Hereunder follows the transcription of the second volume of Briefe 1882-1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II, letters from Houston Stewart Chamberlain to various people and correspondence between him and emperor Wilhelm II, edited by Paul Pretzsch, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1928.

Hieronder volgt de transcriptie van het 2e deel van Briefe 1882-1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II, brieven van Houston Stewart Chamberlain aan verscheidene personen en de correspondentie tussen hem en keizer Wilhelm II, geredigeerd door Paul Pretzsch, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1928.


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Band I, Seite I-VI: Einführung/Inhaltsübersicht
Band I, Seite 001-171: Die Briefe I. 1882-1907
Band I, Seite 172-332: Die Briefe I. 1908-1915

Band II, Seite 001-128: Die Briefe II. 1916-1924
Band II, Seite 129-275: Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II
Band II, Seite 276-288: Verzeichnis der Eigennamen
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I


Houston Stewart Chamberlain

Briefe

1882-1924

und

Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II.

Zweiter Band

F. Bruckmann A.-G. / München

II



 
 

Houston Stewart Chamberlain

Houston Stewart Chamberlain

Copyright 1928 by F. Bruckmann A.-G., Munich
Gedruckt im Mai 1928 bei F. Bruckmann A.-G., München
Printed in Germany

III


Die Briefe II. 1916-1924

IV



(Leere Seite)

1 An Raman Pillai, Indischer Gelehrter


Bayreuth 14. 1. 16.

Hochgeehrter Herr

    Ihren Aufsatz über das Christentum in Indien habe ich mit lebhaftestem Interesse gelesen, und hätte früher gedankt, wenn ich nicht mit Influenza zu Bette gelegen hätte. Ich werde zu seiner Verbreitung beitragen.
    Als Kind habe ich mit christlichen Indern sehr schlechte und mit hinduistischen sehr gute Erfahrungen gemacht — und von meinen Onkeln, die obgenannte Inder nach Europa mitbrachten, gehört, dies sei die Regel.
    Die heilige Person Christi wird gewiß bei allen Indern Bewunderung erregen, bei manchen vielleicht Nacheiferung, und — wer weiß? — bei etlichen vielleicht zu kosmisch-metaphysischen Ahnungen führen, denjenigen vergleichbar, die Khrischna weckt — aber eine Christianisierung Indiens halte ich: erstens für unmöglich und zweitens, wenn möglich, für keinesfalls wünschenswert.
    Verzeihen Sie die lakonische Ausdrucksweise und glauben Sie an meine hochachtungsvolle herzliche Gesinnung.

Houston Stewart Chamberlain.
 

1-2 An General Matthias Hoch



23. Januar 1916  Bayreuth.

Hochverehrter Herr General

    Ein Influenzaanfall mit Fieber und Bettarrest hat alles bei mir drüber und drunter gebracht, und ich weiß gar nicht, hab’ ich Ihnen vielleicht vom Bett aus oder meine Frau für mich auf Ihre sehr lieben, willkommenen Zeilen vom 9. Januar geschrieben und den schuldigen Dank ausgesprochen? Jedenfalls geschieht es jetzt von Herzen. Ich habe viele Freunde verloren durch mein Verhalten, enge Banden zerrissen; und doch, ich konnte nicht anders, ich mußte für die Wahrheit Zeugnis ablegen, zwischen Gott und Mammon wählen; aber dankbar ergriffen schlage ich in die vielen neuen Freundeshände, die sich mir — namentlich aus der Front — entgegenstrecken.  „Geistige Granaten“ nannte der Kaiser in einem Telegramm an mich meine Kriegsaufsätze; mitgefochten zu haben, ist mir Trotz und Glück und Stolz.
    Sehr gern habe ich die Gedichte meiner Sammlung eingereiht. Es ist herrlich zu sehen, wie viel Talent der Krieg in Deutschland geweckt hat. Fast gefällt mir „An Sir E. G.“ am besten; es tut so wohl, einmal die Dinge beim Namen zu nennen!
    In größter Verehrung und Dankbarkeit

Houston Stewart Chamberlain.
 

2-4 An den Forschungsreisenden R. Rickmers



23. Januar 1916   Bayreuth

    Lieber Herr Rickmers — Besten Dank für Ihren Brief vom 22/1. Sind an meinem Aufsatz nur kleine Zensuränderungen vorgenommen worden — Kürzungen, Wortänderungen —‚ so brauchen Sie nicht ihn mir vorzulegen. Nur wenn der Sinn irgendwo gelitten hat oder eine Lücke entstanden ist, die ich ausfüllen müßte. In der Broschüre später stelle ich den Urtext doch wieder her. — Aber es wundert mich, daß das überhaupt vorgekommen ist: wohl nur auf die neuliche Hetze gegen mich im Reichstag hin? In „Des Weltkriegs letzte Phase“ ist nicht ein Wort beanstandet worden — und da hätte ich‘s fast erwartet; wogegen in diesem Aufsatz, soweit ich mich erinnere, gar keine Veranlassung zu Bedenklichkeiten vorlag.
    Nein, ich habe mich stets von Freimaurerei u. dgl. ferngehalten, auch bei gelegentlicher flüchtiger Beschäftigung mit Büchern darüber keine Geduld noch Interesse dafür aufbringen können. Als kleines Bübchen in Versailles kletterte ich über unsere Gartenmauer in den Nachbarhof, wo die F. M. ihre Versammlungen hielten, und konnte durch den Ritz eines schlecht verschlossenen Vorhangs in einen Erd- oder Kellergeschoßraum hineinlugen, wo der Anblick eines Schädels und einiger Knochen, aufgestellt auf einem schwarzsamtnen Tuch, meine kindliche Phantasie recht gruselig beeindruckte. Es hat mich in späteren Jahren innerlich ergötzt, als ich in Gesellschaft einen F. M. beteuern hörte, solche Dinge kämen bei ihnen gar nicht vor, es seien alberne Märchen... Auch folgende Lebenserfahrung mag interessieren. Ein Bruder von mir, ein guter, nicht sehr begabter, aber tüchtiger Mensch, war fromm und mäßig konservativ, wie es sich für einen kgl. Marineoffizier schickt — ein zufriedenes, kindliches Gemüt. Er wird Freimaurer. Nach zwei Jahren begegne ich ihm wieder und finde einen vollkommen umgewandelten Mann: betritt nie mehr eine Kirche, glaubt weder an Gott noch Teufel, ist zur radikalen Partei übergetreten usw. Und diesen gutmütigen Kerl finde ich nun im Jahre 1900 als rasenden Deutschhasser wieder, der immer von Krieg, auf Leben und Tod gegen Deutschland redet und jeden Menschen zu einem „Naval Defence League“ anzuwerben trachtet. An einen Zusammenhang dachte ich freilich damals nicht. Es fiel mir nur auf, weil ich diesem aggressiven Ton — trotz der damals schon eingesetzten Pressehetze — bei keinem anderen Mitglied meiner Familie begegnete.
    Daß Herr Roselius gut gereift ist und Ersprießliches gewirkt hat, freut mich sehr. Wie mußte ich an ihn denken, als jetzt die Nachricht von dem großen englischen Getreideankauf in Rumänien durch die Blätter ging!
    Was meinen „Freund“ anbetrifft, so müssen Sie mich nicht für einen Geheimniskrämer halten; ich erachte es aber für korrekter und auch ersprießlicher, es ihm selber zu überlassen, ob er sich nennen will oder nicht. (Diese Bemerkung ist, nicht durch Sie veranlaßt; ich will nur etwaigen verschwiegenen Gedanken zuvorkommen.) Augenblicklich befinde ich mich, wie schon oft, seit Wochen ohne jede Spur einer Nachricht; er reist viel, und ich weiß nicht, wo ich ihn mir zu denken habe. Dagegen ist begründete Hoffnung, daß ich ihm in der zweiten Hälfte Februar persönlich begegne — und das ist immer das Gescheiteste, denn jetzt im Kriege steht‘s mißlich um die Korrespondenz.
    Wann ich nach Berlin kommen kann, weiß ich nicht. Die Sache liegt ziemlich kompliziert.
    Mit herzlichsten Grüßen

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

4-5 An Frl. Sidonie Peter



28/1 16  Bayreuth,

Hochverehrte gnädige Freundin,

    Daß mein „Kant“ jetzt neu gesetzt wird, ist für mich nicht sehr günstig; ich habe ja keine Zeit; ein gewissenhafter geübter Freund, Prof. Gianicelli hierselbst, besorgt die Durchsicht und referiert über zweifelhafte Fälle und über gelegentliche Bemerkungen in meinem Handexemplar — aber er ist Kontrabassist, nicht Philosoph! und ich kann an eine ordentliche Revision gar nicht denken —‚ denn ich komme täglich tiefer in stille Kriegsarbeit hinein, abgesehen von literarischen Kriegsverpflichtungen.
    Es fällt mir ein, Sie zu fragen: ob Ihnen bei wiederholter Lektüre   D r u c k f e h l e r   oder mögliche   D e n k f e h l e r   oder   U n k l a r h e i t e n   oder stilistische Verstöße oder stille   W ü n s c h e   vorgekommen sind? Wenn ja, würde ich bitten, mir solche in völliger Unbefangenheit mitzuteilen. Am besten auf besonderem Bogen, den ich bei den Gianicelli-Konferenzen vorlegen und durchsprechen kann.
    Es käme darauf an, solche etwaige Mitteilungen bald zu bekommen, und zwar, da der Druck von vorn anfängt, zunächst für die ersten Vorträge; dann eventuell später für die späteren.
    Vielleicht verleide ich Ihnen das Buch mit dieser Bitte? Dann lassen Sie die Sache nur liegen. Vielleicht aber freut es Sie bei Ihrer tatkräftigen Art, dem etwas sehr bedrängten Freunde auf diese Weise ein wenig helfen zu können.
    Wir bekommen Schilderungen von unaussprechlich schönem Wetter im Süden; auch in den Bayerischen Alpen strahlende Sonne; hier ist Tag für Tag Nebelregen und Regennebel — an einem Abend erwischte ich schnell Venus, Jupiter und Saturn, Venus als  , Jupiter mit merkwürdiger Mondstellung  und Saturn geheimnisvoll wie immer, mit schön offenem Ring, — und warf noch einen sehnsuchstvollen Blick zu meinen geliebten Hyaden hinauf, von denen ich immer das Gefühl habe — entweder komme ich daher oder ich gehe dahin.
    Verehrungsvoll und treu ergeben

H. St. Chamberlain.
 

5-7 An Verleger J. F. Lehmann



7. Februar 1916  Bayreuth.

Sehr geehrter Herr Lehmann

    Ihr Brief vom 5/2 hat mich innig erfreut; ich danke Ihnen bestens dafür. Wir verstehen uns vollkommen. Natürlich bin ich nicht so reich und genau unterrichtet wie Sie; und allen Klatsch der Menschen, die „mit einer maßgebenden Persönlichkeit“ oder mit einem „hervorragenden General“ befreundet sein wollen, lasse ich an mir wie an einem Gummimantel herabfließen...; im Laufe des Krieges haben sich aber verschiedene gute Beziehungen angeknüpft — in verschiedenen Lebenskreisen —‚ die mich von der Zeitungsabhängigkeit erlöst und in einigermaßen nahe Berührung mit den wirklichen Vorgängen gebracht haben.
    Die Geschichte meines letzten Aufsatzes ist mir selber noch ganz schleierhaft. Ich war wütend auf die „Tägl. Rdsch.“, die wieder meinen Aufsatz „Des Weltkriegs letzte Phase“ mit dem Vermerk „Nachdruck verboten“ versehen hatte, wo ich doch grundsätzlich keinen Pfennig Honorar annehme, und dafür die Bedingung mir ausmache „Nachdruck gestattet“; einige Zeitungen haben sich ja wieder an mich gewandt und nachgedruckt, die meisten sind aber abgeschreckt. So schickte ich diesen neuen Aufsatz ¹ (ein Monat ist‘s her) an rührige Freunde in Berlin, die genau in Ihrem Sinne tätig sind, und diese setzten sich mit der Korrespondenz Lammert in Verbindung, die 800 Zeitungen versieht: die Zensur und die Verhandlungen dauerten Ewigkeiten, schließlich erfuhr ich aber, mein Zweck sei erreicht, der Aufsatz werde in ganz Deutschland am gleichen Tage in ich weiß nicht wie vielen Zeitungen und 1 Million Exemplaren erscheinen. Dieser Tag sollte Donnerstag 3/2 sein. Als ich das erfuhr, schickte ich eine Abschrift an Hugo Bruckmann, damit er am 4/2 einen „Nachdruck“ bringen könne. Die Münchner Zensur arbeitete viel schneller, strich auch nicht die Wendung, die in Berlin beanstandet worden war, „hoffähig, aber nicht deutschfähig“, die „M. A.“ brachte pünktlich den Aufsatz... Was aber nicht erschienen war, das war die versprochene Million am 3/2! Ich wenigstens habe nichts davon gehört, und von verschiedenen Seiten schreibt man mir: bei uns ist nichts erschienen... Berlin schweigt sich aus... Da muß wohl im letzten Augenblick etwas geschehen sein, denke ich. Höchst wahrscheinlich ist von der bekannten Stelle abgewunken worden. Und nun bin ich dankbar, daß wenigstens die „M. A.“ vor völligem Schiffbruch gerettet hat — auch vor einer etwaigen verwässerten Fassung.
    Auf „Des Weltkriegs letzte Phase“, der eigentlich noch kühner war, hat S. M. mir extra telegraphieren lassen, er habe den Aufsatz mit dem größten Interesse gelesen und lasse mir wärmstens danken. — In welchem Zusammenhang dieser Aufsatz entstanden war, und wer mir dafür wie für eine rettende Tat dankte, erzähle ich Ihnen später.
    Selber meine Aufsätze an Personen, die ich nicht kenne, einzuschicken, geht mir sehr gegen den Strich. Doch besitze ich gute Verbindungen, und diese tun dann viel. So war z. B. dieser letzte Aufsatz in die Hände des Generaladjutanten des Kaisers gelangt, ehe ich ihn selber zu sehen bekam.
    Aufsätze verspreche ich nie gern, weil es mir die Flügel bindet. Dagegen bin ich immer dankbar für Anregungen. Leider ist mir Osteuropa terra incognita — bis auf Bosnien-Herzegowina.
    An meinem guten Willen zweifeln Sie nicht; ich lebe ja nur, um der guten Sache zu dienen; wäre ich dazu unfähig, ich wäre vor Gram schon tot.
    Herzlich und verehrungsvoll

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Deutschlands Kriegsziel.
 

7-8 An H. Meixner



9. Februar 1916 abends
Bayreuth

Sehr verehrter Herr

    Es drängt mich, auf Ihr soeben erhaltenes Schreiben vom 7/2 sofort einige Worte zu erwidern.
    Freilich, ja, ich erhalte so viele Briefe, daß ich außerstande bin, sie alle selbst zu beantworten, — manche gar zu alberne lasse ich von freundlichen Helfern lesen und erledigen. Aber Briefe wie der Ihrige gehören doch zu den seltenen; und — wenn auch der große Krieg mir gar manchen prächtigen, auch rührenden Gruß eingebracht hat — sehr vieles z. B. aus dem Felde, aber auch aus allen Kreisen, Gegenden... so bleibt doch Ihr Brief in seiner Berücksichtigung des persönlichen Moments sehr einzig. Ihre Worte haben mich ergriffen, und ich danke Ihnen dafür — wenn das Wort „Dank“ hier einen Sinn hat.
    Lob und Tadel vertrage ich beides gleich schlecht, und lese fast nie ein Wort, was über mich gedruckt wird, — und wenn auf Zureden ausnahmsweise doch, dann auf Kosten nachfolgender Reue und Entmutigung. Bei Ihnen habe ich das Gefühl seltener Objektivität; selbst das, was vielleicht überschwenglich sein mag, verletzt mich nicht; Sie haben auch etwas von dem, was ich „die Sternenperspektive“ zu nennen pflege, an sich.
    Im übrigen: das Recht, die Dinge so zu Sehen, wie Sie sie sehen, kann Ihnen niemand bestreiten. Solche Dinge liegen außerhalb des Rechthabens. Ich pflege sehr wenig über mich selbst nachzudenken; in einem gewissen Sinne interessiert mich das „ich“ wenig; es ist auch nicht förderlich, sich die allseitigen Beschränkungen, welche Anlagen und Schicksal so grausam unerbittlich bedingen, gar zu deutlich zu vergegenwärtigen; ein wenig Unbewußtsein muß der Mensch als ein Heiliges sich hüten — ein ganz klein wenig von jener Existenz, die Einem vollendet vor den Sinn tritt, wenn man eine „Meduse“ im Meere schwimmen sieht. — Mehr als alles andere hat bei mir stets ein Gefühl der   P f l i c h t   bestimmend mitgewirkt; ich entstamme einer Soldatenfamilie und gehorche instinktiv, ohne zu fragen. Diese Pflicht ist eine Pflicht gegen Gott — ich meine, so fühle ich sie; losgelöst aus jenen allen Menschen sonst natürlichen Banden, die auch ich gern und treu getragen hätte — Vaterland, Muttersprache, angestammtes Heim usw. — fühle ich mich „gottunmittelbar“ (wie gewisse Adelsgeschlechter früher reichsunmittelbar waren). Es ist dies manchmal kein leichtes Los; August 1914 hätte es mir leicht das Leben gekostet, und ich trage noch an der Nervenüberspannung, welche aus der Not entstand, die Pflicht klar zu erkennen und ihren Geboten zu folgen. Ich bin Ihnen namentlich dafür dankbar, daß Sie diesen Punkt so feinsinnig und genau richtig erfaßt haben. Hätte ich anders gehandelt, als ich es tat, mein ganzes Lebenswerk wäre von innen aus vernichtet gewesen... und das besagt einfach: ich konnte nicht anders.
    Für heute nur noch einen Händedruck und die Hoffnung, Sie einmal persönlich kennen zu lernen.
    In dankbarer Hochachtung

Houston S. Chamberlain.
 

9-10 An Frl. Sidonie Peter



24/2 1916  Bayreuth.

    Nur ein Wort des Dankes, hochverehrte Freundin! — Aus etwas niedergeschlagener „äußerer“ Verfassung. Da meine gute Frau seit bald zehn Tagen an einer hartnäckigen Angina mit Fieber liegt — oder sich herumwankend schleppt — was einem nicht gerade Sorge macht und doch lastet, denn sie ist doch Achse und auch Sonne unseres ganzen kleinen „Wahnkosmos“. Ich selber leide an allen Schmerzen, die nur ein geistiger Schützengraben erzeugen kann, und ersticke unter Besuchen, Briefen, Anfragen, Druckschriften usw. usw.  Bisweilen lasse ich alles liegen, verriegle die Türe und lege mich hin mit Pascals „Pensées“ oder sonst mit einem vernünftigen „unpolitischen“ Buche und erhole die Seele.
    Die Verbreitung von „Deutschlands Kriegsziel“ wächst täglich. Die „Tägliche Rundschau“ brachte den Aufsatz, jetzt Tag für Tag andere Blätter, bis nach Hermannstadt hinunter. Freilich streichen manche den Schluß — oder er wird dann gestrichen. Professor Schäfer macht eine Ausgabe für alle Mitglieder seiner nach Tausenden zählenden vaterländischen Vereinigung. Stalling — der Militärverleger, macht eine Schützengrabenausgabe für wenige Pfennige. Und ich habe gestern meine Einleitung „Hammer oder Amboß“ nach München abgeschickt zu der neuen Flugschrift. — So ganz ist es also den Berlinern doch nicht geglückt, meine Stimme zu unterdrücken.
    Für die Fremdwortjagd bin ich Ihnen   a u ß e r o r d e n t l i c h   dankbar, wenngleich die Sache manchmal sehr schwer ist, ja   s e h r;   oft auch will ich nicht eine feine Schattierung opfern, und glaube mich da auf Goethe und Jakob Grimm berufen zu dürfen.
    Ein Beispiel:   K o n t r ä r e r   G e g e n s a t z   ist ein   d e u t s c h e r   technischer Ausdruck aller Schullogik; man unterscheidet „konträren Gegensatz“ und „kontradiktorischen Gegensatz“, das sind zwei verschiedene Begriffe. Einen technischen Ausdruck kann eigentlich nur ein Techniker ändern; ich bin dazu nicht befugt. Gebrauche ich aber den technischen Ausdruck nicht, so muß ich einen langen Sums machen; weil eben ein solches Wort „konträrer Gegensatz“ für jeden Wissenden vieles sagt und vieles ausschließt. — „Erkühnen“ ohne reflex. „sich“ kommt in älteren Sprachen öfters vor, Sie können sich in Grimm überzeugen; freilich jetzt kaum mehr — was aber schade ist, eine Verarmung. Ich meine, wenn man‘s nicht übertreibt und nicht absichtlich solche Dinge künstelt, vielmehr nur dort verwendet, wo sie von selbst sich einstellen, kann man sie nicht verurteilen. Nicht wahr?
    „Stupid“ ist für mich etwas anderes als „dumm“, und stupid auf deutsch ganz und gar anders als das englische „stupid“, näher dem französischen stupide, und ganz etwas anderes ist das lateinische stupidus, was eigentlich erschrocken, verdutzt bedeutet. Aber freilich, ein guter Schriftsteller soll nur diejenige Ausdrucksschattierung gebrauchen, die seine Leser mitfühlen.
    Herzlich dankbar und ergeben

Houston Stewart Chamberlain.
 

10-11 An Frau Gräfin Sponeck geb. von Oettingen



10 März 1916.  Frankfurt a/M.

Gnädigste Frau Gräfin,

    Für Ihre so lebendigen warmen Worte spreche ich Ihnen den herzlichsten ergebensten Dank aus. Meine Schriften haben mir Freunde und auch ein vielfaches Heer von Feinden geschaffen, und da letztere nicht schweigen, ist es dankenswert, wenn erstere nicht aus taktvoller Schüchternheit schweigen; ich empfinde es immer als Wohltat. — Nur eilig kann ich leider Fragen beantworten, zu deren Erörterung Jahre kaum hinreichen würden, da Worte hier nicht hinlangen.
    Das Dasein des Menschen als moralisches Wesen ist ein Geheimnis; es ergründen zu wollen, halte ich für widersinnig. Von Kindheit an habe ich das Gefühl gehabt, ich stünde — gleichsam — auf Gottes Handteller und brauchte mich darum nicht zu fürchten, auch nicht vor mir selber, denn wo und wie und wann ich auch strauchle und falle, Gottes Hand hält mich. Fragen Sie mich aber, was Gott ist — so kann ich Ihnen nur mit dem indischen Weisen antworten: „Neti neti“, er ist nicht so und er ist nicht so, oder mit Wagners Gurnemanz „Das sagt sich nicht! Doch bist du selbst zu ihm erkoren, bleibt dir die Kunde unverloren.“
    Darum sagt es mir nicht sehr viel, wenn behauptet wird: Christus ist Gott; ich halte die Aussage für richtig, aber nicht fruchtbar; wohingegen die Einsicht: Gott ist Christus einen Strom von Licht ausgießt — denn nun wird auf einmal „Gott“, dieser unfaßbare Begriff, mir nahegerückt.
    An einen   Fort s c h r i t t   der Menschheit glaube ich nicht, d. h. nicht, sobald ich versuche, mich dem Standpunkt einer absoluten Betrachtung (also etwa Gottes) zu nähern; was sollte z. B. „Fortschritt“ für Jesus Christus bedeuten? Wohl aber glaube ich an ein Fort s c h r e i t e n   und an ein Rück s c h r e i t e n.
    Niemals habe ich etwas Erträgliches über Schiller gelesen.
    In dankbarer Verehrung

ganz ergebenst

Houston S. Chamberlain.
 

11-12 An Karl Langeheine



Bayreuth, 12/4/1916.

Sehr verehrter Herr

    Für Ihren freundlichen Brief vom 9/4 mit sehr interessanten Beilagen danke ich Ihnen verbindlichst. Mein Büchlein „Politische Ideale“ hat sich erstaunlich viele Freunde gewonnen, trotzdem kaum irgendeine größere Zeitung es überhaupt erwähnt hat. Daß Sie „vermitteln“, finde ich richtig und notwendig; ich täte es in der Praxis auch; es ist merkwürdig, wieviel durch Verschiebungen ohne Verfassungsänderungen erreicht werden kann; zu der neuen Gewohnheit tritt dann die neue Einsicht — und das Unzulängliche ist abgetan. Natürlich kann das nicht in einem Tage geschehen. Ich rechne aber darauf, daß die Notwendigkeit — um nicht zu sagen die Not — Deutschland recht bald dazu zwingen wird, sich praktischer zu regieren. Geht die Absurdität ans Leben (und für die demonstratio sorgen die Herren Liebknecht und Genossen in dankenswerter Weise), so ist es inmitten der Todesgefahren nicht anders möglich, als daß Änderungen, die sonst vielleicht ein Jahrhundert erfordern würden, aus dem Stegreif durchgeführt werden... Es bleibt dabei nur zu hoffen, daß wir nicht dann aus dem Regen in die Traufe kommen — und die Millionäre das Heft ergreifen. Dem muß eben beizeiten vorgebeugt werden.

Houston S. Chamberlain.
 

12-14 An J. F. Lehmann



22. April 1916  Bayreuth.

Sehr geehrter und werter Herr Lehmann

    Dringende, unaufschiebbare Arbeiten verhinderten eine frühere Beantwortung Ihres guten Briefes vom 14/4; auch heute — wo sich viel angehäuft hat — kann ich nur kurz erwidern.
    Die von Herrn Syndikus Kühn angeregte Zeitschrift scheint in der Luft zu liegen, — denn mir ist Ähnliches im Laufe der letzten Monate von verschiedenen Seiten zu Gehör gekommen. Auch die Umwandlung des „Kunstwart“ z. B. deutet in dieselbe Richtung. Und ist nicht Erdmanns „Der allgemeine Beobachter“ (Hamburg) der Tendenz nach sehr verwandt? Daß da etwas zu tun ist und daß etwas geschehen wird, scheint mir darum sicher. Es kommt alles auf das Wie an und auf das Wer.
    Wie ich Herrn Dr. Kühn schon sagte: auf der ganzen Welt lebt wohl kein Mensch, der sich weniger auf Zeitungen, Zeitschriften — überhaupt periodische Publikationen versteht als ich. Es liegt gänzlich außerhalb meiner Fähigkeiten. Nicht daß ich den ungeheuren Einfluß gerade dieses Zweiges der Literatur in unserer Zeit verkenne; ich selber stehe aber in dieser Beziehung außerhalb der Zeit und habe es noch nie fertig gebracht, mich für irgendeine Zeitschrift wirklich zu interessieren. Ich halte manche aus Gesinnungsgründen, lese sie aber fast nie, und wenn einmal, dann tut mir‘s leid um die Zeit. Meine ganze Art, zu arbeiten und zu denken, weist mich andere Wege. Darum würde ich auch niemals eine Verpflichtung eingehen, die mir unabweisbare Erledigungen dieser Art auflegte — niemals. Ich bin auch zu alt und zu wenig leistungsfähig dazu. Hiermit soll aber nicht gesagt sein, daß ich nicht tatkräftiges Interesse, Rat, Förderung usw. einem derartigen Unternehmen zu widmen bereit wäre. Allerdings unter der Bedingung, daß es praktisch gut fundiert wäre.
    Kiesers „Bühne und Welt“ scheint sehr ähnliche Ziele zu verfolgen —‚ ist mir aber zu ästhetisch gerichtet. Gewiß gehört dies auch dazu, doch was wir brauchen, ist ein Führer auf völkischem, praktischem, staatswissenschaftlichem Gebiet — wobei dann die deutsche Kunst natürlich gebührende Beachtung erfährt. Doch, daß es gelingen sollte, von der Bühne aus das öffentliche Leben umzugestalten — das glaube ich nimmermehr. Wo ein Feuergeist wie Richard Wagner nichts vermocht hat, da bemühen sich kleinere Geister ganz umsonst. Politisch, wirtschaftlich und wissenschaftlich (namentlich medizinisch) müßte die Sache in Angriff genommen werden; nur tatkräftige Menschen dürfen das Wort ergreifen, keine Schwärmer. Nicht vulgärer Antisemitismus, dafür aber um so strengerer A-semitismus, der den Materialismus und den „Geldsackismus“ unter jeder Maske und jeder Konfession schonungslos angreift... Ich gestehe, ich habe mit Teilnahme den Bericht des „1. Kongresses für Biologische Hygiene in Hamburg 1912“ (Erdmann 1913) gelesen, mit dem Vorschlag des Deutschen Volksrates“ usw.; es waren da einige ganz tüchtige Männer versammelt. Und dennoch beobachte ich — was sie selber, soweit ich sehe, gar nicht beobachtet haben —‚ daß zwei ganz verschiedene, notwendig auseinanderstrebende Tendenzen sich selbst in jenem engeren Kreise zeigten: indem die um Driesmans eigentlich nur die Aufbesserung der Rasse durch sogenannte „Eugenik“ im Sinne hatten (was jedenfalls zu wenig), während andere alles nur „von innen heraus“ angefaßt wissen wollten und von dem Volksrat hauptsächlich platonische „Urteile“ über alle möglichen Fragen erwarteten. Da trete ich lieber dem ersten besten Reederverein bei, der etwas Positives zu schaffen im Sinne hat.
    Mir scheint die Persönlichkeit des Herausgebers einer solchen Zeitschrift von allentscheidender Wichtigkeit. Würde sich nicht Franz Köhler dazu eignen?
    Ich behalte mir vor, Ihnen wieder zu schreiben, wenn mein Tisch von der harrenden Brieflast ein wenig gesäubert sein wird. Ob ich fähig bin, das Programm zu einem solchen Unternehmen zu entwerfen, weiß ich nicht; ich bezweifle es; aber es interessiert mich sehr, sobald ich glauben darf, daß es deutsch-praktisch-ideal-rücksichtslos zugeben soll. Ich habe im Laufe des Krieges wundervolle Erfahrungen mit echt deutschen Großkaufleuten gemacht; ich meine, für dieses Blatt müßte man solche Kreise gewinnen. Nichts wäre schrecklicher, als wieder bloße Professorenweisheit — wenngleich ich diese und ihre Träger (sobald es echte Deutsche sind) hochzuschätzen und zu verehren weiß.
    Für heute nur noch Gruß und Handschlag

Ihres ergebensten

Houston S. Chamberlain.
 

14-15 An Vizefeldwebel Brachmann



Bayreuth, 26/4/1916

Sehr geehrter Herr Brachmann

    Mit großer Teilnahme haben ich und andere Ihren Brief vom 20/4 gelesen. Solche Worte, eine solche Auffassung tun wohl; man hört sie nicht immer — namentlich nicht von denen, die zu weit von der Front sind, und darum weder die Unmittelbarkeit des Opfers, noch seine heiligende Wirkung verspüren... Lassen Sie uns wieder über Ihre äußeren und inneren Erlebnisse ein Wort zukommen.
    Ihre Frage ist schwer zu beantworten: es mischt sich soviel Subjektives hinein.
    Mir persönlich entspräche es, bei Plato: 1. das Gastmahl mehrmals bis zur Durchdringung des Gedankenstils zu studieren, 2. dann vielleicht Phaidros, Philebos, Sophist, Theaitetos, Kratylos in dieser Reihenfolge zweimal durchzulesen, 3. schließlich die philosophisch wichtigen Stellen aus dem Staat auszusuchen. Was dann bleibt, nach Belieben oder gar nicht.
    Kant: auf alle Fälle mit den Prolegomena beginnen und genügend dabei verharren — dies gestattet, die schwere „reine Vernunft“ bis auf später zu verschieben. Dann: De mundi sensibilis etc. (Dissertation), Träume eines Geistersehers. Über Philosophie überhaupt, über den Gebrauch teleologischer Prinzipien, Kritik der Urteilskraft, Kritik der praktischen Vernunft, Metaphysik der Sitten (letztere vielleicht besser in umgekehrter Ordnung), Religion innerhalb der Grenzen, Kritik der reinen Vernunft... Aber ich müßte Sie kennen, um zu beurteilen, ob diese Folge für Ihren Geist paßt.

Houston S. Chamberlain.
 

15-18 An Prinz Max von Baden



Bayreuth, 16. Mai, 1916

Eure Hoheit

werden schon längst beobachtet haben, daß eine echte Korrespondenz in sich das Prinzip ihrer Unerschöpflichkeit trägt. Ich kann unmöglich das jetzt früh empfangene Schreiben von vorgestern unbeantwortet lassen. Bitte nehmen Sie meinen Herzensdank und lassen Sie mich Ihnen stumm und ehrerbietig die gereichte Hand drücken.
    Ich hatte im Leben sehr wenige wahre Freunde, — und diese mußten alle mit mir Geduld haben wegen meiner großen Leidenschaftlichkeit, Geduld und Nachsicht. Menschliche Fehler pflegen aber — wenn sie echte Naturfehler sind — unter der Oberfläche entschädigende Eigenschaften zu bergen. Wenn‘s bei mir vorbei ist, ist‘s radikal vorbei; ich bin nicht launenhaft. Und so soll von mir aus hinfürder Herr von B. H. ¹ ruhig leben und walten — ich, will nicht noch mehr Lebensmark hingeben für eine Sache, an der ich doch unfähig bin etwas zu ändern. Wie eine Zauberwolke soll mich mohammedanischer Fatalismus umgeben. Daß Gott Deutschland in dieser Krisis ganz verläßt, das kann ich nicht glauben. Vielleicht aber gehen wir großen Prüfungen entgegen, — vielleicht einer Erneuerung des 30jährigen Krieges auf erweiterter Grundlage... und vielleicht wird langes Elend, langer Vernichtungskampf das viele Böse und Verachtungswürdige in uns ausrotten und ein Geschlecht starker Männer à la Hindenburg züchten — das wäre ja eine unaussprechliche Wonne, wert, teuer erkauft zu werden. Und so wollen wir uns stärken und fassen und die Augen nach oben richten und unser Bestes tun, um innerlich allen Ansprüchen gewachsen zu sein.
    Daß die Gesellschaft zur Förderung des Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft am 10. Mai ihr tausendstes Mitglied einschreiben konnte, hat mich mehr erfreut, als ich sagen kann; es handelt sich um eine so wichtige Sache. Jetzt heißt es, bis zum Herbst das zweite Tausend vollkriegen. Und inzwischen ist an der Universität Königsberg ein ähnlich konzipiertes Institut „für ostdeutsche Wirtschaft“ entstanden. Das sind die Dinge, wo die Deutschen Meister sind — nur käme es darauf an, das Interesse immer weiterer Kreise auf sie zu lenken, damit diese Institute — die zwar staatlich sind, aber vom Staate nicht entfernt genügend dotiert werden können — über die großen Mittel verfügen, die sie benötigen, wenn sie einem Aufblühen deutscher Wirtschaft im vollen Maße sollen dienen können. Professor A. Hesse — der Direktor des neuen Instituts — hat mir einen sehr sympathischen Brief geschrieben, in welchem er mich um meine publizistische Unterstützung bittet — wozu es aber vorderhand schwerlich kommen wird, da ich nicht vorhabe, Aufsätze zu schreiben.
    Ich bin fleißig am Monde tätig — und wenn‘s auch nur am Schreibtisch sein kann; ich denke daran, Bruckmann zu einer neuen, für uns Laien brauchbareren Karte nach meinen Angaben anzuregen! Nun, mein fürstlicher Freund, was meinen Sie dazu? Bin ich nicht über Nacht ein sehr vernünftiger Mensch geworden?
    Übrigens hatte ich vorgestern einen interessanten Besuch — direkt aus Hodiaumont vor Verdun. Mein armer Freund, Hauptmann und hiesiger Bankdirektor, [...] sagte, sie alle, die ununterbrochen seit Wochen im französischen Feuer liegen, werden „kriegsblöde“, können überhaupt nicht mehr denken...  Trotzdem war er guter Dinge und glaubt an den Fall von Verdun gegen Ende Juli. Hiermit würde die eigentliche Stoßkraft der französischen Armee, meint er, vernichtet sein. Dann schnell Riga einnehmen und — der Friede!
    Ich gebe Ihnen diese Stimme aus der Front wieder: sie wird Sie auf alle Fälle interessieren.
[...]
    Ein recht interessantes Blatt lege ich für den Papierkorb bei. Wenn Grey schon von Frieden spricht — wo Curzon neulich sagte, das Wort sei aus dem englischen Lexikon ausgelöscht — so könnte man schon daran glauben. Gott, wird das ein Aufatmen geben — wenngleich man wohl auf Jahre hinaus den hominibus bonae voluntatis kaum begegnen wird.
    In Ehrerbietung treu ergeben

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Reichskanzler Bethmann-Hollweg.


Die Handschrift Houston Stewart Chamberlains

“...der Mensch, der durch die
verwickeltsten Verhältnisse mit
kühner Einfalt und ruhiger
Unschuld geht und weder nöthig
hat, fremde Freiheit zu kränken,
um die seinige zu behaupten,
noch seine Würde wegzuwerfen,
um Anmuth zu zeigen.“

(Schiller)

18-20 An J. F. Lehmann



Bayreuth, 23. Juni 1916

    Für Ihren lieben Brief sage ich Ihnen Dank; alles, was von Ihnen kommt, berührt mich immer sympathisch; es ist aufrecht und echt und verehrungswürdig. Lassen Sie mich aber auch meinerseits ebenso aufrichtig sein. Ihre Worte — an sich so harmlos und vernünftig, auch nichts Unerschwingliches von mir fordernd — wirkten dennoch auf mich wie das plötzliche Gewahrwerden einer Gefahr, die mir bekannt war, die ich aber versucht hatte, mir auszureden. Ich war im Begriff gewesen, einen Schritt zu tun, der für meine so zart empfindliche Schaffensfreude tödlich hätte wirken können; ich ziehe den Fuß rechtzeitig zurück.
    Glauben Sie nicht, daß ich für den Wert gemeinsamer Arbeit blind bin, und daß ich nicht verstehe, in welchem Maße bei jeder solchen Solidarität ein gegenseitiges Fügen, ein Geben und Nehmen — namentlich ein Nachgeben — erforderlich ist; l‘union fait la force; aber l‘union setzt Disziplin voraus. Das beginnt in der Familie, zwischen Mann und Frau, die gegenseitig nicht bloß Nachsicht, sondern auch Aufopferung üben müssen, und setzt sich im Leben fort, bei jedem Geschäftsunternehmen, bei aller Politik, bei Religions- und Kirchengründungen, allüberall. Auch ich bin‘s im Leben gewohnt und bilde mir ein, zu den nachgiebigsten Menschen zu gehören. Dies hört aber bei mir plötzlich und gänzlich auf dort, wo mein schriftstellerisches Schaffen beginnt. Ich will Sie nicht mit umständlichen Bekenntnissen belästigen; nur soviel will ich sagen: mein Schreiben ist ein äußerst zarter Vorgang, aus dunklen Seelentiefen geboren, und nur unter großen Schwierigkeiten bis ans Licht gehoben. Es ist für mich zugleich Wonne und Qual. Und das Geringste — ein Nichts — genügt, um es völlig brach zu legen. Ich habe hiervon dutzendmal die Erfahrung gemacht. Dann bin ich stumm wie ein Stein; jede Schaffenslust erstirbt; kein Willensgebot vermag es, einen Gedanken mehr in mein Hirn, ein Wort in meine Feder zu zwingen. Ich existiere einfach nicht mehr — oder wenigstens nicht mehr als Gestalter von Gedanken und Erwecker von Gefühlen.
    Sie finden vielleicht, daß ich mich wichtig mache? Ich meine es aber schlicht und nicht unbescheiden. Ich bin frei aufgewachsen, und mein Geist ist so unbändig frei, daß die geringste Fessel ihn völlig lahm legt. Wohl bin ich bereit, der äußeren Disziplin mich zu beugen; doch die innere Disziplin bedeutet für mich ganz und gar Schweigen. Und ich bin viel zu alt und versteift, um hier umzulernen. Es kommt ja dazu mein besonderes Schicksal, das mich von jung auf aus allen natürlichen Banden losgelöst hat. Hieraus erwächst meine Kraft und auch meine Schwäche, kurz meine Besonderheit mit ihren Grenzen. Ich kann auch die Fehler, die ich deutlich erkenne, nicht vermeiden, kann mir selber keine Gesetze geben, sondern muß mich der höheren zwingenden Logik meiner Persönlichkeit fügen.
    Darum fasse ich es als eine göttliche Fügung auf, daß ich, als ich zu schreiben begann, in tüchtige, redliche Hände geriet, die rein geschäftlichen Interessen nachgingen und mich somit   v o l l k o m m e n   frei und ungebunden lassen konnten, um so mehr, als irgendeine „Richtung“ des Verlags nicht vorlag. Ich bin da Herr — Herr, meine ich, über meine Sachen; niemand hat mir je hineingeredet; niemand sich je vor irgend etwas gescheut. Das ist das einzige Element für das Unbändige, was sich bei mir hinter der friedlichen Oberfläche birgt, das einige, in welchem ich gedeihen kann. So bescheiden mein Wirken auch sein mag, es ist doch ein Wirken. Es wäre — das meinen gewiß auch Sie — schade, es zu zerstören; lassen wir es weiter den eigenen Weg gehen. Noch nie, glaube ich, hat mich in entscheidenden Fragen der Instinkt getäuscht; und mein Instinkt sagt mir: ich werde mit anderen, am selben Strange eingespannt, nicht ziehen können.
    Dazu kommt der Gesundheitszustand. Seit ich zuletzt schrieb, hat sich zu dem übrigen ein Herzzustand entwickelt, der vielleicht auf ein Umsichgreifen der nervösen Störungen zurückgeht und vielleicht — wie frühere nervöse Leiden — zu heben sein wird. Vorläufig bin ich aber in allem behindert und bezweifle sehr, ob ich imstande sein würde, an einer Konferenz teilzunehmen — denn eine sehr geringe Ermüdung und namentlich die geringste Erregung werfen mich ganz nieder. Die Ärzte ermahnen zu völliger Ruhe.
    Zu allen Zeiten hat es Apostel gegeben, die einsam auf einem Patmos ihr Bestes leisteten.
    In aufrichtiger Hochschätzung

treu ergeben

H. S. Chamberlain.
 

21 An Vize-Admiral von Seckendorff



Bayreuth, 19. Juli 1916

Euere Exzellenz

haben mir mit den so warmen und gütigen Zeilen vom 16. d. M. die allergrößte Freude gemacht, ja, mehr als Freude: solche Worte aus solchem Munde sind beglückender Lohn. Zugleich erhalte ich von vielen Seiten zwar weniger gewichtige, aber kaum weniger herzliche und begeisterte Zustimmungskundgebungen. Und so kann man denn doch hoffen — wenn auch nicht in dem Sinne zu nutzen, in dem man so gerne es tun würde, doch wenigstens manchen besorgten Herzen ein wenig Trost und Kraft zu spenden.
    Für mich wird dieser Aufsatz ¹ wohl unter meinen Kriegsaufsätzen der Schwanengesang sein. Der angegriffene Zustand, in dem Sie mich schon im Frühjahr antrafen, hat sich nicht unbedeutend verschlimmert, und Schweninger — der große Lebensspender — der Mann, der sonst nur ermutigt und antreibt, hat mir die völlige Enthaltung von aller Arbeit auf wenigstens drei Monate streng zur Pflicht gemacht. Es ist hart in einem Augenblick, wo man so gerne dienen würde. So bereitete ich z. B. ein Buch „Der deutsche Staat“ vor, das muß nun alles liegen bleiben. Auch diese Zeilen mußte ich diktieren.
    Darf ich bitten, Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin verehrungsvoll empfohlen zu werden. Und bitte, empfangen Sie selber die Versicherung meiner treuesten und ehrerbietigsten Ergebenheit.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Ideal und Macht.
 

22-23 An Chr. Eidam



Bayreuth, 20. Juli 1916.

Hochgeehrter Herr Konrektor!

    Daß Sie meiner freundlichst gedachten, hat mich aufrichtig gefreut. Die Erinnerung an unsere kurze Begegnung vor einigen Monaten steht mir lebhaft vor dem Sinn.
    Mit wahrem Interesse habe ich Ihre Schrift gelesen, da natürlich die Frage der modernen Sprachen gerade mir eine sehr wichtige erscheint. Zwar habe ich weniger Schulerfahrung als ein anderer, doch besitze ich die nicht sehr häufige Erfahrung der leidenschaftlichen Aneignung einer fremden Sprache und insoferne kann ich auch mitreden.
    Die Redensart von der „Beherrschung“ fremder Sprachen und gar erst durch Schüler empört mich und macht mich zugleich lachen. Wie viele Menschen gibt es überhaupt, die eine zweite Sprache wirklich beherrschen? Es heißt doch der Schule ein unmögliches Ziel setzen. Aus vollster Überzeugung stimme ich Ihnen hier bei: man soll den Knaben nur ja nicht einbilden, daß sie eine Sprache beherrschen — ganz im Gegenteil, sie empfinden lassen, welcher weite Weg bis dahin noch zurückzulegen wäre. — Auch in der Übersetzungsfrage denke ich genau wie Sie. Es käme darauf an, die fremde Sprache wirklich in ihren Feinheiten nachzuempfinden, so daß der Geist das Originelle des anderen Geistes mit einiger Genauigkeit zu schätzen und sich daran zu bereichern wüßte; wogegen es völlig unnütz ist, sich selber in einer fremden Sprache ausdrücken zu wollen, was nur den Wenigsten, und zwar auf Grund ganz anderer Studien gelingen kann. So bescheiden der Deutsche auch zu sein pflegt, ich habe mich doch manchmal sehr gewundert über die Illusionen, die er sich machte im Bezug auf seine Kenntnis fremder Sprachen. Ein Französisch kann absolut korrekt sein und dabei gänzlich unfranzösich, weil jeder einzelne Fall von Gewohnheiten und Schicklichkeitsregeln abhängt, die eigentlich gar nicht auszulernen sind.
    Ihre Erwähnung auf Seite 12 betr. die Leitartikel der „Times“, die ein Obersekundaner verstehen soll, hat mich daran erinnert, daß mein Freund Professor Otto Kuntze, der Englisch in Prima lehrte, mir einmal sagte, er lese fast nie einen Leitartikel der „Times“, ohne Präpositionalwendungen anzutreffen, die ihm noch unbekannt seien!
    Mit recht herzlicher Begrüßung verbleibe ich in aller Hochachtung Ihr

sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

23 An Dr. Georg Gauß



Bayreuth, 22. Juli 1916.

Sehr geehrter Herr!

    Haben Sie Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Von verschiedenen Seiten werde ich auf den betreffenden Aufsatz (in der „Frankfurter Zeitung“) aufmerksam gemacht, ich kenne ihn aber nicht und brauche ihn auch nicht zu kennen. Die Feindschaft zwischen uns ist eine alte, jedes meiner Bücher haben sie verrissen. Kürzlich kam noch dazu, daß sie einen gegen Nachdruck geschützten Aufsatz von mir stahlen, was meinen Rechtsfreund veranlaßte, ihnen 500 Mark zugunsten des Roten Kreuzes abzuzapfen.
    Mit nochmaligem Dank und Gruß

Ihr sehr ergebener

H. S. Chamberlain.
 

23-24 An Pfarrer Karl Schneider



Bayreuth, 23. Juli 1916.

Sehr verehrter Herr Pfarrer!

    Für Ihre lieben temperamentvollen Zeilen danke ich Ihnen herzlichst. Den von Ihnen bezeichneten Schimpfaufsatz kenne ich nicht, wenn ich auch von verschiedenen Seiten darauf aufmerksam gemacht worden bin. So etwas macht mir nicht den geringsten Eindruck. Um weh zu tun, muß ein Schuh drücken, was hier nicht der Fall ist. Hätte ich, nachdem ich alle Kräfte meines Lebens dem Deutschtum gewidmet hatte, ich will nicht sagen gegen Deutschland Partei ergriffen, sondern auch nur geschwiegen und mich hübsch vorsichtig beiseite gehalten, — ja, dann wäre ich ein Renegat gewesen und ein Verräter an der eigenen Seele. Wenn ich nun aber wirklich einige Zeit lang wohl werde schweigen müssen, so geschieht das nicht der „Frankfurter Zeitung“ zuliebe, sondern lediglich, weil ein durch die Vorgänge der letzten Jahre herbeigeführtes nervöses Leiden jetzt auch das Herz befallen hat, weswegen selbst der ewig aufmunternde Lebensgeist Schweninger mir eine dreimonatige absolute Pause zur Pflicht gemacht hat.
    Von dem „Nationalausschuß“ glaube ich, daß es ein totgeborenes Kind ist.
    Mit nochmaligem Danke und verehrungsvollem Händedruck

Ihr ergebenster

Houston S. Chamberlain.
 

24-25 An Prediger Veroloet



Bayreuth, 25. Juli 1916.

Hochverehrter Herr!

    Zeilen wie die Ihrigen vom 22. d. M. sind zugleich Freude, Lohn und Ermutigung. Vor allem hat es mich gefreut, daß Sie es sich nicht verdrießen lassen, die genannten Bücher mehrmals durchzustudieren. Oftmals, während ich den „Kant“ schrieb, überkam mich das niederdrückende Gefühl, daß kein Mensch die Bedeutung dieser Ausführungen wahrhaft schätzen könne bei einem ersten Lesen; und wie sollte ich erwarten, daß man ein so umfangreiches Werk mehr als höchstens einmal lese? Dieser Umstand hat auch tatsächlich in den ersten Jahren schwer auf dem Werke gelastet; es wurde öffentlich von Menschen beurteilt und verurteilt, die kaum hineingeguckt hatten. Nach und nach hat sich aber eine ganze Gemeinde von freundlich nachsichtigen, auf meine Absichten eingehenden Lesern gebildet, und ich kenne heute die Namen von Dutzenden von Menschen, die das Buch mindestens dreimal gelesen haben. Namentlich das 4. Kapitel „Bruno“ pflegt dann in eine ganz andere Perspektive zu rücken: ich hätte gerne erfahren, ob das auch bei Ihnen der Fall war. Ein geistreicher Freund nannte diesen Vortrag den Versuch „einer Biologie der Philosophie“.
    Ja, ich glaube schon, daß die Kenntnis meines „Goethebuches“ Ihnen für Kant nützlich sein wird. Freilich ist gerade mein „Goethe“ das esoterischste aller meiner Bücher, doch wird Ihnen der Gegenstand so vertraut sein, daß Sie auf keine wesentlichen Schwierigkeiten stoßen werden.
    Eine Erkrankung zwingt mich, zum Diktat zu greifen, und vielleicht habe ich mich nicht so deutlich und zusammenhängend ausgedrückt, als ich es auf Ihren Brief gerne getan hätte. Dies wollen Sie entschuldigen.
    Ich verbleibe mit bestem Gruße

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

25-27 An Generalmajor Pfeil



Bayreuth, 26. Juli 1916.

Hochverehrter Herr General!

    Es war mir eine große Freude, Ihren Namen auf einem Kuvert zu erblicken, und eine wahre Genugtuung, aus dem Inhalt Ihres Briefes zu entnehmen, daß Sie meinen letzten Aufsatz ¹ gut und zweckmäßig finden.
    In Beantwortung Ihrer Frage und Anregung teile ich folgendes vertraulich mit. Von Anfang des Krieges an habe ich mich geweigert, für diese Aufsätze irgendein Honorar anzunehmen, und mir dafür das Recht ausgemacht, sie in allen Zeitungen nach Belieben nachdrucken zu lassen. Wiederholt habe ich gebeten, das dumme „Nachdruck verboten“ fortzulassen und dafür zu setzen „Nachdruck erwünscht“: es war nicht zu erreichen. Jeder Zeitung, die mich darum bat, habe ich sofort telegraphisch die Nachdruckserlaubnis erteilt — und es haben auch eine ganze Anzahl bei früheren Aufsätzen davon Gebrauch gemacht.
    Um nun eine bedeutend größere Verbreitung zu erzielen, hatte ich meinen Aufsatz „Deutschlands Kriegsziel“ vaterländisch gesinnten Freunden in Berlin geschickt mit der Bitte, sich mit einer Agentur in Verbindung zu setzen. Dies geschah; und da ich kein Honorar verlangte, konnte die betreffende Agentur ein sehr großes Geschäft machen. In der Tat, sie richtete alles ein, und an einem bestimmten Tage sollte in mehr als 200 Zeitungen der Aufsatz gleichzeitig erscheinen, bei einer Gesamtauflage von mehr als einer Million Exemplaren. Im allerletzten Augenblick trat etwas dazwischen, und die Agentur zog den Aufsatz zurück. Von welcher Stelle aus die Agentur so stark beeinflußt wurde, daß sie auf einen bedeutenden Gewinn verzichtete, habe ich nie genau erfahren können.
    So viel weiß ich nur, daß sie der Regierung nahe stand.
    Sie begreifen, daß ich diese Bemühungen aufgab, denn gegen derartige Einflüsse kann ich Privatmann nicht aufkommen.
    Wie die früheren, so wird auch der jetzige Aufsatz in den nächsten Tagen als Flugschrift erscheinen zu einem billigen Preise; und nach wie vor dürfen Zeitungen, die es wünschen, ihn nachdrucken, kostenlos.
    Was Sie mir über die „Politischen Ideale“ erzählen und über die antiparlamentarische Äußerung der sozialistischen Wochenschrift hat mich — wie Sie voraussetzen — ungemein interessiert, und ich habe mir davon Notiz genommen. Leider bin ich von einem Nervenleiden befallen, welches es mir unmöglich macht, in diesem Herbste ein kleines Buch herauszugeben „Der deutsche Staat“, wie ich es beabsichtigt hatte. Vielmehr muß ich pausieren und Brunnen trinken und, wenn möglich, Gastein besuchen.
    Wie Sie, in unerschütterlicher Zuversicht und unverminderter Kampfeslust verbleibe ich, hochverehrter Herr Generalmajor, Ihr aufrichtig dankbarer und verehrungsvoll ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Ideal und Macht.
 

27 An Professor Stahlberg



Bayreuth, 29. Juli 1916.

Hochgeehrter Herr Professor!

    Haben Sie den allerwärmsten Dank für Ihre freundlichen Worte, die mir im innersten Herzen wohl taten. Auch Ihr Gedicht hat mich wahrhaft ergriffen. Seien Sie überzeugt, daß ich Ihre Gefühle nicht nur verstehe, sondern auch teile. Teils aber liegt es in meinem Charakter, teils aber in dem Empfinden der Pflicht, welche diese Stunde uns aufzwingt, daß ich der Niedergeschlagenheit keinen Zoll breit Raum gewähren   w i l l.   Außerdem bin ich nicht unbedenklich erkrankt, und Hoffnung und Glaube sind Elemente, die mich über Wasser halten, und ohne die ich endgültig versinken müßte.
    Mit Geheimrat Schäfer und auch mit meinem Verleger Bruckmann stehe ich in Briefwechsel — weil nämlich besagter Verleger den Aufsatz „Ideal und Macht“ als Flugschrift bereits gedruckt hat und ich nicht weiß, ob es ihm recht ist, daß ein gesondertes Flugblatt in so großer Auflage außerdem hergestellt wird. Ich habe ihn gebeten, es zu gestatten, habe aber noch keine Antwort.
    Mit der Versicherung meiner besonderen Verehrung und mit der Bitte, die gewonnene Fühlung aufrecht zu erhalten, zugleich mit verbindlichem Dank für die seinerzeit richtig eingetroffene Sendung verbleibe ich

Houston S. Chamberlain.
 

28 An Rittmeister Glahn



Bayreuth, 1. August 1916.

Hochverehrter Herr Rittmeister!

    Haben Sie, bitte, wärmsten Dank für Ihre so freundlichen, mich beglückenden Zeilen. Heute konnte ich schon ein frühestes Exemplar der Flugschrift „Ideal und Macht“ an S. M. den Kaiser schicken; bald bin ich so frei, auch Ihnen eins zugehen zu lassen. Der Verleger schreibt mir, daß gegen 20 000 Stück schon vorausbestellt sind; ich hoffe also auf einige Verbreitung.
    Auf eine besondere   W i r k u n g   in dem von Ihnen gemeinten Sinne zu hoffen, habe ich verlernt und muß mich damit bescheiden, wenn es mir gelingt, vaterländisch gesinnten Männern einigen Trost und einige Hoffnung zu schenken.
    Leider — ich erwähne die Tatsache nur als Erwiderung auf Ihre Anregung — leider bin ich nicht unbedenklich erkrankt, und mein Arzt, der Bismarck-Schweninger, ein Mann, der, wie Sie wissen, immer nur zu Leben und Betätigung zuredet, macht es mir geradezu zur Pflicht, einige Monate lang gar nicht zu arbeiten und namentlich jede Erregung zu vermeiden. Ich gerate dadurch in eine sehr schwierige Lage. Denn warum soll man nicht ebensogut in der Heimat wie im Vordertreffen fallen? Dagegen erheben sich die Bedenken, die nicht nur angefangene und lange vorbereitete Werke einflößen, sondern auch die Sorge — die große Sorge — um die allernächste Zukunft, wenn der Frieden einbricht. Vielleicht ist unsereiner doch mehr befähigt dann als jetzt, wirklich etwas zu wirken. Und so schwanke ich zwischen zwei Strömungen, die mich eigentlich gleichstark anziehen. Ich hoffe, Ihres geneigten Wohlwollens auf alle Fälle würdig zu bleiben, und bin mit der freundlichsten Begrüßung

Ihr in aller Hochachtung ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

29-30 An Edmund Steppes



Bayreuth, 5. August 1916.

Hochverehrter Herr Steppes!

    Ganz besondere Freude hat mir Ihr gestern empfangener Brief gemacht. Schon seit Jahren verehre und liebe ich Ihre Kunst, und es war nun eine ganz eigentümliche Erfahrung, al Sie selber — als Mensch — persönlich aus dem Schatten zu mir herantraten und so freundliche Worte für das fanden, was ich im Laufe des Krieges aus tiefster Seelennot heraus zu sprechen mich genötigt fand. Ich begreife ganz gut Ihr anfängliches Zögern; nicht ein wenig nehme ich es Ihnen übel; von keinem Zeitgenossen kann man die Lebensgeschichte kennen; mein Lebensgang war ein sehr eigenartiger, seltsamer; das aber der Welt zu erzählen, wäre aufdringlich; das Mißverstandenwerden ist ein Bestandteil des Schicksals, den wohl ein jeder zu tragen hat und über den man möglichst früh sich beruhigen sollte. Ich habe immer gefunden, daß das Nichtaufklären letzten Endes mehr und besser aufklärt als Explikationen, aus denen immer neue Mißverständnisse hervorgehen. Ihrer Achtung kann ich mich nunmehr ohne Rückhalt erfreuen.
    Gewiß werde ich das Buch, das Sie mir nennen und das ich nicht kenne, sehr gerne lesen.
    Eine Kleinigkeit muß Ich Ihnen erzählen. Ein Bild von Ihnen besitze ich seit Jahren und war immer unglücklich, daß es nicht zur Geltung kommen wollte in dem einzigen Raum, der mir zum Aufhängen zur Verfügung stand. Nun sind meine Frau und ich am 1. Mai in unser eigenes Haus (dicht bei Wahnfried eingezogen und das betreffende Bild ist auf eine Staffelei in einer Art Gartenzimmer gekommen, wo es zwar nie von einem Sonnenstrahl selbst getroffen wird, den ganzen Tag über aber in einer Lichtflut steht, die durch Riesenfenster einströmt, die alle Sonne durchlassen — und nun strahlt auch das liebe Bild in seiner vollen Schönheit und erzählt uns tagtäglich von den Licht- und Farbenwonnen des Südens!
    Meine Frau trägt mir viele herzliche Grüße auf, und ich schließe mich ihnen an in der festen und frohen Hoffnung, Ihnen in nicht zu ferner Zeit — sei es in München, sei es hier — persönlich zu begegnen.

Houston S. Chamberlain.
 

30 An J. F. Lehmann



Bayreuth, 9. August 1916.

Sehr geehrter und lieber Herr Lehmann!

    Heute früh schickte ich Ihnen einiges Geschäftliche. Nachmittags ist nun endlich meine Einbürgerung vollzogen worden, und ich erfülle meine schon lange feststehende Absicht, indem ich als allererste Handlung meinen Wunsch, dem   A l l d e u t s c h e n   V e r b a n d   anzugehören, ausspreche. Zwar bin ich schon seit einiger Zeit mit Herrn Claß in brieflicher Verbindung; doch es ist mein besonderer Wunsch, daß Sie hier meine Patenschaft übernehmen und die Sache in die Wege leiten möchten. Darum bitte ich Sie mit diesen Zeilen.
    Sie werden wohl heute den Besuch der Herren K. und K. empfangen haben? Sie waren gestern bei mir. Ich war über die Jugend des einen erschrocken und fand den anderen mehr eingenommen von sich selber und seinem Schicksal, als ich es in einem Augenblick, wie dem jetzigen, gewünscht hätte. Dazu war ich gerade gestern früh am Herzen so gepeinigt, daß ich kaum sprechen konnte. Ich glaube immer, die Leute befinden sich in einer großen Illusion, welche vermeinen, die Welt vom Theater aus reformieren zu können; doch an und für sich hat gerade diese Zeitschrift ¹ manches Gute gebracht — wenn auch nicht alle Mitarbeiter ganz rein zu uns gehören.
    Mit den herzlichsten Grüßen verbleibe ich Ihr

ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ „Bühne und Welt“.
 

31 An Professor B. Harms



Bayreuth, 9. August 1916.

Hochgeehrter Herr Professor!

    Daß Sie die Zeit gefunden haben, mir so freundlich zu schreiben, hat mich wirklich gerührt, und ich danke Ihnen verbindlichst dafür. Ganz besonders gefreut hat es mich, daß die Erwähnung in „Hammer oder Amboß“ einigen Nutzen gestiftet hat. Daß niemals unmittelbar viel aus so etwas erfolgt, weiß ich und habe es nicht anders erwartet, doch es kommt halt eins zum anderen, und ich bin froh und stolz, wenn ich Ihrem großen Unternehmen ¹, für das ich geradezu leidenschaftliche Bewunderung empfinde, auch nur im geringsten habe dienen können. Ich wünsche, ich könnte es in einem ausgiebigeren Maße. Für die angezeigte, noch nicht eingetroffene Gabe danke ich im voraus sehr; Sie können sicher sein, daß, was aus Ihrer Feder kommt — soweit ich es zu verstehen vermag — stets bei mir lebhafte Beachtung findet. So war das neulich wieder der Fall bei Ihrer Einführung zu jenem großen Aufsatz über die englische Handelsbilanz. Sie erschien mir ebenso wichtig wie belehrend, und ich habe mehrere politische Männer darauf aufmerksam gemacht, die — wie es so geht — von diesen Zusammenhängen keine Ahnung hatten.
    Daß Sie nicht überall mit mir übereinstimmen — das kann wohl nicht anders sein; doch die Aufrichtigkeit, mit welcher Sie mir das sagen, gefällt mir ganz besonders, und ich wage zu hoffen, daß auch meine Aufrichtigkeit Ihnen nicht mißfällt.
    Mit den besten Grüßen verbleibe ich

Ihr in Verehrung ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Das Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Universität Kiel, Kaiser-Wilhelm-Stiftung.
 

32-33 An General von Gerok



Bayreuth, 12. August 1916.

Hochverehrte Exzellenz!

    Mir, sowie dem Familienkreis in Wahnfried haben Sie eine große, dankbarlichst empfundene Freude gemacht mit Ihren lieben Zeilen vom 6. 8.  Wir hatten so lange nichts gehört und wußten gar nicht, wo wir Sie uns vorstellen sollten.
    Bei meinen kleinen Arbeiten gibt es für mich keine größere Freude, als wenn ich aus der vordersten Front solche Worte vernehme, wie Sie sie an mich zu richten die Güte haben. Da hat man doch wenigstens etwas getan — wenn man denen, die die ganze Last tragen, einen Augenblick Freude gemacht hat. Im übrigen lassen Sie mich Ihrem Beispiel folgen und schweigen über das viele, was wir ganz gewiß beide in ganz gleicher Weise empfinden und was besser nicht ausgesprochen wird. Im Laufe des Krieges bin ich nach und nach mit manchen Männern in Berührung gekommen — teils der Armee und Marine angehörig, teils Politiker oder sonst in der deutschen Sache betätigten Männern: dadurch bin ich in viel engere Berührung mit den Vorgängen dieser Zeit gekommen als ein bloßer Zeitungsleser und auf Erzählungen Angewiesener; zwar gibt mir diese Tatsache Veranlassung, Gott zu danken, daß ich an diesen großen Ereignissen, wenn auch nicht mittragen, so doch miterleben darf. Ihnen aber, hochverehrter, lieber Herr Gesinnungsgenosse, brauche ich nicht zu sagen, daß ein solches Wissen zugleich eine große Last ist. Unter ihr — zugleich unter den schweren Kämpfen, die meine Seele durchmachen mußte — bin ich jetzt auch physisch zusammengebrochen und muß leider meine geringe Tätigkeit vor der Hand aufgeben. Mit meiner Frau hoffe ich nächsten Mittwoch nach Bad-Gastein auf einen Monat zu reisen; die Ärzte erhoffen von dieser Kur viel. Ich glaube hauptsächlich an die siegende Kraft der Geduld.
    Ein Wort in Ihrem lieben Schreiben veranlaßt mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich nunmehr auch äußerlich Deutscher geworden bin und die Einbürgerung endgültig erlangt habe.
    Wie Sie, bete auch ich zu Gott um ein Wiedersehen Auge in Auge auf dem uns heiligen Festspielhügel!
    Verehrungsvoll und aufrichtig ergeben

Houston S. Chamberlain.
 

33-34 An Josef Pembaur



Bayreuth, 15. August 1916.

Sehr geehrter und Lieber Herr Professor!

    Das mir entschlüpfte „lieber“ müssen Sie sich schon gefallen lassen, denn ich habe Sie so in mein Herz geschlossen wie seit Jahren keinen Menschen. Seit dem Heimgange A. Rubinsteins glaubte ich in Beziehung auf gewisse Kunsterlebnisse für ewig verwaist zu sein: ihm war ich in früher Jugend nachgereist, soweit die knappen Mittel und die drängenden Arbeiten es irgend erlaubten, um unterzutauchen in die Wonne reinsten Genusses. Kein anderer hat mir das je wieder geschenkt — bis zu jenem Abend und zu jenem Morgen, wo Ihr Stern mir aufging! Zwar habe ich einmal am selben Klavier, wo Sie in Wahnfried spielten, und auf demselben Stuhle sitzend, wie Sie, Franz Liszt spielen   g e s e h e n — leider kann ich aber nicht sagen „gehört“, denn er spielte vierhändig mit Reisenauer. Zwar ein unvergängliches einziges Schauspiel, zugleich aber ein Schmerz; es war ganz kurz vor seinem Tode. — Glauben Sie nicht, daß ich hiermit sagen will, Sie erinnerten mich an Rubinstein: Sie sind von ihm ganz verschieden, und ich habe den Eindruck, daß ich bei näherer Bekanntschaft sie noch höher werde schätzen — denn es lag in ihm etwas durchaus Exotisches, zwar nicht, nein gar nicht Jüdisches, wie manche Unwissende behaupten, aber Tatarisches oder sonst irgend etwas Unheimliches aus Zentralasien. Steht dieselbe Meisterschaft der Ausführung, die hohe Glut des Empfindens einer   d e u t s ch e n   Musikerseele zur Verfügung, so muß sie natürlich noch Größeres bewirken.
    Leider bin ich krank und stehe außerdem im Vorabend der Abreise nach Bad Gastein, wo ich Erquickung suchen will — sonst würde ich Ihnen einen sehr langen Brief schreiben, denn Ihre Sendung hat für mich gerade das Richtige getroffen. Durch Beethoven bin ich seiner Zeit „Mensch“ geworden — oder sagen wir zum Menschtum plötzlich wie aus einem bösen Traum erwacht. Einmal muß ich Ihnen erzählen, wie das zuging. Genug, ich lebe seit etwa 40 Jahren in den Sonaten — kann sie zwar nicht spielen, da ich in einer Umgebung aufwuchs, wo der Begriff Kunst überhaupt nicht bekannt war, und dann war es zu spät. Aber Sie selber können sie nicht mehr lieben, als ich sie liebe, und ich habe Ihre Ausführungen zur D-Moll und F-Moll wiederholt verschlungen — als ob sie nur für mich geschrieben wären... Ich werde weggerufen; lassen Sie mich nur das Eine sagen: Sie haben in allem recht; ich nehme es mit jedem auf, der das Gegenteil behauptet! Mehr ein anderes Mal. Heute nur der Händedruck des innigsten Verständnisses und der sehnsuchtsvollen Hoffnung auf Wiedersehen und Wiederhören.

Houston S. Chamberlain.
 

34-36 An J. F. Lehmann



Bad Gastein, Kaiserhof
26. 8. 1916.

Sehr verehrter, lieber Herr Lehmann!

    Mit Ihren Zeilen vom 22. d. M. (soeben eingetroffen) haben Sie mir eine sehr,   s e h r   große Freude gemacht. Viel und inständig habe ich Ihrer dieser tage gedacht und wollte es Ihnen sagen — doch stehe ich unter strengster Kur-Klausur, da mein Herz- und Nervenzustand dies erfordert; dies ist meine erste Sünde.
    Ich   k a n n   es einfach nicht unterlassen, Ihnen kurz meine Auffassung mitzuteilen. Ich würde es für sehr unweise halten, sich den deutschen Arbeiterstand bei solch einem Unternehmen zum Feind zu machen. Es hieße gegen den Rat des „Klugseins“ verstoßen, den der Heiligste uns so eindringlich empfahl. (Es gibt verrückte, es gibt auch böse, verbrecherische Menschen unter den Soz.-Führern, namentlich geschworene Feinde des Deutschtums. Doch herrscht hier, wie überhaupt in der deutschen Politik, das Mißverständnis — und   d i e s e s   aufzuhellen ist die vorliegende Aufgabe, aus der alles übrige sich von selbst ergeben wird.
    In Wirklichkeit ist das politische Parteiwesen überhaupt gänzlich undeutsch; es entspricht keiner Wirklichkeit, sondern entsprießt aus Wahngedanken. Selbst England — bedenken Sie das — hat bis vor ganz kurzem das politische Parteileben im heutigen Sinne   n i c h t   gekannt — sondern lediglich ein Hin und Her zweier Interessengruppen, die im Grunde dasselbe wollten. Sobald das Parteiwesen auch dort aufkam, war es mit dem „Parlament“ zu Ende. — Ein vernünftiges Staatsgebilde verträgt nur   S t ä n d e v e r t r e t u n g e n,   und dahin steuert offenbar Deutschland unbewußt hin. Die Kraft des Sozialismus liegt gerade darin begründet, daß er einen Stand vertritt — also wirkliche Lebensinteressen, nicht politische Lehren. Der Wahn, daß er die anderen Stände verzehren könne und werde, wird in dem Augenblick schwinden, wo diese ebenfalls organisiert auftreten. Man sieht dies schon innerhalb der Industrie und Landwirtschaft beginnen.   I n t e r e s s e n g r u p p e n   werden sich verständigen, (wie sie schon jetzt innerhalb Gemeindeverwaltungen tun), denn die Vertretung von Interessen macht klug, öffnet die Augen für andere Interessen, wogegen die   P a r t e i   eine Lehre, ein Dogma begründet hat und darum nie nachgeben kann, ohne sich selber untreu zu werden. Im einen Falle haben wir ewigen, nie beizulegenden Kampf und Haß, im anderen ein Nachgeben und gegenseitiges Fördern auf allen Seiten, weil fünf Interessengruppen zwar nicht alle auf dem eigenen Kopf bestehen können, wohl aber sich alle fünf durch Ineinanderfügen gegenseitig begünstigen, was bei Parteien nie der Fall, weil jede alles will und alles wollen muß. Von meinen Interessen etwas zu opfern, ehrt mich, von meiner Überzeugung etwas zu opfern, entehrt mich. So ist jedes politische Kompromiß eine Unredlichkeit, jedes Interessenkompromiß eine weise und edle Tat.
    Ich meine, unser Ziel muß sein: „Hinaus mit der undeutschen Politik“. Nicht aber dürfen wir uns einer oder der anderen Partei verpflichten, sei es zu Liebe, sei es zu Haß.
    Ich weiß wohl, es ist schwer durchzuführen, denn wir befinden uns im Übergangschaos, und zunächst wird jeder Schritt parteipolitisch beurteilt: gerade diese Schwierigkeit gilt es zu überwinden. Die Zukunft zu gestalten, erfordert besondere Männer, die zwar in der Gegenwart stehen, aber doch nicht in ihr befangen bleiben. Die Frage „Sozialismus und Antisozialismus“ wäre für mein Gefühl viel zu eng.
[...]
    Verzeihen Sie: ich habe mit Mühe den Stift geführt und nur andeuten können. Es ließ mir keine Ruhe.
    Herzlichst grüßt Ihr sehr ergebener

Houston Stewart Chamberlain.
 

36-38 An J. F. Lehmann



Bad Gastein, Kaiserhof.
7. Sept. 1916.

Hochgeehrter Herr Lehmann!

    Haben Sie besten Dank für Ihren inhaltreichen Brief vom 2. d. M.  Leider ist es mir noch immer nicht möglich, Ihnen so zu schreiben wie ich möchte. Die Kur und was dazu gehört, nimmt alle Zeit in Anspruch, und der leidige Herzzustand, obwohl soweit gebessert, daß ich gut schlafe, verbietet noch immer jede die Leidenschaft erregende eingehende Beschäftigung.
    Lassen Sie mich also nur kurz sagen, daß Ihre orientierenden Ausführungen über die Ansichten der beiden Herren mir sehr wertvoll waren. Ich selber hatte Ihnen nur ein kleines Bruchstück von dem gesagt, was ich auf dem Herzen hatte. So z. B. denke ich mir die erwähnte Ständegliederung durchaus nicht als eine gesetzlich einzuführende Neuerung, sondern als eine aus der Initiative energischer Männer hervorgehende   T a t s a c h e.   Vor kurzem schrieb mir ein bedeutender Mann — den ich heute nicht nennen will —‚ das Einzige, was er an meinen Arbeiten nicht leiden könne, sei die Polemik gegen die Parlamente, es ginge doch nicht an, „die Welt zurückschrauben zu wollen“. Wollte ich das, so wäre ich ein Schwärmer — was ich nicht bin; vielmehr möchte ich nur dazu beitragen, die Weltuhr vorzurücken — etwa wie es mit der neuen Sommerzeit so segensreich gelungen ist. Erkennt man, daß der Reichstag in seiner jetzigen Verfassung ein geradezu furchtbares, rettungsloses Übel ist — ein Zeit- und Kräfteverlust ohnegleichen, ein Vernichter jedes organischen Aufbauens — so folgt daraus mit Notwendigkeit, daß hieran etwas geändert werden muß, und daß es eine bloße Redensart ist, wenn man von „Zurückschrauben“ redet und die Sache dadurch so hinstellt, als wären die gegenwärtigen Verhältnisse Felsen, an denen weder gerüttelt werden kann noch darf. Menschliche Institutionen sind menschliche Werke. Der Wille, sie zweckmäßig zu gestalten, ist die Grundbedingung aller praktischen Tätigkeit. Nun wäre es gewiß naiv, wenn man erwarten wollte, der heutige Reichstag würde sich jemals aus eigener Einsicht umgestalten. Folglich bleibt nur der eine Weg, daß er nämlich von außen aus umgestaltet wird: Kein Staatsstreich, keine Verfassungsänderung, die nur auf dem Wege unheilvoller Kompromisse zu erreichen sein würde, sondern einfach eine Umwandlung durch neue Richtung des Willens in immer weiter werdenden Kreisen der Bevölkerung.
    Sie verstehen jetzt vielleicht besser — weil ich mich deutlicher ausgedrückt habe, — was ich unter der neuen Ständegliederung mir denke: eine Vernichtung der heutigen   P a r t e i e n,   ein gründliches Hinauswerfen aller berufsmäßigen Parlamentarier und Nurpolitiker, eine Erlösung aus hohlen Doktrinen, eine Vertretung durch Männer, die wirkliche Interessen — also Wahrheiten — verkörpern, kennen und zum berechtigten Ausdruck bringen. Das wäre immerhin ein Schritt auf dem Wege zu einem weniger absurden Zustand als der heutige es ist, und ich bin überzeugt, daß nur der erste Schritt schwer zu tun sein wird, die folgenden aber dann sehr schnell eine Umwandlung bewirken, von der wir uns heute kaum eine Vorstellung machen können.
    Wenn Sie meinen früheren Brief durchschlagen lassen, werde auch ich um eine Abschrift bitten, da ich keine besitze. — Auf unserem Rückwege halten wir uns kurz und   s t r e n g   i n k o g n i t o   in München auf und werden Sie bitten, uns in aller Stille die Freude Ihres Besuches zu gönnen. Ich bedarf leider noch großer Schonung.
    Treu und herzlich

Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

38-39 An Dr. Hartmeyer



Bayreuth, 26. September 1916.

Sehr verehrter Herr Hartmeyer!

    Ihre lieben Zeilen vom 23. 8. gelangten sehr spät in meine Hände, weil ich, um nicht gar zu viele Briefe zu verlieren, nichts nach Österreich nachschicken ließ, wo ich jetzt eine einmonatige Kur in Bad Gastein genoß, und von wo ich jetzt gestärkt, wenn auch nicht geheilt, zurückgekehrt bin. Haben Sie nachträglich tausend Dank, ganz besonders auch für den entzückenden kleinen Aufsatz. Ich will Ihnen offen gestehen, daß sich stets etwas wie eine Trauerwolke auf mein Gemüt niedersenkt, wenn ich mich zu hoch eingeschätzt sehe; es ist, als würde von einem so viel mehr gefordert, als man jemals zu leisten hoffen kann; doch solche Empfindungen schüttle ich schnell ab — schließlich tut jeder, was er kann, und Gott fügt es zu einem Ganzen; und da bleibt dann nur die Dankbarkeit für so viel Güte und Wärme, — wozu in Ihrem Falle die sehr dankbare Anerkennung einer so selten zarten Diskretion kommt.
    In Gastein sah ich unseren gemeinsamen Freund Leopold von Schröder ziemlich viel, da er hauptsächlich unseretwegen zehn Tage dort verbrachte. Sein prächtiges gesinnungstüchtiges Wesen hat mir wieder besondere Verehrung eingeflößt. Auch haben wir sehr viel Interessantes durch ihn erfahren. Ein anderer interessanter Besuch war der des Kammerherrn von Riepenhausen — Ihnen gewiß als früheres langjähriges Reichstagsmitglied, Gutsnachbar Bismarcks in Varzin usw. bekannt. Er bewegt sich in Kreisen, die ihm vieles zu wissen erlauben, und sein Herz war sehr vollbepackt; nur um es in das meinige auszuschütten, war er nach Gastein auf einen Tag heraufgefahren — freilich für mich ein sehr kurwidriges Beginnen. Auf dem Rückweg hatte ich auch in München interessante Begegnungen mit wohlinformierten Männern. Ich denke mir, Ihnen muß das alles sehr schmerzlich fehlen da draußen. Ich hoffe, Ihre Herzbeschwerden haben wieder nachgelassen?
    In der Hoffnung, Ihnen bald und mit mehr Muße wieder zu begegnen, verbleibe ich, sehr verehrter Herr Doktor,

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

39-44 An Frl. Sidonie Peter



Bayreuth, 10.—12. Oktober 1916.

Hochverehrte Freundin!

    Ihr Brief vom 18. 8. ist spät in meine Hände gelangt, und die Fülle des zu Erledigenden war so groß, daß wir zu dritt die Sache in die Hand nehmen mußten.
    Lassen Sie mich zunächst Ihnen von Herzen danken und wiederholt versichern, daß gerade Ihre Briefe mir stets eine Quelle der angenehmsten Unterhaltung sind und daß ich stets Zeit habe, sie zu lesen und wieder zu lesen — denn die nehme ich mir ganz einfach. Dazu kommt, daß ich jetzt unter einem sehr strengen Verbot lebe und keine eigentliche Arbeit unternehmen darf, — ja, aufrichtig gesagt auch einsehen muß, daß ich dazu unfähig bin. Einen kleinen Aufsatz hatte ich noch zu Papier bringen wollen „Der Wille zum Sieg“, mußte es aber unterlassen, da die Nächte vollkommen schlaflos wurden.
    Ihre erste gütige Frage kann ich dahin beantworten, daß Gastein mir wirklich große Dienste schon geleistet hat, mehr wird als später eintreffend prophezeit und noch mehr sollen künftige dortige Kuren leisten. Die Luft war unbeschreiblich herrlich, und die Bäder, die ich bis zu 20 Minuten ausdehnen durfte, bekamen mir vortrefflich. Dort erlangte ich sofort wieder die verlorene Nachtruhe, und es entwichen fast ebenso plötzlich die quälenden Rückenschmerzen — die einem wirklich das Leben fast unerträglich machen. Dagegen wird der Arm immer schlimmer, und es hat sich ein Fuß dazugesellt, der auch eine Schmerzensschule bedeutet, dazu der nicht weichende Herzdruck. Kurz ich bin, was die Physis anbelangt, ein ganz gehöriger „Kriegskrüppel“, und ich muß mich wohl oder übel dareinfinden, den Aufregungen — so viel diese Zeiten es nur erlauben — aus dem Wege zu gehen. Doch wie Sie wissen, ist Pessimismus nicht meine Sache, und als Ergebnis einer langen Konferenz mit meinem Verleger in München hat dieser mir einen „Parlograph“ geschenkt, der mich der Mühe des Schreibens völlig enthebt, und mit dessen Hilfe ich schon darangegangen bin, weitere Lebenserinnerungen zu gestalten. Wir sind übereingekommen, dies nicht in der Form einer lückenlos zusammenhängenden Erzählung zu tun, dagegen spricht nicht nur meine Abneigung gegen eine solche ermüdende Aufgabe, sondern auch die Tatsache, daß ich vieles Beste gar nicht erzählen könnte — sondern wir denken an einzelne Bilder, die für eine ganze Zeit oder eine ganze Geistesrichtung charakteristisch und symbolisch gelten können — etwa nach Art des im Brief an Kuntze ¹ schon andeutungsweise Geleisteten. Und zwar denke ich daran, das Ganze aus einer Reihe von Briefen bestehen zu lassen, da hieraus einerseits für mich große Freiheit in der Auswahl entsteht und anderseits eine gewisse Vielseitigkeit der Behandlung, die aus der Vorstellung verschiedener Individualitäten, an welche die Briefe gerichtet sind, sich ergibt. Ich weiß nicht, ob nicht der eine Brief vielleicht die Überschrift tragen wird: „An Fräulein Sidonie Peter“! Außerdem begegnete ich nun in Gastein meinem alten Freunde Leopold von Schröder, dem Wiener Indologen, und fand ihn voll des Wunsches, eine Art kleine schematische Lebensübersicht zu entwerfen; ² zwar konnte ich ihm oder vielmehr durfte ich ihm die Stunde zu seinen vielen Fragen nicht gewähren, und jetzt, wo er von dem anderen Vorhaben gehört hat, will er seine Absicht auf später vertagen — doch ist es mir immerhin eine Beruhigung, daß sich einer dazu bereitfindet und ich es also nicht zu tun brauche.
    Was Sie über Alexander Herzens Lebenserinnerungen sagen, stimmt ganz genau mit meinen Eindrücken überein. Denken Sie nur, — wir haben — meine Frau und ich — gerade die Confessions von J. J. Rousseau gelesen, die sie nicht kannte; bei mir waren Jahre seit der letzten Lektüre verstrichen; und ich muß sagen, mein früherer Eindruck kehrte verstärkt wieder, daß dieser Mann — rein als Beherrscher des Sprachausdruckes und seiner Verwendung betrachtet — vielleicht der größte Schriftgewaltige aller Zeiten ist — bei welchem Urteil ich natürlich von einer Erscheinung wie Goethes insofern absehe, als der mit der Sprache über die Sprache hinauslangt. Ich gebe freilich zu, daß das mit Unterbrechungen geschriebene Werk große Ungleichheiten aufweist, und daß namentlich derjenige Fehler, gegen den Sterne fahndet, nicht selten begegnen wird: daß nämlich gewisse Episoden dermaßen hinreißend sind, daß die folgenden auf alle Fälle matt und blaß erscheinen müssen. Immerhin aber ist und bleibt dieses Buch ein Meisterwerk unter Meisterwerken.
    Auf Ihre Frage nach meinem Jugendaufsatz erwidere ich Ihnen, daß ich ihn sicher irgendwo unter meinen Papieren besitze, doch frage ich mich jetzt, ob er nicht vielleicht den Contrat Social betraf; denn ich habe unter noch älteren Papieren von mir ausführliche Auszüge und Notizen über die Inégalité gefunden (französisch), und ich glaube kaum, daß ich diese Schrift zweimal behandelt haben werde.
    Denken Sie mal, was meine Frau und ich jetzt abends zusammen lesen: die Nouvelle Heloïse! Ich habe in früheren Jahren nie die Geduld und vielleicht auch nicht die Muße besessen, dieses Buch zu lesen; jetzt aber tue ich es mit staunender Bewunderung. Heute früh las ich meiner Schwiegermutter den 23. Brief des 1. Teiles vor, die Schilderungen der Reise in den Walliser Alpen — und immer wieder unterbrach sie mich, hingerissen von der Schönheit der Sprache und der Kraft der Eindrücke. So unbedingt einfach und so vollendet angemessen hat wohl noch nie ein Mensch geschrieben, und es fällt nur darum den meisten nicht auf, weil eben die Vollendung erreicht ist.
    Die Memoiren der Contesse de Boigne kenne ich nicht. Glauben Sie, daß es was für mich ist?
    Ihr Urteil über Treitschke hat mich ein klein wenig — aber nicht gar zu sehr — erstaunt; die Aufsätze, auf die Sie anzuspielen scheinen, sind mir augenblicklich nicht gegenwärtig. Mir ist‘s aber mit ihm in letzter Zeit umgekehrt gegangen: ich habe nämlich sein Werk „Die Politik“ zum erstenmal nicht bloß durchgerast und ausgebeutet, sondern wirklich gelesen; wie Sie wissen, ist es kein von ihm verfaßtes Werk, sondern ein sehr gut redigierter Bericht nach stenographischen Aufnahmen von Vorlesungen, und da hat man den ganzen lebendigen, prachtvollen Menschen mit seiner Leidenschaft, mit seinen Übertreibungen, mit seiner Liebe und seinem Haß, wie er lebte und webte, vor sich — und dieses Buch gefällt mir eigentlich besser als alle anderen aus seiner Feder. An seinen Aufsätzen hatte ich auch damals, wie Sie jetzt, eine dschungelhafte Unübersichtlichkeit zu beklagen, auch eine professorale Umständlichkeit... Das alles ist in dem Werke über Politik wie fortgezaubert.
    Die Worte „professoral“ und „Politik“ rufen mir Ihren Freund Richard Schmidt ins Gedächtnis, über dessen „Allgemeine Staatslehre“ wir hier sprachen, und von der ich Ihnen sagte, wie sehr ich den ersten Band schätzte. Sobald er dann das Geschichtliche in Angriff nimmt, sinkt er für mein Gefühl nicht unmerklich herab. Es ist ja auch viel verlangt, daß ein Mann alles beherrschen soll. Und in der Tat, wer einige Kenntnisse besitzt, merkt bald, daß der Gelehrte — da er jetzt sich auf einem Zwischengebiet bewegt — sich in Wirklichkeit auf ganz wenige Führer verläßt, denen er blind folgt; ich war bisweilen erstaunt, was alles er nicht weiß und nicht beachtet. Es kommen da ganz merkwürdige Schnitzer vor. Nicht etwa, daß ich ihm sein wegwerfendes Urteil über die „Grundlagen“ im geringsten übel nehme; ich hätte es auch sehr gut verstanden, wenn er mich ebenso ignoriert hätte, wie er hundert verdiente Fachhistoriker mit Stillschweigen übergeht. Was aber immer wieder mich bei diesem Gelehrten stutzig macht, ist die leichtsinnige Ungenauigkeit, aus der hervorgeht, daß sie die Dinge, von denen sie sprechen und die sie aburteilen, gar nicht kennen, so daß ich mich auch hier fragen muß: Wie ist es eigentlich zugegangen? Hat der Mann wirklich einmal die „Grundlagen“ in der Hand gehabt? Und auf wie viele Minuten? Oder hat er nur einen Bericht darüber gelesen oder gehört und das Weitere durch seine Phantasie ergänzt? Hören Sie nur das eine: — er behauptet, mein Buch strotze von „Fanfarenstößen für Richard Wagner“!!! Die „Grundlagen“ und Richard Wagner! Ein einziger Blick auf das Register überzeugt, daß der Name nicht einmal zehnmal im ganzen über 1000 Seiten zählenden Werk genannt wird; ja nicht einmal so viel, denn im Register ist auf Stellen auch hingewiesen, wo der Name gar nicht vorkommt, sondern in irgendeinem weiteren Sinne Wagner auch mit inbegriffen sein könnte; und auch wo der Name wirklich vorkommt, geschieht das zum Teil bloß in Anmerkungen, wo auf irgendein politisches oder historisches Wort des Bayreuther Meisters verwiesen wird. Ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie mir eine einzige Stelle nachweisen könnten, die selbst bei einem voreingenommenen Menschen diesen Eindruck zu erwecken geeignet wäre; mir ist keine erinnerlich. Und noch ein Beispiel von dem unglaublichen Leichtsinn solcher von ihrer Gottähnlichkeit trunkenen Fachgelehrten: auf Seite 87 des 2. Bandes kommt er wieder auf mich zurück, um zu behaupten, ich klammere mich an an Burckhardts „Griechische Kulturgeschichte“, welche gar nicht existierte, ich meine, nicht veröffentlicht war zur Zeit, da ich die „Grundlagen“ schrieb. Solche Dinge sind mir schon oft vorgekommen: es ist aber ein krasser Fall, wenn nicht ein bloßer Zeitungsschreiber, sondern ein angesehener Fachmann sich so benimmt. — Für die „Grundlagen“ selbst kann es ja gleichgültig sein: mit ihren Eigenschaften und mit ihren Fehlern werden sie bleiben, was sie sind, und sie sind „etwas“ — mehr halte auch ich nicht davon.
    Auf Krieg und Politik gehe ich grundsätzlich nicht ein, sondern beuge mich dem ärztlichen Gebot. Nur so viel will ich sagen, daß ich wieder hervorragenden Männern und eingeweihten Persönlichkeiten begegnet bin, die alle sehr gütig gegen mich waren und mir vieles Interessantes erzählten. Neulich war ein Freund hier, von dem ich Ihnen, glaube ich, erzählte, und der seit Jahr und Tag bei Hindenburg war und täglich zweimal mit ihm speiste — bis zu dessen Ernennung zum Generalstabschef, und er brachte herrliche Anekdoten, zugleich sehr traurige, über die ich aber nicht schriftlich berichten kann, leider.
    In „Ideal und Macht“ hat nachträglich das Berliner Auswärtige Amt von der Münchner Zensur Striche verlangt! Zum Glück ist man in München viel freier als in Berlin, und so darf unsere zweite Auflage noch ohne Kürzungen weiter verkauft werden.
    Wie Sie sehen, ich habe in der Länge mit Ihnen gewetteifert. Nehmen Sie dies als einen Beweis für die große Freude, die mir Ihre Briefe machen.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Chamberlain und sein deutscher Lehrer. Brief an Prof. Dr. Otto Kuntze. Deutsche Bücher, 1916, München.
    ² Der 1918 erschienene Lebensabriß H. S. C.s von L. v. Schroeder (J. F. Lehmanns Verlag, München).
 

44-46 An von Tippelskirch



Bayreuth, 31. Oktober 1916.

Euer Exzellenz

ergreifenden Brief vom 25. d. M. mit Worten zu beantworten und entsprechend dafür zu danken, fällt mir sehr schwer; ein Blick und ein Händedruck wären angemessen. Steht mir nicht einmal die Feder zur Verfügung, denn ich bin krank und kann sie nicht führen; diese Worte muß ich in einen Parlographen hineinsprechen — ein Instrument, das mir zwar im Augenblick sehr zu statten kommt, das aber eine Geistesgegenwart erfordert, die nicht so schnell zu erringen ist. Ihre Worte haben mich ergriffen und erhoben. Daß die Wehmut des herben Verlustes Ihnen die Zunge gelöst hat, um mir die große Freude zu machen, daß ich von der dauernden Wirkung meiner Werke in Ihrem edlen Familienkreise erfahre: das empfinde ich zugleich als eine merkwürdige, schöne und wehmütige Fügung. Man fühlt sich über die Zeitlichkeit und über die ach! so schmerzlich engen Schranken des armen Ich hinausgehoben. Von Herzen danke ich Ihnen.
    Die Karte Ihres verewigten Heldensohnes an mich hat meine Frau nun herausgesucht; ich lege sie hier bei als den beredtesten Dankesausdruck, der in meiner Macht steht.
    Aus Ihren Bemerkungen über Luther glaube ich zu entnehmen, daß Sie mein kleines Sammelbuch „Deutsches Wesen“ kennen, in welchem der einzige ausführliche Aufsatz enthalten ist, den ich je über den großen Reformator geschrieben habe. Wenn nicht, würde ich um die Erlaubnis bitten, Ihnen ein Exemplar dedizieren zu dürfen.
    Die Angriffe auf mich, die Sie erwähnen, habe ich zum größten Teil überhaupt gar nicht kennengelernt und pflege diesen Erscheinungen keine besondere Beachtung zu schenken. Ich meine, Liebe und Haß verhalten sich etwa wie Tag und Nacht; wer das eine zu verdienen hofft, muß das andere mit in Kauf nehmen. Seit mehr als zwanzig Jahren schaffe ich in weltabgeschiedener Stille; dieses Schaffen ist mein Glück; was es für andere wert sein mag, vermag ich gar nicht zu beurteilen und bin dann sehr glücklich, wenn ich solche Dinge erfahre, wie Ihr lieber Brief mir berichtet. Ich selbst lese in meinen Büchern wie ein Fremder; denn der Alltagsmensch und der Mensch, der in glücklicher Stunde schreibt, sind zwei sehr verschiedene Wesen.
    Noch einmal, hochverehrter Herr, nehmen Sie meinen warmen Dank; grüßen Sie, bitte, Ihre verehrten Familienmitglieder; bewahren Sie mir Ihr ferneres Interesse und lassen Sie mich hoffen, daß mir eines Tages das Glück wird, Ihnen die Hand zu drücken und in die Augen zu blicken.
    In größter Verehrung

treu ergeben

Houston S. Chamberlain.
 

46-48 An Fr. von Wiesner



Bayreuth, 3. November 1916.

Hochverehrter Herr Sektionsrat!

    Mit dem lieben Brief vom 28. Oktober, den Sie Ihren gewiß amtlich überfüllten Stunden abgerungen haben, haben Sie einem Kranken eine wahre Wohltat erwiesen. Der Heimgang Ihres hochverehrten, von mir aufrichtig geliebten und leidenschaftlich bewunderten Vaters ¹ kam mir in diesem Augenblick doch unerwartet und hat mich tief erschüttert. Die übergroße Empfindlichkeit der Seele bildet einen Teil meines augenblicklichen Leidens; und so habe ich denn den geradezu unersetzlichen Verlust im Herzen noch ergreifender gefühlt, als es ohnehin der Fall gewesen wäre — dazu die unfreiwillige Muße gehabt, viel darüber nachzudenken. Unendlich leid tat es mir auch, der telegraphischen Bitte der österreichischen „Rundschau“, eine eingehendere Würdigung des Verewigten jetzt sofort zu verfassen, nicht entsprechen zu können. Es hat mir aber Schweninger jede derartige Arbeit auf das strengste verboten. Ich hoffe aber eine künftige Gelegenheit ergreifen zu können, um wenigstens einiges auf meine Weise zu sagen. Nicht minder ergriff mich dann das Eintreffen des Buches „Erschaffung, Entstehung, Entwicklung“ mit der eigenhändigen Widmung des Verfassers. Ich habe darüber Tränen geweint, teils der Freude über die Vollendung dieses Werkes, teils der Rührung darüber, daß es nicht mehr möglich sein soll, mit dem Autor darüber Gedanken auszutauschen. Ihr Brief, der mir gleichsam die unmittelbare Berührung mit den Ereignissen der letzten Monate verschaffte, hat beruhigend gewirkt: das Bild der standhaft ertragenen Schmerzen, der treuesten Pflichterfüllung bis zur letzten Stunde bietet die edle Vollendung des Bildes, das ich im Herzen schon trug.
    Welch merkwürdige Fügung, daß jene Erinnerungen an mich zu den letzten Arbeiten gehörten. Ich fürchte, daß ich damals, an jeder Äußerung physisch sehr verhindert, dem edlen Freunde nur sehr ungenügend hierfür gedankt haben mag. Inzwischen hat mir ja Gastein eine wesentliche Erleichterung gebracht, namentlich indem es mir den Schlaf wiedergab. Aber ich bin noch ein rechter Patient, an mehreren Gliedern halb gelähmt und zu jeder anhaltenden Arbeit vollkommen unfähig. Zwar werden mir Nachwirkungen der Gasteiner Kur versprochen und namentlich Wirkungen von wiederholtem Kurgebrauch; und ich selber bin nicht ohne Hoffnung, da es zutrifft, daß ich in meinem Leben alle 15 Jahre eine nervöse Affektion hatte, wie z. B. vor 30 Jahren eine mehrjährig anhaltende, sehr starke; wenn also die Lebenskräfte bei meinem hohen Alter noch ausreichen, so darf ich vielleicht hoffen, auch diesmal das durch den Krieg und die großen Seelenerschütterungen gesteigerte Leiden doch noch zu überwinden. Vorderhand, und um nicht ganz zu verkümmern, bin ich beschäftigt, einige Erinnerungen in freier Briefform aufzusetzen, und der eine Brief soll heißen: „Julius Wiesner und die Naturwissenschaft“.
    An Ihre hochverehrte Frau Mutter habe ich keinen Brief gerichtet — ich hatte den Mut nicht dazu und fürchtete auch die eigene Ergriffenheit. Ich darf Sie aber bitten, ihr den Ausdruck meiner Ehrerbietung und meines treuen, innigen Mitgefühls zu übermitteln.
    Von dem neuen und letzten Buche erwarte ich — nach den mir bekannten Einzelheiten — sehr vieles; es müßte eigentlich epochemachend wirken. Ich selber werde leider wohl nicht so bald an das wirklich gründliche Studium des Buches gehen können, das ich jetzt durchblättere voll Sehnsucht, mir den ganzen Gedankengang anzueignen.
    Mit nochmaligem Herzensdank, mit den besten Empfehlungen von meiner Frau, und mit wärmsten Grüßen an Sie und an Ihren Herrn Bruder verbleibe ich — mit der aufrichtigen Bitte, mir einen Teil der Freundschaft Ihres Vaters zu widmen,

Ihr in Verehrung ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Des großen Pflanzenphysiologen Julius Wiesner, dem die „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ gewidmet sind.
 

48-50 An Fräulein Sidonie Peter



Bayreuth, 18. Februar 1918.

Hochverehrte Freundin,

    Ihren Brief vom 16. erhalte ich soeben und danke Ihnen noch einmal aus ganzem Herzen, nicht allein dafür, daß Sie sich dieser wichtigen Arbeit ¹ unterziehen, sondern namentlich auch dafür, daß ich mich in Ihren Händen so zuverlässig   s i c h e r   wissen Darf. Daß Sie die Aufgabe vollkommen lösen werden, weiß ich im voraus, und ich bitte Sie, aus dem Bewußtsein dieses meines unbedingten Vertrauens den Mut dazu zu Schöpfen.
    Auf Ihre Frage antworte ich mit der von Ihnen gewünschten und mir gebotenen Kürze:
    Ich will nicht, daß in dem ganzen Buche ein einziges Wort ohne mein Wissen und Zustimmen geändert wird.
    Die Frage nach „entbehrlichen Fremdwörtern“ ist eine sehr verwickelte und könnte zwischen uns nur mündlich verhandelt werden. Teilweise — wie Sie wissen — gehe ich ganz und gar mit Ihnen und bin schon lange eifriges Mitglied des Deutschen Sprachvereins; dennoch herrscht zwischen uns keine volle Übereinstimmung, und zwar weder in bezug auf den Grundsatz noch in bezug auf die Ausführung. Gar viele Fremdwörter halte ich für durchaus unentbehrlich, soll die Sprache nicht an Ausdrucksfähigkeit und an Genauigkeit beträchtliche Einbuße leiden; soll aber „verdeutscht“ werden, so wird es in den meisten Fällen (ich meine bei einem so sorgfältig und überlegt Schreibenden wie ich es bin) mit dem Verdeutschen eines einzelnen Wortes nicht getan sein, vielmehr muß der Satzteil umgedacht werden. Das habe ich bei Ihren Vorschlägen zum Kant vielfach erfahren und bin — wo ich einverstanden mit der Entfernung des Fremdwortes war — viel weiter als Sie gegangen. Bei jedem solchen Wort muß man peinlich die Tragweite einerseits in bezug auf den genauen Sinn, anderseits auf den Stil des Satzes in Erwägung ziehen. Sie kennen sicher Goethes Ausspruch: „Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe usw.“, und er warnt im Verfolg vor der Ersetzung „eines bedeutenden Wortes durch ein kümmerliches Surrogat“.
    Nehmen wir als Beispiel zur Verständigung die zwei von Ihnen genannten Wörter, der ersten Seite des Vorworts entnommen. Beide sind gewiß nicht „bedeutend“, ebensowenig aber entbehren sie einer verfechtbaren stilistischen Absicht. „Uncontrollierbare Gespräche“ besagt mit zwei Worten genau, was gesagt werden soll; der Satz nach Ihrem Vorschlag würde folgende Anhäufung bedingen: Gesprächen, deren Wortlaut sich nicht nachprüfen läßt, überliefert sind; so schreibe ich nicht und würde also im Notfall einen ganz anderen Satz dafür setzen. Mit dem Wort „Relationen“ verhält es sich folgendermaßen: dieses Wort war zu Goethes Zeiten gebräuchlich und wird von ihm und von den besten seiner Zeitgenossen — ich nenne nur Schiller — vielfach gebraucht, und zwar für die Bezeichnung einer bestimmten Art von Berichten; „Bericht“ ist allumfassend, „Relation“ weist einen Schatten von Geringschätzung auf, der auf eine gewisse Flüchtigkeit hindeutet. Diese feine Bedeutungsschattierung läßt sich mit Hilfe von Littrés großem Wörterbuch auch im Französischen verfolgen, bleibt aber dort weniger bestimmt als in Goethes deutscher Verwendung.
    Bei meinem Vorwort hat mir das alles bewußt oder unbewußt vorgeschwebt, und es würde mich nicht wundern, wenn das Urmanuskript eine Verbesserung aus „Bericht“ in „Relation“ trüge. Kommen Sie einmal hierher, ich werde mir erlauben, Ihnen Manuskriptseiten vorzulegen, aus denen Sie die Überzeugung schöpfen werden, daß ich alles eher denn leichtsinnig schreibe.
    Dies alles zur Aufklärung vorausgesetzt, melde ich, daß ich mit Freude und Dankbarkeit einen jeden Ihrer Vorschläge zu Verdeutschungen prüfen und auf meine Weise erledigen werde. Die einfachste Methode wäre, daß Sie am Rande der betreffenden Zeile einen ganz kleinen Strich mit roter Kreide machten, Sie können sich darauf verlassen, daß ich sofort verstehe, worauf Sie zielen.
    Nehmen Sie fürlieb mit diesen eiligen Zeilen und bleiben versichert der herzlichsten Dankbarkeit und Verehrung

Ihres treu ergebenen

Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ Vgl. Vorwort zur II. Auflage des „Goethe“.
 

50-53 An Gerhart Hauptmann



Bayreuth, 16. März 1918.

Hochverehrter Herr und Freund,

Von einem geheimnisvollen Nerven- und Muskelleiden befallen, bin ich aus der Reihe der Lebendigselbsttätigen geschieden und ganz auf den Beistand liebender Seelen angewiesen; hieran fehlt es mir zwar nicht, doch so pedantisch pünktlich wie früher wickeln sich die Dinge nicht ab, namentlich da der Krieg mir eine Unzahl neuer Verbindungen und Ansprüche zugeführt hat. So blieb denn auch die Januarnummer der „Neuen deutschen Rundschau“ unbeachtet und unerkannt auf dem Broschürentisch liegen, bis vor wenigen Tagen mein Auge vom Diwan aus zufällig darüberstreifte und eine Erzählung ¹ von Ihnen angezeigt fand. Und als meine Frau dann kam und das Heft öffnete, entdeckte sie Ihre liebe Inschrift, die mich so herzlich erfreute, wie nur ein Kranker so etwas empfindet.
    Und nun haben wir gelesen und stehen unter einem sehr großen Eindruck! Die deutsche Literatur ist