Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit
Aus dem Jahre 1888
H. S. Chamberlain Aufnahme aus dem Jahre 1886. Wien |
Cosima Wagner Aufnahme aus dem Jahre 1877. London |
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Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Hochverehrte Meisterin!
(Denn diese
schöne
Anredeweise ist wohl kein Monopol des Herrn Mottl?)
Durch eine
Zerstreutheit,
wie sie meiner würdig, habe ich vergessen, Ihnen zu sagen,
daß
wir gegen Mittag unser kleines déjeuner à la
fourchette
einnehmen. Dies soll Sie in der Wahl Ihrer Stunden nicht im geringsten
beeinflussen — denn ich versichere Sie, daß ich nach unserer
gestrigen
Unterhaltung die liebe, hohe Schutzmauer der Konvention ganz geschleift
fühle —‚ wenigstens I h n e n
gegenüber,
und somit mich nicht im geringsten in der Innehaltung meiner
Gewohnheiten
durch die Erwartung Ihres Besuches werde stören lassen.
Aus tiefstem Herzen
danke ich Ihnen für Ihr so liebevolles Entgegenkommen gegen mich —
den Fremden, den „Wanderer“, wie meine Freunde mich nennen. Könnte
ich Ihnen nur alles sagen, was ich auf dem Herzen habe, Ihnen zu sagen!
Aber ich k a n n es nicht: zum Glück haben
wir beide A u g e n — Augen, welche sehen.
Ihr treu ergebener
Houston S. Chamberlain.
15-16
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Mein lieber Freund!
(So beantworte ich
Ihre freundliche briefliche Anrede, und da ich Sie nicht anders als
einen
Freund betrachten kann, weiß ich auch keine andere Ansprache zu
Ihnen.)
Ich habe Ihnen
eigentlich
nichts zu sagen, nämlich nichts Positives, und doch drängt
mich
mein Gefühl dazu, in diesen letzten Tagen, die ich noch frei habe,
es Ihnen und Ihrer lieben Frau auszusprechen, wie eng ich mich mit
Ihnen
verbunden fühle, und wie unter allen Geschickeswendungen, die mir
noch beschieden sein mögen, ich mich freuen werde, Ihnen beiden zu
begegnen und Ihnen, sei es, meine Freude zu bezeigen oder mein Leid zu
klagen, mag es mir nun glücken, das zu verwirklichen, wovon das
Bild
in mir lebt, oder mag ich ein um so ärgeres Mißlingen zu
erfahren
haben, als dieses Bild sich von allem unterscheidet, was unsere
jetzigen
Kunstgestalten uns entgegenbringen!
Unter unerhört
schwierigen Umständen gehe ich diesen nächsten Festspielen
entgegen.
[Die
erste Aufführung der „Meistersinger von Nürnberg“ im
Festspielhaus
stand bevor.] Ich stand vor der Frage, ob der Schwierigkeit der
Aufgabe wegen und der knappen Zeit, die uns gemessen ist, halber, ich
mich
nicht dazu entschließen sollte, viele von den Forderungen, die
ich
an eine Wiedergabe der Werke stelle, zurückzudrängen und mich
mit einer sogenannt gut klappenden Aufführung zu begnügen.
Ich
kann das nicht und will lieber die Mängel ertragen, welche die
unfertige
Ausführung einer bedeutenden Intention mit sich bringt, also
lieber
eine sehr leicht zu bekrittelnde Leistung herstellen, als mit dazu
beitragen,
den falschen Schein noch zu vermehren. Gott helfe mir, ich kann nicht
anders,
und ich glaube, daß er den Wahrhaftigen hilft, wenn er zuweilen
auch
ein bißchen viel Zeit dazu in Anwendung bringt! — Wie dem allen
auch
sei, so betrachte ich es als einen ungemeinen Gewinn, zu einem Menschen
so sprechen zu können und zu wissen, daß es welche gibt,
welche
das durchempfinden werden, was ich um jeden Preis retten und, wenn auch
nur — der ungünstigen Umstände halber — zum schwachen,
dennoch
zum Ausdruck hier bringen wollte.
Seien Sie mir
gegrüßt
beide, meine neuen lieben Freunde, und bleiben Sie gut Ihrer
freundlichst
ergebenen
C. Wagner.
16-18
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Einige Tage habe
ich,
hochverehrte Meisterin, seit dem Empfang Ihres Briefes
vorübergehen
lassen — wieder sehr wenig impulsiv-künstlerisch, nicht wahr? Der
kindisch-kindlichen Freude über Ihre Worte wollte ich Zeit lassen,
sich zu beruhigen, und dem Bewußtsein des Glückes, Sie zur
Freundin
gewonnen zu haben, Zeit lassen, sich zu vertiefen, sich auszubreiten
und
über Sich selbst zu einiger Klarheit zu gelangen. Die erste
gegenseitige
Pflicht der Freundschaft ist doch — nicht wahr? —‚ den andern so zu
nehmen,
wie er ist; und wenn ich also meinen heißen Drang, Ihnen sofort
aus
tiefstem Herzen für Ihre lieben Worte zu danken, nicht
erfüllen
konnte, so werden Sie sich nur sagen: So i s t
er. Die Empfindung schnell, der Gedanke langsam — die Sinnlichkeit zwar
eine sinnige, aber der Verstand ein so ganz sinnlicher, daß der
abstrakte
Ausdruck langsam gefunden wird — oder auch gar nicht. Und gleich in
diesem
Falle kann ich mir wieder nicht helfen; ich liebe das Wort Dank nicht
sehr
und kann doch kein anderes finden für das, was Sie mir gegeben
haben
durch die Erlaubnis, mich Ihnen zu nähern. Und das muß ich
Ihnen
sagen: Der große Name, den Sie tragen, macht mir jetzt weniger
Eindruck
wie früher. Vielleicht kommt jenes Gefühl wieder;
augenblicklich
hat es wenig Platz neben dem einfach Menschlichen. Jenes einfach
Menschliche,
welches ich nirgends finde, Sie haben es mir doch entgegengebracht,
nicht
wahr? Und ich darf es Ihnen gegenüber in meiner Brust ebenso frei
walten lassen, wie den zwei oder drei Großen — den Freunden —
gegenüber,
die ich, bei aller Verehrung und Bewunderung, immer viel
inniger
l i e b t e, als ich Sie bewunderte oder verehrte. Mit
diesem
Unterschiede, daß ich jetzt einem jener „Traurigsten“ in die
Augen
schauen und seine Hand halten kann. Mitteilen kann man sich doch nie
und
nimmer; aber sich seine ewige Einsamkeit wortlos klagen zu können
— es hat mich so im tiefsten gerührt und so beglückt, —
daß
ich lieber von etwas anderem sprechen will.
Gewiß nur ein
schwaches Bild kann ich mir von den Schwierigkeiten machen, mit denen
Sie
wieder in diesem Jahre zu kämpfen haben. Aber wie edel werden Sie
gelebt haben! Und wie manchen — nie ausgesprochenen — Dank werden Sie
bei
den Besten ernten! Ach, wieviel lieber würde ich das Geringste
für
— und in Bayreuth tun (denn Geldgeben ist das reine Nichts) — etwa
Kohlen
tragen für die Heizung der elektrischen Maschine? —‚ als die
schönsten
Aufsätze der Welt schreiben, wozu mich unser lieber Wolzogen
wieder
auffordert. Nein! Trotz dem, was ich vorhin sagte, ich bewundere Sie
und
verehre Sie doch; selten hat eine Frau eine so entscheidende Rolle in
der
Entwicklung des menschlichen Geistes zu spielen gehabt — und Sie wissen
es und können es.
Eine so
instinktiv-geniale
Natur wie die Ihrige — zugleich erfahren — wird gewiß bald
eingesehen
haben, daß ich Anlage zum Prophetsein besitze? Und zwar als
naturwissenschaftlich
gebildeter Prophet des XIX. Jahrhunderts sind meine Weissagungen
bedeutend
präziser wie die des delphischen Orakels. Ich habe nun vor Monaten
schon gesagt: „Die Aufführung der ‚Meistersinger‘ wird die
mangelhafteste
sein, die je in Bayreuth war — und zugleich die vollkommenste.“ Und
weiter
befragt: „Die Wenigen werden so klar wie noch nie den Unterschied
zwischen
Bayreuth und Nicht-Bayreuth einsehen, und die Vielen werden — ohne sich
mit Erkenntnissen zu plagen — begeistert sein; sowohl künstlerisch
wie materiell wird der Erfolg ungeahnt groß sein.“ So sprach ich
— der Pessimist (wie Sie mich nannten).
Und dies sei für
heute der Abschiedsgruß von Ihrem Sie hochverehrenden und Ihnen
treu
und von ganzem Herzen ergebenen
Houston S. Chamberlain.
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Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Hochverehrte
Meisterin!
— Wie wirklich gut von Ihnen, daß Sie bei mir waren und mich
abholen
wollten, und wie dumm von mir, daß ich im selben Augenblicke bei
meinem lieben Appia saß, der mir erklärte, wie die
verschiedenen
Szenen in den „Meistersingern“ beleuchtet sein müßten, damit
Licht und Musik eine Einheit bildeten.
Zwar hatte ich eine
gute Nacht, aber mein Leiden — die große Schwierigkeit, zu leben
— ist heute noch heftig. Ich muß mich einige Tage sehr in acht
nehmen.
Es ist die alte Geschichte: ich k a n n nicht
im
Verkehr mit zahlreichen Menschen leben; auf die Dauer wird es
buchstäblich
mein Tod. Nicht weil ich menschenscheu wäre, ich glaube im
Gegenteil,
daß es das ungeheure Bedürfnis nach Liebe und Mitteilung
ist,
welches — stets erfolglos im unmittelbaren Verkehr mit anderen —
zurückprallt
und, da der organische Zusammenhang bei mir sehr eng und unmittelbar
ist,
am eignen Leibe zehrt. In der Einsamkeit kann sich jene Liebe
ungehindert
ausdehnen und auch das Rauheste umfassen; da bin ich auch der
glücklichste
Mensch auf Erden.
„Zu der Welt reden
kann man nur, wenn man sie gar nicht sieht.“ Die Menschen lieben kann
man
nur, wenn man gar nicht mit ihnen verkehrt; wenigstens, wenn man unter
Liebe dasselbe versteht wie ich: ein vollkommenes Aufgehen in den
anderen,
ein leidenschaftliches Begehren, ihn in seiner Eigenart zu erkennen und
zu würdigen, ein gänzlich kritikloses Sichversenken in ihn,
ohne
willkürlich-moralischen Maßstab, ohne sich durch
epidermische
Antipathie zurückschrecken zu lassen. Nun kann mich zwar keiner
verhindern
zu lieben; ich selbst konnte diese Kunst noch nicht lernen: die Folge
ist
aber, daß ich in der Einsamkeit mich eine Welt — eine sehr
harmonische
Welt — fühle, in der Gesellschaft meiner Mitmenschen dagegen
furchtbar
einsam, verletzt und überflüssig. Es ist ja ein ewiges Geben
und ein so verschwindend geringes Nehmen: nur die paar, die durch
irgendeine
Seite meines Wesens angezogen, sich an dieser auch genügen lassen.
Wie soll da das Gleichgewicht hergestellt werden? Das eigne Blut
muß
herhalten: das macht Schmerzen und Kopfweh!
Nun sind mir Ihr
Auge und Ihre Hand, verehrte Frau, wie das Kunstwerk — diese sonst so
einzige
Ruhe und Erlösung; wirklich, ich kann sie mit nichts anderem
vergleichen!
Ganz e i n z i g! Ich vermochte aber noch nicht, bis
jetzt, über die anderen völlig hinwegzusehen und nur Sie zu
erblicken.
Im Gegenteil, darf ich Ihnen gestehen, daß das Empfinden von
Ihrer
großen Einsamkeit — geistig und künstlerisch, einer
furchtbar
öden, hoffnungslosen Einsamkeit — mich diese Tage verfolgt hat?
Ein
Gefühl, das doch nur aus dem Beobachten der anderen entstand.
Selbst
im Traume weinte ich darüber. Vielleicht war dies sehr
überflüssig,
und empfinden Sie als Weib manches anders, und nicht so männlich
verzehrend?
Und neben dem vollsten Segen reizender, liebender Kinder sehen Sie sich
jetzt von der Dankbarkeit, der Bewunderung, der ehrfurchtsvollen Liebe
so vieler umringt! Vielleicht aber wies mich das verhängnisvolle
Mitleiden
doch wahr? Gebe ein Gott, daß in dem lieben Wahnfried, wie seit
seinem
Bau, ein mächtiger W a h n noch weiter
wachse.
Diese Zeilen fassen
Sie — nicht wahr? — nicht als Sentimentalität auf. Davon habe ich
kaum die kleinste Spur. Sie sind die Antwort auf Ihre freundliche
Anfrage
nach meinem Befinden!
Ihr dankbarer und ergebener
Houston S. Chamberlain.
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Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Ein jeder
ist
nach seiner Art — und meine Art, hochverehrte Meisterin, war es, eine
Zeitlang
warten zu wollen, ehe ich an Sie schrieb, zu warten, bis Sie und
Wahnfried
und die Festspiele — alles, was man am besten in denn einen Wort:
Bayreuth!
zusammenfaßt, in eine gewisse perspektivische Entfernung
gerückt
wären.
Gestehen will ich
aufrichtig, daß, wenn ich trotz erschwerender Umstände doch
heute schreibe, dies aus dem egoistischen Grunde geschieht, daß
ich
mich so sehr danach sehne zu erfahren, ob (nicht w i e) es Ihnen
geht. Daß Sie wirklich Leben, daß Sie ein Zeitgenosse sind
— mit den Lungen, mindestens, ein Genosse dieser Zeit —‚ es ist zu
wunderbar
und mir — wie manchem anderen — so unsagbar viel wert, daß wir
selbst
nach jener Tat von diesem Sommer, welche so herrlich Ihr Leben bewies —
oder vielleicht auch gerade wegen dieser Tat —‚ uns von bangen Fragen
und
Zweifeln bisweilen beschleichen lassen. — Wenn die ungläubigen
Jünger
W u n d e n zu sehen verlangten, geschlagen von der
Dummheit
und der Bosheit und der Niederträchtigkeit — ich fürchte, es
könnte ihnen leicht gedient werden.
Zum ersten Male
machte
ich vorige Woche ein halbes Dutzend der indessen angehäuften
Zeitungen
auf: als wäre es ein „mot d‘ordre“, von allen Seiten
fällt
man über S i e her. Manches, was ich
über
Bayreuth las, war mir nicht unangenehm — es war ein Trost für das
„Mode-Succès“
von diesem Jahre — und bewies über das Nötige hinaus, wie
sehr
die tiefgehendsten Mißverständnisse das plötzlich
auflodernde
„Verständnis“ für den Wert von Bayreuth erklären. Auch
daß
die alten Feinde — gezwungen, ihren wahren Zweck zu verhüllen —
scharfsinnig
herausgefühlt haben, daß man nur S i
e
zu treffen braucht, um das ganze Gebäude zu stürzen — nun,
das
ist eben Kriegslist. Daß aber die sog. „Wagnerfreundlichen“
Blätter,
diejenigen, denen man glaubt, von denen man denkt, daß ihre
Mitteilungen
auf Tatsachen beruhen — daß diese Blätter Sie als
„Sündenbock“
erwählen, alles, was ihnen gefiel, anderen zum Verdienst
anrechnen,
und alles, was minder gelungen erschien, Ihnen zur Schuld legen —
daß
überhaupt die Leute es sich herausnehmen, von Ihnen in diesem Tone
zu sprechen (sei er auch, wie bisweilen, salbungsvoll beratend und
ermahnend),
es muß einen doch im tiefsten Grunde ekeln.
Ich habe nicht
weitergelesen;
und auch der Ärger ist schon lange beruhigt. Beunruhigend bleibt
für
mich nur die Frage, ob Sie nicht — natürlich nur „par ricochet“
— von diesen Erbärmlichkeiten zu leiden hatten? Und ob Sie es
nicht
mit allzu großer Bitterkeit erfüllt, zu wissen, daß
die
öffentliche Meinung während längerer Zeit in diesem
Sinne
bearbeitet werden wird, daß nichts dagegen getan werden kann? Sie
begreifen mich wohl und wissen, daß ich nur mit der K
ü n s t l e r i n mitleide und nur für sie mich
ängstige;
denn der Künstler braucht Liebe — versagt man ihm die...
Dem
D e n k e r stellt sich die Sache sehr einfach dar: — es
ist
die alte, alte Geschichte der Kreuzigung, welche sich ewig wiederholt
und
sich selbst in den Einzelheiten gleich bleibt — (Ach! um die Monotonie
der Weltgeschichte!) —: die Dornenkrone trugen Sie schon — als einzigen
Schmuck —; jetzt müssen die Knechte Sie anspeien!
Indessen also, ich
traf nicht ein in die „offenen Sprechsäle“, und ich ohrfeigte
niemanden,
sondern ich las alte Bücher, die mich belehrten: „Geduld sei die
heilige
Wissenschaft, Geduld sei die Reinheit — die höchsten Himmel seien
für diejenigen, deren Geduld stets den Zorn im Zaume gehalten...“
(Mahabharata), und ich las moderne Dichter, die Sie verdammen, die mir
aber teuer sind:
Houston S. Chamberlain.
21-25
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Ich entsinne mich,
daß, wie ich im Jahre 81 im November direkt nach Neapel fuhr,
eine
ganz eigentümliche Erfahrung mir zuteil wurde: alles war bei mir,
man kann nicht sagen, in Schnee, sondern in Schnee-Schmutz
gehüllt,
eine Gräue und Schwärze, die ganz unbeschreiblich ist; die
Reise
durch merkte ich keine Veränderung, am Morgen aber wußte ich
nicht, wie mir war (wir waren abends in Neapel angekommen), ich konnte
die Augen nicht aufmachen, ein Gefühl wie von einer Art
Wiedergeburt
bemächtigte sich meiner, und endlich mit einer Heiterkeit, wie sie
nur die Kinder haben, sagte ich mir, es sei ja die Sonne, die meine
Stube
unbewohnbar machte
[wegen der durch ein Augenleiden
hervorgerufenen hochgradigen Empfindlichkeit der Augen gegen helles
Licht];
sie lachte und spielte und übergoß mich mit ihren Strahlen.
Ähnlich ist
es mir, mein Freund, mit Ihren Zeilen ergangen. Ich bin einer solchen
Teilnahme
so lange entwöhnt, daß mein Herz zuerst wie scheu davor war.
Nun ist sie aber wie das wärmende Licht darin eingedrungen, und
ich
freue mich ihrer, und es wird mir wohl dabei. Seit Stein mich
verließ,
hat niemand mit diesem Mitgefühl zu mir gesprochen, und ich dachte
nicht, daß ich noch einmal solche Akzente vernehmen würde.
Dafür
gibt es keinen Dank („welcher die Liebestat aufhebt“), sondern nur
Empfangen
und Erwidern von ganzem Herzen. Dabei haben Sie eine so eigenartige
Weise,
mir Ihr Mitfühlen zu bezeigen, daß ich nicht umhin konnte,
ich
mußte daran denken, wie im vorigen und anfangs unseres
Jahrhunderts
der Engländer als der Typus der Tiefe des Gemütes und der
Ehrenhaftigkeit
gewählt wurde, welcher der Frau Verständnis und Ergebenheit
entgegenbringt,
wie sie in ihrer zarten Lauterkeit als die idealsten Empfindungen
anerkannt
wurden.
Von mir Ihnen zu
sagen, ist nicht ganz leicht. Ich will Ihnen nur gleich gestehen,
daß
ich nach Abschluß der Festspiele viel geweint habe. Große,
tiefe Ergriffenheit über das — unter den erschwerendsten
Umständen
— erlebte Glücken war wohl die Hauptquelle dieser Tränen:
„Nun
danket alle Gott“; dann aber auch, ich darf es nicht leugnen, hat die
Vereinsamung,
in welcher ich in diesen meinen Empfindungen mich fühlte, wohl
sehr
dazu beigetragen, diese Tränen der Begeisterung in Tränen der
Wehmut zu verwandeln. Ich glaube mich noch nie so verlassen
gefühlt
zu haben, als in diesem Jahre. Ich bin mir wie die einzige vorgekommen,
die das Bewußtsein unserer Ereignisse und ihrer Bedeutung in sich
lebendig erhielt. Aber ich habe mir selbst große Vorwürfe
bezüglich
dieser Schwermut gemacht. Genügt es nicht, sage ich mir, daß
ich danach trachte, das Wesen unserer Kunst unverwandt zu schauen;
muß
es selbst nicht so sein, und ist es nicht vollkommen genügend,
wenn
die anderen in ihren Ausübungen von diesem Geiste sich beseelt
zeigen?
Ja, ich mußte mir den Vorwurf machen, selbstsüchtig zu sein,
indem ich es beklagte, außerstand gesetzt zu sein, die
Empfindungen,
die mich belebten, mit denen, die ich als die meinigen im höchsten
Sinne betrachte, teilen zu können.
So ist denn jetzt
große Ruhe bei mir eingekehrt und ungestörte andächtige
Dankbarkeit. Was draußen gesagt wird, berührt mich insofern
kaum, als ich nicht fürchte, daß es die Künstler, die
mir
alle so gut und freundlich gesinnt sind, irremachen wird. Und
draußen
im Zuschauerraum habe ich auch Seelen, die mich mit ihrer Liebe
beglücken
und ermutigen. Es ist ja traurig, daß die Öffentlichkeit so
bestellt ist, wie sie es ist, und gelingt es den Gehässigen
wirklich,
dem Publikum zu beweisen, daß wir in Bayreuth unsere Schuldigkeit
nicht tun, dann sind, glaube ich, edelste Momente des Gemütslebens
brachgelegt. Ich denke aber nicht, daß es gelingt, und — wenn Sie
mir den Scherz zulassen wollen — ich will herzlich gern die Zeche
dafür
zahlen, wenn nur unser Liebesmahl sich erneuern kann. Früher hatte
ich in mir der Bosheit und Beschränktheit gegenüber den
Aberglauben
ausgebildet: sie brächten mir Glück. Das, was in mir seit den
Aufführungen lebt, ist zu tief, um die Ironie aufkommen zu lassen.
Ich weiß mir keine andere Hilfe als wie die, welche mir vom
Parsifal
herkommt, zu welcher sich ganz natürlich dieses Vaterunser
gesellt:
„Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.“
Wir haben in
vollständiger
Abgeschiedenheit diese vier Wochen gelebt. Wir haben ziemlich viel
gelesen,
eigentlich aber nur Goethe und Schiller. Ich wußte nicht recht zu
erklären,
was mir eine große Sehnsucht nach der Dichtung des „Tasso“
eingab,
welche wir dann auch mit der Empfindung lasen, als ob wir sie nie
gekannt
hätten. Vielleicht war es das Bedürfnis, inmitten von so
manchem
Plumpen und Rauhen, was derjenige zu ertragen hat, der in gewissem
Sinne
der Behandlung der Menschen preisgegeben ist, in die Welt der
prästabilierten
Resignation sich zu flüchten, wo die Tragik des Daseins sich nicht
aus den Erlebnissen, sondern aus den zartesten Regungen
sehnsüchtig
schwärmerischer Herzen uns enthüllt. (Was habe ich Ihnen denn
gegen moderne Dichter, die ich gar nicht kenne, sagen können? Das
sieht mir ganz ähnlich, aber erklären Sie sich‘s bitte so,
daß
ich nur mit Büchern mehr lebe und eigentlich keine lese. Daher
kaum
etwas Neues kennenlerne, und entschuldigen Sie nur meine Vorlaufigkeit
und empfehlen Sie mir dann und wann, was Sie gut finden.)
Für den Abend
haben wir den Xenien-Kampf bestimmt, der uns eine wirkliche Erheiterung
und Kräftigung ist. Schillers Unerbittlichkeit und Dreinschlagen
namentlich
sind herrlich, und das Gebaren Deutschlands diesen seinen beiden
größten
Menschen gegenüber wirklich sehr lehrreich. Dazu Schillersche
Gedichte,
die altbekanntesten: „An die Künstler“, „Worte des Wahnes und des
Glaubens“, „Macht des Gesanges“, „Würde der Frauen“; viele
Spaziergänge,
die Revision der soi-disant mit authentischen Regieangaben
versehenen
Klavierauszüge des „Parsifal“ behufs Vermeidung großer
Mißverständnisse
(Tradition!) nach meinem Tode, da haben Sie unser Leben. Darin die
Erbauung
aber die Vertiefung in Jesus von Nazareth [Richard
Wagner, Sämtliche Schriften und Dichtungen, Band 11] ist.
Dieser
reihte sich ganz natürlich an die Legende von Krischna, ein meines
Erachtens sehr dankenswertes Ergebnis einer sehr gründlichen
Kenntnis
der indischen Dichtung und Religion. Schuré schickte mir diese
Arbeit,
und sie stimmte ungemein zu den seelischen und geistigen
Nachklängen,
in welchen wir leben.
Ich will Ihnen sagen,
wann ich in einer ganz prägnant bestimmten Weise Ihrer gedachte,
obgleich
ich gar keinen Grund dafür hatte: Ich kehrte von einem
Nachmittagsbesuch,
den ich der Gräfin Wolkenstein [in
Franzensbad]
zwei Tage nach unseren Aufführungen gemacht, heim; der Morgen war
glänzend, und aus dem Waggon sah ich einzig rötlich
blühendes
Heidekraut an dem Wall und einen ganz blauen Himmel. Ich habe selten
eines
Menschen so bestimmt gedacht, wie Ihrer in diesem Augenblick, wo es gar
keine Gegend gab, aber einen sehr merkwürdigen Farbeneindruck und
eine ungemeine Präzision der Wahrnehmung (vielleicht durch die
Kraft
des Lichtes), obgleich so gut wie nichts wahrzunehmen war. Ich glaube
auch,
daß ich dabei unseres Gespräches über Reisen und
Anderessehen
gedacht habe. Jedenfalls aber erfreute mich der Gedanke an Sie und Ihr
Dasein.
Auf Wiedersehen,
teuerste Freunde! Wie wäre es, Sie besuchten uns einmal in
Bayreuth
ohne Festspiele? Rein, um sich das zu sagen, was man nicht sagen kann,
was aber durch das einfachste Geplauder sich uns aus- und
eindrückt.
Leben Sie wohl, mein
Freund. Dieses Jahr hat mir viel gebracht. Zu dem Wertvollsten darunter
zähle ich Ihr Mitfühlen mit mir. Ich vereinige mich mit
meinen
Kindern, um Sie von ganzem Herzen zu grüßen!
C. Wagner.
25-26
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Seit mehreren
Tagen
frage ich mich, wie es Ihnen und Ihrer lieben Frau geht, mein
hochgeehrter
Freund! Das fallende Laub, der grautraurige Himmel und die große
Stille um mich (meine Töchter sind in Bonn, und ich lebe mit
Siegfried
allein) ließen sorgenvolle Gedanken aufkommen. Doch wollte ich
nicht
schreiben, um Sie nicht zu beunruhigen und Sie nicht zu einer Antwort
in
einer Stimmung zu zwingen, welche vielleicht schreibunlustig ist. Nun
aber
habe ich Sie mit einer vertrauensvollen Bitte anzugehen: den jungen
Kietz,
von dem ich höre, daß er sich gern damit befassen
würde,
zu veranlassen, Skizzen zum „Tannhäuser“ zu versuchen. Er
möchte
vorher alles studieren, was es an antiken Bacchanten-Zügen gibt
(auch
die der Renaissance, z. B. Tizians in Madrid), desgleichen das 13.
Jahrhundert
genau — nach der Seite der Tracht — kennenlernen und dann mir einige
Entwürfe
zukommen lassen. Es wird doch das nächste N e u
e,
was wir bringen, und diese Aufführung will vorbereitet werden.
Sehr
schwierig ist das Kostüm der Venus, mit diesem allein kann mir der
junge Kietz zeigen, ob er Phantasie und Talent hat.
Gern erführe
ich von Ihnen, ob Sie in Dresden den Winter über zu bleiben
gedenken.
Ich habe nicht den Mut, meine Einladung nach Bayreuth zu wiederholen,
weil
unser Klima sehr rauh ist und weil Sie gewiß, wenn Sie Dresden
verlassen,
einen freundlicheren Himmel aufsuchen werden.
Auf Levis Anzeige
(er hat hier acht Tage bei mir zugebracht) habe ich — die ich sonst
keine
musikalische Zeitung in die Hand nehme — Ihren Aufsatz über die
Sprache
[„Die
Sprache in Tristan und Isolde und ihr Verhältnis zur Musik“,
Allgem.
Musik-Ztg. XV/29—31] gelesen und viel Freude daran gehabt. Ich
frug
gleich Wolzogen, warum diese bedeutende Arbeit nicht in unsern
„Blättern“
erschien. Da erfuhr ich denn zu meiner Befriedigung, daß
sie
i m g a n z e n dort erscheinen wird [ist
nicht geschehen].
Nun aber leben Sie
wohl, mein Freund, grüßen Sie Ihre liebe Frau auf das
herzlichste
von mir, und seien Sie in Treue und Ergebenheit von mir
gegrüßt.
C. Wagner.
26-29
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Glauben Sie,
bitte,
nicht und nie, hochverehrte Meisterin, daß ich an sog.
„Schreibfaulheit“
leide — sie ist mir ebenso fremd und verhaßt als jede andere
Faulheit.
Selbstverständlich gehe ich an manchen mir aufgezwungenen Brief
ungern;
aber daß ich Ihnen gegenüber mich „schreibunlustig“
fühlen
sollte, das kann ich mir gar nicht denken. Ich schreibe Ihnen viel in
Gedanken;
und ich glaube, wäre ich fähig, meinen Wünschen zu
folgen,
so würde nur die Achtung vor Ihren hohen Aufgaben und Pflichten,
die
Sorge um Ihre kostbare Zeit mich verhindern, Ihnen unbescheiden oft und
viel zu schreiben.
Nun müssen Sie
wissen, daß ich sehr gern Briefe schreibe: Gedanken und
Gefühle
kann ich oft besser und viel genauer schriftlich als mündlich
ausdrücken,
und es scheint mir, als ob das so harte Wort, das Unbiegsame —
fällt
es nur auf den rechten Boden liebevollen Verständnisses des
Freundes
—‚ dort oft zu einem ganz anderen Gebilde wie ein Samen in warmer Erde
aufgehen kann — der Freund hat es ja, besitzt es, kann es pflegen;
während
im mündlichen Verkehre der — ohnedies vielleicht eiliger
gewählte
und noch weniger entsprechende — Ausdruck verschwindet; und
außerdem
liebe ich Sehr, schriftlich sehr verwickelte oder schwierige
Gegenstände
— geschäftliche oder wissenschaftliche — zur vollen,
durchsichtigen
Klarheit zu bringen (wofür ich entschieden eine besondere Begabung
besitze). Als ich früher 10 und 12 Stunden täglich arbeitete,
habe ich meine Korrespondenz niemals vernachlässigt. Also an
dieser
modernen Krankheit leide ich nicht — Schreibfaulheit! Und zweifelsohne,
könnte ich mich jetzt schon zum „Dilettieren“ als einziger und
genügender
(und durch die Umstände auch moralisch gerechtfertigter)
Lebensweise
resignieren, so könnte ich ein ganz guter Korrespondent sein. Aber
da ist ja gerade der Haken! Skeptizismus und Mystizismus hätte ich
wohl genügend und in wohlschmeckender Mischung, um mich als
kontemplativen
Dilettanten des Absoluten in die Wälder zurückzuziehen; in
Gleichgültigkeit
ohne eine Spur von Bitterkeit (die einzig echte Resignation)
könnte
ich was leisten! Aber gerade deswegen will ich es nicht tun. Gerade
weil
ich überzeugt bin, daß all mein Tun im höchsten Sinne
„gleichgültig“
ist, will ich auch die unschuldige Freude haben, am Strande des Meeres
der Ewigkeit mein Sandhäufchen aufzubauen. Und der wirklich
gesunde
Mensch — wie ich — will vor allen Dingen gesund bleiben; dazu muß
er den gebieterischen Forderungen seiner ganzen Natur folgen, mag er
auch
erhaben darüber lächeln. Und ich will Tätigkeit, Arbeit;
und zwar glaube ich, daß, wie mein Leben sich nun einmal
gestaltet
hat, ich den unbezwingbaren künstlerischen Drang (der den
philosophischen
einschließt) nur in der Naturwissenschaft stillen, ihm nur da,
oder
mindestens von da aus, seine Nahrung verschaffen kann, daraufhin,
daß
er das leistet, was er leisten kann und soll. Diese letzten Jahre waren
eine harte Prüfung — hart, weil ich meine eigenste Natur immerfort
im Zaume halten mußte; aber nie habe ich mich für geschlagen
gegeben, und es hieße ja auf sich selbst Verzicht leisten — ein
eigentümliches
Beginnen!
Aber hier kann ich
wohl diese Erklärung abbrechen? Und wenn ich Ihre schönen
Briefe
lange unbeantwortet lassen sollte, so werde ich wissen, daß Sie
dies
keinem banalen Grund zuschreiben. Aber ich bitte Sie, lassen Sie dann
auch
keine „sorgenvollen Gedanken“ aufkommen! Halten Sie mein Schweigen eher
für ein gutes Zeichen! Und vor allem, zweifeln Sie nie daran,
daß,
wenn ich von jetzt bis zu meinem Tode an Sie schreibe, ich Ihnen
nie
g a n z sagen könnte, was Sie mir gegeben haben.
Daß Sie mein
inniges Mitgefühl, meine Sympathie mit Freud und Leid — mit
anderen
Worten, meine verehrungsvolle Liebe gern entgegennehmen, macht mich
sehr
glücklich — denn ich kann Ihnen nichts anderes geben. Mit
Männern
wie von Stein konnten Sie die ganze Welt der menschlichen Kultur
durchstreifen;
ich könnte Ihnen höchstens von Wurzeldruck [Seine
Schrift „Recherches sur la sève ascendante“ erschien
1897.]
und Foraminiferen sprechen! — („...das Ganze im Kleinsten erblicken.“)
Mein Bedürfnis
nach größter Ruhe und der Konzentration auf einzelne, eng
begrenzte
Gegenstände macht mich Ihre so freundliche und so freundlich
wiederholte
Aufforderung, Sie in Bayreuth zu besuchen, vorerst nur theoretisch —
aber
nicht weniger von ganzem Herzen — annehmen. Gewiß, und eigentlich
selbstverständlich, würde ich glücklich sein, nach
Bayreuth
zu kommen „ohne Festspiele“. Es ist sogar sehr, sehr leicht
möglich,
daß ich mir den Besuch der nächsten Festspiele werde
versagen
müssen; vielleicht komme ich also nach Bayreuth nur unter der
ausdrücklichen
Bedingung, daß es keine Festspiele gebe!
Ihren langen Brief,
in Beantwortung meines ersten Briefes, las ich in der Eisenbahn, in dem
Dampfwagen, der mich in mein liebes Böhmer Land führte. Das
traf
sich doch gut, nicht wahr? Mir schien wenigstens diese sonnig-heitere
und,
wie alles Schöne, über alle Worte melancholische Landschaft
mit
Ihren Worten sehr zu harmonieren. Und dann erzählten Sie mir ja,
daß
Sie gerade in der Eisenbahn an mich gedacht hatten. Sie hatten wohl
etwas
Ähnliches empfunden wie ein genialer französischer Freund,
der
mich sehr liebte, ohne sich klarwerden zu können, was er
eigentlich
an mir hätte, bis er darauf kam: „Vous êtes une
atmosphère.“
Ihr Brief war mir dort oben eine sehr liebe Lektüre, neben
indischen
Sachen, Symonds „Sketches in Italy“. Kietz, der Bildhauer, war
acht
Tage mit uns dort. Ist der Mann gut! Man schämt sich ordentlich!
Ob
er zu den Deutschen gehört, bei denen die Natur einen Anlauf zur
Begabung
genommen hat?
Dank bin ich Ihnen
auch schuldig dafür, daß Sie meinen Aufsatz in der
„Allgemeinen
M. Z.“ gelesen haben. Aber nie fühle ich deutlicher, wie wenig ich
zum Schriftsteller bestimmt bin, als wenn ich merke, wie bar ich jeder
Autoreneitelkeit bin. Daß Sie an einem schönen Herbstmorgen,
als Sie durch eine Heide fuhren, an mich gedacht haben, freut mich
unendlich
mehr, und ist mir überhaupt etwas ganz anderes und Wahreres, als
daß
Sie meine kleine Arbeit mit dem schmeichelhaften Wort „bedeutend“
belegen.
Dennoch kann ich Ihnen aufrichtig danken, denn es ist mir entschieden
lieber,
als wenn Sie sie etwa dumm gefunden hätten. War es Ihnen gar nicht
unheimlich, mindestens unerwartet neu, mich in dieser Gestalt
wiederzufinden?
Daß Wolzogen Ihnen die „ganze Arbeit“ für die „Bayreuther
Blätter“
angezeigt hat, hat mich sehr amüsiert; der Pariser „Gamin“ sagt: „Vas
y voir!“ Eine recht heilsame Lektion ist mir in dieser selben
Zeitung
zuteil geworden; mit Zustimmung des Redakteurs bin ich wie ein dummer
Schulbube
von einem „Fachphilologen“ für diese Arbeit zurechtgewiesen worden
und habe die feierliche Versicherung bekommen, daß ich auch nicht
„in die Vorhalle des Kunsttempels etc.“ eingedrungen wäre;
überhaupt
wird mein Aufsatz als ein Angriff auf die Sprache in „Tristan“
aufgefaßt
— und die Leute haben recht; ich Rindvieh hätte wirklich besser
getan,
draußen auf meinen böhmischen Bergen zu weiden und die
Betrachtungen
über die innigst geliebten Werke, welche mein ganzes Leben und
Fühlen
und Denken ausmachen, zu meinem eignen Vorteil zu wiederkäuen — da
draußen, wo wie für die alten Arier „die ganze Erde eine
heilige
Stätte ist“, wo man glaubt, durch Liebe hellsichtiger zu werden
als
durch Philologie —‚ als daß ich mich in ihre Tempel- und
Tabernakelangelegenheiten
mischte. Selbst der „Dresdener Anzeiger“ soll jetzt von Deutsch-Olympia
sprechen. Da ist es höchste Zeit, daß ich auswandere! — und
diesen Brief wohl auch schließe; — er könnte sonst
interessant
werden. Bitte, hochverehrte Meisterin, lassen Sie mich ganz ungezwungen
schreiben, quand le coeur m‘en dit, — 2, 3 Mal hintereinander
oder
wieder lange nicht; und seien Sie versichert, daß, wenn ich auch
ein sehr glücklicher Mann bin, jede Zeile von Ihnen mich noch um
etwas
glücklicher macht. Bitte, grüßen Sie Ihre Kinder recht
herzlich von Ihrem Ihnen mit tiefster Hochachtung und innigster Liebe
ergebenen
Houston S. Chamberlain.
29
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Hochverehrte
Meisterin,
wo Sie sind, weiß ich nicht — also auch nicht, wo diese Zeilen
(deren
einziger Reiz ihre absolute Zwecklosigkeit) Sie treffen werden. Ihr
Wirken,
Ihr Tun — oder wie man das nennt — für uns alle möchte ich
nicht
durch ein Wort unterbrechen, aber...
Aber zum ersten Male
seit Bayreuth hörte ich gestern etwas; — eine junge Nichte ist bei
uns zu Besuche; sie mußte natürlich in „Lohengrin“
geführt
werden; — und — und weiter gar nichts, was ich sagen kann und darf.
Aber
ich hätte Ihnen die Hände küssen wollen; und ich
hätte
Ihnen a u s t i e f s t e m H e r z
e n danken wollen —
Ihnen in ehrfurchtsvoller Treue ergeben
Houston S. Chamberlain.
29-32
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Seit einigen Tagen
schon will ich Ihnen, teuerer Freund, erzählen, daß Sie mich
in rechte Pein versetzt haben: Ich hatte den Kaiser zu empfangen, Sie
kamen
und besuchten mich, und wir verloren uns in derartigen Gesprächen,
daß bereits der Kaiser vorfuhr und absolut nichts zu seinem
Empfang
(er sollte bei uns speisen), ja, auch meine Töchter nicht bereit
waren.
Dieser Traum hat mir sehr gute Laune gemacht, und ich hätte ihn
Ihnen
gleich mitgeteilt, wenn ich nicht wirklich in lauter
Wirtschaftsnöten
(das ist so der Schweif der Festspielzeit) stäke; dann wollte ich
einen sonnigen Tag abwarten; heute glänzte sie freilich wieder an
unserm Himmel, aber mein Siegfried liegt mir zu Bett, ich weiß
nicht,
ob infolge der unsinnigen Schularbeiten ober durch Erkältung. Da
sagt
mir der Arzt, es würde nichts werden, und so kann ich Ihnen
danken,
und zwar von ganzem Herzen für Ihren lieben Brief.
Das Wort „bedeutend“,
welches ich bei Ihrer Arbeit gebrauchte, müssen Sie gut verstehen,
mein Freund; ich meinte, es hatte für mich etwas zu bedeuten. Die
Erwiderung unter dem Schutzmantel der Redaktion, das ist wieder echt,
und
wie Sie mir von Ihrer wachsenden Abneigung, zu schriftstellern,
sprachen,
gedachte ich meines Vaters, der mit solcher Großherzigkeit zur
Feder
griff, und wenn er auch manchen Irrtum im Urteil beging, doch in jede
seiner
Auslassungen so viel Feuer seines Wesens eingoß, daß sie,
dadurch
bloß, bedeutend wurden. Sie brachten es so weit mit ihm,
daß
er nicht nur nicht mehr schrieb, sondern überhaupt nicht mehr
sprach
und aus einem feurig expansiven Wesen zu einem ganz stillen wurde. Die
Tempelhüter, das sind noch die schönsten. Das sind
diejenigen,
welche zischen, wenn ein naives Publikum am Schluß des zweiten
Aktes
von „Parsifal“ den Zuruf spendet, welcher unter Umständen diesen
Armen,
sich ganz und gar Preisgebenden notwendig ist wie einem lechzenden Tier
ein Schluck Wasser. Ich könnte Ihnen ein Lied von diesen Olympiern
und meinen Erfahrungen mit ihnen singen. Wie gut begreife ich es,
daß
Sie sich nach Ihrer Tätigkeit zurücksehnen und alles
vermeiden
wollen, was Sie zur Wiedergewinnung derselben hindert; sehr gern
würde
ich in Ihrem Fache (von welchem ich auch nicht das Geringste
weiß)
Ihre Schülerin werden. Vielleicht kommt das einmal bei einer
Wiedergeburt.
Sie sagen, Freund,
Sie werden den nächsten Festspielen nicht beiwohnen, aber wenn der
„Tannhäuser“ zustande kommt, dann werde ich Sie bitten, den
Generalproben
beizuwohnen. Ich würde Sie vermissen, wenn es uns glückte,
und
Sie würden mir fehlen, wenn es in meinem Sinne nicht gelänge.
Möchten Sie sich doch recht erkräftigen! Ich weiß
nicht,
warum (oder vielmehr weiß ich‘s zu gut, daß) Dresden
für
mich so etwas ganz besonders Melancholisches — diesmal spricht das
Gemeinte
sich in Ihrer Sprache besser aus — hat; mir scheint die
Bevölkerung
dort ganz besonders un-reinmenschlich zu sein, und die Stadt, so
schön
sie ist, will mir namentlich in der Erinnerung gar nicht zusagen. Ich
teile
dagegen Ihre Empfindung für Böhmen durchaus, und ich erfuhr
kürzlich
mit vieler Freude, daß Mozart für das „Spital“ (das
Orchester
in Wien) ungern zu arbeiten dem Kaiser Joseph erklärte,
während
er auf Prag als den Ort, wo man Musik hörte, wies.
Wenn es nach mir
gegangen wäre, so hätten wir im Jahre 87 wiederholt
(„Tristan“)
oder in diesem Jahr „Tannhäuser“ gegeben. Dagegen war nun alles,
alle
Tempelhüter samt und sonders, welche finden, daß der
„Tannhäuser“
ausgezeichnet überall gegeben wird. Ich habe nachgegeben, indem
ich
in meinem großen Schmerze über diese Nötigung meine
Zuflucht
zu dem vielleicht noch Höheren, als die Erkenntnis, nahm,
nämlich
zu dem Glauben, daß es das beste sei, wenn ich gebrochen
würde.
Der Erfolg unserer diesjährigen Festspiele hat mir mein Nachgeben
gelohnt, aber jetzt ist mir eine Ansicht ungemein erschwert. Mein
Wunsch
wäre es, den „Tannhäuser“ daranzubringen, weil ich ihn
für
unsere eigentliche Bayreuther Aufgabe erachte. Es gilt zu erfahren, ob
wir (wenn wir‘s überhaupt dazu bringen können) den ersten
Teil
mit seiner ganzen Faszination verwirklichen und dem zweiten eine solche
dramatische Bedeutung zu geben wissen, daß er siegreich trotz der
Macht der sinnlichen Einwirkung auch der viel reicheren Instrumentation
bestehe. Ich weiß nicht, wie lange ich noch zu leben und auch
noch
das Augenlicht habe, und da ich glaube, daß mein Gefühl von
diesem Werk sich wohl den mitwirkenden Künstlern mitteilen
würde,
so wünschte ich es aufzuführen. Die praktischen Gründe
sprechen
für eine einfache Wiederholung, die nichts kosten wird,
während
der „Tannhäuser“ unsere paar Groschen aufzehren und niemand
anziehen
wird. So steht es, und nun sage ich mit Carl Maria von Weber: „Wie Gott
will!“
Mein
„schreibunlustig“
mußten Sie mißverstehen; ich wollte zuerst „schreibunselig“
sagen, das schien mir unrichtig, nun wählte ich den andern, ebenso
undeutlichen Ausdruck, indem ich etwa das Unwohlsein als Unlust zum
Leben
auffaßte; derlei kann aber der andere nicht erraten, und es
muß
ihm gesagt werden; daß Sie gern Briefe schreiben, hätte ich
mir schon, und zwar aus dem einen Grunde gedacht, weil ich früher
so unendlich gern Briefe schrieb und noch jetzt ganz dasselbe
darüber
denke wie Sie. Ich habe auch öfters erfahren, daß man im
Gespräch
sich viel weniger sagt; eine Art von Schamhaftigkeit beherrscht einen
da,
mich beeinflußt auch der Gesichtsausdruck meines
Gesprächspartners
bis zum völligen Vergessen dessen, was ich sagen wollte. Dies
alles
schicke ich nur voran, um Ihnen zu sagen, daß ich Ihr Schweigen
immer
verstehen werde, wie alle Ihre Aussprüche einen Widerhall bei mir
finden, ja mich förmlich anheimeln. So Ihre Besorgnis, ob Sie auf
Ihren Brief eine Antwort erhalten würden oder nicht. Von einer
ganz
präsumptuös zuversichtlichen Natur bin ich jetzt zu einem
Wesen
geworden, das sich jeden Augenblick fragt, ob es nicht diesen oder
jenen
könnte verletzt haben. Ich glaube, Sie haben recht, man wird so in
Deutschland, wo es viel Mißtrauen gibt, namentlich gegen zur
Freiheit
und Heiterkeit angelegte Naturen, wie die meinige eine bis zum
Übermute
war.
Nun leben Sie wohl
und sehen Sie es diesen Zeilen nach, wenn sie etwas unruhig ausgefallen
sein sollten; mein Siegfried schläft in der Nähe, er hat den
Tag über in einer Art Halbschlummer zugebracht, und wenn dies wohl
kein beunruhigendes Zeichen ist, so ist die Stimmung doch
gedrückt.
Der Schmetterling an der Nadel kann wohl nicht bänglicher zittern
und zucken, als derjenige, dem das Weh zum Haft wurde.
Gedenken Sie
freundlich
meiner, haben Sie Dank für Ihre Teilnahme und seien Sie dessen
versichert,
was Sie eigentlich aus jeder Zeile dieses Briefes lesen können.
C. W.
PS. Ich muß
Ihnen doch noch sagen, daß der Umstand, daß man Ihren
Aufsatz
g e g e n die Sprache gerichtet, also als Angriff
betrachtet
hat, mich daran erinnerte, daß ein Xenion, welches Schiller gegen
einen Stümper gemacht, auf Goethe gedeutet wurde, was
begreiflicherweise
die beiden großen Männer sehr unterhielt. Ich will
nachschlagen,
ob ich das Xenion finde, dann schicke ich es Ihnen. Ferner muß
ich
noch hinzufügen, daß Sie mir entschieden das
Schreibmaschinieren
lehren müssen, da man damit so schöne Dinge wie
psychologische
Analysen verfertigen kann.
Endlich aber
muß
ich Ihnen jede Originalität absprechen. Denn, wenn Sie jetzt
fürchten,
interessante Briefe zu schreiben, muß ich Ihnen sagen, daß,
bevor Sie auf der Welt waren, ich mich vor Geistreichigkeit
fürchtete.
Nochmals leben Sie
wohl, und wenn ich nicht auf alles so geantwortet habe, wie ich wohl
gewünscht
hätte, es zu tun, so werden Sie sich es erklären. Ich bin
nicht
in Sorge, aber es ist gar, gar still um mich herum, und der Gedanke
vollendet
sich nicht.
33
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Herzlichen Dank,
hochverehrte
Meisterin, für Ihren langen Brief, sowie für die mir durch
Herrn
Walther Kietz übersandten Grüße. Die Nachricht,
daß
es Ihrem Sohne, Siegfried, besser geht, war mir sehr, sehr willkommen;
denn wenn Sie auch versicherten, nicht in Sorge zu sein, so lag doch
eine
eigenartige Stimmung über dem ganzen Brief, die mich traurig und
besorgt
machte.
Heute ist auch ein
Schreiben von dem Aller-Gutesten
aller Menschen [Adolf Groß] eingetroffen,
nachdem bereits ein zweites von dem Aller-Besten
aller Menschen [Agénor Boissier]
angelangt
war. — Dem Ersten werde ich nicht verfehlen, meinen Dank auszusprechen;
an den Zweiten werde ich — sowie der Wind nach Norden sich wendet —
einen
Bericht senden, — an Stelle des Aufsatzes, den er mich in seinem
letzten
Briefe zu schreiben auffordert, als Antwort auf einen sehr heftigen, im
„Nineteenth Century“ erschienenen Angriff.
Heute
buchstäblich
nur eine Frage. Sie wissen, daß ich ein persönliches
Zusammentreffen
von dem Allerbesten mit Ihnen — in seinem Interesse — sehr
wünsche.
Sagten Sie mir nicht neulich, daß Sie bald einmal nach Karlsruhe
gehen würden? Und würde Ihnen diese Gelegenheit nicht eine
passende
erscheinen?
[Zeitungsausschnitt, am Rande aufgeklebt:]
Im
Residenztheater hat Ibsens „Wildente“ bei der Wiederaufnahme einen
mächtigen
Eindruck, teils nach der einen, teils nach der anderen Seite gemacht.
Ein ewiges Muster für alle Theaterkritik!
Ihr in unwandelbarer Treue ergebener
Houston S. Chamberlain.
33-35
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Montag früh.
Ich öffne den
Brief, den ich gestern abend schrieb, um Ihnen den Empfang des Ihrigen
zu melden. Es soll mich sehr freuen, den allerbesten Menschen
kennenzulernen.
Wie recht tun Sie
daran, Angriffe Angriffe sein zu lassen! In der Tat, wir können
nur
positiv verfahren, und möglichst wenig von dem mehr oder minder
gescheiten
Geschwätz zu erfahren, ist mir Lebensbedürfnis geworden.
Neulich
fiel durch einen wunderlichen Zufall, indem ich etwas ganz anderes
suchte,
eine Schachtel „feiner“ Wichse mir in die Hand; es ekelte mich ein
bißchen
an, und so ist mir fast physisch bei der Zeitungsschwärze. Aber
das
Stück nach zwei Seiten, wie der Januskopf, ist doch sehr
schön,
fast ebenso schön, wie die Inschrift in dem „Deutschen“ (c‘est
tout dire) Theater in Berlin: „Natur und Kunst sind eins“. Wolzogen
hat mir das kürzlich erzählt und mir durch diese
eigentümlichste
aller ästhetischen Sentenzen viel Erheiterung zugeführt; das
nennt man doch Probleme lösen, oder vielmehr wie den Gordischen
Knoten
durchhauen.
Mich wollen diese
letzten schönen Herbsttage nicht sehr erfreuen, sie haben für
mich etwas Trügerisches, Geschminktes; und das noch festklebende
fahle,
gelbe Laub sieht mich wie eine eigensinnige Schwäche an. Siegfried
ist jetzt in der Schule. Das ist das erste, wenn er klein bißchen
wohler ist, doch will ich Gott danken, daß ich keine eigentliche
Krankheit an ihm durchzumachen hatte, und will hoffen, daß dieses
letzte Schuljahr mir nicht zu lang erscheint.
Die Legende von
Buddha,
von Schuré erzählt, hat mich nun etwas mit dem
Neu-Buddhismus
bekannt gemacht; eine große Konfusion, wie mir scheint; und
wiederum
scheint ein großes Wesen nur gestrahlt zu haben, um die
Köpfe
um so verwirrter zu machen, ähnlich wie Kolumbus seine Entdeckung
zugunsten der entsetzlichsten katholischen Tyrannei durchführte.
Daran alles aber
wollen wir nicht denken, und ich glaube kaum, daß ich, wie ich
zuerst
beabsichtigte, Schuré nur eine Silbe sagen werde.
Der Rienzi
beschäftigt
mich (wegen Karlsruhe, wo er Mitte Dezember aufgeführt wird) sehr.
Ich lese seinetwegen den Roman von Bulwer und freue mich der guten
Gesellschaft,
in welcher ich mich dabei befinde. Es ist mir, als ob ein vornehmer
Mann
mit mir über ein Thema, welches er Sehr gut kennt, spräche.
Ich denke daran,
mir so eine Schreibmaschine wie die Ihrige anzueignen; muß man
sehr
geschickt sein, um sie zu handhaben? Und wollen Sie mir Unterricht
darin
geben, wenn ich nach Dresden komme? Die allerherzlichsten
Grüße
gehen mit diesen Zeilen zu Ihnen.
C. W.
35-38
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Dresden, 3 Reichenbachstraße, 8. Dezember 1888.
Gewiß
hätte
ich schon längst Ihnen geschrieben, hochverehrte Meisterin, wenn
nicht
die Notwendigkeit, mich auf anderer Hilfe zu verlassen, noch so
ungewohnt
gewesen wäre, daß die Tageseinteilung ungeschickt ausfiel
und
das Vorgenommene einen Tag nach dem andern nicht zur Ausführung
kam.
Es ist doch gut, daß für den Einsichtigen körperliche
Leiden
fast stets zu den schönsten Erfahrungen führen. Das habe ich
— an mir und an anderen — immer wieder gesehen. Ich meine, die Menschen
haben viel mehr Herz als Kopf; ist ein Leiden nur sichtbar, kann es von
anderen begriffen werden, so findet man überall herzliches und
tatreiches
Mitleiden. Mehr kann man auch wirklich nicht verlangen, und ich glaube,
daß in diesem Sinne es gut ist, wenn Auserlesene, welche leicht
jeden
sympathetischen Zusammenhang mit den Mitmenschen verlieren, durch
körperliche
Leiden an diese gewiesen werden, und nun bei ihnen in hohem Maße
und in entzückender Natürlichkeit dasjenige finden, was ihnen
als letztes Ergebnis transzendenter Spekulation erschienen war. Meinen
Sie nicht?
Zum Kapitel
„Glück“
finde ich die Vereinsamung eigentlich das einzige ganz berechtigte
Unglücks-Motiv.
Alles übrige dürfte in einer — von einem gewissen Standpunkte
aus unweisen — Willensrichtung begründet sein. Und wie sollte die
gänzliche Vereinsamung heute noch möglich sein? Neulich fiel
das Wort B e e t h o v e n im Gespräch.
Und
ich gestehe, daß ich jenes Gefühl von Seligkeit, welches oft
mein Herz erfüllt und mich gleichermaßen in den Himmel
erheben
zu wollen scheint, zum großen Teil diesem Manne — diesem in das
tiefste
Herz eingeschlossenen Freunde — verdanke. Welches Leid kann als solches
gelten, wenn man durch dasselbe diese Kunst erworben hat? Und wie wahr,
wie wirklich in Fleisch und Blut übergegangen mir diese
Empfindungen
sind, erhellt aus einem schönen Traum, den ich vor zwei Jahren
etwa
träumte, und der mir als ein teuerster Besitz geblieben ist: Ich
war
allein mit Beethoven; er spielte mir viel — wir sagten kein Wort —‚ es
waren die Tongedichte, die ich am meisten liebte und kannte; da wendet
sich Beethoven zu mir und sagt: „Jetzt aber werde ich Ihnen die Sachen
spielen, die keiner je gehört hat, noch hören wird, weil die
Menschen sie nicht verstünden, Ihnen aber will ich sie spielen,
denn
Sie werden verstehen!“ — Und er spielte. — Finden Sie nicht sowohl den
Traum wie auch die naive Selbstschätzung im Traume gleich
rührend?
Gestern tat ich das
Unglaubliche: in ein Konzert ist es mir fast unmöglich zu gehen,
aber
damit meine Nichte auch symphonische Musik zu hören bekäme,
führte
ich sie in eine Probe! Nach einem fürchterlichen Brei von Brahms
die
Pastoralsymphonie! Muß man nicht Gott danken, daß man
geboren
wurde, wenn man so etwas hört? Da war ich wieder einmal so
glücklich
wie ein Schaf auf den „prés salés“ der Normandie!
— Merkwürdigerweise war gestern der ganze Mensch
zusammengeblieben,
und während die Seele mit Beethoven schwelgte, hörte der
Verstand
nicht auf, seine kritische Tätigkeit zu üben. Der
Ärmste,
er hatte was zu tun! Schauerlich, schauerlich ging es zu. Die breite
Melodik
in die Zwangsjacke eines metronomischen Einszweidrei gedrängt und
verkrüppelt; und die derben Bewegungen und Juchhes der Bauern zu
einem
Hoftanze geglättet! — Zu Hause angekommen, suchte ich im
Klavierauszug
nach und frug mich, ob Beethoven wirklich nur zum Zeitvertreib die
kleinen
Dächer auf die Noten der schwachen Taktteile im Tanze gezeichnet
hat?
Es war der Herr Hofrat, der dirigierte. Wenn ich an die ihm
möglicherweise
bevorstehende Tätigkeit denke und anderseits Ihre Aufgabe in
diesem
Falle mir vergegenwärtige, so tröste ich mich und
schöpfe
Hoffnung aus den Worten eines Klavierlehrers zu mir, als ich einmal so
verwegen war, drei Monate lang Stunden zu nehmen: „Die besten
Schüler
sind diejenigen, die, wie Sie, gar nichts wissen!“ — Der Hofrat
befindet
sich im nämlichen Falle, wie mir dünkt.
Selbst wenn ich‘s
könnte, so möchte ich Sie nicht gegen diesen Mann einnehmen;
übrigens bin ich so fest überzeugt, daß unsere beider
Empfindungen
ihm gegenüber sehr ähnlich sind, daß weitere Worte
überflüssig
wären. Nur eine Sache macht mir Sorge, wirkliche Sorge um Sie, das
sind die Eindrücke, die Ihnen nicht erspart bleiben können
bei
einem ersten Zuhören, und die mir recht schmerzliche sein zu
müssen
scheinen. Vorbereitet sein ist schon eine große Hilfe; und da
will
ich Ihnen heute nur ein einziges kleines Beispiel geben, welches
für
Sie — contiendra des volumes: In der „Walküre“ [III. Akt,
3.
Szene, bei Brünnhildes Worten: „...ihm innig vertraut...“],
Klavierauszug
S. 246, Z. 2 von oben, findet im dritten Takt ein Krescendo im
Orchester
statt, welches p l ö t z l i c h (mit dem
Anfang des 4ten Taktes) in ein Piano übergeht (wie hätte sich
Beethoven gefreut!). Hier folgen Kapellmeister und Kapelle dem sehr
natürlichen,
aber banalen und verbrecherischen Instinkte, diesen Pianoakkord als ein
Forte aufzufassen, als die direkte Fortsetzung des Kreszendos —! Wer
über
eine solche Vergewaltigung eines göttlichen Gedankens nicht sich
entsetzt
— nun, lieber nichts sagen — lieber denken an „he who never speaks,
and who never is surprized, he is my self within the heart, greater
than
all these worlds, greater than heaven“ —‚ Und siehe da, alle
Hofräte
sind verdunstet, und die gute Laune lächelt wieder hell und klar.
Ich bekam gestern
einen Brief von Herrn Boissier und schicke ihn Ihnen einliegend — nicht
etwa, weil er etwas besonders Interessantes enthielte, sondern weil
fast
jeder Satz merkwürdig charakteristisch für den Mann ist.
Rührend
ist das „la cause est gagnée et je suis convaincu que ce
n‘est
plus qu‘une affaire de temps“. Was das ce wohl für ein
Ding sein mag? — Auf meine Auseinandersetzungen betreffs einer
Gesamtübersetzung
der Ges. Schriften erwidert er, wie Sie sehen, nichts! Alles von der
Zeit
erhoffen! — Dagegen erfahre ich von einem sehr ernsten und schon
ziemlich
gereiften Vorhaben, „O p e r u n d
D r a m a“ zu übersetzen. Sie wissen, daß ich
ein
Gegner solchen Stückwerks bin; außerdem würde ich nie
bei
dieser Sache persönlich für ein Unternehmen mich
interessieren
können, welches eine Verlagsspekulation ist. Indessen würde
ich
nicht ungern Ihre diesbezügliche Meinung wissen. — Ich kann
augenblicklich
nicht weiterdiktieren und habe doch mehrere Punkte noch nicht
berührt.
Ich hoffe auf eine recht baldige Fortsetzung und sage für heute:
Leben
Sie wohl — mit vielen Grüßen von meiner Frau
Houston S. Chamberlain.
38-39
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Verzeihen Sie mir,
wenn ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, gleich heute mein
Geschwätz
weiterführe.
Ich fing neulich
auch an, Schopenhauers
„Über Geistersehen“ zu lesen, prallte aber bald ab, da es mir
manchmal, ich gestehe es, nicht leicht wird, mich mit der Person dieses
Denkers abzufinden. Wie jene nämliche
Çândogya-Upanishad
sagt: „One who does not obtain bliss, does not perform duties
(nach
der deutschen Übersetzung: vollbringt nicht die Tat). Only he
who
obtains bliss, performs duties.“ Und bisweilen hat mir der gute
Sch.
doch gar zu wenig „bliss“. Darum wandte ich mich an meinen
lieben,
alten — mir auch persönlich immer sympathischen — Kant (dessen
gemischte
Schriften ich das Glück habe, in einer Ausgabe des vorigen
Jahrhunderts
zu besitzen) und lese seine „Träume eines Geistersehers“ — oder
vielmehr
lasse es mir von meiner kleinen Nichte vorlesen, was dem armen Dinge
nicht
gerade leicht wird. Nebenbei gesagt finde ich es einen großen
Vorzug
von Kant, daß er seine tiefen Gedanken in eine nicht zu klare
Form
kleidet (vgl. Beethoven!); schimpfe darüber, wer will. Es war mir
sehr interessant zu sehen, daß er in einem wichtigsten Punkte
vollständig
mit mir übereinstimmt — daß nämlich, ganz abgesehen von
der Natur aller dieser Erscheinungen, welche ebenso „impregindicata“
bleiben soll wie die päpstliche Frage in Italien, immerhin
feststeht,
„daß ein solcher Zustand, da er ein verändertes
Gleichgewicht
in den Nerven voraussetzt, welche sogar durch die Wirksamkeit der
bloß
geistig empfindenden Seele in unnatürliche Bewegung versetzet
werden,
eine w i r k l i c h e K r a n k h e i
t
anzeige“. Zunächst als Norm für weitere Untersuchungen und
namentlich
auch als Richtschnur für die Handlungen des praktischen Lebens ist
dieser Satz wichtig und genügend. Möge immer eine tiefe
Wahrheit
in jener alten Anschauung liegen, nach welcher die Irrsinnigen
Lieblinge
der Götter seien — ich optiere für die Vernunft.
Übrigens
hat ein Satz Schopenhauers in dem vorhin genannten Aufsatz mich
völlig
stutzig gemacht — und ich entsinne mich, daß ich deswegen
speziell
nicht weiterlas. Er meint, die Generatio aequivoca käme
gewiß
bei P a r a s i t e n vor! Vielleicht
können
Sie die Enormität einer solchen Anschauung nicht ganz fassen?
Immerhin
müßte auch Ihnen es wunderbar scheinen, daß gerade
Wesen,
deren Existenz die von anderen voraussetzt, auf diese Art entstehen
sollten
— und was wäre denn damit gewonnen für die Erklärung des
Lebens? Außerdem zeigt die Wissenschaft täglich deutlicher,
daß selbst die reduziertesten Parasiten hochorganisierten
Tierordnungen
angehören: der Parasitismus ist eine Degeneration — na! wovon
schwatze
ich jetzt schon wieder? Nächstens wäre ich bei den
früher
— wie Pegasus — geflügelten Flöhen angelangt!
Es gäbe noch
mehrere Punkte, über die ich schreiben möchte; aber ich
fühle,
daß ich unbescheiden werde — Sie haben Wichtiges zu tun.
Vielleicht
bei anderer Gelegenheit? Dann sage ich Ihnen auch etwas über
„Tannhäuser“,
dem ich gestern — hinter einer blauen Brille kampiert — beiwohnte;
wobei
ich nicht umhin konnte, manches zu denken — vor allem, daß ich
Sie
verehren und lieben mußte, daß Sie so wacker und unentwegt
an dem Vorsatz festhalten, dieses ewig herrliche Werk in Bayreuth
aufzuführen.
Ja, das muß sein!
Ihnen in Ehrfurcht und Treue ergeben
Houston S. Chamberlain.
40-45
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Sie haben mir ja
ganz
herrlich geschrieben, und obgleich ich das Schreiben jetzt
einigermaßen
verschworen habe, kann ich es nicht lassen, Ihnen zu antworten und mein
größtes Blatt Papier hervorzusuchen, ohne recht zu wissen,
ob
mein armer müder Kopf irgend etwas hergeben wird, aber in einem
gewissen
dunklen Dranggefühl, daß ich Ihnen enorm viel zu sagen habe.
Sie nehmen Ihre
Erkrankung
auf so gute Weise und gewinnen ihr eine so schöne Seite ab,
daß
Sie mir den Mut nehmen, zu Ihnen darüber zu klagen. Als Pascal es
aussprach: „La maladie est le véritable état du
chrétien“,
hat er vielleicht auch nicht bloß der Ertötung der Begierde
durch sie, sondern der Gelegenheit gedacht, welche durch sie den
anderen
gegeben wird, sich sinnig-liebevoll zu erweisen. Gesteh‘ ich‘s doch,
daß,
obgleich das Erkranken eines meiner Kinder mir der schauderhafteste
aller
Gedanken ist, im Augenblick der Pflege etwas über mich kommt, was
mich gleichsam in mein Element versetzt, mir ein ungekanntes
Gefühl
meiner Kraft gibt und mich völlig (n‘en déplaise
Ihrer
Wissenschaft!) in einen hellsehenden Zustand versetzt. Und die Stille
ist
bei dieser Tätigkeit so wohlig. Nur erspare es einem Gott, den
Augenblick
durchzumachen, wo man sie machtlos zu glauben beginnt. —
Das ist nun alles
schön und gut, und wie gerne gebe ich Ihnen zu, daß man bei
der Anhörung der „Pastorale“ glücklich ist, sich in die
Heimat
zurückversetzt fühlt, aus welcher wir kommen, und die
gewiß
die Unschuld ist, und zu welcher wir durch den Lebensweg
zurückkehren,
Unendlich lieb ist es mir, von dem Wissen des Glückes und von der
Lebenslust zu vernehmen. Ja, es erscheint mir als das eigentlich
Natürliche,
und ich meine, daß, solange wir atmen und sprechen, wir
eigentlich
nichts anderes zu betätigen hätten. Allein, „Sie himmlischen
Mächte“ treiben es wunderlich mit uns. Es ist, als ob sie nichts
so
ärgerte als diese Kraft im Menschen, und als ob der Auslaut des
Wortes
selbst — Glück — den Schlag uns verkündete, der allem
Wohlsein
auf dem Fuße folgt. Entsinnen Sie sich des „Glücke“ in
Tristans
Mund, am Schlusse des I. Aktes, es ist mir wie eine ganze Revelation
der
Welttragik gewesen.
Dies führt mich
— etwas mittelbar — zu Monsieur Boissier, der die Dinge gemächlich
nimmt. Ich denke, wir nehmen sein „ce“ als die Silbe „om“ der
Inder,
das „es“, was allen Göttern voranging, und über welches die
Weisen
in Andacht sich vertieften. Jedenfalls ist dieses „ce“ sehr
viel
umfassend, denn ich glaube nicht, daß es bloß das mit der
Zeit
zu erwartende von Mr. B. in unserer Sache bedeutet. Bitte sagen Sie ihm
aber, daß ich mich zu jeder Zeit freuen werde, ihm zu begegnen,
denn
die Teilnahme, die er uns bezeigt hat, ist — unter den Gegebenheiten —
etwas ganz Außerordentliches, wofür ich ihm für alle
Zeiten
dankbar bleibe.
Ich muß nun
sehen, wie ich, sehr einsam, mich nun durchhumpele. Betrachte ich die
Größe
der Aufgabe und das, was unsere Sache eigentlich zu sein hätte,
und
die vorsichtig geschäftliche Art und Weise, mit welcher ich
gezwungen
bin, dieselbe zu behandeln, so ist mir ganz erbärmlich zumute; und
nur das nicht anders Können („où la chèvre est
attachée,
il faut qu‘elle broute“) hält mich davon ab, allem Valet zu
sagen,
mich mit meinen guten Kindern aufzumachen und an einem milden Ort der
Luft,
der Sonne und der Beschaulichkeit zu erfreuen.
Da sind wir also
sehr weit von dem kategorischen Imperativ, von Kant, von dem Sollen,
und
dicht bei Schopenhauer, dem Müssen. Denken Sie sich, daß ich
Ihre Empfindung Sch. gegenüber vollkommen verstehe, und daß
Sie für mich, in der Segenslosigkeit dieser Erscheinung,
merkwürdig
das gefaßt haben, was sie mir lange abstoßend gemacht hat.
Ich bedaure aber Sehr, daß Sie die Abhandlung über das
Geistersehen
nicht bis zum Schlusse gelesen haben. Daß er einen
wissenschaftlichen
Irrtum (versteht sich, kann ich denselben gar nicht fassen) begangen
hat,
hat doch gar nichts auf sich, denn seine Erklärung dieser
Phänomene
— ich meine Hellsehen usw. — beruht in der Durchführung der
Erkenntnis
von der Idealität von Zeit und Raum. Und — um auf das Segenslose
zurückzukommen
— glauben Sie, daß es möglich sei, daß einem die
Sendung
werde, den Schleier der Maja zu zerreißen, und zugleich auch
einem
das gütige Lächeln begiftet werde, mit welchem man sich
dieses
Schleiers erfreut? Betrachten Sie schon die Umstände, unter
welchen
solch ein Wesen geboren wird; der hyperstrenge Vater, die geistreiche
Mutter,
die sich in seinem Betreff dümmer benimmt als die dümmste
Gans;
die Unfähigkeit der Anknüpfung mit den Menschen zu einem
Grade,
die selbst das größte Genie abstößt; endlich das
Besessensein von seinem Gedanken — der einzigen Möglichkeit der
Welterlösung
— in so übermächtiger Weise, daß alles, was diesem
Gedanken
sich zu widersetzen schien — wie z. B. unser armes weibliches
Geschlecht
und auch Schiller, der ihm durch seinen Glauben an das Gute und durch
sein
unermüdliches Trachten, dasselbe verwirklichen zu helfen, geradezu
widerwärtig ist —‚ ohne Gnade und Barmherzigkeit niedergeworfen
wurde.
Nie ist es Schopenhauer eingefallen zu sagen, man solle nach seiner
Lehre
handeln; auch hat er sich durchaus nicht als Offenbarer ausgegeben;
als
S o n d e r e r, Chemiker bezeichnet er sich und setzt
darin
sein größtes Verdienst. Leidenschaftlich bis zum Exzeß
hat er seine ganze Person in einer Weise preisgegeben, wie ich kein
zweites
Beispiel weiß. Nun sind gewiß Schleier und Hüllen das
Wohltätige, aber wenn nun einmal die Natur solch ein Wesen will,
es
so ausstattet, daß wir, selbst wenn wir es mit anderen
Größen
vergleichen, staunen müssen, sind wir es uns da nicht schuldig,
unsere
Aversion zu überwinden — („alter ekliger Kerl“ nannte ich ihn
früher
sans
façon) — und zu ergründen zu suchen, was die Natur
durch
eine Solche Schöpfung uns zu sagen hatte? Auch hat für mich
die
Genialität aller seiner Anschauungen etwas absolut
Hinreißendes.
Freilich — was ist sein ganzes Denken und Schauen gegen 10 Takte der
Pastoralsymphonie?
Man glaubt, die Melancholie Dürers, gegenüber dem Liebeskusse
inmitten der weidenden Herde auf dem Bilde [von
Palma
Vecchio], welches Sie gewiß aus der Dresdener Galerie
kennen,
zu gewahren. Aber wer hätte diese Melancholie nicht in sich lebend
dumpf empfunden? Und wer zu ihrer Entbindung aus uns verhilft, sie uns
betrachten läßt, wäre der nicht ein Wohltäter auf
dem schweren Wege, wo uns so verschiedenartiger Beistand so
vonnöten
ist?... Freilich bleibt der Traum fast der schönste Beistand, und
wie göttlich ist der Ihrige gewesen! Liebt man doch seine
Träume
wie der schaffende Künstler seine Werke. Mir geschah es
öfters,
daß, wenn das Leben mich zu stark niederdrückte, die
wunderbarsten
Träume mir zu Hilfe kamen und mir gleichsam ein zweites Leben
schenkten.
Jetzt ergeht es mir nicht so, nur sah ich neulich Luther sterben, wobei
ich mir auch eine kolossal naive Überschätzung nicht
verbergen
kann, da mir sein Schwanken zwischen Beschauung und Aktivität (die
sogenannten Anfechtungen) sehr gegenwärtig und mir zu einer Art
von
wunderlichem Trost geworden sind. Viel lieber aber sähe ich und
hörte
ich Beethoven. Doch dafür muß man Zu-Friedener sein, als ich
es jetzt sein kann.
Eva erinnert mich
eben daran, daß ich vor einigen Jahren träumte, ich
sähe
Schiller und Goethe in einem Bette, und Goethe nähme derart die
ganze
Breite egoistisch ein, daß für den armen Schiller kaum mehr
Platz übrigblieb, was mir natürlich die größte
Teilnahme
erregte.
Da muß ich
Ihnen eine Anekdote über Beethoven erzählen, die ich von
meinem
Musiklehrer habe, Monsieur Séghers (Belgier, führte zum
erstenmal
die „Tannhäuser“-Ouvertüre in Paris auf), Schüler von
Bériot,
welcher einmal in Wien das Glück hatte, mit Beethoven bei
irgendeinem
vornehmen Tische zusammenzusitzen: nach dem Mahle, an welchem B. keine
Silbe gesprochen, bat sich Bériot die Gunst aus, den Meister
nach
Hause zu begleiten; mit einem Kopfnicken gab dieser es zu; vor einem
auf
der Straße liegenden Todbetrunkenen brach Beethoven das
Schweigen,
indem er sagte: „Elle est heureuse, cette brute.“
C. W.
„Duties“ will mir gar nicht brahmanisch, eher Max Müllerisch erscheinen, denn hier ist doch die Gnade gemeint, welche mit den Pflichten ungefähr so viel zu tun hat wie mit dem Staate. Wenn Sie einmal viel Muße, viel Überschuß, viel Andacht haben, lesen Sie doch von Stein den „Tauler und der Waldenser“. Ich glaube nicht, daß man schöner den Zustand der Gnade und die Glückseligkeit hienieden schildern kann. Gewiß haben die Menschen mehr Herz als Phantasie, sie müssen s e h e n.
45-46
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Daß ich
nicht
schon längst auf Ihren schönen, langen Brief vom 12. Dezember
antwortete, werden Sie, hochverehrte Meisterin, gewiß richtig
gedeutet
haben — täglich hätte ich es tun und mit Ihnen von allem
Denkbaren
und Undenkbaren plaudern wollen; da ich aber die schöne Sitte des
Briefzerreißens gar nicht übe, sondern stets darauf
losschwatze
— comme le coeur m‘en dit — und schleunigst den noch „ganz
warmen“
Brief in den Kasten werfe, so empfand ich es als eine Pflicht, Sie zu
schonen.
Und nun kam das Weihnachtsfest heran, das eigentliche F a m
i l i e n f e s t, ich dachte viel daran, daß Sie in
dem schönen, lieblichen Baden waren und alle Ihre Kinder um sich
herum
hätten, und ich hoffte, daß Sie den strengen Befehl zu Hause
gelassen hatten, keine Briefe nachsenden!
Vielleicht aber,
daß diese Consigne jetzt gehoben ist? Diese Zeilen
verdienen
es, wenigstens, eine Ausnahme zu bilden, denn mein heroischer
Entschluß,
Sie mit einer (dennoch immer drohenden!) Plauderei über
Schopenhauer,
Kant, Geistersehen, Beethoven, meinen neulichen Traum von Ihnen und
Ihrer
Entdeckung eines „Wahrheitshemdes“ (!!!), mit einem schonungslosen
Angriff
auf Ihre Meinung, daß die alten Inder einen dem unsrigen
verwandten
Begriff von der „Gnade“ hatten — über Bescheidenheit, über
erlebte
Theateraufführungen etc. —‚ meinen heroischen Entschluß, Sie
mit dem allen zu verschonen, werde ich doch wahrlich nicht in dem
Augenblicke
aufgeben, wo Sie Neujahrsgratulationen und dgl. zu erledigen haben. („L‘éternel
rêve d‘arriver à se chuchoter un jour de mutuelles
félicitations
sur cet état de choses“ — wie mein lieber Laforgue sagt.)
Nein! Ich habe eine
Frage an Sie zu richten. Vom Aller Besten
[Agénor
Boissier] bekam ich heute ein paar Zeilen, die mir — zum
erstenmal
seit lange — wirkliche Freude machten. Zwar enthielten sie gar nichts
von
Belang, sie atmeten aber eine frischere, gesundere Luft. Er
erwähnt,
daß er „avec enchantement“ fortfährt, den
Briefwechsel
[zwischen
Richard Wagner und Franz Liszt] zu lesen, und das wird auch die
Erklärung dieses entschiedenen Wechsels in der Stimmung sein.
(Hätte
man doch erst alles französisch!) Und nun frägt er nach dem
Datum
jener „Tristan“-Aufführung in Dresden, von der er neulich sagte,
er
werde nicht hinkommen können. Ich bitte Sie, mir gefälligst
sagen
zu wollen, ob jenes Projekt noch besteht?
Da ich gestern den
„Tannhäuser“ wieder hörte, so schreibe ich ausführlich
an
Boissier hierüber; — gar nicht ein Plädoyer für
Bayreuth,
sondern über die Aufführung etc. — Erst jetzt bin ich mir
selber
ganz klar geworden über mehrere prinzipielle Punkte betreffs der
Aufführung
der „ersten Trilogie“, etc. — Heute waren wir nachmittags bei den
guten,
lieben Kietzens. Der junge Mann hat in den Zeitungen gelesen, daß
eine Musteraufführung des „Tannhäuser“ stattfinden soll in
Karlsruhe!
Da die
Schreibmaschine
doch gerade aufgezogen ist — soll ich ihr aufgeben, Ihnen
Neujahrswünsche
zu überbringen? Es ist nicht etwa, daß ich das Banale
fürchte
— darüber wurden wir ja bereits in einem Zwischenakt von
„Parsifal“
einig. Was ich aber sagen möchte, könnte ich kaum „chuchoter“,
und was ich aus tiefstem Herzen täglich bete, wofür ich Ihnen
täglich danke, was ich täglich für Sie hoffe — das
erzählen
Ihnen gewiß die Engelein, nicht wahr?
Trotz alledem will
ich nicht ermangeln, Ihnen und Ihren lieben Kindern meine herzlichsten
Wünsche für das neue Jahr zu senden.
Ihr ganz ergebener
Houston S. Chamberlain.
47-48
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1888.
Ich hatte Sie mir
zum Silvestertag reserviert, Freund, nun bin ich von dem dümmsten
Leiden — Zahnweh — heimgesucht und kann nur Notizen senden.
„Tannhäuser“
— Karlsruhe? Ein Zankapfel zwischen Mottl und mir; ich wollte nicht,
daß
er die neue Szene gäbe, weil sie in Karlsruhe unmöglich; nun
tut er es doch (der — Musiker!), als ich aber sagte, ich würde
kommen,
um mir die Wirtschaft anzusehen, sagte er: dann würde er sich den
Arm verstauchen.
Das Ergebnis meiner
Reise war — ein Maler! Welcher mich es begreifen ließ, daß
Goethe jedes Zeichnen höher hielt als alle Literatur. Denn da ich
ihn mit Gottfried Keller vergleichen wollte, empfand ich, wie das
Gestaltete
höher als alles G e s c h r i e b e n e
steht.
(Hans Thoma in Frankfurt hat Illustrationen zum „Ring“ gemacht;
vielleicht
dem Allerbesten zu empfehlen?) Am Ende trägt mir diese Bemerkung
einen
schonungslosen Angriff zu?... Ich hätte also was Dummes über
Indien gesagt? Wundert mich nicht. Am Ende aber — dies die Zuflucht
aller
Dummen! — haben Sie mich nicht verstanden?...
Auf Ihren Traum biete
ich Ihnen ein Paroli; in der Nacht vor der Ankunft Ihres Briefes
träumte
ich, Sie hätten ein Klavier erfunden, bei welchem man nur
bestimmte
Röhren zu ziehen hätte, um andere Klaviere ersticken zu
machen.
Sie zogen diese Röhren, was mich sehr ärgerte, weil mein
Vater
mir soeben auf einem andern Klavier vorspielen wollte (das sahen Sie
nicht).
Was ist nun nützlicher, Ihr Klavier oder mein Wahrheitshemd? Wenn
ich in Deutschland erzogen wäre, würde ich Ihnen letzteres
übelnehmen.
Denn es sieht aus, als ob ich die Wahrheit verhüllen wollte oder
das
Falsche als wahr ausgeben.
Sehr drollig sagte
mir Thoma (ein ganz naiver Schwarzwäldler), man dürfe in
Deutschland
nicht scherzen. Ein launiger Einfall o h n e A
b s i c h t würde gar nicht verstanden!
Werden Sie mich lesen
können? Ich kann es nicht. Gleichviel, Sie werden mich erraten.
Gott!
Die Inder und die Gnade! Jetzt stehe ich so tief wie Schopenhauer in
Ihrer
Achtung!
Ich bin ganz einsam,
fühle mich dabei wohler als unter vielen Menschen. Das war eine
Platitude
oder Banalität, mit welcher wir selbstbewußt das alte Jahr
schließen.
Sie sind so kurios, daß ich nicht den Mut habe, Ihnen Gesundheit
zu wünschen, aber Segensgrüße für Sie und Ihre
liebe
Frau, dazu habe ich den Mut, und diese entsende ich aus vollem Herzen.
C. W.
48-55
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Ich habe gedacht,
hochverehrte Meisterin, ich müßte nach Böhmen gehen,
oben
auf einen Berg, ehe ich je dazukäme, Ihnen zu schreiben — und
gestern
früh war mein Tornister fertig gepackt, statt dessen konnte ich
nicht
einmal auf die Straße gehen (vor Glatteis)! Also muß ich es
doch hier versuchen, im Dachkämmerchen. Ich hatte aber in diesen
letzten
Wochen so viel und beständig an Leute zu schreiben, denen ich gar
nichts — rein gar nichts — zu sagen hatte, noch wußte — und es
ging
immer langsamer, weil ich in Gedanken an Sie schrieb —‚ daß
jetzt,
wo ich endlich mit Ihnen reden kann, alles, alles verschwunden ist,
jetzt
habe ich auch I h n e n gar nichts zu sagen.
Nur
eines soll diese Zeilen an Sie von denen an die anderen unterscheiden:
ich werde mir keine Mühe, kein Kopfzerbrechen machen, die
Schwatzmaschine
und die Druckmaschine sollen frei walten, und — ebenso eingebildet wie
Pontius Pilatus — werde ich dann behaupten: „Was ich geschrieben habe,
das habe ich geschrieben.“ Ich denke, Sie werden schon merken, was ich
wirklich schrieb und was auf Konto der Druckmaschine zu setzen ist,
nicht
wahr?
Was meinen Traum
von Ihnen und dem „Wahrheitshemde“ anbelangt, so könnten Sie es
mir
nicht übelnehmen, selbst wenn Sie in Deutschland erzogen
wären!
Denn von I h r e r Wahrheitsliebe war
ebensowenig
die Rede wie von meiner — desto mehr von der aller anderen Leute aber.
Sie und Ihre Kinder hatten ein hemdartiges Kleidungsstück
erfunden,
welches die wunderbare Eigenschaft besaß, daß, wer es auch
anzog, gewissermaßen durchsichtig wurde. Das heißt, er
wurde
dies weder in dem buchstäblichen Sinne noch in einem
metaphysischen
Sinne, sondern seine Gedanken, seine Gesinnungen lagen klar und ohne
Hehl
vor einem. Im Traume schien mir die Sache höchst einfach, jetzt
kann
ich den Sinn nur durch einen Hinweis auf Mime im zweiten Akt des
„Siegfried“
klarmachen. Die Leute mochten sprechen, was sie wollten; man sah ganz
genau,
was sie verschwiegen oder entstellten. Es war in Wahnfried während
der Festspiele, und unter allerhand Vorwänden zogen Ihre
Töchter
dieses „Wahrheitshemd“ (so hieß es, ich kann nichts dafür)
verschiedenen
Gästen über. Da Sie nur mich eingeweiht hatten, so war ich
auch
der einzige, der die Sache verstand, während die anderen meinten,
es wäre irgendein Jugendstreich Ihrer Kinder.
Seitdem hatte ich
aber wieder einen schönen — einen schöneren — Traum. Ich
träumte,
in Bayreuth wäre ein überaus herrliches Festspielhaus
errichtet
worden. Unbeschreiblich schön war es; und die großen
Säulengänge,
die in weite Gärten führten, überall mit wunderbaren
Statuen
(denn alle Künste waren da zur höchsten Blüte
vereinigt),
lassen mich denken, daß auch das Klima sich geändert, sich
harmonischer
gestaltet hatte. Tausende und Tausende von Menschen waren
zusammengeströmt
aus allen Weltteilen; die erste Aufführung sollte beginnen. Ich
aber
war inzwischen gänzlich erblindet; aber — o du liebe
Idealität
von Zeit und Raum! — ich sah alles viel besser wie früher, es war
eine andere und umfassendere Art, zu sehen. Wie verhöhnte ich
innerlich
die Menschen, die mich bemitleideten! Aber infolge irgendeines
wunderbaren
Eigensinnes wollte ich ihnen nicht erklären, daß ich doch
besser
als sie alle zusammen sähe — ich ließ sie dabei.
Nur
S i e wußten die Wahrheit, wahrscheinlich aus
Reziprozität
dafür, daß Sie mir in einem früheren Traume das
Geheimnis
des Wahrheitshemdes anvertraut hatten? Sie gestatteten mir, Sie in Ihre
Festspielhauszelle zu begleiten, jetzt eine prunkvolle Reihe von
Räumen!
— und der Traum endete mit einem echten „Traumeinfall“: Sie holten eine
Karte aus der Tasche heraus und sagten mir: „Ich habe einen Platz
für
Sie reservieren lassen; aber nicht wahr, Sie nehmen es mir nicht
übel,
daß es ein sogenannter schwarzer Platz ist, halb hinter einer
Säule,
ich wußte ja, Sie sehen doch überall, oder gar nicht, wie
man
es nehmen will!“
Diese durch die
Traumerzählung
hereingeplatzte Idealität von Zeit und Raum macht die
Schreibmaschine
ganz perplex, denn die dadurch geweckte Gedankenassoziation führt
drei verschiedene Wege, drei verschiedene Kombinationen von Buchstaben,
die nicht gleichzeitig herzustellen gehen: Schopenhauer, Brahmanische
Weisheit
und Walter Kietz. Am direktesten ist wohl der Zusammenhang mit
Schopenhauer.
Sie meinen in Ihrem
letzten Briefe, Sie „stünden nun so tief in meiner Achtung wie
Schopenhauer“
— worauf ich Ihnen erwidern kann, daß Sie dann nicht schlecht
aufgehoben
sind. Wenn auch Ihre Apologie mich ebenso interessiert wie gerührt
hat, ich kann Ihnen versichern, sie war nicht nötig. Daß ich
manchmal keine Zeile von Schopenhauer lesen kann, das kommt einfach
daher,
daß seine Persönlichkeit auf jeder Seite seiner Schriften im
Vordergrund steht, und daß es mir ganz unmöglich ist, von
derselben
zu abstrahieren; kehrt er nun gerade alles Eklige und Kleinliche von
sich
heraus an dem Tage, und ich bin dagegen in etwas gehobener Stimmung,
nun,
da geht es nicht, ich gerate in Wut und bin für den ganzen Tag
(womöglich
auch Nacht) ganz „upset“ und unfähig, zur Ruhe zu kommen.
Aber
eine Kritik von Schopenhauer bedeutet dies wahrlich nicht; wie sollte
ich
ihn anders wollen, als er ist? Wie sollte ich dem Großen, dem
Freunde
anders als dankbar sein, daß er sich mir nähert, daß
er
— in welcher Form es nun gerade ausfallen mag — sein Individuelles, das
Greifbare, Faßbare mir offenbart? Sie können glauben,
daß
ich darin wirklich groß denke: ich will immer Menschen, ganze
Menschen,
und wie sie gerade sind. An einem organischen Wesen gibt es keine
Fehler;
sie sind so, wie sie gerade sind; an dem Zuschauer liegt es, sich
zurechtzufinden.
Auch liegt es mir fern, den philosophischen und moralischen Begriff von
Pessimismus mit den Erscheinungen des täglichen Lebens zu
verwechseln
oder zu vermengen, die von Dyspepsie, von Leberkrankheiten und dgl.
herrühren.
Dagegen möchte
ich Ihnen gern ganz offen gestehen, daß ich mit einer ganzen
Seite
von Schopenhauers Denken mich gar nicht befreunden kann — und zwar aus
philosophischen Gründen.
Daß er ein
Dogmatiker ist, das geniert mich nicht im mindesten; nur dadurch konnte
er das Gebiet der Mystik betreten. Gewiß ist es ein sonderbares
Geschick,
welches die Kantsche Kritik betroffen hat, daß der einzige, der
an
ihr groß wuchs, sie vollständig über Bord warf; das ist
aber eine alte Geschichte, und da der gute Kant schon lange ruht,
brauchen
wir uns nicht für ihn zu grämen. Daß man also die
Kritik
der reinen Vernunft und die durch sie so scharf und eng gezogenen
Grenzen
menschlicher Erkenntnis gewissermaßen nur als Sprungbrett
benutzt,
um das kühnste Salto mortale in das Gebiet des Absoluten zu tun,
welches
je gewagt wurde, das soll mir recht sein, der Schwimmer war auch
danach.
Was mir aber nicht recht ist, das ist die Vermengung beider Gebiete,
wie
sie so häufig bei Schopenhauer vorkommt. Das sollte nach Kant
wirklich
nicht vorkommen dürfen; und das ist einer jener Punkte, bei
welchem
mich alle Bescheidenheit und alles Gefühl meiner Ignoranz
verläßt,
und ich kühn und hoch behaupte: der Mann hat unrecht! Es ist das
ein
durchaus falsches, unlogisches Verfahren; es ist ein tiefer,
unverbesserlicher
Fehler, der sich durch sein ganzes Denken zieht, und mancher herrliche
Gedankengang wird dadurch für den einen abstoßend, für
den anderen verwirrend und irreleitend.
Ein besseres Beispiel
könnte man nicht haben als diesen Aufsatz über das
Geistersehen.
Schon der gänzliche Mangel an wissenschaftlichem Instinkt ist hier
höchst auffallend; denn er will doch von T a t s a c h
e n sprechen, und da wäre es die erste Pflicht,
dieselben
festzustellen. Weit entfernt, dies zu tun, zitiert er allerhand
Geschichten
aus Büchern, zum Teile Jahrhunderte alte, von denen es
höchstwahrscheinlich
scheint, daß sie von leichtgläubigen, wissenschaftlich
gänzlich
ungebildeten Leuten, d. h. also von schlechten Beobachtern geschrieben
wurden. Sie werden sich entsinnen, daß Schopenhauer auf der
letzten
Seite seines Aufsatzes von den Schriften eines gewissen Kerner spricht
als „den beglaubigtesten und ausführlichsten, gedruckt
vorliegenden
Geisterseherberichten“; nun habe ich aber im Laufe dieses selben
Aufsatzes
mir notiert, daß Schopenhauer diesen selben Kerner das eine Mal
„leichtgläubig“,
das zweitemal „befangen“, das drittemal (allerdings nur in einer
vielleicht
später hinzugekommenen Anmerkung) sogar „unverantwortlich
leichtfertig“
nennt! Soviel zur Charakterisierung der Autoritäten, auf die
Schopenhauer
sich beruft. Eine einzige Tatsache stammt aus seiner eignen Erfahrung;
die muß uns ganz besonders interessieren, denn da sehen wir ihn
selbst
am Werke, und werden wir also beurteilen lernen, ob er jene strenge
Kritik
übt, die zur Feststellung selbst der einfachsten Tatsachen
nötig
ist (wieviel mehr bei solchen ungeheuer komplizierten!). Hier aber
verfährt
er so unglaublich, ja geradezu phänomenal leichtfertig, daß
Herr Kerner nicht schlimmer hat sein können. Er vergießt
Tinte
auf den Boden, und sein Dienstmädchen hatte geträumt,
daß
sie an dem Tage scheuern würde: — das genügt, um eine so
ungeheure
Sache wie die Annahme von „theorematischen Träumen“ zu
begründen
und zu beweisen! Aber warum hat er nicht zuallererst festgestellt, ob
das
Mädchen nicht häufig von „scheuern“ träumte; dieses
scheint
doch ein recht passender und selbstverständlicher Traum für
eine
Magd; und die Beweiskraft dieses Zusammentreffens wäre
eigentümlich
geschwächt, wenn es sich herausgestellt hätte, daß es
nicht
selten vorkam. Ich besitze so ein kleines Traumbuch, wie
Dienstmädchen
sie meist haben; ich habe niemals etwas darin gefunden, was irgendeinem
von meinen Träumen auch nur im entferntesten ähnelte, dagegen
Kochen und Waschen, auch „Tinte verschütten“! etc. — Hätte
Schopenhauers
Mädchen etwas ganz Ungewöhnliches geträumt — etwa,
daß
sie für ihren Herrn Schreiben würde, und er hätte sich
das
Handgelenk verstaucht, und sie hätte wirklich einen
Geschäftsbrief
für ihn schreiben müssen —‚ die Sache wäre wirklich
auffallend;
aber so kann ich sie nur lächerlich finden. Wenn Schopenhauer
selbst
in dieser Sache so verfuhr, so kann man schwerlich viel auf sein Urteil
bezüglich der Glaubwürdigkeit anderer geben.
Diese ganze Sache
der mangelhaften Begründung bez. der zu erklärenden Tatsachen
erwähne ich aber nur nebenbei; sie hängt aber — symptomatisch
— eng zusammen mit dem tieferen und weittragenderen Fehler
Schopenhauers.
In Ihrem Briefe sagen
Sie: „Daß er einen wissenschaftlichen Fehler begangen hat, hat
doch
gar nichts auf sich, denn seine Erklärung dieser Phänomene
beruht
in der Durchführung der Erkenntnis von der Idealität von Zeit
und Raum...“ Aber bitte, bitte, nicht so schnell! Wissen Sie denn, was
Sie da alles gesagt haben? Denn gar viel haben Sie gesagt. Und gar
graziös
sind Sie weggehüpft über den schlimmen Denkfehler, der
zugrunde
liegt. Erstens ist es nicht der Fall, daß Schopenhauer diese
Phänomene
nur durch die Idealität von Zeit und Raum erklärt, da
müssen
Sie mich entschuldigen, ich habe die ganzen langen Auseinandersetzungen
über „Bauchganglien“ und dgl. viel ernster genommen wie Sie; wie
ich
auch überzeugt bin, daß Schopenhauer sich selbst sehr ernst
genommen hat. Sie glauben aber nicht, welche Freude mir Ihr Satz
gemacht
hat. Denn — wie immer — Sie haben das Richtige herausgefühlt, Die
Idealität von Zeit und Raum ist die einzige wirkliche, die einzige
eigentliche Erklärung, welche Schopenhauer gibt (die
Bauchgangliengeschichte
hat nicht viel auf sich). Daß Schopenhauer aber seine ganzen
physiologischen
Theorien immer wieder vorbringt, und daß er sie immer
v e r m e n g t mit denjenigen Betrachtungen, die auf rein
transzendentalem Boden sich bewegen, also zwei Sachen miteinander
vermengt,
die nichts Gemeinsames haben, noch haben können, das ist ein sehr
großer Fehler, in den Schopenhauer nur zu oft verfällt. Wer
hier nicht sehr klar selber denkt, wird so verwickelt in diese ganze
unlogische
Diskussion, daß Schopenhauer — der Klare! — mir an solchen
Stellen
wie der richtige Apostel der Konfusion erscheint. Dieser Fehler aber —
den ich mir die Freiheit nehme, als einen solchen zu rügen —
beruht
auf einem Grundirrtum. Und ich weiß nicht (da ich doch einmal in
der „veine“ bin, mir Freiheiten zu nehmen, sage ich es
aufrichtig),
ich weiß nicht, ob Sie es vermögen, denselben einzusehen.
Wenigstens
mußte ich mit Erstaunen bemerken, wie viele geschulte Denker
diesen
Fundamentalsatz, der das eigentliche Ergebnis des Kantschen Denkens
ist,
einfach nicht zu fassen vermögen.
Die Folge der Lehre
vom transzendentalen Idealismus ist: daß wir nie werden etwas
anders
fassen, denken, e r k l ä r e n
können,
als in den Formen, in denen unser Geist allein denken und begreifen
kann.
Anderseits aber, es mag ein Phänomen noch so wunderbar erscheinen,
wir werden es schon in unsere Gesetzmäßigkeit bringen und
es
m a t h e m a t i s c h erklären, wir müssen das,
es ist eine Funktion unseres Lebens, ebenso wie die Verdauung der
Nahrung
durch den Magen. Und wir können es, gerade weil die
Gesetzmäßigkeit
in uns selbst sitzt, wir können es immer, das ist eine
unausbleibliche
Folge der Kantschen Lehre, und was wir heute nicht können, das
können
wir morgen. Wenn eine alte Frau im hypnotischen Zustand es vermag, den
Kaiser von China zu sehen, wie er in seinen Gärten in Peking
spaziert,
so habe ich (nach sorgfältiger Feststellung einer genügenden
Anzahl von Fällen) die absolute Sicherheit, daß dieses
Phänomen
wird durch die mathematische Physik so klargemacht werden können,
auf eine so strenge Formel wird reduziert werden können wie die
Bewegungen
der Sterne. Dieses — ich meine, diese Überzeugung — folgt mit
strenger
Notwendigkeit aus der Annahme des transzendentalen Idealismus. Es ist
aber
— und bleibt in alle Ewigkeiten — ein einfacher U n s i n
n,
mit Hilfe transzendentaler Spekulationen Phänomene e r
k l ä r e n zu wollen, welche in das Bereich unserer
Sinneswahrnehmung
fallen. Kant schreibt: „Übrigens ist die Berufung auf immaterielle
Prinzipien eine Zuflucht der faulen Philosophie, und darum auch die
Erklärungsart
in diesem Geschmacke zu vermeiden, damit diejenigen Gründe der
Welterscheinungen,
welche auf den Bewegungsgesetzen der bloßen Materie beruhen, und
welche auch einzig und allein der Begreiflichkeit fähig sind, in
ihrem
ganzen Umfange erkannt werden.“ Mag auch ein Knabe im magnetischen
Schlaf
(wie dies Schopenhauer berichtet) mit der Nasenspitze sehen, statt mit
den Augen; es ist entschieden taktlos von dem Jüngling, aber der
Idealität
von Zeit und Raum gegenüber ist es nicht eine Spur mehr oder
weniger
wunderbar, als wenn er so rücksichtsvoll wäre, weiter mit den
Augen zu sehen.
Kurz — nach meiner
Meinung ist dieser Aufsatz von Schopenhauer über Geistersehen
durchaus
zu verwerfen; es ist eine durchweg schlechte Arbeit — wie so manche
andere
von ihm —‚ mit der er weder der Wissenschaft noch der Philosophie
gedient
hat.
Nur auf
transzendentalem
— rein transzendentalem — Gebiete kann ich Schopenhauer folgen. Auch
dort
bleibe ich des großen Prinzips eingedenk (das ich auch direkt aus
der Lehre des kritischen, transzendentalen Idealismus ziehe): daß
es auf empirischem Gebiete immer nur e i n e
Wahrheit
geben kann, auf transzendentalem dagegen v i e l
e.
Aber hoch sitzt der große Mann dort, unter den Offenbarern der
vielgestaltigen,
ewigen Wahrheit — ein Prophet, ein Künstler. Ich verehre ihn und
liebe
ihn und danke ihm aus vollem Herzen!
Das muß ich
Ihnen aber doch sagen, daß ich niemals gedacht oder gemeint habe,
daß Sie „eine Dummheit“ gesagt hätten. Ich glaube nur,
daß
Sie — in Gemeinschaft mit manchen anderen sich täuschen, und
daß
der Begriff der G n a d e (in einem dem
unsrigen
verwandten Sinne und wie ihn Heinrich von Stein gezeichnet hat)
den
a l t e n Brahmanen unbekannt war. Und zwar gründet
sich
meine Ansicht nicht auf die bloße Lektüre einer allgemeinen
Kultur- und Literaturgeschichte, sondern auf ein liebevolles Versenken
in die zwölf wichtigsten Upanishaden und auf das Studium von
Barths
„Religion
de l‘Inde“ und Deußens „Vedanta“. Später allerdings —
wie
Barth erzählt — unterschieden die Inder zwischen „l‘argument
du
chat“ — Dieu saisit l‘âme et la sauve, comme un chat ses petits,
— und „l‘argument du singe“ — L‘âme saisit Dieu et se fait
sauver
par lui, comme le petit du singe s‘attache au flanc de sa mère.
Das war viel später, im Hinduismus, in der Zeit des
gänzlichen
Verfalles. Und Barth selber konstatiert, daß die Idee der Gnade
dem
alten indischen System „à peu près
étrangère“
ist.
In einer
e i n z i g e n Stelle heißt es: das S e
l b s t könne nicht durch Verstand, nicht durch
große
Gelehrsamkeit erlangt werden, sondern nur, wen das Selbst erwähle,
von dem nur könnte es erlangt werden. Aber gleich darauf fügt
die Upanishad hinzu, ein weiser Mann, der mit Ernst, Kraft und rechtem
Sichversenken danach strebe, könne die Erkenntnis des Selbst
erlangen.
Und Deußen, der sowohl als ein Jünger Schopenhauers als auch
infolge seiner ganz einzigen Kenntnis der „Vedanta“ wohl gehört zu
werden verdient, berichtet, daß die Gnade nur im e x
o t e r i s c h e n System zu finden ist; „vergebens“, sagt
er, „suchen wir, was im esoterischen System dieser ,Gnade Gottes‘
entspricht“.
Und das ist also im „V e d a n t a“, also
Jahrhunderte
nach den Upanishaden!
Nach meiner Meinung,
die ich mit aller Bescheidenheit ausspreche, ist der Begriff der Gnade
mit der alten, echten brahmanischen Religion überhaupt unvereinbar.
Jedoch hierüber
später mehr..,
Ihnen ganz ergeben
H. S. Chamberlain.
55-56
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Gar schöne
Dinge,
aber auch böse, haben Sie mir in Ihrem jüngsten Briefe
gesagt!
Wie soll ich denn da weiter mitreden, wenn ich den kantischen Gedanken
nicht fasse?
Und
überträumen
kann ich Sie schon gar nicht mehr. Also geschlagen, daß es eine
Art
hat. Ein armer Peltast gegen einen Hopliten! Gott, wenn Sie so mit dem
großen Geschütz der Wissenschaft angerasselt kommen, was
soll
ich da tun?
Ich riskiere aber
doch noch die kleine bescheidene Bemerkung, daß die
wissenschaftlichen
Auseinandersetzungen bei Schopenhauer mir immer ein wenig den Eindruck
der kontrapunktischen Kunststücke bei gewissen Musikern gemacht
haben,
welche damit zeigen wollten, daß sie das auch könnten. Und
wenn
er hinfällige Beweise bringt (wie der „Traum der Magd“, der mich
immer
ungeheuer erheitert hat) und Justinus Kerner (von dessen Geschichten
ich
vielfach gehört habe, daß sie unbeglaubigt sind), so spricht
das doch nicht gegen seine Theorie, sondern nur die Beweise sind
schlecht,
und läßt es sich annehmen, daß andere die richtigen
Beweise
herbeiführen werden. Auch scheint es mir, daß er, indem er
seine
Abhandlung über das Geistersehen in die Parergen verlegte und sie
„einen Versuch“ betitelte, uns bestimmt angegeben hat, wie wir sie
aufzufassen
haben. Aber, wenn ich Sie recht verstanden habe, so finden Sie seine
Methode
verwerflich. Da fällt es mir sehr schwer, Ihnen zu folgen. Wir
sprechen
noch darüber, wenn es Ihnen Vergnügen macht, und wenn Sie
nicht
gar zu wissenschaftlich mit mir verfahren. Auf Wiedersehen also! Das
ist
das beste.
Seien Sie beide auf
das innigste und wärmste gegrüßt von Ihrer C. W.
[Der Gedankenaustausch über Schopenhauer wurde gelegentlich eines
Besuches in Dresden, wo Frau Cosima Wagner in den letzten Januartagen
1889
im Hotel „Union“ wohnte, fortgesetzt. Unterm 28. 1. 1889 berichtete sie
darüber in einem Briefe an ihren Sohn Siegfried:]
„...Um 7 zu
Chamberlains,
wo ich mich immer sehr wohl fühle. Wir hatten eine große
Schopenhauer-Diskussion,
auf welche ich mich aber sehr gerne einließ, da er wirklich eine
ganz außerordentliche Intelligenz und Seele hat.“
56
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Als ich vorhin
nach
Hause kam, verehrte Meisterin, fand ich meine Frau in Tränen, und
bald nachher heulte meine Dachkammernachbarin, die kleine Köchin;
sie hatte sich beurlauben lassen, in der Hoffnung, Sie hier im Hause zu
sehen, und war zu spät gekommen!
Ich fürchte,
es blieb nur ein Auge trocken, das keltische, keiner Kultur
zugängliche;
nur das B-Dur-Quartett [Beethoven, Op. 130]
konnte sagen, was es meinte. Dabei entdeckte ich dem 2ten Satze
(Presto)
eine ganz neue Bedeutung (die Veröffentlichung dieser Theorie
behalte
ich mir vor): das 4/4tel-Tempo — das himmlische — ist entschieden der
Traum
eines im Schnellzug von Dresden nach Bayreuth Dahinsausenden; das
niedliche,
hüpfende 6/4tel sind die Haltestationen in Reichenbach, Hof etc.
„Warme
Wierschtel! — Neuestes Tageblatt“ etc. Das Andante ist das
zurückgebliebene,
nicht weinende Auge. Das Alla Tedesca bedeutet Gutes für die 8ger
Festspiele. Die Kavatine ist, was in Schopenhauer wahr ist.
Viele, viele
Grüße!
so viel D a n k! Können Sie mich
gebrauchen,
so wie ich nun einmal bin? Oder geht es nicht?
In Ehrfurcht, Treue und Eigensinn
Ihr ergebenster Kelte.
(Die Frage, ob es
überhaupt Kelten gäbe, soll damit nicht präjudiziert
werden.)
56-57
Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Natürlich
mußten
Sie mir wieder zuvorkommen und mich als Kelte ärgern!,... und das
trockene Auge; d i e Kälte!...
So hilft man s