Dresdener
Zeit, Seite 14—124

Aus H. S.
Chamberlains
Dresdener Zeit
Aus dem Jahre 1888
H. S. Chamberlain Aufnahme aus dem Jahre 1886. Wien |
Cosima Wagner Aufnahme aus dem Jahre 1877. London |
15
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Hochverehrte Meisterin!
(Denn diese
schöne
Anredeweise ist wohl kein Monopol des Herrn Mottl?)
Durch eine
Zerstreutheit,
wie sie meiner würdig, habe ich vergessen, Ihnen zu sagen,
daß
wir gegen Mittag unser kleines déjeuner à la
fourchette
einnehmen. Dies soll Sie in der Wahl Ihrer Stunden nicht im geringsten
beeinflussen — denn ich versichere Sie, daß ich nach unserer
gestrigen
Unterhaltung die liebe, hohe Schutzmauer der Konvention ganz geschleift
fühle —‚ wenigstens I h n e n
gegenüber,
und somit mich nicht im geringsten in der Innehaltung meiner
Gewohnheiten
durch die Erwartung Ihres Besuches werde stören lassen.
Aus tiefstem Herzen
danke ich Ihnen für Ihr so liebevolles Entgegenkommen gegen mich —
den Fremden, den „Wanderer“, wie meine Freunde mich nennen. Könnte
ich Ihnen nur alles sagen, was ich auf dem Herzen habe, Ihnen zu sagen!
Aber ich k a n n es nicht: zum Glück haben
wir beide A u g e n — Augen, welche sehen.
Ihr treu ergebener
Houston S. Chamberlain.
15-16
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Mein lieber Freund!
(So beantworte ich
Ihre freundliche briefliche Anrede, und da ich Sie nicht anders als
einen
Freund betrachten kann, weiß ich auch keine andere Ansprache zu
Ihnen.)
Ich habe Ihnen
eigentlich
nichts zu sagen, nämlich nichts Positives, und doch drängt
mich
mein Gefühl dazu, in diesen letzten Tagen, die ich noch frei habe,
es Ihnen und Ihrer lieben Frau auszusprechen, wie eng ich mich mit
Ihnen
verbunden fühle, und wie unter allen Geschickeswendungen, die mir
noch beschieden sein mögen, ich mich freuen werde, Ihnen beiden zu
begegnen und Ihnen, sei es, meine Freude zu bezeigen oder mein Leid zu
klagen, mag es mir nun glücken, das zu verwirklichen, wovon das
Bild
in mir lebt, oder mag ich ein um so ärgeres Mißlingen zu
erfahren
haben, als dieses Bild sich von allem unterscheidet, was unsere
jetzigen
Kunstgestalten uns entgegenbringen!
Unter unerhört
schwierigen Umständen gehe ich diesen nächsten Festspielen
entgegen.
[Die
erste Aufführung der „Meistersinger von Nürnberg“ im
Festspielhaus
stand bevor.] Ich stand vor der Frage, ob der Schwierigkeit der
Aufgabe wegen und der knappen Zeit, die uns gemessen ist, halber, ich
mich
nicht dazu entschließen sollte, viele von den Forderungen, die
ich
an eine Wiedergabe der Werke stelle, zurückzudrängen und mich
mit einer sogenannt gut klappenden Aufführung zu begnügen.
Ich
kann das nicht und will lieber die Mängel ertragen, welche die
unfertige
Ausführung einer bedeutenden Intention mit sich bringt, also
lieber
eine sehr leicht zu bekrittelnde Leistung herstellen, als mit dazu
beitragen,
den falschen Schein noch zu vermehren. Gott helfe mir, ich kann nicht
anders,
und ich glaube, daß er den Wahrhaftigen hilft, wenn er zuweilen
auch
ein bißchen viel Zeit dazu in Anwendung bringt! — Wie dem allen
auch
sei, so betrachte ich es als einen ungemeinen Gewinn, zu einem Menschen
so sprechen zu können und zu wissen, daß es welche gibt,
welche
das durchempfinden werden, was ich um jeden Preis retten und, wenn auch
nur — der ungünstigen Umstände halber — zum schwachen,
dennoch
zum Ausdruck hier bringen wollte.
Seien Sie mir
gegrüßt
beide, meine neuen lieben Freunde, und bleiben Sie gut Ihrer
freundlichst
ergebenen
C. Wagner.
16-18
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Einige Tage habe
ich,
hochverehrte Meisterin, seit dem Empfang Ihres Briefes
vorübergehen
lassen — wieder sehr wenig impulsiv-künstlerisch, nicht wahr? Der
kindisch-kindlichen Freude über Ihre Worte wollte ich Zeit lassen,
sich zu beruhigen, und dem Bewußtsein des Glückes, Sie zur
Freundin
gewonnen zu haben, Zeit lassen, sich zu vertiefen, sich auszubreiten
und
über Sich selbst zu einiger Klarheit zu gelangen. Die erste
gegenseitige
Pflicht der Freundschaft ist doch — nicht wahr? —‚ den andern so zu
nehmen,
wie er ist; und wenn ich also meinen heißen Drang, Ihnen sofort
aus
tiefstem Herzen für Ihre lieben Worte zu danken, nicht
erfüllen
konnte, so werden Sie sich nur sagen: So i s t
er. Die Empfindung schnell, der Gedanke langsam — die Sinnlichkeit zwar
eine sinnige, aber der Verstand ein so ganz sinnlicher, daß der
abstrakte
Ausdruck langsam gefunden wird — oder auch gar nicht. Und gleich in
diesem
Falle kann ich mir wieder nicht helfen; ich liebe das Wort Dank nicht
sehr
und kann doch kein anderes finden für das, was Sie mir gegeben
haben
durch die Erlaubnis, mich Ihnen zu nähern. Und das muß ich
Ihnen
sagen: Der große Name, den Sie tragen, macht mir jetzt weniger
Eindruck
wie früher. Vielleicht kommt jenes Gefühl wieder;
augenblicklich
hat es wenig Platz neben dem einfach Menschlichen. Jenes einfach
Menschliche,
welches ich nirgends finde, Sie haben es mir doch entgegengebracht,
nicht
wahr? Und ich darf es Ihnen gegenüber in meiner Brust ebenso frei
walten lassen, wie den zwei oder drei Großen — den Freunden —
gegenüber,
die ich, bei aller Verehrung und Bewunderung, immer viel
inniger
l i e b t e, als ich Sie bewunderte oder verehrte. Mit
diesem
Unterschiede, daß ich jetzt einem jener „Traurigsten“ in die
Augen
schauen und seine Hand halten kann. Mitteilen kann man sich doch nie
und
nimmer; aber sich seine ewige Einsamkeit wortlos klagen zu können
— es hat mich so im tiefsten gerührt und so beglückt, —
daß
ich lieber von etwas anderem sprechen will.
Gewiß nur ein
schwaches Bild kann ich mir von den Schwierigkeiten machen, mit denen
Sie
wieder in diesem Jahre zu kämpfen haben. Aber wie edel werden Sie
gelebt haben! Und wie manchen — nie ausgesprochenen — Dank werden Sie
bei
den Besten ernten! Ach, wieviel lieber würde ich das Geringste
für
— und in Bayreuth tun (denn Geldgeben ist das reine Nichts) — etwa
Kohlen
tragen für die Heizung der elektrischen Maschine? —‚ als die
schönsten
Aufsätze der Welt schreiben, wozu mich unser lieber Wolzogen
wieder
auffordert. Nein! Trotz dem, was ich vorhin sagte, ich bewundere Sie
und
verehre Sie doch; selten hat eine Frau eine so entscheidende Rolle in
der
Entwicklung des menschlichen Geistes zu spielen gehabt — und Sie wissen
es und können es.
Eine so
instinktiv-geniale
Natur wie die Ihrige — zugleich erfahren — wird gewiß bald
eingesehen
haben, daß ich Anlage zum Prophetsein besitze? Und zwar als
naturwissenschaftlich
gebildeter Prophet des XIX. Jahrhunderts sind meine Weissagungen
bedeutend
präziser wie die des delphischen Orakels. Ich habe nun vor Monaten
schon gesagt: „Die Aufführung der ‚Meistersinger' wird die
mangelhafteste
sein, die je in Bayreuth war — und zugleich die vollkommenste.“ Und
weiter
befragt: „Die Wenigen werden so klar wie noch nie den Unterschied
zwischen
Bayreuth und Nicht-Bayreuth einsehen, und die Vielen werden — ohne sich
mit Erkenntnissen zu plagen — begeistert sein; sowohl künstlerisch
wie materiell wird der Erfolg ungeahnt groß sein.“ So sprach ich
— der Pessimist (wie Sie mich nannten).
Und dies sei für
heute der Abschiedsgruß von Ihrem Sie hochverehrenden und Ihnen
treu
und von ganzem Herzen ergebenen
Houston S. Chamberlain.
18-19
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Hochverehrte
Meisterin!
— Wie wirklich gut von Ihnen, daß Sie bei mir waren und mich
abholen
wollten, und wie dumm von mir, daß ich im selben Augenblicke bei
meinem lieben Appia saß, der mir erklärte, wie die
verschiedenen
Szenen in den „Meistersingern“ beleuchtet sein müßten, damit
Licht und Musik eine Einheit bildeten.
Zwar hatte ich eine
gute Nacht, aber mein Leiden — die große Schwierigkeit, zu leben
— ist heute noch heftig. Ich muß mich einige Tage sehr in acht
nehmen.
Es ist die alte Geschichte: ich k a n n nicht
im
Verkehr mit zahlreichen Menschen leben; auf die Dauer wird es
buchstäblich
mein Tod. Nicht weil ich menschenscheu wäre, ich glaube im
Gegenteil,
daß es das ungeheure Bedürfnis nach Liebe und Mitteilung
ist,
welches — stets erfolglos im unmittelbaren Verkehr mit anderen —
zurückprallt
und, da der organische Zusammenhang bei mir sehr eng und unmittelbar
ist,
am eignen Leibe zehrt. In der Einsamkeit kann sich jene Liebe
ungehindert
ausdehnen und auch das Rauheste umfassen; da bin ich auch der
glücklichste
Mensch auf Erden.
„Zu der Welt reden
kann man nur, wenn man sie gar nicht sieht.“ Die Menschen lieben kann
man
nur, wenn man gar nicht mit ihnen verkehrt; wenigstens, wenn man unter
Liebe dasselbe versteht wie ich: ein vollkommenes Aufgehen in den
anderen,
ein leidenschaftliches Begehren, ihn in seiner Eigenart zu erkennen und
zu würdigen, ein gänzlich kritikloses Sichversenken in ihn,
ohne
willkürlich-moralischen Maßstab, ohne sich durch
epidermische
Antipathie zurückschrecken zu lassen. Nun kann mich zwar keiner
verhindern
zu lieben; ich selbst konnte diese Kunst noch nicht lernen: die Folge
ist
aber, daß ich in der Einsamkeit mich eine Welt — eine sehr
harmonische
Welt — fühle, in der Gesellschaft meiner Mitmenschen dagegen
furchtbar
einsam, verletzt und überflüssig. Es ist ja ein ewiges Geben
und ein so verschwindend geringes Nehmen: nur die paar, die durch
irgendeine
Seite meines Wesens angezogen, sich an dieser auch genügen lassen.
Wie soll da das Gleichgewicht hergestellt werden? Das eigne Blut
muß
herhalten: das macht Schmerzen und Kopfweh!
Nun sind mir Ihr
Auge und Ihre Hand, verehrte Frau, wie das Kunstwerk — diese sonst so
einzige
Ruhe und Erlösung; wirklich, ich kann sie mit nichts anderem
vergleichen!
Ganz e i n z i g! Ich vermochte aber noch nicht, bis
jetzt, über die anderen völlig hinwegzusehen und nur Sie zu
erblicken.
Im Gegenteil, darf ich Ihnen gestehen, daß das Empfinden von
Ihrer
großen Einsamkeit — geistig und künstlerisch, einer
furchtbar
öden, hoffnungslosen Einsamkeit — mich diese Tage verfolgt hat?
Ein
Gefühl, das doch nur aus dem Beobachten der anderen entstand.
Selbst
im Traume weinte ich darüber. Vielleicht war dies sehr
überflüssig,
und empfinden Sie als Weib manches anders, und nicht so männlich
verzehrend?
Und neben dem vollsten Segen reizender, liebender Kinder sehen Sie sich
jetzt von der Dankbarkeit, der Bewunderung, der ehrfurchtsvollen Liebe
so vieler umringt! Vielleicht aber wies mich das verhängnisvolle
Mitleiden
doch wahr? Gebe ein Gott, daß in dem lieben Wahnfried, wie seit
seinem
Bau, ein mächtiger W a h n noch weiter
wachse.
Diese Zeilen fassen
Sie — nicht wahr? — nicht als Sentimentalität auf. Davon habe ich
kaum die kleinste Spur. Sie sind die Antwort auf Ihre freundliche
Anfrage
nach meinem Befinden!
Ihr dankbarer und ergebener
Houston S. Chamberlain.
20-21
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Ein jeder
ist
nach seiner Art — und meine Art, hochverehrte Meisterin, war es, eine
Zeitlang
warten zu wollen, ehe ich an Sie schrieb, zu warten, bis Sie und
Wahnfried
und die Festspiele — alles, was man am besten in denn einen Wort:
Bayreuth!
zusammenfaßt, in eine gewisse perspektivische Entfernung
gerückt
wären.
Gestehen will ich
aufrichtig, daß, wenn ich trotz erschwerender Umstände doch
heute schreibe, dies aus dem egoistischen Grunde geschieht, daß
ich
mich so sehr danach sehne zu erfahren, ob (nicht w i e) es Ihnen
geht. Daß Sie wirklich Leben, daß Sie ein Zeitgenosse sind
— mit den Lungen, mindestens, ein Genosse dieser Zeit —‚ es ist zu
wunderbar
und mir — wie manchem anderen — so unsagbar viel wert, daß wir
selbst
nach jener Tat von diesem Sommer, welche so herrlich Ihr Leben bewies —
oder vielleicht auch gerade wegen dieser Tat —‚ uns von bangen Fragen
und
Zweifeln bisweilen beschleichen lassen. — Wenn die ungläubigen
Jünger
W u n d e n zu sehen verlangten, geschlagen von der
Dummheit
und der Bosheit und der Niederträchtigkeit — ich fürchte, es
könnte ihnen leicht gedient werden.
Zum ersten Male
machte
ich vorige Woche ein halbes Dutzend der indessen angehäuften
Zeitungen
auf: als wäre es ein „mot d'ordre“, von allen Seiten
fällt
man über S i e her. Manches, was ich
über
Bayreuth las, war mir nicht unangenehm — es war ein Trost für das
„Mode-Succès“
von diesem Jahre — und bewies über das Nötige hinaus, wie
sehr
die tiefgehendsten Mißverständnisse das plötzlich
auflodernde
„Verständnis“ für den Wert von Bayreuth erklären. Auch
daß
die alten Feinde — gezwungen, ihren wahren Zweck zu verhüllen —
scharfsinnig
herausgefühlt haben, daß man nur S i
e
zu treffen braucht, um das ganze Gebäude zu stürzen — nun,
das
ist eben Kriegslist. Daß aber die sog. „Wagnerfreundlichen“
Blätter,
diejenigen, denen man glaubt, von denen man denkt, daß ihre
Mitteilungen
auf Tatsachen beruhen — daß diese Blätter Sie als
„Sündenbock“
erwählen, alles, was ihnen gefiel, anderen zum Verdienst
anrechnen,
und alles, was minder gelungen erschien, Ihnen zur Schuld legen —
daß
überhaupt die Leute es sich herausnehmen, von Ihnen in diesem Tone
zu sprechen (sei er auch, wie bisweilen, salbungsvoll beratend und
ermahnend),
es muß einen doch im tiefsten Grunde ekeln.
Ich habe nicht
weitergelesen;
und auch der Ärger ist schon lange beruhigt. Beunruhigend bleibt
für
mich nur die Frage, ob Sie nicht — natürlich nur „par ricochet“
— von diesen Erbärmlichkeiten zu leiden hatten? Und ob Sie es
nicht
mit allzu großer Bitterkeit erfüllt, zu wissen, daß
die
öffentliche Meinung während längerer Zeit in diesem
Sinne
bearbeitet werden wird, daß nichts dagegen getan werden kann? Sie
begreifen mich wohl und wissen, daß ich nur mit der K
ü n s t l e r i n mitleide und nur für sie mich
ängstige;
denn der Künstler braucht Liebe — versagt man ihm die...
Dem
D e n k e r stellt sich die Sache sehr einfach dar: — es
ist
die alte, alte Geschichte der Kreuzigung, welche sich ewig wiederholt
und
sich selbst in den Einzelheiten gleich bleibt — (Ach! um die Monotonie
der Weltgeschichte!) —: die Dornenkrone trugen Sie schon — als einzigen
Schmuck —; jetzt müssen die Knechte Sie anspeien!
Indessen also, ich
traf nicht ein in die „offenen Sprechsäle“, und ich ohrfeigte
niemanden,
sondern ich las alte Bücher, die mich belehrten: „Geduld sei die
heilige
Wissenschaft, Geduld sei die Reinheit — die höchsten Himmel seien
für diejenigen, deren Geduld stets den Zorn im Zaume gehalten...“
(Mahabharata), und ich las moderne Dichter, die Sie verdammen, die mir
aber teuer sind:
Houston S. Chamberlain.
21-25
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Ich entsinne mich,
daß, wie ich im Jahre 81 im November direkt nach Neapel fuhr,
eine
ganz eigentümliche Erfahrung mir zuteil wurde: alles war bei mir,
man kann nicht sagen, in Schnee, sondern in Schnee-Schmutz
gehüllt,
eine Gräue und Schwärze, die ganz unbeschreiblich ist; die
Reise
durch merkte ich keine Veränderung, am Morgen aber wußte ich
nicht, wie mir war (wir waren abends in Neapel angekommen), ich konnte
die Augen nicht aufmachen, ein Gefühl wie von einer Art
Wiedergeburt
bemächtigte sich meiner, und endlich mit einer Heiterkeit, wie sie
nur die Kinder haben, sagte ich mir, es sei ja die Sonne, die meine
Stube
unbewohnbar machte
[wegen der durch ein Augenleiden
hervorgerufenen hochgradigen Empfindlichkeit der Augen gegen helles
Licht];
sie lachte und spielte und übergoß mich mit ihren Strahlen.
Ähnlich ist
es mir, mein Freund, mit Ihren Zeilen ergangen. Ich bin einer solchen
Teilnahme
so lange entwöhnt, daß mein Herz zuerst wie scheu davor war.
Nun ist sie aber wie das wärmende Licht darin eingedrungen, und
ich
freue mich ihrer, und es wird mir wohl dabei. Seit Stein mich
verließ,
hat niemand mit diesem Mitgefühl zu mir gesprochen, und ich dachte
nicht, daß ich noch einmal solche Akzente vernehmen würde.
Dafür
gibt es keinen Dank („welcher die Liebestat aufhebt“), sondern nur
Empfangen
und Erwidern von ganzem Herzen. Dabei haben Sie eine so eigenartige
Weise,
mir Ihr Mitfühlen zu bezeigen, daß ich nicht umhin konnte,
ich
mußte daran denken, wie im vorigen und anfangs unseres
Jahrhunderts
der Engländer als der Typus der Tiefe des Gemütes und der
Ehrenhaftigkeit
gewählt wurde, welcher der Frau Verständnis und Ergebenheit
entgegenbringt,
wie sie in ihrer zarten Lauterkeit als die idealsten Empfindungen
anerkannt
wurden.
Von mir Ihnen zu
sagen, ist nicht ganz leicht. Ich will Ihnen nur gleich gestehen,
daß
ich nach Abschluß der Festspiele viel geweint habe. Große,
tiefe Ergriffenheit über das — unter den erschwerendsten
Umständen
— erlebte Glücken war wohl die Hauptquelle dieser Tränen:
„Nun
danket alle Gott“; dann aber auch, ich darf es nicht leugnen, hat die
Vereinsamung,
in welcher ich in diesen meinen Empfindungen mich fühlte, wohl
sehr
dazu beigetragen, diese Tränen der Begeisterung in Tränen der
Wehmut zu verwandeln. Ich glaube mich noch nie so verlassen
gefühlt
zu haben, als in diesem Jahre. Ich bin mir wie die einzige vorgekommen,
die das Bewußtsein unserer Ereignisse und ihrer Bedeutung in sich
lebendig erhielt. Aber ich habe mir selbst große Vorwürfe
bezüglich
dieser Schwermut gemacht. Genügt es nicht, sage ich mir, daß
ich danach trachte, das Wesen unserer Kunst unverwandt zu schauen;
muß
es selbst nicht so sein, und ist es nicht vollkommen genügend,
wenn
die anderen in ihren Ausübungen von diesem Geiste sich beseelt
zeigen?
Ja, ich mußte mir den Vorwurf machen, selbstsüchtig zu sein,
indem ich es beklagte, außerstand gesetzt zu sein, die
Empfindungen,
die mich belebten, mit denen, die ich als die meinigen im höchsten
Sinne betrachte, teilen zu können.
So ist denn jetzt
große Ruhe bei mir eingekehrt und ungestörte andächtige
Dankbarkeit. Was draußen gesagt wird, berührt mich insofern
kaum, als ich nicht fürchte, daß es die Künstler, die
mir
alle so gut und freundlich gesinnt sind, irremachen wird. Und
draußen
im Zuschauerraum habe ich auch Seelen, die mich mit ihrer Liebe
beglücken
und ermutigen. Es ist ja traurig, daß die Öffentlichkeit so
bestellt ist, wie sie es ist, und gelingt es den Gehässigen
wirklich,
dem Publikum zu beweisen, daß wir in Bayreuth unsere Schuldigkeit
nicht tun, dann sind, glaube ich, edelste Momente des Gemütslebens
brachgelegt. Ich denke aber nicht, daß es gelingt, und — wenn Sie
mir den Scherz zulassen wollen — ich will herzlich gern die Zeche
dafür
zahlen, wenn nur unser Liebesmahl sich erneuern kann. Früher hatte
ich in mir der Bosheit und Beschränktheit gegenüber den
Aberglauben
ausgebildet: sie brächten mir Glück. Das, was in mir seit den
Aufführungen lebt, ist zu tief, um die Ironie aufkommen zu lassen.
Ich weiß mir keine andere Hilfe als wie die, welche mir vom
Parsifal
herkommt, zu welcher sich ganz natürlich dieses Vaterunser
gesellt:
„Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.“
Wir haben in
vollständiger
Abgeschiedenheit diese vier Wochen gelebt. Wir haben ziemlich viel
gelesen,
eigentlich aber nur Goethe und Schiller. Ich wußte nicht recht zu
erklären,
was mir eine große Sehnsucht nach der Dichtung des „Tasso“
eingab,
welche wir dann auch mit der Empfindung lasen, als ob wir sie nie
gekannt
hätten. Vielleicht war es das Bedürfnis, inmitten von so
manchem
Plumpen und Rauhen, was derjenige zu ertragen hat, der in gewissem
Sinne
der Behandlung der Menschen preisgegeben ist, in die Welt der
prästabilierten
Resignation sich zu flüchten, wo die Tragik des Daseins sich nicht
aus den Erlebnissen, sondern aus den zartesten Regungen
sehnsüchtig
schwärmerischer Herzen uns enthüllt. (Was habe ich Ihnen denn
gegen moderne Dichter, die ich gar nicht kenne, sagen können? Das
sieht mir ganz ähnlich, aber erklären Sie sich's bitte so,
daß
ich nur mit Büchern mehr lebe und eigentlich keine lese. Daher
kaum
etwas Neues kennenlerne, und entschuldigen Sie nur meine Vorlaufigkeit
und empfehlen Sie mir dann und wann, was Sie gut finden.)
Für den Abend
haben wir den Xenien-Kampf bestimmt, der uns eine wirkliche Erheiterung
und Kräftigung ist. Schillers Unerbittlichkeit und Dreinschlagen
namentlich
sind herrlich, und das Gebaren Deutschlands diesen seinen beiden
größten
Menschen gegenüber wirklich sehr lehrreich. Dazu Schillersche
Gedichte,
die altbekanntesten: „An die Künstler“, „Worte des Wahnes und des
Glaubens“, „Macht des Gesanges“, „Würde der Frauen“; viele
Spaziergänge,
die Revision der soi-disant mit authentischen Regieangaben
versehenen
Klavierauszüge des „Parsifal“ behufs Vermeidung großer
Mißverständnisse
(Tradition!) nach meinem Tode, da haben Sie unser Leben. Darin die
Erbauung
aber die Vertiefung in Jesus von Nazareth [Richard
Wagner, Sämtliche Schriften und Dichtungen, Band 11] ist.
Dieser
reihte sich ganz natürlich an die Legende von Krischna, ein meines
Erachtens sehr dankenswertes Ergebnis einer sehr gründlichen
Kenntnis
der indischen Dichtung und Religion. Schuré schickte mir diese
Arbeit,
und sie stimmte ungemein zu den seelischen und geistigen
Nachklängen,
in welchen wir leben.
Ich will Ihnen sagen,
wann ich in einer ganz prägnant bestimmten Weise Ihrer gedachte,
obgleich
ich gar keinen Grund dafür hatte: Ich kehrte von einem
Nachmittagsbesuch,
den ich der Gräfin Wolkenstein [in
Franzensbad]
zwei Tage nach unseren Aufführungen gemacht, heim; der Morgen war
glänzend, und aus dem Waggon sah ich einzig rötlich
blühendes
Heidekraut an dem Wall und einen ganz blauen Himmel. Ich habe selten
eines
Menschen so bestimmt gedacht, wie Ihrer in diesem Augenblick, wo es gar
keine Gegend gab, aber einen sehr merkwürdigen Farbeneindruck und
eine ungemeine Präzision der Wahrnehmung (vielleicht durch die
Kraft
des Lichtes), obgleich so gut wie nichts wahrzunehmen war. Ich glaube
auch,
daß ich dabei unseres Gespräches über Reisen und
Anderessehen
gedacht habe. Jedenfalls aber erfreute mich der Gedanke an Sie und Ihr
Dasein.
Auf Wiedersehen,
teuerste Freunde! Wie wäre es, Sie besuchten uns einmal in
Bayreuth
ohne Festspiele? Rein, um sich das zu sagen, was man nicht sagen kann,
was aber durch das einfachste Geplauder sich uns aus- und
eindrückt.
Leben Sie wohl, mein
Freund. Dieses Jahr hat mir viel gebracht. Zu dem Wertvollsten darunter
zähle ich Ihr Mitfühlen mit mir. Ich vereinige mich mit
meinen
Kindern, um Sie von ganzem Herzen zu grüßen!
C. Wagner.
25-26
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Seit mehreren
Tagen
frage ich mich, wie es Ihnen und Ihrer lieben Frau geht, mein
hochgeehrter
Freund! Das fallende Laub, der grautraurige Himmel und die große
Stille um mich (meine Töchter sind in Bonn, und ich lebe mit
Siegfried
allein) ließen sorgenvolle Gedanken aufkommen. Doch wollte ich
nicht
schreiben, um Sie nicht zu beunruhigen und Sie nicht zu einer Antwort
in
einer Stimmung zu zwingen, welche vielleicht schreibunlustig ist. Nun
aber
habe ich Sie mit einer vertrauensvollen Bitte anzugehen: den jungen
Kietz,
von dem ich höre, daß er sich gern damit befassen
würde,
zu veranlassen, Skizzen zum „Tannhäuser“ zu versuchen. Er
möchte
vorher alles studieren, was es an antiken Bacchanten-Zügen gibt
(auch
die der Renaissance, z. B. Tizians in Madrid), desgleichen das 13.
Jahrhundert
genau — nach der Seite der Tracht — kennenlernen und dann mir einige
Entwürfe
zukommen lassen. Es wird doch das nächste N e u
e,
was wir bringen, und diese Aufführung will vorbereitet werden.
Sehr
schwierig ist das Kostüm der Venus, mit diesem allein kann mir der
junge Kietz zeigen, ob er Phantasie und Talent hat.
Gern erführe
ich von Ihnen, ob Sie in Dresden den Winter über zu bleiben
gedenken.
Ich habe nicht den Mut, meine Einladung nach Bayreuth zu wiederholen,
weil
unser Klima sehr rauh ist und weil Sie gewiß, wenn Sie Dresden
verlassen,
einen freundlicheren Himmel aufsuchen werden.
Auf Levis Anzeige
(er hat hier acht Tage bei mir zugebracht) habe ich — die ich sonst
keine
musikalische Zeitung in die Hand nehme — Ihren Aufsatz über die
Sprache
[„Die
Sprache in Tristan und Isolde und ihr Verhältnis zur Musik“,
Allgem.
Musik-Ztg. XV/29—31] gelesen und viel Freude daran gehabt. Ich
frug
gleich Wolzogen,
warum diese bedeutende Arbeit nicht in unsern
„Blättern“
erschien. Da erfuhr ich denn zu meiner Befriedigung, daß
sie
i m g a n z e n dort erscheinen wird [ist
nicht geschehen].
Nun aber leben Sie
wohl, mein Freund, grüßen Sie Ihre liebe Frau auf das
herzlichste
von mir, und seien Sie in Treue und Ergebenheit von mir
gegrüßt.
C. Wagner.
26-29
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Glauben Sie,
bitte,
nicht und nie, hochverehrte Meisterin, daß ich an sog.
„Schreibfaulheit“
leide — sie ist mir ebenso fremd und verhaßt als jede andere
Faulheit.
Selbstverständlich gehe ich an manchen mir aufgezwungenen Brief
ungern;
aber daß ich Ihnen gegenüber mich „schreibunlustig“
fühlen
sollte, das kann ich mir gar nicht denken. Ich schreibe Ihnen viel in
Gedanken;
und ich glaube, wäre ich fähig, meinen Wünschen zu
folgen,
so würde nur die Achtung vor Ihren hohen Aufgaben und Pflichten,
die
Sorge um Ihre kostbare Zeit mich verhindern, Ihnen unbescheiden oft und
viel zu schreiben.
Nun müssen Sie
wissen, daß ich sehr gern Briefe schreibe: Gedanken und
Gefühle
kann ich oft besser und viel genauer schriftlich als mündlich
ausdrücken,
und es scheint mir, als ob das so harte Wort, das Unbiegsame —
fällt
es nur auf den rechten Boden liebevollen Verständnisses des
Freundes
—‚ dort oft zu einem ganz anderen Gebilde wie ein Samen in warmer Erde
aufgehen kann — der Freund hat es ja, besitzt es, kann es pflegen;
während
im mündlichen Verkehre der — ohnedies vielleicht eiliger
gewählte
und noch weniger entsprechende — Ausdruck verschwindet; und
außerdem
liebe ich Sehr, schriftlich sehr verwickelte oder schwierige
Gegenstände
— geschäftliche oder wissenschaftliche — zur vollen,
durchsichtigen
Klarheit zu bringen (wofür ich entschieden eine besondere Begabung
besitze). Als ich früher 10 und 12 Stunden täglich arbeitete,
habe ich meine Korrespondenz niemals vernachlässigt. Also an
dieser
modernen Krankheit leide ich nicht — Schreibfaulheit! Und zweifelsohne,
könnte ich mich jetzt schon zum „Dilettieren“ als einziger und
genügender
(und durch die Umstände auch moralisch gerechtfertigter)
Lebensweise
resignieren, so könnte ich ein ganz guter Korrespondent sein. Aber
da ist ja gerade der Haken! Skeptizismus und Mystizismus hätte ich
wohl genügend und in wohlschmeckender Mischung, um mich als
kontemplativen
Dilettanten des Absoluten in die Wälder zurückzuziehen; in
Gleichgültigkeit
ohne eine Spur von Bitterkeit (die einzig echte Resignation)
könnte
ich was leisten! Aber gerade deswegen will ich es nicht tun. Gerade
weil
ich überzeugt bin, daß all mein Tun im höchsten Sinne
„gleichgültig“
ist, will ich auch die unschuldige Freude haben, am Strande des Meeres
der Ewigkeit mein Sandhäufchen aufzubauen. Und der wirklich
gesunde
Mensch — wie ich — will vor allen Dingen gesund bleiben; dazu muß
er den gebieterischen Forderungen seiner ganzen Natur folgen, mag er
auch
erhaben darüber lächeln. Und ich will Tätigkeit, Arbeit;
und zwar glaube ich, daß, wie mein Leben sich nun einmal
gestaltet
hat, ich den unbezwingbaren künstlerischen Drang (der den
philosophischen
einschließt) nur in der Naturwissenschaft stillen, ihm nur da,
oder
mindestens von da aus, seine Nahrung verschaffen kann, daraufhin,
daß
er das leistet, was er leisten kann und soll. Diese letzten Jahre waren
eine harte Prüfung — hart, weil ich meine eigenste Natur immerfort
im Zaume halten mußte; aber nie habe ich mich für geschlagen
gegeben, und es hieße ja auf sich selbst Verzicht leisten — ein
eigentümliches
Beginnen!
Aber hier kann ich
wohl diese Erklärung abbrechen? Und wenn ich Ihre schönen
Briefe
lange unbeantwortet lassen sollte, so werde ich wissen, daß Sie
dies
keinem banalen Grund zuschreiben. Aber ich bitte Sie, lassen Sie dann
auch
keine „sorgenvollen Gedanken“ aufkommen! Halten Sie mein Schweigen eher
für ein gutes Zeichen! Und vor allem, zweifeln Sie nie daran,
daß,
wenn ich von jetzt bis zu meinem Tode an Sie schreibe, ich Ihnen
nie
g a n z sagen könnte, was Sie mir gegeben haben.
Daß Sie mein
inniges Mitgefühl, meine Sympathie mit Freud und Leid — mit
anderen
Worten, meine verehrungsvolle Liebe gern entgegennehmen, macht mich
sehr
glücklich — denn ich kann Ihnen nichts anderes geben. Mit
Männern
wie von Stein konnten Sie die ganze Welt der menschlichen Kultur
durchstreifen;
ich könnte Ihnen höchstens von Wurzeldruck [Seine
Schrift „Recherches sur la sève ascendante“ erschien
1897.]
und Foraminiferen sprechen! — („...das Ganze im Kleinsten erblicken.“)
Mein Bedürfnis
nach größter Ruhe und der Konzentration auf einzelne, eng
begrenzte
Gegenstände macht mich Ihre so freundliche und so freundlich
wiederholte
Aufforderung, Sie in Bayreuth zu besuchen, vorerst nur theoretisch —
aber
nicht weniger von ganzem Herzen — annehmen. Gewiß, und eigentlich
selbstverständlich, würde ich glücklich sein, nach
Bayreuth
zu kommen „ohne Festspiele“. Es ist sogar sehr, sehr leicht
möglich,
daß ich mir den Besuch der nächsten Festspiele werde
versagen
müssen; vielleicht komme ich also nach Bayreuth nur unter der
ausdrücklichen
Bedingung, daß es keine Festspiele gebe!
Ihren langen Brief,
in Beantwortung meines ersten Briefes, las ich in der Eisenbahn, in dem
Dampfwagen, der mich in mein liebes Böhmer Land führte. Das
traf
sich doch gut, nicht wahr? Mir schien wenigstens diese sonnig-heitere
und,
wie alles Schöne, über alle Worte melancholische Landschaft
mit
Ihren Worten sehr zu harmonieren. Und dann erzählten Sie mir ja,
daß
Sie gerade in der Eisenbahn an mich gedacht hatten. Sie hatten wohl
etwas
Ähnliches empfunden wie ein genialer französischer Freund,
der
mich sehr liebte, ohne sich klarwerden zu können, was er
eigentlich
an mir hätte, bis er darauf kam: „Vous êtes une
atmosphère.“
Ihr Brief war mir dort oben eine sehr liebe Lektüre, neben
indischen
Sachen, Symonds „Sketches in Italy“. Kietz, der
Bildhauer, war
acht
Tage mit uns dort. Ist der Mann gut! Man schämt sich ordentlich!
Ob
er zu den Deutschen gehört, bei denen die Natur einen Anlauf zur
Begabung
genommen hat?
Dank bin ich Ihnen
auch schuldig dafür, daß Sie meinen Aufsatz in der
„Allgemeinen
M. Z.“ gelesen haben. Aber nie fühle ich deutlicher, wie wenig ich
zum Schriftsteller bestimmt bin, als wenn ich merke, wie bar ich jeder
Autoreneitelkeit bin. Daß Sie an einem schönen Herbstmorgen,
als Sie durch eine Heide fuhren, an mich gedacht haben, freut mich
unendlich
mehr, und ist mir überhaupt etwas ganz anderes und Wahreres, als
daß
Sie meine kleine Arbeit mit dem schmeichelhaften Wort „bedeutend“
belegen.
Dennoch kann ich Ihnen aufrichtig danken, denn es ist mir entschieden
lieber,
als wenn Sie sie etwa dumm gefunden hätten. War es Ihnen gar nicht
unheimlich, mindestens unerwartet neu, mich in dieser Gestalt
wiederzufinden?
Daß Wolzogen
Ihnen die „ganze Arbeit“ für die „Bayreuther
Blätter“
angezeigt hat, hat mich sehr amüsiert; der Pariser „Gamin“ sagt: „Vas
y voir!“ Eine recht heilsame Lektion ist mir in dieser selben
Zeitung
zuteil geworden; mit Zustimmung des Redakteurs bin ich wie ein dummer
Schulbube
von einem „Fachphilologen“ für diese Arbeit zurechtgewiesen worden
und habe die feierliche Versicherung bekommen, daß ich auch nicht
„in die Vorhalle des Kunsttempels etc.“ eingedrungen wäre;
überhaupt
wird mein Aufsatz als ein Angriff auf die Sprache in „Tristan“
aufgefaßt
— und die Leute haben recht; ich Rindvieh hätte wirklich besser
getan,
draußen auf meinen böhmischen Bergen zu weiden und die
Betrachtungen
über die innigst geliebten Werke, welche mein ganzes Leben und
Fühlen
und Denken ausmachen, zu meinem eignen Vorteil zu wiederkäuen — da
draußen, wo wie für die alten Arier „die ganze Erde eine
heilige
Stätte ist“, wo man glaubt, durch Liebe hellsichtiger zu werden
als
durch Philologie —‚ als daß ich mich in ihre Tempel- und
Tabernakelangelegenheiten
mischte. Selbst der „Dresdener Anzeiger“ soll jetzt von Deutsch-Olympia
sprechen. Da ist es höchste Zeit, daß ich auswandere! — und
diesen Brief wohl auch schließe; — er könnte sonst
interessant
werden. Bitte, hochverehrte Meisterin, lassen Sie mich ganz ungezwungen
schreiben, quand le coeur m'en dit, — 2, 3 Mal hintereinander
oder
wieder lange nicht; und seien Sie versichert, daß, wenn ich auch
ein sehr glücklicher Mann bin, jede Zeile von Ihnen mich noch um
etwas
glücklicher macht. Bitte, grüßen Sie Ihre Kinder recht
herzlich von Ihrem Ihnen mit tiefster Hochachtung und innigster Liebe
ergebenen
Houston S. Chamberlain.
29
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Hochverehrte
Meisterin,
wo Sie sind, weiß ich nicht — also auch nicht, wo diese Zeilen
(deren
einziger Reiz ihre absolute Zwecklosigkeit) Sie treffen werden. Ihr
Wirken,
Ihr Tun — oder wie man das nennt — für uns alle möchte ich
nicht
durch ein Wort unterbrechen, aber...
Aber zum ersten Male
seit Bayreuth hörte ich gestern etwas; — eine junge Nichte ist bei
uns zu Besuche; sie mußte natürlich in „Lohengrin“
geführt
werden; — und — und weiter gar nichts, was ich sagen kann und darf.
Aber
ich hätte Ihnen die Hände küssen wollen; und ich
hätte
Ihnen a u s t i e f s t e m H e r z
e n danken wollen —
Ihnen in ehrfurchtsvoller Treue ergeben
Houston S. Chamberlain.
29-32
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Seit einigen Tagen
schon will ich Ihnen, teuerer Freund, erzählen, daß Sie mich
in rechte Pein versetzt haben: Ich hatte den Kaiser zu empfangen, Sie
kamen
und besuchten mich, und wir verloren uns in derartigen Gesprächen,
daß bereits der Kaiser vorfuhr und absolut nichts zu seinem
Empfang
(er sollte bei uns speisen), ja, auch meine Töchter nicht bereit
waren.
Dieser Traum hat mir sehr gute Laune gemacht, und ich hätte ihn
Ihnen
gleich mitgeteilt, wenn ich nicht wirklich in lauter
Wirtschaftsnöten
(das ist so der Schweif der Festspielzeit) stäke; dann wollte ich
einen sonnigen Tag abwarten; heute glänzte sie freilich wieder an
unserm Himmel, aber mein Siegfried liegt mir zu Bett, ich weiß
nicht,
ob infolge der unsinnigen Schularbeiten ober durch Erkältung. Da
sagt
mir der Arzt, es würde nichts werden, und so kann ich Ihnen
danken,
und zwar von ganzem Herzen für Ihren lieben Brief.
Das Wort „bedeutend“,
welches ich bei Ihrer Arbeit gebrauchte, müssen Sie gut verstehen,
mein Freund; ich meinte, es hatte für mich etwas zu bedeuten. Die
Erwiderung unter dem Schutzmantel der Redaktion, das ist wieder echt,
und
wie Sie mir von Ihrer wachsenden Abneigung, zu schriftstellern,
sprachen,
gedachte ich meines Vaters, der mit solcher Großherzigkeit zur
Feder
griff, und wenn er auch manchen Irrtum im Urteil beging, doch in jede
seiner
Auslassungen so viel Feuer seines Wesens eingoß, daß sie,
dadurch
bloß, bedeutend wurden. Sie brachten es so weit mit ihm,
daß
er nicht nur nicht mehr schrieb, sondern überhaupt nicht mehr
sprach
und aus einem feurig expansiven Wesen zu einem ganz stillen wurde. Die
Tempelhüter, das sind noch die schönsten. Das sind
diejenigen,
welche zischen, wenn ein naives Publikum am Schluß des zweiten
Aktes
von „Parsifal“ den Zuruf spendet, welcher unter Umständen diesen
Armen,
sich ganz und gar Preisgebenden notwendig ist wie einem lechzenden Tier
ein Schluck Wasser. Ich könnte Ihnen ein Lied von diesen Olympiern
und meinen Erfahrungen mit ihnen singen. Wie gut begreife ich es,
daß
Sie sich nach Ihrer Tätigkeit zurücksehnen und alles
vermeiden
wollen, was Sie zur Wiedergewinnung derselben hindert; sehr gern
würde
ich in Ihrem Fache (von welchem ich auch nicht das Geringste
weiß)
Ihre Schülerin werden. Vielleicht kommt das einmal bei einer
Wiedergeburt.
Sie sagen, Freund,
Sie werden den nächsten Festspielen nicht beiwohnen, aber wenn der
„Tannhäuser“ zustande kommt, dann werde ich Sie bitten, den
Generalproben
beizuwohnen. Ich würde Sie vermissen, wenn es uns glückte,
und
Sie würden mir fehlen, wenn es in meinem Sinne nicht gelänge.
Möchten Sie sich doch recht erkräftigen! Ich weiß
nicht,
warum (oder vielmehr weiß ich's zu gut, daß) Dresden
für
mich so etwas ganz besonders Melancholisches — diesmal spricht das
Gemeinte
sich in Ihrer Sprache besser aus — hat; mir scheint die
Bevölkerung
dort ganz besonders un-reinmenschlich zu sein, und die Stadt, so
schön
sie ist, will mir namentlich in der Erinnerung gar nicht zusagen. Ich
teile
dagegen Ihre Empfindung für Böhmen durchaus, und ich erfuhr
kürzlich
mit vieler Freude, daß Mozart für das „Spital“ (das
Orchester
in Wien) ungern zu arbeiten dem Kaiser Joseph erklärte,
während
er auf Prag als den Ort, wo man Musik hörte, wies.
Wenn es nach mir
gegangen wäre, so hätten wir im Jahre 87 wiederholt
(„Tristan“)
oder in diesem Jahr „Tannhäuser“ gegeben. Dagegen war nun alles,
alle
Tempelhüter samt und sonders, welche finden, daß der
„Tannhäuser“
ausgezeichnet überall gegeben wird. Ich habe nachgegeben, indem
ich
in meinem großen Schmerze über diese Nötigung meine
Zuflucht
zu dem vielleicht noch Höheren, als die Erkenntnis, nahm,
nämlich
zu dem Glauben, daß es das beste sei, wenn ich gebrochen
würde.
Der Erfolg unserer diesjährigen Festspiele hat mir mein Nachgeben
gelohnt, aber jetzt ist mir eine Ansicht ungemein erschwert. Mein
Wunsch
wäre es, den „Tannhäuser“ daranzubringen, weil ich ihn
für
unsere eigentliche Bayreuther Aufgabe erachte. Es gilt zu erfahren, ob
wir (wenn wir's überhaupt dazu bringen können) den ersten
Teil
mit seiner ganzen Faszination verwirklichen und dem zweiten eine solche
dramatische Bedeutung zu geben wissen, daß er siegreich trotz der
Macht der sinnlichen Einwirkung auch der viel reicheren Instrumentation
bestehe. Ich weiß nicht, wie lange ich noch zu leben und auch
noch
das Augenlicht habe, und da ich glaube, daß mein Gefühl von
diesem Werk sich wohl den mitwirkenden Künstlern mitteilen
würde,
so wünschte ich es aufzuführen. Die praktischen Gründe
sprechen
für eine einfache Wiederholung, die nichts kosten wird,
während
der „Tannhäuser“ unsere paar Groschen aufzehren und niemand
anziehen
wird. So steht es, und nun sage ich mit Carl Maria von Weber: „Wie Gott
will!“
Mein
„schreibunlustig“
mußten Sie mißverstehen; ich wollte zuerst „schreibunselig“
sagen, das schien mir unrichtig, nun wählte ich den andern, ebenso
undeutlichen Ausdruck, indem ich etwa das Unwohlsein als Unlust zum
Leben
auffaßte; derlei kann aber der andere nicht erraten, und es
muß
ihm gesagt werden; daß Sie gern Briefe schreiben, hätte ich
mir schon, und zwar aus dem einen Grunde gedacht, weil ich früher
so unendlich gern Briefe schrieb und noch jetzt ganz dasselbe
darüber
denke wie Sie. Ich habe auch öfters erfahren, daß man im
Gespräch
sich viel weniger sagt; eine Art von Schamhaftigkeit beherrscht einen
da,
mich beeinflußt auch der Gesichtsausdruck meines
Gesprächspartners
bis zum völligen Vergessen dessen, was ich sagen wollte. Dies
alles
schicke ich nur voran, um Ihnen zu sagen, daß ich Ihr Schweigen
immer
verstehen werde, wie alle Ihre Aussprüche einen Widerhall bei mir
finden, ja mich förmlich anheimeln. So Ihre Besorgnis, ob Sie auf
Ihren Brief eine Antwort erhalten würden oder nicht. Von einer
ganz
präsumptuös zuversichtlichen Natur bin ich jetzt zu einem
Wesen
geworden, das sich jeden Augenblick fragt, ob es nicht diesen oder
jenen
könnte verletzt haben. Ich glaube, Sie haben recht, man wird so in
Deutschland, wo es viel Mißtrauen gibt, namentlich gegen zur
Freiheit
und Heiterkeit angelegte Naturen, wie die meinige eine bis zum
Übermute
war.
Nun leben Sie wohl
und sehen Sie es diesen Zeilen nach, wenn sie etwas unruhig ausgefallen
sein sollten; mein Siegfried schläft in der Nähe, er hat den
Tag über in einer Art Halbschlummer zugebracht, und wenn dies wohl
kein beunruhigendes Zeichen ist, so ist die Stimmung doch
gedrückt.
Der Schmetterling an der Nadel kann wohl nicht bänglicher zittern
und zucken, als derjenige, dem das Weh zum Haft wurde.
Gedenken Sie
freundlich
meiner, haben Sie Dank für Ihre Teilnahme und seien Sie dessen
versichert,
was Sie eigentlich aus jeder Zeile dieses Briefes lesen können.
C. W.
PS. Ich muß
Ihnen doch noch sagen, daß der Umstand, daß man Ihren
Aufsatz
g e g e n die Sprache gerichtet, also als Angriff
betrachtet
hat, mich daran erinnerte, daß ein Xenion, welches Schiller gegen
einen Stümper gemacht, auf Goethe gedeutet wurde, was
begreiflicherweise
die beiden großen Männer sehr unterhielt. Ich will
nachschlagen,
ob ich das Xenion finde, dann schicke ich es Ihnen. Ferner muß
ich
noch hinzufügen, daß Sie mir entschieden das
Schreibmaschinieren
lehren müssen, da man damit so schöne Dinge wie
psychologische
Analysen verfertigen kann.
Endlich aber
muß
ich Ihnen jede Originalität absprechen. Denn, wenn Sie jetzt
fürchten,
interessante Briefe zu schreiben, muß ich Ihnen sagen, daß,
bevor Sie auf der Welt waren, ich mich vor Geistreichigkeit
fürchtete.
Nochmals leben Sie
wohl, und wenn ich nicht auf alles so geantwortet habe, wie ich wohl
gewünscht
hätte, es zu tun, so werden Sie sich es erklären. Ich bin
nicht
in Sorge, aber es ist gar, gar still um mich herum, und der Gedanke
vollendet
sich nicht.
33
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Herzlichen Dank,
hochverehrte
Meisterin, für Ihren langen Brief, sowie für die mir durch
Herrn
Walther Kietz übersandten Grüße. Die Nachricht,
daß
es Ihrem Sohne, Siegfried, besser geht, war mir sehr, sehr willkommen;
denn wenn Sie auch versicherten, nicht in Sorge zu sein, so lag doch
eine
eigenartige Stimmung über dem ganzen Brief, die mich traurig und
besorgt
machte.
Heute ist auch ein
Schreiben von dem Aller-Gutesten
aller Menschen [Adolf Groß] eingetroffen,
nachdem bereits ein zweites von dem Aller-Besten
aller Menschen [Agénor Boissier]
angelangt
war. — Dem Ersten werde ich nicht verfehlen, meinen Dank auszusprechen;
an den Zweiten werde ich — sowie der Wind nach Norden sich wendet —
einen
Bericht senden, — an Stelle des Aufsatzes, den er mich in seinem
letzten
Briefe zu schreiben auffordert, als Antwort auf einen sehr heftigen, im
„Nineteenth Century“ erschienenen Angriff.
Heute
buchstäblich
nur eine Frage. Sie wissen, daß ich ein persönliches
Zusammentreffen
von dem Allerbesten mit Ihnen — in seinem Interesse — sehr
wünsche.
Sagten Sie mir nicht neulich, daß Sie bald einmal nach Karlsruhe
gehen würden? Und würde Ihnen diese Gelegenheit nicht eine
passende
erscheinen?
[Zeitungsausschnitt, am Rande aufgeklebt:]
Im
Residenztheater hat Ibsens „Wildente“ bei der Wiederaufnahme einen
mächtigen
Eindruck, teils nach der einen, teils nach der anderen Seite gemacht.
Ein ewiges Muster für alle Theaterkritik!
Ihr in unwandelbarer Treue ergebener
Houston S. Chamberlain.
33-35
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Montag früh.
Ich öffne den
Brief, den ich gestern abend schrieb, um Ihnen den Empfang des Ihrigen
zu melden. Es soll mich sehr freuen, den allerbesten Menschen
kennenzulernen.
Wie recht tun Sie
daran, Angriffe Angriffe sein zu lassen! In der Tat, wir können
nur
positiv verfahren, und möglichst wenig von dem mehr oder minder
gescheiten
Geschwätz zu erfahren, ist mir Lebensbedürfnis geworden.
Neulich
fiel durch einen wunderlichen Zufall, indem ich etwas ganz anderes
suchte,
eine Schachtel „feiner“ Wichse mir in die Hand; es ekelte mich ein
bißchen
an, und so ist mir fast physisch bei der Zeitungsschwärze. Aber
das
Stück nach zwei Seiten, wie der Januskopf, ist doch sehr
schön,
fast ebenso schön, wie die Inschrift in dem „Deutschen“ (c'est
tout dire) Theater in Berlin: „Natur und Kunst sind eins“. Wolzogen
hat mir das kürzlich erzählt und mir durch diese
eigentümlichste
aller ästhetischen Sentenzen viel Erheiterung zugeführt; das
nennt man doch Probleme lösen, oder vielmehr wie den Gordischen
Knoten
durchhauen.
Mich wollen diese
letzten schönen Herbsttage nicht sehr erfreuen, sie haben für
mich etwas Trügerisches, Geschminktes; und das noch festklebende
fahle,
gelbe Laub sieht mich wie eine eigensinnige Schwäche an. Siegfried
ist jetzt in der Schule. Das ist das erste, wenn er klein bißchen
wohler ist, doch will ich Gott danken, daß ich keine eigentliche
Krankheit an ihm durchzumachen hatte, und will hoffen, daß dieses
letzte Schuljahr mir nicht zu lang erscheint.
Die Legende von
Buddha,
von Schuré erzählt, hat mich nun etwas mit dem
Neu-Buddhismus
bekannt gemacht; eine große Konfusion, wie mir scheint; und
wiederum
scheint ein großes Wesen nur gestrahlt zu haben, um die
Köpfe
um so verwirrter zu machen, ähnlich wie Kolumbus seine Entdeckung
zugunsten der entsetzlichsten katholischen Tyrannei durchführte.
Daran alles aber
wollen wir nicht denken, und ich glaube kaum, daß ich, wie ich
zuerst
beabsichtigte, Schuré nur eine Silbe sagen werde.
Der Rienzi
beschäftigt
mich (wegen Karlsruhe, wo er Mitte Dezember aufgeführt wird) sehr.
Ich lese seinetwegen den Roman von Bulwer und freue mich der guten
Gesellschaft,
in welcher ich mich dabei befinde. Es ist mir, als ob ein vornehmer
Mann
mit mir über ein Thema, welches er Sehr gut kennt, spräche.
Ich denke daran,
mir so eine Schreibmaschine wie die Ihrige anzueignen; muß man
sehr
geschickt sein, um sie zu handhaben? Und wollen Sie mir Unterricht
darin
geben, wenn ich nach Dresden komme? Die allerherzlichsten
Grüße
gehen mit diesen Zeilen zu Ihnen.
C. W.
35-38
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Dresden, 3 Reichenbachstraße, 8. Dezember 1888.
Gewiß
hätte
ich schon längst Ihnen geschrieben, hochverehrte Meisterin, wenn
nicht
die Notwendigkeit, mich auf anderer Hilfe zu verlassen, noch so
ungewohnt
gewesen wäre, daß die Tageseinteilung ungeschickt ausfiel
und
das Vorgenommene einen Tag nach dem andern nicht zur Ausführung
kam.
Es ist doch gut, daß für den Einsichtigen körperliche
Leiden
fast stets zu den schönsten Erfahrungen führen. Das habe ich
— an mir und an anderen — immer wieder gesehen. Ich meine, die Menschen
haben viel mehr Herz als Kopf; ist ein Leiden nur sichtbar, kann es von
anderen begriffen werden, so findet man überall herzliches und
tatreiches
Mitleiden. Mehr kann man auch wirklich nicht verlangen, und ich glaube,
daß in diesem Sinne es gut ist, wenn Auserlesene, welche leicht
jeden
sympathetischen Zusammenhang mit den Mitmenschen verlieren, durch
körperliche
Leiden an diese gewiesen werden, und nun bei ihnen in hohem Maße
und in entzückender Natürlichkeit dasjenige finden, was ihnen
als letztes Ergebnis transzendenter Spekulation erschienen war. Meinen
Sie nicht?
Zum Kapitel
„Glück“
finde ich die Vereinsamung eigentlich das einzige ganz berechtigte
Unglücks-Motiv.
Alles übrige dürfte in einer — von einem gewissen Standpunkte
aus unweisen — Willensrichtung begründet sein. Und wie sollte die
gänzliche Vereinsamung heute noch möglich sein? Neulich fiel
das Wort B e e t h o v e n im Gespräch.
Und
ich gestehe, daß ich jenes Gefühl von Seligkeit, welches oft
mein Herz erfüllt und mich gleichermaßen in den Himmel
erheben
zu wollen scheint, zum großen Teil diesem Manne — diesem in das
tiefste
Herz eingeschlossenen Freunde — verdanke. Welches Leid kann als solches
gelten, wenn man durch dasselbe diese Kunst erworben hat? Und wie wahr,
wie wirklich in Fleisch und Blut übergegangen mir diese
Empfindungen
sind, erhellt aus einem schönen Traum, den ich vor zwei Jahren
etwa
träumte, und der mir als ein teuerster Besitz geblieben ist: Ich
war
allein mit Beethoven; er spielte mir viel — wir sagten kein Wort —‚ es
waren die Tongedichte, die ich am meisten liebte und kannte; da wendet
sich Beethoven zu mir und sagt: „Jetzt aber werde ich Ihnen die Sachen
spielen, die keiner je gehört hat, noch hören wird, weil die
Menschen sie nicht verstünden, Ihnen aber will ich sie spielen,
denn
Sie werden verstehen!“ — Und er spielte. — Finden Sie nicht sowohl den
Traum wie auch die naive Selbstschätzung im Traume gleich
rührend?
Gestern tat ich das
Unglaubliche: in ein Konzert ist es mir fast unmöglich zu gehen,
aber
damit meine Nichte auch symphonische Musik zu hören bekäme,
führte
ich sie in eine Probe! Nach einem fürchterlichen Brei von Brahms
die
Pastoralsymphonie! Muß man nicht Gott danken, daß man
geboren
wurde, wenn man so etwas hört? Da war ich wieder einmal so
glücklich
wie ein Schaf auf den „prés salés“ der Normandie!
— Merkwürdigerweise war gestern der ganze Mensch
zusammengeblieben,
und während die Seele mit Beethoven schwelgte, hörte der
Verstand
nicht auf, seine kritische Tätigkeit zu üben. Der
Ärmste,
er hatte was zu tun! Schauerlich, schauerlich ging es zu. Die breite
Melodik
in die Zwangsjacke eines metronomischen Einszweidrei gedrängt und
verkrüppelt; und die derben Bewegungen und Juchhes der Bauern zu
einem
Hoftanze geglättet! — Zu Hause angekommen, suchte ich im
Klavierauszug
nach und frug mich, ob Beethoven wirklich nur zum Zeitvertreib die
kleinen
Dächer auf die Noten der schwachen Taktteile im Tanze gezeichnet
hat?
Es war der Herr Hofrat, der dirigierte. Wenn ich an die ihm
möglicherweise
bevorstehende Tätigkeit denke und anderseits Ihre Aufgabe in
diesem
Falle mir vergegenwärtige, so tröste ich mich und
schöpfe
Hoffnung aus den Worten eines Klavierlehrers zu mir, als ich einmal so
verwegen war, drei Monate lang Stunden zu nehmen: „Die besten
Schüler
sind diejenigen, die, wie Sie, gar nichts wissen!“ — Der Hofrat
befindet
sich im nämlichen Falle, wie mir dünkt.
Selbst wenn ich's
könnte, so möchte ich Sie nicht gegen diesen Mann einnehmen;
übrigens bin ich so fest überzeugt, daß unsere beider
Empfindungen
ihm gegenüber sehr ähnlich sind, daß weitere Worte
überflüssig
wären. Nur eine Sache macht mir Sorge, wirkliche Sorge um Sie, das
sind die Eindrücke, die Ihnen nicht erspart bleiben können
bei
einem ersten Zuhören, und die mir recht schmerzliche sein zu
müssen
scheinen. Vorbereitet sein ist schon eine große Hilfe; und da
will
ich Ihnen heute nur ein einziges kleines Beispiel geben, welches
für
Sie — contiendra des volumes: In der „Walküre“ [III. Akt,
3.
Szene, bei Brünnhildes Worten: „...ihm innig vertraut...“],
Klavierauszug
S. 246, Z. 2 von oben, findet im dritten Takt ein Krescendo im
Orchester
statt, welches p l ö t z l i c h (mit dem
Anfang des 4ten Taktes) in ein Piano übergeht (wie hätte sich
Beethoven gefreut!). Hier folgen Kapellmeister und Kapelle dem sehr
natürlichen,
aber banalen und verbrecherischen Instinkte, diesen Pianoakkord als ein
Forte aufzufassen, als die direkte Fortsetzung des Kreszendos —! Wer
über
eine solche Vergewaltigung eines göttlichen Gedankens nicht sich
entsetzt
— nun, lieber nichts sagen — lieber denken an „he who never speaks,
and who never is surprized, he is my self within the heart, greater
than
all these worlds, greater than heaven“ —‚ Und siehe da, alle
Hofräte
sind verdunstet, und die gute Laune lächelt wieder hell und klar.
Ich bekam gestern
einen Brief von Herrn Boissier und schicke ihn Ihnen einliegend — nicht
etwa, weil er etwas besonders Interessantes enthielte, sondern weil
fast
jeder Satz merkwürdig charakteristisch für den Mann ist.
Rührend
ist das „la cause est gagnée et je suis convaincu que ce
n'est
plus qu'une affaire de temps“. Was das ce wohl für ein
Ding sein mag? — Auf meine Auseinandersetzungen betreffs einer
Gesamtübersetzung
der Ges. Schriften erwidert er, wie Sie sehen, nichts! Alles von der
Zeit
erhoffen! — Dagegen erfahre ich von einem sehr ernsten und schon
ziemlich
gereiften Vorhaben, „O p e r u n d
D r a m a“ zu übersetzen. Sie wissen, daß ich
ein
Gegner solchen Stückwerks bin; außerdem würde ich nie
bei
dieser Sache persönlich für ein Unternehmen mich
interessieren
können, welches eine Verlagsspekulation ist. Indessen würde
ich
nicht ungern Ihre diesbezügliche Meinung wissen. — Ich kann
augenblicklich
nicht weiterdiktieren und habe doch mehrere Punkte noch nicht
berührt.
Ich hoffe auf eine recht baldige Fortsetzung und sage für heute:
Leben
Sie wohl — mit vielen Grüßen von meiner Frau
Houston S. Chamberlain.
38-39
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Verzeihen Sie mir,
wenn ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, gleich heute mein
Geschwätz
weiterführe.
Ich fing neulich
auch an, Schopenhauers
„Über Geistersehen“ zu lesen, prallte aber bald ab, da es mir
manchmal, ich gestehe es, nicht leicht wird, mich mit der Person dieses
Denkers abzufinden. Wie jene nämliche
Çândogya-Upanishad
sagt: „One who does not obtain bliss, does not perform duties
(nach
der deutschen Übersetzung: vollbringt nicht die Tat). Only he
who
obtains bliss, performs duties.“ Und bisweilen hat mir der gute
Sch.
doch gar zu wenig „bliss“. Darum wandte ich mich an meinen
lieben,
alten — mir auch persönlich immer sympathischen — Kant (dessen
gemischte
Schriften ich das Glück habe, in einer Ausgabe des vorigen
Jahrhunderts
zu besitzen) und lese seine „Träume eines Geistersehers“ — oder
vielmehr
lasse es mir von meiner kleinen Nichte vorlesen, was dem armen Dinge
nicht
gerade leicht wird. Nebenbei gesagt finde ich es einen großen
Vorzug
von Kant, daß er seine tiefen Gedanken in eine nicht zu klare
Form
kleidet (vgl. Beethoven!); schimpfe darüber, wer will. Es war mir
sehr interessant zu sehen, daß er in einem wichtigsten Punkte
vollständig
mit mir übereinstimmt — daß nämlich, ganz abgesehen von
der Natur aller dieser Erscheinungen, welche ebenso „impregindicata“
bleiben soll wie die päpstliche Frage in Italien, immerhin
feststeht,
„daß ein solcher Zustand, da er ein verändertes
Gleichgewicht
in den Nerven voraussetzt, welche sogar durch die Wirksamkeit der
bloß
geistig empfindenden Seele in unnatürliche Bewegung versetzet
werden,
eine w i r k l i c h e K r a n k h e i
t
anzeige“. Zunächst als Norm für weitere Untersuchungen und
namentlich
auch als Richtschnur für die Handlungen des praktischen Lebens ist
dieser Satz wichtig und genügend. Möge immer eine tiefe
Wahrheit
in jener alten Anschauung liegen, nach welcher die Irrsinnigen
Lieblinge
der Götter seien — ich optiere für die Vernunft.
Übrigens
hat ein Satz Schopenhauers in dem vorhin genannten Aufsatz mich
völlig
stutzig gemacht — und ich entsinne mich, daß ich deswegen
speziell
nicht weiterlas. Er meint, die Generatio aequivoca käme
gewiß
bei P a r a s i t e n vor! Vielleicht
können
Sie die Enormität einer solchen Anschauung nicht ganz fassen?
Immerhin
müßte auch Ihnen es wunderbar scheinen, daß gerade
Wesen,
deren Existenz die von anderen voraussetzt, auf diese Art entstehen
sollten
— und was wäre denn damit gewonnen für die Erklärung des
Lebens? Außerdem zeigt die Wissenschaft täglich deutlicher,
daß selbst die reduziertesten Parasiten hochorganisierten
Tierordnungen
angehören: der Parasitismus ist eine Degeneration — na! wovon
schwatze
ich jetzt schon wieder? Nächstens wäre ich bei den
früher
— wie Pegasus — geflügelten Flöhen angelangt!
Es gäbe noch
mehrere Punkte, über die ich schreiben möchte; aber ich
fühle,
daß ich unbescheiden werde — Sie haben Wichtiges zu tun.
Vielleicht
bei anderer Gelegenheit? Dann sage ich Ihnen auch etwas über
„Tannhäuser“,
dem ich gestern — hinter einer blauen Brille kampiert — beiwohnte;
wobei
ich nicht umhin konnte, manches zu denken — vor allem, daß ich
Sie
verehren und lieben mußte, daß Sie so wacker und unentwegt
an dem Vorsatz festhalten, dieses ewig herrliche Werk in Bayreuth
aufzuführen.
Ja, das muß sein!
Ihnen in Ehrfurcht und Treue ergeben
Houston S. Chamberlain.
40-45
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Sie haben mir ja
ganz
herrlich geschrieben, und obgleich ich das Schreiben jetzt
einigermaßen
verschworen habe, kann ich es nicht lassen, Ihnen zu antworten und mein
größtes Blatt Papier hervorzusuchen, ohne recht zu wissen,
ob
mein armer müder Kopf irgend etwas hergeben wird, aber in einem
gewissen
dunklen Dranggefühl, daß ich Ihnen enorm viel zu sagen habe.
Sie nehmen Ihre
Erkrankung
auf so gute Weise und gewinnen ihr eine so schöne Seite ab,
daß
Sie mir den Mut nehmen, zu Ihnen darüber zu klagen. Als Pascal es
aussprach: „La maladie est le véritable état du
chrétien“,
hat er vielleicht auch nicht bloß der Ertötung der Begierde
durch sie, sondern der Gelegenheit gedacht, welche durch sie den
anderen
gegeben wird, sich sinnig-liebevoll zu erweisen. Gesteh' ich's doch,
daß,
obgleich das Erkranken eines meiner Kinder mir der schauderhafteste
aller
Gedanken ist, im Augenblick der Pflege etwas über mich kommt, was
mich gleichsam in mein Element versetzt, mir ein ungekanntes
Gefühl
meiner Kraft gibt und mich völlig (n'en déplaise
Ihrer
Wissenschaft!) in einen hellsehenden Zustand versetzt. Und die Stille
ist
bei dieser Tätigkeit so wohlig. Nur erspare es einem Gott, den
Augenblick
durchzumachen, wo man sie machtlos zu glauben beginnt. —
Das ist nun alles
schön und gut, und wie gerne gebe ich Ihnen zu, daß man bei
der Anhörung der „Pastorale“ glücklich ist, sich in die
Heimat
zurückversetzt fühlt, aus welcher wir kommen, und die
gewiß
die Unschuld ist, und zu welcher wir durch den Lebensweg
zurückkehren,
Unendlich lieb ist es mir, von dem Wissen des Glückes und von der
Lebenslust zu vernehmen. Ja, es erscheint mir als das eigentlich
Natürliche,
und ich meine, daß, solange wir atmen und sprechen, wir
eigentlich
nichts anderes zu betätigen hätten. Allein, „Sie himmlischen
Mächte“ treiben es wunderlich mit uns. Es ist, als ob sie nichts
so
ärgerte als diese Kraft im Menschen, und als ob der Auslaut des
Wortes
selbst — Glück — den Schlag uns verkündete, der allem
Wohlsein
auf dem Fuße folgt. Entsinnen Sie sich des „Glücke“ in
Tristans
Mund, am Schlusse des I. Aktes, es ist mir wie eine ganze Revelation
der
Welttragik gewesen.
Dies führt mich
— etwas mittelbar — zu Monsieur Boissier, der die Dinge gemächlich
nimmt. Ich denke, wir nehmen sein „ce“ als die Silbe „om“ der
Inder,
das „es“, was allen Göttern voranging, und über welches die
Weisen
in Andacht sich vertieften. Jedenfalls ist dieses „ce“ sehr
viel
umfassend, denn ich glaube nicht, daß es bloß das mit der
Zeit
zu erwartende von Mr. B. in unserer Sache bedeutet. Bitte sagen Sie ihm
aber, daß ich mich zu jeder Zeit freuen werde, ihm zu begegnen,
denn
die Teilnahme, die er uns bezeigt hat, ist — unter den Gegebenheiten —
etwas ganz Außerordentliches, wofür ich ihm für alle
Zeiten
dankbar bleibe.
Ich muß nun
sehen, wie ich, sehr einsam, mich nun durchhumpele. Betrachte ich die
Größe
der Aufgabe und das, was unsere Sache eigentlich zu sein hätte,
und
die vorsichtig geschäftliche Art und Weise, mit welcher ich
gezwungen
bin, dieselbe zu behandeln, so ist mir ganz erbärmlich zumute; und
nur das nicht anders Können („où la chèvre est
attachée,
il faut qu'elle broute“) hält mich davon ab, allem Valet zu
sagen,
mich mit meinen guten Kindern aufzumachen und an einem milden Ort der
Luft,
der Sonne und der Beschaulichkeit zu erfreuen.
Da sind wir also
sehr weit von dem kategorischen Imperativ, von Kant, von dem Sollen,
und
dicht bei Schopenhauer, dem Müssen. Denken Sie sich, daß ich
Ihre Empfindung Sch. gegenüber vollkommen verstehe, und daß
Sie für mich, in der Segenslosigkeit dieser Erscheinung,
merkwürdig
das gefaßt haben, was sie mir lange abstoßend gemacht hat.
Ich bedaure aber Sehr, daß Sie die Abhandlung über das
Geistersehen
nicht bis zum Schlusse gelesen haben. Daß er einen
wissenschaftlichen
Irrtum (versteht sich, kann ich denselben gar nicht fassen) begangen
hat,
hat doch gar nichts auf sich, denn seine Erklärung dieser
Phänomene
— ich meine Hellsehen usw. — beruht in der Durchführung der
Erkenntnis
von der Idealität von Zeit und Raum. Und — um auf das Segenslose
zurückzukommen
— glauben Sie, daß es möglich sei, daß einem die
Sendung
werde, den Schleier der Maja zu zerreißen, und zugleich auch
einem
das gütige Lächeln begiftet werde, mit welchem man sich
dieses
Schleiers erfreut? Betrachten Sie schon die Umstände, unter
welchen
solch ein Wesen geboren wird; der hyperstrenge Vater, die geistreiche
Mutter,
die sich in seinem Betreff dümmer benimmt als die dümmste
Gans;
die Unfähigkeit der Anknüpfung mit den Menschen zu einem
Grade,
die selbst das größte Genie abstößt; endlich das
Besessensein von seinem Gedanken — der einzigen Möglichkeit der
Welterlösung
— in so übermächtiger Weise, daß alles, was diesem
Gedanken
sich zu widersetzen schien — wie z. B. unser armes weibliches
Geschlecht
und auch Schiller, der ihm durch seinen Glauben an das Gute und durch
sein
unermüdliches Trachten, dasselbe verwirklichen zu helfen, geradezu
widerwärtig ist —‚ ohne Gnade und Barmherzigkeit niedergeworfen
wurde.
Nie ist es Schopenhauer eingefallen zu sagen, man solle nach seiner
Lehre
handeln; auch hat er sich durchaus nicht als Offenbarer ausgegeben;
als
S o n d e r e r, Chemiker bezeichnet er sich und setzt
darin
sein größtes Verdienst. Leidenschaftlich bis zum Exzeß
hat er seine ganze Person in einer Weise preisgegeben, wie ich kein
zweites
Beispiel weiß. Nun sind gewiß Schleier und Hüllen das
Wohltätige, aber wenn nun einmal die Natur solch ein Wesen will,
es
so ausstattet, daß wir, selbst wenn wir es mit anderen
Größen
vergleichen, staunen müssen, sind wir es uns da nicht schuldig,
unsere
Aversion zu überwinden — („alter ekliger Kerl“ nannte ich ihn
früher
sans
façon) — und zu ergründen zu suchen, was die Natur
durch
eine Solche Schöpfung uns zu sagen hatte? Auch hat für mich
die
Genialität aller seiner Anschauungen etwas absolut
Hinreißendes.
Freilich — was ist sein ganzes Denken und Schauen gegen 10 Takte der
Pastoralsymphonie?
Man glaubt, die Melancholie Dürers, gegenüber dem Liebeskusse
inmitten der weidenden Herde auf dem Bilde [von
Palma
Vecchio], welches Sie gewiß aus der Dresdener Galerie
kennen,
zu gewahren. Aber wer hätte diese Melancholie nicht in sich lebend
dumpf empfunden? Und wer zu ihrer Entbindung aus uns verhilft, sie uns
betrachten läßt, wäre der nicht ein Wohltäter auf
dem schweren Wege, wo uns so verschiedenartiger Beistand so
vonnöten
ist?... Freilich bleibt der Traum fast der schönste Beistand, und
wie göttlich ist der Ihrige gewesen! Liebt man doch seine
Träume
wie der schaffende Künstler seine Werke. Mir geschah es
öfters,
daß, wenn das Leben mich zu stark niederdrückte, die
wunderbarsten
Träume mir zu Hilfe kamen und mir gleichsam ein zweites Leben
schenkten.
Jetzt ergeht es mir nicht so, nur sah ich neulich Luther sterben, wobei
ich mir auch eine kolossal naive Überschätzung nicht
verbergen
kann, da mir sein Schwanken zwischen Beschauung und Aktivität (die
sogenannten Anfechtungen) sehr gegenwärtig und mir zu einer Art
von
wunderlichem Trost geworden sind. Viel lieber aber sähe ich und
hörte
ich Beethoven. Doch dafür muß man Zu-Friedener sein, als ich
es jetzt sein kann.
Eva erinnert mich
eben daran, daß ich vor einigen Jahren träumte, ich
sähe
Schiller und Goethe in einem Bette, und Goethe nähme derart die
ganze
Breite egoistisch ein, daß für den armen Schiller kaum mehr
Platz übrigblieb, was mir natürlich die größte
Teilnahme
erregte.
Da muß ich
Ihnen eine Anekdote über Beethoven erzählen, die ich von
meinem
Musiklehrer habe, Monsieur Séghers (Belgier, führte zum
erstenmal
die „Tannhäuser“-Ouvertüre in Paris auf), Schüler von
Bériot,
welcher einmal in Wien das Glück hatte, mit Beethoven bei
irgendeinem
vornehmen Tische zusammenzusitzen: nach dem Mahle, an welchem B. keine
Silbe gesprochen, bat sich Bériot die Gunst aus, den Meister
nach
Hause zu begleiten; mit einem Kopfnicken gab dieser es zu; vor einem
auf
der Straße liegenden Todbetrunkenen brach Beethoven das
Schweigen,
indem er sagte: „Elle est heureuse, cette brute.“
C. W.
„Duties“ will mir gar nicht brahmanisch, eher Max Müllerisch erscheinen, denn hier ist doch die Gnade gemeint, welche mit den Pflichten ungefähr so viel zu tun hat wie mit dem Staate. Wenn Sie einmal viel Muße, viel Überschuß, viel Andacht haben, lesen Sie doch von Stein den „Tauler und der Waldenser“. Ich glaube nicht, daß man schöner den Zustand der Gnade und die Glückseligkeit hienieden schildern kann. Gewiß haben die Menschen mehr Herz als Phantasie, sie müssen s e h e n.
45-46
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Daß ich
nicht
schon längst auf Ihren schönen, langen Brief vom 12. Dezember
antwortete, werden Sie, hochverehrte Meisterin, gewiß richtig
gedeutet
haben — täglich hätte ich es tun und mit Ihnen von allem
Denkbaren
und Undenkbaren plaudern wollen; da ich aber die schöne Sitte des
Briefzerreißens gar nicht übe, sondern stets darauf
losschwatze
— comme le coeur m'en dit — und schleunigst den noch „ganz
warmen“
Brief in den Kasten werfe, so empfand ich es als eine Pflicht, Sie zu
schonen.
Und nun kam das Weihnachtsfest heran, das eigentliche F a m
i l i e n f e s t, ich dachte viel daran, daß Sie in
dem schönen, lieblichen Baden waren und alle Ihre Kinder um sich
herum
hätten, und ich hoffte, daß Sie den strengen Befehl zu Hause
gelassen hatten, keine Briefe nachsenden!
Vielleicht aber,
daß diese Consigne jetzt gehoben ist? Diese Zeilen
verdienen
es, wenigstens, eine Ausnahme zu bilden, denn mein heroischer
Entschluß,
Sie mit einer (dennoch immer drohenden!) Plauderei über
Schopenhauer,
Kant, Geistersehen, Beethoven, meinen neulichen Traum von Ihnen und
Ihrer
Entdeckung eines „Wahrheitshemdes“ (!!!), mit einem schonungslosen
Angriff
auf Ihre Meinung, daß die alten Inder einen dem unsrigen
verwandten
Begriff von der „Gnade“ hatten — über Bescheidenheit, über
erlebte
Theateraufführungen etc. —‚ meinen heroischen Entschluß, Sie
mit dem allen zu verschonen, werde ich doch wahrlich nicht in dem
Augenblicke
aufgeben, wo Sie Neujahrsgratulationen und dgl. zu erledigen haben. („L'éternel
rêve d'arriver à se chuchoter un jour de mutuelles
félicitations
sur cet état de choses“ — wie mein lieber Laforgue sagt.)
Nein! Ich habe eine
Frage an Sie zu richten. Vom Aller Besten
[Agénor
Boissier] bekam ich heute ein paar Zeilen, die mir — zum
erstenmal
seit lange — wirkliche Freude machten. Zwar enthielten sie gar nichts
von
Belang, sie atmeten aber eine frischere, gesundere Luft. Er
erwähnt,
daß er „avec enchantement“ fortfährt, den
Briefwechsel
[zwischen
Richard Wagner und Franz Liszt] zu lesen, und das wird auch die
Erklärung dieses entschiedenen Wechsels in der Stimmung sein.
(Hätte
man doch erst alles französisch!) Und nun frägt er nach dem
Datum
jener „Tristan“-Aufführung in Dresden, von der er neulich sagte,
er
werde nicht hinkommen können. Ich bitte Sie, mir gefälligst
sagen
zu wollen, ob jenes Projekt noch besteht?
Da ich gestern den
„Tannhäuser“ wieder hörte, so schreibe ich ausführlich
an
Boissier hierüber; — gar nicht ein Plädoyer für
Bayreuth,
sondern über die Aufführung etc. — Erst jetzt bin ich mir
selber
ganz klar geworden über mehrere prinzipielle Punkte betreffs der
Aufführung
der „ersten Trilogie“, etc. — Heute waren wir nachmittags bei den
guten,
lieben Kietzens. Der junge Mann hat in den Zeitungen gelesen, daß
eine Musteraufführung des „Tannhäuser“ stattfinden soll in
Karlsruhe!
Da die
Schreibmaschine
doch gerade aufgezogen ist — soll ich ihr aufgeben, Ihnen
Neujahrswünsche
zu überbringen? Es ist nicht etwa, daß ich das Banale
fürchte
— darüber wurden wir ja bereits in einem Zwischenakt von
„Parsifal“
einig. Was ich aber sagen möchte, könnte ich kaum „chuchoter“,
und was ich aus tiefstem Herzen täglich bete, wofür ich Ihnen
täglich danke, was ich täglich für Sie hoffe — das
erzählen
Ihnen gewiß die Engelein, nicht wahr?
Trotz alledem will
ich nicht ermangeln, Ihnen und Ihren lieben Kindern meine herzlichsten
Wünsche für das neue Jahr zu senden.
Ihr ganz ergebener
Houston S. Chamberlain.
47-48
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Ich hatte Sie mir
zum Silvestertag reserviert, Freund, nun bin ich von dem dümmsten
Leiden — Zahnweh — heimgesucht und kann nur Notizen senden.
„Tannhäuser“
— Karlsruhe? Ein Zankapfel zwischen Mottl und mir; ich
wollte nicht,
daß
er die neue Szene gäbe, weil sie in Karlsruhe unmöglich; nun
tut er es doch (der — Musiker!), als ich aber sagte, ich würde
kommen,
um mir die Wirtschaft anzusehen, sagte er: dann würde er sich den
Arm verstauchen.
Das Ergebnis meiner
Reise war — ein Maler! Welcher mich es begreifen ließ, daß
Goethe jedes Zeichnen höher hielt als alle Literatur. Denn da ich
ihn mit
Gottfried Keller vergleichen wollte, empfand ich, wie das
Gestaltete
höher als alles G e s c h r i e b e n e
steht.
(Hans Thoma in Frankfurt hat Illustrationen zum „Ring“ gemacht;
vielleicht
dem Allerbesten zu empfehlen?) Am Ende trägt mir diese Bemerkung
einen
schonungslosen Angriff zu?... Ich hätte also was Dummes über
Indien gesagt? Wundert mich nicht. Am Ende aber — dies die Zuflucht
aller
Dummen! — haben Sie mich nicht verstanden?...
Auf Ihren Traum biete
ich Ihnen ein Paroli; in der Nacht vor der Ankunft Ihres Briefes
träumte
ich, Sie hätten ein Klavier erfunden, bei welchem man nur
bestimmte
Röhren zu ziehen hätte, um andere Klaviere ersticken zu
machen.
Sie zogen diese Röhren, was mich sehr ärgerte, weil mein
Vater
mir soeben auf einem andern Klavier vorspielen wollte (das sahen Sie
nicht).
Was ist nun nützlicher, Ihr Klavier oder mein Wahrheitshemd? Wenn
ich in Deutschland erzogen wäre, würde ich Ihnen letzteres
übelnehmen.
Denn es sieht aus, als ob ich die Wahrheit verhüllen wollte oder
das
Falsche als wahr ausgeben.
Sehr drollig sagte
mir Thoma (ein ganz naiver Schwarzwäldler), man dürfe in
Deutschland
nicht scherzen. Ein launiger Einfall o h n e A
b s i c h t würde gar nicht verstanden!
Werden Sie mich lesen
können? Ich kann es nicht. Gleichviel, Sie werden mich erraten.
Gott!
Die Inder und die Gnade! Jetzt stehe ich so tief wie Schopenhauer in
Ihrer
Achtung!
Ich bin ganz einsam,
fühle mich dabei wohler als unter vielen Menschen. Das war eine
Platitude
oder Banalität, mit welcher wir selbstbewußt das alte Jahr
schließen.
Sie sind so kurios, daß ich nicht den Mut habe, Ihnen Gesundheit
zu wünschen, aber Segensgrüße für Sie und Ihre
liebe
Frau, dazu habe ich den Mut, und diese entsende ich aus vollem Herzen.
C. W.
48-55
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Ich habe gedacht,
hochverehrte Meisterin, ich müßte nach Böhmen gehen,
oben
auf einen Berg, ehe ich je dazukäme, Ihnen zu schreiben — und
gestern
früh war mein Tornister fertig gepackt, statt dessen konnte ich
nicht
einmal auf die Straße gehen (vor Glatteis)! Also muß ich es
doch hier versuchen, im Dachkämmerchen. Ich hatte aber in diesen
letzten
Wochen so viel und beständig an Leute zu schreiben, denen ich gar
nichts — rein gar nichts — zu sagen hatte, noch wußte — und es
ging
immer langsamer, weil ich in Gedanken an Sie schrieb —‚ daß
jetzt,
wo ich endlich mit Ihnen reden kann, alles, alles verschwunden ist,
jetzt
habe ich auch I h n e n gar nichts zu sagen.
Nur
eines soll diese Zeilen an Sie von denen an die anderen unterscheiden:
ich werde mir keine Mühe, kein Kopfzerbrechen machen, die
Schwatzmaschine
und die Druckmaschine sollen frei walten, und — ebenso eingebildet wie
Pontius Pilatus — werde ich dann behaupten: „Was ich geschrieben habe,
das habe ich geschrieben.“ Ich denke, Sie werden schon merken, was ich
wirklich schrieb und was auf Konto der Druckmaschine zu setzen ist,
nicht
wahr?
Was meinen Traum
von Ihnen und dem „Wahrheitshemde“ anbelangt, so könnten Sie es
mir
nicht übelnehmen, selbst wenn Sie in Deutschland erzogen
wären!
Denn von I h r e r Wahrheitsliebe war
ebensowenig
die Rede wie von meiner — desto mehr von der aller anderen Leute aber.
Sie und Ihre Kinder hatten ein hemdartiges Kleidungsstück
erfunden,
welches die wunderbare Eigenschaft besaß, daß, wer es auch
anzog, gewissermaßen durchsichtig wurde. Das heißt, er
wurde
dies weder in dem buchstäblichen Sinne noch in einem
metaphysischen
Sinne, sondern seine Gedanken, seine Gesinnungen lagen klar und ohne
Hehl
vor einem. Im Traume schien mir die Sache höchst einfach, jetzt
kann
ich den Sinn nur durch einen Hinweis auf Mime im zweiten Akt des
„Siegfried“
klarmachen. Die Leute mochten sprechen, was sie wollten; man sah ganz
genau,
was sie verschwiegen oder entstellten. Es war in Wahnfried während
der Festspiele, und unter allerhand Vorwänden zogen Ihre
Töchter
dieses „Wahrheitshemd“ (so hieß es, ich kann nichts dafür)
verschiedenen
Gästen über. Da Sie nur mich eingeweiht hatten, so war ich
auch
der einzige, der die Sache verstand, während die anderen meinten,
es wäre irgendein Jugendstreich Ihrer Kinder.
Seitdem hatte ich
aber wieder einen schönen — einen schöneren — Traum. Ich
träumte,
in Bayreuth wäre ein überaus herrliches Festspielhaus
errichtet
worden. Unbeschreiblich schön war es; und die großen
Säulengänge,
die in weite Gärten führten, überall mit wunderbaren
Statuen
(denn alle Künste waren da zur höchsten Blüte
vereinigt),
lassen mich denken, daß auch das Klima sich geändert, sich
harmonischer
gestaltet hatte. Tausende und Tausende von Menschen waren
zusammengeströmt
aus allen Weltteilen; die erste Aufführung sollte beginnen. Ich
aber
war inzwischen gänzlich erblindet; aber — o du liebe
Idealität
von Zeit und Raum! — ich sah alles viel besser wie früher, es war
eine andere und umfassendere Art, zu sehen. Wie verhöhnte ich
innerlich
die Menschen, die mich bemitleideten! Aber infolge irgendeines
wunderbaren
Eigensinnes wollte ich ihnen nicht erklären, daß ich doch
besser
als sie alle zusammen sähe — ich ließ sie dabei.
Nur
S i e wußten die Wahrheit, wahrscheinlich aus
Reziprozität
dafür, daß Sie mir in einem früheren Traume das
Geheimnis
des Wahrheitshemdes anvertraut hatten? Sie gestatteten mir, Sie in Ihre
Festspielhauszelle zu begleiten, jetzt eine prunkvolle Reihe von
Räumen!
— und der Traum endete mit einem echten „Traumeinfall“: Sie holten eine
Karte aus der Tasche heraus und sagten mir: „Ich habe einen Platz
für
Sie reservieren lassen; aber nicht wahr, Sie nehmen es mir nicht
übel,
daß es ein sogenannter schwarzer Platz ist, halb hinter einer
Säule,
ich wußte ja, Sie sehen doch überall, oder gar nicht, wie
man
es nehmen will!“
Diese durch die
Traumerzählung
hereingeplatzte Idealität von Zeit und Raum macht die
Schreibmaschine
ganz perplex, denn die dadurch geweckte Gedankenassoziation führt
drei verschiedene Wege, drei verschiedene Kombinationen von Buchstaben,
die nicht gleichzeitig herzustellen gehen: Schopenhauer, Brahmanische
Weisheit
und Walter Kietz. Am direktesten ist wohl der Zusammenhang mit
Schopenhauer.
Sie meinen in Ihrem
letzten Briefe, Sie „stünden nun so tief in meiner Achtung wie
Schopenhauer“
— worauf ich Ihnen erwidern kann, daß Sie dann nicht schlecht
aufgehoben
sind. Wenn auch Ihre Apologie mich ebenso interessiert wie gerührt
hat, ich kann Ihnen versichern, sie war nicht nötig. Daß ich
manchmal keine Zeile von Schopenhauer lesen kann, das kommt einfach
daher,
daß seine Persönlichkeit auf jeder Seite seiner Schriften im
Vordergrund steht, und daß es mir ganz unmöglich ist, von
derselben
zu abstrahieren; kehrt er nun gerade alles Eklige und Kleinliche von
sich
heraus an dem Tage, und ich bin dagegen in etwas gehobener Stimmung,
nun,
da geht es nicht, ich gerate in Wut und bin für den ganzen Tag
(womöglich
auch Nacht) ganz „upset“ und unfähig, zur Ruhe zu kommen.
Aber
eine Kritik von Schopenhauer bedeutet dies wahrlich nicht; wie sollte
ich
ihn anders wollen, als er ist? Wie sollte ich dem Großen, dem
Freunde
anders als dankbar sein, daß er sich mir nähert, daß
er
— in welcher Form es nun gerade ausfallen mag — sein Individuelles, das
Greifbare, Faßbare mir offenbart? Sie können glauben,
daß
ich darin wirklich groß denke: ich will immer Menschen, ganze
Menschen,
und wie sie gerade sind. An einem organischen Wesen gibt es keine
Fehler;
sie sind so, wie sie gerade sind; an dem Zuschauer liegt es, sich
zurechtzufinden.
Auch liegt es mir fern, den philosophischen und moralischen Begriff von
Pessimismus mit den Erscheinungen des täglichen Lebens zu
verwechseln
oder zu vermengen, die von Dyspepsie, von Leberkrankheiten und dgl.
herrühren.
Dagegen möchte
ich Ihnen gern ganz offen gestehen, daß ich mit einer ganzen
Seite
von Schopenhauers Denken mich gar nicht befreunden kann — und zwar aus
philosophischen Gründen.
Daß er ein
Dogmatiker ist, das geniert mich nicht im mindesten; nur dadurch konnte
er das Gebiet der Mystik betreten. Gewiß ist es ein sonderbares
Geschick,
welches die Kantsche Kritik betroffen hat, daß der einzige, der
an
ihr groß wuchs, sie vollständig über Bord warf; das ist
aber eine alte Geschichte, und da der gute Kant schon lange ruht,
brauchen
wir uns nicht für ihn zu grämen. Daß man also die
Kritik
der reinen Vernunft und die durch sie so scharf und eng gezogenen
Grenzen
menschlicher Erkenntnis gewissermaßen nur als Sprungbrett
benutzt,
um das kühnste Salto mortale in das Gebiet des Absoluten zu tun,
welches
je gewagt wurde, das soll mir recht sein, der Schwimmer war auch
danach.
Was mir aber nicht recht ist, das ist die Vermengung beider Gebiete,
wie
sie so häufig bei Schopenhauer vorkommt. Das sollte nach Kant
wirklich
nicht vorkommen dürfen; und das ist einer jener Punkte, bei
welchem
mich alle Bescheidenheit und alles Gefühl meiner Ignoranz
verläßt,
und ich kühn und hoch behaupte: der Mann hat unrecht! Es ist das
ein
durchaus falsches, unlogisches Verfahren; es ist ein tiefer,
unverbesserlicher
Fehler, der sich durch sein ganzes Denken zieht, und mancher herrliche
Gedankengang wird dadurch für den einen abstoßend, für
den anderen verwirrend und irreleitend.
Ein besseres Beispiel
könnte man nicht haben als diesen Aufsatz über das
Geistersehen.
Schon der gänzliche Mangel an wissenschaftlichem Instinkt ist hier
höchst auffallend; denn er will doch von T a t s a c h
e n sprechen, und da wäre es die erste Pflicht,
dieselben
festzustellen. Weit entfernt, dies zu tun, zitiert er allerhand
Geschichten
aus Büchern, zum Teile Jahrhunderte alte, von denen es
höchstwahrscheinlich
scheint, daß sie von leichtgläubigen, wissenschaftlich
gänzlich
ungebildeten Leuten, d. h. also von schlechten Beobachtern geschrieben
wurden. Sie werden sich entsinnen, daß Schopenhauer auf der
letzten
Seite seines Aufsatzes von den Schriften eines gewissen Kerner spricht
als „den beglaubigtesten und ausführlichsten, gedruckt
vorliegenden
Geisterseherberichten“; nun habe ich aber im Laufe dieses selben
Aufsatzes
mir notiert, daß Schopenhauer diesen selben Kerner das eine Mal
„leichtgläubig“,
das zweitemal „befangen“, das drittemal (allerdings nur in einer
vielleicht
später hinzugekommenen Anmerkung) sogar „unverantwortlich
leichtfertig“
nennt! Soviel zur Charakterisierung der Autoritäten, auf die
Schopenhauer
sich beruft. Eine einzige Tatsache stammt aus seiner eignen Erfahrung;
die muß uns ganz besonders interessieren, denn da sehen wir ihn
selbst
am Werke, und werden wir also beurteilen lernen, ob er jene strenge
Kritik
übt, die zur Feststellung selbst der einfachsten Tatsachen
nötig
ist (wieviel mehr bei solchen ungeheuer komplizierten!). Hier aber
verfährt
er so unglaublich, ja geradezu phänomenal leichtfertig, daß
Herr Kerner nicht schlimmer hat sein können. Er vergießt
Tinte
auf den Boden, und sein Dienstmädchen hatte geträumt,
daß
sie an dem Tage scheuern würde: — das genügt, um eine so
ungeheure
Sache wie die Annahme von „theorematischen Träumen“ zu
begründen
und zu beweisen! Aber warum hat er nicht zuallererst festgestellt, ob
das
Mädchen nicht häufig von „scheuern“ träumte; dieses
scheint
doch ein recht passender und selbstverständlicher Traum für
eine
Magd; und die Beweiskraft dieses Zusammentreffens wäre
eigentümlich
geschwächt, wenn es sich herausgestellt hätte, daß es
nicht
selten vorkam. Ich besitze so ein kleines Traumbuch, wie
Dienstmädchen
sie meist haben; ich habe niemals etwas darin gefunden, was irgendeinem
von meinen Träumen auch nur im entferntesten ähnelte, dagegen
Kochen und Waschen, auch „Tinte verschütten“! etc. — Hätte
Schopenhauers
Mädchen etwas ganz Ungewöhnliches geträumt — etwa,
daß
sie für ihren Herrn Schreiben würde, und er hätte sich
das
Handgelenk verstaucht, und sie hätte wirklich einen
Geschäftsbrief
für ihn schreiben müssen —‚ die Sache wäre wirklich
auffallend;
aber so kann ich sie nur lächerlich finden. Wenn Schopenhauer
selbst
in dieser Sache so verfuhr, so kann man schwerlich viel auf sein Urteil
bezüglich der Glaubwürdigkeit anderer geben.
Diese ganze Sache
der mangelhaften Begründung bez. der zu erklärenden Tatsachen
erwähne ich aber nur nebenbei; sie hängt aber — symptomatisch
— eng zusammen mit dem tieferen und weittragenderen Fehler
Schopenhauers.
In Ihrem Briefe sagen
Sie: „Daß er einen wissenschaftlichen Fehler begangen hat, hat
doch
gar nichts auf sich, denn seine Erklärung dieser Phänomene
beruht
in der Durchführung der Erkenntnis von der Idealität von Zeit
und Raum...“ Aber bitte, bitte, nicht so schnell! Wissen Sie denn, was
Sie da alles gesagt haben? Denn gar viel haben Sie gesagt. Und gar
graziös
sind Sie weggehüpft über den schlimmen Denkfehler, der
zugrunde
liegt. Erstens ist es nicht der Fall, daß Schopenhauer diese
Phänomene
nur durch die Idealität von Zeit und Raum erklärt, da
müssen
Sie mich entschuldigen, ich habe die ganzen langen Auseinandersetzungen
über „Bauchganglien“ und dgl. viel ernster genommen wie Sie; wie
ich
auch überzeugt bin, daß Schopenhauer sich selbst sehr ernst
genommen hat. Sie glauben aber nicht, welche Freude mir Ihr Satz
gemacht
hat. Denn — wie immer — Sie haben das Richtige herausgefühlt, Die
Idealität von Zeit und Raum ist die einzige wirkliche, die einzige
eigentliche Erklärung, welche Schopenhauer gibt (die
Bauchgangliengeschichte
hat nicht viel auf sich). Daß Schopenhauer aber seine ganzen
physiologischen
Theorien immer wieder vorbringt, und daß er sie immer
v e r m e n g t mit denjenigen Betrachtungen, die auf rein
transzendentalem Boden sich bewegen, also zwei Sachen miteinander
vermengt,
die nichts Gemeinsames haben, noch haben können, das ist ein sehr
großer Fehler, in den Schopenhauer nur zu oft verfällt. Wer
hier nicht sehr klar selber denkt, wird so verwickelt in diese ganze
unlogische
Diskussion, daß Schopenhauer — der Klare! — mir an solchen
Stellen
wie der richtige Apostel der Konfusion erscheint. Dieser Fehler aber —
den ich mir die Freiheit nehme, als einen solchen zu rügen —
beruht
auf einem Grundirrtum. Und ich weiß nicht (da ich doch einmal in
der „veine“ bin, mir Freiheiten zu nehmen, sage ich es
aufrichtig),
ich weiß nicht, ob Sie es vermögen, denselben einzusehen.
Wenigstens
mußte ich mit Erstaunen bemerken, wie viele geschulte Denker
diesen
Fundamentalsatz, der das eigentliche Ergebnis des Kantschen Denkens
ist,
einfach nicht zu fassen vermögen.
Die Folge der Lehre
vom transzendentalen Idealismus ist: daß wir nie werden etwas
anders
fassen, denken, e r k l ä r e n
können,
als in den Formen, in denen unser Geist allein denken und begreifen
kann.
Anderseits aber, es mag ein Phänomen noch so wunderbar erscheinen,
wir werden es schon in unsere Gesetzmäßigkeit bringen und
es
m a t h e m a t i s c h erklären, wir müssen das,
es ist eine Funktion unseres Lebens, ebenso wie die Verdauung der
Nahrung
durch den Magen. Und wir können es, gerade weil die
Gesetzmäßigkeit
in uns selbst sitzt, wir können es immer, das ist eine
unausbleibliche
Folge der Kantschen Lehre, und was wir heute nicht können, das
können
wir morgen. Wenn eine alte Frau im hypnotischen Zustand es vermag, den
Kaiser von China zu sehen, wie er in seinen Gärten in Peking
spaziert,
so habe ich (nach sorgfältiger Feststellung einer genügenden
Anzahl von Fällen) die absolute Sicherheit, daß dieses
Phänomen
wird durch die mathematische Physik so klargemacht werden können,
auf eine so strenge Formel wird reduziert werden können wie die
Bewegungen
der Sterne. Dieses — ich meine, diese Überzeugung — folgt mit
strenger
Notwendigkeit aus der Annahme des transzendentalen Idealismus. Es ist
aber
— und bleibt in alle Ewigkeiten — ein einfacher U n s i n
n,
mit Hilfe transzendentaler Spekulationen Phänomene e r
k l ä r e n zu wollen, welche in das Bereich unserer
Sinneswahrnehmung
fallen. Kant schreibt: „Übrigens ist die Berufung auf immaterielle
Prinzipien eine Zuflucht der faulen Philosophie, und darum auch die
Erklärungsart
in diesem Geschmacke zu vermeiden, damit diejenigen Gründe der
Welterscheinungen,
welche auf den Bewegungsgesetzen der bloßen Materie beruhen, und
welche auch einzig und allein der Begreiflichkeit fähig sind, in
ihrem
ganzen Umfange erkannt werden.“ Mag auch ein Knabe im magnetischen
Schlaf
(wie dies Schopenhauer berichtet) mit der Nasenspitze sehen, statt mit
den Augen; es ist entschieden taktlos von dem Jüngling, aber der
Idealität
von Zeit und Raum gegenüber ist es nicht eine Spur mehr oder
weniger
wunderbar, als wenn er so rücksichtsvoll wäre, weiter mit den
Augen zu sehen.
Kurz — nach meiner
Meinung ist dieser Aufsatz von Schopenhauer über Geistersehen
durchaus
zu verwerfen; es ist eine durchweg schlechte Arbeit — wie so manche
andere
von ihm —‚ mit der er weder der Wissenschaft noch der Philosophie
gedient
hat.
Nur auf
transzendentalem
— rein transzendentalem — Gebiete kann ich Schopenhauer folgen. Auch
dort
bleibe ich des großen Prinzips eingedenk (das ich auch direkt aus
der Lehre des kritischen, transzendentalen Idealismus ziehe): daß
es auf empirischem Gebiete immer nur e i n e
Wahrheit
geben kann, auf transzendentalem dagegen v i e l
e.
Aber hoch sitzt der große Mann dort, unter den Offenbarern der
vielgestaltigen,
ewigen Wahrheit — ein Prophet, ein Künstler. Ich verehre ihn und
liebe
ihn und danke ihm aus vollem Herzen!
Das muß ich
Ihnen aber doch sagen, daß ich niemals gedacht oder gemeint habe,
daß Sie „eine Dummheit“ gesagt hätten. Ich glaube nur,
daß
Sie — in Gemeinschaft mit manchen anderen sich täuschen, und
daß
der Begriff der G n a d e (in einem dem
unsrigen
verwandten Sinne und wie ihn Heinrich von Stein gezeichnet hat)
den
a l t e n Brahmanen unbekannt war. Und zwar gründet
sich
meine Ansicht nicht auf die bloße Lektüre einer allgemeinen
Kultur- und Literaturgeschichte, sondern auf ein liebevolles Versenken
in die zwölf wichtigsten Upanishaden und auf das Studium von
Barths
„Religion
de l'Inde“ und Deußens „Vedanta“. Später allerdings —
wie
Barth erzählt — unterschieden die Inder zwischen „l'argument
du
chat“ — Dieu saisit l'âme et la sauve, comme un chat ses petits,
— und „l'argument du singe“ — L'âme saisit Dieu et se fait
sauver
par lui, comme le petit du singe s'attache au flanc de sa mère.
Das war viel später, im Hinduismus, in der Zeit des
gänzlichen
Verfalles. Und Barth selber konstatiert, daß die Idee der Gnade
dem
alten indischen System „à peu près
étrangère“
ist.
In einer
e i n z i g e n Stelle heißt es: das S e
l b s t könne nicht durch Verstand, nicht durch
große
Gelehrsamkeit erlangt werden, sondern nur, wen das Selbst erwähle,
von dem nur könnte es erlangt werden. Aber gleich darauf fügt
die Upanishad hinzu, ein weiser Mann, der mit Ernst, Kraft und rechtem
Sichversenken danach strebe, könne die Erkenntnis des Selbst
erlangen.
Und Deußen, der sowohl als ein Jünger Schopenhauers als auch
infolge seiner ganz einzigen Kenntnis der „Vedanta“ wohl gehört zu
werden verdient, berichtet, daß die Gnade nur im e x
o t e r i s c h e n System zu finden ist; „vergebens“, sagt
er, „suchen wir, was im esoterischen System dieser ,Gnade Gottes'
entspricht“.
Und das ist also im „V e d a n t a“, also
Jahrhunderte
nach den Upanishaden!
Nach meiner Meinung,
die ich mit aller Bescheidenheit ausspreche, ist der Begriff der Gnade
mit der alten, echten brahmanischen Religion überhaupt unvereinbar.
Jedoch hierüber
später mehr..,
Ihnen ganz ergeben
H. S. Chamberlain.
55-56
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Gar schöne
Dinge,
aber auch böse, haben Sie mir in Ihrem jüngsten Briefe
gesagt!
Wie soll ich denn da weiter mitreden, wenn ich den kantischen Gedanken
nicht fasse?
Und
überträumen
kann ich Sie schon gar nicht mehr. Also geschlagen, daß es eine
Art
hat. Ein armer Peltast gegen einen Hopliten! Gott, wenn Sie so mit dem
großen Geschütz der Wissenschaft angerasselt kommen, was
soll
ich da tun?
Ich riskiere aber
doch noch die kleine bescheidene Bemerkung, daß die
wissenschaftlichen
Auseinandersetzungen bei Schopenhauer mir immer ein wenig den Eindruck
der kontrapunktischen Kunststücke bei gewissen Musikern gemacht
haben,
welche damit zeigen wollten, daß sie das auch könnten. Und
wenn
er hinfällige Beweise bringt (wie der „Traum der Magd“, der mich
immer
ungeheuer erheitert hat) und Justinus Kerner (von dessen Geschichten
ich
vielfach gehört habe, daß sie unbeglaubigt sind), so spricht
das doch nicht gegen seine Theorie, sondern nur die Beweise sind
schlecht,
und läßt es sich annehmen, daß andere die richtigen
Beweise
herbeiführen werden. Auch scheint es mir, daß er, indem er
seine
Abhandlung über das Geistersehen in die Parergen verlegte und sie
„einen Versuch“ betitelte, uns bestimmt angegeben hat, wie wir sie
aufzufassen
haben. Aber, wenn ich Sie recht verstanden habe, so finden Sie seine
Methode
verwerflich. Da fällt es mir sehr schwer, Ihnen zu folgen. Wir
sprechen
noch darüber, wenn es Ihnen Vergnügen macht, und wenn Sie
nicht
gar zu wissenschaftlich mit mir verfahren. Auf Wiedersehen also! Das
ist
das beste.
Seien Sie beide auf
das innigste und wärmste gegrüßt von Ihrer C. W.
[Der Gedankenaustausch über Schopenhauer wurde gelegentlich eines
Besuches in Dresden, wo Frau Cosima Wagner in den letzten Januartagen
1889
im Hotel „Union“ wohnte, fortgesetzt. Unterm 28. 1. 1889 berichtete sie
darüber in einem Briefe an ihren Sohn Siegfried:]
„...Um 7 zu
Chamberlains,
wo ich mich immer sehr wohl fühle. Wir hatten eine große
Schopenhauer-Diskussion,
auf welche ich mich aber sehr gerne einließ, da er wirklich eine
ganz außerordentliche Intelligenz und Seele hat.“
56
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Als ich vorhin
nach
Hause kam, verehrte Meisterin, fand ich meine Frau in Tränen, und
bald nachher heulte meine Dachkammernachbarin, die kleine Köchin;
sie hatte sich beurlauben lassen, in der Hoffnung, Sie hier im Hause zu
sehen, und war zu spät gekommen!
Ich fürchte,
es blieb nur ein Auge trocken, das keltische, keiner Kultur
zugängliche;
nur das B-Dur-Quartett [Beethoven, Op. 130]
konnte sagen, was es meinte. Dabei entdeckte ich dem 2ten Satze
(Presto)
eine ganz neue Bedeutung (die Veröffentlichung dieser Theorie
behalte
ich mir vor): das 4/4tel-Tempo — das himmlische — ist entschieden der
Traum
eines im Schnellzug von Dresden nach Bayreuth Dahinsausenden; das
niedliche,
hüpfende 6/4tel sind die Haltestationen in Reichenbach, Hof etc.
„Warme
Wierschtel! — Neuestes Tageblatt“ etc. Das Andante ist das
zurückgebliebene,
nicht weinende Auge. Das Alla Tedesca bedeutet Gutes für die 8ger
Festspiele. Die Kavatine ist, was in Schopenhauer wahr ist.
Viele, viele
Grüße!
so viel D a n k! Können Sie mich
gebrauchen,
so wie ich nun einmal bin? Oder geht es nicht?
In Ehrfurcht, Treue und Eigensinn
Ihr ergebenster Kelte.
(Die Frage, ob es
überhaupt Kelten gäbe, soll damit nicht präjudiziert
werden.)
56-57
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Natürlich
mußten
Sie mir wieder zuvorkommen und mich als Kelte ärgern!,... und das
trockene Auge; d i e Kälte!...
So hilft man sich
mit Scherzen, wenn einem recht ernst zumute ist!
Meine „armidischen“
Künste sind nun zu Ende, und ich kehre zur Heimat zurück...
Habe
ich Sie denn nicht gleich genommen, wie Sie sind? Als ob ich nicht
alles
gleich gewußt hätte!...
Ihnen beiden meine
besten Gefühle. Und Wenn Sie glauben, daß ich der kleinen
Köchin
eine Freude mit einer Photographie von Bayreuth (oder sonst) machen
kann,
sagen Sie es mir.
Von Herzen die
Ihre
C. W.
57-58
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Ihr Gedanke bez.
der
kleinen Köchin, hochverehrte Meisterin, ist so reizend — so echt
Sie!
— und erfordert eine sofortige Antwort. Ich sollte meinen: ja! — Denken
Sie an unser vorgestriges Gespräch über die arbeitenden
Klassen.
Die Kleine und ihr Bruder, ein Schlossergeselle, sind (wie ich jetzt
erfahren
habe) „enragierte Wagnerianer“ — gewiß nicht schlimmer oder
dümmer
wie so mancher „Freund“. Wenn Sonnabend oder Sonntag eine
Aufführung
im Hoftheater stattfindet, so lassen sie es sich 50 Pfennig kosten
(etwa
20 Mark für einen wohlhabenden Mann). Jetzt verstehe ich auch,
warum
der gute „Herr Krause“ mich Sonntags oft bis nahe an die Verzweiflung
bringt
mit dem Brautchor aus „Lohengrin“, gesungen zu den Klängen einer
Gitarre,
mit Variationen und herzzerreißenden Modulationen.
Eine andere Freude
hatte ich auch heute. Sie entsinnen sich, daß ich mich etwas zu
lebhaft
mit dem Aller Gutesten [Adolf
Groß] über zwei Stipendiaten auseinandergesetzt hatte
im vorigen Sommer? Weder „Parsifal“ noch (besonders) die
„Meistersinger“
hatte auf sie den richtigen Eindruck gemacht, da bei der großen
Entfernung
sie nicht eine Spur von Mienenspiel unterscheiden und bei dem
beständigen
Geräusch in der Galerie auch die Worte nicht deutlich hören
konnten.
Da zerriß ich ihre Scheine und kaufte ihnen Plätze: der
Erfolg
war der erwartete, ein enormer, ein Eindruck für das ganze Leben.
Und jetzt, in ihrem kleinen, ganz abgelegenen Städtchen blüht
ein Wagner-Verein von gegen 40 Mitgliedern, und morgen ist Probe zu
einem
Konzert mit Bruchstücken aus „Parsifal“ und „Meistersinger“, mit
einem
Vortrag über Bayreuth, über die Werke etc.! Und so wird die
frohe
Botschaft ins Herz des Volkes getragen. — Glaubt der Aller
Guteste
wirklich, daß die österreichischen Juden, die auf den zwei
Plätzen
gesessen hätten, dasselbe davon gehabt und dasselbe dafür
getan
haben würden? Du lieber Gott! ist die Weltklugheit — in eine von
den
fünf Klassen gehörig?
Jedenfalls hat dieser
Fall mich sehr gefreut, und Ihnen wird er, ich weiß es, Freude
machen.
Die heutigen Zeitungen berichten, daß Sie hier sind und morgen in
die „Meistersinger“ gehen. Entschuldigen Sie die Schmiererei; ich
schreibe
mitten im Arbeiten. Ich werde Sie ja lange nicht wieder
belästigen,
nur zehren von Erinnerungen.
Ihr ganz ergebenster
Houston S. Chamberlain.
58-59
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Hier, mein Freund,
die Photographie für die kleine Köchin. Ich überlegte
mir
einen Augenblick, ob mein Bild ihr mehr Vergnügen machen
würde,
dann schien mir aber das andere mehr Sinn und Bedeutung zu haben. Haben
Sie Dank für Ihre lieben Zeilen. Ich dachte heute, daß Sie
beide
es mit mir getan hätten wie mit den welkenden Blumen. Denn
entschieden
habe ich mich in Fällen der Müdigkeit bei Ihnen wieder
auflebend
gefunden!
Ich habe allerhand
vorgefunden, wie Sie sich wohl denken, und das: „Ach, wäre ich ein
Hirt!“ [Shakespeare, „Heinrich VI.“; 3. Teil, 2.
Aufzug (Monolog)] kommt mir wohl zuweilen in den Sinn.
Ihre Mitteilung
über
Ihre Schützlinge hat mich sehr gerührt. Das sind die
Erfahrungen,
die uns immer wieder Mut machen. Aber viel Mut gehört zum
Weiterhandeln.
Ich erhielt heute
früh die Gita-Govinda, von Rückert übersetzt; sie
scheint
entzückend zu sein. Aber auch mit den Büchern bin ich jetzt
bloß
mehr auf einen Liebesblick angewiesen, und mit einer gewissen Wehmut
gebe
ich das, was ich gerne kennenlernte, auf das Bücherregal.
Nun grüßen
Sie mir „Mime“ [Chamberlains Hund] und
den
Frühling und die Sonne, wenn sie Ihnen scheint und Sie froh macht.
Diese Nacht, wie der Wind tobte, dachte ich: jetzt sind die Kelten
zufrieden.
Ich fürchte aber, nicht; denn wenn ich nicht irre, so war es West.
Heute soll es ganz gelinde draußen sein. Ich halte es mit der
ruhigen
Wärme und mag das Ungebildete in keiner Form. Das wäre wieder
ein schönes Thema zum Zanken.
Unsern platonischen
Dialog führen wir nach den Festspielen aus; aber in einer sehr
schönen
Gegend. Vielleicht in Böhmen. Seien Sie beide, teuere Freunde, von
ganzem Herzen gegrüßt, und bleiben Sie gut
Ihrer Ihnen treu anhänglichen
C. W.
59-60
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Es läßt
mich nicht, Ihnen, Freund, zu sagen, daß die erste und
vollständige
Anmeldung für unsere Festspiele uns von einem Engländer
gekommen
ist. Sie war bis gestern die einzige, wo ein zweiter Engländer
auch
für die ganze Zeit der Aufführungen ein Landhaus zu mieten
verlangte.
Wenn Sie nicht wären, ich glaube, es hätte mich wehmütig
gestimmt, daß nicht Deutsche den Anfang machten. Nun bin ich ganz
heiter darüber, finde es ganz in der Ordnung und nehme es als ein
gutes Zeichen an.
Als ich die
B-Dur-Quartettfahrt
ausführte und von Neuenmarkt aus die wundersamen Wege
zurücklegte,
erschien mir unsere Abgeschiedenheit erhabener denn je. So mußte
es sein, dachte ich mir, abseits von allem, und was ist die
Mühseligkeit
des Erreichens gegenüber der Größe dieses
Außerhalb-Liegens?
Ich bedarf der Zuflucht zu diesen Betrachtungen sehr; denn, weiß
Gott, warum — ich gehe mit großer Schwermut an die diesmalige
Verwirklichung.
Die Inder wollen mir auch nicht recht helfen; ich komme dahinter,
daß
dieses weiseste Volk das tollste war, und wie ich gestern die Sage von
den Bergen las, welche früher in der Luft herumgeflogen seien,
schwindelte
mir förmlich. Wer mir aber geholfen hat, das ist gestern abend
Goethe.
Bitte, tun Sie mir die Liebe, schlagen Sie die Abteilung „Parabolisch“
in dem zweiten Band der Gedichte auf und lesen Sie „Legende“,
„Celebrität“,
„Fuchs und Kranich“, „Begräbnis“, „Drohende Zeichen“, „Parabel“,
„Bildung“.
Vor allem die „Celebrität“ und die „Drohenden Zeichen“. Wir haben
uns mit Siegfried krank oder besser gesund gelacht, und ich mußte
an Ihre Vorliebe für die Niederländer denken. Dieser Humor
ist
doch das Göttlichste und Meisterlichste; natürlich kennen Sie
diese Gedichte gut, aber man staunt immer wieder, wenn man sie aufs
neue
liest. Es ist, als ob man selbst sehr reif werden müßte, um
diese Heiterkeit und Überlegenheit aufnehmen zu können,
60-61
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Vielen, vielen
Dank
für Ihren Brief, hochverehrte Meisterin. Vor allem macht es mich
glücklich,
daraus entnehmen zu können, so glaube ich wenigstens, daß
ich
Ihnen schreiben d a r f; was ich sonst jetzt
nicht
mehr gewagt hätte, wo die Festspiele Sie so mit Arbeit
überbürden.
Entschieden haben
Sie mir Glück gebracht: seit Ihrem Hiersein blühen die
Schimmelkulturen
herrlich; ich hatte viel zu arbeiten, weswegen ich auch nicht
früher
schon schrieb.
Heute, bitte, nur
ein paar Fragen — denn die Freundschaft kann man doch nicht besser
gebrauchen,
nicht wahr?, als indem man sie mißbraucht.
1. Wo (ungefähr)
findet sich die Stelle von „Beethoven als dem notwendig i r
r e n d e n Künstler“? Sie können sich denken,
wie
ich diese Worte liebe; und als ich sie neulich aufschlagen wollte,
merkte
ich, daß ich nicht mehr wußte, wo sie zu finden.
2. Herrn Bovets
Bruder
hat mir, unter anderem, auch die „Fünf Gedichte“ [von
Richard Wagner] nach Südamerika ausgeführt; ich kann
sie
nicht wiedererlangen. Nun schickt mir der unselige
Musikalienhändler
die Sachen in zwei verschiedenen Tonarten (für höhere und
tiefere
Stimme). Das macht aber doch einen gewaltigen Unterschied, wenigstens
bilde
ich mir dies ein. Und ich wäre Ihnen s e h
r
dankbar, wenn Sie mir sagen würden, welches die ursprüngliche
Tonart ist. Vielleicht sagen Sie es mir an den „S c h m e r
z e n“? Und wie schrecklich ist es, daß die Herren
Schott
zu allem eine englische Übersetzung drucken müssen!
(Ausdrucksvoll
heißt z. B. „with emphasis“). — Ich dankte Ihnen noch
nicht,
daß Sie mir k e i n e n „Lohengrin“ zur
Revidierung
sandten: es ist mir nämlich gänzlich unmöglich, den
einfachsten
Satz aus einer Sprache in eine andere zu übersetzen.
3. Aus Paris bekam
ich Anfragen bez. der diesjährigen Aufführungen; was ich
wußte,
beantwortete ich, aber folgendes wußte ich nicht: Wie oft wird
jedes
der drei Werke gegeben? Welche Rollen singen Reichmann, Scheidemantel
und
Plank? Wer singt Marke, Gurnemanz und Pogner? — Zu dieser Nr. 3 bitte
ich
zu bemerken, daß es m i r ganz egal ist,
ob Sie sie beantworten oder nicht; die Neugier ist nicht eine
Spezialität
der Kelten.
4. Zufällig
kenne ich gerade die „Parabolisch“-Gedichte sehr gut, diese und die
benachbarten
„Kunst“. Was ich aber nicht begreife, ist, daß „Drohende
Zeichen“,
„Begräbnis“, „Bildung“ gar nicht in meinen „Parabolisch“ zu finden
sind. Haben Sie sich geirrt?
Mit vielen
Grüßen
an Siegfried verbleibe ich in Ehrfurcht und Treue
Ihr ergebenster
Houston S. Chamberlain.
Schreibmaschine
fragt,
ob Krug noch keinen Frühling ins Zimmer gesetzt hat? Ein
Schmetterling
wurde heute bei uns geboren!
61-62
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Solche Fragen, wie
Sie stellen, Freund, erheischen unmittelbare Antwort. Also
1) Die Stelle
über
Beethoven, welche Sie meinen, wird wohl die in „Oper und Drama“ sein;
Kapitel
V (erster Teil, Seite 344 und 345), „Gesammelte Schriften“, 1. Auflage.
Auf der 3ten Zeile von unten (Seite 344) kommt der Ausdruck vor:
„...des
notwendig irrenden Künstlers“. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich
annehme, daß es das ist, was Sie meinen. Auch ist Seite 343,
Zeile
7 von unten, „der urkräftige Irrtum Beethovens“ erwähnt.
2) In der ersten,
einzig gültigen Fassung der „Fünf Gedichte“ sind die
„Schmerzen“
in Es-Dur, Schluß C-Dur. (Die Ausgabe mit englischem Text oder
sonstiger
Übersetzung ist greulich.)
3) Das Personal der
Festspiele würde im wesentlichen das gleiche wie im vorigen Jahre
sein. Wollen Sie den Freunden sagen, daß wir zum letzten Male
„Tristan“
und die „Meistersinger“ bringen und höchstwahrscheinlich
eine
l a n g e Pause — die Pause von einem Jahr ist sicher, ich
glaube aber an 2 Jahre — auf diese Festspiele folgen wird, da ich (dies
für Sie allein) meine Gedanken über die Bildung eines
Bayreuther
Personales und über die Vorbereitungen des „Tannhäuser“ habe.
Fast möchte
ich Sie beneiden, es mit den Schimmel-Kulturen und nicht mit den
Moder-Gesinnungen
zu tun zu haben.
Aber Freund, was
haben Sie denn für einen Goethe? „Begräbnis“, „Drohende
Zeichen“
und „Bildung“ sind bereits in der Ausgabe in 40 Bänden aus dem
Jahre
I840 bei Cotta. „Begräbnis“, „Drohende Zeichen“ stehen
hintereinander
zwischen: „Die Hochzeit“ und „Die Käufer“. „Bildung“ sieben
Gedichte
später zwischen „Die Originalen“ und „Ein's wie's andere“.
Nun aber eine Bitte
von mir an Sie: Wollen Sie Ihre kleine Cellini-Geschichte auf meine
Veranlassung
hin an Mottl
ebenfalls Schreiben? Derselbe antwortet mir nämlich:
„Ist die Theresa-Arie wirklich die, welche Ihr Vater streichen
ließ?
Wissen Sie gewiß, daß da kein Irrtum waltet? Der jetzige
‚Cellini'
ist nämlich (n a c h der ersten Fassung)
ganz
umgearbeitet, und die Umarbeitung hat, soviel ich weiß, Berlioz
mit
Benützung der Ratschläge Ihres Vaters unternommen. Wie
käme
also dieses wunderliche ‚Allegro' hinein?“ Sagen Sie bitte Mottl,
daß
ich Sie gebeten habe, ihm die Mitteilung zu machen.
Was die englische
Übersetzung anbetrifft, so hätte es sich hier mehr um die
richtige
Deklamation als um die Übersetzung selbst gehandelt. Aber ich war
froh, es Ihnen zu ersparen.
Grüßen
Sie den Schmetterling! Er ist am Tag der Dorothea geboren; eine rechte
Göttergabe. Man kann bestimmt den Stufen-Frühling von
Lichtmeß
an sehen. Krug hat mir noch keinen in das Glas gebracht; er würde
mich für die Bitte auslachen, mich auf Treibhaus und
Stubenpflanzen
verweisen, und Sie wissen, wie man vor solcher Logik dasteht. Ich denke
dafür an den Ihrigen und freue mich seiner. Auch habe ich jetzt
zuviel
mit dem menschlichen dürren Holze zu tun, und muß ich sehen,
ob da was grünt; was freilich nicht auf dem freundlichen
natürlichen
Wege, sondern auf die ekstatische Weise des Wunders geschieht.
Seien Sie beide,
teuere Freunde, auf das herzlichste gegrüßt. C.
W.
62-63
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Vielen Dank,
verehrteste
Meisterin! — Der Brief an Mottl [Houston
S. Chamberlain, „Briefe“, Bd. 1, S. 12f. (Verlag F. Bruckmann
A.
G.)] ist geschrieben und geht gleichzeitig mit diesem ab.
Es scheint, als
gäbe
es heutzutage die „Fünf Gedichte“ n u r
mit
englischer Übersetzung; ich werde sie mir kopieren lassen.
Heute wieder eine
herrliche Stunde in der Gemäldegalerie bei den Holländern.
Sonnabend
kostet's fünf Groschen — das gibt kein Mensch; man ist ganz
allein.
Der einzige, den ich traf, ist jener einzige Mensch im ganzen Dresdener
Wagner-Verein, der die „Schriften“ w i r k l i c
h
kennt — natürlich ein Jude; er ist Maler. — Ach diese
Holländer
— das heißt einige! „Belohn' dich Gott dein Mahlen!“ [Vgl.
Goethe, „Kenner und Enthusiast“.] So zwischen Schimmelpilze und
„Reine Vernunft“ machte sich das geradezu exquisit. Denn ich Bummler,
dem
soviel zu wissen not täte in seiner Ignoranz, ich habe mir die
„Reine
Vernunft“ wieder vorgenommen. Das ist ein gar herrlicher Roman! Und ich
versichere Ihnen, so mit Pilzen und Holländer vermengt, ein
epikureisches
Mahl; man lebt wie ein König, vor dem Schlafen eine Geschichte aus
1001 Nacht.
In sehr eiliger,
aber herzlich ergebener Treue
Houston S. Chamberlain.
63-65
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Wirklich,
hochverehrte
Meisterin, ich kann der Versuchung nicht widerstehen, Ihnen obiges
hübsche
Bild zu schicken. Mehr wie einmal hätte ich Ihnen in diesen Tagen
auch gern geschrieben, sehr gern; jetzt, wie immer in solchen
Gefühlsfällen,
jetzt, wo ich mich dazu hinsetze, fühle ich mich nüchtern und
stumm, und, wie gesagt, ich greife gern zu dem Hotel-Briefpapier, damit
Sie mindestens ein hübsches Bild — une belle image —
bekommen!
Selbst ganz abgesehen
von meiner jetzigen mehrjährigen Krankheit bin ich seit Kind
Zuständen
von plötzlichem, gänzlichem „épuisement“
ausgesetzt.
Wie die Heiligen von Indien (bis auf die Heiligkeit!) könnte ich
den
ganzen Tag in irgend e i n e r Lage verbleiben —
regungslos,
wunschlos. Heutzutage kommen aber leicht Schmerzen hinzu, eine
Abwechslung
namentlich der Umgebung, die Fähigkeit, ein paar Tage zu leben
ohne
einen einzigen Gedanken — das brauche ich. Darum bin ich hier: und
darum
bekommen Sie das schöne Bild (nicht zufällig: vide
Schopenhauer).
Ich glaube, ich hatte
etwas zu konzentriert und andauernd „transzendentalisiert“; zum
Glück
besitze ich in einem hohen Grade die Fähigkeit, nichts zu tun,
absolut
gar nichts. Ich renne vor mich hin durch die Straßen, gaffe mir
die
Menschenkinder an und esse abwechselnd in einem hochfeinen
Offiziersrestaurant
und in irgendeiner Spelunke. In bezug auf Kunst, so gebe ich den
verpönten
Lokalen den Vorzug, in denen englische t a n z e n d
e
S ä n g e r auftreten. Ich bin überzeugt,
daß
der Fonds dieser Gesänge uralt ist, und die unverhohlene,
handgreifliche
Sinnlichkeit sowie namentlich die durch den ganzen Körper
ausgedrückten,
höchst komplizierten, zuletzt immer rasenden R y t h m
e n sagen mir sehr zu.
Berichten muß
ich Ihnen, daß ich zufällig auch in einem anständigen
Lokal
war, wo man Musik machte; für mich selbst ein doppeltes Erstaunen.
Ich ging in die Probe zu dem Wagner-Konzert (über welches man
Ihnen
gewiß schon anderseitige Mitteilungen machte?). Herr Klindworth
dirigiert
eigentlich gar nicht — kaum einige Takte wurden „probiert“; das
Orchester
ging halt à la grâce de Dieu. Aber Gemüt hat
K.
(wie mir schien — ich hörte ihn zum ersten Male). Am besten gelang
die Einleitung zum III. Akt der „Meistersinger“. Ich habe ja seit
Bayreuth
nur „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ gehört, gehe auch nie in
irgendein
Orchesterkonzert, die Eindrucksfähigkeit war frisch. Es wurde mir
recht schwer, die Tränen zurückzuhalten. Und wenn ich auch
sonst
— bei „Lohengrin“, bei „Tannhäuser“ — sehr begreiflicherweise an
Sie
dachte, so wurde ich hier ganz überwältigt von der
Erkenntnis,
daß diese Einleitung ja S i e sind! In
Bayreuth
— ganz in das Schauspiel vertieft — hatte ich das noch nie bemerkt. Wie
— w i e inbrünstig betete da der Heide,
der
Barbar, daß ein guter Gott Ihnen jene „äußerste
Heiterkeit“
lange schenken und bewahren möge. Und Sie sagen, Sie hätten
mit
„modrigen Gesinnungen“ zu tun? Ich kann aber nicht umhin zu glauben,
daß
die hingebende Liebe vieler zu Ihren Füßen liegt; Ihnen kann
es gleichgültig sein, aber für jene nicht, und für diese
hoffe ich es. Wenn Sie da vor meinen Augen sind, wird es mir schier
unmöglich,
etwas anders als das persönlich Menschliche zu empfinden — gerade
eine ausgeprägte Persönlichkeit und die strahlende Freude,
einer
solchen zu begegnen, läßt einen nicht weiterkommen; aber in
solchen Augenblicken wie neulich fühle ich ein viel tieferes,
erhabeneres
Wesen und begreife, daß: Hominus homini Deus.
Heute war ich wieder
einmal in einem anständigen Lokal, im selben nämlich; um
Herrn
von Bülow eine Probe leiten zu hören. Der p r o b
i e r t wenigstens; wiederholt trotz mehrerer hundert
Zuhörer
3 Takte zwölfmal, es ist erfreulich. Die C-Moll-Symphonie hatte
mich
hingelockt. Anderthalb Stunde von Max Bruch, Dvořak, Laube (?) hielt
ich
dazu aus. Vielleicht hatte mich dies verstimmt? Jedenfalls war mir die
Symphonie eine Enttäuschung; eine einzige Stelle war so, wie ich
mir
versprochen hätte: das ppp vor Eintritt des Siegeshymnus.
Herr
von Bülow machte auf mich den Eindruck jener so speziell deutschen
Erscheinung der genialen Interpreten, Exegeten — fabelhaftes
Können,
schärfste Intelligenz, staunenerregende Gewissenhaftigkeit,
Pietät
— aber Klindworth ließ mich Schöneres empfinden.
Im Konzert traf ich
den guten Santen Kolff, von dem ich erfahre, daß er Sie in der
deutschen
Presse rehabilitiert hat, wirklich ein kreuzbraver Mensch. Er sagte,
die
Symphonie „sei pompös gewesen“.
Der Schmetterling
starb gleich nach meiner Abreise, Solche zarte Tiere sind besonders
empfänglich
für die Pflege u n kultivierter Hände! Ich
hätte
ihn so gern für ein einziges Frühlingsstündchen erhalten.
Entschuldigen Sie
dieses zwecklose Plaudern; oder lieber noch, lesen Sie es gar nicht.
Vor
mir, hinter, neben mir Juden! Der eine, der vielleicht in mir einen
Konkurrenten
von seiner Branche wittert, schaut immerzu auf meinen Bogen. Er
muß
die Handschrift wenig kaufmännisch finden, vielleicht wundert er
sich,
daß in diesem Hause einer von links nach rechts schreibt. — Mit
vielen
Grüßen an Ihre Kinder Ihr in ehrfurchtsvoller Treue ergebener
Houston S. Chamberlain.
65-67
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Das Bild ist sehr
erheiternd, und die Bemerkungen dazu: „Fernsprechanschlüsse, 700
Salons
elektrisch beleuchtet, 8 Personen-Fahrstühle, Wintergarten
für
2000 Personen“ haben mich ganz überwältigt! Aber Sie
hätten
mir das Fenster bezeichnen sollen, wo Sie in so hübscher
Gesellschaft
mir schrieben.
Daß Sie mir
schrieben, obgleich Sie nichts denken noch tun wollten, hat mich sehr
gerührt.
Ach, mein Freund, die Erschöpfung! Ich glaube, Menschen eines
gewissen
Schlages können nur leidenschaftlich erregt (auch in der
Beschauung)
oder erschöpft sein. Aber Sie haben sehr recht daran getan, eine
Diversion
aufzusuchen. Ich weiß nicht recht, wie mir in Berlin zumute sein
würde; aber ich finde, daß Dresden etwas ganz besonders
Tristes
an sich hat, die stolze Unzufriedenheit, welche Inder und Goethe den
Reichen
und Vornehmen zuschreiben; es ist so unvolkstümlich, was mich
immer
melancholisch stimmt. Und so war ich ganz froh, Sie mir bei den
englischen
tanzenden Sängern vorzustellen; wenn Clowns auch da waren, dann
beneide
ich Sie, da ich es noch mehr mit dem Humor als mit der „Kunst“ halte.
Dies
bringt mich auf die Empfehlung eines Stückes in zehn Akten aus
unserem
Indien; nicht erschrecken, es wird Ihnen gleich ganz heimisch zumute
sein.
Die Heldin ist eine Hetäre (eine ideale), der Held ein Kaufmann,
der
etwas an den Antonio im „Kaufmann von Venedig“ erinnert, die weiteren
Personen:
ein derart durch Würfelspiel in Schulden geratener Bader,
daß
er zum buddhistischen Bettelmönch wird, ein Hirt, der König
wird,
ein Brahmane, der stiehlt, eine unglaubliche, nach Durchwandern von
sieben
der üppigsten und phantastischsten Höfe erblickte Mutter der
Heldin. Die Handlung ist toll, und ich habe, außer bei den
Spaniern,
nichts so Witziges gelesen! Sollten Sie Luft haben, es für sich
anzuschaffen,
so würde ich Sie bitten, beim Antiquar Weber,
Markgrafenstraße
46, auch für mich dieses Stück „Das irdene Wägelchen“,
ferner
das „Uttara-Rama-Charita“, 3tens „Brabodhacan-drodaya“ zu bestellen.
Ihre Empfindungen
von Klindworths Wesen, durch die üble Probe durch, hat mich nicht
überrascht, denn solches werde ich immer von Ihnen erwarten, aber
es hat mir Ihr Wesen mit einer solchen Prägnanz nahegebracht,
daß
sich der Eindruck wohl mit dem einer Erscheinung vergleichen
läßt,
welcher doch immer mit etwas wie Staunen, in der Unmittelbarkeit und
außerhalb
der Reflexion vermischt ist! Ja, Klindworth hat Gemüt, wenn auch
dafür
gesorgt worden ist, daß dieses Gemüt nicht zu voller
Aussprache
kam.
Für das andere
Beispiel fanden Sie fast genau dieselben Worte, mit welchen ich es vor
kurzem bezeichnete: „Ein von Kennen und Können strotzender
geistreicher
Vortrag.“ Es bedeutet, es i s t aber nicht.
Vielleicht
gibt es im ganzen Deutschen Reich nichts so Geistvolles, und mir ist
immer
gewesen, als ob die Zuhörer dabei allmählich gescheitere,
gespanntere
Gesichter bekämen. Auch ich fühlte mich gescheiter, aber in
der
Musik wie in der Liebe verlangen wir das Aufhören des Seins,
welches
uns da nicht zuteil wird. Die Stelle, die Sie mir aus der Symphonie
angegeben
haben, war für mich sehr bezeichnend und gab mir den Eindruck des
Ganzen.
Sie haben recht,
Freund, ich habe viel Güte, und Liebe im Leben erfahren; ob mehr
erfahren
oder empfunden, weiß ich nicht, das eine aber weiß ich,
daß
die Weise, mit welcher Sie sie mir entgegentragen, mir ganz neu, wenn
auch
ur-heimisch ist. Ich frage mich immer, wenn ich so etwas erhalte, wie
Ihre
Worte an mich über das Vorspiel zum III. Akt, wie ich da erwidern
soll, da der Eindruck davon sich nicht schildern läßt. Auch
habe ich kaum den Mut, so etwas wieder zu lesen, um mir daraus wie bei
dem übrigen die Antwort zu Schöpfen. Schweigen ist wohl das
einzige,
denn mein Wort kann nur das Walten des Ihrigen stören. So lassen
Sie
mich schweigen, mein Freund, und Sie mir vorstellen, Wie Sie durch alle
Mängel der Erscheinung hindurch das Wesen erfaßten und
ausbildeten,
genau wie Sie des lieben guten Klindworths Gemüt durch all das
Unvermögen
empfanden. So sieht der Dichter, der unserem Seelentrachten hilft. —
Vernehme ich von
Gehässigkeit, so habe ich wohl eine allgemeine wehmütige
Empfindung,
und es bleibt mir die Zuflucht der unbedingten Verzeihung und der
Wunsch,
daß diejenigen, welche gehässig sind, die Wehmut nicht
kennenlernen
möchten, die solches erzeugt. Höre ich aber, daß man
mich
lobt — weiß ich gar nichts und kann mich nur an den Menschen
selbst
halten, der ja hier vorzüglich ist.
„Werden wohl die
schönen Tage für mich kommen, wo ich am Ufer des Gangâ
auf einem Felsblock des Himalaja mit gekreuzten Beinen sitzen und durch
beständig fortgesetztes Nachsinnen über das Brahman in einem
schlafähnlichen Zustande von Versenkung mich befinden werde, die
schönen
Tage, wo alte Gazellen unbesorgt ihre Hörner in meinem Körper
reiben werden?“ So ein wunderlicher Inder, der es weder im Kloster noch
in der Welt aushielt und uns am Ende ähnlich sah?
Lassen Sie mich bald
wissen, daß es Ihnen gut geht; dessen bin ich sehr bedürftig.
Leben Sie wohl, mein
Freund, bleiben Sie mir gut, wie ich es Ihnen bin von ganzer
Seele.
C. W.
67-70
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
In Beantwortung
Ihrer
so liebevollen Frage kann ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, melden,
daß,
wenn ich nicht gerade ausgeruht b i n, ich es
wenigstens
g e w e s e n bin — und dafür bin ich dankbar, denn es
ist ein schweres Kunststück, auch nur für einen einzigen Tag,
mit frischem, frohem Geiste dennoch gänzliche „Ruhe“ zu
genießen,
zu fühlen: Gott, wie geht's mir gut, wie gehe ich auf in dem
Genuß,
mich nur fähig und in keinem Sinne tätig zu fühlen. Ist
man erst so weit, so m u ß sich der Geist
auf etwas stürzen, wie sollte er denn sonst sich genießen?
In
diesem jetzigen Falle wurde doppelt gesorgt: 1.: zwei lange Besuche bei
den Santen Kolffs erschöpften mich sehr, mich, den
äußeren
Menschen. 2.: ich verliebte mich in ein wunderbares Mädchen, was
allerdings
nicht unangenehm ist, aber immerhin ohne einige Unruhe nicht abgeht,
außerdem
in diesem speziellen Falle dem inneren Menschen ein Leben von seltener
Intensivität verlieh. Zwei Worte über beides? Ja? Wollen Sie?
Bei S. Ks. scheine
ich als eine Art Orakel zu gelten; ich mußte immerfort sprechen,
dozieren, erklären etc. Von Ihnen und Bayreuth an bis zu, wie
stark
Wild riechen muß, ehe es gekocht wird — alles wurde ich gefragt;
und da ich gerade so impertinent wohl und frisch mich fühlte, ging
ich mit Generosität auf alles ein. Noch bis spät in die
Nacht,
wo mehrere Personen meinetwegen (!) in eine Kneipe gekommen waren,
unterhielt
ich die gespannt zuhörende Gesellschaft. Nachher natürlich
gänzlich
erschöpft und mir selbst sehr lächerlich. Der besondere
Zustand
mag es auch erklären, daß ich — entgegen meiner sonstigen
Gewohnheit
— auch von I h n e n sprach, das heißt,
die
an mich gestellten Fragen nach Tunlichkeit, und soweit ich es für
gut befand, beantwortete. Sonst ist es schon geschehen, daß ich —
wie Petrus — Sie ganz verleugnete (welch schönes Thema für
einen
spitzfindigen Theologen — das Verhalten Petri als höchste Zartheit
und innigste Diskretion zu rechtfertigen!); je n'ai pas trop eu
à
me louer de ma nouvelle ligne de conduite. Ich glaube auch, von
allen
Antworten haben die über Sie am wenigsten befriedigt, — Ob
Sie
f r o m m seien??? „Ja, meine verehrte Frau van S. K.; das
Wort fromm (in dem Sinne, in welchem Sie es auffassen) hat, glaube ich,
überhaupt keinen Sinn, auf Frau W. angewandt. Man kann sagen: ja;
man kann sagen: nein; oder auch ja und nein zugleich.“ Das Gesicht —
vielmehr
die Gesichter des vortrefflichen holländischen Ehepaares
hätten
Sie bei solchen Antworten sehen sollen! Sie schienen sich zu fragen:
„Hat
er eben etwas sehr Tiefes gesagt, oder ist er überreif für
die
Irrenanstalt?“ — Ach, und dann ein göttliches Gespräch
über
das Wesen der Musik, eingeleitet durch eine Diskussion über die
Leitung
der C-Moll durch Herrn von Bülow. Van S. K. meinte, m
e i n Genuß müsse jedenfalls ein sehr geringer
sein,
„sehr verschwommen und gehaltlos“; — er dagegen freue sich an jeder
Note,
er denke immerfort: „Jetzt kommt die Stelle für die zweiten
Violinen!
— Die Triolenbewegung der Flöten könnte schneller sein! — Ha,
ha! Jetzt setzen die Posaunen ein!“ Namentlich dieser letzte Herzensruf
machte mich gänzlich verstummen, und während er weitersprach,
frug ich mich selbst immerfort, welcher Art der Genuß sein mag,
sich
zuzurufen: „Ha, ha! Jetzt setzen die Posaunen ein!“ Überhaupt
verblüffte
mich dieses lebendige Wahrnehmen der altbekannten Tatsache, daß
solche
ganz m a t e r i e l l e Menschen wie van S. K.
nicht eine Spur von Sinnlichkeit besitzen. Es ist doch ein Jammer,
daß
— wie mir scheint — die Menschen durch ihre ewige Scheidung von Seele
und
Körper immer das eine auf Kosten des anderen bevorzugen, wobei sie
sich notwendig ins eigene Fleisch schneiden. Kolffs verachten (mit
Ostentation
— trotz sonstiger Bescheidenheit), was sie Metaphysik, Schwärmerei
etc. nennen, und die Folge ist, daß gerade ein jeder sinnliche
Genuß
für sie aufhört (selbst im kleinlicheren Sinne des Wortes);
andere
halten es für ihre christliche Pflicht, den Körper zu
verleugnen,
und als Folge wird die ganze Welt, inklusiv des Göttlichen und der
Kunst, Obszönität. Wenn der Körper doch sich
bewußt
bliebe, nur eine Erscheinung, nur ein Mittel zu sein, die Seele dagegen
nie vergäße oder bezweifelte, daß ihr kein anderes,
kein
heitigeres Instrument als der Körper zur Offenbarung ihrer
selbst...
Aber ich verlasse ja das engbegrenzte heutige Gebiet: nächstens
wären
wir bei Optimismus, Pessimismus und sonstigen Idiotismen angekommen!
Von
meiner
L i e b e möchte ich Ihnen viel sagen, denn sie, ich
meine
das Mädchen, würde Sie in hohem Maße interessieren.
Eine
N o r w e g e r i n, vom Lande, aus dem Volke; was sie
jedenfalls
so tief unterscheidet von den mir bekannten, bürgerlichen
Norwegern
wird wohl das gänzlich r e i n e B l u
t
sein. Das 19jährige Mädchen, welches in der denkbar
gemeinsten
Umgebung lebt, ist in jedem Wort, in jeder Bewegung eine K
ö n i g i n; man lernt den Sinn des Wortes „Adel“
verstehen
bei ihrem Anblicke, man sieht namentlich ein, woher unsere Begriffe
hierüber
stammen und wie sehr das Original in seiner Grazie und anmutigen
Natürlichkeit
über alle Nachahmung erhaben ist. Wirklich, ich habe „so etwas
noch
nie erlebt“, Mitglied einer jener englischen Tanz-Truppen, von denen
ich
Ihnen neulich sprach, ist das Mädchen noch ganz unschuldig (ich
meine
im gewöhnlichen Weltsinne dieses Wortes), denn dieses liegt im
Interesse
der Unternehmung, da es sonst bald sie verlassen würde. Das
Unerhörte
— und ich habe viel Erfahrung — ist, daß die Umgebung von
ausschließlich
Gemeinem und Verworfenem auch nicht eine kleinste Spur, den geringsten
Eindruck auf solch ein Wesen gemacht hat. Sie ist nicht einmal
unglücklich,
was man sonst bei zarteren Seelen in solcher Lebensstellung erfreulich
häufig findet, sondern lebt so für sich und findet die
Menschen
gut — „Wenn sie sie nur nicht anrühren!“ Ihr einziges
Vergnügen
ist Lesen; mit vollster Natürlichkeit und mit großer
Aufregung
erzählte sie mir Shakespeares Richard III., den sie eben die Nacht
durch gelesen hatte! Und als ich, durch das Ungewohnte erregt, mit viel
Mimik und Wahrheit ihr Edgar Poes „Fall of the House of Usher“
erzählte,
wurde sie bei der Stelle, wo die Türe aufspringt (Ha! Ha!“ etc.),
ganz grün und wäre um ein Haar in Ohnmacht gefallen! Das
wäre
mir ein Publikum für den „Nibelungenring“! Gäbe Gott, ein
guter
Prinz holte sie bald! Wenn ich reich wäre, ich glaube, ich
entführte
sie selber; und ihr könnte ich vieles erzählen, wovor sie in
Ohnmacht fiele.
Grüße,
und viele tägliche Gedanken, und Dank, und das Gefühl,
daß
das Leben doch schön ist, solange man im Hause Wahnfried Freunde
zählt
— Ihnen und Ihren Kindern von Ihrem Ihnen in Ehrfurcht und Treue
ergebenen
Houston S. Chamberlain.
70-72
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Ach, hätten
Sie
das norwegische Kind nur entführt, es nach Hause gebracht, wo es
von
Ihrer Frau liebreich empfangen worden wäre, und Sie als Familie
Gleichen
gelebt hatten!
Scherz beiseite,
ich dachte heute an einen meiner originellsten Freunde, General Pfuhl,
Freiheitskämpfer, 8tägiger Minister 48, der mit zwei Frauen
auf
das herrlichste auskam! Nicht wie der Bauer in Grimms Märchen, dem
die Prinzessin verheißen wird, und der dafür dankt: Er habe
schon eine Frau zu Hause, und die sei ihm in allen Ecken zuviel.
Oder Sie hätten
die Schöne nach Wahnfried geschickt, wo ich sie für Siegfried
einst behütet und gepflegt hätte.
Ich stecke in Indien,
aber in lauter Edelmut.
Gott, habe ich
über
Ihren Brief lachen müssen, er trat für mich für den
Schlaf
ein und gab mir Tageskräfte. Ich weiß nicht warum, aber der
Schlaf, der nebst Adolf [von Groß]
mein
treuester Freund war, hat mich verlassen, und ich war recht müde
heute
früh, als Ihr Brief ankam. Da hab' ich so gelacht über Ihren
Besuch bei S. Ks., daß ich ganz erfrischt mich fühlte.
„Kinder, wir gehen
in den Wald, nehmt euren Salmiak!“ So spricht einer meiner guten
Freunde
zu seiner Familie, wenn er sich im Sommer auf den Spaziergang aufmacht.
Die ganze Welt scheint mir die Dinge ungefähr so zu fassen, und
eine
Stimmung, in welcher man nicht „ha, ha“ ruft, scheint unmöglich.
Dabei
sind sie so schwabbelig, daß sie nicht einen Berg von dem anderen
unterscheiden. Wie recht haben Sie mit der „Unsinnlichkeit“! Und der
unseligen
Scheidung von Körper und Geist.
Heute ist so ein
Schneetag, wo es scheint, als ob einen alles zudecken wollte. Nebenbei
ist dicht in der Nachbarschaft ein Bürgermütterchen ermordet
worden, was meine Dienerschaft in die höchste Aufregung für
das
eigene Leben gebracht hat. Ich bringe also nichts Gescheites zusammen
und
schreibe nur, weil man auf einen Brief, wie den Ihrigen heute, gleich
ein
Wort sagen muß.
Ich finde die Methode
des heiligen Petrus — auf mich angewendet — ausgezeichnet...
Es scheint ungeheuer
prätentiös, Unbeachtung sich zu wünschen. Mir würde
einzig zusagen, in den Herzen der Menschen, die ich liebe, zu leben und
niemals auf den Lippen zu erscheinen. Aber es handelt sich viel um das,
was einem zusagt hienieden!
Auch nicht ein
Lichtstrahl
ist heute eingedrungen, da helfen auch Bücher nichts, einzig
würde
mir Musik helfen (ohne „ha, ha!“), die ich nicht haben kann, oder ein
schönes
Stück, was mir ebenfalls nicht vergönnt ist. Mit dem „Das
Leben
ist doch schön“ zitierten Sie ein Wort, welches so
überbekannt,
dennoch mich stets — indem ich im Augenblick die Opferverklärung
vor
mir habe — auf das tiefste ergreift, und Sie haben mich — soviel ich
auch
gelacht — heute wieder sehr ergriffen. Sie besitzen das, was den
meisten
Menschen versagt ist, und was mir im näheren Umgang Bedürfnis
ist: den Stolz der Freiheit, möchte ich es nennen, die
Unumwundenheit,
welche das unbedingte Vertrauen in die befreundete Seele zeigt. Wo ich
dieses Vertrauen nicht fühle, fühle ich mich fremd, und ist
mir
ungefähr wie heute unter dem Deckel.
So seien Sie denn
gepriesen dafür, so stolz und auch so einfach zu sein. Ich denke
immer,
daß wir in früheren Geburten viel miteinander wanderten,
etwa
in Schottland, unter lauter guten, heiteren Gesprächen, und
daß
unsere Korrespondenz so ein kleiner Nachklang davon ist. (Aber das
müssen
Sie mir auch noch sagen, wie lang das Wild liegen muß, für
die
Festspielzeit eine nicht zu unterschätzende Weisung!).
Nun ist das
Centralhotel
mit allen seinen Herrlichkeiten wie Klingsors Schloß
verschwunden.
Ob ich wohl so schöne Briefe wieder bekomme?
Berlin ist jetzt
entschieden eine Zauberstadt. Meine Kinder schwärmen noch von den
dort verlebten Tagen, wenn sie auch in der gemäßigten Zone
sich
bewegten.
Nehmen Sie
fürlieb
mit den nichtssagenden... Krug unterbrach mich mit der aufgeregt
gebrachten
Meldung, daß der Mörder ein Mädchen von 17 Jahren sei,
welches um 17 M. ihre Hausfrau und Tante umbrachte. Die 17 M. hatte sie
um das Bein gebunden.
Hier Seelenadel,
dort Verworfenheit, alles von der Natur so mächtig
eingeprägt,
daß die Umgebung eigentlich wirklich gleichgültig erscheint.
Und wenn ich so an Bildung hänge, so ist es nicht, weil ich
unbedingt
glaube, daß sie die Menschen bessere, sondern weil ich meine,
daß
die Edlen sich in ihr wohler fühlen.
Leben Sie wohl, mein
Freund! Meine Freunde! Seien Sie beide von der heute Bedeckelten auf
das
herzlichste gegrüßt! C. W.
72-75
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Vielen, vielen
Dank
für Ihre Zeilen, hochverehrte Meisterin (Sie entschuldigen das
Stereotype
in der Anrede? Es bringt mich in ein angenehmes Fahrwasser.). Ich
glaube
entschieden, daß zu der Freude, einen Brief von Ihnen
überhaupt
zu bekommen, sich jene einzige Würze des „Verbotenen“ gesellt;
nicht
etwa, daß ich die Eitelkeit besäße, mich durch Ihre
Briefe
g e s c h m e i c h e l t zu fühlen, das wissen Sie
ja:
denn der äußere Mensch lächelt bei mir über Ruhm,
für den inneren sind Sie himmelhoch über derartiges erhaben,
und dem ganzen kann jene Betrachtung nur tiefes Mitleid
einflößen;
nein, so ganz einfach und ohne weiteres: Sie haben soviel zu tun! Wie
unendlich
viel ruht auf Ihren Schultern! Solch einem Erzdilettanten zu schreiben,
muß entschieden eine Sünde sein; und sollte ich (trotz allem
Vorhaben) in diesem Sommer einmal auf einem Eckplätzchen des
einzigen
Hauses sitzen, so werde ich gewiß bei jedem Gedächtnisfehler
eines Sängers, bei dem kleinsten Schwanken im Chor mir (à
la S. K.) zurufen: „Ha! ha! das kommt davon!“
Davon abgesehen
ergeht
es wohl einer Korrespondenz wie so ziemlich jedem Dinge, — was ohne
Zweck
erwächst, gedeiht am besten; und wenn jemals Zeilen von mir Sie
erheitern
oder für einige Minuten von quälenden Gedanken und Sorgen
abziehen,
so waren sie wahrlich nicht umsonst geschrieben.
An dem Abend meines
letzten Briefes blieb ich, solange es irgend ging — also bis nach 2
Uhr!
— in der Betrachtung jenes wunderbaren Kindes. Jede Spur einer
trivialen
Empfindung war — natürlich — verschwunden: der eigentliche
Genuß
desto größer. Leider bin ich heute recht leidend, sonst
möchte
ich Ihnen viel erzählen; aber wenige Pinselstriche genügen
ja,
um Sie alles mit mir sehen und empfinden zu machen: die Gestalt, der
ganze
Mensch machte mich immerfort an Senta denken, immerfort dachte ich an
die
Worte, die ich jetzt Bd. V, S. 215 [der Ges.
Schriften
Richard Wagners] wiedergefunden habe: „...das träumerische
Wesen, aber nicht im Sinne einer modernen, krankhaften
Sentimentalität!“
Und dazu jedes Wort, welches sie sprach, jede Meinung, Empfindung —
alles
der lebendige, gänzlich naive Ausdruck jener dichterischen
Intuition.
Das Mädchen sieht so zart aus, man könnte es mit einer
modernen
Treibhaus-Gräfin fast verwechseln, dabei ist es ein Kind vom Lande
und vom Meere, und selbst bei diesem scheußlichen Leben, wobei
alle
zugrunde gehen und immerfort an Erkältungen etc. liegen, hat es
nie
das geringste, „...eine eiserne Gesundheit“, sagte der alte englische
Clown.
Aus der Empfindungswelt möge folgendes charakterisieren: — ihre
einzige
Leidenschaft ist die B ü h n e. Im
wirklichen
Theater war sie nur 2- oder 3maI, mit größter Aufregung
spricht
sie davon; als ich aber frug, ob sie nicht gern oft gehen würde,
meinte
sie, ach nein! das könnte sie nicht — selbst spielen! selbst
spielen
müßte sie! Sie begriffe nicht, daß die Menschen ins
Theater
gingen, ohne s e l b s t s p i e l e
n
z u m ü s s e n! Für Musik ist sie
entschieden
beanlagt, aber natürlich ohne jegliche Bildung; als sie mit naivem
Entzücken von Musik sprach, frug ich sie, was sie wohl für
Musik
gehört habe, von wem? Das wußte sie nicht: „I have seen
the
names, but then, when I hear the music, I forget everything! — and I
never
care who wrote it.“ — Kurz, die Ges. Schriften hätten für
dieses Weib ungeschrieben bleiben können, Und ich, wenn ich als
Erscheinung
die Senta sah, als Musik hörte ich immerwährend die
Götterdämmerung...
Sehen Sie? Und verstehen Sie?
Wenn ich auch
nüchtern
und „praktisch“ bin und wenig geneigt, an den Erfolg derartiger
Unternehmungen
zu glauben, so kann ich nicht umhin, mir die Frage vorzulegen, ob man
diesem
seltenen Wesen nicht zu etwas verhelfen könnte? Alles in dieser
Welt
scheitert am Geld — außerdem daß ein junges,
alleinstehendes,
schönes Mädchen eine gar „fragile“ Ware ist.
Möglicherweise
war meine ganze Rolle in ihrem Leben, an einem Abend ihr zu erscheinen,
unter den 200 halbbetrunkenen Commis voyageurs, und wird einem
weisen
Schicksal das genügen? Eine Komtesse spricht von „l'ennui qui
est
commun à toute personne bien née“; ich ging aber fort
mit dem Bewußtsein, daß dem wirklich edel Geborenen nur der
„ennui“
unmöglich ist, die Gleichgültigkeit, die Kälte: es gibt
für solche nur Leidenschaft, nur tiefste, tiefste Melancholie, nur
Heiterkeit („äußerste Heiterkeit“) (ich sagte Ihnen ja, das
Mädchen ist gar nicht „unglücklich“ im gewöhnlichen
Sinne
des Wortes und ist sehr heiter zuzeiten).
Ja, solche
Erscheinungen
erklären mir den Glauben an Gott — S i e hatten
ihn mir schon gelehrt. Denn philosophisch muß ich mit Laplace
sprechen:
Dieser Hypothese bedarf ich nicht! Und für den eignen
persönlichen
Gebrauch kann ich mir Gott nur durch das G e b e
t
gerechtfertigt denken, und um was sollte ich denn bitten? Ein
zufriedenes
Gemüt, ohne gerade zu den „guten Schafen“ rangiert zu sein, mehr
kann
keiner verlangen. Denke ich an Sie aber, so brauche ich ganz
entschieden
einen Gott, einen Gott den Vater, ich kann ohne ihn nicht mehr
auskommen;
und wenn Sie es erlauben, so werde ich in Zukunft beten, daß die
schirmende Hand, welche er über die gewaltigste Kunststätte
der
Welt ausstreckt, auch die kleine Tänzerin des Tingeltangels
beschütze.
Mich kannten Sie in Schottland? Ich denke, meiner Senta werden Sie im
Himmel
begegnen! Vielleicht gedenken Sie dann zusammen meiner? Denn meine
Heidenwünsche
reichen so fern nicht, das heißt nicht weiter, als in liebenden
Erinnerungen
zu leben.
Indisches kann ich
augenblicklich gar nicht vertragen. Meine Zettel an der Wand über
das Ding an sich etc. widerten mich an. Daß man sich mit Pilzen,
überhaupt mit Wissenschaften abgeben kann, ist mir rein
unfaßlich.
Dagegen schwelge ich in Shakespeareschen Komödien (sollte ich
nicht
etwa einen erträglichen Clown abgeben? Hätten Sie keinen
Bedarf?)
und gaffe Gemälde an. Was Gescheit's wird wohl nie aus mir werden,
deswegen müssen S i e mich schon gern
behalten,
damit ich eine raison d'être habe...
Ihr in Ehrfurcht und Treue ergebener
Houston S. Chamberlain.
75-77
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Diesmal habe ich
geweint!...
Meine einzige Zuflucht, wenn mir ein neuer Blick wird in das Wirrsal
dieser
Welt. Dann aber stellte sich das Problem mir wieder dar, welches so
viele
Beispiele mir nahegebracht. Gewiß war es bewunderungswürdig
von dem Menschen, zu dem Gefühle, welches er als ewig empfand, zu
sagen: Du wirst ausschließlich sein. — Und glaube ich, daß
er insofern der Natur hiermit nicht ins Angesicht schlug, als die Krone
der Schöpfung, der Held, der wahre Mensch, sich wohl einzig und
allein
einer solchen ausschließlichen Vereinigung verdankt. In der
„Walküre“
aber wird uns gezeigt, daß mit der Erfüllung dieses Zweckes
Vater und Mutter sterben.
Liegen die Dinge
nicht so (und wie ungeheuer selten ist dies der Fall), dann hat
gewiß
der Orient am weisesten geordnet. Ich erkläre mir die liebliche
Sanftmut
der indischen Frauen zum Teile daraus, daß sie nicht in einen
unmöglichen
Kampf mit der Natur der Dinge sich begeben. Wie oft kommt das Motiv in
ihren Dichtungen wieder, daß die Königin dem Gatten die
zweite
Gemahlin zuführt. Auch kennen sie das traurige Heer der
überschüssigen
Frauen nicht, in welchem so viele Opfer sich uns darbieten (erst
kürzlich
erlebten wir ein solches an einem armen Hoffräulein, deren
Wahnsinn
sich in unziemlichen Liedern aussprach).
Wenn ich also
Gesetzgeber
wäre, so würde ich die orientalische Weisheit annehmen und es
der Fügung überlassen, das Erhabene wie das Heilige in der
Ausschließlichkeit
so gut wie in der Entsagung uns zu zeigen. Denn meinem Sinne nach ist
es
edler und fruchtbarer, seine Gefühle als beständig zu
empfinden
und danach zu handeln, als das Welken alles Empfundenen zu erwarten
oder
gar zu betreiben.
Da haben Sie so meine
Gedanken von heute vormittag, die ich in das Allgemeine mit Gewalt
trieb.
Dann habe ich Ihren Wunsch geteilt, das schöne Kind aus der
öden
Umgebung mir zu denken. Und wissen Sie, was mir eingefallen ist? Ob sie
nicht eine der Grazien im „Tannhäuser“ tanzen könnte? Soviel
ich verstanden habe, tanzt sie Pantomime und ist musikalisch. Diesen
ganzen
Tanz werde ich ja sowieso, auch wenn ich die himmelstürmendsten
Ballerinen
zur Verfügung bekäme, ganz neu schaffen lassen müssen.
Warum
ginge das nicht? Und hier wäre am Ende — auf dem Hügel — der
Himmel, wo wir uns alle zusammenfinden sollen. Und nun einen recht
zaghaft
vorgebrachten Vorschlag: Wollen Sie mich nicht besuchen? Einige Tage in
Wahnfried zubringen, wo ich Ihnen eine kalte Schlafstube und ein warmes
Arbeitszimmer zur Verfügung stellen kann? Zu bieten habe ich Ihnen
hier nichts als Schnee, meine Kinder, den Wahnfrieden und das
Bewußtsein,
uns eine große Freude zu machen. Bei Lichte besehen, gilt dieser
Vorschlag viel weniger Ihnen als uns. Nun sehen Sie zu, ob Sie zu solch
einem idealen Streiche Stimmung und Gesundheit haben. Und was sagt Ihre
liebe Frau, die ich innig grüße, dazu? —
Auch eine
Beobachtung,
die ich gemacht habe, ist, daß mit jeder freudigen Wallung, mit
jedem
erhöhten Pulsschlag ein wahrer Schwarm von Elend über uns
hereinbricht.
Ich versichere Sie, mein Freund, die Bewohner des „Ha-ha-Reiches“ und
die
Einnehmer des Salmiakgesichtspunktes sind viel besser daran.
Schmähen
Sie mir aber die Inder nicht, die alles gewußt und die
ausgelassenste
Heiterkeit ebensogut gekannt haben als die tiefste Schwermut. Mit dem
„Ding
an sich“ können Sie anfangen, was Sie wollen.
Aber Sie haben recht,
unsere Stätte, unser Werk da oben, von Menschen wird es nicht
beschützt!
Nur von Gott! Von dem Gotte, der sich im kindlichen Gemüte
offenbart
wie in den mächtigsten Schöpfungen.
Machen Sie sich keine
Gedanken über meine Zeit. 1) Gibt es jetzt noch keine Proben. 2)
Wenn
ich auch gestern 14 Briefe diktierte, schreibt doch mein teurer Adolf [von
Groß] die meisten. Endlich aber ist von meinem Leben alles
abgestreift, was eigentlich zeitraubend ist: Besuche empfangen und
machen,
Einladungen, Toilettenwirtschaften (Theater und Konzerte), ja, ich gehe
selbst so gut wie gar nicht mehr aus, obgleich eine meiner
Haupttheorien
die unbedingte Notwendigkeit vom Spazierengehen für Körper
und
Geist ist. Ich lese keine Zeitungen und sehr wenig überhaupt. Da
sehen
Sie, daß ich ganz schöne Zeit für Sie habe und auch
Stimmung!
Denn die Einsamkeit befähigt uns zum Empfangen ernster
Eindrücke.
Und mich belästigen jetzt nur die redensartlichen Worte, die, in
welchen
ich keine Wahrheit vernehme.
Ich hätte soviel
zu sagen und finde heute wenig zu schreiben. Das
müssen
S i e nun verstehen, wie ich Sie in allem, was Sie mir
mitteilten,
verstand und vor mir sah. Ist es aber nicht merkwürdig genug,
daß
ich die Senta vor mir bei Ihrem Briefe sah? Alles, was Sie
erzählen,
ist im höchsten Grade fesselnd, und gerade die abstoßende
Umgebung
gibt einer solchen Erfahrung den Charakter des Traumes.
Ich könnte daran
anknüpfend Ihnen manches erzählen, es fiele aber alles
wehmütig
aus, und so will ich lieber Ihnen zur Erheiterung sagen, daß ein
treuer Freund unserer Sache mir neulich schrieb, Bayreuth möchte
doch
mit einer T a t hervortreten und — die
„Zauberflöte“
aufführen. Das hat mir sehr gute Laune gemacht, und ich
zählte
dem guten Manne vor, was bereits alles mir für Wünsche
vorgebracht
worden sind.
Kennen Sie Hafis?
Ich glaube, ich habe ihn Ihnen schon empfohlen. Es ist ein eignes Ding
mit Lektüre; Romane kann ich z. B. (mit Ausnahme der Goetheschem
und
einiger von Balzac) aus dem Grunde gar nicht mehr lesen, weil die
Motive,
die das Leben bringt, viel beredter und drastischer mir erscheinen.
Welche Komödien
von Shakespeare lesen Sie? Ich lese gern nach, so z. B. habe ich jetzt
eines anderen wegen „Sardanapal“ von Byron vorgenommen und es leider
greulich
gefunden. An die Pilze habe ich nie recht geglaubt! Werden Sie mir
darum
sehr böse sein?
Ich habe Freundinnen
in Bordighera, die mir von blauem Himmel und Blüten berichten,
dies
würde ich Ihnen am allerliebsten entsenden. In der Tat,
außer
der Kunst in Bayreuth kenne ich als allmächtige Kraft nur die
Natur,
und zwar die südliche, in welcher man aufgeht.
Nun nehme ich
Abschied
für heute und hoffe bald zu hören, daß Sie sich
erholen.
Die „raison d'être“ haben Sie nun in vollstem Maße,
denn Sie sehen, wie Sie in meinem Leben eingereiht sind. Machen Sie mir
keine Sorge, oder besser, machen Sie mir nur immer Sorge, da dies
hienieden
nicht anders geht, nur lassen Sie mich immer glauben, daß mein
Mitgefühl
Ihnen etwas bedeutet.
Von Herzen grüßt Sie
Ihre
C. W.
78-79
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Ihre Aufforderung,
hochverehrte Meisterin, hat mich sehr — hat mich tief beglückt.
Ich
behauptete neulich, ich wüßte nicht, was ich mir
wünschen,
mir erbeten könnte; jetzt lehren Sie mich auch das. Ganz traut und
still in Wahnfried sein, wie innig wohl mir im Herzen bei dem Gedanken
wird, das könnte ich nicht und das brauche ich Ihnen nicht zu
sagen.
Meine Antwort hat zwei Seiten: 1. „selbstredend“ komme ich! und zwar je
eher desto lieber. 2. bitte ich Sie sehr ergebenst um die Erlaubnis,
nicht
sofort, sondern erst ein wenig später kommen zu dürfen. Es
wäre
mir sogar buchstäblich unmöglich, in diesem Augenblick Ihrer
Einladung zu folgen. Materielle Unmöglichkeiten lassen sich ja
heben,
aber nicht moralische; und in diesem Moment habe ich ein so absolutes
Bedürfnis
nach Einsamkeit oder vielmehr nach dem Verkehr zwischen den beiden Ichs
allein, daß ich sogar im Begriff stehe, wieder von Hause zu
verschwinden!
Sie kennen mich ja nur als weich und biegsam, aber immer wieder
fühle
ich von Zeit zu Zeit mit eigentümlicher Macht ein Muß; alte
Erfahrung lehrt, daß selbst mein ziemlich kräftiger Wille
umsonst
dagegen ankämpft, und stellen materielle Verhältnisse einen
Damm,
so muß der Körper in Schmerzen büßen.
Diese Einsamkeit,
dieser durchaus heitere, liebreiche Verkehr mit mir — mit der Welt,
wenn
Sie lieber wollen — darf durch die Berührung mit keiner Person,
für
die ich etwas, für die ich ein Wirkliches bin, gestört werden
— Lärm brauche ich, Leben, Bewegung, viel Menschliches in
unmittelbarer
Nähe, kurz viel s e h e n, aber selber
ganz
und gar ungesehen bleiben. Eine große Stadt, ein großes
Hotel,
aufmerksame Bedienung, für die man aber nur „Nummer 769“ ist, dazu
stundenlanges Herumwandern in den Volksvierteln, Hafenstädte sind
meine Passion, in Paris ging ich viel in die berüchtigtsten Diebs-
und Mörderspelunken (Moulin Rouge, Père la Lunette
etc.).
Das alles ist aber nur die eine Seite, gewissermaßen die
Bedingung
zur Erreichung der Einsamkeit, oder sollte ich nicht viel eher sagen,
zum
Loswerden des Gefühls eines einsam dastehenden Ichs? Verbunden
damit
geht, was ich nicht anders nennen kann als einen Schaffenstrieb — die
Eindrücke,
die Gedanken, die ganze Stimmung m u ß zu
irgendeinem Ausspruch, zu irgendeiner Gestalt führen. Der Berg mag
ja eine Maus nur gebären, das bleibt sich gleich; eher komme ich
nicht
zur Ruhe. Als Schuljunge waren die Mäuse Tragödien mit vielen
Gespenstern, dann kamen welche ohne Gespenster, und zuletzt war ich
glücklich
auf dem Standpunkte angelangt, das Drängen durch ein einfaches
Sonett
beschwichtigen zu können (was der Wissenschaft sehr zustatten
kam!).
Jetzt, wo ich die ganz bestimmte, feste Absicht habe, trotz meiner
Krankheit,
trotz der Hindernisse, die keiner weiß, meinen Doctorat
ès
Sciences zu machen, jetzt kämpfe ich, soviel es irgend geht,
gegen
derartige Anwandlungen, aber immer geht es nicht, da nützt aller
Wille
nichts. Noch gestern versuchte ich, wacker Naturwissenschaften zu
treiben,
nach kaum einer Stunde lag ich gänzlich darnieder, verstanden
hatte
ich nichts, und als ich in der Luft Erfrischung suchte, schleppte ich
mich
wie ein Greis, auf meinen Stock gelehnt. Der Anblick Ihres Briefes gab
mir zunächst wieder Beine! Und jetzt (Sie entschuldigen das
Abgerissene,
nie bis zu Ende gehende in meinem heutigen Schreiben? das Schreiben
fällt
mir nicht leicht), jetzt meine Frage, meine Bitte! Sie gaben mir also
schon
Beine, wollen Sie mir zu noch mehr verhelfen?
Ich m
u ß eine Komödie schreiben, wenigstens
skizzieren.
Nur keine Angst, verehrte Meisterin, wenn ich auch in solchen
Zuständen
wie dem augenblicklichen unausstehlich bin, das Gefühl der den
anderen
schuldigen Rücksicht verläßt mich nie ganz, ich gebe
Ihnen
mein Ehrenwort, daß Sie nie das geringste von dieser Komödie
erfahren werden. Was mich peinigt, ist, daß ich die Sache nicht
mit
leibhaftiger Deutlichkeit vor mir sehe. Bitte vergleichen Sie mich
nicht
mit einem Opernkomponisten, der nach einem T e x
t
sucht; es ist doch was anderes. Nur einen Wink möchte ich haben,
nur
die glückliche Angabe eines Gegenstandes, einer Form (nun, Sie
verstehen
schon?), wo das im Übermaß Vorhandene sofort kristallisieren
könnte, dem armen Botaniker zu Heil und Segen! Eine Geschichte
„erfinden“,
ist gar nicht mein Fall; man kann überall alles sagen; und dann
(wie
ich aus Erfahrung weiß), der Anstoß ist alles, da geht die
Sache von selbst weiter und wird ausnahmslos vollständig anders,
als
der Wink-Geber es gemeint hatte. Könnte ich nur lesen! Ich kann
aber
nicht! Es ist mir unmöglich! Und da komme ich immer wieder nur auf
Ali Baba als Rahmen, ohne befriedigt zu sein. Keine „couleur locale“
— sehr deutlicher Faden —‚ ringsherum toller Wirrwarr, Raum für
Zauber
und Spuk: Können Sie helfen?
Mit innigstem Danke
und vielen herzlichen Grüßen an Ihre Kinder
Ihr getreu und ehrfurchtsvoll ergebener
Houston S. Chamberlain.
80
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Ixopolis, in zeitweiliger Zeitlosigkeit.
Notizen, Glossen
etc.
eines Namenlosen (Nummer 179).
[Neben
einem Zeitungsausschnitt mit einer Beschreibung der „künstlerisch
renovierten“ Rokokosäle des Centralhotels, die „den oberen
Zehntausend
einen für den Mann von Weltideal ausgestatteten Aufenthalt“
böten,
steht als Randbemerkung:]
Jetzt weiß
man doch, wo der Mann von Weltideal zu finden ist, ja sogar
buchstäblich,
„wo er sitzt“!
[Die Beschreibung erwähnt nämlich besonders die „zierlichen
kleinen,
goldenen Sessel“, von denen einer „nicht weniger als 145 Mark kostete“.]
80-81
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Als ich in Ihrem
letzten
Brief den Ruf nach einem Stoff vernahm, war ich auf dem Punkt, Ihnen
verschiedene
Skizzen, die sich nach Ausführung sehnen, zu schicken. Die
Schilderung
aber dessen, was Sie bedürften, hielt mich ab, und meine jetzigen
Tage ließen das nicht zu, was ich so gerne getan hätte;
nämlich
das Finden einer wilden Mär.
Ich bin nun auch
gereift gewesen, ganz woanders hin als nach dem Central-Hotel. Ich war
mit den Kindern in Meiningen und sah dort die „Jungfrau von Orleans“.
Die
Schauspieler waren nicht gut, doch war die ganze Inszenierung so
bedeutend,
es herrschte so viel Leben auf der Bühne, daß wir tief
ergriffen
wurden, ja daß wir jetzt noch, wenn wir uns die einzelnen Bilder
zurückrufen, zu Tränen gerührt sind. Ich weiß
nichts,
was mich seit langer Zeit so erschüttert hat, und der Fürst,
der in solcher Weise dieses edle Gebilde wieder in das Leben rief,
erschien
mir verehrungswürdig. Mit unaussprechlichem Danke habe ich den
kleinen
Ort verlassen, um zu unserem Winkel zurückzukehren.
Sie sehen, wie wenig
wir mit dem Fortschritt gehen! Abends lesen wir einen Roman von Walter
Scott, und ich habe die größte Freude an diesem edlen
Meister.
Wogegen ein mir empfohlenes Stück von Ibsen („Die Wildente“) mich
in einen Zustand von Wut gebracht hat, den ich seit langem nicht mehr
kannte
und nicht für möglich gehalten haben würde. Für
Ibsen
bin ich zu alt, und — soll ich es sagen? — ich glaube auch, zu gesund.
Höchstwahrscheinlich werde ich bis an mein Lebensende bei den
Klassikern
bleiben, und muß man mir das nicht übelnehmen.
Glauben Sie nicht,
daß es so ist, daß die ungeheuren Erscheinungen in
Deutschland
den Boden vollständig aussaugen, und daß das, was
außerhalb
von ihnen sich bewegt, eben das Erzeugnis der größten
Dürre
und Dürftigkeit ist? Ein schönes Thema für Ihr Doktorat.
Jetzt geht mir aber
der Stoff aus. Sie haben gut Schreiben in Ihrem Weltideal-Zentrum! Als
neulich in Meiningen sehr ernsthaft von Parnell und Pigot die Rede war,
mußte ich das Gespräch fallen lassen, weil ich rein gar
nichts
wußte. Sie hätten mich doch ein bißchen von den
Angelegenheiten
Ihres Landes unterrichten sollen; statt dessen zanken wir uns über
die Idealität von Zeit und Raum und ihre Anwendung als
Erklärung
herum!
Nun aber leben Sie
wohl! Haben Sie Dank für das Lebenszeichen, und empfangen Sie
freundlich
einen treuen Gruß! C. W.

H. S. Chamberlain 1887

Phot. Pretzsch
H. S. Chamberlains Wohnhaus in Bayreuth mit seiner Sternenwarte, von Westen her gesehen
Eines, unter so vielen anderen, muß man Ihnen lassen, hochverehrte Meisterin: daß Sie Sich die menschlichen Seelen zu unterwerfen verstehen, wie etwa ein großer Virtuos sein Instrument. Denn ich will Ihnen ganz offen gestehen, daß Ihr Schweigen mich ganz sonderbar und tief geschmerzt hatte. Sehr umsonst versuchte ich mir einzureden, daß Sie vor lauter Arbeit nicht zu einer einzigen Zeile kämen usw. — die „reine Vernunft“ lebt bei mir in einem einsamen Turme, freut sich ihres Daseins, vermag aber wenig. Und wie nun Ihr Brief vom 9. März mich dann ganz unerwartet überraschte, so konnte ich Ihnen doch wieder nur aus ganzem Herzen dankbar sein; ich meine, dankbar für Ihr Schweigen. Ich hielt es aber natürlich für meine Pflicht, Ihnen nachzueifern und mir selber Schweigen aufzuerlegen, bis ich mich wirklich gebessert fühlte, was diesmal einen ganz besonders krummen Haken hatte. Kennen Sie das dumme alte Volkslied?:
Houston S. Chamberlain.
Darf ich zu meiner
Verteidigung hinzufügen, daß ich — an anderen Orten —
Schiller
zu schätzen weiß, und daß ich W. Scott
leidenschaftlich
liebe?
86-90
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Ich danke Ihnen
herzlich,
Freund, für die Sendung der beiden indischen Dramen, wovon das
„irdene
Wägelchen“ uns bereits alle unbedingt ergötzt. Dieser
Kaufmann
von Uggayini, der immer beschaulicher wird und dabei die Hetäre
liebt,
ist wirklich einzig; und ich glaube, daß, wenn ich die Festspiele
überstehe, ich Indien nicht so bald verlassen werde, Indien und
Wahnfried.
In München sah
ich eine so kindische Darstellung der U r v a s
i,
daß ich nicht recht wußte, sollte ich guter oder schlechter
Laune darüber werden; es siegte die erste dank einem Schuster, der
die Nachtigall schlägt, welchen Schlag ich für den Pfauenruf
gehalten habe. Das Stück selbst (sehr gestrichen) ist die denkbar
rührendste Hofdichtung. Eine Szene, wo die Königin ihr
Reue-Opfer
bringt, brachte mir wiederum die Wendung des Willens nahe, wie sie
Indern
und Spaniern so geläufig ist und ihre erhabene Wirkung inmitten
des
Begehrensspieles und als Abschluß desselben in der weiblichen
Seele
nie verfehlt. (Nebenbei gesagt, ich habe Schopenhauer leider gar nicht
soviel gelesen, als Sie annehmen, und meine Hochmutsanklage war keine
Theorie,
sondern ein Scherz, mehr noch eine Artigkeit! Wie kommen Sie denn dazu,
das nicht zu verstehen? Soll ich Deutschland dafür verantwortlich
machen?)
„Treibe Musik!“ sagte
im Traum der Dämon zu Sokrates, er setzte sich hin und schrieb
eine
Fabel. Ich mußte daran denken, als ich von Ihren
französischen
Versen las, obgleich sie, wie es scheint, sich sehr wesentlich von den
Sokratesschen müssen unterschieden haben. Nebenbei haben Sie aber
auch Musik getrieben, und zwar die denkbar beste mit der Neunten. Ich
habe
recht alles nachgefühlt, was Sie mir mitteilen, und ich glaube,
ich
hätte es Ihnen voraussagen können. Gewiß, wer die
Neunte
1872 nicht gehört, wird sie nicht mehr hören. So werden
diejenigen,
welche die Sonate 106 von meinem Vater nicht vernahmen, dieselbe nur in
Gedanken kennen. Ich für meinen Teil glaube an keinen Beethoven
mehr.
Die C-Moll-Symphonie unter Mottl, so viele
Vorzüge der
Naivität
und des Schwunges sie hatte, war doch nicht das erschütternde
Ereignis,
welches ich weiß. Da sitzt man denn traurig, anerkennend und
mitfühlend,
da, indem man von einer anderen Welt weiß und von dieser so gut
wie
nichts sagen kann. Einige Maler haben sich den Augenblick vor dem
Jüngsten
Gericht als Vorwurf genommen, wo sozusagen nichts ist, nicht mehr das
Leben
und noch nicht das andere; so ungefähr berühren mich die
heutigen
Erscheinungen. Warum denn, lieber Freund Houston, müssen Sie die
Italiener
schlecht machen, wenn Sie die Niederländer bewundern? Das scheint
mir sehr das Mädchen mit der Locke zu sein und erinnert mich an
Gobineau,
der mir einmal in Bausch und Bogen von den Italienern sagte: „Dieu,
que ces gens là devaient être bête“, wobei er
natürlich,
wie Sie, nur an die absoluten Klassiker dachte; das Quattrocento
bestand
vor ihm. Ich glaube, die Büste, von welcher Sie sprechen, zu
kennen.
Meine Kinder erinnern sich derselben sehr gut; mir ist vieles
entschwunden,
und das, was mich einnimmt, ist so ausschließlich, daß ich
förmlich herumsuchen muß, wenn es sich um etwas handelt, was
nicht dahin gehört. Seltsamerweise ist mir dabei das Interesse
für
alles geblieben, gerade so auch wie für die Menschen, obgleich die
Einsamkeit meine Heimat wurde. Ich denke, da das ein großes
Durcheinander
ist, wird es Ihnen gefallen. — Wenn Sie im Museum geklingelt
hätten,
dann wäre ein kleiner Jude, Lipmann, erschienen, und der
hätte
Ihnen die Honneurs der — nach der Musik — wohl deutschesten Kunst
gemacht.
Mit dem Bildnis von Luther haben Sie mir eine Wohltat erwiesen, indem
der
herrliche Kopf wiederum vor mir war und mit ihm das einzige,
ergreifende
Wesen. Und da Sie unser Verlust zu den Tanagräerinnen geführt
hat, wollen wir ihn nicht nur verschmerzen, sondern meine gute
Trampel-Trina
als Werkzeug der Vorsehung betrachten.
Das große
Treppenhaus
ist allerdings entsetzlich; und denken Sie nur, es hat eine Zeit
gegeben,
wo man dafür (und zwar bedeutende „man's“) schwärmte. Die
philosophische
Malerei, wie seinerzeit die historische Oper, brach an; was man sich da
alles vorgemacht hat, glauben Sie nicht. Ein Lachen Sempers
brachte
m i c h wenigstens wieder zurück. Ich will keine
boshaften
Anspielungen machen, aber ich weiß genau, wie es mit einer
gewissen
Schwärmerei in etwa 5 Jahren stehen wird. Ich entsinne mich auch
u.
a. für „Maria Magdalena“ von Hebbel bis zum Übersetzen
derselben
geschwärmt zu haben; um keinen Preis möchte ich jetzt
hineingucken.
Ich warte also ruhig meinen Moment ab, der so sicher eintreffen wird,
wie
jetzt Ihr Ärger über meine Erwartung.
Aber auch die
„Jungfrau“
kann warten! Denn das Ewige läßt uns Zeit. Ich hatte einst
einen
sehr geistvollen, ausgezeichneten Freund, Marquis de la Cecilia, der
aus
Vermögensumständen seinen Titel abgelegt und Unterricht in
einem
deutschen Gymnasium gab. Er war der gründlichste Sozialist, der
mir
begegnet, suchte mich in diese absonderlichen Dinge einzuführen,
und
eines Tages, als wir zusammen über das Glück der Menschheit
faselten,
sagt er mir plötzlich: „C'est cet infâme christianisme
qui
tout gâté.“ Ich fühle noch jetzt meine
Versteinerung;
weder dem Christentum noch meinem Freunde war ich gewachsen, um das
eine
zu verteidigen oder dem anderen zu entgehen; ich fing an, auf das
dümmste
zu lachen, und empfand doch dabei im Herzen, daß ich mit Freuden
für meinen Glauben sterben würde.
Nicht unähnlich
geht es mir Ihnen gegenüber in bezug auf die „Jungfrau“. Ich habe
über Ihren Ausbruch („boutade“ möchte ich's nennen)
gelächelt
und weiß, daß ich für den Geist, der sich in diesem
Wunderwerke
ausdrückt, sterben könnte. Aber ich hätte auch nicht
lächeln
sollen; denn was soll uns als Religion gelten, wenn nicht die
fortdauernde
Wirksamkeit der Wesen, die eine Sendung haben, und die wir als unsere
Heiligen
deshalb verehren. Ich käme mir absurd vor, wollte ich diese
Dichtung,
in welcher Schillers divinatorischer Genius in seiner ganz
unvergleichlichen
Eigenart sich uns enthüllt, verteidigen. Aber ich kann wirklich
nicht
begreifen, wie Sie keinen Widerspruch und keinen Konflikt in den
Charakteren
finden, da die Heldin an dem furchtbarsten Konflikt der Neigung und der
Bestimmung, der Menschlichkeit und des Übermenschlichen auf das
Rührendste
und Kindlichste zugrunde geht. Freilich wird sie nicht gut dargestellt,
und damit ist vielleicht alles gesagt. Werden Sie mir das als Hochmut
anrechnen,
wenn ich Ihnen sage, daß ich es mir anheischig machen würde,
Ihnen durch die einfache Lektüre es zum Bewußtsein zu
bringen,
welche Einfalt des Wesens Schiller uns da gebildet hat, und welche
Einfachheit
der Sprache er für sie zu finden wußte? Und wollen Sie ihm
etwa
den Vorwurf verdenken, den er — wählte? nein, schuf, und zwar
derart
in der Wahrheit, daß die in den 50er Jahren erst herausgekommenen
Prozeßakten ihm, der dabei die Kühnheit hatte, die
Geschichte
über den Haufen zu werfen, recht gaben, zur ewigen Schande der
Jahrhunderte,
welche unserm großen Dichter ein so scheußliches Bild
vorführten,
daß der Herzog Karl August, als er von Schillers Plan vernommen,
die Mitwirkung seiner Geliebten bei der Aufführung im voraus
versagte,
da kein Mensch etwas anderes wußte, als daß dieses Sujet
ein
unanständiges sei. (Das niedere Volk in Frankreich wußte es
freilich besser, es erfand die Sage von Blaubart, welcher inmitten
seines
wütenden Lebens mit abscheulichsten Gedanken zu der Jungfrau kommt
und von ihrer Unschuld und Hoheit so überwältigt ist,
daß
er zur Einkehr kommt und als frommkühner Ritter seine Tage
beschließt.)
So war Schillers Dichtung eine Tat, und es müßte uns wohl
sehr
traurig, ja verzweifelt stimmen, wenn wir plötzlich nicht mehr das
erhaben Gesetzliche, ewig Wirkende in einer solchen Erscheinung
empfinden
dürften, sondern in ihr auch das Willkürliche und
Vergängliche
annehmen müßten. Doch gewiß, solange es Seelen geben
wird,
die mit ihrem Gotte ringen und ihn als furchtbar schwere Last durch die
Wogen des Lebens tragen, so lange wird dieses Werk unter Tränen
bejubelt
werden und Schiller als Seher und Tröster gepriesen. Aber wie
traurig
muß sich uns alles darstellen, auch die Unsterblichkeit! Im Leben
müssen die Genies tragen wie keine anderen, und nach dem Tode
bleibt
ihre Wirkung gehemmt! Und seltsam genug, Ihre schönen Worte
über
den Schluß des ersten Satzes der Neunten, sie enthielten das, was
die „Jungfrau“ durchweht, was ihr Sterben so ergreifend macht und es
als
Vorbote der Verklärung Isoldens erscheinen läßt. So ist
alles Widerspruch, und nur dem Dichter ist es gegeben, uns diesen
Widerspruch
als ewige Harmonie empfinden zu lassen.
Nun, mein teuerster
Freund, schreiben Sie mir, wann und wie Sie wollen. Wenn Sie mir einmal
Unrecht tun und die Locke gar zu gerade und tief hängt, dann werde
ich's Ihnen immer sagen, im Notfall zur Schere greifen.
Mißverstehen
werde i c h S i e nie, selbst dann
nicht, wenn Sie eine Absicht von mir gründlich verkennen.
Leben Sie wohl! Sie
sehen, ich habe Sie überbrieft! Es will durchaus kein Friede
zwischen
uns werden. Aber etwas noch Besseres als Friede ist da, und wenn ich es
schon nicht nennen kann, so begrüße ich es von ganzem Herzen!
C. Wagner.
90-91
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Hochverehrte
Meisterin,
ich habe Wilhelm Tell von S c h i l l e r (!) vor mir
— durch 2 Stunden.
Gewiß
hätten
Sie über meinen Ausbruch n i c h t
lächeln
sollen; da stimmen wir überein, wenn auch aus verschiedenen
Motiven.
— Ein E i n d r u c k, über den einfach
und
wahrheitsgemäß berichtet wird, ist immer interessant; eine
Kritik
kann lächerlich sein, eine „Ansicht“ erst recht, aber der von
einem
Kunstwerke naiv empfangene E i n d r u c k ist
wahr, ist eine Tatsache. Mein Eindruck bei der „Jungfrau von Orleans“
ist
soviel wert wie der Ihres Kutschers in „Tristan“, nicht mehr, aber auch
nicht weniger.
Als ich in Florenz
zum erstenmal Michel Angelos Grabmal des Lorenzo di Medici
sah
(o h n e z u w i s s e n, was es
sei,
noch von wem), verlor ich das Bewußtsein: kein Mensch hat das
Recht,
über diesen Eindruck, den das Kunstwerk auf mich ausübte, zu
lächeln, denn hier liegt der Beweis seiner ganzen Wahrheit in dem
physischen Phänomen der Ohnmacht. Ich wurde als 19jähriger
Jüngling
als „Schiller-Schwärmer“ geneckt und würde mir ebenso gern
heute
wie damals den Spott gefallen lassen. Auch das Gedicht der „Jungfrau“
habe
ich gewiß sehr bewundert; überhaupt hat Schiller einen
gewaltigen
Einfluß auf meine Geistesbildung ausgeübt.
Nichtsdestoweniger
machte die „Jungfrau“ als Drama den Eindruck auf mich, von dem ich
berichtete.
Wer in seiner Jugend Schiller innig geliebt hat, wird doch nicht
später
lügen können? Überhaupt, in bezug auf Goethe und auf
Schiller
— als D r a m a t i k e r — schlage ich häufig
den
Band der „Fragmente“, S. 86 [Richard Wagner,
Ges.
Schriften und Dichtungen, Bd. 12, Abt. V, S. 279], auf, um mich
zu überzeugen, daß diese Worte wirklich dastehen — sie
genügen
mir. „...zum Dichter geworden“: das sagt alles, was ich meine, und was
ich sowohl bei der „Jungfrau“ wie der bei „Iphigenie“ empfinde. Und ich
glaube, daß, wenn die Deutschen solange Bayreuth nicht verstanden
und auch heute — weiß Gott! — nicht verstehen, dies zum sehr
großen
Teil dem Einfluß jener beiden Männer zuzuschreiben ist. Und
was Schiller speziell anbelangt, so meine ich: es ist gewiß
schön,
wenn eine dramatische Kunst in der Person eines edlen Euripides
ausklingt:
sehr bedenklich ist es dagegen, wenn sie mit diesem anhebt, und der
wahre
— nicht gewordene — Dichter, der Äschylus, ein Jahrhundert
später
kommt. — Aber ich kann nicht mehr schreiben — legen Sie meine Liebe zu
Bayreuth in die gute Waagschale, und glauben Sie, bitte, an meine Treue
zu Ihnen und zu Ihrer Sache. H. S. C.
91
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Mein Lächeln,
bester Freund, haben Sie gründlich mißverstanden — es war
sehr
freundlich gemeint und bedeutete einen jener Widersprüche in dem
menschlichen
Wesen, welches die Physiognomie ausmacht, die Sie an der Büste
erfreute.
Ein solches Beispiel
müßte einem eigentlich das Schreiben abgewöhnen, aber
ich
bleibe dazu bereit. Wenn ich Sie sehe, sprechen wir über Schiller
und Goethe. Erinnern Sie sich aber, bitte, mein Freund, daß Ihr
Ausdruck
eine Erwiderung auf den von mir Ihnen mitgeteilten
überwältigenden
Eindruck von der kindlichen Einfalt dieses Gebildes war. Aber all dies
mündlich — für heute schriftlich nur den herzlichsten
Gruß
einer unbedingten Teilnahme und Ergebenheit. C. W.
92-93
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Nicht wahr,
hochverehrte
Meisterin, Sie glauben nicht im Ernste an diese verschiedenen
„Mißverständnisse“,
die Sie mir vorwerfen? Das hieße doch, sich das Leben zu leicht
machen!
Ich glaube, das erste wahre Mißverständnis wäre, an ein
solches zu glauben. Jenes Lächeln z. B. über meine „boutade“
habe ich so gut verstanden. Ich habe mit Ihnen erst gelächelt,
dann
laut gelacht, denn ein Lohn der Wahrhaftigkeit ist, daß man auch
sich selbst ganz frei gegenübersteht; dann aber fühlte ich so
ganz mit Ihnen, als Sie sich sagten, nein, ich sollte nicht lachen! Und
auch ich hörte auf. Wie Sie nun aber ausführten,
w a r u m Sie nicht lachen sollten, da entfernte ich mich
von
Ihnen, aber doch nur wie eine harmonische Stimme in einer
Gegenbewegung;
ich verstand Sie wohl, es waren aber andere Gefühle, andere
Ideenassoziationen
in mir wachgerufen, und ich folgte denselben. Wenn ich mich recht
entsinne,
geriet ich sogar in eine gewisse Exaltation, wozu Sie mir aber auch
wieder
das gute Beispiel gegeben hatten, indem Ihr Denken über das
Nichtlachensollen
Sie auch zu ziemlich schwindelnden Höhen geführt hatte!
Und weiter — nix!
Außer höchstens, daß mein Ausfall durchaus nicht
als
E r w i d e r u n g auf Ihre Tränen gelten sollte,
sondern
als merkwürdige Erscheinung, eine Empfindung neben der anderen:
ich
habe das nicht ungern bisweilen, so ganz unvermittelt.
Übrigens auch
an jenes berühmteste aller Mißverständnisse habe ich im
Grunde nie einen Augenblick geglaubt, sondern an ein zu tiefes, zu
exquisites
Verstehen. —
Die Malten wurde
Donnerstag, bei ihrem ersten Auftreten nach St. Petersburg, riesig
gefeiert;
sie hatte einen Berg von Blumen und Kränzen; es freute mich. Der
schlaue
Logenschließer — ein Busenfreund — meinte: „Ach, lieber Herr!
hier
geben s' nur Blumen; in Beterspurg steckt in jedem Pouquet was drin,“
Mag
sein — aber gefreut hat sie sich gewiß. Es war „Iphigenie
in
T a u r i s“. Gluck macht mir stets das erstemal
Magenschmerzen;
dies war zum Glück mein zweites Mal, und (abgesehen von
„Tannhäuser“)
habe ich seit Bayreuth nicht so gewaltig empfunden: ich kam aus dem
Zittern
und Beben und gänzlich Entrücktsein nicht heraus. Allerdings
war ich herrlich disponiert — nervös, reizbar, unausstehlich und
voll
quälender Sehnsucht. Aber es w a r s c h
ö
n! Diese ersten zwei Akte sind eine wirklich
großartige
Schöpfung. Aber nicht wahr, verehrteste Meisterin, wenn Sie einmal
ein Ruhejahr haben, da erklären Sie der Malten und dem
Scheidemantel,
w i e man so etwas spielen muß. Was die
zusammengestikulieren!
Und wie lächerlich das aussieht bei solchem langen Verweilen des
Dramas
auf einem und demselben Punkte; es ist zuletzt wie komplizierte
Gliederpuppen,
wenn sie nach absolviertem Durchmachen der verschiedenen Stellungen
wieder
von vorn anfangen. Ich spreche aber nur deswegen davon, weil es bei der
sonstigen Leistung dieser vortrefflichen Künstler so schade ist.
Daß
der Chor „que de grâce, que de beauté“, aus der
aulischen
Iphigenie hier, Note für Note, ein Klagelied geworden ist, das ist
namentlich für die Seele des Meisters interessant, finde ich.
Wissen Sie, was ich
vor mir liegen habe, was mich seit gestern ganz erfüllt? Wie
sollten
Sie es raten? — „D a s L i e b e s v e r b o
t!“
Der alte Ernst Kietz hat's mir geliehen. Es scheint eine
Bühnenabschrift
zu sein und wurde ihm im Jahre 42 geschenkt. Das Ganze trägt das
Gepräge
(wie mir scheint) großer Eile an sich, namentlich gegen
Schluß;
eine beträchtliche Anzahl Korrekturen gibt es auch. In dem Buche
liegt
eine „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 15. April 36, welche
berichtet,
das Werk sei „mit Beifall gegeben“ worden am 29. März. Sehen Sie,
das verstehe ich besser wie die „Jungfrau“! Das s e h
e
ich alles mit meinen Augen, diese Kerls alle — Pontio und Friedrich und
Lucio und Isabella und Dorella... Ich wollte gestern „Lohengrin“
hören,
aber ich mußte mitten drin weglaufen: die Musik paßt nicht
zum „Liebesverbot“, und ich konnte nichts anderes denken, hören
und
sehen!
Übrigens — wie
diese Zeilen Ihnen wohl schon zur Genüge zeigen? — die Locke
hängt
noch immer tief! Mitten unter Erbsenschnitten und anderen
mikroskopischen
Arbeiten werde ich geplagt von einem Drama, das ich höre und sehe,
von dem ich a l l e s weiß — und
weiß
nicht wer? Und wo? Und wie? Ich weiß alles und zugleich gar
nichts
davon! Es ist zum Tollwerden.
H. S. C.
Ich
spiele
a l l e Tage Quartett op. 95 [von
Beethoven] — falls Sie das interessieren kann zu wissen.
94-97
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Ich möchte
Ihnen
recht schön und heiter schreiben, mein Freund, allein die
Kräfte
geben es in diesen Tagen nicht her; ich bin wirklich nur Sorge um
unsere
Sache und auch Kummer, und da hängen die Flügel sehr matt.
Ich
muß Ihnen aber doch sagen, daß ich eine große
Apologie
meines Lächelns vorhatte, und daß Sie dieselbe
überflüssig
gemacht, denn ich wollte Ihnen nur sagen, daß diese ganze
Fähigkeit
der Heiterkeit zwischen zwei Menschen im Augenblicke, wo sie scheinbar
durch Abgründe getrennt sind, zu den schönsten
Unerklärlichkeiten
gehört. Ungefähr ähnlich ist es mir kürzlich mit
meinem
teueren Adolf [von Groß] gegangen,
für
dessen Geburtstag ich mit vielen Gedanken daran drei schöne
Aquarelle
aus dem „Ring“ bei dem lieben Thoma bestellte, das Fiasko war
vollständig,
und trotzdem mir alles daran gelegen hatte, ihm eine sinnige Freude zu
bereiten, überkam mich eine Heiterkeit über das qui pro
quo,
wie sie mir kaum durch eine geglückte Aufmerksamkeit geworden
wäre.
Freilich, wenn er nun mein Lachen als Herzlosigkeit, wie Sie es als
Dünkel
mir gedeutet, da wäre ich schön dagestanden mit meinem armen
Humor!
Aber Sie sind ein
prachtvoller Rechtsanwalt, und sollte ich jemals in Anklagezustand
geraten
(vielleicht durch den [Allgem. R.-Wagner-]
Verein wegen schlechter Verwaltung des eisernen Fonds), da sollen Sie
meine
Verteidigung übernehmen. Vorerst muß aber die Locke
tüchtig
abgeschnitten werden, sonst, weiß Gott, was Sie inmitten der Rede
plötzlich über mich und was man mir zu versagen hat,
vorbringen!?
In diesen grauen
Tagen, in welchen der Vogelsang einem wie Anomalie erscheint, ist mir
Ihr
liebenswürdiger Landsmann Sir W. Scott von unendlichem Wert
gewesen.
Entsinnen Sie sich seiner Einführung der Maria Stuart im „Abbot“?
Dieses unwiderstehliche weibliche Wesen wird vor uns lebendig mit all
ihrer
Anmut, ihrem Witz, ihrer Leidenschaftlichkeit, ihrer Ergebung, und in
einem
Augenblick — (Lindsay in der Aufwallung einer zu Haß verwandelten
Liebsleidenschaft erfaßt brutal den Arm der Königin; nun,
die
Antwort darauf) — erscheint diese Vollendung der weiblichen Grazie
ebenso
erhaben wie die Resignation des Heiligen; freilich darf ein solches
Meisterwerk
der Natur, wie Maria es war und wie der große Künstler sie
uns
wiederbringt, keine Konsistorialräte als Publikum haben, dann ist
so eine Blüte verloren. Mir ist auch, als ob unser jetziges
Publikum
viel zu klobig für einen Meister wie Scott ist; ich bewundere
immer
lebhafter diesen liebenswürdigsten aller Erzähler; wo er
breit
wird, empfinde ich die Notwendigkeit der Anlage wie in einem
vollendeten
architektonischen Bau, in welchem Breite und Länge auf das
bestimmteste
harmonieren.
Gern würde ich
die „Iphigenie auf Tauris“ sehen, schon um die Freude zu haben, das
Unsterbliche
lebendig zu fühlen; sie soll viel größere
Schönheiten
enthalten als die aulidische, von welcher ich eine ganz artige
Aufführung
(mit richtigen Tempi) in Karlsruhe erfuhr. Es freute mich, von der
Malten
zu hören, für welche ich wahre Freundschaft und Hochachtung
hege,
und ich stellte mir sehr gut ihre Darstellung vor. Das würde mir
die
größte Freude sein, mit solch einer Künstlerin
über
ihre Aufgaben zu verkehren; ich werde nie vergessen, wie wir über
die Eva in einem halbstündigen Gespräch einig wurden, und wie
einzig sie dieselbe dem Geiste nach wiedergab, obgleich ihre
Persönlichkeit
ihr für diese Aufgabe geradeswegs störend entgegentrat.
Sie haben recht,
man muß Gluck gewärmt genießen; das erstemal ist
beinahe
immer erdrückend vor Dürftigkeit. Zumal stört mich
diese,
welche, auf Heiligenlegenden angewendet, vielleicht ebenso angenehm auf
uns wirkte wie die unbeholfene mittelalterliche Holzschnitzerei,
angewendet
auf die uns als vollendete Typen bekannten griechischen Sagenhelden.
Und
daß die französische mignardise und afféterie
die Vermittelung abgibt, macht die Sache nicht besser. Hat man das
alles
überstanden, dann wirkt die Einfalt Glucks oftmals sehr erhaben.
Das „Liebesverbot“!
Vor nun 30 Jahren hörte ich manches daraus, und ein Nonnengesang
erinnerte
mich an den „Tannhäuser“ (Vorspiel, 3. Akt). Es freut mich,
daß
Sie sich daran erfreuen; und wer seinerzeit „Feen“ und „Liebesverbot“
in
ihrer Verschiedenheit gefaßt hätte, hätte sich am Ende
das weitere sagen können. Aus dem „Lohengrin“ hat Sie gewiß
die schlechte Aufführung und nicht die Treue zum „Liebesverbot“
getrieben.
Und hier muß ich einer fürchterlichen Ketzerei Ihrer
Ver„lockt“heit
gedenken! Daß Schiller und Goethe der Grund seien, daß es
in
Deutschland mit unserer Sache schlecht steht! — Ach, mein Freund, genau
mit dem Auftreten von „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ begann in
Deutschland,
von Heine und Börne angeführt, das Witzeln über
Schiller.
Die große Einfachheit seiner Idealität gab ihm
Blößen;
plötzlich schämte sich die deutsche Jugend ihres
höchsten
Mannes.
Daß diese Kraft
der Idealität dem Deutschen das Natürliche ist, daß sie
seiner Sprache einzig entspricht und ihn der Musik wieder zuführt,
das vergaßen unsere armen Kaspar Hausers und brachten sich um ihr
königliches Erbe, wenn nicht um ihr Leben. Und bei dem Satz „zum
Dichter
gewordener Metaphysiker“ ist der Akzent nicht so stark auf „geworden“
zu
legen, sondern auf die eigenartige Begabung, welche Schiller mit Ideen
wie mit lebendigen Personen verkehren und handeln ließ. Das nimmt
seiner Dichterkraft nichts, verleiht ihr nur einen eigentümlichen
Stempel. Wenn Sie dessen recht innewerden wollen, so vergleichen Sie
seinen
Demetrius und den von Lope — letzterer die reizendste Dramatisierung
der
Geschichte, wie sie die katholische Kirche in Umlauf gesetzt, ersteres
die dramatisch-gewaltige Enthüllung eines psychischen Vorganges;
und
die Deutschen durften sich mit Stolz sagen, daß diese Art, zu
schauen
und zu gestalten, ebenso volkstümlich bei ihnen war, als die
liebenswürdige
leichte Weise Lopes es bei seinen Landsleuten war.
Mit Ihrem Drama wird
es wohl sein wie mit der Musik, die man im Traum hört — man kennt
sie genau, sucht nach ihr, findet sie nicht. So habe ich neulich eine
Messe
von Berlioz komponiert.
Die
„Mißverständnisse“
brachten mir die Wut meines Vaters gegen dieses Wort wieder nahe (er
haßte
auch das Wort Wirkungskreis!). — „Que diable entendez-vous“,
rief
er einmal aus, als er von Mißverständnis hörte. Ich bin
nicht so von Löwenadler-Art und erkläre mir gern die Dinge
einfach
(auch ein Ding, welches mein Vater haßte, die explications,
wie er denn überhaupt durchaus ungemütlich war). Nun aber im
Ernste, leben Sie wohl! Möchte es Ihnen besser gehen wie mir, in
Stimmung
meine ich, denn meine Gesundheit „ist fest und leidet keinen Schaben“.
Tausend Grüße von uns allen.
C. Wagner.
(Nachschrift.)
Dienstag, 9ten April 1889.
Morgen —
Geburtstag
meiner Isolde — vollzieht sich hier etwas Furchtbares [die
Hinrichtung eines Mörders]. Mir scheint dieser Akt der
Gerechtigkeit
nur grausam. Ich ging zu dem Dekan, um — für mich — um einen
Gottesdienst
zu bitten, um wenigstens während des Entsetzlichen in einem Raume,
wohin das Tägliche nicht dringt, zu sein. Das ist nicht
möglich!
Kirchenvorstände, ja selbst der König müßten
angegangen
werden... Das ist unsere Religion! Das ist unsere Welt! Soll ich sagen:
Das ist das Leben? Ich glaube es nicht, ich hoffe es nicht! Beantworten
Sie mir dies nicht, was ich Ihnen da als Untergrund, den
unbeschreiblichen,
all des Bösen, was mir in dieser Zeit wurde, selbst angeben
mußte.
Mit den Kindern schweige ich.
97-98
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Danken muß
ich
Ihnen, hochverehrte Meisterin, aus ganzem Herzen, daß Sie mir von
Ihrem vielen Festspielkummer sprechen, und wenn auch ohne ein einziges
— so ganz überflüssiges — Detail, so doch so deutlich die
tief-wehmütige
Stimmung aus jedem Satz einem entgegenwehen lassen. Es ist ja ganz
überflüssig
— „d'insister“; und Sie denken mit mir, daß das
Schönste,
das Heiligste, was ein Mensch einem Menschen schenken kann, ein Teil
seines
Schmerzes ist.
Übrigens
harmonierte
Ihr ganzer Brief in wunderbarer Weise mit meiner ganz besonders
melancholischen
Stimmung, die mich schon bei meinem ganzen Vormittags-Spaziergang eine
gar zu verzweifelt wehmütige Unterhaltung mit Ihnen hatte
führen
lassen!
Auch danke ich Ihnen
für vieles andere in Ihrem Brief natürlich. Die
„schönen
U n e r k l ä r l i c h k e i t e n“ waren mir ein
wahrer
Balsam; was Sie von Maltens Eva sagen, zeigte mir wieder einmal (wie
schon
früher so manches), welche tiefe Harmonie der Empfindung uns —
trotz
allem oberflächlichen Scheine — verbindet; daß Sie mir
überhaupt
noch von Schiller sprechen, ich finde das zu gut von Ihnen, und Sie
können
überzeugt sein, daß ich jedes Wort oft lese und viel
darüber
nachsinne, und zwar mit dem aufrichtig bescheidenen Wunsche, Ihnen
alles
zu glauben, und wenn trotzdem nicht alles in mein lockiges Haupt hinein
will, von e i n e r Sache überzeugt mich
Ihre
Argumentation doch, daß Sie die Milde und die Nachsicht der
wirklichen
Geistesgröße besitzen (übrigens bin ich aus Liebe zu
Ihnen
neulich in „W i l h e l m T e l l“
gegangen und habe mir viel Mühe gegeben!); mein Drama
(entschuldigen
Sie, daß es gleich nach „Wilhelm Tell“ kommt, die Reihenfolge
entnehme
ich Ihrem Briefe), mein Drama läßt Sie sehr schön
grüßen,
es hat glücklich seine „Idealität von Zeit und Raum“
überwunden
und schaut sich auf fester Erde um; Beethovens Op. 95 ist mir
so
ungeheuer dramatisch (und zwar nicht in dem innerlichen Sinne einiger
späteren,
sondern etwa wie einige Ouvertüren etc.), daß ich nicht
umhin
kann, mir immer vorzustellen, daß Shakespeare dahintersteckt, und
daß die poetische Anregung zu diesem „Quatuor serioso“
von
einem Drama meines geliebten Jugendfreundes ausgeht, wissen Sie
vielleicht
etwas darüber? ich habe nie den Mut gehabt, eine Lebensgeschichte
Beethovens zu lesen — ich fürchte, ein Buch zu lesen oder mich in
eine Unterhaltung zu mischen, wo sein Name genannt wird, weil ich eine
solche Überzeugung besitze, daß von den aller-, allermeisten
— von fast allen — Beethoven nur infolge eines
Mißverständnisses
(!) bewundert wird; was Sie mir von Ihrem verehrten Vater
erzählen,
hat mich in hohem Maße interessiert, ja eigentlich mehr wie das,
und diesen dreifachen Haß fühle ich ihm so lebhaft nach,
daß
meine alte Sehnsucht, etwas von diesem merkwürdigen Manne zu
wissen,
wieder aufloderte, denn der Welt gegenüber steht er als Sphinx da,
und die Göllerichs und Sie... (nein, nein, dieser Brief soll
wirklich
ganz ohne Locke abgehen): „When he was good, he was very, very
good!“
Mit vielen herzlichen
Grüßen Ihr ehrfurchtsvoll ergebener
H. S. C.
98-100
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Trina hat soeben
einen
kleinen Porzellan-Chinesen zerschlagen! Das scheint mir ein
Schicksalswink,
daß ich Ihnen schreiben soll, mein Freund. Ich wartete immer auf
einen schönen Frühlingstag, um Ihnen eine bessere Stimmung zu
melden, der will in diesem Jahr nicht kommen, und so muß der
Humor
über das menschliche Ungeschick mir über die Traurigkeit des
vielen Mißgeschickes helfen.
Was „Wilhelm Tell“
anbetrifft, so tut es mir sehr leid, daß Sie sich ihn ansahen. Er
wird zu schlecht gegeben — vielleicht am schlechtesten unter allen
Schillerschen
Stücken, was viel sagen will — und könnte, glaube ich, nur
unter
außerordentlichen Umständen wirken. Woher soll aber bei dem
bei uns eingerissenen greulichen Pathos die schlichte Sprache für
diesen deutschen Volksmann kommen! Ich würde noch eher unsern
Sängern
den Vortrag der Rossinischen Melodie zutrauen, obgleich sie auch dies
nicht
können. Wenn wir einmal dazu kommen, über Schiller zu
sprechen,
so werden wir gewiß uns einig fühlen. Bei jeder Nation hat
das
Theater eine andere, sehr ausgeprägte Physiognomie, und das
größte
Genie müssen wir doch als Engländer anerkennen.
Wie könnte ich
Ihnen ein rechtes Bild meines Vaters geben? Von der Kindheit an, wo ich
ihn vorbeistreifen sah, bis zum Ende war sein Eindruck auf mich der
einer
phantastisch sagenhaften Erscheinung. Unter seinen Zügen
könnte
ich mir den Nornagest vorstellen, und von einem Maler ist mir einmal
gesagt
worden, daß sein Kopf und seine ganze Physiognomie die
französische
Malerei bestimmt hätten. Meine Mutter teilte mir von ihrer ersten
Begegnung mit ihm, als er etwa zwanzig Jahre alt war, mit, daß
sie
geglaubt hätte, eine Hoffmannsche Figur leibhaftig vor sich zu
sehen.
Sagt man, er war gut, sagt man, er war geistreich, ein großer
Komponist
oder ein großer Virtuose, ein frommer Gläubiger, so ist das
alles unrichtig. Alle Gegensätze trafen sich in seinem Herzen, und
ich könnte mir dieses absolut weltliche Dasein ebensogut in ein
asketisches
verwandelt vorstellen. G r ö ß e,
ganz
schrankenlose, in der Auffassung aller Dinge, und F e u e
r:
diese beiden Prädikate möchte ich ihm vor allem zuweisen. Aus
ihnen entsprang die Originalität seiner Gedanken. Aber weiter
würde
ich mich nicht unterfangen, ihn kenntlich zu machen, denn ich
müßte
mich in Antithesen bewegen, welche alles verwirrten. Anekdoten werde
ich
Ihnen erzählen, wenn wir uns sehen, und das ist das beste.
Ihre Frage bez. des
Quartetts op. 95 hat mich einem großen Ärger
über
mich selbst hingegeben; nämlich dem, daß ich Beethovens
Leben
schlecht kenne, sei es, daß ich es nicht genügend studiert
oder
vergessen habe. In seinem Tagebuch schrieb (am 9ten Juli 1810)
Beethoven:
„Es gibt Perioden im menschlichen Leben, die wollen überstanden
sein;“
und: „Für dich, armer Beethoven, gibt es kein Glück von
außen,
du mußt dir alles in dir selbst erschaffen, nur in der idealen
Welt
findest du Freunde.“ Das Quartett ist Oktober 1810 geschrieben. In
diesem
Jahr hat er zugleich heiraten wollen und den Entschluß nahezu
gefaßt,
für immer aus dem Verkehr mit der Welt zu scheiden. Er war noch
halb
taub. Das Mädchen, welches er liebte, hieß Therese Malfatti
und hat ihn verschmäht. Mir ist es, als ob diese kargen Notizen
Ihnen
etwas sagen könnten. Ich will mich bald an die Lektüre der
Biographie
machen und werde Ihnen davon erzählen. Es wird viel zu
überschlagen
geben, die „Kulturhistorie“! Wenn der Deutsche nur ein Schlagwort hat!
Eine Freundin sagte nur einmal, sie ließe ihre Kinder
kulturhistorisch
zum Heiligen Abendmahl gehen. Verstehe das, wer kann, ich nicht. „Was
nützt
diese Erkenntnis?“ und „Erkenne dich selbst“, die wir in diesen Tagen
vornahmen,
verhalfen mir wieder einmal zu jener Ruhe, welche der Inder so
schön
als Tochter der Religion bezeichnet.
Neulich zeigte mir
meine Tochter Isolde in einem welken, vorigen Herbst vom Baume
abgefallenen
Blatte eine kleine hervorlugende Wurzel und einen grünen Keim. Ich
war davon sehr ergriffen und fühlte, das, solange wir leben, wir
unter
allem Welken und Abgerissenen diesen grünen Keim in uns tragen und
daß die freundliche Sehnsucht, Wurzel zu fassen, uns nie
verläßt,
Aber es hält schwer, dessen immer bewußt zu sein.
Nun aber leben Sie
wohl, mein Freund, bleiben Sie mir gut, und seien Sie meiner innigen
Teilnahme
für immer versichert.
C. W.
100-101
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Wie geht es Ihnen
nur, teuerster Freund? Es scheint mir so lange, daß ich nichts
von
Ihnen gehört habe. Ich habe aber viel an Sie gedacht, und hatte u.
a. mir einige Sätze von der Biographie Beethovens von Nohl
gemerkt,
welche ich Ihnen zitieren wollte. Trotz allem lese ich dieses Buch
nicht
ungern. Es ist schwülstig, aber nicht gespreizt und (wie ich
fürchtete)
niederträchtig, wie Hehns Gedanken über Goethe, in welchem
ich
das Kapitel „Goethe und das Publikum“ deshalb mit den Kindern
vorgenommen
habe, weil es nicht unwichtig ist, sich ein klares Bild davon zu
machen,
wie die Welt sich stets gegen den Helden benommen hat. Hehns Gesinnung
gegen Goethe ist zwar durchaus die, welche sie zu sein hat, aber er
zeigt
sich unfähig, den Freundschaftsbund in seiner ganzen
Größe
zu verstehen, hat eine förmliche Wut auf Kant und will bemerkt
haben,
daß Schillers Bewunderung für Goethe mit den Jahren abnahm.
Wiederum einmal ein recht trauriges gescheites Buch. Da sind mir die
dummen
fast noch lieber.
Ich werde mich sehr
freuen, Mr. Boissier zu sehen. Wird es mir im Leben noch glücken,
100 Menschen zu finden, die mir jährlich 1000 M. geben, damit ich
ein Bayreuther Personal bilden könne, und nicht wie jetzt immer
die
besten, wie Friedrichs, preisgeben muß und die anderen mit
Hängen
und Würgen zu Proben bekomme. Von alledem mündlich, wenn ich
Sie einmal sehe.
Es bleibt bis jetzt
dabei, daß die meisten Anmeldungen zu unsern Aufführungen
von
Engländern kommen; auch mehrere von dem bevorzugten Volk, u. a.
einer
Dame, welche auf ihrem Papier „Hoitoho“ als Devise trägt.
Von ganzem Herzen
grüßt Sie in freundlichsten Gedanken
C. Wagner.
101
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Ach! so
niedergeschlagen
fühle ich mich, hochverehrte Meisterin! Nachdem der AllerBeste
[Agénor
Boissier] mir aus München geschrieben hatte, daß er
sehr
bedauerte, Sie dort gerade verpaßt zu haben, und daß er
„hoffe,
Sie im Sommer in Bayreuth zu treffen, w e n n
er
nicht verhindert würde, hinzugehen...“, ist er auch richtig
gestern
abend zu mehrtägigem Aufenthalt hier eingetroffen. Ich hoffte
noch,
er hätte bloß m i r nichts von einem
Besuch in Bayreuth sagen wollen, und nun ist diese Hoffnung auch weg.
Glauben
Sie nicht, bitte, daß ich von lumpigen Millionen träumte,
ach
nein! (wenngleich ich als praktischer Engländer nicht umhin kann
zu
finden, daß es viel einfacher wäre, wenn e i
n
Mensch Ihnen jährlich 100 000 Mark gäbe, als wenn
h u n d e r t 1000 gäben!) — aber Geld ist doch und
bleibt
doch schmutzig und lumpig, und nur gut — wenn man es hat —‚ um es weg-
und fort von sich zu schmeißen.
Aber diese allgemeine
Gleichgültigkeit in den Gesinnungen, dieses Vertrödeln des
ganzen
Lebens, diese Art: Büchern und Gemälden und Werken
gegenüber
Begeisterung zu empfinden, Geld und Mühe nicht zu schonen — und an
dem lebendigen Menschen, der sie schafft oder wiederleben
läßt
(„was atmet, lebt und wieder lebt!“) gleichgültig
vorüberzugehen!
Es sich daran genügen zu lassen, daß man inmitten einer
Menge
im Fracke sich vor ihm verbeugt...! Es ist doch einfach böse und
sündhaft,
denn wohin ist christliche Liebe und was soll mir das Mitleid mit den
Armen,
wenn einer mit den Ä r m s t e n, mit den
großen, armen Einsamen, den von der Welt, die sie so
übermäßig
lieben, gekreuzigten Heilanden, nicht Mitleid empfindet? Aber ich will
lieber nicht weiterschreiben. — Jeder einigermaßen
anständige
Mensch sitzt jetzt (Abds. 8 Uhr) im „Siegfried“; ich hätte es
heute
nicht vermocht. Und da wollen Mime und ich in der lieben Dämmerung
hinaus in die Wiesen und miteinander fühlen, w i
e
schön die Welt ist. Ich denke, Sie sitzen jetzt mit Ihren Kindern
im Garten, nicht wahr?
H. S. C.
102-103
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Und wenn ich Ihre
Schrift nicht sähe und aus ungeahnt fernster Gegend Ihr Wort zu
mir
käme, so würde ich Sie erkennen, teuerster Freund. Und wenn
es
einzig und allein an der Kraft der Entrüstung wäre, die Sie
das
Glück hatten, sich zu bewahren. Ich glaube, daß, wenn das
eine
berühmte Blatt von Dürer in so unvergleichlicher Weise auf
uns
wirkt, es daran liegt, daß entsprechend dem Worte Melancholia die
trostlose Frauengestalt über nichts mehr zu staunen scheint.
Soweit
bin ich noch nicht, da ich noch immer will. Aber ich möchte, die
schöne
Empörung meiner jungen Jahre wäre mir noch geblieben, denn,
wie
gesagt, sie ist eine Kraft. Um so freudiger begrüße ich sie
in Ihnen, Freund, und freute mich Ihres Siegfried-Ausgangs durch die
Wiesen.
Sie haben uns ganz
richtig im Garten in diesem wundervollen Mai gesehen. Es ist mir oft
bei
dem unsäglich rührenden Neuergrünen (ich weiß kaum
etwas für mich Ergreifenderes als die jungen Triebe an den
älteren
Fichten; hier einzig empfindet man die Seligkeit des Werdens), als ob
die
Natur sich förmlich Mühe gäbe, mir alle meine Bangigkeit
wie einen Wahn empfinden zu lassen; und die größte
Sicherheit
kommt dann über mich. So habe ich von München als
Haupteindruck
das Rauschen der Isar mitgenommen, und der unaufhaltsam sicher bewegte
Lauf, ich folge ihm noch hier in Gedanken, oder, was mir beinahe noch
lieber
ist, ich wandle ihm entgegen, gleichsam zu seinem Quellgebiet auf den
Alpen.
Dazu die unmittelbare Tätigkeit in den Werken, da gibt es
Selbstvergessen,
und möge der Sänger noch so unfertig sein, die Wirkung des
Studiums
mit ihm ist für mich immer gleich sichtbar, und hier gibt es auch
ein seliges Werden. Nun aber die Welt mit ihren nichtigen
Widerwärtigkeiten,
Streitigkeiten, Zunichtskommen! Ich glaube, daß das, was Sie so
ingrimmig
gestimmt hat, eben das Un-Treiben, Un-Werden zu gewahren (und zwar im
Herzen
des Menschen, den dann jeder Grashalm beschämt), war. Wir
verlassen
unser Wahnfried so gut wie nicht und fühlen uns wohl dabei, wenn
auch
seine Sauber- und Fertigstellung seitens Bayreuther Arbeiter mir den
komischsten
Ärger verursacht, und ich zuweilen nicht weiß, soll ich dem
wonnigen Vogelzwitschern mich hingeben, oder ist es meine Pflicht, zu
konstatieren,
daß nichts vorwärtsgeht und alles verkehrt gemacht wird.
Nach
den Spielen kommt für uns eine entscheidende Wendung: Siegfried
verläßt
uns. Ich spinne nun die Fäden, um mindestens einen Schein von
Zusammenleben
aufrechtzuerhalten. Wird er militärfrei, dann soll er nach
Frankfurt
zu Thodes und
dort Musik studieren. Wir kämen zeitweise hin.
März
und April möchten wir gemeinschaftlich nach Italien, dann kommt
Berlin
für ihn, das Polytechnikum, und früh genug der Beruf...
Freilich haben Sie
recht, e i n Hunderttausender ist besser als
die
hundert. Mir scheinen nur immer die Hundert so leicht zu bezeichnen,
Bei
vielen der enthusiastischen Frauen gälte es höchstens eine
Toilette
weniger; es ist Leicht und unmöglich, wie alles Vernünftige
hienieden,
wo man viel eher noch auf ein Wunder hoffen darf. Auf dem Gelde
muß
wohl ein Fluch liegen; kaum sehen wir je einen Edlen es haben oder
bewahren.
Und doch bleibt es fast der einzige Weg zu der Verwirklichung des
Idealen.
Daß Mr.
Boissier
nicht kommt, will ich gerne verschmerzen; wenn Sie aber nicht kommen,
wird
es anders aussehen. Werden Sie wirklich „horrid“ sein? In 5 Wochen
beginnen
wir bereits mit den Proben. Einstweilen habe ich den Fürstensalon
möglichst ökonomisch neu tapeziert. Wenn man das menschliche
Klopfen, Hämmern, Richten, Scheuern und Abkratzen im Frühjahr
mit dem stillen Aufgehen der Natur vergleicht, fragt man nicht, warum
Zeus
Weiber schuf, sondern warum überhaupt unser Geschlecht zustande
kam,
welches sich selbst das Genießen der Natur erschwert. Das hat
wohl
eine wunderliche Bewandtnis, davon mögen Sie nun nichts
hören,
und so schließe ich denn, indem ich Ihnen eine chinesische
Novelle
empfehle, die mir ein kleines Meisterwerk scheint: „Tu-shi-niang
wirft
entrüstet das Juwelenkästchen in die Fluten.“ Chinesische
Novellen, deutsch von Eduard Grisebach, Leipzig, Verlag von Fr. Thiel,
1884.
Tausend
Grüße
gehen von ganz Wahnfried an Sie ab!
C. W.
103-104
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Der beabsichtigte
Brief, hochverehrte Meisterin, muß für heute unterbleiben,
da
ich soeben nach Böhmen abdampfe, um morgen früh auf hoher
Bergesspitze
zu stehen, für mich eine der höchsten Wonnen. Berichten will
ich Ihnen aber doch, daß ich jetzt während einiger Tage so
wohl
wie seit lange nicht war — der Schleier zwischen der Welt und mir fast
ganz gelüftet. Was ich da für frohe Arbeitskraft in mir
fühle!
Ich bin ein Mensch, der Störung absolut nicht verträgt, und
die
geringste Störung kann mich aus dem eingeschlagenen Weg auf Wochen
herausreißen; ich muß meinen Zielen nachstreben. Einen
einzigen
unüberwindlichen Wunsch aber habe ich — Sie zu sehen, wenn auch
nur
auf ein paar Stunden. Zuzusehen — während die Vöglein in
ihren
Nestchen singen —‚ wie Sie unter den Bäumen Wahnfrieds sitzen und
Festspiele ausbrüten, das möchte ich! Ich denke es mir sehr
schön,
wenn einer Augen hat.
Nun ist allerdings,
und schon seit lange, die Reihe an Ihnen, „eklig“ zu sein; hoffentlich
genieren Sie sich auch nicht. Abgesehen hiervon aber, und gesetzt den
Fall,
daß meine Nähe (während etwa 2 Tage) Ihnen nicht
lästig
oder störend wäre, so möchte ich Ihnen sagen, daß
der 3. Juni (oder zur Not der 2.) der erste Tag ist, an dem ich kommen
könnte, von da an aber ganz, wie Sie es bestimmen würden, und
um eine derartige Bestimmung müßte ich doch bitten, da ich
doch
nicht mitten in eine wichtige Konferenz mit meinem ganzen
Dilettantismus
hineinschneien darf. Ich möchte Sie auch ganz aufrichtig einfach
bitten
— jetzt, wo an Ihrem Hause gearbeitet wird — zu gestatten, daß
ich
einfach als Tourist, etwa als „erster Festspiel-Englander“, im „Anker“
absteige. Nun, ganz wie Sie bestimmen und gestatten; und mit dem
Vertrauen,
daß Sie eventuell ein deutliches und vernehmbares Nein sagen.
Den grausigen „Ring“
hat Dresden hinter sich. Ich ging nur in das Werk aller Werke, wurde,
glaube
ich, davon gesund, denn nichts auf der Welt macht mich heiterer und
mehr
innig zufrieden und selig wie die „Götterdämmerung“. Auch
Appetit
und Durst macht es mir, hebt also den ganzen Menschen!
Ihnen in Ehrfurcht
ergeben H. S. C.
104-105
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Versteht sich,
müssen
die beiden Tage (2ter u. 3ter Juni) diejenigen sein, an welchen ich in
München bin. Am 4ten nachmittags bin ich wieder zurück.
Wollen
Sie mir den 5ten und den 6ten schenken, sehr schön; noch
schöner
aber denke ich den 6ten und den 7ten, weil dann meine Töchter
wieder
hier sind und es nicht gar so einsam für Sie sein wird. Soviel ich
weiß, kämen Sie am 5ten abends dann an und stiegen in
Wahnfried
ab. Man sieht sich unter einem Dach zwar nicht mehr, aber doch besser
als
getrennt. Für meine Arbeiter wird es recht gut sein, wenn irgend
etwas
drängt, sonst hören wir nicht auf, als friedliche Geister in
den Elysäischen Feldern aneinander, freundlich grüßend,
vorüberzuwandeln. Heute habe ich mich bereits Ihres Besuches
bedient,
um etwas zu treiben („Gnädige Frau könnten schon
schärfer
sein“, sagte mir meine gute alte Kathrin), und wenn ein oder zwei
Teppiche
noch nicht gelegt sind, werden Sie es mir nicht übel anrechnen.
Hoffentlich
aber ist der Himmel uns wieder gnädig, es blühen dann auch
die
Rosen, und alles ist erreicht, denn selbst die Eschen mußten
endlich
den Widerstand aufgeben, der ihnen als Stamm, woraus die
Heldenschäfte
geschlagen werden, sehr schön steht. Auch sie haben ihr
schirmendes
Dach über uns gewölbt, und überall ist Zuflucht und
Beschwichtigung.
„Fanget an!“
Neulich fiel mir
ein, daß das, was Leben und Welt dem Dichter bieten, sich zu dem
verhält, was er daraus bildet, wie das „Fanget an!“ von Beckmesser
zu dem des Ritters Stotzing.
Was die „Ekligkeit“
anbetrifft, so hat mich die Natur großmütig gedacht, und
überlasse
ich Ihnen diese ganz und gar für alle Zeiten. Nur meine
Festspiel-Engländer
dürfen Sie mir nicht schlecht machen, denn ich verdanke ihnen
viel,
und Siegfried bemerkte neulich ganz richtig, wenn sie aus dem
Festspielhause
kämen, besprachen sie das Werk, wogegen die Deutschen sich immer
nur
über die Sänger unterhielten.
Daß Sie sich
so wohl nach der „Götterdämmerung“ befanden, spricht doch
sehr
für die Aufführung. Mich erinnerte es an Mottl, der nach
jeder
Direktion eines Werkes wie neugeboren aussieht und tüchtig
ißt
und trinkt, was mir sehr gefällt.
Nun aber auf
Wiedersehen,
teuerster Freund, kommen Sie uns recht frisch und wohlgemut, und seien
Sie von uns allen auf das herzlichste und wärmste
gegrüßt
und willkommen geheißen!
C. Wagner.
105-106
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Ihrer Erlaubnis
gemäß
zeige ich mich, hochverehrte Meisterin, für den 5ten an (falls
nichts
dazwischen kommt, was Ihnen diesen Tag unerwünscht macht). Abends
ankommen, das ginge allerdings schwer; ich käme um 1.30 an, mit
der
Absicht, entweder den 7ten abends oder den 8ten mittags wieder
abzurutschen.
Ihre
Festspiel-Engländer
will ich Ihnen durchaus nicht schlecht machen, bin ich selber doch so
ganz
Engländer, und habe ich doch einige sechzig Mal im Festspielhaus
gesessen;
aber gegen wen ich liebe, bin ich gern schlecht, gegen wen sollte man
es
sonst sein? Siegfrieds Bemerkung ist durchaus richtig. Ich habe immer
vor,
wenn ich erst reich bin, einen Privat-Separat-Abdruck von „Schauspieler
und Sänger“ [Ges. Schriften und Dichtungen,
Bd. 9] verfertigen zu lassen; ein Dutzend Exemplare habe ich
dann
stets in der Tasche und verehre eines jedem, der mir von den
Sängern
anfängt — damit sie doch mindestens etwas Gescheites sagen, wenn
sie
sprechen m ü s s e n.
In Treue und Ehrfurcht Ihnen ergeben
Houston S. Chamberlain.
106
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Der 5te ist mir
sehr
recht. Der Himmel bleibt uns gnädig; nun grüßen die
Akazien.
Eine schöne Geschichte muß ich Ihnen von unserem Papageien
erzählen
(den Sie ja kennenlernen müssen, bevor Sie ihn sehen). Er
versuchte
auf dem Balkon, die Vögel nachzuahmen, das mißglückte
gründlich;
ärgerlich hierüber schmetterte er aus voller Kehle das
Hoitoho
— welches er sehr schön kann — hinaus und blieb nun Sieger! Das
machte
mir viel Vergnügen... Nun aber ernstlich! Der 5te ist mir ganz
recht,
zu welcher Zeit Sie wollen, 6ter ist Siegfrieds Geburtstag. Wollen Sie
später, ist mir's auch recht, nur ist es möglich, daß
ich
vom 10ten ab nicht mehr frei wäre (Blauwaert
und Kniese
rücken
v e r m u t l i c h schon ein). Auch ist der 8te zu
fürchten!
Medardus, der Regenheilige, oder -patron (ein Wort, vor welchem ich
einige
Scheu hege).
Also, wie Sie wollen
oder können, und unter allen Umständen treu die herzlichsten
Gedanken. C. W.
106-107
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Außer
manchem
schwerer zu Definierenden wünschte ich gerade jetzt mit Ihnen,
hochverehrte
Meisterin, über einen Plan zu sprechen, den ich seit langem hege,
der aber jetzt eine faßbare Gestalt und also auch die erste
Bedingung
zu seiner Verwirklichung gewonnen hat: e i n e
Ü b e r s e t z u n g d e r G e s a m m e
l t e n S c h r i f t e n i n s F r
a n z ö s i s c h e, (Eine solche wird ja nicht zum
Heil
der Franzosen speziell, sondern der Gebildeten aller Nation gemacht.)
Schreiben
kann ich Ihnen nun j e t z t darüber
nicht,
weil Sie keine Zeit hätten; im Gespräch dagegen könnte
ich
leicht Ihre Ansicht, Ihren Wunsch, Ihren Rat erfahren, ohne Sie
belästigt
oder abgehalten zu haben; das geht ja mündlich schnell und sicher
— ein Fisch mit Gräten am Abend des 5ten würde gewiß
hinreichen.
(Zur vorläufigen Beruhigung: ich würde selber nichts
übersetzen
wollen, sondern nur Organisator, Herausgeber etc., überhaupt
für
alle langweilige Arbeit, aber auch für Treue und gegen Schwindel
da
sein.) Die Sache liegt mir sehr, s e h r am
Herzen;
so sehr ich Gegner aller Übersetzungen der Gedichte bin, welche ja
eine Übersetzung der Musik unbedingt erfordern, um anders als
unsinnig
zu sein, so bin ich stets ein eifriger Anhänger der
Übersetzung
der S c h r i f t e n gewesen, aber
a l l e r Schriften, nur kein Stückwerk. Ich
weiß
eben aus Erfahrung, wie viele in Italien, Spanien, Frankreich, England,
Amerika, der Schweiz etc. nur durch ihre Unkenntnis oder mangelhafte
Kenntnis
der deutschen Sprache... Aber ich vergesse ja, der Fisch ist noch nicht
auf dem Tische.
Also
v i e l l e i c h t auf baldiges Wiedersehen; sonst bleibt
mir auch nichts weiter übrig, als bloßes für Sie Beten.
In ehrfurchtsvoller Treue Ihnen ganz ergeben
Houston S. Chamberlain.
107-108
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Als ich noch in den „teens“ war, hochverehrte Meisterin, pflegte ich — wie andere junge Leute — das übergroße Weh in Verse zu bringen (es verschafft einem entschieden Erleichterung); und ich entsinne mich, daß ich nach einer betrogenen Hoffnung ein Sonett schrieb, welches mit den Worten endete
In Treue und Ehrfurcht Ihr
Houston S. Chamberlain.
109
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Das war also
Schicksalsspruch,
bester Freund, und man muß sich ergeben. Mir tut es sehr leid,
denn
ich hatte es schön gefunden, daß Sie gerade zu Siegfrieds
Geburtstag
(heute) kamen, und jetzt säßen wir zusammen im Türmchen
[des
Gartenhauses] inmitten der grünen Wipfel, und ich
erzählte
Ihnen einiges aus dem Dasein meines Augapfels, was sich eben nicht
schreiben
läßt.
In früheren
Zeiten, als ich noch hie und da „horrid“ war, habe ich das
Geschehene
auf Rechnung desjenigen, dem es geschah, gelegt. Es war ein ganzes
sinnig-unsinniges
Gebäude, spitzfindig wie die Gotik und vielleicht auch seelisch
tief.
Ich freue mich sehr
auf die Übersetzung und bin es gar zufrieden, daß sie in
Ihre
Hut gegeben wurde. Versteht sich ist das vor allem wichtig; nur um
Gottes
willen nichts mehr ü b e r die Sachen,
sondern
die Sachen selbst. Es ist sehr schön von Ihnen, dies angeregt zu
haben,
und wie gerne hätte ich mit Ihnen darüber gesprochen! Und
über
so manches!
Im übrigen
begleitet
mich jetzt fast beständig „King Lear“, den ich in
München
zu unauslöschlichem, immer neu sich belebendem, auf alle Gebiete
sich
erstreckenden Eindruck und in unaussprechlicher Erschütterung sah.
Es war wie eine Eruption der Wahrheit; es entsteht etwas v
o r und i n einem, wie ich mir
denke,
daß Delos entstand.
Das wäre auch
ein Thema für das Türmchen gewesen; es sollte aber nicht
sein,
und nun tröste ich mich, indem ich daran denke, daß Sie
für
mich beten, was noch besser und kräftiger ist als jede
äußerliche
Vereinigung.
Seien Sie mir
gegrüßt
und bleiben Sie mir
gut!
C. W.
109-110
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Wir waren recht
betrübt
alle, daß Sie nicht zu Siegfrieds Geburtstag hier waren, bester
Freund!
Er freut sich aber sehr auf die versprochene liebe Sendung. Wir waren
still
abends mit den lieben Großens auf dem Balkon; einige bunte
Lämpchen
brannten um uns herum, Akazien, Rosen und Vogelsang taten das
übrige.
Heute ist er in München, wohin ich ihn zu „König Lear“
geschickt
habe, weil solche Eindrücke mir die greifbaren guten Geister des
Lebens
sind. Mit uns wird es nicht so schlimm, als Sie denken.
1. studiert er Musik ein halbes Jahr
in Frankfurt (Humperdinck
als Lehrer, Karlsruhe sein Theater, Thodes
sein
Haus); dann nach Italien. Erst übernächsten Herbst Berlin,
etwa
auch ein Jahr, und andere Städte der Reihe nach, wie es ihm
einfällt.
Wenn er mir nur militärfrei wird! Seine Gesundheit ist seit dem
rheumatischen
Fieber, welches er vor 3 Jahren hatte, gar nicht fest.
Im übrigen harre
ich der Dinge! Kranich ist bereits hier, und die Pfähle für
den
2ten Akt „Parsifal“ sind schon aufgesteckt. Ach: wie erbärmlich
erscheint
einem doch jede Schreiberei gegenüber solcher Tätigkeit!
Wandelnd im
monumentalen
Hause! Sie werden es erleben, ich nicht. „Es geahnt zu haben
genügt...“
Als Manfred der Hohenstaufe gefallen war, durfte er nicht bestattet
werden;
jeder der Soldaten warf einen Stein auf seine Leiche, und das
großartigste
Denkmal entstand. Mir fällt das Bild bei Gelegenheit des so
manchen
ein, was mir — gut oder bös gedacht, gleichviel — zugeworfen wird,
und ich sage mir zur Kräftigung, daß am Ende dies die
Bausteine
sind, welche das Gebäude, das wir im Sinne tragen, unmerklich
errichten.
Und einmal wird es dastehen, und Siegfried hat es errichtet. Leben Sie
wohl, Freund! Grüßen Sie Ihre liebe Frau auf das
herzlichste,
und lassen Sie uns mit „Egmont“ fühlen, daß man nicht
bloß
zusammen ist, wenn man beisammen ist. C.
W.
Ist es nicht
bezeichnend,
daß die Dresdener fast alle nur für „Parsifal“ sich melden?
„Tristan“ und „Meistersinger“ haben sie ja zu Hause, wenn ich nicht
irre,
viel besser!
110-113
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Wenn ich auch von
einer mehrstündigen Arbeit besonders enervierender Art noch mehr
wie
üblich verdummt bin — eine Zeile m u
ß
ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, heute schreiben, und Sie,
Ihrerseits,
müssen es mir noch dies eine Mal vor den Festspielen verzeihen:
ist
heute doch für mich ein so großer Jahrestag [der
ersten persönlichen Bekanntschaft], daß selbst ich —
mit meinem ungeschichtlichen Sinne — mich desselben erinnere, ja mit
ewiger
Dankbarkeit! Und nun kam sogar noch ein Brief von Ihnen dazu; war es
Absicht?
War es „theorematisch“ wie Schopenhauers Tintenfaß? Gleichviel —
der Schurke Schicksal findet, er hat mich genügend geduckt, und da
er mir vorenthalten hat, was ich am sehnlichsten wünschte,
streichelt
er mir nun wenigstens die Wangen.
Außer der
heutigen
Freude der Erinnerung und Ihrer Handschrift war es mir alle diese Tage
eine lebhafte, an Ihren „König Lear“ zu denken; Sie glauben nicht
eine wie unmittelbare, fast jauchzende, denn konnte ich selber es nicht
erleben, so konnte mir nichts so sehr die Empfindung geben, als
hätte
ich es wirklich, wie zu wissen, daß S i e
es gehört hatten. Haben Sie vielen Dank für die Mitteilung!
Ganz zufällig
hatte ich erfahren, daß in München, auf einer besonders
hergerichteten
Bühne, eine gänzlich strichlose Aufführung von „Lear“
stattgefunden
hatte; und nun wußte ich, daß Sie da waren! Das tut mir —
ist
es bloß die innigste Freude für Sie (ich meine zu wissen,
daß
Ihnen diese einzige Stärkung wurde?) oder ein eignes
Genießen
auf Umwegen? — auf alle Fälle tut es mir im Herzen wohl. Da
schlagen
doch bei uns beiden die Saiten wieder einmal ganz zusammen, und wenn
auch
vielleicht sehr verschiedene Akkorde, doch gewiß so harmonisch,
daß
ein einziges Wort von dem einen genügt, um herrliche Musik im
anderen
ertönen zu lassen.
Der arme Shakespeare!
Der hat wohl 250 Jahre nach seinem Tod warten müssen, um
„strichlose“
Aufführungen zu erleben? Was unsere ganze Kulturwelt sich unter
Shakespeare
vorstellt! Der Engländer zum Glücke meistens gar nichts,
höchstens
eine Erinnerung an Henry Irving; der gebildete Deutsche aber...! Ich
habe
ja hierzulande 3 oder 4 Aufführungen erlebt, von lauter
Berühmtheiten,
„je
ne vous dis que ça“; und zugeschnitten zu einer „Moral“ von
— ich glaube — Tieck.
Ich hätte nur, sollte mir das Glück
einer
Münchener Aufführung zuteil werden, ein wenig Furcht vor dem
Verletztwerden durch die Übertragung ins Deutsche; ich, als
Engländer.
Denn wenn auch bei Sh. noch keine Verwebung mit Musik jeden Versuch zur
Übersetzung offenbar eitel macht, so ist dennoch die Musik der
Sprache
ein durchaus integrierender und unablösbarer Teil des
künstlerischen
Ausdruckes, sie ist recht eigentlich für den Künstler selbst
die Form, in welcher die göttliche Eingebung ihm faßbar
wird,
und wenn es auch schwer hielte, die Notwendigkeit eines bestimmten
Klanges
darzutun, so ist es mir doch stets, als wäre gerade hier der
geheimnisvolle
und heilige Boden, wo das Göttliche in das Menschliche
übergeht,
wo das Ewige, Unfaßbare das Zeitliche, Begreifliche berührt.
Und abgesehen von diesem höchsten Bedenken, das ich sehr „intensely“
empfinde, aber nicht auszusprechen verstehe (das gewiß auch fast
keiner begreift), wieviel Mißliches hat jede Übersetzung an
sich! Ich weiß nicht, wo ich neulich zitiert sah: „...von des
Gedankens
Blässe angekränkelt“; ja, um Gottes willen, das soll doch
nicht
etwa darstellen: „...sicklied o'er with the pale cast of thought“?
Alles ist ja in dem englischen Satze anders. Erstens ist es nicht der
Gedanke,
der blaß ist, sondern die Form, die Form, in welche das
unaufhörliche
Denken die Züge g i e ß t, sie ist
blaß;
und der ganze Akzent (bei unserer englischen Art, die Worte
hervorzuheben)
fällt auf die zwei Worte pale cast. Und sehen Sie auch die
Musik dieses wunderbaren Satzes, wie schaurig er anhebt mit dem „sicklied
o'er“ (welcher Gott gab dem Übersetzer das Recht, damit
auszuklingen?),
und mit welchen blassen Gorgonenaugen die zwei trockenen Monosyllaben —
pale
cast — einen anblicken und versteinern! — „of thought“ wird
kaum hörbar nachgeflüstert.
Entschuldigen Sie
diesen überflüssigen Exkurs! Bei Shakespeare kann ich nicht
ruhig
bleiben und vergesse das Schickliche. Verzeihen Sie mir, und lehren Sie
dem neuen Gurnemanz das „H e l f t“ im ersten
Akt
des „Parsifal“ sagen; meine Dankbarkeit wird meine heutige
Unbescheidenheit
aufheben!
Das Bild für
Ihren lieben Sohn ist fertig; aber nun das Aufziehen! Man kann
augenblicklich
nichts in Dresden bekommen, kaum mal ein Stück Fleisch; denn in
wenig
Tagen fängt das große Fest an zur Feier jener Familie [des
Hauses Wettin], welche sich Deutschlands großen Luthers
schämt,
und deren Loge dunkel bleibt, wenn zur höchsten Ehre Sachsens
Deutschlands
Heldensagen auf der Bühne wieder leben; unmöglich, von meinem
Buchbinder etwas zu erreichen, er arbeitet Tag und Nacht an einer
Germania
aus Pappe oder dgl. Und da ich das Aufschieben solcher Sachen hasse, so
haben wir uns entschlossen, die Sache so zu schicken; es sieht
schäbig
aus, aber das Bild — kein Meisterwerk der Kunst — ist reizend sinnig,
und
Siegfried läßt es sich aufziehen, wie es ihm für seine
Sammlungen am besten paßt. Lieber hätte ich es ihm am 6ten
selbst
überreicht, nun, davon will ich nicht sprechen, für mich ist
der Gedanke ein crève-coeur, und mein Trost ist,
daß
Sie meiner gedachten und meine Abwesenheit bedauerten, das war
schön
von Ihnen, ich könnte Leibnizianischer Optimist werden und finden,
daß, was geschah, doch immer das schönst Denkbare war.
Daß man im
Jahre 1889 noch gegen ein Standbild von Giordano Bruno protestieren
konnte!
Das verdanken wir der zwanzigjährigen Herrschaft der deutschen
Reaktion.
Ihr in Ehrfurcht,
Dankbarkeit und Treue ergebener Einjähriger
Houston S. Chamberlain.
113-114
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Wahnfried, den 14 Juni 1889.
Haben Sie Dank
für
die lieben Worte, teuerste Freundin, und für die Sendung, welche
Siegfried
sehr erfreut hat. Wir freuen uns alle des liebenswürdig-sinnigen
Antlitzes,
das wir als zu uns gehörig betrachten dürfen.
Es war mir ganz
seltsam,
durch Ihre lieben Zeilen zu erfahren, daß wir uns erst seit einem
Jahre kennen. Mir ist es, als sei es viel länger her, ja, als sei
es von je gewesen, und als ob wir so frei miteinander verkehrten, wie
wenn
jeder von dem anderen alles wüßte. So suchte ich in meinem
Kopf
herum, als ich den Brief Ihres lieben Mannes las, und ich mußte
zu
Ihren Zeilen gelangen, um die Erklärung zu haben. Beinahe
möchte
ich glauben, daß man sich hienieden wiederfindet, da man wirklich
gar kein Gefühl des Beginnens bei einer wahren
Zusammengehörigkeit
hat. Allerdings aber entsinne ich mich sehr bestimmt der ersten
Begegnung
mit Ihrem Manne bei den guten Kietzens, und daß ich mich den
Abend
sehr freute.
Heute ist meines
Enkels [Manfred Gravina] Geburtstag.
Dazwischen
liegt ein Tag [König Ludwigs II. Todestag],
welcher mich wohl immer auf das ernsteste gemahnen und in die
Beschauung
des Wunderbaren im Menschengeschik versetzen wird. Vielleicht verdanke
ich das meiner katholisch sehr frommen Erziehung, daß ich an
Feiertagen
hänge; sie sprechen alle zu mir, jeder auf seine Weise, und noch
jetzt
habe ich das Bedürfnis des Gottesdienstes dabei, d. h. der
Gemeinsamkeit
in einem Gedenken.
Wie ich mich dagegen
zum Wettiner Fest verhalten würde, wüßte ich nicht zu
sagen.
Noch kürzlich blätterte ich in der Geschichte Napoleons I.
herum,
und wir besprachen mit Siegfried das eigentümliche Ansehen
Sachsens
darin. Daß man Giordano Bruno als den „ehernen Mönch“,
womöglich
mit Schwert in der Hand, in Italien gefeiert hat, gehört wiederum
zu den hübschen Qui pro quo's der Zelebrität, der
zarte,
liebenswürdige Geist, dem Schopenhauer es wünschte, daß
er an dem Ganges geboren worden wäre, wo sie ihn als Heiligen
verehrt
hätten! Nicht recht aber habe ich verstanden, inwiefern der
Protest
(der katholischerseits am Ende begreiflich ist) sich der deutschen
20jährigen
Reaktion verdanke.
Nun aber
grüßen
Sie mir bitte den lieben Einjährig-Freiwilligen, und lassen Sie
uns
den 12. Juni gemeinschaftlich immer in Ehren halten. Leben Sie wohl,
teuerste
Freundin, bleiben Sie mir gut, und seien Sie meiner herzlichen
Anhänglichkeit
und Ergebenheit versichert!
C. Wagner.
114-115
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Ihre Bemerkung
über
Shakespeare und die Übersetzung hat mich sehr beschäftigt,
bester
Freund. Gewiß haben Sie recht: „Sicklied o'er with the pale
cast
of thought“ ist nicht wiedergegeben; aber — jetzt komme ich, und da
müssen Sie recht viel Geduld haben — die deutsche Sprache
ließ
es nicht zu, sie leitete zu anderem. Es war — immer ich — der
englischen
Sprache bestimmt, das Höchste, was das englische Genie zu sagen
hatte,
erschöpfend auszudrücken; daher auch diese ganz
unvergleichliche
Physiognomie des Wortes bei Shakespeare. Dem Deutschen dagegen war es
vorbehalten,
nur im Verein mit der Musik sein Höchstes zu bringen; der Sprache
wird es immer an jener Drastik fehlen; diese Sprache bedingte auch die
Schillerschen Transparentgebilde. Alles harrt noch darin der letzten
Vollendung,
der Verklärung, und ist auf diese Verklärung von vorneherein
angelegt, was ich so bestimmt empfinde, daß mir die sehr gern
zugestandenen
Mängel ebensowenig als Fehler erscheinen als wie etwa die
Sehnsucht
im keuschen Blicke der Jungfrau. Keinem Engländer kann ich es aber
verdenken, wenn er Shakespeare deutsch nicht ertragen kann. Nur
möchte
ich Schlegels und Tieck
verteidigen, indem es ihnen gewiß einzig
auf die Verdeutlichung ankam und sie das Material, welches sie
handhabten,
nicht ändern konnten. „Überkränkelt mit dem blassen
Schein
des Gedankens“ wäre genauer, aber gäbe die Physiognomie des
Englischen
nicht wieder und wäre auch nicht so deutlich wie das Tiecksche.
Und
hier fällt mir ein Wort meines Vaters ein: „En matière
de
traduction il y a des exactitudes qui équivalent à des
infidélités.“
—
„H e l f
t!“
Ja, ich will sehen; allein ich scheue mich sehr vor dem Angeben solcher
Stellen, die, wenn der Künstler den Akzent nicht von selbst
gefunden
hat, leicht pathetisch übertrieben werden und dadurch dem Sinne
und
dem Geiste entfremdeter als die so bedauerliche Trockenheit, welche
aber
wenigstens noch die Einfachheit für sich hat; in solchen Momenten
war Scaria
wirklich groß. Die herzliche Natürlichkeit hatte
bei ihm etwas Überwältigendes. Aber ich will's, durch Sie
ermutigt,
versuchen.
Wenn ich alles so
sicher wüßte, als daß Sie zu einigen Aufführungen
hierherkommen! Es besteht so gut wie eine Wette zwischen dem lieben
Gott
und mir darüber. Und da: „Ce que femme veut, Dieu le veut“,
sehe ich Sie schon oben in der Loge bei meinen Kindern sitzen. Das geht
Sie aber gar nichts an, ist so eine Abmachung zwischen mir und den
Schicksalsmächten;
und ich will nur noch bemerken, daß, wenn Sie plötzlich zu
Ihrem
Staunen und Entsetzen hierher verschneit sind, Sie direkt zu Dr.
Landgraf in Ihrer Hilflosigkeit sich begeben können, der sich als
unser bester Freund hier sehr freuen wird, Sie so lange aufzunehmen,
als
es über Sie verhängt ist. Er wohnt ausgezeichnet, Sie werden
alles von dort sehen, auch den deutschen Kaiser, denn daß
Sie
n u r für den deutschen Kaiser kommen, versteht sich
von
selbst. Kurz, ich sage: Auf Wiedersehen! Mit der Zuversicht meiner
Jugend!
Und ein herzliches Lebewohl mit der Ergebung meines Alters.
C. Wagner.
115-123
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
V o r r e d e.
Dieser Brief enthält nicht ein einziges Wort, welches Sie nicht ebensogut heute über ein Jahr lesen könnten, lauter Zeug über Kunst, Wissenschaft u. dgl. Ich schrieb ihn, weil ich dieses „Zeug“ auf dem Herzen hatte; ich schicke ihn aber ab in dem Vertrauen, daß Sie mir die Freundschaft erweisen werden, ihn nicht eher zu lesen, als bis Muße, gepaart mit Lust und Laune, sich einstellen (und ich erinnere Sie an die Freundschaftsbeweise, die ich Ihnen schon brachte: ich aß kalten Aufschnitt und Tee um Mitternacht, und ich fing zu essen an, ein anderes Mal, ohne auf Sie, meinen Gast, zu warten!).
Hochverehrte Meisterin!
Die
Schreibmaschine
ist krank (vielleicht von des Gedankens Blässe
angekränkelt?),
und das ist traurig, denn ich bin ein sehr „moderner“ Mensch, und es
wird
mir schwer, jene Muße, welche Sokrates als „das Schönste
aller
Besitztümer“ pries, g a n z zu
genießen
ohne die Mitwirkung unseres Ersatzes für die atheniensischen
Sklaven
— die Maschine. Durch etwas übermäßigen Gebrauch —
gestern
— jenes herrlichen Sklaven, des Mikroskops, habe ich ein wenig
geschwollene
Augen, dadurch willkommene Muße.
Ich versichere Ihnen,
es ist mir unmöglich, noch einen Monat zu warten mit der
Versicherung,
daß ich j e d e s Wort, das Sie mir
über
Übersetzungen, über englische und deutsche Sprache etc.
schreiben,
unterschreibe. Gelobt sei „König Lear“, der uns solche weite
Gefilde
offenbart hat, wo wir friedlich wandeln können, wenn wir des
„Zankens“
satt sind! Ich glaube, daß das englische Wort überhaupt eine
„unvergleichliche Physiognomie“ hat; natürlich handelt es sich
hier,
wie allerwärts, nur um Gradunterschiede, und ich entsinne mich,
daß
De Maistres sogar von der französischen Sprache sagt: „Les
mots
ont une vie mystérieuse qui déborde leur acception
précise“
(so ungefähr), und in moderner Zeit haben wir in Leconte de Lisles
indisch-buddhistischen Gedichten schöne, lebendige Beispiele, wie
In Ehrfurcht und Treue der Ihrige
Houston S. Chamberlain.
123-124
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
9. Juli 89. 3 Reichenbachstraße. Dresden.
Sehr geehrtes und wertes Fräulein!
Gegenüber
dem,
was in diesem Augenblick bei Ihnen vorgeht, ist die Nachricht,
daß
ich doch nach Bayreuth werde kommen können, von so verschwindend
kleiner
Bedeutung, daß ich mich eigentlich genieren müßte, Sie
mit dieser Mitteilung zu behelligen. Für einen selber aber steht
eine
solche Tatsache so recht im Mittelpunkt des Lebens, denn ich
gehöre
zu denen, für die Bayreuth einfach ein Lebensbedürfnis ist,
wie
die Sonne den Bäumen, und da empfinde ich es doch als
Bedürfnis
(aus dem einen erwächst ja stets das nächste!), Ihrer hohen
Mutter
und Ihnen mitzuteilen, daß ein gütiges Schicksal mir den
lieben,
warmen, einzigen Sonnenstrahl zu spenden beabsichtigt.
Und während
dieser Bogen nun aus Ihrer Hand in den Papierkorb eine elegante
Parabole
beschreibt, möchte ich Ihnen eine ganze Menge zurufen:
Natürlich
lebe ich Tag für Tag seit dem 24. Juni mit Ihnen, meine Gedanken
sind
zur guten Hälfte, und mein Herz zu neun Zehntel in Bayreuth. Und
da
ich nun einmal von Instinkten und Ahnungen geplagt werde, als wäre
ich das liebe Vieh, so habe ich recht viel gelitten, denn ich habe das
sichere Bewußtsein, daß Ihre Frau Mutter in diesem Jahre
viel
Bitteres, Schmerzliches durchzumachen hat; häufig, inmitten einer
Arbeit oder in ganz entfernten Gedanken versunken, kommt plötzlich
über mich eine unendliche Trauer, eine Verzweiflung ganz
außer
Verhältnis mit meinen eignen friedlich-gleichgültigen
Beschäftigungen,
und da möchte ich gern der hohen Frau mein Mitleid und mein
Glauben
und meine Zuversicht zu Füßen legen. Ich hoffe von Herzen,
daß
sie irgendeinen Shakespeareschen Clown zur Verfügung hat. Indessen
freue ich mich für sie auf das vollständige Gelingen der
Festspiele;
im letzten Augenblick übernimmt ja doch immer der liebe Gott die
ganze
Geschichte. — Jedoch, die Parabole ist längst ausgelaufen; und da
mein Briefbogen doch in den Tiefen des Papierkorbes bereits ruht, so
werde
ich mich mit einem sehr steifen Schluß begnügen.
Ihr herzlich ergebener
Houston S. Chamberlain.
| Zurück zur Hauptseite / Back to main page | |
| Vorwort - Inhaltsübersicht | |
| Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit (1) |
Letzte Änderung am: 16. Juni 2010