Hereunder follows the transcription of the second part of the second volume of Briefe 1882-1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II, letters from Houston Stewart Chamberlain to various people and correspondence between him and emperor Wilhelm II, edited by Paul Pretzsch, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1928.

Hieronder volgt de transcriptie van het 2e deel van het 2e boek van Briefe 1882-1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II, brieven van Houston Stewart Chamberlain aan verscheidene personen en de correspondentie tussen hem en keizer Wilhelm II, geredigeerd door Paul Pretzsch, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1928.
 
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Band I, Seite I-VI: Einführung/Inhaltsübersicht
Band I, Seite 001-171: Die Briefe I. 1882-1907
Band I, Seite 172-332: Die Briefe I. 1908-1915
Band II, Seite 001-128: Die Briefe II. 1916-1924

Band II, Seite 129-275: Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II
Band II, Seite 276-288: Verzeichnis der Eigennamen
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129

Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II.

Kaiser Wilhelm II, Huis Doorn 1923

Kaiser Wilhelm II, Hause Doorn, 1923.

130

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131 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Euer Kaiserlichen u. Königlichen Majestät

spreche ich für die mir gütigst zuteil gewordene Auszeichnung den ehrerbietigsten Dank aus. Ein Geschenk¹ aus der Hand des Deutschen Kaisers hat eine tiefe, symbolische Bedeutung für einen Mann, der, wie ich, gänzlich außerhalb des deutschen Elementes erzogen, nach und nach, durch eingehende Studien, durch freies Denken, zu der festen Überzeugung gelangt ist, das Heil der Menschheit sei an die Zukunft des deutschen Geistes geknüpft. Dieser Geist aber, eng verwoben mit der hehren Sprache, in der ein Luther, ein Kant, ein Goethe zu der Welt gesprochen haben, kann der Macht als Unterpfand nicht entbehren. Und daß Preußen allein, mit seinem erhabenen Herrscherhause an der Spitze, befähigt ist, das in überreicher Eigenart stets wieder auseinanderstrebende Alldeutschland den Weg zur Macht zu führen, ist eine geschichtlich bewiesene Tatsache. Soeben habe ich innerhalb meines bescheidenen Wirkungskreises diese unbestreitbaren Wahrheiten wieder öffentlich vertreten ² — bei Gelegenheit des Jubiläums, das heute alle Deutschgesinnten feiern. Und so glaube ich denn, das mir huldvoll überreichte Blatt nicht bloß als einen Beweis des allerhöchsten Interesses für mein literarisches Wirken betrachten zu dürfen, sondern auch gleichsam als die Besiegelung durch den Kaiserlichen Willen des Treueeides, den ich schon längst in dem Schweigen meines Herzens der heiligen deutschen Sache feierlich schwur.
    Meinem englischen Vaterlande bleibe ich treu; doch hoffe ich, daß Euer Majestät geruhen werden, in mir wenn auch keinen Untertan, doch einen treuen und überzeugten Diener erblicken zu wollen.

In untertänigster Dankbarkeit

Den 18. Januar 1901.

Houston Stewart Chamberlain.
—————
    ¹ Gedenkblatt zur Feier des 200. Jahrestages der Begründung des Königreichs Preußen.
    ² Aufsatz „Die preußische Rasse“, Tägl. Rundschau 1901, Beilage S. 3—5.
 
132-141 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Wien, 15. November 1901.

Eure Kaiserliche u. Königliche Majestät

haben mir gnädigst erlaubt, meinen Dank schriftlich auszusprechen. Nach Erledigung einiger dringendster literarischer Verpflichtungen und ehe ich mich von neuem in jene abgeschiedensten und glücklichsten Tiefen der schützenden Schale zurückziehe, wohin das Geräusch des hastigen Tages kaum dringt, und wo ich mein Kantbuch — so Gott will — bis zum nächsten Sommer zu vollenden hoffe, will ich von dieser Erlaubnis Gebrauch machen. Eure Majestät mögen die Gnade haben, folgende Zeilen beiseite zu legen, bis vielleicht an irgendeinem Abend auf dem lieben runden Tisch nichts Gescheiteres zum Lesen aufliegt.
    Um mich deutlich zu machen, greife ich zum Bilde.
    Eure Majestät wissen vielleicht — vielleicht wissen Sie auch nicht, denn selbst der Gebildete erfährt von diesen Dingen wenig oder gar nichts —‚ daß die alten arischen Inder das Königtum, die Macht des Alleinherrschers, die unbedingte Treue gegen den Monarchen für die unbezweifelbare Grundlage aller staatlichen Bildung hielten. Ihre Schriften sind voll von Aussprüchen hierüber. „Die Weisen hatten   b e i d e   Welten im Auge, als sie den Fürsten, das überaus große Wesen, schufen, indem sie dachten, er werde das verkörperte Gesetz sein“; „Wenn die Welt der Lebenden ohne Fürsten wäre, dann würden die Schwachen von den Stärkeren bedrückt werden, da alsdann niemand Herr über seinen Besitz wäre“;   „E i n   mächtiger Alleinherrscher bringt Segen dem Lande: viele Herrscher dagegen stiften hier, wie die vielen Sonnen vom Weltende nur Unheil“ — — — — derartige Sprüche welche diesen aus dem Mahâbhârata und Pançatantra angeführten gleichen, könnten zu Hunderten beigebracht werden. Es läßt sich nun denken, welche Ehrfurcht die Könige bei solchen Völkern genossen, wie unantastbar und erhaben sie dastanden. Und zwar trotzdem die alten Inder klug genug waren und hinreichend witzig, um über die Schwächen der Fürsten, über ihre sehr menschliche Menschlichkeit ihren Spaß zu treiben, und trotzdem ihre Moralisten nicht müde wurden, die Gunst der Fürsten als ein prekäres Gut und das Leben am Hofe als das unerwünschteste Dasein zu schildern. Schon damals suchte eben die Vulgarität und das Strebertum den Thron zu umdrängen, und diese Umgebung verleidete manchen feineren Geistern seine Nähe. Doch gleichviel: Der Monarch war und blieb „das überaus große Wesen“, vor dem ein jeder in Gehorsam sich neigte. Und stets — denn das habe ich zu sagen vergessen — stets gehörte er der Kriegerkaste an und war mehr von Militärpersonen als von anderen umgeben.
    Einen sehr merkwürdigen Umstand berichten nun verschiedene Stellen der Upanishads. Bei einer einzigen Gelegenheit kam es nämlich vor, daß der Mann, in dem sich die monarchische Ordnung verkörperte, von seinem Throne herabstieg und sich verneigend einem anderen gleichstellte: das geschah, wenn ein   D e n k e r   so Vorzügliches zutage schuf, daß der König sich dadurch beglückt und gefördert fühlte. Doch unseren Professoren hat diese in der Brihadaranyaka (wenn ich mich recht entsinne) und auch anderen Ortes berichtete Tatsache viel Kopfschmerzen verursacht: entweder meinten sie, der Monarch habe sich mit so viel Gnade etwas vergeben, oder aber sie schimpften über die veränderten Zeiten und konnten es nicht erwarten, Könige zu ihren Füßen zu sehen. Ich glaube aber, die Sache ist anders zu deuten. Nicht vor dem Denker, vielmehr vor dem Denken verneigte sich der altindische König. Er selber, der Soldat und Herrscher, fühlte sich als Vertreter einer moralischen Weltordnung; die Erfahrung besonderer intellektueller Befähigung stellte ihn plötzlich einer neuen Offenbarung des uns umgebenden Göttlichen gegenüber, — und dem Gott, nicht dem Manne, galt die verehrungsvolle Gebärde. Wobei noch wohl zu beachten ist, daß einzig dem Denker gegenüber sie am Platze war, denn nur er war von der Welt losgelöst und daher unfähig, sie zu mißdeuten und zu Eitelkeit des Herzens umzuwandeln. — Freilich, ein scheinbar sehr hartes Paradoxon dürfte manchen Zuhörer bei dieser Deutung stören: bei dem König ist die Persönlichkeit eigentlich ein Nebensächliches, die Idee ist alles, und auch einem schlechten und bösen König muß man Gehorsam und Ehrfurcht erweisen, da nicht seine Individualität, sondern der soziale Gedanke, den er verkörpert, das Entscheidende ist; bei dem Denker dagegen ist die Persönlichkeit alles, — nur insofern sie bedeutend und ganz eigenartig ist, kann sein Denken für Fürst und Welt Bedeutung besitzen. Wie stimmt das nun, daß die dem Fürsten dargebrachte Huldigung der Person und die dem Denker dargebrachte der Sache gilt? Sehr einfach. Die Person des Fürsten ist die Verkörperung einer   I d e e,   darum bezeugen wir ihr — gleichviel ob sie persönliche Verdienste hat oder nicht — eine Verehrung, die wir dem verdientesten Einzelmenschen nicht erweisen würden; die Person des bedeutenden Denkers dagegen ist insofern das Allerunideellste, als sie notwendigerweise eine ungeheure, man könnte sagen „übertriebene“ Ausprägung der   I n d i v i d u a l i t ä t   als ihre Bedingung voraussetzt. Der König ist — wie die Inder uns vorhin belehrten — „das verkörperte Gesetz“; der Denker dagegen kann nicht Gesetz sein; er ist er, sonst keiner, er ist sich selbst in seinem Denken Gesetz, sonst keinem. Darum gebührt ihm Anerkennung, nicht aber Huldigung; diese kann nur seinem Werke gelten. Und so verstehe ich, wie gesagt, recht gut, inwiefern der arische Soldatenkönig — sobald er selber geistig bedeutend war — sich veranlaßt sehen konnte, gerade diesem individuellen Träger eines Überindividuellen entgegenzugehen; denn die große allgemeine Weltidee, die in dem Kopfe des Denkers mehr oder weniger deutliche Gestalt gewinnt, muß auf die lebendige Verkörperung einer Idee wie ein Magnet auf einen Eisenstab wirken. Und so sehen wir denn an den verschiedensten Beispielen — auch außerhalb des altarischen Kreises —, daß Könige und Denker eine gegenseitige Anziehungskraft aufeinander ausgeübt haben. Nur dann aber kann sie Ersprießliches zutage fördern, wenn wie bei den alten Ariern, das Königtum dem Denker heilig gilt und er die Gnade des Königs weniger auf sich als auf die verborgenen Kräfte in seinem Innern bezieht, die dem allgemeinen Wohl dienen können und sollen.
    Von einem Bild darf man nicht mehr verlangen, als es geben kann, doch glaube ich, daß dieses Bild geeignet ist, Eurer Majestät eine genauere Vorstellung von meinen Gesinnungen bei und nach unserer Begegnung¹ zu geben, als es mir sonst möglich gewesen wäre auszusprechen.
    Zu dieser allgemeinen Auffassung kommt aber noch das große persönliche Moment, und in diesem liegt eingeschlossen die innige und unauslöschbare Dankbarkeit. Denn besteht für den König die große Härte des Schicksals darin, daß er sozusagen nie — oder fast nie — ganz er selbst, ganz Mensch, ganz Individuum sein kann, so besteht für unsereinen die Härte darin, daß das Überindividuelle, das ihn in hohem Maße ausfüllt und ihn ewig aus den Schranken des Individuellen sehnsüchtig hinausdrängt, auf Schritt und Tritt von der Trivialität des Tages, von dem eisernen Gesetz, das ihn zwingt, er selber zu sein — nicht anders als die Menge, nicht mehr als ein jeder — zurückgedämmt, vergewaltigt, manchmal fast zu Tode gequält wird. Wohl schützt Einsamkeit; doch wie dann wirken? Und ohne Wirken, was wäre das Leben? Wirkt er aber, so ist er preisgegeben, und zwar waffenlos. Daher habe ich mich so viele Jahre hindurch nicht entschließen können zu schreiben, denn ich wußte wohl, was kommen würde; ich wußte, daß ich mein Glück — unbekannt, unbeachtet, ungestört zu leben — opfern müßte, und daß ich zu wenig Eitelkeit besitze, um in dem hohlen Widerhall der Notorietät einen Ersatz zu finden für die stolze Ruhe der Einsamkeit. Wie manchmal habe ich mir auch jetzt gesagt: „Hättest du doch, wie du es wolltest, dich auf einer Insel des Stillen Ozeans niedergelassen! Das Spiel der Wellen und ein paar Bücher! Das wäre gescheiter, als Verfasser der ‚Grundlagen des 19. Jahrhunderts' zu sein, den jeder Esel bewundern oder beschimpfen darf, wie es ihm gerade sein Flachschädel eingibt.“ Nun siegte aber — gottlob — das Pflichtgefühl; nächsten Frühling werden es zehn Jahre sein, daß ich zum erstenmal die Feder ergriff; seit jenem Augenblick habe ich nicht mehr geschwankt, und ich werde meinen vorgezeichneten Weg weitergehen, so lange Gott mir Leben schenkt. Doch ich weiß nicht, ob Eure Majestät, die das Unglück gekannt hat, vom ersten Schritt an alle Augen auf sich gerichtet zu wissen, sich vorstellen kann, wie schwer es ist, viele Jahre lang allen Glauben an sich aus sich selbst schöpfen zu müssen; gänzlich unbeachtet, ohne Ermutigung, ohne sichtbares Ergebnis, von früh bis spät zu arbeiten; immerfort nur zum Papier zu sprechen, ohne je einen Widerhall zu vernehmen? Und so gerät denn unsereiner, sobald er vor die Öffentlichkeit tritt, in einen Wald von Widersprüchen: er mag keine Notorietät und schreibt doch, um gelesen zu werden, viel gelesen — Goethe sagt: Wer nicht eine Million Leser für sein Buch erwarten kann, soll es lieber ungeschrieben lassen; Lob und Tadel berühren ihn fast gleich unangenehm, und dennoch streckt er in jedem Werke sehnend die Hand nach Freunden aus — — —. Wie nun den Mann finden, der nicht zur Menge gehört und daher alles gleich in den großen, kühnen Umrissen der Fernperspektive erblickt? Den Mann, der so frei dasteht, daß seine Anerkennung unmöglich interessiertes Schmeicheln, und so hoch, daß seine Kritik nicht Beleidigung sein kann? Wohl hatte ich Freunde, Freunde, die mich mit Achtung und Liebe umhegten, — doch da störte wieder mein kritischer Geist, der dem Freundesurteil nicht volle Gültigkeit beimessen wollte. Wahrlich, ich glaube, nur ein König konnte dem halb unbewußten Sehnen völlig genugtun. Unser guter Hans von Wolzogen meinte vor Jahren, die Sage, die Westmorelands stammten von Richard III. ab, müsse doch auf Wahrheit beruhen, und in meinen Adern flössen einige Tropfen Plantagenetblut.
    Daher mein Hochmut und mein Ungestüm! Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, daß Eure Majestät eine gute Tat an mir vollbracht haben, die wahrscheinlich kein anderer Mann vollbringen konnte; daß ich mich für die Jahre hingebender, geräuschloser, wissenschaftlicher Arbeit reichlich belohnt fühle, und daß weder der Spektakel, den augenblicklich die Zeitungen über die „Grundlagen“ machen, noch selbst die so sehr wertvolle Anerkennung zahlreicher Fachgelehrten die eine Tatsache aufwiegen: daß der Deutsche Kaiser mit mir zufrieden ist. Und das ist nicht bloß Lohn; es bedeutet Kraft für die Gegenwart und Anspornung für die Zukunft. Wie die Stimme mir neulich versagte, so versagt mir heute auch die Feder, gewahre ich, wie reich die Gabe war, mit welcher Eure Majestät mich beschenkte. Echter Dank kann immer nur durch Taten zu Worte kommen.
    Und noch eins, ehe dieser zu einer Epistel angewachsene Brief zu Ende geht.
    Eure Majestät und alle Ihre Untertanen sind in einem Heiligtum geboren; die meisten unter ihnen ahnen es freilich nicht, weil man das Tägliche — wie die Strahlen der alles Leben spendenden Sonne — nicht beachtet. Ich aber mußte einen langen, mühsamen Weg zurücklegen, ehe ich das Heiligtum auch nur von weitem erblickte, und dann noch kostete es Jahre heißer Arbeit, ehe ich seine Stufen betreten durfte. Darum schaue ich nur mit Schrecken auf meine Vergangenheit zurück; denn habe ich auch das, was man eine glückliche Kindheit nennen muß, gehabt, für meine Anlagen konnte es kein wahres Glück außerhalb des Deutschtums geben, und ich zittere, wenn ich daran denke, wie spät ich mit der deutschen Sprache in Berührung kam und daß ich sie leicht gar nicht kennengelernt hätte. Denn es ist meine innige Überzeugung — gewonnen durch jahrelange Studien, gewonnen in jenen feierlichen Stunden, wo die Seele mit dem Göttlichen um Erkenntnis ringt wie Jakob mit dem Engel —‚ daß das moralische und geistige Heil der Menschheit von dem abhängt, was wir   d a s   D e u t s c h e   nennen können. In jener „moralischen Weltordnung“, von der Eure Majestät in Liebenberg öfters sprachen, bildet augenblicklich das deutsche Element den Angelpunkt, le pivot central. Die   S p r a c h e   ist es, die uns unwiderleglich davon überzeugt; denn Wissenschaft, Philosophie und Religion vermögen heute keinen Schritt weiterzumachen, außer in der deutschen Sprache. Und das Dasein dieser Sprache belehrt uns über etwas, woran die Erscheinungen des täglichen Lebens uns sonst nicht immer glauben lassen möchten: daß in diesem Volke die höchsten Fähigkeiten vereint sind, höhere als anderwärts. Sprache und Volksseele sind gegenseitig bedingend bedingt; jede wächst aus der anderen hervor; hier ist weiteres Emporblühen möglich, solange beide leben und ineinandergreifen; bei den Romanen sind beide tot; bei den anderen Germanen (ich denke namentlich an England) hat schon seit lange eine Entzweiung begonnen, dank welcher die Sprache nach und nach stumm wird (das heißt ein bloßes Medium für die praktische Verständigung, nicht ein Element, aus welchem neue Gebilde geprägt werden könnten) und die Seele infolgedessen nach und nach ihre Schwingen einbüßt und sich nur mehr wie ein Wurm auf dem Bauche weiterschleppt. Und weil die deutsche Seele unlösbar an die deutsche Sprache geknüpft ist, so ist denn auch die höhere Entwicklung der Menschheit an ein mächtiges, sich weit über die Erde hinausstreckendes, das heilige Erbe seiner Sprache überall behauptendes und anderen aufzwingendes Deutschland gebunden. Die positive Realpolitik des Deutschen Reiches, welche gewiß gar nicht zu nüchtern und matter of fact sein kann, bedeutet darum doch — wenigstens in meinen Augen — etwas anderes als die Politik anderer Länder. Der Angelsachse hat, von jenem Standpunkt einer moralischen Weltordnung aus betrachtet, sein Erbe verwirkt — ich spreche nicht von heute, ich schaue in die Jahrhunderte hinaus; der Russe ist nur die neueste Verkörperung des ewigen Tamerlanreiches, nimmt man ihm sein deutsches Kaiserhaus, so bleibt nur eine in sich zerfallende matière brute; auf den Deutschen allein baut heute Gott. Das ist die Erkenntnis, die sichere Wahrheit, die schon seit Jahren meine Seele erfüllt; um ihr zu dienen, habe ich meine Ruhe geopfert; für sie will ich leben und sterben. „Richard Wagner“, die „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ und das „19. Jahrhundert“ (wenn ich mich dazu entschließen kann), die „Worte Christi“, „Immanuel Kant“ — und manches, was, so Gott will, folgen soll; der — nicht von Haß gegen die Semiten, sondern von Liebe gegen die Germanen eingegebene — Kampf gegen das zerfressende Gift des Judentums, der Kampf gegen den Ultramontanismus, gegen den Materialismus, der Versuch, die transzendentale Erkenntnislehre aus dem Besitz einer Gelehrtenkaste in einen Besitz jedes gebildeten Deutschen zu verwandeln, das Bestreben, die Religion aus syrisch-ägyptischen Fetzen loszuwinden, damit die reine Kraft des Glaubens uns eine, wogegen das Nachgeplapper sklavischer Superstitionen uns heute nur trennt, dazu später — wenn ich's erlebe — die völlige Umwandlung unserer Auffassung des Lebensproblems, wodurch sich unsere Naturwissenschaft auf einmal und zum erstenmal in Harmonie mit unserer deutschen Philosophie und Religion finden wird, das heißt, daß sie endlich eine wahre   W e l t a n s c h a u u n g   besitzen werde — — — — — das alles bedeutet für mich ein Schaffen und ein Kämpfen im Dienste des Deutschtums. Denn wahrlich, es handelt sich um gar wichtige Dinge, und hat der moralische Weltordner den Deutschen zu seinem Werkzeug erwählt, so muß dieser in der Erfüllung der gottgegebenen Pflicht ganz aufgehen, sich ganz darin verzehren. Und ist „das Deutsche“, wie ich vorhin sagte, der Angelpunkt, auf dem die Zukunft des Menschengeistes ruht, so ist der jetzige Augenblick, das jetzige Jahrhundert — ich meine es — der Angelpunkt der Weltgeschichte. Jetzt heißt es: To make or to mar. Es gibt Epochen, wo Geschichte gleichsam auf dem Webestuhl weitergewoben wird, gerade oder schief, geschickt oder ungeschickt; doch immerhin so, daß Kette und Schuß gegeben und im wesentlichen gebunden sind; dann aber kommen Zeiten, wo zu einem neuen Gewebe die Fäden erst eingetragen, die Art des Stoffes und das Muster erst bestimmt und durch zweckmäßige Anordnung gesichert werden. In einer solchen Zeit stehen wir heute. Die Bildung des Deutschen Reiches im Jahre 1870 bedeutet zunächst nicht einen Anfang, sondern ein Ende. Jetzt kommt entweder ein „neuer Kurs“ (wie Eure Majestät vorlängst erkannte) oder gar nichts; und in letzterem Falle hat Deutschland versagt und geht langsam unter, von den Wellen eines yankeeisierten Angelsachsentums und eines tatarisierten Slawentums ereilt und ertränkt. Jetzt ist der Augenblick, wo Zukunft aufgebaut wird. — — — — Wie steht aber ein armer, machtloser, vereinzelter Privatmann solchen Erkenntnissen gegenüber da? Und gar ein sogenannter „Ausländer“! Wollte er in politische Konjunkturen sich leitartikelnd mischen, so würde er sich zu den vom Grafen Bülow so trefflich verhöhnten Bierbankpolitikern gesellen. In das Schweigen der Studierstube ist er verbannt; seine einzige Waffe die Feder. Und anderseits, wie konnte ein solcher Geschichte studieren, ohne die Überzeugung zu gewinnen, daß die Zukunft der deutschen Sache an das Geschlecht der Hohenzollern gebunden ist? Wie wäre es möglich, das politische Chaos des heutigen reichstäglichen Reiches zu erblicken, ohne zu fühlen, daß nur hier seine Hoffnung Boden findet? Wohl ist das ganze deutsche Volk mit seiner unvergleichlichen Sprache der Quell jener Kraft, ohne welche die Hohenzollern selber nichts wären; doch das politische Heil, jenes Gestalten der äußeren Geschicke, ohne welche die innere Bestimmung nicht zur Erfüllung gelangt, kann nicht vom Volke bewirkt werden. In einer äußerst schwierigen Weltlage ist der einzige Trumpf, den das deutsche Volk in den Händen hält, der Besitz des Hohenzollernhauses. Nur die planmäßige Organisation bis ins letzte Detail, nicht — wie beim Angelsachsen — die ungebundene Freikultur des losgelösten Individuums, kann Deutschland zum Siege verhelfen. Die politische Massenfreiheit hat abgewirtschaftet; dagegen kann Deutschland mit der   O r g a n i s a t i o n   noch alles erreichen, alles! Hierin vermag es ihm keiner gleichzutun. Und an der Spitze dieser Organisation steht als erster Deutscher der König von Preußen.
    Können Eure Majestät sich nun vorstellen, mit welchen Gefühlen ein Mann, der solche Überzeugungen als freie Errungenschaft, als seines Lebens Leben im Busen trägt, die Hand dieses ersten Deutschen in der seinen gehalten hat? Auch hier mag ich keine Worte mehr beifügen; was ich fühle, war mehr als Dank — etwas anderes als Glück.
    Möge die ungewöhnliche Länge dieses Schreibens mir nicht als ein Mißbrauch der mir erwiesenen Güte gedeutet werden. Da Eure Majestät meinem Werke so lebhaftes Interesse entgegenbringen und es als ein wirkliches Gut für das deutsche Volk zu betrachten geruhen, so fühlte ich mich verpflichtet, Ihr einen tieferen Einblick in die innere Werkstätte zu eröffnen. Eure Majestät wurden schon in öffentlichen Blättern für das meinen „Grundlagen“ bezeugte Interesse heftig angegriffen; um jene Skribenten kümmere ich mich nicht, doch Eure Majestät hat das Recht, genaue zu erfahren, wer ich bin.
    Ich bin zu Ende. Nur das eine bleibt mir noch zu sagen übrig: daß meine Kräfte Eurer Majestät stets zur Verfügung stehen. Sollte die zwar allseitig beschränkte, doch bestimmte Art meiner Begabung — zum Entwirren, Disponieren, gegliedert Auferbauen — jemals und sei es in noch so geringfügiger Sache Eurer Majestät zu Nutzen oder zur Freude sich betätigen können, so wäre ich stolz, dienen zu dürfen; und inmitten meiner Arbeiten finde ich — wie alle vielbeschäftigten Leute — immer noch Zeit. Ich mache mich anheischig, Eure Majestät jederzeit davon zu überzeugen, daß ein freiwilliger Untertan für anderthalb gilt.

    Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät sowie Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Majestät der Kaiserin in tiefster Ehrfurcht und unwandelbarer Treue

ergebener Diener

Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ 27. und 28. Oktober 1901 bei Fürst Eulenburg auf Schloß Liebenberg, 30. Oktober im Neuen Palais zu Potsdam.
 
141-144 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Neues Palais, 31. XII. 1901

Mein lieber Herr Chamberlain

Sie haben leider vollkommen recht, wenn Sie in dem Anfang Ihres packenden und ergreifenden Briefes der Vermutung Raum geben, daß ich wohl nicht über die Upanishads und andere indoarische Bücher Bescheid wisse; noch über die in denselben enthaltenen schönen Aussprüche der Weisen über die Herrscher! Ich gestehe meine Unwissenheit offen ein und bitte um Gnade! Here you have me at a disadvantage! Aber es war auch Anfang der siebziger Jahre kein Mensch vorhanden, gerade unter meinen Lehrern nicht, der auch nur im Entferntesten solche Kenntnisse aufgewiesen, kurz solche „Kultur“ gehabt hätte!
    Wir quälten uns durch 1000 Seiten Grammatik, wir wandten sie an und gingen mit ihrer Lupe und Seziermesser an alles heran, von Phidias bis Demosthenes, von Perikles bis Alexander und gar an unseren lieben großen Homer! Und während aller der hundertfachen „Zerlegungsoperationen“, die ich an den Erzeugnissen der Hellenen vornehmen mußte, von wegen der „klassischen Bildung“, da bäumte sich mein Herz in mir auf, das auch in mir so lebendige Gefühl für Harmonie schrie in mir auf: „Das ist es doch nicht, das kann es nicht sein, was wir aus dem Hellenentum für die Förderung des Germanentums brauchen!“ Und das noch dazu unmittelbar nach und unter dem gewaltigen Eindruck des Krieges 1870, der Siege des Vaters und Großvaters! Diese hatten das Deutsche Reich zusammengeschmiedet; da hätten wir Jungens, das fühlte ich instinktiv, einen anderen Lauf unserer Vorbereitung bedurft, um nun die Arbeit in dem neuen Reich fortzusetzen, da wäre unserer schwer bedrückten Jugend ein Befreier wie Sie vonnöten gewesen! Der die indo-arische Quelle uns erschloß, aber niemand kannte sie!
    Und nun mußte all das Urarische-Germanische, was in mir mächtig geschichtet schlief, sich allmählich in schwerem Kampf hervorarbeiten. Kam in offene Gegnerschaft zum „Althergebrachten“, äußerte sich oft in bizarrer Form, oft formlos, weil es mehr als dunkle Ahnung oft unbewußt in mir sich regte und sich bahnbrechen wollte! Da kommen Sie, mit einem Zauberschlage bringen Sie Ordnung in den Wirrwarr, Licht in die Dunkelheit; Ziele, wonach gestrebt und gearbeitet werden muß; Erklärung für dunkel Geahntes, Wege, die verfolgt werden sollen zum Heil der Deutschen und damit zum Heil der Menschheit! Sie singen das Hohelied vom Deutschen und vor allem von unserer herrlichen Sprache und rufen dem Germanen bedeutsam zu: „Laß ab von deinen Streitigkeiten und Kleinlichkeiten, deine Aufgabe auf der Erde ist: Gottes Instrument zu sein für die Verbreitung seiner Kultur, seiner Lehren! Darum vertiefe, hebe, pflege deine Sprache und durch sie Wissenschaft, Aufklärung und Glauben!“ Das war eine Erlösung! So! Nun wissen Sie, mein lieber Mr. Chamberlain, was in   m i r   vorging, als ich Ihre Hand in der meinen fühlte!
    Lassen Sie mich Ihnen von tiefster Seele danken für dieses kostbare Juwel, welches Sie mir in Briefform übersandten! Wer bin ich, daß Sie mir danken? Doch nur ein armselig Menschenkind, das versucht, ein gutes Instrument für unseren Herrgott da droben zu werden. Das hat zur Folge, daß man das Menschenkind nicht verstehen will, kann oder mag und ihm daher vor allem das Leben so sauer zu machen sich bemüht als möglich, weil es eben ganz anders ist und ganz anderes will, wie bisher die und das „Althergebrachte“ und „Landläufige“!
    Nein! Fürwahr, danken wir Ihm dort oben, daß Er es mit unseren Deutschen noch so gut meint, denn Ihr Buch dem deutschen Volk und Sie persönlich mir sandte Gott, das ist bei mir ein unumstößlich fester Glaube. Sie sind von Ihm zu meinem Bundesgenossen erkoren, und ewig danke ich Ihm, daß Er es getan. Denn   I h r e   gewaltige   S p r a c h e   packt die Leute und bringt sie zum Denken und natürlich auch zum Streiten! Angreifen! Was schadet es! Der deutsche Michel wird wach, und das ist für ihn gut, dann paßt er auf und leistet etwas; und wenn er einmal zu arbeiten angefangen, dann leistet er eben mehr wie alle anderen. Seine Wissenschaft in seiner Sprache ist eine Riesenwaffe, und es muß immer daran gemahnt werden! Denn „Vernunft — i. e. common sense — und Wissenschaft“ sind unsere gefährlichsten Waffen, zumal im Kampfe gegen die Totenmacht von „Ubiquitous“ Rom. Dann, wenn durch Sie die germanischen Katholiken erst in den offenen Konflikt zwischen dem Germanen und dem „Katholem“, also „Römer“ gekommen sind, dann sind sie „erwacht“ und „Wissende“ geworden, dessen, was die Beichtväter ihnen verbergen möchten; daß sie in schmachvoller Knechtschaft gehalten sind für „Rom“ als Instrumente gegen „Deutschland“, also „Eritis sicut deus, scientes bonum et malum“. In dieser Hinsicht ist doch eine Bewegung zu bemerken, und Ihr Buch hat rasenden Absatz in den Kreisen gefunden. Gottlob. Erst für mich allein, dann an die um den Weihnachtstisch versammelten Meinigen habe ich Ihren herrlichen Brief vorgelesen, unter lautlosem Schweigen und tiefer Ergriffenheit aller Stände und Geschlechter, und die Kaiserin läßt Ihnen auch innigen Dank und Gruß sagen!
    Und nun Gottes Segen und unseres Heilands Stärkung zum neuen Jahr 1902 wünsche ich meinem Streitkumpan und Bundesgenossen im Kampf für Germanen gegen Rom, Jerusalem usw. Das Gefühl, für eine absolut gute, göttliche Sache zu streiten, birgt die Gewähr des Sieges! Sie schwingen Ihre Feder, ich meine Zunge, schlage auf meinen Pallasch und sage trotz aller Angriffe und Nörgeleien
dennoch!

Ihr treu dankbarer Freund     Wilhelm I. R.


    P. S. Der Verkehr Harnacks bei mir hat „orthodoxe“ protestantische Pfarrer und Kreise arg geängstigt. Das ist unseren Damen zu verstehen gegeben worden; diese haben dann auch Soireen, wo „positive“ Herren waren, besucht! Mein Grundsatz „Nur keine Voreingenommenheit“ ist den Leuten unbequem. Übrigens hat Harnack seine „Liegezeit“, um Ihr Werk zu lesen, als eine „erzwungene“ hingestellt! Ich bezweifle es, die Idee ist zu professorenhaft wahrscheinlich!
 
144-148 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

4. Januar 1902.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät


spreche Ich in tiefster Ehrfurcht und aus bewegtem Herzen Dank für die gnädigen, schönen und bedeutenden Worte des Silvestertages aus. Mir war doch ein wenig bange; denn ich hatte in der vollen Erregung des empfangenen Eindrucks geschrieben, in jenem überbewußten Zustand, in dem man gute Bücher verfaßt; und als ich nun nach und nach erwachte und als es der nüchternen Alltäglichkeit durch allerhand Widerwärtigkeiten gelungen war, die geistige Temperatur auf wenige Grad über Null herabzustimmen, da mußte ich empfinden, daß ich von der mir erteilten Erlaubnis einen nicht ganz bescheidenen Gebrauch gemacht hatte. Doch Eure Majestät haben alle Besorgnisse zerstreut und mich dadurch beglückt und gestärkt; möchte Gott mir die Bewährung des Dankes ermöglichen.
    Jemand fragte mich neulich: „Nun, was haben Sie für einen Eindruck vom Deutschen Kaiser gewonnen?“ Es war einer jener nörgelnden Deutschen, die sich nur großartig benehmen, wenn die französischen Armeen diesseits des Rheines stehen, und er schaute mich mit verschmitzten Augen an, offenbar begierig, wie ich mich blamieren würde. Ich antwortete sehr langsam und zögernd: „Ja, wissen Sie, jetzt hab' ich's verstanden, daß Friedrich der Große Maupertuis, Voltaire und d'Alembert nach Potsdam einlud.“ Der Mann tut keine weiteren Fragen.
    Ich stecke augenblicklich bis über die Ohren in Philosophie. Der Zusammenhang zwischen Mythologie und Denken bei den arischen Völkern ist wert, studiert zu werden; er klärt uns über uns selber auf. Daß z. B. schon im Rigweda die Hirten zu den Açvinen, den ritterlichen Göttern des frühesten Morgenlichtes (Kastor und Pollux) beten: — wie sie die Nacht bekämpfen und dem Tage die Tore des Himmels öffnen, so möchten sie auch die geistige Nacht zerstreuen und den Menschen den Weg zum Wissen weisen —‚ ist rührend, nicht wahr? und von tiefer Bedeutung für die Erkenntnis unserer Art. Wogegen, wenn dann der „heilige“ Ambrosius uns versichert, „das Wissen ist eine schädliche Torheit“, wir ihm ein kräftiges Vade retro, Satanas! zurufen, überzeugt, daß, wer uns der Natur abspenstig macht, uns auch von Gott hinwegführt.
    Für die „Woche“ schrieb ich neulich auf Verlangen einen kleinen Aufsatz „Die Natur als Lehrmeisterin: ein neues Bildungsideal“; doch scheint er den Leuten nicht gut genug zu sein, denn sie brachten ihn in der Weihnachtsnummer nicht, für die er bestellt war. ¹ — Und ein anderes Mal ließ ich mich hinreißen, gegen den alten Rappelkopf und Konfusionsmeyer Mommsen eine Satire² loszulassen. Wer müßte nicht vor Wut schäumen über diese professoralen Dummköpfe, die den Juden auf den Leim gehen und das Spiel den Jesuiten, als wären sie dazu bestellt, machen? Man sagt, ich habe über die Schnur gehauen; Frau Cosima Wagner und andere gute Freunde schrieben mir entrüstet, trotzdem ich die tiefste Verbeugung vor dem großen Gelehrten als solchem gemacht hatte; ich werde mit den Prädikaten „erzklerikal“ und „antideutsch“ traktiert; und einige Zeitungen sollen mich so maßlos geschmäht haben, daß neulich ein Freund meine fünf Stockwerke hinaufkletterte, um nachzusehen, ob ich noch am Leben sei! Er fand mich höchst vergnügt und emsig, außerdem ahnungslos, da meine Hausgeister den ganzen zugeschickten Zeitungsschund zum Ofenanzünden monopolisierten. Dieser Professorenaberglaube ist in Deutschland fast eine Kalamität geworden. Ein Mensch, der über das Nervensystem der Maikäfer gelehrte Untersuchungen angestellt hat, darf über die kompliziertesten, ausgebreitetste Kenntnisse erfordernden und nur mit vorsichtigster Hand zu lösenden Aufgaben des öffentlichen Lebens ex tripode urteilen, und das deutsche Publikum, — welches Kanzlern und Ministern mit den Händen in den Taschen spöttisch-ungläubig zugehört hat — ruft einstimmig: „Hut ab! Jetzt spricht der Professor!“ They ought to be hung several pegs lower; auch der Wissenschaft könnte es nur dienen. — Infolge meiner Diatribe habe ich aber auch viele sehr interessante Zustimmungen und Mitteilungen erhalten. Die wichtigste Einsicht besonnener Männer scheint mir die zu sein, daß die Universitäten immer weniger das   L e h r e n —  die unmittelbare Wirkung auf Geist und Charakter der Jugend, die Heranbildung aufwachsender Geschlechter zu bewußten, freien, tatkräftigen Germanen (nach dem Beispiele Fichtes) — und immer mehr fast lediglich die rein wissenschaftliche Facharbeit als ausschlaggebend betrachten. Es geht so weit, daß bedeutende Gelehrte nur deswegen von den Fakultäten nicht vorgeschlagen werden, weil in Erfahrung gebracht wurde, daß sie gut reden, — auf die Zuhörer hinreißend wirken. „Gott bewahre uns vor einem guten Dozenten!“ rief ein kürzlich verstorbener Sanskritist aus in einer Sitzung der philosophischen Fakultät zu Berlin. (Prof. Harnack kann den Namen nennen.) Und ein hervorragender jüngerer Theolog, der gern ein so dringend notwendiges Buch über die frühen christlichen Jahrhunderte zur Aufklärung des gebildeten Laienpublikums herausgeben möchte, schrieb mir in diesen Tagen: „Ich darf es nicht wagen; meine Laufbahn wäre gebrochen, sobald ich ein populäres, ein nicht ausschließlich rein wissenschaftliches Werk publiziert hätte.“ Also der Professor darf dem Volk nicht dienen; die Herren wollen untereinander sein! Heißt das nicht eine verkehrte Welt? „Wenn du zufällig die Redegabe erhieltest, so halt' 's Maul und laß es dir nicht einfallen, weniger langweilig zu dozieren als wir, und wenn du zufällig schreiben kannst, daß wir dich nur ja nicht außerhalb Poggendorfs Annalen erblicken, sonst wehe dir!“ Einzig wenn es gilt, den regierenden Faktoren das Amt erschweren und die vaterländischen Pläne durchkreuzen, dann — ja! dann ist's was anderes, dann, Professorlein, rede und schreibe und hetze, soviel du nur willst und kannst — — — —
    Doch ich merke, ich falle aus der philosophischen Kontemplation in die gallige Betrachtung zuchtrutebedürftiger Philister. Und zu diesem Brief besitze ich keine Erlaubnis, sondern einzig die Pflicht, meinen tiefbewegten Dank auszusprechen.
    Vielleicht geruhen Eure Majestät zum Schluß noch die Wünsche für das Jahr 1902 anzunehmen, die ich eigentlich zu Beginn hätte aussprechen sollen. Ich glaube aber, der liebe Gott zählt nicht nach Jahren; wir wollen weder zu viel hoffen, für eine so kurze Spanne, noch verzagen, wenn diese wie eine Müde sticht; eine Freundin legte auf meinen Weihnachtstisch ein Gruppenbild aller Kinder Eurer Majestät: es gab mir das beruhigende Gefühl großer Dauerhaftigkeit des Guten.
    Und jetzt nur noch die sehr ergebene Bitte, Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin meinen ehrfurchtsvollen Gruß auszusprechen und mich der allerhöchsten Frau zu Füßen legen zu wollen.

In Ehrfurcht und eherner Treue

Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät
gehorsamer

Houston Stewart Chamberlain.

 
    P. S. 1. Dem kaiserlichen Freunde der „Grundlagen“ wird folgende Tatsache Freude machen: während ich diese Zeilen schreibe, erhalte ich den schönsten Brief, den ich je über die „Grundlagen“ bekommen habe. Ein gewisser Dr. Max Christlieb (guter Name für einen Geistlichen), Pfarrer in Freistedt, Baden, schickt mir sechzehn Quartseiten in zierlicher Handschrift: lauter Anmerkungen, die er beim Lesen gemacht hat — Ergänzungen an Literatur und Tatsachen, Druckfehler, sprachliche Verbesserungen, höchst interessante Annotationen —‚ es muß ein riesig belesener Mann sein, der auch die ganze Welt kennt und jahrelang in Asien gelebt hat. Und zum Schluß ganz schlicht: „Ich bitte Sie, diese paar Notizen eines Mannes, der sich bemüht hat, sich die Unbefangenheit nach allen Seiten zu wahren, so aufzunehmen, wie sie gemeint sind, als bescheidene Handreichung, als Kärrnerarbeit für einen König, und als Ausdruck meiner tiefen Dankbarkeit für die köstliche Gabe, die mir Ihr Buch gebracht hat.“
    2. Wasser auf die Mühle von Sanssouci: Bruno nennt Aristoteles einmal (siehe Explicatio trigenta sigillorum, ed. Tocco II, p. 133)
s o p h i s t i c a e   n a t u r a e   p a t e r   A r i s t o t e l e s !
—————
    ¹ Der Aufsatz erschien in Nr. 43/47 des „Tag“ (Berlin) 1902, wiederabgedruckt in „Rasse und Persönlichkeit“.
    ² „Der voraussetzungslose Mommsen.“ Die Fackel (Wien), Nr. 87/1902.

148-165 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

20. 2. 1902.

Eurer Kaiserl. und Königl. Majestät


überreiche ich in aller Ehrfurcht das erste Exemplar des Vorworts zu der vierten Auflage meiner „Grundlagen“; es zu tun hielt ich für eine Pflicht und hoffe, daß Eure Majestät kein ungehöriges Sichaufdrängen darin erblicken werden. Ich lebe ja glücklich in der vollsten Zurückgezogenheit und raffiniere darauf, wie ich der Aufmerksamkeit der Großen und Kleinen dieser Welt — namentlich auch der Mittelmäßigen — entgehen kann, um in ungestörter Ruhe arbeiten zu dürfen; doch wäre es strafwürdiger Undank, wenn ich je der schönen Tage von vor einem Jahre vergessen und des mächtig fördernden Interesses, das meinem Werke von allerhöchster Seite zuteil wurde, uneingedenk bleiben wollte. In dem Innersten Sanktum meiner völlig abgetrennten Arbeitswohnung, dort, wo nie ein Unberufener den Fuß hinsetzt, steht das mir so gnädig geschenkte Erinnerungsbild, und ich darf wohl sagen, in guter Gesellschaft. An der Wand neben dem Schreibtisch hängt Leonardos Heilandskopf aus der Brera (ein bißchen mehr, als ich's in den „Grundlagen“ Wort haben mochte, bin ich doch Ikonodul, und ohne den beständig nahen Anblick des Gottmenschen vermöchte ich es nicht, zu schaffen und zu streiten); über dem Stehpult hängt ein fast unbekanntes, herrliches Porträt Kants, das eine Freundin für meine kurzsichtigen Augen in riesiger Größe abphotographieren ließ; Goethe von Jagemann — und das heißt Goethe als Mensch, nicht als Exzellenz und Geheimrat — ist rechts vom Tische angebracht und Richard Wagner in dem ergreifenden letzten Augenblicksbild, kurz vor seinem Tode aufgenommen, links. Keinem anderen Manne hatte ich bisher den Eintritt gestattet. Für das Bildnis Eurer Majestät habe ich nun einen ganz besonderen Platz geschaffen. Meine Wände sind ja von der Decke bis zum Fußboden mit Büchern bedeckt, und nie hätte ich mich entschließen können, von den genannten großen Schutzgeistern irgendeinen zu entfernen; und so habe ich das Bild in einem schlichten, ornamentalen, bronzenen Stehrahmen auf einem Dokumentenschrank aufgestellt, wo ich es täglich notwendigerweise so und so oft in die Hand nehme, wo ich es früh aus der Sonne heraus und nachmittags in das rechte Licht rücken muß; und wenn ich in der Arbeit des Ausdenkens und Gestaltens versenkt bin, gehe ich an diesem Schranke auf und ab und bin also viel in Unterhaltung mit Eurer Majestät. Ein Bild an der Wand sieht man nach zwei Tagen nicht mehr; dieses erblicke ich an jedem Tage wiederholt mit sehenden Augen. Und spaziere ich so auf und ab zwischen dem Bilde Christi und dem Bilde des Kaisers, so kommen mir gar häufig die Worte des Evangeliums in den Sinn: Gebet Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was des Kaisers, und ich meine, gerade dieser Ausspruch wäre so recht ein Motto für die Richtung, die mein Leben genommen hat.
    Das alles soll mir und meiner Sendung zur Entschuldigung dienen. Ich lebe zu sehr in der Gegenwart Eurer Majestät, als daß ich es mir hätte versagen können, diesen neuen Beitrag zu dem Gebäude der „Grundlagen“ eigenhändig zu Füßen zu legen.
    Das Vorwort zur dritten Auflage behandelte eine persönliche Angelegenheit und war somit von beschränktem Interesse; das neue Vorwort dagegen enthält ausschließlich Auseinandersetzungen von grundsätzlicher Bedeutung, und zwar 1. über Dilettantismus, 2. zur Rassenfrage, 3. über Semitismus in der Religion und 4. über die römische Hierarchie. Und da ich in diesem Vorwort die Ansicht ausgesprochen habe, ein Autor solle den Mut haben, auch zu irren, und sich nicht feige hinter Phrasen verschanzen, so will ich gleich hier in diesem Begleitschreiben die Theorie in die Praxis umsetzen und auf die Gefahr hin, inkorrekt zu sein, mich nicht hinter gewundenen Phrasen halb erraten lassen, sondern offen gestehen, es läge mir viel daran, daß Eure Majestät diesem Vorwort eingehende Beachtung zu schenken geruhten. Abgesehen von der beständigen Beschäftigung mit den wichtigen hier behandelten Themata, habe ich jetzt ungefähr zwei Monate heißer Arbeit auf die Herstellung dieser wenigen Seiten verwendet. Ich tat es insofern ungern, als es eine schlimme Unterbrechung in meinem Kantbuch verursachte; doch empfand ich, daß es nötig war, nötig nämlich für die klare, mißverständnislose Wirkung des Werkes und der durch das Werk in Umgang gesetzten Ideen.
    Der kurze Abschnitt über Dilettantismus spricht für sich.
    Bei der Rassenfrage ist eine völlig klare Formulierung um so nötiger, als die praktische Befassung mit dieser für die Zukunft der Menschheit wichtigsten aller Fragen nicht nur durch die allgemeine Unwissenheit und Gleichgültigkeit, sondern noch — durch zwei Klassen von sonderbaren Schwärmern eigentümlich erschwert wird: einerseits durch die Rassendogmatiker und Hypergermanen, deren Luftschlösser alle vernünftig erwägende Männer abschrecken, anderseits durch die sogenannten „empirischen Forscher“, die niemals aus den Tatsachen ein Fazit zu ziehen verstehen, sondern immer vermeinen, der morgige Tag werde durch irgendeine „wissenschaftliche“ Entdeckung das Dunkel aufhellen —‚ wo doch das Dunkel nur im eigenen Kopfe herrscht und der Mensch, sobald er will, immer so viel weiß, als er für die Gestaltung seines Lebens zu wissen braucht.
    Wenn die Zeitungen die Rede nicht arg entstellt haben, muß neulich der Bischof von Ripon — doch ein erzgescheiter Mensch — wieder manches Grundfalsche über diese große Frage vorgebracht haben. Hier ist das kirchliche Christentum ein wahrer Fluch für die Menschheit geworden; und die Naturwissenschaft, unter der verhängnisvollen Leitung durchaus beschränkter Köpfe, wie Virchow, hat mit ihrem demokratischen Dogma der Rassengleichheit den Kirchen nur Vorschub geleistet. „Habt ihr Augen zum Sehen?“ möchte man mit Christus ausrufen. Die gesamte lebende Natur zeigt uns die Tatsache von Rasse als Grundlage aller außerordentlichen Leistungen, und die Geschichte der Menschheit bestätigt sie auf jedem ihrer Blätter als Ursprung aller edelsten Kunsttaten, und nun soll alles nicht gelten, weil es den Pfaffen und den Demagogen nicht in ihren Kram paßt!
    In der Schweiz traf ich diesen Sommer einen sehr interessanten Mann, einen alten Freund. Als sogenannter „Liberaler“ und außerdem als fromm gläubiger Protestant gehörte für ihn — früher — das Dogma von der Gleichheit aller Menschen und von der zu ersehnenden Verschmelzung aller Rassen in eine Einheit zu den unerschütterlichen, undiskutierbaren Wahrheiten. Inzwischen aber hat er fünfzehn Jahre in den südlichen Staaten Nordamerikas gelebt und die Westindischen Inseln bereist, und nun ist er zurückgekehrt, erfüllt von der aus lebendiger Anschauung geschöpften Überzeugung: L'humanité entière est perdue si elle ne s'avise à temps de l'abîme où elle se précipite par le mélange des races. — Der Münchner Zoolog Doflein — ebenfalls als geschworener Virchowianer, Menschheitsrechtler usw. zu einer wissenschaftlichen Reise in die Antillen entsendet — ist ebenso entsetzt zurückgekehrt. Von Haiti erzählt er: „Das Reisen ist im Innern gefährlicher geworden als zur Zeit des Kolumbus“ — ein schöner Fortschritt der Kultur! Und über die Vereinigten Staaten meint er in bezug auf diese Rassenfrage: „Eine offene und direkte Gefahr existiert zwar kaum, aber die soziale und nationale Gefahr ist um so größer“ (Reiseskizzen eines Naturforschers, 1900, S. 69). — Die Weißen tun ja in den Vereinigten Staaten instinktmäßig, was sie können, um die Schwarzen abzuwehren, und wenden hierzu oft die grausamsten Mittel an; doch auf die Dauer wird das alles nichts nützen, und mein Freund ist fest überzeugt, daß nicht nur die südlichen Staaten, sondern auch die nördlichen (wo die Neger immer zahlreicher werden) im Laufe der Zeit an dieser Blutmischung rettungslos zugrunde gehen werden. Es genügt ja eine einzige, einmalige Kreuzung, damit nach drei oder vier Generationen lauter Neger geboren werden — weil eben (wie in den „Grundlagen“ hervorgehoben) die geistig schwächeren Rassen stets geschlechtlich stärker sind. Wir haben ja das geschichtliche Beispiel vor uns. Als edelste Zuchtrasse stiegen die Arier vom mittelasiatischen Hochplateau nach Indien hinab; durch drakonisch strenge Kastengesetzgebung schlossen sie sich von den das Land bewohnenden Drawiden, den „Schwarzhäuten“ oder „Affen“, wie sie sie nannten, ab; doch als Buddha — von ganz ähnlichen Menschheitsschwärmereien wie die Christen bewegt — die Gleichheit aller Menschen verkündet und hiermit die schützenden Gesetze niedergerissen hatte, stürzte das minderwertige Blut in Fluten hinein (genau so wie in Rom nach Caracalla). — Und was sehen wir jetzt? Hat das edle Blut das weniger edle zu sich hinaufgeläutert? Nein; ebensowenig wie dies bei Tieren und — analogisch — bei Pflanzen geschieht. Sondern ein herrlichstes Volk der Erde — Krieger, Könige, Sänger, Denker, Ackerbauer — ist für immer zugrunde gegangen, verschwunden, ausgelöscht, für die Menschheit verloren. Was würde in der heutigen Weltlage ein großes arisches Herrschervolk in Indien für die Menschheit bedeutet haben! Der sogenannte „nüchterne Politiker“ überlege sich das, so nüchtern wie er will, und dann gestehe er redlich, daß es außer der opportunistischen Politik von heute auf morgen auch eine große konstruktive Politik geben sollte, welche die grundlegenden Tatsachen der Natur wissenschaftlich verwertete.
    Freilich, das Beispiel des Negerblutes ist ein extremes. Doch genau dasselbe — nur etwas langsamer — geschieht durch jede nivellierende Vermischung zwischen verschiedenen Rassen, respektive zwischen rassigen und rasselosen Menschen. So dringt z. B. das jüdische Blut immer wieder durch. Ich kenne einen wackeren Professor der Literaturgeschichte, einen echt deutschfühlenden Mann, der ein unverfälscht deutsches Mädchen heiratete und nun höchlich entsetzt ist, aus dieser Verbindung Kinder hervorgehen zu sehen, die alle so ausschauen, als wären sie aus assyrischen Monumenten losgelöst — die unverkennbarsten, widerwärtigsten Semitengesichter, die man sich denken kann, und die entsprechenden Anlagen. Die Mutter des guten Mannes war eben eine „Getaufte“ gewesen; und nun kommt — durch die Vermischung hervorgelockt — das rein Semitosyrische viel kräftiger zum Vorschein als vorher, wo es in dem vermischten Judenblute halbversteckt gelegen hatte! Während einer oder zwei Generationen wird es noch in dieser Familie ein Hin- und Herschwanken geben; dann werden alle Nachkommen endgültig Syrosemiten sein, und mit den entsprechenden moralischen und intellektuellen Anlagen als „deutsche“ Richter, Professoren, Offiziere, Abgeordnete wirken. — Und was für die Juden gilt, gilt auch für die anderen ungermanischen Rassen Europas. Wie mangelhaft — leider! — die Statistik noch ist, es läßt sich trotzdem zahlenmäßig nachweisen, daß das Ungermanische unaufhaltsam vorbringt und das Germanische — in meinem weiten und weitherzigen Sinne des Slawokeltogermanentums — zurückweicht. Wenn wir uns also nicht jetzt entschließen, dieses Problem resolut ins Auge zu fassen und Rasse grundsätzlich zu züchten, so wird es bald zu spät sein, und unsere germanische Art ist für immer verloren. Das ist keine Phantasterei, sondern eine sichere, nachweisbare Tatsache. Wer sie verkennt und dennoch für Rassenvermischungen (außer denen zwischen nahe verwandten, edlen Stämmen) weiterschwärmt, übernimmt eine schwere Verantwortlichkeit, denn unter der Flagge von „Humanität“ fördert er den Untergang der Menschheit.
    In meinem Vorwort habe ich diesen Ton nicht anschlagen wollen, da es mir angemessener scheint, in erster Reihe Aufmerksamkeit und Interesse in ganz allgemeiner Weise für solche Fragen zu wecken; daraus ergibt sich dann der Boden für die so sehr zu erwünschenden genauen Erhebungen (z. B. über die Rassenverhältnisse des Deutschen Reiches); und in letzter Reihe bilden sich nach und nach die endgültigen praktischen Entschlüsse und Maßregeln zur Reife aus. Eurer Majestät habe ich hier nur einen kleinen Kommentar zu der Lektüre des betreffenden Abschnittes mitgeben wollen.
    Was nun die Rasse für die Physis, das ist die Religion für die Psyche; und wiederum treffen wir dieselbe eigentümliche Koalition, die unser Verderben betreibt: die Pfaffen und die Demokraten; diesen beiden ist der Jude und im weiteren Sinne der Semit heilig; unsere Bibelgläubigen und unsere Freidenker: beide verkünden, Religion und Ethik stammen von den Semiten. Und zwar verkünden sie es um so lauter und aufrichtiger, als unsere Demokraten in der Mehrzahl und unsere Theologieprofessoren in großer Zahl Juden oder Judenstämmlinge sind.
    Wie ich in dieser Frage denke, ist Eurer Majestät aus den „Grundlagen“ bekannt. Nichts auf der Welt liegt mir so sehr am Herzen, wie die Wiedergeburt reiner und glühender Religiosität, und hier weiß ich mich mit Eurer Majestät völlig einig. Kant hat ein herrliches Wort: „Da der Souverän keinem Menschen verantwortlich ist und gleichwohl doch verantwortlich sein muß, so muß er dem einigen absoluten Herrn der ganzen Natur verantwortlich sein. Ein Souverän   m u ß   also von Gesinnungen der Religion erfüllt sein.“ Doch Kant wußte, was ich weiß, daß die Religion, die für die Juden paßte, nicht für uns Arier paßt, und er wußte, daß sie im Widerstreit steht mit dem, was Christus — der Nichtjude — lehrte. Unser innerstes Seelenleben wird ja zerrissen durch einen aufgezwungenen historischen Glauben, der allem, was wir — dank unserer organisch gewachsenen, wahrhaftigen Wissenschaft —   w i s s e n   und allem, was wir — dank den denkgesetzlichen Notwendigkeiten unserer erhabenen Philosophie —   d e n k e n,   schnurstracks widerspricht. Die semitischen Wahngedanken müssen als solche erkannt, das Gespinst historischer Fälschungen, das unseren freien Geist umgibt, muß abgestreift werden, damit wir endlich überhaupt Religion bekommen — Religion an Stelle von bloßer Superstition.
    Doch kaum regen wir die Flügel, und gleich ist der Semit schon da — oder der semitische Gedanke, was auf eins herauskommt. Ich mußte dies an einem Beispiel dartun, und zwar ausführlich; in dem Werk selbst sind die Ausführungen zu theoretisch und historisch, der Leser findet die Brücke hinüber in die Welt der Praxis nicht. Diese Brücke habe ich nun in dem Vorwort zur 4. Auflage zu bauen gesucht. Ich habe den Semiten (oder Semitomanen, gleichviel) in der unmittelbarsten Gegenwart des Jahres 1902 am Werke gezeigt; habe gezeigt, wie unfähig er ist, die religiösen Grundgedanken zu fassen, habe gezeigt, wie er selbst für die offenkundigsten Tatsachen blind wird und nicht einmal mehr der logischen Elementarregeln gedenkt, sobald er sein Steckenpferd bestiegen hat. Dann aber habe ich versucht anzudeuten, welcher Schatz sich vor uns auftut, sobald wir unsere heiligen Bücher — z. B. Genesis I und II — mit offenen, freien Augen lesen gelernt haben, und wie recht wir daran täten, den Kräften zu trauen, die Gott selber in unsere Seele gesenkt hat. — Zu diesem Beispiel habe ich Professor Friedrich Delitzschs „Babel und Bibel“ erwählt; ein klassischeres könnte man schwerlich finden. Einige Zeit lang habe ich gezaubert, da ich vernommen hatte, daß Eure Majestät diesem Gelehrten Beweise besonderer Gnade zuteil werden ließen. Doch das geht mich Privatmann schließlich nichts an; Delitzschs Verdienste als Assyriolog bestreite ich nicht; ich habe es auch nicht auf die Person Delitzschs abgesehen, sondern lediglich auf die Sache; und da zum Überfluß Delitzsch mich — der ich doch auch Beweise kaiserlichen Wohlwollens besaß — in der betreffenden Rede direkt verspottet hat, war ich um so mehr berechtigt, keine Schonung zu üben. Ich durfte überzeugt sein, daß ein lover of fair play urteilen würde: Was dem einen recht, ist dem anderen billig. Sophokles — wenn mein Gedächtnis mich nicht irreführt — sagt irgendwo:
Dem König allein
Geziemt's zu sagen, was er denkt.
In manchen Fällen mag es sich wohl so verhalten. Doch in noch häufigeren, meine ich, ist es das Vorrecht des Gekrönten, schweigen zu dürfen und den sich unter seinen Augen bekämpfenden Richtungen die gleiche unparteiliche Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Mehr erhoffe ich mir auch in diesem Falle nicht als die Erlaubnis, meine Sache unbehindert verfechten zu dürfen, und als die Gnade, daß, was ich nun meinerseits im Namen des Indogermanentums vorbringe — des zu Ehren der Semiten von Delitzsch so schmählich verlästerten —‚ nicht ungehört und unbeachtet bleibe.
    Die Ausführungen sind in diesem Abschnitt des Vorwortes einigermaßen umständlich; das konnte nicht anders sein. Auf Leichtfertigkeit konnte ich nicht meinerseits wiederum leichtfertig antworten. Und es ist weit bequemer, ein derartiges Truggebäude aufzurichten, wie Delitzsch es tat, als den Trug selbst nachzuweisen. Es durfte keine Lücke bleiben. Daß Delitzsch miserabel schlecht abkommt, tut mir leid; ich habe nicht dreimal — wie sonst —‚ sondern zwanzigmal revidiert, um möglichst alles Verletzende zu entfernen; die bloße Wucht der Tatsachen erdrückt ihn. Ich hoffe, Eure Majestät werden es sich die Mühe nicht verdrießen lassen, auch den philologischen Ausführungen Satz für Satz zu folgen: es lohnt sich; und nur aus dem Detail ergibt sich hier Erkenntnis. Köstlich ist es zugleich zu sehen, wie diese verschiedenen Gelehrten — von denen ein jeder sich mindestens so unfehlbar wie der Papst zu Rom vorkommt — sich alle untereinander widersprechen.
    In selbstlosester Weise haben mich fünf Fachmänner — ein Assyriolog (Schüler Delitzschs und Halévys), ein Semitist, ein Sanskritist, ein Germanist, ein Hellenist — bei dem philologischen Teile unterstützt, das heißt, mir diejenigen sachlichen Auskünfte und Belehrungen erteilt, ohne die ich Ungelehrter das Delitzsche Bei- und Blendwerk nicht bis auf die Wurzel auszutilgen vermocht hätte.
    Der letzte Abschnitt des Vorwortes erfordert keinen Kommentar. Hier handelt es sich nicht, wie im vorangehenden Falle, um Minen und Gegenminen, sondern um einen Kampf auf offenem Felde und mit heruntergelassenem Visier. Rom ist ein politischer Gegner; man weiß, woran man mit ihm ist; dieses Wissen muß aber in weite Kreise getragen werden. Das bezwecken die wenigen Seiten, die ich deswegen zugleich in einer der verbreitetsten Zeitschriften¹ Deutschlands veröffentlichte.
    Das lange Begleitwort bitte ich gnädigst zu entschuldigen. Ich hätte noch so viel zu sagen! Und ich glaube fast, Eure Majestät sind selber nicht ganz ohne Schuld daran; denn die prächtigen Posener Worte mit der für jeden freien Germanen so wohltuenden Hervorhebung des großen Königs haben mich veranlaßt, seine Korrespondenz mit Voltaire nach langer Zeit wieder einmal vorzunehmen, und zwar zu wachsender Begeisterung für den einzigen Mann, der wert ist, den Hohenzollern für alle Zeiten ein höchstes Muster echter Königsart zu bleiben. Wie schätzt und schützt er die Freiheit anderer, auch wo diese ganz von seiner Anschauung abweichen! Und wie unerschütterlich fest ist er dennoch im Befehlen! Wie sehr ist er Weltbürger im weiten Verstand des 18. Jahrhunderts, wie phrasenlos „Mensch“ unter Menschen — und zugleich, was für ein fanatischer Preuße und wie ganz „König“ von dem Scheitel bis zur Sohle! Doch der große König hat mir's angetan, ich lasse mich unwillkürlich gehen, als wäre ich so eine Art Voltaire, der während vierzig Jahren seines Lebens das kostbare Vorrecht genoß, so oft und so ausführlich es ihn gelüstete, an den Monarchen zu schreiben. Zwischen ihm und mir ist aber ein weiter Weg; weder über die fabelhafte Begabung noch über die Gemeinheit des Charakters — und beide kamen ihm zustatten — verfüge ich.
    Doch da ich einmal die Feder in der Hand halte und soeben von Rom und von den Posener Worten die Rede war, muß ich Eure Majestät auf einen herrlichen Satz aufmerksam machen. Der König hat soeben ein Buch getadelt, das er zu heftig antirömisch fand, und fährt dann fort: „J'approuve donc fort la méthode de donner des nazardes à l'infâme en le comblant de politesses.“ (Brief vom 16. März 1771.) Ist das nicht köstlich? — Gut ist auch, was er von den katholischen Priestern sagt, es sei so schwer: „A leur marquer la différence qu'il y a entre persécuter leur religion ou exiger d'eux qu'ils ne persécutent pas les autres.“ (Brief vom 25. November 1770.) Das könnte heute gesprochen sein von Wilhelm II.
    Wie beglückt ich war, das nie auszudenkende Wort Goethes² nunmehr durch die Aachener Rede zu weltgeschichtlicher Bedeutung erhoben zu sehen, bedarf kaum der Versicherung. Ich möchte einen ganzen Aufsatz zur Ausführung dessen, was Eure Majestät hier andeutete, schreiben. Wenn ich einmal dazu komme, den schon längst vorbereiteten Artikel „England und Deutschland“ zu schreiben, so wird das vielleicht geschehen. Denn nach meiner Überzeugung liegt hierin das ganze Programm für Deutschlands Zukunft. Deutschland ist dazu bestimmt — oder sagen wir,   w ä r e   dazu bestimmt —‚ das Herz der Menschheit zu werden; jedes andere Volk ist jetzt endgültig ausgeschaltet; entweder wird Deutschland es sein, oder wir lösen uns überhaupt in ein herzloses Chaos, in den vom Bishop of Ripon ersehnten Urbrei charakterbarer Rassenlosigkeit auf. Groß ist eben jetzt die Welt; das Herz muß darum ein kräftiges, fehlerloses sein.   K o n z e n t r a t i o n   und   O r g a n i s a t i o n:   in diesen Worten liegt Deutschlands Zukunft — wenn es eine haben will. Nie wird es mit dem Angelsachsentum durch die Methode der Entbindung der Individuen zu atomistischer Wirksamkeit konkurrieren können. Es kreist zu viel slawisches Blut im deutschen Volke, und außerdem liegt eine zu abweichend gestaltende Entwicklung hinter ihm. Dieser Atomismus ist aber auch ebensowenig für Deutschland zu erwünschen, wie der ihm in der Philosophie entsprechende Materialismus für die Geistesbildung ein Vorteil ist. Für das, was er „Freiheit“ nennt, hat der Engländer seine wirkliche, innere Freiheit — diejenige, die er zur Zeit seiner absoluten Monarchen, eines Heinrich VIII., einer Elisabeth, in so hervorragendem Maße besaß — aufopfern müssen; er ist jetzt ein willenloses Herdentier geworden, mit dem ein paar Zeitungen und eine Handvoll Politiker machen, was sie wollen; und eine Krone, die seine Freiheit beschützte, besteht nicht mehr, sie ist rettungslos entkräftet und hinfürder kaum etwas mehr als ein Kopfputz. Zugleich ist der Engländer im Begriff, in dem wilden Kampf der Atome seine Kultur zu verlieren. Einstens war England die Mutter der Universitäten; im Oxford des 13. Jahrhunderts hatten einzelne Lehrer so viele Tausende von Zuhörern, daß sie ihren Unterricht im Freien geben mußten, und England versah ganz Europa mit Gelehrten. Heute verhält sich nach der letzten Statistik die Sache folgendermaßen: in Deutschland besucht 1 Mann von 213 die Universität und erhält also in größerem oder geringerem Grade die Befähigung zu einer wahren Kultur des Geistes (wobei, wenn ich nicht irre, die Polytechniker nicht mitgerechnet sind); in England kann sich nur ein Mann unter 5000 (fünftausend) diesen Luxus gestatten! Und brächte man die überwiegende Zahl der anglikanischen Theologen in Abrechnung — deren erbärmliches Einpauken alter Formeln in Deutschland gar nicht Hochschulbildung genannt werden würde —‚ so wäre das Verhältnis ein noch weit ungünstigeres. Doch die Bildung allein ist an und für sich keine nationale Kraft; sie muß organisiert werden. Der diesjährige Präsident der British Association, Professor Dewar, sprach neulich — halb unbewußt — ein tiefes Wort. Er hatte soeben ausgeführt, daß die deutschen Chemiker den englischen „um zwei Generationen voraus sind“, wodurch er sich erkläre, daß Deutschland immer mehr das Monopol der chemischen Industrie erwerbe; dann fährt er fort: „To my mind, the really appalling thing is not that the Germans have seized this or the other industry, it is that Germany possesses   a   n a t i o n a l   w e a p o n   o f   p r e c i s i o n   which must give her an enormous initial advantage   i n   a n y   a n d   e v er y   c o n t e s t   d e p e n d i n g   u p o n   d i s c i p l i n e d   a n d   m e t h o d i s e d   i n t e l l e c t.“   (Rede in extenso in der Zeitschrift „Nature“ vom 11. September 1902, p. 462 ff.) Nun, ich behaupte, in jedem „contest“ wird „disciplined and methodised intellect“ den Sieg davontragen, im „contest“ der Nationen nicht weniger als in dem der chemischen Fabriken; nur muß natürlich — wie es mit der Armee geschah — die intellektuelle Leistungsfähigkeit diszipliniert werden und die Politik es verstehen, daraus einen „national weapon“ zu schmieden. Wir sind an einem weltgeschichtlichen Wendepunkt angelangt. Nie, so weit die Geschichte zurückreicht, hat eine auch nur ähnliche Weltlage wie heute geherrscht; wie sollten denn die alten Einrichtungen standhalten? Der Angelsachse hat sich nun automatisch das Alte dem Neuen angepaßt; das war Happy-go-lucky-Arbeit. Die neue Welt ist aber das Werk der Wissenschaft (einschließlich Technik), und die Wissenschaft ist es, die sie beherrschen wird —‚ wenn sie will. Nicht — oh, beileibe nicht! — der Philosoph, wie unser edler alter Plato wollte, wohl aber die planmäßig und diszipliniert handelnde,   w i s s e n s c h a f t l i c h   g e d r i l l t e   Nation. Diesen Weg — den der steigenden Komplikation des organischen Ganzen und der wachsenden Unterordnung des Individuums — weist uns, im Gegensatz zu den schönen Phrasen der Revolution und zu jener politischen Dilettanterei, die sich Liberalismus nennt, die gesamte Natur. Er mag nicht sehr Ideal sein; er führt aber einzig zum Erfolg bei den Anlagen Deutschlands. Und übrigens, sehen wir nicht in der Wissenschaft, in der Industrie, auf allen Pfaden des Lebens, daß mehr und mehr nach Zeitersparnis, nach Vereinfachung der Mittel gestrebt wird? Die gerade Linie ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten: diese alte Wahrheit tritt jetzt erst als gesetzgebend auch im Gebiet der Praxis auf; denn bei der Verwickeltheit unseres heutigen Lebens ist es unmöglich, daß wir zu Rand kommen, wenn wir sie nicht beherzigen. Der Angelsachse „simplifiziert“, der Deutsche muß „vereinfachen“; der Angelsachse spart Zeit für das praktische Leben, indem er die Kultur opfert, der Deutsche muß Zeit sparen, indem er zugunsten jenes „national weapon“ — der Kultur seines Intellektes die politischen Methoden summarischer und wissenschaftlicher gestaltet und es somit erreicht, daß in kurzer Zeit ein weiter Weg zurückgelegt wird. Zur wahren organischen Unterordnung — nicht Sklaverei — gehört eine höhere Bildung, als sie das englische System erfordert oder auch nur gestattet. Wie der Engländer sein Bestes vereinzelt, so leistet der Deutsche sein Bestes in Gemeinschaft. Dem Angloamerikanismus kann Deutschland nur dadurch den Rang ablaufen, daß es eine völlig andere Methode verfolgt und als geschlossene Einheit — diszipliniert und methodisiert, wie unser guter Dewar richtig sagt — auftritt. Deutschland — dessen bin ich fest überzeugt — kann innerhalb zweier Jahrhunderte dahin gelangen, die gesamte Erdkugel (teils unmittelbar politisch, teils mittelbar, durch Sprache, Kultur, Methoden) zu beherrschen, wenn es nur gelingt, beizeiten den „neuen Kurs“ einzuschlagen, und das heißt, die Nation zum endgültigen Bruch mit den angloamerikanischen Regierungsidealen zu bringen. Die Freiheit, die Deutschland braucht, ist die Freiheit, wie Friedrich sie verstanden — unbeschränkte Freiheit des Denkens, der Religion, der Wissenschaft — nicht die Freiheit, sich selber schlecht zu regieren.
    „Äußerlich begrenzt, innerlich unbegrenzt“ ist auch für diese Erkenntnis die Formel; nach jeder Richtung hin muß sie Parole werden. Würde sie es, so machten mir keine Zahlen bange. Ein rassenbewußtes, vom Mittelpunkt aus bis in die Extremitäten, trotz der Sondercharaktere der verschiedenen Stämme, einheitlich organisiertes und zielbewußtes Deutschland würde — wenn auch an Einwohnerzahl weniger reich als das Angelsachsentum und das Russentum — dennoch, zugleich durch äußere Macht und durch innere Geisteshöhe, die Welt beherrschen.
    Doch wieder ist die Feder mit mir durchgegangen! Einen angemessenen Schluß finde ich vielleicht, wenn ich zu meinen eigenen kleinen Angelegenheiten zurückkehre und Eurer Majestät melde, daß ein reicher süddeutscher Fabrikant (der ungenannt zu bleiben wünscht) die Summe von 10 000 Mark gestiftet hat zur Verbreitung der „Grundlagen“. Der Mann schrieb an mich und wollte, daß ich die Ideen der „Grundlagen“ auf wenige Seiten zusammendränge und in möglichst populäre Form umgieße, wofür er dann — nebst einem großen Honorar an mich — die Verbreitung zu Hunderttausenden von Exemplaren auf seine Kosten in Szene setzen wollte. Ich weigerte mich natürlich und suchte ihm begreiflich zu machen, daß aus derartigen demagogischen Wirkungen nie etwas Gutes hervorgehen könnte, und sagte ihm,   i c h   jedenfalls würde niemals daran teilnehmen; vielmehr käme es mir einzig auf die Verbreitung grundlegender Ideen unter den Gebildeten und Führenden an, aus denen vielleicht nach und nach einiges Gute hervorgehen könnte. Das wirkte wohl wie eine kalte Dusche; denn der gute Mann hatte schon von einem „neuen Hutten“ gesprochen, und nun war diese Hoffnung dahin. Außerdem hatte ich ihm gesagt, meine Lebensarbeit sei schon für mich vorgezeichnet, und ich beabsichtige nicht, nach rechts oder nach links davon abzuweichen, am allerwenigsten geize ich aber nach der Bewunderung des süßen Pöbels (aus den oberen, mittleren und unteren Volksklassen). Und siehe da, es war doch ein braver, guter deutscher Mann. Er war zwar enttäuscht und schreibt mir auch jetzt hin und wieder Briefe mit Ratschlägen, die ich nicht befolge; an meinen Verleger aber zahlte er 10 000 Mark ein zur Verbreitung der „Grundlagen“; ungefähr 850 Exemplare werden infolgedessen jetzt an Lehrerbibliotheken und ähnliche Anstalten zur Verteilung kommen, was um so dankbarer zu begrüßen ist, als das Werk — wie ich höre — auf allen größeren Bibliotheken so andauernd mit Beschlag belegt ist, daß Leute in kleinen Städten, wenn sie nicht in der Lage sind, es zu kaufen, es niemals zu Gesicht bekommen können. Ich hoffe, das Beispiel des wackeren Huttenschwärmers wird „kontagiös“ wirken und so nach und nach die Verbreitung durch ganz Deutschland bewerkstelligen.
    Dagegen hat sich die von Eurer Majestät gewünschte englische Übersetzung bis zur Stunde nicht verwirklichen lassen. Einen ganz vortrefflichen Übersetzer hätte ich, und Dr. Strong — librarian to the House of Lords — hat sich (wie ich erfahre, denn persönlich kenne ich ihn nicht) energisch für die Sache verwendet. Doch man schreibt mir, daß Sir Rowland Blennerhassett, der irische Ultramontane und Deutschenfresser, von Verlag zu Verlag gelaufen ist, um alle gegen mein Werk aufzuhetzen. Man sieht, wie Antigermanen und Antiprotestanten das Werk fürchten. Mir steht in England kein Einfluß zu Gebote, fähig, diesen feindlichen zu überwinden.
    Und nun bleibt mir nur noch — last but not least — die untertänige Bitte, Ihrer Majestät der Kaiserin — falls sich die allerhöchste Frau meiner noch entsinnt — in dankbarster Verehrung zu Füßen gelegt zu werden. (Die „Worte Christi“, für die sich Ihre Majestät zu interessieren geruhten, sind inzwischen in holländischer und in schwedischer Übersetzung erschienen; eine zweite deutsche Ausgabe wird bald nötig sein und dann wahrscheinlich in kleinerem Format, zu billigerem Preise, herauskommen.) — Auch jedem der Anwesenden an jenem für mich unvergeßlichen Abend des 30. Oktober 1901 habe ich ein dankbares Gedächtnis bewahrt: Gräfin Brockdorff, Gräfin Keller, Graf Keller, Fräulein von Gersdorff, Minister von Lucanus, General von Scholl, Kapitänleutnant Grumme, Herr von Trotha — alle haben durch die Güte und Nachsicht, mit welcher sie dem plötzlich bei Hof eingeschneiten Fremdling begegneten — sich einen dauernden Platz in meinen Gehirnwindungen verdient. Selbst den guten Lakaien, der mich so sorgfältig pflegte wie ein Kindermädchen das Baby, und der ein ebenso merkwürdiges Deutsch sprach, wie etwa hierzulande die böhmischen Ammen, habe ich nicht vergessen. Es lebt und webt alles und jedes aus jenen Tagen, das Große und das Kleine, das Entscheidende und das Geringfügige. Schwer bis zur Unmöglichkeit ist es, sich eines guten Rufes würdig zu erweisen, doch in einem Punkte werde ich — das weiß ich — dem besten stets Ehre tun, nämlich in bezug auf die ehrerbietige, innigst treue Dankbarkeit, mit welcher ich bin

Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

in Ehrfurcht ergebener Diener

Houston Stewart Chamberlain.

 
    P. S. — Den Korrekturabzug eines Aufsatzes über England, der nächsten Monat in Lohmeyers Zeitschrift in Berlin erscheint, bin ich so frei beizulegen, weil ich voraussetze, daß er Eure Majestät interessieren könnte und vielleicht sonst nicht zu Gesicht käme.
    Den allerehrerbietigsten Dank für die meinem Onkel Sir Neville Chamberlain ³ erwiesene letzte Ehre möchte ich nicht unterlassen auszusprechen, wenn es auch sofort durch die bevollmächtigten „executors“ im Namen der Familie geschah. Der letztüberlebende Bruder aus meines Vaters Generation, Lieutenant-General Sir Crawford Chamberlain, hätte gern persönlich an Eure Majestät deswegen geschrieben, sagte mir aber damals, er getraue es sich nicht. Ob er sich inzwischen eines Besseren besonnen, weiß ich nicht. Mit Sir Neville schwand das letzte Familienmitglied hin, das für mich und meine Arbeiten (die er aber nicht lesen konnte) Interesse hatte.
    Jetzt — nach der Unterbrechung des Vorwortes — begebe ich mich in strikteste Klausur auf mehrere Monate, um mich ausschließlich dem Studium von Plato und der Arbeit an dem Kapitel „Plato“ und „Entwicklungslehre“ meines Kantbuches zu widmen. Höchstens möchte ich noch ein Wort für die Rumänen einlegen. Vor einigen Jahren hatte ich einen Aufsatz über die rumänische Judenfrage 4 geschrieben, der mich dort zu einer Art Berühmtheit gemacht hat; er soll in Tausenden von Exemplaren durch das ganze Land verbreitet sein. Und jetzt schreiben mir die armen Leute Brief über Brief und flehen mich an, ihnen in ihrer Bedrängnis beizustehen; auch standten sie mir manches Interessante an authentischen Darstellungen der Lage. Doch schließlich, was vermag   i c h?   Ihnen zuliebe wollte ich wenigstens meinen früheren Aufsatz jetzt als Flugschrift deutsch herausgeben; doch mein Verleger geriet sofort in zitternde Angst und schrieb mir: drei Viertel aller Dozenten und Professoren der Philosophie in den Ländern deutscher Zunge seien Juden oder Judenknechte, und mein Ruf sei schon miserabel genug unter ihnen; veröffentliche ich aber ein Pamphlet zugunsten der Rumänen, so würden sie wie ein Mann meinen „Kant“ gleich beim Erscheinen zermalmen. — Ich glaube, der gute Mann irrt sich in bezug auf das Zermalmen; das geht heute nicht mehr so leicht; und mehr hassen, als jetzt schon, könnten sie mich auch kaum. Was mich persönlich unschlüssig macht, ist, daß ich nicht gern etwas täte, was mich in den Ruf brächte, als mischte ich mich in die Tagespolitik. Von allen Pfuschereien ist mir die politische die verhaßteste. Damals war es eine theoretische Rundfrage gewesen: Sollen die Rumänen allen Juden die Naturalisation und mit ihr zugleich die politische Gleichberechtigung und das Recht auf Grunderwerb einräumen; und ich — der ich solche Sachen sonst immer in den Papierkorb werfe — hatte empfunden, hier wäre Schweigen eine Feigheit, und zwar um so mehr als Mommsen, Zola usw. den armen Leuten schon die üblichen Humanitätsmühlsteine, statt Brot, gereicht hatten; und so schrieb ich und zeigte an der Geschichte Englands — das ja während der Jahrhunderte seines Werdens keinen einzigen Juden im Lande duldete —‚ daß eine junge Nation notwendig zugrunde gehen muß, wenn sie 16% Juden beherbergt und diesen den Zutritt zum Bodenbesitz und der Regierung offen läßt; in fünfzig Jahren wären die Rumänen samt und sonders nur noch Heloten der Juden. Doch augenblicklich ist die Frage gar sehr aktuell, für die Behandlung durch einen Privatmann, und ich sehne mich aus ganzer Seele nach Ruhe und Abgeschiedenheit.
    Höchst bemerkenswert in bezug auf diese herrliche Ruhe ist folgende Tatsache: daß nämlich die Indoarier tatsächlich   g a r   k e i n e   S i e g e s b e r i c h t e   z u r ü c k g e l a s s e n   h a b e n,   trotzdem sie von jeher Krieger waren, ihre Könige stets Soldaten und ihre oberste Gesellschaftsklasse die der Waffenhelden. Während die dem Herzen unseres guten D. so teuren semitischen Monarchen (Hammurabi & Cie.) jedes Scharmützel ihrer Söldner gleich in Ton einbrennen und in Granit einbauen ließen zu ihrem ewigen Ruhmesangedenken — wobei sie nachgewiesenermaßen häufig wie gedruckt logen —‚ gibt es über alle die Kriegszüge, die Schlachten und die Heldentaten der Jahrtausende währenden indoarischen Geschichte kein einziges Dokument — nur Gedichte, und zwar Gedichte, in denen auch der Feind gerühmt wird.
    Folgendes fand ich neulich in dem katholischen Priesterblatt „Pastor Bonus“ (Trier). Abgefallene Priester vergleichen sie   „g e f a l l e n e n   G ö t t e r n“.   Ergo ist jeder römische Priester ein   G o t t!   — Auf der einen Seite diese blöde Blasphemie, auf der anderen „Los von aller Religion“; wahrlich, wir sollten zusammenhalten, wir hätten Veranlassung dazu genug.
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    ¹ „Die Fackel“ Nr. 92/1902 „Katholische Universitäten“, wiederabgedruckt in „Rasse und Persönlichkeit“.
    ² „Grundlagen“, S. 663.
    ³ Feldmarschall.
    4 Über die Judenfrage in Rumänien. Nuova Revista Romana (Bukarest) X/1900.
 
165-168 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Neues Palais, 21. XII. 1902.

Lieber Mr. Chamberlain.

    Auf die Gefahr hin, in den Verdacht der Aufdringlichkeit zu kommen und in Ihre Arbeit über das Kantbuch störend einzugreifen, bitte ich Sie, mir diese Antwortzeilen zu vergeben. Wir Könige stehen ja bekanntlich leider in dem Rufe, meist in nur losem Konnex mit der Göttin der Dankbarkeit zu stehen, und da muß ich doch das Meine dazu tun, daß ich Ihnen gegenüber nicht in solchem Lichte erscheine! — Innigen und herzlichen Dank für Ihren Brief und die Beilage. Ich habe beide sorgfältig und öfters durchstudiert und darüber nachgedacht. Die Hauptpunkte, unsere Zukunft, ihre Aufgaben betreffend, habe ich als Programm in Görlitz „point blanc“, wie der Brite sagt, unter die Zuhörer gefeuert. Ich war ja so froh, daß Sie dem, was ich innerlich fühlte und was in mir rang, in so lapidarischer Weise Form und Worte verlieben hatten. Ich beobachtete die Gesichter, gespannte Aufmerksamkeit und Staunen war da zu lesen. Es war ganz etwas anderes, als sie erwartet hatten, und es war etwas Neues! Zu meinem Erstaunen habe ich bald erfahren und gesehen, daß im Lande die Aufnahme eine günstige war. Von den Universitäten und Professoren war das natürlich, und von dort klang es hell und dankbar zurück. Aber auch „Nichtfachleute“ hatte es gepackt. Nur die Orthodoxie von rechts und links grollte! Sie hat einen argen Schreck über die „Weiterbildung unserer Religion“ bekommen und kaut seitdem an dem Ausdruck herum, ohne ihn verstehen zu wollen oder zu können. Möge das Samenkorn Frucht bringen! Ihre vier Essays — exklusive Rasse — habe ich im Kreise der Meinen vorgelesen und haben wir herzhaft diskutiert und verhandelt. Ja das Alte Testament! Und gar die Genesis! Ei! Ei! Das waren doch gar überraschende Dinge, die Sie daraus mitteilten, und ungern läßt man vom Althergebrachten. Aber ich habe den Eindruck, daß doch allmählich es klar wird, worauf es dabei ankommt, und das habe ich bei den Kontroversen stets betont. Wir haben den Heiland, und der muß für uns die Hauptsache sein und voranstehen, und mit dem muß man sich völlig beschäftigen. Von dem aus kann man auf das Alte Testament „rückwärts konstruieren“! He is a fact! Zumal für uns; was vor ihm war, ist eine Erläuterung, soweit sie nachweisbar ist, ein Hinweis auf Ihn! Aber für uns jetzt muß absolut das „Ich aber sage euch“ des Herrn Jesus Christus gelten. —
    Wie richtig und zugleich wundervoll sagen Sie, daß für den Menschen es unmöglich ist, für transzendentale Dinge sich Form oder Begriff zu machen — i. e. von Gott —‚ daß aber wir ja in der glücklichen Lage sind, einen Anhaltspunkt, einen Hinweis zu haben: denn „Christus ist ja Gott“, Er hat sich in ihm offenbart! —
    Das schlug vollkommen durch, und nachdem die nötige Menge von Broschüren aus München nachbestellt waren — in Berlin waren keine mehr zu haben —‚ gehen jetzt alle unsere Damen mit Ihrem Vorwort unter dem Arm umher und fallen ahnungslose Geistliche an, die es zu lesen bekommen. Ich habe die Broschüre an viele Freunde, Geistliche, auch katholische Damen gesandt. Habe überall reges Interesse gefunden, wobei mir zu meiner großen Freude ein älterer Stabsoffizier sagte, daß diese Schrift unsere Leutnants sehr interessieren werde, da fast jeder junge Offizier des Gardekorps die „Grundlagen“ studiere und bespräche! Nun noch ein Wort von Delitzsch. In Ihrer Behandlung des Vortrages von Bibel und Babel gehen Sie von der Ansicht aus, daß er im semitischen Sinne und Interesse gearbeitet habe. Wir alle, die den Vortrag hörten, haben diesen Eindruck nicht gehabt. Er war von seiner Materie sehr erfüllt und begeistert und ging doch auch dem Alten Testament zu Leibe, insofern er die Ansicht zum erstenmal öffentlich aussprach, daß in der Genesis hauptsächlich Mythen und Überlieferungen seien. Das erregte damals schon einen ganz ungeheueren Sturm unter Damen und Pastoren, daß er ganz fürchterlich mitgenommen wurde und nur wenig Verteidiger fand. Bei den Diskussionen verschwand das „Semitische“ völlig, und es blieb nur das Assyriologische oder rein Religiöse übrig, je nach dem Standpunkt des Betreffenden. Aber ich habe nicht den Eindruck gehabt, daß er uns „semitisch“ hat „einspinnen“ wollen, dazu ist es ein zu einfacher und ehrlicher Mensch. Er ist eben von einem mehrmonatigen Ausflug nach Babylon heimgekehrt und wird Anfang nächsten Monats einen neuen Vortrag halten, bei dem er auch Ihren Aufsatz widerlegen will. — Neulich erzählte uns ein Landgeistlicher aus einem Dorf an der russischen Grenze, dem ich Ihre „Grundlagen“ geschenkt hatte, daß er das Kapitel über die Erscheinung Christi einem aus seiner Kirche ausgetretenen Atheisten zu lesen gegeben. Derselbe habe es ihm tief erschüttert zurückgebracht und habe unter Tränen um Wiederaufnahme in die Gemeinde und die Sakramente gebeten und sei ein frommer Christ geworden! — Sie haben eine Seele gerettet, das herrlichste, was ein Mensch vollbringen kann, mögen Sie unser deutsches Volk, unser Germanentum retten, dem zum Helfer und getreuen Eckhardt Gott Sie gesandt hat! — Zur Weihnachtsgabe sende ich Ihnen ein Bild¹, einen historischen Moment darstellend, an welchem aus britischem Munde ein gewaltiges Wort fiel, auf das wir stolz sind! Nun a merry Christmas and a happy New Year mit Gottes reichstem Segen wünscht herzlich in treuer Freundschaft

Ihr


Wilhelm

I. R.
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    ¹ „Germans to the front.“
 
168-188 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

4. 2. 1903

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

traute ich mir nicht, den ehrerbietigen und tiefempfundenen Dank für die mir am Weihnachtsabend, Punkt 7 Uhr, zuteil gewordene, mich wahrhaft beglückende, zwiefache Bescherung schon früher auszusprechen; mit Rücksicht auf die Jahreszeit und ihre für gekrönte Häupter so sehr gehäuften Pflichten mußte ich fürchten, lästig zu fallen; dazu kommt, daß ich selber fast unausgesetzt krank war, vielfach auch bettlägerig; und habe ich auch in Fiebernächten manchen gar so schönen Brief an Eure Majestät in Gedanken geschrieben, der Tag brachte nur Mattigkeit und völliges Unvermögen. Jetzt erhole ich mich langsam und darf vielleicht hoffen, diese Zeilen an einem Tage zu Füßen zu legen, der mir unendlich viel teurer ist als der konventionelle Jahresanfang. Gottes Wege sind unerforschlich; doch wenn ein Mann mit noch größerer Inbrunst als alle anderen zum Himmel betet, Eure Majestät möge lang in voller Geisteskraft regieren, so ist es gewiß der Einsiedler von der Blümelgasse. Denn er steht ja abseits; für sich hat er weder zu fürchten noch zu hoffen, da er vom Monarchen nichts seine Person Betreffendes zu wünschen hat; und eine solche Lebensstellung macht eigentümlich hellsichtig, und wer hellsichtig ist, weiß, was die Regierung eines solchen Monarchen zu bedeuten hat.
    Es ist ein schmerzliches Vorrecht, Deutschland so zu lieben, wie ich es liebe. Wie angenehm wäre es, um das Sternenbanner der Dollardynastien zu tanzen! Wie bequem für den geborenen Engländer, sich dem Taumel des „greater England“ hinzugeben! Doch für mich war anderes bestimmt; mich hat die Vorsehung einen anderen Weg geführt. Aus den Dollars werden immer wieder nur Dollars entstehen, weiter nichts; geistig leben wird Amerika nur genau so lange, wie der Strom europäischer Geisteskraft ununterbrochen dorthin fließt, nicht einen Augenblick länger; jener Weltteil erzeugt Sterilität, das ist nachweisbar; er hat ebensowenig eine Zukunft wie eine Vergangenheit; die Hauptsache ist, daß wir Europäer uns mit weisester Voraussicht gegen die halbtausendjährige Gefahr des mechanischen Zertretenwerdens wappnen und so imstande seien — komme, was mag —‚ ein Bruchstück wahrer Kultur künftigen Geschlechtern gerettet zu übermachen. Ungleich interessanter ist das Imperium Britannicum. Doch die Engländer sind auf eine schiefe Bahn geraten. Wie im nachcaracallischen Rom der civis romanus ist der civis britannicus jetzt ein rein politischer Begriff geworden; während die klugen Franzosen die Naturalisation immer schwerer machen, so daß man im besten Falle nach vielen Jahren die vollen Bürgerrechte empfängt, kommt es in England nur auf einen Paß an, der 2 Shillings und 6 Pence kostet, und der jedem Basutoneger ohne weiteres zur Verfügung steht; bald wird es in ganz Europa keinen Gauner größeren Stils geben, der sich nicht „Engländer“ nennt. In fünfzig Jahren wird der englische Adel eine reine Geldoligarchie sein, ohne jede Rassensolidarität und ohne irgendeine Beziehung zum Thron; als ich bei meinem letzten Besuch in England nach einer großen Anzahl new-fledged Lords mich erkundigte und erfuhr, es seien Bierbrauer, Tintenfabrikanten, Reeder, fügte man erläuternd hinzu: „Nowadays whoever has got 3 millions sterling is a peer.“ Und die Krone selbst? Hier können wir erfahren, welche unvergleichliche idealisierende Gewalt im echten monarchischen Prinzip ruht. Höchste Macht und höchste Verantwortlichkeit: das sind die zwei Faktoren, die diesem Gedanken Größe geben. Ein König verkörpert gleichsam den idealen Gedanken, aus dem die ganze Nation hervorgeht; hier wird sichtbar, was sonst, an tausend Orten zerstreut, nur fragmentarisch sich behauptet. In England aber hat die Oligarchie, unter dem Deckmantel des Konstitutionalismus, dem König jede Verantwortlichkeit und damit zugleich — mit logischer Notwendigkeit — jede Macht genommen; nicht einmal seine Minister kann er ernennen. Sehr bald wird ein englischer König kaum etwas mehr sein als ein Mittelpunkt für den gesellschaftlichen Snobismus. Ich lege hier den Finger nur auf den einen Punkt: er ist aber bezeichnend für den Bankrott des Idealismus in England auf der ganzen Linie —, und mit diesem schwindet die wahre Lebenskraft und beginnt die zunehmende Elefantiasis der plumpen Materie bis zur endgültigen Erdrosselung der Seele. Wir Menschen sind aber darauf angewiesen, eine Seele zu haben und zu pflegen; sonst sind wir weder mehr noch weniger als elektrisch beleuchtete, drahtlos telegraphierende Affen.
    D i e   W ü r d e   d e s   M e n s c h e n:   das ist es, was jetzt in Deutschlands Händen ruht; was Schiller zu den Künstlern spricht, das kann man dem ganzen deutschen Volke zurufen:
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben;
Bewahret sie!
Sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich heben.
    Und das ist keine Schwärmerei; es ist leidenschaftslose Erkenntnis, wie sie wohl in dieser Klarheit nur einem zuteil werden kann, den die Vorsehung aus jedem süß-wiegenden nationalen Vorurteil losgelöst hat, um ihn abseits in die Einsamkeit zu führen. Sowohl die Gesamtleistung des deutschen Volkes, wie auch — ganz besonders — die unvergleichlichen Genies, die dieses Volk — und in den letzten zwei Jahrhunderten dieses Volk allein — hervorgebracht hat, zeigen mit unwidersprechlicher Genauigkeit, daß hier der Mittelpunkt, das schlagende Geistesherz der Menschheit ist (womit die großen Verdienste ringsumher in keiner Weise verkannt oder verkleinert werden sollen, noch zu werden brauchen).
Der Dichtung heilige Magie
Dient einem weisen Weltenplane
sagt wiederum Schiller — und (um diese Bemerkung gleich einzuschieben) welches Land hat einen zweiten Schiller? Wo kann man unter den vielen verdienten und geistvollen Literatoren unserer Zeit einen einzigen finden, der als moralische Macht, der als fortwirkende nationale Kraft das bedeutete, was Schiller für die Deutschen — und durch Vermittlung der Deutschen für die ganze Welt — bedeutet? Man stelle nur den ihm am nächsten verwandten und an Begabung ihm völlig gleichen Lord Byron neben ihn! Aufbauen, Emporfliegen, Festgegründetsein, moralische Verantwortlichkeit, glühende Vaterlandsliebe bei dem einen; bei dem anderen Niederreißen, Frivolität, Auflösung, Egoismus, zynische Verhöhnung des eigenen Volkes. Ein englischer Dichter von Genie   k a n n   heute nur im Gegensatze zu seinem Volke auftreten; um das Ideal des „make your heap“ kann keine gottverwandte Kunst sich ausbilden. Und nur die „heilige Magie“, die einem „weisen Weltenplane“ dient — denn im Gegensatz zu der „Wissenschaft“ des Herrn Professor Delitzsch glaube ich an eine göttliche Lenkerhand und glaube an eine Offenbarung —‚ wo sehen wir sie am Werke? Dichterische Weltgenies jetzt ausschließlich im deutschen Volke. Beethoven ist eine der größten Gewalten, eine der unmittelbarsten göttlichen Offenbarungen, die je unserem Geschlechte entwuchsen. Hier steht das Genie katexochen vor uns, das rein poetische Genie, der Dichtung heilige Magie losgelöst aus aller Zeitlichkeit, aus aller Zufälligkeit des Wortes und des Begebnisses, der reine Ausdruck, die Sprache der Zukunft, die Sprache eines höheren Geschlechtes, das noch ungeboren in unserem eigenen Schoße kreist. Hier lodert Gottes Gegenwart heller vor unseren Augen auf als in dem Busche am Sinai, und wenn irgendwo, dann vernehmen wir hier eine Stimme, die der Seinen verwandt sein mag. Und ich frage: wo konnte diese Stimme ertönen, wenn nicht einzig in der Brust eines Deutschen? Zugleich mit diesem Übermenschlichen gebar aber Deutschland den vollendeten Menschen: Goethe. Wie können die Leute denn so kurzsichtig sein, nicht einzusehen, daß gerade die Größten tiefere Wurzeln in ihre Umgebung treiben als alle anderen? Goethe ist geradezu eine Verkörperung des Deutschen; er hat alle seine Fehler und alle seine Tugenden; er ist gleichsam die Steigerung ins Gigantische des alltäglichen deutschen Bürgers und Gelehrten und pflichttreuen Beamten; insofern hatte sogar der scharfsinnige Lessing nicht so ganz unrecht, als er in übelgelaunter Stunde von Goethe urteilte, er sei „ein ganz gewöhnlicher Mensch“ — ja gewiß ein ganz ungewöhnlicher gewöhnlicher Mensch war er. Und wenn wir sagen, dieses Unikum in der Geschichte der ganzen Menschheit war von Kopf zu Fuß ein Deutscher, was sagen wir dann anderes, als daß nur Deutschland dieses Phänomen erzeugen konnte? Da haben wir nun die beiden entgegengesetzten Pole der Menschennatur: das rein Dämonische und das abgeklärt Menschliche, die eruptive Gewalt des titanenhaften, alle Materie zertrümmernden, in ein göttliches Jenseits entfliehenden Gemütes und die architektonische, auferbauende Kraft des naturverwandten, seine Leidenschaften bändigenden, olympisch heiteren Weisen, beides Höhepunkte, beides hinfürder Diktatoren im Reiche aller menschlichen Kultur und beides Deutsche. Zugleich mit ihnen lebte und schuf jener dritte Diktator, der als Erster den Menschengeist wirklich befreit hat, der Denker, an dem seitdem jede Weltanschauung — selbst die absurder, selbst die gegen ihn gerichteten — angeknüpft hat, und dessen gesetzgebende Gedankengewalt erst jetzt zur wahren Geltung kommen wird — denn es braucht mehr als ein Jahrhundert, damit die Menschen eine solche kopernikanische Umwälzung aller unserer Grundvorstellungen zu begreifen beginnen; und konnte Kant etwas anderes sein als Deutscher? Aus Schottischem Blute entsprossen, mußte er in Deutschland geboren werden, um das   a u s s p r e c h e n   z u   k ö n n e n,   w a s   e r   d a c h t e   und was keine Übersetzungskunst ins Englische zu übersetzen vermag. Die höchsten Gedanken, deren der Menschengeist heute fähig ist, können nur in der deutschen Sprache einen adäquaten Ausdruck finden! Können wir denn achtlos an einer solchen Tatsache vorübergehen? Ist es zu viel, wenn wir behaupten:
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben? —
Und dann wieder jene freilich noch lange nicht genug und nicht richtig gewürdigte, stupende Erscheinung: Richard Wagner. Meiner Überzeugung nach ist er der größte Poet der Menschheit. Drei Namen bezeichnen die absoluten Höhepunkte: Homer, Shakespeare, Wagner. Doch — wenn in solchen Dingen das Vergleichen überhaupt einen Sinn hat — dürfen wir sagen: sowohl in bezug auf gedrängte Gestaltungskraft, wie auch in bezug auf Reichtum, Bestimmtheit und Gewalt des Ausdrucksvermögens ist Wagner der größte. Und wie Kant ein höchstes Denken, das nur deutsch gedacht werden kann, so hat Wagner ein Kunstwerk geschaffen, welches so unauflöslich mit der deutschen Sprache verknüpft ist, daß es auseinanderfällt, sobald ein einziges Wort verschoben wird. (Diesen Mann, wie es die Zeitungen für die Denkmalsenthüllung ankündigen, nur mit Singsang und musikalischem Kongreß feiern, ist allerdings bittere Ironie; ein Triumphlied von Bach, Beethovens Schlacht bei Vittoria, im Theater Sophokles' Antigone und Shakespeares Macbeth, dazu dann in geschlossenem Saale die Prunkrede eines   N i c h t m u s i k e r s   über den dichterischen Hochwert sowie auch über die   d e u t s ch e   Bedeutung dieses glühenden Patrioten, der wie Luther von sich hätte sagen können: „Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen!“: so ungefähr könnte man ihn würdig feiern.)
    Hat Schiller recht, gibt es einen weisen, göttlichen Weltenplan, dem der Dichtung heilige Magie dient, dann können wir Sterbliche das eine mit Sicherheit enträtseln, daß in diesem Plane dem deutschen Volke eine besondere Rolle zufällt.
    Doch auch abseits von der Dichtung gilt dasselbe. Freilich ist die Suprematie Deutschlands auf dem Gebiete der Wissenschaft augenblicklich wohl in der Gesamtleistung als Masse, nicht aber in bezug auf die leitenden Genies so klar ausgeprägt wie auf dem Gebiete der Poesie. Das kommt aber daher, daß die Wissenschaft sich noch in einem Übergangsstadium befindet, vergleichbar etwa dem Zustande der Poesie am Anfang des 18. Jahrhunderts. Es fehlt noch die ideale Weltanschauung, und so lange sie nicht da ist, kann der Deutsche sein Höchstes nicht leisten. Auf der Naturwissenschaft lastet der Druck des Materialismus und der borniertesten Empirie. Nur dadurch erklärt es sich. daß tüchtige, doch durchaus untergeordnete Geister wie Virchow, Dubois Reymond, Koch usw. eine führende Rolle spielen konnten, während Männer ersten Ranges wie Helmholtz philosophisch hilflos herumtappen und strahlende Genies wie Heinrich Hertz wirkungslos blieben, als hätten sie nie gelebt. Doch es kommt ein neuer Tag, ich weiß es. Und ist er erst da, so wird der deutsche Geist mit einem einzigen Satze sich in der Wissenschaft ebenso in die erste Reihe der leitenden Geniusse schwingen, wie er es in den hundert Jahren, die von Götz zu den Meistersingern führen, auf poetischem Gebiete getan hat. Heute ist die Perspektive noch ganz verschoben, und ein Darwin steht vor unseren Augen in ungeheuer übertriebener Größe; es ist die Epoche der Vorherrschaft der mittelmäßigen Geister; doch das Bild wird sich von selbst zurechtrücken, wenn erst die wahrhaft großen Gedanken das Heft ergriffen haben werden.
    Das alles, Majestät, gehört zu meinem Geburtstagsgruß. Denn patriotische Phrasen sind mir verhaßt und konventionelle Glückwünsche ebenfalls. Es handelt sich um gar ernste Dinge, um nichts Geringeres — wir sahen es —‚ als um die Würde der Menschheit. Und was würde nun diese überreiche Begabung, die Gott Deutschland anvertraut hat, was würde diese Last an „Talenten“ und damit auch an Verantwortung nützen, wenn nicht die   p o l i t i s c h e   Möglichkeit gegeben wäre, dieses Volk am Leben zu erhalten, es zu ernähren, zu erstarken und seine Sprache als Träger seiner Kultur über die ganze Erde auszubreiten? Und muß nicht gerade hier, wer Deutschland liebt und seine Mission erkennt, Stunden der Verzweiflung durchleben? Hat man je ein in bezug auf politischen Instinkt so armseliges Volk gesehen? Ich möchte manchmal mich einschließen und darüber weinen — so jammervoll ist der Anblick. Und warum hoffen wir doch? Inwiefern sind wir berechtigt zu sagen: ja, auch in politischer Beziehung ruht sichtbar die Hand Gottes auf diesem Volke; es kann und wird seine hehre Aufgabe erfüllen? Der eine einzige Umstand, in welchem Deutschland den anderen führenden Nationen gegenüber politisch im Vorteil ist, das ist der Besitz des Königsgeschlechts der Hohenzollern. Blicken wir umher, nirgends sehen wir mehr eine Dynastie, die eine moralische Macht bedeutet; es ist tief betrübend, aber es ist so; der Almanach de Gotha mag die hohen Namen in goldener Lettern drucken, die Geschichte aber schreitet wie eine Naturmacht daher, die nur vor Tatsachen und nicht vor Worten zur Seite weicht. Physisch, moralisch und intellektuell muß ein Königsgeschlecht hoch stehen, wenn es historisch bedeutsam sein soll; schon in früheren Zeiten geben die großen Königstaten nur von außerordentlichen Männern aus, heute aber steht der König vor einer noch weit schwereren Aufgabe. Und der   e i n z e l n e   Monarch tut's auch nicht; es muß ein ganzes Geschlecht sein. Eine königliche Diktatur ist hinfürder ausgeschlossen; manchmal möchte man es bedauern, doch man muß mit Tatsachen rechnen, nicht mit Utopien; — um so gewichtiger ist aber, finde ich, die eigentliche Königsaufgabe geworden, und diese liegt in der folgerechten Vorbereitung der Zukunft, — etwas, was einzig ein über Jahrhunderte sich erstreckendes Geschlecht ausführen kann. Das ist ja das heilige   G e h e i m n i s   des Königstums. Für die Geschäfte des Tages tragen die Minister die Verantwortlichkeit, und ließe man ihnen nicht weitgehende Befugnisse, sie wären bloße Puppen und der König ein Drahtzieher. Jene langsame, schweigende, von Geschlecht zu Geschlecht vererbte Vorbereitung der Zukunft aber ist ein ganz anderes Ding; das liegt abseits der Tagespolitik und der Ressortminister; das ist des Königs ganz eigene Sache; er erbt sie und vererbt sie weiter; und während alles hin und her wankt, bleibt dieses eine bestehen — sobald es Träger der Überlieferung gibt; und darum wird am letzten Ende die Monarchie siegen, wie stark auch die Demokratien und Oligarchien zur Stunde scheinen mögen. In dieser Welt ist keine Kraft größer als die eines festen menschlichen Willens; kann aber derselbe Wille sich durch Jahrhunderte fortsetzen, dann wohnt ihm eine Gewalt sondergleichen inne. Und hier ist es, wo ich Gottes Segen sichtbarlich auf Deutschland ruhen sehe. Für die weithin reichenden Gedanken des Großen Kurfürsten und des großen Königs und des großen Kaisers steht eine unvergleichlich stattliche, in Manneszucht und Pflichtgefühl erzogene Erbenschar da; bleibt dieses Geschlecht echt deutsch, wird es nicht international zersplittert und entnervt, mit dem Blute degenerierender Fürstenstämme infiziert, so dürfen wir wohl hoffen, daß das deutsche Volk — allen Reichstagen, allen politisierenden Professoren à la Virchow, Mommsen und Liszt und allem schwarzen und roten Verräterparteien zum Trotz — doch auch politisch die seiner hohen Mission gebührende Stelle an der Spitze aller Nationen erringen und behaupten wird. Und in dieser Beziehung wäre es gewiß der größte Segen Gottes, wenn ein so vollbewußter Monarch wie Eure Kaiserliche und Königliche Majestät das Ruder in der festen Hand lange führen und an diesem vielleicht gefährlichsten Wendepunkt der Weltgechichte das Alte hinüberretten und das Neue bis zur kenntlichen Gestalt vorbereiten dürfte.
Das walte Gott!
    „Germans to the front!“ Die herrliche Photogravüre liegt eingerahmt vor mir, und da der Mensch sich doch auch etwas einbilden muß, so bilde ich mir ein, nur Eure Majestät und ich wüßten genau, was diese Worte wirklich bedeuten. Das ist so ein königliches Geheimnis, und wäre mir nicht das Glück zuteil geworden, Eurer Majestät naher zu dürfen, ich hätte in meiner Weise dafür zu wirken gesucht, doch nie zu einer Seele davon gesprochen. Ich pries vorhin die Kraft des Willens; doch das Panzerhemd des Willens ist das Schweigen; wie Wagners Wotan sagt: „Laß ich's verlauten, lös' ich dann nicht meines Willens haltenden Haft?“ Eigentlich darf man — wenigstens vor der Welt — nur von Nebendingen sprechen; belehren soll man die Menschen und sie mit Sanftmut oder Stärke auf bestimmte Gleise bringen, sie nie aber die Richtung des gestaltenden Willens erraten lassen. Und so fasse ich denn das gnädige und schöne Weihnachtsgeschenk als eine Art „Finger auf die Lippen“ auf und erläutere nun meinen Freunden — die alle das Gemälde höchlich bewundern — in harmlosester Weise den Vorgang in der Schlacht, die Gegend usw.
    Eure Majestät haben mich recht beschämt mit der Entschuldigung wegen „Aufdringlichkeit“. Ich weiß, ich bin kein Hofmann, und ich zweifle nicht, daß mein Verhalten — sowohl persönlich wie schriftlich — in dieser Beziehung vieles zu wünschen übrig läßt; ich gestehe auch offen, daß ich vom ersten Augenblick an, und trotz der einschüchternden Wirkung einer mir völlig fremden Umgebung, mich freier vor Eurer Majestät gefühlt habe als vor den meisten Menschen. Doch Eure Majestät sind ein schärfer Menschenkenner und wissen gewiß, daß niemand mit innigerer Ehrfurcht dem Kaiser der Deutschen naht als Ich. Freilich behalte ich die Beweise kaiserlichen Wohlwollens möglichst für mich; ich sekretiere sie geradezu; selbst in meiner nächsten Umgebung erfährt gar niemand, daß ich von Eurer Majestät Briefe erhalten oder an Eure Majestät habe schreiben dürfen; ich habe sogar in dieser Beziehung mehr als einmal dreist gelogen; es geht ja niemand etwas an, und ich schreite am liebsten als Mr. Nobody durch die Welt, ungesehen, unbeachtet.   D o c h   u m   s o   m e h r   sind mir die Zeugnisse des kaiserlichen Interesses im Herzen wert; und ich kann Eure Majestät versichern, daß eine eigenhändige Zeile, von der nur ich weiß, mir mehr bedeutet als ein Hofenbandorden, den ich, um anderen Leuten zu imponieren, draußen auf der Brust tragen würde. „Ein jeder ist nach seiner Art — An ihr wirst du nichts ändern“, sagt wiederum Wagners Wotan. Meine Art mag wohl eine besondere sein; namentlich widerstrebt es mir, gewisse Dinge auszusprechen, oder ich tue es nur auf Umwegen — wie meinen heutigen Geburtstagswunsch! —‚ doch undankbar bin ich nicht.
    Und da will ich gleich noch einen Dank aussprechen. Neulich brachte mir der erste Sekretär der hiesigen kaiserlichen Botschaft, Graf Brockdorff-Rantzau — ein Mann, mit dem ich mich recht herzlich befreundet habe — den Zeitungsausschnitt über Kants Schädel, den Eure Majestät zur Mitteilung an mich bestimmt hatte. Ich war tief gerührt von dieser großen und so zart gedenkenvollen Güte — es war das wieder so ein Hofenbandorden von der Art, wie ich sie brauchen kann. Übrigens ist es für mich durchaus noch nicht ausgemacht, daß Kant ein echter Brachyzephal im richtigen Sinne des Wortes war; man beginnt einzusehen, daß es sehr einseitig ist, nur die   r e l a t i v e n   Dimensionen in Betracht zu