Briefe
1882—1924
und

Houston Stewart Chamberlain
Briefe
1882—1924
und
Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II.
Zweiter Band
F. Bruckmann A.-G. / München
II

Houston Stewart Chamberlain

Copyright 1928 by F.
Bruckmann
A.-G., Munich
Gedruckt im Mai 1928 bei
F. Bruckmann A.-G., München
Printed in Germany
III
Hochgeehrter Herr
Ihren Aufsatz
über
das Christentum in Indien habe ich mit lebhaftestem Interesse gelesen,
und hätte früher gedankt, wenn ich nicht mit Influenza zu
Bette
gelegen hätte. Ich werde zu seiner Verbreitung beitragen.
Als Kind habe ich
mit christlichen Indern sehr schlechte und mit hinduistischen sehr gute
Erfahrungen gemacht — und von meinen Onkeln, die obgenannte Inder nach
Europa mitbrachten, gehört, dies sei die Regel.
Die heilige Person
Christi wird gewiß bei allen Indern Bewunderung erregen, bei
manchen
vielleicht Nacheiferung, und — wer weiß? — bei etlichen
vielleicht
zu kosmisch-metaphysischen Ahnungen führen, denjenigen
vergleichbar,
die Khrischna weckt — aber eine Christianisierung Indiens halte ich:
erstens
für unmöglich und zweitens, wenn möglich, für
keinesfalls
wünschenswert.
Verzeihen Sie die
lakonische Ausdrucksweise und glauben Sie an meine hochachtungsvolle
herzliche
Gesinnung.
Houston Stewart Chamberlain.
Hochverehrter Herr General
Ein
Influenzaanfall
mit Fieber und Bettarrest hat alles bei mir drüber und drunter
gebracht,
und ich weiß gar nicht, hab’ ich Ihnen vielleicht vom Bett aus
oder
meine Frau für mich auf Ihre sehr lieben, willkommenen Zeilen vom
9. Januar geschrieben und den schuldigen Dank ausgesprochen? Jedenfalls
geschieht es jetzt von Herzen. Ich habe viele Freunde verloren durch
mein
Verhalten, enge Banden zerrissen; und doch, ich konnte nicht anders,
ich
mußte für die Wahrheit Zeugnis ablegen, zwischen Gott und
Mammon
wählen; aber dankbar ergriffen schlage ich in die vielen neuen
Freundeshände,
die sich mir — namentlich aus der Front — entgegenstrecken.
„Geistige
Granaten“ nannte der Kaiser in einem Telegramm
an mich meine Kriegsaufsätze;
mitgefochten zu haben, ist mir Trotz und Glück und Stolz.
Sehr gern habe ich
die Gedichte meiner Sammlung eingereiht. Es ist herrlich zu sehen, wie
viel Talent der Krieg in Deutschland geweckt hat. Fast gefällt mir
„An Sir E. G.“ am besten; es tut so wohl, einmal die Dinge beim Namen
zu
nennen!
In größter
Verehrung und Dankbarkeit
Houston Stewart Chamberlain.
2-4
An
den Forschungsreisenden R. Rickmers
Lieber Herr
Rickmers
— Besten Dank für Ihren Brief vom 22/1. Sind an meinem Aufsatz nur
kleine Zensuränderungen vorgenommen worden — Kürzungen,
Wortänderungen
—‚ so brauchen Sie nicht ihn mir vorzulegen. Nur wenn der Sinn irgendwo
gelitten hat oder eine Lücke entstanden ist, die ich
ausfüllen
müßte. In der Broschüre später stelle ich den
Urtext
doch wieder her. — Aber es wundert mich, daß das überhaupt
vorgekommen
ist: wohl nur auf die neuliche Hetze gegen mich im Reichstag hin? In
„Des
Weltkriegs letzte Phase“ ist nicht ein Wort beanstandet worden —
und da
hätte ich's fast erwartet; wogegen in diesem Aufsatz, soweit ich
mich
erinnere, gar keine Veranlassung zu Bedenklichkeiten vorlag.
Nein, ich habe mich
stets von Freimaurerei u. dgl. ferngehalten, auch bei gelegentlicher
flüchtiger
Beschäftigung mit Büchern darüber keine Geduld noch
Interesse
dafür aufbringen können. Als kleines Bübchen in
Versailles
kletterte ich über unsere Gartenmauer in den Nachbarhof, wo die F.
M. ihre Versammlungen hielten, und konnte durch den Ritz eines schlecht
verschlossenen Vorhangs in einen Erd- oder Kellergeschoßraum
hineinlugen,
wo der Anblick eines Schädels und einiger Knochen, aufgestellt auf
einem schwarzsamtnen Tuch, meine kindliche Phantasie recht gruselig
beeindruckte.
Es hat mich in späteren Jahren innerlich ergötzt, als ich in
Gesellschaft einen F. M. beteuern hörte, solche Dinge kämen
bei
ihnen gar nicht vor, es seien alberne Märchen... Auch folgende
Lebenserfahrung
mag interessieren. Ein Bruder von mir, ein guter, nicht sehr begabter,
aber tüchtiger Mensch, war fromm und mäßig konservativ,
wie es sich für einen kgl. Marineoffizier schickt — ein
zufriedenes,
kindliches Gemüt. Er wird Freimaurer. Nach zwei Jahren begegne ich
ihm wieder und finde einen vollkommen umgewandelten Mann: betritt nie
mehr
eine Kirche, glaubt weder an Gott noch Teufel, ist zur radikalen Partei
übergetreten usw. Und diesen gutmütigen Kerl finde ich nun im
Jahre 1900 als rasenden Deutschhasser wieder, der immer von Krieg, auf
Leben und Tod gegen Deutschland redet und jeden Menschen zu einem „Naval
Defence League“ anzuwerben trachtet. An einen Zusammenhang dachte
ich
freilich damals nicht. Es fiel mir nur auf, weil ich diesem aggressiven
Ton — trotz der damals schon eingesetzten Pressehetze — bei keinem
anderen
Mitglied meiner Familie begegnete.
Daß Herr
Roselius
gut gereift ist und Ersprießliches gewirkt hat, freut mich sehr.
Wie mußte ich an ihn denken, als jetzt die Nachricht von dem
großen
englischen Getreideankauf in Rumänien durch die Blätter ging!
Was meinen „Freund“
anbetrifft, so müssen Sie mich nicht für einen
Geheimniskrämer
halten; ich erachte es aber für korrekter und auch
ersprießlicher,
es ihm selber zu überlassen, ob er sich nennen will oder nicht.
(Diese
Bemerkung ist, nicht durch Sie veranlaßt; ich will nur etwaigen
verschwiegenen
Gedanken zuvorkommen.) Augenblicklich befinde ich mich, wie schon oft,
seit Wochen ohne jede Spur einer Nachricht; er reist viel, und ich
weiß
nicht, wo ich ihn mir zu denken habe. Dagegen ist begründete
Hoffnung,
daß ich ihm in der zweiten Hälfte Februar persönlich
begegne
— und das ist immer das Gescheiteste, denn jetzt im Kriege steht's
mißlich
um die Korrespondenz.
Wann ich nach Berlin
kommen kann, weiß ich nicht. Die Sache liegt ziemlich kompliziert.
Mit herzlichsten
Grüßen
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrte gnädige Freundin,
Daß mein
„Kant“
jetzt neu gesetzt wird, ist für mich nicht sehr günstig; ich
habe ja keine Zeit; ein gewissenhafter geübter Freund, Prof.
Gianicelli
hierselbst, besorgt die Durchsicht und referiert über zweifelhafte
Fälle und über gelegentliche Bemerkungen in meinem
Handexemplar
— aber er ist Kontrabassist, nicht Philosoph! und ich kann an eine
ordentliche
Revision gar nicht denken —‚ denn ich komme täglich tiefer in
stille
Kriegsarbeit hinein, abgesehen von literarischen Kriegsverpflichtungen.
Es fällt mir
ein, Sie zu fragen: ob Ihnen bei wiederholter Lektüre
D r u c k f e h l e r oder mögliche D e n
k f e h l e r oder U n k l a r h e i t e
n
oder stilistische Verstöße oder stille W ü
n s c h e vorgekommen sind? Wenn ja, würde ich bitten,
mir solche in völliger Unbefangenheit mitzuteilen. Am besten auf
besonderem
Bogen, den ich bei den Gianicelli-Konferenzen vorlegen und
durchsprechen
kann.
Es käme darauf
an, solche etwaige Mitteilungen bald zu bekommen, und zwar, da der
Druck
von vorn anfängt, zunächst für die ersten Vorträge;
dann eventuell später für die späteren.
Vielleicht verleide
ich Ihnen das Buch mit dieser Bitte? Dann lassen Sie die Sache nur
liegen.
Vielleicht aber freut es Sie bei Ihrer tatkräftigen Art, dem etwas
sehr bedrängten Freunde auf diese Weise ein wenig helfen zu
können.
Wir bekommen
Schilderungen
von unaussprechlich schönem Wetter im Süden; auch in den
Bayerischen
Alpen strahlende Sonne; hier ist Tag für Tag Nebelregen und
Regennebel
— an einem Abend erwischte ich schnell Venus, Jupiter und Saturn, Venus
als
,
Jupiter
mit merkwürdiger Mondstellung
und Saturn geheimnisvoll wie immer, mit schön offenem Ring, — und
warf noch einen sehnsuchstvollen Blick zu meinen geliebten Hyaden
hinauf, von denen ich immer das Gefühl habe — entweder komme ich
daher
oder ich gehe dahin.
Verehrungsvoll und
treu ergeben
H. St. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr Lehmann
Ihr Brief vom 5/2
hat mich innig erfreut; ich danke Ihnen bestens dafür. Wir
verstehen
uns vollkommen. Natürlich bin ich nicht so reich und genau
unterrichtet
wie Sie; und allen Klatsch der Menschen, die „mit einer
maßgebenden
Persönlichkeit“ oder mit einem „hervorragenden General“ befreundet
sein wollen, lasse ich an mir wie an einem Gummimantel
herabfließen...;
im Laufe des Krieges haben sich aber verschiedene gute Beziehungen
angeknüpft
— in verschiedenen Lebenskreisen —‚ die mich von der
Zeitungsabhängigkeit
erlöst und in einigermaßen nahe Berührung mit den
wirklichen
Vorgängen gebracht haben.
Die Geschichte meines
letzten Aufsatzes ist mir selber noch ganz schleierhaft. Ich war
wütend
auf die „Tägl. Rdsch.“, die wieder meinen Aufsatz „Des
Weltkriegs
letzte Phase“ mit dem Vermerk „Nachdruck verboten“ versehen hatte,
wo
ich
doch grundsätzlich keinen Pfennig Honorar annehme, und dafür
die Bedingung mir ausmache „Nachdruck gestattet“; einige Zeitungen
haben
sich ja wieder an mich gewandt und nachgedruckt, die meisten sind aber
abgeschreckt. So schickte ich diesen neuen Aufsatz ¹ (ein Monat
ist's
her) an rührige Freunde in Berlin, die genau in Ihrem Sinne
tätig
sind, und diese setzten sich mit der Korrespondenz Lammert in
Verbindung,
die 800 Zeitungen versieht: die Zensur und die Verhandlungen dauerten
Ewigkeiten,
schließlich erfuhr ich aber, mein Zweck sei erreicht, der Aufsatz
werde in ganz Deutschland am gleichen Tage in ich weiß nicht wie
vielen Zeitungen und 1 Million Exemplaren erscheinen. Dieser Tag sollte
Donnerstag 3/2 sein. Als ich das erfuhr, schickte ich eine Abschrift an
Hugo Bruckmann, damit er am 4/2 einen „Nachdruck“ bringen könne.
Die
Münchner Zensur arbeitete viel schneller, strich auch nicht die
Wendung,
die in Berlin beanstandet worden war, „hoffähig, aber nicht
deutschfähig“,
die „M. A.“ brachte pünktlich den Aufsatz... Was aber nicht
erschienen
war, das war die versprochene Million am 3/2! Ich wenigstens habe
nichts
davon gehört, und von verschiedenen Seiten schreibt man mir: bei
uns
ist nichts erschienen... Berlin schweigt sich aus... Da muß wohl
im letzten Augenblick etwas geschehen sein, denke ich. Höchst
wahrscheinlich
ist von der bekannten Stelle abgewunken worden. Und nun bin ich
dankbar,
daß wenigstens die „M. A.“ vor völligem Schiffbruch gerettet
hat — auch vor einer etwaigen verwässerten Fassung.
Auf „Des Weltkriegs
letzte Phase“, der eigentlich noch kühner war, hat S. M. mir extra
telegraphieren lassen, er habe den Aufsatz mit dem größten
Interesse
gelesen und lasse mir wärmstens danken. — In welchem Zusammenhang
dieser Aufsatz entstanden war, und wer mir dafür wie für eine
rettende Tat dankte, erzähle ich Ihnen später.
Selber meine
Aufsätze
an Personen, die ich nicht kenne, einzuschicken, geht mir sehr gegen
den
Strich. Doch besitze ich gute Verbindungen, und diese tun dann viel. So
war z. B. dieser letzte Aufsatz in die Hände des Generaladjutanten
des Kaisers gelangt, ehe ich ihn selber zu sehen bekam.
Aufsätze
verspreche
ich nie gern, weil es mir die Flügel bindet. Dagegen bin ich immer
dankbar für Anregungen. Leider ist mir Osteuropa terra
incognita
— bis auf Bosnien-Herzegowina.
An meinem guten
Willen
zweifeln Sie nicht; ich lebe ja nur, um der guten Sache zu dienen;
wäre
ich dazu unfähig, ich wäre vor Gram schon tot.
Herzlich und
verehrungsvoll
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Deutschlands
Kriegsziel.
Sehr verehrter Herr
Es drängt
mich,
auf Ihr soeben erhaltenes Schreiben vom 7/2 sofort einige Worte zu
erwidern.
Freilich, ja, ich
erhalte so viele Briefe, daß ich außerstande bin, sie alle
selbst zu beantworten, — manche gar zu alberne lasse ich von
freundlichen
Helfern lesen und erledigen. Aber Briefe wie der Ihrige gehören
doch
zu den seltenen; und — wenn auch der große Krieg mir gar manchen
prächtigen, auch rührenden Gruß eingebracht hat — sehr
vieles z. B. aus dem Felde, aber auch aus allen Kreisen, Gegenden... so
bleibt doch Ihr Brief in seiner Berücksichtigung des
persönlichen
Moments sehr einzig. Ihre Worte haben mich ergriffen, und ich danke
Ihnen
dafür — wenn das Wort „Dank“ hier einen Sinn hat.
Lob und Tadel
vertrage
ich beides gleich schlecht, und lese fast nie ein Wort, was über
mich
gedruckt wird, — und wenn auf Zureden ausnahmsweise doch, dann auf
Kosten
nachfolgender Reue und Entmutigung. Bei Ihnen habe ich das Gefühl
seltener Objektivität; selbst das, was vielleicht
überschwenglich
sein mag, verletzt mich nicht; Sie haben auch etwas von dem, was ich
„die
Sternenperspektive“ zu nennen pflege, an sich.
Im übrigen:
das Recht, die Dinge so zu Sehen, wie Sie sie sehen, kann Ihnen niemand
bestreiten. Solche Dinge liegen außerhalb des Rechthabens. Ich
pflege
sehr wenig über mich selbst nachzudenken; in einem gewissen Sinne
interessiert mich das „ich“ wenig; es ist auch nicht förderlich,
sich
die allseitigen Beschränkungen, welche Anlagen und Schicksal so
grausam
unerbittlich bedingen, gar zu deutlich zu vergegenwärtigen; ein
wenig
Unbewußtsein muß der Mensch als ein Heiliges sich
hüten
— ein ganz klein wenig von jener Existenz, die Einem vollendet vor den
Sinn tritt, wenn man eine „Meduse“ im Meere schwimmen sieht. — Mehr als
alles andere hat bei mir stets ein Gefühl der P f l i
c h t bestimmend mitgewirkt; ich entstamme einer
Soldatenfamilie
und gehorche instinktiv, ohne zu fragen. Diese Pflicht ist eine Pflicht
gegen Gott — ich meine, so fühle ich sie; losgelöst aus jenen
allen Menschen sonst natürlichen Banden, die auch ich gern und
treu
getragen hätte — Vaterland, Muttersprache, angestammtes Heim usw.
— fühle ich mich „gottunmittelbar“ (wie gewisse Adelsgeschlechter
früher reichsunmittelbar waren). Es ist dies manchmal kein
leichtes
Los; August 1914 hätte es mir leicht das Leben gekostet, und ich
trage
noch an der Nervenüberspannung, welche aus der Not entstand, die
Pflicht
klar zu erkennen und ihren Geboten zu folgen. Ich bin Ihnen namentlich
dafür dankbar, daß Sie diesen Punkt so feinsinnig und genau
richtig erfaßt haben. Hätte ich anders gehandelt, als ich es
tat, mein ganzes Lebenswerk wäre von innen aus vernichtet
gewesen...
und das besagt einfach: ich konnte nicht anders.
Für heute nur
noch einen Händedruck und die Hoffnung, Sie einmal persönlich
kennen zu lernen.
In dankbarer
Hochachtung
Houston S. Chamberlain.
Nur ein Wort des
Dankes,
hochverehrte Freundin! — Aus etwas niedergeschlagener
„äußerer“
Verfassung. Da meine gute Frau seit bald zehn Tagen an einer
hartnäckigen
Angina mit Fieber liegt — oder sich herumwankend schleppt — was einem
nicht
gerade Sorge macht und doch lastet, denn sie ist doch Achse und auch
Sonne
unseres ganzen kleinen „Wahnkosmos“. Ich selber leide an allen
Schmerzen,
die nur ein geistiger Schützengraben erzeugen kann, und ersticke
unter
Besuchen, Briefen, Anfragen, Druckschriften usw. usw. Bisweilen
lasse
ich alles liegen, verriegle die Türe und lege mich hin mit Pascals
„Pensées“ oder sonst mit einem vernünftigen „unpolitischen“
Buche und erhole die Seele.
Die Verbreitung von
„Deutschlands
Kriegsziel“ wächst täglich. Die „Tägliche
Rundschau“ brachte den Aufsatz, jetzt Tag für Tag andere
Blätter,
bis nach Hermannstadt hinunter. Freilich streichen manche den
Schluß
— oder er wird dann gestrichen. Professor Schäfer macht eine
Ausgabe
für alle Mitglieder seiner nach Tausenden zählenden
vaterländischen
Vereinigung. Stalling — der Militärverleger, macht eine
Schützengrabenausgabe
für wenige Pfennige. Und ich habe gestern meine Einleitung „Hammer
oder Amboß“ nach München abgeschickt zu der neuen
Flugschrift.
— So ganz ist es also den Berlinern doch nicht geglückt, meine
Stimme
zu unterdrücken.
Für die
Fremdwortjagd
bin ich Ihnen a u ß e r o r d e n t l i c
h
dankbar, wenngleich die Sache manchmal sehr schwer ist, ja
s e h r; oft auch will ich nicht eine feine Schattierung
opfern,
und glaube mich da auf Goethe und Jakob Grimm berufen zu dürfen.
Ein
Beispiel:
K o n t r ä r e r G e g e n s a t z ist
ein
d e u t s c h e r technischer Ausdruck aller Schullogik;
man
unterscheidet „konträren Gegensatz“ und „kontradiktorischen
Gegensatz“,
das sind zwei verschiedene Begriffe. Einen technischen Ausdruck kann
eigentlich
nur ein Techniker ändern; ich bin dazu nicht befugt. Gebrauche ich
aber den technischen Ausdruck nicht, so muß ich einen langen Sums
machen; weil eben ein solches Wort „konträrer Gegensatz“ für
jeden Wissenden vieles sagt und vieles ausschließt. —
„Erkühnen“
ohne reflex. „sich“ kommt in älteren Sprachen öfters vor, Sie
können sich in Grimm überzeugen; freilich jetzt kaum mehr —
was
aber schade ist, eine Verarmung. Ich meine, wenn man's nicht
übertreibt
und nicht absichtlich solche Dinge künstelt, vielmehr nur dort
verwendet,
wo sie von selbst sich einstellen, kann man sie nicht verurteilen.
Nicht
wahr?
„Stupid“ ist für
mich etwas anderes als „dumm“, und stupid auf deutsch ganz und gar
anders
als das englische „stupid“, näher dem französischen stupide,
und ganz etwas anderes ist das lateinische stupidus, was
eigentlich
erschrocken, verdutzt bedeutet. Aber freilich, ein guter Schriftsteller
soll nur diejenige Ausdrucksschattierung gebrauchen, die seine Leser
mitfühlen.
Herzlich dankbar
und ergeben
Houston Stewart Chamberlain.
10-11
An
Frau Gräfin Sponeck geb. von Oettingen
Gnädigste Frau Gräfin,
Für Ihre so
lebendigen
warmen Worte spreche ich Ihnen den herzlichsten ergebensten Dank aus.
Meine
Schriften haben mir Freunde und auch ein vielfaches Heer von Feinden
geschaffen,
und da letztere nicht schweigen, ist es dankenswert, wenn erstere nicht
aus taktvoller Schüchternheit schweigen; ich empfinde es immer als
Wohltat. — Nur eilig kann ich leider Fragen beantworten, zu deren
Erörterung
Jahre kaum hinreichen würden, da Worte hier nicht hinlangen.
Das Dasein des
Menschen
als moralisches Wesen ist ein Geheimnis; es ergründen zu wollen,
halte
ich für widersinnig. Von Kindheit an habe ich das Gefühl
gehabt,
ich stünde — gleichsam — auf Gottes Handteller und brauchte mich
darum
nicht zu fürchten, auch nicht vor mir selber, denn wo und wie und
wann ich auch strauchle und falle, Gottes Hand hält mich. Fragen
Sie
mich aber, was Gott ist — so kann ich Ihnen nur mit dem indischen
Weisen
antworten: „Neti neti“, er ist nicht so und er ist nicht so,
oder
mit Wagners Gurnemanz „Das sagt sich nicht! Doch bist du selbst zu ihm
erkoren, bleibt dir die Kunde unverloren.“
Darum sagt es mir
nicht sehr viel, wenn behauptet wird: Christus ist Gott; ich halte die
Aussage für richtig, aber nicht fruchtbar; wohingegen die
Einsicht:
Gott ist Christus einen Strom von Licht ausgießt — denn nun wird
auf einmal „Gott“, dieser unfaßbare Begriff, mir nahegerückt.
An einen
Fort s c h r i t t der Menschheit glaube ich nicht, d. h.
nicht,
sobald ich versuche, mich dem Standpunkt einer absoluten Betrachtung
(also
etwa Gottes) zu nähern; was sollte z. B. „Fortschritt“ für
Jesus
Christus bedeuten? Wohl aber glaube ich an ein Fort s c h r e i t e
n
und an ein Rück s c h r e i t e n.
Niemals habe ich
etwas Erträgliches über Schiller gelesen.
In dankbarer Verehrung
ganz ergebenst
Houston S. Chamberlain.
Sehr verehrter Herr
Für Ihren freundlichen Brief vom 9/4 mit sehr interessanten Beilagen danke ich Ihnen verbindlichst. Mein Büchlein „Politische Ideale“ hat sich erstaunlich viele Freunde gewonnen, trotzdem kaum irgendeine größere Zeitung es überhaupt erwähnt hat. Daß Sie „vermitteln“, finde ich richtig und notwendig; ich täte es in der Praxis auch; es ist merkwürdig, wieviel durch Verschiebungen ohne Verfassungsänderungen erreicht werden kann; zu der neuen Gewohnheit tritt dann die neue Einsicht — und das Unzulängliche ist abgetan. Natürlich kann das nicht in einem Tage geschehen. Ich rechne aber darauf, daß die Notwendigkeit — um nicht zu sagen die Not — Deutschland recht bald dazu zwingen wird, sich praktischer zu regieren. Geht die Absurdität ans Leben (und für die demonstratio sorgen die Herren Liebknecht und Genossen in dankenswerter Weise), so ist es inmitten der Todesgefahren nicht anders möglich, als daß Änderungen, die sonst vielleicht ein Jahrhundert erfordern würden, aus dem Stegreif durchgeführt werden... Es bleibt dabei nur zu hoffen, daß wir nicht dann aus dem Regen in die Traufe kommen — und die Millionäre das Heft ergreifen. Dem muß eben beizeiten vorgebeugt werden.
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter und werter Herr Lehmann
Dringende,
unaufschiebbare
Arbeiten verhinderten eine frühere Beantwortung Ihres guten
Briefes
vom 14/4; auch heute — wo sich viel angehäuft hat — kann ich nur
kurz
erwidern.
Die von Herrn
Syndikus
Kühn angeregte Zeitschrift scheint in der Luft zu liegen, — denn
mir
ist Ähnliches im Laufe der letzten Monate von verschiedenen Seiten
zu Gehör gekommen. Auch die Umwandlung des „Kunstwart“ z. B.
deutet
in dieselbe Richtung. Und ist nicht Erdmanns „Der allgemeine
Beobachter“
(Hamburg) der Tendenz nach sehr verwandt? Daß da etwas zu tun ist
und daß etwas geschehen wird, scheint mir darum sicher. Es kommt
alles auf das Wie an und auf das Wer.
Wie ich Herrn Dr.
Kühn schon sagte: auf der ganzen Welt lebt wohl kein Mensch, der
sich
weniger auf Zeitungen, Zeitschriften — überhaupt periodische
Publikationen
versteht als ich. Es liegt gänzlich außerhalb meiner
Fähigkeiten.
Nicht daß ich den ungeheuren Einfluß gerade dieses Zweiges
der Literatur in unserer Zeit verkenne; ich selber stehe aber in dieser
Beziehung außerhalb der Zeit und habe es noch nie fertig
gebracht,
mich für irgendeine Zeitschrift wirklich zu interessieren. Ich
halte
manche aus Gesinnungsgründen, lese sie aber fast nie, und wenn
einmal,
dann tut mir's leid um die Zeit. Meine ganze Art, zu arbeiten und zu
denken,
weist mich andere Wege. Darum würde ich auch niemals eine
Verpflichtung
eingehen, die mir unabweisbare Erledigungen dieser Art auflegte —
niemals.
Ich bin auch zu alt und zu wenig leistungsfähig dazu. Hiermit soll
aber nicht gesagt sein, daß ich nicht tatkräftiges
Interesse,
Rat, Förderung usw. einem derartigen Unternehmen zu widmen bereit
wäre. Allerdings unter der Bedingung, daß es praktisch gut
fundiert
wäre.
Kiesers „Bühne
und Welt“ scheint sehr ähnliche Ziele zu verfolgen —‚ ist mir aber
zu ästhetisch gerichtet. Gewiß gehört dies auch dazu,
doch
was wir brauchen, ist ein Führer auf völkischem, praktischem,
staatswissenschaftlichem Gebiet — wobei dann die deutsche Kunst
natürlich
gebührende Beachtung erfährt. Doch, daß es gelingen
sollte,
von der Bühne aus das öffentliche Leben umzugestalten — das
glaube
ich nimmermehr. Wo ein Feuergeist wie Richard Wagner nichts vermocht
hat,
da bemühen sich kleinere Geister ganz umsonst. Politisch,
wirtschaftlich
und wissenschaftlich (namentlich medizinisch) müßte die
Sache
in Angriff genommen werden; nur tatkräftige Menschen dürfen
das
Wort ergreifen, keine Schwärmer. Nicht vulgärer
Antisemitismus,
dafür aber um so strengerer A-semitismus, der den Materialismus
und
den „Geldsackismus“ unter jeder Maske und jeder Konfession schonungslos
angreift... Ich gestehe, ich habe mit Teilnahme den Bericht des „1.
Kongresses
für Biologische Hygiene in Hamburg 1912“ (Erdmann 1913) gelesen,
mit
dem Vorschlag des Deutschen Volksrates“ usw.; es waren da einige ganz
tüchtige
Männer versammelt. Und dennoch beobachte ich — was sie selber,
soweit
ich sehe, gar nicht beobachtet haben —‚ daß zwei ganz
verschiedene,
notwendig auseinanderstrebende Tendenzen sich selbst in jenem engeren
Kreise
zeigten: indem die um Driesmans eigentlich nur die Aufbesserung der
Rasse
durch sogenannte „Eugenik“ im Sinne hatten (was jedenfalls zu wenig),
während
andere alles nur „von innen heraus“ angefaßt wissen wollten und
von
dem Volksrat hauptsächlich platonische „Urteile“ über alle
möglichen
Fragen erwarteten. Da trete ich lieber dem ersten besten Reederverein
bei,
der etwas Positives zu schaffen im Sinne hat.
Mir scheint die
Persönlichkeit
des Herausgebers einer solchen Zeitschrift von allentscheidender
Wichtigkeit.
Würde sich nicht Franz Köhler dazu eignen?
Ich behalte mir vor,
Ihnen wieder zu schreiben, wenn mein Tisch von der harrenden Brieflast
ein wenig gesäubert sein wird. Ob ich fähig bin, das Programm
zu einem solchen Unternehmen zu entwerfen, weiß ich nicht; ich
bezweifle
es; aber es interessiert mich sehr, sobald ich glauben darf, daß
es deutsch-praktisch-ideal-rücksichtslos zugeben soll. Ich habe im
Laufe des Krieges wundervolle Erfahrungen mit echt deutschen
Großkaufleuten
gemacht; ich meine, für dieses Blatt müßte man solche
Kreise
gewinnen. Nichts wäre schrecklicher, als wieder bloße
Professorenweisheit
— wenngleich ich diese und ihre Träger (sobald es echte Deutsche
sind)
hochzuschätzen und zu verehren weiß.
Für heute nur
noch Gruß und Handschlag
Ihres ergebensten
Houston S. Chamberlain.
14-15
An
Vizefeldwebel Brachmann
Sehr geehrter Herr Brachmann
Mit großer
Teilnahme
haben ich und andere Ihren Brief vom 20/4 gelesen. Solche Worte, eine
solche
Auffassung tun wohl; man hört sie nicht immer — namentlich nicht
von
denen, die zu weit von der Front sind, und darum weder die
Unmittelbarkeit
des Opfers, noch seine heiligende Wirkung verspüren... Lassen Sie
uns wieder über Ihre äußeren und inneren Erlebnisse ein
Wort zukommen.
Ihre Frage ist schwer
zu beantworten: es mischt sich soviel Subjektives hinein.
Mir persönlich
entspräche es, bei Plato: 1. das Gastmahl mehrmals bis zur
Durchdringung
des Gedankenstils zu studieren, 2. dann vielleicht Phaidros, Philebos,
Sophist, Theaitetos, Kratylos in dieser Reihenfolge zweimal
durchzulesen,
3. schließlich die philosophisch wichtigen Stellen aus dem Staat
auszusuchen. Was dann bleibt, nach Belieben oder gar nicht.
Kant: auf alle
Fälle
mit den Prolegomena beginnen und genügend dabei verharren — dies
gestattet,
die schwere „reine Vernunft“ bis auf später zu verschieben. Dann:
De
mundi sensibilis etc. (Dissertation), Träume eines
Geistersehers.
Über Philosophie überhaupt, über den Gebrauch
teleologischer
Prinzipien, Kritik der Urteilskraft, Kritik der praktischen Vernunft,
Metaphysik
der Sitten (letztere vielleicht besser in umgekehrter Ordnung),
Religion
innerhalb der Grenzen, Kritik der reinen Vernunft... Aber ich
müßte
Sie kennen, um zu beurteilen, ob diese Folge für Ihren Geist
paßt.
Houston S. Chamberlain.
Eure Hoheit
werden schon längst beobachtet
haben,
daß eine echte Korrespondenz in sich das Prinzip ihrer
Unerschöpflichkeit
trägt. Ich kann unmöglich das jetzt früh empfangene
Schreiben
von vorgestern unbeantwortet lassen. Bitte nehmen Sie meinen
Herzensdank
und lassen Sie mich Ihnen stumm und ehrerbietig die gereichte Hand
drücken.
Ich hatte im Leben
sehr wenige wahre Freunde, — und diese mußten alle mit mir Geduld
haben wegen meiner großen Leidenschaftlichkeit, Geduld und
Nachsicht.
Menschliche Fehler pflegen aber — wenn sie echte Naturfehler sind —
unter
der Oberfläche entschädigende Eigenschaften zu bergen. Wenn's
bei mir vorbei ist, ist's radikal vorbei; ich bin nicht launenhaft. Und
so soll von mir aus hinfürder Herr von B. H. ¹ ruhig leben
und
walten — ich, will nicht noch mehr Lebensmark hingeben für eine
Sache,
an der ich doch unfähig bin etwas zu ändern. Wie eine
Zauberwolke
soll mich mohammedanischer Fatalismus umgeben. Daß Gott
Deutschland
in dieser Krisis ganz verläßt, das kann ich nicht glauben.
Vielleicht
aber gehen wir großen Prüfungen entgegen, — vielleicht einer
Erneuerung des 30jährigen Krieges auf erweiterter Grundlage... und
vielleicht wird langes Elend, langer Vernichtungskampf das viele
Böse
und Verachtungswürdige in uns ausrotten und ein Geschlecht starker
Männer à la Hindenburg züchten — das wäre
ja eine unaussprechliche Wonne, wert, teuer erkauft zu werden. Und so
wollen
wir uns stärken und fassen und die Augen nach oben richten und
unser
Bestes tun, um innerlich allen Ansprüchen gewachsen zu sein.
Daß die
Gesellschaft
zur Förderung des Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft
am 10. Mai ihr tausendstes Mitglied einschreiben konnte, hat mich mehr
erfreut, als ich sagen kann; es handelt sich um eine so wichtige Sache.
Jetzt heißt es, bis zum Herbst das zweite Tausend vollkriegen.
Und
inzwischen ist an der Universität Königsberg ein ähnlich
konzipiertes Institut „für ostdeutsche Wirtschaft“ entstanden. Das
sind die Dinge, wo die Deutschen Meister sind — nur käme es darauf
an, das Interesse immer weiterer Kreise auf sie zu lenken, damit diese
Institute — die zwar staatlich sind, aber vom Staate nicht entfernt
genügend
dotiert werden können — über die großen Mittel
verfügen,
die sie benötigen, wenn sie einem Aufblühen deutscher
Wirtschaft
im vollen Maße sollen dienen können. Professor A. Hesse —
der
Direktor des neuen Instituts — hat mir einen sehr sympathischen Brief
geschrieben,
in welchem er mich um meine publizistische Unterstützung bittet —
wozu es aber vorderhand schwerlich kommen wird, da ich nicht vorhabe,
Aufsätze
zu schreiben.
Ich bin fleißig
am Monde tätig — und wenn's auch nur am Schreibtisch sein kann;
ich
denke daran, Bruckmann zu einer neuen, für uns Laien brauchbareren
Karte nach meinen Angaben anzuregen! Nun, mein fürstlicher Freund,
was meinen Sie dazu? Bin ich nicht über Nacht ein sehr
vernünftiger
Mensch geworden?
Übrigens hatte
ich vorgestern einen interessanten Besuch — direkt aus Hodiaumont vor
Verdun.
Mein armer Freund, Hauptmann und hiesiger Bankdirektor, [...]
sagte, sie alle, die ununterbrochen seit Wochen im französischen
Feuer
liegen, werden „kriegsblöde“, können überhaupt nicht
mehr
denken... Trotzdem war er guter Dinge und glaubt an den Fall von
Verdun gegen Ende Juli. Hiermit würde die eigentliche
Stoßkraft
der französischen Armee, meint er, vernichtet sein. Dann schnell
Riga
einnehmen und — der Friede!
Ich gebe Ihnen diese
Stimme aus der Front wieder: sie wird Sie auf alle Fälle
interessieren.
[...]
Ein recht
interessantes
Blatt lege ich für den Papierkorb bei. Wenn Grey schon von
Frieden
spricht — wo Curzon neulich sagte, das Wort sei aus dem englischen
Lexikon
ausgelöscht — so könnte man schon daran glauben. Gott, wird
das
ein Aufatmen geben — wenngleich man wohl auf Jahre hinaus den hominibus
bonae voluntatis kaum begegnen wird.
In Ehrerbietung treu
ergeben
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Reichskanzler Bethmann-Hollweg.

Die Handschrift Houston
Stewart Chamberlains
“...der Mensch, der
durch
die
verwickeltsten
Verhältnisse
mit
kühner Einfalt
und ruhiger
Unschuld geht und
weder nöthig
hat, fremde Freiheit zu
kränken,
um die seinige zu
behaupten,
noch seine Würde
wegzuwerfen,
um Anmuth zu zeigen.“
(Schiller)
Für Ihren
lieben
Brief sage ich Ihnen Dank; alles, was von Ihnen kommt, berührt
mich
immer sympathisch; es ist aufrecht und echt und verehrungswürdig.
Lassen Sie mich aber auch meinerseits ebenso aufrichtig sein. Ihre
Worte
— an sich so harmlos und vernünftig, auch nichts Unerschwingliches
von mir fordernd — wirkten dennoch auf mich wie das plötzliche
Gewahrwerden
einer Gefahr, die mir bekannt war, die ich aber versucht hatte, mir
auszureden.
Ich war im Begriff gewesen, einen Schritt zu tun, der für meine so
zart empfindliche Schaffensfreude tödlich hätte wirken
können;
ich ziehe den Fuß rechtzeitig zurück.
Glauben Sie nicht,
daß ich für den Wert gemeinsamer Arbeit blind bin, und
daß
ich nicht verstehe, in welchem Maße bei jeder solchen
Solidarität
ein gegenseitiges Fügen, ein Geben und Nehmen — namentlich ein
Nachgeben
— erforderlich ist; l'union fait la force; aber l'union
setzt
Disziplin voraus. Das beginnt in der Familie, zwischen Mann und Frau,
die
gegenseitig nicht bloß Nachsicht, sondern auch Aufopferung
üben
müssen, und setzt sich im Leben fort, bei jedem
Geschäftsunternehmen,
bei aller Politik, bei Religions- und Kirchengründungen,
allüberall.
Auch ich bin's im Leben gewohnt und bilde mir ein, zu den
nachgiebigsten
Menschen zu gehören. Dies hört aber bei mir plötzlich
und
gänzlich auf dort, wo mein schriftstellerisches Schaffen beginnt.
Ich will Sie nicht mit umständlichen Bekenntnissen
belästigen;
nur soviel will ich sagen: mein Schreiben ist ein äußerst
zarter
Vorgang, aus dunklen Seelentiefen geboren, und nur unter großen
Schwierigkeiten
bis ans Licht gehoben. Es ist für mich zugleich Wonne und Qual.
Und
das Geringste — ein Nichts — genügt, um es völlig brach zu
legen.
Ich habe hiervon dutzendmal die Erfahrung gemacht. Dann bin ich stumm
wie
ein Stein; jede Schaffenslust erstirbt; kein Willensgebot vermag es,
einen
Gedanken mehr in mein Hirn, ein Wort in meine Feder zu zwingen. Ich
existiere
einfach nicht mehr — oder wenigstens nicht mehr als Gestalter von
Gedanken
und Erwecker von Gefühlen.
Sie finden
vielleicht,
daß ich mich wichtig mache? Ich meine es aber schlicht und nicht
unbescheiden. Ich bin frei aufgewachsen, und mein Geist ist so
unbändig
frei, daß die geringste Fessel ihn völlig lahm legt. Wohl
bin
ich bereit, der äußeren Disziplin mich zu beugen; doch die
innere
Disziplin bedeutet für mich ganz und gar Schweigen. Und ich bin
viel
zu alt und versteift, um hier umzulernen. Es kommt ja dazu mein
besonderes
Schicksal, das mich von jung auf aus allen natürlichen Banden
losgelöst
hat. Hieraus erwächst meine Kraft und auch meine Schwäche,
kurz
meine Besonderheit mit ihren Grenzen. Ich kann auch die Fehler, die ich
deutlich erkenne, nicht vermeiden, kann mir selber keine Gesetze geben,
sondern muß mich der höheren zwingenden Logik meiner
Persönlichkeit
fügen.
Darum fasse ich es
als eine göttliche Fügung auf, daß ich, als ich zu
schreiben
begann, in tüchtige, redliche Hände geriet, die rein
geschäftlichen
Interessen nachgingen und mich somit v o l l k o m m e
n
frei und ungebunden lassen konnten, um so mehr, als irgendeine
„Richtung“
des Verlags nicht vorlag. Ich bin da Herr — Herr, meine ich, über
meine Sachen; niemand hat mir je hineingeredet; niemand sich je vor
irgend
etwas gescheut. Das ist das einzige Element für das
Unbändige,
was sich bei mir hinter der friedlichen Oberfläche birgt, das
einige,
in welchem ich gedeihen kann. So bescheiden mein Wirken auch sein mag,
es ist doch ein Wirken. Es wäre — das meinen gewiß auch Sie
— schade, es zu zerstören; lassen wir es weiter den eigenen Weg
gehen.
Noch nie, glaube ich, hat mich in entscheidenden Fragen der Instinkt
getäuscht;
und mein Instinkt sagt mir: ich werde mit anderen, am selben Strange
eingespannt,
nicht ziehen können.
Dazu kommt der
Gesundheitszustand.
Seit ich zuletzt schrieb, hat sich zu dem übrigen ein Herzzustand
entwickelt, der vielleicht auf ein Umsichgreifen der nervösen
Störungen
zurückgeht und vielleicht — wie frühere nervöse Leiden —
zu heben sein wird. Vorläufig bin ich aber in allem behindert und
bezweifle sehr, ob ich imstande sein würde, an einer Konferenz
teilzunehmen
—
denn eine sehr geringe Ermüdung und namentlich die geringste
Erregung
werfen mich ganz nieder. Die Ärzte ermahnen zu völliger Ruhe.
Zu allen Zeiten hat
es Apostel gegeben, die einsam auf einem Patmos ihr Bestes leisteten.
In aufrichtiger
Hochschätzung
treu ergeben
H. S. Chamberlain.
21
An
Vize-Admiral von Seckendorff
Euere Exzellenz
haben mir mit den so warmen und
gütigen
Zeilen vom 16. d. M. die allergrößte Freude gemacht, ja,
mehr
als Freude: solche Worte aus solchem Munde sind beglückender Lohn.
Zugleich erhalte ich von vielen Seiten zwar weniger gewichtige, aber
kaum
weniger herzliche und begeisterte Zustimmungskundgebungen. Und so kann
man denn doch hoffen — wenn auch nicht in dem Sinne zu nutzen, in dem
man
so gerne es tun würde, doch wenigstens manchen besorgten Herzen
ein
wenig Trost und Kraft zu spenden.
Für mich wird
dieser Aufsatz ¹ wohl unter meinen Kriegsaufsätzen der
Schwanengesang
sein. Der angegriffene Zustand, in dem Sie mich schon im Frühjahr
antrafen, hat sich nicht unbedeutend verschlimmert, und Schweninger
—
der
große Lebensspender — der Mann, der sonst nur ermutigt und
antreibt,
hat mir die völlige Enthaltung von aller Arbeit auf wenigstens
drei
Monate streng zur Pflicht gemacht. Es ist hart in einem Augenblick, wo
man so gerne dienen würde. So bereitete ich z. B. ein Buch „Der
deutsche
Staat“ vor, das muß nun alles liegen bleiben. Auch diese Zeilen
mußte
ich diktieren.
Darf ich bitten,
Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin verehrungsvoll empfohlen zu werden.
Und
bitte, empfangen Sie selber die Versicherung meiner treuesten und
ehrerbietigsten
Ergebenheit.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Ideal
und Macht.
Hochgeehrter Herr Konrektor!
Daß Sie
meiner
freundlichst gedachten, hat mich aufrichtig gefreut. Die Erinnerung an
unsere kurze Begegnung vor einigen Monaten steht mir lebhaft vor dem
Sinn.
Mit wahrem Interesse
habe ich Ihre Schrift gelesen, da natürlich die Frage der modernen
Sprachen gerade mir eine sehr wichtige erscheint. Zwar habe ich weniger
Schulerfahrung als ein anderer, doch besitze ich die nicht sehr
häufige
Erfahrung der leidenschaftlichen Aneignung einer fremden Sprache und
insoferne
kann ich auch mitreden.
Die Redensart von
der „Beherrschung“ fremder Sprachen und gar erst durch Schüler
empört
mich und macht mich zugleich lachen. Wie viele Menschen gibt es
überhaupt,
die eine zweite Sprache wirklich beherrschen? Es heißt doch der
Schule
ein unmögliches Ziel setzen. Aus vollster Überzeugung stimme
ich Ihnen hier bei: man soll den Knaben nur ja nicht einbilden,
daß
sie eine Sprache beherrschen — ganz im Gegenteil, sie empfinden lassen,
welcher weite Weg bis dahin noch zurückzulegen wäre. — Auch
in
der Übersetzungsfrage denke ich genau wie Sie. Es käme darauf
an, die fremde Sprache wirklich in ihren Feinheiten nachzuempfinden, so
daß der Geist das Originelle des anderen Geistes mit einiger
Genauigkeit
zu schätzen und sich daran zu bereichern wüßte; wogegen
es völlig unnütz ist, sich selber in einer fremden Sprache
ausdrücken
zu wollen, was nur den Wenigsten, und zwar auf Grund ganz anderer
Studien
gelingen kann. So bescheiden der Deutsche auch zu sein pflegt, ich habe
mich doch manchmal sehr gewundert über die Illusionen, die er sich
machte im Bezug auf seine Kenntnis fremder Sprachen. Ein
Französisch
kann absolut korrekt sein und dabei gänzlich unfranzösich,
weil
jeder einzelne Fall von Gewohnheiten und Schicklichkeitsregeln
abhängt,
die eigentlich gar nicht auszulernen sind.
Ihre Erwähnung
auf Seite 12 betr. die Leitartikel der „Times“, die ein Obersekundaner
verstehen soll, hat mich daran erinnert, daß mein Freund
Professor
Otto Kuntze, der Englisch in Prima lehrte, mir einmal sagte, er lese
fast
nie einen Leitartikel der „Times“, ohne Präpositionalwendungen
anzutreffen,
die ihm noch unbekannt seien!
Mit recht herzlicher
Begrüßung verbleibe ich in aller Hochachtung Ihr
sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr!
Haben Sie Dank
für
Ihre freundlichen Zeilen. Von verschiedenen Seiten werde ich auf den
betreffenden
Aufsatz (in der „Frankfurter Zeitung“) aufmerksam gemacht, ich kenne
ihn
aber nicht und brauche ihn auch nicht zu kennen. Die Feindschaft
zwischen
uns ist eine alte, jedes meiner Bücher haben sie verrissen.
Kürzlich
kam noch dazu, daß sie einen gegen Nachdruck geschützten
Aufsatz
von mir stahlen, was meinen Rechtsfreund veranlaßte, ihnen 500
Mark
zugunsten des Roten Kreuzes abzuzapfen.
Mit nochmaligem Dank
und Gruß
Ihr sehr ergebener
H. S. Chamberlain.
23-24
An Pfarrer Karl Schneider
Sehr verehrter Herr Pfarrer!
Für Ihre
lieben
temperamentvollen Zeilen danke ich Ihnen herzlichst. Den von Ihnen
bezeichneten
Schimpfaufsatz kenne ich nicht, wenn ich auch von verschiedenen Seiten
darauf aufmerksam gemacht worden bin. So etwas macht mir nicht den
geringsten
Eindruck. Um weh zu tun, muß ein Schuh drücken, was hier
nicht
der Fall ist. Hätte ich, nachdem ich alle Kräfte meines
Lebens
dem Deutschtum gewidmet hatte, ich will nicht sagen gegen Deutschland
Partei
ergriffen, sondern auch nur geschwiegen und mich hübsch vorsichtig
beiseite gehalten, — ja, dann wäre ich ein Renegat gewesen und ein
Verräter an der eigenen Seele. Wenn ich nun aber wirklich einige
Zeit
lang wohl werde schweigen müssen, so geschieht das nicht der
„Frankfurter
Zeitung“ zuliebe, sondern lediglich, weil ein durch die Vorgänge
der
letzten Jahre herbeigeführtes nervöses Leiden jetzt auch das
Herz befallen hat, weswegen selbst der ewig aufmunternde Lebensgeist
Schweninger
mir eine dreimonatige absolute Pause zur Pflicht gemacht hat.
Von dem
„Nationalausschuß“
glaube ich, daß es ein totgeborenes Kind ist.
Mit nochmaligem Danke
und verehrungsvollem Händedruck
Ihr ergebenster
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr!
Zeilen wie die
Ihrigen
vom 22. d. M. sind zugleich Freude, Lohn und Ermutigung. Vor allem hat
es mich gefreut, daß Sie es sich nicht verdrießen lassen,
die
genannten Bücher mehrmals durchzustudieren. Oftmals, während
ich den „Kant“ schrieb, überkam mich das niederdrückende
Gefühl,
daß kein Mensch die Bedeutung dieser Ausführungen wahrhaft
schätzen
könne bei einem ersten Lesen; und wie sollte ich erwarten,
daß
man ein so umfangreiches Werk mehr als höchstens einmal lese?
Dieser
Umstand hat auch tatsächlich in den ersten Jahren schwer auf dem
Werke
gelastet; es wurde öffentlich von Menschen beurteilt und
verurteilt,
die kaum hineingeguckt hatten. Nach und nach hat sich aber eine ganze
Gemeinde
von freundlich nachsichtigen, auf meine Absichten eingehenden Lesern
gebildet,
und ich kenne heute die Namen von Dutzenden von Menschen, die das Buch
mindestens dreimal gelesen haben. Namentlich das 4. Kapitel „Bruno“ pflegt
dann in eine ganz andere Perspektive zu rücken: ich hätte
gerne
erfahren, ob das auch bei Ihnen der Fall war. Ein geistreicher Freund
nannte
diesen Vortrag den Versuch „einer Biologie der Philosophie“.
Ja, ich glaube schon,
daß die Kenntnis meines „Goethebuches“ Ihnen für Kant
nützlich
sein wird. Freilich ist gerade mein „Goethe“ das esoterischste aller
meiner
Bücher, doch wird Ihnen der Gegenstand so vertraut sein, daß
Sie auf keine wesentlichen Schwierigkeiten stoßen werden.
Eine Erkrankung
zwingt
mich, zum Diktat zu greifen, und vielleicht habe ich mich nicht so
deutlich
und zusammenhängend ausgedrückt, als ich es auf Ihren Brief
gerne
getan hätte. Dies wollen Sie entschuldigen.
Ich verbleibe mit
bestem Gruße
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr General!
Es war mir eine
große
Freude, Ihren Namen auf einem Kuvert zu erblicken, und eine wahre
Genugtuung,
aus dem Inhalt Ihres Briefes zu entnehmen, daß Sie meinen letzten
Aufsatz ¹ gut und zweckmäßig finden.
In Beantwortung Ihrer
Frage und Anregung teile ich folgendes vertraulich mit. Von Anfang des
Krieges an habe ich mich geweigert, für diese Aufsätze
irgendein
Honorar anzunehmen, und mir dafür das Recht ausgemacht, sie in
allen
Zeitungen nach Belieben nachdrucken zu lassen. Wiederholt habe ich
gebeten,
das dumme „Nachdruck verboten“ fortzulassen und dafür zu setzen
„Nachdruck
erwünscht“: es war nicht zu erreichen. Jeder Zeitung, die mich
darum
bat, habe ich sofort telegraphisch die Nachdruckserlaubnis erteilt —
und
es haben auch eine ganze Anzahl bei früheren Aufsätzen davon
Gebrauch gemacht.
Um nun eine bedeutend
größere Verbreitung zu erzielen, hatte ich meinen Aufsatz
„Deutschlands
Kriegsziel“ vaterländisch gesinnten Freunden in Berlin
geschickt
mit
der Bitte, sich mit einer Agentur in Verbindung zu setzen. Dies
geschah;
und da ich kein Honorar verlangte, konnte die betreffende Agentur ein
sehr
großes Geschäft machen. In der Tat, sie richtete alles ein,
und an einem bestimmten Tage sollte in mehr als 200 Zeitungen der
Aufsatz
gleichzeitig erscheinen, bei einer Gesamtauflage von mehr als einer
Million
Exemplaren. Im allerletzten Augenblick trat etwas dazwischen, und die
Agentur
zog den Aufsatz zurück. Von welcher Stelle aus die Agentur so
stark
beeinflußt wurde, daß sie auf einen bedeutenden Gewinn
verzichtete,
habe ich nie genau erfahren können.
So viel weiß
ich nur, daß sie der Regierung nahe stand.
Sie begreifen,
daß
ich diese Bemühungen aufgab, denn gegen derartige Einflüsse
kann
ich Privatmann nicht aufkommen.
Wie die
früheren,
so wird auch der jetzige Aufsatz in den nächsten Tagen als
Flugschrift
erscheinen zu einem billigen Preise; und nach wie vor dürfen
Zeitungen,
die es wünschen, ihn nachdrucken, kostenlos.
Was Sie mir über
die „Politischen
Ideale“ erzählen und über die
antiparlamentarische
Äußerung der sozialistischen Wochenschrift hat mich — wie
Sie
voraussetzen — ungemein interessiert, und ich habe mir davon Notiz
genommen.
Leider bin ich von einem Nervenleiden befallen, welches es mir
unmöglich
macht, in diesem Herbste ein kleines Buch herauszugeben „Der deutsche
Staat“,
wie ich es beabsichtigt hatte. Vielmehr muß ich pausieren und
Brunnen
trinken und, wenn möglich, Gastein besuchen.
Wie Sie, in
unerschütterlicher
Zuversicht und unverminderter Kampfeslust verbleibe ich, hochverehrter
Herr Generalmajor, Ihr aufrichtig dankbarer und verehrungsvoll ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Ideal
und Macht.
Hochgeehrter Herr Professor!
Haben Sie den
allerwärmsten
Dank für Ihre freundlichen Worte, die mir im innersten Herzen wohl
taten. Auch Ihr Gedicht hat mich wahrhaft ergriffen. Seien Sie
überzeugt,
daß ich Ihre Gefühle nicht nur verstehe, sondern auch teile.
Teils aber liegt es in meinem Charakter, teils aber in dem Empfinden
der
Pflicht, welche diese Stunde uns aufzwingt, daß ich der
Niedergeschlagenheit
keinen Zoll breit Raum gewähren w i l l.
Außerdem
bin ich nicht unbedenklich erkrankt, und Hoffnung und Glaube sind
Elemente,
die mich über Wasser halten, und ohne die ich endgültig
versinken
müßte.
Mit Geheimrat
Schäfer
und auch mit meinem Verleger Bruckmann stehe ich in Briefwechsel — weil
nämlich besagter Verleger den Aufsatz „Ideal
und Macht“ als Flugschrift bereits gedruckt hat und ich nicht
weiß,
ob es ihm recht ist, daß ein gesondertes Flugblatt in so
großer
Auflage außerdem hergestellt wird. Ich habe ihn gebeten, es zu
gestatten,
habe aber noch keine Antwort.
Mit der Versicherung
meiner besonderen Verehrung und mit der Bitte, die gewonnene
Fühlung
aufrecht zu erhalten, zugleich mit verbindlichem Dank für die
seinerzeit
richtig eingetroffene Sendung verbleibe ich
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Rittmeister!
Haben Sie, bitte,
wärmsten Dank für Ihre so freundlichen, mich
beglückenden
Zeilen. Heute konnte ich schon ein frühestes Exemplar der
Flugschrift
„Ideal
und Macht“ an S. M. den Kaiser schicken; bald bin ich so frei, auch
Ihnen eins zugehen zu lassen. Der Verleger schreibt mir, daß
gegen
20 000 Stück schon vorausbestellt sind; ich hoffe also auf einige
Verbreitung.
Auf eine
besondere
W i r k u n g in dem von Ihnen gemeinten Sinne zu hoffen,
habe
ich verlernt und muß mich damit bescheiden, wenn es mir gelingt,
vaterländisch gesinnten Männern einigen Trost und einige
Hoffnung
zu schenken.
Leider — ich
erwähne
die Tatsache nur als Erwiderung auf Ihre Anregung — leider bin ich
nicht
unbedenklich erkrankt, und mein Arzt, der Bismarck-Schweninger,
ein
Mann,
der, wie Sie wissen, immer nur zu Leben und Betätigung zuredet,
macht
es mir geradezu zur Pflicht, einige Monate lang gar nicht zu arbeiten
und
namentlich jede Erregung zu vermeiden. Ich gerate dadurch in eine sehr
schwierige Lage. Denn warum soll man nicht ebensogut in der Heimat wie
im Vordertreffen fallen? Dagegen erheben sich die Bedenken, die nicht
nur
angefangene und lange vorbereitete Werke einflößen, sondern
auch die Sorge — die große Sorge — um die allernächste
Zukunft,
wenn der Frieden einbricht. Vielleicht ist unsereiner doch mehr
befähigt
dann als jetzt, wirklich etwas zu wirken. Und so schwanke ich zwischen
zwei Strömungen, die mich eigentlich gleichstark anziehen. Ich
hoffe,
Ihres geneigten Wohlwollens auf alle Fälle würdig zu bleiben,
und bin mit der freundlichsten Begrüßung
Ihr in aller Hochachtung ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Steppes!
Ganz besondere
Freude
hat mir Ihr gestern empfangener Brief gemacht. Schon seit Jahren
verehre
und liebe ich Ihre Kunst, und es war nun eine ganz eigentümliche
Erfahrung,
al Sie selber — als Mensch — persönlich aus dem Schatten zu mir
herantraten
und so freundliche Worte für das fanden, was ich im Laufe des
Krieges
aus tiefster Seelennot heraus zu sprechen mich genötigt fand. Ich
begreife ganz gut Ihr anfängliches Zögern; nicht ein wenig
nehme
ich es Ihnen übel; von keinem Zeitgenossen kann man die
Lebensgeschichte
kennen; mein Lebensgang war ein sehr eigenartiger, seltsamer; das aber
der Welt zu erzählen, wäre aufdringlich; das
Mißverstandenwerden
ist ein Bestandteil des Schicksals, den wohl ein jeder zu tragen hat
und
über den man möglichst früh sich beruhigen sollte. Ich
habe
immer gefunden, daß das Nichtaufklären letzten Endes mehr
und
besser aufklärt als Explikationen, aus denen immer neue
Mißverständnisse
hervorgehen. Ihrer Achtung kann ich mich nunmehr ohne Rückhalt
erfreuen.
Gewiß werde
ich das Buch, das Sie mir nennen und das ich nicht kenne, sehr gerne
lesen.
Eine Kleinigkeit
muß Ich Ihnen erzählen. Ein Bild von Ihnen besitze ich seit
Jahren und war immer unglücklich, daß es nicht zur Geltung
kommen
wollte in dem einzigen Raum, der mir zum Aufhängen zur
Verfügung
stand. Nun sind meine Frau und ich am 1. Mai in unser eigenes Haus
(dicht
bei Wahnfried eingezogen und das betreffende Bild ist auf eine
Staffelei
in einer Art Gartenzimmer gekommen, wo es zwar nie von einem
Sonnenstrahl
selbst getroffen wird, den ganzen Tag über aber in einer Lichtflut
steht, die durch Riesenfenster einströmt, die alle Sonne
durchlassen
— und nun strahlt auch das liebe Bild in seiner vollen Schönheit
und
erzählt uns tagtäglich von den Licht- und Farbenwonnen des
Südens!
Meine Frau trägt
mir viele herzliche Grüße auf, und ich schließe mich
ihnen
an in der festen und frohen Hoffnung, Ihnen in nicht zu ferner Zeit —
sei
es in München, sei es hier — persönlich zu begegnen.
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter und lieber Herr Lehmann!
Heute früh
schickte
ich Ihnen einiges Geschäftliche. Nachmittags ist nun endlich meine
Einbürgerung vollzogen worden, und ich erfülle meine schon
lange
feststehende Absicht, indem ich als allererste Handlung meinen Wunsch,
dem A l l d e u t s c h e n V e r b a n
d
anzugehören, ausspreche. Zwar bin ich schon seit einiger Zeit mit
Herrn Claß in brieflicher Verbindung; doch es ist mein besonderer
Wunsch, daß Sie hier meine Patenschaft übernehmen und die
Sache
in die Wege leiten möchten. Darum bitte ich Sie mit diesen Zeilen.
Sie werden wohl heute
den Besuch der Herren K. und K. empfangen haben? Sie waren gestern bei
mir. Ich war über die Jugend des einen erschrocken und fand den
anderen
mehr eingenommen von sich selber und seinem Schicksal, als ich es in
einem
Augenblick, wie dem jetzigen, gewünscht hätte. Dazu war ich
gerade
gestern früh am Herzen so gepeinigt, daß ich kaum sprechen
konnte.
Ich glaube immer, die Leute befinden sich in einer großen
Illusion,
welche vermeinen, die Welt vom Theater aus reformieren zu können;
doch an und für sich hat gerade diese Zeitschrift ¹ manches
Gute
gebracht — wenn auch nicht alle Mitarbeiter ganz rein zu uns
gehören.
Mit den herzlichsten
Grüßen verbleibe ich Ihr
ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
„Bühne und Welt“.
Hochgeehrter Herr Professor!
Daß Sie die
Zeit gefunden haben, mir so freundlich zu schreiben, hat mich wirklich
gerührt, und ich danke Ihnen verbindlichst dafür. Ganz
besonders
gefreut hat es mich, daß die Erwähnung in „Hammer oder
Amboß“
einigen Nutzen gestiftet hat. Daß niemals unmittelbar viel aus so
etwas erfolgt, weiß ich und habe es nicht anders erwartet, doch
es
kommt halt eins zum anderen, und ich bin froh und stolz, wenn ich Ihrem
großen Unternehmen ¹, für das ich geradezu
leidenschaftliche
Bewunderung empfinde, auch nur im geringsten habe dienen können.
Ich
wünsche, ich könnte es in einem ausgiebigeren Maße.
Für
die angezeigte, noch nicht eingetroffene Gabe danke ich im voraus sehr;
Sie können sicher sein, daß, was aus Ihrer Feder kommt —
soweit
ich es zu verstehen vermag — stets bei mir lebhafte Beachtung findet.
So
war das neulich wieder der Fall bei Ihrer Einführung zu jenem
großen
Aufsatz über die englische Handelsbilanz. Sie erschien mir ebenso
wichtig wie belehrend, und ich habe mehrere politische Männer
darauf
aufmerksam gemacht, die — wie es so geht — von diesen
Zusammenhängen
keine Ahnung hatten.
Daß Sie nicht
überall mit mir übereinstimmen — das kann wohl nicht anders
sein;
doch die Aufrichtigkeit, mit welcher Sie mir das sagen, gefällt
mir
ganz besonders, und ich wage zu hoffen, daß auch meine
Aufrichtigkeit
Ihnen nicht mißfällt.
Mit den besten
Grüßen
verbleibe ich
Ihr in Verehrung ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Das Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der
Universität
Kiel, Kaiser-Wilhelm-Stiftung.
Hochverehrte Exzellenz!
Mir, sowie dem
Familienkreis
in Wahnfried haben Sie eine große, dankbarlichst empfundene
Freude
gemacht mit Ihren lieben Zeilen vom 6. 8. Wir hatten so lange
nichts
gehört und wußten gar nicht, wo wir Sie uns vorstellen
sollten.
Bei meinen kleinen
Arbeiten gibt es für mich keine größere Freude, als
wenn
ich aus der vordersten Front solche Worte vernehme, wie Sie sie an mich
zu richten die Güte haben. Da hat man doch wenigstens etwas getan
— wenn man denen, die die ganze Last tragen, einen Augenblick Freude
gemacht
hat. Im übrigen lassen Sie mich Ihrem Beispiel folgen und
schweigen
über das viele, was wir ganz gewiß beide in ganz gleicher
Weise
empfinden und was besser nicht ausgesprochen wird. Im Laufe des Krieges
bin ich nach und nach mit manchen Männern in Berührung
gekommen
— teils der Armee und Marine angehörig, teils Politiker oder sonst
in der deutschen Sache betätigten Männern: dadurch bin ich in
viel engere Berührung mit den Vorgängen dieser Zeit gekommen
als ein bloßer Zeitungsleser und auf Erzählungen
Angewiesener;
zwar gibt mir diese Tatsache Veranlassung, Gott zu danken, daß
ich
an diesen großen Ereignissen, wenn auch nicht mittragen, so doch
miterleben darf. Ihnen aber, hochverehrter, lieber Herr
Gesinnungsgenosse,
brauche ich nicht zu sagen, daß ein solches Wissen zugleich eine
große Last ist. Unter ihr — zugleich unter den schweren
Kämpfen,
die meine Seele durchmachen mußte — bin ich jetzt auch physisch
zusammengebrochen
und muß leider meine geringe Tätigkeit vor der Hand
aufgeben.
Mit meiner Frau hoffe ich nächsten Mittwoch nach Bad-Gastein auf
einen
Monat zu reisen; die Ärzte erhoffen von dieser Kur viel. Ich
glaube
hauptsächlich an die siegende Kraft der Geduld.
Ein Wort in Ihrem
lieben Schreiben veranlaßt mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich
nunmehr auch äußerlich Deutscher geworden bin und die
Einbürgerung
endgültig erlangt habe.
Wie Sie, bete auch
ich zu Gott um ein Wiedersehen Auge in Auge auf dem uns heiligen
Festspielhügel!
Verehrungsvoll und
aufrichtig ergeben
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter und Lieber Herr Professor!
Das mir
entschlüpfte
„lieber“ müssen Sie sich schon gefallen lassen, denn ich habe Sie
so in mein Herz geschlossen wie seit Jahren keinen Menschen. Seit dem
Heimgange
A. Rubinsteins glaubte ich in Beziehung auf gewisse Kunsterlebnisse
für
ewig verwaist zu sein: ihm war ich in früher Jugend nachgereist,
soweit
die knappen Mittel und die drängenden Arbeiten es irgend
erlaubten,
um unterzutauchen in die Wonne reinsten Genusses. Kein anderer hat mir
das je wieder geschenkt — bis zu jenem Abend und zu jenem Morgen, wo
Ihr
Stern mir aufging! Zwar habe ich einmal am selben Klavier, wo Sie in
Wahnfried
spielten, und auf demselben Stuhle sitzend, wie Sie, Franz Liszt
spielen
g e s e h e n — leider kann ich aber nicht sagen „gehört“, denn er
spielte vierhändig mit Reisenauer. Zwar ein unvergängliches
einziges
Schauspiel, zugleich aber ein Schmerz; es war ganz kurz vor seinem
Tode.
— Glauben Sie nicht, daß ich hiermit sagen will, Sie erinnerten
mich
an Rubinstein: Sie sind von ihm ganz verschieden, und ich habe den
Eindruck,
daß ich bei näherer Bekanntschaft sie noch höher werde
schätzen — denn es lag in ihm etwas durchaus Exotisches, zwar
nicht,
nein gar nicht Jüdisches, wie manche Unwissende behaupten, aber
Tatarisches
oder sonst irgend etwas Unheimliches aus Zentralasien. Steht dieselbe
Meisterschaft
der Ausführung, die hohe Glut des Empfindens einer d e
u t s ch e n Musikerseele zur Verfügung, so muß
sie natürlich noch Größeres bewirken.
Leider bin ich krank
und stehe außerdem im Vorabend der Abreise nach Bad Gastein, wo
ich
Erquickung suchen will — sonst würde ich Ihnen einen sehr langen
Brief
schreiben, denn Ihre Sendung hat für mich gerade das Richtige
getroffen.
Durch Beethoven bin ich seiner Zeit „Mensch“ geworden — oder sagen wir
zum Menschtum plötzlich wie aus einem bösen Traum erwacht.
Einmal
muß ich Ihnen erzählen, wie das zuging. Genug, ich lebe seit
etwa 40 Jahren in den Sonaten — kann sie zwar nicht spielen, da ich in
einer Umgebung aufwuchs, wo der Begriff Kunst überhaupt nicht
bekannt
war, und dann war es zu spät. Aber Sie selber können sie
nicht
mehr lieben, als ich sie liebe, und ich habe Ihre Ausführungen zur
D-Moll und F-Moll wiederholt verschlungen — als ob sie nur für
mich
geschrieben wären... Ich werde weggerufen; lassen Sie mich nur das
Eine sagen: Sie haben in allem recht; ich nehme es mit jedem auf, der
das
Gegenteil behauptet! Mehr ein anderes Mal. Heute nur der
Händedruck
des innigsten Verständnisses und der sehnsuchtsvollen Hoffnung auf
Wiedersehen und Wiederhören.
Houston S. Chamberlain.
Sehr verehrter, lieber Herr Lehmann!
Mit Ihren Zeilen
vom
22. d. M. (soeben eingetroffen) haben Sie mir eine sehr, s
e h r große Freude gemacht. Viel und inständig
habe
ich Ihrer dieser tage gedacht und wollte es Ihnen sagen — doch stehe
ich
unter strengster Kur-Klausur, da mein Herz- und Nervenzustand dies
erfordert;
dies ist meine erste Sünde.
Ich k
a n n es einfach nicht unterlassen, Ihnen kurz meine
Auffassung
mitzuteilen. Ich würde es für sehr unweise halten, sich den
deutschen
Arbeiterstand bei solch einem Unternehmen zum Feind zu machen. Es
hieße
gegen den Rat des „Klugseins“ verstoßen, den der Heiligste uns so
eindringlich empfahl. (Es gibt verrückte, es gibt auch böse,
verbrecherische Menschen unter den Soz.-Führern, namentlich
geschworene
Feinde des Deutschtums. Doch herrscht hier, wie überhaupt in der
deutschen
Politik, das Mißverständnis — und d i e s e
s
aufzuhellen ist die vorliegende Aufgabe, aus der alles übrige sich
von selbst ergeben wird.
In Wirklichkeit ist
das politische Parteiwesen überhaupt gänzlich undeutsch; es
entspricht
keiner Wirklichkeit, sondern entsprießt aus Wahngedanken. Selbst
England — bedenken Sie das — hat bis vor ganz kurzem das politische
Parteileben
im heutigen Sinne n i c h t gekannt — sondern
lediglich
ein Hin und Her zweier Interessengruppen, die im Grunde dasselbe
wollten.
Sobald das Parteiwesen auch dort aufkam, war es mit dem „Parlament“ zu
Ende. — Ein vernünftiges Staatsgebilde verträgt
nur
S t ä n d e v e r t r e t u n g e n, und dahin steuert
offenbar Deutschland unbewußt hin. Die Kraft des Sozialismus
liegt
gerade darin begründet, daß er einen Stand vertritt — also
wirkliche
Lebensinteressen, nicht politische Lehren. Der Wahn, daß er die
anderen
Stände verzehren könne und werde, wird in dem Augenblick
schwinden,
wo diese ebenfalls organisiert auftreten. Man sieht dies schon
innerhalb
der Industrie und Landwirtschaft beginnen. I n t e r e s s
e n g r u p p e n werden sich verständigen, (wie sie
schon
jetzt innerhalb Gemeindeverwaltungen tun), denn die Vertretung von
Interessen
macht klug, öffnet die Augen für andere Interessen, wogegen
die
P a r t e i eine Lehre, ein Dogma begründet hat und
darum
nie nachgeben kann, ohne sich selber untreu zu werden. Im einen Falle
haben
wir ewigen, nie beizulegenden Kampf und Haß, im anderen ein
Nachgeben
und gegenseitiges Fördern auf allen Seiten, weil fünf
Interessengruppen
zwar nicht alle auf dem eigenen Kopf bestehen können, wohl aber
sich
alle fünf durch Ineinanderfügen gegenseitig begünstigen,
was bei Parteien nie der Fall, weil jede alles will und alles wollen
muß.
Von meinen Interessen etwas zu opfern, ehrt mich, von meiner
Überzeugung
etwas zu opfern, entehrt mich. So ist jedes politische Kompromiß
eine Unredlichkeit, jedes Interessenkompromiß eine weise und edle
Tat.
Ich meine, unser
Ziel muß sein: „Hinaus mit der undeutschen Politik“. Nicht aber
dürfen
wir uns einer oder der anderen Partei verpflichten, sei es zu Liebe,
sei
es zu Haß.
Ich weiß wohl,
es ist schwer durchzuführen, denn wir befinden uns im
Übergangschaos,
und zunächst wird jeder Schritt parteipolitisch beurteilt: gerade
diese Schwierigkeit gilt es zu überwinden. Die Zukunft zu
gestalten,
erfordert besondere Männer, die zwar in der Gegenwart stehen, aber
doch nicht in ihr befangen bleiben. Die Frage „Sozialismus und
Antisozialismus“
wäre für mein Gefühl viel zu eng.
[...]
Verzeihen Sie: ich
habe mit Mühe den Stift geführt und nur andeuten können.
Es ließ mir keine Ruhe.
Herzlichst
grüßt
Ihr sehr ergebener
Houston Stewart Chamberlain.
Hochgeehrter Herr Lehmann!
Haben Sie besten
Dank
für Ihren inhaltreichen Brief vom 2. d. M. Leider ist es mir
noch immer nicht möglich, Ihnen so zu schreiben wie ich
möchte.
Die Kur und was dazu gehört, nimmt alle Zeit in Anspruch, und der
leidige Herzzustand, obwohl soweit gebessert, daß ich gut
schlafe,
verbietet noch immer jede die Leidenschaft erregende eingehende
Beschäftigung.
Lassen Sie mich also
nur kurz sagen, daß Ihre orientierenden Ausführungen
über
die Ansichten der beiden Herren mir sehr wertvoll waren. Ich selber
hatte
Ihnen nur ein kleines Bruchstück von dem gesagt, was ich auf dem
Herzen
hatte. So z. B. denke ich mir die erwähnte Ständegliederung
durchaus
nicht als eine gesetzlich einzuführende Neuerung, sondern als eine
aus der Initiative energischer Männer hervorgehende T
a t s a c h e. Vor kurzem schrieb mir ein bedeutender Mann
— den ich heute nicht nennen will —‚ das Einzige, was er an meinen
Arbeiten
nicht leiden könne, sei die Polemik gegen die Parlamente, es ginge
doch nicht an, „die Welt zurückschrauben zu wollen“. Wollte ich
das,
so wäre ich ein Schwärmer — was ich nicht bin; vielmehr
möchte
ich nur dazu beitragen, die Weltuhr vorzurücken — etwa wie es mit
der neuen Sommerzeit so segensreich gelungen ist. Erkennt man,
daß
der Reichstag in seiner jetzigen Verfassung ein geradezu furchtbares,
rettungsloses
Übel ist — ein Zeit- und Kräfteverlust ohnegleichen, ein
Vernichter
jedes organischen Aufbauens — so folgt daraus mit Notwendigkeit,
daß
hieran etwas geändert werden muß, und daß es eine
bloße
Redensart ist, wenn man von „Zurückschrauben“ redet und die Sache
dadurch so hinstellt, als wären die gegenwärtigen
Verhältnisse
Felsen, an denen weder gerüttelt werden kann noch darf.
Menschliche
Institutionen sind menschliche Werke. Der Wille, sie
zweckmäßig
zu gestalten, ist die Grundbedingung aller praktischen Tätigkeit.
Nun wäre es gewiß naiv, wenn man erwarten wollte, der
heutige
Reichstag würde sich jemals aus eigener Einsicht umgestalten.
Folglich
bleibt nur der eine Weg, daß er nämlich von außen aus
umgestaltet wird: Kein Staatsstreich, keine Verfassungsänderung,
die
nur auf dem Wege unheilvoller Kompromisse zu erreichen sein würde,
sondern einfach eine Umwandlung durch neue Richtung des Willens in
immer
weiter werdenden Kreisen der Bevölkerung.
Sie verstehen jetzt
vielleicht besser — weil ich mich deutlicher ausgedrückt habe, —
was
ich unter der neuen Ständegliederung mir denke: eine Vernichtung
der
heutigen P a r t e i e n, ein gründliches
Hinauswerfen aller berufsmäßigen Parlamentarier und
Nurpolitiker,
eine Erlösung aus hohlen Doktrinen, eine Vertretung durch
Männer,
die wirkliche Interessen — also Wahrheiten — verkörpern, kennen
und
zum berechtigten Ausdruck bringen. Das wäre immerhin ein Schritt
auf
dem Wege zu einem weniger absurden Zustand als der heutige es ist, und
ich bin überzeugt, daß nur der erste Schritt schwer zu tun
sein
wird, die folgenden aber dann sehr schnell eine Umwandlung bewirken,
von
der wir uns heute kaum eine Vorstellung machen können.
Wenn Sie meinen
früheren
Brief durchschlagen lassen, werde auch ich um eine Abschrift bitten, da
ich keine besitze. — Auf unserem Rückwege halten wir uns kurz
und
s t r e n g i n k o g n i t o in München
auf
und werden Sie bitten, uns in aller Stille die Freude Ihres Besuches zu
gönnen. Ich bedarf leider noch großer Schonung.
Treu und herzlich
Ihr
Houston S. Chamberlain.
Sehr verehrter Herr Hartmeyer!
Ihre lieben Zeilen
vom 23. 8. gelangten sehr spät in meine Hände, weil ich, um
nicht
gar zu viele Briefe zu verlieren, nichts nach Österreich
nachschicken
ließ, wo ich jetzt eine einmonatige Kur in Bad Gastein
genoß,
und von wo ich jetzt gestärkt, wenn auch nicht geheilt,
zurückgekehrt
bin. Haben Sie nachträglich tausend Dank, ganz besonders auch
für
den entzückenden kleinen Aufsatz. Ich will Ihnen offen gestehen,
daß
sich stets etwas wie eine Trauerwolke auf mein Gemüt niedersenkt,
wenn ich mich zu hoch eingeschätzt sehe; es ist, als würde
von
einem so viel mehr gefordert, als man jemals zu leisten hoffen kann;
doch
solche Empfindungen schüttle ich schnell ab — schließlich
tut
jeder, was er kann, und Gott fügt es zu einem Ganzen; und da
bleibt
dann nur die Dankbarkeit für so viel Güte und Wärme, —
wozu
in Ihrem Falle die sehr dankbare Anerkennung einer so selten zarten
Diskretion
kommt.
In Gastein sah ich
unseren gemeinsamen Freund Leopold von Schröder ziemlich viel, da
er hauptsächlich unseretwegen zehn Tage dort verbrachte. Sein
prächtiges
gesinnungstüchtiges Wesen hat mir wieder besondere Verehrung
eingeflößt.
Auch haben wir sehr viel Interessantes durch ihn erfahren. Ein anderer
interessanter Besuch war der des Kammerherrn von Riepenhausen — Ihnen
gewiß
als früheres langjähriges Reichstagsmitglied, Gutsnachbar
Bismarcks
in Varzin usw. bekannt. Er bewegt sich in Kreisen, die ihm vieles zu
wissen
erlauben, und sein Herz war sehr vollbepackt; nur um es in das meinige
auszuschütten, war er nach Gastein auf einen Tag heraufgefahren —
freilich für mich ein sehr kurwidriges Beginnen. Auf dem
Rückweg
hatte ich auch in München interessante Begegnungen mit
wohlinformierten
Männern. Ich denke mir, Ihnen muß das alles sehr schmerzlich
fehlen da draußen. Ich hoffe, Ihre Herzbeschwerden haben wieder
nachgelassen?
In der Hoffnung,
Ihnen bald und mit mehr Muße wieder zu begegnen, verbleibe ich,
sehr
verehrter Herr Doktor,
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrte Freundin!
Ihr Brief vom 18.
8. ist spät in meine Hände gelangt, und die Fülle des zu
Erledigenden war so groß, daß wir zu dritt die Sache in die
Hand nehmen mußten.
Lassen Sie mich
zunächst
Ihnen von Herzen danken und wiederholt versichern, daß gerade
Ihre
Briefe mir stets eine Quelle der angenehmsten Unterhaltung sind und
daß
ich stets Zeit habe, sie zu lesen und wieder zu lesen — denn die nehme
ich mir ganz einfach. Dazu kommt, daß ich jetzt unter einem sehr
strengen Verbot lebe und keine eigentliche Arbeit unternehmen darf, —
ja,
aufrichtig gesagt auch einsehen muß, daß ich dazu
unfähig
bin. Einen kleinen Aufsatz hatte ich noch zu Papier bringen wollen „Der
Wille zum Sieg“, mußte es aber unterlassen, da die Nächte
vollkommen
schlaflos wurden.
Ihre erste
gütige
Frage kann ich dahin beantworten, daß Gastein mir wirklich
große
Dienste schon geleistet hat, mehr wird als später eintreffend
prophezeit
und noch mehr sollen künftige dortige Kuren leisten. Die Luft war
unbeschreiblich herrlich, und die Bäder, die ich bis zu 20 Minuten
ausdehnen durfte, bekamen mir vortrefflich. Dort erlangte ich sofort
wieder
die verlorene Nachtruhe, und es entwichen fast ebenso plötzlich
die
quälenden Rückenschmerzen — die einem wirklich das Leben fast
unerträglich machen. Dagegen wird der Arm immer schlimmer, und es
hat sich ein Fuß dazugesellt, der auch eine Schmerzensschule
bedeutet,
dazu der nicht weichende Herzdruck. Kurz ich bin, was die Physis
anbelangt,
ein ganz gehöriger „Kriegskrüppel“, und ich muß mich
wohl
oder übel dareinfinden, den Aufregungen — so viel diese Zeiten es
nur erlauben — aus dem Wege zu gehen. Doch wie Sie wissen, ist
Pessimismus
nicht meine Sache, und als Ergebnis einer langen Konferenz mit meinem
Verleger
in München hat dieser mir einen „Parlograph“ geschenkt, der mich
der
Mühe des Schreibens völlig enthebt, und mit dessen Hilfe ich
schon darangegangen bin, weitere Lebenserinnerungen zu gestalten. Wir
sind
übereingekommen, dies nicht in der Form einer lückenlos
zusammenhängenden
Erzählung zu tun, dagegen spricht nicht nur meine Abneigung gegen
eine solche ermüdende Aufgabe, sondern auch die Tatsache,
daß
ich vieles Beste gar nicht erzählen könnte — sondern wir
denken
an einzelne Bilder, die für eine ganze Zeit oder eine ganze
Geistesrichtung
charakteristisch und symbolisch gelten können — etwa nach Art des
im Brief an Kuntze ¹ schon andeutungsweise Geleisteten. Und zwar
denke
ich daran, das Ganze aus einer Reihe von Briefen bestehen zu lassen, da
hieraus einerseits für mich große Freiheit in der Auswahl
entsteht
und anderseits eine gewisse Vielseitigkeit der Behandlung, die aus der
Vorstellung verschiedener Individualitäten, an welche die Briefe
gerichtet
sind, sich ergibt. Ich weiß nicht, ob nicht der eine Brief
vielleicht
die Überschrift tragen wird: „An
Fräulein Sidonie Peter“! Außerdem begegnete ich nun in
Gastein
meinem alten Freunde Leopold von Schröder, dem Wiener Indologen,
und
fand ihn voll des Wunsches, eine Art kleine schematische
Lebensübersicht
zu entwerfen; ² zwar konnte ich ihm oder vielmehr durfte ich ihm
die
Stunde zu seinen vielen Fragen nicht gewähren, und jetzt, wo er
von
dem anderen Vorhaben gehört hat, will er seine Absicht auf
später
vertagen — doch ist es mir immerhin eine Beruhigung, daß sich
einer
dazu bereitfindet und ich es also nicht zu tun brauche.
Was Sie über
Alexander Herzens Lebenserinnerungen sagen, stimmt ganz genau mit
meinen
Eindrücken überein. Denken Sie nur, — wir haben — meine Frau
und ich — gerade die Confessions von J. J. Rousseau gelesen,
die
sie nicht kannte; bei mir waren Jahre seit der letzten Lektüre
verstrichen;
und ich muß sagen, mein früherer Eindruck kehrte
verstärkt
wieder, daß dieser Mann — rein als Beherrscher des
Sprachausdruckes
und seiner Verwendung betrachtet — vielleicht der größte
Schriftgewaltige
aller Zeiten ist — bei welchem Urteil ich natürlich von einer
Erscheinung
wie Goethes insofern absehe, als der mit der Sprache über die
Sprache
hinauslangt. Ich gebe freilich zu, daß das mit Unterbrechungen
geschriebene
Werk große Ungleichheiten aufweist, und daß namentlich
derjenige
Fehler, gegen den Sterne fahndet, nicht selten begegnen wird: daß
nämlich gewisse Episoden dermaßen hinreißend sind,
daß
die folgenden auf alle Fälle matt und blaß erscheinen
müssen.
Immerhin aber ist und bleibt dieses Buch ein Meisterwerk unter
Meisterwerken.
Auf Ihre Frage nach
meinem Jugendaufsatz erwidere ich Ihnen, daß ich ihn sicher
irgendwo
unter meinen Papieren besitze, doch frage ich mich jetzt, ob er nicht
vielleicht
den Contrat Social betraf; denn ich habe unter noch
älteren
Papieren von mir ausführliche Auszüge und Notizen über
die
Inégalité
gefunden (französisch), und ich glaube kaum, daß ich diese
Schrift
zweimal behandelt haben werde.
Denken Sie mal, was
meine Frau und ich jetzt abends zusammen lesen: die Nouvelle
Heloïse!
Ich habe in früheren Jahren nie die Geduld und vielleicht auch
nicht
die Muße besessen, dieses Buch zu lesen; jetzt aber tue ich es
mit
staunender Bewunderung. Heute früh las ich meiner Schwiegermutter
den 23. Brief des 1. Teiles vor, die Schilderungen der Reise in den
Walliser
Alpen — und immer wieder unterbrach sie mich, hingerissen von der
Schönheit
der Sprache und der Kraft der Eindrücke. So unbedingt einfach und
so vollendet angemessen hat wohl noch nie ein Mensch geschrieben, und
es
fällt nur darum den meisten nicht auf, weil eben die Vollendung
erreicht
ist.
Die Memoiren der
Contesse de Boigne kenne ich nicht. Glauben Sie, daß es was
für
mich ist?
Ihr Urteil über
Treitschke hat mich ein klein wenig — aber nicht gar zu sehr —
erstaunt;
die Aufsätze, auf die Sie anzuspielen scheinen, sind mir
augenblicklich
nicht gegenwärtig. Mir ist's aber mit ihm in letzter Zeit
umgekehrt
gegangen: ich habe nämlich sein Werk „Die Politik“ zum erstenmal
nicht
bloß durchgerast und ausgebeutet, sondern wirklich gelesen; wie
Sie
wissen, ist es kein von ihm verfaßtes Werk, sondern ein sehr gut
redigierter Bericht nach stenographischen Aufnahmen von Vorlesungen,
und
da hat man den ganzen lebendigen, prachtvollen Menschen mit seiner
Leidenschaft,
mit seinen Übertreibungen, mit seiner Liebe und seinem Haß,
wie er lebte und webte, vor sich — und dieses Buch gefällt mir
eigentlich
besser als alle anderen aus seiner Feder. An seinen Aufsätzen
hatte
ich auch damals, wie Sie jetzt, eine dschungelhafte
Unübersichtlichkeit
zu beklagen, auch eine professorale Umständlichkeit... Das alles
ist
in dem Werke über Politik wie fortgezaubert.
Die Worte
„professoral“
und „Politik“ rufen mir Ihren Freund Richard
Schmidt ins
Gedächtnis,
über dessen „Allgemeine
Staatslehre“ wir hier sprachen, und von
der
ich Ihnen sagte, wie sehr ich den ersten Band schätzte. Sobald er
dann das Geschichtliche in Angriff nimmt, sinkt er für mein
Gefühl
nicht unmerklich herab. Es ist ja auch viel verlangt, daß ein
Mann
alles beherrschen soll. Und in der Tat, wer einige Kenntnisse besitzt,
merkt bald, daß der Gelehrte — da er jetzt sich auf einem
Zwischengebiet
bewegt — sich in Wirklichkeit auf ganz wenige Führer
verläßt,
denen er blind folgt; ich war bisweilen erstaunt, was alles er nicht
weiß
und nicht beachtet. Es kommen da ganz merkwürdige Schnitzer vor.
Nicht
etwa, daß ich ihm sein wegwerfendes Urteil über die „Grundlagen“
im geringsten übel nehme; ich hätte es auch sehr gut
verstanden,
wenn er mich ebenso ignoriert hätte, wie er hundert verdiente
Fachhistoriker
mit Stillschweigen übergeht. Was aber immer wieder mich bei diesem
Gelehrten stutzig macht, ist die leichtsinnige Ungenauigkeit, aus der
hervorgeht,
daß sie die Dinge, von denen sie sprechen und die sie aburteilen,
gar nicht kennen, so daß ich mich auch hier fragen muß: Wie
ist es eigentlich zugegangen? Hat der Mann wirklich einmal die
„Grundlagen“
in der Hand gehabt? Und auf wie viele Minuten? Oder hat er nur einen
Bericht
darüber gelesen oder gehört und das Weitere durch seine
Phantasie
ergänzt? Hören Sie nur das eine: — er behauptet, mein Buch
strotze
von „Fanfarenstößen für Richard Wagner“!!! Die
„Grundlagen“
und Richard Wagner! Ein einziger Blick auf das Register überzeugt,
daß der Name nicht einmal zehnmal im ganzen über 1000 Seiten
zählenden Werk genannt wird; ja nicht einmal so viel, denn im
Register
ist auf Stellen auch hingewiesen, wo der Name gar nicht vorkommt,
sondern
in irgendeinem weiteren Sinne Wagner auch mit inbegriffen sein
könnte;
und auch wo der Name wirklich vorkommt, geschieht das zum Teil
bloß
in Anmerkungen, wo auf irgendein politisches oder historisches Wort des
Bayreuther Meisters verwiesen wird. Ich wäre Ihnen wirklich sehr
dankbar,
wenn Sie mir eine einzige Stelle nachweisen könnten, die selbst
bei
einem voreingenommenen Menschen diesen Eindruck zu erwecken geeignet
wäre;
mir ist keine erinnerlich. Und noch ein Beispiel von dem unglaublichen
Leichtsinn solcher von ihrer Gottähnlichkeit trunkenen
Fachgelehrten:
auf Seite 87 des 2. Bandes kommt er wieder auf mich zurück, um zu
behaupten, ich klammere mich an an Burckhardts „Griechische
Kulturgeschichte“,
welche gar nicht existierte, ich meine, nicht veröffentlicht war
zur
Zeit, da ich die „Grundlagen“ schrieb. Solche Dinge sind mir schon oft
vorgekommen: es ist aber ein krasser Fall, wenn nicht ein bloßer
Zeitungsschreiber, sondern ein angesehener Fachmann sich so benimmt. —
Für die „Grundlagen“ selbst kann es ja gleichgültig sein: mit
ihren Eigenschaften und mit ihren Fehlern werden sie bleiben, was sie
sind,
und sie sind „etwas“ — mehr halte auch ich nicht davon.
Auf Krieg und Politik
gehe ich grundsätzlich nicht ein, sondern beuge mich dem
ärztlichen
Gebot. Nur so viel will ich sagen, daß ich wieder hervorragenden
Männern und eingeweihten Persönlichkeiten begegnet bin, die
alle
sehr gütig gegen mich waren und mir vieles Interessantes
erzählten.
Neulich war ein Freund hier, von dem ich Ihnen, glaube ich,
erzählte,
und der seit Jahr und Tag bei Hindenburg war und täglich zweimal
mit
ihm speiste — bis zu dessen Ernennung zum Generalstabschef, und er
brachte
herrliche Anekdoten, zugleich sehr traurige, über die ich aber
nicht
schriftlich berichten kann, leider.
In „Ideal
und Macht“ hat nachträglich das Berliner Auswärtige Amt
von
der Münchner Zensur Striche verlangt! Zum Glück ist man in
München
viel freier als in Berlin, und so darf unsere zweite Auflage noch ohne
Kürzungen weiter verkauft werden.
Wie Sie sehen, ich
habe in der Länge mit Ihnen gewetteifert. Nehmen Sie dies als
einen
Beweis für die große Freude, die mir Ihre Briefe machen.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Chamberlain und sein deutscher Lehrer. Brief an Prof. Dr. Otto Kuntze.
Deutsche Bücher, 1916, München.
²
Der 1918 erschienene Lebensabriß H. S. C.s von L. v. Schroeder
(J.
F. Lehmanns Verlag, München).
Euer Exzellenz
ergreifenden Brief vom 25. d. M. mit
Worten zu beantworten und entsprechend dafür zu danken, fällt
mir sehr schwer; ein Blick und ein Händedruck wären
angemessen.
Steht mir nicht einmal die Feder zur Verfügung, denn ich bin krank
und kann sie nicht führen; diese Worte muß ich in einen
Parlographen
hineinsprechen — ein Instrument, das mir zwar im Augenblick sehr zu
statten
kommt, das aber eine Geistesgegenwart erfordert, die nicht so schnell
zu
erringen ist. Ihre Worte haben mich ergriffen und erhoben. Daß
die
Wehmut des herben Verlustes Ihnen die Zunge gelöst hat, um mir die
große Freude zu machen, daß ich von der dauernden Wirkung
meiner
Werke in Ihrem edlen Familienkreise erfahre: das empfinde ich zugleich
als eine merkwürdige, schöne und wehmütige Fügung.
Man fühlt sich über die Zeitlichkeit und über die ach!
so
schmerzlich engen Schranken des armen Ich hinausgehoben. Von Herzen
danke
ich Ihnen.
Die Karte Ihres
verewigten
Heldensohnes an mich hat meine Frau nun herausgesucht; ich lege sie
hier
bei als den beredtesten Dankesausdruck, der in meiner Macht steht.
Aus Ihren Bemerkungen
über Luther glaube ich zu entnehmen, daß Sie mein kleines
Sammelbuch
„Deutsches Wesen“ kennen, in welchem der einzige ausführliche
Aufsatz
enthalten ist, den ich je über den großen Reformator
geschrieben
habe. Wenn nicht, würde ich um die Erlaubnis bitten, Ihnen ein
Exemplar
dedizieren zu dürfen.
Die Angriffe auf
mich, die Sie erwähnen, habe ich zum größten Teil
überhaupt
gar nicht kennengelernt und pflege diesen Erscheinungen keine besondere
Beachtung zu schenken. Ich meine, Liebe und Haß verhalten sich
etwa
wie Tag und Nacht; wer das eine zu verdienen hofft, muß das
andere
mit in Kauf nehmen. Seit mehr als zwanzig Jahren schaffe ich in
weltabgeschiedener
Stille; dieses Schaffen ist mein Glück; was es für andere
wert
sein mag, vermag ich gar nicht zu beurteilen und bin dann sehr
glücklich,
wenn ich solche Dinge erfahre, wie Ihr lieber Brief mir berichtet. Ich
selbst lese in meinen Büchern wie ein Fremder; denn der
Alltagsmensch
und der Mensch, der in glücklicher Stunde schreibt, sind zwei sehr
verschiedene Wesen.
Noch einmal,
hochverehrter
Herr, nehmen Sie meinen warmen Dank; grüßen Sie, bitte, Ihre
verehrten Familienmitglieder; bewahren Sie mir Ihr ferneres Interesse
und
lassen Sie mich hoffen, daß mir eines Tages das Glück wird,
Ihnen die Hand zu drücken und in die Augen zu blicken.
In größter
Verehrung
treu ergeben
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Sektionsrat!
Mit dem lieben
Brief
vom 28. Oktober, den Sie Ihren gewiß amtlich
überfüllten
Stunden abgerungen haben, haben Sie einem Kranken eine wahre Wohltat
erwiesen.
Der Heimgang Ihres hochverehrten, von mir aufrichtig geliebten und
leidenschaftlich
bewunderten Vaters ¹ kam mir in diesem Augenblick doch unerwartet
und hat mich tief erschüttert. Die übergroße
Empfindlichkeit
der Seele bildet einen Teil meines augenblicklichen Leidens; und so
habe
ich denn den geradezu unersetzlichen Verlust im Herzen noch
ergreifender
gefühlt, als es ohnehin der Fall gewesen wäre — dazu die
unfreiwillige
Muße gehabt, viel darüber nachzudenken. Unendlich leid tat
es
mir auch, der telegraphischen Bitte der österreichischen
„Rundschau“,
eine eingehendere Würdigung des Verewigten jetzt sofort zu
verfassen,
nicht entsprechen zu können. Es hat mir aber Schweninger
jede
derartige
Arbeit auf das strengste verboten. Ich hoffe aber eine künftige
Gelegenheit
ergreifen zu können, um wenigstens einiges auf meine Weise zu
sagen.
Nicht minder ergriff mich dann das Eintreffen des Buches „Erschaffung,
Entstehung, Entwicklung“ mit der eigenhändigen Widmung des
Verfassers.
Ich habe darüber Tränen geweint, teils der Freude über
die
Vollendung dieses Werkes, teils der Rührung darüber,
daß
es nicht mehr möglich sein soll, mit dem Autor darüber
Gedanken
auszutauschen. Ihr Brief, der mir gleichsam die unmittelbare
Berührung
mit den Ereignissen der letzten Monate verschaffte, hat beruhigend
gewirkt:
das Bild der standhaft ertragenen Schmerzen, der treuesten
Pflichterfüllung
bis zur letzten Stunde bietet die edle Vollendung des Bildes, das ich
im
Herzen schon trug.
Welch
merkwürdige
Fügung, daß jene Erinnerungen an mich zu den letzten
Arbeiten
gehörten. Ich fürchte, daß ich damals, an jeder
Äußerung
physisch sehr verhindert, dem edlen Freunde nur sehr ungenügend
hierfür
gedankt haben mag. Inzwischen hat mir ja Gastein eine wesentliche
Erleichterung
gebracht, namentlich indem es mir den Schlaf wiedergab. Aber ich bin
noch
ein rechter Patient, an mehreren Gliedern halb gelähmt und zu
jeder
anhaltenden Arbeit vollkommen unfähig. Zwar werden mir
Nachwirkungen
der Gasteiner Kur versprochen und namentlich Wirkungen von wiederholtem
Kurgebrauch; und ich selber bin nicht ohne Hoffnung, da es zutrifft,
daß
ich in meinem Leben alle 15 Jahre eine nervöse Affektion hatte,
wie
z. B. vor 30 Jahren eine mehrjährig anhaltende, sehr starke; wenn
also die Lebenskräfte bei meinem hohen Alter noch ausreichen, so
darf
ich vielleicht hoffen, auch diesmal das durch den Krieg und die
großen
Seelenerschütterungen
gesteigerte Leiden doch noch zu überwinden. Vorderhand, und um
nicht
ganz zu verkümmern, bin ich beschäftigt, einige Erinnerungen
in freier Briefform aufzusetzen, und der eine Brief soll heißen:
„Julius Wiesner und die Naturwissenschaft“.
An Ihre hochverehrte
Frau Mutter habe ich keinen Brief gerichtet — ich hatte den Mut nicht
dazu
und fürchtete auch die eigene Ergriffenheit. Ich darf Sie aber
bitten,
ihr den Ausdruck meiner Ehrerbietung und meines treuen, innigen
Mitgefühls
zu übermitteln.
Von dem neuen und
letzten Buche erwarte ich — nach den mir bekannten Einzelheiten — sehr
vieles; es müßte eigentlich epochemachend wirken. Ich selber
werde leider wohl nicht so bald an das wirklich gründliche Studium
des Buches gehen können, das ich jetzt durchblättere voll
Sehnsucht,
mir den ganzen Gedankengang anzueignen.
Mit nochmaligem
Herzensdank,
mit den besten Empfehlungen von meiner Frau, und mit wärmsten
Grüßen
an Sie und an Ihren Herrn Bruder verbleibe ich — mit der aufrichtigen
Bitte,
mir einen Teil der Freundschaft Ihres Vaters zu widmen,
Ihr in Verehrung ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Des großen Pflanzenphysiologen Julius Wiesner,
dem die „Grundlagen
des 19. Jahrhunderts“ gewidmet sind.
48-50
An Fräulein Sidonie Peter
Hochverehrte Freundin,
Ihren Brief vom
16.
erhalte ich soeben und danke Ihnen noch einmal aus ganzem Herzen, nicht
allein dafür, daß Sie sich dieser wichtigen Arbeit ¹
unterziehen,
sondern namentlich auch dafür, daß ich mich in Ihren
Händen
so zuverlässig s i c h e r wissen Darf.
Daß
Sie die Aufgabe vollkommen lösen werden, weiß ich im voraus,
und ich bitte Sie, aus dem Bewußtsein dieses meines unbedingten
Vertrauens
den Mut dazu zu Schöpfen.
Auf Ihre Frage
antworte
ich mit der von Ihnen gewünschten und mir gebotenen Kürze:
Ich will nicht,
daß
in dem ganzen Buche ein einziges Wort ohne mein Wissen und Zustimmen
geändert
wird.
Die Frage nach
„entbehrlichen
Fremdwörtern“ ist eine sehr verwickelte und könnte zwischen
uns
nur mündlich verhandelt werden. Teilweise — wie Sie wissen — gehe
ich ganz und gar mit Ihnen und bin schon lange eifriges Mitglied des
Deutschen
Sprachvereins; dennoch herrscht zwischen uns keine volle
Übereinstimmung,
und zwar weder in bezug auf den Grundsatz noch in bezug auf die
Ausführung.
Gar viele Fremdwörter halte ich für durchaus unentbehrlich,
soll
die Sprache nicht an Ausdrucksfähigkeit und an Genauigkeit
beträchtliche
Einbuße leiden; soll aber „verdeutscht“ werden, so wird es in den
meisten Fällen (ich meine bei einem so sorgfältig und
überlegt
Schreibenden wie ich es bin) mit dem Verdeutschen eines einzelnen
Wortes
nicht getan sein, vielmehr muß der Satzteil umgedacht werden. Das
habe ich bei Ihren Vorschlägen zum Kant vielfach erfahren und bin
— wo ich einverstanden mit der Entfernung des Fremdwortes war — viel
weiter
als Sie gegangen. Bei jedem solchen Wort muß man peinlich die
Tragweite
einerseits in bezug auf den genauen Sinn, anderseits auf den Stil des
Satzes
in Erwägung ziehen. Sie kennen sicher Goethes Ausspruch: „Der
geistreiche
Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was
für
Elementen er bestehe usw.“, und er warnt im Verfolg vor der Ersetzung
„eines
bedeutenden Wortes durch ein kümmerliches Surrogat“.
Nehmen wir als
Beispiel
zur Verständigung die zwei von Ihnen genannten Wörter, der
ersten
Seite des Vorworts entnommen. Beide sind gewiß nicht „bedeutend“,
ebensowenig aber entbehren sie einer verfechtbaren stilistischen
Absicht.
„Uncontrollierbare Gespräche“ besagt mit zwei Worten genau, was
gesagt
werden soll; der Satz nach Ihrem Vorschlag würde folgende
Anhäufung
bedingen: Gesprächen, deren Wortlaut sich nicht nachprüfen
läßt,
überliefert sind; so schreibe ich nicht und würde also im
Notfall
einen ganz anderen Satz dafür setzen. Mit dem Wort „Relationen“
verhält
es sich folgendermaßen: dieses Wort war zu Goethes Zeiten
gebräuchlich
und wird von ihm und von den besten seiner Zeitgenossen — ich nenne nur
Schiller — vielfach gebraucht, und zwar für die Bezeichnung einer
bestimmten Art von Berichten; „Bericht“ ist allumfassend, „Relation“
weist
einen Schatten von Geringschätzung auf, der auf eine gewisse
Flüchtigkeit
hindeutet. Diese feine Bedeutungsschattierung läßt sich mit
Hilfe von Littrés großem Wörterbuch auch im
Französischen
verfolgen, bleibt aber dort weniger bestimmt als in Goethes deutscher
Verwendung.
Bei meinem Vorwort
hat mir das alles bewußt oder unbewußt vorgeschwebt, und es
würde mich nicht wundern, wenn das Urmanuskript eine Verbesserung
aus „Bericht“ in „Relation“ trüge. Kommen Sie einmal hierher, ich
werde mir erlauben, Ihnen Manuskriptseiten vorzulegen, aus denen Sie
die
Überzeugung schöpfen werden, daß ich alles eher denn
leichtsinnig
schreibe.
Dies alles zur
Aufklärung
vorausgesetzt, melde ich, daß ich mit Freude und Dankbarkeit
einen
jeden Ihrer Vorschläge zu Verdeutschungen prüfen und auf
meine
Weise erledigen werde. Die einfachste Methode wäre, daß Sie
am Rande der betreffenden Zeile einen ganz kleinen Strich mit roter
Kreide
machten, Sie können sich darauf verlassen, daß ich sofort
verstehe,
worauf Sie zielen.
Nehmen Sie
fürlieb
mit diesen eiligen Zeilen und bleiben versichert der herzlichsten
Dankbarkeit
und Verehrung
Ihres treu ergebenen
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Vgl. Vorwort zur II. Auflage des
„Goethe“.
Hochverehrter Herr und Freund,
Von einem geheimnisvollen Nerven- und
Muskelleiden befallen, bin ich aus der Reihe der
Lebendigselbsttätigen
geschieden und ganz auf den Beistand liebender Seelen angewiesen;
hieran
fehlt es mir zwar nicht, doch so pedantisch pünktlich wie
früher
wickeln sich die Dinge nicht ab, namentlich da der Krieg mir eine
Unzahl
neuer Verbindungen und Ansprüche zugeführt hat. So blieb denn
auch die Januarnummer der „Neuen deutschen Rundschau“ unbeachtet und
unerkannt
auf dem Broschürentisch liegen, bis vor wenigen Tagen mein Auge
vom
Diwan aus zufällig darüberstreifte und eine Erzählung
¹
von Ihnen angezeigt fand. Und als meine Frau dann kam und das Heft
öffnete,
entdeckte sie Ihre liebe Inschrift, die mich so herzlich erfreute, wie
nur ein Kranker so etwas empfindet.
Und nun haben wir
gelesen und stehen unter einem sehr großen Eindruck! Die deutsche
Literatur ist um ein wahrhaft schönes Gebilde reicher. Ich
meinerseits
meine, Sie haben uns niemals Schöneres geschenkt. Es ist lauter
Poesie
und lautere Poesie; nichts bewundere ich mehr daran, als die
meisterliche
Art, mit der Sie den gleich anfangs angeschlagenen hohen Ton —
vielleicht
sage ich besser hohe Tonart — festhalten, so daß kein Sinken
stattfindet,
selbst nicht auf eine Minute in irgendeinem Nebensatz. Die Sprache hat
mich durch ihre Reinheit, Mannigfaltigkeit und Einfachheit
entzückt;
ich weiß es wohl, dies ist von allem das Schwerste und nur durch
die höchste Kunst eines Meisters zu erreichen! Von der
grassierenden
Unart unserer modernen Literaten, durch seltsame Wortgebilde und
undeutsche
Satzfügungen sich einen eigenen Stil zu erkünsteln, ist bei
Ihnen
keine Spur; wohl reden Sie Ihre eigene Sprache, doch wächst diese
in und aus dem Bereich der wahren Meister der deutschen Zunge.
Auffallend
und beglückend ist es zu erleben, wie auf diesem Wege immer Neues,
dem Gegenstand Angemessenes zu erfinden bleibt. Nur ein Beispiel statt
Dutzender: „Herbe Lieblichkeit“ ist ebenso entzückend wie
verständlich
und präzis bezeichnend; Goethe hätte seine Freude daran
gehabt.
—
Hinaufsteigend zu
den Bildern, so stehe ich ganz im Banne ihrer wunderbaren
Schönheit
und ihrer eindringlichen Kraft. Einzig z. B. ist der erste Aufstieg zur
Agata-Kapelle mit der begleitenden Theorie ² der heiligen Frauen,
hinter denen der dionysische Tanz seine Feier hält! Überhaupt
ist es Ihnen gelungen, den ganzen Vorgang in Franzescos Seele
vollkommen
in die Sichtbarkeit hinauszuprojizieren; nicht ein Tüttelchen
bleibt
Begriff und Wort; jeder Gedanke wird erschaut; dadurch gerade entsteht
der Eindruck des schlackenlos Poetischen. Deswegen bin ich auch der
Meinung
— die vielleicht nicht jeder teilt —‚ daß Sie recht daran getan
haben,
bei der Liebesnacht die Zügel nicht aus der Hand zu geben. Zwar
war
es ein gefährliches Wagestück; unendlich schwer war es, hier
zwischen den zwei Klippen der Verrohung und der Ernüchterung
sicher
hindurchzusteuern; auch dies ist Ihnen gelungen und hat Ihnen als
Belohnung
die ganz unerwartete prächtige Szene der Frühmesse
eingetragen.
[...]
Mein
Gesundheitszustand
zwingt mich abzukürzen; gerne schriebe ich Ihnen Bogen über
Bogen
— so ganz bin ich von Ihrer Dichtung erfüllt.
Eines muß ich
Ihnen aber doch noch kurz erzählen.
In dem
Frühsommer
meines 17. Lebensjahres habe ich acht Wochen oben auf dem Generoso
zugebracht
— eine unvergeßliche, für meine weitere geistige Entwicklung
entscheidende Zeit. Damals war die Höhe nur zu Fuß zu
erreichen,
allenfalls auf dem Rücken eines Esels; und es stand ein einziges
Gasthaus
auf dem Berge, das kleine des Dr. Pasta aus Mendrisio — geschützt
am Südabhange, etwa anderthalb Stunden unter dem Gipfel gelagert.
Den vorangegangenen Winter über hatte ich in Himmelskunde
geschwelgt,
jetzt galt meine jugendliche inbrünstige Liebe den Blumen:
täglich
strich ich stundenlang, die Sammeltrommel auf dem Rücken,
über
alle Felsen und durch alle Klüfte — nebenbei gesagt, habe ich bei
Ihnen ein Einziges vermißt, worauf ich gespannt wartete: den
bezaubernden
Anblick der inmitten schroffster Klippen wildwachsenden Päonien!
Sie
können sich denken, wie genau ich den Berg kennenlernte — nach
Westen,
Süden und Osten. Ihren Schilderungen bin ich überall mit
lebendigster
Erinnerung entgegengekommen, und was etwa verblaßt war, haben Sie
zu neuem Leben erweckt.
Noch etwas muß
ich aber hinzufügen: besonders beeindruckt wurde ich auf dem Monte
Generoso durch die atmosphärischen Erscheinungen, dergleichen ich
im Leben nie wieder angetroffen habe. Das Brockengespenst erlebte ich
öfters,
auch vierfache Regenbogen und das Doppelkreuz am Himmel; fast noch mehr
wirkte auf meine Phantasie die häufig erblickte Projektion der
eigenen
Gestalt, zu Riesenmaßen vergrößert, auf die
stillstehende
Nebelwand, der Kopf von einem Glorienschein umgeben. Alle diese
Stimmungen
zusammengenommen und wahrscheinlich gesteigert durch die auf dem Wege
nach
Mendrisio in einem abgelegenen Gasthaus am Luganersee zufällig
erfolgte
erste Offenbarung Beethovenscher Kunst mögen es erklären,
daß
mich auf Generoso eine religiöse Ekstase überkam, wie ich sie
weder vorher kannte noch später wieder erfuhr. Oft und oft bin ich
bei meinen einsamen Streifzügen auf die Knie gesunken, die Stirne
zur Erde gebeugt, in Anbetung Gottes, dessen Gegenwart mir derartig
sicher
und nahe war, daß ich immer erwartete, seine Stimme aus Busch
oder
Wolke zu vernehmen. Es war ein Zustand schönen Wahns!
Und nun sagen Sie
sich, ob ich nicht dazu bestimmt war, der beste aller Leser des Ketzers
von Soana zu sein?
Nun habe ich aber
die mir ärztlich gesteckten Grenzen gehörig
überschritten,
nicht weniger, fürchte ich, die Grenzen Ihrer Geduld. Jedenfalls
wollen
Sie in dem Vorangehenden einen Beweis meiner warmen Dankbarkeit
für
das mir erwiesene liebevolle Gedenken, zugleich meiner begeisterten
Bewunderung
Ihres Werkes erblicken.
Ich darf Sie bitten,
Ihrer lieben verehrten Gemahlin und Ihren Söhnen meine
freundlichsten
Grüße auszurichten und selber den Ausdruck meiner treusten
Ergebenheit
zu empfangen.
Ihr
Houston Stewart Chamberlain.
Noch eines kann
ich
nicht unterlassen nachzutragen: der Beschluß Ihrer
Erzählung,
das hinansteigende Weib, wirkt — ich finde kein anderes Wort dafür
— erhaben!
—————
¹
„Der Ketzer von Soana.“
²
Feierliche Festgesandtschaft.
53-58
An Rechtsanwalt Alfr. Jacobsen ¹
Hochverehrter Herr!
Soeben wurde mir
von
meiner Frau Ihr Brief vom 18. d. M. vorgelesen; tief bewegt hörte
ich zu und empfinde es bitter, daß mein körperlicher Zustand
jede nur einigermaßen entsprechende Beantwortung
ausschließt.
Gerade bei Ihnen darf ich aber auf Verständnis und Nachsicht
rechnen;
denn Sie erwünschen meine Genesung und die Fähigkeit zu
weiterer
fördernder Arbeit am Deutschtum — und augenblicklich liegt die
Sache
so, daß jede Gemütserregung wie Gift auf meine Organisation
wirkt und ich nur eine Wahl habe: mich sofort zugrunde zu richten —
ohne
wahrscheinlich irgend etwas geleistet zu haben, oder aber in
kühler
und klarer Erkenntnis der vorliegenden Umstände mich resolut
einzuschränken
und der Gegenwart mich möglichst zu entrücken. Dies tue ich,
indem ich die sehr geringen Arbeitskräfte teils den Korrekturen zu
einem demnächst erscheinenden Buche „Lebenswege
meines Denkens“ mit pedantischer Sorgfalt widme, teils mich in die
ersten vier Jahrhunderte des Christentums tiefer versenke, als ich
bisher
die Muße dazu gefunden hatte. Werden Sie darum, bitte, an mir
nicht
irre, wenn ich dem, was Sie von mir erwarten, in keiner Weise
entspreche.
Man muß sich immer wiederholen: Gottes Wege sind nicht unsere
Wege;
das gilt vom Einzelnen ebenso wie von Nationen.
Übrigens erfahre
ich jetzt wieder — wie schon früher mehr als einmal im Leben —
daß,
wenn man die Zeitungen liegen läßt und sich gleichsam
isoliert,
man merkwürdig viel weiß und errät und vielleicht mehr
miterlebt als sonst. Indem der Geist auf einer tieferen Ebene seinen
Standpunkt
einnimmt, erweitert sich der Umkreis seiner Zugehörigkeit, ich
wollte
sagen: des ihm Zugehörigen. Man wird empfänglicher für
die
Stimmen, die einem aus Volk und Umgebung immerhin erreichen.
So hat z. B. vorhin
eine Stunde zum Tee bei mir zugebracht ein hiesiger Offizier (aber
geborener
Westfale, im Zivilleben Amtsrichter), der zum hiesigen „Soldatenrat“
gehört.
Da erfährt man auf einmal so viel Echtes und Genaues, das man
umsonst
in den Zeitungen suchen würde! Ebenso besitze ich die lebhafteste
Vorstellung der wahren Frontstimmung aus den Berichten einfacher
Soldaten,
mit denen mich schon vor dem Kriege gegenseitiges Vertrauen verband —
da
die mir anhaftende französische Eigenart mir überall wahre
Freunde
im Volke gewonnen hat. Insofern kann ich wohl sagen, ich lebe mit
meiner
Zeit. Wozu noch kommt, daß ich wenigstens einzelne unter den
entscheidenden
Persönlichkeiten sehr genau kenne, so Kaiser Wilhelm und den
Prinzen
Max. Kurz, ein gewisses Bild von der deutschen Seele in ihren
verschiedenen
heutigen Zuständen mache ich mir schon — gerade aber in seiner
Lebhaftigkeit
sehr chaotisch. Und blicke ich weiter umher und suche mir gar den
logischen
Zusammenhang der Ereignisse — nach Ursache und Wirkung — zu deuten, so
verliere ich bald den festen Boden unter den Füßen und
fühle
mich wie in einem Wirrtraum umhergeworfen. Es bleibt doch
vorläufig
einem still lebenden Privatmann gar zu vieles und Entscheidendes
verborgen.
So z. B. vermute ich bei der deutschen „Revolution“ sehr viel
jüdische
Geheimorganisation, die aber zugleich Agent englischer Geheimpolitik
ist:
hat doch Lloyd George vor einigen Monaten zynisch gestanden: „Wenn
Deutschland
von außen nicht zu besiegen ist, so muß es von innen
gelingen.“
Je weiter aber in
Zeit und Raum der Blick umherschweift, um so mehr verwirren sich meine
Gedanken. Der Balkan reicht jetzt — kann man sagen — bis nach Hamburg.
Die zielbewußte Arbeit von Jahrhunderten hatte ganz
allmählich,
von Nordwesten nach Südosten zu, fortschreitend Ordnung
geschaffen,
und man konnte hoffen, wenn der Krieg günstig ausgegangen
wäre,
jetzt bis fast an die Grenzen Persiens das Chaos sich in Kosmos
verwandeln
zu sehen. Nun ist alles über den Haufen geworfen und Stoff zu nie
endendem Hader bis an die Tore Dresdens und rings an alle deutschen
Grenzen
getragen. Ich nenne hier nur ein Beispiel, das ich aus eigener
Beobachtung
gut kenne: weit mehr als den Ungarn und den Deutschen haßt der
Serbe
den Kroaten, und der Kroate erwidert diesen Haß aus ganzem
Herzen;
jetzt sind beide freigelassen wie zwei Kampfhähne, und es dauert
vielleicht
keine fünf Jahre, und sie stürzen aufeinander. Das ist
mathematisch
unausbleiblich. Und wie sollte, wer die Tschechen kennt wie ich, irgend
etwas außer Unheil von diesem [...]
Tatarenpack (das alle anderen Slawen verachten), irgend etwas anderes
als
Unheil über Unheil erwarten? — Von den Polen schweige ich, weil
jeder
Deutsche da Bescheid weiß...
Was Deutschland
selbst
betrifft, so muß ich in gaffender Verwunderung die vielen
Deutschen
anstaunen, die sich über Nacht ins Neue gefunden und geschickt
haben,
ja, sogar Hoffnungen daran knüpfen, bisweilen
überschwenglichster
Art. So schreibt z. B. der vortreffliche L. R. [...]‚
den ich als vortrefflichen Politiker und Patrioten im Kriege
kennenlernte,
und der sich vor wenigen Wochen gebrochenen Herzens über
Bulgariens
Abfall und alles, was sich schon daraus allein ergab,
äußerte,
jetzt plötzlich in den „Bremer Nachrichten“ über Deutschland
als den ersten sozialen Staat der Welt, der durch seine Revolution die
Niederlage ausgelöscht habe und nunmehr an der Spitze aller
Nationen
schreite usw. usw. Da frage ich mich: sind das arme edle Deutsche, die
unter der Last der jähen Ereignisse den Verstand verloren haben?
oder
bin ich nur für diese blendenden Wahrheiten blind?
[...]
22. Nov. 1918. Soeben
las ich in dem herrlichen Brief des Märtyrerbischofs Ignatius an
Polykarp:
„Dem kraftgewaltigen Mann ist es eigen, schwere Schläge zu
erdulden
und nichtsdestoweniger den Sieg zu erfechten.“ Gibt es im heutigen
Deutschland
eine beträchtliche Anzahl Menschen dieser heroischen
Überzeugung,
so würde und so will ich nicht verzweifeln und würde auch die
Frage der Regierungsform — wenngleich gewißlich keine
nebensächliche
— dennoch nicht für entscheidend halten. In der Gesellschaft des
Kaisers
wurde vor Jahren über die Monarchie lebhaft gesprochen; ich allein
schwieg; da wandte sich ein Graf Dohna zu mir: „Nun, Herr Ch., Sie
sagen
kein Wort? In Ihren Grundlagen gibt es Stellen, die Sie mir höchst
verdächtig erscheinen lassen.“ Ich erwiderte: „Ich bin Monarchist,
so lange noch ein halbwegs anständiger Mensch bereit ist, die
Krone
zu tragen; ich befürchte nur, der Tag naht, wo kein solcher mehr
sich
findet, ein so undankbares Amt zu übernehmen.“ Die damalige
Gesellschaft
wußte nicht recht, was sie mit dieser Antwort anfangen sollte;
man
lachte und war zugleich empört. Sie aber, hochverehrter Herr,
werden
mich verstehen. Wie Sie selber andeuten, eine Monarchie ohne Monarchen
geht nicht gut an. Damit verliert Deutschland einen stärksten
politischen
Machtfaktor, und ist es auch gewiß möglich, ohne denselben
zu
wachsen und zu blühen (siehe die römische Republik), jeder
besonnene
Mann wird es beklagen, einen Trumpf aus der Hand geben zu müssen.
Eine Tatsache
flößt
mir inmitten des heutigen Wirrwarrs Hoffnung für die Zukunft ein,
das ist: die mustergültige Weise, in welcher alle Kräfte der
Ordnung sich in den Dienst der durch Staatsstreich usurpierten
Regierung
gestellt haben: dadurch ist eine echt deutsche „Revolution“ zustande
gekommen,
und falls es gelingt, die wühlenden Elemente der Anarchie und des
Terrors zu unterdrücken, wird dem Umsturz auf diesem Wege das
Wasser
zum großen Teil abgegraben worden sein, — so daß wir auf
eine
allmähliche Einkehr von der abschüssigen Bahn hoffen
dürften,
was natürlich nur dann von Bestand sein kann, wenn ganz andere
Männer
ans Ruder kommen.
Ich weiß nicht,
ob Sie seinerzeit meinen Aufsatz lasen: „Der
hundertjährige
Krieg“?
² Innerhalb des Aufsatzes hatte ich sogar die Dauer auf 200 Jahre
geschätzt, innerhalb welcher die Friedenszeiten nicht
minder
K r i e g bedeuten werden als die, wenn die Kanonen
sprechen;
ich sehe nicht ein, wie es möglich sein soll, irgendeine Art von
Hoffnung
für eine der Welt zum Segen gedeihende Blüte deutschen Wesens
zu fassen, wenn nicht das Bewußtsein, daß es sich um
einen
K a m p f handelt — um einen Kampf, ebenso wert
gekämpft
zu werden wie derjenige, für den Ignatius freiwillig in den Tod
ging
— bestimmend und richtunggebend für die Politik wird. Schon die
eine
Erwägung (wenngleich sie keinesfalls die einzige ist) genügt:
alles Beste, was Deutschland der Menschheit zu ihrer Veredlung zu
schenken
vermag, ist an seine Sprache gebunden; nur ein machtvolles Deutschland
wird aber seine Sprache über die Welt verbreiten; jetzt gehen wir
einer Zeit entgegen, in der die englische Sprache immer mehr
Weltsprache
wird und die deutsche dem Verhältnis nach an Ausbreitung stetig
abnimmt.
Damit schwindet der Segen dahin.
Ich habe à
bâtons rompus mit Ihnen gesprochen — ohne logische Folge und
ohne mehr als andeuten zu können. Ich hoffe aber, Sie nehmen
meinen
Brief freundlich auf und empfinden, daß ich in ihm die
dargebotene
Freundeshand ergreife und voll Verständnis für Ihre
Seelenleiden
kräftig drücke.
Die Gegenklagefrage
kann also als erledigt gelten. Mit einiger Spannung erwarte ich die
Entscheidung,
ob unsere Sache weiterverhandelt oder begraben wird.
In Verehrung
begrüßt
Sie
Ihr ergebenster
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Rechtsvertreter Ch.s im Beleidigungsprozeß der „Frankfurter
Zeitung“
gegen ihn.
²
„Hammer oder Amboß.“ Dritte Reihe der Kriegsaufsätze.
München
1916.
Lieber Herr von Meyenburg,
Wiederum haben
mich
zwei Briefe von Ihnen unterhalten und erfreut, — namentlich der zweite
(vom 11. Nov. datiert) hat mich durch seine geistvolle Feinheit
entzückt.
Zur Zeit als ich selber noch Briefe schrieb — und ich tat es
leidenschaftlich
gern — waren es die Spontaneität und das Ungestüm, die ihnen
Wert verleihen konnten; doch hatte ich stets ein besonders
empfindliches
Ohr für diejenigen stilistischen Eigenschaften, die mir selber
nicht
zu eigen waren. Sehr rührende — ja manchmal tiefbewegende — Briefe
erhalte ich in diesen Tagen von Bekannten und Unbekannten: manche
flehen
mich an, das Wort zu ergreifen und Wege zu weisen, andere aber — und
das
sind die tiefer gearteten — empfinden eine Art Abschluß und haben
mit mir weiter nichts vor, als mir für das zu danken, was ich
für
die Deutschen zu leisten versuchte. Und alle diese rührenden
Seelen
muß ich ohne Antwort lassen! weil nämlich bei meinem Zustand
jede Gemütsbewegung ins Innerste greift und den Körper
vernichtet.
Soweit bin ich aber noch nicht, ohne Körper leben zu können;
und so bleibt mir denn nichts anderes übrig, als hartherzig zu
werden
— wenigstens der Gegenwart gegenüber, während ich mir
zugleich
gütlich tue an dem erhabenen Heldensinn der ersten christlichen
Märtyrer.
Kennen Sie den Brief des heiligen Ignatius an die römische
Gemeinde,
geschrieben auf seinem Wege dorthin zum Tode in der Arena — durch wilde
Tiere? Er hat die eine Angst, die Freunde könnten noch von dem
menschlich
gesinnten Trajan seine Begnadigung erwirken und ihm so den ersehnten
Tod
rauben, der ihn ganz vertilgen soll, so daß von ihm kein
geringstes
Knöchelchen übrig bleibe und er vollkommen in Christus
aufgehe.
In seiner Einfachheit gehört dieser kurze Brief zu den
großartigsten
„documents
humains“, von denen ich Kenntnis besitze! Beschämt schaut man
in unserer angeblich „großen Zeit“ umher und findet nichts, mit
solcher
Seelengröße zu vergleichen.
Und jetzt lassen
Sie mich einen Traum erzählen, der mich vor etwa acht Tagen,
anstatt
wie sonst in alle Fernen der Zeit und des Raumes zu führen, die
bedrückende
Gegenwart zentnerschwer empfinden ließ. Da, auf einmal erblicke
ich
eine Frau in mittleren Jahren, ziemlich stark, doch äußerst
beweglich und energischer Allüren; mir wird mitgeteilt, es sei
dies
eine Art weiblicher Napoleon, die in kurzer Zeit in Deutschland
allmächtig
geworden sei, und zwar ohne irgendein Amt innezuhaben, einfach durch
die
Gründung und Leitung einer Zeitung, welche sämtliche andere
aus
dem Felde geschlagen habe und von allen Kreisen gelesen werde.
Hierdurch
sei es dahin gekommen, daß kein Abgeordneter ohne ihre Zustimmung
gewählt werden könne, daß jede von ihr gewünschte
Verordnung erlassen werden müsse und das Schicksal neuer
Gesetzentwürfe
von ihrem Willen abhinge. Mit einem großartigen
Organisationsgeist
begabt und das Beste wollend, hob sie das Deutsche Reich sichtbar aus
seiner
Erniedrigung und schien es einer großen Zukunft
entgegenzuführen.
Neugierig ließ ich mir ein Exemplar der betreffenden Zeitung
reichen,
entfaltete es und las zu meinem Staunen den in großen Lettern
prangenden
Titel:
Ihr
H. S. Grundleger.
60-62
An Freiherrn Vizeadmiral a. D. von Seckendorff
Eure Exzellenz
gestatten, daß ich die
Gelegenheit
dieser Tage, welche die Menschenherzen einander nähert, dazu
benutze,
um Ihnen und Ihrer gnädigsten Frau Gemahlin verehrungsvolle
Grüße
zu senden sowie dem Wunsche Ausdruck zu geben, es möchte, trotz
der
Bitterkeit der Zeiten, Gottes Segen auf Ihnen und den Ihrigen ruhen.
Oft gedenke ich des
Tages, wo Sie mich mit Ihrem Besuche beehrten; es war unmittelbar,
nachdem
der Stein ins Rollen gekommen war, der dann, bald zu einer Lawine
angewachsen,
das Werk von Jahrhunderten zertrümmern sollte; mir ist
bewußt,
daß ich an jenem Morgen Ihren Erwartungen nicht entsprach:
erstens,
wie Sie bemerkt haben werden, sind meine Sprechwerkzeuge bedeutend
verhindert,
zweitens machte mich die Tatsache meiner freundschaftlichen Beziehungen
zum Prinzen Max in jenem Augenblick ganz verwirrt — denn ich stand vor
einem mir unlösbaren Rätsel; drittens aber hat sich seit
jenem
verhängnisvollen 4. Oktober ein Schweigebedürfnis über
mich
herabgesenkt, als lebte ich jetzt unter einer Glocke. Noch immer
erhalte
ich von Bekannten und Unbekannten viele Briefe; jeder will etwas von
mir,
der eine, ich soll an Präsident Wilson schreiben, der andere, ich
soll beim Kaiser in irgendeinem Sinne vermitteln, der dritte, ich
möchte
Mahnrufe an das deutsche Volk richten usw. Alles lehne ich ab und kann
nicht anders: vielleicht handelt es sich um den uns allen gemeinsamen
Instinkt,
das Leben zu erhalten, vielleicht aber — das vermag ich zur Zeit noch
nicht
zu beurteilen — um eine tiefere Intuition und kommt das Schweigegebot
von
oben.
Übrigens
muß
ich gestehen, kaum einer meiner Korrespondenten erweckt in mir
harmonischen
Widerhall. Eine recht zahlreiche Gruppe scheint sich in die Lage schon
hineingefunden zu haben, redet von dem Deutschland Beethovens und
Goethes
und geht zur Tagesordnung über. Diese Leute scheinen keine Ahnung
von der furchtbaren Bedeutung der Katastrophe zu besitzen, die
über
Deutschland hereingebrochen ist. Von zehnfacher oder hundertfacher
Übermacht
besiegt zu sein, wäre das Geringste — und es ist ja auch nicht
einmal
der Fall. Deutschland wurde eigentlich nirgends besiegt; doch was soll
man hoffen, wenn ein Volk aus eigener innerer Morschheit in der Art
zusammenstürzt,
wie das jetzt bei uns der Fall ist, und zwar Volk und Fürsten in
gleichem
Maße und kein einziger, der Stich hält? Dazu nun diese
bestialisch
boshaften Feinde, denen wir auf Gnade und Ungnade uns ergeben haben,
und
denen die dauernde Vernichtung des Deutschen als Ziel vorschwebt! Wie
sollte
es möglich sein, das alles mit leichtem Sinn hinzunehmen und
heiter
vertrauensselig in die Zukunft zu blicken? Und doch, ich muß
gestehen,
mir ist die zweite Gruppe meiner Briefschreiber noch unsympathischer:
es
sind wohl klügere Menschen, denen die Grauenhaftigkeit der Lage
offen
vor Augen liegt und die jeglicher Hoffnung entsagt haben, das
Deutschtum
für alle Zeiten ausgerottet halten und die Welt unrettbar dem
Angelsachsentum
verfallen wähnen. Diese trostlose Auffassung halte ich für
geradezu
sündhaft. Gottes Wege sind nicht unsere Wege, und es ist absurd,
seiner
Allmacht Grenzen ziehen zu wollen. Die Geschichte bietet uns Beispiele
genug von Weltreichen, die über Nacht verfielen und verschwanden,
so daß kaum Spuren ihres einstigen Daseins übrig blieben.
Besiegte
Völker haben gar oft ihre Sieger überwunden. Victi
victoribus
leges dederint, wie der heilige Augustinus bezeugt. Der Glaube an
deutsches
Wesen, an das, was wir den Deutschgedanken nennen wollen, gehört
für
mich als ein Bestandteil zu meinem Gottesglauben. Ich habe die
unerschütterliche
Überzeugung nach wie vor — daß Gott den Deutschen für
edle
Zwecke der ganzen Menschheit zum Heile hat werden und wachsen lassen.
Das
Hoffen fällt mir im Augenblick, wie gesagt, schwer bis zur
Unmöglichkeit;
der Glaube wankt aber nicht, vielmehr gewinnt er nur an Kraft.
Noch lange
möchte
ich mit Ihnen mich unterhalten; meine Kräfte gestatten es nicht;
darum
schließe ich für heute und bitte Sie, diese Zeilen, die es
mir
Herzensbedürfnis war an Sie zu richten, mit freundschaftlicher
Nachsicht
aufzunehmen.
Mit dem Ausdruck
aufrichtigster Verehrung verbleibe ich Euer Exzellenz
ergebenster
H. S. Chamberlain.
Verehrter lieber Freund!
Ihr Brief vom 4.
Dezember
hat mich wieder sehr unterhalten und mir wiederholt ein
Viertelstündchen
aufs angenehmste ausgefüllt. Dennoch würde ich noch lange
nicht
dazugekommen sein, Ihnen das zu melden, wenn nicht ein junger Mann, der
mir schon früher stenographische Hilfe leistete, vom Kriege
heimgekehrt
wäre und sich mir freundlichst zur Verfügung gestellt
hätte.
Betreffs des heiligen
Ignatius hätte ich Ihnen noch die beste Quelle nennen sollen, denn
es gibt sehr schlechte. Lassen Sie sich Lightfoots herrliches Werk
„Ignatius
und Polycarp“ in drei Bänden herausgeben und schlagen Sie den
zweiten
Band auf, wo Sie Seite 183 den echten griechischen Text des Briefes an
die Römer finden und Seite 558 ff. eine ganz herrliche
Übertragung
ins Englische. Sie werden Ihre Freude daran haben.
Meldete ich Ihnen
schon, daß ich von München aus zum Eintritt in den „Rat der
geistig Arbeitenden“ aufgefordert wurde? Diese Aufforderung wirkte um
so
pikanter, als sie von Lujo Brentano unterschrieben war. Doch was sollte
ich da wirken, wo schon durch erreichte Beschlüsse alles in die
besten
Wege geleitet ist? Schon ist die Bestimmung gefaßt, daß die
Studenten die Professoren ernennen sollen, und die schwierigste, bisher
unlösbare Frage der Unterrichtserteilung im Gymnasium dadurch
gelöst,
daß die Schüler alljährlich mit den Lehrern gemeinsam
den
Stundenplan festsetzen sollen. Kennen Sie übrigens Emile Faguets
entzückendes
Büchlein: „Le culte de l' Incompétence“? Wenn
nicht,
so müssen Sie sich die Freude antun.
Und dabei fällt
mir die Frage ein, ob Ihnen je klar geworden ist, welches große
Unrecht
dazumal dem Herrn von Bethmann-Hollweg geschehen ist, als ein
zerstreuter
Stenograph ihm die Worte in den Mund legte: „Freie Bahn allen
Tüchtigen!“
Das wäre ja gar nichts Neues gewesen, und ich bin vollkommen
überzeugt,
daß er gesagt hat: „Freie Bahn allen Untüchtigen!“ Denn das
ist wirklich das Prinzip, das uns Faguet in Frankreich am Werke zeigt,
und das jetzt in Deutschland regiert. Auch liegt Originalität und
Mut in einer solchen Erkenntnis.
Dank den zwei holden
Kindlein hatten wir in Wahnfried ein schönes Weihnachtsfest,
eingeleitet
durch eine ganz wunderbare Andacht Luthers, eine Nachmittagsmette aus
der
Kirchenpostille. Das Mädelchen, erst acht Monate alt, saß
die
ganze Zeit mit großen weitoffenen Augen in seinem Stühlchen,
lächelnd an allem teilnehmend, und der noch nicht zweijährige
Huschele taumelte wonnetrunken umher... Es tat wirklich unendlich wohl.
Seien Sie ein letztes
Mal in diesem verhängnisvollen Jahre 1918 für alles Liebe
herzlich
bedankt und gedenken Sie meiner mit gleicher Freundlichkeit im neuen
Jahre.
Das verheißene Buch ¹ kann ich Ihnen ja freilich
vorläufig
nicht senden; doch kann ich Ihnen die große und unerwartete
Nachricht
mitteilen, daß es gelungen ist, nicht nur das Papier
herzustellen,
sondern auch — was unmöglich schien — es vom Fabriksort nach
München
zu überführen, so daß der Druck diese Woche begonnen
hat.
Die Korrekturen sind bis auf ein Geringes beendet. Also darf ich
hoffen,
in absehbarer Zeit aufzuwarten.
In treuer Ergebenheit
Ihr
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
„Lebenswege
meines Denkens“.
Verehrtester Herr Wildgrube!
Unfähig die
Feder
zu halten, bin ich leider außerstande, Ihnen eigenhändig zu
schreiben, was Sie gütigst entschuldigen wollen.
Ihr Brief hat mich
tief ergriffen und.... fast hätte ich „wohlgetan“ geschrieben,
denn
die Unerbittlichkeit Ihrer Wahrheitsliebe hat wirklich wie ein
befreiendes
Gewitter auf mein Gemüt gewirkt. Haben Sie Herzensdank! Sie
glauben
vielleicht nicht, wie viele Briefe ich aus allen Gauen Deutschlands
erhalte
von Menschen, die doch zu unseren Gesinnungsgenossen gehören, und
die schon über alles Furchtbare der Lage hinweg zur Tagesordnung
übergegangen
sind; manche fassen sogar die Lage optimistisch auf und meinen, das
Deutschland
Kants und Goethes sei durch die Niederlage wiederhergestellt, zum Heile
eines reineren Deutschtums. Solche Phrasen machen mich ganz
unglücklich.
Schon die eine Überlegung genügt: daß alle edelste
Wirkung,
die von deutschem Wesen ausgehen kann, an die Sprache gebunden ist. Nun
aber steht die Verbreitung der Sprache in unmittelbarem Verhältnis
zu der Macht des Reiches; ist das Reich zertrümmert, so wird die
deutsche
Sprache niemals über die Grenzen hinausdringen; nur eine Handvoll
gelehrter Männer werden sie der Wissenschaft wegen noch
oberflächlich
studieren. Das allein schon genügt und bildet doch nur das letzte
Glied in der Kette der Zusammenhänge, die eine Idealwirkung von
einer
machtvollen Weltstellung abhängig machen. Und wie wahr ist das,
was
Sie über den Blick in die Vergangenheit zurück sagen! Auch
diese
wird durch die Gegenwart entwertet.
Was meine Person
betrifft, so erfahre ich ein eigentümliches Schicksal: im
Augenblick
der höchsten Not liege ich physisch dermaßen danieder,
daß
ich sogar diese Zeilen nur mit Mühe artikulieren kann und somit
der
Gegenwart kaum mehr angehöre; denn Menschsein ist
Kämpfersein,
und bei mir absorbiert der Lebenskampf schon alle Kräfte. Auch
wirken
die Gemütsbewegungen geradezu vernichtend auf meinen Organismus,
weswegen
ich — sofern die Kräfte überhaupt Studien zulassen — zu fern
abliegenden Gebieten habe flüchten müssen. In den allerersten
Jahrhunderten des christlichen Zeitalters habe ich Verhältnisse
gefunden,
die meinem augenblicklichen Bedürfnis entsprechen. Das gesteigerte
Seelenleben von Menschen, deren Umgebung ideallos ist, und die sich
darum
in einem besseren Jenseits Trost und Fülle suchen, was aber
rückwirkend
dann auch ihre Gegenwart herrlich ausfüllt mit dem Tageskampf um
ein
heiliges Gut und mit heldenhaftem Todesmut. Viele Geistesnahrung finde
ich auch täglich in Goethe, Carlyle und Rousseau.
Den vielen und sehr
verschieden gearteten an mich gelangenden Bitten, mich öffentlich
zu äußern — belehrend, vermittelnd, kämpfend — bin ich
bis jetzt unfähig zu entsprechen. Sie kennen, glaube ich, meine
„Politischen
Ideale“ und die darin gemachte Unterscheidung zwischen dem Menschen als
„Natur“ und dem Menschen als „Freiheit“? Zu dem Menschen als Freiheit
kann
man reden, zu dem Menschen als Natur nicht — denn hier geht alles blind
wie ein Naturvorgang vor sich; Argumente nützen nichts; die Stimme
verhallt ins Leere. Außerdem herrscht offenbar eine
Massenpsychose,
wie solche oft in der Geschichte verhängnisvoll geherrscht haben;
da kann wohl ein Mann der Tat, wenn die Umstände ihn
begünstigen,
entscheidend eingreifen, nicht aber vermag es der Mann des Wortes,
einzuwirken.
So Gott will, hoffe
ich Ihnen in einigen Wochen ein neues Buch von mir zuzuschicken, das
ich
im Laufe der letzten zwei Jahre meinem Leiden Schritt für Schritt
abgerungen habe. Es ist das Unzeitgemäßeste, was man sich
vorstellen
kann, vielleicht aber gewährt es manchem Freunde gerade dadurch
Zerstreuung
und Anregung.
Es drückt Ihnen
die Hand in aufrichtiger Verehrung
Ihr ergebener Gesinnungsgenosse
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter lieber Herr Croeber!
Ihr lieber Brief
vom
Weihnachtstage mit Einlage kam richtig an, erfreute mich und regte zu
manchen
Gedanken an.
Wie Sie inzwischen
— wenigstens teilweise — erfahren haben werden, ist bei mir,
während
ich meinen geraden Weg weiterging, insoferne eine große
Änderung
eingetreten, als ein Leiden, dessen erste Symptome (wie ich jetzt
einsehe)
schon vor dem Kriege zu bemerken gewesen wären, im Laufe desselben
und unter dem Eindrucke fortgesetzter Erregung, Sorgen und seelischer
Schmerzen
derartig angewachsen ist, daß ich nunmehr mich in eine neue
Lebensweise
habe schicken müssen. An allen Gliedern gehindert, selbst der
Sprache
nur mühsam gebietend, unfähig, mich ohne Hilfe zu bewegen,
ist
es mir unmöglich, das normale menschliche Leben unter Menschen
fortzuführen.
Geist und Gemüt blieben zwar frisch und heiter wie nur je und kann
ich bis zu Tränen lachen, doch werden Sie mich verstehen, wenn ich
Ihnen gestehe, daß Ich mich auf einer Art Zwischengebiet zwischen
Zeit und Zeitlosigkeit empfinde — etwa wie Johannes auf seinem Patmos,
von wo aus die Gegenwart ziemlich fern liegt und gleichsam historisch
erblickt
wird. Bis die furchtbare Katastrophe eintrat, bemühte ich mich,
soweit
es irgend gehen wollte, mit dem Tage zu leben; doch dann vermochte ich
es nicht mehr; einer meiner geschätztesten Freunde ¹ war in
entscheidender
Weise an den Vorgängen beteiligt, was den Eindruck in mir
hervorrief,
als hätte ich den Zusammenhang mit meinen Zeitgenossen verloren;
da
rettete ich mich denn auf meine Insel.
Sie sind ein feiner
Menschenbeobachter, und es wird Ihnen schon aufgefallen sein, in
welchem
Maße Alter und Krankheit einen eigentümlichen Egoismus oft
erzeugen;
Jünglinge sieht man mit Gleichmut aus dem Leben scheiden und
Greise
sich mit aller noch übrig gebliebenen Kraft daran klammern. Zwar
kann
ich nicht sagen, daß letzteres meinem Empfinden entspräche,
doch erblicke ich, wie gesagt, die Dinge aus so großer Ferne,
daß
ich ebensowenig Verzweiflung darüber empfinde, wie ich Hoffnung
hege.
Wenn ein Gott die Welt regiert, so sind seine Wege für uns
Menschen
dunkel, und es gibt immer viel mehr Möglichkeiten, als wir ahnen.
Es könnte ja sein, daß die Deutschen bereits ihr
Höchstes
geleistet haben und daß die Vorsehung mit Absicht jetzt ein
Gefäß
zerschlägt, das unfähig ist, Höheres hervorzubringen.
Der
Triumph der westländischen Barbaren hat nichts zu bedeuten; diese
Nationen richten sich zugrunde. Das Deutschland der unerreichbar
großen
Männer und der wunderbaren Gesamtleistungen auf vielen geistigen
Gebieten
bleibt bestehen, ragt bis an die Sterne heran und kann durch nichts
vernichtet
werden: das sind ewige Werte, auf die wir blicken sollen; an ihnen
wollen
wir emporstreben!
Wo finden Sie in
der Geschichte eine andauernde folgerichtige Entwicklung? Die
hellenische
Blüte zerfällt über Nacht in ein Nichts, und als Rom ein
Wunderwerk politischer Organisation geschaffen hat, zeigt es sich,
daß
die Welt dadurch völlig entseelt ist und die agri deserti
vor
allem in den Gemütern der Menschen sich ausbreiten, alles Leben zu
Tod wandelnd usw. usw. Warum sollte das jetzt anders sein und sollten
wir
eine konsequente Entfaltung erwarten? Möglich ist diese ja, und
ich
will keinem Menschen seine Hoffnung darauf rauben; doch wenn sie auch
nicht
einträte, es wäre für uns Tagesfliegen schmerzhaft, doch
für das Weltall von geringer Bedeutung.
Abschließend
— denn meine Kräfte sind für heute zu Ende, und ich kann nur
andeuten in der Hoffnung, daß Sie das bruchstückweise
Vorgetragene
innerlich ergänzen — will ich mit dem allen gesagt haben: es kommt
jetzt darauf an, den Blick sehr hoch hinaufzurichten, zu einem als
lebendig
empfundenen Gott, der Glauben fordert und Vertrauen verdient. Somit
Gott
befohlen!
Ihr in herzlicher Verehrung ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Prinz Max von Baden.
68-73
An Baron
J. von Uexküll
Hochverehrter lieber Herr Baron!
In meinem
Arbeitsraum
hängt die Lebensmaske Goethes — die echte mit geschlossenen Augen
und Haarbinde; während mehrerer Wochen im Herbst und Frühjahr
scheint nachmittags plötzlich zu einem Seitenfenster die Sonne auf
diesen Kopf, der in Licht und Schatten gebadet derartig auflebt,
daß
man glaubt, die Augen werden aufschlagen und der Mund sich zum Reden
öffnen,
der Eindruck ist immer neu gewaltig. Sehr ähnlich wirkte auf mich
Ihr lieber Brief vom 30. Dezember, der Sie zu mir hereinführte,
die
trübe Dunkelheit der Wintertage plötzlich aufhellend und
aufheiternd.
Was mich besonders beeindruckte, war die Bestätigung einer mir
schon
öfters zuteil gewordenen Erkenntnis: daß nämlich, wer
der
Natur sich mit Inbrunst hingibt, sie nicht bloß kalt erforscht,
sondern
sie mit allen Kräften seines Wesens durchdringend zu erfassen
trachtet,
hierdurch eine vollwertige R e l i g i o n
gewinnt.
Man lernt den tieferen Sinn von Schillers Wort verstehen: wer
Wissenschaft
besitze, der habe Religion. Und dieser Tatsache zufolge wirkte Ihr
Brief
geradezu wohltuend — wie noch keiner der vielen, die ich in dieser Zeit
bekam. Es ist einfach großartig zu beobachten, wie ein Mann, der
nicht nur das allgemeine Leiden trägt, das wir alle zu tragen
haben,
sondern dazu noch die Schmerzen um ein zwiefach verratenes engeres
Vaterland,
so gelassen vertrauensvoll, festgeankert in seinem Glauben an die
großen
Naturgesetze, die er kennt und ahnt, dastehen kann — weiter sinnend und
arbeitend mitten in den alles mit sich reißenden Fluten: ein
Archimedes
der Neuzeit!
Nachdem gar viele
gute Menschen durch die Redensarten über „Gotteszüchtigung“,
„Rückkehr zur Einfachheit“, „Wiedergewinnung des Deutschlands
Goethes
und der Romantik“ usw. mich zur Verzweiflung gebracht haben, sind Sie,
lieber Freund, der allererste, der es verstanden hat, einen Strahl der
Hoffnung mir zu Schenken, etwas, woran ich wirklich glauben kann —
wenngleich
ich diese Unterscheidung zwischen Genotypus und Phänotypus nur als
Möglichkeit einer besseren Zukunft, nicht als eine Gewähr
dafür
auffassen kann. Das genügt aber auch.
Was mich betrifft,
so hat das zunehmende Verschlimmern meines Zustandes mich in eine
eigenartige
Lage gebracht: ich schwebe sozusagen zwischen Zeit und Ewigkeit und
erblicke
infolgedessen die Dinge aus einem besonderen Winkel, der mir alles aus
großer Entfernung zeigt. Daher eine gewisse Neigung,
geschichtsphilosophische
Betrachtungen, die doch immer nur rückblickend auf Vergangenes
Berechtigung
besitzen, schon jetzt anzustellen. Und da sage ich mir oft: Welcher
unter
uns hat je ermessen und sich wirklich vergegenwärtigt, was der
deutsche
Geist im Laufe der letzten 1000 Jahre geleistet hat — an
geschichtlichen
Taten, an gemeinsamer Bewältigung ungeheuerer Aufgaben, an
Hervorbringung
unvergleichlicher Persönlichkeiten? Und zeigt nicht das Leben,
daß
jede Gestalt sich mit der Zeit erschöpft und zugrunde geht? oder —
was auf dasselbe herauskommt — sich in ein anderes verwandelt? Wer
weiß,
ob das uns so unsagbar teuere Deutsche nicht alles geleistet hat, was
irgendein
Gott gerechterweise von ihm verlangen konnte? und ob nicht aus einer
uns
ungeahnten Richtung neues Heldentum zu erwarten steht? Wenigstens
schiene
mir das eine den Dimensionen weltgeschichtlicher Ereignisse angemessene
Annahme oder wenigstens Möglichkeit.
Nicht, daß
es schlechte und gemeine Menschen in Deutschland gibt, weckt in mir
eine
solche Vorstellung, denn die mir oft begegnete Annahme, als hätte
ich vorausgesetzt, jeder deutsche Kuhhirt trage Kants Kritik in der
Tasche,
ist natürlich absurd, vielmehr habe ich seit vielen Jahren das
Gesetz
der Gegensätze als überall waltend erkannt. Was wäre z.
B. der englische Gentleman, wäre nicht England die Heimat der cads;
nebenbei gesagt, bin ich dieser Bemerkung noch nirgends begegnet, und
doch
liegt es auf der Hand, daß die Kontrastwirkung bei der Entstehung
jenes exquisiten Typus viel zu bedeuten hatte; man nennt Frankreich die
Heimat des Esprit; wenn man aber nach der Zahl ginge, müßte
man es die Heimat der ganz hohlen leeren Köpfe nennen. Und so habe
ich z. B. gefunden, daß eigentlich Unbildung nirgendswo so zu
Hause
ist, wie in Deutschland — dem Vaterland höchster Bildung. Dem
Engländer
kann man Unbildung nicht vorwerfen, da seine Welterfahrung eine sehr
tüchtige
Bildung darstellt; der Franzose ist nicht ungebildet, sondern ganz
einfach
Ignorant, er weiß nichts. Die Masse der Deutschen dagegen
weiß
zugleich zu viel und zu wenig, und dies ist, was eigentlich
U n b i l d u n g zu heißen hat, weil es das geistige
Gleichgewicht umwirft und dadurch große Gefahren mit sich
führt.
Aber einen solchen Zusammenbruch, so viel Niedertracht und namentlich
so
viel Feigheit hätte ich doch nie erwartet: der Genotypus muß
wirklich ein urkräftiger sein, wenn er da noch siegreich
durchdringen
will. Ich will es hoffen, daß Sie es mich lehren!
Lassen Sie mich noch
zum Schluß — denn das Sprechen fällt mir schwer — kurz
melden,
daß die Korrekturen zu meinem Buche beendet sind und der Druck
soeben
begonnen hat. Dieses wunderbar unzeitgemäße Erzeugnis
trägt
jetzt den Titel: „Lebenswege
meines
Denkens“ — ein etwas zu viel verheißender Name, doch gelang
es
mir nicht, einen genaueren zu finden, und alle Welt protestierte gegen
die beabsichtigten „Längsschnitte“ — die Leute sind eben zu wenig
naturwissenschaftlich gebildet.
[...]
Lassen Sie sich die
Hand warm drücken von
Ihrem stets treu ergebenen
Houston S. Chamberlain.
Bayreuth, 9. 1. 1919.
P. S.
Meinen Brief
schickte
ich gestern nicht ab, weil infolge einer Unterbrechung mir zwei Punkte
entfallen waren, die ich doch nachtragen will: der eine betrifft den
inneren
Kreis, der andere den alleräußersten.
Man darf gewiß
ohne Übertreibung behaupten, was wir heute in Deutschland erleben,
ist die Herrschaft der Juden; wenn die Zeitungen erzählen von 80
bis
100 Juden unter den sogenannten Regierenden, so langt das noch nicht,
da
unter den übrigen 20 sehr viele Mischlinge sich befinden [...]
Ich meine, diese Tatsache wäre geeignet, für einen
künftigen
Sieg des germanischen Genotypus eine gewisse Hoffnung
einzuflößen
— wenn nämlich die Deutschen aus der jetzigen bitteren Erfahrung
es
endlich lernten, die Gefahr ihres Humanitätsdusels zu erkennen,
und
durch ein mutiges Gesetz sämtliche Juden — nicht etwa
aufknüpften
oder ihnen überhaupt ein Haar krümmten, sondern sie
juristisch
in den Stand der Ausländer versetzten, sie somit aus der gesamten
Staatsmaschine ausschließend. Wer unter ihnen sich dann noch
aufrührerisch
verhielte, würde ohne weiteres, wie jeder andere mißliebige
Ausländer über die Grenze geführt. Glauben Sie aber,
daß
irgendeine Erfahrung jemals genügen wird, die Deutschen zu diesem
unerläßlichen Schritt zu veranlassen? Und wenn nicht, wie
wollen
Sie das Weiterblühen dieses verderblichen Genotypus der Semiten
verhindern?
Der zweite Punkt
berührt die Geschichte der Menschheit überhaupt und
läßt
mich zweifeln, ob da an einen Aufstieg geglaubt werden kann.
Die Lehre von der
Gleichheit aller Menschen wurde vom Christentum eingeführt in eine
Welt, der vorher dieser Gedanke absolut unbekannt gewesen war. Freilich
meinten es Paulus und die Väter ganz anders, als wir uns heute die
Sache vorstellen, nämlich ganz unpolitisch. Ich stecke in diesem
Augenblick
bis über die Ohren in Paulus und in der Geschichte der drei ersten
christlichen Jahrhunderte und finde nirgends die Spur einer Ablehnung
des
Sklaventums. Der Gedanke ist bei diesen Männern ein weit tieferer
und betrifft einzig die Gleichheit vor Gott, mit anderen Worten die
gleiche
Würde der Persönlichkeit; im übrigen wird den Herren
Güte
und Gerechtigkeit zur Pflicht gemacht, den Sklaven Gehorsam und
Ehrerbietung.
Doch das eine führte notwendigerweise zum anderen, und zuletzt
langten
wir bei dem Dogma der politischen Gleichheit an, von dem man behaupten
darf, es beherrscht heute alles politische Denken, auch das der
konservativen
Kreise. Ich glaube nun, ein so tief greifender Irrtum gleicht einer
Sünde
wider die Gesetze der Natur, gleicht einer tagtäglich wiederholten
Lüge; und ich fürchte, an diesem Krebsschaden muß und
wird
notwendigerweise das Menschengeschlecht zugrunde gehen. Sie kennen
gewiß
und verehren mit mir Balzacs „Médecin de Campagne“?
Dieser
beste Kenner und hingebendste Freund des Volkes — dessen sittlicher und
geistiger Hebung er rastlos hingebend sich widmete — urteilt nun: „Das
Volk (als solches) ist ein für allemal unfähig, an dem
Regieren
teilzunehmen.“ Wohl kann man sich als ein Ideal im Sinne Kants
vorstellen,
es könnte im Laufe langer Zeiten gelingen, durch Erweiterung der
Selbstverwaltung,
durch welche jeder tüchtige Mensch die Gelegenheit bekäme,
sich
nach und nach auf diesem schwierigen Gebiete zu üben, Erfahrung zu
gewinnen, Denkweisen sich anzueignen und auf seine Kinder zu vererben —
denkbar, sage ich, wäre es allenfalls gewesen, daß man nach
und nach im Laufe von Jahrhunderten die Gesamtheit zu einer
annähernden
Gleichheit in bezug auf politische Befähigung erzogen hätte;
ich glaube zwar, ein solches Ideal ließe sich niemals vollkommen
verwirklichen, doch hätte es als Ziel vorschweben können. Wir
aber gehen von der lächerlichen Annahme aus, wir Menschen seien
rein
von Hause aus zu der schwierigsten aller Aufgaben
gleichmäßig
befähigt und nehmen dabei nicht die geringste Rücksicht auf
Bildung
und auf Lebensverhältnisse, noch weniger auf die angeerbten
Eigenschaften
des Geistes und Charakters. In Ländern wie England, Frankreich und
den Vereinigten Staaten wird der unausbleibliche Verfall dadurch
aufgehalten,
daß in Wahrheit eine sehr kleine Minderheit eine kaum versteckte
Gewaltherrschaft führt; ich befürchte, daß der Deutsche
zu gebildet und zu redlich ist, und daß er deswegen noch
schneller
als die anderen die Folgen dieser unseligen Grundunwahrheit an sich
selber
erfahren wird, und daß der heutige Tag den Anfang hiervon bildet.
Houston S. Chamberlain.
73-76
An Baronin Emma Ehrenfels
Teuerste Freundin!
Lassen Sie mich
Ihnen
in Kürze für Ihren lieben Brief vom 31. Dezember unserer
beiden
Herzensdank aussprechen, dessen schlechte Nachrichten zugleich so gute
waren. Welcher Gottessegen, daß das holde Wesen — welches mir
viel
von ihrer Mutter geerbt haben scheint — Ihnen erhalten wurde; ich habe
Tränen der Freude darüber vergossen.
Wie ruhig es hier
zugeht, können Sie sich vorstellen; man segnet die
Stadtväter,
deren Beschränktheit damals die Durchführung der
Haupteisenbahnlinie
vom Süden nach Norden durch Bayreuth ablehnte: dieser Tatsache
verdankt
Bayreuth seine Isolierung, und diese Isolierung verschafft uns Ruhe und
Nahrung — wenigstens bisher.
Inmitten dieser Ruhe
wurde in Wahnfried ein entzückendes Weihnachtsfest gefeiert — ein
Fest auf die Kleinste der Kleinen berechnet. Voran ging nur das
Evangelium
und eine ganz wundervolle kurze Andacht Luthers; dann aber herrschten
der
zweijährige Willfy und die achtmonatige Mo. Letztere saß
aufrecht
in ihrem Wagen, dicht am Baume mit weitoffenen großen Augen,
einen
jeden anlachend und ihre Spielsachen energisch um sich werfend oder in
den Mund steckend, der kleine Huschele aber trug von seinem niedern
langen
Tisch ein Stück nach dem anderen zum Schwesterchen hin und war
berauscht
vor Freude. Gerade inmitten dieser furchtbaren Zeit wirkte dieser
Anblick
der ewig neugeborenen Unschuld und Lebenslust der Natur ergreifend,
belehrend
und erhebend. Daneben die greise Großmutter in aller geistiger
Frische
an diesem Glücke teilnehmend, das großartige Antlitz im
Baumesglanz
erstrahlend. Es war eine unvergeßliche Stunde, und ich danke
Gott,
daß ich sie erleben durfte — während ich die letzten zwei
Weihnachten
es nicht gewagt hatte, hinüberzugehen. Das tiefste aller Worte
bleibt
doch immer: Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein...
Aus meinem eigenen
stillen Dasein kann ich nur melden, daß ich heute die letzte
Korrektur
an meinem neuen Buch beendete. Das Papier gelangte durch ein Wunder
doch
bis München und in die Druckerei, und der Druck hat vor acht Tagen
begonnen. Es ist ein eigentümlicher Gedanke, daß dieses
friedliche
Buch mitten in der Revolution fertiggestellt und erscheinen wird.
Für Ihre
wundervolle
Geschichte vom König Ludwig und dem heiligen Franziskus ¹ bin
ich Ihnen sehr dankbar. Auch ich habe mich in den letzten Tagen wieder
durch eine schöne Geschichte bereichert — nämlich durch
Carlyles
Lebensschilderung seines Freundes John Sterling, ein Buch, dessen Name
mir oft begegnet war, wie auch in den Briefen Carlyles überhaupt
der
Name John Sterling. Ich hatte es aber nie gesehen, denn es ist im
ganzen
wenig verbreitet. Nun hatte es mir aber mein Frankfurter Leibjude
verschafft,
und zwar in der schönen ersten Ausgabe vom Jahre 1851, und ich
habe
eines der schönsten, genialsten Bücher des großen
Schotten
kennengelernt. Es waren geradezu wonnige Nachmittagsstunden, die ich —
auf meinem Diwan aufgebaut — am Lesepult verlebte. Leider wurde ich
gestern
damit fertig. Sterling ist nicht ein Mann von großer Bedeutung,
wenn
auch von gewinnendem Wesen, und Carlyle meint, er hätte es
verdient,
in Ruhe gelassen zu werden, ohne Biographie; nun hat aber ein Freund
Sterlings,
— ein Clergyman, eine schlechte Lebensschilderung herausgegeben, ein
gut
gemeintes, aber ganz schiefes Bild des verewigten Freundes entwerfend,
und da ließ es dann Carlyle keine Ruhe, und er beschloß,
dieses
Buch zu schreiben. Das Geniale daran bildet gerade die Tatsache,
daß
Sterling an und für sich so ziemlich ein Durchschnittsmensch ist,
dadurch versteht es Carlyle, Raum zu gewinnen für alle
möglichen
allgemeinen Menschheitsbetrachtungen. Ich stehe nicht an, dieses kleine
Buch für eines seiner schönsten zu erklären; es ist ein
Meisterwerk, und zwar aus seiner besten Zeit, nach der
„Französischen
Revolution“ und vor der Inangriffnahme „Friedrichs des Großen“.
Ich
bezweifle, ob dieses Buch übersetzt sei; aber wenn Sie Gelegenheit
haben, es sich aus der Bibliothek englisch zu verschaffen, tun Sie es;
Sie werden es nicht bereuen.
Hier muß ich
abbrechen, denn die Stunde zum Wiederhinlegen hat geschlagen. Seien Sie
alle von ganzem Herzen im neuen Jahre gegrüßt! Bleiben Sie
uns
treu in Gedanken und Gedenken, und nehmen Sie sich mit heiligem Ernst
vor,
den Besuch in Bayreuth eine Wirklichkeit werden zu lassen — eine
verwirklichte
Dichtung.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Eine Legende: Der heilige Ludwig pilgerte von Frankreich zu Franziskus
und meldet sich als Bettler vor dem Kloster an. Franziskus aber
weiß
das alles sogleich, geht zu dem König vor die Tür, beide
knien
nieder und halten sich umschlungen. Dann, ohne ein Wort gesprochen zu
haben,
gehen sie wieder auseinander.
Verehrter lieber Freund!
Ihre beiden Briefe
vom 22. Dezember und vom 5. Januar gelangten richtig in meine Hand und
verschafften mir, wie immer, reiche und wohltuende Unterhaltung. Haben
Sie besten Dank.
Auch ich bewundere
den Mann, der sich auf drei Tage ins Bett legt, um die Sorge
loszuwerden
und die Lösung schwieriger Probleme zu finden. Leider bin ich
nicht
mehr fähig, diese Weisheit auszuüben; denn ich danke immer
Gott,
wenn ich sechs Uhr schlagen höre und mir sagen kann, ich werde
bald
aus dem Bette geholt werden. Es gehört nämlich zu den
qualvollsten
Torturen, liegen zu müssen, ohne sich rühren zu können —
selbst in dem seltenen Fall, daß keine Schmerzen hiermit
verbunden
sind. Sobald ich aber auf bin, kehrt die Munterkeit des Geistes wieder.
Ja, ich fahre fort
mit meinen Studien bezüglich auf das erste christliche
Jahrhundert.
Die Paulinischen Briefe studiere ich — soweit es geht, an der Hand des
unvergleichlichen Lightfoot — mit großer Genauigkeit, — zwar
nicht
zum ersten Male in meinem Leben, doch gewinnen derartige Dinge bei
zunehmendem
Alter stets ein neues Gesicht. Besonders hingerissen bin ich
augenblicklich
von dem Buche eines Mannes, der an Genialität mit Lightfoot in
keiner
Weise zu vergleichen ist, mir aber als nüchterner,
zuverlässiger
Historiker doch lieb ist und der die Ereignisse der Forschungen der
letzten
zwanzig Jahre zusammenfaßt, nach denen diese ganze erste Zeit des
Christentums, voll gesicherter Tatsachen, ein sichtbares Leben gewonnen
hat. Namentlich Petrus tritt aus dem nebligen Halbdunkel ins helle
Tageslicht
— er und seine Gattin, die ihn auf seinen Reisen zu begleiten pflegte.
Der Verfasser heißt Edmundson: „The Church in Rome in the
first
Century“.
Nein, politische
Träume habe ich nicht mehr gehabt. Ich träume viel von
großartigen
Gebirgslandschaften, auch von Seereisen, — manchmal auch von Musik. Den
einen Traum habe ich Ihnen zur Unterhaltung aus meinem Traumbuch
abschreiben
lassen: „In einem mächtigen Dome findet die Generalprobe zu einem
neuen Oratorium statt, das durch einen Chor der gefallenen Engel — oder
vielmehr der noch als fallend gedachten Engel — eingeleitet wird.
Außer
dem untenstehenden Hauptchor waren Sänger und Sängerinnen auf
allen Höhen des Gewölbes verteilt, und da diesen durch die
Figuren
und anderen architektonischen Zierat, hinter dem sie standen, der Blick
nach unten genommen war, mußte der Kapellmeister auf dem
höchsten
Punkt der Decke — wo eine kleine Estrade für ihn eingerichtet war
— seine Stelle einnehmen; um ihn herum waren mehrere Spiegel
angebracht,
die sein Taktieren nach allen Seiten hin sichtbar machten. Ich allein
stand
oben neben ihm. Dieser Chor bestand in der Hauptsache aus einem
einzigen
großen, sehr polyphon ausgearbeiteten Klageruf, an Stärke
abwechselnd
zu- und abnehmend, bis er zuletzt eine herzzerreißende Kraft und
Höhe erreichte. Der Leiter, der ohnehin infolge der großen
Entfernung
zu weitausholenden Gebärden genötigt war, geriet bei dem
letzten
crescendo
ganz außer sich, schlug immer wieder die beiden Arme quer
über
die Stirne zusammen (so daß er das Gesicht vollkommen zudeckte),
sodann aber mit äußerster Heftigkeit weit auseinander. Sein
Antlitz war vom herunterströmenden Schweiß entsteltt. Der
Eindruck
hiervon, verbunden mit dem, den der Chor auf mich machte, weckte mich.“
Die Verhandlung in
Frankfurt ¹ ist auf den 3. März verlegt; was dieses
Hinausschieben
bedeutet, weiß ich nicht. Claß führt nur noch den
politischen
Teil, das Juristische hat Jacobsen in Hamburg, ein besonders
vortrefflicher
Mann und Gesinnungsgenosse, übernommen.
Wenn Sie in Basel
dem mir so freundlich gesinnten Ingenieur wieder begegnen, bitte ich,
ihn
von mir freundlichst zu grüßen. Dabei fällt mir ein,
daß
ich vor einigen Monaten zwei ganz wundervolle Briefe von einem Pfarrer
Karl Sick aus Basel erhielt, der Mörsberger Straße 54 wohnt.
Ich meine, der Mann würde sehr erfreut sein, durch Sie über
mich
näheres zu erfahren, und glaube, sie beide müßten sich
vorzüglich verstehen.
Für heute leben
Sie wohl, lieber Freund, und gedenken Sie meiner!
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Im Beleidigungsprozeß der „Frankfurter Zeitung“ gegen Ch.
Hochverehrter Herr von Riepenhausen!
[...]
Viel haben wir in
letzter Zeit Ihrer sowie anderer lieber Freunde in Schlesien denken
müssen,
denn alle müssen sich schwer bedroht fühlen, da das wehrlose
Chaos, früher Deutsches Reich genannt, zu ihrem Schutze nichts tun
kann, wenn Polen oder Tschechen es belieben, Ansprüche geltend zu
machen. Auch erinnerten wir uns oft Ihrer drastisch-dramatischen
Erzählung
von der Unterhaltung mit Bismarck ¹ über den Wahnsinn, das
Reichstagsgebäude
in Berlin errichten zu wollen: jetzt erleben wir es, daß selbst
eine
sozialistische Regierung es nicht wagt, die Nationalversammlung in das
eigens erbaute Prunkgebäude einzuberufen, und in eine kleine
Provinzstadt
fliehen muß.
Werden Sie sehr
entsetzt
sein, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich seit Wochen keine Zeitung
mehr
lese und mich begnüge mit den kurzen Berichten, die mir Frau und
Schwägerin
geben? Seitdem wir uns zuletzt begegneten, hat sich nämlich mein
körperlicher
Zustand bedeutend verschlimmert: ich kann nur wenig mehr gehen,
gebückt
und schwankend, der Gebrauch der Hände ist dermaßen
eingeschränkt,
daß ich für alles und jedes fremder Hilfe bedarf, auch das
Reden
kostet mir viel Mühe: wie soll man derartigen Erschwernissen des
Lebens
gewachsen sein, wenn nicht im Geiste eine gewisse Hoheit und Heiterkeit
innewohnt? Und wie wäre eine solche Höhe und Lebensfrische
aus
der Betrachtung unserer Gegenwart zu schöpfen, wo man doch auf
allen
Seiten nur Beschränktheit, Feigheit, wenn nicht gar
grundsätzliche
Zerstörungswut erblickt? Helfen kann unsereiner rein gar nichts;
jede
Stimme der Vernunft verhallt in dem Babel der Unvernunft. Fast am
meisten
ärgern mich die vielen Briefe, die ich von Menschen erhalte, die
in
aller Seelenruhe schon zur Tagesordnung übergegangen sind und
gottselig
vertrauen, aus dem Elend werde von selber eine glorreiche Zukunft
hervorgehen.
Ich meinerseits rufe mit Faust:
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Bismarck hatte gewünscht, daß das Reichstagsgebäude um
der leichteren militärischen Sicherung willen nicht in Berlin,
sondern
in Potsdam errichtet würde.
Geehrter lieber Herr Neff!
Wie freundlich von
Ihnen, unser durch eine so gehaltvolle Sendung ¹ zu gedenken! Wir
waren kein undankbares Publikum und haben sofort beide Aufsätze
gelesen
und gar manchen Zug zur Vervollständigung unserer Vorstellung des
seltenen Mannes gewonnen. Der Eindruck unbedingter Wahrhaftigkeit ohne
alle phantastischen Zugaben wirkt sehr wohltuend; mich rührten
besonders
die Stellen, wo Zola seine Unfähigkeit, den Standpunkt des
genialen
Freundes zu verstehen, offen und naiv zugibt: Gerade diese halte ich
für
die schönsten seines Büchleins.
Furchtbar
gestört
hat mich die Unzulänglichkeit der Übersetzung; nur durch
beständiges
Besinnen auf das französische Original konnte ich oft den Sinn
herausfinden.
Nur ein Beispiel: Flaubert soll seinen Jüngern „Nüchternheit“
empfohlen haben! Eine pure Unmöglichkeit. Im Französischen
wird
gewiß „Sobriété“ stehen, was freilich
ursprünglich
Nüchternheit bedeutet, jedoch im Laufe der Jahrhunderte eine
spezielle
Beziehung zu Sprache und Literatur gewann, um Maßhalten,
Vermeidung
von Übertreibung usw. auszudrücken. Littré gibt als
Sinn
„Maß, Ansichhalten“. Wenn 500 derartige
Mißverständnisse
in einer kleinen Schrift vorkommen, so wird der Charakter derselben arg
verunstaltet, ja man kommt dazu, den Mann das genaue Gegenteil dessen
sagen
zu lassen von dem, was er in Wirklichkeit gesagt hat. Der Inselverlag
sollte
wirklich die Mittel besitzen, Besseres vorzulegen, indem er
nämlich
seine Übersetzer besser bezahlte.
Hoffentlich geht
es Ihnen gut und können Sie ruhig bei Ihren Arbeiten bleiben. Es
würde
sich nicht lohnen, Ihre Jugendkraft in den Vorgängen des heutigen
Tages irgendeiner Gefahr auszusetzen. Wir freuen uns sehr in der
Hoffnung,
Sie hier zu Ostern begrüßen zu dürfen — in welcher
Hoffnung
ich heute verbleibe
Ihr aufrichtig ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Zolas Schrift über Gustave Flaubert (Insel-Verlag).
Geehrtester lieber Herr Dinter!
Ihr inhaltsreicher
Brief vom 11. Dezember v. J. hat lange unbeantwortet bei mir gelegen.
Ich
weiß, Sie urteilen mit Nachsicht, da Ihnen aus Ihrem lieben
Besuch
in Bayreuth mein Zustand genau bekannt ist — der sich übrigens,
seit
Sie hier waren, nicht unbedeutend verschlechtert hat, namentlich in
bezug
auf das Sprechen. Es dauerte auch lange, ehe ich dazu kam, das
freundlich
mitgeteilte Buch von Deinhart ¹ zu lesen, weil ich täglich
nur
wenig Zeit dem Studium widmen kann und doch so vieles vorhabe, was
ausgedehnte
Studien erfordert, die ich nicht gerne unterbreche. Eigentlich ist das
Buch die Ursache, daß ich solange schwieg, denn ich wollte nicht
eher schreiben, als bis ich es durchgenommen hatte, und als das
geleistet
war, mochte ich Ihnen nicht sagen, was ich darüber dachte. Es ist
besser, ich bin ganz aufrichtig und bekenne mich als diesen
Gedankengängen
durchaus unzugänglich. Das ist in einem solchen Maße der
Fall,
daß ich mich unfähig weiß, ein Urteil zu fällen;
denn nur wer sympathetisch in ein Werk eindringt, ist fähig,
darüber
zu urteilen. Freilich handelt es sich um Fragen, die jeden Menschen
angehen;
ich kann mich aber nicht überzeugen, daß unser Verstand
hinreicht,
ja, daß er in irgendeinem Maße befähigt ist, diese
Dinge
zu erfassen und darüber Ersprießliches auszusagen. Ich
für
meinen Teil bin zufrieden, mich auf das zu beschränken, was das
Leben
mir bringt — auch in bezug auf das, was unser harrt nach dem Tode; das
werde ich später erfahren und befürchte, meine Zeit, die mir
so knapp zugemessen ist, jetzt im irdischen Leben damit zu vergeuden.
Den Eindruck, den
Sie von Ihren ersten Studien der englischen Geschichte gewonnen haben,
begreife ich gut; keine Geschichte ist interessanter, weil keine so
gedrungen
und so abgeschlossen einheitlich verläuft. Ich glaube aber, wenn
Sie
das erste Studium durch weitere ergänzt haben, werden Sie ein
Grauen
bekommen über die Härte und Grausamkeit, ja Seelenlosigkeit
dieser
Geschichte. Sie werden auch lernen, die angebliche Freiheit des
„letzten
Schiffsjungen“ auf ihr rechtes Maß zurückzuführen.
Gewiß
gibt es eine besondere englische Freiheit; sie ist aber arg eingeengt;
der Deutsche war bisher, sowohl im äußeren Leben, wie
namentlich
auch in bezug auf die innere Ausgestaltung seines Denkens ein bedeutend
freierer Mensch. England wird seit 1000 Jahren von einer ganz kleinen
Gruppe
willenskräftiger Männer geleitet und beherrscht; zu der Kunst
dieser Männer gehört es, dem ganzen Volke die Einbildung
beizubringen,
es ist frei, wo es in Wirklichkeit ein Mindestmaß an
Selbstbestimmung
besitzt und bei keinem Volke der Erde ein so krasser Unterschied Klasse
von Klasse trennt und selbst dem begabtesten Manne aus dem Volke das
Hinansteigen
in höhere Lebensstellung ein für alle Male unmöglich
gemacht
ist.
Von Ihren
Kant-Studien
erfuhr ich besonders gerne. Ich rate Ihnen, sich dabei recht viel Zeit
zu nehmen; Kant läßt sich nicht zwingen; auch bei ihm
muß
man die günstige Stunde abwarten und sich immerfort wiederholen,
daß
man ein Lebenswerk nicht in wenigen Wochen übersehend nachdenken
kann.
Überhaupt empfehle ich niemals allzu systematisch zu Werke zu
gehen;
man muß dem leitenden Engel Raum lassen zu allerhand
überraschenden
Wendungen.
Hat Ihre
Vortragsreise
stattgefunden und mit welchem Erfolg?
[...]
Die freundlichst
mitgeteilte Besprechung Ihres Buches lege ich wieder bei, da sie Ihnen
vielleicht dient und ich sie mir schon aus der „Deutschen Tageszeitung“
ausgeschnitten hatte. Soweit ich höre, findet das Werk den
doppelten
Erfolg der Bewunderung und der Anfeindung.
Das Gerichtsverfahren
der „Frankfurter Zeitung“ gegen mich ist jetzt erst niedergeschlagen
worden
auf Grund der Amnestie. Es tut mir leid, für meine Rechtsvertreter
— Jacobsen, Hamburg, hatte jetzt die Hauptsache übernommen —‚ da
diese
Herren ein enormes Material durchgearbeitet hatten, geeignet, das
Ansehen
jenes Blattes bei anständigen Menschen für immer zu
zerstören.
Doch für meine eigene Ruhe bin ich froh, diese Sache los zu sein
und
nicht mehr meinen Namen so herumgezerrt zu wissen.
Bei uns geht alles
den gewohnten Weg, und wenn auch die abseitige Lage von Bayreuth uns
von
den meisten unserer Freunde jetzt trennt, so genießen wir doch
wenigstens
eine verhältnismäßige Ruhe und annehmbare
Lebensmöglichkeit.
Mein neues Buch ist
eigentlich schon fertig; die nie aufhörenden Unruhen in
München
und in Leipzig verhindern aber bisher das Erscheinen. Inzwischen stehen
fast alle meine anderen Werke in Neudruck, denn Bücher werden
gegenwärtig
mehr denn je gekauft.
Für heute
muß
ich Ihnen Lebewohl sagen, denn ich bin müde und kann nicht
weiterreden.
Ich bitte Sie aber, Übles mit Gutem zu vergelten und mir
möglichst
bald über Ihr Wohlergehen und namentlich über Ihr Schaffen
Nachricht
zukommen zu lassen. Meine Frau grüßt mit mir auf das
herzlichste,
und ich verbleibe
Ihr treu freundschaftlich ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
„Das Mysterium der Menschen.“
Hochverehrter lieber Freund!
Sie wissen
vielleicht
gar nicht, welche große Freude Sie mir mit Ihren lieben Zeilen
vom
12. d. M. gemacht haben; denn Ihre Gefühle der Freundschaft
erwidere
ich auf das allerwärmste — und das will bei mir etwas sagen. Wir
Nordländer
leiden alle an einer gewissen Sprödigkeit des Gemüts, und ich
gestehe offen, daß ich trotz aller Anerkennung und Sympathie, die
ich gar manchen Männern dankbar entgegenbringe, sehr selten echte
Freundschaft empfinde — eine Freundschaft, die zu unbeschränktem
Seelenaustausch
auffordert: Ihnen gegenüber aber war das vom ersten Augenblick an
(in jenem herrlichen Lohengrinjahre, jetzt vor genau 11 Jahren) der
Fall.
Ich könnte noch über jede der wenigen Stunden, die wir
zusammen
genossen, ausführlich berichten, so lebendig fest blieben sie mir
im Gedächtnis eingegraben. Und so hatte es mich denn schmerzlich
berührt,
als der Verlauf des furchtbaren Krieges uns allmählich
auseinandergerückt
hatte. Mit einem Worte geben Sie mir jetzt alles wieder zurück und
beglücken mich dadurch innig.
Leider hat bei mir
inzwischen eine Wandlung stattgefunden, durch welche ich noch schlimmer
daran bin als Sie, mein Freund; Sie können nicht selber schreiben,
Sie können aber wenigstens unbeschränkt diktieren; ich kann
ebenfalls
nicht schreiben, kann aber nur mit Mühe reden, und so bin ich denn
in bezug auf den Verkehr mit abwesenden Freunden arg beschränkt
und
muß mich unfreiwilliger Kürze bequemen.
Als erstes lassen
Sie mich mich des Auftrags entledigen, den ich von meiner
Schwiegermutter,
Frau Cosima Wagner, empfing. Sie trug mir auf, Ihnen zu sagen, wie sehr
sie sich der Erinnerungen erfreut hätte, und sie versichert Ihnen,
daß auch sie zu den schönsten Erlebnissen zählt die
Zeiten
gemeinsamer künstlerischer Arbeit. Auch ich habe mich
außerordentlich
über Ihre Worte bezüglich der hohen unvergleichlichen Frau
gefreut.
Bei jeder ihrem Lebenswerke gewidmeten Betrachtung auch z. B. in der
sonst
recht hübschen Schrift des Grafen Du Moulin bleibt gerade dieser
Hauptpunkt
entweder gänzlich unberücksichtigt oder flach und zum
größten
Teil falsch behandelt. Und doch müßte gerade diese für
die Nachwelt festgehalten werden, und zwar je genauer und je
ausführlicher,
um so besser. Sie, lieber Freund, wären hierzu einzig
befähigt.
Was fast alle Künstler hemmt, wissen wir leider so genau,
daß
ich keine Worte darüber zu verlieren brauche; Sie dagegen besitzen
die hohe Bildung, die weiten Kenntnisse und zugleich die feurige
Begabung,
ohne welche die Bedeutung dieser 20jährigen Tätigkeit nicht
zu
erfassen ist, viel weniger auszudrücken und zu schildern. Sie
sollten
entweder in Ihren Lebenserinnerungen oder an irgendeinem Ihnen
passenden
Orte Ihre Erfahrungen und Ihr Urteil niederlegen. Denken Sie daran.
Eine „Autobiographie“
habe ich nicht verfaßt; es wäre dies eine Aufgabe, die mir
durchaus
gegen den Strich ging; vielmehr habe ich lediglich versucht, das
Entstehen
des Schriftstellers in mir für die Freunde meiner Bücher zu
schildern
und ihnen insofern ein geschichtliches und auch ein persönliches
Bild
dieses immerhin eigenartigen Bücherschmiedes zu hinterlassen.
Sobald
die Umstände das Erscheinen ermöglichen, werde ich Ihnen ein
Stück zukommen lassen. Freilich das religiöse Leben, auf das
Sie anspielen, kommt in diesem Buche nicht zur Sprache; es eignet sich
nicht für diesen Rahmen; ich bin beschäftigt, die Lücke
auf eigene Weise auszufüllen.
Heute reichen meine
Kräfte nicht weiter. Darum drücke ich Ihnen in herzlicher
Treue
die Hände, indem ich Sie bitte, Ihre hochverehrte liebe Gattin von
mir bestens grüßen zu wollen.
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter lieber Herr Dinter!
Ihr Brief an den
Oberrabbiner
hat mir außerordentlich gefallen: Sie haben den Mut, der alles
besiegt,
und Sie wissen sich mit unzweideutiger Klarheit auszusprechen. Nur habe
ich zufällig in den letzten zwei Tagen — in ganz anderen Studien
vertieft
— zwei wichtige Stellen gefunden in bezug auf jene ewige Frage, was das
jüdische Gesetz unter einem „Nächsten“ versteht, zwei Stellen
von entscheidender Wichtigkeit als Zeugen, daß darunter einzig
ein
Jude verstanden wird. Die eine Stelle stammt vom Bischof Lightfoot, der
während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte und
anerkanntermaßen
einer der größten Theologen aller Zeiten ist; die andere
Stelle
findet sich in dem wundervollen Werke „Die vier kanonischen Evangelien“
des Heidelberger Theologie-Professors Adalbert Merx, Zeitgenossen
Lightfoots,
und der vielleicht das größte Sprachgenie unter den
deutschen
Theologen neuerer Zeit war. Beide Gelehrten waren nichts weniger als
Antisemiten,
vielmehr neigten sie als christliche Theologen zur Bewunderung des
auserwählten
Volkes, doch waren sie redliche Männer, bestrebt, der Wahrheit zu
dienen, selbst dort, wo sie ihren Vorurteilen widersprach.
Die Stelle aus
Lightfoot
teile ich Ihnen beiliegend im Original mit. Auf Deutsch lautet sie: „Im
Originaltext (Levitecos 19, 18) ist das Wort Nächster scheinbar
auf
das jüdische Volk beschränkt: Du sollst keinen Zorn hegen
gegen
die Kinder Deines Volkes, sondern Du sollst Deinen Nächsten wie
Dich
selbst lieben. Aus der Frage des Gesetzeskundigen (Lukas 10, 29)
dürfen
wir entnehmen, daß die Bedeutung dieses Ausdrucks einen
häufigen
Gegenstand zur Diskussion gab. Der Heiland erweitert und vergeistigt
diese
Bedeutung; und in diesem umfassenden Sinne als anwendbar auf eine
allgemeine
Brüderschaft aller Menschen gebraucht der heilige Paulus das Wort
an dieser Stelle.“
Die Stelle aus Merx
liegt in Abschrift bei. Sie befindet sich in dem obengenannten Werk
„Die
vier kanonischen Evangelien nach ihrem ältesten bekannten Texte;
Übersetzung
und Erläuterung der syrischen im Sinaikloster gefundenen
Palimpsesthandschrift.“
2. Teil, 1. Hälfte, Matthäus, Berlin 1902.
Heute habe ich zu
mehr nicht Zeit und möchte nur hoffen, Ihnen mit dieser Mitteilung
gedient zu haben. In warmer Freundschaft drücke ich Ihnen die Hand.
Houston S. Chamberlain.
87-88
An Baron
J. von Uexküll
Sehr verehrter lieber Herr Baron!
Die jammervolle
Beschaffenheit
meiner Leistungsfähigkeit können Sie daraus entnehmen,
daß
der schönste und erfreulichste Brief, den ich seit langem erhielt,
zwei ganze Monate unbedankt auf meinem Tische liegt; zwar hatte dies
für
mich den Vorteil, daß ich ihn oft wieder las und mich immer von
neuem
daran erfreute, was auch bei meiner Frau und meiner Schwiegermutter der
Fall war. Ganz merkwürdig ist es, daß eine rein
wissenschaftlich
leidenschaftslose Betrachtung geradezu trostreich wirken kann, — wie
das
hier in hohem Maße der Fall ist. Freilich gehört dazu der
geniale
unbestechliche Blick des großen und erfahrenen Forschers. Wenn
dieser
auf die noch so verwirrten Geschehnisse fällt und klärend
ihre
Naturbedeutung und Naturnotwendigkeit aufzeigt, so fühlt man sich
aus dem verwirrenden Jammer des Augenblicks erlöst, und selbst der
Schmerz, wenn er auch nicht aufgehoben wird, weicht in den Hintergrund
vor dem fesselnden Interesse des Beobachtens. Mit großer Ungeduld
erwarte ich Ihre Veröffentlichung zu demselben Gegenstand; denn
Sie
haben mir geistig und moralisch wohlgetan, und so lechze ich nach mehr.
Um eines will ich
dringend bitten: Nehmen Sie in Ihr Gesamtbild auch das Verhalten des
Zentrums
auf, denn dieses erscheint mir in der ganzen Geschichte des Krieges und
der Revolution das Allerbedenklichste und mir — ich gestehe es — das
Allerunerklärlichste.
Man denke sich nur, das Zentrum hätte sich vom ersten Tage ab zu
den
staatserhaltenden Parteien geschlagen! Der ganze Krieg wäre anders
geführt worden und wäre anders ausgefallen! Und nach dem
Kriege
hätte eine Zeit immer höherer Entwicklung anbrechen
können,
statt des heutigen wohl rettungslosen Niedergangs. Ich verstehe es
schon,
daß eine katholische Partei den Niedergang oder wenigstens der
Ersetzung
eines evangelischen Kaisertums als Ziel erstrebt, nicht aber, welches
Interesse
sie daran hat, alles Bestehende zugrunde zu richten. Das müssen
Sie
mir noch einmal erläutern.
Trotz aller Unruhen
hat es den Anschein, als ob mein Buch kurz vor oder nach Ostern
erscheinen
würde. Mein Verleger, der für mich die Versendung an meine
Freunde
besorgt, hat Ihre Heidelberger Adresse. Hoffentlich erreicht sie diese!
Sonst steht hier
alles beim Alten. Ich komme mit Schneckenschritten weiter, da ich nur
mit
Mühe die Seiten eines Buches umzudrehen vermag und keine
eigenhändigen
Notizen mehr machen kann. Doch wird jeden Tag ein wenig gefördert,
und so bleibt denn das Leben noch immer lebenswert. Empfehlen Sie mich
Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin auf das angelegentlichste und lassen
Sie sich selbst die Hand warm drücken von
Ihrem treu ergebenen Freunde
Houston S. Chamberlain.
Mein lieber guter Freund!
Ihr
ausführlicher
Brief hat mich ebenso interessiert wie erfreut; ich bitte, schreiben
Sie
nur ohne alle Bedenken, sobald Ihnen danach verlangt. Mir machen Sie
damit
immer Freude; nur müssen Sie mit sehr ungenügenden Antworten
sich begnügen.
Von meinem kommenden
Werke kann ich Ihnen wenig verraten, und zwar nicht allein, weil ich
mich
selbst scheue, über werdende Dinge zu reden, sondern vielmehr,
weil
ich selber, trotzdem ich dieses Vorhaben seit vielen Jahren im Kopf und
Gemüt trage, noch nicht weiß, worauf ich hinaus will; das
wird
die Arbeit selbst erst zeigen müssen. In diesen Dingen ist es
immer
besser, gehorchen als willkürlich wollen. Vorderhand bin ich ganz
vertieft in die Beziehungen zwischen Christus und Paulus und befinde
mich
sehr wohl dabei, weil der Gegenstand die Seele dermaßen
ausfüllt,
daß einem für alle Erbärmlichkeiten des Tages kein
Interesse
übrig bleibt. Was wollen alle Vorgänge um uns herum bedeuten
angesichts jener Taten und Worte?
Habe ich Ihnen
neulich
vom heiligen Ignatius erzählt? Dessen Brief an die Römer ist
wohl das großartigste Dokument menschlichen Heldensinnes, das mir
je vor die Augen gekommen ist. Ich empfehle Ihnen diese Lektüre
sehr
und mache Sie noch aufmerksam, daß es zweierlei Rezensionen gibt:
eine gefälschte lateinische, die viel längeren Text
führt,
und eine kürzere griechische, deren unzweifelhafte Echtheit
Lightfoot
nachgewiesen hat. Ihre Ausführungen über die Wunder fand ich
vortrefflich. Das Beste, was ich je darüber gehört habe,
steht
in Jean Jacques Rousseau: „Lettres de la montagne“, 1. Teil, 2.
und 3. Brief.
Vor vielen Jahren,
als er zu schreiben anfing, habe ich Aufsätze Sigmund Freuds in
einer
Wiener medizinischen Zeitschrift gelesen, von meinem Arzt darauf
aufmerksam
gemacht; sie schienen mir bedeutend, doch waren die Gegenstände
seiner
Forschungen gar zu unangenehm; seitdem las ich nichts mehr von ihm, und
ich danke Ihnen für die Anregung, es von neuem mit ihm zu
versuchen.
Von Stöhr glaube ich vor langer Zeit ein Buch über die
Materie
gelesen zu haben und erinnere mich, den Verfasser in der
philosophischen
Gesellschaft an der Universität zu Wien öfters gesehen und
auch
gehört zu haben: trocken und schwer, aber gut fundiert und
anregend.
Ihre Sendung erwarte
ich mit Freuden, mache Sie aber aufmerksam, daß es mir
unmöglich
sein wird, Bemerkungen hineinzuschreiben; kaum daß ich fähig
bin, vielleicht hier und dort einen Strich anzubringen. Überhaupt
fällt mir das Lesen von Handschriften recht schwer, weil ich die
Blätter
nicht umdrehen kann, doch sind sie einseitig geschrieben, so
läßt
es sich schon einrichten.
Von Uexküll
erhielt ich in letzter Zeit höchst anregende Briefe. Er arbeitet
eine
Biologie des Staates aus und kommt dabei zu höchst bemerkenswerten
Ergebnissen. Ein glücklicher Mensch, der hierin Trost findet
für
alle Leiden — die ihn als Balten besonders hart getroffen haben. — Ich
glaube, er muß so ziemlich alles verloren haben.
Die „Lebenswege“
werden Sie sehr bald erhalten. Ich bitte um Nachsicht für dieses
Werk;
das erste, das ich nicht eigenhändig schreiben konnte, und man
muß
sich ans Diktieren erst gewöhnen.
Zum Schluß
empfehle ich Ihnen als Titel „Der Mythos Wagners“ lieber als „Das
Mysterium
von Bayreuth“. Ich fürchte, letzterer Titel verleitet zu der
Annahme,
ein Konfusionsmeier treibe hier sein Wesen. Außerdem ist der
erste
Titel viel plastischer und auch richtiger.
Nehmen Sie vorlieb
mit diesen kurzen Zeilen und lassen Sie sich die Hand warm drücken
von
Ihrem
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr!
Für Ihre
freundlichen
Worte und für Ihr mich beehrendes Vertrauen danke ich Ihnen
bestens.
Leider muß ich Ihnen gleich anfangs gestehen, daß mir in
der
Frage, die Sie mir vorlegen, die Unparteilichkeit so ganz und gar
fehlt,
daß ich mich selber blind glaube für die etwaigen
Vorzüge
jener Lehren.
Haben Sie jemals
mein kleines Buch „Arische
Weltanschauung“ in Händen gehabt? Wenn nicht — und da mir das
Diktieren infolge eines Leidens schwer fällt — empfehle ich Ihnen,
dort nachzuschlagen, und Sie werden die Gründe kennenlernen, die
mich
zu einem geschworenen Gegner der Theosophie machen. Zwar habe ich viele
Jahre meines Lebens auf das Studium der echten altindischen Philosophie
verwendet, doch gerade, weil ich die Weisheit der Brahmanen hoch
verehre,
lehne ich — mit diesen — alles ab, was vom Buddhismus sich herleitet.
Natürlich
bezweifle ich nicht die Überzeugung und die reinen Absichten
mancher
Bekenner solchen Glaubens, doch bin ich fest überzeugt, daß
dabei am Ende nur Schwindel und Betrug und schlimmste Geistesverwirrung
herauskommt. Der Mensch ist nicht geschaffen, in alle Tiefen blicken zu
können, und der ungeheure Wert jedes echten Religionsglaubens
liegt
nicht zum wenigsten darin begründet, daß er auf ein Wissen
der
für ihn unsichtbaren Dinge verzichtet und sich auf Gottes Gnade
verläßt.
Soviel nur in kurzem
über die Lehren selbst, die nicht wertvoller werden, wenn man sie
aus Theosophie in Anthroposophie umtauft; ganz im Gegenteil.
Was nun im besonderen
Herrn Rudolf Steiner betrifft, so hege ich seit Jahren eine besondere
Abneigung
gegen diesen Mann wegen dessen, was er an Goethe verbrochen hat. Zuerst
gab er — es müssen wohl 25 Jahre her sein — die
naturwissenschaftlichen
Werke des großen Mannes in „Kürschners deutscher Literatur“
heraus, schickte aber voran eine endlose Einleitung, deren Ziel es war,
Goethe für seine (Steiners) Ansichten zu verpflichten, und ich
kann
nicht anders, ich finde so etwas niederträchtig; selbst die besten
Absichten entschuldigen es nicht, einen derartigen Mißbrauch zu
treiben.
Als dann die große Weimarer Ausgabe im Erscheinen begriffen war
und
die Philologen sich nicht zutrauten, mit Goethes
naturwissenschaftlichen
Schriften fertig zu werden, betraute man Steiner mit deren Herausgabe.
Hierbei entstand nun ein noch skandalöserer Vorgang; er
unterdrückte
allerhand Dinge, die ihm nicht recht waren, und ordnete das übrige
mit Verachtung aller Chronologie willkürlich an, und zwar mit der
bestimmten Absicht, Goethe als Zeugen zu gewinnen — gewiß ein
Verfahren,
unwürdig einer wissenschaftlichen klassischen Ausgabe. Die Sache
war
so flagrant, daß die Herausgeber sich genötigt sahen, den
dreizehn
Bänden einen vierzehnten von einem anderen Herausgeber folgen zu
lassen,
in welchem sie das Unrecht gestehen, beklagen und — soweit es geht —
wieder
gut zu machen versuchen.
Sie selber als Mann
der Praxis, der positiven Wissenschaft, was sagen Sie zu einem
derartigen
Verfahren, und welches Vertrauen würden Sie zu einem solchen Manne
fassen?
Nun gestehe ich ein,
daß ich seine sonstigen Schriften nicht kenne und auch niemals
einen
Vortrag von ihm gehört habe. Doch stand ein sehr lieber Freund von
mir lange unter seinem Einfluß, wodurch sein Gemüt schwere
Einbuße
erlitt. Ein anderer meiner Freunde von energischem, heiterem Wesen ist
zwar unter diesem Einfluß nicht düster geworden, aber — wenn
ich so sagen darf — einseitig verrückt. Ein sonst sehr begabter
und
naturwissenschaftlich gebildeter Mann guten Urteils, ist er in gewissen
Beziehungen einfach übergeschnappt, und ich fürchte immer,
die
Sache nimmt ein schlimmes Ende. Auch einen Jüngling kenne ich, der
als Anbeter Steiners in eine immer bedenklichere Exaltation gerät,
und für den ich ebenfalls sehr fürchte. Daher kann ich Ihnen
nur den Rat geben: Tun Sie, was Sie können, um Ihren Bruder aus
dieser
schlimmen Verirrung beizeiten zu erretten. Es gibt so viel Gutes und
Interessantes
auf dieser Welt zu tun, und wir besitzen einen solchen Schatz in
Hoffnungen
für die Zukunft jenseits des Grabes: Was soll uns diese ganze
Narretei
angeblich Wissender, die in Wirklichkeit es mit keinem Dorfpfarrer
aufzunehmen
vermögen.
Meiner Gewohnheit
gemäß habe ich rücksichtslos aufrichtig gesprochen und
vertraue auf Ihren diskreten Gebrauch der ja nur auf Wunsch
geäußerten
Ansicht.
Hochachtungsvoll
Ihr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Mein lieber Manfred!
Es war sehr
freundlich
von Dir, mir jene Schrift mitzuteilen. Ich studierte sie sofort
gründlich
durch und gab sie dann nach Wahnfried, wo sie mir versprachen, sie Dir
baldigst zurückzusenden, was also hoffentlich längst
geschehen
sein wird.
Derartige Dinge gehen
natürlich nie ab ohne „special pleading“, doch finde ich,
daß
Ihr damit keinen Mißbrauch getrieben habt, wie überhaupt
eine
gewisse Zurückhaltung in Sprache und Gedankenführung mir
recht
gut gefallen hat. Über einzelne Punkte wäre natürlich
endlos
zu diskutieren. So z. B., um nur das eine zu nennen: Wäre es nicht
viel einfacher, zweckentsprechender und zugleich menschlicher, den
deutschen
Teil von Tirol an die Schweiz anzugliedern, wozu die Beschaffenheit des
Landes und der Charakter seiner Bewohner sich vorzüglich eignen
würden,
wogegen sie unter Eurer Herrschaft stets nur ein unterjochtes Volk sein
würden, dazu ununterdrückbar hartköpfig und dadurch eine
Quelle ewiger Unruhen für Euch! Im übrigen aber bin ich der
Meinung,
daß Italien und das Deutsche Reich sowohl infolge ihrer
geographischen
Lage wie auch des Wesens ihrer Bevölkerung bestimmt sind, Freunde
zu sein, und ich meine, Deutschland hat mehr Interesse daran, Italien
groß
und stark werden zu sehen, als am Gegenteil. Hingegen wird Frankreich
niemals
Euer wahrer Freund sein, wie es auch in der Vergangenheit dies niemals
war: Es haßt Euch als Nachbarn und Rivalen und hat Euch immer
betrogen,
deswegen liegt es auch keineswegs in Eurem Interesse, Deutschland
geschwächt,
geschweige denn vernichtet zu sehen.
Aber was hat Eure
Entente aus Europa gemacht! Die Arbeit von Jahrhunderten ist
vernichtet,
und gerade im Augenblick, als endlich man hoffen durfte, geordnete
Verhältnisse
vom englischen Kanal bis Konstantinopel herrschen zu sehen, herrscht
statt
dessen das Chaos, und man darf sagen, der „Balkan“ reiche jetzt von der
Türkei bis nach Hamburg. Euer Bund wird sich als Vernichter der
Zivilisation
erweisen. Die zwei enfants terribles — die Polen und die
Tschechen
— die im Laufe der Geschichte ihre Unfähigkeit, etwas Dauerndes
aufzubauen,
dagegen ihre besondere Begabung im Zerstören bewiesen haben, die
stellt
Ihr als mächtige Staaten auf, was mit mathematischer Notwendigkeit
zu nie endenden Unruhen führen muß.
Und dann, um auch
hier nur einen Punkt herauszuholen, wißt Ihr denn alle nicht,
daß
Serben und Kroaten diejenigen Menschen sind, die sich am meisten auf
der
ganzen Welt hassen? Wohl mögen sie sich im Interesse ihres
Ehrgeizes
einen kurzen Augenblick verständigen, doch ich kenne sie gut, und
ich weiß, daß es keine zehn Jahre dauert, ja keine
fünf,
vielleicht nicht ein einziges Jahr, bis sie sich in die Haare fallen.
Die
seelenlosen Westländer, die weder an Gott noch an Teufel glauben,
ahnen nicht die unüberwindliche Kraft religiöser Gedanken:
der
griechisch-orthodoxe Serbe und der katholische Kroate werden niemals in
Frieden unter einem Hute oder auch nur in einem Bunde leben
können,
vielmehr gehen wir da Religionskriegen entgegen.
Doch ich breche ab,
da, wie Du bemerkt hast, mir das Reden und dadurch auch das Diktieren
recht
sauer fällt, und will Dir nur noch einmal sagen, wie herzinnig ich
mich noch täglich über Deinen neulichen Besuch freue.
Und somit, liebster
Manfred, lebe wohl für heute und denk' an mich bisweilen, wenn Du
etwas Interessantes in Händen hast, was die allgemeinen Züge
der werdenden Politik betrifft.
Dein
Houston S. Chamberlain.
94-97
An Baron
J. von Uexküll
Hochverehrter lieber Herr Baron!
Es peinigt mich
nicht
etwa das Gewissen, als erwarteten Sie von mir auf Ihre freundliche
Sendung
einen formalen Dank, aber der Wunsch, Ihnen wenigstens einige
flüchtige
Worte als Erwiderung zu widmen, läßt mir keine Ruhe.
Freilich
bin ich unvermögend, einen ausführlichen Gedankenaustausch
über
viele Punkte einzuleiten, doch kann ich es mir nicht versagen, Sie
wenigstens
meiner großen Freude zu versichern und Ihnen zu sagen, daß
Sie Ihrem leidenden Freunde so schöne Stunden bereiten, daß
diese geradezu als Linderung wirken.
Besonders
entzückt
war ich über Ihren Aufsatz (wohl die Darmstädter Rede?)
über
„Staat und Organismus“. Das ist eine Ihrer glänzendsten
Leistungen:
klar wie Kristall und überzeugend wie ein Evangelium. Und die
wundervolle
künstlerische Steigerung!
Der Beweis, daß
Volk und Staat entgegengesetzte Begriffe sind und das Wort „Volksstaat“
infolgedessen einen flagranten Widerspruch in sich schließt,
wirkt
ebenso wohltuend wie erlabend in diesen Tagen, wo wir das
blödsinnige
Wort — das den heiligen Begriff des Volkes und den notwendigen Begriff
des Staates beide aufhebt — auf jeder Briefmarke erblicken müssen.
Hoffentlich findet die kleine Flugschrift eine große Verbreitung.
Inzwischen trafen
die beiden Fortsetzungen der „Biologischen Briefe“ auch ein, und die
erste,
enthaltend die Briefe 4 bis 6, habe ich bereits mit Wonne eingesogen —
flach auf dem Rücken liegend, mit geschlossenen Augen —‚ denn
solche
kleine Drucksorten kann ich nicht bewältigen; Folianten sind jetzt
meine Vorliebe, denn diese liegen fest und unverrückbar auf dem
Pult,
und die seltene Umwendung einer Seite bringe ich mit mehr oder weniger
Mühe zustande, wogegen die kleinen Broschüren herumfliegen
und
äußerst widerspenstig sich erweisen; somit bin ich darauf
angewiesen,
sie mir vorlesen zu lassen. Und nun hören Sie, welch schöne
Erfahrung
mir Brief 4 „Der Raum“ brachte! Meine Frau las ihn mir vom Blatte weg
vor,
ohne irgendwo in Stokkung zu geraten und so richtig betont und
angemessen
moduliert, daß es ein Hochgenuß war, zuzuhören. Und
nun,
als ich am Schlusse meiner Begeisterung und Freude Ausdruck zu geben
suche,
gesteht sie mir mit der ihr angeborenen impulsiven Redlichkeit: ...„Ich
habe kein Wort davon verstanden!“... Wie wunderbar klar, korrekt und
unzweideutig
muß ein Stil sein, damit ein Mensch, dem diese Gedankengänge
völlig fremd und darum unverständlich bleiben, sie dennoch
fehlerlos
und mühelos vorzutragen vermag! So etwas dürfte wohl einzig
bei
Schopenhauer anzutreffen sein. Und ich beeile mich, hinzuzufügen,
daß meine Frau im Laufe der folgenden zwei Briefe sich schon
bedeutend
besser in diese ihr neue Umwelt eingelebt hat. Ich weiß nicht, ob
Sie selber dessen bewußt sind, wie unendlich fern derartige
Betrachtungen
zahlreichen Menschen liegen? Nicht nur fehlen ihnen die
naturwissenschaftlichen
Kenntnisse — das ist sogar das Wenigste, was ihnen abgeht —‚ vielmehr
was
fehlt, ist die Verbindung eines reinen Denkens mit einer reinen
Anschauung
und außerdem überhaupt die Fähigkeit, sich über
das
Denken zu besinnen: solche Menschen sind im Augenblick unfähig, zu
verstehen, worüber geredet wird. Dies erwähne ich, weil ich
glaube,
es ließe sich vielleicht noch eine Brücke bauen, und
daß
die „Einführung in die Natur“, wie ich sie geplant hatte,
vielleicht
als „Einführung in Uexküll“ dienen könnte. Jedenfalls
ist
hier noch etwas zu leisten.
Inzwischen bin ich
vielleicht von allen lebenden Menschen derjenige, der am intensivsten
diese
Übertragung der tiefsten Gedanken Platos und Kants in die
Weltanschauung
der sichtbaren Natur genießt — und dafür danke ich Ihnen aus
ganzer Seele.
Jetzt bin ich so
ziemlich am Ende meines Sprechvermögens und will nur kurz
erwähnen,
daß unseres Keyserlings Schrift über „Deutschlands wahre
Aufgaben“
ganz anders auf mich gewirkt hat. Zwar fehlt es nicht an Geist, an
anregenden
Paradoxien und an unerwarteten Bezügen zwischen weitentfernt
liegenden
Punkten, und das alles gewährt eine gewisse Unterhaltung; doch
welche
entsetzliche Sprache! Man hat den Eindruck, als ob der Mann nie einen
Satz
zweimal läse, ehe er ihn dem Druck übergibt. Und dieser
Sprache
entspricht der Gedankengang, und wer sich in diesen Gedankengang
hineinfindet,
findet ein Chaos widersprechender und zum großen teil ganz
falscher
Behauptungen und Ideen. Da wird mit Phrasen und landläufigen
Schlagwörtern
operiert, denen nichts Wirkliches entspricht: Auch die Alldeutschen
waren
keine Imperialisten, ich stehe ihnen nah und kann es bezeugen; und
daß
der Krieg durch die drei unfähigsten Reichskanzler der
Weltgeschichte
verloren ward — im Bunde mit dem von ihnen geduldeten Reichstag — ist
einfach
eine Tatsache...
Doch betrete ich
ein mir verbotenes Gebiet und eile abzuschließen, indem ich Ihnen
in wärmster Freundschaft die Hand drücke, Ihnen danke, Ihre
hochverehrte
Frau Gemahlin herzlich begrüße und Sie beide bitte, auch
fernerhin
meiner gütigst zu gedenken.
Ihr
Houston S. Chamberlain
Sehr geehrter Herr Direktor!
Vielen Dank
für
Brief und Sendungen. Das Beethovenbild macht mir riesige Freude; gerade
in letzter Zeit haben meine Frau und ich uns sehr viel mit Beethoven
beschäftigt,
so daß Ihre Mitteilung uns doppelt interessiert. Auch mit dem
neuen
Lutherbild für die „Grundlagen“ bin ich durchaus einverstanden;
ich
kenne das Bild, besitze es in zweierlei Ausführungen und
schätze
es hoch, weil es weit besser ist als unser früheres.
Was Sie mir über
den Absatz der „Lebenswege“
melden, freut mich sehr. Ich ziehe eine
langsame,
aber stetige Zunahme einem stürmischen Anfangserfolg weit vor,
denn
das eine beruht nur auf Zeitungsreklame, während das andere
für
eine Empfehlung von Mund zu Mund zeugt. Ich erhalte aus den
verschiedensten
Lebenskreisen von mir gänzlich unbekannten Menschen fast
täglich
Briefe über das Buch und habe den Eindruck, daß es bei den
verschiedensten
Menschen Interesse weckt.
Habe ich Ihnen schon
gemeldet, daß das erste Kapitel meines neuen Werkes ¹
bereits
in Leipzig abgeschrieben wird?
Mit freundlichstem
Gruße bin ich
Ihr ergebenster
Houston S. Chamberlain
—————
¹
„Mensch und Gott“.
98-99
An Fräulein Sidonie Peter
Hochverehrte Freundin!
Vielen Dank
für
die beruhigende Nachricht; so lange solch eine Schrift als Unikum
vorliegt,
ist man immer ängstlich, denn ein zweites Mal trifft es selbst ein
Gesunder nicht, viel weniger ein Leidender. Herzensdank für die
versprochene
Beihilfe. Mein Kapitel 2 wird schon täglich bearbeitet.
Auf Ihre Fragen kurz
folgendes:
1. Sie haben wohl
im Grimm das Wort „Gaden“ nachgeschlagen? Hätten Sie statt dessen
im zweiten von Jakob Grimm noch selber bearbeiteten Bande das Wort
„Buchgaden“
nachgeschlagen, Sie hätten gesehen, daß es ein altes
deutsches
Wort für Bibliothek ist und meines Erachtens das einzig
brauchbare.
Bücherei gehört zu Meierei, Weberei usw. und paßt darum
keinesfalls für eine Privatsammlung. Übrigens leben die
Zusammensetzungen
mit „Gaden“ in der Schweiz noch heute und sind bei Konr. Ferd. Meyer
häufig
anzutreffen — so erinnere ich mich, bei ihm „Mädchengaden“
begegnet
zu sein für das Schlafzimmer der Mädchen.
2. An Festspiele
denkt gewiß mein Schwager, kann aber nichts beschließen, so
lange die Verhältnisse so wenig Stabilität besitzen. Sie
erfordern
lange Vorbereitungen und bedeutende Kapitalien; daher große
Vorsicht
geboten ist. Ich brauche dies nicht weiter auszuführen.
3. Bitten um
Aufsätze
zur politischen Lage erhalte ich vielfach, und es ist nicht
unmöglich,
daß einmal Tag und Ort sich finden, wo ich mich veranlaßt
sehe,
das Schweigen zu brechen. Ich folge aber hierin, wie stets, unbeirrt
meinem
Instinkt, der mich bisher nicht fehlleitete, und bin überzeugt,
für
mich selbst sowie für die allgemeine Sache richtig zu handeln,
wenn
ich im Augenblick meine so sehr beschränkten Arbeitskräfte
lediglich
meinem neuen Werke widme. Sie müssen sich sagen, daß jede
Erregung
meinen Nerven Gift ist, und ein politischer Aufsatz läßt
sich
ohne leidenschaftliche Erregung nicht schreiben.
4. Sie hatten doch
recht; ich erfahre von meinem Verleger, daß mein „Richard Wagner“
vergriffen ist und sich im Neudruck befindet.
5. Über Tristram
Shandy kann ich heute nichts sagen, zweifle aber nicht daran, Sie noch
zu bekehren.
Für heute
muß
ich schließen und tue es als Ihr in herzlicher Dankbarkeit
ergebener
Houston S. Chamberlain.
99-100
An Frau Anna von Kekulé
Es wird ohne
weiteres
zugegeben, daß an der einen Stelle die Ausdrucksweise betreffend
die „Geschichte“ und „Wissenschaft“ ¹ schroff ausgefallen ist, wie
das bei mir leicht geschieht, wenn ich gegen den Strom schwimme, und
was
außerdem in diesem Falle seine besondere Erklärung darin
findet,
daß der Brief an einen Freund gerichtet ist, der genau
weiß,
was ich meine, und wie ich's meine.
Unter Wissenschaft
verstehe ich hier die exakte Wissenschaft, die auf Tatsachen
fußt,
die jederzeit durch Beobachtung oder Versuch von neuem mit unbedingter
Sicherheit festgestellt werden können — was bei Geschichte niemals
der Fall ist —. Nun finde ich aber in der deutschen Gelehrtenwelt die
Tendenz,
alles in Geschichte aufzulösen. Man nehme zum Beispiel die
Gelehrtenarbeit
über Goethe zur Hand: alles löst sich auf in Atome, indem
für
jede Dichtung, manchmal für jede Zeile angebliche Ursprünge
nachgewiesen
werden — ein Verfahren, bei dem schließlich die
Persönlichkeit
in Dunst aufgeht —. Hiergegen war es mein Bestreben, die
Persönlichkeit
als ewig bleibendes Phänomen hinzustellen, wie das die
Wissenschaft
der Natur auch tut.
Übrigens
bezweifle
ich, ob genaue Kenntnis der Geschichte zu politischem Sinn erzieht. In
dieser Beziehung war ohne alle Frage Deutschland sowohl England wie
Frankreich
durchschnittlich weit voran. Die große Unwissenheit der
Engländer
tut nicht im geringsten Abbruch der Sicherheit ihres politischen
Instinktes.
Hier wirken Charakterbildung und sorgsam unterhaltene Vorurteile weit
stärker
als die Geschichtsbildung...
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Bezieht sich auf einen Abschnitt im Brief
V der „Lebenswege“.
Hochverehrter Herr Pastor!
Wiederum haben Sie
mir mit Ihrer inhaltsreichen und so sehr gütigen Zuschrift vom 6.
September die allergrößte Freude gemacht, für die ich
Ihnen
in notgedrungener Kürze, aber nicht minder herzlich meinen Dank
sage.
Vergessen Sie ja nicht Ihr Versprechen, uns noch einmal Näheres zu
schreiben über Ihre Eindrücke von dem Buch, und reden Sie,
bitte,
ganz rückhaltslos; Sie machen mir damit die allergrößte
Freude.
Trotz meiner
Erkrankung,
die mich allseitig hemmt und auch kaum zu „Worte“ kommen
läßt,
insofern das Reden mir ungemein erschwert ist, habe ich dieser Tage das
zweite Kapitel eines neuen Buches beendet, in welchem ich so kühn
bin, Ihnen — oder wenigstens Ihren Herren Kollegen, den
fachmännischen
Theologen — ein wenig ins Handwerk zu pfuschen. Zwar ist es meine
Absicht,
gänzlich außerhalb der gelehrten Fragen zu bleiben und von
Religion
nur in der Weise zu sprechen, die jeden Menschen angeht; doch wird es
sehr
schwer, dies ganz zu vermeiden, und namentlich der Laie, der für
deutsche
Leser schreibt, darf manche Dinge nicht behaupten, ohne sich auf
Professoren
zu berufen. Ich selber finde das Unternehmen tollkühn; jedoch das
Alter und die Nähe des Endes gibt einem Mut. Nun, wir wollen
sehen,
was daraus wird!
In Verehrung und
mit herzlichster Begrüßung verbleibe ich
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
101-104
An Großadmiral von Tirpitz
Euere Exzellenz
haben mir die Ehre erwiesen — eine
Ehre,
die ich hochzuschätzen weiß —‚ mir ein Exemplar Ihrer
„Erinnerungen“
zukommen zu lassen; ich bitte Sie, den Ausdruck meines ehrerbietigsten
Dankes entgegennehmen zu wollen. Zugleich bitte ich in der
Verspätung
dieses schuldigen Dankes keine Unachtsamkeit zu erblicken: als
Verfasser
von Büchern kenne ich aus Erfahrung die hohlen Danksagungen
für
noch ungelesene Schriften und hasse sie; darum habe ich gewartet, bis
eine
gründliche Kenntnis Ihres Werkes mir den Wert des gütigen
Geschenkes
einigermaßen zu würdigen erlaubte.
Leicht fällt
es mir nicht, Ihnen über meine Eindrücke zu sprechen; ich
habe
zu viel auf dem Herzen, und es wird mir schwer, nicht zu Superlativen
zu
greifen, die man doch anderseits heute gerne vermiede.
Das eine ist sicher:
dieses Buch ist eines der tragischsten der Weltliteratur. Die alten
Germanen
(im weiten Sinne dieses Wortes) pflegten stets das Lied des
b e s i e g t e n H e l d e n am höchsten
zu schätzen; diese Gattung ist um ein ergreifendes Stück
reicher
geworden: dem Helden ist hier nichts erspart geblieben — er hat nicht
einmal
mit seinem vaterländischen Lebenswerk zugleich untergehen
dürfen,
sondern hat machtlos zusehen müssen, wie es vernichtet wurde!
Worte
reichen in diesem Fall nicht hin; doch schweigende Herzen — jetzt und
durch
die kommenden Jahrhunderte — werden Tränen vergießen.
Euere Exzellenz
werden
es einem berufsmäßigen Bücherschmied verzeihen, wenn
er,
um den Gemütseindrücken standhalten zu können, den
Formfragen
bei der Lektüre besondere Beachtung schenkte. Sowohl die Anlage im
ganzen, als auch die Durchführung bis ins einzelne der
Sprachgebung
besitzt einen so hohen Grad von Vollendung, daß diesem Buche als
Buch, und abgesehen von seinem Wert als geschichtliches Zeugnis,
dauernde
Bedeutung zukommt. Das ist sehr wichtig, denn die Gestalt allein
verleiht
einem Werke lebendige Wirkung auf die Zukunft:
in tiefster Ehrerbietung ergeben
Houston S. Chamberlain.
(Die Benutzung
eines
Faksimilestempels wollen Eure Exzellenz entschuldigen, da ich den
Gebrauch
beider Hände verloren habe.)
104-105
An Hauptmann Gerhard von Roon
Hochverehrter lieber Herr Hauptmann!
Gerade in diesen
letzten
Tagen hatten meine Frau und ich uns öfter gefragt, mit einiger
Sorge,
wie es Ihnen wohl gehen könnte; da kommt Ihr lieber Brief wie
gerufen.
Haben Sie Herzensdank! Namentlich die Nachricht, daß Sie sich in
die heimatliche Gegend zurückgezogen haben und Bauer geworden
sind,
hat uns beglückt und beruhigt. Denn der furchtbare Krieg hat Sie
und
die Ihrigen wirklich über das Maß der Menschenkraft
geprüft,
und Ihre Nerven werden sich erst nach und nach in der ländlichen
Abgeschiedenheit
beruhigen und neue Kraft gewinnen. Dabei wird Ihnen die Betätigung
an dem Jugendbund doch die Genugtuung verschaffen, daß Sie an dem
Wiederaufbau des zertrümmerten Vaterlandes tätig sein
dürfen;
Sie bereiten Soldaten für die Zukunft und können sich also
sagen,
daß Sie Ihrem Lebensberuf nicht untreu geworden sind.
Auch wir haben das
Buch von Tirpitz — das er die Güte hatte mir selber zu schicken —
mit tiefem Eindruck gelesen. Es ist ein unvergängliches Werk und
so
lebendig, sogar humorvoll in der Auffassung von Persönlichkeiten,
daß der trostlose Inhalt dadurch die Eigenschaften eines
schönen
Kunstwerkes gewinnt und dadurch erträglich wird.
Wenn meine Frau erst
Muße dazu findet, wird Sie Ihnen wohl einen Bericht über uns
auch schicken; meine Kräfte reichen dazu nicht, da mir das
Sprechen
täglich schwerer fällt; ich wollte nur durch einen baldigen
herzlichen
Gruß meine warme Dankbarkeit bezeugen und Sie bitten, auch
fernerhin
meiner in Freundschaft zu gedenken. Wenn Sie einmal wieder schreiben,
sagen
Sie mir, bitte, etwas über den Herrn Rittmeister, von dem ich sehr
lange nichts gehört habe und auch von dem Herrn Pastor, der mich
vor
längerer Zeit durch Zuschriften und Zusendungen erfreut hatte.
Für
heute muß ich schließen mit verehrungsvollsten
Grüßen
an alle die Ihrigen als Ihr herzlich ergebener
Houston S. Chamberlain.
105-106
An Baronin Emma Ehrenfels
Teuerste Freundin!
Ein Mann in meinem
Zustand erfährt die Idealität der Zeit am eigenen Leibe: bei
dem Mangel an jeder Möglichkeit der Abwechslung vergehen die
Monate
genau ebenso wie die Tage, und ich habe keine Ahnung, wann Ihr letzter
Brief eintraf, und weiß nur, daß er mich wie immer auf
lange
hinaus mit lieben Bildern und Gedanken umgab. Heute erblickte ich Ihre
Handschrift auf einer Adresse an Blandine Gravina — die inzwischen
wieder
nach Florenz zurück mußte, um ihre dortige langjährige
Niederlassung aufzulösen, da es heute unmöglich ist für
den, der seine Einnahmen aus Deutschland bezieht, im Auslande zu leben.
Zum Glück ist der Briefverkehr dorthin offen und sicher, und so
wurde
Ihr Brief nachgeschickt und wird sie bald erfreuen.
Mit den wenigen
Menschen,
mit denen ich früher offenen Herzens Briefe zu wechseln pflegte,
stockt
jetzt der Verkehr nicht allein hauptsächlich an der Tatsache,
daß
das Reden und damit auch das Diktieren mir zunehmend schwerer
fällt,
noch mehr daran, daß es ein Ding der Unmöglichkeit ist,
gerade
an diese Menschen durch Vermittlung zu schreiben: der ganze Sinn
solcher
Briefe ist die Vertrautheit, das zeugenlose Zuzweitsein. Ich muß
darum darauf rechnen, daß Sie weiterhin mir aus der Fülle
Ihres
Herzens geben, ohne Gegengabe zu erwarten.
Im ganzen kann ich
mich ja nicht beklagen. Zwar schreitet das Leiden vorwärts, aber
das
stand ja mit Sicherheit zu erwarten, und es ist bewundernswert, wie der
Mensch gegen jeden neuen Körperwiderstand bald eine neue Technik
zu
erfinden weiß, während anderseits die Seele bei der
langsamen
Zunahme der Hemmungen Zeit hat, sich ebenfalls neu einzustellen. So nur
kann ich's erklären, daß, trotzdem der Zustand bedeutend
erschwert
ist im Verhältnis zu heute vor einem Jahr, ich dennoch innerlich
mehr
Spannkraft aufbringe und insoferne weniger leide als dazumal.
Mein neues Buch
¹
gewährt mir eine beglückende Beschäftigung — nicht
allein
während der Stunde, die ich vormittags, und während der
Stunde,
die ich abends der Arbeit widmen darf, sondern auch während der
übrigen
Stunden des Tages und der manchmal wachen Stunden der Nacht. Die zwei
ersten
Kapitel sind im ausführlichen Entwurf fertig und fast druckreif.
Das
dritte Kapitel — das umfangreichste Hauptstück des ganzen Werkes —
steht zu zwei Drittel auf dem Papier, was mir das große
Glück
verschafft, mir sagen zu können, daß, wenn auch meine
Kräfte
vor dem Ende ausgehen sollten, dennoch ein Ganzes dastünde, ein
verständliches,
anregendes Bruchstück. Dies bildet den Hauptinhalt meines
gegenwärtigen
Daseins. Dazu kommt Lektüre und gelegentliche Musik. Von ersterer
nenne ich aus letzter Zeit den Plato von Wilamowitz-Möllendorf,
den
man nicht ohne Gewinn durcharbeitet, und Tirpitz, dessen Werk nach
meinem
Urteil eines der klassischsten Denkmale neudeutschen Schrifttums
bleiben
wird. Den alten Franzosen und Engländern bleibe ich treu. Für
Musik sorgen einige freundliche Künstler, ein Pianist, ein Geiger
und mein Neffe, der Flötenspieler — der uns übrigens
nächstens
verläßt, da er in Dresden engagiert ist.
Ich werde zum
Schließen
ermahnt und breche darum plötzlich ab, indem ich Sie beide von
ganzem
Herzen begrüße als Ihr ewig getreuer
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Mensch und Gott.
107-109
An König Ferdinand von Bulgarien
Eure Majestät
werden es gewiß nicht
ungnädig
aufnehmen, wenn ein Mann, dem das lebendige Wort nicht mehr
vergönnt
ist, zu dem schriftlichen greift, damit er ja nicht als Undankbarer vor
Eurer Majestät dastehe.
In meinem Buche
¹
waren mir durch Gegenstand und Behandlung enge Grenzen gezogen, und ich
habe nur hindeuten können auf die Verehrung, mit der ich zu Eurer
Majestät hinaufblicke; auch handelt es sich mehr um ein Erraten
und
eine Ahnung, als um ein ausführliches Wissen; nicht etwa als
hätte
ich nicht manches verfolgt, was sich speziell auf die Entwicklung des
bulgarischen
Reiches bezog, — aber in die Kulissen der Politik — in denen das
eigentlich
Entscheidende vor sich geht — war ich abseits Lebender, seinen Studien
Hingegebener nicht befähigt Blicke zu tun. Wie oft habe ich mich
innerhalb
der letzten zwanzig Jahre, wenn ich den großartigen Plan zu
erraten
glaubte, Mitteleuropa mit Vorderasien durch eine Kulturbrücke
miteinander
zu verbinden und in einem gewissen Maße zu verschmelzen, gefragt,
welchem Kopfe dieser gewaltige Gedanke entsprossen sein mochte! Immer
mehr
lenkten sich meine Blicke nach Sofia, und zwar um so mehr, als ich an
keinem
anderen Orte einen schöpferischen Geist unter den Politikern
wahrnahm.
Was geplant war, hatte noch niemals in der Geschichte gelingen wollen —
nicht einmal den römischen Imperatoren; denn damals blieb der
Germane
im Nordwesten unbotmäßig, während es im Südosten
nie
zu dauernder Gestaltung kommen wollte. Und siehe da, jetzt wäre es
um ein Haar gelungen: die Züge hätten von Hamburg bis
Damaskus
und vielleicht noch weiter bis Teheran verkehrt und die ganze
künftige
Geschichte der Menschheit hätte eine neue Richtung genommen, indem
an Stelle von Piraten und Industriemächten eine große sich
selbst
regierende Urkultur entstanden wäre, asiatischen Konservatismus
und
Tiefsinn mit allem Besten, was Europa zu bieten hat, vermählend...
Wahrlich, ein herrlicher, königlicher Gedanke! Und nun durfte ich
dem Schöpfer des größten politischen Gedankens, der
seit
langem gedacht worden ist, lauschen! Neben dem Dankgefühl wohnt
das
tiefschmerzliche Mitempfinden mit dem tragischen Inhalt des
gegenwärtigen
Augenblicks für den Mann, der fähig war, so etwas zu wollen,
und auch fähig, es zu vollbringen — wenn nur nicht gar so viele
von
ihm zur Mitarbeit Angespornte nicht Stich gehalten hätten. Damit
eine
kleine Bemerkung, die ich neulich dazwischen zu werfen mir herausnahm,
nicht etwa mißverstanden wird, bitte ich folgendes zur
Ergänzung
sagen zu dürfen. Mein Gedanke war etwa folgender: Da es sich
erwiesen
hat, daß das deutsche Volk — ohne welches der ganze Plan
undenkbar
war — noch lange nicht reif für das ihm zugedachte Schicksal war,
so erscheint es nicht unmöglich, daß aus weiter Perspektive
gesehen — sagen wir gleich aus Gottes Auge — der jetzige
Rückschlag
den Sinn eines reculer pour mieux sauter besitzen könnte
und
man somit nicht unbedingt der Verzweiflung sich hingeben
müßte?
In dem Falle nicht nämlich, wenn wir es für denkbar halten,
daß
es den vereinten Kräften edelster Männer — wie Deutschland
sie
jederzeit in großer Zahl besessen hat — gelingen könnte, ein
besseres Deutschland im Laufe von, sagen wir, zwei Jahrhunderten
hervorzubringen.
Ich weiß ja, wie wenig Wert derartige Spekulationen besitzen;
doch
wie es in dem herrlichen Lied von Beethoven heißt: „Hoffen soll
der
Mensch; er frage nicht!“ Ich halte es für unmöglich zu leben,
wenn man nicht hofft; gehört doch nach dem Wort des Apostels die
Hoffnung
untrennbar zum Glauben und zur Liebe.
Das Wort Liebe ruft
mich aber zu dem eigentlichen Ziele dieser Zeilen zurück. Als Eure
Majestät neulich hinausschritten, fielen mir mit großer
Innigkeit
die Worte des Heilandes ein: „Was ihr dem geringsten unter diesen Gutes
getan habt, das habt ihr mir getan.“ Niemals habe ich eine
strahlendere,
rein menschlich gewinnende und beglückende Güte erlebt.
Für
so etwas fällt es schwer, Worte des Dankes auszusprechen; solche
christliche
Karitas ist über den Dank erhaben, und ich begnüge mich damit
zu sagen, daß ich dies empfunden habe und es im
warmfühlenden
Herzen treu bewahre. Auch daß die beiden Prinzessinnen mein Heim
zu beehren geruhten, verdient ein Wort des Dankes.
Es freut mich
hinzufügen
zu dürfen, daß der Besuch Eurer Majestät meiner
Schwiegermutter
gesundheitlich vorzüglich bekommen ist. Auch sie hat diese
Begegnung
in trüber Zeit als ein stärkendes Glück empfunden und
ist
dem Spender dieses Trostes tief dankbar.
Mit der Bitte um
gnädige Aufnahme dieser Zeilen verbleibe ich Eurer
Königlichen
Majestät ehrerbietigst ergebener Diener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Lebenswege
meines Denkens.
109-111
An Pfarrer Kutter
Hochverehrter lieber Herr Pfarrer!
Sie glauben gar
nicht,
welche große Freude Sie mir durch Ihre lieben Worte vom 6.
Dezember
gebracht haben! Es war mir schmerzlich, seit Jahren — und was für
Jahren — von Ihnen nichts zu erfahren, und ich selber kann die Feder
nicht
mehr halten und komme somit schwer dazu, einen Briefwechsel anzufangen.
Es war von Ihnen eine christliche Tat, daß Sie mir sofort
schrieben,
als Sie von meinem Zustand erfuhren; Ihre Worte haben mir unendlich
wohl
getan, haben mir Freude und die Stärkung, eine Freundeshand in der
meinen zu fühlen, gebracht. Noch einmal: Dank!
Lassen Sie mich Ihnen
sagen, daß ein jedes Ihrer Worte den stärksten Widerhall in
meiner Seele gefunden: sie schildern gleichsam meine eigene Erfahrung.
Gottes Nähe habe ich zwar immer stark empfunden, doch nie so
unmittelbar
wie jetzt. Dazu kommt, daß ich ein kleines Buch, welches
wahrscheinlich
den Titel „Gott und
Mensch“ führen wird, in Arbeit habe, so
daß
meine Gedanken fast jede Stunde des Tages und manche Nachtstunde dort
weilen,
wo auch die Ihren daheim sind. Haben Sie eigentlich mein letztes Buch „Lebenswege
meines Denkens“ schon zu Gesicht bekommen? Bitte, melden Sie mir
das
auf einer Karte, damit ich Ihnen, wenn Sie es nicht kennen, ein
Exemplar
schicke. Ich weiß, Sie verfügen über wenig Muße,
doch haben Sie alles aus meiner Feder mit so viel Freundschaft
aufgenommen,
daß ich kaum zweifle, auch dieses Buch wird Ihnen wert sein. In
dem
Vorwort erwähne ich, daß Freunde mich gebeten hatten,
Bekenntnisse
etwa unter dem Titel „Meine religiösen Erlebnisse“ zu schreiben;
hierzu
habe ich mich nun freilich nicht entschließen können; doch
griff
ich ein altes Vorhaben wieder auf, für das ich schon vor dem
Kriege
manches vorbereitet hatte, und warf mich kühn in die Flut. Mit
eigentlicher
Theologie hat mein Buch natürlich nichts zu tun; so viel habe ich
schon studiert, daß ich mich auf ein derartiges Wagnis nie
einlassen
würde; doch mußte ich mir sagen: in bezug auf Religion ist
jeder
Mensch Sachkenner — wenigstens insoweit, als sein eigenes Herz und sein
eigenes Gewissen in Betracht kommen. Die Schwierigkeiten, die sich aus
meinem Körperzustand ergeben, sind allerdings phantastisch und
werden
natürlich — es ist nicht anders möglich — auf das Ergebnis
zurückwirken.
Dennoch bin ich guter Hoffnung, denn ich beende in diesen Tagen das
dritte
Kapitel, betitelt „Der
Heiland“ — das umfangreichste und schwierigste
des
Buches, und somit hoffe ich, die folgenden vier Kapitel auch nach und
nach
fertigzubringen. Gerade in den letzten Tagen mußte ich manchmal
lebhaft
an Ihr frühes Werk, betitelt „Das
Unmittelbare“, zurückdenken
und lasse danach in meiner Bücherei suchen.
Da Frau Recher Ihnen
von meinem Leiden erzählt hat, schätze ich mich
glücklich,
dieses Thema nicht behandeln zu müssen. Sie kennen meine Frau und
wissen, in welcher Hut ich stehe. Außerdem lerne ich aus
Erfahrung
die Elastizität der Menschen-Natur kennen: der Mensch lernt sich
in
alles fügen und bei bedeutender Verschlimmerung des Zustandes
fühle
ich mich jetzt gefaßter und freudiger als vor einem Jahre.
Nun aber zwingt mich
der Zustand der Kehle und der Zunge, mich für heute zu
unterbrechen
in der Hoffnung, gelegentlich wieder mit Ihnen kurze Mitteilungen
auszutauschen,
und sage nur noch einmal Dank und begrüße Sie aus vollem
Herzen
als Ihr in Verehrung und Liebe Ihnen verbundener
Houston S. Chamberlain.
111-112
An Architekt Friedrich Hofmann
Hochverehrter Herr und Freund!
Nehmen Sie unserer
beider herzlichsten Dank an für Ihre inhaltreichen Zeilen vom 26.
Dezember. Es ist uns stets eine besondere Freude, von Ihnen Nachricht
zu
erhalten, denn so weit her diese auch kommt, es ist immer Nachricht aus
der uns gemeinsamen Seelenheimat. Es ist für mich sehr wertvoll zu
erfahren, daß meine Schriften, die Sie so gut kennen und von
Anfang
an verfolgt haben, noch weiter in Ihrem Urteil bestehen — denn jetzt
sind's
mehr als ein Vierteljahrhundert, seit das „Drama
Richard Wagners“ erschien, und es will was heißen, wenn eine
Hervorbringung des Geistes nach dieser Spanne noch Anregung und
Belehrung
spendet. Von den „Grundlagen“
ist vor einigen Wochen eine neue Auflage (die 13.) erschienen, die ich
Ihnen empfehlen kann, da eine Anzahl Fehler — zum Teil grober Art — der
beiden vorangegangenen Auflagen hier verbessert worden sind. Auch der
„Goethe“
ist jetzt in kleinem Format herausgekommen — leider nicht zum
volksmäßigen
Preise, der beabsichtigt gewesen war. Die „Lebenswege“
haben eine besonders freundliche Aufnahme gefunden. Mir geht's wie
Ihnen:
das Wort Buchgaden habe ich in Grimms Wörterbuch entdeckt, bin ihm
aber sonst einzig bei Jeremias Gotthelf begegnet; vielleicht gelingt
es,
das Wort einzubürgern, das mir viel besser gefällt als
Bücherei.
Auf ärztlichen
Rat enthalte ich mich augenblicklich aller Befassung mit Politik und
schreibe,
so fleißig es mein Zustand nur erlaubt, an einem Werk über
Religion
und Christentum. Die drei ersten Kapitel stehen schon fertig auf dem
Papier
und würden eventuell als Bruchstück erscheinen können,
doch
habe ich keinen Grund, an meiner Fähigkeit, es zu vollenden, zu
verzweifeln.
Zwar sind die äußeren Hemmnisse groß, doch der Geist
ist
noch vollkommen frisch und bricht sich Bahn, dank der aufopfernden
Beihilfe
meiner Frau.
Müdigkeit
verhindert
mich heute, länger zu schreiben, und ich ende mit dem
allerherzlichsten
Gruß und Handschlag als Ihr treu ergebener Gesinnungsgenosse
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter lieber Herr Fauth!
Vor vier Tagen
träumte
ich nachts von Ihnen und Ihren Planeten — früh traf Ihr lang
erwarteter
Brief vom 7. d. M. datiert ein. Mein Buch war Ihnen gleich beim
Erscheinen
im April vorigen Jahres zugedacht; es gelang jedoch dem Verleger nicht,
es über die Okkupationsgrenze zu bringen; ich freue mich, es jetzt
in Ihren Händen zu wissen und zugleich zu erfahren, daß die
trostlosen Zustände der Gegenwart Sie an Ihren wissenschaftlichen
Arbeiten nicht hindern — was ich befürchtet hatte. Die beiden
vortrefflichen
Jupiterbilder bereiten mir unausgesetztes Interesse, stehen doch Ihre
früheren
(darunter das prachtvolle große) auf meinem Tisch eingerahmt und
sind mir auf diese Weise vollkommen vertraut geworden. Bei dem starken
Fortschreiten der Lähmungserscheinungen, seit wir zuletzt Briefe
wechselten,
ist es mir kaum mehr möglich, überhaupt zu dem gestirnten
Himmel
hinaufzublicken, viel weniger vermag ich es, am Fernrohr zu arbeiten
oder
auch nur durchzugucken. Um so lebhaftere Freude machen mir
Mitteilungen,
wie Sie sie mir von Zeit zu Zeit vergönnen.
Ich hoffe doch, Sie
werden bei beruhigterem Gemüte mit meinem Buche ¹ fortfahren
können; ich sollte mich sehr täuschen, oder es bietet Ihnen
manche
Anregung.
Auf Ihre politischen
Bemerkungen wage ich kaum zu antworten aus Besorgnis, diese Zeilen
würden
dann nie in Ihre Hände gelangen. Ich selber habe mich auf
ärztliche
Anordnung möglichst aus jener Welt zurückziehen müssen
und
bin zu den Ewigkeitsfragen geflüchtet. Zum Glück für
mich
ist mein Hirn noch frisch und fähig, so daß, wenn ich nur
Hilfe
finde, ich noch schaffen kann. Und so stecke ich denn — trotzdem meine
Hände kein Buch mehr zu halten vermögen und ich nur
mühsam
flüstern kann — bereits im vierten Kapitel eines neuen Werkes, das
mein Denken bei Tag und bei Nacht ausfüllt. Dank der Hingabe
meiner
Frau ist mir dieses Glück noch vergönnt.
Meine Kräfte
erlauben mir nicht weiter zu schreiben, darum schließe ich, indem
ich Ihnen die Hand wärmstens drücke und Ihnen von Herzen
schöne
Erfolge in Ihrer göttlichen Wissenschaft wünsche.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Lebenswege
meines Denkens.
113
Über Graf Du Moulin Eckarts „Hans von Bülow“
Bayreuth.
10/2.21.
Verehrter, lieber Herr Gonser
Heute vor zwei
Monaten
schrieben Sie an mich: ermessen Sie daraus, in welchem Grade ich
behindert
bin, wenn ich einen s o l c h e n Brief solange
ohne Erwiderung lasse. Hoffentlich hat Freund Gianicelli meinen Zustand
recht drastisch geschildert; er ist dermaßen elend, daß man
nur lachen kann, will man nicht weinen. Es fällt mir
außerordentlich
schwer, Worte vernehmlich auszusprechen: die Zusammenschnürung der
Brustmuskeln stopft den Resonanzkasten zu, und die zunehmende
Versteifung
der Kehlkopf-, Zungen- und Kiefernmuskeln raubte mir einen Konsonanten
nach dem anderen. Die mir am nächsten Stehenden sind zuzeiten
unfähig,
den Sinn meiner Rede zu erraten. Ermessen Sie, wie wenig ich da, in den
mir ohnehin knapp bemessenen Arbeitsstunden zustande bringe. In diesen
letzten Wochen durfte ich keine Minute den Arbeiten an meinem neuen
Buche
entziehen, sonst wäre ich nie damit zu Rande gekommen; ohnehin
habe
ich das Namensregister aufgeben müssen.
Dazu kommt noch ein
anderes, das mich auch heute zwingt, den Hauptteil meiner Erwiderung zu
unterdrücken: mein Leiden hat mir die Selbstbeherrschung über
Gemütsbewegungen entrissen und zwingt mich infolgedessen zu einer
künstlichen Reserve. Lassen Sie mich also in dieser Beziehung nur
das eine sagen: es war seit vielen Jahren meine fest geplante Absicht
gewesen,
mich ungefähr in diesem Zeitpunkt nach einer jüngeren,
helfenden
Hand umzusehen, die mir bei Bewältigung der letzten Aufgaben sowie
bei dem abschließenden Ordnen von Papieren, Briefen usw.
behilflich
hätte sein sollen; und nun bietet sich eine solche von selbst an!
Aber in einem Augenblick, wo es mir eher zusteht, mich nach einem
Grabgräber
umzusehen als nach einem Amanuensis! Sie können sich vorstellen,
daß
dieses Zusammentreffen mir viel zu denken gegeben hat und mich vor die
Frage stellte: Ironie des Schicksals oder Fingerzeig der Vorsehung?
Gewiß
würde
es genanntem Grabgräber an Arbeiten nicht fehlen; mir aber an
Kraft,
sie ihm zuzuweisen und zum ersprießlichen Ziele zu führen.
Außerdem
könnte ich es nicht verantworten, irgendeinem Menschen die Qual
zuzumuten,
beständig um mich zu sein. Jetzt, wo mein „Mensch und Gott“ im
Begriffe
steht, vom Stapel zu laufen, fühle ich deutlich, daß die
schwerste
Aufgabe, die vor mir liegt, die Beschränkung meines
Schaffensdranges
auf möglichst bescheidene Ziele sein wird, geschweige, daß
ich
mir die Fähigkeit zu weitausholenden, die Kräfte eines
Zweiten
befriedigenden Aufgaben zutrauen dürfte.
Freilich gäbe
es, wie oben angedeutet, genügend zu tun für eine
intelligente,
taktvolle Hilfsarbeitskraft mit der Bibliothek und den Papieren, doch
setzt
auch dies wenigstens ein Mindestmaß an beständiger Teilnahme
und Leitung meinerseits voraus, und ich fürchte, bei dem Grade
meines
Elendes würde dies Mindestmaß alle Kräfte absorbieren
und
somit auch der bescheidensten Originalarbeit den Lebensnerv
durchschneiden.
Oder aber mein freundlicher Helfer würde dasitzen und sich die
Nägel
kauen.
Zum Schluß
noch eine materialistische Betrachtung. Wir gehören zu der
weitverbreiteten
Klasse der Kriegsverlustler: meine englischen Einnahmen habe ich
infolge
meines Bekenntnisses zu Deutschland verloren; meine Ersparnisse waren
in
sogenannten pupillar-sichern Papieren angelegt, die allesamt keine
Zinsen
mehr tragen, und so leben wir ohnehin weit über unsere
Verhältnisse,
und einzig die — trotz der erhöhten Preise — zunehmende
Verbreitung
meiner Bücher hält uns bisher über Wasser. Sparen ist
aber
bei meinem Zustand schwer möglich, im Gegenteil wachsen die Kosten
der Pflege — ich bin also vollkommen außerstande, neue Lasten auf
mich zu nehmen, es wäre ein sträflicher Leichtsinn.
Ich muß hier
abbrechen; dieser Brief bedeutet eine Orgie für meine heutigen
Gewohnheiten.
Habe ich in meinen
„Lebenswegen“
erwähnt, daß es die Kirche von Gsteigwyler war, in der ich
auf
der Orgel die Motive aus dem „Ring“ mir vorführte?
An Stelle der
unterdrückten
Gemütsäußerungen lege ich diesem Brief ein Bildchen
bei,
aufgenommen in meiner Bibliothek vor drei Jahren, und verfolge damit
zugleich
die Absicht, Sie zu veranlassen, mir ein gleiches zu gönnen. Ich
brauche
kaum zu sagen, daß ich mich innig freuen würde, Ihnen die
Hand
zu drücken, wenn einmal Ihr Weg Sie über das schwer
erreichbare
Bayreuth führen sollte.
Voll dankbarer
Gefühle
Ihr ergebenster
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Freiwilliger Helfer, der den Katalog der Bücherei aufstellte.
Hochverehrter Herr General,
in der notgedrungenen Kürze,
deren
Ursache Ihnen bekannt ist, beantworte ich die Zuschrift, mit der Sie
mich
beehren.
Ich schicke voraus,
daß Ihre Flugschrift über R. Steiner mir bald nach
Erscheinen
durch Freundeshand zukam und mir von meiner Frau vorgelesen wurde. Wir
beide freuten uns lebhaft über die frische und freie Soldatenart,
in der Sie dem Gegner zu Leibe rücken. Wir haben auch unser Bestes
getan, um in unserem Kreise der vorzüglichen Schrift Verbreitung
zu
verschaffen.
Herrn Dr.
Scholz habe ich allerdings nicht die gewünschte Erlaubnis zur
Bekanntgebung
erteilen können, weil meine Zeilen an ihn völlig ohne
Rücksicht
auf die Öffentlichkeit geschrieben waren und vielleicht als
persönlich
beleidigend gedeutet werden könnten. Persönlich kenne ich von
Dr.R.
Steiner ausschließlich seine beiden Ausgaben der
Naturwissenschaftlichen
Schriften Goethes. In der ersten (in der Kürschnerschen Sammlung
vor
vielen Jahren erschienen) wirkte auf mich die Art höchst
befremdend,
wie der Herausgeber in einer langen Einleitung bestrebt war, Goethe zu
einem Bekenner seines (Steiners) eigenen damaligen monistischen Dogmas
zu stempeln und zu diesem Behuf vor keiner Gewaltsamkeit
zurückschreckte.
Später wurde er mit der Herausgabe der Naturwissenschaftlichen
Schriften
der großen Weimarer Gesamtausgabe betraut: da diese Ausgabe sich
auf lückenlose Mitteilung der authentischen Texte beschränkt,
hatte in diesem Fall der Herausgeber keine Gelegenheit, durch
Einleitung
und Anmerkungen die Leser zu beeinflussen. Dagegen geschah das
mögliche,
durch verworrene Anordnung, und in den Bänden 6 bis 12 (welche die
organischen Wissenschaften behandeln) waren so zahlreiche Auslassungen
wichtiger Bruchstücke geschehen, daß sich die Leitung
veranlaßt
fand, einen anderen Gelehrten mit der Herausgabe eines
Ergänzungsbandes
zu betrauen, der auf mehr als 500 Seiten heranwuchs.
Sie verstehen
gewiß,
daß ich mich nie mehr veranlaßt fand, Rats bei Herrn
Steiner
zu suchen. Außerdem lehne ich grundsätzlich jeden
Okkultismus
ab, sogar jede Befassung damit. Selbst in den Fällen, wo wirkliche
Überzeugung und reine Absicht vorliegen, zeigt die Geschichte
ausnahmslos,
daß diese Richtung zu Wahnsinn und zu Unsittlichkeit
unausbleiblich
führt. Gott und Natur haben uns Menschen Schranken gezogen: sie
überspringen
zu wollen führt nicht zu höherer Weisheit, sondern zu
gottverlassener
Torheit.
Sie dürfen von
diesen Zeilen im ganzen oder in Teilen jeden beliebigen Gebrauch machen.
Und hiermit
wünsche
ich Ihnen, hochverehrter Herr General, vollen Erfolg in Ihrem mutig
unternommenen
Kampf gegen diese neue gefährliche Hydra, die über das kranke
deutsche Volk herfällt, und verbleibe in wahrer Verehrung
Ihr ergebenster
Houston S. Chamberlain.
117-120
An Generall. Oskar von Chelius
Hochverehrte Exzellenz,
Wir alle aus dem
Wahnfrieder
Kreise sind Ihnen mehr dankbar, als ich sagen kann, für Ihr
eingehendes
Schreiben vom 24. v. M. Es brachte uns die ersten wirklich
authentischen
Nachrichten über Leben und Stimmung im Hause Doorn. Ihre
Schilderung
hat alle tief bewegt. — Ich hätte meinen Dank früher
ausgesprochen,
wenn nicht am Tage nach Ihrem Brief ein ergreifendes Handschreiben
von S. M. eingetroffen wäre, auf das ich ungesäumt
erwidern
mußte, und das Sprechen kostet mir soviel Anstrengung, daß
ich äußerst langsam vorwärts mit dem Diktieren komme.
Aus diesem Grunde
muß ich mich darauf beschränken, einige Worte zur
Beantwortung
Ihrer Frage wegen Bücher zu geben, und gehe auf den übrigen
Inhalt
nicht naher ein.
Aus dem Gebiet der
Naturwissenschaft würde ich vor allem das kleine, aber klassische
und epochemachende Buch von Baron
J. v. Uexküll „Umwelt und
Innenwelt
der Tiere“ nennen, das vor einigen Wochen in 2. verbesserter
Auflage
erschienen ist. Es handelt sich um ein fachwissenschaftliches Werk, das
aber jeder Laie von gutem Willen verstehen kann. Desselben Forschers „Bausteine
zu einer biologischen Weltanschauung“, eine Sammlung von
populären
Aufsätzen, enthält manches Hinreißende. Wissen Sie, ob
S. M. sich schon befaßt hat mit Werken des zu so großem Ruf
gelangten Neurologen Schleich? Für meinen Geschmack ist er
zu wortreich, aber andere urteilen anders. Ich würde raten, mit
dem
„Schaltwerk
der Gedanken“ anzufangen, von wo aus man nach Bedarf sich in den
übrigen
Büchern zurechtfinden kann. Ein schönes neues Abbildungswerk
ist: E. Dacqués „Vergleichende biologische Formenkunde der
fossilen
niederen Tiere“.
Ich habe mich in
den letzten Jahren viel mit Carlyle abgegeben und diesen Geist
dem
Ernst der Gegenwart sehr angemessen gefunden. Es gibt prachtvolle
Briefsammlungen,
einschließlich der sehr unterhaltenden von Jane Welsh-Carlyle;
dann
die „Reminiscences“ und „Das Leben John Sterlings“
(vielleicht
die schönste Biographie in englischer Sprache); seine großen
Werke brauche ich nicht zu nennen. Sehr unterhalten haben mich die
Romane
Victor
Hugos, für die ich früher niemals Muße hatte;
„Les
misérables“ ist ein grandioses Werk, voller Szenen, die
unvergeßlich
im Gehirn eingegraben bleiben. „Les Travailleurs de la Mer“
enthält
zwar öde Strecken, die man aber überfliegen kann, um
ebenfalls
Großartiges zu ernten. Ein gleiches gilt von „Notre Dame de
Paris“;
auch „Bug Jargal“ — eine Episode aus dem Negeraufstand auf S.
Domingo
— ist famos. Ein ganz besonderes Labsal bot mir die erneute
Beschäftigung
mit Walter Scott; ich fand dessen letzte „Waverley“,
die
für minder gelten — z. B. „Peveril of the Peak“ und „Anne
of Geyerstein“, doch sehr fesselnd: kaum ein anderer füllt die
Phantasie so ganz aus. Unter modernen historischen Romanen würde
ich
empfehlen: Agnes Harder „Die Kinder Thors“, sehr originell und
anregend
im besten deutschen Sinn. Noch fällt mir ein die prachtvollen
Lebenserinnerungen
von Nettelbeck: ein Buch voll Abenteuer zur See und endend mit
der
heldenhaften Verteidigung von Kolberg. Ein fesselndes Buch von der
ersten
bis zur letzten Zeile ist Richard Wagners: „Mein Leben“. Ich
erwähne
nicht Prescotts „Conquest of Mexico“ und „Conquest of Peru“,
weil ich voraussetze, daß diese Meisterwerke der
Geschichtsschreibung
S. M. bekannt sind, ebenso wie Motleys „Rise of the Dutch Republic“.
Es ist überhaupt auffallend, wie ungleich interessanter die
englischen
Gelehrten zu schreiben pflegen als die deutschen; so z. B. sind
sämtliche
Bücher von Ramsey (dem Theologen und Reisenden) auch rein
als
Unterhaltungslektüre genußreich.
Natürlich
könnte
ich noch stundenlang fortfahren und bin gern bereit, auf nähere
Anfragen
eingehend zu antworten. Für heute mag, in Anbetracht der
Umstände,
das Wenige und Sammelsuriumartige genügen.
Mit nochmaligem Dank
verbleibe ich
Euerer Exzellenz
verehrungsvoll ergebenster
Houston S. Chamberlain.
Frau Wagner sowie
mein Schwager Siegfried haben mit Rührung und großer Freude
von den allerhöchst persönlichen Zeichnungen von
Patronatscheinen
vernommen; beide bitten Sie, verehrte Exzellenz, ihren
tiefstgefühlten
Dank bei Gelegenheit übermitteln zu wollen!
120-121
An den Oberbürgermeister der Stadt Bayreuth
Hochverehrter Herr Oberbürgermeister!
Seit mehreren
Tagen
ist Ihre sehr geehrte Zuschrift vom 24. Mai in meinen Händen; nur
zu gut wissen Sie, was mich hemmt, und ich zweifle nicht, auf Ihre
unbeschränkte
Nachsicht rechnen zu können, wenn ich erst spät und
unvollkommen
danke.
Ich darf behaupten,
kein Mensch auf Erden könnte die Verleihung des
Ehrenbürgerrechtes
der Stadt Bayreuth höher schätzen und tiefer empfinden als
gerade
ich, der ich von weither komme, und dem seit jungen Jahren die
Gewinnung
echt deutscher Kultur mit dem Begriff „Bayreuth“ eng verknüpft
war.
So kam es, daß, als ich die „L e b e n s w e g
e
m e i n e s D e n k e n s“ zu schildern
unternahm,
ich mich veranlaßt fand, den Hauptabschnitt „Mein
Weg nach Bayreuth“ zu betiteln. Das alles führte auch
äußerlich
zu häufigen Berührungen: bin ich erst seit 14 Jahren
Einwohner
dieser Stadt, so will ich Ihnen verraten, daß ich am 24. Juli
dieses
Jahres den vierzigjährigen Gedenktag meines ersten Betretens
Bayreuths
feiere. Von da an war ich ständiger Festspielgast, habe in den
verschiedensten
Stadtteilen gewohnt und somit zu zahlreichen Bürgern Beziehungen
gewonnen,
welche ausnahmslos freundschaftlichster Art waren und noch sind.
In Bayreuth war es
mir Heimatlosen von der Vorsehung beschieden, eine Heimat zu finden.
Sie sehen,
hochverehrter
Herr Bürgermeister, welche hohe und herzinnige Bedeutung Bayreuth
in meinem Leben zukommt, und können daraus ermessen, welche
auserlesene
Freude Sie und der verehrliche Stadtrat mir durch Ihren Beschluß
gebracht haben.
Empfangen Sie bitte
den Ausdruck meines wärmsten Dankes, und haben Sie die Güte,
diesen Dank den verehrten Herren vom Stadtrat zu übermitteln.
Verehrungsvoll ergebenst
Houston Stewart Chamberlain.
121
An den Evangelischen Presseverband für Deutschland, Berlin
Unter allen Büchern überragt das Evangelium durch die Universalität seiner Wirkung die anderen, denn es bietet denen, „die arm an Geist sind“, ebenso reiche Anregung, Tröstung und Stärkung, wie den durch Rasse und Bildung Begünstigten. Durch ein Wunder blieb uns das Buch bewahrt, voll Kraft und Würde, einem heiligsten Geheimnis zum Gefäß zu dienen. Zwei Jahrtausende haben bewiesen, daß der Wirkungsgewalt dieses Buches zum Segen der Menschheit die Zeit nichts anhaben kann.
Houston St. Chamberlain.
Hochverehrte Exzellenz,
Wie sehr
gütig
von Ihnen, des Kranken zu gedenken und ihn durch eine so große
Freude
zu überraschen.
Wir haben uns sofort
auf das Buch ¹ gestürzt, das meine Frau mir abends vorliest,
und genießen die meisterlichen Verdeutschungen. Soeben beendige
ich
Ihr herrliches Marcion-Buch, das ich mit Leidenschaft gelesen und mit
Gefühlen
tiefster Dankbarkeit für diese Belehrung über die zwei
bedeutenden
Religionsgenies, Marcion und Appelles, aus der Hand lege —
Verzeihen Sie die
durch mein Leiden bedingte Kürze und gestatten Sie mir, Ihnen die
Hand bewegt drücken zu dürfen.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
„Augustin, Reflexionen und Maximen.“
122
An den Generalquartiermeister von Stein
Hochverehrter Herr General,
Eure Exzellenz haben mir mit Ihrem gütigen Schreiben eine derartige Freude bereitet, ja, Sie haben mir damit ein wahres Labsal gespendet, daß ich es nicht unbedankt lassen kann. Gehört doch Ihre Gestalt zu den Allverehrten seit den Augusttagen des Schicksalsjahres 1914, und sind Sie uns doch so nahe getreten durch Ihre „Erlebnisse und Betrachtungen“. Leider bin ich durch eine grausame Erkrankung aus der Zahl der Lebenden gleichsam gestrichen und kann nur äußerst mühsam selbst nur diese wenigen Worte diktieren, aber Sie sollen wenigstens Ihr Hoffen segnen und Ihnen meinen Herzensdank überbringen mit aller Ehrerbietung.
H. S. Chamberlain.
Sehr werter Herr Dr.,
Ihre freundlichen Zeilen vom 7. d. M. erfreuen mich heute. Sind Sie
ganz
nach Graz gezogen? und kennen Sie dort unseren lieben alten Freund, den
Architekten Friedr. Hofmann (Körblergasse 28)?
Ich habe dieser tage
Ihren neuen Roman „Die Angeseilten“ beendet und
beglückwünsche
Sie zu einem so vortrefflichen Werk. In der Sicherheit der
Linienführung
bildet dieser Roman einen bedeutenden Fortschritt gegenüber
„Rasse“.
Ohne Schmeichelei kann ich sagen, daß ich ihn zu den
allervorzüglichsten
zähle, die ich kenne. Gleich der leitende Gedanke, den spiritus
rector des Ganzen als schon aus dem Leben geschieden und dadurch
unantastbar
hinzustellen, ist ein meisterlicher Einfall. Die bunte Menge der
Gestalten
sind ein jeder so scharf und klar erblickt und hingestellt, daß
man
sie alle nach dem Leben gezeichnet wähnt; die Teilnahme flaut
keinen
Augenblick ab, im Gegenteil, die Spannung wächst von Abschnitt zu
Abschnitt. Dies bestätigt mir im Augenblick Hans
v. Wolzogen, der
das Buch in einem Zug durchgelesen und sein Staunen darüber
ausdrückte,
wie es Ihnen gelungen sei, diese Aufgabe, unsere Gegenwart
künstlerisch
zu gestalten, so erfolgreich zu lösen.
Zum Schluß
sei Ihnen für die zugrunde liegende prächtige Gesinnung noch
ein besonderer Dank ausgesprochen! Ich könnte noch lange mit Ihnen
über Ihr Buch sprechen — doch die Stimme versagt gänzlich.
Heil Ihnen!
Treulichst ergeben
Ihr
H. S. C.
P. S. Das
Einzigste,
was mir an Ihrem Buche nicht gefällt, das ist der Titel, man
weiß
nicht, was man sich dabei vorstellen soll.
Lieber Herr Nachenius,
Die zwei prachtvollen Blätter bilden einen kostbaren Schatz. Es sind beide Meisterwerke und so verschieden, daß sie die günstigste Vorstellung von der umspannenden Weite der Begabung des Künstlers geben. Der unheimlich großartige Drachenblutbaum wirkt in der wüsten Landschaft wie ein Symbol vom tropischen Afrika, ganz mächtig. Aber alle Herzen fliegen zu den lieblichen Kornfeldern und zu den emsigen Schnittern. Es ist erstaunlich, wie viel Bewegung Sie in die Stoppelfelder zu bringen wußten. Das Ganze ist ein entzückendes Beispiel echt niederländischer Kunst. Ich habe beide sofort einrahmen lassen, um sie täglich unter den Augen zu haben. Nehmen Sie herzgefühlten Dank
von dem aufrichtigen Freund Ihrer Kunst
Houston S. Chamberlain.
Sie haben alles Recht, diesen Überfall nicht zu erwarten, haben Sie doch mit eigenen Augen erlebt, wie schwer ich Worte auszusprechen vermag. Jedoch ich vermag dem Drange, einige Worte mit Ihnen zu sprechen, nicht zu widerstehen. Ich denke es mir aber ganz einseitig — d. h. ich erwarte keine Antwort von Ihnen.
Houston Stewart Chamberlain.
Mit einem Schrei
des
Entzückens vernahmen wir von Ihrem Vorhaben, eine Reihe von
Bildern
zu P a n d o r a herauszugeben. Die einzigen
mir
bisher bekannten Illustrationen waren die feinen naiven Kupferstiche zu
der Originalausgabe.
Unsere Phantasie
hatte uns aber ganz irregeführt, indem sie uns vermuten
ließ,
wir würden Kompositionen in Ihrer zarten Farbengebung finden. Wir
kannten Ihre Holzschnitt-Technik gar nicht. Doch wurden wir sofort
für
diese gewonnen, gleich beim ersten Blättern. Was uns zuerst
bestach,
war die schöne Freiheit der Bewegungen bei Geschlossenheit des
Gesamteindruckes
jedes einzelnen Blattes. Vollendet schön ist das Bild der
Erscheinung
der Elpore, der Schlafende Vater ist geradezu großartig! und wie
hold schwebt die Tochter daher!
Ich bin erstaunt,
zu welchen zarten Wirkungen Sie es mit dieser einigermaßen
gewaltsamen
Technik brachten, z. B. in dem „Vorhang“ und in den beiden
Schlußbildern,
die mir wie ein Kulminationspunkt erscheinen. Zugleich sind Ihnen, wie
uns dünkt, die kräftigen Gewalttöne der Dichtung auch im
Bildnis zu symbolisieren vortrefflich gelungen, der Prometheus, die
Hand
seines Sohnes umspannend, das aufgebrachte Hirtenvolk usw.
Bei einem einzigen
Blatt kann ich nicht ganz mitempfinden — ich gestehe es in aller
Naivetät,
rechnend auf Ihre Nachsicht —; wahrscheinlich hängt es damit
zusammen,
daß mir in diesem Fall seit Jahren ein so bestimmtes Bild des
Vorganges
Vorschwebt, daß es mir schwer fällt, einer anderen
Auffassung
gegenüber mich gerecht zu erweisen. Ich rede von dem Pandorablatt.
Ich stelle sie mir in diesem Augenblick weiter entfernt von Epimetheus,
auch höher, und außerdem stelle ich sie mir schreitend vor,
im Augenblick, wo sie um die Zypressen biegt: „Und jetzt hin um die
Stämme
schreitend, augenblicks weg war sie!“ Übrigens ist Epimetheus
wiederum
prachtvoll, und seine Gebärde deutet auf den von mir bezeichneten
Augenblick.
Unsäglich freue
ich mich, dieses einzige Werk fortan in einer so Schön gedruckten
Ausgabe zu lesen! Ich liebe dieses Gedicht bis zur Trunkenheit als eine
letzte Höhe in Goethes „Wahnkunst“.
Seien Sie von Herzen
bedankt für die große Freude, die Sie einem Kranken gebracht
haben, und empfangen Sie mit Ihrer Gemahlin von uns beiden die
herzlichsten
Grüße!
Ihr verehrungsvoll ergebener
H. S. Chamberlain.
Allzu gütige
Freunde haben gewünscht, daß ich meine Stimme in diesem
Augenblick
erhebe, um zur Einheit zu mahnen.
Wenn ein Mann mit
einem Fuß im Jenseits steht, erblickt er manche Dinge in neuem
Lichte,
namentlich erblickt er die großen Zusammenhänge und
durchschaut
manchen falschen Schein. Ich wollte, ich könnte einige Führer
der völkischen Bewegung für einen Tag in meine Lage
versetzen:
ihnen würden die Augen sofort aufgehen. Über den Mittelpunkt
— den heiligen — sind wir alle einig; warum aber über
Nebensächliches
hadern? Dieser alte kleinliche Fehler der Deutschen könnte einen
zur
Verzweiflung in d i e s e r Stunde bringen, wo
uns Einheitlichkeit mehr als je not tut. Kommt es doch jetzt auf die
Zusammenfassung
aller reindeutsch Gearteten und Gesinnten an!
Gott gebe seinen Segen dazu!
Houston Stewart Chamberlain.
Letzte Änderung / Last update: 18 April 2010