzuwenden; ich liebe die Drastik. Ich finde nur, daß Richard Wagners Ansichten in bezug auf „absolutes Königtum“ und „freies Volk“ nicht mehr und nicht weniger Unsinn sind als die Lehren Christi, — nicht mehr und nicht weniger Unsinn als das Ideal Karl des Großen, — nicht mehr und, nicht weniger Unsinn als Schillers Ästhetische Briefe, — nicht mehr und nicht weniger Unsinn als der Anarchismus des großen (und übrigens in aller Praxis des Lebens und der Geschäfte höchst versierten) Proudhons — usw. ad infinitum. Genie zu haben ist überhaupt — in einem gewissen Sinne — Narretei. Und bei Wagner ist nicht allein die erstrebte soziale Lösung, sondern ebenfalls das erstrebte Kunstideal ein Unsinn, — nämlich ein Unding. — Auf   j e d e m   Gebiete, überall, wo wir bis auf den   G r u n d   gehen, treffen wir auf Widerspruch. Es ist nicht bloß die reine Vernunft, die zu unlösbaren Antinomien führt, — sondern, im Zusammenhang mit dieser fundamentalen Eigenschaft unserer Natur, braucht man überall das Blei nur tief genug zu senken, so stößt es auf den festen Boden des organischen, naturgesetzmäßigen Widerspruchs. Ein wirklich großer Geist bewährt sich — unter anderem — in der unverwüstlichen Kraft, mit der überall der Widerspruch bei ihm zu Tage tritt; die Ungeniertheit des Widerspruchs (wenn ich mich so ausdrücken darf) ist der Beweis seiner Aufrichtigkeit. Wo kein Widerspruch, da ist der Geist gleichsam eine Fläche; körperlich wird er nur durch den Widerspruch. Carlyle sagt irgendwo, nichts sei bewunderungswürdiger an dem englischen Volke (als politisches Wesen betrachtet) als der eigensinnige, „dogged“ Widerstand, den es der  L o g i k   entgegensetze. Darin — in diesem Instinkt, daß es eine supralogische Einsicht gebe, die mit dem wahren Wesen der Natur weit mehr harmonisiere als jedes nicht „unsinnige“ System — dokumentiere sich das überragende politische   G e n i e   des englischen Volkes, daher kämen seine großartigen Erfolge. — Und für mich ist Wagners widerspruchsvolle Lehre des „absoluten Königtums“ und des „freien Volkes“ darum so hoch interessant — nicht weil sie   w a h r   sei, denn das dünkt mich gänzlich irrelevant, sondern — weil sie genial ist! Und diese Genialität ist hier so frappierend, weil diese Ansicht — hier künstlerisch zusammengedrängt und verdichtet — die urgermanische Empfindung in sozialen Dingen ganz genau widerspiegelt. Alle Denker sind darin einig, daß das   V o l k   der Wahre Dichter sei, die dichterische Urkraft; das gilt aber nicht allein von symbolischen und mythologischen Dingen, sondern auf jedem Gebiet betätigt sich sein Instinkt unbewußt schöpferisch und — nicht logisch — sondern „naturgemäß“. Und unserem Stamme ist diese Antithese: Einherrschertum und Freiheit ebenso natürlich und angeboren — das heißt, eine Folge seiner ganzen Anlage — wie seine besondere Körpergestalt oder irgendeine andere seiner Eigentümlichkeiten. Tatsächlich verwirklicht finden wir dieses Ideal — soweit Verwirklichung möglich gewesen sein mag — in der Verfassung der alten deutschen Stämme; in dem einzigen deutschen Staate, der so hartnäckig dem fremden Einflusse widerstand, daß er noch heute keinerlei „Verfassung“ besitzt, in Mecklenburg, existiert   n o c h   h e u t e   ein machtvollkommener Einherrscher, den keine Konstitution bindet, der aber infolge der dort noch herrschenden altdeutschen Gebräuche in bezug auf Besitz, in bezug auf die Rechte der „Stände“ usw. doch über ein Volk gebietet, das nicht mit Unrecht sich „freier“ nennen kann als die meisten parlamentarischen Staaten. Und sehr lehrreich finde ich es, die beiden deutschen Völker, die es am weitesten „in der Welt“ gebracht haben, in bezug auf diesen unausrottbaren antithetischen Instinkt der Germanen zu prüfen: die Preußen, bei denen das absolute Königtum nur wenig verschminkt sich erhalten hat und bei der geringsten Gefahr unumschränkt auftreten würde, — bei denen aber die „moralische“ Freiheit — Glaubensfreiheit, Lehrfreiheit usw. — wie sonst nirgends blüht; und die Engländer, bei denen das „freie Volk in politischen Dingen die Oberhand gewonnen hat, dafür aber das „absolute Königtum“ — jetzt eine unsichtbare, unpersönliche Gewalt — mit eiserner Hand gebietet und jede staatsgefährliche Äußerung persönlicher Ansichten unterdrückt.
    Und noch etwas, was uns die wunderbare Tiefe des Wagnerschen Blickes enthüllt, und was ihn in so naher lebendiger Berührung mit der Natur zeigt: er weiß ganz genau, daß nichts Unsinniger ist, als die Zukunft organisieren zu wollen; er nennt es   „w a h n s i n n i g,   das Leben der Zukunft durch gegenwärtig gegebene Gesetze ordnen zu wollen“. Und schon diese eine Einsicht — in welcher er mit den größten Politikern zusammentrifft — beweist einen so tiefen Einblick, daß sie für mich genügen würde, um mich mit großem Respekt an Wagners soziale Anschauungen herantreten zu lassen; vielleicht erspart man sich selbst eine peinliche Blamage, wenn man sich nicht allzusehr beeilt, „greulichen Unsinn“ auszurufen? Dem weisen Mime war das ja schon einmal passiert, als er dem kindischen, nur die Natur getreu beobachtenden Siegfried zurief: „Greulichen Unsinn kramst du da aus!“
    Jedoch, ich wiederhole es, diese Anschauung von Einherrschertum und Freiheit ne me tient pas à coeur personnellement. Was genial ist, erfreut mein Herz, genau so wie der Sonnenstrahl mein Auge; aber die   W a h r h e i t — materiell aufgefaßt — ist ein feu-follet, nach welchem ich, für mein Teil, nicht zu laufen gesonnen bin; mir liegt daran, nicht in den Sumpf zu geraten, sondern auf freier Höhe zu bleiben, von wo aus ich dem Narrenspiel gut zusehen kann.
    „Vor einer Vernunft ohne Schranken ist die Richtung zugleich die Vollendung“, sagt Schiller. Und nur insofern und in diesem Sinne kann man auch derartigen Anschauungen von Wagner „praktischen Wert“ beilegen.
    Aber es ist höchste Zeit, daß ich mich unterbreche! Einen so ausschweifend langen Brief darf ich heutzutage, wo ich unter der Arbeitslast förmlich ersticke, nicht schreiben...  Jedenfalls hoffe ich das eine, — daß meine freundschaftlichen Gesinnungen sich nicht aufrichtiger betätigen konnten, als indem je saisis la balle au saut et te la renvoie!
    Tausend Grüße von ganzem Herzen an Euch beide von uns beiden.

Houston S. Chamberlain
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    ¹ Das erste große Werk „Richard Wagner“.
 

23-29 An Karl Horst



31 Oktober 95   VI Blümelgasse 1 Wien.

Lieber Karl

    Besten Dank für Deinen neulichen Brief. Auf Deinen langen Brief vom Frühjahr war es mir leider ganz unmöglich zu antworten; ich war dermaßen mit Arbeit überbürdet, daß ich — namentlich wo es, wie bei literarischer Arbeit nicht bloß darauf ankommt, daß eine Arbeit erledigt wird, sondern namentlich auf das, „wie“ das geschieht — mich nolens volens entschließen mußte, jeder nicht unbedingt notwendigen Korrespondenz auszuweichen. Nun hätte ich Dir aber von Herzen gern auf Deine Fragen geantwortet und wartete nur, bis ich Zeit dazu fände. Dieser Augenblick ist jetzt gekommen, die Korrekturen zu meinem Buch¹ sind seit vorgestern fertig und neue Arbeiten, die meiner harren, noch nicht begonnen — aber siebe da, in meiner Buchstabenmappe ist Dein Brief nicht zu finden, wo ich ihn doch gut aufgehoben wähnte! Er muß irrtümlicherweise vernichtet worden sein, und so muß ich mich jetzt auf mein Gedächtnis verlassen. Entschuldige, bitte, und frage nur lustig weiter, wenn Dir an meinem Urteil etwas gelegen ist, ich bin ja nicht immer so beschäftigt, wie ich das jetzt die letzten zwölf Monate war, und es wird mir immer eine   H e r z e n s f r e u d e   sein, Dir meine aufrichtige Meinung zu sagen: Du bist ja gebildet und gescheit, ich kann mich folglich immer kurz fassen, Du wirst mich schon verstehen. Und ich habe die Überzeugung, daß ich Dir manchen guten Rat für Deinen Studiengang geben könnte. Gerade weil ich außerhalb stehe, ist in mancher Beziehung mein Blick freier als der des richtigen Fachmannes, der eigentlich immer (oder meistens) nur wieder den Fachmann im Auge hat, nicht den freien Menschen, nicht die Individualität des einzelnen.
    Und erlaube, daß ich mich gleich heute im Ratgeben übe! Es wird mich zu der Beantwortung der Frage, ob Du schon jetzt Darwins Ursprung der Arten lesen solltest, hinüberführen.
    Ich kann Dir nämlich nicht dringend genug raten — gleichviel was Du auch studieren willst — a u f   j e d e n   F a l l   ein naturwissenschaftliches Kollegium zu besuchen. Nichts gibt es, was einen Menschen so schnell von der zugleich papiernen und bleiernen Schulweisheit befreit, nichts auch, was das Urteil so schärft, nichts, was der Phantasie ein so weites, anregendes Gebiet eröffnet. Ich möchte fast raten, mit Zoologie zu beginnen, das fesselt am meisten durch die unendliche Varietät der Formen. Höre nur zwei Semester Zoologie zunächst, das läßt Dir ja alle Zeit für Deine übrigen eigentlichen Fachstudien. Macht es Dir Vergnügen und hast Du Zeit, so höre später Botanik (Anatomie und Physiologie, nicht Systematik), — und willst Du in Naturwissenschaft wirklich eingeweiht sein, so gebe noch später beherzt an das schwierigere, abstrusere Studium der Chemie, wo Dir wieder ganz neue Welten aufgehen werden. Nun muß ich aber sofort hinzufügen, daß man ohne Laboratoriumarbeit niemals in den Geist der Wissenschaft eingeführt werden kann: Naturwissenschaft ist eben sehen, anstatt glauben, meinen, schwatzen. Ob Dir Deine Augen das Mikroskopieren erlauben, weiß ich nicht, wenn nicht, so braucht Dir das keinen Kummer zu machen; es hat große Naturforscher zu jenen Zeiten gegeben, wo Mikroskope noch gar nicht existierten, und worauf es ankommt bei jener geistigen Bildung, die ich hier im Sinne habe, ist durchaus nicht, daß man alles sehe, sondern daß man überhaupt   s e h e n   lerne. Die grobe Anatomie erzieht ebensosehr wie die seine und wie die histologische, es kommt nur darauf an, daß man durch persönliche   E r f a h r u n g   den Unterschied zwischen Natur und Bücherweisheit kennenlernt, und alle Naturwissenschaften haben das für sich, daß der grenzenlose Subjektivismus, die Herrschaft des Wortes und der Dialektik durch die „harten Tatsachen“ (wie Carlyle sagt), durch die strenge Hand der großen Mutter Natur gezügelt und gebändigt werden. Glaube mir, was Du auch wirst — Kunsthistoriker, Kritiker, Pädagog oder was sonst noch, — Du wirst mir Dein ganzes Leben für diesen Rat danken, wenn Du ihn befolgst. — Und lasse Dir nur ja nicht von Studenten oder Professoren einreden, Du hättest dazu keine Zeit: Wenn Du nicht bloß eine gelehrte Maschine, ein in ein „Fach“ hineingezwängter und niemals über die engen Grenzen seiner Schublade hinausschauender Mann sein willst, sondern ein ganzer, weitblickender Mensch, ein Mann Deiner Zeit, so   m u ß t   Du zur Naturwissenschaft wenigstens in unmittelbare Fühlung getreten sein. Du brauchst ja nicht auf diesem Gebiete mitzureden, Du mußt aber verstehen, wenn der Fachmann redet. — Die größten Denker der letzten hundert Jahre, Kant und Schopenhauer, waren beide in den Wissenschaften gründlich beschlagen, Herbert Spencer, der jetzt noch lebende berühmte englische Philosoph und Soziolog, hat mit einer pflanzenphysiologischen Arbeit seine Laufbahn begonnen. Überhaupt spielen heutzutage auf allen Gebieten naturwissenschaftliche Fragen mit, und da eine wissenschaftliche Ästhetik von der Psychologie nicht mehr absehen kann, da aber die Psychologie heute überall bis auf das physiologische Gebiet zurückgeführt wird, so behaupte ich, daß es auch den Kunstkritiker nur fördern kann, wenn er auch naturwissenschaftliche Kenntnisse besitzt, vor allem aber die Kenntnisse der naturwissenschaftlichen   M e t h o d e n.   Denn das kann ich Dir gar nicht oft genug wiederholen, vor allem kommt es darauf an, den   G e i s t  zu erweitern, zu bilden, ihn gewissermaßen zu beleuchten — die faktischen Kenntnisse, die er in irgendeiner bestimmten Frage braucht, schafft sich dann ein gescheiter Mensch schnell genug an. In dieser Beziehung möchte ich Dir gern auf Deinen Studienweg als Geleitspruch Worte mitgeben, die ich als Motto zu der Allgemeinen Einleitung meines „Richard Wagner“ verwendet habe; sie sind von jenem großen Denker, der dem Schwegler und den anderen Schulpfaffen so zuwider ist, Demokrit: „Nicht nach Fülle des Wissens soll man streben, sondern nach Fülle des Verstandes.“ — Merke Dir dieses Wort, mein lieber Junge, Du glaubst nicht, wie unendlich viel Weisheit es enthält; unter anderem könnte es für einen begabten Studiosus ein ganzes Programm abgeben: sich systematisch den Verstand ausbilden und das Wissen als Nebensache betrachten.
    Hier will ich nun meine Antwort wegen Darwin einschieben, sie wird kurz sein, wird mich aber zu einer zweiten Reihe von Betrachtungen hinüberführen. — Ich möchte Dir nämlich raten, Darwin einstweilen zu lassen. Du wirst ihn ja viel mehr genießen, wenn Du durch gründliche zoologische Kenntnisse und durch das   S e h e n   vieler Formen und Präparate in diese Welt der Anschauung, aus welcher Darwins Auffassung hervorging, mehr eingeweiht bist. Sonst bleibt die Sache wieder papiern und ist eigentlich Zeitverlust. — Aber jedenfalls, wenn Du einmal an diese Evolutionshypothese herantrittst, so wende Dich an Darwin, Wallace, Romanes, Weißmann usw., aber lasse Dich nicht von Häckels Phantastereien und seichter Systematisierungssucht verführen.
    Und gerade diese Empfehlung und diese Warnung führen mich auf den zweiten Gegenstand, den ich — durch Deinen Brief angeregt — schon seit dem Frühjahr gern mit Dir besprechen wollte. Deine Worte weiß ich nicht mehr genau; Du meintest aber, Darwin würde Dir helfen, Dir das Rätsel der Welt und des Daseins zu lösen. Das hat wohl mancher gemeint, es ist aber ein tiefer Irrtum, und nur ganz seichte Geister, wie der famose und unselige Ludwig Büchner, werden sich an einer Naturphilosophie genügen lassen. Darwin selber hat niemals im Traume daran gedacht, dem „Welträtsel“ nachzuforschen. Er hat sich ganz empirisch gefragt, wie mag es wohl kommen, daß in einem Genus verschiedene Spezies entstehen? Sollten sie nicht verwandt sein? Sollten sie nicht von einer Urform abstammen? Diese Frage erweiterte sich später ganz von selbst: wenn die Arten einer Gattung von einer gemeinsamen Urform abstammen, warum denn nicht auch die Gattungen einer Familie? Und wenn die Gattungen einer Familie, warum denn nicht auch die Familien einer Klasse usw. — Hierbei folgte der Menschengeist einem seiner unwiderstehlichsten Triebe — dem Trieb zur Generalisation, dem Trieb, jede Idee bis zu ihrem logischen Endpunkt zu treiben. Ausgegangen war ja Darwin von der Empirie, von den Beobachtungen, die er auf seiner Weltumsegelung gesammelt hatte. Dann hatte er mit Tauben experimentiert usw. Die Darwinsche Theorie aber, wie sie heute vor uns steht, ist einfach eine Dichtung; sie ist unbewiesen und unbeweisbar. Ich möchte sie ein nützliches und wohltuendes Hirngespinst nennen, der Naturwissenschaft hat sie durch ihre Anregungskraft ganz unberechenbare Dienste geleistet, dem menschlichen Denken und Empfinden lehrte sie, sich des innigen Zusammenhangs des Menschen mit der ihn umgebenden Natur immer bewußter zu werden. Das ist gewiß etwas Großes und Bewundernswertes. Wer aber nicht mit dem Strome schwimmt, um in einem Jahrhundert diesem, in einem anderen Jahrhundert jenem Dogma Glauben zu schenken, — wer durch besondere Beanlagung und durch metaphysische Schulung dahin gelangt ist, tiefer zu schauen, der wird gewiß niemals wähnen, daß mir durch eine Hypothese wie die Darwinsche der Lösung des Welträtsels auch nur um einen Schritt nähergekommen sind. — Wenn Du nun aber in so jungen Jahren Dich mit derlei Gedanken abgibst, so scheinst Du mir Anlagen zur Philosophie zu besitzen, und da möchte ich Dir dringend raten, sie in edler und würdiger Weise auszubilden. Philosophie ist und bleibt die Krone jeder Bildung. Ich verstehe aber unter „Philosophie“ nicht die Geschichte der Philosophie und das viele gelehrte Rüstzeug der angeblichen „Fachphilosophen“, sondern eigenes Denken, eigenes Versenken in die Weltanschauungen der verwandten großen Geister der Vergangenheit, bis zum ganz allmählichen Ausreifen einer eigenen Weltanschauung.
    Das Schlimme ist nun, daß keine einzige Disziplin so grundunehrlich auf den Universitäten betrieben wird, wie gerade die Philosophie. Die Philosophie soll nach dem von den Regierungen den Akademien aufgezwungenen Lehrplan nicht Denker, sondern Staatsbürger erziehen, — nicht die Wahrheit, mit anderen Worten nicht seine Überzeugung darf der Lehrer verkünden, sondern er muß seine Ausführungen so einrichten, daß dasjenige dabei herauskommt, was der Staat wünscht. — Und so werden denn die jungen Köpfe prinzipiell verschroben; nicht die Wahrheitsliebe, nicht sein individueller Wert, der Adel seines Charakters und das Geniale seiner Fähigkeiten, bestimmen bei den historischen Vorlesungen die Behandlung dieses und jenes Philosophen, sondern nur die Ergebnisse seines Denkens, die Qualität seines Systems: paßt er in das offizielle Programm, so ist er ein großer Philosoph, paßt er nicht hinein, so wird er so nebenbei kurz abgefertigt. Und natürlich wird dasselbe Prinzip auch in den Lehrbüchern durchgeführt. Die größten Denker der Welt — die Inder — werden einfach übergangen in solchen Werken wie Erdmanns großer Geschichte der Philosophie; in anderen wird in einer geradezu empörenden Weise über sie kurz referiert. So ist auch die Fabel von den „Sophisten“ entstanden, während in Wirklichkeit Protagoras ein größerer Denker als Sokrates war. So konnte es geschehen, daß ein schöpferisches Genie von der Bedeutung des Demokrit so ganz kurz und verachtungsvoll von diesen Fachleuten abgehandelt zu werden pflegt —‚ wenn die Herren nur eine Spur naturwissenschaftlicher Kenntnisse besäßen, so müßten sie sich sagen, daß ein Mann, dessen Ideen gestaltend auf die gesamte moderne Naturwissenschaft wirken, doch kein Esel gewesen sein kann!
    Nun, hieraus folgt die Notwendigkeit für einen Studenten, dessen Ehrgeiz sich nicht mit dem erfolgreichen Durchschlüpfen durch eine Staatsprüfung befriedigt findet, die Notwendigkeit, es weder bei den offiziellen Vorlesungen noch bei den offiziellen Lehrbüchern bewenden zu lassen, — und zwar muß er beizeiten dafür sorgen, daß dieses Gift nicht zersetzend auf seine Denkfähigkeiten wirkt. Er muß für die Selbständigkeit seines Urteils und seines Denkens sorgen. Und da will ich Dir gleich eines der wenigen Bücher dieses Jahrhunderts nennen, welche auf philosophischem Gebiete von bleibender, echter Bedeutung sind. Es ist dies Friedrich Albert Langes Geschichte des Materialismus, — eine neue, wohlfeile Ausgabe erscheint gerade jetzt in Lieferungen. Das wäre für Dich ein famoses Antidot gegen die offiziellen Geschichten, — zugleich so fesselnd, so verständlich, so überzeugt, daß man es wie ein Unterhaltungsbuch liest. In manchen seiner Urteile stimme ich mit dem Verfasser durchaus und keineswegs überein — z. B. in seiner Wertschätzung Schopenhauers, den ich, mit Tolstoj, für „den genialsten aller Menschen“ halten möchte —‚ aber darauf kommt es gar nicht an, diese Engherzigkeit muß man den Philosophieprofessoren überlassen und nur immer nach dem individuellen Geisteswert des Denkers fragen. Wenn Du Lange liest und gründlich studierst — wobei Du zugleich die vorzüglichste Einführung in Kant mitbekommst — und wenn Du nachher dann Schopenhauers Werke vornimmst, so wirft Du einen sehr weiten Überblick über den Gang der Philosophie besitzen und Dir Deinen weiteren Weg schon allein bahnen.
    Auch diesen Rat bitte ich Dich herzlich nicht unbeachtet zu lassen. Wieviel Zeit und Mühe hätte ich mir nicht gespart, wenn ich nicht erst jahrelang durch allerhand Kram hätte waten müssen!
    Aber nun genug und mehr als genug für heute. — Du weißt, daß wir gerade in München manche Verbindungen haben, und zwar der verschiedensten Arten. Jetzt wollte ich Dich nicht damit belästigen. Du bist vielleicht und wahrscheinlich lieber ganz ungeniert und läufst Dir die Hörner erst ein bissel gründlich ab. Aber natürlich wird es uns ein Vergnügen sein, Dich hier und dort einzuführen, sobald es Dir selbst ein Vergnügen ist.
    Also für heute, leb' wohl, Herr Studiosus! Laß es Dir recht gut gehen und suche ein klassisches Gleichgewicht herzustellen zwischen dem Studieren und dem Kneipen!
    Die Tante grüßt vielmals.

Dein alter, treuer Onkel.
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    ¹ „Richard Wagner.“
 

29-34 An Ali Ćehič
[H. S. Chamberlain's Serbian teacher, named Alicehié according to P. Pretzsch. Anna Chamberlain spells: Ali Ćehič.]



5 November 95     VI Blümelgasse 1 Wien.

Lieber Herr Ali Ćehič

    Ihnen gegenüber habe ich wirklich ein sehr schlechtes Gewissen. Sie waren so freundlich, nicht bloß öfters zu schreiben, sondern auch Besorgungen auszuführen — und zwar in vorzüglicher Weise — und dennoch kam ich niemals dazu, Ihnen zu danken. Nun, durch meine Frau haben Sie ja erfahren, wie übermäßig beschäftigt ich war, nicht beschäftigt nach Art jener vielen Herren, die um zehn Uhr ins Bureau gehen und um fünf Uhr abends auf dem Ringkorso zu treffen sind, sondern buchstäblich den ganzen Tag mit Ausnahme der kurzen Mahlzeiten und des unentbehrlichen Spazierganges an der Arbeit angekettet. Anders wird es wohl auch schwerlich mit mir werden, denn aus einer Arbeit ergibt sich fast von selbst eine oder mehrere andere, — ich werde jetzt auch immer mehr von den verschiedensten Seiten um Beiträge angegangen und mag nicht überall nein sagen. Den endgültigen Abschluß der Arbeiten für mein Wagnerbuch benutze ich aber wenigstens, um eine Reihe von Briefen zu erledigen — unter anderen auch diesen.
    Mein „Richard Wagner“ wird am 14. November im Buchhandel sein. Es ist ein großes und ziemlich kostspieliges Werk geworden, wozu namentlich die vielen sehr schön ausgeführten Illustrationen beitragen. Ich glaube aber, der Verleger wird auf sein Geld kommen; der Deutsche Kaiser hat sofort auf Nr. 1 der Luxusausgabe subskribiert, andere Fürsten sind seinem Beispiel gefolgt, so daß jetzt schon — zehn Tage vor dem Erscheinen — eine sehr beträchtliche Zahl Exemplare fest verkauft sind. Unter diesen Bedingungen hat auch der Verleger meine Autoren-Freiexemplare vermehrt, und ich hoffe die Freude zu haben, Ihnen das Buch zur Erinnerung an die schönen Stunden in der Blümelgasse schenken zu können. Manches darin hat ja für Sie wenig Interesse, aber ich möchte Sie doch bitten, das erste Kapitel zu lesen, wo ich Wagners Leben sehr kurz und gedrängt erzählt habe. Außerdem finden Sie auf Seite 182 ¹ eine Erinnerung an meine bosnischen Erlebnisse, namentlich an den Abend nach dem Volksfest auf Gerzovo.
    Wir denken viel an Bosnien und sprechen oft davon, leider ist durch diese anhaltenden rheumatischen und gichtigen Zustände die Möglichkeit einer wirklichen Reise für mich noch immer sehr problematisch. Zwar geht es mir jetzt unvergleichlich besser. Ich spüre den Fuß allerdings noch immer, kann aber zwei und drei Stunden marschieren, ohne zu hinken oder eine sonstige Belästigung zu empfinden, das vermaledeite Zeug steckt aber noch fest in mir: heute im Handgelenk, morgen im Nacken — an eine Zeitreise könnte ich noch immer nicht denken und auch sonst an größere Strapazen wohl kaum. Wer aber irgendeinen Einblick in die wahren Reize Bosniens gewonnen hat, kann sich unmöglich mehr mit den Vorführungen des „Weltbads“ Ilidze begnügen! — Wir hatten gedacht, diesen Winter in Ragusa zuzubringen, um dann über Bosnien nach Hause zu reisen, verschiedener Arbeiten wegen ist dieser Plan aber schwer ausführbar, und außerdem hat das Theater in Zürich ein Schauspiel² von mir zur Aufführung angenommen, und es soll im Februar drankommen, — natürlich möchten wir dabei sein, und es wäre gefährlich, gerade zu dieser Jahreszeit aus dem wärmeren Süden nach der kalten Schweiz zu kommen —. Kurz, die Geschichte klappt wieder nicht. Und im nächsten Sommer denken wir ernstlich daran, Wien und überhaupt Österreich zu verlassen. Wenn man schon infolge seiner körperlichen Schwächen und alter Gewohnheiten in der sogenannten „Zivilisation“ leben   m u ß,   so ist es am Ende doch besser, man geht in ein ganz zivilisiertes Land. — Jedoch, so Gott will, besuchen wir Sie doch noch, und vielleicht mehr als einmal; auf nichts würde ich mich namentlich mehr freuen, als auf eine Reise mit Ihnen durch Albanien, wo ich bestimmt hoffe, mich an dem Anblick wahrer Menschen noch einmal laben zu können. — Alle Tage ist es mir ein Genuß, die bosnischen Soldaten exerzieren zu sehen. Auf demselben Felde werden zugleich ungarische Infanteristen und deutsche Artilleristen gedrillt. Die Bosniaken sind aber nicht allein durchschnittlich schönere Menschen, sondern besonders auffallend ist das edlere Gesicht und die lebendigeren Gesichtszüge. Manche sehen freilich nicht besonders schlau aus, das Pulver hätten sie gewiß nicht erfunden, — ich entdecke aber unter ihnen weder diese viehischen Gesichter unserer Bauern noch diese elenden, alle Laster widerspiegelnden Kanaillenantlitze unserer großstädtischen Arbeiterbevölkerung. Womit ich durchaus nicht im Sinne habe, Ihnen in geschmackloser Weise zu schmeicheln; in diesen Gesichtern erschauen wir einfach, welchen Preis die Menschheit für die unleugbaren Vorzüge und Segen der Zivilisation zu bezahlen hat. Billiger wird es die Natur auch bei Ihnen nicht machen! Daß viele arm werden müssen, damit einer reich wird, das liegt auf der Hand; ich finde es auch kein besonderes Unglück, denn Reichtum gibt kein Glück. Woran die Menschen aber gar nicht denken — auch die Staatsökonomen nicht, die immerwährend nur mit Ziffern herumwerfen — ist, daß, damit der   V e r s t a n d   einzelner die abnorme Entwicklung erfahre, welche er bei den Befähigteren unter uns erreicht, die Mehrzahl der Nation verdummen muß. Das hört sich im ersten Augenblick paradox an, ist aber eine unbestreitbare Wahrheit. Der Geist eines Naturmenschen, der alles für sich selbst im Leben tun und schaffen muß, ist entschieden allseitiger und namentlich harmonischer ausgebildet als der eines gewerblichen Arbeiters, dessen ganzes Leben mit der Fabrikation eines einzigen Gegenstandes ausgefüllt wird; wieviel höher steht dieser aber als so ein Fabrikarbeiter, der nur einen einzigen Handgriff kennt und übt, der von frühester Jugend an nur das Bruchstück irgendeines Gegenstandes erzeugt, und das auch nur mit Hilfe einer komplizierten Maschine, deren Funktionierung ihm ganz unbekannt ist. Beim Bauern findet eine ähnliche Degeneration statt; ein amerikanischer Bauer im Farwest ist heutzutage nur so eine Art untergeordneter Lokomotivführer. Auch bei uns in Europa wird es alle Tage für den Bauer unmöglicher zu existieren, es muß auch die Landwirtschaft „im großen“ betrieben werden, — der Bauer wird folglich nach und nach auch zu einem Fabrikarbeiter. Sein Verstand trocknet ein; es findet ja keine Wechselwirkung mehr statt zwischen dem Geist und der umgebenden Natur. Nur aber die Hochkultivierten können diese Losreißung des Verstandes von der Natur vertragen, denn bei ihnen findet nunmehr eine neue Nahrungszufuhr statt, und es wird bei ihnen die Gehirntätigkeit der ganze Lebenszweck, während sie doch im natürlichen Zustand nur nebengeordnetes Hilfsmittel zum Leben ist. Es findet also auch hier das Prinzip der Teilung der Arbeit statt; die einen werden immer gescheiter, indem die anderen unter das Niveau des Viehs zurücksinken. — Diesem notwendigen Vorgang kann die Schulbildung durchaus nicht steuern; sie kann nur auf Grundlage des vorhandenen Verstandes operieren; der Verstand selbst ist eine Lebensfunktion wie irgendeine andere, und wie das Sprichwort sagt: Wo nichts ist, da verliert selbst der König seine Rechte!
    Nun, das war eine lange philosophische Disquisition, zu der die Rekruten uns anregten, und wahrscheinlich noch immer viel zu kurz, um mich deutlich verständlich zu machen.
    Ich glaube wirklich, die Bosniaken sind in diesem Augenblick das glücklichste Volk der ganzen Erde: noch Naturmensch genug, um gesund und frei sich zu fühlen, und dennoch mit den besten Segen der Zivilisation schon begabt und mit dem Ausblick in eine ganze Zukunft von unbekannter und darum auf alle Fälle schön dünkender Entwicklung! Dabei — und das ist der größten Segen einer — keine parlamentarische Regierung! Möge sie Gott viele Jahre davor schützen!
    Die Zeitungen bringen, soviel ich weiß, gar keine Nachrichten aus Bosnien, und bei uns sagt man: „No news, good news“, das heißt: Keine Nachrichten sind gleichbedeutend mit guten Nachrichten. Daß nicht alles ganz so rosig ist, wie es am offiziellen Himmel erscheint, das hat mir neulich ein Vögelein ins Ohr geraunt; das ist aber überall auf der ganzen Welt so, und ich muß gestehen, ich habe nicht die geringste Sympathie mit den Radaumachern. Die Leute wissen gar nicht, wie gut sie es haben, und daß sie nachsichtiger, humaner und überhaupt besser regiert werden als vielleicht irgendein anderer Staat in ganz Europa — das heißt also, in der ganzen Welt.
    Neulich hat mir übrigens etwas viel Spaß gemacht: die englische „Daily Chronicle“ brachte einen ellenlangen Aufsatz über Bosnien, — das gewöhnliche Wischi-Waschi von einem Menschen, der sich Bosnien vom Eisenbahnwaggonfenster aus angesehen hat und sich dann den bewußten Zettel über die Länge der Straßen, die Anzahl der Schulen usw. vom Pojman hat geben lassen, — das Lob des Ministers aber hat er, natürlich ohne mich zu nennen,   W o r t   f ü r   W o r t   aus meinem Aufsatze der „Revue Universelle³“ abgeschrieben.
    Der letzte Teppich, den Sie für uns besorgt haben, hat so außerordentlich gefallen, daß Sie wohl nächstens wieder einen Auftrag bekommen; ich hoffe, wir fallen Ihnen mit diesen Kommissionen nicht lästig.
    Viele Grüße von meiner Frau, und von mir die allerherzlichsten, sowohl Ihnen wie dem ganzen lieben Bosnien. Herrn Dr. Oberlugauer (oder   U n t e r lugauer??), wenn Sie ihn kennen, viele Grüße, bitte.

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Neue Illustrierte Ausgabe 1911 S. 289.
    ² „Der Weinbauer“, Schauspiel in drei Auszügen.
    ³ „La Bosnie sous le protectorat de l'Autriche“, Bibliothèque universelle et Revue suisse XLIIe année, tome LIV pages 5—21, 349—368.
 

34-36 An den Heidelberger Richard-Wagner-Verein



30 November 1895        VI Blümelgasse 1 Wien.

Sehr geehrter Herr

    Mit bestem Dank zeige ich den Empfang Ihrer Zeilen vom 25. an. Es hat mich herzlich gefreut, von der Gründung eines Akademischen Richard-Wagner-Vereins in Heidelberg zu erfahren. Die akademischen Vereine sind augenblicklich (mit Hinzunahme des nichtakademischen Grazer Vereins) die einzigen, die eine ersprießliche Tätigkeit entfalten und es mit dem „fernest reichenden Kulturgedanken“ (vgl. X, 378), aus welchem Wagners Bayreuth erwuchs, ernst nehmen. Gut also, daß neue entstehen! An einer Universität, wo Prof. Thode und Prof. Wolfrum wirken, ist es nicht anders möglich, als daß der neue Akademische blühe und segensreich wirke. — Vielleicht ergreifen später einmal die akademischen Vereine die Initiative zu jener gründlichen Umgestaltung des Allgemeinen Richard-Wagner-Vereins, wodurch einzig dieser aus seinem heutigen Marasmus aufgerüttelt und auf die Lösung jener großen Aufgabe hingewiesen werden könnte, die der Meister ihm im Jahre 1882 so deutlich vorgezeichnet hatte. Der Meister hatte dem Verein eine „große und bedeutungsvolle Wirksamkeit“ vorhergesagt, sie war aber bisher weder groß noch bedeutungsvoll, und zwar deswegen nicht, weil wir nie begreifen wollten, daß die erste Bedingung, um sich einen Anhänger Wagners, einen Angehörigen Bayreuths nennen zu dürfen, eine   m o r a l i s c h e   ist. Die Grundlage zu Wagners ganzem Leben und Wirken ist die   S e l b s t l o s i g k e i t.   Auf künstlerischem Gebiete wird das Ziel sehr schön vom Meister als „die Erlösung des Nützlichkeitsmenschen in den künstlerischen Menschen“ bezeichnet; das unterschreibt denn auch jeder gern, es handelt sich ja um ein Fernes (wie man wähnt), um ein Ideal, bei dem keiner viel riskiert. — Nun kommt aber Wagner — nachdem er uns durch fünfzig Jahre seines Lebens hindurch das unvergleichlichste Beispiel der gänzlichen Selbstlosigkeit, ja gerade der Verachtung aller egoistischen Interessen gegeben hat, und sagt uns: Nun habt ihr euch selber genügend patronisiert, jetzt sollt ihr das Publikum patronisieren. — Da hörte die Gemütlichkeit auf! Die Statuten, die unter Genehmigung des Meisters im Jahre 1882 zur Bildung eines neuen Vereins vorgelegt worden waren, wurden mit Entrüstung verworfen, und dafür wurde eine Deputation an Wagner entsandt, welche ihn versicherte: „Die Vereinigung seiner Anhänger werde ihre Lebensaufgabe darin erblicken, für alle Fälle vorhanden zu sein usw.“ Nun, mein geehrter Herr, mit dem Vorhandensein ist verflucht wenig gewonnen; und auch die   T a t   ist von keiner großen Bedeutung, wenn sie nicht auf einer moralischen Grundlage ruht. Und diese moralische Grundlage ist vom Meister in seiner berühmten Antwort auf die Frage „Was ist Deutsch?“ klar bezeichnet worden, — sie ist die Selbstlosigkeit, die Aufopferung der eigenen Interessen und Wünsche im Interesse einer Sache, eines zu verwirklichenden Ideals.
    Sie waren so freundlich, mich von der Bildung Ihres Vereins zu unterrichten, meine Dankbarkeit und mein Interesse glaube ich durch den Hinweis auf die nötige Grundlage jeder Vereinigung, welche dem Namen Wagner Ehre erweisen will, besser als durch eine leere Phrase bewiesen zu haben.
    Ich bitte mir mitzuteilen, ob Ihr Verein eine Bücherei hat oder zu beschaffen beabsichtigt, in welchem Falle ich die Ehre haben werde, Ihnen meine größeren Schriften zuzuschicken.
    Dem neuen Verein rufe ich von ganzem Herzen zu: „Vivat, crescat, floreat!“

Houston S. Chamberlain.
 

36-37 An Hans von Wolzogen



16 Februar 96   Wien.

Lieber Freund

    Erst heute komme ich dazu, Ihnen in wenigen Worten für Ihre Besprechung meines Buches zu danken. Daß sie spät genug erschien, um kaum mehr den Charakter einer „Empfehlung“ an sich zu tragen, befreite sie von jenem mercenären Beigeschmack, welcher selbst der „süßesten“ Kritik einen bitteren Beigeschmack verleiht.
    In diesem speziellen Falle ist es natürlich schwer für mich, den Eindruck zu beurteilen, den Ihre Worte auf andere machen werden: Erstens handelt es sich um mein eigenes Werk, und sodann sagen Sie manches über mich aus, dessen Wahrheit   i c h   unmittelbar bezeugen kann, was andere Ihnen aber vielleicht bestreiten oder doch nur hypothetisch zugeben würden. Mich aber haben Sie ergriffen und beglückt. Es gibt Dinge, die man im besten Falle nur ein- oder zweimal im Leben zu hören bekommen kann, — das genügt auch vollkommen —‚ man lechzt aber doch nach diesem einen Male. Daß gerade Sie mir die „erquickende Labung“ darreichten, war schön; es war Ihrer sehr würdig; Sie werden, glaube ich, noch manchmal Genugtuung empfinden, daß Sie es taten.
    Das Kapitel der Widersprüche betreffend — ich meine nicht der „plastischen“, die sich zwischen Logik und Anschauung ergeben, sondern der Widersprüche, zu denen mein Buch manchmal reizt — muß ich gestehen, daß nach meiner Erfahrung, wo ein Autor nicht zum Widerspruch reizt, entweder sein Werk herzlich wenig enthält oder der Kopf seines Lesers wenig „reaktionsfähig“ ist. Nur dem unzweifelhaften Genie gegenüber darf dieses Verhalten in ein entgegengesetztes umschlagen — und das geschieht ganz von selbst —‚ hier redet ja die Stimme Gottes zu einem wie in der Natur. Und selbst das Genie: insofern es das schöpferische Gebiet der Gestaltung verläßt, um auf den verschlungenen Pfaden der Dialektik die Vernunft zu überzeugen, wird es seines Vorrechtes verlustig — wenigstens in einem gewissen Maße. Bei Schopenhauer z. B. renne ich bisweilen in der Stube wutschnaubend herum wie ein Tiger in seinem Käfig. Und doch bin ich — weiß Gott — intelligent genug, einzusehen, daß mehr wahre Weisheit in dem Verhalten liegt, einen solchen Geist mit jeder Überwindung zu verstehen zu suchen, als ihm zu widersprechen. — Bei mir kommt nun noch folgendes hinzu, worauf ich Sie gern besonders aufmerksam machen möchte. Ich bin kein „Schriftsteller“. Ich bin ein Mensch, der durch seine Lebensschicksale dahin geführt worden ist, nur mit der Feder wirken zu können, — und der nun die Feder gebraucht, so gut und so schlecht er kann, um bei bestimmten Menschen bestimmte Wirkungen hervorzubringen. Man hält mich für rechthaberisch, ich bin es aber so wenig, daß ich meine persönlichen Ansichten oder aber die Limitationen, die nötig wären, um eine einseitige Behauptung zu rechtfertigen, mit Willen auslasse: bin ich nur deutlich und drastisch, gelingt es mir, eine feindliche Position zu erschüttern, so genügt mir das. Ein seiner Geist wird aber an zahlreichen Stellen sehen, daß ich aus taktischen Gründen mich selbst gar nicht zu Worte habe kommen lassen. Manchmal wird einzig der Leser, der mir widerspricht, mit mir einig sein.

Houston S. Chamberlain.
 

37-40 An Professor Wolfgang Golther



22 März 96      VI Blümelgasse 1 Wien

Hochgeehrter Herr und Freund

    Daß Sie In Ihrem so freundlichen Schreiben vom vorigen Sonntag mich „Freund“ nennen, hat mich besonders gefreut, weil ich daraus zu entnehmen glaube, daß Sie unsere Begegnung des Jahres 1884 nicht vergessen haben. Ich besitze eine merkwürdige Anlage, nicht nur die Namen, sondern sogar die Existenz von Menschen zu vergessen. — Sie aber habe ich nicht vergessen: ich sehe Sie noch als Studenten Ihre Nachtstunden dem Dienste jener guten, armen Zentralleitung widmen, deren Mitglieder alle mehr Muße gehabt hätten als Sie, und ich besinne mich auf einige flüchtige Begegnungen in München in solchen „Postludium“ Ringzyklen-Tagen (ich glaube nach den Festspielen von 1884), wo wir uns zwar kaum gesprochen haben dürften, Ihre Erscheinung sich mir aber mit jener wehmutsvollen Deutlichkeit einprägte, welche man stets bei dem Anblick des vereinzelten Idealisten inmitten einer Welt, der er so wenig angehört, empfindet. Und nun haben Sie doch gesiegt! Sie sind nicht unterlegen, weder physisch noch geistig, die Fahne des deutschen Idealismus haben Sie hochgehalten — heute kein unbedenkliches Unterfangen — und haben trotzdem die allgemeine Anerkennung dieser Welt, welcher Sie nicht angehören, erkämpft und ertrotzt. Wären Sie ein Jude, so könnten Sie nunmehr von sich sagen: Nennt man die besten Namen — usw. — Es genügt aber, daß die anderen, die Feinde des deutschen Idealismus, von denen wir umringt sind, das sagen müssen. Das ja ist der Sieg Bayreuths — oder vielmehr die Grundlage zu dem zukünftigen Siege Bayreuths —‚ daß solche Männer wie Sie zu anerkannten Lehrern ihres Volkes werden. — Es ist jetzt hohe Zeit, daß die ganze schwülstige Phrasenmacherei, Musikomanie, kurz, die ganze — auf so zweifelhaften Elementen beruhende — „Wagnerei“ zum Teufel gejagt werde. Wir brauchen jetzt auf allen Gebieten Männer ersten Ranges, Männer, deren wissenschaftliche Befähigung, mitzureden, von niemanden geleugnet werden kann, zugleich aber nicht Memmen, sondern kampflustige, herrmannschlaue Männer: es gilt, eine Position nach der anderen zu erobern. In diesem Heere sind Sie nun, verehrter Herr, ein Hauptmann geworden, und dazu beglückwünsche ich Sie von Herzen, — vor allem beglückwünsche ich Bayreuth dazu und den großen Meister, dessen Weiterleben nicht an die Schwingungen kapellmeisterlicher Taktstöcke gebunden ist, sondern an große, begeisterungsfähige Herzen und große, gut organisierte Gehirne.
    Warum ich Ihnen das alles sage?
    Weil Sie aus meiner warmen Anteilnahme an Ihrer Laufbahn entnehmen mögen, wie sehr es mich gefreut hat, von einem Manne, den ich so besonders verehre, so freundliche Worte über mein eigenes Wirken zu vernehmen. Mein Verleger war neulich in Wien und erzählte mir viel von dem „großartigen Erfolg“ des Buches; natürlich freue auch ich mich über die Verbreitung meines Werkes, eine Gewähr aber, daß ich dieses Erfolges würdig bin, und daß diesem Worte überhaupt jener Sinn innewohnt, in welchem allein er mir Befriedigung gewähren kann, die gibt mir einzig das Urteil der wenigen, zu denen Sie gehören.
    Sie haben recht, es ist schade, daß das Buch in so teurer Gestalt vorliegt. Jedoch, ich habe merkwürdige Erfahrungen gemacht: manche Leute, die mir selber sagten, sie hätten nicht 3 Mark übrig, um mein „Drama R. Wagners“ zu kaufen, haben unbedenklich den „Richard Wagner“ für 30 Mark gekauft. Wenn mein Text ohne Illustrationen erschienen wäre, etwa zum Preise von 6 Mark, so hätte der Verleger nicht hundert Exemplare bis jetzt abgesetzt, und nicht zwei Tausend, wie nunmehr der Fall. Darüber mache ich mir nicht die geringste Illusion. Nicht mir, sondern der Ausstattung gilt der Erfolg. Auch der geschickten und nicht sehr wählerischen Reklame, die einem allen Mut, sich noch künftig mit der Öffentlichkeit zu befassen, rauben könnte, wäre nicht gerade diese Seite einer solchen Unternehmung so bodenlos lächerlich.
    Vielen Dank schulde ich Ihnen für ihre Berichtigung meiner Anmerkung auf Seite 270. Allerdings hatte ich Sie mißverstanden.
    Das Interesse sagenwissenschaftlicher Forschungen, auch für die Erkenntnis des vollen Wertes der dichterischen Taten Wagners, war ich durchaus nicht gesinnt abzustreiten. Selbst bei Shakespeare lese ich immer wieder die Einleitungen von Delius; die Quellen, aus denen der Dichter schöpfte, zu kennen, würzt ungemein den Genuß seines Werkes. Nur scheint es mir unzulässig, die Würze zur „pièce de résistance“ zu machen. Mir wenigstens verdirbt das den Magen. Ich empfand, daß ich mit einiger Schroffheit dieser Verirrung entgegentreten müsse. Vielleicht läßt sich später einiges abmildern.
    Wollen Sie gefälligst Ihrer sehr geehrten Gattin meinen Dank sagen und an die herzlich ergebene Gesinnung glauben

Ihres hochachtungsvoll ergebenen

Houston S. Chamberlain.
 

40-42 An Professor Graebe



26. April 1896.     VI Blümelgasse 1, Wien.

Sehr geehrter Herr Professor

    Wenn ich Sie heute mit einer Frage belästige, welche ebensogut heute in einem Monat hätte gestellt werden können, so geschieht das, weil ich — nach einer langen Unterredung mit Hofrat Wiesner heute vormittag im Pflanzenphysiologischen Laboratorium — so freudig erregt bin, daß die nüchterne Arbeit nicht recht vorwärts will, und so will ich lieber die Frage, die der Hofrat an mich richtete, gleich an Sie weiter übermitteln; mit der Antwort hat es bis Ende Mai (leider) Zeit.
    Da meine eigentliche Arbeit nunmehr vollkommen beendet ist und mir nur noch der historische Rückblick zu schreiben übrig bleibt, so konnte ich heute Prof. Wiesner ausführlich über die Ergebnisse meiner Experimente berichten. Er war in hohem Maße davon überrascht und erfreut und bestätigte mir, daß Experimente in der Art, wie ich sie angestellt und durchgeführt habe, noch nicht versucht wurden, und daß meine Ergebnisse ganz neue Ausblicke eröffnen und unsere Vorstellungen über den Mechanismus des aufsteigenden Saftes wahrscheinlich tief modifizieren werden. Natürlich ist meine Arbeit nur ein Fragment, und ich betrachte sie selber lediglich als eine Anregung. Es hat doch gewiß etwas für sich, neue Tatsachen und neue Ideen in die Wissenschaft zu bringen, selbst wenn man selber nicht Fachmann genug ist, um diese Dinge bis zu ihren letzten Konsequenzen zu verfolgen. In meiner Dissertation habe ich mich prinzipiell möglichst an die Tatsachen gehalten und die Hypothesen den Gescheiteren überlassen. Dabei sind die von mir erdachten Versuche so kindisch einfach, daß man sich nicht genug wundern kann, daß die Fachgelehrten noch nicht darauf verfielen. — Kurz, ich war über das Ergebnis dieser Unterredung sehr glücklich. Prof. Wiesner redete mir sogar sehr zu, ich solle mich zum Doktoratsexamen melden, ich tue es aber entschieden nicht. Wie soll ich jetzt, in meinem einundvierzigsten Jahre, eine Prüfung über Chemie, Zoologie und Botanik bestehen können? Den Kopf seit Jahren voll anderer Dinge, und mit einer großen literarischen Arbeitslast auf den Schultern, die ich nicht abschütteln kann. — Ich habe, wie es scheint, eine recht gute Arbeit geliefert: nun denn, soll ich das Gute, was ich konnte, durch ein recht miserables Examen trüben, durch welches ich höchstens durch die Güte einiger mitleidiger Seelen wie ein Schiff, das Mast und Steuer verloren hat, hindurchgeschleppt werden würde? Die Wissenschaft um eine kleine, aber anregende Arbeit zu bereichern von dauerndem Werte, wird meinen Ehrgeiz mehr befriedigen, als einen nicht verdienten Doktortitel meinem Namen anhängen zu können. — Da ich nun also den Vorschlag, das Examen zu bestehen, durchaus nicht annehmen wollte, so fand Herr Wiesner meine Idee, die Arbeit dennoch gewissermaßen als Dissertation herauszugeben, indem ich mir die Erlaubnis erwirke, sie der Genfer Universität zu widmen, eine recht gute und für die Beachtung meiner Ergebnisse sogar nötige. — Ich teilte ihm nun den Passus eines Ihrer Briefe mit, in welchem Sie meinen, daß eine Empfehlung seitens dieses berühmten Physiologen nur nützen könnte. Wiesner erklärte sich sofort zu allem bereit. Natürlich kann er sein endgültiges Urteil erst abgeben, wenn die gedruckte Arbeit ihm vorliegt — und leider sind die Attingers in Neuchatel durch die Genfer Ausstellung derart mit Arbeit überhäuft, daß sie den Druck noch nicht einmal haben beginnen können — er ist aber bereit, ein Zeugnis über den Wert der Arbeit abzulegen, sobald ich sie ihm gedruckt vorlege, und er ließ mich bestimmt hoffen, daß dieses Zeugnis ein recht gutes sein wird.
    Aber wie soll er das tun? Diese Frage war nicht ganz leicht zu beantworten. An den Senat einer fremden Universität zu schreiben, dazu fehlt vielleicht die Veranlassung; an Prof. Thury, der als Pflanzenphysiolog sich sein eigenes Urteil bilden wird, geht wohl kaum an; an mich — da hält man seine Worte für pure Höflichkeit; und so schlug der Hofrat selber vor, an   S i e   direkt zu schreiben. — Zwar kennt er Sie persönlich nicht, aber doch als Naturforscher. — Sie sind beide Deutsche und waren beide meine Lehrer; sein Brief trüge also den Stempel einer Privatmitteilung, und Sie könnten nichtsdestoweniger im Senat Gebrauch davon machen, falls Sie die Güte haben wollten.
    Ich bitte mir hierüber bei Gelegenheit eine einzige Zeile zu schreiben. Wie gesagt, Prof. Wiesner ist zu allem bereit; er möchte es nur so einrichten, daß es mir möglichst nützt und dadurch meiner Arbeit.
    Für Ihr gefälliges Schreiben vom 15. d. M. sage ich nachträglich noch den besten Dank.
    An Prof. Thury habe ich einen langen Brief geschrieben und ihm die wichtigsten Ergebnisse meiner Untersuchungen kurz mitgeteilt.
    Bald sind ja diese Belästigungen vorbei; ich bitte, mir bis dahin Ihre so freundliche Gesinnung zu bewahren. Darüber hinaus auch — aber dann ohne Bemühung!

Ihr dankbar ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

42-43 An Siegfried Wagner



18. Juli 1896.
Bayreuth.

Lieber Siegfried Wagner

    Bitte, „tragen Sie uns nicht Übermut“ wie Ihre Frau Mutter und gestatten Sie, daß wir Ihnen das, was Ihr Eigen ist, zu Eigen geben. Meine Frau und ich waren glücklich im Besitze des kostbaren Buches¹; ich kann Sie aber versichern, daß wir noch zehnmal glücklicher sein werden, es in Ihren Händen zu wissen. Die ganze Sache ist so selbstverständlich, daß ich mich durch die Bedenken Ihrer Frau Mutter und Ihrer Schwester fast verletzt fühlte. Wenn es Bayreuth nützte, würde ich mich ohne Zaudern auf einem langsamen Feuer braten lassen, aber auch ohne Überspanntheit, — ebenso bedeutet der Trennungsschmerz von dem lieben Buch einen Genuß, wenn ich glauben darf, Ihnen damit eine wahre Freude zu machen; ich empfinde es aber nicht als eine Heldentat, sondern als eine ganz natürliche Sache, über die keine Worte zu verlieren sind, weder hüben noch drüben.
    Ich denke, das stimmt! (Vgl. Heckel.)

Ihr getreuer

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Die   e r s t e   Ausgabe der Dichtung zum Ring des Nibelungen vom Jahre 1853.
 

43-45 An Carl Friedrich Glasenapp



30. Dezember 1896.  VI Blümelgasse 1   Wien.

Verehrter, teuerer Freund

    Wenn Ihr Gewissen Sie beißt, muß es eine uns Angelsachsen ganz unbekannte Zartheit der Organisation besitzen. Ich, ja, ich habe mir wirklich Vorwürfe zu machen gehabt und hätte sie mir gemacht, hätte ich nur Zeit dazu gehabt, was aber nicht der Fall war. Ich weiß nicht, wie Leute, die, wie Sie, eine angestrengte Berufstätigkeit haben, es möglich machen, noch außerdem große Werke zu schreiben? Ich — der ich keinen Beruf habe — komme nicht zu der Hälfte von dem, was ich zu tun hätte, und bin doch fast fieberhaft tätig. Teils dürfte dies auf angeborene Schwerfälligkeit zurückzuführen sein, teils auf mangelhafte Bildung, teils auf den enormen Kreis der Interessen. Bei der riesenhaften Produktion unserer Tage hätte es selbst ein Goethe schwer.
    Nun, lieber Freund, nachdem Bessere als ich — ich weiß es — Ihnen für Ihr Festspielgeschenk gedankt haben, komme als letzter auch ich. Die gezwungene Langsamkeit des Entstehens darf Sie nicht entmutigen, sie ist symbolisch für die lange Dauer des lebendigen Wertes Ihres Werkes. Sie schaffen da etwas   H e r r l i c h e s,   von der weittragendsten Bedeutung. Ihr Werk ist ein Monument deutscher Wissenschaftlichkeit, deutschen Fleißes, dazu ist dieser Band ein Meisterstück der Darstellung, und so gewinnt das, was im Grunde ein Werk der Liebe ist — und das höchste Lob natürlich in dieser Eigenschaft verdient — noch die anderen Qualitäten, welche ihm den entscheidenden Einfluß sichern.   S i e   werden als grundlegende Darstellung und Sichtung noch bestehen und fleißig benutzt werden, wenn wir Eintagsfliegen schon längst vergessen sein werden — darum danke ich Ihnen herzlich, daß Sie schon beizeiten und in so überaus freundlicher Weise dafür gesorgt haben, daß wenigstens etwas von mir erhalten bleibt. Nirgends will ich lieber weiterleben als in den Spalten Ihres Buches.
    Von meiner journalistischen Tätigkeit hat meine Frau Ihnen wohl alles Wichtigste zugesandt? Hoffentlich auch den Aufsatz aus der Revue des Deux Mondes¹: R. Wagner et le Génie français? Denn dies war das Einzige von größerer Bedeutung. Aber natürlich, wie alles, was ich mache, nicht eine allseitig abgerundete Darstellung des wichtigen Verhältnisses, sondern ein diplomatischer oder sagen wir lieber taktischer Versuch, durch Beredsamkeit und bewußte Einseitigkeit dem Verständnis vorzuarbeiten und die Aufnahme der Kunst und der Lehren unseres Meisters fördernd vorzubereiten. Dieses Ziel werden Sie hoffentlich überall, auch in den Kleinigkeiten, deutlich gemerkt haben? „Börsen-Courier“ und „Zukunft“ sind ausgesprochen jüdische Blätter, die „Redenden Künste“ ein Revolverblatt, die „Berliner Deutsche Zeitung“ Antisemiten Dühringscher Richtung, die in ihrem Programm davon sprechen, daß Wagners Kunst „einen Schatten“ über Deutschland werfe usw. — Nirgends kann   i c h   zu Worte kommen. Ein jeder von uns hat sein Kreuz zu tragen: das meine ist die beständige Selbstverleugnung, das Verschweigen dessen, was das innerste Herz erfüllt. — Vor kurzem habe ich (in Frau W.s Auftrag) zwei Aufsätze dieser Art für ein amerikanisches Blatt geschrieben; ich werde sie Ihnen schicken. Einen größeren Aufsatz über Stein bereite ich für die „Deux Mondes“ augenblicklich vor. Bald muß ich aber diese Tätigkeit sehr einschränken, um alle Kräfte dem neuen großen Unternehmen zu widmen, dem mir von Bruckmann aufgetragenen Werke über „Das 19. Jahrhundert“. Hoffentlich soll auch dies eine Bayreuther Tat werden. Beten Sie nur fleißig für mich — wie ich für Sie es tue.
    Dies zum Neujahrsgruß! Ihnen allen von uns beiden und von Colla² alles Beste von Herzen!

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Nr. vom 15. Juli 1896, S. 432—456.
    ² Kleiner schwarzer Spitz.
 

45-49 An Dr. Arthur Prüfer



29. September 1897.    VI Blümelgasse 1        Wien.

Sehr geehrter Herr

    Lebhaft bedauere ich, daß ich erst heute dazu komme, auf Ihr freundliches Schreiben vom 1. dieses Monats zu antworten. Dringende Arbeiten dienen mir zur Entschuldigung. Was mich aber viel mehr drückt als die Verspätung meiner Antwort, ist die Tatsache, daß ich so ganz unfähig bin, Ihre Bitte — die in meinem Herzen ein geradezu leidenschaftliches Interesse erweckt — zu erfüllen. Wie gern würde ich Ihnen das „Material“, um das Sie mich bitten, zur Verfügung stellen, wenn ich nur eines besäße — ich habe aber leider gar kein Material, sondern nur einiges Werkzeug, darunter in erster Reihe einen gar ungelehrten, ungehobelten, aber ziemlich geräumigem Gehirnkasten, in welchen ich nach und nach so manches hineingesteckt habe. — Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in der Hauptsache Autodidakt — das Wenige, was ich von akademischer Bildung genoß, gehörte einem fernliegenden Felde an (Chemie, Physik, Physiologie), und auch dort gelang es mir niemals, mir die Methoden des eigentlichen Gelehrten anzueignen. Ich weiß recht wohl, welcher Nachteil dies ist, bin aber nicht mehr jung genug, um mich umzumodeln, und übrigens, überlege ich's mir, so bin ich auch als Kind jeder diesbezüglichen Belehrung unzugänglich gewesen. Da ist nichts zu machen: das Leben muß mich so aufbrauchen, wie ich nun einmal bin; was mich beglückt, ist die Wahrnehmung, die ich an Ihrem gütigen Schreiben noch einmal machte, daß gelehrte Männer doch von mir Anregung empfangen können.
    So sieht es mit meinem Material aus: Ich mache hinten in jedem einzelnen Band Anmerkungen — Stichworte, auch ganze Sätze — nur nicht etwa sehr ordentlich und methodisch, sondern so, daß eine jede von diesen Seiten ein eigenes Gesicht erhält; das ist der Grundstock — der wird bei jeder Lektüre sofort angelegt, ob ein bewußter, bestimmter Zweck dabei vorhanden ist oder nicht, gleichviel. Habe ich eine ganz bestimmte Arbeit vor, so kann es auch geschehen, daß ich einzelne Zettel ausschreibe — diese entsprechen aber wenig meinem physiognomisch-mnemotechnischen Bedürfnis, sie verarbeiten sich nicht gut in dem Brei, den ich um- und umzurühren habe, ehe eine fertige Gestalt herauskommt — da nehme ich lieber einen beliebigen Bogen zur Hand, stöbere in dem betreffenden Autor, durch die vorgenannten Anmerkungen hinten im Bande geleitet, überall herum und notiere mir alles durcheinander — versuche mir z. B. im Laufe eines einzigen Vormittags (damit nur ja kein Eindruck verroste) einen Gesamtüberblick über Herders Auffassung des Verhältnisses zwischen Wort und Ton, von seiner Jugend bis in sein hohes Alter zu verschaffen; einen solchen Bogen würde ich aber selber später nicht mehr verstehen — er wandert nach getanen Diensten in den Papierkorb und macht sich nützlich beim Anzünden des Ofens. Und nun — in dieser Hypothese einer bestimmten Arbeit — häuft und konzentriert sich alles: das Brauchbare, das Unbrauchbare, das Gute, Vortreffliche und Mittelmäßige — es kämpft mit meinen eigenen Ideen, mit dem Drang nach Gestaltung und dem Bewußtsein eines undurchdringlichen Chaos — ich versichere Sie, es ist die reine Hexenküche, und ich renne wie ein Besessener in der Stube oder auch in den Gassen Wiens herum; plötzlich tagt's, Gott weiß wie, ich weiß es nicht: ich setze mich hin und schreibe verhältnismäßig schnell und bemerke erst, wenn ich ganz fertig bin, nach welchem Prinzip die ganze Sache angelegt ist, wodurch Klarheit über den Gegenstand kam usw.
    Entschuldigen Sie, geehrtester Herr, daß ich Ihnen das alles so ausführlich erzähle; ich nehme einen so innigen Anteil an Ihrem Vorhaben, daß ich das Bedürfnis empfinde, Ihnen ganz klar zu machen, wieso es kommt, daß ich nicht in der Lage bin, Ihnen etwas anderes zu geben außer der Anregung.
    Dazu kommt noch ein Umstand. Was ich im Augenblick nicht brauche, schwindet mir — vorübergehend — fast ganz aus dem Gedächtnis. Bei dem weiten Kreise meiner geistigen Interessen wäre es auch anders gar nicht möglich; nach dem Rufe eines zweiten Magliabigghi¹ geize ich nicht und behalte mir lieber so viel Gehirn als nur irgend möglich zum Denken übrig.
    Und so kann ich Ihnen denn in bezug auf Herder nur einige ganz allgemeine Winke geben.
    Vor allem hat mich, weiß ich, gefesselt: der Abschnitt 33 aus den „Ideen zur Geschichte und Kritik der Poesie und bildenden Künste“. Auch Abschnitt 57. Dazu in anderen Abschnitten einzelnes.
    In dem ersten „Kritischen Wäldchen“ finden Sie einiges zu unserem Thema, aber wenig.
    Um so mehr dagegen in der „Nachlese zur schönen Literatur und Kunst“ — einiges in Abschnitt 4 „Lyra“, noch mehr aber und Herrliches in Abschnitt 5 „Alcäus und Sappho“.
    Einige der bezeichnendsten Aussprüche fand ich, wo keiner sie zu suchen scheint (wenigstens schrieb mir neulich ein spezieller Herderkenner, er könne sie nicht finden), in den „Früchten aus den sogenannten goldenen Zeiten des 18. Jahrhunderts“; studieren Sie namentlich, bitte, Abschnitt 10 „Händel“ und darin ganz besonders den Schlußteil, der dessen Cäcilia behandelt — und dann den folgenden Abschnitt „Das Drama“.
    Sehr wertvolle Bemerkungen zu unserem Thema finden Sie ebenfalls in der „Nachlese zur Adrastea“ — über die Möglichkeit, das griechische Theater auf das unsere zu verpflanzen.
    Zu den „Früchten usw.“ vergaß ich den Abschnitt 9 zu nennen; was von Herder sonst angeführt wird, kommt meistens daraus. Ich persönlich habe aber Herders Bemerkungen lieber dort, wo sie ganz unerwartet, wie Lichtstrahlen, aufblitzen, als bei einer derartigen regelrechten Besprechung der Musikverhältnisse, die er um sich fand.
    Ich vermute, daß in den „Fragmenten zur deutschen Literatur“ man manche Bemerkung über Sprache finden muß, die in bezug auf Wagner Interesse bietet.
    Vor allem möchte ich Ihnen aber dringend raten, sich nicht durch die absprechenden Worte Schillers und Goethes davon abhalten zu lassen, der „Kalligone“ Ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Für mein Gefühl ist dieses Werk fast durchwegs eines der Wunder der deutschen Seele. Über Musik speziell finden Sie in den Abschnitten „Vom Erhabnen hörbarer Gegenstände“ und „Das Schöne als Symbol betrachtet“ viel Köstliches. — Außerdem würde ich Ihnen, in bezug auf Wagner, den Abschnitt „Von Kunstrichterei, Geschmack und Genie“ warm empfehlen — man lernt da gut begreifen, warum Kant dem Bayreuther Meister so wenig war und blieb.
    Schließlich brauche ich wohl kaum zu sagen, daß Herder zu jenen Männern gehört, bei denen man überall etwas und meistens Unerwartetes findet. Ich wenigstens mache immer jeden beliebigen Band Herders auf und lese nur darauf los, gleichviel wovon die Rede ist; man wird immer reichlich belohnt. Was ich schwer fertig bringe, ist in Herder hintereinander weiterzulesen, denn er ist so eigentümlich anregend, es ist ihm so natürlich, in unvergleichlich genialer Weise, stets, wovon auch gehandelt werden mag, diese eine Betrachtung mit den entlegensten harmonisch zusammenzufassen; die Einheit des Kosmos pulsiert so heftig in diesem warmen, verschwenderischen Herzen — daß unwillkürlich die eigene Denkmaschine in Bewegung kommt — Gott, wie falsch drücke ich mich aus! —‚ gerade das Mechanische in einem wird durch dieses übersprudelnde Leben so überboten, daß der eigene   G e i s t   die Flügel ausbreitet; man schließt das Buch zu mit seinen dummen gedruckten Lettern und folgt jener herrlichen Seele, wie sie wollte, daß man ihr folge:

„Wie das erhabne Gestirn dem Wanderer leuchtet im Tale
Und dem Schiffbrüchigen glänzt, also erhebe du dich.“
    Sie erinnern sich, wie schön Herder sagt: „Die Gedanken kommen und gehen; sie ziehen wie Zugvögel vorüber.“ Er ist ein großer Zauberer, um diese Zugvögel herbeizulocken; wenn man ihn eine Viertelstunde gelesen hat, kommen sie schon gezogen, von Mittag und von Mitternacht, von Morgen und von Abend.
    Doch, mein wertester Herr, ich sehe, ich speise Sie mit Worten! Ich möchte Sie eben so gern von meiner vollen, warmen Sympathie überzeugen für Ihr schönes Unternehmen und bin trostlos, daß ich so gar nichts zu dessen Gelingen beitragen kann. Und so bleibt mir eigentlich nichts, als Ihnen von ganzem Herzen Glück zu wünschen. Ich wünsche Ihnen zwei Schutzengel — der eine möge Sie auf alles Wichtige und Wesentliche aufmerksam machen, der andere möge alle überflüssige Literatur von Ihnen fernhalten!
    Mit verbindlichstem Gruß bin ich, sehr geehrter Herr,

Ihr hochachtungsvoll ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Wohl Magliabecchi, italienischer Gelehrter des 17. Jahrhunderts.
 

50-51 An F. A. Brockhaus



27. Oktober 1897       VI Blümelgasse 1        Wien.

Sehr geehrter Herr

    Soeben als ich mich anschickte, Ihnen einen S. A. meines Deussen-Aufsatzes in den „B.(ayreuther) B.(lättern)“ zu schicken, erhalte ich Ihre Nachricht, daß Sie ihn schon bekommen haben.
    Einliegende Ankündigung eines Vortrages, den ich gestern abend hielt, wird für Sie wohl ebenfalls von Interesse sein. Der Saal war bombenvoll. Die Ordinarii der Philosophie waren alle anwesend und ich glaube auch alle Privatdozenten des Faches; außerdem viele andere Gelehrte, Gymnasialprofessoren usw. — Der Vortrag fand viel Beifall. Seine Hochwürden Prof. Muellner, der frühere Rektor, wollte mich durchaus überreden, diesen Vortrag als Broschüre bei Braumüller erscheinen zu lassen; andere wieder meinten, die Sache würde mehr „Retentissement“ haben, wenn ich sie in die „Münchener Allgemeine“ könnte hineinbringen. Es liegt mir durchaus fern, mich der Öffentlichkeit aufdrängen zu wollen; da dieser Vortrag aber offenbar einen sehr tiefen Eindruck machte und namentlich aufklärend wirkte (Prof. Jodl z. B. versicherte mir, es wäre das allererstemal, daß er die Hauptcharakteristika des indischen Denkens klar erschaue), so wäre es vielleicht wirklich — im Interesse der Sache — wert, ihn einer größeren Öffentlichkeit mitzuteilen.
    Da nun das Hausieren mit eigener Ware bei Zeitungsredaktionen mir höchst zuwider ist, würde ich in diesem Falle, wie in früheren, mich an meinen Freund und Verleger Herrn Hugo Bruckmann wenden. Vorher frage ich aber bei Ihnen an, ob Sie mir irgendeinen besonderen Rat geben möchten, oder ob Sie vielleicht geneigt wären, Ihren Einfluß bei diesem oder jenem Blatte im Interesse dieser Publikation geltend zu machen?
    Etwa die Hälfte des Vortrages ist allerdings meinen beiden Aufsätzen über Deussen in den „B. B.“ entnommen; wer kennt aber dieses geheime Archiv des Wagnertums? Und die ganze Anlage ist eine durchaus andere. Ich erwähne Deussens große Arbeiten am Anfang, zitiere, ich glaube, zwei Stellen aus ihm im Verlauf des Vortrages und schließe mit einem Zitat aus seiner Geschichte der Philosophie: das Ganze gilt dem indischen Denken im allgemeinen und versucht die Grundprinzipien des indischen Denkens möglichst plastisch und anschaulich, ohne jeden gelehrten Ballast, so hinzustellen, daß jeder denkende Mensch ein Bild von der Sache bekommt. — Natürlich hatte ich die kleinen antisemitischen Bosheiten sowie alles, was außerhalb eines gewissen Kreises für überspannt gilt, aus meinem Vortrage gestrichen. Eines schickt sich nicht für alle.
Noch will ich hinzufügen, daß ich abends beim Souper mich viel mit Prof. Jerusalem unterhielt, der ein ganz besonders aufmerksamer Zuhörer gewesen war, und der mich sehr viel über Deussens Upanishads ausfragte: er getraut sich nicht recht, das Werk zu besprechen, weil er in den Gegenstand zu wenig eingeweiht ist. Ich habe getan, was ich konnte, um ihn zu informieren.
    Die Notwendigkeit der Anschaffung von Deussens Werken für die Bibliothek der Gesellschaft wurde lebhaft erörtert, begegnete aber noch vielfachem Widerspruch — wie denn auch mein Vortrag mehr verblüfft und durch die Form gefallen hatte, als tief überzeugend gewirkt; darüber gebe ich mich keinerlei Illusion hin; die Herren vom Fach stecken zu tief in ihren Vorurteilen, als daß sie dem so fern Abliegenden plötzlich gerecht werden könnten.
    Indem ich einer gefälligen Gegenäußerung entgegensehe, verbleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung

Houston S. Chamberlain.
 

51-52 An Professor Höfler



29. Oktober 1897.       VI Blümelgasse 1        Wien.

Verehrter Freund

    Bezüglich Wiesners ist mir folgendes eingefallen; vielleicht ist es nützlich, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache.
    Vor kurzem erst aus Spitzbergen zurückgekehrt, wo er massenhaftes neues Material zu seinen Beobachtungen über den Einfluß des Lichtes auf die Vegetation gesammelt hat — ist er, das weiß ich, ungeheuer beschäftigt und wird, fürchte ich, sich zunächst schwer entschließen, neue Arbeit auf sich zu nehmen. „Doch, wo er schwach ist, blieb mir auch nicht verschwiegen“ — und das ist das Thema des Plasoms. Daß Weißmann und die Herren Zoologen ihn einfach ignorieren und dabei großtun mit ihren „Biophoren“ — das kränkt ihn natürlicherweise sehr. Nun sehe ich zwar, daß Sie schon vor Jahren einmal einen Vortrag über die Plasomentheorie hatten — doch, von Wiesner selbst ist es was anderes. Und dann, gerade die letzten Jahre haben hier die interessantesten neuen Einsichten gebracht, die immer mehr die eigentlich philosophische Betrachtung herausfordern. So hat man z. B. noch zu meiner Studienzeit erzählt, Stärke entstehe unter gewissen rein physischen und chemischen Bedingungen; jetzt ist aber nachgewiesen, daß zur Entstehung der Stärke noch eine dritte Bedingung gehört: es muß das Gerüst, die Anlage, wie soll ich sagen? — die potentielle Form schon in der Zelle von Anfang an vorhanden sein, sonst entsteht aus allen Kohlehydraten der Welt nimmermehr ein einziges Stärkekorn usw. für andere Inhaltskörper. — Sie sehen ein, wie wir da mit vollen Segeln auf die schwierigsten „Grenzprobleme“ des Denkens hinsteuern. — Wiesner ist ein geradezu bezaubernder Freiredner; wenn Sie diese Fragen bei ihm antippen und dabei ein klein wenig auf die Zoologen schimpfen, so sagt er gewiß zu, und Sie haben der Gesellschaft den schönsten Abend verschafft.

Houston S. Chamberlain.
 

52-53 An Hans von Wolzogen



10. November 1897.   Wien.

Lieber Freund

    Ihre Großmeister ¹ (man möchte sie, wie das österreichische Regiment, kurzweg „Deutschmeister“ nennen) erhielt ich gestern und habe sofort — trotz unsagbaren Zeitmangels — den Buch von A bis Z durchgelesen, so sehr hat mich Ihre Erzählung gefesselt. Das ist ein wahrhaft schönes Weihnachtsbuch! Ich war ganz begeistert. Ein erstrebenswertes Ziel schwebt Ihnen vor, und nie verlieren Sie es aus den Augen; ein solches Buch sollte in Hunderten und Tausenden von Familien, bei der aufwachsenden Jugend, in den Herzen der Mütter, auch in den Dick- und Querköpfen der Männer Gutes wirken. — Das Einzige, was mir persönlich einige Bedenken in dieser Beziehung erweckt hat, ist die Hereinziehung der metaphysischen Spekulationen bei Beethoven; ich fürchte, man schlägt damit den Leuten vor den Kopf, ohne schließlich das Geringste erreicht zu haben. Doch sage ich das nur, damit Sie mich nicht, wie Seidl und so manche, für „einen unkritischen Kopf“ halten!
    Ich schrieb soeben dem Antropp ², ob ich in der „Ostdeutschen“ das Buch ankündigen darf. Ich meine, es müßte in Deutschösterreich ein gutes Absatzgebiet finden.
    In den Blättern wird es natürlich am allerbesten durch einen Schemann oder einen Golther angezeigt werden. Ihr Buch ist so ganz deutsch, daß ich es wohl bewundern kann, mir aber nicht einbilde, es auf seinen wahren Wert würdigen zu können. Doch, sollte Not an Mann sein, so verfügen Sie, bitte, über Ihren herzlich ergebenen Angelsachsen

Houston S. Chamberlain.

    Mein neulicher Vortrag hat einen so unverdienten Erfolg bei den Professoren gehabt (weniger bei den aktiven Mitgliedern der Philosophischen Gesellschaft, die alle, unter unseres guten Höflers Leitung strenge „Empirischen“ sind und namentlich über die Geschichte mit dem Hunde³ empört waren) — daß sie mir jetzt einen Verleger auf die Bude geschickt haben: ich solle ein kleines Buch über die altindische Philosophie schreiben!
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    ¹ Hans von Wolzogen „Großmeister deutscher Musik“ (Berlin); neue erweiterte Ausgabe 1924 als Band 30 der Deutschen Musikbücherei bei Gustav Bosse, Regensburg, erschienen.
    ² Theodor Antropp, Schriftleiter der Ostdeutschen Rundschau.
    ³ Vgl. Bayreuther Blätter 1897, S. 358 f.
 

54-55 An Professor Deussen



11. November 1897.    VI Blümelgasse 1        Wien.

Hochgeehrter Herr Professor

    Für Ihre freundlichen Zeilen sage ich Ihnen meinen besten Dank. Aufrichtig bedauere ich, Sie schon wieder belästigen zu müssen; doch hoffe ich auf Ihre Verzeihung, da Sie aus dem Folgenden entnehmen werden, daß es sich um eine nicht ganz unwichtige Sache handelt, und Sie es auch begreiflich finden müssen, daß ich mich in diesem besonderen Falle gerade an Sie wenden   m u ß.
    Ich erzählte Ihnen neulich von meinem Vortrag¹. Den Eindruck auf die besseren Geister hatte ich wohl nicht überschätzt; denn nicht von Dilettanten, sondern von Fachprofessoren der Universität (mit denen ich persönlich in keiner Verbindung stehe) wurde ein reichsdeutscher Verleger zu mir geschickt, mich zu bitten, ich möchte ein kleines, für gebildete Menschen allgemein verständliches Buch über altindische Philosophie schreiben — gewissermaßen eine in den allgemeinsten Umrissen gehaltene Einführung in diesen so schwierigen Gegenstand, — für manche genügend, für andere ein erster, bald überwundener Schritt, sagen wir ein Sprungbrett, von dem aus man bequem in diesen Ozean der Weltgedanken sich hineinstürzen könnte. — Der betreffende Verleger hat bereits in einer Anzahl kleiner Bücher verschiedenen Einzelphilosophen einen ähnlichen Dienst geleistet, mit mehr oder weniger Glück, je nach den Autoren.
    Natürlich sprang ich gleich entsetzt vom Stuhle auf und sagte, es müsse ein Mißverständnis sein; denn ich hatte gleich zu Beginn meines Vortrages ausdrücklich gesagt, daß ich kein Fachmann, überhaupt kein Gelehrter sei, auch hatte ich kein Geheimnis daraus gemacht, daß ich kein Sanskrit verstehe. Um den Mann von seinem Gedanken abzubringen, gab ich ihm meinen Vortrag mit; er hat aber umgekehrt gewirkt, als ich erwartete; jetzt will er erst recht das Buch von mir geschrieben haben! Selbst die Tatsache, daß ich, augenblicklich durch übergroße Arbeiten in Anspruch genommen, ihn warten lassen müßte, erschreckt ihn nicht. Und so wende ich mich an Sie, hochgeehrter Herr, um Sie zu fragen: Sind Sie nicht der Meinung, daß ein Mann, der weder Fachphilosoph, noch Indolog, noch Sprachkenner ist, nicht der richtige Mann sein kann, um das verlangte Buch zu schreiben?
    Befürchten Sie nicht, mich zu verletzen; es handelt sich um eine rein tatsächliche Frage, und sprechen Sie Ihr — für mich — entscheidendes „Nein! Sie sind unfähig!“, so entheben Sie mich einer neuen Arbeit in einem Augenblick, wo ich schon überbürdet bin. — Meiner Scheu, mich an eine derartige Aufgabe heranzuwagen, liegt noch ein weiteres, viel tieferes Bedenken zugrunde: die innige, religiöse Liebe, die glühende Begeisterung, die mir die Gesamterscheinung des Indischen Denkens einflößt. Es handelt sich hier nicht um rein akademische Dinge, wahrlich nein! sondern um große und entscheidende Erkenntnisse, die auf die fernere Kultur der europäischen Menschheit von unermeßbarem Einfluß sein können. Wollte ich auf meine eigene geringfügige Person mit ihren kleinen Eitelkeiten die geringste Rücksicht nehmen, so wäre ich unwürdig — ich will sagen, ich würde mich als einen schlechten Schüler indischer Weisheit erweisen. — Sollte es denn nicht unter Ihren persönlichen Schülern einen geben, der zu tüchtigen Spezialkenntnissen auch die Gabe plastischer, anschaulicher Darstellung, der edlen Popularisierung gesellt? Nennen Sie ihn mir, bitte, und ich werde sofort dem betreffenden Verleger davon Mitteilung machen.
    Einer gütigen Meinungsäußerung entgegensehend, verbleibe ich Ihr verehrungsvoll ergebener

Houston Stewart Chamberlain
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    ¹ Vgl. Brief an F. A. Brockhaus vom 27. 10. 1897; S. 50.
 

56-61 An Hans von Wolzogen



15. November 1897.   VI Blümelgasse 1      Wien

Lieber Freund

    Endlich beginnt es mir etwas besser zu gehen und ich kann auf Ihre Mitteilungen vom 10. November eine freilich kurze, für den Augenblick aber wohl genügende Antwort geben.
    Den Gedanken, daß eine Vorlesungstournee durch Europa und — wenn möglich — auch durch die Vereinigten Staaten für die Verbreitung eines tieferen Verständnisses Richard Wagners nützlich sein könnte, habe ich öfters gehabt. Ich entsinne mich, schon vor Jahren mit Frau Wagner darüber gesprochen zu haben. Diese Vorträge dachte ich mir deutsch, französisch und englisch. Doch natürlich immer mit dem Hauptgewicht auf das Deutsche gelegt. Nur durch die Deutschen kann der deutsche Kulturgedanke verwirklicht werden: wer also diesem Gedanken lebt, darf durch alle Erfolge Wagnerscher Kunst im Ausland und bei Ausländern sich nie dazu verleiten lassen, diese grundlegende Tatsache aus den Augen zu verlieren. Ich für meinen Teil habe, zuerst unbewußt, nunmehr mit vollem Bewußtsein, das wenige, was ich vermag, ganz in den Dienst dieser spezifisch deutschen Aufgabe gestellt; wo ich auch wirke auf fremdem Gebiete (z. B. in der „Revue des Deux Mondes“), wirke oder wirken könnte, nie würde ich diesen für mich maßgebenden Standpunkt aus den Augen verlieren können. Mit einem Worte: nicht den deutschen Kunst- und Kulturgedanken, der in Wagner seinen Kulminationspunkt erreichte, den Nichtdeutschen mundrecht übersetzen, könnte ich je als eine nützliche und darum auch edle Aufgabe betrachten, sondern im Gegenteil einzig das Herüberziehen des Nichtdeutschen zum Deutschen. Der Mensch kann nur das verstehen, was er ist; sollen die Deutschen, wie Wagner es wollte, „Veredler der Menschheit werden“, so muß zuerst dafür gesorgt werden, daß die Menschen in ihrem Empfinden und Denken deutsch genug werden, um jenen veredelnden Einfluß überhaupt in sich aufnehmen zu können. Wobei aber als dringendstes Bedürfnis erkannt werden muß: daß die Deutschen selber (daheim und auswärts) deutsch werden! — — —
    Ob unsere Freunde jenseits des Wassers diese Andeutungen begreifen würden, weiß ich nicht; ich hatte eigentlich auch nur Sie im Auge und wollte Ihnen verständlich machen, wie etwa ich mir meine Vorträge gedacht hätte. Sie können sich denken, wie angenehm es mich berührte, als ich vorigen Sommer von Deutschen „draußen im Reich“ in herzlichster Weise aufgefordert wurde, Vorträge im angedeuteten Sinne bei ihnen zu halten, Vorträge nicht über Wagner den Musiker, sondern über Wagner die „große Kulturgewalt“ (wie Nietzsche sagt).
    Nun — darüber kann ich mich keiner Illusion hingeben — die für mich ehrende Nachfrage der John-Hopkins-Universität zielt auf etwas ganz anderes. Skioptikonbilder und Klaviervorträge und Deklamationen sind eigentlich nicht mein Feld; die ungeschminkteste Aufrichtigkeit ist viel zu sehr mein Lebenselement, als daß ich es nicht gleich geradeaus gestehen sollte. Noch eher als mit den Musikvorträgen würde ich mich mit den Bildern befreunden. Nirgends kommt das Innerste eines Menschen so deutlich zum Vorschein wie auf der äußersten Oberfläche seiner Erscheinung, in der Epidermis und den subkutanen Muskeln. Sonstige Bilder — außer Porträts — sind eigentlich nicht recht am Platze bei der Besprechung geistiger Interessen. — Doch lassen wir alle diese Bedenken. Vor einem Jahre schrieb ich für „Ladies Home Journal“ zwei Aufsätze, in denen mir ebenfalls ein bestimmtes Programm vorgezeichnet war — wenn Herr Prof. Haupt ¹ sie lesen will, wird er gleich sehen, ob ich den gewünschten populären Ton zu treffen weiß oder nicht. (Die Aufsätze sollen im Juli erschienen sein; ich habe sie nicht zu Gesicht bekommen.) Ich glaube, daß meine Eigenschaft als Engländer mir schon den Instinkt verleiht, auch den Bedürfnissen und Erwartungen eines derartigen, zunächst mehr auf das Chronistische, auf die „circumstantial facts“ ausgehenden Publikums gerecht zu werden. Und bedenke ich des weiteren, daß eine derartige Einladung (falls sie definitiv erfolgte) ein unverhofft günstiges Mittel wäre, um in Amerika Fuß zu fassen und — entweder nebenbei oder später — diejenige Propaganda zu machen, die mir eigentlich am Herzen liegt, so bin ich durchaus geneigt, die ausgestreckte Hand mit freudiger Dankbarkeit zu ergreifen, und alle Konzessionen zu machen, die ich machen kann, ohne meinen innersten Überzeugungen untreu zu werden.
    Daß die Herren in Baltimore äußerst vorsichtig vorgehen, gefällt mir an ihnen sehr gut; sollten sie mich jedoch ernstlich in Betracht ziehen, so müssen sie es mir nicht verübeln, wenn ich ebenfalls mein Jawort nur vorsichtig gebe. Ihre Vorsicht richtet sich auf meine Person; meine richtet sich natürlich nicht auf die ihrige, da ihre offizielle Stellung eine genügende Bürgschaft ist; meine Vorsicht richtet sich ebenfalls auf meine eigene Person. Ich muß genau wissen, was man von mir verlangt, ehe ich sagen kann, ob ich es kann und darf. Etliche tausend Dollars hätte ich schon gern „im Sack“, doch nur wenn ich sie redlich verdienen kann, und das tue ich nur, wenn ich genau das erfülle, was dort von mir erwartet wird.
    Nur nebenbei erwähne ich, daß ich 1898 auf keinen Fall kommen könnte; ob ich in der ersten Hälfte des Jahres 1899 könnte, ist mir ebenfalls sehr fraglich. Das große Werk², an dem ich jetzt arbeite und das ich — zwar nicht kontraktlich, doch moralisch — meinem Verleger gegenüber verpflichtet bin, in möglichst kurzer Zeit zu vollenden, kann schwerlich vorher fertig sein.
    Inzwischen scheint mir das Wichtigste, daß Sie und Frau Wagner und — ja, und wer? vielleicht Gräfin Wolkenstein? — die große Güte hätten, die geforderten dokumentarischen Zeugnisse zu liefern.
    Wollen die Herren Auskunft über meine Familie haben, so können sie sich diese leicht verschaffen, denn gewiß findet man in jeder größeren amerikanischen Stadt unser englisches „Peerage and Baronetage“, und da finden sie mich ja (allerdings nur in den vollständigen Ausgaben, da in den gekürzten entweder der kleinere Adel überhaupt oder mindestens die jüngeren Söhne jüngerer Söhne — mein Fall — nicht genannt werden). Daß mein Großvater, Sir Henry Chamberlain, der erste Baronet, selber wiederum ein illegitimer Sohn aus großer Familie war, tut es nicht not auszuführen, da wir Chamberlains seit dem kurzen Bestand unserer Familie (mit keinem anderen Chamberlain — ein ziemlich roturier Name — irgendwie verwandt) so viele brave, tüchtige Männer hervorgebracht haben, daß wir uns unseres Stammhauses in seiner jetzigen Gestalt eher schämen als rühmen müßten. — Über die Familie meiner Mutter findet man Aufschluß, wenn man im selben Buche den jetzigen Sir Basil Hall aufsucht. Ältere Amerikaner englischer Abstammung dürfte es interessieren, daß meine Mutter die Tochter des seinerzeit sehr bekannten Reisenden Captain Basil Hall war, der vor etwa sechzig Jahren seine „Travels in North-America“ veröffentlichte. — Auch der nahen Blutsverwandtschaft mit Wolfe³, dem Helden von Quebec, darf ich mich — als gutes Omen — freuen. Was also Abstammung anbelangt, so mögen sich die Herren drüben schon zufrieden erklären, sonst reise ich auf eigene Kosten mit Pistolen hinüber.
    Biographische Notizen? Du lieber Gott, die werden nicht viel Papier schwärzen! Geboren am 9. September 1855 in Portsmouth, als jüngster Sohn des Admirals (damals Kapitän) C., kam ich, fast sofort, infolge des Todes meiner Mutter, zu meiner Großmutter, Lady C., die des Klimas wegen in Versailles, nicht in England lebte. Als Schulen besuchte ich erst das Lycée Impérial in V., später Cheltenham College. Schon früh bedingte meine eigentümliche Unfähigkeit, meinen Geist dem Schulpensum anzubequemen, häufige Unterbrechungen. Ich sollte Offizier werden und habe vorwiegend mathematische Schulbildung genossen. Doch ehe ich in die Kriegsschule kam, brach meine Gesundheit zusammen: jahrelang lebte ich den Winter an der Riviera, den Sommer in der Schweiz. Die Naturwissenschaften, speziell Botanik, erweckten mein lebhaftes Interesse; dazu trat dann die Erlernung der deutschen Sprache. Erst mit 24 Jahren konnte ich mich als Student der Naturwissenschaften an der Genfer Universität immatrikulieren. Ich habe dort speziell Botanik und Chemie studiert, doch auch in Physik, Zoologie, Geologie usw. alle vorgeschriebene Examina mit gutem Erfolg bestanden — dazu als Extra: physikalische Geographie, Astronomie und die grundlegenden medizinischen Disziplinen. Noch ehe ich meine sehr umfangreich konzipierte Doktorarbeit vollenden konnte, brach meine Gesundheit abermals zusammen: ich hatte mich riesig überarbeitet, namentlich aber durch nächtliche Beobachtungen an Präzisionsinstrumenten das Nervensystem überreizt. Jeder spätere Versuch, meine eigentlichen Fachstudien wieder aufzunehmen, erzeugte binnen kurzem einen pathologischen Zustand — gleichsam als risse man eine vernarbte Wunde wieder auf. Und so danke ich Gott, daß ich diese naturwissenschaftliche Episode meines Lebens wenigstens durch die Veröffentlichung meiner „Recherches sur la Sève ascendante“ im Frühjahr dieses laufenden 1897 krönen durfte. Die Universität Genf nahm als öffentliche Anerkennung des Wertes meiner Arbeit die Widmung an, und der größte lebende Pflanzenphysiolog, Hofrat Wiesner, führte sie durch warme Worte ein. Das war ein Abschluß. — Inzwischen hatten mich philosophische Studien viel beschäftigt — namentlich während der langen Jahre, wo mein Geist nur Abstraktes aufnehmen konnte; einzelne Aufsätze über indische Philosophie, über Kant usw. bezeugen es; daß ich vor kurzem von fachmännischer Seite aufgefordert wurde, ein Buch über altindisches Denken zu schreiben, erzählte ich Ihnen wohl schon. Augenblicklich arbeite ich aber im Auftrag eines Verlegers an einem größeren Werke allgemein Kulturhistorischen Inhaltes und fühle mich dabei so recht wie ein Fisch im Wasser. Nicht allein bin ich kein Gelehrter, sondern ich bin organisch unfähig, jemals einer zu werden; mich interessiert nur das Leben, das Lebendige, und sitze ich hier an meinem Schreibtisch, so fühle ich trotzdem, daß ich doch ein Offizier geworden bin, ein Offizier, der manchmal zehn Stunden nicht aus dem Sattel steigt. — Und so sehen Sie, lieber Freund, daß ich mein Leben erzählen kann, ohne die Hauptsache auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Derlei Biographien gefallen mir: ich hatte immer einen „faible“ für jenen berühmten Biographen Lord Bacons, der dessen Leben in drei Bänden schilderte und erst, als das Buch gedruckt war, merkte, daß er vergessen hatte zu erwähnen, Lord Bacon habe sich auch mit Philosophie abgegeben! Ich nun vergaß es nicht; jedoch es gibt Dinge, über die man schweigt, ich meine, lieber schweigt als redet. Wollte ich darüber reden, so müßte ich in mein eigentliches, lebendiges Leben hineingreifen: derartige Autovivisektion kann niemand von mir fordern. Was nötig ist, wissen Sie ja, — Sie wissen es sogar besser als ich, denn Sie wissen, was ich tat, während ich erfüllt bin von dem, was ich gern getan hätte. Also sagen Sie, was Sie für recht halten.
    Ein letztes: Photographien halte ich nicht auf Lager. Nur wenn die Angelegenheit in ein ernsteres Stadium getreten wäre, könnte ich meine fast unüberwindliche Abneigung gegen eine Schaustellung meiner Person besiegen.

Ihr getreuer

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Orientalist in Baltimore.
    ² „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts.“
    ³ Vgl. „Lebenswege meines Denkens“, S. 20.
 

61-63 An Professor Deussen



16. März 1898.    VI Blümelgasse 1        Wien.

Hochgeehrter Herr Professor

    Schon längst hätte ich Ihnen den schuldigen Dank für Ihren Brief vom 14. November entsendet; ich wollte aber Ihre Zeit nicht in Anspruch nehmen, ehe ich Ihnen etwas Bestimmtes über jenes Vorhaben mitzuteilen gehabt hätte — der betreffende Verleger aber, der mir versprochen hatte, bis Mitte Dezember eine definitive Antwort zu schicken, schweigt sich beharrlich aus, und ich glaube, diese Sache ist als definitiv gescheitert zu betrachten. Vermutlich hat er (dieser „er“ ist Emil Hauffe, Inhaber von Frommanns Verlag) einen andern mit der Aufgabe betraut. Es war ihm nicht recht, bei mir warten zu müssen, und ich anderseits bin kontraktlich verpflichtet, ein größeres Werk, an dem ich augenblicklich arbeite, möglichst bald fertigzustellen. — Das Schicksal weiß am besten, was förderlich ist; und wiewohl ich diesen Ausgang augenblicklich bedauere, so sollen doch — das verspreche ich Ihnen — Ihre so überaus gütigen Anregungen an mir nicht verloren sein. So Gott will, werde ich die bescheidene Aufgabe, für welche Sie mich befähigt und sogar „berufen“ halten, erfüllen; mit Friedrich dem Großen bekenne ich: „Mon devoir est mon Dieu suprême“; der Verleger ist Nebensache. — Inzwischen diene ich der heiligen Sache, so gut ich kann, auf weit abliegendem Gebiete, und hoffe, einem zahlreichen Publikum, welches sich nie im Leben um indische Philosophie und Religion bekümmert hat, diese Dinge nahezulegen, indem ich immer wieder, wo man es am wenigsten erwartet, sie zu Vergleichen heranziehe oder ein kurzes Zitat anbringe. Handelt es sich doch bei mir um eine Leben gestaltende Überzeugung.
    Und nun, hochgeehrter Herr Professor, nahe ich wiederum mit einer kleinen Bitte.
    Jenen Vortrag „Über indisches Denken“ möchte ich — da einstweilen aus dem Hauffeschen Projekt nichts wird — einem möglichst weiten Leserkreis mitteilen. Der geeignetste Platz schiene mir die wissenschaftliche Beilage zur „Münchner Allgemeinen Zeitung“, die schon recht schwache Vorträge aus derselben Philosophischen Gesellschaft zum Abdruck gebracht hat. Die Schwierigkeit ist aber die: mein Name ist höchstens als der eines „Wagnerschriftstellers“ bekannt — für die meisten Zeitungen keine besondere Empfehlung —‚ und wenn ich auch als weitere Legitimation meine pflanzenphysiologischen Arbeiten der Redaktion einschicken wollte (über die der bedeutendste lebende Fachmann, Hofrat Wiesner, so überaus günstig geurteilt hat), so wäre das noch immer keine Beglaubigung, daß ich über indisches Denken mitzureden berufen sei. In einer Redaktion, wo offenbar niemand ein Urteil gerade über ein solches Thema sich zutrauen wird, werden die Herren den Universitätskalender aufschlagen; da sie mich dort nicht finden, fragen sie bei einem Sanskritphilologen telephonisch an, und erhalten die Antwort: „Kamberlain? Habe niemals den Namen gehört!“ — während der Mediziner, der heute in keiner Redaktion mehr fehlt, ihnen nur wird melden können: „Chamberlain? Erfinder der Geburtszange, schon über zwei Jahrhunderte tot!“ — Und da es sich nun bei mir durchaus um keine Frage handelt, die mir einen persönlichen Vorteil bringen soll, sondern lediglich um eine Sache, für die ich mein Herzblut zu geben bereit wäre, so nehme ich mir die Freiheit, anzufragen, ob Sie bereit wären, der Erreichung des genannten Zieles durch eine einzige Zeile behilflich zu sein? Vielleicht haben Sie, wie viele andere Gelehrte, selber Beziehungen zur „Allgemeinen“? Oder Sie würden mir auf einer Postkarte schreiben, daß Sie sich freuen, meinen Vortrag in einer vielgelesenen Zeitung gedruckt zu sehen? kurz irgend etwas, was mir als Legitimation dienen kann, irgend etwas, was die guten Leute überzeugt, daß sie mich abdrucken können, ohne sich zu blamieren.
    Sollten Sie den Vortrag vorher sehen wollen, so liegt er in einer sauberen, leicht lesbaren Abschrift vor; diese Mühe möchte ich Ihnen jedoch gar nicht zumuten. Sie wissen ja, was ich zu sagen habe und wie ich es sage; außerdem ist sehr vieles meinen Arbeiten in den „B.(ayreuther) B.(lättern)“ entnommen — nur daß ich mich hier auf einen mehr „akademischen“ Standpunkt habe stellen müssen, ohne aber deswegen langweilig zu werden. Ich schließe mit den Worten aus der Vorrede zu Ihrer „Allgemeinen Geschichte der Philosophie“, Seite X — „ein vollständiges und zureichendes Bekanntwerden usw.“.
    Indem ich Sie ersuche, hochgeehrter Herr, mir diese Belästigung nicht übelzunehmen — man sagt ja, Wohltaten verpflichten den Wohltäter, und vielleicht haben wenige Menschen der jetzigen Generation die Wohltaten Ihres unermüdlichen Wirken so bewußt und innig dankbar genossen wie ich! — verbleibe ich

Ihr verehrungsvoll ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

64-68 An Vult von Steyern



6. September 1898.    VI Blümelgasse 1       Wien.

Lieber, armer Freund

    Ihren soeben erhaltenen Brief vom 2. d. M. beantworte ich sofort: erstens weil es mich drängt, Ihnen und namentlich Ihrer verehrten lieben Frau unser beider inniges Mitleid auszusprechen, — sodann auch weil Sie wichtige Fragen an mich stellen, deren Beantwortung bei dem großen Drang der Arbeit — wenn sie nicht sofort geschieht, vielleicht lange auf sich warten lassen würde.
    Bezüglich des Wörterbuches ist die Antwort sehr einfach: es gibt überhaupt nur zwei wirkliche WB. deutscher Sprache, das von Sanders und das von Heyne. Sanders ist, glaube ich, besser, d. h. vollständiger, ausführlicher — aber in einem entsetzlichen Druck; Heynes WB. erschien in drei Lexikonoktavbänden (nicht dick) zwischen 1890 und 1895 — der Verfasser ist Mitarbeiter am Grimmschen WB., sein Werk besitzt darum autoritative Geltung: ich möchte es Ihnen empfehlen. Nur müssen Sie bedenken, daß gar kein deutsches WB. vollständig ist, da diese Philologen die Marotte besitzen, die sogenannten Fremdwörter nicht aufzunehmen — in denen aber auch ein „Fremder“ sich nicht immer auskennt: darum ist eine Ergänzung — etwa durch das Fremdwörterbuch von Sanders (in einem Bande) — anzuraten. — Mir persönlich ist von allen WB. das liebste das „Deutsch-Französische Enzyklopädische WB. von Sachs-Villatte“ (Verlag Toussaint-Langenscheidt) — so vollständig, so übersichtlich wie sonst nichts auf der Welt außer unseren unvergleichlichen englischen WB.
    Schwieriger ist die Beantwortung Ihrer anderen Frage. Wie Sie Ihr Publikum schildern, läßt mich glauben, daß Nietzsche mit seinem W. in B. ¹ mindestens eine Meile über ihre Köpfe hinwegschießen würde. So unvergleichlich diese kleine Schrift ist, so schwer finde ich sie. N.s Art war, nach den ersten paar Schritten im rechten Winkel abzubiegen: wer das weiß und wem es gelingt, gleichsam um die Ecke zu schauen, für den ist alles einfach und sonnenklar, doch setzt das eine eigene Initiative, eine eigene Kraftanstrengung des Publikums voraus, und das ist gerade, was nicht einer in Zehntausend leisten will und die meisten überhaupt nicht mehr können. Übersetzen Sie N., so tun Sie ein gutes, verdienstliches Werk, das im Laufe der Jahre manchem ernsten Geiste zugute kommen wird, doch rechnen Sie nicht darauf, einen populären, durchschlagenden Erfolg zu erzielen: bei N. war von Anfang an der böse Geist stärker als der gute; einzig die Nähe des großen und guten Meisters hat ihn einige Jahre auf dem geraden Wege der Wahrheit und Ehre erhalten: im R. W. in B. ist es darum, als vernähme man eine Stimme aus einer anderen Welt, Nietzsche spricht hier wie eine hellsehend gemachte Somnambule, — sobald aber diese Somnambule aus dem Schlaf erwachte und niemand mehr da war, um sie in den magnetischen Schlaf zu versetzen (in welchem der außerordentliche Bau des physischen Hirnes Ungewöhnliches zustande brachte), da hatte man — wie das bei anderen Hellseherinnen der Fall — eine recht gemeine Person vor sich, welche die ekelerregenden Trivialitäten des „Fall Wagner“ zum besten gab. Nietzsche ist ein Mensch, bar jeglicher geistigen Initiative; sein Gehirn gleicht einer ungewöhnlich leistungsfähigen Mahlmaschine, die alles immer gemahlen hat, was man auch hineinwarf. Ich wette, daß Sie im ganzen Nietzsche nicht einen Satz, nicht ein Fragment eines Satzes, geschweige denn einen Gedanken oder irgendeine einzige konstruktive Idee finden, dessen Autor nicht nachgewiesen werden kann: Wagner, Plato, Simonides, Schopenhauer, Goethe (der „Übermensch“ ist aus Faust, die „Blonde Bestie“ ist eine Verballhornung des Satyros oder der vergötterte Waldteufel usw.) usw. Wenn also der Meister an N. beim Empfang seiner Schrift schreiben konnte: „Ich begreife nicht, wie Sie mich so kennen können“ (ich zitiere nach dem Gedächtnis) — so ist es höchste Naivität, wenn wir daraus mit der Menge schließen wollen — seht, Wagner selber bezeugt, N. habe ihn gut gekannt; im Gegenteil, Wagner begriff es nicht, und wir könnten es nach allem, was sofort darauf eintraf, noch viel weniger begreifen, lernten wir nicht einsehen, daß hier ein krankhaftes Phänomen vorliegt und daß der wirkliche Autor des R. W. in B. der Meister selber ist, der hier gleichsam durch einen in ekstatischer Verzückung redenden, aller eigenen Persönlichkeit baren, orphischen Priester sich die Wahrheit über sich selbst eingestanden hat. Darum aber auch der dithyrambische Ton, das Prophetische, das gewissermaßen aus Zeit und Raum Losgerissene; und darum die (für mein Gefühl) unendliche Schwierigkeit dieses Werkes, welches nicht das Ergebnis eines kritischen Verständnisses, sondern einer unfreiwilligen, von einem stärkeren Willen gebotenen Vision ist. Hier liegt eine kleine Persönlichkeit (denn wer nicht Willen besitzt, ist auf alle Fälle klein) vor einer inkommensurabel großen anbetend im Staube; N.s fabelhafte Intellektuellen Fähigkeiten, gepaart mit ausgedehntem Wissen, gestatten ihm, die Bedeutung eines Wagner soweit zu ahnen, daß er der Suggestion unterliegen kann, womit zugleich eines der merkwürdigsten Werke in der gesamten Geschichte der Menschheit ausgeführt wird — doch sobald sein Lebenswerk vollendet ist (und das ist es an dem Tage, an dem er die letzte Zeile des R. W. in B. geschrieben hat), kehrt er sich gegen seinen Herrn und Meister, um ihn zu begeifern — völlig unbewußt dessen, was er geleistet hat und noch mehr des komplizierten Mechanismus, durch den er zugleich befähigt und gezwungen ward, es zu leisten. — Doch, ich sehe, lieber Freund, ich schreibe Ihnen einen ganzen Aufsatz, wogegen ich Ihnen nur sagen wollte, weswegen ich N.s Werk für durchaus   u n g e e i g n e t   halte, jemals zu einem populären umgestaltet zu werden. Diese Schrift ist eine esoterische im strengsten Sinne des Wortes. Lassen Sie ihr in der Übersetzung ihren Charakter, so wird sie nur auf vereinzelte wirken; nehmen Sie ihr ihren Charakter, so begehen Sie einen Frevel. — Wollen Sie sie nun doch übersetzen, so kann ich das nur gutheißen; ich bitte Sie aber, dann sechs Monate darauf zu verwenden, damit es Ihnen gelinge, in Ihrer schönen Sprache ein echtes Gegenstück, nicht eine wörtliche Verdrehung hinzustellen; und tun Sie es mit dem Bewußtsein, keine öffentliche Anerkennung ernten zu wollen.
    Ihre andere Absicht bliebe also auf alle Fälle bestehen. Daß mein Buch Ihnen zur Verfügung steht, versteht sich von selbst. Ich bleibe aber dabei, daß es besser und auch leichter für Sie wäre, etwas Ihrem besonderen Zwecke Entsprechendes selber zu schreiben, als diesem Zweck durch eine Übersetzung gerecht werden zu wollen. Nicht etwa, als besäße ich die Autoreneitelkeit, über die Verstümmelung, die Ihrem Freundesherzen schon im voraus Schmerzen macht, auch nur eine einzige Träne zu vergießen. Verstümmeln Sie, so viel Sie wollen, schreiben Sie ab, stehlen Sie Gedanken, Dispositionen, Vergleiche, was Sie wollen. Gott kann bezeugen, daß ich nur arbeite in der Hoffnung, auf andere zu wirken. Man muß das Gute nehmen, wo man es findet; finden Sie es bei mir, so haben Sie die Pflicht, es zu nehmen. Doch eine ganz andere Frage ist es, ob die Übersetzung von Fragmenten meines Buches ein glücklicher Gedanke ist. Ich glaube fast, daß, wenn so etwas in einem einzigen Menschenkopf wächst und sich abrundet, es gewisse Eigenschaften der vielseitigen inneren Verknüpfung erhält — dem Verfasser selbst oft ganz unbewußt —‚ durch welche zum richtigen Verständnis des einen Teiles die übrigen fast unentbehrlich werden. — Schreiben Sie doch lieber eine Broschüre von — sagen wir sechs Bogen. Tun Sie es ohne jeden literarischen Ehrgeiz; sagen Sie in einem kurzen Vorwort, Sie hätten nicht die Prätention, einen selbständigen Beitrag zur Wagnerliteratur zu liefern, sondern Ihr Wissen und zum guten Teil auch das Detail Ihrer Ausführungen hätten Sie den Schriften der Herren Glasenapp, Nietzsche, Wolzogen, Chamberlain usw. entnommen; was aber habe Sie veranlaßt, sich an diese Männer um Belehrung zu wenden? Die Kunst Richard Wagners, Ihre Erlebnisse in Bayreuth, die innige Liebe und Verehrung, die Sie zu dem großen Manne gefaßt haben. Ein Herzensbedürfnis ist es Ihnen, Ihre Landsleute an diesem Schatze teilnehmen zu lassen — nicht wahr? Nun gut, lassen Sie Ihrem Herzen die Zügel; vertrauen Sie sich ihm ohne jegliches Bedenken an; durch das Vorwort haben Sie ja Ihr allzu zartes Gewissen beruhigt; nunmehr soll Vult von Steyern reden — und ich weiß, daß er gut reden wird. Machen Sie einen sehr mäßigen Gebrauch von den Schriften und Briefen — wobei Ihnen Glasenapps Lexikon und Enzyklopädie vorzügliche Dienste leisten werden —‚ aber wie gesagt, nur nicht zu viel zitieren, in einem solchen Fall ist das nicht am Platze; reden Sie selber aus der Fülle ihres Herzens und — glauben Sie mir nur, das wird zu den Herzen anderer gehen. Für Tatsachen, für die Art und Weise, schwierige Dinge mundgerecht zu machen, kurz, für das ganze materielle Gerüst haben Sie dann einige wenige Bücher auf dem Tische liegen — bei meiner Seele, ich glaube, Glasenapp und Chamberlain sind vollauf genügend, dazu etwa, wenn Ihnen etwas in einem Drama Schwierigkeiten macht, ein Bändchen Wolzogen — namentlich insofern ein skandinavisches Buch, bei noch so knapper Fassung, die nordischen Sagen nicht unerwähnt lassen dürfte. (Nicht vergessen, daß auch Senta eine Norwegerin ist und den ganz spezifischen skandinavischen Charakter besitzt — hellsehend wie Swedenborg, in sich gekehrt, heroisch — ein ganz eigenartiges Ineinanderverflechten des physischen und des moralischen Charakters.) — Dies meine Meinung; und hier breche ich ab, da ich augenblicklich nur zu Pflichten noch Zeit übrig habe und meiner Frau das übrige überlassen muß. Herzlich der Ihre

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ „Richard Wagner in Bayreuth.“
 

68-70 An Karl Haller



6. Januar 1899.      VI Blümelgasse 1       Wien.

Geehrter und lieber Herr Haller

    Entschuldigen Sie eine verspätete und gewiß ungenügende Antwort. Ich gehöre nämlich immer mehr zu den vielgeplagten Menschen, und trotz redlichen Fleißes weiß ich nicht mehr, woher die Zeit nehmen.
    Ihr Vorhaben kann nicht anders als lebhaftes Interesse erregen — und dennoch (ich will's gleich gestehen) hat es in meinem Kopfe einige jener Wagner so verhaßten „Dochs und Abers“ geweckt. Ich war indirekt an mehreren Zeitschriftbegründungen beteiligt und habe nie Freude, sondern immer das Gegenteil erlebt. Ohne Kapital verschwindet jegliche Zeitschrift sofort von der Bildfläche. Oder aber sie kommt wie seinerzeit der tüchtige, begeisterte Brendel mit seiner „N. Z. für Musik“ in die Notlage, gewissen geschäftlichen Unternehmungen dienen zu müssen — und wie mißlich das ist, selbst wo der unterstützende Teil ein durchaus ehrlicher Kaufmann ist, zeigt jener Fall (siehe Bülows Briefe) und zahllose andere. Ich könnte Ihnen also nur zureden, wenn Sie schon einen Verleger sicher haben, der sich außerdem verpflichtet hat, Ihre Aktionsfreiheit als Schriftführer nicht zu beeinträchtigen.
    Dann glaube ich auch nicht, daß bei einem künstlerischen Unternehmen ein negatives Programm — wie etwa Antisemitismus — eine ersprießliche Grundlage abgeben kann. Das Prinzip muß ein positives, bejahendes sein, welches durch eigene Kraft das, „was ihm nicht angehört“, beiseite schiebt. Ich gestehe, daß eine deutsche Memme oder ein germanischer Esel mir viel weniger sympathisch ist als ein ernster und leistungsfähiger Künstler jüdischer Abkunft — und gerade um in solchen Fällen (von denen wir umringt sind — ich verweise nur auf Lueger und Mahler) das tief Trennende und insofern für uns Bedenkliche nachzuweisen, und zwar mit überzeugender Kraft nachzuweisen, dürfte man nicht von vornherein einen Parteistandpunkt als ausschlaggebend erwählt haben, der in Wirklichkeit die Linie nicht dort zieht, wo sie gezogen werden müßte.
    Es ist halt ein schlimmes Ding um die Kunstzeitschriften: denken Sie nur an den Mißerfolg von Schiller und von Goethe!
    Dies sage ich Ihnen ganz ehrlich, weil jede Verhüllung meiner Meinung ein Unrecht wäre. Daß ich zugleich Ihre Energie bewundere und mit dem, was Ihrem Vorhaben zugrunde liegt, vollkommen sympathisiere, versteht sich von selbst.
    Was meine eventuelle Mitarbeiterschaft anbelangt, so weiß ich nicht, inwiefern ich mich da verpflichten kann — ohne befürchten zu müssen, daß ich Sie dann im Stiche lasse. Zum Journalisten habe ich nicht die geringste Befähigung — und doch meine ich, Ihre Zeitschrift müßte vor allem sehr „aktuell“ sein und insofern doch „journalistisch“. Ich sehe ja, daß ich schon jetzt kaum dazu komme, versprochene kurze Aufsätze zu liefern — die umfassenden Studien und die enorme materielle Arbeit, welche größere Werke mir heute auferlegen, lassen mich nur ab und zu, gewissermaßen sporadisch, zu kleineren Arbeiten kommen. Eine Redaktion kann deswegen auf mich nicht rechnen. Mag sein, daß ich manchmal hintereinander mehreres liefere; gewiß treten aber dann lange Pausen ein. Mehr könnte ich auch Ihnen nicht versprechen. — In diesem Sommer verreise ich überhaupt auf längere Zeit, so daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach erst spät im Jahre 1900 nach Wien zurückkehre.
    Dies alles nur, damit ich Sie nicht mit hohlen Versprechungen speise. Doch, wie gesagt, Ihre Anregung interessiert mich lebhaft, und ich würde gern eine Gelegenheit ergreifen, mich mit Ihnen darüber mündlich zu unterhalten.
    Stets Ihr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

70-76 An Gräfin Zichy



26. Februar 1899.       VI Blümelgasse 1      Wien.

Gnädige Frau Gräfin

    Heute erhielt ich die „Revue des deux Mondes“ und die „Allgemeine Zeitung“ mit der Arbeit Göbels. Ihre so sehr freundliche Aufmerksamkeit hat mich wirklich gerührt; das „out of sight out of mind“ ist ein so weitverbreitetes Gesetz, daß man förmlich überrascht ist, wenn es einmal nicht zutrifft; schon vier Personen — von denen zwei mir gewissermaßen verpflichtet waren — hatte ich um jene „Allgemeine Zeitung“ gebeten, ohne sie erhalten zu haben. Ich fürchte, Sie schaffen sich bei uns Blümelgäßlern einen so guten Ruf, daß wir anfangen werden, Ihre Güte zu mißbrauchen — schon jetzt schwirrt mir verschiedenes durch den Kopf, worum ich einen so trefflichen Korrespondenten bitten möchte — doch nein, ich will Ihnen zeigen, daß auch ich ein Diplomat bin und werde Sie nicht gleich erschrecken!
    Brunetiere lese ich heute abend und schicke ihn dann gleich zurück; ich weiß schon ungefähr, was ich da zu erwarten habe; ein Mann, der so über das Genie schreibt, wie er seinerzeit geschrieben hat (daß es nämlich gar keins gäbe), wird auch nicht viel Tiefes über Religion mitzuteilen haben. Dagegen darf ich wohl die „Allgemeine“ als mein Eigentum betrachten, nicht wahr? Dieses Dokument kommt zu anderen für ein Werk, das schon lange meine Gedanken beschäftigt, das ich aber vielleicht nie schreiben werde, jedenfalls nur, wenn Gott mir noch eine genügende Spanne Lebens schenkt, um bedeutend weiser zu werden als ich jetzt bin. Doch, bin ich's nicht, so wird's ein anderer sein; die neue Anschauung über die Lebenswesen wird sich Bahn brechen müssen — der Fortgang der Philosophie und der Wissenschaft erfordert es gebieterisch — kein einzelner ist da unentbehrlich. — Ein anderesmal mehr darüber, vielleicht interessiert es sogar Ihren Herrn Gemahl, da es ja Naturwissenschaftliches betrifft — allerdings Philosophie der Naturwissenschaft. Doch wie eng Philosophie und Wissenschaft zusammenhängen, sieht man täglich jetzt mehr ein; erst heute erhalte ich einen Brief von einem rühmlichst bekannten Professor der Hygiene, der seine Überzeugung ausspricht, Kant und Schopenhauer seien für die Naturwissenschaft mindestens ebenso unentbehrlich wie Bunsen und Pasteur. Die antiphilosophischen Tage der Herren Virchow und Konsorten sind gründlich vorbei — Gott Lob!
    Heute schickte ich das Manuskript zum Kapitel 7 „Religion“ nach München ab. Von früh bis abends hatte ich diese Tage in der Revision gesteckt und habe oft lebhaft an Sie denken müssen, verehrte Frau Gräfin, da so manches Thema, welches in unseren Gesprächen kaum gestreift wurde, manche Frage, auf die ich sehr ungenügend, so aus dem Stegreif und ohne jeden sicheren Anknüpfungspunkt antworten konnte, hier gründliche Erörterung findet. Zwar ist das Ganze natürlich nur eine Skizze, ein Umriß, a skeleton sketch (wie wir sagen), — doch kommt es bei diesen Dingen darauf an, daß sie in einem bestimmten, umfassenden Zusammenhang dargestellt und durchgenommen werden. Das ist hier geschehen — und ich muß offen gestehen, daß ich von dieser Arbeit, die ich seit dem Juni vorigen Jahres, wo ich sie beendete, nicht wieder gesehen hatte, hingerissen und — an gewissen Stellen — tief ergriffen war. Sie bildet den Höhepunkt des Buches; hier handelt es sich wirklich um die heiligsten Güter — alles, was folgt, ist dann gewissermaßen nur Ausführung und Erläuterung. Bei Ihrem lebhaften künstlerischen Empfinden werden Sie überhaupt längst erkannt haben, daß nicht das Detail einem Werk den Eindruck lebendiger Naturtreue und unwiderstehlicher Überzeugungskraft verleiht, sondern bestimmte Eigenschaften der Formgebung, der Perspektive usw. — denken Sie nur an Rembrandts Handzeichnungen! Wer möchte da noch ein Meissonier sein?
    Doch, je crains que je n'abuse. Wer weiß, ob Sie meine leidenschaftliche Liebe für das Briefschreiben — ich bitte, mich nicht mißzuverstehen, ich meine in diesem Falle für das Brief l e s e n — teilen? Nichts ist herrlicher im Leben, als wenn zwei Menschen, die sich sofort als „verschwisterte“ Seelen erkennen, doch so gut wie nichts voneinander wissen, nichts „Staatsbürgerliches“, „Stammbäumiges“, Chronistisches — wenn man sich also etwa wie zwei Handzeichnungen Rembrandts gegenübersteht — die kühnen Linien der Persönlichkeit nicht estompiert durch ein Wissen von tausend Zufälligkeiten aus der Reise durch das Jammertal. Daß Sie eine Botschafterin sind und ich ein Schriftsteller, das bildet bis jetzt ungefähr unser ganzes chronistisches Gepäck; und wenn für Sie das Botschaftersein nicht mehr zu bedeuten hat als für mich das Schriftstellersein, so ist das herzlich wenig. — Doch ist dieser paradiesische Zustand etwas weniger ideal, sobald nicht das lebendige und im selben Augenblick seine Seele verhauchende Wort, sondern das geschriebene daran kommt. Das geschriebene ist aufdringlicher, rücksichtsloser, — es merkt nicht die leichte Wolke, die am Horizont der Stirne sich bildet, es kann sich nicht anpassen durch den Wechsel der Rede und Gegenrede — außerdem weiß der Schreiber nicht, zu wem allem er spricht... Und was ist ein Brief, wenn man ihn nicht genau so schreibt, wie einem der Schnabel gewachsen ist? In unserer halbmumifizierten Gesellschaft, die einem auf die Hände (jene wunderbaren Ausdrucksorgane!) Glacéhandschuhe und auf das Gesicht die stereotype Maske auflegt, wäre der Brief berufen, unsere Rettung zu sein — freilich un oiseau en cage, der aber nach Herzenslust herumhüpfen und singen kann. — Das alles dient, Sie darauf vorzubereiten, daß mein Brief bald zu Ende geht!
    Doch mag ich ihn nicht beenden, ohne vorher etwas gesagt zu haben, was ich auf dem Herzen habe zu sagen, ja, geradezu als eine Pflicht empfinde. Es bezieht sich auf Bemerkungen von Ihnen, als ich mit meiner Frau bei Ihnen den Tee nahm und auch auf andere in der Galerie (im Rembrandtzimmer) gemachten — oder vielmehr sollte ich sagen, daß es sich auf den ganzen Untergrund unserer verschiedenen Unterhaltungen bezieht und viel eher noch auf ungesagt Gebliebenes als auf das tatsächlich Ausgesprochene. Sie werden sehen, ich geriere mich gleich in meinem ersten Brief als Lehrer und Pedant, doch so sind wir Männer alle, ich will nicht besser scheinen als die anderen; außerdem betrachte ich Ihre Fragen über philosophische Dinge implicite als eine Ermächtigung „to lay down the law“. — Mächtig angezogen hat mich bei Ihnen der Anblick einer wirklich lebendigen, und das heißt einer suchenden, nach Wahrheit dürstenden Seele. In einer derartigen Seelenverfassung liegt ja immer etwas von dem, was wir Chemiker einen „Verbrennungsprozeß“ nennen würden, — der Mensch hat die Wahl: entweder versteinern oder verbrennen —

Das Lebend'ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet!
    Doch meine ich, daß man sich hüten muß, das Feuer über ein gewisses Maß anzuschüren. Vielleicht wollen Sie die Güte haben, das nachzulesen, was ich Seite 31 der „All. Einl.“ über Verstand und Enthusiasmus gesagt habe? Hier verfechte ich nun die umgekehrte These, nämlich, daß es die Lokomotive zugrunde richtet, wenn ich sie überheize. Doch bitte, seien Sie nicht zu schnell enttäuscht! Bei dieser Platitüde will ich nicht stehen bleiben, sie dient mir nur als Vorstufe zu etwas, was so wenig „platt“ ist, daß ich nicht gleich weiß, wie ich es faßlich hinstellen soll. Ich möchte nämlich Ihrem „Suchen“ eine große Ruhe geben; ich möchte Sie von dem Wahne heilen (den ich bei Ihnen wie bei so vielen Edlen zu bemerken glaubte), daß die Zukunft etwas zu geben vermag, was die Gegenwart nicht besitzt; ich möchte, wie ein unerbittlicher, doch heilbringender Arzt, Ihnen die Hoffnung „wegkauterisieren“, daß Ihnen jemals   v o n   a u ß e n — und sei es auch von einem Immanuel Kant — eine Weltanschauung geschenkt werden könne, in welcher Sie sich vollauf beglückt und unerschütterlich sicher fühlen könnten — ich sagte „kauterisieren“, denn eine solche Hoffnung ist eine Wunde, an der gerade die Edlen zugrunde gehen, indem sie entweder sich selbst oder ihren Verstand später aufgeben. Wer also sucht, muß von dem Bewußtsein ausgehen, daß er schon gefunden hat — sonst wird er nie etwas finden. Das ist ja auch der Sinn der biblischen Parabel, daß nur dem, der hat, gegeben wird, und von dem, der nichts hat, selbst das, was er hat, weggenommen wird. Ein Kant, ein Schopenhauer — nennen Sie, wen Sie noch wollen, sind gleichsam äußerst geschickte Gärtner — hat sich doch Christus selber mit einem Gärtner verglichen! —‚ fähig, aus einer krausen Wildnis einen schönen, bezaubernden Park zu machen; sie pflegen die Keimlinge, sie jäten gewaltig das Unkraut aus, sie sind Seelen- und Gedankenkünstler, von ihnen gilt das Wort, das ich meinem 1. Kapitel als Motto vorangestellt habe: „Nur durch den Menschen tritt der Mensch in das Tageslicht des Lebens ein“; alles, was Sie wollen: aber die Pflanzen müssen da sein, kein Gärtner vermag sie zu erschaffen oder zu erfinden, — veredeln kann er sie, doch nicht machen, ja nicht einmal denken. Und insofern ist man durchaus berechtigt zu sagen, daß man heute schon alles besitzt, was man morgen zu besitzen hoffen kann. — Aus welcher Betrachtung nun sich als Motto für die Praxis das evangelische Wort ergeben würde: „Halte fest, was du hast!“ Das ist das eigentliche Grundwort aller Weisheit. Man kann nicht ein Neues für ein Altes eintauschen, sondern jedes lebendige Neue ist die Verklärung oder — wenn Sie wollen — die Neugeburt eines Alten. Daher meine etwas zögernde und ausweichende Antwort auf Ihre Frage betreffs der Gottheit Christi. Ist einer zu rein materialistischer Religion geboren, so raube man ihm nicht einen Glauben, der wenigstens seine Weltauffassung möglichst verklärt; ist einer dagegen zu idealistischer Religion befähigt und daher auserkoren, so lehre man ihm, sobald als möglich, nicht mit Worten zu spielen. Alle ideale Religion ist Religion der Erfahrung. Das Wesen der Erfahrung ist nun einerseits ihre Unauslöschlichkeit, anderseits ihre Entwicklungsfähigkeit ins Unendliche: das Leben (und alles, was lebt) ist immer dasselbe und zugleich immer anders; die Frage ist also: Was ist mir Christus in meinem Leben? War er mir jemals — und war es auch nur in meiner frühen Kindheit — Gott, so kann er nie aufhören, Gott zu sein. Was sich dagegen verwandeln wird, ist die Vorstellung oder richtiger gesagt der Begriff von „Gott“. Der wirklich begabte, denkende, ideal befähigte Mensch wird darum so weit kommen, die Behauptung „Christus ist Gott“ nicht mehr als etwas so Einfaches und Klares zu empfinden wie früher — nicht aber weil Christus ihm weniger deutlich, sondern weil Gott ihm weniger deutlich geworden ist. Bei näherer Überlegung wird er aber bald entdecken, daß auch früher Christus, die lebendige Gestalt, der Gekreuzigte, das einzige war, was er wirklich besaß, während „Gott“ mehr oder weniger ein Gedankending war. Es bewährt sich eben auch hier, nicht allein, daß nur wer etwas hat, etwas hinzubekommt, sondern daß auch in den einzelnen Bestandteilen unseres Wissens, nur wo wir schon etwas haben (etwas Wirkliches, Lebendiges besitzen), nur dort, wir imstande sind, uns zu bereichern. — Wie töricht wäre nun der Mann, der den lebendigen Christus fahren ließe, weil er sich dessen bewußt würde, daß er nicht recht wisse und nie gewußt habe, was er sich unter Gott denken solle! — „Halte fest, was du hast!“ — das heißt also, fange immer beim Nächstliegenden an: greife nicht nach anderem, sondern ins eigene Herz; suche nicht nach Ursachen, sondern nach Tatsachen; rechne nicht auf die Zukunft, sondern begreife, daß die Gegenwart alles enthält; transzendiere nicht in ein Wolkenkuckucksheim, sondern lerne verstehen, daß das empirisch Faßbare Symbol und Leib des Transzendenten, Unfaßbaren ist, darum aber auch ein Heiliges, Verehrungswürdiges. Nicht einen einzigen Schritt dürfen wir auf dem Wege der buddhistischen Verachtung des Lebens mitgehen; das Himmelreich liegt in diesem Leben wie ein Schatz im Acker vergraben, sagt Christus; jede andere Auffassung ist Betrug; — und was ist das Leben? der gegenwärtige Augenblick, dieser eine Atemzug, den ich jetzt tue? Es wird nichts kommen, es wird nichts werden; Weisheit wird uns nichts geben, was wir nicht schon haben. — Erfassen wir also mit frommem Sinne den Augenblick; scheint er auch geringfügig, er ist doch der Keim des Ewigen; — das mag wohl Goethe vorgeschwebt haben, als er in Wilhelm Meister „die Ehrfurcht vor sich selbst“ als die höchste aller Religionen preist.
    Doch ich muß schließen, und ich weiß gar nicht, ob ich mich deutlich gemacht habe? Ich weiß auch nicht, ob ich nicht unbescheiden war? — Sie sehen (Sie haben's ja übrigens schon gesehen), ich lebe sehr buchstäblich nach meinen Prinzipien und greife gleich zu, wo es gilt, den Augenblick zu erfassen. Ich kann ja nicht wissen, ob ich je wieder Ihnen schreiben werde; das liegt ja bei Ihnen; zu sagen wäre ja noch genug! — doch wenigstens werde ich das eine gesagt haben, was mir das sehr lebhafte Mitempfinden Ihres heißen Seelenlebens als besonders dringend zu sagen eingab. Mögen Sie das so freundlich und verehrungsvoll teilnehmend Gemeinte ebenso aufnehmen, wie es geboten wird! Und wollen Sie streiten, nun, dazu bin ich allezeit bereit!
    Meine Frau, die inzwischen erfuhr, daß ich Ihnen schreibe, trägt mir viele herzliche Grüße auf. Ihr schließe ich mich voll Dankbarkeit an. Bitte lassen Sie sich nicht aus der Länge meines Briefes irgendeine Vorstellung von Verpflichtung erwachsen — das würde mir alle Freude rauben; bei lebendigen Beziehungen gilt das „Gleiches mit Gleichem“ niemals, niemals wenigstens im kleinlichen Sinne; und Sie ahnen vielleicht nicht, wie sehr ich Ihr Schuldner bin.
    Wenn ich es darf, so bäte ich, Ihrem Herrn Gemahl gehorsam empfohlen zu werden.
    In verehrungsvoller treuer Ergebenheit

Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

77 An die Redaktion der „Jugend“



24. Juni 1899.      VI Blümelgasse 1       Wien.

Sehr geehrte Redaktion

    Einliegend die Korrektur zu Jung-Siegfried.
    Wenngleich ich augenblicklich wirklich fast übermäßig beschäftigt bin, würde es mich doch reizen, etwas über Kaiser Wilhelm II. zu sagen — der von Ihnen vorgeschriebene Umfang ist so gering, daß man schließlich dazu immer noch Zeit finden kann. Nur muß ich Ihnen gestehen, daß ich seit etwa drei Jahren — infolge der sehr ausgedehnten Studien, die meine „Grundlagen“ benötigten — dem Gange der politischen Ereignisse fast gar keine Aufmerksamkeit habe schenken können. Somit würde ich in die Zwangslage kommen, ein wenig in den Wolken schweben zu müssen — und ich bezweifle, ob Ihr immer so „aktuelles“ Blatt sich mit einer mehr oder weniger „idealen“ Betrachtung über eine der Gegenwart angehörige Person begnügen würde?
    Über die Judenfrage gäbe es freilich noch viel zu sagen. Ich bin kein eigentlicher Antisemit; ich habe merkwürdig viele Juden oder Halbjuden zu Freunden, denen ich herzlich zugetan bin. Doch hasse ich die Redensart von der „Menschheit“ und meine, die möglichst klare Erkenntnis der Eigenart und ihre resolute Verteidigung „envers et contre tous“ ist nicht allein ein Recht, sondern ein Gebot. Wir werden viel besser mit unseren jüdischen Mitbürgern auskommen, wenn eine reinliche — intellektuelle und moralische — Scheidung stattgefunden hat, als heute, wo alles durcheinanderschwirrt. Das Dümmste, was man tun kann, ist die Existenz der jüdischen „Frage“ zu leugnen — dann ist man reif für das „Suttnerasyl“.

Hochachtungsvoll ergeben

Houston S. Chamberlain.
 

78-80 An Hans von Wolzogen



4. Januar 1900.     VI Blümelgasse 1        Wien.

Lieber Freund

    Vielen Dank für Ihren Brief von gestern. Im ersten Augenblick war ich über Ihren Vorschlag ein wenig bestürzt, denn trage ich auch den Kopf hoch vor der Welt, so bin ich doch sicherlich nicht unbescheiden — und die „B.(ayreuther) B.(lätter)“ gehören zum „Innerlichen“, so daß ich eine gewisse Scheu empfand, als könnte ich dort über Gebühr geschätzt werden. Doch jetzt habe ich schon den Weg bis zur vollen „Objektivität“ zurückgelegt, betrachte die Sache, als ob sie mich persönlich nichts anginge, und sage mir, daß der „verantwortliche Herausgeber“ wissen muß, was er zu tun hat. Auch darf die obgenannte Scheu Sie nicht bezweifeln lassen, daß ich glücklich und stolz bin, Ihre Teilnahme zu verdienen.
    Es haben sich eine große Anzahl Leute mit meinem Buche befaßt; natürlich kommt aber nur eine kleine Minderzahl für Bayreuth in Betracht. Wenn nun mehrere darüber in den „B. B.“ schreiben sollen, so meine ich, wäre es gut, möglichst verschiedene Beurteilungen zusammenzustellen — das liegt im Interesse des Werkes und des Lesers. Das gestattet auch, einem jeden vorzuschreiben, daß er sich kurz fassen solle und einzig das hervorheben dürfe, was ihm besonders aufgefallen ist — gleichviel, ob zustimmend oder abwehrend. Von dieser Rücksicht geleitet, bringe ich folgende Namen in Vorschlag, damit Sie die geeigneten wählen. Die von Ihnen schon genannten — Sie selber, Wernicke, Thode, Golther — lasse ich aus.
    1. Max Koch hat an verschiedenen Orten, namentlich in seiner Übersicht der Schiller- und Goethe-Literatur des Jahres, lebhaftes Interesse für das Werk bekundet.
    2. Wilhelm Hertz hat — nicht schriftlich, soviel ich weiß — doch mündlich zu vielen Leuten mit auffallender Wärme von dem Buche gesprochen. Ein paar Worte von ihm würden mich besonders freuen, wenn ich auch nie wagen würde, ihn darum zu bitten.
    3. Hermann Levi ist einer der genauesten Kenner des Buches, und sein mit fast komischer Aufrichtigkeit geäußertes Entsetzen über das Judenkapitel hat ihn doch nicht verhindert, alles Folgende mit eingehender Begeisterung zu studieren. Ich weiß, Sie sind schon bei der Nennung dieses Namens zur Decke gesprungen — und doch wäre es ein sehr interessanter Akt der Gerechtigkeit, nachdem ein Germane das Kapitel über den Eintritt der Juden geschrieben hat, einen Juden dazu zu bringen, daß er zeige, was er dagegen vorzubringen habe.
    4. Gustav Schönaich ist hier einer der eifrigsten Verbreiter des Buches und kann — wie Sie wissen — den Mund nicht aufmachen, ohne etwas Geistreiches zu sagen.
    5. Theodor Antropp, unser lieber Freund, würde mit weniger Geist, aber von Herzen schreiben.
    6. Höfler nenne ich nur, um zu sagen, daß er — der fast nie zum Bücherlesen kommt — ein lebhaftes Interesse für die Grundlagen an den Tag legt.
    7. Christian Ehrenfels, mein lieber Duzfreund, hat die Spezialität, daß er mich für ziemlich unbegabt hält. Neulich schrieb er mir nun in hellster Begeisterung über das Kapitel Völkerchaos, das ihn „dauernd bereichert habe“, und welches zu schreiben er „mir nie zugetraut hätte“!! Ich meine, seine Wertschätzung müßte höchst originelle Momente enthalten.
    8. Ein Herr Sippel, Pfarrer zu Tann im Rhöngebirge, hat mir einen der schönsten Briefe geschrieben, die ich bekommen habe. Er dankt mir „für die große Bereicherung seines inneren Lebens“, spricht seine „begeisterte Zustimmung“ aus und hält nur mit Rücksicht auf meine Zeit die „ernsten Einwendungen“ zurück, die er gegen „einige Ausführungen“ vorzubringen hätte. Ich für meine Person würde besonders gern die Stimme eines christlichen Geistlichen vernehmen; Sie vielleicht auch.
    9. Prof. Ferdinand Hüppe, der bekannte Hygieniker und Anthropolog, wäre der Gegenpol. Er ist einer der ersten Verfechter des Buches, und wir sind seitdem persönlich befreundet, — gerade gestern abend aß er bei uns. Freilich, Bayreuth steht er persönlich fern — nur aber, weil sein Schicksal ihn nie nahe brachte; er ist aber ein Hauptvertreter der Deutschen in Prag, ein kämpfender Antisemit, ein Germane von Kopf bis Fuß — und: ein Neffe der Gräfin Wolkenstein.
    10. Rudolf Louis hat sich eingehend mit dem Buche beschäftigt.
    11. Wilhelm Lacroix, der junge Schullehrer aus Karlsruhe, der unter Golthers besonderer Protektion steht, hat mir Dithyramben geschrieben. Er beginnt seine Briefe: „Vortrefflicher Mensch!“ — Er meint, ich sei ihm in seinem Lehrerberuf besonders nützlich gewesen.
    12. E. von Meyenburg (Florenz, Lugarno, Acciajuoli 2 bis), ein Schüler Thodes, ist der einzige unter den Jüngeren, der mir schon öfters und mit eingehendem Verständnis geschrieben hat. Als Stimme aus der Studentenschaft wäre er vielleicht nicht gering zu schätzen.
    Bitte erschrecken Sie über diese Liste nicht; ich fühlte mich verpflichtet, auf Ihren freundlichen Vorschlag eingehend zu erwidern, und es lag mir daran, Ihnen durch mehr Namen eine freiere Auswahl zu geben. Wenn Sie vier von den zwölf aussuchen und zwei zusagen, ist es gut.
    Das Exemplar für Wahrmund wird besorgt. Die erste Lieferung ist augenblicklich vergriffen und wird neu gedruckt.
    Herzlich grüßend, Ihr getreuer

Houston S. Chamberlain.
 

80-83 An I. G. Cottasche Buchhandlung, Nachfolger, Stuttgart



24. Januar 1900.        VI Blümelgasse 1        Wien.

Sehr geehrte Herren

    Auf Ihren Brief vom 13. d. M. — für den ich ergebenst danke — habe ich nicht gleich geantwortet, weil meine „Anleitung“ zu einem Goetheregister in anderen Händen war und nicht sofort zu erhalten war. Jetzt aber soll Ihnen diese kleine Arbeit von München aus direkt zugeschickt werden.
    Sie werden bemerken, daß diese „Anleitung“ für ein Register bestimmt ist, welches alle wichtigen Ausgaben umfassen sollte, nicht bloß eine einzige. Doch ändert dies nichts in bezug auf die prinzipiellen Fragen.
    Ich erlaube mir folgende Bemerkung zu machen, die Sie mir bitte nicht als Unbescheidenheit auslegen wollen, sondern einfach als Stimme aus dem großen gebildeten, aber ungelehrten Publikum. — Sie werden bei allen Gelehrten finden, daß sie fast einzig auf ein Namenregister Wert legen. Für ihre Forschungen — bei denen das Geschichtliche immer vorwiegt — ist das in der Tat für sie das Wichtigste. Mit Goethes Ideen ist ein Spezialist ohnehin vertraut; dagegen kann er unmöglich mit Sicherheit alle Stellen im Kopfe tragen, die auf Personen sich beziehen. Wir aber — wir großes Publikum — befinden uns im entgegengesetzten Falle; wir kümmern uns spottwenig um Heinz und Kunz, und wollen wir zufällig einmal Aufklärung über persönliche Beziehungen, so nehmen wir eine Biographie zur Hand oder ein Kommentar. Was wir aber brauchen, das ist ein wirklich gutes Sach- und Begriffsregister. Wir wollen wissen, was Goethe über die und jene wichtige Frage gesagt hat, — oder aber wir lesen zur Erholung ein Werk G.s — ich will mal sagen seinen Winckelmann — und sind sehr betroffen von einigen scheinbar sehr schroffen, einseitigen Meinungen — das Genie liebt aber das Paradoxe, dies ist ein Lebensgesetz, welches daraus entspringt, daß ein genialer Mensch sich stets dem gegenwärtigen Eindruck ganz hingibt —‚ gut, wo finden wir aber in den dreißig Bänden einer Cottaschen Ausgabe diejenigen Stellen, die uns als Korrektiv zu der vorhin genannten dienen können, die uns dazu verhelfen werden, Goethe wirklich zu verstehen, nicht mißzuverstehen? Wie unschätzbar ist es, bei Voltaire oder Rousseau einen bestimmten Begriffskomplex — dank der „Table analytique“ — ganz durchstudieren zu können! Und wie herrlich, sich dem Genusse einer Schrift ganz hingeben zu können, sicher, daß man am Schlusse oder in zukünftigen Jahren jede Stelle, die einem Eindruck gemacht hat, mühelos wird wiederfinden können! Ein solches Register wird die Kenntnis von Goethe und namentlich die Sicherheit der Kenntnis enorm steigern. Denn nicht einmal der professionelle Goethephilolog ist imstande, eine solche Welt wie Goethes im Kopfe zu tragen — und was soll erst der arme Laie, der schließlich doch auch Mensch ist, tun! Mit unschuldiger Schadenfreude habe ich das ganze vorige Jahr zugesehen, wie kein einziger Goetheforscher Auskunft geben konnte, wo das Motto zu meinen Grundlagen steht. Ja, daß diese Worte überhaupt existieren, scheint nicht ein einziger gewußt zu haben.
    Aus dieser Erwägung ergibt sich genau die Natur des Werkes, das uns fehlt, und welches zu schaffen daher verdienstlich sein wird. Was die Weimarer Ausgabe bis jetzt gebracht hat, beschränkt sich entweder auf bloße Namenregister oder ist ein gänzlich unzulänglicher, ungeschickter Versuch zu einem Begriffs- und Sachregister — wie ich das in Briefen, die Herr Dr. Bettelheim gesehen hat, an Beispielen dargetan habe.
    Ich bitte, betrachten Sie das Gesagte nicht als einen Angriff auf die so verdiente Goethephilologie, noch auf das unvergleichliche Monument — die Weimarer Ausgabe. Ich wollte Sie bloß darauf aufmerksam machen, daß wenn Sie, als praktische Männer, denen sowohl geschäftlich als moralisch die Verbreitung Goethes am Herzen liegt, ein derartiges Register herausgeben wollen, es Ihnen nicht leicht fallen wird, den geeigneten Bearbeiter zu finden. Ein Mann, der Goethe nicht sehr gut kennt, nützt Ihnen nichts, und ein Goetheforscher wird wahrscheinlich mehr Fühlung mit der Wissenschaft als mit den Bedürfnissen des Lebens haben. Außerdem ist das Registermachen eine wahre Kunst. Durch ein Zuviel oder durch Unübersichtlichkeit wird ein Register unbrauchbar. Darum muß der verantwortliche Herausgeber von Ihnen sehr genaue Instruktionen erhalten und verpflichtet sein, sich danach zu richten. — In diesem Sinne und zu diesem Behufe war damals meine „Anleitung“ ausgearbeitet worden. Sie sollte als Instruktion — gleichsam — dienen.
    Da Sie die Güte haben, zu sagen, Sie legten Wert auf meine Gedanken über diese Sache, war ich so frei, obige Bemerkungen zu machen.
    Ich darf Sie wohl bitten, mir die Abschrift meiner Anleitung (die eigentlich, wie Sie aus dem Stempel ersehen, Besitz der Firma Bruckmann in München ist) später zurückzuschicken.
    Mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

83-85 An Ernst von Wolzogen



5. Februar 1900.     VI Blümelgasse 1        Wien.

Verehrter Herr und Freund

    Also ich sollte es doch erleben! — eine Kritik nämlich, welche das hervorhebt, was mir die Hauptsache ist — die künstlerische Gestaltung. Recht und unrecht haben: welche Schattenvorstellungen! Ich weiß, ich rede ziemlich dogmatisch, das, was wir „cutting“ nennen, — ich tue es aber nur, um die Langeweile zu vermeiden, — auch weil es das einzig Aufrichtige ist; außerdem braucht wohl kein Mensch — kein vernünftiger — extra zu erklären, er doziere nicht ex tripode? Doch kann ich Sie versichern, niemand ist weniger dogmatisch als ich. Mich dürstet einzig nach der Freiheit der Person; wer sie mir raubt, den hasse ich; im übrigen gilt es auch im Reiche der Ideen, die Welt des Wissens, der Erkenntnisse, ja selbst des abstrakten Denkens und der dunklen Ahnungen schön zu gestalten, — und zwar wenn irgend möglich in der Art, daß das Schöne wiederum Schönes erzeuge.
    Und da sind wir denn schon beim Hauptpunkt. Sie meinen, meine Auffassung der Rasse sei Wagnersches Erbgut? Nun, ich bin der letzte, der die Einflüsse der Umgebung leugnen möchte — und gar einer solchen Umgebung. So etwas kann auch ganz unbewußt stattfinden. Also: concedo. Doch kann ich Sie versichern, daß diese Einflußreihe jedenfalls erst in zweiter Reihe kommt. Ich habe stets das größte Mißtrauen gegen phantastische Wissenschaft gehegt und habe Wagners Schriften (und Gobineaus usw.) erst zu einer Zeit kennengelernt, als ich seit etwa 15 Jahren eifrig Naturwissenschaft trieb. Ohne allen Zweifel gründet sich meine Auffassung — nicht bloß jetzt nachträglich als Stütze Wagnerscher Ideen, sondern von vornherein — auf Darwin. Die Naturforscher, wie Sie wissen, betrachten heute einmütig Darwins spezielle Theorie der Zuchtwahl als ganz unzureichend. — Darwin hat sich in dieser Beziehung als nicht sehr „tiefer“ Denker bewährt; das steht fest. Und Sie wissen aus meinem Buche, daß ich für mein Teil sehr viel weitergehe und die ganze Hypothese der Evolution nicht für sehr tief halte — die Geschichte hört sich zwar ganz hübsch und plausibel an, aber gar zu menschlich, zugleich naiv —‚ mir sagt ein Instinkt: hier stimmt der Menschengedanke nicht mit der Natur überein. Es wäre zwar sehr schön gewesen, es hat aber nicht sollen sein. — Doch das alles nur nebenbei, und damit Sie begreifen, welch ein enormes Gewicht ich auf des großen Darwins positives — nicht hypothetisches — Lebenswerk lege. Und dieses positive, rein empirische, nie mehr wegzuleugnende Werk ist der Beweis von der Bedeutung von Rasse im ganzen Bereich lebender Wesen. Das Hauptwerk führt den sehr paradoxen Titel „The Origin of Species“ — paradox, weil wir Menschen nicht imstande sind, über „Ursprünge“ etwas zu erfahren, und doppelt paradox, da Darwin in Wirklichkeit nicht den Ursprung der Arten zeigen will, sondern den Nachweis zu führen unternimmt, daß es gar keine Arten (in dem bestimmten, wissenschaftlichen Sinne des Wortes) überhaupt gibt. Dieser Titel malt den ganzen Mann: wir haben es nicht mit einem philosophischen oder auch nur konsequent denkenden Kopf zu tun. Der Untertitel dagegen zeigt uns das empirische Genie (wenn man so sagen darf), den unvergleichlichen Beobachter, den phänomenalen Tatsachensammler am Werke — das Genie des Details, das Genie des sicheren Blickes für kleinste, sonst ungesehene Dinge; der Untertitel lautet: „oder die Erhaltung bevorzugter Rassen“. Wenn Sie nun, verehrter Freund, die leidige Hypotheserei beiseite lassen, einschließlich aller der staatsanwältlichen Argumente, die aus Embryologie und Paläontologie geschöpft werden, und die man alle (glauben Sie mir nur, denn ich habe viel darüber nachgedacht), die man alle ganz und gar anders deuten kann und sicherlich bald deuten wird, und wenn Sie nun Darwins gesamtes Werk noch einmal auf das durchgehen, was er positiv gesehen, positiv gesammelt, positiv dargetan hat, so werden Sie sehen, daß das Unumstößliche an seinen Ergebnissen der Nachweis von der Bedeutung der Rasse ist. Das gerade ist keine Sternguckerei, sondern die Entdeckung eines Naturgesetzes, eines ebenso unwiderlegbaren und für uns Menschen viel wichtigeren Gesetzes als das der Gravitation. Denn welche Gründe könnten Sie anführen, um das Menschengeschlecht auszunehmen? Das wäre so unüberlegt unwissenschaftlich wie nur möglich.
    In einigen Tagen erscheint in der hiesigen „Wage“ (wenn sie es zu bringen wagt [soll kein Wortspiel sein]) ein kleiner Aufsatz über dieses Thema, den ich Ihnen gern schicken würde. Vielleicht sagen Sie mir auf einer Postkarte Ihre Adresse?
    Haben Sie meinen Aufsatz in der „Allg.“ vor einem Jahre über „Richard Wagners Philosophie“ gelesen? Ich will Sie sonst nicht mit Literatur aus meiner Feder belästigen, doch aus mehreren Gründen würde ich Wert darauf legen, daß gerade Sie ihn kennen. Ich habe noch ein Exemplar übrig.
    Entschuldigen Sie das lange Schreiben — es geschieht mir heutzutage sonst nie, da Zeit und Kraft fehlen (Sie wissen, daß unsere erste Auflage, 2500, schon weg ist). — Sie haben mich dazu angeregt; und hätte dieser Brief Sie nun wiederum angeregt, so würde ich fühlen, daß ich eine Dankespflicht erfüllt habe.

Houston S. Chamberlain.
 

85-86 An Professor Leopold von Schröder



10. Februar 1900.     VI Blümelgasse 1        Wien.

Hochgeehrter Herr

    Durch die persönliche Übersendung Ihres Vortrags haben Sie mir eine sehr große Freude gemacht.
    Sie waren's, der mich — vor nun zwölf Jahren — durch Ihr vortreffliches Werk in „Indiens Literatur und Kultur“ einführte — nein, Barths „Religions de l'Inde“ war vorangegangen, doch hatte dieses letztere Buch mein armes Gehirn in einen Zustand atomistischer Konfusion aufgelöst, und Sie erst brachten Licht und Ordnung und klaren Überblick. Und durch Sie angeregt und belehrt, schlossen sich dann nach und nach andere Studien an — vor allem die der Upanishads und der Vedantasutras. Doch fehlt mir leider zu einem gelehrten Befassen mit dieser Materie jede Grundlage; mich zog ein Instinkt, eine angeborene intellektuelle Affinität zu dem echten altindischen Denken hin, und als ich dann tiefer eindrang (soweit das uns Laien durch Deussen und Garbe möglich ist) und immer deutlicher erkannte, welche einzige, kostbare Arznei für die Bedürfnisse unserer Zeit hier vergraben liege, da wurde aus der persönlichen Liebhaberei eine heiße Herzenssache; der Unzulänglichkeit der Kenntnisse kam die Glut der Überzeugung zur Hilfe, und, wo es nur möglich war, versuchte ich dieser heiligen Sache zu dienen. Manchem mag es unbescheiden geschienen sein, doch wurde ich von keinem geringeren als Deussen dazu ermutigt; ja, er wollte, ich sollte ein Buch über altindisches Denken schreiben! — wozu ich mich aber doch nicht entschließen konnte. Nur als ein Franktireur will ich dienen, und stets die Menschen auf unsere wahren Lehrer über Indien verweisen, unter denen Sie einen so hervorragenden Platz einnehmen.
    In diesem Sinne grüßt Sie hochachtungsvollst und dankbarst

Houston S. Chamberlain.
 

86-89 An Vult von Steyern



10. März 1900.      VI Blümelgasse 1        Wien.

Mein lieber teurer Freund und Bruder

    Das waren freilich recht betrübende Nachrichten, denn wenn es auch einem echten Wagnerianer nicht schlecht steht, Wagners Leibkrankheit zu haben, so hätte ich doch herzlich gewünscht, daß Du Deinen Enthusiasmus etwas gezügelt hättest. Doch — Spaß beiseite — die Rose ist une maladie de santé, ich glaube, sie ist es, die Wagner bis in das siebzigste Jahr am Leben erhalten hat. Sie bedeutet eine kräftige innere Revolution gegen ein Übel, das sich gern in den verborgenen Tiefen festsetzen möchte. — Gräfin Wolkenstein würde wieder sagen, ich sei ein unverbesserlicher Optimist, — das ist auch wahr. Aber ich frage: als Wagner anfangs der fünfziger Jahre zwölf Anfälle der Rose kurz nacheinander hatte — wer hätte recht gehabt, der Pessimist, der darin das Symptom eines gänzlich zerrütteten Organismus gesehen hätte, oder der Optimist, der gesagt hätte: Bravo, Freund, nur heraus mit dem ganzen Giftzeug! Du mußt noch während dreißig Jahre Herrliches schaffen, — die kräftige Reaktion deutet auf die ungeschwächte Lebenskraft. Hier steht Leib und Seele im Kampfe. Ich betrachte die Rose als eine erste gewonnene Schlacht für die Seele, die jenem Halunken eine tüchtige Schlappe versetzt hat.
    Also, Kondolation und zugleich Gratulation!
    Bei mir steht's schlimmer, denn ich leide an einer Krankheit, die kein Doktor kurieren kann — an Anämie des Geldbeutels. Zu alledem, was Du schon weißt, ist noch Neues hinzugekommen — Zinsenverminderungen wegen des Krieges, die plötzliche Einstellung einer kleinen Rente von zweitausend Gulden, die ich seit Jahren genoß, aus demselben Grunde usw., und um alles auf die Spitze zu treiben, das irrtümliche Hinaussenden nach Japan, an meinen ältesten Bruder, der Papiere, welche mein sonstiges festes Einkommen in England betreffen — in einer solchen Lage war ich überhaupt noch nie in meinem Leben; dabei laufende Ausgaben, die doch nicht plötzlich eingestellt werden können, und — meine Frau in Meran. Zum Glück ist es mir gelungen, ihr manches vollständig zu verheimlichen, so daß sie sich zwar wunderte, warum ich nicht Frau Wagners Einladung nach Bayreuth folgte, doch nicht darauf kam, daß ich eben keinen Kreuzer im Hause hatte. Doch — lieber Bruder — wenn es auch für mich ein neues Gefühl ist, meinen Schneider und meinen Buchhändler nicht bezahlen zu können und meine Steuern vorige Woche erst am Tage der Exekution zu begleichen, so mußt Du nicht glauben, daß solche unverdiente Misere mir den Humor verdorben hat. Du siehst ja, daß dem nicht so ist. Nur habe ich auf Geldarbeit sehen müssen, und mein Goethe ist ganz und gar liegen geblieben, — und ich habe viel bis in die späte Nacht hinein geschrieben, und das hat mit der Zeit meine Augen sehr angegriffen. Und nun hoffe ich, daß sich nach und nach das Gleichgewicht herstellen wird, wenn ich auch immer noch nicht genau weiß, wie und wann das wird sein können... Den Rassenaufsatz bekamst Du (37 Gulden!!), einiges andere wirst Du noch kriegen. — Und, wie es halt geht, und weil wir Menschen aus Gegensätzen aufgezimmert sind, habe ich diese Zeit über nicht allein einiges Lyrisches geschrieben, wovon ich hoffe, daß es schön ist, sondern auch andere Sachen entworfen — namentlich ein Werk —‚ dank welchem, wenn auch die vollständige Ausführung nie erfolgen sollte, gerade dieser Winter einer der schönsten für mich persönlich gewesen sein wird. —
    Und so reiht sich ein Tag an den andern, und in meiner Einsamkeit, die fast niemals unterbrochen wird durch einen Besuch oder durch eine Einladung ins Theater, fliegen in gleichmäßiger Emsigkeit die Wochen dahin. Freilich ich habe nichts dafür aufzuweisen, wie in jenen ruhigeren Jahren der „Grundlagen“, doch hoffe ich, daß diese schwere Zeit für mein Leben und meinen Charakter nicht verloren sein wird.
    Von meiner Frau hatte ich seit einiger Zeit schon recht befriedigende, wenn auch nicht glänzende Nachrichten erhalten, als die Arme jetzt eine schlimme Influenza mit Bronchialkatarrh bekam, was sie recht heruntergebracht hat. Sonst fühlt sie sich wohl genug dort. Sie ist ja umringt von Bekannten — die beiden Ihnen bekannten Fräulein von Schleinitz in erster Reihe, die ganz in der Nähe leben und rührend gut zu ihr sind. Der kleine Hund ist auch mit. Hoffen wir alles Beste. Moralisch hat es ihr jedenfalls sehr gut getan — denn der Anblick meines Arbeitens hatte, wie Du weißt, sie in eine Art Fieberzustand versetzt; zugleich konnte sie sich nie daran gewöhnen, mich jetzt weniger und vielfach in Gedanken abwesend zu sehen — diese Zeit allein hat entschieden klärend gewirkt, ich merke es an ihren Briefen, und sie begreift jetzt, daß ein Mann in meiner Lage nicht für sich und nicht für die Seinen da ist, sondern um zu dienen. Und so ist denn diese Trennung, die für mich in einem Augenblick so schwerer materieller Sorgen ein wahrer Segen ist, für sie gewiß ein Vorbote neuer, besserer Zeiten.
    Gräfin Coudenhove war einmal bei mir zu Abend mit ihrer Gesellschaftsdame, Fräulein Mayr — das war noch im Januar; sie hat sich für Anfang nächster Woche wieder angezeigt. Sie schrieb mir, sie sei fast täglich eingeladen gewesen. In Wien amüsiert man sich fest!
    Doch nun schnell für heute Ade! Das waren gestohlene Minuten. Über die „Grundlagen“ regnet es fortwährend schöne Briefe aus allen Himmelsgegenden. Da Du Dich für Kritiken interessierst, schickte ich Dir das „Echo“. Wenn Du es schon hast, bitte zurück.

Houston S. Chamberlain.
 

89-91 An Ed. Pötzl


1 April (angeblich), 1900       VI Blümelgasse 1           Wien.

Hochgeehrter Herr

    Haben Sie besten Dank für Ihre freundlichen Zeilen vom 28. März. Einen elektrischen Schlag gab mir die Unterschrift „Ed. Pötzl“. Was? — fragte ich mich — der echte, der unvergleichliche Pötzl, mein Seelenarzt seit manchem Jahre? Und es wird mir versichert, ja, Sie seien es. In dem Falle muß ich aber um die Erlaubnis bitten, soweit das per Schreibmaschine geht, Ihnen voll herzlicher Dankbarkeit die Hand zu drücken. Wenn ich Sie auf Seite 337 der „Grundlagen“ verweise, zehnte Zeile der Anmerkung, so werden Sie schon Bescheid wissen. Sterne ¹ schläft immer neben meinem Bette, manchmal auch unter dem Kissen, Lichtenberg auch, Swift manchmal, von Labiche besitze ich eine der vollständigsten Sammlungen von Europa, und der unvergleichliche Willy schickt mir jeden Band, den er schreibt, per Expreß zu, denn — sagt er — „vous êtes un des rares hommes qui savent encore rire“. — Dies alles nur, damit Sie sehen, daß Sie bei mir in guter Gesellschaft sich bewegen, und daß ich selber die „Humoristen“ nicht früh zum Kaffee — wie die blöden Philister —‚ sondern in der heiligen Nacht, zugleich mit den Upanishaden und Mystikern, als eine der ganz exquisiten Früchte des Lebens genieße.
    Ich soll Feuilletons für eine Zeitung schreiben? Nun, an und für sich hätte ich nichts dagegen. Es hat mir in letzter Zeit Spaß gemacht, kleinere Arbeiten für Hardens „Zukunft“, für die „Münchener Jugend“ usw. zu liefern, und hin und wieder juckt's mich, das kritische Amt, das ich seinerzeit gegen Präger ² mit Erfolg ausübte, wieder aufzunehmen (siehe auch die letzte Nummer der „Wiener Rundschau“). Nur will ich Ihnen gestehen — aber nur Ihnen, Sie dürfen's nicht weiter erzählen —‚ daß ich kein Zeitungsleser bin; der gute Wille nützt nichts, ich kann einfach nicht; c'est plus fort que moi. Aus alter Tradition schaue ich alle Tage — mit Ausnahmen — den „Temps“ an, worin auch manchmal literarisch interessante Sachen zu finden sind; doch die „Neue Freie Presse“ finde ich unendlich viel langweiliger als — ja, selbst als Hegels Philosophie der Geschichte. Und die Folge ist, daß ich nicht weiß, was ein zeitungslesendes Publikum verlangt. Wahrscheinlich das Gegenteil von dem, was ich zu geben vermag. Ich bitte, dieses Bekenntnis nicht als Unhöflichkeit zu deuten, vielmehr als eine unter dem „confessionis sigillum“ abgegebene Beichte. — Doch, wie gesagt, ich bin gern bereit, es zu versuchen, wenn Sie als erfahrener Mann mir zureden zu können glauben.
    Hierzu wäre wohl eine gelegentliche persönliche Begegnung ersprießlich. Ich bin auch gern bereit, wenn es für Sie bequemer ist, Sie in Ihrem Bureau aufzusuchen, erlaube mir aber die Bemerkung, daß mir unendlich viel an meinem Inkognito in Wien liegt; verlöre ich es, so würde ich einpacken; ich kann nicht das geringste Maß von Notorietät vertragen. Darum will ich keinen einzigen Menschen mehr kennen lernen, als gerade unentbehrlich ist.
    Es würde mich herzlich freuen, wenn Sie meine „Grundlagen“ für sich persönlich, zum Vergnügen (Sie sehen, wie unbescheiden ich bin) lesen würden. Die Sorge um „Kritik“ stört, namentlich bei einem solchen Werke. — Wollen Sie meinen „schwachen Punkt“ in bezug auf Besprechungen wissen? Jede Kritik, auch die heftigste Polemik, wie ich sie z. B. von Prof. Joell erfuhr, macht mir nur Freude; was mich verletzt, ist, wenn ein Mensch — wie z. B. Ziegler — stumpfsinnig achtlos an den literarischen Eigenschaften des Buches vorbeigeht, als ob Anlage, Stil usw. nichts wären. Das ist bitter und entmutigend.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Vgl. hierzu „Lebenswege meines Denkens“, Brief V, S. 385  ff.
    ² Richard Wagner an Ferdinand Praeger. Berlin 1908, wo auch jene früheren Veröffentlichungen aus den Jahren 1893 und 1894 wieder abgedruckt sind.
 

91-93 An Graf Zichy



26 April 1900      VI Blümelgasse 1       Wien.

Sehr geehrter Herr Graf

    Wollte man auf jede Antwort antworten, so käme etwas Ähnliches heraus wie Punchs berühmte Anekdote: „I'm so glad, you're glad, I'm glad, you're glad, I'm glad — ad inf.“ Doch läßt es mir keine Ruhe, Ihnen zu sagen, wie sehr es mich beglückt hat, mein kleines Zigeunerlied ¹ von Ihnen — und auch von einigen anderen echten Ungarn herzlich bewundert zu sehen. Es gibt Dinge, von denen man auf prosaischem Wege nicht gut reden kann — es hört sich unnatürlich an, und dazu gehört meine glühende Liebe für Ungarn. Vermittelt ward sie mir durch diese Weisen, welche von einer Liebe zur Heimat unmittelbar zeugen, wie gar nichts anderes auf der Welt, — außerdem auch durch einige magyarische Frauen und Mädchen, die auf mich einen ähnlich berauschenden Eindruck machten, wie die Musik ihres Vaterlandes...
    Gesehen habe ich von Ungarn sehr, sehr wenig. Das eine Mal reiste ich über Pest und die Donau hinunter bis zur Mündung der Drau (von wo aus ich nach Esseg und Bosnien abzweigte), das Inundationsgebiet war überschwemmt, das Ganze glitt wie ein Traumbild an dem Schiff vorbei — unvergeßlich, doch fern und unberührt. Das andere Mal durchraste ich im Schnellzug Ungarn, schwerkrank, ganz unempfänglich, um in Herkulesbad eine Heilung zu suchen, die ich dort nicht fand (von rheumatischen Gelenkschmerzen), — erwachte dort in einem gräßlichen Publikum von Rumänen, Serben, Türken, Pester Juden und lebte in permanentem Kriegszustand mit der frechsten, impertinentesten, rüpelhaftesten Badedirektion, die ich je zu erblicken die Ehre hatte, die vierzig Räuber des Ali-Baba, aber ohne deren guten Manieren. Und — ich gestehe es mit einiger Scham — diese ganze Direktion war deutsch — aus Temesvar, wenn ich mich recht erinnere — und brüstete sich damit, daß sie kein Magyarisch verstande. Krank, verstimmt und ausgerupft kehrte ich per Nachtzug nach Wien zurück und eilte — sobald sich einige Fünfguldenscheine wieder angesammelt hatten — zu meinem guten alten Lakatosch Ferri in irgendeinem inavouablen Wiener Nachtlokal und ließ mir die Liebe zu Ungarn von neuem angeigen.
    Sollte es mir wirklich einmal vergönnt sein, das echte Ungarn zu „erleben“? Ich kann's eigentlich kaum glauben und frage mich, ob ich nicht ein Stück von mir dort zurücklassen würde. — Doch hat Ihre so sehr gütige Aufforderung, Sie dort zu besuchen, mir eine so große Freude gemacht, daß Sie es sich schwer vorstellen können. Ich danke Ihnen von Herzen.
    Herr von Schröder hat mir sehr interessante Mitteilungen gemacht: die Österreicher wollen richtig nichts wissen von einer Expedition nach Zentralasien, dagegen ist die Konjunktur in Ungarn eine sehr hoffnungsvolle — sowohl weil die Akademie dort über viel Geld verfügt, als auch weil ein ungarischer Gelehrter, dem Schröder eine große Zukunft prophezeit, augenblicklich als Beamter der englischen Regierung in Turkestan an Forschungen teilnimmt. Dieser junge Gelehrte hat nun den einen Wunsch, in Pest eine Professur zu erhalten; sobald das geschieht, so braucht es nur noch einigen Anstoß von einflußreichen Personen, und alle Bedingungen wären gegeben, um eine glänzende Expedition zu organisieren. Daß diese unerwartete Resultate in bezug auf die Hunnen und Magyaren gibt, davon ist Schröder überzeugt.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Veröffentlicht im Budapester Tagblatt vom 8. April 1900.
 

93-95 An Professor Christian Ehrenfels



27/7/1 Wien

Lieber Freund

    Habe herzlichen Dank für die Mitteilung Deines Vortrages. Ich las ihn gestern abend vor, und wir fanden ihn sehr lebendig, belehrend und anregend. Mein Freund Leopold von Schröder hat vor kurzem fast dasselbe Thema (doch mit nur gelegentlicher Nennung Wagners) behandelt, — die „Zeit“ brachte seine Arbeit verstümmelt, die Wissenschaftliche Beilage der „Allgemeinen“ wird sie demnächst ungekürzt bringen.
    Der Widerspruch, der sich hier und da in mir regte, war nur jener milden Art, die eigentlich mehr die Form als den Inhalt trifft, und der als Würze zum Genuß beiträgt. — Nur in einem Bezug glaube ich Dich ganz im Irrtum, und das ist dort, wo Du die Lehre Christi als lediglich aus der Erwartung des nahen Weltunterganges entstanden behauptest. Das ist nachweislich falsch. Wohl hat im ältesten Christentum — im Anschluß an damals weitverbreitete Meinungen, die durchaus kein Eigentum und daher auch keine Eigentümlichkeit christlichen Denkens sind — vielfach die Vorstellung des Weltendes die religiöse Anschauung gefärbt; doch für Christus selber kann die Sache nicht die Wichtigkeit besessen haben, die Du ihr zuschreibst, wie sich schon aus der rein statistischen Erwähnung ergibt, daß, wenn man alle Aussprüche zusammenzählt, welche die Evangelien Christo in den Mund legen, nicht mehr als 1½ Prozent auf den Weltuntergang hinweisen. Das wäre nun unerklärlich, wenn die Lehre Christi auf der Erwartung des Weltunterganges aufgebaut wäre. Selbst die sogenannte Parusierede (die Matth. 24, Markus 13 und Lukas 21 steht) enthält die Versicherung: „Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch der Sohn nicht — — —.“ Und daß diese angebliche Rede nicht so gehalten worden ist, kann mit aller Bestimmtheit gezeigt werden, ist sie doch fast in Gänze aus Zitaten aus dem Alten Testament zusammengeschweißt. Niemand, der für den unnachahmlichen   T o n   der Stimme Christi das Ohr geschärft hat, wird verkennen, daß er hier   n i c h t   spricht; die eingehenden Arbeiten der Textkritiker haben ein übriges getan. — Ganz entscheidend ist aber hier die sicher echte — weil nirgendwo sonst auch nur angedeutet zu findende Behauptung: „Das Himmelreich kommt   n i c h t   mit äußerlichen Geberden; man   w i r d   auch nicht sagen: Siehe, hier ist es, oder da ist es; denn sehet, das Himmelreich   i s t   i n w e n d i g   i n   e u c h.“ — Während die Erwartung eines nahen Endes damals allverbreitet war, also von jedem dummen Apostel hineingeflickt werden konnte, — hören wir hier Worte, welche besagter Apostel nicht erfinden oder woanders her beitragen konnte. (Und nota bene ist das die Antwort Christi auf die direkte Frage: Wann wird die Welt untergehen und das Gottesreich kommen?) Ich wundere mich, daß ein so feiner Psycholog wie Du für derartiges kein Gefühl hat; ich glaube, in der Reaktion gegen eingetrichterten Aberglauben hat Dich die Heftigkeit Deines Charakters ins andere Extrem geworfen, — und Du verschließest Dich gegen Einsichten, die Dir sofort einleuchten würden, wenn Du unbefangen an die Sache heranträtest. Sonst wäre ja doch eine so   e n o r m e   Mißdeutung des Wortes von den Lilien auf dem Felde unmöglich. „Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe“, ist doch wahrlich ein Gedankengang, den selbst die ärgste Sophistik nicht so sollte drehen können, wie es Dir gelungen ist. Hier liegt wirklich ein abgründliches Nichtverstehen der Persönlichkeit Christi vor.
    Doch ich komme ins Schwatzen, und diese Bemerkung mache ich nur, weil ich weiß, daß Du die Diskussion liebst und dem „ewigen Ja-sagen“ nicht traust. Und im übrigen habe ich bei Deinem Vortrag so beständig I-a gesagt, daß, wenn diese zustimmende Gebärde nicht innerlich geblieben wäre, man leicht hätte vermuten können, ein Equus asinus habe sich in den Leuchtturm ¹ verirrt.
    Sowohl die feine Analyse als die starke Hervorhebung der Hauptsache: beides hat mich entzückt. Also, nochmals Dank!...
    Ich bin wirklich arg daran; denn Br. läßt wegen der 2. Auflage „R. Wagner“ nicht locker, und so habe ich in diesem Augenblick   v i e r   Bücher zugleich zu besorgen: eins in 3. Auflage, eins in 2. Auflage, eins in 1. Auflage und eins im Manuskript! — Du wirst Dich also nicht wundern, wenn ich Dummheiten sage.
    Euch beiden und Euren Lieben alles Gute von Herzen.

Dein

Houston.
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    ¹ So nannte er seine hochgelegene Wiener Wohnung gerne.
 

95-98 Replik auf Dr. Wittelshöfers Angriff in der „Münchener Allg. Zeitung“



    Wenn jemand über die Geschichte der Physik öffentlich zu diskutieren unternimmt und seine Ausführungen mit dem Bekenntnis einleitet: „Die Werke Helmholtzens sind mir unbekannt“, so gereicht ihm zwar seine Aufrichtigkeit zur Ehre, doch wird kein wissenschaftlich gebildeter Mann seiner Meinung Wert beilegen. Genau ebenso verhält es sich hier. Robertson Smith, der Mann, dem ein Wellhausen sein monumentales Werk „Die Komposition des Hexateuchs“ widmet, der Mann, von dem ein Cheyne (der große Jesaiagelehrte) sagte, „seine Werke gehören zu den erfolgreichsten, die je auf dem Gebiete theologischer Erforschung erschienen sind“, der Mann, auf den Claude G. Montefiore wiederholt verweist (siehe z. B. „Religion of the ancient Hebrews“, Seite 325 und 328), damit man eine genaue und richtige Vorstellung der Begriffe „Heiligkeit“ und „Sünde“ bei den alten Israeliten erhalte, dieser Mann hat weder durch die Anerkennung und Bewunderung eines wißbegierigen Laien, wie ich es bin, etwas zu gewinnen, noch kann ihm die Kritik des Herrn Justizrat Dr. Wittelshöfer von seinen Verdiensten und seinem Ruhme etwas nehmen.
    Im übrigen ist es fast unmöglich, auf Einwürfe von der Art der obigen zu erwidern, weil sie, bei aller Redlichkeit der Absicht, in einer so bodenlosen Unkenntnis der Tatsachen, auf die es ankommt, wurzeln, daß man nirgends Fuß faßt. Der „Jemand, der die Macht besitzt, das Vergehen zu bestrafen“, ist kein anderer als Jahve, der völlig materialistisch gedachte Stammesgott der Israeliten, der — im Alten Testament — alle Augenblicke dreinfährt, um die Übertreter seines Gesetzes zu bestrafen und zu vernichten, wogegen er den frommen Befolgern desselben alles verspricht, wonach ihr Herz lechzt, und einiges Wenige tatsächlich schenkt, „seine Städte, die sie nicht gebaut, Häuser alles Gutes voll, die sie nicht gefüllt, Weinberge, die sie nicht gepflegt haben usw.“ (Deuteronomium VI., 10 ff.). Zugrunde liegt hier ein Gesetz, ja, die Buchstaben eines Gesetzes, und die Sanktion des Gesetzes ist die Befähigung des Gesetzgebers, jede Übertretung des Gesetzes zu ahnden. Daß durch ein solches „höheres Strafgesetz“ gute Handlungen gefördert und schlechte hintangehalten werden, soll nicht in Abrede gestellt werden, doch sicher ist, daß eine derartige Auffassung von Religion und zugleich von allen ihr zugehörigen Begriffen wie Sünde, Reinheit, Erlösung, Gnade usw. in toto von denjenigen Auffassungen abweicht, die uns Indoeuropäern natürlich sind, und die durch die Zeugnisse von Jahrtausenden von Rigweda bis zu Immanuel Kant belegt werden. „Bei den Juden besteht keine innere Verbindung zwischen dem Guten und dem Gute; das Tun der Hände und das Trachten des Herzens fällt auseinander“, sagt Wellhausen („Israelitische und jüdische Geschichte“, 3. Ausgabe, Seite 380*); das ist das mathematisch genaue Gegenteil der Sittenlehre Christi.
    Und wenn wir nun weiterforschen und entdecken, daß für die alten Hebräer der unbewußt, absichtslos begangene Verstoß gegen das Gesetz genau ebenso sehr „Sünde“ ist wie das Vergehen, welches ein böses Herz gebiert (Smith a. a. O., Seite 102 ff., Montefiore a. a. O., Seite 325 ff., 558 usw.), und daß das Gesetz so rein nur Strafgesetz ist, daß, wie Montefiore sich ausdrückt: „Wer mit Vorbedacht und Absicht am Sabbat trockenes Holz aufliest, nicht weniger der strengsten Strafe würdig ist und keine geringere Sünde begangen hat als derjenige, der seinen Nachbarn bestiehlt, und der die Ehe bricht“ (a. a. O., Seite 327), so müssen wir bekennen, daß hier eine welttiefe Kluft Seele von Seele trennt. Um hierüber zu klaren und richtigen Begriffen durchzudringen, kann nicht ein kindlich frommes Bibellesen genügen, sondern nur eingehende wissenschaftliche Studien und fortgesetztes, treues Denken, beides an der Hand der wirklich bedeutenden, maßgebenden Gelehrten auf dem Gebiete der Theologie und der vergleichenden Religionsgeschichte. Das ist mein redliches Streben gewesen, und wenn Justizrat Wittelshöfer zur selbständigen Erforschung dieses schwierigen Gebietes nicht Muße hat, so möchte ich ihm wirklich empfehlen, in meinen „Grundlagen“ die verschiedenen Abschnitte über Religion und Sünde (mit Hilfe des Registers leicht auffindbar) zu lesen, namentlich den Abschnitt über „innere Mythologie“, wo auf Seite 562 und 563 die fundamentalen Unterschiede zwischen der jüdischen und der echt indoeuropäischen Auffassung von „Sünde“ kurz und, wie ich glaube, klar zusammengefaßt sind.
    Sollten die Widersacher, die mir im orthodox jüdischen Lager entstanden sind, sich einmal entschließen können, nicht bloß das eine Kapitel über den Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte zu lesen, sondern das ganze Buch, so werden sie einsehen, daß eine Schmähung des Judentums mir fern liegt, und daß ich vielmehr lediglich auf eine Reinigung des germanischen Geistes — und vor allem der germanischen Religionsvorstellungen — von einem fremden Beisatz dringe, der ihm zu unermeßlichem Schaden gereicht, ohne daß es ihm je gelingen könnte, jenes Fremde in seiner Reinheit sich zu assimilieren. Auf Seite 562 meiner „Grundlagen“ nenne ich die Auffassung der Sünde bei den Juden „eine durch ihre Geschichte und Religion durchaus gerechtfertigte Position“; wir aber haben nicht dieselbe Geschichte gehabt und sind zu dieser Religionsauffassung organisch unfähig; daher das Zwitterwesen jeder im Alten Testament wurzelnden christlichen Kirche, und daher ein Zwiespalt, aus dem der Krieg der Konfessionen und die schmerzvollsten Konflikte im eigenen Busen hervorgehen. Darüber muß es doch erlaubt sein, klar, kalt, rücksichtslos zu reden; wer der Wahrheit dient, hat das Recht, aufrichtig zu sein; ich habe den römischen Katholizismus, die Lutherische Dogmatik, die naturwissenschaftlichen Materialisten ebensowenig geschont wie das jüdische Religionssystem. Haß habe ich nirgendwo empfunden noch gepredigt; doch die Liebe zur Eigenart erlaubt schon die schärfere Tonart dort, wo Gefahr droht. Und Gott Lob! Die Zeiten sind vorbei, wo man alles am Himmel und auf Erden herunterreißen durfte, unter der einen Bedingung, nie mit dem kleinen Finger das Judentum zu berühren; die wahre Freiheit der Wissenschaft beginnt jetzt erst, wo die Schreckensherrschaft der jüdischen Kamorra gebrochen ist.
Wien, am 20. November 1901.

Houston Stewart Chamberlain.
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    * Sollte Justizrat Wittelshöfer an Wellhausens Kenntnis des Alten Testaments zweifeln, so bitte ich ihn, in der nächstgelegenen Universitätsstadt Nachfrage zu halten.
 

98-101 An Viktor Kommetter



19. September 1902.
VI. Blümelgasse 1,
Wien.

Sehr geehrter Herr!

    Sie stellen Fragen, die um so schwerer zu beantworten sind, als sich über solche Dinge keine allgemeinen Regeln aufstellen lassen und das meiste von der individuellen Anlage eines jeden und außerdem von den Umständen, in denen er lebt und dem Leben entgegengeht, abhängt.
    Ich meinerseits würde zunächst behaupten: es gibt gar kein Buch, das „jeder Gebildete gelesen haben muß“. Gegen derartige Tyrannei empört sich mein Empfinden. Und kann es zwar nie etwas schaden, dieses und jenes zu wissen, so ist es doch nie eine Schande, etwas nicht zu wissen. Darum würde ich's mir — namentlich wenn ich wie Sie ein Fachstudium hatte, das schon große Ansprüche macht — ich würde mir's recht gemütlich einrichten, durchdrungen von dem Gefühl, daß jeder einzelne Augenblick die Ewigkeit umfaßt, daß jeder Augenblick potentiell alles bietet, was ein ganzes Leben bieten kann, und daß es darum viel mehr darauf ankommt, was ich bin, als was ich weiß. „La peste de l'homme, c'est l'opinion de savoir“, sagt Montaigne. Und so würde ich denn mein Lesen (außerhalb des Spezialfaches) hauptsächlich nach dem, was ich als ein Bedürfnis für mein eigenes Wesen empfinde, und nicht mit Rücksicht auf mein Verhältnis zur Welt einrichten.
    Hätte ich einen Sohn, der im dritten Jahrgang Jurist wäre, ich würde ihn vor allem anhalten, sich mit Naturwissenschaft zu beschäftigen; Gottes Buch ist das lehrreichste und schönste aller Bücher; wer weder als Ackerbauer noch als gebildeter Beobachter und Schauer mit der Natur in Berührung tritt, ist ein recht armselig abstraktes Wesen. Einen gründlichen Gesamtüberblick kann sich heutzutage jeder Laie unschwer verschaffen; sodann (wenn die geringste Anlage vorhanden ist) wähle er sich für Mußetage und Mußestunden irgendeine Spezialität. Es wird den armen geplagten Kopf, die anschauungsbaren Augen ausruhen; namentlich der Jurist findet in derlei Erholung von den widerlichen menschlichen Dingen.
    Nun soll aber doch gelesen werden. Mein Grundsatz ist stets gewesen — wie ich es in der Vorrede zur 1. Auflage der „Grundlagen“ schon bekannte — nicht möglichst viel, sondern möglichst wenig zu lesen. Wenn man nicht jung stirbt, summiert sich's nach und nach. Die Hauptsache ist der unmittelbare Verkehr mit den großen Genies; das allein klärt wirklich auf und gibt Sicherheit im Urteil. Nicht auf ihre Meinungen kommt es an, sondern auf ihre Persönlichkeit; durch sie wird man frei und das heißt kultiviert. Dagegen muß namentlich ein noch junger Mann sich wohl hüten, die Vermittler einen zu bestimmenden Einfluß auf seine Auffassung gewinnen zu lassen. Mich überrieselte es kalt, als ich hörte, Sie hätten Schopenhauer weggelegt und Paulsen zur Hand genommen; brrrrr! Das war ein schlechter Tausch. Ich bin kein Schopenhauerianer — wenn alles „Anertum“ überhaupt einen Sinn hat — ich bin in entscheidenden Fragen ein Gegner Schopenhauers; doch sage ich sofort: nehmen Sie Schopenhauer, lesen Sie Schopenhauer, Sie werden ein anderer Mensch werden. Schopenhauer ist ein gewaltiger, klarer Geist, der auf höchsten Höhen wandelt, der alles Beste kennt, was Menschen gedacht und geschaffen haben, der ein prachtvolles Deutsch schreibt; er ist ein Befreier aus aller Philisterei und allem Professorentum. Wenn Sie mit Schopenhauer warten wollen, bis Sie Kant gelesen, und mit Kant, bis Sie Descartes studiert, und so weiter, dann gelangen Sie in einen regressus in infinitum; wir sind alle vor lauter Geschichte verrückt geworden; jetzt wollen wir leben.
    Und um zu leben, ist ohne Frage der größte aller Lehrer Goethe. Jeder Deutsche sollte es sich zum Gesetz machen, alle Tage Goethe zu lesen — und wäre es auch nur eine einzige Seite. Lesen Sie seine Italienische Reise, seine Campagne in Frankreich, seine literarischen Aufsätze, lesen Sie seine Annalen und Dichtung und Wahrheit, lesen Sie seine Briefe an Zelter, an Marianne usw. (am besten vielleicht zunächst die jetzt im Erscheinen begriffene Auswahl aus allen Briefen von Philipp Stein, Berlin, bei Elsner), lesen Sie seine Gespräche; lassen Sie es sich nicht verdrießen, in den naturwissenschaftlichen Bänden fleißig Umschau zu halten. — Goethes Naturauffassung ist jedem kultivierten Manne zugänglich und fördernd. Leben Sie sich in die Gedichte, in die Sprüche ein. — Erwählen Sie sich Goethe, und halten Sie fest daran, was auch sonst alles dazwischen kommen mag.
    Überhaupt, wenn Sie, ermüdet vom vielen Studieren, nach einem Buche greifen, möchte ich nicht Lehrbücher empfehlen, namentlich nicht philosophische, sondern Briefwechsel, Memoiren und dergleichen. Können Sie gut französisch, so sind Voltaire und Rousseau eine unerschöpfliche Quelle der Unterhaltung, zugleich die beste Schule für Geschmack und Stil und Menschenkenntnis. Sehr empfehle ich Ihnen auch den großen G. Chr. Lichtenberg, dessen Aphorismen soeben in neuer Ausgabe und Auswahl von Leitzmann erschienen sind (Berlin, bei Behr). Die alten englischen Humoristen (vor allem Sternes Tristram Shandy) erweitern Geist und Gemüt; in Herder zu blättern, gleicht einem schönen Spaziergang an dem Morgen des Tages, dessen schwüler Mittag uns heute umgibt (wogegen Lessing wenig fördert). Richard Wagners Jugendschriften (Kunstwerk der Zukunft, Kunst und Revolution) sind ungemein anregend; Hebbels Briefe und Tagebücher in ganz anderer Weise ebenso. — Vor allem, seien Sie nicht pedantisch (die Pedanterie hebt man sich fürs Fach auf), und lassen Sie nicht Allzukluge Sie stören, — sondern irren Sie herum, bis Sie die Gegenstände und die Autoren finden, die Ihnen wirklich zusagen — nur mit dem einen Vorbehalt: hüten Sie sich vor dem Gemeinen, das überall auf uns lauert. Das übrige macht sich von selbst; ein guter Tag gebiert den nächsten.
    Mit besten Empfehlungen und Wünschen

Ihr ergebener

Houston S. Chamberlain.

    P.S. Noch zwei Ratschläge:
    1. Wollen Sie sich ernstlich mit Philosophie abgeben — was ich Ihnen nur dringend wünschen kann —‚ so lesen Sie zunächst Fr. Alb. Langes „Geschichte des Materialismus“. Dies ist die einzige wirklich vortreffliche Einleitung in die Geschichte europäischen Denkens, die es überhaupt gibt. Die Einleitung Cohens und seine Nachträge über neuere und neueste Philosophie lassen Sie ganz weg. Schon bei Lange selbst ist der 4. Abschnitt des 2. Buches — seine Ethik und Soziologie — wenig wert. Halten Sie sich an die Geschichte bis einschließlich Kant.
    2. Lesen Sie in Schopenhauers „Parerga und Paralipomena“ das Kapitel 24 des 2. Bandes „Über Lesen und Bücher“.
 

102-115 An Herrn J. F. Lehmann, Verleger, in München



Wien, 12. Februar 1904.

Sehr geehrter Herr!

    Ihr Brief vom 4. Februar trifft in einem Augenblick ein, wo meine Kräfte fast übermäßig in Anspruch genommen sind. Seit vier Jahren arbeite ich an einem Buche über Immanuel Kant, das, wenn nichts dazwischen kommt, im Herbst dieses Jahres bei Bruckmann erscheinen soll; zwei Tage ehe Ihr Brief eintraf, hatte ich das letzte und schwerste Kapitel zu schreiben begonnen. In Anbetracht dessen wollen Sie die Verzögerung meiner Antwort entschuldigen. Diese Verzögerung selbst wird Ihnen zeigen, daß Ihre Anregung mir einen tiefen Eindruck gemacht und mich zu ernstestem Nachdenken veranlaßt hat. Alle sonstigen Verlagsangebote, die seit dem buchhändlerischen Erfolg meiner „Grundlagen“ zahlreich einliefen, habe ich bisher kurzweg abgelehnt, denn ich habe, wenn mir Leben und Arbeitskraft bleiben, noch manches vor und sehe mich nicht veranlaßt, meinem Freund und Verleger Hugo Bruckmann, der sich um mich verdient gemacht hat, untreu zu werden. Doch konnte ich nicht verkennen, daß Ihr Vorschlag aus tieferem Bronnen quillt; was Sie planen, ist von großer Bedeutung, und   d a ß   Sie es planen, mußte mir verehrungsvolle Sympathie für Sie einflößen. Ob ich der Mann bin, das betreffende Werk zu unternehmen, das ist allerdings eine Frage; eine Frage, die mit großer Ruhe und Objektivität zu untersuchen sein wird. Ich gestehe Ihnen, ich habe nie daran gedacht, ein derartiges Werk zu verfassen; meine geheime Liebe ist, wie Sie vielleicht wissen, die Naturwissenschaft; in ihr allein habe ich akademische Bildung genossen, und mit Mühe halte ich mich von ihr zurück im Interesse anderer Aufgaben, die sich immer wieder unverhofft aufdrängen, wie unabweisbare Pflichten, vom Schicksal mir auferlegt. So geschah es mit den „Grundlagen“, die ich nicht geplant hatte, die mich mitten in Arbeiten über die Bewegung des Pflanzensaftes überrumpelten, und an die ich mit begreiflichem Zagen heranging. Genau ebenso erging es mit dem Kant-Buch; über Nacht ließ ich alles stehen und liegen; von außen war das Gebot an mich ergangen, und der innere Dämon forderte Gehorsam. Und dieser selben Stimme Klang glaubte ich zu vernehmen, als Ich Ihren Brief las und wieder las. Aber leicht werde ich mich nicht ergeben; es stört alle meine Pläne; ich möchte so gerne aus dieser fieberhaften Arbeit heraus, aus diesem Kämpfen und Gestalten. In letzter Zeit habe ich die Beschäftigung mit Spinnen wieder aufgenommen; mein Traum wäre, Semiten und Arier und Römlinge und Protestanten und Bülowianer und Bebelisten ganz zu vergessen, um stille Tage in Betrachtung der ewigen Natur zuzubringen. Und nun soll ich gar in alle schlimmsten Wespennester der Welt greifen? Religionsgeschichte! Welcher Mensch, der bei Sinnen ist, wird sich auf so etwas einlassen? Ich tue es nur, wenn ich überzeugt werden kann, daß es meine Pflicht ist, sonst nicht. Und wie sollte es meine Pflicht sein? Ich bin doch kein Religionsforscher. In einer gewissen Beziehung ist nichts schwerer, als über Religion zu sprechen; alle logischen Subtilitäten, alle Herzensleidenschaften, jede abergläubische Beschränktheit und jede politische Tücke ruft man gegen sich auf; wenn Gott selber das Wort ergriffe, die Pfaffen aller Konfessionen würden ihm haarscharf nachweisen, daß er nichts von Religion verstehe. Und wie wäre denn gerade ich zu diesem Unternehmen gerüstet, ich schlichter Naturforscher und Philosoph? Wohl bin ich im Gemüte tief religiös; wenigstens verstehe ich das Wort so, daß ich mich religiös nenne. Ich gehöre aber keiner Kirche an. Schon sehr jung, weigerte ich mich, mich konfirmieren zu lassen, und zwar aus Religion; ich konnte doch nicht mein eigenes Innere mit einer feierlichen Lüge beflecken; und dabei blieb es. Nehmen Sie noch die große Beschränktheit meines Wissens hinzu, der ich mich nie speziell mit Religion und Religionsgeschichte befaßt habe — so haben wir, glaube ich, schon ziemlich viele subjektive Gründe, die gegen mich sprechen. Doch lassen wir das Subjektive und gehen wir zum Objektiven über.
    1. Zunächst ist zu bemerken, daß ich jedenfalls bis in den Herbst hinein vollauf mit meinem „Kant“ und dessen Drucklegung beschäftigt bin. Und sobald das halbwegs erledigt ist, habe ich für eine Enzyklopädie den Artikel „Rasse“ zu liefern. Dann aber wird es mit den Kräften gewiß aus sein. Ich vermute, daß ich nächsten Winter einige Erholung werde nehmen müssen. Zwar könnte ich wohl dabei manche Lektüre und manche vorbereitende Überlegung pflegen, doch vor Frühjahr 1905 könnte ich an keine wirkliche Arbeit gehen. Und dann? Ja, das läßt sich schwer berechnen; erst müßte die Aufgabe genauer ins Auge gefaßt und die Ausführung im Umfange annähernd bestimmt sein. Ich glaube aber, daß mir eine derartige Arbeit 1½ bis 3 Jahre kosten würde. Sie würden jedenfalls weit schneller ans Ziel mit fast jedem anderen möglichen Bearbeiter kommen. Und daß Ihnen hieran liegen muß, begreife ich.
    2. Mehr ins Innere führt mich ein zweites Bedenken. Mit dem Anfange Ihres Briefes stimme ich vollkommen überein; wie der bekannte André Bourrier auf dem vorjährigen Kongreß in Amsterdam sagte: „On ne sort pas d'une orthodoxie pour entrer dans une autre.“ Der orthodoxe kirchliche Protestantismus besitzt gar keine Werbekraft. Erst vor drei Tagen erhielt ich aus Graz von einem durch und durch „protestantischen“ Katholiken einen Brief, in dem er sagt, der dortige Pfarrer fordere von ihm den Glauben an die Umwandlung des Brotes und des Weines und weigere sich, ihn ohne diese Erklärung aufzunehmen; und so verbleibe er denn lieber mit seiner Familie in der katholischen Kirche. Millionen ergeht es ähnlich. Über „die erzkatholischen Protestanten“ hat der alte Kant ein kräftiges Wörtlein. Wer hier etwas leisten will, muß den Mut haben — stark in Christo —‚ eine völlige Umwandlung des Protestantismus zu erstreben; Halbheiten und Kompromisse nützen nichts, vielmehr erliegen sie notwendig der ungeheuren logischen Konsequenz Roms. Es handelt sich um eine neue Reform, bei welcher, wenn auch ein Teil der Protestanten verloren ginge, viel mehr Katholiken — und der allerbesten — zu gewinnen wären, als die Menschen heute ahnen; dabei die wachsende Zahl der Schwebenden. Insoferne teile ich also gewiß Ihre Ansichten.
    Bedenklich ist mir aber Ihr Erwähnen von Boussets „Wesen der Religion“. Freilich ist es oft ein Zufall, welches Buch gewisse Gedankenreihen weckt; es kann vorkommen, daß ein Buch einem mehr gibt, als es selbst enthält. Wenn aber Boussets Buch Ihnen als solches wirklich gefällt, wenn es Ihren Wünschen — in bezug auf Aufbau, Gedankenführung, Stil — entspricht, dann bin ich gewiß nicht Ihr Mann, nicht der, den Sie suchen. Die Gesinnung, ja die ist sicher gut; sonst aber mißfällt mir Boussets Buch gründlich; ich finde so ziemlich alles daran schlecht. Im weiteren Verlauf Ihres Briefes nennen Sie einmal Pfleiderer; das hat mir wieder Vertrauen eingeflößt; Bousset ist für mein Empfinden nicht in einem Atemzug mit Pfleiderer zu nennen. Man sagt mir, Bousset sei in seinem speziellsten Fache von Bedeutung; ich will es glauben; Gelehrsamkeit hat aber mit persönlicher Bedeutung wenig zu tun, und dieses eine Buch genügt mir für alle Ewigkeiten zum Beweise, daß hier keine große Persönlichkeit vor uns steht. Die Architektonik des Ganzen — eine verwässerte und um so schlechtere Hegelei — ist erbärmlich; die Grundbegriffe sind entweder unbestimmt oder falsch, flau, oberflächlich bestimmt; die Definition von Mythos (Seite 77) hätte ein Quartaner geben können; unter „Kultur“ scheint Bousset Zivilisation und Technik zu verstehen; die Auffassung von Religion als Gegensatz zu Kultur, wo sie doch ihr wesentlicher Bestandteil ist, verdirbt alles unrettbar. Außerdem ist mit Ausnahme der zwei letzten Kapitel eine erstaunliche Unzulänglichkeit zu bemerken. Ich glaube, wenn ein Laie wie ich die Charakterisierung des Brahmanismus gegeben hätte, die hier Seite 161 bis 164 steht, das Hohngelächter aller Sachkenner hätte ihn bis ins Grab verfolgt. Schon die Literaturangaben hinten charakterisieren den Mann. In einer noch so kurzen Liste über Indische Religion Deussens Namen gar nicht und dagegen Oldenbergs alle drei Zeilen von neuem zu nennen, das sagt alles; denn es zeigt, daß das erste Erfordernis fehlt: die Urteilsfähigkeit. Die Unterscheidung zwischen Gelehrten und Ungelehrten trifft ein Relatives, die Unterscheidung zwischen Urteilsfähigen und Urteilsunfähigen trifft das Wesen.
    Verzeihen Sie, wenn ich mich etwas hart ausspreche; vielleicht ist Professor Bousset ein persönlicher Freund; es täte mir
leid, wenn ich Sie kränkte, ich muß aber deutlich und wahr reden, sonst können wir uns nicht verständigen. Übrigens spreche ich nur zu Ihnen, ich bin nicht dazu berufen, öffentlich über Boussets Buch zu urteilen, und hoffe, noch manche Belehrung aus seinen Fachwerken zu gewinnen. Inzwischen genügt vielleicht das Gesagte, damit Sie die Überzeugung gewinnen, daß Sie und ich doch nicht genügend harmonieren, um ein solches Werk gemeinsam zu unternehmen.
    3. Jetzt aber will ich zum Positiven übergehen; ich habe gezeigt, was ich nicht mag und nicht will, was ich nicht wollen kann. Jetzt will ich andeuten, wie eine solche Aufgabe nach meinem Dafürhalten aufzufassen wäre.
    „Vergleichende Religionsgeschichte“ könnte ein Buch nicht heißen, das mich zum Verfasser hätte; nur ein Fachgelehrter darf Geschichte (proprio sensu) schreiben. Ich dächte mir als Titel einfach „Religion“; vielleicht mit einem erläuternden Untertitel. Gerade solche Dinge sind schwer zu finden und wichtig; indem der Gedanke sich nach und nach läuten und den Gegenstand schärfer erfaßt, findet sich's schon.
    Nun zum Inhalt.
    Daß Religion zur Sittenlehre in keinem Identitätsverhältnis steht, wird heute allgemein zugegeben; hier kann nur von gegenseitiger (allerdings großer) Beeinflussung die Rede sein. Nun käme es aber darauf an, zu beachten, daß Religion ebensowenig von Philosophie und Wissenschaft scharf geschieden werden kann. Außerdem bildet sie als „Kirche“ (in sehr wechselndem Grade) einen wichtigsten Bestandteil von Staat und Politik. Wenn wir das nicht bedenken, sondern mit den meisten Theologen

Religion = Kult
setzen, so ist an wirkliches Verständnis nicht zu denken. Religion, welche die gesamte Wissenschaft und Philosophie umfaßt (einschließlich exakter Philologie, exakter Mathematik usw.) sehen wir in Indien, — wogegen sie dort mit Politik nichts zu schaffen hatte; anderseits sehen wir sie in Judäa ganz Politik werden, Staatsverfassung, Regierung, so daß Moses Mendelssohn behaupten durfte, es sei dies überhaupt nicht Religion, sondern Gesetzgebung. Nun findet ja mancherorten eine Scheidung statt, — so namentlich heute bei uns; doch man beachte es wohl: in unseren heutigen Philosophie und Wissenschaft steckt sehr viel „Religion“. Was sind Ernst Häckels „Welträtsel“, Carneris „Sittlichkeit und Darwinismus“ usw., wenn nicht Religion? Die Versuche, ohne Religion auszukommen, sind nichts anderes als naivunbewußte, tastende Versuche, eine neue Religion zu begründen. Häckel erdrückt einen unter der Last der Mythen, — armseliger Mythen, weil zugleich materiell gebunden und doch abstrakt; des Gedankens Blässe über die ganze Natur hingeworfen. Und wenn wir Höheres ins Auge fassen: wer wagt es zu behaupten, Kants Philosophie, mit ihrem heroischen Ringen um Bestimmung des Wertes der Erkenntnisse, der genauen Bedeutung der Begriffe „Naturzweck“, „Gott“, „Freiheit der Person“ usw. sei nicht von Religion durchdrungen, geradezu   e i n   K a m p f   u m   R e l i g i o n?   Mögen also die Herren Theologen innerhalb ihres engeren Faches verbleiben, das ist ihr Recht, vielleicht ihre Pflicht; wenn wir Weltkinder aber einmal diese Frage in die Hand nehmen sollten, so müßten wir sie anders anpacken. Jevons sagt, es sei „a fallacy“, zu glauben, die Priester machten die Religion, vielmehr seien es die Religionen, die die Priester machen. Christus war kein Priester oder Theologe, Buddha auch nicht, Mohammed auch nicht. Unsereiner müßte also, zwar mit unbedingtestem Respekt vor der theologischen Forschung und ausgiebiger Benützung ihrer Ergebnisse vorgehen, doch mit großer Unbefangenheit. Entweder wir fassen die Sache freier auf, universeller und, wenn ich so sagen darf, „schöpferischer“, oder aber wir täten besser daran, sie den Fachmännern zu überlassen. Konkurrieren können wir mit den in ihrem Fach gründlich bewanderten Gelehrten nicht; das vermeint nun jene Sorte von Dilettanten, zu denen ich nicht zu zählen bin, die ich vielmehr für eine Pest halte; ein Vorhaben, wie Sie es andeuten, ist also nur berechtigt, wenn wir etwas anderes wollen und von diesem andersgearteten Wollen aus den Ausgang nehmen.
    Gleich die Einteilung des Buches müßte die bisher üblichen Schablonen — deren Berechtigung für ihren Zweck nicht anzuzweifeln ist — verwerfen.
    So hat z. B. die Unterscheidung zwischen   n a t i o n a l e n   und   u n i v e r s a l e n   Religionen seinerzeit Kuenen zu geistvollen Vorträgen das Gerüst gegeben; doch treffen solche Distinktionen offenbar nicht den   r e l i g i ö s e n   Kern. Die Mythe — die besondere   A r t   der Mythe — ist es, die den Kern bildet. Denn Mythen haben wir alle, alle ohne Ausnahme, von dem elendesten Wilden bis zu dem wissenschaftlich hochgebildeten „Freidenker“; und wer die Religion eines Menschen oder eines Volkes diagnostizieren will, muß zuvörderst Klarheit über die   A r t   seiner Mythenbildung besitzen. „Anschauungen, nicht bloß Begriffe muß eine Religionsphilosophie bieten, will sie uns etwas lehren“ — so oder ähnlich spricht sich Pfleiderer in der Einleitung zu seinem „Wesen der Religion“ aus. Und in der Tat, aller Religion liegen Anschauungen zugrunde. Wer sieht nicht, welch ein eigentümlich dringendes Bedürfnis nach Veranschaulichung in dem sogenannten Fetisch liegt? Nur von diesem Standpunkt aus ist dieses große allgemeine Phänomen des Fetischismus zu verstehen; ich sage „allgemein“, denn wie Kant schreibt: „Sobald eine kirchliche Observanz für unbedingt notwendig erklärt wird, so ist das immer ein Fetischglauben.“ Im Gegensatz zu Kant aber würde ich mir, wenn ich über Religion schriebe, eine Ehrenrettung des Fetisches vornehmen; denn gerade das Veranschaulichen   i s t   Religion. Das Verhältnis der Religion zur Kunst ist kein zufälliges, sondern erwächst aus dem tiefen Grunde, daß alle Religion der Versuch ist, das Unsichtbare zu sehen, das Unhörbare zu hören, das Unfaßbare zu gestalten. Hier gliedert sich aber auch Wissenschaft an. Wir sahen es vorhin bei Häckel und erleben es bei manchen anderen „Medizinmännern“ des 20. Jahrhunderts. Jede weithin reichende Religion weist große freigestaltete plastische Elemente auf. Diese Plastizität, die unser Geist gebieterisch fordert, kann nach sehr verschiedenen Richtungen Entwicklung erfahren: einen unerschöpflichen Reichtum an veranschaulichten Gedanken bergen die Mythologien der Indoarier, Hellenen und Germanen; wie reich ist aber auch Ägypten und Babylon; ja auch die Afrikaner der Goldküste und die Einwohner Indonesiens, alle haben sie sich bedeutende Bilder geschaffen. Und werfen Sie mir nicht die Juden ein; denn hier, wo Gott gar nicht vorgestellt werden durfte, rächte sich das sofort auf das allerempfindlichste; er mußte dafür streng lokalisiert werden, sein „Zelt“ schlug er zu Jerusalem auf, und nirgends anders konnte und durfte ihm geopfert werden: das war also wieder Veranschaulichung, eine eigenartig abstrakte, tyrannische Anschaulichkeit, „abstrakter Materialismus“, wie ich es in meinen „Grundlagen“ genannt habe. Ebensowenig zeugt die Religion des Vedanta gegen die Richtigkeit der Annahme, daß hierin allein die allgemeine Grundlage aller Religion erfaßt ist. Denn wenn auch dort zuletzt alles entschwindet bis auf das Ich (Atman), so ist doch mein Ich in einem gewissen Sinne das Konkreteste, was mir gegeben ist; außerdem bedeutet die Lehre des Tat-tvam-asi gleichsam einen Paroxismus des Anschauungsbedürfnisses. Von innen gesehen, ist ja alle Religion ein verzweifelter Versuch, das eigene unerforschliche Ich anschaulich zu erfassen. Judentum und Vedanta sind die konträr entgegengesetzten Extreme, gleichsam zwei verzweifelte Versuche, Religion ohne Mythe, ohne Sichtbarkeit, ohne Vergegenständlichung — sagen wir, ohne Fetisch zu haben. In beiden Fällen hat sich's gerächt.
    Überhaupt dürfte man sich nicht auf den Standpunkt einer möglichen   V o l l e n d u n g,   ebensowenig wie auf den eines steten Fortschritts stellen. Die ganze Natur zeigt uns, daß immer nur ein Ungefähr, eine Annäherung zu erreichen ist. Derselbe Weg, der zur Höhe führt, führt auf der anderen Seite wieder zu Tale. Völker wie Individuen gehen genau ebensosehr an ihren positiven Eigenschaften wie an ihren Mängeln zugrunde. Mit keinem Begriffe muß man darum so vorsichtig umgehen, wie mit dem der „Entwicklung“. Sehen Sie nur Bousset an, was da für eine Olla podrida herauskommt infolge seiner Einleitung à la Hegel. Einem undressierten Menschen wird seekrank dabei. Der Brahmanismus eine nationale Religion, und dabei hat es nie — zu keiner Epoche — eine indische Nation gegeben! Der Ahnenkult einer der festesten, ältesten nationalen Zivilisationen der Erde (Chinas) abgehandelt unter „Religion der Wilden“! usw. Der Verfasser des von Ihnen gewünschten Buches müßte im Gegenteil nach der Methode zu Werke gehen, nach der jede Wissenschaft der Natur verfährt: erst das allgemein Bindende, also in diesem Falle das allgemein Menschliche, allen Menschen der Erde Gemeinsame genau zu bestimmen suchen, und dieses ist jedenfalls die Erfassung des Unsichtbaren als sichtbar (also der Fetisch im allerweitesten Sinn des Wortes), sodann aber die   n a t ü r l i ch e   (nicht logisch-artifizielle) Gliederung auf empirischem Wege feststellen, und hier ist es ganz unzweifelhaft, daß die physische Grundlage aller Seelenäußerung — also die   R a s s e — das Entscheidende ist. Es ist hoffnungslos, über Religion im allgemeinen Zusammenhängendes, innerlich Wahres sagen zu wollen, wenn man grundsätzlich die Verschiedenheit der Menschenarten außer acht läßt. Daß es keine reinen Rassen heute gibt — wie uns täglich vorgeplappert wird —‚ ficht uns gar nicht an; so spricht nur, wer im Wahne von „Ursprüngen“ lebt und denkt, also noch nicht von Mosis I, 1 sich emanzipiert hat. Rasse ist (die Tierzucht führt es uns vor Augen) ein Phänomen der allgemeinen Steigerung der Lebensenergie, welches der Mensch an Tieren und Pflanzen künstlich, die Natur am Menschen selbst durch geschichtliche und geographische Konstellationen bewirkt. Die Verschiedenheiten sind einmal da; woher sie kommen, ist eine andere Frage, deren hypothetische Beantwortung die Tatsache der vollkommen unterschiedlichen Individualität der verschiedenen Völker oder Gruppen, die gewesen sind oder heute noch sind und werden, nicht in Zweifel ziehen kann. Und wenn auch die Mischung noch so arg ist, irgendein Faktor ist immer maßgebend und reißt die anderen mit; er gibt die Richtung an und die Farbe. In Holland bildet noch heute das schmale ausgetrocknete Bett des früheren Rheinverlaufes — die Grenze des alten Römischen Reiches — die scharfe Scheidung zwischen Katholiken und Protestanten: so fest hängen Religion und Rasse zusammen.
    So viel (das heißt so wenig) nur über die allgemeinste Anlage eines solchen Buches. Was nun den Inhalt vor allem ausmachen müßte, das wären die engen Beziehungen zwischen Religion und den übrigen höchsten Erscheinungen unserer Menschennatur. Mit Kirchen, Kulten, Dogmen usw. müßte es sich möglichst wenig und technisch natürlich gar nicht befassen; um so mehr mit der   s c h ö p e r i s c h e n   B e d e u t u n g   aller Religion und mit der Notwendigkeit, ihr diesen Charakter zu erhalten. Namentlich müßte das Heute und das Morgen im Mittelpunkte des Interesses stehen. Und hier ist eines bei mir tiefe Überzeugung: eine religiöse Befreiung und Regeneration kann nur durch völlige Emanzipation aus den jüdischen Religionsvorstellungen stattfinden. Das ist die Fronkette, die uns an jedem Ausschreiten hindert. Kant, den niemand einen gehässigen Antisemiten schimpfen kann und dessen mythische Anforderungen an Religion gewiß die bescheidensten sind, die je ein großer Mann gestellt hat, urteilt: „Das Judentum ist eigentlich gar keine Religion... und enthält, in seiner Reinigkeit genommen,   g a r   k e i n e n   R e l i g i o n s g l a u b e n.“   Und was den so vielgepriesenen Gott Jahve anbetrifft, zu dessen Ehre auch auf dem Titelblatte von Boussets Buch Fanfaren geblasen werden, so meint derselbe Weise: „Es ist nicht so hoch anzuschlagen, daß dieses Volk sich einen einigen... Gott zum Weltherrscher setzte... (er) ist doch nicht dasjenige Wesen, dessen Begriff wir zu einer Religion nötig haben.“
    Und sehen Sie, sehr geehrter Herr, indem ich Ihnen auf diese Weise einige flüchtige erste Gedanken mitteile, weil es unerläßlich ist, sollen wir beide zusammenarbeiten, daß Sie über meine Auffassungen, freilich nur allgemein, aber doch genügend, orientiert seien, — indem ich so ziemlich chaotisch meine Gedanken zu Papier bringe, sind wir hier an einem kritischen Punkte angelangt. Aggressiver Antisemitismus oder Geringschätzung des Jüdischen liegt mir ferne — wie schlecht auch der Ruf sein mag, der mir in dieser Beziehung gemacht wird; ich will aber in Zukunft ebenso frei reden wie in der Vergangenheit. Selbst wenn man irrt, ist es tausendmal besser, man irrt aus Überzeugung, als daß man aus Rücksicht auf irgendeine Gewalt seine wahre Meinung verhehle. In einem Buche wie diesem, wo es mein heißes Bestreben sein würde, selbst den einfachsten religiösen Regungen gerecht zu werden, sie liebevoll, nicht kritisch-geringschätzend zu beurteilen, würde ich dieselbe Auffassung einer so bedeutungsvollen Erscheinung wie dem Judentum gegenüber nicht weniger als Pflicht empfinden; man versteht nur durch Bejahung, wer verneint, kehrt den Rücken. Doch dann kommt auch das Selbst daran, und was ich für mich und die mir gleichen bejahe, das kann allerdings die scharfe Verneinung dessen bedeuten, was anders geartete Individualitäten von der Religion fordern. Dieses Buch soll aber ein lebendiges, ins Leben eingreifendes, nicht bloß ein referierendes sein; nicht Literatur, sondern Tat; und da müßte ich mit aller Deutlichkeit das Jüdische als den Krebsschaden des Christentums aufzeigen. Hierdurch aber wäre sofort ein unzählbares Heer gegen uns Arme mobilisiert. Alle Juden mit ihrer Riesenmacht, die Mehrzahl der kirchlich gläubigen Christen aller Bekenntnisse und die Majorität der religiös Freisinnigen. Denn der Gott unserer Freisinnigen ist doch und bleibt Jahve. Christus will man uns rauben und mit ihm zugleich unseren uralten dreieinigen Gott (auf den auch Herr Bousset so schlecht zu sprechen ist!); dafür schenkt man uns den modern aufgeputzten Juden-Jahve, den „einigen Gott“. Auf diesen Tausch gehe ich nie ein, nie; mir liegt nur an Christus; keine rationalistische Neugestaltung besitzt einen einzigen Atemzug Lebenskraft; Religion ist   S e h e n;   der arme Tschineger hat seinen Stein, in dem der Gott lebt, der Grieche hatte seine Zeusbildnisse in Marmor, Elfenbein und Gold; der „Fortschritt“ (wenn man schon so sprechen will) hat nicht in dem Fortgang zu größerer Abstraktion bestanden, sondern vielmehr in einem Fortgang zu konkreterer Gestaltung. Dies ist der Weg aller Idealisierung — nicht der umgekehrte. „Ein Beispiel habe ich euch gegeben.“ Wie nichtig ist der Olympier von Phidias neben dem lebendigen Christus, der den Kreuzestod stirbt.   D i e s — und nichts anderes — ist das Lebenselement in allem Christentum gewesen, — nicht der abstrakte Gnostizismus, den uns heute wieder der sonst so sympathische F. J. Schmidt predigt, nicht der Sakramentarismus mit seiner negerhaften Magielehre; und die Kraft des schlichten Bibelglaubens — die dem wahrhaft Gebildeten heute unrettbar verlorengegangen ist — liegt darin, daß hier reiches anschauliches Material von dem Paradies bis zur Kreuzigung geboten war. An Christus müssen wir also festhalten; alles können wir preisgeben, nur ihn nicht. Was soll uns Gott ohne Christus? Das ist ja ein Zurückgehen auf den Standpunkt des Tschinegers. „Gott“ ist der unfaßbarste, leerste Begriff, den es gibt. Schon vor 600 Jahren spottete der fromme Meister Eckhart über diejenigen, die in Gott die erste Ursache sehen: „Schöpfersein ist ein leicht Ding“; und an anderer Stelle spricht er die tiefen Worte: „Gott selber ruhet nicht da, da er ist der erste Beginn, vielmehr er ruhet da, da er ist ein Ende und Rasten alles Wesens.“ Nicht nur in Wissenschaft und Philosophie, auch in der Sittenlehre geraten wir auf falsche Wege, wenn wir von Gott ausgehen, anstatt daß wir zu ihm als zu einem Letzten hinkommen. Gott ein Erstes: das ist Semitentum und Materialismus, zugleich Antiwissenschaft; Gott ein Letztes: das ist Idealismus, hohe (nicht formale) Sittenlehre, echte Wissenschaft. Meine Überzeugung bleibt, wie ich sie in den „Grundlagen“ (S. 441) ausgesprochen habe: „Der Paraklet ist der wesentlichste Inhalt aller Religion.“ Für mich ist nicht Christus „Gott“ in dem Sinne, daß ich ihm durch Verleihung dieses Prädikates eine höhere Würde anzuerkennen gedächte, als er ohnehin in meinen Augen besitzt, sondern gerade umgekehrt: das leere Schema „Gott“ erhält einen Inhalt, wenn ich es mit dem aus Erfahrung bekannten, leibhaftigen Christus ausfüllen darf. Jetzt ist aus dem Schema ein Symbol geworden.
    Doch ich breche ab. Wie fragmentarisch und unzulänglich das Gesagte auch sei, ich hoffe, es wird genügen, um Sie zu orientieren. Zur Ergänzung möchte ich Sie bitten, in meinen „Grundlagen“ die folgenden Stellen aufmerksam zu lesen: Seite 191/209, 391/415, 477f., 521/528, 545/648, 937/946, 950/955. Ich erlaube mir, ein recht gründliches Nachdenken und Erwägen zu empfehlen; Eile mit Weile ist hier am Platze; und ich kann Sie versichern, auch wenn Sie sich veranlaßt finden sollten, von meiner Mitwirkung abzusehen — was für mich, wie anfangs gesagt, eine wahre Befreiung sein würde —‚ würde ich Ihnen nicht weniger dankbar dafür bleiben, daß Sie in einer Angelegenheit von so großer Tragweite an mich gedacht hatten. Auch bin ich gerne bereit, Ihnen und dem von Ihnen gewählten Verfasser Zeit zu opfern, wenn ich Ihnen bei Ihrem Vorhaben behilflich sein kann.
    Über die materiellen Bedingungen habe ich keine Worte verloren. Ich setze voraus, daß diejenigen Bedingungen, bei denen, ein anderer Verleger seinen Vorteil findet, auch Ihnen nicht unannehmbar erscheinen würden. Mein bevollmächtigter Rechtsbeistand für alle solchen Abmachungen ist Herr Rechtsanwalt Dr. Troll in München, Promenadeplatz 17; sollten wir ein gemeinsames Unternehmen ernstlich ins Auge fassen, so würde ich ihn mit Ihnen in Verbindung setzen.
    Natürlich würde ich jederzeit mit Freuden Ihren Besuch in Wien empfangen; doch vielleicht ist eine solche Bemühung nicht nötig; ich komme alljährlich ein paarmal nach München.
    Zum Schlusse bitte ich noch, unseren Briefaustausch als ganz vertraulich zu behandeln; nur wer zu Ihren unerläßlichsten Beratern gehört, dürfte davon eventuell Kenntnis erhalten, und zwar unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Das ist für alle Geschäfte förderlich; und wenn ich das Buch wirklich schriebe, würde es mich paralysieren, wenn öffentlich davon die Rede wäre, ehe es so ziemlich abgeschlossen vorläge. Von mir aus wird außer meiner Frau und — falls ich das Buch unternehme — meinem Rechtsanwalt keine Seele von der Sache erfahren.
    Mit dem Ausdrucke meiner aufrichtigen Sympathie und meiner vollkommenen Hochachtung

ergebenst

Houston S. Chamberlain.
 

12. 2., 4 Uhr nachm.

    P.S. Indem ich meinen Brief noch einmal durchlese, empfinde ich schmerzlich seine Unzulänglichkeit. Vieles Wichtigste, was ich zu sagen mir vorgenommen hatte, ist nicht mit einem Worte berührt. Ich muß nur hoffen, daß das Ganze zu einer vorläufigen Klärung beitragen wird, indem auch dieses Abgerissene wohl genügen wird, Sie empfinden zu lassen, ob wir beide einen ähnlichen Kurs steuern oder nicht.
    Jedenfalls könnte ich nicht definitiv zusagen, ohne vorher bei einigen befreundeten und kompetenten Gelehrten, auf deren Urteil ich mich verlassen kann, um Rat gefragt zu haben, so vor allem bei Adolf Harnack, Paul Deussen und Leopold von Schröder.
    Übrigens ist letzterer (der vortreffliche Sanskritist und Verfasser des Ihnen wahrscheinlich bekannten „Indiens Literatur und Kultur“) im Begriff, ein sehr wichtiges Buch zu vollenden über „Altarische Religion“. Der erste Band liegt im Manuskript bei mir, da ich mit Leopold von Schröder intim befreundet bin und der allzu bescheidene Gelehrte das Buch eigentlich nur auf mein Zureden beendet; immer wieder verliert er bei der Größe der Aufgabe den Mut. Diese Mitteilung bitte ich als   s t r e n g v e r t r a u l i c h e   zu behandeln; es wird eben wichtig sein, daß der Bearbeiter des von Ihnen geplanten Werkes das Schrödersche kenne. — Ich hatte sogar daran gedacht, Ihnen Schröder für Ihren Zweck zu empfehlen; ich fürchte aber, er ist doch (bei aller Freiheit) zu gläubig kirchlich-protestantisch, — außerdem besitzt sein Stil nicht die Kraft und den Glanz, die hier vonnöten wären. Auch die Gelehrsamkeit würde ihn Schritt für Schritt hemmen. Als Berater aber wäre er auch für Sie eine kostbare Akquisition.
 

115-117 An J. F. Lehmann



Wien, 16. Februar 1904.

Sehr geehrter Herr!

    Vielen Dank für Ihren freundlichen Brief von gestern; Dank auch dafür, daß Sie sich die Sache reiflich überlegen und mir dann ausführlich schreiben wollen.
    Ich möchte nur in aller Eile zur Verhütung von möglichen Mißverständnissen Sie bitten, den improvisierten Charakter meines Schreibens nicht aus den Augen zu lassen und nur das   G a n z e,   nicht die einzelnen Behauptungen, Ihrer gütigen kritischen Überlegung zu unterziehen. So z. B. wäre es durchaus ein Irrtum, wenn Sie voraussetzen würden, ich „glaube“ an die Dreieinigkeit in einem Sinne, der irgendeine nähere Beziehung zu den vertrackten Dogmen der christlichen Kirchen hat. Was mich aber in Boussets Buch irritiert hat, ist die öftere Anführung des albernen Wortes über „hölzernes Eisen“ und die Aufstellung, als ob solch ein Gedanke, wie der an einen dreieinigen Gott, aus dem Hirnkasten einzelner verrückter Pfaffen entsprungen wäre. Wir sehen ja bei den indoeuropäischen Völkern seit den ältesten Zeiten und, soviel ich weiß, in allen Zweigen dieser Menschenart immer wieder den Gedanken an eine Dreiheit des Göttlichen und zugleich auch an die wesentliche Einheit dieses Dreifachen auftauchen. Dies ist namentlich von Andrew Lang gezeigt worden, und mein Freund Leopold von Schröder hat es noch viel ausführlicher in seinem noch ungedruckten Werke, von dem ich Ihnen neulich erzählte, nachgewiesen. Wir sehen also, daß solche Dinge die Bedeutung wirklicher Naturphänomene besitzen — Phänomene des Geistes bloß, aber darum doch wahrlich nicht weniger interessant und nicht weniger reell. Es käme also darauf an, in allen solchen Dingen nach dem mythischen, unvergänglichen Wert zu suchen; wie ich in dem Kapitel „Religion“ meiner „Grundlagen“ gezeigt habe, ist nichts gefährlicher für die Freiheit und den Reichtum und die Schöpferkraft des Menschengeistes, als wenn man seine Mythen restlos zu rationalisieren unternimmt. Das ist nun gerade, was die christliche Kirche im Laufe der Jahrhunderte getan hat; und meinetwegen mag man diese völlig wertlosen, weil sinnlosen Formulierungen als „hölzernes Eisen“ bezeichnen; man muß sich aber darüber klar sein, daß damit einzig das Dogma und nicht die Mythe getroffen ist; erst wer das einsieht, geht der Sache auf den Grund und beweist, daß er das   W e s e n   erfaßt hat; davon finde ich bei Bousset keine Spur.
    Wenn sonst noch irgendeine Stelle in meinem Briefe dunkel wäre, so will ich gerne Aufklärung geben, damit wir uns sicher genau über die Grundfragen verständigen.
    Bei der Behandlung derartiger Probleme scheint mir vor allem nötig, daß man ein sehr weites und tiefes Gefühl für die Bedürfnisse der großen Masse der Menschheit besitze. Es geht nicht an, die Sache von einem rein gelehrten Standpunkt aus anzufassen, ebensowenig aber aus dem Standpunkt eines persönlichen privaten Fürwahrhaltens. Es kann nicht ein Mann seinen Glauben anderen aufzwingen; alle wahre Religion ist in ihrem tiefsten Wesen unendlich elastisch; Sie sehen das ja selbst in der Geschichte der römischen Kirche (vgl. „Grundlagen“); besonders großartig beobachten wir dasselbe Phänomen im arischen Indien der Glanzzeit, wo alle philosophischen Systeme — vom Materialismus bis zum mystischen Idealismus — innerhalb derselben Religion nebeneinander lebten. Wer jetzt helfen will, darf dies nie aus den Augen verlieren. Es ist ein Wahn zu vermeinen, man könne als Erstes ein Glaubensbekenntnis feststellen und würde daraus dann eine Religion entstehen sehen; umgekehrt geht es zu und ist es immer in der Weltgeschichte zugegangen: erst ist die Religion da, und dann bildet sich daraus das Bekenntnis, oder es bilden sich mehrere Bekenntnisse, den verschiedenen Bedürfnissen verschiedener Geister angepaßt. Ich hoffe und glaube, Sie verstehen mich: nichts ist wichtiger, als daß man die Sache nicht beim falschen Ende anpacke. Und wenn ich solche Dinge lese, wie z. B. die jetzige Diskussion zwischen Naumann und Mauernbrecher, so habe ich immer die Empfindung, daß alle diese Männer nicht weltgeschichtlich, nicht rein menschlich im umfassendsten Sinne des Wortes denken und fühlen; sie sind Atome, sie werden selber getrieben, sie sind nicht Schöpfer, sie besitzen nicht jene große Ruhe der Männer, für die Zeit nichts ist, weil sie begreifen, daß große Wirkungen gleichsam außerhalb des Willens den Geburtsort ihrer Kraft haben.
    Ihren Zartsinn bezüglich der Verlegerfrage weiß ich sehr zu Schätzen. Einstweilen ist sie ja sekundär; einstweilen wirken Sie und ich zusammen für die Ausarbeitung der Grundlagen des Werkes; die weitere Entscheidung wird natürlich in Ihren Händen liegen.
    In warmer Sympathie und Verehrung

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

118-121 An August Ludowici ¹


Wien, 20. Februar 1904.
VI. Blümelgasse 1.

Sehr geehrter und lieber Herr!

    Schon so lange will ich Ihnen schreiben, konnte aber beim besten Willen nicht dazu kommen. Inzwischen traf Ihr lieber Brief vom 28. Januar ein, für den ich vielmals danke. Das Buch von Weinel wird meine Frau Ihnen wohl schon zurückgeschickt haben; wenn nicht, werde ich veranlassen, daß sie es heute tut. Ich besaß es schon und habe es mit Interesse gelesen. Es ist auch bei diesem Mann schade, daß er von den „Grundlagen“ spricht, ohne sie gelesen zu haben. Ich kann mit mathematischer Bestimmtheit nachweisen, daß er einzig das Kapitel „Die Erscheinung Christi“ kennt; in das übrige hat er nicht einen Blick geworfen. Daher die — bei aller Anerkennung — so vollkommen schiefe Auffassung. So wirft er mir z. B. vor, wie Sie bemerkt haben werden, daß ich gewisse wichtige Fragen nicht beantworte, und deutet dies wenig generös (aber echt pfaffenmäßig) auf ein absichtliches Ausweichen und Sich-nicht-kompromittieren-Wollen — ein Vorwurf, den man mir, wenn irgend jemandem, ersparen könnte; und dabei hätte er ja nur das Kapitel „Judentum“ und das Kapitel „Religion“ aufzuschlagen nötig gehabt, und er hätte ausführliche Antworten gefunden. Da der Mann mit Recht Ansehen genießt und viel gelesen wird, hatte ich daran gedacht zu antworten; aber schließlich lohnt es sich doch nicht; ich bin dieser Dinge furchtbar überdrüssig.
    Den Artikel des Herrn Oppenheimer kannte ich auch; ich finde ihn ohne Bedeutung.
    Dagegen muß ich Ihnen meinen warmen Dank für den Genuß aussprechen, den der Bielschowsky ² mir gewährt hat. Den ersten Band kannte ich schon flüchtig von früher her; doch habe ich ihn jetzt gründlich durchstudiert und den zweiten Band, der mir pünktlich beim Erscheinen geliefert wurde, ebenfalls. Ich freue mich sehr über den Besitz dieses Werkes und freue mich, es aus Ihrer Hand empfangen zu haben.
    Freilich ist B. noch lange nicht dasjenige Buch, das ich über Goethe ersehne. Es steckt doch in den fachmäßigen literarischen Traditionen der Universitätsgermanistik; die wahre Freiheit des Urteils fehlt; es fehlt auch die Größe; man wird nie überrascht; man vernimmt nie eines jener Worte, bei denen einem plötzlich ein ganz neues Verständnis aufgeht. Es ist alles das Gute, Alte, Überkommene. Aber der Ton des Werkes ist dennoch sehr wohltuend, und für mich hatte es namentlich etwas fast Rührendes zu sehen, wie der Mann, der so viele Jahre dieser Arbeit gewidmet hat, selber nach und nach an ihr emporwächst und sich läutert. Der klärende, adelnde Einfluß Goethes liegt hier sichtbarlich vor Augen. Schon im Stil ist das bemerkbar. Es ist ein eigenes Geschick Goethes, daß die besten Bücher über ihn von Juden geschrieben werden. Und in seinem ersten Bande passieren dem B. noch geradezu unglaubliche Dinge, so daß ich vermute, er war noch nicht lange von Galizien eingetroffen. Haben Sie z. B. den Satz Seite 19 bemerkt, welcher beginnt: „Was war es wunderbar, wenn etc.!“ Das ist doch eine Leistung, die man einer Boshaftigkeit des Kladderadatsch zuschreiben möchte. Aber die Sprache wird nach und nach reiner und edler; da ich auf solche Dinge achte, habe ich eine wahrhafte Freude daran gehabt. Jammerschade ist es, daß er vor Vollendung seines Werkes starb, denn wo der echte Germane Theobald Ziegler für ihn eingetreten ist, da ist die jämmerlichste Parodie daraus geworden. Ich geriet in helle Empörung. Erstens dieses ekelhafte Professorendeutsch, von dem ich so große Portionen in letzter Zeit habe verschlucken müssen, daß es auf mich wie ein Brechmittel wirkt. Und dann diese Frechheit und Geschmacklosigkeit, das Lebenswerk, das der Idealist B. seinem Abgotte Goethe gewidmet hat, durch diese dumme, völlig verständnislose Zerpflückung des „Faust“ zu verunzieren! Den Kerl möchte ich prügeln. Und alles so dumm, so unwissend, so tief ignorant. Vor 40 Jahren konnte wohl ein Vischer derartige Albernheiten zum besten geben; heute gottlob ist doch „Faust II.“ ein Besitz aller Gebildeten geworden.
    Also nochmals Dank.
    Daß Sie den Ludwig Stein bewundern, habe ich schon aus früheren Briefen entnommen; ich störe so sehr ungern Bewunderung, denn ich finde, daß man damit nimmt, ohne zu geben, — doch wenn ich weiter schwiege, namentlich da Sie mich direkt fragen, wäre es Unaufrichtigkeit; und ich muß Ihnen sagen, daß mir dieser Stein ganz besonders zuwider ist. Sie fragen mich, dubitativ, ob er ein Jude ist; an und für sich wäre Ihnen das wohl ebenso gleichgültig wie mir, denn wir verdanken beide den vortrefflichen Autoren jüdischer Nation zu viel, als daß diese Tatsache ein Werk entwerten könnte. Ich muß Ihnen aber sagen, daß Stein ein Jude in des Wortes schlimmster Bedeutung ist; nämlich einer von denjenigen, die Wissenschaft und Philosophie von dem Standpunkt der Getreidebörse aus behandeln. Ein ganz unverfälschter ungarischer Jude von Geburt, hat er niemals in deutschen oder österreichischen Ländern eine Anstellung erhalten können; dazu war er doch zu nichtig; und so kam er denn nach der Schweiz, wo die Professoren so jämmerlich bezahlt sind, daß ein Philosoph nicht existieren kann, wenn er nicht von Hause aus Mittel besitzt. Stein ist nun von Hause aus reich und hat eine vielfache Millionärin — auch eine ungarische Jüdin — geheiratet, so daß er auf die 6000 Franken Gehalt nicht zu sehen braucht. Er besitzt die großartigste Villa in ganz Bern, oben in der Nähe des Schänzli, und betreibt von dort aus seinen Ruhm durch Vermittlung aller großen Blätter der Welt. Wie so etwas gemacht wird, werden Sie als praktischer Mann genau wissen. Ich habe aber noch nie einen unabhängigen Gelehrten getroffen — gleichviel ob Christ oder Jude —‚ der nicht mit äußerster Geringschätzung von dieser ganz künstlich gemachten Berühmtheit spräche. Sie sagen, sein letztes Buch zeige, „daß er Chamberlain nicht kenne“. Danken wir Gott und hoffen wir, daß er mich bis ans Ende seiner Tage ignorieren wird. Daß er mich aber in Wirklichkeit sehr gut kennt, weiß ich genau; denn als ich im vorigen Jahre auf der Grimmialp weilte, war er einer der Ersten, die hinübertelephonierten an die Direktion, ob ich wirklich da sei und wann man mich sehen und sprechen könnte; ich floh natürlich wie vor der Pest — namentlich da noch eine Reihe anderer Professoren sich anschließen wollten. Gottlob, die Torrentalp ist für solche Herren nicht erreichbar.
    Bölsche ist ein außerordentlich geschickter und kenntnisreicher Schriftsteller. Ich lese ihn sehr gerne; doch immer mit Vorsicht, denn er ist doch ein Phantast und steht stark unter dem bedenklichen Einfluß Häckels.
    Die Geschichte mit der Akademie war gar zu dumm; diese Journalisten zeigen bisweilen eine erstaunliche Unbildung. Eine Akademie kann wohl ein Werk krönen; daß aber eine Akademie ein Werk offiziell ablehnen sollte, ist geradezu albern erdacht; das wäre ja eine Konkurrenz gegen die Kongregation des Index! Ein Akademiemitglied besuchte mich gerade, als die Nachricht durch die Zeitungen ging, und lachte halb erzürnt über die Leichtgläubigkeit der Blätter, die die Notiz einander nachdruckten.
    Übrigens wenn Sie ein vortreffliches Buch über Kant lesen wollen, so glaube ich, Ihnen Simmels „Kantvorlesungen“ warm empfehlen zu können; S. ist auch ein Jude, aber gottlob anderer Art als Ludwig Stein; und ich habe mich gewundert zu sehen, wie dieser fabelhaft gelehrte Mann so sehr einfach werden konnte — was doppelt verdienstlich ist bei der Behandlung eines derartigen Problems.
    Ich bin jetzt beschäftigt, mein Kant-Kapitel zu schreiben; es rückt sehr langsam vor; doch hoffe ich, es soll gegen das übrige nicht zurückbleiben.
    Mit vielen herzlichen Grüßen von uns beiden

Ihr

Houston S. Chamberlain.

    Ich lege Ihnen einen Aufruf des Professor Baihinger bei; er hat mich gebeten, ihn unter meinen Bekannten zu verbreiten. Ob diese Herren wirklich sehr viel für die Kenntnis Kants beitragen, kann ich nicht beurteilen; doch die Absicht ist eine gute, und derartige Unternehmungen ermöglichen es, daß hier und da ein junger Gelehrter zu Worte kommt, der sonst schwer durchdränge. Insoferne kann man es wohl der Beachtung Wohlgesinnter empfehlen.
—————
    ¹ Vgl. Widmung der „Lebenswege meines Denkens“.
    ² „Goethe.“
 

122-125 An Basil Hall Chamberlain


Wien, 21. Februar 1904.
VI. Blümelgasse 1.

Mein lieber Basil!

    Es ist Deine eigene Schuld, wenn ich Dir heute vermittelst Stenogramm und Druckmaschine schreibe; Du hörst ja nicht auf, mir dazu zuzureden. Freilich bedenkst Du nicht, daß für einen Mann in meinen Verhältnissen eine derartige Hilfe seine Mittel doch übersteigt, indem diejenigen Stenographen, die wenig verlangen, nichts leisten können — ich weiß das aus der traurigen Erfahrung des vorigen Winters —‚ und die sehr spärlich gesäten anderen natürlich entsprechend gesucht sind. Doch es sei denn!
    Schon seit sehr lange wollte ich auf Deinen lieben an meinem Geburtstage geschriebenen Brief antworten; doch das Gefühl, daß ich Dir ziemlich viel zu sagen haben würde, hat mich immer davon abgehalten. Meine jetzige Arbeit strengt mich doch fast über die Maßen an; und namentlich im Winter, als ich mir das systematische Durchstudieren aller wichtigeren Kant-Kommentatoren vorgenommen hatte, dachte ich manchmal, zusammenzubrechen oder verrückt zu werden. Mir ist es überhaupt entsetzlich, viel lesen zu müssen; ganz glücklich bin ich doch nur beim Schreiben. Und nun   d i e s e   Lektüre! Dieses fürchterliche Professorendeutsch und dieses verständnislose Herumquälen um Kant in zehntausend Subtilitäten. Im ganzen ist doch Hermann Cohen — wie mir scheint — der bedeutendste Ausleger; nicht etwa, daß er immer recht hätte; er konstruiert sich manches gar rabulistisch hinein, und ich habe viele Seiten viermal hintereinander lesen müssen, ehe ich einen Schimmer bekam, worauf der gute Mann hinauswollte. Doch der große Ernst und die unglaublich genaue Kenntnis der Schriften Kants ist bei ihm sehr wohltuend. Sehr gut und empfehlenswert ist auch das Werk von Hagerström, „Kants Ethik“, — namentlich der erste Teil, in welchem er die allgemeine Erkenntnistheorie behandelt. Aber alles übrige, namentlich der vielgenannte Kommentar von Vaihinger, der in zwei großen Bänden von zusammen 1000 Seiten erst bis zu § 8 der „Reinen Vernunft“ gelangt ist — also 73 Seiten von den 880 des Originals behandelt hat — ist wohl eines der entsetzlichsten Produkte deutscher Gelehrtenliteratur. Wenn die Sache so weitergeht, wird — so ist berechnet worden — der Kommentar in zweihundert Jahren beendet sein; inzwischen wird aber natürlich ein Kommentar des Kommentars höchst notwendig geworden sein. Traurige Dinge; reden wir nicht davon!
    Was nun Deinen Brief und den dort behandelten Gegenstand betrifft, so muß ich Dir aufrichtig gestehen, daß Du mich nicht überzeugt hast. Freilich, hätte ich gewußt, daß Du augenblicklich keinen deutschen Vorleser hast, so hätte ich die Sache überhaupt nicht vorgeschlagen; Deine Anfrage betreffs deutscher Bücher hatte mich irregeführt; selbstverständlich habe ich nie daran gedacht, Dir persönlich das Lesen zuzumuten. Denn wenn auch das ganze Manuskript in Type vorliegt, so ist doch gerade diese Art Schrift für Augen wie die Deinen auf die Dauer sehr anstrengend. Aber abgesehen von diesem Umstand überzeugen mich, wie gesagt, Deine Argumente gar nicht, daß ich — wie Du sagst — „unpraktisch“ war; ich glaube im Gegenteil, meine Idee war eine sehr gute, und wir hätten reichlich Zeit gehabt. Was soll die Entfernung hier für einen Unterschied machen? Sobald man nicht mündlich mit einem Freund über eine solche Angelegenheit verkehren kann, dann ist es egal, ob er zehn Meilen oder tausend Meilen weit ist. — Dann wirfst Du ein, Du kennest das Publikum nicht, für das ich schreibe: diesen Einwand würde ich aber sofort mühelos entkräften. Denn wenn ich einem Manne ein Manuskript zur Beurteilung vorlege, so ist es klar, daß   e r   in diesem Augenblick das Publikum ist, an das ich mich wende. Im übrigen glaube ich, einen so sichern Instinkt zu besitzen für das, was weite Kreise der Gebildeten ersehnen, daß ich gerade in dieser Beziehung von niemandem mir Rat zu holen brauche; da wäre ich eher befähigt, an andere Rat zu erteilen. Es ist also alles übrige — nur nicht die Rücksicht auf das Publikum —‚ was hier in Betracht zu ziehen gewesen wäre. Und da muß ich gestehen, empfinde ich es als eine sehr große Härte des Schicksals, daß ich so ganz und gar ohne jede freundlich-kritische Unterstützung seitens kompetenter und freier Beurteiler arbeiten muß. Wie manches wäre in den „Grundlagen“ besser geworden, hätte ich Deine kostbare Hilfe zur Seite gehabt, wie ich es für die einzige allgemeine Einleitung in der Tat hatte. Ich weiß nicht, ob Dein Gedächtnis so treu ist, daß Du jemals realisiert hast, welchen Vorteil ich damals aus Deine Winken gezogen habe. Genau ein Drittel habe ich gestrichen. Nichts, was Du für überflüssig fandest, blieb stehen. Du siehst also, was für ein dankbarer und wirklich wenig eingebildeter Autor ich bin. Aber nun habe ich ja niemanden. Der gute Kuntze¹ ist rührend in seiner Gewissenhaftigkeit; das betrifft aber doch lediglich grammatikalische und stilistische Fragen. Namentlich dieses Buch übertrifft seine geistigen Fähigkeiten ganz und gar. Und ich habe gar niemanden, dem ich die Mühe und den Zeitaufwand zumuten kann, und auf dessen Urteil ich mich verlassen könnte. Wer von meinen Bekannten Muße hat, ist nicht begabt genug, und die Begabten haben zu viel zu tun und stehen mir zu ferne, als daß ich mich an sie wenden könnte. — Du redest von der angeblichen „ungeheuren Gelehrsamkeit“, welche nötig wäre, um ein Urteil abzugeben; doch da muß ich wirklich lachen, wenn Du, der Gelehrte von Fach, mir, dem Dilettanten, mit dergleichen kommst. Freilich muß man in meinem Buche bisweilen ein wenig denken können, aber eigentlich Gelehrtes kommt darin gar nicht vor. Und dann, worauf es mir ankommt — oder vielmehr angekommen wäre —‚ ist nicht der gelehrte Rat; hier wieder wie dort beim Publikum weiß ich schon selber, was ich brauche und nicht brauche; sondern es sind die Fragen des Geschmackes, des stilistischen Ebenmaßes, des Zuviel und Zuwenig, des klaren Verständnisses usw., in denen ich gerne die große Hilfe Deines Rates genossen hätte. Erst gestern abend las ich in Goetheschen Briefen und erstaunte wieder wie schon so oft, daß dieser größte Meister der Sprache immer ein Dutzend Berater hatte und nicht leicht etwas dem Drucke übergab, was nicht durch soundso viele Hände gegangen war; auf jeden Einwurf achtete er und zog irgendeinen Vorteil daraus. So verfährt ein unerhörtes Genie, und ein armer Wicht wie ich sitzt da ganz allein und muß fertig werden, so gut er kann. Ich finde das traurig; es hat fast etwas Würdeloses; so, als ob es gar nicht darauf ankäme, wie die Sachen gemacht würden; und doch möchte ich, weiß Gott, sie so vollendet herstellen, wie nur immer meinen Kräften nach möglich.
    Nun genug davon. Jedenfalls merke ich mir Dein Versprechen, die erste Auflage des Kant-Buches sorgfältig zu lesen und mir Deine kritischen Einwürfe zukommen zu lassen. Freilich können diese dann nur Kleinigkeiten betreffen; denn hier ist alles dermaßen ineinander verwoben, daß es unmöglich sein wird, nachträglich viel daran zu machen; hierin unterscheidet sich das Buch stark von den „Grundlagen“, für die man öfter und erst neuerdings wieder einmal verlangt hat, man solle die Kapitel   e i n z e l n   herausgeben.
    Du fragst, aus welchem Jahre das Bild ² von mir stamme, das Du am liebsten hast: wenn ich nicht Irre, aus dem Jahre 1887; gemacht ist es in Dresden. Inzwischen sind aber 17 Jahre vergangen, und da bist Du wohl nicht ganz gerecht, wenn Du es den Photographen zuschreibst, daß die neuen Bilder Dir weniger gefallen.
    Über die kleinen Vorgänge des Lebens brauche ich ja nichts zu sagen, da die Tante Dir meine wöchentlichen Briefe wohl meistens schickt, wenn sie das Geringste von Interesse enthalten. Wir hoffen bestimmt, auf etwa 14 Tage nach Bayreuth zu gehen, denken aber mit viel weniger Freude daran, seitdem wir sicher wissen, daß Du nicht da sein wirst.

Dein Houston.
—————
    ¹ Otto K., Hauslehrer H. S. C's. (siehe „Lebenswege meines Denkens“).
    ² Es ist das diesem Briefband beigegebene Bild.
 

125-126 An Dr. Ludwig Woltmann



Wien, 4. März 1904.
VI. Blümelgasse 1.

Sehr geehrter Herr!

    Ihre freundliche Sendung erhielt ich gestern und danke Ihnen bestens. Zwar bin ich infolge des vielen Schimpfens einigermaßen abgestumpft; wenn man die „Grundlagen“ überschätzt, so ist das doch nicht meine Schuld; ich habe das Buch in der Abgeschiedenheit meiner Studierstube geschrieben, ohne zu wissen, ob es je von einer Seele gelesen werden würde, und habe dementsprechend offen und unbefangen gesprochen; es ist mir nie in den Sinn gekommen, daß irgend jemand mich jemals als Urheber einer neuen weltbewegenden Rassentheorie bezeichnen würde; und ich begreife es recht gut, wenn hier und dort ein Fachmann darüber ungeduldig wird und auf meine Person die Gereiztheit überträgt, die eigentlich nur den oberflächlich arbeitenden Journalisten gelten sollte. Doch hat es mich gefreut zu erfahren, daß Sie nicht ganz unfreundlich über mein Werk urteilen. Ich glaube wirklich, es ist nicht so schlecht, wie es die leidenschaftliche Voreingenommenheit vieler macht.
    Weit wichtiger ist es mir aber, Ihnen meine sehr große Freude über Ihre mir vor einigen Wochen mitgeteilte Arbeit über die Germanen in Italien auszusprechen. Meine Frau hatte Ihnen gleich kurz gedankt; seitdem habe ich Ihre vorläufigen Mitteilungen — trotzdem ich augenblicklich eigentlich gar keine Zeit für diese Sachen habe und durch andere Arbeiten über die Maßen in Anspruch genommen bin — gründlich studiert und habe die Überzeugung, daß, wenn es Ihnen wirklich gelingt, das hier nur Angedeutete auszuführen und wissenschaftlich zu belegen, Sie damit ein epochemachendes Werk vollbracht haben werden. Die Konfusion, die in diesen Fragen herrscht, ist geradezu sinnverwirrend; Ihr Werk wird endlich Licht bringen. Ich kann Ihnen nichts Besseres wünschen, als die Kraft und die Ausdauer, es zu Ende zu führen.
    Ihr in besonderer Hochachtung ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

127-138 An J. F. Lehmann


Wien, 8. März 1904.
VI. Blümelgasse 1.

Sehr geehrter Herr!

    Daß ich Ihren ausführlichen lieben und mich nach jeder Richtung hin lebhaft interessierenden Brief vom 26. v. M. erst heute beantworte, müssen Sie mit Rücksicht auf meine Arbeit und auf manche unabweisbare Korrespondenz gütigst entschuldigen. Ich bin Ihnen ganz besonders zu Dank verpflichtet für Ihre Mitteilungen über Ihre eigene Laufbahn und über Ihre Pläne für die Zukunft. Auch habe ich aus Ihrem Briefe die Überzeugung geschöpft, daß Sie und ich geschaffen sind, uns zu verstehen, und daß wir uns hinfürder nicht mehr aus den Augen verlieren werden. Gerade deswegen ist aber die unbedingteste Offenheit zwischen uns vonnöten — ich sage nicht „Aufrichtigkeit“, denn diese versteht sich bei anständigen Menschen von selbst, — ich meine aber jene rückhaltlose Offenheit, die in dieser Welt durchaus nicht überall am Platze ist. Ich habe nun in diesen Tagen mitten unter meinen anderen Beschäftigungen viel über unsere Verhandlungen und über Ihren letzten Brief nachgedacht, und dabei haben sich meine ersten Eindrücke zu festen Überzeugungen entwickelt. Diese Ihnen kurz, aber möglichst klar mitzuteilen, wird der Hauptzweck meines heutigen Briefes sein; lassen Sie mich aber vorher eine Reihe von teils nebensächlichen, teils wichtigen Punkten in Ihrem Briefe berühren, die ich sonst möglicherweise vergessen würde, wenn der Hauptgegenstand unseres Interesses schon zur Erörterung gelangt wäre.
    Eine Bemerkung in Ihrem Schreiben bedarf einer kleinen Berichtigung. Sie meinen, ich hätte mich gewundert, daß Sie in Ihrem ersten Briefe so wenig über den Eindruck gesagt hätten, den meine „Grundlagen“ auf Sie machen, — ich kann Sie versichern, das ist mir so wenig eingefallen und aufgefallen, daß ich den betreffenden Brief habe hervorholen müssen, um mich zu überzeugen, ob Sie wirklich viel oder wenig darin von den „Grundlagen“ gesprochen hatten. Zu den sehr vielen Fehlern, die ich an mir kenne, und den vielen, die mir wahrscheinlich unbewußt bleiben, gehört nicht der „Egotismus“; ich habe keine übertriebene Meinung von meinen Sachen; sie sind von mir vollkommen losgelöst, und ich betrachte sie, wenn auch nicht mit einer ganz reinen Objektivität, so doch nicht anders als wie selbständige Kinder, die ihren Weg durch die Welt machen und den Lebenskampf kämpfen müssen, so gut es ihnen gelingen will; der Vater kann ihnen nicht mehr helfen. Meine „Grundlagen“ namentlich sind ein sehr selbstiges Kind, und hat es mich auch furchtbar enerviert, dieses dicke Buch fünf Jahre hintereinander Wort für Wort durchkorrigieren zu müssen, so habe ich doch immer viel Freude und nicht wenig Erstaunen dabei empfunden, denn ich kann ohne jede Pose sagen, daß ich keine Ahnung habe, wie man so etwas macht. Also jenes „Wundern“ hat es wirklich nicht gegeben. — Übrigens, wieso kommen Sie auf die Zahl 20 000? Sie stimmt nämlich fast mathematisch genau mit der Zahl der heute verkauften Exemplare überein, und da sollte ich doch meinen, daß, wenn auch viele Besitzer das Buch nicht lesen, doch andrerseits die Tausende von Exemplaren in Bibliotheken von zahlreichen Menschen gelesen werden, so daß 20 000 verkaufte Exemplare wohl ohne Übertreibung auf 50 000 Leser schließen lassen. Ich denke, Sie Verleger müssen dafür eine ziemlich sichere Berechnung haben. — Sie reden von einer Volksausgabe; daß es noch keine gibt, ist meine Schuld; Bruckmann wollte sie schon machen, aber mir fehlte die Zeit; ich wünsche, daß diese Ausgabe besser als die große sei und will dafür einige Teile gründlich revidieren.
    Ihre Erwähnung Gunkels berührte mich sympathisch; ich kenne ihn nicht persönlich, habe aber seine Schriften sehr gerne. Die eigentümliche Beschränkung des Fachgelehrten darf man ihm nicht übelnehmen; wie sollten diese armen Leute sonst fertig werden? Aber warum betiteln Sie mich in dem nachgesandten Postskriptum zu Ihrem Briefe „Herr Professor“? Ich bin weder Professor, noch Magister, noch Doktor, noch sonst irgend etwas... aber nein, eben fällt mir ein, das ist nicht wahr, ich bin ja Bachelier ès sciences naturelles et physiques!
    Es war mir lieb, zu erfahren, daß Sie die „Wartburg“ herausgeben; ich bin seit langem Abonnent und finde manches Gute in der kleinen Zeitschrift; namentlich halte ich sie für geeignet, auf gewisse Kreise günstig zu wirken.
    Was Ihr Projekt anbelangt, dessen vorläufiges Programm Sie mir mitteilten, so fühle ich mich im Augenblick nicht fähig, etwas Wertvolles darüber zu sagen. Ich müßte dazu eingeweihter sein. Soweit ich es beurteilen kann, scheint mir das Programm gut. Bedenklich ist mir immer das Mitarbeiten einer größeren Anzahl von Männern an einem und demselben Werke; Einheitlichkeit ist dabei natürlich ausgeschlossen, und das ist immer bei Werken, die — im Gegensatze zu rein wissenschaftlichen Publikationen — einen einheitlichen Eindruck bezwecken, von Nachteil. Doch ist diese Vielfältigkeit der Urheber durch den Gedanken selbst, durch das befolgte Ziel gegeben; und somit ist meine Kritik eigentlich gegenstandslos. Da Sie mich fragen, so will ich gestehen, daß einer Ihrer Mitarbeiter, nämlich Theobald Ziegler, mir nicht sympathisch ist, und zwar nicht deswegen, weil er eine der dümmsten Kritiken über die „Grundlagen“ geschrieben hat, die je geschrieben wurden, sondern weil ich ihn auch sonst immer und überall unausstehlich gefunden habe; so hat er zum Beispiel vor kurzem das Buch Bielschowskys über Goethe durch sein Faust-Kapitel ganz verdorben. Allerdings versichern mir Freunde, er sei ein prächtiger Mensch und dazu sehr selbstlos und energisch; das macht aber noch lange keinen Schriftsteller. Kennen Sie Herrn Pfarrer Dr. Max Christlieb (Freistett, Amt Kehl, in Baden)? Ich glaube, das wäre so recht ein Mann für Ihre Zwecke. Ein äußerst liberaler Theologe, umfassend gelehrt im besten Sinne des Wortes, dabei als Pfarrer mit Kenntnis des praktischen Lebens und dazu noch — als früherer Missionär in Japan — gründlich bewandert in der Kenntnis der verschiedenen Völker und Sprachen dieser Erde. Wenn auch vielleicht jetzt nicht zu gebrauchen, so wäre er doch nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn Sie seine Schreibweise kennenlernen wollen, so finden Sie in den „Preußischen Jahrbüchern“ und in der „Christlichen Welt“ manches von ihm. Soeben erhalte ich den „Theol. Jahresbericht“ für 1902, in welchem Chr. die ganze „Religionsphilosophie“ bearbeitet hat (S. 949 bis 1058). Auf   d e n   haben Sie ein Auge! Augenblicklich schreibt er etwas für Bruckmann, was — zwischen uns gesagt — recht gut für Sie gepaßt hätte und bei Ihnen richtiger am Orte gewesen wäre.
    Und in diesem Zusammenhange möchte ich anregen, ob Sie nicht vielleicht Leopold von Schröders Werk über die arische Religion in Verlag nehmen möchten. Sein früherer Verleger ist gestorben, sagte er mir vorgestern, und die Nichte, die das Geschäft weiterführt, übernimmt nichts Neues. Somit wird er einen neuen Verleger brauchen. Ich nannte ihm Ihren Namen und sagte ihm nur ganz allgemein, ich stünde seit kurzem in Beziehungen zu dem Verleger der „Wartburg“. Er hat mich zwar nicht gebeten, aber doch ermächtigt, Ihnen von seinem Buche zu sprechen, so daß, falls Sie die Sache für eventuell möglich und wünschenswert halten, hiermit der Anstoß gegeben wäre zu weiteren Verhandlungen. Freilich rechnet Schröder selber auf keinen sehr großen Absatz, dafür weiß ich aber, daß er nur bescheidene Gelehrtenansprüche auf Honorierung macht; und ich glaube doch, daß bei den jetzigen Strömungen ein Werk, das sich wie das seine zugleich an den Fachgelehrten und an den gebildeten Laien wendet und ein Thema von so enormem Interesse behandelt, nicht wenig Leser finden wird. Es wird ja die allererste Gesamtbehandlung des Gegenstandes sein, und zwar von einem Manne, der als Indo-Germanist, der sich von jeher außerdem mit vergleichender Volks- und Religionskunde speziell abgegeben hat, zu diesem Zwecke wie wenige befähigt ist. Das Buch — an dessen zweitem Band Schröder jetzt arbeitet — ist durchaus nicht genial in der Anlage und der Ausführung; jedoch übertrifft es in beiden Beziehungen die meisten Bücher der Fachgelehrten. Es ist äußerst klar geschrieben, und der rein gelehrte Apparat steckt fast ganz in den Anmerkungen. — Ich bin gerne bereit, die Vermittlung zu übernehmen; sonst aber ist Professor Dr. Leopold von Schröders Adresse: Wien IX., Maximiliansplatz 13. Schröder ist ordentliches Akademiemitglied.
    Jetzt gehe ich aber zur Hauptsache über.
    Ich werde es noch genauer begründen; lassen Sie mich aber sofort — denn ich kann mit diesem Geständnis nicht warten —‚ lassen Sie mich sofort sagen, daß ich aus Ihrem gesamten Briefe und aus allen Mitteilungen, die er enthält, die bestimmte Überzeugung gewonnen habe, daß   i c h   abseits bleiben soll und muß.
    Ich weiß, das muß sich hart anhören; gerade aber, weil ich — wie anfangs gesagt — so gar nicht egotistisch und ebensowenig egoistisch bin, sehe ich in solchen Dingen sehr klar und mache nicht gerne Umschweife, um anderen mitzuteilen, wie ich sie sehe.
    Sie reden in Ihrem Briefe öfters von Luther, von dem, was er tat, und von der Art, wie er es anfing; um mich nun verständlich zu machen, lassen Sie mich zu einem geradezu horrenden und barocken Vergleiche greifen; sobald er seinen Eindruck hervorgebracht hat, wollen wir ihn über Bord werfen; mein Vergleich ist folgender: ich fühle mich weit mehr mit Christus verwandt als mit Luther. Verstehen Sie, was ich meine? Ich will damit sagen, daß ich mich mehr geeignet fühle, an die Urguellen der Religion hinaufzusteigen, als praktisch reformatorisch einzugreifen. Das hängt mit einer ganzen Menge von Eigenschaften und Anlagen zusammen, die alle in einem Punkte konvergieren. Ein Unabhängigkeitsbedürfnis, das mir den Kontakt mit fast allen Menschen unerträglich macht — sobald, heißt das, ich mich mit ihnen eingliedern soll — ist, glaube ich, bei mir nichts Launenhaftes und Willkürliches, sondern eine wirklich organische Wachstumserscheinung. Ja, ich will ganz ruhig die jedenfalls schwächste Seite dieser Erscheinung offen nennen: es steckt mir tief in der Seele und nur oberflächlich verborgen ein unausrottbarer Aristokratenhochmut. Erschrecken Sie nicht; es rollt ja in meinen Adern gemischtes Blut; mein Großvater, ein uneheliches Kind, hatte zur Mutter ein Mädchen aus dem Volke, also jedenfalls eine echte Angelsächsin; doch von väterlicher Seite stammte er von dem ganz unverfälschten ältesten normannischen Adel; solche Dinge lassen sich nicht verwischen; um das Volk zu lieben, muß ich es nicht zu nahe sehen, sonst wacht sofort der Hochmut auf und nichts würde mich bewegen, für diese Kanaille auch nur einen Gedanken zu Opfern — Da haben Sie das Schlimmste an der genannten Eigentümlichkeit. — Viel tiefer geht eine andere Tatsache. Und hier empfinde ich, daß das Nicht-über-mich-Denken, von dem ich vorher sprach, mir jetzt im Wege ist; denn ich weiß nicht recht, wie ich's Ihnen beschreiben soll. Ich will es so sagen: das Unbewußte spielt in meinem Leben eine geradezu entscheidende Rolle. Zwar bin ich ein ganz nüchterner, vernünftiger Mensch und weise sogar die mystischen Regungen strenge von mir ab; doch hat mich die Erfahrung das eine gelehrt: daß, wo ich ein Höchstes leisten soll, ich es nicht mit Willen, sondern gleichsam aus Eingebung tun muß — worunter ich verstehe, daß das Beste unberechnet, unerklärbar kommen muß. Es handelt sich da um Geheimnisse des Schaffens, die ich selbst niemals zu ergründen versucht habe. So habe ich zum Beispiel in meinen beiden größeren Werken etwas ganz anderes geschaffen, als was beabsichtigt worden war. Man bat mich, ein kleines populäres Buch über Wagner zu schreiben, um damit eine Serie von illustrierten Musiker-Biographien zu eröffnen; ich sagte zu; das war der Augenblick, wo ich das Werk machen wollte; als aber das Werk zu entstehen begann, nötigte es mir gebieterisch eine andere Gestalt auf; das ganze Projekt der illustrierten Musiker-Biographien wurde durch mich in den Grund gebohrt. Nicht unähnlich erging es mit den „Grundlagen“. Ich wurde gefragt, wie man ein Werk über das 19. Jahrhundert anlegen müßte. Ich machte einen Entwurf und erhielt den Auftrag, das Buch zu schreiben; ich verpflichtete mich auch kontraktlich dazu. Doch unter meinen Händen entstanden dann „Die Grundlagen“, und das Buch über das 19. Jahrhundert blieb ungeschrieben. Sie müssen nicht etwa die Sache so auffassen, als ob ich nicht mit großem Bewußtsein und besonnenster Überlegung zu Werke ginge; wenn Sie mich einmal in Wien besuchen, werde ich Ihnen jenen allerersten Entwurf zeigen, und Sie werden sich vielleicht wundern zu sehen, wie genau die „Grundlagen“, wie sie jetzt dastehen, gleich am ersten Tage entworfen wurden. Das ist aber eine Art Inspiration, und ich hatte selbst keine Ahnung vom Wert und von der Bedeutung dessen, was ich da entworfen hatte. — Noch bezeichnender ist das Werden meines Kant-Buches. Einige Damen bitten mich um Rat wegen Kant-Lektüre. Ich lasse meine Arbeiten liegen und werfe in geradezu rasender Eile einige kurze Vorträge aufs Papier — und jetzt arbeite ich seit vier Jahren daran und habe ein Werk geschaffen, über das ich selbst immerfort staune, weil ich gar nicht begreife, wie ein Mensch überhaupt auf diesen Gedanken kommen konnte. — Sie sehen, es liegt hier — wenn auch in kleineren Verhältnissen — etwas vor, was Goethe an sich selbst das „Nachtwandlerische“ nennt — Goethe, der so positive, fast pedantische Mann!
    Und wie wollen Sie da einen solchen Mann in große, wichtige Pläne hineinbringen, wo — wie Sie mit Recht immer wieder betonen — es auf „System“, „Organisation“, „Pläne“ usw. ankommt und wo — wie Sie ebenfalls mit Recht sagen — „das Ziel von langer Hand ausgearbeitet sein muß“? Auch was Sie von Herumreisen und öffentlich Reden sagen, ist ja ganz richtig, paßt aber nicht auf mich. Ich bin nur ich in der völligsten Einsamkeit; sobald ich in die Gesellschaft von auch nur drei oder vier Menschen gehe, zieht sich das bessere ich vollkommen zurück. Ich kann mir allerdings vorstellen, daß ich unter bestimmten zwingenden Umständen ein öffentliches Amt — ich meine, die öffentliche Vertretung einer Sache — übernehmen würde; das würde aber nur durch äußerste Nötigung geschehen; es müßte sich als die Pflicht aller Pflichten mir aufzwingen. Gäbe es gar kein Entkommen mehr, dann würde ich am Ende auch in dieser Beziehung meinen Mann stellen.
    Im Grunde genommen sind es also praktische Bedenken, die mich wünschen lassen, in meiner literarischen Tätigkeit vollständig außerhalb jeglicher Gruppe und jeglichen besonderen Strebens zu stehen. Ich glaube, ein gegenteiliges Verhalten würde meine Kräfte aufzehren und schließlich vernichten. Auch die Beziehungen mit einflußreichen Kreisen, auf die Sie anspielen, könnten dadurch nur gefährdet werden: so als einzelner, kaum einmal einer Nation Angehörender, also außerhalb eines jeden Verbandes Stehender, bin ich frei, bin ich ich, und jeder kann mit mir offen verkehren, ohne sich nach irgendeiner Richtung hin etwas zu vergeben. Keine Partei kann mich für sich beanspruchen. So ist es recht, und so habe ich auch den größten Einfluß.
    Alles, was ich da mehr oder weniger ungeschickt, au courant de la plume vorbringe, läßt sich vielleicht in eine Formel fassen, eine paradox klingende Formel, deren Sinn aber Ihnen nach und nach aufgehen wird:   u m   z u   k ö n n e n ,   m u ß   i c h   n i c h t   w o l l e n.   Dieses Nichtwollen, wie ich es nenne, ist in Wirklichkeit eine sehr hohe Äußerung des Willens; Schopenhauers „Verneinung des Willens“ ist dagegen ein Kinderspiel; hier kommt es darauf an, nicht zu wollen, damit dann der Wille zu jener Tat, die (gleichsam in einer anderen Dimension) gefordert und geleistet werden soll, vollkommen frei und ungeschmälert zur Verfügung stehe. Sobald der Mensch „will“, beschränkt er; die ganz große Gewalt, diejenige, die Unerklärliches schafft, liegt jenseits. Das ist eine Überzeugung, die mein Wesen durchdringt; sie ist mir eine Lebenserfahrung. Ich weiß nicht, ob Ihnen der Tâoismus bekannt ist, den ich in den „Grundlagen“ S. 743 f. kurz erwähnt habe? „Wer nicht sucht, der findet; wer nicht anklopft, dem wird aufgetan.“ Der chinesische Weise hat das Paradoxon ins Groteske übertrieben; er sucht eben nach der Möglichkeit, eine Erkenntnis auszudrücken, die in Worte gar nicht zu fassen ist. Mit dem Wollen frißt man sich sozusagen selber auf, und zwar mit dem weiteren Nachteil, daß es die Logik ist, die den Weg gezeichnet hat, und diese sieht nicht weiter als die eigene Nasenspitze; dagegen das Nichtwollen — wie ich es meine — das Gemüt gleichsam jungfräulich, sündenlos und insoferne ewig jung läßt, dabei frei, das Unerwartete, Nichtvorhergesehene, Über- und Außerlogische zu vollbringen — die eigentliche schöpferische Tat. Nun liegt es mir ferne, diese Erkenntnis anderen aufdrängen zu wollen; ein Lebensgesetz für mich braucht nicht für alle ein Gesetz zu sein. Doch ich selber muß mich dagegen wehren, daß ich in irgendeine Organisation, in irgendeinen Plan, in irgendeine Partei eingespannt werde. Freilich denken Sie hoch von mir, Sie reden von den „Jüngern“, die meiner warten, und stellen mich in Gedanken auf einen Posten, wo ich mehr der Meister wäre, der das Gesetz gibt, als einer aus dem Heere, der das Gesetz empfängt; doch mir sagt diese Aussicht nicht zu; keinen größeren Knecht gibt es als den, der anderen befiehlt. Ich will und ich muß abseits stehen. Ich will nicht als Weltbeweger auftreten; „hinter dem Kreuze steckt der Teufel“ ist ein Lieblingswort des Cervantes; die Reinheit, die ich erstrebe, ist die von jeglicher Eitelkeit; ich will gewissenhaft weiterschaffen, weil ich es als Pflicht empfinde und auch als Freude; doch soll das Leben in meiner Seele wie das Leben in einem Wassertropfen sein, eine abgeschlossene Welt für sich; ob dieses Leben zugleich ein Werkzeug in den Händen höherer Mächte ist oder nicht, diese Frage frage ich nicht einmal. „Wer sich heute nicht mit Gewalt isoliert, ist verloren“, sagte einmal Goethe; und an anderer Stelle: „Wer auf die Welt wirken will, darf sich nicht mit ihr einlassen.“ Beides ist mir aus der Seele gesprochen. In früheren Zeiten zogen sich gewisse Menschen in die Wüste oder auf einen Gipfel zurück und erhoben von dorther ihre Stimmen, und sie wurden gehört; heute stehen Palace-Hotels in den Wüsten und auf den Gipfeln, — unser Wille ist es, der uns isolieren muß.
    Kurz, je mehr ich mir Ihr Vorhaben vergegenwärtige und je wärmer dadurch die Sympathie wird, die ich ihm und namentlich auch Ihnen persönlich entgegenbringe, um so mehr empfinde ich, daß ich außerhalb verbleiben muß. Ich muß es im Interesse dieses Vorhabens selbst, und ich muß es in meinem Interesse. Denn erstens liegt die Gefahr näher, als Sie vielleicht glauben, daß meine Gegenwart genügen würde, Ihre wohldurchdachten Pläne über den Haufen zu werfen. Einige sehr ergebene Freunde habe ich unter den Fachgelehrten, dafür aber zahllose erbitterte Feinde; wenn Sie meinen Namen nennen, fallen viele von Ihnen ab, und das wäre schade; außerdem kann es vorkommen, daß ich der Sache eine Richtung gebe, die mit Ihren praktischen Plänen gar nicht übereinstimmt; das kann ich nicht wissen. Und zweitens, da ich mein Bestes unabhängig und isoliert leiste und dieses Beste dann aller Welt zur Verfügung steht, also auch für Ihre Pläne brauchbar ist, so wäre es unverantwortlich, wollten wir uns mit einem Zweitbesten begnügen.
    Und darum möchte ich Sie offen und ehrlich bitten, unser Verhältnis ein anderes sein zu lassen, als Sie es sich ursprünglich gedacht und ich es selber aufgefaßt hatte: nicht das des Verlegers und des Schriftstellers, sondern das zweier Freunde, die auf verschiedenen Wegen ähnlichen Zielen zustreben, — der eine mit vollem Bewußtsein und festen Plänen, der andere, wie ihn der Dämon treibt, der eine als echter Reformator, der andere als Künstler und Denker. Es ist mir nämlich bei der Überlegung Ihrer Vorschläge so recht zu Bewußtsein gekommen, welches providentielle Schicksal in der Tatsache meines Verlagsverhältnisses zu Bruckmann waltet. Ich habe es nicht gesucht; er auch nicht; ein Zufall hat es gefügt. Nun bin ich aber dort gewissermaßen allein, isoliert, ganz für mich. Diese Firma ist doch schließlich in erster Reihe ein Kunstverlag und wird es immer bleiben; auch ich bin durch die Kunst mit ihr in Verbindung getreten; der Buchverlag ist Nebensache und ohne jede bestimmte Richtung. Auch das Freundschaftsverhältnis zwischen Hugo Bruckmann und mir könnte ich ein vorwiegend „künstlerisches“ nennen: denn wir haben in manchen Beziehungen wenig Gemeinsamkeit der Empfindungen und Interessen; dafür aber schätzt er sehr meine Leistungen rein als solche, künstlerisch-objektiv — und das ist etwas, was mir eine um so größere Freude macht, als sie mir seltener zuteil wird, und ich selber schätze an ihm außer der geschäftlichen Energie und Zuverlässigkeit den Geschmack, der nicht nur äußerlich sich kundtut (wenngleich ich hierfür empfindlich bin), sondern auch innerlich in dem ganzen Verhältnis zwischen uns sich bewährt. Wir stehen uns nahe genug, damit die schon zehn Jahre dauernden Beziehungen sich stets angenehm gestalteten, und ferne genug, damit ich mich völlig unabhängig fühle. Daß aber sein Verlag außerhalb der Kunst gar keine bestimmte Richtung hat, ist für mich gerade recht; so bin ich ich, und Bruckmann ist mein Verleger.
    Nun möchte ich aber nicht von Ihnen mißverstanden werdend. Dem Leser kann es gleichgültig sein, ob ein Buch bei Kunz oder bei Meier erschienen ist; und an und für sich wäre es mir sehr sympathisch, bei einem so gesinnungsvollen, wackeren, mir in vielen Dingen gleichgesinnten Manne wie Sie zu verlegen. Materielle Interessen spielen weder für Sie noch für mich hierbei eine Rolle: für mich nicht, da Sie mir dieselben Bedingungen wie Bruckmann anbieten, für Sie nicht, da Sie große Opfer für die Verbreitung bringen wollen. Ich denke einzig und allein an mein Gemüt und dessen geheimnisvolle Gesetze; denn hiervon hängt alles, was ich produzieren kann, ab. Und da möchte ich mich völlig frei fühlen, — nicht nur kontraktlich, sondern innerlich. Ich will wissen, daß niemand etwas erwartet, auf etwas wartet, auf etwas rechnet, etwas voraussetzt. Wird mein Buch über Religion populär ausfallen? Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen; für das eigentliche Popularisieren scheine ich wenig Sinn zu besitzen, und alles Demagogische ist mir verhaßt. Wird das Buch für oder gegen eine besondere Richtung ausfallen? Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen. Ist jetzt der Augenblick, daß es an die Reihe kommen soll, oder soll ein reiferes Alter abgewartet werden? Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen; das merke ich erst, wenn ich darangehe; ich bin in dieser Beziehung ganz unfrei und war schon mit Leib und Seele für Aufgaben begeistert, die ich dann unfähig war zu lösen. Ich vermag es nicht, mich künstlich zu zwingen. Was   i c h   nicht leiste, wird ein anderer leisten. Kein Mensch ist unentbehrlich, und vor Gott hat nichts Eile. Mehrere Aufgaben harren meiner; in diesem Augenblick, wo der „Kant“ alle Kräfte beansprucht, bin ich unfähig, das Zukünftige zu übersehen; ich bin ganz Gegenwart. Wohl hat mich Ihr Vorschlag gewaltig ergriffen und vielleicht um so mehr, als ich bei der eingehenden Beschäftigung mit Kant mich viel mit Religion zu befassen habe; ich möchte mich gleich auf die Sache stürzen; vielleicht tue ich es; vielleicht aber auch nicht. Die Reihenfolge: Wagner, Grundlagen, Worte Christi, Kant war nicht vorher berechnet, ist aber darum so organisch; ich will mich nicht jetzt mit logischen Erwägungen in diese Entwicklung hineinmischen, sondern die Sache weiterwachsen lassen. Und dasselbe möchte ich von Ihnen mir gegenüber in Freundschaft erbitten.
    Durch Ihre Anregung haben Sie für alle Fälle meine Gedanken stark beeinflußt und dadurch vielleicht auch mein Weiterschaffen; vom ersten Augenblick an habe ich den Eindruck gehabt, hier klopft wieder einmal das Schicksal vernehmlich an die Pforte. Doch bezüglich der Verwirklichung läßt mich mein durchaus nüchternes, besonnenes, auf Erfahrung beruhendes Urteil einen anderen Weg der Weiterentwicklung als einzig ersprießlich erkennen. Auch Sie hiervon zu überzeugen, bezweckt diese übermäßig lange Epistel.
    Übrigens ist es, was meine Person betrifft, nicht unerläßlich, daß irgend etwas sofort abgemacht werde; die Sache kann in der Schwebe bleiben. Was dagegen nicht in der Schwebe bleiben konnte, das sind die bestimmten Erwartungen, die Sie an meine Mitwirkung knüpfen; hier war ich verpflichtet, sofort volle Klarheit zu geben.
    Mit dem Ausdrucke besonderer Sympathie und aufrichter Verehrung

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain

    Beim Wiederlesen dieser Zeilen habe Ich den Eindruck, als ob manches Ihnen vielleicht mystisch überspannt vorkommen könnte; doch wäre das Ihrerseits ein Irrtum; ich urteile sehr praktisch und besonnen und habe von meinem Erbteil des englischen matter-of-fact nichts eingebüßt. Ich liebe aber die Offenheit und versuche — so gut es gehen will — die Dinge so auszusprechen, wie sie sind, nicht in fertig vorliegenden Redensarten.
 

138-140 An Graf Wallis



Wien, 2. April 1904.
VI. Blümelgasse 1.

Sehr geehrter Herr Graf!

    Entschuldigen Sie, wenn ich erst heute dazu komme, Ihnen meinen Dank für Ihre Sendungen auszusprechen. Ich weiß, es ist sehr unartig, doch wissen Sie durch Rantzau, wie wenig ich augenblicklich als normaler Mensch aufzufassen bin. Wirklich, ich verdiene Nachsicht, denn bei der augenblicklichen Art meiner Arbeit weiß ich von Zeit nichts, und kaum bin ich aufgestanden, ist es schon Abend.
    Eine Abwesenheit meiner Frau habe ich nun benutzt, um abends eine große Menge Sendungen durchzusehen, darunter auch die Ihrige. Es war mir recht interessant, nach langer Zeit wieder englische Journale zu lesen; seit dem Tode eines alten Onkels, vor zwei Jahren, sehe ich nie mehr welche. Allerdings deprimiert mich diese Lektüre immer wieder, denn trotz des vielen Vortrefflichen, ja Unvergleichlichen in meinem Volke finde ich doch gar Vieles sehr bedenklich in den Erscheinungen seines Lebens; in solch einer Revue liegt das alles schwarz auf weiß. Ein großer Mangel an Kenntnissen und an Urteil, ein rettungsloses Eingeschlossensein in überkommene Vorurteile usw. Wie kann man sich von solch einem saltimbanque wie B. in einer ernsten Zeitschrift über politische Dinge etwas vorerzählen lassen? Das ist ja der berühmte Mann, der vor einigen Jahren nach Österreich geschickt wurde, um die hiesige politische Lage gründlich zu untersuchen; man glaubte, er würde mindestens sechs Monate dableiben — wie sollte denn ein Ausländer in kürzerer Zeit auch nur einen oberflächlichen Einblick in das hiesige Wirrwarr gewinnen? Doch er blieb genau zwei Tage — weder mehr noch weniger; und als man ihn erstaunt fragte: Was, Sie reisen schon nach England zurück?, erwiderte er: Aber ja, ich habe schon von Dr. Kramař alles erfahren, ich kenne mich genau aus in der österreichisch-ungarischen Politik.
    Am meisten hat mich der Aufsatz von Crackanthorpe „Behind the fiscal veil“ interessiert. Das ist einer, der einmal die Wahrheit sagt und über dieses entsetzliche Elend, in dem die übergroße Mehrzahl aller Engländer schmachtet, sich keine Illusionen macht. Sehr interessant ist auch Fairbairns Aufsatz über Herbert Spencer; namentlich der Hinweis auf die vollendete philosophische Unzulänglichkeit bei diesem bedeutenden Manne, der einem aus ganz anderen Gründen sympathisch und interessant sein muß und nicht, wie die deutschen Professoren uns vordozieren, weil er ein „großer Philosoph“ gewesen sei. Sir Oliver Lodges Aufsatz über den freien Willen hat mich ebenso belustigt wie empört; man sieht, daß ein Engländer einer der größten Physiker sein kann, ohne auch nur einen Dunst zu haben von dem, was die Menschheit seit dreitausend Jahren gedacht hat.
    Dem Buch von Ledos habe ich keinen Geschmack abgewinnen können; wenn der Franzose schwärmt, ist er unerträglich. Ich liebe ihn nur präzis und empirisch. Eine ganze Reihe prächtiger Menschen haben die Franzosen heute auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften — wirkliche Klassiker des Denkens, des Beobachtens und des Stils. An die halte ich mich. Übrigens hatte ich gerade eine große Sendung von „Revue des deux mondes“ durchgenommen: welch ein Unterschied! Gott erhalte uns Frankreich und die Franzosen!
    Mit bestem Gruße, vielem Dank und der Bitte, meiner auch fernerhin bisweilen in Güte zu gedenken, bin ich, sehr geehrter Herr Graf,

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

140-141 An Feldwebel Walter



Wien, 13. April 1904.
VI. Blümelgasse 1.

Sehr geehrter Herr!

    Nun muß ich doch wieder zur Feder greifen oder wenigstens zum Blei meines Stenographen. Denn ich möchte nicht, daß auch nur der Schatten eines Mißverständnisses zwischen uns schwebte. Meine Zeilen neulich waren ganz flüchtig und eilig geschrieben, eigentlich bloß, um Sie auf die Sendung vorzubereiten. Es lag mir ferne, einen Zweifel an dem Bildungsgrad des preußischen Unteroffizierskorps auszusprechen; die große Leistungsfähigkeit gerade dieses Korps ist mir aus der Geschichte bekannt; ich betrachte es als den Kern der deutschen Armee. Ich hatte es ganz anders gemeint. Ich gehöre nämlich selber zu einer Familie, in der — Sowohl väterlicher- wie mütterlicherseits — die meisten Männer sich dem Waffenhandwerk widmen. Mein Vater und seine sämtlichen Brüder waren bis zu ihrem Tode im aktiven Dienst; ich selber bin nur durch den Zufall einer Erkrankung nicht Offizier geworden. Und so fühle ich mich denn in mancher Beziehung viel mehr als Soldat denn als Schriftsteller; wie Sie aus meinem Buche hier und da bemerkt haben mögen, will es mir nicht immer recht gelingen, viel Sympathie für die gelehrten Berufsarten aufzubringen; ich bin ein Mann, der für Ideen   k ä m p f t,  der für ihren Sieg mit dem Schwert in der Hand streitet, — nicht ein Tintenkuli. Und so habe ich denn immer eine besondere Freude über die Anerkennung von Soldaten; es ist für mein inneres Gefühl ein Trost gegen manche Verunglimpfung, die mir von Pfaffen und Professoren zuteil wird. Natürlich aber geschah es — wenigstens bisher — und trotz mancher schöner Briefe, nicht gar so oft; um so größer ist die Genugtuung.
    Im übrigen muß ich Ihnen sagen, daß ich zwischen den Ständen, soweit sie durch das Glück der Geburt bestimmt sind, gar keinen Unterschied mache; ich persönlich stehe vollständig außerhalb dieser sozialen Klassifikation. Mein bester Freund — jedenfalls einer der besten, die ich je gehabt habe — war ein französischer Matrose, der weder lesen noch schreiben gelernt hatte und mit dem ich viele Jahre intim befreundet war; er war einer der originellsten Denker und der tüchtigsten Menschen, die ich je gekannt habe. Von Ihm aus bis zu Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser habe ich Beziehungen in allen denkbaren Klassen der Gesellschaft gehabt und weiß schon längst, daß das Individuum allein — die Persönlichkeit des betreffenden Menschen — Wert besitzt.
    Und somit für heute genug.
    Mit einem festen Händedruck verbleibe ich

Ihr hochachtungsvoll ergebener

Houston Stewart Chamberlain.
 

142-144 An Leutnant Max Lang



Wien, 6. Mai 1904.
VI. Blümelgasse 1.

Sehr geehrter Herr!

    Haben Sie wärmsten Dank für Ihr gütiges Schreiben vom 27. April. Leider bin ich aber nicht in der Lage, es in angemessener Weise zu beantworten: die Fragen, die Sie stellen, würden eine umfangreiche, eingehende Erwiderung fordern, und dazu fehlt mir augenblicklich die Muße vollständig, und auch meine Gedanken sind zu sehr von meiner Arbeit beansprucht.
    Auf die Hauptsache möchte ich zunächst mit einer zahmen Xenie Goethes antworten:

Ursprünglich eigenen Sinn
Laß dir nicht rauben!
Woran die Menge glaubt,
Ist leicht zu glauben.
Natürlich mit Verstand
Sei du beflissen;
Was der Gescheite weiß,
Ist schwer zu wissen.
    Hierin steckt in aphoristischer Form alles, was ich im allgemeinen und grundsätzlich auszuführen hätte: woran die Menge glaubt, ist leicht zu glauben, wogegen: was der Gescheite weiß, ist schwer zu wissen. Es wundert mich nicht, daß Sie es sehr bequem fanden, im Gedankenkreise der Büchner und Häckel eine Weltanschauung zu besitzen, und daß Sie jetzt, nachdem meine „Grundlagen“ Ihnen die Kenntnis unvergleichlich bedeutenderer Geister vermittelt haben, sich in einer schwierigen Lage befinden. Niemand, der auch nur eine bescheidene Befähigung zum Selbstdenken besitzt, wird sich auf die Dauer beim dogmatischen Materialismus beruhigen können; die Sache ist ja gar zu dumm. Die Atome, von denen Büchner so Ersprießliches zu erzählen weiß, existieren ja nirgends; sie sind nur eine Methode, über die Erfahrung nachzudenken; die höhere Physik selbst der rein empirischen und antiphilosophischen Forscher hat sie schon längst abgetan. Und was sollte das etwa bedeuten: das Denken ist eine Bewegung von Atomen? Nein, so einfach liegt die Sache nicht, und in Wirklichkeit wurzelt alle positive Wissenschaft in Plato und das heißt in der Erkenntnis von der Bedeutung der Ideen, und in einer Verzichtleistung auf die Erklärung des Mysterium magnum.
    Ich möchte Ihnen dringend empfehlen, vor allem Friedrich Albert Langes „Geschichte des Materialismus“ zu studieren. Das Buch ist für jeden gebildeten Laien durchaus verständlich und ist ohne Frage eines der besten Bücher, die es in deutscher Sprache gibt. Allerdings muß ich Sie auf eine Sache aufmerksam machen: der allerletzte Teil, das heißt also der 4. Abschnitt des 2. Buches, bleibt besser weg; hier, wo der Verfasser nicht mehr kritisch darlegt, sondern konstruktiv die religiösen und sozialen Fragen des heutigen Tages behandelt, wird er sehr Schwach; wozu noch der Umstand kommt, daß die neueren Auflagen von Hermann Cohen in Marburg besorgt worden sind, der allerlei Eigenes als Ergänzung geliefert hat. Von dem allen muß man nun ganz absehen. Die Hauptsache ist die Entwicklung des Materialismus und der Wissenschaft bis zu Kant, dann die Darstellung von Kant selbst (die zwar nicht ganz fehlerlos ist, doch immerhin eine der besten, die wir bisher besitzen) und dann, was sich unmittelbar daran anschließt — namentlich die Ausführungen über die moderne Psychologie. Lange ist ja — wie Kant es war — ein überzeugter Materialist, soweit die theoretische Wissenschaft in Betracht kommt; der Fehler ist, zu glauben, daß die theoretische Wissenschaft der Natur imstande sei, das Lebensproblem zu lösen; in Wirklichkeit ist sie völlig unfähig, auch nur ein einziges Problem der Natur zu lösen, denn ihr Prinzip ist: bei der Betrachtung der Natur fast alles in Wahrheit Gegebene zu entfernen, um auf diese Weise nur eine Art Schema von Zeit, Raum und Bewegung übrig zu behalten. Hiermit leistet sie freilich Großartiges; man soll nur nicht glauben, daß das Weltweisheit sei, noch weniger Kultur.
    Das Beste ist doch immer, sich an die wirklich großen Geister zu halten; was ist denn natürlicher, als bei denen Rat und Hilfe zu suchen, die uns überlegen sind und deren strahlendes Genie nicht einmal Neid und Unverstand auf die Dauer in Abrede zu stellen vermögen? Als Pasteur, der genialste Naturforscher des 19. Jahrhunderts, auf dem Sterbebett lag, ließ er einen befreundeten Philosophen zu sich berufen, der ihm noch einmal Kants Gedanken vom kategorischen Imperativ darlegen und erläutern sollte. So handelt ein Großer, ein Naturforscher der strengsten empirischen Richtung!
    Ich bin selber seit vier Jahren beschäftigt, ein Buch über Kant zu schreiben, das ich als eine Art erster Einführung in diese Gedankenwelt mir gedacht habe. Freilich, ohne jede Bemühung wird auch dieses Buch nicht zu genießen sein; Popularisierenwollen ist bewußter oder unbewußter Betrug. Nur durch Arbeit kann man sich zu der Weltanschauung großer Männer emporringen. Doch habe ich alles Technische vermieden und mich damit begnügt, das Persönliche an diesem Denken möglichst mitzuteilen, wobei noch eine ganze Reihe andrer großer „Weltanschauer“ zur Illustration herangezogen wird. Ich habe gerade das letzte Kapitel in Arbeit, und wenn auch nach seiner Vollendung viel zu tun übrig bleibt, so hoffe ich doch, daß das Buch im Laufe des nächsten Winters wird erscheinen können. In mancher Beziehung werden Sie es als eine ausführliche Antwort auf Ihren Brief betrachten können.
    Allerdings ist mein Buch nicht so verfaßt, daß irgend jemand sich bei dem beruhigen könnte, was es bringt; vielmehr ist seine ausdrückliche Absicht, hinauszuführen und hinaufzuführen zu unseren größten Männern — zu einem Descartes, einem Plato, einem Goethe, einem Kant.
    Für heute lassen Sie sich, bitte, an diesem Wenigen genügen und empfangen Sie nebst meinem wiederholten Dank die Versicherung meiner vollkommenen Hochachtung.

Houston S. Chamberlain.
 

145-146 An Graf Wallis



Wien, 29. Mai 1904
VI. Blümelg. 1.

Sehr geehrter Herr Graf!

    Mit derselben Post sende ich Ihnen mit verbindlichstem Dank die drei Zeitschriften zurück: zwei „Contemporary“ und eine „Nineteenth Century“. Bei weitem am meisten — so daß alles übrige dagegen ganz in den Hintergrund tritt — hat mich der Aufsatz von Roderick Jones über The Black Peril in South Africa interessiert. Wenn Sie ihn nicht gelesen haben sollten, so bitte ich Sie dringend, es zu tun. Die Blindheit sämtlicher Europäer in dieser Frage ist geradezu entsetzenerregend. Ich möchte Sie bitten, als Ergänzung einen Aufsatz von Harry Fiedler in den „Preußischen Jahrbüchern“ für April 1904 zu lesen über die Negerfrage in Amerika. Dieser Aufsatz ist um so lesenswerter, als der in Neuyork lebende Verfasser vom unbedingt negrophilen Standpunkt aus spricht und seine ganzen Darlegungen auf Negerbüchern beruhen; wer aber Augen hat, sieht um so deutlicher in die Verhältnisse hinein. Sehr charakteristisch ist es, daß Fiedler, wie die meisten anderen Schwärmer, eine kleine Fälschung begeht, indem er nämlich immerfort von dem Booker Washington als von einem Vollblutneger spricht, ohne einen auch nur ahnen zu lassen, daß er ein Mulatte ist, und zwar mit 1/2 oder 1/3 weißem Blut. Ich erfuhr das zuerst durch einen Schweizer, der 14 Jahre lang in Südamerika gelebt und Washington gut gekannt hat; dieser sehr gebildete Mann war als Menschheitsrechtler, als gläubiger Christ usw. für die Neger schwärmend, hinübergegangen; jetzt spricht er anders, denn er hat als redlicher Mann beobachtet und kennt die Gefahr. Dann bestätigten es mir im vorigen Jahre zwei Amerikaner, und vor 14 Tagen nahm mir die letzten Zweifel einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Anthropologen Deutschlands, der sogar alle Daten über Washington besitzt. Sie sehen also, daß mit diesem Paradeneger ein geradezu frevelhaftes Spiel getrieben wird, denn die organisatorischen Talente eines Mannes, der zur Hälfte Angelsachse ist, beweisen natürlich gar nichts für die Begabung der wirklichen Neger. Haben Sie übrigens Pritchards „Where Black rules White“ gelesen? Wenn nicht und wenn diese große Frage Sie interessiert, dann bitte ich Sie, es gleich zu tun.
    Gott, wie dumm, wie dumm sind nicht die Menschen! Wenn in Europa ein Mensch zu behaupten wagt — was doch die gesamte Natur bezeugt —‚ daß   R a s s e   etwas zu bedeuten habe, wird er als Fanatiker, als Pfaffe, als weiß Gott was alles gebrandmarkt und verfolgt; außerhalb Europas aber weiß jede Mensch — denn der bloße gesunde Instinkt genügt hierzu —,   d a ß   Rasse etwas ist, und   w a s   es ist; und hier sehen Sie die Neger in ihrer ersten großen Weltorganisation sofort als ersten Artikel den festsetzen: nur Neger dürfen aufgenommen werden. Das kann schön werden, wenn die Herren vom Stamme und der Richtung der „Neuen Freien Presse“ noch lange bei uns ausschlaggebend sind!
    Es hat mir recht herzlich leid getan, mich niemals in diesem Frühjahr bei Ihnen anmelden zu können; erst hielt mich die Pflicht der Arbeit Tag für Tag; zuletzt war ich krank. Jetzt gedenken wir, Anfang dieser Woche zu verreisen, und zwar zunächst nach Tarasp, wo wir bis Ende Juni bleiben (Kurhaus), um dort eine Kur zu gebrauchen. Dann geht's ins Hochgebirge.
    Mit wiederholtem Dank

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

146-148 An Prof. Werner Sombart



17. Juni 1904.
Kurhaus.
Tarasp.

Sehr geehrter Herr!

    Mit bestem Dank bestätige ich den Empfang Ihres geehrten Schreibens vom 9. d. M., das mit einiger Verspätung gestern in meine Hände gelangte.
    An Ihrem „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ mitzuarbeiten, wäre für mich eine Ehre, doch wird es wohl mein Bildungsgang und meine unbedingte Hochhaltung echter, objektiver Wissenschaft mit sich bringen, daß ich in Ihrem Archiv nur lerne, nicht aber andre zu belehren mich vermesse. Zwar bin ich nach einer durch Krankheit und andre Umstände verzettelten Jugend in reiferem Alter ein eifriger „scholar“ geworden — im englischen Sinne dieses Wortes — und gedenke, es bis zu meinem Tode zu bleiben, doch habe ich ein viel zu gesundes Urteil, als daß ich mir einbilden sollte, ein Mensch könnte nachträglich ein wirklicher   G e l e h r t e r   werden im fachmännischen Sinne des Wortes. Es geschieht nicht ohne Schmerz, doch muß ich mich bescheiden, auf einem andren Gebiete, nicht auf dem der Wissenschaft, Nützliches zu leisten oder wenigstens den Versuch hierzu zu machen, — da mir ein Dämon doch keine Ruhe läßt und mich immerwährend antreibt, das, was ich weiß oder denke, was dunkel im Bewußtsein schwebt, plastisch klar zu gestalten.
    Das Buch von Friedrich Hertz kenne ich nicht; eine Arbeit über Immanuel Kant beschäftigt mich seit mehreren Jahren intensiv und fast bis zur völligen Erschöpfung meiner Kräfte. Bruchstücke von Hertzens Buch, die mir in verschiedenen Zeitschriften zu Gesichte kamen, interessierten mich, doch zeugte der gegen mich angeschlagene Ton von einer völligen Mißdeutung meines Zieles und damit auch meiner Leistung; in eine persönliche Polemik würde ich mich unter keiner Bedingung einlassen; außerdem fehlt mir die Ruhe und die Lust zu anderen Arbeiten, ehe ich nicht mein Kantbuch, das fast beendet vorliegt, abgeschlossen habe.
    Über die Rassenfrage ganz allgemein habe ich seit langem eine kurze, fachliche Übersicht für eine Enzyklopädie versprochen; ich glaube, ich werde genötigt sein, diese kleine Arbeit im Herbst zu machen, da der Buchstabe R, wie ich höre, heranrückt. Sollte sie mir einigermaßen gelingen, so könnte ich sie Ihnen vielleicht vor dem Erscheinen in dem betreffenden Sammelwerke zum Druck anbieten — wenn der Herausgeber es gestattet; doch mache ich diesen Vorschlag zögernd und eigentlich nur, damit Sie an meinem guten Willen nicht zweifeln.
    Mit der Bitte, den Ausdruck meiner besonderen Hochachtung und den Dank für reiche Belehrung und Anregung entgegenzunehmen, bin ich, sehr geehrter Herr,

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

148-151 An Prof. Ludwig Stein



Wien, 19. September 1904.
VI. Blümelgasse 1.

Sehr geehrter Herr!

    Gestern abend in Wien nach langer Abwesenheit eingetroffen, finde ich unter der Unmenge angehäufter Korrespondenz auch Ihre freundlichen Zeilen vom 13. d. M. und bedauere, daß Sie durch diesen Zufall ohne rechtzeitige Antwort geblieben sind. Zugleich finde ich einen Brief der Komtesse de Gasparin aus Orange vor, die mir viel von ihrer Begegnung mit Ihnen bei dem liebsten meiner Freunde, Agénor Boissier, mitteilt.
    Für Ihre gütige Absicht, mich zu besuchen, danke ich Ihnen verbindlichst; vielleicht ist das Schicksal ein anderes Mal günstiger, entweder hier oder in Bern — wo ich mich in diesem Jahre auf der Durchreise nur einmal eine Nacht, von 8.30 abends bis 6.50 früh aufhielt.
    Mlle. de Gasparin scheint meine Verteidigung sehr hitzig geführt zu haben, mit der ganzen Generosität und dem Überschwange des Südländers. Mich hätten Sie viel toleranter gefunden. Es leben — soweit ich sehe — nicht viele Menschen unter uns, die so wenig dogmatisch wie ich sind, so sehr bestrebt, das Denken und Fühlen anderer — soweit es gelingen will — zu verstehen und zu würdigen. Das ist aber kein Grund, seine eigenen Ansichten nicht frank und frei auszusprechen. Nichts ist mir verhaßter als das ewige Verklausulieren und das feige Wegnehmen mit einer Hand dessen, was man mit der andren gegeben hat. Eine Eigenschaft meiner „Grundlagen“ ist gerade der gänzliche Mangel an Vorsicht; wozu noch kommt, daß ich dieses Buch als ganz unbekannter Mann schrieb, in der Stille meiner Stube, gleichsam nur für mich; wie hätte ich den Erfolg voraussehen können? Wer mir Irrtümer nachweist, tut recht daran; wer — wie hin und wieder geschehen — mir Perfidie und Unlauterkeit vorwirft, ist selber im Irrtum und wird darum nichts gegen mein Werk ausrichten.
    Wie Fräulein de Gasparin mir mitteilt, ist es speziell die Rassenfrage, über die Sie zu schreiben beabsichtigen. Da muß ich Ihnen sagen, daß nie jemand erstaunter war als ich, da ich zum ersten Male las, ich sei der Urheber einer besonderen Rassentheorie; dergleichen ist mir niemals eingefallen. Und ebenso groß war mein Erstaunen, als ich des weiteren vernahm, diese meine „Theorie“ sei nichts weiter als eine Adaptation und geschickt verdeckte Ausnützung der Lehren Gobineaus. Kein wissenschaftlich gebildeter Biolog wird leugnen können, daß   R a s s e   ein Grundphänomen alles Lebens ist; Rasse ist für die Kollektivität, was Persönlichkeit für das Individuum (vgl. „Grundlagen“, Seite 311—313). Daß man den Begriff „Rasse“ nicht scharf zu definieren vermag, tut nichts zur Sache; man kann überhaupt nur Gedanken, nie Tatsachen definieren — Rasse ebensowenig wie Blau oder Grün. Dagegen kann man recht wohl die Bedingungen untersuchen, unter denen Tatsachen zum Vorschein kommen. Und so sehen wir denn heute die exakten Forscher — einen Galton, einen Carl Pearson, einen Bunge, einen Woltmann — immer mehr die Bedeutung der Rasse auch in dem Menschengeschlecht und für das Menschengeschlecht hervorheben und statistisch nachweisen; und die Begründung im Jahre 1904 eines besonderen „Archivs für Rassenbiologie“ durch die Professoren Plate, Plötz und Nordenholz — Männer, die wirklich nicht Phantasten sind —‚ eines Archivs, für das außerdem Gelehrte wie Ratzel, Ziegler (der Zoolog), Hüppe usw. Beiträge geliefert haben... das alles beweist, wohin die wirklich wissenschaftliche Forschung strebt, und welche Wege sie als die richtigen erkannt hat; zugleich beweist es, welcher Wert der journalistischen und feuilletonistischen Hetze gegen die Erkenntnis der Bedeutung von Rasse zukommt. Dort ist wissenschaftlicher Ernst und die Unbestechlichkeit von Männern, die die Wahrheit suchen; hier ist Ignoranz, namentlich fast durchwegs eine vollständige Unkenntnis aller naturwissenschaftlichen Tatsachen und Methoden und außerdem — in häufigen Fällen — eine sehr durchsichtige Absicht, zu deren Erreichung man vor keinen Mitteln zurückschrickt.
    Was nun mich anbetrifft — da Sie einmal die Güte haben, sich für meine Wenigkeit zu interessieren —‚ so bekenne ich mich und habe ich mich stets bekannt zu den Ergebnissen echter Wissenschaft der Natur. Daher meine fast unüberwindliche Abneigung gegen Gobineau und gegen das Hypothesengebäude von Männern wie Wilser u. a. Nach meiner Überzeugung diskreditieren diese Männer eine der wichtigsten Einsichten der Biologie, die außerdem für das Verständnis der Geschichte der Menschheit in der Vergangenheit und für das lebendige Verständnis unserer Gegenwart und unserer möglichen Zukunft geradezu entscheidende Bedeutung besitzt. Rasse ist eine   T a t s a c h e:   das gilt für mich als ein sicheres Ergebnis aller Biologie und auch aller Geschichte. Dagegen hatte ich den Begriff von „Urrassen“ für einen Wahn, wie überhaupt alles Suchen nach letzten Ursachen und ersten Ursprüngen. Wir müssen vom Bekannten, nicht vom Unbekannten ausgehen. Vom Bekannten ausgehend und auf die Lehren der Biologie — namentlich auf Darwins Untersuchungen über das Entstehen und Bestehen von Rassen — mich stützend, habe ich in meinen „Grundlagen“ versucht, einige deutliche Vorstellungen über das, was Rasse ist und bedeutet, zu gewinnen. Weiter nichts. Eine eigene Rassentheorie besitze ich nicht.
    Halten Sie es nicht für unbescheiden, sehr geehrter Herr Professor, wenn ich die Hoffnung ausspreche, daß, falls Sie öffentlich über mein Buch das Wort ergreifen, Sie es vorher gelesen haben werden. Es ist nämlich in letzter Zeit öfter vorgekommen daß Gelehrte über mich den Stab gebrochen haben, die nachweislich niemals auch nur den Deckel meiner „Grundlagen“ gesehen hatten. Man urteilt nach Referaten über Referate. Dabei werden auch angebliche Zitate nach und nach derart verunstaltet, daß sie zuletzt bisweilen das genaue Gegenteil dessen aussagen, was in Wirklichkeit geschrieben steht. Das ist not quite fair; und wenn ich auch weiß, daß Sie zu meinen Gegnern gehören, ich hoffe doch, nach allem, was ich höre, in Ihnen einen ritterlichen zu gewinnen.
    Mit dem Ausdrucke vollkommener Hochachtung bin ich, sehr geehrter Herr,

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

151-152 An Josef Stibitz, Lehrer



3. Dezember 1904.

Sehr geehrter Herr!

    Ihre erste Frage kann ich dahin beantworten, daß ich als kleines Kind am liebsten mit dem Baukasten gespielt habe; schon von Natur mit einer besonderen Vorliebe für die Einsamkeit ausgestattet, war mir mit diesen stummen Steinen, aus denen sich so viel machen läßt, am allerwohlsten. Später kamen natürlich die Bleisoldaten dazu; doch auch dann war es meine größte Freude, alle erreichbaren Baukasten heranzuziehen, um große Festungen zu errichten, um die dann die Schlacht tobte.
    Ihre zweite Frage beantworte ich dahin, daß Märchen meine Lieblingslektüre ausmachten, und zwar je phantastischer, desto willkommener. Die englische Sammlung, die meiner Erinnerung hauptsächlich vorschwebt, habe ich nie auftreiben können, kann also nur sagen, daß die Geschichte des unsichtbaren Prinzen und eine andere, betitelt Beauty and the beast, mir den dauerndsten Eindruck hinterlassen haben. Später kamen dann Tausend und eine Nacht dazu, die ich in so hohem Grade auswendig beherrschte, daß ich in der Schule ein gesuchter Erzähler war.
    Ihre Fragen habe ich gern beantwortet, weil ich den Eindruck habe, als ob heute eine Tendenz vorherrschte, die Phantasie beim Kinde nicht frei sich entwickeln zu lassen — was ich für seine spätere Entwicklung für sehr gefährlich halten möchte.

Ihr sehr ergebener

Houston Stewart Chamberlain.
 

152-154 An J. F. Lehmann



5. Juni 1905.

Sehr geehrter Herr Lehmann

    Wirklich muß ich auf Ihre ganze Nachsicht rechnen, wenn ich erst so spät auf Ihre beiden Briefe von April und Mai und für Ihre verschiedenen Sendungen danke. Allerhand Umstände haben zu dieser Versäumnis beigetragen, und ich weiß, Sie werden mir nicht böse sein.
    Ihre naturwissenschaftlichen Sendungen haben für mich immer das allergrößte Interesse; ich bin Ihnen sehr dankbar dafür.
    Das Buch über die Willensfreiheit habe ich wegen des vielen wertvollen Materials unter meine philosophischen Bücher gereiht, um es bei Gelegenheit zu benutzen; doch muß ich gestehen, daß ich es nicht   g e l e s e n   habe, da ich mich über den allgemeinen Standpunkt zu sehr ärgerte. Daß vom Standpunkte der Natur aus der Wille nicht frei erscheinen kann, liegt doch auf der Hand; im Grunde genommen haben dies vernünftige Menschen von jeher gewußt und seit Kant liegt der ganze Zusammenhang klar und unwidersprechlich zutage. Doch daß es möglich ist, hundert Jahre nach Kant die Frage so einseitig, so unmäßig beschränkt aufzufassen, das ist traurig. Der Mensch ohne Metaphysik ist doch eigentlich nichts weiter als ein vom Baum herabgekletterter, bodenständiger Affe. Für diesen hat Ihr Autor geschrieben.
    Ganz anders verhält es sich mit Pfleiderers Buch, das ich abends im Bette lese und bald beendet haben werde. Mit wirklicher Freude und Aufregung lese ich dieses schöne Werk, das trotz aller Sachlichkeit der Form und wissenschaftlichen Nüchternheit der Darstellung, so offenbar durchglüht ist von inniger Religiosität. Ob Pfleiderer denselben Standpunkt vertritt wie ich oder nicht, das hat auf mein Urteil nicht die geringste Bedeutung; so hoch schätze ich nicht meine Privatmeinungen ein; außerdem darf man auch dem großen Gelehrten das jedem Menschen unveräußerliche Recht, zu irren, nicht absprechen. Meiner Meinung nach kommt es einzig darauf an,   w a s   einer will, und   w i e   er es will, — und in diesen beiden Beziehungen verdient, meine ich, Pfleiderer uneingeschränkte Anerkennung, vielleicht geht ihm ein gewisses Etwas ab — eine gewisse Frische und Kraft der Darstellung, die auf weite Kreise bedeutend wirkt; und das bedauere ich. So ist mir z. B. Pfleiderer als Gelehrter viel sympathischer als Harnack, — und doch besitzt letzterer eine gewisse Gewalt über die Masse, und ich wünschte, Pfleiderer besäße dasselbe Geheimnis. Jedenfalls ist es ein schönes Buch, zu dessen Verbreitung jeder das Seinige beitragen muß.
    Sie erkundigen sich nach meinem beabsichtigten Werke. Geschehen ist dafür natürlich nichts. Es ist auch noch nicht in das Stadium getreten, wo ich sagen könnte, die Sache gewinnt Gestalt; nichtsdestoweniger denke ich manchmal darüber nach und sammle allerhand. Sie werden aber begreifen, daß mein Kantwerk — das mich fast ins Grab gebracht hat — mir nicht die nötige Frische läßt, um augenblicklich ein solches Thema ernstlich in Angriff zu nehmen. Vorher muß eine allgemeine Aufheiterung und Belebung des ganzen Geistes gehen, — und diese suche ich in einem Buch aus einem ganz anderen Gebiete, das ich schon skizziert habe. Für ein Werk über die Religion kann es nur nützlich sein, wenn man ein reifes, an Erfahrung reiches Alter erreicht hat.
    Wir stecken mitten im Druck des Kant, der wohl sehr zeitig im Herbst erscheinen wird.
    Meine Frau ist seit einigen Wochen in Paris zur ärztlichen Behandlung und bleibt dort noch bis Mitte Juli. Was dann geschieht, ist noch unbestimmt. Ich selber werde wohl heuer sehr spät wegkommen.
    Mit herzlichsten Grüßen

Ihr sehr ergebener

Houston Stewart Chamberlain
 

154-167 An Graf Hermann Keyserling



Wien, 4. Dezember 1907.

    Also Ihr Buch¹ habe ich gelesen, und zwar in einem Zuge von A bis Z, wie man das ein erstes Mal soll.
    Eigentlich sollte ich noch, ehe ich davon Spreche, Ihnen eine kleine querelle de Prussien machen; denn Sie belehrten mich in Ihrem vorletzten Briefe, daß man nicht nach bloßem Durchblättern über ein Buch urteilen könne, wogegen ich nun Sie hätte belehren mögen, daß man auch einen Brief von vier Seiten aufmerksam lesen muß, wenn man darüber sprechen will; ein Urteil abzugeben, war mir gar nicht eingefallen, sondern ich hatte ausdrücklich nur von dem ersten Eindruck eines gelegentlichen Blätterns gesprochen. — Doch, lassen wir das.
    Zunächst beglückwünsche ich Sie zu der Menge Arbeit und Leben, die in diesem Buche steckt; jedenfalls empfinden Sie es als eine feste Stufe, auf der Sie nunmehr mit dem einen Fuße ruhen, während der andere (wie ich aus dem Bericht über Ihre vorträge entnehme) schon energisch nach neuem, höherem Stehraum ausschreitet. Sie mögen es meiner Art und wohl auch meiner fast väterlich gesinnten Freundschaft zugut halten, wenn mich an dem Werk zunächst Keyserling — das Subjektive, Schaffende, Strebende — mehr fesselt als das objektive Ergebnis; bei erneuter Lektüre mag es vielleicht anders werden. Einstweilen bringt auf mich Ihr Werk den Eindruck eines Selbstgespräches hervor. Ich höre Sie mit sich selber reben. Trotz der klaren Disposition der Massen, was auf genaue innere Ausarbeitung schließen läßt, hätte ich das Ganze für die vorbereitende Arbeit des Autors mit und an sich selbst gehalten, für den Rohstoff, nicht für das eigentliche Werk. Und wer weiß, vielleicht gibt die Folge diesem Empfinden in irgendeinem Sinne recht. Jedenfalls rücke ich mir hierdurch unter dem ersten Eindruck alles in eine anregende, sympathische Atmosphäre. Wenn ein Denker, wie Kant, zwanzig Jahre an einem Werke arbeitet, so wird dieses Werk zwar in einem andern und höheren Sinne zum Ausdruck seiner Persönlichkeit — aber es ist die festgebannte, ewige Person, gleichsam ihre Statue, wogegen ich hier — wenn Sie mir den trivialen Vergleich erlauben — Ihre lebende Photographie, das Biorama Ihres Denkens zu erblicken glaube. Wie es bei Ihnen, wenn Sie erregt reden, zischt und siedet und sprudelt und spuckt, so geht's auch hier. Wenn man etwas erst vorbereitet — ich weiß es aus Erfahrung —‚ sieht man sich bald genötigt,   a l l e s   zu sammeln, was einem einfällt; das nicht gewußt zu haben, hat mich lange vom Schreiben zurückgehalten; ich glaubte, ich müßte auf große Gedanken warten; endlich entdeckte ich, daß auch das scheinbar Triviale und Selbstverständliche des Sammelns wert ist, denn nur auf diese Weise gewinnt man nach und nach die Kenntnis und Übersicht des Ganzen; die eigentlichen Gedanken — diejenigen, über die man selber am meisten staunt — stellen sich dann im Laufe der Arbeit von selber ein; und ist diese fertig, so trägt man das Gerüst ab. Sie haben das Gerüst stehen lassen, und es ist köstlich zu sehen, wie Sie darauf herumlaufen, hinauf, hinab, hierher und dorthin.
    Was ich hier ziemlich unbeholfen anzudeuten versuche, ist vielleicht die eine Erklärung — unter andern — für das Interesse, das Ihr Buch bei Leuten geweckt hat, denen man solche Lektüre kaum zugetraut hätte. Indem Sie bemüht sind, sich selbst zu überzeugen, überzeugen Sie die andern.
    Diese Deutung ist mir auch darum von Wert, weil ich sonst im Zweifel wäre, für   w e n   das Buch eigentlich geschrieben ist. Natürlich steht es jedem Verfasser frei, seinen Leserkreis sich auszuwählen; er kann wie Henri Beyle „To the happy Few“ auf die Widmung schreiben oder, wie ein Shakespeare es füglich gekonnt hätte: „Allen Wesen menschlichen Geschlechts“; zum harmonischen Gesamteindruck gehört aber, auf alle Fälle, daß der Leser genau empfinde, zu wem geredet wird. Sobald ich die Vorstellung Ihrer in Selbstgespräch vertieften Person aus den Augen verlor, war ich nun gepeinigt durch die Empfindung, nicht zu wissen, welches Publikum Sie im Auge gehabt haben. Dem allgemeinen Ton nach, würde ich glauben, die große geistige Mittelklasse, nicht die Ignoranten, nicht die Denkfaulen, aber auch nicht den Gelehrten und noch weniger den alleinigen Geistesadel, da Sie für diesen gewiß schlichter und weniger oratorisch geschrieben hätten. Anderseits aber setzen Sie so viel an naturwissenschaftlichen Kenntnissen voraus und namentlich — an manchen Orten — eine solche Vertrautheit mit subtilen erkenntniskritischen Gedanken, Sie gleiten über diese Dinge verhältnismäßig so schnell hinweg, daß ich mir wiederum sagen muß, jene Mittelklasse kann Ihnen unmöglich hier folgen, — entweder Sie überspringt, oder sie watet in irgendeinem für uns kaum vorstellbaren grotesken Mißverständnis. Redet man mit sich selber, so ist das ganz etwas anderes; denn wer in einer glücklichen Morgenstunde Denkgenosse Immanuel Kants war, kann unter Umständen, ehe es Abend wird, der Kommensal Monsieur Homais'² werden.
    Und da ich unversehens schon in die Kritik hineingeraten bin, muß ich gestehen, daß, sobald ich das Buch nicht als Konfession, sondern als Gedankenarchitektonik betrachte, ich den auf Seite 129 zum bestimmten Ausdruck gelangenden Hauptgedanken des Ganzen ungenügend herausgearbeitet finde. Natürlich kehrt er wieder und immer wieder, da er die Achse bildet, um die sich alles dreht; für einen im Denken Geübten, außerdem in Freundschaft Ihnen Folgenden ist Ihr Sinn unzweifelhaft klar; doch bezweifle ich sehr, ob jene geistige Mittelklasse, von der ich oben sprach, dem Gedankengang zu folgen vermag. Denn architektonisch liegt (nach meiner Meinung) entschieden ein Fehler vor; der tragende Gedanke ist weit flüchtiger ausgearbeitet als alle die umkreisenden Strebepfeiler, er steht nicht fest und massiv und zentral genug da. Bald am Anfang schnell und luftig in die Höhe geführt, wächst er erst nach und nach und sozusagen unversehens zu der Hauptsache aus, so daß der Leser zwar weiß, ja, das ist festgestellt worden, gewiß aber nicht einer unter hundert oder vielleicht unter tausend Rechenschaft zu geben vermöchte, wie das geschah und was damit genau besagt sein sollte.
    Womit ich nun zu einem weiteren und gewichtigeren Vorwurf gelange. Mit Freude habe ich von Ihnen erfahren, Gott sei zu Zeiten „Sophist“ betitelt worden; denn ich hoffe, es wird dann keinen verletzenden Beigeschmack haben, wenn ich gestehe, daß ich beim Lesen Ihres Buches bisweilen den Eindruck kaum verschleierter Sophistik gewann. Ich hätte dies wohl nicht näher zu motivieren vermocht; es quälte mich jedoch. Jetzt aber glaube ich die Ursache, wenigstens in den Hauptzügen, aufzeigen zu können. Sie vermengen transzendentale Erkenntniskritik und Empirie; dadurch erleichtern Sie sich Ihre Aufgabe und gewinnen außerdem viele Leser; statthaft ist es aber dennoch nicht. Während ich Sie las, griff ich öfter zu Schopenhauer, denn ich fand Ihren leitenden Gedanken und auch manche Nebenargumente so vollkommen analog den seinigen, daß ich nachzuschlagen nicht unterlassen konnte. Dies begründet keineswegs einen Vorwurf. Originalität ist ein Phantom. Interessant ist eine Persönlichkeit, das heißt, ein Mensch, dem es gelungen ist, sein Ich aus den hundertfachen Hüllen, die ihm von Geburt an umgeworfen wurden, so weit zu befreien, daß er uns mit seinem eigenen echten naturwahren Gesicht anblickt und nicht bloße Formeln wiederkaut. Dagegen sind alle Gedanken alt wie die Welt und jede gewollte Originalität ist nur eine Grimasse und kann nie etwas andres sein. Das sind Binsenwahrheiten. Ich will nichts weiter damit sagen, als daß ich Sie beglückwünsche, in so guter Gesellschaft zu wandern. Wenn man ein wenig tief erfaßt, was Schopenhauer unter „Wille“ versteht, so finde ich es in allen wesentlichen Punkten vollkommen identisch mit Ihrem unpersönlichen und überpersönlichen Ich, der „grenzenlos fortwirkenden Entelechie“ usw. (S. 161). Namentlich findet man das Argument, auf welches Sie mit Recht großen Wert legen, wenn Sie es auch nach meinem Dafürhalten allzu flüchtig behandeln, das Argument meine ich des Unbewußtseins, bei Schopenhauer mit aller Bestimmtheit und aller wünschenswerten Kraft ausgeführt. In der Welt als Wille usw., Band 2, Kapitel 19, lese ich: „Der Wille, als das Ding an sich, macht das innere, wahre und unzerstörbare Wesen des Menschen aus: an sich selbst ist er jedoch bewußtlos.“ Des weiteren führt er dann aus, das Bewußtsein sei bedingt durch den Intellekt und dieser sei eine Funktion des Gehirns, welches er gar köstlich als bloßen „Parasit des übrigen Organismus“ bezeichnet, welcher in das eigentliche innere Getriebe des Wesens gar nicht eingreife. Es ist mir unbegreiflich, daß Sie hier (Anmerkung zu Seite 173) behaupten, einzig auf Nietzsche hinweisen zu können; in mancher Beziehung ist doch Nietzsche, der Denker, im buchstäblichen Sinne des Wortes ein Parasit an Schopenhauer, weswegen man viele seiner Leitgedanken recht wohl mit den von hohen Bäumen herabhängenden, blattlosen Orchideenblüten vergleichen könnte, zauberreich und doch erschreckend kunstlich, weil des selbständigen Eigenlebens unfähig. Bezeichnet nun, wie gesagt, Schopenhauer unser Bewußtsein als eine bloße „Oberflächenerscheinung“ (Band 2, Kapitel 14), so ist es nicht zu verwundern, wenn er in seinem Kapitel „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich“ zu Ergebnissen gelangt, die — soweit mein Verständnis reicht — die Ihrigen Punkt für Punkt vorwegnehmen. Wie gesagt aber, das würde mich nicht im geringsten gegen Ihr Werk einnehmen; Sie verweisen ja selber dabei auf alte Griechen und Inder, wie Schopenhauer es seinerzeit auch getan hatte. Bei diesem aber finde ich die bezeichnete Auffassung des Wesens des Menschen und infolgedessen auch des Wesens des Todes als festgefügte, nötige, unvermeidliche, also organische Bestandteile eines durchaus konsequenten Systems, wogegen ich in Ihrem Buche nicht bloß Flüchtigkeit im Aufbau, sondern kaum verdeckte Sophistik zu erblicken glaube. Wenn Schopenhauer Kants Gedanken der Transzendentalität psychologisch erklärt und die Kritik der reinen Vernunft als Kritik der Gehirnfunktionen bezeichnet, so wissen Sie und ich, daß dies, insofern es als Interpretation gelten soll, so völlig verfehlt ist, daß in Wirklichkeit Kant ganz dadurch vernichtet wird. Es ist aber wenigstens der Irrtum eines durchweg konsequenten Geistes; seiner Voraussetzung bleibt er treu; er geht an alles psychologisch heran, und — da er das Gehirn und dessen Funktionen voraussetzt — so kann er auch die ganze vielgestaltige Natur und ihre Funktionen voraussetzen; daß er dies alles als „Vorstellung“ auffaßt, ist sekundär. Sie aber sind tiefer in Kant eingedrungen; Sie haben den rein methodischen Gedanken dieses Meisters begriffen und wissen damit zu operieren; Sie brauchen ihn auch hier und gewinnen dadurch für Ihr „Ich“ eine meiner Meinung nach tiefere Grundlage, als das Schopenhauersche Symbol besitzt, oder zum wenigsten die Möglichkeit einer solchen, wenn Sie mehr Ausdauer darauf verwandt hätten. Nun aber springen Sie auf das andere Gebiet hinüber und verfahren als psychologischer Realist. Das sehr interessante Kapitel „Individuum und Leben“ ist ganz schopenhauerisch in der Art, wie an die Natur herangetreten und wie diese Betrachtung zur Aufhellung von Problemen herangezogen wird, die nach Kants Überzeugung transzendent sind und darum keine derartige Aufhellung gestatten; für den Transzendentalisten sind alle solche Argumente Selbstbetrug. Daraus ergibt sich nun, daß man nicht weiß, woran man bei Ihnen ist — sobald man nämlich genauer hinsieht (was freilich die wenigsten tun mögen). Ich für meinen Teil finde darin verkappte Sophistik. Sie tun Gedanken zusammen, die sich in Wirklichkeit ausschließen, und erreichen hierdurch den Vorzug, aus unvereinbaren Weltanschauungen sozusagen den Rahm abzuschöpfen, das Beste für Ihren Zweck. Dergleichen Dinge werden aber teuer bezahlt. Sie sind nun genötigt, Grenzen zu verwischen und mit Begriffen zu gaukeln.
    Da ich in einem Briefe nur andeuten kann, will ich bloß den Begriff „Glauben“ nennen. Schon bei einer früheren Publikation konnte ich mich mit Ihrer Auffassung nicht befreunden; jetzt begreife ich zwar, wozu Sie diese Begriffsverwirrung benötigten, doch kann sie mir nur desto weniger gefallen. Es handelt sich zunächst um die Definition eines Begriffs; Sie haben natürlich das Recht, neu zu definieren, Sie haben aber nicht das Recht, Kant eine Unzulänglichkeit anzudichten, deren er sich nicht schuldig gemacht hat. Würde man den gemeinen Mann fragen, er würde antworten, Glauben sei das Gegenteil von Wissen. Wie überall, so auch hier, geht Kant der unbewußten Weisheit der Jahrhunderte parallel, nur deutet er kritisch: bei allen transzendenten Fragen (und zu ihnen gehören Gott und Unsterblichkeit) ist ein Wissen ausgeschlossen, nur ein Glauben kann statthaben. Und wenn er dann sagt: Das Wissen habe ich vertilgen müssen, um zum Glauben Platz zu bekommen, so muß ihn jeder denkende Mensch verstehen, ein Mißverstehen ist ausgeschlossen. Nun kommen Sie und rufen: Halt! auch daß ich eine Nase besitze, ist Glaubenssache, es gibt kein Wissen im Gegensatz zum Glauben, überall muß der Glaube vorangehen. Ich weiß wohl, daß Sie sich hierbei auf keinen Geringeren als den Heiligen Augustinus hätten berufen können; sein bekanntes „credere nihil aliud est, nisi cum assensione cogitare“ führt ihn zu Begriffsbestimmungen, die dahin münden, wir könnten zwar glauben, ohne zu wissen, nichts aber wissen, ohne daß ein Glauben voranginge — was mir Ihrer Auffassung so ähnlich sieht wie ein Ei einem anderen, fünfzehnhundert Jahre jüngeren Ei. Meiner Meinung nach ist aber hiermit zwar einem genialen Kirchenvater gedient, für uns spätgeborene Nachkopernikaner aber nichts, gar nichts geleistet. Der Glaube an die Existenz Ihrer Nase und der Glaube an die Unsterblichkeit sind zwei ganz verschiedene Dinge; es tut nicht gut, sie zusammenzuwerfen. Welcher Wert, welcher vielfach bedingte, aus bloßen Relationen auferbaute Wert unserm vorgeblichen „Wissen“ zukommt, hat wahrhaftig kein Mensch tiefer untersucht und umständlicher dargetan als Kant; das Wort „Glaube“ aber hat er mit weiser Absichtlichkeit für ein ganz anderes Gebiet reserviert, wo von gar keinem Wissen die Rede sein kann, auch nicht von einem relativen. Daß dies, wie Sie Seite 108 und 110 behaupten, ein „summarisches“ und „starres“ Verfahren unseres Großmeisters sei, kann ich nicht finden; ich finde es tief, einfach, entscheidend. Und ich glaube, er und Kierkegaard (den Sie dort anführen) hätten sich besser darüber miteinander verständigt als mit Ihnen.
    Wenn ich so frei von der Leber weg rede, lieber Freund, so tue ich es im Vertrauen, daß Sie meine Gemütsstimmung sicher begreifen. Weder will ich Sie damit belehren, noch will ich mir anmaßen, über Ihr Werk von hohem Richterstuhle zu urteilen. Da Sie mir aber Freundschaft schenken und ich sie von Herzen erwidere, glaube ich Ihnen nichts Angenehmeres erweisen zu können, als indem ich auf diese erste Lektüre spontan und ungezwungen reagiere; ich will mir tausendmal lieber Blößen geben, als Ihr Vertrauen in meine Aufrichtigkeit betrügen. In diesem Augenblicke reagiere ich einfach wie unsere liebe alte Froschkeule auf den elektrischen Strom. Und da die Froschkeule so flott im Zuge ist, so soll noch ein weiteres Geständnis hinzukommen.
    Was ich oben das Sophistische an Ihrem Werke nannte (vergessen Sie nicht, Sophist = Gott!), scheint mir darin Kreis um Kreis zu bilden, so daß ich den Eindruck gewinne, das Ganze laufe Schließlich auf einen großen Sophismus hinaus. Ich weiß, ich bin und bleibe in einigen Beziehungen ein ziemlich ungeschlachter Geist, ein Urwäldler; zwar arbeite ich unausgesetzt an mir, um meiner Seele das Feinere, Subtilere einzuverleiben; doch gebe ich mich hierüber keinen Selbsttäuschungen hin; man tut gut daran, seine Grenzen zu ehren; darum befürchte ich, daß mir vielleicht an Ihrem Gedankengang gewisse zarteste, raffinierteste Absichten entgangen sein mögen. Dieses Bedingende vorausgeschickt, gestehe ich, daß Sie mir Ihre Leser — jene große Mittelklasse, an die Sie sich wenden — mit Ihrer Hauptthese zum besten zu haben scheinen. Wahrscheinlich geschieht's unbewußt (Siehe Kapitel 5). Allen Philosophen zum Trotz weiß nämlich der naive Durchschnittsmensch sehr wohl, was er sich unter „Unsterblichkeit“ denkt und erwünscht. Diese seine Hoffnung sind Sie als ehrlicher Denker genötigt ihm zu rauben. Nun aber reden Sie so viel und so schön, vous brassez tant d'idées, daß Sie nach und nach besagten Leser in eine weiche, sentimentale Stimmung kriegen, wobei das Wort „Entelechie“ Ihnen eben solche Dienste leistet wie in der berühmten englischen Predigt „that blessed word Me—so—po—ta—mia“; der Leser fühlt das Herz im Busen schwellen, er wird großmütig, entsagungsvoll; wie Curtius in den Abgrund sprang, so wirft er seine ihm sonst so liebe Person in den reißenden Strom der Zeit und fühlt sich zu Heldengröße heranwachsen, indem er sich zuruft: „Mit dem Bewußtsein, daß ich mehr bin als meine Person (Seite 161), mit der Unsterblichkeit meines ewigen Kernes (Seite 342) gebe ich mich zufrieden!“ Und dies ist natürlich ein Irrtum, eine Täuschung, ein Selbstbetrug. Denn wäre der gute Mann befähigt, weiter zu forschen, und würden Sie ihn dazu antreiben, statt ihn so oratorisch geschickt zwischen stets ergreifenden Erlebnissen Ihres eigenen Seelenlebens und allen möglichen soziologischen und naturphilosophischen Erwägungen sanft oder stürmisch hin und her zu wiegen, er würde entdecken, daß — wenigstens in bezug auf das, was er wünscht und erhofft — dieser überpersönliche ewige Kern auch nicht eine taube Nuß wert ist. Wäre nicht von Unsterblichkeit die Rede, so ließe sich nichts gegen die Ausmalung in Giordano-Brunoschen Farben der Allzusammengehörigkeit einwenden (wenngleich ich es nicht schön von einer „Allmutter“ finde, wenn sie „freudig über Leichen fortschreitet“, Seite 163); aber gerade die Einbeziehung des Unsterblichkeitsgedankens verrückt das Ganze in ein falsches Licht. An demselben Orte bezeichnen Sie „das Treiben der Menschen“ als „mesquin“; in Wirklichkeit aber ist wahrhafte Größe   n u r   im Menschenherzen zu finden, und zu dem überschwenglich Großen des Menschen gehört seine übermütige Idee der Unsterblichkeit. Sie rauben uns nun diese Dichtung, dieses Symbol, diesen „Glauben“, indem Sie Analyse auf Analyse häufen, durch welche das Unzulängliche daran nachgewiesen wird, und tauschen uns dafür einen Wechselbalg ein, von dem ich nicht leugnen will, daß Sie ihn edel und groß gedacht und ausgestattet haben, der aber in Wirklichkeit eine Abstraktion ist — und mit Abstraktionen lassen sich Menschenherzen nicht abspeisen. Daß er aber dies ist, darüber wird der durchschnittliche Leser durch die vielen konkreten Erörterungen getäuscht. Kant, der das Glauben sein säuberlich vom Wissen scheidet, senkt dadurch die Idee der Unsterblichkeit (zugleich mit der der Freiheit und der göttlichen Fürsorge) in die Tiefen des Gemütes; Sie haben den Ehrgeiz, daraus eine Erkenntnis zu machen, verwischen zu diesem Behufe die Grenzen, bringen hierdurch sowohl Empirie wie Metaphysik ins Wanken, zerstören sowohl das rein naiv-religiöse Bild der Unsterblichkeit wie deren tiefsinnige, mystisch-transzendente Ahnung und geben dafür ein sonderbares Gemisch von transzendentaler Erkenntniskritik und handgreiflich realer psychologischer Naturphilosophie, dazu noch Soziologie, Ethik, Religionsgeschichte; so daß der erstaunte Leser das Phantom einer Unsterblichkeit, die keine Unsterblichkeit ist und doch wieder eine Art Unsterblichkeit sein soll, an den verschiedensten Orten und in den verschiedensten Farben wie ein Irrlicht auftauchen sieht — bis er entweder, geblendet von diesem Feuerwerk (in welchem allerdings Ihre sprühende Natur sich bewährt) die Augen schließt und Ihnen blind glaubt oder aber, nüchterner beanlagt, sich sagt: dies ist glänzende Sophistik. Ihre große Belesenheit und die Geistesgaben, welche die Entelechie Ihrer Person zur Verfügung gestellt hat, bewirken, daß man an jedem einzelnen Orte eine Fülle des Interessanten findet; es mag nur wenige geben, die das Buch ohne Belehrung aus der Hand legen; das für Sie eigentümliche Handinhandgehen von reichem positiven Wissen und spekulativem Höhentrieb bringt stets eine größere oder geringere Ernte anregender Einfälle. Habe ich aber oben gesagt, Sie täuschten den Leser, so muß ich jetzt daran erinnern, daß mir, wie anfangs bemerkt, das Buch den Eindruck eines Selbstgespräches macht, so daß ich jenen Ausdruck dahin modifizieren muß: Ich glaube, Sie haben sich selbst getäuscht. Was ich früher den „umgekehrten Fichte“ in Ihnen zu nennen pflegte, scheint mir sich hier gehörig weiterentwickelt zu haben. Von meinem Standpunkt aus kann ich nicht anders, als es bedauern; wohin es Sie nichtsdestoweniger vielleicht führen wird, darüber fehlt mir alle Möglichkeit eines Urteils; über die Gegenwart könnte nur jener vollgültig urteilen, der die Zukunft genau erblickte. Und so bin ich denn geneigt anzunehmen — und hoffe es außerdem von Herzen —‚ daß ich Ihr Buch augenblicklich in einer nicht ganz richtigen Perspektive sehe.
    Über Formfragen hörten Sie früher gern meine Meinung. Und so will ich denn zum Beschluß dieser überlangen Epistel nur kurz sagen, daß ich zugleich eine Freude und eine Enttäuschung erfuhr. Die Freude bezieht sich auf die allgemeine Disposition. Wenn ich an Ihre ersten Aufsätze zurückdenke, wo man bisweilen nicht wußte, warum das Ende nicht den Anfang bilde usw., so muß ich mir sagen, Keyserling ist nichts versagt, was er ernstlich will. Sowohl die Disposition in Kapitel wie die zweckmäßige Gliederung jedes einzelnen Kapitels in kleinere Abteilungen scheint mir vortrefflich gelungen. An dem Muster der besten französischen und englischen naturwissenschaftlichen Schriften haben Sie sich mit Erfolg geübt. Höchstens schiene mir der gehobene Ton ein wenig unharmonisch zu dieser paragraphos-trockenen Schichteneinteilung zu stimmen; cela jure un peu. Doch die große Klarheit tröstet leicht hierüber hinweg. Meine Enttäuschung bezieht sich auf den Stil im engeren Sinne des Wortes: Sprache, Ausdrucksweise, Ton. Hier finde ich gegen Ihr „Weltgefüge“ einen Rückschritt. Wohl kann ich mir vorstellen, daß innere Gründe — vielleicht außerdem noch äußere Umstände — Sie mit vollem Bewußtsein veranlaßt haben, schnell zu arbeiten und wenig zu revidieren; darüber entgeht mir das Urteil; ich kann nur von dem Ergebnis reden. Unerträgliche Provinzialismen finde ich, die mir im „Weltgefüge“ nicht aufgefallen waren. Dreimal z. B. ein „gehört sich“, das baltisch sein soll, höre ich, jedenfalls aber nicht deutsch ist: Seite 85 „zu dieser Einsicht gehört sich eben kritische Besinnung“, Seite 111 „es gehört sich gerade soviel Glaubenskraft“, Seite 176 „dazu gehört sich eine Mentalität“. Ich habe in meiner reichhaltigen Sammlung Nachschlagbücher gesucht; kein Schriftsteller von Ruf hat jemals diese offenbar sinnwidrige Wendung gebraucht. Wortbildungen wie „tiefgründigste“ (Seite 275 usw.) dürften auch schwer zu rechtfertigen sein. Denn Grund ist Grund; man ist hiermit schon auf das Unterste gekommen; daß dieser Grund besonders tief liegt, mag wohl durch „tiefgründig“ angedeutet werden können. Was aber soll ich mir unter einem „gründiger“ vorstellen? und gar einem „gründigster“? Also noch mehr Grund als der Grund? Zu einer anderen Gattung von Stilfehlern würde ich solche Bildungen wie folgende rechnen (Seite 58): „tiefe Gedanken werden vom Pöbel   u n w e i g e r l i c h   mißverstanden“. Wie kann da von einem „Weigern“ die Rede sein? Unweigerlich heißt: ohne eine Weigerung zu gestatten. Ich halte solche Dinge für Zeitungsdeutsch. Außerdem ist das Wort „Pöbel“ hier sicher nicht am Platze, wo vom Volk im weitesten Sinne die Rede ist. Dann finde ich sehr viel Outriertes und dadurch Häßliches im einzelnen Ausdruck. So z. B. Seite 276: „der Gedanke ist zum Zerspringen furchtbar“. Wer und was soll aus Furchtbarkeit zerspringen? Das hört sich fast wie Höheretochtersprache an. Und warum soll (Seite 279) die Biene „empörten“ Widerspruch erheben? oder Kant „beim besten Willen“ in Athen nicht schreiben können (Seite 2)? und Mohammed (Seite 54) nicht bloß wenig Neues, sondern „herzlich wenig“ Neues bringen? und (Seite 48) unpersönliche Unsterblichkeit der Sterblichkeit „verzweifelt“ ähnlich sehen? und der Glaube an die Heilwirkung guter Werke „einfach läppisch“ sein (Seite 72)? usw. usw. Ich weiß wohl, der gewöhnliche Leser achtet auf dergleichen gar nicht; glauben Sie mir aber, lieber Freund, der Wert der Sprache für die „tiefgründige“ Wirkung einer Schrift ist dennoch unermeßlich. Im Grunde heißt nämlich an seiner Sprache arbeiten an seinem Denken und an seinem Fühlen arbeiten; Reinheit, Klarheit, Schönheit, Wahrheit. Hier liegt die Betätigung der eigentlichen   T u g e n d   seitens derjenigen Menschen, die sich einreden, schreiben zu sollen oder zu müssen. Talent und Genie ruhen in Gottes Hand; doch Reinschreiben sollte ebenso streng gefordert werden, wie wir auf allen Gebieten vollendete Technik als selbstverständlich voraussetzen — selbst bei einem Drechsler und einem Schuster.
    Über Ihr Buch kann ich mich täuschen; über die Mängel Ihres Stils täusche ich mich nicht. Und ich tröste mich nur mit meiner oben ausgesprochenen Überzeugung: Keyserling kann, was er will. Möge er hier wollen!
[...]
    Und nun habe ich so lange kritisiert, daß mir für den Ausdruck vielfacher freudiger Zustimmung weder Raum noch Zeit noch Lust bleibt; ich glaube, es ist besser, ich lasse das für ein anderes Mal. Schließlich liegt Ihnen gewiß auch mehr an einer einigermaßen motivierten Darlegung kritischer Einwürfe, als an nichtssagenden Lobesphrasen. Mich wenigstens berühren solche immer so kalt, daß mich ein Frostgefühl von Kopf zu Fuß überfährt; habe ich mein Bestes gegeben, so hat kein Mensch das Recht, mich dafür mit einer Banalität zu berühren; in einem schweigenden Händedruck liegt mehr Achtung vor ehrlicher Arbeit. Und doch hatte ich mir verschiedenes notiert. Von Kleinigkeiten an, wie Seite 37 der Satz über die „Koordinaten“ zu Liebe, amour, love, über gute Einfälle, wie Seite 20 jeder Gottesglaube Fetischismus (ein wirklicher Lichtblitz, der um so wohltuender wirkt als er nach unten zu, wo wir gern geringschätzen, aufleuchtet), und vieles dieser Art, namentlich im Kapitel „Individuum und Leben“, weiter dann, über tiefe Einblicke gewährende Analysen, wie die über den Unsterblichkeitsglauben aus der Unvergleichbarkeit von Kraft und Stoff hervorgehend (Seite 28), bis zu dem mittleren Gedanken des Ich als Kraft und daher grenzenlos usw. Und das führt mich zum anfangs Gesagten zurück: ich fühle, daß intensives persönliches Leben in diesem Buche steckt, ein Ringen, das manchmal in kaum unterdrücktes Klagen mündet. Wenn das Buch wirkt und wenn es dauert, wird es beides diesem persönlichen Elemente verdanken. Wir wollen uns daher hüten, die Leidenschaftlichkeit und Oratorik, die der Philosophie nicht förderlich sind, zu tadeln, denn sie sind meiner Meinung nach das Beste an dem Buche; es steckt ein Mensch darin. Und diesem Menschen, da ich ihn hochschätze und liebe, habe ich in dem schwachen Maße, in welchem so etwas möglich ist, zu seinem ferneren Arbeiten dienen wollen, — nicht durch ein Urteil, sondern durch eine ungebundene, möglichst deutliche Rückwirkung auf die empfangenen Eindrücke. Zwischen zwei Naturforschern jedenfalls die zulässigste Methode zur gegenseitigen Förderung. Möge der Versuch in Freundschaft aufgenommen werden.
    Von dem Erfolg Ihrer Vorträge habe ich mit Freude gehört. Nach der Lektüre dieses Buches wundert er mich nicht. Mehr als einmal hatte ich das Gefühl, Sie wären vielleicht eher zum Redner geboren als zum Schriftsteller. Ihr feuriges Temperament, Ihre Neigung, weite Wirkungen zu erstreben, Ihr geselliges Wesen; alles das dürfte in dem freien Kampf von Rede und Gegenrede mehr in seinem Element sich fühlen als in jener Ausübung entsagungsvoller Geduld und langen Schweigens, welches wir mehr oder weniger halluzinierte Menschen unter Bücherschreiben verstehen.
    Ihr Arzt, der Ihnen Ägypten und mehrjähriges Schweigen verordnet, ist — mit Respekt zu sagen — ein Esel, wie übrigens fast alle Ärzte. Sie würden sich ja innerlich völlig aufreiben. Meinetwegen Ägypten, — aber lernen Sie dann Arabisch und halten Sie mit den Imams Disputationen.
    Und nun verzeihen Sie dieses megalotherisch angewachsene Sendschreiben, das an die alten Zeiten erinnert, wo die Menschen noch Muße hatten, Briefe zu schreiben und Briefe zu lesen; so etwas in die Hauptstadt der Automobile und Hochbahnen zu schicken ist mehr als naiv; noch einmal, Verzeihung! Und glauben Sie an die alte, urwäldliche, tumbe und herzliche Freundschaft

Ihres

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Graf Hermann Keyserling, Unsterblichkeit. Eine Kritik der Beziehungen zwischen Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt, Lehmann Vlg., München 1907.
    ² Vgl. Flaubert, Madame Bovary.
 

167-171 An Leopold von Schröder



Wien, 26. Dezember 1907.

Verehrter lieber Freund!

    Aufrichtigen Dank für Ihre freundliche Sendung, die mich natürlich sehr interessiert hat. Ich lebe so gänzlich außerhalb der Tagesereignisse, daß ich von dem Katholikenkongreß und von Dr. Luegers Rede gar nichts gewußt hätte, wenn nicht die braven Studenten mich dringend eingeladen hätten, an ihrer Protestversammlung teilzunehmen und dort das Wort zu ergreifen — was ich natürlich beides abzulehnen hatte. Später scheint Ihr Aufsatz in der „Neuen Freien Presse“ bedeutendes Aufsehen erregt zu haben, denn auch davon drang selbst bis in meine abgelegene Klause dunkle Kunde. Ich zwar konnte mir sofort das Wie und das Warum denken, denn vor meinen Augen steht Ihr Charakter so unverrückbar fest und unerschütterlich wie... nun, sagen wir, wie das Nordkap. Trotzdem war ich für die Aufklärung, welche diese letzte Publikation brachte, dankbar, und ich fühle Ihnen die Empörung über die geschehene und nie wieder gutzumachende Unbill nach. Denn von tausend Lesern der „Neuen Freien“ wird kaum einer die „Zeit“ zu Gesicht bekommen. Wer sich mit Niederträchtigen einläßt, ist — was diese Wirkungen betrifft — verloren:

Übers Niederträchtige
Niemand sich beklage!
Denn es ist das Mächtige,
Was man dir auch sage.
In dem Schlechten waltet es
Sich zu Hochgewinne,
Und mit Rechtem schaltet es
Ganz nach seinem Sinne.
    Was Sie damals schrieben, war gewiß „recht“; ich habe es nicht gelesen und brauche es nicht zu lesen, um das zu wissen und um Sie gegen jeden Vorwurf in Schutz zu nehmen; aber, das ist es eben: das Niederträchtige schaltet mit dem Rechten ganz nach seinem Sinne; und darum sollte man es sich zum Gesetz machen — zu einem kategorischen Imperativ, der keine Ausnahme duldet — sich niemals mit dem Niederträchtigen einzulassen, auch nicht um einer guten Absicht willen. Sie haben sich Ihren ersten Artikel als Folie zum zweiten gedacht: und nun haben Sie's, den ersten bringt man, den zweiten unterdrückt man.
    Was meine Person betrifft, so habe ich mir schon seit Jahren zum Gesetz gemacht, niemals die „Freie Presse“ anzurühren, nie. Erstens wissen wir alle, daß dieses Blatt von der Alliance Israélite gegründet wurde zur ausschließlichen Vertretung der jüdischen Interessen, und daß es vom ersten Tage an bis heute diesem einen einzigen Ziele gedient hat. Das wäre ja an und für sich nichts Schimpfliches. Wie komme ich aber dazu, der ich durch Gottes Fügung kein Jude bin, die Interessen des Judentums zu unterstützen? Alles Geld, was an Abonnements und Annoncen in diese Kassen fällt, ist ein direkter Beitrag zur Förderung der jüdischen Sonderinteressen auf allen Gebieten. Und das ist noch das wenigste. Die Hauptsache ist die tagtägliche Vergiftung der Geister. Wissen Sie denn nicht, daß die „Freie Presse“ ein Blatt ist, das bei jeder Sache — Politik, Handel, Wissenschaft, Kunst — zwei Fragen stellt: 1. nützt oder schadet es dem Judentum? 2. zahlt es oder zahlt es nicht? Alles Jüdische ist natürlich gefeit [...] Das ist die orientalische Moral, die sie und ihre gleichgesinnten jüdischen Kollegen in anderen Hauptstädten bei uns eingebürgert haben. Kein echter großer Deutscher hat in den vierzig Jahren seit der Begründung dieses Blattes gelebt, der nicht von ihm jede Verunglimpfung zu erleiden gehabt hätte — nicht nur Bekämpfung, nein, Lüge, Verleumdung, Kot; denken Sie nur an Richard Wagner, an Treitschke, an Bismarck, an jeden echten, reinen Mann. Was haben Sie oder ich bei einem derartigen Blatt zu suchen?
    Dazu kommt aber noch eine weit wichtigere grundsätzliche Betrachtung.
    Wenn ich recht informiert bin, haben Sie in jenem andern Aufsatz von guten und schlechten, klugen und dummen Juden usw. gesprochen und von der heilsamen Konkurrenz, zu der diese hochbegabten Männer uns anspornen, und dergleichen mehr. Würden Sie unter   u n s   gesprochen haben, so ließe sich nicht das Geringste einwenden. Eigentlich handelt es sich da um Binsenwahrheiten. Ich bin noch niemals einem Europäer begegnet, der anders gedacht hätte. Ich selber habe liebe und verehrte jüdische Freunde gehabt und finde namentlich den geschäftlichen Verkehr mit redlichen und geschickten Juden besonders angenehm. In der „Freien Presse“ hätte ich aber niemals solche Worte gesprochen, und zwar weil sie an jenem Platze einen ganz andern Sinn gewinnen und infolgedessen fast einem Verrate gleichkommen. Denn dort bedeuten sie einfach: es gibt keine jüdische Frage. Und das ist die Unwahrheit, deren Verbreitung unter blöden Gojim sich die „Freie Presse“ tagtäglich angelegen sein läßt. Es gibt aber eine jüdische Frage, und es ist unsere Pflicht, das immer und überall zu wiederholen, mit heiligem Ernst und männlicher Unerschrockenheit. Haß wollen wir nicht im Herzen nähren; aber blauen humanitären Dunst wollen wir uns auch nicht vormachen lassen; vor allem: für unsere eigene Person wollen wir keine Kompromisse eingehen. Und in dieser Beziehung kann mein Gewissen Sie auch für einiges in Ihrem zweiten Aufsatz nicht jeden Vorwurfs freisprechen. Schon daß Sie in einem jüdischen Blatt Ihrer Bewunderung für Lessings Nathan Ausdruck geben, gefällt mir nicht. So etwas dient ja als Fahne. Ich persönlich habe schon als Knabe diesen faden Phrasenmacher nicht ausstehen können; der hält uns die schönen Reden, sagte ich mir, während seine Glaubensgenossen uns die Taschen leeren. Wie freute es mich, als ich dreißig Jahre später erfuhr, Goethe habe dem von Humanität triefenden Moses Mendelssohn ebensowenig getraut! „Jüdische Pfiffe“ nennt er dessen „Morgenstunden“ und schreibt an Jacobi, der sich mit Mendelssohn eingelassen hatte: „O du armer Christe, wie schlimm wird dir es ergehen, wenn er deine schnurrenden Flüglein nach und nach umsponnen haben wird!“ Es tut nicht gut, meine ich, in einem öffentlichen Blatte und mit Bezug auf die Juden, von dem Humanismus der Klassiker so zu reden, wie Sie es tun. Denn es gibt Fälle, wo eine halbe Wahrheit in den Hirnen der Leser flugs zu einer ganzen Unwahrheit auswächst. Der eigentliche Humanist unter allen Klassikern ist Herder; und gerade Herder verlangt, daß jeder Staat die Maximalzahl der Juden bestimme und unter keinen Bedingungen überschreiten lasse, da sonst jeder Staat von ihnen werde zugrunde gerichtet werden. Die Toleranz gegen den einzelnen Juden, die freudige Anerkennung seiner Verdienste hat eben gar nichts mit der Einsicht zu tun, daß das Judentum als Gesamterscheinung eine unberechenbar große Gefahr für unsere gesamte Kultur bedeutet. Das sah ein Herder — dieser große Kenner alles Vorzüglichen im Judentum — voraus, trotzdem er nichts von alledem vor Augen hatte, was heute dem Blödesten den Star stechen müßte. (Wobei nicht zu übersehen, daß Österreich-Ungarn mehr denn sechsmal so viele Juden enthält als das gesamte großbritannische Weltreich.) Und wenn Sie noch Goethe nennen, so frage ich mich: Haben Sie denn vergessen, daß Goethe in den Wanderjahren die Juden gerade von jeglicher Beteiligung an dem Werke der Erziehung ausschließt? Den Juden alle Freiheit, jede Gleichberechtigung; nur diese eine Ausnahme: vom Volksschullehrer bis zum Universitätsprofessor, nirgends darf ein Jude   L e h r e r   sein. Diese Ansicht Goethes den Lesern der „Neuen Freien Presse“ und der Zeit nahezubringen — bravo, ja! das wäre verdienstvoll gewesen. Freilich, im selben Werke Goethes begegnen wir einem merkwürdigen Worte, das uns vielleicht manchmal zur Richtschnur dienen sollte: Wir dürfen weder Gutes noch Böses von den Juden sprechen; nichts Gutes, weil sich unser Bund vor ihnen hütet, nichts Böses, weil der Wanderer jeden Begegnenden freundlich zu behandeln, wechselseitigen Vorteils eingedenk, verpflichtet ist.“ Das dünkt mich der Weisheit letzter Schluß: das Judentum derartig aus unserem Kulturleben ausschalten — uns „vor ihm hüten“, daß wir nie mehr darüber zu sprechen haben, und ihm nur wie einem fremmen Mitpilger auf dem Wege durchs Leben insofern freundlich begegnen, als dies wechselseitigen Vorteil bringt. Ein solches Werk muß im eigenen Herzen beginnen und durch das schweigende Beispiel wirken.
    Verzeihen Sie, verehrtester lieber Freund, wenn ich über Ihren Aufsatz und Ihre Erfahrung so ins Schwatzen geraten bin. Es mag Ihnen zeigen, daß, was von Ihnen kommt und was Ihre Person betrifft, mich mehr als manches andere berührt. In den allernächsten Tagen hoffe ich mir das Vergnügen zu machen, Sie aufzusuchen; mündlich wird manches klarer.
    Inzwischen wünsche ich gute Festtage.

Verehrungsvoll und herzlich Ihr

Houston S. Chamberlain.




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Band I, Seite 001-171: Die Briefe I. 1882-1907
Band I, Seite 172-332: Die Briefe I. 1908-1915
Band II, Seite 001-128: Die Briefe II. 1916-1924
Band II, Seite 129-275: Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II
Band II, Seite 276-288: Verzeichnis der Eigennamen
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