Here under follows the transcription of second half of the first volume of Briefe 1882-1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II, letters from Houston Stewart Chamberlain to various people and correspondence between him and emperor Wilhelm II, edited by Paul Pretzsch, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1928.

Hieronder volgt de transcriptie van de 2e helft van het 1e deel van Briefe 1882-1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II, brieven van Houston Stewart Chamberlain aan verscheidene personen en de correspondentie tussen hem en keizer Wilhelm II, geredigeerd door Paul Pretzsch, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1928.
 
 
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Band I, Seite I-VI: Einführung/Inhaltsübersicht
Band I, Seite 001-171: Die Briefe I. 1882-1907

Band I, Seite 172-332: Die Briefe I. 1908-1915
Band II, Seite 001-128: Die Briefe II. 1916-1924
Band II, Seite 129-275: Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II
Band II, Seite 276-288: Verzeichnis der Eigennamen
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172-174 An Professor Hans Delbrück



Wien, 16. Januar 1908.

Sehr geehrter Herr!

    Wollen Sie einem alten treuen Leser und Abonnenten der „Preußischen Jahrbücher“ eine kleine Bemerkung gestatten, die nur Ihr Ohr treffen soll, nicht eine weitere Öffentlichkeit, deren Berührung ich stets so viel wie möglich vermeide.
    Habe ich — und zwar schon seit Jahren — die „Preußischen Jahrbücher“ mit Ausschluß aller andren Monatsblätter dieser Art zu meinem „Leibjournal“ auserkoren, so geschah dies nicht wegen einer in einer reichbewegten Welt unmöglich zu erzielenden Übereinstimmung in allen Ansichten und Auffassungen, sondern weil der höchst gediegene Inhalt durch einen wirklich vornehmen Ton gehoben wird. Gegen Schärfe wird kein vernünftiger Mensch etwas einzuwenden haben; doch die rüpelhafte Anpöbelung und die perfide Ehrenabschneiderei — sonst leider selbst in wissenschaftlichen Blättern nicht selten — sind mir in den „Preußischen Jahrbüchern“ nie begegnet. Um so unangenehmer berührte es mich, als ich gestern in Ihrem Januarheft, Seite 36, entdeckte, daß meine Wenigkeit auserwählt worden ist, um auf ihre Kosten unedle Kampfesweise auch in Ihr vornehmes Blatt einzuführen. Was dort in der Anmerkung gesagt ist, ist eine direkte und absichtliche Lüge, eine Perfidie, um meine Person und meine redlichen Arbeiten in den Augen Nichtwissender herabzusetzen. So kämpft kein anständiger Mensch, und eine vorsichtige Redaktion dürfte, meine ich, einen derartigen Ton nicht gestatten.
    In Wahrheit wurde meine Dissertation nicht „in jüngeren Jahren“ geschrieben und veröffentlicht, sondern (wie Prof. Hansen und Privatdozent Bruck sehr gut wissen, da sie das Buch in Händen haben) in den Jahren 1896 und 1897, das heißt mitten in der Arbeit an den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, und in einem Augenblick, wo ich das vierzigste Lebensjahr schon hinter mir hatte. — Ohne das Zureden eines so großen Botanikers wie Julius Wiesner hätte ich mich nie entschlossen, diese meine viele Jahre früher gemachten Versuche über den aufsteigenden Saft (die nur als Rohmaterial vorlagen) zu bearbeiten und in Buchform herauszugeben. Und was die maliziöse Behauptung betrifft, dieser Versuch sei „sehr unglücklich ausgefallen“, so kann ich nur darauf aufmerksam machen, daß die ersten deutschen Lehrer (wie Strasburgers, Pfeffers usw.) heute   a l l e   ihrer erwähnen, und daß in einer größeren Arbeit im „Biologischen Zentralblatt“, 1907, von Ursprung über „die Wasserversorgung der Pflanzen“ ausdrücklich auf meine „Recherches sur la sève ascendante“ als einzige Quelle für unsere Kenntnis gewisser Tatsachen verwiesen wird. Hofrat Wiesner hat mir das Zeugnis ausgestellt: „Ihre Beobachtungen über den aufsteigenden Saft sind die exaktesten, die jemals angestellt worden sind“; und Reg.-Rat Reinke (Kiel) — nebenbei bemerkt einer der genauesten lebenden Kenner der Saftbewegungen der Pflanze —‚ mit dem ich in keinerlei Verbindung stand, hat auf diese Veröffentlichung hin eine Korrespondenz mit mir eröffnet, die noch heute fortdauert; einem seiner letzten Bücher hat er ein Motto aus meinen „Recherches“ vorangestellt, und in seine Schrift „Die Natur und Wir“ (1907) hatte er die Güte einzuschreiben: „Seinem Lehrer Houston Stewart Chamberlain.“
    Ohne also die sehr beschränkte Bedeutung einer derartigen Spezialarbeit irgendwie übertreiben zu wollen — im besten Falle handelt es sich um ein Sandkorn —‚ darf ich doch behaupten, daß das „sehr unglücklich ausfiel“ ebenso absurd in der Tat wie verleumderisch in der Absicht ist.
    Und nun kommt noch die ausgesucht kanaillenhafte Lüge, daß ich, weil dieser Versuch unglücklich ausgefallen war, „nachher“ das botanische Studium aufgegeben habe. Wogegen ich in Wahrheit die Laboratoriumsarbeiten wegen schwerer langanhaltender Erkrankung aufgeben mußte, und erst viele Jahre später, als ich schon lange auf andrem Gebiete tätig war, einen Bruchteil meiner Ergebnisse rettete; Ergebnisse, die jetzt noch, wie Sie sahen, 25 Jahre, nachdem ich sie erzielte, als Autorität und — innerhalb eines beschränkten Teilgebietes — als einzig in ihrer Art zitiert werden; immerhin etwas bei unserer schnell schaffenden Wissenschaft.
    Da das eine Seite lange Vorwort und die erste Seite der Introduktion meiner „Recherches“ in wenigen Worten alle Daten genau angeben, waren sie den genannten Herren H. und B. bekannt; kannten sie sie aber nicht, so hatten sie als Männer der Wissenschaft nicht das Recht, über Dinge zu reden, über die sie keine genaue Kenntnis besaßen.
    Entschuldigen Sie die Länge dieser Ausführungen; es erfordert immer viel Zeit und Mühe, eine boshafte Verleumdung zu widerlegen.
    Was Prof. Hansen selbst betrifft, so ist dessen Geist so roh, daß in der gesamten Botanik kaum ein ungeeigneterer Mann zur Behandlung jenes Themas hätte gefunden werden können. Was er über mich referiert, verhält sich zu dem, was ich in Wirklichkeit gesagt und beabsichtigt habe, wie die Rede des Justizrats Bernstein vor dem Schöffengericht zu dem wahren Charakter meines Freundes, des Grafen Kuno Moltke. Wenn‘s nicht traurig wäre, wäre es zum Lachen. Das ist derselbe Hansen, der („Goethe-Jahrbuch“, 1906) den unsterblichen, einzigen Linné als „geistlosen Handwerker“ anranzt; der vornehme Ton des Jüngers steckt also schon im Meister.
    Und dies veranlaßt mich zu einer Schlußbemerkung: Halten Sie es wirklich für empfehlenswert, ja, selbst nur für zulässig, daß, wie in diesem Falle, der Assistent über ein Buch seines eigenen Vorgesetzten referiert? Glauben Sie, daß völlige Aufrichtigkeit und Freiheit hier menschlich wahrscheinlich sind?
    Mit der Bitte, diese Epistel so aufzunehmen wie sie gemeint ist, das heißt als Meinungsäußerung eines treuen Freundes Ihrer „Jahrbücher“, und der nochmaligen Wiederholung, daß ich weder eine Berichtigung noch irgendeine weitere Erörterung der betreffenden Sache wünsche, denn Lügen richten sich immer selber, bin ich, sehr geehrter Herr, Ihr dankbarer Leser und

Ihr in aufrichtiger Verehrung ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

175-176 An Professor Wilhelm Roux



Wien, am 19. Februar 1908.

Sehr geehrter Herr Professor!

    Eine schlimme Influenza, die ich noch immer nicht ganz abschütteln konnte, hat mich lange verhindert, Ihre so reiche Sendung mir anzueignen und Ihnen meinen aufrichtigen Dank auszusprechen. Sie wollen das gütig entschuldigen und überzeugt sein, daß ich Ihnen wirklich von Herzen dankbar bin für die viele Belehrung, die mir auf diesem Wege zuteil wird und die ich sonst entbehren müßte, da ich zwar das „Biologische Zentralblatt“, das „Archiv für Protistenkunde“ und einige andre Blätter halte, natürlich aber nicht in der Lage bin, auf diesem unmeßbaren Gebiet sehr weit mich hinauszuwagen.
    Ich kann Ihnen gar nicht sagen, mit welcher Genugtuung ich Ihren Kampf gegen die Psychomorphologen verfolge. Die wissenschaftliche Befähigung der Vertreter dieser Lehre will ich nicht anzweifeln, doch daß sie auf einen Bankerott der exakten Wissenschaft notwendig hindrängen, das ist so gewiß wie die Sonne am Mittag. „Romantiker der Wissenschaft“ nannte kürzlich unser vortrefflicher Hofrat Wiesner die Herren Francé & Co. Nach meinem Dafürhalten handelt es sich um ein   W i e d e r a u f l e b e n   der vor 100 Jahren blühenden Natur-Philosophie. Und zwar will mich dünken, diese jetzige Gestalt der Natur-Philosophie sei eigentlich gefährlicher als die damalige. Denn die Vorstellungswelt der Schelling, Hegel usw., die ja ursprünglich im Anschauen wurzelte, führte unvermeidlich immer weiter und weiter davon hinweg, in das Abstrakte und immer mehr Abstrakte; wogegen diese jetzige Generation, ausgehend von einem völlig sinnleeren Gerede über Seele, Psyche usw. dieses nun ganz materiell verwendet und ihr ganzes Streben darauf richtet, den Schattengestalten empirisches Dasein zu verschaffen. Die Folge wird sein, wenn ich nicht sehr irre, daß wir nächstens bei einer viel dümmeren und prätentiöseren Ausgabe der Büchner und Moleschott wieder ankommen.
    Entschuldigen Sie diesen Herzenserguß und glauben Sie, sehr geehrter Herr, an meine verehrungsvolle Ergebenheit.

Houston S. Chamberlain
 

176-177 An Professor Julius Wiesner



Wien, den 16. Juni 1908.

Sehr geehrter Herr und Freund!

    Indem ich Ihnen bestens für Ihre Zeilen danke, will ich doch noch einige Worte über Ihren Aufsatz hinzufügen.
    Erstens die Versicherung, daß ich diese Ausführungen für sehr bedeutend halte und mich auf die Stunden freue, wo ich sie noch einmal mit größerer Muße wirklich durchstudieren kann. Denn das Ganze ist sehr kunstvoll aufgebaut und nichts weniger als ein gewöhnlicher Revueaufsatz. Wie Sie voraussetzten, hat natürlich einiges — ich will nicht sagen meinen Ansichten, aber meinen Wünschen — nicht ganz entsprochen, trotzdem ich in der Hauptsache mit Ihnen vollkommen übereinstimme. Es fehlt mir immer die Betonung der Tatsache, daß eine Kritik der Erkenntnis für jeden denkenden Naturforscher unerläßlich ist; sie ist schon darum unerläßlich, weil er ohne sie notwendigerweise in Metaphysik und Dogmatik, womöglich aber in Naturphilosophie verfällt. Philosophie ist nicht ein bestimmtes Wesen, welches dasteht und behandelt wird wie etwa Botanik und Zoologie, sondern es gibt eine erträumte konstruktive Philosophie von den ältesten Zeiten an bis zu Professor Mach, und es gibt eine Newtonsche, rein wissenschaftliche Kritik des Menschengeistes, die einzig Kant durchgeführt hat; diese zwei Dinge muß man unterscheiden, meine ich, und man muß darauf aufmerksam machen, daß nicht naturwissenschaftliche Erkenntnis an und für sich, sondern einzig Erkenntniskritik im Sinne Kants befähigt, die Grenzen zu ziehen. Mir scheint es, daß Ihr Aufsatz in diesem Punkte nicht die genügende Deutlichkeit besitzt. Solange nicht Kritik geübt wird, werden die Naturforscher selbst immer wieder in ganz naiver Weise in Mystik, Romantik und Naturphilosophie à la Ostwald verfallen.
    Weiteres mündlich ein andres Mal und inzwischen wiederholten Dank für diese schöne Arbeit, die gewiß in den Kreisen, für die sie bestimmt ist, Aufsehen erregen und Nutzen stiften wird.

Houston S. Chamberlain.
 

177-178 An Baron J. von Uexküll ¹



1/10/1909
Wahnfried
Bayreuth

Hochgeehrter Herr

    Gestern nachmittag empfing ich Ihr Buch „Umwelt und Innenwelt der Tiere“ und ließ sofort alles liegen, um Einleitung, Schluß, Protoplasmaproblem und einige andere Kapitel im Fluge zu genießen. Es ist für mich immer ein Festtag, wenn etwas aus Ihrer Feder eintrifft — denn eben, ehe es in die Feder kam, war es im Hirn gewesen, und ehe es ins Hirn kam, hatte es im sinnenden Auge geweilt. Und alles ist interessant, das Kleinste wie das Größte, — denn wo es das wirkliche Leben gilt, da ist nichts nebensächlich. Man atmet auf, und ruft: Endlich! Endlich!
    Es hat mich gefreut, den Namen unseres jungen Freundes² zu finden — von dem ich übrigens seit langem nichts weiß. Ich hoffe, er hat die zweite Operation gut überstanden, und ich hoffe, das „Schauen“ hält ihn weiter bei Ihnen fest, zur dauernden Befruchtung seiner außergewöhnlichen Denkanlagen.
    Doch meine heutigen Zeilen sollten vor allem dem einen gelten: Ihrer Widmung! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sie mich ergriffen hat und wie sie mein Herz gleichsam mit Dank erfüllte. An Hans von Wolzogen, der zufällig gerade hereintrat, sah ich, daß diese Wirkung bei allen edel denkenden Menschen dieselbe sein wird.
    Immer denke ich mit Rührung und Dankbarkeit der Stunden, die ich in jenem glücklichen Familienkreise verleben durfte; sollten Sie mit dem Fürsten³ in brieflichem Verkehr stehen, so bitte ich ihm bei Gelegenheit meinen verehrungsvollen Gruß zu übermitteln.

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ An ihn ist der dritte Brief der „Lebenswege meines Denkens“ gerichtet.
    ² Dr. Felix Groß.
    ³ Fürst Philipp Eulenburg.
 

178-179 An die Redaktion der „Umschau“



9. November, 1909
Wahnfried, Bayreuth

Hochgeehrte Redaktion

    Als langjähriger Abonnent und Leser Ihrer vorzüglich redigierten Wochenschrift habe ich gestern die Oktobernummern durchstudiert und mit besonderem Interesse die Mitteilungen des Herrn Dr. L. Sofer über die Ausgrabungen in Bismya und Tello gelesen (Nummer 42, Seite 872 f.). Warum aber wird ein Schlußabsatz zu einem Ausfall gegen meine Wenigkeit benutzt?
    Lassen Sie mich meiner Abwehr eine praktisch-greifbare Gestaltung geben, die zugleich Herrn Dr. Sofer die Gelegenheit bietet, etwas für die Förderung der Wissenschaft zu tun. Wenn Herr Sofer Ihnen eine einzige Stelle aus meinen Schriften namhaft machen kann, in welcher ich „der chauvinistischen Lehre, daß alle Kultur von den Ariern herstamme“, Ausdruck gegeben habe, so verpflichte ich mich hiermit, der Redaktion der „Umschau“ sofort 500 Mark bar einzusenden, welche sie zur Förderung irgendeiner naturwissenschaftlichen Arbeit nach freiem Belieben verwenden soll. Ja, ich gehe noch weiter; denn da ich in meinen „Grundlagen“, als ausgesprochener Gegner der Lehren Gobineaus, an vielen Orten gegen den Begriff von ursprünglichen „Rassen“ überhaupt polemisiere und von den sogenannten Ariern ausdrücklich erkläre, sie seien „einer jener Rechenpfennige, ohne die man sich nicht verständigen könnte, die man sich aber wohl hüten müsse für bare Münze zu halten“ (Seite 343), so unterläge obiges Angebot einer auf alle Fälle unerfüllbaren Bedingung; darum erweitere ich es dahin, daß ich die genannte Buße erlegen will, wenn ich von irgendeiner „Rasse“ oder irgendeinem Volke jemals zu verstehen gegeben habe, alle Kultur stamme von ihnen her. In Wirklichkeit habe ich trotz des knappen Raumes die verschiedensten Kulturen in meinem Buche genau zu charakterisieren und zu würdigen versucht, mit besonderer Betonung der Individualität einer jeden; und an fünf verschiedenen Stellen bin ich — unter Berufung auf die Arbeiten von Renan, Maspero, Hommel, Winckler, Sayce, Delitzsch, Franke usw. — auf die große Bedeutung der sumero-akkadischen zurückgekommen.
    Ich fände es sehr begreiflich, wenn Herr Dr. L. Sofer meine Arbeiten geringschätzte oder es gar nicht der Mühe wert fände, sie kennen zu lernen; sie erheben nicht den Anspruch, die Beachtung der Spezialforscher zu verdienen; es berührt aber eigentümlich, wenn gerade Fachgelehrte in leichtfertiger Weise Behauptungen aufstellen, die nicht den bescheidensten Erwartungen in bezug auf Genauigkeit und Wahrheit entsprechen; und es berührt nicht minder eigentümlich, wenn nicht eine sachlich wertvolle Mitteilung, sondern lediglich die Diskreditierung eines gewissenhaft suchenden Zeitgenossen beabsichtigt ist.

Hochachtungsvoll und ergeben

Houston Stewart Chamberlain.
 

180 An die Redaktion der „Umschau“



Vertraulich

23/11/9 Wahnfried, Bayreuth.

Hochgeehrte Redaktion

    Nach Kenntnisnahme der beiliegenden Zuschrift werden Sie es gewiß nicht mißdeuten, wenn ich gestehe, ich hätte lieber jetzt wie damals geschwiegen; nur die aufrichtige Sympathie für Ihr geschätztes Blatt, das mir seinerzeit von meinem Freunde Hofrat Wiesner empfohlen wurde und das ich seit Jahren jedem als einzig in seiner Art empfehle, hat mich veranlaßt, meinen Widerwillen zu überwinden und mich mit Leuten herumzubalgen, die mit so unredlichen Waffen kämpfen. Außerdem setzte ich voraus, daß Ihr Herr Mitarbeiter, wenn auch leichtfertig, so doch nicht böswillig gehandelt hat.
    Sollte übrigens sein Brief noch vom Drucke zurückgehalten werden können, so ziehe ich den meinigen auch zurück, denn nichts liegt mir ferner, als die Leser der „Umschau“ mit meinen Angelegenheiten unterhalten zu wollen.
    Und nun, da wir uns den guten Humor durch solche Lappalien nicht verkümmern lassen wollen, lassen Sie mich sagen, daß die 500 Mark keine Flunkerei waren, sondern daß ich diese Summe zu Ihrer Verfügung auch ohne Dr. Sofer halte, falls Sie einmal, sei es einen Beitrag brauchen könnten zu einer guten Sache, sei es eine Arbeit anregen wollten. Ich mache nur zwei Bedingungen: absolute Anonymität, und darum eine kleine Pause, damit man nicht auf mich rät. Vom Januar ab aber stehe ich zur Verfügung, falls Sie den Vorschlag so aufnehmen wollen, wie er gemeint ist.

In vollkommener Hochachtung

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

181-183 An die Redaktion der „Umschau“, Beilage zum Brief vom 23/11/1909



Wahnfried. Bayreuth.

Hochgeehrte Redaktion!

    Jetzt wissen wir also, daß Herr Dr. Leo Sofer sein Urteil über mich nicht aus der Kenntnis meiner Schriften, sondern aus seiner Zeitungslektüre herholt, was seinem Privatbedürfnis genügen mag, jedoch zu Behauptungen in einer wissenschaftlichen Zeitschrift nicht hinlangt. Mit jenem von ihm angerufenen Journalisten habe ich mich seinerzeit deswegen nicht weiter eingelassen, weil die sämtlichen angeblichen Zitate aus meinen „Grundlagen“ entweder tatsächlich gefälscht oder aber in einer Weise aus dem Zusammenhang gerissen waren, daß sie auf den unkundigen Leser wie Fälschungen wirken mußten; einem Gegner gegenüber, der nicht bona fide vorgeht, verzichten anständige Menschen auf weitere Diskussion. Es tut mir leid für Dr. Sofer, daß er so wenig Unterscheidungsgabe besitzt.
    Wollte ich alles Falsche und alles tendenziös Entstellte in den Ausführungen jenes Gewährsmannes richtigstellen, ich brauchte mehrere Seiten, wofür weder Sie den Raum besitzen, noch ich die Muße. Bei diesen Dingen gilt jedoch der alte Spruch der Juristen: ab uno disce omnes.
    Wir lesen in Herrn Dr. Sofers Erwiderung: „Seite 137 sagt Herr Chamberlain vom Bündnis der Babylonier und Phönizier zur Unterwerfung Griechenlands und Italiens: ‚Die Freiheit und die Kultur wäre vertilgt, also auf ewig vernichtet worden!‘ “ Ich bitte genau zu beachten: es steht „Herr Chamberlain sagt“, und vor und nach den Worten — Die Freiheit usw. — stehen Anführungsstriche, so daß sie als meine ipsissima verba bezeichnet erscheinen. Schlagen wir aber die angegebene Seite nach, so entdecken wir, daß nicht ich hier spreche, sondern Mommsen! Mit genauer Angabe der Quelle („Römische Geschichte“, 1, 321) führe ich an dieser Stelle zwischen Anführungsstrichen Worte Mommsens an. Das „Herr Chamberlain sagt“ ist also eine absichtliche Fälschung jenes Gewährsmannes, begangen in dem verzweifelten Bestreben, aus den zwölfhundert Seiten meines Buches einige Sätze herauszufinden, die, entsprechend verdreht und entsprechend durch Kursivdruck falsch betont, der erlogenen Behauptung als scheinbare Stütze dienen könnten. Zu der Fälschung des Verfassernamens kommt aber noch Fälschung des Textes! Denn in Wirklichkeit sagt Mommsen, den ich natürlich wörtlich genau zitiere: „Mit einem Schlage (wäre) die Freiheit und die Zivilisation vom Angesicht der Erde vertilgt gewesen.“ Und da aller guten Dinge drei sind, begeht der Betreffende noch eine dritte Fälschung, indem er verschweigt, daß ich gegen Mommsens mir in den Mund gelegten Worte einwende: „Ich würde eher die Kultur gesagt haben, denn wie kann man den Babyloniern und den Phöniziern oder auch den Chinesen Zivilisation absprechen?“
    In gleicher Weise ist jede einzelne Angabe, auf die Herr Dr. Sofer sich verläßt, falsch. So soll ich z. B. gesagt haben: „Körperlich und seelisch ragt der Arier unter allen Menschen hervor.“ Auch in diesem Falle sind von den zehn Wörtern vier falsch angeführt, und man wundert sich nicht, wenn Menschen, die unfähig sind, einen einzigen Satz, der vor ihren Augen steht, richtig abzuschreiben, sich als wenig geeignet erweisen, den Sinn eines ganzen Buches zu erfassen; doch gleichviel; die Fälschung besteht hier weniger in dem Wortlaut, als darin, daß nicht hinzugefügt wird, ich habe soeben im selben Absatz zum wiederholten Male angezweifelt, ob es wirklich eine durch Blutbande geeinte „arische Rasse“ gäbe, und meine Überzeugung ausgesprochen, es handle sich vielmehr um eine „Wahlverwandtschaft“ zwischen körperlich und seelisch emporragenden Menschen verschiedener Weltteile und verschiedener Abstammung. Mein Widersacher zitiert mich nun so, daß der Leser glauben muß, ich habe das genaue Gegenteil gesagt.
    Zum Schluß zwei richtige Zitate. In seiner „Römischen Geschichte“, 8. A., I, 15, spricht Mommsen von den „indogermanischen Völkern“ und nennt sie: „den Stamm, auf dem von den Tagen Homers bis auf unsere Zeit die geistige Entwicklung der Menschheit beruht“. Ich habe in meinen „Grundlagen“ nirgends eine so weitgehende Behauptung gewagt: erstens, weil sie über den Horizont unseres Wissens hinausgeht, zweitens weil sie die andern Faktoren unterschätzt, drittens, weil ich dort überhaupt nicht über die „Menschheit“ zu handeln hatte, sondern nur über jene „nördlichen Europäer“, welche „die Träger der Weltgeschichte   g e w o r d e n   sind“ („Grundlagen“, Seite 8), und die ich nach ihrem kräftigsten Stamme als „Germanen“ bezeichne. Von diesen Menschen, dieser Zeit, diesem Weltteil sage ich nun: „Von dem Augenblick ab, wo der Germane erwacht, ist also eine neue Welt im Entstehen, eine Welt, die allerdings nicht rein germanisch wird genannt werden können, eine Welt, in welcher gerade im neunzehnten Jahrhundert neue Elemente aufgetreten sind, oder wenigstens Elemente, die früher bei dem Entwicklungsprozeß weniger beteiligt waren, so z. B. die früher reingermanischen, nunmehr durch Blutmischungen fast durchwegs „entgermanisierten“ Slawen und die Juden, eine Welt, die vielleicht noch große Rassenkomplexe sich assimilieren und mithin entsprechende, abweichende Einflüsse in sich aufnehmen wird, jedenfalls aber eine   n e u e   Welt und eine   n e u e   Zivilisation, grundverschieden von der helleno-römischen, der turanischen, der ägyptischen, der chinesischen und allen anderen früheren oder zeitgenössischen.“
    Diejenigen Ihrer Leser, auf deren Urteil ich — gleichviel ob sie Freunde oder Gegner meiner Auffassungen sind — Wert lege, sind hiermit genügend orientiert und werden schwerlich einer „Wahrheitsliebe“, die mit gefälschten Zitaten operiert, Wert beimessen. Es erübrigt mir nur noch, für die freundliche Raumgewährung Dank zu sagen.

Hochachtungsvoll und ergeben

Houston S. Chamberlain.
 

184-187 An Graf L.



20/2/10

Hotel Metropole. Santa Margherita-Ligure. Italien.

Hochgeehrter Herr Graf

    Gottlob, die Schreibmaschine ist endlich aus Genua angekommen, und ich kann Ihnen dreimal so schnell und dreißigmal so deutlich schreiben und mich nicht bei jedem Worte sorgen, ob Sie auch die Rhinozeroskralle werden entziffern können.
    Zunächst meinen warmen Dank für die gütige Art, wie Sie alles aufnehmen. Ich kann Sie versichern, daß ich der letzte Mensch bin, andern mit Ratschlägen beschwerlich zu fallen; wer mich in Ruhe läßt, wird auch von mir in Ruhe gelassen; in diesem Falle fühlte ich mich aber dazu gedrängt — eine helfende Hand wollte ich ausstrecken, eine Ermutigung zurufen, nicht eigentlich raten. Nun, Sie haben mich verstanden; der Ton Ihres lieben Schreibens bürgt mir dafür. Bitte aber den Wert meiner organisatorischen Begabung und Erfahrung nicht höher anzuschlagen als ich es tue. Freilich hängt bei einem Buch   a l s   B u c h   enorm viel von der Disposition ab; bei einer richtigen Anlage wächst alles von selbst wie der Baum aus dem Samen heraus, und nicht jeder beachtet das, wenn er zu schreiben anfängt; der Stoff, die Überzeugungen, der edle Wunsch, zu wirken... hundert Dinge bewirken, daß mancher nicht genügend überlegt, daß auch das Buch als solches ein Individuum ist, welches erstens gezeugt werden muß — soll es lebendig und nicht eine Drahtpuppe sein, zweitens ein recht pflegebedürftiges Babyalter durchmacht, wo ein richtiger oder falscher Beschluß über alle Zukunft entscheiden kann — denn die in diesem Stadium begangenen Fehler lassen sich nie wieder gutmachen.   A b e r,   hochgeehrter Graf, wenn ich noch so viel Wert hierauf legen wollte, unstreitig bliebe dennoch, daß Ihre Persönlichkeit, Ihr Erfahrungsschatz, Ihr Wissen den eigentlichen Lebensgehalt dieses Werkes ausmachen werden, und daß Sie nicht nur bei einem Gegenstand, der Sie schon so lange leidenschaftlich erfüllt, von selbst, instinktiv die einzig richtige Form finden werden, sondern daß, selbst wenn Sie sich durch eine rauhe Form erst Ihren Weg durchzubrechen hätten, dies wahrscheinlich dem Buche nur zugute kommen würde. Machen Sie mir also die Freude, einiges mit mir zu beraten, so stelle ich mir meine Teilnahme nicht anders vor, als daß ich Sie in dem unterstütze, was Sie selbst für richtig erkannt haben — denn es treten immer Augenblicke des Selbstmißtrauens ein (außer bei Eseln), und da findet ein Freund die Gelegenheit, sich zu bewähren.
    Über den „Rembrandt als Erzieher“, Ihnen zum Muster vorgehalten, habe ich herzlich gelacht; doch kenne ich das; alle Verleger sind sich darin gleich; und schließlich — wie sollen sie ihre Absichten andeuten, außer durch Hinweise auf Bekanntes. Herr R. ist natürlich gänzlich unfähig, auch nur zu ahnen, was Sie leisten können und daß Ihr Geist ein anderer ist als der des seligen Langbehns. Wenn ich schon raten soll, so rate ich Langmut gegen die Verleger — für die es ohnehin nach Goethes Versicherung eine „eigene Hölle“ gibt, wo sie büßen werden. — übrigens wird Herr R. Sie gewiß nicht beschränken wollen, was die Herren Ultramontanen betrifft; stellen Sie sich aber auch sicher in betreff des auserwählten Volkes und lassen Sie sich durch einige antisemitisch klingende Lockgesänge nicht irreleiten.
    Was die   Z e i t   anbetrifft, so dürfen Sie es keinem Verleger übelnehmen, wenn er gern einen Termin festgestellt haben will; der Mann muß ja seine Berechnungen — Kapital und Verzinsung u. dgl. — auf irgendwelche Wahrscheinlichkeiten basieren. Anderseits sagen Sie sich daß noch nie ein Autor sein Wort gehalten hat. — Sie werden doch nicht so unkollegial sein wollen, uns alle zu beschämen? Meiner Meinung nach   m u ß   der Verleger einen Zeitpunkt für späteste Lieferung des Manuskriptes nennen; diesen rücken Sie soweit irgend tunlich hinaus; wenn aber ein Kontrakt schriftlich aufgesetzt wird, lassen Sie den betreffenden Satz ins Subjunktive setzen, mit „wenn irgend tunlich“ o. dgl.  Der Verleger   m u ß   ja warten, bis Sie fertig sind — was soll er sonst tun? — und wird er ungemütlich, gut, Sie lassen ihn fahren und ich kenne mehrere Verleger, die sofort das fertige Buch mit Freuden annehmen und sehr gut vertreiben. Bitte also, nicht wahr? — über diese Frage keine einzige schlaflose Stunde!
    Überhaupt muß ich parenthetisch einschieben, daß Frau Wagner Sie herzlich grüßen und zugleich bitten läßt, doch ja mit Schweninger Rats zu pflegen wegen Ihres Leidens, ehe Sie sich an absorbierende Arbeit begeben. Gern würde sie Ihnen einen Einführungsbrief an den Magus geben. Ich schließe mich ihr an — der ich auch für meine Person die besten Erfahrungen an diesem Wundermanne gemacht habe.
    Und nun zu den eigentlichen Fragen.
    1. Eine   V e r b i l l i g u n g   wird einzig durch große Auflage möglich gemacht, und diese wird kein Verleger zusagen (da er doch das Risiko trägt), bis er das Manuskript in Händen hat. Dagegen widerrate ich mit aller Energie einem Verzicht auf Honorar. Einer alten und allgemeinen Erfahrung gemäß, vertreibt ein Verlag ein Buch um so besser, je teurer es ihm zu stehen kommt. Mein erstes kleines Buch erschien auf meine Kosten: es blieb völlig unbekannt; in einem Jahre wurden summa summarum fünf Exemplare verkauft — und diese hatte   i c h   gekauft! — Es bleibt Ihnen ja unbenommen, das Buch (das Sie laut Gesetz mit Buchhändlerrabatt beziehen, also um ein Drittel billiger) an die Bibliotheken zu verschenken; tausend Exemplare gehen auf diesem Wege leicht hin. Und wenn Sie z. B. tausend Exemplare selbst subskribieren, so geben Sie Ihrem Verleger den Mut zu einer Auflage von mindestens 3000. Aber auf Honorar würde ich bestehen — und zwar zur Hälfte (wenn eine fixe Summe) bei Lieferung des Manuskripts, zur Hälfte bei Beendigung des Druckes [...] Nur nicht generös gegen den Verleger.
    2.   A n o n y m i t ä t?   Ach, wie verstehe ich Sie! Als ich mich endlich zu schreiben entschloß, war meine (innerliche) Bedingung die unverbrüchliche Anonymität. Und ich frage mich manchmal, ob es nicht recht quixotisch war, mich davon abbringen zu lassen. Als es an den Druck ging, empfand ich es als Feigheit. Bei Ihnen liegt alles anders; ich meine, das können Sie einzig mit sich abmachen. Den Titel würde ich nicht fürchten: Graf Hoensbroeck ist ein Liebling aller Freigeistigen, Graf Reventlow hat ein Buch gegen den Kaiser geschrieben, Graf Keyserling schreibt über Unsterblichkeit — ich fürchte, die Vulgarität ist nach wie vor dieselbe, und der „Graf“ wird eher ziehen als abschrecken. Doch vielleicht ist dies gerade ein Hauptargument für die Anonymität. Ich meine: Sie können diese Frage ruhig für künftige Entscheidung aufheben.
    Lassen Sie mich Sie versichern, daß von uns aus auch nicht der allerengste Familienkreis etwas über Ihr Vorhaben erfahren wird — weder jetzt noch jemals; wir haben in solchen Dingen zu viel Erfahrung, um nicht den Wert des unbedingten Schweigens zu kennen.
    3. Über die Religionsfrage habe ich schon geantwortet.
    Und somit schließe ich diese überlange Epistel. Sauf force majeure können Sie bei mir immer auf jene Pünktlichkeit rechnen, ohne welche jede Führung eines Geschäftes unmöglich wird oder wenigstens sehr aufreibend.
    In aufrichtiger Verehrung

Ihr ganz ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

187-192 An Graf L.



8/3/10 Hotel Metropole. Santa Margherita-Ligure. Italien.

    Hochverehrter Herr Graf — In Erwiderung Ihres gütigen und inhaltreichen Schreibens vom 3. d. M. will ich zuallererst melden, daß meine Schwiegermutter   h e u t e   an Herrn Geheimrat Prof. Dr. Ernst Schweninger, Prinz-Ludwigs-Höhe, München, schreibt, um Sie vorzustellen und anzuzeigen;   S i e   möchten dann so gut sein, darum bittet Frau Wagner, selber zu Schweninger unter Berufung auf ihren Brief zu schreiben und sich mit ihm in Einverständnis zu setzen. Auch Schweninger pflegt nämlich gegen Ostern eine   Reise zu unternehmen, und so wäre es möglich, daß sie sich gerade versäumten, wenn nicht vorher Verabredung genommen wird. Sie ist glücklich über Ihren Entschluß und hofft, der Wille werde zu Tat werden.
    Nun zu unseren Geschäften.
    Über die rein geschäftlichen Beilagen habe ich — außer dem Danke — wenig zu sagen. Auch ich kenne weder Reichl noch Gleichen-Rußwurm; ich bin hochgradig unsoziabel und kenne sozusagen keinen Menschen — und was hat dieses angebliche „Kennen“ für einen Wert? Ein einziger Blick offenbart einem manchmal eine ganze Persönlichkeit und deren Schicksal; kennt man sie erst, so sieht man den Wald vor Bäumen nicht. Ein Verleger muß sein Geschäft verstehen und muß sich — das heißt seine Interessen für ein Buch kompromittieren; dann „macht“ er es gut. Ich habe von diesem eine gute Meinung bekommen — aber wie neulich schon gesagt: wenn Sie Ihr Buch schreiben und er macht Sperenzel, dann garantiere ich einen anderen Verleger.
    Das Auskunftsbureau! Schon längst plaidiere ich dafür, daß Fritsch (vom Hammer) oder ein ähnlicher Mann ein Bureau errichte, das jene Erforschung unternehme. Mündlich einmal Näheres. Denn ich eile zur Hauptsache.
    Mit größtem Interesse habe ich von den Fragmenten Kenntnis genommen und sie wiederholt gelesen. Lauter gute, kräftige Keime und vieles, was förmlich nach näherer Ausführung schreit. Nur kann ich Ihrer Erwartung in bezug auf Randbemerkungen nicht genügen — wenn ich auch einiges Wenige zu notieren mir erlaubte. Ich habe nicht einmal die Schulbildung wie andere genossen, noch war ich je in einem Amte; und so ist mir das Erteilen von Zensuren ganz fremd geblieben. Ich versuche stets den anderen zu verstehen, so gut es mir gelingen will — und dazu gehört immer ein vollständiger Überblick, denn kein Teil kann beurteilt werden, ehe man nicht ein Ganzes vor Augen hat. Solche kritische Geister, wie Sie meinen, sind auch mir sehr nützlich, ja unentbehrlich; ich selbst aber bin da inkompetent; ich könnte mich ebensogut unter einen Baum stellen und den Gesang der Wachtel kritisieren. Darum habe ich mir einen anderen Dank ersonnen für das Vertrauen, mit dem Sie mich wirklich beglücken. Soweit ich ersehen kann, packen Sie die Dinge an einem anderen Ende an, als ich es tun würde; darin haben Sie bedeutende Vorgänger, ich „kritisiere“ Ihre Methode nicht; doch als ich Sie las, ließ es mir keine Ruhe, ich mußte gleich eine Architektur des Ganzen entwerfen. Nun sind freilich Ihre Bemerkungen schon Fleisch und Blut, wogegen mein Schloß ein Luftschloß ist; doch bin ich so überzeugt davon, daß ein Buch, um gut zu werden, architektonisch disponiert werden muß — und zwar um so mehr, wenn der Verfasser sehr viel zu sagen hat —‚ daß ich Sie hierzu habe anregen wollen. Il va sans dire, daß mein Entwurf Ihrem Papierkorbe gewidmet ist; mir genügt es, wenn Sie erst staunen, dann sich empören, dann laut auslachen und schließlich denjenigen Plan sich entwerfen, der Ihrem Intellekte entspricht. Sobald Sie einen Plan besitzen, da wird sich der reiche Stoff schon eingliedern. Ihre zerstreuten Einfälle sammeln Sie unter die verschiedenen Kapitelrubriken, nichts geht verloren, jeder kommt an seinen Platz — und eines schönen Tages setzen Sie sich hin, und bei Ihrem Temperament sprüht gewiß ein Kapitel nach dem anderen dann glühend heiß hinaus, und die Sache ist fertig.
    Nehmen Sie heute mit diesem Wenigen fürlieb und rechnen Sie, bitte, auf zwei Dinge: auf die Beschränktheit meines Könnens und auf die Unbeschränktheit meines guten Willens.
    Mit einem warmen Gruße aufrichtiger Verehrung

Ihr

Houston S. Chamberlain.

Deutschland im 20. Jahrhundert

Einleitung

    In kurzen Worten Umfang, Begrenzung, Zweck des Buches anzeigend.

Kapitel 1.   H i s t o r i s c h e r   R ü c k b l i c k

  1. Ganz kurze Übersicht bis zur Reformation (etwa drei Druckseiten);
  2. Martin Luther und die Entstehung eines deutschen Reiches von innen — im Gegensatz zum äußerlichen „Römischen Reiche deutscher Nation“;
  3. Gang von der Reformation bis 1806 (auf der einen Seite wachsende Zersetzung [Habsburg], auf der anderen langsam stetiger Aufbau [Hohenzollern]);
  4. Interimszustand vom Wiener Kongreß bis 1866;
  5. Bismarck und sein Werk.
Kapitel 2.   D e r   D e u t s c h e   v o n   h e u t e
  1. Rassenbestandteile (Germanen, Slawen, Kelten, prähistorische Rasseninseln (Oberbayern), Mischungen usw.);
  2. geographisch und staatlich bedingte Eigentümlichkeiten der Bewohner verschiedener Landesteile;
  3. der protestantische Deutsche;
  4. der römisch-katholische Deutsche;
  5. der jüdische Deutsche;
  6. allgemeine Betrachtungen als Zusammenfassung.
Kapitel 3.   D i e   i n n e r e   p o l i t i s c h e   L a g e
  1. Verfassung und Verwaltung des Reiches (Kaiser, Bundesrat, Reichstag usw.);
  2. Föderalismus und Einheitsstaat: Kraft und Schwäche dieses Gefüges, Eigenheiten gegenüber England, Frankreich, Rußland usw., welche alle Argumente aus Analogie hinfällig machen;
  3. das von Karl dem Großen bis Bismarck geschichtlich gewordene Deutschland (Kaiser, Fürsten, Adel, Heer, Beamten — kurz, die ganze straffe, aristokratische, administrative Organisation bei großer Freiheit sowohl der Teile wie der Glieder und erstaunlicher Wahrung lokaler Farbe) sieht sich seit hundert Jahren beständig bekämpft und bedroht von Universitätstheoretikern, Demokraten, Demagogen und — neuerdings — Judensozialismus.
  4. Der Gang der Ereignisse seit Bismarck und die drohenden Katastrophen (Unmöglichkeit, einen föderalistischen Staat parlamentarisch zu regieren, die Sozialisten, Juda, Rom, Polen usw.);
  5. kurzer Hinweis auf das, was nottut (unter Berufung auf Kapitel 6).
Kapitel 4.   D i e   ä u ß e r e   p o l i t i s c h e   L a g e
  1. Besonderes Verhältnis zwischen innerer und äußerer Politik bei Deutschlands Lage;
  2. Grundprinzipien für Deutschlands Verhalten, wenn es als Großmacht bestehen will (die Kontinuität, die anderswo Tradition und Instinkt ist, muß hier Maxime sein usw.);
  3. die großen Rivalen in ihrem Bezug auf Deutschland einzeln besprochen;
  4. enorme Bedeutung der Sprache; in moralisch-kultureller Beziehung hängt hiervon alles ab;
  5. Deutschlands Weltbedeutung (moralisch, intellektuell, künstlerisch): hierzu Macht unentbehrlich, aber konzentrierte, nicht zerstreute.
Kapitel 5.   D a s   ö f f e n t l i c h e   L e b e n
  1. Wegen hoher Intelligenz und Bildung (z. B. Universitäten und Theater überall, im Gegensatz zu Frankreich, England, Rußland) entartet das öffentliche Leben in Deutschland, wenn schlecht beeinflußt, schneller als irgendwo; den unvergleichlichen Möglichkeiten entsprechend größere Gefahren usw.;
  2. die Kirchen;
  3. die Universitäten;
  4. die Kunstzustände;
  5. die Presse;
  6. Militär und Beamtentum;
  7. Börse, Handel usw.;
  8. Vereinswesen;
  9. Justizpflege, Gefängniswesen usw.;
  10. Frauenbewegung;
  11. 1. m. — usw. usw. usw.
  1. das allmächtige Judentum;
  2. la course à la mort (als Zusammenfassung).
Kapitel 6.   D i e   W i e d e r g e b u r t
  1. Die Verneinung als notwendiger erster Schritt (Judentum, Rom, Demokratie, Freisinn, Ausländerei, Gelehrsamkeitskultus, naturwissenschaftliche Verblödung, Pornographie usw.);
  2. die politische Wiedergeburt: welche Halt, Konsequenz, Zuversicht, Größe gibt;
  3. die religiöse Wiedergeburt: der Geist des Protestantismus kann jeden echten Deutschen beseelen, wie auch sein Kredo laute;
  4. die künstlerische Wiedergeburt: ihre enorme Bedeutung für ein geistig so einzig regsames Volk, welches innerhalb eines Jahrhunderts Schiller, Beethoven, Goethe, Wagner hervorbrachte (Bayreuth ein einziges Phänomen in der Weltgeschichte);
  5. die Wiedergeburt der Naturanschauung: im Gefolge Goethes;
  6. die gesellschaftliche Wiedergeburt;
usw. usw. usw.
 

192-194 An Wilhelm Schwaner ¹



12/3/10 Hotel Metropole. Santa Margherita-Ligure. Italien.

Sehr geehrter Herr Schwaner

    Ich sinne und sinne über Ihren fr. Brief vom 21/2 d. J. und weiß immer weniger, was ich Ihnen sagen soll. Denn bloß sagen: so ist‘s vortrefflich, ist ein wenig mager für einen Mann, der‘s heilig ernst meint und nicht viel Wert auf Schmeicheleien legt; wollte ich aber kritisieren, so fände ich kein Ende, da natürlich jeder von uns so etwas an einem anderen Ende anpacken würde, wie es ihm gerade liegt. Und das kann Ich in aller Aufrichtigkeit sagen: wie Sie es machen, ist jedenfalls gut; und die große Erfahrung, die Sie sich im Schweiße Ihres Angesichts erworben haben, hat zu einer Meisterschaft geführt, die ein volles Gelingen auch für diese Fortsetzung verspricht. Was mich persönlich wenig anspricht, ist das Zusammenstellen von Namen, die miteinander gar so inkommensurabel sind. Es ist ein so abgründiger Riß zwischen Shakespeare und Maeterlink, daß ich mir gar nicht denken kann, wie sie nebeneinander bestehen sollen. Die ganz Großen gehören einer anderen Menschenart an als die schönsten Begabungen; Homer ist ewig und Shakespeare auch — und in Byron, Milton, Carlyle strömt wenigstens so reichliche Beimischung des Ewigen, daß sie einige Jahrhunderte gewiß überstehen werden; doch von Maeterlink weiß in hundert Jahren nur die Literaturhistorie etwas zu melden; da nützt alles nichts, und es kommt auf Meinungen, Richtungen u. dgl. gar nicht an — am letzten Ende entscheidet die eingeborene Kraft allein. Der gute Herbert Spencer ist für mein Gefühl schon heute ein Fossil. Kurz: ich hätte Lust, Ihre Liste zu verkürzen und dafür den Wenigeren reichlicher das Wort zu lassen.
    Und dann: es ist bedenklich, in einer Germanenbibel den großen Franken gar keinen Platz einzuräumen. Jemand nannte Pascal „eine neue fränkische Invasion in Frankreich“. Montaigne halte ich für nicht ein Tüttelchen weniger „germanisch“ als Shakespeare, und ich weiß nicht, ob er nicht wie jener die Jahrtausende überleben wird; hier haben wir Genie in höchster Potenz. Doch, selbst Voltaire ist — seiner ganzen Kopf- und Gesichtsbildung nach (Siehe Woltmann) reiner Germane. Diderot nicht weniger... zwei oder drei solche Kerle wiegen alles auf, was sich als Skandinavier breitmacht.
    Doch sie Sehen, wie destruktiv meine Kritik werden könnte! Und anderseits verstehe ich als praktischer Mann recht gut, daß Sie die Ansprüche Ihrer Zeit — auch wo es sich um Vorurteile handelt — in Betracht ziehen müssen und daß Sie zufrieden sein können, wenn Ihre Bibel fünfzig Jahre gute Dienste leistet und dann für veraltet gilt. Ich lebe so sehr außerhalb des „Tages“, daß die Ewigkeitswerte vielleicht ein wenig zu sehr bei mir vorwiegen. Lassen Sie es also bei Ihrem wohldurchdachten Plane bewenden und ersehen Sie in diesen Worten nur ein Zeichen wahren und nicht Phrasenhaften Interesses an Ihren edlen Bestrebungen. Mit bestem Gruße

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
——————
    ¹ Herausgeber des „Volkserzieher“.
 

194 An Dr. Boeken



19/5/10 Haus Wahnfried. Bayreuth.

    Verzeihen Sie, hochgeehrter und -geschätzter Herr, wenn ich in dem Gedränge tausenderlei Pflichten und Besorgungen, welche die Heimkehr nach viermonatiger Abwesenheit bedingt, nur ganz ungenügend auf Ihre vorgefundenen lieben und wirklich höchst anregenden Mitteilungen erwidere. Es wird mich freuen, den Spuren, die Sie aufdecken, nachzugehen. Die Prosaübersetzung, von der Sie reden, ist wohl ins Holländische? Sonst hätte ich mich ungemein darauf gefreut.
    Daß mein Buch über Kant sich nach und nach doch den Weg zu Hirn und Herz mancher Besten bahnt, ist mir Trost und Ermutigung; die Herren vom Fach — welche allerdings die ganze Sache gar nichts anging — haben es zum Teil geradezu   r o h   abgelehnt; nun aber erhalte ich nach und nach von den verschiedensten Seiten Zeugnisse tieferer Einwirkung. So z. B. neulich von einem hervorragenden Arzt und experimentalen Forscher, den mein Buch zum überzeugten Kantanhänger umgewandelt hat. In diesem Sinne zu wirken, wäre wohl das Schönste, was ich mir je hätte wünschen können — mögen die also Beeinflußten mein Werk später dann in ihren Papierkorb werfen: daran liegt nichts.
    Bewahren Sie mir Wohlwollen, Nachsicht, Interesse und seien Sie meiner Verehrung und Sympathie versichert.
Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

195-196 An Privatdozent Walter Frost



3/7/10 Haus Wahnfried. Bayreuth.

Hochgeehrter Herr

    Verbindlichst danke ich für Brief und Buch. Leider — oder vielmehr Gott Lob! — weile ich augenblicklich in geistig so fernen Regionen, daß es mir schwer fallen wird, Ihrem Versuche in nächster Zeit die nötige Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken, — namentlich da schon ein erstes Blättern mir zeigt, daß ich mich mit Ihnen in ein Gebiet begeben müßte, dem ich glücklich bin, auf immer entronnen zu sein. Kant mag ja ein Esel gewesen sein, ebenso wie ich mich erinnere, einmal von einem Musiker gehört zu haben, Mozart sei ein Stümper gewesen — aber die Sache liegt nun einmal so, daß mich mit   d i e s e n   Eseln und   d i e s e n   Stümpern eine Geistesaffinität verbindet, so daß mir einzig in ihrer Gesellschaft wohl zumute ist. Oder aber ich finde unerschöpfliche Unterhaltung bei den empirischen Erforschern der Natur, wie auch bei guten Künstlern, klugen Welt- und Geschäftsmännern usw. — wogegen eine amphibische „Naturphilosophie“, die alles Geniale von sich weist und dennoch „Philosophie“ sein will, mir höchstens — wie in Ihrem Falle — Sympathie für die Person einflößen kann, insofern man sie redlich, tüchtig und überzeugt bei der Sache sieht, wogegen ich den Versuch selbst als aussichtslos betrachte.
    Ich rede unumwunden, weil der freundliche Ton Ihres Briefes mich dazu ermutigt; man ist ja so froh, Gelehrten zu begegnen, die freie Menschen und nicht Pedanten sind. Ich habe das Glück, eine ganze Anzahl solcher zu Freunden zu zählen — und mein Herz schlug Ihnen gleich entgegen, als ich auf dem Titel das Wort „Bauführer“ las und mir sagen durfte, die akademische Toga sei nur ein klatternder Umwurf um die echte Gestalt.
    Und da es nun für praktische Männer ein Gebiet gibt, wo sie allezeit sich in gleicher Überzeugung begegnen — das der unbedingten Tatsachentreue, so erlauben Sie mir, Sie aufmerksam zu machen, daß Ihre Behauptung Seite 8 unten, man habe zu Schellings Zeiten „nichts geahnt“ von „der inneren Verwandtschaft der Erscheinungen des Lichtes, der Wärme, der Elektrizität, des Magnetismus und der Chemie“ auf Irrtum beruht. Hätten Sie meinem „Kant“ die Ehre angetan, ihn aufmerksam zu lesen (was allerdings eine ziemliche Zumutung gewesen wäre), Sie hätten gewußt, daß zwei Männer wenigstens diesen Zusammenhang sehr genau „geahnt“ haben — freilich, es waren keine mathematischen Physiker, sondern Männer von der Esel-Stümper-Sorte, nämlich Kant und Goethe. Für Goethe habe ich inzwischen eine ganze Reihe von Stellen aufgefunden; in einer sagt er, er „zweifle gar nicht daran“ und in einer anderen, mit dieser Einsicht „wäre die Naturforschung für immer geborgen“.
    Möchte Ihre Naturphilosophie Sie zu der Erkenntnis führen, daß geniale Begabung in der „Bauführung“ der Natur etwas zu bedeuten hat.

Hochachtungsvoll und dankbar

Houston S. Chamberlain.
 

196-198 An Professor Moritz Hoernes



9. Juli 1910
Haus Wahnfried. Bayreuth.

Hochgeehrter Herr

    Gestatten Sie einem aufrichtigen und wahrhaft dankbaren Verehrer, dem Sie öffentlich unrecht getan haben, eine kleine Bemerkung.
    Soeben lese ich mit dem größten Interesse Ihren Aufsatz in der intern. Wochenschrift „Geschichte und Vorgeschichte“. Warum bringen Sie mich Ungelehrten in diese rein gelehrte Erörterung hinein? Und wenn schon, warum mit einem billigsten Feuilletonsarkasmus, der in seiner materiellen Falschheit an Verleumdung grenzt?
    Wie sollte ich, der ich wie jeder Gebildete die Hälfte meiner Kultur aus Altgriechenland herzuschreiben habe, ich, der ich dem Studium der altindischen Weisheit eine Aufklärung verdanke über manche Fragen, wie sie mir weder Süd- noch Nordeuropa bot, — wie sollte ich jemals gedacht oder gesagt haben, der Begriff Mensch „sei auf die germanische Rasse zu beschränken“? Wenn Sie bei Gelegenheit meine „Grundlagen“, Seite 61 ff., aufschlagen wollten, Sie würden eine ganz andere Beantwortung jener Frage finden, als die alberne, die Sie mir andichten. — Außerdem habe ich die dogmatische Beantwortung der unermeßlichen Frage nach dem Wesen von „Rassen“, wie sie wissenschaftliche und unwissenschaftliche Phantasten so ahnungslos leichtfertig zu geben belieben, stets energisch von mir gewiesen, so daß ich von den Anhängern Gobineaus, Wilsers usw. mit dem höchsten Banne belegt bin und meine eigene Person neulich verachtet fand als „ein charakteristisches Produkt der gelb-weißen Degeneration“! (was das besagen will, weiß ich nicht genau, aber jedenfalls irgend etwas besonders Scheußliches). Und nun kommen Sie — hochverehrter Herr — und schreiben mir die Behauptung zu, ich halte nur die Germanen für Menschen!! So wird der arme Gelbweiße zwischen den zwei sich widersprechenden Antagonisten vollends zerquetscht.
    Wie sollte ich aber, der mir ein bestimmtes Thema — das 19. Jahrhundert — zur Behandlung vorlag, und der ich — meinen schwachen Kräften und der Architektonik meines Buches zulieb — mich streng zu beschränken hatte, zu beschränken nämlich auf das Sichere, Konkrete, Handgreifliche — wie sollte ich nicht den Nordeuropäer, im Gegensatz zum Südeuropäer, als die treibenbe Kraft anerkennen, aus deren Entfaltung die Neuheit und Eigenart unserer jetzigen Zivilisation und Kultur zu erklären ist? Ist das wirklich etwas so Absurdes? Mich dünkt es im Gegenteil eine vérité de La Palisse. — Die „Arier“ bezeichnete ich (Seite 343) als „einen jener Rechenpfennige, ohne die man sich nicht verständigen könnte, die man sich aber wohl hüten muß, für bare Münze zu halten“; der Vorstellung „Germane“ ist schon eher beizukommen, namentlich da in einem Buche wie dem meinen allen Ursprungsfragen auszuweichen war, da es nicht der Wissenschaft, sondern dem Leben, nicht der Theorie, sondern der Tat galt.
    Daß Sie meine Bücher nicht lesen, verstehe ich und billige es durchaus; uns Laien macht es aber einen befremdenden Eindruck, wenn wir immer wieder erfahren müssen, daß die exakten Forscher nicht einmal über das Zunächstliegende wirklich zuverlässig „exakt“ zu berichten verstehen.
    Bitte, nichts für ungut zu nehmen!

In aufrichtiger Verehrung

H. S. Chamberlain.
 

198-199 An Postrat Pretzsch



30/8/1911 Bayreuth

Hochgeehrter Herr

    Verbindlichsten Dank für die Mitteilung sowie für Ihre freundlichen Zeilen von gestern. Anbei die Briefe ¹ zurück.
    Das Unternehmen, einen Dithmarschen-Bauern zu überzeugen, er habe unrecht, ist ungefähr dasselbe, als wollte man die Sonne nötigen, von Westen nach Osten zu kreisen. Bartels hat in seiner Art so Tüchtiges geleistet, er ist so einzig und unersetzlich, daß ich aus Verehrung hierfür mich seit lange daran gewöhnt habe, bei ihm immer ein Auge und oftmals alle beide zuzudrücken. Der wirklich unverfälschte Nordgermane besitzt übrigens — ich weiß es aus eigener Erfahrung — keinen untrüglichen Instinkt in bezug auf Rasse; er steht zu sehr außerhalb, besitzt als Erbteil eine gottgegebene „Tumbheit“ und verachtet das Schnüffeln, in welchem er es doch nie zu einiger Meisterschaft bringen wird. Beim redlichen Bartels liegt nun in Wirklichkeit in diesem Falle lediglich seine Hebbelomanie zugrunde. Daß es nie gelingen wird, diesen interessanten, aber krankhaften Stecknadelspitzendialektiker dem Deutschtum als einen seiner allerersten Dramatiker aufzuzwingen, das   m u ß   ein Mann von Bartels Begabung — wenn auch halb unbewußt — empfinden; und nun treibt ihn seine blinde Leidenschaftlichkeit und sein bäuerischer Eigensinn, über den größten dramatischen Dichter aller Zeiten herzugeben, um Platz für den engeren Landsmann zu schaffen. Die Aussichtslosigkeit dieses Beginnens erklärt die Verstocktheit. Am meisten tut er mir selber leid; denn gerade er gehört eigentlich nicht in dieses beschränkte Literaturwesen, in das er für ich weiß nicht welche Sünden gebannt scheint, und genösse eine ganz andere Lebensfreude, wenn er die Seelenweite besäße, zu großer Kunst in unmittelbare Beziehung zu treten. Doch dann wäre er nicht „Bartels“! Also nehmen wir mit Dank, was Gott uns in diesem tüchtigen Menschen gegeben hat.

In vorzüglicher Hochachtung, ergeben

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Professor Adolf Bartels hatte in einem Zeitungsaufsatz das Deutschtum Richard Wagners angezweifelt und seine Meinung auch brieflich weiter verfochten.
 

199-201 An die Deutsche Dichter-Gedächtnisstiftung



26/12/11 Bayreuth.

Hochgeehrte Verwaltung

    In Erwiderung auf Ihre geehrte Zuschrift vom 22. Dezember kann ich nur das eine sagen, daß ich die beiden Dinge — die Bekämpfung der herz- und hirntötenden Schund- und Schmutzliteratur und die Überflutung des Landes mit gesunder, reiner, stärkender, erhebender, wahrhaft lebenspendender Hirnkost für eines der wichtigsten patriotischen Unternehmen halte, denen edle Männer ihre Hingebung widmen können. Als der Elementarunterricht allgemein gemacht wurde, hatte den Lenkern der Staaten eine Geistige Entfesselung des Volkes aus beschränkenden Ideenkreisen vorgeschwebt, wodurch es nach und nach zu höherem Lebensinhalt heranreifen sollte; nun droht aber — wie so häufig bei aller Politik — genau das Gegenteil des Erhofften einzutreffen; nicht nur politisch werden die noch Unmündigen von Abenteurern irregeführt, sondern die Besudelung der Seele wird mit frevelhafter Gewissenlosigkeit an Hunderttausenden geistig Wehrloser vollzogen, alles um des schnöden Mammons willen. Letzterer Bewegung stehen große Kapitalien zur Verfügung, denn sie „rentiert“ sich. Noch in diesem Monat (8. Dezember 1911) konnte man im „Berliner Tagblatt“ an leitender Stelle eine beredte Verteidigung der Schundliteratur lesen; wer zwischen die Zeilen zu blicken versteht, weiß genau, in wessen Interesse solche Dinge geschehen, nämlich, im Interesse von Spekulanten, die der moralische Ruin eines ganzen Volkes kalt läßt, wenn nur ihre Börsen sich mit Millionen anfüllen. Dagegen bleibt die entgegengesetzte Bewegung — von wenigen hochherzigen Männern ins Leben gerufen — auf die Barmherzigkeit derjenigen angewiesen, welche dieses Erdendasein nur erträglich finden, wenn es eine moralische Ewigkeitsbedeutung einschließt, und die — ohne Visionäre zu sein, und ohne den geringsten Anspruch auf jene „Heiligkeit“ zu erheben, die dem „B. T.“ so besonders bespottenswert erscheint — nichtsdestoweniger ein körperlich gesundes und also ein geistig unbeflecktes, frisches, frohes deutsches Volk ersehnen. Tausendmal besser ist es, nicht lesen zu können, als giftige Dinge zu lesen, die nie mehr aus der Phantasie zu entfernen sind. Es ist lächerlich, von Polizei zu reden; hier wie anderwärts kann die Polizei nur dort eingreifen, wo die Saat des Bösen schon aufgegangen ist; gegen den verderblichen Samen kann einzig der gute Same aufkommen, und zwar der produktive, aus dem zugleich die Blüte der Liebe treibt und die starke Wurzel des Hasses. Ich habe in meiner Jugend Bauern und Matrosen in Frankreich und England gekannt, die durch die Unbeirrbarkeit des Urteils, die fabelhafte Kraft des Gedächtnisses, den Humor, den Gradsinn, geradezu das Prädikat „bedeutend“ verdienten; sie konnten nicht lesen und schreiben; der erste Erfolg der Bildung — wie man ihn an der jetzigen Generation in jenen Ländern erschreckend wahrnimmt — ist die allgemeine geistige Depotenzierung, namentlich des Urteils und des Gedächtnisses; kommt nun frivole Lektüre dazu, so ist die vollendete Gemeinheit sofort da; der Mensch ist unter das Tier gesunken.
    Heil denen, die dieser Katastrophe entgegenwirken!
    In aller Verehrung

ergebenst

Houston S. Chamberlain.
 

201-206 An Hugo Bruckmann



29/3/12 Santa Margherita Ligure.

Lieber Herr Bruckmann

    Vielen Dank für Ihren lieben Brief vom 26. und für die echt „goethesche“ Noblesse, mit der Sie meine Eselei bei der Berechnung stillschweigend verbessert haben.
    Um mit dem Ende anzufangen: ich habe Troll ¹ gebeten, den Vertrag ohne jede Veränderung so zu unterschreiben, wie Sie ihn vorgelegt hatten; es geschah in vollkommener Übereinstimmung mit ihm, nach einer kurzen mündlichen Unterredung, und ich sandte den Vertrag an seine Kanzlei zurück mit entsprechender Weisung. Die Unterschreibung hat Zeit bis zu seiner Rückkehr aus Neapel, da die Sache als erledigt gelten darf.
    Aber weiß Gott, der Vertrag ist auch das Bequemste an dem ganzen Buche. Das Weitere macht mir schlaflose Nächte. Denn wirklich, ich habe in dieses Werk alles hineingetan, was ich an Denken und Gestalten nur zu leisten vermag; ich weiß, es ist, absolut betrachtet, nicht viel, aber es ist mein Ganzes, und insofern ist es doch wiederum ein „Absolutes“. Kein Mensch ist weniger als ich geneigt, das, was er geschrieben hat, als vom Heiligen Geiste eingegeben und daher sakrosankt zu betrachten; ich weiß ja zu genau, wie viele Stunden Houston Stewart Chamberlain Esquire im Schweiße seines Angesichts daran herumgebessert und gefeilt und gestümpert hat; es steckt aber doch so viel Unwillkür und geheimnisvolles Müssen in einem solchen Werke, daß man es mit einer ähnlichen Scheu und Ehrfurcht betrachtet und berührt wie einen Sohn, der schließlich auch auf ganz natürlichem, unmystischem Wege entstand und dennoch als ein Unerklärliches und Unbedingtes vor einem steht, mit Eigenheiten, die man bewundert oder beklagt, aber nicht ändern kann.
    Ich bin entsetzt über die 50 Bogen ohne Anhang; ich hatte mir so bestimmt 30 vorgenommen. Aber, wie abhelfen? Ich laufe durch die Olivenhaine und über die hohen Kämme und lasse immer wieder das ganze Buch an mir vorüberziehen, und ich erwache aus Träumen, wo Sie mir mit Armeen von Bogen den Krieg machen... und doch steht ein „Muß“ da, dem nicht auszuweichen ist. Denn es handelt sich doch nicht darum, ein Buch über Goethe auf den Markt zu bringen, sondern darum, im Dienste Goethes und des Deutschtums dasjenige Buch zu schaffen, das ich zu schaffen befähigt und insofern genötigt bin. Wie sollte ich die Lebensskizze knapper fassen? Da könnte ich sie lieber ganz streichen. Mit wie flüchtigen (wenn auch, wie ich hoffe, festen) Strichen ist die Persönlichkeit silhouettiert! Versuchen Sie nur, solche Episoden wie Krafft oder Napoleon auszulassen, und sehen Sie, welche Lücken entstehen! Und der gekürzte „Napoleon“... was ja sehr leicht zu bewerkstelligen ist... verliert alle Deutlichkeit und Überzeugungskraft. Vielleicht läßt sich im Anfang des kurzen dritten Kapitels ein wenig zusammenziehen; es wird einige drei Seiten ausmachen. Das vierte Kapitel ist von entscheidender Wichtigkeit; es handelt sich darin um die eine grundlegende Erkenntnis, ohne welche diese Persönlichkeit niemals begriffen und geschätzt kann werden. Ich habe gestrichen und gestrichen; doch wenn ich die lückenlose   D e u t l i c h k e i t   opfere, so ist die Arbeit umsonst geleistet worden. Das fünfte Kapitel ist das komplizierteste Gewebe, das ich bisher gewoben habe. Noch nach der Abschrift habe ich manches gekürzt und umgestellt, wie seinerzeit im Völkerchaoskapitel. Weiter kürzen könnte ich nur, wenn ich mich entschlösse, ganze Abschnitte zu opfern, in denen dieses oder jenes Beispiel durchgearbeitet wird zur plastischen Verdeutlichung theoretischer Erkenntnisse. Es ist aber ein gar zartes Gebild, in guter Stunde entstanden, und ich habe nicht oft Tage, wo ich mich zugleich gesammelt, besonnen und scharfsichtig genug fühle, um an so etwas chirurgisch herumarbeiten zu können; meist bin ich viel zu plump und träg. Das sechste Kapitel entstand als Improvisation, und wenn ich auch am Wortausdruck gar manches zu tun fand und noch zu tun habe, es wäre ein Frevel, wollte ich tiefere Eingriffe wagen. Ich kann mir also nichts weiter vornehmen, als mit aller Rücksichtslosigkeit jedes Überflüssige, was mir begegnet, erbarmungslos zu tilgen. Und da nun in den mitgeteilten Zahlen manche gestrichene Seite mitgerechnet ist, so wäre ich nicht erstaunt, wenn weitere Striche eine Ersparnis von etwa einem Bogen im ganzen zustande brächten. Aber mehr schwerlich.
    Der Anhang ist abgeschlossen mit 174 Seiten (je 23 Seilen).
    Was das fünfte Kapitel über Erwarten umfangreich gemacht hat, ist nur zum Teil die Überfülle des Stoffes; zum Teil sind es aber die unumgänglichen Zitate, wo dann jeder kürzeste Vers eine ganze Zeile beansprucht. Aber wie soll man das umgehen?
    Ich weiß, lieber Herr Bruckmann, Sie machen mir in Ihrem Briefe keine Vorwürfe, aber ich mache sie mir selber und ich fühle sie unausgesprochen bei Ihnen, da ich mich unserer vielen Unterhaltungen gut erinnere und auch weiß, welchen Einfluß Umfang und Preis auf die Verbreitung haben. Ich kann nur hoffen, daß der Name Goethe und der gute Ruf meiner früheren Bücher uns über Wasser halten werden. Ganz sicher ist dieses Buch, was es auch wert oder unwert sein mag, „mein“ Buch; wer also für meine Art Sympathie hat, wird gewiß danach greifen.
    Und nunmehr sind Sie vielleicht mürbe genug, daß ich mit einer Hauptsache herausrücken kann: wenn es irgend geht, möchte ich für den   e i n e n   Band stimmen. Es kommt alles darauf an, die Persönlichkeit als Einheit zu fassen und zu überblicken; ununterbrochen wird von einem Kapitel auf die anderen hingewiesen; es ist eben doch noch immer ein kleines, gedrungenes Buch, nur daß bei Goethe das Kleine groß ist. Vielleicht gelingt es Ihnen, ein dünneres und nichtsdestoweniger undurchsichtiges Papier aufzutreiben.
    Hingegen sind in mir Bedenken aufgestiegen, ob ich nicht die Idee mit den Tafeln fallen lassen soll? Wir ersparen damit immerhin etwas Raum, wenigstens was wir Engländer „bulk“ nennen. Und insofern als mein Buch grundsätzlich unhistorisch und nur ganz nebenbei stellenweise chronistisch ist, passen sie hinein wie die Faust aufs Auge. Ich hatte sie auch hauptsächlich als Ergänzung gedacht, damit das Historische und Chronistische somit zu seinem Rechte komme. Doch lege ich Ihnen die Sache vor und erwarte Ihre Meinungsäußerung. Interessant wären sie ja sehr und auch „inédits“, aber gerade für dieses Buch nicht unentbehrlich.
    Wie ich zu meinem Bedauern entdecke, habe ich nicht das nötige Material mit, um die zweite Tafel hier fertigzustellen; das hätte aber wohl noch Zeit?
    Zu Ihrer Orientierung schicke ich Ihnen eine Übersicht der Disposition meiner Kapitel; vielleicht geben Sie sie dann weiter an Herrn Vanselow, dem sie bei der Drucklegung von Nutzen sein wird.
    Da ich nämlich keine Marginalien diesmal anwende und da einige Kapitel von selbst in Abschnitte zerfielen, habe ich diese Gliederung durchgeführt und gedenke, sie durch Trennungsstriche und Untertitel sichtbar zu machen. In Kapitel I und V würde ich dann das a), b), c), d) ohne Trennungsstriche, aber mit Untertiteln bringen. Für diese Untertitel wäre dann entsprechender Satz zu wählen und überhaupt die Disposition durchzuführen. Ich habe, wie Sie sehen werden, äußerst vereinfacht und nur das Interesse des Lesers im Sinne gehabt.
    Vielleicht wird es praktisch sein, diese Untertitel für die linken Kolumnen in Anwendung zu bringen... nein, für die rechten. Links würde ich vorschlagen eine römische Kapitelzahl und den   N a m e n   des Kapitels:

II. Die Persönlichkeit
Rechts der wechselnde Untertitel:
Die Liebe
Die Barmherzigkeit
usw. Wo ein längerer Untertitel nicht zu umgehen war, könnte er gekürzt gebracht werden. Z. B.
Goethe und seine Umgebung.
    Bitte bedenken Sie auch das im voraus.
    Wenn unsere Schweizer Reise aufgegeben wird, so wird der Grund zum Teil in der Unmöglichkeit, meine Frau zu ersetzen, zum Teil in dem Wunsch, den Druck ununterbrochen zu fördern, zu finden sein. Frau W. geht es gottlob recht befriedigend; dies ist aber ein Erfolg stundstündlicher Sorgfalt.
    Allerherzlichst und mit besten Wünschen zur Osterfahrt, auch von meiner Frau

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Justizrat Troll, Rechtsbeistand und Freund Ch.s.

Houston Stewart Chamberlains Handschrift

„O Gott, steh' mir bei! Achtet nicht auf das, was ich bin, sondern mache aus mir das, was ich sein sollte.“

206-208 An Dr. Borcherdt



30. Mai 1912 Bayreuth

Hochgeehrter Herr

    Entschuldigen Sie gütigst eine verspätete Antwort. Ich mache im Augenblick drei oder vier Wochen durch, ehe das Gleichgewicht wieder hergestellt sein wird, in denen ich den Anforderungen kaum genügen kann.
    Eigentlich habe ich nur nachts Zeit gehabt, an Ihren Plan zu denken, wenn mein fester Schlaf zur Zeit des allerersten Vogelgesanges eine Viertelstunde lang dem beglückten Lauschen weicht. Das mag wohl eine günstige Stunde sein, sich Illusionen zu machen, und so bin ich nach und nach über die ersten Schrecknisse hinweggekommen und bilde mir ein, meine geringe Kraft könnte am Ende — wenn auch ganz gewiß nicht genügen, so doch Ersprießlicheres für Ihren Zweck leisten, als was von den trostlos dürren Patronen zu erwarten steht, die uns umgeben.
    Nicht nun im Sinne einer lästigen weiteren Verzögerung, sondern aus dem Bedürfnis, meine letzten Bedenken zu überwinden und frohen Herzens zusagen zu können, erbitte ich mir von Ihrer Güte eine etwas ausführlichere Auskunft über Ihre Absicht.
    Daß Ihre Auswahl untheologisch — sagen wir a-theologisch ist — verstehe ich und billige diese Absicht; außerdem ist Ihnen, wenn Sie jemals ein Werk von mir gelesen haben sollten, bekannt, wie weitherzig und unkirchlich (for the matter of that: „unlutherisch“) mein Bekenntnis zum Christentum, oder vielmehr zu Jesus Christus ist. Für nichts in der Welt aber möchte ich an einem Werke beteiligt sein, welches offen oder versteckt anti-christlichen Tendenzen dienen will. In meiner Art bin ich ein ebenso glühender Gläubiger wie irgendein Kirchenvater — und richtiger noch, wenn ich sage, wie irgendein leidenschaftlicher Häretiker. Und darum hasse ich die Widerchristen. Lieber würde ich einem orthodoxen, selbst einem katholischen Unternehmen meine kräfte zur Verfügung stellen, als einem solchen dienen, in welchem die Ehrfurcht vor der göttlichen Persönlichkeit Christi nicht zur Richtschnur genommen wird. Nun versteht es sich eigentlich von selbst, daß eine Befassung mit Luther die Liebe zu Christo voraussetzt; denn wie will man sonst den großen Mann verstehen, der in dieser Liebe wurzelt und wirkt? Doch erlebt man heute so merkwürdige Dinge, daß ich von einem mir leider unbekannten Herausgeber wohl ein beruhigendes Wort hierüber erbitten darf, ohne ihm persönlich in irgendeiner Weise zu nahe zu treten.
    Ein zweiter Punkt ist dieser: es wird mir nicht möglich sein, die verlangte Einleitung zu schreiben, außer ich habe die volle Freiheit, das zu sagen, was ich für wahr und notwendig halte. Dabei kann es vorkommen, daß ich nach rechts und links anstoße, und das wiederum könnte eventuell der Verbreitung Ihrer Ausgabe schaden. Ich muß z. B. gestehen, daß ich für die lutherische   K i r c h e   eine äußerst minimale Sympathie hege — sowohl in der Vergangenheit wie in der Gegenwart; das kann leichtmöglicherweise in der Einleitung durchschimmern. Ebensowenig würde ich es aber fertig bringen, die Empörung über die Herren Denifle u. Comp. nicht zu Worte kommen zu lassen. Auch Luthers Verhältnis zum Judentum mag zu unzweideutigen Worten Veranlassung geben. Usw. Nicht etwa als wäre ich heute ein so naiver Drauf- und Dranstürmer wie zu den seligen Jugendzeiten der Grundlagen; jedes Alter hat seine ihm angemessene Art; aber in entscheidenden Dingen nehme ich auch heute nicht gern ein Blatt vor den Mund und schweige lieber als unwahr zu sein. Darum liegt es mir im Grunde gar nicht, teilzunehmen an einer Arbeit gemeinsam mit anderen; diesen will ich gewiß nicht in den Weg treten, aber gebieten lasse ich mir in Dingen des Geistes von niemandem. Und wer weiß, wie wenig recht es den hochwürdigen Herren Buchwald, Kawerau usw. sein wird, wenn ihrem treulich bepackten Karren ein so unfrommes Pferd vorgespannt wird! Das gebe ich Ihnen sehr ernstlich zu bedenken.
    Schließlich blieben noch zwei Fragen, die ewigen zwei: Zeit und Raum.
    Was schon gesagt wurde, wiederhole ich nicht. Wollen Sie mir, bitte, Format und Schrift genau genug bezeichnen, daß ich den Umfang von fünf Bogen genau berechnen kann. Ich frage mich, ob ich auslange? Und diese Frage weckt die weitere: Bringen Sie außer dieser Einleitung noch eine biographische Skizze, oder soll jene das Nötige in großen Zügen liefern? Es macht nämlich einen bedeutenden Unterschied, ob man einen Essay über Luther schreibt oder aber eine (und wenn auch noch so knappe) äußere und innere Darstellung der Persönlichkeit gibt. Zum Essay fühle ich mich nicht besonders qualifiziert, dazu bin ich zu wenig Literat; es würde aber leicht unharmonisch wirken, wenn ich das Erdendasein Luthers in meiner besonderen Art skizzierte, um auf diesem Wege zu der Persönlichkeit zu gelangen, und daneben stünde eine fleißig genaue Chronologie. Zum mindesten müßte ich es wissen, und womöglich diese zu sehen bekommen.
    Sind wir erst über alle diese Punkte ins Reine gekommen, und es fehlt nur noch das bindende Jawort, so würde ich dann — aber dann erst — den Rechtsanwalt, der alle meine Geschäfte führt, bitten, sich mit dem Verleger direkt in Verbindung zu setzen; ich pflege über diese Dinge nicht persönlich zu verkehren.
    In vorzüglichster Hochachtung und mit der Bitte, einige Geduld mit mir zu haben, verbleibe ich

Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

209-212 An Dr. Borcherdt



13 Juni, 1912
Bayreuth

Hochgeehrter Herr

    Für Ihren eingehenden Brief vom 7. Juni schulde ich Ihnen den wärmsten Dank. Außerdem hat er mir, teils durch seine Mitteilungen, teils durch die energische Anregung zu endgültiger Besinnung, den Dienst geleistet, daß ich endlich klar sehe in dieser Sache.
    Lassen Sie es mich lieber gleich unverhohlen aussprechen: ich bin zu der Einsicht gelangt, daß ich Ihrer mich ehrenden und erfreuenden Aufforderung nicht nachkommen darf.
    In der Eile überbeschäftigter Tage kann ich die Begründung zu diesem Entschlusse nicht ausführlich darlegen, wie ich es Ihnen gegenüber so gern möchte. Doch vielleicht genügen wenige Worte, damit Sie mich verstehen.
    Erstens fühle ich mich, nach Kenntnisnahme Ihres ausführlicheren Programms, nicht ganz in Übereinstimmung mit Ihren Absichten. Denn wenn ich auch wohl begreife und von Herzen billige, daß man Luther nicht allein als Theologen, namentlich nicht als spitzfindigen Dogmatiker zeige, so ist mir die Weglassung des Katecheten schon bedenklicher, weil hier eine Grundlage seines positiven gesellschaftlichen Aufbaues liegt — fragen Sie nur den Jesuiten an, die gerade in dieser Beziehung, indem sie Luther bekämpften, ihm nacheiferten. — Und dann ist mir unbegreiflich, wie an Luther etwas „Lutherisches“ bleiben soll, wenn man alles ausläßt, was Nichtprotestanten unangenehm berühren kann. Kämpfer sein und jeden Hieb mit einem dreifach wuchtigeren Hiebe erwidern: das gehört doch zum Wesen der Persönlichkeit Luthers. Der unauslöschliche Haß gegen Rom, der Abscheu vor den Juden — die kann man doch nicht aus der Welt schaffen. Ebenso falsch aber wäre es, seine Maßlosigkeit gegen die anderen Reformatoren nicht zu Worte kommen lassen zu wollen; denn in solchen Dingen zeigt sich Charakter. Wer einen Schleiermacher will, kann ihn ja haben; wer allgemeinen Religionsbrei schmackhaft findet, für den ist wahrlich heute überall gesorgt. Wesen des Glaubenshelden ist aber, daß er glaubt, daß sein „Ja, ja“ wie die Posaunen vor Jericho erschallt und sein „Nein, nein“ wie ein Donnerkeil dareinfährt. Nein, mit der Aufrichtigkeit, die Sie heute von mir zu fordern ein Recht haben, muß ich gestehen, ich bin nicht der Mann, an einer Lutherausgabe mitzuarbeiten, die sich zum Ziel setzt, „den konfessionellen Frieden nicht zu stören“. Nebenbei gesagt, möchte ich wissen, wo dieser angebliche „Frieden“ zu finden ist?
    Doch unterbrechen Sie mich vielleicht mit der Bemerkung, daß Sie mir ja ausdrücklich „volle Freiheit zusichern“ in meiner Einleitung. Abgesehen davon aber, daß ich dann als enfant terrible die erhofften Leser von vornherein abschrecken würde, so sind mir bei näherer Überlegung, wie ich sie Ihrer kräftigen Anregung verdanke, Bedenken anderer Art gekommen, die mich zu der ablehnenden Entscheidung geradezu zwangen.
    Daß ein Mann, der einige Bildung und einige Gedanken hat, ohne sonderliche Mühe ein Feuilleton von 50 Seiten über Luther verfassen kann, begreife ich. Mir aber ist es versagt. Ich gleiche in manchen Beziehungen jenem berühmten Deutschen aus der Anekdote, der das Kamel aus den Tiefen seines Bewußtseins entstehen ließ. Wenn ich jahrelang mich in eine Persönlichkeit versenke, ganz passiv, von der einzigen Leidenschaft beseelt, geistig mit ihr zu verschmelzen, so kann ein Augenblick kommen, wo mit einer Art von Zwang sich eine Vorstellung mir aufdrängt, die auch für andere, die weniger Zeit solchen Betrachtungen widmen konnten, von Interesse sein kann. Es werden damit Wege gewiesen, die an die wahre Quelle alles edlen Menschtums führen. Immer aber entstanden meine Werke aus vielen Jahren — nicht eigentlich von Studien, aber von intensiver Versenkung. Es wäre ebenso unmöglich wie unwürdig, wollte ich einen Luther künstlich und willkürlich zu zeichnen unternehmen. Würde ich aber so viel Zeit und Mühe darauf verwenden, dann durchbräche ich den Rahmen einer Einleitung, und es würde mir auch nicht passen, die Arbeit so eingeschränkt und unzugänglich zu wissen, und gar noch mit einer Ausgabe verflochten, die meinen Wünschen nicht entspräche. Einen Augenblick dachte ich sogar daran, Ihnen und Ihrem Verleger vorzuschlagen, mich ein eigenes Buch über Luther schreiben zu lassen, ein kleines Buch, aber ein ganz selbständiges; allenfalls hätte der Verleger eine Ausgabe konform der Schriftenauswahl herstellen können, die mit dieser auch verkäuflich gewesen wäre... Doch mußte ich auch hiervon zurückkommen, in dem Gefühl, daß dies mich viel weiter führen würde, als ich es verantworten könnte.
    Was ich bisher geschrieben habe, bildet — wenigstens in meinem Kopfe — ein Ganzes; zu diesem Ganzen gehört noch mehreres, darunter Pläne, deren Ursprung zum Teil 25 Jahre zurückliegt und noch weiter; dieses „Ganze“, teils jetzt nach dem Maße meiner Fähigkeiten vollendet, teils als Traum und Hoffnung die Zukunft färbend, ist gleichsam ein lebendiger Teil von mir selbst geworden; es wäre wohl nicht unbedenklich, namentlich in meinem Alter, plötzlich dieses (ohnehin sehr weite) Gehege zu verlassen, wo ich heimisch bin, um außerhalb, als irrender Ritter, mich zu ergehen. Ich ahne, daß ich weder Ihnen, noch mir selber genügen würde.
    Warum ich Ihnen das nicht gleich sagte? Ja, sehen Sie, das ist gerade der Haken: die an Versenkung gewöhnten Menschen wissen eigentlich gar nichts, bis sie sich versenkt haben. Die Aussicht, über den Mann schreiben zu dürfen, den ich immer für den gewaltigsten Mann der Weltgeschichte gehalten habe, hatte für mich etwas Begeisterndes; konnte ich wissen, ob Sie nicht der Finger Gottes seien? Sobald ich aber mich auf meine eigenen Kräfte zurückverwiesen fühlte, da entdeckte ich bald, daß ich diesen Weg zu gehen nicht bestimmt bin. Der Ton Ihrer Briefe läßt mich auf Ihr Verständnis rechnen, und dieses wird mir recht geben müssen und daher auch Verzeihung nicht vorenthalten.
    Zum Schlusse noch etwas: ich glaube, ich weiß, wer Ihnen diese Einleitung ganz vortrefflich schreibt; ich wenigstens wüßte niemand, dem ich es so zutraute wie ihm. Geheimrat Henry Thode. Als Sohn oder wenigstens Enkel und Urenkel protestantischer Pfarrer und als gläubiger Mann besitzt er die eine nötige Eigenschaft; dabei ist er durchaus weitherzig und sehr welterfahren; es wird ihm also weder an Takt noch an Glut fehlen; seine historischen Kenntnisse sind ganz eminent und reichen gerade in bezug auf jene Zeiten in das Detail hinein, aus dem dann Leben in der Schilderung entsteht; der große und wachsende Erfolg seiner Vortragsreisen durch ganz Deutschland in den letzten Jahren hat seinen Ruf weit über die speziell kunsthistorisch interessierten Kreise hinausgetragen. Wenn ich nicht irre, wird er jetzt auch etwas Muße haben, da sein großes Michelangelowerk in diesen Wochen abgeschlossen vorliegen soll. Versuchen Sie es doch! Seine Besitzung ist: Villa Cargnacco, Gardone, Lago di Garda, Italien.
    Bitte glauben Sie an die Versicherung meines Bedauerns und zugleich an die Freude, die es mir bereitet hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.
    In aller Hochachtung

ergebenst

Houston S. Chamberlain.
 

212-218 An Adolf von Harnack



9. Dezember 1912.
Bayreuth.

Hochverehrter Herr

    Mein Schweigen auf Ihre beiden letzten Briefe bedarf weniger einer Entschuldigung als einer Erklärung, und auch zu dieser wüßte ich kaum die Worte zu finden, wenn ich nicht ein so tiefes Vertrauen zu Euer Exzellenz gefaßt hätte, daß ich eine leise Andeutung genügend wähnen darf, um eine ganze Kette sympathetischen Mitdenkens und Mitfühlens zu eröffnen.
    Ein Wort sagt alles: es hat noch nie ein Mensch so gegen mich — den Autor — gehandelt ¹. Noch nie hat einer so reich gegeben, so spontan, so eingehend, mit einem so divinatorischen Instinkt für das, was der Arbeiter, im Augenblick, wo nach jahrelangem Ringen um Erkenntnis und Gestaltung der Erkenntnis die Kluft des Endes, des Abschlusses, des erbarmungslosen Schwarzaufweiß vor ihm sich auftut, nunmehr ersehnt und wessen er eigentlich   b e d a r f,   wenn er es auch — nach meiner bisherigen Erfahrung — nie zu erhalten pflegt. Denn was nützen anerkennende Worte, die nicht auf genauer Kenntnis des Buches beruhen? Und wer kann das Buch beurteilen, wenn er nicht den Gegenstand beherrscht? Doch handelt es sich nicht allein darum, sondern um Tieferliegendes: wer selber mit höchster Anspannung alles gegeben hat, was ihm zu geben vergönnt ist, dürstet nach einer verwandten Überschwenglichkeit in der Aufnahme; alles andere mutet ihn gar so karg und verletzend an. Weit weniger auf Übereinstimmung im Urteil kommt es ihm an, als auf Übereinstimmung der „Temperatur“ des Herzens. Man ist noch ganz unfähig, selber zu übersehen, was man geleistet hat, — das Unzulängliche sticht viel eher und so unerbittlich ins Auge... denn solche Arbeiten sind nicht wie Kunstwerke, ruhend in der eigenen Abgeschlossenheit, sondern betreffen, gleichsam „naturhistorisch“, einen faktisch vorhandenen Gegenstand und können niemals ihm wirklich objektiv adäquat sein... und da ist es eine göttliche Wohltat, wenn einer, dessen Worte inneren Wert besitzen und sich durch Klang und Inhalt als aufrichtig bewähren, einem zuruft: Du hast wacker gearbeitet. In dem warmen Dank eines solchen liegt alles: denn hat mein Buch ihm etwas   g e g e b e n,   ihm neue Gesichtspunkte eröffnet, ihn dem nie auszukennenden Goethe nähergeführt, so daß er manche Dinge aus seiner Feder hinfürder mit vollkommenerem Verständnis lesen und dadurch die ganze Gestalt Goethes und auch seine ganze Welt — und wäre es auch nur um ein Weniges — besser, leuchtender, ausführlicher erblicken wird, — ja, dann hat mein Buch geleistet, was es wollte, und ich genieße inniges Glück in dem Bewußtsein, daß die Jahre, die mir so unermeßlich viel gaben, zugleich auch für einige andere mitgelebt wurden — und dann auch gewiß weit über mein Leben hinaus.
    Und das alles, hochverehrter Herr und erwünschtester aller Leser, haben Sie mir gegeben; und zwar so gegeben, daß die Sache sozusagen für mich jetzt erledigt ist und ich meinem Verleger das strenge Verbot zukommen lassen konnte, mir keine einzige Zeitungskritik zu schicken. Derlei Dinge wiederholen sich nicht. Und sollte selbst sich einer finden — ein Seltener —‚ der so reich wäre wie Sie, er wird sicher nicht so generös sein, so generös, daß ich, wie die Bettler, nur sagen kann: „Vergelt‘s Gott! “, denn eigentlich danken kann man für so etwas nicht, — man würde ins Sentimentale geraten, wo wir beide nicht gern weilen.
    Eine ganz besondere, eine „bebenbe“ Freude haben Sie mir durch Hervorhebung von Seite 312 ff. gemacht. Als ich nämlich diesen Abschnitt schrieb, geriet ich in jene echte Stimmung, wo man sich wie von einer geheimen Macht getrieben fühlt. Ich war ebenso hingerissen, als hätte ich das schönste Gedicht geschaffen. Und da war es niederschlagend, wenn einzelne andere, die diesen Abschnitt kennen lernten, nichts Besonderes dabei zu empfinden schienen. Es ist eben das Ei des Kolumbus; alles liegt auf der Hand; wer also nicht ahnt, daß noch kein Mensch es erblickt hatte und es darum auf einen „siegreichen“ Nachweis ankam (um Ihr Wort mir anzueignen), der schluckt‘s hinunter wie Butterbrot und sagt nicht einmal Danke. Die Sicherheit, mit der Sie gerade auf diese Stelle den Finger legten — eine der wenigen, wo Subjekt (Chamberlain) und Objekt (Goethe) sich mathematisch genau decken, hat mir nicht nur außerordentliche Freude gemacht, sondern mir großes Vertrauen zu allen Urteilen gegeben, die Sie sonst noch über Einzelheiten im Buche fällen.
    Ebenso scharfsinnig weisen Sie auf einen kritischen Punkt mit Ihrem Vorschlag, die Seiten 359 bis 364 in den Abschnitt „Organisches“ einzugliedern. Nur muß ich Ihnen offen gestehen, daß hier ein architektonisches „artifice“ vorliegt, und daß ich erst nach häufiger, eingehender Überlegung mich schließlich doch entschloß, die Sache so zu lassen, wie sie steht. Da nämlich Goethe im Anorganischen fast lediglich Sammler und empirischer Beobachter war, und im übrigen nur einige wenige — allerdings großartige — Ideen aufstellte und durch mehr zufällig hingeworfene Äußerungen Tiefblick verriet, so fällt dieser Abschnitt dem Umfang und somit auch dem „Gewicht“ nach etwas karg aus, und ich bin froh, durch die Einschiebung dieser polemischen Auseinandersetzung — die unentbehrlich ist, aber freilich ebensogut an anderem Orte stehen könnte — die Gelegenheit zu gewinnen, mich hier ein wenig mehr auszudehnen. Es schien mir das vorteilhafter, als wenn ich zu dem einzigen anderen Ausweg gegriffen hätte — nämlich die Proportionen in der Behandlung des einzelnen plötzlich zu ändern. Habe ich geirrt, so geschah es wenigstens nicht aus Unachtsamkeit. Auch weiß ich nicht, ob ich mich entscheiden könnte, hier zu verschieben: vielleicht verlöre ich mehr als ich gewönne.
    Mehr Eindruck — weit unerwarteter — macht mir Ihr Vorschlag, Seite 345 ff. direkt an 277 anzugliedern. Daß ich eine gewisse Scheu habe, in das einmal Abgeschlossene einzugreifen, werden Sie verstehen und aus eigener Erfahrung kennen; jedenfalls scheint mir aber dieser Wink sehr dankens- und erwägenswert.
    Unendlich dankbar wäre ich — ich tue keine Bitte, denn das wäre unbescheiden, aber — unendlich dankbar wäre ich, falls Sie einige Sätze, Die Sie zweimal lesen mußten, um sie zu verstehen, mir anzeigen könnten. Haben Sie sie vielleicht beim Lesen angestrichen, so würde eine bloße Postkarte genügen: Seitenzahl und erstes Wort. Zwar werde ich selber darauf Jagd tun, doch bin ich nicht sicher, die Schwierigkeit für andere immer richtig zu erraten.
    Ja, auch mich berührt die Polemik in Kapitel 5 nicht durchaus angenehm. All that I can say for myself ist, daß ich vieles davon gestrichen und gemildert habe! Aber Sie haben vollkommen recht: es könnte noch mehr verschwinden oder in die Anmerkungen verwiesen werden.
    Die Richtlinien auf Richard Wagner dachte ich ohne alle tendenziöse Übertreibung und Emphase deutlich aufgezeigt zu haben: Musik in gewissen Situationen „noch höher als Sprache“, — die fortgesetzten Versuche, das Drama unter Mitwirkung der Musik zu gestalten, — die tiefe (antiglucksche) Einsicht in die entscheidende Tatsache, daß nicht die Worte, sondern vielmehr „die Pantomime, die Handlung“ dasjenige sind, woran die Musik organisch anzuknüpfen hat (Seite 546), so daß die Vermählung von Auge und Ohr, von Gesehenem und Gehörtem das primär Gegebene im neuen Drama sein muß, wogegen Wortausdruck und Tonausdruck erst aus dieser poetisch stattgehabten Ehe hervorsprießen, — die Versetzung der Tragik in eine andere Sphäre, indem die Erlösung nicht mehr jenseits des Dramas liegt, sondern dessen Krönung bildet: alles dies, nebst manchem Nebensächlicheren, auf das ich aufmerksam gemacht habe, scheint mir eine wahre Verwandtschaft zwischen beiden Dichtern zu bilden, jedenfalls aber zu interessanten, anregenden — weil beiderseitig aufhellenden — Ideen und Einsichten hinzuführen. Meine Absicht lag fern von aller plumpen und schließlich irrelevanten Geschichtskonstruktion, sie betraf vielmehr jene „Doppelreflexion“, von der Goethe gern spricht und wodurch Unaussprechbares wie durch sinnlich unwahrnehmbare Ätherwellen ins Bewußtsein getragen wird.
    Die freundliche Rüge bezüglich einer „Überschätzung des Sakramentalen“ gehört zu jenen Dingen, die mir eine heitere Freude bereitet haben; Ihrem Scharfblick entgeht nichts; mein Gewissen ist an dieser Stelle nicht ganz rein; ich wollte schnell vorwärts kommen, eindrucksvoll, unzweideutig, das Gegebene paßte sehr gut, und die Reservationen und Verklausulierungen sind mir stilistisch zuwider; ich dachte, der Vernünftige macht sie von selbst. Ich rufe Ihnen also Bravo! zu, werde aber doch nichts hier ändern. Sie selbst fügen richtig hinzu: oder überschätzt   e r s c h e i n t“,   und treffen damit das Richtige, wie immer.
    Von größter Bedeutung sind mir dagegen Ihre Bemerkungen über die Abschnitte 1 und 2 vom 6. Kapitel. Natürlich muß ich sehr vorsichtig sein; doch hatte ich mir, noch ehe Ihr Brief eintraf, eine ganze Seite des ersten Abschnittes als zu streichen notiert; Ihr Urteil bestärkt mich in dem Gefühl, daß hier — nicht bloß wie mancherorten Unzulängliches vorliegt, sondern — daß hier noch etwas Positives an Aufhellung, Entlastung, Vereinfachung geleistet werden könnte. Ob es gelingt, weiß ich nicht; jedenfalls will ich es ernstlich versuchen.
    Gott! wie dankbar wäre ich gewesen, wenn ich bei jedem meiner Bücher einen Freund zur Seite gehabt hätte, fähig, das, was ich tat, zu übersehen, und gewillt, mich durch Rat zu unterstützen! So keck ich manchmal schreibe, so innerlich grundbescheiden bin ich. Stets habe ich mich danach gesehnt, doch Hilfe nur bei sekundären Begabungen gefunden, während die Bedeutenderen sich entzogen.
    Über die jüdische Frage würde ich am liebsten hier kein Wort sprechen; Sie werden Ihre Meinung nicht ändern, und ich die meine ebensowenig. Erlauben Sie, daß ich Sie an Kants Wort erinnere: daß bei bedeutenden Werken die sogenannten Fehler einen integrierenden Bestandteil bilden, an dem man nicht rütteln darf, da sie zum Organismus des Ganzen gehören. Mögen Sie hier also, wenn Ihr Urteil es fordert, einen „entstellenden Flekken“ erblicken; bei näherer Betrachtung werden Sie gewiß entdecken, daß manches Vortreffliche, manches, was Ihnen Anlaß zu so warmen Worten der Anerkennung gegeben hat, untrennbar eng mit diesem „Fehler“ verwachsen ist. Manche Einsicht gewinnt nur derjenige, der sich resolut und, wenn es sein muß, gewaltsam von allem „Jüdischen“ abwendet. Sie schreiben mir: „Je schlimmer der Jude, um so größer muß unsere Liebe sein“; und ich will nicht leugnen, daß ich das Wort in dem Munde eines Verkünders des Evangeliums schön finde. Doch für uns simple Weltkinder finde ich das Rezept höchst bedenklich, ja, lebensgefährlich. Aufrichtig gesagt, ich kann mir bei dem Begriff „Liebe“ nichts vorstellen, wenn es nicht auch ein Ding gibt, das „Haß“ heißt. Ich fühle mich nicht unfähig — wenigstens nicht ganz unfähig —‚ dem Worte Christi zu folgen und einen Feind zu lieben, verstehe aber darunter den einzelnen Mann, der mir rein persönlich Schaden zufügt, an Gut, Leib, Ehre; ich begreife aber nicht die Aufforderung, das Schlechte, das Schändliche, das Gemeine, dasjenige, was alle Tage auf allen Gebieten alles, was mir hoch und heilig ist, beschmutzt, vergiftet, niederreißt, damit alles Edle an unserm lieben armen großen Europa rettungslos dem Untergang weihend — ich begreife nicht die Aufforderung, es zu lieben; mit allen Kräften meiner Seele hasse ich es und hasse es und hasse es! Und wie dieser Haß aus meiner leidenschaftlichen Liebe entsprießt, ebenso kräftigt sich und wächst meine Liebe aus diesem Haß. Gäbe ich einmal den Haß auf, ich bliebe bettelarm an Liebe. Also seien Sie auch hierin generös und lassen Sie mir meinen Haß, auf daß ich nicht meine Liebe verliere; denn in ihr wurzelt rein alles, was ich bin und kann.
    Zum Schluß etwas, was an den Anfang gehört, dort aber vergessen wurde.
    Da ich an Ihren so lieben Briefen nichts höher schätze als ihre Spontaneität, so weiß ich sie auch in dieser Eigenschaft hochzuhalten. Außer meiner lieben Frau hat sie niemand gesehen und soll sie niemand sehen. Sie hatten die Generosität, in der Hitze des ersten Eindrucks zu schreiben; mit der Zeit wird vermutlich eine kritischere Stimmung Platz greifen; vielleicht erblicken Sie nach einem Jahre das Buch in einer anderen Perspektive. Ich aber bin ein Egoist und will mir das Anrecht oder wenigstens die Hoffnung auf ein künftiges Labsal dieser einzigen Art nicht rauben. Nur wenn ich wirklich diese und jene bedeutende Änderung durchführen sollte, würde ich vielleicht stolz tun mit Ihrer Anregung hierzu; sonst möchte ich — der ich in Wahrheit so ganz außerhalb der Welt lebe — in der Stille des eigenen Herzens und Geistes des Glückes genießen, das Sie mir gewähren.
    Entschuldigen Sie dieses lange Schreiben und entschuldigen Sie die „Maschine“; ich diktiere nicht, sondern schreibe sie selber seit dreißig Jahren; es geht mir viel schneller und müheloser als die Feder und hat den Vorzug, lesbar zu sein. Hoffentlich also hat der Gebrauch für Sie nichts Verletzendes?
    In größter Verehrung und Dankbarkeit

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ H. hatte beim Lesen des „Goethe“ nach jedem Kapitel eingehend an den Verfasser geschrieben.
 

218-219 An Oberpostassistent Greshoff



9. Februar 1913. Hotel Angst. Bordighera.

Sehr geehrter Herr,

    Zu meinem lebhaften Bedauern erhalte ich   e r s t   h e u t e   Ihre Sendungen vom 11. Januar nachgesandt.
    Für die Absicht und die Bemühung danke ich Ihnen, doch muß ich, wie mein hochverehrter Freund Harnack, gestehen, daß ich für Lourdes und was dort mit hysterischen Patienten vorgeht, nicht das geringste Interesse hege.
    Aller Materialismus ist mir verhaßt — gleichviel ob er sich nach Büchner oder Moleschott richtet oder nach den den heiligen Namen Christi mißbrauchenden Dunkelmännern. „Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht ist es, das nach Wundern verlangt“ — so rief der Heiland aus, und so rufe auch ich Ihnen zu.
    „Wunder“ — wie man sie nennt — hat es zu allen Zeiten gegeben, nichts ist so gewöhnlich; schon im alten Babylon mußten sie vom Gott Marduk zeugen; die allerunerklärlichsten werden noch heute am Kongo und auf Haiti von Negern vollbracht; ich habe selber Heilungen und Teufelaustreibungen im Osten Europas beigewohnt; eine arme Frau schrie laut: sie habe „tausend katholische Teufel, tausend griechisch-orthodoxe Teufel und tausend muselmännische Teufel in sich“ — eine schöne Ladung, — die guten frommen Franziskaner gaben sich alle Mühe und es gelang ihnen an jenem Johannisfest, dem ich beiwohnte, fünfhundert dieser Teufel auszutreiben, der eine rannte sogar in Gestalt eines schwarzen Dackels sichtbar davon, — mehr ließ sich an diesem Tage nicht leisten, doch wurde mir erzählt, im Laufe drei weiterer Jahre sei die Frau vollkommen geheilt worden.
    Thaumaturgie hat mit wahrer Religion, mit jener rein inneren Umwandlung, von welcher Christus zu Nikodemus spricht, so wenig zu tun, daß man sie vielmehr als deren Gegensatz und Verleugung bezeichnen muß.
    Wer Augen zu sehen hat, braucht nur in Gottes Natur hinauszuschauen, wo und wann er will: alles ist Wunder, unergründliches Wunder.

Hochachtungsvoll

Houston Stewart Chamberlain.
 

220-224 An Adolf von Harnack



20. Mai, 1913
Bayreuth (Bayern)

Eure Exzellenz

darf ich wohl bitten, diesen Brief auf einen Mußeaugenblick zurückzulegen?
    Mein Interesse für Uexkülls Forschungen ist Ihnen bekannt; mit Herrn August Ludowici bin ich schon seit Jahren befreundet: so kam es, daß ich schon vor Monaten über Stiftung, Stifter und „in spe“ Bestifteten orientiert war und inzwischen von beiden Herren hin und wieder ins Vertrauen gezogen wurde. Der Versuchung, aus reiner Begeisterung zu reden, widerstand ich; auch der noch größeren Versuchung, Klage darüber zu erheben, daß wieder einmal, wo man einen großen, dunkle Kontinente aufschließenden Strom echt biologischer Forschung erwarten durfte, nur ein neuer riesiger akademischer Sumpf erstehen soll, ohne Zufluß und ohne Abfluß, eine Brutstätte für Frosch-Mäusekriege. Jetzt aber, wo alles, was meine Wenigkeit nichts angeht, erledigt ist, drängt es mich, Ihnen ein Wort über Uexküll zu sagen; denn   e r   geht mich an, wie er jeden lebendig lebenden Menschen angeht, und es gibt Augenblicke, wo die Schweigepflicht in die Redepflicht umschlägt, namentlich einem Manne gegenüber, der infolge seines unvergleichlichen Ansehens vielleicht einmal eine ausschlaggebende Entscheidung herbeiführt.
    Uexkülls kopernikanische Idee ist die des „Planes“; in meinem Kantbuche wollte ich dasselbe mit den Worten ausdrücken: „Leben ist Gestalt.“ Der Fachmann glaubt hierin eine These zu erblicken, irgendeine sich einschleichende Philosophie, die der empirischen Forschung hemmend im Wege stehen soll — oder jedenfalls stehen wird. Der Laie empfindet zwar diese Bedenken nicht, weiß aber das Neue in der Problemstellung nicht zu erfassen; er sagt sich: „Nun ja, natürlich ist alles Lebendige planmäßig angelegt, das habe ich immer gewußt“; ist er gebildet, so fügt er ein Zitat aus Aristoteles hinzu und die Sache ist erledigt. So begreift denn weder der eine noch der andere, daß hier ein neues Forschungsprinzip vorliegt. Sobald die Natur genial befragt wird, gibt sie geniale Antworten.
    Nichts besitzt für Wissenschaft und Menschheit größere Bedeutung als die Erschaffung und die Durchsetzung neuer Ideen. Es ist einfach nicht wahr, daß Ideen notwendig sich aufdrängen und zu einer bestimmten Epoche hervorbrechen   m ü s s e n.   Nicht ein einziger Beweis kann dafür erbracht werden, daß unsere moderne Physik der strahlenden Energie und mit ihr die gesamte elektromagnetische Technik ohne den einen Faraday entstanden wäre: Nur ein Charakter von seltener Unabhängigkeit und Redlichkeit, nur ein unbeirrbar gerade gerichteter Intellekt, vielleicht auch nur ein spät und halbgebildeter Mann aus dem Volke konnte die Naivität, die Kraft der Wahrhaftigkeit, den Mut besitzen, die in Acht und Bann getane, unter angeblich Newtonschen Dogmen der Physik begrabene Weisheit der Alten aus sich selber von neuem zu gebären, und eigensinnig zu lehren: natura abhorret vacuum — denn das ist doch, kurz gesprochen, der Kerngedanke Faradays, aus welchem zuerst seine Experimente, sodann seine Entdeckungen, schließlich das ganze Gebäude seiner neuen Auffassung der Naturkräfte hervorgehen, bis schließlich, lange nach seinem Tode die Zeiten reif waren, einen im Gegensatz zu Faraday mit den reichen Hilfsmitteln hoher Bildung ausgestatteten Heinrich Hertz hervorzubringen, der eine Physik der lückenlosen Fülle theoretisch aufrichten und den Schul- und Universitätsammenmärchen entgegensetzen kann, und ohne irgendein Bedenken unsichtbare Körper und unnachweisbare Kräfte postuliert, so viele man will, damit nur keine Unterbrechung der „Berührung“ irgendwo vorkomme. Die Fachleute seiner Zeit taten Faraday zunächst als Ketzer in Acht und Bann, die Nichtfachmänner begriffen nicht, inwiefern eine neue Welt sich aus einer so einfachen Annahme wie die der Berührung sich entwickeln sollte. Inzwischen schritt er von einer Entdeckung zur anderen, und nach hundert Jahren überzeugt die Elektrotechnik selbst blöde Hirne von der Originalität und Fruchtbarkeit jenes Gedankens.
    Mit Faraday möchte ich Uexküll am liebsten vergleichen, sowohl bezüglich der Natur der zugrunde liegenden Leistung, wie auch in Hinblick auf das Wesen seiner Persönlichkeit. Was bei jenem das Volksmäßige, tut hier echter Adel; und was es so leicht für Zeitgenossen macht, Uexküll zu unterschätzen und so schwer, ihn annähernd auf seinen Wert zu schätzen, ist, daß er, wie Faraday, eine neue Leitidee in die Beobachtung der Natur einzuführen bemüht ist. Ob buchstäblich neu oder erneuert ist gleichgültig, denn das Vergessene ist — wie Uexküll selber irgendwo sagt — für die Wissenschaft tot; außerdem ist Uexkülls Idee jedenfalls ebenso neu wie Faradays es seinerzeit war, deren „Fülle“ einer anderen Beobachtungswelt entstammte als das Dogma unserer Altvordern. Und wie Faraday, so gibt auch Uexküll Schritt für Schritt, Stufe für Stufe zur Einführung seiner Idee nicht allein Gedanken, sondern Beobachtungen, neuentdeckte Tatsachen, handgreifliche Aufklärungen. Diese Idee Uexkülls ist wirklich Erfahrung — möge der große Immanuel mir diese Ketzerei verzeihen! Sehen Sie, bitte, nur sein Buch an, „Leitfaden in das Studium der experimentellen Biologie der Wassertiere“; alles ist praktisch, alles ist einfach: also ganz und gar „faradayisch“. Betrachten Sie seine vielen Arbeiten: jede gilt einer Wirklichkeit und jede führt die Sache durch von Anfang bis Ende, ist also nicht — wie neun Zehntel aller heutigen Naturforschung — ein Ansammeln von Material und wieder Material, mit welchem letzten Endes kein Mensch je etwas wird anfangen können. Uexkülls Arbeiten, deren Ergebnisse meist auf wenigen Seiten Druck aphoristisch zusammengedrängt werden können, stehen eine jede abgeschlossen da, bis zum Rande angefüllt mit Tatsachengehalt, an Anregungsreichtum unerschöpflich. — Was den Fachmann irremacht und den Laien verdutzt an Uexkülls Fragestellung sowie an seinen Ergebnissen, ist die   E i n f a c h h e i t.   Ich habe den Eindruck, als ob nicht ei