131
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II. Euer Kaiserlichen u.
Königlichen
Majestät
spreche ich für die mir
gütigst
zuteil gewordene Auszeichnung den ehrerbietigsten Dank aus. Ein
Geschenk¹
aus der Hand des Deutschen Kaisers hat eine tiefe, symbolische
Bedeutung
für einen Mann, der, wie ich, gänzlich außerhalb des
deutschen
Elementes erzogen, nach und nach, durch eingehende Studien, durch
freies
Denken, zu der festen Überzeugung gelangt ist, das Heil der
Menschheit
sei an die Zukunft des deutschen Geistes geknüpft. Dieser Geist
aber,
eng verwoben mit der hehren Sprache, in der ein Luther, ein Kant, ein
Goethe
zu der Welt gesprochen haben, kann der Macht als Unterpfand nicht
entbehren.
Und daß Preußen allein, mit seinem erhabenen Herrscherhause
an der Spitze, befähigt ist, das in überreicher Eigenart
stets
wieder auseinanderstrebende Alldeutschland den Weg zur Macht zu
führen,
ist eine geschichtlich bewiesene Tatsache. Soeben habe ich innerhalb
meines
bescheidenen Wirkungskreises diese unbestreitbaren Wahrheiten wieder
öffentlich
vertreten ² — bei Gelegenheit des Jubiläums, das heute alle
Deutschgesinnten
feiern. Und so glaube ich denn, das mir huldvoll überreichte Blatt
nicht bloß als einen Beweis des allerhöchsten Interesses
für
mein literarisches Wirken betrachten zu dürfen, sondern auch
gleichsam
als die Besiegelung durch den Kaiserlichen Willen des Treueeides, den
ich
schon längst in dem Schweigen meines Herzens der heiligen
deutschen
Sache feierlich schwur.
Meinem englischen
Vaterlande bleibe ich treu; doch hoffe ich, daß Euer
Majestät
geruhen werden, in mir wenn auch keinen Untertan, doch einen treuen und
überzeugten Diener erblicken zu wollen.
In untertänigster Dankbarkeit
Den 18. Januar 1901.
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Gedenkblatt zur Feier des 200. Jahrestages der Begründung des
Königreichs
Preußen.
²
Aufsatz „Die preußische Rasse“, Tägl. Rundschau 1901,
Beilage
S. 3—5.
132-141
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II. Wien, 15. November 1901.
Eure Kaiserliche u.
Königliche
Majestät
haben mir gnädigst erlaubt,
meinen
Dank schriftlich auszusprechen. Nach Erledigung einiger dringendster
literarischer
Verpflichtungen und ehe ich mich von neuem in jene abgeschiedensten und
glücklichsten Tiefen der schützenden Schale zurückziehe,
wohin das Geräusch des hastigen Tages kaum dringt, und wo ich mein
Kantbuch — so Gott will —
bis zum nächsten Sommer zu vollenden hoffe,
will ich von dieser Erlaubnis Gebrauch machen. Eure Majestät
mögen
die Gnade haben, folgende Zeilen beiseite zu legen, bis vielleicht an
irgendeinem
Abend auf dem lieben runden Tisch nichts Gescheiteres zum Lesen
aufliegt.
Um mich deutlich
zu machen, greife ich zum Bilde.
Eure Majestät
wissen vielleicht — vielleicht wissen Sie auch nicht, denn selbst der
Gebildete
erfährt von diesen Dingen wenig oder gar nichts —‚ daß die
alten
arischen Inder das Königtum, die Macht des Alleinherrschers, die
unbedingte
Treue gegen den Monarchen für die unbezweifelbare Grundlage aller
staatlichen Bildung hielten. Ihre Schriften sind voll von
Aussprüchen
hierüber. „Die Weisen hatten b e i d e
Welten
im Auge, als sie den Fürsten, das überaus große Wesen,
schufen, indem sie dachten, er werde das verkörperte Gesetz sein“;
„Wenn die Welt der Lebenden ohne Fürsten wäre, dann
würden
die Schwachen von den Stärkeren bedrückt werden, da alsdann
niemand
Herr über seinen Besitz wäre“; „E i n
mächtiger Alleinherrscher bringt Segen dem Lande: viele Herrscher
dagegen stiften hier, wie die vielen Sonnen vom Weltende nur Unheil“ —
— — — derartige Sprüche welche diesen aus dem
Mahâbhârata
und Pançatantra angeführten gleichen, könnten zu
Hunderten
beigebracht werden. Es läßt sich nun denken, welche
Ehrfurcht
die Könige bei solchen Völkern genossen, wie unantastbar und
erhaben sie dastanden. Und zwar trotzdem die alten Inder klug genug
waren
und hinreichend witzig, um über die Schwächen der
Fürsten,
über ihre sehr menschliche Menschlichkeit ihren Spaß zu
treiben,
und trotzdem ihre Moralisten nicht müde wurden, die Gunst der
Fürsten
als ein prekäres Gut und das Leben am Hofe als das
unerwünschteste
Dasein zu schildern. Schon damals suchte eben die Vulgarität und
das
Strebertum den Thron zu umdrängen, und diese Umgebung verleidete
manchen
feineren Geistern seine Nähe. Doch gleichviel: Der Monarch war und
blieb „das überaus große Wesen“, vor dem ein jeder in
Gehorsam
sich neigte. Und stets — denn das habe ich zu sagen vergessen — stets
gehörte
er der Kriegerkaste an und war mehr von Militärpersonen als von
anderen
umgeben.
Einen sehr
merkwürdigen
Umstand berichten nun verschiedene Stellen der Upanishads. Bei einer
einzigen
Gelegenheit kam es nämlich vor, daß der Mann, in dem sich
die
monarchische Ordnung verkörperte, von seinem Throne herabstieg und
sich verneigend einem anderen gleichstellte: das geschah, wenn
ein
D e n k e r so Vorzügliches zutage schuf, daß
der
König sich dadurch beglückt und gefördert fühlte.
Doch
unseren Professoren hat diese in der Brihadaranyaka (wenn ich mich
recht
entsinne) und auch anderen Ortes berichtete Tatsache viel Kopfschmerzen
verursacht: entweder meinten sie, der Monarch habe sich mit so viel
Gnade
etwas vergeben, oder aber sie schimpften über die veränderten
Zeiten und konnten es nicht erwarten, Könige zu ihren
Füßen
zu sehen. Ich glaube aber, die Sache ist anders zu deuten. Nicht vor
dem
Denker, vielmehr vor dem Denken verneigte sich der altindische
König.
Er selber, der Soldat und Herrscher, fühlte sich als Vertreter
einer
moralischen Weltordnung; die Erfahrung besonderer intellektueller
Befähigung
stellte ihn plötzlich einer neuen Offenbarung des uns umgebenden
Göttlichen
gegenüber, — und dem Gott, nicht dem Manne, galt die
verehrungsvolle
Gebärde. Wobei noch wohl zu beachten ist, daß einzig dem
Denker
gegenüber sie am Platze war, denn nur er war von der Welt
losgelöst
und daher unfähig, sie zu mißdeuten und zu Eitelkeit des
Herzens
umzuwandeln. — Freilich, ein scheinbar sehr hartes Paradoxon
dürfte
manchen Zuhörer bei dieser Deutung stören: bei dem König
ist die Persönlichkeit eigentlich ein Nebensächliches, die
Idee
ist alles, und auch einem schlechten und bösen König
muß
man Gehorsam und Ehrfurcht erweisen, da nicht seine
Individualität,
sondern der soziale Gedanke, den er verkörpert, das Entscheidende
ist; bei dem Denker dagegen ist die Persönlichkeit alles, — nur
insofern
sie bedeutend und ganz eigenartig ist, kann sein Denken für
Fürst
und Welt Bedeutung besitzen. Wie stimmt das nun, daß die dem
Fürsten
dargebrachte Huldigung der Person und die dem Denker dargebrachte der
Sache
gilt? Sehr einfach. Die Person des Fürsten ist die
Verkörperung
einer I d e e, darum bezeugen wir ihr —
gleichviel
ob sie persönliche Verdienste hat oder nicht — eine Verehrung, die
wir dem verdientesten Einzelmenschen nicht erweisen würden; die
Person
des bedeutenden Denkers dagegen ist insofern das Allerunideellste, als
sie notwendigerweise eine ungeheure, man könnte sagen
„übertriebene“
Ausprägung der I n d i v i d u a l i t ä
t
als ihre Bedingung voraussetzt. Der König ist — wie die Inder uns
vorhin belehrten — „das verkörperte Gesetz“; der Denker dagegen
kann
nicht Gesetz sein; er ist er, sonst keiner, er ist sich selbst in
seinem
Denken Gesetz, sonst keinem. Darum gebührt ihm Anerkennung, nicht
aber Huldigung; diese kann nur seinem Werke gelten. Und so verstehe
ich,
wie gesagt, recht gut, inwiefern der arische Soldatenkönig —
sobald
er selber geistig bedeutend war — sich veranlaßt sehen konnte,
gerade
diesem individuellen Träger eines Überindividuellen
entgegenzugehen;
denn die große allgemeine Weltidee, die in dem Kopfe des Denkers
mehr oder weniger deutliche Gestalt gewinnt, muß auf die
lebendige
Verkörperung einer Idee wie ein Magnet auf einen Eisenstab wirken.
Und so sehen wir denn an den verschiedensten Beispielen — auch
außerhalb
des altarischen Kreises —, daß Könige und Denker eine
gegenseitige
Anziehungskraft aufeinander ausgeübt haben. Nur dann aber kann sie
Ersprießliches zutage fördern, wenn wie bei den alten
Ariern,
das Königtum dem Denker heilig gilt und er die Gnade des
Königs
weniger auf sich als auf die verborgenen Kräfte in seinem Innern
bezieht,
die dem allgemeinen Wohl dienen können und sollen.
Von einem Bild darf
man nicht mehr verlangen, als es geben kann, doch glaube ich, daß
dieses Bild geeignet ist, Eurer Majestät eine genauere Vorstellung
von meinen Gesinnungen bei und nach unserer Begegnung¹ zu geben,
als
es mir sonst möglich gewesen wäre auszusprechen.
Zu dieser allgemeinen
Auffassung kommt aber noch das große persönliche Moment, und
in diesem liegt eingeschlossen die innige und unauslöschbare
Dankbarkeit.
Denn besteht für den König die große Härte des
Schicksals
darin, daß er sozusagen nie — oder fast nie — ganz er selbst,
ganz
Mensch, ganz Individuum sein kann, so besteht für unsereinen die
Härte
darin, daß das Überindividuelle, das ihn in hohem Maße
ausfüllt und ihn ewig aus den Schranken des Individuellen
sehnsüchtig
hinausdrängt, auf Schritt und Tritt von der Trivialität des
Tages,
von dem eisernen Gesetz, das ihn zwingt, er selber zu sein — nicht
anders
als die Menge, nicht mehr als ein jeder — zurückgedämmt,
vergewaltigt,
manchmal fast zu Tode gequält wird. Wohl schützt Einsamkeit;
doch wie dann wirken? Und ohne Wirken, was wäre das Leben? Wirkt
er
aber, so ist er preisgegeben, und zwar waffenlos. Daher habe ich mich
so
viele Jahre hindurch nicht entschließen können zu schreiben,
denn ich wußte wohl, was kommen würde; ich wußte,
daß
ich mein Glück — unbekannt, unbeachtet, ungestört zu leben —
opfern müßte, und daß ich zu wenig Eitelkeit besitze,
um in dem hohlen Widerhall der Notorietät einen Ersatz zu finden
für
die stolze Ruhe der Einsamkeit. Wie manchmal habe ich mir auch jetzt
gesagt:
„Hättest du doch, wie du es wolltest, dich auf einer Insel des
Stillen
Ozeans niedergelassen! Das Spiel der Wellen und ein paar Bücher!
Das
wäre gescheiter, als Verfasser der 'Grundlagen
des 19. Jahrhunderts' zu sein, den jeder Esel bewundern oder
beschimpfen
darf, wie es ihm gerade sein Flachschädel eingibt.“ Nun siegte
aber
— gottlob — das Pflichtgefühl; nächsten Frühling werden
es zehn Jahre sein, daß ich zum erstenmal die Feder ergriff; seit
jenem Augenblick habe ich nicht mehr geschwankt, und ich werde meinen
vorgezeichneten
Weg weitergehen, so lange Gott mir Leben schenkt. Doch ich weiß
nicht,
ob Eure Majestät, die das Unglück gekannt hat, vom ersten
Schritt
an alle Augen auf sich gerichtet zu wissen, sich vorstellen kann, wie
schwer
es ist, viele Jahre lang allen Glauben an sich aus sich selbst
schöpfen
zu müssen; gänzlich unbeachtet, ohne Ermutigung, ohne
sichtbares
Ergebnis, von früh bis spät zu arbeiten; immerfort nur zum
Papier
zu sprechen, ohne je einen Widerhall zu vernehmen? Und so gerät
denn
unsereiner, sobald er vor die Öffentlichkeit tritt, in einen Wald
von Widersprüchen: er mag keine Notorietät und schreibt doch,
um gelesen zu werden, viel gelesen — Goethe sagt: Wer nicht eine
Million
Leser für sein Buch erwarten kann, soll es lieber ungeschrieben
lassen;
Lob und Tadel berühren ihn fast gleich unangenehm, und dennoch
streckt
er in jedem Werke sehnend die Hand nach Freunden aus — — —. Wie nun den
Mann finden, der nicht zur Menge gehört und daher alles gleich in
den großen, kühnen Umrissen der Fernperspektive erblickt?
Den
Mann, der so frei dasteht, daß seine Anerkennung unmöglich
interessiertes
Schmeicheln, und so hoch, daß seine Kritik nicht Beleidigung sein
kann? Wohl hatte ich Freunde, Freunde, die mich mit Achtung und Liebe
umhegten,
— doch da störte wieder mein kritischer Geist, der dem
Freundesurteil
nicht volle Gültigkeit beimessen wollte. Wahrlich, ich glaube, nur
ein König konnte dem halb unbewußten Sehnen völlig
genugtun.
Unser guter Hans
von Wolzogen meinte vor Jahren, die Sage, die
Westmorelands
stammten von Richard III. ab, müsse doch auf Wahrheit beruhen, und
in meinen Adern flössen einige Tropfen Plantagenetblut.
Daher mein Hochmut
und mein Ungestüm! Ich weiß es nicht. Was ich weiß,
ist,
daß Eure Majestät eine gute Tat an mir vollbracht haben, die
wahrscheinlich kein anderer Mann vollbringen konnte; daß ich mich
für die Jahre hingebender, geräuschloser, wissenschaftlicher
Arbeit reichlich belohnt fühle, und daß weder der Spektakel,
den augenblicklich die Zeitungen über die „Grundlagen“ machen,
noch
selbst die so sehr wertvolle Anerkennung zahlreicher Fachgelehrten die
eine Tatsache aufwiegen: daß der Deutsche Kaiser mit mir
zufrieden
ist. Und das ist nicht bloß Lohn; es bedeutet Kraft für die
Gegenwart und Anspornung für die Zukunft. Wie die Stimme mir
neulich
versagte, so versagt mir heute auch die Feder, gewahre ich, wie reich
die
Gabe war, mit welcher Eure Majestät mich beschenkte. Echter Dank
kann
immer nur durch Taten zu Worte kommen.
Und noch eins, ehe
dieser zu einer Epistel angewachsene Brief zu Ende geht.
Eure Majestät
und alle Ihre Untertanen sind in einem Heiligtum geboren; die meisten
unter
ihnen ahnen es freilich nicht, weil man das Tägliche — wie die
Strahlen
der alles Leben spendenden Sonne — nicht beachtet. Ich aber mußte
einen langen, mühsamen Weg zurücklegen, ehe ich das Heiligtum
auch nur von weitem erblickte, und dann noch kostete es Jahre
heißer
Arbeit, ehe ich seine Stufen betreten durfte. Darum schaue ich nur mit
Schrecken auf meine Vergangenheit zurück; denn habe ich auch das,
was man eine glückliche Kindheit nennen muß, gehabt,
für
meine Anlagen konnte es kein wahres Glück außerhalb des
Deutschtums
geben, und ich zittere, wenn ich daran denke, wie spät ich mit der
deutschen Sprache in Berührung kam und daß ich sie leicht
gar
nicht kennengelernt hätte. Denn es ist meine innige
Überzeugung
— gewonnen durch jahrelange Studien, gewonnen in jenen feierlichen
Stunden,
wo die Seele mit dem Göttlichen um Erkenntnis ringt wie Jakob mit
dem Engel —‚ daß das moralische und geistige Heil der Menschheit
von dem abhängt, was wir d a s D e u t s c
h e nennen können. In jener „moralischen Weltordnung“,
von der Eure Majestät in Liebenberg öfters sprachen, bildet
augenblicklich
das deutsche Element den Angelpunkt, le pivot central.
Die
S p r a c h e ist es, die uns unwiderleglich davon
überzeugt;
denn Wissenschaft, Philosophie und Religion vermögen heute keinen
Schritt weiterzumachen, außer in der deutschen Sprache. Und das
Dasein
dieser Sprache belehrt uns über etwas, woran die Erscheinungen des
täglichen Lebens uns sonst nicht immer glauben lassen
möchten:
daß in diesem Volke die höchsten Fähigkeiten vereint
sind,
höhere als anderwärts. Sprache und Volksseele sind
gegenseitig
bedingend bedingt; jede wächst aus der anderen hervor; hier ist
weiteres
Emporblühen möglich, solange beide leben und
ineinandergreifen;
bei den Romanen sind beide tot; bei den anderen Germanen (ich denke
namentlich
an England) hat schon seit lange eine Entzweiung begonnen, dank welcher
die Sprache nach und nach stumm wird (das heißt ein bloßes
Medium für die praktische Verständigung, nicht ein Element,
aus
welchem neue Gebilde geprägt werden könnten) und die Seele
infolgedessen
nach und nach ihre Schwingen einbüßt und sich nur mehr wie
ein
Wurm auf dem Bauche weiterschleppt. Und weil die deutsche Seele
unlösbar
an die deutsche Sprache geknüpft ist, so ist denn auch die
höhere
Entwicklung der Menschheit an ein mächtiges, sich weit über
die
Erde hinausstreckendes, das heilige Erbe seiner Sprache überall
behauptendes
und anderen aufzwingendes Deutschland gebunden. Die positive
Realpolitik
des Deutschen Reiches, welche gewiß gar nicht zu nüchtern
und
matter
of fact sein kann, bedeutet darum doch — wenigstens in meinen Augen
— etwas anderes als die Politik anderer Länder. Der Angelsachse
hat,
von jenem Standpunkt einer moralischen Weltordnung aus betrachtet, sein
Erbe verwirkt — ich spreche nicht von heute, ich schaue in die
Jahrhunderte
hinaus; der Russe ist nur die neueste Verkörperung des ewigen
Tamerlanreiches,
nimmt man ihm sein deutsches Kaiserhaus, so bleibt nur eine in sich
zerfallende
matière
brute; auf den Deutschen allein baut heute Gott. Das ist die
Erkenntnis,
die sichere Wahrheit, die schon seit Jahren meine Seele erfüllt;
um
ihr zu dienen, habe ich meine Ruhe geopfert; für sie will ich
leben
und sterben. „Richard Wagner“, die „Grundlagen
des 19. Jahrhunderts“ und das „19. Jahrhundert“ (wenn ich mich dazu
entschließen kann), die „Worte
Christi“, „Immanuel Kant“
— und manches, was, so Gott will, folgen
soll; der — nicht von Haß gegen die Semiten, sondern von Liebe
gegen
die Germanen eingegebene — Kampf gegen das zerfressende Gift des
Judentums,
der Kampf gegen den Ultramontanismus, gegen den Materialismus, der
Versuch,
die transzendentale Erkenntnislehre aus dem Besitz einer Gelehrtenkaste
in einen Besitz jedes gebildeten Deutschen zu verwandeln, das
Bestreben,
die Religion aus syrisch-ägyptischen Fetzen loszuwinden, damit die
reine Kraft des Glaubens uns eine, wogegen das Nachgeplapper
sklavischer
Superstitionen uns heute nur trennt, dazu später — wenn ich's
erlebe
— die völlige Umwandlung unserer Auffassung des Lebensproblems,
wodurch
sich unsere Naturwissenschaft auf einmal und zum erstenmal in Harmonie
mit unserer deutschen Philosophie und Religion finden wird, das
heißt,
daß sie endlich eine wahre W e l t a n s c h a u u n
g besitzen werde — — — — — das alles bedeutet für mich
ein Schaffen und ein Kämpfen im Dienste des Deutschtums. Denn
wahrlich,
es handelt sich um gar wichtige Dinge, und hat der moralische
Weltordner
den Deutschen zu seinem Werkzeug erwählt, so muß dieser in
der
Erfüllung der gottgegebenen Pflicht ganz aufgehen, sich ganz darin
verzehren. Und ist „das Deutsche“, wie ich vorhin sagte, der
Angelpunkt,
auf dem die Zukunft des Menschengeistes ruht, so ist der jetzige
Augenblick,
das jetzige Jahrhundert — ich meine es — der Angelpunkt der
Weltgeschichte.
Jetzt heißt es: To make or to mar. Es gibt Epochen, wo
Geschichte
gleichsam auf dem Webestuhl weitergewoben wird, gerade oder schief,
geschickt
oder ungeschickt; doch immerhin so, daß Kette und Schuß
gegeben
und im wesentlichen gebunden sind; dann aber kommen Zeiten, wo zu einem
neuen Gewebe die Fäden erst eingetragen, die Art des Stoffes und
das
Muster erst bestimmt und durch zweckmäßige Anordnung
gesichert
werden. In einer solchen Zeit stehen wir heute. Die Bildung des
Deutschen
Reiches im Jahre 1870 bedeutet zunächst nicht einen Anfang,
sondern
ein Ende. Jetzt kommt entweder ein „neuer Kurs“ (wie Eure Majestät
vorlängst erkannte) oder gar nichts; und in letzterem Falle hat
Deutschland
versagt und geht langsam unter, von den Wellen eines yankeeisierten
Angelsachsentums
und eines tatarisierten Slawentums ereilt und ertränkt. Jetzt ist
der Augenblick, wo Zukunft aufgebaut wird. — — — — Wie steht aber ein
armer,
machtloser, vereinzelter Privatmann solchen Erkenntnissen
gegenüber
da? Und gar ein sogenannter „Ausländer“! Wollte er in politische
Konjunkturen
sich leitartikelnd mischen, so würde er sich zu den vom Grafen
Bülow
so trefflich verhöhnten Bierbankpolitikern gesellen. In das
Schweigen
der Studierstube ist er verbannt; seine einzige Waffe die Feder. Und
anderseits,
wie konnte ein solcher Geschichte studieren, ohne die Überzeugung
zu gewinnen, daß die Zukunft der deutschen Sache an das
Geschlecht
der Hohenzollern gebunden ist? Wie wäre es möglich, das
politische
Chaos des heutigen reichstäglichen Reiches zu erblicken, ohne zu
fühlen,
daß nur hier seine Hoffnung Boden findet? Wohl ist das ganze
deutsche
Volk mit seiner unvergleichlichen Sprache der Quell jener Kraft, ohne
welche
die Hohenzollern selber nichts wären; doch das politische Heil,
jenes
Gestalten der äußeren Geschicke, ohne welche die innere
Bestimmung
nicht zur Erfüllung gelangt, kann nicht vom Volke bewirkt werden.
In einer äußerst schwierigen Weltlage ist der einzige
Trumpf,
den das deutsche Volk in den Händen hält, der Besitz des
Hohenzollernhauses.
Nur die planmäßige Organisation bis ins letzte Detail, nicht
— wie beim Angelsachsen — die ungebundene Freikultur des
losgelösten
Individuums, kann Deutschland zum Siege verhelfen. Die politische
Massenfreiheit
hat abgewirtschaftet; dagegen kann Deutschland mit der O r
g a n i s a t i o n noch alles erreichen, alles! Hierin
vermag
es ihm keiner gleichzutun. Und an der Spitze dieser Organisation steht
als erster Deutscher der König von Preußen.
Können Eure
Majestät sich nun vorstellen, mit welchen Gefühlen ein Mann,
der solche Überzeugungen als freie Errungenschaft, als seines
Lebens
Leben im Busen trägt, die Hand dieses ersten Deutschen in der
seinen
gehalten hat? Auch hier mag ich keine Worte mehr beifügen; was ich
fühle, war mehr als Dank — etwas anderes als Glück.
Möge die
ungewöhnliche
Länge dieses Schreibens mir nicht als ein Mißbrauch der mir
erwiesenen Güte gedeutet werden. Da Eure Majestät meinem
Werke
so lebhaftes Interesse entgegenbringen und es als ein wirkliches Gut
für
das deutsche Volk zu betrachten geruhen, so fühlte ich mich
verpflichtet,
Ihr einen tieferen Einblick in die innere Werkstätte zu
eröffnen.
Eure Majestät wurden schon in öffentlichen Blättern
für
das meinen „Grundlagen“ bezeugte Interesse heftig angegriffen; um jene
Skribenten kümmere ich mich nicht, doch Eure Majestät hat das
Recht, genaue zu erfahren, wer ich bin.
Ich bin zu Ende.
Nur das eine bleibt mir noch zu sagen übrig: daß meine
Kräfte
Eurer Majestät stets zur Verfügung stehen. Sollte die zwar
allseitig
beschränkte, doch bestimmte Art meiner Begabung — zum Entwirren,
Disponieren,
gegliedert Auferbauen — jemals und sei es in noch so geringfügiger
Sache Eurer Majestät zu Nutzen oder zur Freude sich betätigen
können, so wäre ich stolz, dienen zu dürfen; und
inmitten
meiner Arbeiten finde ich — wie alle vielbeschäftigten Leute —
immer
noch Zeit. Ich mache mich anheischig, Eure Majestät jederzeit
davon
zu überzeugen, daß ein freiwilliger Untertan für
anderthalb
gilt.
Euer Kaiserlichen
und Königlichen Majestät sowie Ihrer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät der Kaiserin in tiefster Ehrfurcht und unwandelbarer Treue
ergebener Diener
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
27. und 28. Oktober 1901 bei Fürst Eulenburg auf Schloß
Liebenberg,
30. Oktober im Neuen Palais zu Potsdam.
141-144
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Neues Palais, 31. XII.
1901
Mein lieber Herr Chamberlain
Sie haben leider vollkommen recht,
wenn
Sie in dem Anfang Ihres packenden und ergreifenden Briefes der
Vermutung
Raum geben, daß ich wohl nicht über die Upanishads und
andere
indoarische Bücher Bescheid wisse; noch über die in denselben
enthaltenen schönen Aussprüche der Weisen über die
Herrscher!
Ich gestehe meine Unwissenheit offen ein und bitte um Gnade! Here
you
have me at a disadvantage! Aber es war auch Anfang der siebziger
Jahre
kein Mensch vorhanden, gerade unter meinen Lehrern nicht, der auch nur
im Entferntesten solche Kenntnisse aufgewiesen, kurz solche „Kultur“
gehabt
hätte!
Wir quälten
uns durch 1000 Seiten Grammatik, wir wandten sie an und gingen mit
ihrer
Lupe und Seziermesser an alles heran, von Phidias bis Demosthenes, von
Perikles bis Alexander und gar an unseren lieben großen Homer!
Und
während aller der hundertfachen „Zerlegungsoperationen“, die ich
an
den Erzeugnissen der Hellenen vornehmen mußte, von wegen der
„klassischen
Bildung“, da bäumte sich mein Herz in mir auf, das auch in mir so
lebendige Gefühl für Harmonie schrie in mir auf: „Das ist es
doch nicht, das kann es nicht sein, was wir aus dem Hellenentum
für
die Förderung des Germanentums brauchen!“ Und das noch dazu
unmittelbar
nach und unter dem gewaltigen Eindruck des Krieges 1870, der Siege des
Vaters und Großvaters! Diese hatten das Deutsche Reich
zusammengeschmiedet;
da hätten wir Jungens, das fühlte ich instinktiv, einen
anderen
Lauf unserer Vorbereitung bedurft, um nun die Arbeit in dem neuen Reich
fortzusetzen, da wäre unserer schwer bedrückten Jugend ein
Befreier
wie Sie vonnöten gewesen! Der die indo-arische Quelle uns
erschloß,
aber niemand kannte sie!
Und nun mußte
all das Urarische-Germanische, was in mir mächtig geschichtet
schlief,
sich allmählich in schwerem Kampf hervorarbeiten. Kam in offene
Gegnerschaft
zum „Althergebrachten“, äußerte sich oft in bizarrer Form,
oft
formlos, weil es mehr als dunkle Ahnung oft unbewußt in mir sich
regte und sich bahnbrechen wollte! Da kommen Sie, mit einem
Zauberschlage
bringen Sie Ordnung in den Wirrwarr, Licht in die Dunkelheit; Ziele,
wonach
gestrebt und gearbeitet werden muß; Erklärung für
dunkel
Geahntes, Wege, die verfolgt werden sollen zum Heil der Deutschen und
damit
zum Heil der Menschheit! Sie singen das Hohelied vom Deutschen und vor
allem von unserer herrlichen Sprache und rufen dem Germanen bedeutsam
zu:
„Laß ab von deinen Streitigkeiten und Kleinlichkeiten, deine
Aufgabe
auf der Erde ist: Gottes Instrument zu sein für die Verbreitung
seiner
Kultur, seiner Lehren! Darum vertiefe, hebe, pflege deine Sprache und
durch
sie Wissenschaft, Aufklärung und Glauben!“ Das war eine
Erlösung!
So! Nun wissen Sie, mein lieber Mr. Chamberlain, was in m i
r vorging, als ich Ihre Hand in der meinen fühlte!
Lassen Sie mich Ihnen
von tiefster Seele danken für dieses kostbare Juwel, welches Sie
mir
in Briefform übersandten! Wer bin ich, daß Sie mir danken?
Doch
nur ein armselig Menschenkind, das versucht, ein gutes Instrument
für
unseren Herrgott da droben zu werden. Das hat zur Folge, daß man
das Menschenkind nicht verstehen will, kann oder mag und ihm daher vor
allem das Leben so sauer zu machen sich bemüht als möglich,
weil
es eben ganz anders ist und ganz anderes will, wie bisher die und das
„Althergebrachte“
und „Landläufige“!
Nein! Fürwahr,
danken wir Ihm dort oben, daß Er es mit unseren Deutschen noch so
gut meint, denn Ihr Buch dem deutschen Volk und Sie persönlich mir
sandte Gott, das ist bei mir ein unumstößlich fester Glaube.
Sie sind von Ihm zu meinem Bundesgenossen erkoren, und ewig danke ich
Ihm,
daß Er es getan. Denn I h r e
gewaltige
S p r a c h e packt die Leute und bringt sie zum Denken und
natürlich auch zum Streiten! Angreifen! Was schadet es! Der
deutsche
Michel wird wach, und das ist für ihn gut, dann paßt er auf
und leistet etwas; und wenn er einmal zu arbeiten angefangen, dann
leistet
er eben mehr wie alle anderen. Seine Wissenschaft in seiner Sprache ist
eine Riesenwaffe, und es muß immer daran gemahnt werden! Denn
„Vernunft
— i. e. common sense — und Wissenschaft“ sind unsere
gefährlichsten
Waffen, zumal im Kampfe gegen die Totenmacht von „Ubiquitous“
Rom.
Dann, wenn durch Sie die germanischen Katholiken erst in den offenen
Konflikt
zwischen dem Germanen und dem „Katholem“, also „Römer“ gekommen
sind,
dann sind sie „erwacht“ und „Wissende“ geworden, dessen, was die
Beichtväter
ihnen verbergen möchten; daß sie in schmachvoller
Knechtschaft
gehalten sind für „Rom“ als Instrumente gegen „Deutschland“, also
„Eritis
sicut deus, scientes bonum et malum“. In dieser Hinsicht ist doch
eine
Bewegung zu bemerken, und Ihr Buch hat rasenden Absatz in den Kreisen
gefunden.
Gottlob. Erst für mich allein, dann an die um den Weihnachtstisch
versammelten Meinigen habe ich Ihren herrlichen Brief vorgelesen, unter
lautlosem Schweigen und tiefer Ergriffenheit aller Stände und
Geschlechter,
und die Kaiserin läßt Ihnen auch innigen Dank und Gruß
sagen!
Und nun Gottes Segen
und unseres Heilands Stärkung zum neuen Jahr 1902 wünsche ich
meinem Streitkumpan und Bundesgenossen im Kampf für Germanen gegen
Rom, Jerusalem usw. Das Gefühl, für eine absolut gute,
göttliche
Sache zu streiten, birgt die Gewähr des Sieges! Sie schwingen Ihre
Feder, ich meine Zunge, schlage auf meinen Pallasch und sage trotz
aller
Angriffe und Nörgeleien
dennoch!
Ihr treu dankbarer
Freund
Wilhelm I. R.
P. S. Der Verkehr
Harnacks bei mir hat „orthodoxe“ protestantische Pfarrer und Kreise arg
geängstigt. Das ist unseren Damen zu verstehen gegeben worden;
diese
haben dann auch Soireen, wo „positive“ Herren waren, besucht! Mein
Grundsatz
„Nur keine Voreingenommenheit“ ist den Leuten unbequem. Übrigens
hat
Harnack seine „Liegezeit“, um Ihr Werk zu lesen, als eine „erzwungene“
hingestellt! Ich bezweifle es, die Idee ist zu professorenhaft
wahrscheinlich!
144-148
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
4. Januar 1902.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
spreche Ich in tiefster Ehrfurcht und
aus bewegtem Herzen Dank für die gnädigen, schönen und
bedeutenden
Worte des Silvestertages aus. Mir war doch ein wenig bange; denn ich
hatte
in der vollen Erregung des empfangenen Eindrucks geschrieben, in jenem
überbewußten Zustand, in dem man gute Bücher
verfaßt;
und als ich nun nach und nach erwachte und als es der nüchternen
Alltäglichkeit
durch allerhand Widerwärtigkeiten gelungen war, die geistige
Temperatur
auf wenige Grad über Null herabzustimmen, da mußte ich
empfinden,
daß ich von der mir erteilten Erlaubnis einen nicht ganz
bescheidenen
Gebrauch gemacht hatte. Doch Eure Majestät haben alle Besorgnisse
zerstreut und mich dadurch beglückt und gestärkt; möchte
Gott mir die Bewährung des Dankes ermöglichen.
Jemand fragte mich
neulich: „Nun, was haben Sie für einen Eindruck vom Deutschen
Kaiser
gewonnen?“ Es war einer jener nörgelnden Deutschen, die sich nur
großartig
benehmen, wenn die französischen Armeen diesseits des Rheines
stehen,
und er schaute mich mit verschmitzten Augen an, offenbar begierig, wie
ich mich blamieren würde. Ich antwortete sehr langsam und
zögernd:
„Ja, wissen Sie, jetzt hab' ich's verstanden, daß Friedrich der
Große
Maupertuis, Voltaire und d'Alembert nach Potsdam einlud.“ Der Mann tut
keine weiteren Fragen.
Ich stecke
augenblicklich
bis über die Ohren in Philosophie. Der Zusammenhang zwischen
Mythologie
und Denken bei den arischen Völkern ist wert, studiert zu werden;
er klärt uns über uns selber auf. Daß z. B. schon im
Rigweda
die Hirten zu den Açvinen, den ritterlichen Göttern des
frühesten
Morgenlichtes (Kastor und Pollux) beten: — wie sie die Nacht
bekämpfen
und dem Tage die Tore des Himmels öffnen, so möchten sie auch
die geistige Nacht zerstreuen und den Menschen den Weg zum Wissen
weisen
—‚ ist rührend, nicht wahr? und von tiefer Bedeutung für die
Erkenntnis unserer Art. Wogegen, wenn dann der „heilige“ Ambrosius uns
versichert, „das Wissen ist eine schädliche Torheit“, wir ihm ein
kräftiges
Vade retro, Satanas! zurufen, überzeugt, daß,
wer uns der Natur abspenstig macht, uns auch von Gott hinwegführt.
Für die „Woche“
schrieb ich neulich auf Verlangen einen kleinen Aufsatz „Die Natur als
Lehrmeisterin: ein neues Bildungsideal“; doch scheint er den Leuten
nicht
gut genug zu sein, denn sie brachten ihn in der Weihnachtsnummer nicht,
für die er bestellt war. ¹ — Und ein anderes Mal ließ
ich
mich hinreißen, gegen den alten Rappelkopf und Konfusionsmeyer
Mommsen
eine Satire ² loszulassen. Wer müßte nicht vor Wut
schäumen
über diese professoralen Dummköpfe, die den Juden auf den
Leim
gehen und das Spiel den Jesuiten, als wären sie dazu bestellt,
machen?
Man sagt, ich habe über die Schnur gehauen; Frau Cosima Wagner und
andere gute Freunde schrieben mir entrüstet, trotzdem ich die
tiefste
Verbeugung vor dem großen Gelehrten als solchem gemacht hatte;
ich
werde mit den Prädikaten „erzklerikal“ und „antideutsch“
traktiert;
und einige Zeitungen sollen mich so maßlos geschmäht haben,
daß neulich ein Freund meine fünf Stockwerke
hinaufkletterte,
um nachzusehen, ob ich noch am Leben sei! Er fand mich höchst
vergnügt
und emsig, außerdem ahnungslos, da meine Hausgeister den ganzen
zugeschickten
Zeitungsschund zum Ofenanzünden monopolisierten. Dieser
Professorenaberglaube
ist in Deutschland fast eine Kalamität geworden. Ein Mensch, der
über
das Nervensystem der Maikäfer gelehrte Untersuchungen angestellt
hat,
darf über die kompliziertesten, ausgebreitetste Kenntnisse
erfordernden
und nur mit vorsichtigster Hand zu lösenden Aufgaben des
öffentlichen
Lebens ex tripode urteilen, und das deutsche Publikum, —
welches
Kanzlern und Ministern mit den Händen in den Taschen
spöttisch-ungläubig
zugehört hat — ruft einstimmig: „Hut ab! Jetzt spricht der
Professor!“
They
ought to be hung several pegs lower; auch der Wissenschaft
könnte
es nur dienen. — Infolge meiner Diatribe habe ich aber auch viele sehr
interessante Zustimmungen und Mitteilungen erhalten. Die wichtigste
Einsicht
besonnener Männer scheint mir die zu sein, daß die
Universitäten
immer weniger das L e h r e n — die unmittelbare
Wirkung
auf Geist und Charakter der Jugend, die Heranbildung aufwachsender
Geschlechter
zu bewußten, freien, tatkräftigen Germanen (nach dem
Beispiele
Fichtes) — und immer mehr fast lediglich die rein wissenschaftliche
Facharbeit
als ausschlaggebend betrachten. Es geht so weit, daß bedeutende
Gelehrte
nur deswegen von den Fakultäten nicht vorgeschlagen werden, weil
in
Erfahrung gebracht wurde, daß sie gut reden, — auf die
Zuhörer
hinreißend wirken. „Gott bewahre uns vor einem guten Dozenten!“
rief
ein kürzlich verstorbener Sanskritist aus in einer Sitzung der
philosophischen
Fakultät zu Berlin. (Prof. Harnack kann den Namen nennen.) Und ein
hervorragender jüngerer Theolog, der gern ein so dringend
notwendiges
Buch über die frühen christlichen Jahrhunderte zur
Aufklärung
des gebildeten Laienpublikums herausgeben möchte, schrieb mir in
diesen
Tagen: „Ich darf es nicht wagen; meine Laufbahn wäre gebrochen,
sobald
ich ein populäres, ein nicht ausschließlich rein
wissenschaftliches
Werk publiziert hätte.“ Also der Professor darf dem Volk nicht
dienen;
die Herren wollen untereinander sein! Heißt das nicht eine
verkehrte
Welt? „Wenn du zufällig die Redegabe erhieltest, so halt' 's Maul
und laß es dir nicht einfallen, weniger langweilig zu dozieren
als
wir, und wenn du zufällig schreiben kannst, daß wir dich nur
ja nicht außerhalb Poggendorfs Annalen erblicken, sonst wehe
dir!“
Einzig wenn es gilt, den regierenden Faktoren das Amt erschweren und
die
vaterländischen Pläne durchkreuzen, dann — ja! dann ist's was
anderes, dann, Professorlein, rede und schreibe und hetze, soviel du
nur
willst und kannst — — — —
Doch ich merke, ich
falle aus der philosophischen Kontemplation in die gallige Betrachtung
zuchtrutebedürftiger Philister. Und zu diesem Brief besitze ich
keine
Erlaubnis, sondern einzig die Pflicht, meinen tiefbewegten Dank
auszusprechen.
Vielleicht geruhen
Eure Majestät zum Schluß noch die Wünsche für das
Jahr 1902 anzunehmen, die ich eigentlich zu Beginn hätte
aussprechen
sollen. Ich glaube aber, der liebe Gott zählt nicht nach Jahren;
wir
wollen weder zu viel hoffen, für eine so kurze Spanne, noch
verzagen,
wenn diese wie eine Müde sticht; eine Freundin legte auf meinen
Weihnachtstisch
ein Gruppenbild aller Kinder Eurer Majestät: es gab mir das
beruhigende
Gefühl großer Dauerhaftigkeit des Guten.
Und jetzt nur noch
die sehr ergebene Bitte, Ihrer Majestät der Kaiserin und
Königin
meinen ehrfurchtsvollen Gruß auszusprechen und mich der
allerhöchsten
Frau zu Füßen legen zu wollen.
In Ehrfurcht und eherner Treue
Euer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
gehorsamer
Houston Stewart Chamberlain.
P. S. 1. Dem
kaiserlichen
Freunde der „Grundlagen“ wird folgende Tatsache Freude machen:
während
ich diese Zeilen schreibe, erhalte ich den schönsten Brief, den
ich
je über die „Grundlagen“ bekommen habe. Ein gewisser Dr. Max
Christlieb
(guter Name für einen Geistlichen), Pfarrer in Freistedt, Baden,
schickt
mir sechzehn Quartseiten in zierlicher Handschrift: lauter Anmerkungen,
die er beim Lesen gemacht hat — Ergänzungen an Literatur und
Tatsachen,
Druckfehler, sprachliche Verbesserungen, höchst interessante
Annotationen
—‚ es muß ein riesig belesener Mann sein, der auch die ganze Welt
kennt und jahrelang in Asien gelebt hat. Und zum Schluß ganz
schlicht:
„Ich bitte Sie, diese paar Notizen eines Mannes, der sich bemüht
hat,
sich die Unbefangenheit nach allen Seiten zu wahren, so aufzunehmen,
wie
sie gemeint sind, als bescheidene Handreichung, als Kärrnerarbeit
für einen König, und als Ausdruck meiner tiefen Dankbarkeit
für
die köstliche Gabe, die mir Ihr Buch gebracht hat.“
2. Wasser auf die
Mühle von Sanssouci: Bruno nennt Aristoteles einmal (siehe Explicatio
trigenta sigillorum, ed. Tocco II, p. 133)
s o p h i s t i c a e
n a t
u r a e p a t e r A r i s t o t e l e s !
—————
¹
Der Aufsatz erschien in Nr. 43/47 des „Tag“ (Berlin) 1902,
wiederabgedruckt
in „Rasse
und Persönlichkeit“.
²
„Der voraussetzungslose Mommsen.“ Die Fackel (Wien), Nr. 87/1901.
148-165
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II. 20. 2. 1902.
Eurer Kaiserl. und Königl.
Majestät
überreiche ich in aller
Ehrfurcht
das erste Exemplar des Vorworts
zu der vierten Auflage meiner
„Grundlagen“;
es zu tun hielt ich für eine Pflicht und hoffe, daß Eure
Majestät
kein ungehöriges Sichaufdrängen darin erblicken werden. Ich
lebe
ja glücklich in der vollsten Zurückgezogenheit und raffiniere
darauf, wie ich der Aufmerksamkeit der Großen und Kleinen dieser
Welt — namentlich auch der Mittelmäßigen — entgehen kann, um
in ungestörter Ruhe arbeiten zu dürfen; doch wäre es
strafwürdiger
Undank, wenn ich je der schönen Tage von vor einem Jahre vergessen
und des mächtig fördernden Interesses, das meinem Werke von
allerhöchster
Seite zuteil wurde, uneingedenk bleiben wollte. In dem Innersten
Sanktum
meiner völlig abgetrennten Arbeitswohnung, dort, wo nie ein
Unberufener
den Fuß hinsetzt, steht das mir so gnädig geschenkte
Erinnerungsbild,
und ich darf wohl sagen, in guter Gesellschaft. An der Wand neben dem
Schreibtisch
hängt Leonardos Heilandskopf aus der Brera (ein bißchen
mehr,
als ich's in den „Grundlagen“ Wort haben mochte, bin ich doch Ikonodul,
und ohne den beständig nahen Anblick des Gottmenschen
vermöchte
ich es nicht, zu schaffen und zu streiten); über dem Stehpult
hängt
ein fast unbekanntes, herrliches Porträt Kants, das eine Freundin
für meine kurzsichtigen Augen in riesiger Größe
abphotographieren
ließ; Goethe von Jagemann — und das heißt Goethe als
Mensch,
nicht als Exzellenz und Geheimrat — ist rechts vom Tische angebracht
und
Richard Wagner in dem ergreifenden letzten Augenblicksbild, kurz vor
seinem
Tode aufgenommen, links. Keinem anderen Manne hatte ich bisher den
Eintritt
gestattet. Für das Bildnis Eurer Majestät habe ich nun einen
ganz besonderen Platz geschaffen. Meine Wände sind ja von der
Decke
bis zum Fußboden mit Büchern bedeckt, und nie hätte ich
mich entschließen können, von den genannten großen
Schutzgeistern
irgendeinen zu entfernen; und so habe ich das Bild in einem schlichten,
ornamentalen, bronzenen Stehrahmen auf einem Dokumentenschrank
aufgestellt,
wo ich es täglich notwendigerweise so und so oft in die Hand
nehme,
wo ich es früh aus der Sonne heraus und nachmittags in das rechte
Licht rücken muß; und wenn ich in der Arbeit des Ausdenkens
und Gestaltens versenkt bin, gehe ich an diesem Schranke auf und ab und
bin also viel in Unterhaltung mit Eurer Majestät. Ein Bild an der
Wand sieht man nach zwei Tagen nicht mehr; dieses erblicke ich an jedem
Tage wiederholt mit sehenden Augen. Und spaziere ich so auf und ab
zwischen
dem Bilde Christi und dem Bilde des Kaisers, so kommen mir gar
häufig
die Worte des Evangeliums in den Sinn: Gebet Gott, was Gottes, und dem
Kaiser, was des Kaisers, und ich meine, gerade dieser Ausspruch
wäre
so recht ein Motto für die Richtung, die mein Leben genommen hat.
Das alles soll mir
und meiner Sendung zur Entschuldigung dienen. Ich lebe zu sehr in der
Gegenwart
Eurer Majestät, als daß ich es mir hätte versagen
können,
diesen neuen Beitrag zu dem Gebäude der „Grundlagen“
eigenhändig
zu Füßen zu legen.
Das Vorwort zur
dritten
Auflage behandelte eine persönliche Angelegenheit und war somit
von
beschränktem Interesse; das neue Vorwort dagegen enthält
ausschließlich
Auseinandersetzungen von grundsätzlicher Bedeutung, und zwar 1.
über
Dilettantismus, 2. zur Rassenfrage, 3. über Semitismus in der
Religion
und 4. über die römische Hierarchie. Und da ich in diesem
Vorwort
die Ansicht ausgesprochen habe, ein Autor solle den Mut haben, auch zu
irren, und sich nicht feige hinter Phrasen verschanzen, so will ich
gleich
hier in diesem Begleitschreiben die Theorie in die Praxis umsetzen und
auf die Gefahr hin, inkorrekt zu sein, mich nicht hinter gewundenen
Phrasen
halb erraten lassen, sondern offen gestehen, es läge mir viel
daran,
daß Eure Majestät diesem Vorwort eingehende Beachtung zu
schenken
geruhten. Abgesehen von der beständigen Beschäftigung mit den
wichtigen hier behandelten Themata, habe ich jetzt ungefähr zwei
Monate
heißer Arbeit auf die Herstellung dieser wenigen Seiten
verwendet.
Ich tat es insofern ungern, als es eine schlimme Unterbrechung in
meinem
Kantbuch verursachte; doch
empfand ich, daß es nötig war, nötig
nämlich für die klare, mißverständnislose Wirkung
des Werkes und der durch das Werk in Umgang gesetzten Ideen.
Der kurze Abschnitt
über Dilettantismus spricht für sich.
Bei der Rassenfrage
ist eine völlig klare Formulierung um so nötiger, als die
praktische
Befassung mit dieser für die Zukunft der Menschheit wichtigsten
aller
Fragen nicht nur durch die allgemeine Unwissenheit und
Gleichgültigkeit,
sondern noch — durch zwei Klassen von sonderbaren Schwärmern
eigentümlich
erschwert wird: einerseits durch die Rassendogmatiker und
Hypergermanen,
deren Luftschlösser alle vernünftig erwägende
Männer
abschrecken, anderseits durch die sogenannten „empirischen Forscher“,
die
niemals aus den Tatsachen ein Fazit zu ziehen verstehen, sondern immer
vermeinen, der morgige Tag werde durch irgendeine „wissenschaftliche“
Entdeckung
das Dunkel aufhellen —‚ wo doch das Dunkel nur im eigenen Kopfe
herrscht
und der Mensch, sobald er will, immer so viel weiß, als er
für
die Gestaltung seines Lebens zu wissen braucht.
Wenn die Zeitungen
die Rede nicht arg entstellt haben, muß neulich der Bischof von
Ripon
— doch ein erzgescheiter Mensch — wieder manches Grundfalsche über
diese große Frage vorgebracht haben. Hier ist das kirchliche
Christentum
ein wahrer Fluch für die Menschheit geworden; und die
Naturwissenschaft,
unter der verhängnisvollen Leitung durchaus beschränkter
Köpfe,
wie Virchow, hat mit ihrem demokratischen Dogma der Rassengleichheit
den
Kirchen nur Vorschub geleistet. „Habt ihr Augen zum Sehen?“ möchte
man mit Christus ausrufen. Die gesamte lebende Natur zeigt uns die
Tatsache
von Rasse als Grundlage aller außerordentlichen Leistungen, und
die
Geschichte der Menschheit bestätigt sie auf jedem ihrer
Blätter
als Ursprung aller edelsten Kunsttaten, und nun soll alles nicht
gelten,
weil es den Pfaffen und den Demagogen nicht in ihren Kram paßt!
In der Schweiz traf
ich diesen Sommer einen sehr interessanten Mann, einen alten Freund.
Als
sogenannter „Liberaler“ und außerdem als fromm gläubiger
Protestant
gehörte für ihn — früher — das Dogma von der Gleichheit
aller Menschen und von der zu ersehnenden Verschmelzung aller Rassen in
eine Einheit zu den unerschütterlichen, undiskutierbaren
Wahrheiten.
Inzwischen aber hat er fünfzehn Jahre in den südlichen
Staaten
Nordamerikas gelebt und die Westindischen Inseln bereist, und nun ist
er
zurückgekehrt, erfüllt von der aus lebendiger Anschauung
geschöpften
Überzeugung:
L'humanité entière est perdue si elle
ne s'avise à temps de l'abîme où elle se
précipite
par le mélange des races. — Der Münchner Zoolog Doflein
— ebenfalls als geschworener Virchowianer, Menschheitsrechtler usw. zu
einer wissenschaftlichen Reise in die Antillen entsendet — ist ebenso
entsetzt
zurückgekehrt. Von Haiti erzählt er: „Das Reisen ist im
Innern
gefährlicher geworden als zur Zeit des Kolumbus“ — ein
schöner
Fortschritt der Kultur! Und über die Vereinigten Staaten meint er
in bezug auf diese Rassenfrage: „Eine offene und direkte Gefahr
existiert
zwar kaum, aber die soziale und nationale Gefahr ist um so
größer“
(Reiseskizzen eines Naturforschers, 1900, S. 69). — Die Weißen
tun
ja in den Vereinigten Staaten instinktmäßig, was sie
können,
um die Schwarzen abzuwehren, und wenden hierzu oft die grausamsten
Mittel
an; doch auf die Dauer wird das alles nichts nützen, und mein
Freund
ist fest überzeugt, daß nicht nur die südlichen
Staaten,
sondern auch die nördlichen (wo die Neger immer zahlreicher
werden)
im Laufe der Zeit an dieser Blutmischung rettungslos zugrunde gehen
werden.
Es genügt ja eine einzige, einmalige Kreuzung, damit nach drei
oder
vier Generationen lauter Neger geboren werden — weil eben (wie in den
„Grundlagen“
hervorgehoben) die geistig schwächeren Rassen stets geschlechtlich
stärker sind. Wir haben ja das geschichtliche Beispiel vor uns.
Als
edelste Zuchtrasse stiegen die Arier vom mittelasiatischen Hochplateau
nach Indien hinab; durch drakonisch strenge Kastengesetzgebung
schlossen
sie sich von den das Land bewohnenden Drawiden, den
„Schwarzhäuten“
oder „Affen“, wie sie sie nannten, ab; doch als Buddha — von ganz
ähnlichen
Menschheitsschwärmereien wie die Christen bewegt — die Gleichheit
aller Menschen verkündet und hiermit die schützenden Gesetze
niedergerissen hatte, stürzte das minderwertige Blut in Fluten
hinein
(genau so wie in Rom nach Caracalla). — Und was sehen wir jetzt? Hat
das
edle Blut das weniger edle zu sich hinaufgeläutert? Nein;
ebensowenig
wie dies bei Tieren und — analogisch — bei Pflanzen geschieht. Sondern
ein herrlichstes Volk der Erde — Krieger, Könige, Sänger,
Denker,
Ackerbauer — ist für immer zugrunde gegangen, verschwunden,
ausgelöscht,
für die Menschheit verloren. Was würde in der heutigen
Weltlage
ein großes arisches Herrschervolk in Indien für die
Menschheit
bedeutet haben! Der sogenannte „nüchterne Politiker“ überlege
sich das, so nüchtern wie er will, und dann gestehe er redlich,
daß
es außer der opportunistischen Politik von heute auf morgen auch
eine große konstruktive Politik geben sollte, welche die
grundlegenden
Tatsachen der Natur wissenschaftlich verwertete.
Freilich, das
Beispiel
des Negerblutes ist ein extremes. Doch genau dasselbe — nur etwas
langsamer
— geschieht durch jede nivellierende Vermischung zwischen verschiedenen
Rassen, respektive zwischen rassigen und rasselosen Menschen. So dringt
z. B. das jüdische Blut immer wieder durch. Ich kenne einen
wackeren
Professor der Literaturgeschichte, einen echt deutschfühlenden
Mann,
der ein unverfälscht deutsches Mädchen heiratete und nun
höchlich
entsetzt ist, aus dieser Verbindung Kinder hervorgehen zu sehen, die
alle
so ausschauen, als wären sie aus assyrischen Monumenten
losgelöst
— die unverkennbarsten, widerwärtigsten Semitengesichter, die man
sich denken kann, und die entsprechenden Anlagen. Die Mutter des guten
Mannes war eben eine „Getaufte“ gewesen; und nun kommt — durch die
Vermischung
hervorgelockt — das rein Semitosyrische viel kräftiger zum
Vorschein
als vorher, wo es in dem vermischten Judenblute halbversteckt gelegen
hatte!
Während einer oder zwei Generationen wird es noch in dieser
Familie
ein Hin- und Herschwanken geben; dann werden alle Nachkommen
endgültig
Syrosemiten sein, und mit den entsprechenden moralischen und
intellektuellen
Anlagen als „deutsche“ Richter, Professoren, Offiziere, Abgeordnete
wirken.
— Und was für die Juden gilt, gilt auch für die anderen
ungermanischen
Rassen Europas. Wie mangelhaft — leider! — die Statistik noch ist, es
läßt
sich trotzdem zahlenmäßig nachweisen, daß das
Ungermanische
unaufhaltsam vorbringt und das Germanische — in meinem weiten und
weitherzigen
Sinne des Slawokeltogermanentums — zurückweicht. Wenn wir uns also
nicht jetzt entschließen, dieses Problem resolut ins Auge zu
fassen
und Rasse grundsätzlich zu züchten, so wird es bald zu
spät
sein, und unsere germanische Art ist für immer verloren. Das ist
keine
Phantasterei, sondern eine sichere, nachweisbare Tatsache. Wer sie
verkennt
und dennoch für Rassenvermischungen (außer denen zwischen
nahe
verwandten, edlen Stämmen) weiterschwärmt, übernimmt
eine
schwere Verantwortlichkeit, denn unter der Flagge von „Humanität“
fördert er den Untergang der Menschheit.
In meinem Vorwort
habe ich diesen Ton nicht anschlagen wollen, da es mir angemessener
scheint,
in erster Reihe Aufmerksamkeit und Interesse in ganz allgemeiner Weise
für solche Fragen zu wecken; daraus ergibt sich dann der Boden
für
die so sehr zu erwünschenden genauen Erhebungen (z. B. über
die
Rassenverhältnisse des Deutschen Reiches); und in letzter Reihe
bilden
sich nach und nach die endgültigen praktischen Entschlüsse
und
Maßregeln zur Reife aus. Eurer Majestät habe ich hier nur
einen
kleinen Kommentar zu der Lektüre des betreffenden Abschnittes
mitgeben
wollen.
Was nun die Rasse
für die Physis, das ist die Religion für die Psyche; und
wiederum
treffen wir dieselbe eigentümliche Koalition, die unser Verderben
betreibt: die Pfaffen und die Demokraten; diesen beiden ist der Jude
und
im weiteren Sinne der Semit heilig; unsere Bibelgläubigen und
unsere
Freidenker: beide verkünden, Religion und Ethik stammen von den
Semiten.
Und zwar verkünden sie es um so lauter und aufrichtiger, als
unsere
Demokraten in der Mehrzahl und unsere Theologieprofessoren in
großer
Zahl Juden oder Judenstämmlinge sind.
Wie ich in dieser
Frage denke, ist Eurer Majestät aus den „Grundlagen“ bekannt.
Nichts
auf der Welt liegt mir so sehr am Herzen, wie die Wiedergeburt reiner
und
glühender Religiosität, und hier weiß ich mich mit
Eurer
Majestät völlig einig. Kant hat ein herrliches Wort: „Da der
Souverän keinem Menschen verantwortlich ist und gleichwohl doch
verantwortlich
sein muß, so muß er dem einigen absoluten Herrn der ganzen
Natur verantwortlich sein. Ein Souverän m u
ß
also von Gesinnungen der Religion erfüllt sein.“ Doch Kant
wußte,
was ich weiß, daß die Religion, die für die Juden
paßte,
nicht für uns Arier paßt, und er wußte, daß sie
im Widerstreit steht mit dem, was Christus — der Nichtjude — lehrte.
Unser
innerstes Seelenleben wird ja zerrissen durch einen aufgezwungenen
historischen
Glauben, der allem, was wir — dank unserer organisch gewachsenen,
wahrhaftigen
Wissenschaft — w i s s e n und allem, was wir —
dank den denkgesetzlichen Notwendigkeiten unserer erhabenen Philosophie
— d e n k e n, schnurstracks widerspricht. Die
semitischen Wahngedanken müssen als solche erkannt, das Gespinst
historischer
Fälschungen, das unseren freien Geist umgibt, muß
abgestreift
werden, damit wir endlich überhaupt Religion bekommen — Religion
an
Stelle von bloßer Superstition.
Doch kaum regen wir
die Flügel, und gleich ist der Semit schon da — oder der
semitische
Gedanke, was auf eins herauskommt. Ich mußte dies an einem
Beispiel
dartun, und zwar ausführlich; in dem Werk selbst sind die
Ausführungen
zu theoretisch und historisch, der Leser findet die Brücke
hinüber
in die Welt der Praxis nicht. Diese Brücke habe ich nun in dem
Vorwort
zur 4. Auflage zu bauen gesucht. Ich habe den Semiten (oder
Semitomanen,
gleichviel) in der unmittelbarsten Gegenwart des Jahres 1902 am Werke
gezeigt;
habe gezeigt, wie unfähig er ist, die religiösen
Grundgedanken
zu fassen, habe gezeigt, wie er selbst für die offenkundigsten
Tatsachen
blind wird und nicht einmal mehr der logischen Elementarregeln gedenkt,
sobald er sein Steckenpferd bestiegen hat. Dann aber habe ich versucht
anzudeuten, welcher Schatz sich vor uns auftut, sobald wir unsere
heiligen
Bücher — z. B. Genesis I und II — mit offenen, freien Augen lesen
gelernt haben, und wie recht wir daran täten, den Kräften zu
trauen, die Gott selber in unsere Seele gesenkt hat. — Zu diesem
Beispiel
habe ich Professor Friedrich Delitzschs „Babel und Bibel“ erwählt;
ein klassischeres könnte man schwerlich finden. Einige Zeit lang
habe
ich gezaubert, da ich vernommen hatte, daß Eure Majestät
diesem
Gelehrten Beweise besonderer Gnade zuteil werden ließen. Doch das
geht mich Privatmann schließlich nichts an; Delitzschs Verdienste
als Assyriolog bestreite ich nicht; ich habe es auch nicht auf die
Person
Delitzschs abgesehen, sondern lediglich auf die Sache; und da zum
Überfluß
Delitzsch mich — der ich doch auch Beweise kaiserlichen Wohlwollens
besaß
— in der betreffenden Rede direkt verspottet hat, war ich um so mehr
berechtigt,
keine Schonung zu üben. Ich durfte überzeugt sein, daß
ein lover of fair play urteilen würde: Was dem einen
recht,
ist dem anderen billig. Sophokles — wenn mein Gedächtnis mich
nicht
irreführt — sagt irgendwo:
Dem König allein
Geziemt's zu sagen, was er denkt.
In manchen Fällen mag es sich wohl
so verhalten. Doch in noch häufigeren, meine ich, ist es das
Vorrecht
des Gekrönten, schweigen zu dürfen und den sich unter seinen
Augen bekämpfenden Richtungen die gleiche unparteiliche
Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen. Mehr erhoffe ich mir auch in diesem Falle nicht
als die Erlaubnis, meine Sache unbehindert verfechten zu dürfen,
und
als die Gnade, daß, was ich nun meinerseits im Namen des
Indogermanentums
vorbringe — des zu Ehren der Semiten von Delitzsch so schmählich
verlästerten
—‚ nicht ungehört und unbeachtet bleibe.
Die Ausführungen
sind in diesem Abschnitt des Vorwortes einigermaßen
umständlich;
das konnte nicht anders sein. Auf Leichtfertigkeit konnte ich nicht
meinerseits
wiederum leichtfertig antworten. Und es ist weit bequemer, ein
derartiges
Truggebäude aufzurichten, wie Delitzsch es tat, als den Trug
selbst
nachzuweisen. Es durfte keine Lücke bleiben. Daß Delitzsch
miserabel
schlecht abkommt, tut mir leid; ich habe nicht dreimal — wie sonst —‚
sondern
zwanzigmal revidiert, um möglichst alles Verletzende zu entfernen;
die bloße Wucht der Tatsachen erdrückt ihn. Ich hoffe, Eure
Majestät werden es sich die Mühe nicht verdrießen
lassen,
auch den philologischen Ausführungen Satz für Satz zu folgen:
es lohnt sich; und nur aus dem Detail ergibt sich hier Erkenntnis.
Köstlich
ist es zugleich zu sehen, wie diese verschiedenen Gelehrten — von denen
ein jeder sich mindestens so unfehlbar wie der Papst zu Rom vorkommt —
sich alle untereinander widersprechen.
In selbstlosester
Weise haben mich fünf Fachmänner — ein Assyriolog
(Schüler
Delitzschs und Halévys),
ein Semitist, ein Sanskritist, ein
Germanist,
ein Hellenist — bei dem philologischen Teile unterstützt, das
heißt,
mir diejenigen sachlichen Auskünfte und Belehrungen erteilt, ohne
die ich Ungelehrter das Delitzsche Bei- und Blendwerk nicht bis auf die
Wurzel auszutilgen vermocht hätte.
Der letzte Abschnitt
des Vorwortes erfordert keinen Kommentar. Hier handelt es sich nicht,
wie
im vorangehenden Falle, um Minen und Gegenminen, sondern um einen Kampf
auf offenem Felde und mit heruntergelassenem Visier. Rom ist ein
politischer
Gegner; man weiß, woran man mit ihm ist; dieses Wissen muß
aber in weite Kreise getragen werden. Das bezwecken die wenigen Seiten,
die ich deswegen zugleich in einer der verbreitetsten
Zeitschriften¹
Deutschlands veröffentlichte.
Das lange
Begleitwort
bitte ich gnädigst zu entschuldigen. Ich hätte noch so viel
zu
sagen! Und ich glaube fast, Eure Majestät sind selber nicht ganz
ohne
Schuld daran; denn die prächtigen Posener Worte mit der für
jeden
freien Germanen so wohltuenden Hervorhebung des großen
Königs
haben mich veranlaßt, seine Korrespondenz mit Voltaire nach
langer
Zeit wieder einmal vorzunehmen, und zwar zu wachsender Begeisterung
für
den einzigen Mann, der wert ist, den Hohenzollern für alle Zeiten
ein höchstes Muster echter Königsart zu bleiben. Wie
schätzt
und schützt er die Freiheit anderer, auch wo diese ganz von seiner
Anschauung abweichen! Und wie unerschütterlich fest ist er dennoch
im Befehlen! Wie sehr ist er Weltbürger im weiten Verstand des 18.
Jahrhunderts, wie phrasenlos „Mensch“ unter Menschen — und zugleich,
was
für ein fanatischer Preuße und wie ganz „König“ von dem
Scheitel bis zur Sohle! Doch der große König hat mir's
angetan,
ich lasse mich unwillkürlich gehen, als wäre ich so eine Art
Voltaire, der während vierzig Jahren seines Lebens das kostbare
Vorrecht
genoß, so oft und so ausführlich es ihn gelüstete, an
den
Monarchen zu schreiben. Zwischen ihm und mir ist aber ein weiter Weg;
weder
über die fabelhafte Begabung noch über die Gemeinheit des
Charakters
— und beide kamen ihm zustatten — verfüge ich.
Doch da ich einmal
die Feder in der Hand halte und soeben von Rom und von den Posener
Worten
die Rede war, muß ich Eure Majestät auf einen herrlichen
Satz
aufmerksam machen. Der König hat soeben ein Buch getadelt, das er
zu heftig antirömisch fand, und fährt dann fort: „J'approuve
donc fort la méthode de donner des nazardes à
l'infâme
en le comblant de politesses.“ (Brief vom 16. März 1771.) Ist
das nicht köstlich? — Gut ist auch, was er von den katholischen
Priestern
sagt, es sei so schwer: „A leur marquer la différence qu'il
y
a entre persécuter leur religion ou exiger d'eux qu'ils ne
persécutent
pas les autres.“ (Brief vom 25. November 1770.) Das könnte
heute
gesprochen sein von Wilhelm II.
Wie beglückt
ich war, das nie auszudenkende Wort Goethes ² nunmehr durch die
Aachener
Rede zu weltgeschichtlicher Bedeutung erhoben zu sehen, bedarf kaum der
Versicherung. Ich möchte einen ganzen Aufsatz zur Ausführung
dessen, was Eure Majestät hier andeutete, schreiben. Wenn ich
einmal
dazu komme, den schon längst vorbereiteten Artikel „England und
Deutschland“
zu schreiben, so wird das vielleicht geschehen. Denn nach meiner
Überzeugung
liegt hierin das ganze Programm für Deutschlands Zukunft.
Deutschland
ist dazu bestimmt — oder sagen wir, w ä r
e
dazu bestimmt —‚ das Herz der Menschheit zu werden; jedes andere Volk
ist
jetzt endgültig ausgeschaltet; entweder wird Deutschland es sein,
oder wir lösen uns überhaupt in ein herzloses Chaos, in den
vom
Bishop
of Ripon ersehnten Urbrei charakterbarer Rassenlosigkeit auf.
Groß
ist eben jetzt die Welt; das Herz muß darum ein kräftiges,
fehlerloses
sein. K o n z e n t r a t i o n und
O r g a n i s a t i o n: in diesen Worten liegt
Deutschlands
Zukunft — wenn es eine haben will. Nie wird es mit dem Angelsachsentum
durch die Methode der Entbindung der Individuen zu atomistischer
Wirksamkeit
konkurrieren können. Es kreist zu viel slawisches Blut im
deutschen
Volke, und außerdem liegt eine zu abweichend gestaltende
Entwicklung
hinter ihm. Dieser Atomismus ist aber auch ebensowenig für
Deutschland
zu erwünschen, wie der ihm in der Philosophie entsprechende
Materialismus
für die Geistesbildung ein Vorteil ist. Für das, was er
„Freiheit“
nennt, hat der Engländer seine wirkliche, innere Freiheit —
diejenige,
die er zur Zeit seiner absoluten Monarchen, eines Heinrich VIII., einer
Elisabeth, in so hervorragendem Maße besaß — aufopfern
müssen;
er ist jetzt ein willenloses Herdentier geworden, mit dem ein paar
Zeitungen
und eine Handvoll Politiker machen, was sie wollen; und eine Krone, die
seine Freiheit beschützte, besteht nicht mehr, sie ist rettungslos
entkräftet und hinfürder kaum etwas mehr als ein Kopfputz.
Zugleich
ist der Engländer im Begriff, in dem wilden Kampf der Atome seine
Kultur zu verlieren. Einstens war England die Mutter der
Universitäten;
im Oxford des 13. Jahrhunderts hatten einzelne Lehrer so viele Tausende
von Zuhörern, daß sie ihren Unterricht im Freien geben
mußten,
und England versah ganz Europa mit Gelehrten. Heute verhält sich
nach
der letzten Statistik die Sache folgendermaßen: in Deutschland
besucht
1 Mann von 213 die Universität und erhält also in
größerem
oder geringerem Grade die Befähigung zu einer wahren Kultur des
Geistes
(wobei, wenn ich nicht irre, die Polytechniker nicht mitgerechnet
sind);
in England kann sich nur ein Mann unter 5000 (fünftausend) diesen
Luxus gestatten! Und brächte man die überwiegende Zahl der
anglikanischen
Theologen in Abrechnung — deren erbärmliches Einpauken alter
Formeln
in Deutschland gar nicht Hochschulbildung genannt werden würde —‚
so wäre das Verhältnis ein noch weit ungünstigeres. Doch
die Bildung allein ist an und für sich keine nationale Kraft; sie
muß organisiert werden. Der diesjährige Präsident der British
Association, Professor Dewar, sprach neulich — halb unbewußt
— ein tiefes Wort. Er hatte soeben ausgeführt, daß die
deutschen
Chemiker den englischen „um zwei Generationen voraus sind“, wodurch er
sich erkläre, daß Deutschland immer mehr das Monopol der
chemischen
Industrie erwerbe; dann fährt er fort: „To my mind, the really
appalling thing is not that the Germans have seized this or the other
industry,
it is that Germany possesses a n a t i o n a
l
w e a p o n o f p r e c i s i o n
which
must give her an enormous initial advantage i n
a n y a n d e v er y c o n t e s
t
d e p e n d i n g u p o n d i s c i p l i n e
d
a n d m e t h o d i s e d i n t e l l e c t.“
(Rede in extenso in der Zeitschrift „Nature“ vom 11.
September
1902, p. 462 ff.) Nun, ich behaupte, in jedem „contest“ wird „disciplined
and methodised intellect“ den Sieg davontragen, im „contest“
der Nationen nicht weniger als in dem der chemischen Fabriken; nur
muß
natürlich — wie es mit der Armee geschah — die intellektuelle
Leistungsfähigkeit
diszipliniert werden und die Politik es verstehen, daraus einen „national
weapon“ zu schmieden. Wir sind an einem weltgeschichtlichen
Wendepunkt
angelangt. Nie, so weit die Geschichte zurückreicht, hat eine auch
nur ähnliche Weltlage wie heute geherrscht; wie sollten denn die
alten
Einrichtungen standhalten? Der Angelsachse hat sich nun automatisch das
Alte dem Neuen angepaßt; das war Happy-go-lucky-Arbeit.
Die
neue Welt ist aber das Werk der Wissenschaft (einschließlich
Technik),
und die Wissenschaft ist es, die sie beherrschen wird —‚ wenn sie will.
Nicht — oh, beileibe nicht! — der Philosoph, wie unser edler alter
Plato
wollte, wohl aber die planmäßig und diszipliniert
handelnde,
w i s s e n s c h a f t l i c h g e d r i l l t
e
Nation. Diesen Weg — den der steigenden Komplikation des organischen
Ganzen
und der wachsenden Unterordnung des Individuums — weist uns, im
Gegensatz
zu den schönen Phrasen der Revolution und zu jener politischen
Dilettanterei,
die sich Liberalismus nennt, die gesamte Natur. Er mag nicht sehr Ideal
sein; er führt aber einzig zum Erfolg bei den Anlagen
Deutschlands.
Und übrigens, sehen wir nicht in der Wissenschaft, in der
Industrie,
auf allen Pfaden des Lebens, daß mehr und mehr nach
Zeitersparnis,
nach Vereinfachung der Mittel gestrebt wird? Die gerade Linie ist der
kürzeste
Weg zwischen zwei Punkten: diese alte Wahrheit tritt jetzt erst als
gesetzgebend
auch im Gebiet der Praxis auf; denn bei der Verwickeltheit unseres
heutigen
Lebens ist es unmöglich, daß wir zu Rand kommen, wenn wir
sie
nicht beherzigen. Der Angelsachse „simplifiziert“, der Deutsche
muß
„vereinfachen“; der Angelsachse spart Zeit für das praktische
Leben,
indem er die Kultur opfert, der Deutsche muß Zeit sparen, indem
er
zugunsten jenes „national weapon“ — der Kultur seines
Intellektes
die politischen Methoden summarischer und wissenschaftlicher gestaltet
und es somit erreicht, daß in kurzer Zeit ein weiter Weg
zurückgelegt
wird. Zur wahren organischen Unterordnung — nicht Sklaverei —
gehört
eine höhere Bildung, als sie das englische System erfordert oder
auch
nur gestattet. Wie der Engländer sein Bestes vereinzelt, so
leistet
der Deutsche sein Bestes in Gemeinschaft. Dem Angloamerikanismus kann
Deutschland
nur dadurch den Rang ablaufen, daß es eine völlig andere
Methode
verfolgt und als geschlossene Einheit — diszipliniert und methodisiert,
wie unser guter Dewar richtig sagt — auftritt. Deutschland — dessen bin
ich fest überzeugt — kann innerhalb zweier Jahrhunderte dahin
gelangen,
die gesamte Erdkugel (teils unmittelbar politisch, teils mittelbar,
durch
Sprache, Kultur, Methoden) zu beherrschen, wenn es nur gelingt,
beizeiten
den „neuen Kurs“ einzuschlagen, und das heißt, die Nation zum
endgültigen
Bruch mit den angloamerikanischen Regierungsidealen zu bringen. Die
Freiheit,
die Deutschland braucht, ist die Freiheit, wie Friedrich sie verstanden
— unbeschränkte Freiheit des Denkens, der Religion, der
Wissenschaft
— nicht die Freiheit, sich selber schlecht zu regieren.
„Äußerlich
begrenzt, innerlich unbegrenzt“ ist auch für diese Erkenntnis die
Formel; nach jeder Richtung hin muß sie Parole werden. Würde
sie es, so machten mir keine Zahlen bange. Ein rassenbewußtes,
vom
Mittelpunkt aus bis in die Extremitäten, trotz der
Sondercharaktere
der verschiedenen Stämme, einheitlich organisiertes und
zielbewußtes
Deutschland würde — wenn auch an Einwohnerzahl weniger reich als
das
Angelsachsentum und das Russentum — dennoch, zugleich durch
äußere
Macht und durch innere Geisteshöhe, die Welt beherrschen.
Doch wieder ist die
Feder mit mir durchgegangen! Einen angemessenen Schluß finde ich
vielleicht, wenn ich zu meinen eigenen kleinen Angelegenheiten
zurückkehre
und Eurer Majestät melde, daß ein reicher süddeutscher
Fabrikant (der ungenannt zu bleiben wünscht) die Summe von 10 000
Mark gestiftet hat zur Verbreitung der „Grundlagen“. Der Mann schrieb
an
mich und wollte, daß ich die Ideen der „Grundlagen“ auf wenige
Seiten
zusammendränge und in möglichst populäre Form
umgieße,
wofür er dann — nebst einem großen Honorar an mich — die
Verbreitung
zu Hunderttausenden von Exemplaren auf seine Kosten in Szene setzen
wollte.
Ich weigerte mich natürlich und suchte ihm begreiflich zu machen,
daß aus derartigen demagogischen Wirkungen nie etwas Gutes
hervorgehen
könnte, und sagte ihm, i c h jedenfalls
würde
niemals daran teilnehmen; vielmehr käme es mir einzig auf die
Verbreitung
grundlegender Ideen unter den Gebildeten und Führenden an, aus
denen
vielleicht nach und nach einiges Gute hervorgehen könnte. Das
wirkte
wohl wie eine kalte Dusche; denn der gute Mann hatte schon von einem
„neuen
Hutten“ gesprochen, und nun war diese Hoffnung dahin. Außerdem
hatte
ich ihm gesagt, meine Lebensarbeit sei schon für mich
vorgezeichnet,
und ich beabsichtige nicht, nach rechts oder nach links davon
abzuweichen,
am allerwenigsten geize ich aber nach der Bewunderung des
süßen
Pöbels (aus den oberen, mittleren und unteren Volksklassen). Und
siehe
da, es war doch ein braver, guter deutscher Mann. Er war zwar
enttäuscht
und schreibt mir auch jetzt hin und wieder Briefe mit Ratschlägen,
die ich nicht befolge; an meinen Verleger aber zahlte er 10 000 Mark
ein
zur Verbreitung der „Grundlagen“; ungefähr 850 Exemplare werden
infolgedessen
jetzt an Lehrerbibliotheken und ähnliche Anstalten zur Verteilung
kommen, was um so dankbarer zu begrüßen ist, als das Werk —
wie ich höre — auf allen größeren Bibliotheken so
andauernd
mit Beschlag belegt ist, daß Leute in kleinen Städten, wenn
sie nicht in der Lage sind, es zu kaufen, es niemals zu Gesicht
bekommen
können. Ich hoffe, das Beispiel des wackeren Huttenschwärmers
wird „kontagiös“ wirken und so nach und nach die Verbreitung durch
ganz Deutschland bewerkstelligen.
Dagegen hat sich
die von Eurer Majestät gewünschte englische Übersetzung
bis zur Stunde nicht verwirklichen lassen. Einen ganz vortrefflichen
Übersetzer
hätte ich, und Dr. Strong — librarian to the House of Lords
— hat sich (wie ich erfahre, denn persönlich kenne ich ihn nicht)
energisch für die Sache verwendet. Doch man schreibt mir,
daß
Sir Rowland Blennerhassett, der irische Ultramontane und
Deutschenfresser,
von Verlag zu Verlag gelaufen ist, um alle gegen mein Werk aufzuhetzen.
Man sieht, wie Antigermanen und Antiprotestanten das Werk
fürchten.
Mir steht in England kein Einfluß zu Gebote, fähig, diesen
feindlichen
zu überwinden.
Und nun bleibt mir
nur noch — last but not least — die untertänige Bitte,
Ihrer
Majestät der Kaiserin — falls sich die allerhöchste Frau
meiner
noch entsinnt — in dankbarster Verehrung zu Füßen gelegt zu
werden. (Die „Worte Christi“, für die sich Ihre Majestät zu
interessieren
geruhten, sind inzwischen in holländischer und in schwedischer
Übersetzung
erschienen; eine zweite deutsche Ausgabe wird bald nötig sein und
dann wahrscheinlich in kleinerem Format, zu billigerem Preise,
herauskommen.)
— Auch jedem der Anwesenden an jenem für mich unvergeßlichen
Abend des 30. Oktober 1901 habe ich ein dankbares Gedächtnis
bewahrt:
Gräfin Brockdorff, Gräfin Keller, Graf Keller, Fräulein
von Gersdorff, Minister von Lucanus, General von Scholl,
Kapitänleutnant
Grumme, Herr von Trotha — alle haben durch die Güte und Nachsicht,
mit welcher sie dem plötzlich bei Hof eingeschneiten Fremdling
begegneten
— sich einen dauernden Platz in meinen Gehirnwindungen verdient. Selbst
den guten Lakaien, der mich so sorgfältig pflegte wie ein
Kindermädchen
das Baby, und der ein ebenso merkwürdiges Deutsch sprach, wie etwa
hierzulande die böhmischen Ammen, habe ich nicht vergessen. Es
lebt
und webt alles und jedes aus jenen Tagen, das Große und das
Kleine,
das Entscheidende und das Geringfügige. Schwer bis zur
Unmöglichkeit
ist es, sich eines guten Rufes würdig zu erweisen, doch in einem
Punkte
werde ich — das weiß ich — dem besten stets Ehre tun,
nämlich
in bezug auf die ehrerbietige, innigst treue Dankbarkeit, mit welcher
ich
bin
Euer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
in Ehrfurcht ergebener Diener
Houston Stewart Chamberlain.
P. S. — Den
Korrekturabzug
eines Aufsatzes über England, der nächsten Monat in Lohmeyers
Zeitschrift in Berlin erscheint, bin ich so frei beizulegen, weil ich
voraussetze,
daß er Eure Majestät interessieren könnte und
vielleicht
sonst nicht zu Gesicht käme.
Den
allerehrerbietigsten
Dank für die meinem Onkel Sir Neville Chamberlain ³ erwiesene
letzte Ehre möchte ich nicht unterlassen auszusprechen, wenn es
auch
sofort durch die bevollmächtigten „executors“ im Namen der
Familie geschah. Der letztüberlebende Bruder aus meines Vaters
Generation,
Lieutenant-General Sir Crawford Chamberlain, hätte gern
persönlich
an Eure Majestät deswegen geschrieben, sagte mir aber damals, er
getraue
es sich nicht. Ob er sich inzwischen eines Besseren besonnen,
weiß
ich nicht. Mit Sir Neville schwand das letzte Familienmitglied hin, das
für mich und meine Arbeiten (die er aber nicht lesen konnte)
Interesse
hatte.
Jetzt — nach der
Unterbrechung des Vorwortes — begebe ich mich in strikteste Klausur auf
mehrere Monate, um mich ausschließlich dem Studium von Plato und
der Arbeit an dem Kapitel „Plato“ und „Entwicklungslehre“ meines
Kantbuches
zu widmen. Höchstens möchte ich noch ein Wort für die
Rumänen
einlegen. Vor einigen Jahren hatte ich einen Aufsatz über die
rumänische
Judenfrage 4 geschrieben, der mich
dort
zu einer Art Berühmtheit gemacht hat; er soll in Tausenden von
Exemplaren
durch das ganze Land verbreitet sein. Und jetzt schreiben mir die armen
Leute Brief über Brief und flehen mich an, ihnen in ihrer
Bedrängnis
beizustehen; auch standten sie mir manches Interessante an
authentischen
Darstellungen der Lage. Doch schließlich, was vermag
i c h? Ihnen zuliebe wollte ich wenigstens meinen
früheren
Aufsatz jetzt als Flugschrift deutsch herausgeben; doch mein Verleger
geriet
sofort in zitternde Angst und schrieb mir: drei Viertel aller Dozenten
und Professoren der Philosophie in den Ländern deutscher Zunge
seien
Juden oder Judenknechte, und mein Ruf sei schon miserabel genug unter
ihnen;
veröffentliche ich aber ein Pamphlet zugunsten der Rumänen,
so
würden sie wie ein Mann meinen „Kant“ gleich beim Erscheinen
zermalmen.
— Ich glaube, der gute Mann irrt sich in bezug auf das Zermalmen; das
geht
heute nicht mehr so leicht; und mehr hassen, als jetzt schon,
könnten
sie mich auch kaum. Was mich persönlich unschlüssig macht,
ist,
daß ich nicht gern etwas täte, was mich in den Ruf
brächte,
als mischte ich mich in die Tagespolitik. Von allen Pfuschereien ist
mir
die politische die verhaßteste. Damals war es eine theoretische
Rundfrage
gewesen: Sollen die Rumänen allen Juden die Naturalisation und mit
ihr zugleich die politische Gleichberechtigung und das Recht auf
Grunderwerb
einräumen; und ich — der ich solche Sachen sonst immer in den
Papierkorb
werfe — hatte empfunden, hier wäre Schweigen eine Feigheit, und
zwar
um so mehr als Mommsen, Zola usw. den armen Leuten schon die
üblichen
Humanitätsmühlsteine, statt Brot, gereicht hatten; und so
schrieb
ich und zeigte an der Geschichte Englands — das ja während der
Jahrhunderte
seines Werdens keinen einzigen Juden im Lande duldete —‚ daß eine
junge Nation notwendig zugrunde gehen muß, wenn sie 16% Juden
beherbergt
und diesen den Zutritt zum Bodenbesitz und der Regierung offen
läßt;
in fünfzig Jahren wären die Rumänen samt und sonders nur
noch Heloten der Juden. Doch augenblicklich ist die Frage gar sehr
aktuell,
für die Behandlung durch einen Privatmann, und ich sehne mich aus
ganzer Seele nach Ruhe und Abgeschiedenheit.
Höchst
bemerkenswert
in bezug auf diese herrliche Ruhe ist folgende Tatsache: daß
nämlich
die Indoarier tatsächlich g a r k e i n
e
S i e g e s b e r i c h t e z u r ü c k g e l a s s e
n
h a b e n, trotzdem sie von jeher Krieger waren, ihre
Könige
stets Soldaten und ihre oberste Gesellschaftsklasse die der
Waffenhelden.
Während die dem Herzen unseres guten D. so teuren semitischen
Monarchen
(Hammurabi & Cie.) jedes Scharmützel ihrer Söldner gleich
in Ton einbrennen und in Granit einbauen ließen zu ihrem ewigen
Ruhmesangedenken
— wobei sie nachgewiesenermaßen häufig wie gedruckt logen —‚
gibt es über alle die Kriegszüge, die Schlachten und die
Heldentaten
der Jahrtausende währenden indoarischen Geschichte kein einziges
Dokument
— nur Gedichte, und zwar Gedichte, in denen auch der Feind gerühmt
wird.
Folgendes fand ich
neulich in dem katholischen Priesterblatt „Pastor Bonus“ (Trier).
Abgefallene
Priester vergleichen sie „g e f a l l e n e n G
ö t t e r n“. Ergo ist jeder römische Priester
ein
G o t t! — Auf der einen Seite diese blöde Blasphemie,
auf der anderen „Los von aller Religion“; wahrlich, wir sollten
zusammenhalten,
wir hätten Veranlassung dazu genug.
—————
¹
„Die Fackel“ Nr. 92/1902 „Katholische Universitäten“,
wiederabgedruckt
in „Rasse
und Persönlichkeit“.
²
„Grundlagen“, S.
663.
³
Feldmarschall. 4
Über
die Judenfrage in Rumänien. Nuova Revista Romana (Bukarest)
X/1900.
165-168
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Neues Palais, 21. XII.
1902.
Lieber Mr. Chamberlain.
Auf die Gefahr
hin,
in den Verdacht der Aufdringlichkeit zu kommen und in Ihre Arbeit
über
das Kantbuch störend einzugreifen, bitte ich Sie, mir diese
Antwortzeilen
zu vergeben. Wir Könige stehen ja bekanntlich leider in dem Rufe,
meist in nur losem Konnex mit der Göttin der Dankbarkeit zu
stehen,
und da muß ich doch das Meine dazu tun, daß ich Ihnen
gegenüber
nicht in solchem Lichte erscheine! — Innigen und herzlichen Dank
für
Ihren Brief und die Beilage. Ich habe beide sorgfältig und
öfters
durchstudiert und darüber nachgedacht. Die Hauptpunkte, unsere
Zukunft,
ihre Aufgaben betreffend, habe ich als Programm in Görlitz „point
blanc“, wie der Brite sagt, unter die Zuhörer gefeuert. Ich
war
ja so froh, daß Sie dem, was ich innerlich fühlte und was in
mir rang, in so lapidarischer Weise Form und Worte verlieben hatten.
Ich
beobachtete die Gesichter, gespannte Aufmerksamkeit und Staunen war da
zu lesen. Es war ganz etwas anderes, als sie erwartet hatten, und es
war
etwas Neues! Zu meinem Erstaunen habe ich bald erfahren und gesehen,
daß
im Lande die Aufnahme eine günstige war. Von den
Universitäten
und Professoren war das natürlich, und von dort klang es hell und
dankbar zurück. Aber auch „Nichtfachleute“ hatte es gepackt. Nur
die
Orthodoxie von rechts und links grollte! Sie hat einen argen Schreck
über
die „Weiterbildung unserer Religion“ bekommen und kaut seitdem an dem
Ausdruck
herum, ohne ihn verstehen zu wollen oder zu können. Möge das
Samenkorn Frucht bringen! Ihre vier Essays — exklusive Rasse — habe ich
im Kreise der Meinen vorgelesen und haben wir herzhaft diskutiert und
verhandelt.
Ja das Alte Testament! Und gar die Genesis! Ei! Ei! Das waren doch gar
überraschende Dinge, die Sie daraus mitteilten, und ungern
läßt
man vom Althergebrachten. Aber ich habe den Eindruck, daß doch
allmählich
es klar wird, worauf es dabei ankommt, und das habe ich bei den
Kontroversen
stets betont. Wir haben den Heiland, und der muß für uns die
Hauptsache sein und voranstehen, und mit dem muß man sich
völlig
beschäftigen. Von dem aus kann man auf das Alte Testament
„rückwärts
konstruieren“!
He is a fact! Zumal für uns; was vor ihm war,
ist eine Erläuterung, soweit sie nachweisbar ist, ein Hinweis auf
Ihn! Aber für uns jetzt muß absolut das „Ich aber sage euch“
des Herrn Jesus Christus gelten. —
Wie richtig und
zugleich
wundervoll sagen Sie, daß für den Menschen es unmöglich
ist, für transzendentale Dinge sich Form oder Begriff zu machen —
i. e. von Gott —‚ daß aber wir ja in der glücklichen Lage
sind,
einen Anhaltspunkt, einen Hinweis zu haben: denn „Christus ist ja
Gott“,
Er hat sich in ihm offenbart! —
Das schlug vollkommen
durch, und nachdem die nötige Menge von Broschüren aus
München
nachbestellt waren — in Berlin waren keine mehr zu haben —‚ gehen jetzt
alle unsere Damen mit Ihrem Vorwort unter dem Arm umher und fallen
ahnungslose
Geistliche an, die es zu lesen bekommen. Ich habe die Broschüre an
viele Freunde, Geistliche, auch katholische Damen gesandt. Habe
überall
reges Interesse gefunden, wobei mir zu meiner großen Freude ein
älterer
Stabsoffizier sagte, daß diese Schrift unsere Leutnants sehr
interessieren
werde, da fast jeder junge Offizier des Gardekorps die „Grundlagen“
studiere
und bespräche! Nun noch ein Wort von Delitzsch. In Ihrer
Behandlung
des Vortrages von Bibel und Babel gehen Sie von der Ansicht aus,
daß
er im semitischen Sinne und Interesse gearbeitet habe. Wir alle, die
den
Vortrag hörten, haben diesen Eindruck nicht gehabt. Er war von
seiner
Materie sehr erfüllt und begeistert und ging doch auch dem Alten
Testament
zu Leibe, insofern er die Ansicht zum erstenmal öffentlich
aussprach,
daß in der Genesis hauptsächlich Mythen und
Überlieferungen
seien. Das erregte damals schon einen ganz ungeheueren Sturm unter
Damen
und Pastoren, daß er ganz fürchterlich mitgenommen wurde und
nur wenig Verteidiger fand. Bei den Diskussionen verschwand das
„Semitische“
völlig, und es blieb nur das Assyriologische oder rein
Religiöse
übrig, je nach dem Standpunkt des Betreffenden. Aber ich habe
nicht
den Eindruck gehabt, daß er uns „semitisch“ hat „einspinnen“
wollen,
dazu ist es ein zu einfacher und ehrlicher Mensch. Er ist eben von
einem
mehrmonatigen Ausflug nach Babylon heimgekehrt und wird Anfang
nächsten
Monats einen neuen Vortrag halten, bei dem er auch Ihren Aufsatz
widerlegen
will. — Neulich erzählte uns ein Landgeistlicher aus einem Dorf an
der russischen Grenze, dem ich Ihre „Grundlagen“ geschenkt hatte,
daß
er das Kapitel über die Erscheinung Christi einem aus seiner
Kirche
ausgetretenen Atheisten zu lesen gegeben. Derselbe habe es ihm tief
erschüttert
zurückgebracht und habe unter Tränen um Wiederaufnahme in die
Gemeinde und die Sakramente gebeten und sei ein frommer Christ
geworden!
— Sie haben eine Seele gerettet, das herrlichste, was ein Mensch
vollbringen
kann, mögen Sie unser deutsches Volk, unser Germanentum retten,
dem
zum Helfer und getreuen Eckhardt Gott Sie gesandt hat! — Zur
Weihnachtsgabe
sende ich Ihnen ein Bild¹, einen historischen Moment darstellend,
an welchem aus britischem Munde ein gewaltiges Wort fiel, auf das wir
stolz
sind! Nun a merry Christmas and a happy New Year mit Gottes
reichstem
Segen wünscht herzlich in treuer Freundschaft
Ihr
Wilhelm
I. R.
—————
¹
„Germans
to the front.“
168-188
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
4. 2. 1903
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
traute ich mir nicht, den
ehrerbietigen
und tiefempfundenen Dank für die mir am Weihnachtsabend, Punkt 7
Uhr,
zuteil gewordene, mich wahrhaft beglückende, zwiefache Bescherung
schon früher auszusprechen; mit Rücksicht auf die Jahreszeit
und ihre für gekrönte Häupter so sehr gehäuften
Pflichten
mußte ich fürchten, lästig zu fallen; dazu kommt,
daß
ich selber fast unausgesetzt krank war, vielfach auch bettlägerig;
und habe ich auch in Fiebernächten manchen gar so schönen
Brief
an Eure Majestät in Gedanken geschrieben, der Tag brachte nur
Mattigkeit
und völliges Unvermögen. Jetzt erhole ich mich langsam und
darf
vielleicht hoffen, diese Zeilen an einem Tage zu Füßen zu
legen,
der mir unendlich viel teurer ist als der konventionelle Jahresanfang.
Gottes Wege sind unerforschlich; doch wenn ein Mann mit noch
größerer
Inbrunst als alle anderen zum Himmel betet, Eure Majestät
möge
lang in voller Geisteskraft regieren, so ist es gewiß der
Einsiedler
von der Blümelgasse. Denn er steht ja abseits; für sich hat
er
weder zu fürchten noch zu hoffen, da er vom Monarchen nichts seine
Person Betreffendes zu wünschen hat; und eine solche
Lebensstellung
macht eigentümlich hellsichtig, und wer hellsichtig ist,
weiß,
was die Regierung eines solchen Monarchen zu bedeuten hat.
Es ist ein
schmerzliches
Vorrecht, Deutschland so zu lieben, wie ich es liebe. Wie angenehm
wäre
es, um das Sternenbanner der Dollardynastien zu tanzen! Wie bequem
für
den geborenen Engländer, sich dem Taumel des „greater England“
hinzugeben! Doch für mich war anderes bestimmt; mich hat die
Vorsehung
einen anderen Weg geführt. Aus den Dollars werden immer wieder nur
Dollars entstehen, weiter nichts; geistig leben wird Amerika nur genau
so lange, wie der Strom europäischer Geisteskraft ununterbrochen
dorthin
fließt, nicht einen Augenblick länger; jener Weltteil
erzeugt
Sterilität, das ist nachweisbar; er hat ebensowenig eine Zukunft
wie
eine Vergangenheit; die Hauptsache ist, daß wir Europäer uns
mit weisester Voraussicht gegen die halbtausendjährige Gefahr des
mechanischen Zertretenwerdens wappnen und so imstande seien — komme,
was
mag —‚ ein Bruchstück wahrer Kultur künftigen Geschlechtern
gerettet
zu übermachen. Ungleich interessanter ist das Imperium
Britannicum.
Doch die Engländer sind auf eine schiefe Bahn geraten. Wie im
nachcaracallischen
Rom der civis romanus ist der civis britannicus jetzt
ein
rein politischer Begriff geworden; während die klugen Franzosen
die
Naturalisation immer schwerer machen, so daß man im besten Falle
nach vielen Jahren die vollen Bürgerrechte empfängt, kommt es
in England nur auf einen Paß an, der 2 Shillings und 6 Pence
kostet,
und der jedem Basutoneger ohne weiteres zur Verfügung steht; bald
wird es in ganz Europa keinen Gauner größeren Stils geben,
der
sich nicht „Engländer“ nennt. In fünfzig Jahren wird der
englische
Adel eine reine Geldoligarchie sein, ohne jede Rassensolidarität
und
ohne irgendeine Beziehung zum Thron; als ich bei meinem letzten Besuch
in England nach einer großen Anzahl new-fledged Lords
mich
erkundigte und erfuhr, es seien Bierbrauer, Tintenfabrikanten, Reeder,
fügte man erläuternd hinzu: „Nowadays whoever has got 3
millions
sterling is a peer.“ Und die Krone selbst? Hier können wir
erfahren,
welche unvergleichliche idealisierende Gewalt im echten monarchischen
Prinzip
ruht. Höchste Macht und höchste Verantwortlichkeit: das sind
die zwei Faktoren, die diesem Gedanken Größe geben. Ein
König
verkörpert gleichsam den idealen Gedanken, aus dem die ganze
Nation
hervorgeht; hier wird sichtbar, was sonst, an tausend Orten zerstreut,
nur fragmentarisch sich behauptet. In England aber hat die Oligarchie,
unter dem Deckmantel des Konstitutionalismus, dem König jede
Verantwortlichkeit
und damit zugleich — mit logischer Notwendigkeit — jede Macht genommen;
nicht einmal seine Minister kann er ernennen. Sehr bald wird ein
englischer
König kaum etwas mehr sein als ein Mittelpunkt für den
gesellschaftlichen
Snobismus. Ich lege hier den Finger nur auf den einen Punkt: er ist
aber
bezeichnend für den Bankrott des Idealismus in England auf der
ganzen
Linie —, und mit diesem schwindet die wahre Lebenskraft und beginnt die
zunehmende Elefantiasis der plumpen Materie bis zur endgültigen
Erdrosselung
der Seele. Wir Menschen sind aber darauf angewiesen, eine Seele zu
haben
und zu pflegen; sonst sind wir weder mehr noch weniger als elektrisch
beleuchtete,
drahtlos telegraphierende Affen.
D i e
W ü r d e d e s M e n s c h e
n:
das ist es, was jetzt in Deutschlands Händen ruht; was Schiller zu
den Künstlern spricht, das kann man dem ganzen deutschen Volke
zurufen:
Der Menschheit Würde ist in
eure Hand
gegeben;
Bewahret sie!
Sie sinkt mit euch, mit euch wird
sie sich
heben.
Und das ist keine
Schwärmerei;
es ist leidenschaftslose Erkenntnis, wie sie wohl in dieser Klarheit
nur
einem zuteil werden kann, den die Vorsehung aus jedem
süß-wiegenden
nationalen Vorurteil losgelöst hat, um ihn abseits in die
Einsamkeit
zu führen. Sowohl die Gesamtleistung des deutschen Volkes, wie
auch
— ganz besonders — die unvergleichlichen Genies, die dieses Volk — und
in den letzten zwei Jahrhunderten dieses Volk allein — hervorgebracht
hat,
zeigen mit unwidersprechlicher Genauigkeit, daß hier der
Mittelpunkt,
das schlagende Geistesherz der Menschheit ist (womit die großen
Verdienste
ringsumher in keiner Weise verkannt oder verkleinert werden sollen,
noch
zu werden brauchen).
Der Dichtung heilige Magie
Dient einem weisen Weltenplane
sagt wiederum Schiller — und (um diese
Bemerkung
gleich einzuschieben) welches Land hat einen zweiten Schiller? Wo kann
man unter den vielen verdienten und geistvollen Literatoren unserer
Zeit
einen einzigen finden, der als moralische Macht, der als fortwirkende
nationale
Kraft das bedeutete, was Schiller für die Deutschen — und durch
Vermittlung
der Deutschen für die ganze Welt — bedeutet? Man stelle nur den
ihm
am nächsten verwandten und an Begabung ihm völlig gleichen
Lord
Byron neben ihn! Aufbauen, Emporfliegen, Festgegründetsein,
moralische
Verantwortlichkeit, glühende Vaterlandsliebe bei dem einen; bei
dem
anderen Niederreißen, Frivolität, Auflösung, Egoismus,
zynische Verhöhnung des eigenen Volkes. Ein englischer Dichter von
Genie k a n n heute nur im Gegensatze zu seinem
Volke auftreten; um das Ideal des „make your heap“ kann keine
gottverwandte
Kunst sich ausbilden. Und nur die „heilige Magie“, die einem „weisen
Weltenplane“
dient — denn im Gegensatz zu der „Wissenschaft“ des Herrn Professor
Delitzsch
glaube ich an eine göttliche Lenkerhand und glaube an eine
Offenbarung
—‚ wo sehen wir sie am Werke? Dichterische Weltgenies jetzt
ausschließlich
im deutschen Volke. Beethoven ist eine der größten Gewalten,
eine der unmittelbarsten göttlichen Offenbarungen, die je unserem
Geschlechte entwuchsen. Hier steht das Genie katexochen vor uns, das
rein
poetische Genie, der Dichtung heilige Magie losgelöst aus aller
Zeitlichkeit,
aus aller Zufälligkeit des Wortes und des Begebnisses, der reine
Ausdruck,
die Sprache der Zukunft, die Sprache eines höheren Geschlechtes,
das
noch ungeboren in unserem eigenen Schoße kreist. Hier lodert
Gottes
Gegenwart heller vor unseren Augen auf als in dem Busche am Sinai, und
wenn irgendwo, dann vernehmen wir hier eine Stimme, die der Seinen
verwandt
sein mag. Und ich frage: wo konnte diese Stimme ertönen, wenn
nicht
einzig in der Brust eines Deutschen? Zugleich mit diesem
Übermenschlichen
gebar aber Deutschland den vollendeten Menschen: Goethe. Wie
können
die Leute denn so kurzsichtig sein, nicht einzusehen, daß gerade
die Größten tiefere Wurzeln in ihre Umgebung treiben als
alle
anderen? Goethe ist geradezu eine Verkörperung des Deutschen; er
hat
alle seine Fehler und alle seine Tugenden; er ist gleichsam die
Steigerung
ins Gigantische des alltäglichen deutschen Bürgers und
Gelehrten
und pflichttreuen Beamten; insofern hatte sogar der scharfsinnige
Lessing
nicht so ganz unrecht, als er in übelgelaunter Stunde von Goethe
urteilte,
er sei „ein ganz gewöhnlicher Mensch“ — ja gewiß ein ganz
ungewöhnlicher
gewöhnlicher Mensch war er. Und wenn wir sagen, dieses Unikum in
der
Geschichte der ganzen Menschheit war von Kopf zu Fuß ein
Deutscher,
was sagen wir dann anderes, als daß nur Deutschland dieses
Phänomen
erzeugen konnte? Da haben wir nun die beiden entgegengesetzten Pole der
Menschennatur: das rein Dämonische und das abgeklärt
Menschliche,
die eruptive Gewalt des titanenhaften, alle Materie
zertrümmernden,
in ein göttliches Jenseits entfliehenden Gemütes und die
architektonische,
auferbauende Kraft des naturverwandten, seine Leidenschaften
bändigenden,
olympisch heiteren Weisen, beides Höhepunkte, beides
hinfürder
Diktatoren im Reiche aller menschlichen Kultur und beides Deutsche.
Zugleich
mit ihnen lebte und schuf jener dritte Diktator, der als Erster den
Menschengeist
wirklich befreit hat, der Denker, an dem seitdem jede Weltanschauung —
selbst die absurder, selbst die gegen ihn gerichteten — angeknüpft
hat, und dessen gesetzgebende Gedankengewalt erst jetzt zur wahren
Geltung
kommen wird — denn es braucht mehr als ein Jahrhundert, damit die
Menschen
eine solche kopernikanische Umwälzung aller unserer
Grundvorstellungen
zu begreifen beginnen; und konnte Kant etwas anderes sein als
Deutscher?
Aus Schottischem Blute entsprossen, mußte er in Deutschland
geboren
werden, um das a u s s p r e c h e n z
u
k ö n n e n, w a s e r d a c h
t e und was keine Übersetzungskunst ins Englische zu
übersetzen
vermag. Die höchsten Gedanken, deren der Menschengeist heute
fähig
ist, können nur in der deutschen Sprache einen adäquaten
Ausdruck
finden! Können wir denn achtlos an einer solchen Tatsache
vorübergehen?
Ist es zu viel, wenn wir behaupten:
Der Menschheit Würde ist in
eure Hand
gegeben? —
Und dann wieder jene freilich noch lange
nicht genug und nicht richtig gewürdigte, stupende Erscheinung:
Richard
Wagner. Meiner Überzeugung nach ist er der größte Poet
der Menschheit. Drei Namen bezeichnen die absoluten Höhepunkte:
Homer,
Shakespeare, Wagner. Doch — wenn in solchen Dingen das Vergleichen
überhaupt
einen Sinn hat — dürfen wir sagen: sowohl in bezug auf
gedrängte
Gestaltungskraft, wie auch in bezug auf Reichtum, Bestimmtheit und
Gewalt
des Ausdrucksvermögens ist Wagner der größte. Und wie
Kant
ein höchstes Denken, das nur deutsch gedacht werden kann, so hat
Wagner
ein Kunstwerk geschaffen, welches so unauflöslich mit der
deutschen
Sprache verknüpft ist, daß es auseinanderfällt, sobald
ein einziges Wort verschoben wird. (Diesen Mann, wie es die Zeitungen
für
die Denkmalsenthüllung ankündigen, nur mit Singsang und
musikalischem
Kongreß feiern, ist allerdings bittere Ironie; ein Triumphlied
von
Bach, Beethovens Schlacht bei Vittoria, im Theater Sophokles' Antigone
und Shakespeares Macbeth, dazu dann in geschlossenem Saale die
Prunkrede
eines N i c h t m u s i k e r s über den
dichterischen
Hochwert sowie auch über die d e u t s ch
e
Bedeutung dieses glühenden Patrioten, der wie Luther von sich
hätte
sagen können: „Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen
will
ich dienen!“: so ungefähr könnte man ihn würdig feiern.)
Hat Schiller recht,
gibt es einen weisen, göttlichen Weltenplan, dem der Dichtung
heilige
Magie dient, dann können wir Sterbliche das eine mit Sicherheit
enträtseln,
daß in diesem Plane dem deutschen Volke eine besondere Rolle
zufällt.
Doch auch abseits
von der Dichtung gilt dasselbe. Freilich ist die Suprematie
Deutschlands
auf dem Gebiete der Wissenschaft augenblicklich wohl in der
Gesamtleistung
als Masse, nicht aber in bezug auf die leitenden Genies so klar
ausgeprägt
wie auf dem Gebiete der Poesie. Das kommt aber daher, daß die
Wissenschaft
sich noch in einem Übergangsstadium befindet, vergleichbar etwa
dem
Zustande der Poesie am Anfang des 18. Jahrhunderts. Es fehlt noch die
ideale
Weltanschauung, und so lange sie nicht da ist, kann der Deutsche sein
Höchstes
nicht leisten. Auf der Naturwissenschaft lastet der Druck des
Materialismus
und der borniertesten Empirie. Nur dadurch erklärt es sich,
daß
tüchtige, doch durchaus untergeordnete Geister wie Virchow, Dubois
Reymond, Koch usw. eine führende Rolle spielen konnten,
während
Männer ersten Ranges wie Helmholtz
philosophisch hilflos
herumtappen
und strahlende Genies wie Heinrich Hertz wirkungslos blieben, als
hätten
sie nie gelebt. Doch es kommt ein neuer Tag, ich weiß es. Und ist
er erst da, so wird der deutsche Geist mit einem einzigen Satze sich in
der Wissenschaft ebenso in die erste Reihe der leitenden Geniusse
schwingen,
wie er es in den hundert Jahren, die von Götz zu den
Meistersingern
führen, auf poetischem Gebiete getan hat. Heute ist die
Perspektive
noch ganz verschoben, und ein Darwin steht vor unseren Augen in
ungeheuer
übertriebener Größe; es ist die Epoche der
Vorherrschaft
der mittelmäßigen Geister; doch das Bild wird sich von
selbst
zurechtrücken, wenn erst die wahrhaft großen Gedanken das
Heft
ergriffen haben werden.
Das alles,
Majestät,
gehört zu meinem Geburtstagsgruß. Denn patriotische Phrasen
sind mir verhaßt und konventionelle Glückwünsche
ebenfalls.
Es handelt sich um gar ernste Dinge, um nichts Geringeres — wir sahen
es
—‚ als um die Würde der Menschheit. Und was würde nun diese
überreiche
Begabung, die Gott Deutschland anvertraut hat, was würde diese
Last
an „Talenten“ und damit auch an Verantwortung nützen, wenn nicht
die
p o l i t i s c h e Möglichkeit gegeben wäre,
dieses
Volk am Leben zu erhalten, es zu ernähren, zu erstarken und seine
Sprache als Träger seiner Kultur über die ganze Erde
auszubreiten?
Und muß nicht gerade hier, wer Deutschland liebt und seine
Mission
erkennt, Stunden der Verzweiflung durchleben? Hat man je ein in bezug
auf
politischen Instinkt so armseliges Volk gesehen? Ich möchte
manchmal
mich einschließen und darüber weinen — so jammervoll ist der
Anblick. Und warum hoffen wir doch? Inwiefern sind wir berechtigt zu
sagen:
ja, auch in politischer Beziehung ruht sichtbar die Hand Gottes auf
diesem
Volke; es kann und wird seine hehre Aufgabe erfüllen? Der eine
einzige
Umstand, in welchem Deutschland den anderen führenden Nationen
gegenüber
politisch im Vorteil ist, das ist der Besitz des Königsgeschlechts
der Hohenzollern. Blicken wir umher, nirgends sehen wir mehr eine
Dynastie,
die eine moralische Macht bedeutet; es ist tief betrübend, aber es
ist so; der Almanach de Gotha mag die hohen Namen in goldener
Lettern
drucken, die Geschichte aber schreitet wie eine Naturmacht daher, die
nur
vor Tatsachen und nicht vor Worten zur Seite weicht. Physisch,
moralisch
und intellektuell muß ein Königsgeschlecht hoch stehen, wenn
es historisch bedeutsam sein soll; schon in früheren Zeiten geben
die großen Königstaten nur von außerordentlichen
Männern
aus, heute aber steht der König vor einer noch weit schwereren
Aufgabe.
Und der e i n z e l n e Monarch tut's auch
nicht;
es muß ein ganzes Geschlecht sein. Eine königliche Diktatur
ist hinfürder ausgeschlossen; manchmal möchte man es
bedauern,
doch man muß mit Tatsachen rechnen, nicht mit Utopien; — um so
gewichtiger
ist aber, finde ich, die eigentliche Königsaufgabe geworden, und
diese
liegt in der folgerechten Vorbereitung der Zukunft, — etwas, was einzig
ein über Jahrhunderte sich erstreckendes Geschlecht ausführen
kann. Das ist ja das heilige G e h e i m n i s
des Königstums. Für die Geschäfte des Tages tragen die
Minister
die Verantwortlichkeit, und ließe man ihnen nicht weitgehende
Befugnisse,
sie wären bloße Puppen und der König ein Drahtzieher.
Jene
langsame, schweigende, von Geschlecht zu Geschlecht vererbte
Vorbereitung
der Zukunft aber ist ein ganz anderes Ding; das liegt abseits der
Tagespolitik
und der Ressortminister; das ist des Königs ganz eigene Sache; er
erbt sie und vererbt sie weiter; und während alles hin und her
wankt,
bleibt dieses eine bestehen — sobald es Träger der
Überlieferung
gibt; und darum wird am letzten Ende die Monarchie siegen, wie stark
auch
die Demokratien und Oligarchien zur Stunde scheinen mögen. In
dieser
Welt ist keine Kraft größer als die eines festen
menschlichen
Willens; kann aber derselbe Wille sich durch Jahrhunderte fortsetzen,
dann
wohnt ihm eine Gewalt sondergleichen inne. Und hier ist es, wo ich
Gottes
Segen sichtbarlich auf Deutschland ruhen sehe. Für die weithin
reichenden
Gedanken des Großen Kurfürsten und des großen
Königs
und des großen Kaisers steht eine unvergleichlich stattliche, in
Manneszucht und Pflichtgefühl erzogene Erbenschar da; bleibt
dieses
Geschlecht echt deutsch, wird es nicht international zersplittert und
entnervt,
mit dem Blute degenerierender Fürstenstämme infiziert, so
dürfen
wir wohl hoffen, daß das deutsche Volk — allen Reichstagen, allen
politisierenden Professoren à la Virchow, Mommsen und
Liszt
und allem schwarzen und roten Verräterparteien zum Trotz — doch
auch
politisch die seiner hohen Mission gebührende Stelle an der Spitze
aller Nationen erringen und behaupten wird. Und in dieser Beziehung
wäre
es gewiß der größte Segen Gottes, wenn ein so
vollbewußter
Monarch wie Eure Kaiserliche und Königliche Majestät das
Ruder
in der festen Hand lange führen und an diesem vielleicht
gefährlichsten
Wendepunkt der Weltgechichte das Alte hinüberretten und das Neue
bis
zur kenntlichen Gestalt vorbereiten dürfte.
Das walte Gott!
„Germans to the
front!“
Die herrliche Photogravüre liegt eingerahmt vor mir, und da der
Mensch
sich doch auch etwas einbilden muß, so bilde ich mir ein, nur
Eure
Majestät und ich wüßten genau, was diese Worte wirklich
bedeuten. Das ist so ein königliches Geheimnis, und wäre mir
nicht das Glück zuteil geworden, Eurer Majestät naher zu
dürfen,
ich hätte in meiner Weise dafür zu wirken gesucht, doch nie
zu
einer Seele davon gesprochen. Ich pries vorhin die Kraft des Willens;
doch
das Panzerhemd des Willens ist das Schweigen; wie Wagners Wotan sagt:
„Laß
ich's verlauten, lös' ich dann nicht meines Willens haltenden
Haft?“
Eigentlich darf man — wenigstens vor der Welt — nur von Nebendingen
sprechen;
belehren soll man die Menschen und sie mit Sanftmut oder Stärke
auf
bestimmte Gleise bringen, sie nie aber die Richtung des gestaltenden
Willens
erraten lassen. Und so fasse ich denn das gnädige und schöne
Weihnachtsgeschenk als eine Art „Finger auf die Lippen“ auf und
erläutere
nun meinen Freunden — die alle das Gemälde höchlich bewundern
— in harmlosester Weise den Vorgang in der Schlacht, die Gegend usw.
Eure Majestät
haben mich recht beschämt mit der Entschuldigung wegen
„Aufdringlichkeit“.
Ich weiß, ich bin kein Hofmann, und ich zweifle nicht, daß
mein Verhalten — sowohl persönlich wie schriftlich — in dieser
Beziehung
vieles zu wünschen übrig läßt; ich gestehe auch
offen,
daß ich vom ersten Augenblick an, und trotz der
einschüchternden
Wirkung einer mir völlig fremden Umgebung, mich freier vor Eurer
Majestät
gefühlt habe als vor den meisten Menschen. Doch Eure Majestät
sind ein schärfer Menschenkenner und wissen gewiß, daß
niemand mit innigerer Ehrfurcht dem Kaiser der Deutschen naht als Ich.
Freilich behalte ich die Beweise kaiserlichen Wohlwollens
möglichst
für mich; ich sekretiere sie geradezu; selbst in meiner
nächsten
Umgebung erfährt gar niemand, daß ich von Eurer
Majestät
Briefe erhalten oder an Eure Majestät habe schreiben dürfen;
ich habe sogar in dieser Beziehung mehr als einmal dreist gelogen; es
geht
ja niemand etwas an, und ich schreite am liebsten als Mr. Nobody durch
die Welt, ungesehen, unbeachtet. D o c h u
m
s o m e h r sind mir die Zeugnisse des
kaiserlichen
Interesses im Herzen wert; und ich kann Eure Majestät versichern,
daß eine eigenhändige Zeile, von der nur ich weiß, mir
mehr bedeutet als ein Hofenbandorden, den ich, um anderen Leuten zu
imponieren,
draußen auf der Brust tragen würde. „Ein jeder ist nach
seiner
Art — An ihr wirst du nichts ändern“, sagt wiederum Wagners Wotan.
Meine Art mag wohl eine besondere sein; namentlich widerstrebt es mir,
gewisse Dinge auszusprechen, oder ich tue es nur auf Umwegen — wie
meinen
heutigen Geburtstagswunsch! —‚ doch undankbar bin ich nicht.
Und da will ich
gleich
noch einen Dank aussprechen. Neulich brachte mir der erste
Sekretär
der hiesigen kaiserlichen Botschaft, Graf Brockdorff-Rantzau — ein
Mann,
mit dem ich mich recht herzlich befreundet habe — den
Zeitungsausschnitt
über Kants Schädel, den Eure Majestät zur Mitteilung an
mich bestimmt hatte. Ich war tief gerührt von dieser großen
und so zart gedenkenvollen Güte — es war das wieder so ein
Hofenbandorden
von der Art, wie ich sie brauchen kann. Übrigens ist es für
mich
durchaus noch nicht ausgemacht, daß Kant ein echter Brachyzephal
im richtigen Sinne des Wortes war; man beginnt einzusehen, daß es
sehr einseitig ist, nur die r e l a t i v e n
Dimensionen
in Betracht zu ziehen, es kommt auch auf die a b s o l u t
e n Maße an. Kants Kopf ist zwar breit, aber nicht
kurz.
Ein Abguß dieses Schädels ist mir gerade zu Weihnachten
geschenkt
worden; es ist ein ganz gewaltiges Gehäuse gewesen, in dem dieses
gewaltige Gehirn sein Werk verrichtet hat.
Und somit hätte
ich meine Danksagungen beendigt und hierbei die Geduld Eurer
Majestät
mehr als billig in Anspruch genommen. Doch kann ich nicht
schließen,
ohne auf noch eine Bemerkung Eurer Majestät eingegangen zu sein.
Wenn
mein Vorwort den Eindruck hervorrufen konnte, ich hätte die
Redlichkeit
von Herrn Professor Delitzschs Absichten bezweifelt und ihn in Verdacht
gehabt, uns „einspinnen“ zu w o l l e n: so hat
mich das förmlich bestürzt. Ich muß auch gestehen,
daß
ich bei sorgfältigster Prüfung die Stelle nicht habe
entdecken
können, die diese Deutung nahegelegt hat; was mich aber nicht
verhindern
soll, bei einer eventuellen Neuauflage gegen die Möglichkeit
dieses
Mißverständnisses Vorsorge zu treffen. Gleich der Anfang —
die
Herbeiziehung von Goethes Worten: „O du armer Christe! usw.“ — sollte
nach
meiner Absicht die Lage vollkommen klar präzisieren; denn ich habe
niemals gehört, daß irgendeine Menschenseele — und sei es
ein
noch so rabiater Judenfresser — die unbedingte Redlichkeit von Moses
Mendelssohn
in Zweifel gezogen hätte. Gerade diese Tatsache macht Goethes
Worte
so bemerkenswert; er sagt: trotz des anerkannt hohen Sinnes dieses
Mannes,
wird es dir doch „schlimm ergehen“, wenn du dich mit ihm
einläßt,
denn was er im besten Glauben erstrebt und unbewußt „schlau“
durchsetzt,
bedeutet für dich — „armer Christe“ — ein „Einspinnen“, ein
Lahmlegen
deiner besten, aus deiner echten Eigenart entsprießenden
Kräfte.
Und ganz genau das ist es, was ich von Professor Delitzschs Wirksamkeit
(jenseits der Pfähle rein gelehrter philologischer Arbeit) halte
und
fürchte. Sein Instinkt — nicht seine Überlegung — führt
ihn auf diejenigen Pfade, wo unserer germanisch-christlichen Kultur
Schaden
erwächst. Doch für seine Redlichkeit hätte mir als
Gewähr
das Eine genügt: daß der Deutsche Kaiser ihm Achtung
erweist;
eine andere hätte ich nicht gebraucht. Zufällig trifft es
sich
aber, daß ich im Laufe des Jahres 1902 einer Anzahl Gelehrter —
engere
und weitere Fachkollegen Delitzschs — und auch einigen Ungelehrter,
aber
Männern von großer Welterfahrung und Menschenkenntnis
begegnet
bin, die Delitzsch teils ziemlich, teils sehr genau kennen, der eine
sogar
seit seiner Kindheit, ein oder zwei andere freilich nur aus seinen
Schriften,
— und j e d e r von diesen hat gesagt, es sei
ein
grundehrlicher Mensch. Wie wäre ich also dazu gekommen, diese
Tatsache
anzuzweifeln? Das Urteil über ihn von diesen so verschiedenen
Leuten,
auch verschiedenen Nationen angehörig, war überhaupt
eigentümlich
übereinstimmend, — so daß ich Eurer Majestät Worte, es
sei „ein sehr einfacher Mensch“ vollauf bestätigt finde. Er gilt
bei
allen, die ich befragte, für „nicht hervorragend“ begabt; ohne den
hochbedeutenden Vater hätte die Welt wohl schwerlich von seinem
Dasein
Kunde erhalten; doch soll er innerhalb bestimmter Grenzen seines
eigentlichen
Faches, nämlich der assyrischen Zendologie Fleißiges und
Tüchtiges
geleistet haben; jenseits engerer Grenzen reiche sein Urteil und sein
„Blick“
nicht — auch nicht bei rein fachmännischen Fragen; Männer wie
Jenssen (namentlich), Eberhard Schrader und selbst Winckler (trotz
seiner
Übertreibungen) gelten in Deutschland und im Auslande als ungleich
bedeutendere, zuverlässigere Assyriologen. Ein Fachmann, auf
dessen
Urteil ich besonders viel gebe und der Delitzsch persönlich und
wissenschaftlich
genau kennt, sagte mir:
„Delitzsch, oh, c'est un bien brave homme! et
il a fait du bon ouvrage — autrefois. Mais vous savez, huip! (und
hier
machte er die Bewegung, als durchschnitte er einen Faden mit einem
scharfen
Messer) depuis qu'il est à Berlin c'est fini; il a fait plus
rien qui vaille.“ Doch, wie gesagt, das Urteil „un brave homme“
war allgemein.
Auf das
S a c h l i c h e gebe ich natürlich nicht mehr ein.
Eure
Majestät hatten die große Güte, das zu lesen, was ich
vorzubringen
hatte. Nach meiner Meinung (und einige der ersten Gelehrten
Deutschlands
haben mir dasselbe brieflich ausgesprochen) it disposes of him once
for all. Denn sobald einem Manne in diesem Grade die Elemente des
logischen
Denkens abgeben, und sobald er eine solche Urteilslosigkeit an den Tag
legt, wie bei der Behandlung des Wortes èl und des
Wortes
„Gott“ (Sowie bei anderen Punkten, die er in Babel und Bibel
berührte),
da hat es keinen Zweck, sich weiter mit ihm polemisch einzulassen. Doch
liegt es mir fern, anderen diese meine Überzeugungen
aufdrängen
zu wollen, und mir hat Delitzsch insofern einen großen Dienst
erwiesen,
als die durch ihn veranlaßten Ausführungen über
arischen
und semitischen Monotheismus eine wirkliche Bereicherung der
„Grundlagen“
bedeuten.
Eines bleibt mir
aber doch unbegreiflich. Gesetzt den Fall, Delitzsch hätte — was
ich
bestreite — sachlich recht; ich begriffe noch immer nicht, wozu es
dieses
mit allem Tamtam und Drommetenschall der Reklame in Szene gesetzten
Angriffes
auf wichtige Vorstellungen der bisherigen christlichen Kirchen
bedurfte.
Solche Dinge können, meine ich, gar nicht zu rücksichtsvoll
und
liebevoll angefaßt werden. Als ich den neulichen Vortrag
über
die Offenbarungsfrage meiner Frau vorgelesen hatte, warf ich die
Zeitung
heftig auf den Tisch und rief ziemlich erregt die Worte Popes:
And fools rush in where angels
fear to
tread!
„Fools“ ist ein bißchen
stark,
doch ich konnte Pope nicht fälschen, und im übrigen
beschreibt
dieser Vers genau, was Delitzsch getan hat. Mettons que ce n'est
pas
un crime, ce n'en est pas moins une faute.
Mein guter, lieber
Vater pflegte mich, als ich noch Bube war öfters im Scherz einen
„Politiker“
zu nennen; es war halb Tadel, halb Lob; sicher ist, daß ich die
Unterscheidung
zwischen dem, was angemessen ist — dem Ort, wo gesprochen wird, dem
Publikum,
an das man sich wendet, usw. angemessen —‚ und dem, was unangemessen
ist,
fast ebenso wichtig finde wie die Unterscheidung zwischen Wahrheit und
Lüge. In einem Fachwerk darf man Überzeugungen aussprechen,
die
in einem populär-wissenschaftlichen Werke nicht am Platze
wären,
und in einem solchen populären Werke, wenn es 20 Mark kostet, kann
man Dinge sagen, die es ein Vergehen gegen die Gesellschaft wäre,
in einer Flugschrift zu 50 Pfennig zu sagen oder gar erst in einer Form
vorzubringen, die sie allen Zeitungen der Welt zugänglich macht.
Ich,
einzelner Mensch, kann und soll vor Gott mein ganzes Herz
enthüllen;
trete ich aber vor meine Mitmenschen, so kann ich es nicht und soll ich
es nicht. Das ist nicht Betrug, sondern Rücksicht; es ist nicht
Unwahrhaftigkeit,
sondern Bescheidenheit; es ist Respekt vor dem, was anderen wahr
dünkt;
es ist Gehorsam gegen das große Gesetz des Unter- und
Nebenordnens,
ohne das keine Gesellschaft bestehen kann; — außerdem ist es klug
und weise, es ist „politisch“, es führt zum Ziele.
Hier kann ich mit
einem höchst bemerkenswerten Beispiel dienen. Vor 100 und etlichen
Jahren hatte ein damaliger Delitzsch, irgendein „freisinniger“
gelehrter
Pfarrer, ein Werk gegen den Offenbarungsglauben veröffentlicht.
Den
nimmt sich nun Goethe vor — Goethe, „der große Heide“, wie ihn
die
Pietisten schelten, Goethe, der sich noch weniger als ich zu
irgendeiner
der Kirchen seiner Zeit bekennen konnte! Zunächst macht Goethe
darauf
aufmerksam, daß nur „unzweideutiger G e n i u
s“
und nicht „g e m e i n e T a l e n t
e“
sich an die öffentliche Behandlung solcher Fragen überhaupt
wagen
d ü r f e; wogegen ein Delitzsch sehr mit Unrecht
wähnt,
Professorsein genüge dazu. Dann aber fährt Goethe fort: „Wenn
sie [nämlich die unzweideutigen Geniusse], wenn sie Welterfahrung
besitzen, so werden sie sich bei einem großen Publikum ungern
erlauben,
auch nur T e r m i n o l o g i e - p a g o d e
n
umzustoßen, wenn sie bedenken, welche heilige, ihren Brüdern
teure Begriffe unter diesen Bildern umarmt werden — — —.“ So redet ein
Weiser. Das hört sich anders an als das banale „Die Hand aufs Herz
usw. usw.“! Was heißt das überhaupt, auf Grund von elenden
Tonscherben,
auf Grund von hirnverbrannten, bei den Haaren herbeigezogenen
etymologischen
Hypothesen, Tausenden von Leuten das Fundament ihres Glaubens rauben.
Ist
das opportun? Ist das politisch? Ein Jubelgeschrei ging durch die ganze
jüdische und antichristliche Presse beider Weltteile. Ein
spezifisch
jüdisches Blatt, das ich heute las, schreibt: „Uns kann Delitzschs
Auffassung nichts anhaben, denn wir Juden haben nie den
Buchstabenglauben
gehabt; den Christen aber sägt Delitzsch den Ast ab, auf dem sie
sitzen.“
Und wie viel
Schönes
hätte sich gerade über dieses Thema sagen lassen, zur
Erweiterung
der Herzen, zur Befreiung echter Religionsbedürfnisse! Denn in der
Tat, der Begriff des „offenbarten Gotteswortes“ ist nicht jüdisch.
Eure Majestät brauchen nur für etwa 3 Mark die erste beste
jüdische
Religionslehre zu kaufen, um zu sehen, daß nur die
tatsächlichen
E r s c h e i n u n g e n Gottes und die geschichtlichen
Geschehnisse,
wie die Errettung über das Rote Meer usw. für die Juden
als
G l a u b e n s g r ü n d e gelten. Die Vorstellung
der
G n a d e und, hiermit auf zusammenhängend, der
Verleihung
— durch Gnade — göttlicher Eingebung ist völlig unsemitisch
und
unjüdisch. Dagegen ist es uraltes arisches Gut. Das „im Anfang war
das Wort“ ist ein nachweisbarer, buchstäblich genauer Import aus
Indien,
wo seit jeher vač (= das Wort) als die unmittelbare Emanation des
Göttlichen,
als die schöpferische Tat, durch welche das Unsichtbare ins Reich
der Sichtbarkeit trat, gegolten hatte. Und was besonders bemerkenswert
ist, das ist die Tatsache, daß der Glaube an offenbarte
Schriften,
an Schriften, die alle Weisheit, alle notwendige Wahrheit enthalten —
dieser
Urglaube aller indoarischen Religion und Philosophie — nicht bloß
nicht jüdisch, sondern auch nicht urchristlich ist und so wenig
einen
lebendigen Bestandteil der mittelalterlichen Kirche bildete, daß
die Bibel den meisten Priestern so gut wie unbekannt war und auf
gewissen
Kirchenkonzilien überhaupt gar kein Exemplar der Heiligen Schrift
aufgetrieben werden konnte, so wenig bedeutete das „Wort“ für
diese
Leute; ich brauche ja bloß daran zu erinnern, wie schwer es
Martin
Luther wurde, einer Bibel habhaft zu werden. Der eigentliche Glaube an
„das Wort“ ist nun eine Errungenschaft der Reformation; das sollten wir
nicht vergessen. Und folgte auch sofort das Tridentinische Konzil mit
seiner
Doktrin der buchstäblichen Inspiration, so war es ihm doch nur um
die Grundlage von Kirchendogmen zu tun; der wahre, lebendige Glaube an
Gottes Wort — „das Wort sie sollen lassen stahn“ — ist eine
protestantische
Tat, und diese Tat bedeutet weder mehr noch weniger als das
unbewußte
Zurückgreifen auf unsere echte indogermanische Eigenart. Durch
diesen
Glauben allein — durch nichts anderes — ist es gelungen, die Religion
von
einem äußerlichen, mechanischen, zauberhaften Zeremoniell,
das
sie geworden war, ins Innerste des Herzens zurückzuverlegen. Und
darum
ist dieser Glaube — trotz aller bedauerlichen Auswüchse, zu denen
er hier oder dort führte — unbedingt ehrwürdig, und die, die
ihn haben, besitzen eine Kraft ohnegleichen, denn ihr Herz beherbergt
eine
göttliche Wahrheit.
Das alles hätte
man in einem solchen Vortrag vor Kaiser und vor Reich sagen sollen.
Denn
daß Gott sich uns Menschen offenbart, daß er in den Werken
inspirierter Geister uns gleichsam Ariadnefäden hinwirft, an denen
wir durch das Labyrinth des Unerforschlichen hindurchgelangen
können
bis dorthin, wo das Licht dämmert — das m ü s s e
n wir glauben, denn sonst wäre alle Religion
bloße
Tradition, bloßer Formalismus, bloßer Geistesspuk,
bloßer
Hammurabismus. Dieser Glaube ist also mehr als eine Terminologiepagode.
Nachdem man nun den kirchlich Gläubigen das alles gegeben
hätte,
hätte man von ihnen in aller Freundschaft gefordert, daß sie
nur ja nicht möchten unserem Herrgott gar so enge Schranken
ziehen,
sondern vielmehr bedenken sollten, daß er sicherlich allen
verschiedenen
Völkern und verschiedenen Zeiten sich offenbart hat und sich noch
offenbart. Wobei man ja nur an unseren guten protestantischen Jakob
Böhme
anzuknüpfen brauchte, der die Heilige Schrift als Wort Gottes
lobt,
dann aber auf eine Frühlingswiese hinaustritt und meint: hier rede
Gott noch deutlicher zu ihm. Mir ist es unbegreiflich, wie
überhaupt
etwas wahrhaft Großes ohne die unmittelbare Eingebung Gottes
geschaffen
werden solle; ich glaube immer, es steckt in solchen Dingen mehr von
Gott
als von dem Menschen, der es angeblich gemacht hat, und ich glaube, die
hervorragendste Eigenschaft des echten Genies ist die Fähigkeit,
das
kleine Ich möglichst auszuschalten und das große
Überich
möglichst rein zu Worte kommen zu lassen. Wir modernen Germanen —
die Menschen, in deren Namen ich in den „Grundlagen“ rede — wir sind
nicht
unreligiös oder gar antireligiös; wir glauben auch nicht,
daß
wir ein besseres und höheres Religionssymbol als unsere Väter
ersinnen werden; es haben aber große Umwälzungen in den
Vorstellungen
stattgefunden — für alle höher Gebildeten; das Universum ist
ein anderes, als es Luthers Augen erblickten (der Kopernikus einen
„Narren“
nannte), und Kants kopernikanischer Tat auf innerem Gebiete — mit der
Aufdeckung
der symbolischen Bedeutung von Zeit und Raum und allen Erscheinungen —
hat dem Worte Christi vom Reich Gottes inwendig in uns einen
früher
ungeahnten Sinn verliehen; hierdurch ist für unsereinen die
Religion
gleichsam ganz Gegenwart geworden; die Religion des Glaubens hat sich
zusammengeballt
— wenn ich so sagen darf — zu einer Religion der Erfahrung und
infolgedessen
auch der Tat. Wie bei allem Neuen, erhebt das Herz; wir danken uns Gott
näher als je zuvor; noch heute hat Christus zu uns gesprochen und
seiner Stimme Klang erzittert. noch in unserem Ohre. . . Nichts
wollen
wir den anderen Gläubigen nehmen, sie in nichts berauben; wir
fordern
nur das eine, daß sie uns nicht verdammen, daß sie in uns
Fleisch
von ihrem Fleisch erkennen. Ihre Kinder werden das nötig haben,
woran
wir in heiliger Seelennot heute arbeiten. Und das eine mögen sie
sicher
wissen; jeder schlichtgläubige Dorfpastor steht uns unendlich
näher
— unserem Herzen und unserem Hirn — als so ein hochmütiger
Professor
mit seinen Fetzen an Spezialgelehrsamkeit, der ohne Kenntnis des
Menschenherzens,
ohne das geringste Verständnis für die Bedürfnisse
bestimmter
Rassen, einfach von seinem drei Stufen hohen Katheder aus die
unaussprechlichen
Wahrheiten der Religion — deren Form wohl wechselt, doch deren Gehalt
derselbe
bleibt — für null und nichtig zu erklären unternimmt.
Die Welt dreht sich;
beharrten wir auf alten Formen, wären wir mitfortgerissen; um der
Altvordern nicht unwert zu sein, müssen wir wie sie die Gabe des
Tages
innerlich verarbeiten; doch das wissen wir gewiß: nie war
Religion
ein Ergebnis der Wissenschaft; Religion wird durch Religion gemacht.
Vielleicht hätte
ich schweigen sollen; bequemer ist das ja immer; doch nach allem, was
vorangegangen
ist, hielt ich es für eine Pflicht der Aufrichtigkeit, Eurer
Majestät
zu sagen, was ich über diese Angelegenheit denke. In aller
Ehrfurcht
bitte ich, meine Worte so aufzunehmen, wie sie gemeint sind — als einen
Beweis unbedingten Vertrauens.
Was die „Entwicklung
der Religion“ betrifft, so ist zu bemerken, daß in
allem
O r g a n i s c h e n das Sein und das Werden miteinander
verwoben
sind und sich gegenseitig durchdringen. Nur wenn wir das, was „ist“,
fromm
und bewußt bewahren, können wir sicher darauf rechnen,
daß
dasjenige, was noch nicht ist, „wird“; sollten wir dagegen in
frevelhafter
Willkür das, was „ist“, niederreißen, um für ein Neues
Platz zu bekommen, so hätten wir den organischen Lebenskeim
vernichtet.
Zwischen Sein und Werden mitteninne: da ist's, wo Leben wahrhaft lebt.
Und jetzt ist mir
kein Platz geblieben, um heute einen Gegenstand zu berühren, der
mich,
während ich krank zu Bette lag, viele Nächte hindurch
beschäftigte:
die Reform des Unterrichts. Es hängt dies mit altem Vorangehenden
eng zusammen. — Von rechts und von links, von nah und von fern,
höre
ich aus dem echten Volke heraus — noch leise, aber schon bestimmt — den
schönsten Ehrennamen hervorwachsen, der je einen Monarchen
geschmückt
hat: „Wilhelm der Deutsche“. Und fast immer knüpft diese
Bezeichnung
in erster Reihe an die große Reform im Schulwesen an, deren
ungeheure
Bedeutung ganz allmählich und langsam in den Köpfen unserer
Zeitgenossen
zu dämmern beginnt. Doch ich glaube, es gibt da noch viel zu tun,
und es drängt sich mir immer mehr die Überzeugung auf,
daß
ohne eine gründliche Reform des Universitätswesens keine
Schulreform
wirklich bis auf den Grund durchführbar ist. — Darf ich mir die
Frage
erlauben, ob Eure Majestät eine kleine Schrift gesehen haben von
einem
Gymnasialoberlehrer Dr. Ludwig Gurlitt: „Der Deutsche und sein
Vaterland“?
Der Verfasser ist Lehrer in Steglitz: seine Broschüre erschien im
August 1902 und hat schon mehrere Auflagen erlebt. Mich hat die Frische
und der Freimut ganz entzückt; solche Männer sollte es in
Deutschland
mehr geben. Und daß ein schlichter Lehrer es in diesem
Augenblicke
wagt, für England einzutreten und vieles an den englischen
Einrichtungen
seinen Landsleuten zur Nachahmung zu empfehlen, genügt als Beweis,
daß hier ein mutiger, ehrlicher Mann redet. Zugleich ist er ein
warmer
Bewunderer der durch Eure Majestät ins Leben gerufenen
Unterrichtsreformpläne.
Doch so einer, der als Lehrer mitten drin steckt, sieht auch, wo es
überall
noch hapert, und kennt alle die stillen Kräfte, die beharrlich
Widerstand
leisten. Besonders vortrefflich ist alles, was er über das
Berechtigungswesen,
oder vielmehr „Unwesen“, ausführt; der ganze Schulunterricht ist
dadurch
vergiftet. — Manches halte ich allerdings bei Gurlitt für
verfehlt;
er schätzt England zu hoch und begreift nicht — oder nicht
genügend
—‚ daß Deutschland seine eigenen Wege gehen muß. Und
eigentümlich
ist, daß, wiewohl er das Mißverhältnis zwischen
Universität
und Schule öfters berührt, es ihm nie beikommt, daß
vielleicht
nicht bloß die Schule, sondern auch die Universität nicht so
ist, wie sie sein sollte. So z. B. erwähnt er p. 97, es sei doch
merkwürdig,
daß, was ein junger Lehrer soeben an der Universität als
höchste
Wahrheit gelernt hat, er gleich darauf in der Schule verleugnen
muß
und selbst unter Kollegen nicht bekennen darf bei Gefährdung
seiner
ganzen Laufbahn. Ja, aber lernt er auch in der Universität, was er
lernen sollte? Zum großen Teil lernt er da überhaupt gar
nichts,
da die deutschen Universitäten viel eher eine Agglomeration von
Spezialistenschulen
sind, als wahre Bildungsanstalten zur Erziehung vollwertiger Menschen.
Zum Teil lernt er aber direkt das, was er nie lernen dürfte; er
saugt
von staatlich besoldeten Beamten Gift ein, er lernt seine germanische
Eigenart
verachten, er lernt das, worauf die Größe seiner Ahnen
beruhte,
mit Füßen treten.
Ein Beispiel aus
unmittelbarer Gegenwart.
Unter den Briefen,
die ich auf mein Vorwort bekam, befand sich der eines Gelehrten, dem
ich
es geschickt hatte, weil er mir Schriften von sich zu verehren pflegt.
Über den Abschnitt „Dilettantismus“ sagt er einige Worte, „Rasse“
und „Delitzsch“ überspringt er als kitzliche Dinge, bei „Rom“
hält
er sich auf und spricht seine anerkennende Zustimmung aus. „Aber“,
fährt
er fort, „mein Programm kennen Sie; es lautet: L o s
v o n a l l e r R e l i g i o n.“
Und
wer ist es, der das bekennt? Einer der angesehensten ordentlichen
Professoren
der Philosophie, dessen Lehrbücher an den deutschen
Universitäten
weitverbreitet sind. Ich halte ihn zwar für einen Geist
fünfzehnten
Ranges; doch gerade solche werden ja in der Gelehrtenrepublik
hochgeschätzt;
die Kooptation ist ein Patent auf Bevorzugung der
Mittelmäßigkeit;
und da er außerdem zum „fortgeschrittensten“ Fortschritt in der
Politik
gehört, mit der Sozialdemokratie liebäugelt, die Juden bei
jeder
Gelegenheit als der Menschheit höchste Zierde preist usw., so hat
er die gesamte große Tamtam-Presse für sich und ist eine
Berühmtheit.
Seine Vorlesungen (das vulgärste Zeug, was man sich denken kann)
sind
zum Brechen voll, seine Handbücher, wie gesagt (und trotz ihrer
horrenden
Wertlosigkeit), werden den lernbegierigen Jünglingen überall
in die Hand gedrückt. Ja, das soll mir doch der Kuckuck
erklären,
wie der Staat dazu kommt, Leute zu mästen und ihnen
seine
a n g e h e n d e n S c h u l l e h r e r
anzuvertrauen
(!!), deren Programm lautet: Los von Gott, los vom Königtum, los
vom
Germanentum. Wenn es auf der Welt eine bloße „Terminologiepagode“
gibt, dann ist es wahrlich die vielgerühmte
„Voraussetzungslosigkeit
der Wissenschaft“. Ich für meinen Teil verrichte keinen
Bonzendienst
vor ihr. Ich halte sie für Humbug und zum großen Teil
für
Affenschande. Menschen, die der deutschen akademischen Jugend — diesem
heiligen Pfand der Zukunft — als Grundsatz täglich eintrichtern:
Los
von aller Religion, hin zur sozialistischen Republik (siehe jetzt
neuerdings
Mommsen!) —‚ die sind nicht voraussetzungslos, sondern sie haben
falsche
Voraussetzungen statt richtiger, und sie werden ganz einfach mit der
Zeit
das vollenden, was sie im Laufe des 19. Jahrhunderts glänzend
angefangen
haben: das deutsche Volk vollends zugrunde zu richten.
Für heute nur
so viel; denn wollte ich mein Herz hierüber ausschütten, der
Brief würde zu einem Oktavbande anschwellen. Man braucht die
allbekannten
und wirklich unschätzbaren Verdienste der deutschen
Universitäten
nicht zu leugnen und kann dennoch einsehen: damit diese Institution
eine
nationale Waffe wird im Kampf ums Dasein, da muß sie
gründlich
reformiert werden. Anstatt eine zweite republikanische K i
r c h e mit kooptierten, unabsetzbaren Beamten zu sein —
ein
Staat im Staate —‚ muß sie eine zweite, ergänzende Armee
werden;
sie muß nicht bloß angehende Gelehrte b e l e h
r e n, sondern das ganze Volk e r z i e h e n —
was nach dem jetzigen System ausgeschlossen ist.
Interessant war in
dieser Beziehung eine neuerliche Enquete in Frankreich, aus der die
starke
Abnahme des Einflusses der deutschen Universitäten auf das Ausland
klar hervorgeht. Die Demokraten und Juden haben hier, wie überall,
wo sie zur Macht gelangen, arg desorganisierend gewirkt. Es wäre
wohl
Zeit, daß auch hier Wege gewiesen würden, würdig, vom
Volk
als „deutsche“ gepriesen zu werden.
Jetzt ziehe ich aber
ernstlich den Schlußstrich. Seitdem ich diese Epistel begann, bin
ich noch einmal erkrankt; die Influenzakeime sind nicht auszurotten;
daher
eine Verspätung, infolge deren ich nicht mehr an dem
beabsichtigten
Tage zur Stelle bin. Trotzdem hoffe ich, daß mein
Geburtstagsgruß
gnädige Aufnahme findet. Wäre es ein Brief, ich könnte
nicht
wagen, ihn abzuschicken; ich betrachte es aber als Reiselektüre
bei
irgendeiner Nordlandfahrt; was ich sage, hat ja nie Eile gelesen zu
werden.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
ehrfurchtsvoller und dankbarer treuer
Diener
Houston S. Chamberlain.
P. S. Motto zur Einweihungsrede in
Görlitz:
„Die Tat ist alles, nichts der
Ruhm.“
(Faust, 2. Teil, Akt 4.)
188-192
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Berlin, 16. II. 1903.
Mein lieber Mr. Chamberlain
Wie einen Retter
in
der Not habe ich Ihren erfrischenden und prächtigen Brief
begrüßen
können. Denn, da ich, wegen Überhäufung mit
Geschäften,
ihn erst gestern öffnen konnte, traf er mich mitten in einer
angestrengten
Arbeit des „Gebärens“ — anders kann ich den Vorgang nicht gut
bezeichnen
—‚ des geistigen Drückens. Ich war nämlich gerade damit
beschäftigt,
ein paar Zeilen zu formulieren und zu feilen, welche ich abgefaßt
habe, um Delitzsch einerseits für seinen Fleiß Anerkennung
auszusprechen,
sodann ihn freundschaftlich, aber bestimmt in seine Grenzen
zurückzuweisen,
und zuletzt für ihn und alle anderen Menschen meine Auffassungen
und
Standpunkt klar festzustellen. Ich bin ein Feind aller Tinte und daher
ein schlechter Stilistiker, deshalb wird mir eine solche Arbeit sehr
schwer.
Da kam nun Ihr Brief like a revelation! Nach seinem mehrfachen
Durchstudieren
fiel mir in ihm wieder zur Evidenz jene angenehme und bewundernswerte
Eigenschaft
auf, womit die Vorsehung Sie zum Heil Ihrer Mitmenschen ausgestattet
hat,
nämlich die Gabe, für die Gedanken, welche uns
beschäftigen
und durchziehen, die rechte äußere Form zu finden. Nach vier
Stunden war mein Skriptum fertig, und werde ich mir gestatten, Ihnen —
meinem geistigen Geburtshelfer — mein Kind auch zu Füßen zu
legen. Ich muß dabei aber um Verzeihung bitten, wenn Ihnen beim
Lesen
Anklänge vorkommen sollten, welche I h n e
n
bekannt erscheinen! Sie haben bei der Schilderung der Wirkung des
zweiten
Vortrags von Delitzsch an einen köstlichen Ausspruch Popes
erinnert;
bei dem mir noch ein anderer drastischer Ausspruch des Briten einfiel:
„He
was like a bull in a China shop“, die
„Terminologiepagoden“-Scherben
klirrten nur so auf allen Seiten zu Boden! —
Nun möchte ich
aber doch in aller Ehrfurcht vor dem Schreiber der „Grundlagen“ ihn
bitten,
einen Augenblick mir für die armen vielgeschmähten Babylonier
Gehör zu schenken. Gewiß ist darüber kein Zweifel,
daß
unsere Religion nicht von ihnen stammt. Ebensowenig stammt daher der
„Monotheismus“
Israels — von dem unsere Religion doch immerhin zum Teil kommt. Allein
Abraham war kein Jude, auch kein Israelit, aber immerhin ein
monotheistischer
Semit, und in seiner „Sippe“ hat er denselbigen monotheistischen
Gedanken
festgehalten. Aus dieser „Sippe“ sind im Lauf der Jahrhunderte die
semitischen
Stämme entstanden, welche Israel ausmachten.
Nun haben unsere
und andere Ausgrabungen doch sehr interessante Fakta eluzidiert.
Abraham
war — als mächtiger Scheich eines waffenfähigen großen
Nomadenstammes — ein Untertan und Freund König Hammurabis. Diesem
König half er, in mehreren Schlachten und Feldzügen tapfer
kämpfend,
sein großes Babylonisches Reich zusammenschmieden. Nachdem das
Reich
konsolidiert war, zog erst Abraham „dem Rat Gottes Jahves folgend“ in
das
neue Land fort. Von dem „Contemporain“ und Gönner
Abrahams,
dem großen König Hammurabi, ist nun von den Franzosen in
Susa
kürzlich ein großer Monolith ausgegraben worden, auf dem 280
Paragraphen des Gesetzbuches des Königs für sein Volk
eingemeißelt
sind. Er stand früher in Babylon und ward von den Persern nach der
Erstürmung und Zerstörung nach Susa überführt. Man
ist jetzt dabei, die Gesetze zu übersetzen und zu drucken. Sie
stammen
aus dem Jahre 2530 v. Chr. Außer dem „Römischen
Recht“ jetzt die einzige und älteste Kodifikation oder
Gesetzessammlung,
die uns bekannt ist. Nach den wenigen Proben, welche mir bisher
vorgekommen
sind, ist der Sinn ein hoher und die Gerechtigkeit eine strenge, welche
darinnen zum Vorschein kommen, z. B. über die Verleumdung
heißt
es: „Wenn jemand wider seinen Nächsten Böses nachsagt, und er
kann keine Beweise dafür anbringen und die Verleumdungen gehen dem
Nächsten ans Leben (Fall Krupp), dann soll der Verleumder des
Todes
sterben!“ Hätte ich nur so einen Paragraphen zur Verfügung
gehabt,
dann hätte ich dem „Vorwärts“ anders begegnen können! —
Moses sagt in den Zehn Geboten: „Du sollst kein falsches Zeugnis reden
wider deinen Nächsten“; also wesentlich abgeschwächt, und
ohne
Todesstrafe. Nach Ansicht der Übersetzer redet der Kodex des
Hammurabi
das Zeugnis, daß damals schon eine hochentwickelte Kultur in
Mesopotamien
herrschte. Prof. Hilprecht (Jena), der für die Vereinigten Staaten
von Amerika in Nippar ausgräbt, hat auf Grund seiner Forschungen
unter
den Inschriften der so vielgeschmähten Tontafeln konstatiert,
daß
der Inhalt Aufschluß gibt über ein hochentwickeltes, fast
modernes
Staatsleben, welches mit seiner hochgestellten, feinen Kultur bis ins
7.
Jahrtausend v. Chr. zurückreicht, also 4450 Jahre vor Hammurabi!
Durch
diese assyriologischen Forschungen sind Abraham und seine Zeitgenossen
Gestalten, von fester geschichtlich klarer Kontur umrissen, geworden,
während
zu meiner Kinderzeit er ein Nebelbild war, von dem es immerhin nicht
ganz
sicher war, ob er gelebt und wann. Also hier hatte die Assyriologie und
die Tontafeln Babels direkt dem Alten Testament einen Dienst erwiesen,
sie haben aus der Sagengestalt einen forschen Mann aus Fleisch und Bein
schaffen helfen, der in hellstem Lichte seines Wirkens als
Reichsgründer
vor uns steht, als ein Mensch, an dem sich auch „historisch“ Gott
offenbart
hat.
Die Babylonier waren
unzweifelhaft ein so fabelhaft hochentwickeltes Volk und mit so
vollkommen
modernen Staatseinrichtungen und Anschauungen auf dem Gebiet der
Politik,
Kriegsführung usw., wie wir es uns gar nicht haben träumen
lassen;
das tritt alle Tage klarer hervor. Sie waren die Franzosen der
damaligen
Zeit, denn ihre Sprache war die Verkehrssprache aller damaligen
zivilisierten
Völker, die zu der Zeit das Mittelmeer befuhren. In Ägypten
wurden
sogar Staatsverträge mit dem Ausland auf Babylonisch
abgefaßt,
wie neuerdings Inschriften beweisen. In diese hochentwickelte Kultur,
welche
durch viele Jahrtausende gefestigt und allen syrischen Völkern als
heilig galt, wurde nun das kleine Israel hineingezwängt, durch die
Eroberung Kanaans. Aus einem langen Wüsten- und Nomadenleben
heraus
kam es in diese Welt hinein. Und wenn es noch ein so kristallinisches
Gebilde
war und abstoßend und abschließend sich verhielt, so konnte
es sich ganz doch nicht der „Atmosphäre“ Babylons entziehen.
Beziehungen
wurden hergestellt; die Leviten haben mit den Weisen Babylons verkehrt;
seine Astronomie ward vorbildlich; seine Kunst einfach übernommen,
seine Literatur (Genesis) kopiert oder adaptiert; seine Zeitrechnung
bis
auf die Jetztzeit übertragen und noch maßgebend! Das ist es,
was aus den „dummen Tontafeln“ hervorgeht, und wo der Einfluß
Babylons
auf das Alte Testament ein unleugbarer ist. Und das ist interessant und
wichtig zugleich für die Beurteilung desselben und seiner
Schreiber.
Ich wage daher mit Hans Sachs auszurufen: „Verachte mir die (Meister)
Babylonier
nicht!“
Als Anlage bitte
ich Sie ein paar Photographien von dem von mir für Rom bestimmten
Goethe-Denkmal anzunehmen. Die Gruppe rechts ist Iphigenie, links
Mignon.
Dazu lege ich ein noch unbekannte Radierung Menzels vom Großen
König,
welche eben herauskommt.
Mit besten Grüßen
Ihr
treu dankbarer Bewunderer
Wilhelm
I. R.
193-212
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
27. März 1903.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
bin ich für verschiedene
Sendungen
zu ehrfurchtsvollem und warmem Dank verpflichtet. Ihn auszusprechen
habe
ich nur darum gezögert, weil ich voraussetzen durfte, daß
Eurer
Majestät an der bloß zeremoniellen Danksagung wenig lag und
noch weniger an übereilt und leichtfertig hingeworfenen
Meinungsäußerungen.
Goethe behauptet: „Sollen's die Deutschen mit Dank erkennen / So wollen
sie Zeit haben“; nun, den Dank hätte ich schon schneller zur Hand,
doch das „Erkennen“ fordert in den Windungen meines schwerfälligen
nordischen Hirnes einige Zeit, ehe ich genau weiß, worauf es
ankommt.
Und beabsichtige ich auch, mich in bescheidenere Grenzen zu fügen,
als bei den letzten Briefen, so möchte ich doch nicht schreiben,
ohne
einiges gesagt zu haben, wert, von Eurer Majestät gelesen zu
werden.
Das erste, was ich
empfing, war das Buch über „Die Reform des höheren
Schulwesens
in Preußen“. Wie sehr ich mich über dieses Geschenk gefreut
haben muß, wird Eure Majestät inzwischen aus meinem letzten
Briefe entnommen haben. Keine Frage interessiert mich lebhafter als die
des Unterrichtes; hier mehr als anderswo wird Zukunft geknetet und
gestaltet.
Wie vieles, was die weiseste Politik unternimmt, tritt, nachdem es alle
Prozeduren unserer umständlichen Gesetzesmaschine passiert hat, in
einem so stumpfen Winkel von der ursprünglichen Absicht in die
Wirklichkeit
hinaus, daß aus der erträumten Segenstat eine fast
überflüssige,
vielleicht gar schädliche Neuerung geworden ist! Hier aber, und
trotz
des vielen Widerstandes und Unverstandes, ist doch ein so bestimmtes
und
energisches Vorgehen möglich gewesen, daß Eure Majestät
schon jetzt, nach wenigen Jahren, den aufkeimenden Erfolg erblicken
können.
Und wie wird er sich erst in einem halben Jahrhundert zeigen!
Möchten
Eure Majestät unverdrossen fortfahren, denn es gibt noch viel auf
diesem Gebiete zu tun, und die Geschichte lehrt, daß wenige
Monarchen
den Unterrichtsfragen ein wirklich schöpferisches Interesse
entgegenbringen,
— soviel mir bekannt, seit Karl dem Großen kaum ein so lebhaftes,
verständnisvolles und bahnbrechendes wie Eure Majestät.
Wirklich
durchstudieren
und durchdenken werde ich den Band erst im Sommer können, wenn ich
mir einmal Ferien gönne. Einstweilen habe ich nur die
hochinteressanten
Mitteilungen des Prof. Lexis über das Berechtigungswesen gelesen,
und dann in Wilanowitz von Möllendorf geblättert. Da ich in
der
gnädigen Mitteilung eine Aufforderung erblicke, werde ich
seinerzeit
nicht ermangeln, meine Eindrücke und Ansichten mitzuteilen.
Inzwischen werde
ich fortfahren zu hoffen, daß Eure Majestät einmal diese
grundlegende
reformatorische Tätigkeit auch auf die Universitäten
ausdehnen
werden. Gewiß sind die deutschen Universitäten die ersten
der
Welt, und Preußen marschiert in dieser Beziehung —
und
d a r u m auch in mancher anderen — an der Spitze
sämtlicher
Kulturnationen. Die eine Universität Berlin z. B. erhält
jährlich
von der Regierung mehr, als die Regierung des unermeßlich reichen
Großbritannien für seine s ä m t l i ch e
n
Universitäten im Jahre ausgibt. (Genaue Details mit allen Ziffern
sind in der englischen Zeitschrift „Nature“ vom 12. März
1903,
p. 433ff. zu finden.) So z. B. erhielt die Berliner Universität
1902/3
die Summe von Pfd. St. 142.155 als ordentlichen Staatsbeitrag und dazu
(nach 1891/2 berechnet) an außerordentlichen Geldern Pfd. St.
61.714;
wogegen England im laufenden Jahre summa summarum Pfd. St.
155.600
auf Universitäten und „Colleges“ ausgibt. (Allerdings
besitzen
zwei dieser Universitäten, Oxford und Cambridge, nicht
unbeträchtliche
Vermögen, mit denen sie aber unabhängig fortwursteln, wie es
den alten Professoribus paßt.) Insofern steht also alles zum
Besten.
Doch es kommt die Zukunft und mit ihr gewaltige Konkurrenz; und
während
es einerseits unzweifelhaft ist, daß die wissenschaftliche
Leistungsfähigkeit
einer noch bedeutenden Steigerung — ich glaube einer s e h
r b e d e u t e n d e n — fähig ist, nämlich
durch
bessere, freiere, zielbewußtere Auswahl der Lehrkräfte, so
läßt
sich anderseits nicht leugnen, daß diese große,
republikanische
Organisation eine wirkliche politische Gefahr bedeuten kann. Der
„Professor“
ist eine kolossale Macht „for weal and for woe“ im deutschen
Volk;
er gilt mehr als ein Feldmarschall; er ist dem Pfaffen verwandt und
verfügt
über hypnotisierende Geheimkräfte; daß ihm eine
Doppelaufgabe
gestellt ist — reine Wissenschaft zu fördern und Jünglinge zu
Männern zu bilden —‚ wird nicht bedacht; zur Förderung der
Wissenschaft
ist er meistens befähigt, sei es mehr, sei es weniger, zur
Ausbildung
der Jugend sehr häufig gar nicht, und nicht selten ist er geradezu
ihr Verderber.
A propos von
Universitäten und Professoren erfahre ich soeben wieder einen
merkwürdigen
und beklagenswerten Fall. Ferdinand Hueppe, dessen geniale Bedeutung
als
bahnbrechender Forscher ich schon früher in einem Fackel-Aufsatz
hervorhob,
ist vor kurzem wieder — in München — übergangen worden, und
jetzt
eben wieder hier in Wien. Ich kann ruhig davon sprechen, da Hueppe mir
nichts und ich Hueppe nichts bin; es handelt sich um reine Wissenschaft
und ihre, von den Herren Professoren so oft mit Füßen
getretenen
Interessen. Hier haben wir nun einen Mann, über dessen Wert nicht
zwei Meinungen bestehen können, da er in allen Hauptfragen gegen
Koch
und Genossen recht behalten hat, und das, was er schon vor 15 Jahren
über
die Ursachen der Seuchen, über eine positiv aufbauende (statt
einer
bloß prophylaktischen) Hygiene, über die Arteinheiten der
Mikroorganismen,
über den Kreislauf des Stickstoffes, über die chlorophyllose
Assimilation usw. usw. lehrte, heute gesicherte wissenschaftliche
Wahrheiten
sind und von den Herren der Kochischen Schule, die ihn gerade wegen
dieser
Entdeckungen anfeindeten — zugegeben und gelehrt werden, wenn sie auch,
so viel es geht, bestrebt sind, die Verdienste des großen
Forschers
allerhand Russen und Polen und Franzosen zuzuschreiben — Patriotismus
der
Gelehrten! Daß ich mich in meiner Schätzung nicht irre,
weiß
ich ganz genau, denn mein Freund, der Physiolog Hofrat Wiesner
— der
zur
philosophischen, nicht zur medizinischen Fakultät gehört,
folglich
uninteressiert ist, außerdem Hueppe persönlich gar nicht
kennt
— bestätigte mir neulich, es sei einer der originellsten und
fruchtbarsten
Köpfe Deutschlands, der einzige lebende Mediziner, der etwas von
Pasteurs
Genie überkommen hat. Die Clique aber schließt ihn aus — die
an den deutschen Universitäten allmächtige —‚ und so hat sie
hier in Wien neuerdings, wie ich erfahre, zwei Dinge gegen ihn
ausgespielt:
1. die Frau sei niederer Herkunft und nicht zum Umgang mit
„Professorengattinnen“
geeignet! (dabei hat sie sich bei der Choleraepidemie in Hamburg und
auch
anderwärts an der Seite ihres Mannes ausgezeichnet); 2. Hueppe
(ein
preußischer Rheinländer von Geburt, aus sehr guter Familie,
seine Mutter eine von Buch aus den Nachkommen des großen
Geologen)
gebe sich mit der Rassenfrage ab und sei ein überzeugter „Germane“
— was allerdings wahr ist —‚ wogegen die Begeisterung für die
internationale
Rassenlosigkeit das erste Dogma im Kredo der Universitäten ist.
Und
so verkümmert dieser wahrhaft bedeutende Mann in dem elenden Prag,
sein Laboratorium ein feuchter Keller, Mittel zu größeren
Untersuchungen
gar keine, und ringsumher wütende Tschechen; ein merkwürdiger
und beklagenswerter Fall.
Sind solche
Zustände
und Vorgänge nicht höchst nachteilig für die
Gesamtleistung
der Universitäten? Ich möchte wissen, was man von einer Armee
erwarten würde, deren Chargen durch die Offiziere selbst auf dem
Wege
der Wahl besetzt würden, und zwar mit lebenslänglicher
Unabsetzbarkeit?
Doch hiervon genug
für heute.
Die nächste
Sendung, die bei mir eintraf, waren die Bilder. Den prächtigen
Menzel
betrachte ich als eine dauernde Erinnerung an die Görlitzer Rede,
wo der Geist dieses großen Mannes so zeitgemäß
heraufbeschworen
wurde. — Neulich las ich ein entzückendes kleines Büchel:
„Reisegespräch
des Königs im Jahr 1779“ (Halberstadt 1784); es sind nur etwa 40
Seiten;
der König besichtigt die auf seinen Befehl an der Dosse angelegten
Kolonien; der begleitende Amtmann erzählt, was geschah und was der
König sprach, — alles ganz schlicht, als wäre es mit dem
Phonographen
aufgenommen. Ich habe gelacht und geweint. Diesen Mann darf man
überall
belauschen; er besitzt die vollendete Einfachheit wahrer
Größe;
er war nicht bloß „Friedrich der Große“, sondern er war
auch
der große Friedrich.
Der Goethekopf ist
splendid. Gegen Idealisierung habe ich in solchen Fällen nichts
einzuwenden;
nur durch sie zeigt man dem Volke, was ihm sonst in den Zügen
großer
Männer verborgen bleibt. Wie viele Menschen gibt es, fähig,
Genie
zu erkennen, wenn es in Einfalt vor ihnen steht? Die wir „genial“
nennen,
sind meistens die leichten Schwätzer oder die Originalköpfe
mit
einem Stich ins Närrische. Alle Leute — die Ultramodernen sowie
die
Rückläufigen — preisen höchlich diesen Kopf; selten sah
ich solche Übereinstimmung; das Denkmal wird gewiß
ungeteilte
Bewunderung erregen. Die Photographien gewähren mir täglich
neue
Freude.
Nun aber muß
ich zu den Briefen eilen — zu dem gnädigst an mich gerichteten und
zu dem an Admiral Hollmann; Hammurabi steht ja im Mittelpunkt des
Tagesinteresses;
mein Gewissen „beißt“ mich über jede Seite Papier, die nicht
ihm gewidmet ist. (Ganz neu war mir übrigens diese sympathische
Monarchengestalt
nicht, denn schon vor etwa zwanzig Jahren hatte uns Renan in seiner „Histoire
du peuple d'Israël“, Band I, manches über den
P è r e O r h a m, wie er damals genannt
und als „le legislateur pacifique“ gepriesen wurde, zu
erzählen
gewußt, und Maspéro hat vor etwa zehn Jahren in seiner „Histoire
ancienne des peuples de l'Orient Classique“ namentlich über
die
großen Friedenswerke und Kanalbauten des Königs alles
für
uns Laien Wissenswerte zusammengetragen; um so interessanter ist es mir
aber gewesen, ihn durch die weiteren Arbeiten des Franzosen nach und
nach
immer vollere Körperlichkeit gewinnen zu sehen.)
Daß mein
letzter
Brief so genau im rechten Augenblick eintraf, um Eure Majestät zur
Vollendung des an Admiral Hollmann gerichteten Schreibens anzuregen,
gewährt
mir große Freude; doch möchte ich den Wert meiner
Mitarbeiterschaft
nicht so hoch anrechnen, wie Eure Majestät es zu tun die Güte
haben. Abgesehen von dem Wort, daß Religion nie durch
Wissenschaft
gemacht wurde — welches aber von Eurer Majestät in eine neue und
eigene
Gestaltung umgegossen wurde —‚ finde ich nur ein oder zwei von mir
zufällig
erwähnte Zitate, die nicht mein Eigentum sind, sondern das aller
Welt.
Eure Majestät
wissen, daß ich nicht der Mann bin, das Vertrauen, das mir
geschenkt
wird, leichtfertig aufzunehmen; Goethe sagt: aus jedem Bedürfnis
entwachse
ein Genuß, und ich empfinde: aus jeder Gnade ergibt sich eine
Pflicht.
Ich habe mir geschworen, aufrichtig zu sein; es gibt für mich,
einem
so hochgestellten Gönner gegenüber, keine andere Weise,
Erkenntlichkeit
zu bewähren.
Zunächst
muß
ich aber melden, mit wie großer, ungeteilter Sympathie ich Eurer
Majestät beredte Apologie der babylonischen Forschungen (in dem
Schreiben
an mich) gelesen habe. Ich kann versichern: Sire, vous
prêchez
au converti. Mit gespanntestem Interesse war ich seit Jahren
bestrebt,
soviel von allen diesen Dingen zu erfahren, wie es einem ungelehrten
Manne
möglich ist aufzunehmen, und als die Deutsche Orientgesellschaft
gegründet
ward, trat ich sofort als Mitglied bei, mit einem für einen unterm
Dache lebenden Mann unverantwortlich hohen Jahresbeitrag und habe
niemals
— selbst bei tiefster Kassenebbe — die Zahlstelle auch nur 24 Stunden
warten
lassen; das ist, glaube ich, das experimentum crucis für
den
Grad des Interesses, das ein Mann einer Sache widmet, nicht wahr? Habe
ich einmal das Wort „elende Tonscherben“ fallen lassen, so geschah das
in der Hitze des Gefechts und unter der unerhörten Provokation der
Behauptung, die gesamten Ergebnisse unserer europäischen
Wissenschaften
seien gleich nichts zu achten im Verhältnis zu den Ausgrabungen am
Euphrat; das ist schon nicht mehr bloß „mirage oriental“,
sondern delirium tremens orientale; wessen Blut bei solchem
beschränkten
Spezialistenhochmut nicht kocht, ist nicht wert, als Erbe alles dessen
sich zu fühlen, was von Galilei bis Goethe geleistet wurde. Doch
es
wäre unverdient hart, mir — dem begeisterten, dankbaren
Jünger
a l l e r wissenschaftlichen Bestrebungen, der mit
Verehrung
zu a l l e n Pionieren des Wissens hinaufblickt
— dauernd einen Vorwurf aus solch einer oratorischen Wendung zu machen,
oder sie gar so zu deuten, als wäre ich unter die Obskuranten
gegangen.
Daß meine Boutade mir die beredten Ausführungen Eurer
Majestät
eingebracht hat, macht mir den überkecken Ausdruck — der mir schon
völlig entfallen war — lieb; doch wage ich zu glauben, daß
schon
meine Schriften bezeugen, ich sei kein Verächter der babylonischen
Archäologie und unterschätze nicht ihren Wert für die
Aufklärung
des Alten Testaments. Nur leugne ich allerdings die Gleichung Babylon =
Delitzsch, und außerdem stemme ich mich auf gegen die
wirbelwindartig
wirkende Monomanie, die alle Menschen zu erfassen pflegt, um sie das
eine
Mal in eine Richtung, das andere Mal in eine andere fortzutragen — so
jetzt
nach Babylonien, als wäre Aufklärung über das Alte
Testament
nur von dorther zu erwarten, als wäre der Jahrhunderte
währende
Aufenthalt der Josephiten in Ägypten nichts, als hätten die
rein
arabischen Sagenkreise und Kulturobservanzen um den Sinai herum in der
mosaischen Geschichte nichts zu bedeuten, als bestände das Volk,
das
wir „jüdisch“ nennen, nicht nachgewiesenermaßen in
überwiegendem
Maße aus syrisch-hettitischem Blute und habe es nicht (ebenfalls
erwiesenermaßen) die Hauptzüge des weder babylonischen, noch
ägyptischen, noch semitischen Naturkultus dieses syrischen Volkes
beibehalten, usw. usw. (Nebenbei gesagt, und da meine
diesbezüglichen
Darlegungen in den „Grundlagen“
noch immer von Professoren, Theologen und Zeitungsskribenten
verhöhnt
und als „blutiger Dilettantismus“ hingestellt werden, hat es mich
gefreut,
in dem vor wenigen Wochen erschienenen vierten Bande von Wincklers
„Altem
Orient“ die Arbeit eines Fachmannes, Dr. Leopold Messerschmidt, „Die
Hettiter“
zu finden, in welcher dieser Spezialist — p. 15 — als gesichertes
Ergebnis
der Wissenschaft g e n a u dasselbe lehrt, was
ich aus den zuverlässigsten mir erreichbaren Schriften entnommen
hatte:
daß nämlich die Hettiter, die Juden in ihrer Mehrzahl und
die
Armenier einer und derselben Rasse — dem homo syriacus —
zugehören
und man somit „d i e J u d e n n i
c h t z u d e r s e m i t i s c h e
n R a s s e z ä h l e n d
ü
r f e“.) Nun, jetzt soll Geschichte vereinfacht werden, sie
soll sich in das respektable, aber immerhin sehr beschränkte
Prokrustesbett
des Spezialismus einiger Professoren bequemen; was darüber
hinausragt,
wird einfach abgehackt, Tatsachen, die sich nicht keilinschriftlich
ausweisen
können, werden von der Grenzbehörde zurückgewiesen — — —
— Diese gewiß schnell vorübergehende Mode bin ich
allerdings
nicht gewillt mitzumachen, und die Zeit wird mir recht geben. Darum ist
aber mein Interesse für die Erfolge der deutschen Ausgrabungen,
meine
Hochachtung vor den Gelehrten, die sie leiten, und meine Bewunderung
für
das anfeuernde Interesse, welches Eure Majestät der Sache widmen,
nicht geringer.
In beiden Briefen
— dem privaten und dem öffentlichen — hat eine Sache mich sehr
frappiert;
ich habe daran herumstudiert und kann sie mir nicht erklären;
darum
muß ich sie hier erörtern; der Zusammenhang mit der soeben
vorangeschickten
Bemerkung wird sich von selbst ergeben.
Eure Majestät
betrachten Abraham als eine historische Persönlichkeit und
übertragen
ohne weiteres auf sie die ganze Geschichtlichkeit, die Hammurabi, — ein
durch zahlreiche Dokumente bezeugter Monarch — gewonnen hat. Ich
möchte
in aller Ehrerbietung die Berechtigung dieser Auffassung für
fraglich
halten. Daß Israel, Jakob, Esau usw. nicht einzelne Menschen,
sondern
personifizierte Stämme bedeuten, ist erwiesen und ist um so
einleuchtender,
als diese Art der Geschichtserzählung sich fast bis auf den
heutigen
Tag in Arabien erhalten hat. So zeigt z. B. Wellhausen — jener wahrhaft
große, die anderen alle um eine Haupteslänge
überragende
Exeget, auf den Harnack neulich mit so großem Rechte hinwies —‚
daß
zwischen Jakob und Israel J a h r h u n d e r t
e
liegen. Er zeigt aber auch (Prolegomena, 4. Ausgabe, S. 323), daß
Abraham „wohl d i e j ü n g s t
e
F i g u r in dieser Patriarchengesellschaft ist“! Auch aus
jedem anderen ausführlichen Kommentar zur Genesis kann man
erfahren,
daß Abraham erst sehr spät hineingemalt wurde, wobei aber
allerhand
Widersprüche und Unmöglichkeiten den frommen
Legendenzusammenstellern
mitunterlaufen sind. Wellhausen ist, wie immer, sehr vorsichtig und
begnügt
sich mit der Feststellung, daß Abraham keinesfalls „für eine
geschichtliche Person gehalten werden darf“. Die meisten aber unter den
Neueren gehen noch weiter und betrachten es als fast ganz sicher
ausgemacht,
daß Abraham und sein ganzer Kreis nichts weiter als ferne
Erinnerungen
an den Mondkultus von Harran sind. Daß Sarah und Milka
Göttinnen
des Harran waren, weiß man heute genau, dafür gibt es
dokumentarische
Textbelege, und somit wird die Hypothese, die Delitzschs rechte Hand,
der
Assyriolog Winckler, schon vor Jahren aufstellte, daß
nämlich
die Gestalt des Abraham aus einer Verschmelzung Isaaks mit dem Mondgott
entstand, selbst von Vorsichtigen heute erwähnt und für
wahrscheinlich
gehalten. (Eine der größten Autoritäten auf dem Gebiete
der Assyriologie — Zimmern — erklärt in seinem (erst vor wenigen
Wochen
erschienenen) Werke über „Die Keilinschriften und das Alte
Testament“,
S. 364—5, daß er geneigt ist, Wincklers Ansicht für
wissenschaftlich
begründet zu halten, und er weist auf eine erst erscheinende
Arbeit
Jenssens hin — ebenfalls ein Gelehrter allerersten Ranges —‚ in der
weiteres
Material zur Bestätigung vorgebracht werden wird. Selbst die sich
so geschichtlich ausnehmende Reise Abrahams von Ur über Harran
nach
Kanaan soll einem alten Zuge aus dem Mythos des „Mondheros“ entspringen
(vgl. Winckler in dem soeben genannten Werke, S. 30). Ohne mir also
auch
nur den allergeringsten Ansatz zu einem persönlichen Urteil zu
erlauben,
darf ich die Behauptung aufstellen, daß die Auffassung von dem
Scheich,
der Hammurabi in seinen Kriegen beisteht usw., bei der deutschen
Wissenschaft
des heutigen Tages k e i n e Unterstützung
findet, und es wird mir schwer, die Worte Eurer Majestät (in dem
Schreiben
an mich): „Also hier hat die Assyriologie und die Tontafeln Babels
direkt
dem Alten Testament einen Dienst erwiesen“ mit den Ausführungen
über
Abraham in dem Brief an Admiral Hollmann zusammenzureimen; denn ist —
wie
die Assyriologie und die Tontafeln behaupten — Abraham keine
geschichtliche,
kaum einmal eine legendarische, sondern eine pseudomythische Gestalt,
so
steht es schlimm um eine „von Abraham an eingeleitete Erscheinung des
Herrn“.
Nun bin ich aber
weit entfernt, hierauf einen übertrieben großen Wert zu
legen;
zwar halte ich es — auch ganz abgesehen von dem Mondmythos (denn in
solchen
Dingen wird viel gefabelt, und ich traue ihnen immer nur halb) — ich
halte
es aber für endgültig ausgeschlossen, und zwar durch die
Ergebnisse
der vorsichtigsten Bibelexegese für ausgeschlossen, daß
Abraham
eine historische Persönlichkeit gewesen sei; jedoch, ich bin
bereit,
diese Position aufzugeben. Überzeugend nachzuweisen, daß
jemand
oder etwas nicht existiert hat, ist immer schwer. Meinetwegen soll
Abraham
also ein Scheich gewesen sein im Dienste Hammurabis. Goethe richtet
einmal
ein beherzigenswertes Wort an Gräfin Julie Egloffstein, als diese
ihn mit irgendwelchen skeptischen Einwänden in religiösen
Dingen
plagte, wie ich jetzt Eure Majestät: „Mein Kind, es ist besser, du
glaubst an das Falsche, als du zweifelst am Wahren“; und so will ich
denn
an die Existenz Abrahams glauben. Jetzt kommt aber dann das sehr
Bedenkliche:
hat nämlich ein Scheich dieses Namens tatsächlich zur Zeit
Hammurabis
gelebt, so ist das eine ganz sicher: daß er
nämlich
n i c h t jenen religiösen Glauben besessen hat, den
das
Alte Testament ihm zuschreibt. Hier handelt es sich nicht mehr um
Hypothesen,
sondern um völlig gesicherte Tatsachen. Sie darzulegen, wäre
ein sehr kompliziertes Unternehmen, dem ich Laie durchaus nicht
gewachsen
bin; doch Eure Majestät brauchen nur jeden beliebigen
wissenschaftlichen
Kommentar zur Hand zu nehmen. Unter den neueren Kommentaren zur Genesis
ist der anerkannt beste der des Berliner Professors Hermann Gunkel,
1901,
und, nebenbei gesagt, ist Gunkel ein lic. theol. und ein
gläubiger
Christ; Gunkel sagt nun (S. LV), daß er nicht begreifen
könne,
warum die „Apologetik“ auf die Geschichtlichkeit Abrahams so
großen
Wert lege, da ja, „wenn es einmal einen Führer gegeben hätte,
der Abraham hieß, und der etwa den Zug von Harran nach Kanaan
geleitet
hat“, es doch s i c h e r sei — „sicher“, weil
aus der Bibel selbst lückenlos nachgewiesen —‚ daß ihm die
sogenannte
„Religion Abrahams“ völlig unbekannt war. Nicht umsonst haben
jetzt
mehrere Generationen deutscher, holländischer und englischer
Gelehrter
— unter ihnen Männer allerersten Ranges — mit aufopferendem
Fleiße
ihr ganzes Leben in den Dienst der alttestamentarischen Bibelforschung
gestellt. Gewiß ist dieses Buch ein heiliges, vom Geiste Gottes
erfülltes,
doch ist kein Buch der Welt so wenig geeignet, mit harmlosem Vertrauen
als „Geschichte“ gelesen zu werden. Vielmehr ist es ein fast
unentwirrbares
Geheddere aus allen möglichen Zeiten und Quellen, ein Kampfplatz
direkt
sich widersprechender Traditionen, Glauben, Gelüste, Lehren,
Politiken;
Widersprüche, absichtliche und unabsichtliche Irrtümer, kluge
Fälschungen, Verleumdungen, fromme Lügen, vaticinia ex
eventu
usw. verwirren Kapitel für Kapitel und fast Vers für Vers;
dazu
dann die große letzte Redaktion, die erst nach der babylonischen
Gefangenschaft von fanatischen Pfaffen durchgeführt wurde, ohne
jede
Kontrolle, ohne jede höhere Jurisdiktion, und mit dem Zwecke, eine
scheinbar geradlinige Geschichte vorzutäuschen, im Interesse einer
alles verschlingenden hierokratischen Allgewalt! Und in dieses Chaos
ist
es nun doch, nach und nach, der Wissenschaft — der echten,
skrupulösen,
Schritt für Schritt langsam und sicher vordringenden — gelungen,
Licht
und Klarheit zu bringen. Gewiß bleibt noch vieles zu tun, und
über
manches bringt ja, wie Delitzsch es in seinem zweiten Vortrag zeigte,
die
babylonische Forschung erwünschten Aufschluß. Doch ist nicht
Weniges — und zwar Grundlegendes — schon heute endgültig ins Klare
gebracht, und dazu gehört die Tatsache, daß die Israeliten
bis
spät hinab nicht Monotheisten waren. Ich könnte dafür
die
gesamte wissenschaftliche Bibelexegese anführen, doch will ich
heute
lieber in dem Kreise bleiben, der uns augenblicklich fesselt, und einen
Assyriologen zitieren. Winckler sagt in dem von ihm bearbeiteten
(Oktober
1902 erschienenen) Teile des oben genannten zusammenfassenden Werkes
„Die
Keilinschriften und das Alte Testament“ (S. 209): „Die gesamte durch
den
Monotheismus vertretene Weltanschauung ist den Stämmen, welche
Israel
und Juda schließlich gebildet haben, u r s p r ü
n g l i c h f r e m d u n d n i c h
t i n d e n K ö p f e
n
i h r e r A n g e h ö r i g e n e n t s t
a n d e n.“
Hier müßte
man ja noch ganze Bücher schreiben, um die Sache ins Reine zu
bringen;
ich will mich aber begnügen, auf Ägypten hinzuweisen, denn es
hat mich gefreut zu bemerken, daß selbst ein Assyriologe wie
Winckler
sich genötigt sieht, auf Ägypten hinzuweisen als die aller
Wahrscheinlichkeit
nach allererste Quelle irgendeines monotheistischen Schimmers unter den
Stämmen verschiedenen Ursprungs, die später Israel-Juda
gebildet
haben. Daß nämlich der Glaube an den Eingott von den
ägyptischen
Priestern gelehrt wurde, ist sicher. Der Ausdruck „Gott ist ein einiger
Gott“ (Deuteronomium VI, 4) ist die buchstäblich genaue
Übersetzung
der uralten ägyptischen Glaubensformel; und die größte
lebende Autorität in diesem Fache, Budge (auch von Delitzsch immer
als maßgebend zitiert), schreibt darüber: „It has been
denied
by some that this Oneness or Unity is the same as the unity of God
Allmighty,
though I believe there is no good reason for this view; but whether it
be or not, it is perfectly certain that when the Egyptians declared
that
their God was One, they meant exactly what the Hebrews meant when they
declared that Jehovah was One“ (The Book of the Dead, 1898,
p. XCVIII). Dieser „einige“ Gott wird von den Ägyptern als
„unsichtbar,
unerkennbar, ungezeugt, ewig“ gelehrt. Und wenn wir nun bedenken,
daß
die tonangebenden Stämme in dem späteren israelitischen
Konglomerat
— nämlich Ephraim und Manasseh — jahrhundertelang im Herzen
Ägyptens
gelebt und daß sie sich in ihren eigene Legenden, einerseits mit
dem ägyptischen Königtum (Joseph), anderseits mit dem
ägyptischen
Priestertum (Moses) verknüpfen, so werden wir gewiß nicht
weit
fehlgehen, wenn wir hier den ersten Samen des in der Bibel
verherrlichten
monotheistischen Gedankens erblicken, der gerade dadurch eine besondere
Gestalt und neue Kraft erhielt, daß diese gänzlich
unkultivierten
Menschen unfähig waren, den eigentlichen universellen
Eingottgedanken
der ägyptischen Weisen zu fassen, sondern diesen Eingott vielmehr
zu ihrem partikulären Stammesgott umschufen.
Wenn ich aber in
diesem Zusammenhang flüchtig auf Ägypten hinweise, so
geschieht
das nicht bloß, um aufmerksam zu machen, daß man noch gar
manche
Dinge außer Babylon in Betracht ziehen muß, will man
biblische
Geschichte aufklären, sondern ich tue es besonders deswegen, weil
die Versuche, einen Zusammenhang zwischen den sogenannten Zehn Geboten
Moses und dem „Kodex Hammurabi“ nachzuweisen, für mich bis auf
weitere
Belehrung wenig Überzeugungskraft besitzen. Nicht nur liegt
zwischen
Hammurabi und Moses eine gewaltige Zeitspanne, nicht nur sind die
beiden
Männer aus verschiedener Umgebung und Zivilisation hervorgegangen,
nicht nur weiß noch kein Mensch, was wir uns unter der
rätselhaften
Gestalt Moses denken sollen (es ist dies noch eine der dunkelsten
Seiten
des Alten Testaments), nicht nur wissen wir heute, daß die
Josephiten
(also die eigentlichen Israeliten) mit den Judäern und Benjamiten
früher in keiner Verbindung gestanden hatten, und wissen wir,
daß
das Gros desjenigen Volkes, welches die Bibel als das
„auserwählte“
bezeichnet, erst n a c h dem Einfall in
Palästina,
und zwar vorwiegend aus ureingesessenen Syriern entstand, nicht nur
bringt
die Bibel die Zehn Gebote in zwei völlig voneinander abweichenden
Fassungen (was der große Goethe zuerst entdeckte und worauf er
bereits
1773 in seiner kleinen Schrift „Zwo wichtige bisher unerörterte
biblische
Fragen zum erstenmal gründlich beantwortet“ — erste Frage: „Was
stund
auf den Tafeln des Bundes?“ aufmerksam machte —) und ist jedenfalls die
Fassung in Exodus XXXIV ursprünglicher als die uns geläufige
aus Exodus XX, nicht nur ist diese uns aus dem Katechismus
geläufige
Fassung nach der Ansicht des gelehrten Rabbiners Schechter (eines
unverdächtigen
Zeugen mosaischer Religion) erst 150 Jahre n a c
h
S a l o m o (also mehr als ein halbes Jahrtausend nach
Moses)
überhaupt erst verfaßt worden (siehe „The Date of the
Decalogue“,
Appendix I zu C. H. Montefiores „Religion of the Ancient Hebrews“,
1893, S. 553ff) — sondern auch abgesehen von allen diesen
erwägenswerten
Umständen, muß ich gestehen, daß ich nach genauer
Prüfung
der Gesetze Hammurabis (in dem letzten Heft von Wincklers „Alter
Orient“)
auch nicht einen einzigen Zug innerlicher Verwandtschaft zwischen
diesem
„code
civil et criminel“ und den teils ethischen, teils
gottesdienstlichen
Geboten der Bibel zu entdecken vermag. Wogegen die Verwandtschaft
zwischen
diesen sogenannten mosaischen Geboten und den im ägyptischen
Totenbuch
enthaltenen allerdings in die Augen sticht (z. B. Budge, S. 193ff); nur
haben die Ägypter viel mehr Gebote, darunter namentlich auch
dasjenige,
dessen Fehlen im Dekalog peinlich ausfällt: „Du sollst nicht
lügen!“
Sollten nun Eure
Majestät bis hierher mich zu lesen die Gnade gehabt haben, so,
glaube
ich, wird der Sinn und der Zweck meiner Polemik schon deutlich geworden
sein. Nach meinem Empfinden nämlich wäre dem Briefe an
Admiral
Hollmann eine wuchtigere Einheitlichkeit in der Behandlung des Alten
Testaments
zustatten gekommen. Den Standpunkt des Tridentinischen Konzils verstehe
ich: jedes Wort der Bibel ist vom Heiligen Geiste diktiert. Alle
Wissenschaft
zerbricht an diesem Dogma wie die Welle am Fuße eines
Granitfelsens;
dafür ist aber alles hinfürder sehr vereinfacht und von
eiserner
Konsequenz — man spart den Gelehrten die Gehirnschmiere und dem Volke
die
Beunruhigungen; und was die praktische Tugend anbelangt, so ist diese
auf
allen Wegen zu erreichen, sobald der gute Wille da ist. Ich verstehe
auch
den altindoarischen Standpunkt: die heiligen Bücher als unbedingt
heilig und geoffenbart, doch niemals als Geschichte aufzufassen.
Hierdurch
wurde nun die instinktive, unergründliche Weisheit aus der
Kindheit
der Menschengesellschaft, aus der Zeit ihrer „Gottesnähe“
(sozusagen)
zu einer ewig fließenden Quelle neuer Gedanken, neuer
Religionsgestaltungen,
die sich den verschiedenen Bedürfnissen verschiedener
Menschencharaktere
und wechselnder Zeiten anpaßten. Ich gestehe es: etwas derartiges
schwebt mir als das Ziel vor, auf das wir mit unserem Herzensblut im
Interesse
einer Regeneration lebendiger Religion hinarbeiten müßten;
darum
müssen wir in der Bibel das W o r t
festhalten
(das Wort ist immer unerschöpflich), die G e s c h i c
h t e dagegen (als solche) können wir der historischen
Kritik getrost überlassen. — Was ich aber nicht verstehe, ist, wie
es sollte glücken können, diese beiden Ideale zugleich zu
vertreten;
ich fürchte, das muß die Konsequenz des Denkens aus dem
Gleichgewicht
werfen und dadurch auch mit der Zeit die zielbewußte Tatkraft
lähmen.
Doch auch diese
Bedenken
würden mich nicht vermögen, Eurer Majestät Zeit in
Anspruch
zu nehmen, wenn ich es nicht erlebt hätte, daß manche
Nichtchristen
und antichristlichen Freidenker den Brief Eurer Majestät nur
deswegen
mit Begeisterung begrüßt haben, weil sie ihn ihren
Wünschen
gemäß deuten zu dürfen glauben. So schrieb mir z. B.
ein
deutscher Professor — ein echter Germane, aber ganz im Banne des
ethischen
Deismus: „Sie sollen doch nicht recht behalten, mein lieber
Chamberlain,
unsere deutsche Kultur wird n i c h t unter dem
Zeichen des Kreuzes auf Golgatha stehen; lesen Sie nur den Brief des
Kaisers.“
Daß ein solches
Mißverständnis nach den herrlichen Worten in Aachen
möglich
ist, daß es möglich ist, wo doch in dem Brief an Hollmann an
zwei Stellen deutlich genug von Christus die Rede ist, das wäre
schwer
zu begreifen, müßte man nicht alle Tage erfahren, wie
leichtfertig
in unserem zeitungsverzehrenden Alter gelesen wird, und wie schnell ein
Eindruck den anderen verjagt. Doch hierbei konnte ich mich nicht
beruhigen,
sondern ich mußte mich fragen, wie es in den Hirnen solcher Leute
zugeht, die das kaiserliche Schreiben lesen und wiederlesen, ohne
daß
sie dem Hinweis auf Jesus Christus besonderes Gewicht beilegen zu
müssen
glauben. Hierüber nun möchte ich in Ehrerbietung meine
Gedanken
mitteilen.
Daß die
Anknüpfung
an Abraham und dessen Volk für die vielen Gebildeten, die von den
Ergebnissen der wissenschaftlichen Bibelexegese etwas erfahren haben,
keine
besondere Überzeugungskraft besitzen könne, erscheint nach
den
obigen Ausführungen begreiflich; ich brauche nicht darauf
zurückzukommen.
Würden Eure Majestät jegliche geschichtliche Kritik des Alten
Testaments von vornherein abweisen, das wäre etwas anderes; jeder
Weg, der zu Christus führt, soll mir gesegnet sein, auch der des
schlichten
Glaubens an die strenge Geschichtlichkeit der biblischen
Erzählung.
Wir wissen aber alle, daß Eure Majestät ein eifriger
Förderer
aller Wissenschaft sind, und wir erfahren in diesem Briefe wieder, wie
echt wissenschaftlich und freiheitlich diese Förderung gemeint
ist.
Darum macht der kleine messianische Exkurs nicht die beabsichtigte
Wirkung.
Der auf Abraham, Moses usw. aufgebaute, mit dem von den nachexilischen
Priestern erdichteten Judentum identifizierte, also rein geschichtlich
aufgefaßte Christus — dessen Geschichte aber die historische
Wissenschaft
in wesentlichen Punkten nicht bestätigt — überzeugt nicht
mehr.
Ist es aber hier
das Konkrete, was auf unsere Freidenker ohne Wirkung bleibt, so ist es
an anderer Stelle das Abstrakte, an dem sie — weil zu abstrakt für
ihren Vorstellungskreis —‚ ohne es zu beachten, vorbeilesen.
Eure Majestät
reden ausdrücklich von der „Gottheit Christi“; viele unserer
Zeitgenossen
sind aber unfähig, sich bei diesem Bekenntnis irgend etwas
vorzustellen.
In früheren Zeiten — damals, als das Dogma von der
Gottessohnschaft
aufgestellt wurde — dachten sich die Christen Gott als einen alten
Herrn
mit einem langen Bart, der unmittelbar oberhalb der Wolken auf einem
Throne
sitze; Christus war des alten Herrn Sohn, der „auf Wolken kommend“
erwartet
wurde, selber also Gott. Seit Kopernik sind derartige Vorstellungen auf
immer vernichtet. Heute haben wir — ich meine die Gebildeten unter uns
— entweder eine ideale Religion oder gar keine; diese These habe ich in
mein „Grundlagen“
lückenlos
nachzuweisen versucht; wir können darum Gott nicht — wie die
Semiten
und die Juden — „draußen“ suchen, sondern nur „drinnen“; ist Er
uns
nicht ganz nahe, näher als das eigene Herz, dann ist Er
überhaupt
nicht. Nun tritt aber der Übelstand ein, über dessen genaue
Beschaffenheit
erst Kant volles Licht verbreitet hat: einem nicht naiv-konkret
gedachten
Gotte dürfen wir kein einziges Attribut beilegen — weder Zahl
(auch
nicht Einheit natürlich!), noch Größe, noch irgend
welche
Beschaffenheit. Und daher bliebe, trotzdem Gott, wie Kant es
ausdrückt,
als „unbedingt notwendiges Wesen“ vorgestellt wird, der Gedanke an ihn
betrübend abstrakt, und seine Nähe, wie innig wir sie auch
empfinden
möchten, würde jeglicher Anschaulichkeit entbehren, wenn das
Göttliche nicht menschliche Gestalt angenommen hätte. Nicht
Geschichte,
wohl aber E r f a h r u n g ist überall
das
Korrelatum des Idealismus. Hier nun setzt der Glaube ein und mit ihm
das,
was „Religion“ zu heißen verdient. Sage ich aber „Christus ist
Gott“,
so sage ich zwar etwas Wahres, nicht aber Inhaltsreiches, da Gott ein
auf
empirischem Wege unfaßbarer Begriff bleibt; und daher lesen
unsere
Gebildeten über jene erste Seite des Briefes hinweg und sagen
sich:
ach, das ist ja eine bloße Formel aus dem Katechismus, bei der
sich
kein Mensch etwas denken kann. Darum habe ich in meinem Vorwort zur
vierten
Auflage der „Grundlagen“, S. 68, großen Wert darauf gelegt,
daß
wir diese Glaubensformel umzukehren lernen: Gott ist Christus. In
dieser
Kleinigkeit liegt alles. Denn niemand wird behaupten, die Worte seien
in
dieser anderen Reihenfolge inhaltsleer oder unverständlich. Ihr
glaubt
nicht an Gott, weil er nicht mehr über den Wolken thront? Freilich
thront er nicht dort; das war ein frommer Wahn; er schreitet aber auf
Erden,
mitten unter uns; schaut hin; er steht euch näher als früher.
„Christus ist Gott“ ist Gnostik; „Gott ist Christus“ ist lebendiger
Glaube.
Es gibt noch ein
Drittes.
Dort, wo Eure
Majestät
zu einem zusammenfassenden Glaubensbekenntnis gelangen — am Schlusse
des
Schreibens an Admiral Hollmann —‚ da finden wir den einen einzigen
Satz:
„Ich glaube an Einen Einigen Gott.“ Ich glaube zu verstehen, warum sich
Eure Majestät gerade hier eine so große Reserve auferlegt
haben.
Ein Monarch, der unter seinem Zepter verschiedene — auch
nichtchristliche
— Konfessionen vereinigt, und der auch für die grundsätzlich
Ungläubigen ein gerechter Landesvater zu sein hat, kann
gewiß
in solchen Dingen gar nicht zu vorsichtig und überlegt zu Werke
gehen;
jedes Wort muß auf die Goldwage gelegt werden, und nur selten
wird
ihm sein erhabener Beruf erlauben, persönlichen Überzeugungen
überhaupt öffentlich Ausdruck zu verleihen; ich werde mich
also
nicht erkühnen, dieses Glaubensbekenntnis zu kritisieren. Doch im
Interesse der Feinde des Christentums, die an dem kaiserlichen
Schreiben
so gewaltsam herumdeuten, hätte ich wohl gewünscht, daß
es möglich gewesen wäre, Christus an dieser kulminierenden
Stelle
zu nennen.
Ich mußte
hierbei
an meinen ersten längeren Brief an Eure Majestät
zurückdenken,
in dem ich erzählte, welche weitgehende Rechte die indoarischen
Könige
den Denkern einräumten. Vielleicht darf ich auf eine so
ehrwürdige
Tradition bauen, um Eurer Majestät mitzuteilen, wie ich — der ich
mich ja freier bewegen darf als ein Monarch — ein solches
zusammenfassendes
Glaubensbekenntnis mir für meine Person etwa dächte? Ich
bitte,
es gleichsam als eine Gegengabe des Denkers an den König aufnehmen
zu wollen.
Folgendes würde
ich sagen:
1. Ich glaube an
Jesus Christus.
2. Ich glaube,
daß
in ihm alles, was uns Sterblichen von dem unerforschlichen Geheimnis
des
Göttlichen zugänglich ist, Gestalt gefunden hat.
D a ß Gott ist und w a s Gott
ist, weiß ich durch ihn allein.
3. Aus Christi Leben
und aus seinem Tode erhoffe ich für mich und alle, durch
Gottesgnade,
die Erlösung.
4. Ich erkenne keine
Kultur als gleichberechtigt an, die nicht Gott in Christus verehrt; die
Feinde Christi sind meine Feinde; ich will nicht erlauben, daß
sie
meine Kinder erziehen, meine Jünglinge ausbilden, meinen Staat
mitregieren,
die christliche Kultur durchseuchen; zwar erkenne ich es als eine
Pflicht
der Menschlichkeit an, sie zu dulden, ihre antichristlichen
Bestrebungen
aber will ich mit Wort und Tat und, wo es nottut, mit Gesetz und
Schwert
bekämpfen; für Christus will ich mein Leben geben.
So etwa würde
ich sprechen. Und ich gestehe, daß in dieser Beziehung Harnack,
in
seinem ungemein geistvollen Aufsatz in den „Preußischen
Jahrbüchern“,
mich nicht befriedigt hat; er ist doch ebenso frei wie ich und
hätte
eine deutliche, entschiedene Sprache reden dürfen und sollen.
Diese
vorsichtige Herumdefiniererei und diese aus dem Johannesevangelium
extrahierte
Milch-und-Wasser-Gestalt (wobei nota bene Harnack selber dem
Johannesevangelium
gar keine Authentizität zuerkennt und meine abweichende Auffassung
in den „Worten Christi“¹ scharf getadelt hat — brieflich) — sie
würden
in unserer realen Welt mit ihrem Bedürfnis nach scharf
geschnittenen,
von nahe und von ferne deutlich erkennbaren Umrissen wenig ausrichten.
„Eine Idee d a r f nicht liberal sein“, sagt Goethe;
„kräftig sei sie, tüchtig, in sich selbst abgeschlossen,
damit
sie den göttlichen Auftrag, produktiv zu sein, erfülle“; nur
in den Gesinnungen, meint er, nicht in den gestaltenden Gedanken
dürfe
Liberalität zu finden sein. Es soll eben bis ans Ende der Welt
sich
bewahrheiten, daß das Heil der Religion niemals von Theologen
ausgeht.
In hundert Gestalten rückt der Antichrist heran, am meisten Gefahr
dort bergend, wo er christlich vermummt auftritt und mit dem Paganismus
Syriens und Ägyptens, dem verblödenden, entehrenden, das
Gemüt
zerstörenden Profanismus — gegen den gemessen die Religion Homers
göttlich rein und die Religion der Indoarischen Hirten (vor 5000
Jahren)
erhaben war — unsere Völker bis ins Innerste verseucht und als
erstes
Ziel die systematische Vernichtung der germanischen Seele verfolgt;
gegen
diese Feinde vermögen wir nichts, gar nichts, wenn wir
nicht
C h r i s t u s d e n G o t t gegen
sie aufrichten.
Nur aus dieser
Überzeugung
heraus, und weil diese Überzeugung mein Wesen so ganz
ausfüllt
und tyrannisch beherrscht, daß mir keine Wahl bleibt und ich
manchmal
tun m u ß, was mir rein weltlich
betrachtet
nicht ratsam und klug erscheinen würde, habe ich diesen Brief
geschrieben
und habe ich in diesem Briefe die vielen Dinge gar nicht erwähnt —
was doch leicht gewesen wäre —‚ wo ich nur aus freudigstem Herzen
übereinzustimmen und zu danken gehabt hätte, sondern bin
einzig
bei der Besprechung jener Punkte geblieben, bei denen mir mit
Rücksicht
auf unser mit allen Kräften anzubahnendes, neues, freies,
jugendliches,
siegessicheres, germanisches Christentum eine offene Aussprache geboten
schien. Wäre ich nicht überzeugt, daß Eure
Majestät
im Grunde genommen fast genau ebenso denken wie ich, ich hätte es
nicht gewagt, diese Bogen zu schreiben; und auch trotz dieser
Zuversicht
weiß ich, das nur ein hoher Grad von Gnade und Gerechtigkeit, und
auch von Sympathie, hinreichen kann, mich zu rechtfertigen.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
ehrerbietig ergebener und treuer Diener
Houston S. Chamberlain.
(geschr. 15. bis 18. 3. 1903)
P. S. Einliegend
eine
Besprechung des Schreibens an Hollmann, die mir besonders gut gefallen
hat und Eurer Majestät wohl schwerlich je zu Gesicht käme.
Dieser
Pfarrer Dr. Christlieb hat schon in den „Preußischen
Jahrbüchern“
und in „Lohmeyers Monatsheften“ gute Aufsätze veröffentlicht;
ich kenne ihn persönlich nicht, doch erwarte ich Tüchtiges
von
ihm, und ich habe meinen Verleger Bruckmann veranlaßt, eine
Geschichte
des Alten Testaments, seiner Ursprünge und seines Werdens bei ihm
zu bestellen, in der die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung
von
einem freien und gläubigen Manne für uns Laien
übersichtlich
zusammengefaßt werden sollen. Christlieb war Missionär in
Japan,
kennt also die Welt, spricht und schreibt Englisch perfekt, kurz, hat
einen
weiteren Horizont als die meisten seiner Amtskollegen; dabei besitzt er
zugleich als aktiver Pfarrer jene Kenntnis der Bedürfnisse des
praktischen
Lebens, die unseren Professoren fast durchwegs abgeht und sie so viel
Unheil
anrichten läßt.
—————
¹
Vgl. nebst der „Apologie“ besonders auch das „Begleitwort“ zur neuen
Ausgabe
(1903).
212
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Wartburg, 24. 8. 1903.
Mr. Houston St. Chamberlain
mit herzlichstem Dank für seinen
langen und eingehenden Brief. Nebenstehender Artikel ¹ dürfte
von Interesse sein.
Wilhelm I. R.
—————
¹
“The
Code of King Khammurabi“. The Times vom 14. und 15. April 1903.
212-215
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
1. Oktober 1904
VI Blümelgasse 1.
Wien.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
melde ich in aller Ehrerbietung und
mit
wärmstem Danke, daß ich das mir gnädigst
übersandte
Bild¹ richtig empfangen habe.
Mein Dank trifft,
fürchte ich, einigermaßen spät ein; denn ich war in
diesem
Jahr dermaßen von der Arbeit erschöpft, daß ich den
Aufenthalt
im Hochgebirg über die gewöhnliche Frist hinaus
verlängern
mußte. Soeben erst in Wien eingetroffen, finde ich die Kiste vor,
weiß aber nicht, wie lange sie meiner schon harrt.
Soweit ich es
beurteilen
kann, muß der Gesamteindruck des Standbildes ein prächtiger
sein; noch größer ist aber jedenfalls der Gedanke, der es
gebar.
So steht der Germane als Herr da oben und knüpft — über die
Köpfe
der elenden Mestizen aus syrischen und punischen Sklaven hinweg —
unmittelbar
an die untergegangenen großen Geschlechter an. Sind Eure
Majestät
vielleicht auf die Arbeiten des Dr. Ludwig Woltmann aufmerksam
geworden?
(Vgl. namentlich „Politisch-Anthrop. Revue“, Juni 1904 und Juli 1904.)
Dieser deutsche Gelehrte, der zum Glück über Geld und
Muße
verfügt, widmet jetzt Jahre seines Lebens dem genauen — sowohl
anthropologischen
(Woltmann ist Mediziner) wie archivalischen — Erforschen der Herkunft
aller
großen
Künstler der sogenannten „italienischen“ Renaissance. Die
Ergebnisse
— wie sie jetzt anfangen klar herauszutreten — bilden eine herrliche
Bestätigung
der in den „Grundlagen“
ausgesprochenen Mutmaßungen. Schon jetzt steht fest, daß
von
Cimabue an bis zu Tizian alle größten Künstler entweder
ganz reine Germanen waren oder überwiegend germanisches Blut in
den
Adern trugen (d. h. Blut des Homo europaeus septemtrionalis).
Merkwürdigerweise
sind selbst die N a m e n zum großen Teil
germanische. So lautet z. B. Cimabues wirklicher Familienname [C. ist
Spitzname]
Gualtieri, und dies ist nichts weiter als eine ungeschickte
italienische
Verballhornung des echten alten deutschen Namens W a l t h
e r. Giotto heißt in Wirklichkeit Bondone,
Vergrößerung
von Bonde; weder Bondone noch Bonde hat auf italienisch irgendeinen
Sinn,
wogegen das Wort ein urgermanisches ist (Kluges Etymol.
Wörterbuch),
noch heute im Englischen „bond“ lebt und im frühen
Mittelalter
bei Sachsen und Skandinaviern den f r e i e n B
a u e r n bezeichnete; noch heute kommt es in Schweden als
Familienname vor. Der Name Vinci soll nachweisbar von der Burg eines
fränkischen
Ritters herkommen, der W i n d e hieß
usw.
Doch selbstverständlich sind diese philologischen Dinge stets sehr
problematisch, und daß Lionardo z. B. am Fuße der Burg des
Herrn von Winde geboren wurde, sagt noch nichts über seine eigene
Rasse aus. Hier ist Körpergestalt und Kopfbildung entscheidend.
Und
nun erweist es sich, bei einem peinlich genauen Studium aller Berichte
und mathematischen Porträte, daß fast alle diese Leute
groß,
blond, blauäugig, schmalköpfig sind und in keiner Weise an
die
heutigen Italiener erinnernd. Lionardo namentlich ist der vollkommen
reine
Typus des echten Nordländers. Auch Raffael ist zum mindesten
vorwiegend
Germane: in der Jugend hellgelb-blond und blauäugig, später
die
Haare etwas nachgedunkelt und die Augen grau. Michelangelo — der selber
auf seine angebliche Abstammung von dem sächsischen Kaiserhaus
stolz
war — scheint weit mehr ungermanische Beimischung im Blute aufzuweisen
. . . Auf die Einzelheiten ist vorläufig wenig Wert zu
legen;
da harrt noch manches der Aufklärung: der emsige deutsche Forscher
wird schon alles Verborgene und Verschüttete nach und nach ans
Tageslicht
fördern; sicher ist der Tag nicht mehr fern, wo manches in meinen
„Grundlagen“, worüber die Übergescheiten noch heute ironisch
lächeln, als unbestritten selbstverständliche Tatsache, als t
r u i s m gelten und niemand begreifen wird, daß
man diese Dinge — qui crèvent les yeux — nicht von jeher
gewußt hat.
„Was ist das Schwerste von allem?
Was dir
das Leichteste dünket,
Mit den Augen zu sehn, was vor den
Augen
dir liegt“
sagt Goethe.
Doch entschuldigen
Eure Majestät, daß ich in meinen alten Fehler des Plauderns
verfalle. Ich will mich ernstlich bessern, denn ich fürchte, ich
habe
schon — wenn nicht bei Eurer Majestät, dann an irgendeinem anderen
Orte — Anstoß damit erregt. Diesen Dankbrief wollte ich, wie
meine
früheren Briefe, durch die kaiserliche Botschaft befördern
und
somit die Gewißheit besitzen, daß er direkt zu Händen
komme; doch wurde mir bedeutet, ich solle ihn einfach per Post
schicken;
und jetzt weiß ich nicht, in was für Ämter er wandert
und
in was für Aktentaschen der Post usw.; noch ob er jemals Eurer
Majestät
zu Augen gelangt.
Und so will ich denn
nur noch, in Anknüpfung an den letzten Briefaustausch von Anno
dazumal
über das inzwischen weltberühmt gewordene Glaubensbekenntnis,
mein Bestes tun, um Eure Majestät auf einen herrlichen Ausspruch
Luthers
aufmerksam zu machen, der einer Auffrischung im Gedächtnis unserer
Zeitgenossen — namentlich der Herren Geistlichen aller Konfessionen —
wahrlich
würdig wäre. Luther sagt: „Ich halte diese Regel stets,
daß
ich solche Fragen, die uns hinanziehen in den Thron der göttlichen
Majestät, u m g e h e, s o v i
e l i c h k a n n. Und ist viel
besser
und sicherer, daß man herunten stehen bleibe bei der Krippe des
Herrn
Christi, der Mensch worden ist; denn, so man sich verwirret mit der
Gottheit,
ist viel Gefahr dabei.“
Und noch eins: hat
Eure Majestät das im Oxyrhyachus Papyrus neuaufgefundene Wort
Christi
bemerkt? Gewiß ein echtes, denn wer unter diesen elenden
Herrschaften
des Völkerchaos wäre auf einen derartigen Gedanken gekommen?
Vielmehr haben sie ihn uns im Evangelium gestrichen: „Ihr fragt, wer
diejenigen
sind, die euch zu dem Königreich des Himmels hinanziehen? Die
Vögel
des Himmels und alle Tiere sind es, die euch hinanziehen. Und das
Königreich
des Himmels ist in euch, und wer sich selbst erkennen wird, wird es
finden.“
Ist das nicht herrlich — und wie un- und antijüdisch! —
diese
T i e r e, die uns hinanziehen? Wahrhaftig eine
köstliche
Ergänzung zu Goethes: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“; wenn
auch
beides im Grunde dasselbe besagt — nämlich die ewige Liebe — dort
aber mit der Betonung des Stummen, Unbewußten. „Hamlet springt in
das Grab seiner Geliebten, und dann steigt er wieder heraus; ein Hund
wäre
darin geblieben“, sagt Ruskin. Es ist eben nichts wahrhaft groß,
was nicht unbedingt ist. Das Unbedingte — Christus selber sagt es uns
hier
— ist das Tor, durch das allein wir ins Himmelreich gelangen. Ja mir
ist
mindestens eines unbedingt: die ehrfürchtige Liebe für das,
was
aus dem Geiste deutscher Sprache und deutschen Denkens und Wollens in
seinen
höchsten Verkörperungen entsprungen ist, der
unerschütterliche
Glaube an dessen siegende Kraft, die Treue bis in den Tod gegen die,
welche
diesen Sieg befördern.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
in Ehrfurcht ergebener Diener
Houston S. Chamberlain.
—————
¹
Das vom Kaiser gestiftete Goethe-Denkmal auf dem Monte Pincio in Rom
darstellend.
216
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Telegramm
Rominten, 5. X. 1904. 12 Uhr 10 M.
V.M.
Herzlichen Dank
für
Ihren prächtigen Brief; er läßt mich auf vollste
geistige
Frische schließen. In herrlicher deutscher Heide bei Sommerwetter
und wunderbarsten Färbungen des Waldes habe ich ihn mit Freuden
gelesen.
Besten Gruß aus dem Lande Kants und des kategorischen Imperativs
der Pflicht.
Wilhelm I. R.
216
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Telegramm
Straßburg Kaiserpalast
12.20 Uhr V.M. 9. V. 1905
Für Ihre
freundliche
Übersendung der „Einführung“ ¹ von ganzem Herzen Dank!
Vorzüglich
ist das Fazit gezogen! Veredelung!!! Das ist es, was wir brauchen, was
überall in allen Dingen unserer Zeit und Generation nottut! Nicht
die Breite der Wissensfläche ist die Hauptsache, sondern
kräftige
und tief angelegte Persönlichkeiten, die „begreifen“ lernen,
schöpfend
aus freier Vernunft! Das müßte auf der Tür jedes
Deutschen
als Überschrift stehen! „Handsome is who handsome does!“
Ihren
kleinen Auszug ² aus Ihrem Kantwerk, vom Winter her, habe ich
meinen
Herren und Damen vorgelesen, atemloser Spannung folgte begeisterte
Zustimmung.
Gestern waren in allen großen amerikanischen Städten
Schillerfeiern!
Ob auch in britischen?
216-217
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Neues Palais, Dezember
24. 1905.
Mein lieber Herr Chamberlain,
Sie haben mir
durch
die Übersendung Ihres Werkes über Immanuel Kant eine ganz
besondere
Freude bereitet. In den mir leider nur knapp zugemessenen Stunden der
Muße
habe ich mich mit Vergnügen der Lektüre des trefflichen
Buches
hingegeben und mannigfache neue Gesichtspunkte und Anregungen dabei
gewonnen.
Die Idee, Ihren Lesern die Persönlichkeit des Königsberger
Weisen
durch Vergleiche mit anderen Geistesheroen näherzubringen und
zugleich
den Weg zum Eindringen in seine Gedankenwelt und zum Verständnis
seiner
Lehre zu weisen, ist ebenso originell wie glücklich. Die
anschauliche
und lebensvolle Sprache, in der Sie Ihrer Aufgabe gerecht werden, hat
mich
in hohem Maße gefesselt. Ich freue mich sehr darauf, das ganze
Werk
kennenzulernen und seinen Gedankenreichtum auf mich einwirken zu
lassen,
möchte Ihnen aber schon jetzt meinen wärmsten Dank für
die
freundliche Aufmerksamkeit und meinen aufrichtigen Glückwunsch zur
Vollendung dieser einzigartigen Arbeit aussprechen.
Ich verbleibe
Ihr wohlgeneigter
Wilhelm I. R.
217-219
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II. 31. Dezember 1905.
Wien.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
danke ich in aller Ehrerbietung
für
die gnädigen Worte, geschrieben am Weihnachtstage; ein
schöneres
Festgeschenk konnte mir kaum zuteil werden.
Aufrichtig gestanden,
ich erschrak selber, als ich das dickleibige Buch erblickte, und ich
kann
nicht anders als voraussetzen, Eurer Majestät müsse es
ähnlich
ergangen sein; doch kann ich zu meiner Entlastung eine
äußere
Tatsache anführen: daß nämlich infolge der Dicke des
Papiers
die Vorzugsexemplare ungefähr zweimal so stark sind wie die
gewöhnlichen
— und hierfür trägt doch einzig der Papierfabrikant die
Schuld;
außerdem führe ich eine innere Tatsache an: ein dieses Thema
behandelndes Werk wäre nach meiner Überzeugung unlesbar und
ohne
Überzeugungskraft geworden, wenn man es kompendiöser gehalten
hätte. Dagegen glaube ich, daß es in dieser Form lesbar ist
— sobald nur einiges Interesse entgegengebracht wird; und wie Eurer
Majestät
bekannt ist, habe ich die Marotte, g e l e s e
n
werden zu wollen, nicht akademische Bewunderung und Bibliothekstaub zu
ernten. Schon gibt es Beispiele, die mir Freude machen. So z. B. hat
Herr
Hofrat Prof. Julius Wiesner, der berühmte Pflanzenphysiologe
und
einer
der beschäftigtsten Männer, die es gibt — dazu ein
Antiphilosoph
— das Buch in wenigen Tagen ausgelesen; er schreibt mir, er hätte
es gar nicht aus der Hand legen können; auch andere ließen
sich
hinreißen. Einer der besten Leser meiner Bücher ist ein
Artilleriefeldwebel
Eurer Majestät! In welchem anderen Lande der Welt wäre so
etwas
auch nur denkbar?
Daß Eure
Majestät
mein Buch wirklich durchlesen, kann ich bei der Überfülle und
immensen Tragweite der täglichen Obliegenheiten nicht erwarten;
und
dennoch wage ich es im geheimen für irgendeinen künftigen Tag
zu erhoffen, da nämlich bei diesem Buche nur aus der Kenntnis des
ununterbrochenen G a n z e n die großen
leitenden
Gedanken so klar zu erfassen sind, daß sie bestimmenden Eindruck
machen, und auf diesen bestimmenden Eindruck kommt — nach meiner
Überzeugung
— sehr viel an. Nicht bloß theoretisch und spekulativ — was
läge
daran? sondern vorzüglich in bezug auf jene mittleren
religiösen
Weltanschauungsfragen, in denen eigentliche Kultur wurzelt. Das „écrasez
l'infâme“ des großen Friedrich — zu dem ich mich
rückhaltlos
bekenne — hat bei Kant die würdigste und zugleich die
tatkräftigste
Ausgestaltung gefunden. Die Menschheit kann nicht stillstehen, das
wäre
gegen jedes Gesetz des Lebens; es kommt aber alles darauf an,
von
w o aus die unausbleibliche Produktion in den geistigen
Vorstellungen
stattfinden soll und wird und nach welcher R i c h t u n
g
hin. Es gibt eine Befreiung vom Priester, die nichts anderes ist als
die
Unterjochung unter noch Schlimmere Pfaffenknechtschaft; und es gibt
eine
Befreiung, welche die eigentliche Würde der Menschheit
begründen
wird, wenigstens desjenigen Teiles der Menschheit, der fähig ist,
die Botschaft zu begreifen, sagen wir der Germanen. Es ist dies die
Befreiung
aus uraltem, jedes lebendigen Sinnes verlustig gewordenem Aberglauben,
um endlich wieder ein lebendiges, frischquillendes „Glauben“ zu
besitzen.
Dieser Befreiung war Kants Leben gewidmet. Möchte es uns gelingen,
seine umwälzenden Erkenntnisse von Stufe zu Stufe, vorsichtig,
aber
wie tropfendes Wasser unüberwindlich durchzusetzen — das
heißt,
sie aus Theorie in Praxis, aus Spekulation in handelnde
Überzeugung
umzusetzen; und zwar in der Weise, daß zuerst wenige und nach und
nach immer weitere Schichten davon getroffen und durchdrungen werden.
Hierzu
beizutragen habe ich — ich darf es ohne Übertreibung sagen, denn
ich
laboriere jetzt an den Folgen, nicht der Überarbeit, wohl aber der
übermäßigen Ausgabe von Willensenergie und Lebenskraft
— viel Herzblut hergegeben; Gott wird nicht zulassen, daß es
umsonst
geschehen sei.
So sei denn mit
diesen
Zeilen das alte Jahr und zugleich der Lebensabschnitt 1900—1905
abgeschlossen.
Neue Arbeit liegt schon auf der Werft; die Öfen glühen, die
Hammer
heben sich zum Schlag; und eine freudige Erwartung ist hierbei die
Zuversicht,
daß Eure Majestät das neue Opus ¹ — so die Vorsehung
mir
die Durchführung ermöglicht, ganz ohne alles Grausen zu
reiner
Freude und Unterhaltung werden genießen können. Wiederum
soll
das Hohelied deutscher Großtaten ertönen.
Gestatten Eure
Kaiserliche
und Königliche Majestät, daß ich zum neuen Jahre
ergebenste
und zugleich wärmste Wünsche ausspreche, im alten
unerschütterlichen
Glauben an die hohe Bestimmung des Hauses Hohenzollern und seines
jetzigen
erhabenen Hauptes. Sollte Ihre Majestät die Kaiserin sich meiner
Wenigkeit
noch in Gnaden erinnern, so bäte ich der allerhöchsten Frau
zu
Füßen gelegt zu werden.
220
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Telegramm
Wien, den 3. 1. 1906, 7.40 Uhr
Nachmittag
Vielen Dank
für
Ihre freundlichen Zeilen und die treuen Glückwünsche zum
Jahreswechsel,
die auch Ihre Majestät die Kaiserin gern entgegengenommen hat.
Glückauf
zur neuen Arbeit. Gott gebe Ihnen Kraft und Ausdauer dazu.
Wilhelm
I. R.
220
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
5. Juli 1906
VI Blümelgasse 1.
Wien.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
mein allererstes Buch ¹ in der
soeben
erscheinenden Neuauflage zu gnädiger Annahme zu überreichen,
halte ich für meine Pflicht.
Bei der Revision
habe ich den Eindruck erhalten, daß dieses kleine Werkchen, das
man
in wenigen Stunden durchlesen kann, wirklich auch lesbar und lesenswert
ist. Ich wüßte keines, das auf so geradem Wege in Wagners
dramatische
Absichten einführte.
In Ehrerbietung verharre ich
220-221
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Telegramm
Marienleuchte, 30. VII. 1906.
3.30 Uhr nachmittags.
Ich danke Ihnen herzlich für die
Übersendung Ihres hochinteressanten Buches über „Das
Drama Richard Wagners“. Die neue Auflage ist wohl der sprechende
Beweis
für den nachhaltigen Erfolg, den Ihre dankenswerten, auf das
Erschließen
des innersten Wesens des großen Meisters gerichteten
tiefgründigen
Ausführungen gehabt haben.
Wilhelm
I. R.
221
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
11. Oktober 1906
Wien.
Euere Kaiserliche und Königliche
Majestät
erlauben, daß ich ein Exemplar
der Volksausgabe meiner „Grundlagen
des 19. Jahrhunderts“, die am 18. d. M. im Buchhandel erscheinen
wird,
in Ehrfurcht zu Füßen lege.
Es geschieht dies
in dem Gefühle unauslöschbarer Dankbarkeit für die dem
Buch
in seiner früheren Gestalt gespendete Anerkennung und in der
Hoffnung,
das Werk möge auch in dieser neuen Ausstattung an dem ragenden und
unerschütterlichen Mittelpunkt alles Deutschtums — und insofern
auch
alles bewußten Germanentums — Interesse wecken und Förderung
verdienen.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
ehrerbietigster
Houston Stewart Chamberlain.
221-222
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Neues Palais, den 26.
Oktober 1906.
Mein lieber Herr Chamberlain!
Aus Ihrem Schreiben vom 11. Oktober
d.
J. habe ich mit Befriedigung ersehen, daß die Volksausgabe Ihres
verdienstvollen Werkes „Die
Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ nunmehr fertiggestellt ist, und
ich
spreche Ihnen für die freundliche Übersendung eines Exemplars
der Ausgabe meinen verbindlichsten Dank aus.
Es macht mir
große
Freude zu beobachten, welche beifällige Aufnahme und weite
Verbreitung
Ihr treffliches Werk über Immanuel
Kant gefunden hat. So sprach erst
jüngst der auch Ihnen bekannte Geheime Regierungsrat Prof. Dr.
Slaby
mit Begeisterung von dem Buche, welches Gemeingut jedes Deutschen
werden
müßte. Dies bringt mich zu der Frage, ob es in Ihrer Absicht
liegt, auch von diesem Werke eine Volksausgabe zu veranstalten. Einer
gelegentlichen
Äußerung hierüber entgegensehend verbleibe ich
Ihr wohlgeneigter und dankbarer
Bewunderer und Freund
Wilhelm
I. R.
222-224
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II. 24. Dezember 1906.
Wien.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
danke ich ehrerbietigst für das
vom 26. Oktober d. J. datierte gnädige Schreiben. Schon
längst
hätte ich pflichtschuldig auf die darin enthaltene Frage
geantwortet,
wenn ich nur Bestimmtes hätte melden können. Verleger sind
aber
ganz besondere Leute: sie haben nicht allein einen eigenen Ehrbegriff,
sondern auch eine eigene Logik. Und mein Verleger Bruckmann gibt
folgende
salomonische Weisheit zum besten: Da der „Kant“ einen weit geringeren
Absatz
findet als die „Grundlagen“,
darum ist der Verleger nicht in der Lage, eine billigere Ausgabe
herzustellen.
Wogegen ich — wie jeder Bauer — schließen würde: Da ein Werk
über Kant sich naturgemäß an einen beschränkteren
Kreis wendet und hier namentlich Lehrer und Studierende in Betracht
kommen,
so ist es nicht bloß im Interesse der Sache, sondern auch rein
kaufmännisch
geboten, eine möglichst wohlfeile Ausgabe zu veranstalten, denn
nur
auf diesem Wege can we reach die eigentlichen Interessenten. Im
Augenblick kann ich nicht viel tun; denn ich beginne Erfahrung zu
besitzen,
und ich weiß, daß, wenn ein Autor drängt und fordert,
der Verleger dies benutzt, um für sich neue Vorteile zu gewinnen.
Trotzdem hoffe ich, daß derjenige Entschluß, den auch Eure
Majestät für wünschenswert erachten, in nicht allzu
ferner
Zeit zur Ausführung gelangen wird. Denn wenn auch der Absatz
bisher
hinter dem der „Grundlagen“ zurückblieb, so haben immerhin weitere
tausend Exemplare Abnahme gefunden und im Januar kommt eine Stiftung
desselben
Fabrikbesitzers, der die „Grundlagen“ förderte, und der nunmehr
auch
für den „Kant“ 10 000 Mark anwendet, zur Verteilung, wodurch
wiederum
gegen 1500 Exemplare aufgebracht werden. Somit dürfte die erste
Auflage
von 6000 bald zu Ende neigen, und ich hoffe, es wird dann meinem klugen
Rechtsanwalt gelingen, eine billigere Ausgabe durchzusetzen.
Jedenfalls danke
ich Euer Majestät für das der Verbreitung meines Buches
gewidmete
Interesse und für den weisen Rat, der unter der Gestalt einer
gütigen
Frage hervorlugt.
Die erste Auflage
der Volksausgabe der „Grundlagen“, in einer Höhe von 10 000
Exemplaren
war innerhalb zehn Tagen vollständig vergriffen. Im Drang der
Weihnachtsgeschäfte
ließ sich in aller Eile eine neue (im ganzen die siebte) von nur
8000 herstellen; ich hoffe, sie kommt auch in diesen Tagen
vollzählig
an den Mann. Denn leider hatten sich einige sehr störende
Druckfehler
im letzten Augenblick eingeschlichen — in der Leipziger Offizin, nach
Prof.
Kuntzes und meiner letzten sorgfältigen Revision. In der
nächstfolgenden
(achten) Auflage werden sie alle getilgt sein — so Gott will und der
DruckfehlerteufeI
es gestattet.
Nach Überwindung
schwerer Wirrnisse privater Natur, lebe ich jetzt weltflüchtig und
genieße den errungenen Frieden und die zur Arbeit
unumgängliche
Sicherheit.
Möchten Eure
Kaiserliche und Königliche Majestät diesen heiligen
Weihnachtstag
in jenem reinen, unschuldsvollen Frohsinn verleben, den wir alle
besitzen
können in Augenblicken, wo wir bedenken, wie geringfügig die
Ereignisse, die uns bedrängen, sind, neben dem einen Weltereignis
der Geburt Jesu Christi. Verehrung und Liebe umringen ja Eure
Majestät
in konzentrischen Kreisen; — vom engsten der so sichtlich reich
gesegneten
Familie bis zu einem von dem Durchmesser des Erdäquators; was,
irregeleitet,
nicht zu diesem Panzer lebender Herzen gehört, verfällt der
Unfruchtbarkeit.
In alter angelsächsischer
Mannestreue
ehrerbietigst
Houston Stewart Chamberlain.
(In der alten Wohnung: Wien, VI
Blümelgasse
1.)
224-226
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
19. Dezember 1907
VI Blümelgasse 1.
Wien.
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
werden es, ich hoffe, nicht als
Zudringlichkeit
empfinden, wenn ich nach langem Schweigen dem Verlangen, meine
gehorsamen,
treuen und innigen Wünsche zum heiligen Feste und zum
Jahreswechsel
darzubringen nicht widerstehen kann. Die Tatsache, daß
Majestät
längeren Aufenthalt in meinem teueren Vaterland genommen hat, und
zwar in dem Heim und in der täglichen Umgebung naher
Blutsverwandter
von mir, brachte den erhabenen Gönner meiner Arbeiten meinem Auge
und meinem Herzen wieder so greifbar nahe, daß der Weihe dieser
Tage
ein Bestes fehlen würde, hätte ich diesem Gefühle nicht
wenigstens in schuldiger Kürze Ausdruck gegeben.
Mrs. Violet Stuart
Wortley und ich sind „first cousins once removed“; ihre
Großmutter
(väterlicherseits) und meine Großmutter
(mütterlicherseits)
waren Schwestern. Zwar habe ich Violet seit ihrer frühen Kindheit
nicht wieder gesehen, und sie wird von meinem Dasein wenig wissen und
sich
noch weniger darum kümmern; doch bin ich mit ihrer älteren
Schwester,
der Hon.ble Mrs. Denison (deren Mann
außerdem
von Vaterseite mein Vetter ist) sehr befreundet, dazu kommt, daß
ich in diesem Herbst einen ganzen Monat bei der alten 93jährigen
Tante¹
zu Besuch war, die unsere ganze auseinanderstrebende Familie noch
zusammenhält
und bei der (sobald sie im November nach London zurückkehrt) Mrs.
Stuart Wortley und ihre Schwestern täglich ein- und ausgehen. Und
so geschah es denn, daß ich mit Nachrichten über Eure
Majestät
aus erster Quelle mehrmals die Woche reichlich versehen wurde,
namentlich
da besagte Greisin — ein wahrer chip of the old block — meine
beste
Korrespondentin ist. Schriebe ich an einen anderen Mann, ich wäre
versucht, einen oder den anderen Brief beizulegen, um ihn sehen zu
lassen,
wie er im Sturme alle Herzen erobert hat; so aber kann ich nur
bezeugen,
daß Eure Majestät zu den vielen treuen und verehrungsvollen
Freunden in England manchen neuen gewonnen hat.
Zum erstenmal seit
vielen Jahren hatte auch ich einen wirklich genußreichen
Aufenthalt
in England — den Monat September. Alle Leute waren besonders lieb gegen
mich, und die großen Eigenschaften — sterling qualities —
dieses Volkes und seiner ganzen Art und Weise, zu sein, imponierten mir
gewaltig. Das Gleichgewicht — Gleichgewicht des Ganzen und ebenso jedes
Einzelnen — besteht dort; an allen anderen Orten der Welt ist es
gestört,
die Völker suchen fieberhaft danach, ohne es zu gewinnen.
Freilich,
wer von hoher Warte aus mit reinem Blicke beobachtet, wird entdecken,
daß
dieses Ideal, wie alles andere auf der Welt, teuer genug bezahlt wird;
Goethes „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“ ist im
englischen
Gemeinwesen und in dessen Gliedern lebendige Tatsache geworden. Unsere
lieben Deutschen wissen hiervon noch wenig: daher fehlt ihnen in einem
bedauerlichen Maße die Meisterschaft; wie sie sich im Staatsleben
gegenseitig zerstören, so auch Schwankt der Einzelne, weil er
nicht
begreifen will, daß Freiheit nur auf Kosten einer
bestimmten
B e s c h r ä n k u n g der Freiheit errungen,
daß
ein Ideal nur auf Kosten einer bestimmten B e s c h r
ä
n k u n g des Ideals verwirklicht werden kann.
Doch ich gerate ins
Schwatzen. Sobald ich die Feder ergreife, um an Eure Majestät zu
schreiben
— ich, der ich keine Briefe mehr schreibe — habe ich das Gefühl,
ich
könnte stundenlang reden. Hoffentlich bezeugt mir Majestät,
daß
ich In der strengen „Beschränkung“ dieser Neigung ein echter Sohn
Albions bin! Zugleich kann ich aber nicht unterlassen zu betonen,
daß
meine leidenschaftliche und in tiefster Überzeugung wurzelnde
Liebe
für Deutschland und mein Glaube an die hehre, einzige Bedeutung
für
die Menschheit dessen, was man d a s D e u t s
c h e nennen kann, durch meine Anerkennung der gar deutlich
am Tage liegenden Eigenschaften Englands nicht im geringsten
geändert
oder gemindert wird.
Eben lese ich die
von Helmolt herausgegebenen prächtigen Briefe Liselottens; da
erfährt
man wieder einmal, was das heißt, echt deutsch sein. Welche
Kraft,
welche Innigkeit, welche Tiefe, aber auch — wenn man dies erst
weiß
— wie verantwortungsvoll!
Gott beschütze
im Kreise seiner Familie Den, den er an die Stelle des ersten lebenden
Deutschen berufen hat: dies mein Wunsch zum heiligen Weihnachtsfest und
zum neuen Jahre.
226-227
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Neues Palais, 23. XII.
1907.
Mein lieber Mr. Chamberlain
Gestern erhielt
ich
Ihrer so freundlichen Brief mit den guten Wünschen für
Weihnacht
und Neujahr. Empfangen Sie meinen wärmsten Dank dafür und
gebe
Gott, daß sie in Erfüllung gehen! Es war mir ein sehr
schweres
Jahr, was mir seelisch unendlich vielen und schweren Kummer gebracht.
Ein
trauter Freundeskreis, der auf einmal gesprengt wird durch
jüdische
Frechheit, Verleumdung und Lüge. Monatelang den Namen seiner
Freunde
durch alle Gossen Europas durch den Schmutz schleifen sehen zu
müssen
und nicht helfen können und dürfen, das ist entsetzlich! Ich
hatte so schwer darunter gelitten, daß ich mir Urlaub und Ruhe
nehmen
mußte! Den ersten seit 19 Jahren harter Bergaufarbeit. Ich war
wie
Sie Gast bei dem großen Volke der Briten, das mich so warm und
offen
empfing. Während meines Aufenthalts habe ich alle Freuden und
Annehmlichkeiten
des English home and country life gekostet, was ich mir schon
so
lange gewünscht hatte. Behaglicher Wohlstand, liebenswürdige
Menschen aus allen Kreisen, Kultur in allen Schichten durch Sauberkeit
und Reinlichkeit angedeutet. Im Gespräch stets objektive
vorurteilsfreie
Meinungsäußerung, nie Pikierlichkeit, Anzüglichkeit
oder
gar persönliche Spitzen in der Diskussion. Der angenehme Verkehr
von
Gleich zu Gleich ohne „Krone und Schweif“, von Gentleman zu Gentleman,
das war alles unendlich erfrischend und wohltuend. Dazu das herrliche
Haus
und prächtige Klima, Riviera ohne das Erschlaffende derselben. Ich
habe die Zeit genossen und viele sehr angenehme und teilweise liebe
Bekannte
gemacht. Die Stuart-Wortleys sind ganz prächtige Menschen, die ich
sehr verehre und gar liebgewonnen habe; ewig werde ich ihnen dankbar
sein
für ihre reizende Gastfreundschaft im schönen Highcliffe. Ich
konnte in reiner Atmosphäre unter charaktervollen gesunden
Menschen
weilen, während bei uns der Schlamm haushoch spritzte, und sogar
der
Reichstag sich mit Behagen darinnen herumsudelte wie ein Schwein im
Kote!
Wie habe ich mich vor den gänzlich sprachlosen Briten darüber
geschämt! Such a matter in our Parliament would be an utter
impossibility!
Nie werde ich es dem britischen Volke und dem Teile der Society,
der mir nahetrat, vergessen, daß sie in schwerer
Prüfungszeit
alles getan, um mich die bösen Dinge vergessen zu machen. Sie
haben
sich außerordentlich taktvoll gezeigt. Ich wünsche auch
Ihnen
von ganzem Herzen ein gesegnetes und erfolgreiches Jahr, zum Wohle
unseres
germanischen Volkes; hoffentlich werde ich Sie irgendwo mal treffen.
Gott
mit Ihnen
Ihr
treuer Verehrer und Bewunderer
Wilhelm I. R.
228-230
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II. 15 The Leas. Folkestone
25. September
1908.
E. K. u. K. M.
gestatten gnädigst, daß
ich
beiliegend einen Aufsatz übersende, der vor kurzem in der
„Allgemeinen
Zeitung“¹ erschien und bei dem ich nur zu bedauern habe, daß
ohne meine Genehmigung der Titel „Lohengrin in Bayreuth“
umgeändert
wurde in „Siegfried Wagner“, wodurch das Ganze einen persönlichen
Anstrich erhielt, der meiner Absicht ferngelegen hatte. Ich würde
mich glücklich schätzen, wenn E. M. diesen Aufsatz zu lesen
geruhen
würden.
Zum erstenmal seit
neun Jahren war ich in Bayreuth. Diese Pause war günstig: die
Werke
selbst wirkten frisch auf mich ein und ich hatte außerdem ein
unbefangeneres
Urteil über das spezifisch „Bayreutherische“ an der Leistung. In
beiden
Beziehungen war der Eindruck ein gewaltiger.
Mein Bruder, der
bekannte Japanolog, Basil Hall Chamberlain, war mit mir in Bayreuth,
ein
Mann, der die Hauptliteraturen der Welt in den Ursprachen genau kennt;
wir lasen die Dichtungen Wagners wiederholt zusammen, als Vorbereitung
zu den Aufführungen, und einmal über das andere rief er aus „What
an extraordinary people the Germans must be, not to see that, quite
apart
from the miraculous music, Wagner is one of the greatest p
o e t s of humanity.“ Ich mußte ihm beistimmen,
sowohl
in bezug auf die überragende Weltbedeutung Richard Wagners, wie
auch
betreffs der stumpfsinnigen Beschränktheit eines großen
Teils
der durch den Einfluß ihrer Professoren um alle Unmittelbarkeit
und
Sicherheit des Empfindens betrogenen Deutschen.
Wie beglückte
es mich zu sehen, daß eine ganze Anzahl deutscher Fürsten
eine
rühmliche Ausnahme bilden und warme Begeisterung für den
großen
Meister mit tiefem Verständnis für die einzigartige Bedeutung
seines Bayreuth verbinden. Unter ihnen waren auch drei Söhne Eurer
Majestät, denen ich zum ersten Male nahen durfte. Seine
Königliche
Hoheit Prinz Eitel Friedrich habe ich allerdings, trotz des
freundlichen
Entgegenkommens, was er mir bewies, nicht eigentlich sprechen
können;
an einer vollbesetzten Tafel war ich zu fern. Dagegen habe ich die
Prinzen
August Wilhelm und Oskar durch ihre gütige Erlaubnis und dank der
freundlichen Einladung der Familie Wagner etwas näher
kennengelernt
und mich mit einem ihrer militärischen Begleiter, Graf
Finkenstein,
befreundet. Die jugendlich auflodernde Flamme reiner Begeisterung und
dazu
der ernste Wille, tiefer in das Verständnis dieses
einzigartigen
d e u t s c h e n Dramas einzubringen, namentlich beim
Prinzen
August Wilhelm, doch schien mir sein jüngerer Bruder nur durch
Schüchternheit
in gleicher Aussprache ein wenig gehemmt, hat mich geradezu ergriffen.
Sicher ist, daß eine Befassung mit Wagner, wie ihn uns in seiner
wahren Eigenart die Bayreuther Festspiele vermitteln und zu vermitteln
einzig befähigt sind, gar keinen Zweck hat, wenn man nicht gewillt
ist, der Sache in ernster Hingabe auf den Grund zu gehen, um sie
zunächst
in ihrer unvergleichlichen nationalen Bedeutung und — weiterhin — in
ihrer
kulturellen Tragweite zu ermessen. Kein Monarch hat besser als Eure
Majestät
begriffen, daß die Waffen allein eine Nation nicht groß
machen
können; dazu gehören noch ganz andere Dinge, Dinge, die uns
heutzutage
aus den Händen und aus dem Herzen geraubt zu werden pflegen. Als
mein
Bruder Basil vor wenigen Wochen bei Präsident Roosevelt speiste
und
nachher eine zweistündige Unterredung mit ihm über das
heutige
Japan hatte, antwortete er auf des Präsidenten Frage,
w o r i n eigentlich die Kraft der Japaner bestehe: „Because
they have got ideals, Sir.“ Wie Homer Griechenland geschaffen hat,
so wäre Wagners Kunst geeignet, den idealen Lebensnerv eines
wiedergeborenen
Deutschlands auszumachen — wenn es nur gelänge, sie aus der
zermalmenden
Umarmung der Juden und der Hofopernintendanten zu erlösen und
kräftig
ihr Verständnis zu verbreiten. Vielleicht gewinnt einstens seine
Königliche
Hoheit Prinz August Wilhelm in dieser Beziehung einen für sein
Vaterland
segensreichen Einfluß.
Doch ich gerate wie
gewöhnlich ins Schwatzen und kann nur auf die mir so oft erwiesene
Gnade bauen, um Vergebung zu erhoffen.
General Stuart
Wortley
war in der letzten Woche zweimal hier im Hause zum Besuch unserer
gemeinsamen
(94jährigen!) Tante Mrs. Guthrie, bei der ich Gast bin. Es ist
große
Trauer in der Familie, da die Lieblingsschwester von Mrs.
Stuart-Wortley
und Lady Rennell Rodd, Mrs. Bringham, vor einigen Tagen nach kurzer
Krankheit
in High Cliffe starb. General S. Wortley war sehr voll von allen
Beweisen
kaiserlicher Huld, die ihm jetzt wieder bei seinem Aufenthalt in
Deutschland
zu den Manövern zuteil geworden waren.
Vielleicht
interessiert
es Eure Majestät zu erfahren, daß ein begabter junger
deutscher
Plastiker, der vor zwei Jahren in Berlin die goldene Kaisermedaille
erhielt,
Herr Joseph Hinterseher, augenblicklich hier weilt, um im Auftrage
eines
süddeutschen Mäzenen² meine Büste zu verfertigen.
Er
gibt sich eine unglaubliche Mühe und hofft den schwersten Kopf —
so
sagt er —‚ der ihm je in Leben oder Kunst vorgekommen sei, doch
bewältigen
und eine der nächsten Ausstellungen in Berlin mit dieser Arbeit
beschicken
zu können.
In wenigen Tagen
reise ich nach einmonatigem Aufenthalt hier weg und über Paris
heim
nach Wien, an meine Arbeit.
Ich wäre
dankbar,
wenn Eure Majestät die Gnade haben wollte, mich Ihrer
Majestät
der Kaiserin zu Füßen zu legen und mich dem Andenken der
drei
königlichen Prinzen gehorsamst zu empfehlen. Der Anblick dieser
prächtigen
Gestalten mit den klaren hellen Augen hat mich alten
Hohenzollernverehrer
wahrhaft beglückt.
In unverbrüchlicher
angelsächsischer
Treue
Eurer Majestät ehrerbietiger Diener
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Nummer vom 5. September 1908 (München).
²
August Ludowici.
231
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
11. Dez. 1908 Wien
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
dem gnädigen Förderer
meiner
Arbeiten bin ich es schuldig, von einer Wendung in meinem Schicksal
kurz
zu berichten.
Nach schweren Jahren,
zuerst eines unerträglichen Zusammenlebens, dann einer zwar die
innere
Seelenbildung fördernden, doch oft schmerzensreichen Einsamkeit,
gleitet
jetzt mein Lebensschiff in freundlichere Wasser. So Gott will, wird am
26. Dezember dieses Jahres in Bayreuth die Ehe geweiht werden, welche
Eva,
die Tochter des Meisters aller Meister, und mich einander
unauflösbar
antraut. Daß wir für einander bestimmt waren — diese Ahnung
lag schon seit vielen Jahren uns halb unbewußt im Herzensgrund;
jetzt
kam die Stunde des sonnigen Bewußtwerdens. Die hohe Mutter hat in
ihrer Herzensgüte diesen Bund gesegnet.
Da es mir
natürlich
nicht beifallen konnte, die durch Geburt und Tätigkeit mit dem
Bayreuther
Werk unzertrennlich Verknüpfte von der Stätte ihrer Pflichten
loszureißen, ziehe ich selber an den lieben Ort hin. Ich gedenke
an dieser Stätte höchsten Schaffens eigenen bescheidenen
Arbeiten
getreulich obzuliegen; meine künftige Gattin weiß an sich
und
anderen den Fleiß zu heiligen. Doch leugne ich nicht, daß
der
Gedanke, inniger mit dem höchsten Kulturwerk unserer
Menschheitsepoche
verbunden zu sein, mich feierlich beglückt.
Ich habe das
Gefühl,
als brächte mich diese Ehe Eurer Majestät wie räumlich
so
auch geistig näher [...]
Das Leben des
Feldmarschalls
Sir Neville Chamberlain hoffe ich noch vor Jahresschluß Eurer
Majestät
vorlegen zu können.
Mit der
untertänigen
Bitte, mich Ihrer Majestät der Kaiserin zu Füßen zu
legen,
und mich, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem wohlwollenden
Andenken
der königlichen Prinzen Eitel Friedrich, August Wilhelm und Oskar
empfehlen zu wollen, bin ich
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät ehrerbietungsvoller Diener
Houston Stewart Chamberlain.
232
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Neues Palais, 18. 12.
1908
Mit herzlichen
Segenswünschen
zum neuen Jahr und bestem Dank für die freundlichen Mitteilungen.
Möge in dem neuen Bunde, den Gott der Herr segnen möge,
Ersatz
für vorhergegangene Prüfungen Ihnen beschieden sein.
Möge
Ihnen die Frische der Schaffenskraft zum Heile unseres Volkes erhalten
bleiben, welche gewiß gestärkt wird durch die großen
Erinnerungen
an den markigen gewaltigen Schöpfer unserer neuen germanischen
Welt.
Wilhelm
I. R.
232
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
19. Dezember 1908
Wahnfried
Bayreuth.
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
geruhen, den Ausdruck meiner
aufrichtigen
Dankbarkeit für die schönen warmen Worte der
Beglückwünschung
entgegenzunehmen. Ich will kein Hehl daraus machen, daß ihr
Ausbleiben
mich tief geschmerzt hätte; denn wir Männer aus dem hohen
Norden
sind von gar fest haftender Treue der Gefühle, und die Hingabe an
die Person Eurer Majestät und an deren erhabenes Haus ist eine
leidenschaftlich
bestimmende Regung in meinem Leben, wenn es auch nur wenig Gelegenheit
gibt, ihr Ausdruck zu verleihen. Was tief wurzelt, scheut sich
überhaupt
vor den Worten — die unsere indoarischen Altvordern „die Wurzel der
Lüge“
nannten. Und so pendelt man hin und her zwischen Redenwollen und
Schweigenmüssen;
ich danke Eurer Majestät, daß sie zu reden die Gnade hatte.
In Ehrfurcht und
angelsächsischer Treue
Eurer Majestät gehorsamer Diener
Houston Stewart Chamberlain.
233
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II. 21. Juni 1909
Wahnfried
Bayreuth.
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
gestatten gnädigst, daß
ich
die Lebensschilderung meines Onkels Sir Neville Chamberlain ehrerbietig
zu Füßen lege. Er war ein tapferer Soldat und ein grundedler
Charakter. Die letzte große Freude, die dem vereinsamten Greis
zuteil
wurde, war das Bildnis, welches Eure Majestät mir am 28. Oktober
1901
im Neuen Palais für ihn zu überreichen die Gnade hatten, mit
der Inschrift: „Fieldmarshal Sir Neville Chamberlain from his
youngest
colleague.“ Er schrieb mir damals in seiner schlichten Weise, tief
gerührt; der Dank lebt jetzt fort in den Herzen der jüngeren
Generation.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
in ehrfurchtsvollem Gehorsam
unverbrüchlich treu
Houston Stewart Chamberlain.
233
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain. Telegramm
Kiel, 25. Juni 1909
8.10 Uhr nachmittags.
Die
Lebensschilderung
Ihres braven Onkels wird mir eine aufrichtige Freude sein, für
welche
ich Ihnen meinen besten Dank sage, überzeugt, daß aus
Ihrer ¹
klassischen Feder das Bild des Feldmarschalls ebenso fesselnd wie
lehrreich
und würdig den späteren Generationen überliefert werden
wird.
Wilhelm
I. R.
—————
¹
Verfasser der Lebensbeschreibung ist G. W. Forrest.
234-235
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
26. Dezember 1909
Haus Wahnfried
Bayreuth
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
haben mich wahrhaft beglückt
durch
das gnädige Zeichen gütigen Angedenkens. Das Buch werde ich
in
allem Gehorsam sofort durchnehmen, was nur ein kaiserlicher Befehl
über
mich vermag; sonst wird es mir täglich schwerer, bis zur
Unmöglichkeit,
über den Göttlichen reden zu hören; weder der Pfaffe
noch
der Antipfaffe macht's einem recht; und so schließt man das
Geheimnis
ins Herz ein wie das Himmelreich in den Acker, und versucht
täglich
dessen eingedenk zu bleiben, daß das „outward and visible
sign“
würdig sein soll einer solchen „inward and spiritual grace“,
— würdig ist zu viel gesagt, es soll aber das äußere
Leben
am inneren Leben nicht Verrat üben. Inzwischen mögen
Orthodoxie
und Heterodoxie ihre Wege gehen.
Eine sehr, sehr
große
Freude machte mir das eigentümlich ergreifende Bild und die Zeile
von höchsteigener Hand. Ich denke manchmal, daß wir
Männer
aus dem fernen Norden anders organisiert sein müssen: uns liegt so
herzlich wenig an der Welt, und ohne Feindschaft wüßten wir
nicht auszukommen; wenn aber der gewechselte Treuschlag nicht bis zum
Tode
lebendig bleiben soll, dann wäre es besser, nicht geboren zu sein.
In drahtloser Telegraphie und Luftschiffahrt findet doch die Seele
keine
Nahrung; alles rast herum — aber w o h i n? Es
gibt nur e i n Heim au Erden: d a
s
H e r z d e r G e t r e u e n.
Dieses
Heim schmückten Eure Majestät mir zu Weihnachten; das war
eine
gute Tat.
In der Sendung eine
Aufforderung dazu erblickend, melde ich in aller Kürze, daß
es mir — umringt von einem edlen, sicheren, stillen Glücke,
weltfern
und naturnahe, nach langen Jahren zwischen Steinwänden — gut geht
und fleißig. Meine geliebte Frau lebt in treuester
Pflichterfüllung
an ihrer leidenden, doch geistig alle Menschen heute ebenso wie
früher
überragenden Mutter; so komme auch ich dazu, diesem einzigen Leben
mittelbar dienen zu dürfen. Meinem Schwager Siegfried nahe zu
leben,
gewährt einen Einblick in das still emsige, heitere Schaffen eines
echt deutschen Künstlers — eine rührende Erfahrung inmitten
unseres
völlig verjudeten Kunstlebens. Mitte Januar reisen wir wieder
(gleich
nach der Aufführung des „Banadietrich“ am Hoftheater in Karlsruhe)
für die schlimmsten drei Monate nach Santa Margherita Ligure.
Vorher
hoffe ich das dritte Kapitel meines auf sechs Kapitel berechneten neuen
Werkes ¹ beendet zu haben.
Während ich
in meiner dem Hause Wahnfried nahegelegenen „Werkstatt“ diese Zeilen
schreibe,
telephoniert mir meine Frau die Bitte ihrer Mutter, sie und die
Mitglieder
ihres Hauses Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät
ehrerbietig
zu Füßen zu legen.
Darf ich ersuchen,
Ihrer Majestät der Kaiserin, deren gnädigste Güte gegen
mich in Wildpark so unvergeßlich bleibt, als sei ich gestern dort
gewesen, in dankbarster Ehrfurcht zu Füßen gelegt zu werden?
Zugleich auch mit dem Ausdruck innigster Wünsche für alle
Mitglieder
des allerhöchsten Hauses bei Gelegenheit des Jahreswechsels.
235-237 H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
29. Mai 1911.
Bayreuth.
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
werden gewiß auf das
beständige
Bestreben der Natur, überall Gleichgewicht herzustellen,
längst
aufmerksam geworden sein? In Deutschland, dem Urboden der großen
moralisch-schöpferischen Persönlichkeiten — der Leibniz,
Kant,
Schopenhauer, der Bach, Beethoven, Liszt, der Friedrich, Stein,
Bismarck,
der Lessing, Schiller, Goethe, Wagner usw. ad inf. — sprossen,
neben
diesen, Wesen von einer so primitiven Hirnstruktur und so
gänzlichem
Mangel an aller Initiative, daß man förmlich mit Augen
sieht,
wie die Natur sich gründlich ausruht. Ein Engel von dieser Gattung
ist vom Himmel meinem Dienste gewidmet. Und seiner polaren
Entgegensetzung
zu Leibniz und Goethe ist es zuzuschreiben, wenn ich heute tief
beschämt
vor Eurer Majestät erscheine, indem das mir so gnadenvoll als
Neujahrsgruß
zugedachte Zeichen allerhöchsten Gedenkens erst jetzt in meine
Hände
gelangt ist! Mit meiner Schwiegermutter und meiner Gattin war ich in
den
ersten Tagen des Januar nach Italien abgereist; das Bild¹, das den
Umweg über London nahm, muß kurz darauf eingetroffen sein;
und
da Weisung hinterlassen war, keine „Bücherpakete“ nachzuschicken,
erfuhr ich kein Sterbenswörtchen davon. „Aber, lieber Andreas,
haben
Sie denn die Siegel aus der Privatkanzlei Seiner Majestät nicht
bemerkt?“
„Zu Befehl, Mr. Chamberlain (in strammer militärischer Haltung),
aber
ich hatte keine Ordres.“
Eure Majestät
verzeihen die scherzhafte Erzählung; innerlich ist mir nichts
weniger
als scherzhaft zumute; denn ich gräme mich um über den Schein
eines solchen Mangels an Ehrerbietung und Anstand, geschweige
Dankbarkeit.
Ich kann nur hoffen, mein Wesen und meine Vergangenheit werden
genügen,
mich von aller Schuld freizusprechen; denn durch Worte ist in einem
solchen
Falle nichts zu machen; man ist auf Vertrauen angewiesen.
Das Bild ist
geradezu
e n t z ü c k e n d. Vielleicht mir das liebste von
allen,
die ich kenne. Es erinnert mich an die unvergeßlichen Stunden, wo
es mir vergönnt war, Euer Majestät und der Kaiserin in aller
Schlichtheit unoffizieller Stunden nahen zu dürfen. Es sind bald
zehn
Jahre her; doch in meinem Gedächtnis lebt's, als sei es gestern
gewesen.
Und was mir Eure Majestät mit den beiden lieben Knaben sagen
wollte,
habe ich recht wohl verstanden, der Tage gedenkend, wo mir das zweite
große
Glück gegönnt war: einige Briefe à coeur ouvert
mit Eurer Majestät wechseln zu dürfen. Meine Ansichten haben
seit jener Zeit nicht gewechselt; sie haben nur immer tiefer Wurzel
gefaßt.
Auf mein eigenes Vaterland kann ich stolz sein, denn seine Leistungen
berechtigen
dazu; doch mit Richard Wagner bekenne ich mich zu der Überzeugung,
„die Deutschen dürften zu V e r e d l e r
n
der Welt bestimmt sein“, und ich begreife immer weniger, wie diese Welt
lebens- und liebenswert bleiben soll, wenn nicht der deutsche Geist den
idealen Gehalt schafft und schützt, ohne welchen wir bei allen
Fortschritten
der Automobile, der Flugtechnik und der Panzerschiffe im Grunde zu
nichts
weiter als zu geldgierigen, seelenlosen Zivilisationsbarbaren
degenerieren,
die ziellos von einer Leere in die andere herumrasen. Nicht umsonst
sollte
Goethe uns ermahnt haben: „den Wert des Lebens und den Unwert einer
überhäuften
Empirie“ zu begreifen. Wert und Inhalt kann aber doch einzig der Geist
dem Leben geben, und zwar nicht den technischen, sondern den
schöpferischen,
dem die Ernährung des Gemütes obliegt.
Diese Gesinnungen
sind es gewiß, die mir die so anhaltende Teilnahme Eurer
Majestät
gewinnen. Und aus solchen dem Tagesgeräusch fern und fernst
liegenden
Gegenden, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor dem Auge sich
auszubreiten
scheinen, viel Glück und viel Sorge weckend, und schließlich
in dem Glauben an Gott Zuversicht schöpfend, darf auch der
Gruß
von der Klause in den Palast dringen, als von einem
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
ehrerbietigst, dankbar und unwandelbar
treu
ergebenen Diener
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Photographie des Kaisers mit zwei Enkeln.
237
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Telegramm
Neues Palais, den 2. 6. 1911
5.44 Uhr nachmittags
Innigen Dank! Ich hatte mir schon so
etwas gedacht. Es geht nichts über die Disziplin! Im Wallenstein
schon
sagt der Soldat: „Die Tat ist stumm, der Gehorsam blind, das urkundlich
seine Worte sind.“ Eindrücke in London sehr sympathisch. Beste
Grüße
an Fr. Cosima Wagner.
Wilhelm I. R.
238
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
1. Januar 1912
Bayreuth.
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
geruhen zu erlauben, daß ich
das
neue Jahr mit dem Ausdruck meines ehrerbietigen und innigen Dankes
für
den Weihnachtsgruß eröffne und damit auf das denkbar
schönste
einweihe.
Wäre es
statthaft,
ich würde meine allergrößten Bögen heraussuchen,
um
über die vielen Dinge à coeur ouvert zu sprechen,
die
heute das Herz eines jeden Mannes erregen müssen, der zugleich zu
England und zu Deutschland gehört. Doch bin ich bescheidener als
heute
vor zehn Jahren und wage es nicht, solche Zumutungen an Eure
Majestät
zu stellen. Genüge es zu sagen, daß — obwohl mich Politik
eigentlich
nur aus Jahrhundertperspektive interessiert, oder vielleicht
gerade
w e i I dem so ist — ich an den Wirren dieser Monate
lebhaft
teilnahm, und zwar im unerschütterlichen Vertrauen auf den
Steuermann.
Wie ein junger Offizier aus dem 4. Garderegiment mir gestern schrieb:
„Mögen
die Leute sagen, was sie wollen; der Tag kommt, wo alle Welt wird
anerkennen
müssen, daß unser Kaiser es ist, der den Namen Deutschlands
über die ganze Welt getragen und dessen Ruf fest gegründet
hat.“
— Wogegen ich dem Verleger Diederichs neulich schrieb, der mich wegen
seiner
geplanten „Erziehung des deutschen Volkes zur Politik“ drangsalierte:
„Bitte
fangen Sie damit an, daß Sie sämtliche Mitglieder aller
Parteien
des Reichstags zusammenberufen, und dann sprengen Sie das ganze
sogenannte
Hohe Haus mit Dynamit in die Luft; nachher wollen wir sehen, was sich
machen
läßt.“
Indem ich aus
heißfühlendem
Herzen Gottes Segen auf Eure Majestät und auf dessen ganzes Haus
herabflehe,
verbleibe in ehrerbietungsvollster Dankbarkeit
Eurer Majestät
gehorsamer Diener
Houston S. Chamberlain.
239
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
18. November 1912
Bayreuth.
Eure Kaiserliche u. Königliche
Majestät
gestatten gnädigst, daß
ich
mein soeben erschienenes Werk ¹ ehrfurchtsvoll zu Füßen
lege. Leider erscheint die Vorzugsausgabe 14 Tage später als die
andere,
weswegen dieses Exemplar mit unliebsamer Verspätung zur Versendung
gelangt, was ich zu entschuldigen bitte.
Die Vorarbeiten zu
dem Buche begannen im Jahre 1900; der „Kant“ unterbrach die
Ausführung;
an dem Buche in seiner jetzigen Gestalt habe ich acht Jahre gearbeitet.
Da nicht zu erwarten
steht, daß Majestät zur Lektüre Muße hat, erlaube
ich mir auf das „Register der Begriffe“ am Ende des Buches aufmerksam
zu
machen, das ich in einer besonderen Weise zu Nutz und Frommen der
Eiligen
ausgearbeitet habe.
Mein Werk aller
Nachsicht
und Gnade empfehlend, verbleibe ich
Euer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
dankbar ehrerbietiger Diener
239-240
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Donaueschingen, den 2.
Dezember 1912.
Mein lieber Herr Chamberlain!
Wenn ich auch
zunächst
nur einen flüchtigen Blick in das mir freundlich übereignete
Exemplar Ihres „Goethe“ habe tun
können, so hat er doch
genügt,
mir zu zeigen, daß es Ihrer bewährten Meisterhand gelungen
ist,
der gebildeten Welt die Persönlichkeit des großen deutschen
Geisteshelden mit der Ihnen eigenen ursprünglichen Auffassung in
neuem
Bilde vor Augen zu führen. Ich freue mich darauf, in Stunden der
Muße
Ihren Gedankenreichtum näher auf mich wirken zu lassen und unter
Ihrer
Führung mich an der Lichtgestalt und dem Geiste des Altmeisters zu
erbauen. Schon jetzt aber möchte ich mit meinem wärmsten Dank
für die mir erneut erwiesene Aufmerksamkeit nicht
zurückhalten
und verbleibe ich
Ihr allezeit wohlgeneigter
Verehrer und Bewunderer
Wilhelm
I. R.
240-241
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
27. Dezember 1912
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
gestatten, daß ich für
die
mir so gnädig zugedachte Weihnachtsgabe den wärmsten Dank
ausspreche.
Trotz des Umwegs über Wien traf das Buch mit preußischer
Pünktlichkeit
ein und konnte den gebührenden Ehrenplatz auf meinem Tische
einnehmen.
Am folgenden Tage
meinte ein Besucher: Es sei ein eigentümlicher Gedanke, einem
Engländer
die glorreiche Entwicklung der deutschen Marine vor Augen zu
führen.
Doch belehrte ich ihn eines Besseren. Ich bin ein so guter wahrer
patriotischer
Engländer, wie nur irgendeiner auf der Welt; doch stehe ich nicht
in dem tiefen Schatten, den die Wolken der flüchtigen Stunde
werfen,
und ich weiß, daß alles gewonnen sein wird an dem Tage, wo
endlich meinem irregeleiteten Vaterlande die Augen darüber
aufgehen,
daß die Flotte Deutschlands nicht bestimmt ist g e g
e n England, sondern vielmehr m i t
England zusammen zu wirken. So etwas kann nicht künstlich-logisch
erklärt werden, man darf niemanden überzeugen wollen, und von
den Diplomaten darf man nicht mehr erwarten als von den Ärzten:
Man
kann Gott danken, wenn sie nicht schaden. Die wahrhaft weltrichtenden
Ereignisse
bereiten sich auf einem ganz anderen Niveau; auf diesem stehen Eure
Majestät;
das Neue bricht dann zur Gottesstunde — wie ein Werk der Kunst — dem
Klügsten
unerwartet hervor. Darauf vertraue ich und verfolge aus meinem stillen
Winkel — durch alle „talking machines“ (wie Carlyle die
Parlamente
nennt) unbeirrt — das große Wirken der schweigenden Mächte.
Entschwände das Deutsche aus der Welt, oder würde es — was
auf
dasselbe herauskäme — zu Geringfügigem herabgedrückt, es
wäre nicht mehr wert, Mensch zu sein: der eigentliche Schatz der
Seele
ist diesem Volke anvertraut.
Für die
gütigen
Worte über meinen „Goethe“
bitte ich meinen ergebensten Dank
entgegennehmen
zu wollen. Für den Fall ein Brief, der dem Buche beigelegt gewesen
war, sollte verloren gegangen sein, erneuere ich meine untertänige
Bitte, bei mangelnder Zeit und Ruhe zusammenhängende Teile des
Werkes
zur Kenntnis zu nehmen, kürzere Abschnitte mit Hilfe des
Begriffsregisters
heraussuchen zu wollen: So z. B.
S. 145—156 die Napoleon-Episode,
S. 716—721 Goethes Vaterlandsliebe,
S. 133—139 Goethes Barmherzigkeit,
S. 661—678 Goethes Religion.
Die
Segenswünsche
für das neue Jahr lege ich Eurer Majestät und Ihrer
Majestät
der Kaiserin getreulich zu Füßen.
Wahrhaft dankbar
und in tiefster Ehrerbietung verharrt
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
gehorsamer Diener
Houston S. Chamberlain.
241-242
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
14/6/13
An des Kaisers und Königs
Majestät.
Berlin.
Jeder
einsichtige
Engländer wird sich am morgigen Tage ¹ gedrängt
fühlen,
Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät
Glückwünsche
aus erkenntlichem Herzen ehrfurchtsvoll darzubringen, denn jenseits der
flüchtigen Mißverständnisse erblickt er ein
zielbewußtes
gewaltiges staatsmännisches Werk allen Hindernissen zum Trotze
beiden
Nationen zum bleibenden Heile durchgeführt.
Gott gebe weiter seinen Segen!
Eurer Majestät dankbarlichst
ehrerbietiger
Diener
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Am 15. Juni 1913 beging der Kaiser sein 25jähriges
Regierungsjubiläum.
242
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
18. Dezember 1913
Bayreuth
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
gestatten gnädigst, daß
ich
einen Neudruck ¹ in aller Ehrerbietung zu Füßen lege,
der
wohl einen Kriegsherrn und Staatsmann wenig fesseln, vielleicht aber
vor
irgendeinem weiblichen Mitglied der allerhöchsten Familie Gnade
finden
wird.
Durch meinen
prächtigen
alten Landsmann und Freund Lord Redesdale — Übersetzer ins Englische
der „Grundlagen“ und des „Kant“ — erhielt ich vor
kurzem erfreulichsten
Bericht eines Augenzeugen über das Befinden Eurer Majestät
und
jugendliches Ausschauen; zugleich auch authentische Nachricht über
die endlich erfolgende allmähliche Zerstreuung der bösen „German
Ocean“-Nebel.
Möchte Eure
Majestät eine fröhliche Weihnacht feiern und möchte Gott
das Jahr 1914 Deutschland und seinem Monarchen segnen.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
ehrerbietiger Diener
242
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Karte
Ohne Datum
Mit herzlichsten
Wünschen
für 1914
Wilhelm
Empfehle
Lektüre
der eben erschienenen Broschüre des Bishop of Ripon — Boyd
Carpenter
— „The apology of experience“.
243
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
21. Januar 1914
Hotel Angst
Bordighera
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
darf ich mir wohl erlauben den
wärmsten
Dank auszusprechen für die Broschüre von Boyd Carpenter. Mit
größtem Interesse habe ich sie gelesen. Für die
Amerikaner
als Philosophen habe ich im ganzen wenig übrig; ihre Philosophie
scheint
mir ihrer Architektur verwandt — eine enfance de l'art. Doch
Boyd
Carpenter steht am anderen Ende der Leiter, und es verwandelt sich
alles
unter seinen Händen.
Die Freude über
die gnädige Güte Eurer Majestät und der
eigentümliche
„thrill“,
den Boyd Carpenter der Seele mitteilt, taten mir um so mehr gut, als
ich
mich vorher blau und grün ärgerte über die schamlosen
Lügen
der englischen Presse in der Affäre Reuter, die sie durch
Unterdrückung,
Umstellung, Fälschung so zurichten, daß kein Engländer
weiß, was in Wirklichkeit vorging. Das ist doch Werk der Juden,
wie
die Zitate aus „Frankfurter Zeitung“, „Berliner Tagblatt“ usw. belegen.
Ich hoffe den Tag noch zu erleben, wo der Berliner Korrespondent der
„Times“
mit Knütteln hinausgejagt wird!
Gott sei gelobt und
bedankt, daß es ein Deutschland gibt, und in dem Deutschland ein
Preußen, und in dem Preußen ein preußisches Herz und
als Herz des Heeres das Geschlecht der Hohenzollern!
Eurer Majestät
ehrerbietiger, dankbarer Diener
Houston S. Chamberlain.
244
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
Seiner Majestät dem Kaiser
und König
ehrerbietigst zu Füßen
gelegt ¹
von dem herzzerbrochenen, aber grimmig
entschlossenen
„Engländer“
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Mit einem der Kriegsaufsätze.
244
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
Bayreuth 22. Nov. 1914
Auf unmittelbare
telegraphische
Veranlassung¹ Seiner Großherzoglichen Hoheit Prinz Max von
Baden;
sonst hätte der Verfasser es nie gewagt, sich in einem solchen
Augenblick
vor den allerhöchsten Kriegsherrn zu drängen.
Der neue Reigen ist
heute in der „Täglichen Rundschau“ mit einem Aufsatz „Englische
Gelehrte“
eröffnet: Lauter 42-Zentimeter-Bomben.
—————
¹
Mit einem Stück der Ges. Kriegsaufsätze.
244-245
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Telegramm
Großes Hauptquartier,
25. Nov. 1914, 8.15 Uhr nachmittags
Besten Dank
für
Ihre Zusendung. Ich hatte schon mit warmer Freude verschiedene Ihrer
Aufsätze
gelesen, Marksteine am Kriegsweg, den wir wandern. Den Aufsatz
„Deutschland“ habe ich mit klopfendem Herzen und gehobener Seele
gelesen;
er ist meisterhaft. So habe ich stets gedacht, und so denke ich auch
heute
von meinem geliebten Deutschland. Es ist meine feste Überzeugung,
daß das Land, dem Gott Luther, Goethe, Bach, Wagner, Moltke,
Bismarck
und meinen Großvater schenkte, noch zu großen Dingen
berufen
ist, zum Segen der Menschheit zu wirken. Gott hat uns in harter Schule
wieder auf den Weg gewiesen, zur Arbeit an der fernen Lösung
dieser
Dinge, damit wir uns auf uns selbst besinnen und kraftvoll
e i n i g e n sollten, um als Sein Werkzeug zur Rettung der
Menschheit wieder besser zu dienen; denn wir waren daran, unserem
altbewährten
Wesen untreu zu werden. Er, der uns diese Prüfung schickte, wird
uns
auch sie zu lösen helfen. Ihm stellen wir unsere Sache anheim, Er
wird sie zum guten Ende führen, wir unser reines Schwert „wo
wälsch
und falsch hat gleichen Klang und deutsch heißt
Herzensüberschwang“.
Wilhelm
I. R.
245
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
26. Nov. 1914
Bayreuth
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
geruhen, den Ausdruck meines tiefen
Dankes
entgegenzunehmen. Mich und die Meinen haben die wundervollen Worte
ergriffen,
gehoben und beglückt.
Ich war so frei,
die Depesche unserem wackeren interimistisch kommandierenden
Generalmajor
Hagen mitzuteilen, der mich mit dem Schild seiner Soldatenehre deckte,
als ich zu Beginn des Krieges als „englischer Spion“
verdächtigt
worden war.
Die huldreichen Worte
ermutigen mich, die neuesten Granaten aus meiner Gießerei
beizulegen.
Wieviel lieber
würde
ich für Deutschland sterben, als bloß Worte
aneinanderreihen!
Aber die Gebete, die ich Tag und Nacht zu Gott emporrichte — die sind
mehr
als Worte! Die Zukunft der ganzen Menschheit hängt an diesen
Stunden.
In tiefster Ehrfurcht
Euer Majestät dankbarer
ehrerbietiger
Houston Stewart Chamberlain.
Unsere Erstauflage
von 8000 war in wenigen Tagen vergriffen: mir eine große Freude.
246
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Telegramm
24. April 1915.
Vom Geh. Zivilkabinett in der
Urschrift brieflich mitgeteilt.
Herrn Houston Stewart
Chamberlain,
Bayreuth.
Nachdem ich Ihre
mir
freundlichst zugesandten „Neuen
Kriegsaufsätze“ mit klopfendem Herzen in Begeisterung gelesen
habe, erkenne ich gern an, welche tiefgehende Wirkung dieselben auf
mich
gemacht. Ihre „geistigen Granaten“, die im ganzen deutschen Volke und
weit
über dasselbe hinaus eine tiefgehende Wirkung erzielten, stellen
ihren
Verfasser in die Reihe der Kämpfer für deutsches Wesen, an
dem
einmal soll die Welt genesen. Ich finde keine würdigere
Anerkennung
dafür, als daß ich Ihnen das schlichte Zeichen, das so viele
jetzt tragen, ebenfalls verleihe und Sie hiermit zum Ritter des
Eisernen
Kreuzes ernenne.
Wilhelm
I. R.
246
H.
S. Chamberlain an Geheimer Kabinettsrat von Valentini.
26/4/15 früh
9½
Exzellenz Geheimer Kabinettsrat von
Valentini
Geheimes Zivilkabinett Seiner
Majestät
des Kaisers
Großes Hauptquartier.
Tief ergriffen von
der Gnade des Kaisers, welche mich in die Zahl der für die
deutsche
Zukunft Kämpfenden erhebt und somit der denkbar höchsten Ehre
teilhaftig macht, richte ich an Euer Exzellenz die ergebene Bitte,
Seiner
Majestät meinen ehrfurchtsvollen Dank und Treuesschwur zu
Füßen
legen zu wollen.
Ihnen in Verehrung ergeben
Houston Stewart Chamberlain.
247-248
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
Bayreuth, 26. April
1915.
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
— im allerersten Brief, mit dem ich
begnadet
wurde, er ist vom 31. Dezember 1901 datiert — schreiben: „Gottes Segen
und unseres Heilands Stärkung wünsche ich meinem Streitkumpan
und Bundesgenossen im Kampf. Das Gefühl, für eine absolut
gute,
göttliche Sache zu streiten, birgt die Gewähr des Sieges! Sie
schwingen Ihre Feder, ich meine Zunge, schlage auf meinen Pallasch, und
wir sagen trotz aller Angriffe und Nörgeleien: Dennoch!“ Diesem
Worte
Ehre zu tun — soweit meine schwachen Kräfte reichen — war mir
Pflicht
und zugleich gottgegebene Notwendigkeit. Was wäre der Wert einer
theoretischen
Schwärmerei für deutsches Wesen und Wirken und Walten, wenn
man
in der Stunde der Not den Rücken à la Haldane
kehrte?
Ja, mich rief jetzt, trotz aller Gefahr zwiefacher Verdammung, eine
doppelte
Pflicht: indem ich für die Wahrheit gegen die Lüge zeuge,
rette
ich — insofern es mir gegeben ist — die Ehre meines angestammten
Vaterlandes,
was erst später geschätzt werden wird; und indem ich den
Überzeugungen
meines Lebens von dem einzigen Wert des Deutschtums rücksichtslos
offen treu bleibe, beweise ich, daß diese in Glauben und Hoffen
wurzelnde
Liebe die Kraft besitzt, jedes Hindernis zu überwinden. In der Tat
ist sie für mich R e l i g i o n; und von
dieser sagte unser göttlicher Heiland: „Ich bin gekommen, zu
entzweien
den Sohn mit seinem Vater.“ Deutschland ist in diesem Augenblick Gottes
Werkzeug: alle irdischen Bande haben dieser Erkenntnis zu weichen.
Und weil ich so
fühle,
finde ich keine Worte, um Eurer Majestät meinen Dank für die
mir allergnädigst gewährte Ehrung auszusprechen. Seit Jugend
von trotzigem Unabhängigkeitsgefühl durchdrungen, jetzt alt
und
weltfern, könnte ich äußerlichen Auszeichnungen wenig
Bedeutung
abgewinnen; diese aber empfinde ich als eine mir von dem Ersten und
Obersten
aller Deutschgeborenen in heiliger Stunde gespendete Weihe der Aufnahme
in die deutsche Gemeinschaft, als die Sichtbarwerdung eines innersten —
von 1870 bis 1915 reichenden — inneren Vorganges. Tiefer, als irgendein
Wort es auszusprechen vermag, ergreift es mich, daß ein Tag
kommen
sollte, wo der Deutsche Kaiser mich würdig erachtete, zum
deutschen
Ritter geschlagen zu werden. . . Meine armen Sprachkünste
versagen
den Dienst; ich vermag nur stumm das Knie zu beugen.
In Ehrerbietung
Euer Majestät treu gehorsamer Diener
Houston Stewart Chamberlain.
248
Geheimer
Kabinettsrat von Valentini an H. S. Chamberlain.
Telegramm
Berlin, den 20. Dez. 1915
3 Uhr nachmittags
Seine
Majestät
haben von Ihrem Aufsatz „Des
Weltkrieges letzte Phase“ mit lebhaftem
Interesse
Kenntnis genommen und lassen für die Übersendung bestens
danken.
Auf
allerhöchsten
Befehl
von Valentini.
248
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
26/12/1915 mittags
An des Kaisers und Königs
Majestät
Neues Palais Potsdam
Ehrfurchtsvoll
dankbar
für herzstärkenden, kraftschenkenden gnädigsten
Gruß¹
erinnere an ein anderes Wort desselben Luther „Glaube feiert nicht;
Glaube
ist eine verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade.“ Gott segne Deutschland!
Ehrerbietungsvoll
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Postkarte mit dem Bild des Kaisers und den handschriftlichen Zeilen:
„Weihnachten und
Neujahr 1915/16.
Mit herzlichsten Wünschen.
Ein feste Burg ist
unser Gott!“
249
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
21. März 1916
Frankfurt a. M.
(nur bis 24. 3.) Oederweg 116
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
lege ich meine neue Kriegsflugschrift
ehrerbietig zu Füßen mit der Bitte um gnädige Aufnahme.
Ich gehöre zu
denjenigen, welche befürchten, daß die „englische Gefahr“ —
eine Todesgefahr — von den leitenden deutschen Beamten nicht richtig
erkannt
wird.
Eurer Majestät
in Ehrfurcht ergebener Diener
Houston Stewart Chamberlain.
Bayreuth.
249
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
26.12.16
An des Kaisers und Königs
Majestät.
Potsdam.
Mit ehrerbietigem Dank für
gnädigen
beglückenden Gruß ¹ rufe ich: Gott segne Deutschland in
Krieg und Frieden heute und immerdar!
Untertänigst
Houston Stewart Chamberlain.
—————
¹
Postkarte mit dem Bild des Kaisers und der faksimilierten Inschrift:
„Ehre
sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen.
Gott
segne das 3. Kriegsweihnachten Allen, draußen im Felde wie daheim
im lieben Vaterland. Wilhelm I. R.“
249-250
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
Bayreuth 12. Januar 1917
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
wollen mir gnädigst gestatten,
den
morgen erscheinenden Aufsatz „Der Wille zum Sieg“
ehrerbietig zu
Füßen
zu legen.
Inmitten schwer
lastender
Erkrankung und gegen ärztliches Verbot wurde er aus innerster
Notwendigkeit
und aus glühender Liebe zu Deutschland geschrieben.
Unauslöschlich dankbar
ehrfurchtsvoll
Houston Stewart Chamberlain.
250-251
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Pleß, den 15. I.
17.
Mein lieber Herr Chamberlain.
Es liegt mir am
Herzen,
Ihnen meinen wärmsten Dank zu sagen für Ihre prächtige
Mithilfe
in großer Zeit, welche Sie mir haben zuteil werden lassen durch
den
letzten Aufsatz, den „Willen
zum Siege“, den ich gestern von Ihnen
erhielt.
Ich las ihn meinen versammelten Herren vor, und er zündete wie ein
Funke! Er ist das rechte Wort zur r e c h t e n
Z e i t! Er kreuzte sich mit meinem Aufruf ans deutsche
Volk.
Sein Erfolg ist für mich ganz überwältigend! In der Flut
von Depeschen, aus allen Gauen Deutschlands, von Fürsten,
Städten,
Korporationen, Vereinen, Firmen, Banken, Fabriken, Arbeitern, atmet
eine
Lohe feurigen Zornes, stahlharter Entschlossenheit, die ja herrlich als
Grundlage für den letzten Endkampf wirken wird. Was ich so oft
schon
während dieses Krieges jedem, der es hören wollte, zumal wenn
er nach Frieden fragte, antwortete: „Der Krieg ist der Kampf zwischen
zwei
Weltanschauungen; der germanischen-deutschen für Sitte, Recht,
Treu
und Glauben, wahre Humanität, Wahrheit und echte Freiheit,
gegen...
Mammonsdienst, Geldmacht, Genuß, Landgier, Lüge, Verrat,
Trug
und nicht zuletzt Meuchelmord!“ Diese beiden Weltanschauungen
können
sich nicht „versöhnen“ oder „vertragen“, eine
muß
s i e g e n, die andre muß u n t e r g e
h e n! solange „muß g e f o c h t e
n
werden“! Das haben nun endlich, durch Lloyd George und Briand mit ihren
Noten und Reden belehrt, die braven deutschen Gesellen begriffen und
sind
in hellem, gottgewolltem Zorn entflammt!
Die beiden [...]
Staatsmänner haben keine Ahnung gehabt davon, was für einen
mächtigen
Dienst sie dem deutschen Volk und mir damit geleistet haben. Wie der
Brite
sagt: „They got a rise out of the Germans!“ Aber dieses ist
mehr!
Es ist das Werk des Herren! Es ist wieder wie im Faust: Unsere Feinde
müßten
sagen: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will,
und stets das Gute schafft.“ Jetzt wird es dem deutschen Michel mit
einemmal
klar, daß der Kampf für ihn zum K r e u z z u
g
geworden und daß er jetzt St. Michael geworden ist [...].
Und wenn die Welt
voll Teufel wär'!
Wilhelm
I. R.
251-254
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
Bayreuth 20. Januar 1917
Euer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
gnädiges Handschreiben vom 15.
d.
M. hat mir Glück und Stärkung gebracht: das Glück, eine
Stimme wieder hören zu dürfen, die unvertilgbar eindrucksvoll
seit Jahren in meinem Ohren weiterhallt, und die Stärkung, des
ersten
Deutschen felsenfesten Entschluß aus nächster Nähe zu
vernehmen.
Ohne Übertreibung kann ich sagen, daß seit jenem 4. August
1914
die lebhafte Vorstellung der Persönlichkeit Eurer Majestät
mir
stets gegenwärtig geblieben ist, wie sie meiner Seele aus den
glücklichen
Stunden von 1901, 1902 und 1903 bis in die kleinste Einzelheit von Ton
und Blick und Gebärde lebendig vor Augen steht; eine Vorstellung,
in welcher alle Bewunderung für den Monarchen, der diese Last an
Verantwortung
schuldlos — gottvertrauend zu tragen weiß, es nicht
vermöchte,
das tiefste Mitgefühl für den so grausam betroffenen Menschen
auszulöschen. Ich denke da an Bande des Blutes, die sich in den
Stunden
der Not völlig ohnmächtig erwiesen. Doch auch abgesehen von
diesen
weiß ich aus Gesprächen und Briefen, welche warme
Bewunderung
und Sympathie Eure Majestät für alles Gute und Tüchtige
an Englands Volk und Staat hegte, ja, so lebhaft hegte, daß es
mir
schwer wurde, die Empfindungen in diesem Maße zu teilen. Ich will
vor Gottes Thron bezeugen, daß auf der ganzen Welt kein
Nichtengländer
den Engländern so neidlos alles gegönnt hat, worauf sie stolz
waren. Und ich erinnere mich noch des gnädigen Beifalls, den ich
erntete,
als ich einmal bemerkt hatte: „Es kommt der Tag, wo England begreifen
wird,
daß die deutsche Flotte nicht die Rivalin, sondern die
Bundesgenossin
ist.“ Und in der Tat: ein Deutschland und ein England, die neidlos ein
jedes die Vorzüge des anderen anerkannt und sich einer gemeinsamen
hohen Mission des Germanentums bewußt gewesen wären — sie
hätten
mühelos die Welt beherrscht, jeden umsichgreifenden Krieg
unmöglich
gemacht und jene bessere Zeit heraufgebracht, von der der heuchlerische
Balfour jetzt in seiner Note an Wilson redet. Doch es hat nicht sein
sollen.
England ist ganz und gar in die Hände der Juden und der Amerikaner
geraten. Deswegen versteht keiner diesen Krieg, wenn er nicht die
deutliche
Vorstellung besitzt, daß es im tiefsten Grund der Krieg des
Judentums
und des ihm naheverwandten Amerikanertums um die Beherrschung der Welt
ist — der Krieg gegen Christentum, gegen Geistesbildung, gegen
sittliche
Kraft, gegen unkäufliche Kunst, gegen jegliche ideale
Lebensauffassung,
zugunsten einer Welt, die nur noch Finanz, Fabrik und Handel sein soll
— kurz, einer schrankenlosen Plutokratie. Alles, was sonst noch
mitmacht
— russische Gier, französische Eitelkeit, italienischer Bombast,
neutraler
Neid und feiger Sinn usw. — das alles ist nur aufgepeitscht,
herangelockt,
verrückt gemacht; der Jude und der Yankee sind die treibenden
Mächte,
welche bewußt handeln und auch in einem gewissen Sinne bisher die
siegreichen, jedenfalls die erfolgreichen sind. Da wir Deutschen
Kernworte
lieben, so können wir zusammenfassen: Es ist der Krieg der
modernen
mechanischen „Zivilisation“ gegen die uralte heilige ewig in Neugeburt
befindliche „Kultur“ auserlesener Menschenrassen. Die Maschine will in
ihren dummen Fangarmen den Geist und die Seele zermalmen. Wie ganz und
gar unmoralisch der Feind ist, zeigt schon die eine Tatsache, daß
von Beginn des Krieges an das systematische Lügen seine Hauptwaffe
war und es noch heute ist. Das hat aber lange vor dem Kriege begonnen.
Die „Times“ verfolgte ich seit Jahren: Tag für Tag wurde gegen den
großen Feind — Deutschland — das Gift der Verleumdung
geschleudert,
bis endlich alle Herzen in England verdorben waren. Von Deutschland aus
geschah nichts zur Abwehr — denn die deutschen Diplomaten waren alles,
nur keine Völkerpsychologen. Auch wollte kein Mensch in
einflußreicher
Stellung auf die bemerkenswerte Tatsache achten, daß es die
leiblichen
Brüder und Vettern derjenigen Leute waren, die in Deutschland
gegen
die Heeres- und Marinebudgets, überhaupt gegen Armee, Adel und
Königtum
hetzten, welche in England ebenso ununterbrochen für Vermehrung
der
Flotte und des Heeres agitierten, sich und den Ihrigen Adelstitel und
Fideikommisse
verleihen ließen und den Thron mit orientalischen Schmeicheleien
umgaben. Es liegt mir fern, das englische Volk reinwaschen zu wollen;
Tatsache
ist aber, daß es von fremden Menschen verführt, vergiftet,
in
Wahnsinn gejagt wurde, so daß auch die vielen vorzüglichen
Elemente,
die es noch birgt, sich selber untreu, dem Satan verfallen sind. Ach!
Urteilen
wir nicht allzu strenge; gedenken wir des Herrenwortes: „Nolite
judicare,
ut non judicemini!“ Und erwachen wir rechtzeitig zur Einsicht,
daß
wir selber in Deutschland von dem gleichen Knochenfraß schon
angefallen
sind und uns recht wacker werden halten müssen, sollen wir besser
als unsere englischen Vettern bestehen! Möchte sich an uns das
andere,
weniger bekannte, aber gewiß echte Herrenwort bewähren: „Das
Schwache wird durch das Starke gerettet werden!“
Viel hätte ich
noch hinzuzufügen — namentlich über die Vereinigten Staaten
als
den eigentlichen Weltherd des seelenlosen Mammonismus und der
satanischen
Falschspielerei — muß aber schon für dieses Wenige in
solchen
Zeiten um allergnädigste Nachsicht und Verzeihung bitten.
In Ehrfurcht und
unvergänglicher Dankbarkeit
Euer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
ehrerbietiger Diener
Houston Stewart Chamberlain.
Des Schweden
Kjellens
neuer Aufsatz „Was den Frieden verhindert“ ist das Beachtenswerteste,
was
ich seit lange gelesen habe, und ist hoffentlich Eurer Majestät
vorgelegt
worden?
(Dieser Brief ist
von mir eigenhändig auf der Maschine geschrieben worden, weil mein
Leiden es mir unmöglich macht, die Feder zu führen.)
254
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
26. März 1917
Bayreuth.
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
überreiche ich in Ehrerbietung
meinen
am 1. April erscheinenden Aufsatz „Deutsche Weltanschauung“, ¹ mit
der Bitte, die kleine Arbeit gnädigst beachten zu wollen. Zwar
knüpft
sie nicht unmittelbar an die weltgeschichtlichen Ereignisse der
Gegenwart
an, mittelbar aber doch: Wessen Denken sollte das nicht? Und ich hege
die
Zuversicht, daß gerade speziell Eure Majestät aus dem
Überblicken
dieser Seiten mehrfach Anregung empfangen werden.
Die etymologische
Betrachtung S. 9 bis 11 kann entbehrt werden. Dagegen enthält der
folgende Abschnitt (S. 12ff.) über die Freiheit köstliche
Zeugnisse
bedeutender deutscher Männer, desgleichen der nächste
über
den Krieg, mit vergessenen Versen von Opitz, die es verdienen
würden,
mit stärkerer Resonanz, als mir zur Verfügung steht, in die
Welt
hinausgetragen zu werden. Auch in den folgenden Abschnitten verdienen
die
Gedanken Jakob Grimms und Wilhelm von Humboldts die Beachtung eines
deutschen
Monarchen.
Der Rest ist
Schweigen
— und Bewundern — — — und Beten!
Eure Majestät
wollen den Ausdruck unvergänglicher warmer Dankbarkeit genehmigen
des
in Ehrfurcht ergebenen
Houston Stewart Chamberlain
—————
¹
In der ersten Nummer der neuen Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung“
Aprilheft
1917 — Verlag J. F. Lehmann-München — , wiederabgedruckt in „Rasse
und Persönlichkeit“.
255
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
Bayreuth. Juni 1917.
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
wollen gnädigst gestatten,
daß
ich beiliegend meine Flugschrift „Freiheit und Demokratie“
zu
Füßen
lege und zugleich die Bitte wage, sie nicht unbeachtet zu lassen.
In
unvergänglicher
Dankbarkeit verbleibe ich
Eurer Majestät
untertänigster Diener
Houston S. Chamberlain.
255-256
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
Bayreuth, 31. Jan. 1918
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
gestatten allergnädigst,
daß
ich eine soeben erscheinende Sammelflugschrift von
Aufsätzen, ¹
die ich im Jahre 1917 schrieb, ehrerbietig zu Füßen lege.
Mit Ausnahme der
Schrift „Demokratie und
Freiheit“ (die inzwischen in 30 000 Exemplaren
Verbreitung gefunden hat) enthält die kleine Broschüre das
Wenige,
was ich im Verlaufe des vergangenen Jahres zu leisten imstande war —
von
dem Aufsatz „Der Wille
zum Sieg“ im Januar an, auf den Eure
Majestät
mich durch einen eigenhändigen Brief mit so warmen Worten
gnädiger
Anerkennung beglückte, bis zu den Aufrufen für die siebente
Kriegsanleihe,
die die Reichsbank von mir forderte.
Es bildet zugleich
die kleine Sammlung meinen Abschied von dieser Tätigkeit. Von
zunehmender
Nervenlähmung immer mehr verkrüppelt und von Schmerz
über
die trostlose Lage, in die Deutschland im Inneren geraten ist, gebeugt
— eine Lage, an der die schönsten Aufsätze nicht das
Geringste
ändern können, was einzig die Taten reiner, starker,
deutschbewußter
preußischer Männer alten Schrots und Korns (wie zur Zeit der
Reichsgründung) vermöchten, lege ich die Feder nieder und
begnüge
mich mit dem unerschütterlichen Vertrauen auf den Gott der
Deutschen,
der allein fähig ist, die Nacht, die uns umgibt, zu einem neuer
Morgen
zu wandeln und aus diesen schweren Prüfungen — so hoffe ich — ein
gereinigtes, stolzeres Deutschland hervorgehen zu lassen. Die
unvergleichlichen
Taten der gesamten deutschen Heeresmacht zu Land und zu Wasser, von
ihrem
preußischen Schwertadel angeführt, berechtigen gewiß
zu
überschwenglichen Hoffnungen!
Aus tiefstem
Herzen
sende ich Segenswünsche und Gebete zu Gott empor für Eure
Majestät
und das ganze preußische Königshaus
und verbleibe
in Ehrfurcht und unvergänglicher
Dankbarkeit
für alle mir auf meinem Wege
erwiesene
Gnade
Eurer Kais. u. Königl.
Majestät
ehrerbietigster Diener
H. S. C.
Mit dem
großen
und freien Franzosen Gustave Flaubert bekenne ich mich offen zu der
Überzeugung:
„Le
suffrage universel est la honte de l'esprit humain.“
(Brief vom 8. 9. 1871 an George Sand.)
—————
¹
„Der Wille zum Sieg.“
256
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Telegramm
Gr. Hpt.-Qu. Kz. H. Schloß, den
8. 2. 18.
9.40 Uhr vormittags
Mit Dank für
Ihren Brief und Ihre mich lebhaft interessierenden Aufsätze vom
Jahre
1917 wünsche ich von Herzen, daß die Kunst der Ärzte
Ihnen
Besserung bringt, damit Ihre bewährte Feder wieder wirken kann
für
die Hebung des deutschen Nationalgefühls. Wir wollen weiter
vertrauen
auf Gottes Hilfe in schwerem Kampfe.
Wilhelm
I. R.
257
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
Bayreuth 15. Juni 1918.
Eure Kaiserliche und königliche
Majestät
gestatten gnädigst, daß
ich
pflichtgemäß meine neueste Veröffentlichung zu
Füßen
legen darf.
Dem Wunsche
vorzüglicher
Männer folgend, hat mein Verlag einen Auszug aus meiner vor
Jahresfrist
erschienenen Schrift „Demokratie
und Freiheit“ angefertigt, die auf
möglichst
weite Verbreitung berechnet ist.
Von einer
Massenpsychose
ergriffen — dergleichen die Geschichte manche verhängnisvolle
Beispiele
bietet — steht Preußen im Begriff, den Ast abzusägen, auf
dem
es sitzt: Vielleicht trägt beiliegende Flugschrift dazu bei,
einigen
den Schleier von den Augen zu reißen. Inzwischen bewährt
sich
das echte, angeerbte Preußentum, unter Leitung seines
Begeisterung
einflößenden, erhabenen Kriegsherrn, zu ewigem Ruhme auf dem
Schlachtfeld und rettet Deutschland vor dem Untergang, und zwar
geschieht
dies ohne die geringste Mitwirkung, ja gegen den Willen des aus dem
allgemeinen
gleichen Wahlrecht hervorgegangenen erbärmlichen Reichstags!
Möchte
der liebe Gott bald wieder Staatsmänner ans Ruder berufen,
würdig
der großen Heeresführer, Männer, die nicht vor Schatten
erbeben und nicht gesonnen sind, den letzten Hort einer moralischen
Weltordnung
an die internationale Finanz auszuliefern!
In Ehrfurcht
Eurer K. u. K. Majestät
ehrerbietigster Diener
Houston S. Chamberlain.
257-258
H. S. Chamberlain an Exzellenz von Berg. Bayreuth 9. Juli 1918.
Eure Exzellenz
wollen
mir gestatten, meinen ergebensten Dank auszusprechen für die auf
Befehl
seiner Majestät des Kaisers an mich gerichteten freundlichen
Zeilen.
Heute fühle
ich mich verpflichtet zu einer neuerlichen ganz ergebenen Bitte.
Vor einem Jahre war
mein Werk „Die
Grundlagen
des 19. Jahrhunderts“ vergriffen, und dem Verleger gelang es trotz
aller Bemühungen nicht, die Ermächtigung zur Papierbestellung
von der betreffenden amtlichen Stelle zu erwirken. Da wandte ich mich
an
Ihren Herrn Amtsvorgänger, Exzellenz von Valentini, im Vertrauen
auf
das warme Interesse, das Seine Majestät diesem Werke seit seinem
Erscheinen
zu erweisen die Gnade hat. Die nachgesuchte Bewilligung wurde jetzt
durch
ministerielle Verfügung erteilt. Heute ist nun diese
„Kriegsausgabe“
erschienen, weniger hübsch als die früheren, doch mit
besonders
sorgsam revidiertem Text; dem Kaiser möchte ich nicht mit einer
direkten
Zusendung lästig fallen, doch glaube ich, daß es aus
obengenanntem
Grunde schicklich wäre, meinem allerhöchsten Gönner bei
einer passenden Gelegenheit Kenntnis von dieser Kriegsausgabe zu geben,
und ich wäre Eurer Exzellenz zu großem Danke verpflichtet,
wenn
Sie sich dieser Bemühung unterziehen und meine ehrfurchtsvolle
Erkenntlichkeit
zum Ausdruck bringen wollten.
Ich bin so frei,
einen soeben erschienenen Aufsatz über die rumänische
Judenfrage ¹
in zwei Exemplaren beizulegen. Euere Exzellenz wird beurteilen, ob das
eine Seiner Majestät vorgelegt werden soll oder nicht. Über
das
zweite Exemplar bitte ich verfügen zu wollen.
In Verehrung zeichnet
Eurer Exzellenz dankbar gehorsamster
H. S. C.
—————
¹
Vgl. S. 163. Unter dem Titel „Rasse und Nation“
in „Deutschlands Erneuerung“ — München — umgearbeitet im Juli 1918
erschienen.
258-259
H. S. Chamberlain an Exzellenz von Berg.
Bayreuth 6. Sept. 1918.
Euere Exzellenz
ersuche
ich ganz ergebenst, die Überreichung beiliegenden Dokumentes zu
gestatten.
Auf Seite 1127 bis 1131 finden Sie den Beschluß des ersten
Richters
in der gegen mich angestrengten Klage der „Frankfurter Zeitung“. Da die
antivaterländische Presse so großen Lärm um den
Richterspruch
des Herrn Leonhard, recte Majer, geschlagen hat, ist es wohl
nur
billig, auch den deutschen Richter Rückert anzuhören.
Einem
Vielverlästerten
wollen Sie diesen Wunsch gütig verzeihen!
Euerer Exzellenz
verehrungsvoll gehorsamer
H. S. C.
259
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Doorn 17. VIII. 1921
Mein lieber Chamberlain
Von Herzen Dank
für
Ihr wundervolles Buch „Mensch
und Gott“. Das Kapitel über das
Abendmahl
hat mich sehr gefesselt. Einmal muß doch die Kontroverse
über
dasselbe auch aus der protestantischen Kirche verschwinden. Der Streit
um die Einsetzungsworte ist nutzlos. Luther hat mit seinem schroffen „Est,
est!“ viel Unheil angerichtet, der Hostiengedanke schwebte dem
einstigen
Mönche vor! Es kommt beim Abendmahl auf ganz was anderes an. Der
Herr
wollte den Jüngern, die im Zweifel waren, ob ihnen die
S ü n d e n v e r g e b u n g auch
wirklich
s i c h e r sei, eine wirklich auch mit irdisch
menschlichen
Sinnen faßbare G a r a n t i e dafür
geben. Daher nimmt er das auf dem Tische liegende Brot und den Kelch
mit
Wein und sagt: So wahr Ihr dieses Brot — das Ihr faßt und brecht
— und diesen Kelch — den Ihr greift und trinkt — hier seht und in Euren
Händen haltet und genießt, so wahr sind sie die von mir Euch
gegebene B ü r g s c h a f t, daß
Euch
Eure Sünden wirklich vergeben sind! Aufrichtige Buße
vorausgesetzt!
„Est“
ist falsch! Da der Herr noch nicht auferstanden und in Seinem irdischen
Leibe vor ihnen saß, von dem sie keinen Anteil haben konnten.
Also
ist „das bedeutet“ die richtigere Auslegung wie Calvin sie gab.
Wilhelm
I. R.
260
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.¹
Doorn, 21. XI. 21.
Mein lieber H. S. Chamberlain
Ihr wunderbares
Buch
„Mensch und Gott“
habe ich langsam Seite für Seite durchgelesen,
laut
vor kleinem auserlesenen Kreise. Das Herz ist uns allen dabei warm
geworden
und aufgegangen. Nehmen Sie meinen wärmsten, innigsten Dank
dafür!
Zu solcher Zeit ein solches Buch in die Hand zu bekommen, das ist eine
Gottesgabe, eine Erlösung. Vieles, was darinnen steht, war mir
völlig
neu, vieles hatte ich schon lange instinktiv gefühlt, jedoch ihm
den
prägnanten, klaren Ausdruck nicht geben können, wie es Ihnen
so meisterhaft gelang. Manches habe ich in meinen Diskussionen fast
wörtlich
vertreten, ohne zu ahnen, daß es so fest begründet werden
könne,
wie durch Sie es geschah! Dank Ihnen für die volle Klärung
des
alten herrlichen Gottesbegriffes als des guten, des Vaters im Gegensatz
zum entsetzlichen Jahwe! Dank vor allem für das klare, herrliche
Bild
unseres erhabenen, unvergleichlichen Heilandes, als des einzigen
Mittlers
zwischen dem Vater und uns, und die Vermittlung seiner herrlichen
Lehren
und ewigen Worte. Ihr Buch hat Gott inspiriert! Er schenkte uns
Deutschen
Sie in solcher Zeit wie einst Luther! Das Buch begrüße ich
als
eine Luthertat, es ist die ersehnte neue Reformation, die damit
anbricht!
Dank sei Gott, daß Er es bei uns, dem deutschen Volke, gerade
jetzt
erscheinen ließ; Dank Ihnen, daß Sie es schreiben durften,
als Gesegneter des Herrn, Gott segne Sie dafür.
Jeden, dem ich's
gab, es sind deren viele, hat es gepackt und tief bewegt. Am Totenfest
hielt P. Vogel aus Potsdam die erste Predigt, die von dem Buch
beherrscht
war! Herrlich!
261-262
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
Bayreuth 30. November
1921.
Euere Kaiserliche und Königliche
Majestät
haben mich durch das
allergnädigste
Schreiben vom 21. d. M. tief bewegt und hoch beglückt, und ich
bitte
den Ausdruck meines ehrerbietigsten, lebhaftesten Dankes huldvoll
entgegennehmen
zu wollen. Das Bewußtsein, Eurer Majestät in einem solchen
Augenblick
wie dem gegenwärtigen stärkende Seelenkost haben bieten zu
können,
bildet für mich selbst eine wahre Herzerhebung — und welcher
Deutscher
bedürfte dieser nicht?
Ich bin im Augenblick
damit beschäftigt — soweit die Elendigkeit meines physischen
Zustandes
es gestattet — ein Vorwort für die neue Ausgabe der „Grundlagen“
zu
schreiben, in welchem ich beabsichtige, die beiden Punkte zu betonen,
auf
die es mir anzukommen scheint, um Hoffnung fassen zu können: Es
muß
das Bewußtsein geweckt werden, daß Deutschland
überall,
zu Land und zu Wasser, der Sieger im Kriege war bis zum Augenblick, wo
die Heimat es verriet, und es muß dieser Verrat am Eigenwesen
ganz
scharf erkannt werden, damit jeder wisse, daß Deutschland einzig
und allein von sich selbst geschlagen wurde. Eigentümlich ist es,
wie wenig lebhaft die meisten sich die sieghaften Heldentaten der
Deutschen
vorstellen; der niederschmetternde Eindruck des Besiegtseins hat
gleichsam
alles Vorangegangene ausgelöscht. In Wahrheit zeugt dieser Krieg
für
eine Siegeskraft, die ihresgleichen auf der Welt nicht findet; darum
sind
Bücher von der Art, wie der wackere J. F. Lehmann zwei erst
kürzlich
herausgegeben hat — „Im Felde unbesiegt“ und „Auf See unbesiegt“ — warm
zu begrüßen. Dieses Bewußtsein seiner
unüberwindlichen
Kraft bildet das erste Bedürfnis der gegenwärtigen Stunde
für
den Deutschen. Das zweite Bedürfnis ist aber das ebenso klare
Bewußtsein
von seiner Erbärmlichkeit: das Bewußtsein, daß er das
ganze unaussprechliche Elend, das über ihn hereingebrochen ist,
nur
sich selber zu verdanken hat. Erst die Vereinigung dieser beiden
Einsichten
zu einem organischen Ganzen der Überzeugung bringt Klarheit in die
umdüsterten Gemüter und bahnt vernünftigen, starken
Entschlüssen
den Weg. So sehe ich die Lage und schöpfe aus dieser Auffassung —
trotz der Bitterkeit, die die erste der beiden Erkenntnisse ins Herz
gießt,
und trotz des tiefen Schamgefühls, mit der die zweite auf einem
lastet
—‚ ich schöpfe, sage ich, aus dieser Auffassung Trost, Hoffnung
und
Zuversicht.
Am Tage, bevor Eurer
Majestät Schreiben einging, erhielt ich einen inhaltreichen Brief
von Exzellenz Oskar v. Chelius, der ein banges Verlangen nach
Nachrichten
erfüllte, indem er — soweit die Tragik und die Stimmung eines von
schwerster Trauer¹ heimgesuchten Hauses es gestatten — ein Bild
von
christlicher Ergebenheit in Gottes geheimnisvollen Willen entwarf.
Sobald
meine Kräfte hinreichen, werde ich ihm schreiben und bei der
Gelegenheit
seine Frage betreffs Bücher beantworten.
Ich bitte Euere
Kaiserliche
und Königliche Majestät in Gnaden den Ausdruck zu gestatten
der
unerschütterlichen Dankbarkeit und ehrerbietigen Treue
Eurer Majestät gehorsamsten
Dieners
Houston Stewart Chamberlain
P. S. Der Gebrauch
der Maschine erregt hoffentlich keinen Anstoß, bin ich doch des
Gebrauchs
der Hände beraubt und somit aufs Diktieren angewiesen.
—————
¹
Um den Tod der Kaiserin Augusta Viktoria.
262-263
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Doorn, 1. III. 22.
Mein lieber Chamberlain.
Ihr Buch „Mensch
und
Gott“ habe ich nun weit umher in meinem Bekanntenkreis verteilt.
Männer
und Frauen, auch eine Reihe Geistliche sind darunter. Ich habe
zustimmende,
ablehnende, begründete und unbegründete Urteile vernommen.
Eines,
welches ernst und eingehend sich mit dem Thema beschäftigt,
gestatte
ich mir Ihnen zu unterbreiten. Es stammt von Pfarrer Eich, der auf der
Ausreise nach Argentinien mich besuchte, das Buch erhielt und auf der
langen
Seereise durchstudierte. Sobald Sie die Denkschrift nicht mehr
brauchen,
erbitte ich sie zurück. Ein kleines heiteres Vorkommnis aus dem
Kriege
sei Ihnen noch erzählt: Es stehen an der Ostfront Deutsche und
Österreicher
zusammen. Sonntag bereiten die Deutschen den Feldgottesdienst vor. Die
Österreicher erbitten Erlaubnis zur Teilnahme, die gewährt
wird.
Bei der Aufstellung der Truppen um den Feldaltar bemerkt der
österreichische
Kommandeur, seine Leute könnten nicht alle deutschen Choräle,
er fürchte, sie würden den Gesang stören. Der deutsche
Geistliche
fragt, ob die Österreicher „Ein' feste Burg“ singen könnten?
Der Kommandeur bejaht. Darauf ruft der Geistliche von des Altars Stufen
das geschlossene Karree an: „Kameraden, mir werden den Choral
abwechselnd
strophenweise singen! Wir singen ‚Ein' feste Burg!'
Die
e r s t e Strophe: ‚Ein' feste Burg ist unser Gott, ein
gute
Wehr und Waffen' singen die D e u t s c h e n!
Die zweite Strophe: ‚Mit unser Macht ist nichts getan, wir sind gar
bald
verloren' singen die Ö s t e r r e i c h e r!“
Einen
Augenblick tiefes Schweigen, dann ein anschwellender enormer
Heiterkeitsausbruch
im ganzen Karree! Unbewußt hatte der brave Militär- und
Feldgeistliche
die wirkliche militärische Lage ungemein richtig und schlagend
charakterisiert!
Mit besten
Wünschen
für Gesundheit und Arbeitskraft unter dem Schutz dessen, der sagt:
„Siehe, ich bin bei Euch alle Tage!“
Sehr hübsch
ist Ihre Schilderung von Herrn „Hinkebeins“¹ Gehirn!
Wilhelm
I. R.
—————
¹
„Herrn Hinkebeins Schädel.“ München 1921.
263-264
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
Bayreuth 16. März
1922
Eurer Kaiserlichen und
Königlichen
Majestät
schulde ich ehrerbietigsten Dank
für
das gnädigste Handschreiben und die wertvolle Beilage vom 1.
März.
Leider bin ich augenblicklich ganz und gar außerstande, auf des
Herrn
Pfarrers Eich Denkschrift entsprechend zu erwidern: Eine böse
Grippe
mit andauerndem Fieber hat meine ohnehin so schwachen Kräfte auf
eine
tiefe Ebbe heruntergebracht, und kaum fing ich an mich zu erholen, so
traten
andere Komplikationen ein; selbst meine Frau vermag bisweilen die
leisest
hingehauchten und gar nicht artikulierten Worte nicht zu verstehen. So
muß ich denn auf grenzenlose Nachsicht rechnen. Zum Glück
ist
die Aufnahmefähigkeit bis zur Stunde unvermindert, und ich habe
die
Denkschrift vollkommen in mich aufgenommen und innerlich verarbeitet,
und
ich beklage, es bei dem englischen Ausspruch bewenden lassen zu
müssen:
Let
us agree to differ.
Ein Beispiel
wenigstens
von dem, was ich den Bemerkungen des Pfarrers entgegenzustellen
hätte.
Ich bin mir wohl
bewußt — und war es auch schon bei der Niederschrift —‚ daß
die Sünde, im positiven Sinne, in meinem Buche sehr
ungenügende
Behandlung erfährt. Ich war aber zu einer möglichsten
Ökonomie
der Kräfte genötigt, schien es doch unmöglich, daß
diese zur Vollendung reichen würden; die Angst, ein
Bruchstück
zu hinterlassen, „me talonnait“. Und da sagte ich mir: Die
Sünde
kennt jeder aus eigener bitterer Erfahrung, außerdem wird sie ihm
ununterbrochen von den Geistlichen aller Konfessionen immerwährend
zu Gemüte geführt; einzig wichtig bleibt darum der selten
beachtete
Umstand, auf den ich wiederholt aufmerksam mache, und der in die
tiefsten
Tiefen der Religion Jesu hineinführt.
Ich erhalte fast
täglich Briefe von mir meist Unbekannten über „Mensch und
Gott“
und gestatte mir einige Abschriften beizulegen, überzeugt,
daß
bei dem großen Interesse, welches Eure Majestät diesem
Versuch
zu widmen die Gnade haben, diese Äußerungen Teilnahme
erwecken
werden.
In unauslöschlicher Dankbarkeit
Eurer Majestät
ehrerbietigster Diener
Houston Stewart Chamberlain.
Die Anekdote über „Ein' feste
Burg“
ist köstlich!
265
Kaiser
Wilhelm II an H. S. Chamberlain.
Brieftelegramm
Haus Doorn, den 12. Nov. 1922
Houston Stuart Chamberlain
Bayreuth
Herzlichen Dank
für
Ihre mir durch Chelius übermittelten freundlichen Wünsche zu
meiner Vermählung. Ich freue mich, daß meine „Erinnerungen“
ihren Beifall finden. Von Herzen wünsche ich Ihnen Linderung Ihres
Leidens. In alter Freundschaft treue Grüße!
Wilhelm
I. R.
265-273
Niederschriften
des Kaisers zu Chamberlains Buch „Mensch und Gott“. Doorn 12. III. 23
In seiner ersten
Predigt
nach der Revolution an die versammelten Vertreter der Deutschen
Evangelischen
Kirche sagt Exzellenz v. Dryander: „D i e K i r
c h e h a t v e r s a g t.“
Über
das Warum ist viel geschrieben und gestritten worden, und wird es noch
heute.
Nach meiner Meinung
war die Kirche in der Auffassung und Tradition des
Reformationszeitalters
über das Alte Testament und den Buchstabenglauben an dasselbe
stehen
geblieben, statt mit der wissenschaftlichen, vor allem historischen
Forschung
auf dem Gebiete der Religionsentwicklung und ihrer Quellenerforschung
mitzugehen,
sie zu verarbeiten, befruchtend auf sich wirken zu lassen. Sie war mit
einem Worte j ü d i s c h
geblieben,
s t e h e n geblieben!
Wir müssen dem
wiederaufzubauenden neuen deutschen Vaterlande unbedingt frische
religiöse
Nahrung geben. Aber dabei uns hüten, neuen Most in alte
Schläuche
fassen zu wollen. Unsere Bibel bedarf dringend der Reform und
Umgestaltung.
Wir fangen in unserer
Religionslehre bei unseren Kindern, unserer Jugend beim falschen Ende
an.
Es muß bei der religiösen Erziehung unserer Jugend dasselbe
Prinzip in der Religion zum Durchbruch kommen, wie es einst Kaiser
Wilhelm
II. in seiner Schulreform durchführen ließ in den
Reformgymnasien,
im Kadettenkorps. Erst Heimatsgeschichte, dann deutsche, dann fremde
Geschichte;
erst Orts- und Heimatkunde, dann Landeskunde, dann Weltgeographie. Also
Aufbau von der Gegenwart in die Vergangenheit. So muß es in der
Religion
auch sein. Unser Weihnachtsfest gibt uns den Ausgangspunkt. Es ist das
Fest der Kinder; der Heiland ist den Kindern ganz nahe. Wohlan, gehen
wir
von dem Fest aus und nehmen erst einmal grundlich die Person und das
Leben
und Wirken des Herren vor. Erst wenn der unumstößlich fest
in
den Herzen unserer Jugend und in klar umrissener Gestalt alles andere
überragend
vor ihrem geistigen Auge dasteht, erst dann gehe man zum „Alten
Testament“
über. Dasselbe muß aber stark verkürzt und gereinigt
werden.
So wie es jetzt in der Bibel ist, darf es nicht bleiben, denn die
heutige
frühreife Jugend ist weit mehr „wissend“ geworden, als wir es in
unserer
Kinderzeit waren.
„Ja, aber das ‚Alte
Testament' ist Gottes Wort! Das auserwählte Volk sind die Juden,
Jehova
oder Jahve ist unser Herr usw.! — — —“
Mein alter Erzieher
Gh. Rat Dr. Hinzpeter war ein strenggläubiger alter
westfälischer
Kalvinist. Beim Abschied von mir sagte er mir, nachdem ich
großjährig
geworden: „Ich habe Sie nur mit Bibel und Gesangbuch aufwachsen
lassen,
o h n e D o g m e n, die dem
Konfirmationsunterricht
der Geistlichen überlassen blieben. Merken Sie sich eines für
Ihr Leben: Das ‚A l t e T e s t a m e n
t',
so wie Sie es vor sich haben, i s t n i c h
t
d a s W o r t G o t t e s a l
s
s o l c h e s. Die Forschung wird vieles davon beseitigen,
was heute noch als ‚Religion' gilt. Aber das Wort Gottes ist
darin
e n t h a l t e n. Mit der Zeit wird das
herausgeschält
werden.“ — Ein großes Verdienst an dem Belichten des „Alten
Testaments“
hat die Archäologie, vor allem die Assyriologie, und die Forschung
in der Geschichte der vorderasiatischen Völker. Mit
diesen
m u ß die Kirche absolut rechnen, sie fruktifizieren.
Ed. Meyer steht leuchtend im Vordergrund. Es wird jetzt viel
geschrieben
und gestritten über die Quellen des Urchristentums; über die
Rolle des J u d e n t u m s in unserer
Religion,
als unseres „Vorläufers“, wegen der auf den Herren enthaltenen
Weissagungen
der Propheten usw.; dagegen wird behauptet, das Urchristentum habe
arischen,
nicht semitisch-jüdischen Ursprung. Auch des Herren Person wird in
den Streit gezogen. Die einen weisen nach, Er sei unzweifelhaft ein
Semit,
müsse es sein. Die anderen beweisen, Er könne kein Semit
gewesen
sein, sondern sei ein Arier. Und die Gemüter erhitzen sich, und
der
Kampf tobt in Presse, Büchern, im Haus und Versammlungen. Und
unsere
Jugend? Lernt von Adam und Eva, von Esau und Jakob usw.! So geht es
nicht
weiter! Der Pastor erzählt seinen Kindern die
Schöpfungsgeschichte
nach dem „Alten Testament“, in acht Tagen sei sie vollzogen, und
nachmittags
in der „Urania“ heißt es „Milliarden von Jahren“! Und die
jüdischen
Schulkameraden lachen die dummen Christenkinder obendrein noch aus!
Die Kirche muß
den Entschluß fassen, mit dem A l t e n z
u b r e c h e n und sich die Ergebnisse der
Forschung
zunutze machen. Ich für meinen Teil denke etwa wie folgt. Vor
allem
muß e n d l i c h g r ü n d l i c
h
gebrochen werden mit dem Glauben, der Jawe der Juden sei unser Herrgott.
Das ist der
Grundfehler,
daß Luther Ihn mit „Herr“ übersetzte, statt einfach Jawe zu
lassen. Er ist es ganz bestimmt nicht! Den Beweis dafür finde ich
im „Neuen Testament“! Niemals braucht Jesus Christus den Namen Jawe,
nur
„Gott“, am meisten aber „Vater“; das ist mir Beweis genug!
Schon bei den
großen
Propheten, besonders Jesajas, ist der Gottesbegriff, wenn Er auch, weil
Jesajas ein Jude war, Jawe genannt wurde, ein von der völkischen
Jawevorstellung
der Juden himmelweit verschiedener. Er entspricht schon weit mehr
unserer
Vorstellung von Gott. Woher kommt das? „Offenbarung Gottes“ lautet
darauf
die typische theologische Antwort. Ich möchte das nicht
wörtlich
nehmen. Eine „Offenbarung“ liegt vor, aber ich glaube woanders.
Als die Juden durch
die Gefangenschaft nach Babylon kamen, da haben sie als Monotheisten
ein
Greuel an dem dort blühenden Götzendienst gefunden. Eine
große
Freude mußte es ihnen daher sein, als sie mit den Persern bekannt
wurden und von diesen die monotheistischen Lehren Zarathustras
erfuhren.
Der Perserkönig Kores wurde der Freund und Befreier der Juden und
bei ihnen sehr populär, denn sie konnten wieder heim nach
Jerusalem.
Man kann sich wohl vorstellen, welchen Eindruck der große
Feuergeist
des Deutero Jesajas von den im Avesta stehenden Lehren Zarathustras
empfand,
und wie er sie in sich aufnahm und verarbeitet hat. — —
Da war vor allem
der ganz neue Gottesbegriff! Der W e l t e n s c h ö p
f e r, d e r W e l t e n e r t h a l t e
r,
der V a t e r seiner Geschöpfe, also auch
aller Menschen, s e i n e r M e n s c h e n
kinder,
nicht n u r eines V o l k e
s.
Das faßte Jesajas auf und schuf nunmehr den alten streng
jüdischen
Spezial- und Lokalgott mit all seinen rein jüdischen Eigenschaften
des Zornes, Rachsucht usw., den alten Jawe, um in ein Gebilde nach dem
des Zarathustra. Diesen Gottvater Jawe nennend. (Er und seine
Schüler
nahmen ferner auf aus dem Avesta: die Vergeltung für Gut und
Böse
in Himmel und Hölle; den von Gott befohlenen Kampf gegen das
Böse,
den Dualismus, Erbsünde, Sündenfall, Auferstehung und das
Eingehen
der Guten ins Gottesreich. Alle diese Vorstellungen wurden von der
Schule
des Jesajas verarbeitet, von den jüdischen Priestern abgelehnt.
Der „Allvater“ der
Germanen entspringt gleicher Auffassung wie im Avesta!
Aber der wichtigste
Grundsatz in der Lehre des Zarathustra war ein Punkt, der nirgend in
einer
anderen damaligen Religion vorkommt. Das war der Glaube an
das
K o m m e n d e s H e i l a n d e s — oder dreier Heilande?
— des Sohnes der Jungfrau. Auch diese Lehre geht in die
Überlieferungen
der Jesajasschüler über. Der neue Messias im Gegensatz zum
jüdischen.
Diese Auffassungen wurden jedoch vom streng orthodoxen J u
d e n t u m abgelehnt. Das blieb beim rationalistischen
Gottesstaat
Mosis mit dessen „geoffenbartem“ G e s e t z
mit
national jüdischer Färbung. Der absolute Gehorsam diesem
mosaischen
Gesetz gegenüber ging dem Judentum über alle Lehren von
Menschen-
und Völkerrecht. Darin liegt eben der G e g e n s a t
z z u m C h r i s t e n t u m und
vor
ihm zu den P r o p h e t e n, soweit sie in
Jesajas
Bahnen wandelten. Darum sind die Juden n i c h
t
u n s e r e R e l i g i o n s v o r 1 ä u f e
r,
sondern Zoroaster mit den Persern, also Arier! Ich sagte, eine
„Offenbarung“
Gottes läge vor, aber woanders: sie lag bei Zoroaster, der
seinerseits
wieder Deutero Jesajas und die Seinen inspirierte und begeisterte, so
daß
er sogar den alten Jawe abschaffte und den neuen schuf, der uns so
sympatisch
anmutet! Ja, es ist mir aufgefallen, daß der H e r
r
gern öfter den J e s a j a s vor anderen
zitiert!
Mit Recht hat Ed. Meyer Zoroaster einen der größten
Religionsstifter
genannt. Jedenfalls ist er wichtiger für uns, vom
Religionsstandpunkt
aus, als Moses und die Seinen, und wir müssen dem Deutero Jesajas
dankbar sein, daß er ihn uns übermittelte. So hat
das
J u d e n t u m durch das „Alte Testament“ die Lehren des
Parsismus
erhalten und auf u n s ü b e r t r a g e
n,
o b g l e i c h es sie selber a b l e h n t
e
und n i c h t annahm.
Demnach muß
das J u d e n t u m und das „Alte Testament“
für
uns wohl religionshistorisch als wichtig angesehen werden, als
Übermittler
der Vorstellungen des P a r s i s m u s, die
das
Urchristentum nachher in sich aufnahm, aber n i c h
t
r e l i g i ö s e r Vorläufer des Christentums,
mit
dem e s n i c h t s g e m e i
n
h a t. Nach diesen Gesichtspunkten gehend, müßte
die neuherauszugebende Bibel mit dem „N e u e n
T e s t a m e n t“ a n f a n g e n. In der
zweiten
Hälfte wären eine A u s w a h l der
schönsten
Psalmen, Sprüche, Propheten aufzunehmen. Auszuscheiden wären
alle rein historischen Bücher, die nur Schilderungen der
jüdischen
Volks- und Sittengeschichte enthalten. Diese gehören in
den
G e s c h i c h t s u n t e r r i c h t, nicht in
ein
d e u t s c h - p r o t e s t a n t i s c h e s R e l i g i
o n s b u c h!
Also los vom Judentum
mit seinem Jawe!
K o n z e n t r i
e r u n g auf die P e r s ö n l i c h k e
i t d e s H e r r e n, der uns den
„Vater“ gab! Er muß durch den Konfirmationsunterricht der Jugend
als andauernd in der Nähe befindlich fühlbar gemacht werden,
so daß sie sich gewöhnt, das alltägliche Leben nicht
ohne
Ihn zu denken; die Lebenspflichten nicht ohne Ihn überhaupt
anzupacken
und auszuführen, sich stets in Seiner Kontrolle, unter Seinem Auge
und Schutz zu denken. Das gibt allein die Kraft zum Schaffen und
Wirken,
die unsere Jugend haben muß, soll unser Vaterland wiedergenesen.
Nur d u r c h d e n H e r r e
n
w i r d e s g e l i n g e n.
Das deutsche Volk muß lernen und von der Kirche gelehrt werden,
erst
mal wieder c h r i s t o z e n t r i s c h“ zu
denken! Unter Beiseitelassen alles anderen! I h
n
w i e d e r f i n d e n! Dazu muß auch die Kanzel
dienen!
Wie Paulus sagt: „Ich weiß nur Christum den Gekreuzigten!“ Das
Erlösungswerk,
der Erlösertod, das kann nur richtig ermessen und verstanden
werden,
wenn die ungeheure Macht der Liebe Gottes zu den Menschen, in der Liebe
des Herren für Seine Menschenkinder ihre Erklärung und
Begründung
findet! P r e d i g t I h n! Aber
man
verschone die Leute mit Auslegung dunkler Stellen der Propheten oder
Apostelbriefe.
Einen großen Fehler hat die Kirche gemacht, der mir in den
Predigten
aufgefallen ist. Um das Erlösungswerk des Herren recht zu heben
und
seine Notwendigkeit zu unterstreichen, ist andauernd die Sünde und
ihr Verderben betont und die Erde als ein Jammertal beschrieben worden,
aus dem nur die im engen Konnex mit der Kirche Gebliebenen die Chance
haben,
eventuell später ins Reich Gottes droben einzugehen. Damit ist ein
Pessimismus groß gezogen worden, der direkt schädlich war
und
in Antikirchlichkeit auslief. „Also nützt doch alles nichts.“
Wozu?
Wozu ist man dann auf der Welt? Wozu hat Gott sie so gemacht? Daraus
entspringt
die jetzt so beliebte Frage: Wer, wie, was überhaupt ist Gott? Die
zumal von den jüdischen Literaten mit Behagen immer wieder neu
aufgeworfen
und behandelt wird. Dieses Verfahren der Kirche ist grundfalsch
gewesen.
Sie hat, ohne es zu wollen, durch H e r a b s e t z u n
g
d e r E r d e, d e r S ch ö p
f u n g G o t t e s, den Schöpfer selbst
erniedrigt.
Die Frage: Wer oder was ist Gott? ist seitens Seiner
Geschöpfe
u n z u l ä s s i g, sie ist eine U n e h
r e r b i e t i g k e i t gegen Ihn, daher muß die
Kirche
mit aller Kraft in Wort und Schrift sie bekämpfen. Gott ist der
Schöpfer
der Erde und Menschen; Er hat sie auf ihre Aufgaben zugewiesen. Da Er
die
ewige Liebe ist und der „Vater“ Seiner Menschenkinder, kann
E r n i e m a l s die Erde zum
Jammertal
b e s t i m m t haben. Die M e n s c h e
n
haben sie dazu gemacht. Die Frage, so muß die Kirche lehren,
lautet
niemals: Wer oder was ist Gott?, sondern: Wo ist Er? Antwort:
„Allüberall,
allgegenwärtig!“ In der Natur — toten wie lebendigen —‚ in den
großen
und guten Gedanken und Taten der Menschen, in den gewaltigen Leistungen
ihrer forschenden, führenden Geister auf allen Gebieten des
Wissens
und der Technik. Wie oft hört man von den Kanzeln die ewig
wiederholten
Angriffe gegen die Wissenschaft mit ihren Forschungsergebnissen! Sie
könnten
nicht die Sünde aus der Welt schaffen, nicht die Menschen selig
machen!
Das wollen sie auch
nicht, dazu sind sie nicht bestimmt! Besser wäre es gewesen, zu
sagen:
„Seht, wie Gott den großen Gelehrten die Macht verliehen, die
Geheimnisse
der Gesetze zu erforschen, nach denen Er schuf und die Er gab. Eine
jede
große neue Entdeckung z. B. in der Naturwissenschaft ist wieder
eine
Bestätigung des Daseins des Schöpfers, durch dessen Gnade
wieder
eines Seiner Gesetze den Menschen offenbar geworden.“ So habe ich Slaby
vortragen hören! Und wie ist Gottes Wirken in der G e
s c h i c h t e erst in vollster Größe zu
erschauen!
— — Ein Beweis dafür auch der, daß Er Zoroaster den Gedanken
des Dualismus — Kampf zwischen Gut und Böse — fassen ließ,
der
noch h e u t e die Grundlage unseres
christlichen
Glaubens und Denkens ist! Ist das etwa keine „Offenbarung“ gewesen?
Dürfen
Offenbarungen nur ausgerechnet beim sogenannten „auserwählten
Volk“
stattfinden?
Gewiß, die
Menschen können im allgemeinen Transzendentales nicht begreifen,
sie
wollen sehen und greifen — irdisch genommen — daher auch: „Was ist
Gott?“
— Antwort: „Wer mich siehet, siehet den Vater, Ich und der Vater sind
eins.“
Wer das sagte, war der „Sohn des Vaters, unseres Vaters“. Jesus! Und
durch
Sein Leben und Wirken hindurch haben Tausende von Menschen Seine
Hände
gefaßt, Ihn berührt, sie auf sich heilend liegen
gefühlt!
Also haben wir ja tatsächlich einen i r d i s c
h
g r e i f b a r e n G o t t auf Erden gehabt
und
haben ihn noch! Auch dieses Wunder hat der Schöpfer Vater Seinen
Kindern
gewährt. Keine andere Religion hat das je erlebt! — Welche Freude
hatte der Herr an Gottes herrlicher Natur zum Beispiel, und wie nimmt
Er
stets von ihr Seine Gleichnisse, schlicht, einfach und doch groß
und unendlich inhaltsreich! Wie weitgehend „t o l e r a n
t“
— um ein viel mißbrauchtes Wort zu gebrauchen — war Er! Und doch
habe ich gerade diesen Punkt überhaupt n i e m a l
s
von der Kanzel herab betonen hören, zu meinem Erstaunen und
Betrüben.
Ein herrliches Beispiel! Der Hauptmann von Kapernaum: Heide, Philosoph,
Stoiker, Platoniker, wer weiß? Anbeter der Militärstatue
seines
Kaisers, dessen irdischen Standbildern seine Soldaten bekanntlich
göttliche
Ehren und Opfer darbringen mußten. Er kommt bittend zum Herren.
Was
sagt Der? „Er werde sofort mit ihm kommen und seinem Burschen helfen!“
Er sagt nicht: „Bist du Heide, Apollo-Athene-Zeus-Anbeter? Hast du
deinem
Kaiserstandbild geopfert als einem Gott?“ Nichts von alledem! Aber zum
Schluß, als Er sich von ihm trennt, sagt Er zu den Umstehenden:
„Wahrlich,
solchen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden“,
also
n i e i m s o g e n a n n t e
n
„a u s e r w ä h l t e n V o l k“! Er gibt
dem Hauptmann k e i n e Direktiven
mit,
k e i n e Verwarnung: nicht mehr Göttern oder
Kaiserbildern
zu opfern! Nichts! Was lehrt uns das? Christus war t o l e
r a n t, wie noch nie ein Mensch gewesen oder sein wird. Es
ist Ihm ganz egal, zu welcher „irdischen“ Glaubensgemeinschaft ein
Mensch
gerechnet wird oder gehört. Sobald er hilfesuchend zu
I h m k o m m t voll Ehrfurcht für Gott
Vater,
dann fragt der Heiland nicht nach dem W e g,
auf
dem er zu Ihm fand. Für a l l e ist Er zu
haben und d a! Ob sie über Buddha oder
über
Mahomet ursprünglich gekommen sind: „Er allein kann helfen,
zu I h m mit unserer Bitte um
Hilfe,
I h m das Herz voller Vertrauen, dann nimmt Er die Menschen
an!“ Und wir? Wir Protestanten? Wenn ein R e f o r m i e r
t e r in Mecklenburg das Abendmahl nehmen will, muß
er
zuvor die vom Großherzoglich Mecklenburg-Schwerinschen
Konsistorium
vorgeschriebene Formel unterschreiben, sonst wird es ihm verweigert!
Der
Hauptmann von Kapernaum lehrt uns gar viel, was die Kirche bis heute
noch
nicht erfaßt hat!
Die I
n t o l e r a n z, dieser entsetzliche Fluch, der auf dem
Christentum
lastet und in einzelnen Konfessionen und Kirchen haust! Woher kommt
sie?
Aus dem J u d e n t u m, von dem
zornglühenden,
racheschnaubenden, alle Gegner verderbenden, verfluchenden
J a w e, den wir übernahmen! Die Gottesfigur
eines
V o l k e s, das alle anderen Menschen und Völker als
seine Feinde ansieht, die seine Sklaven werden sollen, a l
s o i m d i a m e t r a l e n G e g
e n s a t z steht zu allen Geboten, die der Heiland uns
gab,
den Verkehr von Mensch zu Mensch zu regeln. Daher sage ich:
„F o r t m i t J a w e!“ Christus
muß
an dessen Stelle kommen! Daher erst das „N e u
e
T e s t a m e n t“, nachher, soweit als nötig, das
„Alte“
in beschränktem Rahmen.
Christus und seine
Apostel sind uns wichtiger als Moses und die Erzväter!
Weihnachten,
damit fange es an; „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ folge dem; das
Leben
des Herren in allen Einzelheiten, wie Markus so wahr und Lukas so
schön
schildern. Sein ergreifender gewaltiger Erlösertod, „Es ist
vollbracht“,
„Ostern“, „Auferstanden“, — Himmelfahrt: „Aufgefahren gen Himmel“, gibt
es was Großartigeres als solche Stationen in irgendeinem Teil des
„Alten Testaments“?!! — — Das eingehend der Jugend gelehrt, braucht so
viel Zeit, daß das übrige verschwindet. D i
e
d r e i H a u p t s ä u l e n d e
s
C h r i s t e n g l a u b e n s, d i e u n a n
f e c h t b a r d a s t e h e n, sind: 1.
Für
Erlösung von unseren Sünden gestorben! 2. Auferstanden von
den
Toten. 3. Aufgefahren gen Himmel, Christus der S o h
n
G o t t e s, der Heiland der Menschen, E r l
ö
s e r der Welt!
273-275
Niederschriften
des Kaisers zu Chamberlains Buch „Mensch und Gott“. Doorn, 3. VI. 23.
Meiner Meinung
nach
ist Christus ein G a l i l ä e r gewesen
von
Abstammung, also k e i n J u d e!
Ed.
Meyer weist nach, daß Lukas die Schätzung des Kaisers
Augustus,
die er als Motiv für die Reise der Eltern Jesu im
Weihnachtsevangelium
nach Bethlehem angeführt habe, um sechs Jahre vorgeschoben habe,
um
die Geburt in Bethlehem dadurch zu begründen. De facto sei
diese Schätzung erst anno 6 n a c h
Christi
Geburt befohlen worden?! Nachdem nach des Archelaos Sturz das Land
römische
Provinz geworden. Im Buche Fried. Doelingers „Baldur und Bibel“, das
soeben
erschienen ist, las ich eine mir total unbekannte Mitteilung: Im Archiv
der Familie der Caesarini in Rom liege der Bericht des Statthalters von
Judäa an den Kaiser Tiberius — er ist Publius Lentulus genannt —‚
der eine genaue Personalbeschreibung des Aussehens unseres Herren
enthalte:
Er sei von außergewöhnlicher Schönheit gewesen, von
hohem
schlanken Wuchs, Sein Antlitz von Hoheit übergossen, das Ehrfurcht
und Liebe eingeflößt habe; Sein Haar sei dunkelblond bis ins
Kastanienbraun übergebend; Seine Arme und Hände edel und
wunderschön
geformt gewesen.“ Haben Sie, mein lieber Chamberlain, jemals hiervon
etwas
gehört? —
Eine andere Tatsache
habe ich in Erfahrung gebracht, die geeignet ist, der konfessionellen
Frieden
in der protestantischen Welt zu befestigen.
Um über die
Einsetzungsworte des Herren beim Abendmahl Klarheit zu erhalten, erbat
ich mir die wörtliche Übersetzung aus dem A r a m
ä i s c h e n, das ja Christus gesprochen. Von Seeberg
erfuhr ich zu meinem größten Erstaunen, daß das
Aramäische
k e i n e V e r b e n hat. Der Herr hat
also
n i c h t gesagt: „Das ist oder b e d e u t e
t
meinen Leib beziehungsweise mein Blut“, sondern n u
r:
„D a s m e i n L e i b , d a
s
m e i n B l u t!“ Damit fällt der ganze
Streit
zwischen Luther und Calvin in nichts zusammen! Die ganze Trennung von
Reformierten
beziehungsweise Calvinisten und Lutheraner ist damit erledigt und
hinfällig.
Welch eine Erlösung! — Ich stehe das Abendmahl betreffend auf dem
Standpunkt:
1. Brot und
Wein
S y m b o l e für die t a t s ä c h l
i c h e p e r s ö n l i c h e A n w e s e
n
h e i t Jesu Christi! „Ich bin da!“
2. Beim Genuß
derselben das Gelöbnis von uns: „E s s o l
l a l l e s n e u w e r d e n!“
3. Im Laib Brot und
im Kelch voll Wein, die v o m H e r r e
n
seinen Jüngern und damit uns allen Menschen g e g e b
e n e n s i c h t b a r e n, g r e i f b a r e
n, i r d i s c h e n G a r a n t i e
n,
daß uns w i r k l i c h und t
a t s ä c h l i c h u n s e r e S ü n
d e n v e r g e b e n s i n d!
Diese Auffassung
kann jeden konfessionellen Hader tilgen, jeden konfessionellen
Unterschied
aufheben; auf ihr kann eine Einigung aller christlichen Kirchen sich
bewirken
lassen. Unsere Kirche muß deutsch, germanisch werden!
Wilhelm
I. R.
275
H.
S. Chamberlain an Kaiser Wilhelm II.
Bayreuth 19. Dez. 1923.
Eure Kaiserliche und Königliche
Majestät
gestatten gnädigst, daß
ich
die Gelegenheit des Festes der Liebe und der Jahreswende dazu benutze,
meinen ehrerbietigsten, herzinnigsten Dank auszusprechen.
Durch ein
gütiges
Schreiben von Admiral Rebeur-Paschwitz erfahre ich, daß Ihre
Majestät
die Kaiserin auch huldvoll teilnimmt an unserem Schicksal, wofür
ich
ihr den Ausdruck unserer tief erkenntlichen Gefühle zu
Füßen
legen zu dürfen bitte.
Die Sendungen waren
eine wirklich große Hilfe in unserer bedrängten Lage und in
ihrer treffend fürsorglichen Auswahl wie von ahnungsvoller
Teilnahme
eingegeben. Mein Zustand verschlimmert sich langsam, ist aber noch
immer,
bei der liebevollen Pflege, die mir zuteil wird, erträglich. Ich
kann
noch immer lesen, wenn mir umgeblättert wird, und habe
naturwissenschaftliche
Studien wieder aufgenommen. Auch etwas Musik ertönt mir ab und zu
durch unseren hiesigen Kapellmeister Kittel, stets eine
entrückende
Wohltat. Und das junge Leben in Wahnfried bringt ein heiteres
hoffnungsvolles
Element in unser Dasein.
Mit Wünschen
zu Gott für beide Majestäten verbleibe ich als