Houston Stewart Chamberlain

Briefe

1882—1924

und

Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II.

Erster Band: Seite 172—332, Briefe 1908—1915


Houston Stewart Chamberlain, Briefe und Briefwechsel

NB.: enumerated notes ¹), ²) etc. are original, notes with asterisks, *), **), etc. are not.

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Band I, Seite I-VI: Einführung/Inhaltsübersicht
Band I, Seite 001-171: Die Briefe I. 1882-1907

Band I, Seite 172-332: Die Briefe I. 1908-1915
Band II, Seite 001-128: Die Briefe II. 1916-1924
Band II, Seite 129-275: Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II
Band II, Seite 276-288: Verzeichnis der Eigennamen
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172-174 An Professor Hans Delbrück


Wien, 16. Januar 1908.

Sehr geehrter Herr!

    Wollen Sie einem alten treuen Leser und Abonnenten der „Preußischen Jahrbücher“ eine kleine Bemerkung gestatten, die nur Ihr Ohr treffen soll, nicht eine weitere Öffentlichkeit, deren Berührung ich stets so viel wie möglich vermeide.
    Habe ich — und zwar schon seit Jahren — die „Preußischen Jahrbücher“ mit Ausschluß aller andren Monatsblätter dieser Art zu meinem „Leibjournal“ auserkoren, so geschah dies nicht wegen einer in einer reichbewegten Welt unmöglich zu erzielenden Übereinstimmung in allen Ansichten und Auffassungen, sondern weil der höchst gediegene Inhalt durch einen wirklich vornehmen Ton gehoben wird. Gegen Schärfe wird kein vernünftiger Mensch etwas einzuwenden haben; doch die rüpelhafte Anpöbelung und die perfide Ehrenabschneiderei — sonst leider selbst in wissenschaftlichen Blättern nicht selten — sind mir in den „Preußischen Jahrbüchern“ nie begegnet. Um so unangenehmer berührte es mich, als ich gestern in Ihrem Januarheft, Seite 36, entdeckte, daß meine Wenigkeit auserwählt worden ist, um auf ihre Kosten unedle Kampfesweise auch in Ihr vornehmes Blatt einzuführen. Was dort in der Anmerkung gesagt ist, ist eine direkte und absichtliche Lüge, eine Perfidie, um meine Person und meine redlichen Arbeiten in den Augen Nichtwissender herabzusetzen. So kämpft kein anständiger Mensch, und eine vorsichtige Redaktion dürfte, meine ich, einen derartigen Ton nicht gestatten.
    In Wahrheit wurde meine Dissertation nicht „in jüngeren Jahren“ geschrieben und veröffentlicht, sondern (wie Prof. Hansen und Privatdozent Bruck sehr gut wissen, da sie das Buch in Händen haben) in den Jahren 1896 und 1897, das heißt mitten in der Arbeit an den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, und in einem Augenblick, wo ich das vierzigste Lebensjahr schon hinter mir hatte. — Ohne das Zureden eines so großen Botanikers wie Julius Wiesner hätte ich mich nie entschlossen, diese meine viele Jahre früher gemachten Versuche über den aufsteigenden Saft (die nur als Rohmaterial vorlagen) zu bearbeiten und in Buchform herauszugeben. Und was die maliziöse Behauptung betrifft, dieser Versuch sei „sehr unglücklich ausgefallen“, so kann ich nur darauf aufmerksam machen, daß die ersten deutschen Lehrer (wie Strasburgers, Pfeffers usw.) heute   a l l e   ihrer erwähnen, und daß in einer größeren Arbeit im „Biologischen Zentralblatt“, 1907, von Ursprung über „die Wasserversorgung der Pflanzen“ ausdrücklich auf meine „Recherches sur la sève ascendante“ als einzige Quelle für unsere Kenntnis gewisser Tatsachen verwiesen wird. Hofrat Wiesner hat mir das Zeugnis ausgestellt: „Ihre Beobachtungen über den aufsteigenden Saft sind die exaktesten, die jemals angestellt worden sind“; und Reg.-Rat Reinke (Kiel) — nebenbei bemerkt einer der genauesten lebenden Kenner der Saftbewegungen der Pflanze —‚ mit dem ich in keinerlei Verbindung stand, hat auf diese Veröffentlichung hin eine Korrespondenz mit mir eröffnet, die noch heute fortdauert; einem seiner letzten Bücher hat er ein Motto aus meinen „Recherches“ vorangestellt, und in seine Schrift „Die Natur und Wir“ (1907) hatte er die Güte einzuschreiben: „Seinem Lehrer Houston Stewart Chamberlain.“
    Ohne also die sehr beschränkte Bedeutung einer derartigen Spezialarbeit irgendwie übertreiben zu wollen — im besten Falle handelt es sich um ein Sandkorn —‚ darf ich doch behaupten, daß das „sehr unglücklich ausfiel“ ebenso absurd in der Tat wie verleumderisch in der Absicht ist.
    Und nun kommt noch die ausgesucht kanaillenhafte Lüge, daß ich, weil dieser Versuch unglücklich ausgefallen war, „nachher“ das botanische Studium aufgegeben habe. Wogegen ich in Wahrheit die Laboratoriumsarbeiten wegen schwerer langanhaltender Erkrankung aufgeben mußte, und erst viele Jahre später, als ich schon lange auf andrem Gebiete tätig war, einen Bruchteil meiner Ergebnisse rettete; Ergebnisse, die jetzt noch, wie Sie sahen, 25 Jahre, nachdem ich sie erzielte, als Autorität und — innerhalb eines beschränkten Teilgebietes — als einzig in ihrer Art zitiert werden; immerhin etwas bei unserer schnell schaffenden Wissenschaft.
    Da das eine Seite lange Vorwort und die erste Seite der Introduktion meiner „Recherches“ in wenigen Worten alle Daten genau angeben, waren sie den genannten Herren H. und B. bekannt; kannten sie sie aber nicht, so hatten sie als Männer der Wissenschaft nicht das Recht, über Dinge zu reden, über die sie keine genaue Kenntnis besaßen.
    Entschuldigen Sie die Länge dieser Ausführungen; es erfordert immer viel Zeit und Mühe, eine boshafte Verleumdung zu widerlegen.
    Was Prof. Hansen selbst betrifft, so ist dessen Geist so roh, daß in der gesamten Botanik kaum ein ungeeigneterer Mann zur Behandlung jenes Themas hätte gefunden werden können. Was er über mich referiert, verhält sich zu dem, was ich in Wirklichkeit gesagt und beabsichtigt habe, wie die Rede des Justizrats Bernstein vor dem Schöffengericht zu dem wahren Charakter meines Freundes, des Grafen Kuno Moltke. Wenn‘s nicht traurig wäre, wäre es zum Lachen. Das ist derselbe Hansen, der („Goethe-Jahrbuch“, 1906) den unsterblichen, einzigen Linné als „geistlosen Handwerker“ anranzt; der vornehme Ton des Jüngers steckt also schon im Meister.
    Und dies veranlaßt mich zu einer Schlußbemerkung: Halten Sie es wirklich für empfehlenswert, ja, selbst nur für zulässig, daß, wie in diesem Falle, der Assistent über ein Buch seines eigenen Vorgesetzten referiert? Glauben Sie, daß völlige Aufrichtigkeit und Freiheit hier menschlich wahrscheinlich sind?
    Mit der Bitte, diese Epistel so aufzunehmen wie sie gemeint ist, das heißt als Meinungsäußerung eines treuen Freundes Ihrer „Jahrbücher“, und der nochmaligen Wiederholung, daß ich weder eine Berichtigung noch irgendeine weitere Erörterung der betreffenden Sache wünsche, denn Lügen richten sich immer selber, bin ich, sehr geehrter Herr, Ihr dankbarer Leser und

Ihr in aufrichtiger Verehrung ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

175-176 An Professor Wilhelm Roux



Wien, am 19. Februar 1908.

Sehr geehrter Herr Professor!

    Eine schlimme Influenza, die ich noch immer nicht ganz abschütteln konnte, hat mich lange verhindert, Ihre so reiche Sendung mir anzueignen und Ihnen meinen aufrichtigen Dank auszusprechen. Sie wollen das gütig entschuldigen und überzeugt sein, daß ich Ihnen wirklich von Herzen dankbar bin für die viele Belehrung, die mir auf diesem Wege zuteil wird und die ich sonst entbehren müßte, da ich zwar das „Biologische Zentralblatt“, das „Archiv für Protistenkunde“ und einige andre Blätter halte, natürlich aber nicht in der Lage bin, auf diesem unmeßbaren Gebiet sehr weit mich hinauszuwagen.
    Ich kann Ihnen gar nicht sagen, mit welcher Genugtuung ich Ihren Kampf gegen die Psychomorphologen verfolge. Die wissenschaftliche Befähigung der Vertreter dieser Lehre will ich nicht anzweifeln, doch daß sie auf einen Bankerott der exakten Wissenschaft notwendig hindrängen, das ist so gewiß wie die Sonne am Mittag. „Romantiker der Wissenschaft“ nannte kürzlich unser vortrefflicher Hofrat Wiesner die Herren Francé & Co. Nach meinem Dafürhalten handelt es sich um ein   W i e d e r a u f l e b e n   der vor 100 Jahren blühenden Natur-Philosophie. Und zwar will mich dünken, diese jetzige Gestalt der Natur-Philosophie sei eigentlich gefährlicher als die damalige. Denn die Vorstellungswelt der Schelling, Hegel usw., die ja ursprünglich im Anschauen wurzelte, führte unvermeidlich immer weiter und weiter davon hinweg, in das Abstrakte und immer mehr Abstrakte; wogegen diese jetzige Generation, ausgehend von einem völlig sinnleeren Gerede über Seele, Psyche usw. dieses nun ganz materiell verwendet und ihr ganzes Streben darauf richtet, den Schattengestalten empirisches Dasein zu verschaffen. Die Folge wird sein, wenn ich nicht sehr irre, daß wir nächstens bei einer viel dümmeren und prätentiöseren Ausgabe der Büchner und Moleschott wieder ankommen.
    Entschuldigen Sie diesen Herzenserguß und glauben Sie, sehr geehrter Herr, an meine verehrungsvolle Ergebenheit.

Houston S. Chamberlain
 

176-177 An Professor Julius Wiesner



Wien, den 16. Juni 1908.

Sehr geehrter Herr und Freund!

    Indem ich Ihnen bestens für Ihre Zeilen danke, will ich doch noch einige Worte über Ihren Aufsatz hinzufügen.
    Erstens die Versicherung, daß ich diese Ausführungen für sehr bedeutend halte und mich auf die Stunden freue, wo ich sie noch einmal mit größerer Muße wirklich durchstudieren kann. Denn das Ganze ist sehr kunstvoll aufgebaut und nichts weniger als ein gewöhnlicher Revueaufsatz. Wie Sie voraussetzten, hat natürlich einiges — ich will nicht sagen meinen Ansichten, aber meinen Wünschen — nicht ganz entsprochen, trotzdem ich in der Hauptsache mit Ihnen vollkommen übereinstimme. Es fehlt mir immer die Betonung der Tatsache, daß eine Kritik der Erkenntnis für jeden denkenden Naturforscher unerläßlich ist; sie ist schon darum unerläßlich, weil er ohne sie notwendigerweise in Metaphysik und Dogmatik, womöglich aber in Naturphilosophie verfällt. Philosophie ist nicht ein bestimmtes Wesen, welches dasteht und behandelt wird wie etwa Botanik und Zoologie, sondern es gibt eine erträumte konstruktive Philosophie von den ältesten Zeiten an bis zu Professor Mach, und es gibt eine Newtonsche, rein wissenschaftliche Kritik des Menschengeistes, die einzig Kant durchgeführt hat; diese zwei Dinge muß man unterscheiden, meine ich, und man muß darauf aufmerksam machen, daß nicht naturwissenschaftliche Erkenntnis an und für sich, sondern einzig Erkenntniskritik im Sinne Kants befähigt, die Grenzen zu ziehen. Mir scheint es, daß Ihr Aufsatz in diesem Punkte nicht die genügende Deutlichkeit besitzt. Solange nicht Kritik geübt wird, werden die Naturforscher selbst immer wieder in ganz naiver Weise in Mystik, Romantik und Naturphilosophie à la Ostwald verfallen.
    Weiteres mündlich ein andres Mal und inzwischen wiederholten Dank für diese schöne Arbeit, die gewiß in den Kreisen, für die sie bestimmt ist, Aufsehen erregen und Nutzen stiften wird.

Houston S. Chamberlain.
 

177-178 An Baron J. von Uexküll ¹



1/10/1909
Wahnfried
Bayreuth

Hochgeehrter Herr

    Gestern nachmittag empfing ich Ihr Buch „Umwelt und Innenwelt der Tiere“ und ließ sofort alles liegen, um Einleitung, Schluß, Protoplasmaproblem und einige andere Kapitel im Fluge zu genießen. Es ist für mich immer ein Festtag, wenn etwas aus Ihrer Feder eintrifft — denn eben, ehe es in die Feder kam, war es im Hirn gewesen, und ehe es ins Hirn kam, hatte es im sinnenden Auge geweilt. Und alles ist interessant, das Kleinste wie das Größte, — denn wo es das wirkliche Leben gilt, da ist nichts nebensächlich. Man atmet auf, und ruft: Endlich! Endlich!
    Es hat mich gefreut, den Namen unseres jungen Freundes ² zu finden — von dem ich übrigens seit langem nichts weiß. Ich hoffe, er hat die zweite Operation gut überstanden, und ich hoffe, das „Schauen“ hält ihn weiter bei Ihnen fest, zur dauernden Befruchtung seiner außergewöhnlichen Denkanlagen.
    Doch meine heutigen Zeilen sollten vor allem dem einen gelten: Ihrer Widmung! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sie mich ergriffen hat und wie sie mein Herz gleichsam mit Dank erfüllte. An Hans von Wolzogen, der zufällig gerade hereintrat, sah ich, daß diese Wirkung bei allen edel denkenden Menschen dieselbe sein wird.
    Immer denke ich mit Rührung und Dankbarkeit der Stunden, die ich in jenem glücklichen Familienkreise verleben durfte; sollten Sie mit dem Fürsten ³ in brieflichem Verkehr stehen, so bitte ich ihm bei Gelegenheit meinen verehrungsvollen Gruß zu übermitteln.

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ An ihn ist der dritte Brief der „Lebenswege meines Denkens“ gerichtet.
    ² Dr. Felix Groß.
    ³ Fürst Philipp Eulenburg.
 

178-179 An die Redaktion der „Umschau“



9. November, 1909
Wahnfried, Bayreuth

Hochgeehrte Redaktion

    Als langjähriger Abonnent und Leser Ihrer vorzüglich redigierten Wochenschrift habe ich gestern die Oktobernummern durchstudiert und mit besonderem Interesse die Mitteilungen des Herrn Dr. L. Sofer über die Ausgrabungen in Bismya und Tello gelesen (Nummer 42, Seite 872 f.). Warum aber wird ein Schlußabsatz zu einem Ausfall gegen meine Wenigkeit benutzt?
    Lassen Sie mich meiner Abwehr eine praktisch-greifbare Gestaltung geben, die zugleich Herrn Dr. Sofer die Gelegenheit bietet, etwas für die Förderung der Wissenschaft zu tun. Wenn Herr Sofer Ihnen eine einzige Stelle aus meinen Schriften namhaft machen kann, in welcher ich „der chauvinistischen Lehre, daß alle Kultur von den Ariern herstamme“, Ausdruck gegeben habe, so verpflichte ich mich hiermit, der Redaktion der „Umschau“ sofort 500 Mark bar einzusenden, welche sie zur Förderung irgendeiner naturwissenschaftlichen Arbeit nach freiem Belieben verwenden soll. Ja, ich gehe noch weiter; denn da ich in meinen „Grundlagen“, als ausgesprochener Gegner der Lehren Gobineaus, an vielen Orten gegen den Begriff von ursprünglichen „Rassen“ überhaupt polemisiere und von den sogenannten Ariern ausdrücklich erkläre, sie seien „einer jener Rechenpfennige, ohne die man sich nicht verständigen könnte, die man sich aber wohl hüten müsse für bare Münze zu halten“ (Seite 343), so unterläge obiges Angebot einer auf alle Fälle unerfüllbaren Bedingung; darum erweitere ich es dahin, daß ich die genannte Buße erlegen will, wenn ich von irgendeiner „Rasse“ oder irgendeinem Volke jemals zu verstehen gegeben habe, alle Kultur stamme von ihnen her. In Wirklichkeit habe ich trotz des knappen Raumes die verschiedensten Kulturen in meinem Buche genau zu charakterisieren und zu würdigen versucht, mit besonderer Betonung der Individualität einer jeden; und an fünf verschiedenen Stellen bin ich — unter Berufung auf die Arbeiten von Renan, Maspero, Hommel, Winckler, Sayce, Delitzsch, Franke usw. — auf die große Bedeutung der sumero-akkadischen zurückgekommen.
    Ich fände es sehr begreiflich, wenn Herr Dr. L. Sofer meine Arbeiten geringschätzte oder es gar nicht der Mühe wert fände, sie kennen zu lernen; sie erheben nicht den Anspruch, die Beachtung der Spezialforscher zu verdienen; es berührt aber eigentümlich, wenn gerade Fachgelehrte in leichtfertiger Weise Behauptungen aufstellen, die nicht den bescheidensten Erwartungen in bezug auf Genauigkeit und Wahrheit entsprechen; und es berührt nicht minder eigentümlich, wenn nicht eine sachlich wertvolle Mitteilung, sondern lediglich die Diskreditierung eines gewissenhaft suchenden Zeitgenossen beabsichtigt ist.

Hochachtungsvoll und ergeben

Houston Stewart Chamberlain.
 

180 An die Redaktion der „Umschau“



Vertraulich

23/11/9 Wahnfried, Bayreuth.

Hochgeehrte Redaktion

    Nach Kenntnisnahme der beiliegenden Zuschrift werden Sie es gewiß nicht mißdeuten, wenn ich gestehe, ich hätte lieber jetzt wie damals geschwiegen; nur die aufrichtige Sympathie für Ihr geschätztes Blatt, das mir seinerzeit von meinem Freunde Hofrat Wiesner empfohlen wurde und das ich seit Jahren jedem als einzig in seiner Art empfehle, hat mich veranlaßt, meinen Widerwillen zu überwinden und mich mit Leuten herumzubalgen, die mit so unredlichen Waffen kämpfen. Außerdem setzte ich voraus, daß Ihr Herr Mitarbeiter, wenn auch leichtfertig, so doch nicht böswillig gehandelt hat.
    Sollte übrigens sein Brief noch vom Drucke zurückgehalten werden können, so ziehe ich den meinigen auch zurück, denn nichts liegt mir ferner, als die Leser der „Umschau“ mit meinen Angelegenheiten unterhalten zu wollen.
    Und nun, da wir uns den guten Humor durch solche Lappalien nicht verkümmern lassen wollen, lassen Sie mich sagen, daß die 500 Mark keine Flunkerei waren, sondern daß ich diese Summe zu Ihrer Verfügung auch ohne Dr. Sofer halte, falls Sie einmal, sei es einen Beitrag brauchen könnten zu einer guten Sache, sei es eine Arbeit anregen wollten. Ich mache nur zwei Bedingungen: absolute Anonymität, und darum eine kleine Pause, damit man nicht auf mich rät. Vom Januar ab aber stehe ich zur Verfügung, falls Sie den Vorschlag so aufnehmen wollen, wie er gemeint ist.

In vollkommener Hochachtung

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

181-183 An die Redaktion der „Umschau“, Beilage zum Brief vom 23/11/1909



Wahnfried. Bayreuth.

Hochgeehrte Redaktion!

    Jetzt wissen wir also, daß Herr Dr. Leo Sofer sein Urteil über mich nicht aus der Kenntnis meiner Schriften, sondern aus seiner Zeitungslektüre herholt, was seinem Privatbedürfnis genügen mag, jedoch zu Behauptungen in einer wissenschaftlichen Zeitschrift nicht hinlangt. Mit jenem von ihm angerufenen Journalisten habe ich mich seinerzeit deswegen nicht weiter eingelassen, weil die sämtlichen angeblichen Zitate aus meinen „Grundlagen“ entweder tatsächlich gefälscht oder aber in einer Weise aus dem Zusammenhang gerissen waren, daß sie auf den unkundigen Leser wie Fälschungen wirken mußten; einem Gegner gegenüber, der nicht bona fide vorgeht, verzichten anständige Menschen auf weitere Diskussion. Es tut mir leid für Dr. Sofer, daß er so wenig Unterscheidungsgabe besitzt.
    Wollte ich alles Falsche und alles tendenziös Entstellte in den Ausführungen jenes Gewährsmannes richtigstellen, ich brauchte mehrere Seiten, wofür weder Sie den Raum besitzen, noch ich die Muße. Bei diesen Dingen gilt jedoch der alte Spruch der Juristen: ab uno disce omnes.
    Wir lesen in Herrn Dr. Sofers Erwiderung: „Seite 137 sagt Herr Chamberlain vom Bündnis der Babylonier und Phönizier zur Unterwerfung Griechenlands und Italiens: ‚Die Freiheit und die Kultur wäre vertilgt, also auf ewig vernichtet worden!‘ “ Ich bitte genau zu beachten: es steht „Herr Chamberlain sagt“, und vor und nach den Worten — Die Freiheit usw. — stehen Anführungsstriche, so daß sie als meine ipsissima verba bezeichnet erscheinen. Schlagen wir aber die angegebene Seite nach, so entdecken wir, daß nicht ich hier spreche, sondern Mommsen! Mit genauer Angabe der Quelle („Römische Geschichte“, 1, 321) führe ich an dieser Stelle zwischen Anführungsstrichen Worte Mommsens an. Das „Herr Chamberlain sagt“ ist also eine absichtliche Fälschung jenes Gewährsmannes, begangen in dem verzweifelten Bestreben, aus den zwölfhundert Seiten meines Buches einige Sätze herauszufinden, die, entsprechend verdreht und entsprechend durch Kursivdruck falsch betont, der erlogenen Behauptung als scheinbare Stütze dienen könnten. Zu der Fälschung des Verfassernamens kommt aber noch Fälschung des Textes! Denn in Wirklichkeit sagt Mommsen, den ich natürlich wörtlich genau zitiere: „Mit einem Schlage (wäre) die Freiheit und die Zivilisation vom Angesicht der Erde vertilgt gewesen.“ Und da aller guten Dinge drei sind, begeht der Betreffende noch eine dritte Fälschung, indem er verschweigt, daß ich gegen Mommsens mir in den Mund gelegten Worte einwende: „Ich würde eher die Kultur gesagt haben, denn wie kann man den Babyloniern und den Phöniziern oder auch den Chinesen Zivilisation absprechen?“
    In gleicher Weise ist jede einzelne Angabe, auf die Herr Dr. Sofer sich verläßt, falsch. So soll ich z. B. gesagt haben: „Körperlich und seelisch ragt der Arier unter allen Menschen hervor.“ Auch in diesem Falle sind von den zehn Wörtern vier falsch angeführt, und man wundert sich nicht, wenn Menschen, die unfähig sind, einen einzigen Satz, der vor ihren Augen steht, richtig abzuschreiben, sich als wenig geeignet erweisen, den Sinn eines ganzen Buches zu erfassen; doch gleichviel; die Fälschung besteht hier weniger in dem Wortlaut, als darin, daß nicht hinzugefügt wird, ich habe soeben im selben Absatz zum wiederholten Male angezweifelt, ob es wirklich eine durch Blutbande geeinte „arische Rasse“ gäbe, und meine Überzeugung ausgesprochen, es handle sich vielmehr um eine „Wahlverwandtschaft“ zwischen körperlich und seelisch emporragenden Menschen verschiedener Weltteile und verschiedener Abstammung. Mein Widersacher zitiert mich nun so, daß der Leser glauben muß, ich habe das genaue Gegenteil gesagt.
    Zum Schluß zwei richtige Zitate. In seiner „Römischen Geschichte“, 8. A., I, 15, spricht Mommsen von den „indogermanischen Völkern“ und nennt sie: „den Stamm, auf dem von den Tagen Homers bis auf unsere Zeit die geistige Entwicklung der Menschheit beruht“. Ich habe in meinen „Grundlagen“ nirgends eine so weitgehende Behauptung gewagt: erstens, weil sie über den Horizont unseres Wissens hinausgeht, zweitens weil sie die andern Faktoren unterschätzt, drittens, weil ich dort überhaupt nicht über die „Menschheit“ zu handeln hatte, sondern nur über jene „nördlichen Europäer“, welche „die Träger der Weltgeschichte   g e w o r d e n   sind“ („Grundlagen“, Seite 8), und die ich nach ihrem kräftigsten Stamme als „Germanen“ bezeichne. Von diesen Menschen, dieser Zeit, diesem Weltteil sage ich nun: „Von dem Augenblick ab, wo der Germane erwacht, ist also eine neue Welt im Entstehen, eine Welt, die allerdings nicht rein germanisch wird genannt werden können, eine Welt, in welcher gerade im neunzehnten Jahrhundert neue Elemente aufgetreten sind, oder wenigstens Elemente, die früher bei dem Entwicklungsprozeß weniger beteiligt waren, so z. B. die früher reingermanischen, nunmehr durch Blutmischungen fast durchwegs „entgermanisierten“ Slawen und die Juden, eine Welt, die vielleicht noch große Rassenkomplexe sich assimilieren und mithin entsprechende, abweichende Einflüsse in sich aufnehmen wird, jedenfalls aber eine   n e u e   Welt und eine   n e u e   Zivilisation, grundverschieden von der helleno-römischen, der turanischen, der ägyptischen, der chinesischen und allen anderen früheren oder zeitgenössischen.“
    Diejenigen Ihrer Leser, auf deren Urteil ich — gleichviel ob sie Freunde oder Gegner meiner Auffassungen sind — Wert lege, sind hiermit genügend orientiert und werden schwerlich einer „Wahrheitsliebe“, die mit gefälschten Zitaten operiert, Wert beimessen. Es erübrigt mir nur noch, für die freundliche Raumgewährung Dank zu sagen.

Hochachtungsvoll und ergeben

Houston S. Chamberlain.
 

184-187 An Graf L.



20/2/10

Hotel Metropole. Santa Margherita-Ligure. Italien.

Hochgeehrter Herr Graf

    Gottlob, die Schreibmaschine ist endlich aus Genua angekommen, und ich kann Ihnen dreimal so schnell und dreißigmal so deutlich schreiben und mich nicht bei jedem Worte sorgen, ob Sie auch die Rhinozeroskralle werden entziffern können.
    Zunächst meinen warmen Dank für die gütige Art, wie Sie alles aufnehmen. Ich kann Sie versichern, daß ich der letzte Mensch bin, andern mit Ratschlägen beschwerlich zu fallen; wer mich in Ruhe läßt, wird auch von mir in Ruhe gelassen; in diesem Falle fühlte ich mich aber dazu gedrängt — eine helfende Hand wollte ich ausstrecken, eine Ermutigung zurufen, nicht eigentlich raten. Nun, Sie haben mich verstanden; der Ton Ihres lieben Schreibens bürgt mir dafür. Bitte aber den Wert meiner organisatorischen Begabung und Erfahrung nicht höher anzuschlagen als ich es tue. Freilich hängt bei einem Buch   a l s   B u c h   enorm viel von der Disposition ab; bei einer richtigen Anlage wächst alles von selbst wie der Baum aus dem Samen heraus, und nicht jeder beachtet das, wenn er zu schreiben anfängt; der Stoff, die Überzeugungen, der edle Wunsch, zu wirken... hundert Dinge bewirken, daß mancher nicht genügend überlegt, daß auch das Buch als solches ein Individuum ist, welches erstens gezeugt werden muß — soll es lebendig und nicht eine Drahtpuppe sein, zweitens ein recht pflegebedürftiges Babyalter durchmacht, wo ein richtiger oder falscher Beschluß über alle Zukunft entscheiden kann — denn die in diesem Stadium begangenen Fehler lassen sich nie wieder gutmachen.   A b e r,   hochgeehrter Graf, wenn ich noch so viel Wert hierauf legen wollte, unstreitig bliebe dennoch, daß Ihre Persönlichkeit, Ihr Erfahrungsschatz, Ihr Wissen den eigentlichen Lebensgehalt dieses Werkes ausmachen werden, und daß Sie nicht nur bei einem Gegenstand, der Sie schon so lange leidenschaftlich erfüllt, von selbst, instinktiv die einzig richtige Form finden werden, sondern daß, selbst wenn Sie sich durch eine rauhe Form erst Ihren Weg durchzubrechen hätten, dies wahrscheinlich dem Buche nur zugute kommen würde. Machen Sie mir also die Freude, einiges mit mir zu beraten, so stelle ich mir meine Teilnahme nicht anders vor, als daß ich Sie in dem unterstütze, was Sie selbst für richtig erkannt haben — denn es treten immer Augenblicke des Selbstmißtrauens ein (außer bei Eseln), und da findet ein Freund die Gelegenheit, sich zu bewähren.
    Über den „Rembrandt als Erzieher“, Ihnen zum Muster vorgehalten, habe ich herzlich gelacht; doch kenne ich das; alle Verleger sind sich darin gleich; und schließlich — wie sollen sie ihre Absichten andeuten, außer durch Hinweise auf Bekanntes. Herr R. ist natürlich gänzlich unfähig, auch nur zu ahnen, was Sie leisten können und daß Ihr Geist ein anderer ist als der des seligen Langbehns. Wenn ich schon raten soll, so rate ich Langmut gegen die Verleger — für die es ohnehin nach Goethes Versicherung eine „eigene Hölle“ gibt, wo sie büßen werden. — übrigens wird Herr R. Sie gewiß nicht beschränken wollen, was die Herren Ultramontanen betrifft; stellen Sie sich aber auch sicher in betreff des auserwählten Volkes und lassen Sie sich durch einige antisemitisch klingende Lockgesänge nicht irreleiten.
    Was die   Z e i t   anbetrifft, so dürfen Sie es keinem Verleger übelnehmen, wenn er gern einen Termin festgestellt haben will; der Mann muß ja seine Berechnungen — Kapital und Verzinsung u. dgl. — auf irgendwelche Wahrscheinlichkeiten basieren. Anderseits sagen Sie sich daß noch nie ein Autor sein Wort gehalten hat. — Sie werden doch nicht so unkollegial sein wollen, uns alle zu beschämen? Meiner Meinung nach   m u ß   der Verleger einen Zeitpunkt für späteste Lieferung des Manuskriptes nennen; diesen rücken Sie soweit irgend tunlich hinaus; wenn aber ein Kontrakt schriftlich aufgesetzt wird, lassen Sie den betreffenden Satz ins Subjunktive setzen, mit „wenn irgend tunlich“ o. dgl.  Der Verleger   m u ß   ja warten, bis Sie fertig sind — was soll er sonst tun? — und wird er ungemütlich, gut, Sie lassen ihn fahren und ich kenne mehrere Verleger, die sofort das fertige Buch mit Freuden annehmen und sehr gut vertreiben. Bitte also, nicht wahr? — über diese Frage keine einzige schlaflose Stunde!
    Überhaupt muß ich parenthetisch einschieben, daß Frau Wagner Sie herzlich grüßen und zugleich bitten läßt, doch ja mit Schweninger Rats zu pflegen wegen Ihres Leidens, ehe Sie sich an absorbierende Arbeit begeben. Gern würde sie Ihnen einen Einführungsbrief an den Magus geben. Ich schließe mich ihr an — der ich auch für meine Person die besten Erfahrungen an diesem Wundermanne gemacht habe.
    Und nun zu den eigentlichen Fragen.
    1. Eine   V e r b i l l i g u n g   wird einzig durch große Auflage möglich gemacht, und diese wird kein Verleger zusagen (da er doch das Risiko trägt), bis er das Manuskript in Händen hat. Dagegen widerrate ich mit aller Energie einem Verzicht auf Honorar. Einer alten und allgemeinen Erfahrung gemäß, vertreibt ein Verlag ein Buch um so besser, je teurer es ihm zu stehen kommt. Mein erstes kleines Buch erschien auf meine Kosten: es blieb völlig unbekannt; in einem Jahre wurden summa summarum fünf Exemplare verkauft — und diese hatte   i c h   gekauft! — Es bleibt Ihnen ja unbenommen, das Buch (das Sie laut Gesetz mit Buchhändlerrabatt beziehen, also um ein Drittel billiger) an die Bibliotheken zu verschenken; tausend Exemplare gehen auf diesem Wege leicht hin. Und wenn Sie z. B. tausend Exemplare selbst subskribieren, so geben Sie Ihrem Verleger den Mut zu einer Auflage von mindestens 3000. Aber auf Honorar würde ich bestehen — und zwar zur Hälfte (wenn eine fixe Summe) bei Lieferung des Manuskripts, zur Hälfte bei Beendigung des Druckes [...] Nur nicht generös gegen den Verleger.
    2.   A n o n y m i t ä t?   Ach, wie verstehe ich Sie! Als ich mich endlich zu schreiben entschloß, war meine (innerliche) Bedingung die unverbrüchliche Anonymität. Und ich frage mich manchmal, ob es nicht recht quixotisch war, mich davon abbringen zu lassen. Als es an den Druck ging, empfand ich es als Feigheit. Bei Ihnen liegt alles anders; ich meine, das können Sie einzig mit sich abmachen. Den Titel würde ich nicht fürchten: Graf Hoensbroeck ist ein Liebling aller Freigeistigen, Graf Reventlow hat ein Buch gegen den Kaiser geschrieben, Graf Keyserling schreibt über Unsterblichkeit — ich fürchte, die Vulgarität ist nach wie vor dieselbe, und der „Graf“ wird eher ziehen als abschrecken. Doch vielleicht ist dies gerade ein Hauptargument für die Anonymität. Ich meine: Sie können diese Frage ruhig für künftige Entscheidung aufheben.
    Lassen Sie mich Sie versichern, daß von uns aus auch nicht der allerengste Familienkreis etwas über Ihr Vorhaben erfahren wird — weder jetzt noch jemals; wir haben in solchen Dingen zu viel Erfahrung, um nicht den Wert des unbedingten Schweigens zu kennen.
    3. Über die Religionsfrage habe ich schon geantwortet.
    Und somit schließe ich diese überlange Epistel. Sauf force majeure können Sie bei mir immer auf jene Pünktlichkeit rechnen, ohne welche jede Führung eines Geschäftes unmöglich wird oder wenigstens sehr aufreibend.
    In aufrichtiger Verehrung

Ihr ganz ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

187-192 An Graf L.



8/3/10 Hotel Metropole. Santa Margherita-Ligure. Italien.

    Hochverehrter Herr Graf — In Erwiderung Ihres gütigen und inhaltreichen Schreibens vom 3. d. M. will ich zuallererst melden, daß meine Schwiegermutter   h e u t e   an Herrn Geheimrat Prof. Dr. Ernst Schweninger, Prinz-Ludwigs-Höhe, München, schreibt, um Sie vorzustellen und anzuzeigen;   S i e   möchten dann so gut sein, darum bittet Frau Wagner, selber zu Schweninger unter Berufung auf ihren Brief zu schreiben und sich mit ihm in Einverständnis zu setzen. Auch Schweninger pflegt nämlich gegen Ostern eine Reise zu unternehmen, und so wäre es möglich, daß sie sich gerade versäumten, wenn nicht vorher Verabredung genommen wird. Sie ist glücklich über Ihren Entschluß und hofft, der Wille werde zu Tat werden.
    Nun zu unseren Geschäften.
    Über die rein geschäftlichen Beilagen habe ich — außer dem Danke — wenig zu sagen. Auch ich kenne weder Reichl noch Gleichen-Rußwurm; ich bin hochgradig unsoziabel und kenne sozusagen keinen Menschen — und was hat dieses angebliche „Kennen“ für einen Wert? Ein einziger Blick offenbart einem manchmal eine ganze Persönlichkeit und deren Schicksal; kennt man sie erst, so sieht man den Wald vor Bäumen nicht. Ein Verleger muß sein Geschäft verstehen und muß sich — das heißt seine Interessen für ein Buch kompromittieren; dann „macht“ er es gut. Ich habe von diesem eine gute Meinung bekommen — aber wie neulich schon gesagt: wenn Sie Ihr Buch schreiben und er macht Sperenzel, dann garantiere ich einen anderen Verleger.
    Das Auskunftsbureau! Schon längst plaidiere ich dafür, daß Fritsch (vom Hammer) oder ein ähnlicher Mann ein Bureau errichte, das jene Erforschung unternehme. Mündlich einmal Näheres. Denn ich eile zur Hauptsache.
    Mit größtem Interesse habe ich von den Fragmenten Kenntnis genommen und sie wiederholt gelesen. Lauter gute, kräftige Keime und vieles, was förmlich nach näherer Ausführung schreit. Nur kann ich Ihrer Erwartung in bezug auf Randbemerkungen nicht genügen — wenn ich auch einiges Wenige zu notieren mir erlaubte. Ich habe nicht einmal die Schulbildung wie andere genossen, noch war ich je in einem Amte; und so ist mir das Erteilen von Zensuren ganz fremd geblieben. Ich versuche stets den anderen zu verstehen, so gut es mir gelingen will — und dazu gehört immer ein vollständiger Überblick, denn kein Teil kann beurteilt werden, ehe man nicht ein Ganzes vor Augen hat. Solche kritische Geister, wie Sie meinen, sind auch mir sehr nützlich, ja unentbehrlich; ich selbst aber bin da inkompetent; ich könnte mich ebensogut unter einen Baum stellen und den Gesang der Wachtel kritisieren. Darum habe ich mir einen anderen Dank ersonnen für das Vertrauen, mit dem Sie mich wirklich beglücken. Soweit ich ersehen kann, packen Sie die Dinge an einem anderen Ende an, als ich es tun würde; darin haben Sie bedeutende Vorgänger, ich „kritisiere“ Ihre Methode nicht; doch als ich Sie las, ließ es mir keine Ruhe, ich mußte gleich eine Architektur des Ganzen entwerfen. Nun sind freilich Ihre Bemerkungen schon Fleisch und Blut, wogegen mein Schloß ein Luftschloß ist; doch bin ich so überzeugt davon, daß ein Buch, um gut zu werden, architektonisch disponiert werden muß — und zwar um so mehr, wenn der Verfasser sehr viel zu sagen hat —‚ daß ich Sie hierzu habe anregen wollen. Il va sans dire, daß mein Entwurf Ihrem Papierkorbe gewidmet ist; mir genügt es, wenn Sie erst staunen, dann sich empören, dann laut auslachen und schließlich denjenigen Plan sich entwerfen, der Ihrem Intellekte entspricht. Sobald Sie einen Plan besitzen, da wird sich der reiche Stoff schon eingliedern. Ihre zerstreuten Einfälle sammeln Sie unter die verschiedenen Kapitelrubriken, nichts geht verloren, jeder kommt an seinen Platz — und eines schönen Tages setzen Sie sich hin, und bei Ihrem Temperament sprüht gewiß ein Kapitel nach dem anderen dann glühend heiß hinaus, und die Sache ist fertig.
    Nehmen Sie heute mit diesem Wenigen fürlieb und rechnen Sie, bitte, auf zwei Dinge: auf die Beschränktheit meines Könnens und auf die Unbeschränktheit meines guten Willens.
    Mit einem warmen Gruße aufrichtiger Verehrung

Ihr

Houston S. Chamberlain.

Deutschland im 20. Jahrhundert

Einleitung

    In kurzen Worten Umfang, Begrenzung, Zweck des Buches anzeigend.

Kapitel 1.   H i s t o r i s c h e r   R ü c k b l i c k

  1. Ganz kurze Übersicht bis zur Reformation (etwa drei Druckseiten);
  2. Martin Luther und die Entstehung eines deutschen Reiches von innen — im Gegensatz zum äußerlichen „Römischen Reiche deutscher Nation“;
  3. Gang von der Reformation bis 1806 (auf der einen Seite wachsende Zersetzung [Habsburg], auf der anderen langsam stetiger Aufbau [Hohenzollern]);
  4. Interimszustand vom Wiener Kongreß bis 1866;
  5. Bismarck und sein Werk.
Kapitel 2.   D e r   D e u t s c h e   v o n   h e u t e
  1. Rassenbestandteile (Germanen, Slawen, Kelten, prähistorische Rasseninseln (Oberbayern), Mischungen usw.);
  2. geographisch und staatlich bedingte Eigentümlichkeiten der Bewohner verschiedener Landesteile;
  3. der protestantische Deutsche;
  4. der römisch-katholische Deutsche;
  5. der jüdische Deutsche;
  6. allgemeine Betrachtungen als Zusammenfassung.
Kapitel 3.   D i e   i n n e r e   p o l i t i s c h e   L a g e
  1. Verfassung und Verwaltung des Reiches (Kaiser, Bundesrat, Reichstag usw.);
  2. Föderalismus und Einheitsstaat: Kraft und Schwäche dieses Gefüges, Eigenheiten gegenüber England, Frankreich, Rußland usw., welche alle Argumente aus Analogie hinfällig machen;
  3. das von Karl dem Großen bis Bismarck geschichtlich gewordene Deutschland (Kaiser, Fürsten, Adel, Heer, Beamten — kurz, die ganze straffe, aristokratische, administrative Organisation bei großer Freiheit sowohl der Teile wie der Glieder und erstaunlicher Wahrung lokaler Farbe) sieht sich seit hundert Jahren beständig bekämpft und bedroht von Universitätstheoretikern, Demokraten, Demagogen und — neuerdings — Judensozialismus.
  4. Der Gang der Ereignisse seit Bismarck und die drohenden Katastrophen (Unmöglichkeit, einen föderalistischen Staat parlamentarisch zu regieren, die Sozialisten, Juda, Rom, Polen usw.);
  5. kurzer Hinweis auf das, was nottut (unter Berufung auf Kapitel 6).
Kapitel 4.   D i e   ä u ß e r e   p o l i t i s c h e   L a g e
  1. Besonderes Verhältnis zwischen innerer und äußerer Politik bei Deutschlands Lage;
  2. Grundprinzipien für Deutschlands Verhalten, wenn es als Großmacht bestehen will (die Kontinuität, die anderswo Tradition und Instinkt ist, muß hier Maxime sein usw.);
  3. die großen Rivalen in ihrem Bezug auf Deutschland einzeln besprochen;
  4. enorme Bedeutung der Sprache; in moralisch-kultureller Beziehung hängt hiervon alles ab;
  5. Deutschlands Weltbedeutung (moralisch, intellektuell, künstlerisch): hierzu Macht unentbehrlich, aber konzentrierte, nicht zerstreute.
Kapitel 5.   D a s   ö f f e n t l i c h e   L e b e n
  1. Wegen hoher Intelligenz und Bildung (z. B. Universitäten und Theater überall, im Gegensatz zu Frankreich, England, Rußland) entartet das öffentliche Leben in Deutschland, wenn schlecht beeinflußt, schneller als irgendwo; den unvergleichlichen Möglichkeiten entsprechend größere Gefahren usw.;
  2. die Kirchen;
  3. die Universitäten;
  4. die Kunstzustände;
  5. die Presse;
  6. Militär und Beamtentum;
  7. Börse, Handel usw.;
  8. Vereinswesen;
  9. Justizpflege, Gefängniswesen usw.;
  10. Frauenbewegung;
  11. 1. m. — usw. usw. usw.
  1. das allmächtige Judentum;
  2. la course à la mort (als Zusammenfassung).
Kapitel 6.   D i e   W i e d e r g e b u r t
  1. Die Verneinung als notwendiger erster Schritt (Judentum, Rom, Demokratie, Freisinn, Ausländerei, Gelehrsamkeitskultus, naturwissenschaftliche Verblödung, Pornographie usw.);
  2. die politische Wiedergeburt: welche Halt, Konsequenz, Zuversicht, Größe gibt;
  3. die religiöse Wiedergeburt: der Geist des Protestantismus kann jeden echten Deutschen beseelen, wie auch sein Kredo laute;
  4. die künstlerische Wiedergeburt: ihre enorme Bedeutung für ein geistig so einzig regsames Volk, welches innerhalb eines Jahrhunderts Schiller, Beethoven, Goethe, Wagner hervorbrachte (Bayreuth ein einziges Phänomen in der Weltgeschichte);
  5. die Wiedergeburt der Naturanschauung: im Gefolge Goethes;
  6. die gesellschaftliche Wiedergeburt;
usw. usw. usw.
 

192-194 An Wilhelm Schwaner ¹



12/3/10 Hotel Metropole. Santa Margherita-Ligure. Italien.

Sehr geehrter Herr Schwaner

    Ich sinne und sinne über Ihren fr. Brief vom 21/2 d. J. und weiß immer weniger, was ich Ihnen sagen soll. Denn bloß sagen: so ist‘s vortrefflich, ist ein wenig mager für einen Mann, der‘s heilig ernst meint und nicht viel Wert auf Schmeicheleien legt; wollte ich aber kritisieren, so fände ich kein Ende, da natürlich jeder von uns so etwas an einem anderen Ende anpacken würde, wie es ihm gerade liegt. Und das kann Ich in aller Aufrichtigkeit sagen: wie Sie es machen, ist jedenfalls gut; und die große Erfahrung, die Sie sich im Schweiße Ihres Angesichts erworben haben, hat zu einer Meisterschaft geführt, die ein volles Gelingen auch für diese Fortsetzung verspricht. Was mich persönlich wenig anspricht, ist das Zusammenstellen von Namen, die miteinander gar so inkommensurabel sind. Es ist ein so abgründiger Riß zwischen Shakespeare und Maeterlink, daß ich mir gar nicht denken kann, wie sie nebeneinander bestehen sollen. Die ganz Großen gehören einer anderen Menschenart an als die schönsten Begabungen; Homer ist ewig und Shakespeare auch — und in Byron, Milton, Carlyle strömt wenigstens so reichliche Beimischung des Ewigen, daß sie einige Jahrhunderte gewiß überstehen werden; doch von Maeterlink weiß in hundert Jahren nur die Literaturhistorie etwas zu melden; da nützt alles nichts, und es kommt auf Meinungen, Richtungen u. dgl. gar nicht an — am letzten Ende entscheidet die eingeborene Kraft allein. Der gute Herbert Spencer ist für mein Gefühl schon heute ein Fossil. Kurz: ich hätte Lust, Ihre Liste zu verkürzen und dafür den Wenigeren reichlicher das Wort zu lassen.
    Und dann: es ist bedenklich, in einer Germanenbibel den großen Franken gar keinen Platz einzuräumen. Jemand nannte Pascal „eine neue fränkische Invasion in Frankreich“. Montaigne halte ich für nicht ein Tüttelchen weniger „germanisch“ als Shakespeare, und ich weiß nicht, ob er nicht wie jener die Jahrtausende überleben wird; hier haben wir Genie in höchster Potenz. Doch, selbst Voltaire ist — seiner ganzen Kopf- und Gesichtsbildung nach (Siehe Woltmann) reiner Germane. Diderot nicht weniger... zwei oder drei solche Kerle wiegen alles auf, was sich als Skandinavier breitmacht.
    Doch sie Sehen, wie destruktiv meine Kritik werden könnte! Und anderseits verstehe ich als praktischer Mann recht gut, daß Sie die Ansprüche Ihrer Zeit — auch wo es sich um Vorurteile handelt — in Betracht ziehen müssen und daß Sie zufrieden sein können, wenn Ihre Bibel fünfzig Jahre gute Dienste leistet und dann für veraltet gilt. Ich lebe so sehr außerhalb des „Tages“, daß die Ewigkeitswerte vielleicht ein wenig zu sehr bei mir vorwiegen. Lassen Sie es also bei Ihrem wohldurchdachten Plane bewenden und ersehen Sie in diesen Worten nur ein Zeichen wahren und nicht Phrasenhaften Interesses an Ihren edlen Bestrebungen. Mit bestem Gruße

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
——————
    ¹ Herausgeber des „Volkserzieher“.
 

194 An Dr. Boeken



19/5/10 Haus Wahnfried. Bayreuth.

    Verzeihen Sie, hochgeehrter und -geschätzter Herr, wenn ich in dem Gedränge tausenderlei Pflichten und Besorgungen, welche die Heimkehr nach viermonatiger Abwesenheit bedingt, nur ganz ungenügend auf Ihre vorgefundenen lieben und wirklich höchst anregenden Mitteilungen erwidere. Es wird mich freuen, den Spuren, die Sie aufdecken, nachzugehen. Die Prosaübersetzung, von der Sie reden, ist wohl ins Holländische? Sonst hätte ich mich ungemein darauf gefreut.
    Daß mein Buch über Kant sich nach und nach doch den Weg zu Hirn und Herz mancher Besten bahnt, ist mir Trost und Ermutigung; die Herren vom Fach — welche allerdings die ganze Sache gar nichts anging — haben es zum Teil geradezu   r o h   abgelehnt; nun aber erhalte ich nach und nach von den verschiedensten Seiten Zeugnisse tieferer Einwirkung. So z. B. neulich von einem hervorragenden Arzt und experimentalen Forscher, den mein Buch zum überzeugten Kantanhänger umgewandelt hat. In diesem Sinne zu wirken, wäre wohl das Schönste, was ich mir je hätte wünschen können — mögen die also Beeinflußten mein Werk später dann in ihren Papierkorb werfen: daran liegt nichts.
    Bewahren Sie mir Wohlwollen, Nachsicht, Interesse und seien Sie meiner Verehrung und Sympathie versichert.
Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

195-196 An Privatdozent Walter Frost



3/7/10 Haus Wahnfried. Bayreuth.

Hochgeehrter Herr

    Verbindlichst danke ich für Brief und Buch. Leider — oder vielmehr Gott Lob! — weile ich augenblicklich in geistig so fernen Regionen, daß es mir schwer fallen wird, Ihrem Versuche in nächster Zeit die nötige Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken, — namentlich da schon ein erstes Blättern mir zeigt, daß ich mich mit Ihnen in ein Gebiet begeben müßte, dem ich glücklich bin, auf immer entronnen zu sein. Kant mag ja ein Esel gewesen sein, ebenso wie ich mich erinnere, einmal von einem Musiker gehört zu haben, Mozart sei ein Stümper gewesen — aber die Sache liegt nun einmal so, daß mich mit   d i e s e n   Eseln und   d i e s e n   Stümpern eine Geistesaffinität verbindet, so daß mir einzig in ihrer Gesellschaft wohl zumute ist. Oder aber ich finde unerschöpfliche Unterhaltung bei den empirischen Erforschern der Natur, wie auch bei guten Künstlern, klugen Welt- und Geschäftsmännern usw. — wogegen eine amphibische „Naturphilosophie“, die alles Geniale von sich weist und dennoch „Philosophie“ sein will, mir höchstens — wie in Ihrem Falle — Sympathie für die Person einflößen kann, insofern man sie redlich, tüchtig und überzeugt bei der Sache sieht, wogegen ich den Versuch selbst als aussichtslos betrachte.
    Ich rede unumwunden, weil der freundliche Ton Ihres Briefes mich dazu ermutigt; man ist ja so froh, Gelehrten zu begegnen, die freie Menschen und nicht Pedanten sind. Ich habe das Glück, eine ganze Anzahl solcher zu Freunden zu zählen — und mein Herz schlug Ihnen gleich entgegen, als ich auf dem Titel das Wort „Bauführer“ las und mir sagen durfte, die akademische Toga sei nur ein klatternder Umwurf um die echte Gestalt.
    Und da es nun für praktische Männer ein Gebiet gibt, wo sie allezeit sich in gleicher Überzeugung begegnen — das der unbedingten Tatsachentreue, so erlauben Sie mir, Sie aufmerksam zu machen, daß Ihre Behauptung Seite 8 unten, man habe zu Schellings Zeiten „nichts geahnt“ von „der inneren Verwandtschaft der Erscheinungen des Lichtes, der Wärme, der Elektrizität, des Magnetismus und der Chemie“ auf Irrtum beruht. Hätten Sie meinem „Kant“ die Ehre angetan, ihn aufmerksam zu lesen (was allerdings eine ziemliche Zumutung gewesen wäre), Sie hätten gewußt, daß zwei Männer wenigstens diesen Zusammenhang sehr genau „geahnt“ haben — freilich, es waren keine mathematischen Physiker, sondern Männer von der Esel-Stümper-Sorte, nämlich Kant und Goethe. Für Goethe habe ich inzwischen eine ganze Reihe von Stellen aufgefunden; in einer sagt er, er „zweifle gar nicht daran“ und in einer anderen, mit dieser Einsicht „wäre die Naturforschung für immer geborgen“.
    Möchte Ihre Naturphilosophie Sie zu der Erkenntnis führen, daß geniale Begabung in der „Bauführung“ der Natur etwas zu bedeuten hat.

Hochachtungsvoll und dankbar

Houston S. Chamberlain.
 

196-198 An Professor Moritz Hoernes



9. Juli 1910
Haus Wahnfried. Bayreuth.

Hochgeehrter Herr

    Gestatten Sie einem aufrichtigen und wahrhaft dankbaren Verehrer, dem Sie öffentlich unrecht getan haben, eine kleine Bemerkung.
    Soeben lese ich mit dem größten Interesse Ihren Aufsatz in der intern. Wochenschrift „Geschichte und Vorgeschichte“. Warum bringen Sie mich Ungelehrten in diese rein gelehrte Erörterung hinein? Und wenn schon, warum mit einem billigsten Feuilletonsarkasmus, der in seiner materiellen Falschheit an Verleumdung grenzt?
    Wie sollte ich, der ich wie jeder Gebildete die Hälfte meiner Kultur aus Altgriechenland herzuschreiben habe, ich, der ich dem Studium der altindischen Weisheit eine Aufklärung verdanke über manche Fragen, wie sie mir weder Süd- noch Nordeuropa bot, — wie sollte ich jemals gedacht oder gesagt haben, der Begriff Mensch „sei auf die germanische Rasse zu beschränken“? Wenn Sie bei Gelegenheit meine „Grundlagen“, Seite 61 ff., aufschlagen wollten, Sie würden eine ganz andere Beantwortung jener Frage finden, als die alberne, die Sie mir andichten. — Außerdem habe ich die dogmatische Beantwortung der unermeßlichen Frage nach dem Wesen von „Rassen“, wie sie wissenschaftliche und unwissenschaftliche Phantasten so ahnungslos leichtfertig zu geben belieben, stets energisch von mir gewiesen, so daß ich von den Anhängern Gobineaus, Wilsers usw. mit dem höchsten Banne belegt bin und meine eigene Person neulich verachtet fand als „ein charakteristisches Produkt der gelb-weißen Degeneration“! (was das besagen will, weiß ich nicht genau, aber jedenfalls irgend etwas besonders Scheußliches). Und nun kommen Sie — hochverehrter Herr — und schreiben mir die Behauptung zu, ich halte nur die Germanen für Menschen!! So wird der arme Gelbweiße zwischen den zwei sich widersprechenden Antagonisten vollends zerquetscht.
    Wie sollte ich aber, der mir ein bestimmtes Thema — das 19. Jahrhundert — zur Behandlung vorlag, und der ich — meinen schwachen Kräften und der Architektonik meines Buches zulieb — mich streng zu beschränken hatte, zu beschränken nämlich auf das Sichere, Konkrete, Handgreifliche — wie sollte ich nicht den Nordeuropäer, im Gegensatz zum Südeuropäer, als die treibenbe Kraft anerkennen, aus deren Entfaltung die Neuheit und Eigenart unserer jetzigen Zivilisation und Kultur zu erklären ist? Ist das wirklich etwas so Absurdes? Mich dünkt es im Gegenteil eine vérité de La Palisse. — Die „Arier“ bezeichnete ich (Seite 343) als „einen jener Rechenpfennige, ohne die man sich nicht verständigen könnte, die man sich aber wohl hüten muß, für bare Münze zu halten“; der Vorstellung „Germane“ ist schon eher beizukommen, namentlich da in einem Buche wie dem meinen allen Ursprungsfragen auszuweichen war, da es nicht der Wissenschaft, sondern dem Leben, nicht der Theorie, sondern der Tat galt.
    Daß Sie meine Bücher nicht lesen, verstehe ich und billige es durchaus; uns Laien macht es aber einen befremdenden Eindruck, wenn wir immer wieder erfahren müssen, daß die exakten Forscher nicht einmal über das Zunächstliegende wirklich zuverlässig „exakt“ zu berichten verstehen.
    Bitte, nichts für ungut zu nehmen!

In aufrichtiger Verehrung

H. S. Chamberlain.
 

198-199 An Postrat Pretzsch



30/8/1911 Bayreuth

Hochgeehrter Herr

    Verbindlichsten Dank für die Mitteilung sowie für Ihre freundlichen Zeilen von gestern. Anbei die Briefe ¹ zurück.
    Das Unternehmen, einen Dithmarschen-Bauern zu überzeugen, er habe unrecht, ist ungefähr dasselbe, als wollte man die Sonne nötigen, von Westen nach Osten zu kreisen. Bartels hat in seiner Art so Tüchtiges geleistet, er ist so einzig und unersetzlich, daß ich aus Verehrung hierfür mich seit lange daran gewöhnt habe, bei ihm immer ein Auge und oftmals alle beide zuzudrücken. Der wirklich unverfälschte Nordgermane besitzt übrigens — ich weiß es aus eigener Erfahrung — keinen untrüglichen Instinkt in bezug auf Rasse; er steht zu sehr außerhalb, besitzt als Erbteil eine gottgegebene „Tumbheit“ und verachtet das Schnüffeln, in welchem er es doch nie zu einiger Meisterschaft bringen wird. Beim redlichen Bartels liegt nun in Wirklichkeit in diesem Falle lediglich seine Hebbelomanie zugrunde. Daß es nie gelingen wird, diesen interessanten, aber krankhaften Stecknadelspitzendialektiker dem Deutschtum als einen seiner allerersten Dramatiker aufzuzwingen, das   m u ß   ein Mann von Bartels Begabung — wenn auch halb unbewußt — empfinden; und nun treibt ihn seine blinde Leidenschaftlichkeit und sein bäuerischer Eigensinn, über den größten dramatischen Dichter aller Zeiten herzugeben, um Platz für den engeren Landsmann zu schaffen. Die Aussichtslosigkeit dieses Beginnens erklärt die Verstocktheit. Am meisten tut er mir selber leid; denn gerade er gehört eigentlich nicht in dieses beschränkte Literaturwesen, in das er für ich weiß nicht welche Sünden gebannt scheint, und genösse eine ganz andere Lebensfreude, wenn er die Seelenweite besäße, zu großer Kunst in unmittelbare Beziehung zu treten. Doch dann wäre er nicht „Bartels“! Also nehmen wir mit Dank, was Gott uns in diesem tüchtigen Menschen gegeben hat.

In vorzüglicher Hochachtung, ergeben

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Professor Adolf Bartels hatte in einem Zeitungsaufsatz das Deutschtum Richard Wagners angezweifelt und seine Meinung auch brieflich weiter verfochten.
 

199-201 An die Deutsche Dichter-Gedächtnisstiftung



26/12/11 Bayreuth.

Hochgeehrte Verwaltung

    In Erwiderung auf Ihre geehrte Zuschrift vom 22. Dezember kann ich nur das eine sagen, daß ich die beiden Dinge — die Bekämpfung der herz- und hirntötenden Schund- und Schmutzliteratur und die Überflutung des Landes mit gesunder, reiner, stärkender, erhebender, wahrhaft lebenspendender Hirnkost für eines der wichtigsten patriotischen Unternehmen halte, denen edle Männer ihre Hingebung widmen können. Als der Elementarunterricht allgemein gemacht wurde, hatte den Lenkern der Staaten eine Geistige Entfesselung des Volkes aus beschränkenden Ideenkreisen vorgeschwebt, wodurch es nach und nach zu höherem Lebensinhalt heranreifen sollte; nun droht aber — wie so häufig bei aller Politik — genau das Gegenteil des Erhofften einzutreffen; nicht nur politisch werden die noch Unmündigen von Abenteurern irregeführt, sondern die Besudelung der Seele wird mit frevelhafter Gewissenlosigkeit an Hunderttausenden geistig Wehrloser vollzogen, alles um des schnöden Mammons willen. Letzterer Bewegung stehen große Kapitalien zur Verfügung, denn sie „rentiert“ sich. Noch in diesem Monat (8. Dezember 1911) konnte man im „Berliner Tagblatt“ an leitender Stelle eine beredte Verteidigung der Schundliteratur lesen; wer zwischen die Zeilen zu blicken versteht, weiß genau, in wessen Interesse solche Dinge geschehen, nämlich, im Interesse von Spekulanten, die der moralische Ruin eines ganzen Volkes kalt läßt, wenn nur ihre Börsen sich mit Millionen anfüllen. Dagegen bleibt die entgegengesetzte Bewegung — von wenigen hochherzigen Männern ins Leben gerufen — auf die Barmherzigkeit derjenigen angewiesen, welche dieses Erdendasein nur erträglich finden, wenn es eine moralische Ewigkeitsbedeutung einschließt, und die — ohne Visionäre zu sein, und ohne den geringsten Anspruch auf jene „Heiligkeit“ zu erheben, die dem „B. T.“ so besonders bespottenswert erscheint — nichtsdestoweniger ein körperlich gesundes und also ein geistig unbeflecktes, frisches, frohes deutsches Volk ersehnen. Tausendmal besser ist es, nicht lesen zu können, als giftige Dinge zu lesen, die nie mehr aus der Phantasie zu entfernen sind. Es ist lächerlich, von Polizei zu reden; hier wie anderwärts kann die Polizei nur dort eingreifen, wo die Saat des Bösen schon aufgegangen ist; gegen den verderblichen Samen kann einzig der gute Same aufkommen, und zwar der produktive, aus dem zugleich die Blüte der Liebe treibt und die starke Wurzel des Hasses. Ich habe in meiner Jugend Bauern und Matrosen in Frankreich und England gekannt, die durch die Unbeirrbarkeit des Urteils, die fabelhafte Kraft des Gedächtnisses, den Humor, den Gradsinn, geradezu das Prädikat „bedeutend“ verdienten; sie konnten nicht lesen und schreiben; der erste Erfolg der Bildung — wie man ihn an der jetzigen Generation in jenen Ländern erschreckend wahrnimmt — ist die allgemeine geistige Depotenzierung, namentlich des Urteils und des Gedächtnisses; kommt nun frivole Lektüre dazu, so ist die vollendete Gemeinheit sofort da; der Mensch ist unter das Tier gesunken.
    Heil denen, die dieser Katastrophe entgegenwirken!
    In aller Verehrung

ergebenst

Houston S. Chamberlain.
 

201-206 An Hugo Bruckmann



29/3/12 Santa Margherita Ligure.

Lieber Herr Bruckmann

    Vielen Dank für Ihren lieben Brief vom 26. und für die echt „goethesche“ Noblesse, mit der Sie meine Eselei bei der Berechnung stillschweigend verbessert haben.
    Um mit dem Ende anzufangen: ich habe Troll ¹ gebeten, den Vertrag ohne jede Veränderung so zu unterschreiben, wie Sie ihn vorgelegt hatten; es geschah in vollkommener Übereinstimmung mit ihm, nach einer kurzen mündlichen Unterredung, und ich sandte den Vertrag an seine Kanzlei zurück mit entsprechender Weisung. Die Unterschreibung hat Zeit bis zu seiner Rückkehr aus Neapel, da die Sache als erledigt gelten darf.
    Aber weiß Gott, der Vertrag ist auch das Bequemste an dem ganzen Buche. Das Weitere macht mir schlaflose Nächte. Denn wirklich, ich habe in dieses Werk alles hineingetan, was ich an Denken und Gestalten nur zu leisten vermag; ich weiß, es ist, absolut betrachtet, nicht viel, aber es ist mein Ganzes, und insofern ist es doch wiederum ein „Absolutes“. Kein Mensch ist weniger als ich geneigt, das, was er geschrieben hat, als vom Heiligen Geiste eingegeben und daher sakrosankt zu betrachten; ich weiß ja zu genau, wie viele Stunden Houston Stewart Chamberlain Esquire im Schweiße seines Angesichts daran herumgebessert und gefeilt und gestümpert hat; es steckt aber doch so viel Unwillkür und geheimnisvolles Müssen in einem solchen Werke, daß man es mit einer ähnlichen Scheu und Ehrfurcht betrachtet und berührt wie einen Sohn, der schließlich auch auf ganz natürlichem, unmystischem Wege entstand und dennoch als ein Unerklärliches und Unbedingtes vor einem steht, mit Eigenheiten, die man bewundert oder beklagt, aber nicht ändern kann.
    Ich bin entsetzt über die 50 Bogen ohne Anhang; ich hatte mir so bestimmt 30 vorgenommen. Aber, wie abhelfen? Ich laufe durch die Olivenhaine und über die hohen Kämme und lasse immer wieder das ganze Buch an mir vorüberziehen, und ich erwache aus Träumen, wo Sie mir mit Armeen von Bogen den Krieg machen... und doch steht ein „Muß“ da, dem nicht auszuweichen ist. Denn es handelt sich doch nicht darum, ein Buch über Goethe auf den Markt zu bringen, sondern darum, im Dienste Goethes und des Deutschtums dasjenige Buch zu schaffen, das ich zu schaffen befähigt und insofern genötigt bin. Wie sollte ich die Lebensskizze knapper fassen? Da könnte ich sie lieber ganz streichen. Mit wie flüchtigen (wenn auch, wie ich hoffe, festen) Strichen ist die Persönlichkeit silhouettiert! Versuchen Sie nur, solche Episoden wie Krafft oder Napoleon auszulassen, und sehen Sie, welche Lücken entstehen! Und der gekürzte „Napoleon“... was ja sehr leicht zu bewerkstelligen ist... verliert alle Deutlichkeit und Überzeugungskraft. Vielleicht läßt sich im Anfang des kurzen dritten Kapitels ein wenig zusammenziehen; es wird einige drei Seiten ausmachen. Das vierte Kapitel ist von entscheidender Wichtigkeit; es handelt sich darin um die eine grundlegende Erkenntnis, ohne welche diese Persönlichkeit niemals begriffen und geschätzt kann werden. Ich habe gestrichen und gestrichen; doch wenn ich die lückenlose   D e u t l i c h k e i t   opfere, so ist die Arbeit umsonst geleistet worden. Das fünfte Kapitel ist das komplizierteste Gewebe, das ich bisher gewoben habe. Noch nach der Abschrift habe ich manches gekürzt und umgestellt, wie seinerzeit im Völkerchaoskapitel. Weiter kürzen könnte ich nur, wenn ich mich entschlösse, ganze Abschnitte zu opfern, in denen dieses oder jenes Beispiel durchgearbeitet wird zur plastischen Verdeutlichung theoretischer Erkenntnisse. Es ist aber ein gar zartes Gebild, in guter Stunde entstanden, und ich habe nicht oft Tage, wo ich mich zugleich gesammelt, besonnen und scharfsichtig genug fühle, um an so etwas chirurgisch herumarbeiten zu können; meist bin ich viel zu plump und träg. Das sechste Kapitel entstand als Improvisation, und wenn ich auch am Wortausdruck gar manches zu tun fand und noch zu tun habe, es wäre ein Frevel, wollte ich tiefere Eingriffe wagen. Ich kann mir also nichts weiter vornehmen, als mit aller Rücksichtslosigkeit jedes Überflüssige, was mir begegnet, erbarmungslos zu tilgen. Und da nun in den mitgeteilten Zahlen manche gestrichene Seite mitgerechnet ist, so wäre ich nicht erstaunt, wenn weitere Striche eine Ersparnis von etwa einem Bogen im ganzen zustande brächten. Aber mehr schwerlich.
    Der Anhang ist abgeschlossen mit 174 Seiten (je 23 Zeilen).
    Was das fünfte Kapitel über Erwarten umfangreich gemacht hat, ist nur zum Teil die Überfülle des Stoffes; zum Teil sind es aber die unumgänglichen Zitate, wo dann jeder kürzeste Vers eine ganze Zeile beansprucht. Aber wie soll man das umgehen?
    Ich weiß, lieber Herr Bruckmann, Sie machen mir in Ihrem Briefe keine Vorwürfe, aber ich mache sie mir selber und ich fühle sie unausgesprochen bei Ihnen, da ich mich unserer vielen Unterhaltungen gut erinnere und auch weiß, welchen Einfluß Umfang und Preis auf die Verbreitung haben. Ich kann nur hoffen, daß der Name Goethe und der gute Ruf meiner früheren Bücher uns über Wasser halten werden. Ganz sicher ist dieses Buch, was es auch wert oder unwert sein mag, „mein“ Buch; wer also für meine Art Sympathie hat, wird gewiß danach greifen.
    Und nunmehr sind Sie vielleicht mürbe genug, daß ich mit einer Hauptsache herausrücken kann: wenn es irgend geht, möchte ich für den   e i n e n   Band stimmen. Es kommt alles darauf an, die Persönlichkeit als Einheit zu fassen und zu überblicken; ununterbrochen wird von einem Kapitel auf die anderen hingewiesen; es ist eben doch noch immer ein kleines, gedrungenes Buch, nur daß bei Goethe das Kleine groß ist. Vielleicht gelingt es Ihnen, ein dünneres und nichtsdestoweniger undurchsichtiges Papier aufzutreiben.
    Hingegen sind in mir Bedenken aufgestiegen, ob ich nicht die Idee mit den Tafeln fallen lassen soll? Wir ersparen damit immerhin etwas Raum, wenigstens was wir Engländer „bulk“ nennen. Und insofern als mein Buch grundsätzlich unhistorisch und nur ganz nebenbei stellenweise chronistisch ist, passen sie hinein wie die Faust aufs Auge. Ich hatte sie auch hauptsächlich als Ergänzung gedacht, damit das Historische und Chronistische somit zu seinem Rechte komme. Doch lege ich Ihnen die Sache vor und erwarte Ihre Meinungsäußerung. Interessant wären sie ja sehr und auch „inédits“, aber gerade für dieses Buch nicht unentbehrlich.
    Wie ich zu meinem Bedauern entdecke, habe ich nicht das nötige Material mit, um die zweite Tafel hier fertigzustellen; das hätte aber wohl noch Zeit?
    Zu Ihrer Orientierung schicke ich Ihnen eine Übersicht der Disposition meiner Kapitel; vielleicht geben Sie sie dann weiter an Herrn Vanselow, dem sie bei der Drucklegung von Nutzen sein wird.
    Da ich nämlich keine Marginalien diesmal anwende und da einige Kapitel von selbst in Abschnitte zerfielen, habe ich diese Gliederung durchgeführt und gedenke, sie durch Trennungsstriche und Untertitel sichtbar zu machen. In Kapitel I und V würde ich dann das a), b), c), d) ohne Trennungsstriche, aber mit Untertiteln bringen. Für diese Untertitel wäre dann entsprechender Satz zu wählen und überhaupt die Disposition durchzuführen. Ich habe, wie Sie sehen werden, äußerst vereinfacht und nur das Interesse des Lesers im Sinne gehabt.
    Vielleicht wird es praktisch sein, diese Untertitel für die linken Kolumnen in Anwendung zu bringen... nein, für die rechten. Links würde ich vorschlagen eine römische Kapitelzahl und den   N a m e n   des Kapitels:

II. Die Persönlichkeit
Rechts der wechselnde Untertitel:
Die Liebe
Die Barmherzigkeit
usw. Wo ein längerer Untertitel nicht zu umgehen war, könnte er gekürzt gebracht werden. Z. B.
Goethe und seine Umgebung.
    Bitte bedenken Sie auch das im voraus.
    Wenn unsere Schweizer Reise aufgegeben wird, so wird der Grund zum Teil in der Unmöglichkeit, meine Frau zu ersetzen, zum Teil in dem Wunsch, den Druck ununterbrochen zu fördern, zu finden sein. Frau W. geht es gottlob recht befriedigend; dies ist aber ein Erfolg stundstündlicher Sorgfalt.
    Allerherzlichst und mit besten Wünschen zur Osterfahrt, auch von meiner Frau

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Justizrat Troll, Rechtsbeistand und Freund Ch.s.

Houston Stewart Chamberlains Handschrift

„O Gott, steh' mir bei! Achtet nicht auf das, was ich bin, sondern mache aus mir das, was ich sein sollte.“

206-208 An Dr. Hans Heinrich Borcherdt



30. Mai 1912 Bayreuth

Hochgeehrter Herr

    Entschuldigen Sie gütigst eine verspätete Antwort. Ich mache im Augenblick drei oder vier Wochen durch, ehe das Gleichgewicht wieder hergestellt sein wird, in denen ich den Anforderungen kaum genügen kann.
    Eigentlich habe ich nur nachts Zeit gehabt, an Ihren Plan zu denken, wenn mein fester Schlaf zur Zeit des allerersten Vogelgesanges eine Viertelstunde lang dem beglückten Lauschen weicht. Das mag wohl eine günstige Stunde sein, sich Illusionen zu machen, und so bin ich nach und nach über die ersten Schrecknisse hinweggekommen und bilde mir ein, meine geringe Kraft könnte am Ende — wenn auch ganz gewiß nicht genügen, so doch Ersprießlicheres für Ihren Zweck leisten, als was von den trostlos dürren Patronen zu erwarten steht, die uns umgeben.
    Nicht nun im Sinne einer lästigen weiteren Verzögerung, sondern aus dem Bedürfnis, meine letzten Bedenken zu überwinden und frohen Herzens zusagen zu können, erbitte ich mir von Ihrer Güte eine etwas ausführlichere Auskunft über Ihre Absicht.
    Daß Ihre Auswahl untheologisch — sagen wir a-theologisch ist — verstehe ich und billige diese Absicht; außerdem ist Ihnen, wenn Sie jemals ein Werk von mir gelesen haben sollten, bekannt, wie weitherzig und unkirchlich (for the matter of that: „unlutherisch“) mein Bekenntnis zum Christentum, oder vielmehr zu Jesus Christus ist. Für nichts in der Welt aber möchte ich an einem Werke beteiligt sein, welches offen oder versteckt anti-christlichen Tendenzen dienen will. In meiner Art bin ich ein ebenso glühender Gläubiger wie irgendein Kirchenvater — und richtiger noch, wenn ich sage, wie irgendein leidenschaftlicher Häretiker. Und darum hasse ich die Widerchristen. Lieber würde ich einem orthodoxen, selbst einem katholischen Unternehmen meine kräfte zur Verfügung stellen, als einem solchen dienen, in welchem die Ehrfurcht vor der göttlichen Persönlichkeit Christi nicht zur Richtschnur genommen wird. Nun versteht es sich eigentlich von selbst, daß eine Befassung mit Luther die Liebe zu Christo voraussetzt; denn wie will man sonst den großen Mann verstehen, der in dieser Liebe wurzelt und wirkt? Doch erlebt man heute so merkwürdige Dinge, daß ich von einem mir leider unbekannten Herausgeber wohl ein beruhigendes Wort hierüber erbitten darf, ohne ihm persönlich in irgendeiner Weise zu nahe zu treten.
    Ein zweiter Punkt ist dieser: es wird mir nicht möglich sein, die verlangte Einleitung zu schreiben, außer ich habe die volle Freiheit, das zu sagen, was ich für wahr und notwendig halte. Dabei kann es vorkommen, daß ich nach rechts und links anstoße, und das wiederum könnte eventuell der Verbreitung Ihrer Ausgabe schaden. Ich muß z. B. gestehen, daß ich für die lutherische   K i r c h e   eine äußerst minimale Sympathie hege — sowohl in der Vergangenheit wie in der Gegenwart; das kann leichtmöglicherweise in der Einleitung durchschimmern. Ebensowenig würde ich es aber fertig bringen, die Empörung über die Herren Denifle u. Comp. nicht zu Worte kommen zu lassen. Auch Luthers Verhältnis zum Judentum mag zu unzweideutigen Worten Veranlassung geben. Usw. Nicht etwa als wäre ich heute ein so naiver Drauf- und Dranstürmer wie zu den seligen Jugendzeiten der Grundlagen; jedes Alter hat seine ihm angemessene Art; aber in entscheidenden Dingen nehme ich auch heute nicht gern ein Blatt vor den Mund und schweige lieber als unwahr zu sein. Darum liegt es mir im Grunde gar nicht, teilzunehmen an einer Arbeit gemeinsam mit anderen; diesen will ich gewiß nicht in den Weg treten, aber gebieten lasse ich mir in Dingen des Geistes von niemandem. Und wer weiß, wie wenig recht es den hochwürdigen Herren Buchwald, Kawerau usw. sein wird, wenn ihrem treulich bepackten Karren ein so unfrommes Pferd vorgespannt wird! Das gebe ich Ihnen sehr ernstlich zu bedenken.
    Schließlich blieben noch zwei Fragen, die ewigen zwei: Zeit und Raum.
    Was schon gesagt wurde, wiederhole ich nicht. Wollen Sie mir, bitte, Format und Schrift genau genug bezeichnen, daß ich den Umfang von fünf Bogen genau berechnen kann. Ich frage mich, ob ich auslange? Und diese Frage weckt die weitere: Bringen Sie außer dieser Einleitung noch eine biographische Skizze, oder soll jene das Nötige in großen Zügen liefern? Es macht nämlich einen bedeutenden Unterschied, ob man einen Essay über Luther schreibt oder aber eine (und wenn auch noch so knappe) äußere und innere Darstellung der Persönlichkeit gibt. Zum Essay fühle ich mich nicht besonders qualifiziert, dazu bin ich zu wenig Literat; es würde aber leicht unharmonisch wirken, wenn ich das Erdendasein Luthers in meiner besonderen Art skizzierte, um auf diesem Wege zu der Persönlichkeit zu gelangen, und daneben stünde eine fleißig genaue Chronologie. Zum mindesten müßte ich es wissen, und womöglich diese zu sehen bekommen.
    Sind wir erst über alle diese Punkte ins Reine gekommen, und es fehlt nur noch das bindende Jawort, so würde ich dann — aber dann erst — den Rechtsanwalt, der alle meine Geschäfte führt, bitten, sich mit dem Verleger direkt in Verbindung zu setzen; ich pflege über diese Dinge nicht persönlich zu verkehren.
    In vorzüglichster Hochachtung und mit der Bitte, einige Geduld mit mir zu haben, verbleibe ich

Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

209-212 An Dr. Hans Heinrich Borcherdt



13 Juni, 1912
Bayreuth

Hochgeehrter Herr

    Für Ihren eingehenden Brief vom 7. Juni schulde ich Ihnen den wärmsten Dank. Außerdem hat er mir, teils durch seine Mitteilungen, teils durch die energische Anregung zu endgültiger Besinnung, den Dienst geleistet, daß ich endlich klar sehe in dieser Sache.
    Lassen Sie es mich lieber gleich unverhohlen aussprechen: ich bin zu der Einsicht gelangt, daß ich Ihrer mich ehrenden und erfreuenden Aufforderung nicht nachkommen darf.
    In der Eile überbeschäftigter Tage kann ich die Begründung zu diesem Entschlusse nicht ausführlich darlegen, wie ich es Ihnen gegenüber so gern möchte. Doch vielleicht genügen wenige Worte, damit Sie mich verstehen.
    Erstens fühle ich mich, nach Kenntnisnahme Ihres ausführlicheren Programms, nicht ganz in Übereinstimmung mit Ihren Absichten. Denn wenn ich auch wohl begreife und von Herzen billige, daß man Luther nicht allein als Theologen, namentlich nicht als spitzfindigen Dogmatiker zeige, so ist mir die Weglassung des Katecheten schon bedenklicher, weil hier eine Grundlage seines positiven gesellschaftlichen Aufbaues liegt — fragen Sie nur den Jesuiten an, die gerade in dieser Beziehung, indem sie Luther bekämpften, ihm nacheiferten. — Und dann ist mir unbegreiflich, wie an Luther etwas „Lutherisches“ bleiben soll, wenn man alles ausläßt, was Nichtprotestanten unangenehm berühren kann. Kämpfer sein und jeden Hieb mit einem dreifach wuchtigeren Hiebe erwidern: das gehört doch zum Wesen der Persönlichkeit Luthers. Der unauslöschliche Haß gegen Rom, der Abscheu vor den Juden — die kann man doch nicht aus der Welt schaffen. Ebenso falsch aber wäre es, seine Maßlosigkeit gegen die anderen Reformatoren nicht zu Worte kommen lassen zu wollen; denn in solchen Dingen zeigt sich Charakter. Wer einen Schleiermacher will, kann ihn ja haben; wer allgemeinen Religionsbrei schmackhaft findet, für den ist wahrlich heute überall gesorgt. Wesen des Glaubenshelden ist aber, daß er glaubt, daß sein „Ja, ja“ wie die Posaunen vor Jericho erschallt und sein „Nein, nein“ wie ein Donnerkeil dareinfährt. Nein, mit der Aufrichtigkeit, die Sie heute von mir zu fordern ein Recht haben, muß ich gestehen, ich bin nicht der Mann, an einer Lutherausgabe mitzuarbeiten, die sich zum Ziel setzt, „den konfessionellen Frieden nicht zu stören“. Nebenbei gesagt, möchte ich wissen, wo dieser angebliche „Frieden“ zu finden ist?
    Doch unterbrechen Sie mich vielleicht mit der Bemerkung, daß Sie mir ja ausdrücklich „volle Freiheit zusichern“ in meiner Einleitung. Abgesehen davon aber, daß ich dann als enfant terrible die erhofften Leser von vornherein abschrecken würde, so sind mir bei näherer Überlegung, wie ich sie Ihrer kräftigen Anregung verdanke, Bedenken anderer Art gekommen, die mich zu der ablehnenden Entscheidung geradezu zwangen.
    Daß ein Mann, der einige Bildung und einige Gedanken hat, ohne sonderliche Mühe ein Feuilleton von 50 Seiten über Luther verfassen kann, begreife ich. Mir aber ist es versagt. Ich gleiche in manchen Beziehungen jenem berühmten Deutschen aus der Anekdote, der das Kamel aus den Tiefen seines Bewußtseins entstehen ließ. Wenn ich jahrelang mich in eine Persönlichkeit versenke, ganz passiv, von der einzigen Leidenschaft beseelt, geistig mit ihr zu verschmelzen, so kann ein Augenblick kommen, wo mit einer Art von Zwang sich eine Vorstellung mir aufdrängt, die auch für andere, die weniger Zeit solchen Betrachtungen widmen konnten, von Interesse sein kann. Es werden damit Wege gewiesen, die an die wahre Quelle alles edlen Menschtums führen. Immer aber entstanden meine Werke aus vielen Jahren — nicht eigentlich von Studien, aber von intensiver Versenkung. Es wäre ebenso unmöglich wie unwürdig, wollte ich einen Luther künstlich und willkürlich zu zeichnen unternehmen. Würde ich aber so viel Zeit und Mühe darauf verwenden, dann durchbräche ich den Rahmen einer Einleitung, und es würde mir auch nicht passen, die Arbeit so eingeschränkt und unzugänglich zu wissen, und gar noch mit einer Ausgabe verflochten, die meinen Wünschen nicht entspräche. Einen Augenblick dachte ich sogar daran, Ihnen und Ihrem Verleger vorzuschlagen, mich ein eigenes Buch über Luther schreiben zu lassen, ein kleines Buch, aber ein ganz selbständiges; allenfalls hätte der Verleger eine Ausgabe konform der Schriftenauswahl herstellen können, die mit dieser auch verkäuflich gewesen wäre... Doch mußte ich auch hiervon zurückkommen, in dem Gefühl, daß dies mich viel weiter führen würde, als ich es verantworten könnte.
    Was ich bisher geschrieben habe, bildet — wenigstens in meinem Kopfe — ein Ganzes; zu diesem Ganzen gehört noch mehreres, darunter Pläne, deren Ursprung zum Teil 25 Jahre zurückliegt und noch weiter; dieses „Ganze“, teils jetzt nach dem Maße meiner Fähigkeiten vollendet, teils als Traum und Hoffnung die Zukunft färbend, ist gleichsam ein lebendiger Teil von mir selbst geworden; es wäre wohl nicht unbedenklich, namentlich in meinem Alter, plötzlich dieses (ohnehin sehr weite) Gehege zu verlassen, wo ich heimisch bin, um außerhalb, als irrender Ritter, mich zu ergehen. Ich ahne, daß ich weder Ihnen, noch mir selber genügen würde.
    Warum ich Ihnen das nicht gleich sagte? Ja, sehen Sie, das ist gerade der Haken: die an Versenkung gewöhnten Menschen wissen eigentlich gar nichts, bis sie sich versenkt haben. Die Aussicht, über den Mann schreiben zu dürfen, den ich immer für den gewaltigsten Mann der Weltgeschichte gehalten habe, hatte für mich etwas Begeisterndes; konnte ich wissen, ob Sie nicht der Finger Gottes seien? Sobald ich aber mich auf meine eigenen Kräfte zurückverwiesen fühlte, da entdeckte ich bald, daß ich diesen Weg zu gehen nicht bestimmt bin. Der Ton Ihrer Briefe läßt mich auf Ihr Verständnis rechnen, und dieses wird mir recht geben müssen und daher auch Verzeihung nicht vorenthalten.
    Zum Schlusse noch etwas: ich glaube, ich weiß, wer Ihnen diese Einleitung ganz vortrefflich schreibt; ich wenigstens wüßte niemand, dem ich es so zutraute wie ihm. Geheimrat Henry Thode. Als Sohn oder wenigstens Enkel und Urenkel protestantischer Pfarrer und als gläubiger Mann besitzt er die eine nötige Eigenschaft; dabei ist er durchaus weitherzig und sehr welterfahren; es wird ihm also weder an Takt noch an Glut fehlen; seine historischen Kenntnisse sind ganz eminent und reichen gerade in bezug auf jene Zeiten in das Detail hinein, aus dem dann Leben in der Schilderung entsteht; der große und wachsende Erfolg seiner Vortragsreisen durch ganz Deutschland in den letzten Jahren hat seinen Ruf weit über die speziell kunsthistorisch interessierten Kreise hinausgetragen. Wenn ich nicht irre, wird er jetzt auch etwas Muße haben, da sein großes Michelangelowerk in diesen Wochen abgeschlossen vorliegen soll. Versuchen Sie es doch! Seine Besitzung ist: Villa Cargnacco, Gardone, Lago di Garda, Italien.
    Bitte glauben Sie an die Versicherung meines Bedauerns und zugleich an die Freude, die es mir bereitet hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.
    In aller Hochachtung

ergebenst

Houston S. Chamberlain.
 

212-218 An Adolf von Harnack



9. Dezember 1912.
Bayreuth.

Hochverehrter Herr

    Mein Schweigen auf Ihre beiden letzten Briefe bedarf weniger einer Entschuldigung als einer Erklärung, und auch zu dieser wüßte ich kaum die Worte zu finden, wenn ich nicht ein so tiefes Vertrauen zu Euer Exzellenz gefaßt hätte, daß ich eine leise Andeutung genügend wähnen darf, um eine ganze Kette sympathetischen Mitdenkens und Mitfühlens zu eröffnen.
    Ein Wort sagt alles: es hat noch nie ein Mensch so gegen mich — den Autor — gehandelt ¹. Noch nie hat einer so reich gegeben, so spontan, so eingehend, mit einem so divinatorischen Instinkt für das, was der Arbeiter, im Augenblick, wo nach jahrelangem Ringen um Erkenntnis und Gestaltung der Erkenntnis die Kluft des Endes, des Abschlusses, des erbarmungslosen Schwarzaufweiß vor ihm sich auftut, nunmehr ersehnt und wessen er eigentlich   b e d a r f,   wenn er es auch — nach meiner bisherigen Erfahrung — nie zu erhalten pflegt. Denn was nützen anerkennende Worte, die nicht auf genauer Kenntnis des Buches beruhen? Und wer kann das Buch beurteilen, wenn er nicht den Gegenstand beherrscht? Doch handelt es sich nicht allein darum, sondern um Tieferliegendes: wer selber mit höchster Anspannung alles gegeben hat, was ihm zu geben vergönnt ist, dürstet nach einer verwandten Überschwenglichkeit in der Aufnahme; alles andere mutet ihn gar so karg und verletzend an. Weit weniger auf Übereinstimmung im Urteil kommt es ihm an, als auf Übereinstimmung der „Temperatur“ des Herzens. Man ist noch ganz unfähig, selber zu übersehen, was man geleistet hat, — das Unzulängliche sticht viel eher und so unerbittlich ins Auge... denn solche Arbeiten sind nicht wie Kunstwerke, ruhend in der eigenen Abgeschlossenheit, sondern betreffen, gleichsam „naturhistorisch“, einen faktisch vorhandenen Gegenstand und können niemals ihm wirklich objektiv adäquat sein... und da ist es eine göttliche Wohltat, wenn einer, dessen Worte inneren Wert besitzen und sich durch Klang und Inhalt als aufrichtig bewähren, einem zuruft: Du hast wacker gearbeitet. In dem warmen Dank eines solchen liegt alles: denn hat mein Buch ihm etwas   g e g e b e n,   ihm neue Gesichtspunkte eröffnet, ihn dem nie auszukennenden Goethe nähergeführt, so daß er manche Dinge aus seiner Feder hinfürder mit vollkommenerem Verständnis lesen und dadurch die ganze Gestalt Goethes und auch seine ganze Welt — und wäre es auch nur um ein Weniges — besser, leuchtender, ausführlicher erblicken wird, — ja, dann hat mein Buch geleistet, was es wollte, und ich genieße inniges Glück in dem Bewußtsein, daß die Jahre, die mir so unermeßlich viel gaben, zugleich auch für einige andere mitgelebt wurden — und dann auch gewiß weit über mein Leben hinaus.
    Und das alles, hochverehrter Herr und erwünschtester aller Leser, haben Sie mir gegeben; und zwar so gegeben, daß die Sache sozusagen für mich jetzt erledigt ist und ich meinem Verleger das strenge Verbot zukommen lassen konnte, mir keine einzige Zeitungskritik zu schicken. Derlei Dinge wiederholen sich nicht. Und sollte selbst sich einer finden — ein Seltener —‚ der so reich wäre wie Sie, er wird sicher nicht so generös sein, so generös, daß ich, wie die Bettler, nur sagen kann: „Vergelt‘s Gott! “, denn eigentlich danken kann man für so etwas nicht, — man würde ins Sentimentale geraten, wo wir beide nicht gern weilen.
    Eine ganz besondere, eine „bebenbe“ Freude haben Sie mir durch Hervorhebung von Seite 312 ff. gemacht. Als ich nämlich diesen Abschnitt schrieb, geriet ich in jene echte Stimmung, wo man sich wie von einer geheimen Macht getrieben fühlt. Ich war ebenso hingerissen, als hätte ich das schönste Gedicht geschaffen. Und da war es niederschlagend, wenn einzelne andere, die diesen Abschnitt kennen lernten, nichts Besonderes dabei zu empfinden schienen. Es ist eben das Ei des Kolumbus; alles liegt auf der Hand; wer also nicht ahnt, daß noch kein Mensch es erblickt hatte und es darum auf einen „siegreichen“ Nachweis ankam (um Ihr Wort mir anzueignen), der schluckt‘s hinunter wie Butterbrot und sagt nicht einmal Danke. Die Sicherheit, mit der Sie gerade auf diese Stelle den Finger legten — eine der wenigen, wo Subjekt (Chamberlain) und Objekt (Goethe) sich mathematisch genau decken, hat mir nicht nur außerordentliche Freude gemacht, sondern mir großes Vertrauen zu allen Urteilen gegeben, die Sie sonst noch über Einzelheiten im Buche fällen.
    Ebenso scharfsinnig weisen Sie auf einen kritischen Punkt mit Ihrem Vorschlag, die Seiten 359 bis 364 in den Abschnitt „Organisches“ einzugliedern. Nur muß ich Ihnen offen gestehen, daß hier ein architektonisches „artifice“ vorliegt, und daß ich erst nach häufiger, eingehender Überlegung mich schließlich doch entschloß, die Sache so zu lassen, wie sie steht. Da nämlich Goethe im Anorganischen fast lediglich Sammler und empirischer Beobachter war, und im übrigen nur einige wenige — allerdings großartige — Ideen aufstellte und durch mehr zufällig hingeworfene Äußerungen Tiefblick verriet, so fällt dieser Abschnitt dem Umfang und somit auch dem „Gewicht“ nach etwas karg aus, und ich bin froh, durch die Einschiebung dieser polemischen Auseinandersetzung — die unentbehrlich ist, aber freilich ebensogut an anderem Orte stehen könnte — die Gelegenheit zu gewinnen, mich hier ein wenig mehr auszudehnen. Es schien mir das vorteilhafter, als wenn ich zu dem einzigen anderen Ausweg gegriffen hätte — nämlich die Proportionen in der Behandlung des einzelnen plötzlich zu ändern. Habe ich geirrt, so geschah es wenigstens nicht aus Unachtsamkeit. Auch weiß ich nicht, ob ich mich entscheiden könnte, hier zu verschieben: vielleicht verlöre ich mehr als ich gewönne.
    Mehr Eindruck — weit unerwarteter — macht mir Ihr Vorschlag, Seite 345 ff. direkt an 277 anzugliedern. Daß ich eine gewisse Scheu habe, in das einmal Abgeschlossene einzugreifen, werden Sie verstehen und aus eigener Erfahrung kennen; jedenfalls scheint mir aber dieser Wink sehr dankens- und erwägenswert.
    Unendlich dankbar wäre ich — ich tue keine Bitte, denn das wäre unbescheiden, aber — unendlich dankbar wäre ich, falls Sie einige Sätze, Die Sie zweimal lesen mußten, um sie zu verstehen, mir anzeigen könnten. Haben Sie sie vielleicht beim Lesen angestrichen, so würde eine bloße Postkarte genügen: Seitenzahl und erstes Wort. Zwar werde ich selber darauf Jagd tun, doch bin ich nicht sicher, die Schwierigkeit für andere immer richtig zu erraten.
    Ja, auch mich berührt die Polemik in Kapitel 5 nicht durchaus angenehm. All that I can say for myself ist, daß ich vieles davon gestrichen und gemildert habe! Aber Sie haben vollkommen recht: es könnte noch mehr verschwinden oder in die Anmerkungen verwiesen werden.
    Die Richtlinien auf Richard Wagner dachte ich ohne alle tendenziöse Übertreibung und Emphase deutlich aufgezeigt zu haben: Musik in gewissen Situationen „noch höher als Sprache“, — die fortgesetzten Versuche, das Drama unter Mitwirkung der Musik zu gestalten, — die tiefe (antiglucksche) Einsicht in die entscheidende Tatsache, daß nicht die Worte, sondern vielmehr „die Pantomime, die Handlung“ dasjenige sind, woran die Musik organisch anzuknüpfen hat (Seite 546), so daß die Vermählung von Auge und Ohr, von Gesehenem und Gehörtem das primär Gegebene im neuen Drama sein muß, wogegen Wortausdruck und Tonausdruck erst aus dieser poetisch stattgehabten Ehe hervorsprießen, — die Versetzung der Tragik in eine andere Sphäre, indem die Erlösung nicht mehr jenseits des Dramas liegt, sondern dessen Krönung bildet: alles dies, nebst manchem Nebensächlicheren, auf das ich aufmerksam gemacht habe, scheint mir eine wahre Verwandtschaft zwischen beiden Dichtern zu bilden, jedenfalls aber zu interessanten, anregenden — weil beiderseitig aufhellenden — Ideen und Einsichten hinzuführen. Meine Absicht lag fern von aller plumpen und schließlich irrelevanten Geschichtskonstruktion, sie betraf vielmehr jene „Doppelreflexion“, von der Goethe gern spricht und wodurch Unaussprechbares wie durch sinnlich unwahrnehmbare Ätherwellen ins Bewußtsein getragen wird.
    Die freundliche Rüge bezüglich einer „Überschätzung des Sakramentalen“ gehört zu jenen Dingen, die mir eine heitere Freude bereitet haben; Ihrem Scharfblick entgeht nichts; mein Gewissen ist an dieser Stelle nicht ganz rein; ich wollte schnell vorwärts kommen, eindrucksvoll, unzweideutig, das Gegebene paßte sehr gut, und die Reservationen und Verklausulierungen sind mir stilistisch zuwider; ich dachte, der Vernünftige macht sie von selbst. Ich rufe Ihnen also Bravo! zu, werde aber doch nichts hier ändern. Sie selbst fügen richtig hinzu: oder überschätzt   e r s c h e i n t“,   und treffen damit das Richtige, wie immer.
    Von größter Bedeutung sind mir dagegen Ihre Bemerkungen über die Abschnitte 1 und 2 vom 6. Kapitel. Natürlich muß ich sehr vorsichtig sein; doch hatte ich mir, noch ehe Ihr Brief eintraf, eine ganze Seite des ersten Abschnittes als zu streichen notiert; Ihr Urteil bestärkt mich in dem Gefühl, daß hier — nicht bloß wie mancherorten Unzulängliches vorliegt, sondern — daß hier noch etwas Positives an Aufhellung, Entlastung, Vereinfachung geleistet werden könnte. Ob es gelingt, weiß ich nicht; jedenfalls will ich es ernstlich versuchen.
    Gott! wie dankbar wäre ich gewesen, wenn ich bei jedem meiner Bücher einen Freund zur Seite gehabt hätte, fähig, das, was ich tat, zu übersehen, und gewillt, mich durch Rat zu unterstützen! So keck ich manchmal schreibe, so innerlich grundbescheiden bin ich. Stets habe ich mich danach gesehnt, doch Hilfe nur bei sekundären Begabungen gefunden, während die Bedeutenderen sich entzogen.
    Über die jüdische Frage würde ich am liebsten hier kein Wort sprechen; Sie werden Ihre Meinung nicht ändern, und ich die meine ebensowenig. Erlauben Sie, daß ich Sie an Kants Wort erinnere: daß bei bedeutenden Werken die sogenannten Fehler einen integrierenden Bestandteil bilden, an dem man nicht rütteln darf, da sie zum Organismus des Ganzen gehören. Mögen Sie hier also, wenn Ihr Urteil es fordert, einen „entstellenden Flekken“ erblicken; bei näherer Betrachtung werden Sie gewiß entdecken, daß manches Vortreffliche, manches, was Ihnen Anlaß zu so warmen Worten der Anerkennung gegeben hat, untrennbar eng mit diesem „Fehler“ verwachsen ist. Manche Einsicht gewinnt nur derjenige, der sich resolut und, wenn es sein muß, gewaltsam von allem „Jüdischen“ abwendet. Sie schreiben mir: „Je schlimmer der Jude, um so größer muß unsere Liebe sein“; und ich will nicht leugnen, daß ich das Wort in dem Munde eines Verkünders des Evangeliums schön finde. Doch für uns simple Weltkinder finde ich das Rezept höchst bedenklich, ja, lebensgefährlich. Aufrichtig gesagt, ich kann mir bei dem Begriff „Liebe“ nichts vorstellen, wenn es nicht auch ein Ding gibt, das „Haß“ heißt. Ich fühle mich nicht unfähig — wenigstens nicht ganz unfähig —‚ dem Worte Christi zu folgen und einen Feind zu lieben, verstehe aber darunter den einzelnen Mann, der mir rein persönlich Schaden zufügt, an Gut, Leib, Ehre; ich begreife aber nicht die Aufforderung, das Schlechte, das Schändliche, das Gemeine, dasjenige, was alle Tage auf allen Gebieten alles, was mir hoch und heilig ist, beschmutzt, vergiftet, niederreißt, damit alles Edle an unserm lieben armen großen Europa rettungslos dem Untergang weihend — ich begreife nicht die Aufforderung, es zu lieben; mit allen Kräften meiner Seele hasse ich es und hasse es und hasse es! Und wie dieser Haß aus meiner leidenschaftlichen Liebe entsprießt, ebenso kräftigt sich und wächst meine Liebe aus diesem Haß. Gäbe ich einmal den Haß auf, ich bliebe bettelarm an Liebe. Also seien Sie auch hierin generös und lassen Sie mir meinen Haß, auf daß ich nicht meine Liebe verliere; denn in ihr wurzelt rein alles, was ich bin und kann.
    Zum Schluß etwas, was an den Anfang gehört, dort aber vergessen wurde.
    Da ich an Ihren so lieben Briefen nichts höher schätze als ihre Spontaneität, so weiß ich sie auch in dieser Eigenschaft hochzuhalten. Außer meiner lieben Frau hat sie niemand gesehen und soll sie niemand sehen. Sie hatten die Generosität, in der Hitze des ersten Eindrucks zu schreiben; mit der Zeit wird vermutlich eine kritischere Stimmung Platz greifen; vielleicht erblicken Sie nach einem Jahre das Buch in einer anderen Perspektive. Ich aber bin ein Egoist und will mir das Anrecht oder wenigstens die Hoffnung auf ein künftiges Labsal dieser einzigen Art nicht rauben. Nur wenn ich wirklich diese und jene bedeutende Änderung durchführen sollte, würde ich vielleicht stolz tun mit Ihrer Anregung hierzu; sonst möchte ich — der ich in Wahrheit so ganz außerhalb der Welt lebe — in der Stille des eigenen Herzens und Geistes des Glückes genießen, das Sie mir gewähren.
    Entschuldigen Sie dieses lange Schreiben und entschuldigen Sie die „Maschine“; ich diktiere nicht, sondern schreibe sie selber seit dreißig Jahren; es geht mir viel schneller und müheloser als die Feder und hat den Vorzug, lesbar zu sein. Hoffentlich also hat der Gebrauch für Sie nichts Verletzendes?
    In größter Verehrung und Dankbarkeit

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ H. hatte beim Lesen des „Goethe“ nach jedem Kapitel eingehend an den Verfasser geschrieben.
 

218-219 An Oberpostassistent Greshoff



9. Februar 1913. Hotel Angst. Bordighera.

Sehr geehrter Herr,

    Zu meinem lebhaften Bedauern erhalte ich   e r s t   h e u t e   Ihre Sendungen vom 11. Januar nachgesandt.
    Für die Absicht und die Bemühung danke ich Ihnen, doch muß ich, wie mein hochverehrter Freund Harnack, gestehen, daß ich für Lourdes und was dort mit hysterischen Patienten vorgeht, nicht das geringste Interesse hege.
    Aller Materialismus ist mir verhaßt — gleichviel ob er sich nach Büchner oder Moleschott richtet oder nach den den heiligen Namen Christi mißbrauchenden Dunkelmännern. „Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht ist es, das nach Wundern verlangt“ — so rief der Heiland aus, und so rufe auch ich Ihnen zu.
    „Wunder“ — wie man sie nennt — hat es zu allen Zeiten gegeben, nichts ist so gewöhnlich; schon im alten Babylon mußten sie vom Gott Marduk zeugen; die allerunerklärlichsten werden noch heute am Kongo und auf Haiti von Negern vollbracht; ich habe selber Heilungen und Teufelaustreibungen im Osten Europas beigewohnt; eine arme Frau schrie laut: sie habe „tausend katholische Teufel, tausend griechisch-orthodoxe Teufel und tausend muselmännische Teufel in sich“ — eine schöne Ladung, — die guten frommen Franziskaner gaben sich alle Mühe und es gelang ihnen an jenem Johannisfest, dem ich beiwohnte, fünfhundert dieser Teufel auszutreiben, der eine rannte sogar in Gestalt eines schwarzen Dackels sichtbar davon, — mehr ließ sich an diesem Tage nicht leisten, doch wurde mir erzählt, im Laufe drei weiterer Jahre sei die Frau vollkommen geheilt worden.
    Thaumaturgie hat mit wahrer Religion, mit jener rein inneren Umwandlung, von welcher Christus zu Nikodemus spricht, so wenig zu tun, daß man sie vielmehr als deren Gegensatz und Verleugung bezeichnen muß.
    Wer Augen zu sehen hat, braucht nur in Gottes Natur hinauszuschauen, wo und wann er will: alles ist Wunder, unergründliches Wunder.

Hochachtungsvoll

Houston Stewart Chamberlain.
 

220-224 An Adolf von Harnack



20. Mai, 1913
Bayreuth (Bayern)

Eure Exzellenz

darf ich wohl bitten, diesen Brief auf einen Mußeaugenblick zurückzulegen?
    Mein Interesse für Uexkülls Forschungen ist Ihnen bekannt; mit Herrn August Ludowici bin ich schon seit Jahren befreundet: so kam es, daß ich schon vor Monaten über Stiftung, Stifter und „in spe“ Bestifteten orientiert war und inzwischen von beiden Herren hin und wieder ins Vertrauen gezogen wurde. Der Versuchung, aus reiner Begeisterung zu reden, widerstand ich; auch der noch größeren Versuchung, Klage darüber zu erheben, daß wieder einmal, wo man einen großen, dunkle Kontinente aufschließenden Strom echt biologischer Forschung erwarten durfte, nur ein neuer riesiger akademischer Sumpf erstehen soll, ohne Zufluß und ohne Abfluß, eine Brutstätte für Frosch-Mäusekriege. Jetzt aber, wo alles, was meine Wenigkeit nichts angeht, erledigt ist, drängt es mich, Ihnen ein Wort über Uexküll zu sagen; denn   e r   geht mich an, wie er jeden lebendig lebenden Menschen angeht, und es gibt Augenblicke, wo die Schweigepflicht in die Redepflicht umschlägt, namentlich einem Manne gegenüber, der infolge seines unvergleichlichen Ansehens vielleicht einmal eine ausschlaggebende Entscheidung herbeiführt.
    Uexkülls kopernikanische Idee ist die des „Planes“; in meinem Kantbuche wollte ich dasselbe mit den Worten ausdrücken: „Leben ist Gestalt.“ Der Fachmann glaubt hierin eine These zu erblicken, irgendeine sich einschleichende Philosophie, die der empirischen Forschung hemmend im Wege stehen soll — oder jedenfalls stehen wird. Der Laie empfindet zwar diese Bedenken nicht, weiß aber das Neue in der Problemstellung nicht zu erfassen; er sagt sich: „Nun ja, natürlich ist alles Lebendige planmäßig angelegt, das habe ich immer gewußt“; ist er gebildet, so fügt er ein Zitat aus Aristoteles hinzu und die Sache ist erledigt. So begreift denn weder der eine noch der andere, daß hier ein neues Forschungsprinzip vorliegt. Sobald die Natur genial befragt wird, gibt sie geniale Antworten.
    Nichts besitzt für Wissenschaft und Menschheit größere Bedeutung als die Erschaffung und die Durchsetzung neuer Ideen. Es ist einfach nicht wahr, daß Ideen notwendig sich aufdrängen und zu einer bestimmten Epoche hervorbrechen   m ü s s e n.   Nicht ein einziger Beweis kann dafür erbracht werden, daß unsere moderne Physik der strahlenden Energie und mit ihr die gesamte elektromagnetische Technik ohne den einen Faraday entstanden wäre: Nur ein Charakter von seltener Unabhängigkeit und Redlichkeit, nur ein unbeirrbar gerade gerichteter Intellekt, vielleicht auch nur ein spät und halbgebildeter Mann aus dem Volke konnte die Naivität, die Kraft der Wahrhaftigkeit, den Mut besitzen, die in Acht und Bann getane, unter angeblich Newtonschen Dogmen der Physik begrabene Weisheit der Alten aus sich selber von neuem zu gebären, und eigensinnig zu lehren: natura abhorret vacuum — denn das ist doch, kurz gesprochen, der Kerngedanke Faradays, aus welchem zuerst seine Experimente, sodann seine Entdeckungen, schließlich das ganze Gebäude seiner neuen Auffassung der Naturkräfte hervorgehen, bis schließlich, lange nach seinem Tode die Zeiten reif waren, einen im Gegensatz zu Faraday mit den reichen Hilfsmitteln hoher Bildung ausgestatteten Heinrich Hertz hervorzubringen, der eine Physik der lückenlosen Fülle theoretisch aufrichten und den Schul- und Universitätsammenmärchen entgegensetzen kann, und ohne irgendein Bedenken unsichtbare Körper und unnachweisbare Kräfte postuliert, so viele man will, damit nur keine Unterbrechung der „Berührung“ irgendwo vorkomme. Die Fachleute seiner Zeit taten Faraday zunächst als Ketzer in Acht und Bann, die Nichtfachmänner begriffen nicht, inwiefern eine neue Welt sich aus einer so einfachen Annahme wie die der Berührung sich entwickeln sollte. Inzwischen schritt er von einer Entdeckung zur anderen, und nach hundert Jahren überzeugt die Elektrotechnik selbst blöde Hirne von der Originalität und Fruchtbarkeit jenes Gedankens.
    Mit Faraday möchte ich Uexküll am liebsten vergleichen, sowohl bezüglich der Natur der zugrunde liegenden Leistung, wie auch in Hinblick auf das Wesen seiner Persönlichkeit. Was bei jenem das Volksmäßige, tut hier echter Adel; und was es so leicht für Zeitgenossen macht, Uexküll zu unterschätzen und so schwer, ihn annähernd auf seinen Wert zu schätzen, ist, daß er, wie Faraday, eine neue Leitidee in die Beobachtung der Natur einzuführen bemüht ist. Ob buchstäblich neu oder erneuert ist gleichgültig, denn das Vergessene ist — wie Uexküll selber irgendwo sagt — für die Wissenschaft tot; außerdem ist Uexkülls Idee jedenfalls ebenso neu wie Faradays es seinerzeit war, deren „Fülle“ einer anderen Beobachtungswelt entstammte als das Dogma unserer Altvordern. Und wie Faraday, so gibt auch Uexküll Schritt für Schritt, Stufe für Stufe zur Einführung seiner Idee nicht allein Gedanken, sondern Beobachtungen, neuentdeckte Tatsachen, handgreifliche Aufklärungen. Diese Idee Uexkülls ist wirklich Erfahrung — möge der große Immanuel mir diese Ketzerei verzeihen! Sehen Sie, bitte, nur sein Buch an, „Leitfaden in das Studium der experimentellen Biologie der Wassertiere“; alles ist praktisch, alles ist einfach: also ganz und gar „faradayisch“. Betrachten Sie seine vielen Arbeiten: jede gilt einer Wirklichkeit und jede führt die Sache durch von Anfang bis Ende, ist also nicht — wie neun Zehntel aller heutigen Naturforschung — ein Ansammeln von Material und wieder Material, mit welchem letzten Endes kein Mensch je etwas wird anfangen können. Uexkülls Arbeiten, deren Ergebnisse meist auf wenigen Seiten Druck aphoristisch zusammengedrängt werden können, stehen eine jede abgeschlossen da, bis zum Rande angefüllt mit Tatsachengehalt, an Anregungsreichtum unerschöpflich. — Was den Fachmann irremacht und den Laien verdutzt an Uexkülls Fragestellung sowie an seinen Ergebnissen, ist die   E i n f a c h h e i t.   Ich habe den Eindruck, als ob nicht einer in Hundert begriffe und ergriffe, worauf es hinaus soll. Reinschematische Zeichnungen an Stelle der komplizierten, womöglich photographisch gewonnenen Illustrationen unentwirrbar verwickelter Strukturverhältnisse! Im Text ein Mindestmaß an technischen Ausdrücken, und diese ebenso schematisch eindeutig erklärt und verwendet — lediglich Brücken zur Verständigung, nicht auskristallisierte Nomenklatur und nicht Dogma. Eine verborgen gehaltene Gelehrsamkeit. Ein Stil, der es jedem Laien ermöglicht, mit teilnehmendem Verständnis zu folgen — als lese er Faraday, oder Darwin, oder Agassiz, oder Lagrange.
    Vergleiche hinken immer ein wenig, selbst die treffenden, und Superlative sind bei ernsten Fragen zu meiden; ich gestehe aber, daß ich Uexkülls leitende Ideen nicht für weniger bedeutend und weniger weittragend als Faradays halte; sie schaffen einen archimedischen Punkt, von wo aus eine bisherige Betrachtungsart aus den Angeln und eine neue in die Angeln gehoben wird. Die künftigen Ergebnisse für die Aufklärung der Vorgänge des Lebens und der Einfluß dieser Aufklärung auf unsere ganze Weltauffassung sind unberechenbar.
    Kommt es wirklich auf ein   W o r t   an? Biologie als terminus technicus schillert ohnehin in so vielen Farben, daß man es heute fertiggebracht hat, darunter „die Wissenschaft des Lebens, das kein Leben ist“ zu verstehen. Meinetwegen! Und wenn die Herren Loeb, Boveri und Cie. sich auf diese Firmamarke ein Patent gesichert haben, so möge es dabei bleiben. In Tagen, wo die Farads, die Volts, die Coulombs uns geläufig geworden sind, kann es nicht schwer fallen, eine große lichtspendende Idee, aus der eine neue Disziplin ihren Ursprung nimmt, nach dem Namen desjenigen zu nennen, der sie zuerst klar erfaßte; reden wir ruhig von „Uexküllologie“! Und schaffen wir dem vortrefflichen Manne ein Uexküllologium, wo er, aus allem scholastischen Zopf erlöst, ungehemmt frei entdecken, aufbauen und zukunftsfreudige Jugend ausbilden kann!
    Indem ich dieses Bekenntnis zu Papier gebe, hoffe ich die Grenzen nicht zu überschreiten, die das Vertrauen und das Interesse, die Sie seit lange meinem Denken und Streben gütig bezeigen, mir ziemlich weit zu stecken erlauben. Ich schreibe ja nicht in eigener Sache; ich schreibe auch nicht auf Wunsch einer meiner beiden Freunde; mein Interesse ist ein rein objektives; es tut einem so furchtbar leid, einzige Gelegenheiten verloren gehen zu sehen, während das alltäglich Mittelmäßige sich behaglich breitmacht.
    Eine Antwort erwarte ich nicht.
    Euer Exzellenz stets dankbarer und in größter Verehrung ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

224-225 An Firma Carl Zeiß, Abteilung für astron. Instrumente.



21. August, 1913

Bayreuth (Bayern)

    Den Empfang Ihrer freundlichen Zeilen vom 18. d. M. bestätigend, danke ich zugleich auf das verbindlichste für den so gütig fördernden Empfang, den Sie Herrn Christian Ebersberger gewährten. Er ist noch ganz voll der empfangenen Eindrücke.
    Herr E. hat, fürchte ich, eine übertriebene Meinung von meinen astronomischen Kenntnissen; ich bin nur Liebhaber; aber allerdings ein durch Universitätsstudien wissenschaftlich vorbereiteter, der vor dreißig Jahren bei Plantamour Erd- und Himmelkunde gehört hat; kurz, ein der Tiefe seines Unwissens ziemlich klar bewußter Mann, der keine Freude an unpräzisen Dingen hat. — Es wäre mir eine unsagbar große Freude, wenn ich, noch ehe ich zu den Sternen fahre, einiges noch von hier aus erblicken könnte, — mehr als mir bei fleißiger Benutzung eines vortrefflichen Zeißschen Feldstechers gelingen konnte — obwohl ich diesem für den allgemeinen Überblick der Uranographie viel Dank weiß.
    Ohne irgendeine Dachkonstruktion kann ich nun hier, bei der Lage meines Hauses, nur Fetzen vom Himmel erblicken, und anderseits sind mir die Qualen eines nicht äquatorial montierten Teleskops oder vielmehr Refraktors aus den Erfahrungen bei befreundeten Amateuren nicht unbekannt — das Ding bleibt bald dauernd in der Kiste. Ich weiß wohl, daß ich keine Kuppel und keinen 110millimetrigen verdiene; aber wenn nicht, dann lieber gar nichts.
    Es wird sich also fragen: ob ich‘s mir leisten kann?
    Ich weiß wohl, daß man mit Objektiven geringerer Öffnung, wenn vorzüglicher Arbeit, erfreulich viel bei günstiger Witterung sehen kann; in Paris hatte ich vor Jahren Gelegenheit, einen Refraktor mit 95 Millimeter zu prüfen; aber die Grenze der Leistung gerade da, wo man sehen wollte, wirkte doch irritierend. Ich bilde mir ein, daß 110 gerade das Richtige wäre — mehr wäre Unsinn, weniger Tantalus.
    Ich bin so frei, Ihnen das alles zu erzählen, damit Sie daraus ein genaues Bild meiner Wünsche und Fähigkeiten sowie meiner engen Beschränkung gewinnen. Denn nur dadurch kommen Sie in die Lage, mir einen rechten, brauchbaren Rat geben zu können.
    An den Rat müßte sich ein möglichst genauer Kostenanschlag gliedern. An dem Hause sollen im nächsten und übernächsten Jahre Umbauten stattfinden; ich werde meine Ausgaben danach einrichten müssen.
    Das Optische soll natürlich nur das Beste sein, was Sie liefern können, — jedenfalls also ein apochromatisches Objektiv — ob aus Reihe A oder B, das müßten Sie mir raten. Okulare müssen wohl mindestens drei sein, nicht wahr?
    Ohne Uhrgetrieb wäre wohl auch nicht viel zu machen?
    Manches kann ja vielleicht nach und nach angeschafft werden; doch wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie in Ihrer Offerte alles wirklich Nötige bedenken wollten, damit unliebsame Überraschungen nicht stattfinden.
    Zur Ausführung käme der Plan erst Frühjahr 1914, vielleicht sogar erst 1915.
    Wegen des Dachplanes werden Sie von Herrn Ebersberger direkt hören.
    Mit den besten Empfehlungen

dankbar und hochachtungsvoll

Houston Stewart Chamberlain.

Zu Händen des Herrn Dr. W. Villiger.
 

226 An Dr. Franz Servaes ¹



26. September 1913. Bayreuth.

Hochgeehrter Herr

    Mein Goethebuch von Ihnen gewürdigt zu wissen, beglückt mich. Aufs Rechthaben lege ich keinen Wert; wohl aber aufs Anregen und — wenn es nicht anders geht — Aufregen. Wohl habe ich leidenschaftlich gesprochen; denn Goethe, der Ruhevolle, flößt Leidenschaft ein. Ich meine: von einem Indifferenz-Mittelpunkt aus wirkt man wenig; es ist besser, man gibt seinen eigenen Ruf für weise Unparteilichkeit preis und erlebt dafür die Freude aufzuackern, zu säen und zu eggen; was dann Gott wachsen läßt, macht immer Freude und wirkt fort und fort; der Mann am Pflug braucht sich nichts einzubilden: er war fleißig und redlich — das mag genügen.

Verehrungsvoll ergeben

Houston Stewart Chamberlain.
—————
    ¹ Der in der „Neuen Freien Presse“ und im „Tag“ über den „Goethe“ geschrieben hatte.
 

226-228 An Lehrer Hellmundt



12. Dezember 1913.
Bayreuth (Bayern)

Sehr geehrter Herr

    Zur Beantwortung Ihrer Frage steht mir leider sehr wenig Zeit zur Verfügung.
    Ein einziges Motiv aus dem Nibelungenring — ich meine, jedes einzelne daraus — genügt, um jeden urteilsfähigen Menschen darüber zu belehren, welchem Menschenstamm Richard Wagner angehört und welchem nicht; wie Goethe sagt: „Wir anderen hatten andere Urväter als die Juden.“
    Doch liegt die Sache auch sonst so taghell klar, daß nur Bosheit oder Stumpfsinn zweifeln können.
    Wenn Sie sich aus einer Bibliothek den ersten Band von Glasenapps Biographie kommen lassen wollen, so werden Sie die lückenlose Geschlechtstafel der Wagner bis in den Anfang des 17. Jahrhunderts finden, und zwar in ununterbrochener Folge als Schulmeister, Kantoren, Organisten, dann auch Theologen. Seitdem ist die Zurückführung noch weiter hinauf gelungen. — Auch die Stammreihe der Mutter ist lückenlos nachweisbar, und das kleine Geheimnis, was hier vorliegt, ist kein Geheimnis für Eingeweihte und erlaubt ihren Stammbaum bis ins 12. Jahrhundert zurückzuführen. — Nun haben die Juden aber (die eine Million dem Manne versprochen haben, der einen Tropfen jüdisches Blut in Rembrandt nachzuweisen vermöchte) vor einigen Jahren die Parole ausgegeben, Richard Wagner sei nicht der Sohn Friedr. Wilhelm Wagners, sondern vielmehr ein in Ehebruch gezeugtes Kind Ludwig Geyers, seines späteren Stiefvaters. Eine rechte Judenerfindung! Wer die Mutter kennt, wer Fr. Wilh. Wagner kennt, wer den edlen Geyer kennt, der die verwitwete Gattin seines besten Freundes heiratete, um ihr und ihren vielen Kindern besser beistehen zu können, wird keinen Augenblick an diese unsaubere Märe glauben. Aber gesetzt nun, Geyer wäre sein Vater gewesen! Sind die Deutschen wirklich so dumm und ungebildet, nicht zu wissen, daß der Name Geyer einer der echtesten, besten deutschen Namen ist, hundertfach in der Geschichte genannt? Und Ludwig Geyer entstammt einer Eislebener Familie, also einer Stadt, in der kein einziger Jude weilen durfte bis nach der Emanzipation! Sein Vater war Justizamtmann. Es ist doch hornmäßig dumm, einen Mann für einen Juden zu halten, weil er, im 18. Jahrhundert geboren, Geyer hieß! Da sind wohl die Fürsten und Grafen Löwenstein und die Fürsten Liechtenstein auch Juden? — Sehen Sie doch das Porträt Geyers an: wenn er Jude ist, so sind es auch Moltke und Bismarck.
    Nun läßt sich aber wissenschaftlich nachweisen, daß Richard Wagner   n i c h t   der Sohn Geyers ist, und zwar weil in der Familie Wagner Gesichtszüge erblich sind, die ebenso einzig dastehen wie das berühmte Habsburger Kinn — und woher sollte gerade Richard Wagner sie in höchster Potenz besitzen, wenn er ein Sohn Geyers wäre? Diese Züge betreffen die Konformation der Stirn, der Schläfenbeine und der Augenbrauen; jeder tüchtige Bildhauer wird Sie darüber belehren können. Die Schläfenbeine sind bei Richard Wagner nach außen stark gewölbt — gleichsam als hätte er auf beiden Seiten eine Fortsetzung der Stirn; hieraus erfolgt nun eine ganz merkwürdige Erweiterung des Kopfes, wenn man ihn in einem bestimmten Winkel erblickt, wodurch Augen und Nasenansatz anders gerückt erscheinen als bei anderen Menschen. Hiermit zusammen hängt eine ganz eigenartige Zeichnung der Augenbrauen, die nach außen zu — nicht nach innen — breiter werden. Vielleicht lebt heute kein Mensch, der diese Züge aufweist außer meiner Gattin, die sie natürlich von ihrem Vater geerbt hat. — Nun schauen Sie aber, bitte, ein Porträt Adolf Wagners, des verdienten Gelehrten an, Onkels Richard Wagners: Sie werden gerade diese Züge finden — zwar nicht so ausgesprochen wie bei seinem großen Neffen, doch unverkennbar; und wie wollen Sie erklären, daß Richard Wagner dem Bruder seines Vaters ähnlich sieht, wenn er nicht der Sohn seines Vaters ist?
    Es gibt ja Deutsche, deren Schädel aus Granit und deren Hirnwindungen aus Gußeisen sind: sie hätten hinter dem Pfluge bleiben sollen, da waren sie am Platze; streiten Sie nicht mit ihnen, sondern bleiben bei Ihrer klaren Erkenntnis des Wahren.

Houston S. Chamberlain.
 

228-229 An Professor Dr. Joseph Plaßmann



15. Dezember 1913.
Bayreuth (Bayern)

Hochgeehrter Herr

    Als ich Soeben die Lektüre Ihrer glänzend geschriebenen „Himmelskunde“ beende — wobei manches vor 35 Jahren bei Plantamour Gehörte mir wieder erinnerlich wurde und manches andere neue Horizonte eröffnete — treffe ich Seite 553, Zeile 8 f. von oben, auf einen Satz, der mich ermutigt, Ihnen mit diesen Zeilen lästig zu fallen.
    Von der Vereinigung der Freunde der Astronomie und kosmischen Physik habe ich oft gehört; ich besitze auch einzelne ihrer Publikationen, so namentlich die Sternkarten von Carl Rohrbach; ich weiß aber nicht, wo sie ihren Sitz hat, noch was geschehen muß, um Aufnahme zu erlangen. Ich weiß auch nicht, ob solche „Freunde der Astronomie“, die, wie ich, nur nehmen und nichts geben können, überhaupt Aufnahme finden. Darf ich das so überaus liebenswürdige Angebot der Pagina 553 à la lettre nehmen und auf gütige Auskunft hoffen?
    Seit allerfrühester Kindheit an von geradezu schwärmerischer Liebe zu den Sternen beseelt, führte mich mein Leben andere Wege und ließ mich oft jahrelang, in Großstädten eingesperrt, kaum je einen Stern auch nur erblicken; bei Plantamour in Genf hörte ich seinerzeit theoretische Astronomie, doch nur nebenbei zu meiner allgemeinen Bildung, und seitdem habe ich natürlich manches gelegentlich gelesen — namentlich von Newcomb, Turner usw. — doch was will das alles sagen? Jetzt, am Lebensende, scheint es, als solle ich vielleicht noch einen eingehenderen Blick in Gottes herrliche Schöpfung werfen können — soweit dieses Klima überhaupt Sterne zu sehen erlaubt. Ich baue mir eine Terrasse auf dem Dach, schütze mich so gut es geht gegen das sternmörderische elektrische Licht, und meine Freunde von Zeiß wollen mir eine kleine Kuppel noch draufsetzen mit einem bescheidenen, aber parallaktisch montierten Refraktor.
    Da möchte man gern von den Erfahrungen anderer Vorteil ziehen, wissen, was vor sich geht, und vielleicht irgendeine kleine Beobachtung bei Gelegenheit beitragen.
    Wenn ich hinzufüge, daß ich Engländer bin, in Frankreich erzogen und in Deutschland ansässig, wo ich die Tochter Richard Wagners heiratete, so wissen Sie genug. Daß ich einige Bücher schrieb, gehört nicht hierher und besitzt — weiß Gott — keine „kosmische“ Bedeutung!
    Euer Hochwohlgeboren in aller Verehrung ergebener

Houston Stewart Chamberlain.
 

230-231 An Dr. Ebner



    1. Ich bin ein Freund des realistischen Schulwesens, und zwar weil ich die Natur für die wahre Erzieherin des Menschen halte, ganz besonders des jugendlichen. Es ist dem Menschen gemäß, sich mit der Natur zu beschäftigen; es ist seinem Wesen förderlich, an ihr in die Höhe zu wachsen. Von der Natur aus wird den Wohlbegabten immer der Weg offen stehen zu der höchsten Erscheinung des Lebens — zu den Genie vermittelnden Menschen; die Erziehung fern von der Natur verschließt alle Türen, auch die zum wahren Verständnis alter Dichter. Die klassischen Studien zur Grundlage statt zur Krone der Erziehung machen, erzeugt hohlen Wissenswahn, eitle Aufgeblähtheit, formale Verschrobenheit, schiefe Auffassung der Geschichte, phrasenhafte Politik.
    2. Die Bedeutung der realistischen Schulen als Vorbereitung zum praktischen Leben beruht nicht auf dem Stoff, sondern auf der Methode; in einem gewissen Sinne darf man sogar behaupten, das klassische Gymnasium, durch seine rein formale Ausbildung der Hirnfunktionen und durch die beständige Berührung mit dem herzlosen Altertum bereite besser zum nüchternen praktischen Leben vor; das hat sich auch bewährt. Dagegen weckt das richtig geleitete Studium der Natur den Sinn für die Wirklichkeit, die Leidenschaft für die Wahrheit, die Angewöhnung bescheidener Unterordnung, das schweigende Beobachten (an Stelle des atheniensischen Drauflosredens), die sorgfältigste Präzision der Wahrnehmungen und der Aussagen. Wird nun dafür gesorgt, daß Begabteren später die Muße bewahrt bleibe für gründliche Kenntnisnahme des menschlichen Denkens, Dichtens, Gestaltens, so wird aus den realistischen Schulen eine reichere, harmonischere, besser gegründete Kultur hervorgehen als aus den humanistischen Gymnasien. Außerdem wird eine lebendige Einheit nur progressiv unterschiedener Bildungsstufen das gesamte Volk zusammenschließen, und nicht mehr wie heute einer ungeheuren Menge Bildungsparias gegenüber eine künstlich geschaffene Kaste angeblich „Gebildeter“ stehen und priesterliches Ansehen genießen, Menschen, die sehr häufig nicht   e i n   Tier, nicht   e i n e   Pflanze, nicht   e i n e n   Stern kennen, die nicht Augen haben, das zu sehen, was man ihnen zeigt, und nicht Verstand genug, irgendein Grundgesetz unserer Mutter Natur wirklich zu erfassen, wogegen die lebendigsten, erfindungsreichsten Intelligenzen (nennen wir Franziskus, Shakespeare, Faraday, Siemens, nennen wir die Erfinder des Webstuhls und der Lokomotive) „ungebildet“ heißen.
    3. Unter der Bedingung, daß in den realistischen Schulen nicht der Stoff und nicht die Praxis, sondern vielmehr die Methode und die Idee Maß und Ziel bestimmen, werden sie die beste Vorbildung für das Hochschulstudium geben.
    4. Besteht die volle Gleichberechtigung nicht, so kann man weder die richtigen Lehrer gewinnen, noch die richtigen Schüler heranbilden.

    Bordighera, 22. Januar 1914.

Houston Stewart Chamberlain.
 

231-233 An Justizrat Troll



10. August, 1914. Bayreuth.

Hochgeehrter und werter Freund

    Ihre Zeilen haben mich gerührt. Ich schrieb Ihnen spontan und unüberlegt, habe aber keinen Grund, meine Meinung und mein Gefühl vor irgend jemandem auf der Welt zu verbergen. Ich rede nicht viel darüber — in solchen Tagen muß man die positiven Werte pflegen, nicht anderen Leuten mit negativen lästig fallen — aber im Herzen leide ich viel und habe oft die Empfindung, ich möchte lieber tot sein als dieses Verbrechen eines Krieges Englands gegen Deutschland zu erleben... Denn nota bene, es ist auch ein „Verbrechen“ gegen England selbst, welches — wie auch der Krieg ausgehen mag — auf lange hinaus, vielleicht auf ewig — unter den Folgen dieser grundfalschen, blinden Politik zu leiden haben wird.
    Weiter will ich mich im Augenblick nicht hierüber auslassen; Sie haben wenig Muße und ich meinerseits suche tröstende Ablenkung in heißer Arbeit.
    Veröffentlichen dürfen Sie von mir, was Sie wollen; nur bitte ich dann: ganz schlicht, wie Sie das verstehen, und nicht von irgendeinem noch so gutmeinenden Journalisten aufgebauscht und zugestutzt.
    Über gar manches würde ich gern mit Ihnen reden und raten.
    So z. B. ist es mir fast unerträglich, hier so stille zu sitzen und nicht irgendwie mitzuhelfen, mitzudienen. Ich weiß nur nicht, wie und was? Auch ist die Animosität gegen uns Engländer so groß, daß ich mich — trotzdem der Magistrat alle Zuvorkommenheit und Güte erweist — sehr zurückgezogen bisher halten zu müssen glaube.
    Bisweilen denke ich auch daran, diesen Augenblick zu benützen, um mich zum Deutschen naturalisieren zu lassen. Ich weiß aber nicht, wie man das anzufangen hat. — Bisher hatte ich freilich nie daran gedacht; ich bin von rein englischen Eltern geboren, aus rein englischer (resp. schottischer) Familie, mit einer kleinen Beigabe gälischen Blutes aus Wales; und ebenso wie ich in einer Kirche verbleibe, der ich längst nicht mehr angehöre, ebenso hielt ich es immer für würdiger und gleichsam wahrheitsgemäßer, einfach das zu bleiben, was ich bin und mich trotz meiner leidenschaftlichen Liebe für das Deutsche, in welchem ich die einzige Hoffnung und Gewähr einer höheren Kultur der Menschheit erkenne, nicht als Deutschen zu maskeradieren. Außerdem liebe ich ja mein angestammtes Vaterland und gehöre ihm, wie mit den Zügen meines Gesichtes, so auch mit wesentlichen Eigenschaften meines Charakters und meines Denkens an. Doch in solcher Stunde wie die gegenwärtige, außerdem in Deutschland dauernd niedergelassen, kann die Frage an einen herantreten, ob nicht die Naturalisation die Bedeutung eines Bekenntnisses und einer Tat hätte. — Von etwaigen praktischen Vorteilen inmitten einer Konjunktur, wo es einem Engländer eventuell in Deutschland schlecht ergehen könnte, sage ich nichts; denn so etwas würde mich eher zum Gegenteil reizen; ein Muß-Deutscher würde ich unter keiner Bedingung werden, lieber ausgewiesen oder totgeschlagen; nur von einem höheren Standpunkt aus ziehe ich die Sache in Erwägung und erbitte mir Ihre gelegentliche Meinungsäußerung, wie auch über die vorangehenden Punkte.
    Für eines danke ich Gott: daß ich 1870 (als ich noch kein Wort Deutsch konnte) in Deutschland war und den bestimmenden Eindruck jener erhabenen Tage erlebte oder vielmehr gewann, und daß ich jetzt wieder, nach 44 Jahren und nach der langen Lebensreise zum Deutschtum hin, es wiederum — und in noch großartigerem Maßstab — erlebe, wie richtig der Instinkt war, der mich mit all meinem Denken und Fühlen nach und nach unwiderstehlich hierherzog, so daß schließlich das Wenige, was ich konnte, im Dienste des deutschen Gedankens geschah.
    Ich schreibe eilig; legen Sie das einzelne Wort nicht auf die Goldwage, sondern verstehen Sie, was ich sagen will, und sagen mir nun Ihrerseits — falls Sie Zeit finden — ein gutes Wort.
    Mit Freundeshändedruck

Ihr dankbar ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

233-234 An Justizrat Troll



11. August, 1914. Bayreuth.

Hochverehrter Herr Justizrat

    Ich hätte Ihnen vielleicht gestern erzählen sollen, daß Geheimrat Prof. Max Koch, der deutsche Literaturhistoriker, der als Reserve... nein, als Landwehrmajor augenblicklich hier steht, mich aufsuchte, um mir dringend zuzureden, nach dem Muster von Carlyle 1870 einen Brief an die „Times“ zu erlassen; am selben Tage hatte aber inzwischen England bereits den Krieg erklärt, wie wir dann erfuhren. Außerdem liegen die Sachen anders. Erstens bin ich kein Carlyle. Zweitens hat C. England nie verlassen und besaß somit die Autorität eines Engländers Engländern gegenüber, wogegen ich deutscher Schriftsteller bin, also von vornherein verdächtig. Drittens ist ja der Protest englischer Gelehrter erschienen und Lord Morley — die größte Kapazität des Kabinetts — hat es demonstrativ verlassen. Viertens hasse ich nutzlose Phrasen. Und fünftens ist es nicht möglich, einen Brief nach England gelangen zu lassen.
    Darum lehnte ich ab.

    Herzlichst grüßt Sie

Houston S. Chamberlain.
 

234-235 An Oberbürgermeister Dr. Casselmann



15. August, 1914. Bayreuth.

Hochverehrter Herr Oberbürgermeister

    Darf ich Sie um eine Gefälligkeit bitten?
    Wollen Sie die Güte haben, beiliegenden Abklatsch eines Briefes von mir an meinen langjährigen Rechtsvertreter, Herrn Justizrat Dr. Franz Troll in München, vom 10. August d. J. zu lesen; nachher dann die Antwort, die ich soeben von Troll erhalte?
    Sie werden meine Bestürzung begreifen, daß in einer so wichtigen, schmerzlichen Angelegenheit, über welche ich bisher mit keiner Seele sprach, und über die ich vorderhand nur Auskunft und Rat sowie vertraulichen Meinungsaustausch mit dem erprobten Rechtsfreunde nachsuchte, ohne mein Zutun entscheidende Schritte bereits geschehen sind. Wie ich hoffe, haben diese nur die Bedeutung vertraulicher, vom Amtsgeheimnis geschützter Vorstufen zu einem eventuellen, aber noch keineswegs beschlossenen Schritte.
    Die nationale Angehörigkeit ist mir etwas Heiliges; sie wechseln, schmeckt nach Untreue gegen sich selbst; nur große Ereignisse können einen derartigen Schritt rechtfertigen; mit größter Besonnenheit muß er überlegt werden; man muß sich auch prüfen, ob man innerlich dazu fähig ist? ob man sich nicht selbst zerreißt? Troll scheint nicht zu verstehen, daß gerade darin der Seelenschmerz und -kampf besteht, daß ich mein angestammtes Vaterland glühend liebe. Wenn ein Vater Verbrecher wird, kann dem redlichen Sohn das Herz brechen, nicht aber wird er fähig sein, die Liebe zu seinem Erzeuger auszuwischen wie Kreidezüge von einer Schiefertafel. So stehe auch ich augenblicklich da. Mir ist es rein unmöglich, Trolls Weisung zu folgen und sofort bei Ihnen die Urgierung meiner Naturalisation nachzusuchen. Ich bitte dies zu verstehen und zu verzeihen.
    Sollten Sie dagegen inmitten der lastenden Arbeit einmal über eine halbe Stunde Muße verfügen, so lassen Sie mich, bitte, es wissen, und ich werde mir die Wohltat erweisen, à coeur ouvert mit Ihnen über die ganze Sache zu reden, was bei Ihrer großen Erfahrung und Bestimmtheit gewiß zur Klärung und Beruhigung meines bewegten Gemütes wesentlich beitragen würde.
    In größter Hochachtung

Ihr dankbarer und sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

235 An Baron Jakob von Uexküll



23. August 1914. Bayreuth

    Sehr verehrter Herr Baron. Haben Sie Dank. Schon vor dem Empfang Ihrer lieben Zeilen, war ich im gleichen Sinne angeregt worden. Ich habe versucht; doch ich   k a n n   es nicht; es geht mir im Augenblick gegen den Strich; namentlich da die Organisation der Lüge derartig vollkommen und machtvoll im Augenblick ist, daß die Wahrheit — den weiteren Schichten gegenüber — gar nicht zu Worte kommen kann; sie wird nicht gehört. Erst müssen vernichtende Schläge kommen — die Gott gesegnen möge — dann wird es an der Zeit sein, zu den Betörten zu reden. Jetzt verspreche ich mir nichts davon und dann will es mir absolut nicht gelingen, Worte zu finden.
    Wie es innerlich bei mir aussieht, können Sie sich vorstellen.
    Uns geht es leidlich.
    Ihr herzlich ergebener

H. S. Chamberlain.
 

236-240 An Oberbürgermeister Dr. Casselmann



29. August, 1914 Wahnfriedstraße 1. Bayreuth.

Hochgeehrter Herr Oberbürgermeister

    Mein echt nordisch schwerfälliges und einigermaßen labyrinthisches Hirn arbeitet langsam: dies muß ich vorausschicken, damit Sie nach der Ruhe von gestern nicht über die Leidenschaft von heute staunen und irre werden. Was Sie mir mitteilten und was später vor sich ging, traf mich so völlig arglos, daß ich es nicht recht faßte und mir das Ganze eher lächerlich vorkam. Mir träumte so was von einer allgemeinen Vorsichtsmaßregel, daß alle Privatsternwarten und vielleicht auch sonstige hochgelegene Plattformen abgesperrt werden sollten, oder dergleichen — und erst im Laufe der Stunden, namentlich aber im Laufe einer Nacht, in der ich nicht einmal das Auge schloß, ist mir zum Bewußtsein gekommen, daß mir die Ehre meines ganzen Lebens geraubt werden soll und wird — wobei ich keineswegs gesonnen bin, ruhig zuzuschauen. Jener Erlaß ging ja nur auf den „Engländer Chamberlain“, und die „scharfe Bewachung“ betraf nur mein Haus. Ich werde also ohne Umschweife der Spionage und des Verrates wenn nicht bezichtigt, so doch verdächtigt, des Verrates gegen mein Adoptivvaterland, wo ich Gastrecht genieße. Mit anderen Worten — des schwärzesten, schändlichsten Verbrechens, das die Menschheit kennt. Der Vatermörder wird noch immer etwas zu seiner Entlastung beizubringen vermögen: der Rausch, die Leidenschaft, der Zorn, was weiß ich, wogegen wer mit kaltem Blut planmäßig Verrat übt, und gar noch in diesem Augenblick Verrat an Deutschland, in diesem Augenblick, wo alles Edle im Menschenwesen für alle Zukunft auf dem Spiele steht — für einen solchen Verbrecher besitzt die Sprache kein Wort, fähig seine Schändlichkeit auszusprechen. Und dieser Mann soll ich sein! In meinem Falle ist aber damit noch lange nicht genug gesagt. Denn vom dreißigsten Lebensjahre ab habe ich mein ganzes Denken und Streben auf die Erfassung des spezifisch Deutschen gerichtet, später dann auch auf dessen Darstellung und Verherrlichung. Alle meine Bücher bilden — zusammen genommen — ein Evangelium des Höchsten, was deutsches Wesen hervorgebracht hat, alle sind Kampfbücher für dieses Wesen und gegen das Undeutsche und Widerdeutsche. Wenn ich also in diesem Augenblicke heiligster Not Deutschland verrate, so vernichte ich mein ganzes Lebenswerk, so war alles, was ich bisher gesprochen habe, gelogen, alles, was Millionen von Deutschen gelesen haben (die „Grundlagen“ allein sind in hunderttausend Exemplaren erschienen) und was Hunderttausende von Nichtdeutschen teils bekehrt, teils zu wütenden und haßerfüllten Gegenangriffen veranlaßt hat. Diese Anklage, diese überaus niederträchtige Verdächtigung ist so ungeheuerlich, daß ich gestehen muß, sie noch immer nicht recht zu fassen, — ich glaube, ich könnte den Verstand darüber verlieren.
    In dem Durcheinander der sich jagenden Gedanken erblicke ich nun dreierlei deutlich; es sind auch gewiß die Hauptpunkte.
    Erstens muß dieser Nürnberger Korpskommandant oder was er ist (ich habe auf Namen und Titulatur nicht geachtet) mir vollkommene, und zwar öffentliche Satisfaktion geben; mit einer halben gebe ich mich nicht zufrieden; verweigert er es, so schicke ich ihm am Tag nach dem Friedensschluß meine Zeugen.
    Zweitens werde ich doch nicht umhin können, meinen erhabenen Gönner von diesem Vorfall genau zu unterrichten; ich kann deswegen nicht umhin, weil er selber dadurch mitgetroffen wird. Seit dreizehn Jahren stehe ich in Beziehungen zu S. M. dem Kaiser: ich habe im Neuen Schloß gewohnt, habe wiederholt mit dem Kaiser gespeist und habe namentlich zu öfteren Malen ganz allein stundenlang mit ihm zu sprechen die Ehre gehabt; dazu schriftliche Beziehungen, welche die Güte des Monarchen bis zu dieser Stunde aufrecht erhalten hat. Über unseren Verkehr habe ich immer unverbrüchliches Schweigen gegen jeden Menschen bewahrt. Einzig mein alter Freund Graf Brockdorff-Rantzau, jetzt deutscher Botschafter in Kopenhagen, könnte einiges darüber bezeugen, weil er eine Zeitlang in der Lage war, zu beraten und zu vermitteln. Es ist aber gewiß kein Vertrauensbruch, wenn ich gestehe, daß die Beziehungen zwischen England und Deutschland häufig der Gegenstand unseres Meinungsaustausches waren, nicht zwar als Behandlung der Tagesfragen — was außerhalb meiner Kompetenz liegt — doch welthistorisch und sozusagen geschichtspolitisch, wobei natürlich auch die Zukunft ins Auge gefaßt werden mußte. Und nun soll dieser Engländer — oder sagen wir der Wahrheit gemäßer — dieser zum Deutschen hinaufgearbeitete Engländer das Vertrauen des gekrönten Freundes so schnöde vergelten und die Sicherheit seiner Lage dazu benutzen, um den obersten Kriegsherrn der Deutschen zu verraten?!! Darüber soll und muß und wird der Kaiser die Wahrheit erfahren; und wenn ich Ihnen nur eine einzige Seite eines Briefes des Kaisers an mich zeigen dürfte, Sie würden sich schon vorstellen, wie zornentbrannt das Auge des edlen, temperamentvollen und so wirklich generösen Mannes aufblitzen wird, wenn er die Schmach erfährt, die ihm und mir angetan wird — und gar von deutschen Offizieren.
    Leider kann auch dies natürlich erst nach dem Kriege zur Ausführung kommen. Darum lege ich auf mein „drittens“ großen Wert. Sie deuteten an, Sie führen nächstens nach München und würden dort bei einer höheren Instanz zu wirken suchen. Mir liegt an meinem Spielzeug ¹ oben auf dem Dache nichts; es dient mir zum Ausruhen von schweren Arbeiten, die meinen Kopf ermüden, — außerdem tut es wohl, an der Schwelle des Greisenalters von der häßlichen Welt weg (die sich hier wieder einmal so prächtig bewährt) in das Jenseits hinüberzuschauen und hinüberzuträumen; doch ich habe genug Interessen des Geistes und kann die Warte — die ich beinahe sechzig Jahre entbehren mußte — nun auch weiter entbehren. Um die Warte ist‘s mir nicht zu tun. Aber in bezug auf die Ehre bin ich ein Spanier. Wer mir die Ehre raubt, muß sie mir wiedergeben. Zwar haben Sie gestern in der großen Güte, die ich seit sechs Jahren immer höher zu schätzen gelernt habe, mir gesagt, daß Sie und der hochverehrte Herr Regierungspräsident und der mir persönlich unbekannte hiesige General sich gegenseitig das Wort gegeben hätten, die Sache als Amtsgeheimnis zu behandeln, und ich bin Ihnen für diese Absicht aufrichtig verbunden. Doch haben diese sechs Jahre in Bayreuth mich außer der Courtoisie der Zivil- und Militärbehörden auch das mir bisher unbekannte Wesen einer Kleinstadt kennen gelehrt, und ich weiß, daß nichts da geheim bleibt. Ich wette was Sie wollen, daß innerhalb drei Tagen die ganze Stadt den Vorgang kennt, und zwar verzerrt und gefälscht, und daß ich nicht mehr mich auf die Gasse wagen darf, ohne daß man nach mir mit den Fingern weist — wenn es nicht noch ärger geht. Dem kann nur eine unverklausulierte Ehrenerklärung zugleich mit Ausdruck des Bedauerns, öffentlich abgegeben, wehren. Übrigens, wenn Sie diese erreichen, so kann ich eventuell meinen Punkt „eins“ fallen lassen, da der einzelne General und seine Meinung über mich mir dann gleichgültig sein kann, — gleichgültig nämlich, sobald er von oben desavouiert wird.
    Geschieht das nicht, so bleibt mir nichts übrig, als Deutschland zu verlassen; und welche Katastrophe das wiederum für meinen Lebensabend bedeutet, können Sie sich leicht zusammenreimen. Von meinem sehr bescheidenen Vermögen habe ich in das Haus hier einen so beträchtlichen Teil gesteckt, daß ich nicht in der Lage bin, mir andernorts ein zweites Heim zu gründen. Und was soll meine geliebte Gattin tun? Folgt sie mir, so opfert sie ihre hohe unvergleichliche Mutter, welche sie allein zu pflegen weiß; bleibt sie bei ihrer Mutter, so opfert sie mein Glück.
    Hiermit will ich nicht einen übertrieben tragischen Ton angeschlagen haben; ich will Ihnen nur zeigen, wie ernst ich die Situation auffasse; gestern war ich gleichsam verblödet, heute sehe ich unheimlich klar.
[...]
    Gerade wie ich diese Zeilen abschließen will, kommt ein braver Handwerker, den ich beschäftige, und sagt mir, er habe sich soeben mit einem Manne auf der Straße gerauft und ihm eine Ohrfeige versetzt, weil dieser ihm lachend verkündete: „Na, endlich haben Sie den Engländer bei seinem Funkensprechen derwischt! Das Ding oben ist geschlossen, und er wird morgen erschossen!“ So weit hätte es also der Herr General X. ² schon gebracht; schon heute kann ich nicht mehr wagen, auf die Gasse zu gehen. Ein Kommentar ist überflüssig.
    Zum Schluß lassen Sie mich noch einmal Ihnen danken, hochgeehrter Herr Oberbürgermeister, danken für Ihr Zartgefühl, für Ihren Takt, für Ihre Energie; auf alle drei baue ich noch, jetzt, wo Hilfe wirklich dringend notwendig geworden ist.
    Mit der Versicherung größter Hochachtung

Ihr ganz ergebener

Houston S. Chamberlain.

    Mit keiner Seele habe ich bisher über die Sache gesprochen, nicht einmal mit meiner Frau.
—————
    ¹ Die Sternwarte wurde gesperrt.
    ² von Könitz.
 

240-242 An Oberbürgermeister Dr. Casselmann


30. August, 1914. Bayreuth.

Hochgeehrter Herr Oberbürgermeister

    Zur Beantwortung Ihrer Frage heute mittag erlaube ich mir folgendes ergebenst zu melden.
    Von Stamm bin ich ganz reiner Engländer und habe in den Adern englisches Blut (im engeren Sinne), schottisches und gälisches (Wales). Mein Vater, der bei seinem 1878 erfolgten Tode Admiral in der königlich englischen Marine war, war jüngerer Sohn des Sir Henry Chamberlain, Baronet, zuletzt britischer Gesandter in Brasilien, und dieser wiederum war der uneheliche Sohn des Grafen von Westmoreland, der seine Abstammung auf Richard den Dritten, Plantagenet, durch Shakespeare nicht sehr schmeichelhaft geschildert, zurückführt. Die Mutter meines Vaters war reine Gälin und rühmte sich der Abstammung von den alten sagenhaften Bardenkönigen dieses Landes. Meine Mutter entstammte dem südschottischen Kleinadel; auch ihr Vater war Offizier in der königlichen Marine, und sein Name — Captain Basil Hall — ist bei uns als Entdecker der Luchu-Inseln und wegen anderer kühnen Seeabenteuer populär geblieben.
    Da meine Mutter gleich nach meiner Geburt starb und mein Vater dauernd in fernen Weltteilen abwesend war, kam ich schon im ersten Lebensjahre von England fort und habe eigentlich niemals dort gelebt, noch mich dort heimisch gefühlt. Ich kam zu meiner Großmutter, Lady Chamberlain, nach Versailles; diese Dame hatte sich dort niedergelassen, weil sie das englische Klima absolut nicht vertrug — eine Eigenschaft, die ich geerbt habe; sobald ich den Fuß auf englischen Boden tue, fühle ich mich krank.
    Von meiner Geburt, 1855, bis 1865 habe ich ununterbrochen in Versailles gelebt und habe im dortigen Lycée Impérial den ersten Unterricht genossen. 1865 kam ich nach England in die Schule, kehrte aber zu den Sommer- und Weihnachtsferien nach Versailles zurück. Bereits anno 1870 aber hatte das englische Klima so nachteilig auf mich gewirkt, daß ich von den Ärzten schleunigst auf den Kontinent zurückgeschickt wurde, wo ich dann Anfang Juli zum ersten Male deutschen Boden betrat, die Kriegserklärung in Ems erlebte, den deutschen Militärzügen zujauchzte (obwohl ich noch kein Wort Deutsch verstand) und noch die ersten Gefangenenzüge erlebte.
    Von 1870 an habe ich nie mehr in England gelebt.
    Ich war überhaupt im ganzen nur noch fünfmal dort: 1873 auf sechs Monate, 1893 auf sechs Wochen, 1900 auf vier Wochen, 1907 auf sechs Wochen, 1908 auf viereinhalb Wochen.
    Bis 1879 hatte ich kein ständiges Heim, sondern brachte die Winter in Südfrankreich, die Sommer in der Schweiz zu. Von 1879 bis 1885 lebte ich in Genf, wo ich an der Universität Naturwissenschaften und Medizin studierte. Vom Herbst 1885 an habe ich ohne Unterbrechung bis heute in deutschen Landen gelebt — 1885 bis Herbst 1889 in Dresden, dann zwanzig Jahre in Wien und seit Frühjahr 1909 in Bayreuth.
    Erlebe ich also den September 1915, wo ich sechzig Jahre alt werde, so wird dann genau die Hälfte meines Lebens, dreißig Jahre, Deutschland angehört haben.
    Doch reicht die Beeinflussung durch deutsches Denken und Fühlen noch weiter zurück: denn im Winter 1870/71 bekam ich einen deutschen Hauslehrer, den noch jetzt in Stralsund zurückgezogen lebenden Professor Otto Kuntze, dem ich viel verdanke, und 1875 lernte ich eine preußische Dame kennen, die bald darauf meine Gattin wurde, und mit der ich von Anfang an niemals anders als deutsch verkehrt habe. Deutsche Offiziere und Diplomaten und Geistliche waren mein Verkehr an der Riviera, und in Genf habe ich fast lediglich mit den deutschen Professoren — Carl Vogt, Graebe, von Zahn, Haltenhoff usw. — intim verkehrt. So werden an meinem sechzigsten Geburtstag nicht dreißig, sondern fünfundvierzig Jahre meines Lebens unter deutschem Einfluß gestanden haben.
    Bemerken will ich noch, daß meine Mutter, wie mir erzählt wurde, eine leidenschaftliche Liebe für alles Deutsche hegte; sie beherrschte die Sprache vollkommen und kannte die ganze deutsche Literatur. Wenn ich sie auch nicht gekannt habe, vielleicht ist doch in mir etwas aus ihrem Innersten wieder aufgelebt.
    Kaum ist es notwendig, hinzuzufügen, daß, wenn ich in einem so intensiven Sinne „deutsch“ geworden bin, dies vor allem der vierzigjährigen Beschäftigung mit deutscher Wissenschaft, deutscher Philosophie und deutscher Kunst zu verdanken ist. Doch auch solche Eindrücke wie 1870 — der Blick des Königs, als er nach Berlin fuhr, die Haltung des ganzen Volkes, der große Eindruck, den die Armee auf mich machte... alle diese Dinge haben unauslöschliche Spuren hinterlassen.
    Verzeihen Sie, hochgeehrter Herr Oberbürgermeister, die vielen Details; Sie entnehmen daraus, was Sie brauchen können.
    Noch einmal von Herzen Dank! Ich weiß, es ist nicht vernünftig, aber die Sache nagt mir doch am Herzen. Die gälischen Tropfen im Blute und auch das Tröpflein von Richard dem Dritten — die kochen und sieden bei gewissen Dingen.

Houston S. Chamberlain.
 

243-244 An Justizrat Troll



12. Sept. 1914 Bayreuth.

Hochgeehrter Herr Justizrat

    Darf ich Sie bitten, eine freundliche Beantwortung auf beiliegende Depesche zu veranlassen? Vielleicht mündlich durch Ihren „Engel“, ¹ wenn er nicht ins Feld gezogen ist. Sonst kurz schriftlich. Unbedankt möchte ich die fr. Worte nicht lassen; ebensowenig halte ich es aber für angezeigt, mein Schweigen zu brechen.
    Und wie Sie sehen werden, die liebevolle Begrüßung hat auch ihre bittere Kehrseite. Zu dieser erlaube ich mir zu bemerken, daß ich infolge des Krieges keinen Pfennig meiner englischen Leibrenten erhalte, was — namentlich nach den großen Kosten und Kapitalopfern für das Haus — mich in eine recht bedrängte Lage bringt. Wie andere, so muß auch ich mich tunlichst einschränken.
    Die Bitte betreffs Naturalisierens verstehe ich überhaupt nicht.
    Was nun die mich betreffende Naturalisierung anbetrifft, so habe ich folgendes zu melden. Erstens hat die in Aussicht gestellte Meldung von München hierher überhaupt nicht stattgefunden; mir wurde gestern noch versichert, der hiesige Magistrat wisse gar nichts von der Sache. Zweitens: Ihrer Weisung gemäß habe ich mich damals sofort mit dem Oberbürgermeister Dr. Casselmann ins Vernehmen gesetzt, indem ich ihm meinen Brief und den Ihrigen mitteilte und dann — auf seine Aufforderung hin — ihn am selben Nachmittag besuchte und ausführlich mit ihm konferierte. Er hat mir nun mit einer ganz auffallenden Energie   a b g e r a t e n,   diesen Schritt in diesem Augenblick zu tun. Er meinte, es würde allgemein falsch gedeutet werden und sowohl meinem Rufe wie auch meinen Werken schaden. Die Menschen, meinte er, wurden sagen, „das ist ein vorsichtiger Fuchs, der die Segel nach dem Winde richtet“, und die allgemeine Achtung, die ich jetzt in hohem Grade besäße, würde merklich geringer werden. Ich war sprachlos; Sie wissen ja genau, welche rein inneren Seelenvorgänge es mir fast unerträglich schmerzhaft machten, zu den Feinden Deutschlands gezählt werden zu müssen in einem Augenblick, wo dieses um seine Existenz kämpft und damit zugleich um alles, was mir auf Erden teuer ist; daß mein Vorgehen mir als Gemeinheit ausgelegt werden könnte, das hätte ich nie geträumt; mir wurde ganz wirr im Kopfe. Und so ging ich denn zum guten Adolf von Groß, der von nichts wußte und auch unsere Briefe nicht kannte, und fragte ihn auf den Kopf zu: Was meinst du dazu, wenn ich jetzt die Naturalisation nachsuche? Und denken Sie, er urteilte genau so wie Casselmann und sagte, die Menschen würden schlecht von mir denken.
    Ich habe Ihnen nicht geschrieben; Sie haben keine Zeit und können sich nicht auf ein Hin und Her einlassen; aber Sie werden gewiß verstehen, wie tief niedergedrückt ich mich fühlte. Nun warte ich ab; vielleicht kommt von irgendwoher doch die Bestimmung.
    Die „Internationale Monatsschrift“ (die das Kultusministerium bei Teubner erscheinen läßt) bringt am 15/9 einen Aufsatz von mir „Deutsche Friedensliebe“, den ich Ihnen mitteilen werde. Einen zweiten Aufsatz „Deutschland als führende Weltmacht“ halte ich noch vom Drucke als verfrüht zurück. An einen dritten „Deutsche Freiheit“ will ich heute gehen.
    Ich hoffe, Sie haben von Ihren Söhnen gute Nachrichten, und verbleibe mit besten Grüßen

Ihr treu ergebener

Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ Heinrich Hell, Sekretär des Justizrats Troll.
 

244-246 An Carl Graf Pückler



18. Sept. 1914 Bayreuth

Hochverehrter Herr Graf

    Sie entschuldigen gewiß den Gebrauch der Schreibmaschine, die Ihnen und mir Arbeit erspart?
    Für das höchst interessante Schreiben vom 10/9 mit beigelegtem Aufsatz bin ich Euer Exzellenz zu großem Danke verpflichtet. Beides habe ich wiederholt gelesen, und es wird Sie namentlich freuen, zu hören, daß meine Frau Schwiegermutter den lebhaftesten Anteil an dieser Lektüre genommen hat und mich beauftragt hat, Ihnen zu sagen, sie fände alles vortrefflich beobachtet und gedacht, und sie stimme mit Ihnen vollkommen überein.
    So werden Sie es denn leicht verschmerzen, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich meinerseits die ganze Sache etwas mehr vom volksmäßigen — weniger vom diplomatischen Standpunkt aus — ansehe. Bei meinen letzten Aufenthalten in England erschreckte mich der geradezu rasende, blinde, zerstörungswütige Haß gegen Deutschland, den ich dort antraf. Überall war von Krieg die Rede; überall von Ausrottungskrieg. Sie werden mir sagen — das waren keine Staatsleute; ganz richtig, es waren aber anständige Offizierskreise. Und da dieser Haß nicht angeboren ist und früher nicht existierte, muß er von jemandem gewollt worden sein. Ich habe in den letzten Jahren nur   e i n e   englische Zeitung regelmäßig verfolgt: die „Times“ in ihrer Wochenausgabe; planmäßiger kann nicht zum Kriege geschürt werden; gelegentliche Ausfälle deutscher Zeitungen lassen sich damit in keiner Weise vergleichen; hier war schlechte Laune und manchmal auch schlechter Geschmack, dort systematische, tückische, vor keiner Lüge zurückschreckende List.
    Mir ist so, als ob Sie, hochverehrter Freund, das England im Auge hätten, das ich in meiner Kindheit kannte und liebte, das England der Königin Viktoria. Die wenigen Jahre Edwards VII. haben unglaublich verheerend gewirkt; seine Gemeinheit scheint er dem ganzen Lande eingeimpft zu haben; ich war entsetzt vor der Roheit, die ich in England 1907 und 1908 antraf — Roheit auf der Straße und rohe, stallknechtmäßige Geistesart und Gesinnung bei der jüngeren Generation der upper ten thousand.
    Ich kann mich kaum überreden, daß England Deutschland annehmbare Bedingungen zu einem Bündnis angeboten hätte; ich glaube, der Bund hätte den geheimen Zweck verfolgt, Deutschlands Entwicklung hemmschuhartig zu unterbinden. Übrigens traue ich England in der Politik von jeher einen Grad von Niedertracht zu, der doch alle diplomatisch begreifliche Schlauheit usw. weit hinter sich läßt. Eine Lieblingslektüre von mir ist Burkes „Impeachment of Warren Hastings“; wenn man nun sieht, daß ein solcher Abgrund von Trug, Verrat, Heuchelei, Grausamkeit, hier auf Grund der dem Parlament vorgelegten offiziellen Dokumente dargelegt und mit beispielloser Beredsamkeit enthüllt und gegeißelt — nichtsdestoweniger nur Bewunderung, nur Anerkennung, nur Ruhm erntet, da muß man doch sagen: diese Nation ist als politischer Körper ohne jede Spur von moralischem Gefühl.
    Den furchtbaren Ernst des Augenblicks verkenne ich natürlich nicht; mit Deutschland steht alles auf dem Spiel, alles, was das Leben lebenswert macht. Es wäre frevelhaft gewesen, hätten Kaiser und Kanzler eine solche Situation nicht mit allen Mitteln abzuwenden gesucht; nunmehr aber kann der Fall eintreten, wo — vom weltgeschichtlichen Standpunkt aus — dieser furchtbare Krieg als ein Segen für die ganze Zukunft des Menschengeschlechts sich offenbart, als gottgewollt in dem Augenblick, wo sonst die Welt rettungslos der Bestialität verfallen wäre.
    Doch Ihnen, als Fachmann, wird Konjekturalpolitik verhaßt sein, und ich eile zu schließen, ohne Ihre Geduld auf eine zu harte Probe zu stellen. Das eine weiß ich jedenfalls: zufällig war ich auch 1870 in Deutschland und erlebte die Erhebung des ganzen Volkes; jetzt erlebe ich sie zum zweiten Male und noch großartiger; mein Herz wählte richtig, und statt des beschränkten „Right or wrong, my country!“ rufe ich: Deutschland über alles, ob siegend oder besiegt!
    Alles Weitere, hoffe ich, nächstens mündlich.
    Euer Exzellenz verehrungsvoller, dankbarer und ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

247-248 An Wilhelm Schwaner, Herausgeber des Volkserzieher



20. Sept. 1914 Bayreuth

Hochverehrter Herr Schwaner

    Dank für Zuschrift vom 18/9. Geheimnisse will ich nicht wissen; mir genügte, wenn ich dienen kann und darf.
    Einen Aufsatz „Deutsche Freiheit“ habe ich geschrieben, an dessen baldiger Veröffentlichung mir viel liegt. Da ich infolge meiner beständigen Weigerungen außer Verbindung mit allen Zeitungen und Zeitschriften bin, glaube ich gut zu tun, ihn einfach hier beizulegen, und zu bitten, ihn gut anzubringen, gleichviel wo, wenn‘s nur bald ist. Die Länge von etwa 2000 Wörtern wird wohl eine Zeitung abschrecken? Verfügen Sie nach Ihrem Urteil.
    Meine „Bedingungen“ sind: 1. ungekürzte und unveränderte Wiedergabe; 2. Nachdruck gestattet; 3. das Recht für mich, falls ich ein Heft gesammelter Kriegsaufsätze zugunsten des Roten Kreuzes herausgeben sollte, auch diesen Aufsatz ohne weiteres aufzunehmen.
    Gestern habe ich einen vierten Aufsatz begonnen: „Deutsche Sprache“.
    Da ich tagtäglich aus allen Kreisen gebeten werde zu schreiben (heute morgen wieder von einem deutschen Erbfürsten), so erbitte ich mir sowohl von Ihrem V.E. ¹ wie von irgendeinem anderen Blatte, das erstmalig einen Aufsatz von mir druckt, umgehend 50 Exemplare, die ich aber zu bezahlen wünsche, sei es durch Nachnahme oder sonstwie.
    Vergessen Sie nicht, daß ich „noch“ Engländer bin. Zwar drängt mich mein langjähriger treuer Rechtsbeistand leidenschaftlich, mich naturalisieren zu lassen; andere dagegen — z. B. der hiesige Oberbürgermeister — ebenso leidenschaftlich, es nicht zu tun. Die Ersteren empfinden meine Herzensqual, die Letzteren halten es im Interesse meiner Werke und meiner Wirksamkeit für besser, wenn ich ein Zeuge von außen bleibe. Eigentlich weiß ich nicht recht, was die politische Naturalisation soll, — kein Mensch auf Erden kann deutscher sein als einer, der es durch vierzigjährige Geistesarbeit geworden ist. Vielleicht stelle ich den Typus dar eines künftigen, regenerierten Englands?

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Volkserzieher.
 

248-251 An Prinz Max von Baden



Bayreuth, 22. September, 1914

Eure großherzogliche Hoheit

ahnen vielleicht nicht, welche innige und große Freude es für uns alle war, daß Sie gerade in diesem Augenblick den Wunsch fühlten und die Zeit sich abrangen, einen Brief nach Wahnfried zu richten. Meine Schwiegermutter trug mir warmen Dank und ergebensten Gruß auf; wir übrigen schließen uns ehrerbietigst an.
    Mir persönlich konnte nichts erwünschter kommen, als in diesem Moment der Geschichte, wo so manches täglich aus anderen Kreisen zu uns dringt, auch die Stimme eines deutschen Fürsten zu vernehmen. Wie unterscheidet es doch den Kampf der Deutschen, daß sämtliche wehrfähige Fürsten aktiv daran teilnehmen: dieselbe brüderliche Kameradschaft, die so auffallend den deutschen Offizier mit dem deutschen Soldaten verbindet — und die in keinem anderen Heere besteht — findet hier zwischen Fürst und Volk statt. England mit seinem von außen verpflanzten Königshaus, einem bloßen unentbehrlichen Dekorationsstück, kann sich in keiner Weise mit dieser Erscheinung vergleichen. In einem solchen Augenblick begreift man auch den Segen der   v i e l e n   Fürsten im Gegensatz zum Monarchen; denn bei der Ausdehnung unserer heutigen Reiche wirkt der fern in der Hauptstadt thronende Allkönig auf die überwiegende Mehrzahl wie eine Art Pagode; die notwendige Unnahbarkeit hat etwas Orientalisches, durchaus Ungermanisches an sich; wogegen hier, die vielen Fürsten, die — über sämtliche Armeen verteilt — Seite an Seite mit ihren engeren Landeskindern kämpfen und bluten, die alte echte Art betätigen — und das halte ich politisch für ungeheuer wichtig und wertvoll, eine Gewähr für die Zukunft, wie auch der jetzige Kampf ausgehen mag. Kein Volk besitzt etwas Ähnliches — alle gehen dem Untergang entgegen — sei es durch republikanische Anarchie, sei es durch den abstrakten Weltreichbegriff, auf den Platos Wort anwendbar ist: Eine absolute Einheit hat keine Gestalt und ist einem Chaos gleich zu achten. In seiner politischen Konstitution — und trotz seines verfehlten, hemmenden Reichstags — ist Deutschland das weitaus stärkste Land der ganzen Welt. Darum bin ich auch sicher, daß es siegen wird — sei es heute, sei es morgen. Gebe Gott, daß es heute sei!
    Mit dem allergrößten Interesse habe ich — haben wir alle Ihre Mitteilungen und Ausführungen gelesen und wiedergelesen. Was die Urteile betrifft, so kann ich sagen, daß ich Eurer Hoheit in jedem einzelnen Punkte beistimme, vollkommen überzeugt beistimme. Ich weiß nicht, ob Eure Hoheit zwei kleine Briefstellen zu sehen bekommen haben, die jetzt die Runde durch die ganze Presse gemacht haben? Sie waren einem an Hamburger Freunde gerichteten Briefe von mir entnommen und nicht auf Veröffentlichung berechnet; trotz des kargen Inhalts haben sie mir mehr begeisterte Zustimmung eingebracht — brieflich von allen Seiten — als je eines meiner Bücher. Inzwischen habe ich mehrere Aufsätze geschrieben und werde mir erlauben, sie nach und nach vorzulegen, für den Fall, die Kriegsführung läßt Ihnen zur Kenntnisnahme Muße. Der erste, „Deutsche Friedensliebe“, sollte schon längst da sein, in der „Internationalen Monatsschrift“, die unter der Protektion des Kultusministeriums in Berlin erscheint; ich habe aber das Blatt noch nicht zu sehen bekommen. Ein zweiter, „Deutschland als führende Weltmacht“, ist für den vortrefflichen „Volkserzieher“ bestimmt; ein dritter, „Deutsche Freiheit“, ist in Berlin, aber ich weiß nicht, wer ihn druckt; einen vierten, „Die deutsche Sprache“, habe ich in der Arbeit. Man kommt sich recht lächerlich vor, so am Schreibtisch Wort an Wort angliedern, statt zuzugreifen — gleichviel wo und wie und was. Für mich bildet es den letzten Zufluchtsort eines Tätigkeitsdranges, der mich sonst vernichten könnte. Und leider, als Engländer bin ich überall suspekt oder wenigstens der öffentlichen Stimmung wegen unbrauchbar. Weder Bürgermeister noch General, denen beiden ich meine Dienste — und sei es nur als Dolmetscher — angeboten habe, wissen mir eine Arbeit zuzuweisen; und da Polizei und Kommando immerwährend anonyme Briefe erhalten, die auf die Gefährlichkeit hinweisen, daß man mich auf freiem Fuße läßt — so muß ich schließlich dankbar sein, daß es mir bisher nicht ergeht, wie den armen eingepferchten Deutschen in England.
    Über England rede ich nicht gern; wie Sie sich vorstellen können, bildet die jetzige Lage für mich einen crêve-coeur. Könnte man sagen, es handelt sich um den Fehler, um das Verbrechen eines einzelnen Mannes oder eines einzelnen Kabinetts, dann fände ich Trost. Ich halte aber England für ein schon seit einem Menschenalter in rapider Degeneration begriffenes Volk — oder wenn „Volk“ zu viel gesagt ist, für einen entarteten „body politic“. Gewiß geht das Aufhetzen gegen Deutschland von einer bestimmten Gruppe aus, „Times“ und Cie., und ihnen ist es gelungen, die gesamte öffentliche Meinung zu vergiften. Wenn aber eine Regierung, anstatt gegenzuwirken, mitwirkt, — wenn sie an Verlogenheit und Tücke, an niederträchtigster Irreführung es jenen bezahlten anonymen Kräften gleichtut, und wenn wir dann erleben, daß die gesamte konservative Partei mit der Regierung mitmacht, — dann muß man doch sagen, es ist nicht bloß „etwas faul“, sondern alles faul in diesem Staate. Meine einzige Hoffnung für eine Regeneration wäre eine so vernichtende Niederlage, daß die Engländer darüber zur Besinnung kämen und somit die besseren Elemente wieder ans Ruder kämen. In treuem Anschluß an ein starkes Deutschland könnte gewiß aus England noch etwas werden; so halte ich es für ganz verloren: dem Mammon, der Roheit, der gänzlichen Entsittlichung anheimgegeben.
    Ich danke Gott, daß ich die beiden Erhebungen — 1870 und 1914 — erleben durfte, daß ich beide Male in Deutschland war und mit eigenen Augen die Wahrheit gesehen habe. Erhebender, ja, erhabener kann nichts in der Geschichte der Menschheit sein. Alle und jede Hoffnung für eine menschenwürdige Zukunft der Menschheit knüpft sich an Deutschland allein; täglich bete ich zu Gott mit Inbrunst, daß er diesen höchsten moralischen Aufschwung, der unsere ganze materielle und materialisierte Gegenwart verklärt, mit der Krone des vollkommenen Sieges belohnen möge. Möge er auch Eure Hoheit in seinem Schutze haben.

Houston S. Chamberlain.
 

251-256 An Graf Brockdorff-Rantzau



Bayreuth, 23. Sept. 1914

Euer Exzellenz
Hochverehrter, lieber Freund

    Sie werden verwundert sein — und wenig erfreut —‚ gerade in diesem weltgeschichtlichen Moment von mir einen Brief zu bekommen, beschwert — wie Briefe es zu sein pflegen — mit einer Bitte. Sie stehen auf einem so exponierten Posten, dessen Wichtigkeit von einer Stunde zur nächsten entscheidend werden kann, daß ich mir lebhaft vorstellen kann, wie Ihre Nerven „tendus“ sind und wie Sie meine Wenigkeit verfluchen werden. Aber, es hilft mir alles nichts; ich weiß auf Erden niemanden, fähig, mir in diesem Augenblick und in dieser Sache einen Rat zu geben, auf den ich hören kann. Und ich traue Ihrer so gütigen und treuen Freundschaft zu, daß Sie mir Ihren moralischen Beistand nicht versagen. Wenn es Ihnen so geht wie mir, müssen Sie augenblicklich so viele Briefe mit Bitten um Geld erhalten, daß einer, der nur um Rat bittet, vielleicht erfrischend wirkt; ich will‘s hoffen. Außerdem bemerke ich gleich im voraus, daß eine bloße Karte, worauf in Bleistift steht „Ja“ oder „Nein“ oder „Scher Dich zum Teufel“, mir vollauf genügen soll; nicht ein Gutachten erbitte und erhoffe ich, nur ein Urteil.
    Es handelt sich um die Frage meiner eventuellen Naturalisation. Sie können sich gewiß vorstellen, welchen Herzensjammer mir die Kriegserklärung Englands verursachte — Scham und Zorn und Verzweiflung. Schon vorher hatten mehrere mich gebeten, ein Manifest zu erlassen, à la Carlyle; ich bin aber nicht Carlyle und mache mich nicht gern wichtig und weiß, daß die Herren den Kuckuck nach meiner Meinung fragen; und wie die Kriegserklärung kam, ward ich ganz stumm und hätte nur eines gewünscht: tot zu sein, um dieses Verbrechen nicht zu erleben, und diese Schande, von der mein Vaterland niemals — dessen bin ich gewiß — sich ganz erholen wird. Nicht etwa, daß mir die Sache ganz unerwartet kam; wozu hätte ich seit Jahren die unverschämten Lügen und Prävarikationen des „Times“-Korrespondenten in Berlin gelesen? des Schandbuben, den man schon längst an dem ersten Baum Unter den Linden hätte aufhängen sollen. Aber ich habe mir doch nicht gedacht, daß England so ganz roh, so gemein, so grund-unfair, so wortbrecherisch, so erlogen heuchlerisch vorgehen würde; es ist ein wahrer Abgrund.
    Aus dieser Stimmung heraus schrieb ich einmal — vor Wochen — an meinen treuen Rechtsbeistand in München, Justizrat Dr. Troll; es handelte sich für mich bloß darum, mir Luft zu machen. Dieser brave Mann — sonst der kühlste, schärfste Kopf der Welt — hat wohl auch ein bißchen den Kriegskoller bekommen — beide Söhne vor dem Feinde, der unentbehrliche Kompagnon desgleichen usw. — jedenfalls erhalte ich von ihm einen ganz leidenschaftlichen Brief, das ginge so nicht weiter, ich würde moralisch zugrunde gehen, ich müsse Deutscher werden, und — er habe mich bereits im Ministerium angemeldet, und dieses wende sich nun vorschriftsmäßig an die Behörde in Bayreuth! Das hat mir denn doch ein bissel den Atem genommen, so über meinen Kopf hinweg entnationalisiert, wie eine Bühnenverwandlung.
[...]
Doch gleichviel, ich will Sie bloß nachempfinden lassen, daß ich einen kleinen Schock bekam, als sich mein Deutschtum in spe aus der Vision eines elysischen Gefildes in Gesellschaft von Leibniz, Lessing, Kant, Schiller, Goethe, Bach, Beethoven usw. plötzlich zu konkreter Gestalt verdichtete in der Vorstellung eines königlich bayerischen Staatsbürgers, der jeden Morgen um 7 Uhr den ersten Maßkrug leert. — Ich schwieg aber stille und schickte eine Abschrift meines Briefes an Troll und dessen Antwort mit der Verkündigung des schon geschehenen Schrittes an die nächste Instanz, nämlich an Herrn Oberbürgermeister Dr. Casselmann, den bekannten Führer der nationalliberalen Partei in Bayern, und einige Stunden später ging ich persönlich hin. Dr. Casselmann ist ein sehr gescheiter energischer Mann hessischer Herkunft, der immer hilfreich und freundlich gegen alle Wahnfriedler sich erweist. Er empfing mich, wie stets, auf das freundlichste, aber — siehe da! — mit der geradezu leidenschaftlich vorgetragenen Bitte, den Schritt   n i c h t   zu unternehmen: meine Motive würden mißdeutet werden, man würde sagen, das ist ein Schlaufuchs, der sich nach den Umständen richtet, es würde dem Rufe meiner Werke furchtbar schaden usw. usw. Wieder saß ich sprachlos da, denn der Gedanke wäre mir nie gekommen, daß, wenn ich, weil mein Herz zerrissen ist, die deutsche Nationalität annehme, man mir gemeine Interessenmotive unterschieben würde und könnte. Ich verstehe es, aufrichtig gesagt, noch jetzt nicht. Ich gab aber Casselmann nach und bat ihn, die Sache vorläufig auf die lange Bank zu schieben, bis ich zu genauerer Überlegung Zeit gefunden haben würde. Der Sicherheit wegen ging ich aber zu einem anderen sehr erfahrenen Mann der Praxis, zu Geh. Kommerzienrat Adolf von Groß, dem treuesten Freunde der Familie Wagner und der Festspiele, dem bewährten Direktor der Bayerischen Vereinsbank. Ohne ihn in die bereits geschehenen Verhandlungen einzuweihen, legte ich ihm die Frage der Naturalisation vor; er faßte sie genau so wie Casselmann auf und widerriet mir energisch. Er meinte, wenn ich Müller oder Meyer wäre, etwa Strumpffabrikant, dann würde er ja sagen, tue es, so aber gehöre ich vor die Öffentlichkeit, sei in ganz Deutschland zugleich als deutscher Schriftsteller und als Engländer bekannt, und es sei wichtiger für die gute Sache, ich bliebe Engländer, selbst auf Kosten einiger Widerwärtigkeiten, als daß ich mir die Annehmlichkeit gönnte, Deutscher zu werden.
    So ließ ich denn die Sache auf sich beruhen. Einige kleine „Widerwärtigkeiten“ blieben nicht aus und versteiften ein wenig mein schwankendes Engländertum. Die an den hiesigen Magistrat gerichteten Denunziationen anonymer Schreiber, die mich als Spion entlarvten, wandelten zwar in den Papierkorb; mehr Erfolg hatte dagegen irgendein Unbekannter (man vermutet eine Dame hebräischer Konfession) bei der in Nürnberg kommandierenden, aus einem tiefen Schubfach der „Disponibilität“ hervorgeholten Exzellenz, und der brave hiesige General erschrak nicht wenig, als er eines Morgens den Befehl erhielt: Sie haben die Sternwarte des Engländers Chamberlain sofort abzuschließen und das Haus unter scharfe Bewachung zu stellen. Es wäre nun kein großer hardship, die Warte einige Wochen zu entbehren; wie sollte ich aber in einer kleinen Stadt leben können, wenn jeder Gassenbube mit dem Finger auf mich zeigen kann als auf einen Verräter? Der Präsident von Oberfranken, der General und der Oberbürgermeister taten ihr Möglichstes und machten sich sogar alle drei persönlich für mich haftbar — doch charmant, nicht wahr? — aber der Entdisponibilierte war ein rocher de bronze, und am dritten Tag mußte gehorcht werden, sonst hätte es der General zu büßen gehabt. Ich wollte direkt nach Nürnberg fahren und mich mit dem Räuber meiner Ehre schlagen; doch wurde ich belehrt, daß das in Kriegszeiten nicht ginge. Inzwischen benahm sich Casselmann einfach großartig, reiste nach München, traf dort seinen Freund, den Kriegsminister, an und — der Befehl wurde aufgehoben, sofort, mit dem weiteren Bemerken, es solle der Engländer Chamberlain in keiner Weise belästigt werden, vielmehr vollkommen frei sich bewegen dürfen. Dafür war ich sehr sehr dankbar — um so mehr, wenn ich bedenke, wie die Deutschen in England behandelt werden. Und jetzt kann ich meine Studien an den Sonnenflecken wieder aufnehmen, was auch nicht zu unterschätzen ist.
    Aus diesen ganzen Erfahrungen und Erregungen ergab sich schließlich die Stimmung, zwar nicht zu den Engländern, wohl aber zu den Deutschen zu reden. In rascher Folge habe ich mehrere Aufsätze geschrieben. In dem ersten, „Deutsche Friedensliebe“, habe ich namentlich den Kaiser gegen die empörenden Verleumdungen in Schutz genommen, — er erscheint in der „Internationalen Monatsschrift“ in Berlin, in dem ersten „Kriegsheft“, und sollte schon am 15/9 veröffentlicht werden, — bisher habe ich aber nichts erhalten. Ein „Deutschland als führende Weltmacht“ erscheint im „Volkserzieher“, ebenfalls ein Aufsatz „Deutsche Freiheit“, den ich mit aller Begeisterung und Empörung geschrieben habe und somit hoffe, er soll gut sein. Den besten Aufsatz schrieb ich aber jetzt: „Die deutsche Sprache“; ich weiß noch nicht, wohin damit. Später denke ich daran, diese Dinge zu sammeln und für billiges Geld zugunsten des Roten Kreuzes herauszugeben.
    Mitten in diese Tätigkeit hinein schneit nun ein neuer Brief des Justizrat Troll, den ich beizulegen mich nicht enthalten kann, weil Sie aus ihm die Gründe kennen lernen, die er für die Notwendigkeit der Naturalisation anführt. Überzeugt hat er mich nicht; auch meine kluge und ruhig urteilende Frau neigt eher zur Ablehnung. Nicht etwa, daß ich nicht gern Deutscher (womöglich Preuße) sein würde; ich sage mir aber, ich bin es doch schon, und zwar in einem so intensiven Maße, wie es nur ein Konvertit sein kann; es wäre, als wollte ein Papst sich taufen lassen. Der Gestalt und der Physiognomie nach aber bin ich so ganz und gar Engländer, daß es mir jeder auf einen Kilometer ansieht. Mein jetziges Deutschsein ist eine so große, strahlende Wahrheit; wird die politische Angehörigkeit nicht eine untergeordnete, die erste Wahrheit einigermaßen herabstimmende sein? Wäre ich nicht bereits im 60. Jahre und furchtbar rheumatisch — dann würde ich keinen Augenblick zweifeln, denn mein einziger, brennender Wunsch wäre, mein Leben für Deutschland zu lassen. Aber so, als Krüppel und unnützer Ballast?
    Bitte, lieber, hochverehrter, guter Freund, helfen Sie mir; überlegen Sie sich die Sache in Ihren wenigen Mußeaugenblicken und schreiben Sie mir ein ganz ganz kurzes Wort! Seien Sie meiner Dankbarkeit im voraus versichert.
    In alter Verehrung und treu lebendiger Freundschaft

Ihr ergebenster

Houston S. Chamberlain.

    In dem einen Aufsatz habe ich Furchtbares über die deutschen Diplomaten gesagt!! Doch glaube ich nicht, daß   S i e   sich getroffen fühlen und mir auf ewig die Freundschaft kündigen werden.
 

256 An Konsul August Ludowici


6/10/14 Bayreuth

Mein lieber Freund

    Neulich sah ich in der Zeitung, daß ein Büro der Croix Rouge in Genf die Besorgung von Nachrichten über Gefangene und Verwundete aller Nationen übernehme — leider schnitt ich mir die genaue Adresse nicht ab. Heute nun kommt meine gute Aufwartefrau mit der Bitte, über die beiliegendes Schreiben Sie unterrichtet. Ich wäre Ihnen dankbar, wollten Sie es an die richtige Adresse gelangen lassen; vielleicht, daß persönliche Intervention auch schnellere Erledigung bewirken würde.
    Vielen Dank für Ihre Karte. Hier geht es bei miserablem Wetter gut.
    Jetzt haben wir hier außer den vielen Gefangenen auch ein ganzes französisches Dorf — Greise, Frauen, Kinder, Säuglinge! Die Franzosen haben, wie es scheint, um Verdun herum ganze Dörfer der Verteidigung wegen abrasiert und die Einwohner sich selbst überlassen, zu krepieren wie sie wollten; der alte Curé hatte die geniale Idee, sich einfach an den Kommandanten der „Barbaren“ zu wenden, und nun sind die guten Leute hier im fernen Bayreuth; von dem Elend hat man keinen Begriff — nackt, ausgehungert, besitzlos. Hier sind sie wenigstens gut aufgehoben.
    Für heute nur dieses Wenige mit herzlichsten Grüßen. Ich Schreibe fleißig Aufsätze; ich schicke sie Ihnen später in Buchform.

Ihr getreuer

Houston Stewart Chamberlain.
 

257 An Justizrat Troll


7. 10. 14.  Bayreuth.

Hochverehrter Herr Justizrat

[...]
    Neulich deutete ich Ihnen an, daß ich die Naturalisationsfrage einer „höheren“ Instanz zur Entscheidung vorlegte; es war mir plötzlich die Ratsamkeit dieses Schrittes eingefallen. Ihren langen, begründenden Brief legte ich zur vollkommenen Orientierung bei. Ich erhielt die telegraphische Antwort: „Nein, unbedingt nein!“ Wobei höchst wahrscheinlich weniger die Berücksichtigung meines subjektiven Wohlgefühls und meiner Interessen maßgebend war als die Sorge um meine öffentliche Wirkung. Ich weiß es nicht. Jedenfalls, da ich einmal diesen Weg einschlug, so ist die Frage vorläufig für mich erledigt.
    Übrigens glaube ich nicht, daß die Engländer mich entnationalisieren. Kein Mensch hat öffentlich so heftig gegen den Burenkrieg gewettert, dann auch gegen die sogenannten Konzentrationslager usw., wie mein Onkel der Feldmarschall Sir Neville Chamberlain; man war wütend, und Lord Roberts weigerte sich, an seinem Begräbnis teilzunehmen — aber tun konnte man nichts.
    Nun, wir werden sehen. Ich arbeite jetzt an einem Aufsatz „England“.
    Mit wärmster Begrüßung

Ihr stets dankbar ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

257-258 An Dr. Manz



12. Oktober, 1914 Bayreuth

Sehr geehrter Herr Doktor

    Vielen Dank für Ihre freundlichen Zeilen vom 7. d. M.
    Der Aufsatz „England“ ist etwas länger geworden, als ich zuerst gedacht hatte; der Stoff ist gar zu reich, und ohne Beispiele bleibt alles abstrakt, — was ich gerade vermeiden wollte. Erst heute konnte ich ihn zur Abschrift schicken, und es wird Ende der Woche werden, bis er an Sie abgeht, fürchte ich.
    Im kleinen Kreise vorgelesen, hat er interessiert und stark ergriffen. Hoffentlich findet er Beachtung. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie erschrocken ich war, als ich neulich — ich glaube bei Ihnen — las, Delbrück rede schon von „Mäßigung“; England gegenüber handelt es sich um ein Entweder-Oder, Hammer oder Amboß; will Deutschland denn alle 20 Jahre Krieg haben?
    Verbindlichste Grüße

Ihres sehr ergebenen

Houston S. Chamberlain.
 

258-259 An den Postboten Hilmar Martin



14. Oktober 1914, Bayreuth

Sehr geehrter Herr

    Ob Sie Kultusminister oder Postbote sind, gilt mir einerlei; Immanuel Kant, der große Sattlerssohn, meint, das Schwerste sei, „Mensch zu werden“; in dieser Kunst scheinen Sie mir, nach Ihrem freundlichen Brief, einige Fortschritte gemacht zu haben; darauf kommt‘s an.
    Von dem Verlage erhalten Sie ein Exemplar meiner „Grundlagen“ zu eigen. Sie werden da einige Zeit zu tun haben. Sollten Sie später andere Bücher von mir wünschen, schreiben Sie es mir. Ein kleines Büchlein „Arische Weltanschauung“ sende ich als Drucksache.
    Nicht viel lesen; nur das Allerallerbeste. Immer wieder Goethe — alles von Ihm, namentlich aber „Dichtung und Wahrheit“, „Italienische Reise“, „Campagne in Frankreich“. Und Luther! Freiheit eines Christenmenschen“, „An den Adel“ usw. usw.
    Einen kürzlich veröffentlichten Aufsatz von mir über „Die deutsche Sprache“ lege ich bei. (Behalten!)
    Und nun, leben Sie wohl, sehr geehrter Herr Martin, und bleiben Sie mir und meinen Werken freundlich gesinnt.
    Aufrichtig Ihr

Houston Stewart Chamberlain.
 

259-264 An Professor Basil Hall Chamberlain



30/10/14. Bayreuth

Mein lieber Bruder

    Als ich neulich von meiner kleinen Sternwarte aus den Kriegskometen *) beobachtete, fiel mir plötzlich ein, daß ich etwas Wichtiges vergessen habe — eine Bitte an Dich. Seit meiner Knabenzeit bin ich nämlich auf die englische naturwissenschaftliche Zeitschrift „Nature“ abonniert und besitze die ganze Reihe in vielen Bänden, die mir oft sehr zustatten kommen. Würdest Du wohl an die Agentur Leathwait & Simmons zu schreiben die Güte haben, 5. Virchin Lane, London EC, und ihnen sagen, daß ich absolut darauf rechne, sie sammeln mir alle Nummern ohne Lücke bis nach dem Kriege an? Die letzte Nummer, die ich erhielt, trägt die Nummer 2335 und das Datum 30. Juli, 1914; die Nachlieferung wird also von der Nummer des 6. August anzuheben haben. — Hingegen wünsche ich nicht die Weekly T. mit Literary Supplement nachgeliefert zu erhalten, betrachte vielmehr dieses Abonnement als dauernd erloschen. Später mußt Du mir dann einmal sagen, ob es ein Blatt gibt, woraus man die vollkommene Liste der Bücher der Woche nach Rubriken entnehmen kann, mit vielleicht einigen vornehmen Besprechungen, — denn die „Times“ war mir nach und nach unerträglich geworden, von einer Vulgarität und Plattheit, daß man sich schämte, so etwas in die Hand zu nehmen.
    Inzwischen ist Dein Brief vom 21. auch eingetroffen. Wie sollte ich Dir Deine Aufrichtigkeit verübeln? Ich bin es von Dir gar nie anders gewohnt gewesen und habe diese seltenste Eigenschaft stets an Dir hochgepriesen von den alten Zeiten her, wo Du mir so offenen guten Rat bez. der allgemeinen Einleitung in die „Grundlagen“ gabst, und dann nach Erscheinen des Buchs mir zahlreiche Kritiken zu einzelnen Punkten einsandtest, bis zu dem wunderbaren, ich glaube 12 Bogen langen Brief über den „Kant“, und bis dann zu der kurzen, eiskalten Ablehnung meines „Goethe“. Daß mir letzteres nicht weh getan habe, kann ich nicht behaupten; was mir aber weh tat, war weniger das Urteil, als die sichere Empfindung, daß in Dir eine Wandlung vorgegangen war, die Dich von der Welt, in der ich heimisch bin, entfernt hatte, was mir auch aus Bemerkungen in späteren Briefen zur Gewißheit wurde. Wie wäre es denn sonst möglich, daß Du in einem Buche, in dem ich alles Beste, was ich bin und kann, gegeben habe, in einem Buche, das die Anerkennung großer Gelehrter gefunden hat, die meine früheren Werke ablehnen zu müssen glaubten, daß Du — sage ich — nicht einen Lichtblick gefunden hast? Die Aufrichtigkeit schätzte ich, doch die Blindheit bedauerte ich — nicht für Dich, denn Du hast Unterhaltung genug in der lateinischen Welt, der Du wieder angehörst, aber für mich, für den es — ohne Übertreibung — ein Lebensglück bedeutete, Dir — dem mir früher fast unbekannten und von Kindheit an Fremdartigen — auf der Höhe des Weges begegnet zu sein und in Dir das Seltenste gefunden zu haben, einen intellektuellen Freund, verschieden und doch verwandt. Vielleicht weißt Du gar nicht — denn es liegt uns Engländern nicht, so etwas in Worten zu sagen —‚ wie innig dankbar ich Dir war für Dein gütiges und scharfes und aufrichtiges Eingehen auf meine Gedanken und Arbeiten, und daß die Stunden, wo ich Dir dann später vorlesen durfte, zu den sehr glücklichen meines Lebens gehören, unvergeßlich. — Natürlich liegen solche Entwicklungen und Wandlungen außerhalb des Wollens; es läßt sich nicht darüber rechten; töricht wäre es, selbst nur in Gedanken Vorwürfe darüber zu erheben; das ist eben, was „Leben“ heißt; und indem ich mich beklagte, blieb mir die Hoffnung, daß Du Dich in der Entfernung von der deutschen Welt, in der Du Dich so wohl gefühlt hattest, nicht minder glücklich fühlst. Nur hatte ich mir vorgenommen, Dir nie mehr eine Arbeit von mir mitzuteilen; diese Plage wollte ich Dir ersparen. Und ich muß Dich jetzt bitten, mich zu entschuldigen, wenn ich neulich die Inkonsequenz hatte, es nun doch zu tun und Dir dadurch Ärgernis zu bereiten; es soll gewiß nicht wieder geschehen.
    Im übrigen ist wohl jede Diskussion überflüssig, um so mehr als Du ausdrücklich „keinem Menschen in Europa die Kompetenz zu einem Urteil“ zugestehst — folglich auch meiner Wenigkeit nicht. Das vereinfacht die Dinge ja ungemein: da stehen Lüge und Wahrheit, Recht und Unrecht, Klugheit und Torheit, alle auf einem Niveau; jedes sittliche Urteil verstummt; und wir kommen bei des alten Hobbes‘ berühmter — und bei uns in Deutschland berüchtigter — Maxime an: Insuperable might is right, unüberwindliche Macht ist Recht; man wartet still, bis der Krieg aus ist, und ruft dann: Sieger, deine Argumente haben mich überzeugt! Meine Donquixoterie ist Dir zu bekannt, als daß Du wähnen solltest, ich könnte mich bei derlei Auffassungen beruhigen. Ich finde vielmehr, daß es   P f l i c h t   ist, eine Meinung zu haben und Farbe zu bekennen. Es ist mir sehr lieb zu hören, daß Du findest, ich habe sonst gute Manieren und Du mich Weltmann und sogar Hofmann nennen kannst; es gibt aber Augenblicke — und der jetzige ist ein solcher —‚ wo für mein Gefühl die Begriffe Weltmann und Hofmann vollkommen entschwinden, weil sie in einen höheren aufgehen — nämlich in den Begriff „Mann“; in einem solchen Augenblick ist man Mann oder Memme. Es ist schon schlimm genug, durch Jahre und Gliederschmerzen an den Schreibtisch gefesselt zu sein, ein verdammtes zivilistisches Kunstprodukt, wo es doch jedes Mannes erste Ausrüstung fürs Leben sein sollte, sich mit Waffen wehren zu können; wenigstens kann man etwas tun, ein kleines dürftiges Etwas, indem man für die Wahrheit zeugt, furchtlos und rücksichtslos. Es ist das auch gottlob Tradition in unserer Familie; mit Stolz habe ich die Zeitungsaufsätze unseres Onkels, des Feldmarschalls, aufgehoben, in welchen er — der englische Offizier — gegen die gaunerhafte Politik, die zu dem Burenkrieg führte, energisch Einspruch erhebt und dann gegen die unmenschliche Kriegführung ohne Unterlaß protestiert. Das nenne ich Mann sein. Du sagst, man nenne mich mit häßlichen Namen, die mit R. anfangen“; ich hatte noch nicht Zeit, im Wörterbuch nachzusehen, was das für Namen sind; ich weiß aber, daß man den Feldmarschall aufs schmählichste insultiert hat; es hat ihn ebenso kalt gelassen, wie es mich läßt. Ein wenig Liebe wiegt sehr viel Haß auf. Wer überhaupt einer Pflicht gehorcht — und das tue ich —‚ fragt nicht. Hätte ich nach meiner Ruhe gefragt, so hätte ich nie ein Buch geschrieben. Kein Mensch hat das Unbeachtetsein, das stille Leben des Denkers und Beobachters bewußter geschätzt und die Notorietät oder gar irgend etwas dem Ruhm Ähnliches mehr gefürchtet als ich; ich hatte das bestimmte Gefühl: jetzt gebe ich meine Ruhe, mein ureigenes Glück auf, darum allein habe ich so spät zu schreiben begonnen. Glaube nicht, Du lieber alter Skeptiker, daß das nachträgliche Konstruktionen seien: ich könnte Dir Verse und Aufzeichnungen aus jener Zeit — Anfang der 90er Jahre — zeigen, die den Seelenkampf und Seelenschmerz bezeugen. Noch heute schüttelt‘s mich kalt den Rücken herunter, wenn ich meinen Namen in einer Zeitung sehe; und wie viel Dummes, Herzloses, Boshaftes ist schon über mich gedruckt worden. Ich weiß, für Dich, mit Deiner klaren Vernunft, mag es höchst komisch sich ausnehmen, wenn ich sage, ich habe meinen „Wagner“, meine „Grundlagen“, meinen „Kant“, meinen „Goethe“ usw.   a u s   P f l i c h t   geschrieben —; ich habe Humor genug, um das Komische daran selber zu empfinden; es ist aber dennoch wahr, und ich vermag es ebensowenig, aus meiner Haut zu kriechen, wie Du aus der Deinen. Ohne ein treibendes, befehlendes Pflichtgefühl hätte ich nie selbst die nötige Energie zu so mühevollen Unternehmungen gefunden und auch niemals die wahre Demut überwinden können, die mir zwar das Glücksgefühl des Produzierens nicht schmälert, mir aber niemals erlaubt, das, was mein Talent hervorzubringen vermag, sehr hoch zu schätzen; unbedingt schätze ich an mir selber nur die Aufrichtigkeit: im Privatleben habe ich es oft nötig gefunden, zu verschweigen, zu lavieren, dicht an die Unwahrheit zu streifen, in der Öffentlichkeit — als Verfasser — habe ich nie anders als vollkommen wahr geredet, nach dem alten richterlichen Zeugeneid „die Wahrheit, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit“.
    Das erzähle ich Dir alles, weil ich Dir begreiflich machen will, daß, wenn ich jetzt schreibe, und wenn ich so schreibe, wie ich schreibe, ich mir selber treu bleibe; ich schreibe aus Pflichtgefühl und sage ohne Rücksicht auf Personen, was ich für wahr halte. Da Du mir in Liebe und Güte schreibst, so halte ich mich für verpflichtet, Dir in aller Liebe so viel zu sagen. Deine psychologische Erklärung, daß ich so schreibe, weil ich „demoralisiert“ sei — Du bist so gut zu sagen „wir alle“ —‚ stimmt nicht.
    Auf die Hauptfrage will ich hier im Briefe gar nicht eingehen, was auch du nicht tust. Nur das Eine lasse mich Dir sagen: daß ich sehr viel mehr über die ganze Entstehungsgeschichte des unseligen Krieges weiß, als Du glaubst. Ich besaß schon früher Beziehungen zu Fürsten und zu einzelnen Diplomaten, dank welchen ich doch manches richtiger erblickte als der gewöhnliche Zeitungsleser; seit meinem Eintritt in die Wahnfrieder Familie sind aber diese Beziehungen noch zahlreicher geworden; man weiß eigentlich spottwenig von der Politik Europas, wenn man nicht ein wenig hinter die Kulissen zu schauen vermag. Ich frage mich z.B., ob Du, in Deiner schönen literarischen Zurückgezogenheit, sehr viel über die Vorgänge der letzten Jahre — vor allem der Jahre 1908 und 1911 weißt? Wüßtest Du, so würdest Du auch gewiß anders urteilen, und namentlich nicht von „so verwickelten Dingen“ reden; es war noch nie ein Weltkrieg so einfach wie dieser; England hat seit Jahren keinen Augenblick nachgelassen, alles zu tun, was nur menschenmöglich war, ihn herbeizuführen und jede Friedensregung zu zerstören.
    Übrigens muß ich noch eins aufklären: ich habe nie gesagt und nie zu verstehen gegeben, ich „wünsche Englands Ruin“; das wäre ein wahnsinniger und ein boshafter Gedanke. Deutschlands Sieg ist nicht Englands Ruin; ganz im Gegenteil ist es die alleinzige Hoffnung für Englands Errettung aus dem völligen Ruin, in welchem es jetzt steht. Ein siegreiches England wäre jetzt etwas für die ganze Welt Entsetzliches, eine Katastrophe; wogegen ich von einem besiegten England die Hoffnung auf die so nötig gewordene politisch-moralische Wiedergeburt erwarten würde. Die Geschichte gibt uns Beispiele genug.
    Zum Schluß: uns geht es gottlob allen bis jetzt gut in der Ruhe unseres stillen Bayreuth. Siegfried hat soeben zwei große Konzerte in Berlin gegeben und freundlich begeisterte Aufnahme gefunden. Blandine Gravina weilt noch dort, um sich ein wenig zu zerstreuen in Museen, Theater und Konzerten; schenkt uns aber bald wieder ihre so liebe Gegenwart. Auch Gil ist bei uns und beginnt nun zu der Virtuosität auf der Flöte diejenige auf dem Klavier hinzuzufügen. Kapellmeister Kittel und ein vortrefflicher amerikanischer Tenor Stiles vervollständigen ein kleines musikalisches Ensemble, mit dem sich hin und wieder hübsche Abende zusammenstellen lassen. Wie üblich lesen wir: augenblicklich Voltaire und Goethe. — Mama fährt im Automobil ins Fichtelgebirge und nimmt mich zuweilen mit, was sehr erfrischend auf Lungen und Hirn wirkt.
    Sei von uns allen herzlichst gegrüßt und grüße alle!

Dein

treuer Houston.
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    *) Delavan's Comet.
 

264-265 An Wilhelm Schwaner, Herausgeber des Volkserzieher



1. November 1914.
Bayreuth.

Hochverehrter und werter Herr Schwaner

    Verzeihen Sie, wenn ich spät und spärlich auf verschiedene freundliche Sendungen antworte. Ich hatte zwei größere Aufsätze „England“ und „Deutschland“ in Angriff genommen, und da ich sehr langsam arbeite und doch möglichst bald fertig werden wollte, mußte ich mir ein Gesetz machen, sämtliche Briefe unbeantwortet zu lassen; inzwischen regneten diese aber herein wie in Friedenszeiten bei mir zurückgezogenem Menschen noch nie, und jetzt ist es mehr ein Abfertigen als ein ernstes Beantworten. Verzeihung!
    Natürlich verstehe ich die Wichtigkeit Ihres Bestrebens für die Volksbildung auf neuer Grundlage; es kann gar nichts Wichtigeres geben; ich habe auch das, was Sie schreiben, gelesen und wiederholt gelesen, auch anderen mitgeteilt. Nur empfinde ich mich selber als demütiger Laie, weil ich nicht bloß keine Erfahrung als Lehrer besitze, sondern fast gar keine als Schüler. Meine Erziehung — das ist ein trauriges Kapitel; in der Hauptsache habe ich mich später selber erzogen, so gut es gehen wollte. — Zu Ihren Plänen gehört eigentlich ein Fürst, ein sehr intelligenter Fürst; doch gleich steht wieder das Hindernis da: denn ich habe eine Reihe von Fürsten gekannt, einige ziemlich gut, und bin auch jetzt mit einigen befreundet; doch habe ich immer staunen müssen, wie wenig heutzutage ein Fürst vermag. Sie interessieren sich, zeigen Teilnahme, womöglich studieren sie eine Sache durch; aber sehr bald hinter ihnen beginnt irgendeine mir nicht näher bekannte saharische Wüste, wo die guten Absichten alle versanden und verdursten und verschwinden. Ich glaube, ein Herr Ballin oder Herr Friedländer kann tausendmal mehr durchsetzen. — Doch was ich Ihnen da sage, sind schließlich Grillen eines einsiedlerischen Denkers; die Männer der Tat haben Sie zur Hand.
    Dank für Ihren Glückwunsch; es sind das traurige Dinge.

Houston S. Chamberlain.
 

265-267 An Professor Leopold von Schroeder



1. Nov. 1914, Bayreuth.

Lieber, hochverehrter Freund

    In diesen Zeiten rechnet wohl jeder auf Nachsicht und findet sich nicht getäuscht. Ich gebe ein Heft „Kriegsaufsätze“ heraus — teils in Zeitungen Erschienenes, teils Ungedrucktes — und habe mir geloben müssen, bis diese Arbeit fertig war (im Manuskript, denn im Druck erscheint sie erst am 19. November) gar keinen Brief zu schreiben — die schlechte Behandlung war wenigstens gleichmäßig verteilt.
    Lassen Sie mich heute melden, daß die markigen Kriegslieder in ein rechtes Musikerelement hier fielen und dankbare Hochschätzung fanden. Dann aber traf ein herrlicher Band ¹ ein, den ich mit wahrer Rührung aus der Hülle wickelte — weiß ich doch wenigstens annähernd, was da drin für Arbeit und Gebet angehäuft steckt. Nehmen Sie, bitte, meine allerherzlichsten Glückwünsche entgegen. Ich fühle mich um einen wahren Lebensschatz reicher. Bisher habe ich — aus Mangel an Muße — nur wie ein Kind ein neues Spielzeug, neugierig hineingeguckt und große staunende Augen gemacht, und der Mund hat mir gewässert — so daß ich das Buch immer wieder fortversteckte, um nicht in Versuchung zu geraten. Doch treffen Sie bei mir auf einen guten Augenblick — insofern ich mitten in verwandten Studien stecke, wenn auch mehr mit dem Augenmerk auf das Christentum; und sehr bald hoffe ich, diesen so viel verheißenden Band zu grundlichem Durchstudieren vorzunehmen — es sei denn, was man in diesen Tagen nie voraussehen kann, daß wiederum Forderungen der Gegenwart die ruhige Arbeit zurückdrängen.
    Im Augenblick erinnere ich mich nicht, ob ich Ihnen einzelne Aufsätze zugeschickt habe ober nicht? Gesammelt werden es sechs sein: Deutsche Friedensliebe, Deutsche Freiheit, Deutsche Sprache, Deutschland als führender Weltstaat, England, Deutschland — die zwei letzteren sind etwas längere Essays, doch macht das Ganze knapp fünf Bogen aus. Ich lasse Ihnen natürlich ein Exemplar beim Erscheinen zugehen.
    Bayreuth liegt so abseits, auch von den Haupteisenbahnverkehrslinien, daß wir verhältnismäßig wenig von dem furchtbaren Kriege hier merken. Die Ernten waren nach großer Augusthitze besonders reich, und die Herbstarbeiten werden mit ganz besonderer Sorgfalt ausgeführt, damit Deutschland reichlich Nährstoffe hat; viele Bauern — auch kräftige junge Leute — sind zu diesem Behufe dagelassen worden, und ich merke auf meinen täglichen Spaziergängen landeinwärts nicht, daß es irgendwo fehle. Geht man stadtwärts, so fallen einem allerdings die zahlreichen Soldaten auf: je mehr weggehen, desto mehr sind da, und was für welche! Kräftige junge Leute. Überhaupt täuscht sich das Ausland sehr, wenn seine Zeitungen immer wieder von „Letzten Reserven“ u. dgl. reden; sehr wenige Männer über 46 Jahre alt sind bisher hier fort — so z. B. auch unser Diener in Wahnfried nicht, der Kavallerist ist und 42 Jahre alt. Verwundete haben wir natürlich viele, doch zumeist leichtere Fälle, wegen der langen Reise von jeder Grenze bis hierher. Viele Prachtmenschen; nach all den Strapazen und schrecklichen Erfahrungen guten Mutes, zuversichtlich und von dem einen Wunsch beseelt, zurück zum Regiment. — Wir leben natürlich sehr still dahin im engsten Familienkreise; doch ist Kapellmeister Kittel, meines Schwagers rechte Hand bei den Festspielen, hier zu Hause, und ein vorzüglicher amerikanischer Tenor benützt die Stellenlosigkeit, um den Winter über hier zu studieren, dazu mein Neffe Gil Gravina, der Flötist und genialste Musiker aus der jungen Generation in der Familie: und so gibt es manche Stunde schöner Musik, wobei namentlich Johann Sebastian Bach Stich hält, dessen Musik in so schweren Zeiten entstand und dementsprechend voll Demut, Ernst und siegendem Gottesglauben ist.
    Meine Frau war soeben bei mir drüben und trägt mir nebst besten Grüßen eine Bitte an Sie auf: Sie möchten ihrer und meiner großen lieben Freundin, Frau Lili Petri, die ein eigenes kleines Lazarett in Baden bei Wien aufgetan hat und dort heroisch aufopferungsvoll das Mögliche und Unmögliche leistet, ein wenig mit Rat und Tat beistehen; es fehlt natürlich an allen Ecken und Enden, und da kann oft einer dem anderen helfen.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Leopold von Schroeder's „Arische Religion“, Bd. 1.
 

267-268 An Adolphe Appia


4. Nov. 1914 Bayreuth

Lieber Freund

    Ich muß wirklich den Augenblick beim Schopfe nehmen und Ihnen wenigstens in einer kurzen Zeile für Ihre so gütigen Bemühungen danken. — Da das eine der genannten vier La Croix in deutschen Händen ist, hat die gute Frau dorthin geschrieben, doch bisher keine Antwort erhalten. Diese Leute aus dem Volke entschließen sich aber schwer zum Schreiben: damit beschwichtige ich ihre Sorge.
    Von   m i r   wollen Sie wissen? Ja, was soll ich denn sagen, wenn ich mein Innerstes verschweigen muß, im sichern Bewußtsein, daß im Augenblick keine Spur einer dem Verständnis Brücken bauenden Sympathie zwischen uns besteht? Manchmal ist Schweigen das Freundschaftlichste, was man dem Freunde antun kann.
    Augenblicklich lebe ich inmitten einer immensen Korrespondenz; da eine Reihe von „Kriegsaufsätzen“, die ich geschrieben habe, Verbreitung gefunden hat bis in die vordersten Schützengräben und bis zu den Besatzungen der Unterseeboote. Es ist mir eine Wonne, wenigstens aus der Ferne, die Alter und Rheumatismus mir auferlegen, mit diesen deutschen Helden in Berührung zu sein; aus jeder einfachen Zeile bebt einem entgegen der hohe Sinn, das reine Herz, die wahre Kultur des Geistes, das Männliche und Bescheidene, der heiter fraglose Todesmut. Und dort ist   m e i n e   Liebe. Darum kann mich nichts mehr schmerzen, als wenn ich diese prächtigen, die Menschheit einzig ehrenden Männer — Ich   k e n n e   sie von Kaiser und Fürsten ab bis zum Sergeanten und Musketier — tückisch, feig und zugleich horndumm verleumden höre; solche Dinge mag Gott verzeihen, ich kann es nicht. Damit, lieber Freund, meine ich nicht Sie, doch Ihre Umgebung, und es ist mir zumute, als lebten wir augenblicklich auf zwei verschiedenen Gestirnen.
    Wenn die Armeslänge genügt, drücke ich Ihnen in alter Erinnerung warm die Hand.

Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

269-270 An Hugo Bruckmann


26/11/14 Bayreuth

Lieber Herr Bruckmann

    Vielen Dank für höchst erfreuliche Mitteilungen. Ich hoffe, das Geschäft wird perfekt, mit den 5000 Exemplaren. Das wird wohl für Schulen sein? Oder Armee?
    Hier haben sowohl Gymnasium wie Realschule die Lektüre in Prima angeordnet und je 20 bis 30 dazu angeschafft.
    Heute erhielt ich ein vier Seiten langes Telegramm von Seiner Majestät: sehr herzlich über meine Aufsätze und wirklich ergreifend in der Liebe zu Deutschland und dem Vertrauen zu Gott.
[...]
    Gerade bringt man mir von Wahnfried Ihren gestrigen Brief herüber. Besten Dank. Auch für Eucken, den ich wieder beilege. Ich kann Sie nicht belästigen mit dem vielen, was ich höre. Harnack z. B. schrieb ausführlich und erfreute mich durch persönliche Mitteilungen: sein Sohn (vor Verdun) hält allwöchentlich einen Faustabend! usw.... Mit am meisten freute ich mich über des reservierten, nie lobenden Kuntzes Wort: „Die glanzvolle Schreibweise stellt sich der der schwungvollsten Abschnitte in den ‚Grundlagen‘ ebenbürtig zur Seite.“
    Wenn ich auch kein Honorar beziehe, so bitte ich nichtsdestoweniger über Höhe der Auflage und alles, was den Betrieb betrifft, im Laufenden erhalten zu werden: das macht eben meine Honorierung aus und ermutigt mich.
    „Englische Gelehrte“ sind schon ganz heraus, aber noch immer erhalte ich kein Exemplar; es ist eine elende Wirtschaft an der „Täglichen Rundschau“.
    Zwei Leute — der eine auf Umwegen — haben angeregt, wir sollten „England“ und „Deutschland“ extra herauszugeben uns entschließen, zu etwa 20 Pfennig, und dann gleich je 100 000 Exemplare. Ich teile Ihnen den Vorschlag mit ohne Kommentar... oder nur mit dem einen, daß ich einen gewissen Grad von Bildung nötig erachte, um das zu schätzen, was ich schreibe, und darum an eine unmittelbar populäre Wirkung nicht glaube...

Houston Stewart Chamberlain.
 

270 An Adolphe Appia



11/12. 14. Bayreuth.

    Wieder nur ein Händedruck von Stern zu Stern. — Ich war jetzt tagelang zu Bett mit böser Halsinfluenza — hier epidemisch, und bin noch wackelig den ersten Tag drüben. Dabei ist meine Korrespondenz infolge meiner Aufsätze ins Unübersehbare gewachsen. Ich arbeite weiter in aller Ruhe: unbeirrt durch Liebe und unbekümmert um Haß. In meinem Alter darf man scbon sich den Luxus gestatten, der   W a h r h e i t   zu Leben und der   S a c h e   G o t t e s.   Einen der schönsten — vielleicht den allerschönsten — Brief erhielt ich heute von dem Pfarrer Kutter ¹, den ich zuletzt in Ihrer Gesellschaft sah — was Sie wohl ebensowenig wie ich vergessen haben? Es war wie ein ganz reiner starker Hauch aus den Höhen des wahren Deutschtums.
    Ich weiß Sie lieber allein als unter jenen 800; Sie sind kein Herdentier. — „Über allen Sternen“

der Ihre

H. S. C.
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    ¹ Aus Zürich.
 

270-273 An Sidonie Peter ¹



Bayreuth, 23. Dez. 1914

Hochverehrte gnädige Frau,

    Ihr Brief vom 20. d. M. hat mir eine glückliche Stunde bereitet, und dafür will und muß ich Ihnen kurz danken, wenn auch, nach dreiwöchiger Krankheit, es in meinen stillen Arbeitsräumen entsetzlich chaotisch aussieht, mit Bergen von Briefen und von Zusendungen, während es im Kopfe selbst nach tausend unnotierten Fiebergedanken auch nicht viel glücklicher zugeht.
    Da ich gegen Zeitungskritiken eine fast unüberwindliche Abneigung empfinde, bin ich eigentlich auf Briefe aus dem Leserkreis angewiesen — soll überhaupt nach jahrelanger schweigender Arbeit ein Echo mein Ohr treffen. Und nach diesem Echo verlangt man. Gar selten aber wirkt es wohltuend. Für alle Epitheta des Wörterbuches aneinandergereiht — „geistvoll“ und „genial“ und „tiefschürfend“ und wie die Dinge alle heißen — kaufe ich mir kein Stück Trockenbrot. Wonach der Verfasser lechzt, ist   E i n z e l n e s:   w i e   wurde das Buch entdeckt,   w i e   gelesen, unter   w e l c h e n   Eindrücken (und wenn auch der Ablehnung, das tut nichts zur Sache), und dann die Nennung einzelner Worte oder Ausführungen, die besonders stark wirkten... das ist dann Leben zu Leben, das kann man fassen und betrachten, — das ist Besitz. Und gerade das, gnädige Frau, verstehen Sie wie sehr wenige... Übrigens, ich überlege mir eben, daß ich gar nicht weiß, ob Sie Frau oder Fräulein sind; jedenfalls wissen Sie, was wir Männer brauchen, um glücklich gemacht zu werden, — und das soll Ihnen Gott im Himmel lohnen.
    Übrigens, undankbar will ich nicht sein: Ich habe auch beim „Goethe“ manches Schöne erfahren. So schrieb mir z. B. Adolf Harnack — wohl der meistbeschäftigte Mann in Deutschland — fünf lange Briefe darüber innerhalb zehn Tagen! Auch von anderen könnte ich erzählen. Doch im großen und ganzen fällt die Art der Anerkennung meist recht poor aus. Oder vielleicht liegt es an mir und bin ich ein undankbarer alter Kerl, dem es keiner rechtmachen kann; Lob will er nicht, und Tadel mag er nicht, und Gleichgültigkeit ist ihm verhaßt. — Na, kurz und gut,   S i e   verstehen es, wie er‘s will, und beweisen, daß es doch möglich ist, es ihm recht zu machen.
    Wissen Sie, was mich mit am meisten freut? Daß Sie das Buch noch einmal lesen wollen. Es steckt jahrelanges Sinnen darin, viele Jahre fleißigen Lesens und dann sechs bis sieben Jahre des Schreibens. Teile, so z. B. im „Naturerforscher“ — sind (abgesehen von den zahllosen Revisionen) fünfmal von A bis Z neu geschrieben — um die möglichste Klarheit zu erreichen; kaum wird es möglich sein, bei einmaligem Lesen   a l l e s   zu erfassen, was hineingearbeitet ist, und das selbständig zu ergänzen, was gestrichen werden mußte.
    Es waren glückliche, glückliche Jahre! Und es ist wie eine Fortsetzung, wenn jetzt andere an solchem Glücke teilnehmen.
    Wie richtig, was Sie über den Namen und die ungenannt herumschwebenden Ideen sagen! Als ich die „Grundlagen“ schrieb, schwebte mir als Idealleser einer vor, der das Buch wegwürfe mit dem Ausruf: Jetzt brauche ich dich nicht mehr!
    Auch die Frage soll nicht ohne Antwort bleiben. Wie ich‘s mache mit den Aussprüchen? Lediglich durch die Kunst, mir grenzenlos viel Mühe zu machen und zu geben. Wir sagen auf Englisch: spare no pains, spare keine Schmerzen (des Erarbeitens). Erstens notiere ich mir beim Lesen immer hinten im Buch mit genügend ausführlichen Stichworten alles, was mir jemals von besonderem Werte sein kann; zweitens werden später aus diesen Notizen die prägnantesten wortwörtlich auf Zettel abgeschrieben; drittens werden diese Zettel möglichst sinnreich aussortiert, und zwar alles von neuem, je nach dem Stande der inneren und der äußeren Arbeit; viertens — aber wie das zugeht, weiß ich selber nicht zu erklären — bei der tatsächlichen Arbeit, ich meine in den Stunden, wo die eigentliche Schöpferkraft sich   a n   einem betätigt — da sehe ich fast niemals einen Zettel an, aber da fällt mir allerhand ein, auch manches, was nicht einmal im Buche notiert wurde, und ein eigenartiges Gedächtnis tritt in Kraft: ich weiß zwar nicht wörtlich, was Goethe (oder ein anderer) gesagt hat, weiß auch meistens nicht, in welcher Schrift es steht, — ich weiß aber   i m   R a u m e,   wo ich‘s zu suchen habe, stehe auf, gehe an das betreffende Bücherbrett und greife mit der Hand an den rechten   O r t.   Nicht immer geht das sofort glatt aus: es kann ein wenig rechts oder ein wenig links stehen, seltener höher oder tiefer; man macht halt — und man findet. Und findet auch gar oft noch viel Schöneres, als was man gesucht hatte. Die Hauptsache ist Ruhe und Vertrauen: der Wille ganz auf sich selber zurückgefaltet, die Seele aufnahmebereit.
    Da ich einen neuen Bogen nehmen muß und doch nicht bloß meine Unterschrift darauf tun will, erzähle ich Ihnen noch kurz, daß die vierte Auflage der „Kriegsaufsätze“ morgen erscheint, umfassend das 33 000ste bis 53 000ste Exemplar. Es ist mir mehr als Freude, ist mir Wohltat: ein Trost in Tagen so schwer, daß man gar nicht daran denken darf, „wie“ schwer. Schließlich: wer kann aus der eigenen Haut heraus? Ein rührender alter Herr, begeisterter Leser der „Grundlagen“ und des „Immanuel Kant“, hat mich so lange in Briefen um mein Bildnis gebeten, daß ich zuletzt, als sein einziger Sohn gestorben war und sogar sein Arzt mir schrieb, meine Bücher seien des alten Herrn einziger Trost, ich solle doch mich erweichen lassen und mein Bild schicken, es tat: diesen Schrecken, den ein nächster Brief zum Ausdruck brachte, werde ich nie vergessen; er hatte sich eine Idealvorstellung von mir gemacht als deutschen Propheten mit wallendem Bart und traumversunkenem Auge — was weiß ich! und nun die Quintessenz eines Englishman! Er war so redlich und so naiv, daß er mir dieses Entsetzen gar nicht verbarg; kurz darauf war der Gute enttäuscht entschlafen. — Eine Folge dieses grauenhaften Krieges — (nur schön in und für und in bezug auf Deutschland) ist, daß es mir selber manchmal wie meinem unbekannten Freunde ergeht und ich mir mit Schrecken bekenne: Du bist doch selber Engländer, Engländer in jeder Faser deines Wesens! Und da durchschauert‘s mich, und ich suche mir weis zu machen, da die Mutter meines Vaters eine Gälin aus Wales war und ich ihr ähnlich sehe, so wiege der Kelte vielleicht in mir vor —. Mag sein, aber deutsch werde ich auf diesem Wege erst recht nicht. Mir bleibt nur eine Rettung: wie im Leben des Individuums, so auch im Leben des Denkers und Schreibers um deutsche Liebe zu freien und mich ihrer würdig zu erweisen.
    Jetzt kann ich schließen, denn jetzt wissen Sie genau, warum Ihr guter Brief mir Freude machte.
    In Verehrung verbleibe ich

Ihr Sehr ergebener

Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ An sie ist der zweite Brief der „Lebenswege meines Denkens“ gerichtet.
 

274-275 An Generalmajor Hagen


30. Dez. 1914. Bayreuth

Hochverehrter Herr Generalmajor

    Sie belieben beiliegendem Kouvert die Summe von Mark 1000.— (eintausend Mark) zu entnehmen. Ich bitte Sie in Ihrer Eigenschaft als Garnisonsältester ganz frei über diese Summe zu verfügen.
    Es verhält sich hiermit folgendermaßen.
    Als meine „Kriegsaufsätze“ (die ich ohne Honorar an die Zeitungen gegeben hatte) in Buchform erschienen, wäre der „normale“ Preis Mark 1.50 gewesen, und davon hätte ich — laut meinen sonstigen Verträgen mit der Firma Bruckmann — eine Tantieme von 30 Pfennig pro Exemplar erhalten sollen. Nun lag mir aber daran, trotzdem der Krieg mich in arge Geldverlegenheit gestürzt hat, keinen Pfennig an diesem Werke der Liebe, der Leidenschaft und der Dankbarkeit zu verdienen; ich kann mich doch unmöglich an dem Kriege, den Deutschland um seine Existenz führt, bereichern. Sie verstehen mich und empfinden als Offizier das gleiche wie ich. Darum schrieb ich dem Verlag: ich verzichte auf jegliche Honorierung, d. h. also auf die 30 Pfennig, die mir zukämen, mache aber die Bedingung, daß der Verlag seinerseits auf 20 Pfennig je Exemplar seines Verdienstes ebenfalls verzichte und den Ladenpreis auf nur 1 Mark festsetze. So geschah es denn. Nun aber folgt Auflage auf Auflage, so daß trotz des billigen Verkaufspreises der Verlag sich ein kleines Vermögen dran verdient — was ich ihm gönne, denn er gehört zu denen, die ihr Personal nicht entlassen haben. Nunmehr drückt Herrn Bruckmann aber das Gefühl, daß er Tausende verdient und ich, der Verfasser, gar nichts. Und so hat er mir angeboten, mir vom 16 00lsten Exemplar ab 10 Pfennig pro Exemplar zu zahlen. Und ich habe es angenommen, weil dieses Geld ja sonst nur den Aktionären in die Tasche fließt. Im Einverständnis mit Frau Eva Chamberlain habe ich aber beschlossen, dieses Geld restlos der deutschen Armee zuzuführen. Eine erste Einzahlung kam gestern in meine Hände; sie reicht aber nur bis zum 26 000sten Exemplar und es sind gegen 40 000 schon verkauft und über 50 000 gedruckt; ich darf also hoffen, Ihnen bald weitere Summen zuschicken zu können.
    Vielleicht fragen Sie mich, warum ich das Geld nicht einfach dem Roten Kreuz überweise. Ich habe dafür verschiedene Gründe: mündlich bei Gelegenheit näheres. Außerdem habe ich in meinem Leben stets erfahren, daß solche Organisationen nicht alle Fälle decken: ich liebe das direkte Verfahren, von Mensch zu Mensch. Vielleicht gibt es Bedürfnisse, für die Sie augenblicklich vom Kriegsministerium nichts angewiesen erhalten können und mein Scherflein kann Ihnen dazu ein wenig nutzen.
    Eine letzte, besonders eindringliche Bitte: die Sache soll zwischen der Militärverwaltung und mir Geheimnis bleiben, — nichts in die Öffentlichkeit dringen.
    In der Hoffnung, Ihnen nicht lästig gefallen zu sein, verbleibe ich, hochverehrter Herr Generalmajor,

Ihr in aller Hochachtung ganz ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

275-276 An Dr. Körte



1. Januar, 1915 Bayreuth

Hochverehrter Herr Geheimrat

    Ihre gütigen Zeilen waren heute früh ein erster Neujahrsgruß, — für mich zugleich Ehre und Freude. Aus der Zeit, wo ich — zur Ergänzung meiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse — Student der Medizin vorübergehend wurde, habe ich nicht bloß ein besonderes Interesse für das Fach behalten, sondern ich habe mich ganz besonders guter Beziehungen zu vielen wissenschaftlich arbeitenden Medizinern erfreut. Irgendeine Verwandtschaft der Geistesrichtungen muß da bestehen — wenngleich ich das Wenige, was ich wußte, unter dem Wust anderer Studien längst vergessen habe. Daher meine besondere Freude über die warme Anerkennung eines mir natürlich dem Rufe nach so wohlbekannten Fachmannes. Nochmals: Dank!
    Sie können sich Leicht vorstellen, wie sehr es mich rührt, daß General von Beseler sich die Zeit genommen hat, meine Aufsätze zu lesen, und daß er die Zeit nicht bereut. Wenn Sie Gelegenheit haben, bitte ich, dem allverehrten Mann meinen ehrerbietigen Gruß ausrichten zu wollen.
    Mit diesen Aufsätzen habe ich versucht, eines herzzernagenden und wirklich lebenbedrohenden Grams Herr zu werden; es ist gelungen; und nun ernte ich so viel Liebe, daß die Briefe schon in die Hunderte gehen — und zwar kommen die meisten aus der Front oder aus den Lazaretten, viele auch von den Schiffen. S. M. der Kaiser hat mir ein vier Blatt langes Telegramm auf den Aufsatz „Deutschland“ geschickt. Ein Unteroffizier redet mich als „Feldgrauer der Wahrheit“ an und duzt mich als Kameraden!... Gott, wie öde wäre das Leben, wenn mich das Schicksal nicht aus dem angeborenen England und Frankreich nach Deutschland, in die Heimat alles Größten, alles Zukunftsschwangeren geführt hätte! Mit zwanzig Jahren konnte ich kaum noch deutsch radebrechen: welche Rettung — deutsche Wissenschaft, deutsches Denken, deutsche Poesie, deutsche Tonkunst, deutsche Freundschaft, deutsche Liebe! Meine Kriegsaufsätze sind Worte des Dankes aus übervollem Herzen; darum finden sie den Weg zu anderen Herzen.

Houston S. Chamberlain.
 

276-277 An Bürgermeister Bleicker



4. Januar, 1915. Bayreuth

Hochverehrter Herr Bürgermeister

    Fast vier Wochen lag ich jetzt krank und bin noch immer nicht recht auf dem Damm. Und bei der Erledigung der fast unübersehbaren Korrespondenz geschah es natürlich, daß die gewichtigsten Briefe zurückgestellt wurden, und der Ihrige als wohl doch der eingehendste und aus tiefstem Sinnen hervorgegangene bis zuallerletzt aufgehoben wurde. Nun habe ich ihn gelesen und mir vorlesen lassen und noch einmal selber gelesen, und kann doch nicht viel mehr tun als Ihnen recht von Herzen zu danken; denn weitere Arbeit drängt, und meine Kräfte sind leider nicht auf der Höhe, — vor allem aber eine leidenschaftliche Ungeduld, was ich noch auf dem Herzen habe, zu sagen, läßt mir keine Ruhe zu den mir sonst so lieben Zwiegesprächen. Seien Sie versichert, daß Sie auf dankbaren Boden gesät haben; manches natürlich deckt sich genau mit meinen eigenen Sorgen, manches aber — auch in Ihrem Tagebuch — bedeutet mehr als Bestätigung, ist wirkliche Bereicherung. Sehr, sehr dankbar bin ich Ihnen auch für die Mitteilung des Briefes des Reserveoffiziers; der ist wert der Unvergänglichkeit; ich setze voraus, daß ich ihn in einem meiner neuen Aufsätze anführen darf.
    Man kann nicht in jedem Augenblick alles sagen; es gibt Momente, wo es einen verlangt, zu geben, nur zu geben, überreich zu geben; und wie sehr es die anderen verlangt, zu nehmen, das ersehe ich aus den Briefen, die ich tagtäglich von mir persönlich Unbekannten erhalte: es gibt kommandierende Generale, die sich bei mir bedanken, als hätte ich ihnen und ihren Truppen Fahnen geschenkt. Doch, wollte ich „das andere Zeichen“ im Buche des Deutschtums aufschlagen — ja, ich könnte da ein furchtbares Kapitel schreiben: schlimmer fast noch als die Symptome der Materialisierung, der Brutalisierung, der Industrialisierung usw. dünkt mich die Tatsache, daß starke, bewußte und reine Männer gerade dort fehlen, wo man sie braucht; die Regierungsform mag sein, welche sie will, ohne große Persönlichkeiten kann eine Nation nicht hohen Zielen entgegenstreben; Deutschland birgt solche genug, doch die Fürsten sind blind und die Parlamente sind Sterilisierungsapparate.

H. S. Chamberlain.
 

278-279 An Dr. Hans F. Helmolt


7. Januar, 1915. Bayreuth

Hochverehrter Herr Doktor

    Zu überflüssigen Briefen habe ich keine Muße — Sie auch nicht, solche zu lesen; doch ich kann nicht anders, ich   m u ß   Ihnen ein kurzes Dankeswort sagen für Ihren Band „Die geheime Vorgeschichte des Weltkrieges“; das ist ein wirklich vortreffliches, verdienstvolles, unentbehrliches Buch! Ich hasse diese Blau- und Weiß- und Gelb- und Orangebücher wie den Tod; man hat nur das eine sichere Gefühl dabei, daß man nämlich hinters Licht geführt wird; die wissentlichen Fälschungen bei Grey und jetzt im französischen Gelbbuche beweisen ja, wie so was konstruiert wird; aber, an Ihrer kundigen Hand durchwandert, gewinnt man selbst hieran Geschmack; und ich gestehe, daß ich jetzt — wo ich soeben das Buch beendet habe, nicht etwa flüchtig durchgehuscht, sondern gründlich studiert, mit dem Bleistift in der Hand zu Kreuzverweisen und Notizen — ein merkwürdig plastisches Bild gewonnen habe von diesem ganzen diplomatischen Wirrwarr, von der Kakophonie zwischen allen diesen schwachen, unaufrichtigen, polternden Männern; man hat den Eindruck einer Schafherde ohne Hirten; kein einziger hervorragender Mensch, nicht eine Persönlichkeit; aber die Deutschen rührend in ihrer Redlichkeit, die sich komisch ausnimmt unter all diesen Sassonows und Greys und Cambons usw. Und dies Bild verdanke ich Ihnen: Ihrem Fleiße und Ihrem Talent. Ich hab‘s mir zwar erwartet, als ich das Buch angezeigt sah, doch haben Sie dem undankbaren Stoffe gegenüber meine Erwartung übertroffen. Sie werden mich vielleicht zu einem „Kriegsaufsatz“ anregen, an den ich nie gedacht hätte! Nota bene: Ich habe eine Menge Zeugs da — auch die Publikation der Oxforder Historiker, wo viel Russisches verwertet wird, das Sie nicht bringen; aber das Ganze geht auf eine These hinaus, nicht auf die Wahrheit. Also nochmals: Dank Ihnen!
[...]
    Mit Ungeduld harre ich des zweiten Bandes.
    In aller Hochachtung

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

279-280 An Hugo Bruckmann


11/2/15 Bayreuth

Lieber Herr Bruckmann

    Mit bestem Dank für Ihre lieben Zeilen vom 8. d. M. schicke ich beilegend den Brief zurück. Sehr überzeugt hat mich dessen Ausführung nicht, und ich vermute dahinter vielmehr das Übelwollen und den Neid gelehrter Kreise. Gerade Kaufleute aus Hamburg und Bremen — also praktische Menschen mit Kenntnis der überseeischen Länder — haben mich bestürmt mit Bitten um Übersetzungen usw. Ein Holländer — Landwirth —‚ der uns hier jetzt besucht, und der ein warmer Freund Deutschlands ist — klagte mir gestern bitter über die Zusendungen der deutschen Aufklärungskomitees, welche das Land mit Broschüren überfluten und damit den übelsten Eindruck auf die Holländer gemacht hätten — „als wollten sich die Deutschen entschuldigen“; hingegen hätten meine „Kriegsaufsätze“ überall, wo sie bekannt wurden, einen tiefen Eindruck gemacht und viel zur Aufklärung beigetragen. Und der das sagte, ist kein Schwadroneur, sondern ein charakteristisch stiller, nüchtern sich äußernder Mann. — Auch neulich der Senator Beveridge aus Washington, der kein Wort Deutsch kann, hat den großen Umweg gemacht, nur um mich kennen zu lernen und mit mir zu sprechen; er sagte mir, die „Grundlagen“ hätten in der englischen Ausgabe dort drüben einen ungeheuren Eindruck gemacht — vorläufig innerhalb eines engeren Kreises, der sich aber von Tag zu Tag erweitere, und meine Meinung über den Krieg werde gerade in gebildeten Kreisen der Vereinigten Staaten von nicht leicht abzuschätzendem Gewicht sein. — Ich glaube daher, daß der an Sie gerichtete Brief nur eine Fortsetzung dessen ist, was wir allüberall erleben: daß die deutsche diplomatische Maschine an Unbegabung und falschem Urteil ihresgleichen sucht. Diese Leute haben keine Nase, keine Witterung.
    Der Antiquar Hirsch bietet genau die gleichen Blätter an wie Gutekunst, ¹ aber zu 240 Mark statt zu 180. Wie kommt das? Ich pendle noch immer unentschlossen und werde wohl „den Tag des Tages“ (wie Goethe sagt) versäumen!
    „Deutscher Friede“ schreitet wacker vorwärts.

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Kunsthändler, s. Zt. in Stuttgart.

Houston Stewart Chamberlain's Handschrift

280-282 An Hugo Bruckmann


17. Febr. 1915 Bayreuth

    Lieber Herr Bruckmann — Lassen Sie mich — abends 6 Uhr — dem vorhin abgesandten Brief ein Wort schnell hinzufügen: um den Empfang der beiden schönen Abschriften anzuzeigen mit bestem Dank, und um auch für Ihre lieben Zeilen zu danken. A qui le dites vous! — was Sie über die Persönlichkeiten sagen! Sie mögen viel mehr wissen als ich — doch manches konnte ich mit eigenen Augen sehen, anderes habe ich aus dem Gang der Ereignisse gefolgert, wieder anderes hörte ich von einzelnen Freunden. So vernahm ich z. B. allerhand [...] über die vier ersten Wochen des Krieges — was ich nicht schriftlich wiederholen will — aus einer so unabhängig hohen Quelle, daß ich doch einen Einblick tat, — übrigens einen Einblick, der mir nach Kenntnisnahme mancher Physiognomien aus Ihren und anderen Illustrationen nicht so sehr große Überraschung brachte. Ein furchtbar trauriges Kapitel — diese gänzliche, völlige, uferlose Unkenntnis der Menschen, Unfähigkeit, zu unterscheiden, — ach, leider, mehr als das, Vorliebe für ungrade, unlautere, seichte, schmeichlerische, ordinäre Naturen, und Abneigung geradezu gegen starke, hingebende, konstruktive, stolze Männer. Und auch die Zukunft scheint keine Besserung zu versprechen... Und dennoch hoffe Ich — und zwar mit Zuversicht, und zwar weil Deutschland als Ganzes eine immense Kraft und Organisationsgabe und Hingabe an den Tag gelegt hat: das Nötigste ist also da: das große tragende Meer des allgemeinen Wollens und Könnens —‚ ohne welches das größte Genie nichts vermöchte. Ich entnehme aber aus dem ganzen Verlauf des Lebens abseits von Hof und Amt, daß in Deutschland eine große Anzahl Männer allererster Kapazität leben und wirken. Da nun Ozean und Piloten — beide gegeben sind, es wäre doch der Deichsel, wenn eine Gruppe von Diplomaten und Gigerloffizieren und Hofnarren das deutsche Volk und die Welt und den lieben Gott höchstselbsteigen um die Zukunft betrügen sollten. Als Hindenburg zu Beginn des Krieges sich meldete, bekam er den Bescheid — der in der Weltgeschichte unsterblich bleiben wird — „man habe keine Verwendung für ihn“; und nun „verwendet“ man ihn doch! Das ist für mich symptomatisch. Es naht der Tag, wo jene ganze Gesellschaft weggefegt wird; dessen bin ich gewiß; nach welcher Methode das geschieht, weiß ich nicht, — es muß aber sein und es wird darum sein.
    Sie haben vielleicht auch nicht genügend beachtet, daß ich wiederholt betont habe, es sei ein Irrtum, zu glauben, diese Dinge würden alle morgen oder übermorgen geschehen; große Kriege, große Unternehmungen, große Ziele werden nach und nach die Geschlechter heranbilden. Das Zeug ist da. Es wird sich elementar den Weg — nach oben bahnen.
    Dies meine Überzeugung.
    Ich vermißte die dringend erwünschte Gesamtberechnung des Umfanges. Ich   m u ß   absolut einige Worte bei „D. Fr.“ hinzufügen und werde schon sehen — wenn es nottut — es anderswo einzusparen.
    Gute Nacht! Es war ein so schöner Geburtstag — eingeleitet durch Frühglockengeläute! Gott segne Hindenburg und Ludendorff; hat doch letzterer einen magnifiquen Kopf! Nein, Leute hat schon Deutschland.

Houston S. Chamberlain.
 

283-284 An Hugo Bruckmann


17/2/15 Bayreuth

Lieber Herr Bruckmann

    Besten Dank für Abschrift des Vorworts zur zweiten Reihe. — Sie erhalten das Druckmanuskript bald wieder.
    Ich fühle den Vorzug Ihrer Version „Neue Kriegsaufsätze“ — wenngleich ich als exakter Mensch solche Benennungen nicht liebe, wie wenn der „Neumarkt“ aus dem 14. Jahrhundert stammt und der „Altmarkt“ aus dem 18.; neu und alt sind wie heiß und kalt — für uns Naturforscher: sie bedeuten gar nichts. Doch dies nebenbei. Für den Augenblick wäre der Titel gut, als unterscheidend auf den ersten Blick; und später tun wir sie doch gewiß zusammen. Die Frage ist also hauptsächlich: kann eine dritte Reihe ins Auge gefaßt werden?
    Was sagen Sie vom Standpunkt des Kaufvermittlers? Der Weise pflegt immer abzureisen, ehe der Wirt ermüdet zu werden beginnt. Und ich gestehe, innerlich   s e h n e   ich mich geradezu nach Rückkehr zu ruhigen Studien. Es erfaßt mich auch bei diesem Betrieb und diesem schmerzlichen Gegenstand manchmal eine geistig-moralische Ermüdung... Und doch, anderseits, ich hätte noch manches zu sagen, und ich werde tagtäglich angeeifert, mich über dieses und jenes öffentlich zu äußern. Aber, ich frage mich: wenn es auch geschieht und wenn daraus mit der Zeit eine Sammlung wird — sollte es nicht besser sein, sie in anderer Form, unter anderem Titel, als ein Neues herauszugeben? Ich neige dazu, meine Frage zu bejahen. Und wird sie bejaht, so kann man nichts Stichhaltiges gegen „Neue Kriegsaufsätze“ einwenden — wenngleich mir das Ding auch jetzt nicht recht gefällt.
    Was meinen Sie, wenn mir diese zweite Reihe einfach betitelten:

    D e r   K r i e g.

    ??
    Ich werfe das nur so hin; es fällt mir ein, während ich schreibe. Es paßt so genau, daß man kein einziges Wort des Vorworts zu ändern brauchte. Die Aufmachung müßte ein wenig verschieden sein, und ich gäbe ein anderes Motto.
    Es fragt sich, ob ein Titel, der einmal eingeschlagen hat, besser beibehalten wird?
    So viel nur für heute. Habe gestern 21 Briefe geschrieben — zum Teil lange —‚ was für einen Privatmann ohne jegliche Hilfe viel ist.
    Herzlichst Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

284-286 An Prinz Max von Baden



21./Febr./1915 Bayreuth.

    Euere Großherzogliche Hoheit können‘s mir glauben, mir stieg die Schamröte ins Gesicht, als ich Ihre Handschrift erblickte und mir gestehen mußte, meine Pflicht so lange versäumt zu haben. Eine Abhandlung über „Wer hat den Krieg verschuldet?“ hat mich einen Monat lang ganz wie abgeschlossen gehalten — nicht daß man übermäßig viel darin finden wird: das Schwierige war die Bewältigung des Materials, die Ausscheidung alles Entbehrlichen, die Wahl des zu Sagenden, die Gestaltung und Durchklärung. Gerade heute habe ich die soundso oft revidierte, dann abgeschriebene Arbeit von meinem alten Freunde Professor Kuntze zurückgeschickt erhalten und werde gut zwei Tage daran zu schaffen haben mit der Prüfung seiner Vorschläge usw.  Ein kurzer Aufsatz „Deutscher Friede“ schließt die Reihe, welche „Grundstimmungen“ eröffnen. Ich hoffe, die Zensur macht mir keinen Strich in „Deutscher Friede“, wo verschiedene Wahrheiten zu lesen stehen.
    Und inzwischen Briefe und Briefe und Briefe!
    Und so legte ich denn die wahren Freundesbriefe bei Seite unter einem besonders schönen Stein — auf bessere Zeiten! Den Ihrigen holte ich aber jetzt (spät abends) doch noch hervor, weil Ich sehr betrübt wäre, wenn Sie an meiner Treue, an meiner Dankbarkeit, an meiner wahren Verehrung — und schließlich auch an meinen guten Manieren zweifeln müßten. Wenn alle Argumente erschöpft waren, sagte man mir als Kind: it‘s not gentlemanlike; und so etwas schlich mir jetzt um die Ohren. Diese Kriegszeit bringt uns halt alle ein wenig aus dem Gleichgewicht: auch mir, hochverehrter Fürst, wollen Sie das zugute halten.
    Dies ist also kein Brief, durchaus nicht; es ist ein fieberloses Produkt; eine ehrerbietungsvolle Freundschaftsgebärde.
    Die Rede las ich sehr gern; sie schien mir vortrefflich und erregte in keiner Weise meine anticiceronianische Galle.
    Ja, ja — der „heroische Friede“: wenn der Zensor es erlaubt, werden Sie sehen, wie ich nüchterner Mensch mir diese Dinge vorstelle.
    Diese Attitüde der Sozialisten ist gewiß sehr bemerkenswert. Nach dem, was ich hier erzählen höre, traue ich den Herren nicht ganz; doch dem Volke selbst hat man allen Grund zu trauen, und es ist möglich, daß dieses nach dem Kriege von seinen sogenannten Vertretern etwas mehr als Worte verlangt. Sobald die Sozialisten mit a r b e i t e t e n,   wären sie, glaube ich, ein sehr brauchbarer Faktor. Steril ist nur der Geist, der stets verneint. Eigentlich sind sie mir lieber als die angeblich „liberale“ Bürgerschaft.
    Über die Engländer, wie sie sich in ihrer Regierung heute zeigen, mag ich kein Wort sprechen. Es ist eine ganz furchtbare Katastrophe der Menschennatur: man kann nur hoffen, daß sie Anderen als warnende Mahnung dient. Dahin führt der Mammonismus [...]
    Also, unser Hindenburg bewährt sich weiter! Wobei mir einfällt zu sagen, daß jene verkleinerte Porträtreihe, die auf meinem Tisch lag,   n i c h t   diejenige ist, auf die ich mich in dem Fieberbrief bezog; neulich hatte ich sie wieder einmal in Händen: sie steht in einer Daheimpublikation aus dem Anfang des Krieges; Hindenburg ist noch unbekannt.
    Ich habe große Freude an dem farbigen Hindenburgbilde, das ich so aufgehängt habe in meiner Ankleidestube, daß ich früh und abends mich daran erquicke. Auch für das Kaiserbildnis bin ich aufrichtig dankbar — wenngleich das verwitterte, sorgenvolle Antlitz mich zuerst fast erschreckte. Auch dieses habe ich täglich vor Augen.
    Mehr will ich heute nicht hinzufügen; es handelt sich um eine bloße Antwort, und das ist immer eine trockene Speise für die Seele, der nur eine wahre Replik genugtun könnte. Seien Sie versichert, daß wir alle mit einer ganz eigenartigen, tiefen und dankbaren Freude Ihres hiesigen Aufenthalts gedenken; es war ein schöner Mittelpunkt in diesem ernsten Winter; Sie haben, wenn ich nicht irre, wie Schlaf, so auch Ruhe hier gefunden, — zugleich aber (das sind die wunderbaren Dinge des Lebens) haben Sie Ruhe geschenkt.

Houston S. Chamberlain.
 

286-288 An Hugo Bruckmann


23/2/15 Bayreuth.
abends

    Lieber Herr Bruckmann — Vor 1 Stunde schickte ich Ihnen (an den Verlag adressiert) Vorwort und „Wer hat den Krieg verschuldet?“ druckreif. Jetzt treffen Ihre und des Verlags Briefe ein von gestern, mit den Zensurnachrichten. Ich hatte so etwas gefürchtet, als Sie neulich von Zensur schrieben — war denn die erste Reihe der Zensur vorgelegt worden? Und sind denn meine in Buchform erscheinenden Arbeiten der „Presse“ zu assimilieren. Es muß doch einen Unterschied machen, ob ein Aufsatz in einer Zeitung erscheint oder den integrierenden Bestandteil eines Buches ausmacht, das nur von einem beschränkten Publikum um teures Geld gekauft wird. Oder nicht?
    „Deutscher Friede“ behandelt doch in keiner Weise den jetzigen, zu erwartenden Frieden, sondern lediglich den zu ersehnenden, etwa in einem oder in mehreren Jahrhunderten zu erwartenden „deutschen“ Frieden: dies gerade macht den Inhalt und die Bedeutung des Aufsatzes aus. Darum ist es durchaus ungerecht und — wahrscheinlich — rechtswidrig, wenn die Zensur an diese nicht für den Augenblick, sondern für alle Zeiten niedergelegten Gedanken den Maßstab legt, den sie an Tagesdispute über die in jetziger Konjunktur zu stellenden „Friedensbedingungen“ zu legen gewohnt und befugt ist. Ich glaube voraussetzen zu dürfen, daß hier ein Versehen vorliegt — ein gewiß entschuldbares, aber doch ein Versehen, — einfach eine Verwechselung zwischen diesem Aufsatz und dessen Antipoden.
    Bleibt es bei dem Verbot, so wird es wohl einzig richtig sein, die Veröffentlichung der Broschüre zu unterlassen. Denn die drei Aufsätze bilden ein architektonisches Ganzes. — Vielleicht genügt es der Zensur, wenn wir nur von Seite 29 Mitte ab streichen: also nichts von Grenzberichtigungen sagen und nur die Zukunftsidee eines germanischen Staatenverbandes lassen — das wird wohl doch gestattet sein zu sagen? und das ließe sich ganz gut machen. Ja, ich gehe noch weiter und schlage vor — falls das genehm wäre — auf Seite 23 unten bei „höhere Stufe zu heben“ aufzuhören — mit nur einem abschließenden Absatz über die Umratsamkeit, im Augenblick auf Näheres einzugehen. (Geniert der eine Satz oben auf Seite 16, so kann er ja gestrichen werden — bis nach dem Kriege.) Ich   k a n n   nicht glauben, daß vom Anfang an bis dahin irgend etwas in diesem heilig ernsten Aufsatz gegen den wahren Geist der jetzt waltenden Verordnungen verstößt, die ich natürlich ebenso verehre wie jeder andere anständige Mensch.
    Wird auch das nicht genehmigt, darf man überhaupt das Wort „Friede“ nicht in den Mund nehmen, so bleibt mir nichts übrig, als meinem allerhöchsten Gönner, S. M. dem Kaiser, der mich neulich durch einen befreundeten Fürsten mahnen ließ, ich möchte doch mit der zweiten Reihe „Kriegsaufsätze“ eilen, zu schreiben, die Veröffentlichung sei durch die Zensur verboten.
    Einen gestern vergessenen Brief schicke ich anbei zurück. Buch und Bilder folgen morgen [...]
    Herzlich Ihr

Houston S. Chamberlain.

    Es wäre natürlich jammerschade, den Gedanken eines Germanen-Verbandes zu opfern; es dürfte nur geschehen, wenn dadurch allein das Ganze gerettet wird. Eine Ausstopfung durch „Gipfel der Menschheit“ halte ich für unzweckmäßig, weil innerlich unmotiviert.
 

288-290 An Alfred von Bary



25/2/15 Bayreuth.

Hochverehrter lieber Freund

    Viel Freude haben Sie mir mit Ihren lieben Zeilen gemacht. Der Aufsatz, den Sie meinen, ist nach Erscheinen der Broschüre geschrieben und gehört zur zweiten Reihe, die jetzt gesammelt verlegt wird — nur macht mir die Zensur in München Schwierigkeiten wegen eines Aufsatzes „Deutscher Friede“ — daher Verzögerung. Ich empfehle Ihrer Aufmerksamkeit die größere Abhandlung darin „Wer hat den Krieg verschuldet?“
    Meiner Korrespondenz bin ich kaum mehr gewachsen, da ich viele hundert Briefe erhalten habe — etwa die Hälfte aus der Front oder von den Schiffen. Die Auflage hat schon 100 000 überschritten, und von den Übersetzungen haben sich z. B. die Amerikaner 100 000 Exemplare englisch auf einmal bestellt.
    Mir in meinem unaussprechlichen Jammer ist es ein großer Trost — ja vielleicht die einzige Ermöglichung des Weiterlebens — dieses Bewußtsein, nicht für nichts, nicht untätig da zu sein, sondern auch etwas zu dem großen Kampfe zwischen Tag und Nacht beizutragen — und sei es noch so wenig und papiern.
    Ihre Frage ist leichter gestellt als beantwortet. Meine eigene Neigung wäre zu sagen: es gibt gar keine vergleichende Religionsgeschichte. Wenigstens nicht, sobald Sie und ich — als Naturforscher — den Nachdruck auf „vergleichend“ legen, und unwillkürlich an vergleichende Anatomie u. dgl. denken. Der erste derartige Versuch, den ich kenne, ist Leopold von Schroeders großangelegte „Arische Religion“, dessen Band I „Einleitung, Der altarische Himmelsgott, das höchste gute Wesen“ nicht lange nach der Kriegserklärung erschien. Hier wird wirklich und grundsätzlich und „naturwissenschaftlich“ verglichen. Und wenn auch das Thema beschränkt ist auf die Arier, es umfaßt dadurch — möchte ich sagen — die religiösen „Vertebraten“. — Sehr interessant ist das nicht umfangreiche Werk des schottischen Philosophen Edward Caird „The Evolution of Religion“ (dritte Auflage 99), worin die allgemeinen Gesichtspunkte aller Religion scharf wissenschaftlich in Betracht gezogen werden — zwar unter Max Müllers Einfluß, doch kompakter und energischer. Ich finde aber keine deutsche Übersetzung genannt in meinen Nachschlagbüchern. — Max Müllers „Natürliche Religion“ (deutsch bei Wilh. Engelmann) ist wirklich ein „vergleichender“ Versuch; vielleicht würde es für Sie sich lohnen, den Band zu lesen — ich möchte ihn mit einer „allgemeinen Gewebelehre“ vergleichen. Dagegen kann ich die späteren Vorlesungsreihen „Physische Religion“, „Anthropologische Religion“ usw. nicht empfehlen; je eingehender M. M. wird, um so seichter.
    So viel über wissenschaftliche Vergleichung im exakten Sinne des Wortes. Ist Ihnen aber mehr an   S c h i l d e r u n g   gelegen, so genießt ohne Frage das Werk Chantepie De La Saussayes — des Amsterdamer Gelehrten — den größten Ruf in Deutschland. Lieben tue ich es auch nicht, aber ich gebrauche es; es heißt „Lehrbuch der Religionsgeschichte“ und erschien bei Mohr deutsch 1887. Ich besitze nur diese erste Auflage; die dritte aber von 1905 ff., mit Hinzuziehung verschiedener Spezialforscher soll bedeutend vollständiger sein. Mir ist in der ersten Auflage der allgemeine „Phänomenologische Teil“ der interessanteste, und der ist später des Raumes wegen gefallen — lese ich; so daß jetzt das Werk in der Hauptsache eine eingehende Schilderung der verschiedenen Hauptreligionen der Erde bringt. — Recht gut soll sein — aber ich kenne es nicht — das viel kleinere Werk des Schweden Söderblom (jetzt Professor in Leipzig): „Die Religionen der Erde“, erschienen 1905 in den „Religiösen Volksbüchern“. — Hohen Ruf genießen die Arbeiten Jean Révilles, des vergl. Religionsforschers von der Sorbonne, aber wohl mehr für Fachmänner. Merkwürdigerweise haben die Deutschen nicht einen Namen von Bedeutung auf diesem Felde, nicht einen — denn Bousset ist mir ein unerträglicher Mensch, und so großen Ruf auch sein populäres Bändchen „Das Wesen der Religion, dargestellt an ihrer Geschichte“ genießt, so sehr widerrate ich Ihnen die Lektüre — von allen Seichtigkeiten ist mir die liberale die verhaßteste.
    Nachtragen will ich noch, daß es ein sehr lesbares Werkchen von Otto Pfleiderer gibt: „Religion und Religionen“, erschienen 1906 bei J. F. Lehmann in München; es sind Vorträge, also nicht entfernt so eingehend und systematisch wie Chantepie, aber immerhin zur Orientierung vielleicht geeignet.

Houston S. Chamberlain.
 

290-291 An Vizefeldwebel Alfred Conn



Bayreuth 25. 2. 15.

Sehr geehrter Herr

    Haben Sie warmen Dank für Ihre freundlichen Zeilen; jeder Gruß aus der Front tut mir unendlich wohl; denn das Schrecklichste an meiner Lage ist, zur Untätigkeit verdammt zu sein im Augenblick, wo so Großes geschieht und wo nur Taten zählen; schenke ich den Kämpfenden etwas, so habe ich wenigstens nicht ganz umsonst gelebt und gleiche nicht ganz und gar dem „unnützen Knecht“ des Evangeliums. Haben Sie also Dank, daß Sie meinem Schatz — einem alten Holzkasten voller Kriegsaufsätzebriefe — einen lieben Beitrag geliefert haben. Ihr Armeekorps war noch nicht vertreten.
    Gern vernahm ich, daß ich Ihnen auch sonst schon nützlich war. Ich habe so entsetzlich darunter gelitten, in meiner Jugend keine oder nur schlechte, pedantisch abstoßende Ratschläge bekommen zu haben — außer in den Naturwissenschaften. Die Hauptsache ist doch, dem Menschen es zu erleichtern, daß er an die rechten Brunnquellen kommt und auf die rechten Weichen; von dort aus findet er dann schon weiter. Und in dieser Beziehung gleichen die sonst so vortrefflichen bewundernswerten deutschen Fachgelehrten wahren Sterilisierapparaten: der angehende Spezialist, ja, der kommt in die beste Schule der Welt, der andere aber geht leer aus. Gottlob, daß es heute auch hierin eine Bewegung zu einer freieren, ergiebigeren Richtung gibt — Männer wie Harnack machen Schule.
    Spitteler hat eine Krämerseele engster Art verraten; sein Talent muß ein rein technisches sein. Tobte er gegen die Deutschen, man könnte sagen: sein Urteil ist irregeleitet und als Künstler schlägt er über die Stränge — aber Gott bewahre! nicht die geringste Erregung, — er ist der „neutrale“ Schwizer, will sich‘s mit keinem verderben, was geht ihn denn Deutschland an, Franzosen und Engländer sind auch anständige Leute... Ich bin nicht so tolerant wie Sie, vielmehr sage ich: ein Schweinehund ist der Kerl, und gestrichen sohl er für immer bleiben aus den Registern des heiligen Deutschtums! „Wer nicht mit mir ist, ist wider mich“, sagte der heiligste, liebevollste Mann auf Erden; Ich fühle es ihm nach. —
    Eine zweite Reihe „Kriegsaufsätze“ ist im Erscheinen aufgehalten, weil die gestrenge Zensur einen Aufsatz „Deutscher Friede“ nicht genehmigen will.
    Gruß und Heil Ihnen und allen Helden!

Houston Stewart Chamberlain.
 

291-295 An Fräulein Sidonie Peter



27. Februar 1915   Bayreuth.

Hochverehrtes gnädiges Fräulein

    Ich bilde mir ein, daß ich über eine freie Stunde verfüge; hoffentlich erweist‘s sich nicht als Selbsttäuschung. Und ich greife zu dem Schrecken meiner lieben Freunde — zu meiner treuen Schreibmaschine, die ich seit mehr als dreißig Jahren selbst beherrsche, und die mir die Ermüdung der Hand und damit auch des Geistes fernhält, abgesehen davon, daß ich dreimal so viel in der gleichen Zeit sagen kann.
    Ihren hochwillkommenen Brief vom 9. Februar hatte ich nämlich gleich beiseite gelegt, unter einen bestimmten Stein; denn neben der Arbeit gab es Fluten von Korrespondenz — zum Teil verwickelter Art — so daß an einen „Brief“ nicht zu denken war; ich habe mir so eine Art „Abschlachten“ eingerichtet, früh und abends, damit sich nur nichts anhäufe... Und das erzähle ich Ihnen, verehrtes Fräulein, damit Sie deutlich merken, daß ich Ihnen gegenüber von jener Gabe Gebrauch mache, für die ich Gott am dankbarsten bin; die Gabe des Unterscheidens. Ich sage es so schlicht, wie ich es tief empfinde. Ihnen begegnet zu sein, ist eine Bereicherung, für die ich dem Himmel erkenntlich bin. Ich habe nämlich immer so sehr zurückgezogen gelebt — und nicht weniger dann, wenn ich viele Menschen sehen mußte —‚ daß mein kleiner Freundeskreis eine Art ewige Jugend bewahrt und ein neues Mitglied so energisch und bestimmt aufgenommen wird, daß ihm selber dünken muß, er gehöre seit jeher dahin. Meine lieben hiesigen Verwandten lachen über mich wegen meiner unnachahmlichen englischen Kälte — „Na, Houston, heute stecktest du wieder unter deiner Glasglocke“, ruft mir manchmal mein Schwager Siegfried zu; und ich weiß nicht, ob die genannte Glasglocke nicht von Gußeisen ist; Seele und Herz müssen geschützt bleiben; auch das Hirn will nicht jede Trivialität an sich heranlassen und ist übrigens unter einem so dicken Schädel geborgen, daß dies der stärkste Teil eines sonst zarten Körpers ist. Dafür tritt man aber dann mit frischen Sinnen aus der Glocke in die freie Natur hinaus und erfaßt sie kräftig. Und bietet die Natur auch unerschöpflich viel, ich wüßte nichts Erfreulicheres in ihr als einen edeldenkenden Menschen.
    Das Kantbuch, das Sie jetzt zu meiner großen Freude kennengelernt haben, verdankt sein Entstehen der Freundschaft. Die in der Vorrede genannten Freunde waren — oder vielmehr sind — — Freund i n n e n.   Darum hieß das Buch bei mir immer „mein Damenbuch“. Die eine Freundin ist eine Ungarin, die eine ganz wunderbare metaphysische Beanlagung besitzt [...] Die andere ist die vielleicht anmutigste weibliche Erscheinung, die meine Augen zu erblicken gesegnet waren; ohne Dunst von Metaphysik, aber unendlich strebsam und von eisernem Willen. Es mag Ihnen nicht sehr einsichtsvoll erscheinen, zwei so verschiedene Wesen denselben Weg geleiten zu wollen; aber, recht betrachtet, schreibt man die Bücher eigentlich immer für sich selbst... nein, das ist auch nicht richtig gesagt, ich meine aber, einem dunklen inneren Triebe zufolge, der auch, je weiter das Unternehmen gedeiht, um so tyrannischer die Zügel ergreift; die   V e r a n l a s s u n g   aber, das ist eine ganz andere Frage; die „Grundlagen“ sind einfach durch den Verleger veranlaßt, und der Kant eben durch diese zwei lieben Huldinnen. Ich war in die Vorarbeiten zu einem „Goethe“ (einem anders gedachten) versenkt, mit dem es allerdings nicht recht vorwärts wollte, da traf ich die eine Freundin ganz schmerzbewegt über ihre Unfähigkeit, den von mir als Einführer in Kant empfohlenen Laßwitz zu verstehen, und kurz darauf traf von der anderen ein sehnsuchtsvoller Hilferuf ein aus den Steppen ödesten Realismus nach geistiger Kost. Beides nicht zum ersten Male. Das ging mir im Kopfe herum. Und eines Tages hatte ich beim Optiker Reichel im achten Bezirk, „Josefstadt“ zu tun und ging durch die wimmelnde Wiener Vorstadt, kaum bewußt, daß ich über Kant nachdachte, da fiel mir auf einmal der Plan ein — ich könnte Sie noch auf die genaue Stelle führen, wo der Gedanke in meinen Kopf fuhr wie der Blitz in einen Baum. Ob ich noch zu Reichel ging, weiß ich nicht, was ich weiß, ist, daß mein sogenanntes „Gedankenbuch“ nicht reichte und ich bald zu Hause saß und allerhand zu Papier brachte. Und wenn ich‘s mir heute überlege, so glaube ich sagen zu müssen: die eine „Dame“ hatte mir die Energie zu dem tollen Unterfangen in die Seele gehaucht, während die andere mir die Ermutigung schenkte, mich gewiß von ihr innig verstanden zu sehen.
    Freilich liegt zwischen Anfang und Vollendung ein weiter Weg! Ich dachte nur, meinen Goethe ein paar Wochen liegen zu lassen und schnell wie der Wind die paar Vorträge zu Papier zu bringen. Im Schönbrunner Park — hinauf und herab die „Gloriette“ — gewann die kunstvolle Architektonik nach und nach Gestalt; es ist das weniger Erfindung, als ein allmähliches Klarwerden des trüben Blickes, bis er deutlich erschaut, was eben so greifbar wie ein vom Nebel befreiter Berg dasteht. Nach sechs Wochen lagen schon Goethevortrag und Leonardovortrag in einer ersten Fassung fertig und Descartes wurde entworfen. Da lud ich zwei Freunde ein — diesmal Männer, auf daß es kritisch zugehe! — und trug ihnen das Geschriebene vor — und siehe da, sie hatten alles Wesentliche nicht verstanden! Ich hatte zu viel vorausgesetzt — namentlich die Gewohnheit des Nachsinnens überschätzt; die möglichst knapp gehaltenen Vorträge enthielten auch keine Exkurse, also kein sinnfälliges Demonstrieren; kurz, ein Fiasko! Darum fügte ich in meinen werdenden Descartes gleich einen mathematischen Exkurs ein — aber diesen, als er fertig war, verstand kein Nichtmathematiker (in der Folge habe ich ihn fünfmal völlig umgearbeitet). Ja, ich merkte überhaupt, daß ich von Descartes eigentlich nur eine Art Schattenvorstellung besaß. Wie alle Menschen kannte ich nur den Discours und die Méditations — was man so kennen nennt, und dann das dumme Zeug aus den Geschichten der Philosophie, und je mehr ich über ihn nachdachte, um so weniger konnte ich mir eine wirkliche Vorstellung von dem Manne machen. So blieb denn nichts anderes übrig — ich mußte mir die zwölf Bände der Gesamtausgabe anschaffen und sie alle durchstudieren. Desgleichen bei Bruno. Nicht oder kaum weniger Mühe hat es gemacht, den Goethe und den Leonardo umzugießen und zu ergänzen: ich habe durchschnittlich ein Jahr auf jeden Vortrag verwendet. Und so wurde aus meinem Damenbuch ein Frauenschreck.
    Nehmen Sie diese kleine Erzählung als Dank für Ihre lieben, interessanten und mich innig erfreuenden Zeilen über das Buch.
    Was Sie über die Nichtbeachtung der Gedankenarchitektur sagen, ist sehr richtig; ein bekannter Universitätsprofessor schrieb seinerzeit über meine „Grundlagen“ — buchstäblich —‚ man dürfe die Leistung nicht überschätzen, denn der Zufall einer sehr glücklichen Disposition sei mir zustatten gekommen! Genau dasselbe wie wenn einer ausriefe: Ach, die schöne Eiche! und ein anderer abwehrte: Mäßige dich, dieser Baum ist eben zufällig aus einer Eichel entstanden. Es erinnert an das unsterblich blöde Wort Virchows, der in den 60er Jahren im Abgeordnetenhaus einmal sagte: man müsse zwar die Erfolge der preußischen Politik anerkennen, das sei aber nicht Bismarcks Verdienst, sondern Zufall. — Wie wollte man denn ohne Glasglocke auskommen?
    Da kommt die Post, und ich muß gar an den Reichskanzler schreiben; ich fürchte, es wird nicht so „couler de source“, wie Ihnen gegenüber.
    Nehmen Sie das Geplauder freundlich auf — als kleine Ergänzung zu der Vorrede — und gedenken Sie ferner meiner mit Güte und Nachsicht.

Houston S. Chamberlain.
 

295-297 An Prinz Max von Baden



27/Febr./1915
Bayreuth.

Eure großherzogliche Hoheit

befinden sich hoffentlich bei guter Laune, wenn diese Zeilen zu Händen kommen — andernfalls bäte ich, sie bis dahin beiseite zu legen. Mir selber ist nämlich ein bißchen „kurios“ zumute, denn ich pflege sehr, sehr selten Freunde mit Bitten zu belästigen, am allerwenigsten fürstliche — weder für mich noch für Freunde. Ich täte es auch heute nicht, wenn nicht meine liebe, gute und weise Frau eben dagewesen wäre und mir so eindringlich zugeredet hätte, daß ich mir schließlich sagen muß: ce que femme veut, Dieu veut.
    Also, die Sache ist folgende.
    Meine „neuen Kriegsaufsätze“ bestehen aus drei Abhandlungen: „Grundstimmungen“, „Wer hat den Krieg verschuldet?“, „Deutscher Friede“. Die jetzt viel strenger gehandhabte Zensur am Kriegsministerium in München hat den ersten Aufsatz genehmigt, im zweiten die Streichung eines Absatzes angeordnet, in welchem nur zart angedeutet wird, Österreichs Politik sei seit Jahren eine sehr unweise — man darf nämlich sagen, Graf Berchtold ist ein Genie, und wer‘s glaubt, kriegt einen Taler geschenkt, man darf aber nicht zu verstehen geben, er sei kein Genie: gut, daran liegt nichts, und ich habe sofort den Paragraphen ausgetilgt. Schlimmer geht‘s meinem „Deutschen Frieden“. Es hat ein Hin und ein Her gegeben; schließlich hat aber die höchste bayerische Instanz, der Kriegsminister, die Erlaubnis zur Veröffentlichung verweigert, unter Berufung auf die Ihnen bekannten Verordnungen, welche die „öffentliche Erörterung der Friedensbedingungen und der Friedensziele überhaupt“ vorläufig verbieten. Dann fügt er aber hinzu: „Dem Herrn Verfasser bleibt es indessen anheimgegeben, seine wertvolle Abhandlung an den Herrn Reichskanzler einzusenden und von diesem oder dem Auswärtigen Amt sich die Druckerlaubnis zu holen.“
    Das zu tun, widerstrebt mir nun aus zwei Gründen: erstens mache ich mich damit wichtig in einer Weise, die meinem ganzen Ihnen bekannten Wesen widerstrebt, zweitens besitze ich keine Spur einer Beziehung zum Kanzler, weiß nicht, ob er je meinen Namen auch nur gehört hat — der Glückliche hat was anderes zu tun, als Bücher zu lesen, — soll ich ihm da in einem solchen Augenblick mit einer derartigen Kleinigkeit beschwerlich fallen? Mir sagt mein Gewissen: „Nein!“
    Mein Büchlein wird natürlich verdorben — denn die drei Arbeiten gehören zueinander. Ich müßte mir helfen durch Aufnahme anderer, organisch nicht dahingehöriger Dinge. Das ist ärgerlich, aber nicht tragisch.
    Nun muß ich Ihnen sagen, daß mein Aufsatz „Deutscher Friede“   n i c h t   den Frieden nach diesem Kriege behandelt; das habe ich ausdrücklich zu erörtern unterlassen und hätte es, auch wenn keine Zensur existierte, nicht anders gehalten. Ich gehe nämlich von der etymologischen Unterscheidung zwischen pax und Friede aus, um darzutun, daß dieser nur deutsche (und skandinavische) Begriff des Friedens ein fernes Ideal darstellt, ein Segensgeschenk, das ein großes starkes Deutschland — so Gott es will — später einmal der Welt schenken wird. Ich meine, es handelt sich nicht um einen Waffengang, sondern es sei jetzt ein Krieg zwischen zwei Idealen ausgebrochen, und dieser Krieg werde jetzt lange fortdauern — gleichviel ob bellum oder pax herrsche. Usw. usw. Ich berühre auch die „friedliche Welteroberung“ durch das fleißige, unternehmende Deutschland usw. usw. — Dann allerdings rede ich von der nötigen äußeren Stärke, bespreche den zu erstrebenden „Bund“ oder „Verband“ germanischer Nationen und erwähne ganz kurz die Grenzenfrage, wobei ich von Annexionen möglichst abrate — sobald sie nicht militärischerseits gefordert werden —‚ doch auch diese kurze Erörterung betrifft nicht diesen heutigen Augenblick und den heutigen Krieg und den morgigen Frieden.
    Wollen Sie mir nun, edler gütiger Fürst, raten? Soll ich die Sache auf sich beruhen lassen? Oder soll ich mich an den Kanzler oder an einen ihm nahestehenden Herrn wenden? — Eine reine Abschrift des von einigen Bedenklichkeiten expungierten Aufsatzes hoffe ich bald zu erhalten.
    In Eile, bei abgehender Post.
    Herzlich und in Ehrerbietung

Houston S. Chamberlain.
 

297-298 An Generalmajor Hagen



5. März, 1915 Bayreuth

Hochverehrter Herr Generalmajor

    Sie erlauben, daß ich Ihnen wieder einmal einen Schein für eintausend Mark überreiche, mit der Bitte, darüber nach Ihrem freien Ermessen im Interesse irgendeiner militärischen Fürsorge zu verfügen. Wollen Sie diese Summe wieder dem Fonds für die Verkrüppelten hiesiger Garnison zufließen lassen, so ist es mir sehr recht; ebenso recht ist mir aber jede andere Verwendung. Nur bitte ich, wie die vorigen Male, um Anonymität, — so daß bei etwaiger Listenführung eine Chiffre zu gebrauchen wäre.
    Die Pause wäre keine so lange gewesen, wenn mich nicht meine Lieben Österreicher stürmisch in Anspruch genommen hätten. Wie es dort zugeht, können Sie daraus entnehmen, daß in einem Lazarett in Baden bei Wien nicht   e i n  Kopfkissen Vorhanden war, auch nicht ein Heller, um solche anzuschaffen; die zusammengerollten Uniformröcke dienten statt dessen!
    Mit den verbindlichsten Empfehlungen verbleibe ich, hochverehrter Herr General

Houston S. Chamberlain.
 

298-300 An Prinz Max von Baden



19. März, 1915 Bayreuth

Eure Hoheit

gestatten mir, nicht allein zur Auffrischung meines letzthin etwas kompromittierten Rufes, sondern auch aus aufrichtigem Drange, meinen warmen Dank für alle gütige Bemühung ungesäumt auszusprechen, für den heute erhaltenen freundlichen und ungemein interessanten Brief samt Beilage sofort in herzlicher Ehrerbietung meiner Erkenntlichkeit Ausdruck zu leihen.
    Als ich jenen Aufsatz schrieb, habe ich eigentlich gar nicht gewußt, wie prohibitorisch jene Maßregel gedacht ist; und namentlich da ich von dem jetzigen Kriege gar nicht spreche, so glaubte ich mich zu meinen Betrachtungen ermächtigt. Doch inzwischen habe ich das Gegenteil so vielfach erfahren, daß ich die Hoffnungslosigkeit des Schrittes schon eingesehen und durch das Umschreiben des zweiten Teiles mich aus der Klemme gezogen hatte. Es ist nicht ganz übel gelungen. — Leider ist durch die ganze Geschichte eine große Verspätung entstanden, was mir wegen der Abhandlung über die Kriegsverschuldung leid tut.
    Übrigens habe ich vor einigen Wochen wieder Gelegenheit gehabt, die starke Abneigung der offiziellen Kreise in Berlin gegen meine Wenigkeit kennen zu lernen. Es war die Rede von einer Massenverbreitung meiner Kriegsaufsätze in den Vereinigten Staaten N.A., in englischer Sprache, und irgend jemand hatte vorgeschlagen, das Auswärtige Amt in Berlin dafür zu interessieren; dieses hat aber sofort abgelehnt, indem es behauptete, meine Arbeiten hätten zu dem Zwecke nicht den geringsten Wert. Inzwischen hat aber die Hamburger Kaufmannschaft — deren Mitglieder doch nicht auf den Kopf gefallen sind, und die die deutschen Aufsätze schon massenhaft hinübergeschickt hatten — auf Grund ihrer Erfahrungen mit „Deutscher Friedensliebe“ englisch, von der vorbereiteten Übersetzung von „England“ und „Deutschland“ jetzt eine erste Lieferung von 100 000 Exemplaren bestellt, und fast täglich erhalte ich aus Amerika Briefe, mich beschwörend, für dort zu schreiben, und daß sie aus Deutschland unbrauchbares Zeug erhielten, wogegen mein Name dort von immenser Wirkung sei. — Handelt es sich um die schon traditionelle Unfähigkeit des deutschen Auswärtigen Amtes oder nicht vielmehr um den amtlichen Haß gegen freie Männer, vermehrt um den Haß der jetzt in Deutschland vorwiegenden Juden?
    Daß Judesein heute Trumpf ist, halte ich für ein äußerst bedenkliches Symptom. Gerade heute hatte ich einen Brief von mir an den Kaiser vom Januar 1914 (in Abschrift) in der Hand; es ist darin von der Haltung der jüdischen Presse — vor allem des „Berliner Tagblatts“ und der „Frankfurter Zeitung“ — die Rede; der   H a ß   gegen die deutsche Armee, der damals hervorquoll, hätte doch für alle Zeiten über die wahre Gesinnung dieser Menschen belehren sollen! Aber es ist, als wäre nichts geschehen, und heute geben sich gerade jene beiden Blätter als die Leibgarde des Herrn Bethmann-Hollweg und genießen offenbar die unmittelbare Protektion der Regierung. So wird im Augenblick des letzten entscheidenden Aufstiegs die Saat gesät, die unvermeidlich die Korruption und den Niedergang des Reiches herbeiführen wird. Wehe denen, die dafür verantwortlich sind!
    Allerdings schrieb mir dieser Tage ein Mann, der besonders gut gestellt ist, um diese Dinge zu übersehen — auch dort, wo sie verborgen wirken, daß die Juden in Deutschland derart berauscht seien von ihren Erfolgen — einerseits von den Millionen, die sie durch den Krieg dazuverdient haben, dann durch das Lob, das ihnen von allen offiziellen Stellen gespendet wird, drittens durch den Schutz, den sie und ihre Machinationen von seiten der Zensur genießen, daß sie bereits anfangen, den Kopf vollkommen zu verlieren und einen Grad von Frechheit zu erreichen, der eine flutartige Reaktion erhoffen lasse. Gott gebe es!
    Ungemein interessiert hat uns die Schilderung der Vorgänge in Konstanz. Nichts ist schrecklicher, als so ein großer französischer Bahnhof wie der Lyoner — hohl, freudlos, schmutzig — wie anders wirkt doch eine Ankunft in Frankfurt oder Leipzig! Und dazu dieser Mangel an Organisation, an Vorbedenken! Gott, wäre es doch ein Segen, wenn Deutschland in die Lage käme, seine einzige Gabe, zu gestalten, zu säubern, menschliche Angelegenheiten in die Wege zu leiten, weithin zu betätigen!
    Wir haben hier weniger gute Tage durchmachen müssen. Schweninger war hier und hat wie immer lebenspendend gewirkt. Langsam geht‘s bergauf. Aber Lektüre ist noch ausgeschlossen — selbst Ihr Brief war noch zu viel; kaum ein wenig Unterhaltung, ein wenig im Garten Umhergehen, viel Liegen und — gottlob — viel Schlafen.

Houston S. Chamberlain.
 

300-302 An Studiosus Gokel


26. März, 1915 Bayreuth

    Sehr geehrter Herr — Ich suche die Zeit und finde sie augenblicklich nicht, um Ihnen auf Ihren Brief vom 16. d. M. entsprechend zu antworten. Sie müssen sich ein wenig gedulden: auch mir hat der Krieg viele Verpflichtungen gebracht und auch eine Störung des geistigen Gleichgewichts — oder wenigstens des sonst so regelmäßig kreisenden Tagesganges.
    Bei der Kürze der Muße und der Strenge der Zeit überwiegt augenblicklich mein Interesse für den Schlußteil Ihrer Mitteilungen — für die ich als einen Beweis Ihres Vertrauens danke. Je nachdem Sie sich richtig oder falsch entscheiden, machen Sie oder verderben Sie Ihr Leben — you make it or mar it, sagt der Engländer. — Ich habe Leute gekannt, die fähig waren, erst in Geschäften sich eine „aisance“ zu erwerben, um dann sich Studien ungestört zu widmen — gestattete es heute meine Zeit, ich könnte Ihnen Hübsches darüber erzählen; andere aber sah ich dabei vollkommen zusammenbrechen. Anderseits aber: wie viele Menschen finden auf die Dauer gar keine, auch nicht die geringste Befriedigung in der akademischen Laufbahn und seufzen danach, Strumpffabrikanten zu sein, um ihre Muße in voller Reinheit — unbehelligt durch dumme oder freche Studenten, und außerhalb aller Universitätsrivalitäten und Schikanen — ihrer Wissenschaft widmen zu können. Bei diesen glimmt im 40. Lebensjahre das heilige Feuer nur noch und erlöscht bald nachher ganz. — Eigentlich müßte sich der Mensch offen eingestehen, daß jede „Karriere“ naturwidrig ist und darum voller Bitterkeit, auch jede die Keime zu einer Demoralisation enthält; weiß man das, so wählt man überlegter und wappnet sich beizeiten gegen den Teufel, der immer um irgendeine Ecke herumlugt. — Es wollte mir als gutes Omen erscheinen, daß Sie gerade Heinrich von Stein zu einem Ihrer Führer erwählt haben; die akademische Laufbahn wurde aber, wie sein Glück, so auch sein Verhängnis — er hat sich an den Hindernissen aufgerieben.
    Da weiß ich nicht, Ihnen unmittelbaren Rat zu geben; es wäre von mir leichtsinnig, wollte ich es mir herausnehmen; dazu ist ein Menschenleben ein zu heiliger Gegenstand.
    Entscheiden Sie für das tätige Handelsleben, so würde ich entschieden Hamburg oder Bremen empfehlen; man kommt in größere Verhältnisse und Sie sehnen sich, zu wandern. Dreißig Jahre in Zwickau oder Elberfeld ist für einen Mann von Geist nicht gerade eine bezaubernde Aussicht, wenn‘s auch anders geht — wogegen Afrika, Hinterindien, Ozeanien usw. der Phantasie, dem Verstand, der Seele Nahrung zuführen, sobald das Organ dazu vorhanden ist.
    Schreckt Sie die nüchterne und gleichsam unabstrakte Tätigkeit des Kaufmanns, dann heißt es, nachschauen, woher wir das Geld kriegen: denn mit dem Doktorieren ist‘s lange nicht getan, der Doktor will auch essen und weiß erst recht nicht, woher nehmen und nicht stehlen. Jetzt namentlich, wo so unermeßlich viel Jammer entsteht, werden alle öffentliche und private Quellen über die Maßen in Anspruch genommen sein. — In Wien habe ich einem tüchtigen Jüngling dank der energischen Vermittlung Leopold von Schroeders und Julius Wiesners drei Jahre hintereinander eine ausreichende Stiftungsbörse verschafft — aber ob es bei einem Reichsdeutschen gelänge, weiß ich nicht. Ihnen würde Ihr Katholischsein dort zugute kommen — denn Sie sind es hoffentlich noch? nur nicht ohne Not die Kirche wechseln, der Mensch schneidet sich damit den Ast ab, auf dem er nestet.
    Eine Sache verdrießt — aufrichtig gesagt — den Engländer in mir: Sie hatten ein kleines Vermögen und haben es nicht mehr? Jünglinge sind oft geradezu frevelhaft großmütig. Es fällt mir nicht ein, Sie um Aufschluß zu bitten; ich würde Ihnen aber gern auf meine Kosten einen der klügsten Rechtsanwälte Deutschlands zuweisen, ihn bitten, sich Ihrer Angelegenheit anzunehmen. Solche Dinge darf man nicht so philosophisch hinnehmen und gerade über Rechtsverhältnisse haben junge Menschen gar kein richtiges Urteil — alte übrigens häufig auch nicht.
    Selbst wenn Sie leichtsinnig gehandelt haben sollten — ein gewiegter Jurist weiß Ihnen sicher etwas zu retten.
    Für heute nichts mehr. Ich möchte mich dadurch dankbar erweisen, daß ich Ihnen helfe, die Sache am rechten Ende anzupacken.
    Ich bleibe mit allen guten Wünschen für eine weise Lebenshaltung

Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

303-306 An Rittmeister Graf von Roon


29. März, 1915 Bayreuth

Hochverehrter Herr Rittmeister

    Hunderte von Briefen habe ich auf meine „Kriegsaufsätze“ erhalten — unter anderem ein vier Blatt langes Telegramm S. M. des Kaisers — und ich möchte, was die Freundlichkeit der Absicht und die Tüchtigkeit der Gesinnung anbetrifft, gar keinen Unterschied machen; allen diesen — mit wenigen Ausnahmen mir persönlich unbekannten Freunden — bin ich aus tiefem Herzen dankbar, denn indem sie so warm das Dargebotene aufnahmen, schenkten sie zugleich mir, wessen ich dringend bedurfte... lassen Sie mich über diesen letzten Punkt schweigen, denn besser als jeder haben gerade Sie das herausgefühlt, und es ist nicht die Stunde, sich in Weichheit gehen zu lassen — einige Korrespondenten haben mir den Mangel an Patriotismus zum Vorwurf gemacht: ich bin schon ein alter Mann, diese Katastrophe hat mich mit einem Ruck um zehn Jahre vorgeschoben, über die Schwelle des letzten Abschnittes, und so stehe ich schon mit meinem Denken und Fühlen in einem jenseitigen Vaterland und kenne keinen König außer Gott, ein König, der nichts weiter fordert als die reine Wahrhaftigkeit — mögen mich die Menschen dann hängen, wenn Sie wollen... Um aber diesem Satze endlich auch sein Ziel zu setzen: ich wollte Ihnen sagen, Ihr Brief ist von allen der lebenvollste, der beglückendste, der kostbarste Besitz. Möchten Sie aus diesem Bekenntnis meinen Dank herauslesen.
    Ihr Wunsch nach Verbreitung der Aufsätze ist in erfreulichem Maße erfüllt — denn es sind schon an 150 000 Exemplare im Umlauf; dazu kommt eine Schützengrabenausgabe von „England“ und „Deutschland“, die in 50 000 Exemplaren gedruckt wurde und fast erschöpft sein soll. Die englischen und spanischen Ausgaben sind in großen Zahlen nach Amerika gegangen. Eine italienische Ausgabe ist erschienen. Weniger günstig steht es um die „Neuen Kriegsaufsätze“, — die erstens wegen des einen — „Deutscher Friede“ — Von der Zensur wochenlang zurückgehalten und dann doch nicht freigegeben wurden, und deren Fertigstellung jetzt an dem inzwischen durch die Einberufung des ungedienten Landsturms entstandenen Mangel an Arbeitskräften leidet. Nach Ostern werde ich so frei sein, ein Autorexemplar zu freundlicher Annahme zugeben zu lassen.
    Inzwischen war ich so frei, Ihnen meine „Worte Christi“ in der Schützengrabenausgabe zuzusenden. Dieses kleine Buch entstand vor vierzehn Jahren infolge einer Unterhaltung mit einer sehr verehrten Freundin — ich darf sie nennen, denn sie verließ uns vor, ich glaube, zwei Jahren — der Fürstin Oettingen-Wallerstein, die, eine innerlich echte Christin, sich als Katholikin im Neuen Testament absolut nicht zurechtfand; bei jenem Besuch fand Ich sie suchend und nicht findend; dies brachte mich auf den Einfall, die reinmenschlichen oder, wenn Sie wollen, „reingöttlichen“ Worte J. C. auszuwählen — alle diejenigen, die nicht zur Theophanie und Theologie gehören, und somit auch vom Beichtvater nicht beanstandet werden können, wobei es mir als besonders eindrucksvoll erschien, sie auch einmal losgelöst vom Umgebenden, rein als „Worte“ in Betracht zu ziehen. Es hat sich bewährt; denn obwohl nie eine Zeitung eine Zeile über dieses Buch gebracht hat, fand es doch Verbreitung von Hand zu Hand, und es finden jährlich sich mehr als ein halbes Tausend neue Freunde ein.
    Der Name von Roon wird im Hause Wahnfried, dem ich seit sieben Jahren angehöre, besonders hochgehalten. Die Denkwürdigkeiten kennen alle Mitglieder gründlich. Um so größer war die Freude, als der leibhaftige Enkel bei uns eintrat; diesen Brief durfte ich nicht für mich allein behalten; wiederholt nahmen alle daran teil. Wie Sie sehen, trotz meines ausländischen Namens sind Sie nicht zu Fremden, sondern zu alten Freunden gekommen.
    Indem ich Ihrem Briefe weiter folge, bemerke ich: das große Hindernis zu einer religiösen Wiedergeburt in England ist die Verbreitung und Geltung der Heuchelei. Die Religion gehört bei uns zur Politik und zur „respectability“. Den Ungläubigen können Sie bekehren, den Spötter, den theoretisch Verrannten — mit dem Heuchler ist nicht viel anzufangen.
    Im übrigen haben wir nicht bloß große, edle Charaktere und bedeutende Intelligenzen, sondern — wie mir ein Deutscher aus dem Mittelstand gestern schrieb, der acht Jahre in England als Arbeiter herumgekommen ist — das Land ist voll guter, tüchtiger Menschen, — aber die Presse, so schreibt er, ist so hundsgemein, daß sie die reinsten Gemüter verdirbt und die Köpfe voll dumme und abscheuliche Ideen pfropft. Ich füge hinzu: unsere Politik ist seit drei Jahrhunderten korrupt. Und dann: man braucht nicht vor der sogenannten „Bildung“ wie vor einem Idol auf die Knie zu fallen, es bleibt aber nichtsdestoweniger wahr, daß es — wie uns der erhabene Schiller schon lehrte — nur ein einziges Mittel gibt, geeignet, uns aus den Künstlichkeiten der Zivilisation zurückzuführen zur Heiligkeit Gottes und zur Wahrheit seiner Natur, und das ist eben echte „Bildung“, die den Sinn für Religion in dem hinter Mauern Wohnenden wieder weckt, den Sinn für Kunst, welche — wie Goethe sagt — „den Bezug aufs Göttliche“ wieder herstellt, und in der Wissenschaft des Weltalls eine neue göttliche Mythologie erkennen lehrt. Auf dem Wege zu diesem Ideal schreitet Deutschland schon seit 150 Jahren; England weiß noch nicht das erste Wort davon. So nimmt denn bei den Engländern die Beschränktheit und die Herzlosigkeit progressiv zu. Würde es gelingen — jetzt schwerlich, aber vielleicht im Laufe eines Jahrhunderts —‚ sie auf die Knie zu zwingen, daß sie den Teufel des Hochmutes ausspeien und ihre eigene Erbärmlichkeit erschauen, dann hätte ich für die Zukunft dieses Volkes gute Hoffnung; bis zu der Stunde habe ich gar keine.
    Das Kapitel dessen, was noch am und im deutschen Volke und für es zu geschehen hätte, will ich heute nicht aufschlagen, denn ich fände kein Ende. Unter dem zunächstliegenden Winkel betrachtet, schwindet fast alle Hoffnung hin: überall hundert Keime des Verfalls gegen einen der Kraft im Aufblühen. Doch man darf da nicht mit der Elle messen und mit dem Gewichte wiegen: wir dürfen ohne Phantasterei einzusehen glauben, daß das Deutschtum eine göttliche Aufgabe überkommen hat, und daß es ihr — mit Abzug der nie zu tilgenden menschlichen Unzulänglichkeit — gewachsen sein wird. Es lebt und sprießt hier so unendlich viel Herrliches — hat‘s denn dieser Krieg nicht wieder gezeigt? —‚ daß wir uns durch das Gemeine und das Schandbare, auch durch das Dumme und das Zweckwidrige, auch durch das Läppische und das Täppische, was ringsherum wie ein Dschungel aufschießt, nicht wollen die Hoffnung verkümmern lassen. Wie sich die Sache aus der Perspektive Gottes ausnimmt, hat uns Schiller gesagt: „Vor einer Vernunft ohne Schranken ist die Richtung zugleich die Vollendung, und der Weg ist zurückgelegt, sobald er eingeschlagen ist.“ Die indischen Weisen hatten doch in einem tiefsten Sinne recht, als sie meinten, jeder einzelne sei für die Erlösung der ganzen Welt verantwortlich; wie leicht der Christ alle Religion verliert, sobald er glaubt, es sei schon alles geschehen und er brauche sich bloß hinzusetzen und Halleluja zu singen: das sehen wir an den Engländern, den orthodox gläubigen Piraten. Wir müssen wollen, wir müssen die „Richtung einschlagen“; denn ist auch Gott für uns in den Tod gegangen, so hat er doch am letzten Abend seines Lebens auf Erden gesprochen: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben“ — womit deutlich auf   T a t e n   hingewiesen wird.
    Und hiermit will ich für heute schließen. Ihrem Beispiel folgend, teile ich meinen ererbten Wahlspruch mit: Spes et Fides — was wohl als Motto auch zu diesem Briefe gelten könnte.
    Bitte, glauben Sie nicht, ich habe an Sie diktiert; ich besitze keinen Sekretär; aber seit dreißig Jahren und mehr schreibe ich viel mit der Maschine, um die ohnehin müde Hand von der Federführung auszuruhen und auch zur Schonung der Augen und der Geduld freundlicher Korrespondenten — denn meine Schrift gleicht der eines noch nicht ausgelernten Nilpferdes.
    Auch für die Erwartung, Ihnen zu begegnen und die Hand zu drücken, soll der Spruch Spes et Fides gelten!
    In größter Verehrung

Ihr ergebenster

Houston S. Chamberlain.
 

307-308 An Major von Kotze



3. April, 1915 Bayreuth

Hochverehrter Herr Major

    Ihre lieben Zeilen vom 30/3 wären sofort beantwortet worden, wenn nicht die mir und den Meinen bereitete große Freude, Sie im Bilde kennenzulernen, mir eine gewisse Verlegenheit bereitet hätte — denn seit der Zeit, wo mein Name bekannt zu werden begann (bald zwanzig Jahre), lebe ich in der chronischen Furcht, mein mir angehöriges Antlitz in irgendeiner dummen Zeitung vervielfältigt zu sehen. Ich wurde früher von „Woche“, „Leipziger Illustrierte“ usw. viel drangsaliert, und habe sogar einmal die ganze Auflage eines österreichischen Blattes aufgekauft, um dieser unerwünschten Ehrung zu entgehen. Darum besitze ich nun gar keine Photographie von mir. Nun habe ich aber in einem Schube die Photographie einer recht guten Büste noch vorgefunden; verzeihen Sie das große Format und lassen Sie, bitte, keinen Journalisten darüber kommen — übrigens ist es als Kunstwerk gesetzlich gegen Reproduktion geschützt.
    Betreffs der Presse...
    Da trifft gerade Ihr gütiges schreiben vom 1/4 ein und die Aufklärung, die ich Ihnen geben wollte, ist nicht mehr nötig. Mein Rechtsfreund in München, der meine Geschäfte führt und ein sehr erfahrener Mann ist, sagt mir, kein Mann lebe, den die Juden so hassen wie mich; der Einfluß der berufsmäßigen Antisemiten reicht nicht sehr weit — teils sind es selber Juden oder Mischlinge; wogegen ich in meinen „Grundlagen“ und dann auch in späteren Werken, ohne Gehässigkeit, aber auch ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, und alles unwiderleglich begründet, auf die tödliche Gefahr hingewiesen und sie bewiesen habe, die unserer ganzen Kultur droht, sobald diese Rasse die herrschende wird. Namentlich habe ich auf ihren nie nachlassenden, wilden Haß gegen die Person Jesu Christi aufmerksam gemacht — und das ist für sie das Ärgste, denn es soll Geheimnis bleiben. Im übrigen habe ich niemals beim einzelnen gefragt, ob er Jude sei oder nicht; ich habe verdiente Juden unterstützt, ich stehe mit edlen Juden in freundschaftlichen Beziehungen und zähle mehrere zu den eifrigsten Verbreitern meiner Schriften. — Es kommt noch ein zweites hinzu. Meine Schriften sollten totgeschwiegen werden und wurden totgeschwiegen; es hat aber diesmal nichts genützt; sie haben sich allein ihren Weg gemacht von Hand zu Hand, und das hunderttausendste Exemplar der zuerst Ende 1899 erschienenen „Grundlagen“ hat dieser Tage die Presse verlassen — was bei einem so umfangreichen und ernsten Werke etwas sagen will. Bei meinem „Kant“ und bei meinem „Goethe“ wurde dann die Taktik verändert: beim Kant wurden sämtliche Philosophieprofessoren gegen mich in den Fachblättern losgelassen, es werden aber trotzdem gegen 1000 Stück in einem Jahr verlangt; beim Goethe endlich fraß mich sofort die „Frankfurter Zeitung“ in einem von Lügen strotzenden Feuilleton mit Haut und Haar auf — mit ebensowenig Erfolg. Ein bißchen verlangsamen tun diese Dinge — weiter nichts. Die Presse ist keine Macht, sobald man sie nicht fürchtet.
    In einer Sitzung des Germanenbundes in Wien, sagte ich einmal: „Meine Herren, Sie führen so oft das große Wort Bismarcks an; ich will Ihnen aber reinen Wein einschenken, denn ich hasse es, wenn sich der Mensch an Phrasen berauscht; der Deutsche in Österreich fürchtet die „Neue Freie Presse“, sonst weder Gott noch Teufel!“
    Ich muß für heute abbrechen und verbleibe mit wärmstem Dank für die erfrischende Wohltat der Begegnung mit Ihnen

Houston S. Chamberlain.
 

308-309 An Oberpfarrer Koller



5. April, 1915 Bayreuth

Hochverehrter Herr Oberpfarrer

    Ich schulde Ihnen verbindlichsten Dank für Ihr sehr freundliches Schreiben.
    Hoffentlich aber mißverstehen Sie mich nicht, wenn ich aus zwei entgegengesetzten Gründen es mir versagen muß, auf eine Diskussion betreffs Lukas 17, 21 einzugehen: einerseits wegen meiner Ungelehrtheit, anderseits weil ich zu viel weiß, um Ihre gütige Belehrung ohne weiteres annehmen zu können.
    Als Laie, als „Dilettant“ pflege ich nämlich äußerst vorsichtig zu Werke zu gehen und scheue keine Mühe, um mich so gut wie möglich zu informieren. Auch bei der betreffenden Stelle hat es mir nicht genügt, Luthers Übersetzung einfach zu übernehmen, sondern ich habe mich dazumal und auch später (bei Gelegenheit meiner „Worte Christi“) vielfach umgeschaut; denn auch dem Ungelehrten fällt diese Stelle sofort als kritisch auf. — Von allen sprachlichen Textkritikern flößt mir Adalbert Merx das größte Vertrauen ein, und er kommt zu dem Schluß, daß: „Sprachrichtig ist nur die Deutung inwendig in euch, wenn entos original ist.“ Es will was bedeuten, wenn auch die Peschita „in euch drin“ übersetzt und wenn (wie ich aus Burkitts Ausgabe des Evangelion Da-Mepharreshe entnehme) der uralte Kommentator Ephräm deutet: „in eurem Herzen“. Jedenfalls habe ich also alte Autorität für meine Auffassung. Auch Tertullian kommentiert: in manu, in potestate vestra, si audiatis usw. — Springe ich aber herüber zu allermodernstem und greife mir Wellhausen heraus, ihn mit Absicht auswählend, weil er sprachlich zu den bewandertsten gehört, dazu nüchtern ist und nicht zu mystischen Deutungen neigt, so finde ich: „Das Reich Gottes ist innerhalb von euch, ist inwendig von euch.“ Vor allem scheint mir aber die Gedankenfolge Ihre Deutung völlig unmöglich zu machen; denn wenn der Vordersatz besagt, der Himmel ist nicht „hier“ oder „da“, so kann doch der Nachsatz nicht das genaue Gegenteil behaupten.
    Im übrigen: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis!
    In größter Verehrung

ergebenst

Houston S. Chamberlain.
 

310-312 An General von Roon



28. April, 1915 Bayreuth

Hochverehrter Herr Graf

    Ehre und Freude bedeutete es für mich, Ihren gütigen Brief vom 20. d. M. zu empfangen, und ich hätte schon längst, wie es sich gehört, meiner Erkenntlichkeit Ausdruck verliehen, wenn nicht der Andrang der Verpflichtungen so groß gewesen wäre — manches darunter immer eilige Erledigung erheischend —‚ daß meine Höflichkeit vor den überhäuften Ansprüchen Schiffbruch erlitt. Der Ton Ihres Schreibens läßt mich auf freundliche Nachsicht hoffen.
    Wie ich schon Ihrem Herrn Sohne, dem Rittmeister, schrieb: der Name Roon genießt seit jeher im Hause Wahnfried besondere Verehrung; auch ich meine, der große Kriegsminister gehört zu jenen Männern, die, je weiter und klarer die Perspektive wird, in der die Ereignisse jener entscheidenden Jahre erblickt werden, um so bedeutender aus der Menge mancher in den Fernnebel zurücksinkenden Gestalten emporwachsen werden. Kein Mann aus jener Gruppe Gottgesandter steht reiner und verehrungswürdiger da.
    Ja, die „Kriegsaufsätze“! Kein Mensch weiß weniger als ich, wie es dahin gekommen ist. Nicht bloß innerhalb der Armee, vielmehr überhaupt im Leben leistet der Mensch nur dann Vortreffliches, wenn er gehorcht und nicht selber lenken will. Als am Morgen des 4. August mein Diener (der am Abend jenes Tages einrücken mußte) in das Ankleidezimmer mit dem Rufe hereinstürzte: England hat den Krieg erklärt! —‚ da gab es für mich nur mehr einen Wunsch: mich wie ein krankes Tier in eine dunkle Ecke zu verkriechen. Mir war wie einem Schiffer zumute, der den Kompaß verloren hat. Da traf eines Tages die Aufforderung ein, für das Kriegsheft der „Internationalen Monatsschrift“ einen Aufsatz über England zu schreiben: nein, antwortete ich, über England laßt mich schweigen, aber laßt mich meinem Herzen Luft machen über deutsche Friedensliebe — wozu mir dann gnädigst vier Druckseiten bewilligt wurden. Daraufhin veranlaßte der Brief eines Freundes den Aufsatz „Deutschland als führender Weltstaat“ und die gut gelaunten Ausführungen über meine „bête noire“, den Deutschen Reichstag, und aus einem Gespräch entstand „Die deutsche Sprache“, und aus einem blödsinnigen englischen Aufsatz „Deutsche Freiheit“... und nun war das Rad ins Rollen gekommen, und ich mußte mir Klarheit über die Katastrophe in England und über den blinden Haß gegen Deutschland verschaffen. Und sollte man nun diese Sachen gesammelt herausgeben oder nicht? Kein Mensch kauft Bücher im Kriege, hieß es. Ich verzichtete auf die übliche Tantiemenbeteiligung und zwang den Verleger, auf einen Teil seines Profits gleichfalls zu verzichten, — dadurch wurde der billige Preis möglich, und nun glaubten wir, eine Auflage von 6000 wagen zu können... und diese Woche kommt jetzt das 175 000ste heraus! Und für die zweite Reihe mit dem Aufsatz, der mir am meisten am Herzen lag „Wer hat den Krieg verschuldet?“ hat mir am 24. April der Kaiser das Eiserne Kreuz (am Nicht-Kombattantenband) verliehen.
    Wie unwillkürlich, wie nur als Himmelswille kommt so etwas zustande! Heute schlug ich im ersten Briefe nach, den Kaiser Wilhelm mir schrieb — er ist vom 31. Dezember 1901 — und da nennt er mich am Schlusse „seinen Streitkumpan und Bundesgenossen“ und spricht von dem „Kampfe“, den er und ich „für eine absolut gute, göttliche Sache führen“, worin „die Gewähr des Sieges liege“. Ganz als ob die Worte von heute gesprochen wären! Und nun nach vierzehn Jahren darf er in seiner Eigenschaft als oberster Kriegsherr mich tatsächlich vor der Welt als „seinen Streitkumpan“ durch diese Auszeichnung bekennen und anerkennen! Das sind Gottes Wege, und wir Menschen können nur in Demut und blindem Vertrauen sie gehen.
    Verzeihen Sie, hochverehrter Herr Graf, die Plauderei; ich wollte Vertrauen mit Vertrauen erwidern. Ihres Wunsches bleibe ich eingedenk — trotzdem jene Seiten 37 bis 42 mir mehrere Schmähbriefe eingebracht haben!
    Dankbar und in größter Verehrung verbleibe ich

Houston S. Chamberlain.

    N.B. — Ich bin nicht „Professor“, auch nicht „usw.“, nichts, gar nichts — nur Streitkumpan des Deutschen Kaisers und jetzt deutscher Ritter.)
 

312 Karte mit Bild vom Wahnfriedhund „Marke“ an Frl. Sidonie Peter



27/5 15 Bayreuth

    Hoffentlich urteilten Sie nicht gestern wie Goethe nach dem langerwarteten Besuch seines guten Zelter: „Die Gegenwart hat immer etwas Absurdes“? Nur war der große Meister doch nicht ganz weise gewesen; er hatte tausend Dinge   g e w o l l t:  besprechen, erleben usw. und das darf man auf dem Gebiete des Seelenlebens nie; Psyche duldet keinen Zwang; man muß es verstehen, das bloße Dasein von Geistesgenossen dankbar und innerlich aktiv zu genießen; alles weitere findet sich. — Uns beiden hier ist der gestrige Tag ¹ schon in einen Traum verwandelt: die göttliche Frühe, der Blick von der Höhe, Goethes Spuren in der Luisenburg, dann das Verweilen mit Ihnen auf geistigen Höhen, schließlich der ganz herrliche Wiesen- und Waldweg nach Redwitz und der stille Abend zu zweit, müde und wohlig. Auf Wiedersehen und Wiederhören freut sich

Ihr dankbar ergebener

Houston Stewart Chamberlain.
—————
    ¹ Besuch in Alexandersbad.
 

313 Schriftleitung von „Westermanns Monatsheften“



19. Mai, 1915 Bayreuth

Hochgeehrter Herr Doktor

    Für Ihren freundlichen Brief vom 16. d. M. danke ich Ihnen verbindlichst.
    Mit Recht hatten Sie vorausgesetzt, daß ich mich schwer entschließe, Aufsätze zu schreiben; ich arbeite gar zu umständlich und möchte, wenn möglich, noch ein und das andere größere Unternehmen unter Dach bringen. Nur die Not der Zeit und der furchtbare Herzensriß, der mich aus aller Arbeit heraus und aufs Krankenbett warf, hat dazu geführt, daß ich „Kriegsaufsätze“ zu schreiben mich gedrängt fühlte.
    Statt der üblichen Ablehnung, beantworte ich Ihren Brief so ausführlich, weil ich von einer Anzahl norddeutscher Freunde eine hohe Meinung von Ihrem Blatte und eine warme Sympathie für es eingesogen habe. Nur möchte Ich nicht versprechen und dann nicht halten, und „Verpflichtungen“ wiegen zentnerschwer auf meinem Gemüte und lähmen die Arbeitskraft. Lassen Sie mich also heute nur aufrichtig danken und zugleich sagen: ich will schauen, daß ich Ihren freundlichen Wunsch erfüllen kann.
    Wollen Sie mir vorläufig eine Frage, bitte, beantworten: würde eine Betrachtung über Luthers Persönlichkeit von einem dogmatisch vollkommen freien Manne bei Ihnen am Platze sein — oder ist Ihre Zeitschrift religiös gebunden?

H. S. Chamberlain.
 

313-314 An Professor Josef Kohler



6. Juni, 1915 Bayreuth.

Hochverehrter Herr Geheimer Justizrat

    Ungern nehme ich auch nur Minuten Ihrer Zeit in Anspruch; ich kann aber nicht anders und muß Ihnen meinen besonderen Dank aussprechen für die freundliche Zusendung Ihres Lusitania-Gutachtens. Ich kannte nur Auszüge aus Zeitungen und sehnte mich nach dem Ganzen; jetzt habe ich‘s schon wiederholt gelesen und vorgelesen — mir und allen zur innigen Erquickung. So einfach und zugleich so tief! Die Quintessenz jurisprudentisch geschulten Denkens und doch jedem intelligenten Laien in allen Teilen einleuchtend! Nicht roh und deklamatorisch, nichtsdestoweniger ein geschliffenes Schwert, dem Gegner in die Kehle gestoßen!
    Aber nun, hochverehrter Herr, welche Bitterkeit erfüllt das Herz, wenn man dagegen die Antwort des deutschen Auswärtigen Amtes liest! Ich versuchte mir einzureden, es sei vielleicht die größte Kraft des Ansichhaltens bezweckt... aber das ist Unsinn. Immer und immer wieder Schwäche, Halbheit, ein Sichentschuldigen, ein Verbindlichseinwollen, ein ängstliches Vermeiden davon, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Es ist doch rein zum Verzweifeln! Und wenn man nun diese Herren kennt, dieses kraft- und saftlose Geschlecht der heutigen deutschen Diplomaten, schwächliche „elégants“, meist mit ausländischen Gattinnen... Wenn man bedenkt, wer in London und in Paris war, und wer in Neuyork ist! Als Preußen im August verloren war, brachte die Not den Retter an die Oberfläche — den Mann, der seit zwanzig Jahren hätte an der Spitze der Armee stehen müssen; ist denn die Not der Weltlage heute noch nicht groß genug, um dem göttlich großen deutschen Volke den Mann zuzuführen, fähig, so zu der Welt zu reden, wie in solchen Tagen geredet werden muß, fähig, die gesamte deutsche Diplomatie zur Türe hinauszukehren und durch tüchtige neue Kräfte zu ersetzen, wie sie in Deutschland auf Schritt und Tritt zu finden sind? Es gäbe ein Thema für weitere „neue Danteverse“!

Houston S. Chamberlain.
 

315 An Herrn Gildemeister



18. Juni, 1915 Bayreuth.

Hochgeehrter Herr

    Für Ihre gütige vertrauensvolle Zusendung vom 13. d. M. danke ich Ihnen verbindlichst.
    Die beigelegte Karte habe ich sozusagen mit beiden Händen unterschrieben — doch zunächst nur als Beweis meiner Gesinnung und meiner Ansichten. Trotzdem muß ich Ihnen zu bedenken geben, ob es angezeigt, ja, überhaupt zulässig ist, meine Unterschrift unter das Dokument zu setzen? Ich glaube es nicht. Und zwar einfach aus dem Grunde, weil ich nicht deutscher Staatsbürger bin und mich folglich, rechtlich gesprochen, die Sache nichts angeht.
    Vertraulich teile ich Ihnen mit: zu Beginn des Krieges wollte ich mich naturalisieren lassen; die Behörde versprach schnelle glatte Erledigung; von einer anderen Seite aber, die ich unbedingt zu verehren habe und die die Interessen Deutschlands kennt, wurde mir so energisch widerraten, daß mir nichts übrig blieb, als mein Gesuch zurückzuziehen. Es war ein großes Opfer — ich brachte es im Interesse der großen Sache, der ich mit ganzer Seele ergeben bin. Nach dem Kriege werden hoffentlich diese Rücksichten fallen.
    Im wesentlichen stimme ich mit den Vorschlägen Ihrer Denkschrift überein. „Angliederung“ von Belgien — nicht Annexion. Pufferstaaten gegen Rußland von unten bis oben; so daß die Grenzen sich nirgends berühren. Was nicht jetzt erreicht werden kann, muß als Ziel festgehalten werden.

Houston S. Chamberlain.
 

316 An Arno Holz



Bayreuth 18. Juni, 1915

Hochverehrter Herr

    Ohne Umschweife gestehe ich Ihnen, daß ich zwar Ihren Namen, nicht aber Ihre Werke kenne. Ich habe immer den Standpunkt vertreten, daß ein Dilettant vor allem gründlich sein müsse, und ein Polyhistor die Pflicht hat, sich zu beschränken. Durch Schicksalsfügung ward ich beides. Da Naturforschung, Philosophie, allgemeine Kulturgeschichte usw. schon Zeit und Kraft erfordern, dazu seit zwanzig Jahren die Arbeit der Gestaltung, habe ich mich in bezug auf Kunst streng beschränkt und nur dasjenige gründlich kennengelernt, was ich für ein Allerhöchstes halten durfte — wie z. B. Rembrandt, Beethoven, Goethe, Wagner. Manches Moderne hat mich außerdem so abgestoßen, daß ich zu weiterer Umschau wenig Luft spürte. Ich bekenne auch, daß meine Begabung hier vielleicht engere Schranken aufweist als auf anderen Gebieten; ich liebe leidenschaftlich einige große Schöpfer und bleibe im übrigen etwas engherzig gegenüber achtungswerten Talenten.
    Noch mehr auf Ihren Brief hin als auf die Broschüre habe ich mir jetzt mehrere Werke bestellt und hoffe, der Krieg, der meine Kräfte über die Maßen in Anspruch nimmt, läßt mir Muße und auch Luft, sie im richtigen Geiste aufzunehmen.

Houston S. Chamberlain.
 

316-317 An Freiherrn Cornelius Heyl (von Herrnsheim)



Bayreuth, 18. Juni, 1915.

Hochverehrter Herr Rittmeister

    Eine einzige Sache trübt meine Freude über Ihren Brief, für den ich Ihnen wärmstens danke, und das ist die materielle Unmöglichkeit, entsprechend darauf zu antworten, wegen der unübersehbaren Zahl der Zuschriften — die meisten zeitraubender Art — die, wenn ich selber noch Kriegsarbeiten fördern will, mir nicht eine Minute Muße lassen. Und hier kann ich nicht, wie früher in Wien, Stenographen und Maschinenschreiber mir bestellen, sondern bin mein eigener Sekretär.
    Am meisten frappiert hat mich die ganz genaue Übereinstimmung aller Ihrer Beobachtungen und Meinungen mit den meinigen. Mir machen die inneren Gefahren mehr Sorgen als die äußeren. Überall werden die starken Männer zurückgedrängt und unter den Scheffel gestellt, zugunsten... na, halt zugunsten anderer Männer. Verehrungswürdig guter aufopferungsvoller Wille, aber kein Instinkt und kein Blick für Persönlichkeit, keine Spur einer Erkenntnis der eigenen Grenze. Es ist ein Jammer! Und doch vertraue ich auf den „deutschen Geist“. Die Not wird helfen. Vielleicht ist sogar Not besser als schneller Erfolg und wird jene den Kern des Deutschtums gefährdenden Elemente in Schach halten. Wir   d ü r f e n   nicht verzweifeln, weil Verzweifeln schwach macht.

Houston S. Chamberlain.
 

317-320 An Fräulein Sidonie Peter



Bayreuth, 1. August, 1915.

Hochverehrtes gnädiges Fräulein

    Meine die Briefe sortierende Gattin rief aus, als Ihr zweiter ankam: Nun, diese Handschrift erblickt man immer gern! Ich erzähle es Ihnen, damit Sie sicher wissen, daß dem stets so ist und Sie sich keinen Zwang antun sollen, quand le coeur vous en dit, — denn Ihre Briefe haben mir alle Freude gemacht. In dem Wust meistens überflüssiger und fast immer unbegabter Briefe tut es mir wohl, Worte von Ihnen zu finden — immer freundlich und immer anregend.
    Ich habe heute den fünften und letzten Teil einer kleinen Arbeit nach München zur Abschrift geschickt, die mein Gehirn fast mehr als billig in den letzten Wochen eingenommen hat. Titel: „Alte und neue politische Ideale“. Es muß nun das Ganze noch durchgearbeitet werden, und wird wohl kaum vor Ende August in die Öffentlichkeit treten. Ich bin ein wenig müde. Die Vorstellung vom Krieg und die niederträchtige, fluchwürdige Politik meines Vaterlandes — das Gemüt sucht sich in Arbeiten zu zerstreuen und darüber hinwegzutäuschen, aber der Wurm frißt am Herzen weiter.
    Soeben zählte ich die zu beantwortenden Briefe auf meinem Tische: 53! Und dabei erledige ich Geschäftsbriefe immer postwendend, und meine gütige Frau übernimmt die gewöhnlichen aphoristischen Danksagungen, — manches macht der geschäftliche Leiter der Festspiele für mich und anderes mein Verleger; diese 53 sind Menschen, an die ich selbst schreiben muß oder müßte; ich glaube, ich lasse mich in den Zeitungen als „briefbankerott“ anzeigen; ich schreibe seit meiner Kindheit nichts lieber als Briefe, doch nach eigener Wahl. Die Notorietät lastet; infolge der Kriegsschriften ist mein Name in Kreise eingedrungen, die nie im Leben eine Seite „Goethe“ oder „Kant“, vielleicht nicht einmal eine Seite „Grundlagen“ gelesen hätten; Soldaten aus dem Schützengraben sind alle willkommen, aber Philister, die mir Ratschläge geben, Vorwürfe machen, Damen, die mir erzählen, wer ihr Großvater war usw. usw., dazu Professoren, die Auskunft wollen, Dutzende von Herausgebern und Verlegern, die meine Mitarbeit wünschen und mir zugleich das Thema angeben und Weisungen, auf welche Weise ich die Sache am besten anpacke... Wenn Sie je dem tapferen Offizier wieder begegnen, können Sie ihm sagen, daß ich eine höchst bescheidene Vorstellung von der durchschnittlichen deutschen Begabung besitze; zwei Dinge hat aber Deutschland: anbetungswürdige Einzelne, und eine Gesamtheit, von der Admiral Mahan, der amerikanische Geschichtsschreiber, mit Recht sagt: „It lends itself plastically to the moulding force of a strong government, without at the same time losing the initiative of the individual within his own sphere of activity.“ Für mich handelt es sich um eine geschichtsphilosophische Erkenntnis — um den Willen Gottes, wenn ich so sagen darf... Auch sonst — wohin man in Deutschland blickt, der Blick kehrt selten unverwundet ins Innere zurück. Zorn und Verzweiflung wechseln bei mir. Ich will‘s Ihnen gestehen: Ich habe das Gefühl, einem höheren Befehl zu gehorchen — so habe ich z. B. keine Ahnung, wie ich dazu kam, den genannten politischen Aufsatz zu schreiben; ich war glücklich aufgehoben in Luthers Kirchenpostillen und der neuen großen, zum erstenmal authentischen Ausgabe seiner Tischgespräche, als diese andere Aufgabe aus dem äußersten „limbus“ des Kaumbewußten heranwuchs und sich gebieterisch aufdrängte — bis ich nicht anders konnte, als alles liegen lassen — und so pendeln denn meine Empfindungen zwischen der absoluten inneren Sicherheit in bezug auf Deutschlands Bestimmung — ich könnte es religiösen Glauben nennen — und der Unfähigkeit, „im Tag des Tages“ zu begreifen, wie das aus diesem undankbaren Material, das den Ledeburs und Liebknechts und den Hetzkaplänen und stumpfsinnigen „Liberalen“ das Leben schenkt — von den unfähigen Diplomaten und zaghaften Staatsmännern gar nicht erst zu reden — wie daraus das neue Deutschland erstehen und die Menschheit aus dem drohenden Untergang erretten soll. Mir warf neulich ein Offizier lakonisch ein: „Sie vergessen, Herr Chamberlain, daß wir eine Nation von Bedienten sind“ — bei welchem Wort mir, glaube ich, das Herz innerlich geblutet hat; ich war unfähig, eine Silbe zu antworten. Und dann treffen die Briefe aus der Front ein — heute wieder ein rührender von einem Gefreiten, der seit August in Flandern steht und fast alle Kameraden um sich herum hat fallen sehen, ein anderer aus der Armee des Generals von Gallwitz in Polen, von einem Reserveoffizier und Universitätsprofessor, so gründlich, so tief, so praktisch, der kenntnisreiche Geist so triumphierend Herr über alle Anforderungen an den Körper... und da soll man zweifeln und den Kopf hängen lassen? Gibt‘s auch Millionen Philister in Deutschland nach Goethes Definition des „angefüllten Darms“, so gibt es doch Tausende dieser anderen — und von den anderen reden wir, wenn wir „Deutschland“ sagen.
    Ja, die Harzreise im Winter! Haben Sie warmen Dank, daß Sie mir davon sprachen. Oft und oft ist das Stück geschrieben und umgeschrieben worden — ich will sagen „mein“ Stück darüber. Von jeher hat mich dieses Gedicht magisch angezogen, — schon zu einer Zeit, wo ich kaum Deutsch konnte und von Goethes Leben nicht das Geringste wußte, so daß ich buchstäblich nichts davon verstand — im eigentlichen Sinne des Wortes. Später wuchs die Bewunderung und das Verstehen. Und da hat es mich nicht wenig gereizt, gerade dieses Gedicht von höchst geistvollen Menschen abgelehnt zu finden — als formlos, willkürlich, unverständlich usw.  Vielleicht kam eine kleine Eitelkeit dazu. Der Plan meines Buches schloß jedes sonst übliche Eingehen auf die einzelnen Werke Goethes aus; und wenn ich während des Schreibens öfters von Freunden gefragt wurde: wie urteilen Sie in Ihrem Buch über Tasso? u. dgl., so pflegte ich ungeduldig zu antworten: Gottlob, ich komme überhaupt nicht in die Lage, darüber zu urteilen! Es hat mir aber Vergnügen gemacht, zeigen zu können „wenn ich‘s will, kann ich‘s auch; ich will euch einen Kommentar schaffen, an dem ihr lernen könnt, wie man so etwas zu machen hat!“ Irgendwo in einer Falte steckt doch auch beim Uneitlen die Eitelkeit; es kommt nur darauf an, auch seine Laster zu fruktifizieren, und das ist hier gelungen.
    Sie haben gewiß auch bemerkt, wie diese Episode schon vorher herandämmert, und nachher wieder anklingt und ausklingt: das sind die Dinge, die mir Freude machen und bei denen man sich in guter Gesellschaft allen trivialen Blicken verborgen weiß. — Für heute genug; auf den ersten Brief komme ich bei Gelegenheit zurück.

Houston S. Chamberlain.
 

320-321 An Astronomen Fauth



Bayreuth, 10. August, 1915.

Sehr verehrter Herr Fauth

    Ihre Freundlichkeit hat mich gerührt; ich sehe, Sie sind nicht allein ein tüchtiger Astronom, sondern auch ein Kenner des Menschenherzens. Je länger dieser furchtbare Krieg dauert, um so mehr absorbiert mich die Arbeit, die er auch für mich mit sich bringt und die eine fast unübersehbare Korrespondenz umfaßt. Namentlich aber, mein Gemüt ist so ganz in Anspruch genommen, daß ich nur matt auf andere Anregungen reagiere. Doch es liegt alles sorgfältig aufgestapelt im Unterbewußtsein — und auch Ihre beiden höchst lehrreichen Briefe von März und April sind nicht auf so undankbaren Boden, wie Sie hätten glauben können, gefallen. Es war mir aber unmöglich zu antworten. Auch konnte ich das große Werk nicht studieren — habe es vielmehr versteckt, um nicht in Versuchung zu geraten. Das Einzige, was ich mir in kurzen Augenblicken gestattet habe, war, Ihre „Einfache Himmelskunde“ durchzunehmen, die mich inhaltlich und methodisch sehr entzückt hat.
    Nota bene: wenn Sie mir jemals wieder Winke zu empfehlenswerten „Objekten“ geben — wofür ich immer bescheiden dankbar sein werde —‚ so können Sie sich sagen, daß Ihr Schüler den mit bloßen Augen sichtbaren Himmel (Sternbilder, Hauptsterne, usw.) ziemlich gut kennt, Schurigs Atlas schon seit Jahren gebraucht —‚ so daß er auch ganz kurze Winke zu fruktifizieren fähig ist. Übrigens fällt mir das Suchen mit dem Refraktor nicht leicht — selbst der „Sucher“ zeigt so verwirrend viel — und so stelle ich gewöhnlich durch Berechnung ein.
    Und nun eine Frage: mir fehlt sehr ein Beobachtungsstuhl. Der Krieg hat Ingenieur und Mechaniker fortgeführt, die mir einen bauen sollten. Ich benutze eine Bibliotheksleiter und das ermüdet schrecklich, da die Stufen 30 Zentimeter auseinander — also stets zu hoch oder zu tief. Wüßten Sie da Rat?
    Nächstens bin ich wieder so frei, eine kleine Schrift zuzusenden.

Houston S. Chamberlain.
 

322 An Dr. Hubert Krüger, Bataillonsarzt



12. Sept. 1915. Bayreuth.

Sehr geehrter Herr Doktor!

    Leider hat mein 60ster Geburtstag mir eine solche Flut von Briefen und Sendungen gebracht, daß ich nicht daran denken kann, Ihren interessanten Brief auch nur einigermaßen entsprechend zu beantworten. Lassen Sie mich darum nur kurz sagen, daß ich Haeckel und Ostwald — deren wissenschaftliche Arbeiten ich kenne und verehre — als   D e n k e r   für geradezu   b e s c h r ä n k t   halte, eigentlich   d u m m;   sie sind in philosophischer Hinsicht unwissend und unfähig. Solche Männer können doch keine „Weltanschauung“ begründen — es sei denn für sehr anspruchslose Menschen.
    Jodl habe ich persönlich gut gekannt: ein liebenswürdiger Mensch und in seinem Fach bewandert, — doch der Typus des ganz flachen Denkers, des Denkers ohne alle Tiefe, ohne jede wahre Besinnung, so daß er unfähig war, auch nur die Probleme wirklich zu erblicken, geschweige die möglichen Lösungen. Es ist mehr Geist und mehr Bildung in dem kleinen Finger der einen Hand Schopenhauers als in diesen drei Männern zusammen — und das sage ich als Gegner Schopenhauers. Es ist traurig, wenn ein Landsmann von Leibniz, Kant, Fichte, Goethe sich solche Führer erwählt — es mag in gutem Glauben geschehen und in dem Wahn, diese Weltanschauung sei „wissenschaftlich“ (was sie nicht ist) und diese Wissenschaft in all ihrer Armseligkeit sei eine „Weltanschauung“, aber verraten und verkauft ist ein solcher Armer: betrogen um alle echt wissenschaftliche Erkenntnis, und unfähig, hinfürder ein Wort der wirklich großen Geister auch nur zu verstehen.
    Sie sprachen aufrichtig: ich tat desgleichen. Der Monismus ist ein Gedankenzirkus, in dem arme Gäule herum- und herumkreisen. Möchten Sie bald hinaus ins Freie finden!

In aller Ergebenheit

Houston S. Chamberlain.
 

323-324 An Dr. Karl Schneider



13. September, 1915 Bayreuth.

Hochgeehrter Herr Doktor

    Als vereinzelter Privatmann — ohne Sekretär und ohne Diener, denn der Krieg hat einem nach und nach alles genommen, komme ich kaum dazu, die Fülle der Zusendungen zu bewältigen; doch als Ihr Buch „Zur Ausgestattung der deutschen Sprache“ eintraf, genügte ein flüchtiger Blick, und es wurde sofort zum Buchbinder geschickt... Inzwischen traf nun auch Ihr so freundlicher Brief vom 6/9 ein, der schon beantwortet wäre, wenn nicht ein Geburtstag mir mehrere Tage rein weggeschnappt hätte. Auch jetzt kann ich nur kurz mich fassen.
    Für Ihre freundlich nachsichtige Beurteilung meines geistigen Strebens und auch meiner Behandlung der deutschen Sprache danke ich Ihnen aufrichtig. Diese Sprache habe ich verhältnismäßig spät erlernt; ich war 25 Jahre alt, ehe ich sie wirklich zu beherrschen begann, und 30 Jahre alt, ehe ich dauernd in deutsche Umgebung geriet. Damit ist mir natürlich die Grenze gezogen; doch arbeite ich unablässig daran, mich in dieser Beziehung zu vervollkommnen und traue mir, trotz meines Alters, die Fähigkeit zu weiteren Fortschritten zu. Bitte, helfen Sie mir; ich bin ein sehr dankbarer Schüler und weiß den Tadel zu schätzen. (Das lateinische Lynx statt des deutschen Luchs ist ein lapsus calami, der sich wahrscheinlich aus meiner naturwissenschaftlichen Zeit herleitet.)
    Ihr Buch ist jetzt zurück vom Binder, doch konnte ich bisher nur Blicke hineinwerfen. Mir scheint es das Bedeutendste zu sein, was ich überhaupt auf diesem Gebiete bisher kennenlernte. Sie können sich gewiß vorstellen, wie armselig einem Manne, der in französischer und englischer Sprache aufwuchs, die meisten „Verdeutschungswörterbücher“ vorkommen; sieht man von rein fachlichen Wörtern ab, so findet ein einigermaßen erfahrener Mann fast niemals Auskunft — denn der Begriff wird einfach durch einen anderen Begriff ersetzt, der nicht die gleichen Werte und Töne wiedergibt. Hiergegen kann einzig ein schöpferisches Gestalten helfen, wie Sie es vorgeschlagen. Leider bringt auch mir der Krieg viele Verpflichtungen; doch hoffe ich nach und nach — bald — das Ganze gründlich durchzuarbeiten.
    Kennen Sie meinen „Goethe“? Wenn nicht, es wäre mir eine große Freude, es Ihnen als kleine Gegengabe zu schicken. Ich würde gespannt sein, zu erfahren, was Sie zu den sprachlichen Ausführungen in dem Kapitel „Der Dichter“ sagen. Wenn Sie jetzt — wie ich vermute — keine Zeit haben (und das Buch ist etwas groß und schwer), dann später. — Eine kleine Flugschrift „Politische Ideale“ erscheint endlich nächste Woche und soll Ihnen sofort zugehen; Sie finden Ergötzliches zum Reichstagsthema; wogegen das Wort „Jude“ nicht vorkommt... die Zensur hat ohnehin das kleine Opus einen ganzen Monat behalten, also offenbar schwer daran verdaut.
    Mit bestem Gruß, in der herzlichen Freude, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, bin ich

Houston S. Chamberlain.
 

324-326 An Oskar von Chelius



12. Oktober, 1915 Bayreuth.

Hochverehrter Herr Generaladjutant

    Wie gütig von Eurer Exzellenz, mitten in diesen bewegten Zeitläufen meiner Wenigkeit zu gedenken. Meine Schwiegermutter und wir alle wissen Ihnen Dank dafür.
    Es tut mir leid, daß ich am 1. Oktober so undeutlich schrieb; außerdem schrieb ich wohl mit der Feder, und meine Schrift wird täglich schlechter. Verzeihen Sie gütigst. Ich habe keinerlei Antwort erhalten, und nach dem, was Sie mir über die Abgabe an den Herrn Reichskanzler erzählen, erwarte ich nunmehr auch keine — denn dieses Verfahren gleicht dem, was man in Frankreich ein „enterrement de première classe“ nennt. Der ganze Fremdenverkehr innerhalb Deutschlands — sowohl von Inländern wie von Ausländern — untersteht der Militärbehörde, nicht der Zivilbehörde. Daß ich in Bayreuth ungestört und unbelästigt leben kann, verdanke ich einer Verordnung des bayerischen Kriegsministers — die Zivilbehörde ist völlig machtlos in diesen Dingen und hütet sich, sich einzumischen. Um in ganz Deutschland mich während der Dauer des Krieges frei bewegen zu können, bedarf ich der Genehmigung einer hohen Militärstelle, deren Wort auf dem ganzen Gebiet des Reiches autoritative Geltung besitzt; — ein Federstrich würde genügen. Wogegen ich vom Reichskanzleramt nichts zu erwarten habe; erstens weil die Sache hier auf einen Holzweg gerät, zweitens weil ich im A. A. persona ingratissima bin. Im selben Augenblick, wo S. M. der Kaiser meine literarische Tätigkeit durch Verleihung des Eisernen Kreuzes ehrte, geschah von jener anderen Seite das Mögliche, um mich zu hemmen: die Zensur waltete ganz willkürlich nur gegen meine Person und die betreffende Auslandsstelle des A. A. tat ihr Bestes, die Verbreitung meiner Kriegsaufsätze im Ausland zu verhindern. Das sind keine Gerüchte, sondern Tatsachen; was die vom Reichskanzler persönlich gegen mich gerichtete Zensur betrifft, besitze ich das Zeugnis eines deutschen Fürsten, und betreffs der anderen Angelegenheit haben mir zwei Briefe im Original aus dem betreffenden Amt vorgelegen. Als Autor ist mir das natürlich vollkommen gleichgültig: des Kaisers spontane Schätzung wiegt mir tausendmal mehr als die Antipathie der Geheimräte, und die Verbreitung haben sie doch nicht hintertreiben können — weder im In- noch im Auslande —‚ im Inland grenzt sie an eine halbe Million, für das Ausland haben wir eben wieder eine neue große spanische Ausgabe veranstalten müssen, die portugiesische soll guten Absatz finden, die französische gelangt jetzt erst in die Öffentlichkeit und wird energisch geschickt verbreitet, — in Nordamerika habe ich alle Kontrolle über die Zahlen verloren, weil mancher Aufsatz schon in zehn verschiedenen Übersetzungen (ins Englische) erschienen ist... Dies nebenbei. Aber Sie sehen, auf jenem Wege habe ich wenig Hoffnung, zum Ziele zu gelangen.
    Für den Fall, Sie sollten selber in die Lage kommen, die Angelegenheit auf anderem Wege zu fördern, lege ich einen Durchschlag meines damaligen Briefes bei und für alle Fälle auch ein Bild wieder.
    Inzwischen habe ich mich schon vor einiger Zeit an das Generalkommando in Nürnberg mit einer Supplik gewendet, mir die Erlaubnis zu einer Reise nach Frankfurt und zurück, wegen ärztlicher Behandlung, zu gewähren; bisher ist kein Bescheid eingetroffen, und man sagt mir am Magistrat, unter vier Wochen sei keiner zu erwarten. Die Lähmung meines linken Arms nimmt täglich zu, und bei meinen sechzig Jahren wird wohl ein chronischer Zustand eintreten, da hier in Bayreuth keine Kurmöglichkeiten bestehen. — Abgesehen davon aber weiß niemand, der es nicht durchgemacht hat, was das für einen intensiv geistig Arbeitenden bedeutet, lange Zeit hindurch innerhalb des Weichbildes einer kleinen Provinzstadt gefangen zu sein — ohne allen Luft- und Szenenwechsel, ohne irgend die kleinste geistige Anregung.
    Der Fall war wohl noch nie in der Geschichte da, daß ein Mann von dem Souverän die Auszeichnung eines Kriegsordens erhielt und zugleich von der Behörde desselben Landes als „feindlicher Ausländer“ behandelt wurde. Ein so beweglicher Geist wie der Kaiser würde gewiß mit einem einzigen Wort diesen Knoten zerhauen, über den jetzt Geheimräte dumpf brüten —‚  aber er gestaltet augenblicklich Weltgeschichte, dem Einzelnen ist es verwehrt, ihm zu nahen.
    In dankbarster Verehrung

Ihr ganz ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

326-327 An den Vorsitzenden der „Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungspolitik“



18. Okt. 1915 früh.

    Beruht ohne Frage Deutschlands Weltbedeutung auf geistiger Begabung, die seit langem systematische, das ganze Volk umfassende Ausbildung genießt, so beweist doch diese Stunde, daß Zahl und Physische Kraft ausschlaggebende Faktoren sind, deren Vernachlässigung den Untergang sicher herbeiführt. Hier wie überall sollte meines Erachtens Deutschland streng wissenschaftlich verfahren, das heißt die Erkenntnisse reiner Wissenschaft bezüglich moralischer, hygienischer und sozialgesetzlicher Maßnahmen zur Hebung der Bevölkerung sollten gebieterische Geltung besitzen und nicht dem Gutdünken und den Zufälligkeiten und Verworrenheiten parteipolitischer Beratungen unterworfen sein. Es handelt sich um ein „überpolitisches“ Interesse, höher als alle Parteien, Konfessionen und sonstige Spaltungen. Denn noch wichtiger als Heer und Marine, als Handel, Landbau und Industrie ist die Züchtung und Heranbildung deutscher Menschen in stets wachsender Zahl und Tüchtigkeit. Darum muß ganze Arbeit geleistet werden, sonst kann ein Staat in so gefährdeter geographischer Lage auf die Dauer gegen eine Welt von Neidern nicht bestehen. Die Männer, die sich der Förderung dieser Einsicht widmen, erwerben sich ein großes Verdienst um die heilige Sache des Deutschtums und jene Unsterblichkeit, die Schiller als „die wahre“ bezeichnet, „wo die Tat lebt und weiter eilt, wenn auch der Name des Urhebers hinter ihr zurückbleiben sollte“.
    Mit Dank für die freundliche Aufforderung zu dieser Äußerung der D. G. F. B. ergebenster Diener

Houston Stewart Chamberlain.
 

327-328 An Hauptmann Dr. W. Laporto


Bayreuth, 4. Nov. 1915.

    Sehr verehrter Herr, für Ihren Brief, der mich sehr interessierte und erfreute, danke ich Ihnen verbindlichst. Ich teile ihn meinem Freund und Verleger Hugo Bruckmann mit.
    Immanuel Kant wirklich populär machen, halte ich für unmöglich. Auch unter den sogenannten „Gebildeten“ wollen die meisten um keinen Preis   d e n k e n;   und ohne Denken kann man Kant nicht verstehen: das ist und bleibt unmöglich. Es käme also darauf an, von Kant belehrt, einen   a n d e r e n   Weg zu seinen Ergebnissen zu finden. — In einem Buch mit gesammelten Aufsätzen von mir, „Deutsches Wesen“, das in einigen Wochen erscheint, finden Sie einen Miniatur-Kant von mir — vielleicht fünf Seiten lang.
    Wollen Sie mir Ihre Feldadresse geben, ich lasse das Buch Ihnen zugehen.
    In aller Hochachtung ergebenst

Houston Stewart Chamberlain.
 

328-329 An Adolphe Appia


9. Nov. 1915
Frankfurt a. M.

Lieber Freund,

    Ihre Karte vom 5/11 erreicht mich soeben über Bayreuth. Es war mir eine große Freude, Ihre lieben Schriftzüge nach langer Zeit wieder zu erblicken und zu hören, daß Sie Gesundheit und Ruhe genießen — zwei Güter, die heute nicht gerade häufig sind.
    Ich selber befinde mich wohl und arbeitsfreudig, — mußte aber sowohl wegen Zahnreparaturen wie auch zur Elektrisierung eines am Teleskop verdehnten linken Armes hierher auf einige Wochen kommen, wo wir — wie immer bei unseren lieben guten Freunden Küchlers — gehegt und gepflegt wohnen.
    Nach der langen ländlichen Abgezogenheit wirken die künstlerischen Anregungen höchst wohltuend, muß ich gestehen: ein passabler   T r i s t a n   füllte Ohr und Herz zum Überfließen,   D o n   J u a n   und   Z a u b e r f l ö t e   wirkten wie Seelenliebkosungen, Goethes   S t e l l a   erreichte an gewissen Stellen die Gewalt von Musik, sein übermütiger   B ü r g e r g e n e r a l   sprudelt von Genialität (mehr als man beim Lesen ahnt), und seine   G e s c h w i s t e r   bewegten wie immer die tiefsten Saiten. — — —
    Sie sehen, welches gute Repertoire die Kriegszeiten wieder zu Ehren gebracht haben: die Hingabe an das Vaterland — an   d i e s e s   herrliche Geburtsland der größten, erhabensten Geister — hat die Sehnsucht nach den reinsten Werken über Kreise ausgedehnt, die sonst ziemlich weit von diesen Höhen abgeirrt waren. An Kammermusik genossen wir Haydn, Mozart, Beethoven...
    Unter anderen Neuauflagen, Neudrucken gebe ich jetzt einen Sammelband heraus: „Deutsches Wesen“, enthaltend Aufsätze der letzten 20 Jahre über Wagner, Goethe, Schiller, Kant, Bismarck usw., vermehrt um einen „Martin Luther“, ein ergänzender Abschnitt zu den „Grundlagen“, den ich im Herbst schrieb. Ich werde Ihnen das Buch zugehen lassen, wenn es erscheint.
    Tausend Grüße von Herzen!

Ihr alter

Houston Stewart Chamberlain.
 

329-330 An Graf Zeppelin


Bayreuth, 30. Nov. 1915

Hochzuverehrender Herr Graf

    Soeben sandte ich beiliegenden Aufsatz ¹ an die Schriftleitung der Berliner „Täglichen Rundschau“ ein. Mein eigenes Leibblatt ist die „Deutsche Tageszeitung“; doch ist die „Tägliche Rundschau“ verbreiteter und dringt in schwankendere Kreise ein, glaube ich; auch höre ich, daß der Kronprinz sie liest.
    Für den Fall, der Aufsatz scheitert nicht an dem Riff genannt „Zensur“, bemerke ich, daß ich den Vermerk „Nachdruck erlaubt“ zur Bedingung gemacht habe — wozu ich berechtigt bin, da ich für keinen der den Krieg betreffenden Aufsätze Honorar annehme noch je angenommen habe. Die Priorität des Erscheinens bleibt der „Täglichen Rundschau“ vorbehalten (was auch der Zensur wegen praktischer ist); jede andere Zeitung darf aber sofort nachdrucken. Unter dem genannten Vorbehalt dürfen also Exzellenz — wenn‘s beliebt — frei verfügen.
    Wird der Aufsatz verboten, so dachte ich ihn bei meinem Verleger Bruckmann (vielleicht in 200 Exemplaren) als „streng vertraulich“ drucken zu lassen, wodurch die Mitteilung innerhalb gewisser Kreise gesichert wäre.
    Alles, was der 17. November ² mir brachte, liegt in einem dankbaren Herzen lebendig treu verschlossen. Aus Eile nur dies Wenige.
    In höchster Verehrung und von der Sehnsucht zu   d i e n e n   verzehrt

gehorsam

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Der Wille zum Sieg.
    ² Begegnung mit dem Grafen Zeppelin in Frankfurt.
 

330-332 An den Forschungsreisenden R. Rickmers



Bayreuth, 15. Dez. 1915.

Sehr geehrter Herr Rickmers

    Eine große Freude war es mir, Ihren gütigen Brief zu erhalten und dadurch in dieser entscheidenden Zeit Fühlung mit Ihnen und Ihrer sehr verehrten Frau Gemahlin zu gewinnen. Daß Sie an tätiger Stelle sich tüchtig erwiesen, das konnte ich mir denken; um so größer die Freude, Genaueres zu erfahren. Überhaupt werden gewiß in nächster Zukunft genaue Kenntnisse in bezug auf nähere und fernere Teile Asiens — wie Sie beide sie besitzen — von großem Werte für das Vaterland sein.
    Für mich — wie Sie denken können — hat dieser Krieg eine Tragödie in innerster Seele bedeutet. Der 4. August 1914 schnitt mir den Lebensfaden entzwei; von einem Tag zum nächsten war ich ein Greis geworden. Sie werden einwerfen: gerade ich mußte wissen, was zu erwarten war: ich wußte es; doch von solchem Vorauswissen zur grausigen Wirklichkeit ist der Unterschied ebensogroß wie zwischen dem im dunklen Mutterschoß ruhenden Embryo und dem ans Licht geborenen Kinde. Und welch gräßlichster Wechselbalg kam da zum Vorschein, daß mir die Schamröte nie mehr aus dem Gesichte wich. Mein Entschluß, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben und mich zu irgendeiner praktischen Dienstleistung zur Verfügung zu stellen, war sofort gefaßt; die Behörde zeigte große Zuvorkommenheit; ...doch da kam von anderer Seite — die ich zu achten habe — Gegenbefehl! Ich ward ein politisches Opfer. Als solches versuchte ich zu dienen, nach dem Maße meiner Fähigkeiten; aber so etwas gleicht einem Zehren am eigenen Herzen; das fühlen Sie mir nach. Freilich ward mir manche erhebende Erfahrung zuteil: interessante Besuche führender Männer, die meine Einöde aufsuchten; Hunderte von Briefen brachten mich nach und nach mit Soldaten aus allen Fronten, mit Seeleuten, mit tätigen Männern daheim aus allen Kreisen in Berührung; am 24. April verlieh mir der Kaiser „für moralischen Mut“ das Eiserne Kreuz am weiß-schwarzen Bande in einem herzrührenden Handschreiben, und ich — Verächter aller Orden — trage es gern, ganz abgesehen davon, daß es mich gegen manche Beschimpfung, die ich zu dulden hatte, schützt. Eine nervöse Lähmung des linken Arms ist die Folge aller Erregungen; mit Mühe gelang es, die Erlaubnis zu einer Elektrisierkur in Frankfurt zu erwirken, die einige Linderung verschafft hat; dagegen ließ sich die Absicht, auf dem Heimwege Dresden und Berlin behufs geistiger Auffrischung zu besuchen, wegen mangelnder Bewilligung nicht durchsetzen. Jetzt aber scheint eine Wandlung erwirkt, und ich darf hoffen, mir im neuen Jahr einen Berliner Aufenthalt gönnen zu können: die Hoffnung, daselbst mit tätigen Männern in Berührung zu kommen, namentlich mit Ihrem Freund, und infolgedessen der heiligen einzigen Sache vielleicht besser als bisher dienen zu können, wäre beseligend. Wie wir alle, habe auch ich nur den einen Wunsch: mein Leben zu geben.
    Kennen Sie meine kleine Schrift „Politische Ideale“, wo ich auf das neue praktische Ideal einer wissenschaftlich organisierten Staatsführung hingewiesen habe? Wenn nicht, schicke ich es Ihnen gern.
    Mit herzlichem Gruß an Sie, gehorsamer Empfehlung an Frau Rickmers und Dank für die geäußerte gute Meinung an Herrn Roselius, bin ich

Ihr in alter Erinnerung ergebener

Houston Stewart Chamberlain.
 

332 An Armee-Oberkommando 3. Feldzeitung



16. Dezember, 1915 Bayreuth.

    In Beantwortung des soeben erhaltenen geehrten Schreibens vom 13. d. M. bedarf es wohl kaum der ganz ergebenen Versicherung, daß ich mich glücklich schätzen würde, mitarbeiten zu dürfen. Erst der Versuch kann zeigen, ob ich zu dieser Art von Schriftstellerei befähigt bin. Gern sehe ich den in Aussicht gestellten näheren Weisungen entgegen. Meine Interessen und Studien umfassen — wie vielleicht bekannt — sehr weite Gebiete, und Lebenserfahrungen besitze ich aus mehreren Ländern Europas; in Heeresdingen bin ich ohne Kenntnisse.
    Vor kurzem schilderte ich die Tage der Kriegserklärung in Ems und die Abfahrt König Wilhelms nach Berlin — meine ersten deutschen Erinnerungen.

Gehorsam ergeben

Houston Stewart Chamberlain.
 



Ende des ersten Bandes / End of volume 1
 
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Band I, Seite I-VI: Einführung/Inhaltsübersicht
Band I, Seite 001-171: Die Briefe I. 1882-1907

Band I, Seite 172-332: Die Briefe I. 1908-1915
Band II, Seite 001-128: Die Briefe II. 1916-1924
Band II, Seite 129-275: Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II
Band II, Seite 276-288: Verzeichnis der Eigennamen
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Letzte Änderung am / Last update: 19 März 2014