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I
Houston Stewart Chamberlain
Briefe
1882-1924
und
Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II.
Zweiter Band
F. Bruckmann A.-G. / München
II

Houston Stewart Chamberlain

Copyright 1928 by F.
Bruckmann
A.-G., Munich
Gedruckt im Mai 1928 bei
F. Bruckmann A.-G., München
Printed in Germany
III
Die Briefe II. 1916-1924
IV
1
An
Raman Pillai, Indischer Gelehrter
Hochgeehrter Herr
Ihren Aufsatz
über
das Christentum in Indien habe ich mit lebhaftestem Interesse gelesen,
und hätte früher gedankt, wenn ich nicht mit Influenza zu
Bette
gelegen hätte. Ich werde zu seiner Verbreitung beitragen.
Als Kind habe ich
mit christlichen Indern sehr schlechte und mit hinduistischen sehr gute
Erfahrungen gemacht — und von meinen Onkeln, die obgenannte Inder nach
Europa mitbrachten, gehört, dies sei die Regel.
Die heilige Person
Christi wird gewiß bei allen Indern Bewunderung erregen, bei
manchen
vielleicht Nacheiferung, und — wer weiß? — bei etlichen
vielleicht
zu kosmisch-metaphysischen Ahnungen führen, denjenigen
vergleichbar,
die Khrischna weckt — aber eine Christianisierung Indiens halte ich:
erstens
für unmöglich und zweitens, wenn möglich, für
keinesfalls
wünschenswert.
Verzeihen Sie die
lakonische Ausdrucksweise und glauben Sie an meine hochachtungsvolle
herzliche
Gesinnung.
Houston Stewart Chamberlain.
Hochverehrter Herr General
Ein
Influenzaanfall
mit Fieber und Bettarrest hat alles bei mir drüber und drunter
gebracht,
und ich weiß gar nicht, hab’ ich Ihnen vielleicht vom Bett aus
oder
meine Frau für mich auf Ihre sehr lieben, willkommenen Zeilen vom
9. Januar geschrieben und den schuldigen Dank ausgesprochen? Jedenfalls
geschieht es jetzt von Herzen. Ich habe viele Freunde verloren durch
mein
Verhalten, enge Banden zerrissen; und doch, ich konnte nicht anders,
ich
mußte für die Wahrheit Zeugnis ablegen, zwischen Gott und
Mammon
wählen; aber dankbar ergriffen schlage ich in die vielen neuen
Freundeshände,
die sich mir — namentlich aus der Front — entgegenstrecken.
„Geistige
Granaten“ nannte der Kaiser in einem Telegramm
an mich meine Kriegsaufsätze;
mitgefochten zu haben, ist mir Trotz und Glück und Stolz.
Sehr gern habe ich
die Gedichte meiner Sammlung eingereiht. Es ist herrlich zu sehen, wie
viel Talent der Krieg in Deutschland geweckt hat. Fast gefällt mir
„An Sir E. G.“ am besten; es tut so wohl, einmal die Dinge beim Namen
zu
nennen!
In größter
Verehrung und Dankbarkeit
Houston Stewart Chamberlain.
2-4
An
den Forschungsreisenden R. Rickmers
Lieber Herr
Rickmers
— Besten Dank für Ihren Brief vom 22/1. Sind an meinem Aufsatz nur
kleine Zensuränderungen vorgenommen worden — Kürzungen,
Wortänderungen
—‚ so brauchen Sie nicht ihn mir vorzulegen. Nur wenn der Sinn irgendwo
gelitten hat oder eine Lücke entstanden ist, die ich
ausfüllen
müßte. In der Broschüre später stelle ich den
Urtext
doch wieder her. — Aber es wundert mich, daß das überhaupt
vorgekommen
ist: wohl nur auf die neuliche Hetze gegen mich im Reichstag hin? In
„Des
Weltkriegs letzte Phase“ ist nicht ein Wort beanstandet worden — und da
hätte ich‘s fast erwartet; wogegen in diesem Aufsatz, soweit ich
mich
erinnere, gar keine Veranlassung zu Bedenklichkeiten vorlag.
Nein, ich habe mich
stets von Freimaurerei u. dgl. ferngehalten, auch bei gelegentlicher
flüchtiger
Beschäftigung mit Büchern darüber keine Geduld noch
Interesse
dafür aufbringen können. Als kleines Bübchen in
Versailles
kletterte ich über unsere Gartenmauer in den Nachbarhof, wo die F.
M. ihre Versammlungen hielten, und konnte durch den Ritz eines schlecht
verschlossenen Vorhangs in einen Erd- oder Kellergeschoßraum
hineinlugen,
wo der Anblick eines Schädels und einiger Knochen, aufgestellt auf
einem schwarzsamtnen Tuch, meine kindliche Phantasie recht gruselig
beeindruckte.
Es hat mich in späteren Jahren innerlich ergötzt, als ich in
Gesellschaft einen F. M. beteuern hörte, solche Dinge kämen
bei
ihnen gar nicht vor, es seien alberne Märchen... Auch folgende
Lebenserfahrung
mag interessieren. Ein Bruder von mir, ein guter, nicht sehr begabter,
aber tüchtiger Mensch, war fromm und mäßig konservativ,
wie es sich für einen kgl. Marineoffizier schickt — ein
zufriedenes,
kindliches Gemüt. Er wird Freimaurer. Nach zwei Jahren begegne ich
ihm wieder und finde einen vollkommen umgewandelten Mann: betritt nie
mehr
eine Kirche, glaubt weder an Gott noch Teufel, ist zur radikalen Partei
übergetreten usw. Und diesen gutmütigen Kerl finde ich nun im
Jahre 1900 als rasenden Deutschhasser wieder, der immer von Krieg, auf
Leben und Tod gegen Deutschland redet und jeden Menschen zu einem „Naval
Defence League“ anzuwerben trachtet. An einen Zusammenhang dachte
ich
freilich damals nicht. Es fiel mir nur auf, weil ich diesem aggressiven
Ton — trotz der damals schon eingesetzten Pressehetze — bei keinem
anderen
Mitglied meiner Familie begegnete.
Daß Herr
Roselius
gut gereift ist und Ersprießliches gewirkt hat, freut mich sehr.
Wie mußte ich an ihn denken, als jetzt die Nachricht von dem
großen
englischen Getreideankauf in Rumänien durch die Blätter ging!
Was meinen „Freund“
anbetrifft, so müssen Sie mich nicht für einen
Geheimniskrämer
halten; ich erachte es aber für korrekter und auch
ersprießlicher,
es ihm selber zu überlassen, ob er sich nennen will oder nicht.
(Diese
Bemerkung ist, nicht durch Sie veranlaßt; ich will nur etwaigen
verschwiegenen
Gedanken zuvorkommen.) Augenblicklich befinde ich mich, wie schon oft,
seit Wochen ohne jede Spur einer Nachricht; er reist viel, und ich
weiß
nicht, wo ich ihn mir zu denken habe. Dagegen ist begründete
Hoffnung,
daß ich ihm in der zweiten Hälfte Februar persönlich
begegne
— und das ist immer das Gescheiteste, denn jetzt im Kriege steht‘s
mißlich
um die Korrespondenz.
Wann ich nach Berlin
kommen kann, weiß ich nicht. Die Sache liegt ziemlich kompliziert.
Mit herzlichsten
Grüßen
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrte gnädige Freundin,
Daß mein
„Kant“
jetzt neu gesetzt wird, ist für mich nicht sehr günstig; ich
habe ja keine Zeit; ein gewissenhafter geübter Freund, Prof.
Gianicelli
hierselbst, besorgt die Durchsicht und referiert über zweifelhafte
Fälle und über gelegentliche Bemerkungen in meinem
Handexemplar
— aber er ist Kontrabassist, nicht Philosoph! und ich kann an eine
ordentliche
Revision gar nicht denken —‚ denn ich komme täglich tiefer in
stille
Kriegsarbeit hinein, abgesehen von literarischen Kriegsverpflichtungen.
Es fällt mir
ein, Sie zu fragen: ob Ihnen bei wiederholter Lektüre
D r u c k f e h l e r oder mögliche D e n
k f e h l e r oder U n k l a r h e i t e
n
oder stilistische Verstöße oder stille W ü
n s c h e vorgekommen sind? Wenn ja, würde ich bitten,
mir solche in völliger Unbefangenheit mitzuteilen. Am besten auf
besonderem
Bogen, den ich bei den Gianicelli-Konferenzen vorlegen und
durchsprechen
kann.
Es käme darauf
an, solche etwaige Mitteilungen bald zu bekommen, und zwar, da der
Druck
von vorn anfängt, zunächst für die ersten Vorträge;
dann eventuell später für die späteren.
Vielleicht verleide
ich Ihnen das Buch mit dieser Bitte? Dann lassen Sie die Sache nur
liegen.
Vielleicht aber freut es Sie bei Ihrer tatkräftigen Art, dem etwas
sehr bedrängten Freunde auf diese Weise ein wenig helfen zu
können.
Wir bekommen
Schilderungen
von unaussprechlich schönem Wetter im Süden; auch in den
Bayerischen
Alpen strahlende Sonne; hier ist Tag für Tag Nebelregen und
Regennebel
— an einem Abend erwischte ich schnell Venus, Jupiter und Saturn, Venus
als
,
Jupiter
mit merkwürdiger Mondstellung
und Saturn geheimnisvoll wie immer, mit schön offenem Ring, — und
warf noch einen sehnsuchstvollen Blick zu meinen geliebten Hyaden
hinauf, von denen ich immer das Gefühl habe — entweder komme ich
daher
oder ich gehe dahin.
Verehrungsvoll und
treu ergeben
H. St. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr Lehmann
Ihr Brief vom 5/2
hat mich innig erfreut; ich danke Ihnen bestens dafür. Wir
verstehen
uns vollkommen. Natürlich bin ich nicht so reich und genau
unterrichtet
wie Sie; und allen Klatsch der Menschen, die „mit einer
maßgebenden
Persönlichkeit“ oder mit einem „hervorragenden General“ befreundet
sein wollen, lasse ich an mir wie an einem Gummimantel
herabfließen...;
im Laufe des Krieges haben sich aber verschiedene gute Beziehungen
angeknüpft
— in verschiedenen Lebenskreisen —‚ die mich von der
Zeitungsabhängigkeit
erlöst und in einigermaßen nahe Berührung mit den
wirklichen
Vorgängen gebracht haben.
Die Geschichte meines
letzten Aufsatzes ist mir selber noch ganz schleierhaft. Ich war
wütend
auf die „Tägl. Rdsch.“, die wieder meinen Aufsatz „Des Weltkriegs
letzte Phase“ mit dem Vermerk „Nachdruck verboten“ versehen hatte, wo
ich
doch grundsätzlich keinen Pfennig Honorar annehme, und dafür
die Bedingung mir ausmache „Nachdruck gestattet“; einige Zeitungen
haben
sich ja wieder an mich gewandt und nachgedruckt, die meisten sind aber
abgeschreckt. So schickte ich diesen neuen Aufsatz ¹ (ein Monat
ist‘s
her) an rührige Freunde in Berlin, die genau in Ihrem Sinne
tätig
sind, und diese setzten sich mit der Korrespondenz Lammert in
Verbindung,
die 800 Zeitungen versieht: die Zensur und die Verhandlungen dauerten
Ewigkeiten,
schließlich erfuhr ich aber, mein Zweck sei erreicht, der Aufsatz
werde in ganz Deutschland am gleichen Tage in ich weiß nicht wie
vielen Zeitungen und 1 Million Exemplaren erscheinen. Dieser Tag sollte
Donnerstag 3/2 sein. Als ich das erfuhr, schickte ich eine Abschrift an
Hugo Bruckmann, damit er am 4/2 einen „Nachdruck“ bringen könne.
Die
Münchner Zensur arbeitete viel schneller, strich auch nicht die
Wendung,
die in Berlin beanstandet worden war, „hoffähig, aber nicht
deutschfähig“,
die „M. A.“ brachte pünktlich den Aufsatz... Was aber nicht
erschienen
war, das war die versprochene Million am 3/2! Ich wenigstens habe
nichts
davon gehört, und von verschiedenen Seiten schreibt man mir: bei
uns
ist nichts erschienen... Berlin schweigt sich aus... Da muß wohl
im letzten Augenblick etwas geschehen sein, denke ich. Höchst
wahrscheinlich
ist von der bekannten Stelle abgewunken worden. Und nun bin ich
dankbar,
daß wenigstens die „M. A.“ vor völligem Schiffbruch gerettet
hat — auch vor einer etwaigen verwässerten Fassung.
Auf „Des Weltkriegs
letzte Phase“, der eigentlich noch kühner war, hat S. M. mir extra
telegraphieren lassen, er habe den Aufsatz mit dem größten
Interesse
gelesen und lasse mir wärmstens danken. — In welchem Zusammenhang
dieser Aufsatz entstanden war, und wer mir dafür wie für eine
rettende Tat dankte, erzähle ich Ihnen später.
Selber meine
Aufsätze
an Personen, die ich nicht kenne, einzuschicken, geht mir sehr gegen
den
Strich. Doch besitze ich gute Verbindungen, und diese tun dann viel. So
war z. B. dieser letzte Aufsatz in die Hände des Generaladjutanten
des Kaisers gelangt, ehe ich ihn selber zu sehen bekam.
Aufsätze
verspreche
ich nie gern, weil es mir die Flügel bindet. Dagegen bin ich immer
dankbar für Anregungen. Leider ist mir Osteuropa terra
incognita
— bis auf Bosnien-Herzegowina.
An meinem guten
Willen
zweifeln Sie nicht; ich lebe ja nur, um der guten Sache zu dienen;
wäre
ich dazu unfähig, ich wäre vor Gram schon tot.
Herzlich und
verehrungsvoll
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Deutschlands Kriegsziel.
Sehr verehrter Herr
Es drängt
mich,
auf Ihr soeben erhaltenes Schreiben vom 7/2 sofort einige Worte zu
erwidern.
Freilich, ja, ich
erhalte so viele Briefe, daß ich außerstande bin, sie alle
selbst zu beantworten, — manche gar zu alberne lasse ich von
freundlichen
Helfern lesen und erledigen. Aber Briefe wie der Ihrige gehören
doch
zu den seltenen; und — wenn auch der große Krieg mir gar manchen
prächtigen, auch rührenden Gruß eingebracht hat — sehr
vieles z. B. aus dem Felde, aber auch aus allen Kreisen, Gegenden... so
bleibt doch Ihr Brief in seiner Berücksichtigung des
persönlichen
Moments sehr einzig. Ihre Worte haben mich ergriffen, und ich danke
Ihnen
dafür — wenn das Wort „Dank“ hier einen Sinn hat.
Lob und Tadel
vertrage
ich beides gleich schlecht, und lese fast nie ein Wort, was über
mich
gedruckt wird, — und wenn auf Zureden ausnahmsweise doch, dann auf
Kosten
nachfolgender Reue und Entmutigung. Bei Ihnen habe ich das Gefühl
seltener Objektivität; selbst das, was vielleicht
überschwenglich
sein mag, verletzt mich nicht; Sie haben auch etwas von dem, was ich
„die
Sternenperspektive“ zu nennen pflege, an sich.
Im übrigen:
das Recht, die Dinge so zu Sehen, wie Sie sie sehen, kann Ihnen niemand
bestreiten. Solche Dinge liegen außerhalb des Rechthabens. Ich
pflege
sehr wenig über mich selbst nachzudenken; in einem gewissen Sinne
interessiert mich das „ich“ wenig; es ist auch nicht förderlich,
sich
die allseitigen Beschränkungen, welche Anlagen und Schicksal so
grausam
unerbittlich bedingen, gar zu deutlich zu vergegenwärtigen; ein
wenig
Unbewußtsein muß der Mensch als ein Heiliges sich
hüten
— ein ganz klein wenig von jener Existenz, die Einem vollendet vor den
Sinn tritt, wenn man eine „Meduse“ im Meere schwimmen sieht. — Mehr als
alles andere hat bei mir stets ein Gefühl der P f l i
c h t bestimmend mitgewirkt; ich entstamme einer
Soldatenfamilie
und gehorche instinktiv, ohne zu fragen. Diese Pflicht ist eine Pflicht
gegen Gott — ich meine, so fühle ich sie; losgelöst aus jenen
allen Menschen sonst natürlichen Banden, die auch ich gern und
treu
getragen hätte — Vaterland, Muttersprache, angestammtes Heim usw.
— fühle ich mich „gottunmittelbar“ (wie gewisse Adelsgeschlechter
früher reichsunmittelbar waren). Es ist dies manchmal kein
leichtes
Los; August 1914 hätte es mir leicht das Leben gekostet, und ich
trage
noch an der Nervenüberspannung, welche aus der Not entstand, die
Pflicht
klar zu erkennen und ihren Geboten zu folgen. Ich bin Ihnen namentlich
dafür dankbar, daß Sie diesen Punkt so feinsinnig und genau
richtig erfaßt haben. Hätte ich anders gehandelt, als ich es
tat, mein ganzes Lebenswerk wäre von innen aus vernichtet
gewesen...
und das besagt einfach: ich konnte nicht anders.
Für heute nur
noch einen Händedruck und die Hoffnung, Sie einmal persönlich
kennen zu lernen.
In dankbarer
Hochachtung
Houston S. Chamberlain.
Nur ein Wort des
Dankes,
hochverehrte Freundin! — Aus etwas niedergeschlagener
„äußerer“
Verfassung. Da meine gute Frau seit bald zehn Tagen an einer
hartnäckigen
Angina mit Fieber liegt — oder sich herumwankend schleppt — was einem
nicht
gerade Sorge macht und doch lastet, denn sie ist doch Achse und auch
Sonne
unseres ganzen kleinen „Wahnkosmos“. Ich selber leide an allen
Schmerzen,
die nur ein geistiger Schützengraben erzeugen kann, und ersticke
unter
Besuchen, Briefen, Anfragen, Druckschriften usw. usw. Bisweilen
lasse
ich alles liegen, verriegle die Türe und lege mich hin mit Pascals
„Pensées“ oder sonst mit einem vernünftigen „unpolitischen“
Buche und erhole die Seele.
Die Verbreitung von
„Deutschlands Kriegsziel“ wächst täglich. Die „Tägliche
Rundschau“ brachte den Aufsatz, jetzt Tag für Tag andere
Blätter,
bis nach Hermannstadt hinunter. Freilich streichen manche den
Schluß
— oder er wird dann gestrichen. Professor Schäfer macht eine
Ausgabe
für alle Mitglieder seiner nach Tausenden zählenden
vaterländischen
Vereinigung. Stalling — der Militärverleger, macht eine
Schützengrabenausgabe
für wenige Pfennige. Und ich habe gestern meine Einleitung „Hammer
oder Amboß“ nach München abgeschickt zu der neuen
Flugschrift.
— So ganz ist es also den Berlinern doch nicht geglückt, meine
Stimme
zu unterdrücken.
Für die
Fremdwortjagd
bin ich Ihnen a u ß e r o r d e n t l i c
h
dankbar, wenngleich die Sache manchmal sehr schwer ist, ja
s e h r; oft auch will ich nicht eine feine Schattierung
opfern,
und glaube mich da auf Goethe und Jakob Grimm berufen zu dürfen.
Ein
Beispiel:
K o n t r ä r e r G e g e n s a t z ist
ein
d e u t s c h e r technischer Ausdruck aller Schullogik;
man
unterscheidet „konträren Gegensatz“ und „kontradiktorischen
Gegensatz“,
das sind zwei verschiedene Begriffe. Einen technischen Ausdruck kann
eigentlich
nur ein Techniker ändern; ich bin dazu nicht befugt. Gebrauche ich
aber den technischen Ausdruck nicht, so muß ich einen langen Sums
machen; weil eben ein solches Wort „konträrer Gegensatz“ für
jeden Wissenden vieles sagt und vieles ausschließt. —
„Erkühnen“
ohne reflex. „sich“ kommt in älteren Sprachen öfters vor, Sie
können sich in Grimm überzeugen; freilich jetzt kaum mehr —
was
aber schade ist, eine Verarmung. Ich meine, wenn man‘s nicht
übertreibt
und nicht absichtlich solche Dinge künstelt, vielmehr nur dort
verwendet,
wo sie von selbst sich einstellen, kann man sie nicht verurteilen.
Nicht
wahr?
„Stupid“ ist für
mich etwas anderes als „dumm“, und stupid auf deutsch ganz und gar
anders
als das englische „stupid“, näher dem französischen stupide,
und ganz etwas anderes ist das lateinische stupidus, was
eigentlich
erschrocken, verdutzt bedeutet. Aber freilich, ein guter Schriftsteller
soll nur diejenige Ausdrucksschattierung gebrauchen, die seine Leser
mitfühlen.
Herzlich dankbar
und ergeben
Houston Stewart Chamberlain.
10-11
An
Frau Gräfin Sponeck geb. von Oettingen
Gnädigste Frau Gräfin,
Für Ihre so
lebendigen
warmen Worte spreche ich Ihnen den herzlichsten ergebensten Dank aus.
Meine
Schriften haben mir Freunde und auch ein vielfaches Heer von Feinden
geschaffen,
und da letztere nicht schweigen, ist es dankenswert, wenn erstere nicht
aus taktvoller Schüchternheit schweigen; ich empfinde es immer als
Wohltat. — Nur eilig kann ich leider Fragen beantworten, zu deren
Erörterung
Jahre kaum hinreichen würden, da Worte hier nicht hinlangen.
Das Dasein des
Menschen
als moralisches Wesen ist ein Geheimnis; es ergründen zu wollen,
halte
ich für widersinnig. Von Kindheit an habe ich das Gefühl
gehabt,
ich stünde — gleichsam — auf Gottes Handteller und brauchte mich
darum
nicht zu fürchten, auch nicht vor mir selber, denn wo und wie und
wann ich auch strauchle und falle, Gottes Hand hält mich. Fragen
Sie
mich aber, was Gott ist — so kann ich Ihnen nur mit dem indischen
Weisen
antworten: „Neti neti“, er ist nicht so und er ist nicht so,
oder
mit Wagners Gurnemanz „Das sagt sich nicht! Doch bist du selbst zu ihm
erkoren, bleibt dir die Kunde unverloren.“
Darum sagt es mir
nicht sehr viel, wenn behauptet wird: Christus ist Gott; ich halte die
Aussage für richtig, aber nicht fruchtbar; wohingegen die
Einsicht:
Gott ist Christus einen Strom von Licht ausgießt — denn nun wird
auf einmal „Gott“, dieser unfaßbare Begriff, mir nahegerückt.
An einen
Fort s c h r i t t der Menschheit glaube ich nicht, d. h.
nicht,
sobald ich versuche, mich dem Standpunkt einer absoluten Betrachtung
(also
etwa Gottes) zu nähern; was sollte z. B. „Fortschritt“ für
Jesus
Christus bedeuten? Wohl aber glaube ich an ein Fort s c h r e i t e
n
und an ein Rück s c h r e i t e n.
Niemals habe ich
etwas Erträgliches über Schiller gelesen.
In dankbarer Verehrung
ganz ergebenst
Houston S. Chamberlain.
Sehr verehrter Herr
Für Ihren freundlichen Brief vom 9/4 mit sehr interessanten Beilagen danke ich Ihnen verbindlichst. Mein Büchlein „Politische Ideale“ hat sich erstaunlich viele Freunde gewonnen, trotzdem kaum irgendeine größere Zeitung es überhaupt erwähnt hat. Daß Sie „vermitteln“, finde ich richtig und notwendig; ich täte es in der Praxis auch; es ist merkwürdig, wieviel durch Verschiebungen ohne Verfassungsänderungen erreicht werden kann; zu der neuen Gewohnheit tritt dann die neue Einsicht — und das Unzulängliche ist abgetan. Natürlich kann das nicht in einem Tage geschehen. Ich rechne aber darauf, daß die Notwendigkeit — um nicht zu sagen die Not — Deutschland recht bald dazu zwingen wird, sich praktischer zu regieren. Geht die Absurdität ans Leben (und für die demonstratio sorgen die Herren Liebknecht und Genossen in dankenswerter Weise), so ist es inmitten der Todesgefahren nicht anders möglich, als daß Änderungen, die sonst vielleicht ein Jahrhundert erfordern würden, aus dem Stegreif durchgeführt werden... Es bleibt dabei nur zu hoffen, daß wir nicht dann aus dem Regen in die Traufe kommen — und die Millionäre das Heft ergreifen. Dem muß eben beizeiten vorgebeugt werden.
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter und werter Herr Lehmann
Dringende,
unaufschiebbare
Arbeiten verhinderten eine frühere Beantwortung Ihres guten
Briefes
vom 14/4; auch heute — wo sich viel angehäuft hat — kann ich nur
kurz
erwidern.
Die von Herrn
Syndikus
Kühn angeregte Zeitschrift scheint in der Luft zu liegen, — denn
mir
ist Ähnliches im Laufe der letzten Monate von verschiedenen Seiten
zu Gehör gekommen. Auch die Umwandlung des „Kunstwart“ z. B.
deutet
in dieselbe Richtung. Und ist nicht Erdmanns „Der allgemeine
Beobachter“
(Hamburg) der Tendenz nach sehr verwandt? Daß da etwas zu tun ist
und daß etwas geschehen wird, scheint mir darum sicher. Es kommt
alles auf das Wie an und auf das Wer.
Wie ich Herrn Dr.
Kühn schon sagte: auf der ganzen Welt lebt wohl kein Mensch, der
sich
weniger auf Zeitungen, Zeitschriften — überhaupt periodische
Publikationen
versteht als ich. Es liegt gänzlich außerhalb meiner
Fähigkeiten.
Nicht daß ich den ungeheuren Einfluß gerade dieses Zweiges
der Literatur in unserer Zeit verkenne; ich selber stehe aber in dieser
Beziehung außerhalb der Zeit und habe es noch nie fertig
gebracht,
mich für irgendeine Zeitschrift wirklich zu interessieren. Ich
halte
manche aus Gesinnungsgründen, lese sie aber fast nie, und wenn
einmal,
dann tut mir‘s leid um die Zeit. Meine ganze Art, zu arbeiten und zu
denken,
weist mich andere Wege. Darum würde ich auch niemals eine
Verpflichtung
eingehen, die mir unabweisbare Erledigungen dieser Art auflegte —
niemals.
Ich bin auch zu alt und zu wenig leistungsfähig dazu. Hiermit soll
aber nicht gesagt sein, daß ich nicht tatkräftiges
Interesse,
Rat, Förderung usw. einem derartigen Unternehmen zu widmen bereit
wäre. Allerdings unter der Bedingung, daß es praktisch gut
fundiert
wäre.
Kiesers „Bühne
und Welt“ scheint sehr ähnliche Ziele zu verfolgen —‚ ist mir aber
zu ästhetisch gerichtet. Gewiß gehört dies auch dazu,
doch
was wir brauchen, ist ein Führer auf völkischem, praktischem,
staatswissenschaftlichem Gebiet — wobei dann die deutsche Kunst
natürlich
gebührende Beachtung erfährt. Doch, daß es gelingen
sollte,
von der Bühne aus das öffentliche Leben umzugestalten — das
glaube
ich nimmermehr. Wo ein Feuergeist wie Richard Wagner nichts vermocht
hat,
da bemühen sich kleinere Geister ganz umsonst. Politisch,
wirtschaftlich
und wissenschaftlich (namentlich medizinisch) müßte die
Sache
in Angriff genommen werden; nur tatkräftige Menschen dürfen
das
Wort ergreifen, keine Schwärmer. Nicht vulgärer
Antisemitismus,
dafür aber um so strengerer A-semitismus, der den Materialismus
und
den „Geldsackismus“ unter jeder Maske und jeder Konfession schonungslos
angreift... Ich gestehe, ich habe mit Teilnahme den Bericht des „1.
Kongresses
für Biologische Hygiene in Hamburg 1912“ (Erdmann 1913) gelesen,
mit
dem Vorschlag des Deutschen Volksrates“ usw.; es waren da einige ganz
tüchtige
Männer versammelt. Und dennoch beobachte ich — was sie selber,
soweit
ich sehe, gar nicht beobachtet haben —‚ daß zwei ganz
verschiedene,
notwendig auseinanderstrebende Tendenzen sich selbst in jenem engeren
Kreise
zeigten: indem die um Driesmans eigentlich nur die Aufbesserung der
Rasse
durch sogenannte „Eugenik“ im Sinne hatten (was jedenfalls zu wenig),
während
andere alles nur „von innen heraus“ angefaßt wissen wollten und
von
dem Volksrat hauptsächlich platonische „Urteile“ über alle
möglichen
Fragen erwarteten. Da trete ich lieber dem ersten besten Reederverein
bei,
der etwas Positives zu schaffen im Sinne hat.
Mir scheint die
Persönlichkeit
des Herausgebers einer solchen Zeitschrift von allentscheidender
Wichtigkeit.
Würde sich nicht Franz Köhler dazu eignen?
Ich behalte mir vor,
Ihnen wieder zu schreiben, wenn mein Tisch von der harrenden Brieflast
ein wenig gesäubert sein wird. Ob ich fähig bin, das Programm
zu einem solchen Unternehmen zu entwerfen, weiß ich nicht; ich
bezweifle
es; aber es interessiert mich sehr, sobald ich glauben darf, daß
es deutsch-praktisch-ideal-rücksichtslos zugeben soll. Ich habe im
Laufe des Krieges wundervolle Erfahrungen mit echt deutschen
Großkaufleuten
gemacht; ich meine, für dieses Blatt müßte man solche
Kreise
gewinnen. Nichts wäre schrecklicher, als wieder bloße
Professorenweisheit
— wenngleich ich diese und ihre Träger (sobald es echte Deutsche
sind)
hochzuschätzen und zu verehren weiß.
Für heute nur
noch Gruß und Handschlag
Ihres ergebensten
Houston S. Chamberlain.
14-15
An
Vizefeldwebel Brachmann
Sehr geehrter Herr Brachmann
Mit großer
Teilnahme
haben ich und andere Ihren Brief vom 20/4 gelesen. Solche Worte, eine
solche
Auffassung tun wohl; man hört sie nicht immer — namentlich nicht
von
denen, die zu weit von der Front sind, und darum weder die
Unmittelbarkeit
des Opfers, noch seine heiligende Wirkung verspüren... Lassen Sie
uns wieder über Ihre äußeren und inneren Erlebnisse ein
Wort zukommen.
Ihre Frage ist schwer
zu beantworten: es mischt sich soviel Subjektives hinein.
Mir persönlich
entspräche es, bei Plato: 1. das Gastmahl mehrmals bis zur
Durchdringung
des Gedankenstils zu studieren, 2. dann vielleicht Phaidros, Philebos,
Sophist, Theaitetos, Kratylos in dieser Reihenfolge zweimal
durchzulesen,
3. schließlich die philosophisch wichtigen Stellen aus dem Staat
auszusuchen. Was dann bleibt, nach Belieben oder gar nicht.
Kant: auf alle
Fälle
mit den Prolegomena beginnen und genügend dabei verharren — dies
gestattet,
die schwere „reine Vernunft“ bis auf später zu verschieben. Dann:
De
mundi sensibilis etc. (Dissertation), Träume eines
Geistersehers.
Über Philosophie überhaupt, über den Gebrauch
teleologischer
Prinzipien, Kritik der Urteilskraft, Kritik der praktischen Vernunft,
Metaphysik
der Sitten (letztere vielleicht besser in umgekehrter Ordnung),
Religion
innerhalb der Grenzen, Kritik der reinen Vernunft... Aber ich
müßte
Sie kennen, um zu beurteilen, ob diese Folge für Ihren Geist
paßt.
Houston S. Chamberlain.
Eure Hoheit
werden schon längst beobachtet
haben,
daß eine echte Korrespondenz in sich das Prinzip ihrer
Unerschöpflichkeit
trägt. Ich kann unmöglich das jetzt früh empfangene
Schreiben
von vorgestern unbeantwortet lassen. Bitte nehmen Sie meinen
Herzensdank
und lassen Sie mich Ihnen stumm und ehrerbietig die gereichte Hand
drücken.
Ich hatte im Leben
sehr wenige wahre Freunde, — und diese mußten alle mit mir Geduld
haben wegen meiner großen Leidenschaftlichkeit, Geduld und
Nachsicht.
Menschliche Fehler pflegen aber — wenn sie echte Naturfehler sind —
unter
der Oberfläche entschädigende Eigenschaften zu bergen. Wenn‘s
bei mir vorbei ist, ist‘s radikal vorbei; ich bin nicht launenhaft. Und
so soll von mir aus hinfürder Herr von B. H. ¹ ruhig leben
und
walten — ich, will nicht noch mehr Lebensmark hingeben für eine
Sache,
an der ich doch unfähig bin etwas zu ändern. Wie eine
Zauberwolke
soll mich mohammedanischer Fatalismus umgeben. Daß Gott
Deutschland
in dieser Krisis ganz verläßt, das kann ich nicht glauben.
Vielleicht
aber gehen wir großen Prüfungen entgegen, — vielleicht einer
Erneuerung des 30jährigen Krieges auf erweiterter Grundlage... und
vielleicht wird langes Elend, langer Vernichtungskampf das viele
Böse
und Verachtungswürdige in uns ausrotten und ein Geschlecht starker
Männer à la Hindenburg züchten — das wäre
ja eine unaussprechliche Wonne, wert, teuer erkauft zu werden. Und so
wollen
wir uns stärken und fassen und die Augen nach oben richten und
unser
Bestes tun, um innerlich allen Ansprüchen gewachsen zu sein.
Daß die
Gesellschaft
zur Förderung des Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft
am 10. Mai ihr tausendstes Mitglied einschreiben konnte, hat mich mehr
erfreut, als ich sagen kann; es handelt sich um eine so wichtige Sache.
Jetzt heißt es, bis zum Herbst das zweite Tausend vollkriegen.
Und
inzwischen ist an der Universität Königsberg ein ähnlich
konzipiertes Institut „für ostdeutsche Wirtschaft“ entstanden. Das
sind die Dinge, wo die Deutschen Meister sind — nur käme es darauf
an, das Interesse immer weiterer Kreise auf sie zu lenken, damit diese
Institute — die zwar staatlich sind, aber vom Staate nicht entfernt
genügend
dotiert werden können — über die großen Mittel
verfügen,
die sie benötigen, wenn sie einem Aufblühen deutscher
Wirtschaft
im vollen Maße sollen dienen können. Professor A. Hesse —
der
Direktor des neuen Instituts — hat mir einen sehr sympathischen Brief
geschrieben,
in welchem er mich um meine publizistische Unterstützung bittet —
wozu es aber vorderhand schwerlich kommen wird, da ich nicht vorhabe,
Aufsätze
zu schreiben.
Ich bin fleißig
am Monde tätig — und wenn‘s auch nur am Schreibtisch sein kann;
ich
denke daran, Bruckmann zu einer neuen, für uns Laien brauchbareren
Karte nach meinen Angaben anzuregen! Nun, mein fürstlicher Freund,
was meinen Sie dazu? Bin ich nicht über Nacht ein sehr
vernünftiger
Mensch geworden?
Übrigens hatte
ich vorgestern einen interessanten Besuch — direkt aus Hodiaumont vor
Verdun.
Mein armer Freund, Hauptmann und hiesiger Bankdirektor, [...]
sagte, sie alle, die ununterbrochen seit Wochen im französischen
Feuer
liegen, werden „kriegsblöde“, können überhaupt nicht
mehr
denken... Trotzdem war er guter Dinge und glaubt an den Fall von
Verdun gegen Ende Juli. Hiermit würde die eigentliche
Stoßkraft
der französischen Armee, meint er, vernichtet sein. Dann schnell
Riga
einnehmen und — der Friede!
Ich gebe Ihnen diese
Stimme aus der Front wieder: sie wird Sie auf alle Fälle
interessieren.
[...]
Ein recht
interessantes
Blatt lege ich für den Papierkorb bei. Wenn Grey schon von Frieden
spricht — wo Curzon neulich sagte, das Wort sei aus dem englischen
Lexikon
ausgelöscht — so könnte man schon daran glauben. Gott, wird
das
ein Aufatmen geben — wenngleich man wohl auf Jahre hinaus den hominibus
bonae voluntatis kaum begegnen wird.
In Ehrerbietung treu
ergeben
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Reichskanzler Bethmann-Hollweg.

Die Handschrift Houston
Stewart Chamberlains
“...der Mensch, der
durch
die
verwickeltsten
Verhältnisse
mit
kühner Einfalt
und ruhiger
Unschuld geht und
weder nöthig
hat, fremde Freiheit zu
kränken,
um die seinige zu
behaupten,
noch seine Würde
wegzuwerfen,
um Anmuth zu zeigen.“
(Schiller)
Für Ihren
lieben
Brief sage ich Ihnen Dank; alles, was von Ihnen kommt, berührt
mich
immer sympathisch; es ist aufrecht und echt und verehrungswürdig.
Lassen Sie mich aber auch meinerseits ebenso aufrichtig sein. Ihre
Worte
— an sich so harmlos und vernünftig, auch nichts Unerschwingliches
von mir fordernd — wirkten dennoch auf mich wie das plötzliche
Gewahrwerden
einer Gefahr, die mir bekannt war, die ich aber versucht hatte, mir
auszureden.
Ich war im Begriff gewesen, einen Schritt zu tun, der für meine so
zart empfindliche Schaffensfreude tödlich hätte wirken
können;
ich ziehe den Fuß rechtzeitig zurück.
Glauben Sie nicht,
daß ich für den Wert gemeinsamer Arbeit blind bin, und
daß
ich nicht verstehe, in welchem Maße bei jeder solchen
Solidarität
ein gegenseitiges Fügen, ein Geben und Nehmen — namentlich ein
Nachgeben
— erforderlich ist; l‘union fait la force; aber l‘union
setzt
Disziplin voraus. Das beginnt in der Familie, zwischen Mann und Frau,
die
gegenseitig nicht bloß Nachsicht, sondern auch Aufopferung
üben
müssen, und setzt sich im Leben fort, bei jedem
Geschäftsunternehmen,
bei aller Politik, bei Religions- und Kirchengründungen,
allüberall.
Auch ich bin‘s im Leben gewohnt und bilde mir ein, zu den
nachgiebigsten
Menschen zu gehören. Dies hört aber bei mir plötzlich
und
gänzlich auf dort, wo mein schriftstellerisches Schaffen beginnt.
Ich will Sie nicht mit umständlichen Bekenntnissen
belästigen;
nur soviel will ich sagen: mein Schreiben ist ein äußerst
zarter
Vorgang, aus dunklen Seelentiefen geboren, und nur unter großen
Schwierigkeiten
bis ans Licht gehoben. Es ist für mich zugleich Wonne und Qual.
Und
das Geringste — ein Nichts — genügt, um es völlig brach zu
legen.
Ich habe hiervon dutzendmal die Erfahrung gemacht. Dann bin ich stumm
wie
ein Stein; jede Schaffenslust erstirbt; kein Willensgebot vermag es,
einen
Gedanken mehr in mein Hirn, ein Wort in meine Feder zu zwingen. Ich
existiere
einfach nicht mehr — oder wenigstens nicht mehr als Gestalter von
Gedanken
und Erwecker von Gefühlen.
Sie finden
vielleicht,
daß ich mich wichtig mache? Ich meine es aber schlicht und nicht
unbescheiden. Ich bin frei aufgewachsen, und mein Geist ist so
unbändig
frei, daß die geringste Fessel ihn völlig lahm legt. Wohl
bin
ich bereit, der äußeren Disziplin mich zu beugen; doch die
innere
Disziplin bedeutet für mich ganz und gar Schweigen. Und ich bin
viel
zu alt und versteift, um hier umzulernen. Es kommt ja dazu mein
besonderes
Schicksal, das mich von jung auf aus allen natürlichen Banden
losgelöst
hat. Hieraus erwächst meine Kraft und auch meine Schwäche,
kurz
meine Besonderheit mit ihren Grenzen. Ich kann auch die Fehler, die ich
deutlich erkenne, nicht vermeiden, kann mir selber keine Gesetze geben,
sondern muß mich der höheren zwingenden Logik meiner
Persönlichkeit
fügen.
Darum fasse ich es
als eine göttliche Fügung auf, daß ich, als ich zu
schreiben
begann, in tüchtige, redliche Hände geriet, die rein
geschäftlichen
Interessen nachgingen und mich somit v o l l k o m m e
n
frei und ungebunden lassen konnten, um so mehr, als irgendeine
„Richtung“
des Verlags nicht vorlag. Ich bin da Herr — Herr, meine ich, über
meine Sachen; niemand hat mir je hineingeredet; niemand sich je vor
irgend
etwas gescheut. Das ist das einzige Element für das
Unbändige,
was sich bei mir hinter der friedlichen Oberfläche birgt, das
einige,
in welchem ich gedeihen kann. So bescheiden mein Wirken auch sein mag,
es ist doch ein Wirken. Es wäre — das meinen gewiß auch Sie
— schade, es zu zerstören; lassen wir es weiter den eigenen Weg
gehen.
Noch nie, glaube ich, hat mich in entscheidenden Fragen der Instinkt
getäuscht;
und mein Instinkt sagt mir: ich werde mit anderen, am selben Strange
eingespannt,
nicht ziehen können.
Dazu kommt der
Gesundheitszustand.
Seit ich zuletzt schrieb, hat sich zu dem übrigen ein Herzzustand
entwickelt, der vielleicht auf ein Umsichgreifen der nervösen
Störungen
zurückgeht und vielleicht — wie frühere nervöse Leiden —
zu heben sein wird. Vorläufig bin ich aber in allem behindert und
bezweifle sehr, ob ich imstande sein würde, an einer Konferenz
teilzunehmen
—
denn eine sehr geringe Ermüdung und namentlich die geringste
Erregung
werfen mich ganz nieder. Die Ärzte ermahnen zu völliger Ruhe.
Zu allen Zeiten hat
es Apostel gegeben, die einsam auf einem Patmos ihr Bestes leisteten.
In aufrichtiger
Hochschätzung
treu ergeben
H. S. Chamberlain.
21
An
Vize-Admiral von Seckendorff
Euere Exzellenz
haben mir mit den so warmen und
gütigen
Zeilen vom 16. d. M. die allergrößte Freude gemacht, ja,
mehr
als Freude: solche Worte aus solchem Munde sind beglückender Lohn.
Zugleich erhalte ich von vielen Seiten zwar weniger gewichtige, aber
kaum
weniger herzliche und begeisterte Zustimmungskundgebungen. Und so kann
man denn doch hoffen — wenn auch nicht in dem Sinne zu nutzen, in dem
man
so gerne es tun würde, doch wenigstens manchen besorgten Herzen
ein
wenig Trost und Kraft zu spenden.
Für mich wird
dieser Aufsatz ¹ wohl unter meinen Kriegsaufsätzen der
Schwanengesang
sein. Der angegriffene Zustand, in dem Sie mich schon im Frühjahr
antrafen, hat sich nicht unbedeutend verschlimmert, und Schweninger —
der
große Lebensspender — der Mann, der sonst nur ermutigt und
antreibt,
hat mir die völlige Enthaltung von aller Arbeit auf wenigstens
drei
Monate streng zur Pflicht gemacht. Es ist hart in einem Augenblick, wo
man so gerne dienen würde. So bereitete ich z. B. ein Buch „Der
deutsche
Staat“ vor, das muß nun alles liegen bleiben. Auch diese Zeilen
mußte
ich diktieren.
Darf ich bitten,
Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin verehrungsvoll empfohlen zu werden.
Und
bitte, empfangen Sie selber die Versicherung meiner treuesten und
ehrerbietigsten
Ergebenheit.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Ideal
und Macht.
Hochgeehrter Herr Konrektor!
Daß Sie
meiner
freundlichst gedachten, hat mich aufrichtig gefreut. Die Erinnerung an
unsere kurze Begegnung vor einigen Monaten steht mir lebhaft vor dem
Sinn.
Mit wahrem Interesse
habe ich Ihre Schrift gelesen, da natürlich die Frage der modernen
Sprachen gerade mir eine sehr wichtige erscheint. Zwar habe ich weniger
Schulerfahrung als ein anderer, doch besitze ich die nicht sehr
häufige
Erfahrung der leidenschaftlichen Aneignung einer fremden Sprache und
insoferne
kann ich auch mitreden.
Die Redensart von
der „Beherrschung“ fremder Sprachen und gar erst durch Schüler
empört
mich und macht mich zugleich lachen. Wie viele Menschen gibt es
überhaupt,
die eine zweite Sprache wirklich beherrschen? Es heißt doch der
Schule
ein unmögliches Ziel setzen. Aus vollster Überzeugung stimme
ich Ihnen hier bei: man soll den Knaben nur ja nicht einbilden,
daß
sie eine Sprache beherrschen — ganz im Gegenteil, sie empfinden lassen,
welcher weite Weg bis dahin noch zurückzulegen wäre. — Auch
in
der Übersetzungsfrage denke ich genau wie Sie. Es käme darauf
an, die fremde Sprache wirklich in ihren Feinheiten nachzuempfinden, so
daß der Geist das Originelle des anderen Geistes mit einiger
Genauigkeit
zu schätzen und sich daran zu bereichern wüßte; wogegen
es völlig unnütz ist, sich selber in einer fremden Sprache
ausdrücken
zu wollen, was nur den Wenigsten, und zwar auf Grund ganz anderer
Studien
gelingen kann. So bescheiden der Deutsche auch zu sein pflegt, ich habe
mich doch manchmal sehr gewundert über die Illusionen, die er sich
machte im Bezug auf seine Kenntnis fremder Sprachen. Ein
Französisch
kann absolut korrekt sein und dabei gänzlich unfranzösich,
weil
jeder einzelne Fall von Gewohnheiten und Schicklichkeitsregeln
abhängt,
die eigentlich gar nicht auszulernen sind.
Ihre Erwähnung
auf Seite 12 betr. die Leitartikel der „Times“, die ein Obersekundaner
verstehen soll, hat mich daran erinnert, daß mein Freund
Professor
Otto Kuntze, der Englisch in Prima lehrte, mir einmal sagte, er lese
fast
nie einen Leitartikel der „Times“, ohne Präpositionalwendungen
anzutreffen,
die ihm noch unbekannt seien!
Mit recht herzlicher
Begrüßung verbleibe ich in aller Hochachtung Ihr
sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter Herr!
Haben Sie Dank
für
Ihre freundlichen Zeilen. Von verschiedenen Seiten werde ich auf den
betreffenden
Aufsatz (in der „Frankfurter Zeitung“) aufmerksam gemacht, ich kenne
ihn
aber nicht und brauche ihn auch nicht zu kennen. Die Feindschaft
zwischen
uns ist eine alte, jedes meiner Bücher haben sie verrissen.
Kürzlich
kam noch dazu, daß sie einen gegen Nachdruck geschützten
Aufsatz
von mir stahlen, was meinen Rechtsfreund veranlaßte, ihnen 500
Mark
zugunsten des Roten Kreuzes abzuzapfen.
Mit nochmaligem Dank
und Gruß
Ihr sehr ergebener
H. S. Chamberlain.
23-24
An Pfarrer Karl Schneider
Sehr verehrter Herr Pfarrer!
Für Ihre
lieben
temperamentvollen Zeilen danke ich Ihnen herzlichst. Den von Ihnen
bezeichneten
Schimpfaufsatz kenne ich nicht, wenn ich auch von verschiedenen Seiten
darauf aufmerksam gemacht worden bin. So etwas macht mir nicht den
geringsten
Eindruck. Um weh zu tun, muß ein Schuh drücken, was hier
nicht
der Fall ist. Hätte ich, nachdem ich alle Kräfte meines
Lebens
dem Deutschtum gewidmet hatte, ich will nicht sagen gegen Deutschland
Partei
ergriffen, sondern auch nur geschwiegen und mich hübsch vorsichtig
beiseite gehalten, — ja, dann wäre ich ein Renegat gewesen und ein
Verräter an der eigenen Seele. Wenn ich nun aber wirklich einige
Zeit
lang wohl werde schweigen müssen, so geschieht das nicht der
„Frankfurter
Zeitung“ zuliebe, sondern lediglich, weil ein durch die Vorgänge
der
letzten Jahre herbeigeführtes nervöses Leiden jetzt auch das
Herz befallen hat, weswegen selbst der ewig aufmunternde Lebensgeist
Schweninger
mir eine dreimonatige absolute Pause zur Pflicht gemacht hat.
Von dem
„Nationalausschuß“
glaube ich, daß es ein totgeborenes Kind ist.
Mit nochmaligem Danke
und verehrungsvollem Händedruck
Ihr ergebenster
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr!
Zeilen wie die
Ihrigen
vom 22. d. M. sind zugleich Freude, Lohn und Ermutigung. Vor allem hat
es mich gefreut, daß Sie es sich nicht verdrießen lassen,
die
genannten Bücher mehrmals durchzustudieren. Oftmals, während
ich den „Kant“ schrieb, überkam mich das niederdrückende
Gefühl,
daß kein Mensch die Bedeutung dieser Ausführungen wahrhaft
schätzen
könne bei einem ersten Lesen; und wie sollte ich erwarten,
daß
man ein so umfangreiches Werk mehr als höchstens einmal lese?
Dieser
Umstand hat auch tatsächlich in den ersten Jahren schwer auf dem
Werke
gelastet; es wurde öffentlich von Menschen beurteilt und
verurteilt,
die kaum hineingeguckt hatten. Nach und nach hat sich aber eine ganze
Gemeinde
von freundlich nachsichtigen, auf meine Absichten eingehenden Lesern
gebildet,
und ich kenne heute die Namen von Dutzenden von Menschen, die das Buch
mindestens dreimal gelesen haben. Namentlich das 4. Kapitel „Bruno“ pflegt
dann in eine ganz andere Perspektive zu rücken: ich hätte
gerne
erfahren, ob das auch bei Ihnen der Fall war. Ein geistreicher Freund
nannte
diesen Vortrag den Versuch „einer Biologie der Philosophie“.
Ja, ich glaube schon,
daß die Kenntnis meines „Goethebuches“ Ihnen für Kant
nützlich
sein wird. Freilich ist gerade mein „Goethe“ das esoterischste aller
meiner
Bücher, doch wird Ihnen der Gegenstand so vertraut sein, daß
Sie auf keine wesentlichen Schwierigkeiten stoßen werden.
Eine Erkrankung
zwingt
mich, zum Diktat zu greifen, und vielleicht habe ich mich nicht so
deutlich
und zusammenhängend ausgedrückt, als ich es auf Ihren Brief
gerne
getan hätte. Dies wollen Sie entschuldigen.
Ich verbleibe mit
bestem Gruße
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr General!
Es war mir eine
große
Freude, Ihren Namen auf einem Kuvert zu erblicken, und eine wahre
Genugtuung,
aus dem Inhalt Ihres Briefes zu entnehmen, daß Sie meinen letzten
Aufsatz ¹ gut und zweckmäßig finden.
In Beantwortung Ihrer
Frage und Anregung teile ich folgendes vertraulich mit. Von Anfang des
Krieges an habe ich mich geweigert, für diese Aufsätze
irgendein
Honorar anzunehmen, und mir dafür das Recht ausgemacht, sie in
allen
Zeitungen nach Belieben nachdrucken zu lassen. Wiederholt habe ich
gebeten,
das dumme „Nachdruck verboten“ fortzulassen und dafür zu setzen
„Nachdruck
erwünscht“: es war nicht zu erreichen. Jeder Zeitung, die mich
darum
bat, habe ich sofort telegraphisch die Nachdruckserlaubnis erteilt —
und
es haben auch eine ganze Anzahl bei früheren Aufsätzen davon
Gebrauch gemacht.
Um nun eine bedeutend
größere Verbreitung zu erzielen, hatte ich meinen Aufsatz
„Deutschlands
Kriegsziel“ vaterländisch gesinnten Freunden in Berlin geschickt
mit
der Bitte, sich mit einer Agentur in Verbindung zu setzen. Dies
geschah;
und da ich kein Honorar verlangte, konnte die betreffende Agentur ein
sehr
großes Geschäft machen. In der Tat, sie richtete alles ein,
und an einem bestimmten Tage sollte in mehr als 200 Zeitungen der
Aufsatz
gleichzeitig erscheinen, bei einer Gesamtauflage von mehr als einer
Million
Exemplaren. Im allerletzten Augenblick trat etwas dazwischen, und die
Agentur
zog den Aufsatz zurück. Von welcher Stelle aus die Agentur so
stark
beeinflußt wurde, daß sie auf einen bedeutenden Gewinn
verzichtete,
habe ich nie genau erfahren können.
So viel weiß
ich nur, daß sie der Regierung nahe stand.
Sie begreifen,
daß
ich diese Bemühungen aufgab, denn gegen derartige Einflüsse
kann
ich Privatmann nicht aufkommen.
Wie die
früheren,
so wird auch der jetzige Aufsatz in den nächsten Tagen als
Flugschrift
erscheinen zu einem billigen Preise; und nach wie vor dürfen
Zeitungen,
die es wünschen, ihn nachdrucken, kostenlos.
Was Sie mir über
die „Politischen Ideale“ erzählen und über die
antiparlamentarische
Äußerung der sozialistischen Wochenschrift hat mich — wie
Sie
voraussetzen — ungemein interessiert, und ich habe mir davon Notiz
genommen.
Leider bin ich von einem Nervenleiden befallen, welches es mir
unmöglich
macht, in diesem Herbste ein kleines Buch herauszugeben „Der deutsche
Staat“,
wie ich es beabsichtigt hatte. Vielmehr muß ich pausieren und
Brunnen
trinken und, wenn möglich, Gastein besuchen.
Wie Sie, in
unerschütterlicher
Zuversicht und unverminderter Kampfeslust verbleibe ich, hochverehrter
Herr Generalmajor, Ihr aufrichtig dankbarer und verehrungsvoll ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Ideal
und Macht.
Hochgeehrter Herr Professor!
Haben Sie den
allerwärmsten
Dank für Ihre freundlichen Worte, die mir im innersten Herzen wohl
taten. Auch Ihr Gedicht hat mich wahrhaft ergriffen. Seien Sie
überzeugt,
daß ich Ihre Gefühle nicht nur verstehe, sondern auch teile.
Teils aber liegt es in meinem Charakter, teils aber in dem Empfinden
der
Pflicht, welche diese Stunde uns aufzwingt, daß ich der
Niedergeschlagenheit
keinen Zoll breit Raum gewähren w i l l.
Außerdem
bin ich nicht unbedenklich erkrankt, und Hoffnung und Glaube sind
Elemente,
die mich über Wasser halten, und ohne die ich endgültig
versinken
müßte.
Mit Geheimrat
Schäfer
und auch mit meinem Verleger Bruckmann stehe ich in Briefwechsel — weil
nämlich besagter Verleger den Aufsatz „Ideal
und Macht“ als Flugschrift bereits gedruckt hat und ich nicht
weiß,
ob es ihm recht ist, daß ein gesondertes Flugblatt in so
großer
Auflage außerdem hergestellt wird. Ich habe ihn gebeten, es zu
gestatten,
habe aber noch keine Antwort.
Mit der Versicherung
meiner besonderen Verehrung und mit der Bitte, die gewonnene
Fühlung
aufrecht zu erhalten, zugleich mit verbindlichem Dank für die
seinerzeit
richtig eingetroffene Sendung verbleibe ich
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Rittmeister!
Haben Sie, bitte,
wärmsten Dank für Ihre so freundlichen, mich
beglückenden
Zeilen. Heute konnte ich schon ein frühestes Exemplar der
Flugschrift
„Ideal
und Macht“ an S. M. den Kaiser schicken; bald bin ich so frei, auch
Ihnen eins zugehen zu lassen. Der Verleger schreibt mir, daß
gegen
20 000 Stück schon vorausbestellt sind; ich hoffe also auf einige
Verbreitung.
Auf eine
besondere
W i r k u n g in dem von Ihnen gemeinten Sinne zu hoffen,
habe
ich verlernt und muß mich damit bescheiden, wenn es mir gelingt,
vaterländisch gesinnten Männern einigen Trost und einige
Hoffnung
zu schenken.
Leider — ich
erwähne
die Tatsache nur als Erwiderung auf Ihre Anregung — leider bin ich
nicht
unbedenklich erkrankt, und mein Arzt, der Bismarck-Schweninger, ein
Mann,
der, wie Sie wissen, immer nur zu Leben und Betätigung zuredet,
macht
es mir geradezu zur Pflicht, einige Monate lang gar nicht zu arbeiten
und
namentlich jede Erregung zu vermeiden. Ich gerate dadurch in eine sehr
schwierige Lage. Denn warum soll man nicht ebensogut in der Heimat wie
im Vordertreffen fallen? Dagegen erheben sich die Bedenken, die nicht
nur
angefangene und lange vorbereitete Werke einflößen, sondern
auch die Sorge — die große Sorge — um die allernächste
Zukunft,
wenn der Frieden einbricht. Vielleicht ist unsereiner doch mehr
befähigt
dann als jetzt, wirklich etwas zu wirken. Und so schwanke ich zwischen
zwei Strömungen, die mich eigentlich gleichstark anziehen. Ich
hoffe,
Ihres geneigten Wohlwollens auf alle Fälle würdig zu bleiben,
und bin mit der freundlichsten Begrüßung
Ihr in aller Hochachtung ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Steppes!
Ganz besondere
Freude
hat mir Ihr gestern empfangener Brief gemacht. Schon seit Jahren
verehre
und liebe ich Ihre Kunst, und es war nun eine ganz eigentümliche
Erfahrung,
al Sie selber — als Mensch — persönlich aus dem Schatten zu mir
herantraten
und so freundliche Worte für das fanden, was ich im Laufe des
Krieges
aus tiefster Seelennot heraus zu sprechen mich genötigt fand. Ich
begreife ganz gut Ihr anfängliches Zögern; nicht ein wenig
nehme
ich es Ihnen übel; von keinem Zeitgenossen kann man die
Lebensgeschichte
kennen; mein Lebensgang war ein sehr eigenartiger, seltsamer; das aber
der Welt zu erzählen, wäre aufdringlich; das
Mißverstandenwerden
ist ein Bestandteil des Schicksals, den wohl ein jeder zu tragen hat
und
über den man möglichst früh sich beruhigen sollte. Ich
habe
immer gefunden, daß das Nichtaufklären letzten Endes mehr
und
besser aufklärt als Explikationen, aus denen immer neue
Mißverständnisse
hervorgehen. Ihrer Achtung kann ich mich nunmehr ohne Rückhalt
erfreuen.
Gewiß werde
ich das Buch, das Sie mir nennen und das ich nicht kenne, sehr gerne
lesen.
Eine Kleinigkeit
muß Ich Ihnen erzählen. Ein Bild von Ihnen besitze ich seit
Jahren und war immer unglücklich, daß es nicht zur Geltung
kommen
wollte in dem einzigen Raum, der mir zum Aufhängen zur
Verfügung
stand. Nun sind meine Frau und ich am 1. Mai in unser eigenes Haus
(dicht
bei Wahnfried eingezogen und das betreffende Bild ist auf eine
Staffelei
in einer Art Gartenzimmer gekommen, wo es zwar nie von einem
Sonnenstrahl
selbst getroffen wird, den ganzen Tag über aber in einer Lichtflut
steht, die durch Riesenfenster einströmt, die alle Sonne
durchlassen
— und nun strahlt auch das liebe Bild in seiner vollen Schönheit
und
erzählt uns tagtäglich von den Licht- und Farbenwonnen des
Südens!
Meine Frau trägt
mir viele herzliche Grüße auf, und ich schließe mich
ihnen
an in der festen und frohen Hoffnung, Ihnen in nicht zu ferner Zeit —
sei
es in München, sei es hier — persönlich zu begegnen.
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter und lieber Herr Lehmann!
Heute früh
schickte
ich Ihnen einiges Geschäftliche. Nachmittags ist nun endlich meine
Einbürgerung vollzogen worden, und ich erfülle meine schon
lange
feststehende Absicht, indem ich als allererste Handlung meinen Wunsch,
dem A l l d e u t s c h e n V e r b a n
d
anzugehören, ausspreche. Zwar bin ich schon seit einiger Zeit mit
Herrn Claß in brieflicher Verbindung; doch es ist mein besonderer
Wunsch, daß Sie hier meine Patenschaft übernehmen und die
Sache
in die Wege leiten möchten. Darum bitte ich Sie mit diesen Zeilen.
Sie werden wohl heute
den Besuch der Herren K. und K. empfangen haben? Sie waren gestern bei
mir. Ich war über die Jugend des einen erschrocken und fand den
anderen
mehr eingenommen von sich selber und seinem Schicksal, als ich es in
einem
Augenblick, wie dem jetzigen, gewünscht hätte. Dazu war ich
gerade
gestern früh am Herzen so gepeinigt, daß ich kaum sprechen
konnte.
Ich glaube immer, die Leute befinden sich in einer großen
Illusion,
welche vermeinen, die Welt vom Theater aus reformieren zu können;
doch an und für sich hat gerade diese Zeitschrift ¹ manches
Gute
gebracht — wenn auch nicht alle Mitarbeiter ganz rein zu uns
gehören.
Mit den herzlichsten
Grüßen verbleibe ich Ihr
ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
„Bühne und Welt“.
Hochgeehrter Herr Professor!
Daß Sie die
Zeit gefunden haben, mir so freundlich zu schreiben, hat mich wirklich
gerührt, und ich danke Ihnen verbindlichst dafür. Ganz
besonders
gefreut hat es mich, daß die Erwähnung in „Hammer oder
Amboß“
einigen Nutzen gestiftet hat. Daß niemals unmittelbar viel aus so
etwas erfolgt, weiß ich und habe es nicht anders erwartet, doch
es
kommt halt eins zum anderen, und ich bin froh und stolz, wenn ich Ihrem
großen Unternehmen ¹, für das ich geradezu
leidenschaftliche
Bewunderung empfinde, auch nur im geringsten habe dienen können.
Ich
wünsche, ich könnte es in einem ausgiebigeren Maße.
Für
die angezeigte, noch nicht eingetroffene Gabe danke ich im voraus sehr;
Sie können sicher sein, daß, was aus Ihrer Feder kommt —
soweit
ich es zu verstehen vermag — stets bei mir lebhafte Beachtung findet.
So
war das neulich wieder der Fall bei Ihrer Einführung zu jenem
großen
Aufsatz über die englische Handelsbilanz. Sie erschien mir ebenso
wichtig wie belehrend, und ich habe mehrere politische Männer
darauf
aufmerksam gemacht, die — wie es so geht — von diesen
Zusammenhängen
keine Ahnung hatten.
Daß Sie nicht
überall mit mir übereinstimmen — das kann wohl nicht anders
sein;
doch die Aufrichtigkeit, mit welcher Sie mir das sagen, gefällt
mir
ganz besonders, und ich wage zu hoffen, daß auch meine
Aufrichtigkeit
Ihnen nicht mißfällt.
Mit den besten
Grüßen
verbleibe ich
Ihr in Verehrung ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Das Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der
Universität
Kiel, Kaiser-Wilhelm-Stiftung.
Hochverehrte Exzellenz!
Mir, sowie dem
Familienkreis
in Wahnfried haben Sie eine große, dankbarlichst empfundene
Freude
gemacht mit Ihren lieben Zeilen vom 6. 8. Wir hatten so lange
nichts
gehört und wußten gar nicht, wo wir Sie uns vorstellen
sollten.
Bei meinen kleinen
Arbeiten gibt es für mich keine größere Freude, als
wenn
ich aus der vordersten Front solche Worte vernehme, wie Sie sie an mich
zu richten die Güte haben. Da hat man doch wenigstens etwas getan
— wenn man denen, die die ganze Last tragen, einen Augenblick Freude
gemacht
hat. Im übrigen lassen Sie mich Ihrem Beispiel folgen und
schweigen
über das viele, was wir ganz gewiß beide in ganz gleicher
Weise
empfinden und was besser nicht ausgesprochen wird. Im Laufe des Krieges
bin ich nach und nach mit manchen Männern in Berührung
gekommen
— teils der Armee und Marine angehörig, teils Politiker oder sonst
in der deutschen Sache betätigten Männern: dadurch bin ich in
viel engere Berührung mit den Vorgängen dieser Zeit gekommen
als ein bloßer Zeitungsleser und auf Erzählungen
Angewiesener;
zwar gibt mir diese Tatsache Veranlassung, Gott zu danken, daß
ich
an diesen großen Ereignissen, wenn auch nicht mittragen, so doch
miterleben darf. Ihnen aber, hochverehrter, lieber Herr
Gesinnungsgenosse,
brauche ich nicht zu sagen, daß ein solches Wissen zugleich eine
große Last ist. Unter ihr — zugleich unter den schweren
Kämpfen,
die meine Seele durchmachen mußte — bin ich jetzt auch physisch
zusammengebrochen
und muß leider meine geringe Tätigkeit vor der Hand
aufgeben.
Mit meiner Frau hoffe ich nächsten Mittwoch nach Bad-Gastein auf
einen
Monat zu reisen; die Ärzte erhoffen von dieser Kur viel. Ich
glaube
hauptsächlich an die siegende Kraft der Geduld.
Ein Wort in Ihrem
lieben Schreiben veranlaßt mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich
nunmehr auch äußerlich Deutscher geworden bin und die
Einbürgerung
endgültig erlangt habe.
Wie Sie, bete auch
ich zu Gott um ein Wiedersehen Auge in Auge auf dem uns heiligen
Festspielhügel!
Verehrungsvoll und
aufrichtig ergeben
Houston S. Chamberlain.
Sehr geehrter und Lieber Herr Professor!
Das mir
entschlüpfte
„lieber“ müssen Sie sich schon gefallen lassen, denn ich habe Sie
so in mein Herz geschlossen wie seit Jahren keinen Menschen. Seit dem
Heimgange
A. Rubinsteins glaubte ich in Beziehung auf gewisse Kunsterlebnisse
für
ewig verwaist zu sein: ihm war ich in früher Jugend nachgereist,
soweit
die knappen Mittel und die drängenden Arbeiten es irgend
erlaubten,
um unterzutauchen in die Wonne reinsten Genusses. Kein anderer hat mir
das je wieder geschenkt — bis zu jenem Abend und zu jenem Morgen, wo
Ihr
Stern mir aufging! Zwar habe ich einmal am selben Klavier, wo Sie in
Wahnfried
spielten, und auf demselben Stuhle sitzend, wie Sie, Franz Liszt
spielen
g e s e h e n — leider kann ich aber nicht sagen „gehört“, denn er
spielte vierhändig mit Reisenauer. Zwar ein unvergängliches
einziges
Schauspiel, zugleich aber ein Schmerz; es war ganz kurz vor seinem
Tode.
— Glauben Sie nicht, daß ich hiermit sagen will, Sie erinnerten
mich
an Rubinstein: Sie sind von ihm ganz verschieden, und ich habe den
Eindruck,
daß ich bei näherer Bekanntschaft sie noch höher werde
schätzen — denn es lag in ihm etwas durchaus Exotisches, zwar
nicht,
nein gar nicht Jüdisches, wie manche Unwissende behaupten, aber
Tatarisches
oder sonst irgend etwas Unheimliches aus Zentralasien. Steht dieselbe
Meisterschaft
der Ausführung, die hohe Glut des Empfindens einer d e
u t s ch e n Musikerseele zur Verfügung, so muß
sie natürlich noch Größeres bewirken.
Leider bin ich krank
und stehe außerdem im Vorabend der Abreise nach Bad Gastein, wo
ich
Erquickung suchen will — sonst würde ich Ihnen einen sehr langen
Brief
schreiben, denn Ihre Sendung hat für mich gerade das Richtige
getroffen.
Durch Beethoven bin ich seiner Zeit „Mensch“ geworden — oder sagen wir
zum Menschtum plötzlich wie aus einem bösen Traum erwacht.
Einmal
muß ich Ihnen erzählen, wie das zuging. Genug, ich lebe seit
etwa 40 Jahren in den Sonaten — kann sie zwar nicht spielen, da ich in
einer Umgebung aufwuchs, wo der Begriff Kunst überhaupt nicht
bekannt
war, und dann war es zu spät. Aber Sie selber können sie
nicht
mehr lieben, als ich sie liebe, und ich habe Ihre Ausführungen zur
D-Moll und F-Moll wiederholt verschlungen — als ob sie nur für
mich
geschrieben wären... Ich werde weggerufen; lassen Sie mich nur das
Eine sagen: Sie haben in allem recht; ich nehme es mit jedem auf, der
das
Gegenteil behauptet! Mehr ein anderes Mal. Heute nur der
Händedruck
des innigsten Verständnisses und der sehnsuchtsvollen Hoffnung auf
Wiedersehen und Wiederhören.
Houston S. Chamberlain.
Sehr verehrter, lieber Herr Lehmann!
Mit Ihren Zeilen
vom
22. d. M. (soeben eingetroffen) haben Sie mir eine sehr, s
e h r große Freude gemacht. Viel und inständig
habe
ich Ihrer dieser tage gedacht und wollte es Ihnen sagen — doch stehe
ich
unter strengster Kur-Klausur, da mein Herz- und Nervenzustand dies
erfordert;
dies ist meine erste Sünde.
Ich k
a n n es einfach nicht unterlassen, Ihnen kurz meine
Auffassung
mitzuteilen. Ich würde es für sehr unweise halten, sich den
deutschen
Arbeiterstand bei solch einem Unternehmen zum Feind zu machen. Es
hieße
gegen den Rat des „Klugseins“ verstoßen, den der Heiligste uns so
eindringlich empfahl. (Es gibt verrückte, es gibt auch böse,
verbrecherische Menschen unter den Soz.-Führern, namentlich
geschworene
Feinde des Deutschtums. Doch herrscht hier, wie überhaupt in der
deutschen
Politik, das Mißverständnis — und d i e s e
s
aufzuhellen ist die vorliegende Aufgabe, aus der alles übrige sich
von selbst ergeben wird.
In Wirklichkeit ist
das politische Parteiwesen überhaupt gänzlich undeutsch; es
entspricht
keiner Wirklichkeit, sondern entsprießt aus Wahngedanken. Selbst
England — bedenken Sie das — hat bis vor ganz kurzem das politische
Parteileben
im heutigen Sinne n i c h t gekannt — sondern
lediglich
ein Hin und Her zweier Interessengruppen, die im Grunde dasselbe
wollten.
Sobald das Parteiwesen auch dort aufkam, war es mit dem „Parlament“ zu
Ende. — Ein vernünftiges Staatsgebilde verträgt
nur
S t ä n d e v e r t r e t u n g e n, und dahin steuert
offenbar Deutschland unbewußt hin. Die Kraft des Sozialismus
liegt
gerade darin begründet, daß er einen Stand vertritt — also
wirkliche
Lebensinteressen, nicht politische Lehren. Der Wahn, daß er die
anderen
Stände verzehren könne und werde, wird in dem Augenblick
schwinden,
wo diese ebenfalls organisiert auftreten. Man sieht dies schon
innerhalb
der Industrie und Landwirtschaft beginnen. I n t e r e s s
e n g r u p p e n werden sich verständigen, (wie sie
schon
jetzt innerhalb Gemeindeverwaltungen tun), denn die Vertretung von
Interessen
macht klug, öffnet die Augen für andere Interessen, wogegen
die
P a r t e i eine Lehre, ein Dogma begründet hat und
darum
nie nachgeben kann, ohne sich selber untreu zu werden. Im einen Falle
haben
wir ewigen, nie beizulegenden Kampf und Haß, im anderen ein
Nachgeben
und gegenseitiges Fördern auf allen Seiten, weil fünf
Interessengruppen
zwar nicht alle auf dem eigenen Kopf bestehen können, wohl aber
sich
alle fünf durch Ineinanderfügen gegenseitig begünstigen,
was bei Parteien nie der Fall, weil jede alles will und alles wollen
muß.
Von meinen Interessen etwas zu opfern, ehrt mich, von meiner
Überzeugung
etwas zu opfern, entehrt mich. So ist jedes politische Kompromiß
eine Unredlichkeit, jedes Interessenkompromiß eine weise und edle
Tat.
Ich meine, unser
Ziel muß sein: „Hinaus mit der undeutschen Politik“. Nicht aber
dürfen
wir uns einer oder der anderen Partei verpflichten, sei es zu Liebe,
sei
es zu Haß.
Ich weiß wohl,
es ist schwer durchzuführen, denn wir befinden uns im
Übergangschaos,
und zunächst wird jeder Schritt parteipolitisch beurteilt: gerade
diese Schwierigkeit gilt es zu überwinden. Die Zukunft zu
gestalten,
erfordert besondere Männer, die zwar in der Gegenwart stehen, aber
doch nicht in ihr befangen bleiben. Die Frage „Sozialismus und
Antisozialismus“
wäre für mein Gefühl viel zu eng.
[...]
Verzeihen Sie: ich
habe mit Mühe den Stift geführt und nur andeuten können.
Es ließ mir keine Ruhe.
Herzlichst
grüßt
Ihr sehr ergebener
Houston Stewart Chamberlain.
Hochgeehrter Herr Lehmann!
Haben Sie besten
Dank
für Ihren inhaltreichen Brief vom 2. d. M. Leider ist es mir
noch immer nicht möglich, Ihnen so zu schreiben wie ich
möchte.
Die Kur und was dazu gehört, nimmt alle Zeit in Anspruch, und der
leidige Herzzustand, obwohl soweit gebessert, daß ich gut
schlafe,
verbietet noch immer jede die Leidenschaft erregende eingehende
Beschäftigung.
Lassen Sie mich also
nur kurz sagen, daß Ihre orientierenden Ausführungen
über
die Ansichten der beiden Herren mir sehr wertvoll waren. Ich selber
hatte
Ihnen nur ein kleines Bruchstück von dem gesagt, was ich auf dem
Herzen
hatte. So z. B. denke ich mir die erwähnte Ständegliederung
durchaus
nicht als eine gesetzlich einzuführende Neuerung, sondern als eine
aus der Initiative energischer Männer hervorgehende T
a t s a c h e. Vor kurzem schrieb mir ein bedeutender Mann
— den ich heute nicht nennen will —‚ das Einzige, was er an meinen
Arbeiten
nicht leiden könne, sei die Polemik gegen die Parlamente, es ginge
doch nicht an, „die Welt zurückschrauben zu wollen“. Wollte ich
das,
so wäre ich ein Schwärmer — was ich nicht bin; vielmehr
möchte
ich nur dazu beitragen, die Weltuhr vorzurücken — etwa wie es mit
der neuen Sommerzeit so segensreich gelungen ist. Erkennt man,
daß
der Reichstag in seiner jetzigen Verfassung ein geradezu furchtbares,
rettungsloses
Übel ist — ein Zeit- und Kräfteverlust ohnegleichen, ein
Vernichter
jedes organischen Aufbauens — so folgt daraus mit Notwendigkeit,
daß
hieran etwas geändert werden muß, und daß es eine
bloße
Redensart ist, wenn man von „Zurückschrauben“ redet und die Sache
dadurch so hinstellt, als wären die gegenwärtigen
Verhältnisse
Felsen, an denen weder gerüttelt werden kann noch darf.
Menschliche
Institutionen sind menschliche Werke. Der Wille, sie
zweckmäßig
zu gestalten, ist die Grundbedingung aller praktischen Tätigkeit.
Nun wäre es gewiß naiv, wenn man erwarten wollte, der
heutige
Reichstag würde sich jemals aus eigener Einsicht umgestalten.
Folglich
bleibt nur der eine Weg, daß er nämlich von außen aus
umgestaltet wird: Kein Staatsstreich, keine Verfassungsänderung,
die
nur auf dem Wege unheilvoller Kompromisse zu erreichen sein würde,
sondern einfach eine Umwandlung durch neue Richtung des Willens in
immer
weiter werdenden Kreisen der Bevölkerung.
Sie verstehen jetzt
vielleicht besser — weil ich mich deutlicher ausgedrückt habe, —
was
ich unter der neuen Ständegliederung mir denke: eine Vernichtung
der
heutigen P a r t e i e n, ein gründliches
Hinauswerfen aller berufsmäßigen Parlamentarier und
Nurpolitiker,
eine Erlösung aus hohlen Doktrinen, eine Vertretung durch
Männer,
die wirkliche Interessen — also Wahrheiten — verkörpern, kennen
und
zum berechtigten Ausdruck bringen. Das wäre immerhin ein Schritt
auf
dem Wege zu einem weniger absurden Zustand als der heutige es ist, und
ich bin überzeugt, daß nur der erste Schritt schwer zu tun
sein
wird, die folgenden aber dann sehr schnell eine Umwandlung bewirken,
von
der wir uns heute kaum eine Vorstellung machen können.
Wenn Sie meinen
früheren
Brief durchschlagen lassen, werde auch ich um eine Abschrift bitten, da
ich keine besitze. — Auf unserem Rückwege halten wir uns kurz
und
s t r e n g i n k o g n i t o in München
auf
und werden Sie bitten, uns in aller Stille die Freude Ihres Besuches zu
gönnen. Ich bedarf leider noch großer Schonung.
Treu und herzlich
Ihr
Houston S. Chamberlain.
Sehr verehrter Herr Hartmeyer!
Ihre lieben Zeilen
vom 23. 8. gelangten sehr spät in meine Hände, weil ich, um
nicht
gar zu viele Briefe zu verlieren, nichts nach Österreich
nachschicken
ließ, wo ich jetzt eine einmonatige Kur in Bad Gastein
genoß,
und von wo ich jetzt gestärkt, wenn auch nicht geheilt,
zurückgekehrt
bin. Haben Sie nachträglich tausend Dank, ganz besonders auch
für
den entzückenden kleinen Aufsatz. Ich will Ihnen offen gestehen,
daß
sich stets etwas wie eine Trauerwolke auf mein Gemüt niedersenkt,
wenn ich mich zu hoch eingeschätzt sehe; es ist, als würde
von
einem so viel mehr gefordert, als man jemals zu leisten hoffen kann;
doch
solche Empfindungen schüttle ich schnell ab — schließlich
tut
jeder, was er kann, und Gott fügt es zu einem Ganzen; und da
bleibt
dann nur die Dankbarkeit für so viel Güte und Wärme, —
wozu
in Ihrem Falle die sehr dankbare Anerkennung einer so selten zarten
Diskretion
kommt.
In Gastein sah ich
unseren gemeinsamen Freund Leopold von Schröder ziemlich viel, da
er hauptsächlich unseretwegen zehn Tage dort verbrachte. Sein
prächtiges
gesinnungstüchtiges Wesen hat mir wieder besondere Verehrung
eingeflößt.
Auch haben wir sehr viel Interessantes durch ihn erfahren. Ein anderer
interessanter Besuch war der des Kammerherrn von Riepenhausen — Ihnen
gewiß
als früheres langjähriges Reichstagsmitglied, Gutsnachbar
Bismarcks
in Varzin usw. bekannt. Er bewegt sich in Kreisen, die ihm vieles zu
wissen
erlauben, und sein Herz war sehr vollbepackt; nur um es in das meinige
auszuschütten, war er nach Gastein auf einen Tag heraufgefahren —
freilich für mich ein sehr kurwidriges Beginnen. Auf dem
Rückweg
hatte ich auch in München interessante Begegnungen mit
wohlinformierten
Männern. Ich denke mir, Ihnen muß das alles sehr schmerzlich
fehlen da draußen. Ich hoffe, Ihre Herzbeschwerden haben wieder
nachgelassen?
In der Hoffnung,
Ihnen bald und mit mehr Muße wieder zu begegnen, verbleibe ich,
sehr
verehrter Herr Doktor,
Ihr sehr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrte Freundin!
Ihr Brief vom 18.
8. ist spät in meine Hände gelangt, und die Fülle des zu
Erledigenden war so groß, daß wir zu dritt die Sache in die
Hand nehmen mußten.
Lassen Sie mich
zunächst
Ihnen von Herzen danken und wiederholt versichern, daß gerade
Ihre
Briefe mir stets eine Quelle der angenehmsten Unterhaltung sind und
daß
ich stets Zeit habe, sie zu lesen und wieder zu lesen — denn die nehme
ich mir ganz einfach. Dazu kommt, daß ich jetzt unter einem sehr
strengen Verbot lebe und keine eigentliche Arbeit unternehmen darf, —
ja,
aufrichtig gesagt auch einsehen muß, daß ich dazu
unfähig
bin. Einen kleinen Aufsatz hatte ich noch zu Papier bringen wollen „Der
Wille zum Sieg“, mußte es aber unterlassen, da die Nächte
vollkommen
schlaflos wurden.
Ihre erste
gütige
Frage kann ich dahin beantworten, daß Gastein mir wirklich
große
Dienste schon geleistet hat, mehr wird als später eintreffend
prophezeit
und noch mehr sollen künftige dortige Kuren leisten. Die Luft war
unbeschreiblich herrlich, und die Bäder, die ich bis zu 20 Minuten
ausdehnen durfte, bekamen mir vortrefflich. Dort erlangte ich sofort
wieder
die verlorene Nachtruhe, und es entwichen fast ebenso plötzlich
die
quälenden Rückenschmerzen — die einem wirklich das Leben fast
unerträglich machen. Dagegen wird der Arm immer schlimmer, und es
hat sich ein Fuß dazugesellt, der auch eine Schmerzensschule
bedeutet,
dazu der nicht weichende Herzdruck. Kurz ich bin, was die Physis
anbelangt,
ein ganz gehöriger „Kriegskrüppel“, und ich muß mich
wohl
oder übel dareinfinden, den Aufregungen — so viel diese Zeiten es
nur erlauben — aus dem Wege zu gehen. Doch wie Sie wissen, ist
Pessimismus
nicht meine Sache, und als Ergebnis einer langen Konferenz mit meinem
Verleger
in München hat dieser mir einen „Parlograph“ geschenkt, der mich
der
Mühe des Schreibens völlig enthebt, und mit dessen Hilfe ich
schon darangegangen bin, weitere Lebenserinnerungen zu gestalten. Wir
sind
übereingekommen, dies nicht in der Form einer lückenlos
zusammenhängenden
Erzählung zu tun, dagegen spricht nicht nur meine Abneigung gegen
eine solche ermüdende Aufgabe, sondern auch die Tatsache,
daß
ich vieles Beste gar nicht erzählen könnte — sondern wir
denken
an einzelne Bilder, die für eine ganze Zeit oder eine ganze
Geistesrichtung
charakteristisch und symbolisch gelten können — etwa nach Art des
im Brief an Kuntze ¹ schon andeutungsweise Geleisteten. Und zwar
denke
ich daran, das Ganze aus einer Reihe von Briefen bestehen zu lassen, da
hieraus einerseits für mich große Freiheit in der Auswahl
entsteht
und anderseits eine gewisse Vielseitigkeit der Behandlung, die aus der
Vorstellung verschiedener Individualitäten, an welche die Briefe
gerichtet
sind, sich ergibt. Ich weiß nicht, ob nicht der eine Brief
vielleicht
die Überschrift tragen wird: „An
Fräulein Sidonie Peter“! Außerdem begegnete ich nun in
Gastein
meinem alten Freunde Leopold von Schröder, dem Wiener Indologen,
und
fand ihn voll des Wunsches, eine Art kleine schematische
Lebensübersicht
zu entwerfen; ² zwar konnte ich ihm oder vielmehr durfte ich ihm
die
Stunde zu seinen vielen Fragen nicht gewähren, und jetzt, wo er
von
dem anderen Vorhaben gehört hat, will er seine Absicht auf
später
vertagen — doch ist es mir immerhin eine Beruhigung, daß sich
einer
dazu bereitfindet und ich es also nicht zu tun brauche.
Was Sie über
Alexander Herzens Lebenserinnerungen sagen, stimmt ganz genau mit
meinen
Eindrücken überein. Denken Sie nur, — wir haben — meine Frau
und ich — gerade die Confessions von J. J. Rousseau gelesen,
die
sie nicht kannte; bei mir waren Jahre seit der letzten Lektüre
verstrichen;
und ich muß sagen, mein früherer Eindruck kehrte
verstärkt
wieder, daß dieser Mann — rein als Beherrscher des
Sprachausdruckes
und seiner Verwendung betrachtet — vielleicht der größte
Schriftgewaltige
aller Zeiten ist — bei welchem Urteil ich natürlich von einer
Erscheinung
wie Goethes insofern absehe, als der mit der Sprache über die
Sprache
hinauslangt. Ich gebe freilich zu, daß das mit Unterbrechungen
geschriebene
Werk große Ungleichheiten aufweist, und daß namentlich
derjenige
Fehler, gegen den Sterne fahndet, nicht selten begegnen wird: daß
nämlich gewisse Episoden dermaßen hinreißend sind,
daß
die folgenden auf alle Fälle matt und blaß erscheinen
müssen.
Immerhin aber ist und bleibt dieses Buch ein Meisterwerk unter
Meisterwerken.
Auf Ihre Frage nach
meinem Jugendaufsatz erwidere ich Ihnen, daß ich ihn sicher
irgendwo
unter meinen Papieren besitze, doch frage ich mich jetzt, ob er nicht
vielleicht
den Contrat Social betraf; denn ich habe unter noch
älteren
Papieren von mir ausführliche Auszüge und Notizen über
die
Inégalité
gefunden (französisch), und ich glaube kaum, daß ich diese
Schrift
zweimal behandelt haben werde.
Denken Sie mal, was
meine Frau und ich jetzt abends zusammen lesen: die Nouvelle
Heloïse!
Ich habe in früheren Jahren nie die Geduld und vielleicht auch
nicht
die Muße besessen, dieses Buch zu lesen; jetzt aber tue ich es
mit
staunender Bewunderung. Heute früh las ich meiner Schwiegermutter
den 23. Brief des 1. Teiles vor, die Schilderungen der Reise in den
Walliser
Alpen — und immer wieder unterbrach sie mich, hingerissen von der
Schönheit
der Sprache und der Kraft der Eindrücke. So unbedingt einfach und
so vollendet angemessen hat wohl noch nie ein Mensch geschrieben, und
es
fällt nur darum den meisten nicht auf, weil eben die Vollendung
erreicht
ist.
Die Memoiren der
Contesse de Boigne kenne ich nicht. Glauben Sie, daß es was
für
mich ist?
Ihr Urteil über
Treitschke hat mich ein klein wenig — aber nicht gar zu sehr —
erstaunt;
die Aufsätze, auf die Sie anzuspielen scheinen, sind mir
augenblicklich
nicht gegenwärtig. Mir ist‘s aber mit ihm in letzter Zeit
umgekehrt
gegangen: ich habe nämlich sein Werk „Die Politik“ zum erstenmal
nicht
bloß durchgerast und ausgebeutet, sondern wirklich gelesen; wie
Sie
wissen, ist es kein von ihm verfaßtes Werk, sondern ein sehr gut
redigierter Bericht nach stenographischen Aufnahmen von Vorlesungen,
und
da hat man den ganzen lebendigen, prachtvollen Menschen mit seiner
Leidenschaft,
mit seinen Übertreibungen, mit seiner Liebe und seinem Haß,
wie er lebte und webte, vor sich — und dieses Buch gefällt mir
eigentlich
besser als alle anderen aus seiner Feder. An seinen Aufsätzen
hatte
ich auch damals, wie Sie jetzt, eine dschungelhafte
Unübersichtlichkeit
zu beklagen, auch eine professorale Umständlichkeit... Das alles
ist
in dem Werke über Politik wie fortgezaubert.
Die Worte
„professoral“
und „Politik“ rufen mir Ihren Freund Richard Schmidt ins
Gedächtnis,
über dessen „Allgemeine Staatslehre“ wir hier sprachen, und von
der
ich Ihnen sagte, wie sehr ich den ersten Band schätzte. Sobald er
dann das Geschichtliche in Angriff nimmt, sinkt er für mein
Gefühl
nicht unmerklich herab. Es ist ja auch viel verlangt, daß ein
Mann
alles beherrschen soll. Und in der Tat, wer einige Kenntnisse besitzt,
merkt bald, daß der Gelehrte — da er jetzt sich auf einem
Zwischengebiet
bewegt — sich in Wirklichkeit auf ganz wenige Führer
verläßt,
denen er blind folgt; ich war bisweilen erstaunt, was alles er nicht
weiß
und nicht beachtet. Es kommen da ganz merkwürdige Schnitzer vor.
Nicht
etwa, daß ich ihm sein wegwerfendes Urteil über die „Grundlagen“
im geringsten übel nehme; ich hätte es auch sehr gut
verstanden,
wenn er mich ebenso ignoriert hätte, wie er hundert verdiente
Fachhistoriker
mit Stillschweigen übergeht. Was aber immer wieder mich bei diesem
Gelehrten stutzig macht, ist die leichtsinnige Ungenauigkeit, aus der
hervorgeht,
daß sie die Dinge, von denen sie sprechen und die sie aburteilen,
gar nicht kennen, so daß ich mich auch hier fragen muß: Wie
ist es eigentlich zugegangen? Hat der Mann wirklich einmal die
„Grundlagen“
in der Hand gehabt? Und auf wie viele Minuten? Oder hat er nur einen
Bericht
darüber gelesen oder gehört und das Weitere durch seine
Phantasie
ergänzt? Hören Sie nur das eine: — er behauptet, mein Buch
strotze
von „Fanfarenstößen für Richard Wagner“!!! Die
„Grundlagen“
und Richard Wagner! Ein einziger Blick auf das Register überzeugt,
daß der Name nicht einmal zehnmal im ganzen über 1000 Seiten
zählenden Werk genannt wird; ja nicht einmal so viel, denn im
Register
ist auf Stellen auch hingewiesen, wo der Name gar nicht vorkommt,
sondern
in irgendeinem weiteren Sinne Wagner auch mit inbegriffen sein
könnte;
und auch wo der Name wirklich vorkommt, geschieht das zum Teil
bloß
in Anmerkungen, wo auf irgendein politisches oder historisches Wort des
Bayreuther Meisters verwiesen wird. Ich wäre Ihnen wirklich sehr
dankbar,
wenn Sie mir eine einzige Stelle nachweisen könnten, die selbst
bei
einem voreingenommenen Menschen diesen Eindruck zu erwecken geeignet
wäre;
mir ist keine erinnerlich. Und noch ein Beispiel von dem unglaublichen
Leichtsinn solcher von ihrer Gottähnlichkeit trunkenen
Fachgelehrten:
auf Seite 87 des 2. Bandes kommt er wieder auf mich zurück, um zu
behaupten, ich klammere mich an an Burckhardts „Griechische
Kulturgeschichte“,
welche gar nicht existierte, ich meine, nicht veröffentlicht war
zur
Zeit, da ich die „Grundlagen“ schrieb. Solche Dinge sind mir schon oft
vorgekommen: es ist aber ein krasser Fall, wenn nicht ein bloßer
Zeitungsschreiber, sondern ein angesehener Fachmann sich so benimmt. —
Für die „Grundlagen“ selbst kann es ja gleichgültig sein: mit
ihren Eigenschaften und mit ihren Fehlern werden sie bleiben, was sie
sind,
und sie sind „etwas“ — mehr halte auch ich nicht davon.
Auf Krieg und Politik
gehe ich grundsätzlich nicht ein, sondern beuge mich dem
ärztlichen
Gebot. Nur so viel will ich sagen, daß ich wieder hervorragenden
Männern und eingeweihten Persönlichkeiten begegnet bin, die
alle
sehr gütig gegen mich waren und mir vieles Interessantes
erzählten.
Neulich war ein Freund hier, von dem ich Ihnen, glaube ich,
erzählte,
und der seit Jahr und Tag bei Hindenburg war und täglich zweimal
mit
ihm speiste — bis zu dessen Ernennung zum Generalstabschef, und er
brachte
herrliche Anekdoten, zugleich sehr traurige, über die ich aber
nicht
schriftlich berichten kann, leider.
In „Ideal
und Macht“ hat nachträglich das Berliner Auswärtige Amt
von
der Münchner Zensur Striche verlangt! Zum Glück ist man in
München
viel freier als in Berlin, und so darf unsere zweite Auflage noch ohne
Kürzungen weiter verkauft werden.
Wie Sie sehen, ich
habe in der Länge mit Ihnen gewetteifert. Nehmen Sie dies als
einen
Beweis für die große Freude, die mir Ihre Briefe machen.
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Chamberlain und sein deutscher Lehrer. Brief an Prof. Dr. Otto Kuntze.
Deutsche Bücher, 1916, München.
²
Der 1918 erschienene Lebensabriß H. S. C.s von L. v. Schroeder
(J.
F. Lehmanns Verlag, München).
Euer Exzellenz
ergreifenden Brief vom 25. d. M. mit
Worten zu beantworten und entsprechend dafür zu danken, fällt
mir sehr schwer; ein Blick und ein Händedruck wären
angemessen.
Steht mir nicht einmal die Feder zur Verfügung, denn ich bin krank
und kann sie nicht führen; diese Worte muß ich in einen
Parlographen
hineinsprechen — ein Instrument, das mir zwar im Augenblick sehr zu
statten
kommt, das aber eine Geistesgegenwart erfordert, die nicht so schnell
zu
erringen ist. Ihre Worte haben mich ergriffen und erhoben. Daß
die
Wehmut des herben Verlustes Ihnen die Zunge gelöst hat, um mir die
große Freude zu machen, daß ich von der dauernden Wirkung
meiner
Werke in Ihrem edlen Familienkreise erfahre: das empfinde ich zugleich
als eine merkwürdige, schöne und wehmütige Fügung.
Man fühlt sich über die Zeitlichkeit und über die ach!
so
schmerzlich engen Schranken des armen Ich hinausgehoben. Von Herzen
danke
ich Ihnen.
Die Karte Ihres
verewigten
Heldensohnes an mich hat meine Frau nun herausgesucht; ich lege sie
hier
bei als den beredtesten Dankesausdruck, der in meiner Macht steht.
Aus Ihren Bemerkungen
über Luther glaube ich zu entnehmen, daß Sie mein kleines
Sammelbuch
„Deutsches Wesen“ kennen, in welchem der einzige ausführliche
Aufsatz
enthalten ist, den ich je über den großen Reformator
geschrieben
habe. Wenn nicht, würde ich um die Erlaubnis bitten, Ihnen ein
Exemplar
dedizieren zu dürfen.
Die Angriffe auf
mich, die Sie erwähnen, habe ich zum größten Teil
überhaupt
gar nicht kennengelernt und pflege diesen Erscheinungen keine besondere
Beachtung zu schenken. Ich meine, Liebe und Haß verhalten sich
etwa
wie Tag und Nacht; wer das eine zu verdienen hofft, muß das
andere
mit in Kauf nehmen. Seit mehr als zwanzig Jahren schaffe ich in
weltabgeschiedener
Stille; dieses Schaffen ist mein Glück; was es für andere
wert
sein mag, vermag ich gar nicht zu beurteilen und bin dann sehr
glücklich,
wenn ich solche Dinge erfahre, wie Ihr lieber Brief mir berichtet. Ich
selbst lese in meinen Büchern wie ein Fremder; denn der
Alltagsmensch
und der Mensch, der in glücklicher Stunde schreibt, sind zwei sehr
verschiedene Wesen.
Noch einmal,
hochverehrter
Herr, nehmen Sie meinen warmen Dank; grüßen Sie, bitte, Ihre
verehrten Familienmitglieder; bewahren Sie mir Ihr ferneres Interesse
und
lassen Sie mich hoffen, daß mir eines Tages das Glück wird,
Ihnen die Hand zu drücken und in die Augen zu blicken.
In größter
Verehrung
treu ergeben
Houston S. Chamberlain.
Hochverehrter Herr Sektionsrat!
Mit dem lieben
Brief
vom 28. Oktober, den Sie Ihren gewiß amtlich
überfüllten
Stunden abgerungen haben, haben Sie einem Kranken eine wahre Wohltat
erwiesen.
Der Heimgang Ihres hochverehrten, von mir aufrichtig geliebten und
leidenschaftlich
bewunderten Vaters ¹ kam mir in diesem Augenblick doch unerwartet
und hat mich tief erschüttert. Die übergroße
Empfindlichkeit
der Seele bildet einen Teil meines augenblicklichen Leidens; und so
habe
ich denn den geradezu unersetzlichen Verlust im Herzen noch
ergreifender
gefühlt, als es ohnehin der Fall gewesen wäre — dazu die
unfreiwillige
Muße gehabt, viel darüber nachzudenken. Unendlich leid tat
es
mir auch, der telegraphischen Bitte der österreichischen
„Rundschau“,
eine eingehendere Würdigung des Verewigten jetzt sofort zu
verfassen,
nicht entsprechen zu können. Es hat mir aber Schweninger jede
derartige
Arbeit auf das strengste verboten. Ich hoffe aber eine künftige
Gelegenheit
ergreifen zu können, um wenigstens einiges auf meine Weise zu
sagen.
Nicht minder ergriff mich dann das Eintreffen des Buches „Erschaffung,
Entstehung, Entwicklung“ mit der eigenhändigen Widmung des
Verfassers.
Ich habe darüber Tränen geweint, teils der Freude über
die
Vollendung dieses Werkes, teils der Rührung darüber,
daß
es nicht mehr möglich sein soll, mit dem Autor darüber
Gedanken
auszutauschen. Ihr Brief, der mir gleichsam die unmittelbare
Berührung
mit den Ereignissen der letzten Monate verschaffte, hat beruhigend
gewirkt:
das Bild der standhaft ertragenen Schmerzen, der treuesten
Pflichterfüllung
bis zur letzten Stunde bietet die edle Vollendung des Bildes, das ich
im
Herzen schon trug.
Welch
merkwürdige
Fügung, daß jene Erinnerungen an mich zu den letzten
Arbeiten
gehörten. Ich fürchte, daß ich damals, an jeder
Äußerung
physisch sehr verhindert, dem edlen Freunde nur sehr ungenügend
hierfür
gedankt haben mag. Inzwischen hat mir ja Gastein eine wesentliche
Erleichterung
gebracht, namentlich indem es mir den Schlaf wiedergab. Aber ich bin
noch
ein rechter Patient, an mehreren Gliedern halb gelähmt und zu
jeder
anhaltenden Arbeit vollkommen unfähig. Zwar werden mir
Nachwirkungen
der Gasteiner Kur versprochen und namentlich Wirkungen von wiederholtem
Kurgebrauch; und ich selber bin nicht ohne Hoffnung, da es zutrifft,
daß
ich in meinem Leben alle 15 Jahre eine nervöse Affektion hatte,
wie
z. B. vor 30 Jahren eine mehrjährig anhaltende, sehr starke; wenn
also die Lebenskräfte bei meinem hohen Alter noch ausreichen, so
darf
ich vielleicht hoffen, auch diesmal das durch den Krieg und die
großen
Seelenerschütterungen
gesteigerte Leiden doch noch zu überwinden. Vorderhand, und um
nicht
ganz zu verkümmern, bin ich beschäftigt, einige Erinnerungen
in freier Briefform aufzusetzen, und der eine Brief soll heißen:
„Julius Wiesner und die Naturwissenschaft“.
An Ihre hochverehrte
Frau Mutter habe ich keinen Brief gerichtet — ich hatte den Mut nicht
dazu
und fürchtete auch die eigene Ergriffenheit. Ich darf Sie aber
bitten,
ihr den Ausdruck meiner Ehrerbietung und meines treuen, innigen
Mitgefühls
zu übermitteln.
Von dem neuen und
letzten Buche erwarte ich — nach den mir bekannten Einzelheiten — sehr
vieles; es müßte eigentlich epochemachend wirken. Ich selber
werde leider wohl nicht so bald an das wirklich gründliche Studium
des Buches gehen können, das ich jetzt durchblättere voll
Sehnsucht,
mir den ganzen Gedankengang anzueignen.
Mit nochmaligem
Herzensdank,
mit den besten Empfehlungen von meiner Frau, und mit wärmsten
Grüßen
an Sie und an Ihren Herrn Bruder verbleibe ich — mit der aufrichtigen
Bitte,
mir einen Teil der Freundschaft Ihres Vaters zu widmen,
Ihr in Verehrung ergebener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Des großen Pflanzenphysiologen Julius Wiesner, dem die „Grundlagen
des 19. Jahrhunderts“ gewidmet sind.
48-50
An Fräulein Sidonie Peter
Hochverehrte Freundin,
Ihren Brief vom
16.
erhalte ich soeben und danke Ihnen noch einmal aus ganzem Herzen, nicht
allein dafür, daß Sie sich dieser wichtigen Arbeit ¹
unterziehen,
sondern namentlich auch dafür, daß ich mich in Ihren
Händen
so zuverlässig s i c h e r wissen Darf.
Daß
Sie die Aufgabe vollkommen lösen werden, weiß ich im voraus,
und ich bitte Sie, aus dem Bewußtsein dieses meines unbedingten
Vertrauens
den Mut dazu zu Schöpfen.
Auf Ihre Frage
antworte
ich mit der von Ihnen gewünschten und mir gebotenen Kürze:
Ich will nicht,
daß
in dem ganzen Buche ein einziges Wort ohne mein Wissen und Zustimmen
geändert
wird.
Die Frage nach
„entbehrlichen
Fremdwörtern“ ist eine sehr verwickelte und könnte zwischen
uns
nur mündlich verhandelt werden. Teilweise — wie Sie wissen — gehe
ich ganz und gar mit Ihnen und bin schon lange eifriges Mitglied des
Deutschen
Sprachvereins; dennoch herrscht zwischen uns keine volle
Übereinstimmung,
und zwar weder in bezug auf den Grundsatz noch in bezug auf die
Ausführung.
Gar viele Fremdwörter halte ich für durchaus unentbehrlich,
soll
die Sprache nicht an Ausdrucksfähigkeit und an Genauigkeit
beträchtliche
Einbuße leiden; soll aber „verdeutscht“ werden, so wird es in den
meisten Fällen (ich meine bei einem so sorgfältig und
überlegt
Schreibenden wie ich es bin) mit dem Verdeutschen eines einzelnen
Wortes
nicht getan sein, vielmehr muß der Satzteil umgedacht werden. Das
habe ich bei Ihren Vorschlägen zum Kant vielfach erfahren und bin
— wo ich einverstanden mit der Entfernung des Fremdwortes war — viel
weiter
als Sie gegangen. Bei jedem solchen Wort muß man peinlich die
Tragweite
einerseits in bezug auf den genauen Sinn, anderseits auf den Stil des
Satzes
in Erwägung ziehen. Sie kennen sicher Goethes Ausspruch: „Der
geistreiche
Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was
für
Elementen er bestehe usw.“, und er warnt im Verfolg vor der Ersetzung
„eines
bedeutenden Wortes durch ein kümmerliches Surrogat“.
Nehmen wir als
Beispiel
zur Verständigung die zwei von Ihnen genannten Wörter, der
ersten
Seite des Vorworts entnommen. Beide sind gewiß nicht „bedeutend“,
ebensowenig aber entbehren sie einer verfechtbaren stilistischen
Absicht.
„Uncontrollierbare Gespräche“ besagt mit zwei Worten genau, was
gesagt
werden soll; der Satz nach Ihrem Vorschlag würde folgende
Anhäufung
bedingen: Gesprächen, deren Wortlaut sich nicht nachprüfen
läßt,
überliefert sind; so schreibe ich nicht und würde also im
Notfall
einen ganz anderen Satz dafür setzen. Mit dem Wort „Relationen“
verhält
es sich folgendermaßen: dieses Wort war zu Goethes Zeiten
gebräuchlich
und wird von ihm und von den besten seiner Zeitgenossen — ich nenne nur
Schiller — vielfach gebraucht, und zwar für die Bezeichnung einer
bestimmten Art von Berichten; „Bericht“ ist allumfassend, „Relation“
weist
einen Schatten von Geringschätzung auf, der auf eine gewisse
Flüchtigkeit
hindeutet. Diese feine Bedeutungsschattierung läßt sich mit
Hilfe von Littrés großem Wörterbuch auch im
Französischen
verfolgen, bleibt aber dort weniger bestimmt als in Goethes deutscher
Verwendung.
Bei meinem Vorwort
hat mir das alles bewußt oder unbewußt vorgeschwebt, und es
würde mich nicht wundern, wenn das Urmanuskript eine Verbesserung
aus „Bericht“ in „Relation“ trüge. Kommen Sie einmal hierher, ich
werde mir erlauben, Ihnen Manuskriptseiten vorzulegen, aus denen Sie
die
Überzeugung schöpfen werden, daß ich alles eher denn
leichtsinnig
schreibe.
Dies alles zur
Aufklärung
vorausgesetzt, melde ich, daß ich mit Freude und Dankbarkeit
einen
jeden Ihrer Vorschläge zu Verdeutschungen prüfen und auf
meine
Weise erledigen werde. Die einfachste Methode wäre, daß Sie
am Rande der betreffenden Zeile einen ganz kleinen Strich mit roter
Kreide
machten, Sie können sich darauf verlassen, daß ich sofort
verstehe,
worauf Sie zielen.
Nehmen Sie
fürlieb
mit diesen eiligen Zeilen und bleiben versichert der herzlichsten
Dankbarkeit
und Verehrung
Ihres treu ergebenen
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Vgl. Vorwort zur II. Auflage des
„Goethe“.
Hochverehrter Herr und Freund,
Von einem geheimnisvollen Nerven- und
Muskelleiden befallen, bin ich aus der Reihe der
Lebendigselbsttätigen
geschieden und ganz auf den Beistand liebender Seelen angewiesen;
hieran
fehlt es mir zwar nicht, doch so pedantisch pünktlich wie
früher
wickeln sich die Dinge nicht ab, namentlich da der Krieg mir eine
Unzahl
neuer Verbindungen und Ansprüche zugeführt hat. So blieb denn
auch die Januarnummer der „Neuen deutschen Rundschau“ unbeachtet und
unerkannt
auf dem Broschürentisch liegen, bis vor wenigen Tagen mein Auge
vom
Diwan aus zufällig darüberstreifte und eine Erzählung
¹
von Ihnen angezeigt fand. Und als meine Frau dann kam und das Heft
öffnete,
entdeckte sie Ihre liebe Inschrift, die mich so herzlich erfreute, wie
nur ein Kranker so etwas empfindet.
Und nun haben wir
gelesen und stehen unter einem sehr großen Eindruck! Die deutsche
Literatur ist