|
172-174
An
Professor Hans Delbrück
Sehr geehrter Herr!
Wollen Sie einem
alten
treuen Leser und Abonnenten der „Preußischen Jahrbücher“
eine
kleine Bemerkung gestatten, die nur Ihr Ohr treffen soll, nicht eine
weitere
Öffentlichkeit, deren Berührung ich stets so viel wie
möglich
vermeide.
Habe ich — und zwar
schon seit Jahren — die „Preußischen Jahrbücher“ mit
Ausschluß
aller andren Monatsblätter dieser Art zu meinem „Leibjournal“
auserkoren,
so geschah dies nicht wegen einer in einer reichbewegten Welt
unmöglich
zu erzielenden Übereinstimmung in allen Ansichten und
Auffassungen,
sondern weil der höchst gediegene Inhalt durch einen wirklich
vornehmen
Ton gehoben wird. Gegen Schärfe wird kein vernünftiger Mensch
etwas einzuwenden haben; doch die rüpelhafte Anpöbelung und
die
perfide Ehrenabschneiderei — sonst leider selbst in wissenschaftlichen
Blättern nicht selten — sind mir in den „Preußischen
Jahrbüchern“
nie begegnet. Um so unangenehmer berührte es mich, als ich gestern
in Ihrem Januarheft, Seite 36, entdeckte, daß meine Wenigkeit
auserwählt
worden ist, um auf ihre Kosten unedle Kampfesweise auch in Ihr
vornehmes
Blatt einzuführen. Was dort in der Anmerkung gesagt ist, ist eine
direkte und absichtliche Lüge, eine Perfidie, um meine Person und
meine redlichen Arbeiten in den Augen Nichtwissender herabzusetzen. So
kämpft kein anständiger Mensch, und eine vorsichtige
Redaktion
dürfte, meine ich, einen derartigen Ton nicht gestatten.
In Wahrheit wurde
meine Dissertation nicht „in jüngeren Jahren“ geschrieben und
veröffentlicht,
sondern (wie Prof. Hansen und Privatdozent Bruck sehr gut wissen, da
sie
das Buch in Händen haben) in den Jahren 1896 und 1897, das
heißt
mitten in der Arbeit an den „Grundlagen
des 19. Jahrhunderts“, und in einem Augenblick, wo ich das
vierzigste
Lebensjahr schon hinter mir hatte. — Ohne das Zureden eines so
großen
Botanikers wie Julius Wiesner hätte ich mich nie entschlossen,
diese
meine viele Jahre früher gemachten Versuche über den
aufsteigenden
Saft (die nur als Rohmaterial vorlagen) zu bearbeiten und in Buchform
herauszugeben.
Und was die maliziöse Behauptung betrifft, dieser Versuch sei
„sehr
unglücklich ausgefallen“, so kann ich nur darauf aufmerksam
machen,
daß die ersten deutschen Lehrer (wie Strasburgers, Pfeffers usw.)
heute a l l e ihrer erwähnen, und
daß
in einer größeren Arbeit im „Biologischen Zentralblatt“,
1907,
von Ursprung über „die Wasserversorgung der Pflanzen“
ausdrücklich
auf meine „Recherches sur la sève ascendante“ als
einzige
Quelle für unsere Kenntnis gewisser Tatsachen verwiesen wird.
Hofrat
Wiesner hat mir das Zeugnis ausgestellt: „Ihre Beobachtungen über
den aufsteigenden Saft sind die exaktesten, die jemals angestellt
worden
sind“; und Reg.-Rat Reinke (Kiel) — nebenbei bemerkt einer der
genauesten
lebenden Kenner der Saftbewegungen der Pflanze —‚ mit dem ich in
keinerlei
Verbindung stand, hat auf diese Veröffentlichung hin eine
Korrespondenz
mit mir eröffnet, die noch heute fortdauert; einem seiner letzten
Bücher hat er ein Motto aus meinen „Recherches“
vorangestellt,
und in seine Schrift „Die Natur und Wir“ (1907) hatte er die
Güte
einzuschreiben: „Seinem Lehrer Houston Stewart Chamberlain.“
Ohne also die sehr
beschränkte Bedeutung einer derartigen Spezialarbeit irgendwie
übertreiben
zu wollen — im besten Falle handelt es sich um ein Sandkorn —‚ darf ich
doch behaupten, daß das „sehr unglücklich ausfiel“ ebenso
absurd
in der Tat wie verleumderisch in der Absicht ist.
Und nun kommt noch
die ausgesucht kanaillenhafte Lüge, daß ich, weil dieser
Versuch
unglücklich ausgefallen war, „nachher“ das botanische Studium
aufgegeben
habe. Wogegen ich in Wahrheit die Laboratoriumsarbeiten wegen schwerer
langanhaltender Erkrankung aufgeben mußte, und erst viele Jahre
später,
als ich schon lange auf andrem Gebiete tätig war, einen Bruchteil
meiner Ergebnisse rettete; Ergebnisse, die jetzt noch, wie Sie sahen,
25
Jahre, nachdem ich sie erzielte, als Autorität und — innerhalb
eines
beschränkten Teilgebietes — als einzig in ihrer Art zitiert
werden;
immerhin etwas bei unserer schnell schaffenden Wissenschaft.
Da das eine Seite
lange Vorwort und die erste Seite der Introduktion meiner „Recherches“
in wenigen Worten alle Daten genau angeben, waren sie den genannten
Herren
H. und B. bekannt; kannten sie sie aber nicht, so hatten sie als
Männer
der Wissenschaft nicht das Recht, über Dinge zu reden, über
die
sie keine genaue Kenntnis besaßen.
Entschuldigen Sie
die Länge dieser Ausführungen; es erfordert immer viel Zeit
und
Mühe, eine boshafte Verleumdung zu widerlegen.
Was Prof. Hansen
selbst betrifft, so ist dessen Geist so roh, daß in der gesamten
Botanik kaum ein ungeeigneterer Mann zur Behandlung jenes Themas
hätte
gefunden werden können. Was er über mich referiert,
verhält
sich zu dem, was ich in Wirklichkeit gesagt und beabsichtigt habe, wie
die Rede des Justizrats Bernstein vor dem Schöffengericht zu dem
wahren
Charakter meines Freundes, des Grafen Kuno Moltke. Wenn‘s nicht traurig
wäre, wäre es zum Lachen. Das ist derselbe Hansen, der
(„Goethe-Jahrbuch“,
1906) den unsterblichen, einzigen Linné als „geistlosen
Handwerker“
anranzt; der vornehme Ton des Jüngers steckt also schon im Meister.
Und dies
veranlaßt
mich zu einer Schlußbemerkung: Halten Sie es wirklich für
empfehlenswert,
ja, selbst nur für zulässig, daß, wie in diesem Falle,
der Assistent über ein Buch seines eigenen Vorgesetzten referiert?
Glauben Sie, daß völlige Aufrichtigkeit und Freiheit hier
menschlich
wahrscheinlich sind?
Mit der Bitte, diese
Epistel so aufzunehmen wie sie gemeint ist, das heißt als
Meinungsäußerung
eines treuen Freundes Ihrer „Jahrbücher“, und der nochmaligen
Wiederholung,
daß ich weder eine Berichtigung noch irgendeine weitere
Erörterung
der betreffenden Sache wünsche, denn Lügen richten sich immer
selber, bin ich, sehr geehrter Herr, Ihr dankbarer Leser und
Ihr in aufrichtiger Verehrung ergebener
Houston S. Chamberlain.
175-176
An Professor Wilhelm Roux
Sehr geehrter Herr Professor!
Eine schlimme
Influenza,
die ich noch immer nicht ganz abschütteln konnte, hat mich lange
verhindert,
Ihre so reiche Sendung mir anzueignen und Ihnen meinen aufrichtigen
Dank
auszusprechen. Sie wollen das gütig entschuldigen und
überzeugt
sein, daß ich Ihnen wirklich von Herzen dankbar bin für die
viele Belehrung, die mir auf diesem Wege zuteil wird und die ich sonst
entbehren müßte, da ich zwar das „Biologische Zentralblatt“,
das „Archiv für Protistenkunde“ und einige andre Blätter
halte,
natürlich aber nicht in der Lage bin, auf diesem unmeßbaren
Gebiet sehr weit mich hinauszuwagen.
Ich kann Ihnen gar
nicht sagen, mit welcher Genugtuung ich Ihren Kampf gegen die
Psychomorphologen
verfolge. Die wissenschaftliche Befähigung der Vertreter dieser
Lehre
will ich nicht anzweifeln, doch daß sie auf einen Bankerott der
exakten
Wissenschaft notwendig hindrängen, das ist so gewiß wie die
Sonne am Mittag. „Romantiker der Wissenschaft“ nannte kürzlich
unser
vortrefflicher Hofrat Wiesner die Herren Francé & Co. Nach
meinem
Dafürhalten handelt es sich um ein W i e d e r a u f l
e b e n der vor 100 Jahren blühenden
Natur-Philosophie.
Und zwar will mich dünken, diese jetzige Gestalt der
Natur-Philosophie
sei eigentlich gefährlicher als die damalige. Denn die
Vorstellungswelt
der Schelling, Hegel usw., die ja ursprünglich im Anschauen
wurzelte,
führte unvermeidlich immer weiter und weiter davon hinweg, in das
Abstrakte und immer mehr Abstrakte; wogegen diese jetzige Generation,
ausgehend
von einem völlig sinnleeren Gerede über Seele, Psyche usw.
dieses
nun ganz materiell verwendet und ihr ganzes Streben darauf richtet, den
Schattengestalten empirisches Dasein zu verschaffen. Die Folge wird
sein,
wenn ich nicht sehr irre, daß wir nächstens bei einer viel
dümmeren
und prätentiöseren Ausgabe der Büchner und Moleschott
wieder
ankommen.
Entschuldigen Sie
diesen Herzenserguß und glauben Sie, sehr geehrter Herr, an meine
verehrungsvolle Ergebenheit.
Houston S. Chamberlain
176-177
An Professor Julius Wiesner
Sehr geehrter Herr und Freund!
Indem ich Ihnen
bestens
für Ihre Zeilen danke, will ich doch noch einige Worte über
Ihren
Aufsatz hinzufügen.
Erstens die
Versicherung,
daß ich diese Ausführungen für sehr bedeutend halte und
mich auf die Stunden freue, wo ich sie noch einmal mit
größerer
Muße wirklich durchstudieren kann. Denn das Ganze ist sehr
kunstvoll
aufgebaut und nichts weniger als ein gewöhnlicher Revueaufsatz.
Wie
Sie voraussetzten, hat natürlich einiges — ich will nicht sagen
meinen
Ansichten, aber meinen Wünschen — nicht ganz entsprochen, trotzdem
ich in der Hauptsache mit Ihnen vollkommen übereinstimme. Es fehlt
mir immer die Betonung der Tatsache, daß eine Kritik der
Erkenntnis
für jeden denkenden Naturforscher unerläßlich ist; sie
ist schon darum unerläßlich, weil er ohne sie
notwendigerweise
in Metaphysik und Dogmatik, womöglich aber in Naturphilosophie
verfällt.
Philosophie ist nicht ein bestimmtes Wesen, welches dasteht und
behandelt
wird wie etwa Botanik und Zoologie, sondern es gibt eine erträumte
konstruktive Philosophie von den ältesten Zeiten an bis zu
Professor
Mach, und es gibt eine Newtonsche, rein wissenschaftliche Kritik des
Menschengeistes,
die einzig Kant durchgeführt hat; diese zwei Dinge muß man
unterscheiden,
meine ich, und man muß darauf aufmerksam machen, daß nicht
naturwissenschaftliche Erkenntnis an und für sich, sondern einzig
Erkenntniskritik im Sinne Kants befähigt, die Grenzen zu ziehen.
Mir
scheint es, daß Ihr Aufsatz in diesem Punkte nicht die
genügende
Deutlichkeit besitzt. Solange nicht Kritik geübt wird, werden die
Naturforscher selbst immer wieder in ganz naiver Weise in Mystik,
Romantik
und Naturphilosophie à la Ostwald verfallen.
Weiteres
mündlich
ein andres Mal und inzwischen wiederholten Dank für diese
schöne
Arbeit, die gewiß in den Kreisen, für die sie bestimmt ist,
Aufsehen erregen und Nutzen stiften wird.
Houston S. Chamberlain.
177-178
An Baron J. von Uexküll ¹
Hochgeehrter Herr
Gestern nachmittag
empfing ich Ihr Buch „Umwelt und Innenwelt der Tiere“ und ließ
sofort
alles liegen, um Einleitung, Schluß, Protoplasmaproblem und
einige
andere Kapitel im Fluge zu genießen. Es ist für mich immer
ein
Festtag, wenn etwas aus Ihrer Feder eintrifft — denn eben, ehe es in
die
Feder kam, war es im Hirn gewesen, und ehe es ins Hirn kam, hatte es im
sinnenden Auge geweilt. Und alles ist interessant, das Kleinste wie das
Größte, — denn wo es das wirkliche Leben gilt, da ist nichts
nebensächlich. Man atmet auf, und ruft: Endlich! Endlich!
Es hat mich gefreut,
den Namen unseres jungen Freundes² zu finden — von dem ich
übrigens
seit langem nichts weiß. Ich hoffe, er hat die zweite Operation
gut
überstanden, und ich hoffe, das „Schauen“ hält ihn weiter bei
Ihnen fest, zur dauernden Befruchtung seiner
außergewöhnlichen
Denkanlagen.
Doch meine heutigen
Zeilen sollten vor allem dem einen gelten: Ihrer Widmung! Ich kann
Ihnen
gar nicht sagen, wie sie mich ergriffen hat und wie sie mein Herz
gleichsam
mit Dank erfüllte. An Hans von Wolzogen, der zufällig gerade
hereintrat, sah ich, daß diese Wirkung bei allen edel denkenden
Menschen
dieselbe sein wird.
Immer denke ich mit
Rührung und Dankbarkeit der Stunden, die ich in jenem
glücklichen
Familienkreise verleben durfte; sollten Sie mit dem Fürsten³
in brieflichem Verkehr stehen, so bitte ich ihm bei Gelegenheit meinen
verehrungsvollen Gruß zu übermitteln.
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
An ihn ist der dritte Brief der
„Lebenswege
meines Denkens“ gerichtet.
²
Dr.
Felix Groß.
³
Fürst Philipp Eulenburg.
178-179
An die Redaktion der „Umschau“
Hochgeehrte Redaktion
Als
langjähriger
Abonnent und Leser Ihrer vorzüglich redigierten Wochenschrift habe
ich gestern die Oktobernummern durchstudiert und mit besonderem
Interesse
die Mitteilungen des Herrn Dr. L. Sofer über die
Ausgrabungen
in Bismya und Tello gelesen (Nummer 42, Seite 872 f.). Warum aber wird
ein Schlußabsatz zu einem Ausfall gegen meine Wenigkeit benutzt?
Lassen Sie mich
meiner
Abwehr eine praktisch-greifbare Gestaltung geben, die zugleich Herrn Dr.
Sofer die Gelegenheit bietet, etwas für die Förderung der
Wissenschaft
zu tun. Wenn Herr Sofer Ihnen eine einzige Stelle aus meinen Schriften
namhaft machen kann, in welcher ich „der chauvinistischen Lehre,
daß
alle Kultur von den Ariern herstamme“, Ausdruck gegeben habe, so
verpflichte
ich mich hiermit, der Redaktion der „Umschau“ sofort 500 Mark bar
einzusenden,
welche sie zur Förderung irgendeiner naturwissenschaftlichen
Arbeit
nach freiem Belieben verwenden soll. Ja, ich gehe noch weiter; denn da
ich in meinen „Grundlagen“, als ausgesprochener Gegner der Lehren
Gobineaus,
an vielen Orten gegen den Begriff von ursprünglichen „Rassen“
überhaupt
polemisiere und von den sogenannten Ariern ausdrücklich
erkläre,
sie seien „einer jener Rechenpfennige, ohne die man sich nicht
verständigen
könnte, die man sich aber wohl hüten müsse für bare
Münze zu halten“ (Seite
343), so unterläge obiges Angebot einer auf alle Fälle
unerfüllbaren
Bedingung; darum erweitere ich es dahin, daß ich die genannte
Buße
erlegen will, wenn ich von irgendeiner „Rasse“ oder irgendeinem Volke
jemals
zu verstehen gegeben habe, alle Kultur stamme von ihnen her. In
Wirklichkeit
habe ich trotz des knappen Raumes die verschiedensten Kulturen in
meinem
Buche genau zu charakterisieren und zu würdigen versucht, mit
besonderer
Betonung der Individualität einer jeden; und an fünf
verschiedenen
Stellen bin ich — unter Berufung auf die Arbeiten von Renan, Maspero,
Hommel,
Winckler, Sayce, Delitzsch, Franke usw. — auf die große Bedeutung
der sumero-akkadischen zurückgekommen.
Ich fände es
sehr begreiflich, wenn Herr Dr. L. Sofer meine Arbeiten
geringschätzte
oder es gar nicht der Mühe wert fände, sie kennen zu lernen;
sie erheben nicht den Anspruch, die Beachtung der Spezialforscher zu
verdienen;
es berührt aber eigentümlich, wenn gerade Fachgelehrte in
leichtfertiger
Weise Behauptungen aufstellen, die nicht den bescheidensten Erwartungen
in bezug auf Genauigkeit und Wahrheit entsprechen; und es berührt
nicht minder eigentümlich, wenn nicht eine sachlich wertvolle
Mitteilung,
sondern lediglich die Diskreditierung eines gewissenhaft suchenden
Zeitgenossen
beabsichtigt ist.
Hochachtungsvoll und ergeben
Houston Stewart Chamberlain.
180
An die Redaktion der „Umschau“
23/11/9 Wahnfried, Bayreuth.
Hochgeehrte Redaktion
Nach Kenntnisnahme
der beiliegenden Zuschrift werden Sie es gewiß nicht
mißdeuten,
wenn ich gestehe, ich hätte lieber jetzt wie damals geschwiegen;
nur
die aufrichtige Sympathie für Ihr geschätztes Blatt, das mir
seinerzeit von meinem Freunde Hofrat Wiesner empfohlen wurde und das
ich
seit Jahren jedem als einzig in seiner Art empfehle, hat mich
veranlaßt,
meinen Widerwillen zu überwinden und mich mit Leuten
herumzubalgen,
die mit so unredlichen Waffen kämpfen. Außerdem setzte ich
voraus,
daß Ihr Herr Mitarbeiter, wenn auch leichtfertig, so doch nicht
böswillig
gehandelt hat.
Sollte übrigens
sein Brief noch vom Drucke zurückgehalten werden können, so
ziehe
ich den meinigen auch zurück, denn nichts liegt mir ferner, als
die
Leser der „Umschau“ mit meinen Angelegenheiten unterhalten zu wollen.
Und nun, da wir uns
den guten Humor durch solche Lappalien nicht verkümmern lassen
wollen,
lassen Sie mich sagen, daß die 500 Mark keine Flunkerei waren,
sondern
daß ich diese Summe zu Ihrer Verfügung auch ohne Dr.
Sofer halte, falls Sie einmal, sei es einen Beitrag brauchen
könnten
zu einer guten Sache, sei es eine Arbeit anregen wollten. Ich mache nur
zwei Bedingungen: absolute Anonymität, und darum eine kleine
Pause,
damit man nicht auf mich rät. Vom Januar ab aber stehe ich zur
Verfügung,
falls Sie den Vorschlag so aufnehmen wollen, wie er gemeint ist.
In vollkommener Hochachtung
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
181-183
An die Redaktion der „Umschau“, Beilage zum Brief vom 23/11/1909
Hochgeehrte Redaktion!
Jetzt wissen wir
also,
daß Herr Dr. Leo Sofer sein Urteil über mich nicht
aus
der Kenntnis meiner Schriften, sondern aus seiner Zeitungslektüre
herholt, was seinem Privatbedürfnis genügen mag, jedoch zu
Behauptungen
in einer wissenschaftlichen Zeitschrift nicht hinlangt. Mit jenem von
ihm
angerufenen Journalisten habe ich mich seinerzeit deswegen nicht weiter
eingelassen, weil die sämtlichen angeblichen Zitate aus meinen
„Grundlagen“
entweder tatsächlich gefälscht oder aber in einer Weise aus
dem
Zusammenhang gerissen waren, daß sie auf den unkundigen Leser wie
Fälschungen wirken mußten; einem Gegner gegenüber, der
nicht bona fide vorgeht, verzichten anständige Menschen
auf
weitere Diskussion. Es tut mir leid für Dr. Sofer,
daß
er so wenig Unterscheidungsgabe besitzt.
Wollte ich alles
Falsche und alles tendenziös Entstellte in den Ausführungen
jenes
Gewährsmannes richtigstellen, ich brauchte mehrere Seiten,
wofür
weder Sie den Raum besitzen, noch ich die Muße. Bei diesen Dingen
gilt jedoch der alte Spruch der Juristen: ab uno disce omnes.
Wir lesen in Herrn
Dr.
Sofers Erwiderung: „Seite 137 sagt Herr Chamberlain vom Bündnis
der
Babylonier und Phönizier zur Unterwerfung Griechenlands und
Italiens:
‚Die Freiheit und die Kultur wäre vertilgt, also auf ewig
vernichtet
worden!‘ “ Ich bitte genau zu beachten: es steht „Herr Chamberlain
sagt“,
und vor und nach den Worten — Die Freiheit usw. — stehen
Anführungsstriche,
so daß sie als meine ipsissima verba bezeichnet
erscheinen.
Schlagen wir aber die angegebene
Seite nach, so entdecken wir, daß nicht ich hier spreche,
sondern
Mommsen! Mit genauer Angabe der Quelle („Römische Geschichte“, 1,
321) führe ich an dieser Stelle zwischen Anführungsstrichen
Worte
Mommsens an. Das „Herr Chamberlain sagt“ ist also eine absichtliche
Fälschung
jenes Gewährsmannes, begangen in dem verzweifelten Bestreben, aus
den zwölfhundert Seiten meines Buches einige Sätze
herauszufinden,
die, entsprechend verdreht und entsprechend durch Kursivdruck falsch
betont,
der erlogenen Behauptung als scheinbare Stütze dienen
könnten.
Zu der Fälschung des Verfassernamens kommt aber noch
Fälschung
des Textes! Denn in Wirklichkeit sagt Mommsen, den ich natürlich
wörtlich
genau zitiere: „Mit einem Schlage (wäre) die Freiheit und die
Zivilisation
vom Angesicht der Erde vertilgt gewesen.“ Und da aller guten Dinge drei
sind, begeht der Betreffende noch eine dritte Fälschung, indem er
verschweigt, daß ich gegen Mommsens mir in den Mund gelegten
Worte
einwende: „Ich würde eher die Kultur gesagt haben, denn wie kann
man
den Babyloniern und den Phöniziern oder auch den Chinesen
Zivilisation
absprechen?“
In gleicher Weise
ist jede einzelne Angabe, auf die Herr Dr. Sofer sich
verläßt,
falsch. So soll ich z. B. gesagt haben: „Körperlich und seelisch
ragt
der Arier unter allen Menschen hervor.“ Auch in diesem Falle sind von
den
zehn Wörtern vier falsch angeführt, und man wundert sich
nicht,
wenn Menschen, die unfähig sind, einen einzigen Satz, der vor
ihren
Augen steht, richtig abzuschreiben, sich als wenig geeignet erweisen,
den
Sinn eines ganzen Buches zu erfassen; doch gleichviel; die
Fälschung
besteht hier weniger in dem Wortlaut, als darin, daß nicht
hinzugefügt
wird, ich habe soeben im selben Absatz zum wiederholten Male
angezweifelt,
ob es wirklich eine durch Blutbande geeinte „arische Rasse“ gäbe,
und meine Überzeugung ausgesprochen, es handle sich vielmehr um
eine
„Wahlverwandtschaft“ zwischen körperlich und seelisch
emporragenden
Menschen verschiedener Weltteile und verschiedener Abstammung. Mein
Widersacher
zitiert mich nun so, daß der Leser glauben muß, ich habe
das
genaue Gegenteil gesagt.
Zum Schluß
zwei richtige Zitate. In seiner „Römischen Geschichte“, 8. A., I,
15, spricht Mommsen von den „indogermanischen Völkern“ und nennt
sie:
„den Stamm, auf dem von den Tagen Homers bis auf unsere Zeit die
geistige
Entwicklung der Menschheit beruht“. Ich habe in meinen „Grundlagen“
nirgends
eine so weitgehende Behauptung gewagt: erstens, weil sie über den
Horizont unseres Wissens hinausgeht, zweitens weil sie die andern
Faktoren
unterschätzt, drittens, weil ich dort überhaupt nicht
über
die „Menschheit“ zu handeln hatte, sondern nur über jene
„nördlichen
Europäer“, welche „die Träger der Weltgeschichte
g e w o r d e n sind“ („Grundlagen“,
Seite 8), und die ich nach ihrem kräftigsten Stamme als
„Germanen“
bezeichne. Von diesen Menschen, dieser Zeit, diesem Weltteil sage ich
nun:
„Von dem Augenblick ab, wo der Germane erwacht, ist also eine neue Welt
im Entstehen, eine Welt, die allerdings nicht rein germanisch wird
genannt
werden können, eine Welt, in welcher gerade im neunzehnten
Jahrhundert
neue Elemente aufgetreten sind, oder wenigstens Elemente, die
früher
bei dem Entwicklungsprozeß weniger beteiligt waren, so z. B. die
früher reingermanischen, nunmehr durch Blutmischungen fast
durchwegs
„entgermanisierten“ Slawen und die Juden, eine Welt, die vielleicht
noch
große Rassenkomplexe sich assimilieren und mithin entsprechende,
abweichende Einflüsse in sich aufnehmen wird, jedenfalls aber
eine
n e u e Welt und eine n e u e
Zivilisation,
grundverschieden von der helleno-römischen, der turanischen, der
ägyptischen,
der chinesischen und allen anderen früheren oder
zeitgenössischen.“
Diejenigen Ihrer
Leser, auf deren Urteil ich — gleichviel ob sie Freunde oder Gegner
meiner
Auffassungen sind — Wert lege, sind hiermit genügend orientiert
und
werden schwerlich einer „Wahrheitsliebe“, die mit gefälschten
Zitaten
operiert, Wert beimessen. Es erübrigt mir nur noch, für die
freundliche
Raumgewährung Dank zu sagen.
Hochachtungsvoll und ergeben
Houston S. Chamberlain.
Hotel Metropole. Santa Margherita-Ligure. Italien.
Hochgeehrter Herr Graf
Gottlob, die
Schreibmaschine
ist endlich aus Genua angekommen, und ich kann Ihnen dreimal so schnell
und dreißigmal so deutlich schreiben und mich nicht bei jedem
Worte
sorgen, ob Sie auch die Rhinozeroskralle werden entziffern können.
Zunächst meinen
warmen Dank für die gütige Art, wie Sie alles aufnehmen. Ich
kann Sie versichern, daß ich der letzte Mensch bin, andern mit
Ratschlägen
beschwerlich zu fallen; wer mich in Ruhe läßt, wird auch von
mir in Ruhe gelassen; in diesem Falle fühlte ich mich aber dazu
gedrängt
— eine helfende Hand wollte ich ausstrecken, eine Ermutigung zurufen,
nicht
eigentlich raten. Nun, Sie haben mich verstanden; der Ton Ihres lieben
Schreibens bürgt mir dafür. Bitte aber den Wert meiner
organisatorischen
Begabung und Erfahrung nicht höher anzuschlagen als ich es tue.
Freilich
hängt bei einem Buch a l s B u c
h
enorm viel von der Disposition ab; bei einer richtigen Anlage
wächst
alles von selbst wie der Baum aus dem Samen heraus, und nicht jeder
beachtet
das, wenn er zu schreiben anfängt; der Stoff, die
Überzeugungen,
der edle Wunsch, zu wirken... hundert Dinge bewirken, daß mancher
nicht genügend überlegt, daß auch das Buch als solches
ein Individuum ist, welches erstens gezeugt werden muß — soll es
lebendig und nicht eine Drahtpuppe sein, zweitens ein recht
pflegebedürftiges
Babyalter durchmacht, wo ein richtiger oder falscher Beschluß
über
alle Zukunft entscheiden kann — denn die in diesem Stadium begangenen
Fehler
lassen sich nie wieder gutmachen. A b e r,
hochgeehrter
Graf, wenn ich noch so viel Wert hierauf legen wollte, unstreitig
bliebe
dennoch, daß Ihre Persönlichkeit, Ihr Erfahrungsschatz, Ihr
Wissen den eigentlichen Lebensgehalt dieses Werkes ausmachen werden,
und
daß Sie nicht nur bei einem Gegenstand, der Sie schon so lange
leidenschaftlich
erfüllt, von selbst, instinktiv die einzig richtige Form finden
werden,
sondern daß, selbst wenn Sie sich durch eine rauhe Form erst
Ihren
Weg durchzubrechen hätten, dies wahrscheinlich dem Buche nur
zugute
kommen würde. Machen Sie mir also die Freude, einiges mit mir zu
beraten,
so stelle ich mir meine Teilnahme nicht anders vor, als daß ich
Sie
in dem unterstütze, was Sie selbst für richtig erkannt haben
— denn es treten immer Augenblicke des Selbstmißtrauens ein
(außer
bei Eseln), und da findet ein Freund die Gelegenheit, sich zu
bewähren.
Über den
„Rembrandt
als Erzieher“, Ihnen zum Muster vorgehalten, habe ich herzlich gelacht;
doch kenne ich das; alle Verleger sind sich darin gleich; und
schließlich
— wie sollen sie ihre Absichten andeuten, außer durch Hinweise
auf
Bekanntes. Herr R. ist natürlich gänzlich unfähig, auch
nur zu ahnen, was Sie leisten können und daß Ihr Geist ein
anderer
ist als der des seligen Langbehns. Wenn ich schon raten soll, so rate
ich
Langmut gegen die Verleger — für die es ohnehin nach Goethes
Versicherung
eine „eigene Hölle“ gibt, wo sie büßen werden. —
übrigens
wird Herr R. Sie gewiß nicht beschränken wollen, was die
Herren
Ultramontanen betrifft; stellen Sie sich aber auch sicher in betreff
des
auserwählten Volkes und lassen Sie sich durch einige antisemitisch
klingende Lockgesänge nicht irreleiten.
Was die
Z e i t anbetrifft, so dürfen Sie es keinem Verleger
übelnehmen,
wenn er gern einen Termin festgestellt haben will; der Mann muß
ja
seine Berechnungen — Kapital und Verzinsung u. dgl. — auf irgendwelche
Wahrscheinlichkeiten basieren. Anderseits sagen Sie sich daß noch
nie ein Autor sein Wort gehalten hat. — Sie werden doch nicht so
unkollegial
sein wollen, uns alle zu beschämen? Meiner Meinung
nach
m u ß der Verleger einen Zeitpunkt für
späteste
Lieferung des Manuskriptes nennen; diesen rücken Sie soweit irgend
tunlich hinaus; wenn aber ein Kontrakt schriftlich aufgesetzt wird,
lassen
Sie den betreffenden Satz ins Subjunktive setzen, mit „wenn irgend
tunlich“
o. dgl. Der Verleger m u ß ja
warten,
bis Sie fertig sind — was soll er sonst tun? — und wird er
ungemütlich,
gut, Sie lassen ihn fahren und ich kenne mehrere Verleger, die sofort
das
fertige Buch mit Freuden annehmen und sehr gut vertreiben. Bitte also,
nicht wahr? — über diese Frage keine einzige schlaflose Stunde!
Überhaupt
muß
ich parenthetisch einschieben, daß Frau Wagner Sie herzlich
grüßen
und zugleich bitten läßt, doch ja mit Schweninger Rats zu
pflegen
wegen Ihres Leidens, ehe Sie sich an absorbierende Arbeit begeben. Gern
würde sie Ihnen einen Einführungsbrief an den Magus geben.
Ich
schließe mich ihr an — der ich auch für meine Person die
besten
Erfahrungen an diesem Wundermanne gemacht habe.
Und nun zu den
eigentlichen
Fragen.
1. Eine
V e r b i l l i g u n g wird einzig durch große
Auflage
möglich gemacht, und diese wird kein Verleger zusagen (da er doch
das Risiko trägt), bis er das Manuskript in Händen hat.
Dagegen
widerrate ich mit aller Energie einem Verzicht auf Honorar. Einer alten
und allgemeinen Erfahrung gemäß, vertreibt ein Verlag ein
Buch
um so besser, je teurer es ihm zu stehen kommt. Mein erstes kleines
Buch
erschien auf meine Kosten: es blieb völlig unbekannt; in einem
Jahre
wurden summa summarum fünf Exemplare verkauft — und diese
hatte
i c h gekauft! — Es bleibt Ihnen ja unbenommen, das Buch
(das
Sie laut Gesetz mit Buchhändlerrabatt beziehen, also um ein
Drittel
billiger) an die Bibliotheken zu verschenken; tausend Exemplare gehen
auf
diesem Wege leicht hin. Und wenn Sie z. B. tausend Exemplare selbst
subskribieren,
so geben Sie Ihrem Verleger den Mut zu einer Auflage von mindestens
3000.
Aber auf Honorar würde ich bestehen — und zwar zur Hälfte
(wenn
eine fixe Summe) bei Lieferung des Manuskripts, zur Hälfte bei
Beendigung
des Druckes [...] Nur nicht generös
gegen
den Verleger.
2. A
n o n y m i t ä t? Ach, wie verstehe ich Sie! Als ich
mich endlich zu schreiben entschloß, war meine (innerliche)
Bedingung
die unverbrüchliche Anonymität. Und ich frage mich manchmal,
ob es nicht recht quixotisch war, mich davon abbringen zu lassen. Als
es
an den Druck ging, empfand ich es als Feigheit. Bei Ihnen liegt alles
anders;
ich meine, das können Sie einzig mit sich abmachen. Den Titel
würde
ich nicht fürchten: Graf Hoensbroeck ist ein Liebling aller
Freigeistigen,
Graf Reventlow hat ein Buch gegen den Kaiser geschrieben, Graf
Keyserling
schreibt über Unsterblichkeit — ich fürchte, die
Vulgarität
ist nach wie vor dieselbe, und der „Graf“ wird eher ziehen als
abschrecken.
Doch vielleicht ist dies gerade ein Hauptargument für die
Anonymität.
Ich meine: Sie können diese Frage ruhig für künftige
Entscheidung
aufheben.
Lassen Sie mich Sie
versichern, daß von uns aus auch nicht der allerengste
Familienkreis
etwas über Ihr Vorhaben erfahren wird — weder jetzt noch jemals;
wir
haben in solchen Dingen zu viel Erfahrung, um nicht den Wert des
unbedingten
Schweigens zu kennen.
3. Über die
Religionsfrage habe ich schon geantwortet.
Und somit
schließe
ich diese überlange Epistel. Sauf force majeure
können
Sie bei mir immer auf jene Pünktlichkeit rechnen, ohne welche jede
Führung eines Geschäftes unmöglich wird oder wenigstens
sehr aufreibend.
In aufrichtiger
Verehrung
Ihr ganz ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr
Graf — In Erwiderung Ihres gütigen und inhaltreichen Schreibens
vom
3. d. M. will ich zuallererst melden, daß meine
Schwiegermutter
h e u t e an Herrn Geheimrat Prof. Dr. Ernst
Schweninger,
Prinz-Ludwigs-Höhe, München, schreibt, um Sie vorzustellen
und
anzuzeigen; S i e möchten dann so gut
sein,
darum bittet Frau Wagner, selber zu Schweninger unter Berufung auf
ihren
Brief zu schreiben und sich mit ihm in Einverständnis zu setzen.
Auch
Schweninger pflegt nämlich gegen Ostern eine Reise zu
unternehmen, und so wäre es möglich, daß sie sich
gerade
versäumten, wenn nicht vorher Verabredung genommen wird. Sie ist
glücklich
über Ihren Entschluß und hofft, der Wille werde zu Tat
werden.
Nun zu unseren
Geschäften.
Über die rein
geschäftlichen Beilagen habe ich — außer dem Danke — wenig
zu
sagen. Auch ich kenne weder Reichl noch Gleichen-Rußwurm; ich bin
hochgradig unsoziabel und kenne sozusagen keinen Menschen — und was hat
dieses angebliche „Kennen“ für einen Wert? Ein einziger Blick
offenbart
einem manchmal eine ganze Persönlichkeit und deren Schicksal;
kennt
man sie erst, so sieht man den Wald vor Bäumen nicht. Ein Verleger
muß sein Geschäft verstehen und muß sich — das
heißt
seine Interessen für ein Buch kompromittieren; dann „macht“ er es
gut. Ich habe von diesem eine gute Meinung bekommen — aber wie neulich
schon gesagt: wenn Sie Ihr Buch schreiben und er macht Sperenzel, dann
garantiere ich einen anderen Verleger.
Das Auskunftsbureau!
Schon längst plaidiere ich dafür, daß Fritsch (vom
Hammer)
oder ein ähnlicher Mann ein Bureau errichte, das jene Erforschung
unternehme. Mündlich einmal Näheres. Denn ich eile zur
Hauptsache.
Mit
größtem
Interesse habe ich von den Fragmenten Kenntnis genommen und sie
wiederholt
gelesen. Lauter gute, kräftige Keime und vieles, was förmlich
nach näherer Ausführung schreit. Nur kann ich Ihrer Erwartung
in bezug auf Randbemerkungen nicht genügen — wenn ich auch einiges
Wenige zu notieren mir erlaubte. Ich habe nicht einmal die Schulbildung
wie andere genossen, noch war ich je in einem Amte; und so ist mir das
Erteilen von Zensuren ganz fremd geblieben. Ich versuche stets den
anderen
zu verstehen, so gut es mir gelingen will — und dazu gehört immer
ein vollständiger Überblick, denn kein Teil kann beurteilt
werden,
ehe man nicht ein Ganzes vor Augen hat. Solche kritische Geister, wie
Sie
meinen, sind auch mir sehr nützlich, ja unentbehrlich; ich selbst
aber bin da inkompetent; ich könnte mich ebensogut unter einen
Baum
stellen und den Gesang der Wachtel kritisieren. Darum habe ich mir
einen
anderen Dank ersonnen für das Vertrauen, mit dem Sie mich wirklich
beglücken. Soweit ich ersehen kann, packen Sie die Dinge an einem
anderen Ende an, als ich es tun würde; darin haben Sie bedeutende
Vorgänger, ich „kritisiere“ Ihre Methode nicht; doch als ich Sie
las,
ließ es mir keine Ruhe, ich mußte gleich eine Architektur
des
Ganzen entwerfen. Nun sind freilich Ihre Bemerkungen schon Fleisch und
Blut, wogegen mein Schloß ein Luftschloß ist; doch bin ich
so überzeugt davon, daß ein Buch, um gut zu werden,
architektonisch
disponiert werden muß — und zwar um so mehr, wenn der Verfasser
sehr
viel zu sagen hat —‚ daß ich Sie hierzu habe anregen wollen. Il
va sans dire, daß mein Entwurf Ihrem Papierkorbe gewidmet
ist;
mir genügt es, wenn Sie erst staunen, dann sich empören, dann
laut auslachen und schließlich denjenigen Plan sich entwerfen,
der
Ihrem Intellekte entspricht. Sobald Sie einen Plan besitzen, da wird
sich
der reiche Stoff schon eingliedern. Ihre zerstreuten Einfälle
sammeln
Sie unter die verschiedenen Kapitelrubriken, nichts geht verloren,
jeder
kommt an seinen Platz — und eines schönen Tages setzen Sie sich
hin,
und bei Ihrem Temperament sprüht gewiß ein Kapitel nach dem
anderen dann glühend heiß hinaus, und die Sache ist fertig.
Nehmen Sie heute
mit diesem Wenigen fürlieb und rechnen Sie, bitte, auf zwei Dinge:
auf die Beschränktheit meines Könnens und auf die
Unbeschränktheit
meines guten Willens.
Mit einem warmen
Gruße aufrichtiger Verehrung
Ihr
Houston S. Chamberlain.
Deutschland im 20. Jahrhundert
Einleitung
In kurzen Worten Umfang, Begrenzung, Zweck des Buches anzeigend.
Kapitel 1. H i s t o r i s c h e r R ü c k b l i c k
Sehr geehrter Herr Schwaner
Ich sinne und
sinne
über Ihren fr. Brief vom 21/2 d. J. und weiß immer weniger,
was ich Ihnen sagen soll. Denn bloß sagen: so ist‘s vortrefflich,
ist ein wenig mager für einen Mann, der‘s heilig ernst meint und
nicht
viel Wert auf Schmeicheleien legt; wollte ich aber kritisieren, so
fände
ich kein Ende, da natürlich jeder von uns so etwas an einem
anderen
Ende anpacken würde, wie es ihm gerade liegt. Und das kann Ich in
aller Aufrichtigkeit sagen: wie Sie es machen, ist jedenfalls gut; und
die große Erfahrung, die Sie sich im Schweiße Ihres
Angesichts
erworben haben, hat zu einer Meisterschaft geführt, die ein volles
Gelingen auch für diese Fortsetzung verspricht. Was mich
persönlich
wenig anspricht, ist das Zusammenstellen von Namen, die miteinander gar
so inkommensurabel sind. Es ist ein so abgründiger Riß
zwischen
Shakespeare und Maeterlink, daß ich mir gar nicht denken kann,
wie
sie nebeneinander bestehen sollen. Die ganz Großen gehören
einer
anderen Menschenart an als die schönsten Begabungen; Homer ist
ewig
und Shakespeare auch — und in Byron, Milton, Carlyle strömt
wenigstens
so reichliche Beimischung des Ewigen, daß sie einige Jahrhunderte
gewiß überstehen werden; doch von Maeterlink weiß in
hundert
Jahren nur die Literaturhistorie etwas zu melden; da nützt alles
nichts,
und es kommt auf Meinungen, Richtungen u. dgl. gar nicht an — am
letzten
Ende entscheidet die eingeborene Kraft allein. Der gute Herbert Spencer
ist für mein Gefühl schon heute ein Fossil. Kurz: ich
hätte
Lust, Ihre Liste zu verkürzen und dafür den Wenigeren
reichlicher
das Wort zu lassen.
Und dann: es ist
bedenklich, in einer Germanenbibel den großen Franken gar keinen
Platz einzuräumen. Jemand nannte Pascal „eine neue fränkische
Invasion in Frankreich“. Montaigne halte ich für nicht ein
Tüttelchen
weniger „germanisch“ als Shakespeare, und ich weiß nicht, ob er
nicht
wie jener die Jahrtausende überleben wird; hier haben wir Genie in
höchster Potenz. Doch, selbst Voltaire ist — seiner ganzen Kopf-
und
Gesichtsbildung nach (Siehe Woltmann) reiner Germane. Diderot nicht
weniger...
zwei oder drei solche Kerle wiegen alles auf, was sich als Skandinavier
breitmacht.
Doch sie Sehen, wie
destruktiv meine Kritik werden könnte! Und anderseits verstehe ich
als praktischer Mann recht gut, daß Sie die Ansprüche Ihrer
Zeit — auch wo es sich um Vorurteile handelt — in Betracht ziehen
müssen
und daß Sie zufrieden sein können, wenn Ihre Bibel
fünfzig
Jahre gute Dienste leistet und dann für veraltet gilt. Ich lebe so
sehr außerhalb des „Tages“, daß die Ewigkeitswerte
vielleicht
ein wenig zu sehr bei mir vorwiegen. Lassen Sie es also bei Ihrem
wohldurchdachten
Plane bewenden und ersehen Sie in diesen Worten nur ein Zeichen wahren
und nicht Phrasenhaften Interesses an Ihren edlen Bestrebungen. Mit
bestem
Gruße
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
——————
¹
Herausgeber des „Volkserzieher“.
Verzeihen Sie,
hochgeehrter
und -geschätzter Herr, wenn ich in dem Gedränge tausenderlei
Pflichten und Besorgungen, welche die Heimkehr nach viermonatiger
Abwesenheit
bedingt, nur ganz ungenügend auf Ihre vorgefundenen lieben und
wirklich
höchst anregenden Mitteilungen erwidere. Es wird mich freuen, den
Spuren, die Sie aufdecken, nachzugehen. Die Prosaübersetzung, von
der Sie reden, ist wohl ins Holländische? Sonst hätte ich
mich
ungemein darauf gefreut.
Daß mein Buch
über Kant sich nach und nach doch den Weg zu Hirn und Herz
mancher
Besten bahnt, ist mir Trost und Ermutigung; die Herren vom Fach —
welche
allerdings die ganze Sache gar nichts anging — haben es zum Teil
geradezu
r o h abgelehnt; nun aber erhalte ich nach und nach von den
verschiedensten Seiten Zeugnisse tieferer Einwirkung. So z. B. neulich
von einem hervorragenden Arzt und experimentalen Forscher, den mein
Buch
zum überzeugten Kantanhänger umgewandelt hat. In diesem Sinne
zu wirken, wäre wohl das Schönste, was ich mir je hätte
wünschen können — mögen die also Beeinflußten mein
Werk später dann in ihren Papierkorb werfen: daran liegt nichts.
Bewahren Sie mir
Wohlwollen, Nachsicht, Interesse und seien Sie meiner Verehrung und
Sympathie
versichert.
Ihr
Houston S. Chamberlain.
195-196
An Privatdozent Walter Frost
Hochgeehrter Herr
Verbindlichst
danke
ich für Brief und Buch. Leider — oder vielmehr Gott Lob! — weile
ich
augenblicklich in geistig so fernen Regionen, daß es mir schwer
fallen
wird, Ihrem Versuche in nächster Zeit die nötige
Aufmerksamkeit
und Liebe zu schenken, — namentlich da schon ein erstes Blättern
mir
zeigt, daß ich mich mit Ihnen in ein Gebiet begeben
müßte,
dem ich glücklich bin, auf immer entronnen zu sein. Kant mag ja
ein
Esel gewesen sein, ebenso wie ich mich erinnere, einmal von einem
Musiker
gehört zu haben, Mozart sei ein Stümper gewesen — aber die
Sache
liegt nun einmal so, daß mich mit d i e s e
n
Eseln und d i e s e n Stümpern eine
Geistesaffinität
verbindet, so daß mir einzig in ihrer Gesellschaft wohl zumute
ist.
Oder aber ich finde unerschöpfliche Unterhaltung bei den
empirischen
Erforschern der Natur, wie auch bei guten Künstlern, klugen Welt-
und Geschäftsmännern usw. — wogegen eine amphibische
„Naturphilosophie“,
die alles Geniale von sich weist und dennoch „Philosophie“ sein will,
mir
höchstens — wie in Ihrem Falle — Sympathie für die Person
einflößen
kann, insofern man sie redlich, tüchtig und überzeugt bei der
Sache sieht, wogegen ich den Versuch selbst als aussichtslos betrachte.
Ich rede unumwunden,
weil der freundliche Ton Ihres Briefes mich dazu ermutigt; man ist ja
so
froh, Gelehrten zu begegnen, die freie Menschen und nicht Pedanten
sind.
Ich habe das Glück, eine ganze Anzahl solcher zu Freunden zu
zählen
— und mein Herz schlug Ihnen gleich entgegen, als ich auf dem Titel das
Wort „Bauführer“ las und mir sagen durfte, die akademische Toga
sei
nur ein klatternder Umwurf um die echte Gestalt.
Und da es nun
für
praktische Männer ein Gebiet gibt, wo sie allezeit sich in
gleicher
Überzeugung begegnen — das der unbedingten Tatsachentreue, so
erlauben
Sie mir, Sie aufmerksam zu machen, daß Ihre Behauptung Seite 8
unten,
man habe zu Schellings Zeiten „nichts geahnt“ von „der inneren
Verwandtschaft
der Erscheinungen des Lichtes, der Wärme, der Elektrizität,
des
Magnetismus und der Chemie“ auf Irrtum beruht. Hätten Sie meinem
„Kant“
die Ehre angetan, ihn aufmerksam zu lesen (was allerdings eine
ziemliche
Zumutung gewesen wäre), Sie hätten gewußt, daß
zwei
Männer wenigstens diesen Zusammenhang sehr genau „geahnt“ haben —
freilich, es waren keine mathematischen Physiker, sondern Männer
von
der Esel-Stümper-Sorte, nämlich Kant und Goethe. Für
Goethe
habe ich inzwischen eine ganze Reihe von Stellen aufgefunden; in einer
sagt er, er „zweifle gar nicht daran“ und in einer anderen, mit dieser
Einsicht „wäre die Naturforschung für immer geborgen“.
Möchte Ihre
Naturphilosophie Sie zu der Erkenntnis führen, daß geniale
Begabung
in der „Bauführung“ der Natur etwas zu bedeuten hat.
Hochachtungsvoll und dankbar
Houston S. Chamberlain.
196-198
An Professor Moritz Hoernes
Hochgeehrter Herr
Gestatten Sie
einem
aufrichtigen und wahrhaft dankbaren Verehrer, dem Sie öffentlich
unrecht
getan haben, eine kleine Bemerkung.
Soeben lese ich mit
dem größten Interesse Ihren Aufsatz in der intern.
Wochenschrift
„Geschichte und Vorgeschichte“. Warum bringen Sie mich Ungelehrten in
diese
rein gelehrte Erörterung hinein? Und wenn schon, warum mit einem
billigsten
Feuilletonsarkasmus, der in seiner materiellen Falschheit an
Verleumdung
grenzt?
Wie sollte ich, der
ich wie jeder Gebildete die Hälfte meiner Kultur aus
Altgriechenland
herzuschreiben habe, ich, der ich dem Studium der altindischen Weisheit
eine Aufklärung verdanke über manche Fragen, wie sie mir
weder
Süd- noch Nordeuropa bot, — wie sollte ich jemals gedacht oder
gesagt
haben, der Begriff Mensch „sei auf die germanische Rasse zu
beschränken“?
Wenn Sie bei Gelegenheit meine „Grundlagen“, Seite
61 ff., aufschlagen wollten, Sie würden eine ganz andere
Beantwortung
jener Frage finden, als die alberne, die Sie mir andichten. —
Außerdem
habe ich die dogmatische Beantwortung der unermeßlichen Frage
nach
dem Wesen von „Rassen“, wie sie wissenschaftliche und
unwissenschaftliche
Phantasten so ahnungslos leichtfertig zu geben belieben, stets
energisch
von mir gewiesen, so daß ich von den Anhängern Gobineaus,
Wilsers
usw. mit dem höchsten Banne belegt bin und meine eigene Person
neulich
verachtet fand als „ein charakteristisches Produkt der
gelb-weißen
Degeneration“! (was das besagen will, weiß ich nicht genau, aber
jedenfalls irgend etwas besonders Scheußliches). Und nun kommen
Sie
— hochverehrter Herr — und schreiben mir die Behauptung zu, ich halte
nur
die Germanen für Menschen!! So wird der arme Gelbweiße
zwischen
den zwei sich widersprechenden Antagonisten vollends zerquetscht.
Wie sollte ich aber,
der mir ein bestimmtes Thema — das 19. Jahrhundert — zur Behandlung
vorlag,
und der ich — meinen schwachen Kräften und der Architektonik
meines
Buches zulieb — mich streng zu beschränken hatte, zu
beschränken
nämlich auf das Sichere, Konkrete, Handgreifliche — wie sollte ich
nicht den Nordeuropäer, im Gegensatz zum Südeuropäer,
als
die treibenbe Kraft anerkennen, aus deren Entfaltung die Neuheit und
Eigenart
unserer jetzigen Zivilisation und Kultur zu erklären ist? Ist das
wirklich etwas so Absurdes? Mich dünkt es im Gegenteil eine vérité
de La Palisse. — Die „Arier“ bezeichnete ich (Seite
343) als „einen jener Rechenpfennige, ohne die man sich nicht
verständigen
könnte, die man sich aber wohl hüten muß, für bare
Münze zu halten“; der Vorstellung „Germane“ ist schon eher
beizukommen,
namentlich da in einem Buche wie dem meinen allen Ursprungsfragen
auszuweichen
war, da es nicht der Wissenschaft, sondern dem Leben, nicht der
Theorie,
sondern der Tat galt.
Daß Sie meine
Bücher nicht lesen, verstehe ich und billige es durchaus; uns
Laien
macht es aber einen befremdenden Eindruck, wenn wir immer wieder
erfahren
müssen, daß die exakten Forscher nicht einmal über das
Zunächstliegende wirklich zuverlässig „exakt“ zu berichten
verstehen.
Bitte, nichts
für
ungut zu nehmen!
In aufrichtiger Verehrung
H. S. Chamberlain.
Hochgeehrter Herr
Verbindlichsten
Dank
für die Mitteilung sowie für Ihre freundlichen Zeilen von
gestern.
Anbei die Briefe ¹ zurück.
Das Unternehmen,
einen Dithmarschen-Bauern zu überzeugen, er habe unrecht, ist
ungefähr
dasselbe, als wollte man die Sonne nötigen, von Westen nach Osten
zu kreisen. Bartels hat in seiner Art so Tüchtiges geleistet, er
ist
so einzig und unersetzlich, daß ich aus Verehrung hierfür
mich
seit lange daran gewöhnt habe, bei ihm immer ein Auge und oftmals
alle beide zuzudrücken. Der wirklich unverfälschte
Nordgermane
besitzt übrigens — ich weiß es aus eigener Erfahrung —
keinen
untrüglichen Instinkt in bezug auf Rasse; er steht zu sehr
außerhalb,
besitzt als Erbteil eine gottgegebene „Tumbheit“ und verachtet das
Schnüffeln,
in welchem er es doch nie zu einiger Meisterschaft bringen wird. Beim
redlichen
Bartels liegt nun in Wirklichkeit in diesem Falle lediglich seine
Hebbelomanie
zugrunde. Daß es nie gelingen wird, diesen interessanten, aber
krankhaften
Stecknadelspitzendialektiker dem Deutschtum als einen seiner
allerersten
Dramatiker aufzuzwingen, das m u ß ein
Mann
von Bartels Begabung — wenn auch halb unbewußt — empfinden; und
nun
treibt ihn seine blinde Leidenschaftlichkeit und sein bäuerischer
Eigensinn, über den größten dramatischen Dichter aller
Zeiten herzugeben, um Platz für den engeren Landsmann zu schaffen.
Die Aussichtslosigkeit dieses Beginnens erklärt die Verstocktheit.
Am meisten tut er mir selber leid; denn gerade er gehört
eigentlich
nicht in dieses beschränkte Literaturwesen, in das er für ich
weiß nicht welche Sünden gebannt scheint, und genösse
eine
ganz andere Lebensfreude, wenn er die Seelenweite besäße, zu
großer Kunst in unmittelbare Beziehung zu treten. Doch dann
wäre
er nicht „Bartels“! Also nehmen wir mit Dank, was Gott uns in diesem
tüchtigen
Menschen gegeben hat.
In vorzüglicher Hochachtung, ergeben
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Professor Adolf Bartels hatte in einem Zeitungsaufsatz das Deutschtum
Richard
Wagners angezweifelt und seine Meinung auch brieflich weiter verfochten.
199-201
An die Deutsche Dichter-Gedächtnisstiftung
Hochgeehrte Verwaltung
In Erwiderung auf
Ihre geehrte Zuschrift vom 22. Dezember kann ich nur das eine sagen,
daß
ich die beiden Dinge — die Bekämpfung der herz- und
hirntötenden
Schund- und Schmutzliteratur und die Überflutung des Landes mit
gesunder,
reiner, stärkender, erhebender, wahrhaft lebenspendender Hirnkost
für eines der wichtigsten patriotischen Unternehmen halte, denen
edle
Männer ihre Hingebung widmen können. Als der
Elementarunterricht
allgemein gemacht wurde, hatte den Lenkern der Staaten eine Geistige
Entfesselung
des Volkes aus beschränkenden Ideenkreisen vorgeschwebt, wodurch
es
nach und nach zu höherem Lebensinhalt heranreifen sollte; nun
droht
aber — wie so häufig bei aller Politik — genau das Gegenteil des
Erhofften
einzutreffen; nicht nur politisch werden die noch Unmündigen von
Abenteurern
irregeführt, sondern die Besudelung der Seele wird mit
frevelhafter
Gewissenlosigkeit an Hunderttausenden geistig Wehrloser vollzogen,
alles
um des schnöden Mammons willen. Letzterer Bewegung stehen
große
Kapitalien zur Verfügung, denn sie „rentiert“ sich. Noch in diesem
Monat (8. Dezember 1911) konnte man im „Berliner Tagblatt“ an leitender
Stelle eine beredte Verteidigung der Schundliteratur lesen; wer
zwischen
die Zeilen zu blicken versteht, weiß genau, in wessen Interesse
solche
Dinge geschehen, nämlich, im Interesse von Spekulanten, die der
moralische
Ruin eines ganzen Volkes kalt läßt, wenn nur ihre
Börsen
sich mit Millionen anfüllen. Dagegen bleibt die entgegengesetzte
Bewegung
— von wenigen hochherzigen Männern ins Leben gerufen — auf die
Barmherzigkeit
derjenigen angewiesen, welche dieses Erdendasein nur erträglich
finden,
wenn es eine moralische Ewigkeitsbedeutung einschließt, und die —
ohne Visionäre zu sein, und ohne den geringsten Anspruch auf jene
„Heiligkeit“ zu erheben, die dem „B. T.“ so besonders bespottenswert
erscheint
— nichtsdestoweniger ein körperlich gesundes und also ein geistig
unbeflecktes, frisches, frohes deutsches Volk ersehnen. Tausendmal
besser
ist es, nicht lesen zu können, als giftige Dinge zu lesen, die nie
mehr aus der Phantasie zu entfernen sind. Es ist lächerlich, von
Polizei
zu reden; hier wie anderwärts kann die Polizei nur dort
eingreifen,
wo die Saat des Bösen schon aufgegangen ist; gegen den
verderblichen
Samen kann einzig der gute Same aufkommen, und zwar der produktive, aus
dem zugleich die Blüte der Liebe treibt und die starke Wurzel des
Hasses. Ich habe in meiner Jugend Bauern und Matrosen in Frankreich und
England gekannt, die durch die Unbeirrbarkeit des Urteils, die
fabelhafte
Kraft des Gedächtnisses, den Humor, den Gradsinn, geradezu das
Prädikat
„bedeutend“ verdienten; sie konnten nicht lesen und schreiben; der
erste
Erfolg der Bildung — wie man ihn an der jetzigen Generation in jenen
Ländern
erschreckend wahrnimmt — ist die allgemeine geistige Depotenzierung,
namentlich
des Urteils und des Gedächtnisses; kommt nun frivole Lektüre
dazu, so ist die vollendete Gemeinheit sofort da; der Mensch ist unter
das Tier gesunken.
Heil denen, die
dieser
Katastrophe entgegenwirken!
In aller Verehrung
ergebenst
Houston S. Chamberlain.
Lieber Herr Bruckmann
Vielen Dank
für
Ihren lieben Brief vom 26. und für die echt „goethesche“ Noblesse,
mit der Sie meine Eselei bei der Berechnung stillschweigend verbessert
haben.
Um mit dem Ende
anzufangen:
ich habe Troll ¹ gebeten, den Vertrag ohne jede Veränderung
so
zu unterschreiben, wie Sie ihn vorgelegt hatten; es geschah in
vollkommener
Übereinstimmung mit ihm, nach einer kurzen mündlichen
Unterredung,
und ich sandte den Vertrag an seine Kanzlei zurück mit
entsprechender
Weisung. Die Unterschreibung hat Zeit bis zu seiner Rückkehr aus
Neapel,
da die Sache als erledigt gelten darf.
Aber weiß Gott,
der Vertrag ist auch das Bequemste an dem ganzen Buche. Das Weitere
macht
mir schlaflose Nächte. Denn wirklich, ich habe in dieses Werk
alles
hineingetan, was ich an Denken und Gestalten nur zu leisten vermag; ich
weiß, es ist, absolut betrachtet, nicht viel, aber es ist mein
Ganzes,
und insofern ist es doch wiederum ein „Absolutes“. Kein Mensch ist
weniger
als ich geneigt, das, was er geschrieben hat, als vom Heiligen Geiste
eingegeben
und daher sakrosankt zu betrachten; ich weiß ja zu genau, wie
viele
Stunden Houston Stewart Chamberlain Esquire im Schweiße seines
Angesichts
daran herumgebessert und gefeilt und gestümpert hat; es steckt
aber
doch so viel Unwillkür und geheimnisvolles Müssen in einem
solchen
Werke, daß man es mit einer ähnlichen Scheu und Ehrfurcht
betrachtet
und berührt wie einen Sohn, der schließlich auch auf ganz
natürlichem,
unmystischem Wege entstand und dennoch als ein Unerklärliches und
Unbedingtes vor einem steht, mit Eigenheiten, die man bewundert oder
beklagt,
aber nicht ändern kann.
Ich bin entsetzt
über die 50 Bogen ohne Anhang; ich hatte mir so bestimmt 30
vorgenommen.
Aber, wie abhelfen? Ich laufe durch die Olivenhaine und über die
hohen
Kämme und lasse immer wieder das ganze Buch an mir
vorüberziehen,
und ich erwache aus Träumen, wo Sie mir mit Armeen von Bogen den
Krieg
machen... und doch steht ein „Muß“ da, dem nicht auszuweichen
ist.
Denn es handelt sich doch nicht darum, ein Buch über Goethe auf
den
Markt zu bringen, sondern darum, im Dienste Goethes und des Deutschtums
dasjenige Buch zu schaffen, das ich zu schaffen befähigt und
insofern
genötigt bin. Wie sollte ich die Lebensskizze knapper fassen? Da
könnte
ich sie lieber ganz streichen. Mit wie flüchtigen (wenn auch, wie
ich hoffe, festen) Strichen ist die Persönlichkeit silhouettiert!
Versuchen Sie nur, solche Episoden wie Krafft oder Napoleon
auszulassen,
und sehen Sie, welche Lücken entstehen! Und der gekürzte
„Napoleon“...
was ja sehr leicht zu bewerkstelligen ist... verliert alle Deutlichkeit
und Überzeugungskraft. Vielleicht läßt sich im Anfang
des
kurzen dritten Kapitels ein wenig zusammenziehen; es wird einige drei
Seiten
ausmachen. Das vierte Kapitel ist von entscheidender Wichtigkeit; es
handelt
sich darin um die eine grundlegende Erkenntnis, ohne welche diese
Persönlichkeit
niemals begriffen und geschätzt kann werden. Ich habe gestrichen
und
gestrichen; doch wenn ich die lückenlose D e u t l i c
h k e i t opfere, so ist die Arbeit umsonst geleistet
worden.
Das fünfte Kapitel ist das komplizierteste Gewebe, das ich bisher
gewoben habe. Noch nach der Abschrift habe ich manches gekürzt und
umgestellt, wie seinerzeit im Völkerchaoskapitel. Weiter
kürzen
könnte ich nur, wenn ich mich entschlösse, ganze Abschnitte
zu
opfern, in denen dieses oder jenes Beispiel durchgearbeitet wird zur
plastischen
Verdeutlichung theoretischer Erkenntnisse. Es ist aber ein gar zartes
Gebild,
in guter Stunde entstanden, und ich habe nicht oft Tage, wo ich mich
zugleich
gesammelt, besonnen und scharfsichtig genug fühle, um an so etwas
chirurgisch herumarbeiten zu können; meist bin ich viel zu plump
und
träg. Das sechste Kapitel entstand als Improvisation, und wenn ich
auch am Wortausdruck gar manches zu tun fand und noch zu tun habe, es
wäre
ein Frevel, wollte ich tiefere Eingriffe wagen. Ich kann mir also
nichts
weiter vornehmen, als mit aller Rücksichtslosigkeit jedes
Überflüssige,
was mir begegnet, erbarmungslos zu tilgen. Und da nun in den
mitgeteilten
Zahlen manche gestrichene Seite mitgerechnet ist, so wäre ich
nicht
erstaunt, wenn weitere Striche eine Ersparnis von etwa einem Bogen im
ganzen
zustande brächten. Aber mehr schwerlich.
Der Anhang ist
abgeschlossen
mit 174 Seiten (je 23 Seilen).
Was das fünfte
Kapitel über Erwarten umfangreich gemacht hat, ist nur zum Teil
die
Überfülle des Stoffes; zum Teil sind es aber die
unumgänglichen
Zitate, wo dann jeder kürzeste Vers eine ganze Zeile beansprucht.
Aber wie soll man das umgehen?
Ich weiß,
lieber
Herr Bruckmann, Sie machen mir in Ihrem Briefe keine Vorwürfe,
aber
ich mache sie mir selber und ich fühle sie unausgesprochen bei
Ihnen,
da ich mich unserer vielen Unterhaltungen gut erinnere und auch
weiß,
welchen Einfluß Umfang und Preis auf die Verbreitung haben. Ich
kann
nur hoffen, daß der Name Goethe und der gute Ruf meiner
früheren
Bücher uns über Wasser halten werden. Ganz sicher ist dieses
Buch, was es auch wert oder unwert sein mag, „mein“ Buch; wer also
für
meine Art Sympathie hat, wird gewiß danach greifen.
Und nunmehr sind
Sie vielleicht mürbe genug, daß ich mit einer Hauptsache
herausrücken
kann: wenn es irgend geht, möchte ich für den e i
n e n Band stimmen. Es kommt alles darauf an, die
Persönlichkeit
als Einheit zu fassen und zu überblicken; ununterbrochen wird von
einem Kapitel auf die anderen hingewiesen; es ist eben doch noch immer
ein kleines, gedrungenes Buch, nur daß bei Goethe das Kleine
groß
ist. Vielleicht gelingt es Ihnen, ein dünneres und
nichtsdestoweniger
undurchsichtiges Papier aufzutreiben.
Hingegen sind in
mir Bedenken aufgestiegen, ob ich nicht die Idee mit den Tafeln fallen
lassen soll? Wir ersparen damit immerhin etwas Raum, wenigstens was wir
Engländer „bulk“ nennen. Und insofern als mein Buch
grundsätzlich
unhistorisch und nur ganz nebenbei stellenweise chronistisch ist,
passen
sie hinein wie die Faust aufs Auge. Ich hatte sie auch
hauptsächlich
als Ergänzung gedacht, damit das Historische und Chronistische
somit
zu seinem Rechte komme. Doch lege ich Ihnen die Sache vor und erwarte
Ihre
Meinungsäußerung. Interessant wären sie ja sehr und
auch
„inédits“,
aber gerade für dieses Buch nicht unentbehrlich.
Wie ich zu meinem
Bedauern entdecke, habe ich nicht das nötige Material mit, um die
zweite Tafel hier fertigzustellen; das hätte aber wohl noch Zeit?
Zu Ihrer Orientierung
schicke ich Ihnen eine Übersicht der Disposition meiner Kapitel;
vielleicht
geben Sie sie dann weiter an Herrn Vanselow, dem sie bei der
Drucklegung
von Nutzen sein wird.
Da ich nämlich
keine Marginalien diesmal anwende und da einige Kapitel von selbst in
Abschnitte
zerfielen, habe ich diese Gliederung durchgeführt und gedenke, sie
durch Trennungsstriche und Untertitel sichtbar zu machen. In Kapitel I
und V würde ich dann das a), b), c), d) ohne Trennungsstriche,
aber
mit Untertiteln bringen. Für diese Untertitel wäre dann
entsprechender
Satz zu wählen und überhaupt die Disposition
durchzuführen.
Ich habe, wie Sie sehen werden, äußerst vereinfacht und nur
das Interesse des Lesers im Sinne gehabt.
Vielleicht wird es
praktisch sein, diese Untertitel für die linken Kolumnen in
Anwendung
zu bringen... nein, für die rechten. Links würde ich
vorschlagen
eine römische Kapitelzahl und den N a m e
n
des Kapitels:
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Justizrat Troll, Rechtsbeistand und Freund Ch.s.

Houston Stewart Chamberlains Handschrift
„O Gott, steh' mir bei! Achtet nicht auf das, was ich bin, sondern mache aus mir das, was ich sein sollte.“
Hochgeehrter Herr
Entschuldigen Sie
gütigst eine verspätete Antwort. Ich mache im Augenblick drei
oder vier Wochen durch, ehe das Gleichgewicht wieder hergestellt sein
wird,
in denen ich den Anforderungen kaum genügen kann.
Eigentlich habe ich
nur nachts Zeit gehabt, an Ihren Plan zu denken, wenn mein fester
Schlaf
zur Zeit des allerersten Vogelgesanges eine Viertelstunde lang dem
beglückten
Lauschen weicht. Das mag wohl eine günstige Stunde sein, sich
Illusionen
zu machen, und so bin ich nach und nach über die ersten
Schrecknisse
hinweggekommen und bilde mir ein, meine geringe Kraft könnte am
Ende
— wenn auch ganz gewiß nicht genügen, so doch
Ersprießlicheres
für Ihren Zweck leisten, als was von den trostlos dürren
Patronen
zu erwarten steht, die uns umgeben.
Nicht nun im Sinne
einer lästigen weiteren Verzögerung, sondern aus dem
Bedürfnis,
meine letzten Bedenken zu überwinden und frohen Herzens zusagen zu
können, erbitte ich mir von Ihrer Güte eine etwas
ausführlichere
Auskunft über Ihre Absicht.
Daß Ihre
Auswahl
untheologisch — sagen wir a-theologisch ist — verstehe ich und billige
diese Absicht; außerdem ist Ihnen, wenn Sie jemals ein Werk von
mir
gelesen haben sollten, bekannt, wie weitherzig und unkirchlich (for
the matter of that: „unlutherisch“) mein Bekenntnis zum
Christentum,
oder vielmehr zu Jesus Christus ist. Für nichts in der Welt aber
möchte
ich an einem Werke beteiligt sein, welches offen oder versteckt
anti-christlichen
Tendenzen dienen will. In meiner Art bin ich ein ebenso glühender
Gläubiger wie irgendein Kirchenvater — und richtiger noch, wenn
ich
sage, wie irgendein leidenschaftlicher Häretiker. Und darum hasse
ich die Widerchristen. Lieber würde ich einem orthodoxen, selbst
einem
katholischen Unternehmen meine kräfte zur Verfügung stellen,
als einem solchen dienen, in welchem die Ehrfurcht vor der
göttlichen
Persönlichkeit Christi nicht zur Richtschnur genommen wird. Nun
versteht
es sich eigentlich von selbst, daß eine Befassung mit Luther die
Liebe zu Christo voraussetzt; denn wie will man sonst den großen
Mann verstehen, der in dieser Liebe wurzelt und wirkt? Doch erlebt man
heute so merkwürdige Dinge, daß ich von einem mir leider
unbekannten
Herausgeber wohl ein beruhigendes Wort hierüber erbitten darf,
ohne
ihm persönlich in irgendeiner Weise zu nahe zu treten.
Ein zweiter Punkt
ist dieser: es wird mir nicht möglich sein, die verlangte
Einleitung
zu schreiben, außer ich habe die volle Freiheit, das zu sagen,
was
ich für wahr und notwendig halte. Dabei kann es vorkommen,
daß
ich nach rechts und links anstoße, und das wiederum könnte
eventuell
der Verbreitung Ihrer Ausgabe schaden. Ich muß z. B. gestehen,
daß
ich
für die lutherische K i r c h e eine
äußerst
minimale Sympathie hege — sowohl in der Vergangenheit wie in der
Gegenwart;
das kann leichtmöglicherweise in der Einleitung durchschimmern.
Ebensowenig
würde ich es aber fertig bringen, die Empörung über die
Herren Denifle u. Comp. nicht zu Worte kommen zu lassen. Auch Luthers
Verhältnis
zum Judentum mag zu unzweideutigen Worten Veranlassung geben. Usw.
Nicht
etwa als wäre ich heute ein so naiver Drauf- und Dranstürmer
wie zu den seligen Jugendzeiten der Grundlagen; jedes Alter hat seine
ihm
angemessene Art; aber in entscheidenden Dingen nehme ich auch heute
nicht
gern ein Blatt vor den Mund und schweige lieber als unwahr zu sein.
Darum
liegt es mir im Grunde gar nicht, teilzunehmen an einer Arbeit
gemeinsam
mit anderen; diesen will ich gewiß nicht in den Weg treten, aber
gebieten lasse ich mir in Dingen des Geistes von niemandem. Und wer
weiß,
wie wenig recht es den hochwürdigen Herren Buchwald, Kawerau usw.
sein wird, wenn ihrem treulich bepackten Karren ein so unfrommes Pferd
vorgespannt wird! Das gebe ich Ihnen sehr ernstlich zu bedenken.
Schließlich
blieben noch zwei Fragen, die ewigen zwei: Zeit und Raum.
Was schon gesagt
wurde, wiederhole ich nicht. Wollen Sie mir, bitte, Format und Schrift
genau genug bezeichnen, daß ich den Umfang von fünf Bogen
genau
berechnen kann. Ich frage mich, ob ich auslange? Und diese Frage weckt
die weitere: Bringen Sie außer dieser Einleitung noch eine
biographische
Skizze, oder soll jene das Nötige in großen Zügen
liefern?
Es macht nämlich einen bedeutenden Unterschied, ob man einen Essay
über Luther schreibt oder aber eine (und wenn auch noch so knappe)
äußere und innere Darstellung der Persönlichkeit gibt.
Zum Essay fühle ich mich nicht besonders qualifiziert, dazu bin
ich
zu wenig Literat; es würde aber leicht unharmonisch wirken, wenn
ich
das Erdendasein Luthers in meiner besonderen Art skizzierte, um auf
diesem
Wege zu der Persönlichkeit zu gelangen, und daneben stünde
eine
fleißig genaue Chronologie. Zum mindesten müßte ich es
wissen, und womöglich diese zu sehen bekommen.
Sind wir erst
über
alle diese Punkte ins Reine gekommen, und es fehlt nur noch das
bindende
Jawort, so würde ich dann — aber dann erst — den Rechtsanwalt, der
alle meine Geschäfte führt, bitten, sich mit dem Verleger
direkt
in Verbindung zu setzen; ich pflege über diese Dinge nicht
persönlich
zu verkehren.
In
vorzüglichster
Hochachtung und mit der Bitte, einige Geduld mit mir zu haben,
verbleibe
ich
Ihr
Houston S. Chamberlain.
Hochgeehrter Herr
Für Ihren
eingehenden
Brief vom 7. Juni schulde ich Ihnen den wärmsten Dank.
Außerdem
hat er mir, teils durch seine Mitteilungen, teils durch die energische
Anregung zu endgültiger Besinnung, den Dienst geleistet, daß
ich endlich klar sehe in dieser Sache.
Lassen Sie es mich
lieber gleich unverhohlen aussprechen: ich bin zu der Einsicht gelangt,
daß ich Ihrer mich ehrenden und erfreuenden Aufforderung nicht
nachkommen
darf.
In der Eile
überbeschäftigter
Tage kann ich die Begründung zu diesem Entschlusse nicht
ausführlich
darlegen, wie ich es Ihnen gegenüber so gern möchte. Doch
vielleicht
genügen wenige Worte, damit Sie mich verstehen.
Erstens fühle
ich mich, nach Kenntnisnahme Ihres ausführlicheren Programms,
nicht
ganz in Übereinstimmung mit Ihren Absichten. Denn wenn ich auch
wohl
begreife und von Herzen billige, daß man Luther nicht allein als
Theologen, namentlich nicht als spitzfindigen Dogmatiker zeige, so ist
mir die Weglassung des Katecheten schon bedenklicher, weil hier eine
Grundlage
seines positiven gesellschaftlichen Aufbaues liegt — fragen Sie nur den
Jesuiten an, die gerade in dieser Beziehung, indem sie Luther
bekämpften,
ihm nacheiferten. — Und dann ist mir unbegreiflich, wie an Luther etwas
„Lutherisches“ bleiben soll, wenn man alles ausläßt, was
Nichtprotestanten
unangenehm berühren kann. Kämpfer sein und jeden Hieb mit
einem
dreifach wuchtigeren Hiebe erwidern: das gehört doch zum Wesen der
Persönlichkeit Luthers. Der unauslöschliche Haß gegen
Rom,
der Abscheu vor den Juden — die kann man doch nicht aus der Welt
schaffen.
Ebenso falsch aber wäre es, seine Maßlosigkeit gegen die
anderen
Reformatoren nicht zu Worte kommen lassen zu wollen; denn in solchen
Dingen
zeigt sich Charakter. Wer einen Schleiermacher will, kann ihn ja haben;
wer allgemeinen Religionsbrei schmackhaft findet, für den ist
wahrlich
heute überall gesorgt. Wesen des Glaubenshelden ist aber,
daß
er glaubt, daß sein „Ja, ja“ wie die Posaunen vor Jericho
erschallt
und sein „Nein, nein“ wie ein Donnerkeil dareinfährt. Nein, mit
der
Aufrichtigkeit, die Sie heute von mir zu fordern ein Recht haben,
muß
ich gestehen, ich bin nicht der Mann, an einer Lutherausgabe
mitzuarbeiten,
die sich zum Ziel setzt, „den konfessionellen Frieden nicht zu
stören“.
Nebenbei gesagt, möchte ich wissen, wo dieser angebliche „Frieden“
zu finden ist?
Doch unterbrechen
Sie mich vielleicht mit der Bemerkung, daß Sie mir ja
ausdrücklich
„volle Freiheit zusichern“ in meiner Einleitung. Abgesehen davon aber,
daß ich dann als enfant terrible die erhofften Leser von
vornherein
abschrecken würde, so sind mir bei näherer Überlegung,
wie
ich sie Ihrer kräftigen Anregung verdanke, Bedenken anderer Art
gekommen,
die mich zu der ablehnenden Entscheidung geradezu zwangen.
Daß ein Mann,
der einige Bildung und einige Gedanken hat, ohne sonderliche Mühe
ein Feuilleton von 50 Seiten über Luther verfassen kann, begreife
ich. Mir aber ist es versagt. Ich gleiche in manchen Beziehungen jenem
berühmten Deutschen aus der Anekdote, der das Kamel aus den Tiefen
seines Bewußtseins entstehen ließ. Wenn ich jahrelang mich
in eine Persönlichkeit versenke, ganz passiv, von der einzigen
Leidenschaft
beseelt, geistig mit ihr zu verschmelzen, so kann ein Augenblick
kommen,
wo mit einer Art von Zwang sich eine Vorstellung mir aufdrängt,
die
auch für andere, die weniger Zeit solchen Betrachtungen widmen
konnten,
von Interesse sein kann. Es werden damit Wege gewiesen, die an die
wahre
Quelle alles edlen Menschtums führen. Immer aber entstanden meine
Werke aus vielen Jahren — nicht eigentlich von Studien, aber von
intensiver
Versenkung. Es wäre ebenso unmöglich wie unwürdig,
wollte
ich einen Luther künstlich und willkürlich zu zeichnen
unternehmen.
Würde ich aber so viel Zeit und Mühe darauf verwenden, dann
durchbräche
ich den Rahmen einer Einleitung, und es würde mir auch nicht
passen,
die Arbeit so eingeschränkt und unzugänglich zu wissen, und
gar
noch
mit einer Ausgabe verflochten, die meinen Wünschen nicht
entspräche.
Einen Augenblick dachte ich sogar daran, Ihnen und Ihrem Verleger
vorzuschlagen,
mich ein eigenes Buch über Luther schreiben zu lassen, ein kleines
Buch, aber ein ganz selbständiges; allenfalls hätte der
Verleger
eine Ausgabe konform der Schriftenauswahl herstellen können, die
mit
dieser auch verkäuflich gewesen wäre... Doch mußte ich
auch hiervon zurückkommen, in dem Gefühl, daß dies mich
viel weiter führen würde, als ich es verantworten könnte.
Was ich bisher
geschrieben
habe, bildet — wenigstens in meinem Kopfe — ein Ganzes; zu diesem
Ganzen
gehört noch mehreres, darunter Pläne, deren Ursprung zum Teil
25 Jahre zurückliegt und noch weiter; dieses „Ganze“, teils jetzt
nach dem Maße meiner Fähigkeiten vollendet, teils als Traum
und Hoffnung die Zukunft färbend, ist gleichsam ein lebendiger
Teil
von mir selbst geworden; es wäre wohl nicht unbedenklich,
namentlich
in meinem Alter, plötzlich dieses (ohnehin sehr weite) Gehege zu
verlassen,
wo ich heimisch bin, um außerhalb, als irrender Ritter, mich zu
ergehen.
Ich ahne, daß ich weder Ihnen, noch mir selber genügen
würde.
Warum ich Ihnen das
nicht gleich sagte? Ja, sehen Sie, das ist gerade der Haken: die an
Versenkung
gewöhnten Menschen wissen eigentlich gar nichts, bis sie sich
versenkt
haben. Die Aussicht, über den Mann schreiben zu dürfen, den
ich
immer für den gewaltigsten Mann der Weltgeschichte gehalten habe,
hatte für mich etwas Begeisterndes; konnte ich wissen, ob Sie
nicht
der Finger Gottes seien? Sobald ich aber mich auf meine eigenen
Kräfte
zurückverwiesen fühlte, da entdeckte ich bald, daß ich
diesen Weg zu gehen nicht bestimmt bin. Der Ton Ihrer Briefe
läßt
mich auf Ihr Verständnis rechnen, und dieses wird mir recht geben
müssen und daher auch Verzeihung nicht vorenthalten.
Zum Schlusse noch
etwas: ich glaube, ich weiß, wer Ihnen diese Einleitung ganz
vortrefflich
schreibt; ich wenigstens wüßte niemand, dem ich es so
zutraute
wie ihm. Geheimrat Henry Thode. Als Sohn oder wenigstens Enkel und
Urenkel
protestantischer Pfarrer und als gläubiger Mann besitzt er die
eine
nötige Eigenschaft; dabei ist er durchaus weitherzig und sehr
welterfahren;
es wird ihm also weder an Takt noch an Glut fehlen; seine historischen
Kenntnisse sind ganz eminent und reichen gerade in bezug auf jene
Zeiten
in das Detail hinein, aus dem dann Leben in der Schilderung entsteht;
der
große und wachsende Erfolg seiner Vortragsreisen durch ganz
Deutschland
in den letzten Jahren hat seinen Ruf weit über die speziell
kunsthistorisch
interessierten Kreise hinausgetragen. Wenn ich nicht irre, wird er
jetzt
auch etwas Muße haben, da sein großes Michelangelowerk in
diesen
Wochen abgeschlossen vorliegen soll. Versuchen Sie es doch! Seine
Besitzung
ist: Villa Cargnacco, Gardone, Lago di Garda, Italien.
Bitte glauben Sie
an die Versicherung meines Bedauerns und zugleich an die Freude, die es
mir bereitet hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.
In aller Hochachtung
ergebenst
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr
Mein Schweigen auf
Ihre beiden letzten Briefe bedarf weniger einer Entschuldigung als
einer
Erklärung, und auch zu dieser wüßte ich kaum die Worte
zu finden, wenn ich nicht ein so tiefes Vertrauen zu Euer Exzellenz
gefaßt
hätte, daß ich eine leise Andeutung genügend
wähnen
darf, um eine ganze Kette sympathetischen Mitdenkens und
Mitfühlens
zu eröffnen.
Ein Wort sagt alles:
es hat noch nie ein Mensch so gegen mich — den Autor — gehandelt
¹.
Noch nie hat einer so reich gegeben, so spontan, so eingehend, mit
einem
so divinatorischen Instinkt für das, was der Arbeiter, im
Augenblick,
wo nach jahrelangem Ringen um Erkenntnis und Gestaltung der Erkenntnis
die Kluft des Endes, des Abschlusses, des erbarmungslosen
Schwarzaufweiß
vor ihm sich auftut, nunmehr ersehnt und wessen er
eigentlich
b e d a r f, wenn er es auch — nach meiner bisherigen
Erfahrung
— nie zu erhalten pflegt. Denn was nützen anerkennende Worte, die
nicht auf genauer Kenntnis des Buches beruhen? Und wer kann das Buch
beurteilen,
wenn er nicht den Gegenstand beherrscht? Doch handelt es sich nicht
allein
darum, sondern um Tieferliegendes: wer selber mit höchster
Anspannung
alles gegeben hat, was ihm zu geben vergönnt ist, dürstet
nach
einer verwandten Überschwenglichkeit in der Aufnahme; alles andere
mutet ihn gar so karg und verletzend an. Weit weniger auf
Übereinstimmung
im Urteil kommt es ihm an, als auf Übereinstimmung der
„Temperatur“
des Herzens. Man ist noch ganz unfähig, selber zu übersehen,
was man geleistet hat, — das Unzulängliche sticht viel eher und so
unerbittlich ins Auge... denn solche Arbeiten sind nicht wie
Kunstwerke,
ruhend in der eigenen Abgeschlossenheit, sondern betreffen, gleichsam
„naturhistorisch“,
einen faktisch vorhandenen Gegenstand und können niemals ihm
wirklich
objektiv adäquat sein... und da ist es eine göttliche
Wohltat,
wenn einer, dessen Worte inneren Wert besitzen und sich durch Klang und
Inhalt als aufrichtig bewähren, einem zuruft: Du hast wacker
gearbeitet.
In dem warmen Dank eines solchen liegt alles: denn hat mein Buch ihm
etwas
g e g e b e n, ihm neue Gesichtspunkte eröffnet, ihn
dem
nie auszukennenden Goethe nähergeführt, so daß er
manche
Dinge aus seiner Feder hinfürder mit vollkommenerem
Verständnis
lesen und dadurch die ganze Gestalt Goethes und auch seine ganze Welt —
und wäre es auch nur um ein Weniges — besser, leuchtender,
ausführlicher
erblicken wird, — ja, dann hat mein Buch geleistet, was es wollte, und
ich genieße inniges Glück in dem Bewußtsein, daß
die Jahre, die mir so unermeßlich viel gaben, zugleich auch
für
einige andere mitgelebt wurden — und dann auch gewiß weit
über
mein Leben hinaus.
Und das alles,
hochverehrter
Herr und erwünschtester aller Leser, haben Sie mir gegeben; und
zwar
so gegeben, daß die Sache sozusagen für mich jetzt erledigt
ist und ich meinem Verleger das strenge Verbot zukommen lassen konnte,
mir keine einzige Zeitungskritik zu schicken. Derlei Dinge wiederholen
sich nicht. Und sollte selbst sich einer finden — ein Seltener —‚ der
so
reich wäre wie Sie, er wird sicher nicht so generös sein, so
generös, daß ich, wie die Bettler, nur sagen kann:
„Vergelt‘s
Gott! “, denn eigentlich danken kann man für so etwas nicht, — man
würde ins Sentimentale geraten, wo wir beide nicht gern weilen.
Eine ganz besondere,
eine „bebenbe“ Freude haben Sie mir durch Hervorhebung von Seite 312
ff.
gemacht. Als ich nämlich diesen Abschnitt schrieb, geriet ich in
jene
echte Stimmung, wo man sich wie von einer geheimen Macht getrieben
fühlt.
Ich war ebenso hingerissen, als hätte ich das schönste
Gedicht
geschaffen. Und da war es niederschlagend, wenn einzelne andere, die
diesen
Abschnitt kennen lernten, nichts Besonderes dabei zu empfinden
schienen.
Es ist eben das Ei des Kolumbus; alles liegt auf der Hand; wer also
nicht
ahnt, daß noch kein Mensch es erblickt hatte und es darum auf
einen
„siegreichen“ Nachweis ankam (um Ihr Wort mir anzueignen), der
schluckt‘s
hinunter wie Butterbrot und sagt nicht einmal Danke. Die Sicherheit,
mit
der Sie gerade auf diese Stelle den Finger legten — eine der wenigen,
wo
Subjekt (Chamberlain) und Objekt (Goethe) sich mathematisch genau
decken,
hat mir nicht nur außerordentliche Freude gemacht, sondern mir
großes
Vertrauen zu allen Urteilen gegeben, die Sie sonst noch über
Einzelheiten
im Buche fällen.
Ebenso scharfsinnig
weisen Sie auf einen kritischen Punkt mit Ihrem Vorschlag, die Seiten
359
bis 364 in den Abschnitt „Organisches“ einzugliedern. Nur muß ich
Ihnen offen gestehen, daß hier ein architektonisches „artifice“
vorliegt, und daß ich erst nach häufiger, eingehender
Überlegung
mich schließlich doch entschloß, die Sache so zu lassen,
wie
sie steht. Da nämlich Goethe im Anorganischen fast lediglich
Sammler
und empirischer Beobachter war, und im übrigen nur einige wenige —
allerdings großartige — Ideen aufstellte und durch mehr
zufällig
hingeworfene Äußerungen Tiefblick verriet, so fällt
dieser
Abschnitt dem Umfang und somit auch dem „Gewicht“ nach etwas karg aus,
und ich bin froh, durch die Einschiebung dieser polemischen
Auseinandersetzung
— die unentbehrlich ist, aber freilich ebensogut an anderem Orte stehen
könnte — die Gelegenheit zu gewinnen, mich hier ein wenig mehr
auszudehnen.
Es schien mir das vorteilhafter, als wenn ich zu dem einzigen anderen
Ausweg
gegriffen hätte — nämlich die Proportionen in der Behandlung
des einzelnen plötzlich zu ändern. Habe ich geirrt, so
geschah
es wenigstens nicht aus Unachtsamkeit. Auch weiß ich nicht, ob
ich
mich entscheiden könnte, hier zu verschieben: vielleicht
verlöre
ich mehr als ich gewönne.
Mehr Eindruck — weit
unerwarteter — macht mir Ihr Vorschlag, Seite 345 ff. direkt an 277
anzugliedern.
Daß ich eine gewisse Scheu habe, in das einmal Abgeschlossene
einzugreifen,
werden Sie verstehen und aus eigener Erfahrung kennen; jedenfalls
scheint
mir aber dieser Wink sehr dankens- und erwägenswert.
Unendlich dankbar
wäre ich — ich tue keine Bitte, denn das wäre unbescheiden,
aber
— unendlich dankbar wäre ich, falls Sie einige Sätze, Die Sie
zweimal lesen mußten, um sie zu verstehen, mir anzeigen
könnten.
Haben Sie sie vielleicht beim Lesen angestrichen, so würde eine
bloße
Postkarte genügen: Seitenzahl und erstes Wort. Zwar werde ich
selber
darauf Jagd tun, doch bin ich nicht sicher, die Schwierigkeit für
andere immer richtig zu erraten.
Ja, auch mich
berührt
die Polemik in Kapitel 5 nicht durchaus angenehm. All that I can
say
for myself ist, daß ich vieles davon gestrichen und gemildert
habe! Aber Sie haben vollkommen recht: es könnte noch mehr
verschwinden
oder in die Anmerkungen verwiesen werden.
Die Richtlinien auf
Richard Wagner dachte ich ohne alle tendenziöse Übertreibung
und Emphase deutlich aufgezeigt zu haben: Musik in gewissen Situationen
„noch höher als Sprache“, — die fortgesetzten Versuche, das Drama
unter Mitwirkung der Musik zu gestalten, — die tiefe (antiglucksche)
Einsicht
in die entscheidende Tatsache, daß nicht die Worte, sondern
vielmehr
„die Pantomime, die Handlung“ dasjenige sind, woran die Musik organisch
anzuknüpfen hat (Seite 546), so daß die Vermählung von
Auge und Ohr, von Gesehenem und Gehörtem das primär Gegebene
im neuen Drama sein muß, wogegen Wortausdruck und Tonausdruck
erst
aus dieser poetisch stattgehabten Ehe hervorsprießen, — die
Versetzung
der Tragik in eine andere Sphäre, indem die Erlösung nicht
mehr
jenseits des Dramas liegt, sondern dessen Krönung bildet: alles
dies,
nebst manchem Nebensächlicheren, auf das ich aufmerksam gemacht
habe,
scheint mir eine wahre Verwandtschaft zwischen beiden Dichtern zu
bilden,
jedenfalls aber zu interessanten, anregenden — weil beiderseitig
aufhellenden
— Ideen und Einsichten hinzuführen. Meine Absicht lag fern von
aller
plumpen und schließlich irrelevanten Geschichtskonstruktion, sie
betraf vielmehr jene „Doppelreflexion“, von der Goethe gern spricht und
wodurch Unaussprechbares wie durch sinnlich unwahrnehmbare
Ätherwellen
ins Bewußtsein getragen wird.
Die freundliche
Rüge
bezüglich einer „Überschätzung des Sakramentalen“
gehört
zu jenen Dingen, die mir eine heitere Freude bereitet haben; Ihrem
Scharfblick
entgeht nichts; mein Gewissen ist an dieser Stelle nicht ganz rein; ich
wollte schnell vorwärts kommen, eindrucksvoll, unzweideutig, das
Gegebene
paßte sehr gut, und die Reservationen und Verklausulierungen sind
mir stilistisch zuwider; ich dachte, der Vernünftige macht sie von
selbst. Ich rufe Ihnen also Bravo! zu, werde aber doch nichts hier
ändern.
Sie selbst fügen richtig hinzu: oder
überschätzt
e r s c h e i n t“, und treffen damit das Richtige, wie
immer.
Von
größter
Bedeutung sind mir dagegen Ihre Bemerkungen über die Abschnitte 1
und 2 vom 6. Kapitel. Natürlich muß ich sehr vorsichtig
sein;
doch hatte ich mir, noch ehe Ihr Brief eintraf, eine ganze Seite des
ersten
Abschnittes als zu streichen notiert; Ihr Urteil bestärkt mich in
dem Gefühl, daß hier — nicht bloß wie mancherorten
Unzulängliches
vorliegt, sondern — daß hier noch etwas Positives an Aufhellung,
Entlastung, Vereinfachung geleistet werden könnte. Ob es gelingt,
weiß ich nicht; jedenfalls will ich es ernstlich versuchen.
Gott! wie dankbar
wäre ich gewesen, wenn ich bei jedem meiner Bücher einen
Freund
zur Seite gehabt hätte, fähig, das, was ich tat, zu
übersehen,
und gewillt, mich durch Rat zu unterstützen! So keck ich manchmal
schreibe, so innerlich grundbescheiden bin ich. Stets habe ich mich
danach
gesehnt, doch Hilfe nur bei sekundären Begabungen gefunden,
während
die Bedeutenderen sich entzogen.
Über die
jüdische
Frage würde ich am liebsten hier kein Wort sprechen; Sie werden
Ihre
Meinung nicht ändern, und ich die meine ebensowenig. Erlauben Sie,
daß ich Sie an Kants Wort erinnere: daß bei bedeutenden
Werken
die sogenannten Fehler einen integrierenden Bestandteil bilden, an dem
man nicht rütteln darf, da sie zum Organismus des Ganzen
gehören.
Mögen Sie hier also, wenn Ihr Urteil es fordert, einen
„entstellenden
Flekken“ erblicken; bei näherer Betrachtung werden Sie gewiß
entdecken, daß manches Vortreffliche, manches, was Ihnen
Anlaß
zu so warmen Worten der Anerkennung gegeben hat, untrennbar eng mit
diesem
„Fehler“ verwachsen ist. Manche Einsicht gewinnt nur derjenige, der
sich
resolut und, wenn es sein muß, gewaltsam von allem
„Jüdischen“
abwendet. Sie schreiben mir: „Je schlimmer der Jude, um so
größer
muß unsere Liebe sein“; und ich will nicht leugnen, daß ich
das Wort in dem Munde eines Verkünders des Evangeliums schön
finde. Doch für uns simple Weltkinder finde ich das Rezept
höchst
bedenklich, ja, lebensgefährlich. Aufrichtig gesagt, ich kann mir
bei dem Begriff „Liebe“ nichts vorstellen, wenn es nicht auch ein Ding
gibt, das „Haß“ heißt. Ich fühle mich nicht
unfähig
— wenigstens nicht ganz unfähig —‚ dem Worte Christi zu folgen und
einen Feind zu lieben, verstehe aber darunter den einzelnen Mann, der
mir
rein persönlich Schaden zufügt, an Gut, Leib, Ehre; ich
begreife
aber nicht die Aufforderung, das Schlechte, das Schändliche, das
Gemeine,
dasjenige, was alle Tage auf allen Gebieten alles, was mir hoch und
heilig
ist, beschmutzt, vergiftet, niederreißt, damit alles Edle an
unserm
lieben armen großen Europa rettungslos dem Untergang weihend —
ich
begreife nicht die Aufforderung, es zu lieben; mit allen Kräften
meiner
Seele hasse ich es und hasse es und hasse es! Und wie dieser Haß
aus meiner leidenschaftlichen Liebe entsprießt, ebenso
kräftigt
sich und wächst meine Liebe aus diesem Haß. Gäbe ich
einmal
den Haß auf, ich bliebe bettelarm an Liebe. Also seien Sie auch
hierin
generös und lassen Sie mir meinen Haß, auf daß ich
nicht
meine Liebe verliere; denn in ihr wurzelt rein alles, was ich bin und
kann.
Zum Schluß
etwas, was an den Anfang gehört, dort aber vergessen wurde.
Da ich an Ihren so
lieben Briefen nichts höher schätze als ihre
Spontaneität,
so weiß ich sie auch in dieser Eigenschaft hochzuhalten.
Außer
meiner lieben Frau hat sie niemand gesehen und soll sie niemand sehen.
Sie hatten die Generosität, in der Hitze des ersten Eindrucks zu
schreiben;
mit der Zeit wird vermutlich eine kritischere Stimmung Platz greifen;
vielleicht
erblicken Sie nach einem Jahre das Buch in einer anderen Perspektive.
Ich
aber bin ein Egoist und will mir das Anrecht oder wenigstens die
Hoffnung
auf ein künftiges Labsal dieser einzigen Art nicht rauben. Nur
wenn
ich wirklich diese und jene bedeutende Änderung durchführen
sollte,
würde ich vielleicht stolz tun mit Ihrer Anregung hierzu; sonst
möchte
ich — der ich in Wahrheit so ganz außerhalb der Welt lebe — in
der
Stille des eigenen Herzens und Geistes des Glückes genießen,
das Sie mir gewähren.
Entschuldigen Sie
dieses lange Schreiben und entschuldigen Sie die „Maschine“; ich
diktiere
nicht, sondern schreibe sie selber seit dreißig Jahren; es geht
mir
viel schneller und müheloser als die Feder und hat den Vorzug,
lesbar
zu sein. Hoffentlich also hat der Gebrauch für Sie nichts
Verletzendes?
In größter
Verehrung und Dankbarkeit
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
H. hatte beim Lesen des „Goethe“
nach jedem Kapitel eingehend an den
Verfasser
geschrieben.
218-219
An Oberpostassistent Greshoff
Sehr geehrter Herr,
Zu meinem
lebhaften
Bedauern erhalte ich e r s t h e u t
e
Ihre Sendungen vom 11. Januar nachgesandt.
Für die Absicht
und die Bemühung danke ich Ihnen, doch muß ich, wie mein
hochverehrter
Freund Harnack, gestehen, daß ich für Lourdes und was dort
mit
hysterischen Patienten vorgeht, nicht das geringste Interesse hege.
Aller Materialismus
ist mir verhaßt — gleichviel ob er sich nach Büchner oder
Moleschott
richtet oder nach den den heiligen Namen Christi mißbrauchenden
Dunkelmännern.
„Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht ist es, das nach
Wundern
verlangt“ — so rief der Heiland aus, und so rufe auch ich Ihnen zu.
„Wunder“ — wie man
sie nennt — hat es zu allen Zeiten gegeben, nichts ist so
gewöhnlich;
schon im alten Babylon mußten sie vom Gott Marduk zeugen; die
allerunerklärlichsten
werden noch heute am Kongo und auf Haiti von Negern vollbracht; ich
habe
selber Heilungen und Teufelaustreibungen im Osten Europas beigewohnt;
eine
arme Frau schrie laut: sie habe „tausend katholische Teufel, tausend
griechisch-orthodoxe
Teufel und tausend muselmännische Teufel in sich“ — eine
schöne
Ladung, — die guten frommen Franziskaner gaben sich alle Mühe und
es gelang ihnen an jenem Johannisfest, dem ich beiwohnte,
fünfhundert
dieser Teufel auszutreiben, der eine rannte sogar in Gestalt eines
schwarzen
Dackels sichtbar davon, — mehr ließ sich an diesem Tage nicht
leisten,
doch wurde mir erzählt, im Laufe drei weiterer Jahre sei die Frau
vollkommen geheilt worden.
Thaumaturgie hat
mit wahrer Religion, mit jener rein inneren Umwandlung, von welcher
Christus
zu Nikodemus spricht, so wenig zu tun, daß man sie vielmehr als
deren
Gegensatz und Verleugung bezeichnen muß.
Wer Augen zu sehen
hat, braucht nur in Gottes Natur hinauszuschauen, wo und wann er will:
alles ist Wunder, unergründliches Wunder.
Hochachtungsvoll
Houston Stewart Chamberlain.
Eure Exzellenz
darf ich wohl bitten, diesen Brief
auf
einen Mußeaugenblick zurückzulegen?
Mein Interesse
für
Uexkülls Forschungen ist Ihnen bekannt; mit Herrn August Ludowici
bin ich schon seit Jahren befreundet: so kam es, daß ich schon
vor
Monaten über Stiftung, Stifter und „in spe“ Bestifteten
orientiert
war und inzwischen von beiden Herren hin und wieder ins Vertrauen
gezogen
wurde. Der Versuchung, aus reiner Begeisterung zu reden, widerstand
ich;
auch der noch größeren Versuchung, Klage darüber zu
erheben,
daß wieder einmal, wo man einen großen, dunkle Kontinente
aufschließenden
Strom echt biologischer Forschung erwarten durfte, nur ein neuer
riesiger
akademischer Sumpf erstehen soll, ohne Zufluß und ohne
Abfluß,
eine Brutstätte für Frosch-Mäusekriege. Jetzt aber, wo
alles,
was meine Wenigkeit nichts angeht, erledigt ist, drängt es mich,
Ihnen
ein Wort über Uexküll zu sagen; denn e
r
geht mich an, wie er jeden lebendig lebenden Menschen angeht, und es
gibt
Augenblicke, wo die Schweigepflicht in die Redepflicht umschlägt,
namentlich einem Manne gegenüber, der infolge seines
unvergleichlichen
Ansehens vielleicht einmal eine ausschlaggebende Entscheidung
herbeiführt.
Uexkülls
kopernikanische
Idee ist die des „Planes“; in meinem Kantbuche wollte ich dasselbe mit
den Worten ausdrücken: „Leben ist Gestalt.“ Der Fachmann glaubt
hierin
eine These zu erblicken, irgendeine sich einschleichende Philosophie,
die
der empirischen Forschung hemmend im Wege stehen soll — oder jedenfalls
stehen wird. Der Laie empfindet zwar diese Bedenken nicht, weiß
aber
das Neue in der Problemstellung nicht zu erfassen; er sagt sich: „Nun
ja,
natürlich ist alles Lebendige planmäßig angelegt, das
habe
ich immer gewußt“; ist er gebildet, so fügt er ein Zitat aus
Aristoteles hinzu und die Sache ist erledigt. So begreift denn weder
der
eine noch der andere, daß hier ein neues Forschungsprinzip
vorliegt.
Sobald die Natur genial befragt wird, gibt sie geniale Antworten.
Nichts besitzt
für
Wissenschaft und Menschheit größere Bedeutung als die
Erschaffung
und die Durchsetzung neuer Ideen. Es ist einfach nicht wahr, daß
Ideen notwendig sich aufdrängen und zu einer bestimmten Epoche
hervorbrechen
m ü s s e n. Nicht ein einziger Beweis kann dafür
erbracht werden, daß unsere moderne Physik der strahlenden
Energie
und mit ihr die gesamte elektromagnetische Technik ohne den einen
Faraday
entstanden wäre: Nur ein Charakter von seltener
Unabhängigkeit
und Redlichkeit, nur ein unbeirrbar gerade gerichteter Intellekt,
vielleicht
auch nur ein spät und halbgebildeter Mann aus dem Volke konnte die
Naivität, die Kraft der Wahrhaftigkeit, den Mut besitzen, die in
Acht
und Bann getane, unter angeblich Newtonschen Dogmen der Physik
begrabene
Weisheit der Alten aus sich selber von neuem zu gebären, und
eigensinnig
zu lehren: natura abhorret vacuum — denn das ist doch, kurz
gesprochen,
der Kerngedanke Faradays, aus welchem zuerst seine Experimente, sodann
seine Entdeckungen, schließlich das ganze Gebäude seiner
neuen
Auffassung der Naturkräfte hervorgehen, bis schließlich,
lange
nach seinem Tode die Zeiten reif waren, einen im Gegensatz zu Faraday
mit
den reichen Hilfsmitteln hoher Bildung ausgestatteten Heinrich Hertz
hervorzubringen,
der eine Physik der lückenlosen Fülle theoretisch aufrichten
und den Schul- und Universitätsammenmärchen entgegensetzen
kann,
und ohne irgendein Bedenken unsichtbare Körper und unnachweisbare
Kräfte postuliert, so viele man will, damit nur keine
Unterbrechung
der „Berührung“ irgendwo vorkomme. Die Fachleute seiner Zeit taten
Faraday zunächst als Ketzer in Acht und Bann, die
Nichtfachmänner
begriffen nicht, inwiefern eine neue Welt sich aus einer so einfachen
Annahme
wie die der Berührung sich entwickeln sollte. Inzwischen schritt
er
von einer Entdeckung zur anderen, und nach hundert Jahren
überzeugt
die Elektrotechnik selbst blöde Hirne von der Originalität
und
Fruchtbarkeit jenes Gedankens.
Mit Faraday
möchte
ich Uexküll am liebsten vergleichen, sowohl bezüglich der
Natur
der zugrunde liegenden Leistung, wie auch in Hinblick auf das Wesen
seiner
Persönlichkeit. Was bei jenem das Volksmäßige, tut hier
echter Adel; und was es so leicht für Zeitgenossen macht,
Uexküll
zu unterschätzen und so schwer, ihn annähernd auf seinen Wert
zu schätzen, ist, daß er, wie Faraday, eine neue Leitidee in
die Beobachtung der Natur einzuführen bemüht ist. Ob
buchstäblich
neu oder erneuert ist gleichgültig, denn das Vergessene ist — wie
Uexküll selber irgendwo sagt — für die Wissenschaft tot;
außerdem
ist Uexkülls Idee jedenfalls ebenso neu wie Faradays es seinerzeit
war, deren „Fülle“ einer anderen Beobachtungswelt entstammte als
das
Dogma unserer Altvordern. Und wie Faraday, so gibt auch Uexküll
Schritt
für Schritt, Stufe für Stufe zur Einführung seiner Idee
nicht allein Gedanken, sondern Beobachtungen, neuentdeckte Tatsachen,
handgreifliche
Aufklärungen. Diese Idee Uexkülls ist wirklich Erfahrung —
möge
der große Immanuel mir diese Ketzerei verzeihen! Sehen Sie,
bitte,
nur sein Buch an, „Leitfaden in das Studium der experimentellen
Biologie
der Wassertiere“; alles ist praktisch, alles ist einfach: also ganz und
gar „faradayisch“. Betrachten Sie seine vielen Arbeiten: jede gilt
einer
Wirklichkeit und jede führt die Sache durch von Anfang bis Ende,
ist
also nicht — wie neun Zehntel aller heutigen Naturforschung — ein
Ansammeln
von Material und wieder Material, mit welchem letzten Endes kein Mensch
je etwas wird anfangen können. Uexkülls Arbeiten, deren
Ergebnisse
meist auf wenigen Seiten Druck aphoristisch zusammengedrängt
werden
können, stehen eine jede abgeschlossen da, bis zum Rande
angefüllt
mit Tatsachengehalt, an Anregungsreichtum unerschöpflich. — Was
den
Fachmann irremacht und den Laien verdutzt an Uexkülls
Fragestellung
sowie an seinen Ergebnissen, ist die E i n f a c h h e i
t.
Ich habe den Eindruck, als ob nicht ei