Houston Stewart Chamberlain

Briefe

1882—1924

und

Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II.

Zweiter Band: Seite 129—275, Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II., 1901—1923


Houston Stewart Chamberlain, Briefe und Briefwechsel


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Band I, Seite I-VI: Einführung/Inhaltsübersicht
Band I, Seite 001-171: Die Briefe I. 1882-1907
Band I, Seite 172-332: Die Briefe I. 1908-1915
Band II, Seite 001-128: Die Briefe II. 1916-1924

Band II, Seite 129-275: Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II
Band II, Seite 276-288: Verzeichnis der Eigennamen
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129

Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II.

Kaiser Wilhelm II, Huis Doorn 1923

Kaiser Wilhelm II, Hause Doorn, 1923

130

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131 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Euer Kaiserlichen u. Königlichen Majestät

spreche ich für die mir gütigst zuteil gewordene Auszeichnung den ehrerbietigsten Dank aus. Ein Geschenk¹ aus der Hand des Deutschen Kaisers hat eine tiefe, symbolische Bedeutung für einen Mann, der, wie ich, gänzlich außerhalb des deutschen Elementes erzogen, nach und nach, durch eingehende Studien, durch freies Denken, zu der festen Überzeugung gelangt ist, das Heil der Menschheit sei an die Zukunft des deutschen Geistes geknüpft. Dieser Geist aber, eng verwoben mit der hehren Sprache, in der ein Luther, ein Kant, ein Goethe zu der Welt gesprochen haben, kann der Macht als Unterpfand nicht entbehren. Und daß Preußen allein, mit seinem erhabenen Herrscherhause an der Spitze, befähigt ist, das in überreicher Eigenart stets wieder auseinanderstrebende Alldeutschland den Weg zur Macht zu führen, ist eine geschichtlich bewiesene Tatsache. Soeben habe ich innerhalb meines bescheidenen Wirkungskreises diese unbestreitbaren Wahrheiten wieder öffentlich vertreten ² — bei Gelegenheit des Jubiläums, das heute alle Deutschgesinnten feiern. Und so glaube ich denn, das mir huldvoll überreichte Blatt nicht bloß als einen Beweis des allerhöchsten Interesses für mein literarisches Wirken betrachten zu dürfen, sondern auch gleichsam als die Besiegelung durch den Kaiserlichen Willen des Treueeides, den ich schon längst in dem Schweigen meines Herzens der heiligen deutschen Sache feierlich schwur.
    Meinem englischen Vaterlande bleibe ich treu; doch hoffe ich, daß Euer Majestät geruhen werden, in mir wenn auch keinen Untertan, doch einen treuen und überzeugten Diener erblicken zu wollen.

In untertänigster Dankbarkeit

Den 18. Januar 1901.

Houston Stewart Chamberlain.
—————
    ¹ Gedenkblatt zur Feier des 200. Jahrestages der Begründung des Königreichs Preußen.
    ² Aufsatz „Die preußische Rasse“, Tägl. Rundschau 1901, Beilage S. 3—5.

132-141 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Wien, 15. November 1901.

Eure Kaiserliche u. Königliche Majestät

haben mir gnädigst erlaubt, meinen Dank schriftlich auszusprechen. Nach Erledigung einiger dringendster literarischer Verpflichtungen und ehe ich mich von neuem in jene abgeschiedensten und glücklichsten Tiefen der schützenden Schale zurückziehe, wohin das Geräusch des hastigen Tages kaum dringt, und wo ich mein Kantbuch — so Gott will — bis zum nächsten Sommer zu vollenden hoffe, will ich von dieser Erlaubnis Gebrauch machen. Eure Majestät mögen die Gnade haben, folgende Zeilen beiseite zu legen, bis vielleicht an irgendeinem Abend auf dem lieben runden Tisch nichts Gescheiteres zum Lesen aufliegt.
    Um mich deutlich zu machen, greife ich zum Bilde.
    Eure Majestät wissen vielleicht — vielleicht wissen Sie auch nicht, denn selbst der Gebildete erfährt von diesen Dingen wenig oder gar nichts —‚ daß die alten arischen Inder das Königtum, die Macht des Alleinherrschers, die unbedingte Treue gegen den Monarchen für die unbezweifelbare Grundlage aller staatlichen Bildung hielten. Ihre Schriften sind voll von Aussprüchen hierüber. „Die Weisen hatten   b e i d e   Welten im Auge, als sie den Fürsten, das überaus große Wesen, schufen, indem sie dachten, er werde das verkörperte Gesetz sein“; „Wenn die Welt der Lebenden ohne Fürsten wäre, dann würden die Schwachen von den Stärkeren bedrückt werden, da alsdann niemand Herr über seinen Besitz wäre“;   „E i n   mächtiger Alleinherrscher bringt Segen dem Lande: viele Herrscher dagegen stiften hier, wie die vielen Sonnen vom Weltende nur Unheil“ — — — — derartige Sprüche welche diesen aus dem Mahâbhârata und Pançatantra angeführten gleichen, könnten zu Hunderten beigebracht werden. Es läßt sich nun denken, welche Ehrfurcht die Könige bei solchen Völkern genossen, wie unantastbar und erhaben sie dastanden. Und zwar trotzdem die alten Inder klug genug waren und hinreichend witzig, um über die Schwächen der Fürsten, über ihre sehr menschliche Menschlichkeit ihren Spaß zu treiben, und trotzdem ihre Moralisten nicht müde wurden, die Gunst der Fürsten als ein prekäres Gut und das Leben am Hofe als das unerwünschteste Dasein zu schildern. Schon damals suchte eben die Vulgarität und das Strebertum den Thron zu umdrängen, und diese Umgebung verleidete manchen feineren Geistern seine Nähe. Doch gleichviel: Der Monarch war und blieb „das überaus große Wesen“, vor dem ein jeder in Gehorsam sich neigte. Und stets — denn das habe ich zu sagen vergessen — stets gehörte er der Kriegerkaste an und war mehr von Militärpersonen als von anderen umgeben.
    Einen sehr merkwürdigen Umstand berichten nun verschiedene Stellen der Upanishads. Bei einer einzigen Gelegenheit kam es nämlich vor, daß der Mann, in dem sich die monarchische Ordnung verkörperte, von seinem Throne herabstieg und sich verneigend einem anderen gleichstellte: das geschah, wenn ein   D e n k e r   so Vorzügliches zutage schuf, daß der König sich dadurch beglückt und gefördert fühlte. Doch unseren Professoren hat diese in der Brihadaranyaka (wenn ich mich recht entsinne) und auch anderen Ortes berichtete Tatsache viel Kopfschmerzen verursacht: entweder meinten sie, der Monarch habe sich mit so viel Gnade etwas vergeben, oder aber sie schimpften über die veränderten Zeiten und konnten es nicht erwarten, Könige zu ihren Füßen zu sehen. Ich glaube aber, die Sache ist anders zu deuten. Nicht vor dem Denker, vielmehr vor dem Denken verneigte sich der altindische König. Er selber, der Soldat und Herrscher, fühlte sich als Vertreter einer moralischen Weltordnung; die Erfahrung besonderer intellektueller Befähigung stellte ihn plötzlich einer neuen Offenbarung des uns umgebenden Göttlichen gegenüber, — und dem Gott, nicht dem Manne, galt die verehrungsvolle Gebärde. Wobei noch wohl zu beachten ist, daß einzig dem Denker gegenüber sie am Platze war, denn nur er war von der Welt losgelöst und daher unfähig, sie zu mißdeuten und zu Eitelkeit des Herzens umzuwandeln. — Freilich, ein scheinbar sehr hartes Paradoxon dürfte manchen Zuhörer bei dieser Deutung stören: bei dem König ist die Persönlichkeit eigentlich ein Nebensächliches, die Idee ist alles, und auch einem schlechten und bösen König muß man Gehorsam und Ehrfurcht erweisen, da nicht seine Individualität, sondern der soziale Gedanke, den er verkörpert, das Entscheidende ist; bei dem Denker dagegen ist die Persönlichkeit alles, — nur insofern sie bedeutend und ganz eigenartig ist, kann sein Denken für Fürst und Welt Bedeutung besitzen. Wie stimmt das nun, daß die dem Fürsten dargebrachte Huldigung der Person und die dem Denker dargebrachte der Sache gilt? Sehr einfach. Die Person des Fürsten ist die Verkörperung einer   I d e e,   darum bezeugen wir ihr — gleichviel ob sie persönliche Verdienste hat oder nicht — eine Verehrung, die wir dem verdientesten Einzelmenschen nicht erweisen würden; die Person des bedeutenden Denkers dagegen ist insofern das Allerunideellste, als sie notwendigerweise eine ungeheure, man könnte sagen „übertriebene“ Ausprägung der   I n d i v i d u a l i t ä t   als ihre Bedingung voraussetzt. Der König ist — wie die Inder uns vorhin belehrten — „das verkörperte Gesetz“; der Denker dagegen kann nicht Gesetz sein; er ist er, sonst keiner, er ist sich selbst in seinem Denken Gesetz, sonst keinem. Darum gebührt ihm Anerkennung, nicht aber Huldigung; diese kann nur seinem Werke gelten. Und so verstehe ich, wie gesagt, recht gut, inwiefern der arische Soldatenkönig — sobald er selber geistig bedeutend war — sich veranlaßt sehen konnte, gerade diesem individuellen Träger eines Überindividuellen entgegenzugehen; denn die große allgemeine Weltidee, die in dem Kopfe des Denkers mehr oder weniger deutliche Gestalt gewinnt, muß auf die lebendige Verkörperung einer Idee wie ein Magnet auf einen Eisenstab wirken. Und so sehen wir denn an den verschiedensten Beispielen — auch außerhalb des altarischen Kreises —, daß Könige und Denker eine gegenseitige Anziehungskraft aufeinander ausgeübt haben. Nur dann aber kann sie Ersprießliches zutage fördern, wenn wie bei den alten Ariern, das Königtum dem Denker heilig gilt und er die Gnade des Königs weniger auf sich als auf die verborgenen Kräfte in seinem Innern bezieht, die dem allgemeinen Wohl dienen können und sollen.
    Von einem Bild darf man nicht mehr verlangen, als es geben kann, doch glaube ich, daß dieses Bild geeignet ist, Eurer Majestät eine genauere Vorstellung von meinen Gesinnungen bei und nach unserer Begegnung¹ zu geben, als es mir sonst möglich gewesen wäre auszusprechen.
    Zu dieser allgemeinen Auffassung kommt aber noch das große persönliche Moment, und in diesem liegt eingeschlossen die innige und unauslöschbare Dankbarkeit. Denn besteht für den König die große Härte des Schicksals darin, daß er sozusagen nie — oder fast nie — ganz er selbst, ganz Mensch, ganz Individuum sein kann, so besteht für unsereinen die Härte darin, daß das Überindividuelle, das ihn in hohem Maße ausfüllt und ihn ewig aus den Schranken des Individuellen sehnsüchtig hinausdrängt, auf Schritt und Tritt von der Trivialität des Tages, von dem eisernen Gesetz, das ihn zwingt, er selber zu sein — nicht anders als die Menge, nicht mehr als ein jeder — zurückgedämmt, vergewaltigt, manchmal fast zu Tode gequält wird. Wohl schützt Einsamkeit; doch wie dann wirken? Und ohne Wirken, was wäre das Leben? Wirkt er aber, so ist er preisgegeben, und zwar waffenlos. Daher habe ich mich so viele Jahre hindurch nicht entschließen können zu schreiben, denn ich wußte wohl, was kommen würde; ich wußte, daß ich mein Glück — unbekannt, unbeachtet, ungestört zu leben — opfern müßte, und daß ich zu wenig Eitelkeit besitze, um in dem hohlen Widerhall der Notorietät einen Ersatz zu finden für die stolze Ruhe der Einsamkeit. Wie manchmal habe ich mir auch jetzt gesagt: „Hättest du doch, wie du es wolltest, dich auf einer Insel des Stillen Ozeans niedergelassen! Das Spiel der Wellen und ein paar Bücher! Das wäre gescheiter, als Verfasser der 'Grundlagen des 19. Jahrhunderts' zu sein, den jeder Esel bewundern oder beschimpfen darf, wie es ihm gerade sein Flachschädel eingibt.“ Nun siegte aber — gottlob — das Pflichtgefühl; nächsten Frühling werden es zehn Jahre sein, daß ich zum erstenmal die Feder ergriff; seit jenem Augenblick habe ich nicht mehr geschwankt, und ich werde meinen vorgezeichneten Weg weitergehen, so lange Gott mir Leben schenkt. Doch ich weiß nicht, ob Eure Majestät, die das Unglück gekannt hat, vom ersten Schritt an alle Augen auf sich gerichtet zu wissen, sich vorstellen kann, wie schwer es ist, viele Jahre lang allen Glauben an sich aus sich selbst schöpfen zu müssen; gänzlich unbeachtet, ohne Ermutigung, ohne sichtbares Ergebnis, von früh bis spät zu arbeiten; immerfort nur zum Papier zu sprechen, ohne je einen Widerhall zu vernehmen? Und so gerät denn unsereiner, sobald er vor die Öffentlichkeit tritt, in einen Wald von Widersprüchen: er mag keine Notorietät und schreibt doch, um gelesen zu werden, viel gelesen — Goethe sagt: Wer nicht eine Million Leser für sein Buch erwarten kann, soll es lieber ungeschrieben lassen; Lob und Tadel berühren ihn fast gleich unangenehm, und dennoch streckt er in jedem Werke sehnend die Hand nach Freunden aus — — —. Wie nun den Mann finden, der nicht zur Menge gehört und daher alles gleich in den großen, kühnen Umrissen der Fernperspektive erblickt? Den Mann, der so frei dasteht, daß seine Anerkennung unmöglich interessiertes Schmeicheln, und so hoch, daß seine Kritik nicht Beleidigung sein kann? Wohl hatte ich Freunde, Freunde, die mich mit Achtung und Liebe umhegten, — doch da störte wieder mein kritischer Geist, der dem Freundesurteil nicht volle Gültigkeit beimessen wollte. Wahrlich, ich glaube, nur ein König konnte dem halb unbewußten Sehnen völlig genugtun. Unser guter Hans von Wolzogen meinte vor Jahren, die Sage, die Westmorelands stammten von Richard III. ab, müsse doch auf Wahrheit beruhen, und in meinen Adern flössen einige Tropfen Plantagenetblut.
    Daher mein Hochmut und mein Ungestüm! Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, daß Eure Majestät eine gute Tat an mir vollbracht haben, die wahrscheinlich kein anderer Mann vollbringen konnte; daß ich mich für die Jahre hingebender, geräuschloser, wissenschaftlicher Arbeit reichlich belohnt fühle, und daß weder der Spektakel, den augenblicklich die Zeitungen über die „Grundlagen“ machen, noch selbst die so sehr wertvolle Anerkennung zahlreicher Fachgelehrten die eine Tatsache aufwiegen: daß der Deutsche Kaiser mit mir zufrieden ist. Und das ist nicht bloß Lohn; es bedeutet Kraft für die Gegenwart und Anspornung für die Zukunft. Wie die Stimme mir neulich versagte, so versagt mir heute auch die Feder, gewahre ich, wie reich die Gabe war, mit welcher Eure Majestät mich beschenkte. Echter Dank kann immer nur durch Taten zu Worte kommen.
    Und noch eins, ehe dieser zu einer Epistel angewachsene Brief zu Ende geht.
    Eure Majestät und alle Ihre Untertanen sind in einem Heiligtum geboren; die meisten unter ihnen ahnen es freilich nicht, weil man das Tägliche — wie die Strahlen der alles Leben spendenden Sonne — nicht beachtet. Ich aber mußte einen langen, mühsamen Weg zurücklegen, ehe ich das Heiligtum auch nur von weitem erblickte, und dann noch kostete es Jahre heißer Arbeit, ehe ich seine Stufen betreten durfte. Darum schaue ich nur mit Schrecken auf meine Vergangenheit zurück; denn habe ich auch das, was man eine glückliche Kindheit nennen muß, gehabt, für meine Anlagen konnte es kein wahres Glück außerhalb des Deutschtums geben, und ich zittere, wenn ich daran denke, wie spät ich mit der deutschen Sprache in Berührung kam und daß ich sie leicht gar nicht kennengelernt hätte. Denn es ist meine innige Überzeugung — gewonnen durch jahrelange Studien, gewonnen in jenen feierlichen Stunden, wo die Seele mit dem Göttlichen um Erkenntnis ringt wie Jakob mit dem Engel —‚ daß das moralische und geistige Heil der Menschheit von dem abhängt, was wir   d a s   D e u t s c h e   nennen können. In jener „moralischen Weltordnung“, von der Eure Majestät in Liebenberg öfters sprachen, bildet augenblicklich das deutsche Element den Angelpunkt, le pivot central. Die   S p r a c h e   ist es, die uns unwiderleglich davon überzeugt; denn Wissenschaft, Philosophie und Religion vermögen heute keinen Schritt weiterzumachen, außer in der deutschen Sprache. Und das Dasein dieser Sprache belehrt uns über etwas, woran die Erscheinungen des täglichen Lebens uns sonst nicht immer glauben lassen möchten: daß in diesem Volke die höchsten Fähigkeiten vereint sind, höhere als anderwärts. Sprache und Volksseele sind gegenseitig bedingend bedingt; jede wächst aus der anderen hervor; hier ist weiteres Emporblühen möglich, solange beide leben und ineinandergreifen; bei den Romanen sind beide tot; bei den anderen Germanen (ich denke namentlich an England) hat schon seit lange eine Entzweiung begonnen, dank welcher die Sprache nach und nach stumm wird (das heißt ein bloßes Medium für die praktische Verständigung, nicht ein Element, aus welchem neue Gebilde geprägt werden könnten) und die Seele infolgedessen nach und nach ihre Schwingen einbüßt und sich nur mehr wie ein Wurm auf dem Bauche weiterschleppt. Und weil die deutsche Seele unlösbar an die deutsche Sprache geknüpft ist, so ist denn auch die höhere Entwicklung der Menschheit an ein mächtiges, sich weit über die Erde hinausstreckendes, das heilige Erbe seiner Sprache überall behauptendes und anderen aufzwingendes Deutschland gebunden. Die positive Realpolitik des Deutschen Reiches, welche gewiß gar nicht zu nüchtern und matter of fact sein kann, bedeutet darum doch — wenigstens in meinen Augen — etwas anderes als die Politik anderer Länder. Der Angelsachse hat, von jenem Standpunkt einer moralischen Weltordnung aus betrachtet, sein Erbe verwirkt — ich spreche nicht von heute, ich schaue in die Jahrhunderte hinaus; der Russe ist nur die neueste Verkörperung des ewigen Tamerlanreiches, nimmt man ihm sein deutsches Kaiserhaus, so bleibt nur eine in sich zerfallende matière brute; auf den Deutschen allein baut heute Gott. Das ist die Erkenntnis, die sichere Wahrheit, die schon seit Jahren meine Seele erfüllt; um ihr zu dienen, habe ich meine Ruhe geopfert; für sie will ich leben und sterben. „Richard Wagner“, die „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ und das „19. Jahrhundert“ (wenn ich mich dazu entschließen kann), die „Worte Christi“, „Immanuel Kant“ — und manches, was, so Gott will, folgen soll; der — nicht von Haß gegen die Semiten, sondern von Liebe gegen die Germanen eingegebene — Kampf gegen das zerfressende Gift des Judentums, der Kampf gegen den Ultramontanismus, gegen den Materialismus, der Versuch, die transzendentale Erkenntnislehre aus dem Besitz einer Gelehrtenkaste in einen Besitz jedes gebildeten Deutschen zu verwandeln, das Bestreben, die Religion aus syrisch-ägyptischen Fetzen loszuwinden, damit die reine Kraft des Glaubens uns eine, wogegen das Nachgeplapper sklavischer Superstitionen uns heute nur trennt, dazu später — wenn ich's erlebe — die völlige Umwandlung unserer Auffassung des Lebensproblems, wodurch sich unsere Naturwissenschaft auf einmal und zum erstenmal in Harmonie mit unserer deutschen Philosophie und Religion finden wird, das heißt, daß sie endlich eine wahre   W e l t a n s c h a u u n g   besitzen werde — — — — — das alles bedeutet für mich ein Schaffen und ein Kämpfen im Dienste des Deutschtums. Denn wahrlich, es handelt sich um gar wichtige Dinge, und hat der moralische Weltordner den Deutschen zu seinem Werkzeug erwählt, so muß dieser in der Erfüllung der gottgegebenen Pflicht ganz aufgehen, sich ganz darin verzehren. Und ist „das Deutsche“, wie ich vorhin sagte, der Angelpunkt, auf dem die Zukunft des Menschengeistes ruht, so ist der jetzige Augenblick, das jetzige Jahrhundert — ich meine es — der Angelpunkt der Weltgeschichte. Jetzt heißt es: To make or to mar. Es gibt Epochen, wo Geschichte gleichsam auf dem Webestuhl weitergewoben wird, gerade oder schief, geschickt oder ungeschickt; doch immerhin so, daß Kette und Schuß gegeben und im wesentlichen gebunden sind; dann aber kommen Zeiten, wo zu einem neuen Gewebe die Fäden erst eingetragen, die Art des Stoffes und das Muster erst bestimmt und durch zweckmäßige Anordnung gesichert werden. In einer solchen Zeit stehen wir heute. Die Bildung des Deutschen Reiches im Jahre 1870 bedeutet zunächst nicht einen Anfang, sondern ein Ende. Jetzt kommt entweder ein „neuer Kurs“ (wie Eure Majestät vorlängst erkannte) oder gar nichts; und in letzterem Falle hat Deutschland versagt und geht langsam unter, von den Wellen eines yankeeisierten Angelsachsentums und eines tatarisierten Slawentums ereilt und ertränkt. Jetzt ist der Augenblick, wo Zukunft aufgebaut wird. — — — — Wie steht aber ein armer, machtloser, vereinzelter Privatmann solchen Erkenntnissen gegenüber da? Und gar ein sogenannter „Ausländer“! Wollte er in politische Konjunkturen sich leitartikelnd mischen, so würde er sich zu den vom Grafen Bülow so trefflich verhöhnten Bierbankpolitikern gesellen. In das Schweigen der Studierstube ist er verbannt; seine einzige Waffe die Feder. Und anderseits, wie konnte ein solcher Geschichte studieren, ohne die Überzeugung zu gewinnen, daß die Zukunft der deutschen Sache an das Geschlecht der Hohenzollern gebunden ist? Wie wäre es möglich, das politische Chaos des heutigen reichstäglichen Reiches zu erblicken, ohne zu fühlen, daß nur hier seine Hoffnung Boden findet? Wohl ist das ganze deutsche Volk mit seiner unvergleichlichen Sprache der Quell jener Kraft, ohne welche die Hohenzollern selber nichts wären; doch das politische Heil, jenes Gestalten der äußeren Geschicke, ohne welche die innere Bestimmung nicht zur Erfüllung gelangt, kann nicht vom Volke bewirkt werden. In einer äußerst schwierigen Weltlage ist der einzige Trumpf, den das deutsche Volk in den Händen hält, der Besitz des Hohenzollernhauses. Nur die planmäßige Organisation bis ins letzte Detail, nicht — wie beim Angelsachsen — die ungebundene Freikultur des losgelösten Individuums, kann Deutschland zum Siege verhelfen. Die politische Massenfreiheit hat abgewirtschaftet; dagegen kann Deutschland mit der   O r g a n i s a t i o n   noch alles erreichen, alles! Hierin vermag es ihm keiner gleichzutun. Und an der Spitze dieser Organisation steht als erster Deutscher der König von Preußen.
    Können Eure Majestät sich nun vorstellen, mit welchen Gefühlen ein Mann, der solche Überzeugungen als freie Errungenschaft, als seines Lebens Leben im Busen trägt, die Hand dieses ersten Deutschen in der seinen gehalten hat? Auch hier mag ich keine Worte mehr beifügen; was ich fühle, war mehr als Dank — etwas anderes als Glück.
    Möge die ungewöhnliche Länge dieses Schreibens mir nicht als ein Mißbrauch der mir erwiesenen Güte gedeutet werden. Da Eure Majestät meinem Werke so lebhaftes Interesse entgegenbringen und es als ein wirkliches Gut für das deutsche Volk zu betrachten geruhen, so fühlte ich mich verpflichtet, Ihr einen tieferen Einblick in die innere Werkstätte zu eröffnen. Eure Majestät wurden schon in öffentlichen Blättern für das meinen „Grundlagen“ bezeugte Interesse heftig angegriffen; um jene Skribenten kümmere ich mich nicht, doch Eure Majestät hat das Recht, genaue zu erfahren, wer ich bin.
    Ich bin zu Ende. Nur das eine bleibt mir noch zu sagen übrig: daß meine Kräfte Eurer Majestät stets zur Verfügung stehen. Sollte die zwar allseitig beschränkte, doch bestimmte Art meiner Begabung — zum Entwirren, Disponieren, gegliedert Auferbauen — jemals und sei es in noch so geringfügiger Sache Eurer Majestät zu Nutzen oder zur Freude sich betätigen können, so wäre ich stolz, dienen zu dürfen; und inmitten meiner Arbeiten finde ich — wie alle vielbeschäftigten Leute — immer noch Zeit. Ich mache mich anheischig, Eure Majestät jederzeit davon zu überzeugen, daß ein freiwilliger Untertan für anderthalb gilt.

    Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät sowie Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Majestät der Kaiserin in tiefster Ehrfurcht und unwandelbarer Treue

ergebener Diener

Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ 27. und 28. Oktober 1901 bei Fürst Eulenburg auf Schloß Liebenberg, 30. Oktober im Neuen Palais zu Potsdam.
 
141-144 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Neues Palais, 31. XII. 1901

Mein lieber Herr Chamberlain

Sie haben leider vollkommen recht, wenn Sie in dem Anfang Ihres packenden und ergreifenden Briefes der Vermutung Raum geben, daß ich wohl nicht über die Upanishads und andere indoarische Bücher Bescheid wisse; noch über die in denselben enthaltenen schönen Aussprüche der Weisen über die Herrscher! Ich gestehe meine Unwissenheit offen ein und bitte um Gnade! Here you have me at a disadvantage! Aber es war auch Anfang der siebziger Jahre kein Mensch vorhanden, gerade unter meinen Lehrern nicht, der auch nur im Entferntesten solche Kenntnisse aufgewiesen, kurz solche „Kultur“ gehabt hätte!
    Wir quälten uns durch 1000 Seiten Grammatik, wir wandten sie an und gingen mit ihrer Lupe und Seziermesser an alles heran, von Phidias bis Demosthenes, von Perikles bis Alexander und gar an unseren lieben großen Homer! Und während aller der hundertfachen „Zerlegungsoperationen“, die ich an den Erzeugnissen der Hellenen vornehmen mußte, von wegen der „klassischen Bildung“, da bäumte sich mein Herz in mir auf, das auch in mir so lebendige Gefühl für Harmonie schrie in mir auf: „Das ist es doch nicht, das kann es nicht sein, was wir aus dem Hellenentum für die Förderung des Germanentums brauchen!“ Und das noch dazu unmittelbar nach und unter dem gewaltigen Eindruck des Krieges 1870, der Siege des Vaters und Großvaters! Diese hatten das Deutsche Reich zusammengeschmiedet; da hätten wir Jungens, das fühlte ich instinktiv, einen anderen Lauf unserer Vorbereitung bedurft, um nun die Arbeit in dem neuen Reich fortzusetzen, da wäre unserer schwer bedrückten Jugend ein Befreier wie Sie vonnöten gewesen! Der die indo-arische Quelle uns erschloß, aber niemand kannte sie!
    Und nun mußte all das Urarische-Germanische, was in mir mächtig geschichtet schlief, sich allmählich in schwerem Kampf hervorarbeiten. Kam in offene Gegnerschaft zum „Althergebrachten“, äußerte sich oft in bizarrer Form, oft formlos, weil es mehr als dunkle Ahnung oft unbewußt in mir sich regte und sich bahnbrechen wollte! Da kommen Sie, mit einem Zauberschlage bringen Sie Ordnung in den Wirrwarr, Licht in die Dunkelheit; Ziele, wonach gestrebt und gearbeitet werden muß; Erklärung für dunkel Geahntes, Wege, die verfolgt werden sollen zum Heil der Deutschen und damit zum Heil der Menschheit! Sie singen das Hohelied vom Deutschen und vor allem von unserer herrlichen Sprache und rufen dem Germanen bedeutsam zu: „Laß ab von deinen Streitigkeiten und Kleinlichkeiten, deine Aufgabe auf der Erde ist: Gottes Instrument zu sein für die Verbreitung seiner Kultur, seiner Lehren! Darum vertiefe, hebe, pflege deine Sprache und durch sie Wissenschaft, Aufklärung und Glauben!“ Das war eine Erlösung! So! Nun wissen Sie, mein lieber Mr. Chamberlain, was in   m i r   vorging, als ich Ihre Hand in der meinen fühlte!
    Lassen Sie mich Ihnen von tiefster Seele danken für dieses kostbare Juwel, welches Sie mir in Briefform übersandten! Wer bin ich, daß Sie mir danken? Doch nur ein armselig Menschenkind, das versucht, ein gutes Instrument für unseren Herrgott da droben zu werden. Das hat zur Folge, daß man das Menschenkind nicht verstehen will, kann oder mag und ihm daher vor allem das Leben so sauer zu machen sich bemüht als möglich, weil es eben ganz anders ist und ganz anderes will, wie bisher die und das „Althergebrachte“ und „Landläufige“!
    Nein! Fürwahr, danken wir Ihm dort oben, daß Er es mit unseren Deutschen noch so gut meint, denn Ihr Buch dem deutschen Volk und Sie persönlich mir sandte Gott, das ist bei mir ein unumstößlich fester Glaube. Sie sind von Ihm zu meinem Bundesgenossen erkoren, und ewig danke ich Ihm, daß Er es getan. Denn   I h r e   gewaltige   S p r a c h e   packt die Leute und bringt sie zum Denken und natürlich auch zum Streiten! Angreifen! Was schadet es! Der deutsche Michel wird wach, und das ist für ihn gut, dann paßt er auf und leistet etwas; und wenn er einmal zu arbeiten angefangen, dann leistet er eben mehr wie alle anderen. Seine Wissenschaft in seiner Sprache ist eine Riesenwaffe, und es muß immer daran gemahnt werden! Denn „Vernunft — i. e. common sense — und Wissenschaft“ sind unsere gefährlichsten Waffen, zumal im Kampfe gegen die Totenmacht von „Ubiquitous“ Rom. Dann, wenn durch Sie die germanischen Katholiken erst in den offenen Konflikt zwischen dem Germanen und dem „Katholem“, also „Römer“ gekommen sind, dann sind sie „erwacht“ und „Wissende“ geworden, dessen, was die Beichtväter ihnen verbergen möchten; daß sie in schmachvoller Knechtschaft gehalten sind für „Rom“ als Instrumente gegen „Deutschland“, also „Eritis sicut deus, scientes bonum et malum“. In dieser Hinsicht ist doch eine Bewegung zu bemerken, und Ihr Buch hat rasenden Absatz in den Kreisen gefunden. Gottlob. Erst für mich allein, dann an die um den Weihnachtstisch versammelten Meinigen habe ich Ihren herrlichen Brief vorgelesen, unter lautlosem Schweigen und tiefer Ergriffenheit aller Stände und Geschlechter, und die Kaiserin läßt Ihnen auch innigen Dank und Gruß sagen!
    Und nun Gottes Segen und unseres Heilands Stärkung zum neuen Jahr 1902 wünsche ich meinem Streitkumpan und Bundesgenossen im Kampf für Germanen gegen Rom, Jerusalem usw. Das Gefühl, für eine absolut gute, göttliche Sache zu streiten, birgt die Gewähr des Sieges! Sie schwingen Ihre Feder, ich meine Zunge, schlage auf meinen Pallasch und sage trotz aller Angriffe und Nörgeleien
dennoch!

Ihr treu dankbarer Freund     Wilhelm I. R.


    P. S. Der Verkehr Harnacks bei mir hat „orthodoxe“ protestantische Pfarrer und Kreise arg geängstigt. Das ist unseren Damen zu verstehen gegeben worden; diese haben dann auch Soireen, wo „positive“ Herren waren, besucht! Mein Grundsatz „Nur keine Voreingenommenheit“ ist den Leuten unbequem. Übrigens hat Harnack seine „Liegezeit“, um Ihr Werk zu lesen, als eine „erzwungene“ hingestellt! Ich bezweifle es, die Idee ist zu professorenhaft wahrscheinlich!
 
144-148 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

4. Januar 1902.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät


spreche Ich in tiefster Ehrfurcht und aus bewegtem Herzen Dank für die gnädigen, schönen und bedeutenden Worte des Silvestertages aus. Mir war doch ein wenig bange; denn ich hatte in der vollen Erregung des empfangenen Eindrucks geschrieben, in jenem überbewußten Zustand, in dem man gute Bücher verfaßt; und als ich nun nach und nach erwachte und als es der nüchternen Alltäglichkeit durch allerhand Widerwärtigkeiten gelungen war, die geistige Temperatur auf wenige Grad über Null herabzustimmen, da mußte ich empfinden, daß ich von der mir erteilten Erlaubnis einen nicht ganz bescheidenen Gebrauch gemacht hatte. Doch Eure Majestät haben alle Besorgnisse zerstreut und mich dadurch beglückt und gestärkt; möchte Gott mir die Bewährung des Dankes ermöglichen.
    Jemand fragte mich neulich: „Nun, was haben Sie für einen Eindruck vom Deutschen Kaiser gewonnen?“ Es war einer jener nörgelnden Deutschen, die sich nur großartig benehmen, wenn die französischen Armeen diesseits des Rheines stehen, und er schaute mich mit verschmitzten Augen an, offenbar begierig, wie ich mich blamieren würde. Ich antwortete sehr langsam und zögernd: „Ja, wissen Sie, jetzt hab' ich's verstanden, daß Friedrich der Große Maupertuis, Voltaire und d'Alembert nach Potsdam einlud.“ Der Mann tut keine weiteren Fragen.
    Ich stecke augenblicklich bis über die Ohren in Philosophie. Der Zusammenhang zwischen Mythologie und Denken bei den arischen Völkern ist wert, studiert zu werden; er klärt uns über uns selber auf. Daß z. B. schon im Rigweda die Hirten zu den Açvinen, den ritterlichen Göttern des frühesten Morgenlichtes (Kastor und Pollux) beten: — wie sie die Nacht bekämpfen und dem Tage die Tore des Himmels öffnen, so möchten sie auch die geistige Nacht zerstreuen und den Menschen den Weg zum Wissen weisen —‚ ist rührend, nicht wahr? und von tiefer Bedeutung für die Erkenntnis unserer Art. Wogegen, wenn dann der „heilige“ Ambrosius uns versichert, „das Wissen ist eine schädliche Torheit“, wir ihm ein kräftiges Vade retro, Satanas! zurufen, überzeugt, daß, wer uns der Natur abspenstig macht, uns auch von Gott hinwegführt.
    Für die „Woche“ schrieb ich neulich auf Verlangen einen kleinen Aufsatz „Die Natur als Lehrmeisterin: ein neues Bildungsideal“; doch scheint er den Leuten nicht gut genug zu sein, denn sie brachten ihn in der Weihnachtsnummer nicht, für die er bestellt war. ¹ — Und ein anderes Mal ließ ich mich hinreißen, gegen den alten Rappelkopf und Konfusionsmeyer Mommsen eine Satire ² loszulassen. Wer müßte nicht vor Wut schäumen über diese professoralen Dummköpfe, die den Juden auf den Leim gehen und das Spiel den Jesuiten, als wären sie dazu bestellt, machen? Man sagt, ich habe über die Schnur gehauen; Frau Cosima Wagner und andere gute Freunde schrieben mir entrüstet, trotzdem ich die tiefste Verbeugung vor dem großen Gelehrten als solchem gemacht hatte; ich werde mit den Prädikaten „erzklerikal“ und „antideutsch“ traktiert; und einige Zeitungen sollen mich so maßlos geschmäht haben, daß neulich ein Freund meine fünf Stockwerke hinaufkletterte, um nachzusehen, ob ich noch am Leben sei! Er fand mich höchst vergnügt und emsig, außerdem ahnungslos, da meine Hausgeister den ganzen zugeschickten Zeitungsschund zum Ofenanzünden monopolisierten. Dieser Professorenaberglaube ist in Deutschland fast eine Kalamität geworden. Ein Mensch, der über das Nervensystem der Maikäfer gelehrte Untersuchungen angestellt hat, darf über die kompliziertesten, ausgebreitetste Kenntnisse erfordernden und nur mit vorsichtigster Hand zu lösenden Aufgaben des öffentlichen Lebens ex tripode urteilen, und das deutsche Publikum, — welches Kanzlern und Ministern mit den Händen in den Taschen spöttisch-ungläubig zugehört hat — ruft einstimmig: „Hut ab! Jetzt spricht der Professor!“ They ought to be hung several pegs lower; auch der Wissenschaft könnte es nur dienen. — Infolge meiner Diatribe habe ich aber auch viele sehr interessante Zustimmungen und Mitteilungen erhalten. Die wichtigste Einsicht besonnener Männer scheint mir die zu sein, daß die Universitäten immer weniger das   L e h r e n —  die unmittelbare Wirkung auf Geist und Charakter der Jugend, die Heranbildung aufwachsender Geschlechter zu bewußten, freien, tatkräftigen Germanen (nach dem Beispiele Fichtes) — und immer mehr fast lediglich die rein wissenschaftliche Facharbeit als ausschlaggebend betrachten. Es geht so weit, daß bedeutende Gelehrte nur deswegen von den Fakultäten nicht vorgeschlagen werden, weil in Erfahrung gebracht wurde, daß sie gut reden, — auf die Zuhörer hinreißend wirken. „Gott bewahre uns vor einem guten Dozenten!“ rief ein kürzlich verstorbener Sanskritist aus in einer Sitzung der philosophischen Fakultät zu Berlin. (Prof. Harnack kann den Namen nennen.) Und ein hervorragender jüngerer Theolog, der gern ein so dringend notwendiges Buch über die frühen christlichen Jahrhunderte zur Aufklärung des gebildeten Laienpublikums herausgeben möchte, schrieb mir in diesen Tagen: „Ich darf es nicht wagen; meine Laufbahn wäre gebrochen, sobald ich ein populäres, ein nicht ausschließlich rein wissenschaftliches Werk publiziert hätte.“ Also der Professor darf dem Volk nicht dienen; die Herren wollen untereinander sein! Heißt das nicht eine verkehrte Welt? „Wenn du zufällig die Redegabe erhieltest, so halt' 's Maul und laß es dir nicht einfallen, weniger langweilig zu dozieren als wir, und wenn du zufällig schreiben kannst, daß wir dich nur ja nicht außerhalb Poggendorfs Annalen erblicken, sonst wehe dir!“ Einzig wenn es gilt, den regierenden Faktoren das Amt erschweren und die vaterländischen Pläne durchkreuzen, dann — ja! dann ist's was anderes, dann, Professorlein, rede und schreibe und hetze, soviel du nur willst und kannst — — — —
    Doch ich merke, ich falle aus der philosophischen Kontemplation in die gallige Betrachtung zuchtrutebedürftiger Philister. Und zu diesem Brief besitze ich keine Erlaubnis, sondern einzig die Pflicht, meinen tiefbewegten Dank auszusprechen.
    Vielleicht geruhen Eure Majestät zum Schluß noch die Wünsche für das Jahr 1902 anzunehmen, die ich eigentlich zu Beginn hätte aussprechen sollen. Ich glaube aber, der liebe Gott zählt nicht nach Jahren; wir wollen weder zu viel hoffen, für eine so kurze Spanne, noch verzagen, wenn diese wie eine Müde sticht; eine Freundin legte auf meinen Weihnachtstisch ein Gruppenbild aller Kinder Eurer Majestät: es gab mir das beruhigende Gefühl großer Dauerhaftigkeit des Guten.
    Und jetzt nur noch die sehr ergebene Bitte, Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin meinen ehrfurchtsvollen Gruß auszusprechen und mich der allerhöchsten Frau zu Füßen legen zu wollen.

In Ehrfurcht und eherner Treue

Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät
gehorsamer

Houston Stewart Chamberlain.

 
    P. S. 1. Dem kaiserlichen Freunde der „Grundlagen“ wird folgende Tatsache Freude machen: während ich diese Zeilen schreibe, erhalte ich den schönsten Brief, den ich je über die „Grundlagen“ bekommen habe. Ein gewisser Dr. Max Christlieb (guter Name für einen Geistlichen), Pfarrer in Freistedt, Baden, schickt mir sechzehn Quartseiten in zierlicher Handschrift: lauter Anmerkungen, die er beim Lesen gemacht hat — Ergänzungen an Literatur und Tatsachen, Druckfehler, sprachliche Verbesserungen, höchst interessante Annotationen —‚ es muß ein riesig belesener Mann sein, der auch die ganze Welt kennt und jahrelang in Asien gelebt hat. Und zum Schluß ganz schlicht: „Ich bitte Sie, diese paar Notizen eines Mannes, der sich bemüht hat, sich die Unbefangenheit nach allen Seiten zu wahren, so aufzunehmen, wie sie gemeint sind, als bescheidene Handreichung, als Kärrnerarbeit für einen König, und als Ausdruck meiner tiefen Dankbarkeit für die köstliche Gabe, die mir Ihr Buch gebracht hat.“
    2. Wasser auf die Mühle von Sanssouci: Bruno nennt Aristoteles einmal (siehe Explicatio trigenta sigillorum, ed. Tocco II, p. 133)
s o p h i s t i c a e   n a t u r a e   p a t e r   A r i s t o t e l e s !
—————
    ¹ Der Aufsatz erschien in Nr. 43/47 des „Tag“ (Berlin) 1902, wiederabgedruckt in „Rasse und Persönlichkeit“.
    ² „Der voraussetzungslose Mommsen.“ Die Fackel (Wien), Nr. 87/1901.

148-165 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

20. 2. 1902.

Eurer Kaiserl. und Königl. Majestät


überreiche ich in aller Ehrfurcht das erste Exemplar des Vorworts zu der vierten Auflage meiner „Grundlagen“; es zu tun hielt ich für eine Pflicht und hoffe, daß Eure Majestät kein ungehöriges Sichaufdrängen darin erblicken werden. Ich lebe ja glücklich in der vollsten Zurückgezogenheit und raffiniere darauf, wie ich der Aufmerksamkeit der Großen und Kleinen dieser Welt — namentlich auch der Mittelmäßigen — entgehen kann, um in ungestörter Ruhe arbeiten zu dürfen; doch wäre es strafwürdiger Undank, wenn ich je der schönen Tage von vor einem Jahre vergessen und des mächtig fördernden Interesses, das meinem Werke von allerhöchster Seite zuteil wurde, uneingedenk bleiben wollte. In dem Innersten Sanktum meiner völlig abgetrennten Arbeitswohnung, dort, wo nie ein Unberufener den Fuß hinsetzt, steht das mir so gnädig geschenkte Erinnerungsbild, und ich darf wohl sagen, in guter Gesellschaft. An der Wand neben dem Schreibtisch hängt Leonardos Heilandskopf aus der Brera (ein bißchen mehr, als ich's in den „Grundlagen“ Wort haben mochte, bin ich doch Ikonodul, und ohne den beständig nahen Anblick des Gottmenschen vermöchte ich es nicht, zu schaffen und zu streiten); über dem Stehpult hängt ein fast unbekanntes, herrliches Porträt Kants, das eine Freundin für meine kurzsichtigen Augen in riesiger Größe abphotographieren ließ; Goethe von Jagemann — und das heißt Goethe als Mensch, nicht als Exzellenz und Geheimrat — ist rechts vom Tische angebracht und Richard Wagner in dem ergreifenden letzten Augenblicksbild, kurz vor seinem Tode aufgenommen, links. Keinem anderen Manne hatte ich bisher den Eintritt gestattet. Für das Bildnis Eurer Majestät habe ich nun einen ganz besonderen Platz geschaffen. Meine Wände sind ja von der Decke bis zum Fußboden mit Büchern bedeckt, und nie hätte ich mich entschließen können, von den genannten großen Schutzgeistern irgendeinen zu entfernen; und so habe ich das Bild in einem schlichten, ornamentalen, bronzenen Stehrahmen auf einem Dokumentenschrank aufgestellt, wo ich es täglich notwendigerweise so und so oft in die Hand nehme, wo ich es früh aus der Sonne heraus und nachmittags in das rechte Licht rücken muß; und wenn ich in der Arbeit des Ausdenkens und Gestaltens versenkt bin, gehe ich an diesem Schranke auf und ab und bin also viel in Unterhaltung mit Eurer Majestät. Ein Bild an der Wand sieht man nach zwei Tagen nicht mehr; dieses erblicke ich an jedem Tage wiederholt mit sehenden Augen. Und spaziere ich so auf und ab zwischen dem Bilde Christi und dem Bilde des Kaisers, so kommen mir gar häufig die Worte des Evangeliums in den Sinn: Gebet Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was des Kaisers, und ich meine, gerade dieser Ausspruch wäre so recht ein Motto für die Richtung, die mein Leben genommen hat.
    Das alles soll mir und meiner Sendung zur Entschuldigung dienen. Ich lebe zu sehr in der Gegenwart Eurer Majestät, als daß ich es mir hätte versagen können, diesen neuen Beitrag zu dem Gebäude der „Grundlagen“ eigenhändig zu Füßen zu legen.
    Das Vorwort zur dritten Auflage behandelte eine persönliche Angelegenheit und war somit von beschränktem Interesse; das neue Vorwort dagegen enthält ausschließlich Auseinandersetzungen von grundsätzlicher Bedeutung, und zwar 1. über Dilettantismus, 2. zur Rassenfrage, 3. über Semitismus in der Religion und 4. über die römische Hierarchie. Und da ich in diesem Vorwort die Ansicht ausgesprochen habe, ein Autor solle den Mut haben, auch zu irren, und sich nicht feige hinter Phrasen verschanzen, so will ich gleich hier in diesem Begleitschreiben die Theorie in die Praxis umsetzen und auf die Gefahr hin, inkorrekt zu sein, mich nicht hinter gewundenen Phrasen halb erraten lassen, sondern offen gestehen, es läge mir viel daran, daß Eure Majestät diesem Vorwort eingehende Beachtung zu schenken geruhten. Abgesehen von der beständigen Beschäftigung mit den wichtigen hier behandelten Themata, habe ich jetzt ungefähr zwei Monate heißer Arbeit auf die Herstellung dieser wenigen Seiten verwendet. Ich tat es insofern ungern, als es eine schlimme Unterbrechung in meinem Kantbuch verursachte; doch empfand ich, daß es nötig war, nötig nämlich für die klare, mißverständnislose Wirkung des Werkes und der durch das Werk in Umgang gesetzten Ideen.
    Der kurze Abschnitt über Dilettantismus spricht für sich.
    Bei der Rassenfrage ist eine völlig klare Formulierung um so nötiger, als die praktische Befassung mit dieser für die Zukunft der Menschheit wichtigsten aller Fragen nicht nur durch die allgemeine Unwissenheit und Gleichgültigkeit, sondern noch — durch zwei Klassen von sonderbaren Schwärmern eigentümlich erschwert wird: einerseits durch die Rassendogmatiker und Hypergermanen, deren Luftschlösser alle vernünftig erwägende Männer abschrecken, anderseits durch die sogenannten „empirischen Forscher“, die niemals aus den Tatsachen ein Fazit zu ziehen verstehen, sondern immer vermeinen, der morgige Tag werde durch irgendeine „wissenschaftliche“ Entdeckung das Dunkel aufhellen —‚ wo doch das Dunkel nur im eigenen Kopfe herrscht und der Mensch, sobald er will, immer so viel weiß, als er für die Gestaltung seines Lebens zu wissen braucht.
    Wenn die Zeitungen die Rede nicht arg entstellt haben, muß neulich der Bischof von Ripon — doch ein erzgescheiter Mensch — wieder manches Grundfalsche über diese große Frage vorgebracht haben. Hier ist das kirchliche Christentum ein wahrer Fluch für die Menschheit geworden; und die Naturwissenschaft, unter der verhängnisvollen Leitung durchaus beschränkter Köpfe, wie Virchow, hat mit ihrem demokratischen Dogma der Rassengleichheit den Kirchen nur Vorschub geleistet. „Habt ihr Augen zum Sehen?“ möchte man mit Christus ausrufen. Die gesamte lebende Natur zeigt uns die Tatsache von Rasse als Grundlage aller außerordentlichen Leistungen, und die Geschichte der Menschheit bestätigt sie auf jedem ihrer Blätter als Ursprung aller edelsten Kunsttaten, und nun soll alles nicht gelten, weil es den Pfaffen und den Demagogen nicht in ihren Kram paßt!
    In der Schweiz traf ich diesen Sommer einen sehr interessanten Mann, einen alten Freund. Als sogenannter „Liberaler“ und außerdem als fromm gläubiger Protestant gehörte für ihn — früher — das Dogma von der Gleichheit aller Menschen und von der zu ersehnenden Verschmelzung aller Rassen in eine Einheit zu den unerschütterlichen, undiskutierbaren Wahrheiten. Inzwischen aber hat er fünfzehn Jahre in den südlichen Staaten Nordamerikas gelebt und die Westindischen Inseln bereist, und nun ist er zurückgekehrt, erfüllt von der aus lebendiger Anschauung geschöpften Überzeugung: L'humanité entière est perdue si elle ne s'avise à temps de l'abîme où elle se précipite par le mélange des races. — Der Münchner Zoolog Doflein — ebenfalls als geschworener Virchowianer, Menschheitsrechtler usw. zu einer wissenschaftlichen Reise in die Antillen entsendet — ist ebenso entsetzt zurückgekehrt. Von Haiti erzählt er: „Das Reisen ist im Innern gefährlicher geworden als zur Zeit des Kolumbus“ — ein schöner Fortschritt der Kultur! Und über die Vereinigten Staaten meint er in bezug auf diese Rassenfrage: „Eine offene und direkte Gefahr existiert zwar kaum, aber die soziale und nationale Gefahr ist um so größer“ (Reiseskizzen eines Naturforschers, 1900, S. 69). — Die Weißen tun ja in den Vereinigten Staaten instinktmäßig, was sie können, um die Schwarzen abzuwehren, und wenden hierzu oft die grausamsten Mittel an; doch auf die Dauer wird das alles nichts nützen, und mein Freund ist fest überzeugt, daß nicht nur die südlichen Staaten, sondern auch die nördlichen (wo die Neger immer zahlreicher werden) im Laufe der Zeit an dieser Blutmischung rettungslos zugrunde gehen werden. Es genügt ja eine einzige, einmalige Kreuzung, damit nach drei oder vier Generationen lauter Neger geboren werden — weil eben (wie in den „Grundlagen“ hervorgehoben) die geistig schwächeren Rassen stets geschlechtlich stärker sind. Wir haben ja das geschichtliche Beispiel vor uns. Als edelste Zuchtrasse stiegen die Arier vom mittelasiatischen Hochplateau nach Indien hinab; durch drakonisch strenge Kastengesetzgebung schlossen sie sich von den das Land bewohnenden Drawiden, den „Schwarzhäuten“ oder „Affen“, wie sie sie nannten, ab; doch als Buddha — von ganz ähnlichen Menschheitsschwärmereien wie die Christen bewegt — die Gleichheit aller Menschen verkündet und hiermit die schützenden Gesetze niedergerissen hatte, stürzte das minderwertige Blut in Fluten hinein (genau so wie in Rom nach Caracalla). — Und was sehen wir jetzt? Hat das edle Blut das weniger edle zu sich hinaufgeläutert? Nein; ebensowenig wie dies bei Tieren und — analogisch — bei Pflanzen geschieht. Sondern ein herrlichstes Volk der Erde — Krieger, Könige, Sänger, Denker, Ackerbauer — ist für immer zugrunde gegangen, verschwunden, ausgelöscht, für die Menschheit verloren. Was würde in der heutigen Weltlage ein großes arisches Herrschervolk in Indien für die Menschheit bedeutet haben! Der sogenannte „nüchterne Politiker“ überlege sich das, so nüchtern wie er will, und dann gestehe er redlich, daß es außer der opportunistischen Politik von heute auf morgen auch eine große konstruktive Politik geben sollte, welche die grundlegenden Tatsachen der Natur wissenschaftlich verwertete.
    Freilich, das Beispiel des Negerblutes ist ein extremes. Doch genau dasselbe — nur etwas langsamer — geschieht durch jede nivellierende Vermischung zwischen verschiedenen Rassen, respektive zwischen rassigen und rasselosen Menschen. So dringt z. B. das jüdische Blut immer wieder durch. Ich kenne einen wackeren Professor der Literaturgeschichte, einen echt deutschfühlenden Mann, der ein unverfälscht deutsches Mädchen heiratete und nun höchlich entsetzt ist, aus dieser Verbindung Kinder hervorgehen zu sehen, die alle so ausschauen, als wären sie aus assyrischen Monumenten losgelöst — die unverkennbarsten, widerwärtigsten Semitengesichter, die man sich denken kann, und die entsprechenden Anlagen. Die Mutter des guten Mannes war eben eine „Getaufte“ gewesen; und nun kommt — durch die Vermischung hervorgelockt — das rein Semitosyrische viel kräftiger zum Vorschein als vorher, wo es in dem vermischten Judenblute halbversteckt gelegen hatte! Während einer oder zwei Generationen wird es noch in dieser Familie ein Hin- und Herschwanken geben; dann werden alle Nachkommen endgültig Syrosemiten sein, und mit den entsprechenden moralischen und intellektuellen Anlagen als „deutsche“ Richter, Professoren, Offiziere, Abgeordnete wirken. — Und was für die Juden gilt, gilt auch für die anderen ungermanischen Rassen Europas. Wie mangelhaft — leider! — die Statistik noch ist, es läßt sich trotzdem zahlenmäßig nachweisen, daß das Ungermanische unaufhaltsam vorbringt und das Germanische — in meinem weiten und weitherzigen Sinne des Slawokeltogermanentums — zurückweicht. Wenn wir uns also nicht jetzt entschließen, dieses Problem resolut ins Auge zu fassen und Rasse grundsätzlich zu züchten, so wird es bald zu spät sein, und unsere germanische Art ist für immer verloren. Das ist keine Phantasterei, sondern eine sichere, nachweisbare Tatsache. Wer sie verkennt und dennoch für Rassenvermischungen (außer denen zwischen nahe verwandten, edlen Stämmen) weiterschwärmt, übernimmt eine schwere Verantwortlichkeit, denn unter der Flagge von „Humanität“ fördert er den Untergang der Menschheit.
    In meinem Vorwort habe ich diesen Ton nicht anschlagen wollen, da es mir angemessener scheint, in erster Reihe Aufmerksamkeit und Interesse in ganz allgemeiner Weise für solche Fragen zu wecken; daraus ergibt sich dann der Boden für die so sehr zu erwünschenden genauen Erhebungen (z. B. über die Rassenverhältnisse des Deutschen Reiches); und in letzter Reihe bilden sich nach und nach die endgültigen praktischen Entschlüsse und Maßregeln zur Reife aus. Eurer Majestät habe ich hier nur einen kleinen Kommentar zu der Lektüre des betreffenden Abschnittes mitgeben wollen.
    Was nun die Rasse für die Physis, das ist die Religion für die Psyche; und wiederum treffen wir dieselbe eigentümliche Koalition, die unser Verderben betreibt: die Pfaffen und die Demokraten; diesen beiden ist der Jude und im weiteren Sinne der Semit heilig; unsere Bibelgläubigen und unsere Freidenker: beide verkünden, Religion und Ethik stammen von den Semiten. Und zwar verkünden sie es um so lauter und aufrichtiger, als unsere Demokraten in der Mehrzahl und unsere Theologieprofessoren in großer Zahl Juden oder Judenstämmlinge sind.
    Wie ich in dieser Frage denke, ist Eurer Majestät aus den „Grundlagen“ bekannt. Nichts auf der Welt liegt mir so sehr am Herzen, wie die Wiedergeburt reiner und glühender Religiosität, und hier weiß ich mich mit Eurer Majestät völlig einig. Kant hat ein herrliches Wort: „Da der Souverän keinem Menschen verantwortlich ist und gleichwohl doch verantwortlich sein muß, so muß er dem einigen absoluten Herrn der ganzen Natur verantwortlich sein. Ein Souverän   m u ß   also von Gesinnungen der Religion erfüllt sein.“ Doch Kant wußte, was ich weiß, daß die Religion, die für die Juden paßte, nicht für uns Arier paßt, und er wußte, daß sie im Widerstreit steht mit dem, was Christus — der Nichtjude — lehrte. Unser innerstes Seelenleben wird ja zerrissen durch einen aufgezwungenen historischen Glauben, der allem, was wir — dank unserer organisch gewachsenen, wahrhaftigen Wissenschaft —   w i s s e n   und allem, was wir — dank den denkgesetzlichen Notwendigkeiten unserer erhabenen Philosophie —   d e n k e n,   schnurstracks widerspricht. Die semitischen Wahngedanken müssen als solche erkannt, das Gespinst historischer Fälschungen, das unseren freien Geist umgibt, muß abgestreift werden, damit wir endlich überhaupt Religion bekommen — Religion an Stelle von bloßer Superstition.
    Doch kaum regen wir die Flügel, und gleich ist der Semit schon da — oder der semitische Gedanke, was auf eins herauskommt. Ich mußte dies an einem Beispiel dartun, und zwar ausführlich; in dem Werk selbst sind die Ausführungen zu theoretisch und historisch, der Leser findet die Brücke hinüber in die Welt der Praxis nicht. Diese Brücke habe ich nun in dem Vorwort zur 4. Auflage zu bauen gesucht. Ich habe den Semiten (oder Semitomanen, gleichviel) in der unmittelbarsten Gegenwart des Jahres 1902 am Werke gezeigt; habe gezeigt, wie unfähig er ist, die religiösen Grundgedanken zu fassen, habe gezeigt, wie er selbst für die offenkundigsten Tatsachen blind wird und nicht einmal mehr der logischen Elementarregeln gedenkt, sobald er sein Steckenpferd bestiegen hat. Dann aber habe ich versucht anzudeuten, welcher Schatz sich vor uns auftut, sobald wir unsere heiligen Bücher — z. B. Genesis I und II — mit offenen, freien Augen lesen gelernt haben, und wie recht wir daran täten, den Kräften zu trauen, die Gott selber in unsere Seele gesenkt hat. — Zu diesem Beispiel habe ich Professor Friedrich Delitzschs „Babel und Bibel“ erwählt; ein klassischeres könnte man schwerlich finden. Einige Zeit lang habe ich gezaubert, da ich vernommen hatte, daß Eure Majestät diesem Gelehrten Beweise besonderer Gnade zuteil werden ließen. Doch das geht mich Privatmann schließlich nichts an; Delitzschs Verdienste als Assyriolog bestreite ich nicht; ich habe es auch nicht auf die Person Delitzschs abgesehen, sondern lediglich auf die Sache; und da zum Überfluß Delitzsch mich — der ich doch auch Beweise kaiserlichen Wohlwollens besaß — in der betreffenden Rede direkt verspottet hat, war ich um so mehr berechtigt, keine Schonung zu üben. Ich durfte überzeugt sein, daß ein lover of fair play urteilen würde: Was dem einen recht, ist dem anderen billig. Sophokles — wenn mein Gedächtnis mich nicht irreführt — sagt irgendwo:
Dem König allein
Geziemt's zu sagen, was er denkt.
In manchen Fällen mag es sich wohl so verhalten. Doch in noch häufigeren, meine ich, ist es das Vorrecht des Gekrönten, schweigen zu dürfen und den sich unter seinen Augen bekämpfenden Richtungen die gleiche unparteiliche Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Mehr erhoffe ich mir auch in diesem Falle nicht als die Erlaubnis, meine Sache unbehindert verfechten zu dürfen, und als die Gnade, daß, was ich nun meinerseits im Namen des Indogermanentums vorbringe — des zu Ehren der Semiten von Delitzsch so schmählich verlästerten —‚ nicht ungehört und unbeachtet bleibe.
    Die Ausführungen sind in diesem Abschnitt des Vorwortes einigermaßen umständlich; das konnte nicht anders sein. Auf Leichtfertigkeit konnte ich nicht meinerseits wiederum leichtfertig antworten. Und es ist weit bequemer, ein derartiges Truggebäude aufzurichten, wie Delitzsch es tat, als den Trug selbst nachzuweisen. Es durfte keine Lücke bleiben. Daß Delitzsch miserabel schlecht abkommt, tut mir leid; ich habe nicht dreimal — wie sonst —‚ sondern zwanzigmal revidiert, um möglichst alles Verletzende zu entfernen; die bloße Wucht der Tatsachen erdrückt ihn. Ich hoffe, Eure Majestät werden es sich die Mühe nicht verdrießen lassen, auch den philologischen Ausführungen Satz für Satz zu folgen: es lohnt sich; und nur aus dem Detail ergibt sich hier Erkenntnis. Köstlich ist es zugleich zu sehen, wie diese verschiedenen Gelehrten — von denen ein jeder sich mindestens so unfehlbar wie der Papst zu Rom vorkommt — sich alle untereinander widersprechen.
    In selbstlosester Weise haben mich fünf Fachmänner — ein Assyriolog (Schüler Delitzschs und Halévys), ein Semitist, ein Sanskritist, ein Germanist, ein Hellenist — bei dem philologischen Teile unterstützt, das heißt, mir diejenigen sachlichen Auskünfte und Belehrungen erteilt, ohne die ich Ungelehrter das Delitzsche Bei- und Blendwerk nicht bis auf die Wurzel auszutilgen vermocht hätte.
    Der letzte Abschnitt des Vorwortes erfordert keinen Kommentar. Hier handelt es sich nicht, wie im vorangehenden Falle, um Minen und Gegenminen, sondern um einen Kampf auf offenem Felde und mit heruntergelassenem Visier. Rom ist ein politischer Gegner; man weiß, woran man mit ihm ist; dieses Wissen muß aber in weite Kreise getragen werden. Das bezwecken die wenigen Seiten, die ich deswegen zugleich in einer der verbreitetsten Zeitschriften¹ Deutschlands veröffentlichte.
    Das lange Begleitwort bitte ich gnädigst zu entschuldigen. Ich hätte noch so viel zu sagen! Und ich glaube fast, Eure Majestät sind selber nicht ganz ohne Schuld daran; denn die prächtigen Posener Worte mit der für jeden freien Germanen so wohltuenden Hervorhebung des großen Königs haben mich veranlaßt, seine Korrespondenz mit Voltaire nach langer Zeit wieder einmal vorzunehmen, und zwar zu wachsender Begeisterung für den einzigen Mann, der wert ist, den Hohenzollern für alle Zeiten ein höchstes Muster echter Königsart zu bleiben. Wie schätzt und schützt er die Freiheit anderer, auch wo diese ganz von seiner Anschauung abweichen! Und wie unerschütterlich fest ist er dennoch im Befehlen! Wie sehr ist er Weltbürger im weiten Verstand des 18. Jahrhunderts, wie phrasenlos „Mensch“ unter Menschen — und zugleich, was für ein fanatischer Preuße und wie ganz „König“ von dem Scheitel bis zur Sohle! Doch der große König hat mir's angetan, ich lasse mich unwillkürlich gehen, als wäre ich so eine Art Voltaire, der während vierzig Jahren seines Lebens das kostbare Vorrecht genoß, so oft und so ausführlich es ihn gelüstete, an den Monarchen zu schreiben. Zwischen ihm und mir ist aber ein weiter Weg; weder über die fabelhafte Begabung noch über die Gemeinheit des Charakters — und beide kamen ihm zustatten — verfüge ich.
    Doch da ich einmal die Feder in der Hand halte und soeben von Rom und von den Posener Worten die Rede war, muß ich Eure Majestät auf einen herrlichen Satz aufmerksam machen. Der König hat soeben ein Buch getadelt, das er zu heftig antirömisch fand, und fährt dann fort: „J'approuve donc fort la méthode de donner des nazardes à l'infâme en le comblant de politesses.“ (Brief vom 16. März 1771.) Ist das nicht köstlich? — Gut ist auch, was er von den katholischen Priestern sagt, es sei so schwer: „A leur marquer la différence qu'il y a entre persécuter leur religion ou exiger d'eux qu'ils ne persécutent pas les autres.“ (Brief vom 25. November 1770.) Das könnte heute gesprochen sein von Wilhelm II.
    Wie beglückt ich war, das nie auszudenkende Wort Goethes ² nunmehr durch die Aachener Rede zu weltgeschichtlicher Bedeutung erhoben zu sehen, bedarf kaum der Versicherung. Ich möchte einen ganzen Aufsatz zur Ausführung dessen, was Eure Majestät hier andeutete, schreiben. Wenn ich einmal dazu komme, den schon längst vorbereiteten Artikel „England und Deutschland“ zu schreiben, so wird das vielleicht geschehen. Denn nach meiner Überzeugung liegt hierin das ganze Programm für Deutschlands Zukunft. Deutschland ist dazu bestimmt — oder sagen wir,   w ä r e   dazu bestimmt —‚ das Herz der Menschheit zu werden; jedes andere Volk ist jetzt endgültig ausgeschaltet; entweder wird Deutschland es sein, oder wir lösen uns überhaupt in ein herzloses Chaos, in den vom Bishop of Ripon ersehnten Urbrei charakterbarer Rassenlosigkeit auf. Groß ist eben jetzt die Welt; das Herz muß darum ein kräftiges, fehlerloses sein.   K o n z e n t r a t i o n   und   O r g a n i s a t i o n:   in diesen Worten liegt Deutschlands Zukunft — wenn es eine haben will. Nie wird es mit dem Angelsachsentum durch die Methode der Entbindung der Individuen zu atomistischer Wirksamkeit konkurrieren können. Es kreist zu viel slawisches Blut im deutschen Volke, und außerdem liegt eine zu abweichend gestaltende Entwicklung hinter ihm. Dieser Atomismus ist aber auch ebensowenig für Deutschland zu erwünschen, wie der ihm in der Philosophie entsprechende Materialismus für die Geistesbildung ein Vorteil ist. Für das, was er „Freiheit“ nennt, hat der Engländer seine wirkliche, innere Freiheit — diejenige, die er zur Zeit seiner absoluten Monarchen, eines Heinrich VIII., einer Elisabeth, in so hervorragendem Maße besaß — aufopfern müssen; er ist jetzt ein willenloses Herdentier geworden, mit dem ein paar Zeitungen und eine Handvoll Politiker machen, was sie wollen; und eine Krone, die seine Freiheit beschützte, besteht nicht mehr, sie ist rettungslos entkräftet und hinfürder kaum etwas mehr als ein Kopfputz. Zugleich ist der Engländer im Begriff, in dem wilden Kampf der Atome seine Kultur zu verlieren. Einstens war England die Mutter der Universitäten; im Oxford des 13. Jahrhunderts hatten einzelne Lehrer so viele Tausende von Zuhörern, daß sie ihren Unterricht im Freien geben mußten, und England versah ganz Europa mit Gelehrten. Heute verhält sich nach der letzten Statistik die Sache folgendermaßen: in Deutschland besucht 1 Mann von 213 die Universität und erhält also in größerem oder geringerem Grade die Befähigung zu einer wahren Kultur des Geistes (wobei, wenn ich nicht irre, die Polytechniker nicht mitgerechnet sind); in England kann sich nur ein Mann unter 5000 (fünftausend) diesen Luxus gestatten! Und brächte man die überwiegende Zahl der anglikanischen Theologen in Abrechnung — deren erbärmliches Einpauken alter Formeln in Deutschland gar nicht Hochschulbildung genannt werden würde —‚ so wäre das Verhältnis ein noch weit ungünstigeres. Doch die Bildung allein ist an und für sich keine nationale Kraft; sie muß organisiert werden. Der diesjährige Präsident der British Association, Professor Dewar, sprach neulich — halb unbewußt — ein tiefes Wort. Er hatte soeben ausgeführt, daß die deutschen Chemiker den englischen „um zwei Generationen voraus sind“, wodurch er sich erkläre, daß Deutschland immer mehr das Monopol der chemischen Industrie erwerbe; dann fährt er fort: „To my mind, the really appalling thing is not that the Germans have seized this or the other industry, it is that Germany possesses   a   n a t i o n a l   w e a p o n   o f   p r e c i s i o n   which must give her an enormous initial advantage   i n   a n y   a n d   e v er y   c o n t e s t   d e p e n d i n g   u p o n   d i s c i p l i n e d   a n d   m e t h o d i s e d   i n t e l l e c t.“   (Rede in extenso in der Zeitschrift „Nature“ vom 11. September 1902, p. 462 ff.) Nun, ich behaupte, in jedem „contest“ wird „disciplined and methodised intellect“ den Sieg davontragen, im „contest“ der Nationen nicht weniger als in dem der chemischen Fabriken; nur muß natürlich — wie es mit der Armee geschah — die intellektuelle Leistungsfähigkeit diszipliniert werden und die Politik es verstehen, daraus einen „national weapon“ zu schmieden. Wir sind an einem weltgeschichtlichen Wendepunkt angelangt. Nie, so weit die Geschichte zurückreicht, hat eine auch nur ähnliche Weltlage wie heute geherrscht; wie sollten denn die alten Einrichtungen standhalten? Der Angelsachse hat sich nun automatisch das Alte dem Neuen angepaßt; das war Happy-go-lucky-Arbeit. Die neue Welt ist aber das Werk der Wissenschaft (einschließlich Technik), und die Wissenschaft ist es, die sie beherrschen wird —‚ wenn sie will. Nicht — oh, beileibe nicht! — der Philosoph, wie unser edler alter Plato wollte, wohl aber die planmäßig und diszipliniert handelnde,   w i s s e n s c h a f t l i c h   g e d r i l l t e   Nation. Diesen Weg — den der steigenden Komplikation des organischen Ganzen und der wachsenden Unterordnung des Individuums — weist uns, im Gegensatz zu den schönen Phrasen der Revolution und zu jener politischen Dilettanterei, die sich Liberalismus nennt, die gesamte Natur. Er mag nicht sehr Ideal sein; er führt aber einzig zum Erfolg bei den Anlagen Deutschlands. Und übrigens, sehen wir nicht in der Wissenschaft, in der Industrie, auf allen Pfaden des Lebens, daß mehr und mehr nach Zeitersparnis, nach Vereinfachung der Mittel gestrebt wird? Die gerade Linie ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten: diese alte Wahrheit tritt jetzt erst als gesetzgebend auch im Gebiet der Praxis auf; denn bei der Verwickeltheit unseres heutigen Lebens ist es unmöglich, daß wir zu Rand kommen, wenn wir sie nicht beherzigen. Der Angelsachse „simplifiziert“, der Deutsche muß „vereinfachen“; der Angelsachse spart Zeit für das praktische Leben, indem er die Kultur opfert, der Deutsche muß Zeit sparen, indem er zugunsten jenes „national weapon“ — der Kultur seines Intellektes die politischen Methoden summarischer und wissenschaftlicher gestaltet und es somit erreicht, daß in kurzer Zeit ein weiter Weg zurückgelegt wird. Zur wahren organischen Unterordnung — nicht Sklaverei — gehört eine höhere Bildung, als sie das englische System erfordert oder auch nur gestattet. Wie der Engländer sein Bestes vereinzelt, so leistet der Deutsche sein Bestes in Gemeinschaft. Dem Angloamerikanismus kann Deutschland nur dadurch den Rang ablaufen, daß es eine völlig andere Methode verfolgt und als geschlossene Einheit — diszipliniert und methodisiert, wie unser guter Dewar richtig sagt — auftritt. Deutschland — dessen bin ich fest überzeugt — kann innerhalb zweier Jahrhunderte dahin gelangen, die gesamte Erdkugel (teils unmittelbar politisch, teils mittelbar, durch Sprache, Kultur, Methoden) zu beherrschen, wenn es nur gelingt, beizeiten den „neuen Kurs“ einzuschlagen, und das heißt, die Nation zum endgültigen Bruch mit den angloamerikanischen Regierungsidealen zu bringen. Die Freiheit, die Deutschland braucht, ist die Freiheit, wie Friedrich sie verstanden — unbeschränkte Freiheit des Denkens, der Religion, der Wissenschaft — nicht die Freiheit, sich selber schlecht zu regieren.
    „Äußerlich begrenzt, innerlich unbegrenzt“ ist auch für diese Erkenntnis die Formel; nach jeder Richtung hin muß sie Parole werden. Würde sie es, so machten mir keine Zahlen bange. Ein rassenbewußtes, vom Mittelpunkt aus bis in die Extremitäten, trotz der Sondercharaktere der verschiedenen Stämme, einheitlich organisiertes und zielbewußtes Deutschland würde — wenn auch an Einwohnerzahl weniger reich als das Angelsachsentum und das Russentum — dennoch, zugleich durch äußere Macht und durch innere Geisteshöhe, die Welt beherrschen.
    Doch wieder ist die Feder mit mir durchgegangen! Einen angemessenen Schluß finde ich vielleicht, wenn ich zu meinen eigenen kleinen Angelegenheiten zurückkehre und Eurer Majestät melde, daß ein reicher süddeutscher Fabrikant (der ungenannt zu bleiben wünscht) die Summe von 10 000 Mark gestiftet hat zur Verbreitung der „Grundlagen“. Der Mann schrieb an mich und wollte, daß ich die Ideen der „Grundlagen“ auf wenige Seiten zusammendränge und in möglichst populäre Form umgieße, wofür er dann — nebst einem großen Honorar an mich — die Verbreitung zu Hunderttausenden von Exemplaren auf seine Kosten in Szene setzen wollte. Ich weigerte mich natürlich und suchte ihm begreiflich zu machen, daß aus derartigen demagogischen Wirkungen nie etwas Gutes hervorgehen könnte, und sagte ihm,   i c h   jedenfalls würde niemals daran teilnehmen; vielmehr käme es mir einzig auf die Verbreitung grundlegender Ideen unter den Gebildeten und Führenden an, aus denen vielleicht nach und nach einiges Gute hervorgehen könnte. Das wirkte wohl wie eine kalte Dusche; denn der gute Mann hatte schon von einem „neuen Hutten“ gesprochen, und nun war diese Hoffnung dahin. Außerdem hatte ich ihm gesagt, meine Lebensarbeit sei schon für mich vorgezeichnet, und ich beabsichtige nicht, nach rechts oder nach links davon abzuweichen, am allerwenigsten geize ich aber nach der Bewunderung des süßen Pöbels (aus den oberen, mittleren und unteren Volksklassen). Und siehe da, es war doch ein braver, guter deutscher Mann. Er war zwar enttäuscht und schreibt mir auch jetzt hin und wieder Briefe mit Ratschlägen, die ich nicht befolge; an meinen Verleger aber zahlte er 10 000 Mark ein zur Verbreitung der „Grundlagen“; ungefähr 850 Exemplare werden infolgedessen jetzt an Lehrerbibliotheken und ähnliche Anstalten zur Verteilung kommen, was um so dankbarer zu begrüßen ist, als das Werk — wie ich höre — auf allen größeren Bibliotheken so andauernd mit Beschlag belegt ist, daß Leute in kleinen Städten, wenn sie nicht in der Lage sind, es zu kaufen, es niemals zu Gesicht bekommen können. Ich hoffe, das Beispiel des wackeren Huttenschwärmers wird „kontagiös“ wirken und so nach und nach die Verbreitung durch ganz Deutschland bewerkstelligen.
    Dagegen hat sich die von Eurer Majestät gewünschte englische Übersetzung bis zur Stunde nicht verwirklichen lassen. Einen ganz vortrefflichen Übersetzer hätte ich, und Dr. Strong — librarian to the House of Lords — hat sich (wie ich erfahre, denn persönlich kenne ich ihn nicht) energisch für die Sache verwendet. Doch man schreibt mir, daß Sir Rowland Blennerhassett, der irische Ultramontane und Deutschenfresser, von Verlag zu Verlag gelaufen ist, um alle gegen mein Werk aufzuhetzen. Man sieht, wie Antigermanen und Antiprotestanten das Werk fürchten. Mir steht in England kein Einfluß zu Gebote, fähig, diesen feindlichen zu überwinden.
    Und nun bleibt mir nur noch — last but not least — die untertänige Bitte, Ihrer Majestät der Kaiserin — falls sich die allerhöchste Frau meiner noch entsinnt — in dankbarster Verehrung zu Füßen gelegt zu werden. (Die „Worte Christi“, für die sich Ihre Majestät zu interessieren geruhten, sind inzwischen in holländischer und in schwedischer Übersetzung erschienen; eine zweite deutsche Ausgabe wird bald nötig sein und dann wahrscheinlich in kleinerem Format, zu billigerem Preise, herauskommen.) — Auch jedem der Anwesenden an jenem für mich unvergeßlichen Abend des 30. Oktober 1901 habe ich ein dankbares Gedächtnis bewahrt: Gräfin Brockdorff, Gräfin Keller, Graf Keller, Fräulein von Gersdorff, Minister von Lucanus, General von Scholl, Kapitänleutnant Grumme, Herr von Trotha — alle haben durch die Güte und Nachsicht, mit welcher sie dem plötzlich bei Hof eingeschneiten Fremdling begegneten — sich einen dauernden Platz in meinen Gehirnwindungen verdient. Selbst den guten Lakaien, der mich so sorgfältig pflegte wie ein Kindermädchen das Baby, und der ein ebenso merkwürdiges Deutsch sprach, wie etwa hierzulande die böhmischen Ammen, habe ich nicht vergessen. Es lebt und webt alles und jedes aus jenen Tagen, das Große und das Kleine, das Entscheidende und das Geringfügige. Schwer bis zur Unmöglichkeit ist es, sich eines guten Rufes würdig zu erweisen, doch in einem Punkte werde ich — das weiß ich — dem besten stets Ehre tun, nämlich in bezug auf die ehrerbietige, innigst treue Dankbarkeit, mit welcher ich bin

Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

in Ehrfurcht ergebener Diener

Houston Stewart Chamberlain.

 
    P. S. — Den Korrekturabzug eines Aufsatzes über England, der nächsten Monat in Lohmeyers Zeitschrift in Berlin erscheint, bin ich so frei beizulegen, weil ich voraussetze, daß er Eure Majestät interessieren könnte und vielleicht sonst nicht zu Gesicht käme.
    Den allerehrerbietigsten Dank für die meinem Onkel Sir Neville Chamberlain ³ erwiesene letzte Ehre möchte ich nicht unterlassen auszusprechen, wenn es auch sofort durch die bevollmächtigten „executors“ im Namen der Familie geschah. Der letztüberlebende Bruder aus meines Vaters Generation, Lieutenant-General Sir Crawford Chamberlain, hätte gern persönlich an Eure Majestät deswegen geschrieben, sagte mir aber damals, er getraue es sich nicht. Ob er sich inzwischen eines Besseren besonnen, weiß ich nicht. Mit Sir Neville schwand das letzte Familienmitglied hin, das für mich und meine Arbeiten (die er aber nicht lesen konnte) Interesse hatte.
    Jetzt — nach der Unterbrechung des Vorwortes — begebe ich mich in strikteste Klausur auf mehrere Monate, um mich ausschließlich dem Studium von Plato und der Arbeit an dem Kapitel „Plato“ und „Entwicklungslehre“ meines Kantbuches zu widmen. Höchstens möchte ich noch ein Wort für die Rumänen einlegen. Vor einigen Jahren hatte ich einen Aufsatz über die rumänische Judenfrage 4 geschrieben, der mich dort zu einer Art Berühmtheit gemacht hat; er soll in Tausenden von Exemplaren durch das ganze Land verbreitet sein. Und jetzt schreiben mir die armen Leute Brief über Brief und flehen mich an, ihnen in ihrer Bedrängnis beizustehen; auch standten sie mir manches Interessante an authentischen Darstellungen der Lage. Doch schließlich, was vermag   i c h?   Ihnen zuliebe wollte ich wenigstens meinen früheren Aufsatz jetzt als Flugschrift deutsch herausgeben; doch mein Verleger geriet sofort in zitternde Angst und schrieb mir: drei Viertel aller Dozenten und Professoren der Philosophie in den Ländern deutscher Zunge seien Juden oder Judenknechte, und mein Ruf sei schon miserabel genug unter ihnen; veröffentliche ich aber ein Pamphlet zugunsten der Rumänen, so würden sie wie ein Mann meinen „Kant“ gleich beim Erscheinen zermalmen. — Ich glaube, der gute Mann irrt sich in bezug auf das Zermalmen; das geht heute nicht mehr so leicht; und mehr hassen, als jetzt schon, könnten sie mich auch kaum. Was mich persönlich unschlüssig macht, ist, daß ich nicht gern etwas täte, was mich in den Ruf brächte, als mischte ich mich in die Tagespolitik. Von allen Pfuschereien ist mir die politische die verhaßteste. Damals war es eine theoretische Rundfrage gewesen: Sollen die Rumänen allen Juden die Naturalisation und mit ihr zugleich die politische Gleichberechtigung und das Recht auf Grunderwerb einräumen; und ich — der ich solche Sachen sonst immer in den Papierkorb werfe — hatte empfunden, hier wäre Schweigen eine Feigheit, und zwar um so mehr als Mommsen, Zola usw. den armen Leuten schon die üblichen Humanitätsmühlsteine, statt Brot, gereicht hatten; und so schrieb ich und zeigte an der Geschichte Englands — das ja während der Jahrhunderte seines Werdens keinen einzigen Juden im Lande duldete —‚ daß eine junge Nation notwendig zugrunde gehen muß, wenn sie 16% Juden beherbergt und diesen den Zutritt zum Bodenbesitz und der Regierung offen läßt; in fünfzig Jahren wären die Rumänen samt und sonders nur noch Heloten der Juden. Doch augenblicklich ist die Frage gar sehr aktuell, für die Behandlung durch einen Privatmann, und ich sehne mich aus ganzer Seele nach Ruhe und Abgeschiedenheit.
    Höchst bemerkenswert in bezug auf diese herrliche Ruhe ist folgende Tatsache: daß nämlich die Indoarier tatsächlich   g a r   k e i n e   S i e g e s b e r i c h t e   z u r ü c k g e l a s s e n   h a b e n,   trotzdem sie von jeher Krieger waren, ihre Könige stets Soldaten und ihre oberste Gesellschaftsklasse die der Waffenhelden. Während die dem Herzen unseres guten D. so teuren semitischen Monarchen (Hammurabi & Cie.) jedes Scharmützel ihrer Söldner gleich in Ton einbrennen und in Granit einbauen ließen zu ihrem ewigen Ruhmesangedenken — wobei sie nachgewiesenermaßen häufig wie gedruckt logen —‚ gibt es über alle die Kriegszüge, die Schlachten und die Heldentaten der Jahrtausende währenden indoarischen Geschichte kein einziges Dokument — nur Gedichte, und zwar Gedichte, in denen auch der Feind gerühmt wird.
    Folgendes fand ich neulich in dem katholischen Priesterblatt „Pastor Bonus“ (Trier). Abgefallene Priester vergleichen sie   „g e f a l l e n e n   G ö t t e r n“.   Ergo ist jeder römische Priester ein   G o t t!   — Auf der einen Seite diese blöde Blasphemie, auf der anderen „Los von aller Religion“; wahrlich, wir sollten zusammenhalten, wir hätten Veranlassung dazu genug.
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    ¹ „Die Fackel“ Nr. 92/1902 „Katholische Universitäten“, wiederabgedruckt in „Rasse und Persönlichkeit“.
    ² „Grundlagen“, S. 663.
    ³ Feldmarschall.
    4 Über die Judenfrage in Rumänien. Nuova Revista Romana (Bukarest) X/1900.
 
165-168 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Neues Palais, 21. XII. 1902.

Lieber Mr. Chamberlain.

    Auf die Gefahr hin, in den Verdacht der Aufdringlichkeit zu kommen und in Ihre Arbeit über das Kantbuch störend einzugreifen, bitte ich Sie, mir diese Antwortzeilen zu vergeben. Wir Könige stehen ja bekanntlich leider in dem Rufe, meist in nur losem Konnex mit der Göttin der Dankbarkeit zu stehen, und da muß ich doch das Meine dazu tun, daß ich Ihnen gegenüber nicht in solchem Lichte erscheine! — Innigen und herzlichen Dank für Ihren Brief und die Beilage. Ich habe beide sorgfältig und öfters durchstudiert und darüber nachgedacht. Die Hauptpunkte, unsere Zukunft, ihre Aufgaben betreffend, habe ich als Programm in Görlitz „point blanc“, wie der Brite sagt, unter die Zuhörer gefeuert. Ich war ja so froh, daß Sie dem, was ich innerlich fühlte und was in mir rang, in so lapidarischer Weise Form und Worte verlieben hatten. Ich beobachtete die Gesichter, gespannte Aufmerksamkeit und Staunen war da zu lesen. Es war ganz etwas anderes, als sie erwartet hatten, und es war etwas Neues! Zu meinem Erstaunen habe ich bald erfahren und gesehen, daß im Lande die Aufnahme eine günstige war. Von den Universitäten und Professoren war das natürlich, und von dort klang es hell und dankbar zurück. Aber auch „Nichtfachleute“ hatte es gepackt. Nur die Orthodoxie von rechts und links grollte! Sie hat einen argen Schreck über die „Weiterbildung unserer Religion“ bekommen und kaut seitdem an dem Ausdruck herum, ohne ihn verstehen zu wollen oder zu können. Möge das Samenkorn Frucht bringen! Ihre vier Essays — exklusive Rasse — habe ich im Kreise der Meinen vorgelesen und haben wir herzhaft diskutiert und verhandelt. Ja das Alte Testament! Und gar die Genesis! Ei! Ei! Das waren doch gar überraschende Dinge, die Sie daraus mitteilten, und ungern läßt man vom Althergebrachten. Aber ich habe den Eindruck, daß doch allmählich es klar wird, worauf es dabei ankommt, und das habe ich bei den Kontroversen stets betont. Wir haben den Heiland, und der muß für uns die Hauptsache sein und voranstehen, und mit dem muß man sich völlig beschäftigen. Von dem aus kann man auf das Alte Testament „rückwärts konstruieren“! He is a fact! Zumal für uns; was vor ihm war, ist eine Erläuterung, soweit sie nachweisbar ist, ein Hinweis auf Ihn! Aber für uns jetzt muß absolut das „Ich aber sage euch“ des Herrn Jesus Christus gelten. —
    Wie richtig und zugleich wundervoll sagen Sie, daß für den Menschen es unmöglich ist, für transzendentale Dinge sich Form oder Begriff zu machen — i. e. von Gott —‚ daß aber wir ja in der glücklichen Lage sind, einen Anhaltspunkt, einen Hinweis zu haben: denn „Christus ist ja Gott“, Er hat sich in ihm offenbart! —
    Das schlug vollkommen durch, und nachdem die nötige Menge von Broschüren aus München nachbestellt waren — in Berlin waren keine mehr zu haben —‚ gehen jetzt alle unsere Damen mit Ihrem Vorwort unter dem Arm umher und fallen ahnungslose Geistliche an, die es zu lesen bekommen. Ich habe die Broschüre an viele Freunde, Geistliche, auch katholische Damen gesandt. Habe überall reges Interesse gefunden, wobei mir zu meiner großen Freude ein älterer Stabsoffizier sagte, daß diese Schrift unsere Leutnants sehr interessieren werde, da fast jeder junge Offizier des Gardekorps die „Grundlagen“ studiere und bespräche! Nun noch ein Wort von Delitzsch. In Ihrer Behandlung des Vortrages von Bibel und Babel gehen Sie von der Ansicht aus, daß er im semitischen Sinne und Interesse gearbeitet habe. Wir alle, die den Vortrag hörten, haben diesen Eindruck nicht gehabt. Er war von seiner Materie sehr erfüllt und begeistert und ging doch auch dem Alten Testament zu Leibe, insofern er die Ansicht zum erstenmal öffentlich aussprach, daß in der Genesis hauptsächlich Mythen und Überlieferungen seien. Das erregte damals schon einen ganz ungeheueren Sturm unter Damen und Pastoren, daß er ganz fürchterlich mitgenommen wurde und nur wenig Verteidiger fand. Bei den Diskussionen verschwand das „Semitische“ völlig, und es blieb nur das Assyriologische oder rein Religiöse übrig, je nach dem Standpunkt des Betreffenden. Aber ich habe nicht den Eindruck gehabt, daß er uns „semitisch“ hat „einspinnen“ wollen, dazu ist es ein zu einfacher und ehrlicher Mensch. Er ist eben von einem mehrmonatigen Ausflug nach Babylon heimgekehrt und wird Anfang nächsten Monats einen neuen Vortrag halten, bei dem er auch Ihren Aufsatz widerlegen will. — Neulich erzählte uns ein Landgeistlicher aus einem Dorf an der russischen Grenze, dem ich Ihre „Grundlagen“ geschenkt hatte, daß er das Kapitel über die Erscheinung Christi einem aus seiner Kirche ausgetretenen Atheisten zu lesen gegeben. Derselbe habe es ihm tief erschüttert zurückgebracht und habe unter Tränen um Wiederaufnahme in die Gemeinde und die Sakramente gebeten und sei ein frommer Christ geworden! — Sie haben eine Seele gerettet, das herrlichste, was ein Mensch vollbringen kann, mögen Sie unser deutsches Volk, unser Germanentum retten, dem zum Helfer und getreuen Eckhardt Gott Sie gesandt hat! — Zur Weihnachtsgabe sende ich Ihnen ein Bild ¹, einen historischen Moment darstellend, an welchem aus britischem Munde ein gewaltiges Wort fiel, auf das wir stolz sind! Nun a merry Christmas and a happy New Year mit Gottes reichstem Segen wünscht herzlich in treuer Freundschaft

Ihr


Wilhelm

I. R.
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    ¹ „Germans to the front.“
 
168-188 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

4. 2. 1903

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

traute ich mir nicht, den ehrerbietigen und tiefempfundenen Dank für die mir am Weihnachtsabend, Punkt 7 Uhr, zuteil gewordene, mich wahrhaft beglückende, zwiefache Bescherung schon früher auszusprechen; mit Rücksicht auf die Jahreszeit und ihre für gekrönte Häupter so sehr gehäuften Pflichten mußte ich fürchten, lästig zu fallen; dazu kommt, daß ich selber fast unausgesetzt krank war, vielfach auch bettlägerig; und habe ich auch in Fiebernächten manchen gar so schönen Brief an Eure Majestät in Gedanken geschrieben, der Tag brachte nur Mattigkeit und völliges Unvermögen. Jetzt erhole ich mich langsam und darf vielleicht hoffen, diese Zeilen an einem Tage zu Füßen zu legen, der mir unendlich viel teurer ist als der konventionelle Jahresanfang. Gottes Wege sind unerforschlich; doch wenn ein Mann mit noch größerer Inbrunst als alle anderen zum Himmel betet, Eure Majestät möge lang in voller Geisteskraft regieren, so ist es gewiß der Einsiedler von der Blümelgasse. Denn er steht ja abseits; für sich hat er weder zu fürchten noch zu hoffen, da er vom Monarchen nichts seine Person Betreffendes zu wünschen hat; und eine solche Lebensstellung macht eigentümlich hellsichtig, und wer hellsichtig ist, weiß, was die Regierung eines solchen Monarchen zu bedeuten hat.
    Es ist ein schmerzliches Vorrecht, Deutschland so zu lieben, wie ich es liebe. Wie angenehm wäre es, um das Sternenbanner der Dollardynastien zu tanzen! Wie bequem für den geborenen Engländer, sich dem Taumel des „greater England“ hinzugeben! Doch für mich war anderes bestimmt; mich hat die Vorsehung einen anderen Weg geführt. Aus den Dollars werden immer wieder nur Dollars entstehen, weiter nichts; geistig leben wird Amerika nur genau so lange, wie der Strom europäischer Geisteskraft ununterbrochen dorthin fließt, nicht einen Augenblick länger; jener Weltteil erzeugt Sterilität, das ist nachweisbar; er hat ebensowenig eine Zukunft wie eine Vergangenheit; die Hauptsache ist, daß wir Europäer uns mit weisester Voraussicht gegen die halbtausendjährige Gefahr des mechanischen Zertretenwerdens wappnen und so imstande seien — komme, was mag —‚ ein Bruchstück wahrer Kultur künftigen Geschlechtern gerettet zu übermachen. Ungleich interessanter ist das Imperium Britannicum. Doch die Engländer sind auf eine schiefe Bahn geraten. Wie im nachcaracallischen Rom der civis romanus ist der civis britannicus jetzt ein rein politischer Begriff geworden; während die klugen Franzosen die Naturalisation immer schwerer machen, so daß man im besten Falle nach vielen Jahren die vollen Bürgerrechte empfängt, kommt es in England nur auf einen Paß an, der 2 Shillings und 6 Pence kostet, und der jedem Basutoneger ohne weiteres zur Verfügung steht; bald wird es in ganz Europa keinen Gauner größeren Stils geben, der sich nicht „Engländer“ nennt. In fünfzig Jahren wird der englische Adel eine reine Geldoligarchie sein, ohne jede Rassensolidarität und ohne irgendeine Beziehung zum Thron; als ich bei meinem letzten Besuch in England nach einer großen Anzahl new-fledged Lords mich erkundigte und erfuhr, es seien Bierbrauer, Tintenfabrikanten, Reeder, fügte man erläuternd hinzu: „Nowadays whoever has got 3 millions sterling is a peer.“ Und die Krone selbst? Hier können wir erfahren, welche unvergleichliche idealisierende Gewalt im echten monarchischen Prinzip ruht. Höchste Macht und höchste Verantwortlichkeit: das sind die zwei Faktoren, die diesem Gedanken Größe geben. Ein König verkörpert gleichsam den idealen Gedanken, aus dem die ganze Nation hervorgeht; hier wird sichtbar, was sonst, an tausend Orten zerstreut, nur fragmentarisch sich behauptet. In England aber hat die Oligarchie, unter dem Deckmantel des Konstitutionalismus, dem König jede Verantwortlichkeit und damit zugleich — mit logischer Notwendigkeit — jede Macht genommen; nicht einmal seine Minister kann er ernennen. Sehr bald wird ein englischer König kaum etwas mehr sein als ein Mittelpunkt für den gesellschaftlichen Snobismus. Ich lege hier den Finger nur auf den einen Punkt: er ist aber bezeichnend für den Bankrott des Idealismus in England auf der ganzen Linie —, und mit diesem schwindet die wahre Lebenskraft und beginnt die zunehmende Elefantiasis der plumpen Materie bis zur endgültigen Erdrosselung der Seele. Wir Menschen sind aber darauf angewiesen, eine Seele zu haben und zu pflegen; sonst sind wir weder mehr noch weniger als elektrisch beleuchtete, drahtlos telegraphierende Affen.
    D i e   W ü r d e   d e s   M e n s c h e n:   das ist es, was jetzt in Deutschlands Händen ruht; was Schiller zu den Künstlern spricht, das kann man dem ganzen deutschen Volke zurufen:
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben;
Bewahret sie!
Sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich heben.
    Und das ist keine Schwärmerei; es ist leidenschaftslose Erkenntnis, wie sie wohl in dieser Klarheit nur einem zuteil werden kann, den die Vorsehung aus jedem süß-wiegenden nationalen Vorurteil losgelöst hat, um ihn abseits in die Einsamkeit zu führen. Sowohl die Gesamtleistung des deutschen Volkes, wie auch — ganz besonders — die unvergleichlichen Genies, die dieses Volk — und in den letzten zwei Jahrhunderten dieses Volk allein — hervorgebracht hat, zeigen mit unwidersprechlicher Genauigkeit, daß hier der Mittelpunkt, das schlagende Geistesherz der Menschheit ist (womit die großen Verdienste ringsumher in keiner Weise verkannt oder verkleinert werden sollen, noch zu werden brauchen).
Der Dichtung heilige Magie
Dient einem weisen Weltenplane
sagt wiederum Schiller — und (um diese Bemerkung gleich einzuschieben) welches Land hat einen zweiten Schiller? Wo kann man unter den vielen verdienten und geistvollen Literatoren unserer Zeit einen einzigen finden, der als moralische Macht, der als fortwirkende nationale Kraft das bedeutete, was Schiller für die Deutschen — und durch Vermittlung der Deutschen für die ganze Welt — bedeutet? Man stelle nur den ihm am nächsten verwandten und an Begabung ihm völlig gleichen Lord Byron neben ihn! Aufbauen, Emporfliegen, Festgegründetsein, moralische Verantwortlichkeit, glühende Vaterlandsliebe bei dem einen; bei dem anderen Niederreißen, Frivolität, Auflösung, Egoismus, zynische Verhöhnung des eigenen Volkes. Ein englischer Dichter von Genie   k a n n   heute nur im Gegensatze zu seinem Volke auftreten; um das Ideal des „make your heap“ kann keine gottverwandte Kunst sich ausbilden. Und nur die „heilige Magie“, die einem „weisen Weltenplane“ dient — denn im Gegensatz zu der „Wissenschaft“ des Herrn Professor Delitzsch glaube ich an eine göttliche Lenkerhand und glaube an eine Offenbarung —‚ wo sehen wir sie am Werke? Dichterische Weltgenies jetzt ausschließlich im deutschen Volke. Beethoven ist eine der größten Gewalten, eine der unmittelbarsten göttlichen Offenbarungen, die je unserem Geschlechte entwuchsen. Hier steht das Genie katexochen vor uns, das rein poetische Genie, der Dichtung heilige Magie losgelöst aus aller Zeitlichkeit, aus aller Zufälligkeit des Wortes und des Begebnisses, der reine Ausdruck, die Sprache der Zukunft, die Sprache eines höheren Geschlechtes, das noch ungeboren in unserem eigenen Schoße kreist. Hier lodert Gottes Gegenwart heller vor unseren Augen auf als in dem Busche am Sinai, und wenn irgendwo, dann vernehmen wir hier eine Stimme, die der Seinen verwandt sein mag. Und ich frage: wo konnte diese Stimme ertönen, wenn nicht einzig in der Brust eines Deutschen? Zugleich mit diesem Übermenschlichen gebar aber Deutschland den vollendeten Menschen: Goethe. Wie können die Leute denn so kurzsichtig sein, nicht einzusehen, daß gerade die Größten tiefere Wurzeln in ihre Umgebung treiben als alle anderen? Goethe ist geradezu eine Verkörperung des Deutschen; er hat alle seine Fehler und alle seine Tugenden; er ist gleichsam die Steigerung ins Gigantische des alltäglichen deutschen Bürgers und Gelehrten und pflichttreuen Beamten; insofern hatte sogar der scharfsinnige Lessing nicht so ganz unrecht, als er in übelgelaunter Stunde von Goethe urteilte, er sei „ein ganz gewöhnlicher Mensch“ — ja gewiß ein ganz ungewöhnlicher gewöhnlicher Mensch war er. Und wenn wir sagen, dieses Unikum in der Geschichte der ganzen Menschheit war von Kopf zu Fuß ein Deutscher, was sagen wir dann anderes, als daß nur Deutschland dieses Phänomen erzeugen konnte? Da haben wir nun die beiden entgegengesetzten Pole der Menschennatur: das rein Dämonische und das abgeklärt Menschliche, die eruptive Gewalt des titanenhaften, alle Materie zertrümmernden, in ein göttliches Jenseits entfliehenden Gemütes und die architektonische, auferbauende Kraft des naturverwandten, seine Leidenschaften bändigenden, olympisch heiteren Weisen, beides Höhepunkte, beides hinfürder Diktatoren im Reiche aller menschlichen Kultur und beides Deutsche. Zugleich mit ihnen lebte und schuf jener dritte Diktator, der als Erster den Menschengeist wirklich befreit hat, der Denker, an dem seitdem jede Weltanschauung — selbst die absurder, selbst die gegen ihn gerichteten — angeknüpft hat, und dessen gesetzgebende Gedankengewalt erst jetzt zur wahren Geltung kommen wird — denn es braucht mehr als ein Jahrhundert, damit die Menschen eine solche kopernikanische Umwälzung aller unserer Grundvorstellungen zu begreifen beginnen; und konnte Kant etwas anderes sein als Deutscher? Aus Schottischem Blute entsprossen, mußte er in Deutschland geboren werden, um das   a u s s p r e c h e n   z u   k ö n n e n,   w a s   e r   d a c h t e   und was keine Übersetzungskunst ins Englische zu übersetzen vermag. Die höchsten Gedanken, deren der Menschengeist heute fähig ist, können nur in der deutschen Sprache einen adäquaten Ausdruck finden! Können wir denn achtlos an einer solchen Tatsache vorübergehen? Ist es zu viel, wenn wir behaupten:
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben? —
Und dann wieder jene freilich noch lange nicht genug und nicht richtig gewürdigte, stupende Erscheinung: Richard Wagner. Meiner Überzeugung nach ist er der größte Poet der Menschheit. Drei Namen bezeichnen die absoluten Höhepunkte: Homer, Shakespeare, Wagner. Doch — wenn in solchen Dingen das Vergleichen überhaupt einen Sinn hat — dürfen wir sagen: sowohl in bezug auf gedrängte Gestaltungskraft, wie auch in bezug auf Reichtum, Bestimmtheit und Gewalt des Ausdrucksvermögens ist Wagner der größte. Und wie Kant ein höchstes Denken, das nur deutsch gedacht werden kann, so hat Wagner ein Kunstwerk geschaffen, welches so unauflöslich mit der deutschen Sprache verknüpft ist, daß es auseinanderfällt, sobald ein einziges Wort verschoben wird. (Diesen Mann, wie es die Zeitungen für die Denkmalsenthüllung ankündigen, nur mit Singsang und musikalischem Kongreß feiern, ist allerdings bittere Ironie; ein Triumphlied von Bach, Beethovens Schlacht bei Vittoria, im Theater Sophokles' Antigone und Shakespeares Macbeth, dazu dann in geschlossenem Saale die Prunkrede eines   N i c h t m u s i k e r s   über den dichterischen Hochwert sowie auch über die   d e u t s ch e   Bedeutung dieses glühenden Patrioten, der wie Luther von sich hätte sagen können: „Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen!“: so ungefähr könnte man ihn würdig feiern.)
    Hat Schiller recht, gibt es einen weisen, göttlichen Weltenplan, dem der Dichtung heilige Magie dient, dann können wir Sterbliche das eine mit Sicherheit enträtseln, daß in diesem Plane dem deutschen Volke eine besondere Rolle zufällt.
    Doch auch abseits von der Dichtung gilt dasselbe. Freilich ist die Suprematie Deutschlands auf dem Gebiete der Wissenschaft augenblicklich wohl in der Gesamtleistung als Masse, nicht aber in bezug auf die leitenden Genies so klar ausgeprägt wie auf dem Gebiete der Poesie. Das kommt aber daher, daß die Wissenschaft sich noch in einem Übergangsstadium befindet, vergleichbar etwa dem Zustande der Poesie am Anfang des 18. Jahrhunderts. Es fehlt noch die ideale Weltanschauung, und so lange sie nicht da ist, kann der Deutsche sein Höchstes nicht leisten. Auf der Naturwissenschaft lastet der Druck des Materialismus und der borniertesten Empirie. Nur dadurch erklärt es sich, daß tüchtige, doch durchaus untergeordnete Geister wie Virchow, Dubois Reymond, Koch usw. eine führende Rolle spielen konnten, während Männer ersten Ranges wie Helmholtz philosophisch hilflos herumtappen und strahlende Genies wie Heinrich Hertz wirkungslos blieben, als hätten sie nie gelebt. Doch es kommt ein neuer Tag, ich weiß es. Und ist er erst da, so wird der deutsche Geist mit einem einzigen Satze sich in der Wissenschaft ebenso in die erste Reihe der leitenden Geniusse schwingen, wie er es in den hundert Jahren, die von Götz zu den Meistersingern führen, auf poetischem Gebiete getan hat. Heute ist die Perspektive noch ganz verschoben, und ein Darwin steht vor unseren Augen in ungeheuer übertriebener Größe; es ist die Epoche der Vorherrschaft der mittelmäßigen Geister; doch das Bild wird sich von selbst zurechtrücken, wenn erst die wahrhaft großen Gedanken das Heft ergriffen haben werden.
    Das alles, Majestät, gehört zu meinem Geburtstagsgruß. Denn patriotische Phrasen sind mir verhaßt und konventionelle Glückwünsche ebenfalls. Es handelt sich um gar ernste Dinge, um nichts Geringeres — wir sahen es —‚ als um die Würde der Menschheit. Und was würde nun diese überreiche Begabung, die Gott Deutschland anvertraut hat, was würde diese Last an „Talenten“ und damit auch an Verantwortung nützen, wenn nicht die   p o l i t i s c h e   Möglichkeit gegeben wäre, dieses Volk am Leben zu erhalten, es zu ernähren, zu erstarken und seine Sprache als Träger seiner Kultur über die ganze Erde auszubreiten? Und muß nicht gerade hier, wer Deutschland liebt und seine Mission erkennt, Stunden der Verzweiflung durchleben? Hat man je ein in bezug auf politischen Instinkt so armseliges Volk gesehen? Ich möchte manchmal mich einschließen und darüber weinen — so jammervoll ist der Anblick. Und warum hoffen wir doch? Inwiefern sind wir berechtigt zu sagen: ja, auch in politischer Beziehung ruht sichtbar die Hand Gottes auf diesem Volke; es kann und wird seine hehre Aufgabe erfüllen? Der eine einzige Umstand, in welchem Deutschland den anderen führenden Nationen gegenüber politisch im Vorteil ist, das ist der Besitz des Königsgeschlechts der Hohenzollern. Blicken wir umher, nirgends sehen wir mehr eine Dynastie, die eine moralische Macht bedeutet; es ist tief betrübend, aber es ist so; der Almanach de Gotha mag die hohen Namen in goldener Lettern drucken, die Geschichte aber schreitet wie eine Naturmacht daher, die nur vor Tatsachen und nicht vor Worten zur Seite weicht. Physisch, moralisch und intellektuell muß ein Königsgeschlecht hoch stehen, wenn es historisch bedeutsam sein soll; schon in früheren Zeiten geben die großen Königstaten nur von außerordentlichen Männern aus, heute aber steht der König vor einer noch weit schwereren Aufgabe. Und der   e i n z e l n e   Monarch tut's auch nicht; es muß ein ganzes Geschlecht sein. Eine königliche Diktatur ist hinfürder ausgeschlossen; manchmal möchte man es bedauern, doch man muß mit Tatsachen rechnen, nicht mit Utopien; — um so gewichtiger ist aber, finde ich, die eigentliche Königsaufgabe geworden, und diese liegt in der folgerechten Vorbereitung der Zukunft, — etwas, was einzig ein über Jahrhunderte sich erstreckendes Geschlecht ausführen kann. Das ist ja das heilige   G e h e i m n i s   des Königstums. Für die Geschäfte des Tages tragen die Minister die Verantwortlichkeit, und ließe man ihnen nicht weitgehende Befugnisse, sie wären bloße Puppen und der König ein Drahtzieher. Jene langsame, schweigende, von Geschlecht zu Geschlecht vererbte Vorbereitung der Zukunft aber ist ein ganz anderes Ding; das liegt abseits der Tagespolitik und der Ressortminister; das ist des Königs ganz eigene Sache; er erbt sie und vererbt sie weiter; und während alles hin und her wankt, bleibt dieses eine bestehen — sobald es Träger der Überlieferung gibt; und darum wird am letzten Ende die Monarchie siegen, wie stark auch die Demokratien und Oligarchien zur Stunde scheinen mögen. In dieser Welt ist keine Kraft größer als die eines festen menschlichen Willens; kann aber derselbe Wille sich durch Jahrhunderte fortsetzen, dann wohnt ihm eine Gewalt sondergleichen inne. Und hier ist es, wo ich Gottes Segen sichtbarlich auf Deutschland ruhen sehe. Für die weithin reichenden Gedanken des Großen Kurfürsten und des großen Königs und des großen Kaisers steht eine unvergleichlich stattliche, in Manneszucht und Pflichtgefühl erzogene Erbenschar da; bleibt dieses Geschlecht echt deutsch, wird es nicht international zersplittert und entnervt, mit dem Blute degenerierender Fürstenstämme infiziert, so dürfen wir wohl hoffen, daß das deutsche Volk — allen Reichstagen, allen politisierenden Professoren à la Virchow, Mommsen und Liszt und allem schwarzen und roten Verräterparteien zum Trotz — doch auch politisch die seiner hohen Mission gebührende Stelle an der Spitze aller Nationen erringen und behaupten wird. Und in dieser Beziehung wäre es gewiß der größte Segen Gottes, wenn ein so vollbewußter Monarch wie Eure Kaiserliche und Königliche Majestät das Ruder in der festen Hand lange führen und an diesem vielleicht gefährlichsten Wendepunkt der Weltgechichte das Alte hinüberretten und das Neue bis zur kenntlichen Gestalt vorbereiten dürfte.
Das walte Gott!
    „Germans to the front!“ Die herrliche Photogravüre liegt eingerahmt vor mir, und da der Mensch sich doch auch etwas einbilden muß, so bilde ich mir ein, nur Eure Majestät und ich wüßten genau, was diese Worte wirklich bedeuten. Das ist so ein königliches Geheimnis, und wäre mir nicht das Glück zuteil geworden, Eurer Majestät naher zu dürfen, ich hätte in meiner Weise dafür zu wirken gesucht, doch nie zu einer Seele davon gesprochen. Ich pries vorhin die Kraft des Willens; doch das Panzerhemd des Willens ist das Schweigen; wie Wagners Wotan sagt: „Laß ich's verlauten, lös' ich dann nicht meines Willens haltenden Haft?“ Eigentlich darf man — wenigstens vor der Welt — nur von Nebendingen sprechen; belehren soll man die Menschen und sie mit Sanftmut oder Stärke auf bestimmte Gleise bringen, sie nie aber die Richtung des gestaltenden Willens erraten lassen. Und so fasse ich denn das gnädige und schöne Weihnachtsgeschenk als eine Art „Finger auf die Lippen“ auf und erläutere nun meinen Freunden — die alle das Gemälde höchlich bewundern — in harmlosester Weise den Vorgang in der Schlacht, die Gegend usw.
    Eure Majestät haben mich recht beschämt mit der Entschuldigung wegen „Aufdringlichkeit“. Ich weiß, ich bin kein Hofmann, und ich zweifle nicht, daß mein Verhalten — sowohl persönlich wie schriftlich — in dieser Beziehung vieles zu wünschen übrig läßt; ich gestehe auch offen, daß ich vom ersten Augenblick an, und trotz der einschüchternden Wirkung einer mir völlig fremden Umgebung, mich freier vor Eurer Majestät gefühlt habe als vor den meisten Menschen. Doch Eure Majestät sind ein schärfer Menschenkenner und wissen gewiß, daß niemand mit innigerer Ehrfurcht dem Kaiser der Deutschen naht als Ich. Freilich behalte ich die Beweise kaiserlichen Wohlwollens möglichst für mich; ich sekretiere sie geradezu; selbst in meiner nächsten Umgebung erfährt gar niemand, daß ich von Eurer Majestät Briefe erhalten oder an Eure Majestät habe schreiben dürfen; ich habe sogar in dieser Beziehung mehr als einmal dreist gelogen; es geht ja niemand etwas an, und ich schreite am liebsten als Mr. Nobody durch die Welt, ungesehen, unbeachtet.   D o c h   u m   s o   m e h r   sind mir die Zeugnisse des kaiserlichen Interesses im Herzen wert; und ich kann Eure Majestät versichern, daß eine eigenhändige Zeile, von der nur ich weiß, mir mehr bedeutet als ein Hofenbandorden, den ich, um anderen Leuten zu imponieren, draußen auf der Brust tragen würde. „Ein jeder ist nach seiner Art — An ihr wirst du nichts ändern“, sagt wiederum Wagners Wotan. Meine Art mag wohl eine besondere sein; namentlich widerstrebt es mir, gewisse Dinge auszusprechen, oder ich tue es nur auf Umwegen — wie meinen heutigen Geburtstagswunsch! —‚ doch undankbar bin ich nicht.
    Und da will ich gleich noch einen Dank aussprechen. Neulich brachte mir der erste Sekretär der hiesigen kaiserlichen Botschaft, Graf Brockdorff-Rantzau — ein Mann, mit dem ich mich recht herzlich befreundet habe — den Zeitungsausschnitt über Kants Schädel, den Eure Majestät zur Mitteilung an mich bestimmt hatte. Ich war tief gerührt von dieser großen und so zart gedenkenvollen Güte — es war das wieder so ein Hofenbandorden von der Art, wie ich sie brauchen kann. Übrigens ist es für mich durchaus noch nicht ausgemacht, daß Kant ein echter Brachyzephal im richtigen Sinne des Wortes war; man beginnt einzusehen, daß es sehr einseitig ist, nur die   r e l a t i v e n   Dimensionen in Betracht zu ziehen, es kommt auch auf die   a b s o l u t e n   Maße an. Kants Kopf ist zwar breit, aber nicht kurz. Ein Abguß dieses Schädels ist mir gerade zu Weihnachten geschenkt worden; es ist ein ganz gewaltiges Gehäuse gewesen, in dem dieses gewaltige Gehirn sein Werk verrichtet hat.
    Und somit hätte ich meine Danksagungen beendigt und hierbei die Geduld Eurer Majestät mehr als billig in Anspruch genommen. Doch kann ich nicht schließen, ohne auf noch eine Bemerkung Eurer Majestät eingegangen zu sein. Wenn mein Vorwort den Eindruck hervorrufen konnte, ich hätte die Redlichkeit von Herrn Professor Delitzschs Absichten bezweifelt und ihn in Verdacht gehabt, uns „einspinnen“ zu   w o l l e n:   so hat mich das förmlich bestürzt. Ich muß auch gestehen, daß ich bei sorgfältigster Prüfung die Stelle nicht habe entdecken können, die diese Deutung nahegelegt hat; was mich aber nicht verhindern soll, bei einer eventuellen Neuauflage gegen die Möglichkeit dieses Mißverständnisses Vorsorge zu treffen. Gleich der Anfang — die Herbeiziehung von Goethes Worten: „O du armer Christe! usw.“ — sollte nach meiner Absicht die Lage vollkommen klar präzisieren; denn ich habe niemals gehört, daß irgendeine Menschenseele — und sei es ein noch so rabiater Judenfresser — die unbedingte Redlichkeit von Moses Mendelssohn in Zweifel gezogen hätte. Gerade diese Tatsache macht Goethes Worte so bemerkenswert; er sagt: trotz des anerkannt hohen Sinnes dieses Mannes, wird es dir doch „schlimm ergehen“, wenn du dich mit ihm einläßt, denn was er im besten Glauben erstrebt und unbewußt „schlau“ durchsetzt, bedeutet für dich — „armer Christe“ — ein „Einspinnen“, ein Lahmlegen deiner besten, aus deiner echten Eigenart entsprießenden Kräfte. Und ganz genau das ist es, was ich von Professor Delitzschs Wirksamkeit (jenseits der Pfähle rein gelehrter philologischer Arbeit) halte und fürchte. Sein Instinkt — nicht seine Überlegung — führt ihn auf diejenigen Pfade, wo unserer germanisch-christlichen Kultur Schaden erwächst. Doch für seine Redlichkeit hätte mir als Gewähr das Eine genügt: daß der Deutsche Kaiser ihm Achtung erweist; eine andere hätte ich nicht gebraucht. Zufällig trifft es sich aber, daß ich im Laufe des Jahres 1902 einer Anzahl Gelehrter — engere und weitere Fachkollegen Delitzschs — und auch einigen Ungelehrter, aber Männern von großer Welterfahrung und Menschenkenntnis begegnet bin, die Delitzsch teils ziemlich, teils sehr genau kennen, der eine sogar seit seiner Kindheit, ein oder zwei andere freilich nur aus seinen Schriften, — und   j e d e r   von diesen hat gesagt, es sei ein grundehrlicher Mensch. Wie wäre ich also dazu gekommen, diese Tatsache anzuzweifeln? Das Urteil über ihn von diesen so verschiedenen Leuten, auch verschiedenen Nationen angehörig, war überhaupt eigentümlich übereinstimmend, — so daß ich Eurer Majestät Worte, es sei „ein sehr einfacher Mensch“ vollauf bestätigt finde. Er gilt bei allen, die ich befragte, für „nicht hervorragend“ begabt; ohne den hochbedeutenden Vater hätte die Welt wohl schwerlich von seinem Dasein Kunde erhalten; doch soll er innerhalb bestimmter Grenzen seines eigentlichen Faches, nämlich der assyrischen Zendologie Fleißiges und Tüchtiges geleistet haben; jenseits engerer Grenzen reiche sein Urteil und sein „Blick“ nicht — auch nicht bei rein fachmännischen Fragen; Männer wie Jenssen (namentlich), Eberhard Schrader und selbst Winckler (trotz seiner Übertreibungen) gelten in Deutschland und im Auslande als ungleich bedeutendere, zuverlässigere Assyriologen. Ein Fachmann, auf dessen Urteil ich besonders viel gebe und der Delitzsch persönlich und wissenschaftlich genau kennt, sagte mir: „Delitzsch, oh, c'est un bien brave homme! et il a fait du bon ouvrage — autrefois. Mais vous savez, huip! (und hier machte er die Bewegung, als durchschnitte er einen Faden mit einem scharfen Messer) depuis qu'il est à Berlin c'est fini; il a fait plus rien qui vaille.“ Doch, wie gesagt, das Urteil „un brave homme“ war allgemein.
    Auf das   S a c h l i c h e   gebe ich natürlich nicht mehr ein. Eure Majestät hatten die große Güte, das zu lesen, was ich vorzubringen hatte. Nach meiner Meinung (und einige der ersten Gelehrten Deutschlands haben mir dasselbe brieflich ausgesprochen) it disposes of him once for all. Denn sobald einem Manne in diesem Grade die Elemente des logischen Denkens abgeben, und sobald er eine solche Urteilslosigkeit an den Tag legt, wie bei der Behandlung des Wortes èl und des Wortes „Gott“ (Sowie bei anderen Punkten, die er in Babel und Bibel berührte), da hat es keinen Zweck, sich weiter mit ihm polemisch einzulassen. Doch liegt es mir fern, anderen diese meine Überzeugungen aufdrängen zu wollen, und mir hat Delitzsch insofern einen großen Dienst erwiesen, als die durch ihn veranlaßten Ausführungen über arischen und semitischen Monotheismus eine wirkliche Bereicherung der „Grundlagen“ bedeuten.
    Eines bleibt mir aber doch unbegreiflich. Gesetzt den Fall, Delitzsch hätte — was ich bestreite — sachlich recht; ich begriffe noch immer nicht, wozu es dieses mit allem Tamtam und Drommetenschall der Reklame in Szene gesetzten Angriffes auf wichtige Vorstellungen der bisherigen christlichen Kirchen bedurfte. Solche Dinge können, meine ich, gar nicht zu rücksichtsvoll und liebevoll angefaßt werden. Als ich den neulichen Vortrag über die Offenbarungsfrage meiner Frau vorgelesen hatte, warf ich die Zeitung heftig auf den Tisch und rief ziemlich erregt die Worte Popes:
And fools rush in where angels fear to tread!
„Fools“ ist ein bißchen stark, doch ich konnte Pope nicht fälschen, und im übrigen beschreibt dieser Vers genau, was Delitzsch getan hat. Mettons que ce n'est pas un crime, ce n'en est pas moins une faute.
    Mein guter, lieber Vater pflegte mich, als ich noch Bube war öfters im Scherz einen „Politiker“ zu nennen; es war halb Tadel, halb Lob; sicher ist, daß ich die Unterscheidung zwischen dem, was angemessen ist — dem Ort, wo gesprochen wird, dem Publikum, an das man sich wendet, usw. angemessen —‚ und dem, was unangemessen ist, fast ebenso wichtig finde wie die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge. In einem Fachwerk darf man Überzeugungen aussprechen, die in einem populär-wissenschaftlichen Werke nicht am Platze wären, und in einem solchen populären Werke, wenn es 20 Mark kostet, kann man Dinge sagen, die es ein Vergehen gegen die Gesellschaft wäre, in einer Flugschrift zu 50 Pfennig zu sagen oder gar erst in einer Form vorzubringen, die sie allen Zeitungen der Welt zugänglich macht. Ich, einzelner Mensch, kann und soll vor Gott mein ganzes Herz enthüllen; trete ich aber vor meine Mitmenschen, so kann ich es nicht und soll ich es nicht. Das ist nicht Betrug, sondern Rücksicht; es ist nicht Unwahrhaftigkeit, sondern Bescheidenheit; es ist Respekt vor dem, was anderen wahr dünkt; es ist Gehorsam gegen das große Gesetz des Unter- und Nebenordnens, ohne das keine Gesellschaft bestehen kann; — außerdem ist es klug und weise, es ist „politisch“, es führt zum Ziele.
    Hier kann ich mit einem höchst bemerkenswerten Beispiel dienen. Vor 100 und etlichen Jahren hatte ein damaliger Delitzsch, irgendein „freisinniger“ gelehrter Pfarrer, ein Werk gegen den Offenbarungsglauben veröffentlicht. Den nimmt sich nun Goethe vor — Goethe, „der große Heide“, wie ihn die Pietisten schelten, Goethe, der sich noch weniger als ich zu irgendeiner der Kirchen seiner Zeit bekennen konnte! Zunächst macht Goethe darauf aufmerksam, daß nur „unzweideutiger   G e n i u s“   und nicht   „g e m e i n e   T a l e n t e“   sich an die öffentliche Behandlung solcher Fragen überhaupt wagen   d ü r f e;   wogegen ein Delitzsch sehr mit Unrecht wähnt, Professorsein genüge dazu. Dann aber fährt Goethe fort: „Wenn sie [nämlich die unzweideutigen Geniusse], wenn sie Welterfahrung besitzen, so werden sie sich bei einem großen Publikum ungern erlauben, auch nur   T e r m i n o l o g i e - p a g o d e n   umzustoßen, wenn sie bedenken, welche heilige, ihren Brüdern teure Begriffe unter diesen Bildern umarmt werden — — —.“ So redet ein Weiser. Das hört sich anders an als das banale „Die Hand aufs Herz usw. usw.“! Was heißt das überhaupt, auf Grund von elenden Tonscherben, auf Grund von hirnverbrannten, bei den Haaren herbeigezogenen etymologischen Hypothesen, Tausenden von Leuten das Fundament ihres Glaubens rauben. Ist das opportun? Ist das politisch? Ein Jubelgeschrei ging durch die ganze jüdische und antichristliche Presse beider Weltteile. Ein spezifisch jüdisches Blatt, das ich heute las, schreibt: „Uns kann Delitzschs Auffassung nichts anhaben, denn wir Juden haben nie den Buchstabenglauben gehabt; den Christen aber sägt Delitzsch den Ast ab, auf dem sie sitzen.“
    Und wie viel Schönes hätte sich gerade über dieses Thema sagen lassen, zur Erweiterung der Herzen, zur Befreiung echter Religionsbedürfnisse! Denn in der Tat, der Begriff des „offenbarten Gotteswortes“ ist nicht jüdisch. Eure Majestät brauchen nur für etwa 3 Mark die erste beste jüdische Religionslehre zu kaufen, um zu sehen, daß nur die tatsächlichen   E r s c h e i n u n g e n   Gottes und die geschichtlichen Geschehnisse, wie die Errettung über das Rote Meer usw. für die Juden als   G l a u b e n s g r ü n d e   gelten. Die Vorstellung der   G n a d e   und, hiermit auf zusammenhängend, der Verleihung — durch Gnade — göttlicher Eingebung ist völlig unsemitisch und unjüdisch. Dagegen ist es uraltes arisches Gut. Das „im Anfang war das Wort“ ist ein nachweisbarer, buchstäblich genauer Import aus Indien, wo seit jeher vač (= das Wort) als die unmittelbare Emanation des Göttlichen, als die schöpferische Tat, durch welche das Unsichtbare ins Reich der Sichtbarkeit trat, gegolten hatte. Und was besonders bemerkenswert ist, das ist die Tatsache, daß der Glaube an offenbarte Schriften, an Schriften, die alle Weisheit, alle notwendige Wahrheit enthalten — dieser Urglaube aller indoarischen Religion und Philosophie — nicht bloß nicht jüdisch, sondern auch nicht urchristlich ist und so wenig einen lebendigen Bestandteil der mittelalterlichen Kirche bildete, daß die Bibel den meisten Priestern so gut wie unbekannt war und auf gewissen Kirchenkonzilien überhaupt gar kein Exemplar der Heiligen Schrift aufgetrieben werden konnte, so wenig bedeutete das „Wort“ für diese Leute; ich brauche ja bloß daran zu erinnern, wie schwer es Martin Luther wurde, einer Bibel habhaft zu werden. Der eigentliche Glaube an „das Wort“ ist nun eine Errungenschaft der Reformation; das sollten wir nicht vergessen. Und folgte auch sofort das Tridentinische Konzil mit seiner Doktrin der buchstäblichen Inspiration, so war es ihm doch nur um die Grundlage von Kirchendogmen zu tun; der wahre, lebendige Glaube an Gottes Wort — „das Wort sie sollen lassen stahn“ — ist eine protestantische Tat, und diese Tat bedeutet weder mehr noch weniger als das unbewußte Zurückgreifen auf unsere echte indogermanische Eigenart. Durch diesen Glauben allein — durch nichts anderes — ist es gelungen, die Religion von einem äußerlichen, mechanischen, zauberhaften Zeremoniell, das sie geworden war, ins Innerste des Herzens zurückzuverlegen. Und darum ist dieser Glaube — trotz aller bedauerlichen Auswüchse, zu denen er hier oder dort führte — unbedingt ehrwürdig, und die, die ihn haben, besitzen eine Kraft ohnegleichen, denn ihr Herz beherbergt eine göttliche Wahrheit.
    Das alles hätte man in einem solchen Vortrag vor Kaiser und vor Reich sagen sollen. Denn daß Gott sich uns Menschen offenbart, daß er in den Werken inspirierter Geister uns gleichsam Ariadnefäden hinwirft, an denen wir durch das Labyrinth des Unerforschlichen hindurchgelangen können bis dorthin, wo das Licht dämmert — das   m ü s s e n   wir glauben, denn sonst wäre alle Religion bloße Tradition, bloßer Formalismus, bloßer Geistesspuk, bloßer Hammurabismus. Dieser Glaube ist also mehr als eine Terminologiepagode. Nachdem man nun den kirchlich Gläubigen das alles gegeben hätte, hätte man von ihnen in aller Freundschaft gefordert, daß sie nur ja nicht möchten unserem Herrgott gar so enge Schranken ziehen, sondern vielmehr bedenken sollten, daß er sicherlich allen verschiedenen Völkern und verschiedenen Zeiten sich offenbart hat und sich noch offenbart. Wobei man ja nur an unseren guten protestantischen Jakob Böhme anzuknüpfen brauchte, der die Heilige Schrift als Wort Gottes lobt, dann aber auf eine Frühlingswiese hinaustritt und meint: hier rede Gott noch deutlicher zu ihm. Mir ist es unbegreiflich, wie überhaupt etwas wahrhaft Großes ohne die unmittelbare Eingebung Gottes geschaffen werden solle; ich glaube immer, es steckt in solchen Dingen mehr von Gott als von dem Menschen, der es angeblich gemacht hat, und ich glaube, die hervorragendste Eigenschaft des echten Genies ist die Fähigkeit, das kleine Ich möglichst auszuschalten und das große Überich möglichst rein zu Worte kommen zu lassen. Wir modernen Germanen — die Menschen, in deren Namen ich in den „Grundlagen“ rede — wir sind nicht unreligiös oder gar antireligiös; wir glauben auch nicht, daß wir ein besseres und höheres Religionssymbol als unsere Väter ersinnen werden; es haben aber große Umwälzungen in den Vorstellungen stattgefunden — für alle höher Gebildeten; das Universum ist ein anderes, als es Luthers Augen erblickten (der Kopernikus einen „Narren“ nannte), und Kants kopernikanischer Tat auf innerem Gebiete — mit der Aufdeckung der symbolischen Bedeutung von Zeit und Raum und allen Erscheinungen — hat dem Worte Christi vom Reich Gottes inwendig in uns einen früher ungeahnten Sinn verliehen; hierdurch ist für unsereinen die Religion gleichsam ganz Gegenwart geworden; die Religion des Glaubens hat sich zusammengeballt — wenn ich so sagen darf — zu einer Religion der Erfahrung und infolgedessen auch der Tat. Wie bei allem Neuen, erhebt das Herz; wir danken uns Gott näher als je zuvor; noch heute hat Christus zu uns gesprochen und seiner Stimme Klang erzittert. noch in unserem Ohre. . .  Nichts wollen wir den anderen Gläubigen nehmen, sie in nichts berauben; wir fordern nur das eine, daß sie uns nicht verdammen, daß sie in uns Fleisch von ihrem Fleisch erkennen. Ihre Kinder werden das nötig haben, woran wir in heiliger Seelennot heute arbeiten. Und das eine mögen sie sicher wissen; jeder schlichtgläubige Dorfpastor steht uns unendlich näher — unserem Herzen und unserem Hirn — als so ein hochmütiger Professor mit seinen Fetzen an Spezialgelehrsamkeit, der ohne Kenntnis des Menschenherzens, ohne das geringste Verständnis für die Bedürfnisse bestimmter Rassen, einfach von seinem drei Stufen hohen Katheder aus die unaussprechlichen Wahrheiten der Religion — deren Form wohl wechselt, doch deren Gehalt derselbe bleibt — für null und nichtig zu erklären unternimmt.
    Die Welt dreht sich; beharrten wir auf alten Formen, wären wir mitfortgerissen; um der Altvordern nicht unwert zu sein, müssen wir wie sie die Gabe des Tages innerlich verarbeiten; doch das wissen wir gewiß: nie war Religion ein Ergebnis der Wissenschaft; Religion wird durch Religion gemacht.
    Vielleicht hätte ich schweigen sollen; bequemer ist das ja immer; doch nach allem, was vorangegangen ist, hielt ich es für eine Pflicht der Aufrichtigkeit, Eurer Majestät zu sagen, was ich über diese Angelegenheit denke. In aller Ehrfurcht bitte ich, meine Worte so aufzunehmen, wie sie gemeint sind — als einen Beweis unbedingten Vertrauens.
    Was die „Entwicklung der Religion“ betrifft, so ist zu bemerken, daß in allem   O r g a n i s c h e n   das Sein und das Werden miteinander verwoben sind und sich gegenseitig durchdringen. Nur wenn wir das, was „ist“, fromm und bewußt bewahren, können wir sicher darauf rechnen, daß dasjenige, was noch nicht ist, „wird“; sollten wir dagegen in frevelhafter Willkür das, was „ist“, niederreißen, um für ein Neues Platz zu bekommen, so hätten wir den organischen Lebenskeim vernichtet. Zwischen Sein und Werden mitteninne: da ist's, wo Leben wahrhaft lebt.
    Und jetzt ist mir kein Platz geblieben, um heute einen Gegenstand zu berühren, der mich, während ich krank zu Bette lag, viele Nächte hindurch beschäftigte: die Reform des Unterrichts. Es hängt dies mit altem Vorangehenden eng zusammen. — Von rechts und von links, von nah und von fern, höre ich aus dem echten Volke heraus — noch leise, aber schon bestimmt — den schönsten Ehrennamen hervorwachsen, der je einen Monarchen geschmückt hat: „Wilhelm der Deutsche“. Und fast immer knüpft diese Bezeichnung in erster Reihe an die große Reform im Schulwesen an, deren ungeheure Bedeutung ganz allmählich und langsam in den Köpfen unserer Zeitgenossen zu dämmern beginnt. Doch ich glaube, es gibt da noch viel zu tun, und es drängt sich mir immer mehr die Überzeugung auf, daß ohne eine gründliche Reform des Universitätswesens keine Schulreform wirklich bis auf den Grund durchführbar ist. — Darf ich mir die Frage erlauben, ob Eure Majestät eine kleine Schrift gesehen haben von einem Gymnasialoberlehrer Dr. Ludwig Gurlitt: „Der Deutsche und sein Vaterland“? Der Verfasser ist Lehrer in Steglitz: seine Broschüre erschien im August 1902 und hat schon mehrere Auflagen erlebt. Mich hat die Frische und der Freimut ganz entzückt; solche Männer sollte es in Deutschland mehr geben. Und daß ein schlichter Lehrer es in diesem Augenblicke wagt, für England einzutreten und vieles an den englischen Einrichtungen seinen Landsleuten zur Nachahmung zu empfehlen, genügt als Beweis, daß hier ein mutiger, ehrlicher Mann redet. Zugleich ist er ein warmer Bewunderer der durch Eure Majestät ins Leben gerufenen Unterrichtsreformpläne. Doch so einer, der als Lehrer mitten drin steckt, sieht auch, wo es überall noch hapert, und kennt alle die stillen Kräfte, die beharrlich Widerstand leisten. Besonders vortrefflich ist alles, was er über das Berechtigungswesen, oder vielmehr „Unwesen“, ausführt; der ganze Schulunterricht ist dadurch vergiftet. — Manches halte ich allerdings bei Gurlitt für verfehlt; er schätzt England zu hoch und begreift nicht — oder nicht genügend —‚ daß Deutschland seine eigenen Wege gehen muß. Und eigentümlich ist, daß, wiewohl er das Mißverhältnis zwischen Universität und Schule öfters berührt, es ihm nie beikommt, daß vielleicht nicht bloß die Schule, sondern auch die Universität nicht so ist, wie sie sein sollte. So z. B. erwähnt er p. 97, es sei doch merkwürdig, daß, was ein junger Lehrer soeben an der Universität als höchste Wahrheit gelernt hat, er gleich darauf in der Schule verleugnen muß und selbst unter Kollegen nicht bekennen darf bei Gefährdung seiner ganzen Laufbahn. Ja, aber lernt er auch in der Universität, was er lernen sollte? Zum großen Teil lernt er da überhaupt gar nichts, da die deutschen Universitäten viel eher eine Agglomeration von Spezialistenschulen sind, als wahre Bildungsanstalten zur Erziehung vollwertiger Menschen. Zum Teil lernt er aber direkt das, was er nie lernen dürfte; er saugt von staatlich besoldeten Beamten Gift ein, er lernt seine germanische Eigenart verachten, er lernt das, worauf die Größe seiner Ahnen beruhte, mit Füßen treten.
    Ein Beispiel aus unmittelbarer Gegenwart.
    Unter den Briefen, die ich auf mein Vorwort bekam, befand sich der eines Gelehrten, dem ich es geschickt hatte, weil er mir Schriften von sich zu verehren pflegt. Über den Abschnitt „Dilettantismus“ sagt er einige Worte, „Rasse“ und „Delitzsch“ überspringt er als kitzliche Dinge, bei „Rom“ hält er sich auf und spricht seine anerkennende Zustimmung aus. „Aber“, fährt er fort, „mein Programm kennen Sie; es lautet:  L o s   v o n   a l l e r   R e l i g i o n.“   Und wer ist es, der das bekennt? Einer der angesehensten ordentlichen Professoren der Philosophie, dessen Lehrbücher an den deutschen Universitäten weitverbreitet sind. Ich halte ihn zwar für einen Geist fünfzehnten Ranges; doch gerade solche werden ja in der Gelehrtenrepublik hochgeschätzt; die Kooptation ist ein Patent auf Bevorzugung der Mittelmäßigkeit; und da er außerdem zum „fortgeschrittensten“ Fortschritt in der Politik gehört, mit der Sozialdemokratie liebäugelt, die Juden bei jeder Gelegenheit als der Menschheit höchste Zierde preist usw., so hat er die gesamte große Tamtam-Presse für sich und ist eine Berühmtheit. Seine Vorlesungen (das vulgärste Zeug, was man sich denken kann) sind zum Brechen voll, seine Handbücher, wie gesagt (und trotz ihrer horrenden Wertlosigkeit), werden den lernbegierigen Jünglingen überall in die Hand gedrückt. Ja, das soll mir doch der Kuckuck erklären, wie der Staat dazu kommt, Leute zu mästen und ihnen seine   a n g e h e n d e n   S c h u l l e h r e r   anzuvertrauen (!!), deren Programm lautet: Los von Gott, los vom Königtum, los vom Germanentum. Wenn es auf der Welt eine bloße „Terminologiepagode“ gibt, dann ist es wahrlich die vielgerühmte „Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft“. Ich für meinen Teil verrichte keinen Bonzendienst vor ihr. Ich halte sie für Humbug und zum großen Teil für Affenschande. Menschen, die der deutschen akademischen Jugend — diesem heiligen Pfand der Zukunft — als Grundsatz täglich eintrichtern: Los von aller Religion, hin zur sozialistischen Republik (siehe jetzt neuerdings Mommsen!) —‚ die sind nicht voraussetzungslos, sondern sie haben falsche Voraussetzungen statt richtiger, und sie werden ganz einfach mit der Zeit das vollenden, was sie im Laufe des 19. Jahrhunderts glänzend angefangen haben: das deutsche Volk vollends zugrunde zu richten.
    Für heute nur so viel; denn wollte ich mein Herz hierüber ausschütten, der Brief würde zu einem Oktavbande anschwellen. Man braucht die allbekannten und wirklich unschätzbaren Verdienste der deutschen Universitäten nicht zu leugnen und kann dennoch einsehen: damit diese Institution eine nationale Waffe wird im Kampf ums Dasein, da muß sie gründlich reformiert werden. Anstatt eine zweite republikanische   K i r c h e   mit kooptierten, unabsetzbaren Beamten zu sein — ein Staat im Staate —‚ muß sie eine zweite, ergänzende Armee werden; sie muß nicht bloß angehende Gelehrte   b e l e h r e n,   sondern das ganze Volk   e r z i e h e n — was nach dem jetzigen System ausgeschlossen ist.
    Interessant war in dieser Beziehung eine neuerliche Enquete in Frankreich, aus der die starke Abnahme des Einflusses der deutschen Universitäten auf das Ausland klar hervorgeht. Die Demokraten und Juden haben hier, wie überall, wo sie zur Macht gelangen, arg desorganisierend gewirkt. Es wäre wohl Zeit, daß auch hier Wege gewiesen würden, würdig, vom Volk als „deutsche“ gepriesen zu werden.
    Jetzt ziehe ich aber ernstlich den Schlußstrich. Seitdem ich diese Epistel begann, bin ich noch einmal erkrankt; die Influenzakeime sind nicht auszurotten; daher eine Verspätung, infolge deren ich nicht mehr an dem beabsichtigten Tage zur Stelle bin. Trotzdem hoffe ich, daß mein Geburtstagsgruß gnädige Aufnahme findet. Wäre es ein Brief, ich könnte nicht wagen, ihn abzuschicken; ich betrachte es aber als Reiselektüre bei irgendeiner Nordlandfahrt; was ich sage, hat ja nie Eile gelesen zu werden.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

ehrfurchtsvoller und dankbarer treuer Diener

Houston S. Chamberlain.

 
P. S. Motto zur Einweihungsrede in Görlitz:
„Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.“
(Faust, 2. Teil, Akt 4.)
 
188-192 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Berlin, 16. II. 1903.

Mein lieber Mr. Chamberlain

    Wie einen Retter in der Not habe ich Ihren erfrischenden und prächtigen Brief begrüßen können. Denn, da ich, wegen Überhäufung mit Geschäften, ihn erst gestern öffnen konnte, traf er mich mitten in einer angestrengten Arbeit des „Gebärens“ — anders kann ich den Vorgang nicht gut bezeichnen —‚ des geistigen Drückens. Ich war nämlich gerade damit beschäftigt, ein paar Zeilen zu formulieren und zu feilen, welche ich abgefaßt habe, um Delitzsch einerseits für seinen Fleiß Anerkennung auszusprechen, sodann ihn freundschaftlich, aber bestimmt in seine Grenzen zurückzuweisen, und zuletzt für ihn und alle anderen Menschen meine Auffassungen und Standpunkt klar festzustellen. Ich bin ein Feind aller Tinte und daher ein schlechter Stilistiker, deshalb wird mir eine solche Arbeit sehr schwer. Da kam nun Ihr Brief like a revelation! Nach seinem mehrfachen Durchstudieren fiel mir in ihm wieder zur Evidenz jene angenehme und bewundernswerte Eigenschaft auf, womit die Vorsehung Sie zum Heil Ihrer Mitmenschen ausgestattet hat, nämlich die Gabe, für die Gedanken, welche uns beschäftigen und durchziehen, die rechte äußere Form zu finden. Nach vier Stunden war mein Skriptum fertig, und werde ich mir gestatten, Ihnen — meinem geistigen Geburtshelfer — mein Kind auch zu Füßen zu legen. Ich muß dabei aber um Verzeihung bitten, wenn Ihnen beim Lesen Anklänge vorkommen sollten, welche   I h n e n   bekannt erscheinen! Sie haben bei der Schilderung der Wirkung des zweiten Vortrags von Delitzsch an einen köstlichen Ausspruch Popes erinnert; bei dem mir noch ein anderer drastischer Ausspruch des Briten einfiel: „He was like a bull in a China shop“, die „Terminologiepagoden“-Scherben klirrten nur so auf allen Seiten zu Boden! —
    Nun möchte ich aber doch in aller Ehrfurcht vor dem Schreiber der „Grundlagen“ ihn bitten, einen Augenblick mir für die armen vielgeschmähten Babylonier Gehör zu schenken. Gewiß ist darüber kein Zweifel, daß unsere Religion nicht von ihnen stammt. Ebensowenig stammt daher der „Monotheismus“ Israels — von dem unsere Religion doch immerhin zum Teil kommt. Allein Abraham war kein Jude, auch kein Israelit, aber immerhin ein monotheistischer Semit, und in seiner „Sippe“ hat er denselbigen monotheistischen Gedanken festgehalten. Aus dieser „Sippe“ sind im Lauf der Jahrhunderte die semitischen Stämme entstanden, welche Israel ausmachten.
    Nun haben unsere und andere Ausgrabungen doch sehr interessante Fakta eluzidiert. Abraham war — als mächtiger Scheich eines waffenfähigen großen Nomadenstammes — ein Untertan und Freund König Hammurabis. Diesem König half er, in mehreren Schlachten und Feldzügen tapfer kämpfend, sein großes Babylonisches Reich zusammenschmieden. Nachdem das Reich konsolidiert war, zog erst Abraham „dem Rat Gottes Jahves folgend“ in das neue Land fort. Von dem „Contemporain“ und Gönner Abrahams, dem großen König Hammurabi, ist nun von den Franzosen in Susa kürzlich ein großer Monolith ausgegraben worden, auf dem 280 Paragraphen des Gesetzbuches des Königs für sein Volk eingemeißelt sind. Er stand früher in Babylon und ward von den Persern nach der Erstürmung und Zerstörung nach Susa überführt. Man ist jetzt dabei, die Gesetze zu übersetzen und zu drucken. Sie stammen aus dem Jahre 2530 v. Chr.   Außer dem „Römischen Recht“ jetzt die einzige und älteste Kodifikation oder Gesetzessammlung, die uns bekannt ist. Nach den wenigen Proben, welche mir bisher vorgekommen sind, ist der Sinn ein hoher und die Gerechtigkeit eine strenge, welche darinnen zum Vorschein kommen, z. B. über die Verleumdung heißt es: „Wenn jemand wider seinen Nächsten Böses nachsagt, und er kann keine Beweise dafür anbringen und die Verleumdungen gehen dem Nächsten ans Leben (Fall Krupp), dann soll der Verleumder des Todes sterben!“ Hätte ich nur so einen Paragraphen zur Verfügung gehabt, dann hätte ich dem „Vorwärts“ anders begegnen können! — Moses sagt in den Zehn Geboten: „Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten“; also wesentlich abgeschwächt, und ohne Todesstrafe. Nach Ansicht der Übersetzer redet der Kodex des Hammurabi das Zeugnis, daß damals schon eine hochentwickelte Kultur in Mesopotamien herrschte. Prof. Hilprecht (Jena), der für die Vereinigten Staaten von Amerika in Nippar ausgräbt, hat auf Grund seiner Forschungen unter den Inschriften der so vielgeschmähten Tontafeln konstatiert, daß der Inhalt Aufschluß gibt über ein hochentwickeltes, fast modernes Staatsleben, welches mit seiner hochgestellten, feinen Kultur bis ins 7. Jahrtausend v. Chr. zurückreicht, also 4450 Jahre vor Hammurabi! Durch diese assyriologischen Forschungen sind Abraham und seine Zeitgenossen Gestalten, von fester geschichtlich klarer Kontur umrissen, geworden, während zu meiner Kinderzeit er ein Nebelbild war, von dem es immerhin nicht ganz sicher war, ob er gelebt und wann. Also hier hatte die Assyriologie und die Tontafeln Babels direkt dem Alten Testament einen Dienst erwiesen, sie haben aus der Sagengestalt einen forschen Mann aus Fleisch und Bein schaffen helfen, der in hellstem Lichte seines Wirkens als Reichsgründer vor uns steht, als ein Mensch, an dem sich auch „historisch“ Gott offenbart hat.
    Die Babylonier waren unzweifelhaft ein so fabelhaft hochentwickeltes Volk und mit so vollkommen modernen Staatseinrichtungen und Anschauungen auf dem Gebiet der Politik, Kriegsführung usw., wie wir es uns gar nicht haben träumen lassen; das tritt alle Tage klarer hervor. Sie waren die Franzosen der damaligen Zeit, denn ihre Sprache war die Verkehrssprache aller damaligen zivilisierten Völker, die zu der Zeit das Mittelmeer befuhren. In Ägypten wurden sogar Staatsverträge mit dem Ausland auf Babylonisch abgefaßt, wie neuerdings Inschriften beweisen. In diese hochentwickelte Kultur, welche durch viele Jahrtausende gefestigt und allen syrischen Völkern als heilig galt, wurde nun das kleine Israel hineingezwängt, durch die Eroberung Kanaans. Aus einem langen Wüsten- und Nomadenleben heraus kam es in diese Welt hinein. Und wenn es noch ein so kristallinisches Gebilde war und abstoßend und abschließend sich verhielt, so konnte es sich ganz doch nicht der „Atmosphäre“ Babylons entziehen. Beziehungen wurden hergestellt; die Leviten haben mit den Weisen Babylons verkehrt; seine Astronomie ward vorbildlich; seine Kunst einfach übernommen, seine Literatur (Genesis) kopiert oder adaptiert; seine Zeitrechnung bis auf die Jetztzeit übertragen und noch maßgebend! Das ist es, was aus den „dummen Tontafeln“ hervorgeht, und wo der Einfluß Babylons auf das Alte Testament ein unleugbarer ist. Und das ist interessant und wichtig zugleich für die Beurteilung desselben und seiner Schreiber. Ich wage daher mit Hans Sachs auszurufen: „Verachte mir die (Meister) Babylonier nicht!“
    Als Anlage bitte ich Sie ein paar Photographien von dem von mir für Rom bestimmten Goethe-Denkmal anzunehmen. Die Gruppe rechts ist Iphigenie, links Mignon. Dazu lege ich ein noch unbekannte Radierung Menzels vom Großen König, welche eben herauskommt.

Mit besten Grüßen
Ihr
treu dankbarer Bewunderer

Wilhelm

I. R.

Handschrift Kaiser Wilhelm II





193-212 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

27. März 1903.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

bin ich für verschiedene Sendungen zu ehrfurchtsvollem und warmem Dank verpflichtet. Ihn auszusprechen habe ich nur darum gezögert, weil ich voraussetzen durfte, daß Eurer Majestät an der bloß zeremoniellen Danksagung wenig lag und noch weniger an übereilt und leichtfertig hingeworfenen Meinungsäußerungen. Goethe behauptet: „Sollen's die Deutschen mit Dank erkennen / So wollen sie Zeit haben“; nun, den Dank hätte ich schon schneller zur Hand, doch das „Erkennen“ fordert in den Windungen meines schwerfälligen nordischen Hirnes einige Zeit, ehe ich genau weiß, worauf es ankommt. Und beabsichtige ich auch, mich in bescheidenere Grenzen zu fügen, als bei den letzten Briefen, so möchte ich doch nicht schreiben, ohne einiges gesagt zu haben, wert, von Eurer Majestät gelesen zu werden.
    Das erste, was ich empfing, war das Buch über „Die Reform des höheren Schulwesens in Preußen“. Wie sehr ich mich über dieses Geschenk gefreut haben muß, wird Eure Majestät inzwischen aus meinem letzten Briefe entnommen haben. Keine Frage interessiert mich lebhafter als die des Unterrichtes; hier mehr als anderswo wird Zukunft geknetet und gestaltet. Wie vieles, was die weiseste Politik unternimmt, tritt, nachdem es alle Prozeduren unserer umständlichen Gesetzesmaschine passiert hat, in einem so stumpfen Winkel von der ursprünglichen Absicht in die Wirklichkeit hinaus, daß aus der erträumten Segenstat eine fast überflüssige, vielleicht gar schädliche Neuerung geworden ist! Hier aber, und trotz des vielen Widerstandes und Unverstandes, ist doch ein so bestimmtes und energisches Vorgehen möglich gewesen, daß Eure Majestät schon jetzt, nach wenigen Jahren, den aufkeimenden Erfolg erblicken können. Und wie wird er sich erst in einem halben Jahrhundert zeigen! Möchten Eure Majestät unverdrossen fortfahren, denn es gibt noch viel auf diesem Gebiete zu tun, und die Geschichte lehrt, daß wenige Monarchen den Unterrichtsfragen ein wirklich schöpferisches Interesse entgegenbringen, — soviel mir bekannt, seit Karl dem Großen kaum ein so lebhaftes, verständnisvolles und bahnbrechendes wie Eure Majestät.
    Wirklich durchstudieren und durchdenken werde ich den Band erst im Sommer können, wenn ich mir einmal Ferien gönne. Einstweilen habe ich nur die hochinteressanten Mitteilungen des Prof. Lexis über das Berechtigungswesen gelesen, und dann in Wilanowitz von Möllendorf geblättert. Da ich in der gnädigen Mitteilung eine Aufforderung erblicke, werde ich seinerzeit nicht ermangeln, meine Eindrücke und Ansichten mitzuteilen.
    Inzwischen werde ich fortfahren zu hoffen, daß Eure Majestät einmal diese grundlegende reformatorische Tätigkeit auch auf die Universitäten ausdehnen werden. Gewiß sind die deutschen Universitäten die ersten der Welt, und Preußen marschiert in dieser Beziehung — und   d a r u m   auch in mancher anderen — an der Spitze sämtlicher Kulturnationen. Die eine Universität Berlin z. B. erhält jährlich von der Regierung mehr, als die Regierung des unermeßlich reichen Großbritannien für seine   s ä m t l i ch e n   Universitäten im Jahre ausgibt. (Genaue Details mit allen Ziffern sind in der englischen Zeitschrift „Nature“ vom 12. März 1903, p. 433ff. zu finden.) So z. B. erhielt die Berliner Universität 1902/3 die Summe von Pfd. St. 142.155 als ordentlichen Staatsbeitrag und dazu (nach 1891/2 berechnet) an außerordentlichen Geldern Pfd. St. 61.714; wogegen England im laufenden Jahre summa summarum Pfd. St. 155.600 auf Universitäten und „Colleges“ ausgibt. (Allerdings besitzen zwei dieser Universitäten, Oxford und Cambridge, nicht unbeträchtliche Vermögen, mit denen sie aber unabhängig fortwursteln, wie es den alten Professoribus paßt.) Insofern steht also alles zum Besten. Doch es kommt die Zukunft und mit ihr gewaltige Konkurrenz; und während es einerseits unzweifelhaft ist, daß die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit einer noch bedeutenden Steigerung — ich glaube einer   s e h r   b e d e u t e n d e n — fähig ist, nämlich durch bessere, freiere, zielbewußtere Auswahl der Lehrkräfte, so läßt sich anderseits nicht leugnen, daß diese große, republikanische Organisation eine wirkliche politische Gefahr bedeuten kann. Der „Professor“ ist eine kolossale Macht „for weal and for woe“ im deutschen Volk; er gilt mehr als ein Feldmarschall; er ist dem Pfaffen verwandt und verfügt über hypnotisierende Geheimkräfte; daß ihm eine Doppelaufgabe gestellt ist — reine Wissenschaft zu fördern und Jünglinge zu Männern zu bilden —‚ wird nicht bedacht; zur Förderung der Wissenschaft ist er meistens befähigt, sei es mehr, sei es weniger, zur Ausbildung der Jugend sehr häufig gar nicht, und nicht selten ist er geradezu ihr Verderber.
    A propos von Universitäten und Professoren erfahre ich soeben wieder einen merkwürdigen und beklagenswerten Fall. Ferdinand Hueppe, dessen geniale Bedeutung als bahnbrechender Forscher ich schon früher in einem Fackel-Aufsatz hervorhob, ist vor kurzem wieder — in München — übergangen worden, und jetzt eben wieder hier in Wien. Ich kann ruhig davon sprechen, da Hueppe mir nichts und ich Hueppe nichts bin; es handelt sich um reine Wissenschaft und ihre, von den Herren Professoren so oft mit Füßen getretenen Interessen. Hier haben wir nun einen Mann, über dessen Wert nicht zwei Meinungen bestehen können, da er in allen Hauptfragen gegen Koch und Genossen recht behalten hat, und das, was er schon vor 15 Jahren über die Ursachen der Seuchen, über eine positiv aufbauende (statt einer bloß prophylaktischen) Hygiene, über die Arteinheiten der Mikroorganismen, über den Kreislauf des Stickstoffes, über die chlorophyllose Assimilation usw. usw. lehrte, heute gesicherte wissenschaftliche Wahrheiten sind und von den Herren der Kochischen Schule, die ihn gerade wegen dieser Entdeckungen anfeindeten — zugegeben und gelehrt werden, wenn sie auch, so viel es geht, bestrebt sind, die Verdienste des großen Forschers allerhand Russen und Polen und Franzosen zuzuschreiben — Patriotismus der Gelehrten! Daß ich mich in meiner Schätzung nicht irre, weiß ich ganz genau, denn mein Freund, der Physiolog Hofrat Wiesner — der zur philosophischen, nicht zur medizinischen Fakultät gehört, folglich uninteressiert ist, außerdem Hueppe persönlich gar nicht kennt — bestätigte mir neulich, es sei einer der originellsten und fruchtbarsten Köpfe Deutschlands, der einzige lebende Mediziner, der etwas von Pasteurs Genie überkommen hat. Die Clique aber schließt ihn aus — die an den deutschen Universitäten allmächtige —‚ und so hat sie hier in Wien neuerdings, wie ich erfahre, zwei Dinge gegen ihn ausgespielt: 1. die Frau sei niederer Herkunft und nicht zum Umgang mit „Professorengattinnen“ geeignet! (dabei hat sie sich bei der Choleraepidemie in Hamburg und auch anderwärts an der Seite ihres Mannes ausgezeichnet); 2. Hueppe (ein preußischer Rheinländer von Geburt, aus sehr guter Familie, seine Mutter eine von Buch aus den Nachkommen des großen Geologen) gebe sich mit der Rassenfrage ab und sei ein überzeugter „Germane“ — was allerdings wahr ist —‚ wogegen die Begeisterung für die internationale Rassenlosigkeit das erste Dogma im Kredo der Universitäten ist. Und so verkümmert dieser wahrhaft bedeutende Mann in dem elenden Prag, sein Laboratorium ein feuchter Keller, Mittel zu größeren Untersuchungen gar keine, und ringsumher wütende Tschechen; ein merkwürdiger und beklagenswerter Fall.
    Sind solche Zustände und Vorgänge nicht höchst nachteilig für die Gesamtleistung der Universitäten? Ich möchte wissen, was man von einer Armee erwarten würde, deren Chargen durch die Offiziere selbst auf dem Wege der Wahl besetzt würden, und zwar mit lebenslänglicher Unabsetzbarkeit?
    Doch hiervon genug für heute.
    Die nächste Sendung, die bei mir eintraf, waren die Bilder. Den prächtigen Menzel betrachte ich als eine dauernde Erinnerung an die Görlitzer Rede, wo der Geist dieses großen Mannes so zeitgemäß heraufbeschworen wurde. — Neulich las ich ein entzückendes kleines Büchel: „Reisegespräch des Königs im Jahr 1779“ (Halberstadt 1784); es sind nur etwa 40 Seiten; der König besichtigt die auf seinen Befehl an der Dosse angelegten Kolonien; der begleitende Amtmann erzählt, was geschah und was der König sprach, — alles ganz schlicht, als wäre es mit dem Phonographen aufgenommen. Ich habe gelacht und geweint. Diesen Mann darf man überall belauschen; er besitzt die vollendete Einfachheit wahrer Größe; er war nicht bloß „Friedrich der Große“, sondern er war auch der große Friedrich.
    Der Goethekopf ist splendid. Gegen Idealisierung habe ich in solchen Fällen nichts einzuwenden; nur durch sie zeigt man dem Volke, was ihm sonst in den Zügen großer Männer verborgen bleibt. Wie viele Menschen gibt es, fähig, Genie zu erkennen, wenn es in Einfalt vor ihnen steht? Die wir „genial“ nennen, sind meistens die leichten Schwätzer oder die Originalköpfe mit einem Stich ins Närrische. Alle Leute — die Ultramodernen sowie die Rückläufigen — preisen höchlich diesen Kopf; selten sah ich solche Übereinstimmung; das Denkmal wird gewiß ungeteilte Bewunderung erregen. Die Photographien gewähren mir täglich neue Freude.
    Nun aber muß ich zu den Briefen eilen — zu dem gnädigst an mich gerichteten und zu dem an Admiral Hollmann; Hammurabi steht ja im Mittelpunkt des Tagesinteresses; mein Gewissen „beißt“ mich über jede Seite Papier, die nicht ihm gewidmet ist. (Ganz neu war mir übrigens diese sympathische Monarchengestalt nicht, denn schon vor etwa zwanzig Jahren hatte uns Renan in seiner „Histoire du peuple d'Israël“, Band I, manches über den   P è r e   O r h a m,   wie er damals genannt und als „le legislateur pacifique“ gepriesen wurde, zu erzählen gewußt, und Maspéro hat vor etwa zehn Jahren in seiner „Histoire ancienne des peuples de l'Orient Classique“ namentlich über die großen Friedenswerke und Kanalbauten des Königs alles für uns Laien Wissenswerte zusammengetragen; um so interessanter ist es mir aber gewesen, ihn durch die weiteren Arbeiten des Franzosen nach und nach immer vollere Körperlichkeit gewinnen zu sehen.)
    Daß mein letzter Brief so genau im rechten Augenblick eintraf, um Eure Majestät zur Vollendung des an Admiral Hollmann gerichteten Schreibens anzuregen, gewährt mir große Freude; doch möchte ich den Wert meiner Mitarbeiterschaft nicht so hoch anrechnen, wie Eure Majestät es zu tun die Güte haben. Abgesehen von dem Wort, daß Religion nie durch Wissenschaft gemacht wurde — welches aber von Eurer Majestät in eine neue und eigene Gestaltung umgegossen wurde —‚ finde ich nur ein oder zwei von mir zufällig erwähnte Zitate, die nicht mein Eigentum sind, sondern das aller Welt.
    Eure Majestät wissen, daß ich nicht der Mann bin, das Vertrauen, das mir geschenkt wird, leichtfertig aufzunehmen; Goethe sagt: aus jedem Bedürfnis entwachse ein Genuß, und ich empfinde: aus jeder Gnade ergibt sich eine Pflicht. Ich habe mir geschworen, aufrichtig zu sein; es gibt für mich, einem so hochgestellten Gönner gegenüber, keine andere Weise, Erkenntlichkeit zu bewähren.
    Zunächst muß ich aber melden, mit wie großer, ungeteilter Sympathie ich Eurer Majestät beredte Apologie der babylonischen Forschungen (in dem Schreiben an mich) gelesen habe. Ich kann versichern: Sire, vous prêchez au converti. Mit gespanntestem Interesse war ich seit Jahren bestrebt, soviel von allen diesen Dingen zu erfahren, wie es einem ungelehrten Manne möglich ist aufzunehmen, und als die Deutsche Orientgesellschaft gegründet ward, trat ich sofort als Mitglied bei, mit einem für einen unterm Dache lebenden Mann unverantwortlich hohen Jahresbeitrag und habe niemals — selbst bei tiefster Kassenebbe — die Zahlstelle auch nur 24 Stunden warten lassen; das ist, glaube ich, das experimentum crucis für den Grad des Interesses, das ein Mann einer Sache widmet, nicht wahr? Habe ich einmal das Wort „elende Tonscherben“ fallen lassen, so geschah das in der Hitze des Gefechts und unter der unerhörten Provokation der Behauptung, die gesamten Ergebnisse unserer europäischen Wissenschaften seien gleich nichts zu achten im Verhältnis zu den Ausgrabungen am Euphrat; das ist schon nicht mehr bloß „mirage oriental“, sondern delirium tremens orientale; wessen Blut bei solchem beschränkten Spezialistenhochmut nicht kocht, ist nicht wert, als Erbe alles dessen sich zu fühlen, was von Galilei bis Goethe geleistet wurde. Doch es wäre unverdient hart, mir — dem begeisterten, dankbaren Jünger   a l l e r   wissenschaftlichen Bestrebungen, der mit Verehrung zu   a l l e n   Pionieren des Wissens hinaufblickt — dauernd einen Vorwurf aus solch einer oratorischen Wendung zu machen, oder sie gar so zu deuten, als wäre ich unter die Obskuranten gegangen. Daß meine Boutade mir die beredten Ausführungen Eurer Majestät eingebracht hat, macht mir den überkecken Ausdruck — der mir schon völlig entfallen war — lieb; doch wage ich zu glauben, daß schon meine Schriften bezeugen, ich sei kein Verächter der babylonischen Archäologie und unterschätze nicht ihren Wert für die Aufklärung des Alten Testaments. Nur leugne ich allerdings die Gleichung Babylon = Delitzsch, und außerdem stemme ich mich auf gegen die wirbelwindartig wirkende Monomanie, die alle Menschen zu erfassen pflegt, um sie das eine Mal in eine Richtung, das andere Mal in eine andere fortzutragen — so jetzt nach Babylonien, als wäre Aufklärung über das Alte Testament nur von dorther zu erwarten, als wäre der Jahrhunderte währende Aufenthalt der Josephiten in Ägypten nichts, als hätten die rein arabischen Sagenkreise und Kulturobservanzen um den Sinai herum in der mosaischen Geschichte nichts zu bedeuten, als bestände das Volk, das wir „jüdisch“ nennen, nicht nachgewiesenermaßen in überwiegendem Maße aus syrisch-hettitischem Blute und habe es nicht (ebenfalls erwiesenermaßen) die Hauptzüge des weder babylonischen, noch ägyptischen, noch semitischen Naturkultus dieses syrischen Volkes beibehalten, usw. usw.  (Nebenbei gesagt, und da meine diesbezüglichen Darlegungen in den „Grundlagen“ noch immer von Professoren, Theologen und Zeitungsskribenten verhöhnt und als „blutiger Dilettantismus“ hingestellt werden, hat es mich gefreut, in dem vor wenigen Wochen erschienenen vierten Bande von Wincklers „Altem Orient“ die Arbeit eines Fachmannes, Dr. Leopold Messerschmidt, „Die Hettiter“ zu finden, in welcher dieser Spezialist — p. 15 — als gesichertes Ergebnis der Wissenschaft   g e n a u   dasselbe lehrt, was ich aus den zuverlässigsten mir erreichbaren Schriften entnommen hatte: daß nämlich die Hettiter, die Juden in ihrer Mehrzahl und die Armenier einer und derselben Rasse — dem homo syriacus — zugehören und man somit   „d i e   J u d e n   n i c h t   z u   d e r   s e m i t i s c h e n   R a s s e   z ä h l e n   d ü r f e“.)   Nun, jetzt soll Geschichte vereinfacht werden, sie soll sich in das respektable, aber immerhin sehr beschränkte Prokrustesbett des Spezialismus einiger Professoren bequemen; was darüber hinausragt, wird einfach abgehackt, Tatsachen, die sich nicht keilinschriftlich ausweisen können, werden von der Grenzbehörde zurückgewiesen — — — —  Diese gewiß schnell vorübergehende Mode bin ich allerdings nicht gewillt mitzumachen, und die Zeit wird mir recht geben. Darum ist aber mein Interesse für die Erfolge der deutschen Ausgrabungen, meine Hochachtung vor den Gelehrten, die sie leiten, und meine Bewunderung für das anfeuernde Interesse, welches Eure Majestät der Sache widmen, nicht geringer.
    In beiden Briefen — dem privaten und dem öffentlichen — hat eine Sache mich sehr frappiert; ich habe daran herumstudiert und kann sie mir nicht erklären; darum muß ich sie hier erörtern; der Zusammenhang mit der soeben vorangeschickten Bemerkung wird sich von selbst ergeben.
    Eure Majestät betrachten Abraham als eine historische Persönlichkeit und übertragen ohne weiteres auf sie die ganze Geschichtlichkeit, die Hammurabi, — ein durch zahlreiche Dokumente bezeugter Monarch — gewonnen hat. Ich möchte in aller Ehrerbietung die Berechtigung dieser Auffassung für fraglich halten. Daß Israel, Jakob, Esau usw. nicht einzelne Menschen, sondern personifizierte Stämme bedeuten, ist erwiesen und ist um so einleuchtender, als diese Art der Geschichtserzählung sich fast bis auf den heutigen Tag in Arabien erhalten hat. So zeigt z. B. Wellhausen — jener wahrhaft große, die anderen alle um eine Haupteslänge überragende Exeget, auf den Harnack neulich mit so großem Rechte hinwies —‚ daß zwischen Jakob und Israel   J a h r h u n d e r t e   liegen. Er zeigt aber auch (Prolegomena, 4. Ausgabe, S. 323), daß Abraham „wohl   d i e   j ü n g s t e   F i g u r   in dieser Patriarchengesellschaft ist“! Auch aus jedem anderen ausführlichen Kommentar zur Genesis kann man erfahren, daß Abraham erst sehr spät hineingemalt wurde, wobei aber allerhand Widersprüche und Unmöglichkeiten den frommen Legendenzusammenstellern mitunterlaufen sind. Wellhausen ist, wie immer, sehr vorsichtig und begnügt sich mit der Feststellung, daß Abraham keinesfalls „für eine geschichtliche Person gehalten werden darf“. Die meisten aber unter den Neueren gehen noch weiter und betrachten es als fast ganz sicher ausgemacht, daß Abraham und sein ganzer Kreis nichts weiter als ferne Erinnerungen an den Mondkultus von Harran sind. Daß Sarah und Milka Göttinnen des Harran waren, weiß man heute genau, dafür gibt es dokumentarische Textbelege, und somit wird die Hypothese, die Delitzschs rechte Hand, der Assyriolog Winckler, schon vor Jahren aufstellte, daß nämlich die Gestalt des Abraham aus einer Verschmelzung Isaaks mit dem Mondgott entstand, selbst von Vorsichtigen heute erwähnt und für wahrscheinlich gehalten. (Eine der größten Autoritäten auf dem Gebiete der Assyriologie — Zimmern — erklärt in seinem (erst vor wenigen Wochen erschienenen) Werke über „Die Keilinschriften und das Alte Testament“, S. 364—5, daß er geneigt ist, Wincklers Ansicht für wissenschaftlich begründet zu halten, und er weist auf eine erst erscheinende Arbeit Jenssens hin — ebenfalls ein Gelehrter allerersten Ranges —‚ in der weiteres Material zur Bestätigung vorgebracht werden wird. Selbst die sich so geschichtlich ausnehmende Reise Abrahams von Ur über Harran nach Kanaan soll einem alten Zuge aus dem Mythos des „Mondheros“ entspringen (vgl. Winckler in dem soeben genannten Werke, S. 30). Ohne mir also auch nur den allergeringsten Ansatz zu einem persönlichen Urteil zu erlauben, darf ich die Behauptung aufstellen, daß die Auffassung von dem Scheich, der Hammurabi in seinen Kriegen beisteht usw., bei der deutschen Wissenschaft des heutigen Tages   k e i n e   Unterstützung findet, und es wird mir schwer, die Worte Eurer Majestät (in dem Schreiben an mich): „Also hier hat die Assyriologie und die Tontafeln Babels direkt dem Alten Testament einen Dienst erwiesen“ mit den Ausführungen über Abraham in dem Brief an Admiral Hollmann zusammenzureimen; denn ist — wie die Assyriologie und die Tontafeln behaupten — Abraham keine geschichtliche, kaum einmal eine legendarische, sondern eine pseudomythische Gestalt, so steht es schlimm um eine „von Abraham an eingeleitete Erscheinung des Herrn“.
    Nun bin ich aber weit entfernt, hierauf einen übertrieben großen Wert zu legen; zwar halte ich es — auch ganz abgesehen von dem Mondmythos (denn in solchen Dingen wird viel gefabelt, und ich traue ihnen immer nur halb) — ich halte es aber für endgültig ausgeschlossen, und zwar durch die Ergebnisse der vorsichtigsten Bibelexegese für ausgeschlossen, daß Abraham eine historische Persönlichkeit gewesen sei; jedoch, ich bin bereit, diese Position aufzugeben. Überzeugend nachzuweisen, daß jemand oder etwas nicht existiert hat, ist immer schwer. Meinetwegen soll Abraham also ein Scheich gewesen sein im Dienste Hammurabis. Goethe richtet einmal ein beherzigenswertes Wort an Gräfin Julie Egloffstein, als diese ihn mit irgendwelchen skeptischen Einwänden in religiösen Dingen plagte, wie ich jetzt Eure Majestät: „Mein Kind, es ist besser, du glaubst an das Falsche, als du zweifelst am Wahren“; und so will ich denn an die Existenz Abrahams glauben. Jetzt kommt aber dann das sehr Bedenkliche: hat nämlich ein Scheich dieses Namens tatsächlich zur Zeit Hammurabis gelebt, so ist das eine ganz sicher: daß er nämlich   n i c h t   jenen religiösen Glauben besessen hat, den das Alte Testament ihm zuschreibt. Hier handelt es sich nicht mehr um Hypothesen, sondern um völlig gesicherte Tatsachen. Sie darzulegen, wäre ein sehr kompliziertes Unternehmen, dem ich Laie durchaus nicht gewachsen bin; doch Eure Majestät brauchen nur jeden beliebigen wissenschaftlichen Kommentar zur Hand zu nehmen. Unter den neueren Kommentaren zur Genesis ist der anerkannt beste der des Berliner Professors Hermann Gunkel, 1901, und, nebenbei gesagt, ist Gunkel ein lic. theol. und ein gläubiger Christ; Gunkel sagt nun (S. LV), daß er nicht begreifen könne, warum die „Apologetik“ auf die Geschichtlichkeit Abrahams so großen Wert lege, da ja, „wenn es einmal einen Führer gegeben hätte, der Abraham hieß, und der etwa den Zug von Harran nach Kanaan geleitet hat“, es doch   s i c h e r   sei — „sicher“, weil aus der Bibel selbst lückenlos nachgewiesen —‚ daß ihm die sogenannte „Religion Abrahams“ völlig unbekannt war. Nicht umsonst haben jetzt mehrere Generationen deutscher, holländischer und englischer Gelehrter — unter ihnen Männer allerersten Ranges — mit aufopferendem Fleiße ihr ganzes Leben in den Dienst der alttestamentarischen Bibelforschung gestellt. Gewiß ist dieses Buch ein heiliges, vom Geiste Gottes erfülltes, doch ist kein Buch der Welt so wenig geeignet, mit harmlosem Vertrauen als „Geschichte“ gelesen zu werden. Vielmehr ist es ein fast unentwirrbares Geheddere aus allen möglichen Zeiten und Quellen, ein Kampfplatz direkt sich widersprechender Traditionen, Glauben, Gelüste, Lehren, Politiken; Widersprüche, absichtliche und unabsichtliche Irrtümer, kluge Fälschungen, Verleumdungen, fromme Lügen, vaticinia ex eventu usw. verwirren Kapitel für Kapitel und fast Vers für Vers; dazu dann die große letzte Redaktion, die erst nach der babylonischen Gefangenschaft von fanatischen Pfaffen durchgeführt wurde, ohne jede Kontrolle, ohne jede höhere Jurisdiktion, und mit dem Zwecke, eine scheinbar geradlinige Geschichte vorzutäuschen, im Interesse einer alles verschlingenden hierokratischen Allgewalt! Und in dieses Chaos ist es nun doch, nach und nach, der Wissenschaft — der echten, skrupulösen, Schritt für Schritt langsam und sicher vordringenden — gelungen, Licht und Klarheit zu bringen. Gewiß bleibt noch vieles zu tun, und über manches bringt ja, wie Delitzsch es in seinem zweiten Vortrag zeigte, die babylonische Forschung erwünschten Aufschluß. Doch ist nicht Weniges — und zwar Grundlegendes — schon heute endgültig ins Klare gebracht, und dazu gehört die Tatsache, daß die Israeliten bis spät hinab nicht Monotheisten waren. Ich könnte dafür die gesamte wissenschaftliche Bibelexegese anführen, doch will ich heute lieber in dem Kreise bleiben, der uns augenblicklich fesselt, und einen Assyriologen zitieren. Winckler sagt in dem von ihm bearbeiteten (Oktober 1902 erschienenen) Teile des oben genannten zusammenfassenden Werkes „Die Keilinschriften und das Alte Testament“ (S. 209): „Die gesamte durch den Monotheismus vertretene Weltanschauung ist den Stämmen, welche Israel und Juda schließlich gebildet haben,   u r s p r ü n g l i c h   f r e m d   u n d   n i c h t   i n   d e n   K ö p f e n   i h r e r   A n g e h ö r i g e n   e n t s t a n d e n.“
    Hier müßte man ja noch ganze Bücher schreiben, um die Sache ins Reine zu bringen; ich will mich aber begnügen, auf Ägypten hinzuweisen, denn es hat mich gefreut zu bemerken, daß selbst ein Assyriologe wie Winckler sich genötigt sieht, auf Ägypten hinzuweisen als die aller Wahrscheinlichkeit nach allererste Quelle irgendeines monotheistischen Schimmers unter den Stämmen verschiedenen Ursprungs, die später Israel-Juda gebildet haben. Daß nämlich der Glaube an den Eingott von den ägyptischen Priestern gelehrt wurde, ist sicher. Der Ausdruck „Gott ist ein einiger Gott“ (Deuteronomium VI, 4) ist die buchstäblich genaue Übersetzung der uralten ägyptischen Glaubensformel; und die größte lebende Autorität in diesem Fache, Budge (auch von Delitzsch immer als maßgebend zitiert), schreibt darüber: „It has been denied by some that this Oneness or Unity is the same as the unity of God Allmighty, though I believe there is no good reason for this view; but whether it be or not, it is perfectly certain that when the Egyptians declared that their God was One, they meant exactly what the Hebrews meant when they declared that Jehovah was One“ (The Book of the Dead, 1898, p. XCVIII). Dieser „einige“ Gott wird von den Ägyptern als „unsichtbar, unerkennbar, ungezeugt, ewig“ gelehrt. Und wenn wir nun bedenken, daß die tonangebenden Stämme in dem späteren israelitischen Konglomerat — nämlich Ephraim und Manasseh — jahrhundertelang im Herzen Ägyptens gelebt und daß sie sich in ihren eigene Legenden, einerseits mit dem ägyptischen Königtum (Joseph), anderseits mit dem ägyptischen Priestertum (Moses) verknüpfen, so werden wir gewiß nicht weit fehlgehen, wenn wir hier den ersten Samen des in der Bibel verherrlichten monotheistischen Gedankens erblicken, der gerade dadurch eine besondere Gestalt und neue Kraft erhielt, daß diese gänzlich unkultivierten Menschen unfähig waren, den eigentlichen universellen Eingottgedanken der ägyptischen Weisen zu fassen, sondern diesen Eingott vielmehr zu ihrem partikulären Stammesgott umschufen.
    Wenn ich aber in diesem Zusammenhang flüchtig auf Ägypten hinweise, so geschieht das nicht bloß, um aufmerksam zu machen, daß man noch gar manche Dinge außer Babylon in Betracht ziehen muß, will man biblische Geschichte aufklären, sondern ich tue es besonders deswegen, weil die Versuche, einen Zusammenhang zwischen den sogenannten Zehn Geboten Moses und dem „Kodex Hammurabi“ nachzuweisen, für mich bis auf weitere Belehrung wenig Überzeugungskraft besitzen. Nicht nur liegt zwischen Hammurabi und Moses eine gewaltige Zeitspanne, nicht nur sind die beiden Männer aus verschiedener Umgebung und Zivilisation hervorgegangen, nicht nur weiß noch kein Mensch, was wir uns unter der rätselhaften Gestalt Moses denken sollen (es ist dies noch eine der dunkelsten Seiten des Alten Testaments), nicht nur wissen wir heute, daß die Josephiten (also die eigentlichen Israeliten) mit den Judäern und Benjamiten früher in keiner Verbindung gestanden hatten, und wissen wir, daß das Gros desjenigen Volkes, welches die Bibel als das „auserwählte“ bezeichnet, erst   n a c h   dem Einfall in Palästina, und zwar vorwiegend aus ureingesessenen Syriern entstand, nicht nur bringt die Bibel die Zehn Gebote in zwei völlig voneinander abweichenden Fassungen (was der große Goethe zuerst entdeckte und worauf er bereits 1773 in seiner kleinen Schrift „Zwo wichtige bisher unerörterte biblische Fragen zum erstenmal gründlich beantwortet“ — erste Frage: „Was stund auf den Tafeln des Bundes?“ aufmerksam machte —) und ist jedenfalls die Fassung in Exodus XXXIV ursprünglicher als die uns geläufige aus Exodus XX, nicht nur ist diese uns aus dem Katechismus geläufige Fassung nach der Ansicht des gelehrten Rabbiners Schechter (eines unverdächtigen Zeugen mosaischer Religion) erst 150 Jahre   n a c h   S a l o m o   (also mehr als ein halbes Jahrtausend nach Moses) überhaupt erst verfaßt worden (siehe „The Date of the Decalogue“, Appendix I zu C. H. Montefiores „Religion of the Ancient Hebrews“, 1893, S. 553ff) — sondern auch abgesehen von allen diesen erwägenswerten Umständen, muß ich gestehen, daß ich nach genauer Prüfung der Gesetze Hammurabis (in dem letzten Heft von Wincklers „Alter Orient“) auch nicht einen einzigen Zug innerlicher Verwandtschaft zwischen diesem „code civil et criminel“ und den teils ethischen, teils gottesdienstlichen Geboten der Bibel zu entdecken vermag. Wogegen die Verwandtschaft zwischen diesen sogenannten mosaischen Geboten und den im ägyptischen Totenbuch enthaltenen allerdings in die Augen sticht (z. B. Budge, S. 193ff); nur haben die Ägypter viel mehr Gebote, darunter namentlich auch dasjenige, dessen Fehlen im Dekalog peinlich ausfällt: „Du sollst nicht lügen!“
    Sollten nun Eure Majestät bis hierher mich zu lesen die Gnade gehabt haben, so, glaube ich, wird der Sinn und der Zweck meiner Polemik schon deutlich geworden sein. Nach meinem Empfinden nämlich wäre dem Briefe an Admiral Hollmann eine wuchtigere Einheitlichkeit in der Behandlung des Alten Testaments zustatten gekommen. Den Standpunkt des Tridentinischen Konzils verstehe ich: jedes Wort der Bibel ist vom Heiligen Geiste diktiert. Alle Wissenschaft zerbricht an diesem Dogma wie die Welle am Fuße eines Granitfelsens; dafür ist aber alles hinfürder sehr vereinfacht und von eiserner Konsequenz — man spart den Gelehrten die Gehirnschmiere und dem Volke die Beunruhigungen; und was die praktische Tugend anbelangt, so ist diese auf allen Wegen zu erreichen, sobald der gute Wille da ist. Ich verstehe auch den altindoarischen Standpunkt: die heiligen Bücher als unbedingt heilig und geoffenbart, doch niemals als Geschichte aufzufassen. Hierdurch wurde nun die instinktive, unergründliche Weisheit aus der Kindheit der Menschengesellschaft, aus der Zeit ihrer „Gottesnähe“ (sozusagen) zu einer ewig fließenden Quelle neuer Gedanken, neuer Religionsgestaltungen, die sich den verschiedenen Bedürfnissen verschiedener Menschencharaktere und wechselnder Zeiten anpaßten. Ich gestehe es: etwas derartiges schwebt mir als das Ziel vor, auf das wir mit unserem Herzensblut im Interesse einer Regeneration lebendiger Religion hinarbeiten müßten; darum müssen wir in der Bibel das   W o r t   festhalten (das Wort ist immer unerschöpflich), die   G e s c h i c h t e   dagegen (als solche) können wir der historischen Kritik getrost überlassen. — Was ich aber nicht verstehe, ist, wie es sollte glücken können, diese beiden Ideale zugleich zu vertreten; ich fürchte, das muß die Konsequenz des Denkens aus dem Gleichgewicht werfen und dadurch auch mit der Zeit die zielbewußte Tatkraft lähmen.
    Doch auch diese Bedenken würden mich nicht vermögen, Eurer Majestät Zeit in Anspruch zu nehmen, wenn ich es nicht erlebt hätte, daß manche Nichtchristen und antichristlichen Freidenker den Brief Eurer Majestät nur deswegen mit Begeisterung begrüßt haben, weil sie ihn ihren Wünschen gemäß deuten zu dürfen glauben. So schrieb mir z. B. ein deutscher Professor — ein echter Germane, aber ganz im Banne des ethischen Deismus: „Sie sollen doch nicht recht behalten, mein lieber Chamberlain, unsere deutsche Kultur wird   n i c h t   unter dem Zeichen des Kreuzes auf Golgatha stehen; lesen Sie nur den Brief des Kaisers.“
    Daß ein solches Mißverständnis nach den herrlichen Worten in Aachen möglich ist, daß es möglich ist, wo doch in dem Brief an Hollmann an zwei Stellen deutlich genug von Christus die Rede ist, das wäre schwer zu begreifen, müßte man nicht alle Tage erfahren, wie leichtfertig in unserem zeitungsverzehrenden Alter gelesen wird, und wie schnell ein Eindruck den anderen verjagt. Doch hierbei konnte ich mich nicht beruhigen, sondern ich mußte mich fragen, wie es in den Hirnen solcher Leute zugeht, die das kaiserliche Schreiben lesen und wiederlesen, ohne daß sie dem Hinweis auf Jesus Christus besonderes Gewicht beilegen zu müssen glauben. Hierüber nun möchte ich in Ehrerbietung meine Gedanken mitteilen.
    Daß die Anknüpfung an Abraham und dessen Volk für die vielen Gebildeten, die von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Bibelexegese etwas erfahren haben, keine besondere Überzeugungskraft besitzen könne, erscheint nach den obigen Ausführungen begreiflich; ich brauche nicht darauf zurückzukommen. Würden Eure Majestät jegliche geschichtliche Kritik des Alten Testaments von vornherein abweisen, das wäre etwas anderes; jeder Weg, der zu Christus führt, soll mir gesegnet sein, auch der des schlichten Glaubens an die strenge Geschichtlichkeit der biblischen Erzählung. Wir wissen aber alle, daß Eure Majestät ein eifriger Förderer aller Wissenschaft sind, und wir erfahren in diesem Briefe wieder, wie echt wissenschaftlich und freiheitlich diese Förderung gemeint ist. Darum macht der kleine messianische Exkurs nicht die beabsichtigte Wirkung. Der auf Abraham, Moses usw. aufgebaute, mit dem von den nachexilischen Priestern erdichteten Judentum identifizierte, also rein geschichtlich aufgefaßte Christus — dessen Geschichte aber die historische Wissenschaft in wesentlichen Punkten nicht bestätigt — überzeugt nicht mehr.
    Ist es aber hier das Konkrete, was auf unsere Freidenker ohne Wirkung bleibt, so ist es an anderer Stelle das Abstrakte, an dem sie — weil zu abstrakt für ihren Vorstellungskreis —‚ ohne es zu beachten, vorbeilesen.
    Eure Majestät reden ausdrücklich von der „Gottheit Christi“; viele unserer Zeitgenossen sind aber unfähig, sich bei diesem Bekenntnis irgend etwas vorzustellen. In früheren Zeiten — damals, als das Dogma von der Gottessohnschaft aufgestellt wurde — dachten sich die Christen Gott als einen alten Herrn mit einem langen Bart, der unmittelbar oberhalb der Wolken auf einem Throne sitze; Christus war des alten Herrn Sohn, der „auf Wolken kommend“ erwartet wurde, selber also Gott. Seit Kopernik sind derartige Vorstellungen auf immer vernichtet. Heute haben wir — ich meine die Gebildeten unter uns — entweder eine ideale Religion oder gar keine; diese These habe ich in mein „Grundlagen“ lückenlos nachzuweisen versucht; wir können darum Gott nicht — wie die Semiten und die Juden — „draußen“ suchen, sondern nur „drinnen“; ist Er uns nicht ganz nahe, näher als das eigene Herz, dann ist Er überhaupt nicht. Nun tritt aber der Übelstand ein, über dessen genaue Beschaffenheit erst Kant volles Licht verbreitet hat: einem nicht naiv-konkret gedachten Gotte dürfen wir kein einziges Attribut beilegen — weder Zahl (auch nicht Einheit natürlich!), noch Größe, noch irgend welche Beschaffenheit. Und daher bliebe, trotzdem Gott, wie Kant es ausdrückt, als „unbedingt notwendiges Wesen“ vorgestellt wird, der Gedanke an ihn betrübend abstrakt, und seine Nähe, wie innig wir sie auch empfinden möchten, würde jeglicher Anschaulichkeit entbehren, wenn das Göttliche nicht menschliche Gestalt angenommen hätte. Nicht Geschichte, wohl aber   E r f a h r u n g   ist überall das Korrelatum des Idealismus. Hier nun setzt der Glaube ein und mit ihm das, was „Religion“ zu heißen verdient. Sage ich aber „Christus ist Gott“, so sage ich zwar etwas Wahres, nicht aber Inhaltsreiches, da Gott ein auf empirischem Wege unfaßbarer Begriff bleibt; und daher lesen unsere Gebildeten über jene erste Seite des Briefes hinweg und sagen sich: ach, das ist ja eine bloße Formel aus dem Katechismus, bei der sich kein Mensch etwas denken kann. Darum habe ich in meinem Vorwort zur vierten Auflage der „Grundlagen“, S. 68, großen Wert darauf gelegt, daß wir diese Glaubensformel umzukehren lernen: Gott ist Christus. In dieser Kleinigkeit liegt alles. Denn niemand wird behaupten, die Worte seien in dieser anderen Reihenfolge inhaltsleer oder unverständlich. Ihr glaubt nicht an Gott, weil er nicht mehr über den Wolken thront? Freilich thront er nicht dort; das war ein frommer Wahn; er schreitet aber auf Erden, mitten unter uns; schaut hin; er steht euch näher als früher. „Christus ist Gott“ ist Gnostik; „Gott ist Christus“ ist lebendiger Glaube.
    Es gibt noch ein Drittes.
    Dort, wo Eure Majestät zu einem zusammenfassenden Glaubensbekenntnis gelangen — am Schlusse des Schreibens an Admiral Hollmann —‚ da finden wir den einen einzigen Satz: „Ich glaube an Einen Einigen Gott.“ Ich glaube zu verstehen, warum sich Eure Majestät gerade hier eine so große Reserve auferlegt haben. Ein Monarch, der unter seinem Zepter verschiedene — auch nichtchristliche — Konfessionen vereinigt, und der auch für die grundsätzlich Ungläubigen ein gerechter Landesvater zu sein hat, kann gewiß in solchen Dingen gar nicht zu vorsichtig und überlegt zu Werke gehen; jedes Wort muß auf die Goldwage gelegt werden, und nur selten wird ihm sein erhabener Beruf erlauben, persönlichen Überzeugungen überhaupt öffentlich Ausdruck zu verleihen; ich werde mich also nicht erkühnen, dieses Glaubensbekenntnis zu kritisieren. Doch im Interesse der Feinde des Christentums, die an dem kaiserlichen Schreiben so gewaltsam herumdeuten, hätte ich wohl gewünscht, daß es möglich gewesen wäre, Christus an dieser kulminierenden Stelle zu nennen.
    Ich mußte hierbei an meinen ersten längeren Brief an Eure Majestät zurückdenken, in dem ich erzählte, welche weitgehende Rechte die indoarischen Könige den Denkern einräumten. Vielleicht darf ich auf eine so ehrwürdige Tradition bauen, um Eurer Majestät mitzuteilen, wie ich — der ich mich ja freier bewegen darf als ein Monarch — ein solches zusammenfassendes Glaubensbekenntnis mir für meine Person etwa dächte? Ich bitte, es gleichsam als eine Gegengabe des Denkers an den König aufnehmen zu wollen.
    Folgendes würde ich sagen:
    1. Ich glaube an Jesus Christus.
    2. Ich glaube, daß in ihm alles, was uns Sterblichen von dem unerforschlichen Geheimnis des Göttlichen zugänglich ist, Gestalt gefunden hat.   D a ß   Gott ist und   w a s   Gott ist, weiß ich durch ihn allein.
    3. Aus Christi Leben und aus seinem Tode erhoffe ich für mich und alle, durch Gottesgnade, die Erlösung.
    4. Ich erkenne keine Kultur als gleichberechtigt an, die nicht Gott in Christus verehrt; die Feinde Christi sind meine Feinde; ich will nicht erlauben, daß sie meine Kinder erziehen, meine Jünglinge ausbilden, meinen Staat mitregieren, die christliche Kultur durchseuchen; zwar erkenne ich es als eine Pflicht der Menschlichkeit an, sie zu dulden, ihre antichristlichen Bestrebungen aber will ich mit Wort und Tat und, wo es nottut, mit Gesetz und Schwert bekämpfen; für Christus will ich mein Leben geben.
    So etwa würde ich sprechen. Und ich gestehe, daß in dieser Beziehung Harnack, in seinem ungemein geistvollen Aufsatz in den „Preußischen Jahrbüchern“, mich nicht befriedigt hat; er ist doch ebenso frei wie ich und hätte eine deutliche, entschiedene Sprache reden dürfen und sollen. Diese vorsichtige Herumdefiniererei und diese aus dem Johannesevangelium extrahierte Milch-und-Wasser-Gestalt (wobei nota bene Harnack selber dem Johannesevangelium gar keine Authentizität zuerkennt und meine abweichende Auffassung in den „Worten Christi“¹ scharf getadelt hat — brieflich) — sie würden in unserer realen Welt mit ihrem Bedürfnis nach scharf geschnittenen, von nahe und von ferne deutlich erkennbaren Umrissen wenig ausrichten. „Eine Idee   d a r f  nicht liberal sein“, sagt Goethe; „kräftig sei sie, tüchtig, in sich selbst abgeschlossen, damit sie den göttlichen Auftrag, produktiv zu sein, erfülle“; nur in den Gesinnungen, meint er, nicht in den gestaltenden Gedanken dürfe Liberalität zu finden sein. Es soll eben bis ans Ende der Welt sich bewahrheiten, daß das Heil der Religion niemals von Theologen ausgeht. In hundert Gestalten rückt der Antichrist heran, am meisten Gefahr dort bergend, wo er christlich vermummt auftritt und mit dem Paganismus Syriens und Ägyptens, dem verblödenden, entehrenden, das Gemüt zerstörenden Profanismus — gegen den gemessen die Religion Homers göttlich rein und die Religion der Indoarischen Hirten (vor 5000 Jahren) erhaben war — unsere Völker bis ins Innerste verseucht und als erstes Ziel die systematische Vernichtung der germanischen Seele verfolgt; gegen diese Feinde vermögen wir nichts, gar nichts, wenn wir nicht   C h r i s t u s   d e n   G o t t   gegen sie aufrichten.
    Nur aus dieser Überzeugung heraus, und weil diese Überzeugung mein Wesen so ganz ausfüllt und tyrannisch beherrscht, daß mir keine Wahl bleibt und ich manchmal tun   m u ß,   was mir rein weltlich betrachtet nicht ratsam und klug erscheinen würde, habe ich diesen Brief geschrieben und habe ich in diesem Briefe die vielen Dinge gar nicht erwähnt — was doch leicht gewesen wäre —‚ wo ich nur aus freudigstem Herzen übereinzustimmen und zu danken gehabt hätte, sondern bin einzig bei der Besprechung jener Punkte geblieben, bei denen mir mit Rücksicht auf unser mit allen Kräften anzubahnendes, neues, freies, jugendliches, siegessicheres, germanisches Christentum eine offene Aussprache geboten schien. Wäre ich nicht überzeugt, daß Eure Majestät im Grunde genommen fast genau ebenso denken wie ich, ich hätte es nicht gewagt, diese Bogen zu schreiben; und auch trotz dieser Zuversicht weiß ich, das nur ein hoher Grad von Gnade und Gerechtigkeit, und auch von Sympathie, hinreichen kann, mich zu rechtfertigen.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

ehrerbietig ergebener und treuer Diener

Houston S. Chamberlain.

(geschr. 15. bis 18. 3. 1903)

    P. S. Einliegend eine Besprechung des Schreibens an Hollmann, die mir besonders gut gefallen hat und Eurer Majestät wohl schwerlich je zu Gesicht käme. Dieser Pfarrer Dr. Christlieb hat schon in den „Preußischen Jahrbüchern“ und in „Lohmeyers Monatsheften“ gute Aufsätze veröffentlicht; ich kenne ihn persönlich nicht, doch erwarte ich Tüchtiges von ihm, und ich habe meinen Verleger Bruckmann veranlaßt, eine Geschichte des Alten Testaments, seiner Ursprünge und seines Werdens bei ihm zu bestellen, in der die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung von einem freien und gläubigen Manne für uns Laien übersichtlich zusammengefaßt werden sollen. Christlieb war Missionär in Japan, kennt also die Welt, spricht und schreibt Englisch perfekt, kurz, hat einen weiteren Horizont als die meisten seiner Amtskollegen; dabei besitzt er zugleich als aktiver Pfarrer jene Kenntnis der Bedürfnisse des praktischen Lebens, die unseren Professoren fast durchwegs abgeht und sie so viel Unheil anrichten läßt.
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    ¹ Vgl. nebst der „Apologie“ besonders auch das „Begleitwort“ zur neuen Ausgabe (1903).
 
212 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Wartburg, 24. 8. 1903.

Mr. Houston St. Chamberlain

mit herzlichstem Dank für seinen langen und eingehenden Brief. Nebenstehender Artikel ¹ dürfte von Interesse sein.

Wilhelm I. R.

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    ¹ “The Code of King Khammurabi“. The Times vom 14. und 15. April 1903.
 
212-215 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

1. Oktober 1904
VI Blümelgasse 1.
Wien.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

melde ich in aller Ehrerbietung und mit wärmstem Danke, daß ich das mir gnädigst übersandte Bild¹ richtig empfangen habe.
    Mein Dank trifft, fürchte ich, einigermaßen spät ein; denn ich war in diesem Jahr dermaßen von der Arbeit erschöpft, daß ich den Aufenthalt im Hochgebirg über die gewöhnliche Frist hinaus verlängern mußte. Soeben erst in Wien eingetroffen, finde ich die Kiste vor, weiß aber nicht, wie lange sie meiner schon harrt.
    Soweit ich es beurteilen kann, muß der Gesamteindruck des Standbildes ein prächtiger sein; noch größer ist aber jedenfalls der Gedanke, der es gebar. So steht der Germane als Herr da oben und knüpft — über die Köpfe der elenden Mestizen aus syrischen und punischen Sklaven hinweg — unmittelbar an die untergegangenen großen Geschlechter an. Sind Eure Majestät vielleicht auf die Arbeiten des Dr. Ludwig Woltmann aufmerksam geworden? (Vgl. namentlich „Politisch-Anthrop. Revue“, Juni 1904 und Juli 1904.) Dieser deutsche Gelehrte, der zum Glück über Geld und Muße verfügt, widmet jetzt Jahre seines Lebens dem genauen — sowohl anthropologischen (Woltmann ist Mediziner) wie archivalischen — Erforschen der Herkunft aller großen Künstler der sogenannten „italienischen“ Renaissance. Die Ergebnisse — wie sie jetzt anfangen klar herauszutreten — bilden eine herrliche Bestätigung der in den „Grundlagen“ ausgesprochenen Mutmaßungen. Schon jetzt steht fest, daß von Cimabue an bis zu Tizian alle größten Künstler entweder ganz reine Germanen waren oder überwiegend germanisches Blut in den Adern trugen (d. h. Blut des Homo europaeus septemtrionalis). Merkwürdigerweise sind selbst die   N a m e n   zum großen Teil germanische. So lautet z. B. Cimabues wirklicher Familienname [C. ist Spitzname] Gualtieri, und dies ist nichts weiter als eine ungeschickte italienische Verballhornung des echten alten deutschen Namens   W a l t h e r.   Giotto heißt in Wirklichkeit Bondone, Vergrößerung von Bonde; weder Bondone noch Bonde hat auf italienisch irgendeinen Sinn, wogegen das Wort ein urgermanisches ist (Kluges Etymol. Wörterbuch), noch heute im Englischen „bond“ lebt und im frühen Mittelalter bei Sachsen und Skandinaviern den   f r e i e n   B a u e r n   bezeichnete; noch heute kommt es in Schweden als Familienname vor. Der Name Vinci soll nachweisbar von der Burg eines fränkischen Ritters herkommen, der   W i n d e   hieß usw. Doch selbstverständlich sind diese philologischen Dinge stets sehr problematisch, und daß Lionardo z. B. am Fuße der Burg des Herrn von Winde geboren wurde, sagt noch nichts über seine eigene Rasse aus. Hier ist Körpergestalt und Kopfbildung entscheidend. Und nun erweist es sich, bei einem peinlich genauen Studium aller Berichte und mathematischen Porträte, daß fast alle diese Leute groß, blond, blauäugig, schmalköpfig sind und in keiner Weise an die heutigen Italiener erinnernd. Lionardo namentlich ist der vollkommen reine Typus des echten Nordländers. Auch Raffael ist zum mindesten vorwiegend Germane: in der Jugend hellgelb-blond und blauäugig, später die Haare etwas nachgedunkelt und die Augen grau. Michelangelo — der selber auf seine angebliche Abstammung von dem sächsischen Kaiserhaus stolz war — scheint weit mehr ungermanische Beimischung im Blute aufzuweisen . . .  Auf die Einzelheiten ist vorläufig wenig Wert zu legen; da harrt noch manches der Aufklärung: der emsige deutsche Forscher wird schon alles Verborgene und Verschüttete nach und nach ans Tageslicht fördern; sicher ist der Tag nicht mehr fern, wo manches in meinen „Grundlagen“, worüber die Übergescheiten noch heute ironisch lächeln, als unbestritten selbstverständliche Tatsache, als t r u i s m   gelten und niemand begreifen wird, daß man diese Dinge — qui crèvent les yeux — nicht von jeher gewußt hat.
„Was ist das Schwerste von allem? Was dir das Leichteste dünket,
Mit den Augen zu sehn, was vor den Augen dir liegt“
sagt Goethe.
    Doch entschuldigen Eure Majestät, daß ich in meinen alten Fehler des Plauderns verfalle. Ich will mich ernstlich bessern, denn ich fürchte, ich habe schon — wenn nicht bei Eurer Majestät, dann an irgendeinem anderen Orte — Anstoß damit erregt. Diesen Dankbrief wollte ich, wie meine früheren Briefe, durch die kaiserliche Botschaft befördern und somit die Gewißheit besitzen, daß er direkt zu Händen komme; doch wurde mir bedeutet, ich solle ihn einfach per Post schicken; und jetzt weiß ich nicht, in was für Ämter er wandert und in was für Aktentaschen der Post usw.; noch ob er jemals Eurer Majestät zu Augen gelangt.
    Und so will ich denn nur noch, in Anknüpfung an den letzten Briefaustausch von Anno dazumal über das inzwischen weltberühmt gewordene Glaubensbekenntnis, mein Bestes tun, um Eure Majestät auf einen herrlichen Ausspruch Luthers aufmerksam zu machen, der einer Auffrischung im Gedächtnis unserer Zeitgenossen — namentlich der Herren Geistlichen aller Konfessionen — wahrlich würdig wäre. Luther sagt: „Ich halte diese Regel stets, daß ich solche Fragen, die uns hinanziehen in den Thron der göttlichen Majestät,   u m g e h e,   s o   v i e l   i c h   k a n n.   Und ist viel besser und sicherer, daß man herunten stehen bleibe bei der Krippe des Herrn Christi, der Mensch worden ist; denn, so man sich verwirret mit der Gottheit, ist viel Gefahr dabei.“
    Und noch eins: hat Eure Majestät das im Oxyrhyachus Papyrus neuaufgefundene Wort Christi bemerkt? Gewiß ein echtes, denn wer unter diesen elenden Herrschaften des Völkerchaos wäre auf einen derartigen Gedanken gekommen? Vielmehr haben sie ihn uns im Evangelium gestrichen: „Ihr fragt, wer diejenigen sind, die euch zu dem Königreich des Himmels hinanziehen? Die Vögel des Himmels und alle Tiere sind es, die euch hinanziehen. Und das Königreich des Himmels ist in euch, und wer sich selbst erkennen wird, wird es finden.“ Ist das nicht herrlich — und wie un- und antijüdisch! — diese   T i e r e,   die uns hinanziehen? Wahrhaftig eine köstliche Ergänzung zu Goethes: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“; wenn auch beides im Grunde dasselbe besagt — nämlich die ewige Liebe — dort aber mit der Betonung des Stummen, Unbewußten. „Hamlet springt in das Grab seiner Geliebten, und dann steigt er wieder heraus; ein Hund wäre darin geblieben“, sagt Ruskin. Es ist eben nichts wahrhaft groß, was nicht unbedingt ist. Das Unbedingte — Christus selber sagt es uns hier — ist das Tor, durch das allein wir ins Himmelreich gelangen. Ja mir ist mindestens eines unbedingt: die ehrfürchtige Liebe für das, was aus dem Geiste deutscher Sprache und deutschen Denkens und Wollens in seinen höchsten Verkörperungen entsprungen ist, der unerschütterliche Glaube an dessen siegende Kraft, die Treue bis in den Tod gegen die, welche diesen Sieg befördern.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

in Ehrfurcht ergebener Diener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ Das vom Kaiser gestiftete Goethe-Denkmal auf dem Monte Pincio in Rom darstellend.
 
216 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Telegramm

Rominten, 5. X. 1904. 12 Uhr 10 M. V.M.

    Herzlichen Dank für Ihren prächtigen Brief; er läßt mich auf vollste geistige Frische schließen. In herrlicher deutscher Heide bei Sommerwetter und wunderbarsten Färbungen des Waldes habe ich ihn mit Freuden gelesen. Besten Gruß aus dem Lande Kants und des kategorischen Imperativs der Pflicht.
Wilhelm I. R.
 
216 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Telegramm

Straßburg Kaiserpalast
12.20 Uhr V.M.  9. V. 1905

    Für Ihre freundliche Übersendung der „Einführung“ ¹ von ganzem Herzen Dank! Vorzüglich ist das Fazit gezogen! Veredelung!!! Das ist es, was wir brauchen, was überall in allen Dingen unserer Zeit und Generation nottut! Nicht die Breite der Wissensfläche ist die Hauptsache, sondern kräftige und tief angelegte Persönlichkeiten, die „begreifen“ lernen, schöpfend aus freier Vernunft! Das müßte auf der Tür jedes Deutschen als Überschrift stehen! „Handsome is who handsome does!“ Ihren kleinen Auszug ² aus Ihrem Kantwerk, vom Winter her, habe ich meinen Herren und Damen vorgelesen, atemloser Spannung folgte begeisterte Zustimmung. Gestern waren in allen großen amerikanischen Städten Schillerfeiern! Ob auch in britischen?

Wilhelm I. R.

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    ¹ In den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe; aufgenommen in „Deutsches Wesen“ S. 72ff.
    ² Aufgenommen in „Deutsches Wesen“.
 
216-217 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Neues Palais, Dezember 24. 1905.

Mein lieber Herr Chamberlain,
    Sie haben mir durch die Übersendung Ihres Werkes über Immanuel Kant eine ganz besondere Freude bereitet. In den mir leider nur knapp zugemessenen Stunden der Muße habe ich mich mit Vergnügen der Lektüre des trefflichen Buches hingegeben und mannigfache neue Gesichtspunkte und Anregungen dabei gewonnen. Die Idee, Ihren Lesern die Persönlichkeit des Königsberger Weisen durch Vergleiche mit anderen Geistesheroen näherzubringen und zugleich den Weg zum Eindringen in seine Gedankenwelt und zum Verständnis seiner Lehre zu weisen, ist ebenso originell wie glücklich. Die anschauliche und lebensvolle Sprache, in der Sie Ihrer Aufgabe gerecht werden, hat mich in hohem Maße gefesselt. Ich freue mich sehr darauf, das ganze Werk kennenzulernen und seinen Gedankenreichtum auf mich einwirken zu lassen, möchte Ihnen aber schon jetzt meinen wärmsten Dank für die freundliche Aufmerksamkeit und meinen aufrichtigen Glückwunsch zur Vollendung dieser einzigartigen Arbeit aussprechen.

    Ich verbleibe

Ihr wohlgeneigter

Wilhelm I. R.

 
217-219 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

31. Dezember 1905.
Wien.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

danke ich in aller Ehrerbietung für die gnädigen Worte, geschrieben am Weihnachtstage; ein schöneres Festgeschenk konnte mir kaum zuteil werden.
    Aufrichtig gestanden, ich erschrak selber, als ich das dickleibige Buch erblickte, und ich kann nicht anders als voraussetzen, Eurer Majestät müsse es ähnlich ergangen sein; doch kann ich zu meiner Entlastung eine äußere Tatsache anführen: daß nämlich infolge der Dicke des Papiers die Vorzugsexemplare ungefähr zweimal so stark sind wie die gewöhnlichen — und hierfür trägt doch einzig der Papierfabrikant die Schuld; außerdem führe ich eine innere Tatsache an: ein dieses Thema behandelndes Werk wäre nach meiner Überzeugung unlesbar und ohne Überzeugungskraft geworden, wenn man es kompendiöser gehalten hätte. Dagegen glaube ich, daß es in dieser Form lesbar ist — sobald nur einiges Interesse entgegengebracht wird; und wie Eurer Majestät bekannt ist, habe ich die Marotte,   g e l e s e n   werden zu wollen, nicht akademische Bewunderung und Bibliothekstaub zu ernten. Schon gibt es Beispiele, die mir Freude machen. So z. B. hat Herr Hofrat Prof. Julius Wiesner, der berühmte Pflanzenphysiologe und einer der beschäftigtsten Männer, die es gibt — dazu ein Antiphilosoph — das Buch in wenigen Tagen ausgelesen; er schreibt mir, er hätte es gar nicht aus der Hand legen können; auch andere ließen sich hinreißen. Einer der besten Leser meiner Bücher ist ein Artilleriefeldwebel Eurer Majestät! In welchem anderen Lande der Welt wäre so etwas auch nur denkbar?
    Daß Eure Majestät mein Buch wirklich durchlesen, kann ich bei der Überfülle und immensen Tragweite der täglichen Obliegenheiten nicht erwarten; und dennoch wage ich es im geheimen für irgendeinen künftigen Tag zu erhoffen, da nämlich bei diesem Buche nur aus der Kenntnis des ununterbrochenen   G a n z e n  die großen leitenden Gedanken so klar zu erfassen sind, daß sie bestimmenden Eindruck machen, und auf diesen bestimmenden Eindruck kommt — nach meiner Überzeugung — sehr viel an. Nicht bloß theoretisch und spekulativ — was läge daran? sondern vorzüglich in bezug auf jene mittleren religiösen Weltanschauungsfragen, in denen eigentliche Kultur wurzelt. Das „écrasez l'infâme“ des großen Friedrich — zu dem ich mich rückhaltlos bekenne — hat bei Kant die würdigste und zugleich die tatkräftigste Ausgestaltung gefunden. Die Menschheit kann nicht stillstehen, das wäre gegen jedes Gesetz des Lebens; es kommt aber alles darauf an, von   w o   aus die unausbleibliche Produktion in den geistigen Vorstellungen stattfinden soll und wird und nach welcher   R i c h t u n g   hin. Es gibt eine Befreiung vom Priester, die nichts anderes ist als die Unterjochung unter noch Schlimmere Pfaffenknechtschaft; und es gibt eine Befreiung, welche die eigentliche Würde der Menschheit begründen wird, wenigstens desjenigen Teiles der Menschheit, der fähig ist, die Botschaft zu begreifen, sagen wir der Germanen. Es ist dies die Befreiung aus uraltem, jedes lebendigen Sinnes verlustig gewordenem Aberglauben, um endlich wieder ein lebendiges, frischquillendes „Glauben“ zu besitzen. Dieser Befreiung war Kants Leben gewidmet. Möchte es uns gelingen, seine umwälzenden Erkenntnisse von Stufe zu Stufe, vorsichtig, aber wie tropfendes Wasser unüberwindlich durchzusetzen — das heißt, sie aus Theorie in Praxis, aus Spekulation in handelnde Überzeugung umzusetzen; und zwar in der Weise, daß zuerst wenige und nach und nach immer weitere Schichten davon getroffen und durchdrungen werden. Hierzu beizutragen habe ich — ich darf es ohne Übertreibung sagen, denn ich laboriere jetzt an den Folgen, nicht der Überarbeit, wohl aber der übermäßigen Ausgabe von Willensenergie und Lebenskraft — viel Herzblut hergegeben; Gott wird nicht zulassen, daß es umsonst geschehen sei.
    So sei denn mit diesen Zeilen das alte Jahr und zugleich der Lebensabschnitt 1900—1905 abgeschlossen. Neue Arbeit liegt schon auf der Werft; die Öfen glühen, die Hammer heben sich zum Schlag; und eine freudige Erwartung ist hierbei die Zuversicht, daß Eure Majestät das neue Opus ¹ — so die Vorsehung mir die Durchführung ermöglicht, ganz ohne alles Grausen zu reiner Freude und Unterhaltung werden genießen können. Wiederum soll das Hohelied deutscher Großtaten ertönen.
    Gestatten Eure Kaiserliche und Königliche Majestät, daß ich zum neuen Jahre ergebenste und zugleich wärmste Wünsche ausspreche, im alten unerschütterlichen Glauben an die hohe Bestimmung des Hauses Hohenzollern und seines jetzigen erhabenen Hauptes. Sollte Ihre Majestät die Kaiserin sich meiner Wenigkeit noch in Gnaden erinnern, so bäte ich der allerhöchsten Frau zu Füßen gelegt zu werden.

Eurer Majestät

In Ehrfurcht gehorsamer Diener

Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ „Goethe“.

220 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Telegramm
Wien, den 3. 1. 1906, 7.40 Uhr Nachmittag

    Vielen Dank für Ihre freundlichen Zeilen und die treuen Glückwünsche zum Jahreswechsel, die auch Ihre Majestät die Kaiserin gern entgegengenommen hat. Glückauf zur neuen Arbeit. Gott gebe Ihnen Kraft und Ausdauer dazu.

Wilhelm
I. R.

220 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

5. Juli 1906
VI Blümelgasse 1.
Wien.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

mein allererstes Buch ¹ in der soeben erscheinenden Neuauflage zu gnädiger Annahme zu überreichen, halte ich für meine Pflicht.
    Bei der Revision habe ich den Eindruck erhalten, daß dieses kleine Werkchen, das man in wenigen Stunden durchlesen kann, wirklich auch lesbar und lesenswert ist. Ich wüßte keines, das auf so geradem Wege in Wagners dramatische Absichten einführte.
In Ehrerbietung verharre ich

als Euer Majestät
gehorsamer Diener

Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ „Das Drama Richard Wagners.“
 
220-221 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Telegramm

Marienleuchte, 30. VII. 1906.
3.30 Uhr nachmittags.

Ich danke Ihnen herzlich für die Übersendung Ihres hochinteressanten Buches über „Das Drama Richard Wagners“. Die neue Auflage ist wohl der sprechende Beweis für den nachhaltigen Erfolg, den Ihre dankenswerten, auf das Erschließen des innersten Wesens des großen Meisters gerichteten tiefgründigen Ausführungen gehabt haben.

Wilhelm

I. R.
 
221 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

11. Oktober 1906
Wien.

Euere Kaiserliche und Königliche Majestät

erlauben, daß ich ein Exemplar der Volksausgabe meiner „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, die am 18. d. M. im Buchhandel erscheinen wird, in Ehrfurcht zu Füßen lege.
    Es geschieht dies in dem Gefühle unauslöschbarer Dankbarkeit für die dem Buch in seiner früheren Gestalt gespendete Anerkennung und in der Hoffnung, das Werk möge auch in dieser neuen Ausstattung an dem ragenden und unerschütterlichen Mittelpunkt alles Deutschtums — und insofern auch alles bewußten Germanentums — Interesse wecken und Förderung verdienen.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät
ehrerbietigster

Houston Stewart Chamberlain.
 
221-222 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Neues Palais, den 26. Oktober 1906.

Mein lieber Herr Chamberlain!

Aus Ihrem Schreiben vom 11. Oktober d. J. habe ich mit Befriedigung ersehen, daß die Volksausgabe Ihres verdienstvollen Werkes „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ nunmehr fertiggestellt ist, und ich spreche Ihnen für die freundliche Übersendung eines Exemplars der Ausgabe meinen verbindlichsten Dank aus.
    Es macht mir große Freude zu beobachten, welche beifällige Aufnahme und weite Verbreitung Ihr treffliches Werk über Immanuel Kant gefunden hat. So sprach erst jüngst der auch Ihnen bekannte Geheime Regierungsrat Prof. Dr. Slaby mit Begeisterung von dem Buche, welches Gemeingut jedes Deutschen werden müßte. Dies bringt mich zu der Frage, ob es in Ihrer Absicht liegt, auch von diesem Werke eine Volksausgabe zu veranstalten. Einer gelegentlichen Äußerung hierüber entgegensehend verbleibe ich

Ihr wohlgeneigter und dankbarer
Bewunderer und Freund

Wilhelm

I. R.
 
222-224 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

24. Dezember 1906.
Wien.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

danke ich ehrerbietigst für das vom 26. Oktober d. J. datierte gnädige Schreiben. Schon längst hätte ich pflichtschuldig auf die darin enthaltene Frage geantwortet, wenn ich nur Bestimmtes hätte melden können. Verleger sind aber ganz besondere Leute: sie haben nicht allein einen eigenen Ehrbegriff, sondern auch eine eigene Logik. Und mein Verleger Bruckmann gibt folgende salomonische Weisheit zum besten: Da der „Kant“ einen weit geringeren Absatz findet als die „Grundlagen“, darum ist der Verleger nicht in der Lage, eine billigere Ausgabe herzustellen. Wogegen ich — wie jeder Bauer — schließen würde: Da ein Werk über Kant sich naturgemäß an einen beschränkteren Kreis wendet und hier namentlich Lehrer und Studierende in Betracht kommen, so ist es nicht bloß im Interesse der Sache, sondern auch rein kaufmännisch geboten, eine möglichst wohlfeile Ausgabe zu veranstalten, denn nur auf diesem Wege can we reach die eigentlichen Interessenten. Im Augenblick kann ich nicht viel tun; denn ich beginne Erfahrung zu besitzen, und ich weiß, daß, wenn ein Autor drängt und fordert, der Verleger dies benutzt, um für sich neue Vorteile zu gewinnen. Trotzdem hoffe ich, daß derjenige Entschluß, den auch Eure Majestät für wünschenswert erachten, in nicht allzu ferner Zeit zur Ausführung gelangen wird. Denn wenn auch der Absatz bisher hinter dem der „Grundlagen“ zurückblieb, so haben immerhin weitere tausend Exemplare Abnahme gefunden und im Januar kommt eine Stiftung desselben Fabrikbesitzers, der die „Grundlagen“ förderte, und der nunmehr auch für den „Kant“ 10 000 Mark anwendet, zur Verteilung, wodurch wiederum gegen 1500 Exemplare aufgebracht werden. Somit dürfte die erste Auflage von 6000 bald zu Ende neigen, und ich hoffe, es wird dann meinem klugen Rechtsanwalt gelingen, eine billigere Ausgabe durchzusetzen.
    Jedenfalls danke ich Euer Majestät für das der Verbreitung meines Buches gewidmete Interesse und für den weisen Rat, der unter der Gestalt einer gütigen Frage hervorlugt.
    Die erste Auflage der Volksausgabe der „Grundlagen“, in einer Höhe von 10 000 Exemplaren war innerhalb zehn Tagen vollständig vergriffen. Im Drang der Weihnachtsgeschäfte ließ sich in aller Eile eine neue (im ganzen die siebte) von nur 8000 herstellen; ich hoffe, sie kommt auch in diesen Tagen vollzählig an den Mann. Denn leider hatten sich einige sehr störende Druckfehler im letzten Augenblick eingeschlichen — in der Leipziger Offizin, nach Prof. Kuntzes und meiner letzten sorgfältigen Revision. In der nächstfolgenden (achten) Auflage werden sie alle getilgt sein — so Gott will und der DruckfehlerteufeI es gestattet.
    Nach Überwindung schwerer Wirrnisse privater Natur, lebe ich jetzt weltflüchtig und genieße den errungenen Frieden und die zur Arbeit unumgängliche Sicherheit.
    Möchten Eure Kaiserliche und Königliche Majestät diesen heiligen Weihnachtstag in jenem reinen, unschuldsvollen Frohsinn verleben, den wir alle besitzen können in Augenblicken, wo wir bedenken, wie geringfügig die Ereignisse, die uns bedrängen, sind, neben dem einen Weltereignis der Geburt Jesu Christi. Verehrung und Liebe umringen ja Eure Majestät in konzentrischen Kreisen; — vom engsten der so sichtlich reich gesegneten Familie bis zu einem von dem Durchmesser des Erdäquators; was, irregeleitet, nicht zu diesem Panzer lebender Herzen gehört, verfällt der Unfruchtbarkeit.

In alter angelsächsischer Mannestreue

ehrerbietigst

Houston Stewart Chamberlain.
(In der alten Wohnung: Wien, VI Blümelgasse 1.)
 
224-226 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

19. Dezember 1907
VI Blümelgasse 1.
Wien.

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät

werden es, ich hoffe, nicht als Zudringlichkeit empfinden, wenn ich nach langem Schweigen dem Verlangen, meine gehorsamen, treuen und innigen Wünsche zum heiligen Feste und zum Jahreswechsel darzubringen nicht widerstehen kann. Die Tatsache, daß Majestät längeren Aufenthalt in meinem teueren Vaterland genommen hat, und zwar in dem Heim und in der täglichen Umgebung naher Blutsverwandter von mir, brachte den erhabenen Gönner meiner Arbeiten meinem Auge und meinem Herzen wieder so greifbar nahe, daß der Weihe dieser Tage ein Bestes fehlen würde, hätte ich diesem Gefühle nicht wenigstens in schuldiger Kürze Ausdruck gegeben.
    Mrs. Violet Stuart Wortley und ich sind „first cousins once removed“; ihre Großmutter (väterlicherseits) und meine Großmutter (mütterlicherseits) waren Schwestern. Zwar habe ich Violet seit ihrer frühen Kindheit nicht wieder gesehen, und sie wird von meinem Dasein wenig wissen und sich noch weniger darum kümmern; doch bin ich mit ihrer älteren Schwester, der Hon.ble Mrs. Denison (deren Mann außerdem von Vaterseite mein Vetter ist) sehr befreundet, dazu kommt, daß ich in diesem Herbst einen ganzen Monat bei der alten 93jährigen Tante¹ zu Besuch war, die unsere ganze auseinanderstrebende Familie noch zusammenhält und bei der (sobald sie im November nach London zurückkehrt) Mrs. Stuart Wortley und ihre Schwestern täglich ein- und ausgehen. Und so geschah es denn, daß ich mit Nachrichten über Eure Majestät aus erster Quelle mehrmals die Woche reichlich versehen wurde, namentlich da besagte Greisin — ein wahrer chip of the old block — meine beste Korrespondentin ist. Schriebe ich an einen anderen Mann, ich wäre versucht, einen oder den anderen Brief beizulegen, um ihn sehen zu lassen, wie er im Sturme alle Herzen erobert hat; so aber kann ich nur bezeugen, daß Eure Majestät zu den vielen treuen und verehrungsvollen Freunden in England manchen neuen gewonnen hat.
    Zum erstenmal seit vielen Jahren hatte auch ich einen wirklich genußreichen Aufenthalt in England — den Monat September. Alle Leute waren besonders lieb gegen mich, und die großen Eigenschaften — sterling qualities — dieses Volkes und seiner ganzen Art und Weise, zu sein, imponierten mir gewaltig. Das Gleichgewicht — Gleichgewicht des Ganzen und ebenso jedes Einzelnen — besteht dort; an allen anderen Orten der Welt ist es gestört, die Völker suchen fieberhaft danach, ohne es zu gewinnen. Freilich, wer von hoher Warte aus mit reinem Blicke beobachtet, wird entdecken, daß dieses Ideal, wie alles andere auf der Welt, teuer genug bezahlt wird; Goethes „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“ ist im englischen Gemeinwesen und in dessen Gliedern lebendige Tatsache geworden. Unsere lieben Deutschen wissen hiervon noch wenig: daher fehlt ihnen in einem bedauerlichen Maße die Meisterschaft; wie sie sich im Staatsleben gegenseitig zerstören, so auch Schwankt der Einzelne, weil er nicht begreifen will, daß Freiheit nur auf Kosten einer bestimmten   B e s c h r ä n k u n g   der Freiheit errungen, daß ein Ideal nur auf Kosten einer bestimmten   B e s c h r ä n k u n g   des Ideals verwirklicht werden kann.
    Doch ich gerate ins Schwatzen. Sobald ich die Feder ergreife, um an Eure Majestät zu schreiben — ich, der ich keine Briefe mehr schreibe — habe ich das Gefühl, ich könnte stundenlang reden. Hoffentlich bezeugt mir Majestät, daß ich In der strengen „Beschränkung“ dieser Neigung ein echter Sohn Albions bin! Zugleich kann ich aber nicht unterlassen zu betonen, daß meine leidenschaftliche und in tiefster Überzeugung wurzelnde Liebe für Deutschland und mein Glaube an die hehre, einzige Bedeutung für die Menschheit dessen, was man   d a s   D e u t s c h e   nennen kann, durch meine Anerkennung der gar deutlich am Tage liegenden Eigenschaften Englands nicht im geringsten geändert oder gemindert wird.
    Eben lese ich die von Helmolt herausgegebenen prächtigen Briefe Liselottens; da erfährt man wieder einmal, was das heißt, echt deutsch sein. Welche Kraft, welche Innigkeit, welche Tiefe, aber auch — wenn man dies erst weiß — wie verantwortungsvoll!
    Gott beschütze im Kreise seiner Familie Den, den er an die Stelle des ersten lebenden Deutschen berufen hat: dies mein Wunsch zum heiligen Weihnachtsfest und zum neuen Jahre.

In Ehrerbietung

Eurer Majestät treu gehorsamer

Houston Stewart Chamberlain.


    In London habe ich einen guten Verleger für die englische Ausgabe der „Grundlagen“ gewonnen. Wegen einer französische wird noch verhandelt.

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    ¹ Mrs. Anne Guthrie.
 
226-227 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Neues Palais, 23. XII. 1907.

Mein lieber Mr. Chamberlain

    Gestern erhielt ich Ihrer so freundlichen Brief mit den guten Wünschen für Weihnacht und Neujahr. Empfangen Sie meinen wärmsten Dank dafür und gebe Gott, daß sie in Erfüllung gehen! Es war mir ein sehr schweres Jahr, was mir seelisch unendlich vielen und schweren Kummer gebracht. Ein trauter Freundeskreis, der auf einmal gesprengt wird durch jüdische Frechheit, Verleumdung und Lüge. Monatelang den Namen seiner Freunde durch alle Gossen Europas durch den Schmutz schleifen sehen zu müssen und nicht helfen können und dürfen, das ist entsetzlich! Ich hatte so schwer darunter gelitten, daß ich mir Urlaub und Ruhe nehmen mußte! Den ersten seit 19 Jahren harter Bergaufarbeit. Ich war wie Sie Gast bei dem großen Volke der Briten, das mich so warm und offen empfing. Während meines Aufenthalts habe ich alle Freuden und Annehmlichkeiten des English home and country life gekostet, was ich mir schon so lange gewünscht hatte. Behaglicher Wohlstand, liebenswürdige Menschen aus allen Kreisen, Kultur in allen Schichten durch Sauberkeit und Reinlichkeit angedeutet. Im Gespräch stets objektive vorurteilsfreie Meinungsäußerung, nie Pikierlichkeit, Anzüglichkeit oder gar persönliche Spitzen in der Diskussion. Der angenehme Verkehr von Gleich zu Gleich ohne „Krone und Schweif“, von Gentleman zu Gentleman, das war alles unendlich erfrischend und wohltuend. Dazu das herrliche Haus und prächtige Klima, Riviera ohne das Erschlaffende derselben. Ich habe die Zeit genossen und viele sehr angenehme und teilweise liebe Bekannte gemacht. Die Stuart-Wortleys sind ganz prächtige Menschen, die ich sehr verehre und gar liebgewonnen habe; ewig werde ich ihnen dankbar sein für ihre reizende Gastfreundschaft im schönen Highcliffe. Ich konnte in reiner Atmosphäre unter charaktervollen gesunden Menschen weilen, während bei uns der Schlamm haushoch spritzte, und sogar der Reichstag sich mit Behagen darinnen herumsudelte wie ein Schwein im Kote! Wie habe ich mich vor den gänzlich sprachlosen Briten darüber geschämt! Such a matter in our Parliament would be an utter impossibility! Nie werde ich es dem britischen Volke und dem Teile der Society, der mir nahetrat, vergessen, daß sie in schwerer Prüfungszeit alles getan, um mich die bösen Dinge vergessen zu machen. Sie haben sich außerordentlich taktvoll gezeigt. Ich wünsche auch Ihnen von ganzem Herzen ein gesegnetes und erfolgreiches Jahr, zum Wohle unseres germanischen Volkes; hoffentlich werde ich Sie irgendwo mal treffen. Gott mit Ihnen

Ihr

treuer Verehrer und Bewunderer

Wilhelm I. R.

 
228-230 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

15 The Leas. Folkestone 25. September 1908.

E. K. u. K. M.

gestatten gnädigst, daß ich beiliegend einen Aufsatz übersende, der vor kurzem in der „Allgemeinen Zeitung“¹ erschien und bei dem ich nur zu bedauern habe, daß ohne meine Genehmigung der Titel „Lohengrin in Bayreuth“ umgeändert wurde in „Siegfried Wagner“, wodurch das Ganze einen persönlichen Anstrich erhielt, der meiner Absicht ferngelegen hatte. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn E. M. diesen Aufsatz zu lesen geruhen würden.
    Zum erstenmal seit neun Jahren war ich in Bayreuth. Diese Pause war günstig: die Werke selbst wirkten frisch auf mich ein und ich hatte außerdem ein unbefangeneres Urteil über das spezifisch „Bayreutherische“ an der Leistung. In beiden Beziehungen war der Eindruck ein gewaltiger.
    Mein Bruder, der bekannte Japanolog, Basil Hall Chamberlain, war mit mir in Bayreuth, ein Mann, der die Hauptliteraturen der Welt in den Ursprachen genau kennt; wir lasen die Dichtungen Wagners wiederholt zusammen, als Vorbereitung zu den Aufführungen, und einmal über das andere rief er aus „What an extraordinary people the Germans must be, not to see that, quite apart from the miraculous music, Wagner is one of the greatest   p o e t s   of humanity.“ Ich mußte ihm beistimmen, sowohl in bezug auf die überragende Weltbedeutung Richard Wagners, wie auch betreffs der stumpfsinnigen Beschränktheit eines großen Teils der durch den Einfluß ihrer Professoren um alle Unmittelbarkeit und Sicherheit des Empfindens betrogenen Deutschen.
    Wie beglückte es mich zu sehen, daß eine ganze Anzahl deutscher Fürsten eine rühmliche Ausnahme bilden und warme Begeisterung für den großen Meister mit tiefem Verständnis für die einzigartige Bedeutung seines Bayreuth verbinden. Unter ihnen waren auch drei Söhne Eurer Majestät, denen ich zum ersten Male nahen durfte. Seine Königliche Hoheit Prinz Eitel Friedrich habe ich allerdings, trotz des freundlichen Entgegenkommens, was er mir bewies, nicht eigentlich sprechen können; an einer vollbesetzten Tafel war ich zu fern. Dagegen habe ich die Prinzen August Wilhelm und Oskar durch ihre gütige Erlaubnis und dank der freundlichen Einladung der Familie Wagner etwas näher kennengelernt und mich mit einem ihrer militärischen Begleiter, Graf Finkenstein, befreundet. Die jugendlich auflodernde Flamme reiner Begeisterung und dazu der ernste Wille, tiefer in das Verständnis dieses einzigartigen   d e u t s c h e n   Dramas einzubringen, namentlich beim Prinzen August Wilhelm, doch schien mir sein jüngerer Bruder nur durch Schüchternheit in gleicher Aussprache ein wenig gehemmt, hat mich geradezu ergriffen. Sicher ist, daß eine Befassung mit Wagner, wie ihn uns in seiner wahren Eigenart die Bayreuther Festspiele vermitteln und zu vermitteln einzig befähigt sind, gar keinen Zweck hat, wenn man nicht gewillt ist, der Sache in ernster Hingabe auf den Grund zu gehen, um sie zunächst in ihrer unvergleichlichen nationalen Bedeutung und — weiterhin — in ihrer kulturellen Tragweite zu ermessen. Kein Monarch hat besser als Eure Majestät begriffen, daß die Waffen allein eine Nation nicht groß machen können; dazu gehören noch ganz andere Dinge, Dinge, die uns heutzutage aus den Händen und aus dem Herzen geraubt zu werden pflegen. Als mein Bruder Basil vor wenigen Wochen bei Präsident Roosevelt speiste und nachher eine zweistündige Unterredung mit ihm über das heutige Japan hatte, antwortete er auf des Präsidenten Frage,   w o r i n   eigentlich die Kraft der Japaner bestehe: „Because they have got ideals, Sir.“ Wie Homer Griechenland geschaffen hat, so wäre Wagners Kunst geeignet, den idealen Lebensnerv eines wiedergeborenen Deutschlands auszumachen — wenn es nur gelänge, sie aus der zermalmenden Umarmung der Juden und der Hofopernintendanten zu erlösen und kräftig ihr Verständnis zu verbreiten. Vielleicht gewinnt einstens seine Königliche Hoheit Prinz August Wilhelm in dieser Beziehung einen für sein Vaterland segensreichen Einfluß.
    Doch ich gerate wie gewöhnlich ins Schwatzen und kann nur auf die mir so oft erwiesene Gnade bauen, um Vergebung zu erhoffen.
    General Stuart Wortley war in der letzten Woche zweimal hier im Hause zum Besuch unserer gemeinsamen (94jährigen!) Tante Mrs. Guthrie, bei der ich Gast bin. Es ist große Trauer in der Familie, da die Lieblingsschwester von Mrs. Stuart-Wortley und Lady Rennell Rodd, Mrs. Bringham, vor einigen Tagen nach kurzer Krankheit in High Cliffe starb. General S. Wortley war sehr voll von allen Beweisen kaiserlicher Huld, die ihm jetzt wieder bei seinem Aufenthalt in Deutschland zu den Manövern zuteil geworden waren.
    Vielleicht interessiert es Eure Majestät zu erfahren, daß ein begabter junger deutscher Plastiker, der vor zwei Jahren in Berlin die goldene Kaisermedaille erhielt, Herr Joseph Hinterseher, augenblicklich hier weilt, um im Auftrage eines süddeutschen Mäzenen² meine Büste zu verfertigen. Er gibt sich eine unglaubliche Mühe und hofft den schwersten Kopf — so sagt er —‚ der ihm je in Leben oder Kunst vorgekommen sei, doch bewältigen und eine der nächsten Ausstellungen in Berlin mit dieser Arbeit beschicken zu können.
    In wenigen Tagen reise ich nach einmonatigem Aufenthalt hier weg und über Paris heim nach Wien, an meine Arbeit.
    Ich wäre dankbar, wenn Eure Majestät die Gnade haben wollte, mich Ihrer Majestät der Kaiserin zu Füßen zu legen und mich dem Andenken der drei königlichen Prinzen gehorsamst zu empfehlen. Der Anblick dieser prächtigen Gestalten mit den klaren hellen Augen hat mich alten Hohenzollernverehrer wahrhaft beglückt.

In unverbrüchlicher angelsächsischer Treue
Eurer Majestät ehrerbietiger Diener

Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ Nummer vom 5. September 1908 (München).
    ² August Ludowici.
 
231 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

11. Dez. 1908 Wien

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

dem gnädigen Förderer meiner Arbeiten bin ich es schuldig, von einer Wendung in meinem Schicksal kurz zu berichten.
    Nach schweren Jahren, zuerst eines unerträglichen Zusammenlebens, dann einer zwar die innere Seelenbildung fördernden, doch oft schmerzensreichen Einsamkeit, gleitet jetzt mein Lebensschiff in freundlichere Wasser. So Gott will, wird am 26. Dezember dieses Jahres in Bayreuth die Ehe geweiht werden, welche Eva, die Tochter des Meisters aller Meister, und mich einander unauflösbar antraut. Daß wir für einander bestimmt waren — diese Ahnung lag schon seit vielen Jahren uns halb unbewußt im Herzensgrund; jetzt kam die Stunde des sonnigen Bewußtwerdens. Die hohe Mutter hat in ihrer Herzensgüte diesen Bund gesegnet.
    Da es mir natürlich nicht beifallen konnte, die durch Geburt und Tätigkeit mit dem Bayreuther Werk unzertrennlich Verknüpfte von der Stätte ihrer Pflichten loszureißen, ziehe ich selber an den lieben Ort hin. Ich gedenke an dieser Stätte höchsten Schaffens eigenen bescheidenen Arbeiten getreulich obzuliegen; meine künftige Gattin weiß an sich und anderen den Fleiß zu heiligen. Doch leugne ich nicht, daß der Gedanke, inniger mit dem höchsten Kulturwerk unserer Menschheitsepoche verbunden zu sein, mich feierlich beglückt.
    Ich habe das Gefühl, als brächte mich diese Ehe Eurer Majestät wie räumlich so auch geistig näher [...]
    Das Leben des Feldmarschalls Sir Neville Chamberlain hoffe ich noch vor Jahresschluß Eurer Majestät vorlegen zu können.
    Mit der untertänigen Bitte, mich Ihrer Majestät der Kaiserin zu Füßen zu legen, und mich, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem wohlwollenden Andenken der königlichen Prinzen Eitel Friedrich, August Wilhelm und Oskar empfehlen zu wollen, bin ich

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät ehrerbietungsvoller Diener

Houston Stewart Chamberlain.
 
232 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Neues Palais, 18. 12. 1908

    Mit herzlichen Segenswünschen zum neuen Jahr und bestem Dank für die freundlichen Mitteilungen. Möge in dem neuen Bunde, den Gott der Herr segnen möge, Ersatz für vorhergegangene Prüfungen Ihnen beschieden sein. Möge Ihnen die Frische der Schaffenskraft zum Heile unseres Volkes erhalten bleiben, welche gewiß gestärkt wird durch die großen Erinnerungen an den markigen gewaltigen Schöpfer unserer neuen germanischen Welt.

Wilhelm
I. R.
 
232 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

19. Dezember 1908
Wahnfried
Bayreuth.

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät


geruhen, den Ausdruck meiner aufrichtigen Dankbarkeit für die schönen warmen Worte der Beglückwünschung entgegenzunehmen. Ich will kein Hehl daraus machen, daß ihr Ausbleiben mich tief geschmerzt hätte; denn wir Männer aus dem hohen Norden sind von gar fest haftender Treue der Gefühle, und die Hingabe an die Person Eurer Majestät und an deren erhabenes Haus ist eine leidenschaftlich bestimmende Regung in meinem Leben, wenn es auch nur wenig Gelegenheit gibt, ihr Ausdruck zu verleihen. Was tief wurzelt, scheut sich überhaupt vor den Worten — die unsere indoarischen Altvordern „die Wurzel der Lüge“ nannten. Und so pendelt man hin und her zwischen Redenwollen und Schweigenmüssen; ich danke Eurer Majestät, daß sie zu reden die Gnade hatte.
    In Ehrfurcht und angelsächsischer Treue
Eurer Majestät gehorsamer Diener

Houston Stewart Chamberlain.

 
233 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

21. Juni 1909
Wahnfried
Bayreuth.

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät

gestatten gnädigst, daß ich die Lebensschilderung meines Onkels Sir Neville Chamberlain ehrerbietig zu Füßen lege. Er war ein tapferer Soldat und ein grundedler Charakter. Die letzte große Freude, die dem vereinsamten Greis zuteil wurde, war das Bildnis, welches Eure Majestät mir am 28. Oktober 1901 im Neuen Palais für ihn zu überreichen die Gnade hatten, mit der Inschrift: „Fieldmarshal Sir Neville Chamberlain from his youngest colleague.“ Er schrieb mir damals in seiner schlichten Weise, tief gerührt; der Dank lebt jetzt fort in den Herzen der jüngeren Generation.
Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

in ehrfurchtsvollem Gehorsam

unverbrüchlich treu

Houston Stewart Chamberlain.

 
233 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Telegramm
Kiel, 25. Juni 1909
8.10 Uhr nachmittags.

    Die Lebensschilderung Ihres braven Onkels wird mir eine aufrichtige Freude sein, für welche ich Ihnen meinen besten Dank sage, überzeugt, daß aus Ihrer ¹ klassischen Feder das Bild des Feldmarschalls ebenso fesselnd wie lehrreich und würdig den späteren Generationen überliefert werden wird.

Wilhelm

I. R.
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    ¹ Verfasser der Lebensbeschreibung ist G. W. Forrest.
 
234-235 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

26. Dezember 1909
Haus Wahnfried
Bayreuth

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät

haben mich wahrhaft beglückt durch das gnädige Zeichen gütigen Angedenkens. Das Buch werde ich in allem Gehorsam sofort durchnehmen, was nur ein kaiserlicher Befehl über mich vermag; sonst wird es mir täglich schwerer, bis zur Unmöglichkeit, über den Göttlichen reden zu hören; weder der Pfaffe noch der Antipfaffe macht's einem recht; und so schließt man das Geheimnis ins Herz ein wie das Himmelreich in den Acker, und versucht täglich dessen eingedenk zu bleiben, daß das „outward and visible sign“ würdig sein soll einer solchen „inward and spiritual grace“, — würdig ist zu viel gesagt, es soll aber das äußere Leben am inneren Leben nicht Verrat üben. Inzwischen mögen Orthodoxie und Heterodoxie ihre Wege gehen.
    Eine sehr, sehr große Freude machte mir das eigentümlich ergreifende Bild und die Zeile von höchsteigener Hand. Ich denke manchmal, daß wir Männer aus dem fernen Norden anders organisiert sein müssen: uns liegt so herzlich wenig an der Welt, und ohne Feindschaft wüßten wir nicht auszukommen; wenn aber der gewechselte Treuschlag nicht bis zum Tode lebendig bleiben soll, dann wäre es besser, nicht geboren zu sein. In drahtloser Telegraphie und Luftschiffahrt findet doch die Seele keine Nahrung; alles rast herum — aber   w o h i n?   Es gibt nur   e i n   Heim au Erden:   d a s   H e r z   d e r   G e t r e u e n.   Dieses Heim schmückten Eure Majestät mir zu Weihnachten; das war eine gute Tat.
    In der Sendung eine Aufforderung dazu erblickend, melde ich in aller Kürze, daß es mir — umringt von einem edlen, sicheren, stillen Glücke, weltfern und naturnahe, nach langen Jahren zwischen Steinwänden — gut geht und fleißig. Meine geliebte Frau lebt in treuester Pflichterfüllung an ihrer leidenden, doch geistig alle Menschen heute ebenso wie früher überragenden Mutter; so komme auch ich dazu, diesem einzigen Leben mittelbar dienen zu dürfen. Meinem Schwager Siegfried nahe zu leben, gewährt einen Einblick in das still emsige, heitere Schaffen eines echt deutschen Künstlers — eine rührende Erfahrung inmitten unseres völlig verjudeten Kunstlebens. Mitte Januar reisen wir wieder (gleich nach der Aufführung des „Banadietrich“ am Hoftheater in Karlsruhe) für die schlimmsten drei Monate nach Santa Margherita Ligure. Vorher hoffe ich das dritte Kapitel meines auf sechs Kapitel berechneten neuen Werkes ¹ beendet zu haben.
    Während ich in meiner dem Hause Wahnfried nahegelegenen „Werkstatt“ diese Zeilen schreibe, telephoniert mir meine Frau die Bitte ihrer Mutter, sie und die Mitglieder ihres Hauses Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät ehrerbietig zu Füßen zu legen.
    Darf ich ersuchen, Ihrer Majestät der Kaiserin, deren gnädigste Güte gegen mich in Wildpark so unvergeßlich bleibt, als sei ich gestern dort gewesen, in dankbarster Ehrfurcht zu Füßen gelegt zu werden? Zugleich auch mit dem Ausdruck innigster Wünsche für alle Mitglieder des allerhöchsten Hauses bei Gelegenheit des Jahreswechsels.

Eurer Majestät ehrerbietig getreuer
anglodeutscher Diener

Houston S. Chamberlain.
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    ¹ „Goethe.“

235-237 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

29. Mai 1911.
Bayreuth.

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät

werden gewiß auf das beständige Bestreben der Natur, überall Gleichgewicht herzustellen, längst aufmerksam geworden sein? In Deutschland, dem Urboden der großen moralisch-schöpferischen Persönlichkeiten — der Leibniz, Kant, Schopenhauer, der Bach, Beethoven, Liszt, der Friedrich, Stein, Bismarck, der Lessing, Schiller, Goethe, Wagner usw. ad inf. — sprossen, neben diesen, Wesen von einer so primitiven Hirnstruktur und so gänzlichem Mangel an aller Initiative, daß man förmlich mit Augen sieht, wie die Natur sich gründlich ausruht. Ein Engel von dieser Gattung ist vom Himmel meinem Dienste gewidmet. Und seiner polaren Entgegensetzung zu Leibniz und Goethe ist es zuzuschreiben, wenn ich heute tief beschämt vor Eurer Majestät erscheine, indem das mir so gnadenvoll als Neujahrsgruß zugedachte Zeichen allerhöchsten Gedenkens erst jetzt in meine Hände gelangt ist! Mit meiner Schwiegermutter und meiner Gattin war ich in den ersten Tagen des Januar nach Italien abgereist; das Bild¹, das den Umweg über London nahm, muß kurz darauf eingetroffen sein; und da Weisung hinterlassen war, keine „Bücherpakete“ nachzuschicken, erfuhr ich kein Sterbenswörtchen davon. „Aber, lieber Andreas, haben Sie denn die Siegel aus der Privatkanzlei Seiner Majestät nicht bemerkt?“ „Zu Befehl, Mr. Chamberlain (in strammer militärischer Haltung), aber ich hatte keine Ordres.“
    Eure Majestät verzeihen die scherzhafte Erzählung; innerlich ist mir nichts weniger als scherzhaft zumute; denn ich gräme mich um über den Schein eines solchen Mangels an Ehrerbietung und Anstand, geschweige Dankbarkeit. Ich kann nur hoffen, mein Wesen und meine Vergangenheit werden genügen, mich von aller Schuld freizusprechen; denn durch Worte ist in einem solchen Falle nichts zu machen; man ist auf Vertrauen angewiesen.
    Das Bild ist geradezu   e n t z ü c k e n d.   Vielleicht mir das liebste von allen, die ich kenne. Es erinnert mich an die unvergeßlichen Stunden, wo es mir vergönnt war, Euer Majestät und der Kaiserin in aller Schlichtheit unoffizieller Stunden nahen zu dürfen. Es sind bald zehn Jahre her; doch in meinem Gedächtnis lebt's, als sei es gestern gewesen. Und was mir Eure Majestät mit den beiden lieben Knaben sagen wollte, habe ich recht wohl verstanden, der Tage gedenkend, wo mir das zweite große Glück gegönnt war: einige Briefe à coeur ouvert mit Eurer Majestät wechseln zu dürfen. Meine Ansichten haben seit jener Zeit nicht gewechselt; sie haben nur immer tiefer Wurzel gefaßt. Auf mein eigenes Vaterland kann ich stolz sein, denn seine Leistungen berechtigen dazu; doch mit Richard Wagner bekenne ich mich zu der Überzeugung, „die Deutschen dürften zu   V e r e d l e r n   der Welt bestimmt sein“, und ich begreife immer weniger, wie diese Welt lebens- und liebenswert bleiben soll, wenn nicht der deutsche Geist den idealen Gehalt schafft und schützt, ohne welchen wir bei allen Fortschritten der Automobile, der Flugtechnik und der Panzerschiffe im Grunde zu nichts weiter als zu geldgierigen, seelenlosen Zivilisationsbarbaren degenerieren, die ziellos von einer Leere in die andere herumrasen. Nicht umsonst sollte Goethe uns ermahnt haben: „den Wert des Lebens und den Unwert einer überhäuften Empirie“ zu begreifen. Wert und Inhalt kann aber doch einzig der Geist dem Leben geben, und zwar nicht den technischen, sondern den schöpferischen, dem die Ernährung des Gemütes obliegt.
    Diese Gesinnungen sind es gewiß, die mir die so anhaltende Teilnahme Eurer Majestät gewinnen. Und aus solchen dem Tagesgeräusch fern und fernst liegenden Gegenden, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor dem Auge sich auszubreiten scheinen, viel Glück und viel Sorge weckend, und schließlich in dem Glauben an Gott Zuversicht schöpfend, darf auch der Gruß von der Klause in den Palast dringen, als von einem

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

ehrerbietigst, dankbar und unwandelbar treu
ergebenen Diener

Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ Photographie des Kaisers mit zwei Enkeln.
 
237 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Telegramm
Neues Palais, den 2. 6. 1911
5.44 Uhr nachmittags

Innigen Dank! Ich hatte mir schon so etwas gedacht. Es geht nichts über die Disziplin! Im Wallenstein schon sagt der Soldat: „Die Tat ist stumm, der Gehorsam blind, das urkundlich seine Worte sind.“ Eindrücke in London sehr sympathisch. Beste Grüße an Fr. Cosima Wagner.

Wilhelm I. R.

238 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

1. Januar 1912
Bayreuth.

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät

geruhen zu erlauben, daß ich das neue Jahr mit dem Ausdruck meines ehrerbietigen und innigen Dankes für den Weihnachtsgruß eröffne und damit auf das denkbar schönste einweihe.
    Wäre es statthaft, ich würde meine allergrößten Bögen heraussuchen, um über die vielen Dinge à coeur ouvert zu sprechen, die heute das Herz eines jeden Mannes erregen müssen, der zugleich zu England und zu Deutschland gehört. Doch bin ich bescheidener als heute vor zehn Jahren und wage es nicht, solche Zumutungen an Eure Majestät zu stellen. Genüge es zu sagen, daß — obwohl mich Politik eigentlich nur aus Jahrhundertperspektive interessiert, oder vielleicht gerade   w e i I   dem so ist — ich an den Wirren dieser Monate lebhaft teilnahm, und zwar im unerschütterlichen Vertrauen auf den Steuermann. Wie ein junger Offizier aus dem 4. Garderegiment mir gestern schrieb: „Mögen die Leute sagen, was sie wollen; der Tag kommt, wo alle Welt wird anerkennen müssen, daß unser Kaiser es ist, der den Namen Deutschlands über die ganze Welt getragen und dessen Ruf fest gegründet hat.“ — Wogegen ich dem Verleger Diederichs neulich schrieb, der mich wegen seiner geplanten „Erziehung des deutschen Volkes zur Politik“ drangsalierte: „Bitte fangen Sie damit an, daß Sie sämtliche Mitglieder aller Parteien des Reichstags zusammenberufen, und dann sprengen Sie das ganze sogenannte Hohe Haus mit Dynamit in die Luft; nachher wollen wir sehen, was sich machen läßt.“
    Indem ich aus heißfühlendem Herzen Gottes Segen auf Eure Majestät und auf dessen ganzes Haus herabflehe, verbleibe in ehrerbietungsvollster Dankbarkeit

Eurer Majestät
gehorsamer Diener

Houston S. Chamberlain.

 
239 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

18. November 1912
Bayreuth.

Eure Kaiserliche u. Königliche Majestät

gestatten gnädigst, daß ich mein soeben erschienenes Werk ¹ ehrfurchtsvoll zu Füßen lege. Leider erscheint die Vorzugsausgabe 14 Tage später als die andere, weswegen dieses Exemplar mit unliebsamer Verspätung zur Versendung gelangt, was ich zu entschuldigen bitte.
    Die Vorarbeiten zu dem Buche begannen im Jahre 1900; der „Kant“ unterbrach die Ausführung; an dem Buche in seiner jetzigen Gestalt habe ich acht Jahre gearbeitet.
    Da nicht zu erwarten steht, daß Majestät zur Lektüre Muße hat, erlaube ich mir auf das „Register der Begriffe“ am Ende des Buches aufmerksam zu machen, das ich in einer besonderen Weise zu Nutz und Frommen der Eiligen ausgearbeitet habe.
    Mein Werk aller Nachsicht und Gnade empfehlend, verbleibe ich

Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät
dankbar ehrerbietiger Diener

Houston S. Chamberlain.

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    ¹ „Goethe.“

239-240 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Donaueschingen, den 2. Dezember 1912.

Mein lieber Herr Chamberlain!

    Wenn ich auch zunächst nur einen flüchtigen Blick in das mir freundlich übereignete Exemplar Ihres „Goethe“ habe tun können, so hat er doch genügt, mir zu zeigen, daß es Ihrer bewährten Meisterhand gelungen ist, der gebildeten Welt die Persönlichkeit des großen deutschen Geisteshelden mit der Ihnen eigenen ursprünglichen Auffassung in neuem Bilde vor Augen zu führen. Ich freue mich darauf, in Stunden der Muße Ihren Gedankenreichtum näher auf mich wirken zu lassen und unter Ihrer Führung mich an der Lichtgestalt und dem Geiste des Altmeisters zu erbauen. Schon jetzt aber möchte ich mit meinem wärmsten Dank für die mir erneut erwiesene Aufmerksamkeit nicht zurückhalten und verbleibe ich

Ihr allezeit wohlgeneigter

Verehrer und Bewunderer

Wilhelm

I. R.

240-241 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

27. Dezember 1912

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät

gestatten, daß ich für die mir so gnädig zugedachte Weihnachtsgabe den wärmsten Dank ausspreche. Trotz des Umwegs über Wien traf das Buch mit preußischer Pünktlichkeit ein und konnte den gebührenden Ehrenplatz auf meinem Tische einnehmen.
    Am folgenden Tage meinte ein Besucher: Es sei ein eigentümlicher Gedanke, einem Engländer die glorreiche Entwicklung der deutschen Marine vor Augen zu führen. Doch belehrte ich ihn eines Besseren. Ich bin ein so guter wahrer patriotischer Engländer, wie nur irgendeiner auf der Welt; doch stehe ich nicht in dem tiefen Schatten, den die Wolken der flüchtigen Stunde werfen, und ich weiß, daß alles gewonnen sein wird an dem Tage, wo endlich meinem irregeleiteten Vaterlande die Augen darüber aufgehen, daß die Flotte Deutschlands nicht bestimmt ist   g e g e n   England, sondern vielmehr   m i t   England zusammen zu wirken. So etwas kann nicht künstlich-logisch erklärt werden, man darf niemanden überzeugen wollen, und von den Diplomaten darf man nicht mehr erwarten als von den Ärzten: Man kann Gott danken, wenn sie nicht schaden. Die wahrhaft weltrichtenden Ereignisse bereiten sich auf einem ganz anderen Niveau; auf diesem stehen Eure Majestät; das Neue bricht dann zur Gottesstunde — wie ein Werk der Kunst — dem Klügsten unerwartet hervor. Darauf vertraue ich und verfolge aus meinem stillen Winkel — durch alle „talking machines“ (wie Carlyle die Parlamente nennt) unbeirrt — das große Wirken der schweigenden Mächte. Entschwände das Deutsche aus der Welt, oder würde es — was auf dasselbe herauskäme — zu Geringfügigem herabgedrückt, es wäre nicht mehr wert, Mensch zu sein: der eigentliche Schatz der Seele ist diesem Volke anvertraut.
    Für die gütigen Worte über meinen „Goethe“ bitte ich meinen ergebensten Dank entgegennehmen zu wollen. Für den Fall ein Brief, der dem Buche beigelegt gewesen war, sollte verloren gegangen sein, erneuere ich meine untertänige Bitte, bei mangelnder Zeit und Ruhe zusammenhängende Teile des Werkes zur Kenntnis zu nehmen, kürzere Abschnitte mit Hilfe des Begriffsregisters heraussuchen zu wollen: So z. B.
S. 145—156 die Napoleon-Episode,
S. 716—721 Goethes Vaterlandsliebe,
S. 133—139 Goethes Barmherzigkeit,
S. 661—678 Goethes Religion.
    Die Segenswünsche für das neue Jahr lege ich Eurer Majestät und Ihrer Majestät der Kaiserin getreulich zu Füßen.
    Wahrhaft dankbar und in tiefster Ehrerbietung verharrt

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

gehorsamer Diener

Houston S. Chamberlain.
 
241-242 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

14/6/13

An des Kaisers und Königs Majestät. Berlin.

    Jeder einsichtige Engländer wird sich am morgigen Tage ¹ gedrängt fühlen, Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät Glückwünsche aus erkenntlichem Herzen ehrfurchtsvoll darzubringen, denn jenseits der flüchtigen Mißverständnisse erblickt er ein zielbewußtes gewaltiges staatsmännisches Werk allen Hindernissen zum Trotze beiden Nationen zum bleibenden Heile durchgeführt.
Gott gebe weiter seinen Segen!

Eurer Majestät dankbarlichst ehrerbietiger Diener

Houston Stewart Chamberlain.

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    ¹ Am 15. Juni 1913 beging der Kaiser sein 25jähriges Regierungsjubiläum.
 
242 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

18. Dezember 1913
Bayreuth

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät


gestatten gnädigst, daß ich einen Neudruck ¹ in aller Ehrerbietung zu Füßen lege, der wohl einen Kriegsherrn und Staatsmann wenig fesseln, vielleicht aber vor irgendeinem weiblichen Mitglied der allerhöchsten Familie Gnade finden wird.

    Durch meinen prächtigen alten Landsmann und Freund Lord Redesdale — Übersetzer ins Englische der „Grundlagen“ und des „Kant“ — erhielt ich vor kurzem erfreulichsten Bericht eines Augenzeugen über das Befinden Eurer Majestät und jugendliches Ausschauen; zugleich auch authentische Nachricht über die endlich erfolgende allmähliche Zerstreuung der bösen „German Ocean“-Nebel.
    Möchte Eure Majestät eine fröhliche Weihnacht feiern und möchte Gott das Jahr 1914 Deutschland und seinem Monarchen segnen.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät
ehrerbietiger Diener

Houston S. Chamberlain.

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    ¹ Parsifal-Märchen.
 
242 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Karte                      Ohne Datum

    Mit herzlichsten Wünschen für 1914

Wilhelm

    Empfehle Lektüre der eben erschienenen Broschüre des Bishop of Ripon — Boyd Carpenter — „The apology of experience“.

 
243 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

21. Januar 1914

Hotel Angst

Bordighera

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

darf ich mir wohl erlauben den wärmsten Dank auszusprechen für die Broschüre von Boyd Carpenter. Mit größtem Interesse habe ich sie gelesen. Für die Amerikaner als Philosophen habe ich im ganzen wenig übrig; ihre Philosophie scheint mir ihrer Architektur verwandt — eine enfance de l'art. Doch Boyd Carpenter steht am anderen Ende der Leiter, und es verwandelt sich alles unter seinen Händen.
    Die Freude über die gnädige Güte Eurer Majestät und der eigentümliche „thrill“, den Boyd Carpenter der Seele mitteilt, taten mir um so mehr gut, als ich mich vorher blau und grün ärgerte über die schamlosen Lügen der englischen Presse in der Affäre Reuter, die sie durch Unterdrückung, Umstellung, Fälschung so zurichten, daß kein Engländer weiß, was in Wirklichkeit vorging. Das ist doch Werk der Juden, wie die Zitate aus „Frankfurter Zeitung“, „Berliner Tagblatt“ usw. belegen. Ich hoffe den Tag noch zu erleben, wo der Berliner Korrespondent der „Times“ mit Knütteln hinausgejagt wird!
    Gott sei gelobt und bedankt, daß es ein Deutschland gibt, und in dem Deutschland ein Preußen, und in dem Preußen ein preußisches Herz und als Herz des Heeres das Geschlecht der Hohenzollern!

Eurer Majestät
ehrerbietiger, dankbarer Diener

Houston S. Chamberlain.

 
244 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Seiner Majestät dem Kaiser und König
ehrerbietigst zu Füßen gelegt ¹
von dem herzzerbrochenen, aber grimmig entschlossenen
„Engländer“
Houston Stewart Chamberlain.
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    ¹ Mit einem der Kriegsaufsätze.
 
244 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Bayreuth 22. Nov. 1914

    Auf unmittelbare telegraphische Veranlassung¹ Seiner Großherzoglichen Hoheit Prinz Max von Baden; sonst hätte der Verfasser es nie gewagt, sich in einem solchen Augenblick vor den allerhöchsten Kriegsherrn zu drängen.
    Der neue Reigen ist heute in der „Täglichen Rundschau“ mit einem Aufsatz „Englische Gelehrte“ eröffnet: Lauter 42-Zentimeter-Bomben.
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    ¹ Mit einem Stück der Ges. Kriegsaufsätze.
 
244-245 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Telegramm
Großes Hauptquartier,
25. Nov. 1914, 8.15 Uhr nachmittags

    Besten Dank für Ihre Zusendung. Ich hatte schon mit warmer Freude verschiedene Ihrer Aufsätze gelesen, Marksteine am Kriegsweg, den wir wandern. Den Aufsatz „Deutschland“ habe ich mit klopfendem Herzen und gehobener Seele gelesen; er ist meisterhaft. So habe ich stets gedacht, und so denke ich auch heute von meinem geliebten Deutschland. Es ist meine feste Überzeugung, daß das Land, dem Gott Luther, Goethe, Bach, Wagner, Moltke, Bismarck und meinen Großvater schenkte, noch zu großen Dingen berufen ist, zum Segen der Menschheit zu wirken. Gott hat uns in harter Schule wieder auf den Weg gewiesen, zur Arbeit an der fernen Lösung dieser Dinge, damit wir uns auf uns selbst besinnen und kraftvoll   e i n i g e n   sollten, um als Sein Werkzeug zur Rettung der Menschheit wieder besser zu dienen; denn wir waren daran, unserem altbewährten Wesen untreu zu werden. Er, der uns diese Prüfung schickte, wird uns auch sie zu lösen helfen. Ihm stellen wir unsere Sache anheim, Er wird sie zum guten Ende führen, wir unser reines Schwert „wo wälsch und falsch hat gleichen Klang und deutsch heißt Herzensüberschwang“.

Wilhelm
I. R.

245 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

26. Nov. 1914
Bayreuth

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät

geruhen, den Ausdruck meines tiefen Dankes entgegenzunehmen. Mich und die Meinen haben die wundervollen Worte ergriffen, gehoben und beglückt.
    Ich war so frei, die Depesche unserem wackeren interimistisch kommandierenden Generalmajor Hagen mitzuteilen, der mich mit dem Schild seiner Soldatenehre deckte, als ich zu Beginn des Krieges als „englischer Spion“ verdächtigt worden war.
    Die huldreichen Worte ermutigen mich, die neuesten Granaten aus meiner Gießerei beizulegen.
    Wieviel lieber würde ich für Deutschland sterben, als bloß Worte aneinanderreihen! Aber die Gebete, die ich Tag und Nacht zu Gott emporrichte — die sind mehr als Worte! Die Zukunft der ganzen Menschheit hängt an diesen Stunden.
    In tiefster Ehrfurcht

Euer Majestät dankbarer

ehrerbietiger

Houston Stewart Chamberlain.

    Unsere Erstauflage von 8000 war in wenigen Tagen vergriffen: mir eine große Freude.
 
246 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Telegramm
24. April 1915.
Vom Geh. Zivilkabinett in der
Urschrift brieflich mitgeteilt.

Herrn Houston Stewart Chamberlain, Bayreuth.

    Nachdem ich Ihre mir freundlichst zugesandten „Neuen Kriegsaufsätze“ mit klopfendem Herzen in Begeisterung gelesen habe, erkenne ich gern an, welche tiefgehende Wirkung dieselben auf mich gemacht. Ihre „geistigen Granaten“, die im ganzen deutschen Volke und weit über dasselbe hinaus eine tiefgehende Wirkung erzielten, stellen ihren Verfasser in die Reihe der Kämpfer für deutsches Wesen, an dem einmal soll die Welt genesen. Ich finde keine würdigere Anerkennung dafür, als daß ich Ihnen das schlichte Zeichen, das so viele jetzt tragen, ebenfalls verleihe und Sie hiermit zum Ritter des Eisernen Kreuzes ernenne.

Wilhelm
I. R.

246 H. S. Chamberlain an Geheimer Kabinettsrat von Valentini.

26/4/15 früh 9½

Exzellenz Geheimer Kabinettsrat von Valentini
Geheimes Zivilkabinett Seiner Majestät des Kaisers
Großes Hauptquartier.

    Tief ergriffen von der Gnade des Kaisers, welche mich in die Zahl der für die deutsche Zukunft Kämpfenden erhebt und somit der denkbar höchsten Ehre teilhaftig macht, richte ich an Euer Exzellenz die ergebene Bitte, Seiner Majestät meinen ehrfurchtsvollen Dank und Treuesschwur zu Füßen legen zu wollen.


Ihnen in Verehrung ergeben

Houston Stewart Chamberlain.

247-248 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Bayreuth, 26. April 1915.

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät

— im allerersten Brief, mit dem ich begnadet wurde, er ist vom 31. Dezember 1901 datiert — schreiben: „Gottes Segen und unseres Heilands Stärkung wünsche ich meinem Streitkumpan und Bundesgenossen im Kampf. Das Gefühl, für eine absolut gute, göttliche Sache zu streiten, birgt die Gewähr des Sieges! Sie schwingen Ihre Feder, ich meine Zunge, schlage auf meinen Pallasch, und wir sagen trotz aller Angriffe und Nörgeleien: Dennoch!“ Diesem Worte Ehre zu tun — soweit meine schwachen Kräfte reichen — war mir Pflicht und zugleich gottgegebene Notwendigkeit. Was wäre der Wert einer theoretischen Schwärmerei für deutsches Wesen und Wirken und Walten, wenn man in der Stunde der Not den Rücken à la Haldane kehrte? Ja, mich rief jetzt, trotz aller Gefahr zwiefacher Verdammung, eine doppelte Pflicht: indem ich für die Wahrheit gegen die Lüge zeuge, rette ich — insofern es mir gegeben ist — die Ehre meines angestammten Vaterlandes, was erst später geschätzt werden wird; und indem ich den Überzeugungen meines Lebens von dem einzigen Wert des Deutschtums rücksichtslos offen treu bleibe, beweise ich, daß diese in Glauben und Hoffen wurzelnde Liebe die Kraft besitzt, jedes Hindernis zu überwinden. In der Tat ist sie für mich   R e l i g i o n;   und von dieser sagte unser göttlicher Heiland: „Ich bin gekommen, zu entzweien den Sohn mit seinem Vater.“ Deutschland ist in diesem Augenblick Gottes Werkzeug: alle irdischen Bande haben dieser Erkenntnis zu weichen.
    Und weil ich so fühle, finde ich keine Worte, um Eurer Majestät meinen Dank für die mir allergnädigst gewährte Ehrung auszusprechen. Seit Jugend von trotzigem Unabhängigkeitsgefühl durchdrungen, jetzt alt und weltfern, könnte ich äußerlichen Auszeichnungen wenig Bedeutung abgewinnen; diese aber empfinde ich als eine mir von dem Ersten und Obersten aller Deutschgeborenen in heiliger Stunde gespendete Weihe der Aufnahme in die deutsche Gemeinschaft, als die Sichtbarwerdung eines innersten — von 1870 bis 1915 reichenden — inneren Vorganges. Tiefer, als irgendein Wort es auszusprechen vermag, ergreift es mich, daß ein Tag kommen sollte, wo der Deutsche Kaiser mich würdig erachtete, zum deutschen Ritter geschlagen zu werden... Meine armen Sprachkünste versagen den Dienst; ich vermag nur stumm das Knie zu beugen.

In Ehrerbietung

Euer Majestät treu gehorsamer Diener

Houston Stewart Chamberlain.

248 Geheimer Kabinettsrat von Valentini an H. S. Chamberlain.

Telegramm
Berlin, den 20. Dez. 1915
3 Uhr nachmittags

    Seine Majestät haben von Ihrem Aufsatz „Des Weltkrieges letzte Phase“ mit lebhaftem Interesse Kenntnis genommen und lassen für die Übersendung bestens danken.
    Auf allerhöchsten Befehl

von Valentini.


248 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

26/12/1915 mittags
An des Kaisers und Königs Majestät
Neues Palais   Potsdam

    Ehrfurchtsvoll dankbar für herzstärkenden, kraftschenkenden gnädigsten Gruß¹ erinnere an ein anderes Wort desselben Luther „Glaube feiert nicht; Glaube ist eine verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade.“ Gott segne Deutschland!

Ehrerbietungsvoll


Houston Stewart Chamberlain.

—————
    ¹ Postkarte mit dem Bild des Kaisers und den handschriftlichen Zeilen:
„Weihnachten und Neujahr 1915/16. Mit herzlichsten Wünschen.
Ein feste Burg ist unser Gott!“

249 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

21. März 1916
Frankfurt a. M.
(nur bis 24. 3.) Oederweg 116

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

lege ich meine neue Kriegsflugschrift ehrerbietig zu Füßen mit der Bitte um gnädige Aufnahme.
    Ich gehöre zu denjenigen, welche befürchten, daß die „englische Gefahr“ — eine Todesgefahr — von den leitenden deutschen Beamten nicht richtig erkannt wird.

Eurer Majestät
in Ehrfurcht ergebener Diener

Houston Stewart Chamberlain.

Bayreuth.

249 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

26.12.16
An des Kaisers und Königs Majestät.   Potsdam.

Mit ehrerbietigem Dank für gnädigen beglückenden Gruß ¹ rufe ich: Gott segne Deutschland in Krieg und Frieden heute und immerdar!

Untertänigst


Houston Stewart Chamberlain.

—————
    ¹ Postkarte mit dem Bild des Kaisers und der faksimilierten Inschrift:
    „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
    Gott segne das 3. Kriegsweihnachten Allen, draußen im Felde wie daheim im lieben Vaterland. Wilhelm I. R.“

249-250 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Bayreuth 12. Januar 1917

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät


wollen mir gnädigst gestatten, den morgen erscheinenden Aufsatz „Der Wille zum Sieg“ ehrerbietig zu Füßen zu legen.
    Inmitten schwer lastender Erkrankung und gegen ärztliches Verbot wurde er aus innerster Notwendigkeit und aus glühender Liebe zu Deutschland geschrieben.

Unauslöschlich dankbar

ehrfurchtsvoll

Houston Stewart Chamberlain.


250-251 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Pleß, den 15. I. 17.

Mein lieber Herr Chamberlain.

    Es liegt mir am Herzen, Ihnen meinen wärmsten Dank zu sagen für Ihre prächtige Mithilfe in großer Zeit, welche Sie mir haben zuteil werden lassen durch den letzten Aufsatz, den „Willen zum Siege“, den ich gestern von Ihnen erhielt. Ich las ihn meinen versammelten Herren vor, und er zündete wie ein Funke! Er ist das rechte Wort zur   r e c h t e n   Z e i t!   Er kreuzte sich mit meinem Aufruf ans deutsche Volk. Sein Erfolg ist für mich ganz überwältigend! In der Flut von Depeschen, aus allen Gauen Deutschlands, von Fürsten, Städten, Korporationen, Vereinen, Firmen, Banken, Fabriken, Arbeitern, atmet eine Lohe feurigen Zornes, stahlharter Entschlossenheit, die ja herrlich als Grundlage für den letzten Endkampf wirken wird. Was ich so oft schon während dieses Krieges jedem, der es hören wollte, zumal wenn er nach Frieden fragte, antwortete: „Der Krieg ist der Kampf zwischen zwei Weltanschauungen; der germanischen-deutschen für Sitte, Recht, Treu und Glauben, wahre Humanität, Wahrheit und echte Freiheit, gegen... Mammonsdienst, Geldmacht, Genuß, Landgier, Lüge, Verrat, Trug und nicht zuletzt Meuchelmord!“ Diese beiden Weltanschauungen können sich nicht „versöhnen“ oder „vertragen“, eine muß   s i e g e n,   die andre muß   u n t e r g e h e n!   solange „muß   g e f o c h t e n   werden“! Das haben nun endlich, durch Lloyd George und Briand mit ihren Noten und Reden belehrt, die braven deutschen Gesellen begriffen und sind in hellem, gottgewolltem Zorn entflammt!
    Die beiden [...] Staatsmänner haben keine Ahnung gehabt davon, was für einen mächtigen Dienst sie dem deutschen Volk und mir damit geleistet haben. Wie der Brite sagt: „They got a rise out of the Germans!“ Aber dieses ist mehr! Es ist das Werk des Herren! Es ist wieder wie im Faust: Unsere Feinde müßten sagen: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft.“ Jetzt wird es dem deutschen Michel mit einemmal klar, daß der Kampf für ihn zum   K r e u z z u g   geworden und daß er jetzt St. Michael geworden ist [...].
    Und wenn die Welt voll Teufel wär'!

Wilhelm

I. R.

251-254 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Bayreuth 20. Januar 1917

Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

gnädiges Handschreiben vom 15. d. M. hat mir Glück und Stärkung gebracht: das Glück, eine Stimme wieder hören zu dürfen, die unvertilgbar eindrucksvoll seit Jahren in meinem Ohren weiterhallt, und die Stärkung, des ersten Deutschen felsenfesten Entschluß aus nächster Nähe zu vernehmen. Ohne Übertreibung kann ich sagen, daß seit jenem 4. August 1914 die lebhafte Vorstellung der Persönlichkeit Eurer Majestät mir stets gegenwärtig geblieben ist, wie sie meiner Seele aus den glücklichen Stunden von 1901, 1902 und 1903 bis in die kleinste Einzelheit von Ton und Blick und Gebärde lebendig vor Augen steht; eine Vorstellung, in welcher alle Bewunderung für den Monarchen, der diese Last an Verantwortung schuldlos — gottvertrauend zu tragen weiß, es nicht vermöchte, das tiefste Mitgefühl für den so grausam betroffenen Menschen auszulöschen. Ich denke da an Bande des Blutes, die sich in den Stunden der Not völlig ohnmächtig erwiesen. Doch auch abgesehen von diesen weiß ich aus Gesprächen und Briefen, welche warme Bewunderung und Sympathie Eure Majestät für alles Gute und Tüchtige an Englands Volk und Staat hegte, ja, so lebhaft hegte, daß es mir schwer wurde, die Empfindungen in diesem Maße zu teilen. Ich will vor Gottes Thron bezeugen, daß auf der ganzen Welt kein Nichtengländer den Engländern so neidlos alles gegönnt hat, worauf sie stolz waren. Und ich erinnere mich noch des gnädigen Beifalls, den ich erntete, als ich einmal bemerkt hatte: „Es kommt der Tag, wo England begreifen wird, daß die deutsche Flotte nicht die Rivalin, sondern die Bundesgenossin ist.“ Und in der Tat: ein Deutschland und ein England, die neidlos ein jedes die Vorzüge des anderen anerkannt und sich einer gemeinsamen hohen Mission des Germanentums bewußt gewesen wären — sie hätten mühelos die Welt beherrscht, jeden umsichgreifenden Krieg unmöglich gemacht und jene bessere Zeit heraufgebracht, von der der heuchlerische Balfour jetzt in seiner Note an Wilson redet. Doch es hat nicht sein sollen. England ist ganz und gar in die Hände der Juden und der Amerikaner geraten. Deswegen versteht keiner diesen Krieg, wenn er nicht die deutliche Vorstellung besitzt, daß es im tiefsten Grund der Krieg des Judentums und des ihm naheverwandten Amerikanertums um die Beherrschung der Welt ist — der Krieg gegen Christentum, gegen Geistesbildung, gegen sittliche Kraft, gegen unkäufliche Kunst, gegen jegliche ideale Lebensauffassung, zugunsten einer Welt, die nur noch Finanz, Fabrik und Handel sein soll — kurz, einer schrankenlosen Plutokratie. Alles, was sonst noch mitmacht — russische Gier, französische Eitelkeit, italienischer Bombast, neutraler Neid und feiger Sinn usw. — das alles ist nur aufgepeitscht, herangelockt, verrückt gemacht; der Jude und der Yankee sind die treibenden Mächte, welche bewußt handeln und auch in einem gewissen Sinne bisher die siegreichen, jedenfalls die erfolgreichen sind. Da wir Deutschen Kernworte lieben, so können wir zusammenfassen: Es ist der Krieg der modernen mechanischen „Zivilisation“ gegen die uralte heilige ewig in Neugeburt befindliche „Kultur“ auserlesener Menschenrassen. Die Maschine will in ihren dummen Fangarmen den Geist und die Seele zermalmen. Wie ganz und gar unmoralisch der Feind ist, zeigt schon die eine Tatsache, daß von Beginn des Krieges an das systematische Lügen seine Hauptwaffe war und es noch heute ist. Das hat aber lange vor dem Kriege begonnen. Die „Times“ verfolgte ich seit Jahren: Tag für Tag wurde gegen den großen Feind — Deutschland — das Gift der Verleumdung geschleudert, bis endlich alle Herzen in England verdorben waren. Von Deutschland aus geschah nichts zur Abwehr — denn die deutschen Diplomaten waren alles, nur keine Völkerpsychologen. Auch wollte kein Mensch in einflußreicher Stellung auf die bemerkenswerte Tatsache achten, daß es die leiblichen Brüder und Vettern derjenigen Leute waren, die in Deutschland gegen die Heeres- und Marinebudgets, überhaupt gegen Armee, Adel und Königtum hetzten, welche in England ebenso ununterbrochen für Vermehrung der Flotte und des Heeres agitierten, sich und den Ihrigen Adelstitel und Fideikommisse verleihen ließen und den Thron mit orientalischen Schmeicheleien umgaben. Es liegt mir fern, das englische Volk reinwaschen zu wollen; Tatsache ist aber, daß es von fremden Menschen verführt, vergiftet, in Wahnsinn gejagt wurde, so daß auch die vielen vorzüglichen Elemente, die es noch birgt, sich selber untreu, dem Satan verfallen sind. Ach! Urteilen wir nicht allzu strenge; gedenken wir des Herrenwortes: „Nolite judicare, ut non judicemini!“ Und erwachen wir rechtzeitig zur Einsicht, daß wir selber in Deutschland von dem gleichen Knochenfraß schon angefallen sind und uns recht wacker werden halten müssen, sollen wir besser als unsere englischen Vettern bestehen! Möchte sich an uns das andere, weniger bekannte, aber gewiß echte Herrenwort bewähren: „Das Schwache wird durch das Starke gerettet werden!“
    Viel hätte ich noch hinzuzufügen — namentlich über die Vereinigten Staaten als den eigentlichen Weltherd des seelenlosen Mammonismus und der satanischen Falschspielerei — muß aber schon für dieses Wenige in solchen Zeiten um allergnädigste Nachsicht und Verzeihung bitten.
    In Ehrfurcht und unvergänglicher Dankbarkeit

Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

ehrerbietiger Diener

Houston Stewart Chamberlain.

    Des Schweden Kjellens neuer Aufsatz „Was den Frieden verhindert“ ist das Beachtenswerteste, was ich seit lange gelesen habe, und ist hoffentlich Eurer Majestät vorgelegt worden?
    (Dieser Brief ist von mir eigenhändig auf der Maschine geschrieben worden, weil mein Leiden es mir unmöglich macht, die Feder zu führen.)
 
254 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

26. März 1917 Bayreuth.

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät


überreiche ich in Ehrerbietung meinen am 1. April erscheinenden Aufsatz „Deutsche Weltanschauung“, ¹ mit der Bitte, die kleine Arbeit gnädigst beachten zu wollen. Zwar knüpft sie nicht unmittelbar an die weltgeschichtlichen Ereignisse der Gegenwart an, mittelbar aber doch: Wessen Denken sollte das nicht? Und ich hege die Zuversicht, daß gerade speziell Eure Majestät aus dem Überblicken dieser Seiten mehrfach Anregung empfangen werden.
    Die etymologische Betrachtung S. 9 bis 11 kann entbehrt werden. Dagegen enthält der folgende Abschnitt (S. 12ff.) über die Freiheit köstliche Zeugnisse bedeutender deutscher Männer, desgleichen der nächste über den Krieg, mit vergessenen Versen von Opitz, die es verdienen würden, mit stärkerer Resonanz, als mir zur Verfügung steht, in die Welt hinausgetragen zu werden. Auch in den folgenden Abschnitten verdienen die Gedanken Jakob Grimms und Wilhelm von Humboldts die Beachtung eines deutschen Monarchen.
    Der Rest ist Schweigen — und Bewundern — — — und Beten!
    Eure Majestät wollen den Ausdruck unvergänglicher warmer Dankbarkeit genehmigen des

in Ehrfurcht ergebenen


Houston Stewart Chamberlain

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    ¹ In der ersten Nummer der neuen Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung“ Aprilheft 1917 — Verlag J. F. Lehmann-München — , wiederabgedruckt in „Rasse und Persönlichkeit“.
 
255 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Bayreuth. Juni 1917.

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät

wollen gnädigst gestatten, daß ich beiliegend meine Flugschrift „Freiheit und Demokratie“ zu Füßen lege und zugleich die Bitte wage, sie nicht unbeachtet zu lassen.
    In unvergänglicher Dankbarkeit verbleibe ich

Eurer Majestät

untertänigster Diener

Houston S. Chamberlain.


255-256 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Bayreuth, 31. Jan. 1918

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät

gestatten allergnädigst, daß ich eine soeben erscheinende Sammelflugschrift von Aufsätzen, ¹ die ich im Jahre 1917 schrieb, ehrerbietig zu Füßen lege.
    Mit Ausnahme der Schrift „Demokratie und Freiheit“ (die inzwischen in 30 000 Exemplaren Verbreitung gefunden hat) enthält die kleine Broschüre das Wenige, was ich im Verlaufe des vergangenen Jahres zu leisten imstande war — von dem Aufsatz „Der Wille zum Sieg“ im Januar an, auf den Eure Majestät mich durch einen eigenhändigen Brief mit so warmen Worten gnädiger Anerkennung beglückte, bis zu den Aufrufen für die siebente Kriegsanleihe, die die Reichsbank von mir forderte.
    Es bildet zugleich die kleine Sammlung meinen Abschied von dieser Tätigkeit. Von zunehmender Nervenlähmung immer mehr verkrüppelt und von Schmerz über die trostlose Lage, in die Deutschland im Inneren geraten ist, gebeugt — eine Lage, an der die schönsten Aufsätze nicht das Geringste ändern können, was einzig die Taten reiner, starker, deutschbewußter preußischer Männer alten Schrots und Korns (wie zur Zeit der Reichsgründung) vermöchten, lege ich die Feder nieder und begnüge mich mit dem unerschütterlichen Vertrauen auf den Gott der Deutschen, der allein fähig ist, die Nacht, die uns umgibt, zu einem neuer Morgen zu wandeln und aus diesen schweren Prüfungen — so hoffe ich — ein gereinigtes, stolzeres Deutschland hervorgehen zu lassen. Die unvergleichlichen Taten der gesamten deutschen Heeresmacht zu Land und zu Wasser, von ihrem preußischen Schwertadel angeführt, berechtigen gewiß zu überschwenglichen Hoffnungen!
    Aus tiefstem Herzen sende ich Segenswünsche und Gebete zu Gott empor für Eure Majestät und das ganze preußische Königshaus
und verbleibe
in Ehrfurcht und unvergänglicher Dankbarkeit
für alle mir auf meinem Wege erwiesene Gnade

Eurer Kais. u. Königl. Majestät

ehrerbietigster Diener

H. S. C.

    Mit dem großen und freien Franzosen Gustave Flaubert bekenne ich mich offen zu der Überzeugung: „Le suffrage universel est la honte de l'esprit humain.“
(Brief vom 8. 9. 1871 an George Sand.)
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    ¹ „Der Wille zum Sieg.“

256 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Telegramm
Gr. Hpt.-Qu. Kz. H. Schloß, den 8. 2. 18.
9.40 Uhr vormittags

    Mit Dank für Ihren Brief und Ihre mich lebhaft interessierenden Aufsätze vom Jahre 1917 wünsche ich von Herzen, daß die Kunst der Ärzte Ihnen Besserung bringt, damit Ihre bewährte Feder wieder wirken kann für die Hebung des deutschen Nationalgefühls. Wir wollen weiter vertrauen auf Gottes Hilfe in schwerem Kampfe.

Wilhelm

I. R.

257 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Bayreuth 15. Juni 1918.

Eure Kaiserliche und königliche Majestät

gestatten gnädigst, daß ich pflichtgemäß meine neueste Veröffentlichung zu Füßen legen darf.
    Dem Wunsche vorzüglicher Männer folgend, hat mein Verlag einen Auszug aus meiner vor Jahresfrist erschienenen Schrift „Demokratie und Freiheit“ angefertigt, die auf möglichst weite Verbreitung berechnet ist.
    Von einer Massenpsychose ergriffen — dergleichen die Geschichte manche verhängnisvolle Beispiele bietet — steht Preußen im Begriff, den Ast abzusägen, auf dem es sitzt: Vielleicht trägt beiliegende Flugschrift dazu bei, einigen den Schleier von den Augen zu reißen. Inzwischen bewährt sich das echte, angeerbte Preußentum, unter Leitung seines Begeisterung einflößenden, erhabenen Kriegsherrn, zu ewigem Ruhme auf dem Schlachtfeld und rettet Deutschland vor dem Untergang, und zwar geschieht dies ohne die geringste Mitwirkung, ja gegen den Willen des aus dem allgemeinen gleichen Wahlrecht hervorgegangenen erbärmlichen Reichstags! Möchte der liebe Gott bald wieder Staatsmänner ans Ruder berufen, würdig der großen Heeresführer, Männer, die nicht vor Schatten erbeben und nicht gesonnen sind, den letzten Hort einer moralischen Weltordnung an die internationale Finanz auszuliefern!

In Ehrfurcht

Eurer K. u. K. Majestät
ehrerbietigster Diener

Houston S. Chamberlain.

257-258 H. S. Chamberlain an Exzellenz von Berg.

Bayreuth 9. Juli 1918.

    Eure Exzellenz wollen mir gestatten, meinen ergebensten Dank auszusprechen für die auf Befehl seiner Majestät des Kaisers an mich gerichteten freundlichen Zeilen.

    Heute fühle ich mich verpflichtet zu einer neuerlichen ganz ergebenen Bitte.
    Vor einem Jahre war mein Werk „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ vergriffen, und dem Verleger gelang es trotz aller Bemühungen nicht, die Ermächtigung zur Papierbestellung von der betreffenden amtlichen Stelle zu erwirken. Da wandte ich mich an Ihren Herrn Amtsvorgänger, Exzellenz von Valentini, im Vertrauen auf das warme Interesse, das Seine Majestät diesem Werke seit seinem Erscheinen zu erweisen die Gnade hat. Die nachgesuchte Bewilligung wurde jetzt durch ministerielle Verfügung erteilt. Heute ist nun diese „Kriegsausgabe“ erschienen, weniger hübsch als die früheren, doch mit besonders sorgsam revidiertem Text; dem Kaiser möchte ich nicht mit einer direkten Zusendung lästig fallen, doch glaube ich, daß es aus obengenanntem Grunde schicklich wäre, meinem allerhöchsten Gönner bei einer passenden Gelegenheit Kenntnis von dieser Kriegsausgabe zu geben, und ich wäre Eurer Exzellenz zu großem Danke verpflichtet, wenn Sie sich dieser Bemühung unterziehen und meine ehrfurchtsvolle Erkenntlichkeit zum Ausdruck bringen wollten.
    Ich bin so frei, einen soeben erschienenen Aufsatz über die rumänische Judenfrage ¹ in zwei Exemplaren beizulegen. Euere Exzellenz wird beurteilen, ob das eine Seiner Majestät vorgelegt werden soll oder nicht. Über das zweite Exemplar bitte ich verfügen zu wollen.

In Verehrung zeichnet

Eurer Exzellenz dankbar gehorsamster

H. S. C.
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    ¹ Vgl. S. 163. Unter dem Titel „Rasse und Nation“ in „Deutschlands Erneuerung“ — München — umgearbeitet im Juli 1918 erschienen.
 
258-259 H. S. Chamberlain an Exzellenz von Berg.

Bayreuth 6. Sept. 1918.

    Euere Exzellenz ersuche ich ganz ergebenst, die Überreichung beiliegenden Dokumentes zu gestatten. Auf Seite 1127 bis 1131 finden Sie den Beschluß des ersten Richters in der gegen mich angestrengten Klage der „Frankfurter Zeitung“. Da die antivaterländische Presse so großen Lärm um den Richterspruch des Herrn Leonhard, recte Majer, geschlagen hat, ist es wohl nur billig, auch den deutschen Richter Rückert anzuhören.
    Einem Vielverlästerten wollen Sie diesen Wunsch gütig verzeihen!

    Euerer Exzellenz verehrungsvoll gehorsamer


H. S. C.

259 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Doorn 17. VIII. 1921

Mein lieber Chamberlain

    Von Herzen Dank für Ihr wundervolles Buch „Mensch und Gott“. Das Kapitel über das Abendmahl hat mich sehr gefesselt. Einmal muß doch die Kontroverse über dasselbe auch aus der protestantischen Kirche verschwinden. Der Streit um die Einsetzungsworte ist nutzlos. Luther hat mit seinem schroffen „Est, est!“ viel Unheil angerichtet, der Hostiengedanke schwebte dem einstigen Mönche vor! Es kommt beim Abendmahl auf ganz was anderes an. Der Herr wollte den Jüngern, die im Zweifel waren, ob ihnen die   S ü n d e n v e r g e b u n g   auch wirklich   s i c h e r   sei, eine wirklich auch mit irdisch menschlichen Sinnen faßbare   G a r a n t i e   dafür geben. Daher nimmt er das auf dem Tische liegende Brot und den Kelch mit Wein und sagt: So wahr Ihr dieses Brot — das Ihr faßt und brecht — und diesen Kelch — den Ihr greift und trinkt — hier seht und in Euren Händen haltet und genießt, so wahr sind sie die von mir Euch gegebene   B ü r g s c h a f t,   daß Euch Eure Sünden wirklich vergeben sind! Aufrichtige Buße vorausgesetzt! „Est“ ist falsch! Da der Herr noch nicht auferstanden und in Seinem irdischen Leibe vor ihnen saß, von dem sie keinen Anteil haben konnten. Also ist „das bedeutet“ die richtigere Auslegung wie Calvin sie gab.

Wilhelm

I. R.

260 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain. ¹

Doorn, 21. XI. 21.

Mein lieber H. S. Chamberlain

    Ihr wunderbares Buch „Mensch und Gott“ habe ich langsam Seite für Seite durchgelesen, laut vor kleinem auserlesenen Kreise. Das Herz ist uns allen dabei warm geworden und aufgegangen. Nehmen Sie meinen wärmsten, innigsten Dank dafür! Zu solcher Zeit ein solches Buch in die Hand zu bekommen, das ist eine Gottesgabe, eine Erlösung. Vieles, was darinnen steht, war mir völlig neu, vieles hatte ich schon lange instinktiv gefühlt, jedoch ihm den prägnanten, klaren Ausdruck nicht geben können, wie es Ihnen so meisterhaft gelang. Manches habe ich in meinen Diskussionen fast wörtlich vertreten, ohne zu ahnen, daß es so fest begründet werden könne, wie durch Sie es geschah! Dank Ihnen für die volle Klärung des alten herrlichen Gottesbegriffes als des guten, des Vaters im Gegensatz zum entsetzlichen Jahwe! Dank vor allem für das klare, herrliche Bild unseres erhabenen, unvergleichlichen Heilandes, als des einzigen Mittlers zwischen dem Vater und uns, und die Vermittlung seiner herrlichen Lehren und ewigen Worte. Ihr Buch hat Gott inspiriert! Er schenkte uns Deutschen Sie in solcher Zeit wie einst Luther! Das Buch begrüße ich als eine Luthertat, es ist die ersehnte neue Reformation, die damit anbricht! Dank sei Gott, daß Er es bei uns, dem deutschen Volke, gerade jetzt erscheinen ließ; Dank Ihnen, daß Sie es schreiben durften, als Gesegneter des Herrn, Gott segne Sie dafür.
    Jeden, dem ich's gab, es sind deren viele, hat es gepackt und tief bewegt. Am Totenfest hielt P. Vogel aus Potsdam die erste Predigt, die von dem Buch beherrscht war! Herrlich!

In treuer Dankbarkeit


Ihr

Wilhelm
I. R.
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    [ ¹ See also the letter to Oskar von Chelius, December 5, 1921. ]
 
261-262 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Bayreuth 30. November 1921.

Euere Kaiserliche und Königliche Majestät

haben mich durch das allergnädigste Schreiben vom 21. d. M. tief bewegt und hoch beglückt, und ich bitte den Ausdruck meines ehrerbietigsten, lebhaftesten Dankes huldvoll entgegennehmen zu wollen. Das Bewußtsein, Eurer Majestät in einem solchen Augenblick wie dem gegenwärtigen stärkende Seelenkost haben bieten zu können, bildet für mich selbst eine wahre Herzerhebung — und welcher Deutscher bedürfte dieser nicht?
    Ich bin im Augenblick damit beschäftigt — soweit die Elendigkeit meines physischen Zustandes es gestattet — ein Vorwort für die neue Ausgabe der „Grundlagen“ zu schreiben, in welchem ich beabsichtige, die beiden Punkte zu betonen, auf die es mir anzukommen scheint, um Hoffnung fassen zu können: Es muß das Bewußtsein geweckt werden, daß Deutschland überall, zu Land und zu Wasser, der Sieger im Kriege war bis zum Augenblick, wo die Heimat es verriet, und es muß dieser Verrat am Eigenwesen ganz scharf erkannt werden, damit jeder wisse, daß Deutschland einzig und allein von sich selbst geschlagen wurde. Eigentümlich ist es, wie wenig lebhaft die meisten sich die sieghaften Heldentaten der Deutschen vorstellen; der niederschmetternde Eindruck des Besiegtseins hat gleichsam alles Vorangegangene ausgelöscht. In Wahrheit zeugt dieser Krieg für eine Siegeskraft, die ihresgleichen auf der Welt nicht findet; darum sind Bücher von der Art, wie der wackere J. F. Lehmann zwei erst kürzlich herausgegeben hat — „Im Felde unbesiegt“ und „Auf See unbesiegt“ — warm zu begrüßen. Dieses Bewußtsein seiner unüberwindlichen Kraft bildet das erste Bedürfnis der gegenwärtigen Stunde für den Deutschen. Das zweite Bedürfnis ist aber das ebenso klare Bewußtsein von seiner Erbärmlichkeit: das Bewußtsein, daß er das ganze unaussprechliche Elend, das über ihn hereingebrochen ist, nur sich selber zu verdanken hat. Erst die Vereinigung dieser beiden Einsichten zu einem organischen Ganzen der Überzeugung bringt Klarheit in die umdüsterten Gemüter und bahnt vernünftigen, starken Entschlüssen den Weg. So sehe ich die Lage und schöpfe aus dieser Auffassung — trotz der Bitterkeit, die die erste der beiden Erkenntnisse ins Herz gießt, und trotz des tiefen Schamgefühls, mit der die zweite auf einem lastet —‚ ich schöpfe, sage ich, aus dieser Auffassung Trost, Hoffnung und Zuversicht.
    Am Tage, bevor Eurer Majestät Schreiben einging, erhielt ich einen inhaltreichen Brief von Exzellenz Oskar v. Chelius, der ein banges Verlangen nach Nachrichten erfüllte, indem er — soweit die Tragik und die Stimmung eines von schwerster Trauer¹ heimgesuchten Hauses es gestatten — ein Bild von christlicher Ergebenheit in Gottes geheimnisvollen Willen entwarf. Sobald meine Kräfte hinreichen, werde ich ihm schreiben und bei der Gelegenheit seine Frage betreffs Bücher beantworten.
    Ich bitte Euere Kaiserliche und Königliche Majestät in Gnaden den Ausdruck zu gestatten der unerschütterlichen Dankbarkeit und ehrerbietigen Treue

Eurer Majestät gehorsamsten Dieners


Houston Stewart Chamberlain

    P. S. Der Gebrauch der Maschine erregt hoffentlich keinen Anstoß, bin ich doch des Gebrauchs der Hände beraubt und somit aufs Diktieren angewiesen.
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    ¹ Um den Tod der Kaiserin Augusta Viktoria.

262-263 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Doorn, 1. III. 22.

Mein lieber Chamberlain.

    Ihr Buch „Mensch und Gott“ habe ich nun weit umher in meinem Bekanntenkreis verteilt. Männer und Frauen, auch eine Reihe Geistliche sind darunter. Ich habe zustimmende, ablehnende, begründete und unbegründete Urteile vernommen. Eines, welches ernst und eingehend sich mit dem Thema beschäftigt, gestatte ich mir Ihnen zu unterbreiten. Es stammt von Pfarrer Eich, der auf der Ausreise nach Argentinien mich besuchte, das Buch erhielt und auf der langen Seereise durchstudierte. Sobald Sie die Denkschrift nicht mehr brauchen, erbitte ich sie zurück. Ein kleines heiteres Vorkommnis aus dem Kriege sei Ihnen noch erzählt: Es stehen an der Ostfront Deutsche und Österreicher zusammen. Sonntag bereiten die Deutschen den Feldgottesdienst vor. Die Österreicher erbitten Erlaubnis zur Teilnahme, die gewährt wird. Bei der Aufstellung der Truppen um den Feldaltar bemerkt der österreichische Kommandeur, seine Leute könnten nicht alle deutschen Choräle, er fürchte, sie würden den Gesang stören. Der deutsche Geistliche fragt, ob die Österreicher „Ein' feste Burg“ singen könnten? Der Kommandeur bejaht. Darauf ruft der Geistliche von des Altars Stufen das geschlossene Karree an: „Kameraden, mir werden den Choral abwechselnd strophenweise singen! Wir singen ‚Ein' feste Burg!'  Die   e r s t e   Strophe: ‚Ein' feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen' singen die   D e u t s c h e n!   Die zweite Strophe: ‚Mit unser Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren' singen die   Ö s t e r r e i c h e r!“  Einen Augenblick tiefes Schweigen, dann ein anschwellender enormer Heiterkeitsausbruch im ganzen Karree! Unbewußt hatte der brave Militär- und Feldgeistliche die wirkliche militärische Lage ungemein richtig und schlagend charakterisiert!
    Mit besten Wünschen für Gesundheit und Arbeitskraft unter dem Schutz dessen, der sagt: „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage!“

    Sehr hübsch ist Ihre Schilderung von Herrn „Hinkebeins“¹ Gehirn!


Wilhelm

I. R.

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    ¹ „Herrn Hinkebeins Schädel.“ München 1921.
 
263-264 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Bayreuth 16. März 1922

Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät

schulde ich ehrerbietigsten Dank für das gnädigste Handschreiben und die wertvolle Beilage vom 1. März. Leider bin ich augenblicklich ganz und gar außerstande, auf des Herrn Pfarrers Eich Denkschrift entsprechend zu erwidern: Eine böse Grippe mit andauerndem Fieber hat meine ohnehin so schwachen Kräfte auf eine tiefe Ebbe heruntergebracht, und kaum fing ich an mich zu erholen, so traten andere Komplikationen ein; selbst meine Frau vermag bisweilen die leisest hingehauchten und gar nicht artikulierten Worte nicht zu verstehen. So muß ich denn auf grenzenlose Nachsicht rechnen. Zum Glück ist die Aufnahmefähigkeit bis zur Stunde unvermindert, und ich habe die Denkschrift vollkommen in mich aufgenommen und innerlich verarbeitet, und ich beklage, es bei dem englischen Ausspruch bewenden lassen zu müssen: Let us agree to differ.
    Ein Beispiel wenigstens von dem, was ich den Bemerkungen des Pfarrers entgegenzustellen hätte.
    Ich bin mir wohl bewußt — und war es auch schon bei der Niederschrift —‚ daß die Sünde, im positiven Sinne, in meinem Buche sehr ungenügende Behandlung erfährt. Ich war aber zu einer möglichsten Ökonomie der Kräfte genötigt, schien es doch unmöglich, daß diese zur Vollendung reichen würden; die Angst, ein Bruchstück zu hinterlassen, „me talonnait“. Und da sagte ich mir: Die Sünde kennt jeder aus eigener bitterer Erfahrung, außerdem wird sie ihm ununterbrochen von den Geistlichen aller Konfessionen immerwährend zu Gemüte geführt; einzig wichtig bleibt darum der selten beachtete Umstand, auf den ich wiederholt aufmerksam mache, und der in die tiefsten Tiefen der Religion Jesu hineinführt.
    Ich erhalte fast täglich Briefe von mir meist Unbekannten über „Mensch und Gott“ und gestatte mir einige Abschriften beizulegen, überzeugt, daß bei dem großen Interesse, welches Eure Majestät diesem Versuch zu widmen die Gnade haben, diese Äußerungen Teilnahme erwecken werden.
In unauslöschlicher Dankbarkeit

Eurer Majestät
ehrerbietigster Diener

Houston Stewart Chamberlain.


Die Anekdote über „Ein' feste Burg“ ist köstlich!

265 Kaiser Wilhelm II an H. S. Chamberlain.

Brieftelegramm         Haus Doorn, den 12. Nov. 1922
Houston Stuart Chamberlain
Bayreuth

    Herzlichen Dank für Ihre mir durch Chelius übermittelten freundlichen Wünsche zu meiner Vermählung. Ich freue mich, daß meine „Erinnerungen“ ihren Beifall finden. Von Herzen wünsche ich Ihnen Linderung Ihres Leidens. In alter Freundschaft treue Grüße!

Wilhelm

I. R.

265-273 Niederschriften des Kaisers zu Chamberlains Buch „Mensch und Gott“.

Doorn 12. III. 23

    In seiner ersten Predigt nach der Revolution an die versammelten Vertreter der Deutschen Evangelischen Kirche sagt Exzellenz v. Dryander:   „D i e   K i r c h e   h a t   v e r s a g t.“   Über das Warum ist viel geschrieben und gestritten worden, und wird es noch heute.
    Nach meiner Meinung war die Kirche in der Auffassung und Tradition des Reformationszeitalters über das Alte Testament und den Buchstabenglauben an dasselbe stehen geblieben, statt mit der wissenschaftlichen, vor allem historischen Forschung auf dem Gebiete der Religionsentwicklung und ihrer Quellenerforschung mitzugehen, sie zu verarbeiten, befruchtend auf sich wirken zu lassen. Sie war mit einem Worte   j ü d i s c h   geblieben,   s t e h e n   geblieben!
    Wir müssen dem wiederaufzubauenden neuen deutschen Vaterlande unbedingt frische religiöse Nahrung geben. Aber dabei uns hüten, neuen Most in alte Schläuche fassen zu wollen. Unsere Bibel bedarf dringend der Reform und Umgestaltung.
    Wir fangen in unserer Religionslehre bei unseren Kindern, unserer Jugend beim falschen Ende an. Es muß bei der religiösen Erziehung unserer Jugend dasselbe Prinzip in der Religion zum Durchbruch kommen, wie es einst Kaiser Wilhelm II. in seiner Schulreform durchführen ließ in den Reformgymnasien, im Kadettenkorps. Erst Heimatsgeschichte, dann deutsche, dann fremde Geschichte; erst Orts- und Heimatkunde, dann Landeskunde, dann Weltgeographie. Also Aufbau von der Gegenwart in die Vergangenheit. So muß es in der Religion auch sein. Unser Weihnachtsfest gibt uns den Ausgangspunkt. Es ist das Fest der Kinder; der Heiland ist den Kindern ganz nahe. Wohlan, gehen wir von dem Fest aus und nehmen erst einmal grundlich die Person und das Leben und Wirken des Herren vor. Erst wenn der unumstößlich fest in den Herzen unserer Jugend und in klar umrissener Gestalt alles andere überragend vor ihrem geistigen Auge dasteht, erst dann gehe man zum „Alten Testament“ über. Dasselbe muß aber stark verkürzt und gereinigt werden. So wie es jetzt in der Bibel ist, darf es nicht bleiben, denn die heutige frühreife Jugend ist weit mehr „wissend“ geworden, als wir es in unserer Kinderzeit waren.
    „Ja, aber das ‚Alte Testament' ist Gottes Wort! Das auserwählte Volk sind die Juden, Jehova oder Jahve ist unser Herr usw.! — — —“
    Mein alter Erzieher Gh. Rat Dr. Hinzpeter war ein strenggläubiger alter westfälischer Kalvinist. Beim Abschied von mir sagte er mir, nachdem ich großjährig geworden: „Ich habe Sie nur mit Bibel und Gesangbuch aufwachsen lassen,   o h n e   D o g m e n,   die dem Konfirmationsunterricht der Geistlichen überlassen blieben. Merken Sie sich eines für Ihr Leben: Das   ‚A l t e   T e s t a m e n t',   so wie Sie es vor sich haben,   i s t   n i c h t   d a s   W o r t   G o t t e s   a l s   s o l c h e s.   Die Forschung wird vieles davon beseitigen, was heute noch als ‚Religion' gilt. Aber das Wort Gottes ist darin   e n t h a l t e n.   Mit der Zeit wird das herausgeschält werden.“ — Ein großes Verdienst an dem Belichten des „Alten Testaments“ hat die Archäologie, vor allem die Assyriologie, und die Forschung in der Geschichte der vorderasiatischen Völker. Mit diesen   m u ß   die Kirche absolut rechnen, sie fruktifizieren. Ed. Meyer steht leuchtend im Vordergrund. Es wird jetzt viel geschrieben und gestritten über die Quellen des Urchristentums; über die Rolle des   J u d e n t u m s   in unserer Religion, als unseres „Vorläufers“, wegen der auf den Herren enthaltenen Weissagungen der Propheten usw.; dagegen wird behauptet, das Urchristentum habe arischen, nicht semitisch-jüdischen Ursprung. Auch des Herren Person wird in den Streit gezogen. Die einen weisen nach, Er sei unzweifelhaft ein Semit, müsse es sein. Die anderen beweisen, Er könne kein Semit gewesen sein, sondern sei ein Arier. Und die Gemüter erhitzen sich, und der Kampf tobt in Presse, Büchern, im Haus und Versammlungen. Und unsere Jugend? Lernt von Adam und Eva, von Esau und Jakob usw.! So geht es nicht weiter! Der Pastor erzählt seinen Kindern die Schöpfungsgeschichte nach dem „Alten Testament“, in acht Tagen sei sie vollzogen, und nachmittags in der „Urania“ heißt es „Milliarden von Jahren“! Und die jüdischen Schulkameraden lachen die dummen Christenkinder obendrein noch aus!
    Die Kirche muß den Entschluß fassen, mit dem   A l t e n   z u   b r e c h e n   und sich die Ergebnisse der Forschung zunutze machen. Ich für meinen Teil denke etwa wie folgt. Vor allem muß   e n d l i c h   g r ü n d l i c h   gebrochen werden mit dem Glauben, der Jawe der Juden sei unser Herrgott.
    Das ist der Grundfehler, daß Luther Ihn mit „Herr“ übersetzte, statt einfach Jawe zu lassen. Er ist es ganz bestimmt nicht! Den Beweis dafür finde ich im „Neuen Testament“! Niemals braucht Jesus Christus den Namen Jawe, nur „Gott“, am meisten aber „Vater“; das ist mir Beweis genug!
    Schon bei den großen Propheten, besonders Jesajas, ist der Gottesbegriff, wenn Er auch, weil Jesajas ein Jude war, Jawe genannt wurde, ein von der völkischen Jawevorstellung der Juden himmelweit verschiedener. Er entspricht schon weit mehr unserer Vorstellung von Gott. Woher kommt das? „Offenbarung Gottes“ lautet darauf die typische theologische Antwort. Ich möchte das nicht wörtlich nehmen. Eine „Offenbarung“ liegt vor, aber ich glaube woanders.
    Als die Juden durch die Gefangenschaft nach Babylon kamen, da haben sie als Monotheisten ein Greuel an dem dort blühenden Götzendienst gefunden. Eine große Freude mußte es ihnen daher sein, als sie mit den Persern bekannt wurden und von diesen die monotheistischen Lehren Zarathustras erfuhren. Der Perserkönig Kores wurde der Freund und Befreier der Juden und bei ihnen sehr populär, denn sie konnten wieder heim nach Jerusalem. Man kann sich wohl vorstellen, welchen Eindruck der große Feuergeist des Deutero Jesajas von den im Avesta stehenden Lehren Zarathustras empfand, und wie er sie in sich aufnahm und verarbeitet hat. — —
    Da war vor allem der ganz neue Gottesbegriff! Der   W e l t e n s c h ö p f e r,   d e r   W e l t e n e r t h a l t e r,   der   V a t e r   seiner Geschöpfe, also auch aller Menschen,   s e i n e r   M e n s c h e n kinder, nicht   n u r   eines   V o l k e s.   Das faßte Jesajas auf und schuf nunmehr den alten streng jüdischen Spezial- und Lokalgott mit all seinen rein jüdischen Eigenschaften des Zornes, Rachsucht usw., den alten Jawe, um in ein Gebilde nach dem des Zarathustra. Diesen Gottvater Jawe nennend. (Er und seine Schüler nahmen ferner auf aus dem Avesta: die Vergeltung für Gut und Böse in Himmel und Hölle; den von Gott befohlenen Kampf gegen das Böse, den Dualismus, Erbsünde, Sündenfall, Auferstehung und das Eingehen der Guten ins Gottesreich. Alle diese Vorstellungen wurden von der Schule des Jesajas verarbeitet, von den jüdischen Priestern abgelehnt.
    Der „Allvater“ der Germanen entspringt gleicher Auffassung wie im Avesta!
    Aber der wichtigste Grundsatz in der Lehre des Zarathustra war ein Punkt, der nirgend in einer anderen damaligen Religion vorkommt. Das war der Glaube an das   K o m m e n d e s   H e i l a n d e s — oder dreier Heilande? — des Sohnes der Jungfrau. Auch diese Lehre geht in die Überlieferungen der Jesajasschüler über. Der neue Messias im Gegensatz zum jüdischen. Diese Auffassungen wurden jedoch vom streng orthodoxen   J u d e n t u m   abgelehnt. Das blieb beim rationalistischen Gottesstaat Mosis mit dessen „geoffenbartem“   G e s e t z   mit national jüdischer Färbung. Der absolute Gehorsam diesem mosaischen Gesetz gegenüber ging dem Judentum über alle Lehren von Menschen- und Völkerrecht. Darin liegt eben der   G e g e n s a t z   z u m   C h r i s t e n t u m   und vor ihm zu den   P r o p h e t e n,   soweit sie in Jesajas Bahnen wandelten. Darum sind die Juden   n i c h t   u n s e r e   R e l i g i o n s v o r 1 ä u f e r,   sondern Zoroaster mit den Persern, also Arier! Ich sagte, eine „Offenbarung“ Gottes läge vor, aber woanders: sie lag bei Zoroaster, der seinerseits wieder Deutero Jesajas und die Seinen inspirierte und begeisterte, so daß er sogar den alten Jawe abschaffte und den neuen schuf, der uns so sympatisch anmutet! Ja, es ist mir aufgefallen, daß der   H e r r   gern öfter den   J e s a j a s   vor anderen zitiert! Mit Recht hat Ed. Meyer Zoroaster einen der größten Religionsstifter genannt. Jedenfalls ist er wichtiger für uns, vom Religionsstandpunkt aus, als Moses und die Seinen, und wir müssen dem Deutero Jesajas dankbar sein, daß er ihn uns übermittelte. So hat das   J u d e n t u m   durch das „Alte Testament“ die Lehren des Parsismus erhalten und auf   u n s   ü b e r t r a g e n,   o b g l e i c h   es sie selber   a b l e h n t e   und   n i c h t   annahm.
    Demnach muß das   J u d e n t u m   und das „Alte Testament“ für uns wohl religionshistorisch als wichtig angesehen werden, als Übermittler der Vorstellungen des   P a r s i s m u s,   die das Urchristentum nachher in sich aufnahm, aber   n i c h t   r e l i g i ö s e r   Vorläufer des Christentums, mit dem   e s   n i c h t s   g e m e i n   h a t.   Nach diesen Gesichtspunkten gehend, müßte die neuherauszugebende Bibel mit dem   „N e u e n   T e s t a m e n t“   a n f a n g e n.   In der zweiten Hälfte wären eine   A u s w a h l   der schönsten Psalmen, Sprüche, Propheten aufzunehmen. Auszuscheiden wären alle rein historischen Bücher, die nur Schilderungen der jüdischen Volks- und Sittengeschichte enthalten. Diese gehören in den   G e s c h i c h t s u n t e r r i c h t,   nicht in ein   d e u t s c h - p r o t e s t a n t i s c h e s   R e l i g i o n s b u c h!
    Also los vom Judentum mit seinem Jawe!
    K o n z e n t r i e r u n g   auf die   P e r s ö n l i c h k e i t   d e s   H e r r e n,   der uns den „Vater“ gab! Er muß durch den Konfirmationsunterricht der Jugend als andauernd in der Nähe befindlich fühlbar gemacht werden, so daß sie sich gewöhnt, das alltägliche Leben nicht ohne Ihn zu denken; die Lebenspflichten nicht ohne Ihn überhaupt anzupacken und auszuführen, sich stets in Seiner Kontrolle, unter Seinem Auge und Schutz zu denken. Das gibt allein die Kraft zum Schaffen und Wirken, die unsere Jugend haben muß, soll unser Vaterland wiedergenesen. Nur   d u r c h   d e n   H e r r e n   w i r d   e s    g e l i n g e n.   Das deutsche Volk muß lernen und von der Kirche gelehrt werden, erst mal wieder   c h r i s t o z e n t r i s c h“   zu denken! Unter Beiseitelassen alles anderen!   I h n   w i e d e r f i n d e n!   Dazu muß auch die Kanzel dienen! Wie Paulus sagt: „Ich weiß nur Christum den Gekreuzigten!“ Das Erlösungswerk, der Erlösertod, das kann nur richtig ermessen und verstanden werden, wenn die ungeheure Macht der Liebe Gottes zu den Menschen, in der Liebe des Herren für Seine Menschenkinder ihre Erklärung und Begründung findet!   P r e d i g t   I h n!   Aber man verschone die Leute mit Auslegung dunkler Stellen der Propheten oder Apostelbriefe. Einen großen Fehler hat die Kirche gemacht, der mir in den Predigten aufgefallen ist. Um das Erlösungswerk des Herren recht zu heben und seine Notwendigkeit zu unterstreichen, ist andauernd die Sünde und ihr Verderben betont und die Erde als ein Jammertal beschrieben worden, aus dem nur die im engen Konnex mit der Kirche Gebliebenen die Chance haben, eventuell später ins Reich Gottes droben einzugehen. Damit ist ein Pessimismus groß gezogen worden, der direkt schädlich war und in Antikirchlichkeit auslief. „Also nützt doch alles nichts.“ Wozu? Wozu ist man dann auf der Welt? Wozu hat Gott sie so gemacht? Daraus entspringt die jetzt so beliebte Frage: Wer, wie, was überhaupt ist Gott? Die zumal von den jüdischen Literaten mit Behagen immer wieder neu aufgeworfen und behandelt wird. Dieses Verfahren der Kirche ist grundfalsch gewesen. Sie hat, ohne es zu wollen, durch   H e r a b s e t z u n g   d e r   E r d e,   d e r   S ch ö p f u n g   G o t t e s,   den Schöpfer selbst erniedrigt. Die Frage: Wer oder was ist Gott? ist seitens Seiner Geschöpfe   u n z u l ä s s i g,   sie ist eine   U n e h r e r b i e t i g k e i t   gegen Ihn, daher muß die Kirche mit aller Kraft in Wort und Schrift sie bekämpfen. Gott ist der Schöpfer der Erde und Menschen; Er hat sie auf ihre Aufgaben zugewiesen. Da Er die ewige Liebe ist und der „Vater“ Seiner Menschenkinder, kann   E r   n i e m a l s   die Erde zum Jammertal   b e s t i m m t   haben. Die   M e n s c h e n   haben sie dazu gemacht. Die Frage, so muß die Kirche lehren, lautet niemals: Wer oder was ist Gott?, sondern: Wo ist Er? Antwort: „Allüberall, allgegenwärtig!“ In der Natur — toten wie lebendigen —‚ in den großen und guten Gedanken und Taten der Menschen, in den gewaltigen Leistungen ihrer forschenden, führenden Geister auf allen Gebieten des Wissens und der Technik. Wie oft hört man von den Kanzeln die ewig wiederholten Angriffe gegen die Wissenschaft mit ihren Forschungsergebnissen! Sie könnten nicht die Sünde aus der Welt schaffen, nicht die Menschen selig machen!
    Das wollen sie auch nicht, dazu sind sie nicht bestimmt! Besser wäre es gewesen, zu sagen: „Seht, wie Gott den großen Gelehrten die Macht verliehen, die Geheimnisse der Gesetze zu erforschen, nach denen Er schuf und die Er gab. Eine jede große neue Entdeckung z. B. in der Naturwissenschaft ist wieder eine Bestätigung des Daseins des Schöpfers, durch dessen Gnade wieder eines Seiner Gesetze den Menschen offenbar geworden.“ So habe ich Slaby vortragen hören! Und wie ist Gottes Wirken in der   G e s c h i c h t e   erst in vollster Größe zu erschauen! — — Ein Beweis dafür auch der, daß Er Zoroaster den Gedanken des Dualismus — Kampf zwischen Gut und Böse — fassen ließ, der noch   h e u t e   die Grundlage unseres christlichen Glaubens und Denkens ist! Ist das etwa keine „Offenbarung“ gewesen? Dürfen Offenbarungen nur ausgerechnet beim sogenannten „auserwählten Volk“ stattfinden?
    Gewiß, die Menschen können im allgemeinen Transzendentales nicht begreifen, sie wollen sehen und greifen — irdisch genommen — daher auch: „Was ist Gott?“ — Antwort: „Wer mich siehet, siehet den Vater, Ich und der Vater sind eins.“ Wer das sagte, war der „Sohn des Vaters, unseres Vaters“. Jesus! Und durch Sein Leben und Wirken hindurch haben Tausende von Menschen Seine Hände gefaßt, Ihn berührt, sie auf sich heilend liegen gefühlt! Also haben wir ja tatsächlich einen   i r d i s c h   g r e i f b a r e n   G o t t   auf Erden gehabt und haben ihn noch! Auch dieses Wunder hat der Schöpfer Vater Seinen Kindern gewährt. Keine andere Religion hat das je erlebt! — Welche Freude hatte der Herr an Gottes herrlicher Natur zum Beispiel, und wie nimmt Er stets von ihr Seine Gleichnisse, schlicht, einfach und doch groß und unendlich inhaltsreich! Wie weitgehend   „t o l e r a n t“ — um ein viel mißbrauchtes Wort zu gebrauchen — war Er! Und doch habe ich gerade diesen Punkt überhaupt   n i e m a l s   von der Kanzel herab betonen hören, zu meinem Erstaunen und Betrüben. Ein herrliches Beispiel! Der Hauptmann von Kapernaum: Heide, Philosoph, Stoiker, Platoniker, wer weiß? Anbeter der Militärstatue seines Kaisers, dessen irdischen Standbildern seine Soldaten bekanntlich göttliche Ehren und Opfer darbringen mußten. Er kommt bittend zum Herren. Was sagt Der? „Er werde sofort mit ihm kommen und seinem Burschen helfen!“ Er sagt nicht: „Bist du Heide, Apollo-Athene-Zeus-Anbeter? Hast du deinem Kaiserstandbild geopfert als einem Gott?“ Nichts von alledem! Aber zum Schluß, als Er sich von ihm trennt, sagt Er zu den Umstehenden: „Wahrlich, solchen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden“, also   n i e   i m    s o g e n a n n t e n   „a u s e r w ä h l t e n   V o l k“!   Er gibt dem Hauptmann   k e i n e   Direktiven mit,   k e i n e   Verwarnung: nicht mehr Göttern oder Kaiserbildern zu opfern! Nichts! Was lehrt uns das? Christus war   t o l e r a n t,   wie noch nie ein Mensch gewesen oder sein wird. Es ist Ihm ganz egal, zu welcher „irdischen“ Glaubensgemeinschaft ein Mensch gerechnet wird oder gehört. Sobald er hilfesuchend zu   I h m   k o m m t   voll Ehrfurcht für Gott Vater, dann fragt der Heiland nicht nach dem   W e g,   auf dem er zu Ihm fand. Für   a l l e   ist Er zu haben und   d a!   Ob sie über Buddha oder über Mahomet ursprünglich gekommen  sind: „Er allein kann helfen, zu   I h m   mit unserer Bitte um Hilfe,   I h m   das Herz voller Vertrauen, dann nimmt Er die Menschen an!“ Und wir? Wir Protestanten? Wenn ein   R e f o r m i e r t e r   in Mecklenburg das Abendmahl nehmen will, muß er zuvor die vom Großherzoglich Mecklenburg-Schwerinschen Konsistorium vorgeschriebene Formel unterschreiben, sonst wird es ihm verweigert! Der Hauptmann von Kapernaum lehrt uns gar viel, was die Kirche bis heute noch nicht erfaßt hat!
    Die   I n t o l e r a n z,   dieser entsetzliche Fluch, der auf dem Christentum lastet und in einzelnen Konfessionen und Kirchen haust! Woher kommt sie? Aus dem   J u d e n t u m,   von dem zornglühenden, racheschnaubenden, alle Gegner verderbenden, verfluchenden   J a w e,   den wir übernahmen! Die Gottesfigur eines   V o l k e s,   das alle anderen Menschen und Völker als seine Feinde ansieht, die seine Sklaven werden sollen,   a l s o   i m   d i a m e t r a l e n   G e g e n s a t z   steht zu allen Geboten, die der Heiland uns gab, den Verkehr von Mensch zu Mensch zu regeln. Daher sage ich:   „F o r t   m i t   J a w e!“   Christus muß an dessen Stelle kommen! Daher erst das   „N e u e   T e s t a m e n t“,   nachher, soweit als nötig, das „Alte“ in beschränktem Rahmen.
    Christus und seine Apostel sind uns wichtiger als Moses und die Erzväter! Weihnachten, damit fange es an; „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ folge dem; das Leben des Herren in allen Einzelheiten, wie Markus so wahr und Lukas so schön schildern. Sein ergreifender gewaltiger Erlösertod, „Es ist vollbracht“, „Ostern“, „Auferstanden“, — Himmelfahrt: „Aufgefahren gen Himmel“, gibt es was Großartigeres als solche Stationen in irgendeinem Teil des „Alten Testaments“?!! — — Das eingehend der Jugend gelehrt, braucht so viel Zeit, daß das übrige verschwindet.   D i e   d r e i   H a u p t s ä u l e n   d e s   C h r i s t e n g l a u b e n s,   d i e   u n a n f e c h t b a r   d a s t e h e n,   sind: 1. Für Erlösung von unseren Sünden gestorben! 2. Auferstanden von den Toten. 3. Aufgefahren gen Himmel, Christus der   S o h n   G o t t e s,   der Heiland der Menschen,   E r l ö s e r   der Welt!

273-275 Niederschriften des Kaisers zu Chamberlains Buch „Mensch und Gott“.

Doorn, 3. VI. 23.

    Meiner Meinung nach ist Christus ein   G a l i l ä e r   gewesen von Abstammung, also   k e i n   J u d e!   Ed. Meyer weist nach, daß Lukas die Schätzung des Kaisers Augustus, die er als Motiv für die Reise der Eltern Jesu im Weihnachtsevangelium nach Bethlehem angeführt habe, um sechs Jahre vorgeschoben habe, um die Geburt in Bethlehem dadurch zu begründen. De facto sei diese Schätzung erst anno 6   n a c h   Christi Geburt befohlen worden?! Nachdem nach des Archelaos Sturz das Land römische Provinz geworden. Im Buche Fried. Doelingers „Baldur und Bibel“, das soeben erschienen ist, las ich eine mir total unbekannte Mitteilung: Im Archiv der Familie der Caesarini in Rom liege der Bericht des Statthalters von Judäa an den Kaiser Tiberius — er ist Publius Lentulus genannt —‚ der eine genaue Personalbeschreibung des Aussehens unseres Herren enthalte: Er sei von außergewöhnlicher Schönheit gewesen, von hohem schlanken Wuchs, Sein Antlitz von Hoheit übergossen, das Ehrfurcht und Liebe eingeflößt habe; Sein Haar sei dunkelblond bis ins Kastanienbraun übergebend; Seine Arme und Hände edel und wunderschön geformt gewesen.“ Haben Sie, mein lieber Chamberlain, jemals hiervon etwas gehört? —
    Eine andere Tatsache habe ich in Erfahrung gebracht, die geeignet ist, der konfessionellen Frieden in der protestantischen Welt zu befestigen.
    Um über die Einsetzungsworte des Herren beim Abendmahl Klarheit zu erhalten, erbat ich mir die wörtliche Übersetzung aus dem   A r a m ä i s c h e n,   das ja Christus gesprochen. Von Seeberg erfuhr ich zu meinem größten Erstaunen, daß das Aramäische   k e i n e   V e r b e n   hat. Der Herr hat also   n i c h t   gesagt: „Das ist oder   b e d e u t e t   meinen Leib beziehungsweise mein Blut“, sondern   n u r:   „D a s   m e i n   L e i b ,   d a s   m e i n   B l u t!“   Damit fällt der ganze Streit zwischen Luther und Calvin in nichts zusammen! Die ganze Trennung von Reformierten beziehungsweise Calvinisten und Lutheraner ist damit erledigt und hinfällig. Welch eine Erlösung! — Ich stehe das Abendmahl betreffend auf dem Standpunkt:
    1. Brot und Wein   S y m b o l e   für die   t a t s ä c h l i c h e   p e r s ö n l i c h e   A n w e s e n h e i t   Jesu Christi! „Ich bin da!“
    2. Beim Genuß derselben das Gelöbnis von uns:   „E s   s o l l   a l l e s   n e u w e r d e n!“
    3. Im Laib Brot und im Kelch voll Wein, die   v o m   H e r r e n   seinen Jüngern und damit uns allen Menschen   g e g e b e n e n   s i c h t b a r e n,   g r e i f b a r e n,   i r d i s c h e n   G a r a n t i e n,   daß uns   w i r k l i c h   und   t a t s ä c h l i c h   u n s e r e   S ü n d e n   v e r g e b e n   s i n d!
    Diese Auffassung kann jeden konfessionellen Hader tilgen, jeden konfessionellen Unterschied aufheben; auf ihr kann eine Einigung aller christlichen Kirchen sich bewirken lassen. Unsere Kirche muß deutsch, germanisch werden!

Wilhelm
I. R.

275 H. S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.

Bayreuth 19. Dez. 1923.

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät

gestatten gnädigst, daß ich die Gelegenheit des Festes der Liebe und der Jahreswende dazu benutze, meinen ehrerbietigsten, herzinnigsten Dank auszusprechen.
    Durch ein gütiges Schreiben von Admiral Rebeur-Paschwitz erfahre ich, daß Ihre Majestät die Kaiserin auch huldvoll teilnimmt an unserem Schicksal, wofür ich ihr den Ausdruck unserer tief erkenntlichen Gefühle zu Füßen legen zu dürfen bitte.
    Die Sendungen waren eine wirklich große Hilfe in unserer bedrängten Lage und in ihrer treffend fürsorglichen Auswahl wie von ahnungsvoller Teilnahme eingegeben. Mein Zustand verschlimmert sich langsam, ist aber noch immer, bei der liebevollen Pflege, die mir zuteil wird, erträglich. Ich kann noch immer lesen, wenn mir umgeblättert wird, und habe naturwissenschaftliche Studien wieder aufgenommen. Auch etwas Musik ertönt mir ab und zu durch unseren hiesigen Kapellmeister Kittel, stets eine entrückende Wohltat. Und das junge Leben in Wahnfried bringt ein heiteres hoffnungsvolles Element in unser Dasein.
    Mit Wünschen zu Gott für beide Majestäten verbleibe ich als

gehorsamer, getreuer Diener

Houston S. Chamberlain


Ende des zweiten Bandes / End of volume 2
 
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Band I, Seite I-VI: Einführung/Inhaltsübersicht
Band I, Seite 001-171: Die Briefe I. 1882-1907
Band I, Seite 172-332: Die Briefe I. 1908-1915
Band II, Seite 001-128: Die Briefe II. 1916-1924

Band II, Seite 129-275: Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II
Band II, Seite 276-288: Verzeichnis der Eigennamen
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Letzte Änderung am / last update:
18 April 2010