Houston Stewart Chamberlain

Briefe

1882—1924

und

Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II.

Zweiter Band: Seite 1—128, Briefe 1916—1924


Houston Stewart Chamberlain, Briefe und Briefwechsel


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Band I, Seite I-VI: Einführung/Inhaltsübersicht
Band I, Seite 001-171: Die Briefe I. 1882-1907
Band I, Seite 172-332: Die Briefe I. 1908-1915

Band II, Seite 001-128: Die Briefe II. 1916-1924
Band II, Seite 129-275: Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II
Band II, Seite 276-288: Verzeichnis der Eigennamen
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I

Houston Stewart Chamberlain

Briefe

1882—1924

und

Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II.

Zweiter Band

F. Bruckmann A.-G. / München

II



 
 

Houston Stewart Chamberlain

Houston Stewart Chamberlain

Copyright 1928 by F. Bruckmann A.-G., Munich
Gedruckt im Mai 1928 bei F. Bruckmann A.-G., München
Printed in Germany

III



Die Briefe II. 1916-1924

IV

Leere Seite


1 An Raman Pillai, Indischer Gelehrter

Bayreuth 14. 1. 16.

Hochgeehrter Herr

    Ihren Aufsatz über das Christentum in Indien habe ich mit lebhaftestem Interesse gelesen, und hätte früher gedankt, wenn ich nicht mit Influenza zu Bette gelegen hätte. Ich werde zu seiner Verbreitung beitragen.
    Als Kind habe ich mit christlichen Indern sehr schlechte und mit hinduistischen sehr gute Erfahrungen gemacht — und von meinen Onkeln, die obgenannte Inder nach Europa mitbrachten, gehört, dies sei die Regel.
    Die heilige Person Christi wird gewiß bei allen Indern Bewunderung erregen, bei manchen vielleicht Nacheiferung, und — wer weiß? — bei etlichen vielleicht zu kosmisch-metaphysischen Ahnungen führen, denjenigen vergleichbar, die Khrischna weckt — aber eine Christianisierung Indiens halte ich: erstens für unmöglich und zweitens, wenn möglich, für keinesfalls wünschenswert.
    Verzeihen Sie die lakonische Ausdrucksweise und glauben Sie an meine hochachtungsvolle herzliche Gesinnung.

Houston Stewart Chamberlain.
 

1-2 An General Matthias Hoch



23. Januar 1916  Bayreuth.

Hochverehrter Herr General

    Ein Influenzaanfall mit Fieber und Bettarrest hat alles bei mir drüber und drunter gebracht, und ich weiß gar nicht, hab’ ich Ihnen vielleicht vom Bett aus oder meine Frau für mich auf Ihre sehr lieben, willkommenen Zeilen vom 9. Januar geschrieben und den schuldigen Dank ausgesprochen? Jedenfalls geschieht es jetzt von Herzen. Ich habe viele Freunde verloren durch mein Verhalten, enge Banden zerrissen; und doch, ich konnte nicht anders, ich mußte für die Wahrheit Zeugnis ablegen, zwischen Gott und Mammon wählen; aber dankbar ergriffen schlage ich in die vielen neuen Freundeshände, die sich mir — namentlich aus der Front — entgegenstrecken.  „Geistige Granaten“ nannte der Kaiser in einem Telegramm an mich meine Kriegsaufsätze; mitgefochten zu haben, ist mir Trotz und Glück und Stolz.
    Sehr gern habe ich die Gedichte meiner Sammlung eingereiht. Es ist herrlich zu sehen, wie viel Talent der Krieg in Deutschland geweckt hat. Fast gefällt mir „An Sir E. G.“ am besten; es tut so wohl, einmal die Dinge beim Namen zu nennen!
    In größter Verehrung und Dankbarkeit

Houston Stewart Chamberlain.
 

2-4 An den Forschungsreisenden R. Rickmers



23. Januar 1916   Bayreuth

    Lieber Herr Rickmers — Besten Dank für Ihren Brief vom 22/1. Sind an meinem Aufsatz nur kleine Zensuränderungen vorgenommen worden — Kürzungen, Wortänderungen —‚ so brauchen Sie nicht ihn mir vorzulegen. Nur wenn der Sinn irgendwo gelitten hat oder eine Lücke entstanden ist, die ich ausfüllen müßte. In der Broschüre später stelle ich den Urtext doch wieder her. — Aber es wundert mich, daß das überhaupt vorgekommen ist: wohl nur auf die neuliche Hetze gegen mich im Reichstag hin? In „Des Weltkriegs letzte Phase“ ist nicht ein Wort beanstandet worden — und da hätte ich's fast erwartet; wogegen in diesem Aufsatz, soweit ich mich erinnere, gar keine Veranlassung zu Bedenklichkeiten vorlag.
    Nein, ich habe mich stets von Freimaurerei u. dgl. ferngehalten, auch bei gelegentlicher flüchtiger Beschäftigung mit Büchern darüber keine Geduld noch Interesse dafür aufbringen können. Als kleines Bübchen in Versailles kletterte ich über unsere Gartenmauer in den Nachbarhof, wo die F. M. ihre Versammlungen hielten, und konnte durch den Ritz eines schlecht verschlossenen Vorhangs in einen Erd- oder Kellergeschoßraum hineinlugen, wo der Anblick eines Schädels und einiger Knochen, aufgestellt auf einem schwarzsamtnen Tuch, meine kindliche Phantasie recht gruselig beeindruckte. Es hat mich in späteren Jahren innerlich ergötzt, als ich in Gesellschaft einen F. M. beteuern hörte, solche Dinge kämen bei ihnen gar nicht vor, es seien alberne Märchen... Auch folgende Lebenserfahrung mag interessieren. Ein Bruder von mir, ein guter, nicht sehr begabter, aber tüchtiger Mensch, war fromm und mäßig konservativ, wie es sich für einen kgl. Marineoffizier schickt — ein zufriedenes, kindliches Gemüt. Er wird Freimaurer. Nach zwei Jahren begegne ich ihm wieder und finde einen vollkommen umgewandelten Mann: betritt nie mehr eine Kirche, glaubt weder an Gott noch Teufel, ist zur radikalen Partei übergetreten usw. Und diesen gutmütigen Kerl finde ich nun im Jahre 1900 als rasenden Deutschhasser wieder, der immer von Krieg, auf Leben und Tod gegen Deutschland redet und jeden Menschen zu einem „Naval Defence League“ anzuwerben trachtet. An einen Zusammenhang dachte ich freilich damals nicht. Es fiel mir nur auf, weil ich diesem aggressiven Ton — trotz der damals schon eingesetzten Pressehetze — bei keinem anderen Mitglied meiner Familie begegnete.
    Daß Herr Roselius gut gereift ist und Ersprießliches gewirkt hat, freut mich sehr. Wie mußte ich an ihn denken, als jetzt die Nachricht von dem großen englischen Getreideankauf in Rumänien durch die Blätter ging!
    Was meinen „Freund“ anbetrifft, so müssen Sie mich nicht für einen Geheimniskrämer halten; ich erachte es aber für korrekter und auch ersprießlicher, es ihm selber zu überlassen, ob er sich nennen will oder nicht. (Diese Bemerkung ist, nicht durch Sie veranlaßt; ich will nur etwaigen verschwiegenen Gedanken zuvorkommen.) Augenblicklich befinde ich mich, wie schon oft, seit Wochen ohne jede Spur einer Nachricht; er reist viel, und ich weiß nicht, wo ich ihn mir zu denken habe. Dagegen ist begründete Hoffnung, daß ich ihm in der zweiten Hälfte Februar persönlich begegne — und das ist immer das Gescheiteste, denn jetzt im Kriege steht's mißlich um die Korrespondenz.
    Wann ich nach Berlin kommen kann, weiß ich nicht. Die Sache liegt ziemlich kompliziert.
    Mit herzlichsten Grüßen

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

4-5 An Frl. Sidonie Peter



28/1 16  Bayreuth,

Hochverehrte gnädige Freundin,

    Daß mein „Kant“ jetzt neu gesetzt wird, ist für mich nicht sehr günstig; ich habe ja keine Zeit; ein gewissenhafter geübter Freund, Prof. Gianicelli hierselbst, besorgt die Durchsicht und referiert über zweifelhafte Fälle und über gelegentliche Bemerkungen in meinem Handexemplar — aber er ist Kontrabassist, nicht Philosoph! und ich kann an eine ordentliche Revision gar nicht denken —‚ denn ich komme täglich tiefer in stille Kriegsarbeit hinein, abgesehen von literarischen Kriegsverpflichtungen.
    Es fällt mir ein, Sie zu fragen: ob Ihnen bei wiederholter Lektüre   D r u c k f e h l e r   oder mögliche   D e n k f e h l e r   oder   U n k l a r h e i t e n   oder stilistische Verstöße oder stille   W ü n s c h e   vorgekommen sind? Wenn ja, würde ich bitten, mir solche in völliger Unbefangenheit mitzuteilen. Am besten auf besonderem Bogen, den ich bei den Gianicelli-Konferenzen vorlegen und durchsprechen kann.
    Es käme darauf an, solche etwaige Mitteilungen bald zu bekommen, und zwar, da der Druck von vorn anfängt, zunächst für die ersten Vorträge; dann eventuell später für die späteren.
    Vielleicht verleide ich Ihnen das Buch mit dieser Bitte? Dann lassen Sie die Sache nur liegen. Vielleicht aber freut es Sie bei Ihrer tatkräftigen Art, dem etwas sehr bedrängten Freunde auf diese Weise ein wenig helfen zu können.
    Wir bekommen Schilderungen von unaussprechlich schönem Wetter im Süden; auch in den Bayerischen Alpen strahlende Sonne; hier ist Tag für Tag Nebelregen und Regennebel — an einem Abend erwischte ich schnell Venus, Jupiter und Saturn, Venus als  , Jupiter mit merkwürdiger Mondstellung  und Saturn geheimnisvoll wie immer, mit schön offenem Ring, — und warf noch einen sehnsuchstvollen Blick zu meinen geliebten Hyaden hinauf, von denen ich immer das Gefühl habe — entweder komme ich daher oder ich gehe dahin.
    Verehrungsvoll und treu ergeben

H. St. Chamberlain.
 

5-7 An Verleger J. F. Lehmann


7. Februar 1916  Bayreuth.

Sehr geehrter Herr Lehmann

    Ihr Brief vom 5/2 hat mich innig erfreut; ich danke Ihnen bestens dafür. Wir verstehen uns vollkommen. Natürlich bin ich nicht so reich und genau unterrichtet wie Sie; und allen Klatsch der Menschen, die „mit einer maßgebenden Persönlichkeit“ oder mit einem „hervorragenden General“ befreundet sein wollen, lasse ich an mir wie an einem Gummimantel herabfließen...; im Laufe des Krieges haben sich aber verschiedene gute Beziehungen angeknüpft — in verschiedenen Lebenskreisen —‚ die mich von der Zeitungsabhängigkeit erlöst und in einigermaßen nahe Berührung mit den wirklichen Vorgängen gebracht haben.
    Die Geschichte meines letzten Aufsatzes ist mir selber noch ganz schleierhaft. Ich war wütend auf die „Tägl. Rdsch.“, die wieder meinen Aufsatz „Des Weltkriegs letzte Phase“ mit dem Vermerk „Nachdruck verboten“ versehen hatte, wo ich doch grundsätzlich keinen Pfennig Honorar annehme, und dafür die Bedingung mir ausmache „Nachdruck gestattet“; einige Zeitungen haben sich ja wieder an mich gewandt und nachgedruckt, die meisten sind aber abgeschreckt. So schickte ich diesen neuen Aufsatz ¹ (ein Monat ist's her) an rührige Freunde in Berlin, die genau in Ihrem Sinne tätig sind, und diese setzten sich mit der Korrespondenz Lammert in Verbindung, die 800 Zeitungen versieht: die Zensur und die Verhandlungen dauerten Ewigkeiten, schließlich erfuhr ich aber, mein Zweck sei erreicht, der Aufsatz werde in ganz Deutschland am gleichen Tage in ich weiß nicht wie vielen Zeitungen und 1 Million Exemplaren erscheinen. Dieser Tag sollte Donnerstag 3/2 sein. Als ich das erfuhr, schickte ich eine Abschrift an Hugo Bruckmann, damit er am 4/2 einen „Nachdruck“ bringen könne. Die Münchner Zensur arbeitete viel schneller, strich auch nicht die Wendung, die in Berlin beanstandet worden war, „hoffähig, aber nicht deutschfähig“, die „M. A.“ brachte pünktlich den Aufsatz... Was aber nicht erschienen war, das war die versprochene Million am 3/2! Ich wenigstens habe nichts davon gehört, und von verschiedenen Seiten schreibt man mir: bei uns ist nichts erschienen... Berlin schweigt sich aus... Da muß wohl im letzten Augenblick etwas geschehen sein, denke ich. Höchst wahrscheinlich ist von der bekannten Stelle abgewunken worden. Und nun bin ich dankbar, daß wenigstens die „M. A.“ vor völligem Schiffbruch gerettet hat — auch vor einer etwaigen verwässerten Fassung.
    Auf „Des Weltkriegs letzte Phase“, der eigentlich noch kühner war, hat S. M. mir extra telegraphieren lassen, er habe den Aufsatz mit dem größten Interesse gelesen und lasse mir wärmstens danken. — In welchem Zusammenhang dieser Aufsatz entstanden war, und wer mir dafür wie für eine rettende Tat dankte, erzähle ich Ihnen später.
    Selber meine Aufsätze an Personen, die ich nicht kenne, einzuschicken, geht mir sehr gegen den Strich. Doch besitze ich gute Verbindungen, und diese tun dann viel. So war z. B. dieser letzte Aufsatz in die Hände des Generaladjutanten des Kaisers gelangt, ehe ich ihn selber zu sehen bekam.
    Aufsätze verspreche ich nie gern, weil es mir die Flügel bindet. Dagegen bin ich immer dankbar für Anregungen. Leider ist mir Osteuropa terra incognita — bis auf Bosnien-Herzegowina.
    An meinem guten Willen zweifeln Sie nicht; ich lebe ja nur, um der guten Sache zu dienen; wäre ich dazu unfähig, ich wäre vor Gram schon tot.
    Herzlich und verehrungsvoll

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Deutschlands Kriegsziel.
 

7-8 An H. Meixner



9. Februar 1916 abends
Bayreuth

Sehr verehrter Herr

    Es drängt mich, auf Ihr soeben erhaltenes Schreiben vom 7/2 sofort einige Worte zu erwidern.
    Freilich, ja, ich erhalte so viele Briefe, daß ich außerstande bin, sie alle selbst zu beantworten, — manche gar zu alberne lasse ich von freundlichen Helfern lesen und erledigen. Aber Briefe wie der Ihrige gehören doch zu den seltenen; und — wenn auch der große Krieg mir gar manchen prächtigen, auch rührenden Gruß eingebracht hat — sehr vieles z. B. aus dem Felde, aber auch aus allen Kreisen, Gegenden... so bleibt doch Ihr Brief in seiner Berücksichtigung des persönlichen Moments sehr einzig. Ihre Worte haben mich ergriffen, und ich danke Ihnen dafür — wenn das Wort „Dank“ hier einen Sinn hat.
    Lob und Tadel vertrage ich beides gleich schlecht, und lese fast nie ein Wort, was über mich gedruckt wird, — und wenn auf Zureden ausnahmsweise doch, dann auf Kosten nachfolgender Reue und Entmutigung. Bei Ihnen habe ich das Gefühl seltener Objektivität; selbst das, was vielleicht überschwenglich sein mag, verletzt mich nicht; Sie haben auch etwas von dem, was ich „die Sternenperspektive“ zu nennen pflege, an sich.
    Im übrigen: das Recht, die Dinge so zu Sehen, wie Sie sie sehen, kann Ihnen niemand bestreiten. Solche Dinge liegen außerhalb des Rechthabens. Ich pflege sehr wenig über mich selbst nachzudenken; in einem gewissen Sinne interessiert mich das „ich“ wenig; es ist auch nicht förderlich, sich die allseitigen Beschränkungen, welche Anlagen und Schicksal so grausam unerbittlich bedingen, gar zu deutlich zu vergegenwärtigen; ein wenig Unbewußtsein muß der Mensch als ein Heiliges sich hüten — ein ganz klein wenig von jener Existenz, die Einem vollendet vor den Sinn tritt, wenn man eine „Meduse“ im Meere schwimmen sieht. — Mehr als alles andere hat bei mir stets ein Gefühl der   P f l i c h t   bestimmend mitgewirkt; ich entstamme einer Soldatenfamilie und gehorche instinktiv, ohne zu fragen. Diese Pflicht ist eine Pflicht gegen Gott — ich meine, so fühle ich sie; losgelöst aus jenen allen Menschen sonst natürlichen Banden, die auch ich gern und treu getragen hätte — Vaterland, Muttersprache, angestammtes Heim usw. — fühle ich mich „gottunmittelbar“ (wie gewisse Adelsgeschlechter früher reichsunmittelbar waren). Es ist dies manchmal kein leichtes Los; August 1914 hätte es mir leicht das Leben gekostet, und ich trage noch an der Nervenüberspannung, welche aus der Not entstand, die Pflicht klar zu erkennen und ihren Geboten zu folgen. Ich bin Ihnen namentlich dafür dankbar, daß Sie diesen Punkt so feinsinnig und genau richtig erfaßt haben. Hätte ich anders gehandelt, als ich es tat, mein ganzes Lebenswerk wäre von innen aus vernichtet gewesen... und das besagt einfach: ich konnte nicht anders.
    Für heute nur noch einen Händedruck und die Hoffnung, Sie einmal persönlich kennen zu lernen.
    In dankbarer Hochachtung

Houston S. Chamberlain.
 

9-10 An Frl. Sidonie Peter



24/2 1916  Bayreuth.

    Nur ein Wort des Dankes, hochverehrte Freundin! — Aus etwas niedergeschlagener „äußerer“ Verfassung. Da meine gute Frau seit bald zehn Tagen an einer hartnäckigen Angina mit Fieber liegt — oder sich herumwankend schleppt — was einem nicht gerade Sorge macht und doch lastet, denn sie ist doch Achse und auch Sonne unseres ganzen kleinen „Wahnkosmos“. Ich selber leide an allen Schmerzen, die nur ein geistiger Schützengraben erzeugen kann, und ersticke unter Besuchen, Briefen, Anfragen, Druckschriften usw. usw.  Bisweilen lasse ich alles liegen, verriegle die Türe und lege mich hin mit Pascals „Pensées“ oder sonst mit einem vernünftigen „unpolitischen“ Buche und erhole die Seele.
    Die Verbreitung von „Deutschlands Kriegsziel“ wächst täglich. Die „Tägliche Rundschau“ brachte den Aufsatz, jetzt Tag für Tag andere Blätter, bis nach Hermannstadt hinunter. Freilich streichen manche den Schluß — oder er wird dann gestrichen. Professor Schäfer macht eine Ausgabe für alle Mitglieder seiner nach Tausenden zählenden vaterländischen Vereinigung. Stalling — der Militärverleger, macht eine Schützengrabenausgabe für wenige Pfennige. Und ich habe gestern meine Einleitung „Hammer oder Amboß“ nach München abgeschickt zu der neuen Flugschrift. — So ganz ist es also den Berlinern doch nicht geglückt, meine Stimme zu unterdrücken.
    Für die Fremdwortjagd bin ich Ihnen   a u ß e r o r d e n t l i c h   dankbar, wenngleich die Sache manchmal sehr schwer ist, ja   s e h r;   oft auch will ich nicht eine feine Schattierung opfern, und glaube mich da auf Goethe und Jakob Grimm berufen zu dürfen.
    Ein Beispiel:   K o n t r ä r e r   G e g e n s a t z   ist ein   d e u t s c h e r   technischer Ausdruck aller Schullogik; man unterscheidet „konträren Gegensatz“ und „kontradiktorischen Gegensatz“, das sind zwei verschiedene Begriffe. Einen technischen Ausdruck kann eigentlich nur ein Techniker ändern; ich bin dazu nicht befugt. Gebrauche ich aber den technischen Ausdruck nicht, so muß ich einen langen Sums machen; weil eben ein solches Wort „konträrer Gegensatz“ für jeden Wissenden vieles sagt und vieles ausschließt. — „Erkühnen“ ohne reflex. „sich“ kommt in älteren Sprachen öfters vor, Sie können sich in Grimm überzeugen; freilich jetzt kaum mehr — was aber schade ist, eine Verarmung. Ich meine, wenn man's nicht übertreibt und nicht absichtlich solche Dinge künstelt, vielmehr nur dort verwendet, wo sie von selbst sich einstellen, kann man sie nicht verurteilen. Nicht wahr?
    „Stupid“ ist für mich etwas anderes als „dumm“, und stupid auf deutsch ganz und gar anders als das englische „stupid“, näher dem französischen stupide, und ganz etwas anderes ist das lateinische stupidus, was eigentlich erschrocken, verdutzt bedeutet. Aber freilich, ein guter Schriftsteller soll nur diejenige Ausdrucksschattierung gebrauchen, die seine Leser mitfühlen.
    Herzlich dankbar und ergeben

Houston Stewart Chamberlain.
 

10-11 An Frau Gräfin Sponeck geb. von Oettingen



10 März 1916.  Frankfurt a/M.

Gnädigste Frau Gräfin,

    Für Ihre so lebendigen warmen Worte spreche ich Ihnen den herzlichsten ergebensten Dank aus. Meine Schriften haben mir Freunde und auch ein vielfaches Heer von Feinden geschaffen, und da letztere nicht schweigen, ist es dankenswert, wenn erstere nicht aus taktvoller Schüchternheit schweigen; ich empfinde es immer als Wohltat. — Nur eilig kann ich leider Fragen beantworten, zu deren Erörterung Jahre kaum hinreichen würden, da Worte hier nicht hinlangen.
    Das Dasein des Menschen als moralisches Wesen ist ein Geheimnis; es ergründen zu wollen, halte ich für widersinnig. Von Kindheit an habe ich das Gefühl gehabt, ich stünde — gleichsam — auf Gottes Handteller und brauchte mich darum nicht zu fürchten, auch nicht vor mir selber, denn wo und wie und wann ich auch strauchle und falle, Gottes Hand hält mich. Fragen Sie mich aber, was Gott ist — so kann ich Ihnen nur mit dem indischen Weisen antworten: „Neti neti“, er ist nicht so und er ist nicht so, oder mit Wagners Gurnemanz „Das sagt sich nicht! Doch bist du selbst zu ihm erkoren, bleibt dir die Kunde unverloren.“
    Darum sagt es mir nicht sehr viel, wenn behauptet wird: Christus ist Gott; ich halte die Aussage für richtig, aber nicht fruchtbar; wohingegen die Einsicht: Gott ist Christus einen Strom von Licht ausgießt — denn nun wird auf einmal „Gott“, dieser unfaßbare Begriff, mir nahegerückt.
    An einen   Fort s c h r i t t   der Menschheit glaube ich nicht, d. h. nicht, sobald ich versuche, mich dem Standpunkt einer absoluten Betrachtung (also etwa Gottes) zu nähern; was sollte z. B. „Fortschritt“ für Jesus Christus bedeuten? Wohl aber glaube ich an ein Fort s c h r e i t e n   und an ein Rück s c h r e i t e n.
    Niemals habe ich etwas Erträgliches über Schiller gelesen.
    In dankbarer Verehrung

ganz ergebenst

Houston S. Chamberlain.
 

11-12 An Karl Langeheine



Bayreuth, 12/4/1916.

Sehr verehrter Herr

    Für Ihren freundlichen Brief vom 9/4 mit sehr interessanten Beilagen danke ich Ihnen verbindlichst. Mein Büchlein „Politische Ideale“ hat sich erstaunlich viele Freunde gewonnen, trotzdem kaum irgendeine größere Zeitung es überhaupt erwähnt hat. Daß Sie „vermitteln“, finde ich richtig und notwendig; ich täte es in der Praxis auch; es ist merkwürdig, wieviel durch Verschiebungen ohne Verfassungsänderungen erreicht werden kann; zu der neuen Gewohnheit tritt dann die neue Einsicht — und das Unzulängliche ist abgetan. Natürlich kann das nicht in einem Tage geschehen. Ich rechne aber darauf, daß die Notwendigkeit — um nicht zu sagen die Not — Deutschland recht bald dazu zwingen wird, sich praktischer zu regieren. Geht die Absurdität ans Leben (und für die demonstratio sorgen die Herren Liebknecht und Genossen in dankenswerter Weise), so ist es inmitten der Todesgefahren nicht anders möglich, als daß Änderungen, die sonst vielleicht ein Jahrhundert erfordern würden, aus dem Stegreif durchgeführt werden... Es bleibt dabei nur zu hoffen, daß wir nicht dann aus dem Regen in die Traufe kommen — und die Millionäre das Heft ergreifen. Dem muß eben beizeiten vorgebeugt werden.

Houston S. Chamberlain.
 

12-14 An J. F. Lehmann



22. April 1916  Bayreuth.

Sehr geehrter und werter Herr Lehmann

    Dringende, unaufschiebbare Arbeiten verhinderten eine frühere Beantwortung Ihres guten Briefes vom 14/4; auch heute — wo sich viel angehäuft hat — kann ich nur kurz erwidern.
    Die von Herrn Syndikus Kühn angeregte Zeitschrift scheint in der Luft zu liegen, — denn mir ist Ähnliches im Laufe der letzten Monate von verschiedenen Seiten zu Gehör gekommen. Auch die Umwandlung des „Kunstwart“ z. B. deutet in dieselbe Richtung. Und ist nicht Erdmanns „Der allgemeine Beobachter“ (Hamburg) der Tendenz nach sehr verwandt? Daß da etwas zu tun ist und daß etwas geschehen wird, scheint mir darum sicher. Es kommt alles auf das Wie an und auf das Wer.
    Wie ich Herrn Dr. Kühn schon sagte: auf der ganzen Welt lebt wohl kein Mensch, der sich weniger auf Zeitungen, Zeitschriften — überhaupt periodische Publikationen versteht als ich. Es liegt gänzlich außerhalb meiner Fähigkeiten. Nicht daß ich den ungeheuren Einfluß gerade dieses Zweiges der Literatur in unserer Zeit verkenne; ich selber stehe aber in dieser Beziehung außerhalb der Zeit und habe es noch nie fertig gebracht, mich für irgendeine Zeitschrift wirklich zu interessieren. Ich halte manche aus Gesinnungsgründen, lese sie aber fast nie, und wenn einmal, dann tut mir's leid um die Zeit. Meine ganze Art, zu arbeiten und zu denken, weist mich andere Wege. Darum würde ich auch niemals eine Verpflichtung eingehen, die mir unabweisbare Erledigungen dieser Art auflegte — niemals. Ich bin auch zu alt und zu wenig leistungsfähig dazu. Hiermit soll aber nicht gesagt sein, daß ich nicht tatkräftiges Interesse, Rat, Förderung usw. einem derartigen Unternehmen zu widmen bereit wäre. Allerdings unter der Bedingung, daß es praktisch gut fundiert wäre.
    Kiesers „Bühne und Welt“ scheint sehr ähnliche Ziele zu verfolgen —‚ ist mir aber zu ästhetisch gerichtet. Gewiß gehört dies auch dazu, doch was wir brauchen, ist ein Führer auf völkischem, praktischem, staatswissenschaftlichem Gebiet — wobei dann die deutsche Kunst natürlich gebührende Beachtung erfährt. Doch, daß es gelingen sollte, von der Bühne aus das öffentliche Leben umzugestalten — das glaube ich nimmermehr. Wo ein Feuergeist wie Richard Wagner nichts vermocht hat, da bemühen sich kleinere Geister ganz umsonst. Politisch, wirtschaftlich und wissenschaftlich (namentlich medizinisch) müßte die Sache in Angriff genommen werden; nur tatkräftige Menschen dürfen das Wort ergreifen, keine Schwärmer. Nicht vulgärer Antisemitismus, dafür aber um so strengerer A-semitismus, der den Materialismus und den „Geldsackismus“ unter jeder Maske und jeder Konfession schonungslos angreift... Ich gestehe, ich habe mit Teilnahme den Bericht des „1. Kongresses für Biologische Hygiene in Hamburg 1912“ (Erdmann 1913) gelesen, mit dem Vorschlag des Deutschen Volksrates“ usw.; es waren da einige ganz tüchtige Männer versammelt. Und dennoch beobachte ich — was sie selber, soweit ich sehe, gar nicht beobachtet haben —‚ daß zwei ganz verschiedene, notwendig auseinanderstrebende Tendenzen sich selbst in jenem engeren Kreise zeigten: indem die um Driesmans eigentlich nur die Aufbesserung der Rasse durch sogenannte „Eugenik“ im Sinne hatten (was jedenfalls zu wenig), während andere alles nur „von innen heraus“ angefaßt wissen wollten und von dem Volksrat hauptsächlich platonische „Urteile“ über alle möglichen Fragen erwarteten. Da trete ich lieber dem ersten besten Reederverein bei, der etwas Positives zu schaffen im Sinne hat.
    Mir scheint die Persönlichkeit des Herausgebers einer solchen Zeitschrift von allentscheidender Wichtigkeit. Würde sich nicht Franz Köhler dazu eignen?
    Ich behalte mir vor, Ihnen wieder zu schreiben, wenn mein Tisch von der harrenden Brieflast ein wenig gesäubert sein wird. Ob ich fähig bin, das Programm zu einem solchen Unternehmen zu entwerfen, weiß ich nicht; ich bezweifle es; aber es interessiert mich sehr, sobald ich glauben darf, daß es deutsch-praktisch-ideal-rücksichtslos zugeben soll. Ich habe im Laufe des Krieges wundervolle Erfahrungen mit echt deutschen Großkaufleuten gemacht; ich meine, für dieses Blatt müßte man solche Kreise gewinnen. Nichts wäre schrecklicher, als wieder bloße Professorenweisheit — wenngleich ich diese und ihre Träger (sobald es echte Deutsche sind) hochzuschätzen und zu verehren weiß.
    Für heute nur noch Gruß und Handschlag

Ihres ergebensten

Houston S. Chamberlain.
 

14-15 An Vizefeldwebel Brachmann



Bayreuth, 26/4/1916

Sehr geehrter Herr Brachmann

    Mit großer Teilnahme haben ich und andere Ihren Brief vom 20/4 gelesen. Solche Worte, eine solche Auffassung tun wohl; man hört sie nicht immer — namentlich nicht von denen, die zu weit von der Front sind, und darum weder die Unmittelbarkeit des Opfers, noch seine heiligende Wirkung verspüren... Lassen Sie uns wieder über Ihre äußeren und inneren Erlebnisse ein Wort zukommen.
    Ihre Frage ist schwer zu beantworten: es mischt sich soviel Subjektives hinein.
    Mir persönlich entspräche es, bei Plato: 1. das Gastmahl mehrmals bis zur Durchdringung des Gedankenstils zu studieren, 2. dann vielleicht Phaidros, Philebos, Sophist, Theaitetos, Kratylos in dieser Reihenfolge zweimal durchzulesen, 3. schließlich die philosophisch wichtigen Stellen aus dem Staat auszusuchen. Was dann bleibt, nach Belieben oder gar nicht.
    Kant: auf alle Fälle mit den Prolegomena beginnen und genügend dabei verharren — dies gestattet, die schwere „reine Vernunft“ bis auf später zu verschieben. Dann: De mundi sensibilis etc. (Dissertation), Träume eines Geistersehers. Über Philosophie überhaupt, über den Gebrauch teleologischer Prinzipien, Kritik der Urteilskraft, Kritik der praktischen Vernunft, Metaphysik der Sitten (letztere vielleicht besser in umgekehrter Ordnung), Religion innerhalb der Grenzen, Kritik der reinen Vernunft... Aber ich müßte Sie kennen, um zu beurteilen, ob diese Folge für Ihren Geist paßt.

Houston S. Chamberlain.
 

15-18 An Prinz Max von Baden


Bayreuth, 16. Mai, 1916

Eure Hoheit

werden schon längst beobachtet haben, daß eine echte Korrespondenz in sich das Prinzip ihrer Unerschöpflichkeit trägt. Ich kann unmöglich das jetzt früh empfangene Schreiben von vorgestern unbeantwortet lassen. Bitte nehmen Sie meinen Herzensdank und lassen Sie mich Ihnen stumm und ehrerbietig die gereichte Hand drücken.
    Ich hatte im Leben sehr wenige wahre Freunde, — und diese mußten alle mit mir Geduld haben wegen meiner großen Leidenschaftlichkeit, Geduld und Nachsicht. Menschliche Fehler pflegen aber — wenn sie echte Naturfehler sind — unter der Oberfläche entschädigende Eigenschaften zu bergen. Wenn's bei mir vorbei ist, ist's radikal vorbei; ich bin nicht launenhaft. Und so soll von mir aus hinfürder Herr von B. H. ¹ ruhig leben und walten — ich, will nicht noch mehr Lebensmark hingeben für eine Sache, an der ich doch unfähig bin etwas zu ändern. Wie eine Zauberwolke soll mich mohammedanischer Fatalismus umgeben. Daß Gott Deutschland in dieser Krisis ganz verläßt, das kann ich nicht glauben. Vielleicht aber gehen wir großen Prüfungen entgegen, — vielleicht einer Erneuerung des 30jährigen Krieges auf erweiterter Grundlage... und vielleicht wird langes Elend, langer Vernichtungskampf das viele Böse und Verachtungswürdige in uns ausrotten und ein Geschlecht starker Männer à la Hindenburg züchten — das wäre ja eine unaussprechliche Wonne, wert, teuer erkauft zu werden. Und so wollen wir uns stärken und fassen und die Augen nach oben richten und unser Bestes tun, um innerlich allen Ansprüchen gewachsen zu sein.
    Daß die Gesellschaft zur Förderung des Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft am 10. Mai ihr tausendstes Mitglied einschreiben konnte, hat mich mehr erfreut, als ich sagen kann; es handelt sich um eine so wichtige Sache. Jetzt heißt es, bis zum Herbst das zweite Tausend vollkriegen. Und inzwischen ist an der Universität Königsberg ein ähnlich konzipiertes Institut „für ostdeutsche Wirtschaft“ entstanden. Das sind die Dinge, wo die Deutschen Meister sind — nur käme es darauf an, das Interesse immer weiterer Kreise auf sie zu lenken, damit diese Institute — die zwar staatlich sind, aber vom Staate nicht entfernt genügend dotiert werden können — über die großen Mittel verfügen, die sie benötigen, wenn sie einem Aufblühen deutscher Wirtschaft im vollen Maße sollen dienen können. Professor A. Hesse — der Direktor des neuen Instituts — hat mir einen sehr sympathischen Brief geschrieben, in welchem er mich um meine publizistische Unterstützung bittet — wozu es aber vorderhand schwerlich kommen wird, da ich nicht vorhabe, Aufsätze zu schreiben.
    Ich bin fleißig am Monde tätig — und wenn's auch nur am Schreibtisch sein kann; ich denke daran, Bruckmann zu einer neuen, für uns Laien brauchbareren Karte nach meinen Angaben anzuregen! Nun, mein fürstlicher Freund, was meinen Sie dazu? Bin ich nicht über Nacht ein sehr vernünftiger Mensch geworden?
    Übrigens hatte ich vorgestern einen interessanten Besuch — direkt aus Hodiaumont vor Verdun. Mein armer Freund, Hauptmann und hiesiger Bankdirektor, [...] sagte, sie alle, die ununterbrochen seit Wochen im französischen Feuer liegen, werden „kriegsblöde“, können überhaupt nicht mehr denken...  Trotzdem war er guter Dinge und glaubt an den Fall von Verdun gegen Ende Juli. Hiermit würde die eigentliche Stoßkraft der französischen Armee, meint er, vernichtet sein. Dann schnell Riga einnehmen und — der Friede!
    Ich gebe Ihnen diese Stimme aus der Front wieder: sie wird Sie auf alle Fälle interessieren.
[...]
    Ein recht interessantes Blatt lege ich für den Papierkorb bei. Wenn Grey schon von Frieden spricht — wo Curzon neulich sagte, das Wort sei aus dem englischen Lexikon ausgelöscht — so könnte man schon daran glauben. Gott, wird das ein Aufatmen geben — wenngleich man wohl auf Jahre hinaus den hominibus bonae voluntatis kaum begegnen wird.
    In Ehrerbietung treu ergeben

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Reichskanzler Bethmann-Hollweg.


Die Handschrift Houston Stewart Chamberlains

“...der Mensch, der durch die
verwickeltsten Verhältnisse mit
kühner Einfalt und ruhiger
Unschuld geht und weder nöthig
hat, fremde Freiheit zu kränken,
um die seinige zu behaupten,
noch seine Würde wegzuwerfen,
um Anmuth zu zeigen.“

(Schiller)

18-20 An J. F. Lehmann



Bayreuth, 23. Juni 1916

    Für Ihren lieben Brief sage ich Ihnen Dank; alles, was von Ihnen kommt, berührt mich immer sympathisch; es ist aufrecht und echt und verehrungswürdig. Lassen Sie mich aber auch meinerseits ebenso aufrichtig sein. Ihre Worte — an sich so harmlos und vernünftig, auch nichts Unerschwingliches von mir fordernd — wirkten dennoch auf mich wie das plötzliche Gewahrwerden einer Gefahr, die mir bekannt war, die ich aber versucht hatte, mir auszureden. Ich war im Begriff gewesen, einen Schritt zu tun, der für meine so zart empfindliche Schaffensfreude tödlich hätte wirken können; ich ziehe den Fuß rechtzeitig zurück.
    Glauben Sie nicht, daß ich für den Wert gemeinsamer Arbeit blind bin, und daß ich nicht verstehe, in welchem Maße bei jeder solchen Solidarität ein gegenseitiges Fügen, ein Geben und Nehmen — namentlich ein Nachgeben — erforderlich ist; l'union fait la force; aber l'union setzt Disziplin voraus. Das beginnt in der Familie, zwischen Mann und Frau, die gegenseitig nicht bloß Nachsicht, sondern auch Aufopferung üben müssen, und setzt sich im Leben fort, bei jedem Geschäftsunternehmen, bei aller Politik, bei Religions- und Kirchengründungen, allüberall. Auch ich bin's im Leben gewohnt und bilde mir ein, zu den nachgiebigsten Menschen zu gehören. Dies hört aber bei mir plötzlich und gänzlich auf dort, wo mein schriftstellerisches Schaffen beginnt. Ich will Sie nicht mit umständlichen Bekenntnissen belästigen; nur soviel will ich sagen: mein Schreiben ist ein äußerst zarter Vorgang, aus dunklen Seelentiefen geboren, und nur unter großen Schwierigkeiten bis ans Licht gehoben. Es ist für mich zugleich Wonne und Qual. Und das Geringste — ein Nichts — genügt, um es völlig brach zu legen. Ich habe hiervon dutzendmal die Erfahrung gemacht. Dann bin ich stumm wie ein Stein; jede Schaffenslust erstirbt; kein Willensgebot vermag es, einen Gedanken mehr in mein Hirn, ein Wort in meine Feder zu zwingen. Ich existiere einfach nicht mehr — oder wenigstens nicht mehr als Gestalter von Gedanken und Erwecker von Gefühlen.
    Sie finden vielleicht, daß ich mich wichtig mache? Ich meine es aber schlicht und nicht unbescheiden. Ich bin frei aufgewachsen, und mein Geist ist so unbändig frei, daß die geringste Fessel ihn völlig lahm legt. Wohl bin ich bereit, der äußeren Disziplin mich zu beugen; doch die innere Disziplin bedeutet für mich ganz und gar Schweigen. Und ich bin viel zu alt und versteift, um hier umzulernen. Es kommt ja dazu mein besonderes Schicksal, das mich von jung auf aus allen natürlichen Banden losgelöst hat. Hieraus erwächst meine Kraft und auch meine Schwäche, kurz meine Besonderheit mit ihren Grenzen. Ich kann auch die Fehler, die ich deutlich erkenne, nicht vermeiden, kann mir selber keine Gesetze geben, sondern muß mich der höheren zwingenden Logik meiner Persönlichkeit fügen.
    Darum fasse ich es als eine göttliche Fügung auf, daß ich, als ich zu schreiben begann, in tüchtige, redliche Hände geriet, die rein geschäftlichen Interessen nachgingen und mich somit   v o l l k o m m e n   frei und ungebunden lassen konnten, um so mehr, als irgendeine „Richtung“ des Verlags nicht vorlag. Ich bin da Herr — Herr, meine ich, über meine Sachen; niemand hat mir je hineingeredet; niemand sich je vor irgend etwas gescheut. Das ist das einzige Element für das Unbändige, was sich bei mir hinter der friedlichen Oberfläche birgt, das einige, in welchem ich gedeihen kann. So bescheiden mein Wirken auch sein mag, es ist doch ein Wirken. Es wäre — das meinen gewiß auch Sie — schade, es zu zerstören; lassen wir es weiter den eigenen Weg gehen. Noch nie, glaube ich, hat mich in entscheidenden Fragen der Instinkt getäuscht; und mein Instinkt sagt mir: ich werde mit anderen, am selben Strange eingespannt, nicht ziehen können.
    Dazu kommt der Gesundheitszustand. Seit ich zuletzt schrieb, hat sich zu dem übrigen ein Herzzustand entwickelt, der vielleicht auf ein Umsichgreifen der nervösen Störungen zurückgeht und vielleicht — wie frühere nervöse Leiden — zu heben sein wird. Vorläufig bin ich aber in allem behindert und bezweifle sehr, ob ich imstande sein würde, an einer Konferenz teilzunehmen — denn eine sehr geringe Ermüdung und namentlich die geringste Erregung werfen mich ganz nieder. Die Ärzte ermahnen zu völliger Ruhe.
    Zu allen Zeiten hat es Apostel gegeben, die einsam auf einem Patmos ihr Bestes leisteten.
    In aufrichtiger Hochschätzung

treu ergeben

H. S. Chamberlain.
 

21 An Vize-Admiral von Seckendorff



Bayreuth, 19. Juli 1916

Euere Exzellenz

haben mir mit den so warmen und gütigen Zeilen vom 16. d. M. die allergrößte Freude gemacht, ja, mehr als Freude: solche Worte aus solchem Munde sind beglückender Lohn. Zugleich erhalte ich von vielen Seiten zwar weniger gewichtige, aber kaum weniger herzliche und begeisterte Zustimmungskundgebungen. Und so kann man denn doch hoffen — wenn auch nicht in dem Sinne zu nutzen, in dem man so gerne es tun würde, doch wenigstens manchen besorgten Herzen ein wenig Trost und Kraft zu spenden.
    Für mich wird dieser Aufsatz ¹ wohl unter meinen Kriegsaufsätzen der Schwanengesang sein. Der angegriffene Zustand, in dem Sie mich schon im Frühjahr antrafen, hat sich nicht unbedeutend verschlimmert, und Schweninger — der große Lebensspender — der Mann, der sonst nur ermutigt und antreibt, hat mir die völlige Enthaltung von aller Arbeit auf wenigstens drei Monate streng zur Pflicht gemacht. Es ist hart in einem Augenblick, wo man so gerne dienen würde. So bereitete ich z. B. ein Buch „Der deutsche Staat“ vor, das muß nun alles liegen bleiben. Auch diese Zeilen mußte ich diktieren.
    Darf ich bitten, Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin verehrungsvoll empfohlen zu werden. Und bitte, empfangen Sie selber die Versicherung meiner treuesten und ehrerbietigsten Ergebenheit.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Ideal und Macht.
 

22-23 An Chr. Eidam



Bayreuth, 20. Juli 1916.

Hochgeehrter Herr Konrektor!

    Daß Sie meiner freundlichst gedachten, hat mich aufrichtig gefreut. Die Erinnerung an unsere kurze Begegnung vor einigen Monaten steht mir lebhaft vor dem Sinn.
    Mit wahrem Interesse habe ich Ihre Schrift gelesen, da natürlich die Frage der modernen Sprachen gerade mir eine sehr wichtige erscheint. Zwar habe ich weniger Schulerfahrung als ein anderer, doch besitze ich die nicht sehr häufige Erfahrung der leidenschaftlichen Aneignung einer fremden Sprache und insoferne kann ich auch mitreden.
    Die Redensart von der „Beherrschung“ fremder Sprachen und gar erst durch Schüler empört mich und macht mich zugleich lachen. Wie viele Menschen gibt es überhaupt, die eine zweite Sprache wirklich beherrschen? Es heißt doch der Schule ein unmögliches Ziel setzen. Aus vollster Überzeugung stimme ich Ihnen hier bei: man soll den Knaben nur ja nicht einbilden, daß sie eine Sprache beherrschen — ganz im Gegenteil, sie empfinden lassen, welcher weite Weg bis dahin noch zurückzulegen wäre. — Auch in der Übersetzungsfrage denke ich genau wie Sie. Es käme darauf an, die fremde Sprache wirklich in ihren Feinheiten nachzuempfinden, so daß der Geist das Originelle des anderen Geistes mit einiger Genauigkeit zu schätzen und sich daran zu bereichern wüßte; wogegen es völlig unnütz ist, sich selber in einer fremden Sprache ausdrücken zu wollen, was nur den Wenigsten, und zwar auf Grund ganz anderer Studien gelingen kann. So bescheiden der Deutsche auch zu sein pflegt, ich habe mich doch manchmal sehr gewundert über die Illusionen, die er sich machte im Bezug auf seine Kenntnis fremder Sprachen. Ein Französisch kann absolut korrekt sein und dabei gänzlich unfranzösich, weil jeder einzelne Fall von Gewohnheiten und Schicklichkeitsregeln abhängt, die eigentlich gar nicht auszulernen sind.
    Ihre Erwähnung auf Seite 12 betr. die Leitartikel der „Times“, die ein Obersekundaner verstehen soll, hat mich daran erinnert, daß mein Freund Professor Otto Kuntze, der Englisch in Prima lehrte, mir einmal sagte, er lese fast nie einen Leitartikel der „Times“, ohne Präpositionalwendungen anzutreffen, die ihm noch unbekannt seien!
    Mit recht herzlicher Begrüßung verbleibe ich in aller Hochachtung Ihr

sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

23 An Dr. Georg Gauß



Bayreuth, 22. Juli 1916.

Sehr geehrter Herr!

    Haben Sie Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Von verschiedenen Seiten werde ich auf den betreffenden Aufsatz (in der „Frankfurter Zeitung“) aufmerksam gemacht, ich kenne ihn aber nicht und brauche ihn auch nicht zu kennen. Die Feindschaft zwischen uns ist eine alte, jedes meiner Bücher haben sie verrissen. Kürzlich kam noch dazu, daß sie einen gegen Nachdruck geschützten Aufsatz von mir stahlen, was meinen Rechtsfreund veranlaßte, ihnen 500 Mark zugunsten des Roten Kreuzes abzuzapfen.
    Mit nochmaligem Dank und Gruß

Ihr sehr ergebener

H. S. Chamberlain.
 

23-24 An Pfarrer Karl Schneider



Bayreuth, 23. Juli 1916.

Sehr verehrter Herr Pfarrer!

    Für Ihre lieben temperamentvollen Zeilen danke ich Ihnen herzlichst. Den von Ihnen bezeichneten Schimpfaufsatz kenne ich nicht, wenn ich auch von verschiedenen Seiten darauf aufmerksam gemacht worden bin. So etwas macht mir nicht den geringsten Eindruck. Um weh zu tun, muß ein Schuh drücken, was hier nicht der Fall ist. Hätte ich, nachdem ich alle Kräfte meines Lebens dem Deutschtum gewidmet hatte, ich will nicht sagen gegen Deutschland Partei ergriffen, sondern auch nur geschwiegen und mich hübsch vorsichtig beiseite gehalten, — ja, dann wäre ich ein Renegat gewesen und ein Verräter an der eigenen Seele. Wenn ich nun aber wirklich einige Zeit lang wohl werde schweigen müssen, so geschieht das nicht der „Frankfurter Zeitung“ zuliebe, sondern lediglich, weil ein durch die Vorgänge der letzten Jahre herbeigeführtes nervöses Leiden jetzt auch das Herz befallen hat, weswegen selbst der ewig aufmunternde Lebensgeist Schweninger mir eine dreimonatige absolute Pause zur Pflicht gemacht hat.
    Von dem „Nationalausschuß“ glaube ich, daß es ein totgeborenes Kind ist.
    Mit nochmaligem Danke und verehrungsvollem Händedruck

Ihr ergebenster

Houston S. Chamberlain.
 

24-25 An Prediger Veroloet



Bayreuth, 25. Juli 1916.

Hochverehrter Herr!

    Zeilen wie die Ihrigen vom 22. d. M. sind zugleich Freude, Lohn und Ermutigung. Vor allem hat es mich gefreut, daß Sie es sich nicht verdrießen lassen, die genannten Bücher mehrmals durchzustudieren. Oftmals, während ich den „Kant“ schrieb, überkam mich das niederdrückende Gefühl, daß kein Mensch die Bedeutung dieser Ausführungen wahrhaft schätzen könne bei einem ersten Lesen; und wie sollte ich erwarten, daß man ein so umfangreiches Werk mehr als höchstens einmal lese? Dieser Umstand hat auch tatsächlich in den ersten Jahren schwer auf dem Werke gelastet; es wurde öffentlich von Menschen beurteilt und verurteilt, die kaum hineingeguckt hatten. Nach und nach hat sich aber eine ganze Gemeinde von freundlich nachsichtigen, auf meine Absichten eingehenden Lesern gebildet, und ich kenne heute die Namen von Dutzenden von Menschen, die das Buch mindestens dreimal gelesen haben. Namentlich das 4. Kapitel „Bruno“ pflegt dann in eine ganz andere Perspektive zu rücken: ich hätte gerne erfahren, ob das auch bei Ihnen der Fall war. Ein geistreicher Freund nannte diesen Vortrag den Versuch „einer Biologie der Philosophie“.
    Ja, ich glaube schon, daß die Kenntnis meines „Goethebuches“ Ihnen für Kant nützlich sein wird. Freilich ist gerade mein „Goethe“ das esoterischste aller meiner Bücher, doch wird Ihnen der Gegenstand so vertraut sein, daß Sie auf keine wesentlichen Schwierigkeiten stoßen werden.
    Eine Erkrankung zwingt mich, zum Diktat zu greifen, und vielleicht habe ich mich nicht so deutlich und zusammenhängend ausgedrückt, als ich es auf Ihren Brief gerne getan hätte. Dies wollen Sie entschuldigen.
    Ich verbleibe mit bestem Gruße

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

25-27 An Generalmajor Pfeil



Bayreuth, 26. Juli 1916.

Hochverehrter Herr General!

    Es war mir eine große Freude, Ihren Namen auf einem Kuvert zu erblicken, und eine wahre Genugtuung, aus dem Inhalt Ihres Briefes zu entnehmen, daß Sie meinen letzten Aufsatz ¹ gut und zweckmäßig finden.
    In Beantwortung Ihrer Frage und Anregung teile ich folgendes vertraulich mit. Von Anfang des Krieges an habe ich mich geweigert, für diese Aufsätze irgendein Honorar anzunehmen, und mir dafür das Recht ausgemacht, sie in allen Zeitungen nach Belieben nachdrucken zu lassen. Wiederholt habe ich gebeten, das dumme „Nachdruck verboten“ fortzulassen und dafür zu setzen „Nachdruck erwünscht“: es war nicht zu erreichen. Jeder Zeitung, die mich darum bat, habe ich sofort telegraphisch die Nachdruckserlaubnis erteilt — und es haben auch eine ganze Anzahl bei früheren Aufsätzen davon Gebrauch gemacht.
    Um nun eine bedeutend größere Verbreitung zu erzielen, hatte ich meinen Aufsatz „Deutschlands Kriegsziel“ vaterländisch gesinnten Freunden in Berlin geschickt mit der Bitte, sich mit einer Agentur in Verbindung zu setzen. Dies geschah; und da ich kein Honorar verlangte, konnte die betreffende Agentur ein sehr großes Geschäft machen. In der Tat, sie richtete alles ein, und an einem bestimmten Tage sollte in mehr als 200 Zeitungen der Aufsatz gleichzeitig erscheinen, bei einer Gesamtauflage von mehr als einer Million Exemplaren. Im allerletzten Augenblick trat etwas dazwischen, und die Agentur zog den Aufsatz zurück. Von welcher Stelle aus die Agentur so stark beeinflußt wurde, daß sie auf einen bedeutenden Gewinn verzichtete, habe ich nie genau erfahren können.
    So viel weiß ich nur, daß sie der Regierung nahe stand.
    Sie begreifen, daß ich diese Bemühungen aufgab, denn gegen derartige Einflüsse kann ich Privatmann nicht aufkommen.
    Wie die früheren, so wird auch der jetzige Aufsatz in den nächsten Tagen als Flugschrift erscheinen zu einem billigen Preise; und nach wie vor dürfen Zeitungen, die es wünschen, ihn nachdrucken, kostenlos.
    Was Sie mir über die „Politischen Ideale“ erzählen und über die antiparlamentarische Äußerung der sozialistischen Wochenschrift hat mich — wie Sie voraussetzen — ungemein interessiert, und ich habe mir davon Notiz genommen. Leider bin ich von einem Nervenleiden befallen, welches es mir unmöglich macht, in diesem Herbste ein kleines Buch herauszugeben „Der deutsche Staat“, wie ich es beabsichtigt hatte. Vielmehr muß ich pausieren und Brunnen trinken und, wenn möglich, Gastein besuchen.
    Wie Sie, in unerschütterlicher Zuversicht und unverminderter Kampfeslust verbleibe ich, hochverehrter Herr Generalmajor, Ihr aufrichtig dankbarer und verehrungsvoll ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Ideal und Macht.
 

27 An Professor Stahlberg


Bayreuth, 29. Juli 1916.

Hochgeehrter Herr Professor!

    Haben Sie den allerwärmsten Dank für Ihre freundlichen Worte, die mir im innersten Herzen wohl taten. Auch Ihr Gedicht hat mich wahrhaft ergriffen. Seien Sie überzeugt, daß ich Ihre Gefühle nicht nur verstehe, sondern auch teile. Teils aber liegt es in meinem Charakter, teils aber in dem Empfinden der Pflicht, welche diese Stunde uns aufzwingt, daß ich der Niedergeschlagenheit keinen Zoll breit Raum gewähren   w i l l.   Außerdem bin ich nicht unbedenklich erkrankt, und Hoffnung und Glaube sind Elemente, die mich über Wasser halten, und ohne die ich endgültig versinken müßte.
    Mit Geheimrat Schäfer und auch mit meinem Verleger Bruckmann stehe ich in Briefwechsel — weil nämlich besagter Verleger den Aufsatz „Ideal und Macht“ als Flugschrift bereits gedruckt hat und ich nicht weiß, ob es ihm recht ist, daß ein gesondertes Flugblatt in so großer Auflage außerdem hergestellt wird. Ich habe ihn gebeten, es zu gestatten, habe aber noch keine Antwort.
    Mit der Versicherung meiner besonderen Verehrung und mit der Bitte, die gewonnene Fühlung aufrecht zu erhalten, zugleich mit verbindlichem Dank für die seinerzeit richtig eingetroffene Sendung verbleibe ich

Houston S. Chamberlain.
 

28 An Rittmeister Glahn



Bayreuth, 1. August 1916.

Hochverehrter Herr Rittmeister!

    Haben Sie, bitte, wärmsten Dank für Ihre so freundlichen, mich beglückenden Zeilen. Heute konnte ich schon ein frühestes Exemplar der Flugschrift „Ideal und Macht“ an S. M. den Kaiser schicken; bald bin ich so frei, auch Ihnen eins zugehen zu lassen. Der Verleger schreibt mir, daß gegen 20 000 Stück schon vorausbestellt sind; ich hoffe also auf einige Verbreitung.
    Auf eine besondere   W i r k u n g   in dem von Ihnen gemeinten Sinne zu hoffen, habe ich verlernt und muß mich damit bescheiden, wenn es mir gelingt, vaterländisch gesinnten Männern einigen Trost und einige Hoffnung zu schenken.
    Leider — ich erwähne die Tatsache nur als Erwiderung auf Ihre Anregung — leider bin ich nicht unbedenklich erkrankt, und mein Arzt, der Bismarck-Schweninger, ein Mann, der, wie Sie wissen, immer nur zu Leben und Betätigung zuredet, macht es mir geradezu zur Pflicht, einige Monate lang gar nicht zu arbeiten und namentlich jede Erregung zu vermeiden. Ich gerate dadurch in eine sehr schwierige Lage. Denn warum soll man nicht ebensogut in der Heimat wie im Vordertreffen fallen? Dagegen erheben sich die Bedenken, die nicht nur angefangene und lange vorbereitete Werke einflößen, sondern auch die Sorge — die große Sorge — um die allernächste Zukunft, wenn der Frieden einbricht. Vielleicht ist unsereiner doch mehr befähigt dann als jetzt, wirklich etwas zu wirken. Und so schwanke ich zwischen zwei Strömungen, die mich eigentlich gleichstark anziehen. Ich hoffe, Ihres geneigten Wohlwollens auf alle Fälle würdig zu bleiben, und bin mit der freundlichsten Begrüßung

Ihr in aller Hochachtung ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

29-30 An Edmund Steppes



Bayreuth, 5. August 1916.

Hochverehrter Herr Steppes!

    Ganz besondere Freude hat mir Ihr gestern empfangener Brief gemacht. Schon seit Jahren verehre und liebe ich Ihre Kunst, und es war nun eine ganz eigentümliche Erfahrung, al Sie selber — als Mensch — persönlich aus dem Schatten zu mir herantraten und so freundliche Worte für das fanden, was ich im Laufe des Krieges aus tiefster Seelennot heraus zu sprechen mich genötigt fand. Ich begreife ganz gut Ihr anfängliches Zögern; nicht ein wenig nehme ich es Ihnen übel; von keinem Zeitgenossen kann man die Lebensgeschichte kennen; mein Lebensgang war ein sehr eigenartiger, seltsamer; das aber der Welt zu erzählen, wäre aufdringlich; das Mißverstandenwerden ist ein Bestandteil des Schicksals, den wohl ein jeder zu tragen hat und über den man möglichst früh sich beruhigen sollte. Ich habe immer gefunden, daß das Nichtaufklären letzten Endes mehr und besser aufklärt als Explikationen, aus denen immer neue Mißverständnisse hervorgehen. Ihrer Achtung kann ich mich nunmehr ohne Rückhalt erfreuen.
    Gewiß werde ich das Buch, das Sie mir nennen und das ich nicht kenne, sehr gerne lesen.
    Eine Kleinigkeit muß Ich Ihnen erzählen. Ein Bild von Ihnen besitze ich seit Jahren und war immer unglücklich, daß es nicht zur Geltung kommen wollte in dem einzigen Raum, der mir zum Aufhängen zur Verfügung stand. Nun sind meine Frau und ich am 1. Mai in unser eigenes Haus (dicht bei Wahnfried eingezogen und das betreffende Bild ist auf eine Staffelei in einer Art Gartenzimmer gekommen, wo es zwar nie von einem Sonnenstrahl selbst getroffen wird, den ganzen Tag über aber in einer Lichtflut steht, die durch Riesenfenster einströmt, die alle Sonne durchlassen — und nun strahlt auch das liebe Bild in seiner vollen Schönheit und erzählt uns tagtäglich von den Licht- und Farbenwonnen des Südens!
    Meine Frau trägt mir viele herzliche Grüße auf, und ich schließe mich ihnen an in der festen und frohen Hoffnung, Ihnen in nicht zu ferner Zeit — sei es in München, sei es hier — persönlich zu begegnen.

Houston S. Chamberlain.
 

30 An J. F. Lehmann



Bayreuth, 9. August 1916.

Sehr geehrter und lieber Herr Lehmann!

    Heute früh schickte ich Ihnen einiges Geschäftliche. Nachmittags ist nun endlich meine Einbürgerung vollzogen worden, und ich erfülle meine schon lange feststehende Absicht, indem ich als allererste Handlung meinen Wunsch, dem   A l l d e u t s c h e n   V e r b a n d   anzugehören, ausspreche. Zwar bin ich schon seit einiger Zeit mit Herrn Claß in brieflicher Verbindung; doch es ist mein besonderer Wunsch, daß Sie hier meine Patenschaft übernehmen und die Sache in die Wege leiten möchten. Darum bitte ich Sie mit diesen Zeilen.
    Sie werden wohl heute den Besuch der Herren K. und K. empfangen haben? Sie waren gestern bei mir. Ich war über die Jugend des einen erschrocken und fand den anderen mehr eingenommen von sich selber und seinem Schicksal, als ich es in einem Augenblick, wie dem jetzigen, gewünscht hätte. Dazu war ich gerade gestern früh am Herzen so gepeinigt, daß ich kaum sprechen konnte. Ich glaube immer, die Leute befinden sich in einer großen Illusion, welche vermeinen, die Welt vom Theater aus reformieren zu können; doch an und für sich hat gerade diese Zeitschrift ¹ manches Gute gebracht — wenn auch nicht alle Mitarbeiter ganz rein zu uns gehören.
    Mit den herzlichsten Grüßen verbleibe ich Ihr

ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ „Bühne und Welt“.
 

31 An Professor B. Harms



Bayreuth, 9. August 1916.

Hochgeehrter Herr Professor!

    Daß Sie die Zeit gefunden haben, mir so freundlich zu schreiben, hat mich wirklich gerührt, und ich danke Ihnen verbindlichst dafür. Ganz besonders gefreut hat es mich, daß die Erwähnung in „Hammer oder Amboß“ einigen Nutzen gestiftet hat. Daß niemals unmittelbar viel aus so etwas erfolgt, weiß ich und habe es nicht anders erwartet, doch es kommt halt eins zum anderen, und ich bin froh und stolz, wenn ich Ihrem großen Unternehmen ¹, für das ich geradezu leidenschaftliche Bewunderung empfinde, auch nur im geringsten habe dienen können. Ich wünsche, ich könnte es in einem ausgiebigeren Maße. Für die angezeigte, noch nicht eingetroffene Gabe danke ich im voraus sehr; Sie können sicher sein, daß, was aus Ihrer Feder kommt — soweit ich es zu verstehen vermag — stets bei mir lebhafte Beachtung findet. So war das neulich wieder der Fall bei Ihrer Einführung zu jenem großen Aufsatz über die englische Handelsbilanz. Sie erschien mir ebenso wichtig wie belehrend, und ich habe mehrere politische Männer darauf aufmerksam gemacht, die — wie es so geht — von diesen Zusammenhängen keine Ahnung hatten.
    Daß Sie nicht überall mit mir übereinstimmen — das kann wohl nicht anders sein; doch die Aufrichtigkeit, mit welcher Sie mir das sagen, gefällt mir ganz besonders, und ich wage zu hoffen, daß auch meine Aufrichtigkeit Ihnen nicht mißfällt.
    Mit den besten Grüßen verbleibe ich

Ihr in Verehrung ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Das Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Universität Kiel, Kaiser-Wilhelm-Stiftung.
 

32-33 An General von Gerok



Bayreuth, 12. August 1916.

Hochverehrte Exzellenz!

    Mir, sowie dem Familienkreis in Wahnfried haben Sie eine große, dankbarlichst empfundene Freude gemacht mit Ihren lieben Zeilen vom 6. 8.  Wir hatten so lange nichts gehört und wußten gar nicht, wo wir Sie uns vorstellen sollten.
    Bei meinen kleinen Arbeiten gibt es für mich keine größere Freude, als wenn ich aus der vordersten Front solche Worte vernehme, wie Sie sie an mich zu richten die Güte haben. Da hat man doch wenigstens etwas getan — wenn man denen, die die ganze Last tragen, einen Augenblick Freude gemacht hat. Im übrigen lassen Sie mich Ihrem Beispiel folgen und schweigen über das viele, was wir ganz gewiß beide in ganz gleicher Weise empfinden und was besser nicht ausgesprochen wird. Im Laufe des Krieges bin ich nach und nach mit manchen Männern in Berührung gekommen — teils der Armee und Marine angehörig, teils Politiker oder sonst in der deutschen Sache betätigten Männern: dadurch bin ich in viel engere Berührung mit den Vorgängen dieser Zeit gekommen als ein bloßer Zeitungsleser und auf Erzählungen Angewiesener; zwar gibt mir diese Tatsache Veranlassung, Gott zu danken, daß ich an diesen großen Ereignissen, wenn auch nicht mittragen, so doch miterleben darf. Ihnen aber, hochverehrter, lieber Herr Gesinnungsgenosse, brauche ich nicht zu sagen, daß ein solches Wissen zugleich eine große Last ist. Unter ihr — zugleich unter den schweren Kämpfen, die meine Seele durchmachen mußte — bin ich jetzt auch physisch zusammengebrochen und muß leider meine geringe Tätigkeit vor der Hand aufgeben. Mit meiner Frau hoffe ich nächsten Mittwoch nach Bad-Gastein auf einen Monat zu reisen; die Ärzte erhoffen von dieser Kur viel. Ich glaube hauptsächlich an die siegende Kraft der Geduld.
    Ein Wort in Ihrem lieben Schreiben veranlaßt mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich nunmehr auch äußerlich Deutscher geworden bin und die Einbürgerung endgültig erlangt habe.
    Wie Sie, bete auch ich zu Gott um ein Wiedersehen Auge in Auge auf dem uns heiligen Festspielhügel!
    Verehrungsvoll und aufrichtig ergeben

Houston S. Chamberlain.
 

33-34 An Josef Pembaur



Bayreuth, 15. August 1916.

Sehr geehrter und Lieber Herr Professor!

    Das mir entschlüpfte „lieber“ müssen Sie sich schon gefallen lassen, denn ich habe Sie so in mein Herz geschlossen wie seit Jahren keinen Menschen. Seit dem Heimgange A. Rubinsteins glaubte ich in Beziehung auf gewisse Kunsterlebnisse für ewig verwaist zu sein: ihm war ich in früher Jugend nachgereist, soweit die knappen Mittel und die drängenden Arbeiten es irgend erlaubten, um unterzutauchen in die Wonne reinsten Genusses. Kein anderer hat mir das je wieder geschenkt — bis zu jenem Abend und zu jenem Morgen, wo Ihr Stern mir aufging! Zwar habe ich einmal am selben Klavier, wo Sie in Wahnfried spielten, und auf demselben Stuhle sitzend, wie Sie, Franz Liszt spielen   g e s e h e n — leider kann ich aber nicht sagen „gehört“, denn er spielte vierhändig mit Reisenauer. Zwar ein unvergängliches einziges Schauspiel, zugleich aber ein Schmerz; es war ganz kurz vor seinem Tode. — Glauben Sie nicht, daß ich hiermit sagen will, Sie erinnerten mich an Rubinstein: Sie sind von ihm ganz verschieden, und ich habe den Eindruck, daß ich bei näherer Bekanntschaft sie noch höher werde schätzen — denn es lag in ihm etwas durchaus Exotisches, zwar nicht, nein gar nicht Jüdisches, wie manche Unwissende behaupten, aber Tatarisches oder sonst irgend etwas Unheimliches aus Zentralasien. Steht dieselbe Meisterschaft der Ausführung, die hohe Glut des Empfindens einer   d e u t s ch e n   Musikerseele zur Verfügung, so muß sie natürlich noch Größeres bewirken.
    Leider bin ich krank und stehe außerdem im Vorabend der Abreise nach Bad Gastein, wo ich Erquickung suchen will — sonst würde ich Ihnen einen sehr langen Brief schreiben, denn Ihre Sendung hat für mich gerade das Richtige getroffen. Durch Beethoven bin ich seiner Zeit „Mensch“ geworden — oder sagen wir zum Menschtum plötzlich wie aus einem bösen Traum erwacht. Einmal muß ich Ihnen erzählen, wie das zuging. Genug, ich lebe seit etwa 40 Jahren in den Sonaten — kann sie zwar nicht spielen, da ich in einer Umgebung aufwuchs, wo der Begriff Kunst überhaupt nicht bekannt war, und dann war es zu spät. Aber Sie selber können sie nicht mehr lieben, als ich sie liebe, und ich habe Ihre Ausführungen zur D-Moll und F-Moll wiederholt verschlungen — als ob sie nur für mich geschrieben wären... Ich werde weggerufen; lassen Sie mich nur das Eine sagen: Sie haben in allem recht; ich nehme es mit jedem auf, der das Gegenteil behauptet! Mehr ein anderes Mal. Heute nur der Händedruck des innigsten Verständnisses und der sehnsuchtsvollen Hoffnung auf Wiedersehen und Wiederhören.

Houston S. Chamberlain.
 

34-36 An J. F. Lehmann



Bad Gastein, Kaiserhof
26. 8. 1916.

Sehr verehrter, lieber Herr Lehmann!

    Mit Ihren Zeilen vom 22. d. M. (soeben eingetroffen) haben Sie mir eine sehr,   s e h r   große Freude gemacht. Viel und inständig habe ich Ihrer dieser tage gedacht und wollte es Ihnen sagen — doch stehe ich unter strengster Kur-Klausur, da mein Herz- und Nervenzustand dies erfordert; dies ist meine erste Sünde.
    Ich   k a n n   es einfach nicht unterlassen, Ihnen kurz meine Auffassung mitzuteilen. Ich würde es für sehr unweise halten, sich den deutschen Arbeiterstand bei solch einem Unternehmen zum Feind zu machen. Es hieße gegen den Rat des „Klugseins“ verstoßen, den der Heiligste uns so eindringlich empfahl. (Es gibt verrückte, es gibt auch böse, verbrecherische Menschen unter den Soz.-Führern, namentlich geschworene Feinde des Deutschtums. Doch herrscht hier, wie überhaupt in der deutschen Politik, das Mißverständnis — und   d i e s e s   aufzuhellen ist die vorliegende Aufgabe, aus der alles übrige sich von selbst ergeben wird.
    In Wirklichkeit ist das politische Parteiwesen überhaupt gänzlich undeutsch; es entspricht keiner Wirklichkeit, sondern entsprießt aus Wahngedanken. Selbst England — bedenken Sie das — hat bis vor ganz kurzem das politische Parteileben im heutigen Sinne   n i c h t   gekannt — sondern lediglich ein Hin und Her zweier Interessengruppen, die im Grunde dasselbe wollten. Sobald das Parteiwesen auch dort aufkam, war es mit dem „Parlament“ zu Ende. — Ein vernünftiges Staatsgebilde verträgt nur   S t ä n d e v e r t r e t u n g e n,   und dahin steuert offenbar Deutschland unbewußt hin. Die Kraft des Sozialismus liegt gerade darin begründet, daß er einen Stand vertritt — also wirkliche Lebensinteressen, nicht politische Lehren. Der Wahn, daß er die anderen Stände verzehren könne und werde, wird in dem Augenblick schwinden, wo diese ebenfalls organisiert auftreten. Man sieht dies schon innerhalb der Industrie und Landwirtschaft beginnen.   I n t e r e s s e n g r u p p e n   werden sich verständigen, (wie sie schon jetzt innerhalb Gemeindeverwaltungen tun), denn die Vertretung von Interessen macht klug, öffnet die Augen für andere Interessen, wogegen die   P a r t e i   eine Lehre, ein Dogma begründet hat und darum nie nachgeben kann, ohne sich selber untreu zu werden. Im einen Falle haben wir ewigen, nie beizulegenden Kampf und Haß, im anderen ein Nachgeben und gegenseitiges Fördern auf allen Seiten, weil fünf Interessengruppen zwar nicht alle auf dem eigenen Kopf bestehen können, wohl aber sich alle fünf durch Ineinanderfügen gegenseitig begünstigen, was bei Parteien nie der Fall, weil jede alles will und alles wollen muß. Von meinen Interessen etwas zu opfern, ehrt mich, von meiner Überzeugung etwas zu opfern, entehrt mich. So ist jedes politische Kompromiß eine Unredlichkeit, jedes Interessenkompromiß eine weise und edle Tat.
    Ich meine, unser Ziel muß sein: „Hinaus mit der undeutschen Politik“. Nicht aber dürfen wir uns einer oder der anderen Partei verpflichten, sei es zu Liebe, sei es zu Haß.
    Ich weiß wohl, es ist schwer durchzuführen, denn wir befinden uns im Übergangschaos, und zunächst wird jeder Schritt parteipolitisch beurteilt: gerade diese Schwierigkeit gilt es zu überwinden. Die Zukunft zu gestalten, erfordert besondere Männer, die zwar in der Gegenwart stehen, aber doch nicht in ihr befangen bleiben. Die Frage „Sozialismus und Antisozialismus“ wäre für mein Gefühl viel zu eng.
[...]
    Verzeihen Sie: ich habe mit Mühe den Stift geführt und nur andeuten können. Es ließ mir keine Ruhe.
    Herzlichst grüßt Ihr sehr ergebener

Houston Stewart Chamberlain.
 

36-38 An J. F. Lehmann



Bad Gastein, Kaiserhof.
7. Sept. 1916.

Hochgeehrter Herr Lehmann!

    Haben Sie besten Dank für Ihren inhaltreichen Brief vom 2. d. M.  Leider ist es mir noch immer nicht möglich, Ihnen so zu schreiben wie ich möchte. Die Kur und was dazu gehört, nimmt alle Zeit in Anspruch, und der leidige Herzzustand, obwohl soweit gebessert, daß ich gut schlafe, verbietet noch immer jede die Leidenschaft erregende eingehende Beschäftigung.
    Lassen Sie mich also nur kurz sagen, daß Ihre orientierenden Ausführungen über die Ansichten der beiden Herren mir sehr wertvoll waren. Ich selber hatte Ihnen nur ein kleines Bruchstück von dem gesagt, was ich auf dem Herzen hatte. So z. B. denke ich mir die erwähnte Ständegliederung durchaus nicht als eine gesetzlich einzuführende Neuerung, sondern als eine aus der Initiative energischer Männer hervorgehende   T a t s a c h e.   Vor kurzem schrieb mir ein bedeutender Mann — den ich heute nicht nennen will —‚ das Einzige, was er an meinen Arbeiten nicht leiden könne, sei die Polemik gegen die Parlamente, es ginge doch nicht an, „die Welt zurückschrauben zu wollen“. Wollte ich das, so wäre ich ein Schwärmer — was ich nicht bin; vielmehr möchte ich nur dazu beitragen, die Weltuhr vorzurücken — etwa wie es mit der neuen Sommerzeit so segensreich gelungen ist. Erkennt man, daß der Reichstag in seiner jetzigen Verfassung ein geradezu furchtbares, rettungsloses Übel ist — ein Zeit- und Kräfteverlust ohnegleichen, ein Vernichter jedes organischen Aufbauens — so folgt daraus mit Notwendigkeit, daß hieran etwas geändert werden muß, und daß es eine bloße Redensart ist, wenn man von „Zurückschrauben“ redet und die Sache dadurch so hinstellt, als wären die gegenwärtigen Verhältnisse Felsen, an denen weder gerüttelt werden kann noch darf. Menschliche Institutionen sind menschliche Werke. Der Wille, sie zweckmäßig zu gestalten, ist die Grundbedingung aller praktischen Tätigkeit. Nun wäre es gewiß naiv, wenn man erwarten wollte, der heutige Reichstag würde sich jemals aus eigener Einsicht umgestalten. Folglich bleibt nur der eine Weg, daß er nämlich von außen aus umgestaltet wird: Kein Staatsstreich, keine Verfassungsänderung, die nur auf dem Wege unheilvoller Kompromisse zu erreichen sein würde, sondern einfach eine Umwandlung durch neue Richtung des Willens in immer weiter werdenden Kreisen der Bevölkerung.
    Sie verstehen jetzt vielleicht besser — weil ich mich deutlicher ausgedrückt habe, — was ich unter der neuen Ständegliederung mir denke: eine Vernichtung der heutigen   P a r t e i e n,   ein gründliches Hinauswerfen aller berufsmäßigen Parlamentarier und Nurpolitiker, eine Erlösung aus hohlen Doktrinen, eine Vertretung durch Männer, die wirkliche Interessen — also Wahrheiten — verkörpern, kennen und zum berechtigten Ausdruck bringen. Das wäre immerhin ein Schritt auf dem Wege zu einem weniger absurden Zustand als der heutige es ist, und ich bin überzeugt, daß nur der erste Schritt schwer zu tun sein wird, die folgenden aber dann sehr schnell eine Umwandlung bewirken, von der wir uns heute kaum eine Vorstellung machen können.
    Wenn Sie meinen früheren Brief durchschlagen lassen, werde auch ich um eine Abschrift bitten, da ich keine besitze. — Auf unserem Rückwege halten wir uns kurz und   s t r e n g   i n k o g n i t o   in München auf und werden Sie bitten, uns in aller Stille die Freude Ihres Besuches zu gönnen. Ich bedarf leider noch großer Schonung.
    Treu und herzlich

Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

38-39 An Dr. Hartmeyer



Bayreuth, 26. September 1916.

Sehr verehrter Herr Hartmeyer!

    Ihre lieben Zeilen vom 23. 8. gelangten sehr spät in meine Hände, weil ich, um nicht gar zu viele Briefe zu verlieren, nichts nach Österreich nachschicken ließ, wo ich jetzt eine einmonatige Kur in Bad Gastein genoß, und von wo ich jetzt gestärkt, wenn auch nicht geheilt, zurückgekehrt bin. Haben Sie nachträglich tausend Dank, ganz besonders auch für den entzückenden kleinen Aufsatz. Ich will Ihnen offen gestehen, daß sich stets etwas wie eine Trauerwolke auf mein Gemüt niedersenkt, wenn ich mich zu hoch eingeschätzt sehe; es ist, als würde von einem so viel mehr gefordert, als man jemals zu leisten hoffen kann; doch solche Empfindungen schüttle ich schnell ab — schließlich tut jeder, was er kann, und Gott fügt es zu einem Ganzen; und da bleibt dann nur die Dankbarkeit für so viel Güte und Wärme, — wozu in Ihrem Falle die sehr dankbare Anerkennung einer so selten zarten Diskretion kommt.
    In Gastein sah ich unseren gemeinsamen Freund Leopold von Schröder ziemlich viel, da er hauptsächlich unseretwegen zehn Tage dort verbrachte. Sein prächtiges gesinnungstüchtiges Wesen hat mir wieder besondere Verehrung eingeflößt. Auch haben wir sehr viel Interessantes durch ihn erfahren. Ein anderer interessanter Besuch war der des Kammerherrn von Riepenhausen — Ihnen gewiß als früheres langjähriges Reichstagsmitglied, Gutsnachbar Bismarcks in Varzin usw. bekannt. Er bewegt sich in Kreisen, die ihm vieles zu wissen erlauben, und sein Herz war sehr vollbepackt; nur um es in das meinige auszuschütten, war er nach Gastein auf einen Tag heraufgefahren — freilich für mich ein sehr kurwidriges Beginnen. Auf dem Rückweg hatte ich auch in München interessante Begegnungen mit wohlinformierten Männern. Ich denke mir, Ihnen muß das alles sehr schmerzlich fehlen da draußen. Ich hoffe, Ihre Herzbeschwerden haben wieder nachgelassen?
    In der Hoffnung, Ihnen bald und mit mehr Muße wieder zu begegnen, verbleibe ich, sehr verehrter Herr Doktor,

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

39-44 An Frl. Sidonie Peter



Bayreuth, 10.—12. Oktober 1916.

Hochverehrte Freundin!

    Ihr Brief vom 18. 8. ist spät in meine Hände gelangt, und die Fülle des zu Erledigenden war so groß, daß wir zu dritt die Sache in die Hand nehmen mußten.
    Lassen Sie mich zunächst Ihnen von Herzen danken und wiederholt versichern, daß gerade Ihre Briefe mir stets eine Quelle der angenehmsten Unterhaltung sind und daß ich stets Zeit habe, sie zu lesen und wieder zu lesen — denn die nehme ich mir ganz einfach. Dazu kommt, daß ich jetzt unter einem sehr strengen Verbot lebe und keine eigentliche Arbeit unternehmen darf, — ja, aufrichtig gesagt auch einsehen muß, daß ich dazu unfähig bin. Einen kleinen Aufsatz hatte ich noch zu Papier bringen wollen „Der Wille zum Sieg“, mußte es aber unterlassen, da die Nächte vollkommen schlaflos wurden.
    Ihre erste gütige Frage kann ich dahin beantworten, daß Gastein mir wirklich große Dienste schon geleistet hat, mehr wird als später eintreffend prophezeit und noch mehr sollen künftige dortige Kuren leisten. Die Luft war unbeschreiblich herrlich, und die Bäder, die ich bis zu 20 Minuten ausdehnen durfte, bekamen mir vortrefflich. Dort erlangte ich sofort wieder die verlorene Nachtruhe, und es entwichen fast ebenso plötzlich die quälenden Rückenschmerzen — die einem wirklich das Leben fast unerträglich machen. Dagegen wird der Arm immer schlimmer, und es hat sich ein Fuß dazugesellt, der auch eine Schmerzensschule bedeutet, dazu der nicht weichende Herzdruck. Kurz ich bin, was die Physis anbelangt, ein ganz gehöriger „Kriegskrüppel“, und ich muß mich wohl oder übel dareinfinden, den Aufregungen — so viel diese Zeiten es nur erlauben — aus dem Wege zu gehen. Doch wie Sie wissen, ist Pessimismus nicht meine Sache, und als Ergebnis einer langen Konferenz mit meinem Verleger in München hat dieser mir einen „Parlograph“ geschenkt, der mich der Mühe des Schreibens völlig enthebt, und mit dessen Hilfe ich schon darangegangen bin, weitere Lebenserinnerungen zu gestalten. Wir sind übereingekommen, dies nicht in der Form einer lückenlos zusammenhängenden Erzählung zu tun, dagegen spricht nicht nur meine Abneigung gegen eine solche ermüdende Aufgabe, sondern auch die Tatsache, daß ich vieles Beste gar nicht erzählen könnte — sondern wir denken an einzelne Bilder, die für eine ganze Zeit oder eine ganze Geistesrichtung charakteristisch und symbolisch gelten können — etwa nach Art des im Brief an Kuntze ¹ schon andeutungsweise Geleisteten. Und zwar denke ich daran, das Ganze aus einer Reihe von Briefen bestehen zu lassen, da hieraus einerseits für mich große Freiheit in der Auswahl entsteht und anderseits eine gewisse Vielseitigkeit der Behandlung, die aus der Vorstellung verschiedener Individualitäten, an welche die Briefe gerichtet sind, sich ergibt. Ich weiß nicht, ob nicht der eine Brief vielleicht die Überschrift tragen wird: „An Fräulein Sidonie Peter“! Außerdem begegnete ich nun in Gastein meinem alten Freunde Leopold von Schröder, dem Wiener Indologen, und fand ihn voll des Wunsches, eine Art kleine schematische Lebensübersicht zu entwerfen; ² zwar konnte ich ihm oder vielmehr durfte ich ihm die Stunde zu seinen vielen Fragen nicht gewähren, und jetzt, wo er von dem anderen Vorhaben gehört hat, will er seine Absicht auf später vertagen — doch ist es mir immerhin eine Beruhigung, daß sich einer dazu bereitfindet und ich es also nicht zu tun brauche.
    Was Sie über Alexander Herzens Lebenserinnerungen sagen, stimmt ganz genau mit meinen Eindrücken überein. Denken Sie nur, — wir haben — meine Frau und ich — gerade die Confessions von J. J. Rousseau gelesen, die sie nicht kannte; bei mir waren Jahre seit der letzten Lektüre verstrichen; und ich muß sagen, mein früherer Eindruck kehrte verstärkt wieder, daß dieser Mann — rein als Beherrscher des Sprachausdruckes und seiner Verwendung betrachtet — vielleicht der größte Schriftgewaltige aller Zeiten ist — bei welchem Urteil ich natürlich von einer Erscheinung wie Goethes insofern absehe, als der mit der Sprache über die Sprache hinauslangt. Ich gebe freilich zu, daß das mit Unterbrechungen geschriebene Werk große Ungleichheiten aufweist, und daß namentlich derjenige Fehler, gegen den Sterne fahndet, nicht selten begegnen wird: daß nämlich gewisse Episoden dermaßen hinreißend sind, daß die folgenden auf alle Fälle matt und blaß erscheinen müssen. Immerhin aber ist und bleibt dieses Buch ein Meisterwerk unter Meisterwerken.
    Auf Ihre Frage nach meinem Jugendaufsatz erwidere ich Ihnen, daß ich ihn sicher irgendwo unter meinen Papieren besitze, doch frage ich mich jetzt, ob er nicht vielleicht den Contrat Social betraf; denn ich habe unter noch älteren Papieren von mir ausführliche Auszüge und Notizen über die Inégalité gefunden (französisch), und ich glaube kaum, daß ich diese Schrift zweimal behandelt haben werde.
    Denken Sie mal, was meine Frau und ich jetzt abends zusammen lesen: die Nouvelle Heloïse! Ich habe in früheren Jahren nie die Geduld und vielleicht auch nicht die Muße besessen, dieses Buch zu lesen; jetzt aber tue ich es mit staunender Bewunderung. Heute früh las ich meiner Schwiegermutter den 23. Brief des 1. Teiles vor, die Schilderungen der Reise in den Walliser Alpen — und immer wieder unterbrach sie mich, hingerissen von der Schönheit der Sprache und der Kraft der Eindrücke. So unbedingt einfach und so vollendet angemessen hat wohl noch nie ein Mensch geschrieben, und es fällt nur darum den meisten nicht auf, weil eben die Vollendung erreicht ist.
    Die Memoiren der Contesse de Boigne kenne ich nicht. Glauben Sie, daß es was für mich ist?
    Ihr Urteil über Treitschke hat mich ein klein wenig — aber nicht gar zu sehr — erstaunt; die Aufsätze, auf die Sie anzuspielen scheinen, sind mir augenblicklich nicht gegenwärtig. Mir ist's aber mit ihm in letzter Zeit umgekehrt gegangen: ich habe nämlich sein Werk „Die Politik“ zum erstenmal nicht bloß durchgerast und ausgebeutet, sondern wirklich gelesen; wie Sie wissen, ist es kein von ihm verfaßtes Werk, sondern ein sehr gut redigierter Bericht nach stenographischen Aufnahmen von Vorlesungen, und da hat man den ganzen lebendigen, prachtvollen Menschen mit seiner Leidenschaft, mit seinen Übertreibungen, mit seiner Liebe und seinem Haß, wie er lebte und webte, vor sich — und dieses Buch gefällt mir eigentlich besser als alle anderen aus seiner Feder. An seinen Aufsätzen hatte ich auch damals, wie Sie jetzt, eine dschungelhafte Unübersichtlichkeit zu beklagen, auch eine professorale Umständlichkeit... Das alles ist in dem Werke über Politik wie fortgezaubert.
    Die Worte „professoral“ und „Politik“ rufen mir Ihren Freund Richard Schmidt ins Gedächtnis, über dessen „Allgemeine Staatslehre“ wir hier sprachen, und von der ich Ihnen sagte, wie sehr ich den ersten Band schätzte. Sobald er dann das Geschichtliche in Angriff nimmt, sinkt er für mein Gefühl nicht unmerklich herab. Es ist ja auch viel verlangt, daß ein Mann alles beherrschen soll. Und in der Tat, wer einige Kenntnisse besitzt, merkt bald, daß der Gelehrte — da er jetzt sich auf einem Zwischengebiet bewegt — sich in Wirklichkeit auf ganz wenige Führer verläßt, denen er blind folgt; ich war bisweilen erstaunt, was alles er nicht weiß und nicht beachtet. Es kommen da ganz merkwürdige Schnitzer vor. Nicht etwa, daß ich ihm sein wegwerfendes Urteil über die „Grundlagen“ im geringsten übel nehme; ich hätte es auch sehr gut verstanden, wenn er mich ebenso ignoriert hätte, wie er hundert verdiente Fachhistoriker mit Stillschweigen übergeht. Was aber immer wieder mich bei diesem Gelehrten stutzig macht, ist die leichtsinnige Ungenauigkeit, aus der hervorgeht, daß sie die Dinge, von denen sie sprechen und die sie aburteilen, gar nicht kennen, so daß ich mich auch hier fragen muß: Wie ist es eigentlich zugegangen? Hat der Mann wirklich einmal die „Grundlagen“ in der Hand gehabt? Und auf wie viele Minuten? Oder hat er nur einen Bericht darüber gelesen oder gehört und das Weitere durch seine Phantasie ergänzt? Hören Sie nur das eine: — er behauptet, mein Buch strotze von „Fanfarenstößen für Richard Wagner“!!! Die „Grundlagen“ und Richard Wagner! Ein einziger Blick auf das Register überzeugt, daß der Name nicht einmal zehnmal im ganzen über 1000 Seiten zählenden Werk genannt wird; ja nicht einmal so viel, denn im Register ist auf Stellen auch hingewiesen, wo der Name gar nicht vorkommt, sondern in irgendeinem weiteren Sinne Wagner auch mit inbegriffen sein könnte; und auch wo der Name wirklich vorkommt, geschieht das zum Teil bloß in Anmerkungen, wo auf irgendein politisches oder historisches Wort des Bayreuther Meisters verwiesen wird. Ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie mir eine einzige Stelle nachweisen könnten, die selbst bei einem voreingenommenen Menschen diesen Eindruck zu erwecken geeignet wäre; mir ist keine erinnerlich. Und noch ein Beispiel von dem unglaublichen Leichtsinn solcher von ihrer Gottähnlichkeit trunkenen Fachgelehrten: auf Seite 87 des 2. Bandes kommt er wieder auf mich zurück, um zu behaupten, ich klammere mich an an Burckhardts „Griechische Kulturgeschichte“, welche gar nicht existierte, ich meine, nicht veröffentlicht war zur Zeit, da ich die „Grundlagen“ schrieb. Solche Dinge sind mir schon oft vorgekommen: es ist aber ein krasser Fall, wenn nicht ein bloßer Zeitungsschreiber, sondern ein angesehener Fachmann sich so benimmt. — Für die „Grundlagen“ selbst kann es ja gleichgültig sein: mit ihren Eigenschaften und mit ihren Fehlern werden sie bleiben, was sie sind, und sie sind „etwas“ — mehr halte auch ich nicht davon.
    Auf Krieg und Politik gehe ich grundsätzlich nicht ein, sondern beuge mich dem ärztlichen Gebot. Nur so viel will ich sagen, daß ich wieder hervorragenden Männern und eingeweihten Persönlichkeiten begegnet bin, die alle sehr gütig gegen mich waren und mir vieles Interessantes erzählten. Neulich war ein Freund hier, von dem ich Ihnen, glaube ich, erzählte, und der seit Jahr und Tag bei Hindenburg war und täglich zweimal mit ihm speiste — bis zu dessen Ernennung zum Generalstabschef, und er brachte herrliche Anekdoten, zugleich sehr traurige, über die ich aber nicht schriftlich berichten kann, leider.
    In „Ideal und Macht“ hat nachträglich das Berliner Auswärtige Amt von der Münchner Zensur Striche verlangt! Zum Glück ist man in München viel freier als in Berlin, und so darf unsere zweite Auflage noch ohne Kürzungen weiter verkauft werden.
    Wie Sie sehen, ich habe in der Länge mit Ihnen gewetteifert. Nehmen Sie dies als einen Beweis für die große Freude, die mir Ihre Briefe machen.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Chamberlain und sein deutscher Lehrer. Brief an Prof. Dr. Otto Kuntze. Deutsche Bücher, 1916, München.
    ² Der 1918 erschienene Lebensabriß H. S. C.s von L. v. Schroeder (J. F. Lehmanns Verlag, München).
 

44-46 An von Tippelskirch



Bayreuth, 31. Oktober 1916.

Euer Exzellenz

ergreifenden Brief vom 25. d. M. mit Worten zu beantworten und entsprechend dafür zu danken, fällt mir sehr schwer; ein Blick und ein Händedruck wären angemessen. Steht mir nicht einmal die Feder zur Verfügung, denn ich bin krank und kann sie nicht führen; diese Worte muß ich in einen Parlographen hineinsprechen — ein Instrument, das mir zwar im Augenblick sehr zu statten kommt, das aber eine Geistesgegenwart erfordert, die nicht so schnell zu erringen ist. Ihre Worte haben mich ergriffen und erhoben. Daß die Wehmut des herben Verlustes Ihnen die Zunge gelöst hat, um mir die große Freude zu machen, daß ich von der dauernden Wirkung meiner Werke in Ihrem edlen Familienkreise erfahre: das empfinde ich zugleich als eine merkwürdige, schöne und wehmütige Fügung. Man fühlt sich über die Zeitlichkeit und über die ach! so schmerzlich engen Schranken des armen Ich hinausgehoben. Von Herzen danke ich Ihnen.
    Die Karte Ihres verewigten Heldensohnes an mich hat meine Frau nun herausgesucht; ich lege sie hier bei als den beredtesten Dankesausdruck, der in meiner Macht steht.
    Aus Ihren Bemerkungen über Luther glaube ich zu entnehmen, daß Sie mein kleines Sammelbuch „Deutsches Wesen“ kennen, in welchem der einzige ausführliche Aufsatz enthalten ist, den ich je über den großen Reformator geschrieben habe. Wenn nicht, würde ich um die Erlaubnis bitten, Ihnen ein Exemplar dedizieren zu dürfen.
    Die Angriffe auf mich, die Sie erwähnen, habe ich zum größten Teil überhaupt gar nicht kennengelernt und pflege diesen Erscheinungen keine besondere Beachtung zu schenken. Ich meine, Liebe und Haß verhalten sich etwa wie Tag und Nacht; wer das eine zu verdienen hofft, muß das andere mit in Kauf nehmen. Seit mehr als zwanzig Jahren schaffe ich in weltabgeschiedener Stille; dieses Schaffen ist mein Glück; was es für andere wert sein mag, vermag ich gar nicht zu beurteilen und bin dann sehr glücklich, wenn ich solche Dinge erfahre, wie Ihr lieber Brief mir berichtet. Ich selbst lese in meinen Büchern wie ein Fremder; denn der Alltagsmensch und der Mensch, der in glücklicher Stunde schreibt, sind zwei sehr verschiedene Wesen.
    Noch einmal, hochverehrter Herr, nehmen Sie meinen warmen Dank; grüßen Sie, bitte, Ihre verehrten Familienmitglieder; bewahren Sie mir Ihr ferneres Interesse und lassen Sie mich hoffen, daß mir eines Tages das Glück wird, Ihnen die Hand zu drücken und in die Augen zu blicken.
    In größter Verehrung

treu ergeben

Houston S. Chamberlain.
 

46-48 An Fr. von Wiesner



Bayreuth, 3. November 1916.

Hochverehrter Herr Sektionsrat!

    Mit dem lieben Brief vom 28. Oktober, den Sie Ihren gewiß amtlich überfüllten Stunden abgerungen haben, haben Sie einem Kranken eine wahre Wohltat erwiesen. Der Heimgang Ihres hochverehrten, von mir aufrichtig geliebten und leidenschaftlich bewunderten Vaters ¹ kam mir in diesem Augenblick doch unerwartet und hat mich tief erschüttert. Die übergroße Empfindlichkeit der Seele bildet einen Teil meines augenblicklichen Leidens; und so habe ich denn den geradezu unersetzlichen Verlust im Herzen noch ergreifender gefühlt, als es ohnehin der Fall gewesen wäre — dazu die unfreiwillige Muße gehabt, viel darüber nachzudenken. Unendlich leid tat es mir auch, der telegraphischen Bitte der österreichischen „Rundschau“, eine eingehendere Würdigung des Verewigten jetzt sofort zu verfassen, nicht entsprechen zu können. Es hat mir aber Schweninger jede derartige Arbeit auf das strengste verboten. Ich hoffe aber eine künftige Gelegenheit ergreifen zu können, um wenigstens einiges auf meine Weise zu sagen. Nicht minder ergriff mich dann das Eintreffen des Buches „Erschaffung, Entstehung, Entwicklung“ mit der eigenhändigen Widmung des Verfassers. Ich habe darüber Tränen geweint, teils der Freude über die Vollendung dieses Werkes, teils der Rührung darüber, daß es nicht mehr möglich sein soll, mit dem Autor darüber Gedanken auszutauschen. Ihr Brief, der mir gleichsam die unmittelbare Berührung mit den Ereignissen der letzten Monate verschaffte, hat beruhigend gewirkt: das Bild der standhaft ertragenen Schmerzen, der treuesten Pflichterfüllung bis zur letzten Stunde bietet die edle Vollendung des Bildes, das ich im Herzen schon trug.
    Welch merkwürdige Fügung, daß jene Erinnerungen an mich zu den letzten Arbeiten gehörten. Ich fürchte, daß ich damals, an jeder Äußerung physisch sehr verhindert, dem edlen Freunde nur sehr ungenügend hierfür gedankt haben mag. Inzwischen hat mir ja Gastein eine wesentliche Erleichterung gebracht, namentlich indem es mir den Schlaf wiedergab. Aber ich bin noch ein rechter Patient, an mehreren Gliedern halb gelähmt und zu jeder anhaltenden Arbeit vollkommen unfähig. Zwar werden mir Nachwirkungen der Gasteiner Kur versprochen und namentlich Wirkungen von wiederholtem Kurgebrauch; und ich selber bin nicht ohne Hoffnung, da es zutrifft, daß ich in meinem Leben alle 15 Jahre eine nervöse Affektion hatte, wie z. B. vor 30 Jahren eine mehrjährig anhaltende, sehr starke; wenn also die Lebenskräfte bei meinem hohen Alter noch ausreichen, so darf ich vielleicht hoffen, auch diesmal das durch den Krieg und die großen Seelenerschütterungen gesteigerte Leiden doch noch zu überwinden. Vorderhand, und um nicht ganz zu verkümmern, bin ich beschäftigt, einige Erinnerungen in freier Briefform aufzusetzen, und der eine Brief soll heißen: „Julius Wiesner und die Naturwissenschaft“.
    An Ihre hochverehrte Frau Mutter habe ich keinen Brief gerichtet — ich hatte den Mut nicht dazu und fürchtete auch die eigene Ergriffenheit. Ich darf Sie aber bitten, ihr den Ausdruck meiner Ehrerbietung und meines treuen, innigen Mitgefühls zu übermitteln.
    Von dem neuen und letzten Buche erwarte ich — nach den mir bekannten Einzelheiten — sehr vieles; es müßte eigentlich epochemachend wirken. Ich selber werde leider wohl nicht so bald an das wirklich gründliche Studium des Buches gehen können, das ich jetzt durchblättere voll Sehnsucht, mir den ganzen Gedankengang anzueignen.
    Mit nochmaligem Herzensdank, mit den besten Empfehlungen von meiner Frau, und mit wärmsten Grüßen an Sie und an Ihren Herrn Bruder verbleibe ich — mit der aufrichtigen Bitte, mir einen Teil der Freundschaft Ihres Vaters zu widmen,

Ihr in Verehrung ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Des großen Pflanzenphysiologen Julius Wiesner, dem die „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ gewidmet sind.
 

48-50 An Fräulein Sidonie Peter



Bayreuth, 18. Februar 1918.

Hochverehrte Freundin,

    Ihren Brief vom 16. erhalte ich soeben und danke Ihnen noch einmal aus ganzem Herzen, nicht allein dafür, daß Sie sich dieser wichtigen Arbeit ¹ unterziehen, sondern namentlich auch dafür, daß ich mich in Ihren Händen so zuverlässig   s i c h e r   wissen Darf. Daß Sie die Aufgabe vollkommen lösen werden, weiß ich im voraus, und ich bitte Sie, aus dem Bewußtsein dieses meines unbedingten Vertrauens den Mut dazu zu Schöpfen.
    Auf Ihre Frage antworte ich mit der von Ihnen gewünschten und mir gebotenen Kürze:
    Ich will nicht, daß in dem ganzen Buche ein einziges Wort ohne mein Wissen und Zustimmen geändert wird.
    Die Frage nach „entbehrlichen Fremdwörtern“ ist eine sehr verwickelte und könnte zwischen uns nur mündlich verhandelt werden. Teilweise — wie Sie wissen — gehe ich ganz und gar mit Ihnen und bin schon lange eifriges Mitglied des Deutschen Sprachvereins; dennoch herrscht zwischen uns keine volle Übereinstimmung, und zwar weder in bezug auf den Grundsatz noch in bezug auf die Ausführung. Gar viele Fremdwörter halte ich für durchaus unentbehrlich, soll die Sprache nicht an Ausdrucksfähigkeit und an Genauigkeit beträchtliche Einbuße leiden; soll aber „verdeutscht“ werden, so wird es in den meisten Fällen (ich meine bei einem so sorgfältig und überlegt Schreibenden wie ich es bin) mit dem Verdeutschen eines einzelnen Wortes nicht getan sein, vielmehr muß der Satzteil umgedacht werden. Das habe ich bei Ihren Vorschlägen zum Kant vielfach erfahren und bin — wo ich einverstanden mit der Entfernung des Fremdwortes war — viel weiter als Sie gegangen. Bei jedem solchen Wort muß man peinlich die Tragweite einerseits in bezug auf den genauen Sinn, anderseits auf den Stil des Satzes in Erwägung ziehen. Sie kennen sicher Goethes Ausspruch: „Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe usw.“, und er warnt im Verfolg vor der Ersetzung „eines bedeutenden Wortes durch ein kümmerliches Surrogat“.
    Nehmen wir als Beispiel zur Verständigung die zwei von Ihnen genannten Wörter, der ersten Seite des Vorworts entnommen. Beide sind gewiß nicht „bedeutend“, ebensowenig aber entbehren sie einer verfechtbaren stilistischen Absicht. „Uncontrollierbare Gespräche“ besagt mit zwei Worten genau, was gesagt werden soll; der Satz nach Ihrem Vorschlag würde folgende Anhäufung bedingen: Gesprächen, deren Wortlaut sich nicht nachprüfen läßt, überliefert sind; so schreibe ich nicht und würde also im Notfall einen ganz anderen Satz dafür setzen. Mit dem Wort „Relationen“ verhält es sich folgendermaßen: dieses Wort war zu Goethes Zeiten gebräuchlich und wird von ihm und von den besten seiner Zeitgenossen — ich nenne nur Schiller — vielfach gebraucht, und zwar für die Bezeichnung einer bestimmten Art von Berichten; „Bericht“ ist allumfassend, „Relation“ weist einen Schatten von Geringschätzung auf, der auf eine gewisse Flüchtigkeit hindeutet. Diese feine Bedeutungsschattierung läßt sich mit Hilfe von Littrés großem Wörterbuch auch im Französischen verfolgen, bleibt aber dort weniger bestimmt als in Goethes deutscher Verwendung.
    Bei meinem Vorwort hat mir das alles bewußt oder unbewußt vorgeschwebt, und es würde mich nicht wundern, wenn das Urmanuskript eine Verbesserung aus „Bericht“ in „Relation“ trüge. Kommen Sie einmal hierher, ich werde mir erlauben, Ihnen Manuskriptseiten vorzulegen, aus denen Sie die Überzeugung schöpfen werden, daß ich alles eher denn leichtsinnig schreibe.
    Dies alles zur Aufklärung vorausgesetzt, melde ich, daß ich mit Freude und Dankbarkeit einen jeden Ihrer Vorschläge zu Verdeutschungen prüfen und auf meine Weise erledigen werde. Die einfachste Methode wäre, daß Sie am Rande der betreffenden Zeile einen ganz kleinen Strich mit roter Kreide machten, Sie können sich darauf verlassen, daß ich sofort verstehe, worauf Sie zielen.
    Nehmen Sie fürlieb mit diesen eiligen Zeilen und bleiben versichert der herzlichsten Dankbarkeit und Verehrung

Ihres treu ergebenen

Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ Vgl. Vorwort zur II. Auflage des „Goethe“.
 

50-53 An Gerhart Hauptmann



Bayreuth, 16. März 1918.

Hochverehrter Herr und Freund,

Von einem geheimnisvollen Nerven- und Muskelleiden befallen, bin ich aus der Reihe der Lebendigselbsttätigen geschieden und ganz auf den Beistand liebender Seelen angewiesen; hieran fehlt es mir zwar nicht, doch so pedantisch pünktlich wie früher wickeln sich die Dinge nicht ab, namentlich da der Krieg mir eine Unzahl neuer Verbindungen und Ansprüche zugeführt hat. So blieb denn auch die Januarnummer der „Neuen deutschen Rundschau“ unbeachtet und unerkannt auf dem Broschürentisch liegen, bis vor wenigen Tagen mein Auge vom Diwan aus zufällig darüberstreifte und eine Erzählung ¹ von Ihnen angezeigt fand. Und als meine Frau dann kam und das Heft öffnete, entdeckte sie Ihre liebe Inschrift, die mich so herzlich erfreute, wie nur ein Kranker so etwas empfindet.
    Und nun haben wir gelesen und stehen unter einem sehr großen Eindruck! Die deutsche Literatur ist um ein wahrhaft schönes Gebilde reicher. Ich meinerseits meine, Sie haben uns niemals Schöneres geschenkt. Es ist lauter Poesie und lautere Poesie; nichts bewundere ich mehr daran, als die meisterliche Art, mit der Sie den gleich anfangs angeschlagenen hohen Ton — vielleicht sage ich besser hohe Tonart — festhalten, so daß kein Sinken stattfindet, selbst nicht auf eine Minute in irgendeinem Nebensatz. Die Sprache hat mich durch ihre Reinheit, Mannigfaltigkeit und Einfachheit entzückt; ich weiß es wohl, dies ist von allem das Schwerste und nur durch die höchste Kunst eines Meisters zu erreichen! Von der grassierenden Unart unserer modernen Literaten, durch seltsame Wortgebilde und undeutsche Satzfügungen sich einen eigenen Stil zu erkünsteln, ist bei Ihnen keine Spur; wohl reden Sie Ihre eigene Sprache, doch wächst diese in und aus dem Bereich der wahren Meister der deutschen Zunge. Auffallend und beglückend ist es zu erleben, wie auf diesem Wege immer Neues, dem Gegenstand Angemessenes zu erfinden bleibt. Nur ein Beispiel statt Dutzender: „Herbe Lieblichkeit“ ist ebenso entzückend wie verständlich und präzis bezeichnend; Goethe hätte seine Freude daran gehabt. —
    Hinaufsteigend zu den Bildern, so stehe ich ganz im Banne ihrer wunderbaren Schönheit und ihrer eindringlichen Kraft. Einzig z. B. ist der erste Aufstieg zur Agata-Kapelle mit der begleitenden Theorie ² der heiligen Frauen, hinter denen der dionysische Tanz seine Feier hält! Überhaupt ist es Ihnen gelungen, den ganzen Vorgang in Franzescos Seele vollkommen in die Sichtbarkeit hinauszuprojizieren; nicht ein Tüttelchen bleibt Begriff und Wort; jeder Gedanke wird erschaut; dadurch gerade entsteht der Eindruck des schlackenlos Poetischen. Deswegen bin ich auch der Meinung — die vielleicht nicht jeder teilt —‚ daß Sie recht daran getan haben, bei der Liebesnacht die Zügel nicht aus der Hand zu geben. Zwar war es ein gefährliches Wagestück; unendlich schwer war es, hier zwischen den zwei Klippen der Verrohung und der Ernüchterung sicher hindurchzusteuern; auch dies ist Ihnen gelungen und hat Ihnen als Belohnung die ganz unerwartete prächtige Szene der Frühmesse eingetragen.
[...]
    Mein Gesundheitszustand zwingt mich abzukürzen; gerne schriebe ich Ihnen Bogen über Bogen — so ganz bin ich von Ihrer Dichtung erfüllt.
    Eines muß ich Ihnen aber doch noch kurz erzählen.
    In dem Frühsommer meines 17. Lebensjahres habe ich acht Wochen oben auf dem Generoso zugebracht — eine unvergeßliche, für meine weitere geistige Entwicklung entscheidende Zeit. Damals war die Höhe nur zu Fuß zu erreichen, allenfalls auf dem Rücken eines Esels; und es stand ein einziges Gasthaus auf dem Berge, das kleine des Dr. Pasta aus Mendrisio — geschützt am Südabhange, etwa anderthalb Stunden unter dem Gipfel gelagert. Den vorangegangenen Winter über hatte ich in Himmelskunde geschwelgt, jetzt galt meine jugendliche inbrünstige Liebe den Blumen: täglich strich ich stundenlang, die Sammeltrommel auf dem Rücken, über alle Felsen und durch alle Klüfte — nebenbei gesagt, habe ich bei Ihnen ein Einziges vermißt, worauf ich gespannt wartete: den bezaubernden Anblick der inmitten schroffster Klippen wildwachsenden Päonien! Sie können sich denken, wie genau ich den Berg kennenlernte — nach Westen, Süden und Osten. Ihren Schilderungen bin ich überall mit lebendigster Erinnerung entgegengekommen, und was etwa verblaßt war, haben Sie zu neuem Leben erweckt.
    Noch etwas muß ich aber hinzufügen: besonders beeindruckt wurde ich auf dem Monte Generoso durch die atmosphärischen Erscheinungen, dergleichen ich im Leben nie wieder angetroffen habe. Das Brockengespenst erlebte ich öfters, auch vierfache Regenbogen und das Doppelkreuz am Himmel; fast noch mehr wirkte auf meine Phantasie die häufig erblickte Projektion der eigenen Gestalt, zu Riesenmaßen vergrößert, auf die stillstehende Nebelwand, der Kopf von einem Glorienschein umgeben. Alle diese Stimmungen zusammengenommen und wahrscheinlich gesteigert durch die auf dem Wege nach Mendrisio in einem abgelegenen Gasthaus am Luganersee zufällig erfolgte erste Offenbarung Beethovenscher Kunst mögen es erklären, daß mich auf Generoso eine religiöse Ekstase überkam, wie ich sie weder vorher kannte noch später wieder erfuhr. Oft und oft bin ich bei meinen einsamen Streifzügen auf die Knie gesunken, die Stirne zur Erde gebeugt, in Anbetung Gottes, dessen Gegenwart mir derartig sicher und nahe war, daß ich immer erwartete, seine Stimme aus Busch oder Wolke zu vernehmen. Es war ein Zustand schönen Wahns!
    Und nun sagen Sie sich, ob ich nicht dazu bestimmt war, der beste aller Leser des Ketzers von Soana zu sein?
    Nun habe ich aber die mir ärztlich gesteckten Grenzen gehörig überschritten, nicht weniger, fürchte ich, die Grenzen Ihrer Geduld. Jedenfalls wollen Sie in dem Vorangehenden einen Beweis meiner warmen Dankbarkeit für das mir erwiesene liebevolle Gedenken, zugleich meiner begeisterten Bewunderung Ihres Werkes erblicken.
    Ich darf Sie bitten, Ihrer lieben verehrten Gemahlin und Ihren Söhnen meine freundlichsten Grüße auszurichten und selber den Ausdruck meiner treusten Ergebenheit zu empfangen.

Ihr

Houston Stewart Chamberlain.

    Noch eines kann ich nicht unterlassen nachzutragen: der Beschluß Ihrer Erzählung, das hinansteigende Weib, wirkt — ich finde kein anderes Wort dafür — erhaben!
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    ¹ „Der Ketzer von Soana.“
    ² Feierliche Festgesandtschaft.
 

53-58 An Rechtsanwalt Alfr. Jacobsen ¹



Bayreuth, 21. Nov. 1918.

Hochverehrter Herr!

    Soeben wurde mir von meiner Frau Ihr Brief vom 18. d. M. vorgelesen; tief bewegt hörte ich zu und empfinde es bitter, daß mein körperlicher Zustand jede nur einigermaßen entsprechende Beantwortung ausschließt. Gerade bei Ihnen darf ich aber auf Verständnis und Nachsicht rechnen; denn Sie erwünschen meine Genesung und die Fähigkeit zu weiterer fördernder Arbeit am Deutschtum — und augenblicklich liegt die Sache so, daß jede Gemütserregung wie Gift auf meine Organisation wirkt und ich nur eine Wahl habe: mich sofort zugrunde zu richten — ohne wahrscheinlich irgend etwas geleistet zu haben, oder aber in kühler und klarer Erkenntnis der vorliegenden Umstände mich resolut einzuschränken und der Gegenwart mich möglichst zu entrücken. Dies tue ich, indem ich die sehr geringen Arbeitskräfte teils den Korrekturen zu einem demnächst erscheinenden Buche „Lebenswege meines Denkens“ mit pedantischer Sorgfalt widme, teils mich in die ersten vier Jahrhunderte des Christentums tiefer versenke, als ich bisher die Muße dazu gefunden hatte. Werden Sie darum, bitte, an mir nicht irre, wenn ich dem, was Sie von mir erwarten, in keiner Weise entspreche. Man muß sich immer wiederholen: Gottes Wege sind nicht unsere Wege; das gilt vom Einzelnen ebenso wie von Nationen.
    Übrigens erfahre ich jetzt wieder — wie schon früher mehr als einmal im Leben — daß, wenn man die Zeitungen liegen läßt und sich gleichsam isoliert, man merkwürdig viel weiß und errät und vielleicht mehr miterlebt als sonst. Indem der Geist auf einer tieferen Ebene seinen Standpunkt einnimmt, erweitert sich der Umkreis seiner Zugehörigkeit, ich wollte sagen: des ihm Zugehörigen. Man wird empfänglicher für die Stimmen, die einem aus Volk und Umgebung immerhin erreichen.
    So hat z. B. vorhin eine Stunde zum Tee bei mir zugebracht ein hiesiger Offizier (aber geborener Westfale, im Zivilleben Amtsrichter), der zum hiesigen „Soldatenrat“ gehört. Da erfährt man auf einmal so viel Echtes und Genaues, das man umsonst in den Zeitungen suchen würde! Ebenso besitze ich die lebhafteste Vorstellung der wahren Frontstimmung aus den Berichten einfacher Soldaten, mit denen mich schon vor dem Kriege gegenseitiges Vertrauen verband — da die mir anhaftende französische Eigenart mir überall wahre Freunde im Volke gewonnen hat. Insofern kann ich wohl sagen, ich lebe mit meiner Zeit. Wozu noch kommt, daß ich wenigstens einzelne unter den entscheidenden Persönlichkeiten sehr genau kenne, so Kaiser Wilhelm und den Prinzen Max. Kurz, ein gewisses Bild von der deutschen Seele in ihren verschiedenen heutigen Zuständen mache ich mir schon — gerade aber in seiner Lebhaftigkeit sehr chaotisch. Und blicke ich weiter umher und suche mir gar den logischen Zusammenhang der Ereignisse — nach Ursache und Wirkung — zu deuten, so verliere ich bald den festen Boden unter den Füßen und fühle mich wie in einem Wirrtraum umhergeworfen. Es bleibt doch vorläufig einem still lebenden Privatmann gar zu vieles und Entscheidendes verborgen. So z. B. vermute ich bei der deutschen „Revolution“ sehr viel jüdische Geheimorganisation, die aber zugleich Agent englischer Geheimpolitik ist: hat doch Lloyd George vor einigen Monaten zynisch gestanden: „Wenn Deutschland von außen nicht zu besiegen ist, so muß es von innen gelingen.“
    Je weiter aber in Zeit und Raum der Blick umherschweift, um so mehr verwirren sich meine Gedanken. Der Balkan reicht jetzt — kann man sagen — bis nach Hamburg. Die zielbewußte Arbeit von Jahrhunderten hatte ganz allmählich, von Nordwesten nach Südosten zu, fortschreitend Ordnung geschaffen, und man konnte hoffen, wenn der Krieg günstig ausgegangen wäre, jetzt bis fast an die Grenzen Persiens das Chaos sich in Kosmos verwandeln zu sehen. Nun ist alles über den Haufen geworfen und Stoff zu nie endendem Hader bis an die Tore Dresdens und rings an alle deutschen Grenzen getragen. Ich nenne hier nur ein Beispiel, das ich aus eigener Beobachtung gut kenne: weit mehr als den Ungarn und den Deutschen haßt der Serbe den Kroaten, und der Kroate erwidert diesen Haß aus ganzem Herzen; jetzt sind beide freigelassen wie zwei Kampfhähne, und es dauert vielleicht keine fünf Jahre, und sie stürzen aufeinander. Das ist mathematisch unausbleiblich. Und wie sollte, wer die Tschechen kennt wie ich, irgend etwas außer Unheil von diesem [...] Tatarenpack (das alle anderen Slawen verachten), irgend etwas anderes als Unheil über Unheil erwarten? — Von den Polen schweige ich, weil jeder Deutsche da Bescheid weiß...
    Was Deutschland selbst betrifft, so muß ich in gaffender Verwunderung die vielen Deutschen anstaunen, die sich über Nacht ins Neue gefunden und geschickt haben, ja, sogar Hoffnungen daran knüpfen, bisweilen überschwenglichster Art. So schreibt z. B. der vortreffliche L. R. [...]‚ den ich als vortrefflichen Politiker und Patrioten im Kriege kennenlernte, und der sich vor wenigen Wochen gebrochenen Herzens über Bulgariens Abfall und alles, was sich schon daraus allein ergab, äußerte, jetzt plötzlich in den „Bremer Nachrichten“ über Deutschland als den ersten sozialen Staat der Welt, der durch seine Revolution die Niederlage ausgelöscht habe und nunmehr an der Spitze aller Nationen schreite usw. usw. Da frage ich mich: sind das arme edle Deutsche, die unter der Last der jähen Ereignisse den Verstand verloren haben? oder bin ich nur für diese blendenden Wahrheiten blind?
[...]
    22. Nov. 1918. Soeben las ich in dem herrlichen Brief des Märtyrerbischofs Ignatius an Polykarp: „Dem kraftgewaltigen Mann ist es eigen, schwere Schläge zu erdulden und nichtsdestoweniger den Sieg zu erfechten.“ Gibt es im heutigen Deutschland eine beträchtliche Anzahl Menschen dieser heroischen Überzeugung, so würde und so will ich nicht verzweifeln und würde auch die Frage der Regierungsform — wenngleich gewißlich keine nebensächliche — dennoch nicht für entscheidend halten. In der Gesellschaft des Kaisers wurde vor Jahren über die Monarchie lebhaft gesprochen; ich allein schwieg; da wandte sich ein Graf Dohna zu mir: „Nun, Herr Ch., Sie sagen kein Wort? In Ihren Grundlagen gibt es Stellen, die Sie mir höchst verdächtig erscheinen lassen.“ Ich erwiderte: „Ich bin Monarchist, so lange noch ein halbwegs anständiger Mensch bereit ist, die Krone zu tragen; ich befürchte nur, der Tag naht, wo kein solcher mehr sich findet, ein so undankbares Amt zu übernehmen.“ Die damalige Gesellschaft wußte nicht recht, was sie mit dieser Antwort anfangen sollte; man lachte und war zugleich empört. Sie aber, hochverehrter Herr, werden mich verstehen. Wie Sie selber andeuten, eine Monarchie ohne Monarchen geht nicht gut an. Damit verliert Deutschland einen stärksten politischen Machtfaktor, und ist es auch gewiß möglich, ohne denselben zu wachsen und zu blühen (siehe die römische Republik), jeder besonnene Mann wird es beklagen, einen Trumpf aus der Hand geben zu müssen.
    Eine Tatsache flößt mir inmitten des heutigen Wirrwarrs Hoffnung für die Zukunft ein, das ist: die mustergültige Weise, in welcher alle Kräfte der Ordnung sich in den Dienst der durch Staatsstreich usurpierten Regierung gestellt haben: dadurch ist eine echt deutsche „Revolution“ zustande gekommen, und falls es gelingt, die wühlenden Elemente der Anarchie und des Terrors zu unterdrücken, wird dem Umsturz auf diesem Wege das Wasser zum großen Teil abgegraben worden sein, — so daß wir auf eine allmähliche Einkehr von der abschüssigen Bahn hoffen dürften, was natürlich nur dann von Bestand sein kann, wenn ganz andere Männer ans Ruder kommen.
    Ich weiß nicht, ob Sie seinerzeit meinen Aufsatz lasen: „Der hundertjährige Krieg“? ² Innerhalb des Aufsatzes hatte ich sogar die Dauer auf 200 Jahre geschätzt, innerhalb welcher die Friedenszeiten nicht minder   K r i e g   bedeuten werden als die, wenn die Kanonen sprechen; ich sehe nicht ein, wie es möglich sein soll, irgendeine Art von Hoffnung für eine der Welt zum Segen gedeihende Blüte deutschen Wesens zu fassen, wenn nicht das Bewußtsein, daß es sich um einen   K a m p f   handelt — um einen Kampf, ebenso wert gekämpft zu werden wie derjenige, für den Ignatius freiwillig in den Tod ging — bestimmend und richtunggebend für die Politik wird. Schon die eine Erwägung (wenngleich sie keinesfalls die einzige ist) genügt: alles Beste, was Deutschland der Menschheit zu ihrer Veredlung zu schenken vermag, ist an seine Sprache gebunden; nur ein machtvolles Deutschland wird aber seine Sprache über die Welt verbreiten; jetzt gehen wir einer Zeit entgegen, in der die englische Sprache immer mehr Weltsprache wird und die deutsche dem Verhältnis nach an Ausbreitung stetig abnimmt. Damit schwindet der Segen dahin.
    Ich habe à bâtons rompus mit Ihnen gesprochen — ohne logische Folge und ohne mehr als andeuten zu können. Ich hoffe aber, Sie nehmen meinen Brief freundlich auf und empfinden, daß ich in ihm die dargebotene Freundeshand ergreife und voll Verständnis für Ihre Seelenleiden kräftig drücke.
    Die Gegenklagefrage kann also als erledigt gelten. Mit einiger Spannung erwarte ich die Entscheidung, ob unsere Sache weiterverhandelt oder begraben wird.
    In Verehrung begrüßt Sie

Ihr ergebenster

Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ Rechtsvertreter Ch.s im Beleidigungsprozeß der „Frankfurter Zeitung“ gegen ihn.
    ² „Hammer oder Amboß.“ Dritte Reihe der Kriegsaufsätze. München 1916.
 

58-60 An Ernst von Meyenburg



Bayreuth, 23. Nov. 18.

Lieber Herr von Meyenburg,

    Wiederum haben mich zwei Briefe von Ihnen unterhalten und erfreut, — namentlich der zweite (vom 11. Nov. datiert) hat mich durch seine geistvolle Feinheit entzückt. Zur Zeit als ich selber noch Briefe schrieb — und ich tat es leidenschaftlich gern — waren es die Spontaneität und das Ungestüm, die ihnen Wert verleihen konnten; doch hatte ich stets ein besonders empfindliches Ohr für diejenigen stilistischen Eigenschaften, die mir selber nicht zu eigen waren. Sehr rührende — ja manchmal tiefbewegende — Briefe erhalte ich in diesen Tagen von Bekannten und Unbekannten: manche flehen mich an, das Wort zu ergreifen und Wege zu weisen, andere aber — und das sind die tiefer gearteten — empfinden eine Art Abschluß und haben mit mir weiter nichts vor, als mir für das zu danken, was ich für die Deutschen zu leisten versuchte. Und alle diese rührenden Seelen muß ich ohne Antwort lassen! weil nämlich bei meinem Zustand jede Gemütsbewegung ins Innerste greift und den Körper vernichtet. Soweit bin ich aber noch nicht, ohne Körper leben zu können; und so bleibt mir denn nichts anderes übrig, als hartherzig zu werden — wenigstens der Gegenwart gegenüber, während ich mir zugleich gütlich tue an dem erhabenen Heldensinn der ersten christlichen Märtyrer. Kennen Sie den Brief des heiligen Ignatius an die römische Gemeinde, geschrieben auf seinem Wege dorthin zum Tode in der Arena — durch wilde Tiere? Er hat die eine Angst, die Freunde könnten noch von dem menschlich gesinnten Trajan seine Begnadigung erwirken und ihm so den ersehnten Tod rauben, der ihn ganz vertilgen soll, so daß von ihm kein geringstes Knöchelchen übrig bleibe und er vollkommen in Christus aufgehe. In seiner Einfachheit gehört dieser kurze Brief zu den großartigsten „documents humains“, von denen ich Kenntnis besitze! Beschämt schaut man in unserer angeblich „großen Zeit“ umher und findet nichts, mit solcher Seelengröße zu vergleichen.
    Und jetzt lassen Sie mich einen Traum erzählen, der mich vor etwa acht Tagen, anstatt wie sonst in alle Fernen der Zeit und des Raumes zu führen, die bedrückende Gegenwart zentnerschwer empfinden ließ. Da, auf einmal erblicke ich eine Frau in mittleren Jahren, ziemlich stark, doch äußerst beweglich und energischer Allüren; mir wird mitgeteilt, es sei dies eine Art weiblicher Napoleon, die in kurzer Zeit in Deutschland allmächtig geworden sei, und zwar ohne irgendein Amt innezuhaben, einfach durch die Gründung und Leitung einer Zeitung, welche sämtliche andere aus dem Felde geschlagen habe und von allen Kreisen gelesen werde. Hierdurch sei es dahin gekommen, daß kein Abgeordneter ohne ihre Zustimmung gewählt werden könne, daß jede von ihr gewünschte Verordnung erlassen werden müsse und das Schicksal neuer Gesetzentwürfe von ihrem Willen abhinge. Mit einem großartigen Organisationsgeist begabt und das Beste wollend, hob sie das Deutsche Reich sichtbar aus seiner Erniedrigung und schien es einer großen Zukunft entgegenzuführen. Neugierig ließ ich mir ein Exemplar der betreffenden Zeitung reichen, entfaltete es und las zu meinem Staunen den in großen Lettern prangenden Titel:

D e r   a l l g e m e i n e   K i s c h - K i s c h
darunter, in etwas kleineren Lettern, der Nebentitel:
J e d e r m a n n   s e i n   e i g e n e r   H e r r.
Vielleicht wissen Sie mit Ihrer seltenen Gedächtniskraft und auffallenden Kombinationsgabe mir den Namen Kisch-Kisch aus irgendwelchen Reminiszenzen zu deuten? Im Traume blieb ich baff, — mußte aber der wackeren Frau meine Anerkennung und Dankbarkeit zollen... Da überfiel mich auf einmal die Frage: Was soll aber werden, wenn dieses geniale Weib einmal stirbt und die politisch unfähigen Deutschen wieder sich selber überlassen bleiben? Diese Frage erschreckte mich dermaßen, daß ich beklommenen Herzens aufwachte.
    Zur Erklärung der Möglichkeit solcher halbspaßhaften Traumeinfälle will ich nur bemerken, daß, wenn ein zwanzigjähriger Aristophanes jetzt unter uns weilte, er Stoff genug fände, um bis an sein Lebensende Possen zu schreiben.
    Ich hatte einen Onkel — überseeischer Großkaufmann und als solcher reich an vielfältiger Erfahrung. Diesen hörte ich als alten Mann sagen: „Kinder! Ihr urteilt immer falsch und laßt Euch von den Ereignissen überraschen, weil Ihr die Dummheit der Menschen nie richtig in Anschlag bringt. Stellt sie Euch so dumm vor, wie es Eurer Phantasie nur immer gelingen will, immer werdet Ihr finden, daß sie noch dümmer sind!“
    Hiermit drücke ich Ihnen die Hand und freue mich herzlich auf Ihren nächsten Brief.

Ihr

H. S. Grundleger.
 

60-62 An Freiherrn Vizeadmiral a. D. von Seckendorff



Bayreuth, 24. Dezember 1918.

Eure Exzellenz

gestatten, daß ich die Gelegenheit dieser Tage, welche die Menschenherzen einander nähert, dazu benutze, um Ihnen und Ihrer gnädigsten Frau Gemahlin verehrungsvolle Grüße zu senden sowie dem Wunsche Ausdruck zu geben, es möchte, trotz der Bitterkeit der Zeiten, Gottes Segen auf Ihnen und den Ihrigen ruhen.
    Oft gedenke ich des Tages, wo Sie mich mit Ihrem Besuche beehrten; es war unmittelbar, nachdem der Stein ins Rollen gekommen war, der dann, bald zu einer Lawine angewachsen, das Werk von Jahrhunderten zertrümmern sollte; mir ist bewußt, daß ich an jenem Morgen Ihren Erwartungen nicht entsprach: erstens, wie Sie bemerkt haben werden, sind meine Sprechwerkzeuge bedeutend verhindert, zweitens machte mich die Tatsache meiner freundschaftlichen Beziehungen zum Prinzen Max in jenem Augenblick ganz verwirrt — denn ich stand vor einem mir unlösbaren Rätsel; drittens aber hat sich seit jenem verhängnisvollen 4. Oktober ein Schweigebedürfnis über mich herabgesenkt, als lebte ich jetzt unter einer Glocke. Noch immer erhalte ich von Bekannten und Unbekannten viele Briefe; jeder will etwas von mir, der eine, ich soll an Präsident Wilson schreiben, der andere, ich soll beim Kaiser in irgendeinem Sinne vermitteln, der dritte, ich möchte Mahnrufe an das deutsche Volk richten usw. Alles lehne ich ab und kann nicht anders: vielleicht handelt es sich um den uns allen gemeinsamen Instinkt, das Leben zu erhalten, vielleicht aber — das vermag ich zur Zeit noch nicht zu beurteilen — um eine tiefere Intuition und kommt das Schweigegebot von oben.
    Übrigens muß ich gestehen, kaum einer meiner Korrespondenten erweckt in mir harmonischen Widerhall. Eine recht zahlreiche Gruppe scheint sich in die Lage schon hineingefunden zu haben, redet von dem Deutschland Beethovens und Goethes und geht zur Tagesordnung über. Diese Leute scheinen keine Ahnung von der furchtbaren Bedeutung der Katastrophe zu besitzen, die über Deutschland hereingebrochen ist. Von zehnfacher oder hundertfacher Übermacht besiegt zu sein, wäre das Geringste — und es ist ja auch nicht einmal der Fall. Deutschland wurde eigentlich nirgends besiegt; doch was soll man hoffen, wenn ein Volk aus eigener innerer Morschheit in der Art zusammenstürzt, wie das jetzt bei uns der Fall ist, und zwar Volk und Fürsten in gleichem Maße und kein einziger, der Stich hält? Dazu nun diese bestialisch boshaften Feinde, denen wir auf Gnade und Ungnade uns ergeben haben, und denen die dauernde Vernichtung des Deutschen als Ziel vorschwebt! Wie sollte es möglich sein, das alles mit leichtem Sinn hinzunehmen und heiter vertrauensselig in die Zukunft zu blicken? Und doch, ich muß gestehen, mir ist die zweite Gruppe meiner Briefschreiber noch unsympathischer: es sind wohl klügere Menschen, denen die Grauenhaftigkeit der Lage offen vor Augen liegt und die jeglicher Hoffnung entsagt haben, das Deutschtum für alle Zeiten ausgerottet halten und die Welt unrettbar dem Angelsachsentum verfallen wähnen. Diese trostlose Auffassung halte ich für geradezu sündhaft. Gottes Wege sind nicht unsere Wege, und es ist absurd, seiner Allmacht Grenzen ziehen zu wollen. Die Geschichte bietet uns Beispiele genug von Weltreichen, die über Nacht verfielen und verschwanden, so daß kaum Spuren ihres einstigen Daseins übrig blieben. Besiegte Völker haben gar oft ihre Sieger überwunden. Victi victoribus leges dederint, wie der heilige Augustinus bezeugt. Der Glaube an deutsches Wesen, an das, was wir den Deutschgedanken nennen wollen, gehört für mich als ein Bestandteil zu meinem Gottesglauben. Ich habe die unerschütterliche Überzeugung nach wie vor — daß Gott den Deutschen für edle Zwecke der ganzen Menschheit zum Heile hat werden und wachsen lassen. Das Hoffen fällt mir im Augenblick, wie gesagt, schwer bis zur Unmöglichkeit; der Glaube wankt aber nicht, vielmehr gewinnt er nur an Kraft.
    Noch lange möchte ich mit Ihnen mich unterhalten; meine Kräfte gestatten es nicht; darum schließe ich für heute und bitte Sie, diese Zeilen, die es mir Herzensbedürfnis war an Sie zu richten, mit freundschaftlicher Nachsicht aufzunehmen.
    Mit dem Ausdruck aufrichtigster Verehrung verbleibe ich Euer Exzellenz

ergebenster

H. S. Chamberlain.
 

63-64 An Ernst von Meyenburg



Bayreuth, 28. Dezember 1918.

Verehrter lieber Freund!

    Ihr Brief vom 4. Dezember hat mich wieder sehr unterhalten und mir wiederholt ein Viertelstündchen aufs angenehmste ausgefüllt. Dennoch würde ich noch lange nicht dazugekommen sein, Ihnen das zu melden, wenn nicht ein junger Mann, der mir schon früher stenographische Hilfe leistete, vom Kriege heimgekehrt wäre und sich mir freundlichst zur Verfügung gestellt hätte.
    Betreffs des heiligen Ignatius hätte ich Ihnen noch die beste Quelle nennen sollen, denn es gibt sehr schlechte. Lassen Sie sich Lightfoots herrliches Werk „Ignatius und Polycarp“ in drei Bänden herausgeben und schlagen Sie den zweiten Band auf, wo Sie Seite 183 den echten griechischen Text des Briefes an die Römer finden und Seite 558 ff. eine ganz herrliche Übertragung ins Englische. Sie werden Ihre Freude daran haben.
    Meldete ich Ihnen schon, daß ich von München aus zum Eintritt in den „Rat der geistig Arbeitenden“ aufgefordert wurde? Diese Aufforderung wirkte um so pikanter, als sie von Lujo Brentano unterschrieben war. Doch was sollte ich da wirken, wo schon durch erreichte Beschlüsse alles in die besten Wege geleitet ist? Schon ist die Bestimmung gefaßt, daß die Studenten die Professoren ernennen sollen, und die schwierigste, bisher unlösbare Frage der Unterrichtserteilung im Gymnasium dadurch gelöst, daß die Schüler alljährlich mit den Lehrern gemeinsam den Stundenplan festsetzen sollen. Kennen Sie übrigens Emile Faguets entzückendes Büchlein: „Le culte de l' Incompétence“? Wenn nicht, so müssen Sie sich die Freude antun.
    Und dabei fällt mir die Frage ein, ob Ihnen je klar geworden ist, welches große Unrecht dazumal dem Herrn von Bethmann-Hollweg geschehen ist, als ein zerstreuter Stenograph ihm die Worte in den Mund legte: „Freie Bahn allen Tüchtigen!“ Das wäre ja gar nichts Neues gewesen, und ich bin vollkommen überzeugt, daß er gesagt hat: „Freie Bahn allen Untüchtigen!“ Denn das ist wirklich das Prinzip, das uns Faguet in Frankreich am Werke zeigt, und das jetzt in Deutschland regiert. Auch liegt Originalität und Mut in einer solchen Erkenntnis.
    Dank den zwei holden Kindlein hatten wir in Wahnfried ein schönes Weihnachtsfest, eingeleitet durch eine ganz wunderbare Andacht Luthers, eine Nachmittagsmette aus der Kirchenpostille. Das Mädelchen, erst acht Monate alt, saß die ganze Zeit mit großen weitoffenen Augen in seinem Stühlchen, lächelnd an allem teilnehmend, und der noch nicht zweijährige Huschele taumelte wonnetrunken umher... Es tat wirklich unendlich wohl.
    Seien Sie ein letztes Mal in diesem verhängnisvollen Jahre 1918 für alles Liebe herzlich bedankt und gedenken Sie meiner mit gleicher Freundlichkeit im neuen Jahre. Das verheißene Buch ¹ kann ich Ihnen ja freilich vorläufig nicht senden; doch kann ich Ihnen die große und unerwartete Nachricht mitteilen, daß es gelungen ist, nicht nur das Papier herzustellen, sondern auch — was unmöglich schien — es vom Fabriksort nach München zu überführen, so daß der Druck diese Woche begonnen hat. Die Korrekturen sind bis auf ein Geringes beendet. Also darf ich hoffen, in absehbarer Zeit aufzuwarten.
    In treuer Ergebenheit

Ihr

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ „Lebenswege meines Denkens“.
 

64-66 An Dr. Wildgrube



Bayreuth, 3. Januar 1919.

Verehrtester Herr Wildgrube!

    Unfähig die Feder zu halten, bin ich leider außerstande, Ihnen eigenhändig zu schreiben, was Sie gütigst entschuldigen wollen.
    Ihr Brief hat mich tief ergriffen und.... fast hätte ich „wohlgetan“ geschrieben, denn die Unerbittlichkeit Ihrer Wahrheitsliebe hat wirklich wie ein befreiendes Gewitter auf mein Gemüt gewirkt. Haben Sie Herzensdank! Sie glauben vielleicht nicht, wie viele Briefe ich aus allen Gauen Deutschlands erhalte von Menschen, die doch zu unseren Gesinnungsgenossen gehören, und die schon über alles Furchtbare der Lage hinweg zur Tagesordnung übergegangen sind; manche fassen sogar die Lage optimistisch auf und meinen, das Deutschland Kants und Goethes sei durch die Niederlage wiederhergestellt, zum Heile eines reineren Deutschtums. Solche Phrasen machen mich ganz unglücklich. Schon die eine Überlegung genügt: daß alle edelste Wirkung, die von deutschem Wesen ausgehen kann, an die Sprache gebunden ist. Nun aber steht die Verbreitung der Sprache in unmittelbarem Verhältnis zu der Macht des Reiches; ist das Reich zertrümmert, so wird die deutsche Sprache niemals über die Grenzen hinausdringen; nur eine Handvoll gelehrter Männer werden sie der Wissenschaft wegen noch oberflächlich studieren. Das allein schon genügt und bildet doch nur das letzte Glied in der Kette der Zusammenhänge, die eine Idealwirkung von einer machtvollen Weltstellung abhängig machen. Und wie wahr ist das, was Sie über den Blick in die Vergangenheit zurück sagen! Auch diese wird durch die Gegenwart entwertet.
    Was meine Person betrifft, so erfahre ich ein eigentümliches Schicksal: im Augenblick der höchsten Not liege ich physisch dermaßen danieder, daß ich sogar diese Zeilen nur mit Mühe artikulieren kann und somit der Gegenwart kaum mehr angehöre; denn Menschsein ist Kämpfersein, und bei mir absorbiert der Lebenskampf schon alle Kräfte. Auch wirken die Gemütsbewegungen geradezu vernichtend auf meinen Organismus, weswegen ich — sofern die Kräfte überhaupt Studien zulassen — zu fern abliegenden Gebieten habe flüchten müssen. In den allerersten Jahrhunderten des christlichen Zeitalters habe ich Verhältnisse gefunden, die meinem augenblicklichen Bedürfnis entsprechen. Das gesteigerte Seelenleben von Menschen, deren Umgebung ideallos ist, und die sich darum in einem besseren Jenseits Trost und Fülle suchen, was aber rückwirkend dann auch ihre Gegenwart herrlich ausfüllt mit dem Tageskampf um ein heiliges Gut und mit heldenhaftem Todesmut. Viele Geistesnahrung finde ich auch täglich in Goethe, Carlyle und Rousseau.
    Den vielen und sehr verschieden gearteten an mich gelangenden Bitten, mich öffentlich zu äußern — belehrend, vermittelnd, kämpfend — bin ich bis jetzt unfähig zu entsprechen. Sie kennen, glaube ich, meine „Politischen Ideale“ und die darin gemachte Unterscheidung zwischen dem Menschen als „Natur“ und dem Menschen als „Freiheit“? Zu dem Menschen als Freiheit kann man reden, zu dem Menschen als Natur nicht — denn hier geht alles blind wie ein Naturvorgang vor sich; Argumente nützen nichts; die Stimme verhallt ins Leere. Außerdem herrscht offenbar eine Massenpsychose, wie solche oft in der Geschichte verhängnisvoll geherrscht haben; da kann wohl ein Mann der Tat, wenn die Umstände ihn begünstigen, entscheidend eingreifen, nicht aber vermag es der Mann des Wortes, einzuwirken.
    So Gott will, hoffe ich Ihnen in einigen Wochen ein neues Buch von mir zuzuschicken, das ich im Laufe der letzten zwei Jahre meinem Leiden Schritt für Schritt abgerungen habe. Es ist das Unzeitgemäßeste, was man sich vorstellen kann, vielleicht aber gewährt es manchem Freunde gerade dadurch Zerstreuung und Anregung.
    Es drückt Ihnen die Hand in aufrichtiger Verehrung

Ihr ergebener Gesinnungsgenosse

Houston S. Chamberlain.
 

66-68 An Maler Croeber



Bayreuth, 6. Januar 1919.

Hochverehrter lieber Herr Croeber!

    Ihr lieber Brief vom Weihnachtstage mit Einlage kam richtig an, erfreute mich und regte zu manchen Gedanken an.
    Wie Sie inzwischen — wenigstens teilweise — erfahren haben werden, ist bei mir, während ich meinen geraden Weg weiterging, insoferne eine große Änderung eingetreten, als ein Leiden, dessen erste Symptome (wie ich jetzt einsehe) schon vor dem Kriege zu bemerken gewesen wären, im Laufe desselben und unter dem Eindrucke fortgesetzter Erregung, Sorgen und seelischer Schmerzen derartig angewachsen ist, daß ich nunmehr mich in eine neue Lebensweise habe schicken müssen. An allen Gliedern gehindert, selbst der Sprache nur mühsam gebietend, unfähig, mich ohne Hilfe zu bewegen, ist es mir unmöglich, das normale menschliche Leben unter Menschen fortzuführen. Geist und Gemüt blieben zwar frisch und heiter wie nur je und kann ich bis zu Tränen lachen, doch werden Sie mich verstehen, wenn ich Ihnen gestehe, daß Ich mich auf einer Art Zwischengebiet zwischen Zeit und Zeitlosigkeit empfinde — etwa wie Johannes auf seinem Patmos, von wo aus die Gegenwart ziemlich fern liegt und gleichsam historisch erblickt wird. Bis die furchtbare Katastrophe eintrat, bemühte ich mich, soweit es irgend gehen wollte, mit dem Tage zu leben; doch dann vermochte ich es nicht mehr; einer meiner geschätztesten Freunde ¹ war in entscheidender Weise an den Vorgängen beteiligt, was den Eindruck in mir hervorrief, als hätte ich den Zusammenhang mit meinen Zeitgenossen verloren; da rettete ich mich denn auf meine Insel.
    Sie sind ein feiner Menschenbeobachter, und es wird Ihnen schon aufgefallen sein, in welchem Maße Alter und Krankheit einen eigentümlichen Egoismus oft erzeugen; Jünglinge sieht man mit Gleichmut aus dem Leben scheiden und Greise sich mit aller noch übrig gebliebenen Kraft daran klammern. Zwar kann ich nicht sagen, daß letzteres meinem Empfinden entspräche, doch erblicke ich, wie gesagt, die Dinge aus so großer Ferne, daß ich ebensowenig Verzweiflung darüber empfinde, wie ich Hoffnung hege. Wenn ein Gott die Welt regiert, so sind seine Wege für uns Menschen dunkel, und es gibt immer viel mehr Möglichkeiten, als wir ahnen. Es könnte ja sein, daß die Deutschen bereits ihr Höchstes geleistet haben und daß die Vorsehung mit Absicht jetzt ein Gefäß zerschlägt, das unfähig ist, Höheres hervorzubringen. Der Triumph der westländischen Barbaren hat nichts zu bedeuten; diese Nationen richten sich zugrunde. Das Deutschland der unerreichbar großen Männer und der wunderbaren Gesamtleistungen auf vielen geistigen Gebieten bleibt bestehen, ragt bis an die Sterne heran und kann durch nichts vernichtet werden: das sind ewige Werte, auf die wir blicken sollen; an ihnen wollen wir emporstreben!
    Wo finden Sie in der Geschichte eine andauernde folgerichtige Entwicklung? Die hellenische Blüte zerfällt über Nacht in ein Nichts, und als Rom ein Wunderwerk politischer Organisation geschaffen hat, zeigt es sich, daß die Welt dadurch völlig entseelt ist und die agri deserti vor allem in den Gemütern der Menschen sich ausbreiten, alles Leben zu Tod wandelnd usw. usw. Warum sollte das jetzt anders sein und sollten wir eine konsequente Entfaltung erwarten? Möglich ist diese ja, und ich will keinem Menschen seine Hoffnung darauf rauben; doch wenn sie auch nicht einträte, es wäre für uns Tagesfliegen schmerzhaft, doch für das Weltall von geringer Bedeutung.
    Abschließend — denn meine Kräfte sind für heute zu Ende, und ich kann nur andeuten in der Hoffnung, daß Sie das bruchstückweise Vorgetragene innerlich ergänzen — will ich mit dem allen gesagt haben: es kommt jetzt darauf an, den Blick sehr hoch hinaufzurichten, zu einem als lebendig empfundenen Gott, der Glauben fordert und Vertrauen verdient. Somit Gott befohlen!

Ihr in herzlicher Verehrung ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Prinz Max von Baden.
 

68-73 An Baron J. von Uexküll



Bayreuth, 8. Januar 1919.

Hochverehrter lieber Herr Baron!

    In meinem Arbeitsraum hängt die Lebensmaske Goethes — die echte mit geschlossenen Augen und Haarbinde; während mehrerer Wochen im Herbst und Frühjahr scheint nachmittags plötzlich zu einem Seitenfenster die Sonne auf diesen Kopf, der in Licht und Schatten gebadet derartig auflebt, daß man glaubt, die Augen werden aufschlagen und der Mund sich zum Reden öffnen, der Eindruck ist immer neu gewaltig. Sehr ähnlich wirkte auf mich Ihr lieber Brief vom 30. Dezember, der Sie zu mir hereinführte, die trübe Dunkelheit der Wintertage plötzlich aufhellend und aufheiternd. Was mich besonders beeindruckte, war die Bestätigung einer mir schon öfters zuteil gewordenen Erkenntnis: daß nämlich, wer der Natur sich mit Inbrunst hingibt, sie nicht bloß kalt erforscht, sondern sie mit allen Kräften seines Wesens durchdringend zu erfassen trachtet, hierdurch eine vollwertige   R e l i g i o n   gewinnt. Man lernt den tieferen Sinn von Schillers Wort verstehen: wer Wissenschaft besitze, der habe Religion. Und dieser Tatsache zufolge wirkte Ihr Brief geradezu wohltuend — wie noch keiner der vielen, die ich in dieser Zeit bekam. Es ist einfach großartig zu beobachten, wie ein Mann, der nicht nur das allgemeine Leiden trägt, das wir alle zu tragen haben, sondern dazu noch die Schmerzen um ein zwiefach verratenes engeres Vaterland, so gelassen vertrauensvoll, festgeankert in seinem Glauben an die großen Naturgesetze, die er kennt und ahnt, dastehen kann — weiter sinnend und arbeitend mitten in den alles mit sich reißenden Fluten: ein Archimedes der Neuzeit!
    Nachdem gar viele gute Menschen durch die Redensarten über „Gotteszüchtigung“, „Rückkehr zur Einfachheit“, „Wiedergewinnung des Deutschlands Goethes und der Romantik“ usw. mich zur Verzweiflung gebracht haben, sind Sie, lieber Freund, der allererste, der es verstanden hat, einen Strahl der Hoffnung mir zu Schenken, etwas, woran ich wirklich glauben kann — wenngleich ich diese Unterscheidung zwischen Genotypus und Phänotypus nur als Möglichkeit einer besseren Zukunft, nicht als eine Gewähr dafür auffassen kann. Das genügt aber auch.
    Was mich betrifft, so hat das zunehmende Verschlimmern meines Zustandes mich in eine eigenartige Lage gebracht: ich schwebe sozusagen zwischen Zeit und Ewigkeit und erblicke infolgedessen die Dinge aus einem besonderen Winkel, der mir alles aus großer Entfernung zeigt. Daher eine gewisse Neigung, geschichtsphilosophische Betrachtungen, die doch immer nur rückblickend auf Vergangenes Berechtigung besitzen, schon jetzt anzustellen. Und da sage ich mir oft: Welcher unter uns hat je ermessen und sich wirklich vergegenwärtigt, was der deutsche Geist im Laufe der letzten 1000 Jahre geleistet hat — an geschichtlichen Taten, an gemeinsamer Bewältigung ungeheuerer Aufgaben, an Hervorbringung unvergleichlicher Persönlichkeiten? Und zeigt nicht das Leben, daß jede Gestalt sich mit der Zeit erschöpft und zugrunde geht? oder — was auf dasselbe herauskommt — sich in ein anderes verwandelt? Wer weiß, ob das uns so unsagbar teuere Deutsche nicht alles geleistet hat, was irgendein Gott gerechterweise von ihm verlangen konnte? und ob nicht aus einer uns ungeahnten Richtung neues Heldentum zu erwarten steht? Wenigstens schiene mir das eine den Dimensionen weltgeschichtlicher Ereignisse angemessene Annahme oder wenigstens Möglichkeit.
    Nicht, daß es schlechte und gemeine Menschen in Deutschland gibt, weckt in mir eine solche Vorstellung, denn die mir oft begegnete Annahme, als hätte ich vorausgesetzt, jeder deutsche Kuhhirt trage Kants Kritik in der Tasche, ist natürlich absurd, vielmehr habe ich seit vielen Jahren das Gesetz der Gegensätze als überall waltend erkannt. Was wäre z. B. der englische Gentleman, wäre nicht England die Heimat der cads; nebenbei gesagt, bin ich dieser Bemerkung noch nirgends begegnet, und doch liegt es auf der Hand, daß die Kontrastwirkung bei der Entstehung jenes exquisiten Typus viel zu bedeuten hatte; man nennt Frankreich die Heimat des Esprit; wenn man aber nach der Zahl ginge, müßte man es die Heimat der ganz hohlen leeren Köpfe nennen. Und so habe ich z. B. gefunden, daß eigentlich Unbildung nirgendswo so zu Hause ist, wie in Deutschland — dem Vaterland höchster Bildung. Dem Engländer kann man Unbildung nicht vorwerfen, da seine Welterfahrung eine sehr tüchtige Bildung darstellt; der Franzose ist nicht ungebildet, sondern ganz einfach Ignorant, er weiß nichts. Die Masse der Deutschen dagegen weiß zugleich zu viel und zu wenig, und dies ist, was eigentlich   U n b i l d u n g   zu heißen hat, weil es das geistige Gleichgewicht umwirft und dadurch große Gefahren mit sich führt. Aber einen solchen Zusammenbruch, so viel Niedertracht und namentlich so viel Feigheit hätte ich doch nie erwartet: der Genotypus muß wirklich ein urkräftiger sein, wenn er da noch siegreich durchdringen will. Ich will es hoffen, daß Sie es mich lehren!
    Lassen Sie mich noch zum Schluß — denn das Sprechen fällt mir schwer — kurz melden, daß die Korrekturen zu meinem Buche beendet sind und der Druck soeben begonnen hat. Dieses wunderbar unzeitgemäße Erzeugnis trägt jetzt den Titel: „Lebenswege meines Denkens“ — ein etwas zu viel verheißender Name, doch gelang es mir nicht, einen genaueren zu finden, und alle Welt protestierte gegen die beabsichtigten „Längsschnitte“ — die Leute sind eben zu wenig naturwissenschaftlich gebildet.
[...]
    Lassen Sie sich die Hand warm drücken von

Ihrem stets treu ergebenen

Houston S. Chamberlain.
 

Bayreuth, 9. 1. 1919.

P. S.

    Meinen Brief schickte ich gestern nicht ab, weil infolge einer Unterbrechung mir zwei Punkte entfallen waren, die ich doch nachtragen will: der eine betrifft den inneren Kreis, der andere den alleräußersten.
    Man darf gewiß ohne Übertreibung behaupten, was wir heute in Deutschland erleben, ist die Herrschaft der Juden; wenn die Zeitungen erzählen von 80 bis 100 Juden unter den sogenannten Regierenden, so langt das noch nicht, da unter den übrigen 20 sehr viele Mischlinge sich befinden [...] Ich meine, diese Tatsache wäre geeignet, für einen künftigen Sieg des germanischen Genotypus eine gewisse Hoffnung einzuflößen — wenn nämlich die Deutschen aus der jetzigen bitteren Erfahrung es endlich lernten, die Gefahr ihres Humanitätsdusels zu erkennen, und durch ein mutiges Gesetz sämtliche Juden — nicht etwa aufknüpften oder ihnen überhaupt ein Haar krümmten, sondern sie juristisch in den Stand der Ausländer versetzten, sie somit aus der gesamten Staatsmaschine ausschließend. Wer unter ihnen sich dann noch aufrührerisch verhielte, würde ohne weiteres, wie jeder andere mißliebige Ausländer über die Grenze geführt. Glauben Sie aber, daß irgendeine Erfahrung jemals genügen wird, die Deutschen zu diesem unerläßlichen Schritt zu veranlassen? Und wenn nicht, wie wollen Sie das Weiterblühen dieses verderblichen Genotypus der Semiten verhindern?
    Der zweite Punkt berührt die Geschichte der Menschheit überhaupt und läßt mich zweifeln, ob da an einen Aufstieg geglaubt werden kann.
    Die Lehre von der Gleichheit aller Menschen wurde vom Christentum eingeführt in eine Welt, der vorher dieser Gedanke absolut unbekannt gewesen war. Freilich meinten es Paulus und die Väter ganz anders, als wir uns heute die Sache vorstellen, nämlich ganz unpolitisch. Ich stecke in diesem Augenblick bis über die Ohren in Paulus und in der Geschichte der drei ersten christlichen Jahrhunderte und finde nirgends die Spur einer Ablehnung des Sklaventums. Der Gedanke ist bei diesen Männern ein weit tieferer und betrifft einzig die Gleichheit vor Gott, mit anderen Worten die gleiche Würde der Persönlichkeit; im übrigen wird den Herren Güte und Gerechtigkeit zur Pflicht gemacht, den Sklaven Gehorsam und Ehrerbietung. Doch das eine führte notwendigerweise zum anderen, und zuletzt langten wir bei dem Dogma der politischen Gleichheit an, von dem man behaupten darf, es beherrscht heute alles politische Denken, auch das der konservativen Kreise. Ich glaube nun, ein so tief greifender Irrtum gleicht einer Sünde wider die Gesetze der Natur, gleicht einer tagtäglich wiederholten Lüge; und ich fürchte, an diesem Krebsschaden muß und wird notwendigerweise das Menschengeschlecht zugrunde gehen. Sie kennen gewiß und verehren mit mir Balzacs „Médecin de Campagne“? Dieser beste Kenner und hingebendste Freund des Volkes — dessen sittlicher und geistiger Hebung er rastlos hingebend sich widmete — urteilt nun: „Das Volk (als solches) ist ein für allemal unfähig, an dem Regieren teilzunehmen.“ Wohl kann man sich als ein Ideal im Sinne Kants vorstellen, es könnte im Laufe langer Zeiten gelingen, durch Erweiterung der Selbstverwaltung, durch welche jeder tüchtige Mensch die Gelegenheit bekäme, sich nach und nach auf diesem schwierigen Gebiete zu üben, Erfahrung zu gewinnen, Denkweisen sich anzueignen und auf seine Kinder zu vererben — denkbar, sage ich, wäre es allenfalls gewesen, daß man nach und nach im Laufe von Jahrhunderten die Gesamtheit zu einer annähernden Gleichheit in bezug auf politische Befähigung erzogen hätte; ich glaube zwar, ein solches Ideal ließe sich niemals vollkommen verwirklichen, doch hätte es als Ziel vorschweben können. Wir aber gehen von der lächerlichen Annahme aus, wir Menschen seien rein von Hause aus zu der schwierigsten aller Aufgaben gleichmäßig befähigt und nehmen dabei nicht die geringste Rücksicht auf Bildung und auf Lebensverhältnisse, noch weniger auf die angeerbten Eigenschaften des Geistes und Charakters. In Ländern wie England, Frankreich und den Vereinigten Staaten wird der unausbleibliche Verfall dadurch aufgehalten, daß in Wahrheit eine sehr kleine Minderheit eine kaum versteckte Gewaltherrschaft führt; ich befürchte, daß der Deutsche zu gebildet und zu redlich ist, und daß er deswegen noch schneller als die anderen die Folgen dieser unseligen Grundunwahrheit an sich selber erfahren wird, und daß der heutige Tag den Anfang hiervon bildet.

Houston S. Chamberlain.
 

73-76 An Baronin Emma Ehrenfels



Bayreuth, 11. Januar 1919.

Teuerste Freundin!

    Lassen Sie mich Ihnen in Kürze für Ihren lieben Brief vom 31. Dezember unserer beiden Herzensdank aussprechen, dessen schlechte Nachrichten zugleich so gute waren. Welcher Gottessegen, daß das holde Wesen — welches mir viel von ihrer Mutter geerbt haben scheint — Ihnen erhalten wurde; ich habe Tränen der Freude darüber vergossen.
    Wie ruhig es hier zugeht, können Sie sich vorstellen; man segnet die Stadtväter, deren Beschränktheit damals die Durchführung der Haupteisenbahnlinie vom Süden nach Norden durch Bayreuth ablehnte: dieser Tatsache verdankt Bayreuth seine Isolierung, und diese Isolierung verschafft uns Ruhe und Nahrung — wenigstens bisher.
    Inmitten dieser Ruhe wurde in Wahnfried ein entzückendes Weihnachtsfest gefeiert — ein Fest auf die Kleinste der Kleinen berechnet. Voran ging nur das Evangelium und eine ganz wundervolle kurze Andacht Luthers; dann aber herrschten der zweijährige Willfy und die achtmonatige Mo. Letztere saß aufrecht in ihrem Wagen, dicht am Baume mit weitoffenen großen Augen, einen jeden anlachend und ihre Spielsachen energisch um sich werfend oder in den Mund steckend, der kleine Huschele aber trug von seinem niedern langen Tisch ein Stück nach dem anderen zum Schwesterchen hin und war berauscht vor Freude. Gerade inmitten dieser furchtbaren Zeit wirkte dieser Anblick der ewig neugeborenen Unschuld und Lebenslust der Natur ergreifend, belehrend und erhebend. Daneben die greise Großmutter in aller geistiger Frische an diesem Glücke teilnehmend, das großartige Antlitz im Baumesglanz erstrahlend. Es war eine unvergeßliche Stunde, und ich danke Gott, daß ich sie erleben durfte — während ich die letzten zwei Weihnachten es nicht gewagt hatte, hinüberzugehen. Das tiefste aller Worte bleibt doch immer: Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein...
    Aus meinem eigenen stillen Dasein kann ich nur melden, daß ich heute die letzte Korrektur an meinem neuen Buch beendete. Das Papier gelangte durch ein Wunder doch bis München und in die Druckerei, und der Druck hat vor acht Tagen begonnen. Es ist ein eigentümlicher Gedanke, daß dieses friedliche Buch mitten in der Revolution fertiggestellt und erscheinen wird.
    Für Ihre wundervolle Geschichte vom König Ludwig und dem heiligen Franziskus ¹ bin ich Ihnen sehr dankbar. Auch ich habe mich in den letzten Tagen wieder durch eine schöne Geschichte bereichert — nämlich durch Carlyles Lebensschilderung seines Freundes John Sterling, ein Buch, dessen Name mir oft begegnet war, wie auch in den Briefen Carlyles überhaupt der Name John Sterling. Ich hatte es aber nie gesehen, denn es ist im ganzen wenig verbreitet. Nun hatte es mir aber mein Frankfurter Leibjude verschafft, und zwar in der schönen ersten Ausgabe vom Jahre 1851, und ich habe eines der schönsten, genialsten Bücher des großen Schotten kennengelernt. Es waren geradezu wonnige Nachmittagsstunden, die ich — auf meinem Diwan aufgebaut — am Lesepult verlebte. Leider wurde ich gestern damit fertig. Sterling ist nicht ein Mann von großer Bedeutung, wenn auch von gewinnendem Wesen, und Carlyle meint, er hätte es verdient, in Ruhe gelassen zu werden, ohne Biographie; nun hat aber ein Freund Sterlings, — ein Clergyman, eine schlechte Lebensschilderung herausgegeben, ein gut gemeintes, aber ganz schiefes Bild des verewigten Freundes entwerfend, und da ließ es dann Carlyle keine Ruhe, und er beschloß, dieses Buch zu schreiben. Das Geniale daran bildet gerade die Tatsache, daß Sterling an und für sich so ziemlich ein Durchschnittsmensch ist, dadurch versteht es Carlyle, Raum zu gewinnen für alle möglichen allgemeinen Menschheitsbetrachtungen. Ich stehe nicht an, dieses kleine Buch für eines seiner schönsten zu erklären; es ist ein Meisterwerk, und zwar aus seiner besten Zeit, nach der „Französischen Revolution“ und vor der Inangriffnahme „Friedrichs des Großen“. Ich bezweifle, ob dieses Buch übersetzt sei; aber wenn Sie Gelegenheit haben, es sich aus der Bibliothek englisch zu verschaffen, tun Sie es; Sie werden es nicht bereuen.
    Hier muß ich abbrechen, denn die Stunde zum Wiederhinlegen hat geschlagen. Seien Sie alle von ganzem Herzen im neuen Jahre gegrüßt! Bleiben Sie uns treu in Gedanken und Gedenken, und nehmen Sie sich mit heiligem Ernst vor, den Besuch in Bayreuth eine Wirklichkeit werden zu lassen — eine verwirklichte Dichtung.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Eine Legende: Der heilige Ludwig pilgerte von Frankreich zu Franziskus und meldet sich als Bettler vor dem Kloster an. Franziskus aber weiß das alles sogleich, geht zu dem König vor die Tür, beide knien nieder und halten sich umschlungen. Dann, ohne ein Wort gesprochen zu haben, gehen sie wieder auseinander.
 

76-78 An Ernst von Meyenburg



Bayreuth, 20. Januar 1919.

Verehrter lieber Freund!

    Ihre beiden Briefe vom 22. Dezember und vom 5. Januar gelangten richtig in meine Hand und verschafften mir, wie immer, reiche und wohltuende Unterhaltung. Haben Sie besten Dank.
    Auch ich bewundere den Mann, der sich auf drei Tage ins Bett legt, um die Sorge loszuwerden und die Lösung schwieriger Probleme zu finden. Leider bin ich nicht mehr fähig, diese Weisheit auszuüben; denn ich danke immer Gott, wenn ich sechs Uhr schlagen höre und mir sagen kann, ich werde bald aus dem Bette geholt werden. Es gehört nämlich zu den qualvollsten Torturen, liegen zu müssen, ohne sich rühren zu können — selbst in dem seltenen Fall, daß keine Schmerzen hiermit verbunden sind. Sobald ich aber auf bin, kehrt die Munterkeit des Geistes wieder.
    Ja, ich fahre fort mit meinen Studien bezüglich auf das erste christliche Jahrhundert. Die Paulinischen Briefe studiere ich — soweit es geht, an der Hand des unvergleichlichen Lightfoot — mit großer Genauigkeit, — zwar nicht zum ersten Male in meinem Leben, doch gewinnen derartige Dinge bei zunehmendem Alter stets ein neues Gesicht. Besonders hingerissen bin ich augenblicklich von dem Buche eines Mannes, der an Genialität mit Lightfoot in keiner Weise zu vergleichen ist, mir aber als nüchterner, zuverlässiger Historiker doch lieb ist und der die Ereignisse der Forschungen der letzten zwanzig Jahre zusammenfaßt, nach denen diese ganze erste Zeit des Christentums, voll gesicherter Tatsachen, ein sichtbares Leben gewonnen hat. Namentlich Petrus tritt aus dem nebligen Halbdunkel ins helle Tageslicht — er und seine Gattin, die ihn auf seinen Reisen zu begleiten pflegte. Der Verfasser heißt Edmundson: „The Church in Rome in the first Century“.
    Nein, politische Träume habe ich nicht mehr gehabt. Ich träume viel von großartigen Gebirgslandschaften, auch von Seereisen, — manchmal auch von Musik. Den einen Traum habe ich Ihnen zur Unterhaltung aus meinem Traumbuch abschreiben lassen: „In einem mächtigen Dome findet die Generalprobe zu einem neuen Oratorium statt, das durch einen Chor der gefallenen Engel — oder vielmehr der noch als fallend gedachten Engel — eingeleitet wird. Außer dem untenstehenden Hauptchor waren Sänger und Sängerinnen auf allen Höhen des Gewölbes verteilt, und da diesen durch die Figuren und anderen architektonischen Zierat, hinter dem sie standen, der Blick nach unten genommen war, mußte der Kapellmeister auf dem höchsten Punkt der Decke — wo eine kleine Estrade für ihn eingerichtet war — seine Stelle einnehmen; um ihn herum waren mehrere Spiegel angebracht, die sein Taktieren nach allen Seiten hin sichtbar machten. Ich allein stand oben neben ihm. Dieser Chor bestand in der Hauptsache aus einem einzigen großen, sehr polyphon ausgearbeiteten Klageruf, an Stärke abwechselnd zu- und abnehmend, bis er zuletzt eine herzzerreißende Kraft und Höhe erreichte. Der Leiter, der ohnehin infolge der großen Entfernung zu weitausholenden Gebärden genötigt war, geriet bei dem letzten crescendo ganz außer sich, schlug immer wieder die beiden Arme quer über die Stirne zusammen (so daß er das Gesicht vollkommen zudeckte), sodann aber mit äußerster Heftigkeit weit auseinander. Sein Antlitz war vom herunterströmenden Schweiß entsteltt. Der Eindruck hiervon, verbunden mit dem, den der Chor auf mich machte, weckte mich.“
    Die Verhandlung in Frankfurt ¹ ist auf den 3. März verlegt; was dieses Hinausschieben bedeutet, weiß ich nicht. Claß führt nur noch den politischen Teil, das Juristische hat Jacobsen in Hamburg, ein besonders vortrefflicher Mann und Gesinnungsgenosse, übernommen.
    Wenn Sie in Basel dem mir so freundlich gesinnten Ingenieur wieder begegnen, bitte ich, ihn von mir freundlichst zu grüßen. Dabei fällt mir ein, daß ich vor einigen Monaten zwei ganz wundervolle Briefe von einem Pfarrer Karl Sick aus Basel erhielt, der Mörsberger Straße 54 wohnt. Ich meine, der Mann würde sehr erfreut sein, durch Sie über mich näheres zu erfahren, und glaube, sie beide müßten sich vorzüglich verstehen.
    Für heute leben Sie wohl, lieber Freund, und gedenken Sie meiner!

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Im Beleidigungsprozeß der „Frankfurter Zeitung“ gegen Ch.
 

78-80 An von Riepenhausen



Bayreuth, 23. Januar 1919.

Hochverehrter Herr von Riepenhausen!

[...]
    Viel haben wir in letzter Zeit Ihrer sowie anderer lieber Freunde in Schlesien denken müssen, denn alle müssen sich schwer bedroht fühlen, da das wehrlose Chaos, früher Deutsches Reich genannt, zu ihrem Schutze nichts tun kann, wenn Polen oder Tschechen es belieben, Ansprüche geltend zu machen. Auch erinnerten wir uns oft Ihrer drastisch-dramatischen Erzählung von der Unterhaltung mit Bismarck ¹ über den Wahnsinn, das Reichstagsgebäude in Berlin errichten zu wollen: jetzt erleben wir es, daß selbst eine sozialistische Regierung es nicht wagt, die Nationalversammlung in das eigens erbaute Prunkgebäude einzuberufen, und in eine kleine Provinzstadt fliehen muß.
    Werden Sie sehr entsetzt sein, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich seit Wochen keine Zeitung mehr lese und mich begnüge mit den kurzen Berichten, die mir Frau und Schwägerin geben? Seitdem wir uns zuletzt begegneten, hat sich nämlich mein körperlicher Zustand bedeutend verschlimmert: ich kann nur wenig mehr gehen, gebückt und schwankend, der Gebrauch der Hände ist dermaßen eingeschränkt, daß ich für alles und jedes fremder Hilfe bedarf, auch das Reden kostet mir viel Mühe: wie soll man derartigen Erschwernissen des Lebens gewachsen sein, wenn nicht im Geiste eine gewisse Hoheit und Heiterkeit innewohnt? Und wie wäre eine solche Höhe und Lebensfrische aus der Betrachtung unserer Gegenwart zu schöpfen, wo man doch auf allen Seiten nur Beschränktheit, Feigheit, wenn nicht gar grundsätzliche Zerstörungswut erblickt? Helfen kann unsereiner rein gar nichts; jede Stimme der Vernunft verhallt in dem Babel der Unvernunft. Fast am meisten ärgern mich die vielen Briefe, die ich von Menschen erhalte, die in aller Seelenruhe schon zur Tagesordnung übergegangen sind und gottselig vertrauen, aus dem Elend werde von selber eine glorreiche Zukunft hervorgehen. Ich meinerseits rufe mit Faust:

O glücklich, wer noch hoffen kann,
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
Ich bin unfähig zu begreifen, worauf solche Hoffnungen sich aufbauen. Bis jetzt erblicke ich nicht das geringste Anzeichen einer Besserung. Soeben hat das gesamte Volk genau dieselbe „Schwatzbude“ gewählt, welche alles Unglück über uns gebracht hat, und wir gehen einer Fortsetzung der alten Parteiwirtschaft der ausgewählten Mittelmäßigkeiten Deutschlands entgegen. Die paar tüchtigen Männer, die allenfalls hineingeschlüpft sein könnten, werden in den Fluten demokratischer Redensarten nichts vermögen. Ich sehe nur eine Hoffnung: vielleicht bildet sich zum Schutze unserer Ostgrenzen eine kleine freiwillige Armee, die unter tüchtigen Leistungen zu einem zusammenhängenden Körper auswächst, mit einem jüngeren genialen Führer: geschähe das, so wäre dieser Mann imstande, ein vernünftiges Reich wieder aufzurichten.
    Den Glauben an die besonderen Fähigkeiten und damit auch an die besondere Bestimmung des deutschen Menschen verliere ich nicht, bildet er doch einen Bestandteil meines Gottesglaubens. Das ist aber etwas anderes als Hoffen. Gottes Wege sind wunderbar und führen gar häufig das Unerwartetste herbei. Augenblicklich liegt die Blüte der echten, besten deutschen Manneskraft tot in Feindesland; mit der Zeit aber wächst eine neue Jugend heran: auf die wollen wir den Hoffnungsblick richten — wenngleich wir heute nicht verstehen, wie es ihr möglich sein soll, aus diesen Trümmern sich hervorzuarbeiten. Ich darf Sie wohl bitten, Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin unsere ergebensten Grüße auszurichten und für sich selbst die Versicherung meiner aufrichtigen dankbaren Gesinnung zu gestatten.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Bismarck hatte gewünscht, daß das Reichstagsgebäude um der leichteren militärischen Sicherung willen nicht in Berlin, sondern in Potsdam errichtet würde.
 

80-81 An den Studenten Neff



Bayreuth, den 5. März 1919.

Geehrter lieber Herr Neff!

    Wie freundlich von Ihnen, unser durch eine so gehaltvolle Sendung ¹ zu gedenken! Wir waren kein undankbares Publikum und haben sofort beide Aufsätze gelesen und gar manchen Zug zur Vervollständigung unserer Vorstellung des seltenen Mannes gewonnen. Der Eindruck unbedingter Wahrhaftigkeit ohne alle phantastischen Zugaben wirkt sehr wohltuend; mich rührten besonders die Stellen, wo Zola seine Unfähigkeit, den Standpunkt des genialen Freundes zu verstehen, offen und naiv zugibt: Gerade diese halte ich für die schönsten seines Büchleins.
    Furchtbar gestört hat mich die Unzulänglichkeit der Übersetzung; nur durch beständiges Besinnen auf das französische Original konnte ich oft den Sinn herausfinden. Nur ein Beispiel: Flaubert soll seinen Jüngern „Nüchternheit“ empfohlen haben! Eine pure Unmöglichkeit. Im Französischen wird gewiß „Sobriété“ stehen, was freilich ursprünglich Nüchternheit bedeutet, jedoch im Laufe der Jahrhunderte eine spezielle Beziehung zu Sprache und Literatur gewann, um Maßhalten, Vermeidung von Übertreibung usw. auszudrücken. Littré gibt als Sinn „Maß, Ansichhalten“. Wenn 500 derartige Mißverständnisse in einer kleinen Schrift vorkommen, so wird der Charakter derselben arg verunstaltet, ja man kommt dazu, den Mann das genaue Gegenteil dessen sagen zu lassen von dem, was er in Wirklichkeit gesagt hat. Der Inselverlag sollte wirklich die Mittel besitzen, Besseres vorzulegen, indem er nämlich seine Übersetzer besser bezahlte.
    Hoffentlich geht es Ihnen gut und können Sie ruhig bei Ihren Arbeiten bleiben. Es würde sich nicht lohnen, Ihre Jugendkraft in den Vorgängen des heutigen Tages irgendeiner Gefahr auszusetzen. Wir freuen uns sehr in der Hoffnung, Sie hier zu Ostern begrüßen zu dürfen — in welcher Hoffnung ich heute verbleibe

Ihr aufrichtig ergebener

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹ Zolas Schrift über Gustave Flaubert (Insel-Verlag).
 

81-84 An Dr. Arthur Dinter



Bayreuth, den 7. März 1919.

Geehrtester lieber Herr Dinter!

    Ihr inhaltsreicher Brief vom 11. Dezember v. J. hat lange unbeantwortet bei mir gelegen. Ich weiß, Sie urteilen mit Nachsicht, da Ihnen aus Ihrem lieben Besuch in Bayreuth mein Zustand genau bekannt ist — der sich übrigens, seit Sie hier waren, nicht unbedeutend verschlechtert hat, namentlich in bezug auf das Sprechen. Es dauerte auch lange, ehe ich dazu kam, das freundlich mitgeteilte Buch von Deinhart ¹ zu lesen, weil ich täglich nur wenig Zeit dem Studium widmen kann und doch so vieles vorhabe, was ausgedehnte Studien erfordert, die ich nicht gerne unterbreche. Eigentlich ist das Buch die Ursache, daß ich solange schwieg, denn ich wollte nicht eher schreiben, als bis ich es durchgenommen hatte, und als das geleistet war, mochte ich Ihnen nicht sagen, was ich darüber dachte. Es ist besser, ich bin ganz aufrichtig und bekenne mich als diesen Gedankengängen durchaus unzugänglich. Das ist in einem solchen Maße der Fall, daß ich mich unfähig weiß, ein Urteil zu fällen; denn nur wer sympathetisch in ein Werk eindringt, ist fähig, darüber zu urteilen. Freilich handelt es sich um Fragen, die jeden Menschen angehen; ich kann mich aber nicht überzeugen, daß unser Verstand hinreicht, ja, daß er in irgendeinem Maße befähigt ist, diese Dinge zu erfassen und darüber Ersprießliches auszusagen. Ich für meinen Teil bin zufrieden, mich auf das zu beschränken, was das Leben mir bringt — auch in bezug auf das, was unser harrt nach dem Tode; das werde ich später erfahren und befürchte, meine Zeit, die mir so knapp zugemessen ist, jetzt im irdischen Leben damit zu vergeuden.
    Den Eindruck, den Sie von Ihren ersten Studien der englischen Geschichte gewonnen haben, begreife ich gut; keine Geschichte ist interessanter, weil keine so gedrungen und so abgeschlossen einheitlich verläuft. Ich glaube aber, wenn Sie das erste Studium durch weitere ergänzt haben, werden Sie ein Grauen bekommen über die Härte und Grausamkeit, ja Seelenlosigkeit dieser Geschichte. Sie werden auch lernen, die angebliche Freiheit des „letzten Schiffsjungen“ auf ihr rechtes Maß zurückzuführen. Gewiß gibt es eine besondere englische Freiheit; sie ist aber arg eingeengt; der Deutsche war bisher, sowohl im äußeren Leben, wie namentlich auch in bezug auf die innere Ausgestaltung seines Denkens ein bedeutend freierer Mensch. England wird seit 1000 Jahren von einer ganz kleinen Gruppe willenskräftiger Männer geleitet und beherrscht; zu der Kunst dieser Männer gehört es, dem ganzen Volke die Einbildung beizubringen, es ist frei, wo es in Wirklichkeit ein Mindestmaß an Selbstbestimmung besitzt und bei keinem Volke der Erde ein so krasser Unterschied Klasse von Klasse trennt und selbst dem begabtesten Manne aus dem Volke das Hinansteigen in höhere Lebensstellung ein für alle Male unmöglich gemacht ist.
    Von Ihren Kant-Studien erfuhr ich besonders gerne. Ich rate Ihnen, sich dabei recht viel Zeit zu nehmen; Kant läßt sich nicht zwingen; auch bei ihm muß man die günstige Stunde abwarten und sich immerfort wiederholen, daß man ein Lebenswerk nicht in wenigen Wochen übersehend nachdenken kann. Überhaupt empfehle ich niemals allzu systematisch zu Werke zu gehen; man muß dem leitenden Engel Raum lassen zu allerhand überraschenden Wendungen.
    Hat Ihre Vortragsreise stattgefunden und mit welchem Erfolg?
[...]
    Die freundlichst mitgeteilte Besprechung Ihres Buches lege ich wieder bei, da sie Ihnen vielleicht dient und ich sie mir schon aus der „Deutschen Tageszeitung“ ausgeschnitten hatte. Soweit ich höre, findet das Werk den doppelten Erfolg der Bewunderung und der Anfeindung.
    Das Gerichtsverfahren der „Frankfurter Zeitung“ gegen mich ist jetzt erst niedergeschlagen worden auf Grund der Amnestie. Es tut mir leid, für meine Rechtsvertreter — Jacobsen, Hamburg, hatte jetzt die Hauptsache übernommen —‚ da diese Herren ein enormes Material durchgearbeitet hatten, geeignet, das Ansehen jenes Blattes bei anständigen Menschen für immer zu zerstören. Doch für meine eigene Ruhe bin ich froh, diese Sache los zu sein und nicht mehr meinen Namen so herumgezerrt zu wissen.
    Bei uns geht alles den gewohnten Weg, und wenn auch die abseitige Lage von Bayreuth uns von den meisten unserer Freunde jetzt trennt, so genießen wir doch wenigstens eine verhältnismäßige Ruhe und annehmbare Lebensmöglichkeit.
    Mein neues Buch ist eigentlich schon fertig; die nie aufhörenden Unruhen in München und in Leipzig verhindern aber bisher das Erscheinen. Inzwischen stehen fast alle meine anderen Werke in Neudruck, denn Bücher werden gegenwärtig mehr denn je gekauft.
    Für heute muß ich Ihnen Lebewohl sagen, denn ich bin müde und kann nicht weiterreden. Ich bitte Sie aber, Übles mit Gutem zu vergelten und mir möglichst bald über Ihr Wohlergehen und namentlich über Ihr Schaffen Nachricht zukommen zu lassen. Meine Frau grüßt mit mir auf das herzlichste, und ich verbleibe

Ihr treu freundschaftlich ergebener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ „Das Mysterium der Menschen.“
 

84-85 An Alfred von Bary



Bayreuth, den 14. März 1919.

Hochverehrter lieber Freund!

    Sie wissen vielleicht gar nicht, welche große Freude Sie mir mit Ihren lieben Zeilen vom 12. d. M. gemacht haben; denn Ihre Gefühle der Freundschaft erwidere ich auf das allerwärmste — und das will bei mir etwas sagen. Wir Nordländer leiden alle an einer gewissen Sprödigkeit des Gemüts, und ich gestehe offen, daß ich trotz aller Anerkennung und Sympathie, die ich gar manchen Männern dankbar entgegenbringe, sehr selten echte Freundschaft empfinde — eine Freundschaft, die zu unbeschränktem Seelenaustausch auffordert: Ihnen gegenüber aber war das vom ersten Augenblick an (in jenem herrlichen Lohengrinjahre, jetzt vor genau 11 Jahren) der Fall. Ich könnte noch über jede der wenigen Stunden, die wir zusammen genossen, ausführlich berichten, so lebendig fest blieben sie mir im Gedächtnis eingegraben. Und so hatte es mich denn schmerzlich berührt, als der Verlauf des furchtbaren Krieges uns allmählich auseinandergerückt hatte. Mit einem Worte geben Sie mir jetzt alles wieder zurück und beglücken mich dadurch innig.
    Leider hat bei mir inzwischen eine Wandlung stattgefunden, durch welche ich noch schlimmer daran bin als Sie, mein Freund; Sie können nicht selber schreiben, Sie können aber wenigstens unbeschränkt diktieren; ich kann ebenfalls nicht schreiben, kann aber nur mit Mühe reden, und so bin ich denn in bezug auf den Verkehr mit abwesenden Freunden arg beschränkt und muß mich unfreiwilliger Kürze bequemen.
    Als erstes lassen Sie mich mich des Auftrags entledigen, den ich von meiner Schwiegermutter, Frau Cosima Wagner, empfing. Sie trug mir auf, Ihnen zu sagen, wie sehr sie sich der Erinnerungen erfreut hätte, und sie versichert Ihnen, daß auch sie zu den schönsten Erlebnissen zählt die Zeiten gemeinsamer künstlerischer Arbeit. Auch ich habe mich außerordentlich über Ihre Worte bezüglich der hohen unvergleichlichen Frau gefreut. Bei jeder ihrem Lebenswerke gewidmeten Betrachtung auch z. B. in der sonst recht hübschen Schrift des Grafen Du Moulin bleibt gerade dieser Hauptpunkt entweder gänzlich unberücksichtigt oder flach und zum größten Teil falsch behandelt. Und doch müßte gerade diese für die Nachwelt festgehalten werden, und zwar je genauer und je ausführlicher, um so besser. Sie, lieber Freund, wären hierzu einzig befähigt. Was fast alle Künstler hemmt, wissen wir leider so genau, daß ich keine Worte darüber zu verlieren brauche; Sie dagegen besitzen die hohe Bildung, die weiten Kenntnisse und zugleich die feurige Begabung, ohne welche die Bedeutung dieser 20jährigen Tätigkeit nicht zu erfassen ist, viel weniger auszudrücken und zu schildern. Sie sollten entweder in Ihren Lebenserinnerungen oder an irgendeinem Ihnen passenden Orte Ihre Erfahrungen und Ihr Urteil niederlegen. Denken Sie daran.
    Eine „Autobiographie“ habe ich nicht verfaßt; es wäre dies eine Aufgabe, die mir durchaus gegen den Strich ging; vielmehr habe ich lediglich versucht, das Entstehen des Schriftstellers in mir für die Freunde meiner Bücher zu schildern und ihnen insofern ein geschichtliches und auch ein persönliches Bild dieses immerhin eigenartigen Bücherschmiedes zu hinterlassen. Sobald die Umstände das Erscheinen ermöglichen, werde ich Ihnen ein Stück zukommen lassen. Freilich das religiöse Leben, auf das Sie anspielen, kommt in diesem Buche nicht zur Sprache; es eignet sich nicht für diesen Rahmen; ich bin beschäftigt, die Lücke auf eigene Weise auszufüllen.
    Heute reichen meine Kräfte nicht weiter. Darum drücke ich Ihnen in herzlicher Treue die Hände, indem ich Sie bitte, Ihre hochverehrte liebe Gattin von mir bestens grüßen zu wollen.

Houston S. Chamberlain.
 

86-87 An Dr. Arthur Dinter



Bayreuth, den 18. März 1919.

Sehr geehrter lieber Herr Dinter!

    Ihr Brief an den Oberrabbiner hat mir außerordentlich gefallen: Sie haben den Mut, der alles besiegt, und Sie wissen sich mit unzweideutiger Klarheit auszusprechen. Nur habe ich zufällig in den letzten zwei Tagen — in ganz anderen Studien vertieft — zwei wichtige Stellen gefunden in bezug auf jene ewige Frage, was das jüdische Gesetz unter einem „Nächsten“ versteht, zwei Stellen von entscheidender Wichtigkeit als Zeugen, daß darunter einzig ein Jude verstanden wird. Die eine Stelle stammt vom Bischof Lightfoot, der während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte und anerkanntermaßen einer der größten Theologen aller Zeiten ist; die andere Stelle findet sich in dem wundervollen Werke „Die vier kanonischen Evangelien“ des Heidelberger Theologie-Professors Adalbert Merx, Zeitgenossen Lightfoots, und der vielleicht das größte Sprachgenie unter den deutschen Theologen neuerer Zeit war. Beide Gelehrten waren nichts weniger als Antisemiten, vielmehr neigten sie als christliche Theologen zur Bewunderung des auserwählten Volkes, doch waren sie redliche Männer, bestrebt, der Wahrheit zu dienen, selbst dort, wo sie ihren Vorurteilen widersprach.
    Die Stelle aus Lightfoot teile ich Ihnen beiliegend im Original mit. Auf Deutsch lautet sie: „Im Originaltext (Levitecos 19, 18) ist das Wort Nächster scheinbar auf das jüdische Volk beschränkt: Du sollst keinen Zorn hegen gegen die Kinder Deines Volkes, sondern Du sollst Deinen Nächsten wie Dich selbst lieben. Aus der Frage des Gesetzeskundigen (Lukas 10, 29) dürfen wir entnehmen, daß die Bedeutung dieses Ausdrucks einen häufigen Gegenstand zur Diskussion gab. Der Heiland erweitert und vergeistigt diese Bedeutung; und in diesem umfassenden Sinne als anwendbar auf eine allgemeine Brüderschaft aller Menschen gebraucht der heilige Paulus das Wort an dieser Stelle.“
    Die Stelle aus Merx liegt in Abschrift bei. Sie befindet sich in dem obengenannten Werk „Die vier kanonischen Evangelien nach ihrem ältesten bekannten Texte; Übersetzung und Erläuterung der syrischen im Sinaikloster gefundenen Palimpsesthandschrift.“ 2. Teil, 1. Hälfte, Matthäus, Berlin 1902.
    Heute habe ich zu mehr nicht Zeit und möchte nur hoffen, Ihnen mit dieser Mitteilung gedient zu haben. In warmer Freundschaft drücke ich Ihnen die Hand.

Houston S. Chamberlain.
 

87-88 An Baron J. von Uexküll



Bayreuth, den 20. März 1919.

Sehr verehrter lieber Herr Baron!

    Die jammervolle Beschaffenheit meiner Leistungsfähigkeit können Sie daraus entnehmen, daß der schönste und erfreulichste Brief, den ich seit langem erhielt, zwei ganze Monate unbedankt auf meinem Tische liegt; zwar hatte dies für mich den Vorteil, daß ich ihn oft wieder las und mich immer von neuem daran erfreute, was auch bei meiner Frau und meiner Schwiegermutter der Fall war. Ganz merkwürdig ist es, daß eine rein wissenschaftlich leidenschaftslose Betrachtung geradezu trostreich wirken kann, — wie das hier in hohem Maße der Fall ist. Freilich gehört dazu der geniale unbestechliche Blick des großen und erfahrenen Forschers. Wenn dieser auf die noch so verwirrten Geschehnisse fällt und klärend ihre Naturbedeutung und Naturnotwendigkeit aufzeigt, so fühlt man sich aus dem verwirrenden Jammer des Augenblicks erlöst, und selbst der Schmerz, wenn er auch nicht aufgehoben wird, weicht in den Hintergrund vor dem fesselnden Interesse des Beobachtens. Mit großer Ungeduld erwarte ich Ihre Veröffentlichung zu demselben Gegenstand; denn Sie haben mir geistig und moralisch wohlgetan, und so lechze ich nach mehr.
    Um eines will ich dringend bitten: Nehmen Sie in Ihr Gesamtbild auch das Verhalten des Zentrums auf, denn dieses erscheint mir in der ganzen Geschichte des Krieges und der Revolution das Allerbedenklichste und mir — ich gestehe es — das Allerunerklärlichste. Man denke sich nur, das Zentrum hätte sich vom ersten Tage ab zu den staatserhaltenden Parteien geschlagen! Der ganze Krieg wäre anders geführt worden und wäre anders ausgefallen! Und nach dem Kriege hätte eine Zeit immer höherer Entwicklung anbrechen können, statt des heutigen wohl rettungslosen Niedergangs. Ich verstehe es schon, daß eine katholische Partei den Niedergang oder wenigstens der Ersetzung eines evangelischen Kaisertums als Ziel erstrebt, nicht aber, welches Interesse sie daran hat, alles Bestehende zugrunde zu richten. Das müssen Sie mir noch einmal erläutern.
    Trotz aller Unruhen hat es den Anschein, als ob mein Buch kurz vor oder nach Ostern erscheinen würde. Mein Verleger, der für mich die Versendung an meine Freunde besorgt, hat Ihre Heidelberger Adresse. Hoffentlich erreicht sie diese!
    Sonst steht hier alles beim Alten. Ich komme mit Schneckenschritten weiter, da ich nur mit Mühe die Seiten eines Buches umzudrehen vermag und keine eigenhändigen Notizen mehr machen kann. Doch wird jeden Tag ein wenig gefördert, und so bleibt denn das Leben noch immer lebenswert. Empfehlen Sie mich Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin auf das angelegentlichste und lassen Sie sich selbst die Hand warm drücken von

Ihrem treu ergebenen Freunde

Houston S. Chamberlain.
 

88-90 An Dr. Felix Groß



Bayreuth, den 30. März 1919.

Mein lieber guter Freund!

    Ihr ausführlicher Brief hat mich ebenso interessiert wie erfreut; ich bitte, schreiben Sie nur ohne alle Bedenken, sobald Ihnen danach verlangt. Mir machen Sie damit immer Freude; nur müssen Sie mit sehr ungenügenden Antworten sich begnügen.
    Von meinem kommenden Werke kann ich Ihnen wenig verraten, und zwar nicht allein, weil ich mich selbst scheue, über werdende Dinge zu reden, sondern vielmehr, weil ich selber, trotzdem ich dieses Vorhaben seit vielen Jahren im Kopf und Gemüt trage, noch nicht weiß, worauf ich hinaus will; das wird die Arbeit selbst erst zeigen müssen. In diesen Dingen ist es immer besser, gehorchen als willkürlich wollen. Vorderhand bin ich ganz vertieft in die Beziehungen zwischen Christus und Paulus und befinde mich sehr wohl dabei, weil der Gegenstand die Seele dermaßen ausfüllt, daß einem für alle Erbärmlichkeiten des Tages kein Interesse übrig bleibt. Was wollen alle Vorgänge um uns herum bedeuten angesichts jener Taten und Worte?
    Habe ich Ihnen neulich vom heiligen Ignatius erzählt? Dessen Brief an die Römer ist wohl das großartigste Dokument menschlichen Heldensinnes, das mir je vor die Augen gekommen ist. Ich empfehle Ihnen diese Lektüre sehr und mache Sie noch aufmerksam, daß es zweierlei Rezensionen gibt: eine gefälschte lateinische, die viel längeren Text führt, und eine kürzere griechische, deren unzweifelhafte Echtheit Lightfoot nachgewiesen hat. Ihre Ausführungen über die Wunder fand ich vortrefflich. Das Beste, was ich je darüber gehört habe, steht in Jean Jacques Rousseau: „Lettres de la montagne“, 1. Teil, 2. und 3. Brief.
    Vor vielen Jahren, als er zu schreiben anfing, habe ich Aufsätze Sigmund Freuds in einer Wiener medizinischen Zeitschrift gelesen, von meinem Arzt darauf aufmerksam gemacht; sie schienen mir bedeutend, doch waren die Gegenstände seiner Forschungen gar zu unangenehm; seitdem las ich nichts mehr von ihm, und ich danke Ihnen für die Anregung, es von neuem mit ihm zu versuchen. Von Stöhr glaube ich vor langer Zeit ein Buch über die Materie gelesen zu haben und erinnere mich, den Verfasser in der philosophischen Gesellschaft an der Universität zu Wien öfters gesehen und auch gehört zu haben: trocken und schwer, aber gut fundiert und anregend.
    Ihre Sendung erwarte ich mit Freuden, mache Sie aber aufmerksam, daß es mir unmöglich sein wird, Bemerkungen hineinzuschreiben; kaum daß ich fähig bin, vielleicht hier und dort einen Strich anzubringen. Überhaupt fällt mir das Lesen von Handschriften recht schwer, weil ich die Blätter nicht umdrehen kann, doch sind sie einseitig geschrieben, so läßt es sich schon einrichten.
    Von Uexküll erhielt ich in letzter Zeit höchst anregende Briefe. Er arbeitet eine Biologie des Staates aus und kommt dabei zu höchst bemerkenswerten Ergebnissen. Ein glücklicher Mensch, der hierin Trost findet für alle Leiden — die ihn als Balten besonders hart getroffen haben. — Ich glaube, er muß so ziemlich alles verloren haben.
    Die „Lebenswege“ werden Sie sehr bald erhalten. Ich bitte um Nachsicht für dieses Werk; das erste, das ich nicht eigenhändig schreiben konnte, und man muß sich ans Diktieren erst gewöhnen.
    Zum Schluß empfehle ich Ihnen als Titel „Der Mythos Wagners“ lieber als „Das Mysterium von Bayreuth“. Ich fürchte, letzterer Titel verleitet zu der Annahme, ein Konfusionsmeier treibe hier sein Wesen. Außerdem ist der erste Titel viel plastischer und auch richtiger.
    Nehmen Sie vorlieb mit diesen kurzen Zeilen und lassen Sie sich die Hand warm drücken von

Ihrem

Houston S. Chamberlain.
 

90-92 An Ingenieur V. O.



Bayreuth, den 1. April 1919.

Sehr geehrter Herr!

    Für Ihre freundlichen Worte und für Ihr mich beehrendes Vertrauen danke ich Ihnen bestens. Leider muß ich Ihnen gleich anfangs gestehen, daß mir in der Frage, die Sie mir vorlegen, die Unparteilichkeit so ganz und gar fehlt, daß ich mich selber blind glaube für die etwaigen Vorzüge jener Lehren.
    Haben Sie jemals mein kleines Buch „Arische Weltanschauung“ in Händen gehabt? Wenn nicht — und da mir das Diktieren infolge eines Leidens schwer fällt — empfehle ich Ihnen, dort nachzuschlagen, und Sie werden die Gründe kennenlernen, die mich zu einem geschworenen Gegner der Theosophie machen. Zwar habe ich viele Jahre meines Lebens auf das Studium der echten altindischen Philosophie verwendet, doch gerade, weil ich die Weisheit der Brahmanen hoch verehre, lehne ich — mit diesen — alles ab, was vom Buddhismus sich herleitet. Natürlich bezweifle ich nicht die Überzeugung und die reinen Absichten mancher Bekenner solchen Glaubens, doch bin ich fest überzeugt, daß dabei am Ende nur Schwindel und Betrug und schlimmste Geistesverwirrung herauskommt. Der Mensch ist nicht geschaffen, in alle Tiefen blicken zu können, und der ungeheure Wert jedes echten Religionsglaubens liegt nicht zum wenigsten darin begründet, daß er auf ein Wissen der für ihn unsichtbaren Dinge verzichtet und sich auf Gottes Gnade verläßt.
    Soviel nur in kurzem über die Lehren selbst, die nicht wertvoller werden, wenn man sie aus Theosophie in Anthroposophie umtauft; ganz im Gegenteil.
    Was nun im besonderen Herrn Rudolf Steiner betrifft, so hege ich seit Jahren eine besondere Abneigung gegen diesen Mann wegen dessen, was er an Goethe verbrochen hat. Zuerst gab er — es müssen wohl 25 Jahre her sein — die naturwissenschaftlichen Werke des großen Mannes in „Kürschners deutscher Literatur“ heraus, schickte aber voran eine endlose Einleitung, deren Ziel es war, Goethe für seine (Steiners) Ansichten zu verpflichten, und ich kann nicht anders, ich finde so etwas niederträchtig; selbst die besten Absichten entschuldigen es nicht, einen derartigen Mißbrauch zu treiben. Als dann die große Weimarer Ausgabe im Erscheinen begriffen war und die Philologen sich nicht zutrauten, mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften fertig zu werden, betraute man Steiner mit deren Herausgabe. Hierbei entstand nun ein noch skandalöserer Vorgang; er unterdrückte allerhand Dinge, die ihm nicht recht waren, und ordnete das übrige mit Verachtung aller Chronologie willkürlich an, und zwar mit der bestimmten Absicht, Goethe als Zeugen zu gewinnen — gewiß ein Verfahren, unwürdig einer wissenschaftlichen klassischen Ausgabe. Die Sache war so flagrant, daß die Herausgeber sich genötigt sahen, den dreizehn Bänden einen vierzehnten von einem anderen Herausgeber folgen zu lassen, in welchem sie das Unrecht gestehen, beklagen und — soweit es geht — wieder gut zu machen versuchen.
    Sie selber als Mann der Praxis, der positiven Wissenschaft, was sagen Sie zu einem derartigen Verfahren, und welches Vertrauen würden Sie zu einem solchen Manne fassen?
    Nun gestehe ich ein, daß ich seine sonstigen Schriften nicht kenne und auch niemals einen Vortrag von ihm gehört habe. Doch stand ein sehr lieber Freund von mir lange unter seinem Einfluß, wodurch sein Gemüt schwere Einbuße erlitt. Ein anderer meiner Freunde von energischem, heiterem Wesen ist zwar unter diesem Einfluß nicht düster geworden, aber — wenn ich so sagen darf — einseitig verrückt. Ein sonst sehr begabter und naturwissenschaftlich gebildeter Mann guten Urteils, ist er in gewissen Beziehungen einfach übergeschnappt, und ich fürchte immer, die Sache nimmt ein schlimmes Ende. Auch einen Jüngling kenne ich, der als Anbeter Steiners in eine immer bedenklichere Exaltation gerät, und für den ich ebenfalls sehr fürchte. Daher kann ich Ihnen nur den Rat geben: Tun Sie, was Sie können, um Ihren Bruder aus dieser schlimmen Verirrung beizeiten zu erretten. Es gibt so viel Gutes und Interessantes auf dieser Welt zu tun, und wir besitzen einen solchen Schatz in Hoffnungen für die Zukunft jenseits des Grabes: Was soll uns diese ganze Narretei angeblich Wissender, die in Wirklichkeit es mit keinem Dorfpfarrer aufzunehmen vermögen.
    Meiner Gewohnheit gemäß habe ich rücksichtslos aufrichtig gesprochen und vertraue auf Ihren diskreten Gebrauch der ja nur auf Wunsch geäußerten Ansicht.

Hochachtungsvoll

Ihr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

93-94 An Graf Manfred Gravina



Bayreuth, den 16. Mai 1919.

Mein lieber Manfred!

    Es war sehr freundlich von Dir, mir jene Schrift mitzuteilen. Ich studierte sie sofort gründlich durch und gab sie dann nach Wahnfried, wo sie mir versprachen, sie Dir baldigst zurückzusenden, was also hoffentlich längst geschehen sein wird.
    Derartige Dinge gehen natürlich nie ab ohne „special pleading“, doch finde ich, daß Ihr damit keinen Mißbrauch getrieben habt, wie überhaupt eine gewisse Zurückhaltung in Sprache und Gedankenführung mir recht gut gefallen hat. Über einzelne Punkte wäre natürlich endlos zu diskutieren. So z. B., um nur das eine zu nennen: Wäre es nicht viel einfacher, zweckentsprechender und zugleich menschlicher, den deutschen Teil von Tirol an die Schweiz anzugliedern, wozu die Beschaffenheit des Landes und der Charakter seiner Bewohner sich vorzüglich eignen würden, wogegen sie unter Eurer Herrschaft stets nur ein unterjochtes Volk sein würden, dazu ununterdrückbar hartköpfig und dadurch eine Quelle ewiger Unruhen für Euch! Im übrigen aber bin ich der Meinung, daß Italien und das Deutsche Reich sowohl infolge ihrer geographischen Lage wie auch des Wesens ihrer Bevölkerung bestimmt sind, Freunde zu sein, und ich meine, Deutschland hat mehr Interesse daran, Italien groß und stark werden zu sehen, als am Gegenteil. Hingegen wird Frankreich niemals Euer wahrer Freund sein, wie es auch in der Vergangenheit dies niemals war: Es haßt Euch als Nachbarn und Rivalen und hat Euch immer betrogen, deswegen liegt es auch keineswegs in Eurem Interesse, Deutschland geschwächt, geschweige denn vernichtet zu sehen.
    Aber was hat Eure Entente aus Europa gemacht! Die Arbeit von Jahrhunderten ist vernichtet, und gerade im Augenblick, als endlich man hoffen durfte, geordnete Verhältnisse vom englischen Kanal bis Konstantinopel herrschen zu sehen, herrscht statt dessen das Chaos, und man darf sagen, der „Balkan“ reiche jetzt von der Türkei bis nach Hamburg. Euer Bund wird sich als Vernichter der Zivilisation erweisen. Die zwei enfants terribles — die Polen und die Tschechen — die im Laufe der Geschichte ihre Unfähigkeit, etwas Dauerndes aufzubauen, dagegen ihre besondere Begabung im Zerstören bewiesen haben, die stellt Ihr als mächtige Staaten auf, was mit mathematischer Notwendigkeit zu nie endenden Unruhen führen muß.
    Und dann, um auch hier nur einen Punkt herauszuholen, wißt Ihr denn alle nicht, daß Serben und Kroaten diejenigen Menschen sind, die sich am meisten auf der ganzen Welt hassen? Wohl mögen sie sich im Interesse ihres Ehrgeizes einen kurzen Augenblick verständigen, doch ich kenne sie gut, und ich weiß, daß es keine zehn Jahre dauert, ja keine fünf, vielleicht nicht ein einziges Jahr, bis sie sich in die Haare fallen. Die seelenlosen Westländer, die weder an Gott noch an Teufel glauben, ahnen nicht die unüberwindliche Kraft religiöser Gedanken: der griechisch-orthodoxe Serbe und der katholische Kroate werden niemals in Frieden unter einem Hute oder auch nur in einem Bunde leben können, vielmehr gehen wir da Religionskriegen entgegen.
    Doch ich breche ab, da, wie Du bemerkt hast, mir das Reden und dadurch auch das Diktieren recht sauer fällt, und will Dir nur noch einmal sagen, wie herzinnig ich mich noch täglich über Deinen neulichen Besuch freue.
    Und somit, liebster Manfred, lebe wohl für heute und denk' an mich bisweilen, wenn Du etwas Interessantes in Händen hast, was die allgemeinen Züge der werdenden Politik betrifft.

Dein

Houston S. Chamberlain.
 

94-97 An Baron J. von Uexküll



Bayreuth, den 23. Mai 1919.

Hochverehrter lieber Herr Baron!

    Es peinigt mich nicht etwa das Gewissen, als erwarteten Sie von mir auf Ihre freundliche Sendung einen formalen Dank, aber der Wunsch, Ihnen wenigstens einige flüchtige Worte als Erwiderung zu widmen, läßt mir keine Ruhe. Freilich bin ich unvermögend, einen ausführlichen Gedankenaustausch über viele Punkte einzuleiten, doch kann ich es mir nicht versagen, Sie wenigstens meiner großen Freude zu versichern und Ihnen zu sagen, daß Sie Ihrem leidenden Freunde so schöne Stunden bereiten, daß diese geradezu als Linderung wirken.
    Besonders entzückt war ich über Ihren Aufsatz (wohl die Darmstädter Rede?) über „Staat und Organismus“. Das ist eine Ihrer glänzendsten Leistungen: klar wie Kristall und überzeugend wie ein Evangelium. Und die wundervolle künstlerische Steigerung!
    Der Beweis, daß Volk und Staat entgegengesetzte Begriffe sind und das Wort „Volksstaat“ infolgedessen einen flagranten Widerspruch in sich schließt, wirkt ebenso wohltuend wie erlabend in diesen Tagen, wo wir das blödsinnige Wort — das den heiligen Begriff des Volkes und den notwendigen Begriff des Staates beide aufhebt — auf jeder Briefmarke erblicken müssen. Hoffentlich findet die kleine Flugschrift eine große Verbreitung.
    Inzwischen trafen die beiden Fortsetzungen der „Biologischen Briefe“ auch ein, und die erste, enthaltend die Briefe 4 bis 6, habe ich bereits mit Wonne eingesogen — flach auf dem Rücken liegend, mit geschlossenen Augen —‚ denn solche kleine Drucksorten kann ich nicht bewältigen; Folianten sind jetzt meine Vorliebe, denn diese liegen fest und unverrückbar auf dem Pult, und die seltene Umwendung einer Seite bringe ich mit mehr oder weniger Mühe zustande, wogegen die kleinen Broschüren herumfliegen und äußerst widerspenstig sich erweisen; somit bin ich darauf angewiesen, sie mir vorlesen zu lassen. Und nun hören Sie, welch schöne Erfahrung mir Brief 4 „Der Raum“ brachte! Meine Frau las ihn mir vom Blatte weg vor, ohne irgendwo in Stokkung zu geraten und so richtig betont und angemessen moduliert, daß es ein Hochgenuß war, zuzuhören. Und nun, als ich am Schlusse meiner Begeisterung und Freude Ausdruck zu geben suche, gesteht sie mir mit der ihr angeborenen impulsiven Redlichkeit: ...„Ich habe kein Wort davon verstanden!“... Wie wunderbar klar, korrekt und unzweideutig muß ein Stil sein, damit ein Mensch, dem diese Gedankengänge völlig fremd und darum unverständlich bleiben, sie dennoch fehlerlos und mühelos vorzutragen vermag! So etwas dürfte wohl einzig bei Schopenhauer anzutreffen sein. Und ich beeile mich, hinzuzufügen, daß meine Frau im Laufe der folgenden zwei Briefe sich schon bedeutend besser in diese ihr neue Umwelt eingelebt hat. Ich weiß nicht, ob Sie selber dessen bewußt sind, wie unendlich fern derartige Betrachtungen zahlreichen Menschen liegen? Nicht nur fehlen ihnen die naturwissenschaftlichen Kenntnisse — das ist sogar das Wenigste, was ihnen abgeht —‚ vielmehr was fehlt, ist die Verbindung eines reinen Denkens mit einer reinen Anschauung und außerdem überhaupt die Fähigkeit, sich über das Denken zu besinnen: solche Menschen sind im Augenblick unfähig, zu verstehen, worüber geredet wird. Dies erwähne ich, weil ich glaube, es ließe sich vielleicht noch eine Brücke bauen, und daß die „Einführung in die Natur“, wie ich sie geplant hatte, vielleicht als „Einführung in Uexküll“ dienen könnte. Jedenfalls ist hier noch etwas zu leisten.
    Inzwischen bin ich vielleicht von allen lebenden Menschen derjenige, der am intensivsten diese Übertragung der tiefsten Gedanken Platos und Kants in die Weltanschauung der sichtbaren Natur genießt — und dafür danke ich Ihnen aus ganzer Seele.
    Jetzt bin ich so ziemlich am Ende meines Sprechvermögens und will nur kurz erwähnen, daß unseres Keyserlings Schrift über „Deutschlands wahre Aufgaben“ ganz anders auf mich gewirkt hat. Zwar fehlt es nicht an Geist, an anregenden Paradoxien und an unerwarteten Bezügen zwischen weitentfernt liegenden Punkten, und das alles gewährt eine gewisse Unterhaltung; doch welche entsetzliche Sprache! Man hat den Eindruck, als ob der Mann nie einen Satz zweimal läse, ehe er ihn dem Druck übergibt. Und dieser Sprache entspricht der Gedankengang, und wer sich in diesen Gedankengang hineinfindet, findet ein Chaos widersprechender und zum großen teil ganz falscher Behauptungen und Ideen. Da wird mit Phrasen und landläufigen Schlagwörtern operiert, denen nichts Wirkliches entspricht: Auch die Alldeutschen waren keine Imperialisten, ich stehe ihnen nah und kann es bezeugen; und daß der Krieg durch die drei unfähigsten Reichskanzler der Weltgeschichte verloren ward — im Bunde mit dem von ihnen geduldeten Reichstag — ist einfach eine Tatsache...
    Doch betrete ich ein mir verbotenes Gebiet und eile abzuschließen, indem ich Ihnen in wärmster Freundschaft die Hand drücke, Ihnen danke, Ihre hochverehrte Frau Gemahlin herzlich begrüße und Sie beide bitte, auch fernerhin meiner gütigst zu gedenken.

Ihr

Houston S. Chamberlain
 

97 An Albert Vanselow



Bayreuth, den 18. Juli 1919,

Sehr geehrter Herr Direktor!

    Vielen Dank für Brief und Sendungen. Das Beethovenbild macht mir riesige Freude; gerade in letzter Zeit haben meine Frau und ich uns sehr viel mit Beethoven beschäftigt, so daß Ihre Mitteilung uns doppelt interessiert. Auch mit dem neuen Lutherbild für die „Grundlagen“ bin ich durchaus einverstanden; ich kenne das Bild, besitze es in zweierlei Ausführungen und schätze es hoch, weil es weit besser ist als unser früheres.
    Was Sie mir über den Absatz der „Lebenswege“ melden, freut mich sehr. Ich ziehe eine langsame, aber stetige Zunahme einem stürmischen Anfangserfolg weit vor, denn das eine beruht nur auf Zeitungsreklame, während das andere für eine Empfehlung von Mund zu Mund zeugt. Ich erhalte aus den verschiedensten Lebenskreisen von mir gänzlich unbekannten Menschen fast täglich Briefe über das Buch und habe den Eindruck, daß es bei den verschiedensten Menschen Interesse weckt.
    Habe ich Ihnen schon gemeldet, daß das erste Kapitel meines neuen Werkes ¹ bereits in Leipzig abgeschrieben wird?
    Mit freundlichstem Gruße bin ich

Ihr ergebenster

Houston S. Chamberlain
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    ¹ „Mensch und Gott“.
 

98-99 An Fräulein Sidonie Peter



Bayreuth, den 22. Juli 1919.

Hochverehrte Freundin!

    Vielen Dank für die beruhigende Nachricht; so lange solch eine Schrift als Unikum vorliegt, ist man immer ängstlich, denn ein zweites Mal trifft es selbst ein Gesunder nicht, viel weniger ein Leidender. Herzensdank für die versprochene Beihilfe. Mein Kapitel 2 wird schon täglich bearbeitet.
    Auf Ihre Fragen kurz folgendes:
    1. Sie haben wohl im Grimm das Wort „Gaden“ nachgeschlagen? Hätten Sie statt dessen im zweiten von Jakob Grimm noch selber bearbeiteten Bande das Wort „Buchgaden“ nachgeschlagen, Sie hätten gesehen, daß es ein altes deutsches Wort für Bibliothek ist und meines Erachtens das einzig brauchbare. Bücherei gehört zu Meierei, Weberei usw. und paßt darum keinesfalls für eine Privatsammlung. Übrigens leben die Zusammensetzungen mit „Gaden“ in der Schweiz noch heute und sind bei Konr. Ferd. Meyer häufig anzutreffen — so erinnere ich mich, bei ihm „Mädchengaden“ begegnet zu sein für das Schlafzimmer der Mädchen.
    2. An Festspiele denkt gewiß mein Schwager, kann aber nichts beschließen, so lange die Verhältnisse so wenig Stabilität besitzen. Sie erfordern lange Vorbereitungen und bedeutende Kapitalien; daher große Vorsicht geboten ist. Ich brauche dies nicht weiter auszuführen.
    3. Bitten um Aufsätze zur politischen Lage erhalte ich vielfach, und es ist nicht unmöglich, daß einmal Tag und Ort sich finden, wo ich mich veranlaßt sehe, das Schweigen zu brechen. Ich folge aber hierin, wie stets, unbeirrt meinem Instinkt, der mich bisher nicht fehlleitete, und bin überzeugt, für mich selbst sowie für die allgemeine Sache richtig zu handeln, wenn ich im Augenblick meine so sehr beschränkten Arbeitskräfte lediglich meinem neuen Werke widme. Sie müssen sich sagen, daß jede Erregung meinen Nerven Gift ist, und ein politischer Aufsatz läßt sich ohne leidenschaftliche Erregung nicht schreiben.
    4. Sie hatten doch recht; ich erfahre von meinem Verleger, daß mein „Richard Wagner“ vergriffen ist und sich im Neudruck befindet.
    5. Über Tristram Shandy kann ich heute nichts sagen, zweifle aber nicht daran, Sie noch zu bekehren.
    Für heute muß ich schließen und tue es als Ihr in herzlicher Dankbarkeit ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

99-100 An Frau Anna von Kekulé



Bayreuth, 4. August 1919.

    Es wird ohne weiteres zugegeben, daß an der einen Stelle die Ausdrucksweise betreffend die „Geschichte“ und „Wissenschaft“ ¹ schroff ausgefallen ist, wie das bei mir leicht geschieht, wenn ich gegen den Strom schwimme, und was außerdem in diesem Falle seine besondere Erklärung darin findet, daß der Brief an einen Freund gerichtet ist, der genau weiß, was ich meine, und wie ich's meine.
    Unter Wissenschaft verstehe ich hier die exakte Wissenschaft, die auf Tatsachen fußt, die jederzeit durch Beobachtung oder Versuch von neuem mit unbedingter Sicherheit festgestellt werden können — was bei Geschichte niemals der Fall ist —. Nun finde ich aber in der deutschen Gelehrtenwelt die Tendenz, alles in Geschichte aufzulösen. Man nehme zum Beispiel die Gelehrtenarbeit über Goethe zur Hand: alles löst sich auf in Atome, indem für jede Dichtung, manchmal für jede Zeile angebliche Ursprünge nachgewiesen werden — ein Verfahren, bei dem schließlich die Persönlichkeit in Dunst aufgeht —. Hiergegen war es mein Bestreben, die Persönlichkeit als ewig bleibendes Phänomen hinzustellen, wie das die Wissenschaft der Natur auch tut.
    Übrigens bezweifle ich, ob genaue Kenntnis der Geschichte zu politischem Sinn erzieht. In dieser Beziehung war ohne alle Frage Deutschland sowohl England wie Frankreich durchschnittlich weit voran. Die große Unwissenheit der Engländer tut nicht im geringsten Abbruch der Sicherheit ihres politischen Instinktes. Hier wirken Charakterbildung und sorgsam unterhaltene Vorurteile weit stärker als die Geschichtsbildung...

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Bezieht sich auf einen Abschnitt im Brief V der „Lebenswege“.
 

100 An Pastor Weingart



Bayreuth, den 19. September 1919.

Hochverehrter Herr Pastor!

    Wiederum haben Sie mir mit Ihrer inhaltsreichen und so sehr gütigen Zuschrift vom 6. September die allergrößte Freude gemacht, für die ich Ihnen in notgedrungener Kürze, aber nicht minder herzlich meinen Dank sage. Vergessen Sie ja nicht Ihr Versprechen, uns noch einmal Näheres zu schreiben über Ihre Eindrücke von dem Buch, und reden Sie, bitte, ganz rückhaltslos; Sie machen mir damit die allergrößte Freude.
    Trotz meiner Erkrankung, die mich allseitig hemmt und auch kaum zu „Worte“ kommen läßt, insofern das Reden mir ungemein erschwert ist, habe ich dieser Tage das zweite Kapitel eines neuen Buches beendet, in welchem ich so kühn bin, Ihnen — oder wenigstens Ihren Herren Kollegen, den fachmännischen Theologen — ein wenig ins Handwerk zu pfuschen. Zwar ist es meine Absicht, gänzlich außerhalb der gelehrten Fragen zu bleiben und von Religion nur in der Weise zu sprechen, die jeden Menschen angeht; doch wird es sehr schwer, dies ganz zu vermeiden, und namentlich der Laie, der für deutsche Leser schreibt, darf manche Dinge nicht behaupten, ohne sich auf Professoren zu berufen. Ich selber finde das Unternehmen tollkühn; jedoch das Alter und die Nähe des Endes gibt einem Mut. Nun, wir wollen sehen, was daraus wird!
    In Verehrung und mit herzlichster Begrüßung verbleibe ich

Ihr sehr ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

101-104 An Großadmiral von Tirpitz



Bayreuth, 16. November 1919.

Euere Exzellenz

haben mir die Ehre erwiesen — eine Ehre, die ich hochzuschätzen weiß —‚ mir ein Exemplar Ihrer „Erinnerungen“ zukommen zu lassen; ich bitte Sie, den Ausdruck meines ehrerbietigsten Dankes entgegennehmen zu wollen. Zugleich bitte ich in der Verspätung dieses schuldigen Dankes keine Unachtsamkeit zu erblicken: als Verfasser von Büchern kenne ich aus Erfahrung die hohlen Danksagungen für noch ungelesene Schriften und hasse sie; darum habe ich gewartet, bis eine gründliche Kenntnis Ihres Werkes mir den Wert des gütigen Geschenkes einigermaßen zu würdigen erlaubte.
    Leicht fällt es mir nicht, Ihnen über meine Eindrücke zu sprechen; ich habe zu viel auf dem Herzen, und es wird mir schwer, nicht zu Superlativen zu greifen, die man doch anderseits heute gerne vermiede.
    Das eine ist sicher: dieses Buch ist eines der tragischsten der Weltliteratur. Die alten Germanen (im weiten Sinne dieses Wortes) pflegten stets das Lied des   b e s i e g t e n   H e l d e n   am höchsten zu schätzen; diese Gattung ist um ein ergreifendes Stück reicher geworden: dem Helden ist hier nichts erspart geblieben — er hat nicht einmal mit seinem vaterländischen Lebenswerk zugleich untergehen dürfen, sondern hat machtlos zusehen müssen, wie es vernichtet wurde! Worte reichen in diesem Fall nicht hin; doch schweigende Herzen — jetzt und durch die kommenden Jahrhunderte — werden Tränen vergießen.
    Euere Exzellenz werden es einem berufsmäßigen Bücherschmied verzeihen, wenn er, um den Gemütseindrücken standhalten zu können, den Formfragen bei der Lektüre besondere Beachtung schenkte. Sowohl die Anlage im ganzen, als auch die Durchführung bis ins einzelne der Sprachgebung besitzt einen so hohen Grad von Vollendung, daß diesem Buche als Buch, und abgesehen von seinem Wert als geschichtliches Zeugnis, dauernde Bedeutung zukommt. Das ist sehr wichtig, denn die Gestalt allein verleiht einem Werke lebendige Wirkung auf die Zukunft:

„Und einzig veredelt die Form den Gehalt,
Verleiht ihm, verleiht sich die höchste Gewalt.“
Trotz der Verdüsterung, die uns allen es so schwer macht, uns über irgend etwas noch zu freuen, habe ich beim Lesen nicht selten laut aufgejauchzt über treffende Ausdrücke, lebenstreue Schilderungen und erquickenden Humor. Ja, je weiter ich las, um so mehr überkam mich ein Gefühl, welches eine Art Kontrapunkt zu der niederdrückenden Trostlosigkeit bildete: ich kann mir gut vorstellen, daß dieses Buch, unter unsere Klassiker aufgenommen, von sämtlichen Oberklässern Deutschlands als Pflichtaufgabe gründlich studiert werde, und würde mir in diesem Falle eine unermeßliche Wirkung im Sinne einer Wiederaufrichtung des Deutschbewußtseins und einer Erziehung zu weltpolitischem Blicke versprechen; womit Ihnen, dem Unterlegenen, eine wesentliche Mitwirkung an dem Wiederaufbau zufallen würde. Ich spreche dies aus, weil — wie gesagt — mir merkwürdigerweise gerade Ihr Buch in der Nacht der Hoffnungslosigkeit auf unbewußtem Wege den ersten Hoffnungsstrahl gebracht hat. Ich deute nur an; solche Dinge wollen mehr erraten als ausgesprochen werden.
    Man hat Sie wegen der unumwundenen Namensnennung der öffentlich Beteiligten hart angegriffen: meiner Ansicht nach folgten Sie hiermit einem unbedingten Pflichtgebote. Die Wirtschaft mit XYZ paßt für ein gesellschaftliches Klatschbuch, wäre aber nicht am Platze bei einer derartigen Rechenschaftsablegung vor dem Gerichtshof der Geschichte, in einem Augenblick, wo persönliche Interessen in ein Nichts zerstieben und es darauf ankommt, allen Augen die volle Wahrheit zu enthüllen, weil aus ihr allein Umkehr und Wiederaufstieg hervorgehen können. Darum war es unerläßlich, die Haltung auch des Kaisers mit mathematischer Genauigkeit hinzustellen, wohingegen es einem Verbrechen gegen alle gleichgekommen wäre, hätten Sie aus falschverstandenem Pflichtbegriff sich hier hinter Phrasen verschanzen wollen. Nichts bewundere ich mehr als die Art, in der es Ihnen gelungen ist, ohne jemals ins Unehrerbietige zu verfallen, die entscheidende Persönlichkeit des Monarchen hinzustellen und die Wirkung, die von ihr ausging, aufzuzeigen [...] Letzten Endes hat der Kaiser, der für sein Reich das Größte und Beste wollte, unbewußt dem Manne, der es vernichten wollte, Eduard VII., in die Hände gespielt: eine besondere Tragödie inmitten der anderen.
    Im Gegensatz zu Euerer Exzellenz ist mein Leben abseits von der Öffentlichkeit verlaufen, selbst mit Büchern bin ich erst sehr spät hervorgetreten, den Gang der weltgeschichtlichen Ereignisse betrachtete ich aus der Ferne — Kaiser Wilhelm ist der einzige hervorragende Mann der politischen Welt, den ich persönlich kenne. So mußte mir denn die Entdeckung bedeutenden Eindruck machen, daß meine politischen Überzeugungen auf der ganzen Linie mit den so ungleich genauer begründeten dieses Buches übereinstimmen. Einmal über das andere rief meine Frau aus: Das ist ja genau, was du immer gesagt hast! So wenig Ihnen an dieser Übereinstimmung liegen kann, mir verursachte sie eine wirkliche Genugtuung.
    Zu Ihrer grundwahren These, daß dem bloßen Welthandel keine Lebenskraft innewohnt, vielmehr erst Nationalbewußtsein und Machtentfaltung vorangehen müssen, fand ich neulich in Goldsmiths „Deserted Village“ einen auffallenden Beleg. Dieses echt englische Bekenntnis lautet:
„That trade's proud empire hastes to swift decay,
As ocean sweeps the labour'd mole away:
While self dependent power can time defy,
As rocks resist the billows and the sky.“
(Nebenbei gesagt sollen nach Boswell diese vier Verse aus Dr. Johnsons Feder stammen.)
    Eine wunderbare Steigerung gewinnt das Buch durch den Anhang: allein mitgeteilt, wäre dieses Tagebuch fast nicht zu ertragen, während es so als Epilog eine unglaubliche Fülle von Leben über das Vorangegangene ausströmt und jeden Leser veranlaßt, das Buch noch einmal von vorne anzufangen. Aus diesem Stadium heraus stammen diese Zeilen, die ich Eure Exzellenz ersuche mit Nachsicht aufzunehmen; sie kommen aus einem vollen Herzen, welches sich möglichst zu beherrschen versucht.
    Dem Schöpfer der herrlichen deutschen Flotte

in tiefster Ehrerbietung ergeben

Houston S. Chamberlain.

    (Die Benutzung eines Faksimilestempels wollen Eure Exzellenz entschuldigen, da ich den Gebrauch beider Hände verloren habe.)
 

104-105 An Hauptmann Gerhard von Roon



Bayreuth, 26. November 1919.

Hochverehrter lieber Herr Hauptmann!

    Gerade in diesen letzten Tagen hatten meine Frau und ich uns öfter gefragt, mit einiger Sorge, wie es Ihnen wohl gehen könnte; da kommt Ihr lieber Brief wie gerufen. Haben Sie Herzensdank! Namentlich die Nachricht, daß Sie sich in die heimatliche Gegend zurückgezogen haben und Bauer geworden sind, hat uns beglückt und beruhigt. Denn der furchtbare Krieg hat Sie und die Ihrigen wirklich über das Maß der Menschenkraft geprüft, und Ihre Nerven werden sich erst nach und nach in der ländlichen Abgeschiedenheit beruhigen und neue Kraft gewinnen. Dabei wird Ihnen die Betätigung an dem Jugendbund doch die Genugtuung verschaffen, daß Sie an dem Wiederaufbau des zertrümmerten Vaterlandes tätig sein dürfen; Sie bereiten Soldaten für die Zukunft und können sich also sagen, daß Sie Ihrem Lebensberuf nicht untreu geworden sind.
    Auch wir haben das Buch von Tirpitz — das er die Güte hatte mir selber zu schicken — mit tiefem Eindruck gelesen. Es ist ein unvergängliches Werk und so lebendig, sogar humorvoll in der Auffassung von Persönlichkeiten, daß der trostlose Inhalt dadurch die Eigenschaften eines schönen Kunstwerkes gewinnt und dadurch erträglich wird.
    Wenn meine Frau erst Muße dazu findet, wird Sie Ihnen wohl einen Bericht über uns auch schicken; meine Kräfte reichen dazu nicht, da mir das Sprechen täglich schwerer fällt; ich wollte nur durch einen baldigen herzlichen Gruß meine warme Dankbarkeit bezeugen und Sie bitten, auch fernerhin meiner in Freundschaft zu gedenken. Wenn Sie einmal wieder schreiben, sagen Sie mir, bitte, etwas über den Herrn Rittmeister, von dem ich sehr lange nichts gehört habe und auch von dem Herrn Pastor, der mich vor längerer Zeit durch Zuschriften und Zusendungen erfreut hatte. Für heute muß ich schließen mit verehrungsvollsten Grüßen an alle die Ihrigen als Ihr herzlich ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

105-106 An Baronin Emma Ehrenfels



Bayreuth, 28. November 1919.

Teuerste Freundin!

    Ein Mann in meinem Zustand erfährt die Idealität der Zeit am eigenen Leibe: bei dem Mangel an jeder Möglichkeit der Abwechslung vergehen die Monate genau ebenso wie die Tage, und ich habe keine Ahnung, wann Ihr letzter Brief eintraf, und weiß nur, daß er mich wie immer auf lange hinaus mit lieben Bildern und Gedanken umgab. Heute erblickte ich Ihre Handschrift auf einer Adresse an Blandine Gravina — die inzwischen wieder nach Florenz zurück mußte, um ihre dortige langjährige Niederlassung aufzulösen, da es heute unmöglich ist für den, der seine Einnahmen aus Deutschland bezieht, im Auslande zu leben. Zum Glück ist der Briefverkehr dorthin offen und sicher, und so wurde Ihr Brief nachgeschickt und wird sie bald erfreuen.
    Mit den wenigen Menschen, mit denen ich früher offenen Herzens Briefe zu wechseln pflegte, stockt jetzt der Verkehr nicht allein hauptsächlich an der Tatsache, daß das Reden und damit auch das Diktieren mir zunehmend schwerer fällt, noch mehr daran, daß es ein Ding der Unmöglichkeit ist, gerade an diese Menschen durch Vermittlung zu schreiben: der ganze Sinn solcher Briefe ist die Vertrautheit, das zeugenlose Zuzweitsein. Ich muß darum darauf rechnen, daß Sie weiterhin mir aus der Fülle Ihres Herzens geben, ohne Gegengabe zu erwarten.
    Im ganzen kann ich mich ja nicht beklagen. Zwar schreitet das Leiden vorwärts, aber das stand ja mit Sicherheit zu erwarten, und es ist bewundernswert, wie der Mensch gegen jeden neuen Körperwiderstand bald eine neue Technik zu erfinden weiß, während anderseits die Seele bei der langsamen Zunahme der Hemmungen Zeit hat, sich ebenfalls neu einzustellen. So nur kann ich's erklären, daß, trotzdem der Zustand bedeutend erschwert ist im Verhältnis zu heute vor einem Jahr, ich dennoch innerlich mehr Spannkraft aufbringe und insoferne weniger leide als dazumal.
    Mein neues Buch ¹ gewährt mir eine beglückende Beschäftigung — nicht allein während der Stunde, die ich vormittags, und während der Stunde, die ich abends der Arbeit widmen darf, sondern auch während der übrigen Stunden des Tages und der manchmal wachen Stunden der Nacht. Die zwei ersten Kapitel sind im ausführlichen Entwurf fertig und fast druckreif. Das dritte Kapitel — das umfangreichste Hauptstück des ganzen Werkes — steht zu zwei Drittel auf dem Papier, was mir das große Glück verschafft, mir sagen zu können, daß, wenn auch meine Kräfte vor dem Ende ausgehen sollten, dennoch ein Ganzes dastünde, ein verständliches, anregendes Bruchstück. Dies bildet den Hauptinhalt meines gegenwärtigen Daseins. Dazu kommt Lektüre und gelegentliche Musik. Von ersterer nenne ich aus letzter Zeit den Plato von Wilamowitz-Möllendorf, den man nicht ohne Gewinn durcharbeitet, und Tirpitz, dessen Werk nach meinem Urteil eines der klassischsten Denkmale neudeutschen Schrifttums bleiben wird. Den alten Franzosen und Engländern bleibe ich treu. Für Musik sorgen einige freundliche Künstler, ein Pianist, ein Geiger und mein Neffe, der Flötenspieler — der uns übrigens nächstens verläßt, da er in Dresden engagiert ist.
    Ich werde zum Schließen ermahnt und breche darum plötzlich ab, indem ich Sie beide von ganzem Herzen begrüße als Ihr ewig getreuer

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Mensch und Gott.
 

107-109 An König Ferdinand von Bulgarien



Bayreuth, 11. Dezember 1919.

Eure Majestät

werden es gewiß nicht ungnädig aufnehmen, wenn ein Mann, dem das lebendige Wort nicht mehr vergönnt ist, zu dem schriftlichen greift, damit er ja nicht als Undankbarer vor Eurer Majestät dastehe.
    In meinem Buche ¹ waren mir durch Gegenstand und Behandlung enge Grenzen gezogen, und ich habe nur hindeuten können auf die Verehrung, mit der ich zu Eurer Majestät hinaufblicke; auch handelt es sich mehr um ein Erraten und eine Ahnung, als um ein ausführliches Wissen; nicht etwa als hätte ich nicht manches verfolgt, was sich speziell auf die Entwicklung des bulgarischen Reiches bezog, — aber in die Kulissen der Politik — in denen das eigentlich Entscheidende vor sich geht — war ich abseits Lebender, seinen Studien Hingegebener nicht befähigt Blicke zu tun. Wie oft habe ich mich innerhalb der letzten zwanzig Jahre, wenn ich den großartigen Plan zu erraten glaubte, Mitteleuropa mit Vorderasien durch eine Kulturbrücke miteinander zu verbinden und in einem gewissen Maße zu verschmelzen, gefragt, welchem Kopfe dieser gewaltige Gedanke entsprossen sein mochte! Immer mehr lenkten sich meine Blicke nach Sofia, und zwar um so mehr, als ich an keinem anderen Orte einen schöpferischen Geist unter den Politikern wahrnahm. Was geplant war, hatte noch niemals in der Geschichte gelingen wollen — nicht einmal den römischen Imperatoren; denn damals blieb der Germane im Nordwesten unbotmäßig, während es im Südosten nie zu dauernder Gestaltung kommen wollte. Und siehe da, jetzt wäre es um ein Haar gelungen: die Züge hätten von Hamburg bis Damaskus und vielleicht noch weiter bis Teheran verkehrt und die ganze künftige Geschichte der Menschheit hätte eine neue Richtung genommen, indem an Stelle von Piraten und Industriemächten eine große sich selbst regierende Urkultur entstanden wäre, asiatischen Konservatismus und Tiefsinn mit allem Besten, was Europa zu bieten hat, vermählend... Wahrlich, ein herrlicher, königlicher Gedanke! Und nun durfte ich dem Schöpfer des größten politischen Gedankens, der seit langem gedacht worden ist, lauschen! Neben dem Dankgefühl wohnt das tiefschmerzliche Mitempfinden mit dem tragischen Inhalt des gegenwärtigen Augenblicks für den Mann, der fähig war, so etwas zu wollen, und auch fähig, es zu vollbringen — wenn nur nicht gar so viele von ihm zur Mitarbeit Angespornte nicht Stich gehalten hätten. Damit eine kleine Bemerkung, die ich neulich dazwischen zu werfen mir herausnahm, nicht etwa mißverstanden wird, bitte ich folgendes zur Ergänzung sagen zu dürfen. Mein Gedanke war etwa folgender: Da es sich erwiesen hat, daß das deutsche Volk — ohne welches der ganze Plan undenkbar war — noch lange nicht reif für das ihm zugedachte Schicksal war, so erscheint es nicht unmöglich, daß aus weiter Perspektive gesehen — sagen wir gleich aus Gottes Auge — der jetzige Rückschlag den Sinn eines reculer pour mieux sauter besitzen könnte und man somit nicht unbedingt der Verzweiflung sich hingeben müßte? In dem Falle nicht nämlich, wenn wir es für denkbar halten, daß es den vereinten Kräften edelster Männer — wie Deutschland sie jederzeit in großer Zahl besessen hat — gelingen könnte, ein besseres Deutschland im Laufe von, sagen wir, zwei Jahrhunderten hervorzubringen. Ich weiß ja, wie wenig Wert derartige Spekulationen besitzen; doch wie es in dem herrlichen Lied von Beethoven heißt: „Hoffen soll der Mensch; er frage nicht!“ Ich halte es für unmöglich zu leben, wenn man nicht hofft; gehört doch nach dem Wort des Apostels die Hoffnung untrennbar zum Glauben und zur Liebe.
    Das Wort Liebe ruft mich aber zu dem eigentlichen Ziele dieser Zeilen zurück. Als Eure Majestät neulich hinausschritten, fielen mir mit großer Innigkeit die Worte des Heilandes ein: „Was ihr dem geringsten unter diesen Gutes getan habt, das habt ihr mir getan.“ Niemals habe ich eine strahlendere, rein menschlich gewinnende und beglückende Güte erlebt. Für so etwas fällt es schwer, Worte des Dankes auszusprechen; solche christliche Karitas ist über den Dank erhaben, und ich begnüge mich damit zu sagen, daß ich dies empfunden habe und es im warmfühlenden Herzen treu bewahre. Auch daß die beiden Prinzessinnen mein Heim zu beehren geruhten, verdient ein Wort des Dankes.
    Es freut mich hinzufügen zu dürfen, daß der Besuch Eurer Majestät meiner Schwiegermutter gesundheitlich vorzüglich bekommen ist. Auch sie hat diese Begegnung in trüber Zeit als ein stärkendes Glück empfunden und ist dem Spender dieses Trostes tief dankbar.
    Mit der Bitte um gnädige Aufnahme dieser Zeilen verbleibe ich Eurer Königlichen Majestät ehrerbietigst ergebener Diener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Lebenswege meines Denkens.
 

109-111 An Pfarrer Kutter



Bayreuth, 18. Dezember 1919.

Hochverehrter lieber Herr Pfarrer!

    Sie glauben gar nicht, welche große Freude Sie mir durch Ihre lieben Worte vom 6. Dezember gebracht haben! Es war mir schmerzlich, seit Jahren — und was für Jahren — von Ihnen nichts zu erfahren, und ich selber kann die Feder nicht mehr halten und komme somit schwer dazu, einen Briefwechsel anzufangen. Es war von Ihnen eine christliche Tat, daß Sie mir sofort schrieben, als Sie von meinem Zustand erfuhren; Ihre Worte haben mir unendlich wohl getan, haben mir Freude und die Stärkung, eine Freundeshand in der meinen zu fühlen, gebracht. Noch einmal: Dank!
    Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ein jedes Ihrer Worte den stärksten Widerhall in meiner Seele gefunden: sie schildern gleichsam meine eigene Erfahrung. Gottes Nähe habe ich zwar immer stark empfunden, doch nie so unmittelbar wie jetzt. Dazu kommt, daß ich ein kleines Buch, welches wahrscheinlich den Titel „Gott und Mensch“ führen wird, in Arbeit habe, so daß meine Gedanken fast jede Stunde des Tages und manche Nachtstunde dort weilen, wo auch die Ihren daheim sind. Haben Sie eigentlich mein letztes Buch „Lebenswege meines Denkens“ schon zu Gesicht bekommen? Bitte, melden Sie mir das auf einer Karte, damit ich Ihnen, wenn Sie es nicht kennen, ein Exemplar schicke. Ich weiß, Sie verfügen über wenig Muße, doch haben Sie alles aus meiner Feder mit so viel Freundschaft aufgenommen, daß ich kaum zweifle, auch dieses Buch wird Ihnen wert sein. In dem Vorwort erwähne ich, daß Freunde mich gebeten hatten, Bekenntnisse etwa unter dem Titel „Meine religiösen Erlebnisse“ zu schreiben; hierzu habe ich mich nun freilich nicht entschließen können; doch griff ich ein altes Vorhaben wieder auf, für das ich schon vor dem Kriege manches vorbereitet hatte, und warf mich kühn in die Flut. Mit eigentlicher Theologie hat mein Buch natürlich nichts zu tun; so viel habe ich schon studiert, daß ich mich auf ein derartiges Wagnis nie einlassen würde; doch mußte ich mir sagen: in bezug auf Religion ist jeder Mensch Sachkenner — wenigstens insoweit, als sein eigenes Herz und sein eigenes Gewissen in Betracht kommen. Die Schwierigkeiten, die sich aus meinem Körperzustand ergeben, sind allerdings phantastisch und werden natürlich — es ist nicht anders möglich — auf das Ergebnis zurückwirken. Dennoch bin ich guter Hoffnung, denn ich beende in diesen Tagen das dritte Kapitel, betitelt „Der Heiland“ — das umfangreichste und schwierigste des Buches, und somit hoffe ich, die folgenden vier Kapitel auch nach und nach fertigzubringen. Gerade in den letzten Tagen mußte ich manchmal lebhaft an Ihr frühes Werk, betitelt „Das Unmittelbare“, zurückdenken und lasse danach in meiner Bücherei suchen.
    Da Frau Recher Ihnen von meinem Leiden erzählt hat, schätze ich mich glücklich, dieses Thema nicht behandeln zu müssen. Sie kennen meine Frau und wissen, in welcher Hut ich stehe. Außerdem lerne ich aus Erfahrung die Elastizität der Menschen-Natur kennen: der Mensch lernt sich in alles fügen und bei bedeutender Verschlimmerung des Zustandes fühle ich mich jetzt gefaßter und freudiger als vor einem Jahre.
    Nun aber zwingt mich der Zustand der Kehle und der Zunge, mich für heute zu unterbrechen in der Hoffnung, gelegentlich wieder mit Ihnen kurze Mitteilungen auszutauschen, und sage nur noch einmal Dank und begrüße Sie aus vollem Herzen als Ihr in Verehrung und Liebe Ihnen verbundener

Houston S. Chamberlain.
 

111-112 An Architekt Friedrich Hofmann



Bayreuth, 10. Januar 1920.

Hochverehrter Herr und Freund!

    Nehmen Sie unserer beider herzlichsten Dank an für Ihre inhaltreichen Zeilen vom 26. Dezember. Es ist uns stets eine besondere Freude, von Ihnen Nachricht zu erhalten, denn so weit her diese auch kommt, es ist immer Nachricht aus der uns gemeinsamen Seelenheimat. Es ist für mich sehr wertvoll zu erfahren, daß meine Schriften, die Sie so gut kennen und von Anfang an verfolgt haben, noch weiter in Ihrem Urteil bestehen — denn jetzt sind's mehr als ein Vierteljahrhundert, seit das „Drama Richard Wagners“ erschien, und es will was heißen, wenn eine Hervorbringung des Geistes nach dieser Spanne noch Anregung und Belehrung spendet. Von den „Grundlagen“ ist vor einigen Wochen eine neue Auflage (die 13.) erschienen, die ich Ihnen empfehlen kann, da eine Anzahl Fehler — zum Teil grober Art — der beiden vorangegangenen Auflagen hier verbessert worden sind. Auch der „Goethe“ ist jetzt in kleinem Format herausgekommen — leider nicht zum volksmäßigen Preise, der beabsichtigt gewesen war. Die „Lebenswege“ haben eine besonders freundliche Aufnahme gefunden. Mir geht's wie Ihnen: das Wort Buchgaden habe ich in Grimms Wörterbuch entdeckt, bin ihm aber sonst einzig bei Jeremias Gotthelf begegnet; vielleicht gelingt es, das Wort einzubürgern, das mir viel besser gefällt als Bücherei.
    Auf ärztlichen Rat enthalte ich mich augenblicklich aller Befassung mit Politik und schreibe, so fleißig es mein Zustand nur erlaubt, an einem Werk über Religion und Christentum. Die drei ersten Kapitel stehen schon fertig auf dem Papier und würden eventuell als Bruchstück erscheinen können, doch habe ich keinen Grund, an meiner Fähigkeit, es zu vollenden, zu verzweifeln. Zwar sind die äußeren Hemmnisse groß, doch der Geist ist noch vollkommen frisch und bricht sich Bahn, dank der aufopfernden Beihilfe meiner Frau.
    Müdigkeit verhindert mich heute, länger zu schreiben, und ich ende mit dem allerherzlichsten Gruß und Handschlag als Ihr treu ergebener Gesinnungsgenosse

Houston S. Chamberlain.
 

112-113 An Astronom Fauth



Bayreuth, 20. Februar 1920.

Sehr geehrter lieber Herr Fauth!

    Vor vier Tagen träumte ich nachts von Ihnen und Ihren Planeten — früh traf Ihr lang erwarteter Brief vom 7. d. M. datiert ein. Mein Buch war Ihnen gleich beim Erscheinen im April vorigen Jahres zugedacht; es gelang jedoch dem Verleger nicht, es über die Okkupationsgrenze zu bringen; ich freue mich, es jetzt in Ihren Händen zu wissen und zugleich zu erfahren, daß die trostlosen Zustände der Gegenwart Sie an Ihren wissenschaftlichen Arbeiten nicht hindern — was ich befürchtet hatte. Die beiden vortrefflichen Jupiterbilder bereiten mir unausgesetztes Interesse, stehen doch Ihre früheren (darunter das prachtvolle große) auf meinem Tisch eingerahmt und sind mir auf diese Weise vollkommen vertraut geworden. Bei dem starken Fortschreiten der Lähmungserscheinungen, seit wir zuletzt Briefe wechselten, ist es mir kaum mehr möglich, überhaupt zu dem gestirnten Himmel hinaufzublicken, viel weniger vermag ich es, am Fernrohr zu arbeiten oder auch nur durchzugucken. Um so lebhaftere Freude machen mir Mitteilungen, wie Sie sie mir von Zeit zu Zeit vergönnen.
    Ich hoffe doch, Sie werden bei beruhigterem Gemüte mit meinem Buche ¹ fortfahren können; ich sollte mich sehr täuschen, oder es bietet Ihnen manche Anregung.
    Auf Ihre politischen Bemerkungen wage ich kaum zu antworten aus Besorgnis, diese Zeilen würden dann nie in Ihre Hände gelangen. Ich selber habe mich auf ärztliche Anordnung möglichst aus jener Welt zurückziehen müssen und bin zu den Ewigkeitsfragen geflüchtet. Zum Glück für mich ist mein Hirn noch frisch und fähig, so daß, wenn ich nur Hilfe finde, ich noch schaffen kann. Und so stecke ich denn — trotzdem meine Hände kein Buch mehr zu halten vermögen und ich nur mühsam flüstern kann — bereits im vierten Kapitel eines neuen Werkes, das mein Denken bei Tag und bei Nacht ausfüllt. Dank der Hingabe meiner Frau ist mir dieses Glück noch vergönnt.
    Meine Kräfte erlauben mir nicht weiter zu schreiben, darum schließe ich, indem ich Ihnen die Hand wärmstens drücke und Ihnen von Herzen schöne Erfolge in Ihrer göttlichen Wissenschaft wünsche.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Lebenswege meines Denkens.
 

113 Über Graf Du Moulin Eckarts „Hans von Bülow“



    Graf D. hat nach meiner Meinung einen tour de force vollbracht, indem er einen derartig ruhelosen Stoff durch Gestaltung zu der Ruhe eines bestimmten einheitlichen Eindruckes gebannt hat. Wenn das Werk von der ersten bis zur letzten Seite, ohne je nachzulassen, fesselt, so verdankt sich dieser Genuß nicht allein der faszinierenden Persönlichkeit Bülows, sondern in hohem Maße jener achtunggebietenden Gestaltungskraft, unterstützt durch feinsten Geschmack und sicheren Takt. Es ist ein wirklich schönes Buch.

Bayreuth.
10/2.21.
 

114-116 An Herrn Gonser ¹



Bayreuth, Wahnfriedstraße 1. 15. 5. 1921.

Verehrter, lieber Herr Gonser

    Heute vor zwei Monaten schrieben Sie an mich: ermessen Sie daraus, in welchem Grade ich behindert bin, wenn ich einen   s o l c h e n   Brief solange ohne Erwiderung lasse. Hoffentlich hat Freund Gianicelli meinen Zustand recht drastisch geschildert; er ist dermaßen elend, daß man nur lachen kann, will man nicht weinen. Es fällt mir außerordentlich schwer, Worte vernehmlich auszusprechen: die Zusammenschnürung der Brustmuskeln stopft den Resonanzkasten zu, und die zunehmende Versteifung der Kehlkopf-, Zungen- und Kiefernmuskeln raubte mir einen Konsonanten nach dem anderen. Die mir am nächsten Stehenden sind zuzeiten unfähig, den Sinn meiner Rede zu erraten. Ermessen Sie, wie wenig ich da, in den mir ohnehin knapp bemessenen Arbeitsstunden zustande bringe. In diesen letzten Wochen durfte ich keine Minute den Arbeiten an meinem neuen Buche entziehen, sonst wäre ich nie damit zu Rande gekommen; ohnehin habe ich das Namensregister aufgeben müssen.
    Dazu kommt noch ein anderes, das mich auch heute zwingt, den Hauptteil meiner Erwiderung zu unterdrücken: mein Leiden hat mir die Selbstbeherrschung über Gemütsbewegungen entrissen und zwingt mich infolgedessen zu einer künstlichen Reserve. Lassen Sie mich also in dieser Beziehung nur das eine sagen: es war seit vielen Jahren meine fest geplante Absicht gewesen, mich ungefähr in diesem Zeitpunkt nach einer jüngeren, helfenden Hand umzusehen, die mir bei Bewältigung der letzten Aufgaben sowie bei dem abschließenden Ordnen von Papieren, Briefen usw. behilflich hätte sein sollen; und nun bietet sich eine solche von selbst an! Aber in einem Augenblick, wo es mir eher zusteht, mich nach einem Grabgräber umzusehen als nach einem Amanuensis! Sie können sich vorstellen, daß dieses Zusammentreffen mir viel zu denken gegeben hat und mich vor die Frage stellte: Ironie des Schicksals oder Fingerzeig der Vorsehung?
    Gewiß würde es genanntem Grabgräber an Arbeiten nicht fehlen; mir aber an Kraft, sie ihm zuzuweisen und zum ersprießlichen Ziele zu führen. Außerdem könnte ich es nicht verantworten, irgendeinem Menschen die Qual zuzumuten, beständig um mich zu sein. Jetzt, wo mein „Mensch und Gott“ im Begriffe steht, vom Stapel zu laufen, fühle ich deutlich, daß die schwerste Aufgabe, die vor mir liegt, die Beschränkung meines Schaffensdranges auf möglichst bescheidene Ziele sein wird, geschweige, daß ich mir die Fähigkeit zu weitausholenden, die Kräfte eines Zweiten befriedigenden Aufgaben zutrauen dürfte.
    Freilich gäbe es, wie oben angedeutet, genügend zu tun für eine intelligente, taktvolle Hilfsarbeitskraft mit der Bibliothek und den Papieren, doch setzt auch dies wenigstens ein Mindestmaß an beständiger Teilnahme und Leitung meinerseits voraus, und ich fürchte, bei dem Grade meines Elendes würde dies Mindestmaß alle Kräfte absorbieren und somit auch der bescheidensten Originalarbeit den Lebensnerv durchschneiden. Oder aber mein freundlicher Helfer würde dasitzen und sich die Nägel kauen.
    Zum Schluß noch eine materialistische Betrachtung. Wir gehören zu der weitverbreiteten Klasse der Kriegsverlustler: meine englischen Einnahmen habe ich infolge meines Bekenntnisses zu Deutschland verloren; meine Ersparnisse waren in sogenannten pupillar-sichern Papieren angelegt, die allesamt keine Zinsen mehr tragen, und so leben wir ohnehin weit über unsere Verhältnisse, und einzig die — trotz der erhöhten Preise — zunehmende Verbreitung meiner Bücher hält uns bisher über Wasser. Sparen ist aber bei meinem Zustand schwer möglich, im Gegenteil wachsen die Kosten der Pflege — ich bin also vollkommen außerstande, neue Lasten auf mich zu nehmen, es wäre ein sträflicher Leichtsinn.
    Ich muß hier abbrechen; dieser Brief bedeutet eine Orgie für meine heutigen Gewohnheiten.
    Habe ich in meinen „Lebenswegen“ erwähnt, daß es die Kirche von Gsteigwyler war, in der ich auf der Orgel die Motive aus dem „Ring“ mir vorführte?
    An Stelle der unterdrückten Gemütsäußerungen lege ich diesem Brief ein Bildchen bei, aufgenommen in meiner Bibliothek vor drei Jahren, und verfolge damit zugleich die Absicht, Sie zu veranlassen, mir ein gleiches zu gönnen. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich mich innig freuen würde, Ihnen die Hand zu drücken, wenn einmal Ihr Weg Sie über das schwer erreichbare Bayreuth führen sollte.
    Voll dankbarer Gefühle Ihr ergebenster

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Freiwilliger Helfer, der den Katalog der Bücherei aufstellte.
 

116-117 An General von Gleich



Bayreuth, 28. Mai 1921.

Hochverehrter Herr General,

in der notgedrungenen Kürze, deren Ursache Ihnen bekannt ist, beantworte ich die Zuschrift, mit der Sie mich beehren.
    Ich schicke voraus, daß Ihre Flugschrift über R. Steiner mir bald nach Erscheinen durch Freundeshand zukam und mir von meiner Frau vorgelesen wurde. Wir beide freuten uns lebhaft über die frische und freie Soldatenart, in der Sie dem Gegner zu Leibe rücken. Wir haben auch unser Bestes getan, um in unserem Kreise der vorzüglichen Schrift Verbreitung zu verschaffen.
    Herrn Dr. Scholz habe ich allerdings nicht die gewünschte Erlaubnis zur Bekanntgebung erteilen können, weil meine Zeilen an ihn völlig ohne Rücksicht auf die Öffentlichkeit geschrieben waren und vielleicht als persönlich beleidigend gedeutet werden könnten. Persönlich kenne ich von Dr.R. Steiner ausschließlich seine beiden Ausgaben der Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes. In der ersten (in der Kürschnerschen Sammlung vor vielen Jahren erschienen) wirkte auf mich die Art höchst befremdend, wie der Herausgeber in einer langen Einleitung bestrebt war, Goethe zu einem Bekenner seines (Steiners) eigenen damaligen monistischen Dogmas zu stempeln und zu diesem Behuf vor keiner Gewaltsamkeit zurückschreckte. Später wurde er mit der Herausgabe der Naturwissenschaftlichen Schriften der großen Weimarer Gesamtausgabe betraut: da diese Ausgabe sich auf lückenlose Mitteilung der authentischen Texte beschränkt, hatte in diesem Fall der Herausgeber keine Gelegenheit, durch Einleitung und Anmerkungen die Leser zu beeinflussen. Dagegen geschah das mögliche, durch verworrene Anordnung, und in den Bänden 6 bis 12 (welche die organischen Wissenschaften behandeln) waren so zahlreiche Auslassungen wichtiger Bruchstücke geschehen, daß sich die Leitung veranlaßt fand, einen anderen Gelehrten mit der Herausgabe eines Ergänzungsbandes zu betrauen, der auf mehr als 500 Seiten heranwuchs.
    Sie verstehen gewiß, daß ich mich nie mehr veranlaßt fand, Rats bei Herrn Steiner zu suchen. Außerdem lehne ich grundsätzlich jeden Okkultismus ab, sogar jede Befassung damit. Selbst in den Fällen, wo wirkliche Überzeugung und reine Absicht vorliegen, zeigt die Geschichte ausnahmslos, daß diese Richtung zu Wahnsinn und zu Unsittlichkeit unausbleiblich führt. Gott und Natur haben uns Menschen Schranken gezogen: sie überspringen zu wollen führt nicht zu höherer Weisheit, sondern zu gottverlassener Torheit.
    Sie dürfen von diesen Zeilen im ganzen oder in Teilen jeden beliebigen Gebrauch machen.
    Und hiermit wünsche ich Ihnen, hochverehrter Herr General, vollen Erfolg in Ihrem mutig unternommenen Kampf gegen diese neue gefährliche Hydra, die über das kranke deutsche Volk herfällt, und verbleibe in wahrer Verehrung

Ihr ergebenster

Houston S. Chamberlain.
 

117-120 An Generall. Oskar von Chelius



Bayreuth, 5. Dezember 1921.

Hochverehrte Exzellenz,

    Wir alle aus dem Wahnfrieder Kreise sind Ihnen mehr dankbar, als ich sagen kann, für Ihr eingehendes Schreiben vom 24. v. M.  Es brachte uns die ersten wirklich authentischen Nachrichten über Leben und Stimmung im Hause Doorn. Ihre Schilderung hat alle tief bewegt. — Ich hätte meinen Dank früher ausgesprochen, wenn nicht am Tage nach Ihrem Brief ein ergreifendes Handschreiben von S. M. eingetroffen wäre, auf das ich ungesäumt erwidern mußte, und das Sprechen kostet mir soviel Anstrengung, daß ich äußerst langsam vorwärts mit dem Diktieren komme.
    Aus diesem Grunde muß ich mich darauf beschränken, einige Worte zur Beantwortung Ihrer Frage wegen Bücher zu geben, und gehe auf den übrigen Inhalt nicht naher ein.
    Aus dem Gebiet der Naturwissenschaft würde ich vor allem das kleine, aber klassische und epochemachende Buch von Baron J. v. Uexküll „Umwelt und Innenwelt der Tiere“ nennen, das vor einigen Wochen in 2. verbesserter Auflage erschienen ist. Es handelt sich um ein fachwissenschaftliches Werk, das aber jeder Laie von gutem Willen verstehen kann. Desselben Forschers „Bausteine zu einer biologischen Weltanschauung“, eine Sammlung von populären Aufsätzen, enthält manches Hinreißende. Wissen Sie, ob S. M. sich schon befaßt hat mit Werken des zu so großem Ruf gelangten Neurologen Schleich? Für meinen Geschmack ist er zu wortreich, aber andere urteilen anders. Ich würde raten, mit dem „Schaltwerk der Gedanken“ anzufangen, von wo aus man nach Bedarf sich in den übrigen Büchern zurechtfinden kann. Ein schönes neues Abbildungswerk ist: E. Dacqués „Vergleichende biologische Formenkunde der fossilen niederen Tiere“.
    Ich habe mich in den letzten Jahren viel mit Carlyle abgegeben und diesen Geist dem Ernst der Gegenwart sehr angemessen gefunden. Es gibt prachtvolle Briefsammlungen, einschließlich der sehr unterhaltenden von Jane Welsh-Carlyle; dann die „Reminiscences“ und „Das Leben John Sterlings“ (vielleicht die schönste Biographie in englischer Sprache); seine großen Werke brauche ich nicht zu nennen. Sehr unterhalten haben mich die Romane Victor Hugos, für die ich früher niemals Muße hatte; „Les misérables“ ist ein grandioses Werk, voller Szenen, die unvergeßlich im Gehirn eingegraben bleiben. „Les Travailleurs de la Mer“ enthält zwar öde Strecken, die man aber überfliegen kann, um ebenfalls Großartiges zu ernten. Ein gleiches gilt von „Notre Dame de Paris“; auch „Bug Jargal“ — eine Episode aus dem Negeraufstand auf S. Domingo — ist famos. Ein ganz besonderes Labsal bot mir die erneute Beschäftigung mit Walter Scott; ich fand dessen letzte „Waverley“, die für minder gelten — z. B. „Peveril of the Peak“ und „Anne of Geyerstein“, doch sehr fesselnd: kaum ein anderer füllt die Phantasie so ganz aus. Unter modernen historischen Romanen würde ich empfehlen: Agnes Harder „Die Kinder Thors“, sehr originell und anregend im besten deutschen Sinn. Noch fällt mir ein die prachtvollen Lebenserinnerungen von Nettelbeck: ein Buch voll Abenteuer zur See und endend mit der heldenhaften Verteidigung von Kolberg. Ein fesselndes Buch von der ersten bis zur letzten Zeile ist Richard Wagners: „Mein Leben“. Ich erwähne nicht Prescotts „Conquest of Mexico“ und „Conquest of Peru“, weil ich voraussetze, daß diese Meisterwerke der Geschichtsschreibung S. M. bekannt sind, ebenso wie Motleys „Rise of the Dutch Republic“. Es ist überhaupt auffallend, wie ungleich interessanter die englischen Gelehrten zu schreiben pflegen als die deutschen; so z. B. sind sämtliche Bücher von Ramsey (dem Theologen und Reisenden) auch rein als Unterhaltungslektüre genußreich.
    Natürlich könnte ich noch stundenlang fortfahren und bin gern bereit, auf nähere Anfragen eingehend zu antworten. Für heute mag, in Anbetracht der Umstände, das Wenige und Sammelsuriumartige genügen.
    Mit nochmaligem Dank verbleibe ich

Euerer Exzellenz

verehrungsvoll ergebenster

Houston S. Chamberlain.
 

    Frau Wagner sowie mein Schwager Siegfried haben mit Rührung und großer Freude von den allerhöchst persönlichen Zeichnungen von Patronatscheinen vernommen; beide bitten Sie, verehrte Exzellenz, ihren tiefstgefühlten Dank bei Gelegenheit übermitteln zu wollen!
 

120-121 An den Oberbürgermeister der Stadt Bayreuth



Bayreuth, 2. Juni 1922.

Hochverehrter Herr Oberbürgermeister!

    Seit mehreren Tagen ist Ihre sehr geehrte Zuschrift vom 24. Mai in meinen Händen; nur zu gut wissen Sie, was mich hemmt, und ich zweifle nicht, auf Ihre unbeschränkte Nachsicht rechnen zu können, wenn ich erst spät und unvollkommen danke.
    Ich darf behaupten, kein Mensch auf Erden könnte die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes der Stadt Bayreuth höher schätzen und tiefer empfinden als gerade ich, der ich von weither komme, und dem seit jungen Jahren die Gewinnung echt deutscher Kultur mit dem Begriff „Bayreuth“ eng verknüpft war. So kam es, daß, als ich die   „L e b e n s w e g e   m e i n e s   D e n k e n s“   zu schildern unternahm, ich mich veranlaßt fand, den Hauptabschnitt „Mein Weg nach Bayreuth“ zu betiteln. Das alles führte auch äußerlich zu häufigen Berührungen: bin ich erst seit 14 Jahren Einwohner dieser Stadt, so will ich Ihnen verraten, daß ich am 24. Juli dieses Jahres den vierzigjährigen Gedenktag meines ersten Betretens Bayreuths feiere. Von da an war ich ständiger Festspielgast, habe in den verschiedensten Stadtteilen gewohnt und somit zu zahlreichen Bürgern Beziehungen gewonnen, welche ausnahmslos freundschaftlichster Art waren und noch sind.
    In Bayreuth war es mir Heimatlosen von der Vorsehung beschieden, eine Heimat zu finden.
    Sie sehen, hochverehrter Herr Bürgermeister, welche hohe und herzinnige Bedeutung Bayreuth in meinem Leben zukommt, und können daraus ermessen, welche auserlesene Freude Sie und der verehrliche Stadtrat mir durch Ihren Beschluß gebracht haben.
    Empfangen Sie bitte den Ausdruck meines wärmsten Dankes, und haben Sie die Güte, diesen Dank den verehrten Herren vom Stadtrat zu übermitteln.

Verehrungsvoll ergebenst

Houston Stewart Chamberlain.
 

121 An den Evangelischen Presseverband für Deutschland, Berlin



17. August 1922.

    Unter allen Büchern überragt das Evangelium durch die Universalität seiner Wirkung die anderen, denn es bietet denen, „die arm an Geist sind“, ebenso reiche Anregung, Tröstung und Stärkung, wie den durch Rasse und Bildung Begünstigten. Durch ein Wunder blieb uns das Buch bewahrt, voll Kraft und Würde, einem heiligsten Geheimnis zum Gefäß zu dienen. Zwei Jahrtausende haben bewiesen, daß der Wirkungsgewalt dieses Buches zum Segen der Menschheit die Zeit nichts anhaben kann.

Houston St. Chamberlain.
 

121-122 An Adolf von Harnack



18. Oktober 1922.

Hochverehrte Exzellenz,

    Wie sehr gütig von Ihnen, des Kranken zu gedenken und ihn durch eine so große Freude zu überraschen.
    Wir haben uns sofort auf das Buch ¹ gestürzt, das meine Frau mir abends vorliest, und genießen die meisterlichen Verdeutschungen. Soeben beendige ich Ihr herrliches Marcion-Buch, das ich mit Leidenschaft gelesen und mit Gefühlen tiefster Dankbarkeit für diese Belehrung über die zwei bedeutenden Religionsgenies, Marcion und Appelles, aus der Hand lege —
    Verzeihen Sie die durch mein Leiden bedingte Kürze und gestatten Sie mir, Ihnen die Hand bewegt drücken zu dürfen.

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ „Augustin, Reflexionen und Maximen.“
 

122 An den Generalquartiermeister von Stein



23. Oktober 1922.

Hochverehrter Herr General,

    Eure Exzellenz haben mir mit Ihrem gütigen Schreiben eine derartige Freude bereitet, ja, Sie haben mir damit ein wahres Labsal gespendet, daß ich es nicht unbedankt lassen kann. Gehört doch Ihre Gestalt zu den Allverehrten seit den Augusttagen des Schicksalsjahres 1914, und sind Sie uns doch so nahe getreten durch Ihre „Erlebnisse und Betrachtungen“. Leider bin ich durch eine grausame Erkrankung aus der Zahl der Lebenden gleichsam gestrichen und kann nur äußerst mühsam selbst nur diese wenigen Worte diktieren, aber Sie sollen wenigstens Ihr Hoffen segnen und Ihnen meinen Herzensdank überbringen mit aller Ehrerbietung.

H. S. Chamberlain.
 

122-123 An Dr. Erich Kühn



12/12. 22.

    Sehr werter Herr Dr., Ihre freundlichen Zeilen vom 7. d. M. erfreuen mich heute. Sind Sie ganz nach Graz gezogen? und kennen Sie dort unseren lieben alten Freund, den Architekten Friedr. Hofmann (Körblergasse 28)?
    Ich habe dieser tage Ihren neuen Roman „Die Angeseilten“ beendet und beglückwünsche Sie zu einem so vortrefflichen Werk. In der Sicherheit der Linienführung bildet dieser Roman einen bedeutenden Fortschritt gegenüber „Rasse“. Ohne Schmeichelei kann ich sagen, daß ich ihn zu den allervorzüglichsten zähle, die ich kenne. Gleich der leitende Gedanke, den spiritus rector des Ganzen als schon aus dem Leben geschieden und dadurch unantastbar hinzustellen, ist ein meisterlicher Einfall. Die bunte Menge der Gestalten sind ein jeder so scharf und klar erblickt und hingestellt, daß man sie alle nach dem Leben gezeichnet wähnt; die Teilnahme flaut keinen Augenblick ab, im Gegenteil, die Spannung wächst von Abschnitt zu Abschnitt. Dies bestätigt mir im Augenblick Hans v. Wolzogen, der das Buch in einem Zug durchgelesen und sein Staunen darüber ausdrückte, wie es Ihnen gelungen sei, diese Aufgabe, unsere Gegenwart künstlerisch zu gestalten, so erfolgreich zu lösen.
    Zum Schluß sei Ihnen für die zugrunde liegende prächtige Gesinnung noch ein besonderer Dank ausgesprochen! Ich könnte noch lange mit Ihnen über Ihr Buch sprechen — doch die Stimme versagt gänzlich.

Heil Ihnen!

Treulichst ergeben

Ihr

H. S. C.
 

    P. S. Das Einzigste, was mir an Ihrem Buche nicht gefällt, das ist der Titel, man weiß nicht, was man sich dabei vorstellen soll.
 

123-124 An Maler Nachenius


Mai 1923.

Lieber Herr Nachenius,

    Die zwei prachtvollen Blätter bilden einen kostbaren Schatz. Es sind beide Meisterwerke und so verschieden, daß sie die günstigste Vorstellung von der umspannenden Weite der Begabung des Künstlers geben. Der unheimlich großartige Drachenblutbaum wirkt in der wüsten Landschaft wie ein Symbol vom tropischen Afrika, ganz mächtig. Aber alle Herzen fliegen zu den lieblichen Kornfeldern und zu den emsigen Schnittern. Es ist erstaunlich, wie viel Bewegung Sie in die Stoppelfelder zu bringen wußten. Das Ganze ist ein entzückendes Beispiel echt niederländischer Kunst. Ich habe beide sofort einrahmen lassen, um sie täglich unter den Augen zu haben. Nehmen Sie herzgefühlten Dank

von dem aufrichtigen Freund Ihrer Kunst

Houston S. Chamberlain.
 

124-126 An Adolf Hitler

Bayreuth, den 7. Oktober 1923.

Sehr geehrter und lieber Herr Hitler.

    Sie haben alles Recht, diesen Überfall nicht zu erwarten, haben Sie doch mit eigenen Augen erlebt, wie schwer ich Worte auszusprechen vermag. Jedoch ich vermag dem Drange, einige Worte mit Ihnen zu sprechen, nicht zu widerstehen. Ich denke es mir aber ganz einseitig — d. h. ich erwarte keine Antwort von Ihnen.
    Es hat meine Gedanken beschäftigt, wieso gerade Sie, der Sie in so seltenem Grade ein Erwecker der Seelen aus Schlaf und Schlendrian sind, mir einen so langen erquickenden Schlaf neulich schenkten, wie ich einen ähnlichen nicht erlebt habe seit dem verhängnisvollen Augusttag 1914, wo das tückische Leiden mich befiel. Jetzt glaube ich einzusehen, daß dies grade Ihr Wesen bezeichnet und sozusagen umschließt: der wahre Erwecker ist zugleich Spender der Ruhe.
    Sie sind ja gar nicht, wie Sie mir geschildert worden sind, ein Fanatiker, vielmehr möchte ich Sie als den unmittelbaren Gegensatz eines Fanatikers bezeichnen. Der Fanatiker erhitzt die Köpfe, Sie erwärmen die Herzen. Der Fanatiker will überreden, Sie wollen überzeugen, nur überzeugen, — und darum gelingt es Ihnen auch; ja, ich möchte Sie ebenfalls für das Gegenteil eines Politikers — dieses Wort im landläufigen Sinne aufgefaßt — erklären, denn die Asche aller Politik ist die Parteiangehörigkeit, während bei Ihnen alle Parteien verschwinden, aufgezehrt von der Glut der Vaterlandsliebe. Es war, meine ich, das Unglück unseres großen Bismarck, daß er durch den Gang seines Schicksals — beileibe nicht durch angeborene Anlagen — ein bißchen zu sehr mit dem politischen Leben verwickelt ward. Möchte Ihnen dieses Los erspart bleiben!
    Sie haben Gewaltiges zu leisten vor sich, aber trotz Ihrer Willenskraft halte ich Sie nicht für einen Gewaltmenschen. Sie kennen Goethes Unterscheidung von Gewalt und Gewalt! Es gibt eine Gewalt, die aus Chaos stammt und zu Chaos hinführt, und es gibt eine Gewalt, deren Wesen es ist, Kosmos zu gestalten, und von   d i e s e r   sagte er: „Sie bildet regelnd jegliche Gestalt — und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.“
    In solchem kosmosbildenden Sinne meine ich es, wenn ich Sie zu den auferbauenden, nicht zu den gewaltsamen Menschen gezählt wissen will.
    Ich frage mich immer, ob der Mangel an politischem Instinkt, der an den Deutschen so allgemein gerügt wird, nicht ein Symptom für eine viel tiefere staatsbildende Anlage ist. Des Deutschen Organisationstalent ist jedenfalls unübertroffen (siehe Kiautschou!), und seine wissenschaftliche Befähigung bleibt unerreicht: darauf habe ich meine Hoffnungen aufgebaut in meiner Schrift „Politische Ideale“. Das Ideal der Politik wäre,   k e i n e   zu haben. Aber diese Nicht-Politik müßte freimütig bekannt und mit Macht der Welt aufgedrungen werden. Nichts wird erreicht, solange das parlamentarische System herrscht; für dieses haben die Deutschen, weiß Gott, keinen Funken Talent! Sein Obwalten halte ich für das größte Unglück, es kann immer nur wieder und wieder in den Sumpf führen und alle Pläne für Gesundung und Hebung des Vaterlandes zu Fall bringen.
    Aber, ich weiche ab von meinem Thema, denn ich wollte nur von Ihnen sprechen. Daß Sie mir Ruhe gaben, liegt sehr viel an Ihrem Auge und an Ihren Handgebärden. Ihr Auge ist gleichsam mit Händen begabt, es erfaßt den Menschen und hält ihn fest, und es ist Ihnen eigentümlich, in jedem Augenblicke die Rede an einen Besonderen unter Ihren Zuhörern zu richten, — das bemerke ich als durchaus charakteristisch. Und was die Hände anbetrifft, sie sind so ausdrucksvoll in ihren Bewegungen, daß sie hierin mit Augen wetteifern. Solch ein Mann kann schon einem armen geplagten Geist Ruhe spenden!
    Und nun gar, wenn er dem Dienste des Vaterlandes gewidmet ist.
    Mein Glauben an das Deutschtum hat nicht einen Augenblick gewankt, jedoch hatte mein Hoffen — ich gestehe es — eine tiefe Ebbe erreicht. Sie haben den Zustand meiner Seele mit einem Schlage umgewandelt. Daß Deutschland in der Stunde seiner höchsten Not sich einen Hitler gebiert, das bezeugt sein Lebendigsein; desgleichen die Wirkungen, die von ihm ausgehen; denn diese zwei Dinge — die Persönlichkeit und ihre Wirkung — gehören zusammen. Daß der großartige Ludendorff sich offen Ihnen anschließt und sich zu der Bewegung bekennt, die von Ihnen ausgeht: welche herrliche Bestätigung!
    Ich durfte billig einschlafen und hätte auch nicht nötig gehabt, wieder zu erwachen. Gottes Schutz sei bei Ihnen!

Houston Stewart Chamberlain.
 

126-127 An Ludwig von Hofmann

Bayreuth, 20. Januar 1924.

Sehr verehrter Herr Professor,

    Mit einem Schrei des Entzückens vernahmen wir von Ihrem Vorhaben, eine Reihe von Bildern zu   P a n d o r a   herauszugeben. Die einzigen mir bisher bekannten Illustrationen waren die feinen naiven Kupferstiche zu der Originalausgabe.
    Unsere Phantasie hatte uns aber ganz irregeführt, indem sie uns vermuten ließ, wir würden Kompositionen in Ihrer zarten Farbengebung finden. Wir kannten Ihre Holzschnitt-Technik gar nicht. Doch wurden wir sofort für diese gewonnen, gleich beim ersten Blättern. Was uns zuerst bestach, war die schöne Freiheit der Bewegungen bei Geschlossenheit des Gesamteindruckes jedes einzelnen Blattes. Vollendet schön ist das Bild der Erscheinung der Elpore, der Schlafende Vater ist geradezu großartig! und wie hold schwebt die Tochter daher!
    Ich bin erstaunt, zu welchen zarten Wirkungen Sie es mit dieser einigermaßen gewaltsamen Technik brachten, z. B. in dem „Vorhang“ und in den beiden Schlußbildern, die mir wie ein Kulminationspunkt erscheinen. Zugleich sind Ihnen, wie uns dünkt, die kräftigen Gewalttöne der Dichtung auch im Bildnis zu symbolisieren vortrefflich gelungen, der Prometheus, die Hand seines Sohnes umspannend, das aufgebrachte Hirtenvolk usw.
    Bei einem einzigen Blatt kann ich nicht ganz mitempfinden — ich gestehe es in aller Naivetät, rechnend auf Ihre Nachsicht —; wahrscheinlich hängt es damit zusammen, daß mir in diesem Fall seit Jahren ein so bestimmtes Bild des Vorganges Vorschwebt, daß es mir schwer fällt, einer anderen Auffassung gegenüber mich gerecht zu erweisen. Ich rede von dem Pandorablatt. Ich stelle sie mir in diesem Augenblick weiter entfernt von Epimetheus, auch höher, und außerdem stelle ich sie mir schreitend vor, im Augenblick, wo sie um die Zypressen biegt: „Und jetzt hin um die Stämme schreitend, augenblicks weg war sie!“ Übrigens ist Epimetheus wiederum prachtvoll, und seine Gebärde deutet auf den von mir bezeichneten Augenblick.
    Unsäglich freue ich mich, dieses einzige Werk fortan in einer so Schön gedruckten Ausgabe zu lesen! Ich liebe dieses Gedicht bis zur Trunkenheit als eine letzte Höhe in Goethes „Wahnkunst“.
    Seien Sie von Herzen bedankt für die große Freude, die Sie einem Kranken gebracht haben, und empfangen Sie mit Ihrer Gemahlin von uns beiden die herzlichsten Grüße!

Ihr verehrungsvoll ergebener

H. S. Chamberlain.
 

128 Coda

Bayreuth, den 15. August 1924.

    Allzu gütige Freunde haben gewünscht, daß ich meine Stimme in diesem Augenblick erhebe, um zur Einheit zu mahnen.
    Wenn ein Mann mit einem Fuß im Jenseits steht, erblickt er manche Dinge in neuem Lichte, namentlich erblickt er die großen Zusammenhänge und durchschaut manchen falschen Schein. Ich wollte, ich könnte einige Führer der völkischen Bewegung für einen Tag in meine Lage versetzen: ihnen würden die Augen sofort aufgehen. Über den Mittelpunkt — den heiligen — sind wir alle einig; warum aber über Nebensächliches hadern? Dieser alte kleinliche Fehler der Deutschen könnte einen zur Verzweiflung in   d i e s e r   Stunde bringen, wo uns Einheitlichkeit mehr als je not tut. Kommt es doch jetzt auf die Zusammenfassung aller reindeutsch Gearteten und Gesinnten an!

Gott gebe seinen Segen dazu!

Houston Stewart Chamberlain.

 
 



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Letzte Änderung / Last update: 18 April 2010