Here under follows the transcription of Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888-1908, the correspondence between Cosima Wagner and Houston Stewart Chamberlain, Vienna period (part 1), edited by Paul Pretzsch, 2nd. ed., published by Philipp Reclam jun., Leipzig 1934.

Hieronder volgt de transcriptie van Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888-1908, de correspondentie tussen Cosima Wagner and Houston Stewart Chamberlain, Weense periode (deel 1), geredigeerd door Paul Pretzsch, 2e druk, verschenen bij uitgeverij Philipp Reclam jun., Leipzig 1934.


125-127 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.

Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit

Aus dem Jahre 1889


[Im Herbst 1889 siedelte Chamberlain von Dresden nach Wien über. „Lebenswege meines Denkens“, S. 113.]

Bayreuth, Wahnfried, den 4. November 1889.


    Alle diese Tage, die uns in den Winter hineinführen, frage ich mich, ob Sie unserer gedenken? Und meine Antwort auf diese Frage ist ein so bestimmtes „Ja“, daß ich zugleich nicht begreife, wie sie in mir entstehen konnte, und sie Ihnen mitteilen muß, mein lieber Freund.
    In Berlin, wo ich mich 8 Tage aufhielt, habe ich viel an Sie gedacht, sei es, daß mein stilles Hotel, in welchem ich so ziemlich allein wohnte, mir ein rechter Kontrast zu Ihrem Zentralbau erschien, sei es, daß ich in den Kgl. Schauspielhäusern klassische Werke mit sehr gemischten Empfindungen betrachtete, oder daß ich die vier Treppen Santen Kolffs bestieg und die Posaunen-Freuden mir vorstellte, oder aber in einem Erguß an den Vereinsvorstand mich der lieben Spanier erinnerte, die Sie mir vorgestellt, schließlich — wenn es auch der Schluß nicht war —‚ indem mir bei dem Wiedersehen Klindworths Ihr schöner Vergleich zwischen seiner und B.s Direktion in den Sinn kam. — Kurz vor meiner Abreise hatte ich Ihren großen Brief [vom 21. Juni] gelesen. Ich sage gelesen, weil, als ich ihn erhielt, ich ihn nur flüchtig übersehen konnte und Ihrem Wunsche gemäß beiseite für eine ruhige Zeit gab. Die Vornehmung der Shakespeareschen Historien, bei welchen manches in der Übersetzung mich stutzig machte, ließ es mich begreifen, wie der Engländer sich zu dem Werke verhalten   m u ß,   vor welchem wir Deutsche zu großer Ehrerbietung verpflichtet sind. Ob aber der Fremde Shakespeare nicht lieben kann, möchte doch dahingestellt sein. Mir ist es zuweilen, als ob ich ihn plötzlich sprechen hörte. — Wie ich bei Helmholtz war und den Phonographen kennenlernte, gedachte ich Ihrer Auslassung über die Naturwissenschaft. Helmholtz ist selbst ein Beispiel von jener Kindlichkeit und Einfachheit, wie Sie sie an den großen Entdeckern unserer Zeit mir rühmen. Aber, Freund, haben nicht von je die Völker sich mit Naturkunde beschäftigt, wenn auch in anderer Weise? Und sind nicht Galilei, Kopernikus, Kepler, Newton, ja, bis in das Mittelalter hinein, Albertus Magnus, Geister von ebensolcher Größe gewesen? Und wenn man von positiver Wissenschaft spricht, so kann man doch gewiß nie von absoluter Wissenschaft sprechen. Wer möchte irgendeine Bereicherung des menschlichen Geistes nicht verehren! Allein wenn Sie sagen, daß, wer den Naturwissenschaften fremd bleibt, gerade heutzutage so ist, wie einer, der unmusikalisch ist, so streichen Sie ja uns arme Frauen gänzlich aus dem geistigen Leben, denn in der Wissenschaft dilettieren ist doch eine Absurdität, und wir Frauen sind doch die Dilettanten par excellence. Dieses soll aber kein Streiten sein. Alles Leben, alles Lebendige ist heilig, und jede Forschung dieses Heiligen verehrungswürdig. Daß große, dünkelhafte Mißbräuche sich an diese Forschung knüpfen, ist das Los alles Irdischen, und tragen große Menschen ebensowenig Verantwortung dafür, wie Schopenhauer für das „Unbewußte“ von Hartmann und wie Kant für seine sogenannten Nachfolger.
    Wie befinden Sie sich in Wien? Haben Sie einigen Ihnen entsprechenden Umgang? Durch meine Tochter Thode erfuhr ich, daß Sie gern in Paris waren. Ich verstehe es vollkommen, dort ist alles einheitlich, geschickt; bei uns möchte man immer verzweifeln! Wenn Sie wüßten, wie schwer ich nach den „Triumphen“ dieses Sommers mit meinem armen „Tannhäuser“ vorwärtskomme. Fast einzig ermutigend war mir das strahlende Gesicht der Orchestermusiker (die Bayreuther), wie sie uns erblickten und dann begrüßten. In der absoluten Stille, in welcher wir jetzt leben, trägt es sich leichter, indem die Bestimmung ihr mächtiges Wort zu einem spricht, während sie im Getriebe draußen zur vollständigen Verstummung verurteilt wird.
    Daß Siegfried uns verlassen, wissen Sie wohl. Er ist vielleicht der erste, der Musik ernsthaft studiert, ohne sie ausüben zu sollen und ohne ein Instrument zu spielen. Hauptsache war mir dabei, ihn nicht von einer Schule in die andere zu schicken, sondern ihm ein freies Jahr mit ihm entsprechender Beschäftigung zu gönnen.
    Nun aber leben Sie wohl, teuerer Freund, am Ende kreuzen sich unsere Briefe! Denn ich habe so die Idee, daß Sie von dem Sommer nicht den entscheidenden Abschied nehmen, den die Stubenheizung und die kurzen Tage bedeuten, ohne — etwa beim Hereinbringen der Lampe, was so zur Stille und Sammlung auffordert — des Punktes zu gedenken, dem Sie im Geiste angehören, und der Wächterin dieses Punktes der Erde, so winzig klein und so unendlich.
    Seien Sie und Ihre liebe Frau von uns dreien in wärmster Herzlichkeit gegrüßt!

C. Wagner.


 
127-129 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.

7. November 1889. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Nein, hochverehrte Meisterin, die Briefe haben sich nicht gekreuzt, zu meiner größeren Schande, sonst aber hatten Sie in allem recht. Wenn ich der zahllosen Briefe gedenke, die ich Ihnen in dieser ganzen Zeit in Gedanken geschrieben habe, Briefe vor dem Eiffelturm, dem Palais des Machines und allen übrigen   e i s e r n e n   Gebäuden, welche mein Herz mit Freude erfüllten in der Hoffnung, daß wir endlich zu einem unseren Weltteilen geeigneten Baumaterial und folglich auch zu einem eignen, wahren Baustil gelangen werden (was allerdings in der Ausführung nur selten auch dort anzutreffen war, da die Herren den Kopf noch voll Klassizismus haben und noch immer nicht ahnen, daß die Sonne Homers uns eben   n i c h t   scheint, und Klima, Licht, soziale Zustände ein gänzlich anderes erfordern, an ein oder zwei Ecken war aber ein entzückender Anfang, namentlich in dem Palast von Guatemala, wo sogar die elektrischen Glühlichter zu einer ganz originellen, phantasievollen Dekoration verwendet waren); Briefe in dem Rausche der herrlichen Gemälde der französischen Exposition centennale, ach! Diese Landschaften! (Landschaften ohne die Sonntagstiroler und Opernalpenglühen der deutschen Maler), denken Sie sich über 40 Corots! über 40 Millets! Zahlreiche Rousseaus, Decamps, Duprés, Troyons — nun, darüber, wenn Sie es gestatten, wie über manches andere, ein anderes Mal, heute sage ich Ihnen nur, daß jenes Meisterwort aus vielen Bildern mir entgegenjubelte: „Die Landschaftsmalerei sei der letzte und vollendete Abschluß aller bildenden Kunst“ [Richard Wagner, „Das Kunstwerk der Zukunft“], und wie sollte ich anders als immerwährend mich mit Ihnen, verehrteste Meisterin, unterhalten? Und Ihnen von dieser unsagbar großen Freude erzählen? Bei der   e c h t e n   ungarischen Kapelle schrieb ich Ihnen auch viel, namentlich wenn der gute Wein des Restaurant Hongrois mir die Zunge gelöst hatte. Nicht eine jener sog. ungarischen Kapellen, die jetzt überall paradieren und auch an der Ausstellung grassierten, in rotem Affenzirkusröckchen etc., sondern Kerle, die wie Droschkenkutscher aussahen, die Besseren unter ihnen wie Coiffeurs, und die nun eine Musik spielten...! Neben ihnen gab es nur noch eine Musik, die mich nicht wegjagte, die der Javanesen, eine   O f f e n b a r u n g   der tropischen Natur und der ganzen Seele dieser sympathischen Menschenrasse, wie sie aus keinem Studium hervorgehen könnte, doch auch dieses Kapitel bleibe reserviert! Manche andere Briefe gab es noch aus Paris, denn jeder Tag war voll des Interessanten, und manches Merkwürdige erlebte ich; dann kam mindestens   e i n   Brief im Orientexpreß; dann während eines ganz schrecklichen ersten Monats in Wien (schlechtes Wetter, krank, keine Möglichkeit, eine passende Wohnung zu finden) nicht mehr tägliche Briefe, aber ein gewiß sehr rührender, denn ich hatte mich dazu verleiten lassen, eine „Meistersinger“-Aufführung zu besuchen, und ich vergaß mein eignes Leiden, so bitterlich weinte ich für Sie und mit Ihnen, und selbst bei einem derartigen Theaterbrei (selbst bei den  T r a n s p o s i t i o n e n   ganzer Waltherpassagen etc., die notabene kein Kritiker zu bemerken scheint), immer wieder diese glorreiche, siegreiche, heldenhafte Schönheit — es war zuviel des Konfliktes, auch für meine liebe, mitfühlende Frau, und wir rannten weg. Wenn ich nun, wie ich wohl irgendwo auf der ersten Seite bereits bemerkt habe, dieser zahllosen Briefe gedenke, so freue ich mich fast, daß ich sie nicht schrieb, denn für solche rücksichtslose Aufdringlichkeit wäre ich gewiß aus der Zahl derer verbannt worden, deren Briefe Sie selbst lesen, verehrteste Meisterin, und ich wäre von Stufe zu Stufe gesunken bis zu denen, deren Epistel nur noch von der Freia [Neufundländer Wahnfrieds] beschnuppert werden!   J e t z t   bin ich vor Exzessen nur zu sicher bewahrt. In diesem Augenblick, während ich Ihnen schreibe   (d i e   e r s t e n   W o r t e   auf meinem alten, eignen Schreibtisch!), bin ich ganz gebrochen vor Müdigkeit, denn außer meinen Studien bin ich den ganzen Tag mit Auspacken, Einrichten etc. beschäftigt; wir ließen uns unsere eigenen Sachen aus Genf schicken, und die 227 Colis kamen vor 2 Tagen an! Da täte ein Phonograph not, und Sie würden aus der ermatteten Stimme so viel lesen, wie ich aus den javanesischen Glocken und Geigen! Übrigens geht es mir erstaunlich gut, wie noch nie seit 84; ich bin von übermütigster Ausgelassenheit, und selbst bei bisweilen heftigen Schmerzen im Gehirn fühle ich mich glücklich und energisch.
    Die Naturwissenschaft, Shakespeare, ja selbst der noch viel wichtigere Wiener Wagnerverein, die homerischen Schlachten, die in demselben von 7½ bis Mitternacht geliefert werden, alles muß ruhen; nur so viel, daß ich hier als der „berühmte Herr von Tschamberlan“ bekannt bin, niemand weiß genau, wofür ich eigentlich   b e r ü h m t   bin, ich auch nicht, aber mehr wie Ruhm kann kein Sterblicher verlangen; ich bedauere nur die Kulturhistoriker der Zukunft, welche nicht wissen werden, was sie von mir sagen, und in welches Museum sie mich stecken sollen.
    In ehrfurchtsvoller Treue Ihnen ergeben

Houston S. Chamberlain.


 
129-131 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.

Wahnfried, den 24. November 1889.

    Es ist wirklich grauenhaft, mein Freund, was für ein Riß zwischen uns und der Natur geschehen ist. Gott gebe, daß die Naturwissenschaft ihn ausfülle. Ich sagte mir: nebst dem, daß der Hase viel besser ist als sein Jäger, ist er doch auch viel vollendeter. Was ich von den jetzigen Erfindungen zu sehen bekomme, bringt mir aber die Beschränkung des Menschen immer näher, während jedes echte dichterische Werk nur das Unbegrenzte, ja, das Göttliche des menschlichen Geistes zu immer erneuertem und gesteigertem Staunen offenbart; es ist wie Flügelmaschine und Vogelfittiche. Bitte, die ermattete Stimme hört man aus dem Phonographen nicht, nur die Sprechweise, lispeln, stottern etc., also das Seelenlose.
    Ihre Freude an der Musik der Javanesen und an diesen Menschen erinnerte mich daran, daß es mir schwer war, Gobineaus Ausspruch, die Musik sei bei den Negern zu Hause (ich weiß schon sehr gut, daß die Javanesen keine Neger sind), nachzudenken; allmählich empfand ich, daß es in der Unschuld dieser Art Menschen, in ihrer Kindlichkeit liegen müsse.
    Was die eisernen Gebäude betrifft, so halte ich es mehr mit den Baumeistern als mit dem Material, und wer einmal ein richtiges eignes Bedürfnis hat, wird sich auch mit Sandstein das rechte nordische Haus bauen. Aber Ihre Freude an dem Eisen heimelte mich ganz an, denn mein Vater schwärmte für solche Konstruktionen. Ich aber werde jeden Tag unmoderner und unausstelliger (geben Sie mir ja kein  h  in dieses Wort hinein), und ich will Ihnen gleich erzählen, warum. Meine erste Tannhäuser-Szene hat mich zu Winckelmann, nach Tanagra und sonstwo in diese Gegenden geführt, Sagen und Gebräuche der Hellenen ziehen an mir vorbei, und durch die wunderbare Erfassung derselben fühle ich mich recht eigentlich im Kunstwerk der Zukunft, da ist mir wohl, da ist alles heilig, lebendig, alles schön und sinnig, und ich möchte diese Welt nur verlassen, um sie auf unserem Hügel zu verwirklichen.
    Ja, sogar die Vereinsschlachten würden mich nicht verlocken, ich kann sie mir vorstellen. Denken Sie nur, was mir mit diesem Verein geschehen ist: da wir für den „Tannhäuser“ ein Ausgabenbudget von 500 000 Mark haben, schien mir der eiserne Fonds von 11 000 Mark ziemlich absurd, und ich machte den Vorschlag, ihn flüssig zu machen, um irgendeinen Minimalposten zu bestreiten. Rundweg abgeschlagen.
    Das zweite: Wie ich Briefe [Richard Wagners] aus seinem Museum in sehr unwürdigen Zeitungen abgedruckt sah, bat ich Oesterlein, mir zu erlauben, Abschriften zu nehmen, um in einer würdigen Veröffentlichung diese Blätter zu vereinigen, und aus der Schande, die ihnen angetan wird, zu retten. Auch abgeschlagen.
    Doch erzähle ich Ihnen dies ohne jede Erbitterung. Ich stehe auf einem förmlich gemütlichen Fuß mit solchen Erfahrungen, erkenne sie wie gute alte Bekannte, möchte sie bei Namen nennen, Lene oder Lotte, finde sie immer zwar etwas älter geworden, denke aber nie dabei an diejenigen, die sie mir zuführen. Und da Klappern zum Handwerk gehört und ich ein sehr stiller Gast bin, sage ich mir, daß der Verein das Klappern übernimmt und vermutlich diese Sache vorzüglich besorgt.
    Denken Sie sich, daß ich Ihnen einen Auftrag am das Theater geben wollte, wegen Pläne etc., ich schauderte aber vor dem zurück, wohin ich Sie führte, vor der Unpünktlichkeit, Ungenauigkeit, kurz und gut alles, was Sie da kennenlernen würden. Heute aber komme ich mit einer ebenso ernsten als unglaublichen Bitte: Können Sie mir ein Genie entdecken, und zwar ein solches, welches mir nach meinen Angaben die erste Szene [„Tannhäuser“ (Venusberg)] ausführen würde? Es muß jemand sein, der vom Theatermetier ist, vielleicht verkommen, Gott weiß, wie und wo sich herumtreibend. Ich habe zwar keine Idee, mit wem Sie in Wien verkehren, und ob Sie zu derlei auch nur entfernt gelangen können (das Museum und der Verein bringen es Ihnen gewiß nicht). Eine Hauptbedingung ist die virtuose Kenntnis der Bühne, der Mann muß alles vormachen können. Am Ende verhilft Ihnen Ihre „Berühmtheit“ zu den nötigen Beziehungen. Mir ist dabei die mysteriöse Art derselben von besonderem Wert, denn dann komme ich nicht in die Zeitungen. Vormachen muß der Mann alles können, nicht bloß so sagen. Also eine Art unmöglicher Ballettmeister.
    Ferner, ist es Ihnen zuviel zugemutet, Sie zu bitten, für mich ein Ballett anzusehen und mir zu sagen, ob Jünglinge da sind? 2tens: die Grazien (durchaus jugendlich), 3tens: Europa und Leda, die eine mit heiterer Schönheit, die andere niobeartig, tragisch. Ich sehe mich jetzt so ziemlich überall um, ja selbst in Mailand, wo mein vortrefflicher Kniese die Chöre der „Meistersinger“ übernommen hat.
    Ich kann mir Ihre Qual in der Wiener Aufführung denken. „Tristan“ soll 2½ Stunden jetzt in Wien dauern!
    Ich kenne in Wien einen sehr gescheiten Menschen, Kunsthistoriker, mit welchem ich vorzüglich übereinstimmte mit Ausnahme von drei Punkten:  R e u e   (die läßt er nicht gelten, da geht denn der ganze „Tannhäuser“ zum Kuckuck),   S c h i l l e r   (den mag er einfach nicht) und   I b s e n,   den stellt er hoch. Das wären nun herrliche Anknüpfungspunkte für Sie, aber es hat einen Schneider mit der Vermittlung von Bekanntschaften, namentlich zwischen den unausstehlichen (diesmal bitte das h) Männern. Deshalb nenne ich meinem Freund nicht; sollten Sie ihm aber begegnen und ihn erkennen (das wäre ein Triumph), dann grüßen Sie ihn herzlich von mir; weiter sage ich nichts.
    Daß Sie die ersten Zeilen auf Ihrem Schreibtisch an mich schrieben, hat mich damit versöhnt, daß wir uns nicht kreuzten. Haben Sie davon gehört, daß jetzt, wo wir den „Tannhäuser“ ankündigten, überall die neue Szene gegeben wird — meine Tochter Isolde meinte neulich, der liebe Gott habe große Ähnlichkeit mit Goethe, er sei so gleichgültig, ich kann da im Bunde der Dritte sein, und mit dem lieben und guten Gott noch als Dummen mich zugesellen, denn ich bring's zu keiner Ereiferung mehr außer da, wo ich liebe. — Da fallen mir Freia und der Vogel ein, deren Sie so freundlich gedenken. (Es geht ihnen gut, hoffentlich Mime auch.
    Nun aber leben Sie wohl, meine Mädchen grüßen Sie und Ihre liebe Frau auf das herzlichste, ich gleichfalls, das versteht sich, mit den wärmsten Wünschen für Ihr Wohlergehen!

C. Wagner.


 
132-133 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.

27. 11. 89. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    In einer schönen Upanishad sagt ein Jünger seinem Meister, was er alles wisse, den Rig-Veda, den Yajur-Veda, den Sama-Veda, als viertes den Atharva-Veda, als fünftes den Itihâsa-Purâna, und so geht es eine ganze Seite. Da erwidert ihm der weise Sanatkumara, dies sei alles nur   e i n   N a m e.   Und was ist der Schluß seiner Betrachtungen darüber, daß dies alles doch eben nur   N a m e n   seien? Etwa wie die Buddhisten, die Veden zu verwerfen? Im Gegenteil! Hat sein Jünger wohl begriffen, daß dies alles kein Wissen, sondern nur   N a m e   sei, dann soll er sich in den Sinn dieser Namen versenken. „All these are a Name only.   M e d i t a t e   o n   t h e   N a m e !“   Und gerade von dieser Meditation on the Name aus führt er ihn hinauf zur höchsten Erkenntnis. Und wenn ich Ihnen also doch danke — ich meine für Ihre Freundschaft danke, welche jeder liebe Poststempel: „Bayreuth“ mir bezeugt —‚ so füge ich gleich hinzu „this is a   N a m e   only“, und die Bitte: „Meditate on the Name!“
    Und wie ich Ihnen neulich sagte, verehrteste Meisterin, Sie können schon glauben, daß das Herz das beste an mir ist, so daß ich gewissermaßen alles mit gleicher Liebe und Interesse empfange, ob Sie mir nun von Ihrer großen Lebensaufgabe sprechen, oder von Schiller und Ibsen und Kant oder auch nur erzählen, daß Ihr Papagei Hühneraugen bekommen hat!
    Hieran anknüpfend — ich meine an mein Herz, nicht an die Papageiaugen — bitte ich Sie auch inständig, nie zu übersehen, daß ich viel zu wenig „intellectual“ bin, vielleicht überhaupt zu wenig gebildet, um über allerhand weittragende Dinge bestimmte Meinungen und Überzeugungen zu haben. Was weiß   i c h   denn von Schiller? Gar nichts — als daß ich vom ersten Augenblick an, wo ich einige Worte Deutsch verstand, für ihn schwärmte, teils wegen einiger gelesenen und immer wieder gelesenen Gedichte, teils instinktiv (ich entsinne mich sogar, daß ein hübsches deutsches Gretchen mich verhöhnte und meinte, „Sie können kaum 3 Worte Deutsch, und Sie schwärmen schon für Schiller!“), und dann weiß ich, daß jedes sog. Drama, das ich von ihm gehört habe (3 glaube ich), mich in weißglühende Wut versetzt hat. — Ibsen? Nun, von ihm weiß ich, daß er in zwei Werken ganz reizende, mir unvergeßlich bleibende Augenblicke auf die Szene gesetzt hat, ja,   A u g e n   B l i c k e,   mit jenen tiefen, ruhigen norwegischen Augen so recht in die Tiefe des Menschenherzens geblickt und ganz wahr, ganz ohne deklamatorisches Pathos, und noch dazu (für mich die größte Eigenschaft) so bühnenmäßig, daß die Sachen   n u r   auf der Bühne wirken können; das ist kein geringes Lob, aber ich kenne nur 2 Schauspiele, weiß sonst nichts von ihm und habe im ganzen den Eindruck eines liebenswürdigen und achtungswerten Talentes und bin ihm namentlich dankbar für die Erinnerungen an meine Reise in Norwegen. — Und nun die   R e u e !?   Da schwimme ich wirklich auf offenem Meere (wobei allerdings mir gemütlicher zumute ist als bei Diskussionen über Schiller und Ibsen!). Ist Reue (wie gewiß oft der Fall) eine Schwächung des Willens, ein Lahmlegen der wahren Erkenntnis, so kann ich nur mit Spinoza wünschen, daß man sich von solch überflüssigem Feind befreie, ist aber die Reue, wie bei Tannhäuser, der einzig mächtige Impuls, der dort siegt, wo weder Überdruß noch selbst Liebe es vermochte, in Sinn die Torheit zu wenden, ist es Reue, die den Sündigen zum Heil führt — ja! was hat das für einen Sinn, für eine Bedeutung, wenn einer da „die Reue nicht gelten lassen will“?
    Bald, hoffe ich, sende ich Ihnen vernünftigere Zeilen, behandle die Themen Ballett, Genie etc. und erzähle Ihnen einiges Ergötzliche.
    Ihnen in Ehrfurcht und Treue und Dankbarkeit ergeben

Houston S. Chamberlain.


 
133-138 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.

22. Dezember 1889. 1 Blümelgasse. Wien VI.

Stimmungsmotto:
„When thou hast surrendered all this,
then thou mayest enjoy! — Though a man
may wish to live a hundred years performing works,
it will be thus with him: work will not cling to a man.“
(Isâ-Upanishad)
    Schon längst wäre ich so frei gewesen, hochverehrte Meisterin, auf Ihre Anfragen und Bemerkungen bezüglich   B a l l e t t ä n z e r i n n e n,   die sich als würdig von Jupiters Liebe gebärdeten,   G e n i e s,   die nicht bloß wahre schöpferische Genies wären (die echte Intuition mit der sofortigen praktischen Ausführung vereinigend), sondern gleichzeitig so dozil, daß sie alles nach Ihren Angaben zu machen bereit wären — etc., zu antworten. Das waren allerdings Aufgaben, ähnlich denen, die in Märchen häufig gestellt werden; ich vertraute aber auch ganz auf das Erscheinen einer guten Hexe, die mir zwei Nüßchen reichen würde, in deren einem eine Leda und im anderen ein lenkbares Genie gekauert hätten, und so wollte ich wie die Märchenritter mich einfach aufs Pferd setzen und wegreiten durch den dunkeln Wald, um das Geforderte zu suchen, das heißt in der Gewandung des XIX. Jahrhunderts: in Oper und Theatern (und wohl noch eher in gewöhnlicheren Lokalen, wo man inmitten des abschreckend Gemeinen hin und wieder auf urwüchsigen menschlichen Adel stößt, der durch keine Kultur „verdressiert“ wurde), um die Göttin zu finden; und was das Genie anbelangt, ich dachte daran, ein Tramwayabonnement zu nehmen, da ich jene Herren in Verdacht habe, daß sie den Tag über meist auf der Pferdeeisenbahn sitzen (nach Menschen suchend, von denen sie begriffen würden). Aber aus alledem wurde nichts, ich mußte sogar meine eigene tägliche Arbeit einstellen. Es bleibt mir augenblicklich nichts anderes übrig, als die Hexe mit den Nüßchen zu bitten, sie möchte sich zu mir hinaufbemühen. Wer weiß, vielleicht bringt sie sie mir zum Weihnachtsabend? Oder, was noch viel praktischer wäre, gleich   I h n e n   nach Frankfurt und legt sie unter Ihren Baum! Das würde ihr einen Ritt auf dem Besenstiel bei diesem schlechten Wetter sparen (denn ich müßte sie ja doch gleich zu Ihnen schicken). — Jedenfalls rate ich sehr dazu, die Nüsse alle mit Vorsicht aufzuknacken, denn eine Leda mit einem Bein oder ein Genie ohne Kopf — es wäre „zeitgemäß“, aber für Bayreuth schade.
    Ich versichere Ihnen, verehrte Meisterin, daß es mir ein wahres und schmerzliches Entsagen ist, auf so manches in Ihren Briefen gar nicht eingehen zu können. Namentlich kocht und siedet es in mir, Ihnen auf Ihre Bemerkung betreffend   P h o n o g r a p h   u n d   S e e l e   zu erwidern. Nein! Ist das eine Häresie! So eine altertümliche, scholastische Auffassung, daß man gar nicht weiß, wo man sie eigentlich anfassen soll, und man gern den alten, bissigen Schopenhauer zu Hilfe rufen möchte! „Das Seelenlose“ — ja, was soll man darunter verstehen? Schopenhauer gibt sich — und mit Recht — Mühe, nachzuweisen, daß es keine Seele gibt, daß diesem Begriffe nichts Wirkliches entspricht (vgl. „Welt a. W. u. V.“, Seite 1 bis Schluß), und er würde Ihnen jedenfalls am allerdeutlichsten, schlagendsten und bündigsten nachweisen (wie alle, welche die Welt aus einem einzigen Prinzip heraus erklären, gleichviel welches), daß, auf der anderen Seite, in   j e d e r   Willensäußerung, wie sie auch gestaltet sein mag und wie sie sich auch kundtut, dasjenige liegt, welches man einzig als „Seele“ ansprechen kann. Wenn die Stimme eines Menschen in das Ohr eines anderen dringt, so geschieht doch an und für sich nichts,   g a r   n i c h t s   weiter, als daß durch sehr komplizierte Luftwellen die zahlreichen Endigungen des Gehörnerven in Bewegung gesetzt werden. Inwiefern kann dieser Vorgang ein „seelenvoller“ genannt werden? An und für sich ist er doch nicht seelenvoller als die Verbindung von Sauerstoff und Wasserstoff zu Wasser durch Elektrolyse, oder was Sie sonst wollen. Mit Recht kann man doch gewiß nur dasjenige „Seele“ nennen und als „seelenvoll“ ansprechen, welches zu dem ganz x-beliebigen und „pis-aller“-Mittel der langweiligen Luftwellenerzeugung griff, um sich zu äußern, und auf der anderen Seite wiederum dasjenige, welches hinter den Wellen, welche seine Gehörnerven erschütterten, etwas anderes als bloße Wellen witterte. Wesentlich ist die Erkenntnis, daß der Geist — „Seele“, wenn Sie wollen, oder Atman oder Wille — sich stets nur auf ungeschickten und im Grunde gleichgültigen Umwegen ausdrücken kann. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ Und wie Çankara in seinem Kommentar zur Brihadâranjaka sagt: „Nicht in seinen wesenlosen Erscheinungen kann man das Selbst ergreifen, sondern in dem,   w a s   d i e s e   E r s c h e i n u n g e n   h e r v o r b r i n g t;   wer dieses begriffen hat, der hat die Erscheinungen mit begriffen.“ Damit hat der gute Çankara Telephon und Phonograph rehabilitiert! Die Erscheinung —   j e d e   Erscheinung — ist an und für sich „wesenlos“; wesentlich ist nur, was die Erscheinung hervorbringt. Und was da noch übrigbleibt zu sagen, dasjenige, welches im Grunde in Ihnen die Empfindung des „Seelenlosen“ erweckte, ist gar nichts gewaltig Ideales oder Transzendentes, sondern ganz einfach und allein: Mangel an Übung, Mangel an Gewohnheit. Soweit die Stimme überhaupt zur Aufdeckung, zur Offenbarung des Innern eines Menschen beitragen kann, soweit sie manches aus dem innersten Herzen zu enthüllen vermag, welches dem Auge verschlossen bleibt, so weit wird auch der Phonograph reichen, welcher mit unfehlbarer mechanischer Treue die mechanischen Bewegungen der Luft festhält und reproduziert — es wird   n u r   einiger, vielleicht vieler Übung bedürfen, und es wird von dem Empfänger gefordert (und wie schön ist das!), daß er recht viel von seiner Seele gibt, daß er der anderen armen Seele recht entgegenkommt, um die Hieroglyphen mit Liebe zu entziffern. Und er soll die Hieroglyphen nicht, weil sie ihm als solche erscheinen, „seelenlos“ schelten, sondern bedenken, daß alle Erscheinungen Hieroglyphen sind, was er nur durch die böse Gewohnheit vergißt.
    Dürfte ich einen sehr paradoxen Gedanken aussprechen, ich möchte behaupten, daß der Hauptnutzen aller solcher Erfindungen: Telephon, Phonograph, elektrisches Licht etc. darin liegt,   d a ß   s i e   a u f   d a s   U n z u l ä n g l i c h e   hinweisen.
    Und da hat mich etwas, worauf Sie kurz hindeuten, sehr angenehm berührt (ach! ist das dumm gesagt — angenehm berührt —‚ ich meine, wie wenn im öden, dunkeln Raume fliegend ein Geist auf einmal den Flügelschlag eines befreundeten Geistes spürt): bei der Betrachtung der wissenschaftlichen Erfindungen fiel Ihnen am meisten „die Beschränkung des Menschen“ auf. Ach, wie herrlich! Wie wahr! Wie weit von der anekelnden Banalität unserer Umgebung! Und wie wünschte ich, daß auch Sie den Flügelschlag fühlen möchten, mit welchem ich Ihnen danke! Allerdings, wie oben angedeutet, ich persönlich habe meine kindische Freude an der Unzulänglichkeit. Vielleicht werden Sie meinen, daß zu einer derartigen Auffassung ein sehr eigentümliches Gemisch von Liebe und Ironie gehöre? Aber bedenken Sie, wie schrecklich ein Gegenteiliges wäre, nicht bloß ein „unbeschränktes“ Gelingen, aber selbst ein nur hochgradiges. Aber gern, verehrte Meisterin, würde ich einen Schritt weiter mit Ihnen gehen. Wissen Sie, daß in der Natur selbst mir das „Beschränkte“, das Unzulängliche, das ewige „Stückelwerk“ am meisten ausfällt? Wenn man — wie ich — die Natur nicht von weitem, sondern von nahem betrachtet und sich in einzelne Reihen von Phänomenen recht vertieft, da fällt einem (das heißt mir) immer mehr und mehr das Unzureichende, Unzweckmäßige in allen Einrichtungen auf. Es sind wie ewige Versuche, die nie ganz gelingen; häufig höchst komplizierte Vorrichtungen, allerhand Umwege und mechanische Weitschweifigkeiten, um zu guter Letzt den Zweck doch nur recht mangelhaft und lückenhaft zu erreichen. Fiele mir das Schreiben nicht so schwer, ich könnte Ihnen das Gemeinte an zahlreichen Beispielen demonstrieren. Aber einstweilen — und wie sehr ich auch von Herzen Ihren Bemerkungen zustimme über Vogel und Flugmaschine und über Jäger und Hase —‚ auf eines muß ich Sie doch aufmerksam machen. Sie sehen den Hasen aus einiger Entfernung; ich fürchte, würden Sie ihn näher betrachten, so würden Sie entdecken, daß auch er ein riesiges Rind ist! Es bleibt uns ja der Trost, daß wir Menschen aus der Entfernung uns am Ende auch ganz leidlich ausnehmen mögen!
23/12.
    Ob wir Umgang in Wien haben? O ja! Yadjnavalkya, Sanatkumâra und andere Freunde mit unaussprechlichen Namen lassen Sie ehrerbietigst grüßen, auch Bach, Gluck und Beethoven; namentlich Gluck freut sich sehr, wenn ich ihm von Bayreuth erzähle und einzelnes aus „Armida“ und „Iphigenie in Aulis“ mit verdecktem Orchester vorspiele, während Beethoven seine Taubheit vorschützt und meint, der mystische Abgrund läge unter dem eigenen Schädelgewölbe. Und dazu manche Naturforscher und Philosophen, nicht viele, denn meine Gesundheit gestattet mir nicht, viel Umgang zu pflegen, aber eine gewählte Gesellschaft — oder vielmehr Freundeskreis. (Manche Herren wundern sich allerdings, sich um meinen Tisch zu begegnen, und möchten sich die Haare gegenseitig ausreißen, aber sie wissen, daß der Hausherr angenehme, gebildete Formen liebt und nicht einmal das laute Sprechen dulden kann — und sie lernen sich vertragen!) Weiteres, was man einen „soupçon“ von Freundschaft nennen könnte, das habe ich nicht und sehe ich auch bisher von keiner Seite dämmern. Hier, wie sonstwo, schreckt mich die grenzenlose, unrettbare, zur Verzweiflung treibende Banalität, Trivialität, Alleinerlei, der Mangel an wahrer Individualität so zurück, daß ich nicht den Mut habe, die sicherlich vorhandenen wenigen, die sich von der Menge „distinguieren“, herauszusuchen. Außerdem habe ich augenblicklich etwas anderes zu tun; jedes Ding hat seine Zeit. Dagegen habe ich fast überall eine seltene und nachahmungswürdige Liebenswürdigkeit und ein wahres Entgegenkommen gefunden; nichts kann zum Beispiel netter und freundlicher und einfacher sein wie das Benehmen aller Professoren etc., und auch sonst im gewöhnlichen Leben freue ich mich viel an dieser charakteristischen Eigenschaft, welche ich — aufrichtig gestanden — als mit die höchste betrachte, welche man der „fool multitude“ wünschen kann. Ich weiß wohl, daß viele behaupten: „Ja, sie sind aber alle falsch!“ Gesetzt, dies wäre wahr, was schert mich das? Wenn mein Hausbesitzer und mein Kutscher und mein Kellner und der Professor, der dem physiologischen Institut vorsteht, und alle anderen Leute freundlich gegen mich sind, was will ich denn mehr? Übrigens wäre ich auch sehr undankbar, und wenn ich nicht berichtete, wie wirklich freundlich und hilfereich vom ersten Augenblick an und bis jetzt Herr Oesterlein zu uns gewesen ist. Der ist wenigstens nicht eingeschlafen! Das ist ein ganz lebendiger und ohne jede Affektation origineller Mensch; ich habe immer eine besondere Anziehung zu ihm gefühlt, seitdem ich ihm in 82 im Eisenbahnwaggon begegnete, in Nürnberg, von wo aus er die ganze Zeit über am Fenster mit dem Kopf weit ausgestreckt stand: ob er nicht die Lichter von Bayreuth sähe! (Es war nachts 11 Uhr.) Natürlich läßt sich nicht das geringste mit ihm anfangen; nicht einmal, wenn er etwas gefragt hat, hört er zu. Von den anderen aus Bayreuth Bekannten ist Dr. Boller sehr nett und freundlich — seinem Rate verdanken wir unsere Wohnung —‚ und er besucht uns mit Vergnügen.
    Ihr kunsthistorischer Freund heißt doch nicht etwa Erasmus von Engert? Denn da möchte ich ihn nicht kennenlernen. Nicht nur im Katalog selbst — im Texte, meine ich — der Gemäldegalerie in Belvedere sagt er, wen er liebt und wen er nicht leiden mag, was schon geschmacklos und impertinent ist, nein, im   I n d e x,   im alphabetischen Index, den jeder aufschlagen muß, um die Bilder überhaupt zu finden, im Index finden Sie z. B.:   „R u b e n s,   Peter Paul, die großartigste künstlerische Persönlichkeit der neueren Zeit“, und dann erst die gewünschten Nummern! Es verstimmte mich dermaßen neulich, daß ich an keinem Bilde Freude hatte.
    Die „compliments of the season“, die erlassen Sie mir wohl? Meine alte „scie“: — für   S i e,   hochzuverehrende Meisterin, kann man nur   b e t e n,   alles übrige wäre so ungereimt und frech, als wollte ich Ihnen versichern, daß ich Sie „für die großartigste künstlerische Persönlichkeit der Jetztzeit“ halte. Es gibt Menschen, die vor derartigen Grobheiten geschützt stehen sollten. Ich werde Ihnen auch nur sagen, daß ich in tiefster Ehrfurcht bin und bleibe Ihr Ihnen von ganzem Herzen und ganzer Seele ergebener

Houston S. Chamberlain.

 
 

Aus dem Jahre 1890

138-139 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Frankfurt a/M., Frankfurter Hof, den 20. Januar 1890.

    Freilich, mein teuerster Freund, habe ich Ihren lieben, großen, schönen Weihnachtsbrief erhalten, und ich wartete auf etwas, was aber nur in Wahnfried kommt, um Ihnen zu erwidern. Auch waren wir wirklich hier elend daran, jeder krank und dann jeder matt.
    Auch meine Gedanken sind viel bei Ihnen gewesen, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie herzlich ich mich darauf freue, Sie und Ihre liebe Frau wiederzusehen [gelegentlich einer geplanten Reise nach Wien]. Ich erzähle Ihnen dann, wie emsig ich an meiner armen Psyche geschaffen habe, um sie von ihrer Zerrupfung zu kurieren. Die Schmetterlingsflügel regen sich bereits wieder, weil das Ewige unverschlechterlich ist. Zweitens wollte ich Sie fragen, warum jemand, den ich empfehle, gerade ein Esel sein muß. Warten Sie nur, weder von meiner Psyche noch von meinem Kunstgelehrten erfahren Sie je wieder eine Silbe!
    Leben Sie trotz aller bösen Dinge wohl! Wenn es Ihnen nach meinen Wünschen ging, würden Sie mir die Seele nicht streitig machen, ich weiß aber, daß Sie mir in aller Seelenlosigkeit gut sind, und das gilt mir Unphilosophin als Seele. Bleiben Sie es mir, und seien Sie meiner herzlichsten Anhänglichkeit aufs neue versichert!

C. Wagner.


 
139-140 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

22. Januar 1890. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Meine Frau freut sich ganz kindisch, verehrteste Meisterin, auf die Aussicht, Sie zu sehen und zu sprechen. Ich persönlich kann es mir noch zu wenig vorstellen; ich begreife noch nicht, wie man wird im Kreise sitzen und sprechen und sich erkundigen usw., sich gleichzeitig so wenig ernst und so lächerlich ernst nehmend; nun, das findet sich. Und indessen heißt mein Traum Ihre Zeilen willkommen und schwatzte manches schon in Erwiderung.
    Ihre Seele, verehrteste Meisterin? — Ich holte mir vorhin mein Kopierbuch heraus und las jene Stelle. Es amüsierte mich, wie nach dem schonungslos heftigen Angriff ich im folgenden immerfort nur von Seele rede! Und das ist es auch; ich zittere immer vor jeder konsequent dualistischen Auffassung, aus Angst, daß der armen, hilflosen Seele etwas genommen wird, was auch von seiten des Spiritualisten nie ausbleibt. Was hat mich wild gemacht? Daß man von irgendeiner Sache sagt, daß sie   s e e l e n l o s   sei. Nein, nein! Alles ist beseelt; man muß nur die Augen haben, um zu sehen, und (beim Phonographen!) die Ohren, um zu hören. Die ewige Antinomie bleibt überall zugrunde: daß das Immaterielle gezwungen ist, sich zur Mitteilung ausschließlich materieller Werkzeuge zu bedienen; diese Antinomie können wir nicht lösen, aber man rühre mir nicht an das Kleinste und Unbedeutendste — in alles kann Seele hineingehaucht werden! „By music   d e a d   things are made to discourse of human emotions.“ Aber alles ist ja „dead“, und alles lebt, alles! Wenn ein Wille es gebietet, und wenn ein Lieben es begreift. Und ich meine, daß, wenn manches nur stammelt, der Segen hiervon ist, daß es uns von dem Wahne heilen sollte, daß irgendein Ausdruck anders als unzulänglich sein könnte.
    Über die   S p r a c h e   speziell (als Wortsprache meine ich), worüber wir öfters Gedanken austauschten, fand ich neulich in einem reizenden Buche, das ich Ihnen für nach-Tannhäuserische Zeiten bestens empfehlen möchte, „The Philology of the english tongue“ by Earle, eine hübsche Stelle, die ich Ihnen abschreiben muß, sie wird Ihnen Freude machen.
    „To make a path from the visible, ponderable, and substantial, to that which is invisible, inponderable, and spiritual,   w i t h   n o   o t h e r   m a t e r i a l   t h a n   v o c a l   s o u n d   t o   e r e c t   a   b r i d g e   f r o m   m a t t e r   t o   m i n d,   — tempering it in the finest filtered harmonies that can be appreciated by the sentient, emotional, and intellectual nature of man; — this seems to be the task and function of human speech.“
    Ach, und das, wovon ich eigentlich sprechen wollte heute: Anaxagoras und das Verhältnis von mechanischen Weltanschauungen zur Kunst — nicht zu einem einzigen Wort ist es gekommen! Mais vous avez d'autres chats a fouetter. — Bez. der Möglichkeit, Ihr Freund und gleichzeitig Esel zu sein, darüber mündlich; meine Position ist stark befestigt — Schopenhauer! Und Sie selbst!
    Viele, viele Grüße an alle! In Ehrfurcht und Treue und Dankbarkeit Ihr ergebener

Houston S. Chamberlain.


 
140-141 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Frankfurt a/M., Frankfurter Hof, den 25. Januar 90.

    Van Dyk telegraphierte mir gestern: „Tannhäuser“ sei für Mittwoch, den 29., angesetzt.   W e n n   S i e   nun   n i c h t s   m e h r   v o n   m i r   h ö r e n,   teuerer Freund, so fahre ich Dienstag gegen 1 Uhr von hier ab und bin Mittwoch, den 29., in der Früh 6 Uhr 45 in Wien.
    Das wären so die matters of fact. Die Seele und der Traum klingen anders. Ein Segelschiff hat Seele, ein Dampfschiff keine (für mich). Ihr Zitat über die Sprache war sehr schön und Ihr ganzer Brief noch schöner. Auch die Freunde und die Esel will ich mir gefallen lassen, obgleich es ein starkes Stück ist.
    Nun, wir werden uns wiedersehen. Vielleicht findet sich eine frühe Stunde, wo Sie mit Mime kommen, und wir sind denn miteinander, als ob die Welt nicht wäre.
    Grüßen Sie Ihre liebe Frau, sagen Sie ihr, ich freute mich sehr auf sie; meine Kinder alle grüßen Sie herzlich, und ich sage: auf Wiedersehen!

C. Wagner.


 
141 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

[Telegramm.]
Frankfurt, 28/1 90. 1.30 Nachm.

    Mama wieder leidend. Reise unmöglich.

Siegfried Wagner.


 
141-142 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Frankfurt a/M., den 2. Februar 1890.

    Meine letzten Zeilen von Frankfurt aus sollen für Sie sein, teuerster Freund, ich schreibe sie gemeinschaftlich mit meiner Eva. Physisch habe ich mich nun so ziemlich zusammengerappelt, meine letzte Zahnoperation fand gestern statt, und ich habe ein paar Nächte geschlafen.
    Mein Aufenthalt in Frankfurt findet dadurch einen schönen Abschluß, daß wir heute abend in Karlsruhe den „Holländer“ sehen. Auch scheint die Sonne seit zwei Tagen wieder, ich habe keine Besuche gehabt, und ein Gang mit Eva und Siegfried durch den Palmengarten versetzte mich in die Stimmung, die ich als meine eigne bezeichnen möchte. Es war eine frühe Stunde, daher einsam, als wir unter den wunderbaren Gewächsen wandelten und jene weiche, feuchte Luft einatmeten, die eine wollüstige Schwermut uns erweckt, wie sie auf Bildern edler Meister aus den Blicken Adams und Evas uns entgegenblickt. In den Seitengängen um das Palmenhaus blühte alles, was jetzt nur blühen kann. Nun setzten wir uns in den Raum davor, um etwas zu uns zu nehmen; die Menschen kamen, die Musik begann. Bei dem Orchester auf der Galerie funkelten Lichter, das Tageslicht war unten, durch das Geräusch der Stimmen hatten wir Mühe, den Beginn der „Aufforderung zum Tanz“ zu vernehmen, aber durch die Glasscheiben gewahrte ich immer die stillen Kronen; und da allmählich die Webersche Melodie sich doch Raum schuf und die guten Seelen da oben unbekümmert um die Roheit da unten mit herzlicher Wärme spielten, war es mir, als ob der Duft der schweigsam Erhabenen und der sehnsüchtige Klang ihre Vermählung in meinem Herzen begingen. Nach dem liebenswürdigen Werk gingen wir noch einmal durch den grünen Raum, den die scheidende Sonne vergoldete. Ich gedachte Ihrer, Freund, Heinrich Stein stand vor mir, und ich fühlte das Bedürfnis, Ihnen das zu sagen.

C. W.


 
142-143 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

4. Februar 1890. Wien.

    Schon wieder wollte ich mir die Freiheit nehmen, hochverehrte Meisterin, Ihnen einige Zeilen zu schreiben, als heute Ihr Brief vom Palmengarten kam, und damit mir gewissermaßen das „inprimatur“ bestätigte (nur daß ich allerdings augenblicklich die Feder vorziehe). Von Herzen danke ich Ihnen für den Gedanken („Dank ist etymologisch identisch mit Denken“ — sagt mir Kluges Etym. Wörterbuch), also ich denke Ihrer für das Gedenken meiner im Palmengarten. Nichts sagt mir so viel und geht mir direkter in ein sofortiges und ganz sicheres Mit-Begreifen und macht buchstäblich die Saiten meines Wesens erzittern, wie — ja! wie soll ich das sagen? —‚ wie die Hindeutung auf ein Empfundenes durch die Andeutung der sinnlichen Umgebung. Wer könnte, was Auge und Ohr in dem gegebenen Augenblick umgab,   b e s c h r e i b e n?   Und wie vermöchten alle Mitteilungsmittel zusammengenommen das Empfundene   w i e d e r z u g e b e n?   Aber eine leise Andeutung   b e i d e r — und der Zauber ist geschehen. „Altes, alles weiß ich!“ Und ich sehe, wie diese schönen, stolzen, stillen Palmen — fern von der Heimat, unbegriffen, angestaunt, vielleicht auch bisweilen geliebt — so ganz die Seele meiner Meisterin   s i n d,   und ich fühle, welche Labung und Ruhe diese Seele genoß, als sie sich in der warmen, gesättigten Luft als fromme, friedliche Blätter ausbreiten durfte. Und ich danke Ihnen, daß Sie meiner gedachten und mir ein Kleinod schenkten, welches ich mit der Heide am frühen Herbstmorgen im Herzen aufbewahren darf.
    Einen ähnlichen Zauber kann ich — heute — nicht vollbringen, fürchte ich, denn das Erlebnis, von dem ich zu sprechen hätte, bot den Augen — außer einigen Menschen — hauptsächlich Austern und Champagnerflaschen und dem Ohre — überwiegend — ziemlich fades Gespräch, mindestens erschien es mir so nach einem ganzen mit Plato verlebten Tage. So eine Zusammenkunft mit „Wagnerianern“ muß einen ja immer melancholisch stimmen, denn wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß der Enthusiasmus stets achtungswürdig ist und die Liebe zu   d i e s e r   Musik den plattesten Menschen über sich selbst emporheben muß — hoffnungslos und zwecklos und wahnumfangen bleibt doch (wenn man sich seine Anhänger näher ansieht) das Leben eines jeden Großen. Sein Geben bleibt doch stets durch ihr Vermögen, zu empfangen, beschränkt, und neun Zehntel seines Wirkens spielt sich in seiner eigenen Seele ab.
    Ich wollte Ihnen noch so manches sagen, Interessantes; denn mit Ihnen, verehrte Meisterin, brauche ich mir den Kopf nicht so sehr anzustrengen, um eine Unterhaltung in Gang zu bringen, wie mit der Frau Baurat gestern abend! Aber ich gehe wohl doch besser ins Bett! Und nehme Ihnen nicht mehr von Ihrer Zeit. — Entschuldigen Sie diesen im Grunde ganz überflüssigen Brief!

    In ehrfurchtsvoller Treue Ihr            H. S. C.


 
143-144 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

München, den 11. Februar 1890.

    Sie, mein Freund, verstehe ich immer! Melden Sie mir bitte, wann der „Tannhäuser“ dort ist, denn den muß ich leider sehen. Es ist mir empfindlich genug, daß ich ihn nicht vor meiner Besprechung in Coburg sehen konnte.
    Ich hatte in meiner Jugend eine sehr unschuldige Freude an meinem Namen, diese ist mir so verdorben worden, daß ich förmlich zusammenfahre, wenn ich ihn lese oder höre. Von der Übligkeit, die mir von jüngsten Erfahrungen zurückgeblieben war, hat mich gestern Shakespeare befreit. Nym, Bardolph, Pistol, diese göttlichen Halunken, haben mich endlich wieder in die Stimmung gebracht, die mein Lebenselement ist. Im Leben mag ich wohl lieber nichts mit solchen zu tun haben, in der Dichtung aber haben sie die Lebenseindrücke vollständig verwischt. Ach, dieser Heinrich V.! Ich war gestern wieder, wie soll ich das ausdrücken, ganz glücklich und hätte immer schluchzen mögen, indem ich lachte; wogegen der „Tannhäuser“, abends vorher, mir weder eine Träne noch ein Lächeln entlocken konnte. Niedergeschlagenheit und sonst nichts!
    Ein alter Freund meiner Gedanken, den ich leider sehr häufig anzuführen hatte, ein Brunnen in Südfrankreich, entfernte sich von der Stadt Uzès, wenn man Unrat in ihn warf. Ich tue es ihm nach, ich habe das Gefühl eines vollständigen Schwindens unter gewissen Erfahrungen.
    Die Stimmung, die Sie mir aussprechen, erinnerte mich an einen unauslöschlichen Eindruck meiner Jugend — jetzt lachen Sie nicht! —‚ Corinne von Madame de Staël, wo die Heldin mit dem Freund, von dem sie sich trennen soll, inmitten des römischen Karnevals auf der Straße in erhaben traulicher Einsamkeit sich fühlt. Das Buch habe ich ganz vergessen, es ist gewiß sehr wenig daran, dieses Moment aber blieb mir.
    Grüßen Sie Ihre liebe Frau herzlichst dankend, und empfangen Sie hier als Gruß die Summe der Gedanken, die bei jeder ernsten Stimmung Ihnen entsendet
eine Ungenannte.
[Im März kam es zu einer persönlichen Begegnung gelegentlich eines Aufenthaltes der Frau Cosima Wagner in Wien.]

Cosima Wagner mit allen ihren Kindern und Graf Gravina

Cosima Wagner mit allen ihren Kindern und dem Schwiegersohn Graf Gravina.
Von links nach rechts: Graf Gravina, Isolde Wagner, Daniela Thode, Cosima Wagner, Siegfried Wagner, Eva Wagner, Blandine Gräfin Gravina. Um 1890.
Phot. A. v. Groß.

Houston Stewart Chamberlain, Vienna

H. S. Chamberlain in seinem Wiener Arbeitszimmer.


144-145 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

München, Arcisstr. 32, den 20. März 1890.

    Gewisse Dinge, mein Freund, gehen eben nicht zusammen, z. B. auch mein Vater und Levi; es ist rein unmöglich, und er hat neulich in seinem Elend gesessen, während wir anderen (Sporcks, Ritters, Golthers, Fischer etc.) in hoher Begeisterung uns entflammten und ich Sie so bei mir gewünscht habe. Es wurde „Faust“ und „Prometheus“ [von Liszt] in einer Weise von Kellermann aufgeführt, daß der Abend zu einem grandiosen Erlebnis wurde. Eine solche, aus der Überzeugung entsprossene Befähigung ist mir in der Tat noch nicht vorgekommen. Bei den anderen begabten Dirigenten habe ich ihre Fähigkeit im Dienste ihrer Überzeugung empfunden, hier hat aber der Glaube Fähigkeiten geschaffen, und die Energie dieses Glaubens verlieh ihm die Kraft, mit nur drei Proben, einem widerspenstigen Orchester und einem zusammengelaufenen Chor eine unvergleichliche Aufführung zu bewerkstelligen. Meine Überzeugung, daß zum Dirigieren der Charakter ebenso wichtig als das Talent ist, bestärkte sich an dieser Erfahrung. Unsere Stimmung war so, daß wir alle ganz gern am Schluß den Scheiterhaufen bestiegen hätten. Ja, indem wir die Sterne wieder begrüßten, beneidete ich diejenigen, welche für ihren Glauben sterben; denn, ihm nur zu leben, erscheint wenig und wird einem so kläglich gekreuzt!
    Wie gern hätte ich Sie da bei uns gehabt!
    Fane [Familienname der Grafen von Westmoreland, von denen Chamberlain seine Herkunft ableitet (vgl. „Lebenswege meines Denkens“, S. 15)] ist ein schöner Name, und es ist ein gutes Zeichen, durch das, was einem angehört, an das erinnert zu werden, was man ist.
    Gestern las uns Dr. Fiedler etwas vor, was ich Ihnen sehr empfehlen möchte: Altfranzösische Erzählungen, von Wilhelm Hertz bearbeitet. Nehmen Sie doch den   „T ä n z e r   u n s e r e r   l i e b e n   F r a u“   vor, ich glaube, es wird so zu Ihnen sprechen wie zu uns, und es sollte mich freuen.
    Gestern hörte ich auch die erste AmseI, wobei mir die Blümelhöhe einfiel. Klänge, welche uns zum Hohen im Leben ermuten, und Töne, die uns der Natur zurückführen, bei denen habe ich ergriffen und gerührt Ihrer gedacht.
    Leben Sie wohl, teuerer Fane! Deutsch ausgesprochen heißt es Fahne, auch ein schönes Zeichen!

C. Wagner.


 
145-148 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Sonntag nachmittag. 23/3/90.

   J'abuse — ich weiß es, hochverehrte Meisterin. Aber ich komme zu Ihnen, wie zur heiligen Elisabeth die Bettler, und rufe Sie als „Glück der Armen“ an; und scheinbar gibt sie ihnen nichts, gar nichts, und doch ziehen sie beglückt ab, ebenfalls erbitte   i c h   mir nichts als einen einzigen freundlichen Gedanken, und den geben Sie mir gewiß gern, nicht wahr? Es ist auch ein so schönes Verhältnis zwischen der heiligen Elisabeth und den Bettlern. Denn recht überlegt weiß man nicht, wer eigentlich dem anderen gibt, und jedenfalls besteht ein ganz anderes, direkt inniges und gewissermaßen gleichwertiges — oder zum mindesten einen Vergleich zulassendes — Verhältnis zwischen Elisabeth und den Armen als zwischen Elisabeth und der ganzen übrigen Welt; und es ist schön vom Tondichter, daß er bei der prunkvollen Bestattung allen weltlichen und kirchlichen Fürsten doch nur in der Weise der Bettler erlaubt, sich ihrer Seele zu nähern.
    Ob körperliche Leiden mich seit einigen Tagen melancholisch stimmen — namentlich die alte Plage der Herzstockungen —‚ oder ob nicht vielmehr die Gedanken es sind, welche das Herz zum Stocken bringen? Um Gottes willen machen wir uns darüber keine metaphysischen Sorgen; ich erwähne die Tatsache nur, um jene „Temperatur“ herzustellen, welche Schopenhauer als erste Bedingung zum wahren Verkehr zwischen Freunden fordert.
    Und der Verkehr besteht darin, daß ich Ihnen sagen möchte, daß ich heute die Dante-Symphonie [von Liszt] gehört habe. Unter möglichst ungünstigen Bedingungen: schlechter Platz, scheußliche Umgebung, Zwang, vorher sich die neueste Goldmark-Gemeinheit anzuhören, nur die Nachbarschaft der lieben Frau zur Besänftigung und ganz unten im Saal das kluge Gesicht des Schönaich, gewissermaßen aus der Hölle herauflächelnd, mit der wohlangebrachten Mahnung „de ne pas se prendre trop au sérieux“. Unter wahren Leiden habe ich also es erlebt und habe auch das Empfinden eines Erlebnisses, eines qualvollen allerdings, insofern ich selbst beim Engelchor keinen Trost empfand und eher jenen ewig, ewig Dahinziehenden im ersten Teile ruhevolles Mitempfinden entgegenbringen konnte, — jene Verdammten, für die es kein Höllenfeuer und keine künstlichen Qualen gibt, weil für sie weder Himmel noch Hölle besteht, seitdem der Blick an den Blick für alle Zeiten gekreuzigt wurde.
    Bei dem erregten, ruhelosen Genusse jagten sich tausend Gedanken durch den Kopf, namentlich über Liszt als Schöpfer musikalischer Werke; ich fürchte, man würde sie unter die Rubrik „Ästhetik“ bringen, das soll mich aber nicht abhalten, Ihnen zu sagen, daß ich mir zuletzt — jedenfalls als unbewußtes Resumé — immerfort wiederholte: „Schöner   B l i c k!   Schöner   B l i c k!“
    Ganz versöhnlich gegen die alte Dummheit von „Äußerlichkeit“ stimmte mich die Empfindung, daß in dieser Redensart doch etwas Wahres liegt, so viel wahrscheinlich, wie einem Alltagsmenschen zunächst aufgehen kann, insofern nämlich als das Auge, also das   G e s e h e n e,   mir das spezifisch Charakteristische, das Bestimmende, das Erfüllende und in die Schöpfung Überströmende bei Liszt zu sein scheint (ich urteile nach nur zwei Werken:
Elisabeth und die Dante-Symphonie). Nicht erläuternde Programme à la Pohl sollte man uns geben, sondern   B i l d e r.   Führen Sie diese Symphonie mit versenktem Orchester im nachtdunklen Raume auf, und lassen Sie im Hintergrunde Bilder vorbeiziehen — und Sie werden sehen, alle Levis und alle meine kalten Nachbarn von heute, die das arme Herz durch ihre Nichtempfindung peinigten, sie alle geraten in Ekstase. Manches in Elisabeth wird mir nunmehr auch klarer — das meine ich ja gar nicht, sondern es wird von manchem klarer, wieso es kam, daß gerade das von Liszt mit solcher Vollkommenheit und zu so ewiger Schönheit verklärt dargestellt werden konnte und wurde; z. B. Elisabeths Herunterschreiten von der Wartburg (vor dem Rosenwunder) — drei Takte, deren Schönheit geradezu göttlich zu nennen ist, es ist eben ein Gesehenes, ein mit den Augen Geschautes, ein Bild, man sieht sie leibhaftig schreiten; und das ist doch etwas Grundverschiedenes von dem, was — sagen wir Beethoven — getan haben würde oder hätte tun können. Und zur weiteren Veranschaulichung des Gemeinten könnte ich anführen, daß Elisabeth als Heilige nur in dem Gesang der Armen und Engel geschildert wird, diese schauen sie an und sagen uns, was sie   s e h e n;   während in Elisabeths Monologen das vollkommen Schöne aufsteigt, wenn sie ihr „Ungarland mit duft'gen Weiten“   s c h a u t,   „des Freundes Lichtgestalt“. Und gewißlich kann man Liszt ebensogut — wenn auch aus ganz anderen Gründen — wie Beethoven, „einen notwendig irrenden Künstler“ nennen, insofern nämlich, als er sich doch nicht zu unserem vollen, unmittelbaren Verständnis mitteilt, d. h. nicht unmittelbar an die Sinne, und zwar trifft ihn der Vorwurf (wenn dieses Wort hier einen Sinn hätte) viel direkter, weil sein künstlerisches Schaffen unmittelbar auf der Tätigkeit des Hauptsinnes, des Gesichtssinnes, sich aufbaut, und er uns dieses gänzlich verschweigt. Ob Liszt außer dem in der Phantasie und in der Natur Erschauten nicht auch häufig tatsächliche   G e m ä l d e   zur musikalischen Gestaltung benutzte? Ich möchte es glauben; und ich möchte gern Musik von ihm hören mit dem dazugehörigen Bilde vor Augen.
    Zweimal in der Symphonie frappierte mich und ergriff mich Parsifal-S t i m m u n g.   Gegen Schluß des ersten Teiles eine Titurel-Bestattungsfeier, am Schlusse des zweiten Teiles ein Erglühen des Heiligen Grals. Und wie schön beides! Sicherlich in einem gewissen Sinne „äußerlich“, denn dieses Sehen ist ein Sehen mit den Augen und eine Offenbarung an die Augen, nicht jene Offenbarung des Jenseitigen, welche Musik sein kann; aber dieses Sehen ist nicht „äußerlicher“ wie das Bild des Heilandes in Lionardo da Vincis Auge, und gewiß können wir durch diese Gestalt hindurch in das Allerheiligste eintreten, „jenseits von Schweigen und Nicht-schweigen“.
    Ich habe nicht „mich mit Ihnen über Liszts Musik   a u s e i n a n d e r s e t z e n   wollen“, verehrteste Meisterin; sondern wollte der so schweigend verlaufenden Erregung Luft machen und mißbrauche die Überzeugung Ihres Mitverstehens und Ihres Mitfühlens.
    Dienstag gehe ich wieder in die Heilige Elisabeth; eigentlich wollte ich nicht, aber durch derartige prinzipielle Vorhaben lasse ich mich nicht bestimmen, sondern folge dem Herzen, und dieses erfüllt Sehnsucht. Sie sagten auch, man könne nie genug zusammenleben mit denen, die man liebt. Außerdem bin ich überzeugt, daß das 4te Bild, mit seiner Fafner-Musik, meinem Gefühlsverständnis diesmal ganz aufgehen wird, was bisher nicht der Fall.
    In Ehrfurcht Ihr

Houston S. Chamberlain.


    Das altfranzösische Buch von Hertz ist mir ein lieber, alter Freund. Die Geschichte von „Dem Tänzer unserer lieben Frau“ werde ich heute abend im Bette wieder lesen!

 
148-150 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 29. März 1890.

    Inmitten des jubelndsten Zwitscherns schreibe ich Ihnen. Es war heute ein wonnevoller Tag, wie ich mich seit Jahren nicht entsinne, ihn im März erlebt zu haben. Wer das beschreiben könnte, wie einem da zumute wird! Wie das Glück in und außer einem zu sein scheint, und wie man nur eines nicht begreift, daß die Menschen zum Lesen und Schreiben gekommen sind. Es gibt wohl nichts Rührenderes als die ersten schönen Frühlingstage, die zarten Grüße der Erde und das stille Treiben der alten Bäume! Genau wie die Klarinette im Orchester voll und süß, macht sich die Amsel vor allem bemerklich, und ein langer Weg, den ich mit Eva durch die Wiesen machte, ließ es einen unter dem Schwirren der Lerchen recht begreifen, wie das Frühlingsfest und die Erlösungsfeier zueinander gehören.
    Eines ist aber an solchen Tagen nicht gut: man findet die Fassung für Empfindungen und Gedanken schlecht, und so bitte ich Sie, recht nachsichtig zu sein, wenn ich Ihnen sehr ungenügend für die große Freude danke, welche mir Ihre Auslassungen über das Wesen meines Vaters gewährt haben. Immer wieder lausche ich der Amsel, der Gesang verhallt allmählich, er wird immer einsamer und scheint mit den Strahlen der Sonne zu schwinden, und es ist, als ob er einen nicht wecken wollte, sondern zur Ruhe wiegen. Da kann ich Ihnen denn nur ganz einfach danken und Ihnen sagen, daß Sie das aussprachen, was ich seit der letzten Anhörung der Werke meines Vaters mir klarzumachen suchte. Gewiß sind Bilder da maßgebend gewesen, und sie erstehen auch wieder völlig vor einem. (Wieder die Amsel! Ich werde nichts Vernünftiges zusammenbringen. Ich will Ihnen lieber sagen, daß ich auf dem Wege Ihrer gedachte, mir sagte, wie man mit den Wesen, die man liebt,   s e i n   müßte, nicht sie sehen, und wie bei diesem beständigen Scheiden, welches eigentlich mit der Trennung des Kindes von dem Mutterschoße beginnt, eine Art Ersatz in dem Symbole des gemeinschaftlichen Wanderns gegeben ist. Jedesmal, wo ich diese Strecke von Laineck [Dorf bei Bayreuth] nach Wahnfried zurücklege, ist Stein, mit welchem ich sie so oft wandelte, bei mir, und nebst der Anhörung der Heiligen Elisabeth denke ich am liebsten daran, daß wir von der Bahn nach Hause wandelten. Ich weiß nicht, warum; es gilt mir aber solch eine Wanderung als ein Zeichen dafür, daß man den Lebensweg einig geht.)
   Jetzt ist es ganz still, d. h. die Natur; denn die Trompete in der Kaserne erscholl, und Georg [Diener in Wahnfried] pustete das Gas an, eben kommt auch Krug, der mir sagt: „Wir wollen einmal vernünftig miteinander reden;“ ich habe nämlich Kummer über das Abschneiden unserer Ahorne gehabt und den Wunsch ausgesprochen, es möchte etwas auch bei uns blühen. Darauf hat er mir erwidert, daß alle Nachbarn, vom Schreiner Popp bis zum Baron Wolzogen ihn bewunderten. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm entschuldigend zu sagen, daß ich einen eiligen Brief zu schreiben hätte!
    Die Amseln sind nun weit weg und die von ihnen erzeugte Stimmung! Dafür hat sich bei Eva und mir das Gelächter eingestellt, wie die Shakespeareschen Gestalten es zu erwecken wissen.
    Kürzlich abends gedachten wir wieder lebhaft Ihrer. Die Variationen Beethovens über Rule Britannia spielte uns Kniese vor, und sowohl das kräftige Thema wie die naiv kühnen Variationen darauf erfüllten uns mit jener Heiterkeit, welche „die Mutter aller Tugenden ist“. Vorerst hatten wir die „Sommernächte“ von Berlioz durchgenommen, in denen eine schöne Stimmung, ein wirkliches Erfaßtsein von dem Gegenstande und der Umgebung desselben herrscht. Und darauf einige Orgelvorspiele von Bach. Das ist ein anderes, das ist die Musik, wie sie in allen Dingen als Untergrund ist, in welcher wir auch die Gewähr finden, daß das Gute der schöpferische Urgrund der Dinge ist.
    S o n n a b e n d   f r ü h.   Heute abend kommt Siegfried, Güte und Friede ziehen mit ihm ein zu dem palmengeschmückten Einzugsfest. Wirklich ergrünen alle Zweige zu dieser stillen Woche, und wer möchte es nicht als gutes Zeichen für das nehmen, um was er sich sorgt? An unserer Freude über Siegfrieds Kommen empfinden wir erst recht, wie wir ihn vermißt haben.
    Noch von etwas möchte ich zu Ihnen Sprechen, was mir einen tiefen Eindruck aus früherer Zeit wieder belebt hat. Lassen Sie sich doch die Abbildungen von Memlings Altarbild in Lübeck zeigen, und sagen Sie mir, ob wir nicht auch in der Versenkung in diesen Erscheinungen vereint sind.
    Ich lese Ihren Brief wieder. Wie recht taten Sie daran, die Heilige Elisabeth wieder zu besuchen. So wie Sie hat wohl keiner das Werk neu gedichtet, und Ihre Worte darüber brachten mir meine Eindrücke wieder, die ich empfing, als ich unter meines Vaters Leitung dieses Tongebilde zuerst vernahm. Und wie wahr, daß der Empfangende ebenso schöpferisch als der Gebende ist. Ich wußte dagegen gar nicht, was ich Wolzogen erwidern sollte, als dieser mir sagte, man wisse nicht, warum die Elisabeth heilig sei. Mein Gott, weil sie es ist, und weil die Armen es sehen! Doch das haben Sie selbst so schön ausgedrückt, daß Worte von mir wirklich töricht wären.

C. W.


 
150-151 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

11. April 1890. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Gewiß kann kein Mensch auf dieser Erde die Erlaubnis, schriftlich mit Ihnen, hochverehrte Meisterin, verkehren zu dürfen, höher und inniger schätzen wie ich; und namentlich, wenn Sie mich noch ausdrücklich dazu auffordern, wieder zu schreiben, da bin ich wirklich nicht nur dankbar, sondern tief gerührt.
    Ich glaube, ich kenne Memlings Bild in Lübeck; es ist aber lange her, daß ich dort war, und es war gleich nach einem Bayreuth, wo mir dann alle Kunst ziemlich albern vorzukommen pflegt. Heute kann ich Ihnen nur sagen, daß ich eine besondere Passion für Roger van der Weyden habe — eine ganz ungewöhnliche eindringliche Sprache redet er zu mir, trotzdem ich ihn habe „äußerlich“ oder „schematisch“ oder so was Ähnliches schimpfen hören; und wenn ich recht berichtet bin, ist Weyden der Lehrer von Memling (und damals wollte Lehrer was heißen, da man zwölf bis sechzehn Jahre bei einem zu arbeiten pflegte!). Wenn ich von Weyden rede, so meine ich namentlich die Berliner Bilder. Und unter diesen namentlich der tote Christus in den Armen seiner Mutter.
    Ich konnte nur einmal seit Ihrer Abreise in das Belvedere kommen, habe mich aber nur bei meinem Paudiß aufgehalten, und in zwei oder drei vlämisch-holländischen Zimmern; wo ich mich riesig über Jordaens gefreut habe.
    Und das bringt mich auf Wolzogen und das „Nichtwissen, warum?“ Auf eine ähnliche Bemerkung, die er mir am selben Abend machte, erwiderte ich mit dem Hinweis auf Steins Heilige Elisabeth, wo diese auf des Landgrafen fragende Bemerkung: „Ist es ein Wunder?“ antwortet: „Ich heiß' es Wonne!“ Und wenn ich es mir jetzt überlege, so glaube ich, daß diese Antwort, die ich nur für eine geschickte und hübsche hielt, doch auch von einem tieferen Instinkt mir eingegeben war, und daß man wohl sagen dürfte, Liszt hätte in diesem Werke mehr die Wonne des Heiligseins als das Wunder desselben zum Ausdruck gebracht. Was ja mit unserer früheren „Auseinandersetzung“ durchaus harmoniert, da die Wonne wohl dem   A u g e   mitteilbar, das Wunder dagegen ein Jenseitiges ist. Aber bitte, befürchten Sie nicht, daß ich derartige Subtilitäten jemals auf die Spitze treiben würde; ich komme nur deswegen darauf zurück, weil jene Antwort so ganz und gar ohne jede Theorie, ohne jede Überlegung, aus dem Gefühl des soeben gehörten Werkes kam. Das wonnige Werk hörte ich damals wieder; und jetzt freue ich mich auf das Hören in Gesellschaft von Adolphe Appia, er wird es anders, aber ebensosehr wie ich lieben.
    Aber nun muß ich für heute Abschied nehmen; es ist ja schön, wenn es unter dem Namen Elisabeth geschieht, und verheißt Gutes.
    Mit vielen Grüßen an Ihre Kinder in ehrfurchtsvoller Treue Ihr

Houston S. Chamberlain.


 
151-152 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Bayreuth, den 14. April 1890.

    Von uns, Freund, ist nicht viel zu sagen. Zwischen Ihrem jüngsten und dem vorangegangenen Briefe liegt Siegfrieds Aufenthalt bei uns; heute hat er uns verlassen, und es beginnt ein neuer Tag, denn so ein Wiedersehen ist wie ein „Rheingold“-Tag, von der Morgenröte der Ankunft bis zu dem Abendglanz des Scheidens, was spielt sich nicht da alles im Gemüt ab! Wir lasen „Das Kunstwerk der Zukunft“ und „Faust II. Teil“ zusammen, und Kniese spielte uns mehreres vor, viel von der „Heiligen Elisabeth“ natürlich.
    Die Mittagsglocke unterbrach mich, und darauf erfolgte ein Besuch auf „Fantaisie“ [Schloß bei Bayreuth], welche eine schöne und, wie mir scheint, nicht befriedigte Frau sich zum dauernden Wohnsitz einrichtet. Dieser Umstand ließ uns über das Schicksal auch von solchen Ländereien nachsinnen; es ist, als ob die arme Herzogin, welche im vorigen Jahrhundert dieses Grundstück bebaute und ihr eheliches Leiden dort still betrauerte, es der Wehmut geweiht hätte. Ob eine der Seelen aber, die dort geduldet haben, zur Wonne der Heiligkeit aufgeblüht ist, welche Sie so schön als die Ausstrahlung der heiligen Elisabeth empfinden?
    Aber auch andere Gedanken kamen uns an, eine Anzahl Rekruten ergingen sich nicht etwa im Freien, sondern im Wirtshauslokal, spielten gemeinste Märsche, darauf das Preislied und nach diesem den trivialsten Walzer. Der wundervolle blaue Himmel durch das Dickicht der grünen Tannen erblickt und die schwirrende Lerche auf den Feldern vertrieben den unerfreulichen Eindruck.
    Leben Sie wohl, Freund, und wann es Ihre Zeit erlaubt, lassen Sie von sich hören, in der Sicherheit, mir immer Freude damit zu gewähren! Treten größere Pausen ein, dann fällt mir die Mitteilung schwer, weil ich dann gleichsam in das schweigende Zusammenleben getreten bin, von wo man nicht so leicht zu der Fassung des Nächstliegenden gerät, und das Resümieren ist gar nicht meine Sache, ich kann nur entweder alles sagen oder nichts. Nehmen Sie mit dem Nichts heute fürlieb, und seien Sie und Ihre liebe Frau auf das herzlichste von uns beiden in Wahnfried gegrüßt!

C. W.


 
152-153 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

19. April 1890. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Ich bin heute früh ganz „upset“ von einer Nachricht, hochverehrte Meisterin; keine Arbeit will gehen, es hilft alles nichts, ich will mal sehen, ob ich einige Zeilen an Sie zustande bringe, Ihnen meinen herzlichen Dank für Ihren Brief aussprechend? Und wenn das auch nicht geht, dann laufe ich ziellos durch die Straßen — die Einsamkeit in der Menge, sie ist doch oft einzig wohltuend.
    Ein Freund ist mir gestorben; ich kann wohl sagen „mir“, denn auf der ganzen weiten Welt, die er nach jeder Richtung im Laufe seines abenteuerlichen Lebens durchstrichen hatte, schlug kein einziges Herz für ihn, außer dem meinigen. Nur mir ist er gestorben; kein anderer wird merken, daß er tot ist, und für ihn ist die Erlösung aus dem bittersten Leben, das je ein Mensch lebte, der einzige Segen — es war auch seine einzige Sehnsucht; nur ich Tor hoffte noch immer, „hope against hope“, und glaubte fest, daß mein eigner Stern, der durch so manches hindurch doch so unwandelbar mild und freundlich auf mich hinunterleuchtet, ihm noch schöne und stille Jahre in meiner Nähe gönnen würde. Und jetzt ein Brief mit der ominösen Überschrift „étude de notaire“, und die Nachricht, daß er im Spital gestorben ist! Ganz allein, der Ärmste — ganz allein im Spital. Ja, können Sie sich das vorstellen? Allein sterben! Und wie mögen seine Gedanken mich gerufen haben — und ich habe nichts gehört. Ein ungewöhnlich begabter Mann, von unglaublicher Energie, von ungestümer Leidenschaft, der seinen Weg ganz allein gemacht hatte vom barfüßigen Dorfbuben zum hochgeschatzten Arzt; schon sein Charakter prädestinierte ihn zum Unglück, wenigstens in seiner Lebensstellung, die nordische Empfindlichkeit, vermehrt durch den Argwohn des Armen, unbeugsamer Stolz, unbändige Heftigkeit im Ausdrucke, gänzliche Unfähigkeit, einen Gedanken, eine Empfindung zu verbergen oder irgendwie „taktvoll“ zu nuancieren, welche große und bedenkliche Gaben! Sein Leben ist auch buchstäblich einem Schauerroman zu vergleichen. Als er endlich Doktor wurde (nachdem er Dienstmann und Kellner und alles mögliche gewesen), war er körperlich und geistig (oder vielmehr moralisch) gänzlich gebrochen; die Ärzte in den Lyoner Spitälern rissen sich dann um ihn, alle Welt sprach ihm von „großer Zukunft“ — aber er wußt' es besser!
    Die mir fast ganz unbekannten Tränen machen mir das Schreiben nicht länger möglich. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen mein Leid klagen   m u ß t e,   und gedenken Sie mit Freundlichkeit
    Ihres Ihnen im tiefsten Herzen ergebenen

Houston S. Chamberlain.


 
153-154 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 21/4 1890.

    Da meine Eva heute recht angegriffen zu Bett liegt, kann ich Ihnen, mein Freund, nicht schreiben, doch will, muß ich Ihnen ein Wort des Mitgefühls sagen!
    Gestern unter schwerer Stimmung innen und außen, sagte ich Eva von der großen, lebensgefährlichen Krankheit Siegfrieds (1885), wo ich allein in Wahnfried mit ihm war, und ihr dies wieder vorführend, meinte ich, es sei, als ob in solchen Zeiten nur man eigentlich lebte, den Kern des Daseins faßte, während in den anderen man träumte. Das Leiden, das furchtbare, unfaßliche Leiden, wen es wahrhaft erfaßt, daß alles übrige wie Nebel schwindet, der weiß das Leben. Und wundersamerweise: eine Begegnung mit einem näher Bekannten brachte uns anhaltend lange auf die Betrachtung des tragischen Endes unseres Königs!... Wollen wir Zufall oder Ahnung diese Begegnung der Empfindungen nennen?
    Ihr armer Freund, und Sie noch Ärmerer, ihm nicht nahe gewesen zu sein! Oder waren Sie es ihm nicht doch? Ich habe von dem Tode für den, den er berührt, eine versöhnliche Vorstellung, ich denke es mir, wie ein Aufbrechen der Knospe und eine Erfüllung. Nur die Bleibenden sind die zu Beklagenden. Aber ich glaube, daß ich sehr allein in dieser Empfindung stehe.
    Über Steins Verlust werde ich nie hinwegkommen, und doch — könnte ich ihn zurückrufen, ich weiß nicht, ob ich den Mut dazu hätte. Wenn Sie zum Frieden wieder gelangt sind, sehen Sie sich doch seine „Einsiedler“ [Heinrich von Stein, „Dramatische Bilder und Erzählungen“, „Die beiden Einsiedler“] an; da sagt Paulus im Sterben dem Antonius: „Bruder, wenn du nicht da wärest, wäre diese Stunde schwer.“ Das ist Ihr Gedanke von der Einsamkeit Ihres Freundes, und — vielleicht sehen Sie und Stein richtig — ich sehe es anders, könnte aber nicht sagen, wie. Ich möchte, ich wäre jetzt in Wien, und wir weinten zusammen. Schon vor langen, langen, langen Jahren nannte mich mein Vater: un psaume de pleurs. Von dem Leben weiß ich wenig anders (dieses wenige freilich sonnensiegreich); von dem Tode sehe ich die Verklärung!

 
154-156 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

3. Mai 1890. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Es wird Ihnen kindisch erscheinen, hochverehrte Meisterin, aber sprechen muß ich doch davon, denn es macht mir einen jubelnden Frühling, und alles übrige erscheint dagegen so klein und gleichgültig, daß ich nicht weiß, wovon ich Ihnen sonst sprechen sollte; ich habe einen Band Symphonischer Dichtungen [von Liszt], vierbändig gesetzt, herausgeholt, früher war ich nicht klug daraus geworden und hatte sie als für mich nicht zugänglich beseitegelegt; jetzt haben wir uns — mein lieber Freund Appia und ich — darübergemacht, und wir sind wirklich einfach verrückt vor Seligkeit! Es ging sofort, als wären wir von jeher mit den Intentionen des großen Malers innig vertraut gewesen. Gewiß, und ganz abgesehen davon, daß ich absolut keine Note lesen noch spielen kann (was immerhin ein wenig genant ist), gewiß ist manches noch verkehrt aufgefaßt, und unendlich viele exquisite Feinheiten mögen trotz der vielen Instrumentierungsangaben für uns völlig verlorengehen, das ist alles Nebensache: die Liebe ist doch wunderbar und einzig schöpferisch; und daß ich bei einem solchen armseligen „Zusammenhauen“ dem großen Manne sehr, sehr nahetrete und ihm direkt ins Auge schaue, das weiß ich. Der Gott, der die Brotkrusten in Rosen wandelte, kann auch mein Klimpern zu herrlichen Tönen umgestalten. Ja, Gott ist doch gerecht, und es hat doch jeder seinen Teil. Ich zum Beispiel, der ich so unsäglich an der Unfähigkeit leide, mein tiefes, leidenschaftliches und wohl doch wesentlich „musikalisches“ Empfinden irgendwie in Tönen zum Ausdruck und gewissermaßen zur Erlösung in der Form zu bringen, ich schwelge geradezu in einem Jenseitigen, dessen „Egoismus“ (wenn man es so nennen will) gewiß berechtigt ist, da es eben als   r e i n   Jenseitiges, Transzendentes eines „Ausdruckes“ unfähig ist. Und da man bei jedem Kunstwerk — wenn es von einem wahren Dichter und nicht von einem beliebigen Paukenschläger ist — doch nie eine wahre Verwirklichung vor sich hat, sondern nur ein mehr oder minder geglücktes symbolisches Spiel, und die Stimme, die uns, wenn auch noch so herrlich, im Kunstwerk offenbar wird, sich zu der eigentlichen Stimme des Dichters nur so etwa verhält wie die des Phonographen zu der des lebendig redenden Menschen, so öffnet sich dem metaphysisch angelegten Geiste das herrlichste Gebiet, wenn er an der Jakobsleiter, die das Genie ihm aus dem Paradiese hinunterreicht, hinaufsteigt bis in den Himmel selbst, den Himmel des Wesentlichen, des Urgrundes. Daß die Leiter eine notwendig sinnliche ist und daß nur die kräftige Sinnlichkeit hinaufzuklettern vermag, das bin ich der erste, zuzugeben; aber ich meine, daß, wer die gesamte Sinnlichkeit, die künstlerische mit einbegriffen, nur als   W e r k z e u g   aufzufassen versteht, wenn er nun vermöge dieses Werkzeuges zu ganz weltentrückten Gebieten zu gelangen vermag, sich selbst darüber trösten sollte, wenn ihm das Herz nicht übergeht, weil einer die Pikkoloflöte und die Posaunen zusammengesetzt hat oder Harfe und Amboß, oder weil er nur jämmerlich klimpern kann. Hier wie anderswo kommt es auf Gleichgewicht an; man kann eigentlich die Menschen nur bedauern, bei denen das Gehör dermaßen einseitig entwickelt ist, daß sie vor lauter Gesumme gar nicht imstande sind, zu unterscheiden, ob hinter der Musik etwas steckt, ob sie wirklich himmelwärts führt oder nicht, und die ganz naiv Berlioz' „Requiem“ mit Beethovens „Messe“ „vergleichen“!
    Doch ich muß nicht vergessen, daß ich mich nur vor Ihnen entschuldigen wollte; Sie sollen mir nicht böse sein, daß ich die Werke Ihres großen Vaters am Klavier malträtiere; dazu gilt obiges. Hinzufügen will ich nur noch, daß von dem wenigen mir bisher Bekannten (Festklänge, Hunnenschlacht, Hungaria, Ideale, Héroide) die Hunnenschlacht mir weitaus den größten Eindruck macht — es ist unbeschreiblich großartig und groß und vereinigt die verschiedenen Momente, die mich bisher bei Liszt am unmittelbarsten packten: das Religiöse, das Schauerliche und der Triumph. Und dann ist die Hunnenschlacht so offenbar die Musik des Auges; der Kaulbach kann sich schon freuen. In demselben Bande habe ich noch „Hamlet“, habe aber eine geheime Angst davor und wagte noch nicht, es anzuschauen (obwohl ich vor Jahren den betreffenden Band   n u r   für den „Hamlet“ gekauft hatte).
    Ich hätte gern anders geschrieben; mir war ganz anders zumute; ich hätte gern auf Ihre schönen Worte über den Tod einiges erwidert; es sollte heute nicht sein. Bitte, betrachten Sie das Ganze nur als einen Gruß, und glauben Sie, daß, wenn Liszts Musik mir auf eine Weile die Zunge löst, ich immer sehr Schönes mit Ihnen rede!
    In ehrfurchtsvoller Treue Ihr

Houston S. Chamberlain.


 
156-159 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

13. Mai 1890. 1 Blümelgasse. Wien.

    Daß ich das Glück, Ihnen, hochverehrte Meisterin, schreiben zu dürfen, einer schlechten Nacht verdanke, das hört sich komisch an; da ich aber ein Freund der einleitenden Stimmungsakkorde bin, so sage ich es gleich. Heute fühlte sich mein Kopf wie der Resonanzkasten einer Fiedel, deren Saiten alle übermäßig gespannt. Ich denke, an Sie zu schreiben, verehrte Meisterin, kann unter jeder Bedingung nur Ruhe und schöne Gedanken geben?
    Ich möchte doch endlich eine Art finden, um Ihnen zu sagen, was mir Ihre Zeilen vom 21ten April waren oder vielmehr sind. Auf der Welt gibt es immer nur Umwege; und wenn wirklich das allertiefste, ureigenste Herz zu sprechen wünscht, so bleibt doch das einzige, daß es sich gestehe: „unausgesprochen bleibe es ewig“ (diese Worte durch   j e n e   Töne [„Walküre“, II. Akt, 2. Szene] erst zu wirklichen Trägern des Sinnes erlöst und für mich immer einzig mit jenen anderen vergleichbar: „ach! dieses Auge, ewig nun offen!“ [„Götterdämmerung“, III. Akt, 2. Szene]).
    Am besten erwidere ich einfach auf Ihre Bemerkungen bez. des Todes. Um so mehr, als mir unsere Empfindungen sehr verwandt zu sein scheinen, und für mich persönlich sogar das Wort „Tod“ ein so schönes, mildes, heiteres (möcht' ich sagen) erscheint — wenn ich nur von den Zutaten der Zivilisation absehe, von den „pompes funèbres“, Kondolationen usw. —‚ daß ein Gefühl von beseligendem Frieden und Glück in mich zieht, wenn ich nur von ihm sprechen darf. Wir müßten also, meine ich, uns doch verständigen können. Und daß Sie sich den Tod „wie ein Aufbrechen der Knospe und eine Erfüllung“ denken, das scheint mir so klar wie alles, was man selber täglich empfindet; die Freude über die Übereinstimmung kam erst bei der Überlegung, daß Sie auch anders hätten empfinden können. Die Freude ist groß und „ewig nun“. Und die Überzeugung, daß manche Grundanschauung uns trennt, kann mir diese Freude nicht rauben.
    Eine Trennung glaube ich z. B. gleich zu sehen. Sie erinnern sich an Mozarts Worte in einem Brief an seinen Vater: „...genau zu nehmen, ist der Tod der wahre Endzweck unseres Lebens.“ Sie scheinen mir dasselbe nur zarter, verklärter, Heilige-Elisabeth-artiger zu sagen, mit Ihrem Ausdruck: „Eine Erfüllung.“   M i r   liegt eine derartige Auffassung fern — Sie würden vielleicht eigentümlich fern finden. Ich bin so von der transzendentalen Weltanschauung durchdrungen — die mir gewiß bei meiner Geburt schon im Blute floß —‚ daß mir alle derartigen Gedanken, wie „Zweck des Lebens“, „Erfüllung“ usw. fast geradezu utilitaristisch, jedenfalls materiell erscheinen. Der Begriff eines   Z w e c k e s   (und das zarte Wort „Erfüllung“ birgt auch dieses) will mir ganz und gar nicht in ein Jenseitiges hinüberreichen. Von einem gewissen Standpunkt aus hat für mich das Leben folglich überhaupt gar keinen Zweck, und von einem anderen Standpunkt aus ist es sich selbst voll-genügender Selbstzweck (und in dieser zweiten Anschauung fühle ich mich eins mit der antiken Weltanschauung). Anstatt wie Sie den Tod zugleich als ein Aufbrechen der Knospe und als eine Erfüllung zu betrachten, empfinde ich ihn zugleich als ein Aufbrechen der Knospe und als eine   V o l l e n d u n g.   Dem transzendenten, jubelnden Jenseits die Knospe „ewig nun offen“; dem Diesseits gegenüber das Ende. Geburt und Tod geben diesem Leben den Charakter des Künstlerischen, indem sie es abgrenzen — zwischen beiden zieht die Zeit den Umriß. Die ganze Bedeutung des Schönen für den Menschen liegt hierin.
    Und hieran knüpft sich für mich (bitte verzeihen Sie die Gedanken-Ellipsen) die Überzeugung, daß der Charakter des Todes für den einzelnen eng mit dem seines Lebens verknüpft sein muß, denn in diesem Sinne ist der Tod durchaus nicht die Negation des Lebens, sondern ein Teil desselben. Dem Großen wird der Tod majestätisch sein, dem wahrhaft Glücklichen wird er lächeln, dem Bösen ein Schrecken, dem Kleinlichen unbedeutend, dem Verbitterten bitter sein usw. Also könnte ich (den Tod in diesem Sinne, nämlich vom Leben aus betrachtet) Ihre „versöhnliche Vorstellung“ nicht so unbedingt teilen. Und darum glaube ich nicht, daß Sie recht haben, daß Stein und ich uns bezüglich der Einsamkeit beim Sterben treffen. Jene Worte des sterbenden Paulus sind mir rätselhaft, ich hätte gedacht, er würde jubeln, daß es einem anderen heiligen Manne gegönnt war, ihn aus dem Leben scheiden zu sehen. Derselbe Empfindungsgang aber wird mich nie Trost finden lassen, daß ich nicht am Bette meines sterbenden Freundes saß, denn er war kein Paulus, sondern ein bis zum Haß gegen Gott und die Welt und sich selbst verbitterter Mann, und solche bedürfen der Liebe mehr wie die Heiligen, mehr sogar wie unsereiner. Er führte zwar immerwährend den Tod im Munde und rief ihn als Erlöser aus seinem grenzenlosen Elend an, aber — Gott weiß, verehrte Meisterin, daß ich nicht vor Ihnen den Weisen, den Paradoxen spielen möchte, ich sage es einfach, wie ich es empfinde: nur wer gern lebt, wird gern sterben. Noch im vorigen Herbst schrieb mir mein Freund, er habe nur noch einen Wunsch und eine Hoffnung — noch einmal den Kopf an meine Brust lehnen und sich ausweinen zu können! Der Große Künstler war unerbittlich — er hat nicht die Linie des Schmerzes auf seinem Werke durch Trost und Frieden am Schlusse verderben lassen wollen. Und gewiß, solange er denken konnte, hat mein Freund mein Nicht-bei-ihm-Sein als einen letzten, bitteren Schmerz empfunden und hat oft gerufen: „Bruder, wenn du da wärest, wäre diese Stunde nicht so schwer!“
    Die Logik des Lebens ist furchtbar, nicht wahr? Und von meinem Standpunkt aus, das Leben (in dem   e i n e n   Sinne) als ein Vollendetes, Abgeschlossenes zu betrachten, ist das Furchtbarste, finde ich, der „irreparable“ Charakter, den jede Kleinigkeit an sich trägt. Gewiß ist die Zeit nur eine Form der Anschauung, eine mir eigene, aber gerade dadurch kann man nichts in ihr auswischen und trägt alles den Stempel einer unerbittlichen Ewigkeit.
    Allerdings ist dies alles nur der   e i n e   Sinn, die   e i n e   Anschauung, der   e i n e   Standpunkt. Und sowie ich den ganz kleinen Riesenschritt hinübertue ins andere Reich — ja, da bleibt es mir ewig rätselhaft, wie der Tod zu Tränen und Trauer (wie häufig buchstäblich „ewige“!) führen kann? Eigentlich hat das nicht den Schimmer eines Sinnes. Man kann doch, selbst wenn man keiner pessimistischen Weltauffassung huldigt, unter keiner Bedingung denjenigen bedauern, der aus einer widerspruchsvollen Welt, wo Schmerz und Wonne sich ewig in den Haaren liegen, hinaus, in eine widerspruchslose, gegangen ist; man kann von keinem Wesen sich einbilden, daß es noch irgend etwas zu „vollenden“ gehabt hätte, in welchem Sinne es auch sei; und wie kommt der Bleibende dazu, sich zu beklagen und als beklagenswürdig sich zu empfinden? Was sind seine wenigen Tage? Vom Leben aus allerdings alles, vom Jenseits gar nichts, es gibt ja keine Zeit, folglich auch keinen Überlebenden. Eine Trennung ist ja ein Ding der Unmöglichkeit — und das meine ich nicht als metaphysische Spitzfindigkeit, sondern als das Wahrste, Unsagbarste meines eigenen Selbst. — Das eigene Ich empfinde ich immerwährend als ganz und gar außerhalb der Erscheinungswelt; es ist eben jener „Kern des Daseins“, von dem Sie auch reden; und wenn, wie Sie meinen, das Leiden dahin führt, so erlöst das Leiden aus dem Leiden. Denn tragisch ist ja nur der Widerspruch; das eigentlich Daseiende kann keinen Widerspruch enthalten, ist also auch nicht tragisch. Mir scheint, der Verkehr mit den Toten ist das Schönste am Leben, so groß, so himmlisch heiter, so ruhig erhaben, der einzige, in den sich keinerlei Bitterkeit mischen kann, und gerade die Überlebenden sind es, die durch ihn verklärt werden...
    Ich lese das Geschriebene durch und sehe, es ist sehr „fiedelig“ ausgefallen, wie aller Verkehr, in größerem oder geringerem Grade, zwischen Lebenden. Da ich aber nicht die mindeste Ahnung habe über die Verständlichkeit, überhaupt über den Wert von dem selbst Gesprochenen, schicke ich es immer ab, so wie es gerade kam. Es gilt ja nur als Flügelschlag!
    Ihr in Ehrfurcht und Treue ergebener

Houston S. Chamberlain.


 
160-162 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Bayreuth, Wahnfried, den 19. Mai 1890.

    Mir ist es, als ob wir uns über Leben und Tod vollständig verstünden, mein Freund, nur daß Sie sich präziser, daher besser ausdrücken als wie ich. Ich weiß nicht, ob es Ihnen gehen wird wie mir, ob Sie im Alter so schwer sich über die innerlich ausgesöhntesten Dinge auslassen werden. So ungeängstigt ich in meinem Herzen bin, höre ich doch am liebsten dem Freunde zu, und seine Empfindungen, in den Äußerungen vielleicht verschieden, verschmelzen sich mit den meinigen ungefähr, wie man am Himmel beim Sonnenuntergang eine Farbe zur anderen werden sieht und sich sagt, daß Licht und Wärme, diese großen Einheiten, wohl die Wandelungen hervorbringen; aber das Wort von Stein oder seinem Paulus scheinen Sie mir nicht richtig verstanden zu haben, es liegt doch der Triumph der Menschenliebe darin, selbst über die Gottseligkeit, über das unaussprechliche Wohl der Einsamkeit. Wie habe ich dieses Wohl in den letzten Tagen empfunden! Eine Reihe von schmerzlichen Eindrücken ist uns wieder geworden, das Bellen unseres treuen Hundes, der letzte aus einem teuren großartigen Geschlecht, empfing uns bei unserer Rückkehr nicht mehr; meine Isolde liegt in Palermo fieberkrank, ich geriet mit einem teuersten Freund in einen Konflikt, welcher mir einmal wieder zeigte, wie mein armes Wesen in bestimmten Normen durchaus nicht untergebracht werden will; eine andere hoffnungsreiche Existenz sehe ich der Trivialität preisgegeben, dazu ein Unaussprechliches, und stündliche Sorgen um alles, was mir anvertraut ist. Und doch so ein Tag in der Stille des wahnfriedlichen Grünen, ein Blick auf den Tannhäuser, und mir ist es, als ob immer wieder das Herz mit der Amsel schlagen und jenen wundervollen Wachtelgesang Beethovens nachsingen könnte: Lobe Gott, denn er ist gut! Ich meine, es noch niemals so empfunden zu haben, was ein stiller Maitag ist, und wenn Sie mich über Leben und Tod befragen, so könnte ich Ihnen nur mit dem Zittern der Blätter, mit dem schwankenden Strahl der Sterne und mit dem empfangenen Vogelgesang erwidern, und wirklich, ich habe nur noch dieses eine Bedürfnis nach Frieden; ist es Leben, ist es Tod, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß es mich unfähig macht, das meiste, was die Menschen sich antuen, zu empfinden, und einzig zu diesem andächtigen Verlangen stimmen die Worte, die Sie mir jetzt entsendeten!
    Noch muß ich Ihnen für Ihren Brief über die Symphonischen Dichtungen danken; er hat mich innig gefreut. Ich glaube, man muß zu meinem Vater ein ganz direktes Verhältnis haben, um sich seiner Kompositionen zu erfreuen. Das Schönste darüber steht wohl im Briefwechsel [zwischen Wagner und Liszt, vgl. Brief Wagners vom 4. 3. 1854] über die Kantate an die Künstler. Wenn ich z. B. Préludes oder Tasso höre, so höre ich ganz direkt meinen Vater zu mir von dem Gleichnis des Irdischen, von dem Leiden des Genius in der Welt sprechen, ich folge dieser Sprache, und nichts läge mir ferner, als mich zu fragen, ob ich es hier mit einer guten oder nicht guten Komposition zu tun hätte. Wie gern hätte ich Sie, mein Freund, bei der Aufführung des  „P r o m e t h e u s“   bei mir gehabt; wiederum fühlten wir uns, meine Eva und ich, durch Gruppen von Nereiden und Tritonen an herrliche Buchten geführt und sahen den Dulder, den Menschenfreund, dem kein Leiden, keine Fessel das Aufjauchzen über das Aufkeimen seiner Saat verkürzen kann und dem ein Erlöser wird.
    Ich habe in Karlsruhe die „Heilige Elisabeth“ mit den dortigen Theaterkräften ganz durchgenommen, sie wird im November aufgeführt werden, am Ende kämen Sie dafür hin? Auch den „Rienzi“ hoffe ich, seinem Geiste nach wieder festzusetzen, und wenn mir auch dort die Volksmassen recht abgehen werden und der Hauptdarsteller sehr ungenügend sein wird, so ist doch für den Geist, in welchem gearbeitet wird, durch Mottl gesorgt. Er wird Sie in Wien aufsuchen, und es sollte mich freuen, wenn Sie beide miteinander einigen Verkehr hätten.
    Den „Hamlet“ meines Vaters kenne ich nicht. Ich weiß nicht, ob dies ein Zufall oder eine Fügung ist. Er sprach wenig über solche Dinge, so gut wie gar nicht in den letzten Jahren, und so habe ich gar kein Bild von seiner Konzeption des „Hamlet“.
    Gestern hatten wir Taufe bei Knieses; in dem redlichen Bestreben, mir den Gottesschöpfer des Kredos zurechtzulegen, verlor ich einen Teil der Andacht, die ich mitgebracht hatte, verlor den Heiland, den Heiligen Geist und sah einmal wieder, was es für ein erbärmliches Ding mit dem guten Willen und dem Zwang ist. Darauf fuhren wir nach Fantaisie, und ich erinnerte mich daran, daß ich bei meinem letzten Besuch lebhaft Ihrer gedachte und es Ihnen schrieb, so daß Sie förmlich für mich mit dem schönen Ort verknüpft sind. Sie passen, meine ich, auch sehr gut in eine solche Park- und Waldanlage, und wenn Sie mir kein eigensinniges Gesicht darauf machen, will ich dabeibleiben.
    „Wer gerne lebt, wird gerne sterben.“ Das unterschreibe ich ganz, und es kommt auf den Spruch hinaus, der von Schopenhauer gegeben sich mir einprägte: „In tristitia hilaris, in hilaritate tristis;“ hoffentlich zitierte ich ohne Fehler, ich hätte es jedenfalls lieber deutsch gesagt. Der Mensch ist aber dumm, zumal die Frau, zumalst
Ihre treu ergebene

C. Wagner.


 
162-163 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Mittwoch 21/5/90. 1 Blümelgasse. Wien.

    Wenn wir „in Korrespondenz“ stünden, hochverehrte Meisterin, so würde ich gewiß nicht die Taktlosigkeit begehen, Ihnen umgehend auf Ihren Brief vom 19ten zu antworten, den ich soeben, nach einem Frühgang im Schönbrunner Park, erhalten habe. Aber so unbescheiden bin ich nicht, mir die Sache so vorzustellen; Sie sagen heute „am liebsten hören Sie dem Freunde zu“, und mir ist es häufig (der Vergleich hinkt ja an allen vier Beinen, aber das macht nichts), mir ist es bei unserem Verkehr, als wären Sie der Held Siegfried, der sich auf einen Augenblick im Schatten der Bäume ausruht, und ich das „dumme Vöglein“, welches Ihnen vorschwatzt. Wenn das Geschwätz nur hin und wieder so gut zu den Bedürfnissen Ihrer Seele stimmen würde wie der Vogelgesang zu Siegfrieds, da könnte der liebe Gott mit sich selber zufrieden sein!
    Daß Sie mir Ihre Empfindungen über Leben und Tod mit dem „Zittern der Blätter, dem schwankenden Strahl der Sterne...“ mitteilen, das ist schön, und Sie wissen, daß ich Sie da am allerbesten verstehe. Gerade so, wie Sie mich verstehen werden, wenn ich oft empfinde, daß ein einziger Akkord mehr ausspricht von dem allen, was ich Ihnen sagen möchte, als alle Worte es jemals vermöchten. „La séculaire tristesse qui tient dans un tout petit accord au piano“ — es ist ja etwas anderes als das Blätterrauschen, als der Vogelsang, aber wie bald läuft die menschliche Stimme mit der anderen zusammen! Alle rufen sich „tat tvam asi“ zu!
    Gewiß, verehrte Meisterin, empfinde   i c h   es stets als das Schwerste (ich weiß nicht, ob „Tragischste“ richtiger wäre) an Ihrem jetzigen Leben, daß Sie auf der einen Seite, sowohl durch die Art Ihrer Begabung als durch Ihr ganzes Lebensschicksal, nicht nur ein Recht zum Lossagen von allen diesseitigen Interessen besitzen, sondern tatsächlich von dem Tun und Lassen, von dem ganzen Streben der Menschen gänzlich abgesondert sind, während Sie doch auf der anderen Seite noch in der Welt Schlachten liefern müssen, was Sie doch nicht anders können, als, indem Sie sich mitten ins Getümmel stürzen, wo Sie nicht bloß der allumfassenden Gemeinheit preisgegeben sind, sondern jene schmerzlichen Eindrücke (auf die Sie hinweisen) Ihnen gar nicht erspart bleiben können, auch bei den Besten und Edelsten, auch bei den Treuesten gar häufig in schroffster Weise auf Unzulänglichkeiten zu stoßen. Und was sind die materiellen Unzulänglichkeiten dem plötzlichen Gewahrwerden gegenüber, daß man auch mitten im Kreise der aufopferungsvollsten Besten doch im eigentlichsten Sinne   g ä n z l i c h   vereinsamt steht? Steht man nicht im Getümmel, kann man sich abseits im Walde hinlegen (und welch Lebender hätte mehr wie Sie das Recht
„De cheminer loin des femmes et des hommes,
Dans le frais oubli de ce qui nous exile“ —?),
da ist dieser Schmerz durchaus nicht so „poignant“, so grausam; da kann die ganze Anschauung eine still-verklärte werden, der Widerspruch lebt weiter — er berührt aber weniger —‚ die ganze Welt wird gewissermaßen von der anderen Seite erfaßt, und indem man sein intellektuelles Ich (um mich sehr ungeschickt auszudrücken) vollständig opfert, es den Dümmsten unter die Füße legt, so wird man auch vom Mißverstandensein und von der Einsamkeit erlöst; die Elisabeth ist im stillen Walde nicht mehr einsam, und die Armen, denen sie ihr letztes Brot gibt, verstehen sie recht gut. Ihr Schicksal aber, verehrte Meisterin, ist es, in der Welt wirken zu   m ü s s e n,   wiewohl Sie gar nicht mehr in dieselbe hineingehören. Wie oft mögen Sie, wie mein so früh verstorbener Dichterfreund Laforgue, ausrufen: „Oh! qui jettera un pont entre mon coeur et le présent?“ Und die himmlische Heiterkeit Ihres „ungeängstigten Herzens“ wird immer wieder auf vorübergehende, schmerzliche Augenblicke getrübt. Schön, daß Sie sich Giordano Brunos „in tristitia hilaris“ auch zum Wahlspruch erkoren; es ist einer der häufigen „Zettel“ auf meiner Stubenwand.

*

    Ich werde unterbrochen. Der Morgengruß des schwatzenden Vögleins ist ja auch lang genug für die knappe diesseitige Zeit.
    In ehrfurchtsvollster, treuer Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


 
164-165 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 30. Mai 1890.

    Wiederum ist es eine Wanderung, die mich zu Ihnen führt, mein Freund. Nach etlichen trüben, naßkalten Tagen schien gestern die Sonne wieder, wir folgten dem Gang nach Eremitage, bogen zu einer Anhöhe rechts hinauf, und inmitten eines hier seltenen Wiesenblumenreichtums kamen Sie uns entgegen, und wir sprachen von Ihnen. Heute sind wir durch Wind und Wetter wieder eingesperrt, und der Gedanke soll sich zum Wort verdichten.
    Ich habe in diesen Tagen ein Buch wieder gelesen, für welches ich als junge Frau geschwärmt habe und das mir dadurch nicht mehr so ganz traulich ist, als die germanische Weltanschauung und Empfindung mich völlig absorbiert hat. So viel und Bedeutendes ist aber an dem „Lys dans la vallée“, daß ich jetzt noch Balzac für die gestaltende Kraft Frankreichs halte. In diesem Buche spielen nun seltsamerweise die Feldblumen bedeutend mit, und es war ein artiges Zusammentreffen, daß sie, wie vielleicht kaum je zuvor, gestern zu mir sprachen.
    Ich glaube, es ist kein Buch für Männer. Es erheischt zu seiner Lektüre die hauptweibliche Tugend, die Faust mit solchem Fug verwünscht und welche die Prinzessin wie mit einem Angstschrei als die Summe ihres Daseins angibt: Geduld! Ferner kann nur eine Frau, glaube ich, dieses Seelengewebe in allen seinen Fäden verfolgen. Ich entsinne mich, in meiner Jugend tief gekränkt dadurch gewesen zu sein, daß ein Freund mir mit anderen Papieren ein Kuvert mit meiner Handschrift zurückschickte. Schlaflose Nächte und ewiges Schweigen, kurz, das Absurde in optima forma entsprang daraus. Kein Mensch kann das verstehen, der Dichter aber merkt es.
    Noch eine andere fremdländische Erscheinung hat uns in den letzten Zeiten sehr beschäftigt, es ist Chopin, dessen Eigenart und vornehme Größe sehr tief in uns eingedrungen ist. Kennen Sie seine Lieder? Ich weiß wenige solcher, wo man derart das Gefühl hat, daß das Volk durch den Künstler singt.
    Im übrigen hat uns Reineke Fuchs die Pfingsttage erheitert und Fidelio (durch einen vorzüglichen Aufsatz von Berlioz eingeleitet) zum größeren Teile bedrückt, in einigem ergriffen und erhoben. — Da haben Sie unser Leben, denn an diese Beschäftigungen reiben sich auch unsere Gespräche an.
    Wie ist der Besuch von Mr. Boissier abgelaufen? Wenn er etwas für unsere Sache tun will, so hat er im nächsten Jahre die schönste Gelegenheit, wo, auch wenn wir bis zum letzten Platz verkaufen und nicht einen einzigen Freisitz geben, wir doch ein bedeutendes Defizit haben müssen, weil unsere Ausgaben um ein Beträchtliches unsere höchsten Einnahmen übersteigen. Gott wird helfen, sage ich mir, um die Sorgen einzuwiegen.
    Über Ihr letztes Schreiben sage ich Ihnen nichts; sagen Sie sich alles selbst, indem Sie sich wiederholen, daß in den Augenblicken, wo die Schranken sich mir lösen, was nur in der Musik oder in der Natur mir wird, Sie mir nahe sind. Ich grüße das Vöglein und würde ihm sehr gern wie der Schuster im „Machandelbaum“ [in Grimms „Kinder- un Hausmärchen“] ein Paar rote Schuhe schenken, damit er wieder sänge!

C. Wagner.


 
165-166 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Semmering, 7/6/90.

    Stimmungsakkord: „L'anima sua si slancia fuori del creato, e si crea nel infinito un Mondo tutto per esso, diverso assai da questo oscuro e pauroso baratro.“ — Wenigstens hat mich, hochverehrte Meisterin, dieses „si slancia fuori“ einige Tage fast zu buchstäblich beherrscht und das goldene Gleichgewicht beinahe bedroht. Aber gestern, trotz nachschleppender Schmerzreste, konnte ich meine ewige Sehnsucht, überall den höchsten Berggipfel zu erklettern, erfüllen; und Auge und Seele konnten wirklich schwelgen, von den langen Gletscherreihen im Südwesten bis zu der grenzenlosen Wellenebene Ungarns im Nordosten. Die Welt und wir, wir sind doch organisiert, um aneinander die höchste Wonne zu erleben; ich kann Ihnen gar nicht sagen, mit welchem Entzücken ich das Auge über dieses weite Stück Welt schweifen ließ! Traurig gewiß, ich meine, voll Trauer schaut jeder Berg und jedes Tal aus, gleichviel ob im hellen Sonnenschein oder im Schatten der unerbittlich daherziehenden Wolken; übersieht man weite Fernen, so ist mir immer, als wäre die ganze Welt von der allertiefsten Melancholie durchdrungen, gewissermaßen in dieselbe eingetaucht und von ihr ganz durchsättigt (ein ganz anderer Eindruck, als man vom   e i n z e l n e n   Tal, vom   e i n z e l n e n   Wald, in dem man wandert, bekommt, und der bisweilen ganz harmlos heiter sein kann); aber die Welt ist so unendlich, so unaussprechlich   s c h ö n!   Sie umarmen und küssen und den Kopf darauflegen — und jene wahren Tränen weinen, die weder Schmerz noch Freude sagen oder beides, wie man will, nur das Durchdrungensein von jener allgemeinen, alles überragenden, alles durchdringenden Schönheit, welche Shelley so schön bezeichnet:
„...that Beauty
Which penetrates and clasps and fills the world;
Scarce visible from extreme loveliness.“
    Die Welt als „oscuro baratro“ betrachten, das ist im Grunde leicht; es ist die erste, aber auch die unterste Stufe der Erkenntnis. Aber ihre „extreme loveliness“ mit schrankenloser Überschwenglichkeit empfinden, das kaum Sichtbare vor Übermaß dennoch sehen lernen, so viel möglich,   n u r   noch dieses sehen — wäre das nicht die einzige Wahrheit, die uns im Diesseitigen blühen kann? Un