Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888—1908

Dresdener Zeit, Seite 14—124



14


Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit

Aus dem Jahre 1888


Houston Stewart Chamberlain. Aufnahme aus dem Jahre 1886. Wien
H. S. Chamberlain
Aufnahme aus dem Jahre 1886. Wien
Cosima Wagner. Aufnahme aus dem Jahre 1877. London
Cosima Wagner
Aufnahme aus dem Jahre 1877. London


15 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


14. Juni 88. 3/III Reichenbachstraße. Dresden.

Hochverehrte Meisterin!

    (Denn diese schöne Anredeweise ist wohl kein Monopol des Herrn Mottl?)
    Durch eine Zerstreutheit, wie sie meiner würdig, habe ich vergessen, Ihnen zu sagen, daß wir gegen Mittag unser kleines déjeuner à la fourchette einnehmen. Dies soll Sie in der Wahl Ihrer Stunden nicht im geringsten beeinflussen — denn ich versichere Sie, daß ich nach unserer gestrigen Unterhaltung die liebe, hohe Schutzmauer der Konvention ganz geschleift fühle —‚ wenigstens   I h n e n   gegenüber, und somit mich nicht im geringsten in der Innehaltung meiner Gewohnheiten durch die Erwartung Ihres Besuches werde stören lassen.
    Aus tiefstem Herzen danke ich Ihnen für Ihr so liebevolles Entgegenkommen gegen mich — den Fremden, den „Wanderer“, wie meine Freunde mich nennen. Könnte ich Ihnen nur alles sagen, was ich auf dem Herzen habe, Ihnen zu sagen! Aber ich   k a n n   es nicht: zum Glück haben wir beide   A u g e n —  Augen, welche sehen.

Ihr treu ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

15-16 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


Bayreuth Wahnfried, den 20. Juni 1888.

Mein lieber Freund!

    (So beantworte ich Ihre freundliche briefliche Anrede, und da ich Sie nicht anders als einen Freund betrachten kann, weiß ich auch keine andere Ansprache zu Ihnen.)
    Ich habe Ihnen eigentlich nichts zu sagen, nämlich nichts Positives, und doch drängt mich mein Gefühl dazu, in diesen letzten Tagen, die ich noch frei habe, es Ihnen und Ihrer lieben Frau auszusprechen, wie eng ich mich mit Ihnen verbunden fühle, und wie unter allen Geschickeswendungen, die mir noch beschieden sein mögen, ich mich freuen werde, Ihnen beiden zu begegnen und Ihnen, sei es, meine Freude zu bezeigen oder mein Leid zu klagen, mag es mir nun glücken, das zu verwirklichen, wovon das Bild in mir lebt, oder mag ich ein um so ärgeres Mißlingen zu erfahren haben, als dieses Bild sich von allem unterscheidet, was unsere jetzigen Kunstgestalten uns entgegenbringen!
    Unter unerhört schwierigen Umständen gehe ich diesen nächsten Festspielen entgegen. [Die erste Aufführung der „Meistersinger von Nürnberg“ im Festspielhaus stand bevor.] Ich stand vor der Frage, ob der Schwierigkeit der Aufgabe wegen und der knappen Zeit, die uns gemessen ist, halber, ich mich nicht dazu entschließen sollte, viele von den Forderungen, die ich an eine Wiedergabe der Werke stelle, zurückzudrängen und mich mit einer sogenannt gut klappenden Aufführung zu begnügen. Ich kann das nicht und will lieber die Mängel ertragen, welche die unfertige Ausführung einer bedeutenden Intention mit sich bringt, also lieber eine sehr leicht zu bekrittelnde Leistung herstellen, als mit dazu beitragen, den falschen Schein noch zu vermehren. Gott helfe mir, ich kann nicht anders, und ich glaube, daß er den Wahrhaftigen hilft, wenn er zuweilen auch ein bißchen viel Zeit dazu in Anwendung bringt! — Wie dem allen auch sei, so betrachte ich es als einen ungemeinen Gewinn, zu einem Menschen so sprechen zu können und zu wissen, daß es welche gibt, welche das durchempfinden werden, was ich um jeden Preis retten und, wenn auch nur — der ungünstigen Umstände halber — zum schwachen, dennoch zum Ausdruck hier bringen wollte.
    Seien Sie mir gegrüßt beide, meine neuen lieben Freunde, und bleiben Sie gut Ihrer freundlichst ergebenen

C. Wagner.
 

16-18 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


24. Juni 1888. 3 Reichenbachstr. Dresden. (Dieser Brief ist länger geworden, als beabsichtigt; Sie können ihn aber ruhig bis zum Winter aufheben!)

    Einige Tage habe ich, hochverehrte Meisterin, seit dem Empfang Ihres Briefes vorübergehen lassen — wieder sehr wenig impulsiv-künstlerisch, nicht wahr? Der kindisch-kindlichen Freude über Ihre Worte wollte ich Zeit lassen, sich zu beruhigen, und dem Bewußtsein des Glückes, Sie zur Freundin gewonnen zu haben, Zeit lassen, sich zu vertiefen, sich auszubreiten und über Sich selbst zu einiger Klarheit zu gelangen. Die erste gegenseitige Pflicht der Freundschaft ist doch — nicht wahr? —‚ den andern so zu nehmen, wie er ist; und wenn ich also meinen heißen Drang, Ihnen sofort aus tiefstem Herzen für Ihre lieben Worte zu danken, nicht erfüllen konnte, so werden Sie sich nur sagen: So   i s t   er. Die Empfindung schnell, der Gedanke langsam — die Sinnlichkeit zwar eine sinnige, aber der Verstand ein so ganz sinnlicher, daß der abstrakte Ausdruck langsam gefunden wird — oder auch gar nicht. Und gleich in diesem Falle kann ich mir wieder nicht helfen; ich liebe das Wort Dank nicht sehr und kann doch kein anderes finden für das, was Sie mir gegeben haben durch die Erlaubnis, mich Ihnen zu nähern. Und das muß ich Ihnen sagen: Der große Name, den Sie tragen, macht mir jetzt weniger Eindruck wie früher. Vielleicht kommt jenes Gefühl wieder; augenblicklich hat es wenig Platz neben dem einfach Menschlichen. Jenes einfach Menschliche, welches ich nirgends finde, Sie haben es mir doch entgegengebracht, nicht wahr? Und ich darf es Ihnen gegenüber in meiner Brust ebenso frei walten lassen, wie den zwei oder drei Großen — den Freunden — gegenüber, die ich, bei aller Verehrung und Bewunderung, immer viel inniger   l i e b t e,   als ich Sie bewunderte oder verehrte. Mit diesem Unterschiede, daß ich jetzt einem jener „Traurigsten“ in die Augen schauen und seine Hand halten kann. Mitteilen kann man sich doch nie und nimmer; aber sich seine ewige Einsamkeit wortlos klagen zu können — es hat mich so im tiefsten gerührt und so beglückt, — daß ich lieber von etwas anderem sprechen will.
    Gewiß nur ein schwaches Bild kann ich mir von den Schwierigkeiten machen, mit denen Sie wieder in diesem Jahre zu kämpfen haben. Aber wie edel werden Sie gelebt haben! Und wie manchen — nie ausgesprochenen — Dank werden Sie bei den Besten ernten! Ach, wieviel lieber würde ich das Geringste für — und in Bayreuth tun (denn Geldgeben ist das reine Nichts) — etwa Kohlen tragen für die Heizung der elektrischen Maschine? —‚ als die schönsten Aufsätze der Welt schreiben, wozu mich unser lieber Wolzogen wieder auffordert. Nein! Trotz dem, was ich vorhin sagte, ich bewundere Sie und verehre Sie doch; selten hat eine Frau eine so entscheidende Rolle in der Entwicklung des menschlichen Geistes zu spielen gehabt — und Sie wissen es und können es.
    Eine so instinktiv-geniale Natur wie die Ihrige — zugleich erfahren — wird gewiß bald eingesehen haben, daß ich Anlage zum Prophetsein besitze? Und zwar als naturwissenschaftlich gebildeter Prophet des XIX. Jahrhunderts sind meine Weissagungen bedeutend präziser wie die des delphischen Orakels. Ich habe nun vor Monaten schon gesagt: „Die Aufführung der ‚Meistersinger' wird die mangelhafteste sein, die je in Bayreuth war — und zugleich die vollkommenste.“ Und weiter befragt: „Die Wenigen werden so klar wie noch nie den Unterschied zwischen Bayreuth und Nicht-Bayreuth einsehen, und die Vielen werden — ohne sich mit Erkenntnissen zu plagen — begeistert sein; sowohl künstlerisch wie materiell wird der Erfolg ungeahnt groß sein.“ So sprach ich — der Pessimist (wie Sie mich nannten).
    Und dies sei für heute der Abschiedsgruß von Ihrem Sie hochverehrenden und Ihnen treu und von ganzem Herzen ergebenen

Houston S. Chamberlain.
 

18-19 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


Bayreuth [wo Chamberlain als Festspielgast weilte], Sonntag nachmittag 29. Juli 1888.

    Hochverehrte Meisterin! — Wie wirklich gut von Ihnen, daß Sie bei mir waren und mich abholen wollten, und wie dumm von mir, daß ich im selben Augenblicke bei meinem lieben Appia saß, der mir erklärte, wie die verschiedenen Szenen in den „Meistersingern“ beleuchtet sein müßten, damit Licht und Musik eine Einheit bildeten.
    Zwar hatte ich eine gute Nacht, aber mein Leiden — die große Schwierigkeit, zu leben — ist heute noch heftig. Ich muß mich einige Tage sehr in acht nehmen. Es ist die alte Geschichte: ich   k a n n   nicht im Verkehr mit zahlreichen Menschen leben; auf die Dauer wird es buchstäblich mein Tod. Nicht weil ich menschenscheu wäre, ich glaube im Gegenteil, daß es das ungeheure Bedürfnis nach Liebe und Mitteilung ist, welches — stets erfolglos im unmittelbaren Verkehr mit anderen — zurückprallt und, da der organische Zusammenhang bei mir sehr eng und unmittelbar ist, am eignen Leibe zehrt. In der Einsamkeit kann sich jene Liebe ungehindert ausdehnen und auch das Rauheste umfassen; da bin ich auch der glücklichste Mensch auf Erden.
    „Zu der Welt reden kann man nur, wenn man sie gar nicht sieht.“ Die Menschen lieben kann man nur, wenn man gar nicht mit ihnen verkehrt; wenigstens, wenn man unter Liebe dasselbe versteht wie ich: ein vollkommenes Aufgehen in den anderen, ein leidenschaftliches Begehren, ihn in seiner Eigenart zu erkennen und zu würdigen, ein gänzlich kritikloses Sichversenken in ihn, ohne willkürlich-moralischen Maßstab, ohne sich durch epidermische Antipathie zurückschrecken zu lassen. Nun kann mich zwar keiner verhindern zu lieben; ich selbst konnte diese Kunst noch nicht lernen: die Folge ist aber, daß ich in der Einsamkeit mich eine Welt — eine sehr harmonische Welt — fühle, in der Gesellschaft meiner Mitmenschen dagegen furchtbar einsam, verletzt und überflüssig. Es ist ja ein ewiges Geben und ein so verschwindend geringes Nehmen: nur die paar, die durch irgendeine Seite meines Wesens angezogen, sich an dieser auch genügen lassen. Wie soll da das Gleichgewicht hergestellt werden? Das eigne Blut muß herhalten: das macht Schmerzen und Kopfweh!
    Nun sind mir Ihr Auge und Ihre Hand, verehrte Frau, wie das Kunstwerk — diese sonst so einzige Ruhe und Erlösung; wirklich, ich kann sie mit nichts anderem vergleichen! Ganz  e i n z i g!   Ich vermochte aber noch nicht, bis jetzt, über die anderen völlig hinwegzusehen und nur Sie zu erblicken. Im Gegenteil, darf ich Ihnen gestehen, daß das Empfinden von Ihrer großen Einsamkeit — geistig und künstlerisch, einer furchtbar öden, hoffnungslosen Einsamkeit — mich diese Tage verfolgt hat? Ein Gefühl, das doch nur aus dem Beobachten der anderen entstand. Selbst im Traume weinte ich darüber. Vielleicht war dies sehr überflüssig, und empfinden Sie als Weib manches anders, und nicht so männlich verzehrend? Und neben dem vollsten Segen reizender, liebender Kinder sehen Sie sich jetzt von der Dankbarkeit, der Bewunderung, der ehrfurchtsvollen Liebe so vieler umringt! Vielleicht aber wies mich das verhängnisvolle Mitleiden doch wahr? Gebe ein Gott, daß in dem lieben Wahnfried, wie seit seinem Bau, ein mächtiger   W a h n   noch weiter wachse.
    Diese Zeilen fassen Sie — nicht wahr? — nicht als Sentimentalität auf. Davon habe ich kaum die kleinste Spur. Sie sind die Antwort auf Ihre freundliche Anfrage nach meinem Befinden!

Ihr dankbarer und ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

20-21 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


15. Sept. 88. 3 Reichenbachstr. Dresden.

     Ein jeder ist nach seiner Art — und meine Art, hochverehrte Meisterin, war es, eine Zeitlang warten zu wollen, ehe ich an Sie schrieb, zu warten, bis Sie und Wahnfried und die Festspiele — alles, was man am besten in denn einen Wort: Bayreuth! zusammenfaßt, in eine gewisse perspektivische Entfernung gerückt wären.
    Gestehen will ich aufrichtig, daß, wenn ich trotz erschwerender Umstände doch heute schreibe, dies aus dem egoistischen Grunde geschieht, daß ich mich so sehr danach sehne zu erfahren, ob (nicht  w i e) es Ihnen geht. Daß Sie wirklich Leben, daß Sie ein Zeitgenosse sind — mit den Lungen, mindestens, ein Genosse dieser Zeit —‚ es ist zu wunderbar und mir — wie manchem anderen — so unsagbar viel wert, daß wir selbst nach jener Tat von diesem Sommer, welche so herrlich Ihr Leben bewies — oder vielleicht auch gerade wegen dieser Tat —‚ uns von bangen Fragen und Zweifeln bisweilen beschleichen lassen. — Wenn die ungläubigen Jünger   W u n d e n   zu sehen verlangten, geschlagen von der Dummheit und der Bosheit und der Niederträchtigkeit — ich fürchte, es könnte ihnen leicht gedient werden.
    Zum ersten Male machte ich vorige Woche ein halbes Dutzend der indessen angehäuften Zeitungen auf: als wäre es ein „mot d'ordre“, von allen Seiten fällt man über   S i e   her. Manches, was ich über Bayreuth las, war mir nicht unangenehm — es war ein Trost für das „Mode-Succès“ von diesem Jahre — und bewies über das Nötige hinaus, wie sehr die tiefgehendsten Mißverständnisse das plötzlich auflodernde „Verständnis“ für den Wert von Bayreuth erklären. Auch daß die alten Feinde — gezwungen, ihren wahren Zweck zu verhüllen — scharfsinnig herausgefühlt haben, daß man nur   S i e   zu treffen braucht, um das ganze Gebäude zu stürzen — nun, das ist eben Kriegslist. Daß aber die sog. „Wagnerfreundlichen“ Blätter, diejenigen, denen man glaubt, von denen man denkt, daß ihre Mitteilungen auf Tatsachen beruhen — daß diese Blätter Sie als „Sündenbock“ erwählen, alles, was ihnen gefiel, anderen zum Verdienst anrechnen, und alles, was minder gelungen erschien, Ihnen zur Schuld legen — daß überhaupt die Leute es sich herausnehmen, von Ihnen in diesem Tone zu sprechen (sei er auch, wie bisweilen, salbungsvoll beratend und ermahnend), es muß einen doch im tiefsten Grunde ekeln.
    Ich habe nicht weitergelesen; und auch der Ärger ist schon lange beruhigt. Beunruhigend bleibt für mich nur die Frage, ob Sie nicht — natürlich nur „par ricochet“ — von diesen Erbärmlichkeiten zu leiden hatten? Und ob Sie es nicht mit allzu großer Bitterkeit erfüllt, zu wissen, daß die öffentliche Meinung während längerer Zeit in diesem Sinne bearbeitet werden wird, daß nichts dagegen getan werden kann? Sie begreifen mich wohl und wissen, daß ich nur mit der   K ü n s t l e r i n   mitleide und nur für sie mich ängstige; denn der Künstler braucht Liebe — versagt man ihm die...  Dem   D e n k e r   stellt sich die Sache sehr einfach dar: — es ist die alte, alte Geschichte der Kreuzigung, welche sich ewig wiederholt und sich selbst in den Einzelheiten gleich bleibt — (Ach! um die Monotonie der Weltgeschichte!) —: die Dornenkrone trugen Sie schon — als einzigen Schmuck —; jetzt müssen die Knechte Sie anspeien!
    Indessen also, ich traf nicht ein in die „offenen Sprechsäle“, und ich ohrfeigte niemanden, sondern ich las alte Bücher, die mich belehrten: „Geduld sei die heilige Wissenschaft, Geduld sei die Reinheit — die höchsten Himmel seien für diejenigen, deren Geduld stets den Zorn im Zaume gehalten...“ (Mahabharata), und ich las moderne Dichter, die Sie verdammen, die mir aber teuer sind:

„Or, ne pouvant redevenir des madrépores,
O mes humains, consolons -nous les uns les autres!
Et jusqu' à ce que la nature soit bien bonne,
Tâchons de vivre monotone.“                   (Laforgue.)
    Für heute ist es nun aus. Kaum daß ich Ihnen noch sagen kann, mit welcher Dankbarkeit und Treue und verehrungsvollster Liebe ich an Sie denke; glauben Sie, bitte, daß ich mir sehr klar bewußt bin, wieviel Sie mir mit Ihrer Freundschaft geschenkt haben, denn dieses anerkennende Bewußtsein ist das einzige, was ich Ihnen bieten kann für das Viele, das Sie mir schenkten. In wahrer Verehrung Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

21-25 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


Bayreuth, Wahnfried, den 17. September 1888.

    Ich entsinne mich, daß, wie ich im Jahre 81 im November direkt nach Neapel fuhr, eine ganz eigentümliche Erfahrung mir zuteil wurde: alles war bei mir, man kann nicht sagen, in Schnee, sondern in Schnee-Schmutz gehüllt, eine Gräue und Schwärze, die ganz unbeschreiblich ist; die Reise durch merkte ich keine Veränderung, am Morgen aber wußte ich nicht, wie mir war (wir waren abends in Neapel angekommen), ich konnte die Augen nicht aufmachen, ein Gefühl wie von einer Art Wiedergeburt bemächtigte sich meiner, und endlich mit einer Heiterkeit, wie sie nur die Kinder haben, sagte ich mir, es sei ja die Sonne, die meine Stube unbewohnbar machte [wegen der durch ein Augenleiden hervorgerufenen hochgradigen Empfindlichkeit der Augen gegen helles Licht]; sie lachte und spielte und übergoß mich mit ihren Strahlen.
    Ähnlich ist es mir, mein Freund, mit Ihren Zeilen ergangen. Ich bin einer solchen Teilnahme so lange entwöhnt, daß mein Herz zuerst wie scheu davor war. Nun ist sie aber wie das wärmende Licht darin eingedrungen, und ich freue mich ihrer, und es wird mir wohl dabei. Seit Stein mich verließ, hat niemand mit diesem Mitgefühl zu mir gesprochen, und ich dachte nicht, daß ich noch einmal solche Akzente vernehmen würde. Dafür gibt es keinen Dank („welcher die Liebestat aufhebt“), sondern nur Empfangen und Erwidern von ganzem Herzen. Dabei haben Sie eine so eigenartige Weise, mir Ihr Mitfühlen zu bezeigen, daß ich nicht umhin konnte, ich mußte daran denken, wie im vorigen und anfangs unseres Jahrhunderts der Engländer als der Typus der Tiefe des Gemütes und der Ehrenhaftigkeit gewählt wurde, welcher der Frau Verständnis und Ergebenheit entgegenbringt, wie sie in ihrer zarten Lauterkeit als die idealsten Empfindungen anerkannt wurden.
    Von mir Ihnen zu sagen, ist nicht ganz leicht. Ich will Ihnen nur gleich gestehen, daß ich nach Abschluß der Festspiele viel geweint habe. Große, tiefe Ergriffenheit über das — unter den erschwerendsten Umständen — erlebte Glücken war wohl die Hauptquelle dieser Tränen: „Nun danket alle Gott“; dann aber auch, ich darf es nicht leugnen, hat die Vereinsamung, in welcher ich in diesen meinen Empfindungen mich fühlte, wohl sehr dazu beigetragen, diese Tränen der Begeisterung in Tränen der Wehmut zu verwandeln. Ich glaube mich noch nie so verlassen gefühlt zu haben, als in diesem Jahre. Ich bin mir wie die einzige vorgekommen, die das Bewußtsein unserer Ereignisse und ihrer Bedeutung in sich lebendig erhielt. Aber ich habe mir selbst große Vorwürfe bezüglich dieser Schwermut gemacht. Genügt es nicht, sage ich mir, daß ich danach trachte, das Wesen unserer Kunst unverwandt zu schauen; muß es selbst nicht so sein, und ist es nicht vollkommen genügend, wenn die anderen in ihren Ausübungen von diesem Geiste sich beseelt zeigen? Ja, ich mußte mir den Vorwurf machen, selbstsüchtig zu sein, indem ich es beklagte, außerstand gesetzt zu sein, die Empfindungen, die mich belebten, mit denen, die ich als die meinigen im höchsten Sinne betrachte, teilen zu können.
    So ist denn jetzt große Ruhe bei mir eingekehrt und ungestörte andächtige Dankbarkeit. Was draußen gesagt wird, berührt mich insofern kaum, als ich nicht fürchte, daß es die Künstler, die mir alle so gut und freundlich gesinnt sind, irremachen wird. Und draußen im Zuschauerraum habe ich auch Seelen, die mich mit ihrer Liebe beglücken und ermutigen. Es ist ja traurig, daß die Öffentlichkeit so bestellt ist, wie sie es ist, und gelingt es den Gehässigen wirklich, dem Publikum zu beweisen, daß wir in Bayreuth unsere Schuldigkeit nicht tun, dann sind, glaube ich, edelste Momente des Gemütslebens brachgelegt. Ich denke aber nicht, daß es gelingt, und — wenn Sie mir den Scherz zulassen wollen — ich will herzlich gern die Zeche dafür zahlen, wenn nur unser Liebesmahl sich erneuern kann. Früher hatte ich in mir der Bosheit und Beschränktheit gegenüber den Aberglauben ausgebildet: sie brächten mir Glück. Das, was in mir seit den Aufführungen lebt, ist zu tief, um die Ironie aufkommen zu lassen. Ich weiß mir keine andere Hilfe als wie die, welche mir vom Parsifal herkommt, zu welcher sich ganz natürlich dieses Vaterunser gesellt: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.“
    Wir haben in vollständiger Abgeschiedenheit diese vier Wochen gelebt. Wir haben ziemlich viel gelesen, eigentlich aber nur Goethe und Schiller. Ich wußte nicht recht zu erklären, was mir eine große Sehnsucht nach der Dichtung des „Tasso“ eingab, welche wir dann auch mit der Empfindung lasen, als ob wir sie nie gekannt hätten. Vielleicht war es das Bedürfnis, inmitten von so manchem Plumpen und Rauhen, was derjenige zu ertragen hat, der in gewissem Sinne der Behandlung der Menschen preisgegeben ist, in die Welt der prästabilierten Resignation sich zu flüchten, wo die Tragik des Daseins sich nicht aus den Erlebnissen, sondern aus den zartesten Regungen sehnsüchtig schwärmerischer Herzen uns enthüllt. (Was habe ich Ihnen denn gegen moderne Dichter, die ich gar nicht kenne, sagen können? Das sieht mir ganz ähnlich, aber erklären Sie sich's bitte so, daß ich nur mit Büchern mehr lebe und eigentlich keine lese. Daher kaum etwas Neues kennenlerne, und entschuldigen Sie nur meine Vorlaufigkeit und empfehlen Sie mir dann und wann, was Sie gut finden.)
    Für den Abend haben wir den Xenien-Kampf bestimmt, der uns eine wirkliche Erheiterung und Kräftigung ist. Schillers Unerbittlichkeit und Dreinschlagen namentlich sind herrlich, und das Gebaren Deutschlands diesen seinen beiden größten Menschen gegenüber wirklich sehr lehrreich. Dazu Schillersche Gedichte, die altbekanntesten: „An die Künstler“, „Worte des Wahnes und des Glaubens“, „Macht des Gesanges“, „Würde der Frauen“; viele Spaziergänge, die Revision der soi-disant mit authentischen Regieangaben versehenen Klavierauszüge des „Parsifal“ behufs Vermeidung großer Mißverständnisse (Tradition!) nach meinem Tode, da haben Sie unser Leben. Darin die Erbauung aber die Vertiefung in Jesus von Nazareth [Richard Wagner, Sämtliche Schriften und Dichtungen, Band 11] ist. Dieser reihte sich ganz natürlich an die Legende von Krischna, ein meines Erachtens sehr dankenswertes Ergebnis einer sehr gründlichen Kenntnis der indischen Dichtung und Religion. Schuré schickte mir diese Arbeit, und sie stimmte ungemein zu den seelischen und geistigen Nachklängen, in welchen wir leben.
    Ich will Ihnen sagen, wann ich in einer ganz prägnant bestimmten Weise Ihrer gedachte, obgleich ich gar keinen Grund dafür hatte: Ich kehrte von einem Nachmittagsbesuch, den ich der Gräfin Wolkenstein [in Franzensbad] zwei Tage nach unseren Aufführungen gemacht, heim; der Morgen war glänzend, und aus dem Waggon sah ich einzig rötlich blühendes Heidekraut an dem Wall und einen ganz blauen Himmel. Ich habe selten eines Menschen so bestimmt gedacht, wie Ihrer in diesem Augenblick, wo es gar keine Gegend gab, aber einen sehr merkwürdigen Farbeneindruck und eine ungemeine Präzision der Wahrnehmung (vielleicht durch die Kraft des Lichtes), obgleich so gut wie nichts wahrzunehmen war. Ich glaube auch, daß ich dabei unseres Gespräches über Reisen und Anderessehen gedacht habe. Jedenfalls aber erfreute mich der Gedanke an Sie und Ihr Dasein.
    Auf Wiedersehen, teuerste Freunde! Wie wäre es, Sie besuchten uns einmal in Bayreuth ohne Festspiele? Rein, um sich das zu sagen, was man nicht sagen kann, was aber durch das einfachste Geplauder sich uns aus- und eindrückt.
    Leben Sie wohl, mein Freund. Dieses Jahr hat mir viel gebracht. Zu dem Wertvollsten darunter zähle ich Ihr Mitfühlen mit mir. Ich vereinige mich mit meinen Kindern, um Sie von ganzem Herzen zu grüßen!

C. Wagner.
 

25-26 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


Wahnfried, 12. Oktober 1888.

    Seit mehreren Tagen frage ich mich, wie es Ihnen und Ihrer lieben Frau geht, mein hochgeehrter Freund! Das fallende Laub, der grautraurige Himmel und die große Stille um mich (meine Töchter sind in Bonn, und ich lebe mit Siegfried allein) ließen sorgenvolle Gedanken aufkommen. Doch wollte ich nicht schreiben, um Sie nicht zu beunruhigen und Sie nicht zu einer Antwort in einer Stimmung zu zwingen, welche vielleicht schreibunlustig ist. Nun aber habe ich Sie mit einer vertrauensvollen Bitte anzugehen: den jungen Kietz, von dem ich höre, daß er sich gern damit befassen würde, zu veranlassen, Skizzen zum „Tannhäuser“ zu versuchen. Er möchte vorher alles studieren, was es an antiken Bacchanten-Zügen gibt (auch die der Renaissance, z. B. Tizians in Madrid), desgleichen das 13. Jahrhundert genau — nach der Seite der Tracht — kennenlernen und dann mir einige Entwürfe zukommen lassen. Es wird doch das nächste   N e u e,   was wir bringen, und diese Aufführung will vorbereitet werden. Sehr schwierig ist das Kostüm der Venus, mit diesem allein kann mir der junge Kietz zeigen, ob er Phantasie und Talent hat.
    Gern erführe ich von Ihnen, ob Sie in Dresden den Winter über zu bleiben gedenken. Ich habe nicht den Mut, meine Einladung nach Bayreuth zu wiederholen, weil unser Klima sehr rauh ist und weil Sie gewiß, wenn Sie Dresden verlassen, einen freundlicheren Himmel aufsuchen werden.
    Auf Levis Anzeige (er hat hier acht Tage bei mir zugebracht) habe ich — die ich sonst keine musikalische Zeitung in die Hand nehme — Ihren Aufsatz über die Sprache [„Die Sprache in Tristan und Isolde und ihr Verhältnis zur Musik“, Allgem. Musik-Ztg. XV/29—31] gelesen und viel Freude daran gehabt. Ich frug gleich Wolzogen, warum diese bedeutende Arbeit nicht in unsern „Blättern“ erschien. Da erfuhr ich denn zu meiner Befriedigung, daß sie   i m   g a n z e n   dort erscheinen wird [ist nicht geschehen].
    Nun aber leben Sie wohl, mein Freund, grüßen Sie Ihre liebe Frau auf das herzlichste von mir, und seien Sie in Treue und Ergebenheit von mir gegrüßt.

C. Wagner.
 

26-29 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


17. Oktober 1888. 3 Reichenbachstraße, Dresden.

    Glauben Sie, bitte, nicht und nie, hochverehrte Meisterin, daß ich an sog. „Schreibfaulheit“ leide — sie ist mir ebenso fremd und verhaßt als jede andere Faulheit. Selbstverständlich gehe ich an manchen mir aufgezwungenen Brief ungern; aber daß ich Ihnen gegenüber mich „schreibunlustig“ fühlen sollte, das kann ich mir gar nicht denken. Ich schreibe Ihnen viel in Gedanken; und ich glaube, wäre ich fähig, meinen Wünschen zu folgen, so würde nur die Achtung vor Ihren hohen Aufgaben und Pflichten, die Sorge um Ihre kostbare Zeit mich verhindern, Ihnen unbescheiden oft und viel zu schreiben.
    Nun müssen Sie wissen, daß ich sehr gern Briefe schreibe: Gedanken und Gefühle kann ich oft besser und viel genauer schriftlich als mündlich ausdrücken, und es scheint mir, als ob das so harte Wort, das Unbiegsame — fällt es nur auf den rechten Boden liebevollen Verständnisses des Freundes —‚ dort oft zu einem ganz anderen Gebilde wie ein Samen in warmer Erde aufgehen kann — der Freund hat es ja, besitzt es, kann es pflegen; während im mündlichen Verkehre der — ohnedies vielleicht eiliger gewählte und noch weniger entsprechende — Ausdruck verschwindet; und außerdem liebe ich Sehr, schriftlich sehr verwickelte oder schwierige Gegenstände — geschäftliche oder wissenschaftliche — zur vollen, durchsichtigen Klarheit zu bringen (wofür ich entschieden eine besondere Begabung besitze). Als ich früher 10 und 12 Stunden täglich arbeitete, habe ich meine Korrespondenz niemals vernachlässigt. Also an dieser modernen Krankheit leide ich nicht — Schreibfaulheit! Und zweifelsohne, könnte ich mich jetzt schon zum „Dilettieren“ als einziger und genügender (und durch die Umstände auch moralisch gerechtfertigter) Lebensweise resignieren, so könnte ich ein ganz guter Korrespondent sein. Aber da ist ja gerade der Haken! Skeptizismus und Mystizismus hätte ich wohl genügend und in wohlschmeckender Mischung, um mich als kontemplativen Dilettanten des Absoluten in die Wälder zurückzuziehen; in Gleichgültigkeit ohne eine Spur von Bitterkeit (die einzig echte Resignation) könnte ich was leisten! Aber gerade deswegen will ich es nicht tun. Gerade weil ich überzeugt bin, daß all mein Tun im höchsten Sinne „gleichgültig“ ist, will ich auch die unschuldige Freude haben, am Strande des Meeres der Ewigkeit mein Sandhäufchen aufzubauen. Und der wirklich gesunde Mensch — wie ich — will vor allen Dingen gesund bleiben; dazu muß er den gebieterischen Forderungen seiner ganzen Natur folgen, mag er auch erhaben darüber lächeln. Und ich will Tätigkeit, Arbeit; und zwar glaube ich, daß, wie mein Leben sich nun einmal gestaltet hat, ich den unbezwingbaren künstlerischen Drang (der den philosophischen einschließt) nur in der Naturwissenschaft stillen, ihm nur da, oder mindestens von da aus, seine Nahrung verschaffen kann, daraufhin, daß er das leistet, was er leisten kann und soll. Diese letzten Jahre waren eine harte Prüfung — hart, weil ich meine eigenste Natur immerfort im Zaume halten mußte; aber nie habe ich mich für geschlagen gegeben, und es hieße ja auf sich selbst Verzicht leisten — ein eigentümliches Beginnen!
    Aber hier kann ich wohl diese Erklärung abbrechen? Und wenn ich Ihre schönen Briefe lange unbeantwortet lassen sollte, so werde ich wissen, daß Sie dies keinem banalen Grund zuschreiben. Aber ich bitte Sie, lassen Sie dann auch keine „sorgenvollen Gedanken“ aufkommen! Halten Sie mein Schweigen eher für ein gutes Zeichen! Und vor allem, zweifeln Sie nie daran, daß, wenn ich von jetzt bis zu meinem Tode an Sie schreibe, ich Ihnen nie   g a n z   sagen könnte, was Sie mir gegeben haben.
    Daß Sie mein inniges Mitgefühl, meine Sympathie mit Freud und Leid — mit anderen Worten, meine verehrungsvolle Liebe gern entgegennehmen, macht mich sehr glücklich — denn ich kann Ihnen nichts anderes geben. Mit Männern wie von Stein konnten Sie die ganze Welt der menschlichen Kultur durchstreifen; ich könnte Ihnen höchstens von Wurzeldruck [Seine Schrift „Recherches sur la sève ascendante“ erschien 1897.] und Foraminiferen sprechen! — („...das Ganze im Kleinsten erblicken.“)
    Mein Bedürfnis nach größter Ruhe und der Konzentration auf einzelne, eng begrenzte Gegenstände macht mich Ihre so freundliche und so freundlich wiederholte Aufforderung, Sie in Bayreuth zu besuchen, vorerst nur theoretisch — aber nicht weniger von ganzem Herzen — annehmen. Gewiß, und eigentlich selbstverständlich, würde ich glücklich sein, nach Bayreuth zu kommen „ohne Festspiele“. Es ist sogar sehr, sehr leicht möglich, daß ich mir den Besuch der nächsten Festspiele werde versagen müssen; vielleicht komme ich also nach Bayreuth nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß es keine Festspiele gebe!
    Ihren langen Brief, in Beantwortung meines ersten Briefes, las ich in der Eisenbahn, in dem Dampfwagen, der mich in mein liebes Böhmer Land führte. Das traf sich doch gut, nicht wahr? Mir schien wenigstens diese sonnig-heitere und, wie alles Schöne, über alle Worte melancholische Landschaft mit Ihren Worten sehr zu harmonieren. Und dann erzählten Sie mir ja, daß Sie gerade in der Eisenbahn an mich gedacht hatten. Sie hatten wohl etwas Ähnliches empfunden wie ein genialer französischer Freund, der mich sehr liebte, ohne sich klarwerden zu können, was er eigentlich an mir hätte, bis er darauf kam: „Vous êtes une atmosphère.“ Ihr Brief war mir dort oben eine sehr liebe Lektüre, neben indischen Sachen, Symonds „Sketches in Italy“. Kietz, der Bildhauer, war acht Tage mit uns dort. Ist der Mann gut! Man schämt sich ordentlich! Ob er zu den Deutschen gehört, bei denen die Natur einen Anlauf zur Begabung genommen hat?
    Dank bin ich Ihnen auch schuldig dafür, daß Sie meinen Aufsatz in der „Allgemeinen M. Z.“ gelesen haben. Aber nie fühle ich deutlicher, wie wenig ich zum Schriftsteller bestimmt bin, als wenn ich merke, wie bar ich jeder Autoreneitelkeit bin. Daß Sie an einem schönen Herbstmorgen, als Sie durch eine Heide fuhren, an mich gedacht haben, freut mich unendlich mehr, und ist mir überhaupt etwas ganz anderes und Wahreres, als daß Sie meine kleine Arbeit mit dem schmeichelhaften Wort „bedeutend“ belegen. Dennoch kann ich Ihnen aufrichtig danken, denn es ist mir entschieden lieber, als wenn Sie sie etwa dumm gefunden hätten. War es Ihnen gar nicht unheimlich, mindestens unerwartet neu, mich in dieser Gestalt wiederzufinden? Daß Wolzogen Ihnen die „ganze Arbeit“ für die „Bayreuther Blätter“ angezeigt hat, hat mich sehr amüsiert; der Pariser „Gamin“ sagt: „Vas y voir!“ Eine recht heilsame Lektion ist mir in dieser selben Zeitung zuteil geworden; mit Zustimmung des Redakteurs bin ich wie ein dummer Schulbube von einem „Fachphilologen“ für diese Arbeit zurechtgewiesen worden und habe die feierliche Versicherung bekommen, daß ich auch nicht „in die Vorhalle des Kunsttempels etc.“ eingedrungen wäre; überhaupt wird mein Aufsatz als ein Angriff auf die Sprache in „Tristan“ aufgefaßt — und die Leute haben recht; ich Rindvieh hätte wirklich besser getan, draußen auf meinen böhmischen Bergen zu weiden und die Betrachtungen über die innigst geliebten Werke, welche mein ganzes Leben und Fühlen und Denken ausmachen, zu meinem eignen Vorteil zu wiederkäuen — da draußen, wo wie für die alten Arier „die ganze Erde eine heilige Stätte ist“, wo man glaubt, durch Liebe hellsichtiger zu werden als durch Philologie —‚ als daß ich mich in ihre Tempel- und Tabernakelangelegenheiten mischte. Selbst der „Dresdener Anzeiger“ soll jetzt von Deutsch-Olympia sprechen. Da ist es höchste Zeit, daß ich auswandere! — und diesen Brief wohl auch schließe; — er könnte sonst interessant werden. Bitte, hochverehrte Meisterin, lassen Sie mich ganz ungezwungen schreiben, quand le coeur m'en dit, — 2, 3 Mal hintereinander oder wieder lange nicht; und seien Sie versichert, daß, wenn ich auch ein sehr glücklicher Mann bin, jede Zeile von Ihnen mich noch um etwas glücklicher macht. Bitte, grüßen Sie Ihre Kinder recht herzlich von Ihrem Ihnen mit tiefster Hochachtung und innigster Liebe ergebenen

Houston S. Chamberlain.
 

29 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


21. Oktober 1888, Dresden.

    Hochverehrte Meisterin, wo Sie sind, weiß ich nicht — also auch nicht, wo diese Zeilen (deren einziger Reiz ihre absolute Zwecklosigkeit) Sie treffen werden. Ihr Wirken, Ihr Tun — oder wie man das nennt — für uns alle möchte ich nicht durch ein Wort unterbrechen, aber...
    Aber zum ersten Male seit Bayreuth hörte ich gestern etwas; — eine junge Nichte ist bei uns zu Besuche; sie mußte natürlich in „Lohengrin“ geführt werden; — und — und weiter gar nichts, was ich sagen kann und darf. Aber ich hätte Ihnen die Hände küssen wollen; und ich hätte Ihnen   a u s   t i e f s t e m   H e r z e n   danken wollen —

Ihnen in ehrfurchtsvoller Treue ergeben

Houston S. Chamberlain.
 

29-32 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


Wahnfried, 23. Oktober 1888.

    Seit einigen Tagen schon will ich Ihnen, teuerer Freund, erzählen, daß Sie mich in rechte Pein versetzt haben: Ich hatte den Kaiser zu empfangen, Sie kamen und besuchten mich, und wir verloren uns in derartigen Gesprächen, daß bereits der Kaiser vorfuhr und absolut nichts zu seinem Empfang (er sollte bei uns speisen), ja, auch meine Töchter nicht bereit waren. Dieser Traum hat mir sehr gute Laune gemacht, und ich hätte ihn Ihnen gleich mitgeteilt, wenn ich nicht wirklich in lauter Wirtschaftsnöten (das ist so der Schweif der Festspielzeit) stäke; dann wollte ich einen sonnigen Tag abwarten; heute glänzte sie freilich wieder an unserm Himmel, aber mein Siegfried liegt mir zu Bett, ich weiß nicht, ob infolge der unsinnigen Schularbeiten ober durch Erkältung. Da sagt mir der Arzt, es würde nichts werden, und so kann ich Ihnen danken, und zwar von ganzem Herzen für Ihren lieben Brief.
    Das Wort „bedeutend“, welches ich bei Ihrer Arbeit gebrauchte, müssen Sie gut verstehen, mein Freund; ich meinte, es hatte für mich etwas zu bedeuten. Die Erwiderung unter dem Schutzmantel der Redaktion, das ist wieder echt, und wie Sie mir von Ihrer wachsenden Abneigung, zu schriftstellern, sprachen, gedachte ich meines Vaters, der mit solcher Großherzigkeit zur Feder griff, und wenn er auch manchen Irrtum im Urteil beging, doch in jede seiner Auslassungen so viel Feuer seines Wesens eingoß, daß sie, dadurch bloß, bedeutend wurden. Sie brachten es so weit mit ihm, daß er nicht nur nicht mehr schrieb, sondern überhaupt nicht mehr sprach und aus einem feurig expansiven Wesen zu einem ganz stillen wurde. Die Tempelhüter, das sind noch die schönsten. Das sind diejenigen, welche zischen, wenn ein naives Publikum am Schluß des zweiten Aktes von „Parsifal“ den Zuruf spendet, welcher unter Umständen diesen Armen, sich ganz und gar Preisgebenden notwendig ist wie einem lechzenden Tier ein Schluck Wasser. Ich könnte Ihnen ein Lied von diesen Olympiern und meinen Erfahrungen mit ihnen singen. Wie gut begreife ich es, daß Sie sich nach Ihrer Tätigkeit zurücksehnen und alles vermeiden wollen, was Sie zur Wiedergewinnung derselben hindert; sehr gern würde ich in Ihrem Fache (von welchem ich auch nicht das Geringste weiß) Ihre Schülerin werden. Vielleicht kommt das einmal bei einer Wiedergeburt.
    Sie sagen, Freund, Sie werden den nächsten Festspielen nicht beiwohnen, aber wenn der „Tannhäuser“ zustande kommt, dann werde ich Sie bitten, den Generalproben beizuwohnen. Ich würde Sie vermissen, wenn es uns glückte, und Sie würden mir fehlen, wenn es in meinem Sinne nicht gelänge. Möchten Sie sich doch recht erkräftigen! Ich weiß nicht, warum (oder vielmehr weiß ich's zu gut, daß) Dresden für mich so etwas ganz besonders Melancholisches — diesmal spricht das Gemeinte sich in Ihrer Sprache besser aus — hat; mir scheint die Bevölkerung dort ganz besonders un-reinmenschlich zu sein, und die Stadt, so schön sie ist, will mir namentlich in der Erinnerung gar nicht zusagen. Ich teile dagegen Ihre Empfindung für Böhmen durchaus, und ich erfuhr kürzlich mit vieler Freude, daß Mozart für das „Spital“ (das Orchester in Wien) ungern zu arbeiten dem Kaiser Joseph erklärte, während er auf Prag als den Ort, wo man Musik hörte, wies.
    Wenn es nach mir gegangen wäre, so hätten wir im Jahre 87 wiederholt („Tristan“) oder in diesem Jahr „Tannhäuser“ gegeben. Dagegen war nun alles, alle Tempelhüter samt und sonders, welche finden, daß der „Tannhäuser“ ausgezeichnet überall gegeben wird. Ich habe nachgegeben, indem ich in meinem großen Schmerze über diese Nötigung meine Zuflucht zu dem vielleicht noch Höheren, als die Erkenntnis, nahm, nämlich zu dem Glauben, daß es das beste sei, wenn ich gebrochen würde. Der Erfolg unserer diesjährigen Festspiele hat mir mein Nachgeben gelohnt, aber jetzt ist mir eine Ansicht ungemein erschwert. Mein Wunsch wäre es, den „Tannhäuser“ daranzubringen, weil ich ihn für unsere eigentliche Bayreuther Aufgabe erachte. Es gilt zu erfahren, ob wir (wenn wir's überhaupt dazu bringen können) den ersten Teil mit seiner ganzen Faszination verwirklichen und dem zweiten eine solche dramatische Bedeutung zu geben wissen, daß er siegreich trotz der Macht der sinnlichen Einwirkung auch der viel reicheren Instrumentation bestehe. Ich weiß nicht, wie lange ich noch zu leben und auch noch das Augenlicht habe, und da ich glaube, daß mein Gefühl von diesem Werk sich wohl den mitwirkenden Künstlern mitteilen würde, so wünschte ich es aufzuführen. Die praktischen Gründe sprechen für eine einfache Wiederholung, die nichts kosten wird, während der „Tannhäuser“ unsere paar Groschen aufzehren und niemand anziehen wird. So steht es, und nun sage ich mit Carl Maria von Weber: „Wie Gott will!“
    Mein „schreibunlustig“ mußten Sie mißverstehen; ich wollte zuerst „schreibunselig“ sagen, das schien mir unrichtig, nun wählte ich den andern, ebenso undeutlichen Ausdruck, indem ich etwa das Unwohlsein als Unlust zum Leben auffaßte; derlei kann aber der andere nicht erraten, und es muß ihm gesagt werden; daß Sie gern Briefe schreiben, hätte ich mir schon, und zwar aus dem einen Grunde gedacht, weil ich früher so unendlich gern Briefe schrieb und noch jetzt ganz dasselbe darüber denke wie Sie. Ich habe auch öfters erfahren, daß man im Gespräch sich viel weniger sagt; eine Art von Schamhaftigkeit beherrscht einen da, mich beeinflußt auch der Gesichtsausdruck meines Gesprächspartners bis zum völligen Vergessen dessen, was ich sagen wollte. Dies alles schicke ich nur voran, um Ihnen zu sagen, daß ich Ihr Schweigen immer verstehen werde, wie alle Ihre Aussprüche einen Widerhall bei mir finden, ja mich förmlich anheimeln. So Ihre Besorgnis, ob Sie auf Ihren Brief eine Antwort erhalten würden oder nicht. Von einer ganz präsumptuös zuversichtlichen Natur bin ich jetzt zu einem Wesen geworden, das sich jeden Augenblick fragt, ob es nicht diesen oder jenen könnte verletzt haben. Ich glaube, Sie haben recht, man wird so in Deutschland, wo es viel Mißtrauen gibt, namentlich gegen zur Freiheit und Heiterkeit angelegte Naturen, wie die meinige eine bis zum Übermute war.
    Nun leben Sie wohl und sehen Sie es diesen Zeilen nach, wenn sie etwas unruhig ausgefallen sein sollten; mein Siegfried schläft in der Nähe, er hat den Tag über in einer Art Halbschlummer zugebracht, und wenn dies wohl kein beunruhigendes Zeichen ist, so ist die Stimmung doch gedrückt. Der Schmetterling an der Nadel kann wohl nicht bänglicher zittern und zucken, als derjenige, dem das Weh zum Haft wurde.
    Gedenken Sie freundlich meiner, haben Sie Dank für Ihre Teilnahme und seien Sie dessen versichert, was Sie eigentlich aus jeder Zeile dieses Briefes lesen können.

C. W.
 

    PS. Ich muß Ihnen doch noch sagen, daß der Umstand, daß man Ihren Aufsatz   g e g e n   die Sprache gerichtet, also als Angriff betrachtet hat, mich daran erinnerte, daß ein Xenion, welches Schiller gegen einen Stümper gemacht, auf Goethe gedeutet wurde, was begreiflicherweise die beiden großen Männer sehr unterhielt. Ich will nachschlagen, ob ich das Xenion finde, dann schicke ich es Ihnen. Ferner muß ich noch hinzufügen, daß Sie mir entschieden das Schreibmaschinieren lehren müssen, da man damit so schöne Dinge wie psychologische Analysen verfertigen kann.
    Endlich aber muß ich Ihnen jede Originalität absprechen. Denn, wenn Sie jetzt fürchten, interessante Briefe zu schreiben, muß ich Ihnen sagen, daß, bevor Sie auf der Welt waren, ich mich vor Geistreichigkeit fürchtete.
    Nochmals leben Sie wohl, und wenn ich nicht auf alles so geantwortet habe, wie ich wohl gewünscht hätte, es zu tun, so werden Sie sich es erklären. Ich bin nicht in Sorge, aber es ist gar, gar still um mich herum, und der Gedanke vollendet sich nicht.
 

33 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


27. Oktober 1888.  3 Reichenbachstraße, Dresden.

    Herzlichen Dank, hochverehrte Meisterin, für Ihren langen Brief, sowie für die mir durch Herrn Walther Kietz übersandten Grüße. Die Nachricht, daß es Ihrem Sohne, Siegfried, besser geht, war mir sehr, sehr willkommen; denn wenn Sie auch versicherten, nicht in Sorge zu sein, so lag doch eine eigenartige Stimmung über dem ganzen Brief, die mich traurig und besorgt machte.
    Heute ist auch ein Schreiben von dem Aller-Gutesten aller Menschen [Adolf Groß] eingetroffen, nachdem bereits ein zweites von dem Aller-Besten aller Menschen [Agénor Boissier] angelangt war. — Dem Ersten werde ich nicht verfehlen, meinen Dank auszusprechen; an den Zweiten werde ich — sowie der Wind nach Norden sich wendet — einen Bericht senden, — an Stelle des Aufsatzes, den er mich in seinem letzten Briefe zu schreiben auffordert, als Antwort auf einen sehr heftigen, im „Nineteenth Century“ erschienenen Angriff.
    Heute buchstäblich nur eine Frage. Sie wissen, daß ich ein persönliches Zusammentreffen von dem Allerbesten mit Ihnen — in seinem Interesse — sehr wünsche. Sagten Sie mir nicht neulich, daß Sie bald einmal nach Karlsruhe gehen würden? Und würde Ihnen diese Gelegenheit nicht eine passende erscheinen?

    [Zeitungsausschnitt, am Rande aufgeklebt:]
    Im Residenztheater hat Ibsens „Wildente“ bei der Wiederaufnahme einen mächtigen Eindruck, teils nach der einen, teils nach der anderen Seite gemacht.

Ein ewiges Muster für alle Theaterkritik!

Ihr in unwandelbarer Treue ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

33-35 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


Wahnfried, 27. Oktober 1888.
„Selten erhaben und groß, und selten würdig der Liebe,
Lebt er doch immer, der Mensch, und wird geehrt und geliebt.“
    So heißt das Xenion, von welchem angenommen wurde, daß Schiller es auf Goethe gemünzt hätte, und an dessen zart geistvolle Auffassung ich erinnert wurde, als Sie mir, mein Freund, sagten, Ihr Aufsatz sei als   A n g r i f f   gedeutet worden. Gestehe ich es Ihnen doch, daß es mich völlig geschmerzt hat, Ihren Namen und Ihre Gedanken da zu finden, von wo aus, wie meine Kinder mir versicherten, tückische Bosheit gegen uns stets ausging. Dann aber rührte es mich wieder und erinnerte mich an meinen Vater und manchen Edlen, daß Sie sich der Wahrheit zuliebe zu Ihres Nichtgleichen begaben. Aber
„Non ragionam di lor', ma guarda e passa.“
[Dante, Canto III dell'Inferno. „Nichts mehr von ihnen, schau und geh vorüber!“]
(hiermit meine ich nicht die Edlen, sondern die Nicht-Gleichen). Inzwischen wird Ihnen der junge Kietz von seinem Besuche hier erzählt haben. Ich habe Ihre Teilnahme für ihn durchaus nachempfunden, eine ganz außerordentliche, durchaus germanische Idealität fesselte mich in ihm; zugleich aber kamen im Gespräch gewisse allgemeine abstrakte Reden, die mich zu einem völligen Hymnus auf den gefunden Menschenverstand hinrissen. Ich glaube, wenn man ihn dazu bringen könnte, viel Goethe und dazu recht genau die Biographien von großen Männern zu lesen, würde viel gewonnen sein. Jetzt wollen wir sehen, ob er Talent hat; dann ist alles gerettet. Die Symbolik der Kostüme schien ihm etwas sehr durch den Kopf zu gehen. Ich bat ihn, dies ganz außer acht zu lassen und vorläufig nur (!) etwas Schönes zustande zu bringen.
    Nun seien Sie gegrüßt, teuerster Freund, ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich Ihr Interesse an dem jungen Menschen teile und ihn durchaus für der Mühe wert erachte, beachtet, ermutigt und gekräftigt zu werden, vor allem aber wollte ich Ihnen einen Gruß entsenden und Sie meines herzlichsten Gedenkens versichern.

C. W.

Montag früh.
    Ich öffne den Brief, den ich gestern abend schrieb, um Ihnen den Empfang des Ihrigen zu melden. Es soll mich sehr freuen, den allerbesten Menschen kennenzulernen.
    Wie recht tun Sie daran, Angriffe Angriffe sein zu lassen! In der Tat, wir können nur positiv verfahren, und möglichst wenig von dem mehr oder minder gescheiten Geschwätz zu erfahren, ist mir Lebensbedürfnis geworden. Neulich fiel durch einen wunderlichen Zufall, indem ich etwas ganz anderes suchte, eine Schachtel „feiner“ Wichse mir in die Hand; es ekelte mich ein bißchen an, und so ist mir fast physisch bei der Zeitungsschwärze. Aber das Stück nach zwei Seiten, wie der Januskopf, ist doch sehr schön, fast ebenso schön, wie die Inschrift in dem „Deutschen“ (c'est tout dire) Theater in Berlin: „Natur und Kunst sind eins“. Wolzogen hat mir das kürzlich erzählt und mir durch diese eigentümlichste aller ästhetischen Sentenzen viel Erheiterung zugeführt; das nennt man doch Probleme lösen, oder vielmehr wie den Gordischen Knoten durchhauen.
    Mich wollen diese letzten schönen Herbsttage nicht sehr erfreuen, sie haben für mich etwas Trügerisches, Geschminktes; und das noch festklebende fahle, gelbe Laub sieht mich wie eine eigensinnige Schwäche an. Siegfried ist jetzt in der Schule. Das ist das erste, wenn er klein bißchen wohler ist, doch will ich Gott danken, daß ich keine eigentliche Krankheit an ihm durchzumachen hatte, und will hoffen, daß dieses letzte Schuljahr mir nicht zu lang erscheint.
    Die Legende von Buddha, von Schuré erzählt, hat mich nun etwas mit dem Neu-Buddhismus bekannt gemacht; eine große Konfusion, wie mir scheint; und wiederum scheint ein großes Wesen nur gestrahlt zu haben, um die Köpfe um so verwirrter zu machen, ähnlich wie Kolumbus seine Entdeckung zugunsten der entsetzlichsten katholischen Tyrannei durchführte.
    Daran alles aber wollen wir nicht denken, und ich glaube kaum, daß ich, wie ich zuerst beabsichtigte, Schuré nur eine Silbe sagen werde.
    Der Rienzi beschäftigt mich (wegen Karlsruhe, wo er Mitte Dezember aufgeführt wird) sehr. Ich lese seinetwegen den Roman von Bulwer und freue mich der guten Gesellschaft, in welcher ich mich dabei befinde. Es ist mir, als ob ein vornehmer Mann mit mir über ein Thema, welches er Sehr gut kennt, spräche.
    Ich denke daran, mir so eine Schreibmaschine wie die Ihrige anzueignen; muß man sehr geschickt sein, um sie zu handhaben? Und wollen Sie mir Unterricht darin geben, wenn ich nach Dresden komme? Die allerherzlichsten Grüße gehen mit diesen Zeilen zu Ihnen.

C. W.
 

35-38 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


[Diktiert.]

Dresden, 3 Reichenbachstraße, 8. Dezember 1888.

    Gewiß hätte ich schon längst Ihnen geschrieben, hochverehrte Meisterin, wenn nicht die Notwendigkeit, mich auf anderer Hilfe zu verlassen, noch so ungewohnt gewesen wäre, daß die Tageseinteilung ungeschickt ausfiel und das Vorgenommene einen Tag nach dem andern nicht zur Ausführung kam. Es ist doch gut, daß für den Einsichtigen körperliche Leiden fast stets zu den schönsten Erfahrungen führen. Das habe ich — an mir und an anderen — immer wieder gesehen. Ich meine, die Menschen haben viel mehr Herz als Kopf; ist ein Leiden nur sichtbar, kann es von anderen begriffen werden, so findet man überall herzliches und tatreiches Mitleiden. Mehr kann man auch wirklich nicht verlangen, und ich glaube, daß in diesem Sinne es gut ist, wenn Auserlesene, welche leicht jeden sympathetischen Zusammenhang mit den Mitmenschen verlieren, durch körperliche Leiden an diese gewiesen werden, und nun bei ihnen in hohem Maße und in entzückender Natürlichkeit dasjenige finden, was ihnen als letztes Ergebnis transzendenter Spekulation erschienen war. Meinen Sie nicht?
    Zum Kapitel „Glück“ finde ich die Vereinsamung eigentlich das einzige ganz berechtigte Unglücks-Motiv. Alles übrige dürfte in einer — von einem gewissen Standpunkte aus unweisen — Willensrichtung begründet sein. Und wie sollte die gänzliche Vereinsamung heute noch möglich sein? Neulich fiel das Wort   B e e t h o v e n   im Gespräch. Und ich gestehe, daß ich jenes Gefühl von Seligkeit, welches oft mein Herz erfüllt und mich gleichermaßen in den Himmel erheben zu wollen scheint, zum großen Teil diesem Manne — diesem in das tiefste Herz eingeschlossenen Freunde — verdanke. Welches Leid kann als solches gelten, wenn man durch dasselbe diese Kunst erworben hat? Und wie wahr, wie wirklich in Fleisch und Blut übergegangen mir diese Empfindungen sind, erhellt aus einem schönen Traum, den ich vor zwei Jahren etwa träumte, und der mir als ein teuerster Besitz geblieben ist: Ich war allein mit Beethoven; er spielte mir viel — wir sagten kein Wort —‚ es waren die Tongedichte, die ich am meisten liebte und kannte; da wendet sich Beethoven zu mir und sagt: „Jetzt aber werde ich Ihnen die Sachen spielen, die keiner je gehört hat, noch hören wird, weil die Menschen sie nicht verstünden, Ihnen aber will ich sie spielen, denn Sie werden verstehen!“ — Und er spielte. — Finden Sie nicht sowohl den Traum wie auch die naive Selbstschätzung im Traume gleich rührend?
    Gestern tat ich das Unglaubliche: in ein Konzert ist es mir fast unmöglich zu gehen, aber damit meine Nichte auch symphonische Musik zu hören bekäme, führte ich sie in eine Probe! Nach einem fürchterlichen Brei von Brahms die Pastoralsymphonie! Muß man nicht Gott danken, daß man geboren wurde, wenn man so etwas hört? Da war ich wieder einmal so glücklich wie ein Schaf auf den „prés salés“ der Normandie! — Merkwürdigerweise war gestern der ganze Mensch zusammengeblieben, und während die Seele mit Beethoven schwelgte, hörte der Verstand nicht auf, seine kritische Tätigkeit zu üben. Der Ärmste, er hatte was zu tun! Schauerlich, schauerlich ging es zu. Die breite Melodik in die Zwangsjacke eines metronomischen Einszweidrei gedrängt und verkrüppelt; und die derben Bewegungen und Juchhes der Bauern zu einem Hoftanze geglättet! — Zu Hause angekommen, suchte ich im Klavierauszug nach und frug mich, ob Beethoven wirklich nur zum Zeitvertreib die kleinen Dächer auf die Noten der schwachen Taktteile im Tanze gezeichnet hat? Es war der Herr Hofrat, der dirigierte. Wenn ich an die ihm möglicherweise bevorstehende Tätigkeit denke und anderseits Ihre Aufgabe in diesem Falle mir vergegenwärtige, so tröste ich mich und schöpfe Hoffnung aus den Worten eines Klavierlehrers zu mir, als ich einmal so verwegen war, drei Monate lang Stunden zu nehmen: „Die besten Schüler sind diejenigen, die, wie Sie, gar nichts wissen!“ — Der Hofrat befindet sich im nämlichen Falle, wie mir dünkt.
    Selbst wenn ich's könnte, so möchte ich Sie nicht gegen diesen Mann einnehmen; übrigens bin ich so fest überzeugt, daß unsere beider Empfindungen ihm gegenüber sehr ähnlich sind, daß weitere Worte überflüssig wären. Nur eine Sache macht mir Sorge, wirkliche Sorge um Sie, das sind die Eindrücke, die Ihnen nicht erspart bleiben können bei einem ersten Zuhören, und die mir recht schmerzliche sein zu müssen scheinen. Vorbereitet sein ist schon eine große Hilfe; und da will ich Ihnen heute nur ein einziges kleines Beispiel geben, welches für Sie — contiendra des volumes: In der „Walküre“ [III. Akt, 3. Szene, bei Brünnhildes Worten: „...ihm innig vertraut...“], Klavierauszug S. 246, Z. 2 von oben, findet im dritten Takt ein Krescendo im Orchester statt, welches   p l ö t z l i c h   (mit dem Anfang des 4ten Taktes) in ein Piano übergeht (wie hätte sich Beethoven gefreut!). Hier folgen Kapellmeister und Kapelle dem sehr natürlichen, aber banalen und verbrecherischen Instinkte, diesen Pianoakkord als ein Forte aufzufassen, als die direkte Fortsetzung des Kreszendos —! Wer über eine solche Vergewaltigung eines göttlichen Gedankens nicht sich entsetzt — nun, lieber nichts sagen — lieber denken an „he who never speaks, and who never is surprized, he is my self within the heart, greater than all these worlds, greater than heaven“ —‚ Und siehe da, alle Hofräte sind verdunstet, und die gute Laune lächelt wieder hell und klar.
    Ich bekam gestern einen Brief von Herrn Boissier und schicke ihn Ihnen einliegend — nicht etwa, weil er etwas besonders Interessantes enthielte, sondern weil fast jeder Satz merkwürdig charakteristisch für den Mann ist. Rührend ist das „la cause est gagnée et je suis convaincu que ce n'est plus qu'une affaire de temps“. Was das ce wohl für ein Ding sein mag? — Auf meine Auseinandersetzungen betreffs einer Gesamtübersetzung der Ges. Schriften erwidert er, wie Sie sehen, nichts! Alles von der Zeit erhoffen! — Dagegen erfahre ich von einem sehr ernsten und schon ziemlich gereiften Vorhaben,   „O p e r   u n d   D r a m a“   zu übersetzen. Sie wissen, daß ich ein Gegner solchen Stückwerks bin; außerdem würde ich nie bei dieser Sache persönlich für ein Unternehmen mich interessieren können, welches eine Verlagsspekulation ist. Indessen würde ich nicht ungern Ihre diesbezügliche Meinung wissen. — Ich kann augenblicklich nicht weiterdiktieren und habe doch mehrere Punkte noch nicht berührt. Ich hoffe auf eine recht baldige Fortsetzung und sage für heute: Leben Sie wohl — mit vielen Grüßen von meiner Frau

Houston S. Chamberlain.
 

38-39 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


Dresden, 10. Dezember 1888. Reichenbachstraße 3.

    Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, gleich heute mein Geschwätz weiterführe.
    Ich fing neulich auch an, Schopenhauers „Über Geistersehen“ zu lesen, prallte aber bald ab, da es mir manchmal, ich gestehe es, nicht leicht wird, mich mit der Person dieses Denkers abzufinden. Wie jene nämliche Çândogya-Upanishad sagt: „One who does not obtain bliss, does not perform duties (nach der deutschen Übersetzung: vollbringt nicht die Tat). Only he who obtains bliss, performs duties.“ Und bisweilen hat mir der gute Sch. doch gar zu wenig „bliss“. Darum wandte ich mich an meinen lieben, alten — mir auch persönlich immer sympathischen — Kant (dessen gemischte Schriften ich das Glück habe, in einer Ausgabe des vorigen Jahrhunderts zu besitzen) und lese seine „Träume eines Geistersehers“ — oder vielmehr lasse es mir von meiner kleinen Nichte vorlesen, was dem armen Dinge nicht gerade leicht wird. Nebenbei gesagt finde ich es einen großen Vorzug von Kant, daß er seine tiefen Gedanken in eine nicht zu klare Form kleidet (vgl. Beethoven!); schimpfe darüber, wer will. Es war mir sehr interessant zu sehen, daß er in einem wichtigsten Punkte vollständig mit mir übereinstimmt — daß nämlich, ganz abgesehen von der Natur aller dieser Erscheinungen, welche ebenso „impregindicata“ bleiben soll wie die päpstliche Frage in Italien, immerhin feststeht, „daß ein solcher Zustand, da er ein verändertes Gleichgewicht in den Nerven voraussetzt, welche sogar durch die Wirksamkeit der bloß geistig empfindenden Seele in unnatürliche Bewegung versetzet werden, eine   w i r k l i c h e   K r a n k h e i t   anzeige“. Zunächst als Norm für weitere Untersuchungen und namentlich auch als Richtschnur für die Handlungen des praktischen Lebens ist dieser Satz wichtig und genügend. Möge immer eine tiefe Wahrheit in jener alten Anschauung liegen, nach welcher die Irrsinnigen Lieblinge der Götter seien — ich optiere für die Vernunft. Übrigens hat ein Satz Schopenhauers in dem vorhin genannten Aufsatz mich völlig stutzig gemacht — und ich entsinne mich, daß ich deswegen speziell nicht weiterlas. Er meint, die Generatio aequivoca käme gewiß bei   P a r a s i t e n   vor! Vielleicht können Sie die Enormität einer solchen Anschauung nicht ganz fassen? Immerhin müßte auch Ihnen es wunderbar scheinen, daß gerade Wesen, deren Existenz die von anderen voraussetzt, auf diese Art entstehen sollten — und was wäre denn damit gewonnen für die Erklärung des Lebens? Außerdem zeigt die Wissenschaft täglich deutlicher, daß selbst die reduziertesten Parasiten hochorganisierten Tierordnungen angehören: der Parasitismus ist eine Degeneration — na! wovon schwatze ich jetzt schon wieder? Nächstens wäre ich bei den früher — wie Pegasus — geflügelten Flöhen angelangt!
    Es gäbe noch mehrere Punkte, über die ich schreiben möchte; aber ich fühle, daß ich unbescheiden werde — Sie haben Wichtiges zu tun. Vielleicht bei anderer Gelegenheit? Dann sage ich Ihnen auch etwas über „Tannhäuser“, dem ich gestern — hinter einer blauen Brille kampiert — beiwohnte; wobei ich nicht umhin konnte, manches zu denken — vor allem, daß ich Sie verehren und lieben mußte, daß Sie so wacker und unentwegt an dem Vorsatz festhalten, dieses ewig herrliche Werk in Bayreuth aufzuführen. Ja, das muß sein!

Ihnen in Ehrfurcht und Treue ergeben

Houston S. Chamberlain.
 

40-45 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


Wahnfried, den 12. Dezember 1888.

    Sie haben mir ja ganz herrlich geschrieben, und obgleich ich das Schreiben jetzt einigermaßen verschworen habe, kann ich es nicht lassen, Ihnen zu antworten und mein größtes Blatt Papier hervorzusuchen, ohne recht zu wissen, ob mein armer müder Kopf irgend etwas hergeben wird, aber in einem gewissen dunklen Dranggefühl, daß ich Ihnen enorm viel zu sagen habe.
    Sie nehmen Ihre Erkrankung auf so gute Weise und gewinnen ihr eine so schöne Seite ab, daß Sie mir den Mut nehmen, zu Ihnen darüber zu klagen. Als Pascal es aussprach: „La maladie est le véritable état du chrétien“, hat er vielleicht auch nicht bloß der Ertötung der Begierde durch sie, sondern der Gelegenheit gedacht, welche durch sie den anderen gegeben wird, sich sinnig-liebevoll zu erweisen. Gesteh' ich's doch, daß, obgleich das Erkranken eines meiner Kinder mir der schauderhafteste aller Gedanken ist, im Augenblick der Pflege etwas über mich kommt, was mich gleichsam in mein Element versetzt, mir ein ungekanntes Gefühl meiner Kraft gibt und mich völlig (n'en déplaise Ihrer Wissenschaft!) in einen hellsehenden Zustand versetzt. Und die Stille ist bei dieser Tätigkeit so wohlig. Nur erspare es einem Gott, den Augenblick durchzumachen, wo man sie machtlos zu glauben beginnt. —
    Das ist nun alles schön und gut, und wie gerne gebe ich Ihnen zu, daß man bei der Anhörung der „Pastorale“ glücklich ist, sich in die Heimat zurückversetzt fühlt, aus welcher wir kommen, und die gewiß die Unschuld ist, und zu welcher wir durch den Lebensweg zurückkehren, Unendlich lieb ist es mir, von dem Wissen des Glückes und von der Lebenslust zu vernehmen. Ja, es erscheint mir als das eigentlich Natürliche, und ich meine, daß, solange wir atmen und sprechen, wir eigentlich nichts anderes zu betätigen hätten. Allein, „Sie himmlischen Mächte“ treiben es wunderlich mit uns. Es ist, als ob sie nichts so ärgerte als diese Kraft im Menschen, und als ob der Auslaut des Wortes selbst — Glück — den Schlag uns verkündete, der allem Wohlsein auf dem Fuße folgt. Entsinnen Sie sich des „Glücke“ in Tristans Mund, am Schlusse des I. Aktes, es ist mir wie eine ganze Revelation der Welttragik gewesen.
    Dies führt mich — etwas mittelbar — zu Monsieur Boissier, der die Dinge gemächlich nimmt. Ich denke, wir nehmen sein „ce“ als die Silbe „om“ der Inder, das „es“, was allen Göttern voranging, und über welches die Weisen in Andacht sich vertieften. Jedenfalls ist dieses „ce“ sehr viel umfassend, denn ich glaube nicht, daß es bloß das mit der Zeit zu erwartende von Mr. B. in unserer Sache bedeutet. Bitte sagen Sie ihm aber, daß ich mich zu jeder Zeit freuen werde, ihm zu begegnen, denn die Teilnahme, die er uns bezeigt hat, ist — unter den Gegebenheiten — etwas ganz Außerordentliches, wofür ich ihm für alle Zeiten dankbar bleibe.
    Ich muß nun sehen, wie ich, sehr einsam, mich nun durchhumpele. Betrachte ich die Größe der Aufgabe und das, was unsere Sache eigentlich zu sein hätte, und die vorsichtig geschäftliche Art und Weise, mit welcher ich gezwungen bin, dieselbe zu behandeln, so ist mir ganz erbärmlich zumute; und nur das nicht anders Können („où la chèvre est attachée, il faut qu'elle broute“) hält mich davon ab, allem Valet zu sagen, mich mit meinen guten Kindern aufzumachen und an einem milden Ort der Luft, der Sonne und der Beschaulichkeit zu erfreuen.
    Da sind wir also sehr weit von dem kategorischen Imperativ, von Kant, von dem Sollen, und dicht bei Schopenhauer, dem Müssen. Denken Sie sich, daß ich Ihre Empfindung Sch. gegenüber vollkommen verstehe, und daß Sie für mich, in der Segenslosigkeit dieser Erscheinung, merkwürdig das gefaßt haben, was sie mir lange abstoßend gemacht hat. Ich bedaure aber Sehr, daß Sie die Abhandlung über das Geistersehen nicht bis zum Schlusse gelesen haben. Daß er einen wissenschaftlichen Irrtum (versteht sich, kann ich denselben gar nicht fassen) begangen hat, hat doch gar nichts auf sich, denn seine Erklärung dieser Phänomene — ich meine Hellsehen usw. — beruht in der Durchführung der Erkenntnis von der Idealität von Zeit und Raum. Und — um auf das Segenslose zurückzukommen — glauben Sie, daß es möglich sei, daß einem die Sendung werde, den Schleier der Maja zu zerreißen, und zugleich auch einem das gütige Lächeln begiftet werde, mit welchem man sich dieses Schleiers erfreut? Betrachten Sie schon die Umstände, unter welchen solch ein Wesen geboren wird; der hyperstrenge Vater, die geistreiche Mutter, die sich in seinem Betreff dümmer benimmt als die dümmste Gans; die Unfähigkeit der Anknüpfung mit den Menschen zu einem Grade, die selbst das größte Genie abstößt; endlich das Besessensein von seinem Gedanken — der einzigen Möglichkeit der Welterlösung — in so übermächtiger Weise, daß alles, was diesem Gedanken sich zu widersetzen schien — wie z. B. unser armes weibliches Geschlecht und auch Schiller, der ihm durch seinen Glauben an das Gute und durch sein unermüdliches Trachten, dasselbe verwirklichen zu helfen, geradezu widerwärtig ist —‚ ohne Gnade und Barmherzigkeit niedergeworfen wurde. Nie ist es Schopenhauer eingefallen zu sagen, man solle nach seiner Lehre handeln; auch hat er sich durchaus nicht als Offenbarer ausgegeben; als   S o n d e r e r,   Chemiker bezeichnet er sich und setzt darin sein größtes Verdienst. Leidenschaftlich bis zum Exzeß hat er seine ganze Person in einer Weise preisgegeben, wie ich kein zweites Beispiel weiß. Nun sind gewiß Schleier und Hüllen das Wohltätige, aber wenn nun einmal die Natur solch ein Wesen will, es so ausstattet, daß wir, selbst wenn wir es mit anderen Größen vergleichen, staunen müssen, sind wir es uns da nicht schuldig, unsere Aversion zu überwinden — („alter ekliger Kerl“ nannte ich ihn früher sans façon) — und zu ergründen zu suchen, was die Natur durch eine Solche Schöpfung uns zu sagen hatte? Auch hat für mich die Genialität aller seiner Anschauungen etwas absolut Hinreißendes. Freilich — was ist sein ganzes Denken und Schauen gegen 10 Takte der Pastoralsymphonie? Man glaubt, die Melancholie Dürers, gegenüber dem Liebeskusse inmitten der weidenden Herde auf dem Bilde [von Palma Vecchio], welches Sie gewiß aus der Dresdener Galerie kennen, zu gewahren. Aber wer hätte diese Melancholie nicht in sich lebend dumpf empfunden? Und wer zu ihrer Entbindung aus uns verhilft, sie uns betrachten läßt, wäre der nicht ein Wohltäter auf dem schweren Wege, wo uns so verschiedenartiger Beistand so vonnöten ist?... Freilich bleibt der Traum fast der schönste Beistand, und wie göttlich ist der Ihrige gewesen! Liebt man doch seine Träume wie der schaffende Künstler seine Werke. Mir geschah es öfters, daß, wenn das Leben mich zu stark niederdrückte, die wunderbarsten Träume mir zu Hilfe kamen und mir gleichsam ein zweites Leben schenkten. Jetzt ergeht es mir nicht so, nur sah ich neulich Luther sterben, wobei ich mir auch eine kolossal naive Überschätzung nicht verbergen kann, da mir sein Schwanken zwischen Beschauung und Aktivität (die sogenannten Anfechtungen) sehr gegenwärtig und mir zu einer Art von wunderlichem Trost geworden sind. Viel lieber aber sähe ich und hörte ich Beethoven. Doch dafür muß man Zu-Friedener sein, als ich es jetzt sein kann.
    Eva erinnert mich eben daran, daß ich vor einigen Jahren träumte, ich sähe Schiller und Goethe in einem Bette, und Goethe nähme derart die ganze Breite egoistisch ein, daß für den armen Schiller kaum mehr Platz übrigblieb, was mir natürlich die größte Teilnahme erregte.
    Da muß ich Ihnen eine Anekdote über Beethoven erzählen, die ich von meinem Musiklehrer habe, Monsieur Séghers (Belgier, führte zum erstenmal die „Tannhäuser“-Ouvertüre in Paris auf), Schüler von Bériot, welcher einmal in Wien das Glück hatte, mit Beethoven bei irgendeinem vornehmen Tische zusammenzusitzen: nach dem Mahle, an welchem B. keine Silbe gesprochen, bat sich Bériot die Gunst aus, den Meister nach Hause zu begleiten; mit einem Kopfnicken gab dieser es zu; vor einem auf der Straße liegenden Todbetrunkenen brach Beethoven das Schweigen, indem er sagte: „Elle est heureuse, cette brute.“

Das Glück!
    Ich muß zu Schuch eilen, sonst komme ich nicht mehr dazu. Wie verstehe ich, was Sie mir von den Aufführungen sagen, ich   s e h e   förmlich alle die Sünden! Aber ich glaube, daß nur diejenigen, welche die Gesammelten Schriften genau kennen oder in der einzigen Schule waren, etwas von den Dingen wissen. Ich versichere Sie, daß, wie einmal mein teurer Levi mir die F-Dur-Symphonie vorspielte, mir vor diesem Behagen angst und bange wurde, und ich ihn am Schlusse ganz verblüfft ansah. Wie mir allmählich die Sprache wiederkam, und ich es versuchte, ihm das Werk darzustellen, wie ich es kenne, gab er mir recht. — Nun kommt eines:   B e e t h o v e n   i s t   n i c h t   i m   M e t i e r   a u f z u f ü h r e n.   Jeder Dirigent müßte darunter zugrunde gehen. Daher tuen sie völlig recht, sich eine Art „Ad-usum-delphini“-Beethoven einzurichten, den sie nun wöchentlich zum besten geben. Der wahre Beethoven gehörte zu ungeheuren Festtagen der Menschheit; was gäbe ich darum, wir könnten ihn hier aufführen! (die Quartette dagegen in die tiefste Intimität). Der „Hofrat“ geniert mich auch immer, Titel wollen mit der Musik absolut nicht passen, sie ist zu göttlich; und ich weiß es meinem Vater noch immer Dank, daß er — trotzdem er von der Weltgliederung viel hielt und so wenig Schopenhauerianer war, als man nur sein kann — keine seiner vielen Titulaturen (der „Hofrat“ war auch darunter) trug.
    Was das Hellsehen anbetrifft, so ist es gewiß, daß es besser ist, mit Vernünftigen als mit Irrsinnigen zu verkehren. Da aber das Phänomen da ist und absolut nicht zu leugnen, so ist es dem Philosophen nicht zu verdenken, wenn er sich es zu erklären versucht. Nicht sehr kräftigen Organisationen würde ich eher raten, diesen Dingen aus dem Wege zu gehen, aber daß diese Dinge — wenn auch selten — da sind, das, meine ich, ist außer Zweifel. Ihre Konstatation interessiert mich immer, es graut mir nur von dem Augenblick an, wo irgend etwas — Heilkunde, Lebenseinrichtungen usw. — daran geknüpft wird, denn dies geschieht, dessen bin ich überzeugt, auf Kosten der Vernunft; und nicht anders wußten es die Alten, als daß den Sehern eigentlich nicht geglaubt wurde.
    Daß die eigenartige Dunkelheit im Stile Kants Sie anzieht, begreife ich sehr wohl, es ist dies nicht die Unklarheit, welche Leuten wie Hegel etc. zu eigen ist, aber sie gibt einem zu schaffen. Ich kenne leider die Schrift, von welcher Sie sprechen, nicht. Würde mich daran machen, wenn mein müder Kopf mich nicht in die Arme eines großen Lieblings von mir geworfen hätte: Sir Walter Scott, den Sie doch als Erwiderung des Liebeswerkes mit Ihrer armen Nichte vornehmen sollten.
    Den furchtbaren Schnitzer Schopenhauers bezüglich der Parasiten müssen Sie mir einmal erklären, aber die geflügelten Flöhe auch, denn ich zerbreche mir den Kopf, warum, da sie so schön springen können, sie noch Flügel haben mußten, und warum sie sie dann aufgaben.
    Soll ich noch sagen, daß der Widerwille, den Sie gegen den großen Denker haben, mir einigermaßen mit der Klage der Athener gegen Äschylus verwandt erscheint, wegen Preisgebung der Eleusinischen Geheimnisse? Es liegt etwas wie Frevel in gewissen Enthüllungen, und mir war früher zumute, wenn Sch. mich in seine Klauen faßte, wie dem Ganymed von Rembrandt, der vom Adler gefaßt wird; aber zu den Höhen führt er doch, und ist er ein Frevler, so ist er es als Titan, wie der Prometheus.
    Nun höre ich aber auf; ich lasse diese Zeilen einschreiben, nicht aus Überschätzung ihres Wertes, aber weil ich weiß, daß ich Ihre Teilnahme für mich nie überschätzen kann.
    Leben Sie und die lieben Frauen wohl, und gedenken Sie meiner in Liebe!
    Richtig! Es schießt mir jetzt bei der Liebe durch den Kopf, daß ich vergaß, Ihnen über „Oper und Drama“ zu antworten. Gewiß wäre es besser, die Übersetzung geschähe der Reihe nach, und ich trage Sorge, daß die Auseinandersetzung über den Stabreim gänzlich unverstanden bleibe. Aber was geschieht denn mit Weisheit in unserer törichten Welt! Und wir müssen wohl jedes Gute, sei es noch so unzusammenhängend, begrüßen und fördern. Ich hatte vor, Sie zu bitten, die englische Übersetzung des „Lohengrin“ zu revidieren. Ihre armen Augen tun mir aber leid, und so schickte ich den Band Härtels zurück und wies sie an Dannreuther.
    Der „Tannhäuser“! Hier lassen Sie mich schließen. Er ist mir von der ersten Jugend an alles gewesen, und ich glaube, daß, wenn wir ihn hier brächten, es wohl etwas zu sagen haben würde. — Haben Sie Dank, meiner bei ihm und bei „Lohengrin“ gedacht zu haben. Die Pförtnerin bin ich hier, welche dessen harrt, daß die Feier beginne. Wann wird sie beginnen? Das „ce“ ist nicht sehr verheißend, allein, wie Gott will!

C. W.

„Duties“ will mir gar nicht brahmanisch, eher Max Müllerisch erscheinen, denn hier ist doch die Gnade gemeint, welche mit den Pflichten ungefähr so viel zu tun hat wie mit dem Staate. Wenn Sie einmal viel Muße, viel Überschuß, viel Andacht haben, lesen Sie doch von Stein den „Tauler und der Waldenser“. Ich glaube nicht, daß man schöner den Zustand der Gnade und die Glückseligkeit hienieden schildern kann. Gewiß haben die Menschen mehr Herz als Phantasie, sie müssen   s e h e n.

45-46 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


27. Dezember 1888. 3 Reichenbachstraße. Dresden.

    Daß ich nicht schon längst auf Ihren schönen, langen Brief vom 12. Dezember antwortete, werden Sie, hochverehrte Meisterin, gewiß richtig gedeutet haben — täglich hätte ich es tun und mit Ihnen von allem Denkbaren und Undenkbaren plaudern wollen; da ich aber die schöne Sitte des Briefzerreißens gar nicht übe, sondern stets darauf losschwatze — comme le coeur m'en dit — und schleunigst den noch „ganz warmen“ Brief in den Kasten werfe, so empfand ich es als eine Pflicht, Sie zu schonen. Und nun kam das Weihnachtsfest heran, das eigentliche   F a m i l i e n f e s t,   ich dachte viel daran, daß Sie in dem schönen, lieblichen Baden waren und alle Ihre Kinder um sich herum hätten, und ich hoffte, daß Sie den strengen Befehl zu Hause gelassen hatten, keine Briefe nachsenden!
    Vielleicht aber, daß diese Consigne jetzt gehoben ist? Diese Zeilen verdienen es, wenigstens, eine Ausnahme zu bilden, denn mein heroischer Entschluß, Sie mit einer (dennoch immer drohenden!) Plauderei über Schopenhauer, Kant, Geistersehen, Beethoven, meinen neulichen Traum von Ihnen und Ihrer Entdeckung eines „Wahrheitshemdes“ (!!!), mit einem schonungslosen Angriff auf Ihre Meinung, daß die alten Inder einen dem unsrigen verwandten Begriff von der „Gnade“ hatten — über Bescheidenheit, über erlebte Theateraufführungen etc. —‚ meinen heroischen Entschluß, Sie mit dem allen zu verschonen, werde ich doch wahrlich nicht in dem Augenblicke aufgeben, wo Sie Neujahrsgratulationen und dgl. zu erledigen haben. („L'éternel rêve d'arriver à se chuchoter un jour de mutuelles félicitations sur cet état de choses“ — wie mein lieber Laforgue sagt.)
    Nein! Ich habe eine Frage an Sie zu richten. Vom Aller Besten [Agénor Boissier] bekam ich heute ein paar Zeilen, die mir — zum erstenmal seit lange — wirkliche Freude machten. Zwar enthielten sie gar nichts von Belang, sie atmeten aber eine frischere, gesundere Luft. Er erwähnt, daß er „avec enchantement“ fortfährt, den Briefwechsel [zwischen Richard Wagner und Franz Liszt] zu lesen, und das wird auch die Erklärung dieses entschiedenen Wechsels in der Stimmung sein. (Hätte man doch erst alles französisch!) Und nun frägt er nach dem Datum jener „Tristan“-Aufführung in Dresden, von der er neulich sagte, er werde nicht hinkommen können. Ich bitte Sie, mir gefälligst sagen zu wollen, ob jenes Projekt noch besteht?
    Da ich gestern den „Tannhäuser“ wieder hörte, so schreibe ich ausführlich an Boissier hierüber; — gar nicht ein Plädoyer für Bayreuth, sondern über die Aufführung etc. — Erst jetzt bin ich mir selber ganz klar geworden über mehrere prinzipielle Punkte betreffs der Aufführung der „ersten Trilogie“, etc. — Heute waren wir nachmittags bei den guten, lieben Kietzens. Der junge Mann hat in den Zeitungen gelesen, daß eine Musteraufführung des „Tannhäuser“ stattfinden soll in Karlsruhe!
    Da die Schreibmaschine doch gerade aufgezogen ist — soll ich ihr aufgeben, Ihnen Neujahrswünsche zu überbringen? Es ist nicht etwa, daß ich das Banale fürchte — darüber wurden wir ja bereits in einem Zwischenakt von „Parsifal“ einig. Was ich aber sagen möchte, könnte ich kaum „chuchoter“, und was ich aus tiefstem Herzen täglich bete, wofür ich Ihnen täglich danke, was ich täglich für Sie hoffe — das erzählen Ihnen gewiß die Engelein, nicht wahr?
    Trotz alledem will ich nicht ermangeln, Ihnen und Ihren lieben Kindern meine herzlichsten Wünsche für das neue Jahr zu senden.
    Ihr ganz ergebener

Houston S. Chamberlain.

47-48 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.


Silvester 1888.

    Ich hatte Sie mir zum Silvestertag reserviert, Freund, nun bin ich von dem dümmsten Leiden — Zahnweh — heimgesucht und kann nur Notizen senden.
    „Tannhäuser“ — Karlsruhe? Ein Zankapfel zwischen Mottl und mir; ich wollte nicht, daß er die neue Szene gäbe, weil sie in Karlsruhe unmöglich; nun tut er es doch (der — Musiker!), als ich aber sagte, ich würde kommen, um mir die Wirtschaft anzusehen, sagte er: dann würde er sich den Arm verstauchen.
    Das Ergebnis meiner Reise war — ein Maler! Welcher mich es begreifen ließ, daß Goethe jedes Zeichnen höher hielt als alle Literatur. Denn da ich ihn mit Gottfried Keller vergleichen wollte, empfand ich, wie das Gestaltete höher als alles   G e s c h r i e b e n e   steht. (Hans Thoma in Frankfurt hat Illustrationen zum „Ring“ gemacht; vielleicht dem Allerbesten zu empfehlen?) Am Ende trägt mir diese Bemerkung einen schonungslosen Angriff zu?... Ich hätte also was Dummes über Indien gesagt? Wundert mich nicht. Am Ende aber — dies die Zuflucht aller Dummen! — haben Sie mich nicht verstanden?...
    Auf Ihren Traum biete ich Ihnen ein Paroli; in der Nacht vor der Ankunft Ihres Briefes träumte ich, Sie hätten ein Klavier erfunden, bei welchem man nur bestimmte Röhren zu ziehen hätte, um andere Klaviere ersticken zu machen. Sie zogen diese Röhren, was mich sehr ärgerte, weil mein Vater mir soeben auf einem andern Klavier vorspielen wollte (das sahen Sie nicht). Was ist nun nützlicher, Ihr Klavier oder mein Wahrheitshemd? Wenn ich in Deutschland erzogen wäre, würde ich Ihnen letzteres übelnehmen. Denn es sieht aus, als ob ich die Wahrheit verhüllen wollte oder das Falsche als wahr ausgeben.
    Sehr drollig sagte mir Thoma (ein ganz naiver Schwarzwäldler), man dürfe in Deutschland nicht scherzen. Ein launiger Einfall   o h n e   A b s i c h t   würde gar nicht verstanden!
    Werden Sie mich lesen können? Ich kann es nicht. Gleichviel, Sie werden mich erraten. Gott! Die Inder und die Gnade! Jetzt stehe ich so tief wie Schopenhauer in Ihrer Achtung!
    Ich bin ganz einsam, fühle mich dabei wohler als unter vielen Menschen. Das war eine Platitude oder Banalität, mit welcher wir selbstbewußt das alte Jahr schließen. Sie sind so kurios, daß ich nicht den Mut habe, Ihnen Gesundheit zu wünschen, aber Segensgrüße für Sie und Ihre liebe Frau, dazu habe ich den Mut, und diese entsende ich aus vollem Herzen.

C. W.
 
 

Aus dem Jahre 1889





48-55 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Dresden 22/1 89.

    Ich habe gedacht, hochverehrte Meisterin, ich müßte nach Böhmen gehen, oben auf einen Berg, ehe ich je dazukäme, Ihnen zu schreiben — und gestern früh war mein Tornister fertig gepackt, statt dessen konnte ich nicht einmal auf die Straße gehen (vor Glatteis)! Also muß ich es doch hier versuchen, im Dachkämmerchen. Ich hatte aber in diesen letzten Wochen so viel und beständig an Leute zu schreiben, denen ich gar nichts — rein gar nichts — zu sagen hatte, noch wußte — und es ging immer langsamer, weil ich in Gedanken an Sie schrieb —‚ daß jetzt, wo ich endlich mit Ihnen reden kann, alles, alles verschwunden ist, jetzt habe ich auch   I h n e n   gar nichts zu sagen. Nur eines soll diese Zeilen an Sie von denen an die anderen unterscheiden: ich werde mir keine Mühe, kein Kopfzerbrechen machen, die Schwatzmaschine und die Druckmaschine sollen frei walten, und — ebenso eingebildet wie Pontius Pilatus — werde ich dann behaupten: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ Ich denke, Sie werden schon merken, was ich wirklich schrieb und was auf Konto der Druckmaschine zu setzen ist, nicht wahr?
    Was meinen Traum von Ihnen und dem „Wahrheitshemde“ anbelangt, so könnten Sie es mir nicht übelnehmen, selbst wenn Sie in Deutschland erzogen wären! Denn von   I h r e r   Wahrheitsliebe war ebensowenig die Rede wie von meiner — desto mehr von der aller anderen Leute aber. Sie und Ihre Kinder hatten ein hemdartiges Kleidungsstück erfunden, welches die wunderbare Eigenschaft besaß, daß, wer es auch anzog, gewissermaßen durchsichtig wurde. Das heißt, er wurde dies weder in dem buchstäblichen Sinne noch in einem metaphysischen Sinne, sondern seine Gedanken, seine Gesinnungen lagen klar und ohne Hehl vor einem. Im Traume schien mir die Sache höchst einfach, jetzt kann ich den Sinn nur durch einen Hinweis auf Mime im zweiten Akt des „Siegfried“ klarmachen. Die Leute mochten sprechen, was sie wollten; man sah ganz genau, was sie verschwiegen oder entstellten. Es war in Wahnfried während der Festspiele, und unter allerhand Vorwänden zogen Ihre Töchter dieses „Wahrheitshemd“ (so hieß es, ich kann nichts dafür) verschiedenen Gästen über. Da Sie nur mich eingeweiht hatten, so war ich auch der einzige, der die Sache verstand, während die anderen meinten, es wäre irgendein Jugendstreich Ihrer Kinder.
    Seitdem hatte ich aber wieder einen schönen — einen schöneren — Traum. Ich träumte, in Bayreuth wäre ein überaus herrliches Festspielhaus errichtet worden. Unbeschreiblich schön war es; und die großen Säulengänge, die in weite Gärten führten, überall mit wunderbaren Statuen (denn alle Künste waren da zur höchsten Blüte vereinigt), lassen mich denken, daß auch das Klima sich geändert, sich harmonischer gestaltet hatte. Tausende und Tausende von Menschen waren zusammengeströmt aus allen Weltteilen; die erste Aufführung sollte beginnen. Ich aber war inzwischen gänzlich erblindet; aber — o du liebe Idealität von Zeit und Raum! — ich sah alles viel besser wie früher, es war eine andere und umfassendere Art, zu sehen. Wie verhöhnte ich innerlich die Menschen, die mich bemitleideten! Aber infolge irgendeines wunderbaren Eigensinnes wollte ich ihnen nicht erklären, daß ich doch besser als sie alle zusammen sähe — ich ließ sie dabei. Nur   S i e   wußten die Wahrheit, wahrscheinlich aus Reziprozität dafür, daß Sie mir in einem früheren Traume das Geheimnis des Wahrheitshemdes anvertraut hatten? Sie gestatteten mir, Sie in Ihre Festspielhauszelle zu begleiten, jetzt eine prunkvolle Reihe von Räumen! — und der Traum endete mit einem echten „Traumeinfall“: Sie holten eine Karte aus der Tasche heraus und sagten mir: „Ich habe einen Platz für Sie reservieren lassen; aber nicht wahr, Sie nehmen es mir nicht übel, daß es ein sogenannter schwarzer Platz ist, halb hinter einer Säule, ich wußte ja, Sie sehen doch überall, oder gar nicht, wie man es nehmen will!“
    Diese durch die Traumerzählung hereingeplatzte Idealität von Zeit und Raum macht die Schreibmaschine ganz perplex, denn die dadurch geweckte Gedankenassoziation führt drei verschiedene Wege, drei verschiedene Kombinationen von Buchstaben, die nicht gleichzeitig herzustellen gehen: Schopenhauer, Brahmanische Weisheit und Walter Kietz. Am direktesten ist wohl der Zusammenhang mit Schopenhauer.
    Sie meinen in Ihrem letzten Briefe, Sie „stünden nun so tief in meiner Achtung wie Schopenhauer“ — worauf ich Ihnen erwidern kann, daß Sie dann nicht schlecht aufgehoben sind. Wenn auch Ihre Apologie mich ebenso interessiert wie gerührt hat, ich kann Ihnen versichern, sie war nicht nötig. Daß ich manchmal keine Zeile von Schopenhauer lesen kann, das kommt einfach daher, daß seine Persönlichkeit auf jeder Seite seiner Schriften im Vordergrund steht, und daß es mir ganz unmöglich ist, von derselben zu abstrahieren; kehrt er nun gerade alles Eklige und Kleinliche von sich heraus an dem Tage, und ich bin dagegen in etwas gehobener Stimmung, nun, da geht es nicht, ich gerate in Wut und bin für den ganzen Tag (womöglich auch Nacht) ganz „upset“ und unfähig, zur Ruhe zu kommen. Aber eine Kritik von Schopenhauer bedeutet dies wahrlich nicht; wie sollte ich ihn anders wollen, als er ist? Wie sollte ich dem Großen, dem Freunde anders als dankbar sein, daß er sich mir nähert, daß er — in welcher Form es nun gerade ausfallen mag — sein Individuelles, das Greifbare, Faßbare mir offenbart? Sie können glauben, daß ich darin wirklich groß denke: ich will immer Menschen, ganze Menschen, und wie sie gerade sind. An einem organischen Wesen gibt es keine Fehler; sie sind so, wie sie gerade sind; an dem Zuschauer liegt es, sich zurechtzufinden. Auch liegt es mir fern, den philosophischen und moralischen Begriff von Pessimismus mit den Erscheinungen des täglichen Lebens zu verwechseln oder zu vermengen, die von Dyspepsie, von Leberkrankheiten und dgl. herrühren.
    Dagegen möchte ich Ihnen gern ganz offen gestehen, daß ich mit einer ganzen Seite von Schopenhauers Denken mich gar nicht befreunden kann — und zwar aus philosophischen Gründen.
    Daß er ein Dogmatiker ist, das geniert mich nicht im mindesten; nur dadurch konnte er das Gebiet der Mystik betreten. Gewiß ist es ein sonderbares Geschick, welches die Kantsche Kritik betroffen hat, daß der einzige, der an ihr groß wuchs, sie vollständig über Bord warf; das ist aber eine alte Geschichte, und da der gute Kant schon lange ruht, brauchen wir uns nicht für ihn zu grämen. Daß man also die Kritik der reinen Vernunft und die durch sie so scharf und eng gezogenen Grenzen menschlicher Erkenntnis gewissermaßen nur als Sprungbrett benutzt, um das kühnste Salto mortale in das Gebiet des Absoluten zu tun, welches je gewagt wurde, das soll mir recht sein, der Schwimmer war auch danach. Was mir aber nicht recht ist, das ist die Vermengung beider Gebiete, wie sie so häufig bei Schopenhauer vorkommt. Das sollte nach Kant wirklich nicht vorkommen dürfen; und das ist einer jener Punkte, bei welchem mich alle Bescheidenheit und alles Gefühl meiner Ignoranz verläßt, und ich kühn und hoch behaupte: der Mann hat unrecht! Es ist das ein durchaus falsches, unlogisches Verfahren; es ist ein tiefer, unverbesserlicher Fehler, der sich durch sein ganzes Denken zieht, und mancher herrliche Gedankengang wird dadurch für den einen abstoßend, für den anderen verwirrend und irreleitend.
    Ein besseres Beispiel könnte man nicht haben als diesen Aufsatz über das Geistersehen. Schon der gänzliche Mangel an wissenschaftlichem Instinkt ist hier höchst auffallend; denn er will doch von   T a t s a c h e n   sprechen, und da wäre es die erste Pflicht, dieselben festzustellen. Weit entfernt, dies zu tun, zitiert er allerhand Geschichten aus Büchern, zum Teile Jahrhunderte alte, von denen es höchstwahrscheinlich scheint, daß sie von leichtgläubigen, wissenschaftlich gänzlich ungebildeten Leuten, d. h. also von schlechten Beobachtern geschrieben wurden. Sie werden sich entsinnen, daß Schopenhauer auf der letzten Seite seines Aufsatzes von den Schriften eines gewissen Kerner spricht als „den beglaubigtesten und ausführlichsten, gedruckt vorliegenden Geisterseherberichten“; nun habe ich aber im Laufe dieses selben Aufsatzes mir notiert, daß Schopenhauer diesen selben Kerner das eine Mal „leichtgläubig“, das zweitemal „befangen“, das drittemal (allerdings nur in einer vielleicht später hinzugekommenen Anmerkung) sogar „unverantwortlich leichtfertig“ nennt! Soviel zur Charakterisierung der Autoritäten, auf die Schopenhauer sich beruft. Eine einzige Tatsache stammt aus seiner eignen Erfahrung; die muß uns ganz besonders interessieren, denn da sehen wir ihn selbst am Werke, und werden wir also beurteilen lernen, ob er jene strenge Kritik übt, die zur Feststellung selbst der einfachsten Tatsachen nötig ist (wieviel mehr bei solchen ungeheuer komplizierten!). Hier aber verfährt er so unglaublich, ja geradezu phänomenal leichtfertig, daß Herr Kerner nicht schlimmer hat sein können. Er vergießt Tinte auf den Boden, und sein Dienstmädchen hatte geträumt, daß sie an dem Tage scheuern würde: — das genügt, um eine so ungeheure Sache wie die Annahme von „theorematischen Träumen“ zu begründen und zu beweisen! Aber warum hat er nicht zuallererst festgestellt, ob das Mädchen nicht häufig von „scheuern“ träumte; dieses scheint doch ein recht passender und selbstverständlicher Traum für eine Magd; und die Beweiskraft dieses Zusammentreffens wäre eigentümlich geschwächt, wenn es sich herausgestellt hätte, daß es nicht selten vorkam. Ich besitze so ein kleines Traumbuch, wie Dienstmädchen sie meist haben; ich habe niemals etwas darin gefunden, was irgendeinem von meinen Träumen auch nur im entferntesten ähnelte, dagegen Kochen und Waschen, auch „Tinte verschütten“! etc. — Hätte Schopenhauers Mädchen etwas ganz Ungewöhnliches geträumt — etwa, daß sie für ihren Herrn Schreiben würde, und er hätte sich das Handgelenk verstaucht, und sie hätte wirklich einen Geschäftsbrief für ihn schreiben müssen —‚ die Sache wäre wirklich auffallend; aber so kann ich sie nur lächerlich finden. Wenn Schopenhauer selbst in dieser Sache so verfuhr, so kann man schwerlich viel auf sein Urteil bezüglich der Glaubwürdigkeit anderer geben.
    Diese ganze Sache der mangelhaften Begründung bez. der zu erklärenden Tatsachen erwähne ich aber nur nebenbei; sie hängt aber — symptomatisch — eng zusammen mit dem tieferen und weittragenderen Fehler Schopenhauers.
    In Ihrem Briefe sagen Sie: „Daß er einen wissenschaftlichen Fehler begangen hat, hat doch gar nichts auf sich, denn seine Erklärung dieser Phänomene beruht in der Durchführung der Erkenntnis von der Idealität von Zeit und Raum...“ Aber bitte, bitte, nicht so schnell! Wissen Sie denn, was Sie da alles gesagt haben? Denn gar viel haben Sie gesagt. Und gar graziös sind Sie weggehüpft über den schlimmen Denkfehler, der zugrunde liegt. Erstens ist es nicht der Fall, daß Schopenhauer diese Phänomene nur durch die Idealität von Zeit und Raum erklärt, da müssen Sie mich entschuldigen, ich habe die ganzen langen Auseinandersetzungen über „Bauchganglien“ und dgl. viel ernster genommen wie Sie; wie ich auch überzeugt bin, daß Schopenhauer sich selbst sehr ernst genommen hat. Sie glauben aber nicht, welche Freude mir Ihr Satz gemacht hat. Denn — wie immer — Sie haben das Richtige herausgefühlt, Die Idealität von Zeit und Raum ist die einzige wirkliche, die einzige eigentliche Erklärung, welche Schopenhauer gibt (die Bauchgangliengeschichte hat nicht viel auf sich). Daß Schopenhauer aber seine ganzen physiologischen Theorien immer wieder vorbringt, und daß er sie immer   v e r m e n g t   mit denjenigen Betrachtungen, die auf rein transzendentalem Boden sich bewegen, also zwei Sachen miteinander vermengt, die nichts Gemeinsames haben, noch haben können, das ist ein sehr großer Fehler, in den Schopenhauer nur zu oft verfällt. Wer hier nicht sehr klar selber denkt, wird so verwickelt in diese ganze unlogische Diskussion, daß Schopenhauer — der Klare! — mir an solchen Stellen wie der richtige Apostel der Konfusion erscheint. Dieser Fehler aber — den ich mir die Freiheit nehme, als einen solchen zu rügen — beruht auf einem Grundirrtum. Und ich weiß nicht (da ich doch einmal in der „veine“ bin, mir Freiheiten zu nehmen, sage ich es aufrichtig), ich weiß nicht, ob Sie es vermögen, denselben einzusehen. Wenigstens mußte ich mit Erstaunen bemerken, wie viele geschulte Denker diesen Fundamentalsatz, der das eigentliche Ergebnis des Kantschen Denkens ist, einfach nicht zu fassen vermögen.
    Die Folge der Lehre vom transzendentalen Idealismus ist: daß wir nie werden etwas anders fassen, denken,   e r k l ä r e n   können, als in den Formen, in denen unser Geist allein denken und begreifen kann. Anderseits aber, es mag ein Phänomen noch so wunderbar erscheinen, wir werden es schon in unsere Gesetzmäßigkeit bringen und es   m a t h e m a t i s c h   erklären, wir müssen das, es ist eine Funktion unseres Lebens, ebenso wie die Verdauung der Nahrung durch den Magen. Und wir können es, gerade weil die Gesetzmäßigkeit in uns selbst sitzt, wir können es immer, das ist eine unausbleibliche Folge der Kantschen Lehre, und was wir heute nicht können, das können wir morgen. Wenn eine alte Frau im hypnotischen Zustand es vermag, den Kaiser von China zu sehen, wie er in seinen Gärten in Peking spaziert, so habe ich (nach sorgfältiger Feststellung einer genügenden Anzahl von Fällen) die absolute Sicherheit, daß dieses Phänomen wird durch die mathematische Physik so klargemacht werden können, auf eine so strenge Formel wird reduziert werden können wie die Bewegungen der Sterne. Dieses — ich meine, diese Überzeugung — folgt mit strenger Notwendigkeit aus der Annahme des transzendentalen Idealismus. Es ist aber — und bleibt in alle Ewigkeiten — ein einfacher   U n s i n n,   mit Hilfe transzendentaler Spekulationen Phänomene   e r k l ä r e n   zu wollen, welche in das Bereich unserer Sinneswahrnehmung fallen. Kant schreibt: „Übrigens ist die Berufung auf immaterielle Prinzipien eine Zuflucht der faulen Philosophie, und darum auch die Erklärungsart in diesem Geschmacke zu vermeiden, damit diejenigen Gründe der Welterscheinungen, welche auf den Bewegungsgesetzen der bloßen Materie beruhen, und welche auch einzig und allein der Begreiflichkeit fähig sind, in ihrem ganzen Umfange erkannt werden.“ Mag auch ein Knabe im magnetischen Schlaf (wie dies Schopenhauer berichtet) mit der Nasenspitze sehen, statt mit den Augen; es ist entschieden taktlos von dem Jüngling, aber der Idealität von Zeit und Raum gegenüber ist es nicht eine Spur mehr oder weniger wunderbar, als wenn er so rücksichtsvoll wäre, weiter mit den Augen zu sehen.
    Kurz — nach meiner Meinung ist dieser Aufsatz von Schopenhauer über Geistersehen durchaus zu verwerfen; es ist eine durchweg schlechte Arbeit — wie so manche andere von ihm —‚ mit der er weder der Wissenschaft noch der Philosophie gedient hat.
    Nur auf transzendentalem — rein transzendentalem — Gebiete kann ich Schopenhauer folgen. Auch dort bleibe ich des großen Prinzips eingedenk (das ich auch direkt aus der Lehre des kritischen, transzendentalen Idealismus ziehe): daß es auf empirischem Gebiete immer nur   e i n e   Wahrheit geben kann, auf transzendentalem dagegen   v i e l e.   Aber hoch sitzt der große Mann dort, unter den Offenbarern der vielgestaltigen, ewigen Wahrheit — ein Prophet, ein Künstler. Ich verehre ihn und liebe ihn und danke ihm aus vollem Herzen!
    Das muß ich Ihnen aber doch sagen, daß ich niemals gedacht oder gemeint habe, daß Sie „eine Dummheit“ gesagt hätten. Ich glaube nur, daß Sie — in Gemeinschaft mit manchen anderen sich täuschen, und daß der Begriff der   G n a d e   (in einem dem unsrigen verwandten Sinne und wie ihn Heinrich von Stein gezeichnet hat) den   a l t e n   Brahmanen unbekannt war. Und zwar gründet sich meine Ansicht nicht auf die bloße Lektüre einer allgemeinen Kultur- und Literaturgeschichte, sondern auf ein liebevolles Versenken in die zwölf wichtigsten Upanishaden und auf das Studium von Barths „Religion de l'Inde“ und Deußens „Vedanta“. Später allerdings — wie Barth erzählt — unterschieden die Inder zwischen „l'argument du chat“ — Dieu saisit l'âme et la sauve, comme un chat ses petits, — und „l'argument du singe“ — L'âme saisit Dieu et se fait sauver par lui, comme le petit du singe s'attache au flanc de sa mère. Das war viel später, im Hinduismus, in der Zeit des gänzlichen Verfalles. Und Barth selber konstatiert, daß die Idee der Gnade dem alten indischen System „à peu près étrangère“ ist.
    In einer   e i n z i g e n   Stelle heißt es: das   S e l b s t   könne nicht durch Verstand, nicht durch große Gelehrsamkeit erlangt werden, sondern nur, wen das Selbst erwähle, von dem nur könnte es erlangt werden. Aber gleich darauf fügt die Upanishad hinzu, ein weiser Mann, der mit Ernst, Kraft und rechtem Sichversenken danach strebe, könne die Erkenntnis des Selbst erlangen. Und Deußen, der sowohl als ein Jünger Schopenhauers als auch infolge seiner ganz einzigen Kenntnis der „Vedanta“ wohl gehört zu werden verdient, berichtet, daß die Gnade nur im   e x o t e r i s c h e n   System zu finden ist; „vergebens“, sagt er, „suchen wir, was im esoterischen System dieser ,Gnade Gottes' entspricht“. Und das ist also im   „V e d a n t a“,   also Jahrhunderte nach den Upanishaden!
    Nach meiner Meinung, die ich mit aller Bescheidenheit ausspreche, ist der Begriff der Gnade mit der alten, echten brahmanischen Religion überhaupt unvereinbar.
    Jedoch hierüber später mehr..,

Ihnen ganz ergeben

H. S. Chamberlain.
 

55-56 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Bayreuth, den 24/1 89.

    Gar schöne Dinge, aber auch böse, haben Sie mir in Ihrem jüngsten Briefe gesagt! Wie soll ich denn da weiter mitreden, wenn ich den kantischen Gedanken nicht fasse?
    Und überträumen kann ich Sie schon gar nicht mehr. Also geschlagen, daß es eine Art hat. Ein armer Peltast gegen einen Hopliten! Gott, wenn Sie so mit dem großen Geschütz der Wissenschaft angerasselt kommen, was soll ich da tun?
    Ich riskiere aber doch noch die kleine bescheidene Bemerkung, daß die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen bei Schopenhauer mir immer ein wenig den Eindruck der kontrapunktischen Kunststücke bei gewissen Musikern gemacht haben, welche damit zeigen wollten, daß sie das auch könnten. Und wenn er hinfällige Beweise bringt (wie der „Traum der Magd“, der mich immer ungeheuer erheitert hat) und Justinus Kerner (von dessen Geschichten ich vielfach gehört habe, daß sie unbeglaubigt sind), so spricht das doch nicht gegen seine Theorie, sondern nur die Beweise sind schlecht, und läßt es sich annehmen, daß andere die richtigen Beweise herbeiführen werden. Auch scheint es mir, daß er, indem er seine Abhandlung über das Geistersehen in die Parergen verlegte und sie „einen Versuch“ betitelte, uns bestimmt angegeben hat, wie wir sie aufzufassen haben. Aber, wenn ich Sie recht verstanden habe, so finden Sie seine Methode verwerflich. Da fällt es mir sehr schwer, Ihnen zu folgen. Wir sprechen noch darüber, wenn es Ihnen Vergnügen macht, und wenn Sie nicht gar zu wissenschaftlich mit mir verfahren. Auf Wiedersehen also! Das ist das beste.
    Seien Sie beide auf das innigste und wärmste gegrüßt von Ihrer C. W.

    [Der Gedankenaustausch über Schopenhauer wurde gelegentlich eines Besuches in Dresden, wo Frau Cosima Wagner in den letzten Januartagen 1889 im Hotel „Union“ wohnte, fortgesetzt. Unterm 28. 1. 1889 berichtete sie darüber in einem Briefe an ihren Sohn Siegfried:]
    „...Um 7 zu Chamberlains, wo ich mich immer sehr wohl fühle. Wir hatten eine große Schopenhauer-Diskussion, auf welche ich mich aber sehr gerne einließ, da er wirklich eine ganz außerordentliche Intelligenz und Seele hat.“
 

56 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Dresden, 29/1 1889.

    Als ich vorhin nach Hause kam, verehrte Meisterin, fand ich meine Frau in Tränen, und bald nachher heulte meine Dachkammernachbarin, die kleine Köchin; sie hatte sich beurlauben lassen, in der Hoffnung, Sie hier im Hause zu sehen, und war zu spät gekommen!
    Ich fürchte, es blieb nur ein Auge trocken, das keltische, keiner Kultur zugängliche; nur das B-Dur-Quartett [Beethoven, Op. 130] konnte sagen, was es meinte. Dabei entdeckte ich dem 2ten Satze (Presto) eine ganz neue Bedeutung (die Veröffentlichung dieser Theorie behalte ich mir vor): das 4/4tel-Tempo — das himmlische — ist entschieden der Traum eines im Schnellzug von Dresden nach Bayreuth Dahinsausenden; das niedliche, hüpfende 6/4tel sind die Haltestationen in Reichenbach, Hof etc. „Warme Wierschtel! — Neuestes Tageblatt“ etc. Das Andante ist das zurückgebliebene, nicht weinende Auge. Das Alla Tedesca bedeutet Gutes für die 8ger Festspiele. Die Kavatine ist, was in Schopenhauer wahr ist.
    Viele, viele Grüße! so viel   D a n k!   Können Sie mich gebrauchen, so wie ich nun einmal bin? Oder geht es nicht?

In Ehrfurcht, Treue und Eigensinn

Ihr ergebenster Kelte.
    (Die Frage, ob es überhaupt Kelten gäbe, soll damit nicht präjudiziert werden.)
 

56-57 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Mitternacht (29.—30/1 89, Dresden).

    Natürlich mußten Sie mir wieder zuvorkommen und mich als Kelte ärgern!,... und das trockene Auge;   d i e   Kälte!...
    So hilft man sich mit Scherzen, wenn einem recht ernst zumute ist!
    Meine „armidischen“ Künste sind nun zu Ende, und ich kehre zur Heimat zurück... Habe ich Sie denn nicht gleich genommen, wie Sie sind? Als ob ich nicht alles gleich gewußt hätte!...
    Ihnen beiden meine besten Gefühle. Und Wenn Sie glauben, daß ich der kleinen Köchin eine Freude mit einer Photographie von Bayreuth (oder sonst) machen kann, sagen Sie es mir.

Von Herzen die Ihre            C. W.
 

57-58 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Am Tage 1 nach der Hegira aus Dresden.

    Ihr Gedanke bez. der kleinen Köchin, hochverehrte Meisterin, ist so reizend — so echt Sie! — und erfordert eine sofortige Antwort. Ich sollte meinen: ja! — Denken Sie an unser vorgestriges Gespräch über die arbeitenden Klassen. Die Kleine und ihr Bruder, ein Schlossergeselle, sind (wie ich jetzt erfahren habe) „enragierte Wagnerianer“ — gewiß nicht schlimmer oder dümmer wie so mancher „Freund“. Wenn Sonnabend oder Sonntag eine Aufführung im Hoftheater stattfindet, so lassen sie es sich 50 Pfennig kosten (etwa 20 Mark für einen wohlhabenden Mann). Jetzt verstehe ich auch, warum der gute „Herr Krause“ mich Sonntags oft bis nahe an die Verzweiflung bringt mit dem Brautchor aus „Lohengrin“, gesungen zu den Klängen einer Gitarre, mit Variationen und herzzerreißenden Modulationen.
    Eine andere Freude hatte ich auch heute. Sie entsinnen sich, daß ich mich etwas zu lebhaft mit dem Aller Gutesten [Adolf Groß] über zwei Stipendiaten auseinandergesetzt hatte im vorigen Sommer? Weder „Parsifal“ noch (besonders) die „Meistersinger“ hatte auf sie den richtigen Eindruck gemacht, da bei der großen Entfernung sie nicht eine Spur von Mienenspiel unterscheiden und bei dem beständigen Geräusch in der Galerie auch die Worte nicht deutlich hören konnten. Da zerriß ich ihre Scheine und kaufte ihnen Plätze: der Erfolg war der erwartete, ein enormer, ein Eindruck für das ganze Leben. Und jetzt, in ihrem kleinen, ganz abgelegenen Städtchen blüht ein Wagner-Verein von gegen 40 Mitgliedern, und morgen ist Probe zu einem Konzert mit Bruchstücken aus „Parsifal“ und „Meistersinger“, mit einem Vortrag über Bayreuth, über die Werke etc.! Und so wird die frohe Botschaft ins Herz des Volkes getragen. — Glaubt der Aller Guteste wirklich, daß die österreichischen Juden, die auf den zwei Plätzen gesessen hätten, dasselbe davon gehabt und dasselbe dafür getan haben würden? Du lieber Gott! ist die Weltklugheit — in eine von den fünf Klassen gehörig?
    Jedenfalls hat dieser Fall mich sehr gefreut, und Ihnen wird er, ich weiß es, Freude machen. Die heutigen Zeitungen berichten, daß Sie hier sind und morgen in die „Meistersinger“ gehen. Entschuldigen Sie die Schmiererei; ich schreibe mitten im Arbeiten. Ich werde Sie ja lange nicht wieder belästigen, nur zehren von Erinnerungen.

Ihr ganz ergebenster

Houston S. Chamberlain.
 

58-59 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Bayreuth, am 1/2 89.

    Hier, mein Freund, die Photographie für die kleine Köchin. Ich überlegte mir einen Augenblick, ob mein Bild ihr mehr Vergnügen machen würde, dann schien mir aber das andere mehr Sinn und Bedeutung zu haben. Haben Sie Dank für Ihre lieben Zeilen. Ich dachte heute, daß Sie beide es mit mir getan hätten wie mit den welkenden Blumen. Denn entschieden habe ich mich in Fällen der Müdigkeit bei Ihnen wieder auflebend gefunden!
    Ich habe allerhand vorgefunden, wie Sie sich wohl denken, und das: „Ach, wäre ich ein Hirt!“ [Shakespeare, „Heinrich VI.“; 3. Teil, 2. Aufzug (Monolog)] kommt mir wohl zuweilen in den Sinn.
    Ihre Mitteilung über Ihre Schützlinge hat mich sehr gerührt. Das sind die Erfahrungen, die uns immer wieder Mut machen. Aber viel Mut gehört zum Weiterhandeln.
    Ich erhielt heute früh die Gita-Govinda, von Rückert übersetzt; sie scheint entzückend zu sein. Aber auch mit den Büchern bin ich jetzt bloß mehr auf einen Liebesblick angewiesen, und mit einer gewissen Wehmut gebe ich das, was ich gerne kennenlernte, auf das Bücherregal.
    Nun grüßen Sie mir „Mime“ [Chamberlains Hund] und den Frühling und die Sonne, wenn sie Ihnen scheint und Sie froh macht. Diese Nacht, wie der Wind tobte, dachte ich: jetzt sind die Kelten zufrieden. Ich fürchte aber, nicht; denn wenn ich nicht irre, so war es West. Heute soll es ganz gelinde draußen sein. Ich halte es mit der ruhigen Wärme und mag das Ungebildete in keiner Form. Das wäre wieder ein schönes Thema zum Zanken.
    Unsern platonischen Dialog führen wir nach den Festspielen aus; aber in einer sehr schönen Gegend. Vielleicht in Böhmen. Seien Sie beide, teuere Freunde, von ganzem Herzen gegrüßt, und bleiben Sie gut

Ihrer Ihnen treu anhänglichen

C. W.
 

59-60 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Bayreuth, 3/2 89.

    Es läßt mich nicht, Ihnen, Freund, zu sagen, daß die erste und vollständige Anmeldung für unsere Festspiele uns von einem Engländer gekommen ist. Sie war bis gestern die einzige, wo ein zweiter Engländer auch für die ganze Zeit der Aufführungen ein Landhaus zu mieten verlangte. Wenn Sie nicht wären, ich glaube, es hätte mich wehmütig gestimmt, daß nicht Deutsche den Anfang machten. Nun bin ich ganz heiter darüber, finde es ganz in der Ordnung und nehme es als ein gutes Zeichen an.
    Als ich die B-Dur-Quartettfahrt ausführte und von Neuenmarkt aus die wundersamen Wege zurücklegte, erschien mir unsere Abgeschiedenheit erhabener denn je. So mußte es sein, dachte ich mir, abseits von allem, und was ist die Mühseligkeit des Erreichens gegenüber der Größe dieses Außerhalb-Liegens? Ich bedarf der Zuflucht zu diesen Betrachtungen sehr; denn, weiß Gott, warum — ich gehe mit großer Schwermut an die diesmalige Verwirklichung. Die Inder wollen mir auch nicht recht helfen; ich komme dahinter, daß dieses weiseste Volk das tollste war, und wie ich gestern die Sage von den Bergen las, welche früher in der Luft herumgeflogen seien, schwindelte mir förmlich. Wer mir aber geholfen hat, das ist gestern abend Goethe. Bitte, tun Sie mir die Liebe, schlagen Sie die Abteilung „Parabolisch“ in dem zweiten Band der Gedichte auf und lesen Sie „Legende“, „Celebrität“, „Fuchs und Kranich“, „Begräbnis“, „Drohende Zeichen“, „Parabel“, „Bildung“. Vor allem die „Celebrität“ und die „Drohenden Zeichen“. Wir haben uns mit Siegfried krank oder besser gesund gelacht, und ich mußte an Ihre Vorliebe für die Niederländer denken. Dieser Humor ist doch das Göttlichste und Meisterlichste; natürlich kennen Sie diese Gedichte gut, aber man staunt immer wieder, wenn man sie aufs neue liest. Es ist, als ob man selbst sehr reif werden müßte, um diese Heiterkeit und Überlegenheit aufnehmen zu können,

„Die Schönheit hatte Schöne Töchter,
Der Geist erzeugte dumme Söhne“,
heißt es in einer der Palinodien, was uns geradeswegs platzen machte. Mein Bogen geht zu Ende. Da ist es besser, ich drücke Ihnen herzlich die Hand und höre auf.       C. W.
 

60-61 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Dresden, 3 Reichenbachstraße, 6. Februar 1889.

    Vielen, vielen Dank für Ihren Brief, hochverehrte Meisterin. Vor allem macht es mich glücklich, daraus entnehmen zu können, so glaube ich wenigstens, daß ich Ihnen schreiben   d a r f;   was ich sonst jetzt nicht mehr gewagt hätte, wo die Festspiele Sie so mit Arbeit überbürden.
    Entschieden haben Sie mir Glück gebracht: seit Ihrem Hiersein blühen die Schimmelkulturen herrlich; ich hatte viel zu arbeiten, weswegen ich auch nicht früher schon schrieb.
    Heute, bitte, nur ein paar Fragen — denn die Freundschaft kann man doch nicht besser gebrauchen, nicht wahr?, als indem man sie mißbraucht.
    1. Wo (ungefähr) findet sich die Stelle von „Beethoven als dem notwendig   i r r e n d e n   Künstler“? Sie können sich denken, wie ich diese Worte liebe; und als ich sie neulich aufschlagen wollte, merkte ich, daß ich nicht mehr wußte, wo sie zu finden.
    2. Herrn Bovets Bruder hat mir, unter anderem, auch die „Fünf Gedichte“ [von Richard Wagner] nach Südamerika ausgeführt; ich kann sie nicht wiedererlangen. Nun schickt mir der unselige Musikalienhändler die Sachen in zwei verschiedenen Tonarten (für höhere und tiefere Stimme). Das macht aber doch einen gewaltigen Unterschied, wenigstens bilde ich mir dies ein. Und ich wäre Ihnen   s e h r   dankbar, wenn Sie mir sagen würden, welches die ursprüngliche Tonart ist. Vielleicht sagen Sie es mir an den   „S c h m e r z e n“?   Und wie schrecklich ist es, daß die Herren Schott zu allem eine englische Übersetzung drucken müssen! (Ausdrucksvoll heißt z. B. „with emphasis“). — Ich dankte Ihnen noch nicht, daß Sie mir   k e i n e n   „Lohengrin“ zur Revidierung sandten: es ist mir nämlich gänzlich unmöglich, den einfachsten Satz aus einer Sprache in eine andere zu übersetzen.
    3. Aus Paris bekam ich Anfragen bez. der diesjährigen Aufführungen; was ich wußte, beantwortete ich, aber folgendes wußte ich nicht: Wie oft wird jedes der drei Werke gegeben? Welche Rollen singen Reichmann, Scheidemantel und Plank? Wer singt Marke, Gurnemanz und Pogner? — Zu dieser Nr. 3 bitte ich zu bemerken, daß es   m i r   ganz egal ist, ob Sie sie beantworten oder nicht; die Neugier ist nicht eine Spezialität der Kelten.
    4. Zufällig kenne ich gerade die „Parabolisch“-Gedichte sehr gut, diese und die benachbarten „Kunst“. Was ich aber nicht begreife, ist, daß „Drohende Zeichen“, „Begräbnis“, „Bildung“ gar nicht in meinen „Parabolisch“ zu finden sind. Haben Sie sich geirrt?
    Mit vielen Grüßen an Siegfried verbleibe ich in Ehrfurcht und Treue

Ihr ergebenster

Houston S. Chamberlain.

    Schreibmaschine fragt, ob Krug noch keinen Frühling ins Zimmer gesetzt hat? Ein Schmetterling wurde heute bei uns geboren!
 

61-62 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Bayreuth, den 8/2 89.

    Solche Fragen, wie Sie stellen, Freund, erheischen unmittelbare Antwort. Also
    1) Die Stelle über Beethoven, welche Sie meinen, wird wohl die in „Oper und Drama“ sein; Kapitel V (erster Teil, Seite 344 und 345), „Gesammelte Schriften“, 1. Auflage. Auf der 3ten Zeile von unten (Seite 344) kommt der Ausdruck vor: „...des notwendig irrenden Künstlers“. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß es das ist, was Sie meinen. Auch ist Seite 343, Zeile 7 von unten, „der urkräftige Irrtum Beethovens“ erwähnt.
    2) In der ersten, einzig gültigen Fassung der „Fünf Gedichte“ sind die „Schmerzen“ in Es-Dur, Schluß C-Dur. (Die Ausgabe mit englischem Text oder sonstiger Übersetzung ist greulich.)
    3) Das Personal der Festspiele würde im wesentlichen das gleiche wie im vorigen Jahre sein. Wollen Sie den Freunden sagen, daß wir zum letzten Male „Tristan“ und die „Meistersinger“ bringen und höchstwahrscheinlich eine   l a n g e   Pause — die Pause von einem Jahr ist sicher, ich glaube aber an 2 Jahre — auf diese Festspiele folgen wird, da ich (dies für Sie allein) meine Gedanken über die Bildung eines Bayreuther Personales und über die Vorbereitungen des „Tannhäuser“ habe.
    Fast möchte ich Sie beneiden, es mit den Schimmel-Kulturen und nicht mit den Moder-Gesinnungen zu tun zu haben.
    Aber Freund, was haben Sie denn für einen Goethe? „Begräbnis“, „Drohende Zeichen“ und „Bildung“ sind bereits in der Ausgabe in 40 Bänden aus dem Jahre I840 bei Cotta. „Begräbnis“, „Drohende Zeichen“ stehen hintereinander zwischen: „Die Hochzeit“ und „Die Käufer“. „Bildung“ sieben Gedichte später zwischen „Die Originalen“ und „Ein's wie's andere“.
    Nun aber eine Bitte von mir an Sie: Wollen Sie Ihre kleine Cellini-Geschichte auf meine Veranlassung hin an Mottl ebenfalls Schreiben? Derselbe antwortet mir nämlich: „Ist die Theresa-Arie wirklich die, welche Ihr Vater streichen ließ? Wissen Sie gewiß, daß da kein Irrtum waltet? Der jetzige ‚Cellini' ist nämlich   (n a c h   der ersten Fassung) ganz umgearbeitet, und die Umarbeitung hat, soviel ich weiß, Berlioz mit Benützung der Ratschläge Ihres Vaters unternommen. Wie käme also dieses wunderliche ‚Allegro' hinein?“ Sagen Sie bitte Mottl, daß ich Sie gebeten habe, ihm die Mitteilung zu machen.
    Was die englische Übersetzung anbetrifft, so hätte es sich hier mehr um die richtige Deklamation als um die Übersetzung selbst gehandelt. Aber ich war froh, es Ihnen zu ersparen.
    Grüßen Sie den Schmetterling! Er ist am Tag der Dorothea geboren; eine rechte Göttergabe. Man kann bestimmt den Stufen-Frühling von Lichtmeß an sehen. Krug hat mir noch keinen in das Glas gebracht; er würde mich für die Bitte auslachen, mich auf Treibhaus und Stubenpflanzen verweisen, und Sie wissen, wie man vor solcher Logik dasteht. Ich denke dafür an den Ihrigen und freue mich seiner. Auch habe ich jetzt zuviel mit dem menschlichen dürren Holze zu tun, und muß ich sehen, ob da was grünt; was freilich nicht auf dem freundlichen natürlichen Wege, sondern auf die ekstatische Weise des Wunders geschieht.
    Seien Sie beide, teuere Freunde, auf das herzlichste gegrüßt.   C. W.
 

62-63 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Dresden, am 11ten Tage nach der Hegira aus demselben.

    Vielen Dank, verehrteste Meisterin! — Der Brief an Mottl [Houston S. Chamberlain, „Briefe“, Bd. 1, S. 12f. (Verlag F. Bruckmann A. G.)] ist geschrieben und geht gleichzeitig mit diesem ab.
    Es scheint, als gäbe es heutzutage die „Fünf Gedichte“   n u r   mit englischer Übersetzung; ich werde sie mir kopieren lassen.
    Heute wieder eine herrliche Stunde in der Gemäldegalerie bei den Holländern. Sonnabend kostet's fünf Groschen — das gibt kein Mensch; man ist ganz allein. Der einzige, den ich traf, ist jener einzige Mensch im ganzen Dresdener Wagner-Verein, der die „Schriften“   w i r k l i c h   kennt — natürlich ein Jude; er ist Maler. — Ach diese Holländer — das heißt einige! „Belohn' dich Gott dein Mahlen!“ [Vgl. Goethe, „Kenner und Enthusiast“.] So zwischen Schimmelpilze und „Reine Vernunft“ machte sich das geradezu exquisit. Denn ich Bummler, dem soviel zu wissen not täte in seiner Ignoranz, ich habe mir die „Reine Vernunft“ wieder vorgenommen. Das ist ein gar herrlicher Roman! Und ich versichere Ihnen, so mit Pilzen und Holländer vermengt, ein epikureisches Mahl; man lebt wie ein König, vor dem Schlafen eine Geschichte aus 1001 Nacht.
    In sehr eiliger, aber herzlich ergebener Treue

Houston S. Chamberlain.
 

63-65 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Berlin, den 17. Februar 1889.
Central Hotel.
[Hotel-Briefbogen mit Bild des Hotels.]

    Wirklich, hochverehrte Meisterin, ich kann der Versuchung nicht widerstehen, Ihnen obiges hübsche Bild zu schicken. Mehr wie einmal hätte ich Ihnen in diesen Tagen auch gern geschrieben, sehr gern; jetzt, wie immer in solchen Gefühlsfällen, jetzt, wo ich mich dazu hinsetze, fühle ich mich nüchtern und stumm, und, wie gesagt, ich greife gern zu dem Hotel-Briefpapier, damit Sie mindestens ein hübsches Bild — une belle image — bekommen!
    Selbst ganz abgesehen von meiner jetzigen mehrjährigen Krankheit bin ich seit Kind Zuständen von plötzlichem, gänzlichem „épuisement“ ausgesetzt. Wie die Heiligen von Indien (bis auf die Heiligkeit!) könnte ich den ganzen Tag in irgend e i n e r   Lage verbleiben — regungslos, wunschlos. Heutzutage kommen aber leicht Schmerzen hinzu, eine Abwechslung namentlich der Umgebung, die Fähigkeit, ein paar Tage zu leben ohne einen einzigen Gedanken — das brauche ich. Darum bin ich hier: und darum bekommen Sie das schöne Bild (nicht zufällig: vide Schopenhauer).
    Ich glaube, ich hatte etwas zu konzentriert und andauernd „transzendentalisiert“; zum Glück besitze ich in einem hohen Grade die Fähigkeit, nichts zu tun, absolut gar nichts. Ich renne vor mich hin durch die Straßen, gaffe mir die Menschenkinder an und esse abwechselnd in einem hochfeinen Offiziersrestaurant und in irgendeiner Spelunke. In bezug auf Kunst, so gebe ich den verpönten Lokalen den Vorzug, in denen englische   t a n z e n d e   S ä n g e r   auftreten. Ich bin überzeugt, daß der Fonds dieser Gesänge uralt ist, und die unverhohlene, handgreifliche Sinnlichkeit sowie namentlich die durch den ganzen Körper ausgedrückten, höchst komplizierten, zuletzt immer rasenden   R y t h m e n   sagen mir sehr zu.
    Berichten muß ich Ihnen, daß ich zufällig auch in einem anständigen Lokal war, wo man Musik machte; für mich selbst ein doppeltes Erstaunen. Ich ging in die Probe zu dem Wagner-Konzert (über welches man Ihnen gewiß schon anderseitige Mitteilungen machte?). Herr Klindworth dirigiert eigentlich gar nicht — kaum einige Takte wurden „probiert“; das Orchester ging halt à la grâce de Dieu. Aber Gemüt hat K. (wie mir schien — ich hörte ihn zum ersten Male). Am besten gelang die Einleitung zum III. Akt der „Meistersinger“. Ich habe ja seit Bayreuth nur „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ gehört, gehe auch nie in irgendein Orchesterkonzert, die Eindrucksfähigkeit war frisch. Es wurde mir recht schwer, die Tränen zurückzuhalten. Und wenn ich auch sonst — bei „Lohengrin“, bei „Tannhäuser“ — sehr begreiflicherweise an Sie dachte, so wurde ich hier ganz überwältigt von der Erkenntnis, daß diese Einleitung ja   S i e   sind! In Bayreuth — ganz in das Schauspiel vertieft — hatte ich das noch nie bemerkt. Wie —   w i e   inbrünstig betete da der Heide, der Barbar, daß ein guter Gott Ihnen jene „äußerste Heiterkeit“ lange schenken und bewahren möge. Und Sie sagen, Sie hätten mit „modrigen Gesinnungen“ zu tun? Ich kann aber nicht umhin zu glauben, daß die hingebende Liebe vieler zu Ihren Füßen liegt; Ihnen kann es gleichgültig sein, aber für jene nicht, und für diese hoffe ich es. Wenn Sie da vor meinen Augen sind, wird es mir schier unmöglich, etwas anders als das persönlich Menschliche zu empfinden — gerade eine ausgeprägte Persönlichkeit und die strahlende Freude, einer solchen zu begegnen, läßt einen nicht weiterkommen; aber in solchen Augenblicken wie neulich fühle ich ein viel tieferes, erhabeneres Wesen und begreife, daß: Hominus homini Deus.
    Heute war ich wieder einmal in einem anständigen Lokal, im selben nämlich; um Herrn von Bülow eine Probe leiten zu hören. Der   p r o b i e r t   wenigstens; wiederholt trotz mehrerer hundert Zuhörer 3 Takte zwölfmal, es ist erfreulich. Die C-Moll-Symphonie hatte mich hingelockt. Anderthalb Stunde von Max Bruch, Dvořak, Laube (?) hielt ich dazu aus. Vielleicht hatte mich dies verstimmt? Jedenfalls war mir die Symphonie eine Enttäuschung; eine einzige Stelle war so, wie ich mir versprochen hätte: das ppp vor Eintritt des Siegeshymnus. Herr von Bülow machte auf mich den Eindruck jener so speziell deutschen Erscheinung der genialen Interpreten, Exegeten — fabelhaftes Können, schärfste Intelligenz, staunenerregende Gewissenhaftigkeit, Pietät — aber Klindworth ließ mich Schöneres empfinden.
    Im Konzert traf ich den guten Santen Kolff, von dem ich erfahre, daß er Sie in der deutschen Presse rehabilitiert hat, wirklich ein kreuzbraver Mensch. Er sagte, die Symphonie „sei pompös gewesen“.
    Der Schmetterling starb gleich nach meiner Abreise, Solche zarte Tiere sind besonders empfänglich für die Pflege   u n kultivierter Hände! Ich hätte ihn so gern für ein einziges Frühlingsstündchen erhalten.
    Entschuldigen Sie dieses zwecklose Plaudern; oder lieber noch, lesen Sie es gar nicht. Vor mir, hinter, neben mir Juden! Der eine, der vielleicht in mir einen Konkurrenten von seiner Branche wittert, schaut immerzu auf meinen Bogen. Er muß die Handschrift wenig kaufmännisch finden, vielleicht wundert er sich, daß in diesem Hause einer von links nach rechts schreibt. — Mit vielen Grüßen an Ihre Kinder Ihr in ehrfurchtsvoller Treue ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

65-67 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Wahnfried, den 19. Februar 1889.

    Das Bild ist sehr erheiternd, und die Bemerkungen dazu: „Fernsprechanschlüsse, 700 Salons elektrisch beleuchtet, 8 Personen-Fahrstühle, Wintergarten für 2000 Personen“ haben mich ganz überwältigt! Aber Sie hätten mir das Fenster bezeichnen sollen, wo Sie in so hübscher Gesellschaft mir schrieben.
    Daß Sie mir schrieben, obgleich Sie nichts denken noch tun wollten, hat mich sehr gerührt. Ach, mein Freund, die Erschöpfung! Ich glaube, Menschen eines gewissen Schlages können nur leidenschaftlich erregt (auch in der Beschauung) oder erschöpft sein. Aber Sie haben sehr recht daran getan, eine Diversion aufzusuchen. Ich weiß nicht recht, wie mir in Berlin zumute sein würde; aber ich finde, daß Dresden etwas ganz besonders Tristes an sich hat, die stolze Unzufriedenheit, welche Inder und Goethe den Reichen und Vornehmen zuschreiben; es ist so unvolkstümlich, was mich immer melancholisch stimmt. Und so war ich ganz froh, Sie mir bei den englischen tanzenden Sängern vorzustellen; wenn Clowns auch da waren, dann beneide ich Sie, da ich es noch mehr mit dem Humor als mit der „Kunst“ halte. Dies bringt mich auf die Empfehlung eines Stückes in zehn Akten aus unserem Indien; nicht erschrecken, es wird Ihnen gleich ganz heimisch zumute sein. Die Heldin ist eine Hetäre (eine ideale), der Held ein Kaufmann, der etwas an den Antonio im „Kaufmann von Venedig“ erinnert, die weiteren Personen: ein derart durch Würfelspiel in Schulden geratener Bader, daß er zum buddhistischen Bettelmönch wird, ein Hirt, der König wird, ein Brahmane, der stiehlt, eine unglaubliche, nach Durchwandern von sieben der üppigsten und phantastischsten Höfe erblickte Mutter der Heldin. Die Handlung ist toll, und ich habe, außer bei den Spaniern, nichts so Witziges gelesen! Sollten Sie Luft haben, es für sich anzuschaffen, so würde ich Sie bitten, beim Antiquar Weber, Markgrafenstraße 46, auch für mich dieses Stück „Das irdene Wägelchen“, ferner das „Uttara-Rama-Charita“, 3tens „Brabodhacan-drodaya“ zu bestellen.
    Ihre Empfindungen von Klindworths Wesen, durch die üble Probe durch, hat mich nicht überrascht, denn solches werde ich immer von Ihnen erwarten, aber es hat mir Ihr Wesen mit einer solchen Prägnanz nahegebracht, daß sich der Eindruck wohl mit dem einer Erscheinung vergleichen läßt, welcher doch immer mit etwas wie Staunen, in der Unmittelbarkeit und außerhalb der Reflexion vermischt ist! Ja, Klindworth hat Gemüt, wenn auch dafür gesorgt worden ist, daß dieses Gemüt nicht zu voller Aussprache kam.
    Für das andere Beispiel fanden Sie fast genau dieselben Worte, mit welchen ich es vor kurzem bezeichnete: „Ein von Kennen und Können strotzender geistreicher Vortrag.“ Es bedeutet, es   i s t   aber nicht. Vielleicht gibt es im ganzen Deutschen Reich nichts so Geistvolles, und mir ist immer gewesen, als ob die Zuhörer dabei allmählich gescheitere, gespanntere Gesichter bekämen. Auch ich fühlte mich gescheiter, aber in der Musik wie in der Liebe verlangen wir das Aufhören des Seins, welches uns da nicht zuteil wird. Die Stelle, die Sie mir aus der Symphonie angegeben haben, war für mich sehr bezeichnend und gab mir den Eindruck des Ganzen.
    Sie haben recht, Freund, ich habe viel Güte, und Liebe im Leben erfahren; ob mehr erfahren oder empfunden, weiß ich nicht, das eine aber weiß ich, daß die Weise, mit welcher Sie sie mir entgegentragen, mir ganz neu, wenn auch ur-heimisch ist. Ich frage mich immer, wenn ich so etwas erhalte, wie Ihre Worte an mich über das Vorspiel zum III. Akt, wie ich da erwidern soll, da der Eindruck davon sich nicht schildern läßt. Auch habe ich kaum den Mut, so etwas wieder zu lesen, um mir daraus wie bei dem übrigen die Antwort zu Schöpfen. Schweigen ist wohl das einzige, denn mein Wort kann nur das Walten des Ihrigen stören. So lassen Sie mich schweigen, mein Freund, und Sie mir vorstellen, Wie Sie durch alle Mängel der Erscheinung hindurch das Wesen erfaßten und ausbildeten, genau wie Sie des lieben guten Klindworths Gemüt durch all das Unvermögen empfanden. So sieht der Dichter, der unserem Seelentrachten hilft. —
    Vernehme ich von Gehässigkeit, so habe ich wohl eine allgemeine wehmütige Empfindung, und es bleibt mir die Zuflucht der unbedingten Verzeihung und der Wunsch, daß diejenigen, welche gehässig sind, die Wehmut nicht kennenlernen möchten, die solches erzeugt. Höre ich aber, daß man mich lobt — weiß ich gar nichts und kann mich nur an den Menschen selbst halten, der ja hier vorzüglich ist.
    „Werden wohl die schönen Tage für mich kommen, wo ich am Ufer des Gangâ auf einem Felsblock des Himalaja mit gekreuzten Beinen sitzen und durch beständig fortgesetztes Nachsinnen über das Brahman in einem schlafähnlichen Zustande von Versenkung mich befinden werde, die schönen Tage, wo alte Gazellen unbesorgt ihre Hörner in meinem Körper reiben werden?“ So ein wunderlicher Inder, der es weder im Kloster noch in der Welt aushielt und uns am Ende ähnlich sah?
    Lassen Sie mich bald wissen, daß es Ihnen gut geht; dessen bin ich sehr bedürftig.
    Leben Sie wohl, mein Freund, bleiben Sie mir gut, wie ich es Ihnen bin von ganzer Seele.   C. W.
 

67-70 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Berlin, Central-Hotel, den 21. Februar 1889.

    In Beantwortung Ihrer so liebevollen Frage kann ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, melden, daß, wenn ich nicht gerade ausgeruht   b i n,   ich es wenigstens   g e w e s e n   bin — und dafür bin ich dankbar, denn es ist ein schweres Kunststück, auch nur für einen einzigen Tag, mit frischem, frohem Geiste dennoch gänzliche „Ruhe“ zu genießen, zu fühlen: Gott, wie geht's mir gut, wie gehe ich auf in dem Genuß, mich nur fähig und in keinem Sinne tätig zu fühlen. Ist man erst so weit, so   m u ß   sich der Geist auf etwas stürzen, wie sollte er denn sonst sich genießen? In diesem jetzigen Falle wurde doppelt gesorgt: 1.: zwei lange Besuche bei den Santen Kolffs erschöpften mich sehr, mich, den äußeren Menschen. 2.: ich verliebte mich in ein wunderbares Mädchen, was allerdings nicht unangenehm ist, aber immerhin ohne einige Unruhe nicht abgeht, außerdem in diesem speziellen Falle dem inneren Menschen ein Leben von seltener Intensivität verlieh. Zwei Worte über beides? Ja? Wollen Sie?
    Bei S. Ks. scheine ich als eine Art Orakel zu gelten; ich mußte immerfort sprechen, dozieren, erklären etc. Von Ihnen und Bayreuth an bis zu, wie stark Wild riechen muß, ehe es gekocht wird — alles wurde ich gefragt; und da ich gerade so impertinent wohl und frisch mich fühlte, ging ich mit Generosität auf alles ein. Noch bis spät in die Nacht, wo mehrere Personen meinetwegen (!) in eine Kneipe gekommen waren, unterhielt ich die gespannt zuhörende Gesellschaft. Nachher natürlich gänzlich erschöpft und mir selbst sehr lächerlich. Der besondere Zustand mag es auch erklären, daß ich — entgegen meiner sonstigen Gewohnheit — auch von   I h n e n   sprach, das heißt, die an mich gestellten Fragen nach Tunlichkeit, und soweit ich es für gut befand, beantwortete. Sonst ist es schon geschehen, daß ich — wie Petrus — Sie ganz verleugnete (welch schönes Thema für einen spitzfindigen Theologen — das Verhalten Petri als höchste Zartheit und innigste Diskretion zu rechtfertigen!); je n'ai pas trop eu à me louer de ma nouvelle ligne de conduite. Ich glaube auch, von allen Antworten haben die über Sie am wenigsten befriedigt, — Ob Sie   f r o m m   seien??? „Ja, meine verehrte Frau van S. K.; das Wort fromm (in dem Sinne, in welchem Sie es auffassen) hat, glaube ich, überhaupt keinen Sinn, auf Frau W. angewandt. Man kann sagen: ja; man kann sagen: nein; oder auch ja und nein zugleich.“ Das Gesicht — vielmehr die Gesichter des vortrefflichen holländischen Ehepaares hätten Sie bei solchen Antworten sehen sollen! Sie schienen sich zu fragen: „Hat er eben etwas sehr Tiefes gesagt, oder ist er überreif für die Irrenanstalt?“ — Ach, und dann ein göttliches Gespräch über das Wesen der Musik, eingeleitet durch eine Diskussion über die Leitung der C-Moll durch Herrn von Bülow. Van S. K. meinte,   m e i n   Genuß müsse jedenfalls ein sehr geringer sein, „sehr verschwommen und gehaltlos“; — er dagegen freue sich an jeder Note, er denke immerfort: „Jetzt kommt die Stelle für die zweiten Violinen! — Die Triolenbewegung der Flöten könnte schneller sein! — Ha, ha! Jetzt setzen die Posaunen ein!“ Namentlich dieser letzte Herzensruf machte mich gänzlich verstummen, und während er weitersprach, frug ich mich selbst immerfort, welcher Art der Genuß sein mag, sich zuzurufen: „Ha, ha! Jetzt setzen die Posaunen ein!“ Überhaupt verblüffte mich dieses lebendige Wahrnehmen der altbekannten Tatsache, daß solche ganz   m a t e r i e l l e   Menschen wie van S. K. nicht eine Spur von Sinnlichkeit besitzen. Es ist doch ein Jammer, daß — wie mir scheint — die Menschen durch ihre ewige Scheidung von Seele und Körper immer das eine auf Kosten des anderen bevorzugen, wobei sie sich notwendig ins eigene Fleisch schneiden. Kolffs verachten (mit Ostentation — trotz sonstiger Bescheidenheit), was sie Metaphysik, Schwärmerei etc. nennen, und die Folge ist, daß gerade ein jeder sinnliche Genuß für sie aufhört (selbst im kleinlicheren Sinne des Wortes); andere halten es für ihre christliche Pflicht, den Körper zu verleugnen, und als Folge wird die ganze Welt, inklusiv des Göttlichen und der Kunst, Obszönität. Wenn der Körper doch sich bewußt bliebe, nur eine Erscheinung, nur ein Mittel zu sein, die Seele dagegen nie vergäße oder bezweifelte, daß ihr kein anderes, kein heitigeres Instrument als der Körper zur Offenbarung ihrer selbst...  Aber ich verlasse ja das engbegrenzte heutige Gebiet: nächstens wären wir bei Optimismus, Pessimismus und sonstigen Idiotismen angekommen!
    Von meiner   L i e b e   möchte ich Ihnen viel sagen, denn sie, ich meine das Mädchen, würde Sie in hohem Maße interessieren. Eine   N o r w e g e r i n,   vom Lande, aus dem Volke; was sie jedenfalls so tief unterscheidet von den mir bekannten, bürgerlichen Norwegern wird wohl das gänzlich   r e i n e   B l u t   sein. Das 19jährige Mädchen, welches in der denkbar gemeinsten Umgebung lebt, ist in jedem Wort, in jeder Bewegung eine   K ö n i g i n;   man lernt den Sinn des Wortes „Adel“ verstehen bei ihrem Anblicke, man sieht namentlich ein, woher unsere Begriffe hierüber stammen und wie sehr das Original in seiner Grazie und anmutigen Natürlichkeit über alle Nachahmung erhaben ist. Wirklich, ich habe „so etwas noch nie erlebt“, Mitglied einer jener englischen Tanz-Truppen, von denen ich Ihnen neulich sprach, ist das Mädchen noch ganz unschuldig (ich meine im gewöhnlichen Weltsinne dieses Wortes), denn dieses liegt im Interesse der Unternehmung, da es sonst bald sie verlassen würde. Das Unerhörte — und ich habe viel Erfahrung — ist, daß die Umgebung von ausschließlich Gemeinem und Verworfenem auch nicht eine kleinste Spur, den geringsten Eindruck auf solch ein Wesen gemacht hat. Sie ist nicht einmal unglücklich, was man sonst bei zarteren Seelen in solcher Lebensstellung erfreulich häufig findet, sondern lebt so für sich und findet die Menschen gut — „Wenn sie sie nur nicht anrühren!“ Ihr einziges Vergnügen ist Lesen; mit vollster Natürlichkeit und mit großer Aufregung erzählte sie mir Shakespeares Richard III., den sie eben die Nacht durch gelesen hatte! Und als ich, durch das Ungewohnte erregt, mit viel Mimik und Wahrheit ihr Edgar Poes „Fall of the House of Usher“ erzählte, wurde sie bei der Stelle, wo die Türe aufspringt (Ha! Ha!“ etc.), ganz grün und wäre um ein Haar in Ohnmacht gefallen! Das wäre mir ein Publikum für den „Nibelungenring“! Gäbe Gott, ein guter Prinz holte sie bald! Wenn ich reich wäre, ich glaube, ich entführte sie selber; und ihr könnte ich vieles erzählen, wovor sie in Ohnmacht fiele.
    Grüße, und viele tägliche Gedanken, und Dank, und das Gefühl, daß das Leben doch schön ist, solange man im Hause Wahnfried Freunde zählt — Ihnen und Ihren Kindern von Ihrem Ihnen in Ehrfurcht und Treue ergebenen

Houston S. Chamberlain.
 

70-72 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Wahnfried, den 23. Februar 89.

    Ach, hätten Sie das norwegische Kind nur entführt, es nach Hause gebracht, wo es von Ihrer Frau liebreich empfangen worden wäre, und Sie als Familie Gleichen gelebt hatten!
    Scherz beiseite, ich dachte heute an einen meiner originellsten Freunde, General Pfuhl, Freiheitskämpfer, 8tägiger Minister 48, der mit zwei Frauen auf das herrlichste auskam! Nicht wie der Bauer in Grimms Märchen, dem die Prinzessin verheißen wird, und der dafür dankt: Er habe schon eine Frau zu Hause, und die sei ihm in allen Ecken zuviel.
    Oder Sie hätten die Schöne nach Wahnfried geschickt, wo ich sie für Siegfried einst behütet und gepflegt hätte.
    Ich stecke in Indien, aber in lauter Edelmut.
    Gott, habe ich über Ihren Brief lachen müssen, er trat für mich für den Schlaf ein und gab mir Tageskräfte. Ich weiß nicht warum, aber der Schlaf, der nebst Adolf [von Groß] mein treuester Freund war, hat mich verlassen, und ich war recht müde heute früh, als Ihr Brief ankam. Da hab' ich so gelacht über Ihren Besuch bei S. Ks., daß ich ganz erfrischt mich fühlte.
    „Kinder, wir gehen in den Wald, nehmt euren Salmiak!“ So spricht einer meiner guten Freunde zu seiner Familie, wenn er sich im Sommer auf den Spaziergang aufmacht. Die ganze Welt scheint mir die Dinge ungefähr so zu fassen, und eine Stimmung, in welcher man nicht „ha, ha“ ruft, scheint unmöglich. Dabei sind sie so schwabbelig, daß sie nicht einen Berg von dem anderen unterscheiden. Wie recht haben Sie mit der „Unsinnlichkeit“! Und der unseligen Scheidung von Körper und Geist.
    Heute ist so ein Schneetag, wo es scheint, als ob einen alles zudecken wollte. Nebenbei ist dicht in der Nachbarschaft ein Bürgermütterchen ermordet worden, was meine Dienerschaft in die höchste Aufregung für das eigene Leben gebracht hat. Ich bringe also nichts Gescheites zusammen und schreibe nur, weil man auf einen Brief, wie den Ihrigen heute, gleich ein Wort sagen muß.
    Ich finde die Methode des heiligen Petrus — auf mich angewendet — ausgezeichnet...
    Es scheint ungeheuer prätentiös, Unbeachtung sich zu wünschen. Mir würde einzig zusagen, in den Herzen der Menschen, die ich liebe, zu leben und niemals auf den Lippen zu erscheinen. Aber es handelt sich viel um das, was einem zusagt hienieden!
    Auch nicht ein Lichtstrahl ist heute eingedrungen, da helfen auch Bücher nichts, einzig würde mir Musik helfen (ohne „ha, ha!“), die ich nicht haben kann, oder ein schönes Stück, was mir ebenfalls nicht vergönnt ist. Mit dem „Das Leben ist doch schön“ zitierten Sie ein Wort, welches so überbekannt, dennoch mich stets — indem ich im Augenblick die Opferverklärung vor mir habe — auf das tiefste ergreift, und Sie haben mich — soviel ich auch gelacht — heute wieder sehr ergriffen. Sie besitzen das, was den meisten Menschen versagt ist, und was mir im näheren Umgang Bedürfnis ist: den Stolz der Freiheit, möchte ich es nennen, die Unumwundenheit, welche das unbedingte Vertrauen in die befreundete Seele zeigt. Wo ich dieses Vertrauen nicht fühle, fühle ich mich fremd, und ist mir ungefähr wie heute unter dem Deckel.
    So seien Sie denn gepriesen dafür, so stolz und auch so einfach zu sein. Ich denke immer, daß wir in früheren Geburten viel miteinander wanderten, etwa in Schottland, unter lauter guten, heiteren Gesprächen, und daß unsere Korrespondenz so ein kleiner Nachklang davon ist. (Aber das müssen Sie mir auch noch sagen, wie lang das Wild liegen muß, für die Festspielzeit eine nicht zu unterschätzende Weisung!).
    Nun ist das Centralhotel mit allen seinen Herrlichkeiten wie Klingsors Schloß verschwunden. Ob ich wohl so schöne Briefe wieder bekomme?
    Berlin ist jetzt entschieden eine Zauberstadt. Meine Kinder schwärmen noch von den dort verlebten Tagen, wenn sie auch in der gemäßigten Zone sich bewegten.
    Nehmen Sie fürlieb mit den nichtssagenden... Krug unterbrach mich mit der aufgeregt gebrachten Meldung, daß der Mörder ein Mädchen von 17 Jahren sei, welches um 17 M. ihre Hausfrau und Tante umbrachte. Die 17 M. hatte sie um das Bein gebunden.
    Hier Seelenadel, dort Verworfenheit, alles von der Natur so mächtig eingeprägt, daß die Umgebung eigentlich wirklich gleichgültig erscheint. Und wenn ich so an Bildung hänge, so ist es nicht, weil ich unbedingt glaube, daß sie die Menschen bessere, sondern weil ich meine, daß die Edlen sich in ihr wohler fühlen.
    Leben Sie wohl, mein Freund! Meine Freunde! Seien Sie beide von der heute Bedeckelten auf das herzlichste gegrüßt!   C. W.
 

72-75 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


26. Februar 89, Dresden.

    Vielen, vielen Dank für Ihre Zeilen, hochverehrte Meisterin (Sie entschuldigen das Stereotype in der Anrede? Es bringt mich in ein angenehmes Fahrwasser.). Ich glaube entschieden, daß zu der Freude, einen Brief von Ihnen überhaupt zu bekommen, sich jene einzige Würze des „Verbotenen“ gesellt; nicht etwa, daß ich die Eitelkeit besäße, mich durch Ihre Briefe   g e s c h m e i c h e l t   zu fühlen, das wissen Sie ja: denn der äußere Mensch lächelt bei mir über Ruhm, für den inneren sind Sie himmelhoch über derartiges erhaben, und dem ganzen kann jene Betrachtung nur tiefes Mitleid einflößen; nein, so ganz einfach und ohne weiteres: Sie haben soviel zu tun! Wie unendlich viel ruht auf Ihren Schultern! Solch einem Erzdilettanten zu schreiben, muß entschieden eine Sünde sein; und sollte ich (trotz allem Vorhaben) in diesem Sommer einmal auf einem Eckplätzchen des einzigen Hauses sitzen, so werde ich gewiß bei jedem Gedächtnisfehler eines Sängers, bei dem kleinsten Schwanken im Chor mir (à la S. K.) zurufen: „Ha! ha! das kommt davon!“
    Davon abgesehen ergeht es wohl einer Korrespondenz wie so ziemlich jedem Dinge, — was ohne Zweck erwächst, gedeiht am besten; und wenn jemals Zeilen von mir Sie erheitern oder für einige Minuten von quälenden Gedanken und Sorgen abziehen, so waren sie wahrlich nicht umsonst geschrieben.
    An dem Abend meines letzten Briefes blieb ich, solange es irgend ging — also bis nach 2 Uhr! — in der Betrachtung jenes wunderbaren Kindes. Jede Spur einer trivialen Empfindung war — natürlich — verschwunden: der eigentliche Genuß desto größer. Leider bin ich heute recht leidend, sonst möchte ich Ihnen viel erzählen; aber wenige Pinselstriche genügen ja, um Sie alles mit mir sehen und empfinden zu machen: die Gestalt, der ganze Mensch machte mich immerfort an Senta denken, immerfort dachte ich an die Worte, die ich jetzt Bd. V, S. 215 [der Ges. Schriften Richard Wagners] wiedergefunden habe: „...das träumerische Wesen, aber nicht im Sinne einer modernen, krankhaften Sentimentalität!“ Und dazu jedes Wort, welches sie sprach, jede Meinung, Empfindung — alles der lebendige, gänzlich naive Ausdruck jener dichterischen Intuition. Das Mädchen sieht so zart aus, man könnte es mit einer modernen Treibhaus-Gräfin fast verwechseln, dabei ist es ein Kind vom Lande und vom Meere, und selbst bei diesem scheußlichen Leben, wobei alle zugrunde gehen und immerfort an Erkältungen etc. liegen, hat es nie das geringste, „...eine eiserne Gesundheit“, sagte der alte englische Clown. Aus der Empfindungswelt möge folgendes charakterisieren: — ihre einzige Leidenschaft ist die   B ü h n e.   Im wirklichen Theater war sie nur 2- oder 3maI, mit größter Aufregung spricht sie davon; als ich aber frug, ob sie nicht gern oft gehen würde, meinte sie, ach nein! das könnte sie nicht — selbst spielen! selbst spielen müßte sie! Sie begriffe nicht, daß die Menschen ins Theater gingen, ohne   s e l b s t   s p i e l e n   z u   m ü s s e n!   Für Musik ist sie entschieden beanlagt, aber natürlich ohne jegliche Bildung; als sie mit naivem Entzücken von Musik sprach, frug ich sie, was sie wohl für Musik gehört habe, von wem? Das wußte sie nicht: „I have seen the names, but then, when I hear the music, I forget everything! — and I never care who wrote it.“ — Kurz, die Ges. Schriften hätten für dieses Weib ungeschrieben bleiben können, Und ich, wenn ich als Erscheinung die Senta sah, als Musik hörte ich immerwährend die Götterdämmerung... Sehen Sie? Und verstehen Sie?
    Wenn ich auch nüchtern und „praktisch“ bin und wenig geneigt, an den Erfolg derartiger Unternehmungen zu glauben, so kann ich nicht umhin, mir die Frage vorzulegen, ob man diesem seltenen Wesen nicht zu etwas verhelfen könnte? Alles in dieser Welt scheitert am Geld — außerdem daß ein junges, alleinstehendes, schönes Mädchen eine gar „fragile“ Ware ist. Möglicherweise war meine ganze Rolle in ihrem Leben, an einem Abend ihr zu erscheinen, unter den 200 halbbetrunkenen Commis voyageurs, und wird einem weisen Schicksal das genügen? Eine Komtesse spricht von „l'ennui qui est commun à toute personne bien née“; ich ging aber fort mit dem Bewußtsein, daß dem wirklich edel Geborenen nur der „ennui“ unmöglich ist, die Gleichgültigkeit, die Kälte: es gibt für solche nur Leidenschaft, nur tiefste, tiefste Melancholie, nur Heiterkeit („äußerste Heiterkeit“) (ich sagte Ihnen ja, das Mädchen ist gar nicht „unglücklich“ im gewöhnlichen Sinne des Wortes und ist sehr heiter zuzeiten).
    Ja, solche Erscheinungen erklären mir den Glauben an Gott —  S i e   hatten ihn mir schon gelehrt. Denn philosophisch muß ich mit Laplace sprechen: Dieser Hypothese bedarf ich nicht! Und für den eignen persönlichen Gebrauch kann ich mir Gott nur durch das   G e b e t   gerechtfertigt denken, und um was sollte ich denn bitten? Ein zufriedenes Gemüt, ohne gerade zu den „guten Schafen“ rangiert zu sein, mehr kann keiner verlangen. Denke ich an Sie aber, so brauche ich ganz entschieden einen Gott, einen Gott den Vater, ich kann ohne ihn nicht mehr auskommen; und wenn Sie es erlauben, so werde ich in Zukunft beten, daß die schirmende Hand, welche er über die gewaltigste Kunststätte der Welt ausstreckt, auch die kleine Tänzerin des Tingeltangels beschütze. Mich kannten Sie in Schottland? Ich denke, meiner Senta werden Sie im Himmel begegnen! Vielleicht gedenken Sie dann zusammen meiner? Denn meine Heidenwünsche reichen so fern nicht, das heißt nicht weiter, als in liebenden Erinnerungen zu leben.
    Indisches kann ich augenblicklich gar nicht vertragen. Meine Zettel an der Wand über das Ding an sich etc. widerten mich an. Daß man sich mit Pilzen, überhaupt mit Wissenschaften abgeben kann, ist mir rein unfaßlich. Dagegen schwelge ich in Shakespeareschen Komödien (sollte ich nicht etwa einen erträglichen Clown abgeben? Hätten Sie keinen Bedarf?) und gaffe Gemälde an. Was Gescheit's wird wohl nie aus mir werden, deswegen müssen   S i e   mich schon gern behalten, damit ich eine raison d'être habe...

Ihr in Ehrfurcht und Treue ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

75-77 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Wahnfried, den 28. Februar 1889.

    Diesmal habe ich geweint!... Meine einzige Zuflucht, wenn mir ein neuer Blick wird in das Wirrsal dieser Welt. Dann aber stellte sich das Problem mir wieder dar, welches so viele Beispiele mir nahegebracht. Gewiß war es bewunderungswürdig von dem Menschen, zu dem Gefühle, welches er als ewig empfand, zu sagen: Du wirst ausschließlich sein. — Und glaube ich, daß er insofern der Natur hiermit nicht ins Angesicht schlug, als die Krone der Schöpfung, der Held, der wahre Mensch, sich wohl einzig und allein einer solchen ausschließlichen Vereinigung verdankt. In der „Walküre“ aber wird uns gezeigt, daß mit der Erfüllung dieses Zweckes Vater und Mutter sterben.
    Liegen die Dinge nicht so (und wie ungeheuer selten ist dies der Fall), dann hat gewiß der Orient am weisesten geordnet. Ich erkläre mir die liebliche Sanftmut der indischen Frauen zum Teile daraus, daß sie nicht in einen unmöglichen Kampf mit der Natur der Dinge sich begeben. Wie oft kommt das Motiv in ihren Dichtungen wieder, daß die Königin dem Gatten die zweite Gemahlin zuführt. Auch kennen sie das traurige Heer der überschüssigen Frauen nicht, in welchem so viele Opfer sich uns darbieten (erst kürzlich erlebten wir ein solches an einem armen Hoffräulein, deren Wahnsinn sich in unziemlichen Liedern aussprach).
    Wenn ich also Gesetzgeber wäre, so würde ich die orientalische Weisheit annehmen und es der Fügung überlassen, das Erhabene wie das Heilige in der Ausschließlichkeit so gut wie in der Entsagung uns zu zeigen. Denn meinem Sinne nach ist es edler und fruchtbarer, seine Gefühle als beständig zu empfinden und danach zu handeln, als das Welken alles Empfundenen zu erwarten oder gar zu betreiben.
    Da haben Sie so meine Gedanken von heute vormittag, die ich in das Allgemeine mit Gewalt trieb. Dann habe ich Ihren Wunsch geteilt, das schöne Kind aus der öden Umgebung mir zu denken. Und wissen Sie, was mir eingefallen ist? Ob sie nicht eine der Grazien im „Tannhäuser“ tanzen könnte? Soviel ich verstanden habe, tanzt sie Pantomime und ist musikalisch. Diesen ganzen Tanz werde ich ja sowieso, auch wenn ich die himmelstürmendsten Ballerinen zur Verfügung bekäme, ganz neu schaffen lassen müssen. Warum ginge das nicht? Und hier wäre am Ende — auf dem Hügel — der Himmel, wo wir uns alle zusammenfinden sollen. Und nun einen recht zaghaft vorgebrachten Vorschlag: Wollen Sie mich nicht besuchen? Einige Tage in Wahnfried zubringen, wo ich Ihnen eine kalte Schlafstube und ein warmes Arbeitszimmer zur Verfügung stellen kann? Zu bieten habe ich Ihnen hier nichts als Schnee, meine Kinder, den Wahnfrieden und das Bewußtsein, uns eine große Freude zu machen. Bei Lichte besehen, gilt dieser Vorschlag viel weniger Ihnen als uns. Nun sehen Sie zu, ob Sie zu solch einem idealen Streiche Stimmung und Gesundheit haben. Und was sagt Ihre liebe Frau, die ich innig grüße, dazu? —
    Auch eine Beobachtung, die ich gemacht habe, ist, daß mit jeder freudigen Wallung, mit jedem erhöhten Pulsschlag ein wahrer Schwarm von Elend über uns hereinbricht. Ich versichere Sie, mein Freund, die Bewohner des „Ha-ha-Reiches“ und die Einnehmer des Salmiakgesichtspunktes sind viel besser daran. Schmähen Sie mir aber die Inder nicht, die alles gewußt und die ausgelassenste Heiterkeit ebensogut gekannt haben als die tiefste Schwermut. Mit dem „Ding an sich“ können Sie anfangen, was Sie wollen.
    Aber Sie haben recht, unsere Stätte, unser Werk da oben, von Menschen wird es nicht beschützt! Nur von Gott! Von dem Gotte, der sich im kindlichen Gemüte offenbart wie in den mächtigsten Schöpfungen.
    Machen Sie sich keine Gedanken über meine Zeit. 1) Gibt es jetzt noch keine Proben. 2) Wenn ich auch gestern 14 Briefe diktierte, schreibt doch mein teurer Adolf [von Groß] die meisten. Endlich aber ist von meinem Leben alles abgestreift, was eigentlich zeitraubend ist: Besuche empfangen und machen, Einladungen, Toilettenwirtschaften (Theater und Konzerte), ja, ich gehe selbst so gut wie gar nicht mehr aus, obgleich eine meiner Haupttheorien die unbedingte Notwendigkeit vom Spazierengehen für Körper und Geist ist. Ich lese keine Zeitungen und sehr wenig überhaupt. Da sehen Sie, daß ich ganz schöne Zeit für Sie habe und auch Stimmung! Denn die Einsamkeit befähigt uns zum Empfangen ernster Eindrücke. Und mich belästigen jetzt nur die redensartlichen Worte, die, in welchen ich keine Wahrheit vernehme.
    Ich hätte soviel zu sagen und finde heute wenig zu schreiben. Das müssen   S i e   nun verstehen, wie ich Sie in allem, was Sie mir mitteilten, verstand und vor mir sah. Ist es aber nicht merkwürdig genug, daß ich die Senta vor mir bei Ihrem Briefe sah? Alles, was Sie erzählen, ist im höchsten Grade fesselnd, und gerade die abstoßende Umgebung gibt einer solchen Erfahrung den Charakter des Traumes.
    Ich könnte daran anknüpfend Ihnen manches erzählen, es fiele aber alles wehmütig aus, und so will ich lieber Ihnen zur Erheiterung sagen, daß ein treuer Freund unserer Sache mir neulich schrieb, Bayreuth möchte doch mit einer   T a t   hervortreten und — die „Zauberflöte“ aufführen. Das hat mir sehr gute Laune gemacht, und ich zählte dem guten Manne vor, was bereits alles mir für Wünsche vorgebracht worden sind.
    Kennen Sie Hafis? Ich glaube, ich habe ihn Ihnen schon empfohlen. Es ist ein eignes Ding mit Lektüre; Romane kann ich z. B. (mit Ausnahme der Goetheschem und einiger von Balzac) aus dem Grunde gar nicht mehr lesen, weil die Motive, die das Leben bringt, viel beredter und drastischer mir erscheinen.
    Welche Komödien von Shakespeare lesen Sie? Ich lese gern nach, so z. B. habe ich jetzt eines anderen wegen „Sardanapal“ von Byron vorgenommen und es leider greulich gefunden. An die Pilze habe ich nie recht geglaubt! Werden Sie mir darum sehr böse sein?
    Ich habe Freundinnen in Bordighera, die mir von blauem Himmel und Blüten berichten, dies würde ich Ihnen am allerliebsten entsenden. In der Tat, außer der Kunst in Bayreuth kenne ich als allmächtige Kraft nur die Natur, und zwar die südliche, in welcher man aufgeht.
    Nun nehme ich Abschied für heute und hoffe bald zu hören, daß Sie sich erholen. Die „raison d'être“ haben Sie nun in vollstem Maße, denn Sie sehen, wie Sie in meinem Leben eingereiht sind. Machen Sie mir keine Sorge, oder besser, machen Sie mir nur immer Sorge, da dies hienieden nicht anders geht, nur lassen Sie mich immer glauben, daß mein Mitgefühl Ihnen etwas bedeutet.

Von Herzen grüßt Sie Ihre     C. W.
 

78-79 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


1.—2. März 1889. Dresden.

    Ihre Aufforderung, hochverehrte Meisterin, hat mich sehr — hat mich tief beglückt. Ich behauptete neulich, ich wüßte nicht, was ich mir wünschen, mir erbeten könnte; jetzt lehren Sie mich auch das. Ganz traut und still in Wahnfried sein, wie innig wohl mir im Herzen bei dem Gedanken wird, das könnte ich nicht und das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Meine Antwort hat zwei Seiten: 1. „selbstredend“ komme ich! und zwar je eher desto lieber. 2. bitte ich Sie sehr ergebenst um die Erlaubnis, nicht sofort, sondern erst ein wenig später kommen zu dürfen. Es wäre mir sogar buchstäblich unmöglich, in diesem Augenblick Ihrer Einladung zu folgen. Materielle Unmöglichkeiten lassen sich ja heben, aber nicht moralische; und in diesem Moment habe ich ein so absolutes Bedürfnis nach Einsamkeit oder vielmehr nach dem Verkehr zwischen den beiden Ichs allein, daß ich sogar im Begriff stehe, wieder von Hause zu verschwinden! Sie kennen mich ja nur als weich und biegsam, aber immer wieder fühle ich von Zeit zu Zeit mit eigentümlicher Macht ein Muß; alte Erfahrung lehrt, daß selbst mein ziemlich kräftiger Wille umsonst dagegen ankämpft, und stellen materielle Verhältnisse einen Damm, so muß der Körper in Schmerzen büßen.
    Diese Einsamkeit, dieser durchaus heitere, liebreiche Verkehr mit mir — mit der Welt, wenn Sie lieber wollen — darf durch die Berührung mit keiner Person, für die ich etwas, für die ich ein Wirkliches bin, gestört werden — Lärm brauche ich, Leben, Bewegung, viel Menschliches in unmittelbarer Nähe, kurz viel   s e h e n,   aber selber ganz und gar ungesehen bleiben. Eine große Stadt, ein großes Hotel, aufmerksame Bedienung, für die man aber nur „Nummer 769“ ist, dazu stundenlanges Herumwandern in den Volksvierteln, Hafenstädte sind meine Passion, in Paris ging ich viel in die berüchtigtsten Diebs- und Mörderspelunken (Moulin Rouge, Père la Lunette etc.). Das alles ist aber nur die eine Seite, gewissermaßen die Bedingung zur Erreichung der Einsamkeit, oder sollte ich nicht viel eher sagen, zum Loswerden des Gefühls eines einsam dastehenden Ichs? Verbunden damit geht, was ich nicht anders nennen kann als einen Schaffenstrieb — die Eindrücke, die Gedanken, die ganze Stimmung   m u ß   zu irgendeinem Ausspruch, zu irgendeiner Gestalt führen. Der Berg mag ja eine Maus nur gebären, das bleibt sich gleich; eher komme ich nicht zur Ruhe. Als Schuljunge waren die Mäuse Tragödien mit vielen Gespenstern, dann kamen welche ohne Gespenster, und zuletzt war ich glücklich auf dem Standpunkte angelangt, das Drängen durch ein einfaches Sonett beschwichtigen zu können (was der Wissenschaft sehr zustatten kam!). Jetzt, wo ich die ganz bestimmte, feste Absicht habe, trotz meiner Krankheit, trotz der Hindernisse, die keiner weiß, meinen Doctorat ès Sciences zu machen, jetzt kämpfe ich, soviel es irgend geht, gegen derartige Anwandlungen, aber immer geht es nicht, da nützt aller Wille nichts. Noch gestern versuchte ich, wacker Naturwissenschaften zu treiben, nach kaum einer Stunde lag ich gänzlich darnieder, verstanden hatte ich nichts, und als ich in der Luft Erfrischung suchte, schleppte ich mich wie ein Greis, auf meinen Stock gelehnt. Der Anblick Ihres Briefes gab mir zunächst wieder Beine! Und jetzt (Sie entschuldigen das Abgerissene, nie bis zu Ende gehende in meinem heutigen Schreiben? das Schreiben fällt mir nicht leicht), jetzt meine Frage, meine Bitte! Sie gaben mir also schon Beine, wollen Sie mir zu noch mehr verhelfen?
    Ich   m u ß   eine Komödie schreiben, wenigstens skizzieren. Nur keine Angst, verehrte Meisterin, wenn ich auch in solchen Zuständen wie dem augenblicklichen unausstehlich bin, das Gefühl der den anderen schuldigen Rücksicht verläßt mich nie ganz, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie nie das geringste von dieser Komödie erfahren werden. Was mich peinigt, ist, daß ich die Sache nicht mit leibhaftiger Deutlichkeit vor mir sehe. Bitte vergleichen Sie mich nicht mit einem Opernkomponisten, der nach einem   T e x t   sucht; es ist doch was anderes. Nur einen Wink möchte ich haben, nur die glückliche Angabe eines Gegenstandes, einer Form (nun, Sie verstehen schon?), wo das im Übermaß Vorhandene sofort kristallisieren könnte, dem armen Botaniker zu Heil und Segen! Eine Geschichte „erfinden“, ist gar nicht mein Fall; man kann überall alles sagen; und dann (wie ich aus Erfahrung weiß), der Anstoß ist alles, da geht die Sache von selbst weiter und wird ausnahmslos vollständig anders, als der Wink-Geber es gemeint hatte. Könnte ich nur lesen! Ich kann aber nicht! Es ist mir unmöglich! Und da komme ich immer wieder nur auf Ali Baba als Rahmen, ohne befriedigt zu sein. Keine „couleur locale“ — sehr deutlicher Faden —‚ ringsherum toller Wirrwarr, Raum für Zauber und Spuk: Können Sie helfen?
    Mit innigstem Danke und vielen herzlichen Grüßen an Ihre Kinder

Ihr getreu und ehrfurchtsvoll ergebener

Houston S. Chamberlain.
 

80 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


[Aus dem BerIiner „CentralhoteI“, geschrieben gelegentlich eines Erholungsaufenthaltes in Berlin.]

Ixopolis, in zeitweiliger Zeitlosigkeit.

    Notizen, Glossen etc. eines Namenlosen (Nummer 179).
    [Neben einem Zeitungsausschnitt mit einer Beschreibung der „künstlerisch renovierten“ Rokokosäle des Centralhotels, die „den oberen Zehntausend einen für den Mann von Weltideal ausgestatteten Aufenthalt“ böten, steht als Randbemerkung:]
    Jetzt weiß man doch, wo der Mann von Weltideal zu finden ist, ja sogar buchstäblich, „wo er sitzt“!
    [Die Beschreibung erwähnt nämlich besonders die „zierlichen kleinen, goldenen Sessel“, von denen einer „nicht weniger als 145 Mark kostete“.]
 

80-81 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Wahnfried, den 9. März 1889.

    Als ich in Ihrem letzten Brief den Ruf nach einem Stoff vernahm, war ich auf dem Punkt, Ihnen verschiedene Skizzen, die sich nach Ausführung sehnen, zu schicken. Die Schilderung aber dessen, was Sie bedürften, hielt mich ab, und meine jetzigen Tage ließen das nicht zu, was ich so gerne getan hätte; nämlich das Finden einer wilden Mär.
    Ich bin nun auch gereift gewesen, ganz woanders hin als nach dem Central-Hotel. Ich war mit den Kindern in Meiningen und sah dort die „Jungfrau von Orleans“. Die Schauspieler waren nicht gut, doch war die ganze Inszenierung so bedeutend, es herrschte so viel Leben auf der Bühne, daß wir tief ergriffen wurden, ja daß wir jetzt noch, wenn wir uns die einzelnen Bilder zurückrufen, zu Tränen gerührt sind. Ich weiß nichts, was mich seit langer Zeit so erschüttert hat, und der Fürst, der in solcher Weise dieses edle Gebilde wieder in das Leben rief, erschien mir verehrungswürdig. Mit unaussprechlichem Danke habe ich den kleinen Ort verlassen, um zu unserem Winkel zurückzukehren.
    Sie sehen, wie wenig wir mit dem Fortschritt gehen! Abends lesen wir einen Roman von Walter Scott, und ich habe die größte Freude an diesem edlen Meister. Wogegen ein mir empfohlenes Stück von Ibsen („Die Wildente“) mich in einen Zustand von Wut gebracht hat, den ich seit langem nicht mehr kannte und nicht für möglich gehalten haben würde. Für Ibsen bin ich zu alt, und — soll ich es sagen? — ich glaube auch, zu gesund. Höchstwahrscheinlich werde ich bis an mein Lebensende bei den Klassikern bleiben, und muß man mir das nicht übelnehmen.
    Glauben Sie nicht, daß es so ist, daß die ungeheuren Erscheinungen in Deutschland den Boden vollständig aussaugen, und daß das, was außerhalb von ihnen sich bewegt, eben das Erzeugnis der größten Dürre und Dürftigkeit ist? Ein schönes Thema für Ihr Doktorat.
    Jetzt geht mir aber der Stoff aus. Sie haben gut Schreiben in Ihrem Weltideal-Zentrum! Als neulich in Meiningen sehr ernsthaft von Parnell und Pigot die Rede war, mußte ich das Gespräch fallen lassen, weil ich rein gar nichts wußte. Sie hätten mich doch ein bißchen von den Angelegenheiten Ihres Landes unterrichten sollen; statt dessen zanken wir uns über die Idealität von Zeit und Raum und ihre Anwendung als Erklärung herum!
    Nun aber leben Sie wohl! Haben Sie Dank für das Lebenszeichen, und empfangen Sie freundlich einen treuen Gruß!   C. W.


Houston Stewart Chamberlain 1887

H. S. Chamberlain 1887
 


Phot. Pretzsch

H. S. Chamberlains Wohnhaus in Bayreuth mit seiner Sternenwarte, von Westen her gesehen


81-86 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.

Sonntag, 24/3 89, Dresden.

    Eines, unter so vielen anderen, muß man Ihnen lassen, hochverehrte Meisterin: daß Sie Sich die menschlichen Seelen zu unterwerfen verstehen, wie etwa ein großer Virtuos sein Instrument. Denn ich will Ihnen ganz offen gestehen, daß Ihr Schweigen mich ganz sonderbar und tief geschmerzt hatte. Sehr umsonst versuchte ich mir einzureden, daß Sie vor lauter Arbeit nicht zu einer einzigen Zeile kämen usw. — die „reine Vernunft“ lebt bei mir in einem einsamen Turme, freut sich ihres Daseins, vermag aber wenig. Und wie nun Ihr Brief vom 9. März mich dann ganz unerwartet überraschte, so konnte ich Ihnen doch wieder nur aus ganzem Herzen dankbar sein; ich meine, dankbar für Ihr Schweigen. Ich hielt es aber natürlich für meine Pflicht, Ihnen nachzueifern und mir selber Schweigen aufzuerlegen, bis ich mich wirklich gebessert fühlte, was diesmal einen ganz besonders krummen Haken hatte. Kennen Sie das dumme alte Volkslied?:

There was a little girl,
And she had a little curl,
That lump right down her back,
And when she was good,
She was very,   v e r y   good;
But when she was bad — she was   h o r r i d!
    Das paßt so ungefähr, glaube ich — bis auf ben „curl“ — auf mich. Jetzt kam aber das grauenhafte Tauwetter, dazu mein Todfeind, der SW., und ich bin so schlaff, so gänzlich verdummt, daß ich mich wirklich „very, very good“ fühle und hoffen darf, daß selbst die ungeschminkteste Aufrichtigkeit des vorbeiblitzenden Gedankens nicht „horrid“ ausfallen wird. Gewiß ist es ein Fehler, schnell und ohne Überlegung zu schreiben; ich habe aber keine Wahl; tue ich das nicht, so kriege ich keine halbe Seite voll, und auch das ist nicht zum Lesen. Und so muß am Ende jeder von uns beständig rechts und links ausholen, um sich einen Weg zu erkämpfen zwischen den Widersprüchen, aus denen seine Individualität, mindestens seine Erscheinung als Person, zusammengesetzt ist. Aber eines können Sie glauben, es ist auch das einzige, worum ich Sie inständig bitten möchte (und Schopenhauer soll mir beistehen mit seiner Lehre, daß erste Eindrücke nie täuschen): hinter dem Irritabelen, dem Widerwärtigen — was man alles nur will — steckt ein Mensch, für den Sie unentwegt Freundschaft fühlen können, und der des Bewußtseins dieses Gefühls bei Ihnen sehr bedarf! Als ich Ihnen einmal sagte, ich verstünde nicht, mich auszudrücken, so hatten Sie gleich eine Theorie zur Hand (wozu hätten Sie auch sonst soviel mit Schopenhauer verkehrt?), nach der dies bloß Hochmut von mir wäre, solches zu meinen. Ich glaube aber — auch eine Theorie! —‚ daß es sehr natürlich ist, daß, wenn einer so lebhaft wie ich empfindet, daß „words are very rascals“ — er sie auch nicht mit der Liebe und Vollendung zu handhaben verstehen wird, wie einer, der in ihnen das seinem Seelenleben Adäquate findet. — Doch genug von all dem Zeug!
    Wissen Sie, wie man jetzt „sauce piquante“ verdeutscht? Drehen Sie bitte nicht um, bevor Sie sich es überlegt haben. Es ist keine Erfindung oder Witz, sondern in einem authentischen „Tisch-Bericht“ gelesen:
„p r i c k e l n d e r   B e i g u ß“!
    Ich bin überzeugt, den ganzen übrigen Teil meines Briefes nehmen Sie für diese eine Mitteilung gern mit in Kauf, nicht wahr? — Wieviel habe ich schon darüber gelacht!
    Übrigens hat sich mein Schaffenstrieb diesmal billig zufriedengestellt: eine wahre Flut von französischen Versen à la La Fontaine, so witzig, daß es mir schwer fällt zu glauben, sie seien wirklich von mir. (Ist das wieder Hochmut?)
    G e l e b t   habe ich eigentlich ganz und nur mit den Augen, während meines Berliner Aufenthalts. Die italienischen Maler sind auch zu ihrem vollen Rechte gekommen, namentlich aber die italienischen Bildwerke, ich meine plastische, und unter diesen vor allem die   P o r t r ä t - B ü s t e n   (Ton, Marmor, Terrakotta etc.). Namentlich von Mino da Fiesole, dem Quattrocentist, gibt es Sachen, die mich geradezu   r a s e n d   vor Freude machten. Kennen Sie vielleicht seine Büste von Nicolo Strozzi? Allerdings muß man sagen: es waren dankbare Gesichter, keine Bierwirtsphysiognomien (wie Schopenhauer von Hegel sagt!): — wenn man es nicht so ganz lebendig vor Augen sähe, man würde nicht glauben, daß in einem und demselben Gesichte so viele Ähnlichkeiten, so viele Leidenschaften zusammengehäuft ausgeprägt vorkommen könnten, wie z. B. auf dem von N. Strozzi. Eine unglaublich vielseitige Begabung, den feinsten, delikatesten Kunstsinn, ein Urteil, scharf und schneidend wie Nothung, dazu eine rein bestialische Sinnlichkeit, Falschheit, Grausamkeit. Ach Gott! Ist dieser Kopf schön! Unser neuliches Gespräch von den   T a n a g r a -Figuren führte mich die drei Treppen hinauf in die Antiken-Sammlung, und ich kehrte öfters dann wieder. Namentlich die etruskischen   M e t a l l s p i e g e l   entzückten mich. In den nahe liegenden Sälen der Stich- und Zeichensammlungen hängt wenig aus: um mehr zu sehen, muß man an einer Glocke ziehen, was ich natürlich nie zu tun wagte, da meine Phantasie mit den Geist, der auf dieses Zaubersignal erscheinen würde, als schreckhaft hinmalte, außerdem hätte ich gar nicht gewußt, was ich verlangen sollte. Denken Sie mitten in jenem schwelgenden Schweigen die Unterhaltung mit solch einem Menschen, der mich jedenfalls verachtet hätte! Aber   e i n   köstliches Blatt hängt an der Wand — kennen Sie es? —‚ ein Porträt von Martin Luther, von Cranach, ein kleines Bild, etwa so groß wie dieses Blatt [20x25 cm], darunter steht: „Aus dem Reformations-Stammbuch“; zum ersten Male fühlte ich: Also,   s o   hat er ausgesehen! — Übrigens ist das Bild den üblichen Luther-Bildnissen nicht unähnlich, der Unterschied ist aber, daß Cranachs ein lebendiger Mensch ist, derb, grob, mit einem eigentümlich sentimentalen Zuge trotzdem um die Augen herum, und hinter der urkräftigen, trotzigen Erscheinung die Melancholie eines jeden wahrhaft Großen, ein Bedürfnis, wie ein Kind geliebt und getröstet zu werden, Zum Teufel mit allem Klassischen und Idealen! Etwas so wahrhaft Gewaltiges, eine solche Unendlichkeit von   K u n s t,   von Widerspiegelung alles Endlosen, Ewigen, von Hineinschauen in das Unergründliche, wie jener Kopf des Strozzi von Mino und dieses kleine Bild von Luther von Cranach — gibt es ja in den Hunderten von Zeus, Faunen, Niobiden — dazu die ganzen Raffaelschen Madonnen mit ihren nickenden Köpfchen und winzigen Mäulchen — nicht. Und man sieht hier recht, wie der Künstler das Höchste leistet, indem er den Menschen so gibt, wie er ist, indem er, anstatt den Menschen in angeblich ideale Höhen emporzuheben, sich selbst voll Liebe und Mitleid in die Tiefen desselben versenkt. Sowohl Minos wie Cranachs Porträt sind wohl geradezu   r e a l i s t i s c h   zu nennen, aber Gott allein mag wissen, wieso und wodurch sie dazu gekommen sind, das ganze Rätsel dieser Physiognomien — das ganze Welträtsel — uns dennoch — oder vielleicht gerade deswegen? — zu offenbaren. — Nun, daß Ihr Dienstmädchen damals die Tanagrafigur zerschlagen hat, dessen werde ich stets dankbar eingedenk bleiben!
    Glauben Sie, daß die gute Seele mir noch einen Dienst leisten würde? Würde sie mir lehren können, etwas zu empfinden bei dem Anblick jener Kaulbachschen Gemälde, denen ich nicht entgehen kann, wenn ich zu meinem   L u t h e r   hinaufpilgere? Gleich das   R e f o r m a t i o n s b i l d,   da wir ja doch bei Luther sind! Ist nicht das Größte an jedem Ereignis der   M e n s c h?   Und wiederum unter den Menschen   d e r   Mensch? Und in diesem Falle ist wohl doch   d e r   Mensch Luther? Ich mußte mir aber einen Operngucker holen, um ihn überhaupt zu entdecken, da ganz weit, weit im Hintergrunde, der ganze Mensch so groß wie die Köpfe der Leute im Vordergrund, während vorn der Platz gefüllt wird von den gekreuzten Beinen gelehrter Herren, die auf einer Karte was ausstudieren. Ich dachte: Berlin bleibt halt Berlin; die Geheimräte haben den Vorrang! Und dann, diese Monotonie in der Komposition; auf allen Bildern bilden die Figuren ein langes, quergestrecktes Oval — auf   a l l e n.   Und der gute Alte Fritz, der dem   M o s e s   gegenüber sitzt! Na, es ist wohl nix für mich?
    Eine einzige musikalische Erfahrung wurde mir zuteil: die IX. Symphonie unter Herrn von Bülows Leitung. Einige herrliche, unvergeßliche Augenblicke erlebte ich, und nebenbei fesselte mich der interessante psychologische Aufbau des ungewöhnlichen Leiters wieder einmal sehr. So ganz das Gegenteil von dem, was ich erwartet, und von dem, was ich vielfach gehört hatte. Am „gefühltesten“, am tiefsten aufgefaßt ist das Elegische, das Sentimentale, das Zarte (auch das Geheimnisvolle, solange dieses bloß um eine Modulation sich herumwindet); vieles kommt unvergleichlich geistreich und nüanciert zum Vortrag; sowie aber ein eigentliches Allegro darankommt, wird es schwach, und je heroischer, desto ungenügender; sowohl beim Triumphe als beim verzweiflungsvollen Ringen gegen „die Mächte“ verschwindet — für meine subjektive Auffassung von Beethoven — überhaupt alles, und es bleibt buchstäblich nur „Ha, ha! da treten die Posaunen ein!“ — für mich also nichts. Das Adagio-Andante war wirklich himmlisch, kein anderes Wort kann ich dafür gebrauchen. Der zweite Satz reizend. Von dem letzten will ich nicht sprechen. Den ersten aber hatte ich gehofft, bei dieser Gelegenheit zu hören — aber nein! ich habe jenen Satz nie gehört und werde ihn nie hören (da ich für 72 [Aufführung der IX. Symphonie durch Richard Wagner bei der Grundsteinlegung des Festspielhauses in Bayreuth] zu spät geboren wurde) — das Folgende aber, wie gesagt, brachte reiche Entschädigung, mindestens Trost. — Wissen Sie, wo kurz vor Schluß des ersten Satzes der Tod eintritt? Jene Agonie eines edelsten Menschen, wo zuletzt — und auch zuerst — eine Scheidung doch stattfinden muß zwischen Körper und Seele, wo der Körper zittert und schaudert und fleht und sich vor der einsamen Leblosigkeit fürchtet, während die Seele immer freier sich höher und höher hinaufschwingt...? Man macht Ihnen so viele gute Vorschläge von dem, was Sie tun sollten und möchten. Gott bewahre mich davor; aber Sie werden mir nicht wehren, daran zu   d e n k e n,   wie schön es wäre, wenn Sie einmal eine Beethovensche Symphonie spielen ließen? Sie gönnen mir doch die Freude des imaginären Zuhörens?
    Da man auf den schwachen Körper Rücksicht nehmen muß, so möchte ich nicht in diesem weihevollsten Tone schließen. Vielleicht könnten wir schnell noch streiten? Und vielleicht wäre   I b s e n   eine Gelegenheit dazu? Aber doch nicht! Ich persönlich wußte nichts von ihm als seinen Namen; ich lese sehr ungern Dramen, die für die Bühne bestimmt sind (die anderen noch „ungerner“!), kannte also keine Zeile von ihm und war gänzlich unbeeinflußt. Unter diesen Bedingungen hörte ich seine „Frau vom Meere“, und das Werk machte einen großen und schönen Eindruck auf mich. Mit großem Genusse hörte ich es auch ein zweites Mal. Warum? Wieso? — ich hätte nicht dürfen? Das ist mir alles egal: den Genuß, den Eindruck eines schönen Kunstwerks, den hatte ich, den habe ich jetzt als mein Eigentum. Und zwar ist in diesem Eindrucke etwas so eigentümlich Faszinierendes, Befriedigendes, es gibt so viele entzückende Einzelheiten, die man für sich allein vornehmen kann, daß ich sowohl Enthusiasmus wie Opposition fliehe und am liebsten in aller Stille daran wiederkäue. Der größte Teil des Publikums geriet — wie Sie bei der „Wildente“ — in Wut, was mich aber natürlich nicht im mindesten genierte. Worüber ich namentlich hocherfreut war, das war, zum erstenmal in Deutschland wirklich gut spielen zu sehen, d. h. die   M ä n n e r   ganz vortrefflich. Die Frauenzimmer allerdings schlecht bis scheußlich. Das Schillersche Pathos scheint sie ein für allemal zum Nachempfinden menschlicher, wahrer Gefühle unfähig gemacht zu haben.
    Ich hörte — und sah — d r e i m a l   „Die Jungfrau von Orleans“ von den Meiningern. Namentlich der erste Akt — wo man verhältnismäßig wenig von jenem Weibe geplagt wird — übte einen mächtigen Reiz auf mich: dieser König ist anbetungswürdig. (Es ist eben ein   M e n s c h,   geworden wie Gott wollte.) Aber bei jedem Anhören wurde mir das Werk als Ganzes widerwärtiger, verhaßter. Alles ist unwahr, alles verschroben, alles auf den äußerlichsten Effekt berechnet, nicht ein einziger Mensch (den König ausgenommen), der anders als wie eine Fläche gesehen wäre, der wirklich leibhaftig, widerspruchsvoll, lebendig erschiene!
    Nun, da habe ich mich wohl schön hineinverrannt? Und ich will auch schleunigst schließen; die Plauderei wird sonst unmäßig lang.
    In ehrfurchtsvoller Treue Ihr ergebenster

Houston S. Chamberlain.

    Darf ich zu meiner Verteidigung hinzufügen, daß ich — an anderen Orten — Schiller zu schätzen weiß, und daß ich W. Scott leidenschaftlich liebe?
 

86-90 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Wahnfried, den 28. März 1889.

    Ich danke Ihnen herzlich, Freund, für die Sendung der beiden indischen Dramen, wovon das „irdene Wägelchen“ uns bereits alle unbedingt ergötzt. Dieser Kaufmann von Uggayini, der immer beschaulicher wird und dabei die Hetäre liebt, ist wirklich einzig; und ich glaube, daß, wenn ich die Festspiele überstehe, ich Indien nicht so bald verlassen werde, Indien und Wahnfried.
    In München sah ich eine so kindische Darstellung der   U r v a s i,   daß ich nicht recht wußte, sollte ich guter oder schlechter Laune darüber werden; es siegte die erste dank einem Schuster, der die Nachtigall schlägt, welchen Schlag ich für den Pfauenruf gehalten habe. Das Stück selbst (sehr gestrichen) ist die denkbar rührendste Hofdichtung. Eine Szene, wo die Königin ihr Reue-Opfer bringt, brachte mir wiederum die Wendung des Willens nahe, wie sie Indern und Spaniern so geläufig ist und ihre erhabene Wirkung inmitten des Begehrensspieles und als Abschluß desselben in der weiblichen Seele nie verfehlt. (Nebenbei gesagt, ich habe Schopenhauer leider gar nicht soviel gelesen, als Sie annehmen, und meine Hochmutsanklage war keine Theorie, sondern ein Scherz, mehr noch eine Artigkeit! Wie kommen Sie denn dazu, das nicht zu verstehen? Soll ich Deutschland dafür verantwortlich machen?)
    „Treibe Musik!“ sagte im Traum der Dämon zu Sokrates, er setzte sich hin und schrieb eine Fabel. Ich mußte daran denken, als ich von Ihren französischen Versen las, obgleich sie, wie es scheint, sich sehr wesentlich von den Sokratesschen müssen unterschieden haben. Nebenbei haben Sie aber auch Musik getrieben, und zwar die denkbar beste mit der Neunten. Ich habe recht alles nachgefühlt, was Sie mir mitteilen, und ich glaube, ich hätte es Ihnen voraussagen können. Gewiß, wer die Neunte 1872 nicht gehört, wird sie nicht mehr hören. So werden diejenigen, welche die Sonate 106 von meinem Vater nicht vernahmen, dieselbe nur in Gedanken kennen. Ich für meinen Teil glaube an keinen Beethoven mehr. Die C-Moll-Symphonie unter Mottl, so viele Vorzüge der Naivität und des Schwunges sie hatte, war doch nicht das erschütternde Ereignis, welches ich weiß. Da sitzt man denn traurig, anerkennend und mitfühlend, da, indem man von einer anderen Welt weiß und von dieser so gut wie nichts sagen kann. Einige Maler haben sich den Augenblick vor dem Jüngsten Gericht als Vorwurf genommen, wo sozusagen nichts ist, nicht mehr das Leben und noch nicht das andere; so ungefähr berühren mich die heutigen Erscheinungen. Warum denn, lieber Freund Houston, müssen Sie die Italiener schlecht machen, wenn Sie die Niederländer bewundern? Das scheint mir sehr das Mädchen mit der Locke zu sein und erinnert mich an Gobineau, der mir einmal in Bausch und Bogen von den Italienern sagte: „Dieu, que ces gens là devaient être bête“, wobei er natürlich, wie Sie, nur an die absoluten Klassiker dachte; das Quattrocento bestand vor ihm. Ich glaube, die Büste, von welcher Sie sprechen, zu kennen. Meine Kinder erinnern sich derselben sehr gut; mir ist vieles entschwunden, und das, was mich einnimmt, ist so ausschließlich, daß ich förmlich herumsuchen muß, wenn es sich um etwas handelt, was nicht dahin gehört. Seltsamerweise ist mir dabei das Interesse für alles geblieben, gerade so auch wie für die Menschen, obgleich die Einsamkeit meine Heimat wurde. Ich denke, da das ein großes Durcheinander ist, wird es Ihnen gefallen. — Wenn Sie im Museum geklingelt hätten, dann wäre ein kleiner Jude, Lipmann, erschienen, und der hätte Ihnen die Honneurs der — nach der Musik — wohl deutschesten Kunst gemacht. Mit dem Bildnis von Luther haben Sie mir eine Wohltat erwiesen, indem der herrliche Kopf wiederum vor mir war und mit ihm das einzige, ergreifende Wesen. Und da Sie unser Verlust zu den Tanagräerinnen geführt hat, wollen wir ihn nicht nur verschmerzen, sondern meine gute Trampel-Trina als Werkzeug der Vorsehung betrachten.
    Das große Treppenhaus ist allerdings entsetzlich; und denken Sie nur, es hat eine Zeit gegeben, wo man dafür (und zwar bedeutende „man's“) schwärmte. Die philosophische Malerei, wie seinerzeit die historische Oper, brach an; was man sich da alles vorgemacht hat, glauben Sie nicht. Ein Lachen Sempers brachte   m i c h   wenigstens wieder zurück. Ich will keine boshaften Anspielungen machen, aber ich weiß genau, wie es mit einer gewissen Schwärmerei in etwa 5 Jahren stehen wird. Ich entsinne mich auch u. a. für „Maria Magdalena“ von Hebbel bis zum Übersetzen derselben geschwärmt zu haben; um keinen Preis möchte ich jetzt hineingucken. Ich warte also ruhig meinen Moment ab, der so sicher eintreffen wird, wie jetzt Ihr Ärger über meine Erwartung.
    Aber auch die „Jungfrau“ kann warten! Denn das Ewige läßt uns Zeit. Ich hatte einst einen sehr geistvollen, ausgezeichneten Freund, Marquis de la Cecilia, der aus Vermögensumständen seinen Titel abgelegt und Unterricht in einem deutschen Gymnasium gab. Er war der gründlichste Sozialist, der mir begegnet, suchte mich in diese absonderlichen Dinge einzuführen, und eines Tages, als wir zusammen über das Glück der Menschheit faselten, sagt er mir plötzlich: „C'est cet infâme christianisme qui tout gâté.“ Ich fühle noch jetzt meine Versteinerung; weder dem Christentum noch meinem Freunde war ich gewachsen, um das eine zu verteidigen oder dem anderen zu entgehen; ich fing an, auf das dümmste zu lachen, und empfand doch dabei im Herzen, daß ich mit Freuden für meinen Glauben sterben würde.
    Nicht unähnlich geht es mir Ihnen gegenüber in bezug auf die „Jungfrau“. Ich habe über Ihren Ausbruch („boutade“ möchte ich's nennen) gelächelt und weiß, daß ich für den Geist, der sich in diesem Wunderwerke ausdrückt, sterben könnte. Aber ich hätte auch nicht lächeln sollen; denn was soll uns als Religion gelten, wenn nicht die fortdauernde Wirksamkeit der Wesen, die eine Sendung haben, und die wir als unsere Heiligen deshalb verehren. Ich käme mir absurd vor, wollte ich diese Dichtung, in welcher Schillers divinatorischer Genius in seiner ganz unvergleichlichen Eigenart sich uns enthüllt, verteidigen. Aber ich kann wirklich nicht begreifen, wie Sie keinen Widerspruch und keinen Konflikt in den Charakteren finden, da die Heldin an dem furchtbarsten Konflikt der Neigung und der Bestimmung, der Menschlichkeit und des Übermenschlichen auf das Rührendste und Kindlichste zugrunde geht. Freilich wird sie nicht gut dargestellt, und damit ist vielleicht alles gesagt. Werden Sie mir das als Hochmut anrechnen, wenn ich Ihnen sage, daß ich es mir anheischig machen würde, Ihnen durch die einfache Lektüre es zum Bewußtsein zu bringen, welche Einfalt des Wesens Schiller uns da gebildet hat, und welche Einfachheit der Sprache er für sie zu finden wußte? Und wollen Sie ihm etwa den Vorwurf verdenken, den er — wählte? nein, schuf, und zwar derart in der Wahrheit, daß die in den 50er Jahren erst herausgekommenen Prozeßakten ihm, der dabei die Kühnheit hatte, die Geschichte über den Haufen zu werfen, recht gaben, zur ewigen Schande der Jahrhunderte, welche unserm großen Dichter ein so scheußliches Bild vorführten, daß der Herzog Karl August, als er von Schillers Plan vernommen, die Mitwirkung seiner Geliebten bei der Aufführung im voraus versagte, da kein Mensch etwas anderes wußte, als daß dieses Sujet ein unanständiges sei. (Das niedere Volk in Frankreich wußte es freilich besser, es erfand die Sage von Blaubart, welcher inmitten seines wütenden Lebens mit abscheulichsten Gedanken zu der Jungfrau kommt und von ihrer Unschuld und Hoheit so überwältigt ist, daß er zur Einkehr kommt und als frommkühner Ritter seine Tage beschließt.) So war Schillers Dichtung eine Tat, und es müßte uns wohl sehr traurig, ja verzweifelt stimmen, wenn wir plötzlich nicht mehr das erhaben Gesetzliche, ewig Wirkende in einer solchen Erscheinung empfinden dürften, sondern in ihr auch das Willkürliche und Vergängliche annehmen müßten. Doch gewiß, solange es Seelen geben wird, die mit ihrem Gotte ringen und ihn als furchtbar schwere Last durch die Wogen des Lebens tragen, so lange wird dieses Werk unter Tränen bejubelt werden und Schiller als Seher und Tröster gepriesen. Aber wie traurig muß sich uns alles darstellen, auch die Unsterblichkeit! Im Leben müssen die Genies tragen wie keine anderen, und nach dem Tode bleibt ihre Wirkung gehemmt! Und seltsam genug, Ihre schönen Worte über den Schluß des ersten Satzes der Neunten, sie enthielten das, was die „Jungfrau“ durchweht, was ihr Sterben so ergreifend macht und es als Vorbote der Verklärung Isoldens erscheinen läßt. So ist alles Widerspruch, und nur dem Dichter ist es gegeben, uns diesen Widerspruch als ewige Harmonie empfinden zu lassen.
    Nun, mein teuerster Freund, schreiben Sie mir, wann und wie Sie wollen. Wenn Sie mir einmal Unrecht tun und die Locke gar zu gerade und tief hängt, dann werde ich's Ihnen immer sagen, im Notfall zur Schere greifen. Mißverstehen werde   i c h   S i e   nie, selbst dann nicht, wenn Sie eine Absicht von mir gründlich verkennen.
    Leben Sie wohl! Sie sehen, ich habe Sie überbrieft! Es will durchaus kein Friede zwischen uns werden. Aber etwas noch Besseres als Friede ist da, und wenn ich es schon nicht nennen kann, so begrüße ich es von ganzem Herzen!

C. Wagner.
 

90-91 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Dresden, 29. März 89.

    Hochverehrte Meisterin, ich habe Wilhelm Tell von   S c h i l l e r (!)  vor mir — durch 2 Stunden.
    Gewiß hätten Sie über meinen Ausbruch   n i c h t   lächeln sollen; da stimmen wir überein, wenn auch aus verschiedenen Motiven. — Ein   E i n d r u c k,   über den einfach und wahrheitsgemäß berichtet wird, ist immer interessant; eine Kritik kann lächerlich sein, eine „Ansicht“ erst recht, aber der von einem Kunstwerke naiv empfangene   E i n d r u c k   ist wahr, ist eine Tatsache. Mein Eindruck bei der „Jungfrau von Orleans“ ist soviel wert wie der Ihres Kutschers in „Tristan“, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
    Als ich in Florenz zum erstenmal Michel Angelos Grabmal des Lorenzo di Medici sah   (o h n e   z u   w i s s e n,   was es sei, noch von wem), verlor ich das Bewußtsein: kein Mensch hat das Recht, über diesen Eindruck, den das Kunstwerk auf mich ausübte, zu lächeln, denn hier liegt der Beweis seiner ganzen Wahrheit in dem physischen Phänomen der Ohnmacht. Ich wurde als 19jähriger Jüngling als „Schiller-Schwärmer“ geneckt und würde mir ebenso gern heute wie damals den Spott gefallen lassen. Auch das Gedicht der „Jungfrau“ habe ich gewiß sehr bewundert; überhaupt hat Schiller einen gewaltigen Einfluß auf meine Geistesbildung ausgeübt.
    Nichtsdestoweniger machte die „Jungfrau“ als Drama den Eindruck auf mich, von dem ich berichtete. Wer in seiner Jugend Schiller innig geliebt hat, wird doch nicht später lügen können? Überhaupt, in bezug auf Goethe und auf Schiller — als   D r a m a t i k e r  — schlage ich häufig den Band der „Fragmente“, S. 86 [Richard Wagner, Ges. Schriften und Dichtungen, Bd. 12, Abt. V, S. 279], auf, um mich zu überzeugen, daß diese Worte wirklich dastehen — sie genügen mir. „...zum Dichter geworden“: das sagt alles, was ich meine, und was ich sowohl bei der „Jungfrau“ wie der bei „Iphigenie“ empfinde. Und ich glaube, daß, wenn die Deutschen solange Bayreuth nicht verstanden und auch heute — weiß Gott! — nicht verstehen, dies zum sehr großen Teil dem Einfluß jener beiden Männer zuzuschreiben ist. Und was Schiller speziell anbelangt, so meine ich: es ist gewiß schön, wenn eine dramatische Kunst in der Person eines edlen Euripides ausklingt: sehr bedenklich ist es dagegen, wenn sie mit diesem anhebt, und der wahre — nicht gewordene — Dichter, der Äschylus, ein Jahrhundert später kommt. — Aber ich kann nicht mehr schreiben — legen Sie meine Liebe zu Bayreuth in die gute Waagschale, und glauben Sie, bitte, an meine Treue zu Ihnen und zu Ihrer Sache.    H. S. C.
 

91 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Bayreuth, am 30. März 1889.

    Mein Lächeln, bester Freund, haben Sie gründlich mißverstanden — es war sehr freundlich gemeint und bedeutete einen jener Widersprüche in dem menschlichen Wesen, welches die Physiognomie ausmacht, die Sie an der Büste erfreute.
    Ein solches Beispiel müßte einem eigentlich das Schreiben abgewöhnen, aber ich bleibe dazu bereit. Wenn ich Sie sehe, sprechen wir über Schiller und Goethe. Erinnern Sie sich aber, bitte, mein Freund, daß Ihr Ausdruck eine Erwiderung auf den von mir Ihnen mitgeteilten überwältigenden Eindruck von der kindlichen Einfalt dieses Gebildes war. Aber all dies mündlich — für heute schriftlich nur den herzlichsten Gruß einer unbedingten Teilnahme und Ergebenheit.   C. W.
 

92-93 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


7. April 1889.  3 Reichenbachstraße, Dresden.

    Nicht wahr, hochverehrte Meisterin, Sie glauben nicht im Ernste an diese verschiedenen „Mißverständnisse“, die Sie mir vorwerfen? Das hieße doch, sich das Leben zu leicht machen! Ich glaube, das erste wahre Mißverständnis wäre, an ein solches zu glauben. Jenes Lächeln z. B. über meine „boutade“ habe ich so gut verstanden. Ich habe mit Ihnen erst gelächelt, dann laut gelacht, denn ein Lohn der Wahrhaftigkeit ist, daß man auch sich selbst ganz frei gegenübersteht; dann aber fühlte ich so ganz mit Ihnen, als Sie sich sagten, nein, ich sollte nicht lachen! Und auch ich hörte auf. Wie Sie nun aber ausführten,   w a r u m   Sie nicht lachen sollten, da entfernte ich mich von Ihnen, aber doch nur wie eine harmonische Stimme in einer Gegenbewegung; ich verstand Sie wohl, es waren aber andere Gefühle, andere Ideenassoziationen in mir wachgerufen, und ich folgte denselben. Wenn ich mich recht entsinne, geriet ich sogar in eine gewisse Exaltation, wozu Sie mir aber auch wieder das gute Beispiel gegeben hatten, indem Ihr Denken über das Nichtlachensollen Sie auch zu ziemlich schwindelnden Höhen geführt hatte!
    Und weiter — nix! Außer höchstens, daß mein Ausfall durchaus nicht als   E r w i d e r u n g   auf Ihre Tränen gelten sollte, sondern als merkwürdige Erscheinung, eine Empfindung neben der anderen: ich habe das nicht ungern bisweilen, so ganz unvermittelt.
    Übrigens auch an jenes berühmteste aller Mißverständnisse habe ich im Grunde nie einen Augenblick geglaubt, sondern an ein zu tiefes, zu exquisites Verstehen. —
    Die Malten wurde Donnerstag, bei ihrem ersten Auftreten nach St. Petersburg, riesig gefeiert; sie hatte einen Berg von Blumen und Kränzen; es freute mich. Der schlaue Logenschließer — ein Busenfreund — meinte: „Ach, lieber Herr! hier geben s' nur Blumen; in Beterspurg steckt in jedem Pouquet was drin,“ Mag sein — aber gefreut hat sie sich gewiß. Es war „Iphigenie in   T a u r i s“.   Gluck macht mir stets das erstemal Magenschmerzen; dies war zum Glück mein zweites Mal, und (abgesehen von „Tannhäuser“) habe ich seit Bayreuth nicht so gewaltig empfunden: ich kam aus dem Zittern und Beben und gänzlich Entrücktsein nicht heraus. Allerdings war ich herrlich disponiert — nervös, reizbar, unausstehlich und voll quälender Sehnsucht. Aber es   w a r   s c h ö n!   Diese ersten zwei Akte sind eine wirklich großartige Schöpfung. Aber nicht wahr, verehrteste Meisterin, wenn Sie einmal ein Ruhejahr haben, da erklären Sie der Malten und dem Scheidemantel,   w i e   man so etwas spielen muß. Was die zusammengestikulieren! Und wie lächerlich das aussieht bei solchem langen Verweilen des Dramas auf einem und demselben Punkte; es ist zuletzt wie komplizierte Gliederpuppen, wenn sie nach absolviertem Durchmachen der verschiedenen Stellungen wieder von vorn anfangen. Ich spreche aber nur deswegen davon, weil es bei der sonstigen Leistung dieser vortrefflichen Künstler so schade ist. Daß der Chor „que de grâce, que de beauté“, aus der aulischen Iphigenie hier, Note für Note, ein Klagelied geworden ist, das ist namentlich für die Seele des Meisters interessant, finde ich.
    Wissen Sie, was ich vor mir liegen habe, was mich seit gestern ganz erfüllt? Wie sollten Sie es raten? — „D a s   L i e b e s v e r b o t!“   Der alte Ernst Kietz hat's mir geliehen. Es scheint eine Bühnenabschrift zu sein und wurde ihm im Jahre 42 geschenkt. Das Ganze trägt das Gepräge (wie mir scheint) großer Eile an sich, namentlich gegen Schluß; eine beträchtliche Anzahl Korrekturen gibt es auch. In dem Buche liegt eine „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 15. April 36, welche berichtet, das Werk sei „mit Beifall gegeben“ worden am 29. März. Sehen Sie, das verstehe ich besser wie die „Jungfrau“! Das   s e h e   ich alles mit meinen Augen, diese Kerls alle — Pontio und Friedrich und Lucio und Isabella und Dorella... Ich wollte gestern „Lohengrin“ hören, aber ich mußte mitten drin weglaufen: die Musik paßt nicht zum „Liebesverbot“, und ich konnte nichts anderes denken, hören und sehen!
    Übrigens — wie diese Zeilen Ihnen wohl schon zur Genüge zeigen? — die Locke hängt noch immer tief! Mitten unter Erbsenschnitten und anderen mikroskopischen Arbeiten werde ich geplagt von einem Drama, das ich höre und sehe, von dem ich   a l l e s   weiß — und weiß nicht wer? Und wo? Und wie? Ich weiß alles und zugleich gar nichts davon! Es ist zum Tollwerden.

H. S. C.

    Ich spiele   a l l e   Tage Quartett op. 95 [von Beethoven] — falls Sie das interessieren kann zu wissen.
 

94-97 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Bayreuth, den 9. April 1889.

    Ich möchte Ihnen recht schön und heiter schreiben, mein Freund, allein die Kräfte geben es in diesen Tagen nicht her; ich bin wirklich nur Sorge um unsere Sache und auch Kummer, und da hängen die Flügel sehr matt. Ich muß Ihnen aber doch sagen, daß ich eine große Apologie meines Lächelns vorhatte, und daß Sie dieselbe überflüssig gemacht, denn ich wollte Ihnen nur sagen, daß diese ganze Fähigkeit der Heiterkeit zwischen zwei Menschen im Augenblicke, wo sie scheinbar durch Abgründe getrennt sind, zu den schönsten Unerklärlichkeiten gehört. Ungefähr ähnlich ist es mir kürzlich mit meinem teueren Adolf [von Groß] gegangen, für dessen Geburtstag ich mit vielen Gedanken daran drei schöne Aquarelle aus dem „Ring“ bei dem lieben Thoma bestellte, das Fiasko war vollständig, und trotzdem mir alles daran gelegen hatte, ihm eine sinnige Freude zu bereiten, überkam mich eine Heiterkeit über das qui pro quo, wie sie mir kaum durch eine geglückte Aufmerksamkeit geworden wäre. Freilich, wenn er nun mein Lachen als Herzlosigkeit, wie Sie es als Dünkel mir gedeutet, da wäre ich schön dagestanden mit meinem armen Humor!
    Aber Sie sind ein prachtvoller Rechtsanwalt, und sollte ich jemals in Anklagezustand geraten (vielleicht durch den [Allgem. R.-Wagner-] Verein wegen schlechter Verwaltung des eisernen Fonds), da sollen Sie meine Verteidigung übernehmen. Vorerst muß aber die Locke tüchtig abgeschnitten werden, sonst, weiß Gott, was Sie inmitten der Rede plötzlich über mich und was man mir zu versagen hat, vorbringen!?
    In diesen grauen Tagen, in welchen der Vogelsang einem wie Anomalie erscheint, ist mir Ihr liebenswürdiger Landsmann Sir W. Scott von unendlichem Wert gewesen. Entsinnen Sie sich seiner Einführung der Maria Stuart im „Abbot“? Dieses unwiderstehliche weibliche Wesen wird vor uns lebendig mit all ihrer Anmut, ihrem Witz, ihrer Leidenschaftlichkeit, ihrer Ergebung, und in einem Augenblick — (Lindsay in der Aufwallung einer zu Haß verwandelten Liebsleidenschaft erfaßt brutal den Arm der Königin; nun, die Antwort darauf) — erscheint diese Vollendung der weiblichen Grazie ebenso erhaben wie die Resignation des Heiligen; freilich darf ein solches Meisterwerk der Natur, wie Maria es war und wie der große Künstler sie uns wiederbringt, keine Konsistorialräte als Publikum haben, dann ist so eine Blüte verloren. Mir ist auch, als ob unser jetziges Publikum viel zu klobig für einen Meister wie Scott ist; ich bewundere immer lebhafter diesen liebenswürdigsten aller Erzähler; wo er breit wird, empfinde ich die Notwendigkeit der Anlage wie in einem vollendeten architektonischen Bau, in welchem Breite und Länge auf das bestimmteste harmonieren.
    Gern würde ich die „Iphigenie auf Tauris“ sehen, schon um die Freude zu haben, das Unsterbliche lebendig zu fühlen; sie soll viel größere Schönheiten enthalten als die aulidische, von welcher ich eine ganz artige Aufführung (mit richtigen Tempi) in Karlsruhe erfuhr. Es freute mich, von der Malten zu hören, für welche ich wahre Freundschaft und Hochachtung hege, und ich stellte mir sehr gut ihre Darstellung vor. Das würde mir die größte Freude sein, mit solch einer Künstlerin über ihre Aufgaben zu verkehren; ich werde nie vergessen, wie wir über die Eva in einem halbstündigen Gespräch einig wurden, und wie einzig sie dieselbe dem Geiste nach wiedergab, obgleich ihre Persönlichkeit ihr für diese Aufgabe geradeswegs störend entgegentrat.
    Sie haben recht, man muß Gluck gewärmt genießen; das erstemal ist beinahe immer erdrückend vor Dürftigkeit. Zumal stört mich diese, welche, auf Heiligenlegenden angewendet, vielleicht ebenso angenehm auf uns wirkte wie die unbeholfene mittelalterliche Holzschnitzerei, angewendet auf die uns als vollendete Typen bekannten griechischen Sagenhelden. Und daß die französische mignardise und afféterie die Vermittelung abgibt, macht die Sache nicht besser. Hat man das alles überstanden, dann wirkt die Einfalt Glucks oftmals sehr erhaben.
    Das „Liebesverbot“! Vor nun 30 Jahren hörte ich manches daraus, und ein Nonnengesang erinnerte mich an den „Tannhäuser“ (Vorspiel, 3. Akt). Es freut mich, daß Sie sich daran erfreuen; und wer seinerzeit „Feen“ und „Liebesverbot“ in ihrer Verschiedenheit gefaßt hätte, hätte sich am Ende das weitere sagen können. Aus dem „Lohengrin“ hat Sie gewiß die schlechte Aufführung und nicht die Treue zum „Liebesverbot“ getrieben. Und hier muß ich einer fürchterlichen Ketzerei Ihrer Ver„lockt“heit gedenken! Daß Schiller und Goethe der Grund seien, daß es in Deutschland mit unserer Sache schlecht steht! — Ach, mein Freund, genau mit dem Auftreten von „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ begann in Deutschland, von Heine und Börne angeführt, das Witzeln über Schiller. Die große Einfachheit seiner Idealität gab ihm Blößen; plötzlich schämte sich die deutsche Jugend ihres höchsten Mannes.
    Daß diese Kraft der Idealität dem Deutschen das Natürliche ist, daß sie seiner Sprache einzig entspricht und ihn der Musik wieder zuführt, das vergaßen unsere armen Kaspar Hausers und brachten sich um ihr königliches Erbe, wenn nicht um ihr Leben. Und bei dem Satz „zum Dichter gewordener Metaphysiker“ ist der Akzent nicht so stark auf „geworden“ zu legen, sondern auf die eigenartige Begabung, welche Schiller mit Ideen wie mit lebendigen Personen verkehren und handeln ließ. Das nimmt seiner Dichterkraft nichts, verleiht ihr nur einen eigentümlichen Stempel. Wenn Sie dessen recht innewerden wollen, so vergleichen Sie seinen Demetrius und den von Lope — letzterer die reizendste Dramatisierung der Geschichte, wie sie die katholische Kirche in Umlauf gesetzt, ersteres die dramatisch-gewaltige Enthüllung eines psychischen Vorganges; und die Deutschen durften sich mit Stolz sagen, daß diese Art, zu schauen und zu gestalten, ebenso volkstümlich bei ihnen war, als die liebenswürdige leichte Weise Lopes es bei seinen Landsleuten war.
    Mit Ihrem Drama wird es wohl sein wie mit der Musik, die man im Traum hört — man kennt sie genau, sucht nach ihr, findet sie nicht. So habe ich neulich eine Messe von Berlioz komponiert.
    Die „Mißverständnisse“ brachten mir die Wut meines Vaters gegen dieses Wort wieder nahe (er haßte auch das Wort Wirkungskreis!). — „Que diable entendez-vous“, rief er einmal aus, als er von Mißverständnis hörte. Ich bin nicht so von Löwenadler-Art und erkläre mir gern die Dinge einfach (auch ein Ding, welches mein Vater haßte, die explications, wie er denn überhaupt durchaus ungemütlich war). Nun aber im Ernste, leben Sie wohl! Möchte es Ihnen besser gehen wie mir, in Stimmung meine ich, denn meine Gesundheit „ist fest und leidet keinen Schaben“. Tausend Grüße von uns allen.

C. Wagner.

    (Nachschrift.)

Dienstag, 9ten April 1889.

    Morgen — Geburtstag meiner Isolde — vollzieht sich hier etwas Furchtbares [die Hinrichtung eines Mörders]. Mir scheint dieser Akt der Gerechtigkeit nur grausam. Ich ging zu dem Dekan, um — für mich — um einen Gottesdienst zu bitten, um wenigstens während des Entsetzlichen in einem Raume, wohin das Tägliche nicht dringt, zu sein. Das ist nicht möglich! Kirchenvorstände, ja selbst der König müßten angegangen werden... Das ist unsere Religion! Das ist unsere Welt! Soll ich sagen: Das ist das Leben? Ich glaube es nicht, ich hoffe es nicht! Beantworten Sie mir dies nicht, was ich Ihnen da als Untergrund, den unbeschreiblichen, all des Bösen, was mir in dieser Zeit wurde, selbst angeben mußte. Mit den Kindern schweige ich.
 

97-98 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


10. April 89.  3 Reichenbachstraße. Dresden.

    Danken muß ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, aus ganzem Herzen, daß Sie mir von Ihrem vielen Festspielkummer sprechen, und wenn auch ohne ein einziges — so ganz überflüssiges — Detail, so doch so deutlich die tief-wehmütige Stimmung aus jedem Satz einem entgegenwehen lassen. Es ist ja ganz überflüssig — „d'insister“; und Sie denken mit mir, daß das Schönste, das Heiligste, was ein Mensch einem Menschen schenken kann, ein Teil seines Schmerzes ist.
    Übrigens harmonierte Ihr ganzer Brief in wunderbarer Weise mit meiner ganz besonders melancholischen Stimmung, die mich schon bei meinem ganzen Vormittags-Spaziergang eine gar zu verzweifelt wehmütige Unterhaltung mit Ihnen hatte führen lassen!
    Auch danke ich Ihnen für vieles andere in Ihrem Brief natürlich. Die „schönen   U n e r k l ä r l i c h k e i t e n“   waren mir ein wahrer Balsam; was Sie von Maltens Eva sagen, zeigte mir wieder einmal (wie schon früher so manches), welche tiefe Harmonie der Empfindung uns — trotz allem oberflächlichen Scheine — verbindet; daß Sie mir überhaupt noch von Schiller sprechen, ich finde das zu gut von Ihnen, und Sie können überzeugt sein, daß ich jedes Wort oft lese und viel darüber nachsinne, und zwar mit dem aufrichtig bescheidenen Wunsche, Ihnen alles zu glauben, und wenn trotzdem nicht alles in mein lockiges Haupt hinein will, von   e i n e r   Sache überzeugt mich Ihre Argumentation doch, daß Sie die Milde und die Nachsicht der wirklichen Geistesgröße besitzen (übrigens bin ich aus Liebe zu Ihnen neulich in   „W i l h e l m   T e l l“   gegangen und habe mir viel Mühe gegeben!); mein Drama (entschuldigen Sie, daß es gleich nach „Wilhelm Tell“ kommt, die Reihenfolge entnehme ich Ihrem Briefe), mein Drama läßt Sie sehr schön grüßen, es hat glücklich seine „Idealität von Zeit und Raum“ überwunden und schaut sich auf fester Erde um; Beethovens Op. 95 ist mir so ungeheuer dramatisch (und zwar nicht in dem innerlichen Sinne einiger späteren, sondern etwa wie einige Ouvertüren etc.), daß ich nicht umhin kann, mir immer vorzustellen, daß Shakespeare dahintersteckt, und daß die poetische Anregung zu diesem „Quatuor serioso“ von einem Drama meines geliebten Jugendfreundes ausgeht, wissen Sie vielleicht etwas darüber? ich habe nie den Mut gehabt, eine Lebensgeschichte Beethovens zu lesen — ich fürchte, ein Buch zu lesen oder mich in eine Unterhaltung zu mischen, wo sein Name genannt wird, weil ich eine solche Überzeugung besitze, daß von den aller-, allermeisten — von fast allen — Beethoven nur infolge eines Mißverständnisses (!) bewundert wird; was Sie mir von Ihrem verehrten Vater erzählen, hat mich in hohem Maße interessiert, ja eigentlich mehr wie das, und diesen dreifachen Haß fühle ich ihm so lebhaft nach, daß meine alte Sehnsucht, etwas von diesem merkwürdigen Manne zu wissen, wieder aufloderte, denn der Welt gegenüber steht er als Sphinx da, und die Göllerichs und Sie... (nein, nein, dieser Brief soll wirklich ganz ohne Locke abgehen): „When he was good, he was very, very good!“
    Mit vielen herzlichen Grüßen Ihr ehrfurchtsvoll ergebener

H. S. C.
 

98-100 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Wahnfried, den 17. April 1889.

    Trina hat soeben einen kleinen Porzellan-Chinesen zerschlagen! Das scheint mir ein Schicksalswink, daß ich Ihnen schreiben soll, mein Freund. Ich wartete immer auf einen schönen Frühlingstag, um Ihnen eine bessere Stimmung zu melden, der will in diesem Jahr nicht kommen, und so muß der Humor über das menschliche Ungeschick mir über die Traurigkeit des vielen Mißgeschickes helfen.
    Was „Wilhelm Tell“ anbetrifft, so tut es mir sehr leid, daß Sie sich ihn ansahen. Er wird zu schlecht gegeben — vielleicht am schlechtesten unter allen Schillerschen Stücken, was viel sagen will — und könnte, glaube ich, nur unter außerordentlichen Umständen wirken. Woher soll aber bei dem bei uns eingerissenen greulichen Pathos die schlichte Sprache für diesen deutschen Volksmann kommen! Ich würde noch eher unsern Sängern den Vortrag der Rossinischen Melodie zutrauen, obgleich sie auch dies nicht können. Wenn wir einmal dazu kommen, über Schiller zu sprechen, so werden wir gewiß uns einig fühlen. Bei jeder Nation hat das Theater eine andere, sehr ausgeprägte Physiognomie, und das größte Genie müssen wir doch als Engländer anerkennen.
    Wie könnte ich Ihnen ein rechtes Bild meines Vaters geben? Von der Kindheit an, wo ich ihn vorbeistreifen sah, bis zum Ende war sein Eindruck auf mich der einer phantastisch sagenhaften Erscheinung. Unter seinen Zügen könnte ich mir den Nornagest vorstellen, und von einem Maler ist mir einmal gesagt worden, daß sein Kopf und seine ganze Physiognomie die französische Malerei bestimmt hätten. Meine Mutter teilte mir von ihrer ersten Begegnung mit ihm, als er etwa zwanzig Jahre alt war, mit, daß sie geglaubt hätte, eine Hoffmannsche Figur leibhaftig vor sich zu sehen. Sagt man, er war gut, sagt man, er war geistreich, ein großer Komponist oder ein großer Virtuose, ein frommer Gläubiger, so ist das alles unrichtig. Alle Gegensätze trafen sich in seinem Herzen, und ich könnte mir dieses absolut weltliche Dasein ebensogut in ein asketisches verwandelt vorstellen.   G r ö ß e,   ganz schrankenlose, in der Auffassung aller Dinge, und   F e u e r:   diese beiden Prädikate möchte ich ihm vor allem zuweisen. Aus ihnen entsprang die Originalität seiner Gedanken. Aber weiter würde ich mich nicht unterfangen, ihn kenntlich zu machen, denn ich müßte mich in Antithesen bewegen, welche alles verwirrten. Anekdoten werde ich Ihnen erzählen, wenn wir uns sehen, und das ist das beste.
    Ihre Frage bez. des Quartetts op. 95 hat mich einem großen Ärger über mich selbst hingegeben; nämlich dem, daß ich Beethovens Leben schlecht kenne, sei es, daß ich es nicht genügend studiert oder vergessen habe. In seinem Tagebuch schrieb (am 9ten Juli 1810) Beethoven: „Es gibt Perioden im menschlichen Leben, die wollen überstanden sein;“ und: „Für dich, armer Beethoven, gibt es kein Glück von außen, du mußt dir alles in dir selbst erschaffen, nur in der idealen Welt findest du Freunde.“ Das Quartett ist Oktober 1810 geschrieben. In diesem Jahr hat er zugleich heiraten wollen und den Entschluß nahezu gefaßt, für immer aus dem Verkehr mit der Welt zu scheiden. Er war noch halb taub. Das Mädchen, welches er liebte, hieß Therese Malfatti und hat ihn verschmäht. Mir ist es, als ob diese kargen Notizen Ihnen etwas sagen könnten. Ich will mich bald an die Lektüre der Biographie machen und werde Ihnen davon erzählen. Es wird viel zu überschlagen geben, die „Kulturhistorie“! Wenn der Deutsche nur ein Schlagwort hat! Eine Freundin sagte nur einmal, sie ließe ihre Kinder kulturhistorisch zum Heiligen Abendmahl gehen. Verstehe das, wer kann, ich nicht. „Was nützt diese Erkenntnis?“ und „Erkenne dich selbst“, die wir in diesen Tagen vornahmen, verhalfen mir wieder einmal zu jener Ruhe, welche der Inder so schön als Tochter der Religion bezeichnet.
    Neulich zeigte mir meine Tochter Isolde in einem welken, vorigen Herbst vom Baume abgefallenen Blatte eine kleine hervorlugende Wurzel und einen grünen Keim. Ich war davon sehr ergriffen und fühlte, das, solange wir leben, wir unter allem Welken und Abgerissenen diesen grünen Keim in uns tragen und daß die freundliche Sehnsucht, Wurzel zu fassen, uns nie verläßt, Aber es hält schwer, dessen immer bewußt zu sein.
    Nun aber leben Sie wohl, mein Freund, bleiben Sie mir gut, und seien Sie meiner innigen Teilnahme für immer versichert.

C. W.
 

100-101 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Bayreuth, Wahnfried, den 4. Mai 89.

    Wie geht es Ihnen nur, teuerster Freund? Es scheint mir so lange, daß ich nichts von Ihnen gehört habe. Ich habe aber viel an Sie gedacht, und hatte u. a. mir einige Sätze von der Biographie Beethovens von Nohl gemerkt, welche ich Ihnen zitieren wollte. Trotz allem lese ich dieses Buch nicht ungern. Es ist schwülstig, aber nicht gespreizt und (wie ich fürchtete) niederträchtig, wie Hehns Gedanken über Goethe, in welchem ich das Kapitel „Goethe und das Publikum“ deshalb mit den Kindern vorgenommen habe, weil es nicht unwichtig ist, sich ein klares Bild davon zu machen, wie die Welt sich stets gegen den Helden benommen hat. Hehns Gesinnung gegen Goethe ist zwar durchaus die, welche sie zu sein hat, aber er zeigt sich unfähig, den Freundschaftsbund in seiner ganzen Größe zu verstehen, hat eine förmliche Wut auf Kant und will bemerkt haben, daß Schillers Bewunderung für Goethe mit den Jahren abnahm. Wiederum einmal ein recht trauriges gescheites Buch. Da sind mir die dummen fast noch lieber.
    Ich werde mich sehr freuen, Mr. Boissier zu sehen. Wird es mir im Leben noch glücken, 100 Menschen zu finden, die mir jährlich 1000 M. geben, damit ich ein Bayreuther Personal bilden könne, und nicht wie jetzt immer die besten, wie Friedrichs, preisgeben muß und die anderen mit Hängen und Würgen zu Proben bekomme. Von alledem mündlich, wenn ich Sie einmal sehe.
    Es bleibt bis jetzt dabei, daß die meisten Anmeldungen zu unsern Aufführungen von Engländern kommen; auch mehrere von dem bevorzugten Volk, u. a. einer Dame, welche auf ihrem Papier „Hoitoho“ als Devise trägt.
    Von ganzem Herzen grüßt Sie in freundlichsten Gedanken

C. Wagner.
 

101 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


18/5 89. Dresden.

    Ach! so niedergeschlagen fühle ich mich, hochverehrte Meisterin! Nachdem der AllerBeste [Agénor Boissier] mir aus München geschrieben hatte, daß er sehr bedauerte, Sie dort gerade verpaßt zu haben, und daß er „hoffe, Sie im Sommer in Bayreuth zu treffen,   w e n n   er nicht verhindert würde, hinzugehen...“, ist er auch richtig gestern abend zu mehrtägigem Aufenthalt hier eingetroffen. Ich hoffte noch, er hätte bloß   m i r   nichts von einem Besuch in Bayreuth sagen wollen, und nun ist diese Hoffnung auch weg. Glauben Sie nicht, bitte, daß ich von lumpigen Millionen träumte, ach nein! (wenngleich ich als praktischer Engländer nicht umhin kann zu finden, daß es viel einfacher wäre, wenn   e i n   Mensch Ihnen jährlich 100 000 Mark gäbe, als wenn   h u n d e r t   1000 gäben!) — aber Geld ist doch und bleibt doch schmutzig und lumpig, und nur gut — wenn man es hat —‚ um es weg- und fort von sich zu schmeißen.
    Aber diese allgemeine Gleichgültigkeit in den Gesinnungen, dieses Vertrödeln des ganzen Lebens, diese Art: Büchern und Gemälden und Werken gegenüber Begeisterung zu empfinden, Geld und Mühe nicht zu schonen — und an dem lebendigen Menschen, der sie schafft oder wiederleben läßt („was atmet, lebt und wieder lebt!“) gleichgültig vorüberzugehen! Es sich daran genügen zu lassen, daß man inmitten einer Menge im Fracke sich vor ihm verbeugt...! Es ist doch einfach böse und sündhaft, denn wohin ist christliche Liebe und was soll mir das Mitleid mit den Armen, wenn einer mit den   Ä r m s t e n,   mit den großen, armen Einsamen, den von der Welt, die sie so übermäßig lieben, gekreuzigten Heilanden, nicht Mitleid empfindet? Aber ich will lieber nicht weiterschreiben. — Jeder einigermaßen anständige Mensch sitzt jetzt (Abds. 8 Uhr) im „Siegfried“; ich hätte es heute nicht vermocht. Und da wollen Mime und ich in der lieben Dämmerung hinaus in die Wiesen und miteinander fühlen,   w i e   schön die Welt ist. Ich denke, Sie sitzen jetzt mit Ihren Kindern im Garten, nicht wahr?

H. S. C.
 

102-103 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Bayreuth, Wahnfried, im Garten, 21. Mai 89.

    Und wenn ich Ihre Schrift nicht sähe und aus ungeahnt fernster Gegend Ihr Wort zu mir käme, so würde ich Sie erkennen, teuerster Freund. Und wenn es einzig und allein an der Kraft der Entrüstung wäre, die Sie das Glück hatten, sich zu bewahren. Ich glaube, daß, wenn das eine berühmte Blatt von Dürer in so unvergleichlicher Weise auf uns wirkt, es daran liegt, daß entsprechend dem Worte Melancholia die trostlose Frauengestalt über nichts mehr zu staunen scheint. Soweit bin ich noch nicht, da ich noch immer will. Aber ich möchte, die schöne Empörung meiner jungen Jahre wäre mir noch geblieben, denn, wie gesagt, sie ist eine Kraft. Um so freudiger begrüße ich sie in Ihnen, Freund, und freute mich Ihres Siegfried-Ausgangs durch die Wiesen.
    Sie haben uns ganz richtig im Garten in diesem wundervollen Mai gesehen. Es ist mir oft bei dem unsäglich rührenden Neuergrünen (ich weiß kaum etwas für mich Ergreifenderes als die jungen Triebe an den älteren Fichten; hier einzig empfindet man die Seligkeit des Werdens), als ob die Natur sich förmlich Mühe gäbe, mir alle meine Bangigkeit wie einen Wahn empfinden zu lassen; und die größte Sicherheit kommt dann über mich. So habe ich von München als Haupteindruck das Rauschen der Isar mitgenommen, und der unaufhaltsam sicher bewegte Lauf, ich folge ihm noch hier in Gedanken, oder, was mir beinahe noch lieber ist, ich wandle ihm entgegen, gleichsam zu seinem Quellgebiet auf den Alpen. Dazu die unmittelbare Tätigkeit in den Werken, da gibt es Selbstvergessen, und möge der Sänger noch so unfertig sein, die Wirkung des Studiums mit ihm ist für mich immer gleich sichtbar, und hier gibt es auch ein seliges Werden. Nun aber die Welt mit ihren nichtigen Widerwärtigkeiten, Streitigkeiten, Zunichtskommen! Ich glaube, daß das, was Sie so ingrimmig gestimmt hat, eben das Un-Treiben, Un-Werden zu gewahren (und zwar im Herzen des Menschen, den dann jeder Grashalm beschämt), war. Wir verlassen unser Wahnfried so gut wie nicht und fühlen uns wohl dabei, wenn auch seine Sauber- und Fertigstellung seitens Bayreuther Arbeiter mir den komischsten Ärger verursacht, und ich zuweilen nicht weiß, soll ich dem wonnigen Vogelzwitschern mich hingeben, oder ist es meine Pflicht, zu konstatieren, daß nichts vorwärtsgeht und alles verkehrt gemacht wird. Nach den Spielen kommt für uns eine entscheidende Wendung: Siegfried verläßt uns. Ich spinne nun die Fäden, um mindestens einen Schein von Zusammenleben aufrechtzuerhalten. Wird er militärfrei, dann soll er nach Frankfurt zu Thodes und dort Musik studieren. Wir kämen zeitweise hin. März und April möchten wir gemeinschaftlich nach Italien, dann kommt Berlin für ihn, das Polytechnikum, und früh genug der Beruf...
    Freilich haben Sie recht,   e i n   Hunderttausender ist besser als die hundert. Mir scheinen nur immer die Hundert so leicht zu bezeichnen, Bei vielen der enthusiastischen Frauen gälte es höchstens eine Toilette weniger; es ist Leicht und unmöglich, wie alles Vernünftige hienieden, wo man viel eher noch auf ein Wunder hoffen darf. Auf dem Gelde muß wohl ein Fluch liegen; kaum sehen wir je einen Edlen es haben oder bewahren. Und doch bleibt es fast der einzige Weg zu der Verwirklichung des Idealen.
    Daß Mr. Boissier nicht kommt, will ich gerne verschmerzen; wenn Sie aber nicht kommen, wird es anders aussehen. Werden Sie wirklich „horrid“ sein? In 5 Wochen beginnen wir bereits mit den Proben. Einstweilen habe ich den Fürstensalon möglichst ökonomisch neu tapeziert. Wenn man das menschliche Klopfen, Hämmern, Richten, Scheuern und Abkratzen im Frühjahr mit dem stillen Aufgehen der Natur vergleicht, fragt man nicht, warum Zeus Weiber schuf, sondern warum überhaupt unser Geschlecht zustande kam, welches sich selbst das Genießen der Natur erschwert. Das hat wohl eine wunderliche Bewandtnis, davon mögen Sie nun nichts hören, und so schließe ich denn, indem ich Ihnen eine chinesische Novelle empfehle, die mir ein kleines Meisterwerk scheint: „Tu-shi-niang wirft entrüstet das Juwelenkästchen in die Fluten.“ Chinesische Novellen, deutsch von Eduard Grisebach, Leipzig, Verlag von Fr. Thiel, 1884.

    Tausend Grüße gehen von ganz Wahnfried an Sie ab!       C. W.
 

103-104 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


25. Mai 89. Dresden.

    Der beabsichtigte Brief, hochverehrte Meisterin, muß für heute unterbleiben, da ich soeben nach Böhmen abdampfe, um morgen früh auf hoher Bergesspitze zu stehen, für mich eine der höchsten Wonnen. Berichten will ich Ihnen aber doch, daß ich jetzt während einiger Tage so wohl wie seit lange nicht war — der Schleier zwischen der Welt und mir fast ganz gelüftet. Was ich da für frohe Arbeitskraft in mir fühle! Ich bin ein Mensch, der Störung absolut nicht verträgt, und die geringste Störung kann mich aus dem eingeschlagenen Weg auf Wochen herausreißen; ich muß meinen Zielen nachstreben. Einen einzigen unüberwindlichen Wunsch aber habe ich — Sie zu sehen, wenn auch nur auf ein paar Stunden. Zuzusehen — während die Vöglein in ihren Nestchen singen —‚ wie Sie unter den Bäumen Wahnfrieds sitzen und Festspiele ausbrüten, das möchte ich! Ich denke es mir sehr schön, wenn einer Augen hat.
    Nun ist allerdings, und schon seit lange, die Reihe an Ihnen, „eklig“ zu sein; hoffentlich genieren Sie sich auch nicht. Abgesehen hiervon aber, und gesetzt den Fall, daß meine Nähe (während etwa 2 Tage) Ihnen nicht lästig oder störend wäre, so möchte ich Ihnen sagen, daß der 3. Juni (oder zur Not der 2.) der erste Tag ist, an dem ich kommen könnte, von da an aber ganz, wie Sie es bestimmen würden, und um eine derartige Bestimmung müßte ich doch bitten, da ich doch nicht mitten in eine wichtige Konferenz mit meinem ganzen Dilettantismus hineinschneien darf. Ich möchte Sie auch ganz aufrichtig einfach bitten — jetzt, wo an Ihrem Hause gearbeitet wird — zu gestatten, daß ich einfach als Tourist, etwa als „erster Festspiel-Englander“, im „Anker“ absteige. Nun, ganz wie Sie bestimmen und gestatten; und mit dem Vertrauen, daß Sie eventuell ein deutliches und vernehmbares Nein sagen.
    Den grausigen „Ring“ hat Dresden hinter sich. Ich ging nur in das Werk aller Werke, wurde, glaube ich, davon gesund, denn nichts auf der Welt macht mich heiterer und mehr innig zufrieden und selig wie die „Götterdämmerung“. Auch Appetit und Durst macht es mir, hebt also den ganzen Menschen!

    Ihnen in Ehrfurcht ergeben     H. S. C.
 

104-105 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Bayreuth, Wahnfried, den 29. Mai 89.

    Versteht sich, müssen die beiden Tage (2ter u. 3ter Juni) diejenigen sein, an welchen ich in München bin. Am 4ten nachmittags bin ich wieder zurück. Wollen Sie mir den 5ten und den 6ten schenken, sehr schön; noch schöner aber denke ich den 6ten und den 7ten, weil dann meine Töchter wieder hier sind und es nicht gar so einsam für Sie sein wird. Soviel ich weiß, kämen Sie am 5ten abends dann an und stiegen in Wahnfried ab. Man sieht sich unter einem Dach zwar nicht mehr, aber doch besser als getrennt. Für meine Arbeiter wird es recht gut sein, wenn irgend etwas drängt, sonst hören wir nicht auf, als friedliche Geister in den Elysäischen Feldern aneinander, freundlich grüßend, vorüberzuwandeln. Heute habe ich mich bereits Ihres Besuches bedient, um etwas zu treiben („Gnädige Frau könnten schon schärfer sein“, sagte mir meine gute alte Kathrin), und wenn ein oder zwei Teppiche noch nicht gelegt sind, werden Sie es mir nicht übel anrechnen. Hoffentlich aber ist der Himmel uns wieder gnädig, es blühen dann auch die Rosen, und alles ist erreicht, denn selbst die Eschen mußten endlich den Widerstand aufgeben, der ihnen als Stamm, woraus die Heldenschäfte geschlagen werden, sehr schön steht. Auch sie haben ihr schirmendes Dach über uns gewölbt, und überall ist Zuflucht und Beschwichtigung. „Fanget an!“
    Neulich fiel mir ein, daß das, was Leben und Welt dem Dichter bieten, sich zu dem verhält, was er daraus bildet, wie das „Fanget an!“ von Beckmesser zu dem des Ritters Stotzing.
    Was die „Ekligkeit“ anbetrifft, so hat mich die Natur großmütig gedacht, und überlasse ich Ihnen diese ganz und gar für alle Zeiten. Nur meine Festspiel-Engländer dürfen Sie mir nicht schlecht machen, denn ich verdanke ihnen viel, und Siegfried bemerkte neulich ganz richtig, wenn sie aus dem Festspielhause kämen, besprachen sie das Werk, wogegen die Deutschen sich immer nur über die Sänger unterhielten.
    Daß Sie sich so wohl nach der „Götterdämmerung“ befanden, spricht doch sehr für die Aufführung. Mich erinnerte es an Mottl, der nach jeder Direktion eines Werkes wie neugeboren aussieht und tüchtig ißt und trinkt, was mir sehr gefällt.
    Nun aber auf Wiedersehen, teuerster Freund, kommen Sie uns recht frisch und wohlgemut, und seien Sie von uns allen auf das herzlichste und wärmste gegrüßt und willkommen geheißen!

C. Wagner.

105-106 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


30. Mai 89, Dresden, abends 9 Uhr.

    Ihrer Erlaubnis gemäß zeige ich mich, hochverehrte Meisterin, für den 5ten an (falls nichts dazwischen kommt, was Ihnen diesen Tag unerwünscht macht). Abends ankommen, das ginge allerdings schwer; ich käme um 1.30 an, mit der Absicht, entweder den 7ten abends oder den 8ten mittags wieder abzurutschen.
    Ihre Festspiel-Engländer will ich Ihnen durchaus nicht schlecht machen, bin ich selber doch so ganz Engländer, und habe ich doch einige sechzig Mal im Festspielhaus gesessen; aber gegen wen ich liebe, bin ich gern schlecht, gegen wen sollte man es sonst sein? Siegfrieds Bemerkung ist durchaus richtig. Ich habe immer vor, wenn ich erst reich bin, einen Privat-Separat-Abdruck von „Schauspieler und Sänger“ [Ges. Schriften und Dichtungen, Bd. 9] verfertigen zu lassen; ein Dutzend Exemplare habe ich dann stets in der Tasche und verehre eines jedem, der mir von den Sängern anfängt — damit sie doch mindestens etwas Gescheites sagen, wenn sie sprechen   m ü s s e n.

    In Treue und Ehrfurcht Ihnen ergeben

Houston S. Chamberlain.
 

106 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Bayreuth, 1/6 89.

    Der 5te ist mir sehr recht. Der Himmel bleibt uns gnädig; nun grüßen die Akazien. Eine schöne Geschichte muß ich Ihnen von unserem Papageien erzählen (den Sie ja kennenlernen müssen, bevor Sie ihn sehen). Er versuchte auf dem Balkon, die Vögel nachzuahmen, das mißglückte gründlich; ärgerlich hierüber schmetterte er aus voller Kehle das Hoitoho — welches er sehr schön kann — hinaus und blieb nun Sieger! Das machte mir viel Vergnügen... Nun aber ernstlich! Der 5te ist mir ganz recht, zu welcher Zeit Sie wollen, 6ter ist Siegfrieds Geburtstag. Wollen Sie später, ist mir's auch recht, nur ist es möglich, daß ich vom 10ten ab nicht mehr frei wäre (Blauwaert und Kniese rücken   v e r m u t l i c h   schon ein). Auch ist der 8te zu fürchten! Medardus, der Regenheilige, oder -patron (ein Wort, vor welchem ich einige Scheu hege).
    Also, wie Sie wollen oder können, und unter allen Umständen treu die herzlichsten Gedanken.         C. W.
 

106-107 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Dresden, 2/6 89.

    Außer manchem schwerer zu Definierenden wünschte ich gerade jetzt mit Ihnen, hochverehrte Meisterin, über einen Plan zu sprechen, den ich seit langem hege, der aber jetzt eine faßbare Gestalt und also auch die erste Bedingung zu seiner Verwirklichung gewonnen hat:   e i n e   Ü b e r s e t z u n g   d e r   G e s a m m e l t e n   S c h r i f t e n   i n s   F r a n z ö s i s c h e,   (Eine solche wird ja nicht zum Heil der Franzosen speziell, sondern der Gebildeten aller Nation gemacht.) Schreiben kann ich Ihnen nun   j e t z t   darüber nicht, weil Sie keine Zeit hätten; im Gespräch dagegen könnte ich leicht Ihre Ansicht, Ihren Wunsch, Ihren Rat erfahren, ohne Sie belästigt oder abgehalten zu haben; das geht ja mündlich schnell und sicher — ein Fisch mit Gräten am Abend des 5ten würde gewiß hinreichen. (Zur vorläufigen Beruhigung: ich würde selber nichts übersetzen wollen, sondern nur Organisator, Herausgeber etc., überhaupt für alle langweilige Arbeit, aber auch für Treue und gegen Schwindel da sein.) Die Sache liegt mir sehr,   s e h r   am Herzen; so sehr ich Gegner aller Übersetzungen der Gedichte bin, welche ja eine Übersetzung der Musik unbedingt erfordern, um anders als unsinnig zu sein, so bin ich stets ein eifriger Anhänger der Übersetzung der   S c h r i f t e n   gewesen, aber   a l l e r   Schriften, nur kein Stückwerk. Ich weiß eben aus Erfahrung, wie viele in Italien, Spanien, Frankreich, England, Amerika, der Schweiz etc. nur durch ihre Unkenntnis oder mangelhafte Kenntnis der deutschen Sprache... Aber ich vergesse ja, der Fisch ist noch nicht auf dem Tische.
    Also   v i e l l e i c h t   auf baldiges Wiedersehen; sonst bleibt mir auch nichts weiter übrig, als bloßes für Sie Beten.

In ehrfurchtsvoller Treue Ihnen ganz ergeben

Houston S. Chamberlain.
 

107-108 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Mittwoch, 5./6. 89, Dresden.

    Als ich noch in den „teens“ war, hochverehrte Meisterin, pflegte ich — wie andere junge Leute — das übergroße Weh in Verse zu bringen (es verschafft einem entschieden Erleichterung); und ich entsinne mich, daß ich nach einer betrogenen Hoffnung ein Sonett schrieb, welches mit den Worten endete

...what a God doth hide,
Deep in his bosom, that I must abide!
    Gewiß bin ich kein enragierter Fatalist, überhaupt kann mich nur die Liebe enragieren, Liebe zu allem, was lebt und webt und gewoben wird; die Systeme und Spekulationen sind nur zum Zeitvertreib, zur Erhaltung der guten Laune und des herrlichen Zankens da; aber nach diesen und vielen anderen Vorbehalten: Habe ich nicht recht mit meinem Fatalismus? Also: als ich mir ein Kursbuch kaufte, entdeckte ich, daß es jetzt eine neue Verbindung nach Bayreuth gibt, früh 7.40 — Ankft. 3.50; als ich aber mein Billett verlange, jene magischen Worte   „n a c h   B a y r e u t h“   spreche, da erfahre ich, daß nicht einmal bis Zwickau Verbindung ist. Wenn ich recht verstand, sind zwei Brücken fortgeschwemmt. Der Beamte meinte, morgen würde Verbindung mit Wagenwechsel eingerichtet sein, aber ohne Garantie für Anschluß; und meine Frau käme ja vor Angst um, dann Pfingsten, dann Kniese und Blauwaert, dann Festspiele, dann ich weit weg von Deutschland (wahrscheinlich doch noch weiter wie Wien), Wahnfried überhaupt zum Teil in Charlottenburg..., zum Teil verheiratet, zum Teil im Luftballon... Nun! vielleicht wenn wir beide auf Krücken gehen, bin ich einmal Ihr Gast in Wahnfried, Siegfried führt uns herum in dem marmornen Festspielhause meines Wintertraumes, das er aufgerichtet hat, und wenn er uns los werden will, schickt er uns in den Park, die Statuen ansehen, und unter einer großen friedlichen Linde zanken wir uns über die Idealität der Kausalität.., (Wenn ich noch in den „teens“ wäre, machte ich ein Gedicht darauf; jener Traum ist mir so unvergeßlich, und das Krückenbild habe ich so lebhaft vor Augen, und es ist so hübsch und drollig, wenn Sie nur nicht mit der Ihnen eignen, stolzen Armbewegung mir mit der Krücke ins Gesicht schlagen!) Aber bitte, halten Sie mich nicht für verrückt; oder mindestens, lassen Sie mich nicht einsperren, ich bin unschädlich. Gewiß ist Gott gerecht: zum Trost für die Enttäuschung tanzen die Gedanken und die Bilder einen Reigen.
    Grüßen Sie Ihren Sohn, bitte, recht herzlich von mir zum 6ten. In diesen Tagen werde ich ihm etwas schicken, was vielleicht einiges Interesse für ihn haben dürfte, die Photographie eines Bildes von seinem Stiefgroßvater [Ludwig Geyer], welches (wie Herr Avenarius meiner Frau mitteilte) nicht dasselbe ist wie jenes, von welchem Sie eine Kopie besitzen, sondern ein vor kurzem in Leipzig aufgefundenes.
    Die belgischen Zeitungen berichten, daß im Brüsseler Eldorado nächstens „la troupe entière de Bayreuth y jouera tout son répertoire“.
    Viele herzliche Grüße Ihnen allen und vielen herzlichen Dank.

    In Treue und Ehrfurcht Ihr

Houston S. Chamberlain.
 

109 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


6ten Juni 1889.

    Das war also Schicksalsspruch, bester Freund, und man muß sich ergeben. Mir tut es sehr leid, denn ich hatte es schön gefunden, daß Sie gerade zu Siegfrieds Geburtstag (heute) kamen, und jetzt säßen wir zusammen im Türmchen [des Gartenhauses] inmitten der grünen Wipfel, und ich erzählte Ihnen einiges aus dem Dasein meines Augapfels, was sich eben nicht schreiben läßt.
    In früheren Zeiten, als ich noch hie und da „horrid“ war, habe ich das Geschehene auf Rechnung desjenigen, dem es geschah, gelegt. Es war ein ganzes sinnig-unsinniges Gebäude, spitzfindig wie die Gotik und vielleicht auch seelisch tief.
    Ich freue mich sehr auf die Übersetzung und bin es gar zufrieden, daß sie in Ihre Hut gegeben wurde. Versteht sich ist das vor allem wichtig; nur um Gottes willen nichts mehr   ü b e r   die Sachen, sondern die Sachen selbst. Es ist sehr schön von Ihnen, dies angeregt zu haben, und wie gerne hätte ich mit Ihnen darüber gesprochen! Und über so manches!
    Im übrigen begleitet mich jetzt fast beständig „King Lear“, den ich in München zu unauslöschlichem, immer neu sich belebendem, auf alle Gebiete sich erstreckenden Eindruck und in unaussprechlicher Erschütterung sah. Es war wie eine Eruption der Wahrheit; es entsteht etwas   v o r   und   i n   einem, wie ich mir denke, daß Delos entstand.
    Das wäre auch ein Thema für das Türmchen gewesen; es sollte aber nicht sein, und nun tröste ich mich, indem ich daran denke, daß Sie für mich beten, was noch besser und kräftiger ist als jede äußerliche Vereinigung.

    Seien Sie mir gegrüßt und bleiben Sie mir gut!            C. W.
 

109-110 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Bayreuth, 11/6 89.

    Wir waren recht betrübt alle, daß Sie nicht zu Siegfrieds Geburtstag hier waren, bester Freund! Er freut sich aber sehr auf die versprochene liebe Sendung. Wir waren still abends mit den lieben Großens auf dem Balkon; einige bunte Lämpchen brannten um uns herum, Akazien, Rosen und Vogelsang taten das übrige. Heute ist er in München, wohin ich ihn zu „König Lear“ geschickt habe, weil solche Eindrücke mir die greifbaren guten Geister des Lebens sind. Mit uns wird es nicht so schlimm, als Sie denken.
1. studiert er Musik ein halbes Jahr in Frankfurt (Humperdinck als Lehrer, Karlsruhe sein Theater, Thodes sein Haus); dann nach Italien. Erst übernächsten Herbst Berlin, etwa auch ein Jahr, und andere Städte der Reihe nach, wie es ihm einfällt. Wenn er mir nur militärfrei wird! Seine Gesundheit ist seit dem rheumatischen Fieber, welches er vor 3 Jahren hatte, gar nicht fest.
    Im übrigen harre ich der Dinge! Kranich ist bereits hier, und die Pfähle für den 2ten Akt „Parsifal“ sind schon aufgesteckt. Ach: wie erbärmlich erscheint einem doch jede Schreiberei gegenüber solcher Tätigkeit!
    Wandelnd im monumentalen Hause! Sie werden es erleben, ich nicht. „Es geahnt zu haben genügt...“ Als Manfred der Hohenstaufe gefallen war, durfte er nicht bestattet werden; jeder der Soldaten warf einen Stein auf seine Leiche, und das großartigste Denkmal entstand. Mir fällt das Bild bei Gelegenheit des so manchen ein, was mir — gut oder bös gedacht, gleichviel — zugeworfen wird, und ich sage mir zur Kräftigung, daß am Ende dies die Bausteine sind, welche das Gebäude, das wir im Sinne tragen, unmerklich errichten. Und einmal wird es dastehen, und Siegfried hat es errichtet. Leben Sie wohl, Freund! Grüßen Sie Ihre liebe Frau auf das herzlichste, und lassen Sie uns mit „Egmont“ fühlen, daß man nicht bloß zusammen ist, wenn man beisammen ist.      C. W.

    Ist es nicht bezeichnend, daß die Dresdener fast alle nur für „Parsifal“ sich melden? „Tristan“ und „Meistersinger“ haben sie ja zu Hause, wenn ich nicht irre, viel besser!
 

110-113 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


12. Juni 89, Dresden.

    Wenn ich auch von einer mehrstündigen Arbeit besonders enervierender Art noch mehr wie üblich verdummt bin — eine Zeile   m u ß   ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, heute schreiben, und Sie, Ihrerseits, müssen es mir noch dies eine Mal vor den Festspielen verzeihen: ist heute doch für mich ein so großer Jahrestag [der ersten persönlichen Bekanntschaft], daß selbst ich — mit meinem ungeschichtlichen Sinne — mich desselben erinnere, ja mit ewiger Dankbarkeit! Und nun kam sogar noch ein Brief von Ihnen dazu; war es Absicht? War es „theorematisch“ wie Schopenhauers Tintenfaß? Gleichviel — der Schurke Schicksal findet, er hat mich genügend geduckt, und da er mir vorenthalten hat, was ich am sehnlichsten wünschte, streichelt er mir nun wenigstens die Wangen.
    Außer der heutigen Freude der Erinnerung und Ihrer Handschrift war es mir alle diese Tage eine lebhafte, an Ihren „König Lear“ zu denken; Sie glauben nicht eine wie unmittelbare, fast jauchzende, denn konnte ich selber es nicht erleben, so konnte mir nichts so sehr die Empfindung geben, als hätte ich es wirklich, wie zu wissen, daß   S i e   es gehört hatten. Haben Sie vielen Dank für die Mitteilung!
    Ganz zufällig hatte ich erfahren, daß in München, auf einer besonders hergerichteten Bühne, eine gänzlich strichlose Aufführung von „Lear“ stattgefunden hatte; und nun wußte ich, daß Sie da waren! Das tut mir — ist es bloß die innigste Freude für Sie (ich meine zu wissen, daß Ihnen diese einzige Stärkung wurde?) oder ein eignes Genießen auf Umwegen? — auf alle Fälle tut es mir im Herzen wohl. Da schlagen doch bei uns beiden die Saiten wieder einmal ganz zusammen, und wenn auch vielleicht sehr verschiedene Akkorde, doch gewiß so harmonisch, daß ein einziges Wort von dem einen genügt, um herrliche Musik im anderen ertönen zu lassen.
    Der arme Shakespeare! Der hat wohl 250 Jahre nach seinem Tod warten müssen, um „strichlose“ Aufführungen zu erleben? Was unsere ganze Kulturwelt sich unter Shakespeare vorstellt! Der Engländer zum Glücke meistens gar nichts, höchstens eine Erinnerung an Henry Irving; der gebildete Deutsche aber...! Ich habe ja hierzulande 3 oder 4 Aufführungen erlebt, von lauter Berühmtheiten, „je ne vous dis que ça“; und zugeschnitten zu einer „Moral“ von — ich glaube — Tieck. Ich hätte nur, sollte mir das Glück einer Münchener Aufführung zuteil werden, ein wenig Furcht vor dem Verletztwerden durch die Übertragung ins Deutsche; ich, als Engländer. Denn wenn auch bei Sh. noch keine Verwebung mit Musik jeden Versuch zur Übersetzung offenbar eitel macht, so ist dennoch die Musik der Sprache ein durchaus integrierender und unablösbarer Teil des künstlerischen Ausdruckes, sie ist recht eigentlich für den Künstler selbst die Form, in welcher die göttliche Eingebung ihm faßbar wird, und wenn es auch schwer hielte, die Notwendigkeit eines bestimmten Klanges darzutun, so ist es mir doch stets, als wäre gerade hier der geheimnisvolle und heilige Boden, wo das Göttliche in das Menschliche übergeht, wo das Ewige, Unfaßbare das Zeitliche, Begreifliche berührt. Und abgesehen von diesem höchsten Bedenken, das ich sehr „intensely“ empfinde, aber nicht auszusprechen verstehe (das gewiß auch fast keiner begreift), wieviel Mißliches hat jede Übersetzung an sich! Ich weiß nicht, wo ich neulich zitiert sah: „...von des Gedankens Blässe angekränkelt“; ja, um Gottes willen, das soll doch nicht etwa darstellen: „...sicklied o'er with the pale cast of thought“? Alles ist ja in dem englischen Satze anders. Erstens ist es nicht der Gedanke, der blaß ist, sondern die Form, die Form, in welche das unaufhörliche Denken die Züge   g i e ß t,   sie ist blaß; und der ganze Akzent (bei unserer englischen Art, die Worte hervorzuheben) fällt auf die zwei Worte pale cast. Und sehen Sie auch die Musik dieses wunderbaren Satzes, wie schaurig er anhebt mit dem „sicklied o'er“ (welcher Gott gab dem Übersetzer das Recht, damit auszuklingen?), und mit welchen blassen Gorgonenaugen die zwei trockenen Monosyllaben — pale cast — einen anblicken und versteinern! — „of thought“ wird kaum hörbar nachgeflüstert.
    Entschuldigen Sie diesen überflüssigen Exkurs! Bei Shakespeare kann ich nicht ruhig bleiben und vergesse das Schickliche. Verzeihen Sie mir, und lehren Sie dem neuen Gurnemanz das   „H e l f t“   im ersten Akt des „Parsifal“ sagen; meine Dankbarkeit wird meine heutige Unbescheidenheit aufheben!
    Das Bild für Ihren lieben Sohn ist fertig; aber nun das Aufziehen! Man kann augenblicklich nichts in Dresden bekommen, kaum mal ein Stück Fleisch; denn in wenig Tagen fängt das große Fest an zur Feier jener Familie [des Hauses Wettin], welche sich Deutschlands großen Luthers schämt, und deren Loge dunkel bleibt, wenn zur höchsten Ehre Sachsens Deutschlands Heldensagen auf der Bühne wieder leben; unmöglich, von meinem Buchbinder etwas zu erreichen, er arbeitet Tag und Nacht an einer Germania aus Pappe oder dgl. Und da ich das Aufschieben solcher Sachen hasse, so haben wir uns entschlossen, die Sache so zu schicken; es sieht schäbig aus, aber das Bild — kein Meisterwerk der Kunst — ist reizend sinnig, und Siegfried läßt es sich aufziehen, wie es ihm für seine Sammlungen am besten paßt. Lieber hätte ich es ihm am 6ten selbst überreicht, nun, davon will ich nicht sprechen, für mich ist der Gedanke ein crève-coeur, und mein Trost ist, daß Sie meiner gedachten und meine Abwesenheit bedauerten, das war schön von Ihnen, ich könnte Leibnizianischer Optimist werden und finden, daß, was geschah, doch immer das schönst Denkbare war.
    Daß man im Jahre 1889 noch gegen ein Standbild von Giordano Bruno protestieren konnte! Das verdanken wir der zwanzigjährigen Herrschaft der deutschen Reaktion.
    Ihr in Ehrfurcht, Dankbarkeit und Treue ergebener Einjähriger

Houston S. Chamberlain.
 

113-114 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


[An Frau Anna Chamberlain.]

Wahnfried, den 14 Juni 1889.

    Haben Sie Dank für die lieben Worte, teuerste Freundin, und für die Sendung, welche Siegfried sehr erfreut hat. Wir freuen uns alle des liebenswürdig-sinnigen Antlitzes, das wir als zu uns gehörig betrachten dürfen.
    Es war mir ganz seltsam, durch Ihre lieben Zeilen zu erfahren, daß wir uns erst seit einem Jahre kennen. Mir ist es, als sei es viel länger her, ja, als sei es von je gewesen, und als ob wir so frei miteinander verkehrten, wie wenn jeder von dem anderen alles wüßte. So suchte ich in meinem Kopf herum, als ich den Brief Ihres lieben Mannes las, und ich mußte zu Ihren Zeilen gelangen, um die Erklärung zu haben. Beinahe möchte ich glauben, daß man sich hienieden wiederfindet, da man wirklich gar kein Gefühl des Beginnens bei einer wahren Zusammengehörigkeit hat. Allerdings aber entsinne ich mich sehr bestimmt der ersten Begegnung mit Ihrem Manne bei den guten Kietzens, und daß ich mich den Abend sehr freute.
    Heute ist meines Enkels [Manfred Gravina] Geburtstag. Dazwischen liegt ein Tag [König Ludwigs II. Todestag], welcher mich wohl immer auf das ernsteste gemahnen und in die Beschauung des Wunderbaren im Menschengeschik versetzen wird. Vielleicht verdanke ich das meiner katholisch sehr frommen Erziehung, daß ich an Feiertagen hänge; sie sprechen alle zu mir, jeder auf seine Weise, und noch jetzt habe ich das Bedürfnis des Gottesdienstes dabei, d. h. der Gemeinsamkeit in einem Gedenken.
    Wie ich mich dagegen zum Wettiner Fest verhalten würde, wüßte ich nicht zu sagen. Noch kürzlich blätterte ich in der Geschichte Napoleons I. herum, und wir besprachen mit Siegfried das eigentümliche Ansehen Sachsens darin. Daß man Giordano Bruno als den „ehernen Mönch“, womöglich mit Schwert in der Hand, in Italien gefeiert hat, gehört wiederum zu den hübschen Qui pro quo's der Zelebrität, der zarte, liebenswürdige Geist, dem Schopenhauer es wünschte, daß er an dem Ganges geboren worden wäre, wo sie ihn als Heiligen verehrt hätten! Nicht recht aber habe ich verstanden, inwiefern der Protest (der katholischerseits am Ende begreiflich ist) sich der deutschen 20jährigen Reaktion verdanke.
    Nun aber grüßen Sie mir bitte den lieben Einjährig-Freiwilligen, und lassen Sie uns den 12. Juni gemeinschaftlich immer in Ehren halten. Leben Sie wohl, teuerste Freundin, bleiben Sie mir gut, und seien Sie meiner herzlichen Anhänglichkeit und Ergebenheit versichert!

C. Wagner.
 

114-115 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


Wahnfried, den 17. Juni 1889.

    Ihre Bemerkung über Shakespeare und die Übersetzung hat mich sehr beschäftigt, bester Freund. Gewiß haben Sie recht: „Sicklied o'er with the pale cast of thought“ ist nicht wiedergegeben; aber — jetzt komme ich, und da müssen Sie recht viel Geduld haben — die deutsche Sprache ließ es nicht zu, sie leitete zu anderem. Es war — immer ich — der englischen Sprache bestimmt, das Höchste, was das englische Genie zu sagen hatte, erschöpfend auszudrücken; daher auch diese ganz unvergleichliche Physiognomie des Wortes bei Shakespeare. Dem Deutschen dagegen war es vorbehalten, nur im Verein mit der Musik sein Höchstes zu bringen; der Sprache wird es immer an jener Drastik fehlen; diese Sprache bedingte auch die Schillerschen Transparentgebilde. Alles harrt noch darin der letzten Vollendung, der Verklärung, und ist auf diese Verklärung von vorneherein angelegt, was ich so bestimmt empfinde, daß mir die sehr gern zugestandenen Mängel ebensowenig als Fehler erscheinen als wie etwa die Sehnsucht im keuschen Blicke der Jungfrau. Keinem Engländer kann ich es aber verdenken, wenn er Shakespeare deutsch nicht ertragen kann. Nur möchte ich Schlegels und Tieck verteidigen, indem es ihnen gewiß einzig auf die Verdeutlichung ankam und sie das Material, welches sie handhabten, nicht ändern konnten. „Überkränkelt mit dem blassen Schein des Gedankens“ wäre genauer, aber gäbe die Physiognomie des Englischen nicht wieder und wäre auch nicht so deutlich wie das Tiecksche. Und hier fällt mir ein Wort meines Vaters ein: „En matière de traduction il y a des exactitudes qui équivalent à des infidélités.“
    „H e l f t!“   Ja, ich will sehen; allein ich scheue mich sehr vor dem Angeben solcher Stellen, die, wenn der Künstler den Akzent nicht von selbst gefunden hat, leicht pathetisch übertrieben werden und dadurch dem Sinne und dem Geiste entfremdeter als die so bedauerliche Trockenheit, welche aber wenigstens noch die Einfachheit für sich hat; in solchen Momenten war Scaria wirklich groß. Die herzliche Natürlichkeit hatte bei ihm etwas Überwältigendes. Aber ich will's, durch Sie ermutigt, versuchen.
    Wenn ich alles so sicher wüßte, als daß Sie zu einigen Aufführungen hierherkommen! Es besteht so gut wie eine Wette zwischen dem lieben Gott und mir darüber. Und da: „Ce que femme veut, Dieu le veut“, sehe ich Sie schon oben in der Loge bei meinen Kindern sitzen. Das geht Sie aber gar nichts an, ist so eine Abmachung zwischen mir und den Schicksalsmächten; und ich will nur noch bemerken, daß, wenn Sie plötzlich zu Ihrem Staunen und Entsetzen hierher verschneit sind, Sie direkt zu Dr. Landgraf in Ihrer Hilflosigkeit sich begeben können, der sich als unser bester Freund hier sehr freuen wird, Sie so lange aufzunehmen, als es über Sie verhängt ist. Er wohnt ausgezeichnet, Sie werden alles von dort sehen, auch den deutschen Kaiser, denn daß Sie   n u r   für den deutschen Kaiser kommen, versteht sich von selbst. Kurz, ich sage: Auf Wiedersehen! Mit der Zuversicht meiner Jugend! Und ein herzliches Lebewohl mit der Ergebung meines Alters.

C. Wagner.
 

115-123 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


21/6. Dresden.

V o r r e d e.

    Dieser Brief enthält nicht ein einziges Wort, welches Sie nicht ebensogut heute über ein Jahr lesen könnten, lauter Zeug über Kunst, Wissenschaft u. dgl.  Ich schrieb ihn, weil ich dieses „Zeug“ auf dem Herzen hatte; ich schicke ihn aber ab in dem Vertrauen, daß Sie mir die Freundschaft erweisen werden, ihn nicht eher zu lesen, als bis Muße, gepaart mit Lust und Laune, sich einstellen (und ich erinnere Sie an die Freundschaftsbeweise, die ich Ihnen schon brachte: ich aß kalten Aufschnitt und Tee um Mitternacht, und ich fing zu essen an, ein anderes Mal, ohne auf Sie, meinen Gast, zu warten!).

Hochverehrte Meisterin!

    Die Schreibmaschine ist krank (vielleicht von des Gedankens Blässe angekränkelt?), und das ist traurig, denn ich bin ein sehr „moderner“ Mensch, und es wird mir schwer, jene Muße, welche Sokrates als „das Schönste aller Besitztümer“ pries,   g a n z   zu genießen ohne die Mitwirkung unseres Ersatzes für die atheniensischen Sklaven — die Maschine. Durch etwas übermäßigen Gebrauch — gestern — jenes herrlichen Sklaven, des Mikroskops, habe ich ein wenig geschwollene Augen, dadurch willkommene Muße.
    Ich versichere Ihnen, es ist mir unmöglich, noch einen Monat zu warten mit der Versicherung, daß ich   j e d e s   Wort, das Sie mir über Übersetzungen, über englische und deutsche Sprache etc. schreiben, unterschreibe. Gelobt sei „König Lear“, der uns solche weite Gefilde offenbart hat, wo wir friedlich wandeln können, wenn wir des „Zankens“ satt sind! Ich glaube, daß das englische Wort überhaupt eine „unvergleichliche Physiognomie“ hat; natürlich handelt es sich hier, wie allerwärts, nur um Gradunterschiede, und ich entsinne mich, daß De Maistres sogar von der französischen Sprache sagt: „Les mots ont une vie mystérieuse qui déborde leur acception précise“ (so ungefähr), und in moderner Zeit haben wir in Leconte de Lisles indisch-buddhistischen Gedichten schöne, lebendige Beispiele, wie

Et l'âme qui contemple, et soi-même s'oublie,
— Sans regrets ni désirs, sachant que tout est vain —
En un rêve éternel s'abîme ensevelie.
Wer könnte leugnen, daß die Worte „sachant“ und „s'abîme“ hier von einer „vie mystérieuse“ beseelt sind und (namentlich in ihrer geheimnisvollen, vom Dichter selbst unbewußt hergestellten Zusammengehörigkeit und Wechselwirkung) die Rolle von künstlerischen Offenbarern des ewigen Geheimnisses erfüllen? Ich meine aber doch, daß die englische Sprache, in diesem Schwerwerden der Worte mit mysteriösem Leben, einen Schritt weitergegangen ist; im Grunde genommen ist es das, was Sie nicht gerade aussprechen, aber doch zu wissen scheinen, diese „unvergleichliche Physiognomie“ ist eben die   M u s i k.   Der Satz „sicklied o'er with the pale cast of thought“ ist Musik, herrliche Musik; und ich glaube, ich rücke dem Ausdruck meiner neulich gestammelten Meinung viel näher, wenn ich sage: Mit Ihrer deutschen Übersetzung entkleiden Sie jenen Satz seiner ganzen Musik, und damit schneiden Sie ihm die Schwingen ab, mit denen er gen Himmel flog, Sie berauben ihn des eigentlich Göttlichen. Der   G e d a n k e   bleibt natürlich, aber eben der blasse, abstrakte, nicht der rosige, dessen Puls in der Musik schlägt. Vollständig und unbedingt stimme ich mit Ihrem hochverehrten Vater überein, daß „en matière de traduction il y a des exactitudes qui équivalent à des infidélités.“; aber dieser Satz, der im trivialen Sinne wahr ist, ist es auch im höchsten, und ich meine, ein symphonisches Gebilde kann Shakespeares „Hamlet“ vielleicht wahrer übersetzen als Schlegel und Tieck. Ja! Alle unsere Dichter sind Musiker, unsere englischen Dichter und ihre unvergleichliche Größe kommt von dem, was Sie scharf und klar sagen: „Der englischen Sprache war es bestimmt, das Höchste, was das englische Genie zu sagen hatte, erschöpfend auszudrücken“; nur möchte ich, daß Sie meine Einsicht verstünden und sich derselben bemächtigten, daß die   M u s i k   unserer Sprache ebenso unerläßlich notwendig zum Ausdruck ihres Höchsten ist wie der deutschen. Es liegt da eine allerengste Verwandtschaft vor, eine   B l u t brüderschaft, und sowohl was man unsere Vorzüge der deutschen Poesie gegenüber nennen kann, als auch unsere Unzulänglichkeiten dem wahrhaft   d e u t s c h e n   Kunstwerk gegenüber (welches für mich mit dem „Flieg. Holländer“ — nicht früher — anhebt), alles ist enthalten, alle Einsichten und Erkenntnisse ergeben sich von selbst aus dieser einzig wesentlichen Erkenntnis, daß sowohl der englischen wie auch der deutschen Sprache die   M u s i k   zum Ausdruck ihres Höchsten unentbehrlich ist; die englische Sprache, vom Dichter gehandhabt, ist die zarteste, mächtigste, vielgestaltigste Musik des gesprochenen Wortes, die deutsche läßt sich auch nicht im entferntesten mit ihr vergleichen; der deutschen Sprache war dagegen bestimmt, nur der eine Faktor im künstlerischen Ausdruck zu sein, und während die deutsche Musik in Beethoven, Bach u. a. ein Vollkommenes, Harmonisches, Verständliches sprach, bedurfte die Sprache der „erlösenden Macht der Musik“, sollte auch sie ihr Höchstes leisten.
    Gewiß war es lobenswert, Shakespeare zu übersetzen, und es war nicht meine Absicht, das Verdienst jener vorzüglichen Männer gering zu schätzen. Aber ich möchte fast die Worte [aus der Rede Richard Wagners] an Webers Grab zitieren und zum Schlusse sagen:   L i e b e n   kann dich nur der Engländer. Häufig hat es mich befremdet, mit welch heiliger Scheu viele — gerade der besten — Deutschen an Shakespeare herantreten; es ist, als bliebe er etwas Ungeheures, Sphinxähnliches für sie, als könnten sie sich über den unermeßlichen Gedankenreichtum, die Welt der Einsicht, den Blick nicht beruhigen, was gewiß auch alles tief berechtigt ist; mir scheint aber das Gefühl für die andere Seite, für den lieben, treuherzigen, leidenden Menschen zu fehlen, und mir wird ganz ungemütlich, als wollte man mir diesen ältesten Freund rauben und mir weismachen, ich verstünde nichts von ihm. Das wird aber gewiß auch mit der   M u s i k   zusammenhängen; Sie hören (Sie groß oder klein, das wissen Sie ja besser als ich), sie hören nicht seine Musik! Sie haben nie den Kopf des Johannes an sein Herz gelehnt und mit „dem lebendigen Gott in seinem Busen“ verkehrt, sie haben überhaupt eigentlich nie mit ihm   g e s p r o c h e n,   denn „der   T o n   ist der unmittelbare Ausdruck des Gefühles“, „unmittelbar teilt sich der innere Mensch dem  O h r e   mit“ [Richard Wagner, „Das Kunstwerk der Zukunft“], und vielleicht bleibt es Ihnen schwer begreiflich, daß ich dem Dichter oft nur mit einem Kusse danken möchte?
    Aber ich wiederhole es — Ehre den Übersetzern! Nur vergessen wir bitte nie, daß es dem übersetzten Satze leicht so gehen wird wie allen Deduktionen, Betrachtungen u. dgl. aus Kunstwerken, wie überhaupt allen Abstraktionen, daß dieselben zwar eine Wahrheit, und eine Wahrheit allererster Ordnung möglicherweise, aber doch sehr häufig gewissermaßen nur   e i n e   Wahrheit enthalten, im Unterschied von Kunst und Religion, welche   a l l e   umfassen. Daher die Gefahr, derartiges auszuführen und zu Deduktionen zu benutzen.
    Soeben las ich die von Steinschen Briefe und den von Wolzogenschen Kommentar zu denselben in den „Bayreuther Blättern“, natürlich höchst anregend und als Bild beglückend. Aber ich gestehe es, mir wird furchtbar bange, wenn ich auf einer einzigen Seite etwa 50 Abstrakta antreffe. „Shakespeare — Richter der Renaissance“ — ja, das merkt man sofort — ist ein   D i c h t e r-Wort, das schoß aus einem Dichterkopf, wie ein Blitz am Himmel leuchtet; eine Eingebung ist es, kein eigentlicher Gedanke. Aber wenn in der Folge: „die deutsche Musik den Geist der religiösen Wahrheit befreit“, „der unerbittliche Realismus Shakespearescher Dichterwahrhaftigkeit den Drang nach idealer Kunstwerdung erweckt“ etc., etc., etc. — mir wird sehr bange. Nicht nur fühle ich mich in fremden Lande, aber ich befürchte auch, daß, wenn für Männer wie Stein und Wolzogen, welche ein ganzes Leben im Gedanken führen, alle diese Sachen die faßbarsten, greifbarsten Gestalten sind, sie doch diejenigen sind, welche am allerersten jener Gefahr ausgesetzt sind, vor welcher Carlyle warnt: „We must not let things harden into words.“ Und dann — wie ich vorhin in anderem Zusammenhang sagte —‚ man gerät sofort in das Mißliche, daß man nur   e i n e   Wahrheit sagt und somit andere verkennt oder zu verkennen scheint. Shakespeare z. B. ist nicht bloß   R e a l i s t,   er ist es in bezug auf Gewisses, in Verhältnis zu einigem; auf der anderen Seite ist er es durchaus nicht, im Gegenteil, worüber ich Schopenhauer nachzuschlagen bitte. Es ist — um mich als Engländer eines handgreiflichen Beispieles zu bedienen —‚ wie wenn man behauptet, Sh. habe keiner Szenerie bedurft, was ja einerseits wahr ist, nämlich gegenüber manchen unserer heutigen Gewohnheiten, was aber nicht verhindert, daß er die komplizierteste Bühnenmaschinerie, die pompösesten Aufzüge benötigte, welche seine Zeit liefern konnte, usw. Man kommt eben immer wieder zurück auf den Boden des Mythischen, und zwar im weitesten Sinne aufgefaßt, wodurch man bald wieder beim Dichten anlangt und den herrlichen Boden der dichterischen Produktivität wieder betritt (wie dies wohl bei von Stein der Fall war?).
    Und da möchte ich wieder eine Empfindung ausdrücken, und es wird wohl schwer gehen (ich möchte mir schmeicheln und mit Smollet sagen: „A small stock of ideas is more easily managed, and sooner displayed, than a great quantity crowded together!“): meine Empfindung, daß die dichterische, mythische, musikalische Gesinnung — ja, sagen wir nur   G e s i n n u n g,   eng verwandt ist, oder vielleicht vielmehr in sich enthält, „englobe“, das Gefühl für die   P e r s ö n l i c h k e i t   und dasjenige für die   W i s s e n s c h a f t e n   d e r   N a t u r.
    Mir wird „schwiemlig“ wie auf bewegtem Meere, sobald man mich dem festen Boden der Persönlichkeit zu weit entrückt und hinausführt auf jenes offene Meer, welches von Stein in seinen Schopenhauer-Skolien trefflich schilderte. Und ich glaube, daß dieses damit zusammenhängt, daß ich recht eigentlich Dichter bin (wenn nicht gar ein Gedicht), und daß somit in dieser Empfindung eine tiefere, allgemeine Wahrheit zum Ausdruck kommt, eine deswegen noch schwerer zu sagende. „Thy reason, man? — Troth, sir, I can yield you none without words; and words are grown so false, I can loth to prove reason with them.“ Ist aber der Mythus eine Personifizierung, so ist das Persönliche recht eigentlich das Mythische, das Gedicht, das Ewige, dem Zufälligen gegenüber.
    Der Sokrates, den ich liebe und verstehe, ist derjenige, dessen letzte Worte den Kriton ermahnen, er solle nicht ermangeln, Aesculapius einen Hahn zu bringen! Kant ist der pedantisch-pünktliche Mensch, mit peinlicher Sorgfalt angezogen, der aber den Staub von seinen Zimmerwänden nicht abputzen läßt, weil er angeblich mathematische Formeln auf Papier nicht so gut ausdenken konnte! etc. Hier, an diese sinnlich-faßbaren und zugleich notwendigen Manifestationen des Persönlichen knüpfen sich — wie mir scheint — nicht nur Wahrheiten an, sondern eben die einzige, allumfassende Wahrheit; wie die aufsteigende Sonne, oder die Sterne am Himmel, oder die Jahreszeiten, enthält eine Handbewegung, ein Stil, eine Handschrift, ein Appetit — ein Ewiges im Bilde; es entspricht alles Persönliche ganz direkt einer Wahrheit höherer Ordnung. Aber genau innerhalb desselben Empfindungskreises gelangt man auch zur Einsicht, daß die   N a t u r w i s s e n s c h a f t   eine Erweiterung — vielleicht ist dies nicht das Wort, sagen wir — eine Neubelebung des Mythischen, des Mythus, als göttlich-verborgenen Zweck verfolgt. Ausführen kann ich und will ich das heute nicht; vielleicht mache ich mich aber genügend begreiflich (allerdings gebe ich zu argen Mißverständnissen Anlaß), wenn ich auf das Verhältnis von Shakespeare zu Bacon hinweise, das Verhältnis von herzlicher Freundschaft und gewißlich (wie wäre es denn anders möglich?) von gegenseitiger Beeinflussung, in dem Sinne einer vollkommneren Entfaltung des Eigenen durch Berührung mit dem anderen. Wenn Shakespeare die sogenannte Kultur der Renaissance richtet, so hat doch sicher sein klares Auge mit innerlichster Befriedigung jenes Größte der sogenannten Renaissance-Epoche geschaut, nicht eine   W i e d e r-Geburt, sondern überhaupt eine   G e b u r t,   etwas, was die alte Kultur nie geahnt hat, wahre Wissenschaft der Natur, d. h.   b e o b a c h t e n d e,   e x p e r i m e n t e l l e   Wissenschaft. Das intime Befreundetsein mit Bacon ist mir etwas ganz Natürliches, Selbstverständliches, denn Shakespeare ist ein englischer Dichter, und er hat die uns eigentümliche Art, die Natur zu lieben, jedes seiner Dichtwerke bezeugt es, und namentlich, im tiefsten Sinne, seine ganze Art, die Menschen so zu schildern, wie er sie sieht, harmlos und ohne moralische (oder moralisierende) Befangenheit oder Absicht.
    Ja, Shakespeare und   N e w t o n   scheinen mir so recht verwandt und gegenseitig sich erklärend; bei ihnen fällt mir das hübsche Wort in einem Briefe [Richard Wagners] an Uhlig ein über Byron und Shelley, „die zusammen einen ganzen Menschen ausmachen“; Shakespeare und Newton zusammen machen ein ganzes, wirklich vollkommenes Genie aus.
    Nichts — nichts auf der Welt erfüllt mich mit tieferer Wehmut, als wenn ich umherblicke und unter den besten meiner Freunde — leibhaftigen oder nur geistigen — so wenig Verständnis oder gar völliges Mißverständnis oder   N i c h t verständnis der Naturwissenschaft antreffe. Sie werden mir zugeben, daß, wer heute durchaus keine Empfänglichkeit für Musik besitzt, ein ganz bedauernswertes Wesen ist; jedenfalls ist er von uns allen ebenso getrennt, geschieden, als lebte er in einem anderen Planetensystem. Ähnlich aber verhält es sich mit dem, der ganz und gar kein Gefühl für Wissenschaft hat, oder der gar gegen diese, neben der Musik einzige, Neugeburt unserer Jahrhunderte, diese neugeborene Kindlichkeit und Unschuld, diesen reinen, vertrauensvollen Blick in das Göttliche, diese Neugestaltung des mythischen Bildes etwa feindselig gesinnt ist. Und natürlich spreche ich nicht von Tatsachen-Wissen und derartigem, sondern von einer Methode, von einer ganzen, eignen Naturanschauung, von einem Verhältnis des Menschen zu der ihn umgebenden Welt. Man kann naturwissenschaftliche Vorlesungen hören — wie Schopenhauer — und keine Spur von Naturwissenschaft an sich und an seinem Denken haben, denn die Naturwissenschaft hat unter anderem auch dies mit der Dichtung, mit der Musikwelt gemein, daß es sich um einen   B l i c k   handelt, den man werfen muß — Anregung dazu kann man in einer Vorlesung oder in einem Buch finden, Anleitung in einem Laboratorium —‚ aber den Blick muß man selber werfen, da hilft alles nichts, und auch mit dem Blicke des Kunstwerkes hat er wieder dies gemein, daß man von jenem Augenblick an, wo man ihn getan hat, in einer neuen, anderen Welt lebt. Lesen Sie das Leben, dringen Sie ein in das Menschliche, das Persönliche von Newton, Dalton, Priestley, Davy, Lyell, Faraday, Darwin — alles herrliche Charaktere, Menschen von liebevoll umfassendem Blick, von engelhafter Geduld, von heldenhaftem Mut, wahrlich im schönsten Sinne des Wortes   I d e a l i s t e n.
    Und wie genau findet auf dem Gebiete der Naturforschung dasjenige statt, was im „Kunstwerke der Zukunft“ [Ges. Schriften u. Dichtungen, Bd. 3] eben für das Kunstwerk gefordert wird: allgemeine Produktivität, Schaffen auf allen Stufen, für jeden einen Platz, in dem er seine Persönlichkeit entfalten kann — keine hemmende Klassizität hier, sondern ein ursprüngliches, urwüchsiges Schaffen wie in vorhomerischen Zeiten. Und wenn eine Hypothese wie die Darwinsche unhaltbar sein sollte, welche ungeheure dichterische Kraft lag in diesem Bilde, welchem wir in der kurzen Spanne von 25 Jahren die Kenntnis von Tausenden von interessanten und schönen Tatsachen aus Gottes Schöpfung verdanken, die ohne dasselbe niemals entdeckt worden wären!
    Aber mein Nichtausführen wächst an zu einem Ausführen. Und für das Wichtigere, das, was ich eigentlich meine, bleibt mir weder Zeit noch Kraft jetzt: die ungeahnte Verwandtschaft von Naturwissenschaft und Mythos, die Einsicht, daß der Blick nach beiden Seiten ein innerlicher ist. Die Sonne, die am Himmel aufsteigt, Ihre Armbewegung, der lebendige Strom, den Sie in den Haaren eines Stiefmütterchens beobachten können — alles muß das Kunstwerk mit gleicher Liebe umfangen; und da es nur sichtbare, hörbare, greifbare Bilder gebrauchen kann, so soll es der Wissenschaft — seiner wahren Schwester — dankbar sein, daß sie dem entwickelteren Menschengehirn (von   F o r t s c h r i t t   braucht man nicht zu reden, wohl aber von Anderswerden) neue, vielgestaltigere Bilder schenkt, daß sie das alte Bedürfnis nach unmittelbarer Berührung mit der Natur zu neuem Leben geweckt, daß sie eine große Vertiefung gerade durch das Forträumen von angeblichen Wundern und das Bloßlegen des einzigen bewirkt hat... Aber hier hat im menschlichen Bewußtsein ein großer Schritt zu geschehen, damit aus dieser Geschwisterehe eine heitere, heldenhafte Erkenntnis hervorgehe.
    Bayreuth? Ja, verehrteste Meisterin, lieber wäre ich schon morgen da wie später; mein Trost, daß ich nicht früher reisen konnte (am 5ten), ist, daß ich vermutlich nicht wieder nach Hause gekommen wäre. Es hängt eben alles vom Schicksal ab; jedenfalls ist es für mich sehr rührend, daß ich von so vielen Seiten ermahnt, aufgefordert, gebeten werde, hinzugehen; gleichzeitig erweckt es das Bewußtsein meiner Grundschlechtigkeit, da ich mir gar nicht denken kann, daß   i c h   in Bayreuth im Besitze des Kunstwerkes und in Ihrer Nähe die etwaige Abwesenheit dieser guten Leute sehr schmerzlich empfinden würde. Ich danke Ihnen sehr für die Angabe von Dr. Landgrafs Namen — mir, glaube ich, von irgendeinem Freund her bekannt —‚ denn bei irgendeiner sehr unerwartet plötzlichen Schicksalsbestimmung wäre es allerdings vielleicht nicht leicht, unterzukommen. Im anderen Falle wäre es mir vielleicht schwer, davon Gebrauch zu machen, da ich Treuloser sehr zähe in der Treue bin und mich auf dieser weiten Welt gewiß niemand aufrichtiger liebt wie die Weißnähterin B.; sie schrieb mir schon im Januar, und — trostlos über meinen Bescheid — erwiderte sie, sie hätte sich so eingerichtet, daß sie mich doch jeden Augenblick aufnehmen könnte etc. — käme ich auf länger, so würde ich vermutlich zu ihren Freunden, den Otts   (w e n n   noch möglich), zurückkehren. — Doch für heute genug, und schon viel, viel zuviel.

    In Ehrfurcht und Treue der Ihrige

Houston S. Chamberlain.
 

123-124 Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.


[An Fräulein Eva Wagner.]

9. Juli 89.  3 Reichenbachstraße.  Dresden.

Sehr geehrtes und wertes Fräulein!

    Gegenüber dem, was in diesem Augenblick bei Ihnen vorgeht, ist die Nachricht, daß ich doch nach Bayreuth werde kommen können, von so verschwindend kleiner Bedeutung, daß ich mich eigentlich genieren müßte, Sie mit dieser Mitteilung zu behelligen. Für einen selber aber steht eine solche Tatsache so recht im Mittelpunkt des Lebens, denn ich gehöre zu denen, für die Bayreuth einfach ein Lebensbedürfnis ist, wie die Sonne den Bäumen, und da empfinde ich es doch als Bedürfnis (aus dem einen erwächst ja stets das nächste!), Ihrer hohen Mutter und Ihnen mitzuteilen, daß ein gütiges Schicksal mir den lieben, warmen, einzigen Sonnenstrahl zu spenden beabsichtigt.
    Und während dieser Bogen nun aus Ihrer Hand in den Papierkorb eine elegante Parabole beschreibt, möchte ich Ihnen eine ganze Menge zurufen: Natürlich lebe ich Tag für Tag seit dem 24. Juni mit Ihnen, meine Gedanken sind zur guten Hälfte, und mein Herz zu neun Zehntel in Bayreuth. Und da ich nun einmal von Instinkten und Ahnungen geplagt werde, als wäre ich das liebe Vieh, so habe ich recht viel gelitten, denn ich habe das sichere Bewußtsein, daß Ihre Frau Mutter in diesem Jahre viel Bitteres, Schmerzliches durchzumachen hat; häufig, inmitten einer Arbeit oder in ganz entfernten Gedanken versunken, kommt plötzlich über mich eine unendliche Trauer, eine Verzweiflung ganz außer Verhältnis mit meinen eignen friedlich-gleichgültigen Beschäftigungen, und da möchte ich gern der hohen Frau mein Mitleid und mein Glauben und meine Zuversicht zu Füßen legen. Ich hoffe von Herzen, daß sie irgendeinen Shakespeareschen Clown zur Verfügung hat. Indessen freue ich mich für sie auf das vollständige Gelingen der Festspiele; im letzten Augenblick übernimmt ja doch immer der liebe Gott die ganze Geschichte. — Jedoch, die Parabole ist längst ausgelaufen; und da mein Briefbogen doch in den Tiefen des Papierkorbes bereits ruht, so werde ich mich mit einem sehr steifen Schluß begnügen.

    Ihr herzlich ergebener

Houston S. Chamberlain.




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Vorwort - Inhaltsübersicht
Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit (1)

Letzte Änderung am: 16. Juni 2010