Briefe
1882—1924
und

Sehr geehrter Herr!
Wollen Sie einem
alten
treuen Leser und Abonnenten der „Preußischen Jahrbücher“
eine
kleine Bemerkung gestatten, die nur Ihr Ohr treffen soll, nicht eine
weitere
Öffentlichkeit, deren Berührung ich stets so viel wie
möglich
vermeide.
Habe ich — und zwar
schon seit Jahren — die „Preußischen Jahrbücher“ mit
Ausschluß
aller andren Monatsblätter dieser Art zu meinem „Leibjournal“
auserkoren,
so geschah dies nicht wegen einer in einer reichbewegten Welt
unmöglich
zu erzielenden Übereinstimmung in allen Ansichten und
Auffassungen,
sondern weil der höchst gediegene Inhalt durch einen wirklich
vornehmen
Ton gehoben wird. Gegen Schärfe wird kein vernünftiger Mensch
etwas einzuwenden haben; doch die rüpelhafte Anpöbelung und
die
perfide Ehrenabschneiderei — sonst leider selbst in wissenschaftlichen
Blättern nicht selten — sind mir in den „Preußischen
Jahrbüchern“
nie begegnet. Um so unangenehmer berührte es mich, als ich gestern
in Ihrem Januarheft, Seite 36, entdeckte, daß meine Wenigkeit
auserwählt
worden ist, um auf ihre Kosten unedle Kampfesweise auch in Ihr
vornehmes
Blatt einzuführen. Was dort in der Anmerkung gesagt ist, ist eine
direkte und absichtliche Lüge, eine Perfidie, um meine Person und
meine redlichen Arbeiten in den Augen Nichtwissender herabzusetzen. So
kämpft kein anständiger Mensch, und eine vorsichtige
Redaktion
dürfte, meine ich, einen derartigen Ton nicht gestatten.
In Wahrheit wurde
meine Dissertation nicht „in jüngeren Jahren“ geschrieben und
veröffentlicht,
sondern (wie Prof. Hansen und Privatdozent Bruck sehr gut wissen, da
sie
das Buch in Händen haben) in den Jahren 1896 und 1897, das
heißt
mitten in der Arbeit an den „Grundlagen
des 19. Jahrhunderts“, und in einem Augenblick, wo ich das
vierzigste
Lebensjahr schon hinter mir hatte. — Ohne das Zureden eines so
großen
Botanikers wie Julius
Wiesner hätte ich mich nie entschlossen,
diese
meine viele Jahre früher gemachten Versuche über den
aufsteigenden
Saft (die nur als Rohmaterial vorlagen) zu bearbeiten und in Buchform
herauszugeben.
Und was die maliziöse Behauptung betrifft, dieser Versuch sei
„sehr
unglücklich ausgefallen“, so kann ich nur darauf aufmerksam
machen,
daß die ersten deutschen Lehrer (wie Strasburgers, Pfeffers usw.)
heute a l l e ihrer erwähnen, und
daß
in einer größeren Arbeit im „Biologischen Zentralblatt“,
1907,
von Ursprung über „die Wasserversorgung der Pflanzen“
ausdrücklich
auf meine „Recherches sur la sève ascendante“ als
einzige
Quelle für unsere Kenntnis gewisser Tatsachen verwiesen wird.
Hofrat
Wiesner hat mir das Zeugnis ausgestellt: „Ihre Beobachtungen über
den aufsteigenden Saft sind die exaktesten, die jemals angestellt
worden
sind“; und Reg.-Rat Reinke (Kiel) — nebenbei bemerkt einer der
genauesten
lebenden Kenner der Saftbewegungen der Pflanze —‚ mit dem ich in
keinerlei
Verbindung stand, hat auf diese Veröffentlichung hin eine
Korrespondenz
mit mir eröffnet, die noch heute fortdauert; einem seiner letzten
Bücher hat er ein Motto aus meinen „Recherches“
vorangestellt,
und in seine Schrift „Die Natur und Wir“ (1907) hatte er die
Güte
einzuschreiben: „Seinem Lehrer Houston Stewart Chamberlain.“
Ohne also die sehr
beschränkte Bedeutung einer derartigen Spezialarbeit irgendwie
übertreiben
zu wollen — im besten Falle handelt es sich um ein Sandkorn —‚ darf ich
doch behaupten, daß das „sehr unglücklich ausfiel“ ebenso
absurd
in der Tat wie verleumderisch in der Absicht ist.
Und nun kommt noch
die ausgesucht kanaillenhafte Lüge, daß ich, weil dieser
Versuch
unglücklich ausgefallen war, „nachher“ das botanische Studium
aufgegeben
habe. Wogegen ich in Wahrheit die Laboratoriumsarbeiten wegen schwerer
langanhaltender Erkrankung aufgeben mußte, und erst viele Jahre
später,
als ich schon lange auf andrem Gebiete tätig war, einen Bruchteil
meiner Ergebnisse rettete; Ergebnisse, die jetzt noch, wie Sie sahen,
25
Jahre, nachdem ich sie erzielte, als Autorität und — innerhalb
eines
beschränkten Teilgebietes — als einzig in ihrer Art zitiert
werden;
immerhin etwas bei unserer schnell schaffenden Wissenschaft.
Da das eine Seite
lange Vorwort und die erste Seite der Introduktion meiner „Recherches“
in wenigen Worten alle Daten genau angeben, waren sie den genannten
Herren
H. und B. bekannt; kannten sie sie aber nicht, so hatten sie als
Männer
der Wissenschaft nicht das Recht, über Dinge zu reden, über
die
sie keine genaue Kenntnis besaßen.
Entschuldigen Sie
die Länge dieser Ausführungen; es erfordert immer viel Zeit
und
Mühe, eine boshafte Verleumdung zu widerlegen.
Was Prof. Hansen
selbst betrifft, so ist dessen Geist so roh, daß in der gesamten
Botanik kaum ein ungeeigneterer Mann zur Behandlung jenes Themas
hätte
gefunden werden können. Was er über mich referiert,
verhält
sich zu dem, was ich in Wirklichkeit gesagt und beabsichtigt habe, wie
die Rede des Justizrats Bernstein vor dem Schöffengericht zu dem
wahren
Charakter meines Freundes, des Grafen Kuno Moltke. Wenn‘s nicht traurig
wäre, wäre es zum Lachen. Das ist derselbe Hansen, der
(„Goethe-Jahrbuch“,
1906) den unsterblichen, einzigen Linné als „geistlosen
Handwerker“
anranzt; der vornehme Ton des Jüngers steckt also schon im Meister.
Und dies
veranlaßt
mich zu einer Schlußbemerkung: Halten Sie es wirklich für
empfehlenswert,
ja, selbst nur für zulässig, daß, wie in diesem Falle,
der Assistent über ein Buch seines eigenen Vorgesetzten referiert?
Glauben Sie, daß völlige Aufrichtigkeit und Freiheit hier
menschlich
wahrscheinlich sind?
Mit der Bitte, diese
Epistel so aufzunehmen wie sie gemeint ist, das heißt als
Meinungsäußerung
eines treuen Freundes Ihrer „Jahrbücher“, und der nochmaligen
Wiederholung,
daß ich weder eine Berichtigung noch irgendeine weitere
Erörterung
der betreffenden Sache wünsche, denn Lügen richten sich immer
selber, bin ich, sehr geehrter Herr, Ihr dankbarer Leser und
Ihr in aufrichtiger Verehrung ergebener
Houston S. Chamberlain.
175-176
An Professor Wilhelm Roux
Sehr geehrter Herr Professor!
Eine schlimme
Influenza,
die ich noch immer nicht ganz abschütteln konnte, hat mich lange
verhindert,
Ihre so reiche Sendung mir anzueignen und Ihnen meinen aufrichtigen
Dank
auszusprechen. Sie wollen das gütig entschuldigen und
überzeugt
sein, daß ich Ihnen wirklich von Herzen dankbar bin für die
viele Belehrung, die mir auf diesem Wege zuteil wird und die ich sonst
entbehren müßte, da ich zwar das „Biologische Zentralblatt“,
das „Archiv für Protistenkunde“ und einige andre Blätter
halte,
natürlich aber nicht in der Lage bin, auf diesem unmeßbaren
Gebiet sehr weit mich hinauszuwagen.
Ich kann Ihnen gar
nicht sagen, mit welcher Genugtuung ich Ihren Kampf gegen die
Psychomorphologen
verfolge. Die wissenschaftliche Befähigung der Vertreter dieser
Lehre
will ich nicht anzweifeln, doch daß sie auf einen Bankerott der
exakten
Wissenschaft notwendig hindrängen, das ist so gewiß wie die
Sonne am Mittag. „Romantiker der Wissenschaft“ nannte kürzlich
unser
vortrefflicher Hofrat
Wiesner die Herren Francé & Co. Nach
meinem
Dafürhalten handelt es sich um ein W i e d e r a u f l
e b e n der vor 100 Jahren blühenden
Natur-Philosophie.
Und zwar will mich dünken, diese jetzige Gestalt der
Natur-Philosophie
sei eigentlich gefährlicher als die damalige. Denn die
Vorstellungswelt
der Schelling, Hegel usw., die ja ursprünglich im Anschauen
wurzelte,
führte unvermeidlich immer weiter und weiter davon hinweg, in das
Abstrakte und immer mehr Abstrakte; wogegen diese jetzige Generation,
ausgehend
von einem völlig sinnleeren Gerede über Seele, Psyche usw.
dieses
nun ganz materiell verwendet und ihr ganzes Streben darauf richtet, den
Schattengestalten empirisches Dasein zu verschaffen. Die Folge wird
sein,
wenn ich nicht sehr irre, daß wir nächstens bei einer viel
dümmeren
und prätentiöseren Ausgabe der Büchner
und Moleschott
wieder
ankommen.
Entschuldigen Sie
diesen Herzenserguß und glauben Sie, sehr geehrter Herr, an meine
verehrungsvolle Ergebenheit.
Houston S. Chamberlain
176-177
An Professor
Julius Wiesner
Sehr geehrter Herr und Freund!
Indem ich Ihnen
bestens
für Ihre Zeilen danke, will ich doch noch einige Worte über
Ihren
Aufsatz hinzufügen.
Erstens die
Versicherung,
daß ich diese Ausführungen für sehr bedeutend halte und
mich auf die Stunden freue, wo ich sie noch einmal mit
größerer
Muße wirklich durchstudieren kann. Denn das Ganze ist sehr
kunstvoll
aufgebaut und nichts weniger als ein gewöhnlicher Revueaufsatz.
Wie
Sie voraussetzten, hat natürlich einiges — ich will nicht sagen
meinen
Ansichten, aber meinen Wünschen — nicht ganz entsprochen, trotzdem
ich in der Hauptsache mit Ihnen vollkommen übereinstimme. Es fehlt
mir immer die Betonung der Tatsache, daß eine Kritik der
Erkenntnis
für jeden denkenden Naturforscher unerläßlich ist; sie
ist schon darum unerläßlich, weil er ohne sie
notwendigerweise
in Metaphysik und Dogmatik, womöglich aber in Naturphilosophie
verfällt.
Philosophie ist nicht ein bestimmtes Wesen, welches dasteht und
behandelt
wird wie etwa Botanik und Zoologie, sondern es gibt eine erträumte
konstruktive Philosophie von den ältesten Zeiten an bis zu
Professor
Mach, und es gibt eine Newtonsche, rein wissenschaftliche Kritik des
Menschengeistes,
die einzig Kant durchgeführt hat; diese zwei Dinge muß man
unterscheiden,
meine ich, und man muß darauf aufmerksam machen, daß nicht
naturwissenschaftliche Erkenntnis an und für sich, sondern einzig
Erkenntniskritik im Sinne Kants befähigt, die Grenzen zu ziehen.
Mir
scheint es, daß Ihr Aufsatz in diesem Punkte nicht die
genügende
Deutlichkeit besitzt. Solange nicht Kritik geübt wird, werden die
Naturforscher selbst immer wieder in ganz naiver Weise in Mystik,
Romantik
und Naturphilosophie à la Ostwald verfallen.
Weiteres
mündlich
ein andres Mal und inzwischen wiederholten Dank für diese
schöne
Arbeit, die gewiß in den Kreisen, für die sie bestimmt ist,
Aufsehen erregen und Nutzen stiften wird.
Houston S. Chamberlain.
177-178
An Baron
J. von Uexküll ¹
Hochgeehrter Herr
Gestern nachmittag
empfing ich Ihr Buch „Umwelt und Innenwelt der Tiere“ und ließ
sofort
alles liegen, um Einleitung, Schluß, Protoplasmaproblem und
einige
andere Kapitel im Fluge zu genießen. Es ist für mich immer
ein
Festtag, wenn etwas aus Ihrer Feder eintrifft — denn eben, ehe es in
die
Feder kam, war es im Hirn gewesen, und ehe es ins Hirn kam, hatte es im
sinnenden Auge geweilt. Und alles ist interessant, das Kleinste wie das
Größte, — denn wo es das wirkliche Leben gilt, da ist nichts
nebensächlich. Man atmet auf, und ruft: Endlich! Endlich!
Es hat mich gefreut,
den Namen unseres jungen Freundes ² zu finden — von dem ich
übrigens
seit langem nichts weiß. Ich hoffe, er hat die zweite Operation
gut
überstanden, und ich hoffe, das „Schauen“ hält ihn weiter bei
Ihnen fest, zur dauernden Befruchtung seiner
außergewöhnlichen
Denkanlagen.
Doch meine heutigen
Zeilen sollten vor allem dem einen gelten: Ihrer Widmung! Ich kann
Ihnen
gar nicht sagen, wie sie mich ergriffen hat und wie sie mein Herz
gleichsam
mit Dank erfüllte. An Hans
von Wolzogen, der zufällig gerade
hereintrat, sah ich, daß diese Wirkung bei allen edel denkenden
Menschen
dieselbe sein wird.
Immer denke ich mit
Rührung und Dankbarkeit der Stunden, die ich in jenem
glücklichen
Familienkreise verleben durfte; sollten Sie mit dem Fürsten ³
in brieflichem Verkehr stehen, so bitte ich ihm bei Gelegenheit meinen
verehrungsvollen Gruß zu übermitteln.
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
An ihn ist der dritte Brief der
„Lebenswege
meines Denkens“ gerichtet.
²
Dr.
Felix Groß.
³
Fürst Philipp Eulenburg.
178-179
An die Redaktion der „Umschau“
Hochgeehrte Redaktion
Als
langjähriger
Abonnent und Leser Ihrer vorzüglich redigierten Wochenschrift habe
ich gestern die Oktobernummern durchstudiert und mit besonderem
Interesse
die Mitteilungen des Herrn Dr. L. Sofer über die
Ausgrabungen
in Bismya und Tello gelesen (Nummer 42, Seite 872 f.). Warum aber wird
ein Schlußabsatz zu einem Ausfall gegen meine Wenigkeit benutzt?
Lassen Sie mich
meiner
Abwehr eine praktisch-greifbare Gestaltung geben, die zugleich Herrn Dr.
Sofer die Gelegenheit bietet, etwas für die Förderung der
Wissenschaft
zu tun. Wenn Herr Sofer Ihnen eine einzige Stelle aus meinen Schriften
namhaft machen kann, in welcher ich „der chauvinistischen Lehre,
daß
alle Kultur von den Ariern herstamme“, Ausdruck gegeben habe, so
verpflichte
ich mich hiermit, der Redaktion der „Umschau“ sofort 500 Mark bar
einzusenden,
welche sie zur Förderung irgendeiner naturwissenschaftlichen
Arbeit
nach freiem Belieben verwenden soll. Ja, ich gehe noch weiter; denn da
ich in meinen „Grundlagen“, als ausgesprochener Gegner der Lehren
Gobineaus,
an vielen Orten gegen den Begriff von ursprünglichen „Rassen“
überhaupt
polemisiere und von den sogenannten Ariern ausdrücklich
erkläre,
sie seien „einer jener Rechenpfennige, ohne die man sich nicht
verständigen
könnte, die man sich aber wohl hüten müsse für bare
Münze zu halten“ (Seite
343), so unterläge obiges Angebot einer auf alle Fälle
unerfüllbaren
Bedingung; darum erweitere ich es dahin, daß ich die genannte
Buße
erlegen will, wenn ich von irgendeiner „Rasse“ oder irgendeinem Volke
jemals
zu verstehen gegeben habe, alle Kultur stamme von ihnen her. In
Wirklichkeit
habe ich trotz des knappen Raumes die verschiedensten Kulturen in
meinem
Buche genau zu charakterisieren und zu würdigen versucht, mit
besonderer
Betonung der Individualität einer jeden; und an fünf
verschiedenen
Stellen bin ich — unter Berufung auf die Arbeiten von Renan, Maspero,
Hommel,
Winckler, Sayce, Delitzsch, Franke usw. — auf die große Bedeutung
der sumero-akkadischen zurückgekommen.
Ich fände es
sehr begreiflich, wenn Herr Dr. L. Sofer meine Arbeiten
geringschätzte
oder es gar nicht der Mühe wert fände, sie kennen zu lernen;
sie erheben nicht den Anspruch, die Beachtung der Spezialforscher zu
verdienen;
es berührt aber eigentümlich, wenn gerade Fachgelehrte in
leichtfertiger
Weise Behauptungen aufstellen, die nicht den bescheidensten Erwartungen
in bezug auf Genauigkeit und Wahrheit entsprechen; und es berührt
nicht minder eigentümlich, wenn nicht eine sachlich wertvolle
Mitteilung,
sondern lediglich die Diskreditierung eines gewissenhaft suchenden
Zeitgenossen
beabsichtigt ist.
Hochachtungsvoll und ergeben
Houston Stewart Chamberlain.
180
An die Redaktion der „Umschau“
23/11/9 Wahnfried, Bayreuth.
Hochgeehrte Redaktion
Nach Kenntnisnahme
der beiliegenden Zuschrift werden Sie es gewiß nicht
mißdeuten,
wenn ich gestehe, ich hätte lieber jetzt wie damals geschwiegen;
nur
die aufrichtige Sympathie für Ihr geschätztes Blatt, das mir
seinerzeit von meinem Freunde Hofrat Wiesner
empfohlen wurde und das
ich
seit Jahren jedem als einzig in seiner Art empfehle, hat mich
veranlaßt,
meinen Widerwillen zu überwinden und mich mit Leuten
herumzubalgen,
die mit so unredlichen Waffen kämpfen. Außerdem setzte ich
voraus,
daß Ihr Herr Mitarbeiter, wenn auch leichtfertig, so doch nicht
böswillig
gehandelt hat.
Sollte übrigens
sein Brief noch vom Drucke zurückgehalten werden können, so
ziehe
ich den meinigen auch zurück, denn nichts liegt mir ferner, als
die
Leser der „Umschau“ mit meinen Angelegenheiten unterhalten zu wollen.
Und nun, da wir uns
den guten Humor durch solche Lappalien nicht verkümmern lassen
wollen,
lassen Sie mich sagen, daß die 500 Mark keine Flunkerei waren,
sondern
daß ich diese Summe zu Ihrer Verfügung auch ohne Dr.
Sofer halte, falls Sie einmal, sei es einen Beitrag brauchen
könnten
zu einer guten Sache, sei es eine Arbeit anregen wollten. Ich mache nur
zwei Bedingungen: absolute Anonymität, und darum eine kleine
Pause,
damit man nicht auf mich rät. Vom Januar ab aber stehe ich zur
Verfügung,
falls Sie den Vorschlag so aufnehmen wollen, wie er gemeint ist.
In vollkommener Hochachtung
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
181-183
An die Redaktion der „Umschau“, Beilage zum Brief vom 23/11/1909
Hochgeehrte Redaktion!
Jetzt wissen wir
also,
daß Herr Dr. Leo Sofer sein Urteil über mich nicht
aus
der Kenntnis meiner Schriften, sondern aus seiner Zeitungslektüre
herholt, was seinem Privatbedürfnis genügen mag, jedoch zu
Behauptungen
in einer wissenschaftlichen Zeitschrift nicht hinlangt. Mit jenem von
ihm
angerufenen Journalisten habe ich mich seinerzeit deswegen nicht weiter
eingelassen, weil die sämtlichen angeblichen Zitate aus meinen
„Grundlagen“
entweder tatsächlich gefälscht oder aber in einer Weise aus
dem
Zusammenhang gerissen waren, daß sie auf den unkundigen Leser wie
Fälschungen wirken mußten; einem Gegner gegenüber, der
nicht bona fide vorgeht, verzichten anständige Menschen
auf
weitere Diskussion. Es tut mir leid für Dr. Sofer,
daß
er so wenig Unterscheidungsgabe besitzt.
Wollte ich alles
Falsche und alles tendenziös Entstellte in den Ausführungen
jenes
Gewährsmannes richtigstellen, ich brauchte mehrere Seiten,
wofür
weder Sie den Raum besitzen, noch ich die Muße. Bei diesen Dingen
gilt jedoch der alte Spruch der Juristen: ab uno disce omnes.
Wir lesen in Herrn
Dr.
Sofers Erwiderung: „Seite 137 sagt Herr Chamberlain vom Bündnis
der
Babylonier und Phönizier zur Unterwerfung Griechenlands und
Italiens:
‚Die Freiheit und die Kultur wäre vertilgt, also auf ewig
vernichtet
worden!‘ “ Ich bitte genau zu beachten: es steht „Herr Chamberlain
sagt“,
und vor und nach den Worten — Die Freiheit usw. — stehen
Anführungsstriche,
so daß sie als meine ipsissima verba bezeichnet
erscheinen.
Schlagen wir aber die angegebene
Seite nach, so entdecken wir, daß nicht ich hier spreche,
sondern
Mommsen! Mit genauer Angabe der Quelle („Römische Geschichte“, 1,
321) führe ich an dieser Stelle zwischen Anführungsstrichen
Worte
Mommsens an. Das „Herr Chamberlain sagt“ ist also eine absichtliche
Fälschung
jenes Gewährsmannes, begangen in dem verzweifelten Bestreben, aus
den zwölfhundert Seiten meines Buches einige Sätze
herauszufinden,
die, entsprechend verdreht und entsprechend durch Kursivdruck falsch
betont,
der erlogenen Behauptung als scheinbare Stütze dienen
könnten.
Zu der Fälschung des Verfassernamens kommt aber noch
Fälschung
des Textes! Denn in Wirklichkeit sagt Mommsen, den ich natürlich
wörtlich
genau zitiere: „Mit einem Schlage (wäre) die Freiheit und die
Zivilisation
vom Angesicht der Erde vertilgt gewesen.“ Und da aller guten Dinge drei
sind, begeht der Betreffende noch eine dritte Fälschung, indem er
verschweigt, daß ich gegen Mommsens mir in den Mund gelegten
Worte
einwende: „Ich würde eher die Kultur gesagt haben, denn wie kann
man
den Babyloniern und den Phöniziern oder auch den Chinesen
Zivilisation
absprechen?“
In gleicher Weise
ist jede einzelne Angabe, auf die Herr Dr. Sofer sich
verläßt,
falsch. So soll ich z. B. gesagt haben: „Körperlich und seelisch
ragt
der Arier unter allen Menschen hervor.“ Auch in diesem Falle sind von
den
zehn Wörtern vier falsch angeführt, und man wundert sich
nicht,
wenn Menschen, die unfähig sind, einen einzigen Satz, der vor
ihren
Augen steht, richtig abzuschreiben, sich als wenig geeignet erweisen,
den
Sinn eines ganzen Buches zu erfassen; doch gleichviel; die
Fälschung
besteht hier weniger in dem Wortlaut, als darin, daß nicht
hinzugefügt
wird, ich habe soeben im selben Absatz zum wiederholten Male
angezweifelt,
ob es wirklich eine durch Blutbande geeinte „arische Rasse“ gäbe,
und meine Überzeugung ausgesprochen, es handle sich vielmehr um
eine
„Wahlverwandtschaft“ zwischen körperlich und seelisch
emporragenden
Menschen verschiedener Weltteile und verschiedener Abstammung. Mein
Widersacher
zitiert mich nun so, daß der Leser glauben muß, ich habe
das
genaue Gegenteil gesagt.
Zum Schluß
zwei richtige Zitate. In seiner „Römischen Geschichte“, 8. A., I,
15, spricht Mommsen von den „indogermanischen Völkern“ und nennt
sie:
„den Stamm, auf dem von den Tagen Homers bis auf unsere Zeit die
geistige
Entwicklung der Menschheit beruht“. Ich habe in meinen „Grundlagen“
nirgends
eine so weitgehende Behauptung gewagt: erstens, weil sie über den
Horizont unseres Wissens hinausgeht, zweitens weil sie die andern
Faktoren
unterschätzt, drittens, weil ich dort überhaupt nicht
über
die „Menschheit“ zu handeln hatte, sondern nur über jene
„nördlichen
Europäer“, welche „die Träger der Weltgeschichte
g e w o r d e n sind“ („Grundlagen“,
Seite 8), und die ich nach ihrem kräftigsten Stamme als
„Germanen“
bezeichne. Von diesen Menschen, dieser Zeit, diesem Weltteil sage ich
nun:
„Von dem Augenblick ab, wo der Germane erwacht, ist also eine neue Welt
im Entstehen, eine Welt, die allerdings nicht rein germanisch wird
genannt
werden können, eine Welt, in welcher gerade im neunzehnten
Jahrhundert
neue Elemente aufgetreten sind, oder wenigstens Elemente, die
früher
bei dem Entwicklungsprozeß weniger beteiligt waren, so z. B. die
früher reingermanischen, nunmehr durch Blutmischungen fast
durchwegs
„entgermanisierten“ Slawen und die Juden, eine Welt, die vielleicht
noch
große Rassenkomplexe sich assimilieren und mithin entsprechende,
abweichende Einflüsse in sich aufnehmen wird, jedenfalls aber
eine
n e u e Welt und eine n e u e
Zivilisation,
grundverschieden von der helleno-römischen, der turanischen, der
ägyptischen,
der chinesischen und allen anderen früheren oder
zeitgenössischen.“
Diejenigen Ihrer
Leser, auf deren Urteil ich — gleichviel ob sie Freunde oder Gegner
meiner
Auffassungen sind — Wert lege, sind hiermit genügend orientiert
und
werden schwerlich einer „Wahrheitsliebe“, die mit gefälschten
Zitaten
operiert, Wert beimessen. Es erübrigt mir nur noch, für die
freundliche
Raumgewährung Dank zu sagen.
Hochachtungsvoll und ergeben
Houston S. Chamberlain.
Hotel Metropole. Santa Margherita-Ligure. Italien.
Hochgeehrter Herr Graf
Gottlob, die
Schreibmaschine
ist endlich aus Genua angekommen, und ich kann Ihnen dreimal so schnell
und dreißigmal so deutlich schreiben und mich nicht bei jedem
Worte
sorgen, ob Sie auch die Rhinozeroskralle werden entziffern können.
Zunächst meinen
warmen Dank für die gütige Art, wie Sie alles aufnehmen. Ich
kann Sie versichern, daß ich der letzte Mensch bin, andern mit
Ratschlägen
beschwerlich zu fallen; wer mich in Ruhe läßt, wird auch von
mir in Ruhe gelassen; in diesem Falle fühlte ich mich aber dazu
gedrängt
— eine helfende Hand wollte ich ausstrecken, eine Ermutigung zurufen,
nicht
eigentlich raten. Nun, Sie haben mich verstanden; der Ton Ihres lieben
Schreibens bürgt mir dafür. Bitte aber den Wert meiner
organisatorischen
Begabung und Erfahrung nicht höher anzuschlagen als ich es tue.
Freilich
hängt bei einem Buch a l s B u c
h
enorm viel von der Disposition ab; bei einer richtigen Anlage
wächst
alles von selbst wie der Baum aus dem Samen heraus, und nicht jeder
beachtet
das, wenn er zu schreiben anfängt; der Stoff, die
Überzeugungen,
der edle Wunsch, zu wirken... hundert Dinge bewirken, daß mancher
nicht genügend überlegt, daß auch das Buch als solches
ein Individuum ist, welches erstens gezeugt werden muß — soll es
lebendig und nicht eine Drahtpuppe sein, zweitens ein recht
pflegebedürftiges
Babyalter durchmacht, wo ein richtiger oder falscher Beschluß
über
alle Zukunft entscheiden kann — denn die in diesem Stadium begangenen
Fehler
lassen sich nie wieder gutmachen. A b e r,
hochgeehrter
Graf, wenn ich noch so viel Wert hierauf legen wollte, unstreitig
bliebe
dennoch, daß Ihre Persönlichkeit, Ihr Erfahrungsschatz, Ihr
Wissen den eigentlichen Lebensgehalt dieses Werkes ausmachen werden,
und
daß Sie nicht nur bei einem Gegenstand, der Sie schon so lange
leidenschaftlich
erfüllt, von selbst, instinktiv die einzig richtige Form finden
werden,
sondern daß, selbst wenn Sie sich durch eine rauhe Form erst
Ihren
Weg durchzubrechen hätten, dies wahrscheinlich dem Buche nur
zugute
kommen würde. Machen Sie mir also die Freude, einiges mit mir zu
beraten,
so stelle ich mir meine Teilnahme nicht anders vor, als daß ich
Sie
in dem unterstütze, was Sie selbst für richtig erkannt haben
— denn es treten immer Augenblicke des Selbstmißtrauens ein
(außer
bei Eseln), und da findet ein Freund die Gelegenheit, sich zu
bewähren.
Über den
„Rembrandt
als Erzieher“, Ihnen zum Muster vorgehalten, habe ich herzlich gelacht;
doch kenne ich das; alle Verleger sind sich darin gleich; und
schließlich
— wie sollen sie ihre Absichten andeuten, außer durch Hinweise
auf
Bekanntes. Herr R. ist natürlich gänzlich unfähig, auch
nur zu ahnen, was Sie leisten können und daß Ihr Geist ein
anderer
ist als der des seligen Langbehns. Wenn ich schon raten soll, so rate
ich
Langmut gegen die Verleger — für die es ohnehin nach Goethes
Versicherung
eine „eigene Hölle“ gibt, wo sie büßen werden. —
übrigens
wird Herr R. Sie gewiß nicht beschränken wollen, was die
Herren
Ultramontanen betrifft; stellen Sie sich aber auch sicher in betreff
des
auserwählten Volkes und lassen Sie sich durch einige antisemitisch
klingende Lockgesänge nicht irreleiten.
Was die
Z e i t anbetrifft, so dürfen Sie es keinem Verleger
übelnehmen,
wenn er gern einen Termin festgestellt haben will; der Mann muß
ja
seine Berechnungen — Kapital und Verzinsung u. dgl. — auf irgendwelche
Wahrscheinlichkeiten basieren. Anderseits sagen Sie sich daß noch
nie ein Autor sein Wort gehalten hat. — Sie werden doch nicht so
unkollegial
sein wollen, uns alle zu beschämen? Meiner Meinung
nach
m u ß der Verleger einen Zeitpunkt für
späteste
Lieferung des Manuskriptes nennen; diesen rücken Sie soweit irgend
tunlich hinaus; wenn aber ein Kontrakt schriftlich aufgesetzt wird,
lassen
Sie den betreffenden Satz ins Subjunktive setzen, mit „wenn irgend
tunlich“
o. dgl. Der Verleger m u ß ja
warten,
bis Sie fertig sind — was soll er sonst tun? — und wird er
ungemütlich,
gut, Sie lassen ihn fahren und ich kenne mehrere Verleger, die sofort
das
fertige Buch mit Freuden annehmen und sehr gut vertreiben. Bitte also,
nicht wahr? — über diese Frage keine einzige schlaflose Stunde!
Überhaupt
muß
ich parenthetisch einschieben, daß Frau Wagner Sie herzlich
grüßen
und zugleich bitten läßt, doch ja mit Schweninger
Rats zu
pflegen
wegen Ihres Leidens, ehe Sie sich an absorbierende Arbeit begeben. Gern
würde sie Ihnen einen Einführungsbrief an den Magus geben.
Ich
schließe mich ihr an — der ich auch für meine Person die
besten
Erfahrungen an diesem Wundermanne gemacht habe.
Und nun zu den
eigentlichen
Fragen.
1. Eine
V e r b i l l i g u n g wird einzig durch große
Auflage
möglich gemacht, und diese wird kein Verleger zusagen (da er doch
das Risiko trägt), bis er das Manuskript in Händen hat.
Dagegen
widerrate ich mit aller Energie einem Verzicht auf Honorar. Einer alten
und allgemeinen Erfahrung gemäß, vertreibt ein Verlag ein
Buch
um so besser, je teurer es ihm zu stehen kommt. Mein erstes kleines
Buch
erschien auf meine Kosten: es blieb völlig unbekannt; in einem
Jahre
wurden summa summarum fünf Exemplare verkauft — und diese
hatte
i c h gekauft! — Es bleibt Ihnen ja unbenommen, das Buch
(das
Sie laut Gesetz mit Buchhändlerrabatt beziehen, also um ein
Drittel
billiger) an die Bibliotheken zu verschenken; tausend Exemplare gehen
auf
diesem Wege leicht hin. Und wenn Sie z. B. tausend Exemplare selbst
subskribieren,
so geben Sie Ihrem Verleger den Mut zu einer Auflage von mindestens
3000.
Aber auf Honorar würde ich bestehen — und zwar zur Hälfte
(wenn
eine fixe Summe) bei Lieferung des Manuskripts, zur Hälfte bei
Beendigung
des Druckes [...] Nur nicht generös
gegen
den Verleger.
2. A
n o n y m i t ä t? Ach, wie verstehe ich Sie! Als ich
mich endlich zu schreiben entschloß, war meine (innerliche)
Bedingung
die unverbrüchliche Anonymität. Und ich frage mich manchmal,
ob es nicht recht quixotisch war, mich davon abbringen zu lassen. Als
es
an den Druck ging, empfand ich es als Feigheit. Bei Ihnen liegt alles
anders;
ich meine, das können Sie einzig mit sich abmachen. Den Titel
würde
ich nicht fürchten: Graf Hoensbroeck ist ein Liebling aller
Freigeistigen,
Graf Reventlow hat ein Buch gegen den Kaiser geschrieben, Graf
Keyserling
schreibt über Unsterblichkeit — ich fürchte, die
Vulgarität
ist nach wie vor dieselbe, und der „Graf“ wird eher ziehen als
abschrecken.
Doch vielleicht ist dies gerade ein Hauptargument für die
Anonymität.
Ich meine: Sie können diese Frage ruhig für künftige
Entscheidung
aufheben.
Lassen Sie mich Sie
versichern, daß von uns aus auch nicht der allerengste
Familienkreis
etwas über Ihr Vorhaben erfahren wird — weder jetzt noch jemals;
wir
haben in solchen Dingen zu viel Erfahrung, um nicht den Wert des
unbedingten
Schweigens zu kennen.
3. Über die
Religionsfrage habe ich schon geantwortet.
Und somit
schließe
ich diese überlange Epistel. Sauf force majeure
können
Sie bei mir immer auf jene Pünktlichkeit rechnen, ohne welche jede
Führung eines Geschäftes unmöglich wird oder wenigstens
sehr aufreibend.
In aufrichtiger
Verehrung
Ihr ganz ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr
Graf — In Erwiderung Ihres gütigen und inhaltreichen Schreibens
vom
3. d. M. will ich zuallererst melden, daß meine
Schwiegermutter
h e u t e an Herrn Geheimrat Prof. Dr. Ernst
Schweninger,
Prinz-Ludwigs-Höhe, München, schreibt, um Sie vorzustellen
und
anzuzeigen; S i e möchten dann so gut
sein,
darum bittet Frau Wagner, selber zu Schweninger unter Berufung auf
ihren
Brief zu schreiben und sich mit ihm in Einverständnis zu setzen.
Auch
Schweninger pflegt nämlich gegen Ostern eine Reise zu
unternehmen, und so wäre es möglich, daß sie sich
gerade
versäumten, wenn nicht vorher Verabredung genommen wird. Sie ist
glücklich
über Ihren Entschluß und hofft, der Wille werde zu Tat
werden.
Nun zu unseren
Geschäften.
Über die rein
geschäftlichen Beilagen habe ich — außer dem Danke — wenig
zu
sagen. Auch ich kenne weder Reichl noch Gleichen-Rußwurm; ich bin
hochgradig unsoziabel und kenne sozusagen keinen Menschen — und was hat
dieses angebliche „Kennen“ für einen Wert? Ein einziger Blick
offenbart
einem manchmal eine ganze Persönlichkeit und deren Schicksal;
kennt
man sie erst, so sieht man den Wald vor Bäumen nicht. Ein Verleger
muß sein Geschäft verstehen und muß sich — das
heißt
seine Interessen für ein Buch kompromittieren; dann „macht“ er es
gut. Ich habe von diesem eine gute Meinung bekommen — aber wie neulich
schon gesagt: wenn Sie Ihr Buch schreiben und er macht Sperenzel, dann
garantiere ich einen anderen Verleger.
Das Auskunftsbureau!
Schon längst plaidiere ich dafür, daß Fritsch (vom
Hammer)
oder ein ähnlicher Mann ein Bureau errichte, das jene Erforschung
unternehme. Mündlich einmal Näheres. Denn ich eile zur
Hauptsache.
Mit
größtem
Interesse habe ich von den Fragmenten Kenntnis genommen und sie
wiederholt
gelesen. Lauter gute, kräftige Keime und vieles, was förmlich
nach näherer Ausführung schreit. Nur kann ich Ihrer Erwartung
in bezug auf Randbemerkungen nicht genügen — wenn ich auch einiges
Wenige zu notieren mir erlaubte. Ich habe nicht einmal die Schulbildung
wie andere genossen, noch war ich je in einem Amte; und so ist mir das
Erteilen von Zensuren ganz fremd geblieben. Ich versuche stets den
anderen
zu verstehen, so gut es mir gelingen will — und dazu gehört immer
ein vollständiger Überblick, denn kein Teil kann beurteilt
werden,
ehe man nicht ein Ganzes vor Augen hat. Solche kritische Geister, wie
Sie
meinen, sind auch mir sehr nützlich, ja unentbehrlich; ich selbst
aber bin da inkompetent; ich könnte mich ebensogut unter einen
Baum
stellen und den Gesang der Wachtel kritisieren. Darum habe ich mir
einen
anderen Dank ersonnen für das Vertrauen, mit dem Sie mich wirklich
beglücken. Soweit ich ersehen kann, packen Sie die Dinge an einem
anderen Ende an, als ich es tun würde; darin haben Sie bedeutende
Vorgänger, ich „kritisiere“ Ihre Methode nicht; doch als ich Sie
las,
ließ es mir keine Ruhe, ich mußte gleich eine Architektur
des
Ganzen entwerfen. Nun sind freilich Ihre Bemerkungen schon Fleisch und
Blut, wogegen mein Schloß ein Luftschloß ist; doch bin ich
so überzeugt davon, daß ein Buch, um gut zu werden,
architektonisch
disponiert werden muß — und zwar um so mehr, wenn der Verfasser
sehr
viel zu sagen hat —‚ daß ich Sie hierzu habe anregen wollen. Il
va sans dire, daß mein Entwurf Ihrem Papierkorbe gewidmet
ist;
mir genügt es, wenn Sie erst staunen, dann sich empören, dann
laut auslachen und schließlich denjenigen Plan sich entwerfen,
der
Ihrem Intellekte entspricht. Sobald Sie einen Plan besitzen, da wird
sich
der reiche Stoff schon eingliedern. Ihre zerstreuten Einfälle
sammeln
Sie unter die verschiedenen Kapitelrubriken, nichts geht verloren,
jeder
kommt an seinen Platz — und eines schönen Tages setzen Sie sich
hin,
und bei Ihrem Temperament sprüht gewiß ein Kapitel nach dem
anderen dann glühend heiß hinaus, und die Sache ist fertig.
Nehmen Sie heute
mit diesem Wenigen fürlieb und rechnen Sie, bitte, auf zwei Dinge:
auf die Beschränktheit meines Könnens und auf die
Unbeschränktheit
meines guten Willens.
Mit einem warmen
Gruße aufrichtiger Verehrung
Ihr
Houston S. Chamberlain.
Deutschland im 20. Jahrhundert
Einleitung
In kurzen Worten Umfang, Begrenzung, Zweck des Buches anzeigend.
Kapitel 1. H i s t o r i s c h e r R ü c k b l i c k
Sehr geehrter Herr Schwaner
Ich sinne und
sinne
über Ihren fr. Brief vom 21/2 d. J. und weiß immer weniger,
was ich Ihnen sagen soll. Denn bloß sagen: so ist‘s vortrefflich,
ist ein wenig mager für einen Mann, der‘s heilig ernst meint und
nicht
viel Wert auf Schmeicheleien legt; wollte ich aber kritisieren, so
fände
ich kein Ende, da natürlich jeder von uns so etwas an einem
anderen
Ende anpacken würde, wie es ihm gerade liegt. Und das kann Ich in
aller Aufrichtigkeit sagen: wie Sie es machen, ist jedenfalls gut; und
die große Erfahrung, die Sie sich im Schweiße Ihres
Angesichts
erworben haben, hat zu einer Meisterschaft geführt, die ein volles
Gelingen auch für diese Fortsetzung verspricht. Was mich
persönlich
wenig anspricht, ist das Zusammenstellen von Namen, die miteinander gar
so inkommensurabel sind. Es ist ein so abgründiger Riß
zwischen
Shakespeare und Maeterlink, daß ich mir gar nicht denken kann,
wie
sie nebeneinander bestehen sollen. Die ganz Großen gehören
einer
anderen Menschenart an als die schönsten Begabungen; Homer ist
ewig
und Shakespeare auch — und in Byron, Milton, Carlyle strömt
wenigstens
so reichliche Beimischung des Ewigen, daß sie einige Jahrhunderte
gewiß überstehen werden; doch von Maeterlink weiß in
hundert
Jahren nur die Literaturhistorie etwas zu melden; da nützt alles
nichts,
und es kommt auf Meinungen, Richtungen u. dgl. gar nicht an — am
letzten
Ende entscheidet die eingeborene Kraft allein. Der gute Herbert Spencer
ist für mein Gefühl schon heute ein Fossil. Kurz: ich
hätte
Lust, Ihre Liste zu verkürzen und dafür den Wenigeren
reichlicher
das Wort zu lassen.
Und dann: es ist
bedenklich, in einer Germanenbibel den großen Franken gar keinen
Platz einzuräumen. Jemand nannte Pascal „eine neue fränkische
Invasion in Frankreich“. Montaigne halte ich für nicht ein
Tüttelchen
weniger „germanisch“ als Shakespeare, und ich weiß nicht, ob er
nicht
wie jener die Jahrtausende überleben wird; hier haben wir Genie in
höchster Potenz. Doch, selbst Voltaire ist — seiner ganzen Kopf-
und
Gesichtsbildung nach (Siehe Woltmann) reiner Germane. Diderot nicht
weniger...
zwei oder drei solche Kerle wiegen alles auf, was sich als Skandinavier
breitmacht.
Doch sie Sehen, wie
destruktiv meine Kritik werden könnte! Und anderseits verstehe ich
als praktischer Mann recht gut, daß Sie die Ansprüche Ihrer
Zeit — auch wo es sich um Vorurteile handelt — in Betracht ziehen
müssen
und daß Sie zufrieden sein können, wenn Ihre Bibel
fünfzig
Jahre gute Dienste leistet und dann für veraltet gilt. Ich lebe so
sehr außerhalb des „Tages“, daß die Ewigkeitswerte
vielleicht
ein wenig zu sehr bei mir vorwiegen. Lassen Sie es also bei Ihrem
wohldurchdachten
Plane bewenden und ersehen Sie in diesen Worten nur ein Zeichen wahren
und nicht Phrasenhaften Interesses an Ihren edlen Bestrebungen. Mit
bestem
Gruße
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
——————
¹
Herausgeber des „Volkserzieher“.
Verzeihen Sie,
hochgeehrter
und -geschätzter Herr, wenn ich in dem Gedränge tausenderlei
Pflichten und Besorgungen, welche die Heimkehr nach viermonatiger
Abwesenheit
bedingt, nur ganz ungenügend auf Ihre vorgefundenen lieben und
wirklich
höchst anregenden Mitteilungen erwidere. Es wird mich freuen, den
Spuren, die Sie aufdecken, nachzugehen. Die Prosaübersetzung, von
der Sie reden, ist wohl ins Holländische? Sonst hätte ich
mich
ungemein darauf gefreut.
Daß mein Buch
über Kant sich nach und nach doch den Weg zu Hirn und Herz
mancher
Besten bahnt, ist mir Trost und Ermutigung; die Herren vom Fach —
welche
allerdings die ganze Sache gar nichts anging — haben es zum Teil
geradezu
r o h abgelehnt; nun aber erhalte ich nach und nach von den
verschiedensten Seiten Zeugnisse tieferer Einwirkung. So z. B. neulich
von einem hervorragenden Arzt und experimentalen Forscher, den mein
Buch
zum überzeugten Kantanhänger umgewandelt hat. In diesem Sinne
zu wirken, wäre wohl das Schönste, was ich mir je hätte
wünschen können — mögen die also Beeinflußten mein
Werk später dann in ihren Papierkorb werfen: daran liegt nichts.
Bewahren Sie mir
Wohlwollen, Nachsicht, Interesse und seien Sie meiner Verehrung und
Sympathie
versichert.
Ihr
Houston S. Chamberlain.
195-196
An Privatdozent Walter Frost
Hochgeehrter Herr
Verbindlichst
danke
ich für Brief und Buch. Leider — oder vielmehr Gott Lob! — weile
ich
augenblicklich in geistig so fernen Regionen, daß es mir schwer
fallen
wird, Ihrem Versuche in nächster Zeit die nötige
Aufmerksamkeit
und Liebe zu schenken, — namentlich da schon ein erstes Blättern
mir
zeigt, daß ich mich mit Ihnen in ein Gebiet begeben
müßte,
dem ich glücklich bin, auf immer entronnen zu sein. Kant mag ja
ein
Esel gewesen sein, ebenso wie ich mich erinnere, einmal von einem
Musiker
gehört zu haben, Mozart sei ein Stümper gewesen — aber die
Sache
liegt nun einmal so, daß mich mit d i e s e
n
Eseln und d i e s e n Stümpern eine
Geistesaffinität
verbindet, so daß mir einzig in ihrer Gesellschaft wohl zumute
ist.
Oder aber ich finde unerschöpfliche Unterhaltung bei den
empirischen
Erforschern der Natur, wie auch bei guten Künstlern, klugen Welt-
und Geschäftsmännern usw. — wogegen eine amphibische
„Naturphilosophie“,
die alles Geniale von sich weist und dennoch „Philosophie“ sein will,
mir
höchstens — wie in Ihrem Falle — Sympathie für die Person
einflößen
kann, insofern man sie redlich, tüchtig und überzeugt bei der
Sache sieht, wogegen ich den Versuch selbst als aussichtslos betrachte.
Ich rede unumwunden,
weil der freundliche Ton Ihres Briefes mich dazu ermutigt; man ist ja
so
froh, Gelehrten zu begegnen, die freie Menschen und nicht Pedanten
sind.
Ich habe das Glück, eine ganze Anzahl solcher zu Freunden zu
zählen
— und mein Herz schlug Ihnen gleich entgegen, als ich auf dem Titel das
Wort „Bauführer“ las und mir sagen durfte, die akademische Toga
sei
nur ein klatternder Umwurf um die echte Gestalt.
Und da es nun
für
praktische Männer ein Gebiet gibt, wo sie allezeit sich in
gleicher
Überzeugung begegnen — das der unbedingten Tatsachentreue, so
erlauben
Sie mir, Sie aufmerksam zu machen, daß Ihre Behauptung Seite 8
unten,
man habe zu Schellings Zeiten „nichts geahnt“ von „der inneren
Verwandtschaft
der Erscheinungen des Lichtes, der Wärme, der Elektrizität,
des
Magnetismus und der Chemie“ auf Irrtum beruht. Hätten Sie meinem
„Kant“
die Ehre angetan, ihn aufmerksam zu lesen (was allerdings eine
ziemliche
Zumutung gewesen wäre), Sie hätten gewußt, daß
zwei
Männer wenigstens diesen Zusammenhang sehr genau „geahnt“ haben —
freilich, es waren keine mathematischen Physiker, sondern Männer
von
der Esel-Stümper-Sorte, nämlich Kant und Goethe. Für
Goethe
habe ich inzwischen eine ganze Reihe von Stellen aufgefunden; in einer
sagt er, er „zweifle gar nicht daran“ und in einer anderen, mit dieser
Einsicht „wäre die Naturforschung für immer geborgen“.
Möchte Ihre
Naturphilosophie Sie zu der Erkenntnis führen, daß geniale
Begabung
in der „Bauführung“ der Natur etwas zu bedeuten hat.
Hochachtungsvoll und dankbar
Houston S. Chamberlain.
196-198
An Professor Moritz Hoernes
Hochgeehrter Herr
Gestatten Sie
einem
aufrichtigen und wahrhaft dankbaren Verehrer, dem Sie öffentlich
unrecht
getan haben, eine kleine Bemerkung.
Soeben lese ich mit
dem größten Interesse Ihren Aufsatz in der intern.
Wochenschrift
„Geschichte und Vorgeschichte“. Warum bringen Sie mich Ungelehrten in
diese
rein gelehrte Erörterung hinein? Und wenn schon, warum mit einem
billigsten
Feuilletonsarkasmus, der in seiner materiellen Falschheit an
Verleumdung
grenzt?
Wie sollte ich, der
ich wie jeder Gebildete die Hälfte meiner Kultur aus
Altgriechenland
herzuschreiben habe, ich, der ich dem Studium der altindischen Weisheit
eine Aufklärung verdanke über manche Fragen, wie sie mir
weder
Süd- noch Nordeuropa bot, — wie sollte ich jemals gedacht oder
gesagt
haben, der Begriff Mensch „sei auf die germanische Rasse zu
beschränken“?
Wenn Sie bei Gelegenheit meine „Grundlagen“, Seite
61 ff., aufschlagen wollten, Sie würden eine ganz andere
Beantwortung
jener Frage finden, als die alberne, die Sie mir andichten. —
Außerdem
habe ich die dogmatische Beantwortung der unermeßlichen Frage
nach
dem Wesen von „Rassen“, wie sie wissenschaftliche und
unwissenschaftliche
Phantasten so ahnungslos leichtfertig zu geben belieben, stets
energisch
von mir gewiesen, so daß ich von den Anhängern Gobineaus,
Wilsers
usw. mit dem höchsten Banne belegt bin und meine eigene Person
neulich
verachtet fand als „ein charakteristisches Produkt der
gelb-weißen
Degeneration“! (was das besagen will, weiß ich nicht genau, aber
jedenfalls irgend etwas besonders Scheußliches). Und nun kommen
Sie
— hochverehrter Herr — und schreiben mir die Behauptung zu, ich halte
nur
die Germanen für Menschen!! So wird der arme Gelbweiße
zwischen
den zwei sich widersprechenden Antagonisten vollends zerquetscht.
Wie sollte ich aber,
der mir ein bestimmtes Thema — das 19. Jahrhundert — zur Behandlung
vorlag,
und der ich — meinen schwachen Kräften und der Architektonik
meines
Buches zulieb — mich streng zu beschränken hatte, zu
beschränken
nämlich auf das Sichere, Konkrete, Handgreifliche — wie sollte ich
nicht den Nordeuropäer, im Gegensatz zum Südeuropäer,
als
die treibenbe Kraft anerkennen, aus deren Entfaltung die Neuheit und
Eigenart
unserer jetzigen Zivilisation und Kultur zu erklären ist? Ist das
wirklich etwas so Absurdes? Mich dünkt es im Gegenteil eine vérité
de La Palisse. — Die „Arier“ bezeichnete ich (Seite
343) als „einen jener Rechenpfennige, ohne die man sich nicht
verständigen
könnte, die man sich aber wohl hüten muß, für bare
Münze zu halten“; der Vorstellung „Germane“ ist schon eher
beizukommen,
namentlich da in einem Buche wie dem meinen allen Ursprungsfragen
auszuweichen
war, da es nicht der Wissenschaft, sondern dem Leben, nicht der
Theorie,
sondern der Tat galt.
Daß Sie meine
Bücher nicht lesen, verstehe ich und billige es durchaus; uns
Laien
macht es aber einen befremdenden Eindruck, wenn wir immer wieder
erfahren
müssen, daß die exakten Forscher nicht einmal über das
Zunächstliegende wirklich zuverlässig „exakt“ zu berichten
verstehen.
Bitte, nichts
für
ungut zu nehmen!
In aufrichtiger Verehrung
H. S. Chamberlain.
Hochgeehrter Herr
Verbindlichsten
Dank
für die Mitteilung sowie für Ihre freundlichen Zeilen von
gestern.
Anbei die Briefe ¹ zurück.
Das Unternehmen,
einen Dithmarschen-Bauern zu überzeugen, er habe unrecht, ist
ungefähr
dasselbe, als wollte man die Sonne nötigen, von Westen nach Osten
zu kreisen. Bartels hat in seiner Art so Tüchtiges geleistet, er
ist
so einzig und unersetzlich, daß ich aus Verehrung hierfür
mich
seit lange daran gewöhnt habe, bei ihm immer ein Auge und oftmals
alle beide zuzudrücken. Der wirklich unverfälschte
Nordgermane
besitzt übrigens — ich weiß es aus eigener Erfahrung —
keinen
untrüglichen Instinkt in bezug auf Rasse; er steht zu sehr
außerhalb,
besitzt als Erbteil eine gottgegebene „Tumbheit“ und verachtet das
Schnüffeln,
in welchem er es doch nie zu einiger Meisterschaft bringen wird. Beim
redlichen
Bartels liegt nun in Wirklichkeit in diesem Falle lediglich seine
Hebbelomanie
zugrunde. Daß es nie gelingen wird, diesen interessanten, aber
krankhaften
Stecknadelspitzendialektiker dem Deutschtum als einen seiner
allerersten
Dramatiker aufzuzwingen, das m u ß ein
Mann
von Bartels Begabung — wenn auch halb unbewußt — empfinden; und
nun
treibt ihn seine blinde Leidenschaftlichkeit und sein bäuerischer
Eigensinn, über den größten dramatischen Dichter aller
Zeiten herzugeben, um Platz für den engeren Landsmann zu schaffen.
Die Aussichtslosigkeit dieses Beginnens erklärt die Verstocktheit.
Am meisten tut er mir selber leid; denn gerade er gehört
eigentlich
nicht in dieses beschränkte Literaturwesen, in das er für ich
weiß nicht welche Sünden gebannt scheint, und genösse
eine
ganz andere Lebensfreude, wenn er die Seelenweite besäße, zu
großer Kunst in unmittelbare Beziehung zu treten. Doch dann
wäre
er nicht „Bartels“! Also nehmen wir mit Dank, was Gott uns in diesem
tüchtigen
Menschen gegeben hat.
In vorzüglicher Hochachtung, ergeben
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Professor Adolf Bartels hatte in einem Zeitungsaufsatz das Deutschtum
Richard
Wagners angezweifelt und seine Meinung auch brieflich weiter verfochten.
199-201
An die Deutsche Dichter-Gedächtnisstiftung
Hochgeehrte Verwaltung
In Erwiderung auf
Ihre geehrte Zuschrift vom 22. Dezember kann ich nur das eine sagen,
daß
ich die beiden Dinge — die Bekämpfung der herz- und
hirntötenden
Schund- und Schmutzliteratur und die Überflutung des Landes mit
gesunder,
reiner, stärkender, erhebender, wahrhaft lebenspendender Hirnkost
für eines der wichtigsten patriotischen Unternehmen halte, denen
edle
Männer ihre Hingebung widmen können. Als der
Elementarunterricht
allgemein gemacht wurde, hatte den Lenkern der Staaten eine Geistige
Entfesselung
des Volkes aus beschränkenden Ideenkreisen vorgeschwebt, wodurch
es
nach und nach zu höherem Lebensinhalt heranreifen sollte; nun
droht
aber — wie so häufig bei aller Politik — genau das Gegenteil des
Erhofften
einzutreffen; nicht nur politisch werden die noch Unmündigen von
Abenteurern
irregeführt, sondern die Besudelung der Seele wird mit
frevelhafter
Gewissenlosigkeit an Hunderttausenden geistig Wehrloser vollzogen,
alles
um des schnöden Mammons willen. Letzterer Bewegung stehen
große
Kapitalien zur Verfügung, denn sie „rentiert“ sich. Noch in diesem
Monat (8. Dezember 1911) konnte man im „Berliner Tagblatt“ an leitender
Stelle eine beredte Verteidigung der Schundliteratur lesen; wer
zwischen
die Zeilen zu blicken versteht, weiß genau, in wessen Interesse
solche
Dinge geschehen, nämlich, im Interesse von Spekulanten, die der
moralische
Ruin eines ganzen Volkes kalt läßt, wenn nur ihre
Börsen
sich mit Millionen anfüllen. Dagegen bleibt die entgegengesetzte
Bewegung
— von wenigen hochherzigen Männern ins Leben gerufen — auf die
Barmherzigkeit
derjenigen angewiesen, welche dieses Erdendasein nur erträglich
finden,
wenn es eine moralische Ewigkeitsbedeutung einschließt, und die —
ohne Visionäre zu sein, und ohne den geringsten Anspruch auf jene
„Heiligkeit“ zu erheben, die dem „B. T.“ so besonders bespottenswert
erscheint
— nichtsdestoweniger ein körperlich gesundes und also ein geistig
unbeflecktes, frisches, frohes deutsches Volk ersehnen. Tausendmal
besser
ist es, nicht lesen zu können, als giftige Dinge zu lesen, die nie
mehr aus der Phantasie zu entfernen sind. Es ist lächerlich, von
Polizei
zu reden; hier wie anderwärts kann die Polizei nur dort
eingreifen,
wo die Saat des Bösen schon aufgegangen ist; gegen den
verderblichen
Samen kann einzig der gute Same aufkommen, und zwar der produktive, aus
dem zugleich die Blüte der Liebe treibt und die starke Wurzel des
Hasses. Ich habe in meiner Jugend Bauern und Matrosen in Frankreich und
England gekannt, die durch die Unbeirrbarkeit des Urteils, die
fabelhafte
Kraft des Gedächtnisses, den Humor, den Gradsinn, geradezu das
Prädikat
„bedeutend“ verdienten; sie konnten nicht lesen und schreiben; der
erste
Erfolg der Bildung — wie man ihn an der jetzigen Generation in jenen
Ländern
erschreckend wahrnimmt — ist die allgemeine geistige Depotenzierung,
namentlich
des Urteils und des Gedächtnisses; kommt nun frivole Lektüre
dazu, so ist die vollendete Gemeinheit sofort da; der Mensch ist unter
das Tier gesunken.
Heil denen, die
dieser
Katastrophe entgegenwirken!
In aller Verehrung
ergebenst
Houston S. Chamberlain.
201-206
An Hugo Bruckmann
Lieber Herr Bruckmann
Vielen Dank
für
Ihren lieben Brief vom 26. und für die echt „goethesche“ Noblesse,
mit der Sie meine Eselei bei der Berechnung stillschweigend verbessert
haben.
Um mit dem Ende
anzufangen:
ich habe Troll ¹ gebeten, den Vertrag ohne jede Veränderung
so
zu unterschreiben, wie Sie ihn vorgelegt hatten; es geschah in
vollkommener
Übereinstimmung mit ihm, nach einer kurzen mündlichen
Unterredung,
und ich sandte den Vertrag an seine Kanzlei zurück mit
entsprechender
Weisung. Die Unterschreibung hat Zeit bis zu seiner Rückkehr aus
Neapel,
da die Sache als erledigt gelten darf.
Aber weiß Gott,
der Vertrag ist auch das Bequemste an dem ganzen Buche. Das Weitere
macht
mir schlaflose Nächte. Denn wirklich, ich habe in dieses Werk
alles
hineingetan, was ich an Denken und Gestalten nur zu leisten vermag; ich
weiß, es ist, absolut betrachtet, nicht viel, aber es ist mein
Ganzes,
und insofern ist es doch wiederum ein „Absolutes“. Kein Mensch ist
weniger
als ich geneigt, das, was er geschrieben hat, als vom Heiligen Geiste
eingegeben
und daher sakrosankt zu betrachten; ich weiß ja zu genau, wie
viele
Stunden Houston Stewart Chamberlain Esquire im Schweiße seines
Angesichts
daran herumgebessert und gefeilt und gestümpert hat; es steckt
aber
doch so viel Unwillkür und geheimnisvolles Müssen in einem
solchen
Werke, daß man es mit einer ähnlichen Scheu und Ehrfurcht
betrachtet
und berührt wie einen Sohn, der schließlich auch auf ganz
natürlichem,
unmystischem Wege entstand und dennoch als ein Unerklärliches und
Unbedingtes vor einem steht, mit Eigenheiten, die man bewundert oder
beklagt,
aber nicht ändern kann.
Ich bin entsetzt
über die 50 Bogen ohne Anhang; ich hatte mir so bestimmt 30
vorgenommen.
Aber, wie abhelfen? Ich laufe durch die Olivenhaine und über die
hohen
Kämme und lasse immer wieder das ganze Buch an mir
vorüberziehen,
und ich erwache aus Träumen, wo Sie mir mit Armeen von Bogen den
Krieg
machen... und doch steht ein „Muß“ da, dem nicht auszuweichen
ist.
Denn es handelt sich doch nicht darum, ein Buch über Goethe auf
den
Markt zu bringen, sondern darum, im Dienste Goethes und des Deutschtums
dasjenige Buch zu schaffen, das ich zu schaffen befähigt und
insofern
genötigt bin. Wie sollte ich die Lebensskizze knapper fassen? Da
könnte
ich sie lieber ganz streichen. Mit wie flüchtigen (wenn auch, wie
ich hoffe, festen) Strichen ist die Persönlichkeit silhouettiert!
Versuchen Sie nur, solche Episoden wie Krafft oder Napoleon
auszulassen,
und sehen Sie, welche Lücken entstehen! Und der gekürzte
„Napoleon“...
was ja sehr leicht zu bewerkstelligen ist... verliert alle Deutlichkeit
und Überzeugungskraft. Vielleicht läßt sich im Anfang
des
kurzen dritten Kapitels ein wenig zusammenziehen; es wird einige drei
Seiten
ausmachen. Das vierte Kapitel ist von entscheidender Wichtigkeit; es
handelt
sich darin um die eine grundlegende Erkenntnis, ohne welche diese
Persönlichkeit
niemals begriffen und geschätzt kann werden. Ich habe gestrichen
und
gestrichen; doch wenn ich die lückenlose D e u t l i c
h k e i t opfere, so ist die Arbeit umsonst geleistet
worden.
Das fünfte Kapitel ist das komplizierteste Gewebe, das ich bisher
gewoben habe. Noch nach der Abschrift habe ich manches gekürzt und
umgestellt, wie seinerzeit im Völkerchaoskapitel. Weiter
kürzen
könnte ich nur, wenn ich mich entschlösse, ganze Abschnitte
zu
opfern, in denen dieses oder jenes Beispiel durchgearbeitet wird zur
plastischen
Verdeutlichung theoretischer Erkenntnisse. Es ist aber ein gar zartes
Gebild,
in guter Stunde entstanden, und ich habe nicht oft Tage, wo ich mich
zugleich
gesammelt, besonnen und scharfsichtig genug fühle, um an so etwas
chirurgisch herumarbeiten zu können; meist bin ich viel zu plump
und
träg. Das sechste Kapitel entstand als Improvisation, und wenn ich
auch am Wortausdruck gar manches zu tun fand und noch zu tun habe, es
wäre
ein Frevel, wollte ich tiefere Eingriffe wagen. Ich kann mir also
nichts
weiter vornehmen, als mit aller Rücksichtslosigkeit jedes
Überflüssige,
was mir begegnet, erbarmungslos zu tilgen. Und da nun in den
mitgeteilten
Zahlen manche gestrichene Seite mitgerechnet ist, so wäre ich
nicht
erstaunt, wenn weitere Striche eine Ersparnis von etwa einem Bogen im
ganzen
zustande brächten. Aber mehr schwerlich.
Der Anhang ist
abgeschlossen
mit 174 Seiten (je 23 Seilen).
Was das fünfte
Kapitel über Erwarten umfangreich gemacht hat, ist nur zum Teil
die
Überfülle des Stoffes; zum Teil sind es aber die
unumgänglichen
Zitate, wo dann jeder kürzeste Vers eine ganze Zeile beansprucht.
Aber wie soll man das umgehen?
Ich weiß,
lieber
Herr Bruckmann, Sie machen mir in Ihrem Briefe keine Vorwürfe,
aber
ich mache sie mir selber und ich fühle sie unausgesprochen bei
Ihnen,
da ich mich unserer vielen Unterhaltungen gut erinnere und auch
weiß,
welchen Einfluß Umfang und Preis auf die Verbreitung haben. Ich
kann
nur hoffen, daß der Name Goethe und der gute Ruf meiner
früheren
Bücher uns über Wasser halten werden. Ganz sicher ist dieses
Buch, was es auch wert oder unwert sein mag, „mein“ Buch; wer also
für
meine Art Sympathie hat, wird gewiß danach greifen.
Und nunmehr sind
Sie vielleicht mürbe genug, daß ich mit einer Hauptsache
herausrücken
kann: wenn es irgend geht, möchte ich für den e i
n e n Band stimmen. Es kommt alles darauf an, die
Persönlichkeit
als Einheit zu fassen und zu überblicken; ununterbrochen wird von
einem Kapitel auf die anderen hingewiesen; es ist eben doch noch immer
ein kleines, gedrungenes Buch, nur daß bei Goethe das Kleine
groß
ist. Vielleicht gelingt es Ihnen, ein dünneres und
nichtsdestoweniger
undurchsichtiges Papier aufzutreiben.
Hingegen sind in
mir Bedenken aufgestiegen, ob ich nicht die Idee mit den Tafeln fallen
lassen soll? Wir ersparen damit immerhin etwas Raum, wenigstens was wir
Engländer „bulk“ nennen. Und insofern als mein Buch
grundsätzlich
unhistorisch und nur ganz nebenbei stellenweise chronistisch ist,
passen
sie hinein wie die Faust aufs Auge. Ich hatte sie auch
hauptsächlich
als Ergänzung gedacht, damit das Historische und Chronistische
somit
zu seinem Rechte komme. Doch lege ich Ihnen die Sache vor und erwarte
Ihre
Meinungsäußerung. Interessant wären sie ja sehr und
auch
„inédits“,
aber gerade für dieses Buch nicht unentbehrlich.
Wie ich zu meinem
Bedauern entdecke, habe ich nicht das nötige Material mit, um die
zweite Tafel hier fertigzustellen; das hätte aber wohl noch Zeit?
Zu Ihrer Orientierung
schicke ich Ihnen eine Übersicht der Disposition meiner Kapitel;
vielleicht
geben Sie sie dann weiter an Herrn Vanselow, dem sie bei der
Drucklegung
von Nutzen sein wird.
Da ich nämlich
keine Marginalien diesmal anwende und da einige Kapitel von selbst in
Abschnitte
zerfielen, habe ich diese Gliederung durchgeführt und gedenke, sie
durch Trennungsstriche und Untertitel sichtbar zu machen. In Kapitel I
und V würde ich dann das a), b), c), d) ohne Trennungsstriche,
aber
mit Untertiteln bringen. Für diese Untertitel wäre dann
entsprechender
Satz zu wählen und überhaupt die Disposition
durchzuführen.
Ich habe, wie Sie sehen werden, äußerst vereinfacht und nur
das Interesse des Lesers im Sinne gehabt.
Vielleicht wird es
praktisch sein, diese Untertitel für die linken Kolumnen in
Anwendung
zu bringen... nein, für die rechten. Links würde ich
vorschlagen
eine römische Kapitelzahl und den N a m e
n
des Kapitels:
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Justizrat Troll, Rechtsbeistand und Freund Ch.s.

Houston Stewart Chamberlains Handschrift
„O Gott, steh' mir bei! Achtet nicht auf das, was ich bin, sondern mache aus mir das, was ich sein sollte.“
206-208
An Dr. Hans Heinrich Borcherdt
Hochgeehrter Herr
Entschuldigen Sie
gütigst eine verspätete Antwort. Ich mache im Augenblick drei
oder vier Wochen durch, ehe das Gleichgewicht wieder hergestellt sein
wird,
in denen ich den Anforderungen kaum genügen kann.
Eigentlich habe ich
nur nachts Zeit gehabt, an Ihren Plan zu denken, wenn mein fester
Schlaf
zur Zeit des allerersten Vogelgesanges eine Viertelstunde lang dem
beglückten
Lauschen weicht. Das mag wohl eine günstige Stunde sein, sich
Illusionen
zu machen, und so bin ich nach und nach über die ersten
Schrecknisse
hinweggekommen und bilde mir ein, meine geringe Kraft könnte am
Ende
— wenn auch ganz gewiß nicht genügen, so doch
Ersprießlicheres
für Ihren Zweck leisten, als was von den trostlos dürren
Patronen
zu erwarten steht, die uns umgeben.
Nicht nun im Sinne
einer lästigen weiteren Verzögerung, sondern aus dem
Bedürfnis,
meine letzten Bedenken zu überwinden und frohen Herzens zusagen zu
können, erbitte ich mir von Ihrer Güte eine etwas
ausführlichere
Auskunft über Ihre Absicht.
Daß Ihre
Auswahl
untheologisch — sagen wir a-theologisch ist — verstehe ich und billige
diese Absicht; außerdem ist Ihnen, wenn Sie jemals ein Werk von
mir
gelesen haben sollten, bekannt, wie weitherzig und unkirchlich (for
the matter of that: „unlutherisch“) mein Bekenntnis zum
Christentum,
oder vielmehr zu Jesus Christus ist. Für nichts in der Welt aber
möchte
ich an einem Werke beteiligt sein, welches offen oder versteckt
anti-christlichen
Tendenzen dienen will. In meiner Art bin ich ein ebenso glühender
Gläubiger wie irgendein Kirchenvater — und richtiger noch, wenn
ich
sage, wie irgendein leidenschaftlicher Häretiker. Und darum hasse
ich die Widerchristen. Lieber würde ich einem orthodoxen, selbst
einem
katholischen Unternehmen meine kräfte zur Verfügung stellen,
als einem solchen dienen, in welchem die Ehrfurcht vor der
göttlichen
Persönlichkeit Christi nicht zur Richtschnur genommen wird. Nun
versteht
es sich eigentlich von selbst, daß eine Befassung mit Luther die
Liebe zu Christo voraussetzt; denn wie will man sonst den großen
Mann verstehen, der in dieser Liebe wurzelt und wirkt? Doch erlebt man
heute so merkwürdige Dinge, daß ich von einem mir leider
unbekannten
Herausgeber wohl ein beruhigendes Wort hierüber erbitten darf,
ohne
ihm persönlich in irgendeiner Weise zu nahe zu treten.
Ein zweiter Punkt
ist dieser: es wird mir nicht möglich sein, die verlangte
Einleitung
zu schreiben, außer ich habe die volle Freiheit, das zu sagen,
was
ich für wahr und notwendig halte. Dabei kann es vorkommen,
daß
ich nach rechts und links anstoße, und das wiederum könnte
eventuell
der Verbreitung Ihrer Ausgabe schaden. Ich muß z. B. gestehen,
daß
ich
für die lutherische K i r c h e eine
äußerst
minimale Sympathie hege — sowohl in der Vergangenheit wie in der
Gegenwart;
das kann leichtmöglicherweise in der Einleitung durchschimmern.
Ebensowenig
würde ich es aber fertig bringen, die Empörung über die
Herren Denifle u. Comp. nicht zu Worte kommen zu lassen. Auch Luthers
Verhältnis
zum Judentum mag zu unzweideutigen Worten Veranlassung geben. Usw.
Nicht
etwa als wäre ich heute ein so naiver Drauf- und Dranstürmer
wie zu den seligen Jugendzeiten der Grundlagen; jedes Alter hat seine
ihm
angemessene Art; aber in entscheidenden Dingen nehme ich auch heute
nicht
gern ein Blatt vor den Mund und schweige lieber als unwahr zu sein.
Darum
liegt es mir im Grunde gar nicht, teilzunehmen an einer Arbeit
gemeinsam
mit anderen; diesen will ich gewiß nicht in den Weg treten, aber
gebieten lasse ich mir in Dingen des Geistes von niemandem. Und wer
weiß,
wie wenig recht es den hochwürdigen Herren Buchwald, Kawerau usw.
sein wird, wenn ihrem treulich bepackten Karren ein so unfrommes Pferd
vorgespannt wird! Das gebe ich Ihnen sehr ernstlich zu bedenken.
Schließlich
blieben noch zwei Fragen, die ewigen zwei: Zeit und Raum.
Was schon gesagt
wurde, wiederhole ich nicht. Wollen Sie mir, bitte, Format und Schrift
genau genug bezeichnen, daß ich den Umfang von fünf Bogen
genau
berechnen kann. Ich frage mich, ob ich auslange? Und diese Frage weckt
die weitere: Bringen Sie außer dieser Einleitung noch eine
biographische
Skizze, oder soll jene das Nötige in großen Zügen
liefern?
Es macht nämlich einen bedeutenden Unterschied, ob man einen Essay
über Luther schreibt oder aber eine (und wenn auch noch so knappe)
äußere und innere Darstellung der Persönlichkeit gibt.
Zum Essay fühle ich mich nicht besonders qualifiziert, dazu bin
ich
zu wenig Literat; es würde aber leicht unharmonisch wirken, wenn
ich
das Erdendasein Luthers in meiner besonderen Art skizzierte, um auf
diesem
Wege zu der Persönlichkeit zu gelangen, und daneben stünde
eine
fleißig genaue Chronologie. Zum mindesten müßte ich es
wissen, und womöglich diese zu sehen bekommen.
Sind wir erst
über
alle diese Punkte ins Reine gekommen, und es fehlt nur noch das
bindende
Jawort, so würde ich dann — aber dann erst — den Rechtsanwalt, der
alle meine Geschäfte führt, bitten, sich mit dem Verleger
direkt
in Verbindung zu setzen; ich pflege über diese Dinge nicht
persönlich
zu verkehren.
In
vorzüglichster
Hochachtung und mit der Bitte, einige Geduld mit mir zu haben,
verbleibe
ich
Ihr
Houston S. Chamberlain.
209-212
An Dr. Hans Heinrich Borcherdt
Hochgeehrter Herr
Für Ihren
eingehenden
Brief vom 7. Juni schulde ich Ihnen den wärmsten Dank.
Außerdem
hat er mir, teils durch seine Mitteilungen, teils durch die energische
Anregung zu endgültiger Besinnung, den Dienst geleistet, daß
ich endlich klar sehe in dieser Sache.
Lassen Sie es mich
lieber gleich unverhohlen aussprechen: ich bin zu der Einsicht gelangt,
daß ich Ihrer mich ehrenden und erfreuenden Aufforderung nicht
nachkommen
darf.
In der Eile
überbeschäftigter
Tage kann ich die Begründung zu diesem Entschlusse nicht
ausführlich
darlegen, wie ich es Ihnen gegenüber so gern möchte. Doch
vielleicht
genügen wenige Worte, damit Sie mich verstehen.
Erstens fühle
ich mich, nach Kenntnisnahme Ihres ausführlicheren Programms,
nicht
ganz in Übereinstimmung mit Ihren Absichten. Denn wenn ich auch
wohl
begreife und von Herzen billige, daß man Luther nicht allein als
Theologen, namentlich nicht als spitzfindigen Dogmatiker zeige, so ist
mir die Weglassung des Katecheten schon bedenklicher, weil hier eine
Grundlage
seines positiven gesellschaftlichen Aufbaues liegt — fragen Sie nur den
Jesuiten an, die gerade in dieser Beziehung, indem sie Luther
bekämpften,
ihm nacheiferten. — Und dann ist mir unbegreiflich, wie an Luther etwas
„Lutherisches“ bleiben soll, wenn man alles ausläßt, was
Nichtprotestanten
unangenehm berühren kann. Kämpfer sein und jeden Hieb mit
einem
dreifach wuchtigeren Hiebe erwidern: das gehört doch zum Wesen der
Persönlichkeit Luthers. Der unauslöschliche Haß gegen
Rom,
der Abscheu vor den Juden — die kann man doch nicht aus der Welt
schaffen.
Ebenso falsch aber wäre es, seine Maßlosigkeit gegen die
anderen
Reformatoren nicht zu Worte kommen lassen zu wollen; denn in solchen
Dingen
zeigt sich Charakter. Wer einen Schleiermacher
will, kann ihn ja haben;
wer allgemeinen Religionsbrei schmackhaft findet, für den ist
wahrlich
heute überall gesorgt. Wesen des Glaubenshelden ist aber,
daß
er glaubt, daß sein „Ja, ja“ wie die Posaunen vor Jericho
erschallt
und sein „Nein, nein“ wie ein Donnerkeil dareinfährt. Nein, mit
der
Aufrichtigkeit, die Sie heute von mir zu fordern ein Recht haben,
muß
ich gestehen, ich bin nicht der Mann, an einer Lutherausgabe
mitzuarbeiten,
die sich zum Ziel setzt, „den konfessionellen Frieden nicht zu
stören“.
Nebenbei gesagt, möchte ich wissen, wo dieser angebliche „Frieden“
zu finden ist?
Doch unterbrechen
Sie mich vielleicht mit der Bemerkung, daß Sie mir ja
ausdrücklich
„volle Freiheit zusichern“ in meiner Einleitung. Abgesehen davon aber,
daß ich dann als enfant terrible die erhofften Leser von
vornherein
abschrecken würde, so sind mir bei näherer Überlegung,
wie
ich sie Ihrer kräftigen Anregung verdanke, Bedenken anderer Art
gekommen,
die mich zu der ablehnenden Entscheidung geradezu zwangen.
Daß ein Mann,
der einige Bildung und einige Gedanken hat, ohne sonderliche Mühe
ein Feuilleton von 50 Seiten über Luther verfassen kann, begreife
ich. Mir aber ist es versagt. Ich gleiche in manchen Beziehungen jenem
berühmten Deutschen aus der Anekdote,
der das Kamel aus den Tiefen
seines Bewußtseins entstehen ließ. Wenn ich jahrelang mich
in eine Persönlichkeit versenke, ganz passiv, von der einzigen
Leidenschaft
beseelt, geistig mit ihr zu verschmelzen, so kann ein Augenblick
kommen,
wo mit einer Art von Zwang sich eine Vorstellung mir aufdrängt,
die
auch für andere, die weniger Zeit solchen Betrachtungen widmen
konnten,
von Interesse sein kann. Es werden damit Wege gewiesen, die an die
wahre
Quelle alles edlen Menschtums führen. Immer aber entstanden meine
Werke aus vielen Jahren — nicht eigentlich von Studien, aber von
intensiver
Versenkung. Es wäre ebenso unmöglich wie unwürdig,
wollte
ich einen Luther künstlich und willkürlich zu zeichnen
unternehmen.
Würde ich aber so viel Zeit und Mühe darauf verwenden, dann
durchbräche
ich den Rahmen einer Einleitung, und es würde mir auch nicht
passen,
die Arbeit so eingeschränkt und unzugänglich zu wissen, und
gar
noch
mit einer Ausgabe verflochten, die meinen Wünschen nicht
entspräche.
Einen Augenblick dachte ich sogar daran, Ihnen und Ihrem Verleger
vorzuschlagen,
mich ein eigenes Buch über Luther schreiben zu lassen, ein kleines
Buch, aber ein ganz selbständiges; allenfalls hätte der
Verleger
eine Ausgabe konform der Schriftenauswahl herstellen können, die
mit
dieser auch verkäuflich gewesen wäre... Doch mußte ich
auch hiervon zurückkommen, in dem Gefühl, daß dies mich
viel weiter führen würde, als ich es verantworten könnte.
Was ich bisher
geschrieben
habe, bildet — wenigstens in meinem Kopfe — ein Ganzes; zu diesem
Ganzen
gehört noch mehreres, darunter Pläne, deren Ursprung zum Teil
25 Jahre zurückliegt und noch weiter; dieses „Ganze“, teils jetzt
nach dem Maße meiner Fähigkeiten vollendet, teils als Traum
und Hoffnung die Zukunft färbend, ist gleichsam ein lebendiger
Teil
von mir selbst geworden; es wäre wohl nicht unbedenklich,
namentlich
in meinem Alter, plötzlich dieses (ohnehin sehr weite) Gehege zu
verlassen,
wo ich heimisch bin, um außerhalb, als irrender Ritter, mich zu
ergehen.
Ich ahne, daß ich weder Ihnen, noch mir selber genügen
würde.
Warum ich Ihnen das
nicht gleich sagte? Ja, sehen Sie, das ist gerade der Haken: die an
Versenkung
gewöhnten Menschen wissen eigentlich gar nichts, bis sie sich
versenkt
haben. Die Aussicht, über den Mann schreiben zu dürfen, den
ich
immer für den gewaltigsten Mann der Weltgeschichte gehalten habe,
hatte für mich etwas Begeisterndes; konnte ich wissen, ob Sie
nicht
der Finger Gottes seien? Sobald ich aber mich auf meine eigenen
Kräfte
zurückverwiesen fühlte, da entdeckte ich bald, daß ich
diesen Weg zu gehen nicht bestimmt bin. Der Ton Ihrer Briefe
läßt
mich auf Ihr Verständnis rechnen, und dieses wird mir recht geben
müssen und daher auch Verzeihung nicht vorenthalten.
Zum Schlusse noch
etwas: ich glaube, ich weiß, wer Ihnen diese Einleitung ganz
vortrefflich
schreibt; ich wenigstens wüßte niemand, dem ich es so
zutraute
wie ihm. Geheimrat Henry
Thode. Als Sohn oder wenigstens Enkel und
Urenkel
protestantischer Pfarrer und als gläubiger Mann besitzt er die
eine
nötige Eigenschaft; dabei ist er durchaus weitherzig und sehr
welterfahren;
es wird ihm also weder an Takt noch an Glut fehlen; seine historischen
Kenntnisse sind ganz eminent und reichen gerade in bezug auf jene
Zeiten
in das Detail hinein, aus dem dann Leben in der Schilderung entsteht;
der
große und wachsende Erfolg seiner Vortragsreisen durch ganz
Deutschland
in den letzten Jahren hat seinen Ruf weit über die speziell
kunsthistorisch
interessierten Kreise hinausgetragen. Wenn ich nicht irre, wird er
jetzt
auch etwas Muße haben, da sein großes Michelangelowerk in
diesen
Wochen abgeschlossen vorliegen soll. Versuchen Sie es doch! Seine
Besitzung
ist: Villa Cargnacco, Gardone, Lago di Garda, Italien.
Bitte glauben Sie
an die Versicherung meines Bedauerns und zugleich an die Freude, die es
mir bereitet hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.
In aller Hochachtung
ergebenst
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr
Mein Schweigen auf
Ihre beiden letzten Briefe bedarf weniger einer Entschuldigung als
einer
Erklärung, und auch zu dieser wüßte ich kaum die Worte
zu finden, wenn ich nicht ein so tiefes Vertrauen zu Euer Exzellenz
gefaßt
hätte, daß ich eine leise Andeutung genügend
wähnen
darf, um eine ganze Kette sympathetischen Mitdenkens und
Mitfühlens
zu eröffnen.
Ein Wort sagt alles:
es hat noch nie ein Mensch so gegen mich — den Autor — gehandelt
¹.
Noch nie hat einer so reich gegeben, so spontan, so eingehend, mit
einem
so divinatorischen Instinkt für das, was der Arbeiter, im
Augenblick,
wo nach jahrelangem Ringen um Erkenntnis und Gestaltung der Erkenntnis
die Kluft des Endes, des Abschlusses, des erbarmungslosen
Schwarzaufweiß
vor ihm sich auftut, nunmehr ersehnt und wessen er
eigentlich
b e d a r f, wenn er es auch — nach meiner bisherigen
Erfahrung
— nie zu erhalten pflegt. Denn was nützen anerkennende Worte, die
nicht auf genauer Kenntnis des Buches beruhen? Und wer kann das Buch
beurteilen,
wenn er nicht den Gegenstand beherrscht? Doch handelt es sich nicht
allein
darum, sondern um Tieferliegendes: wer selber mit höchster
Anspannung
alles gegeben hat, was ihm zu geben vergönnt ist, dürstet
nach
einer verwandten Überschwenglichkeit in der Aufnahme; alles andere
mutet ihn gar so karg und verletzend an. Weit weniger auf
Übereinstimmung
im Urteil kommt es ihm an, als auf Übereinstimmung der
„Temperatur“
des Herzens. Man ist noch ganz unfähig, selber zu übersehen,
was man geleistet hat, — das Unzulängliche sticht viel eher und so
unerbittlich ins Auge... denn solche Arbeiten sind nicht wie
Kunstwerke,
ruhend in der eigenen Abgeschlossenheit, sondern betreffen, gleichsam
„naturhistorisch“,
einen faktisch vorhandenen Gegenstand und können niemals ihm
wirklich
objektiv adäquat sein... und da ist es eine göttliche
Wohltat,
wenn einer, dessen Worte inneren Wert besitzen und sich durch Klang und
Inhalt als aufrichtig bewähren, einem zuruft: Du hast wacker
gearbeitet.
In dem warmen Dank eines solchen liegt alles: denn hat mein Buch ihm
etwas
g e g e b e n, ihm neue Gesichtspunkte eröffnet, ihn
dem
nie auszukennenden Goethe nähergeführt, so daß er
manche
Dinge aus seiner Feder hinfürder mit vollkommenerem
Verständnis
lesen und dadurch die ganze Gestalt Goethes und auch seine ganze Welt —
und wäre es auch nur um ein Weniges — besser, leuchtender,
ausführlicher
erblicken wird, — ja, dann hat mein Buch geleistet, was es wollte, und
ich genieße inniges Glück in dem Bewußtsein, daß
die Jahre, die mir so unermeßlich viel gaben, zugleich auch
für
einige andere mitgelebt wurden — und dann auch gewiß weit
über
mein Leben hinaus.
Und das alles,
hochverehrter
Herr und erwünschtester aller Leser, haben Sie mir gegeben; und
zwar
so gegeben, daß die Sache sozusagen für mich jetzt erledigt
ist und ich meinem Verleger das strenge Verbot zukommen lassen konnte,
mir keine einzige Zeitungskritik zu schicken. Derlei Dinge wiederholen
sich nicht. Und sollte selbst sich einer finden — ein Seltener —‚ der
so
reich wäre wie Sie, er wird sicher nicht so generös sein, so
generös, daß ich, wie die Bettler, nur sagen kann:
„Vergelt‘s
Gott! “, denn eigentlich danken kann man für so etwas nicht, — man
würde ins Sentimentale geraten, wo wir beide nicht gern weilen.
Eine ganz besondere,
eine „bebenbe“ Freude haben Sie mir durch Hervorhebung von Seite 312
ff.
gemacht. Als ich nämlich diesen Abschnitt schrieb, geriet ich in
jene
echte Stimmung, wo man sich wie von einer geheimen Macht getrieben
fühlt.
Ich war ebenso hingerissen, als hätte ich das schönste
Gedicht
geschaffen. Und da war es niederschlagend, wenn einzelne andere, die
diesen
Abschnitt kennen lernten, nichts Besonderes dabei zu empfinden
schienen.
Es ist eben das Ei des Kolumbus; alles liegt auf der Hand; wer also
nicht
ahnt, daß noch kein Mensch es erblickt hatte und es darum auf
einen
„siegreichen“ Nachweis ankam (um Ihr Wort mir anzueignen), der
schluckt‘s
hinunter wie Butterbrot und sagt nicht einmal Danke. Die Sicherheit,
mit
der Sie gerade auf diese Stelle den Finger legten — eine der wenigen,
wo
Subjekt (Chamberlain) und Objekt (Goethe) sich mathematisch genau
decken,
hat mir nicht nur außerordentliche Freude gemacht, sondern mir
großes
Vertrauen zu allen Urteilen gegeben, die Sie sonst noch über
Einzelheiten
im Buche fällen.
Ebenso scharfsinnig
weisen Sie auf einen kritischen Punkt mit Ihrem Vorschlag, die Seiten
359
bis 364 in den Abschnitt „Organisches“ einzugliedern. Nur muß ich
Ihnen offen gestehen, daß hier ein architektonisches „artifice“
vorliegt, und daß ich erst nach häufiger, eingehender
Überlegung
mich schließlich doch entschloß, die Sache so zu lassen,
wie
sie steht. Da nämlich Goethe im Anorganischen fast lediglich
Sammler
und empirischer Beobachter war, und im übrigen nur einige wenige —
allerdings großartige — Ideen aufstellte und durch mehr
zufällig
hingeworfene Äußerungen Tiefblick verriet, so fällt
dieser
Abschnitt dem Umfang und somit auch dem „Gewicht“ nach etwas karg aus,
und ich bin froh, durch die Einschiebung dieser polemischen
Auseinandersetzung
— die unentbehrlich ist, aber freilich ebensogut an anderem Orte stehen
könnte — die Gelegenheit zu gewinnen, mich hier ein wenig mehr
auszudehnen.
Es schien mir das vorteilhafter, als wenn ich zu dem einzigen anderen
Ausweg
gegriffen hätte — nämlich die Proportionen in der Behandlung
des einzelnen plötzlich zu ändern. Habe ich geirrt, so
geschah
es wenigstens nicht aus Unachtsamkeit. Auch weiß ich nicht, ob
ich
mich entscheiden könnte, hier zu verschieben: vielleicht
verlöre
ich mehr als ich gewönne.
Mehr Eindruck — weit
unerwarteter — macht mir Ihr Vorschlag, Seite 345 ff. direkt an 277
anzugliedern.
Daß ich eine gewisse Scheu habe, in das einmal Abgeschlossene
einzugreifen,
werden Sie verstehen und aus eigener Erfahrung kennen; jedenfalls
scheint
mir aber dieser Wink sehr dankens- und erwägenswert.
Unendlich dankbar
wäre ich — ich tue keine Bitte, denn das wäre unbescheiden,
aber
— unendlich dankbar wäre ich, falls Sie einige Sätze, Die Sie
zweimal lesen mußten, um sie zu verstehen, mir anzeigen
könnten.
Haben Sie sie vielleicht beim Lesen angestrichen, so würde eine
bloße
Postkarte genügen: Seitenzahl und erstes Wort. Zwar werde ich
selber
darauf Jagd tun, doch bin ich nicht sicher, die Schwierigkeit für
andere immer richtig zu erraten.
Ja, auch mich
berührt
die Polemik in Kapitel 5 nicht durchaus angenehm. All that I can
say
for myself ist, daß ich vieles davon gestrichen und gemildert
habe! Aber Sie haben vollkommen recht: es könnte noch mehr
verschwinden
oder in die Anmerkungen verwiesen werden.
Die Richtlinien auf
Richard Wagner dachte ich ohne alle tendenziöse Übertreibung
und Emphase deutlich aufgezeigt zu haben: Musik in gewissen Situationen
„noch höher als Sprache“, — die fortgesetzten Versuche, das Drama
unter Mitwirkung der Musik zu gestalten, — die tiefe (antiglucksche)
Einsicht
in die entscheidende Tatsache, daß nicht die Worte, sondern
vielmehr
„die Pantomime, die Handlung“ dasjenige sind, woran die Musik organisch
anzuknüpfen hat (Seite 546), so daß die Vermählung von
Auge und Ohr, von Gesehenem und Gehörtem das primär Gegebene
im neuen Drama sein muß, wogegen Wortausdruck und Tonausdruck
erst
aus dieser poetisch stattgehabten Ehe hervorsprießen, — die
Versetzung
der Tragik in eine andere Sphäre, indem die Erlösung nicht
mehr
jenseits des Dramas liegt, sondern dessen Krönung bildet: alles
dies,
nebst manchem Nebensächlicheren, auf das ich aufmerksam gemacht
habe,
scheint mir eine wahre Verwandtschaft zwischen beiden Dichtern zu
bilden,
jedenfalls aber zu interessanten, anregenden — weil beiderseitig
aufhellenden
— Ideen und Einsichten hinzuführen. Meine Absicht lag fern von
aller
plumpen und schließlich irrelevanten Geschichtskonstruktion, sie
betraf vielmehr jene „Doppelreflexion“, von der Goethe gern spricht und
wodurch Unaussprechbares wie durch sinnlich unwahrnehmbare
Ätherwellen
ins Bewußtsein getragen wird.
Die freundliche
Rüge
bezüglich einer „Überschätzung des Sakramentalen“
gehört
zu jenen Dingen, die mir eine heitere Freude bereitet haben; Ihrem
Scharfblick
entgeht nichts; mein Gewissen ist an dieser Stelle nicht ganz rein; ich
wollte schnell vorwärts kommen, eindrucksvoll, unzweideutig, das
Gegebene
paßte sehr gut, und die Reservationen und Verklausulierungen sind
mir stilistisch zuwider; ich dachte, der Vernünftige macht sie von
selbst. Ich rufe Ihnen also Bravo! zu, werde aber doch nichts hier
ändern.
Sie selbst fügen richtig hinzu: oder
überschätzt
e r s c h e i n t“, und treffen damit das Richtige, wie
immer.
Von
größter
Bedeutung sind mir dagegen Ihre Bemerkungen über die Abschnitte 1
und 2 vom 6. Kapitel. Natürlich muß ich sehr vorsichtig
sein;
doch hatte ich mir, noch ehe Ihr Brief eintraf, eine ganze Seite des
ersten
Abschnittes als zu streichen notiert; Ihr Urteil bestärkt mich in
dem Gefühl, daß hier — nicht bloß wie mancherorten
Unzulängliches
vorliegt, sondern — daß hier noch etwas Positives an Aufhellung,
Entlastung, Vereinfachung geleistet werden könnte. Ob es gelingt,
weiß ich nicht; jedenfalls will ich es ernstlich versuchen.
Gott! wie dankbar
wäre ich gewesen, wenn ich bei jedem meiner Bücher einen
Freund
zur Seite gehabt hätte, fähig, das, was ich tat, zu
übersehen,
und gewillt, mich durch Rat zu unterstützen! So keck ich manchmal
schreibe, so innerlich grundbescheiden bin ich. Stets habe ich mich
danach
gesehnt, doch Hilfe nur bei sekundären Begabungen gefunden,
während
die Bedeutenderen sich entzogen.
Über die
jüdische
Frage würde ich am liebsten hier kein Wort sprechen; Sie werden
Ihre
Meinung nicht ändern, und ich die meine ebensowenig. Erlauben Sie,
daß ich Sie an Kants Wort erinnere: daß bei bedeutenden
Werken
die sogenannten Fehler einen integrierenden Bestandteil bilden, an dem
man nicht rütteln darf, da sie zum Organismus des Ganzen
gehören.
Mögen Sie hier also, wenn Ihr Urteil es fordert, einen
„entstellenden
Flekken“ erblicken; bei näherer Betrachtung werden Sie gewiß
entdecken, daß manches Vortreffliche, manches, was Ihnen
Anlaß
zu so warmen Worten der Anerkennung gegeben hat, untrennbar eng mit
diesem
„Fehler“ verwachsen ist. Manche Einsicht gewinnt nur derjenige, der
sich
resolut und, wenn es sein muß, gewaltsam von allem
„Jüdischen“
abwendet. Sie schreiben mir: „Je schlimmer der Jude, um so
größer
muß unsere Liebe sein“; und ich will nicht leugnen, daß ich
das Wort in dem Munde eines Verkünders des Evangeliums schön
finde. Doch für uns simple Weltkinder finde ich das Rezept
höchst
bedenklich, ja, lebensgefährlich. Aufrichtig gesagt, ich kann mir
bei dem Begriff „Liebe“ nichts vorstellen, wenn es nicht auch ein Ding
gibt, das „Haß“ heißt. Ich fühle mich nicht
unfähig
— wenigstens nicht ganz unfähig —‚ dem Worte Christi zu folgen und
einen Feind zu lieben, verstehe aber darunter den einzelnen Mann, der
mir
rein persönlich Schaden zufügt, an Gut, Leib, Ehre; ich
begreife
aber nicht die Aufforderung, das Schlechte, das Schändliche, das
Gemeine,
dasjenige, was alle Tage auf allen Gebieten alles, was mir hoch und
heilig
ist, beschmutzt, vergiftet, niederreißt, damit alles Edle an
unserm
lieben armen großen Europa rettungslos dem Untergang weihend —
ich
begreife nicht die Aufforderung, es zu lieben; mit allen Kräften
meiner
Seele hasse ich es und hasse es und hasse es! Und wie dieser Haß
aus meiner leidenschaftlichen Liebe entsprießt, ebenso
kräftigt
sich und wächst meine Liebe aus diesem Haß. Gäbe ich
einmal
den Haß auf, ich bliebe bettelarm an Liebe. Also seien Sie auch
hierin
generös und lassen Sie mir meinen Haß, auf daß ich
nicht
meine Liebe verliere; denn in ihr wurzelt rein alles, was ich bin und
kann.
Zum Schluß
etwas, was an den Anfang gehört, dort aber vergessen wurde.
Da ich an Ihren so
lieben Briefen nichts höher schätze als ihre
Spontaneität,
so weiß ich sie auch in dieser Eigenschaft hochzuhalten.
Außer
meiner lieben Frau hat sie niemand gesehen und soll sie niemand sehen.
Sie hatten die Generosität, in der Hitze des ersten Eindrucks zu
schreiben;
mit der Zeit wird vermutlich eine kritischere Stimmung Platz greifen;
vielleicht
erblicken Sie nach einem Jahre das Buch in einer anderen Perspektive.
Ich
aber bin ein Egoist und will mir das Anrecht oder wenigstens die
Hoffnung
auf ein künftiges Labsal dieser einzigen Art nicht rauben. Nur
wenn
ich wirklich diese und jene bedeutende Änderung durchführen
sollte,
würde ich vielleicht stolz tun mit Ihrer Anregung hierzu; sonst
möchte
ich — der ich in Wahrheit so ganz außerhalb der Welt lebe — in
der
Stille des eigenen Herzens und Geistes des Glückes genießen,
das Sie mir gewähren.
Entschuldigen Sie
dieses lange Schreiben und entschuldigen Sie die „Maschine“; ich
diktiere
nicht, sondern schreibe sie selber seit dreißig Jahren; es geht
mir
viel schneller und müheloser als die Feder und hat den Vorzug,
lesbar
zu sein. Hoffentlich also hat der Gebrauch für Sie nichts
Verletzendes?
In größter
Verehrung und Dankbarkeit
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
H. hatte beim Lesen des „Goethe“
nach jedem Kapitel eingehend an den
Verfasser
geschrieben.
218-219
An Oberpostassistent Greshoff
Sehr geehrter Herr,
Zu meinem
lebhaften
Bedauern erhalte ich e r s t h e u t
e
Ihre Sendungen vom 11. Januar nachgesandt.
Für die Absicht
und die Bemühung danke ich Ihnen, doch muß ich, wie mein
hochverehrter
Freund Harnack, gestehen, daß ich für Lourdes und was dort
mit
hysterischen Patienten vorgeht, nicht das geringste Interesse hege.
Aller Materialismus
ist mir verhaßt — gleichviel ob er sich nach Büchner
oder
Moleschott
richtet oder nach den den heiligen Namen Christi mißbrauchenden
Dunkelmännern.
„Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht ist es, das nach
Wundern
verlangt“ — so rief der Heiland aus, und so rufe auch ich Ihnen zu.
„Wunder“ — wie man
sie nennt — hat es zu allen Zeiten gegeben, nichts ist so
gewöhnlich;
schon im alten Babylon mußten sie vom Gott Marduk zeugen; die
allerunerklärlichsten
werden noch heute am Kongo und auf Haiti von Negern vollbracht; ich
habe
selber Heilungen und Teufelaustreibungen im Osten Europas beigewohnt;
eine
arme Frau schrie laut: sie habe „tausend katholische Teufel, tausend
griechisch-orthodoxe
Teufel und tausend muselmännische Teufel in sich“ — eine
schöne
Ladung, — die guten frommen Franziskaner gaben sich alle Mühe und
es gelang ihnen an jenem Johannisfest, dem ich beiwohnte,
fünfhundert
dieser Teufel auszutreiben, der eine rannte sogar in Gestalt eines
schwarzen
Dackels sichtbar davon, — mehr ließ sich an diesem Tage nicht
leisten,
doch wurde mir erzählt, im Laufe drei weiterer Jahre sei die Frau
vollkommen geheilt worden.
Thaumaturgie hat
mit wahrer Religion, mit jener rein inneren Umwandlung, von welcher
Christus
zu Nikodemus spricht, so wenig zu tun, daß man sie vielmehr als
deren
Gegensatz und Verleugung bezeichnen muß.
Wer Augen zu sehen
hat, braucht nur in Gottes Natur hinauszuschauen, wo und wann er will:
alles ist Wunder, unergründliches Wunder.
Hochachtungsvoll
Houston Stewart Chamberlain.
Eure Exzellenz
darf ich wohl bitten, diesen Brief
auf
einen Mußeaugenblick zurückzulegen?
Mein Interesse
für
Uexkülls
Forschungen ist Ihnen bekannt; mit Herrn August Ludowici
bin ich schon seit Jahren befreundet: so kam es, daß ich schon
vor
Monaten über Stiftung, Stifter und „in spe“ Bestifteten
orientiert
war und inzwischen von beiden Herren hin und wieder ins Vertrauen
gezogen
wurde. Der Versuchung, aus reiner Begeisterung zu reden, widerstand
ich;
auch der noch größeren Versuchung, Klage darüber zu
erheben,
daß wieder einmal, wo man einen großen, dunkle Kontinente
aufschließenden
Strom echt biologischer Forschung erwarten durfte, nur ein neuer
riesiger
akademischer Sumpf erstehen soll, ohne Zufluß und ohne
Abfluß,
eine Brutstätte für Frosch-Mäusekriege. Jetzt aber, wo
alles,
was meine Wenigkeit nichts angeht, erledigt ist, drängt es mich,
Ihnen
ein Wort über Uexküll zu sagen; denn e
r
geht mich an, wie er jeden lebendig lebenden Menschen angeht, und es
gibt
Augenblicke, wo die Schweigepflicht in die Redepflicht umschlägt,
namentlich einem Manne gegenüber, der infolge seines
unvergleichlichen
Ansehens vielleicht einmal eine ausschlaggebende Entscheidung
herbeiführt.
Uexkülls
kopernikanische
Idee ist die des „Planes“; in meinem Kantbuche wollte ich dasselbe
mit
den Worten ausdrücken: „Leben ist Gestalt.“ Der Fachmann glaubt
hierin
eine These zu erblicken, irgendeine sich einschleichende Philosophie,
die
der empirischen Forschung hemmend im Wege stehen soll — oder jedenfalls
stehen wird. Der Laie empfindet zwar diese Bedenken nicht, weiß
aber
das Neue in der Problemstellung nicht zu erfassen; er sagt sich: „Nun
ja,
natürlich ist alles Lebendige planmäßig angelegt, das
habe
ich immer gewußt“; ist er gebildet, so fügt er ein Zitat aus
Aristoteles hinzu und die Sache ist erledigt. So begreift denn weder
der
eine noch der andere, daß hier ein neues Forschungsprinzip
vorliegt.
Sobald die Natur genial befragt wird, gibt sie geniale Antworten.
Nichts besitzt
für
Wissenschaft und Menschheit größere Bedeutung als die
Erschaffung
und die Durchsetzung neuer Ideen. Es ist einfach nicht wahr, daß
Ideen notwendig sich aufdrängen und zu einer bestimmten Epoche
hervorbrechen
m ü s s e n. Nicht ein einziger Beweis kann dafür
erbracht werden, daß unsere moderne Physik der strahlenden
Energie
und mit ihr die gesamte elektromagnetische Technik ohne den einen
Faraday
entstanden wäre: Nur ein Charakter von seltener
Unabhängigkeit
und Redlichkeit, nur ein unbeirrbar gerade gerichteter Intellekt,
vielleicht
auch nur ein spät und halbgebildeter Mann aus dem Volke konnte die
Naivität, die Kraft der Wahrhaftigkeit, den Mut besitzen, die in
Acht
und Bann getane, unter angeblich Newtonschen Dogmen der Physik
begrabene
Weisheit der Alten aus sich selber von neuem zu gebären, und
eigensinnig
zu lehren: natura abhorret vacuum — denn das ist doch, kurz
gesprochen,
der Kerngedanke Faradays, aus welchem zuerst seine Experimente, sodann
seine Entdeckungen, schließlich das ganze Gebäude seiner
neuen
Auffassung der Naturkräfte hervorgehen, bis schließlich,
lange
nach seinem Tode die Zeiten reif waren, einen im Gegensatz zu Faraday
mit
den reichen Hilfsmitteln hoher Bildung ausgestatteten Heinrich Hertz
hervorzubringen,
der eine Physik der lückenlosen Fülle theoretisch aufrichten
und den Schul- und Universitätsammenmärchen entgegensetzen
kann,
und ohne irgendein Bedenken unsichtbare Körper und unnachweisbare
Kräfte postuliert, so viele man will, damit nur keine
Unterbrechung
der „Berührung“ irgendwo vorkomme. Die Fachleute seiner Zeit taten
Faraday zunächst als Ketzer in Acht und Bann, die
Nichtfachmänner
begriffen nicht, inwiefern eine neue Welt sich aus einer so einfachen
Annahme
wie die der Berührung sich entwickeln sollte. Inzwischen schritt
er
von einer Entdeckung zur anderen, und nach hundert Jahren
überzeugt
die Elektrotechnik selbst blöde Hirne von der Originalität
und
Fruchtbarkeit jenes Gedankens.
Mit Faraday
möchte
ich Uexküll am liebsten vergleichen, sowohl bezüglich der
Natur
der zugrunde liegenden Leistung, wie auch in Hinblick auf das Wesen
seiner
Persönlichkeit. Was bei jenem das Volksmäßige, tut hier
echter Adel; und was es so leicht für Zeitgenossen macht,
Uexküll
zu unterschätzen und so schwer, ihn annähernd auf seinen Wert
zu schätzen, ist, daß er, wie Faraday, eine neue Leitidee in
die Beobachtung der Natur einzuführen bemüht ist. Ob
buchstäblich
neu oder erneuert ist gleichgültig, denn das Vergessene ist — wie
Uexküll selber irgendwo sagt — für die Wissenschaft tot;
außerdem
ist Uexkülls Idee jedenfalls ebenso neu wie Faradays es seinerzeit
war, deren „Fülle“ einer anderen Beobachtungswelt entstammte als
das
Dogma unserer Altvordern. Und wie Faraday, so gibt auch Uexküll
Schritt
für Schritt, Stufe für Stufe zur Einführung seiner Idee
nicht allein Gedanken, sondern Beobachtungen, neuentdeckte Tatsachen,
handgreifliche
Aufklärungen. Diese Idee Uexkülls ist wirklich Erfahrung —
möge
der große Immanuel mir diese Ketzerei verzeihen! Sehen Sie,
bitte,
nur sein Buch an, „Leitfaden in das Studium der experimentellen
Biologie
der Wassertiere“; alles ist praktisch, alles ist einfach: also ganz und
gar „faradayisch“. Betrachten Sie seine vielen Arbeiten: jede gilt
einer
Wirklichkeit und jede führt die Sache durch von Anfang bis Ende,
ist
also nicht — wie neun Zehntel aller heutigen Naturforschung — ein
Ansammeln
von Material und wieder Material, mit welchem letzten Endes kein Mensch
je etwas wird anfangen können. Uexkülls Arbeiten, deren
Ergebnisse
meist auf wenigen Seiten Druck aphoristisch zusammengedrängt
werden
können, stehen eine jede abgeschlossen da, bis zum Rande
angefüllt
mit Tatsachengehalt, an Anregungsreichtum unerschöpflich. — Was
den
Fachmann irremacht und den Laien verdutzt an Uexkülls
Fragestellung
sowie an seinen Ergebnissen, ist die E i n f a c h h e i
t.
Ich habe den Eindruck, als ob nicht einer in Hundert begriffe und
ergriffe,
worauf es hinaus soll. Reinschematische Zeichnungen an Stelle der
komplizierten,
womöglich photographisch gewonnenen Illustrationen unentwirrbar
verwickelter
Strukturverhältnisse! Im Text ein Mindestmaß an technischen
Ausdrücken, und diese ebenso schematisch eindeutig erklärt
und
verwendet — lediglich Brücken zur Verständigung, nicht
auskristallisierte
Nomenklatur und nicht Dogma. Eine verborgen gehaltene Gelehrsamkeit.
Ein
Stil, der es jedem Laien ermöglicht, mit teilnehmendem
Verständnis
zu folgen — als lese er Faraday, oder Darwin, oder Agassiz, oder
Lagrange.
Vergleiche hinken
immer ein wenig, selbst die treffenden, und Superlative sind bei
ernsten
Fragen zu meiden; ich gestehe aber, daß ich Uexkülls
leitende
Ideen nicht für weniger bedeutend und weniger weittragend als
Faradays
halte; sie schaffen einen archimedischen Punkt, von wo aus eine
bisherige
Betrachtungsart aus den Angeln und eine neue in die Angeln gehoben
wird.
Die künftigen Ergebnisse für die Aufklärung der
Vorgänge
des Lebens und der Einfluß dieser Aufklärung auf unsere
ganze
Weltauffassung sind unberechenbar.
Kommt es wirklich
auf ein W o r t an? Biologie als terminus
technicus
schillert ohnehin in so vielen Farben, daß man es heute
fertiggebracht
hat, darunter „die Wissenschaft des Lebens, das kein Leben ist“ zu
verstehen.
Meinetwegen! Und wenn die Herren Loeb, Boveri und Cie. sich auf diese
Firmamarke
ein Patent gesichert haben, so möge es dabei bleiben. In Tagen, wo
die Farads, die Volts, die Coulombs uns geläufig geworden sind,
kann
es nicht schwer fallen, eine große lichtspendende Idee, aus der
eine
neue Disziplin ihren Ursprung nimmt, nach dem Namen desjenigen zu
nennen,
der sie zuerst klar erfaßte; reden wir ruhig von
„Uexküllologie“!
Und schaffen wir dem vortrefflichen Manne ein Uexküllologium, wo
er,
aus allem scholastischen Zopf erlöst, ungehemmt frei entdecken,
aufbauen
und zukunftsfreudige Jugend ausbilden kann!
Indem ich dieses
Bekenntnis zu Papier gebe, hoffe ich die Grenzen nicht zu
überschreiten,
die das Vertrauen und das Interesse, die Sie seit lange meinem Denken
und
Streben gütig bezeigen, mir ziemlich weit zu stecken erlauben. Ich
schreibe ja nicht in eigener Sache; ich schreibe auch nicht auf Wunsch
einer meiner beiden Freunde; mein Interesse ist ein rein objektives; es
tut einem so furchtbar leid, einzige Gelegenheiten verloren gehen zu
sehen,
während das alltäglich Mittelmäßige sich behaglich
breitmacht.
Eine Antwort erwarte
ich nicht.
Euer Exzellenz stets
dankbarer und in größter Verehrung ergebener
Houston S. Chamberlain.
224-225
An Firma Carl Zeiß, Abteilung für astron. Instrumente.
Bayreuth (Bayern)
Den Empfang Ihrer
freundlichen Zeilen vom 18. d. M. bestätigend, danke ich zugleich
auf das verbindlichste für den so gütig fördernden
Empfang,
den Sie Herrn Christian Ebersberger gewährten. Er ist noch ganz
voll
der empfangenen Eindrücke.
Herr E. hat,
fürchte
ich, eine übertriebene Meinung von meinen astronomischen
Kenntnissen;
ich bin nur Liebhaber; aber allerdings ein durch
Universitätsstudien
wissenschaftlich vorbereiteter, der vor dreißig Jahren bei
Plantamour
Erd- und Himmelkunde gehört hat; kurz, ein der Tiefe seines
Unwissens
ziemlich klar bewußter Mann, der keine Freude an unpräzisen
Dingen hat. — Es wäre mir eine unsagbar große Freude, wenn
ich,
noch ehe ich zu den Sternen fahre, einiges noch von hier aus erblicken
könnte, — mehr als mir bei fleißiger Benutzung eines
vortrefflichen
Zeißschen Feldstechers gelingen konnte — obwohl ich diesem
für
den allgemeinen Überblick der Uranographie viel Dank weiß.
Ohne irgendeine
Dachkonstruktion
kann ich nun hier, bei der Lage meines Hauses, nur Fetzen vom Himmel
erblicken,
und anderseits sind mir die Qualen eines nicht äquatorial
montierten
Teleskops oder vielmehr Refraktors aus den Erfahrungen bei befreundeten
Amateuren nicht unbekannt — das Ding bleibt bald dauernd in der Kiste.
Ich weiß wohl, daß ich keine Kuppel und keinen
110millimetrigen
verdiene; aber wenn nicht, dann lieber gar nichts.
Es wird sich also
fragen: ob ich‘s mir leisten kann?
Ich weiß wohl,
daß man mit Objektiven geringerer Öffnung, wenn
vorzüglicher
Arbeit, erfreulich viel bei günstiger Witterung sehen kann; in
Paris
hatte ich vor Jahren Gelegenheit, einen Refraktor mit 95 Millimeter zu
prüfen; aber die Grenze der Leistung gerade da, wo man sehen
wollte,
wirkte doch irritierend. Ich bilde mir ein, daß 110 gerade das
Richtige
wäre — mehr wäre Unsinn, weniger Tantalus.
Ich bin so frei,
Ihnen das alles zu erzählen, damit Sie daraus ein genaues Bild
meiner
Wünsche und Fähigkeiten sowie meiner engen Beschränkung
gewinnen. Denn nur dadurch kommen Sie in die Lage, mir einen rechten,
brauchbaren
Rat geben zu können.
An den Rat
müßte
sich ein möglichst genauer Kostenanschlag gliedern. An dem Hause
sollen
im nächsten und übernächsten Jahre Umbauten stattfinden;
ich werde meine Ausgaben danach einrichten müssen.
Das Optische soll
natürlich nur das Beste sein, was Sie liefern können, —
jedenfalls
also ein apochromatisches Objektiv — ob aus Reihe A oder B, das
müßten
Sie mir raten. Okulare müssen wohl mindestens drei sein, nicht
wahr?
Ohne Uhrgetrieb
wäre
wohl auch nicht viel zu machen?
Manches kann ja
vielleicht
nach und nach angeschafft werden; doch wäre ich Ihnen dankbar,
wenn
Sie in Ihrer Offerte alles wirklich Nötige bedenken wollten, damit
unliebsame Überraschungen nicht stattfinden.
Zur Ausführung
käme der Plan erst Frühjahr 1914, vielleicht sogar erst 1915.
Wegen des Dachplanes
werden Sie von Herrn Ebersberger direkt hören.
Mit den besten
Empfehlungen
dankbar und hochachtungsvoll
Houston Stewart Chamberlain.
Zu Händen des Herrn Dr.
W.
Villiger.
Hochgeehrter Herr
Mein Goethebuch von Ihnen gewürdigt zu wissen, beglückt mich. Aufs Rechthaben lege ich keinen Wert; wohl aber aufs Anregen und — wenn es nicht anders geht — Aufregen. Wohl habe ich leidenschaftlich gesprochen; denn Goethe, der Ruhevolle, flößt Leidenschaft ein. Ich meine: von einem Indifferenz-Mittelpunkt aus wirkt man wenig; es ist besser, man gibt seinen eigenen Ruf für weise Unparteilichkeit preis und erlebt dafür die Freude aufzuackern, zu säen und zu eggen; was dann Gott wachsen läßt, macht immer Freude und wirkt fort und fort; der Mann am Pflug braucht sich nichts einzubilden: er war fleißig und redlich — das mag genügen.
Verehrungsvoll ergeben
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Der in der „Neuen Freien Presse“ und im „Tag“ über den „Goethe“
geschrieben
hatte.
Sehr geehrter Herr
Zur Beantwortung
Ihrer
Frage steht mir leider sehr wenig Zeit zur Verfügung.
Ein einziges Motiv
aus dem Nibelungenring — ich meine, jedes einzelne daraus —
genügt,
um jeden urteilsfähigen Menschen darüber zu belehren, welchem
Menschenstamm Richard Wagner angehört und welchem nicht; wie
Goethe
sagt: „Wir anderen hatten andere Urväter als die Juden.“
Doch liegt die Sache
auch sonst so taghell klar, daß nur Bosheit oder Stumpfsinn
zweifeln
können.
Wenn Sie sich aus
einer Bibliothek den ersten
Band von Glasenapps Biographie kommen
lassen
wollen, so werden Sie die lückenlose Geschlechtstafel der Wagner
bis
in den Anfang des 17. Jahrhunderts finden, und zwar in ununterbrochener
Folge als Schulmeister, Kantoren, Organisten, dann auch Theologen.
Seitdem
ist die Zurückführung noch weiter hinauf gelungen. — Auch die
Stammreihe der Mutter ist lückenlos nachweisbar, und das kleine
Geheimnis,
was hier vorliegt, ist kein Geheimnis für Eingeweihte und erlaubt
ihren Stammbaum bis ins 12. Jahrhundert zurückzuführen. — Nun
haben die Juden aber (die eine Million dem Manne versprochen haben, der
einen Tropfen jüdisches Blut in Rembrandt nachzuweisen
vermöchte)
vor einigen Jahren die Parole ausgegeben, Richard Wagner sei nicht der
Sohn Friedr. Wilhelm Wagners, sondern vielmehr ein in Ehebruch
gezeugtes
Kind Ludwig Geyers, seines späteren Stiefvaters. Eine rechte
Judenerfindung!
Wer die Mutter kennt, wer Fr. Wilh. Wagner kennt, wer den edlen Geyer
kennt,
der die verwitwete Gattin seines besten Freundes heiratete, um ihr und
ihren vielen Kindern besser beistehen zu können, wird keinen
Augenblick
an diese unsaubere Märe glauben. Aber gesetzt nun, Geyer wäre
sein Vater gewesen! Sind die Deutschen wirklich so dumm und ungebildet,
nicht zu wissen, daß der Name Geyer einer der echtesten, besten
deutschen
Namen ist, hundertfach in der Geschichte genannt? Und Ludwig Geyer
entstammt
einer Eislebener Familie, also einer Stadt, in der kein einziger Jude
weilen
durfte bis nach der Emanzipation! Sein Vater war Justizamtmann. Es ist
doch hornmäßig dumm, einen Mann für einen Juden zu
halten,
weil er, im 18. Jahrhundert geboren, Geyer hieß! Da sind wohl die
Fürsten und Grafen Löwenstein und die Fürsten
Liechtenstein
auch Juden? — Sehen Sie doch das Porträt Geyers an: wenn er Jude
ist,
so sind es auch Moltke und Bismarck.
Nun läßt
sich aber wissenschaftlich nachweisen, daß Richard
Wagner
n i c h t der Sohn Geyers ist, und zwar weil in der Familie
Wagner Gesichtszüge erblich sind, die ebenso einzig dastehen wie
das
berühmte Habsburger Kinn — und woher sollte gerade Richard Wagner
sie in höchster Potenz besitzen, wenn er ein Sohn Geyers
wäre?
Diese Züge betreffen die Konformation der Stirn, der
Schläfenbeine
und der Augenbrauen; jeder tüchtige Bildhauer wird Sie
darüber
belehren können. Die Schläfenbeine sind bei Richard Wagner
nach
außen stark gewölbt — gleichsam als hätte er auf beiden
Seiten eine Fortsetzung der Stirn; hieraus erfolgt nun eine ganz
merkwürdige
Erweiterung des Kopfes, wenn man ihn in einem bestimmten Winkel
erblickt,
wodurch Augen und Nasenansatz anders gerückt erscheinen als bei
anderen
Menschen. Hiermit zusammen hängt eine ganz eigenartige Zeichnung
der
Augenbrauen, die nach außen zu — nicht nach innen — breiter
werden.
Vielleicht lebt heute kein Mensch, der diese Züge aufweist
außer
meiner Gattin, die sie natürlich von ihrem Vater geerbt hat. — Nun
schauen Sie aber, bitte, ein Porträt Adolf Wagners, des verdienten
Gelehrten an, Onkels Richard Wagners: Sie werden gerade diese Züge
finden — zwar nicht so ausgesprochen wie bei seinem großen
Neffen,
doch unverkennbar; und wie wollen Sie erklären, daß Richard
Wagner dem Bruder seines Vaters ähnlich sieht, wenn er nicht der
Sohn
seines Vaters ist?
Es gibt ja Deutsche,
deren Schädel aus Granit und deren Hirnwindungen aus
Gußeisen
sind: sie hätten hinter dem Pfluge bleiben sollen, da waren sie am
Platze; streiten Sie nicht mit ihnen, sondern bleiben bei Ihrer klaren
Erkenntnis des Wahren.
Houston S. Chamberlain.
228-229
An Professor Dr. Joseph Plaßmann
Hochgeehrter Herr
Als ich Soeben die
Lektüre Ihrer glänzend geschriebenen „Himmelskunde“ beende —
wobei manches vor 35 Jahren bei Plantamour Gehörte mir wieder
erinnerlich
wurde und manches andere neue Horizonte eröffnete — treffe ich
Seite
553, Zeile 8 f. von oben, auf einen Satz, der mich ermutigt, Ihnen mit
diesen Zeilen lästig zu fallen.
Von der Vereinigung
der Freunde der Astronomie und kosmischen Physik habe ich oft
gehört;
ich besitze auch einzelne ihrer Publikationen, so namentlich die
Sternkarten
von Carl Rohrbach; ich weiß aber nicht, wo sie ihren Sitz hat,
noch
was geschehen muß, um Aufnahme zu erlangen. Ich weiß auch
nicht,
ob solche „Freunde der Astronomie“, die, wie ich, nur nehmen und nichts
geben können, überhaupt Aufnahme finden. Darf ich das so
überaus
liebenswürdige Angebot der Pagina 553 à la lettre
nehmen
und auf gütige Auskunft hoffen?
Seit
allerfrühester
Kindheit an von geradezu schwärmerischer Liebe zu den Sternen
beseelt,
führte mich mein Leben andere Wege und ließ mich oft
jahrelang,
in Großstädten eingesperrt, kaum je einen Stern auch nur
erblicken;
bei Plantamour in Genf hörte ich seinerzeit theoretische
Astronomie,
doch nur nebenbei zu meiner allgemeinen Bildung, und seitdem habe ich
natürlich
manches gelegentlich gelesen — namentlich von Newcomb, Turner usw. —
doch
was will das alles sagen? Jetzt, am Lebensende, scheint es, als solle
ich
vielleicht noch einen eingehenderen Blick in Gottes herrliche
Schöpfung
werfen können — soweit dieses Klima überhaupt Sterne zu sehen
erlaubt. Ich baue mir eine Terrasse auf dem Dach, schütze mich so
gut es geht gegen das sternmörderische elektrische Licht, und
meine
Freunde von Zeiß wollen mir eine kleine Kuppel noch draufsetzen
mit
einem bescheidenen, aber parallaktisch montierten Refraktor.
Da möchte man
gern von den Erfahrungen anderer Vorteil ziehen, wissen, was vor sich
geht,
und vielleicht irgendeine kleine Beobachtung bei Gelegenheit beitragen.
Wenn ich
hinzufüge,
daß ich Engländer bin, in Frankreich erzogen und in
Deutschland
ansässig, wo ich die Tochter Richard Wagners heiratete, so wissen
Sie genug. Daß ich einige Bücher schrieb, gehört nicht
hierher und besitzt — weiß Gott — keine „kosmische“ Bedeutung!
Euer Hochwohlgeboren
in aller Verehrung ergebener
Houston Stewart Chamberlain.
Bordighera, 22. Januar 1914.
Houston Stewart Chamberlain.
Hochgeehrter und werter Freund
Ihre Zeilen haben
mich gerührt. Ich schrieb Ihnen spontan und unüberlegt, habe
aber keinen Grund, meine Meinung und mein Gefühl vor irgend
jemandem
auf der Welt zu verbergen. Ich rede nicht viel darüber — in
solchen
Tagen muß man die positiven Werte pflegen, nicht anderen Leuten
mit
negativen lästig fallen — aber im Herzen leide ich viel und habe
oft
die Empfindung, ich möchte lieber tot sein als dieses Verbrechen
eines
Krieges Englands gegen Deutschland zu erleben... Denn nota bene,
es ist auch ein „Verbrechen“ gegen England selbst, welches — wie auch
der
Krieg ausgehen mag — auf lange hinaus, vielleicht auf ewig — unter den
Folgen dieser grundfalschen, blinden Politik zu leiden haben wird.
Weiter will ich mich
im Augenblick nicht hierüber auslassen; Sie haben wenig Muße
und ich meinerseits suche tröstende Ablenkung in heißer
Arbeit.
Veröffentlichen
dürfen Sie von mir, was Sie wollen; nur bitte ich dann: ganz
schlicht,
wie Sie das verstehen, und nicht von irgendeinem noch so gutmeinenden
Journalisten
aufgebauscht und zugestutzt.
Über gar manches
würde ich gern mit Ihnen reden und raten.
So z. B. ist es mir
fast unerträglich, hier so stille zu sitzen und nicht irgendwie
mitzuhelfen,
mitzudienen. Ich weiß nur nicht, wie und was? Auch ist die
Animosität
gegen uns Engländer so groß, daß ich mich — trotzdem
der
Magistrat alle Zuvorkommenheit und Güte erweist — sehr
zurückgezogen
bisher halten zu müssen glaube.
Bisweilen denke ich
auch daran, diesen Augenblick zu benützen, um mich zum Deutschen
naturalisieren
zu lassen. Ich weiß aber nicht, wie man das anzufangen hat. —
Bisher
hatte ich freilich nie daran gedacht; ich bin von rein englischen
Eltern
geboren, aus rein englischer (resp. schottischer) Familie, mit einer
kleinen
Beigabe gälischen Blutes aus Wales; und ebenso wie ich in einer
Kirche
verbleibe, der ich längst nicht mehr angehöre, ebenso hielt
ich
es immer für würdiger und gleichsam
wahrheitsgemäßer,
einfach das zu bleiben, was ich bin und mich trotz meiner
leidenschaftlichen
Liebe für das Deutsche, in welchem ich die einzige Hoffnung und
Gewähr
einer höheren Kultur der Menschheit erkenne, nicht als Deutschen
zu
maskeradieren. Außerdem liebe ich ja mein angestammtes Vaterland
und gehöre ihm, wie mit den Zügen meines Gesichtes, so auch
mit
wesentlichen Eigenschaften meines Charakters und meines Denkens an.
Doch
in solcher Stunde wie die gegenwärtige, außerdem in
Deutschland
dauernd niedergelassen, kann die Frage an einen herantreten, ob nicht
die
Naturalisation die Bedeutung eines Bekenntnisses und einer Tat
hätte.
— Von etwaigen praktischen Vorteilen inmitten einer Konjunktur, wo es
einem
Engländer eventuell in Deutschland schlecht ergehen könnte,
sage
ich nichts; denn so etwas würde mich eher zum Gegenteil reizen;
ein
Muß-Deutscher würde ich unter keiner Bedingung werden,
lieber
ausgewiesen oder totgeschlagen; nur von einem höheren Standpunkt
aus
ziehe ich die Sache in Erwägung und erbitte mir Ihre gelegentliche
Meinungsäußerung, wie auch über die vorangehenden
Punkte.
Für eines danke
ich Gott: daß ich 1870 (als ich noch kein Wort Deutsch konnte) in
Deutschland war und den bestimmenden Eindruck jener erhabenen Tage
erlebte
oder vielmehr gewann, und daß ich jetzt wieder, nach 44 Jahren
und
nach der langen Lebensreise zum Deutschtum hin, es wiederum — und in
noch
großartigerem Maßstab — erlebe, wie richtig der Instinkt
war,
der mich mit all meinem Denken und Fühlen nach und nach
unwiderstehlich
hierherzog, so daß schließlich das Wenige, was ich konnte,
im Dienste des deutschen Gedankens geschah.
Ich schreibe eilig;
legen Sie das einzelne Wort nicht auf die Goldwage, sondern verstehen
Sie,
was ich sagen will, und sagen mir nun Ihrerseits — falls Sie Zeit
finden
— ein gutes Wort.
Mit
Freundeshändedruck
Ihr dankbar ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Justizrat
Ich hätte
Ihnen
vielleicht gestern erzählen sollen, daß Geheimrat Prof. Max
Koch, der deutsche Literaturhistoriker, der als Reserve... nein, als
Landwehrmajor
augenblicklich hier steht, mich aufsuchte, um mir dringend zuzureden,
nach
dem Muster von Carlyle 1870 einen Brief an die „Times“ zu erlassen; am
selben Tage hatte aber inzwischen England bereits den Krieg
erklärt,
wie wir dann erfuhren. Außerdem liegen die Sachen anders. Erstens
bin ich kein Carlyle. Zweitens hat C. England nie verlassen und
besaß
somit die Autorität eines Engländers Engländern
gegenüber,
wogegen ich deutscher Schriftsteller bin, also von vornherein
verdächtig.
Drittens ist ja der Protest englischer Gelehrter erschienen und Lord
Morley
— die größte Kapazität des Kabinetts — hat es
demonstrativ
verlassen. Viertens hasse ich nutzlose Phrasen. Und fünftens ist
es
nicht möglich, einen Brief nach England gelangen zu lassen.
Darum lehnte ich
ab.
Herzlichst grüßt Sie
Houston S. Chamberlain.
234-235
An Oberbürgermeister Dr. Casselmann
Hochverehrter Herr Oberbürgermeister
Darf ich Sie um
eine
Gefälligkeit bitten?
Wollen Sie die
Güte
haben, beiliegenden Abklatsch eines Briefes von mir an meinen
langjährigen
Rechtsvertreter, Herrn Justizrat Dr. Franz Troll in
München,
vom 10. August d. J. zu lesen; nachher dann die Antwort, die ich soeben
von Troll erhalte?
Sie werden meine
Bestürzung begreifen, daß in einer so wichtigen,
schmerzlichen
Angelegenheit, über welche ich bisher mit keiner Seele sprach, und
über die ich vorderhand nur Auskunft und Rat sowie vertraulichen
Meinungsaustausch
mit dem erprobten Rechtsfreunde nachsuchte, ohne mein Zutun
entscheidende
Schritte bereits geschehen sind. Wie ich hoffe, haben diese nur die
Bedeutung
vertraulicher, vom Amtsgeheimnis geschützter Vorstufen zu einem
eventuellen,
aber noch keineswegs beschlossenen Schritte.
Die nationale
Angehörigkeit
ist mir etwas Heiliges; sie wechseln, schmeckt nach Untreue gegen sich
selbst; nur große Ereignisse können einen derartigen Schritt
rechtfertigen; mit größter Besonnenheit muß er
überlegt
werden; man muß sich auch prüfen, ob man innerlich dazu
fähig
ist? ob man sich nicht selbst zerreißt? Troll scheint nicht zu
verstehen,
daß gerade darin der Seelenschmerz und -kampf besteht, daß
ich mein angestammtes Vaterland glühend liebe. Wenn ein Vater
Verbrecher
wird, kann dem redlichen Sohn das Herz brechen, nicht aber wird er
fähig
sein, die Liebe zu seinem Erzeuger auszuwischen wie Kreidezüge von
einer Schiefertafel. So stehe auch ich augenblicklich da. Mir ist es
rein
unmöglich, Trolls Weisung zu folgen und sofort bei Ihnen die
Urgierung
meiner Naturalisation nachzusuchen. Ich bitte dies zu verstehen und zu
verzeihen.
Sollten Sie dagegen
inmitten der lastenden Arbeit einmal über eine halbe Stunde
Muße
verfügen, so lassen Sie mich, bitte, es wissen, und ich werde mir
die Wohltat erweisen, à coeur ouvert mit Ihnen über
die ganze Sache zu reden, was bei Ihrer großen Erfahrung und
Bestimmtheit
gewiß zur Klärung und Beruhigung meines bewegten
Gemütes
wesentlich beitragen würde.
In größter
Hochachtung
Ihr dankbarer und sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
235
An Baron
Jakob von Uexküll
Sehr verehrter
Herr
Baron. Haben Sie Dank. Schon vor dem Empfang Ihrer lieben Zeilen, war
ich
im gleichen Sinne angeregt worden. Ich habe versucht; doch
ich
k a n n es nicht; es geht mir im Augenblick gegen den
Strich;
namentlich da die Organisation der Lüge derartig vollkommen und
machtvoll
im Augenblick ist, daß die Wahrheit — den weiteren Schichten
gegenüber
— gar nicht zu Worte kommen kann; sie wird nicht gehört. Erst
müssen
vernichtende Schläge kommen — die Gott gesegnen möge — dann
wird
es an der Zeit sein, zu den Betörten zu reden. Jetzt verspreche
ich
mir nichts davon und dann will es mir absolut nicht gelingen, Worte zu
finden.
Wie es innerlich
bei mir aussieht, können Sie sich vorstellen.
Uns geht es leidlich.
Ihr herzlich ergebener
H. S. Chamberlain.
236-240
An Oberbürgermeister Dr. Casselmann
Hochgeehrter Herr Oberbürgermeister
Mein echt nordisch
schwerfälliges und einigermaßen labyrinthisches Hirn
arbeitet
langsam: dies muß ich vorausschicken, damit Sie nach der Ruhe von
gestern nicht über die Leidenschaft von heute staunen und irre
werden.
Was Sie mir mitteilten und was später vor sich ging, traf mich so
völlig arglos, daß ich es nicht recht faßte und mir
das
Ganze eher lächerlich vorkam. Mir träumte so was von einer
allgemeinen
Vorsichtsmaßregel, daß alle Privatsternwarten und
vielleicht
auch sonstige hochgelegene Plattformen abgesperrt werden sollten, oder
dergleichen — und erst im Laufe der Stunden, namentlich aber im Laufe
einer
Nacht, in der ich nicht einmal das Auge schloß, ist mir zum
Bewußtsein
gekommen, daß mir die Ehre meines ganzen Lebens geraubt werden
soll
und wird — wobei ich keineswegs gesonnen bin, ruhig zuzuschauen. Jener
Erlaß ging ja nur auf den „Engländer Chamberlain“, und die
„scharfe
Bewachung“ betraf nur mein Haus. Ich werde also ohne Umschweife der
Spionage
und des Verrates wenn nicht bezichtigt, so doch verdächtigt, des
Verrates
gegen mein Adoptivvaterland, wo ich Gastrecht genieße. Mit
anderen
Worten — des schwärzesten, schändlichsten Verbrechens, das
die
Menschheit kennt. Der Vatermörder wird noch immer etwas zu seiner
Entlastung beizubringen vermögen: der Rausch, die Leidenschaft,
der
Zorn, was weiß ich, wogegen wer mit kaltem Blut
planmäßig
Verrat übt, und gar noch in diesem Augenblick Verrat an
Deutschland,
in diesem Augenblick, wo alles Edle im Menschenwesen für alle
Zukunft
auf dem Spiele steht — für einen solchen Verbrecher besitzt die
Sprache
kein Wort, fähig seine Schändlichkeit auszusprechen. Und
dieser
Mann soll ich sein! In meinem Falle ist aber damit noch lange nicht
genug
gesagt. Denn vom dreißigsten Lebensjahre ab habe ich mein ganzes
Denken und Streben auf die Erfassung des spezifisch Deutschen
gerichtet,
später dann auch auf dessen Darstellung und Verherrlichung. Alle
meine
Bücher bilden — zusammen genommen — ein Evangelium des
Höchsten,
was deutsches Wesen hervorgebracht hat, alle sind Kampfbücher
für
dieses Wesen und gegen das Undeutsche und Widerdeutsche. Wenn ich also
in diesem Augenblicke heiligster Not Deutschland verrate, so vernichte
ich mein ganzes Lebenswerk, so war alles, was ich bisher gesprochen
habe,
gelogen, alles, was Millionen von Deutschen gelesen haben (die „Grundlagen“
allein sind in hunderttausend Exemplaren erschienen) und was
Hunderttausende
von Nichtdeutschen teils bekehrt, teils zu wütenden und
haßerfüllten
Gegenangriffen veranlaßt hat. Diese Anklage, diese überaus
niederträchtige
Verdächtigung ist so ungeheuerlich, daß ich gestehen
muß,
sie noch immer nicht recht zu fassen, — ich glaube, ich könnte den
Verstand darüber verlieren.
In dem Durcheinander
der sich jagenden Gedanken erblicke ich nun dreierlei deutlich; es sind
auch gewiß die Hauptpunkte.
Erstens muß
dieser Nürnberger Korpskommandant oder was er ist (ich habe auf
Namen
und Titulatur nicht geachtet) mir vollkommene, und zwar
öffentliche
Satisfaktion geben; mit einer halben gebe ich mich nicht zufrieden;
verweigert
er es, so schicke ich ihm am Tag nach dem Friedensschluß meine
Zeugen.
Zweitens werde ich
doch nicht umhin können, meinen erhabenen Gönner von diesem
Vorfall
genau zu unterrichten; ich kann deswegen nicht umhin, weil er selber
dadurch
mitgetroffen wird. Seit dreizehn Jahren stehe ich in Beziehungen zu S.
M. dem Kaiser: ich habe im Neuen Schloß gewohnt, habe wiederholt
mit dem Kaiser gespeist und habe namentlich zu öfteren Malen ganz
allein stundenlang mit ihm zu sprechen die Ehre gehabt; dazu
schriftliche
Beziehungen, welche die Güte des Monarchen bis zu dieser Stunde
aufrecht
erhalten hat. Über unseren Verkehr habe ich immer
unverbrüchliches
Schweigen gegen jeden Menschen bewahrt. Einzig mein alter Freund Graf
Brockdorff-Rantzau,
jetzt deutscher Botschafter in Kopenhagen, könnte einiges
darüber
bezeugen, weil er eine Zeitlang in der Lage war, zu beraten und zu
vermitteln.
Es ist aber gewiß kein Vertrauensbruch, wenn ich gestehe,
daß
die Beziehungen zwischen England und Deutschland häufig der
Gegenstand
unseres Meinungsaustausches waren, nicht zwar als Behandlung der
Tagesfragen
— was außerhalb meiner Kompetenz liegt — doch welthistorisch und
sozusagen geschichtspolitisch, wobei natürlich auch die Zukunft
ins
Auge gefaßt werden mußte. Und nun soll dieser
Engländer
— oder sagen wir der Wahrheit gemäßer — dieser zum Deutschen
hinaufgearbeitete Engländer das Vertrauen des gekrönten
Freundes
so schnöde vergelten und die Sicherheit seiner Lage dazu benutzen,
um den obersten Kriegsherrn der Deutschen zu verraten?!! Darüber
soll
und muß und wird der Kaiser die Wahrheit erfahren; und wenn ich
Ihnen
nur eine einzige Seite eines Briefes des Kaisers an mich zeigen
dürfte,
Sie würden sich schon vorstellen, wie zornentbrannt das Auge des
edlen,
temperamentvollen und so wirklich generösen Mannes aufblitzen
wird,
wenn er die Schmach erfährt, die ihm und mir angetan wird — und
gar
von deutschen Offizieren.
Leider kann auch
dies natürlich erst nach dem Kriege zur Ausführung kommen.
Darum
lege ich auf mein „drittens“ großen Wert. Sie deuteten an, Sie
führen
nächstens nach München und würden dort bei einer
höheren
Instanz zu wirken suchen. Mir liegt an meinem Spielzeug ¹ oben auf
dem Dache nichts; es dient mir zum Ausruhen von schweren Arbeiten, die
meinen Kopf ermüden, — außerdem tut es wohl, an der Schwelle
des Greisenalters von der häßlichen Welt weg (die sich hier
wieder einmal so prächtig bewährt) in das Jenseits
hinüberzuschauen
und hinüberzuträumen; doch ich habe genug Interessen des
Geistes
und kann die Warte — die ich beinahe sechzig Jahre entbehren
mußte
— nun auch weiter entbehren. Um die Warte ist‘s mir nicht zu tun. Aber
in bezug auf die Ehre bin ich ein Spanier. Wer mir die Ehre raubt,
muß
sie mir wiedergeben. Zwar haben Sie gestern in der großen
Güte,
die ich seit sechs Jahren immer höher zu schätzen gelernt
habe,
mir gesagt, daß Sie und der hochverehrte Herr
Regierungspräsident
und der mir persönlich unbekannte hiesige General sich gegenseitig
das Wort gegeben hätten, die Sache als Amtsgeheimnis zu behandeln,
und ich bin Ihnen für diese Absicht aufrichtig verbunden. Doch
haben
diese sechs Jahre in Bayreuth mich außer der Courtoisie der
Zivil-
und Militärbehörden auch das mir bisher unbekannte Wesen
einer
Kleinstadt kennen gelehrt, und ich weiß, daß nichts da
geheim
bleibt. Ich wette was Sie wollen, daß innerhalb drei Tagen die
ganze
Stadt den Vorgang kennt, und zwar verzerrt und gefälscht, und
daß
ich nicht mehr mich auf die Gasse wagen darf, ohne daß man nach
mir
mit den Fingern weist — wenn es nicht noch ärger geht. Dem kann
nur
eine unverklausulierte Ehrenerklärung zugleich mit Ausdruck des
Bedauerns,
öffentlich abgegeben, wehren. Übrigens, wenn Sie diese
erreichen,
so kann ich eventuell meinen Punkt „eins“ fallen lassen, da der
einzelne
General und seine Meinung über mich mir dann gleichgültig
sein
kann, — gleichgültig nämlich, sobald er von oben desavouiert
wird.
Geschieht das nicht,
so bleibt mir nichts übrig, als Deutschland zu verlassen; und
welche
Katastrophe das wiederum für meinen Lebensabend bedeutet,
können
Sie sich leicht zusammenreimen. Von meinem sehr bescheidenen
Vermögen
habe ich in das Haus hier einen so beträchtlichen Teil gesteckt,
daß
ich nicht in der Lage bin, mir andernorts ein zweites Heim zu
gründen.
Und was soll meine geliebte Gattin tun? Folgt sie mir, so opfert sie
ihre
hohe unvergleichliche Mutter, welche sie allein zu pflegen weiß;
bleibt sie bei ihrer Mutter, so opfert sie mein Glück.
Hiermit will ich
nicht einen übertrieben tragischen Ton angeschlagen haben; ich
will
Ihnen nur zeigen, wie ernst ich die Situation auffasse; gestern war ich
gleichsam verblödet, heute sehe ich unheimlich klar.
[...]
Gerade wie ich diese
Zeilen abschließen will, kommt ein braver Handwerker, den ich
beschäftige,
und sagt mir, er habe sich soeben mit einem Manne auf der Straße
gerauft und ihm eine Ohrfeige versetzt, weil dieser ihm lachend
verkündete:
„Na, endlich haben Sie den Engländer bei seinem Funkensprechen
derwischt!
Das Ding oben ist geschlossen, und er wird morgen erschossen!“ So weit
hätte es also der Herr General X. ² schon gebracht; schon
heute
kann ich nicht mehr wagen, auf die Gasse zu gehen. Ein Kommentar ist
überflüssig.
Zum Schluß
lassen Sie mich noch einmal Ihnen danken, hochgeehrter Herr
Oberbürgermeister,
danken für Ihr Zartgefühl, für Ihren Takt, für Ihre
Energie; auf alle drei baue ich noch, jetzt, wo Hilfe wirklich dringend
notwendig geworden ist.
Mit der Versicherung
größter Hochachtung
Ihr ganz ergebener
Houston S. Chamberlain.
Mit keiner Seele
habe
ich bisher über die Sache gesprochen, nicht einmal mit meiner Frau.
—————
¹
Die Sternwarte wurde gesperrt.
²
von Könitz.
Hochgeehrter Herr Oberbürgermeister
Zur Beantwortung
Ihrer
Frage heute mittag erlaube ich mir folgendes ergebenst zu melden.
Von Stamm bin ich
ganz reiner Engländer und habe in den Adern englisches Blut (im
engeren
Sinne), schottisches und gälisches (Wales). Mein Vater, der bei
seinem
1878 erfolgten Tode Admiral in der königlich englischen Marine
war,
war jüngerer Sohn des Sir Henry Chamberlain, Baronet, zuletzt
britischer
Gesandter in Brasilien, und dieser wiederum war der uneheliche Sohn des
Grafen von Westmoreland, der seine Abstammung auf Richard den Dritten,
Plantagenet, durch Shakespeare nicht sehr schmeichelhaft geschildert,
zurückführt.
Die Mutter meines Vaters war reine Gälin und rühmte sich der
Abstammung von den alten sagenhaften Bardenkönigen dieses Landes.
Meine Mutter entstammte dem südschottischen Kleinadel; auch ihr
Vater
war Offizier in der königlichen Marine, und sein Name — Captain
Basil
Hall — ist bei uns als Entdecker der Luchu-Inseln und wegen anderer
kühnen
Seeabenteuer populär geblieben.
Da meine Mutter
gleich
nach meiner Geburt starb und mein Vater dauernd in fernen Weltteilen
abwesend
war, kam ich schon im ersten Lebensjahre von England fort und habe
eigentlich
niemals dort gelebt, noch mich dort heimisch gefühlt. Ich kam zu
meiner
Großmutter, Lady Chamberlain, nach Versailles; diese Dame hatte
sich
dort niedergelassen, weil sie das englische Klima absolut nicht vertrug
— eine Eigenschaft, die ich geerbt habe; sobald ich den Fuß auf
englischen
Boden tue, fühle ich mich krank.
Von meiner Geburt,
1855, bis 1865 habe ich ununterbrochen in Versailles gelebt und habe im
dortigen Lycée Impérial den ersten Unterricht
genossen.
1865 kam ich nach England in die Schule, kehrte aber zu den Sommer- und
Weihnachtsferien nach Versailles zurück. Bereits anno 1870 aber
hatte
das englische Klima so nachteilig auf mich gewirkt, daß ich von
den
Ärzten schleunigst auf den Kontinent zurückgeschickt wurde,
wo
ich dann Anfang Juli zum ersten Male deutschen Boden betrat, die
Kriegserklärung
in Ems erlebte, den deutschen Militärzügen zujauchzte (obwohl
ich noch kein Wort Deutsch verstand) und noch die ersten
Gefangenenzüge
erlebte.
Von 1870 an habe
ich nie mehr in England gelebt.
Ich war
überhaupt
im ganzen nur noch fünfmal dort: 1873 auf sechs Monate, 1893 auf
sechs
Wochen, 1900 auf vier Wochen, 1907 auf sechs Wochen, 1908 auf
viereinhalb
Wochen.
Bis 1879 hatte ich
kein ständiges Heim, sondern brachte die Winter in
Südfrankreich,
die Sommer in der Schweiz zu. Von 1879 bis 1885 lebte ich in Genf, wo
ich
an der Universität Naturwissenschaften und Medizin studierte. Vom
Herbst 1885 an habe ich ohne Unterbrechung bis heute in deutschen
Landen
gelebt — 1885 bis Herbst 1889 in Dresden, dann zwanzig Jahre in Wien
und
seit Frühjahr 1909 in Bayreuth.
Erlebe ich also den
September 1915, wo ich sechzig Jahre alt werde, so wird dann genau die
Hälfte meines Lebens, dreißig Jahre, Deutschland
angehört
haben.
Doch reicht die
Beeinflussung
durch deutsches Denken und Fühlen noch weiter zurück: denn im
Winter 1870/71 bekam ich einen deutschen Hauslehrer, den noch jetzt in
Stralsund zurückgezogen lebenden Professor Otto Kuntze, dem ich
viel
verdanke, und 1875 lernte ich eine preußische Dame kennen, die
bald
darauf meine Gattin wurde, und mit der ich von Anfang an niemals anders
als deutsch verkehrt habe. Deutsche Offiziere und Diplomaten und
Geistliche
waren mein Verkehr an der Riviera, und in Genf habe ich fast lediglich
mit den deutschen Professoren — Carl Vogt, Graebe, von Zahn, Haltenhoff
usw. — intim verkehrt. So werden an meinem sechzigsten Geburtstag nicht
dreißig, sondern fünfundvierzig Jahre meines Lebens unter
deutschem
Einfluß gestanden haben.
Bemerken will ich
noch, daß meine Mutter, wie mir erzählt wurde, eine
leidenschaftliche
Liebe für alles Deutsche hegte; sie beherrschte die Sprache
vollkommen
und kannte die ganze deutsche Literatur. Wenn ich sie auch nicht
gekannt
habe, vielleicht ist doch in mir etwas aus ihrem Innersten wieder
aufgelebt.
Kaum ist es
notwendig,
hinzuzufügen, daß, wenn ich in einem so intensiven Sinne
„deutsch“
geworden bin, dies vor allem der vierzigjährigen
Beschäftigung
mit deutscher Wissenschaft, deutscher Philosophie und deutscher Kunst
zu
verdanken ist. Doch auch solche Eindrücke wie 1870 — der Blick des
Königs, als er nach Berlin fuhr, die Haltung des ganzen Volkes,
der
große Eindruck, den die Armee auf mich machte... alle diese Dinge
haben unauslöschliche Spuren hinterlassen.
Verzeihen Sie,
hochgeehrter
Herr Oberbürgermeister, die vielen Details; Sie entnehmen daraus,
was Sie brauchen können.
Noch einmal von
Herzen
Dank! Ich weiß, es ist nicht vernünftig, aber die Sache nagt
mir doch am Herzen. Die gälischen Tropfen im Blute und auch das
Tröpflein
von Richard dem Dritten — die kochen und sieden bei gewissen Dingen.
Houston S. Chamberlain.
Hochgeehrter Herr Justizrat
Darf ich Sie
bitten,
eine freundliche Beantwortung auf beiliegende Depesche zu veranlassen?
Vielleicht mündlich durch Ihren „Engel“, ¹ wenn er nicht ins
Feld gezogen ist. Sonst kurz schriftlich. Unbedankt möchte ich die
fr. Worte nicht lassen; ebensowenig halte ich es aber für
angezeigt,
mein Schweigen zu brechen.
Und wie Sie sehen
werden, die liebevolle Begrüßung hat auch ihre bittere
Kehrseite.
Zu dieser erlaube ich mir zu bemerken, daß ich infolge des
Krieges
keinen Pfennig meiner englischen Leibrenten erhalte, was — namentlich
nach
den großen Kosten und Kapitalopfern für das Haus — mich in
eine
recht bedrängte Lage bringt. Wie andere, so muß auch ich
mich
tunlichst einschränken.
Die Bitte betreffs
Naturalisierens verstehe ich überhaupt nicht.
Was nun die mich
betreffende Naturalisierung anbetrifft, so habe ich folgendes zu
melden.
Erstens hat die in Aussicht gestellte Meldung von München hierher
überhaupt nicht stattgefunden; mir wurde gestern noch versichert,
der hiesige Magistrat wisse gar nichts von der Sache. Zweitens: Ihrer
Weisung
gemäß
habe ich mich damals sofort mit dem Oberbürgermeister
Dr. Casselmann
ins Vernehmen gesetzt, indem ich ihm meinen Brief und den Ihrigen
mitteilte
und dann — auf seine Aufforderung hin — ihn am selben Nachmittag
besuchte
und ausführlich mit ihm konferierte. Er hat mir nun mit einer ganz
auffallenden Energie a b g e r a t e n, diesen
Schritt in diesem Augenblick zu tun. Er meinte, es würde allgemein
falsch gedeutet werden und sowohl meinem Rufe wie auch meinen Werken
schaden.
Die Menschen, meinte er, wurden sagen, „das ist ein vorsichtiger Fuchs,
der die Segel nach dem Winde richtet“, und die allgemeine Achtung, die
ich jetzt in hohem Grade besäße, würde merklich
geringer
werden. Ich war sprachlos; Sie wissen ja genau, welche rein inneren
Seelenvorgänge
es mir fast unerträglich schmerzhaft machten, zu den Feinden
Deutschlands
gezählt werden zu müssen in einem Augenblick, wo dieses um
seine
Existenz kämpft und damit zugleich um alles, was mir auf Erden
teuer
ist; daß mein Vorgehen mir als Gemeinheit ausgelegt werden
könnte,
das hätte ich nie geträumt; mir wurde ganz wirr im Kopfe. Und
so ging ich denn zum guten Adolf von Groß, der von nichts
wußte
und auch unsere Briefe nicht kannte, und fragte ihn auf den Kopf zu:
Was
meinst du dazu, wenn ich jetzt die Naturalisation nachsuche? Und denken
Sie, er urteilte genau so wie Casselmann und sagte, die Menschen
würden
schlecht von mir denken.
Ich habe Ihnen nicht
geschrieben; Sie haben keine Zeit und können sich nicht auf ein
Hin
und Her einlassen; aber Sie werden gewiß verstehen, wie tief
niedergedrückt
ich mich fühlte. Nun warte ich ab; vielleicht kommt von
irgendwoher
doch die Bestimmung.
Die „Internationale
Monatsschrift“ (die das Kultusministerium bei Teubner erscheinen
läßt)
bringt am 15/9 einen Aufsatz von mir „Deutsche
Friedensliebe“, den ich Ihnen mitteilen werde. Einen zweiten
Aufsatz
„Deutschland
als führende Weltmacht“ halte ich noch vom Drucke als
verfrüht
zurück. An einen dritten „Deutsche
Freiheit“ will ich heute gehen.
Ich hoffe, Sie haben
von Ihren Söhnen gute Nachrichten, und verbleibe mit besten
Grüßen
Ihr treu ergebener
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Heinrich Hell, Sekretär des Justizrats Troll.
Hochverehrter Herr Graf
Sie entschuldigen
gewiß den Gebrauch der Schreibmaschine, die Ihnen und mir Arbeit
erspart?
Für das
höchst
interessante Schreiben vom 10/9 mit beigelegtem Aufsatz bin ich Euer
Exzellenz
zu großem Danke verpflichtet. Beides habe ich wiederholt gelesen,
und es wird Sie namentlich freuen, zu hören, daß meine Frau
Schwiegermutter den lebhaftesten Anteil an dieser Lektüre genommen
hat und mich beauftragt hat, Ihnen zu sagen, sie fände alles
vortrefflich
beobachtet und gedacht, und sie stimme mit Ihnen vollkommen
überein.
So werden Sie es
denn leicht verschmerzen, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich
meinerseits
die ganze Sache etwas mehr vom volksmäßigen — weniger vom
diplomatischen
Standpunkt aus — ansehe. Bei meinen letzten Aufenthalten in England
erschreckte
mich der geradezu rasende, blinde, zerstörungswütige
Haß
gegen Deutschland, den ich dort antraf. Überall war von Krieg die
Rede; überall von Ausrottungskrieg. Sie werden mir sagen — das
waren
keine Staatsleute; ganz richtig, es waren aber anständige
Offizierskreise.
Und da dieser Haß nicht angeboren ist und früher nicht
existierte,
muß er von jemandem gewollt worden sein. Ich habe in den letzten
Jahren nur e i n e englische Zeitung
regelmäßig
verfolgt: die „Times“ in ihrer Wochenausgabe; planmäßiger
kann
nicht zum Kriege geschürt werden; gelegentliche Ausfälle
deutscher
Zeitungen lassen sich damit in keiner Weise vergleichen; hier war
schlechte
Laune und manchmal auch schlechter Geschmack, dort systematische,
tückische,
vor keiner Lüge zurückschreckende List.
Mir ist so, als ob
Sie, hochverehrter Freund, das England im Auge hätten, das ich in
meiner Kindheit kannte und liebte, das England der Königin
Viktoria.
Die wenigen Jahre Edwards VII. haben unglaublich verheerend gewirkt;
seine
Gemeinheit scheint er dem ganzen Lande eingeimpft zu haben; ich war
entsetzt
vor der Roheit, die ich in England 1907 und 1908 antraf — Roheit auf
der
Straße und rohe, stallknechtmäßige Geistesart und
Gesinnung
bei der jüngeren Generation der upper ten thousand.
Ich kann mich kaum
überreden, daß England Deutschland annehmbare Bedingungen zu
einem Bündnis angeboten hätte; ich glaube, der Bund
hätte
den geheimen Zweck verfolgt, Deutschlands Entwicklung hemmschuhartig zu
unterbinden. Übrigens traue ich England in der Politik von jeher
einen
Grad von Niedertracht zu, der doch alle diplomatisch begreifliche
Schlauheit
usw. weit hinter sich läßt. Eine Lieblingslektüre von
mir
ist Burkes „Impeachment of Warren Hastings“; wenn man nun
sieht,
daß ein solcher Abgrund von Trug, Verrat, Heuchelei, Grausamkeit,
hier auf Grund der dem Parlament vorgelegten offiziellen Dokumente
dargelegt
und mit beispielloser Beredsamkeit enthüllt und gegeißelt —
nichtsdestoweniger nur Bewunderung, nur Anerkennung, nur Ruhm erntet,
da
muß man doch sagen: diese Nation ist als politischer Körper
ohne jede Spur von moralischem Gefühl.
Den furchtbaren Ernst
des Augenblicks verkenne ich natürlich nicht; mit Deutschland
steht
alles auf dem Spiel, alles, was das Leben lebenswert macht. Es
wäre
frevelhaft gewesen, hätten Kaiser und Kanzler eine solche
Situation
nicht mit allen Mitteln abzuwenden gesucht; nunmehr aber kann der Fall
eintreten, wo — vom weltgeschichtlichen Standpunkt aus — dieser
furchtbare
Krieg als ein Segen für die ganze Zukunft des Menschengeschlechts
sich offenbart, als gottgewollt in dem Augenblick, wo sonst die Welt
rettungslos
der Bestialität verfallen wäre.
Doch Ihnen, als
Fachmann,
wird Konjekturalpolitik verhaßt sein, und ich eile zu
schließen,
ohne Ihre Geduld auf eine zu harte Probe zu stellen. Das eine
weiß
ich jedenfalls: zufällig war ich auch 1870 in Deutschland und
erlebte
die Erhebung des ganzen Volkes; jetzt erlebe ich sie zum zweiten Male
und
noch großartiger; mein Herz wählte richtig, und statt des
beschränkten
„Right
or wrong, my country!“ rufe ich: Deutschland über alles, ob
siegend
oder besiegt!
Alles Weitere, hoffe
ich, nächstens mündlich.
Euer Exzellenz
verehrungsvoller,
dankbarer und ergebener
Houston S. Chamberlain.
247-248
An Wilhelm Schwaner, Herausgeber des Volkserzieher
Hochverehrter Herr Schwaner
Dank für
Zuschrift
vom 18/9. Geheimnisse will ich nicht wissen; mir genügte, wenn ich
dienen kann und darf.
Einen Aufsatz „Deutsche
Freiheit“ habe ich geschrieben, an dessen baldiger
Veröffentlichung
mir viel liegt. Da ich infolge meiner beständigen Weigerungen
außer
Verbindung mit allen Zeitungen und Zeitschriften bin, glaube ich gut zu
tun, ihn einfach hier beizulegen, und zu bitten, ihn gut anzubringen,
gleichviel
wo, wenn‘s nur bald ist. Die Länge von etwa 2000 Wörtern wird
wohl eine Zeitung abschrecken? Verfügen Sie nach Ihrem Urteil.
Meine „Bedingungen“
sind: 1. ungekürzte und unveränderte Wiedergabe; 2. Nachdruck
gestattet; 3. das Recht für mich, falls ich ein Heft gesammelter
Kriegsaufsätze
zugunsten des Roten Kreuzes herausgeben sollte, auch diesen Aufsatz
ohne
weiteres aufzunehmen.
Gestern habe ich
einen vierten Aufsatz begonnen: „Deutsche
Sprache“.
Da ich
tagtäglich
aus allen Kreisen gebeten werde zu schreiben (heute morgen wieder von
einem
deutschen Erbfürsten), so erbitte ich mir sowohl von Ihrem V.E.
¹
wie von irgendeinem anderen Blatte, das erstmalig einen Aufsatz von mir
druckt, umgehend 50 Exemplare, die ich aber zu bezahlen wünsche,
sei
es durch Nachnahme oder sonstwie.
Vergessen Sie nicht,
daß ich „noch“ Engländer bin. Zwar drängt mich mein
langjähriger
treuer Rechtsbeistand leidenschaftlich, mich naturalisieren zu lassen;
andere dagegen — z. B. der hiesige Oberbürgermeister — ebenso
leidenschaftlich,
es nicht zu tun. Die Ersteren empfinden meine Herzensqual, die
Letzteren
halten es im Interesse meiner Werke und meiner Wirksamkeit für
besser,
wenn ich ein Zeuge von außen bleibe. Eigentlich weiß ich
nicht
recht, was die politische Naturalisation soll, — kein Mensch auf Erden
kann deutscher sein als einer, der es durch vierzigjährige
Geistesarbeit
geworden ist. Vielleicht stelle ich den Typus dar eines künftigen,
regenerierten Englands?
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Volkserzieher.
248-251
An Prinz Max von Baden
Eure großherzogliche Hoheit
ahnen vielleicht nicht, welche innige
und große Freude es für uns alle war, daß Sie gerade
in
diesem Augenblick den Wunsch fühlten und die Zeit sich abrangen,
einen
Brief nach Wahnfried zu richten. Meine Schwiegermutter trug mir warmen
Dank und ergebensten Gruß auf; wir übrigen schließen
uns
ehrerbietigst an.
Mir persönlich
konnte nichts erwünschter kommen, als in diesem Moment der
Geschichte,
wo so manches täglich aus anderen Kreisen zu uns dringt, auch die
Stimme eines deutschen Fürsten zu vernehmen. Wie unterscheidet es
doch den Kampf der Deutschen, daß sämtliche wehrfähige
Fürsten aktiv daran teilnehmen: dieselbe brüderliche
Kameradschaft,
die so auffallend den deutschen Offizier mit dem deutschen Soldaten
verbindet
— und die in keinem anderen Heere besteht — findet hier zwischen
Fürst
und Volk statt. England mit seinem von außen verpflanzten
Königshaus,
einem bloßen unentbehrlichen Dekorationsstück, kann sich in
keiner Weise mit dieser Erscheinung vergleichen. In einem solchen
Augenblick
begreift man auch den Segen der v i e l e n
Fürsten
im Gegensatz zum Monarchen; denn bei der Ausdehnung unserer heutigen
Reiche
wirkt der fern in der Hauptstadt thronende Allkönig auf die
überwiegende
Mehrzahl wie eine Art Pagode; die notwendige Unnahbarkeit hat etwas
Orientalisches,
durchaus Ungermanisches an sich; wogegen hier, die vielen Fürsten,
die — über sämtliche Armeen verteilt — Seite an Seite mit
ihren
engeren Landeskindern kämpfen und bluten, die alte echte Art
betätigen
— und das halte ich politisch für ungeheuer wichtig und wertvoll,
eine Gewähr für die Zukunft, wie auch der jetzige Kampf
ausgehen
mag. Kein Volk besitzt etwas Ähnliches — alle gehen dem Untergang
entgegen — sei es durch republikanische Anarchie, sei es durch den
abstrakten
Weltreichbegriff, auf den Platos Wort anwendbar ist: Eine absolute
Einheit
hat keine Gestalt und ist einem Chaos gleich zu achten. In seiner
politischen
Konstitution — und trotz seines verfehlten, hemmenden Reichstags — ist
Deutschland das weitaus stärkste Land der ganzen Welt. Darum bin
ich
auch sicher, daß es siegen wird — sei es heute, sei es morgen.
Gebe
Gott, daß es heute sei!
Mit dem
allergrößten
Interesse habe ich — haben wir alle Ihre Mitteilungen und
Ausführungen
gelesen und wiedergelesen. Was die Urteile betrifft, so kann ich sagen,
daß ich Eurer Hoheit in jedem einzelnen Punkte beistimme,
vollkommen
überzeugt beistimme. Ich weiß nicht, ob Eure Hoheit zwei
kleine
Briefstellen zu sehen bekommen haben, die jetzt die Runde durch die
ganze
Presse gemacht haben? Sie waren einem an Hamburger Freunde gerichteten
Briefe von mir entnommen und nicht auf Veröffentlichung berechnet;
trotz des kargen Inhalts haben sie mir mehr begeisterte Zustimmung
eingebracht
— brieflich von allen Seiten — als je eines meiner Bücher.
Inzwischen
habe ich mehrere Aufsätze geschrieben und werde mir erlauben, sie
nach und nach vorzulegen, für den Fall, die Kriegsführung
läßt
Ihnen zur Kenntnisnahme Muße. Der erste, „Deutsche
Friedensliebe“, sollte schon längst da sein, in der
„Internationalen
Monatsschrift“, die unter der Protektion des Kultusministeriums in
Berlin
erscheint; ich habe aber das Blatt noch nicht zu sehen bekommen. Ein
zweiter,
„Deutschland
als führende Weltmacht“, ist für den vortrefflichen
„Volkserzieher“
bestimmt; ein dritter, „Deutsche
Freiheit“, ist in Berlin, aber ich weiß nicht, wer ihn
druckt;
einen vierten, „Die
deutsche Sprache“, habe ich in der Arbeit. Man kommt sich recht
lächerlich
vor, so am Schreibtisch Wort an Wort angliedern, statt zuzugreifen —
gleichviel
wo und wie und was. Für mich bildet es den letzten Zufluchtsort
eines
Tätigkeitsdranges, der mich sonst vernichten könnte. Und
leider,
als Engländer bin ich überall suspekt oder wenigstens der
öffentlichen
Stimmung wegen unbrauchbar. Weder Bürgermeister noch General,
denen
beiden ich meine Dienste — und sei es nur als Dolmetscher — angeboten
habe,
wissen mir eine Arbeit zuzuweisen; und da Polizei und Kommando
immerwährend
anonyme Briefe erhalten, die auf die Gefährlichkeit hinweisen,
daß
man mich auf freiem Fuße läßt — so muß ich
schließlich
dankbar sein, daß es mir bisher nicht ergeht, wie den armen
eingepferchten
Deutschen in England.
Über England
rede ich nicht gern; wie Sie sich vorstellen können, bildet die
jetzige
Lage für mich einen crêve-coeur. Könnte man
sagen,
es handelt sich um den Fehler, um das Verbrechen eines einzelnen Mannes
oder eines einzelnen Kabinetts, dann fände ich Trost. Ich halte
aber
England für ein schon seit einem Menschenalter in rapider
Degeneration
begriffenes Volk — oder wenn „Volk“ zu viel gesagt ist, für einen
entarteten „body politic“. Gewiß geht das Aufhetzen gegen
Deutschland von einer bestimmten Gruppe aus, „Times“ und Cie., und
ihnen
ist es gelungen, die gesamte öffentliche Meinung zu vergiften.
Wenn
aber eine Regierung, anstatt gegenzuwirken, mitwirkt, — wenn sie an
Verlogenheit
und Tücke, an niederträchtigster Irreführung es jenen
bezahlten
anonymen Kräften gleichtut, und wenn wir dann erleben, daß
die
gesamte konservative Partei mit der Regierung mitmacht, — dann
muß
man doch sagen, es ist nicht bloß „etwas faul“, sondern alles
faul
in diesem Staate. Meine einzige Hoffnung für eine Regeneration
wäre
eine so vernichtende Niederlage, daß die Engländer
darüber
zur Besinnung kämen und somit die besseren Elemente wieder ans
Ruder
kämen. In treuem Anschluß an ein starkes Deutschland
könnte
gewiß aus England noch etwas werden; so halte ich es für
ganz
verloren: dem Mammon, der Roheit, der gänzlichen Entsittlichung
anheimgegeben.
Ich danke Gott,
daß
ich die beiden Erhebungen — 1870 und 1914 — erleben durfte, daß
ich
beide Male in Deutschland war und mit eigenen Augen die Wahrheit
gesehen
habe. Erhebender, ja, erhabener kann nichts in der Geschichte der
Menschheit
sein. Alle und jede Hoffnung für eine menschenwürdige Zukunft
der Menschheit knüpft sich an Deutschland allein; täglich
bete
ich zu Gott mit Inbrunst, daß er diesen höchsten moralischen
Aufschwung, der unsere ganze materielle und materialisierte Gegenwart
verklärt,
mit der Krone des vollkommenen Sieges belohnen möge. Möge er
auch Eure Hoheit in seinem Schutze haben.
Houston S. Chamberlain.
251-256
An Graf Brockdorff-Rantzau
Euer Exzellenz
Hochverehrter, lieber Freund
Sie werden
verwundert
sein — und wenig erfreut —‚ gerade in diesem weltgeschichtlichen Moment
von mir einen Brief zu bekommen, beschwert — wie Briefe es zu sein
pflegen
— mit einer Bitte. Sie stehen auf einem so exponierten Posten, dessen
Wichtigkeit
von einer Stunde zur nächsten entscheidend werden kann, daß
ich mir lebhaft vorstellen kann, wie Ihre Nerven „tendus“ sind
und
wie Sie meine Wenigkeit verfluchen werden. Aber, es hilft mir alles
nichts;
ich weiß auf Erden niemanden, fähig, mir in diesem
Augenblick
und in dieser Sache einen Rat zu geben, auf den ich hören kann.
Und
ich traue Ihrer so gütigen und treuen Freundschaft zu, daß
Sie
mir Ihren moralischen Beistand nicht versagen. Wenn es Ihnen so geht
wie
mir, müssen Sie augenblicklich so viele Briefe mit Bitten um Geld
erhalten, daß einer, der nur um Rat bittet, vielleicht
erfrischend
wirkt; ich will‘s hoffen. Außerdem bemerke ich gleich im voraus,
daß eine bloße Karte, worauf in Bleistift steht „Ja“ oder
„Nein“
oder „Scher Dich zum Teufel“, mir vollauf genügen soll; nicht ein
Gutachten erbitte und erhoffe ich, nur ein Urteil.
Es handelt sich um
die Frage meiner eventuellen Naturalisation. Sie können sich
gewiß
vorstellen, welchen Herzensjammer mir die Kriegserklärung Englands
verursachte — Scham und Zorn und Verzweiflung. Schon vorher hatten
mehrere
mich gebeten, ein Manifest zu erlassen, à la Carlyle;
ich
bin aber nicht Carlyle und mache mich nicht gern wichtig und
weiß,
daß die Herren den Kuckuck nach meiner Meinung fragen; und wie
die
Kriegserklärung kam, ward ich ganz stumm und hätte nur eines
gewünscht: tot zu sein, um dieses Verbrechen nicht zu erleben, und
diese Schande, von der mein Vaterland niemals — dessen bin ich
gewiß
— sich ganz erholen wird. Nicht etwa, daß mir die Sache ganz
unerwartet
kam; wozu hätte ich seit Jahren die unverschämten Lügen
und Prävarikationen des „Times“-Korrespondenten in Berlin gelesen?
des Schandbuben, den man schon längst an dem ersten Baum Unter den
Linden hätte aufhängen sollen. Aber ich habe mir doch nicht
gedacht,
daß England so ganz roh, so gemein, so grund-unfair, so
wortbrecherisch,
so erlogen heuchlerisch vorgehen würde; es ist ein wahrer Abgrund.
Aus dieser Stimmung
heraus schrieb ich einmal — vor Wochen — an meinen treuen
Rechtsbeistand
in München, Justizrat Dr. Troll; es handelte sich für
mich bloß darum, mir Luft zu machen. Dieser brave Mann — sonst
der
kühlste, schärfste Kopf der Welt — hat wohl auch ein
bißchen
den Kriegskoller bekommen — beide Söhne vor dem Feinde, der
unentbehrliche
Kompagnon desgleichen usw. — jedenfalls erhalte ich von ihm einen ganz
leidenschaftlichen Brief, das ginge so nicht weiter, ich würde
moralisch
zugrunde gehen, ich müsse Deutscher werden, und — er habe mich
bereits
im Ministerium angemeldet, und dieses wende sich nun
vorschriftsmäßig
an die Behörde in Bayreuth! Das hat mir denn doch ein bissel den
Atem
genommen, so über meinen Kopf hinweg entnationalisiert, wie eine
Bühnenverwandlung.
[...]
Doch gleichviel, ich will Sie bloß
nachempfinden lassen, daß ich einen kleinen Schock bekam, als
sich
mein Deutschtum in spe aus der Vision eines elysischen Gefildes
in Gesellschaft von Leibniz, Lessing, Kant, Schiller, Goethe, Bach,
Beethoven
usw. plötzlich zu konkreter Gestalt verdichtete in der Vorstellung
eines königlich bayerischen Staatsbürgers, der jeden Morgen
um
7 Uhr den ersten Maßkrug leert. — Ich schwieg aber stille und
schickte
eine Abschrift meines Briefes an Troll und dessen Antwort mit der
Verkündigung
des schon geschehenen Schrittes an die nächste Instanz,
nämlich
an Herrn Oberbürgermeister Dr. Casselmann, den bekannten
Führer
der nationalliberalen Partei in Bayern, und einige Stunden später
ging ich persönlich hin. Dr. Casselmann ist ein sehr
gescheiter
energischer Mann hessischer Herkunft, der immer hilfreich und
freundlich
gegen alle Wahnfriedler sich erweist. Er empfing mich, wie stets, auf
das
freundlichste, aber — siehe da! — mit der geradezu leidenschaftlich
vorgetragenen
Bitte, den Schritt n i c h t zu unternehmen:
meine
Motive würden mißdeutet werden, man würde sagen, das
ist
ein Schlaufuchs, der sich nach den Umständen richtet, es
würde
dem Rufe meiner Werke furchtbar schaden usw. usw. Wieder saß ich
sprachlos da, denn der Gedanke wäre mir nie gekommen, daß,
wenn
ich, weil mein Herz zerrissen ist, die deutsche Nationalität
annehme,
man mir gemeine Interessenmotive unterschieben würde und
könnte.
Ich verstehe es, aufrichtig gesagt, noch jetzt nicht. Ich gab aber
Casselmann
nach und bat ihn, die Sache vorläufig auf die lange Bank zu
schieben,
bis ich zu genauerer Überlegung Zeit gefunden haben würde.
Der
Sicherheit wegen ging ich aber zu einem anderen sehr erfahrenen Mann
der
Praxis, zu Geh. Kommerzienrat Adolf von Groß, dem treuesten
Freunde
der Familie Wagner und der Festspiele, dem bewährten Direktor der
Bayerischen Vereinsbank. Ohne ihn in die bereits geschehenen
Verhandlungen
einzuweihen, legte ich ihm die Frage der Naturalisation vor; er
faßte
sie genau so wie Casselmann auf und widerriet mir energisch. Er meinte,
wenn ich Müller oder Meyer wäre, etwa Strumpffabrikant, dann
würde er ja sagen, tue es, so aber gehöre ich vor die
Öffentlichkeit,
sei in ganz Deutschland zugleich als deutscher Schriftsteller und als
Engländer
bekannt, und es sei wichtiger für die gute Sache, ich bliebe
Engländer,
selbst auf Kosten einiger Widerwärtigkeiten, als daß ich mir
die Annehmlichkeit gönnte, Deutscher zu werden.
So ließ ich
denn die Sache auf sich beruhen. Einige kleine „Widerwärtigkeiten“
blieben nicht aus und versteiften ein wenig mein schwankendes
Engländertum.
Die an den hiesigen Magistrat gerichteten Denunziationen anonymer
Schreiber,
die mich als Spion entlarvten, wandelten zwar in den Papierkorb; mehr
Erfolg
hatte dagegen irgendein Unbekannter (man vermutet eine Dame
hebräischer
Konfession) bei der in Nürnberg kommandierenden, aus einem tiefen
Schubfach der „Disponibilität“ hervorgeholten Exzellenz, und der
brave
hiesige General erschrak nicht wenig, als er eines Morgens den Befehl
erhielt:
Sie haben die Sternwarte des Engländers Chamberlain sofort
abzuschließen
und das Haus unter scharfe Bewachung zu stellen. Es wäre nun kein
großer hardship, die Warte einige Wochen zu entbehren;
wie
sollte ich aber in einer kleinen Stadt leben können, wenn jeder
Gassenbube
mit dem Finger auf mich zeigen kann als auf einen Verräter? Der
Präsident
von Oberfranken, der General und der Oberbürgermeister taten ihr
Möglichstes
und machten sich sogar alle drei persönlich für mich haftbar
— doch charmant, nicht wahr? — aber der Entdisponibilierte war ein rocher
de bronze, und am dritten Tag mußte gehorcht werden, sonst
hätte
es der General zu büßen gehabt. Ich wollte direkt nach
Nürnberg
fahren und mich mit dem Räuber meiner Ehre schlagen; doch wurde
ich
belehrt, daß das in Kriegszeiten nicht ginge. Inzwischen benahm
sich
Casselmann einfach großartig, reiste nach München, traf dort
seinen Freund, den Kriegsminister, an und — der Befehl wurde
aufgehoben,
sofort, mit dem weiteren Bemerken, es solle der Engländer
Chamberlain
in keiner Weise belästigt werden, vielmehr vollkommen frei sich
bewegen
dürfen. Dafür war ich sehr sehr dankbar — um so mehr, wenn
ich
bedenke, wie die Deutschen in England behandelt werden. Und jetzt kann
ich meine Studien an den Sonnenflecken wieder aufnehmen, was auch nicht
zu unterschätzen ist.
Aus diesen ganzen
Erfahrungen und Erregungen ergab sich schließlich die Stimmung,
zwar
nicht zu den Engländern, wohl aber zu den Deutschen zu reden. In
rascher
Folge habe ich mehrere Aufsätze geschrieben. In dem ersten, „Deutsche
Friedensliebe“, habe ich namentlich den Kaiser gegen die
empörenden
Verleumdungen in Schutz genommen, — er erscheint in der
„Internationalen
Monatsschrift“ in Berlin, in dem ersten „Kriegsheft“, und sollte schon
am 15/9 veröffentlicht werden, — bisher habe ich aber nichts
erhalten.
Ein „Deutschland
als führende Weltmacht“ erscheint im „Volkserzieher“,
ebenfalls
ein Aufsatz „Deutsche
Freiheit“, den ich mit aller Begeisterung und Empörung
geschrieben
habe und somit hoffe, er soll gut sein. Den besten Aufsatz schrieb ich
aber jetzt: „Die
deutsche Sprache“; ich weiß noch nicht, wohin damit.
Später
denke ich daran, diese Dinge zu sammeln und für billiges Geld
zugunsten
des Roten Kreuzes herauszugeben.
Mitten in diese
Tätigkeit
hinein schneit nun ein neuer Brief des Justizrat Troll, den ich
beizulegen
mich nicht enthalten kann, weil Sie aus ihm die Gründe kennen
lernen,
die er für die Notwendigkeit der Naturalisation anführt.
Überzeugt
hat er mich nicht; auch meine kluge und ruhig urteilende Frau neigt
eher
zur Ablehnung. Nicht etwa, daß ich nicht gern Deutscher
(womöglich
Preuße) sein würde; ich sage mir aber, ich bin es doch
schon,
und zwar in einem so intensiven Maße, wie es nur ein Konvertit
sein
kann; es wäre, als wollte ein Papst sich taufen lassen. Der
Gestalt
und der Physiognomie nach aber bin ich so ganz und gar Engländer,
daß es mir jeder auf einen Kilometer ansieht. Mein jetziges
Deutschsein
ist eine so große, strahlende Wahrheit; wird die politische
Angehörigkeit
nicht eine untergeordnete, die erste Wahrheit einigermaßen
herabstimmende
sein? Wäre ich nicht bereits im 60. Jahre und furchtbar
rheumatisch
— dann würde ich keinen Augenblick zweifeln, denn mein einziger,
brennender
Wunsch wäre, mein Leben für Deutschland zu lassen. Aber so,
als
Krüppel und unnützer Ballast?
Bitte, lieber,
hochverehrter,
guter Freund, helfen Sie mir; überlegen Sie sich die Sache in
Ihren
wenigen Mußeaugenblicken und schreiben Sie mir ein ganz ganz
kurzes
Wort! Seien Sie meiner Dankbarkeit im voraus versichert.
In alter Verehrung
und treu lebendiger Freundschaft
Ihr ergebenster
Houston S. Chamberlain.
In dem einen
Aufsatz
habe ich Furchtbares über die deutschen Diplomaten gesagt!! Doch
glaube
ich nicht, daß S i e sich getroffen
fühlen
und mir auf ewig die Freundschaft kündigen werden.
Mein lieber Freund
Neulich sah ich in
der Zeitung, daß ein Büro der Croix Rouge in Genf die
Besorgung
von Nachrichten über Gefangene und Verwundete aller Nationen
übernehme
— leider schnitt ich mir die genaue Adresse nicht ab. Heute nun kommt
meine
gute Aufwartefrau mit der Bitte, über die beiliegendes Schreiben
Sie
unterrichtet. Ich wäre Ihnen dankbar, wollten Sie es an die
richtige
Adresse gelangen lassen; vielleicht, daß persönliche
Intervention
auch schnellere Erledigung bewirken würde.
Vielen Dank für
Ihre Karte. Hier geht es bei miserablem Wetter gut.
Jetzt haben wir hier
außer den vielen Gefangenen auch ein ganzes französisches
Dorf
— Greise, Frauen, Kinder, Säuglinge! Die Franzosen haben, wie es
scheint,
um Verdun herum ganze Dörfer der Verteidigung wegen abrasiert und
die Einwohner sich selbst überlassen, zu krepieren wie sie
wollten;
der alte Curé hatte die geniale Idee, sich einfach an den
Kommandanten
der „Barbaren“ zu wenden, und nun sind die guten Leute hier im fernen
Bayreuth;
von dem Elend hat man keinen Begriff — nackt, ausgehungert, besitzlos.
Hier sind sie wenigstens gut aufgehoben.
Für heute nur
dieses Wenige mit herzlichsten Grüßen. Ich Schreibe
fleißig
Aufsätze; ich schicke sie Ihnen später in Buchform.
Ihr getreuer
Houston Stewart Chamberlain.
Hochverehrter Herr Justizrat
[...]
Neulich deutete ich
Ihnen an, daß ich die Naturalisationsfrage einer „höheren“
Instanz
zur Entscheidung vorlegte; es war mir plötzlich die Ratsamkeit
dieses
Schrittes eingefallen. Ihren langen, begründenden Brief legte ich
zur vollkommenen Orientierung bei. Ich erhielt die telegraphische
Antwort:
„Nein, unbedingt nein!“ Wobei höchst wahrscheinlich weniger die
Berücksichtigung
meines subjektiven Wohlgefühls und meiner Interessen
maßgebend
war als die Sorge um meine öffentliche Wirkung. Ich weiß es
nicht. Jedenfalls, da ich einmal diesen Weg einschlug, so ist die Frage
vorläufig für mich erledigt.
Übrigens glaube
ich nicht, daß die Engländer mich entnationalisieren. Kein
Mensch
hat öffentlich so heftig gegen den Burenkrieg gewettert, dann auch
gegen die sogenannten Konzentrationslager usw., wie mein Onkel der
Feldmarschall
Sir Neville Chamberlain; man war wütend, und Lord Roberts weigerte
sich, an seinem Begräbnis teilzunehmen — aber tun konnte man
nichts.
Nun, wir werden
sehen.
Ich arbeite jetzt an einem Aufsatz „England“.
Mit wärmster
Begrüßung
Ihr stets dankbar ergebener
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr Doktor
Vielen Dank
für
Ihre freundlichen Zeilen vom 7. d. M.
Der Aufsatz „England“
ist etwas länger geworden, als ich zuerst gedacht hatte; der Stoff
ist gar zu reich, und ohne Beispiele bleibt alles abstrakt, — was ich
gerade
vermeiden wollte. Erst heute konnte ich ihn zur Abschrift schicken, und
es wird Ende der Woche werden, bis er an Sie abgeht, fürchte ich.
Im kleinen Kreise
vorgelesen, hat er interessiert und stark ergriffen. Hoffentlich findet
er Beachtung. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie erschrocken ich war,
als ich neulich — ich glaube bei Ihnen — las, Delbrück rede schon
von „Mäßigung“; England gegenüber handelt es sich um
ein
Entweder-Oder, Hammer oder Amboß; will Deutschland denn alle 20
Jahre
Krieg haben?
Verbindlichste
Grüße
Ihres sehr ergebenen
Houston S. Chamberlain.
258-259
An den Postboten Hilmar Martin
Sehr geehrter Herr
Ob Sie
Kultusminister
oder Postbote sind, gilt mir einerlei; Immanuel Kant, der große
Sattlerssohn,
meint, das Schwerste sei, „Mensch zu werden“; in dieser Kunst scheinen
Sie mir, nach Ihrem freundlichen Brief, einige Fortschritte gemacht zu
haben; darauf kommt‘s an.
Von dem Verlage
erhalten
Sie ein Exemplar meiner „Grundlagen“
zu eigen. Sie werden da einige Zeit zu tun haben. Sollten Sie
später
andere Bücher von mir wünschen, schreiben Sie es mir. Ein
kleines
Büchlein „Arische
Weltanschauung“ sende ich als Drucksache.
Nicht viel lesen;
nur das Allerallerbeste. Immer wieder Goethe — alles von Ihm,
namentlich
aber „Dichtung
und Wahrheit“, „Italienische
Reise“, „Campagne in
Frankreich“.
Und Luther! Freiheit eines Christenmenschen“, „An den Adel“ usw. usw.
Einen kürzlich
veröffentlichten Aufsatz von mir über „Die
deutsche Sprache“ lege ich bei. (Behalten!)
Und nun, leben Sie
wohl, sehr geehrter Herr Martin, und bleiben Sie mir und meinen Werken
freundlich gesinnt.
Aufrichtig Ihr
Houston Stewart Chamberlain.
259-264
An Professor Basil Hall Chamberlain
Mein lieber Bruder
Als ich neulich
von
meiner kleinen Sternwarte aus den Kriegskometen *)
beobachtete, fiel mir plötzlich ein, daß ich etwas Wichtiges
vergessen habe — eine Bitte an Dich. Seit meiner Knabenzeit bin ich
nämlich
auf die englische naturwissenschaftliche Zeitschrift „Nature“ abonniert
und besitze die ganze Reihe in vielen Bänden, die mir oft sehr
zustatten
kommen. Würdest Du wohl an die Agentur Leathwait & Simmons zu
schreiben die Güte haben, 5. Virchin Lane, London EC, und ihnen
sagen,
daß ich absolut darauf rechne, sie sammeln mir alle Nummern ohne
Lücke bis nach dem Kriege an? Die letzte Nummer, die ich erhielt,
trägt die Nummer 2335 und das Datum 30. Juli, 1914; die
Nachlieferung
wird also von der Nummer des 6. August anzuheben haben. — Hingegen
wünsche
ich nicht die Weekly T. mit Literary Supplement nachgeliefert
zu
erhalten, betrachte vielmehr dieses Abonnement als dauernd erloschen.
Später
mußt Du mir dann einmal sagen, ob es ein Blatt gibt, woraus man
die
vollkommene Liste der Bücher der Woche nach Rubriken entnehmen
kann,
mit vielleicht einigen vornehmen Besprechungen, — denn die „Times“ war
mir nach und nach unerträglich geworden, von einer Vulgarität
und Plattheit, daß man sich schämte, so etwas in die Hand zu
nehmen.
Inzwischen ist Dein
Brief vom 21. auch eingetroffen. Wie sollte ich Dir Deine
Aufrichtigkeit
verübeln? Ich bin es von Dir gar nie anders gewohnt gewesen und
habe
diese seltenste Eigenschaft stets an Dir hochgepriesen von den alten
Zeiten
her, wo Du mir so offenen guten Rat bez. der allgemeinen
Einleitung in die „Grundlagen“ gabst, und dann nach Erscheinen des
Buchs mir zahlreiche Kritiken zu einzelnen Punkten einsandtest, bis zu
dem wunderbaren, ich glaube 12 Bogen langen Brief über den „Kant“,
und bis dann zu der kurzen, eiskalten Ablehnung meines „Goethe“.
Daß
mir letzteres nicht weh getan habe, kann ich nicht behaupten; was mir
aber
weh tat, war weniger das Urteil, als die sichere Empfindung, daß
in Dir eine Wandlung vorgegangen war, die Dich von der Welt, in der ich
heimisch bin, entfernt hatte, was mir auch aus Bemerkungen in
späteren
Briefen zur Gewißheit wurde. Wie wäre es denn sonst
möglich,
daß Du in einem Buche, in dem ich alles Beste, was ich bin und
kann,
gegeben habe, in einem Buche, das die Anerkennung großer
Gelehrter
gefunden hat, die meine früheren Werke ablehnen zu müssen
glaubten,
daß Du — sage ich — nicht einen Lichtblick gefunden hast? Die
Aufrichtigkeit
schätzte ich, doch die Blindheit bedauerte ich — nicht für
Dich,
denn Du hast Unterhaltung genug in der lateinischen Welt, der Du wieder
angehörst, aber für mich, für den es — ohne
Übertreibung
— ein Lebensglück bedeutete, Dir — dem mir früher fast
unbekannten
und von Kindheit an Fremdartigen — auf der Höhe des Weges begegnet
zu sein und in Dir das Seltenste gefunden zu haben, einen
intellektuellen
Freund, verschieden und doch verwandt. Vielleicht weißt Du gar
nicht
— denn es liegt uns Engländern nicht, so etwas in Worten zu sagen
—‚ wie innig dankbar ich Dir war für Dein gütiges und
scharfes
und aufrichtiges Eingehen auf meine Gedanken und Arbeiten, und
daß
die Stunden, wo ich Dir dann später vorlesen durfte, zu den sehr
glücklichen
meines Lebens gehören, unvergeßlich. — Natürlich liegen
solche Entwicklungen und Wandlungen außerhalb des Wollens; es
läßt
sich nicht darüber rechten; töricht wäre es, selbst nur
in Gedanken Vorwürfe darüber zu erheben; das ist eben, was
„Leben“
heißt; und indem ich mich beklagte, blieb mir die Hoffnung,
daß
Du Dich in der Entfernung von der deutschen Welt, in der Du Dich so
wohl
gefühlt hattest, nicht minder glücklich fühlst. Nur
hatte
ich mir vorgenommen, Dir nie mehr eine Arbeit von mir mitzuteilen;
diese
Plage wollte ich Dir ersparen. Und ich muß Dich jetzt bitten,
mich
zu entschuldigen, wenn ich neulich die Inkonsequenz hatte, es nun doch
zu tun und Dir dadurch Ärgernis zu bereiten; es soll gewiß
nicht
wieder geschehen.
Im übrigen ist
wohl jede Diskussion überflüssig, um so mehr als Du
ausdrücklich
„keinem Menschen in Europa die Kompetenz zu einem Urteil“ zugestehst —
folglich auch meiner Wenigkeit nicht. Das vereinfacht die Dinge ja
ungemein:
da stehen Lüge und Wahrheit, Recht und Unrecht, Klugheit und
Torheit,
alle auf einem Niveau; jedes sittliche Urteil verstummt; und wir kommen
bei des alten Hobbes‘ berühmter — und bei uns in Deutschland
berüchtigter
— Maxime an: Insuperable might is right, unüberwindliche
Macht
ist Recht; man wartet still, bis der Krieg aus ist, und ruft dann:
Sieger,
deine Argumente haben mich überzeugt! Meine Donquixoterie ist Dir
zu bekannt, als daß Du wähnen solltest, ich könnte mich
bei derlei Auffassungen beruhigen. Ich finde vielmehr, daß
es
P f l i c h t ist, eine Meinung zu haben und Farbe zu
bekennen.
Es ist mir sehr lieb zu hören, daß Du findest, ich habe
sonst
gute Manieren und Du mich Weltmann und sogar Hofmann nennen kannst; es
gibt aber Augenblicke — und der jetzige ist ein solcher —‚ wo für
mein Gefühl die Begriffe Weltmann und Hofmann vollkommen
entschwinden,
weil sie in einen höheren aufgehen — nämlich in den Begriff
„Mann“;
in einem solchen Augenblick ist man Mann oder Memme. Es ist schon
schlimm
genug, durch Jahre und Gliederschmerzen an den Schreibtisch gefesselt
zu
sein, ein verdammtes zivilistisches Kunstprodukt, wo es doch jedes
Mannes
erste Ausrüstung fürs Leben sein sollte, sich mit Waffen
wehren
zu können; wenigstens kann man etwas tun, ein kleines
dürftiges
Etwas, indem man für die Wahrheit zeugt, furchtlos und
rücksichtslos.
Es ist das auch gottlob Tradition in unserer Familie; mit Stolz habe
ich
die Zeitungsaufsätze unseres Onkels, des Feldmarschalls,
aufgehoben,
in welchen er — der englische Offizier — gegen die gaunerhafte Politik,
die zu dem Burenkrieg führte, energisch Einspruch erhebt und dann
gegen die unmenschliche Kriegführung ohne Unterlaß
protestiert.
Das nenne ich Mann sein. Du sagst, man nenne mich mit
häßlichen
Namen, die mit R. anfangen“; ich hatte noch nicht Zeit, im
Wörterbuch
nachzusehen, was das für Namen sind; ich weiß aber,
daß
man den Feldmarschall aufs schmählichste insultiert hat; es hat
ihn
ebenso kalt gelassen, wie es mich läßt. Ein wenig Liebe
wiegt
sehr viel Haß auf. Wer überhaupt einer Pflicht gehorcht —
und
das tue ich —‚ fragt nicht. Hätte ich nach meiner Ruhe gefragt, so
hätte ich nie ein Buch geschrieben. Kein Mensch hat das
Unbeachtetsein,
das stille Leben des Denkers und Beobachters bewußter
geschätzt
und die Notorietät oder gar irgend etwas dem Ruhm Ähnliches
mehr
gefürchtet als ich; ich hatte das bestimmte Gefühl: jetzt
gebe
ich meine Ruhe, mein ureigenes Glück auf, darum allein habe ich so
spät zu schreiben begonnen. Glaube nicht, Du lieber alter
Skeptiker,
daß das nachträgliche Konstruktionen seien: ich könnte
Dir Verse und Aufzeichnungen aus jener Zeit — Anfang der 90er Jahre —
zeigen,
die den Seelenkampf und Seelenschmerz bezeugen. Noch heute
schüttelt‘s
mich kalt den Rücken herunter, wenn ich meinen Namen in einer
Zeitung
sehe; und wie viel Dummes, Herzloses, Boshaftes ist schon über
mich
gedruckt worden. Ich weiß, für Dich, mit Deiner klaren
Vernunft,
mag es höchst komisch sich ausnehmen, wenn ich sage, ich habe
meinen
„Wagner“, meine „Grundlagen“, meinen „Kant“, meinen „Goethe“
usw.
a u s P f l i c h t geschrieben —; ich habe
Humor
genug, um das Komische daran selber zu empfinden; es ist aber dennoch
wahr,
und ich vermag es ebensowenig, aus meiner Haut zu kriechen, wie Du aus
der Deinen. Ohne ein treibendes, befehlendes Pflichtgefühl
hätte
ich nie selbst die nötige Energie zu so mühevollen
Unternehmungen
gefunden und auch niemals die wahre Demut überwinden können,
die mir zwar das Glücksgefühl des Produzierens nicht
schmälert,
mir aber niemals erlaubt, das, was mein Talent hervorzubringen vermag,
sehr hoch zu schätzen; unbedingt schätze ich an mir selber
nur
die Aufrichtigkeit: im Privatleben habe ich es oft nötig gefunden,
zu verschweigen, zu lavieren, dicht an die Unwahrheit zu streifen, in
der
Öffentlichkeit — als Verfasser — habe ich nie anders als
vollkommen
wahr geredet, nach dem alten richterlichen Zeugeneid „die Wahrheit, die
ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit“.
Das erzähle
ich Dir alles, weil ich Dir begreiflich machen will, daß, wenn
ich
jetzt schreibe, und wenn ich so schreibe, wie ich schreibe, ich mir
selber
treu bleibe; ich schreibe aus Pflichtgefühl und sage ohne
Rücksicht
auf Personen, was ich für wahr halte. Da Du mir in Liebe und
Güte
schreibst, so halte ich mich für verpflichtet, Dir in aller Liebe
so viel zu sagen. Deine psychologische Erklärung, daß ich so
schreibe, weil ich „demoralisiert“ sei — Du bist so gut zu sagen „wir
alle“
—‚ stimmt nicht.
Auf die Hauptfrage
will ich hier im Briefe gar nicht eingehen, was auch du nicht tust. Nur
das Eine lasse mich Dir sagen: daß ich sehr viel mehr über
die
ganze Entstehungsgeschichte des unseligen Krieges weiß, als Du
glaubst.
Ich besaß schon früher Beziehungen zu Fürsten und zu
einzelnen
Diplomaten, dank welchen ich doch manches richtiger erblickte als der
gewöhnliche
Zeitungsleser; seit meinem Eintritt in die Wahnfrieder Familie sind
aber
diese Beziehungen noch zahlreicher geworden; man weiß eigentlich
spottwenig von der Politik Europas, wenn man nicht ein wenig hinter die
Kulissen zu schauen vermag. Ich frage mich z.B., ob Du, in Deiner
schönen
literarischen Zurückgezogenheit, sehr viel über die
Vorgänge
der letzten Jahre — vor allem der Jahre 1908 und 1911 weißt?
Wüßtest
Du, so würdest Du auch gewiß anders urteilen, und namentlich
nicht von „so verwickelten Dingen“ reden; es war noch nie ein Weltkrieg
so einfach wie dieser; England hat seit Jahren keinen Augenblick
nachgelassen,
alles zu tun, was nur menschenmöglich war, ihn herbeizuführen
und jede Friedensregung zu zerstören.
Übrigens
muß
ich noch eins aufklären: ich habe nie gesagt und nie zu verstehen
gegeben, ich „wünsche Englands Ruin“; das wäre ein
wahnsinniger
und ein boshafter Gedanke. Deutschlands Sieg ist nicht Englands Ruin;
ganz
im Gegenteil ist es die alleinzige Hoffnung für Englands Errettung
aus dem völligen Ruin, in welchem es jetzt steht. Ein siegreiches
England wäre jetzt etwas für die ganze Welt Entsetzliches,
eine
Katastrophe; wogegen ich von einem besiegten England die Hoffnung auf
die
so nötig gewordene politisch-moralische Wiedergeburt erwarten
würde.
Die Geschichte gibt uns Beispiele genug.
Zum Schluß:
uns geht es gottlob allen bis jetzt gut in der Ruhe unseres stillen
Bayreuth.
Siegfried hat soeben zwei große Konzerte in Berlin gegeben und
freundlich
begeisterte Aufnahme gefunden. Blandine Gravina weilt noch dort, um
sich
ein wenig zu zerstreuen in Museen, Theater und Konzerten; schenkt uns
aber
bald wieder ihre so liebe Gegenwart. Auch Gil ist bei uns und beginnt
nun
zu der Virtuosität auf der Flöte diejenige auf dem Klavier
hinzuzufügen.
Kapellmeister Kittel und ein vortrefflicher amerikanischer Tenor Stiles
vervollständigen ein kleines musikalisches Ensemble, mit dem sich
hin und wieder hübsche Abende zusammenstellen lassen. Wie
üblich
lesen wir: augenblicklich Voltaire und Goethe. — Mama fährt im
Automobil
ins Fichtelgebirge und nimmt mich zuweilen mit, was sehr erfrischend
auf
Lungen und Hirn wirkt.
Sei von uns allen
herzlichst gegrüßt und grüße alle!
Dein
treuer Houston.
——————
*) Der Komet Delawan (Delavan)
264-265
An Wilhelm Schwaner, Herausgeber des Volkserzieher
Hochverehrter und werter Herr Schwaner
Verzeihen Sie,
wenn
ich spät und spärlich auf verschiedene freundliche Sendungen
antworte. Ich hatte zwei größere Aufsätze „England“
und „Deutschland“
in Angriff genommen, und da ich sehr langsam arbeite und doch
möglichst
bald fertig werden wollte, mußte ich mir ein Gesetz machen,
sämtliche
Briefe unbeantwortet zu lassen; inzwischen regneten diese aber herein
wie
in Friedenszeiten bei mir zurückgezogenem Menschen noch nie, und
jetzt
ist es mehr ein Abfertigen als ein ernstes Beantworten. Verzeihung!
Natürlich
verstehe
ich die Wichtigkeit Ihres Bestrebens für die Volksbildung auf
neuer
Grundlage; es kann gar nichts Wichtigeres geben; ich habe auch das, was
Sie schreiben, gelesen und wiederholt gelesen, auch anderen mitgeteilt.
Nur empfinde ich mich selber als demütiger Laie, weil ich nicht
bloß
keine Erfahrung als Lehrer besitze, sondern fast gar keine als
Schüler.
Meine Erziehung — das ist ein trauriges Kapitel; in der Hauptsache habe
ich mich später selber erzogen, so gut es gehen wollte. — Zu Ihren
Plänen gehört eigentlich ein Fürst, ein sehr
intelligenter
Fürst; doch gleich steht wieder das Hindernis da: denn ich habe
eine
Reihe von Fürsten gekannt, einige ziemlich gut, und bin auch jetzt
mit einigen befreundet; doch habe ich immer staunen müssen, wie
wenig
heutzutage ein Fürst vermag. Sie interessieren sich, zeigen
Teilnahme,
womöglich studieren sie eine Sache durch; aber sehr bald hinter
ihnen
beginnt irgendeine mir nicht näher bekannte saharische Wüste,
wo die guten Absichten alle versanden und verdursten und verschwinden.
Ich glaube, ein Herr Ballin oder Herr Friedländer kann tausendmal
mehr durchsetzen. — Doch was ich Ihnen da sage, sind schließlich
Grillen eines einsiedlerischen Denkers; die Männer der Tat haben
Sie
zur Hand.
Dank für Ihren
Glückwunsch; es sind das traurige Dinge.
Houston S. Chamberlain.
265-267
An Professor Leopold von Schroeder
Lieber, hochverehrter Freund
In diesen Zeiten
rechnet
wohl jeder auf Nachsicht und findet sich nicht getäuscht. Ich gebe
ein Heft „Kriegsaufsätze“
heraus — teils in Zeitungen Erschienenes, teils Ungedrucktes — und habe
mir geloben müssen, bis diese Arbeit fertig war (im Manuskript,
denn
im Druck erscheint sie erst am 19. November) gar keinen Brief zu
schreiben
— die schlechte Behandlung war wenigstens gleichmäßig
verteilt.
Lassen Sie mich heute
melden, daß die markigen Kriegslieder in ein rechtes
Musikerelement
hier fielen und dankbare Hochschätzung fanden. Dann aber traf ein
herrlicher Band ¹ ein, den ich mit wahrer Rührung aus der
Hülle
wickelte — weiß ich doch wenigstens annähernd, was da drin
für
Arbeit und Gebet angehäuft steckt. Nehmen Sie, bitte, meine
allerherzlichsten
Glückwünsche entgegen. Ich fühle mich um einen wahren
Lebensschatz
reicher. Bisher habe ich — aus Mangel an Muße — nur wie ein Kind
ein
neues Spielzeug, neugierig hineingeguckt und große staunende
Augen
gemacht, und der Mund hat mir gewässert — so daß ich das
Buch
immer wieder fortversteckte, um nicht in Versuchung zu geraten. Doch
treffen
Sie bei mir auf einen guten Augenblick — insofern ich mitten in
verwandten
Studien stecke, wenn auch mehr mit dem Augenmerk auf das Christentum;
und
sehr bald hoffe ich, diesen so viel verheißenden Band zu
grundlichem
Durchstudieren vorzunehmen — es sei denn, was man in diesen Tagen nie
voraussehen
kann, daß wiederum Forderungen der Gegenwart die ruhige Arbeit
zurückdrängen.
Im Augenblick
erinnere
ich mich nicht, ob ich Ihnen einzelne Aufsätze zugeschickt habe
ober
nicht? Gesammelt werden es sechs sein: Deutsche Friedensliebe, Deutsche
Freiheit, Deutsche Sprache, Deutschland als führender Weltstaat,
England,
Deutschland — die zwei letzteren sind etwas längere Essays, doch
macht
das Ganze knapp fünf Bogen aus. Ich lasse Ihnen natürlich ein
Exemplar beim Erscheinen zugehen.
Bayreuth liegt so
abseits, auch von den Haupteisenbahnverkehrslinien, daß wir
verhältnismäßig
wenig von dem furchtbaren Kriege hier merken. Die Ernten waren nach
großer
Augusthitze besonders reich, und die Herbstarbeiten werden mit ganz
besonderer
Sorgfalt ausgeführt, damit Deutschland reichlich Nährstoffe
hat;
viele Bauern — auch kräftige junge Leute — sind zu diesem Behufe
dagelassen
worden, und ich merke auf meinen täglichen Spaziergängen
landeinwärts
nicht, daß es irgendwo fehle. Geht man stadtwärts, so fallen
einem allerdings die zahlreichen Soldaten auf: je mehr weggehen, desto
mehr sind da, und was für welche! Kräftige junge Leute.
Überhaupt
täuscht sich das Ausland sehr, wenn seine Zeitungen immer wieder
von
„Letzten Reserven“ u. dgl. reden; sehr wenige Männer über 46
Jahre alt sind bisher hier fort — so z. B. auch unser Diener in
Wahnfried
nicht, der Kavallerist ist und 42 Jahre alt. Verwundete haben wir
natürlich
viele, doch zumeist leichtere Fälle, wegen der langen Reise von
jeder
Grenze bis hierher. Viele Prachtmenschen; nach all den Strapazen und
schrecklichen
Erfahrungen guten Mutes, zuversichtlich und von dem einen Wunsch
beseelt,
zurück zum Regiment. — Wir leben natürlich sehr still dahin
im
engsten Familienkreise; doch ist Kapellmeister Kittel, meines Schwagers
rechte Hand bei den Festspielen, hier zu Hause, und ein
vorzüglicher
amerikanischer Tenor benützt die Stellenlosigkeit, um den Winter
über
hier zu studieren, dazu mein Neffe Gil Gravina, der Flötist und
genialste
Musiker aus der jungen Generation in der Familie: und so gibt es manche
Stunde schöner Musik, wobei namentlich Johann Sebastian Bach Stich
hält, dessen Musik in so schweren Zeiten entstand und
dementsprechend
voll Demut, Ernst und siegendem Gottesglauben ist.
Meine Frau war soeben
bei mir drüben und trägt mir nebst besten Grüßen
eine
Bitte an Sie auf: Sie möchten ihrer und meiner großen lieben
Freundin, Frau Lili Petri, die ein eigenes kleines Lazarett in Baden
bei
Wien aufgetan hat und dort heroisch aufopferungsvoll das Mögliche
und Unmögliche leistet, ein wenig mit Rat und Tat beistehen; es
fehlt
natürlich an allen Ecken und Enden, und da kann oft einer dem
anderen
helfen.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Leopold von Schroeder's „Arische Religion“, Bd. 1.
Lieber Freund
Ich muß
wirklich
den Augenblick beim Schopfe nehmen und Ihnen wenigstens in einer kurzen
Zeile für Ihre so gütigen Bemühungen danken. — Da das
eine
der genannten vier La Croix in deutschen Händen ist, hat
die
gute Frau dorthin geschrieben, doch bisher keine Antwort erhalten.
Diese
Leute aus dem Volke entschließen sich aber schwer zum Schreiben:
damit beschwichtige ich ihre Sorge.
Von m
i r wollen Sie wissen? Ja, was soll ich denn sagen, wenn
ich
mein Innerstes verschweigen muß, im sichern Bewußtsein,
daß
im Augenblick keine Spur einer dem Verständnis Brücken
bauenden
Sympathie zwischen uns besteht? Manchmal ist Schweigen das
Freundschaftlichste,
was man dem Freunde antun kann.
Augenblicklich lebe
ich inmitten einer immensen Korrespondenz; da eine Reihe von
„Kriegsaufsätzen“,
die ich geschrieben habe, Verbreitung gefunden hat bis in die
vordersten
Schützengräben und bis zu den Besatzungen der Unterseeboote.
Es ist mir eine Wonne, wenigstens aus der Ferne, die Alter und
Rheumatismus
mir auferlegen, mit diesen deutschen Helden in Berührung zu sein;
aus jeder einfachen Zeile bebt einem entgegen der hohe Sinn, das reine
Herz, die wahre Kultur des Geistes, das Männliche und Bescheidene,
der heiter fraglose Todesmut. Und dort ist m e i n
e
Liebe. Darum kann mich nichts mehr schmerzen, als wenn ich diese
prächtigen,
die Menschheit einzig ehrenden Männer — Ich k e n n
e
sie von Kaiser und Fürsten ab bis zum Sergeanten und Musketier —
tückisch,
feig und zugleich horndumm verleumden höre; solche Dinge mag Gott
verzeihen, ich kann es nicht. Damit, lieber Freund, meine ich nicht
Sie,
doch Ihre Umgebung, und es ist mir zumute, als lebten wir
augenblicklich
auf zwei verschiedenen Gestirnen.
Wenn die
Armeslänge
genügt, drücke ich Ihnen in alter Erinnerung warm die Hand.
Ihr
Houston S. Chamberlain.
Lieber Herr Bruckmann
Vielen Dank
für
höchst erfreuliche Mitteilungen. Ich hoffe, das Geschäft wird
perfekt, mit den 5000 Exemplaren. Das wird wohl für Schulen sein?
Oder Armee?
Hier haben sowohl
Gymnasium wie Realschule die Lektüre in Prima angeordnet und je 20
bis 30 dazu angeschafft.
Heute erhielt ich
ein vier Seiten langes Telegramm von Seiner Majestät: sehr
herzlich
über meine Aufsätze und wirklich ergreifend in der Liebe zu
Deutschland
und dem Vertrauen zu Gott.
[...]
Gerade bringt man
mir von Wahnfried Ihren gestrigen Brief herüber. Besten Dank. Auch
für Eucken, den ich wieder beilege. Ich kann Sie nicht
belästigen
mit dem vielen, was ich höre. Harnack z. B. schrieb
ausführlich
und erfreute mich durch persönliche Mitteilungen: sein Sohn (vor
Verdun)
hält allwöchentlich einen Faustabend! usw.... Mit am meisten
freute ich mich über des reservierten, nie lobenden Kuntzes Wort:
„Die glanzvolle Schreibweise stellt sich der der schwungvollsten
Abschnitte
in den ‚Grundlagen‘
ebenbürtig
zur Seite.“
Wenn ich auch kein
Honorar beziehe, so bitte ich nichtsdestoweniger über Höhe
der
Auflage und alles, was den Betrieb betrifft, im Laufenden erhalten zu
werden:
das macht eben meine Honorierung aus und ermutigt mich.
„Englische Gelehrte“
sind schon ganz heraus, aber noch immer erhalte ich kein Exemplar; es
ist
eine elende Wirtschaft an der „Täglichen Rundschau“.
Zwei Leute — der
eine auf Umwegen — haben angeregt, wir sollten „England“
und „Deutschland“
extra herauszugeben uns entschließen, zu etwa 20 Pfennig, und
dann
gleich je 100 000 Exemplare. Ich teile Ihnen den Vorschlag mit ohne
Kommentar...
oder nur mit dem einen, daß ich einen gewissen Grad von Bildung
nötig
erachte, um das zu schätzen, was ich schreibe, und darum an eine
unmittelbar
populäre Wirkung nicht glaube...
Houston Stewart Chamberlain.
Wieder nur ein
Händedruck
von Stern zu Stern. — Ich war jetzt tagelang zu Bett mit böser
Halsinfluenza
— hier epidemisch, und bin noch wackelig den ersten Tag drüben.
Dabei
ist meine Korrespondenz infolge meiner Aufsätze ins
Unübersehbare
gewachsen. Ich arbeite weiter in aller Ruhe: unbeirrt durch Liebe und
unbekümmert
um Haß. In meinem Alter darf man scbon sich den Luxus gestatten,
der W a h r h e i t zu Leben und
der
S a c h e G o t t e s. Einen der schönsten
— vielleicht den allerschönsten — Brief erhielt ich heute von dem
Pfarrer Kutter
¹, den ich zuletzt in Ihrer Gesellschaft sah — was
Sie wohl ebensowenig wie ich vergessen haben? Es war wie ein ganz
reiner
starker Hauch aus den Höhen des wahren Deutschtums.
Ich weiß Sie
lieber allein als unter jenen 800; Sie sind kein Herdentier. —
„Über
allen Sternen“
der Ihre
H. S. C.
—————
¹
Aus Zürich.
Hochverehrte gnädige Frau,
Ihr Brief vom 20.
d. M. hat mir eine glückliche Stunde bereitet, und dafür will
und muß ich Ihnen kurz danken, wenn auch, nach dreiwöchiger
Krankheit, es in meinen stillen Arbeitsräumen entsetzlich
chaotisch
aussieht, mit Bergen von Briefen und von Zusendungen, während es
im
Kopfe selbst nach tausend unnotierten Fiebergedanken auch nicht viel
glücklicher
zugeht.
Da ich gegen
Zeitungskritiken
eine fast unüberwindliche Abneigung empfinde, bin ich eigentlich
auf
Briefe aus dem Leserkreis angewiesen — soll überhaupt nach
jahrelanger
schweigender Arbeit ein Echo mein Ohr treffen. Und nach diesem Echo
verlangt
man. Gar selten aber wirkt es wohltuend. Für alle Epitheta des
Wörterbuches
aneinandergereiht — „geistvoll“ und „genial“ und „tiefschürfend“
und
wie die Dinge alle heißen — kaufe ich mir kein Stück
Trockenbrot.
Wonach der Verfasser lechzt, ist E i n z e l n e
s:
w i e wurde das Buch entdeckt, w i
e
gelesen, unter w e l c h e n Eindrücken
(und
wenn auch der Ablehnung, das tut nichts zur Sache), und dann die
Nennung
einzelner Worte oder Ausführungen, die besonders stark wirkten...
das ist dann Leben zu Leben, das kann man fassen und betrachten, — das
ist Besitz. Und gerade das, gnädige Frau, verstehen Sie wie sehr
wenige...
Übrigens, ich überlege mir eben, daß ich gar nicht
weiß,
ob Sie Frau oder Fräulein sind; jedenfalls wissen Sie, was wir
Männer
brauchen, um glücklich gemacht zu werden, — und das soll Ihnen
Gott
im Himmel lohnen.
Übrigens,
undankbar
will ich nicht sein: Ich habe auch beim „Goethe“ manches Schöne
erfahren.
So schrieb mir z. B. Adolf Harnack — wohl der meistbeschäftigte
Mann
in Deutschland — fünf lange Briefe darüber innerhalb zehn
Tagen!
Auch von anderen könnte ich erzählen. Doch im großen
und
ganzen fällt die Art der Anerkennung meist recht poor aus.
Oder vielleicht liegt es an mir und bin ich ein undankbarer alter Kerl,
dem es keiner rechtmachen kann; Lob will er nicht, und Tadel mag er
nicht,
und Gleichgültigkeit ist ihm verhaßt. — Na, kurz und
gut,
S i e verstehen es, wie er‘s will, und beweisen, daß
es doch möglich ist, es ihm recht zu machen.
Wissen Sie, was mich
mit am meisten freut? Daß Sie das Buch noch einmal lesen wollen.
Es steckt jahrelanges Sinnen darin, viele Jahre fleißigen Lesens
und dann sechs bis sieben Jahre des Schreibens. Teile, so z. B. im
„Naturerforscher“
— sind (abgesehen von den zahllosen Revisionen) fünfmal von A bis
Z neu geschrieben — um die möglichste Klarheit zu erreichen; kaum
wird es möglich sein, bei einmaligem Lesen a l l e
s
zu erfassen, was hineingearbeitet ist, und das selbständig zu
ergänzen,
was gestrichen werden mußte.
Es waren
glückliche,
glückliche Jahre! Und es ist wie eine Fortsetzung, wenn jetzt
andere
an solchem Glücke teilnehmen.
Wie richtig, was
Sie über den Namen und die ungenannt herumschwebenden Ideen sagen!
Als ich die „Grundlagen“
schrieb, schwebte mir als Idealleser einer vor, der das Buch
wegwürfe
mit dem Ausruf: Jetzt brauche ich dich nicht mehr!
Auch die Frage soll
nicht ohne Antwort bleiben. Wie ich‘s mache mit den Aussprüchen?
Lediglich
durch die Kunst, mir grenzenlos viel Mühe zu machen und zu geben.
Wir sagen auf Englisch: spare no pains, spare keine Schmerzen
(des
Erarbeitens). Erstens notiere ich mir beim Lesen immer hinten im Buch
mit
genügend ausführlichen Stichworten alles, was mir jemals von
besonderem Werte sein kann; zweitens werden später aus diesen
Notizen
die prägnantesten wortwörtlich auf Zettel abgeschrieben;
drittens
werden diese Zettel möglichst sinnreich aussortiert, und zwar
alles
von neuem, je nach dem Stande der inneren und der äußeren
Arbeit;
viertens — aber wie das zugeht, weiß ich selber nicht zu
erklären
— bei der tatsächlichen Arbeit, ich meine in den Stunden, wo die
eigentliche
Schöpferkraft sich a n einem betätigt
— da sehe ich fast niemals einen Zettel an, aber da fällt mir
allerhand
ein, auch manches, was nicht einmal im Buche notiert wurde, und ein
eigenartiges
Gedächtnis tritt in Kraft: ich weiß zwar nicht
wörtlich,
was Goethe (oder ein anderer) gesagt hat, weiß auch meistens
nicht,
in welcher Schrift es steht, — ich weiß aber i
m
R a u m e, wo ich‘s zu suchen habe, stehe auf, gehe an das
betreffende Bücherbrett und greife mit der Hand an den
rechten
O r t. Nicht immer geht das sofort glatt aus: es kann ein
wenig
rechts oder ein wenig links stehen, seltener höher oder tiefer;
man
macht halt — und man findet. Und findet auch gar oft noch viel
Schöneres,
als was man gesucht hatte. Die Hauptsache ist Ruhe und Vertrauen: der
Wille
ganz auf sich selber zurückgefaltet, die Seele aufnahmebereit.
Da ich einen neuen
Bogen nehmen muß und doch nicht bloß meine Unterschrift
darauf
tun will, erzähle ich Ihnen noch kurz, daß die vierte
Auflage
der „Kriegsaufsätze“
morgen erscheint, umfassend das 33 000ste bis 53 000ste Exemplar. Es
ist
mir mehr als Freude, ist mir Wohltat: ein Trost in Tagen so schwer,
daß
man gar nicht daran denken darf, „wie“ schwer. Schließlich: wer
kann
aus der eigenen Haut heraus? Ein rührender alter Herr,
begeisterter
Leser der „Grundlagen“
und des „Immanuel Kant“,
hat mich so lange in Briefen
um mein Bildnis gebeten, daß ich zuletzt, als sein einziger Sohn
gestorben war und sogar sein Arzt mir schrieb, meine Bücher seien
des alten Herrn einziger Trost, ich solle doch mich erweichen lassen
und
mein Bild schicken, es tat: diesen Schrecken, den ein nächster
Brief
zum Ausdruck brachte, werde ich nie vergessen; er hatte sich eine
Idealvorstellung
von mir gemacht als deutschen Propheten mit wallendem Bart und
traumversunkenem
Auge — was weiß ich! und nun die Quintessenz eines Englishman!
Er war so redlich und so naiv, daß er mir dieses Entsetzen gar
nicht
verbarg; kurz darauf war der Gute enttäuscht entschlafen. — Eine
Folge
dieses grauenhaften Krieges — (nur schön in und für und in
bezug
auf Deutschland) ist, daß es mir selber manchmal wie meinem
unbekannten
Freunde ergeht und ich mir mit Schrecken bekenne: Du bist doch selber
Engländer,
Engländer in jeder Faser deines Wesens! Und da durchschauert‘s
mich,
und ich suche mir weis zu machen, da die Mutter meines Vaters eine
Gälin
aus Wales war und ich ihr ähnlich sehe, so wiege der Kelte
vielleicht
in mir vor —. Mag sein, aber deutsch werde ich auf diesem Wege erst
recht
nicht. Mir bleibt nur eine Rettung: wie im Leben des Individuums, so
auch
im Leben des Denkers und Schreibers um deutsche Liebe zu freien und
mich
ihrer würdig zu erweisen.
Jetzt kann ich
schließen,
denn jetzt wissen Sie genau, warum Ihr guter Brief mir Freude machte.
In Verehrung
verbleibe
ich
Ihr Sehr ergebener
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
An sie ist der zweite
Brief der „Lebenswege meines Denkens“ gerichtet.
Hochverehrter Herr Generalmajor
Sie belieben
beiliegendem
Kouvert die Summe von Mark 1000.— (eintausend Mark) zu entnehmen. Ich
bitte
Sie in Ihrer Eigenschaft als Garnisonsältester ganz frei über
diese Summe zu verfügen.
Es verhält sich
hiermit folgendermaßen.
Als meine
„Kriegsaufsätze“
(die ich ohne Honorar an die Zeitungen gegeben hatte) in Buchform
erschienen,
wäre der „normale“ Preis Mark 1.50 gewesen, und davon hätte
ich
— laut meinen sonstigen Verträgen mit der Firma Bruckmann — eine
Tantieme
von 30 Pfennig pro Exemplar erhalten sollen. Nun lag mir aber daran,
trotzdem
der Krieg mich in arge Geldverlegenheit gestürzt hat, keinen
Pfennig
an diesem Werke der Liebe, der Leidenschaft und der Dankbarkeit zu
verdienen;
ich kann mich doch unmöglich an dem Kriege, den Deutschland um
seine
Existenz führt, bereichern. Sie verstehen mich und empfinden als
Offizier
das gleiche wie ich. Darum schrieb ich dem Verlag: ich verzichte auf
jegliche
Honorierung, d. h. also auf die 30 Pfennig, die mir zukämen, mache
aber die Bedingung, daß der Verlag seinerseits auf 20 Pfennig je
Exemplar seines Verdienstes ebenfalls verzichte und den Ladenpreis auf
nur 1 Mark festsetze. So geschah es denn. Nun aber folgt Auflage auf
Auflage,
so daß trotz des billigen Verkaufspreises der Verlag sich ein
kleines
Vermögen dran verdient — was ich ihm gönne, denn er
gehört
zu denen, die ihr Personal nicht entlassen haben. Nunmehr drückt
Herrn
Bruckmann aber das Gefühl, daß er Tausende verdient und ich,
der Verfasser, gar nichts. Und so hat er mir angeboten, mir vom 16
00lsten
Exemplar ab 10 Pfennig pro Exemplar zu zahlen. Und ich habe es
angenommen,
weil dieses Geld ja sonst nur den Aktionären in die Tasche
fließt.
Im Einverständnis mit Frau Eva Chamberlain habe ich aber
beschlossen,
dieses Geld restlos der deutschen Armee zuzuführen. Eine erste
Einzahlung
kam gestern in meine Hände; sie reicht aber nur bis zum 26 000sten
Exemplar und es sind gegen 40 000 schon verkauft und über 50 000
gedruckt;
ich darf also hoffen, Ihnen bald weitere Summen zuschicken zu
können.
Vielleicht fragen
Sie mich, warum ich das Geld nicht einfach dem Roten Kreuz
überweise.
Ich habe dafür verschiedene Gründe: mündlich bei
Gelegenheit
näheres. Außerdem habe ich in meinem Leben stets erfahren,
daß
solche Organisationen nicht alle Fälle decken: ich liebe das
direkte
Verfahren, von Mensch zu Mensch. Vielleicht gibt es Bedürfnisse,
für
die Sie augenblicklich vom Kriegsministerium nichts angewiesen erhalten
können und mein Scherflein kann Ihnen dazu ein wenig nutzen.
Eine letzte,
besonders
eindringliche Bitte: die Sache soll zwischen der Militärverwaltung
und mir Geheimnis bleiben, — nichts in die Öffentlichkeit dringen.
In der Hoffnung,
Ihnen nicht lästig gefallen zu sein, verbleibe ich, hochverehrter
Herr Generalmajor,
Ihr in aller Hochachtung ganz ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Geheimrat
Ihre gütigen
Zeilen waren heute früh ein erster Neujahrsgruß, — für
mich zugleich Ehre und Freude. Aus der Zeit, wo ich — zur
Ergänzung
meiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse — Student der Medizin
vorübergehend
wurde, habe ich nicht bloß ein besonderes Interesse für das
Fach behalten, sondern ich habe mich ganz besonders guter Beziehungen
zu
vielen wissenschaftlich arbeitenden Medizinern erfreut. Irgendeine
Verwandtschaft
der Geistesrichtungen muß da bestehen — wenngleich ich das
Wenige,
was ich wußte, unter dem Wust anderer Studien längst
vergessen
habe. Daher meine besondere Freude über die warme Anerkennung
eines
mir natürlich dem Rufe nach so wohlbekannten Fachmannes. Nochmals:
Dank!
Sie können sich
Leicht vorstellen, wie sehr es mich rührt, daß General von
Beseler
sich die Zeit genommen hat, meine Aufsätze zu lesen, und daß
er die Zeit nicht bereut. Wenn Sie Gelegenheit haben, bitte ich, dem
allverehrten
Mann meinen ehrerbietigen Gruß ausrichten zu wollen.
Mit diesen
Aufsätzen
habe ich versucht, eines herzzernagenden und wirklich lebenbedrohenden
Grams Herr zu werden; es ist gelungen; und nun ernte ich so viel Liebe,
daß die Briefe schon in die Hunderte gehen — und zwar kommen die
meisten aus der Front oder aus den Lazaretten, viele auch von den
Schiffen.
S. M. der Kaiser hat mir ein vier Blatt langes Telegramm auf den
Aufsatz
„Deutschland“
geschickt. Ein Unteroffizier redet mich als „Feldgrauer der Wahrheit“
an
und duzt mich als Kameraden!... Gott, wie öde wäre das Leben,
wenn mich das Schicksal nicht aus dem angeborenen England und
Frankreich
nach Deutschland, in die Heimat alles Größten, alles
Zukunftsschwangeren
geführt hätte! Mit zwanzig Jahren konnte ich kaum noch
deutsch
radebrechen: welche Rettung — deutsche Wissenschaft, deutsches Denken,
deutsche Poesie, deutsche Tonkunst, deutsche Freundschaft, deutsche
Liebe!
Meine Kriegsaufsätze sind Worte des Dankes aus übervollem
Herzen;
darum finden sie den Weg zu anderen Herzen.
Houston S. Chamberlain.
276-277
An Bürgermeister Bleicker
Hochverehrter Herr Bürgermeister
Fast vier Wochen
lag
ich jetzt krank und bin noch immer nicht recht auf dem Damm. Und bei
der
Erledigung der fast unübersehbaren Korrespondenz geschah es
natürlich,
daß die gewichtigsten Briefe zurückgestellt wurden, und der
Ihrige als wohl doch der eingehendste und aus tiefstem Sinnen
hervorgegangene
bis zuallerletzt aufgehoben wurde. Nun habe ich ihn gelesen und mir
vorlesen
lassen und noch einmal selber gelesen, und kann doch nicht viel mehr
tun
als Ihnen recht von Herzen zu danken; denn weitere Arbeit drängt,
und meine Kräfte sind leider nicht auf der Höhe, — vor allem
aber eine leidenschaftliche Ungeduld, was ich noch auf dem Herzen habe,
zu sagen, läßt mir keine Ruhe zu den mir sonst so lieben
Zwiegesprächen.
Seien Sie versichert, daß Sie auf dankbaren Boden gesät
haben;
manches natürlich deckt sich genau mit meinen eigenen Sorgen,
manches
aber — auch in Ihrem Tagebuch — bedeutet mehr als Bestätigung, ist
wirkliche Bereicherung. Sehr, sehr dankbar bin ich Ihnen auch für
die Mitteilung des Briefes des Reserveoffiziers; der ist wert der
Unvergänglichkeit;
ich setze voraus, daß ich ihn in einem meiner neuen Aufsätze
anführen darf.
Man kann nicht in
jedem Augenblick alles sagen; es gibt Momente, wo es einen verlangt, zu
geben, nur zu geben, überreich zu geben; und wie sehr es die
anderen
verlangt, zu nehmen, das ersehe ich aus den Briefen, die ich
tagtäglich
von mir persönlich Unbekannten erhalte: es gibt kommandierende
Generale,
die sich bei mir bedanken, als hätte ich ihnen und ihren Truppen
Fahnen
geschenkt. Doch, wollte ich „das andere Zeichen“ im Buche des
Deutschtums
aufschlagen — ja, ich könnte da ein furchtbares Kapitel schreiben:
schlimmer fast noch als die Symptome der Materialisierung, der
Brutalisierung,
der Industrialisierung usw. dünkt mich die Tatsache, daß
starke,
bewußte und reine Männer gerade dort fehlen, wo man sie
braucht;
die Regierungsform mag sein, welche sie will, ohne große
Persönlichkeiten
kann eine Nation nicht hohen Zielen entgegenstreben; Deutschland birgt
solche genug, doch die Fürsten sind blind und die Parlamente sind
Sterilisierungsapparate.
H. S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Doktor
Zu
überflüssigen
Briefen habe ich keine Muße — Sie auch nicht, solche zu lesen;
doch
ich kann nicht anders, ich m u ß Ihnen
ein
kurzes Dankeswort sagen für Ihren Band „Die geheime Vorgeschichte
des Weltkrieges“; das ist ein wirklich vortreffliches, verdienstvolles,
unentbehrliches Buch! Ich hasse diese Blau- und Weiß- und Gelb-
und
Orangebücher wie den Tod; man hat nur das eine sichere Gefühl
dabei, daß man nämlich hinters Licht geführt wird; die
wissentlichen Fälschungen bei Grey und jetzt im
französischen
Gelbbuche beweisen ja, wie so was konstruiert wird; aber, an Ihrer
kundigen
Hand durchwandert, gewinnt man selbst hieran Geschmack; und ich
gestehe,
daß ich jetzt — wo ich soeben das Buch beendet habe, nicht etwa
flüchtig
durchgehuscht, sondern gründlich studiert, mit dem Bleistift in
der
Hand zu Kreuzverweisen und Notizen — ein merkwürdig plastisches
Bild
gewonnen habe von diesem ganzen diplomatischen Wirrwarr, von der
Kakophonie
zwischen allen diesen schwachen, unaufrichtigen, polternden
Männern;
man hat den Eindruck einer Schafherde ohne Hirten; kein einziger
hervorragender
Mensch, nicht eine Persönlichkeit; aber die Deutschen rührend
in ihrer Redlichkeit, die sich komisch ausnimmt unter all diesen
Sassonows
und Greys und Cambons
usw. Und dies Bild verdanke ich Ihnen: Ihrem
Fleiße
und Ihrem Talent. Ich hab‘s mir zwar erwartet, als ich das Buch
angezeigt
sah, doch haben Sie dem undankbaren Stoffe gegenüber meine
Erwartung
übertroffen. Sie werden mich vielleicht zu einem „Kriegsaufsatz“
anregen,
an den ich nie gedacht hätte! Nota bene: Ich habe eine
Menge
Zeugs da — auch die Publikation der Oxforder Historiker, wo viel
Russisches
verwertet wird, das Sie nicht bringen; aber das Ganze geht auf eine
These
hinaus, nicht auf die Wahrheit. Also nochmals: Dank Ihnen!
[...]
Mit Ungeduld harre
ich des zweiten Bandes.
In aller Hochachtung
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Lieber Herr Bruckmann
Mit bestem Dank
für
Ihre lieben Zeilen vom 8. d. M. schicke ich beilegend den Brief
zurück.
Sehr überzeugt hat mich dessen Ausführung nicht, und ich
vermute
dahinter vielmehr das Übelwollen und den Neid gelehrter Kreise.
Gerade
Kaufleute aus Hamburg und Bremen — also praktische Menschen mit
Kenntnis
der überseeischen Länder — haben mich bestürmt mit
Bitten
um Übersetzungen usw. Ein Holländer — Landwirth —‚ der uns
hier
jetzt besucht, und der ein warmer Freund Deutschlands ist — klagte mir
gestern bitter über die Zusendungen der deutschen
Aufklärungskomitees,
welche das Land mit Broschüren überfluten und damit den
übelsten
Eindruck auf die Holländer gemacht hätten — „als wollten sich
die Deutschen entschuldigen“; hingegen hätten meine „Kriegsaufsätze“
überall, wo sie bekannt wurden, einen tiefen Eindruck gemacht und
viel zur Aufklärung beigetragen. Und der das sagte, ist kein
Schwadroneur,
sondern ein charakteristisch stiller, nüchtern sich
äußernder
Mann. — Auch neulich der Senator Beveridge aus Washington, der kein
Wort
Deutsch kann, hat den großen Umweg gemacht, nur um mich kennen zu
lernen und mit mir zu sprechen; er sagte mir, die „Grundlagen“
hätten in der englischen Ausgabe dort drüben einen ungeheuren
Eindruck gemacht — vorläufig innerhalb eines engeren Kreises, der
sich aber von Tag zu Tag erweitere, und meine Meinung über den
Krieg
werde gerade in gebildeten Kreisen der Vereinigten Staaten von nicht
leicht
abzuschätzendem Gewicht sein. — Ich glaube daher, daß der an
Sie gerichtete Brief nur eine Fortsetzung dessen ist, was wir
allüberall
erleben: daß die deutsche diplomatische Maschine an Unbegabung
und
falschem Urteil ihresgleichen sucht. Diese Leute haben keine Nase,
keine
Witterung.
Der Antiquar Hirsch
bietet genau die gleichen Blätter an wie Gutekunst, ¹ aber zu
240 Mark statt zu 180. Wie kommt das? Ich pendle noch immer
unentschlossen
und werde wohl „den Tag des Tages“ (wie Goethe sagt) versäumen!
„Deutscher
Friede“ schreitet wacker vorwärts.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Kunsthändler, s. Zt. in Stuttgart.

Houston Stewart Chamberlain's Handschrift
Lieber Herr
Bruckmann
— Lassen Sie mich — abends 6 Uhr — dem vorhin abgesandten Brief ein
Wort
schnell hinzufügen: um den Empfang der beiden schönen
Abschriften
anzuzeigen mit bestem Dank, und um auch für Ihre lieben Zeilen zu
danken. A qui le dites vous! — was Sie über die
Persönlichkeiten
sagen! Sie mögen viel mehr wissen als ich — doch manches konnte
ich
mit eigenen Augen sehen, anderes habe ich aus dem Gang der Ereignisse
gefolgert,
wieder anderes hörte ich von einzelnen Freunden. So vernahm ich z.
B. allerhand [...] über die vier
ersten
Wochen des Krieges — was ich nicht schriftlich wiederholen will — aus
einer
so unabhängig hohen Quelle, daß ich doch einen Einblick tat,
— übrigens einen Einblick, der mir nach Kenntnisnahme mancher
Physiognomien
aus Ihren und anderen Illustrationen nicht so sehr große
Überraschung
brachte. Ein furchtbar trauriges Kapitel — diese gänzliche,
völlige,
uferlose Unkenntnis der Menschen, Unfähigkeit, zu unterscheiden, —
ach, leider, mehr als das, Vorliebe für ungrade, unlautere,
seichte,
schmeichlerische, ordinäre Naturen, und Abneigung geradezu gegen
starke,
hingebende, konstruktive, stolze Männer. Und auch die Zukunft
scheint
keine Besserung zu versprechen... Und dennoch hoffe Ich — und zwar mit
Zuversicht, und zwar weil Deutschland als Ganzes eine immense Kraft und
Organisationsgabe und Hingabe an den Tag gelegt hat: das Nötigste
ist also da: das große tragende Meer des allgemeinen Wollens und
Könnens —‚ ohne welches das größte Genie nichts
vermöchte.
Ich entnehme aber aus dem ganzen Verlauf des Lebens abseits von Hof und
Amt, daß in Deutschland eine große Anzahl Männer
allererster
Kapazität leben und wirken. Da nun Ozean und Piloten — beide
gegeben
sind, es wäre doch der Deichsel, wenn eine Gruppe von Diplomaten
und
Gigerloffizieren und Hofnarren das deutsche Volk und die Welt und den
lieben
Gott höchstselbsteigen um die Zukunft betrügen sollten. Als
Hindenburg
zu Beginn des Krieges sich meldete, bekam er den Bescheid — der in der
Weltgeschichte unsterblich bleiben wird — „man habe keine Verwendung
für
ihn“; und nun „verwendet“ man ihn doch! Das ist für mich
symptomatisch.
Es naht der Tag, wo jene ganze Gesellschaft weggefegt wird; dessen bin
ich gewiß; nach welcher Methode das geschieht, weiß ich
nicht,
— es muß aber sein und es wird darum sein.
Sie haben vielleicht
auch nicht genügend beachtet, daß ich wiederholt betont
habe,
es sei ein Irrtum, zu glauben, diese Dinge würden alle morgen oder
übermorgen geschehen; große Kriege, große
Unternehmungen,
große Ziele werden nach und nach die Geschlechter heranbilden.
Das
Zeug ist da. Es wird sich elementar den Weg — nach oben bahnen.
Dies meine
Überzeugung.
Ich vermißte
die dringend erwünschte Gesamtberechnung des Umfanges.
Ich
m u ß absolut einige Worte bei „D. Fr.“
hinzufügen
und werde schon sehen — wenn es nottut — es anderswo einzusparen.
Gute Nacht! Es war
ein so schöner Geburtstag — eingeleitet durch
Frühglockengeläute!
Gott segne Hindenburg und Ludendorff; hat doch letzterer einen
magnifiquen
Kopf! Nein, Leute hat schon Deutschland.
Houston S. Chamberlain.
Lieber Herr Bruckmann
Besten Dank
für
Abschrift des Vorworts zur zweiten Reihe. — Sie erhalten das
Druckmanuskript
bald wieder.
Ich fühle den
Vorzug Ihrer Version „Neue
Kriegsaufsätze“ — wenngleich ich als exakter Mensch solche
Benennungen
nicht liebe, wie wenn der „Neumarkt“ aus dem 14. Jahrhundert stammt und
der „Altmarkt“ aus dem 18.; neu und alt sind wie heiß und kalt —
für uns Naturforscher: sie bedeuten gar nichts. Doch dies
nebenbei.
Für den Augenblick wäre der Titel gut, als unterscheidend auf
den ersten Blick; und später tun wir sie doch gewiß
zusammen.
Die Frage ist also hauptsächlich: kann eine dritte Reihe ins Auge
gefaßt werden?
Was sagen Sie vom
Standpunkt des Kaufvermittlers? Der Weise pflegt immer abzureisen, ehe
der Wirt ermüdet zu werden beginnt. Und ich gestehe,
innerlich
s e h n e ich mich geradezu nach Rückkehr zu ruhigen
Studien.
Es erfaßt mich auch bei diesem Betrieb und diesem schmerzlichen
Gegenstand
manchmal eine geistig-moralische Ermüdung... Und doch, anderseits,
ich hätte noch manches zu sagen, und ich werde tagtäglich
angeeifert,
mich über dieses und jenes öffentlich zu äußern.
Aber,
ich frage mich: wenn es auch geschieht und wenn daraus mit der Zeit
eine
Sammlung wird — sollte es nicht besser sein, sie in anderer Form, unter
anderem Titel, als ein Neues herauszugeben? Ich neige dazu, meine Frage
zu bejahen. Und wird sie bejaht, so kann man nichts Stichhaltiges gegen
„Neue Kriegsaufsätze“ einwenden — wenngleich mir das Ding auch
jetzt
nicht recht gefällt.
Was meinen Sie, wenn
mir diese zweite Reihe einfach betitelten:
D e r K r i e g.
??
Ich werfe das nur
so hin; es fällt mir ein, während ich schreibe. Es paßt
so genau, daß man kein einziges Wort des Vorworts zu ändern
brauchte. Die Aufmachung müßte ein wenig verschieden sein,
und
ich gäbe ein anderes Motto.
Es fragt sich, ob
ein Titel, der einmal eingeschlagen hat, besser beibehalten wird?
So viel nur für
heute. Habe gestern 21 Briefe geschrieben — zum Teil lange —‚ was
für
einen Privatmann ohne jegliche Hilfe viel ist.
Herzlichst Ihr
Houston S. Chamberlain.
284-286
An Prinz Max von Baden
Euere
Großherzogliche
Hoheit können‘s mir glauben, mir stieg die Schamröte ins
Gesicht,
als ich Ihre Handschrift erblickte und mir gestehen mußte, meine
Pflicht so lange versäumt zu haben. Eine Abhandlung über „Wer
hat den Krieg verschuldet?“ hat mich einen Monat lang ganz wie
abgeschlossen
gehalten — nicht daß man übermäßig viel darin
finden
wird: das Schwierige war die Bewältigung des Materials, die
Ausscheidung
alles Entbehrlichen, die Wahl des zu Sagenden, die Gestaltung und
Durchklärung.
Gerade heute habe ich die soundso oft revidierte, dann abgeschriebene
Arbeit
von meinem alten Freunde Professor Kuntze zurückgeschickt erhalten
und werde gut zwei Tage daran zu schaffen haben mit der Prüfung
seiner
Vorschläge usw. Ein kurzer Aufsatz „Deutscher
Friede“ schließt die Reihe, welche „Grundstimmungen“
eröffnen. Ich hoffe, die Zensur macht mir keinen Strich in
„Deutscher
Friede“, wo verschiedene Wahrheiten zu lesen stehen.
Und inzwischen Briefe
und Briefe und Briefe!
Und so legte ich
denn die wahren Freundesbriefe bei Seite unter einem besonders
schönen
Stein — auf bessere Zeiten! Den Ihrigen holte ich aber jetzt (spät
abends) doch noch hervor, weil Ich sehr betrübt wäre, wenn
Sie
an meiner Treue, an meiner Dankbarkeit, an meiner wahren Verehrung —
und
schließlich auch an meinen guten Manieren zweifeln
müßten.
Wenn alle Argumente erschöpft waren, sagte man mir als Kind: it‘s
not gentlemanlike; und so etwas schlich mir jetzt um die Ohren.
Diese
Kriegszeit bringt uns halt alle ein wenig aus dem Gleichgewicht: auch
mir,
hochverehrter Fürst, wollen Sie das zugute halten.
Dies ist also kein
Brief, durchaus nicht; es ist ein fieberloses Produkt; eine
ehrerbietungsvolle
Freundschaftsgebärde.
Die Rede las ich
sehr gern; sie schien mir vortrefflich und erregte in keiner Weise
meine
anticiceronianische Galle.
Ja, ja — der
„heroische
Friede“: wenn der Zensor es erlaubt, werden Sie sehen, wie ich
nüchterner
Mensch mir diese Dinge vorstelle.
Diese Attitüde
der Sozialisten ist gewiß sehr bemerkenswert. Nach dem, was ich
hier
erzählen höre, traue ich den Herren nicht ganz; doch dem
Volke
selbst hat man allen Grund zu trauen, und es ist möglich,
daß
dieses nach dem Kriege von seinen sogenannten Vertretern etwas mehr als
Worte verlangt. Sobald die Sozialisten mit a r b e i t e t e
n,
wären sie, glaube ich, ein sehr brauchbarer Faktor. Steril ist nur
der Geist, der stets verneint. Eigentlich sind sie mir lieber als die
angeblich
„liberale“ Bürgerschaft.
Über die
Engländer,
wie sie sich in ihrer Regierung heute zeigen, mag ich kein Wort
sprechen.
Es ist eine ganz furchtbare Katastrophe der Menschennatur: man kann nur
hoffen, daß sie Anderen als warnende Mahnung dient. Dahin
führt
der Mammonismus [...]
Also, unser
Hindenburg
bewährt sich weiter! Wobei mir einfällt zu sagen, daß
jene
verkleinerte Porträtreihe, die auf meinem Tisch lag, n
i c h t diejenige ist, auf die ich mich in dem Fieberbrief
bezog; neulich hatte ich sie wieder einmal in Händen: sie steht in
einer Daheimpublikation aus dem Anfang des Krieges; Hindenburg ist noch
unbekannt.
Ich habe große
Freude an dem farbigen Hindenburgbilde, das ich so aufgehängt habe
in meiner Ankleidestube, daß ich früh und abends mich daran
erquicke. Auch für das Kaiserbildnis bin ich aufrichtig dankbar —
wenngleich das verwitterte, sorgenvolle Antlitz mich zuerst fast
erschreckte.
Auch dieses habe ich täglich vor Augen.
Mehr will ich heute
nicht hinzufügen; es handelt sich um eine bloße Antwort, und
das ist immer eine trockene Speise für die Seele, der nur eine
wahre
Replik genugtun könnte. Seien Sie versichert, daß wir alle
mit
einer ganz eigenartigen, tiefen und dankbaren Freude Ihres hiesigen
Aufenthalts
gedenken; es war ein schöner Mittelpunkt in diesem ernsten Winter;
Sie haben, wenn ich nicht irre, wie Schlaf, so auch Ruhe hier gefunden,
— zugleich aber (das sind die wunderbaren Dinge des Lebens) haben Sie
Ruhe
geschenkt.
Houston S. Chamberlain.
Lieber Herr
Bruckmann
— Vor 1 Stunde schickte ich Ihnen (an den Verlag adressiert) Vorwort
und „Wer
hat den Krieg verschuldet?“ druckreif. Jetzt treffen Ihre und des
Verlags
Briefe ein von gestern, mit den Zensurnachrichten. Ich hatte so etwas
gefürchtet,
als Sie neulich von Zensur schrieben — war denn die erste Reihe der
Zensur
vorgelegt worden? Und sind denn meine in Buchform erscheinenden
Arbeiten
der „Presse“ zu assimilieren. Es muß doch einen Unterschied
machen,
ob ein Aufsatz in einer Zeitung erscheint oder den integrierenden
Bestandteil
eines Buches ausmacht, das nur von einem beschränkten Publikum um
teures Geld gekauft wird. Oder nicht?
„Deutscher
Friede“ behandelt doch in keiner Weise den jetzigen, zu erwartenden
Frieden, sondern lediglich den zu ersehnenden, etwa in einem oder in
mehreren
Jahrhunderten zu erwartenden „deutschen“ Frieden: dies gerade macht den
Inhalt und die Bedeutung des Aufsatzes aus. Darum ist es durchaus
ungerecht
und — wahrscheinlich — rechtswidrig, wenn die Zensur an diese nicht
für
den Augenblick, sondern für alle Zeiten niedergelegten Gedanken
den
Maßstab legt, den sie an Tagesdispute über die in jetziger
Konjunktur
zu stellenden „Friedensbedingungen“ zu legen gewohnt und befugt ist.
Ich
glaube voraussetzen zu dürfen, daß hier ein Versehen
vorliegt
— ein gewiß entschuldbares, aber doch ein Versehen, — einfach
eine
Verwechselung zwischen diesem Aufsatz und dessen Antipoden.
Bleibt es bei dem
Verbot, so wird es wohl einzig richtig sein, die Veröffentlichung
der Broschüre zu unterlassen. Denn die drei Aufsätze bilden
ein
architektonisches Ganzes. — Vielleicht genügt es der Zensur, wenn
wir nur von Seite 29 Mitte ab streichen: also nichts von
Grenzberichtigungen
sagen und nur die Zukunftsidee eines germanischen Staatenverbandes
lassen
— das wird wohl doch gestattet sein zu sagen? und das ließe sich
ganz gut machen. Ja, ich gehe noch weiter und schlage vor — falls das
genehm
wäre — auf Seite 23 unten bei „höhere Stufe zu heben“
aufzuhören
— mit nur einem abschließenden Absatz über die Umratsamkeit,
im Augenblick auf Näheres einzugehen. (Geniert der eine Satz oben
auf Seite 16, so kann er ja gestrichen werden — bis nach dem Kriege.)
Ich
k a n n nicht glauben, daß vom Anfang an bis dahin
irgend
etwas in diesem heilig ernsten Aufsatz gegen den wahren Geist der jetzt
waltenden Verordnungen verstößt, die ich natürlich
ebenso
verehre wie jeder andere anständige Mensch.
Wird auch das nicht
genehmigt, darf man überhaupt das Wort „Friede“ nicht in den Mund
nehmen, so bleibt mir nichts übrig, als meinem allerhöchsten
Gönner, S. M. dem Kaiser, der mich neulich durch einen
befreundeten
Fürsten mahnen ließ, ich möchte doch mit der zweiten
Reihe
„Kriegsaufsätze“ eilen, zu schreiben, die Veröffentlichung
sei
durch die Zensur verboten.
Einen gestern
vergessenen
Brief schicke ich anbei zurück. Buch und Bilder folgen morgen [...]
Herzlich Ihr
Houston S. Chamberlain.
Es wäre
natürlich
jammerschade, den Gedanken eines Germanen-Verbandes zu opfern; es
dürfte
nur geschehen, wenn dadurch allein das Ganze gerettet wird. Eine
Ausstopfung
durch „Gipfel der
Menschheit“ halte ich für
unzweckmäßig,
weil innerlich unmotiviert.
Hochverehrter lieber Freund
Viel Freude haben
Sie mir mit Ihren lieben Zeilen gemacht. Der Aufsatz, den Sie meinen,
ist
nach Erscheinen der Broschüre geschrieben und gehört zur
zweiten
Reihe, die jetzt gesammelt verlegt wird — nur macht mir die Zensur in
München
Schwierigkeiten wegen eines Aufsatzes „Deutscher
Friede“ — daher Verzögerung. Ich empfehle Ihrer Aufmerksamkeit
die größere Abhandlung darin „Wer
hat den Krieg verschuldet?“
Meiner Korrespondenz
bin ich kaum mehr gewachsen, da ich viele hundert Briefe erhalten habe
— etwa die Hälfte aus der Front oder von den Schiffen. Die Auflage
hat schon 100 000 überschritten, und von den Übersetzungen
haben
sich z. B. die Amerikaner 100 000 Exemplare englisch auf einmal
bestellt.
Mir in meinem
unaussprechlichen
Jammer ist es ein großer Trost — ja vielleicht die einzige
Ermöglichung
des Weiterlebens — dieses Bewußtsein, nicht für nichts,
nicht
untätig da zu sein, sondern auch etwas zu dem großen Kampfe
zwischen Tag und Nacht beizutragen — und sei es noch so wenig und
papiern.
Ihre Frage ist
leichter
gestellt als beantwortet. Meine eigene Neigung wäre zu sagen: es
gibt
gar keine vergleichende Religionsgeschichte. Wenigstens nicht, sobald
Sie
und ich — als Naturforscher — den Nachdruck auf „vergleichend“ legen,
und
unwillkürlich an vergleichende Anatomie u. dgl. denken. Der erste
derartige Versuch, den ich kenne, ist Leopold von Schroeders
großangelegte
„Arische Religion“, dessen Band I „Einleitung, Der altarische
Himmelsgott,
das höchste gute Wesen“ nicht lange nach der Kriegserklärung
erschien. Hier wird wirklich und grundsätzlich und
„naturwissenschaftlich“
verglichen. Und wenn auch das Thema beschränkt ist auf die Arier,
es umfaßt dadurch — möchte ich sagen — die religiösen
„Vertebraten“.
— Sehr interessant ist das nicht umfangreiche Werk des schottischen
Philosophen
Edward Caird „The Evolution of Religion“ (dritte Auflage 99),
worin
die allgemeinen Gesichtspunkte aller Religion scharf wissenschaftlich
in
Betracht gezogen werden — zwar unter Max Müllers Einfluß,
doch
kompakter und energischer. Ich finde aber keine deutsche
Übersetzung
genannt in meinen Nachschlagbüchern. — Max Müllers
„Natürliche
Religion“ (deutsch bei Wilh. Engelmann) ist wirklich ein
„vergleichender“
Versuch; vielleicht würde es für Sie sich lohnen, den Band zu
lesen — ich möchte ihn mit einer „allgemeinen Gewebelehre“
vergleichen.
Dagegen kann ich die späteren Vorlesungsreihen „Physische
Religion“,
„Anthropologische Religion“ usw. nicht empfehlen; je eingehender M. M.
wird, um so seichter.
So viel über
wissenschaftliche Vergleichung im exakten Sinne des Wortes. Ist Ihnen
aber
mehr an S c h i l d e r u n g gelegen, so
genießt
ohne Frage das Werk Chantepie De La Saussayes — des Amsterdamer
Gelehrten
— den größten Ruf in Deutschland. Lieben tue ich es auch
nicht,
aber ich gebrauche es; es heißt „Lehrbuch der
Religionsgeschichte“
und erschien bei Mohr deutsch 1887. Ich besitze nur diese erste
Auflage;
die dritte aber von 1905 ff., mit Hinzuziehung verschiedener
Spezialforscher
soll bedeutend vollständiger sein. Mir ist in der ersten Auflage
der
allgemeine „Phänomenologische Teil“ der interessanteste, und der
ist
später des Raumes wegen gefallen — lese ich; so daß jetzt
das
Werk in der Hauptsache eine eingehende Schilderung der verschiedenen
Hauptreligionen
der Erde bringt. — Recht gut soll sein — aber ich kenne es nicht — das
viel kleinere Werk des Schweden Söderblom (jetzt Professor in
Leipzig):
„Die Religionen der Erde“, erschienen 1905 in den „Religiösen
Volksbüchern“.
— Hohen Ruf genießen die Arbeiten Jean Révilles, des
vergl.
Religionsforschers von der Sorbonne, aber wohl mehr für
Fachmänner.
Merkwürdigerweise haben die Deutschen nicht einen Namen von
Bedeutung
auf diesem Felde, nicht einen — denn Bousset ist mir ein
unerträglicher
Mensch, und so großen Ruf auch sein populäres Bändchen
„Das Wesen der Religion, dargestellt an ihrer Geschichte“
genießt,
so sehr widerrate ich Ihnen die Lektüre — von allen Seichtigkeiten
ist mir die liberale die verhaßteste.
Nachtragen will ich
noch, daß es ein sehr lesbares Werkchen von Otto Pfleiderer gibt:
„Religion und Religionen“, erschienen 1906 bei J. F. Lehmann in
München;
es sind Vorträge, also nicht entfernt so eingehend und
systematisch
wie Chantepie, aber immerhin zur Orientierung vielleicht geeignet.
Houston S. Chamberlain.
290-291
An
Vizefeldwebel Alfred Conn
Sehr geehrter Herr
Haben Sie warmen
Dank
für Ihre freundlichen Zeilen; jeder Gruß aus der Front tut
mir
unendlich wohl; denn das Schrecklichste an meiner Lage ist, zur
Untätigkeit
verdammt zu sein im Augenblick, wo so Großes geschieht und wo nur
Taten zählen; schenke ich den Kämpfenden etwas, so habe ich
wenigstens
nicht ganz umsonst gelebt und gleiche nicht ganz und gar dem
„unnützen
Knecht“ des Evangeliums. Haben Sie also Dank, daß Sie meinem
Schatz
— einem alten Holzkasten voller Kriegsaufsätzebriefe — einen
lieben
Beitrag geliefert haben. Ihr Armeekorps war noch nicht vertreten.
Gern vernahm ich,
daß ich Ihnen auch sonst schon nützlich war. Ich habe so
entsetzlich
darunter gelitten, in meiner Jugend keine oder nur schlechte,
pedantisch
abstoßende Ratschläge bekommen zu haben — außer in den
Naturwissenschaften. Die Hauptsache ist doch, dem Menschen es zu
erleichtern,
daß er an die rechten Brunnquellen kommt und auf die rechten
Weichen;
von dort aus findet er dann schon weiter. Und in dieser Beziehung
gleichen
die sonst so vortrefflichen bewundernswerten deutschen Fachgelehrten
wahren
Sterilisierapparaten: der angehende Spezialist, ja, der kommt in die
beste
Schule der Welt, der andere aber geht leer aus. Gottlob, daß es
heute
auch hierin eine Bewegung zu einer freieren, ergiebigeren Richtung gibt
— Männer wie Harnack machen Schule.
Spitteler hat eine
Krämerseele engster Art verraten; sein Talent muß ein rein
technisches
sein. Tobte er gegen die Deutschen, man könnte sagen: sein Urteil
ist irregeleitet und als Künstler schlägt er über die
Stränge
— aber Gott bewahre! nicht die geringste Erregung, — er ist der
„neutrale“
Schwizer, will sich‘s mit keinem verderben, was geht ihn denn
Deutschland
an, Franzosen und Engländer sind auch anständige Leute... Ich
bin nicht so tolerant wie Sie, vielmehr sage ich: ein Schweinehund ist
der Kerl, und gestrichen sohl er für immer bleiben aus den
Registern
des heiligen Deutschtums! „Wer nicht mit mir ist, ist wider mich“,
sagte
der heiligste, liebevollste Mann auf Erden; Ich fühle es ihm nach.
—
Eine zweite Reihe
„Kriegsaufsätze“
ist im Erscheinen aufgehalten, weil die gestrenge Zensur einen Aufsatz
„Deutscher
Friede“ nicht genehmigen will.
Gruß und Heil
Ihnen und allen Helden!
Houston Stewart Chamberlain.
291-295
An
Fräulein Sidonie Peter
Hochverehrtes gnädiges Fräulein
Ich bilde mir ein,
daß ich über eine freie Stunde verfüge; hoffentlich
erweist‘s
sich nicht als Selbsttäuschung. Und ich greife zu dem Schrecken
meiner
lieben Freunde — zu meiner treuen Schreibmaschine, die ich seit mehr
als
dreißig Jahren selbst beherrsche, und die mir die Ermüdung
der
Hand und damit auch des Geistes fernhält, abgesehen davon,
daß
ich dreimal so viel in der gleichen Zeit sagen kann.
Ihren
hochwillkommenen
Brief vom 9. Februar hatte ich nämlich gleich beiseite gelegt,
unter
einen bestimmten Stein; denn neben der Arbeit gab es Fluten von
Korrespondenz
— zum Teil verwickelter Art — so daß an einen „Brief“ nicht zu
denken
war; ich habe mir so eine Art „Abschlachten“ eingerichtet, früh
und
abends, damit sich nur nichts anhäufe... Und das erzähle ich
Ihnen, verehrtes Fräulein, damit Sie deutlich merken, daß
ich
Ihnen gegenüber von jener Gabe Gebrauch mache, für die ich
Gott
am dankbarsten bin; die Gabe des Unterscheidens. Ich sage es so
schlicht,
wie ich es tief empfinde. Ihnen begegnet zu sein, ist eine
Bereicherung,
für die ich dem Himmel erkenntlich bin. Ich habe nämlich
immer
so sehr zurückgezogen gelebt — und nicht weniger dann, wenn ich
viele
Menschen sehen mußte —‚ daß mein kleiner Freundeskreis eine
Art ewige Jugend bewahrt und ein neues Mitglied so energisch und
bestimmt
aufgenommen wird, daß ihm selber dünken muß, er
gehöre
seit jeher dahin. Meine lieben hiesigen Verwandten lachen über
mich
wegen meiner unnachahmlichen englischen Kälte — „Na, Houston,
heute
stecktest du wieder unter deiner Glasglocke“, ruft mir manchmal mein
Schwager
Siegfried zu; und ich weiß nicht, ob die genannte Glasglocke
nicht
von Gußeisen ist; Seele und Herz müssen geschützt
bleiben;
auch das Hirn will nicht jede Trivialität an sich heranlassen und
ist übrigens unter einem so dicken Schädel geborgen,
daß
dies der stärkste Teil eines sonst zarten Körpers ist.
Dafür
tritt man aber dann mit frischen Sinnen aus der Glocke in die freie
Natur
hinaus und erfaßt sie kräftig. Und bietet die Natur auch
unerschöpflich
viel, ich wüßte nichts Erfreulicheres in ihr als einen
edeldenkenden
Menschen.
Das Kantbuch, das
Sie jetzt zu meiner großen Freude kennengelernt haben, verdankt
sein
Entstehen der Freundschaft. Die in der Vorrede genannten Freunde waren
— oder vielmehr sind — — Freund i n n e n. Darum hieß
das Buch bei mir immer „mein Damenbuch“. Die eine Freundin ist eine
Ungarin,
die eine ganz wunderbare metaphysische Beanlagung besitzt [...]
Die
andere ist die vielleicht anmutigste weibliche Erscheinung, die meine
Augen
zu erblicken gesegnet waren; ohne Dunst von Metaphysik, aber unendlich
strebsam und von eisernem Willen. Es mag Ihnen nicht sehr einsichtsvoll
erscheinen, zwei so verschiedene Wesen denselben Weg geleiten zu
wollen;
aber, recht betrachtet, schreibt man die Bücher eigentlich immer
für
sich selbst... nein, das ist auch nicht richtig gesagt, ich meine aber,
einem dunklen inneren Triebe zufolge, der auch, je weiter das
Unternehmen
gedeiht, um so tyrannischer die Zügel ergreift; die V
e r a n l a s s u n g aber, das ist eine ganz andere Frage;
die „Grundlagen“
sind
einfach durch den Verleger veranlaßt, und der Kant eben durch
diese
zwei lieben Huldinnen. Ich war in die Vorarbeiten zu einem „Goethe“
(einem
anders gedachten) versenkt, mit dem es allerdings nicht recht
vorwärts
wollte, da traf ich die eine Freundin ganz schmerzbewegt über ihre
Unfähigkeit, den von mir als Einführer in Kant empfohlenen
Laßwitz
zu verstehen, und kurz darauf traf von der anderen ein sehnsuchtsvoller
Hilferuf ein aus den Steppen ödesten Realismus nach geistiger
Kost.
Beides nicht zum ersten Male. Das ging mir im Kopfe herum. Und eines
Tages
hatte ich beim Optiker Reichel im achten Bezirk, „Josefstadt“ zu tun
und
ging durch die wimmelnde Wiener Vorstadt, kaum bewußt, daß
ich über Kant nachdachte, da fiel mir auf einmal der Plan ein —
ich
könnte Sie noch auf die genaue Stelle führen, wo der Gedanke
in meinen Kopf fuhr wie der Blitz in einen Baum. Ob ich noch zu Reichel
ging, weiß ich nicht, was ich weiß, ist, daß mein
sogenanntes
„Gedankenbuch“ nicht reichte und ich bald zu Hause saß und
allerhand
zu Papier brachte. Und wenn ich‘s mir heute überlege, so glaube
ich
sagen zu müssen: die eine „Dame“ hatte mir die Energie zu dem
tollen
Unterfangen in die Seele gehaucht, während die andere mir die
Ermutigung
schenkte, mich gewiß von ihr innig verstanden zu sehen.
Freilich liegt
zwischen
Anfang und Vollendung ein weiter Weg! Ich dachte nur, meinen Goethe ein
paar Wochen liegen zu lassen und schnell wie der Wind die paar
Vorträge
zu Papier zu bringen. Im Schönbrunner Park — hinauf und herab die
„Gloriette“ — gewann die kunstvolle Architektonik nach und nach
Gestalt;
es ist das weniger Erfindung, als ein allmähliches Klarwerden des
trüben Blickes, bis er deutlich erschaut, was eben so greifbar wie
ein vom Nebel befreiter Berg dasteht. Nach sechs Wochen lagen schon
Goethevortrag
und Leonardovortrag in einer ersten Fassung fertig und Descartes wurde
entworfen. Da lud ich zwei Freunde ein — diesmal Männer, auf
daß
es kritisch zugehe! — und trug ihnen das Geschriebene vor — und siehe
da,
sie hatten alles Wesentliche nicht verstanden! Ich hatte zu viel
vorausgesetzt
— namentlich die Gewohnheit des Nachsinnens überschätzt; die
möglichst knapp gehaltenen Vorträge enthielten auch keine
Exkurse,
also kein sinnfälliges Demonstrieren; kurz, ein Fiasko! Darum
fügte
ich in meinen werdenden Descartes gleich einen mathematischen Exkurs
ein
— aber diesen, als er fertig war, verstand kein Nichtmathematiker (in
der
Folge habe ich ihn fünfmal völlig umgearbeitet). Ja, ich
merkte
überhaupt, daß ich von Descartes eigentlich nur eine Art
Schattenvorstellung
besaß. Wie alle Menschen kannte ich nur den Discours und
die
Méditations
— was man so kennen nennt, und dann das dumme Zeug aus den Geschichten
der Philosophie, und je mehr ich über ihn nachdachte, um so
weniger
konnte ich mir eine wirkliche Vorstellung von dem Manne machen. So
blieb
denn nichts anderes übrig — ich mußte mir die zwölf
Bände
der Gesamtausgabe anschaffen und sie alle durchstudieren. Desgleichen
bei
Bruno. Nicht oder kaum weniger Mühe hat es gemacht, den Goethe und
den Leonardo umzugießen und zu ergänzen: ich habe
durchschnittlich
ein Jahr auf jeden Vortrag verwendet. Und so wurde aus meinem Damenbuch
ein Frauenschreck.
Nehmen Sie diese
kleine Erzählung als Dank für Ihre lieben, interessanten und
mich innig erfreuenden Zeilen über das Buch.
Was Sie über
die Nichtbeachtung der Gedankenarchitektur sagen, ist sehr richtig; ein
bekannter Universitätsprofessor schrieb seinerzeit über meine
„Grundlagen“ — buchstäblich —‚ man dürfe die Leistung nicht
überschätzen,
denn der Zufall einer sehr glücklichen Disposition sei mir
zustatten
gekommen! Genau dasselbe wie wenn einer ausriefe: Ach, die schöne
Eiche! und ein anderer abwehrte: Mäßige dich, dieser Baum
ist
eben zufällig aus einer Eichel entstanden. Es erinnert an das
unsterblich
blöde Wort Virchows, der in den 60er Jahren im Abgeordnetenhaus
einmal
sagte: man müsse zwar die Erfolge der preußischen Politik
anerkennen,
das sei aber nicht Bismarcks Verdienst, sondern Zufall. — Wie wollte
man
denn ohne Glasglocke auskommen?
Da kommt die Post,
und ich muß gar an den Reichskanzler schreiben; ich fürchte,
es wird nicht so „couler de source“, wie Ihnen gegenüber.
Nehmen Sie das
Geplauder
freundlich auf — als kleine Ergänzung zu der Vorrede — und
gedenken
Sie ferner meiner mit Güte und Nachsicht.
Houston S. Chamberlain.
295-297
An
Prinz Max von Baden
Eure großherzogliche Hoheit
befinden sich hoffentlich bei guter
Laune,
wenn diese Zeilen zu Händen kommen — andernfalls bäte ich,
sie
bis dahin beiseite zu legen. Mir selber ist nämlich ein
bißchen
„kurios“ zumute, denn ich pflege sehr, sehr selten Freunde mit Bitten
zu
belästigen, am allerwenigsten fürstliche — weder für
mich
noch für Freunde. Ich täte es auch heute nicht, wenn nicht
meine
liebe, gute und weise Frau eben dagewesen wäre und mir so
eindringlich
zugeredet hätte, daß ich mir schließlich sagen
muß:
ce
que femme veut, Dieu veut.
Also, die Sache ist
folgende.
Meine „neuen
Kriegsaufsätze“ bestehen aus drei Abhandlungen:
„Grundstimmungen“,
„Wer hat den Krieg verschuldet?“, „Deutscher Friede“. Die jetzt viel
strenger
gehandhabte Zensur am Kriegsministerium in München hat den ersten
Aufsatz genehmigt, im zweiten die Streichung eines Absatzes angeordnet,
in welchem nur zart angedeutet wird, Österreichs Politik sei seit
Jahren eine sehr unweise — man darf nämlich sagen, Graf Berchtold
ist ein Genie, und wer‘s glaubt, kriegt einen Taler geschenkt, man darf
aber nicht zu verstehen geben, er sei kein Genie: gut, daran liegt
nichts,
und ich habe sofort den Paragraphen ausgetilgt. Schlimmer geht‘s meinem
„Deutschen Frieden“. Es hat ein Hin und ein Her gegeben;
schließlich
hat aber die höchste bayerische Instanz, der Kriegsminister, die
Erlaubnis
zur Veröffentlichung verweigert, unter Berufung auf die Ihnen
bekannten
Verordnungen, welche die „öffentliche Erörterung der
Friedensbedingungen
und der Friedensziele überhaupt“ vorläufig verbieten. Dann
fügt
er aber hinzu: „Dem Herrn Verfasser bleibt es indessen anheimgegeben,
seine
wertvolle Abhandlung an den Herrn Reichskanzler einzusenden und von
diesem
oder dem Auswärtigen Amt sich die Druckerlaubnis zu holen.“
Das zu tun,
widerstrebt
mir nun aus zwei Gründen: erstens mache ich mich damit wichtig in
einer Weise, die meinem ganzen Ihnen bekannten Wesen widerstrebt,
zweitens
besitze ich keine Spur einer Beziehung zum Kanzler, weiß nicht,
ob
er je meinen Namen auch nur gehört hat — der Glückliche hat
was
anderes zu tun, als Bücher zu lesen, — soll ich ihm da in einem
solchen
Augenblick mit einer derartigen Kleinigkeit beschwerlich fallen? Mir
sagt
mein Gewissen: „Nein!“
Mein Büchlein
wird natürlich verdorben — denn die drei Arbeiten gehören
zueinander.
Ich müßte mir helfen durch Aufnahme anderer, organisch nicht
dahingehöriger Dinge. Das ist ärgerlich, aber nicht tragisch.
Nun muß ich
Ihnen sagen, daß mein Aufsatz „Deutscher Friede“ n i
c h t den Frieden nach diesem Kriege behandelt; das habe
ich
ausdrücklich zu erörtern unterlassen und hätte es, auch
wenn keine Zensur existierte, nicht anders gehalten. Ich gehe
nämlich
von der etymologischen Unterscheidung zwischen pax und Friede
aus,
um darzutun, daß dieser nur deutsche (und skandinavische) Begriff
des Friedens ein fernes Ideal darstellt, ein Segensgeschenk, das ein
großes
starkes Deutschland — so Gott es will — später einmal der Welt
schenken
wird. Ich meine, es handelt sich nicht um einen Waffengang, sondern es
sei jetzt ein Krieg zwischen zwei Idealen ausgebrochen, und dieser
Krieg
werde jetzt lange fortdauern — gleichviel ob bellum oder pax
herrsche. Usw. usw. Ich berühre auch die „friedliche
Welteroberung“
durch das fleißige, unternehmende Deutschland usw. usw. — Dann
allerdings
rede ich von der nötigen äußeren Stärke, bespreche
den zu erstrebenden „Bund“ oder „Verband“ germanischer Nationen und
erwähne
ganz kurz die Grenzenfrage, wobei ich von Annexionen möglichst
abrate
— sobald sie nicht militärischerseits gefordert werden —‚ doch
auch
diese kurze Erörterung betrifft nicht diesen heutigen Augenblick
und
den heutigen Krieg und den morgigen Frieden.
Wollen Sie mir nun,
edler gütiger Fürst, raten? Soll ich die Sache auf sich
beruhen
lassen? Oder soll ich mich an den Kanzler oder an einen ihm
nahestehenden
Herrn wenden? — Eine reine Abschrift des von einigen Bedenklichkeiten
expungierten
Aufsatzes hoffe ich bald zu erhalten.
In Eile, bei
abgehender
Post.
Herzlich und in
Ehrerbietung
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Generalmajor
Sie erlauben,
daß
ich Ihnen wieder einmal einen Schein für eintausend Mark
überreiche,
mit der Bitte, darüber nach Ihrem freien Ermessen im Interesse
irgendeiner
militärischen Fürsorge zu verfügen. Wollen Sie diese
Summe
wieder dem Fonds für die Verkrüppelten hiesiger Garnison
zufließen
lassen, so ist es mir sehr recht; ebenso recht ist mir aber jede andere
Verwendung. Nur bitte ich, wie die vorigen Male, um Anonymität, —
so daß bei etwaiger Listenführung eine Chiffre zu gebrauchen
wäre.
Die Pause wäre
keine so lange gewesen, wenn mich nicht meine Lieben Österreicher
stürmisch in Anspruch genommen hätten. Wie es dort zugeht,
können
Sie daraus entnehmen, daß in einem Lazarett in Baden bei Wien
nicht
e i n Kopfkissen Vorhanden war, auch nicht ein Heller, um solche
anzuschaffen; die zusammengerollten Uniformröcke dienten statt
dessen!
Mit den
verbindlichsten
Empfehlungen verbleibe ich, hochverehrter Herr General
Houston S. Chamberlain.
298-300
An
Prinz Max von Baden
Eure Hoheit
gestatten mir, nicht allein zur
Auffrischung
meines letzthin etwas kompromittierten Rufes, sondern auch aus
aufrichtigem
Drange, meinen warmen Dank für alle gütige Bemühung
ungesäumt
auszusprechen, für den heute erhaltenen freundlichen und ungemein
interessanten Brief samt Beilage sofort in herzlicher Ehrerbietung
meiner
Erkenntlichkeit Ausdruck zu leihen.
Als ich jenen Aufsatz
schrieb, habe ich eigentlich gar nicht gewußt, wie prohibitorisch
jene Maßregel gedacht ist; und namentlich da ich von dem jetzigen
Kriege gar nicht spreche, so glaubte ich mich zu meinen Betrachtungen
ermächtigt.
Doch inzwischen habe ich das Gegenteil so vielfach erfahren, daß
ich die Hoffnungslosigkeit des Schrittes schon eingesehen und durch das
Umschreiben des zweiten Teiles mich aus der Klemme gezogen hatte. Es
ist
nicht ganz übel gelungen. — Leider ist durch die ganze Geschichte
eine große Verspätung entstanden, was mir wegen der
Abhandlung
über die Kriegsverschuldung leid tut.
Übrigens habe
ich vor einigen Wochen wieder Gelegenheit gehabt, die starke Abneigung
der offiziellen Kreise in Berlin gegen meine Wenigkeit kennen zu
lernen.
Es war die Rede von einer Massenverbreitung meiner Kriegsaufsätze
in den Vereinigten Staaten N.A., in englischer Sprache, und irgend
jemand
hatte vorgeschlagen, das Auswärtige Amt in Berlin dafür zu
interessieren;
dieses hat aber sofort abgelehnt, indem es behauptete, meine Arbeiten
hätten
zu dem Zwecke nicht den geringsten Wert. Inzwischen hat aber die
Hamburger
Kaufmannschaft — deren Mitglieder doch nicht auf den Kopf gefallen
sind,
und die die deutschen Aufsätze schon massenhaft
hinübergeschickt
hatten — auf Grund ihrer Erfahrungen mit „Deutscher
Friedensliebe“ englisch, von der vorbereiteten Übersetzung von
„England“
und „Deutschland“
jetzt eine erste Lieferung von 100 000 Exemplaren bestellt, und fast
täglich
erhalte ich aus Amerika Briefe, mich beschwörend, für dort zu
schreiben, und daß sie aus Deutschland unbrauchbares Zeug
erhielten,
wogegen mein Name dort von immenser Wirkung sei. — Handelt es sich um
die
schon traditionelle Unfähigkeit des deutschen Auswärtigen
Amtes
oder nicht vielmehr um den amtlichen Haß gegen freie Männer,
vermehrt um den Haß der jetzt in Deutschland vorwiegenden Juden?
Daß Judesein
heute Trumpf ist, halte ich für ein äußerst
bedenkliches
Symptom. Gerade heute hatte ich einen Brief
von mir an den Kaiser vom Januar 1914 (in Abschrift) in der Hand;
es
ist darin von der Haltung der jüdischen Presse — vor allem des
„Berliner
Tagblatts“ und der „Frankfurter Zeitung“ — die Rede; der H
a ß gegen die deutsche Armee, der damals hervorquoll,
hätte doch für alle Zeiten über die wahre Gesinnung
dieser
Menschen belehren sollen! Aber es ist, als wäre nichts geschehen,
und heute geben sich gerade jene beiden Blätter als die Leibgarde
des Herrn Bethmann-Hollweg und genießen offenbar die unmittelbare
Protektion der Regierung. So wird im Augenblick des letzten
entscheidenden
Aufstiegs die Saat gesät, die unvermeidlich die Korruption und den
Niedergang des Reiches herbeiführen wird. Wehe denen, die
dafür
verantwortlich sind!
Allerdings schrieb
mir dieser Tage ein Mann, der besonders gut gestellt ist, um diese
Dinge
zu übersehen — auch dort, wo sie verborgen wirken, daß die
Juden
in Deutschland derart berauscht seien von ihren Erfolgen — einerseits
von
den Millionen, die sie durch den Krieg dazuverdient haben, dann durch
das
Lob, das ihnen von allen offiziellen Stellen gespendet wird, drittens
durch
den Schutz, den sie und ihre Machinationen von seiten der Zensur
genießen,
daß sie bereits anfangen, den Kopf vollkommen zu verlieren und
einen
Grad von Frechheit zu erreichen, der eine flutartige Reaktion erhoffen
lasse. Gott gebe es!
Ungemein interessiert
hat uns die Schilderung der Vorgänge in Konstanz. Nichts ist
schrecklicher,
als so ein großer französischer Bahnhof wie der Lyoner —
hohl,
freudlos, schmutzig — wie anders wirkt doch eine Ankunft in Frankfurt
oder
Leipzig! Und dazu dieser Mangel an Organisation, an Vorbedenken! Gott,
wäre es doch ein Segen, wenn Deutschland in die Lage käme,
seine
einzige Gabe, zu gestalten, zu säubern, menschliche
Angelegenheiten
in die Wege zu leiten, weithin zu betätigen!
Wir haben hier
weniger
gute Tage durchmachen müssen. Schweninger
war hier und hat wie
immer
lebenspendend gewirkt. Langsam geht‘s bergauf. Aber Lektüre ist
noch
ausgeschlossen — selbst Ihr Brief war noch zu viel; kaum ein wenig
Unterhaltung,
ein wenig im Garten Umhergehen, viel Liegen und — gottlob — viel
Schlafen.
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr
— Ich suche die Zeit und finde sie augenblicklich nicht, um Ihnen auf
Ihren
Brief vom 16. d. M. entsprechend zu antworten. Sie müssen sich ein
wenig gedulden: auch mir hat der Krieg viele Verpflichtungen gebracht
und
auch eine Störung des geistigen Gleichgewichts — oder wenigstens
des
sonst so regelmäßig kreisenden Tagesganges.
Bei der Kürze
der Muße und der Strenge der Zeit überwiegt augenblicklich
mein
Interesse für den Schlußteil Ihrer Mitteilungen — für
die
ich als einen Beweis Ihres Vertrauens danke. Je nachdem Sie sich
richtig
oder falsch entscheiden, machen Sie oder verderben Sie Ihr Leben — you
make it or mar it, sagt der Engländer. — Ich habe Leute
gekannt,
die fähig waren, erst in Geschäften sich eine „aisance“
zu erwerben, um dann sich Studien ungestört zu widmen — gestattete
es heute meine Zeit, ich könnte Ihnen Hübsches darüber
erzählen;
andere aber sah ich dabei vollkommen zusammenbrechen. Anderseits aber:
wie viele Menschen finden auf die Dauer gar keine, auch nicht die
geringste
Befriedigung in der akademischen Laufbahn und seufzen danach,
Strumpffabrikanten
zu sein, um ihre Muße in voller Reinheit — unbehelligt durch
dumme
oder freche Studenten, und außerhalb aller
Universitätsrivalitäten
und Schikanen — ihrer Wissenschaft widmen zu können. Bei diesen
glimmt
im 40. Lebensjahre das heilige Feuer nur noch und erlöscht bald
nachher
ganz. — Eigentlich müßte sich der Mensch offen eingestehen,
daß jede „Karriere“ naturwidrig ist und darum voller Bitterkeit,
auch jede die Keime zu einer Demoralisation enthält; weiß
man
das, so wählt man überlegter und wappnet sich beizeiten gegen
den Teufel, der immer um irgendeine Ecke herumlugt. — Es wollte mir als
gutes Omen erscheinen, daß Sie gerade Heinrich von Stein zu einem
Ihrer Führer erwählt haben; die akademische Laufbahn wurde
aber,
wie sein Glück, so auch sein Verhängnis — er hat sich an den
Hindernissen aufgerieben.
Da weiß ich
nicht, Ihnen unmittelbaren Rat zu geben; es wäre von mir
leichtsinnig,
wollte ich es mir herausnehmen; dazu ist ein Menschenleben ein zu
heiliger
Gegenstand.
Entscheiden Sie
für
das tätige Handelsleben, so würde ich entschieden Hamburg
oder
Bremen empfehlen; man kommt in größere Verhältnisse und
Sie sehnen sich, zu wandern. Dreißig Jahre in Zwickau oder
Elberfeld
ist für einen Mann von Geist nicht gerade eine bezaubernde
Aussicht,
wenn‘s auch anders geht — wogegen Afrika, Hinterindien, Ozeanien usw.
der
Phantasie, dem Verstand, der Seele Nahrung zuführen, sobald das
Organ
dazu vorhanden ist.
Schreckt Sie die
nüchterne und gleichsam unabstrakte Tätigkeit des Kaufmanns,
dann heißt es, nachschauen, woher wir das Geld kriegen: denn mit
dem Doktorieren ist‘s lange nicht getan, der Doktor will auch essen und
weiß erst recht nicht, woher nehmen und nicht stehlen. Jetzt
namentlich,
wo so unermeßlich viel Jammer entsteht, werden alle
öffentliche
und private Quellen über die Maßen in Anspruch genommen
sein.
— In Wien habe ich einem tüchtigen Jüngling dank der
energischen
Vermittlung Leopold von Schroeders und Julius Wiesners
drei Jahre
hintereinander
eine ausreichende Stiftungsbörse verschafft — aber ob es bei einem
Reichsdeutschen gelänge, weiß ich nicht. Ihnen würde
Ihr
Katholischsein dort zugute kommen — denn Sie sind es hoffentlich noch?
nur nicht ohne Not die Kirche wechseln, der Mensch schneidet sich damit
den Ast ab, auf dem er nestet.
Eine Sache
verdrießt
— aufrichtig gesagt — den Engländer in mir: Sie hatten ein kleines
Vermögen und haben es nicht mehr? Jünglinge sind oft geradezu
frevelhaft großmütig. Es fällt mir nicht ein, Sie um
Aufschluß
zu bitten; ich würde Ihnen aber gern auf meine Kosten einen der
klügsten
Rechtsanwälte Deutschlands zuweisen, ihn bitten, sich Ihrer
Angelegenheit
anzunehmen. Solche Dinge darf man nicht so philosophisch hinnehmen und
gerade über Rechtsverhältnisse haben junge Menschen gar kein
richtiges Urteil — alte übrigens häufig auch nicht.
Selbst wenn Sie
leichtsinnig
gehandelt haben sollten — ein gewiegter Jurist weiß Ihnen sicher
etwas zu retten.
Für heute nichts
mehr. Ich möchte mich dadurch dankbar erweisen, daß ich
Ihnen
helfe, die Sache am rechten Ende anzupacken.
Ich bleibe mit allen
guten Wünschen für eine weise Lebenshaltung
Ihr
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Rittmeister
Hunderte von
Briefen
habe ich auf meine „Kriegsaufsätze“
erhalten — unter anderem ein vier Blatt langes Telegramm S. M. des
Kaisers
— und ich möchte, was die Freundlichkeit der Absicht und die
Tüchtigkeit
der Gesinnung anbetrifft, gar keinen Unterschied machen; allen diesen —
mit wenigen Ausnahmen mir persönlich unbekannten Freunden — bin
ich
aus tiefem Herzen dankbar, denn indem sie so warm das Dargebotene
aufnahmen,
schenkten sie zugleich mir, wessen ich dringend bedurfte... lassen Sie
mich über diesen letzten Punkt schweigen, denn besser als jeder
haben
gerade Sie das herausgefühlt, und es ist nicht die Stunde, sich in
Weichheit gehen zu lassen — einige Korrespondenten haben mir den Mangel
an Patriotismus zum Vorwurf gemacht: ich bin schon ein alter Mann,
diese
Katastrophe hat mich mit einem Ruck um zehn Jahre vorgeschoben,
über
die Schwelle des letzten Abschnittes, und so stehe ich schon mit meinem
Denken und Fühlen in einem jenseitigen Vaterland und kenne keinen
König außer Gott, ein König, der nichts weiter fordert
als die reine Wahrhaftigkeit — mögen mich die Menschen dann
hängen,
wenn Sie wollen... Um aber diesem Satze endlich auch sein Ziel zu
setzen:
ich wollte Ihnen sagen, Ihr Brief ist von allen der lebenvollste, der
beglückendste,
der kostbarste Besitz. Möchten Sie aus diesem Bekenntnis meinen
Dank
herauslesen.
Ihr Wunsch nach
Verbreitung
der Aufsätze ist in erfreulichem Maße erfüllt — denn es
sind schon an 150 000 Exemplare im Umlauf; dazu kommt eine
Schützengrabenausgabe
von „England“ und „Deutschland“, die in 50 000 Exemplaren gedruckt
wurde
und fast erschöpft sein soll. Die englischen und spanischen
Ausgaben
sind in großen Zahlen nach Amerika gegangen. Eine italienische
Ausgabe
ist erschienen. Weniger günstig steht es um die „Neuen
Kriegsaufsätze“, — die erstens wegen des einen — „Deutscher
Friede“
— Von der Zensur wochenlang zurückgehalten und dann doch nicht
freigegeben
wurden, und deren Fertigstellung jetzt an dem inzwischen durch die
Einberufung
des ungedienten Landsturms entstandenen Mangel an Arbeitskräften
leidet.
Nach Ostern werde ich so frei sein, ein Autorexemplar zu freundlicher
Annahme
zugeben zu lassen.
Inzwischen war ich
so frei, Ihnen meine „Worte
Christi“ in der Schützengrabenausgabe zuzusenden. Dieses
kleine
Buch entstand vor vierzehn Jahren infolge einer Unterhaltung mit einer
sehr verehrten Freundin — ich darf sie nennen, denn sie verließ
uns
vor, ich glaube, zwei Jahren — der Fürstin Oettingen-Wallerstein,
die, eine innerlich echte Christin, sich als Katholikin im Neuen
Testament
absolut nicht zurechtfand; bei jenem Besuch fand Ich sie suchend und
nicht
findend; dies brachte mich auf den Einfall, die reinmenschlichen oder,
wenn Sie wollen, „reingöttlichen“ Worte J. C. auszuwählen —
alle
diejenigen, die nicht zur Theophanie und Theologie gehören, und
somit
auch vom Beichtvater nicht beanstandet werden können, wobei es mir
als besonders eindrucksvoll erschien, sie auch einmal losgelöst
vom
Umgebenden, rein als „Worte“ in Betracht zu ziehen. Es hat sich
bewährt;
denn obwohl nie eine Zeitung eine Zeile über dieses Buch gebracht
hat, fand es doch Verbreitung von Hand zu Hand, und es finden
jährlich
sich mehr als ein halbes Tausend neue Freunde ein.
Der Name von Roon
wird im Hause Wahnfried, dem ich seit sieben Jahren angehöre,
besonders
hochgehalten. Die Denkwürdigkeiten kennen alle Mitglieder
gründlich.
Um so größer war die Freude, als der leibhaftige Enkel bei
uns
eintrat; diesen Brief durfte ich nicht für mich allein behalten;
wiederholt
nahmen alle daran teil. Wie Sie sehen, trotz meines ausländischen
Namens sind Sie nicht zu Fremden, sondern zu alten Freunden gekommen.
Indem ich Ihrem
Briefe
weiter folge, bemerke ich: das große Hindernis zu einer
religiösen
Wiedergeburt in England ist die Verbreitung und Geltung der Heuchelei.
Die Religion gehört bei uns zur Politik und zur „respectability“.
Den Ungläubigen können sie bekehren, den Spötter, den
theoretisch
Verrannten — mit dem Heuchler ist nicht viel anzufangen.
Im übrigen haben
wir nicht bloß große, edle Charaktere und bedeutende
Intelligenzen,
sondern — wie mir ein Deutscher aus dem Mittelstand gestern schrieb,
der
acht Jahre in England als Arbeiter herumgekommen ist — das Land ist
voll
guter, tüchtiger Menschen, — aber die Presse, so schreibt er, ist
so hundsgemein, daß sie die reinsten Gemüter verdirbt und
die
Köpfe voll dumme und abscheuliche Ideen pfropft. Ich füge
hinzu:
unsere Politik ist seit drei Jahrhunderten korrupt. Und dann: man
braucht
nicht vor der sogenannten „Bildung“ wie vor einem Idol auf die Knie zu
fallen, es bleibt aber nichtsdestoweniger wahr, daß es — wie uns
der erhabene Schiller schon lehrte — nur ein einziges Mittel gibt,
geeignet,
uns aus den Künstlichkeiten der Zivilisation
zurückzuführen
zur Heiligkeit Gottes und zur Wahrheit seiner Natur, und das ist eben
echte
„Bildung“, die den Sinn für Religion in dem hinter Mauern
Wohnenden
wieder weckt, den Sinn für Kunst, welche — wie Goethe sagt — „den
Bezug aufs Göttliche“ wieder herstellt, und in der Wissenschaft
des
Weltalls eine neue göttliche Mythologie erkennen lehrt. Auf dem
Wege
zu diesem Ideal schreitet Deutschland schon seit 150 Jahren; England
weiß
noch nicht das erste Wort davon. So nimmt denn bei den Engländern
die Beschränktheit und die Herzlosigkeit progressiv zu. Würde
es gelingen — jetzt schwerlich, aber vielleicht im Laufe eines
Jahrhunderts
—‚ sie auf die Knie zu zwingen, daß sie den Teufel des Hochmutes
ausspeien und ihre eigene Erbärmlichkeit erschauen, dann
hätte
ich für die Zukunft dieses Volkes gute Hoffnung; bis zu der Stunde
habe ich gar keine.
Das Kapitel dessen,
was noch am und im deutschen Volke und für es zu geschehen
hätte,
will ich heute nicht aufschlagen, denn ich fände kein Ende. Unter
dem zunächstliegenden Winkel betrachtet, schwindet fast alle
Hoffnung
hin: überall hundert Keime des Verfalls gegen einen der Kraft im
Aufblühen.
Doch man darf da nicht mit der Elle messen und mit dem Gewichte wiegen:
wir dürfen ohne Phantasterei einzusehen glauben, daß das
Deutschtum
eine göttliche Aufgabe überkommen hat, und daß es ihr —
mit Abzug der nie zu tilgenden menschlichen Unzulänglichkeit —
gewachsen
sein wird. Es lebt und sprießt hier so unendlich viel Herrliches
— hat‘s denn dieser Krieg nicht wieder gezeigt? —‚ daß wir uns
durch
das Gemeine und das Schandbare, auch durch das Dumme und das
Zweckwidrige,
auch durch das Läppische und das Täppische, was ringsherum
wie
ein Dschungel aufschießt, nicht wollen die Hoffnung
verkümmern
lassen. Wie sich die Sache aus der Perspektive Gottes ausnimmt, hat uns
Schiller gesagt: „Vor einer Vernunft ohne Schranken ist die Richtung
zugleich
die Vollendung, und der Weg ist zurückgelegt, sobald er
eingeschlagen
ist.“ Die indischen Weisen hatten doch in einem tiefsten Sinne recht,
als
sie meinten, jeder einzelne sei für die Erlösung der ganzen
Welt
verantwortlich; wie leicht der Christ alle Religion verliert, sobald er
glaubt, es sei schon alles geschehen und er brauche sich bloß
hinzusetzen
und Halleluja zu singen: das sehen wir an den Engländern, den
orthodox
gläubigen Piraten. Wir müssen wollen, wir müssen die
„Richtung
einschlagen“; denn ist auch Gott für uns in den Tod gegangen, so
hat
er doch am letzten Abend seines Lebens auf Erden gesprochen: „Ein
Beispiel
habe ich euch gegeben“ — womit deutlich auf T a t e
n
hingewiesen wird.
Und hiermit will
ich für heute schließen. Ihrem Beispiel folgend, teile ich
meinen
ererbten Wahlspruch mit: Spes et Fides — was wohl als Motto
auch
zu diesem Briefe gelten könnte.
Bitte, glauben Sie
nicht, ich habe an Sie diktiert; ich besitze keinen Sekretär; aber
seit dreißig Jahren und mehr schreibe ich viel mit der Maschine,
um die ohnehin müde Hand von der Federführung auszuruhen und
auch zur Schonung der Augen und der Geduld freundlicher Korrespondenten
— denn meine Schrift gleicht der eines noch nicht ausgelernten
Nilpferdes.
Auch für die
Erwartung, Ihnen zu begegnen und die Hand zu drücken, soll der
Spruch
Spes
et Fides gelten!
In größter
Verehrung
Ihr ergebenster
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Major
Ihre lieben Zeilen
vom 30/3 wären sofort beantwortet worden, wenn nicht die mir und
den
Meinen bereitete große Freude, Sie im Bilde kennenzulernen, mir
eine
gewisse Verlegenheit bereitet hätte — denn seit der Zeit, wo mein
Name bekannt zu werden begann (bald zwanzig Jahre), lebe ich in der
chronischen
Furcht, mein mir angehöriges Antlitz in irgendeiner dummen Zeitung
vervielfältigt zu sehen. Ich wurde früher von „Woche“,
„Leipziger
Illustrierte“ usw. viel drangsaliert, und habe sogar einmal die ganze
Auflage
eines österreichischen Blattes aufgekauft, um dieser
unerwünschten
Ehrung zu entgehen. Darum besitze ich nun gar keine Photographie von
mir.
Nun habe ich aber in einem Schube die Photographie einer recht guten
Büste
noch vorgefunden; verzeihen Sie das große Format und lassen Sie,
bitte, keinen Journalisten darüber kommen — übrigens ist es
als
Kunstwerk gesetzlich gegen Reproduktion geschützt.
Betreffs der Presse...
Da trifft gerade
Ihr gütiges schreiben vom 1/4 ein und die Aufklärung, die ich
Ihnen geben wollte, ist nicht mehr nötig. Mein Rechtsfreund in
München,
der meine Geschäfte führt und ein sehr erfahrener Mann ist,
sagt
mir, kein Mann lebe, den die Juden so hassen wie mich; der
Einfluß
der berufsmäßigen Antisemiten reicht nicht sehr weit — teils
sind es selber Juden oder Mischlinge; wogegen ich in meinen „Grundlagen“
und dann auch in späteren Werken, ohne Gehässigkeit, aber
auch
ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, und alles unwiderleglich
begründet,
auf die tödliche Gefahr hingewiesen und sie bewiesen habe, die
unserer
ganzen Kultur droht, sobald diese Rasse die herrschende wird.
Namentlich
habe ich auf ihren nie nachlassenden, wilden Haß gegen die Person
Jesu Christi aufmerksam gemacht — und das ist für sie das
Ärgste,
denn es soll Geheimnis bleiben. Im übrigen habe ich niemals beim
einzelnen
gefragt, ob er Jude sei oder nicht; ich habe verdiente Juden
unterstützt,
ich stehe mit edlen Juden in freundschaftlichen Beziehungen und
zähle
mehrere zu den eifrigsten Verbreitern meiner Schriften. — Es kommt noch
ein zweites hinzu. Meine Schriften sollten totgeschwiegen werden und
wurden
totgeschwiegen; es hat aber diesmal nichts genützt; sie haben sich
allein ihren Weg gemacht von Hand zu Hand, und das hunderttausendste
Exemplar
der zuerst Ende 1899 erschienenen „Grundlagen“ hat dieser Tage die
Presse
verlassen — was bei einem so umfangreichen und ernsten Werke etwas
sagen
will. Bei meinem „Kant“ und bei meinem „Goethe“ wurde dann die Taktik
verändert:
beim Kant wurden sämtliche Philosophieprofessoren gegen mich in
den
Fachblättern losgelassen, es werden aber trotzdem gegen 1000
Stück
in einem Jahr verlangt; beim Goethe endlich fraß mich sofort die
„Frankfurter Zeitung“ in einem von Lügen strotzenden Feuilleton
mit
Haut und Haar auf — mit ebensowenig Erfolg. Ein bißchen
verlangsamen
tun diese Dinge — weiter nichts. Die Presse ist keine Macht, sobald man
sie nicht fürchtet.
In einer Sitzung
des Germanenbundes in Wien, sagte ich einmal: „Meine Herren, Sie
führen
so oft das große Wort Bismarcks an; ich will Ihnen aber reinen
Wein
einschenken, denn ich hasse es, wenn sich der Mensch an Phrasen
berauscht;
der Deutsche in Österreich fürchtet die „Neue Freie Presse“,
sonst weder Gott noch Teufel!“
Ich muß
für
heute abbrechen und verbleibe mit wärmstem Dank für die
erfrischende
Wohltat der Begegnung mit Ihnen
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Oberpfarrer
Ich schulde Ihnen
verbindlichsten Dank für Ihr sehr freundliches Schreiben.
Hoffentlich aber
mißverstehen Sie mich nicht, wenn ich aus zwei entgegengesetzten
Gründen es mir versagen muß, auf eine Diskussion betreffs
Lukas
17, 21 einzugehen: einerseits wegen meiner Ungelehrtheit, anderseits
weil
ich zu viel weiß, um Ihre gütige Belehrung ohne weiteres
annehmen
zu können.
Als Laie, als
„Dilettant“
pflege ich nämlich äußerst vorsichtig zu Werke zu gehen
und scheue keine Mühe, um mich so gut wie möglich zu
informieren.
Auch bei der betreffenden Stelle hat es mir nicht genügt, Luthers
Übersetzung einfach zu übernehmen, sondern ich habe mich
dazumal
und auch später (bei Gelegenheit meiner „Worte
Christi“) vielfach umgeschaut; denn auch dem Ungelehrten fällt
diese Stelle sofort als kritisch auf. — Von allen sprachlichen
Textkritikern
flößt mir Adalbert Merx das größte Vertrauen ein,
und er kommt zu dem Schluß, daß: „Sprachrichtig ist nur die
Deutung inwendig in euch, wenn entos original ist.“ Es will was
bedeuten, wenn auch die Peschita „in euch drin“ übersetzt und wenn
(wie ich aus Burkitts Ausgabe des Evangelion Da-Mepharreshe
entnehme)
der uralte Kommentator Ephräm deutet: „in eurem Herzen“.
Jedenfalls
habe ich also alte Autorität für meine Auffassung. Auch
Tertullian
kommentiert: in manu, in potestate vestra, si audiatis usw. —
Springe
ich aber herüber zu allermodernstem und greife mir Wellhausen
heraus,
ihn mit Absicht auswählend, weil er sprachlich zu den
bewandertsten
gehört, dazu nüchtern ist und nicht zu mystischen Deutungen
neigt,
so finde ich: „Das Reich Gottes ist innerhalb von euch, ist inwendig
von
euch.“ Vor allem scheint mir aber
die Gedankenfolge Ihre Deutung völlig
unmöglich zu machen; denn wenn der Vordersatz besagt, der Himmel
ist
nicht „hier“ oder „da“, so kann doch der Nachsatz nicht das genaue
Gegenteil
behaupten.
Im übrigen:
Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis!
In größter
Verehrung
ergebenst
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Graf
Ehre und Freude
bedeutete
es für mich, Ihren gütigen Brief vom 20. d. M. zu empfangen,
und ich hätte schon längst, wie es sich gehört, meiner
Erkenntlichkeit
Ausdruck verliehen, wenn nicht der Andrang der Verpflichtungen so
groß
gewesen wäre — manches darunter immer eilige Erledigung
erheischend
—‚ daß meine Höflichkeit vor den überhäuften
Ansprüchen
Schiffbruch erlitt. Der Ton Ihres Schreibens läßt mich auf
freundliche
Nachsicht hoffen.
Wie ich schon Ihrem
Herrn Sohne, dem Rittmeister, schrieb: der Name Roon genießt seit
jeher im Hause Wahnfried besondere Verehrung; auch ich meine, der
große
Kriegsminister gehört zu jenen Männern, die, je weiter und
klarer
die Perspektive wird, in der die Ereignisse jener entscheidenden Jahre
erblickt werden, um so bedeutender aus der Menge mancher in den
Fernnebel
zurücksinkenden Gestalten emporwachsen werden. Kein Mann aus jener
Gruppe Gottgesandter steht reiner und verehrungswürdiger da.
Ja, die „Kriegsaufsätze“!
Kein Mensch weiß weniger als ich, wie es dahin gekommen ist.
Nicht
bloß innerhalb der Armee, vielmehr überhaupt im Leben
leistet
der Mensch nur dann Vortreffliches, wenn er gehorcht und nicht selber
lenken
will. Als am Morgen des 4. August mein Diener (der am Abend jenes Tages
einrücken mußte) in das Ankleidezimmer mit dem Rufe
hereinstürzte:
England hat den Krieg erklärt! —‚ da gab es für mich nur mehr
einen Wunsch: mich wie ein krankes Tier in eine dunkle Ecke zu
verkriechen.
Mir war wie einem Schiffer zumute, der den Kompaß verloren hat.
Da
traf eines Tages die Aufforderung ein, für das Kriegsheft der
„Internationalen
Monatsschrift“ einen Aufsatz über England zu schreiben: nein,
antwortete
ich, über England laßt mich schweigen, aber laßt mich
meinem Herzen Luft machen über deutsche
Friedensliebe — wozu mir dann gnädigst vier Druckseiten
bewilligt
wurden. Daraufhin veranlaßte der Brief eines Freundes den Aufsatz
„Deutschland
als führender Weltstaat“ und die gut gelaunten
Ausführungen
über meine „bête noire“, den Deutschen Reichstag,
und
aus einem Gespräch entstand „Die
deutsche Sprache“, und aus einem blödsinnigen englischen
Aufsatz
„Deutsche
Freiheit“... und nun war das Rad ins Rollen gekommen, und ich
mußte
mir Klarheit über die Katastrophe in England und über den
blinden
Haß gegen Deutschland verschaffen. Und sollte man nun diese
Sachen
gesammelt herausgeben oder nicht? Kein Mensch kauft Bücher im
Kriege,
hieß es. Ich verzichtete auf die übliche
Tantiemenbeteiligung
und zwang den Verleger, auf einen Teil seines Profits gleichfalls zu
verzichten,
— dadurch wurde der billige Preis möglich, und nun glaubten wir,
eine
Auflage von 6000 wagen zu können... und diese Woche kommt jetzt
das
175 000ste heraus! Und für die zweite Reihe mit dem Aufsatz, der
mir
am meisten am Herzen lag „Wer
hat den Krieg verschuldet?“ hat mir am 24. April der Kaiser das
Eiserne
Kreuz (am Nicht-Kombattantenband) verliehen.
Wie
unwillkürlich,
wie nur als Himmelswille kommt so etwas zustande! Heute schlug ich im
ersten
Briefe nach, den Kaiser Wilhelm mir schrieb — er ist vom 31.
Dezember 1901 — und da nennt er mich am Schlusse „seinen
Streitkumpan
und Bundesgenossen“ und spricht von dem „Kampfe“, den er und ich
„für
eine absolut gute, göttliche Sache führen“, worin „die
Gewähr
des Sieges liege“. Ganz als ob die Worte von heute gesprochen
wären!
Und nun nach vierzehn Jahren darf er in seiner Eigenschaft als oberster
Kriegsherr mich tatsächlich vor der Welt als „seinen Streitkumpan“
durch diese Auszeichnung bekennen und anerkennen! Das sind Gottes Wege,
und wir Menschen können nur in Demut und blindem Vertrauen sie
gehen.
Verzeihen Sie,
hochverehrter
Herr Graf, die Plauderei; ich wollte Vertrauen mit Vertrauen erwidern.
Ihres Wunsches bleibe ich eingedenk — trotzdem jene Seiten 37 bis 42
mir
mehrere Schmähbriefe eingebracht haben!
Dankbar und in
größter
Verehrung verbleibe ich
Houston S. Chamberlain.
N.B. — Ich bin
nicht
„Professor“, auch nicht „usw.“, nichts, gar nichts — nur Streitkumpan
des
Deutschen Kaisers und jetzt deutscher Ritter.)
312
Karte
mit Bild vom Wahnfriedhund „Marke“ an Frl. Sidonie Peter
Hoffentlich urteilten Sie nicht gestern wie Goethe nach dem langerwarteten Besuch seines guten Zelter: „Die Gegenwart hat immer etwas Absurdes“? Nur war der große Meister doch nicht ganz weise gewesen; er hatte tausend Dinge g e w o l l t: besprechen, erleben usw. und das darf man auf dem Gebiete des Seelenlebens nie; Psyche duldet keinen Zwang; man muß es verstehen, das bloße Dasein von Geistesgenossen dankbar und innerlich aktiv zu genießen; alles weitere findet sich. — Uns beiden hier ist der gestrige Tag ¹ schon in einen Traum verwandelt: die göttliche Frühe, der Blick von der Höhe, Goethes Spuren in der Luisenburg, dann das Verweilen mit Ihnen auf geistigen Höhen, schließlich der ganz herrliche Wiesen- und Waldweg nach Redwitz und der stille Abend zu zweit, müde und wohlig. Auf Wiedersehen und Wiederhören freut sich
Ihr dankbar ergebener
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Besuch in Alexandersbad.
313
Schriftleitung
von „Westermanns Monatsheften“
Hochgeehrter Herr Doktor
Für Ihren
freundlichen
Brief vom 16. d. M. danke ich Ihnen verbindlichst.
Mit Recht hatten
Sie vorausgesetzt, daß ich mich schwer entschließe,
Aufsätze
zu schreiben; ich arbeite gar zu umständlich und möchte, wenn
möglich, noch ein und das andere größere Unternehmen
unter
Dach bringen. Nur die Not der Zeit und der furchtbare Herzensriß,
der mich aus aller Arbeit heraus und aufs Krankenbett warf, hat dazu
geführt,
daß ich „Kriegsaufsätze“ zu schreiben mich gedrängt
fühlte.
Statt der
üblichen
Ablehnung, beantworte ich Ihren Brief so ausführlich, weil ich von
einer Anzahl norddeutscher Freunde eine hohe Meinung von Ihrem Blatte
und
eine warme Sympathie für es eingesogen habe. Nur möchte Ich
nicht
versprechen und dann nicht halten, und „Verpflichtungen“ wiegen
zentnerschwer
auf meinem Gemüte und lähmen die Arbeitskraft. Lassen Sie
mich
also heute nur aufrichtig danken und zugleich sagen: ich will schauen,
daß ich Ihren freundlichen Wunsch erfüllen kann.
Wollen Sie mir
vorläufig
eine Frage, bitte, beantworten: würde eine Betrachtung über
Luthers
Persönlichkeit von einem dogmatisch vollkommen freien Manne bei
Ihnen
am Platze sein — oder ist Ihre Zeitschrift religiös gebunden?
H. S. Chamberlain.
313-314
An
Professor Josef Kohler
Hochverehrter Herr Geheimer Justizrat
Ungern nehme ich
auch
nur Minuten Ihrer Zeit in Anspruch; ich kann aber nicht anders und
muß
Ihnen meinen besonderen Dank aussprechen für die freundliche
Zusendung
Ihres Lusitania-Gutachtens. Ich kannte nur Auszüge aus Zeitungen
und
sehnte mich nach dem Ganzen; jetzt habe ich‘s schon wiederholt gelesen
und vorgelesen — mir und allen zur innigen Erquickung. So einfach und
zugleich
so tief! Die Quintessenz jurisprudentisch geschulten Denkens und doch
jedem
intelligenten Laien in allen Teilen einleuchtend! Nicht roh und
deklamatorisch,
nichtsdestoweniger ein geschliffenes Schwert, dem Gegner in die Kehle
gestoßen!
Aber nun,
hochverehrter
Herr, welche Bitterkeit erfüllt das Herz, wenn man dagegen die
Antwort
des deutschen Auswärtigen Amtes liest! Ich versuchte mir
einzureden,
es sei vielleicht die größte Kraft des Ansichhaltens
bezweckt...
aber das ist Unsinn. Immer und immer wieder Schwäche, Halbheit,
ein
Sichentschuldigen, ein Verbindlichseinwollen, ein ängstliches
Vermeiden
davon, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Es ist doch rein zum
Verzweifeln!
Und wenn man nun diese Herren kennt, dieses kraft- und saftlose
Geschlecht
der heutigen deutschen Diplomaten, schwächliche „elégants“,
meist mit ausländischen Gattinnen... Wenn man bedenkt, wer in
London
und in Paris war, und wer in Neuyork ist! Als Preußen im August
verloren
war, brachte die Not den Retter an die Oberfläche — den Mann, der
seit zwanzig Jahren hätte an der Spitze der Armee stehen
müssen;
ist denn die Not der Weltlage heute noch nicht groß genug, um dem
göttlich großen deutschen Volke den Mann zuzuführen,
fähig,
so zu der Welt zu reden, wie in solchen Tagen geredet werden muß,
fähig, die gesamte deutsche Diplomatie zur Türe
hinauszukehren
und durch tüchtige neue Kräfte zu ersetzen, wie sie in
Deutschland
auf Schritt und Tritt zu finden sind? Es gäbe ein Thema für
weitere
„neue Danteverse“!
Houston S. Chamberlain.
Hochgeehrter Herr
Für Ihre
gütige
vertrauensvolle Zusendung vom 13. d. M. danke ich Ihnen verbindlichst.
Die beigelegte Karte
habe ich sozusagen mit beiden Händen unterschrieben — doch
zunächst
nur als Beweis meiner Gesinnung und meiner Ansichten. Trotzdem
muß
ich Ihnen zu bedenken geben, ob es angezeigt, ja, überhaupt
zulässig
ist, meine Unterschrift unter das Dokument zu setzen? Ich glaube es
nicht.
Und zwar einfach aus dem Grunde, weil ich nicht deutscher
Staatsbürger
bin und mich folglich, rechtlich gesprochen, die Sache nichts angeht.
Vertraulich teile
ich Ihnen mit: zu Beginn des Krieges wollte ich mich naturalisieren
lassen;
die Behörde versprach schnelle glatte Erledigung; von einer
anderen
Seite aber, die ich unbedingt zu verehren habe und die die Interessen
Deutschlands
kennt, wurde mir so energisch widerraten, daß mir nichts
übrig
blieb, als mein Gesuch zurückzuziehen. Es war ein großes
Opfer
— ich brachte es im Interesse der großen Sache, der ich mit
ganzer
Seele ergeben bin. Nach dem Kriege werden hoffentlich diese
Rücksichten
fallen.
Im wesentlichen
stimme
ich mit den Vorschlägen Ihrer Denkschrift überein.
„Angliederung“
von Belgien — nicht Annexion. Pufferstaaten gegen Rußland von
unten
bis oben; so daß die Grenzen sich nirgends berühren. Was
nicht
jetzt erreicht werden kann, muß als Ziel festgehalten werden.
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr
Ohne Umschweife
gestehe
ich Ihnen, daß ich zwar Ihren Namen, nicht aber Ihre Werke kenne.
Ich habe immer den Standpunkt vertreten, daß ein Dilettant vor
allem
gründlich sein müsse, und ein Polyhistor die Pflicht hat,
sich
zu beschränken. Durch Schicksalsfügung ward ich beides. Da
Naturforschung,
Philosophie, allgemeine Kulturgeschichte usw. schon Zeit und Kraft
erfordern,
dazu seit zwanzig Jahren die Arbeit der Gestaltung, habe ich mich in
bezug
auf Kunst streng beschränkt und nur dasjenige gründlich
kennengelernt,
was ich für ein Allerhöchstes halten durfte — wie z. B.
Rembrandt,
Beethoven, Goethe, Wagner. Manches Moderne hat mich außerdem so
abgestoßen,
daß ich zu weiterer Umschau wenig Luft spürte. Ich bekenne
auch,
daß meine Begabung hier vielleicht engere Schranken aufweist als
auf anderen Gebieten; ich liebe leidenschaftlich einige große
Schöpfer
und bleibe im übrigen etwas engherzig gegenüber
achtungswerten
Talenten.
Noch mehr auf Ihren
Brief hin als auf die Broschüre habe ich mir jetzt mehrere Werke
bestellt
und hoffe, der Krieg, der meine Kräfte über die Maßen
in
Anspruch nimmt, läßt mir Muße und auch Luft, sie im
richtigen
Geiste aufzunehmen.
Houston S. Chamberlain.
316-317
An
Freiherrn Cornelius Heyl (von Herrnsheim)
Hochverehrter Herr Rittmeister
Eine einzige Sache
trübt meine Freude über Ihren Brief, für den ich Ihnen
wärmstens
danke, und das ist die materielle Unmöglichkeit, entsprechend
darauf
zu antworten, wegen der unübersehbaren Zahl der Zuschriften — die
meisten zeitraubender Art — die, wenn ich selber noch Kriegsarbeiten
fördern
will, mir nicht eine Minute Muße lassen. Und hier kann ich nicht,
wie früher in Wien, Stenographen und Maschinenschreiber mir
bestellen,
sondern bin mein eigener Sekretär.
Am meisten frappiert
hat mich die ganz genaue Übereinstimmung aller Ihrer Beobachtungen
und Meinungen mit den meinigen. Mir machen die inneren Gefahren mehr
Sorgen
als die äußeren. Überall werden die starken Männer
zurückgedrängt und unter den Scheffel gestellt, zugunsten...
na, halt zugunsten anderer Männer. Verehrungswürdig guter
aufopferungsvoller
Wille, aber kein Instinkt und kein Blick für Persönlichkeit,
keine Spur einer Erkenntnis der eigenen Grenze. Es ist ein Jammer! Und
doch vertraue ich auf den „deutschen Geist“. Die Not wird helfen.
Vielleicht
ist sogar Not besser als schneller Erfolg und wird jene den Kern des
Deutschtums
gefährdenden Elemente in Schach halten. Wir d ü r
f e n nicht verzweifeln, weil Verzweifeln schwach macht.
Houston S. Chamberlain.
317-320
An
Fräulein Sidonie Peter
Hochverehrtes gnädiges Fräulein
Meine die Briefe
sortierende
Gattin rief aus, als Ihr zweiter ankam: Nun, diese Handschrift erblickt
man immer gern! Ich erzähle es Ihnen, damit Sie sicher wissen,
daß
dem stets so ist und Sie sich keinen Zwang antun sollen, quand le
coeur
vous en dit, — denn Ihre Briefe haben mir alle Freude gemacht. In
dem
Wust meistens überflüssiger und fast immer unbegabter Briefe
tut es mir wohl, Worte von Ihnen zu finden — immer freundlich und immer
anregend.
Ich habe heute den
fünften und letzten Teil einer kleinen Arbeit nach München
zur
Abschrift geschickt, die mein Gehirn fast mehr als billig in den
letzten
Wochen eingenommen hat. Titel: „Alte und neue politische Ideale“. Es
muß
nun das Ganze noch durchgearbeitet werden, und wird wohl kaum vor Ende
August in die Öffentlichkeit treten. Ich bin ein wenig müde.
Die Vorstellung vom Krieg und die niederträchtige,
fluchwürdige
Politik meines Vaterlandes — das Gemüt sucht sich in Arbeiten zu
zerstreuen
und darüber hinwegzutäuschen, aber der Wurm frißt am
Herzen
weiter.
Soeben zählte
ich die zu beantwortenden Briefe auf meinem Tische: 53! Und dabei
erledige
ich Geschäftsbriefe immer postwendend, und meine gütige Frau
übernimmt die gewöhnlichen aphoristischen Danksagungen, —
manches
macht der geschäftliche Leiter der Festspiele für mich und
anderes
mein Verleger; diese 53 sind Menschen, an die ich selbst schreiben
muß
oder müßte; ich glaube, ich lasse mich in den Zeitungen als
„briefbankerott“ anzeigen; ich schreibe seit meiner Kindheit nichts
lieber
als Briefe, doch nach eigener Wahl. Die Notorietät lastet; infolge
der Kriegsschriften ist mein Name in Kreise eingedrungen, die nie im
Leben
eine Seite „Goethe“ oder „Kant“,
vielleicht nicht einmal eine Seite „Grundlagen“
gelesen hätten; Soldaten aus dem Schützengraben sind alle
willkommen,
aber Philister, die mir Ratschläge geben, Vorwürfe machen,
Damen,
die mir erzählen, wer ihr Großvater war usw. usw., dazu
Professoren,
die Auskunft wollen, Dutzende von Herausgebern und Verlegern, die meine
Mitarbeit wünschen und mir zugleich das Thema angeben und
Weisungen,
auf welche Weise ich die Sache am besten anpacke... Wenn Sie je dem
tapferen
Offizier wieder begegnen, können Sie ihm sagen, daß ich eine
höchst bescheidene Vorstellung von der durchschnittlichen
deutschen
Begabung besitze; zwei Dinge hat aber Deutschland:
anbetungswürdige
Einzelne, und eine Gesamtheit, von der Admiral Mahan, der amerikanische
Geschichtsschreiber, mit Recht sagt: „It lends itself plastically
to
the moulding force of a strong government, without at the same time
losing
the initiative of the individual within his own sphere of activity.“
Für mich handelt es sich um eine geschichtsphilosophische
Erkenntnis
— um den Willen Gottes, wenn ich so sagen darf... Auch sonst — wohin
man
in Deutschland blickt, der Blick kehrt selten unverwundet ins Innere
zurück.
Zorn und Verzweiflung wechseln bei mir. Ich will‘s Ihnen gestehen: Ich
habe das Gefühl, einem höheren Befehl zu gehorchen — so habe
ich z. B. keine Ahnung, wie ich dazu kam, den genannten politischen
Aufsatz
zu schreiben; ich war glücklich aufgehoben in Luthers
Kirchenpostillen
und der neuen großen, zum erstenmal authentischen Ausgabe seiner
Tischgespräche, als diese andere Aufgabe aus dem
äußersten
„limbus“
des Kaumbewußten heranwuchs und sich gebieterisch aufdrängte
— bis ich nicht anders konnte, als alles liegen lassen — und so pendeln
denn meine Empfindungen zwischen der absoluten inneren Sicherheit in
bezug
auf Deutschlands Bestimmung — ich könnte es religiösen
Glauben
nennen — und der Unfähigkeit, „im Tag des Tages“ zu begreifen, wie
das aus diesem undankbaren Material, das den Ledeburs und Liebknechts
und
den Hetzkaplänen und stumpfsinnigen „Liberalen“ das Leben schenkt
— von den unfähigen Diplomaten und zaghaften Staatsmännern
gar
nicht erst zu reden — wie daraus das neue Deutschland erstehen und die
Menschheit aus dem drohenden Untergang erretten soll. Mir warf neulich
ein Offizier lakonisch ein: „Sie vergessen, Herr Chamberlain, daß
wir eine Nation von Bedienten sind“ — bei welchem Wort mir, glaube ich,
das Herz innerlich geblutet hat; ich war unfähig, eine Silbe zu
antworten.
Und dann treffen die Briefe aus der Front ein — heute wieder ein
rührender
von einem Gefreiten, der seit August in Flandern steht und fast alle
Kameraden
um sich herum hat fallen sehen, ein anderer aus der Armee des Generals
von Gallwitz in Polen, von einem Reserveoffizier und
Universitätsprofessor,
so gründlich, so tief, so praktisch, der kenntnisreiche Geist so
triumphierend
Herr über alle Anforderungen an den Körper... und da soll man
zweifeln und den Kopf hängen lassen? Gibt‘s auch Millionen
Philister
in Deutschland nach Goethes Definition des „angefüllten Darms“, so
gibt es doch Tausende dieser anderen — und von den anderen reden wir,
wenn
wir „Deutschland“ sagen.
Ja, die Harzreise
im Winter! Haben Sie warmen Dank, daß Sie mir davon sprachen. Oft
und oft ist das Stück geschrieben und umgeschrieben worden — ich
will
sagen „mein“ Stück darüber. Von jeher hat mich dieses Gedicht
magisch angezogen, — schon zu einer Zeit, wo ich kaum Deutsch konnte
und
von Goethes Leben nicht das Geringste wußte, so daß ich
buchstäblich
nichts davon verstand — im eigentlichen Sinne des Wortes. Später
wuchs
die Bewunderung und das Verstehen. Und da hat es mich nicht wenig
gereizt,
gerade dieses Gedicht von höchst geistvollen Menschen abgelehnt zu
finden — als formlos, willkürlich, unverständlich usw.
Vielleicht kam eine kleine Eitelkeit dazu. Der Plan meines Buches
schloß
jedes sonst übliche Eingehen auf die einzelnen Werke Goethes aus;
und wenn ich während des Schreibens öfters von Freunden
gefragt
wurde: wie urteilen Sie in Ihrem Buch über Tasso? u. dgl., so
pflegte
ich ungeduldig zu antworten: Gottlob, ich komme überhaupt nicht in
die Lage, darüber zu urteilen! Es hat mir aber Vergnügen
gemacht,
zeigen zu können „wenn ich‘s will, kann ich‘s auch; ich will euch
einen Kommentar schaffen, an dem ihr lernen könnt, wie man so
etwas
zu machen hat!“ Irgendwo in einer Falte steckt doch auch beim Uneitlen
die Eitelkeit; es kommt nur darauf an, auch seine Laster zu
fruktifizieren,
und das ist hier gelungen.
Sie haben gewiß
auch bemerkt, wie diese Episode schon vorher herandämmert, und
nachher
wieder anklingt und ausklingt: das sind die Dinge, die mir Freude
machen
und bei denen man sich in guter Gesellschaft allen trivialen Blicken
verborgen
weiß. — Für heute genug; auf den ersten Brief komme ich bei
Gelegenheit zurück.
Houston S. Chamberlain.
Sehr verehrter Herr Fauth
Ihre
Freundlichkeit
hat mich gerührt; ich sehe, Sie sind nicht allein ein
tüchtiger
Astronom, sondern auch ein Kenner des Menschenherzens. Je länger
dieser
furchtbare Krieg dauert, um so mehr absorbiert mich die Arbeit, die er
auch für mich mit sich bringt und die eine fast unübersehbare
Korrespondenz umfaßt. Namentlich aber, mein Gemüt ist so
ganz
in Anspruch genommen, daß ich nur matt auf andere Anregungen
reagiere.
Doch es liegt alles sorgfältig aufgestapelt im
Unterbewußtsein
— und auch Ihre beiden höchst lehrreichen Briefe von März und
April sind nicht auf so undankbaren Boden, wie Sie hätten glauben
können, gefallen. Es war mir aber unmöglich zu antworten.
Auch
konnte ich das große Werk nicht studieren — habe es vielmehr
versteckt,
um nicht in Versuchung zu geraten. Das Einzige, was ich mir in kurzen
Augenblicken
gestattet habe, war, Ihre „Einfache Himmelskunde“ durchzunehmen, die
mich
inhaltlich und methodisch sehr entzückt hat.
Nota bene:
wenn Sie mir jemals wieder Winke zu empfehlenswerten „Objekten“ geben —
wofür ich immer bescheiden dankbar sein werde —‚ so können
Sie
sich sagen, daß Ihr Schüler den mit bloßen Augen
sichtbaren
Himmel (Sternbilder, Hauptsterne, usw.) ziemlich gut kennt, Schurigs
Atlas
schon seit Jahren gebraucht —‚ so daß er auch ganz kurze Winke zu
fruktifizieren fähig ist. Übrigens fällt mir das Suchen
mit dem Refraktor nicht leicht — selbst der „Sucher“ zeigt so
verwirrend
viel — und so stelle ich gewöhnlich durch Berechnung ein.
Und nun eine Frage:
mir fehlt sehr ein Beobachtungsstuhl. Der Krieg hat Ingenieur und
Mechaniker
fortgeführt, die mir einen bauen sollten. Ich benutze eine
Bibliotheksleiter
und das ermüdet schrecklich, da die Stufen 30 Zentimeter
auseinander
— also stets zu hoch oder zu tief. Wüßten Sie da Rat?
Nächstens bin
ich wieder so frei, eine kleine Schrift zuzusenden.
Houston S. Chamberlain.
322
An
Dr.
Hubert Krüger, Bataillonsarzt
Sehr geehrter Herr Doktor!
Leider hat mein
60ster
Geburtstag mir eine solche Flut von Briefen und Sendungen gebracht,
daß
ich nicht daran denken kann, Ihren interessanten Brief auch nur
einigermaßen
entsprechend zu beantworten. Lassen Sie mich darum nur kurz sagen,
daß
ich Haeckel und Ostwald — deren wissenschaftliche Arbeiten ich kenne
und
verehre — als D e n k e r für
geradezu
b e s c h r ä n k t halte, eigentlich d u
m m; sie sind in philosophischer Hinsicht unwissend und
unfähig.
Solche Männer können doch keine „Weltanschauung“
begründen
— es sei denn für sehr anspruchslose Menschen.
Jodl habe ich
persönlich
gut gekannt: ein liebenswürdiger Mensch und in seinem Fach
bewandert,
— doch der Typus des ganz flachen Denkers, des Denkers ohne alle Tiefe,
ohne jede wahre Besinnung, so daß er unfähig war, auch nur
die
Probleme wirklich zu erblicken, geschweige die möglichen
Lösungen.
Es ist mehr Geist und mehr Bildung in dem kleinen Finger der einen Hand
Schopenhauers als in diesen drei Männern zusammen — und das sage
ich
als Gegner Schopenhauers. Es ist traurig, wenn ein Landsmann von
Leibniz,
Kant, Fichte, Goethe sich solche Führer erwählt — es mag in
gutem
Glauben geschehen und in dem Wahn, diese Weltanschauung sei
„wissenschaftlich“
(was sie nicht ist) und diese Wissenschaft in all ihrer Armseligkeit
sei
eine „Weltanschauung“, aber verraten und verkauft ist ein solcher
Armer:
betrogen um alle echt wissenschaftliche Erkenntnis, und unfähig,
hinfürder
ein Wort der wirklich großen Geister auch nur zu verstehen.
Sie sprachen
aufrichtig:
ich tat desgleichen. Der Monismus ist ein Gedankenzirkus, in dem arme
Gäule
herum- und herumkreisen. Möchten Sie bald hinaus ins Freie finden!
In aller Ergebenheit
Houston S. Chamberlain.
Hochgeehrter Herr Doktor
Als vereinzelter
Privatmann
— ohne Sekretär und ohne Diener, denn der Krieg hat einem nach und
nach alles genommen, komme ich kaum dazu, die Fülle der
Zusendungen
zu bewältigen; doch als Ihr Buch „Zur Ausgestattung der deutschen
Sprache“ eintraf, genügte ein flüchtiger Blick, und es wurde
sofort zum Buchbinder geschickt... Inzwischen traf nun auch Ihr so
freundlicher
Brief vom 6/9 ein, der schon beantwortet wäre, wenn nicht ein
Geburtstag
mir mehrere Tage rein weggeschnappt hätte. Auch jetzt kann ich nur
kurz mich fassen.
Für Ihre
freundlich
nachsichtige Beurteilung meines geistigen Strebens und auch meiner
Behandlung
der deutschen Sprache danke ich Ihnen aufrichtig. Diese Sprache habe
ich
verhältnismäßig spät erlernt; ich war 25 Jahre
alt,
ehe ich sie wirklich zu beherrschen begann, und 30 Jahre alt, ehe ich
dauernd
in deutsche Umgebung geriet. Damit ist mir natürlich die Grenze
gezogen;
doch arbeite ich unablässig daran, mich in dieser Beziehung zu
vervollkommnen
und traue mir, trotz meines Alters, die Fähigkeit zu weiteren
Fortschritten
zu. Bitte, helfen Sie mir; ich bin ein sehr dankbarer Schüler und
weiß den Tadel zu schätzen. (Das lateinische Lynx
statt
des deutschen Luchs ist ein lapsus calami, der sich
wahrscheinlich
aus meiner naturwissenschaftlichen Zeit herleitet.)
Ihr Buch ist jetzt
zurück vom Binder, doch konnte ich bisher nur Blicke hineinwerfen.
Mir scheint es das Bedeutendste zu sein, was ich überhaupt auf
diesem
Gebiete bisher kennenlernte. Sie können sich gewiß
vorstellen,
wie armselig einem Manne, der in französischer und englischer
Sprache
aufwuchs, die meisten „Verdeutschungswörterbücher“ vorkommen;
sieht man von rein fachlichen Wörtern ab, so findet ein
einigermaßen
erfahrener Mann fast niemals Auskunft — denn der Begriff wird einfach
durch
einen anderen Begriff ersetzt, der nicht die gleichen Werte und
Töne
wiedergibt. Hiergegen kann einzig ein schöpferisches Gestalten
helfen,
wie Sie es vorgeschlagen. Leider bringt auch mir der Krieg viele
Verpflichtungen;
doch hoffe ich nach und nach — bald — das Ganze gründlich
durchzuarbeiten.
Kennen Sie meinen
„Goethe“? Wenn nicht, es wäre
mir eine große Freude, es
Ihnen
als kleine Gegengabe zu schicken. Ich würde gespannt sein, zu
erfahren,
was Sie zu den sprachlichen Ausführungen in dem Kapitel „Der
Dichter“
sagen. Wenn Sie jetzt — wie ich vermute — keine Zeit haben (und das
Buch
ist etwas groß und schwer), dann später. — Eine kleine
Flugschrift
„Politische
Ideale“ erscheint endlich nächste Woche und soll Ihnen sofort
zugehen; Sie finden Ergötzliches zum Reichstagsthema; wogegen das
Wort „Jude“ nicht vorkommt... die Zensur hat ohnehin das kleine Opus
einen
ganzen Monat behalten, also offenbar schwer daran verdaut.
Mit bestem
Gruß,
in der herzlichen Freude, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, bin ich
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Generaladjutant
Wie gütig von
Eurer Exzellenz, mitten in diesen bewegten Zeitläufen meiner
Wenigkeit
zu gedenken. Meine Schwiegermutter und wir alle wissen Ihnen Dank
dafür.
Es tut mir leid,
daß ich am 1. Oktober so undeutlich schrieb; außerdem
schrieb
ich wohl mit der Feder, und meine Schrift wird täglich schlechter.
Verzeihen Sie gütigst. Ich habe keinerlei Antwort erhalten, und
nach
dem, was Sie mir über die Abgabe an den Herrn Reichskanzler
erzählen,
erwarte ich nunmehr auch keine — denn dieses Verfahren gleicht dem, was
man in Frankreich ein „enterrement de première classe“
nennt.
Der ganze Fremdenverkehr innerhalb Deutschlands — sowohl von
Inländern
wie von Ausländern — untersteht der Militärbehörde,
nicht
der Zivilbehörde. Daß ich in Bayreuth ungestört und
unbelästigt
leben kann, verdanke ich einer Verordnung des bayerischen
Kriegsministers
— die Zivilbehörde ist völlig machtlos in diesen Dingen und
hütet
sich, sich einzumischen. Um in ganz Deutschland mich während der
Dauer
des Krieges frei bewegen zu können, bedarf ich der Genehmigung
einer
hohen Militärstelle, deren Wort auf dem ganzen Gebiet des Reiches
autoritative Geltung besitzt; — ein Federstrich würde
genügen.
Wogegen ich vom Reichskanzleramt nichts zu erwarten habe; erstens weil
die Sache hier auf einen Holzweg gerät, zweitens weil ich im A. A.
persona
ingratissima bin. Im selben Augenblick, wo S. M. der Kaiser meine
literarische
Tätigkeit durch Verleihung des Eisernen Kreuzes ehrte, geschah von
jener anderen Seite das Mögliche, um mich zu hemmen: die Zensur
waltete
ganz willkürlich nur gegen meine Person und die betreffende
Auslandsstelle
des A. A. tat ihr Bestes, die Verbreitung meiner
Kriegsaufsätze
im Ausland zu verhindern. Das sind keine Gerüchte, sondern
Tatsachen;
was die vom Reichskanzler persönlich gegen mich gerichtete Zensur
betrifft, besitze ich das Zeugnis eines deutschen Fürsten, und
betreffs
der anderen Angelegenheit haben mir zwei Briefe im Original aus dem
betreffenden
Amt vorgelegen. Als Autor ist mir das natürlich vollkommen
gleichgültig:
des Kaisers spontane Schätzung wiegt mir tausendmal mehr als die
Antipathie
der Geheimräte, und die Verbreitung haben sie doch nicht
hintertreiben
können — weder im In- noch im Auslande —‚ im Inland grenzt sie an
eine halbe Million, für das Ausland haben wir eben wieder eine
neue
große spanische Ausgabe veranstalten müssen, die
portugiesische
soll guten Absatz finden, die französische gelangt jetzt erst in
die
Öffentlichkeit und wird energisch geschickt verbreitet, — in
Nordamerika
habe ich alle Kontrolle über die Zahlen verloren, weil mancher
Aufsatz
schon in zehn verschiedenen Übersetzungen (ins Englische)
erschienen
ist... Dies nebenbei. Aber Sie sehen, auf jenem Wege habe ich wenig
Hoffnung,
zum Ziele zu gelangen.
Für den Fall,
Sie sollten selber in die Lage kommen, die Angelegenheit auf anderem
Wege
zu fördern, lege ich einen Durchschlag meines damaligen Briefes
bei
und für alle Fälle auch ein Bild wieder.
Inzwischen habe ich
mich schon vor einiger Zeit an das Generalkommando in Nürnberg mit
einer Supplik gewendet, mir die Erlaubnis zu einer Reise nach Frankfurt
und zurück, wegen ärztlicher Behandlung, zu gewähren;
bisher
ist kein Bescheid eingetroffen, und man sagt mir am Magistrat, unter
vier
Wochen sei keiner zu erwarten. Die Lähmung meines linken Arms
nimmt
täglich zu, und bei meinen sechzig Jahren wird wohl ein
chronischer
Zustand eintreten, da hier in Bayreuth keine Kurmöglichkeiten
bestehen.
— Abgesehen davon aber weiß niemand, der es nicht durchgemacht
hat,
was das für einen intensiv geistig Arbeitenden bedeutet, lange
Zeit
hindurch innerhalb des Weichbildes einer kleinen Provinzstadt gefangen
zu sein — ohne allen Luft- und Szenenwechsel, ohne irgend die kleinste
geistige Anregung.
Der Fall war wohl
noch nie in der Geschichte da, daß ein Mann von dem Souverän
die Auszeichnung eines Kriegsordens erhielt und zugleich von der
Behörde
desselben Landes als „feindlicher Ausländer“ behandelt wurde. Ein
so beweglicher Geist wie der Kaiser würde gewiß mit einem
einzigen
Wort diesen Knoten zerhauen, über den jetzt Geheimräte dumpf
brüten —‚ aber er gestaltet augenblicklich Weltgeschichte,
dem
Einzelnen ist es verwehrt, ihm zu nahen.
In dankbarster
Verehrung
Ihr ganz ergebener
Houston S. Chamberlain.
326-327
An
den Vorsitzenden der „Deutschen Gesellschaft für
Bevölkerungspolitik“
Beruht ohne Frage
Deutschlands Weltbedeutung auf geistiger Begabung, die seit langem
systematische,
das ganze Volk umfassende Ausbildung genießt, so beweist doch
diese
Stunde, daß Zahl und Physische Kraft ausschlaggebende Faktoren
sind,
deren Vernachlässigung den Untergang sicher herbeiführt. Hier
wie überall sollte meines Erachtens Deutschland streng
wissenschaftlich
verfahren, das heißt die Erkenntnisse reiner Wissenschaft
bezüglich
moralischer, hygienischer und sozialgesetzlicher Maßnahmen zur
Hebung
der Bevölkerung sollten gebieterische Geltung besitzen und nicht
dem
Gutdünken und den Zufälligkeiten und Verworrenheiten
parteipolitischer
Beratungen unterworfen sein. Es handelt sich um ein
„überpolitisches“
Interesse, höher als alle Parteien, Konfessionen und sonstige
Spaltungen.
Denn noch wichtiger als Heer und Marine, als Handel, Landbau und
Industrie
ist die Züchtung und Heranbildung deutscher Menschen in stets
wachsender
Zahl und Tüchtigkeit. Darum muß ganze Arbeit geleistet
werden,
sonst kann ein Staat in so gefährdeter geographischer Lage auf die
Dauer gegen eine Welt von Neidern nicht bestehen. Die Männer, die
sich der Förderung dieser Einsicht widmen, erwerben sich ein
großes
Verdienst um die heilige Sache des Deutschtums und jene
Unsterblichkeit,
die Schiller als „die wahre“ bezeichnet, „wo die Tat lebt und weiter
eilt,
wenn auch der Name des Urhebers hinter ihr zurückbleiben sollte“.
Mit Dank für
die freundliche Aufforderung zu dieser Äußerung der D. G. F.
B. ergebenster Diener
Houston Stewart Chamberlain.
Sehr verehrter
Herr,
für Ihren Brief, der mich sehr interessierte und erfreute, danke
ich
Ihnen verbindlichst. Ich teile ihn meinem Freund und Verleger Hugo
Bruckmann
mit.
Immanuel Kant
wirklich
populär machen, halte ich für unmöglich. Auch unter den
sogenannten „Gebildeten“ wollen die meisten um keinen Preis
d e n k e n; und ohne Denken kann man Kant nicht verstehen:
das ist und bleibt unmöglich. Es käme also darauf an, von
Kant
belehrt, einen a n d e r e n Weg zu seinen
Ergebnissen
zu finden. — In einem Buch mit gesammelten Aufsätzen von mir,
„Deutsches
Wesen“, das in einigen Wochen erscheint, finden Sie einen
Miniatur-Kant
von mir — vielleicht fünf Seiten lang.
Wollen Sie mir Ihre
Feldadresse geben, ich lasse das Buch Ihnen zugehen.
In aller Hochachtung
ergebenst
Houston Stewart Chamberlain.
Lieber Freund,
Ihre Karte vom
5/11
erreicht mich soeben über Bayreuth. Es war mir eine große
Freude,
Ihre lieben Schriftzüge nach langer Zeit wieder zu erblicken und
zu
hören, daß Sie Gesundheit und Ruhe genießen — zwei
Güter,
die heute nicht gerade häufig sind.
Ich selber befinde
mich wohl und arbeitsfreudig, — mußte aber sowohl wegen
Zahnreparaturen
wie auch zur Elektrisierung eines am Teleskop verdehnten linken Armes
hierher
auf einige Wochen kommen, wo wir — wie immer bei unseren lieben guten
Freunden
Küchlers — gehegt und gepflegt wohnen.
Nach der langen
ländlichen
Abgezogenheit wirken die künstlerischen Anregungen höchst
wohltuend,
muß ich gestehen: ein passabler T r i s t a
n
füllte Ohr und Herz zum Überfließen, D o
n
J u a n und Z a u b e r f l ö t
e
wirkten wie Seelenliebkosungen, Goethes S t e l l
a
erreichte an gewissen Stellen die Gewalt von Musik, sein
übermütiger
B ü r g e r g e n e r a l sprudelt von Genialität
(mehr als man beim Lesen ahnt), und seine G e s c h w i s t
e r bewegten wie immer die tiefsten Saiten. — — —
Sie sehen, welches
gute Repertoire die Kriegszeiten wieder zu Ehren gebracht haben: die
Hingabe
an das Vaterland — an d i e s e s herrliche
Geburtsland
der größten, erhabensten Geister — hat die Sehnsucht nach
den
reinsten Werken über Kreise ausgedehnt, die sonst ziemlich weit
von
diesen Höhen abgeirrt waren. An Kammermusik genossen wir Haydn,
Mozart,
Beethoven...
Unter anderen
Neuauflagen,
Neudrucken gebe ich jetzt einen Sammelband heraus: „Deutsches Wesen“,
enthaltend
Aufsätze der letzten 20 Jahre über Wagner, Goethe, Schiller,
Kant, Bismarck usw., vermehrt um einen „Martin Luther“, ein
ergänzender
Abschnitt zu den „Grundlagen“, den ich im Herbst schrieb. Ich werde
Ihnen
das Buch zugehen lassen, wenn es erscheint.
Tausend
Grüße
von Herzen!
Ihr alter
Houston Stewart Chamberlain.
Hochzuverehrender Herr Graf
Soeben sandte ich
beiliegenden Aufsatz ¹ an die Schriftleitung der Berliner
„Täglichen
Rundschau“ ein. Mein eigenes Leibblatt ist die „Deutsche Tageszeitung“;
doch ist die „Tägliche Rundschau“ verbreiteter und dringt in
schwankendere
Kreise ein, glaube ich; auch höre ich, daß der Kronprinz sie
liest.
Für den Fall,
der Aufsatz scheitert nicht an dem Riff genannt „Zensur“, bemerke ich,
daß ich den Vermerk „Nachdruck erlaubt“ zur Bedingung gemacht
habe
— wozu ich berechtigt bin, da ich für keinen der den Krieg
betreffenden
Aufsätze Honorar annehme noch je angenommen habe. Die
Priorität
des Erscheinens bleibt der „Täglichen Rundschau“ vorbehalten (was
auch der Zensur wegen praktischer ist); jede andere Zeitung darf aber
sofort
nachdrucken. Unter dem genannten Vorbehalt dürfen also Exzellenz —
wenn‘s beliebt — frei verfügen.
Wird der Aufsatz
verboten, so dachte ich ihn bei meinem Verleger Bruckmann (vielleicht
in
200 Exemplaren) als „streng vertraulich“ drucken zu lassen, wodurch die
Mitteilung innerhalb gewisser Kreise gesichert wäre.
Alles, was der 17.
November ² mir brachte, liegt in einem dankbaren Herzen lebendig
treu
verschlossen. Aus Eile nur dies Wenige.
In höchster
Verehrung und von der Sehnsucht zu d i e n e n
verzehrt
gehorsam
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Der Wille zum Sieg.
²
Begegnung mit dem Grafen Zeppelin in Frankfurt.
330-332
An
den Forschungsreisenden R. Rickmers
Sehr geehrter Herr Rickmers
Eine große
Freude
war es mir, Ihren gütigen Brief zu erhalten und dadurch in dieser
entscheidenden Zeit Fühlung mit Ihnen und Ihrer sehr verehrten
Frau
Gemahlin zu gewinnen. Daß Sie an tätiger Stelle sich
tüchtig
erwiesen, das konnte ich mir denken; um so größer die
Freude,
Genaueres zu erfahren. Überhaupt werden gewiß in
nächster
Zukunft genaue Kenntnisse in bezug auf nähere und fernere Teile
Asiens
— wie Sie beide sie besitzen — von großem Werte für das
Vaterland
sein.
Für mich — wie
Sie denken können — hat dieser Krieg eine Tragödie in
innerster
Seele bedeutet. Der 4. August 1914 schnitt mir den Lebensfaden entzwei;
von einem Tag zum nächsten war ich ein Greis geworden. Sie werden
einwerfen: gerade ich mußte wissen, was zu erwarten war: ich
wußte
es; doch von solchem Vorauswissen zur grausigen Wirklichkeit ist der
Unterschied
ebensogroß wie zwischen dem im dunklen Mutterschoß ruhenden
Embryo und dem ans Licht geborenen Kinde. Und welch
gräßlichster
Wechselbalg kam da zum Vorschein, daß mir die Schamröte nie
mehr aus dem Gesichte wich. Mein Entschluß, die deutsche
Staatsangehörigkeit
zu erwerben und mich zu irgendeiner praktischen Dienstleistung zur
Verfügung
zu stellen, war sofort gefaßt; die Behörde zeigte
große
Zuvorkommenheit; ...doch da kam von anderer Seite — die ich zu achten
habe
— Gegenbefehl! Ich ward ein politisches Opfer. Als solches versuchte
ich
zu dienen, nach dem Maße meiner Fähigkeiten; aber so etwas
gleicht
einem Zehren am eigenen Herzen; das fühlen Sie mir nach. Freilich
ward mir manche erhebende Erfahrung zuteil: interessante Besuche
führender
Männer, die meine Einöde aufsuchten; Hunderte von Briefen
brachten
mich nach und nach mit Soldaten aus allen Fronten, mit Seeleuten, mit
tätigen
Männern daheim aus allen Kreisen in Berührung; am 24. April
verlieh
mir der Kaiser „für moralischen Mut“ das Eiserne Kreuz am
weiß-schwarzen
Bande in einem herzrührenden Handschreiben, und ich —
Verächter
aller Orden — trage es gern, ganz abgesehen davon, daß es mich
gegen
manche Beschimpfung, die ich zu dulden hatte, schützt. Eine
nervöse
Lähmung des linken Arms ist die Folge aller Erregungen; mit
Mühe
gelang es, die Erlaubnis zu einer Elektrisierkur in Frankfurt zu
erwirken,
die einige Linderung verschafft hat; dagegen ließ sich die
Absicht,
auf dem Heimwege Dresden und Berlin behufs geistiger Auffrischung zu
besuchen,
wegen mangelnder Bewilligung nicht durchsetzen. Jetzt aber scheint eine
Wandlung erwirkt, und ich darf hoffen, mir im neuen Jahr einen Berliner
Aufenthalt gönnen zu können: die Hoffnung, daselbst mit
tätigen
Männern in Berührung zu kommen, namentlich mit Ihrem Freund,
und infolgedessen der heiligen einzigen Sache vielleicht besser als
bisher
dienen zu können, wäre beseligend. Wie wir alle, habe auch
ich
nur den einen Wunsch: mein Leben zu geben.
Kennen Sie meine
kleine Schrift „Politische
Ideale“, wo ich auf das neue praktische Ideal einer
wissenschaftlich
organisierten Staatsführung hingewiesen habe? Wenn nicht, schicke
ich es Ihnen gern.
Mit herzlichem
Gruß
an Sie, gehorsamer Empfehlung an Frau Rickmers und Dank für die
geäußerte
gute Meinung an Herrn Roselius, bin ich
Ihr in alter Erinnerung ergebener
Houston Stewart Chamberlain.
332
An
Armee-Oberkommando 3. Feldzeitung
In Beantwortung
des
soeben erhaltenen geehrten Schreibens vom 13. d. M. bedarf es wohl kaum
der ganz ergebenen Versicherung, daß ich mich glücklich
schätzen
würde, mitarbeiten zu dürfen. Erst der Versuch kann zeigen,
ob
ich zu dieser Art von Schriftstellerei befähigt bin. Gern sehe ich
den in Aussicht gestellten näheren Weisungen entgegen. Meine
Interessen
und Studien umfassen — wie vielleicht bekannt — sehr weite Gebiete, und
Lebenserfahrungen besitze ich aus mehreren Ländern Europas; in
Heeresdingen
bin ich ohne Kenntnisse.
Vor kurzem schilderte
ich die Tage der Kriegserklärung in Ems und die Abfahrt König
Wilhelms nach Berlin — meine ersten deutschen Erinnerungen.
Gehorsam ergeben
Houston Stewart Chamberlain.
Letzte Änderung am / Last update: 18 April 2010