Cosima Wagner und Houston Stewart
Chamberlain im Briefwechsel 1888—1908
Wiener
Zeit I, Seite 125—203
125-127
Aus H. S.
Chamberlains
Wiener Zeit
Aus dem Jahre 1889
[Im
Herbst 1889 siedelte Chamberlain von Dresden nach Wien über. „Lebenswege
meines Denkens“, S. 113.]
Bayreuth, Wahnfried, den 4. November
1889.
Alle diese Tage, die
uns in den Winter hineinführen, frage ich mich, ob Sie unserer
gedenken?
Und meine Antwort auf diese Frage ist ein so bestimmtes „Ja“, daß
ich zugleich nicht begreife, wie sie in mir entstehen konnte, und sie
Ihnen
mitteilen muß, mein lieber Freund.
In Berlin, wo ich
mich 8 Tage aufhielt, habe ich viel an Sie gedacht, sei es, daß
mein
stilles Hotel, in welchem ich so ziemlich allein wohnte, mir ein
rechter
Kontrast zu Ihrem Zentralbau erschien, sei es, daß ich in den
Kgl.
Schauspielhäusern klassische Werke mit sehr gemischten
Empfindungen
betrachtete, oder daß ich die vier Treppen Santen Kolffs bestieg
und die Posaunen-Freuden mir vorstellte, oder aber in einem Erguß
an den Vereinsvorstand mich der lieben Spanier erinnerte, die Sie mir
vorgestellt,
schließlich — wenn es auch der Schluß nicht war —‚ indem
mir
bei dem Wiedersehen Klindworths Ihr schöner Vergleich zwischen
seiner
und B.s Direktion in den Sinn kam. — Kurz vor meiner Abreise hatte ich
Ihren
großen Brief [vom 21. Juni]
gelesen.
Ich sage gelesen, weil, als ich ihn erhielt, ich ihn nur flüchtig
übersehen konnte und Ihrem Wunsche gemäß beiseite
für
eine ruhige Zeit gab. Die Vornehmung der Shakespeareschen Historien,
bei
welchen manches in der Übersetzung mich stutzig machte, ließ
es mich begreifen, wie der Engländer sich zu dem Werke
verhalten
m u ß, vor welchem wir Deutsche zu großer
Ehrerbietung
verpflichtet sind. Ob aber der Fremde Shakespeare nicht lieben kann,
möchte
doch dahingestellt sein. Mir ist es zuweilen, als ob ich ihn
plötzlich
sprechen hörte. — Wie ich bei Helmholtz
war und den Phonographen
kennenlernte,
gedachte ich Ihrer Auslassung über die Naturwissenschaft.
Helmholtz
ist selbst ein Beispiel von jener Kindlichkeit und Einfachheit, wie Sie
sie an den großen Entdeckern unserer Zeit mir rühmen. Aber,
Freund, haben nicht von je die Völker sich mit Naturkunde
beschäftigt,
wenn auch in anderer Weise? Und sind nicht Galilei, Kopernikus, Kepler,
Newton, ja, bis in das Mittelalter hinein, Albertus Magnus, Geister von
ebensolcher Größe gewesen? Und wenn man von positiver
Wissenschaft
spricht, so kann man doch gewiß nie von absoluter Wissenschaft
sprechen.
Wer möchte irgendeine Bereicherung des menschlichen Geistes nicht
verehren! Allein wenn Sie sagen, daß, wer den Naturwissenschaften
fremd bleibt, gerade heutzutage so ist, wie einer, der unmusikalisch
ist,
so streichen Sie ja uns arme Frauen gänzlich aus dem geistigen
Leben,
denn in der Wissenschaft dilettieren ist doch eine Absurdität, und
wir Frauen sind doch die Dilettanten par excellence. Dieses
soll
aber kein Streiten sein. Alles Leben, alles Lebendige ist heilig, und
jede
Forschung dieses Heiligen verehrungswürdig. Daß große,
dünkelhafte Mißbräuche sich an diese Forschung
knüpfen,
ist das Los alles Irdischen, und tragen große Menschen
ebensowenig
Verantwortung dafür, wie Schopenhauer für das
„Unbewußte“
von Hartmann und wie Kant für seine sogenannten Nachfolger.
Wie befinden Sie
sich in Wien? Haben Sie einigen Ihnen entsprechenden Umgang? Durch
meine
Tochter Thode
erfuhr ich, daß Sie gern in Paris waren. Ich
verstehe
es vollkommen, dort ist alles einheitlich, geschickt; bei uns
möchte
man immer verzweifeln! Wenn Sie wüßten, wie schwer ich nach
den „Triumphen“ dieses Sommers mit meinem armen „Tannhäuser“
vorwärtskomme.
Fast einzig ermutigend war mir das strahlende Gesicht der
Orchestermusiker
(die Bayreuther), wie sie uns erblickten und dann begrüßten.
In der absoluten Stille, in welcher wir jetzt leben, trägt es sich
leichter, indem die Bestimmung ihr mächtiges Wort zu einem
spricht,
während sie im Getriebe draußen zur vollständigen
Verstummung
verurteilt wird.
Daß Siegfried
uns verlassen, wissen Sie wohl. Er ist vielleicht der erste, der Musik
ernsthaft studiert, ohne sie ausüben zu sollen und ohne ein
Instrument
zu spielen. Hauptsache war mir dabei, ihn nicht von einer Schule in die
andere zu schicken, sondern ihm ein freies Jahr mit ihm entsprechender
Beschäftigung zu gönnen.
Nun aber leben Sie
wohl, teuerer Freund, am Ende kreuzen sich unsere Briefe! Denn ich habe
so die Idee, daß Sie von dem Sommer nicht den entscheidenden
Abschied
nehmen, den die Stubenheizung und die kurzen Tage bedeuten, ohne — etwa
beim Hereinbringen der Lampe, was so zur Stille und Sammlung auffordert
— des Punktes zu gedenken, dem Sie im Geiste angehören, und der
Wächterin
dieses Punktes der Erde, so winzig klein und so unendlich.
Seien Sie und Ihre
liebe Frau von uns dreien in wärmster Herzlichkeit
gegrüßt!
C. Wagner.
127-129
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
7. November 1889. 1 Blümelgasse.
Wien VI.
Nein, hochverehrte
Meisterin, die Briefe haben sich nicht gekreuzt, zu meiner
größeren
Schande, sonst aber hatten Sie in allem recht. Wenn ich der zahllosen
Briefe
gedenke, die ich Ihnen in dieser ganzen Zeit in Gedanken geschrieben
habe,
Briefe vor dem Eiffelturm, dem Palais des Machines und allen
übrigen
e i s e r n e n Gebäuden, welche mein Herz mit Freude
erfüllten in der Hoffnung, daß wir endlich zu einem unseren
Weltteilen geeigneten Baumaterial und folglich auch zu einem eignen,
wahren
Baustil gelangen werden (was allerdings in der Ausführung nur
selten
auch dort anzutreffen war, da die Herren den Kopf noch voll
Klassizismus
haben und noch immer nicht ahnen, daß die Sonne Homers uns
eben
n i c h t scheint, und Klima, Licht, soziale Zustände
ein gänzlich anderes erfordern, an ein oder zwei Ecken war aber
ein
entzückender Anfang, namentlich in dem Palast von Guatemala, wo
sogar
die elektrischen Glühlichter zu einer ganz originellen,
phantasievollen
Dekoration verwendet waren); Briefe in dem Rausche der herrlichen
Gemälde
der französischen Exposition centennale, ach! Diese
Landschaften!
(Landschaften ohne die Sonntagstiroler und Opernalpenglühen der
deutschen
Maler), denken Sie sich über 40 Corots! über 40 Millets!
Zahlreiche
Rousseaus, Decamps, Duprés, Troyons — nun, darüber, wenn
Sie
es gestatten, wie über manches andere, ein anderes Mal, heute sage
ich Ihnen nur, daß jenes Meisterwort aus vielen Bildern mir
entgegenjubelte:
„Die Landschaftsmalerei sei der letzte und vollendete Abschluß
aller
bildenden Kunst“ [Richard Wagner, „Das Kunstwerk
der Zukunft“], und wie sollte ich anders als immerwährend
mich
mit Ihnen, verehrteste Meisterin, unterhalten? Und Ihnen von dieser
unsagbar
großen Freude erzählen? Bei der e c h t e
n
ungarischen Kapelle schrieb ich Ihnen auch viel, namentlich wenn der
gute
Wein des Restaurant Hongrois mir die Zunge gelöst hatte.
Nicht
eine jener sog. ungarischen Kapellen, die jetzt überall paradieren
und auch an der Ausstellung grassierten, in rotem
Affenzirkusröckchen
etc., sondern Kerle, die wie Droschkenkutscher aussahen, die Besseren
unter
ihnen wie Coiffeurs, und die nun eine Musik spielten...! Neben ihnen
gab
es nur noch eine Musik, die mich nicht wegjagte, die der Javanesen,
eine
O f f e n b a r u n g der tropischen Natur und der ganzen
Seele
dieser sympathischen Menschenrasse, wie sie aus keinem Studium
hervorgehen
könnte, doch auch dieses Kapitel bleibe reserviert! Manche andere
Briefe gab es noch aus Paris, denn jeder Tag war voll des
Interessanten,
und manches Merkwürdige erlebte ich; dann kam
mindestens
e i n Brief im Orientexpreß; dann während eines
ganz schrecklichen ersten Monats in Wien (schlechtes Wetter, krank,
keine
Möglichkeit, eine passende Wohnung zu finden) nicht mehr
tägliche
Briefe, aber ein gewiß sehr rührender, denn ich hatte mich
dazu
verleiten lassen, eine „Meistersinger“-Aufführung zu besuchen, und
ich vergaß mein eignes Leiden, so bitterlich weinte ich für
Sie und mit Ihnen, und selbst bei einem derartigen Theaterbrei (selbst
bei den T r a n s p o s i t i o n e n ganzer
Waltherpassagen
etc., die notabene kein Kritiker zu bemerken scheint), immer wieder
diese
glorreiche, siegreiche, heldenhafte Schönheit — es war zuviel des
Konfliktes, auch für meine liebe, mitfühlende Frau, und wir
rannten
weg. Wenn ich nun, wie ich wohl irgendwo auf der ersten Seite bereits
bemerkt
habe, dieser zahllosen Briefe gedenke, so freue ich mich fast,
daß
ich sie nicht schrieb, denn für solche rücksichtslose
Aufdringlichkeit
wäre ich gewiß aus der Zahl derer verbannt worden, deren
Briefe
Sie selbst lesen, verehrteste Meisterin, und ich wäre von Stufe zu
Stufe gesunken bis zu denen, deren Epistel nur noch von der Freia [Neufundländer
Wahnfrieds] beschnuppert werden! J e t z
t
bin ich vor Exzessen nur zu sicher bewahrt. In diesem Augenblick,
während
ich Ihnen schreibe (d i e e r s t e
n
W o r t e auf meinem alten, eignen Schreibtisch!), bin ich
ganz gebrochen vor Müdigkeit, denn außer meinen Studien bin
ich den ganzen Tag mit Auspacken, Einrichten etc. beschäftigt; wir
ließen uns unsere eigenen Sachen aus Genf schicken, und die 227
Colis
kamen vor 2 Tagen an! Da täte ein Phonograph not, und Sie
würden
aus der ermatteten Stimme so viel lesen, wie ich aus den javanesischen
Glocken und Geigen! Übrigens geht es mir erstaunlich gut, wie noch
nie seit 84; ich bin von übermütigster Ausgelassenheit, und
selbst
bei bisweilen heftigen Schmerzen im Gehirn fühle ich mich
glücklich
und energisch.
Die
Naturwissenschaft,
Shakespeare, ja selbst der noch viel wichtigere Wiener Wagnerverein,
die
homerischen Schlachten, die in demselben von 7½ bis Mitternacht
geliefert werden, alles muß ruhen; nur so viel, daß ich
hier
als der „berühmte Herr von Tschamberlan“ bekannt bin, niemand
weiß
genau, wofür ich eigentlich b e r ü h m
t
bin, ich auch nicht, aber mehr wie Ruhm kann kein Sterblicher
verlangen;
ich bedauere nur die Kulturhistoriker der Zukunft, welche nicht wissen
werden, was sie von mir sagen, und in welches Museum sie mich stecken
sollen.
In ehrfurchtsvoller
Treue Ihnen ergeben
Houston S. Chamberlain.
129-131
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
Wahnfried, den 24. November 1889.
Es ist wirklich
grauenhaft,
mein Freund, was für ein Riß zwischen uns und der Natur
geschehen
ist. Gott gebe, daß die Naturwissenschaft ihn ausfülle. Ich
sagte mir: nebst dem, daß der Hase viel besser ist als sein
Jäger,
ist er doch auch viel vollendeter. Was ich von den jetzigen Erfindungen
zu sehen bekomme, bringt mir aber die Beschränkung des Menschen
immer
näher, während jedes echte dichterische Werk nur das
Unbegrenzte,
ja, das Göttliche des menschlichen Geistes zu immer erneuertem und
gesteigertem Staunen offenbart; es ist wie Flügelmaschine und
Vogelfittiche.
Bitte, die ermattete Stimme hört man aus dem Phonographen nicht,
nur
die Sprechweise, lispeln, stottern etc., also das Seelenlose.
Ihre Freude an der
Musik der Javanesen und an diesen Menschen erinnerte mich daran,
daß
es mir schwer war, Gobineaus Ausspruch, die Musik sei bei den Negern zu
Hause (ich weiß schon sehr gut, daß die Javanesen keine
Neger
sind), nachzudenken; allmählich empfand ich, daß es in der
Unschuld
dieser Art Menschen, in ihrer Kindlichkeit liegen müsse.
Was die eisernen
Gebäude betrifft, so halte ich es mehr mit den Baumeistern als mit
dem Material, und wer einmal ein richtiges eignes Bedürfnis hat,
wird
sich auch mit Sandstein das rechte nordische Haus bauen. Aber Ihre
Freude
an dem Eisen heimelte mich ganz an, denn mein Vater schwärmte
für
solche Konstruktionen. Ich aber werde jeden Tag unmoderner und
unausstelliger
(geben Sie mir ja kein h in dieses Wort hinein), und ich
will
Ihnen gleich erzählen, warum. Meine erste Tannhäuser-Szene
hat
mich zu Winckelmann, nach Tanagra und sonstwo in diese Gegenden
geführt,
Sagen und Gebräuche der Hellenen ziehen an mir vorbei, und durch
die
wunderbare Erfassung derselben fühle ich mich recht eigentlich im
Kunstwerk der Zukunft, da ist mir wohl, da ist alles heilig, lebendig,
alles schön und sinnig, und ich möchte diese Welt nur
verlassen,
um sie auf unserem Hügel zu verwirklichen.
Ja, sogar die
Vereinsschlachten
würden mich nicht verlocken, ich kann sie mir vorstellen. Denken
Sie
nur, was mir mit diesem Verein geschehen ist: da wir für den
„Tannhäuser“
ein Ausgabenbudget von 500 000 Mark haben, schien mir der eiserne Fonds
von 11 000 Mark ziemlich absurd, und ich machte den Vorschlag, ihn
flüssig
zu machen, um irgendeinen Minimalposten zu bestreiten. Rundweg
abgeschlagen.
Das zweite: Wie ich
Briefe [Richard Wagners] aus seinem
Museum
in sehr unwürdigen Zeitungen abgedruckt sah, bat ich Oesterlein,
mir
zu erlauben, Abschriften zu nehmen, um in einer würdigen
Veröffentlichung
diese Blätter zu vereinigen, und aus der Schande, die ihnen
angetan
wird, zu retten. Auch abgeschlagen.
Doch erzähle
ich Ihnen dies ohne jede Erbitterung. Ich stehe auf einem förmlich
gemütlichen Fuß mit solchen Erfahrungen, erkenne sie wie
gute
alte Bekannte, möchte sie bei Namen nennen, Lene oder Lotte, finde
sie immer zwar etwas älter geworden, denke aber nie dabei an
diejenigen,
die sie mir zuführen. Und da Klappern zum Handwerk gehört und
ich ein sehr stiller Gast bin, sage ich mir, daß der Verein das
Klappern
übernimmt und vermutlich diese Sache vorzüglich besorgt.
Denken Sie sich,
daß ich Ihnen einen Auftrag am das Theater geben wollte, wegen
Pläne
etc., ich schauderte aber vor dem zurück, wohin ich Sie
führte,
vor der Unpünktlichkeit, Ungenauigkeit, kurz und gut alles, was
Sie
da kennenlernen würden. Heute aber komme ich mit einer ebenso
ernsten
als unglaublichen Bitte: Können Sie mir ein Genie entdecken, und
zwar
ein solches, welches mir nach meinen Angaben die erste Szene [„Tannhäuser“
(Venusberg)] ausführen würde? Es muß jemand
sein,
der vom Theatermetier ist, vielleicht verkommen, Gott weiß, wie
und
wo sich herumtreibend. Ich habe zwar keine Idee, mit wem Sie in Wien
verkehren,
und ob Sie zu derlei auch nur entfernt gelangen können (das Museum
und der Verein bringen es Ihnen gewiß nicht). Eine Hauptbedingung
ist die virtuose Kenntnis der Bühne, der Mann muß alles
vormachen
können. Am Ende verhilft Ihnen Ihre „Berühmtheit“ zu den
nötigen
Beziehungen. Mir ist dabei die mysteriöse Art derselben von
besonderem
Wert, denn dann komme ich nicht in die Zeitungen. Vormachen muß
der
Mann alles können, nicht bloß so sagen. Also eine Art
unmöglicher
Ballettmeister.
Ferner, ist es Ihnen
zuviel zugemutet, Sie zu bitten, für mich ein Ballett anzusehen
und
mir zu sagen, ob Jünglinge da sind? 2tens: die Grazien (durchaus
jugendlich),
3tens: Europa und Leda, die eine mit heiterer Schönheit, die
andere
niobeartig, tragisch. Ich sehe mich jetzt so ziemlich überall um,
ja selbst in Mailand, wo mein vortrefflicher Kniese die
Chöre der
„Meistersinger“ übernommen hat.
Ich kann mir Ihre
Qual in der Wiener Aufführung denken. „Tristan“ soll 2½
Stunden
jetzt in Wien dauern!
Ich kenne in Wien
einen sehr gescheiten Menschen, Kunsthistoriker, mit welchem ich
vorzüglich
übereinstimmte mit Ausnahme von drei Punkten: R e u
e
(die läßt er nicht gelten, da geht denn der ganze
„Tannhäuser“
zum Kuckuck), S c h i l l e r (den mag er
einfach
nicht) und I b s e n, den stellt er hoch. Das
wären
nun herrliche Anknüpfungspunkte für Sie, aber es hat einen
Schneider
mit der Vermittlung von Bekanntschaften, namentlich zwischen den
unausstehlichen
(diesmal bitte das h) Männern. Deshalb nenne ich meinem Freund
nicht;
sollten Sie ihm aber begegnen und ihn erkennen (das wäre ein
Triumph),
dann grüßen Sie ihn herzlich von mir; weiter sage ich nichts.
Daß Sie die
ersten Zeilen auf Ihrem Schreibtisch an mich schrieben, hat mich damit
versöhnt, daß wir uns nicht kreuzten. Haben Sie davon
gehört,
daß jetzt, wo wir den „Tannhäuser“ ankündigten,
überall
die neue Szene gegeben wird — meine Tochter Isolde meinte neulich, der
liebe Gott habe große Ähnlichkeit mit Goethe, er sei so
gleichgültig,
ich kann da im Bunde der Dritte sein, und mit dem lieben und guten Gott
noch als Dummen mich zugesellen, denn ich bring's zu keiner Ereiferung
mehr außer da, wo ich liebe. — Da fallen mir Freia und der Vogel
ein, deren Sie so freundlich gedenken. (Es geht ihnen gut, hoffentlich
Mime auch.
Nun aber leben Sie
wohl, meine Mädchen grüßen Sie und Ihre liebe Frau auf
das herzlichste, ich gleichfalls, das versteht sich, mit den
wärmsten
Wünschen für Ihr Wohlergehen!
C. Wagner.
132-133
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
27. 11. 89. 1 Blümelgasse. Wien
VI.
In einer schönen
Upanishad sagt ein Jünger seinem Meister, was er alles wisse, den
Rig-Veda, den Yajur-Veda, den Sama-Veda, als viertes den Atharva-Veda,
als fünftes den Itihâsa-Purâna, und so geht es eine
ganze
Seite. Da erwidert ihm der weise Sanatkumara, dies sei alles
nur
e i n N a m e. Und was ist der Schluß
seiner
Betrachtungen darüber, daß dies alles doch eben
nur
N a m e n seien? Etwa wie die Buddhisten, die Veden zu
verwerfen?
Im Gegenteil! Hat sein Jünger wohl begriffen, daß dies alles
kein Wissen, sondern nur N a m e sei, dann soll
er sich in den Sinn dieser Namen versenken. „All these are a Name
only.
M e d i t a t e o n t h e N a m e !“
Und gerade von dieser Meditation on the Name aus führt er
ihn
hinauf zur höchsten Erkenntnis. Und wenn ich Ihnen also doch danke
— ich meine für Ihre Freundschaft danke, welche jeder liebe
Poststempel:
„Bayreuth“ mir bezeugt —‚ so füge ich gleich hinzu „this is
a
N
a m e only“, und die Bitte: „Meditate on the Name!“
Und wie ich Ihnen
neulich sagte, verehrteste Meisterin, Sie können schon glauben,
daß
das Herz das beste an mir ist, so daß ich gewissermaßen
alles
mit gleicher Liebe und Interesse empfange, ob Sie mir nun von Ihrer
großen
Lebensaufgabe sprechen, oder von Schiller und Ibsen und Kant oder auch
nur erzählen, daß Ihr Papagei Hühneraugen bekommen hat!
Hieran
anknüpfend
— ich meine an mein Herz, nicht an die Papageiaugen — bitte ich Sie
auch
inständig, nie zu übersehen, daß ich viel zu wenig „intellectual“
bin, vielleicht überhaupt zu wenig gebildet, um über
allerhand
weittragende Dinge bestimmte Meinungen und Überzeugungen zu haben.
Was weiß i c h denn von Schiller? Gar
nichts
— als daß ich vom ersten Augenblick an, wo ich einige Worte
Deutsch
verstand, für ihn schwärmte, teils wegen einiger gelesenen
und
immer wieder gelesenen Gedichte, teils instinktiv (ich entsinne mich
sogar,
daß ein hübsches deutsches Gretchen mich verhöhnte und
meinte, „Sie können kaum 3 Worte Deutsch, und Sie schwärmen
schon
für Schiller!“), und dann weiß ich, daß jedes sog.
Drama,
das ich von ihm gehört habe (3 glaube ich), mich in
weißglühende
Wut versetzt hat. — Ibsen? Nun, von ihm weiß ich, daß er in
zwei Werken ganz reizende, mir unvergeßlich bleibende Augenblicke
auf die Szene gesetzt hat, ja, A u g e n B l i
c k e, mit jenen tiefen, ruhigen norwegischen Augen so
recht
in die Tiefe des Menschenherzens geblickt und ganz wahr, ganz ohne
deklamatorisches
Pathos, und noch dazu (für mich die größte Eigenschaft)
so bühnenmäßig, daß die Sachen n u
r
auf der Bühne wirken können; das ist kein geringes Lob, aber
ich kenne nur 2 Schauspiele, weiß sonst nichts von ihm und habe
im
ganzen den Eindruck eines liebenswürdigen und achtungswerten
Talentes
und bin ihm namentlich dankbar für die Erinnerungen an meine Reise
in Norwegen. — Und nun die R e u e !? Da
schwimme
ich wirklich auf offenem Meere (wobei allerdings mir gemütlicher
zumute
ist als bei Diskussionen über Schiller und Ibsen!). Ist Reue (wie
gewiß oft der Fall) eine Schwächung des Willens, ein
Lahmlegen
der wahren Erkenntnis, so kann ich nur mit Spinoza wünschen,
daß
man sich von solch überflüssigem Feind befreie, ist aber die
Reue, wie bei Tannhäuser, der einzig mächtige Impuls, der
dort
siegt, wo weder Überdruß noch selbst Liebe es vermochte, in
Sinn die Torheit zu wenden, ist es Reue, die den Sündigen zum Heil
führt — ja! was hat das für einen Sinn, für eine
Bedeutung,
wenn einer da „die Reue nicht gelten lassen will“?
Bald, hoffe ich,
sende ich Ihnen vernünftigere Zeilen, behandle die Themen Ballett,
Genie etc. und erzähle Ihnen einiges Ergötzliche.
Ihnen in Ehrfurcht
und Treue und Dankbarkeit ergeben
Houston S. Chamberlain.
133-138
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.
22. Dezember 1889. 1 Blümelgasse.
Wien VI.
Stimmungsmotto:
- „When thou hast surrendered all
this,
- then thou mayest enjoy! —
Though a man
- may wish to live a hundred
years performing
works,
- it will be thus with him: work
will not
cling to a man.“
- (Isâ-Upanishad)
Schon längst
wäre
ich so frei gewesen, hochverehrte Meisterin, auf Ihre Anfragen und
Bemerkungen
bezüglich B a l l e t t ä n z e r i n n e
n,
die sich als würdig von Jupiters Liebe
gebärdeten,
G e n i e s, die nicht bloß wahre schöpferische
Genies wären (die echte Intuition mit der sofortigen praktischen
Ausführung
vereinigend), sondern gleichzeitig so dozil, daß sie alles nach
Ihren
Angaben zu machen bereit wären — etc., zu antworten. Das waren
allerdings
Aufgaben, ähnlich denen, die in Märchen häufig gestellt
werden; ich vertraute aber auch ganz auf das Erscheinen einer guten
Hexe,
die mir zwei Nüßchen reichen würde, in deren einem eine
Leda und im anderen ein lenkbares Genie gekauert hätten, und so
wollte
ich wie die Märchenritter mich einfach aufs Pferd setzen und
wegreiten
durch den dunkeln Wald, um das Geforderte zu suchen, das heißt in
der Gewandung des XIX. Jahrhunderts: in Oper und Theatern (und wohl
noch
eher in gewöhnlicheren Lokalen, wo man inmitten des abschreckend
Gemeinen
hin und wieder auf urwüchsigen menschlichen Adel stößt,
der durch keine Kultur „verdressiert“ wurde), um die Göttin zu
finden;
und was das Genie anbelangt, ich dachte daran, ein Tramwayabonnement zu
nehmen, da ich jene Herren in Verdacht habe, daß sie den Tag
über
meist auf der Pferdeeisenbahn sitzen (nach Menschen suchend, von denen
sie begriffen würden). Aber aus alledem wurde nichts, ich
mußte
sogar meine eigene tägliche Arbeit einstellen. Es bleibt mir
augenblicklich
nichts anderes übrig, als die Hexe mit den Nüßchen zu
bitten,
sie möchte sich zu mir hinaufbemühen. Wer weiß,
vielleicht
bringt sie sie mir zum Weihnachtsabend? Oder, was noch viel praktischer
wäre, gleich I h n e n nach Frankfurt und
legt sie unter Ihren Baum! Das würde ihr einen Ritt auf dem
Besenstiel
bei diesem schlechten Wetter sparen (denn ich müßte sie ja
doch
gleich zu Ihnen schicken). — Jedenfalls rate ich sehr dazu, die
Nüsse
alle mit Vorsicht aufzuknacken, denn eine Leda mit einem Bein oder ein
Genie ohne Kopf — es wäre „zeitgemäß“, aber für
Bayreuth
schade.
Ich versichere Ihnen,
verehrte Meisterin, daß es mir ein wahres und schmerzliches
Entsagen
ist, auf so manches in Ihren Briefen gar nicht eingehen zu können.
Namentlich kocht und siedet es in mir, Ihnen auf Ihre Bemerkung
betreffend
P h o n o g r a p h u n d S e e l e
zu erwidern. Nein! Ist das eine Häresie! So eine
altertümliche,
scholastische Auffassung, daß man gar nicht weiß, wo man
sie
eigentlich anfassen soll, und man gern den alten, bissigen Schopenhauer
zu Hilfe rufen möchte! „Das Seelenlose“ — ja, was soll man
darunter
verstehen? Schopenhauer gibt sich — und mit Recht — Mühe,
nachzuweisen,
daß es keine Seele gibt, daß diesem Begriffe nichts
Wirkliches
entspricht (vgl. „Welt a. W. u. V.“, Seite 1 bis Schluß), und er
würde Ihnen jedenfalls am allerdeutlichsten, schlagendsten und
bündigsten
nachweisen (wie alle, welche die Welt aus einem einzigen Prinzip heraus
erklären, gleichviel welches), daß, auf der anderen Seite,
in
j e d e r Willensäußerung, wie sie auch
gestaltet
sein mag und wie sie sich auch kundtut, dasjenige liegt, welches man
einzig
als „Seele“ ansprechen kann. Wenn die Stimme eines Menschen in das Ohr
eines anderen dringt, so geschieht doch an und für sich
nichts,
g a r n i c h t s weiter, als daß durch
sehr
komplizierte Luftwellen die zahlreichen Endigungen des Gehörnerven
in Bewegung gesetzt werden. Inwiefern kann dieser Vorgang ein
„seelenvoller“
genannt werden? An und für sich ist er doch nicht seelenvoller als
die Verbindung von Sauerstoff und Wasserstoff zu Wasser durch
Elektrolyse,
oder was Sie sonst wollen. Mit Recht kann man doch gewiß nur
dasjenige
„Seele“ nennen und als „seelenvoll“ ansprechen, welches zu dem ganz
x-beliebigen
und „pis-aller“-Mittel der langweiligen Luftwellenerzeugung
griff,
um sich zu äußern, und auf der anderen Seite wiederum
dasjenige,
welches hinter den Wellen, welche seine Gehörnerven
erschütterten,
etwas anderes als bloße Wellen witterte. Wesentlich ist die
Erkenntnis,
daß der Geist — „Seele“, wenn Sie wollen, oder Atman oder Wille —
sich stets nur auf ungeschickten und im Grunde gleichgültigen
Umwegen
ausdrücken kann. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“
Und wie Çankara
in seinem Kommentar zur Brihadâranjaka
sagt:
„Nicht in seinen wesenlosen Erscheinungen kann man das Selbst
ergreifen,
sondern in dem, w a s d i e s e E r
s c h e i n u n g e n h e r v o r b r i n g t;
wer dieses begriffen hat, der hat die Erscheinungen mit begriffen.“
Damit
hat der gute Çankara Telephon und Phonograph rehabilitiert! Die
Erscheinung — j e d e Erscheinung — ist an und
für sich „wesenlos“; wesentlich ist nur, was die Erscheinung
hervorbringt.
Und was da noch übrigbleibt zu sagen, dasjenige, welches im Grunde
in Ihnen die Empfindung des „Seelenlosen“ erweckte, ist gar nichts
gewaltig
Ideales oder Transzendentes, sondern ganz einfach und allein: Mangel an
Übung, Mangel an Gewohnheit. Soweit die Stimme überhaupt zur
Aufdeckung, zur Offenbarung des Innern eines Menschen beitragen kann,
soweit
sie manches aus dem innersten Herzen zu enthüllen vermag, welches
dem Auge verschlossen bleibt, so weit wird auch der Phonograph reichen,
welcher mit unfehlbarer mechanischer Treue die mechanischen Bewegungen
der Luft festhält und reproduziert — es wird n u
r
einiger, vielleicht vieler Übung bedürfen, und es wird von
dem
Empfänger gefordert (und wie schön ist das!), daß er
recht
viel von seiner Seele gibt, daß er der anderen armen Seele recht
entgegenkommt, um die Hieroglyphen mit Liebe zu entziffern. Und er soll
die Hieroglyphen nicht, weil sie ihm als solche erscheinen, „seelenlos“
schelten, sondern bedenken, daß alle Erscheinungen Hieroglyphen
sind,
was er nur durch die böse Gewohnheit vergißt.
Dürfte ich einen
sehr paradoxen Gedanken aussprechen, ich möchte behaupten,
daß
der Hauptnutzen aller solcher Erfindungen: Telephon, Phonograph,
elektrisches
Licht etc. darin liegt, d a ß s i
e
a u f d a s U n z u l ä n g l i c h
e
hinweisen.
Und da hat mich
etwas,
worauf Sie kurz hindeuten, sehr angenehm berührt (ach! ist das
dumm
gesagt — angenehm berührt —‚ ich meine, wie wenn im öden,
dunkeln
Raume fliegend ein Geist auf einmal den Flügelschlag eines
befreundeten
Geistes spürt): bei der Betrachtung der wissenschaftlichen
Erfindungen
fiel Ihnen am meisten „die Beschränkung des Menschen“ auf. Ach,
wie
herrlich! Wie wahr! Wie weit von der anekelnden Banalität unserer
Umgebung! Und wie wünschte ich, daß auch Sie den
Flügelschlag
fühlen möchten, mit welchem ich Ihnen danke! Allerdings, wie
oben angedeutet, ich persönlich habe meine kindische Freude an der
Unzulänglichkeit. Vielleicht werden Sie meinen, daß zu einer
derartigen Auffassung ein sehr eigentümliches Gemisch von Liebe
und
Ironie gehöre? Aber bedenken Sie, wie schrecklich ein
Gegenteiliges
wäre, nicht bloß ein „unbeschränktes“ Gelingen, aber
selbst
ein nur hochgradiges. Aber gern, verehrte Meisterin, würde ich
einen
Schritt weiter mit Ihnen gehen. Wissen Sie, daß in der Natur
selbst
mir das „Beschränkte“, das Unzulängliche, das ewige
„Stückelwerk“
am meisten ausfällt? Wenn man — wie ich — die Natur nicht von
weitem,
sondern von nahem betrachtet und sich in einzelne Reihen von
Phänomenen
recht vertieft, da fällt einem (das heißt mir) immer mehr
und
mehr das Unzureichende, Unzweckmäßige in allen Einrichtungen
auf. Es sind wie ewige Versuche, die nie ganz gelingen; häufig
höchst
komplizierte Vorrichtungen, allerhand Umwege und mechanische
Weitschweifigkeiten,
um zu guter Letzt den Zweck doch nur recht mangelhaft und
lückenhaft
zu erreichen. Fiele mir das Schreiben nicht so schwer, ich könnte
Ihnen das Gemeinte an zahlreichen Beispielen demonstrieren. Aber
einstweilen
— und wie sehr ich auch von Herzen Ihren Bemerkungen zustimme über
Vogel und Flugmaschine und über Jäger und Hase —‚ auf eines
muß
ich Sie doch aufmerksam machen. Sie sehen den Hasen aus einiger
Entfernung;
ich fürchte, würden Sie ihn näher betrachten, so
würden
Sie entdecken, daß auch er ein riesiges Rind ist! Es bleibt uns
ja
der Trost, daß wir Menschen aus der Entfernung uns am Ende auch
ganz
leidlich ausnehmen mögen!
23/12.
Ob wir Umgang in Wien
haben? O ja! Yadjnavalkya, Sanatkumâra und andere Freunde mit
unaussprechlichen
Namen lassen Sie ehrerbietigst grüßen, auch Bach, Gluck und
Beethoven; namentlich Gluck freut sich sehr, wenn ich ihm von Bayreuth
erzähle und einzelnes aus „Armida“ und „Iphigenie in Aulis“ mit
verdecktem
Orchester vorspiele, während Beethoven seine Taubheit
vorschützt
und meint, der mystische Abgrund läge unter dem eigenen
Schädelgewölbe.
Und dazu manche Naturforscher und Philosophen, nicht viele, denn meine
Gesundheit gestattet mir nicht, viel Umgang zu pflegen, aber eine
gewählte
Gesellschaft — oder vielmehr Freundeskreis. (Manche Herren wundern sich
allerdings, sich um meinen Tisch zu begegnen, und möchten sich die
Haare gegenseitig ausreißen, aber sie wissen, daß der
Hausherr
angenehme, gebildete Formen liebt und nicht einmal das laute Sprechen
dulden
kann — und sie lernen sich vertragen!) Weiteres, was man einen „soupçon“
von Freundschaft nennen könnte, das habe ich nicht und sehe ich
auch
bisher von keiner Seite dämmern. Hier, wie sonstwo, schreckt mich
die grenzenlose, unrettbare, zur Verzweiflung treibende Banalität,
Trivialität, Alleinerlei, der Mangel an wahrer Individualität
so zurück, daß ich nicht den Mut habe, die sicherlich
vorhandenen
wenigen, die sich von der Menge „distinguieren“, herauszusuchen.
Außerdem
habe ich augenblicklich etwas anderes zu tun; jedes Ding hat seine
Zeit.
Dagegen habe ich fast überall eine seltene und
nachahmungswürdige
Liebenswürdigkeit und ein wahres Entgegenkommen gefunden; nichts
kann
zum Beispiel netter und freundlicher und einfacher sein wie das
Benehmen
aller Professoren etc., und auch sonst im gewöhnlichen Leben freue
ich mich viel an dieser charakteristischen Eigenschaft, welche ich —
aufrichtig
gestanden — als mit die höchste betrachte, welche man der „fool
multitude“ wünschen kann. Ich weiß wohl, daß viele
behaupten: „Ja, sie sind aber alle falsch!“ Gesetzt, dies wäre
wahr,
was schert mich das? Wenn mein Hausbesitzer und mein Kutscher und mein
Kellner und der Professor, der dem physiologischen Institut vorsteht,
und
alle anderen Leute freundlich gegen mich sind, was will ich denn mehr?
Übrigens wäre ich auch sehr undankbar, und wenn ich nicht
berichtete,
wie wirklich freundlich und hilfereich vom ersten Augenblick an und bis
jetzt Herr Oesterlein zu uns gewesen ist. Der ist wenigstens nicht
eingeschlafen!
Das ist ein ganz lebendiger und ohne jede Affektation origineller
Mensch;
ich habe immer eine besondere Anziehung zu ihm gefühlt, seitdem
ich
ihm in 82 im Eisenbahnwaggon begegnete, in Nürnberg, von wo aus er
die ganze Zeit über am Fenster mit dem Kopf weit ausgestreckt
stand:
ob er nicht die Lichter von Bayreuth sähe! (Es war nachts 11 Uhr.)
Natürlich läßt sich nicht das geringste mit ihm
anfangen;
nicht einmal, wenn er etwas gefragt hat, hört er zu. Von den
anderen
aus Bayreuth Bekannten ist Dr. Boller sehr nett und freundlich
—
seinem Rate verdanken wir unsere Wohnung —‚ und er besucht uns mit
Vergnügen.
Ihr kunsthistorischer
Freund heißt doch nicht etwa Erasmus von Engert? Denn da
möchte
ich ihn nicht kennenlernen. Nicht nur im Katalog selbst — im Texte,
meine
ich — der Gemäldegalerie in Belvedere sagt er, wen er liebt und
wen
er nicht leiden mag, was schon geschmacklos und impertinent ist, nein,
im I n d e x, im alphabetischen Index, den
jeder
aufschlagen muß, um die Bilder überhaupt zu finden, im Index
finden Sie z. B.: „R u b e n s, Peter Paul, die
großartigste künstlerische Persönlichkeit der neueren
Zeit“,
und dann erst die gewünschten Nummern! Es verstimmte mich
dermaßen
neulich, daß ich an keinem Bilde Freude hatte.
Die „compliments
of the season“, die erlassen Sie mir wohl? Meine alte „scie“:
— für S i e, hochzuverehrende Meisterin,
kann
man nur b e t e n, alles übrige wäre
so ungereimt und frech, als wollte ich Ihnen versichern, daß ich
Sie „für die großartigste künstlerische
Persönlichkeit
der Jetztzeit“ halte. Es gibt Menschen, die vor derartigen Grobheiten
geschützt
stehen sollten. Ich werde Ihnen auch nur sagen, daß ich in
tiefster
Ehrfurcht bin und bleibe Ihr Ihnen von ganzem Herzen und ganzer Seele
ergebener
Houston S. Chamberlain.
Aus
dem Jahre 1890
138-139
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Frankfurt a/M., Frankfurter Hof, den
20. Januar 1890.
Freilich, mein
teuerster
Freund, habe ich Ihren lieben, großen, schönen
Weihnachtsbrief
erhalten, und ich wartete auf etwas, was aber nur in Wahnfried kommt,
um
Ihnen zu erwidern. Auch waren wir wirklich hier elend daran, jeder
krank
und dann jeder matt.
Auch meine Gedanken
sind viel bei Ihnen gewesen, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie
herzlich
ich mich darauf freue, Sie und Ihre liebe Frau wiederzusehen [gelegentlich
einer geplanten Reise nach Wien]. Ich erzähle Ihnen dann,
wie
emsig ich an meiner armen Psyche geschaffen habe, um sie von ihrer
Zerrupfung
zu kurieren. Die Schmetterlingsflügel regen sich bereits wieder,
weil
das Ewige unverschlechterlich ist. Zweitens wollte ich Sie fragen,
warum
jemand, den ich empfehle, gerade ein Esel sein muß. Warten Sie
nur,
weder von meiner Psyche noch von meinem Kunstgelehrten erfahren Sie je
wieder eine Silbe!
Leben Sie trotz aller
bösen Dinge wohl! Wenn es Ihnen nach meinen Wünschen ging,
würden
Sie mir die Seele nicht streitig machen, ich weiß aber, daß
Sie mir in aller Seelenlosigkeit gut sind, und das gilt mir
Unphilosophin
als Seele. Bleiben Sie es mir, und seien Sie meiner herzlichsten
Anhänglichkeit
aufs neue versichert!
C. Wagner.
139-140
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
22. Januar 1890. 1 Blümelgasse.
Wien VI.
Meine Frau freut sich
ganz kindisch, verehrteste Meisterin, auf die Aussicht, Sie zu sehen
und
zu sprechen. Ich persönlich kann es mir noch zu wenig vorstellen;
ich begreife noch nicht, wie man wird im Kreise sitzen und sprechen und
sich erkundigen usw., sich gleichzeitig so wenig ernst und so
lächerlich
ernst nehmend; nun, das findet sich. Und indessen heißt mein
Traum
Ihre Zeilen willkommen und schwatzte manches schon in Erwiderung.
Ihre Seele,
verehrteste
Meisterin? — Ich holte mir vorhin mein Kopierbuch heraus und las jene
Stelle.
Es amüsierte mich, wie nach dem schonungslos heftigen Angriff ich
im folgenden immerfort nur von Seele rede! Und das ist es auch; ich
zittere
immer vor jeder konsequent dualistischen Auffassung, aus Angst,
daß
der armen, hilflosen Seele etwas genommen wird, was auch von seiten des
Spiritualisten nie ausbleibt. Was hat mich wild gemacht? Daß man
von irgendeiner Sache sagt, daß sie s e e l e n l o
s
sei. Nein, nein! Alles ist beseelt; man muß nur die Augen haben,
um zu sehen, und (beim Phonographen!) die Ohren, um zu hören. Die
ewige Antinomie bleibt überall zugrunde: daß das
Immaterielle
gezwungen ist, sich zur Mitteilung ausschließlich materieller
Werkzeuge
zu bedienen; diese Antinomie können wir nicht lösen, aber man
rühre mir nicht an das Kleinste und Unbedeutendste — in alles kann
Seele hineingehaucht werden! „By music d e a
d
things are made to discourse of human emotions.“ Aber alles ist ja
„dead“,
und alles lebt, alles! Wenn ein Wille es gebietet, und wenn ein Lieben
es begreift. Und ich meine, daß, wenn manches nur stammelt, der
Segen
hiervon ist, daß es uns von dem Wahne heilen sollte, daß
irgendein
Ausdruck anders als unzulänglich sein könnte.
Über
die
S p r a c h e speziell (als Wortsprache meine ich),
worüber
wir öfters Gedanken austauschten, fand ich neulich in einem
reizenden
Buche, das ich Ihnen für nach-Tannhäuserische Zeiten bestens
empfehlen möchte, „The Philology of the english tongue“ by
Earle, eine hübsche Stelle, die ich Ihnen abschreiben muß,
sie
wird Ihnen Freude machen.
„To make a path
from the visible, ponderable, and substantial, to that which is
invisible,
inponderable, and spiritual, w i t h n
o
o t h e r m a t e r i a l t h a n v
o c a l s o u n d t o e r e c
t
a b r i d g e f r o m m a t t e
r
t o m i n d, — tempering it in the finest
filtered
harmonies that can be appreciated by the sentient, emotional, and
intellectual
nature of man; — this seems to be the task and function of human
speech.“
Ach, und das, wovon
ich eigentlich sprechen wollte heute: Anaxagoras und das
Verhältnis
von mechanischen Weltanschauungen zur Kunst — nicht zu einem einzigen
Wort
ist es gekommen! Mais vous avez d'autres chats a fouetter. —
Bez.
der Möglichkeit, Ihr Freund und gleichzeitig Esel zu sein,
darüber
mündlich; meine Position ist stark befestigt — Schopenhauer! Und
Sie
selbst!
Viele, viele
Grüße
an alle! In Ehrfurcht und Treue und Dankbarkeit Ihr ergebener
Houston S. Chamberlain.
140-141
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Frankfurt a/M., Frankfurter Hof, den
25. Januar 90.
Van Dyk
telegraphierte
mir gestern: „Tannhäuser“ sei für Mittwoch, den 29.,
angesetzt.
W e n n S i e nun n i c h t
s
m e h r v o n m i r h ö r e
n,
teuerer Freund, so fahre ich Dienstag gegen 1 Uhr von hier ab und bin
Mittwoch,
den 29., in der Früh 6 Uhr 45 in Wien.
Das wären so
die matters of fact. Die Seele und der Traum klingen anders.
Ein
Segelschiff hat Seele, ein Dampfschiff keine (für mich). Ihr Zitat
über die Sprache war sehr schön und Ihr ganzer Brief noch
schöner.
Auch die Freunde und die Esel will ich mir gefallen lassen, obgleich es
ein starkes Stück ist.
Nun, wir werden uns
wiedersehen. Vielleicht findet sich eine frühe Stunde, wo Sie mit
Mime kommen, und wir sind denn miteinander, als ob die Welt nicht
wäre.
Grüßen
Sie Ihre liebe Frau, sagen Sie ihr, ich freute mich sehr auf sie; meine
Kinder alle grüßen Sie herzlich, und ich sage: auf
Wiedersehen!
C. Wagner.
141
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
[Telegramm.]
Frankfurt, 28/1 90. 1.30 Nachm.
Mama wieder leidend.
Reise unmöglich.
Siegfried Wagner.
141-142
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Frankfurt a/M., den 2. Februar 1890.
Meine letzten Zeilen
von Frankfurt aus sollen für Sie sein, teuerster Freund, ich
schreibe
sie gemeinschaftlich mit meiner Eva. Physisch habe ich mich nun so
ziemlich
zusammengerappelt, meine letzte Zahnoperation fand gestern statt, und
ich
habe ein paar Nächte geschlafen.
Mein Aufenthalt in
Frankfurt findet dadurch einen schönen Abschluß, daß
wir
heute abend in Karlsruhe den „Holländer“ sehen. Auch scheint die
Sonne
seit zwei Tagen wieder, ich habe keine Besuche gehabt, und ein Gang mit
Eva und Siegfried durch den Palmengarten versetzte mich in die
Stimmung,
die ich als meine eigne bezeichnen möchte. Es war eine frühe
Stunde, daher einsam, als wir unter den wunderbaren Gewächsen
wandelten
und jene weiche, feuchte Luft einatmeten, die eine wollüstige
Schwermut
uns erweckt, wie sie auf Bildern edler Meister aus den Blicken Adams
und
Evas uns entgegenblickt. In den Seitengängen um das Palmenhaus
blühte
alles, was jetzt nur blühen kann. Nun setzten wir uns in den Raum
davor, um etwas zu uns zu nehmen; die Menschen kamen, die Musik begann.
Bei dem Orchester auf der Galerie funkelten Lichter, das Tageslicht war
unten, durch das Geräusch der Stimmen hatten wir Mühe, den
Beginn
der „Aufforderung zum Tanz“ zu vernehmen, aber durch die Glasscheiben
gewahrte
ich immer die stillen Kronen; und da allmählich die Webersche
Melodie
sich doch Raum schuf und die guten Seelen da oben unbekümmert um
die
Roheit da unten mit herzlicher Wärme spielten, war es mir, als ob
der Duft der schweigsam Erhabenen und der sehnsüchtige Klang ihre
Vermählung in meinem Herzen begingen. Nach dem
liebenswürdigen
Werk gingen wir noch einmal durch den grünen Raum, den die
scheidende
Sonne vergoldete. Ich gedachte Ihrer, Freund, Heinrich Stein stand vor
mir, und ich fühlte das Bedürfnis, Ihnen das zu sagen.
C. W.
142-143
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
4. Februar 1890. Wien.
Schon wieder wollte
ich mir die Freiheit nehmen, hochverehrte Meisterin, Ihnen einige
Zeilen
zu schreiben, als heute Ihr Brief vom Palmengarten kam, und damit mir
gewissermaßen
das „inprimatur“ bestätigte (nur daß ich allerdings
augenblicklich
die Feder vorziehe). Von Herzen danke ich Ihnen für den Gedanken
(„Dank
ist etymologisch identisch mit Denken“ — sagt mir Kluges Etym.
Wörterbuch),
also ich denke Ihrer für das Gedenken meiner im Palmengarten.
Nichts
sagt mir so viel und geht mir direkter in ein sofortiges und ganz
sicheres
Mit-Begreifen und macht buchstäblich die Saiten meines Wesens
erzittern,
wie — ja! wie soll ich das sagen? —‚ wie die Hindeutung auf ein
Empfundenes
durch die Andeutung der sinnlichen Umgebung. Wer könnte, was Auge
und Ohr in dem gegebenen Augenblick umgab, b e s c h r e i
b e n? Und wie vermöchten alle Mitteilungsmittel
zusammengenommen
das Empfundene w i e d e r z u g e b e n? Aber
eine leise Andeutung b e i d e r — und der Zauber ist
geschehen.
„Altes, alles weiß ich!“ Und ich sehe, wie diese schönen,
stolzen,
stillen Palmen — fern von der Heimat, unbegriffen, angestaunt,
vielleicht
auch bisweilen geliebt — so ganz die Seele meiner Meisterin
s i n d, und ich fühle, welche Labung und Ruhe diese
Seele
genoß, als sie sich in der warmen, gesättigten Luft als
fromme,
friedliche Blätter ausbreiten durfte. Und ich danke Ihnen,
daß
Sie meiner gedachten und mir ein Kleinod schenkten, welches ich mit der
Heide am frühen Herbstmorgen im Herzen aufbewahren darf.
Einen ähnlichen
Zauber kann ich — heute — nicht vollbringen, fürchte ich, denn das
Erlebnis, von dem ich zu sprechen hätte, bot den Augen —
außer
einigen Menschen — hauptsächlich Austern und Champagnerflaschen
und
dem Ohre — überwiegend — ziemlich fades Gespräch, mindestens
erschien es mir so nach einem ganzen mit Plato verlebten Tage. So eine
Zusammenkunft mit „Wagnerianern“ muß einen ja immer melancholisch
stimmen, denn wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß der
Enthusiasmus
stets achtungswürdig ist und die Liebe zu d i e s e
r
Musik den plattesten Menschen über sich selbst emporheben
muß
— hoffnungslos und zwecklos und wahnumfangen bleibt doch (wenn man sich
seine Anhänger näher ansieht) das Leben eines jeden
Großen.
Sein Geben bleibt doch stets durch ihr Vermögen, zu empfangen,
beschränkt,
und neun Zehntel seines Wirkens spielt sich in seiner eigenen Seele ab.
Ich wollte Ihnen
noch so manches sagen, Interessantes; denn mit Ihnen, verehrte
Meisterin,
brauche ich mir den Kopf nicht so sehr anzustrengen, um eine
Unterhaltung
in Gang zu bringen, wie mit der Frau Baurat gestern abend! Aber ich
gehe
wohl doch besser ins Bett! Und nehme Ihnen nicht mehr von Ihrer Zeit. —
Entschuldigen Sie diesen im Grunde ganz überflüssigen Brief!
In ehrfurchtsvoller
Treue
Ihr
H. S. C.
143-144
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
München, den 11. Februar 1890.
Sie, mein Freund,
verstehe ich immer! Melden Sie mir bitte, wann der „Tannhäuser“
dort
ist, denn den muß ich leider sehen. Es ist mir empfindlich genug,
daß ich ihn nicht vor meiner Besprechung in Coburg sehen konnte.
Ich hatte in meiner
Jugend eine sehr unschuldige Freude an meinem Namen, diese ist mir so
verdorben
worden, daß ich förmlich zusammenfahre, wenn ich ihn lese
oder
höre. Von der Übligkeit, die mir von jüngsten
Erfahrungen
zurückgeblieben war, hat mich gestern Shakespeare befreit. Nym,
Bardolph,
Pistol, diese göttlichen Halunken, haben mich endlich wieder in
die
Stimmung gebracht, die mein Lebenselement ist. Im Leben mag ich wohl
lieber
nichts mit solchen zu tun haben, in der Dichtung aber haben sie die
Lebenseindrücke
vollständig verwischt. Ach, dieser Heinrich V.! Ich war gestern
wieder,
wie soll ich das ausdrücken, ganz glücklich und hätte
immer
schluchzen mögen, indem ich lachte; wogegen der „Tannhäuser“,
abends vorher, mir weder eine Träne noch ein Lächeln
entlocken
konnte. Niedergeschlagenheit und sonst nichts!
Ein alter Freund
meiner Gedanken, den ich leider sehr häufig anzuführen hatte,
ein Brunnen in Südfrankreich, entfernte sich von der Stadt
Uzès,
wenn man Unrat in ihn warf. Ich tue es ihm nach, ich habe das
Gefühl
eines vollständigen Schwindens unter gewissen Erfahrungen.
Die Stimmung, die
Sie mir aussprechen, erinnerte mich an einen unauslöschlichen
Eindruck
meiner Jugend — jetzt lachen Sie nicht! —‚ Corinne von Madame de
Staël,
wo die Heldin mit dem Freund, von dem sie sich trennen soll, inmitten
des
römischen Karnevals auf der Straße in erhaben traulicher
Einsamkeit
sich fühlt. Das Buch habe ich ganz vergessen, es ist gewiß
sehr
wenig daran, dieses Moment aber blieb mir.
Grüßen
Sie Ihre liebe Frau herzlichst dankend, und empfangen Sie hier als
Gruß
die Summe der Gedanken, die bei jeder ernsten Stimmung Ihnen entsendet
eine Ungenannte.
[Im März kam
es zu einer persönlichen Begegnung gelegentlich eines Aufenthaltes
der Frau Cosima Wagner in Wien.]
Cosima Wagner mit allen ihren Kindern
und dem Schwiegersohn Graf Gravina.
Von links nach rechts:
Graf Gravina, Isolde Wagner, Daniela
Thode, Cosima Wagner, Siegfried
Wagner,
Eva Wagner, Blandine Gräfin Gravina. Um 1890.
Phot. A. v. Groß.

H. S.
Chamberlain
in seinem Wiener Arbeitszimmer.
144-145
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
München, Arcisstr. 32, den 20.
März 1890.
Gewisse Dinge, mein
Freund, gehen eben nicht zusammen, z. B. auch mein Vater und Levi; es
ist
rein unmöglich, und er hat neulich in seinem Elend gesessen,
während
wir anderen (Sporcks, Ritters, Golthers, Fischer etc.) in hoher
Begeisterung
uns entflammten und ich Sie so bei mir gewünscht habe. Es wurde
„Faust“
und „Prometheus“ [von Liszt] in einer
Weise
von Kellermann aufgeführt, daß der Abend zu einem grandiosen
Erlebnis wurde. Eine solche, aus der Überzeugung entsprossene
Befähigung
ist mir in der Tat noch nicht vorgekommen. Bei den anderen begabten
Dirigenten
habe ich ihre Fähigkeit im Dienste ihrer Überzeugung
empfunden,
hier hat aber der Glaube Fähigkeiten geschaffen, und die Energie
dieses
Glaubens verlieh ihm die Kraft, mit nur drei Proben, einem
widerspenstigen
Orchester und einem zusammengelaufenen Chor eine unvergleichliche
Aufführung
zu bewerkstelligen. Meine Überzeugung, daß zum Dirigieren
der
Charakter ebenso wichtig als das Talent ist, bestärkte sich an
dieser
Erfahrung. Unsere Stimmung war so, daß wir alle ganz gern am
Schluß
den Scheiterhaufen bestiegen hätten. Ja, indem wir die Sterne
wieder
begrüßten, beneidete ich diejenigen, welche für ihren
Glauben
sterben; denn, ihm nur zu leben, erscheint wenig und wird einem so
kläglich
gekreuzt!
Wie gern hätte
ich Sie da bei uns gehabt!
Fane [Familienname
der Grafen von Westmoreland, von denen Chamberlain seine Herkunft
ableitet
(vgl. „Lebenswege meines Denkens“, S.
15)] ist ein schöner Name, und es
ist ein gutes Zeichen, durch das, was einem angehört, an das
erinnert
zu werden, was man ist.
Gestern las uns Dr. Fiedler etwas vor, was ich Ihnen sehr
empfehlen
möchte: Altfranzösische Erzählungen, von Wilhelm Hertz
bearbeitet.
Nehmen Sie doch den „T ä n z e r u n s e r
e r l i e b e n F r a u“ vor, ich
glaube,
es wird so zu Ihnen sprechen wie zu uns, und es sollte mich freuen.
Gestern hörte ich auch die erste AmseI, wobei mir die
Blümelhöhe
einfiel. Klänge, welche uns zum Hohen im Leben ermuten, und
Töne,
die uns der Natur zurückführen, bei denen habe ich ergriffen
und gerührt Ihrer gedacht.
Leben Sie wohl, teuerer Fane! Deutsch ausgesprochen heißt es
Fahne,
auch ein schönes Zeichen!
C. Wagner.
145-148
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Sonntag
nachmittag.
23/3/90.
J'abuse
— ich weiß es, hochverehrte Meisterin. Aber ich komme zu Ihnen,
wie
zur heiligen Elisabeth die Bettler, und rufe Sie als „Glück der
Armen“
an; und scheinbar gibt sie ihnen nichts, gar nichts, und doch ziehen
sie
beglückt ab, ebenfalls erbitte i c h mir
nichts
als einen einzigen freundlichen Gedanken, und den geben Sie mir
gewiß
gern, nicht wahr? Es ist auch ein so schönes Verhältnis
zwischen
der heiligen Elisabeth und den Bettlern. Denn recht überlegt
weiß
man nicht, wer eigentlich dem anderen gibt, und jedenfalls besteht ein
ganz anderes, direkt inniges und gewissermaßen gleichwertiges —
oder
zum mindesten einen Vergleich zulassendes — Verhältnis zwischen
Elisabeth
und den Armen als zwischen Elisabeth und der ganzen übrigen Welt;
und es ist schön vom Tondichter, daß er bei der prunkvollen
Bestattung allen weltlichen und kirchlichen Fürsten doch nur in
der
Weise der Bettler erlaubt, sich ihrer Seele zu nähern.
Ob körperliche Leiden mich seit einigen Tagen melancholisch
stimmen
— namentlich die alte Plage der Herzstockungen —‚ oder ob nicht
vielmehr
die Gedanken es sind, welche das Herz zum Stocken bringen? Um Gottes
willen
machen wir uns darüber keine metaphysischen Sorgen; ich
erwähne
die Tatsache nur, um jene „Temperatur“ herzustellen, welche
Schopenhauer
als erste Bedingung zum wahren Verkehr zwischen Freunden fordert.
Und der Verkehr besteht darin, daß ich Ihnen sagen möchte,
daß
ich heute die Dante-Symphonie [von Liszt]
gehört habe. Unter möglichst ungünstigen Bedingungen:
schlechter
Platz, scheußliche Umgebung, Zwang, vorher sich die neueste
Goldmark-Gemeinheit
anzuhören, nur die Nachbarschaft der lieben Frau zur
Besänftigung
und ganz unten im Saal das kluge Gesicht des Schönaich,
gewissermaßen
aus der Hölle herauflächelnd, mit der wohlangebrachten
Mahnung
„de
ne pas se prendre trop au sérieux“. Unter wahren Leiden habe
ich also es erlebt und habe auch das Empfinden eines Erlebnisses, eines
qualvollen allerdings, insofern ich selbst beim Engelchor keinen Trost
empfand und eher jenen ewig, ewig Dahinziehenden im ersten Teile
ruhevolles
Mitempfinden entgegenbringen konnte, — jene Verdammten, für die es
kein Höllenfeuer und keine künstlichen Qualen gibt, weil
für
sie weder Himmel noch Hölle besteht, seitdem der Blick an den
Blick
für alle Zeiten gekreuzigt wurde.
Bei dem erregten, ruhelosen Genusse jagten sich tausend Gedanken durch
den Kopf, namentlich über Liszt als Schöpfer musikalischer
Werke;
ich fürchte, man würde sie unter die Rubrik „Ästhetik“
bringen,
das soll mich aber nicht abhalten, Ihnen zu sagen, daß ich mir
zuletzt
— jedenfalls als unbewußtes Resumé — immerfort
wiederholte:
„Schöner B l i c k!
Schöner
B l i c k!“
Ganz versöhnlich gegen die alte Dummheit von
„Äußerlichkeit“
stimmte mich die Empfindung, daß in dieser Redensart doch etwas
Wahres
liegt, so viel wahrscheinlich, wie einem Alltagsmenschen zunächst
aufgehen kann, insofern nämlich als das Auge, also das
G e s e h e n e, mir das spezifisch Charakteristische, das
Bestimmende, das Erfüllende und in die Schöpfung
Überströmende
bei Liszt zu sein scheint (ich urteile nach nur zwei Werken:
Elisabeth und
die Dante-Symphonie). Nicht erläuternde Programme à la
Pohl sollte man uns geben, sondern B i l d e r.
Führen Sie diese Symphonie mit versenktem Orchester im
nachtdunklen
Raume auf, und lassen Sie im Hintergrunde Bilder vorbeiziehen — und Sie
werden sehen, alle Levis und alle meine kalten Nachbarn von heute, die
das arme Herz durch ihre Nichtempfindung peinigten, sie alle geraten in
Ekstase. Manches in Elisabeth wird mir nunmehr auch klarer — das meine
ich ja gar nicht, sondern es wird von manchem klarer, wieso es kam,
daß
gerade das von Liszt mit solcher Vollkommenheit und zu so ewiger
Schönheit
verklärt dargestellt werden konnte und wurde; z. B. Elisabeths
Herunterschreiten
von der Wartburg (vor dem Rosenwunder) — drei Takte, deren
Schönheit
geradezu göttlich zu nennen ist, es ist eben ein Gesehenes, ein
mit
den Augen Geschautes, ein Bild, man sieht sie leibhaftig schreiten; und
das ist doch etwas Grundverschiedenes von dem, was — sagen wir
Beethoven
— getan haben würde oder hätte tun können. Und zur
weiteren
Veranschaulichung des Gemeinten könnte ich anführen,
daß
Elisabeth als Heilige nur in dem Gesang der Armen und Engel geschildert
wird, diese schauen sie an und sagen uns, was sie s e h e
n;
während in Elisabeths Monologen das vollkommen Schöne
aufsteigt,
wenn sie ihr „Ungarland mit duft'gen Weiten“ s c h a u
t,
„des Freundes Lichtgestalt“. Und gewißlich kann man Liszt
ebensogut
— wenn auch aus ganz anderen Gründen — wie Beethoven, „einen
notwendig
irrenden Künstler“ nennen, insofern nämlich, als er sich doch
nicht zu unserem vollen, unmittelbaren Verständnis mitteilt, d. h.
nicht unmittelbar an die Sinne, und zwar trifft ihn der Vorwurf (wenn
dieses
Wort hier einen Sinn hätte) viel direkter, weil sein
künstlerisches
Schaffen unmittelbar auf der Tätigkeit des Hauptsinnes, des
Gesichtssinnes,
sich aufbaut, und er uns dieses gänzlich verschweigt. Ob Liszt
außer
dem in der Phantasie und in der Natur Erschauten nicht auch häufig
tatsächliche G e m ä l d e zur
musikalischen
Gestaltung benutzte? Ich möchte es glauben; und ich möchte
gern
Musik von ihm hören mit dem dazugehörigen Bilde vor Augen.
Zweimal in der Symphonie frappierte mich und ergriff mich Parsifal-S t
i m m u n g. Gegen Schluß des ersten Teiles eine
Titurel-Bestattungsfeier,
am Schlusse des zweiten Teiles ein Erglühen des Heiligen Grals.
Und
wie schön beides! Sicherlich in einem gewissen Sinne
„äußerlich“,
denn dieses Sehen ist ein Sehen mit den Augen und eine Offenbarung an
die
Augen, nicht jene Offenbarung des Jenseitigen, welche Musik sein kann;
aber dieses Sehen ist nicht „äußerlicher“ wie das Bild des
Heilandes
in Lionardo da Vincis Auge, und gewiß können wir durch diese
Gestalt hindurch in das Allerheiligste eintreten, „jenseits von
Schweigen
und Nicht-schweigen“.
Ich habe nicht „mich mit Ihnen über Liszts Musik a u s
e i n a n d e r s e t z e n wollen“, verehrteste Meisterin;
sondern wollte der so schweigend verlaufenden Erregung Luft machen und
mißbrauche die Überzeugung Ihres Mitverstehens und Ihres
Mitfühlens.
Dienstag gehe ich wieder in die Heilige Elisabeth; eigentlich wollte
ich
nicht, aber durch derartige prinzipielle Vorhaben lasse ich mich nicht
bestimmen, sondern folge dem Herzen, und dieses erfüllt Sehnsucht.
Sie sagten auch, man könne nie genug zusammenleben mit denen, die
man liebt. Außerdem bin ich überzeugt, daß das 4te
Bild,
mit seiner Fafner-Musik, meinem Gefühlsverständnis diesmal
ganz
aufgehen wird, was bisher nicht der Fall.
In Ehrfurcht Ihr
Houston S. Chamberlain.
Das altfranzösische Buch von Hertz ist mir ein lieber, alter
Freund.
Die Geschichte von „Dem Tänzer unserer lieben Frau“ werde ich
heute
abend im Bette wieder lesen!
148-150
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried, den
29. März 1890.
Inmitten des jubelndsten Zwitscherns schreibe ich Ihnen. Es war heute
ein
wonnevoller Tag, wie ich mich seit Jahren nicht entsinne, ihn im
März
erlebt zu haben. Wer das beschreiben könnte, wie einem da zumute
wird!
Wie das Glück in und außer einem zu sein scheint, und wie
man
nur eines nicht begreift, daß die Menschen zum Lesen und
Schreiben
gekommen sind. Es gibt wohl nichts Rührenderes als die ersten
schönen
Frühlingstage, die zarten Grüße der Erde und das stille
Treiben der alten Bäume! Genau wie die Klarinette im Orchester
voll
und süß, macht sich die Amsel vor allem bemerklich, und ein
langer Weg, den ich mit Eva durch die Wiesen machte, ließ es
einen
unter dem Schwirren der Lerchen recht begreifen, wie das
Frühlingsfest
und die Erlösungsfeier zueinander gehören.
Eines ist aber an solchen Tagen nicht gut: man findet die Fassung
für
Empfindungen und Gedanken schlecht, und so bitte ich Sie, recht
nachsichtig
zu sein, wenn ich Ihnen sehr ungenügend für die große
Freude
danke, welche mir Ihre Auslassungen über das Wesen meines Vaters
gewährt
haben. Immer wieder lausche ich der Amsel, der Gesang verhallt
allmählich,
er wird immer einsamer und scheint mit den Strahlen der Sonne zu
schwinden,
und es ist, als ob er einen nicht wecken wollte, sondern zur Ruhe
wiegen.
Da kann ich Ihnen denn nur ganz einfach danken und Ihnen sagen,
daß
Sie das aussprachen, was ich seit der letzten Anhörung der Werke
meines
Vaters mir klarzumachen suchte. Gewiß sind Bilder da
maßgebend
gewesen, und sie erstehen auch wieder völlig vor einem. (Wieder
die
Amsel! Ich werde nichts Vernünftiges zusammenbringen. Ich will
Ihnen
lieber sagen, daß ich auf dem Wege Ihrer gedachte, mir sagte, wie
man mit den Wesen, die man liebt, s e i n
müßte,
nicht sie sehen, und wie bei diesem beständigen Scheiden, welches
eigentlich mit der Trennung des Kindes von dem Mutterschoße
beginnt,
eine Art Ersatz in dem Symbole des gemeinschaftlichen Wanderns gegeben
ist. Jedesmal, wo ich diese Strecke von Laineck [Dorf
bei Bayreuth] nach Wahnfried
zurücklege,
ist Stein, mit welchem ich sie so oft wandelte, bei mir, und nebst der
Anhörung der Heiligen Elisabeth denke ich am liebsten daran,
daß
wir von der Bahn nach Hause wandelten. Ich weiß nicht, warum; es
gilt mir aber solch eine Wanderung als ein Zeichen dafür,
daß
man den Lebensweg einig geht.)
Jetzt
ist es ganz still, d. h. die Natur; denn die Trompete in der Kaserne
erscholl,
und Georg [Diener in Wahnfried]
pustete das Gas an, eben kommt auch Krug, der mir sagt: „Wir wollen
einmal
vernünftig miteinander reden;“ ich habe nämlich Kummer
über
das Abschneiden unserer Ahorne gehabt und den Wunsch ausgesprochen, es
möchte etwas auch bei uns blühen. Darauf hat er mir erwidert,
daß alle Nachbarn, vom Schreiner Popp bis zum Baron
Wolzogen ihn
bewunderten. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm
entschuldigend
zu sagen, daß ich einen eiligen Brief zu schreiben hätte!
Die Amseln sind nun weit weg und die von ihnen erzeugte Stimmung!
Dafür
hat sich bei Eva und mir das Gelächter eingestellt, wie die
Shakespeareschen
Gestalten es zu erwecken wissen.
Kürzlich abends gedachten wir wieder lebhaft Ihrer. Die
Variationen
Beethovens über Rule Britannia spielte uns Kniese vor, und
sowohl das kräftige Thema wie die naiv kühnen Variationen
darauf
erfüllten uns mit jener Heiterkeit, welche „die Mutter aller
Tugenden
ist“. Vorerst hatten wir die „Sommernächte“ von Berlioz
durchgenommen,
in denen eine schöne Stimmung, ein wirkliches Erfaßtsein von
dem Gegenstande und der Umgebung desselben herrscht. Und darauf einige
Orgelvorspiele von Bach. Das ist ein anderes, das ist die Musik, wie
sie
in allen Dingen als Untergrund ist, in welcher wir auch die Gewähr
finden, daß das Gute der schöpferische Urgrund der Dinge ist.
S o n n a b e n d f r ü h. Heute abend
kommt
Siegfried, Güte und Friede ziehen mit ihm ein zu dem
palmengeschmückten
Einzugsfest. Wirklich ergrünen alle Zweige zu dieser stillen
Woche,
und wer möchte es nicht als gutes Zeichen für das nehmen, um
was er sich sorgt? An unserer Freude über Siegfrieds Kommen
empfinden
wir erst recht, wie wir ihn vermißt haben.
Noch von etwas möchte ich zu Ihnen Sprechen, was mir einen tiefen
Eindruck aus früherer Zeit wieder belebt hat. Lassen Sie sich doch
die Abbildungen von Memlings Altarbild in Lübeck zeigen, und sagen
Sie mir, ob wir nicht auch in der Versenkung in diesen Erscheinungen
vereint
sind.
Ich lese Ihren Brief wieder. Wie recht taten Sie daran, die Heilige
Elisabeth
wieder zu besuchen. So wie Sie hat wohl keiner das Werk neu gedichtet,
und Ihre Worte darüber brachten mir meine Eindrücke wieder,
die
ich empfing, als ich unter meines Vaters Leitung dieses Tongebilde
zuerst
vernahm. Und wie wahr, daß der Empfangende ebenso
schöpferisch
als der Gebende ist. Ich wußte dagegen gar nicht, was ich
Wolzogen
erwidern sollte, als dieser mir sagte, man wisse nicht, warum die
Elisabeth
heilig sei. Mein Gott, weil sie es ist, und weil die Armen es sehen!
Doch
das haben Sie selbst so schön ausgedrückt, daß Worte
von
mir wirklich töricht wären.
C. W.
150-151
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
11. April 1890. 1 Blümelgasse.
Wien VI.
Gewiß
kann kein
Mensch auf dieser Erde die Erlaubnis, schriftlich mit Ihnen,
hochverehrte
Meisterin, verkehren zu dürfen, höher und inniger
schätzen
wie ich; und namentlich, wenn Sie mich noch ausdrücklich dazu
auffordern,
wieder zu schreiben, da bin ich wirklich nicht nur dankbar, sondern
tief
gerührt.
Ich glaube, ich kenne
Memlings Bild in Lübeck; es ist aber lange her, daß ich dort
war, und es war gleich nach einem Bayreuth, wo mir dann alle Kunst
ziemlich
albern vorzukommen pflegt. Heute kann ich Ihnen nur sagen, daß
ich
eine besondere Passion für Roger van der Weyden habe — eine ganz
ungewöhnliche
eindringliche Sprache redet er zu mir, trotzdem ich ihn habe
„äußerlich“
oder „schematisch“ oder so was Ähnliches schimpfen hören; und
wenn ich recht berichtet bin, ist Weyden der Lehrer von Memling (und
damals
wollte Lehrer was heißen, da man zwölf bis sechzehn Jahre
bei
einem zu arbeiten pflegte!). Wenn ich von Weyden rede, so meine ich
namentlich
die Berliner Bilder. Und unter diesen namentlich der tote Christus in
den
Armen seiner Mutter.
Ich konnte nur einmal
seit Ihrer Abreise in das Belvedere kommen, habe mich aber nur bei
meinem
Paudiß aufgehalten, und in zwei oder drei
vlämisch-holländischen
Zimmern; wo ich mich riesig über Jordaens gefreut habe.
Und das bringt mich
auf Wolzogen
und das „Nichtwissen, warum?“ Auf eine ähnliche
Bemerkung,
die er mir am selben Abend machte, erwiderte ich mit dem Hinweis auf
Steins
Heilige Elisabeth, wo diese auf des Landgrafen fragende Bemerkung: „Ist
es ein Wunder?“ antwortet: „Ich heiß' es Wonne!“ Und wenn ich es
mir jetzt überlege, so glaube ich, daß diese Antwort, die
ich
nur für eine geschickte und hübsche hielt, doch auch von
einem
tieferen Instinkt mir eingegeben war, und daß man wohl sagen
dürfte,
Liszt hätte in diesem Werke mehr die Wonne des Heiligseins als das
Wunder desselben zum Ausdruck gebracht. Was ja mit unserer
früheren
„Auseinandersetzung“ durchaus harmoniert, da die Wonne wohl
dem
A u g e mitteilbar, das Wunder dagegen ein Jenseitiges ist.
Aber bitte, befürchten Sie nicht, daß ich derartige
Subtilitäten
jemals auf die Spitze treiben würde; ich komme nur deswegen darauf
zurück, weil jene Antwort so ganz und gar ohne jede Theorie, ohne
jede Überlegung, aus dem Gefühl des soeben gehörten
Werkes
kam. Das wonnige Werk hörte ich damals wieder; und jetzt freue ich
mich auf das Hören in Gesellschaft von Adolphe Appia, er wird es
anders,
aber ebensosehr wie ich lieben.
Aber nun muß
ich für heute Abschied nehmen; es ist ja schön, wenn es unter
dem Namen Elisabeth geschieht, und verheißt Gutes.
Mit vielen
Grüßen
an Ihre Kinder in ehrfurchtsvoller Treue Ihr
Houston S. Chamberlain.
151-152
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Bayreuth, den 14. April 1890.
Von uns, Freund, ist
nicht viel zu sagen. Zwischen Ihrem jüngsten und dem
vorangegangenen
Briefe liegt Siegfrieds Aufenthalt bei uns; heute hat er uns verlassen,
und es beginnt ein neuer Tag, denn so ein Wiedersehen ist wie ein
„Rheingold“-Tag,
von der Morgenröte der Ankunft bis zu dem Abendglanz des
Scheidens,
was spielt sich nicht da alles im Gemüt ab! Wir lasen „Das
Kunstwerk
der Zukunft“ und „Faust II. Teil“ zusammen, und Kniese spielte
uns
mehreres
vor, viel von der „Heiligen Elisabeth“ natürlich.
Die Mittagsglocke
unterbrach mich, und darauf erfolgte ein Besuch auf „Fantaisie“ [Schloß
bei Bayreuth], welche eine schöne und, wie mir scheint,
nicht
befriedigte Frau sich zum dauernden Wohnsitz einrichtet. Dieser Umstand
ließ uns über das Schicksal auch von solchen Ländereien
nachsinnen; es ist, als ob die arme Herzogin, welche im vorigen
Jahrhundert
dieses Grundstück bebaute und ihr eheliches Leiden dort still
betrauerte,
es der Wehmut geweiht hätte. Ob eine der Seelen aber, die dort
geduldet
haben, zur Wonne der Heiligkeit aufgeblüht ist, welche Sie so
schön
als die Ausstrahlung der heiligen Elisabeth empfinden?
Aber auch andere
Gedanken kamen uns an, eine Anzahl Rekruten ergingen sich nicht etwa im
Freien, sondern im Wirtshauslokal, spielten gemeinste Märsche,
darauf
das Preislied und nach diesem den trivialsten Walzer. Der wundervolle
blaue
Himmel durch das Dickicht der grünen Tannen erblickt und die
schwirrende
Lerche auf den Feldern vertrieben den unerfreulichen Eindruck.
Leben Sie wohl,
Freund,
und wann es Ihre Zeit erlaubt, lassen Sie von sich hören, in der
Sicherheit,
mir immer Freude damit zu gewähren! Treten größere
Pausen
ein, dann fällt mir die Mitteilung schwer, weil ich dann gleichsam
in das schweigende Zusammenleben getreten bin, von wo man nicht so
leicht
zu der Fassung des Nächstliegenden gerät, und das
Resümieren
ist gar nicht meine Sache, ich kann nur entweder alles sagen oder
nichts.
Nehmen Sie mit dem Nichts heute fürlieb, und seien Sie und Ihre
liebe
Frau auf das herzlichste von uns beiden in Wahnfried gegrüßt!
C. W.
152-153
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
19. April 1890. 1 Blümelgasse.
Wien VI.
Ich bin heute
früh
ganz „upset“ von einer Nachricht, hochverehrte Meisterin; keine
Arbeit will gehen, es hilft alles nichts, ich will mal sehen, ob ich
einige
Zeilen an Sie zustande bringe, Ihnen meinen herzlichen Dank für
Ihren
Brief aussprechend? Und wenn das auch nicht geht, dann laufe ich
ziellos
durch die Straßen — die Einsamkeit in der Menge, sie ist doch oft
einzig wohltuend.
Ein Freund ist mir
gestorben; ich kann wohl sagen „mir“, denn auf der ganzen weiten Welt,
die er nach jeder Richtung im Laufe seines abenteuerlichen Lebens
durchstrichen
hatte, schlug kein einziges Herz für ihn, außer dem
meinigen.
Nur mir ist er gestorben; kein anderer wird merken, daß er tot
ist,
und für ihn ist die Erlösung aus dem bittersten Leben, das je
ein Mensch lebte, der einzige Segen — es war auch seine einzige
Sehnsucht;
nur ich Tor hoffte noch immer, „hope against hope“, und glaubte
fest, daß mein eigner Stern, der durch so manches hindurch doch
so
unwandelbar mild und freundlich auf mich hinunterleuchtet, ihm noch
schöne
und stille Jahre in meiner Nähe gönnen würde. Und jetzt
ein Brief mit der ominösen Überschrift „étude de
notaire“,
und die Nachricht, daß er im Spital gestorben ist! Ganz allein,
der
Ärmste — ganz allein im Spital. Ja, können Sie sich das
vorstellen?
Allein sterben! Und wie mögen seine Gedanken mich gerufen haben —
und ich habe nichts gehört. Ein ungewöhnlich begabter Mann,
von
unglaublicher Energie, von ungestümer Leidenschaft, der seinen Weg
ganz allein gemacht hatte vom barfüßigen Dorfbuben zum
hochgeschatzten
Arzt; schon sein Charakter prädestinierte ihn zum Unglück,
wenigstens
in seiner Lebensstellung, die nordische Empfindlichkeit, vermehrt durch
den Argwohn des Armen, unbeugsamer Stolz, unbändige Heftigkeit im
Ausdrucke, gänzliche Unfähigkeit, einen Gedanken, eine
Empfindung
zu verbergen oder irgendwie „taktvoll“ zu nuancieren, welche
große
und bedenkliche Gaben! Sein Leben ist auch buchstäblich einem
Schauerroman
zu vergleichen. Als er endlich Doktor wurde (nachdem er Dienstmann und
Kellner und alles mögliche gewesen), war er körperlich und
geistig
(oder vielmehr moralisch) gänzlich gebrochen; die Ärzte in
den
Lyoner Spitälern rissen sich dann um ihn, alle Welt sprach ihm von
„großer Zukunft“ — aber er wußt' es besser!
Die mir fast ganz
unbekannten Tränen machen mir das Schreiben nicht länger
möglich.
Verzeihen Sie, daß ich Ihnen mein Leid klagen m u
ß
t e, und gedenken Sie mit Freundlichkeit
Ihres Ihnen im
tiefsten
Herzen ergebenen
Houston S. Chamberlain.
153-154
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried, den 21/4 1890.
Da meine Eva heute
recht angegriffen zu Bett liegt, kann ich Ihnen, mein Freund, nicht
schreiben,
doch will, muß ich Ihnen ein Wort des Mitgefühls sagen!
Gestern unter
schwerer
Stimmung innen und außen, sagte ich Eva von der großen,
lebensgefährlichen
Krankheit Siegfrieds (1885), wo ich allein in Wahnfried mit ihm war,
und
ihr dies wieder vorführend, meinte ich, es sei, als ob in solchen
Zeiten nur man eigentlich lebte, den Kern des Daseins faßte,
während
in den anderen man träumte. Das Leiden, das furchtbare,
unfaßliche
Leiden, wen es wahrhaft erfaßt, daß alles übrige wie
Nebel
schwindet, der weiß das Leben. Und wundersamerweise: eine
Begegnung
mit einem näher Bekannten brachte uns anhaltend lange auf die
Betrachtung
des tragischen Endes unseres Königs!... Wollen wir Zufall oder
Ahnung
diese Begegnung der Empfindungen nennen?
Ihr armer Freund,
und Sie noch Ärmerer, ihm nicht nahe gewesen zu sein! Oder waren
Sie
es ihm nicht doch? Ich habe von dem Tode für den, den er
berührt,
eine versöhnliche Vorstellung, ich denke es mir, wie ein
Aufbrechen
der Knospe und eine Erfüllung. Nur die Bleibenden sind die zu
Beklagenden.
Aber ich glaube, daß ich sehr allein in dieser Empfindung stehe.
Über Steins
Verlust werde ich nie hinwegkommen, und doch — könnte ich ihn
zurückrufen,
ich weiß nicht, ob ich den Mut dazu hätte. Wenn Sie zum
Frieden
wieder gelangt sind, sehen Sie sich doch seine „Einsiedler“ [Heinrich
von Stein, „Dramatische Bilder und Erzählungen“, „Die beiden
Einsiedler“]
an; da sagt Paulus im Sterben dem Antonius: „Bruder, wenn du nicht da
wärest,
wäre diese Stunde schwer.“ Das ist Ihr Gedanke von der Einsamkeit
Ihres Freundes, und — vielleicht sehen Sie und Stein richtig — ich sehe
es anders, könnte aber nicht sagen, wie. Ich möchte, ich
wäre
jetzt in Wien, und wir weinten zusammen. Schon vor langen, langen,
langen
Jahren nannte mich mein Vater: un psaume de pleurs. Von dem
Leben
weiß ich wenig anders (dieses wenige freilich sonnensiegreich);
von
dem Tode sehe ich die Verklärung!
154-156
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
3. Mai 1890. 1 Blümelgasse. Wien
VI.
Es wird Ihnen
kindisch
erscheinen, hochverehrte Meisterin, aber sprechen muß ich doch
davon,
denn es macht mir einen jubelnden Frühling, und alles übrige
erscheint dagegen so klein und gleichgültig, daß ich nicht
weiß,
wovon ich Ihnen sonst sprechen sollte; ich habe einen Band
Symphonischer
Dichtungen [von Liszt], vierbändig
gesetzt,
herausgeholt, früher war ich nicht klug daraus geworden und hatte
sie als für mich nicht zugänglich beseitegelegt; jetzt haben
wir uns — mein lieber Freund Appia und ich — darübergemacht, und
wir
sind wirklich einfach verrückt vor Seligkeit! Es ging sofort, als
wären wir von jeher mit den Intentionen des großen Malers
innig
vertraut gewesen. Gewiß, und ganz abgesehen davon, daß ich
absolut keine Note lesen noch spielen kann (was immerhin ein wenig
genant
ist), gewiß ist manches noch verkehrt aufgefaßt, und
unendlich
viele exquisite Feinheiten mögen trotz der vielen
Instrumentierungsangaben
für uns völlig verlorengehen, das ist alles Nebensache: die
Liebe
ist doch wunderbar und einzig schöpferisch; und daß ich bei
einem solchen armseligen „Zusammenhauen“ dem großen Manne sehr,
sehr
nahetrete und ihm direkt ins Auge schaue, das weiß ich. Der Gott,
der die Brotkrusten in Rosen wandelte, kann auch mein Klimpern zu
herrlichen
Tönen umgestalten. Ja, Gott ist doch gerecht, und es hat doch
jeder
seinen Teil. Ich zum Beispiel, der ich so unsäglich an der
Unfähigkeit
leide, mein tiefes, leidenschaftliches und wohl doch wesentlich
„musikalisches“
Empfinden irgendwie in Tönen zum Ausdruck und gewissermaßen
zur Erlösung in der Form zu bringen, ich schwelge geradezu in
einem
Jenseitigen, dessen „Egoismus“ (wenn man es so nennen will) gewiß
berechtigt ist, da es eben als r e i n
Jenseitiges,
Transzendentes eines „Ausdruckes“ unfähig ist. Und da man bei
jedem
Kunstwerk — wenn es von einem wahren Dichter und nicht von einem
beliebigen
Paukenschläger ist — doch nie eine wahre Verwirklichung vor sich
hat,
sondern nur ein mehr oder minder geglücktes symbolisches Spiel,
und
die Stimme, die uns, wenn auch noch so herrlich, im Kunstwerk offenbar
wird, sich zu der eigentlichen Stimme des Dichters nur so etwa
verhält
wie die des Phonographen zu der des lebendig redenden Menschen, so
öffnet
sich dem metaphysisch angelegten Geiste das herrlichste Gebiet, wenn er
an der Jakobsleiter, die das Genie ihm aus dem Paradiese
hinunterreicht,
hinaufsteigt bis in den Himmel selbst, den Himmel des Wesentlichen, des
Urgrundes. Daß die Leiter eine notwendig sinnliche ist und
daß
nur die kräftige Sinnlichkeit hinaufzuklettern vermag, das bin ich
der erste, zuzugeben; aber ich meine, daß, wer die gesamte
Sinnlichkeit,
die künstlerische mit einbegriffen, nur als W e r k z
e u g aufzufassen versteht, wenn er nun vermöge dieses
Werkzeuges zu ganz weltentrückten Gebieten zu gelangen vermag,
sich
selbst darüber trösten sollte, wenn ihm das Herz nicht
übergeht,
weil einer die Pikkoloflöte und die Posaunen zusammengesetzt hat
oder
Harfe und Amboß, oder weil er nur jämmerlich klimpern kann.
Hier wie anderswo kommt es auf Gleichgewicht an; man kann eigentlich
die
Menschen nur bedauern, bei denen das Gehör dermaßen
einseitig
entwickelt ist, daß sie vor lauter Gesumme gar nicht imstande
sind,
zu unterscheiden, ob hinter der Musik etwas steckt, ob sie wirklich
himmelwärts
führt oder nicht, und die ganz naiv Berlioz' „Requiem“ mit
Beethovens
„Messe“ „vergleichen“!
Doch ich muß
nicht vergessen, daß ich mich nur vor Ihnen entschuldigen wollte;
Sie sollen mir nicht böse sein, daß ich die Werke Ihres
großen
Vaters am Klavier malträtiere; dazu gilt obiges. Hinzufügen
will
ich nur noch, daß von dem wenigen mir bisher Bekannten
(Festklänge,
Hunnenschlacht, Hungaria, Ideale, Héroide) die Hunnenschlacht
mir
weitaus den größten Eindruck macht — es ist unbeschreiblich
großartig und groß und vereinigt die verschiedenen Momente,
die mich bisher bei Liszt am unmittelbarsten packten: das
Religiöse,
das Schauerliche und der Triumph. Und dann ist die Hunnenschlacht so
offenbar
die Musik des Auges; der Kaulbach kann sich schon freuen. In demselben
Bande habe ich noch „Hamlet“, habe aber eine geheime Angst davor und
wagte
noch nicht, es anzuschauen (obwohl ich vor Jahren den betreffenden
Band
n u r für den „Hamlet“ gekauft hatte).
Ich hätte gern
anders geschrieben; mir war ganz anders zumute; ich hätte gern auf
Ihre schönen Worte über den Tod einiges erwidert; es sollte
heute
nicht sein. Bitte, betrachten Sie das Ganze nur als einen Gruß,
und
glauben Sie, daß, wenn Liszts Musik mir auf eine Weile die Zunge
löst, ich immer sehr Schönes mit Ihnen rede!
In ehrfurchtsvoller
Treue Ihr
Houston S. Chamberlain.
156-159
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
13. Mai 1890. 1 Blümelgasse. Wien.
Daß ich
das
Glück, Ihnen, hochverehrte Meisterin, schreiben zu dürfen,
einer
schlechten Nacht verdanke, das hört sich komisch an; da ich aber
ein
Freund der einleitenden Stimmungsakkorde bin, so sage ich es gleich.
Heute
fühlte sich mein Kopf wie der Resonanzkasten einer Fiedel, deren
Saiten
alle übermäßig gespannt. Ich denke, an Sie zu
schreiben,
verehrte Meisterin, kann unter jeder Bedingung nur Ruhe und schöne
Gedanken geben?
Ich möchte doch
endlich eine Art finden, um Ihnen zu sagen, was mir Ihre Zeilen vom
21ten
April waren oder vielmehr sind. Auf der Welt gibt es immer nur Umwege;
und wenn wirklich das allertiefste, ureigenste Herz zu sprechen
wünscht,
so bleibt doch das einzige, daß es sich gestehe: „unausgesprochen
bleibe es ewig“ (diese Worte durch j e n e
Töne
[„Walküre“,
II. Akt, 2. Szene] erst zu wirklichen Trägern des Sinnes
erlöst
und für mich immer einzig mit jenen anderen vergleichbar: „ach!
dieses
Auge, ewig nun offen!“
[„Götterdämmerung“,
III. Akt, 2. Szene]).
Am besten erwidere
ich einfach auf Ihre Bemerkungen bez. des Todes. Um so mehr, als mir
unsere
Empfindungen sehr verwandt zu sein scheinen, und für mich
persönlich
sogar das Wort „Tod“ ein so schönes, mildes, heiteres (möcht'
ich sagen) erscheint — wenn ich nur von den Zutaten der Zivilisation
absehe,
von den „pompes funèbres“, Kondolationen usw. —‚
daß
ein Gefühl von beseligendem Frieden und Glück in mich zieht,
wenn ich nur von ihm sprechen darf. Wir müßten also, meine
ich,
uns doch verständigen können. Und daß Sie sich den Tod
„wie ein Aufbrechen der Knospe und eine Erfüllung“ denken, das
scheint
mir so klar wie alles, was man selber täglich empfindet; die
Freude
über die Übereinstimmung kam erst bei der Überlegung,
daß
Sie auch anders hätten empfinden können. Die Freude ist
groß
und „ewig nun“. Und die Überzeugung, daß manche
Grundanschauung
uns trennt, kann mir diese Freude nicht rauben.
Eine Trennung glaube
ich z. B. gleich zu sehen. Sie erinnern sich an Mozarts Worte in einem
Brief an seinen Vater: „...genau zu nehmen, ist der Tod der wahre
Endzweck
unseres Lebens.“ Sie scheinen mir dasselbe nur zarter, verklärter,
Heilige-Elisabeth-artiger zu sagen, mit Ihrem Ausdruck: „Eine
Erfüllung.“
M i r liegt eine derartige Auffassung fern — Sie
würden
vielleicht eigentümlich fern finden. Ich bin so von der
transzendentalen
Weltanschauung durchdrungen — die mir gewiß bei meiner Geburt
schon
im Blute floß —‚ daß mir alle derartigen Gedanken, wie
„Zweck
des Lebens“, „Erfüllung“ usw. fast geradezu utilitaristisch,
jedenfalls
materiell erscheinen. Der Begriff eines Z w e c k e
s
(und das zarte Wort „Erfüllung“ birgt auch dieses) will mir ganz
und
gar nicht in ein Jenseitiges hinüberreichen. Von einem gewissen
Standpunkt
aus hat für mich das Leben folglich überhaupt gar keinen
Zweck,
und von einem anderen Standpunkt aus ist es sich selbst
voll-genügender
Selbstzweck (und in dieser zweiten Anschauung fühle ich mich eins
mit der antiken Weltanschauung). Anstatt wie Sie den Tod zugleich als
ein
Aufbrechen der Knospe und als eine Erfüllung zu betrachten,
empfinde
ich ihn zugleich als ein Aufbrechen der Knospe und als eine
V o l l e n d u n g. Dem transzendenten, jubelnden Jenseits
die Knospe „ewig nun offen“; dem Diesseits gegenüber das Ende.
Geburt
und Tod geben diesem Leben den Charakter des Künstlerischen, indem
sie es abgrenzen — zwischen beiden zieht die Zeit den Umriß. Die
ganze Bedeutung des Schönen für den Menschen liegt hierin.
Und hieran
knüpft
sich für mich (bitte verzeihen Sie die Gedanken-Ellipsen) die
Überzeugung,
daß der Charakter des Todes für den einzelnen eng mit dem
seines
Lebens verknüpft sein muß, denn in diesem Sinne ist der Tod
durchaus nicht die Negation des Lebens, sondern ein Teil desselben. Dem
Großen wird der Tod majestätisch sein, dem wahrhaft
Glücklichen
wird er lächeln, dem Bösen ein Schrecken, dem Kleinlichen
unbedeutend,
dem Verbitterten bitter sein usw. Also könnte ich (den Tod in
diesem
Sinne, nämlich vom Leben aus betrachtet) Ihre „versöhnliche
Vorstellung“
nicht so unbedingt teilen. Und darum glaube ich nicht, daß Sie
recht
haben, daß Stein und ich uns bezüglich der Einsamkeit beim
Sterben
treffen. Jene Worte des sterbenden Paulus sind mir rätselhaft, ich
hätte gedacht, er würde jubeln, daß es einem anderen
heiligen
Manne gegönnt war, ihn aus dem Leben scheiden zu sehen. Derselbe
Empfindungsgang
aber wird mich nie Trost finden lassen, daß ich nicht am Bette
meines
sterbenden Freundes saß, denn er war kein Paulus, sondern ein bis
zum Haß gegen Gott und die Welt und sich selbst verbitterter
Mann,
und solche bedürfen der Liebe mehr wie die Heiligen, mehr sogar
wie
unsereiner. Er führte zwar immerwährend den Tod im Munde und
rief ihn als Erlöser aus seinem grenzenlosen Elend an, aber — Gott
weiß, verehrte Meisterin, daß ich nicht vor Ihnen den
Weisen,
den Paradoxen spielen möchte, ich sage es einfach, wie ich es
empfinde:
nur wer gern lebt, wird gern sterben. Noch im vorigen Herbst schrieb
mir
mein Freund, er habe nur noch einen Wunsch und eine Hoffnung — noch
einmal
den Kopf an meine Brust lehnen und sich ausweinen zu können! Der
Große
Künstler war unerbittlich — er hat nicht die Linie des Schmerzes
auf
seinem Werke durch Trost und Frieden am Schlusse verderben lassen
wollen.
Und gewiß, solange er denken konnte, hat mein Freund mein
Nicht-bei-ihm-Sein
als einen letzten, bitteren Schmerz empfunden und hat oft gerufen:
„Bruder,
wenn du da wärest, wäre diese Stunde nicht so schwer!“
Die Logik des Lebens
ist furchtbar, nicht wahr? Und von meinem Standpunkt aus, das Leben (in
dem e i n e n Sinne) als ein Vollendetes,
Abgeschlossenes
zu betrachten, ist das Furchtbarste, finde ich, der „irreparable“
Charakter,
den jede Kleinigkeit an sich trägt. Gewiß ist die Zeit nur
eine
Form der Anschauung, eine mir eigene, aber gerade dadurch kann man
nichts
in ihr auswischen und trägt alles den Stempel einer unerbittlichen
Ewigkeit.
Allerdings ist dies
alles nur der e i n e Sinn, die e i
n e Anschauung, der e i n e
Standpunkt.
Und sowie ich den ganz kleinen Riesenschritt hinübertue ins andere
Reich — ja, da bleibt es mir ewig rätselhaft, wie der Tod zu
Tränen
und Trauer (wie häufig buchstäblich „ewige“!) führen
kann?
Eigentlich hat das nicht den Schimmer eines Sinnes. Man kann doch,
selbst
wenn man keiner pessimistischen Weltauffassung huldigt, unter keiner
Bedingung
denjenigen bedauern, der aus einer widerspruchsvollen Welt, wo Schmerz
und Wonne sich ewig in den Haaren liegen, hinaus, in eine
widerspruchslose,
gegangen ist; man kann von keinem Wesen sich einbilden, daß es
noch
irgend etwas zu „vollenden“ gehabt hätte, in welchem Sinne es auch
sei; und wie kommt der Bleibende dazu, sich zu beklagen und als
beklagenswürdig
sich zu empfinden? Was sind seine wenigen Tage? Vom Leben aus
allerdings
alles, vom Jenseits gar nichts, es gibt ja keine Zeit, folglich auch
keinen
Überlebenden. Eine Trennung ist ja ein Ding der Unmöglichkeit
— und das meine ich nicht als metaphysische Spitzfindigkeit, sondern
als
das Wahrste, Unsagbarste meines eigenen Selbst. — Das eigene Ich
empfinde
ich immerwährend als ganz und gar außerhalb der
Erscheinungswelt;
es ist eben jener „Kern des Daseins“, von dem Sie auch reden; und wenn,
wie Sie meinen, das Leiden dahin führt, so erlöst das Leiden
aus dem Leiden. Denn tragisch ist ja nur der Widerspruch; das
eigentlich
Daseiende kann keinen Widerspruch enthalten, ist also auch nicht
tragisch.
Mir scheint, der Verkehr mit den Toten ist das Schönste am Leben,
so groß, so himmlisch heiter, so ruhig erhaben, der einzige, in
den
sich keinerlei Bitterkeit mischen kann, und gerade die
Überlebenden
sind es, die durch ihn verklärt werden...
Ich lese das
Geschriebene
durch und sehe, es ist sehr „fiedelig“ ausgefallen, wie aller Verkehr,
in größerem oder geringerem Grade, zwischen Lebenden. Da ich
aber nicht die mindeste Ahnung habe über die
Verständlichkeit,
überhaupt über den Wert von dem selbst Gesprochenen, schicke
ich es immer ab, so wie es gerade kam. Es gilt ja nur als
Flügelschlag!
Ihr in Ehrfurcht
und Treue ergebener
Houston S. Chamberlain.
160-162
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Bayreuth, Wahnfried, den 19. Mai 1890.
Mir ist es, als ob
wir uns über Leben und Tod vollständig verstünden, mein
Freund, nur daß Sie sich präziser, daher besser
ausdrücken
als wie ich. Ich weiß nicht, ob es Ihnen gehen wird wie mir, ob
Sie
im Alter so schwer sich über die innerlich ausgesöhntesten
Dinge
auslassen werden. So ungeängstigt ich in meinem Herzen bin,
höre
ich doch am liebsten dem Freunde zu, und seine Empfindungen, in den
Äußerungen
vielleicht verschieden, verschmelzen sich mit den meinigen
ungefähr,
wie man am Himmel beim Sonnenuntergang eine Farbe zur anderen werden
sieht
und sich sagt, daß Licht und Wärme, diese großen
Einheiten,
wohl die Wandelungen hervorbringen; aber das Wort von Stein oder seinem
Paulus scheinen Sie mir nicht richtig verstanden zu haben, es liegt
doch
der Triumph der Menschenliebe darin, selbst über die
Gottseligkeit,
über das unaussprechliche Wohl der Einsamkeit. Wie habe ich dieses
Wohl in den letzten Tagen empfunden! Eine Reihe von schmerzlichen
Eindrücken
ist uns wieder geworden, das Bellen unseres treuen Hundes, der letzte
aus
einem teuren großartigen Geschlecht, empfing uns bei unserer
Rückkehr
nicht mehr; meine Isolde liegt in Palermo fieberkrank, ich geriet mit
einem
teuersten Freund in einen Konflikt, welcher mir einmal wieder zeigte,
wie
mein armes Wesen in bestimmten Normen durchaus nicht untergebracht
werden
will; eine andere hoffnungsreiche Existenz sehe ich der
Trivialität
preisgegeben, dazu ein Unaussprechliches, und stündliche Sorgen um
alles, was mir anvertraut ist. Und doch so ein Tag in der Stille des
wahnfriedlichen
Grünen, ein Blick auf den Tannhäuser, und mir ist es, als ob
immer wieder das Herz mit der Amsel schlagen und jenen wundervollen
Wachtelgesang
Beethovens nachsingen könnte: Lobe Gott, denn er ist gut! Ich
meine,
es noch niemals so empfunden zu haben, was ein stiller Maitag ist, und
wenn Sie mich über Leben und Tod befragen, so könnte ich
Ihnen
nur mit dem Zittern der Blätter, mit dem schwankenden Strahl der
Sterne
und mit dem empfangenen Vogelgesang erwidern, und wirklich, ich habe
nur
noch dieses eine Bedürfnis nach Frieden; ist es Leben, ist es Tod,
ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß es mich
unfähig
macht, das meiste, was die Menschen sich antuen, zu empfinden, und
einzig
zu diesem andächtigen Verlangen stimmen die Worte, die Sie mir
jetzt
entsendeten!
Noch muß ich
Ihnen für Ihren Brief über die Symphonischen Dichtungen
danken;
er hat mich innig gefreut. Ich glaube, man muß zu meinem Vater
ein
ganz direktes Verhältnis haben, um sich seiner Kompositionen zu
erfreuen.
Das Schönste darüber steht wohl im Briefwechsel [zwischen
Wagner und Liszt, vgl. Brief Wagners vom 4. 3. 1854] über
die
Kantate an die Künstler. Wenn ich z. B. Préludes
oder
Tasso höre, so höre ich ganz direkt meinen Vater zu mir von
dem
Gleichnis des Irdischen, von dem Leiden des Genius in der Welt
sprechen,
ich folge dieser Sprache, und nichts läge mir ferner, als mich zu
fragen, ob ich es hier mit einer guten oder nicht guten Komposition zu
tun hätte. Wie gern hätte ich Sie, mein Freund, bei der
Aufführung
des „P r o m e t h e u s“ bei mir gehabt; wiederum
fühlten
wir uns, meine Eva und ich, durch Gruppen von Nereiden und Tritonen an
herrliche Buchten geführt und sahen den Dulder, den
Menschenfreund,
dem kein Leiden, keine Fessel das Aufjauchzen über das Aufkeimen
seiner
Saat verkürzen kann und dem ein Erlöser wird.
Ich habe in Karlsruhe
die „Heilige Elisabeth“ mit den dortigen Theaterkräften ganz
durchgenommen,
sie wird im November aufgeführt werden, am Ende kämen Sie
dafür
hin? Auch den „Rienzi“ hoffe ich, seinem Geiste nach wieder
festzusetzen,
und wenn mir auch dort die Volksmassen recht abgehen werden und der
Hauptdarsteller
sehr ungenügend sein wird, so ist doch für den Geist, in
welchem
gearbeitet wird, durch Mottl gesorgt. Er
wird Sie in Wien aufsuchen,
und
es sollte mich freuen, wenn Sie beide miteinander einigen Verkehr
hätten.
Den „Hamlet“ meines
Vaters kenne ich nicht. Ich weiß nicht, ob dies ein Zufall oder
eine
Fügung ist. Er sprach wenig über solche Dinge, so gut wie gar
nicht in den letzten Jahren, und so habe ich gar kein Bild von seiner
Konzeption
des „Hamlet“.
Gestern hatten wir
Taufe bei Knieses;
in dem redlichen Bestreben, mir den
Gottesschöpfer
des Kredos zurechtzulegen, verlor ich einen Teil der Andacht, die ich
mitgebracht
hatte, verlor den Heiland, den Heiligen Geist und sah einmal wieder,
was
es für ein erbärmliches Ding mit dem guten Willen und dem
Zwang
ist. Darauf fuhren wir nach Fantaisie, und ich erinnerte mich daran,
daß
ich bei meinem letzten Besuch lebhaft Ihrer gedachte und es Ihnen
schrieb,
so daß Sie förmlich für mich mit dem schönen Ort
verknüpft
sind. Sie passen, meine ich, auch sehr gut in eine solche Park- und
Waldanlage,
und wenn Sie mir kein eigensinniges Gesicht darauf machen, will ich
dabeibleiben.
„Wer gerne lebt,
wird gerne sterben.“ Das unterschreibe ich ganz, und es kommt auf den
Spruch
hinaus, der von Schopenhauer gegeben sich mir einprägte: „In
tristitia
hilaris, in hilaritate tristis;“ hoffentlich zitierte ich ohne
Fehler,
ich hätte es jedenfalls lieber deutsch gesagt. Der Mensch ist aber
dumm, zumal die Frau, zumalst
Ihre treu ergebene
C. Wagner.
162-163
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Mittwoch 21/5/90. 1 Blümelgasse.
Wien.
Wenn wir „in
Korrespondenz“
stünden, hochverehrte Meisterin, so würde ich gewiß
nicht
die Taktlosigkeit begehen, Ihnen umgehend auf Ihren Brief vom 19ten zu
antworten, den ich soeben, nach einem Frühgang im
Schönbrunner
Park, erhalten habe. Aber so unbescheiden bin ich nicht, mir die Sache
so vorzustellen; Sie sagen heute „am liebsten hören Sie dem
Freunde
zu“, und mir ist es häufig (der Vergleich hinkt ja an allen vier
Beinen,
aber das macht nichts), mir ist es bei unserem Verkehr, als wären
Sie der Held Siegfried, der sich auf einen Augenblick im Schatten der
Bäume
ausruht, und ich das „dumme Vöglein“, welches Ihnen vorschwatzt.
Wenn
das Geschwätz nur hin und wieder so gut zu den Bedürfnissen
Ihrer
Seele stimmen würde wie der Vogelgesang zu Siegfrieds, da
könnte
der liebe Gott mit sich selber zufrieden sein!
Daß Sie mir
Ihre Empfindungen über Leben und Tod mit dem „Zittern der
Blätter,
dem schwankenden Strahl der Sterne...“ mitteilen, das ist schön,
und
Sie wissen, daß ich Sie da am allerbesten verstehe. Gerade so,
wie
Sie mich verstehen werden, wenn ich oft empfinde, daß ein
einziger
Akkord mehr ausspricht von dem allen, was ich Ihnen sagen möchte,
als alle Worte es jemals vermöchten. „La séculaire
tristesse
qui tient dans un tout petit accord au piano“ — es ist ja etwas
anderes
als das Blätterrauschen, als der Vogelsang, aber wie bald
läuft
die menschliche Stimme mit der anderen zusammen! Alle rufen sich „tat
tvam asi“ zu!
Gewiß, verehrte
Meisterin, empfinde i c h es stets als das
Schwerste
(ich weiß nicht, ob „Tragischste“ richtiger wäre) an Ihrem
jetzigen
Leben, daß Sie auf der einen Seite, sowohl durch die Art Ihrer
Begabung
als durch Ihr ganzes Lebensschicksal, nicht nur ein Recht zum Lossagen
von allen diesseitigen Interessen besitzen, sondern tatsächlich
von
dem Tun und Lassen, von dem ganzen Streben der Menschen gänzlich
abgesondert
sind, während Sie doch auf der anderen Seite noch in der Welt
Schlachten
liefern müssen, was Sie doch nicht anders können, als, indem
Sie sich mitten ins Getümmel stürzen, wo Sie nicht bloß
der allumfassenden Gemeinheit preisgegeben sind, sondern jene
schmerzlichen
Eindrücke (auf die Sie hinweisen) Ihnen gar nicht erspart bleiben
können, auch bei den Besten und Edelsten, auch bei den Treuesten
gar
häufig in schroffster Weise auf Unzulänglichkeiten zu
stoßen.
Und was sind die materiellen Unzulänglichkeiten dem
plötzlichen
Gewahrwerden gegenüber, daß man auch mitten im Kreise der
aufopferungsvollsten
Besten doch im eigentlichsten Sinne g ä n z l i c
h
vereinsamt steht? Steht man nicht im Getümmel, kann man sich
abseits
im Walde hinlegen (und welch Lebender hätte mehr wie Sie das Recht
- „De cheminer loin des femmes et
des hommes,
- Dans le frais oubli de ce qui
nous exile“
—?),
da ist dieser Schmerz durchaus nicht so
„poignant“,
so grausam; da kann die ganze Anschauung eine still-verklärte
werden,
der Widerspruch lebt weiter — er berührt aber weniger —‚ die ganze
Welt wird gewissermaßen von der anderen Seite erfaßt, und
indem
man sein intellektuelles Ich (um mich sehr ungeschickt
auszudrücken)
vollständig opfert, es den Dümmsten unter die Füße
legt, so wird man auch vom Mißverstandensein und von der
Einsamkeit
erlöst; die Elisabeth ist im stillen Walde nicht mehr einsam, und
die Armen, denen sie ihr letztes Brot gibt, verstehen sie recht gut.
Ihr
Schicksal aber, verehrte Meisterin, ist es, in der Welt wirken
zu
m ü s s e n, wiewohl Sie gar nicht mehr in dieselbe
hineingehören.
Wie oft mögen Sie, wie mein so früh verstorbener
Dichterfreund
Laforgue, ausrufen: „Oh! qui jettera un pont entre mon coeur et le
présent?“
Und die himmlische Heiterkeit Ihres „ungeängstigten Herzens“ wird
immer wieder auf vorübergehende, schmerzliche Augenblicke
getrübt.
Schön, daß Sie sich Giordano Brunos „in tristitia
hilaris“
auch zum Wahlspruch erkoren; es ist einer der häufigen „Zettel“
auf
meiner Stubenwand.
*
Ich werde
unterbrochen.
Der Morgengruß des schwatzenden Vögleins ist ja auch lang
genug
für die knappe diesseitige Zeit.
In
ehrfurchtsvollster,
treuer Ergebenheit Ihr
Houston S. Chamberlain.
164-165
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried, den 30. Mai 1890.
Wiederum ist es eine
Wanderung, die mich zu Ihnen führt, mein Freund. Nach etlichen
trüben,
naßkalten Tagen schien gestern die Sonne wieder, wir folgten dem
Gang nach Eremitage, bogen zu einer Anhöhe rechts hinauf, und
inmitten
eines hier seltenen Wiesenblumenreichtums kamen Sie uns entgegen, und
wir
sprachen von Ihnen. Heute sind wir durch Wind und Wetter wieder
eingesperrt,
und der Gedanke soll sich zum Wort verdichten.
Ich habe in diesen
Tagen ein Buch wieder gelesen, für welches ich als junge Frau
geschwärmt
habe und das mir dadurch nicht mehr so ganz traulich ist, als die
germanische
Weltanschauung und Empfindung mich völlig absorbiert hat. So viel
und Bedeutendes ist aber an dem „Lys dans la vallée“,
daß
ich jetzt noch Balzac für die gestaltende Kraft Frankreichs halte.
In diesem Buche spielen nun seltsamerweise die Feldblumen bedeutend
mit,
und es war ein artiges Zusammentreffen, daß sie, wie vielleicht
kaum
je zuvor, gestern zu mir sprachen.
Ich glaube, es ist
kein Buch für Männer. Es erheischt zu seiner Lektüre die
hauptweibliche Tugend, die Faust mit solchem Fug verwünscht und
welche
die Prinzessin wie mit einem Angstschrei als die Summe ihres Daseins
angibt:
Geduld! Ferner kann nur eine Frau, glaube ich, dieses Seelengewebe in
allen
seinen Fäden verfolgen. Ich entsinne mich, in meiner Jugend tief
gekränkt
dadurch gewesen zu sein, daß ein Freund mir mit anderen Papieren
ein Kuvert mit meiner Handschrift zurückschickte. Schlaflose
Nächte
und ewiges Schweigen, kurz, das Absurde in optima forma
entsprang
daraus. Kein Mensch kann das verstehen, der Dichter aber merkt es.
Noch eine andere
fremdländische Erscheinung hat uns in den letzten Zeiten sehr
beschäftigt,
es ist Chopin, dessen Eigenart und vornehme Größe sehr tief
in uns eingedrungen ist. Kennen Sie seine Lieder? Ich weiß wenige
solcher, wo man derart das Gefühl hat, daß das Volk durch
den
Künstler singt.
Im übrigen hat
uns Reineke Fuchs die Pfingsttage erheitert und Fidelio (durch einen
vorzüglichen
Aufsatz von Berlioz eingeleitet) zum größeren Teile
bedrückt,
in einigem ergriffen und erhoben. — Da haben Sie unser Leben, denn an
diese
Beschäftigungen reiben sich auch unsere Gespräche an.
Wie ist der Besuch
von Mr. Boissier abgelaufen? Wenn er etwas für unsere Sache tun
will,
so hat er im nächsten Jahre die schönste Gelegenheit, wo,
auch
wenn wir bis zum letzten Platz verkaufen und nicht einen einzigen
Freisitz
geben, wir doch ein bedeutendes Defizit haben müssen, weil unsere
Ausgaben um ein Beträchtliches unsere höchsten Einnahmen
übersteigen.
Gott wird helfen, sage ich mir, um die Sorgen einzuwiegen.
Über Ihr letztes
Schreiben sage ich Ihnen nichts; sagen Sie sich alles selbst, indem Sie
sich wiederholen, daß in den Augenblicken, wo die Schranken sich
mir lösen, was nur in der Musik oder in der Natur mir wird, Sie
mir
nahe sind. Ich grüße das Vöglein und würde ihm
sehr
gern wie der Schuster im „Machandelbaum“ [in
Grimms
„Kinder- un Hausmärchen“] ein Paar rote Schuhe schenken,
damit
er wieder sänge!
C. Wagner.
165-166
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Semmering, 7/6/90.
Stimmungsakkord: „L'anima
sua si slancia fuori del creato, e si crea nel infinito un Mondo tutto
per esso, diverso assai da questo oscuro e pauroso baratro.“ —
Wenigstens
hat mich, hochverehrte Meisterin, dieses „si slancia fuori“
einige
Tage fast zu buchstäblich beherrscht und das goldene Gleichgewicht
beinahe bedroht. Aber gestern, trotz nachschleppender Schmerzreste,
konnte
ich meine ewige Sehnsucht, überall den höchsten Berggipfel zu
erklettern, erfüllen; und Auge und Seele konnten wirklich
schwelgen,
von den langen Gletscherreihen im Südwesten bis zu der
grenzenlosen
Wellenebene Ungarns im Nordosten. Die Welt und wir, wir sind doch
organisiert,
um aneinander die höchste Wonne zu erleben; ich kann Ihnen gar
nicht
sagen, mit welchem Entzücken ich das Auge über dieses weite
Stück
Welt schweifen ließ! Traurig gewiß, ich meine, voll Trauer
schaut jeder Berg und jedes Tal aus, gleichviel ob im hellen
Sonnenschein
oder im Schatten der unerbittlich daherziehenden Wolken; übersieht
man weite Fernen, so ist mir immer, als wäre die ganze Welt von
der
allertiefsten Melancholie durchdrungen, gewissermaßen in dieselbe
eingetaucht und von ihr ganz durchsättigt (ein ganz anderer
Eindruck,
als man vom e i n z e l n e n Tal,
vom
e i n z e l n e n Wald, in dem man wandert, bekommt, und
der
bisweilen ganz harmlos heiter sein kann); aber die Welt ist so
unendlich,
so unaussprechlich s c h ö n! Sie umarmen
und küssen und den Kopf darauflegen — und jene wahren Tränen
weinen, die weder Schmerz noch Freude sagen oder beides, wie man will,
nur das Durchdrungensein von jener allgemeinen, alles
überragenden,
alles durchdringenden Schönheit, welche Shelley so schön
bezeichnet:
- „...that Beauty
- Which penetrates and clasps and
fills
the world;
- Scarce visible from extreme
loveliness.“
Die Welt als „oscuro
baratro“ betrachten, das ist im Grunde leicht; es ist die erste,
aber
auch die unterste Stufe der Erkenntnis. Aber ihre „extreme
loveliness“
mit schrankenloser Überschwenglichkeit empfinden, das kaum
Sichtbare
vor Übermaß dennoch sehen lernen, so viel
möglich,
n u r noch dieses sehen — wäre das nicht die einzige
Wahrheit,
die uns im Diesseitigen blühen kann? Und die am besten geeignete,
um uns in das blendende Jenseits hinüberzuleiten? Und dieses —
diese
Betrachtung —‚ verbunden auch mit der Erinnerung an unsere neuerliche
Unterhaltung
über den Tod, ruft mir folgenden herrlichen Satz aus einer
Prosaschrift
von Milton zurück — er hat ja nichts mit alledem zu tun, ich
zitiere
ihn nur, weil ich heute die strahlende Schönheit dieser Worte so
tief
empfinde, daß ich sie Ihnen sagen muß: „...where
(nämlich
im Jenseits) — where they (nämlich die Großen) —
where
they in supereminence of beatific vision, progressing the dateless and
irrevoluble circle of eternity, shall clasp inseparable hands with joy
and bliss, in overmeasure for ever.“
Und daß ich
die „extreme loveliness“ Ihres Lebens habe betrachten
dürfen,
hochverehrte Meisterin, dafür dankt Ihnen gewiß durch den
ganzen
„dateless
and irrevoluble circle of eternity“ Ihr in ehrfurchtsvoller Treue
ergebener
Houston S. Chamberlain.
166-167
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried, den 11. Juni 1890.
Wohl haben Sie recht,
daß die Empfindung des Baratrischen der Welt gleichsam die
unterste
Stufe der Erkenntnis bildet, zu welcher so ziemlich ein jeder gelangt.
Dahin aber zu kommen, auf dem Schmerzenslager wie Tristan zu Isolde zu
rufen: „Ach, wie schön bist du!“, das ist wohl nur den wenigsten
zuteil,
und wenn die Kundgebungen der Hellenen uns mit dem Eindruck der
Erhabenheit
durchschauern, so beruht dies vielleicht in der Errungenschaft des
Schönen
durch die empfundene Tragik hindurch.
Aber auch, daß
ein weiter Überblick immer traurig ist, sprach heimisch zu mir. In
der Begrenzung — in der Kunst — liegt die Heiterkeit.
Neulich erfuhr ich
bei Gelegenheit des japanesisch richtig gestimmten Klaviers, daß
wir gar keine gesetzmäßige Stimmung haben, sondern daß
unser Ohr das Angedeutete zur Harmonie erhebt; das ganze
Verhältnis
des Menschen zum Leben und zur Welt lag mir darin. Keine Erfahrung, die
so schwer wäre, daß der Mensch ihr nicht Schwingen verleihen
könnte, keine Häßlichkeit so grinsend, daß er sie
nicht zur Erhabenheit wandeln könnte. Freilich darf die Sorge ihn
nicht allzu scharf und unausgesetzt nagen in der Angst um meine
Tochter,
in der Vorstellung der Hitze in Palermo war mir wirklich jeder Friede
der
Beschauung geschwunden.
C. W.
167-169
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
22. Juni 1890. 1 Blümelgasse. Wien
VI.
Ich empfinde mit
Scham
die bodenlose Tiefe meiner Dummheit, hochverehrte Meisterin, bei dem
Gedanken,
daß, was so vielen leicht und selbstverständlich, mir mehr
wie
je unmöglich ist: die Trennung des Gesamtdaseins in ein
Subjektives
und ein Objektives. Mein abscheulich gestimmtes „Subjekt“ wirft auf
alles
Umgebende so häßliche Strahlen — und doch wiederum, sollte
es
nicht vielmehr das vermaledeite Objektive sein, welches mich so
plötzlich
und unverdient aus heiterer, unschuldiger und wirklich schöner
Laune
ganz roh hinauswirft, so daß ich mich nur frage, mit welchem
Verbrechen
ich anfangen soll? Denn Sie werden doch nicht im Ernste mich glauben
machen
wollen, daß ich persönlich den gewittrigen, feuchten Tag
veranlaßt
habe? Und was kann ich dafür, und wie erklären Sie das,
daß
präzise im Augenblick, wo der Himmel sich bewölkt und die
„subjektive“
Stimmung sich trübt, ein Freund mir wirklich herben Kummer macht?
Mir das rauben möchte, was ich mir niemals rauben ließ, und
sollte ich auch 70 mal 7 als blöder Esel vor mir und anderen
dastehen
— den G l a u b e n? Ich vermute, mit dem
Subjektiven
und Objektiven kann man es ungefähr so halten wie der Dachdecker:
„Von beiden Seiten ganz egal.“ Aber ich gestehe, daß, wenn man
immerfort
auf der scharfen Kante wandelt, wo die beiden Seiten „ganz egal“
zusammenlaufen,
es einem bisweilen recht schwindlig wird. Und wie ich dann weiter im „Il
Penseroso“ der Melancholie begegnete, vorgestellt als
- „A pensive nun, devout and pure,
- Sober, steadfast and demure,
- All in a robe of darkest grain,
- Flowing with majestic train,
- And looks commercing with the
skies,
- Thy rapt soul sitting in thine
eyes.“
Ja! Da war ich doch bei Ihnen angelangt,
hochverehrte Meisterin, nicht wahr? Und der Dachdecker-Standpunkt war
glücklich
überwunden.
Dies ungefähr,
was mich veranlaßte, einen Quartbogen herauszuholen. Und nun:
Zuerst
die Hoffnung, daß die Wolke, die mir die Sonne raubte, nicht etwa
von Bayreuth aus ihren Schatten über mich warf? Und, daß Sie
an Sorge und Kummer nur „das tägliche Brot“ hatten.
Daß Sie
schreiben
— und wie Schön und richtig! —‚ der Mensch könne
j e d e r Erfahrung Schwingen verleihen und jede
Häßlichkeit
zur Erhabenheit wandeln, das machte mir, außer der großen
Freude,
eine kleine boshafte! Ich dachte an unsere Korrespondenz im Winter und
an meine Anschauung, daß man nichts als seelenlos anreden
dürfe,
weil die Seele von dem anschauenden M e n s c h e
n
in das Ding hineingetragen oder, was auf dasselbe hinauskommt, aus dem
Ding herausgefühlt und empfunden wird. Wobei ich nur dadurch meine
Stellung verdarb und unklar machte, daß ich aus reiner,
zweckloser
Boshaftigkeit gleichzeitig den Begriff der Seele überhaupt — mit
Schopenhauer
— angriff. Daß wir vollständig übereinstimmten, war ja
selbstverständlich; der Schein des Widerstreites kam nur,
daß
Sie Influenza und ich Zahnschmerzen hatten. Heute muß ich Ihnen
aber
in bezug hierauf etwas anderes erzählen, was Sie mehr
interessieren
wird als meine Manie, recht haben zu wollen; ein Erlebtes. Sie werden
dann
begreifen, warum ich damals bei Ihrer Bemerkung: das Telephon (oder
Phonograph)
sei „seelenlos“, in solch sonderbare Wut geriet. — Im vorigen Herbst,
als
ich in Paris war, kam mein lieber Freund, der junge Arzt, der vor
kurzem
starb, in Marseille krank an. Da wir uns nicht treffen konnten und ein
schnell zu fassender Beschluß eine mündliche Unterhaltung
dringend
wünschenswert machte, so bestellten wir uns zu einer bestimmten
Stunde
an das Telephon. Bei der großen Entfernung zwischen Paris und
Marseille
ist der Schall außerordentlich schwach, ohne Übung kaum
verständlich
und so bloß metallisch, daß viel, v i e
l
weniger von der warmen menschlichen Stimme darin zu erkennen ist als in
einem Edisonschen Phonographen. Würden Sie es glauben, mein Freund
ist von dem K l a n g meiner Stimme, oder vor
dem
Klang meiner Stimme fast buchstäblich in Ohnmacht gefallen. Es kam
keine Antwort mehr, und ein Beamter meldete mir von Marseille aus, der
Herr sei unpäßlich; und nachher schrieb mir mein Freund,
nach
der jahrelangen Trennung, nach der trostlosen Wanderung durch so viele
öde Länder und dem Herumschieben mit so unzähligen
guten,
schlechten und gleichgültigen Menschen hätte ihn der Klang
der
einzigen Stimme, die auf der Welt ihm wahre Liebe verkündete, der
ihm so wohlbekannte Klang ganz überwältigt! Es war auch das
letztemal,
daß er sie hören sollte. Man muß wohl grenzenlos
unglücklich
und vereinsamt sein, um dem häßlichen, puppenhaften,
näselnden
Telephon-Ton derartige Schwingen zu verleihen, so daß er mit
leidenschaftlichster
Gewalt direkt zur Seele spricht — aber, Sie sehen, es geht. Es kommt
nur
auf die N o t an.
In diesen letzten
Zeiten war ich wieder viel in meinen lieben Alpen, durch das Buch eines
reizenden, sehr originellen und im wahren Sinne des Wortes
distinguierten
jungen, früh verstorbenen Franzosen, der als unbemittelter Lehrer
in der franz. Schweiz tätig, alles sparte für Hochalp-Touren,
die er trotz seiner Schwindsucht meisterlich ausführte: Javelle.
Das
Charakteristische ist bei ihm die schwärmerische, pantheistische
Liebe
der Natur und der vollständige Rausch des
Himmelwärtskletterns.
Ihr in Ehrfurcht ergebener
Houston S. Chamberlain.
169-170
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried, den 28. Juni 90 (Sonnabend).
Das war ein Ruf aus
der Tiefe, mein Freund! Und ich hätte ihn vom Rande dieser Tiefe
gleich
widerhallt, wenn ich nicht in diesen Tagen Festspielbesuch erhalten
hätte.
Strauß war da, begleitet von singenden Weibchen und
Männchen.
Alle drei sehr merkwürdig. Der erste fanatisch, wie man es in der
Jugend nur ist; die zweite [Pauline de Ahna,
Bayreuther
Elisabeth 1891] als Generalstochter mit angenehmer Stimme,
für
die Bühne schwärmend, wie man es zu der Goethe-Schiller-Zeit
tat; der dritte [Heinrich Zeller, der 1891 den
Tannhäuser
in Bayreuth sang], Schullehrer, inbrünstig, schweigsam,
tief
und exaltiert. Die drei produzierten mir die Szene zwischen Elisabeth
und
Tannhäuser, wie ich wahrhaftig bezeugen kann, sie noch nie
gehört
zu haben, wenn ich auch bei weitem glänzendere Mittel und, wenn
Sie
wollen, auch Talente kenne. Es war eine große Freude; das
Gefühl,
wie in einer Gemeinde zu sein, und ich habe diese vier Tage
buchstäblich
mit dieser Dreieinigkeit gelebt; beständig aber dabei an Sie
gedacht
und mich gefragt, wie jetzt Ihre Stimmung sei? Ob Mime [der
Hund Chamberlains] kuriert? Ob der Freund Ihnen erblichen, wie
er
Ihnen untreu wurde? Ich finde es wundervoll von Schiller, daß er
uns Wallenstein, den er uns sonst gefühllos zeigen mußte,
mit
einem solchen Freundschaftsglauben ausrüstet.
Das, was Sie jetzt
durchmachen mußten, ist meinem Leben öfters widerfahren, und
der Gleichmut, der einen dabei ankommt, ist nicht beneidenswert.
Die Stimme des
Entfernten!
Ich meine, soll ich die Gegenwart missen, so misse ich auch gern die
Stimme,
oder vielmehr, ersetze mir alles auf meine Weise, worin mich ein Teil
der
Realität nur stören könnte. Aber sehr ergreifend ist der
Fall mit Ihrem Freund.
Wir haben nun den
Johannistag gefeiert, die letzten Vögel singen hören, die
ersten
Glühwürmer begrüßt und von den Wiesenblumen, ehe
sie
abgemäht wurden, Abschied genommen.
Ich habe auch eine
Dachdeckergeschichte, nämlich von einem, der, wie er zum 13ten
Male
herunterfiel, sich frug: „Jetzt bin ich neugierig, was ich mir diesmal
breche!“ So wollen wir uns als arme, ehrliche Dachdecker die Hand
reichen
und sehen, wie wir uns helfen. Seien Sie beide aus Herzensgrund
gegrüßt!
C. W.
170-171
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
14/7/90. 1 Blümelgasse. Wien.
Wirklich,
hochverehrte
Meisterin, nur von dem Wunsche beseelt, ein wenig diskret zu sein oder
wenigstens dies zu versuchen, schrieb ich nicht.
Zu einem wirklichen
Briefe wird es heute allerdings kaum kommen: denn erstens, ich bin ein
ganz klein wenig „uneasy“ über das Schicksal einer
wissenschaftlichen
Arbeit, welche jetzt endlich in den Händen eines berühmten
Gelehrten
ruht, i c h selbstverständlich
überzeugt,
daß ich etwas sehr Tüchtiges geleistet habe, und wenn auch
nicht
gerade eine gelehrte Arbeit, immerhin eine, welche ganz neue
Gesichtspunkte
eröffnet, und welche fleißigeren Forschern wie ich ein
reiches
Feld zur Bearbeitung freigibt, aber er (nämlich der berühmte
Physiolog), wie mir scheint, bis jetzt der Meinung, daß ich
gänzlich
verdreht bin, so daß ich bei jedem Erschallen der Türklingel
zitternd die Postkarte erwarte, welche mir, wie bei meinen sonstigen
gutgemeinten
Versuchen üblich, mitteilt, daß ich noch nicht die ersten
Stufen
des Tempels etc., etc., etc. — Und zweitens, weil ich seit 14 Tagen
ganz
allein in der Wonne des Bergerklimmens und des tagelangen Laufens lebe;
den Rucksack angeschnallt, ziehe ich fort, jedes Wetter ist mir
schön,
jede Stunde mir gut; bisweilen geht es ganz allein weg über Berg
und
Tal, andere Male mit der lieben Frau auf liebliche Höhen des
Wiener
Waldes, und wieder andere Male mit Freund Appia auf Felsenklettereien,
von denen wir, beladen mit Edelweiß, Alpenrosen, Soldanellen und
anderen Hochalpenblumen heimkehren; und bei einem derartigen Leben bin
ich viel zu glücklich, um noch etwas zu d e n k e
n.
Ich komme mir so vor wie — wie eine Blume, will ich nicht sagen, diese
sind ja für die Damen reserviert, aber, um mir nicht zu
schmeicheln,
wie eine jener glücklichen Kühe, die jetzt hoch oben weiden,
sich alles mit großen, neugierigen Augen anschauen, sich aber
über
das Welträtsel und derartiges gar nicht den Kopf zerbrechen.
Viele herzliche
Grüße
von uns beiden an alle Ihrigen, bitte, und Ihnen die Versicherung
unserer
unwandelbaren — Herz und Seele beherrschenden — Ergebenheit.
Houston S. Chamberlain.
171-173
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried, den 16. Juli 1890.
Wir hatten drei
traumhafte
Tage an dem Vierwaldstätter See, bereits der Bodensee mit seiner
großen
Wasserfläche hatte an uns die magische Anziehung des
geheimnisvollsten
Elementes ausgeübt. Dort nun wirklich geborgen inmitten der Berge,
empfanden wir uns wie jenseits von Gutem und Bösem, von Leid und
Freude,
von Vergangenem und Zukünftigem.
Hier empfing uns
nun ein strahlender Sonnenschein, die letzte Baumblüte, die
berauschende
Linde und zu unserer größten Überraschung und Freude
ein
unaufhörlicher Vogelgesang. Die Amseln schlagen, als ob sie sich
vor
Freude gar nicht kennten, und wie wir gestern von dem Besuche bei
unserem
armen Friedrichs [erster Bayreuther Beckmesser,
der,
an Melancholie erkrankt, durch Frau Wagner in einem Sanatorium bei
Bayreuth
untergebracht war] heim über die Wiesen kehrten, schwirrte
die Lerche in den Lüften wie unsinnig, ließ keine
trüben
Gedanken zu und zwang uns in die freundliche Betrachtung der blauen
Sterne
in dem grünen Korn hinein. Einen seltsamen Kampf zwischen Lust und
Trauer hatte ich soeben durchgemacht! Der erste Anblick unseres teueren
Friedrichs hatte die Angst mir erweckt, wie ich mir vorstelle,
daß
sie die Flucht vor dem Leben, die Daseinspanik eingibt; nun aber
behauptete
sich etwas in mir, was ich nicht anders als die Lebenssicherheit
bezeichnen
kann, welche den Drang in sich schließt, es mit dem Feinde
aufzunehmen.
Es ließ mich nicht, ich mußte diesem trübsinnigen
Auge,
diesem hoffnungslosen Antlitz das Lächeln abgewinnen, und mit der
Kühnheit des Nachtwandlers bewegte ich mich in einem
Gespräche,
dessen Ausgelassenheit mir durch Verzweiflung eingegeben, dessen hie
und
da mir entgegenschimmernder freundlicher Erfolg mir eine
kräftigste
Hoffnung einflößte. Wer will solche Rätsel der
Empfindung
lösen? Hier ist alles im völligen Gegensatz zu dem
Schopenhauerschen
Gedanken; das Schauen war trostlos, das Sein aber, das Gefühl der
Tätigkeit, erlösend.
Gern folge ich Ihnen
in Ihren Wanderungen auf die Höhen... Kniese, der mir
vorzulesen
kam,
unterbrach mich, und jetzt steht es als Unterlassungsstünde vor
mir,
daß ich in meiner Mitteilung über Friedrichs den Freund
nicht
erwähnte, einen Schauspieler, der ihn hierher begleitet hat und
ein
Beispiel an heiterer Aufopferungskraft in dieser freiwilligen Wartung
des
Kranken gibt, wie kein barmherziger Bruder sie herzlicher und mutiger
bewähren
könnte. Dieses Beispiel war es, glaube ich, welches den Mut in mir
erweckte.
So ist es in allem
und jedem, inmitten der Schrecklichkeit des Daseins ein Blick, ein Ton,
eine Tat, welche einem die Harmonie bedeutet. So erfuhren wir, als wir
durch den Gotthard zogen — Zeit- und Geldmangel verhinderten
uns,
ü b e r ihn zu fahren —‚ etwas unaussprechlich und
unauslöschlich
Ergreifendes: Es ging durch einen Tunnel, und zwar glitt der Zug mit
größter
Langsamkeit über ein Gerüst, an dessen beiden Seiten tiefe,
von
Wasser erfüllte Gruben zu erblicken waren, in welchen bei dem
Scheine
vieler Lampen eine große Anzahl Arbeiter, von allen Lebensaltern
bis zu Kindern, beschäftigt waren. Es geschah dies am Tag, Wie wir
hingingen, und nachts, wie wir heimkehrten. Freundlich
grüßten
die Arbeiter, und plötzlich, bei der Heimkehr, erscholl aus dieser
Tiefe eines jener neapolitanischen Lieder, von einer Knabenstimme
gesungen,
wie der Mensch im jubelnden Dank gegen die Sonne sie ausgehaucht zu
haben
scheint!... Nun bin ich aus der tiefsten Tiefe zu Ihren Höhen
wieder
gelangt und wünsche Ihnen Glück zu diesen.
Wie oft habe ich
nicht mit Gobineau über die Lyrik, die er als „ich bin eine
Blume“,
schließlich „ich bin ein Salat“ bezeichnete, gescherzt! Und bei
Ihrem
Vergleich mit der Kuh fiel mir Wilhelmine Schroeder-Devrient ein,
welche
kein Kleefeld sehen konnte, ohne sich zu wünschen, eines jener
ehrwürdigen
Tiere zu sein, von welchem unsere Vorfahren annahmen, daß es die
Welt aus dem Eise herausgeleckt habe.
Wie hat sich denn
Ihr Physiologe ausgelassen (noch dazu auf einer Postkarte!)? — Da
wären
wir denn in der Ebene, weder in der Tiefe noch auf der Höhe, in
dem
Reiche von „Gestank und Tätigkeit“, und ach! des Geräusches!
Letzteres wird mir, glaube ich, das Reisen vollends verleiden; wenn
unserem
Auge sehr viel zugemutet wird, so ist das, was unserem Gehirn durch das
Ohr angetan wird, für mich geradeswegs entsetzlich, und mir gilt
die
Stille hier wie Seligkeit.
Seien Sie in ihr gegrüßt,
mein Freund! C. W.
173-174
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
18. Juli 1890. 1 Blümelgasse. Wien.
Ein Wort des Dankes
für Ihren Brief vom 16ten, hochverehrte Meisterin, der so
unvergleichlich
schön den Tag eröffnete. Er gab mir die richtige Stimmung und
den Übermut für die auf heute vormittag anberaumte,
endgültige
Konferenz mit meinem großen Gelehrten [Professor
Julius Wiesner], und diese fiel dann auch s e h
r
befriedigend aus. Die ganze Art der Untersuchung und die durch dieselbe
zutage geförderten Tatsachen sind so neu, daß der gelehrte
Mann
mich zuerst ganz und gar nicht verstanden hatte, jetzt aber, nach
sorgfältigerem
Studium meines „Mémoires“, war er sehr für die
Arbeit
und für mich eingenommen; namentlich auch darüber erstaunt,
daß
ein Erstlingsversuch auf dem so viel bebauten Gebiet der
Pflanzenphysiologie
ganz und gar neue (und doch so naheliegende) Gesichtspunkte
eröffnet,
und daß die Versuche eines dilettantenhaften Pfuschers sich durch
eine Gründlichkeit und Peinlichkeit auszeichneten, die, wie er
meinte,
bei fast sämtlichen wissenschaftlichen Versuchen fehlen. Auch
über die kindische Einfachheit des von mir erdachten Instrumentes
zu der Messung des Druckes des aufsteigenden Saftes etc. schien er sich
sehr zu freuen.
Nun bleibt die Frage,
ob ich das Ding zu einer Doktordissertation ummodeln oder, hierauf
Verzicht
leistend, es einfach so zur Publikation bringen soll? Persönlich
habe
ich nicht die geringste Lust nach Diplomen und fühle auch,
daß
ich nur durch Mißverständnis jemals eines erlangen
könnte.
Gestern von
schöner
Bergbesteigung mit meiner Frau heimgekehrt, reise ich in einer Stunde
wieder
mit Appia weg, in die nahen Kalkalpen. Um 3 Uhr früh beginnt dann
die Kletterpartie, und morgen verbringen wir, so Gott will, den ganzen
Tag von Sonnenaufgang bis -untergang unter Felsen (meine
größte
Passion), Edelweiß und Alpenrosen. Die folgende Nacht verbringen
wir in einem Schutzhause und kommen dann Sonntag früh über
einen
schönen, durch eiserne Griffe und Leiter zugänglich gemachten
Abgrund ins Tal wieder hinunter.
Dies nur ein
Dankesgruß
Ihres in ehrfurchtsvoller Liebe und Treue ergebenen
Houston S. Chamberlain.
174-176
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
1 Blümelgasse, im Bette. Wien,
27/7/90.
Sehr geehrte Meisterin!
Auf meiner letzten
Gebirgstour mit Freund Appia geschah es, daß ich von irgendeinem
giftigen, in die Lehren des Mitleids wenig eingeweihten Insekt am Bein
gestochen wurde, woher dann Blutvergiftung, Infektion auch des anderen
Beines, ganze Reihen von Geschwüren, viel Schmerz, viel
langwierige
Pflege, welches alles noch fortdauert.
Die Pflege und das
Stöhnen nehmen täglich eine Reihe Stunden in Anspruch, aber
es
bleibt auch eine schöne Zeit für Lektüre. Die
Upanishaden
entsprechen am besten: man liest wenig und denkt viel, dazu sind es
wahre
Schmerzentöter. Man versenkt sich (wie die Taittiryaka Upanishad
es
sagt) „in jene Seligkeit, von welcher die Sprache wie auch der Verstand
sich abwenden, unfähig, sie jemals zu erreichen“. Mit großem
Interesse habe ich auch wieder Schopenhauers „Grundlage der Moral“ und
„Freiheit des Willens“ gründlich durchgenommen; diese Klarheit und
siegreiche Wahrheit sind wirklich beseligend. Die Moral ist ja aus dem
Indischen und die Freiheitsanschauung aus Kant entlehnt, aber das tut
nichts
zur Sache; die Art der Behandlung macht sie zu Schopenhauers Eigenem,
und
gleichzeitig hat er es verstanden, sie zu jedes aufrichtig denkenden
Menschen
Eigenem zu machen. In demselben Buche gibt es allerdings leider auch
die
Aufsätze über den „Willen in der Natur“; ich kann nicht
umhin,
einzelne zu lesen, und da zucken alle meine Wunden, als ob der
böse
Käfer mit seiner ganzen Brut drin hauste! Aber darüber ein
anderes
Mal; ich gebe ja zu, daß es „eine erhabene Grille“ ist. — Dann
gibt
es etwas Milton, mit dessen Strenge und Erhabenheit ich mich immer mehr
befreunde. Er erinnert mich häufig an die deutschen Dichter der
sog.
klassischen Zeit, mit seiner Vorliebe für Sentenzen und
allseitiges
Moralisieren, auch dadurch, daß er so ganz und gar im klassischen
Altertum fußt und atmet, aber mir kommt er (in seiner
größeren
Beschränkung) großartiger vor — seine Freiheitsliebe, sein
Idealismus,
seine Religion haben dasjenige an sich des Mannes, der mitten im
wirklichen
Freiheits- und Religionskampf gestanden hat, dessen Blut (wie das der
altgriechischen
Dichter) auf den Schlachtfeldern w i r k l i c
h
geflossen ist, der sein Leben lang mit wirklicher Gefahr für
seinen
Glauben, für sein Ideal gestritten hat; ich glaube auch nicht,
daß
wir Engländer eine zweite, ähnlich erhabene
Dichterpersönlichkeit
besitzen — Dichter und Staatsmann. Shakespeare steht ja so ganz
außerhalb
und lebte in einer Zeit, wo er da ruhig stehen und zusehen konnte; aber
Milton ist so ganz und gar M e n s c h, alles
zittert
bei ihm von dem Schmerz und der Unrettbarkeit der unmittelbar sich
mitteilenden
menschlichen Seele. Gewiß ist alles bei ihm subjektiv, aber
mit
s e i n e r Seele und in seiner großen Zeit lebend,
hat
er so unendlich viel selbst empfunden, so Verschiedenartiges,
daß,
als er erblindete, er wahrlich Stoff genug in sich fand, um manches
ewig
Herrliche singen zu können. Seine Sprache ist geradezu einzig,
gewiß
das Großartigste und an Formen Reichste, was wir besitzen (trotz
der viel erwähnten 20 000 Worte des Shakespeare), und nirgends so
gewaltig, will mir es scheinen, wie in seinen Prosaschriften.
Allerdings
kann man, oder wenigstens ich, ihn nur in kleinen Dosen wirklich
genießen;
da er aber den guten Geschmack gehabt hat, seine große Seele
nicht
in die 30 Figuren von fünfaktigen Dramen einzuschließen,
sondern
sie in einfachen symbolischen Verkörperungen und in möglichst
handlungsarmem Rahmen zur Schau zu tragen, so geht das leicht und ohne
seinen Werken Abbruch zn tun.
Ein ganz klein wenig
Shakespeare kommt dann auch zu dem übrigen, augenblicklich Richard
II.
Ach! Und gestern
die letzte Nummer der „Bayreuther Blätter“ (VII/VIII — die Einheit
hat eine merkwürdige Neigung, sich in diesen Blättern zu
verzweifachen,
nicht wahr?) mit dem wirklich s e h r
interessanten
und lehrreichen und durchaus lesbaren Aufsatz von Golther [„Deutsche
Mythologie in neuer Beleuchtung“, Augustheft]. Ich gestehe,
diese
Aufklärung hat mich wie eine Wohltat berührt, sie erlöst
aus allerhand schwammigen, hyperideal-sumpfigen Vorstellungen, und es
hat
doch etwas ungeheuer Rührendes, „attachant“, wie ein Blick
tief in das Herz der rauhen, edelen Wikinger hinein — diese Einsicht,
daß
ihr Odin unter direktem Einfluß der Christuslegende entstand.
Findet
Herr Bugge noch das dritte, letzte Glied — den von Carlyle als
selbstverständlich
vorausgesetzten wirklichen, historischen Helden —‚ in dessen Herzen
nämlich
diese Verschmelzung des alten Mythus mit dem neuen stattfand und zur
Tat
wurde (welche dann die Dichter besangen), dann sind wir aus dem Brei
ganz
heraus.
Ich nahm mir vor,
auch Wolzogens Aufsatz durchzulesen. Übrigens bin ich
überzeugt,
daß, was er von Ibsen sagt, insofern irrig ist, als Ibsen
ausschließlich
von der Bühne herab wirken kann; wie gering man sein Talent
anschlagen
mag, er ist B ü h n e n -Dichter, nicht Novellist, und
wer ihn nicht auf der Bühne gesehen hat, kann überhaupt nicht
über ihn urteilen.
176-180
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
1. August 1890. Wien.
„Mögen alle
lebenden
Wesen von Schmerzen verschont bleiben!“ Dies altindische Gebet diene
mir
heute, hochverehrte Meisterin, als einleitender Akkord.
Ich unterhalte mich
so viel mit Ihnen während dieser stillen Tage, daß es wohl
eine
Unehrlichkeit wäre, wenn ich es Ihnen nicht sagte; zwar ist die
Ausführung
dieses Sagens noch recht schwer, und es ist eine Zumutung, daß
jemand
diese Zeilen entziffern soll. Allein, Pio Nono sagte einer mir
bekannten
Dame, die ihre Eigenschaft als Protestantin ihm bekannte: „Nun, nun!
Der
Segen eines alten Mannes kann keinem Menschen schaden“ — und ich stelle
mir vor, das Gedenken eines Leidenden kann nichts anders als angenehm
berühren,
sei er auch, wer er wolle. Der Mangel an wahrer Unterhaltung ist, ich
gestehe
es, eine Dürre, die ich bisweilen schmerzlich empfinde; bei der
Anwesenheit
von physischem Schmerz noch mit dem Bedauern über die Abwesenheit
eines kräftigen Heilmittels. Nun, da zünde ich mir eine
Zigarette
an und führe endlose Unterhaltung mit Ihnen, gewiß viel
schönere,
als ich es jemals in Wirklichkeit vermöchte, da mir die Gabe und
auch
die Übung des schnellen Wortes abgeht, aber anderseits gar
schmerzlich
unvollkommene, da ich Ihre Argumente aus einem schiefen Winkel sehe und
Ihre mich verdutzenden, blitzartigen Einfälle mir natürlich
fehlen.
Ich versichere Sie aber, ich tue, was ich kann, um Ihnen Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen.
Eine neuliche
Erwähnung
rief mir die Erinnerung an, eine kurze, abgebrochene Unterhaltung aus
dem
Herbst 88 zurück. Wir hatten uns nicht ausgesprochen, und ich
würde
Ihnen gern meine bezüglichen Gedanken — ich meine also ganz im
allgemeinen
betreffs der Biographien bedeutender Männer — mindestens
skizzieren.
Ich meine also,
daß
der wahre Zweck eines derartigen Werkes ist, den großen Mann im
Herzen
teilnehmender Leser wieder aufleben zu lassen; er muß wirklich
ganz
l e b e n d i g werden, durch eine Neuschöpfung ganz
derjenigen
analog, welche jeder große Künstler für seine Werke
fordert.
Gerechtigkeit habe ich ihm widerfahren lassen, sowie ich sein Werk
nicht
von außen betrachte, sondern in meinem Innern habe neu entstehen
lassen, was ich natürlich nur meinen Anlagen, meinem Charakter
gemäß
zu tun vermag. (Das ist aber auch der einzig mögliche Sinn des
Wortes:
Verstehen.) Dieses kann aber, meine ich, einzig und allein durch
die
L i e b e geschehen. Nur die Liebe schafft neue, lebende
Wesen.
Die erste aller Bedingungen für eine Lebensbeschreibung wird also
sein, daß der Verfasser, wie der heilige Johannes bei Jesu, den
Kopf
oft und lange an das Herz des Helden gelehnt und sich rückhaltlos
der Erkenntnis durch Liebe, dem „durch Mitleid Wissen“ hingegeben hat.
Wird nun aber diese
Erkenntnis durch Liebe — wie i c h sie verstehe
— zu endlosen Panegyriken und hochfahrenden Lobpreisungen führen?
Ich glaube es nimmermehr, jedenfalls geht dann der Erfolg beim Leser
gänzlich
verloren. Wer hat denn jemals den Dichtern geglaubt, welche einem
versichern,
ihr Mädchen sei das schönste von der ganzen Welt? Niemand!
Sind
die Verse sehr schön, so freut man sich ihrer; wenn nicht, so
wünscht
man, die betreffende Liebste wäre weniger schön gewesen, und
den Schreiber verflucht man ob der Arroganz seiner Bewunderung. Und das
kommt daher, daß bei diesem System die Sache äußerlich
bleibt und alle Häufung von Epitheten mir niemals begreiflich
macht,
wieso eine so übermäßige oder mindestens als
übermäßig
geschilderte Liebe und Bewunderung möglich sein kann. Es ist auch
eine offenbar falsche Methode; ebenso falsch, wie wenn einer, anstatt
mir
„Hamlet“ aufzuführen, mir ein Buch voll Lobpreisungen desselben
schickt;
wie gerechtfertigt die übertriebensten Ausdrücke auch sein
mögen,
sie langweilen mich nur, sie sind ja nur der Ausdruck des seelischen
Verhaltens
eines gewissen Herrn X. diesem Kunstwerk gegenüber, und mir liegt
allein an dem Werk. Grundfalsch ist auch die bei Biographen beliebte
Art
und Weise, sich wie Rechtsanwälte vor einem Gerichtshof zu
gebärden:
was dem Leser als Schwäche oder Fehler erscheinen könnte, zu
erklären, zu umschreiben, die mildernden Umstände
anzuführen,
und dann bei der nächsten schönen Tat in alle Posaunen zu
stoßen
(genau so wie der Verteidiger eines Angeklagten zur Jury!). Hier
können
wir wirklich das Urteilen dem lieben Gott überlassen; unsere
Begriffe
von Gut und Böse, Zulässig, Schwach etc. haben hier nichts zu
suchen — hinaus mit ihnen! Verstehen, verstehen, verstehen — wollen
wir!
Die Notwendigkeit der aufeinanderfolgenden Handlungen begreifen, sie
selber
durchleben und mit Sicherheit empfinden: Ja! So hätte ich auch
gehandelt.
Ganz genau so wie einer nach Versenkung in z. B. den „Parsifal“
fühlen
muß, daß jede Note, jedes Wort seit allen Zeiten notwendig
und unabänderlich dastand. Dieses ist eben die Neuschöpfung,
die Identifizierung des eignen Ich mit dem Ich des ursprünglichen
Schöpfers, das höhere, künstlerische „Tat twam asi“;
von einer „absoluten“, „beispiellosen“ V o l l k o m m e n
h e i t kann (in einem objektiven, kritischen Sinne) schon
deswegen nicht die Rede sein, weil diese Worte eigentlich inhaltlos
sind
und unsere unerschütterliche Überzeugung von der vollkommenen
Schönheit des Werkes darauf beruht, daß es sich
uns
g a n z u n d g a r m i t g e t e i
l t hat — was eben nur durch die Liebe geschehen kann.
Diese
gänzliche Mitteilung (wenn Sie mir den Ausdruck gestatten) ist
nun,
was ich von Biographen fordere. Denn nicht Lobpreisungen, nicht
Erhebungen
über den Kinchinjunga hinaus können mir jemals den leisesten
Atem allbegreifender Liebe einhauchen, im Gegenteil: der große
Mann
rückt ja immer ferner, ich bin noch mehr einsam und verlassen als
vorher. Diese ewige, einseitige Hervorhebung hochgradiger
Gehirnkapazitäten
machen einem schließlich alle Kunstwerke nur als sogenannte
„verfluchte
Pflicht und Schuldigkeit“ erscheinen — und damit basta. Das
Vergleichen,
welches hier zugrunde liegt, führt unwillkürlich auf
Arroganz.
Und wenn noch die mathematischen Betrachtungen dazukommen (wie sie
schon
Schopenhauer mit Vorliebe anwendet), da ist das Maß voll: einmal
im Jahrhundert, zweimal in 1000 Jahren usw. Welcher bedeutende Mann
wird
Regeldetri aufgestellt haben, um zu wissen, wie oft er vorkommt? Wie
anders
haben die drei einfachen Evangelisten ihre Aufgabe verstanden und
gelöst!
Wie wenig berichten sie, und wie ewig nahe steht uns Christus nach 2000
Jahren! Der liebste, nächste Herzensfreund.
Nein, eine
Lebensschilderung
kann nicht zu einfach und schmucklos sein. Der Verfasser habe die echte
Bescheidenheit, sich (mitsamt seiner Bewunderung) zu verbergen; er
trachte
nur, den großen Mann ganz schlicht vor uns leben zu lassen, und
sei
namentlich überzeugt, daß, je mehr er bestrebt ist, allein
den
M e n s c h e n darzustellen, und zwar wie und weil er ihn
liebt, nicht weil er selten oder groß oder sonst was war, desto
mehr
er auch den Zweck erfüllen wird, andere in das Verständnis
und
die Begeisterung einzuführen. Apologetisch-panegyrische
Biographien
sind eigentlich nur das gerade Umgekehrte von objektiv-kritischen; die
als Kunstwerk aufgefaßte ist aber die einzig würdige eines
großen
Mannes. Nichts vertuschen, nichts verzerren, den Menschen, wie er war
und
mit jenem Gemenge von Licht und Schatten, durch welches allein wahre
Plastizität
in der Natur entstehen kann. Und da möchte ich doch noch die
andere
Seite dieser Betrachtung wenigstens erwähnen: Ist es wahr,
daß
ein großer Mann uns ferner steht als andere? (Denn das ist doch
der
Eindruck, der sich aus allen Panegyriken ergibt.) Mir ist es
unmöglich,
diese Empfindung zu teilen; denn das Intellektuelle ist
gewissermaßen
das wenigste, das Zufällige an ihm; das wirklich Auszeichnende
ist,
daß, während man lauter Automaten um sich herum sieht,
Menschen,
die, wie Käfer in einen dicken Panzer gehüllt, in dessen
Inneres
man niemals um ein Haarbreit einbringen kann, nur das Licht von
außen
widerspiegeln, der bedeutende Mensch sich gleich ganz gibt, und je
bedeutender
die Persönlichkeit, desto unbedingter. Das ist aber etwas, das man
nichts anders als mit L i e b e bezeichnen
kann;
vor allem ist es ein ungeheures Bedürfnis nach Liebe. Der
große
Mann zeigt uns also da selbst, auf welchem Boden wir ihm entgegentreten
sollen. Seine übermäßigen intellektuellen Gaben machen
ein volles Verstehen von dieser Seite aus unmöglich; aber durch
Liebe
ist ein gänzliches Verschmelzen immer und ausnahmslos
möglich,
und alle komparativen Scheidewände fallen da ganz weg. Der Weg
aber
zur Liebe, wenn er nicht mehr durch persönliche Begegnung
möglich,
ist es nur durch die Offenbarung, wie wir sie im Kunstwerk selbst am
deutlichsten
erblicken, und wie der Lebenserzähler sie auch verwirklichen kann,
wenn er mit schlichtem Glauben darangeht und mit dem Selbstvertrauen
des
durch die Liebe gewonnenen Verständnisses; das Motto dieses
Verständnisses
sei immer „Durch Mitleid wissend“!
Und ein also
verstandenes
Lebensbild hat noch zu allem Obigen einen weiteren, großen
Vorzug.
Anstatt uns wie die Würmer unter Füßen zu drücken
mit der einseitigen Hervorhebung der beispiellosen Gaben, werden wir
hier
selber auf lichte Höhen emporgehoben, selber geadelt; wir ruhen ja
selber in den Armen des Großen — und fragen nichts. —
Diese
Auseinandersetzung
war wohl, wie üblich, zu lang oder zu kurz; aber ich weiß
ja,
daß Sie das Übergangene ergänzen und das
Unüberlegte
verwischen. —
Gern hätte ich
einige Kant-Schopenhaueriana eingeflochten bez. einiger sehr subtilen,
aber tiefgehenden Unterschiede zwischen den beiden betreffs der Lehre
von
dem Zusammenbestehen der empirischen Notwendigkeit mit der
transzendenten
Freiheit. Aber ich bin recht müde, und vielleicht Sie auch? Also
sage
ich für heute „Gott befohlen“ und füge nur noch hinzu (da es
keine Redensart, sondern stets das Allerwahrste meiner Briefe bildet)
die
Versicherung meiner ehrfurchtsvollsten Ergebenheit.
Houston S. Chamberlain.
180-182
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried, den 3. August 1890.
Zu dem Freud- und
dem Leidvollen, welches Ihre zwei jüngsten Briefe enthielten,
wollte
ich sofort nach dem letzten meine Teilnahme Ihnen, armer Freund,
bezeigen.
Allein, ich bin zum Aufatmen nicht recht mehr gekommen;
Blumenmädchen,
Gurnemanz, Tristan, Reinmar, Flugmaschinen, Europa und verschiedenes
noch
haben mich ganz eingenommen; dazu mein armer Friedrichs, der nicht
wohler
werden will, und mit dem ich buchstäblich nicht weiß, was
anfangen.
Mein letzter Gedanke war, im September mich zu ihm auf den Riedelsberg
[Landsitz
bei Bayreuth] zu begeben und sehen, was ein Monat steten
Umganges
und Beaufsichtigung hervorbringt. Aber ich glaube, daß niemand
das
zugeben wird, und zwar aus dem Grunde, weil wenig Hoffnung bei dem
Experiment
ist. Wird Gott helfen?
Nun muß ich
Sie mir wieder leidend und gequält vorstellen, und zwar in einer
solchen
Hitze, daß Ihnen gewiß das Liegen recht unerträglich
wird!
So mußten Sie nun die Freude über die Aufnahme Ihrer Schrift
zahlen; was Sie den Pflanzen und der Kenntnis derselben Gutes getan,
hat
Sie das Tier büßen lassen! Eine böse Einrichtung
allenthalben,
und man verliert die Lust selbst an der Wanderung durch die Sterne,
welche
jetzt so besonders hell leuchten sollen. Ich sah gestern nur ein
strahlendes
Meteor, und auch dieses bloß von der Seite, schräg, ich
weiß
nicht wie.
Es freute mich,
daß
Ihnen der Aufsatz von Golther
gefallen hat, und da ich ihm für
eine
Zusendung dankte, teilte ich es ihm mit, daß seine Arbeit Sie
interessiere.
Ich fand sie sehr schön, von einem vornehmen, freien Geiste
eingegeben
und in einfacher Sprache ausgeführt. Sonst konnte ich bis jetzt
nur
noch Friedrich den Großen in den „Blättern“ lesen. Vor dem
Worte
Materialismus habe ich mich aber immer etwas gehütet. Für
meinen
äußerst bescheidenen Bedarf an Büchern genügt mir
Schopenhauers „Geschichte der Philosophie“, und was seinen „Willen in
der
Natur“ betrifft, so nehme ich das, was er mir sagt — da, wo ich zu
urteilen
unfähig bin —‚ vertrauensvoll hin und folge ihm gern in seinen
Hypothesen,
welche, immer tiefsinnig, auch etwas Künstlerisches an sich haben.
Es wird mich sehr
freuen, von Ihnen einiges von Milton mitgeteilt zu erhalten; mir schien
es, als ob ihm die dichterische Gestaltungskraft abging, welche ich in
so hohem Grade bei Schiller (an welchen Sie wohl bei der Vergleichung
gedacht
haben) vorfinde. Ob es Gestalten sind, welchen wir hienieden begegnen,
oder ob sie einem anderen Sterne angehören, gleichviel, Gestalten
sind es, mir deutlich erkennbar, und von welchen ich ganz bestimmt
wissen
würde, wie sie in diesem oder jenem Falle handeln würden.
Neulich
sagte uns Friedrichs' Freund die Erzählung aus der Schlacht bei
Lützen,
seitens Wallenstein, her. Der wundervolle Stil dieser Einfachheit
stimmte
uns sofort, wie etwa der Eintritt in einen edlen, hohen Raum. Dabei war
es so traulich, daß ich mich mir selbst vorstellen konnte neben
Wallenstein
sitzend und seine Erzählung vernehmend. Die schlechten
Schauspieler
haben das alles bei uns vernichtet. Ich verstehe vollkommen, daß
die Tat und die Kraft des Glaubens bei Milton Sie so anzieht, und
unendlich
würde es mich freuen, aus dem Leben dieses strengen und hohen
Mannes
von Ihnen einiges zu vernehmen. Doch meine ich, daß derjenige,
welcher
abseits der menschlichen Organisation lebt, schaut und wirkt und
dadurch
die Taten hervorbringt, wie es wirklich in Deutschland geschah und
gleichsam
das Orphische in unserer Welt darstellt, nicht minder groß ist
und
einflußreicher. Wir lasen gerade das Erhebendste in der neueren
Geschichte,
die Auferstehung Deutschlands durch Preußen nach der
Napoleonischen
Schmach, gewiß verdankt sich diese zum großen Teil Schiller.
Möchten diese
Zeilen Sie in der Genesung antreffen! Habe ich Ihnen denn mitgeteilt,
daß
mein Siegfried bei uns ist? Ich kann sein Wesen und das Wohl, was er
mir
antut, nicht anders bezeichnen als damit, daß er mich stets zu
meinem
besseren Selbst zurückführt und inmitten der Zuckungen,
welche
das Draußen immer wieder uns verursacht, den Frieden herstellt.
Grüßen
Sie bitte Ihre liebe Frau, und gedenken Sie freundlich meiner!
C. W.
182-183
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
1 Blümelgasse. Wien VI. 5. August
1890.
Gestatten Sie,
hochverehrte
Meisterin, daß ich Ihnen ein Wort des allerherzlichsten Dankes
sage
für Ihren Brief vom 3ten.
Gewiß haben
Sie recht mit Ihrer Bemerkung bezüglich Schillers und
überhaupt
desjenigen, „der abseits lebt, schaut und wirkt und dadurch die Taten
hervorbringt“.
Aber vielleicht gilt nicht eines für alle, und vielleicht ist der
Engländer überhaupt, und namentlich in seiner höchsten
Potenz
als Dichter oder Philosoph, dem Griechen ähnlicher als irgendein
anderes
neueres Volk. Ich kenne leider nur sehr kleine Bruchstücke des
griechischen
Lebens, Dichtens und Denkens (aber charakteristische, glaube ich), und
ich gestehe, daß diese großen Männer, die alle selber
auf Schlachtfeldern gefochten und als praktische Staatsmänner sich
betätigt haben, mir ungeheuer sympathisch sind; es ist mir, als ob
ich eine andere Art des Verständnisses für sie
hätte.
U n s e r e Denker — ich meine die größten —
waren
ausnahmslos Staatsmänner; die Dichter auch zum Teil, und alle
mindestens
Weltmänner. Es fällt mir ungeheuer schwer, mich wirklich von
Herzen für jene andere, von Ihnen erwähnte Kategorie, die
abseits
stehen und Blasebalg spielen, zu begeistern. Aber Sie können
glauben,
ich bin ein grundehrlicher Mensch; ich kann meine Borniertheiten nicht
verhehlen, aber es ist mein heißer Wunsch, sie zu
überwinden.
— Um jeder Mißdeutung vorzubeugen, muß ich hinzufügen,
daß ich eine besonders innige Liebe für diejenigen seltenen
Geister empfinde, die ganz und gar seitwärts abstehen, aber dann
auch
niemals zu dem großen Haufen sprechen, sondern wie seltene,
berauschend
duftende Blumen nur den einzelnen, einsame Berge Ersteigenden
blühen.
Diese liebe ich sogar alle Tage mehr. Die Dichter und Denker, die man
in
Hamlets Bibliothek gefunden haben würde.
In treuer Ergebenheit
und Dankbarkeit Ihr
Houston S. Chamberlain.
183-184
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried, den 6. August 1890.
Es ist doch nicht
recht, seinem Freunde Not zu machen! Ich bin wirklich ganz
geängstigt
durch den bösen Stich und betrübt, Sie solchen Schmerzen
preisgegeben
zu wissen! Wie gerne würde ich Ihnen jetzt etwas Gesellschaft
leisten,
denn ich habe Sie vollkommen verstanden, der Fremde bringt etwas mit
wie
einen neuen Luftzug. Ich habe es deshalb immer gern gehabt, wenn unter
meinen Kindern der eine oder der andere verreiste, um dann den in der
Einsamkeit
Verbleibenden eine gelinde nötige Zerstreuung zu bringen, und
übermütig
paradoxal könnte man von der Ehe sagen, entweder ist sie
unglücklich,
da kann man seiner Frau nichts sagen, oder sie ist glücklich, und
da hat man ihr nichts zu sagen.
Da ich aber nicht
kommen kann, will ich Ihnen doch wenigstens mit einigen Federstrichen
für
Ihren lieben Brief danken und Ihnen sagen, daß Ihre Auslassungen
über Biographien durchaus meinem Sinne entsprechen. Ich habe von
je
eine Passion für Anekdoten gehabt, und wenn ich aufrichtig sein
will,
so muß ich gestehen, daß ich in der Geschichte selten die
Ideen,
sondern immer die Anekdote aufsuche. Daher ist mir die naive alte
Geschichtsschreibung
bei weitem lieber als die modern-philosophische, und gar die Lobredner
mit Entschuldigungen, als ob ein Held jemals entschuldigt zu werden
brauchte,
und als ob nicht gerade in den exzessiven Zügen (Fausts
Grausamkeit
am Schluß, Friedrichs des Großen scheinbare Härte im
Alter)
das läge, wovon das Verständnis uns erst als wert uns
erkennen
läßt, uns mit solchen Erscheinungen zu befassen.
Wir haben in diesen
Tagen wacker gearbeitet, ich hatte meine lieben Mannen um mich, zu
welchen
sich jetzt noch eine Frau gesellt hat: Madame Zucchi, in welcher wir
das
italienische Naturell in seiner ganzen Liebenswürdigkeit
kennenlernten.
Ob sie der übermäßigen Aufgabe gewachsen ist, welche
ihr
hier [Choreographische Leitung der
Venusbergszene]
zuteil wird, weiß ich nicht; ich weiß aber, daß diese
menschliche Erfahrung eine belebende war, und daß diese Frau mit
ihrem lebhaften Ernst, mit ihrer unbedingten Einfachheit und mit ihrem
mühseligen — anscheinend so leichten — Leben zu uns gehört
und
eine Bereicherung unseres kleinen Verbandes bildet. Ihr Kopf ist
prachtvoll,
und so habe ich ihr unbedenklich eine der Grazien anvertraut, wenn sie
auch nicht mehr sehr jung, nicht groß und etwas üppig ist.
Nun leben Sie wohl,
so gut es auf dem Schmerzenslager angeht, mein teuerer Freund.
Möchten
nur die Wünsche so viel Kraft haben wie das Leiden, dann
träfen
Sie diese Zeilen auf und munter.
Seien Sie von ganzem
Herzen gegrüßt, wie in wärmster Teilnahme
bedacht!
C. W.
184-185
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
14. August 1890. Wien.
Wenn auch nur sehr
ungeschickt, so kann ich doch wieder an einem Tisch sitzen und denke
Ihnen,
hochverehrte Meisterin, durch diese Mitteilung Freude zu machen.
Shelley vergleicht
Milton mit Dante; es geschieht mehrere Male — das eine Mal heißt
es: „The distorted notions of invisible things which Dante and his
rival
Milton have idealised, are merely the mask and the mantle in which
these
great poets walk through eternity enveloped and disguised.“ Dies
war
mir namentlich insofern interessant, als es mir auf dasjenige
hinzudeuten
scheint, welches Milton so tief unterscheidet von einem Dramatiker wie
Schiller (wie Sie neulich überaus richtig meinten), ohne aber
daß
man ihm deswegen die Gestaltungskraft abzusprechen berechtigt
wäre;
ich glaube, daß sie bei ihm überaus mächtig ist. Es
kann
allerdings auf eine Auffassung des Wortes ankommen. Neulich traf ich in
De Quincey etwas auf Milton Bezügliches, welches ich bedauere,
meinem
Aufsatz über die Sprache in Tristan (seligen Angedenkens) nicht
vorangestellt
zu haben, da er so genau den Sinn bezeichnet, in welchem jene — fast
allseitig
mißverstandenen — Bemerkungen verfaßt wurden: „... the
subtle
principle by which he was influenced, which principle I do not mean to
say that Milton had fully developed to his own consciousness; ... but I
say that the principle was immanent in his feelings; just
as
h i s f i n e e a r c o n t a i n e
d i m p l i c i t l y a l l t h i
s
m e t r i c a l r u l e s w h i c h
a r e l a t e n t i n h i
s
e x q u i s i t e v e r s i f i c a t i o n,
though
it is most improbable that he ever took the trouble to evolve those to
his own distinct consciousness.“ — So lasse ich andere meine Briefe
schreiben; hoffentlich verleiht es Ihnen Interesse. — Viele
tägliche
Grüße nach Wahnfried. Neulich, nach einer schmerzhaften
Operation,
bekam ich drei Glas Champagner: der erste Becher galt Ihnen, der zweite
Frl. Eva, der dritte Ihrem Sohne Siegfried! Leider kann ich meiner
Anhänglichkeit
nicht alle Tage in 3 Glas „very dry“ Ausdruck geben, on
fait
ce qu'on peut; heute also nur die schriftliche Versicherung meiner
Ergebenheit und meiner unwandelbaren Freundschaft.
Houston S. Chamberlain.
185-188
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried, den 18. August 1890.
Als ich vor einigen
Tagen auf Fantaisie Spazieren ging, wurde ich in die Hand gestochen.
Der
Stich schwoll sofort an, und es war mir ganz wunderlich, in dieser
ungewohnten
Erhöhung gleichsam die sorglichen Gedanken, die ich mir um Sie
machte,
vor den Augen zu haben. Der abergläubische Zug, der mit allem, was
uns verwundert, zusammenhängt, ließ mir keine Ruhe.
Nun habe ich das
Gefühl, als ob ich eine Abhandlung Ihnen zu schreiben hätte,
und doch wäre alles, was ich Ihnen bereits in Gedanken gesagt
habe,
einzig in einem Gespräche mir gut mitzuteilen möglich. Ich
will
nun sehen, wie ich zwischen Schweigen und ins Blau-Rederei mein
Schifflein
durchführe.
Mir geht nämlich
Ihre Vorliebe für handelnde Dichter, Denker und Künstler
nicht
aus dem Sinn. Ich glaube, Sie so gut zu verstehen, daß ich mich
frage,
ob ich diese Ihre Vorliebe nicht teile, und dies um so mehr, als der
Zug
meinem Vater auch zu eigen war, und er vor allem den Helden in dem
Künstler
suchte. Anderseits aber sage ich mir, daß ich mir Beethoven nicht
recht als Mitsieger bei Waterloo vorstellen kann, und daß Kant
mir
ziemlich überflüssig beim Abschluß des Hubertusburger
Friedens
erschiene. Auch finde ich, daß, weil sie an größeren
Staats- und Kriegsaktionen keinen Anteil nahmen, die deutschen
großen
Männer
nicht minder gelebt und tätigen Anteil an dem Leben der anderen
genommen
haben.
Ob ich in
bescheidener
Weise als Lehrer an der Universität, wie Schiller und Kant, mit
der
Jugend verkehre und gewiß da alles erfahre und leiste, was
menschlich
ist, oder ob ich im großen Stile kolonisiere — mir erscheint
eines
ebenso lebensvoll und bedeutsam wie das andere.
Goethe hat ein sehr
unscheinbares, kleines Herzogtum verwaltet, und durch seinen
Einfluß
hat sich sein Herzog in schweren, schmachvollen Zeiten als echter,
deutscher
Fürst bewährt. Doch würden Sie kaum Goethe zu den
Staatsmännern
im englisch-römischen Sinne rechnen.
Und hier bin ich
auf dem Kern meiner Betrachtung angelangt. Mir will es nicht scheinen,
als ob eine Ähnlichkeit zwischen den Engländern und den
Griechen
bestünde; daß Sophokles den Päan nach irgendwelchem
Siege
angestimmt, daß Sokrates des Alkibiades' Leben auf einem
Rückzug
beschützt habe, scheint mir in dieser Beziehung nicht viel zu
sagen.
Daß aber Platon die Dichter aus seinem Staat entfernt wissen
wollte,
daß Perikles seine Weisheit bei Anaxagoras schöpfen ging,
zeigt
uns wohl, wie in diesem Lande, welches durch seine geringe Ausdehnung,
seine fast als Wunder zu bezeichnende künstlerische Begabung und
seine
Geschichte, die uns beinahe wie eine Fortsetzung Homers erscheint, die
schöpferisch Phantasievollen ein besonderes Leben führten.
Mir
sind die Griechen das u n s t a a t l i c h s t
e
Volk, der Inbegriff des Unbestandes, des genialen Sichselbst-Verzehrens.
Mir will es scheinen,
als ob die Engländer die Erben der Römer seien. Nicht in der
Weltherrschaft allein, sondern in der eigenartigen, ausgearbeiteten
Kultur.
Ihnen wie den Römern kommt par excellence das zu, was wir
unter
les
beaux esprits verstehen: eine Vereinigung von freien Ansichten und
nüchternem und praktischem Verstand, von großer
Welterfahrung
und edlem Nachsinnen darüber, eine eigentümliche Melancholie
verbunden mit sinniger Ironie (freilich tritt bei den Engländern
die
Überlegenheit des germanischen über den lateinischen Geist
deutlich
hervor). Aus dieser Gesellschaft möchte ich ausscheiden: die
Humoristen
des 18. Jahrhunderts, Walter Scott und Shakespeare. Die Biographie der
Humoristen kenne ich leider nicht genug, um zu wissen, ob sie auch
bedeutenden
Anteil an dem Staatsleben nahmen; Scott sehe ich auf seinem
schönen
Landsitz, und von Shakespeare glaube ich ganz naiv, was die
populärste
Tradition von ihm meldet, und daß er sich nach obskurem Leben in
Stratford zurückzog und verstummte. Nimmermehr aber, daß
er
B a c o n war! Wem das Innere gestaltenreich ist, der kann
an den Händeln dieser Welt, so meine ich, keinen bedeutenden
Anteil
nehmen, wenn er auch gewiß stets mit seinem Vaterlande empfinden
wird, und — sind denn die Taten der Denker keine? Wenn Lessing in
Deutschland
den verderblichen französischen Einfluß erschüttert,
wenn
Herder als bescheidener Pfarrer die Deutschen zuerst auf ihre
Abstammung
verwies — gibt sich darin nicht auch Tapferkeit und Scharfsinn, wie sie
nur einen Staatsmann schmücken können, zu erkennen? Und
ebensogut,
wie Sie von Scharnhorst nicht verlangen werden, daß er die
„Jungfrau
von Orleans“ dichtet, so dürfen Sie von Schiller nicht die Goldene
Bulle erwarten. Mir ist es z. B. nie möglich gewesen, in die
Anklage
der Untätigkeit der Klöster einzustimmen. Wo eine
Gesellschaft
von Menschen sich findet, gibt es Leiden und Arbeit, und dabei unter
irgendeiner
Form einen Anteil an dem menschlichen Leben. Dagegen begreife ich sehr
gut die naive Vorstellung des Mittelalters, welche es dem Philosophen
verwies,
sich zu verehelichen. Und wenn Sie mir mit Cervantes und der Schlacht
bei
Lepanto erwidern, so sage ich Ihnen, daß er da nur ein armer,
bescheidener
Soldat war, was ungefähr dasselbe wie ein armer Professor ist, und
daß eine eigentümliche Fügung des Schicksals ihn zum
Gefangenen
und außerhalb jedes öffentlichen Lebens werden ließ,
um
ihn auf härteste Weise im Dienste des Ewigen zu erhalten,
während
seine großen Landsleute Lope, Calderon etc. durch geistliche
Würden
belohnt, ebenfalls dem Anteil an öffentlichen Geschäften
entrückt
wurden. Und — vergessen möchten wir das eine doch nie, daß
die
deutschen Dichter und Denker zur Zeit, wo es keine Nation gab, an eine
solche — ideale — sich gewendet haben und somit sie geschaffen haben.
Und
zwar nicht als Blasebälger, sondern wirklich und wahrhaftig, wie
Bach,
aus seiner dürftigen Leipziger Kantorei heraus, die Einheit des
protestantischen
Glaubens schuf. Eine solche Tat hat keine andere Kultur aufzuweisen,
sie
erhebt für mich die Deutschen selbst über die Hellenen und
stellt
ihr scheinbar abstraktes Wirken und abgelegenes Schauen voll in das
Leben,
und zwar nicht als Erfolg, sondern als Ursache desselben: ein
wundervolles
Ereignis!
So Wäre ich
bei dem Vergleich zwischen Milton und Dante angelangt, der mir nicht
recht
einleuchten will; was mir vor allem bei dem gestalterfüllten Epos
Dantes auffällt, ist die kindliche Naivität, welche inmitten
des Grausens der Hölle wie ein Sonnenstrahl wirkt. Wogegen ich bei
Milton die Hoheit der Gedanken und der Gesinnung stets empfand. Dies
sowohl
wie die Bedeutung seiner Versifikation reihen ihn für mich den
Lateinern
— den eigentlichen Vätern der L i t e r a t u
r
— an. Wenn Dante seinen Lehrer mit der herzlichsten Freude und
Verehrung
in dem Kreis der Lasterhaften begrüßt, wohin er ihn doch
selbst
verbannt, so erleben wir da einen Triumph der
Selbstentäußerung
und dazu der stolzen Bejahung der Persönlichkeit des Dichters, wie
wenige Beispiele davon aufzuweisen sind und wobei einem das ganze Herz
lacht; und sein erster Teil ist voll von solchen Beispielen. Das
Paradies
von ihm habe ich nicht gelesen.
Leben Sie wohl, mein
Freund! Möchte Ihnen eine recht schöne Zeit Ihre
Standhaftigkeit
lohnen. Ich weiß, es wird Sie unterhalten, wenn ich Ihnen sage,
daß
ich Sie verlasse, um das Haar für die Perücke der drei
Grazien
auszusuchen! Auch ein Problem! Wenn Winckelmann gesagt hätte, wie
es war, ging ich blindlings danach; so muß ich mir mit meinen
eignen
Vorstellungen helfen; für mich ein pis-aller. Ich
weiß
nicht, Warum ich Sorge trage, Raphael da zu folgen.
Nun aber übergenug,
und nur noch einen alles Gute in sich schließenden
Gruß!
C. Wagner.
188-191
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
30. August 1890. Wien VI.
Kein Wort von Ihnen,
hochverehrte Meisterin, geht mir verloren. Aber es könnte noch
viele
„Worte setzen“, insofern als ich auf manches zu erwidern oder zu fragen
hätte.
Heute möchte
ich mir nur eine kleine Berichtigung erlauben bezüglich ganz
materieller
T a t s a c h e n, und ohne an diese letzteren irgendeinen
weiteren Schluß zu knüpfen. Es handelt sich um Ihre
Vorstellung
von Scotts und Shakespeares Leben oder Lebensverhältnissen.
Scott „sehen Sie
auf seinem schönen Landsitz“? Ich weiß manches sehr genau
von
ihm, da seine Familie mit der meiner Mutter sehr befreundet war; ich
glaube
sogar (nach den sehr weitgehenden schottischen Begriffen)
verschwägert.
Meine Großmutter mußte oft von ihm erzählen. Er hat ja
auch nahen Verwandten von mir zu einem anonymen Ruhm in seinen Romanen
verholfen, von denen wohl die bekannteste meine Tante — die „bride
of
Lammermoor“ — ist. (In jenem Werk ist auch meines
Urgroßvaters
Haus mit photographischer Genauigkeit beschrieben.) Nun, Scott war
durchaus
nicht reich von Hause aus. Sein Landgut „Abbotsford“ hat er erst
erschwingen
können, wie er über vierzig Jahre alt war, und die dortige
Pracht
hat kaum fünfzehn Jahre (glaube ich) gedauert, wo er dann, wie
Ihnen
bekannt, gänzlich ruiniert, bis auf den letzten Pfennig, wurde
durch
den Bankrott einer großen Verlagshandlung, deren Mitbesitzer er
war.
Als echter Schotte wollte er von dem ihm von seinen Gläubigern
angebotenen
Ausgleich nichts wissen, sondern alles bis auf den letzten Pfennig
bezahlen;
„time
and I against any two“ war seine Devise; und die
übermäßige
Anstrengung, der er sich dann hingab, führte seinen schnellen Tod
herbei. Der Landsitz war also nur eine Episode in seinem Leben.
Und dazu kommt
folgendes,
daß Scott niemals zurückgezogen gelebt hat, sondern schon in
seiner in der Hauptstadt Edinburgh verlebten Jugend mit allen
bedeutenden
Männern Schottlands verkehrt hat (und es gab deren damals viele),
daß seine Verwandtschaft mit dem Adel ihm den Verkehr in allen
Kreisen
gestattete, und daß er vom Anfang seines Ruhmes an in
beständigem
Verkehr mit buchstäblich allen durch Geburt oder Talent
großen
Männern des englischen Reiches stand. Und er steckte auch mitten
drin,
in allen politischen und literarischen Tagesfragen, und hat enorm viel
geschrieben außer seinen sonst genannten Schriften, an
politischen,
historischen, kritischen, biographischen Aufsätzen, neue Auflagen
alter Schriften besorgt etc., etc. Man darf sich also beileibe nicht
Walter
Scott als einen ein zurückgezogenes Leben führenden Mann
vorstellen;
und selbst auf seinem Landsitz (abgesehen von seinen Reisen) sorgte er
dafür, daß sein Haus stets voll Gäste War. Wenn er auch
niemals Minister war, so muß man doch zugeben, daß er nicht
bloß ein Zuschauer, auch nicht bloß ein die Vergangenheit
aus
ihrem Schatten hervorzaubernder Träumer, sondern ein mitten im
Leben
steckender Mann war, der sich für die Tagesfragen passionierte und
tüchtig mit dreinschlug.
Und nun zu
Shakespeare!
Aber bitte keine Angst, ich werde der allgemeinen Versuchung, Unsinn zu
sprechen, nicht erliegen. Die unbegrenzteste Bewunderung schützt,
wie es scheint, dagegen nicht; wohl aber die einfachste Liebe zu dem
Menschen,
der uns noch nicht, wie Homer, ganz wegsublimisiert worden ist.
Daß
Shakespeare Bacon war, das lege ich gleich, wie Sie, zu den schlechten
Witzen, die man deutschen Gelehrten und den tollsten der englischen
Altjungfern
überläßt. Daß er aber, wie Sie meinen,
„nach
o b s k u r e m Leben sich zurückzog und verstummte“ —
das ist entschieden falsch, und Sie werden gewiß mit mir meinen,
daß man die Tatsache, daß man so wenig Nachricht über
Shakespeare besitzt, nicht dazu mißbrauchen darf, um dasjenige,
was historisch feststeht, zu ignorieren und sich einen noch nebligeren
Shakespeare zu konstruieren.
Nun ist es aber sicher, daß Shakespeare,
nachdem er mit Greene, Marlowe etc. vermutlich ein sehr tolles Leben
geführt hatte, nicht nur der Liebling des Hofes und im allgemeinen
des Adels wurde, und daß er mindestens über zwanzig Jahre
lang sich in den höchsten Kreisen Englands als dazugehörig
bewegte, sondern eine von den wenigen Tatsachen, die Wir mit Sicherheit
von ihm wissen, ist, daß er der allerintimste Herzensfreund von
einem bedeutenden politischen Manne seiner Zeit war (Lord Pembroke),
und daß er ebenfalls sehr intim befreundet war mit mehreren
anderen der Rührigsten (wie namentlich Essex und auch Southampton
und anderen). „Obskur“ kann man das Leben dieses Mannes also auf keinen
Fall nennen.
Man braucht gewiß nicht wie einige anzunehmen,
daß er selber einen tätigen Anteil an den Unruhen seiner
Zeit genommen, und daß er namentlich an Essex' Aufstand
mitbeteiligt gewesen wäre. Daß er aber alles Unglück
seiner Freunde mit furchtbarer Gewalt mitempfunden hat und also
wenigstens insofern mitten drin in all den politischen Vorkommnissen
seiner Zeit gestanden hat, dazu bedarf es, finde ich, keiner gelehrten,
kritischen Erwägungen, sondern es genügt, sich intuitiv
vorzustellen, welch ein leidenschaftliches Herz in dem Busen eines
solchen Dichters geschlagen haben m u ß. Wir
bedürfen keiner Briefe, keiner Zeugnisse Mitlebender, um uns
vorzustellen, mit welchem gebrochenen Herzen Shakespeare sich aufs Land
zurückzog, nachdem sein bester Freund verbannt, sein lieber Essex
enthauptet, sein erster Beschützer Southampton in den Tower
eingeschlossen worden war. Wenn es Leute gibt, die in dem bald darauf
entstandenen „Julius Cäsar“ den Essex wiedererkennen wollen, so
zeugt diese Behauptung von einem solchen Mißverhältnis
zwischen dem kritisch Erkennenden und dem Dichter, daß es umsonst
ist, ein Wort zu verlieren. Wir erleben es ja heute von den
gescheutesten Menschen, daß Hans Sachs für das Porträt
von Liszt ausgegeben wird!
Dagegen ist es wirklich interessant, zu erfahren,
daß sowohl chronologische Nachrichten wie philologische
Untersuchungen es in hohem Grade wahrscheinlich erscheinen lassen,
daß es nun — nach dem Ruin seiner Freunde und seiner eigenen
Flucht aus der Hauptstadt — war, daß „Hamlet“, „Othello“,
„Macbeth“, „Lear“ entstanden. Absichtlich will ich nicht „dwell upon“ solche Betrachtungen;
man soll niemals vergessen, wie erhaben ein größter Dichter
mit seinen Gaben über den Tagesereignissen fleht. Wenn es aber
auch frevelhaft — und vor allem unsinnig — ist, in einem Solchen Fall
eine d i r e k t e Beziehung nachweisen zu wollen
zwischen einem Erlebnis und einem bestimmten Werke, so ist es ebenso
unerlaubt, meine ich, von einem Dichter wie Shakespeare sich
vorzustellen, daß er wie ein Ochs ruhig sein Leben durchgegrast
hat, und jedenfalls w i s s e n wir von ihm,
daß dies nicht sein Schicksal war. Übrigens können wir
uns ein Bild von seiner Leidenschaftlichkeit und von ihrer verzehrenden
Glut in seinem Herzen dank den Sonetten machen. Es steht heute so
sicher, wie fast nur eine Sache sein kann, fest, daß die 126 an
einen Mann gerichteten gerade an den Lord Pembroke, seinen
jugendlichen, glänzenden Freund, geschrieben waren, und die
anderen 26 an die schöne Hofdame, Tochter eines Sir Edward Fitton,
die längere Zeit sehr intim mit Shakespeare war (eine
leichtsinnige Schönheit, die vielen Männern den Kopf
verdrehte) und welche dann die Geliebte von Lord Pembroke wurde,
wodurch Shakespeare tief betrübt wurde. Wie dem auch sei, soviel
ist unstreitig, daß die große Leidenschaftlichkeit des
Temperaments und die Fülle trauriger, harter Erfahrungen aus
diesen Gedichten sprechen.
Was übrigens Lord Bacon betrifft, so
läßt sich wohl gar nicht bezweifeln, daß die beiden
Männer sich gekannt und häufig gesehen haben. Das Gegenteil
wäre ein wunderbarer Zufall. Und gewiß kann die Begegnung
zweier solcher Geister für beide nur von Bedeutung gewesen sein.
Ich weiß es nicht — und zu einer Meinung habe ich kein Recht —‚
aber ich kann mich des Glaubens nicht erwehren, daß man den Mann,
unter dessen Schutz Kant seine „Kritik“ stellt, gar nicht zu hoch
schätzen k a n n. Shakespeare verkehrte da mit
einem der großartigsten Geister aller Zeiten, und welche
Bedeutung mag jede Begegnung gehabt haben, wenn das Auge und das Ohr
eines Shakespeare einen Bacon trafen!
Soviel also nur zum „Tatbestand“.
In Ehrfurcht und Ergebenheit und Freundschaft Ihr
Houston S. Chamberlain.
192
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
10/9/90.
1 Blümelgasse. Wien VI.
Mein
letzter — so unbescheiden langer, mir so kurz erscheinender, weil er
mich kaum bis an den Eingang desjenigen führte, was ich eigentlich
sagen wollte — Brief hat Ihnen, hochverehrte Meisterin, hoffentlich
nicht auf alle Zeiten den Briefverkehr mit mir verleidet? Ich hoffe,
daß Sie an irgendeinem schönen Orte, umringt nur von Ihren
Kindern, sich wirklich ausruhen, und allen Eindringlichen (zu welchen
ich mich mit Recht rechne) den Riegel vorgeschoben haben.
Dennoch gestatte ich mir, Ihnen in aller Eile mitzuteilen, daß
meine Frau und ich morgen, Donnerstag, früh nach Bosnien und der
Herzegowina abreisen. Die Reise wird kurz sein, denn schon am 25ten d.
M. erreichen wir an den Mündungen der Narenta die Küste und
kehren von dort aus per Dampfer über Fiume (und Adelsberger
Grotten) nach Wien zurück.
Aber wir freuen uns ungeheuer, das herrliche Land und das herrliche
Volk, wenn auch nur oberflächlich, kennenzulernen,
Mittelalterliches Christentum und mohammedanisches Mittelalter
blühen dort noch, und zwar neben- und durcheinander! Wir sind nur
fünf oder sechs Personen und reisen unter direktem Schutz der
Regierung; einige von uns auf Wunsch derselben, andere von ihr dazu in
zuvorkommender Weise aufgemuntert, so daß wir vermutlich nicht
ermordet werden. Jedenfalls bin ich so frei, Ihnen einige Zeilen ganz
frisch vom fremden Boden zu senden; und ich gestehe, daß es
meinen Genuß in hohem Maße erhöhen würde (welche
Stilblüte, diese Wendung! — Aber die Tiefe des Gefühlten
muß solche Mängel gutmachen), wenn eine einzige Zeile uns
versicherte, daß es allen Wahnfriedlern gut gehe.
Mit
den herzlichsten Grüßen von uns beiden an Sie und alle
Ihrigen bin ich, hochverehrte Meisterin, Ihr in Ehrfurcht und Treue
ergebener
Houston S. Chamberlain.
192-193
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Bellagio
„Grand Hotel Bellagio“, den 16. September 1890.
Auf die Gefahr hin, daß mein Gruß Sie nicht mehr erreiche,
entsende ich Ihnen doch das Glückauf zur romantischen Fahrt durch
das Land, von dem ich einmal hörte, daß es eine Million
Bettler enthielt. Da ist es gut mittelalterlich-christlich sein! Es
freut mich an dem seligen Ort hier zu Wissen, daß Sie ihn einmal
froh bewohnt haben, ich glaube, man könnte hier vieles vergessen! — Ihren
lieben langen Brief besprechen wir einmal mündlich. Daß ich
mißverständlich war, ersah ich wohl daraus, aber das geht
nicht anders und tut nichts.
An der
Freude, die ich darüber empfand, daß Sie von Ihrer Mutter
und Großeltern zu mir sprachen, ersah ich, daß es ein
Wunsch von mir gewesen, von diesen etwas zu wissen.
Nun
denken wir Sie gern mit Ihrer lieben Frau in angenehmer Gesellschaft
auf schönem Strom und unter neuen Eindrücken. Wir ruhen noch
hier 14 Tage in wundervollster Luft aus, und dann geht es wieder an das
Leben.
Seien Sie von uns vieren
gegrüßt. C. W.
193-194
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Samstag,
11/10/90. 1 Blümelgasse. Wien VI.
Ihre
Zeilen vom 16ten September, hochverehrte Meisterin, trafen mich richtig
in Mostar; sie trösteten mich gerade dort, wo die ersten Anzeichen
einer Rückkehr in die Zivilisation und in das allgemeine Reich des
Häßlichen (am Menschen) verzweiflungsvoll melancholisch
stimmten — nach den zehn Tagen im Wunderlande der lebendigen,
allgegenwärtigen Tausend-und-eine-Nacht-Welt. Aus Dank zeigte ich
dann auch öfters Ihren Zeilen den blauen Himmel und das blaue Meer
der Adria und wärmte sie in der schönen, Südlichen
Sonne; aber mehr konnte ich nicht, namentlich nicht Ihnen schreiben.
Ich wäre mir wie ein fauler Sünder vorgekommen, hätte
ich nicht so unmittelbar empfunden, daß ich einfach unfähig
war, Ihnen zu schreiben. Allerdings, wir hatten wenig Zeit, die Reise
war eine förmliche „Hetze“; aber man hat immer Zeit zu dem, was
man will. Nein, verehrte Meisterin, Sie waren mir so unendlich fern
gerückt — wenn ich geschrieben hätte, ich glaube, ich
hätte mir nicht anders als durch Baedeker-Abschreiben zu helfen
gewußt; da ließ ich es denn lieber sein und harrte mit
mohammedanischer Ruhe und Glaubensfestigkeit künftiger Zeiten.
Das E x q u i s i t e an Ihrer Kultur fesselt
gewiß jeden, ich meine diese divinatorische, fast göttliche
Art, mit welcher Sie, ohne sich in das Breite, in das
Enzyklopädische zu verlieren, doch eigentlich von allem Edelsten
der westlichen Kultur sich hinwiederum das Alleredelste angeeignet und
es mit dem Ihnen selbst von der Natur Verliehenen und vom Schicksal
empor und zur Blüte Geführten zu etwas so unwiderstehlich
Bestrickendem gestaltet haben; aber denken Sie sich unsere ganze Kultur
vom Standpunkt des Mohammedanismus aus betrachtet, auch Sie und
Bayreuth inbegriffen! Und mein Wesen ist Ihnen genug bekannt, daß
ich Ihnen nicht erst zu sagen brauche, wie ganz und gar ich mich nach
24 Stunden mit der mohammedanischen Weltansicht identifizierte. Wenn es
auch ein Leichtes und Selbstverständliches war, unsere ganze
Zivilisation en bloc zu
verwerfen, und die Abwesenheit eines jeden Wunsches nach alledem, was
bei uns Kunst heißt, wie eine Erlösung, wie ein freies
Aufatmen nach einem Alpdruck vorkam, so war es mir dagegen sehr schwer,
Ihnen und allem, was sich nun Ihren Namen herumgruppiert,
gegenüber die richtige Stellung zu gewinnen und Klarheit in die
widerstreitenden Gefühle zu bringen. Die Einleitung zur „Heiligen
Elisabeth“ (gestern, am Klavier) und namentlich der Schluß, wo
man empfindet, wie alle unsere armen Herzen in ein einziges,
allumfassendes aufgehen, ließ mich sehr lebhaft den Wunsch
empfinden, Ihnen wenigstens zu sagen, mit welcher ehrfurchtsvollen
Liebe und Treue ich an Ihnen und an den Ihrigen selbst als Mohammedaner
noch hing, und auch jetzt — in die Welt der blassen Skeptik
zurückgekehrt — hänge.
Heute nur dies eine von Ihrem von Herzen ergebenen
Houston S. Chamberlain.
194-196
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried,
den 14. Oktober 1890.
Sie
haben mir also — um deutsch zu reden — den Abschied gegeben gehabt.
Aber, um ernst zu sein, muß ich Ihnen sagen, daß ich Ihre
Stimmung so vorempfunden habe, daß es mir unmöglich war,
Ihnen nach Mostar mehr zu schreiben, als ich es tat; obgleich ich Ihnen
eine Menge zu sagen hatte. Was wir im Süden suchen, was uns dort
immer wieder mit einem Zauber befängt, dem wir je nach unserer
Stimmung uns träumerisch hingeben, oder was wir wie eine Art von
Teufelei empfinden, das ist eben jenes Aufhören des Denkens und
Aufhebung des Tuns. Gewiß ist das letzte, was man da vermag,
Briefe schreiben. In einem gewissen Sinne wirft man sich der Natur in
die Arme, und nicht ungleich dem „Was träumte mir von Tristans
Ehre!“ ist der Zustand, aus welchem man alle Fesseln empfindet. So geht
es mir wenigstens, sobald ich Licht und Luft wieder einatme.
Merkwürdig und wohl unerklärlich ist, daß zweierlei
mich in dieser Stimmung stets heimisch berührt und begleitet: das
ist die intensive Andacht, wenn ich in die Gotteshäuser komme,
welche eine edle Kunst z. B. in Mailand errichtet hat, und der Gedanke
an unsere Kunst. Beides muß wohl das Natürlichste von der
Welt sein. Und wenn Sie mir den Vergleich zulassen, in unsere Kunst
habe ich mich geflüchtet wie in ein Kloster; eines jener, wie sie
unter der heißesten Sonne als seelische und leibliche Beschattung
für die Bedürftigen errichtet wurden. Oder wollen wir unsere
Kunst mit dem Himmel selbst vergleichen, der sich überall
über uns wölbt? Und Ihrer muselmännischen Ruhe ist wohl
der christliche Gleichmut nicht sehr fremd.
Bei
einem jener wundervollen Iichtdurchtränkten Tage sahen wir in
Mailand ein Heilandsbild, von einem mir bis dahin unbekannt gebliebenen
Maler (Solari), welches durch das Aufgehen des Schmerzes in die Milde
der Versöhnung mir eines jener ausgleichenden Werke zu sein
schien, welche uns die Heiligkeit der Schönheit oder die
Schönheit der Heiligkeit lebendig entgegenbringen. Wir schauten es
an, das Bild, auf welchem die Träne rinnt, wir blickten von ihm
auf den lachenden Hof mit den Palmen, und es war Frieden.
Ich
habe Ihnen noch immer auf Ihren langen Brief sagen wollen, wie leid es
mir tut, daß Sie in Wien noch keinen entsprechenden Umgang
gefunden. Es wundert mich insofern nicht, als mein armer Bruder, der
doch als halber Österreicher dorthin kam, viel von seiner
Vereinsamung und Langenweile in dem als so lustig gerühmten Ort
geklagt hat. Er war unendlich begabt und daher wohl zum Alleinsein
verurteilt.
Um Sie
recht zu ärgern, schließe ich mit dem Satze: Ich glaube,
daß das Genie die Lebenseindrücke zur Befruchtung seiner
inneren Welt bedarf, aber ich glaube auch, daß diese
Lebenseindrücke, um befruchtend sein zu können, keine zu
mannigfaltigen sein dürfen. Daher auch das Wort: Le genie est sédentaire. Sie
sehen, ich habe ruhig und still weiter mit Ihnen verkehrt, und
während die Buntheit Sie ganz aufsog, bin ich beim Weben der
Fäden geblieben. Ich glaube, wenn Sie mir nicht geschrieben hätten, ich hätte
Sie — mit Verlaub — an mein Dasein erinnert. Und wenn Sie mich in 1001
Nacht nicht unterbringen, so weiß ich doch, daß Sie mich
mit unserer Zivilisation nicht vermengen.
Nun
aber leben Sie wohl! Und seien Sie gegrüßt in treuer
Herzlichkeit, mein
teuerer Freund! C. W.
196-197 Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
21/10/90,
abends, Wien.
Als
ich gestern von dem Gesumme der Menschenmenge auf dem Korso mich wiegen
ließ — ein Bekannter hatte sich vorher gewundert, daß ich
fast niemals in ein Theater oder Konzert ginge, ich schiene keine
Freude an dem allen zu empfinden, wofür sich auch die
Gescheitesten interessierten; es wäre wohl nichts gut genug
für mich? etc. etc. (worauf ich natürlich viel zu faul war,
anders als ausweichend zu antworten, wo ich außerdem nur zu einer
stillen Bootfahrt auf offenem Meer ausgegangen war), da empfand ich
lebhaft, hochverehrte Meisterin, wie so, wenn der purpurne Schatten
eines wahrhaft königlichen Mantels einmal über einen gefallen
ist — und sei es
noch so wenig, nur von einer Falte oder von einem im Winde treibenden
Zipfel —‚ wie unwiderruflich ewig man in die Nähe des Königs
und in den Schatten seines Mantels gebannt sei. Das Gewöhnliche,
das Unzulängliche, das Gemeine — also fast ausnahmslos alles, was
uns überallhin umgibt, ist so unwiderruflich, so definitiv zu dem
gestempelt, was es ist, daß, wenn noch die Tugend der
Aufrichtigkeit gegen sich selbst dazukommt, keine Täuschung, am
allerwenigsten eine Selbsttäuschung mehr möglich ist. Und es
ist wohl auch schwer, die Illusion des Mächtigen zu teilen, der in
dem Wahne, seinem Volk zu dienen, sich lebend aufzehrt. Das Gemeine hat
eine Lebenskraft in sich, welche derjenigen des Genies gleichkommt.
Also, sowohl hierhin wie dorthin nur die unaussprechlichste
Melancholie. Und da ist es wohl nur Gerechtigkeit, wenn der König
dem im Schatten seines Mantels Gebannten auch die Sonne seines
Angesichtes leuchten läßt. —
Ihre Bemerkungen bez. des Südens sind sehr
wahr; ich habe Ähnliches empfunden. Bosnien ist aber
eine ganz andere Nuance, weil es ganz und gar schon O r i e
n t ist, nicht bloß, oder vielmehr gar nicht Süden,
denn das Klima ist rein „kontinental“, die Nächte selbst im Sommer
sehr frisch und der Winter kälter als in Wien. Das bosnische Volk
ist auch ein kräftiges, höchst
individualisiertes; durch das ganze Mittelalter hindurch hielt es,
trotz Kreuzzüge und furchtbarster Verfolgungen, an seiner
„bogumilischen“ Häresie
fest, und der Mohammedanismus, dem der bessere Teil der Bevölkerung seit 4
Jahrhunderten angehört, hat auch eine eigentümliche
Ausbildung, ein besonderes Gepräge erhalten. Hierin liegt der
Reiz, den Bosnien ausübt und der einen mit einem Ruck aus allem
Gewohnten hinaus und weit weg führt. Worüber ein anderes Mal
mehr.
Meine
Frau grüßt herzlich, sowie auch Ihr in ehrfurchtsvoller
Treue ergebener
Houston S.
Chamberlain.
[Im
November 1890 weilte Frau Cosima Wagner einige Tage in Wien.]
197 Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried,
4. Dezember 1890.
Nun
bin ich zwei Tage hier zurück und möchte nicht länger
säumen, Ihnen, Freund, mein Gedenken zu entsenden.
Wie
haben mich die Zeilen, die Sie mir mitgaben, begleitet! Ich konnte
nicht anders, wie ich die schönen Rosen des guten Dr. Boehler, trotz aller
angewandten Sorge um sie, absterben sah, mir zu sagen: wieviel
schöner das Unverwelkliche sei, was Sie mir mitgaben, und welche
Trostesspende solche Worte seien. Da fiel mir denn ein, daß es
schön wäre, wenn Sie statt Briefe, zu den Zeiten, wo Sie
diese ungern schreiben, mir eine solche Abschrift entsendeten. Ich
erhielte dann immer ein Lebenszeichen, und allmählich
entstünde unsere „Upanishade“, die ich dann artig einbinden lassen
würde. Und wenn Sie wollen, erwiderte ich mit Zitaten aus meiner
losen Lektüre, die freilich viel weniger einheitlich ausfallen
würde.
Wenig
Erbauliches habe ich als Musik in München vernommen. Ich habe mich
gefreut, meinen alten Freund Lenbach wiederzusehen, der mir immer die
interessante Anomalie bietet eines hyperverfeinerten Geschmackes mit
ungehemmter Unbildung — ein Rätsel, wie wohl jeder von uns eines
ist. Er sprach mir sehr gerührt von dem Kanzler [Fürst Bismarck war am 20. März 1890 aus dem Amte
geschieden] und seiner Verlassenheit, und die Verachtung, die
ihm bei dieser Gelegenheit das ganze Deutsche Reich
einflößt, stand ihm — meiner Meinung nach — sehr gut.
Mit
dem herzlichsten Wunsch, daß in der Blümelgasse, auf den
Höhen, alles so wohl sei, wie es die Adventzeit erfordert! Seien
Sie gegrüßt,
Freunde, und bleiben Sie
mir gut, C. W.
198-200 Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
4/12/90.
1 Blümelgasse. Wien.
Mir,
verehrte Meisterin, war Ihr kurzer Besuch wie eine besondere Gnade
Gottes. Diese ganzen kleinlichen und ekelhaften Geschichten mit den
Zeitungsschreibereien usw. hatten einen solchen Mißklang zu dem
ruhevollen mohammedanischen Traum gebildet. Ihre Gegenwart verscheuchte
alle Schatten und erhob mich wieder in die heimischen Sphären.
Trostlosigkeit und Heiterkeit können Schließlich ebensogut
Hand in Hand friedlich einhergehen wie Gemüt und Verstand; sie
müssen sich nur gegenseitig achten. Ich habe auch dafür
gesorgt, daß Sie — ich meine Sie in meinen Gedanken — eine Ihrer
würdige Gesellschaft vorfänden; Sie träumten einmal hier
von dem Salon, den Sie in Wien sich einrichten würden — ich war so
frei, die Einladungen selber auszusenden: zu allererst „spazierte
hinein“ (wie man hier sagt) Sokrates, das war ein Versicherungsschein,
daß die Unterhaltung nicht „languieren“ würde; Plato, der
göttliche, hatte natürlich den Ehrenplatz neben Ihnen, er
ärgerte sich aber sichtlich, daß der alte Sokrates, den er
gewohnt war, in seinen Schriften nach s e i n e
r Art dialektisieren zu lassen, so ganz selbständig,
eigenartig und autoritätsglaubenlos fortschwatzte, und dann —
über Kunst war es gar schwer, mit ihm zu sprechen, er hatte so
schrecklich viel Prinzipien und suchte beständig midi à quatorze heures; es
war ein wahres Glück, daß Schopenhauer gekommen und ihm ein
Ehrenexemplar seiner „Vierfachen Wurzel“ mitgebracht hatte; ich
weiß nicht, ob Sie es geahnt hatten, oder ob es Ihnen unerwartet
kam, daß Kant bei weitem der angenehmste Gesellschafter unter diesen Philosophen war, mit
einfach-vornehmen Manieren, sich mit den verschiedensten Menschen
gleich gern unterhaltend, jedem Versuch, das Gespräch auf „reine
Vernunft“ zu bringen, mit einem seinen Witze ausweichend, sonst aber
für alles Menschliche sich interessierend; Giordano Bruno war
unglaublich witzig — der leichtsinnigste Teil der Gesellschaft (zu dem
ich natürlich gehörte) gruppierte sich um ihn, bis wir nicht
mehr zu lachen vermochten; ich glaube, Sie ärgerten sich,
daß wir in eine Ecke des Salons uns zurückgezogen hatten, so
daß Sie gar nicht an dem Spaß teilnehmen konnten; Goethe
war auch da, aber sehr schweigsam, denn beim Eintritt hatte er sich —
nach altem Weimarer Usus — aufs „olympisch Aussehen“ eingerichtet, und
in dieser bunten Gesellschaft waren Sie die einzige, die ihm diese
Schwäche nachsah (Plato war ohnedies gegen den Faust gar eigensinnig
eingenommen); für mich persönlich war diese Konstellation
günstig, denn plötzlich wandte er sich an mich — als
wäre es eine Eingebung, denn er hatte mich niemals gesehen —‚ wir
sprachen Naturwissenschaftliches, es war ebenso interessant, wie vorher
Bruno amüsant gewesen war (wie rührend ich für mich
selbst sorge, nicht wahr?), wie freute mich seine Bewunderung des
erhabensten Genies unter den Physiologen, des großen Pasteur, und
wie ganz andersartig war seine lobende A n e r k e n n u n
g der Verdienste eines Mannes wie Koch (über dessen
Heilverfahren er sich übrigens sehr reserviert aussprach und mehr
interessiert als begeistert, denn da ihm die p h i l o s o p h i
s c h e Grundlage zu den gehegten Hoffnungen zu fehlen schien,
so wollte er sich gar nicht erst auf das Detail der Beobachtungen
einlassen, zum Glück war kein Arzt anwesend, um dem großen
Mann haarklein nachzuweisen, daß er ein Esel sei), und da er an
mir ein intensiv sympathisches Auditorium fand, so schwang sich seine
Rede immer höher, ich lenkte ihn absichtlich über auf seine
„Tabelle der möglichen Wirkungsarten“: Zufällig, Mechanisch,
Physisch, Chemisch, Organisch, Psychisch, Ethisch, Religiös,
Genial — ich glaubte zu bemerken, er hatte sie selber vergessen —‚ aber
wie herrlich stieg dann seine Rede an den neun Sprossen dieser Leiter
hinauf, bald schwieg auch alles im Zimmer, er sprach eben für alle
oder vielmehr nur mehr für sich, selbst der alte Sokrates schwieg
und glaubte sich im Delphischen Tempel, einer neuen Verkündigung
des Orakels lauschend, und wir alle, wenn wir auch, aufrichtig
gestanden, von der ganzen Tabelle der Wirkungsarten eine ziemlich
konfuse Erinnerung behielten, wir hatten wenigstens mächtig
empfunden, welche die „geniale Wirkungsart“ ist. Im großen und
ganzen war also diese von mir arrangierte Soiree entschieden
interessanter und anregender ausgefallen als das neuliche Diner bei der
Fürstin H. Nur eines klappte nicht ganz; Sie hatten mir
gestattet, einige meiner lieben, trauten Freunde, wirkliche
Herzensfreunde, einige französische Dichter der neuesten Zeit
mitzubringen, aber mir schien, daß da eine
unüberbrückbare Kluft Sie von denselben trenne, und ich
konnte nicht umhin, einen gewissen Schmerz hierüber zu empfinden.
Denn empfindet man das „Tat twam asi“
als im Schmerze
wahr, so möchte man es im Freudevollen auch. Wieviel hundertmal
hat nicht z. B. Verlaine, dieser vollendete Musiker der Silben, nicht
nur allen Schmerz mir verjagt, sondern mich ebenso
weltab-himmelwärts emporgehoben wie nur irgendeine Musik.
5/12.
Als ich Ihnen gestern von Kant und Plato und Goethe
und von meiner übrigen Lektüre dieser Tage erzählte —
weil diese faktisch mein ganzes Leben ausgemacht hatte (mit ein wenig
Bach und Liszt) —‚ wurde ich durch den Besuch eines jungen
französischen Kavallerieoffiziers unterbrochen, der trotz seiner
Jugend schon 76 in Bayreuth war, auch 82 wieder, seitdem zu seinem
Leidwesen nicht mehr, weil es wegen der unaufhörlichen Schikanen,
denen französische Offiziere seitdem in Deutschland unterworfen
waren, den Stabsoffizieren empfohlen wurde, das Land nicht zu betreten.
Jetzt, unter dem jungen Kaiser, soll das alles viel besser geworden
sein, und er hofft, im nächsten Jahre seine junge Frau
hinführen zu dürfen.
Und jetzt ist auch Ihr Brief von gestern gekommen —
wir hatten gleichzeitig aneinander geschrieben.
Der Upanishad-Gedanke ist schön. Man
könnte ja von rechts und links durch Upanishadartiges
ergänzen. Daß ich Yadnjavalkya zu Ihrem ersten Wiener
Empfang nicht aufgefordert hatte, werden Sie begreifen; er ist doch
fast so heilig wie Yama, der Tod, dessen Worte ich Ihnen neulich
anstatt Blumen auf die Reise mitgab; ganz jenseits aller „Tafeln
möglicher Wirkungsarten“; überhaupt schaute ich dieser Tage
wegen des eingangs erwähnten Grundes wenig in die Upanishaden.
Ich schließe alles, was ich zu empfinden
vermag, in den Ausdruck der ehrfurchtsvollen Freundschaft und der
Ergebenheit ein.
Houston S. Chamberlain.
200-201 Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
Wahnfried,
Mittwoch, den 17. Dezember 1890.
Der
Baum ist bereits in unser Haus eingekehrt, die Pfefferkuchenkiste steht
vor mir, eine kleine Kinderlotterie beschäftigt meine Gedanken
samt einer Laterna magica
für die Kniesesche
Familie; vor allem, unser Siegfried hat sich
uns für Montag angesagt, Thodes treffen
Dienstag ein, somit stehe
ich auf der Schwelle der Christzeit, die für mich das Jahr
abschließt, und möchte ich diesen Abschluß nicht
begehen, ohne Ihnen einen Gruß entsendet zu haben.
Ohne
Zitat erscheine ich, denn ich habe in dieser ganzen Zeit so gut wie
nichts gelesen, ja selbst nicht geblättert. Und wie weit bin ich
von der dichterischen Geselligkeit, welche Ihr dichterischer Flug mir
zudachte. „Wie weit,
so nah“, kann ich aber hinzufügen, denn das Bild, welches Sie
entworfen haben, hat mich begleitet, und ich habe es mir angelegen sein
lassen, es auszufüllen. Wobei ich allerdings gestehen muß,
daß Giordano Brunos Witze mir absolut unmöglich nachzubilden
waren; womit ich nicht etwa sagen will, daß ich Goethes Rede
gehalten habe. Die eigentümliche, scheinbare Steifheit und das
plötzliche, leidenschaftliche Explodieren dieses
Gewaltsam-Ruhigen, wie Sie es darstellen, ist mir neulich in einem
Gespräch von ihm über Geschichte recht nahegekommen. Warum
soll ich aber den französischen Dichtern ungeneigt sein? Wenn ich
Ihnen auch zugeben muß, daß mich das Alter von der Lyrik
entfernt hat. Ich glaube, Sie werden diesen Prozeß auch
durchmachen, aber das Talent spricht unter allen Formen zu einem, und
wer wollte den Franzosen das Talent absprechen!
Die
Notiz von dem französischen Offizier war Wasser auf unsere
Mühle, da wir mit großer Teilnahme die Persönlichkeit
des jungen Kaisers in ihren verschiedenen Äußerungen
verfolgen.
Grüßen Sie Ihre liebe Frau von Herzen, und gedenken Sie
meiner freundlich, sei es, wenn der nüchterne Verstand die
Oberhand bei Ihnen
hat, oder das kindlich
heitere Gemüt, in der Sicherheit, unter jeglichem Aspekt von mir
verstanden zu sein.
Meine
Kinder grüßen weihnachtlich! — Thodes Buch [„Die Malerschule von Nürnberg“],
welches ich piano, piano
vornehme, ist mir eine
große
Freude! C. W.
201-203 Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.
[Von
einer Erholungsreise über Dresden nach Berlin.]
21. Dezember 1890. 5
Räcknitzstraße. Dresden.
Es war
eine schöne, christliche Tat, hochverehrte Meisterin, am Vorabend
Ihres Familienfestes meiner zu gedenken. Gewiß gehört es mit
der Laterna magica für
die Knieseschen
Kinder zu den hellsten Freuden, die Sie anderen
bereiteten. Als Gegengabe habe ich nur meinen Dank.
Es
amüsierte mich sehr, an meine Abendgesellschaft erinnert zu
werden. Was Sie mir über Goethes Art mitteilen, freut mich innig,
denn ich habe das neulich so hingekritzelt ohne jegliche
Überlegung und namentlich ohne „wissenschaftliche Daten“. Warum
Giordano Bruno so witzig war, das kann ich Ihnen noch viel weniger
sagen. Aber vielleicht schauen Sie bei Gelegenheit in einer
ausführlicheren Lebensschilderung nach?
Neulich hatte ich einen amüsanten Traum: Und wie so oft,
führte er mich nach Bayreuth; das Festspielhaus war so wie jetzt,
nur viel größer; rings um dasselbe standen in dichten Reihen
unzählige Festspielgäste; Sie hatten meinen Arm genommen, um
zu Fuß hinaufzupilgern. Nirgends konnten wir hindurchkommen nach
dem Festspielhause. Sie bekamen einen Gesichtsausdruck, wie ich ihn
bisweilen bei Ihnen gesehen, der mir das Blut in den Adern fast
erfriert und der mich mit einer geradezu namenlosen Angst erfüllt,
wie Furcht vor irgendeinem ungekannten, entsetzlichen Unglück.
Endlich wandte ich mich an einen kräftigen und gutmütig
aussehenden Menschen mit der Bitte, uns behilflich zu sein, die Dame
und ich müßten unbedingt hinein, sonst könnte gar nicht
gespielt werden. Des Mannes dickes Gesicht entwickelte eine ganze Skala
von Ausdrücken, von dem der Frage und des Erstaunens bis zu denn
der größten Heiterkeit, und zuletzt lachte er laut auf: „Na,
das ist nicht schlecht! Sie beide! Sie werden da 'neingehören?
Danach Schauen Sie gerad' aus!“ Und mit Verachtung drehte er uns den
Rücken. Aber der gute Mann hatte uns doch eine Wohltat erwiesen;
Sie lachten so unbändig, und ich dazu, daß man hörte,
wie die Leute in der Menge von „unanständigem und ungehörigem
Benehmen“ sprachen. Was aus uns wurde, weiß ich nicht; ich
glaube, Sie freuten sich über das „Danach schauen Sie gerad' aus!“
so sehr, daß Sie alles übrige darüber vergaßen.
Von
dem Kaiser und der Schulrede möchte ich so gern zu Ihnen sprechen,
um Ihnen zugleich meine große Freude über dieselbe zu sagen,
und auch mein Bedauern über alles, was nicht darin war. —
Übrigens verspreche ich mir so gut wie nichts von der Bewegung;
wir werden niemals das Selbstvertrauen besitzen,
gründlich g e n u g mit dem klassischen Kram
aufzuräumen, gründlich genug, um frohe Menschen zu sein und
Kunst zu haben und Gedanken; da müssen wir schon geduldig auf die
Barbaren warten. Als Jüngling kam ich nach Rom, und ich entsinne
mich auf das Entsetzen meiner Angehörigen, als ich in meinem
ersten Brief, nach einigen Worten der Bewunderung, behauptete, ich
würde entschieden, wenn ich König wäre, sofort die
ganzen Ruinen in die Luft sprengen und vernichten lassen. Der
Modergeruch und auch die Großartigkeit, das „Irréparable“ einer
vergangenen Welt ersticken jedes gesunde Aufblühen im Keime. (Man
halte mir nicht die Renaissance entgegen, denn der treffende Name
brandmarkt schon die Erscheinung, wahre Wiedergeburten gibt es nur im metaphysischen
Sinne, als Übergang von einer Lebenssphäre in die andere.) —
Im Grunde scheint auch der Kaiser nur eine Literatur auf Kosten der
anderen in den Vordergrund schieben zu wollen, währenddem das
Prinzipielle sein würde, Sprache und Literatur überhaupt
nicht zur G r u n d l a g e der Erziehung zu
machen, sondern das einzige, was an und für sich
charaktererziehend ist, nämlich das Studium der Natur. Goethe soll
mein Schild-Mann sein: „Da lobe ich mir das Studium der Natur! Denn
hier haben wir es mit dem unendlich und ewig Wahren zu tun, das jeden,
der nicht durchaus r e i n u n d e
h r l i c h bei Beobachtung und Behandlung seines
Gegenstandes verfährt, sogleich als unzulänglich verwirft.
Auch bin ich gewiß, daß mancher dialektisch Kranke im
Studium der Natur eine w o h l t ä t i g e
H e i l u n g finden könnte.“
Mittwoch reise ich nach Berlin, Central Hotel. Ich hoffe viel von der
grauen Stadt, meinem altbewährten Sanatorium, wo ich in einer
wohltuenden Atmosphäre des „Unwirklichen“ mich ausruhen kann, denn
nichts kann ich ernst dort nehmen, am allerwenigsten die so
überaus ernsten, wichtigen Gesichter der herumhuschenden
Gespenster; und auch in der herrlichen Galerie, jedes Bild lächelt
mich an (natürlich Cornelius und Kaulbach ausgenommen!) und
spricht seine Freude über das gelungene Mißverständnis
aus.
Mit
den herzlichsten Weihnachtsgrüßen an alle Ihre Kinder in
Ehrfurcht und Treue Ihr
Houston S. Chamberlain.
Letzte
Änderung
am: 16. Juni 2010