Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888—1908

Wiener Zeit I, Seite 125—203




125-127

Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit

Aus dem Jahre 1889


[Im Herbst 1889 siedelte Chamberlain von Dresden nach Wien über. „Lebenswege meines Denkens“, S. 113.]

Bayreuth, Wahnfried, den 4. November 1889.


    Alle diese Tage, die uns in den Winter hineinführen, frage ich mich, ob Sie unserer gedenken? Und meine Antwort auf diese Frage ist ein so bestimmtes „Ja“, daß ich zugleich nicht begreife, wie sie in mir entstehen konnte, und sie Ihnen mitteilen muß, mein lieber Freund.
    In Berlin, wo ich mich 8 Tage aufhielt, habe ich viel an Sie gedacht, sei es, daß mein stilles Hotel, in welchem ich so ziemlich allein wohnte, mir ein rechter Kontrast zu Ihrem Zentralbau erschien, sei es, daß ich in den Kgl. Schauspielhäusern klassische Werke mit sehr gemischten Empfindungen betrachtete, oder daß ich die vier Treppen Santen Kolffs bestieg und die Posaunen-Freuden mir vorstellte, oder aber in einem Erguß an den Vereinsvorstand mich der lieben Spanier erinnerte, die Sie mir vorgestellt, schließlich — wenn es auch der Schluß nicht war —‚ indem mir bei dem Wiedersehen Klindworths Ihr schöner Vergleich zwischen seiner und B.s Direktion in den Sinn kam. — Kurz vor meiner Abreise hatte ich Ihren großen Brief [vom 21. Juni] gelesen. Ich sage gelesen, weil, als ich ihn erhielt, ich ihn nur flüchtig übersehen konnte und Ihrem Wunsche gemäß beiseite für eine ruhige Zeit gab. Die Vornehmung der Shakespeareschen Historien, bei welchen manches in der Übersetzung mich stutzig machte, ließ es mich begreifen, wie der Engländer sich zu dem Werke verhalten   m u ß,   vor welchem wir Deutsche zu großer Ehrerbietung verpflichtet sind. Ob aber der Fremde Shakespeare nicht lieben kann, möchte doch dahingestellt sein. Mir ist es zuweilen, als ob ich ihn plötzlich sprechen hörte. — Wie ich bei Helmholtz war und den Phonographen kennenlernte, gedachte ich Ihrer Auslassung über die Naturwissenschaft. Helmholtz ist selbst ein Beispiel von jener Kindlichkeit und Einfachheit, wie Sie sie an den großen Entdeckern unserer Zeit mir rühmen. Aber, Freund, haben nicht von je die Völker sich mit Naturkunde beschäftigt, wenn auch in anderer Weise? Und sind nicht Galilei, Kopernikus, Kepler, Newton, ja, bis in das Mittelalter hinein, Albertus Magnus, Geister von ebensolcher Größe gewesen? Und wenn man von positiver Wissenschaft spricht, so kann man doch gewiß nie von absoluter Wissenschaft sprechen. Wer möchte irgendeine Bereicherung des menschlichen Geistes nicht verehren! Allein wenn Sie sagen, daß, wer den Naturwissenschaften fremd bleibt, gerade heutzutage so ist, wie einer, der unmusikalisch ist, so streichen Sie ja uns arme Frauen gänzlich aus dem geistigen Leben, denn in der Wissenschaft dilettieren ist doch eine Absurdität, und wir Frauen sind doch die Dilettanten par excellence. Dieses soll aber kein Streiten sein. Alles Leben, alles Lebendige ist heilig, und jede Forschung dieses Heiligen verehrungswürdig. Daß große, dünkelhafte Mißbräuche sich an diese Forschung knüpfen, ist das Los alles Irdischen, und tragen große Menschen ebensowenig Verantwortung dafür, wie Schopenhauer für das „Unbewußte“ von Hartmann und wie Kant für seine sogenannten Nachfolger.
    Wie befinden Sie sich in Wien? Haben Sie einigen Ihnen entsprechenden Umgang? Durch meine Tochter Thode erfuhr ich, daß Sie gern in Paris waren. Ich verstehe es vollkommen, dort ist alles einheitlich, geschickt; bei uns möchte man immer verzweifeln! Wenn Sie wüßten, wie schwer ich nach den „Triumphen“ dieses Sommers mit meinem armen „Tannhäuser“ vorwärtskomme. Fast einzig ermutigend war mir das strahlende Gesicht der Orchestermusiker (die Bayreuther), wie sie uns erblickten und dann begrüßten. In der absoluten Stille, in welcher wir jetzt leben, trägt es sich leichter, indem die Bestimmung ihr mächtiges Wort zu einem spricht, während sie im Getriebe draußen zur vollständigen Verstummung verurteilt wird.
    Daß Siegfried uns verlassen, wissen Sie wohl. Er ist vielleicht der erste, der Musik ernsthaft studiert, ohne sie ausüben zu sollen und ohne ein Instrument zu spielen. Hauptsache war mir dabei, ihn nicht von einer Schule in die andere zu schicken, sondern ihm ein freies Jahr mit ihm entsprechender Beschäftigung zu gönnen.
    Nun aber leben Sie wohl, teuerer Freund, am Ende kreuzen sich unsere Briefe! Denn ich habe so die Idee, daß Sie von dem Sommer nicht den entscheidenden Abschied nehmen, den die Stubenheizung und die kurzen Tage bedeuten, ohne — etwa beim Hereinbringen der Lampe, was so zur Stille und Sammlung auffordert — des Punktes zu gedenken, dem Sie im Geiste angehören, und der Wächterin dieses Punktes der Erde, so winzig klein und so unendlich.
    Seien Sie und Ihre liebe Frau von uns dreien in wärmster Herzlichkeit gegrüßt!

C. Wagner.


 
127-129 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.

7. November 1889. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Nein, hochverehrte Meisterin, die Briefe haben sich nicht gekreuzt, zu meiner größeren Schande, sonst aber hatten Sie in allem recht. Wenn ich der zahllosen Briefe gedenke, die ich Ihnen in dieser ganzen Zeit in Gedanken geschrieben habe, Briefe vor dem Eiffelturm, dem Palais des Machines und allen übrigen   e i s e r n e n   Gebäuden, welche mein Herz mit Freude erfüllten in der Hoffnung, daß wir endlich zu einem unseren Weltteilen geeigneten Baumaterial und folglich auch zu einem eignen, wahren Baustil gelangen werden (was allerdings in der Ausführung nur selten auch dort anzutreffen war, da die Herren den Kopf noch voll Klassizismus haben und noch immer nicht ahnen, daß die Sonne Homers uns eben   n i c h t   scheint, und Klima, Licht, soziale Zustände ein gänzlich anderes erfordern, an ein oder zwei Ecken war aber ein entzückender Anfang, namentlich in dem Palast von Guatemala, wo sogar die elektrischen Glühlichter zu einer ganz originellen, phantasievollen Dekoration verwendet waren); Briefe in dem Rausche der herrlichen Gemälde der französischen Exposition centennale, ach! Diese Landschaften! (Landschaften ohne die Sonntagstiroler und Opernalpenglühen der deutschen Maler), denken Sie sich über 40 Corots! über 40 Millets! Zahlreiche Rousseaus, Decamps, Duprés, Troyons — nun, darüber, wenn Sie es gestatten, wie über manches andere, ein anderes Mal, heute sage ich Ihnen nur, daß jenes Meisterwort aus vielen Bildern mir entgegenjubelte: „Die Landschaftsmalerei sei der letzte und vollendete Abschluß aller bildenden Kunst“ [Richard Wagner, „Das Kunstwerk der Zukunft“], und wie sollte ich anders als immerwährend mich mit Ihnen, verehrteste Meisterin, unterhalten? Und Ihnen von dieser unsagbar großen Freude erzählen? Bei der   e c h t e n   ungarischen Kapelle schrieb ich Ihnen auch viel, namentlich wenn der gute Wein des Restaurant Hongrois mir die Zunge gelöst hatte. Nicht eine jener sog. ungarischen Kapellen, die jetzt überall paradieren und auch an der Ausstellung grassierten, in rotem Affenzirkusröckchen etc., sondern Kerle, die wie Droschkenkutscher aussahen, die Besseren unter ihnen wie Coiffeurs, und die nun eine Musik spielten...! Neben ihnen gab es nur noch eine Musik, die mich nicht wegjagte, die der Javanesen, eine   O f f e n b a r u n g   der tropischen Natur und der ganzen Seele dieser sympathischen Menschenrasse, wie sie aus keinem Studium hervorgehen könnte, doch auch dieses Kapitel bleibe reserviert! Manche andere Briefe gab es noch aus Paris, denn jeder Tag war voll des Interessanten, und manches Merkwürdige erlebte ich; dann kam mindestens   e i n   Brief im Orientexpreß; dann während eines ganz schrecklichen ersten Monats in Wien (schlechtes Wetter, krank, keine Möglichkeit, eine passende Wohnung zu finden) nicht mehr tägliche Briefe, aber ein gewiß sehr rührender, denn ich hatte mich dazu verleiten lassen, eine „Meistersinger“-Aufführung zu besuchen, und ich vergaß mein eignes Leiden, so bitterlich weinte ich für Sie und mit Ihnen, und selbst bei einem derartigen Theaterbrei (selbst bei den  T r a n s p o s i t i o n e n   ganzer Waltherpassagen etc., die notabene kein Kritiker zu bemerken scheint), immer wieder diese glorreiche, siegreiche, heldenhafte Schönheit — es war zuviel des Konfliktes, auch für meine liebe, mitfühlende Frau, und wir rannten weg. Wenn ich nun, wie ich wohl irgendwo auf der ersten Seite bereits bemerkt habe, dieser zahllosen Briefe gedenke, so freue ich mich fast, daß ich sie nicht schrieb, denn für solche rücksichtslose Aufdringlichkeit wäre ich gewiß aus der Zahl derer verbannt worden, deren Briefe Sie selbst lesen, verehrteste Meisterin, und ich wäre von Stufe zu Stufe gesunken bis zu denen, deren Epistel nur noch von der Freia [Neufundländer Wahnfrieds] beschnuppert werden!   J e t z t   bin ich vor Exzessen nur zu sicher bewahrt. In diesem Augenblick, während ich Ihnen schreibe   (d i e   e r s t e n   W o r t e   auf meinem alten, eignen Schreibtisch!), bin ich ganz gebrochen vor Müdigkeit, denn außer meinen Studien bin ich den ganzen Tag mit Auspacken, Einrichten etc. beschäftigt; wir ließen uns unsere eigenen Sachen aus Genf schicken, und die 227 Colis kamen vor 2 Tagen an! Da täte ein Phonograph not, und Sie würden aus der ermatteten Stimme so viel lesen, wie ich aus den javanesischen Glocken und Geigen! Übrigens geht es mir erstaunlich gut, wie noch nie seit 84; ich bin von übermütigster Ausgelassenheit, und selbst bei bisweilen heftigen Schmerzen im Gehirn fühle ich mich glücklich und energisch.
    Die Naturwissenschaft, Shakespeare, ja selbst der noch viel wichtigere Wiener Wagnerverein, die homerischen Schlachten, die in demselben von 7½ bis Mitternacht geliefert werden, alles muß ruhen; nur so viel, daß ich hier als der „berühmte Herr von Tschamberlan“ bekannt bin, niemand weiß genau, wofür ich eigentlich   b e r ü h m t   bin, ich auch nicht, aber mehr wie Ruhm kann kein Sterblicher verlangen; ich bedauere nur die Kulturhistoriker der Zukunft, welche nicht wissen werden, was sie von mir sagen, und in welches Museum sie mich stecken sollen.
    In ehrfurchtsvoller Treue Ihnen ergeben

Houston S. Chamberlain.


 
129-131 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.

Wahnfried, den 24. November 1889.

    Es ist wirklich grauenhaft, mein Freund, was für ein Riß zwischen uns und der Natur geschehen ist. Gott gebe, daß die Naturwissenschaft ihn ausfülle. Ich sagte mir: nebst dem, daß der Hase viel besser ist als sein Jäger, ist er doch auch viel vollendeter. Was ich von den jetzigen Erfindungen zu sehen bekomme, bringt mir aber die Beschränkung des Menschen immer näher, während jedes echte dichterische Werk nur das Unbegrenzte, ja, das Göttliche des menschlichen Geistes zu immer erneuertem und gesteigertem Staunen offenbart; es ist wie Flügelmaschine und Vogelfittiche. Bitte, die ermattete Stimme hört man aus dem Phonographen nicht, nur die Sprechweise, lispeln, stottern etc., also das Seelenlose.
    Ihre Freude an der Musik der Javanesen und an diesen Menschen erinnerte mich daran, daß es mir schwer war, Gobineaus Ausspruch, die Musik sei bei den Negern zu Hause (ich weiß schon sehr gut, daß die Javanesen keine Neger sind), nachzudenken; allmählich empfand ich, daß es in der Unschuld dieser Art Menschen, in ihrer Kindlichkeit liegen müsse.
    Was die eisernen Gebäude betrifft, so halte ich es mehr mit den Baumeistern als mit dem Material, und wer einmal ein richtiges eignes Bedürfnis hat, wird sich auch mit Sandstein das rechte nordische Haus bauen. Aber Ihre Freude an dem Eisen heimelte mich ganz an, denn mein Vater schwärmte für solche Konstruktionen. Ich aber werde jeden Tag unmoderner und unausstelliger (geben Sie mir ja kein  h  in dieses Wort hinein), und ich will Ihnen gleich erzählen, warum. Meine erste Tannhäuser-Szene hat mich zu Winckelmann, nach Tanagra und sonstwo in diese Gegenden geführt, Sagen und Gebräuche der Hellenen ziehen an mir vorbei, und durch die wunderbare Erfassung derselben fühle ich mich recht eigentlich im Kunstwerk der Zukunft, da ist mir wohl, da ist alles heilig, lebendig, alles schön und sinnig, und ich möchte diese Welt nur verlassen, um sie auf unserem Hügel zu verwirklichen.
    Ja, sogar die Vereinsschlachten würden mich nicht verlocken, ich kann sie mir vorstellen. Denken Sie nur, was mir mit diesem Verein geschehen ist: da wir für den „Tannhäuser“ ein Ausgabenbudget von 500 000 Mark haben, schien mir der eiserne Fonds von 11 000 Mark ziemlich absurd, und ich machte den Vorschlag, ihn flüssig zu machen, um irgendeinen Minimalposten zu bestreiten. Rundweg abgeschlagen.
    Das zweite: Wie ich Briefe [Richard Wagners] aus seinem Museum in sehr unwürdigen Zeitungen abgedruckt sah, bat ich Oesterlein, mir zu erlauben, Abschriften zu nehmen, um in einer würdigen Veröffentlichung diese Blätter zu vereinigen, und aus der Schande, die ihnen angetan wird, zu retten. Auch abgeschlagen.
    Doch erzähle ich Ihnen dies ohne jede Erbitterung. Ich stehe auf einem förmlich gemütlichen Fuß mit solchen Erfahrungen, erkenne sie wie gute alte Bekannte, möchte sie bei Namen nennen, Lene oder Lotte, finde sie immer zwar etwas älter geworden, denke aber nie dabei an diejenigen, die sie mir zuführen. Und da Klappern zum Handwerk gehört und ich ein sehr stiller Gast bin, sage ich mir, daß der Verein das Klappern übernimmt und vermutlich diese Sache vorzüglich besorgt.
    Denken Sie sich, daß ich Ihnen einen Auftrag am das Theater geben wollte, wegen Pläne etc., ich schauderte aber vor dem zurück, wohin ich Sie führte, vor der Unpünktlichkeit, Ungenauigkeit, kurz und gut alles, was Sie da kennenlernen würden. Heute aber komme ich mit einer ebenso ernsten als unglaublichen Bitte: Können Sie mir ein Genie entdecken, und zwar ein solches, welches mir nach meinen Angaben die erste Szene [„Tannhäuser“ (Venusberg)] ausführen würde? Es muß jemand sein, der vom Theatermetier ist, vielleicht verkommen, Gott weiß, wie und wo sich herumtreibend. Ich habe zwar keine Idee, mit wem Sie in Wien verkehren, und ob Sie zu derlei auch nur entfernt gelangen können (das Museum und der Verein bringen es Ihnen gewiß nicht). Eine Hauptbedingung ist die virtuose Kenntnis der Bühne, der Mann muß alles vormachen können. Am Ende verhilft Ihnen Ihre „Berühmtheit“ zu den nötigen Beziehungen. Mir ist dabei die mysteriöse Art derselben von besonderem Wert, denn dann komme ich nicht in die Zeitungen. Vormachen muß der Mann alles können, nicht bloß so sagen. Also eine Art unmöglicher Ballettmeister.
    Ferner, ist es Ihnen zuviel zugemutet, Sie zu bitten, für mich ein Ballett anzusehen und mir zu sagen, ob Jünglinge da sind? 2tens: die Grazien (durchaus jugendlich), 3tens: Europa und Leda, die eine mit heiterer Schönheit, die andere niobeartig, tragisch. Ich sehe mich jetzt so ziemlich überall um, ja selbst in Mailand, wo mein vortrefflicher Kniese die Chöre der „Meistersinger“ übernommen hat.
    Ich kann mir Ihre Qual in der Wiener Aufführung denken. „Tristan“ soll 2½ Stunden jetzt in Wien dauern!
    Ich kenne in Wien einen sehr gescheiten Menschen, Kunsthistoriker, mit welchem ich vorzüglich übereinstimmte mit Ausnahme von drei Punkten:  R e u e   (die läßt er nicht gelten, da geht denn der ganze „Tannhäuser“ zum Kuckuck),   S c h i l l e r   (den mag er einfach nicht) und   I b s e n,   den stellt er hoch. Das wären nun herrliche Anknüpfungspunkte für Sie, aber es hat einen Schneider mit der Vermittlung von Bekanntschaften, namentlich zwischen den unausstehlichen (diesmal bitte das h) Männern. Deshalb nenne ich meinem Freund nicht; sollten Sie ihm aber begegnen und ihn erkennen (das wäre ein Triumph), dann grüßen Sie ihn herzlich von mir; weiter sage ich nichts.
    Daß Sie die ersten Zeilen auf Ihrem Schreibtisch an mich schrieben, hat mich damit versöhnt, daß wir uns nicht kreuzten. Haben Sie davon gehört, daß jetzt, wo wir den „Tannhäuser“ ankündigten, überall die neue Szene gegeben wird — meine Tochter Isolde meinte neulich, der liebe Gott habe große Ähnlichkeit mit Goethe, er sei so gleichgültig, ich kann da im Bunde der Dritte sein, und mit dem lieben und guten Gott noch als Dummen mich zugesellen, denn ich bring's zu keiner Ereiferung mehr außer da, wo ich liebe. — Da fallen mir Freia und der Vogel ein, deren Sie so freundlich gedenken. (Es geht ihnen gut, hoffentlich Mime auch.
    Nun aber leben Sie wohl, meine Mädchen grüßen Sie und Ihre liebe Frau auf das herzlichste, ich gleichfalls, das versteht sich, mit den wärmsten Wünschen für Ihr Wohlergehen!

C. Wagner.


 
132-133 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.

27. 11. 89. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    In einer schönen Upanishad sagt ein Jünger seinem Meister, was er alles wisse, den Rig-Veda, den Yajur-Veda, den Sama-Veda, als viertes den Atharva-Veda, als fünftes den Itihâsa-Purâna, und so geht es eine ganze Seite. Da erwidert ihm der weise Sanatkumara, dies sei alles nur   e i n   N a m e.   Und was ist der Schluß seiner Betrachtungen darüber, daß dies alles doch eben nur   N a m e n   seien? Etwa wie die Buddhisten, die Veden zu verwerfen? Im Gegenteil! Hat sein Jünger wohl begriffen, daß dies alles kein Wissen, sondern nur   N a m e   sei, dann soll er sich in den Sinn dieser Namen versenken. „All these are a Name only.   M e d i t a t e   o n   t h e   N a m e !“   Und gerade von dieser Meditation on the Name aus führt er ihn hinauf zur höchsten Erkenntnis. Und wenn ich Ihnen also doch danke — ich meine für Ihre Freundschaft danke, welche jeder liebe Poststempel: „Bayreuth“ mir bezeugt —‚ so füge ich gleich hinzu „this is a   N a m e   only“, und die Bitte: „Meditate on the Name!“
    Und wie ich Ihnen neulich sagte, verehrteste Meisterin, Sie können schon glauben, daß das Herz das beste an mir ist, so daß ich gewissermaßen alles mit gleicher Liebe und Interesse empfange, ob Sie mir nun von Ihrer großen Lebensaufgabe sprechen, oder von Schiller und Ibsen und Kant oder auch nur erzählen, daß Ihr Papagei Hühneraugen bekommen hat!
    Hieran anknüpfend — ich meine an mein Herz, nicht an die Papageiaugen — bitte ich Sie auch inständig, nie zu übersehen, daß ich viel zu wenig „intellectual“ bin, vielleicht überhaupt zu wenig gebildet, um über allerhand weittragende Dinge bestimmte Meinungen und Überzeugungen zu haben. Was weiß   i c h   denn von Schiller? Gar nichts — als daß ich vom ersten Augenblick an, wo ich einige Worte Deutsch verstand, für ihn schwärmte, teils wegen einiger gelesenen und immer wieder gelesenen Gedichte, teils instinktiv (ich entsinne mich sogar, daß ein hübsches deutsches Gretchen mich verhöhnte und meinte, „Sie können kaum 3 Worte Deutsch, und Sie schwärmen schon für Schiller!“), und dann weiß ich, daß jedes sog. Drama, das ich von ihm gehört habe (3 glaube ich), mich in weißglühende Wut versetzt hat. — Ibsen? Nun, von ihm weiß ich, daß er in zwei Werken ganz reizende, mir unvergeßlich bleibende Augenblicke auf die Szene gesetzt hat, ja,   A u g e n   B l i c k e,   mit jenen tiefen, ruhigen norwegischen Augen so recht in die Tiefe des Menschenherzens geblickt und ganz wahr, ganz ohne deklamatorisches Pathos, und noch dazu (für mich die größte Eigenschaft) so bühnenmäßig, daß die Sachen   n u r   auf der Bühne wirken können; das ist kein geringes Lob, aber ich kenne nur 2 Schauspiele, weiß sonst nichts von ihm und habe im ganzen den Eindruck eines liebenswürdigen und achtungswerten Talentes und bin ihm namentlich dankbar für die Erinnerungen an meine Reise in Norwegen. — Und nun die   R e u e !?   Da schwimme ich wirklich auf offenem Meere (wobei allerdings mir gemütlicher zumute ist als bei Diskussionen über Schiller und Ibsen!). Ist Reue (wie gewiß oft der Fall) eine Schwächung des Willens, ein Lahmlegen der wahren Erkenntnis, so kann ich nur mit Spinoza wünschen, daß man sich von solch überflüssigem Feind befreie, ist aber die Reue, wie bei Tannhäuser, der einzig mächtige Impuls, der dort siegt, wo weder Überdruß noch selbst Liebe es vermochte, in Sinn die Torheit zu wenden, ist es Reue, die den Sündigen zum Heil führt — ja! was hat das für einen Sinn, für eine Bedeutung, wenn einer da „die Reue nicht gelten lassen will“?
    Bald, hoffe ich, sende ich Ihnen vernünftigere Zeilen, behandle die Themen Ballett, Genie etc. und erzähle Ihnen einiges Ergötzliche.
    Ihnen in Ehrfurcht und Treue und Dankbarkeit ergeben

Houston S. Chamberlain.


 
133-138 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1889.

22. Dezember 1889. 1 Blümelgasse. Wien VI.

Stimmungsmotto:
„When thou hast surrendered all this,
then thou mayest enjoy! — Though a man
may wish to live a hundred years performing works,
it will be thus with him: work will not cling to a man.“
(Isâ-Upanishad)
    Schon längst wäre ich so frei gewesen, hochverehrte Meisterin, auf Ihre Anfragen und Bemerkungen bezüglich   B a l l e t t ä n z e r i n n e n,   die sich als würdig von Jupiters Liebe gebärdeten,   G e n i e s,   die nicht bloß wahre schöpferische Genies wären (die echte Intuition mit der sofortigen praktischen Ausführung vereinigend), sondern gleichzeitig so dozil, daß sie alles nach Ihren Angaben zu machen bereit wären — etc., zu antworten. Das waren allerdings Aufgaben, ähnlich denen, die in Märchen häufig gestellt werden; ich vertraute aber auch ganz auf das Erscheinen einer guten Hexe, die mir zwei Nüßchen reichen würde, in deren einem eine Leda und im anderen ein lenkbares Genie gekauert hätten, und so wollte ich wie die Märchenritter mich einfach aufs Pferd setzen und wegreiten durch den dunkeln Wald, um das Geforderte zu suchen, das heißt in der Gewandung des XIX. Jahrhunderts: in Oper und Theatern (und wohl noch eher in gewöhnlicheren Lokalen, wo man inmitten des abschreckend Gemeinen hin und wieder auf urwüchsigen menschlichen Adel stößt, der durch keine Kultur „verdressiert“ wurde), um die Göttin zu finden; und was das Genie anbelangt, ich dachte daran, ein Tramwayabonnement zu nehmen, da ich jene Herren in Verdacht habe, daß sie den Tag über meist auf der Pferdeeisenbahn sitzen (nach Menschen suchend, von denen sie begriffen würden). Aber aus alledem wurde nichts, ich mußte sogar meine eigene tägliche Arbeit einstellen. Es bleibt mir augenblicklich nichts anderes übrig, als die Hexe mit den Nüßchen zu bitten, sie möchte sich zu mir hinaufbemühen. Wer weiß, vielleicht bringt sie sie mir zum Weihnachtsabend? Oder, was noch viel praktischer wäre, gleich   I h n e n   nach Frankfurt und legt sie unter Ihren Baum! Das würde ihr einen Ritt auf dem Besenstiel bei diesem schlechten Wetter sparen (denn ich müßte sie ja doch gleich zu Ihnen schicken). — Jedenfalls rate ich sehr dazu, die Nüsse alle mit Vorsicht aufzuknacken, denn eine Leda mit einem Bein oder ein Genie ohne Kopf — es wäre „zeitgemäß“, aber für Bayreuth schade.
    Ich versichere Ihnen, verehrte Meisterin, daß es mir ein wahres und schmerzliches Entsagen ist, auf so manches in Ihren Briefen gar nicht eingehen zu können. Namentlich kocht und siedet es in mir, Ihnen auf Ihre Bemerkung betreffend   P h o n o g r a p h   u n d   S e e l e   zu erwidern. Nein! Ist das eine Häresie! So eine altertümliche, scholastische Auffassung, daß man gar nicht weiß, wo man sie eigentlich anfassen soll, und man gern den alten, bissigen Schopenhauer zu Hilfe rufen möchte! „Das Seelenlose“ — ja, was soll man darunter verstehen? Schopenhauer gibt sich — und mit Recht — Mühe, nachzuweisen, daß es keine Seele gibt, daß diesem Begriffe nichts Wirkliches entspricht (vgl. „Welt a. W. u. V.“, Seite 1 bis Schluß), und er würde Ihnen jedenfalls am allerdeutlichsten, schlagendsten und bündigsten nachweisen (wie alle, welche die Welt aus einem einzigen Prinzip heraus erklären, gleichviel welches), daß, auf der anderen Seite, in   j e d e r   Willensäußerung, wie sie auch gestaltet sein mag und wie sie sich auch kundtut, dasjenige liegt, welches man einzig als „Seele“ ansprechen kann. Wenn die Stimme eines Menschen in das Ohr eines anderen dringt, so geschieht doch an und für sich nichts,   g a r   n i c h t s   weiter, als daß durch sehr komplizierte Luftwellen die zahlreichen Endigungen des Gehörnerven in Bewegung gesetzt werden. Inwiefern kann dieser Vorgang ein „seelenvoller“ genannt werden? An und für sich ist er doch nicht seelenvoller als die Verbindung von Sauerstoff und Wasserstoff zu Wasser durch Elektrolyse, oder was Sie sonst wollen. Mit Recht kann man doch gewiß nur dasjenige „Seele“ nennen und als „seelenvoll“ ansprechen, welches zu dem ganz x-beliebigen und „pis-aller“-Mittel der langweiligen Luftwellenerzeugung griff, um sich zu äußern, und auf der anderen Seite wiederum dasjenige, welches hinter den Wellen, welche seine Gehörnerven erschütterten, etwas anderes als bloße Wellen witterte. Wesentlich ist die Erkenntnis, daß der Geist — „Seele“, wenn Sie wollen, oder Atman oder Wille — sich stets nur auf ungeschickten und im Grunde gleichgültigen Umwegen ausdrücken kann. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ Und wie Çankara in seinem Kommentar zur Brihadâranjaka sagt: „Nicht in seinen wesenlosen Erscheinungen kann man das Selbst ergreifen, sondern in dem,   w a s   d i e s e   E r s c h e i n u n g e n   h e r v o r b r i n g t;   wer dieses begriffen hat, der hat die Erscheinungen mit begriffen.“ Damit hat der gute Çankara Telephon und Phonograph rehabilitiert! Die Erscheinung —   j e d e   Erscheinung — ist an und für sich „wesenlos“; wesentlich ist nur, was die Erscheinung hervorbringt. Und was da noch übrigbleibt zu sagen, dasjenige, welches im Grunde in Ihnen die Empfindung des „Seelenlosen“ erweckte, ist gar nichts gewaltig Ideales oder Transzendentes, sondern ganz einfach und allein: Mangel an Übung, Mangel an Gewohnheit. Soweit die Stimme überhaupt zur Aufdeckung, zur Offenbarung des Innern eines Menschen beitragen kann, soweit sie manches aus dem innersten Herzen zu enthüllen vermag, welches dem Auge verschlossen bleibt, so weit wird auch der Phonograph reichen, welcher mit unfehlbarer mechanischer Treue die mechanischen Bewegungen der Luft festhält und reproduziert — es wird   n u r   einiger, vielleicht vieler Übung bedürfen, und es wird von dem Empfänger gefordert (und wie schön ist das!), daß er recht viel von seiner Seele gibt, daß er der anderen armen Seele recht entgegenkommt, um die Hieroglyphen mit Liebe zu entziffern. Und er soll die Hieroglyphen nicht, weil sie ihm als solche erscheinen, „seelenlos“ schelten, sondern bedenken, daß alle Erscheinungen Hieroglyphen sind, was er nur durch die böse Gewohnheit vergißt.
    Dürfte ich einen sehr paradoxen Gedanken aussprechen, ich möchte behaupten, daß der Hauptnutzen aller solcher Erfindungen: Telephon, Phonograph, elektrisches Licht etc. darin liegt,   d a ß   s i e   a u f   d a s   U n z u l ä n g l i c h e   hinweisen.
    Und da hat mich etwas, worauf Sie kurz hindeuten, sehr angenehm berührt (ach! ist das dumm gesagt — angenehm berührt —‚ ich meine, wie wenn im öden, dunkeln Raume fliegend ein Geist auf einmal den Flügelschlag eines befreundeten Geistes spürt): bei der Betrachtung der wissenschaftlichen Erfindungen fiel Ihnen am meisten „die Beschränkung des Menschen“ auf. Ach, wie herrlich! Wie wahr! Wie weit von der anekelnden Banalität unserer Umgebung! Und wie wünschte ich, daß auch Sie den Flügelschlag fühlen möchten, mit welchem ich Ihnen danke! Allerdings, wie oben angedeutet, ich persönlich habe meine kindische Freude an der Unzulänglichkeit. Vielleicht werden Sie meinen, daß zu einer derartigen Auffassung ein sehr eigentümliches Gemisch von Liebe und Ironie gehöre? Aber bedenken Sie, wie schrecklich ein Gegenteiliges wäre, nicht bloß ein „unbeschränktes“ Gelingen, aber selbst ein nur hochgradiges. Aber gern, verehrte Meisterin, würde ich einen Schritt weiter mit Ihnen gehen. Wissen Sie, daß in der Natur selbst mir das „Beschränkte“, das Unzulängliche, das ewige „Stückelwerk“ am meisten ausfällt? Wenn man — wie ich — die Natur nicht von weitem, sondern von nahem betrachtet und sich in einzelne Reihen von Phänomenen recht vertieft, da fällt einem (das heißt mir) immer mehr und mehr das Unzureichende, Unzweckmäßige in allen Einrichtungen auf. Es sind wie ewige Versuche, die nie ganz gelingen; häufig höchst komplizierte Vorrichtungen, allerhand Umwege und mechanische Weitschweifigkeiten, um zu guter Letzt den Zweck doch nur recht mangelhaft und lückenhaft zu erreichen. Fiele mir das Schreiben nicht so schwer, ich könnte Ihnen das Gemeinte an zahlreichen Beispielen demonstrieren. Aber einstweilen — und wie sehr ich auch von Herzen Ihren Bemerkungen zustimme über Vogel und Flugmaschine und über Jäger und Hase —‚ auf eines muß ich Sie doch aufmerksam machen. Sie sehen den Hasen aus einiger Entfernung; ich fürchte, würden Sie ihn näher betrachten, so würden Sie entdecken, daß auch er ein riesiges Rind ist! Es bleibt uns ja der Trost, daß wir Menschen aus der Entfernung uns am Ende auch ganz leidlich ausnehmen mögen!
23/12.
    Ob wir Umgang in Wien haben? O ja! Yadjnavalkya, Sanatkumâra und andere Freunde mit unaussprechlichen Namen lassen Sie ehrerbietigst grüßen, auch Bach, Gluck und Beethoven; namentlich Gluck freut sich sehr, wenn ich ihm von Bayreuth erzähle und einzelnes aus „Armida“ und „Iphigenie in Aulis“ mit verdecktem Orchester vorspiele, während Beethoven seine Taubheit vorschützt und meint, der mystische Abgrund läge unter dem eigenen Schädelgewölbe. Und dazu manche Naturforscher und Philosophen, nicht viele, denn meine Gesundheit gestattet mir nicht, viel Umgang zu pflegen, aber eine gewählte Gesellschaft — oder vielmehr Freundeskreis. (Manche Herren wundern sich allerdings, sich um meinen Tisch zu begegnen, und möchten sich die Haare gegenseitig ausreißen, aber sie wissen, daß der Hausherr angenehme, gebildete Formen liebt und nicht einmal das laute Sprechen dulden kann — und sie lernen sich vertragen!) Weiteres, was man einen „soupçon“ von Freundschaft nennen könnte, das habe ich nicht und sehe ich auch bisher von keiner Seite dämmern. Hier, wie sonstwo, schreckt mich die grenzenlose, unrettbare, zur Verzweiflung treibende Banalität, Trivialität, Alleinerlei, der Mangel an wahrer Individualität so zurück, daß ich nicht den Mut habe, die sicherlich vorhandenen wenigen, die sich von der Menge „distinguieren“, herauszusuchen. Außerdem habe ich augenblicklich etwas anderes zu tun; jedes Ding hat seine Zeit. Dagegen habe ich fast überall eine seltene und nachahmungswürdige Liebenswürdigkeit und ein wahres Entgegenkommen gefunden; nichts kann zum Beispiel netter und freundlicher und einfacher sein wie das Benehmen aller Professoren etc., und auch sonst im gewöhnlichen Leben freue ich mich viel an dieser charakteristischen Eigenschaft, welche ich — aufrichtig gestanden — als mit die höchste betrachte, welche man der „fool multitude“ wünschen kann. Ich weiß wohl, daß viele behaupten: „Ja, sie sind aber alle falsch!“ Gesetzt, dies wäre wahr, was schert mich das? Wenn mein Hausbesitzer und mein Kutscher und mein Kellner und der Professor, der dem physiologischen Institut vorsteht, und alle anderen Leute freundlich gegen mich sind, was will ich denn mehr? Übrigens wäre ich auch sehr undankbar, und wenn ich nicht berichtete, wie wirklich freundlich und hilfereich vom ersten Augenblick an und bis jetzt Herr Oesterlein zu uns gewesen ist. Der ist wenigstens nicht eingeschlafen! Das ist ein ganz lebendiger und ohne jede Affektation origineller Mensch; ich habe immer eine besondere Anziehung zu ihm gefühlt, seitdem ich ihm in 82 im Eisenbahnwaggon begegnete, in Nürnberg, von wo aus er die ganze Zeit über am Fenster mit dem Kopf weit ausgestreckt stand: ob er nicht die Lichter von Bayreuth sähe! (Es war nachts 11 Uhr.) Natürlich läßt sich nicht das geringste mit ihm anfangen; nicht einmal, wenn er etwas gefragt hat, hört er zu. Von den anderen aus Bayreuth Bekannten ist Dr. Boller sehr nett und freundlich — seinem Rate verdanken wir unsere Wohnung —‚ und er besucht uns mit Vergnügen.
    Ihr kunsthistorischer Freund heißt doch nicht etwa Erasmus von Engert? Denn da möchte ich ihn nicht kennenlernen. Nicht nur im Katalog selbst — im Texte, meine ich — der Gemäldegalerie in Belvedere sagt er, wen er liebt und wen er nicht leiden mag, was schon geschmacklos und impertinent ist, nein, im   I n d e x,   im alphabetischen Index, den jeder aufschlagen muß, um die Bilder überhaupt zu finden, im Index finden Sie z. B.:   „R u b e n s,   Peter Paul, die großartigste künstlerische Persönlichkeit der neueren Zeit“, und dann erst die gewünschten Nummern! Es verstimmte mich dermaßen neulich, daß ich an keinem Bilde Freude hatte.
    Die „compliments of the season“, die erlassen Sie mir wohl? Meine alte „scie“: — für   S i e,   hochzuverehrende Meisterin, kann man nur   b e t e n,   alles übrige wäre so ungereimt und frech, als wollte ich Ihnen versichern, daß ich Sie „für die großartigste künstlerische Persönlichkeit der Jetztzeit“ halte. Es gibt Menschen, die vor derartigen Grobheiten geschützt stehen sollten. Ich werde Ihnen auch nur sagen, daß ich in tiefster Ehrfurcht bin und bleibe Ihr Ihnen von ganzem Herzen und ganzer Seele ergebener

Houston S. Chamberlain.

 
 

Aus dem Jahre 1890

138-139 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Frankfurt a/M., Frankfurter Hof, den 20. Januar 1890.

    Freilich, mein teuerster Freund, habe ich Ihren lieben, großen, schönen Weihnachtsbrief erhalten, und ich wartete auf etwas, was aber nur in Wahnfried kommt, um Ihnen zu erwidern. Auch waren wir wirklich hier elend daran, jeder krank und dann jeder matt.
    Auch meine Gedanken sind viel bei Ihnen gewesen, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie herzlich ich mich darauf freue, Sie und Ihre liebe Frau wiederzusehen [gelegentlich einer geplanten Reise nach Wien]. Ich erzähle Ihnen dann, wie emsig ich an meiner armen Psyche geschaffen habe, um sie von ihrer Zerrupfung zu kurieren. Die Schmetterlingsflügel regen sich bereits wieder, weil das Ewige unverschlechterlich ist. Zweitens wollte ich Sie fragen, warum jemand, den ich empfehle, gerade ein Esel sein muß. Warten Sie nur, weder von meiner Psyche noch von meinem Kunstgelehrten erfahren Sie je wieder eine Silbe!
    Leben Sie trotz aller bösen Dinge wohl! Wenn es Ihnen nach meinen Wünschen ging, würden Sie mir die Seele nicht streitig machen, ich weiß aber, daß Sie mir in aller Seelenlosigkeit gut sind, und das gilt mir Unphilosophin als Seele. Bleiben Sie es mir, und seien Sie meiner herzlichsten Anhänglichkeit aufs neue versichert!

C. Wagner.


 
139-140 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

22. Januar 1890. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Meine Frau freut sich ganz kindisch, verehrteste Meisterin, auf die Aussicht, Sie zu sehen und zu sprechen. Ich persönlich kann es mir noch zu wenig vorstellen; ich begreife noch nicht, wie man wird im Kreise sitzen und sprechen und sich erkundigen usw., sich gleichzeitig so wenig ernst und so lächerlich ernst nehmend; nun, das findet sich. Und indessen heißt mein Traum Ihre Zeilen willkommen und schwatzte manches schon in Erwiderung.
    Ihre Seele, verehrteste Meisterin? — Ich holte mir vorhin mein Kopierbuch heraus und las jene Stelle. Es amüsierte mich, wie nach dem schonungslos heftigen Angriff ich im folgenden immerfort nur von Seele rede! Und das ist es auch; ich zittere immer vor jeder konsequent dualistischen Auffassung, aus Angst, daß der armen, hilflosen Seele etwas genommen wird, was auch von seiten des Spiritualisten nie ausbleibt. Was hat mich wild gemacht? Daß man von irgendeiner Sache sagt, daß sie   s e e l e n l o s   sei. Nein, nein! Alles ist beseelt; man muß nur die Augen haben, um zu sehen, und (beim Phonographen!) die Ohren, um zu hören. Die ewige Antinomie bleibt überall zugrunde: daß das Immaterielle gezwungen ist, sich zur Mitteilung ausschließlich materieller Werkzeuge zu bedienen; diese Antinomie können wir nicht lösen, aber man rühre mir nicht an das Kleinste und Unbedeutendste — in alles kann Seele hineingehaucht werden! „By music   d e a d   things are made to discourse of human emotions.“ Aber alles ist ja „dead“, und alles lebt, alles! Wenn ein Wille es gebietet, und wenn ein Lieben es begreift. Und ich meine, daß, wenn manches nur stammelt, der Segen hiervon ist, daß es uns von dem Wahne heilen sollte, daß irgendein Ausdruck anders als unzulänglich sein könnte.
    Über die   S p r a c h e   speziell (als Wortsprache meine ich), worüber wir öfters Gedanken austauschten, fand ich neulich in einem reizenden Buche, das ich Ihnen für nach-Tannhäuserische Zeiten bestens empfehlen möchte, „The Philology of the english tongue“ by Earle, eine hübsche Stelle, die ich Ihnen abschreiben muß, sie wird Ihnen Freude machen.
    „To make a path from the visible, ponderable, and substantial, to that which is invisible, inponderable, and spiritual,   w i t h   n o   o t h e r   m a t e r i a l   t h a n   v o c a l   s o u n d   t o   e r e c t   a   b r i d g e   f r o m   m a t t e r   t o   m i n d,   — tempering it in the finest filtered harmonies that can be appreciated by the sentient, emotional, and intellectual nature of man; — this seems to be the task and function of human speech.“
    Ach, und das, wovon ich eigentlich sprechen wollte heute: Anaxagoras und das Verhältnis von mechanischen Weltanschauungen zur Kunst — nicht zu einem einzigen Wort ist es gekommen! Mais vous avez d'autres chats a fouetter. — Bez. der Möglichkeit, Ihr Freund und gleichzeitig Esel zu sein, darüber mündlich; meine Position ist stark befestigt — Schopenhauer! Und Sie selbst!
    Viele, viele Grüße an alle! In Ehrfurcht und Treue und Dankbarkeit Ihr ergebener

Houston S. Chamberlain.


 
140-141 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Frankfurt a/M., Frankfurter Hof, den 25. Januar 90.

    Van Dyk telegraphierte mir gestern: „Tannhäuser“ sei für Mittwoch, den 29., angesetzt.   W e n n   S i e   nun   n i c h t s   m e h r   v o n   m i r   h ö r e n,   teuerer Freund, so fahre ich Dienstag gegen 1 Uhr von hier ab und bin Mittwoch, den 29., in der Früh 6 Uhr 45 in Wien.
    Das wären so die matters of fact. Die Seele und der Traum klingen anders. Ein Segelschiff hat Seele, ein Dampfschiff keine (für mich). Ihr Zitat über die Sprache war sehr schön und Ihr ganzer Brief noch schöner. Auch die Freunde und die Esel will ich mir gefallen lassen, obgleich es ein starkes Stück ist.
    Nun, wir werden uns wiedersehen. Vielleicht findet sich eine frühe Stunde, wo Sie mit Mime kommen, und wir sind denn miteinander, als ob die Welt nicht wäre.
    Grüßen Sie Ihre liebe Frau, sagen Sie ihr, ich freute mich sehr auf sie; meine Kinder alle grüßen Sie herzlich, und ich sage: auf Wiedersehen!

C. Wagner.


 
141 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

[Telegramm.]
Frankfurt, 28/1 90. 1.30 Nachm.

    Mama wieder leidend. Reise unmöglich.

Siegfried Wagner.


 
141-142 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Frankfurt a/M., den 2. Februar 1890.

    Meine letzten Zeilen von Frankfurt aus sollen für Sie sein, teuerster Freund, ich schreibe sie gemeinschaftlich mit meiner Eva. Physisch habe ich mich nun so ziemlich zusammengerappelt, meine letzte Zahnoperation fand gestern statt, und ich habe ein paar Nächte geschlafen.
    Mein Aufenthalt in Frankfurt findet dadurch einen schönen Abschluß, daß wir heute abend in Karlsruhe den „Holländer“ sehen. Auch scheint die Sonne seit zwei Tagen wieder, ich habe keine Besuche gehabt, und ein Gang mit Eva und Siegfried durch den Palmengarten versetzte mich in die Stimmung, die ich als meine eigne bezeichnen möchte. Es war eine frühe Stunde, daher einsam, als wir unter den wunderbaren Gewächsen wandelten und jene weiche, feuchte Luft einatmeten, die eine wollüstige Schwermut uns erweckt, wie sie auf Bildern edler Meister aus den Blicken Adams und Evas uns entgegenblickt. In den Seitengängen um das Palmenhaus blühte alles, was jetzt nur blühen kann. Nun setzten wir uns in den Raum davor, um etwas zu uns zu nehmen; die Menschen kamen, die Musik begann. Bei dem Orchester auf der Galerie funkelten Lichter, das Tageslicht war unten, durch das Geräusch der Stimmen hatten wir Mühe, den Beginn der „Aufforderung zum Tanz“ zu vernehmen, aber durch die Glasscheiben gewahrte ich immer die stillen Kronen; und da allmählich die Webersche Melodie sich doch Raum schuf und die guten Seelen da oben unbekümmert um die Roheit da unten mit herzlicher Wärme spielten, war es mir, als ob der Duft der schweigsam Erhabenen und der sehnsüchtige Klang ihre Vermählung in meinem Herzen begingen. Nach dem liebenswürdigen Werk gingen wir noch einmal durch den grünen Raum, den die scheidende Sonne vergoldete. Ich gedachte Ihrer, Freund, Heinrich Stein stand vor mir, und ich fühlte das Bedürfnis, Ihnen das zu sagen.

C. W.


 
142-143 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

4. Februar 1890. Wien.

    Schon wieder wollte ich mir die Freiheit nehmen, hochverehrte Meisterin, Ihnen einige Zeilen zu schreiben, als heute Ihr Brief vom Palmengarten kam, und damit mir gewissermaßen das „inprimatur“ bestätigte (nur daß ich allerdings augenblicklich die Feder vorziehe). Von Herzen danke ich Ihnen für den Gedanken („Dank ist etymologisch identisch mit Denken“ — sagt mir Kluges Etym. Wörterbuch), also ich denke Ihrer für das Gedenken meiner im Palmengarten. Nichts sagt mir so viel und geht mir direkter in ein sofortiges und ganz sicheres Mit-Begreifen und macht buchstäblich die Saiten meines Wesens erzittern, wie — ja! wie soll ich das sagen? —‚ wie die Hindeutung auf ein Empfundenes durch die Andeutung der sinnlichen Umgebung. Wer könnte, was Auge und Ohr in dem gegebenen Augenblick umgab,   b e s c h r e i b e n?   Und wie vermöchten alle Mitteilungsmittel zusammengenommen das Empfundene   w i e d e r z u g e b e n?   Aber eine leise Andeutung   b e i d e r — und der Zauber ist geschehen. „Altes, alles weiß ich!“ Und ich sehe, wie diese schönen, stolzen, stillen Palmen — fern von der Heimat, unbegriffen, angestaunt, vielleicht auch bisweilen geliebt — so ganz die Seele meiner Meisterin   s i n d,   und ich fühle, welche Labung und Ruhe diese Seele genoß, als sie sich in der warmen, gesättigten Luft als fromme, friedliche Blätter ausbreiten durfte. Und ich danke Ihnen, daß Sie meiner gedachten und mir ein Kleinod schenkten, welches ich mit der Heide am frühen Herbstmorgen im Herzen aufbewahren darf.
    Einen ähnlichen Zauber kann ich — heute — nicht vollbringen, fürchte ich, denn das Erlebnis, von dem ich zu sprechen hätte, bot den Augen — außer einigen Menschen — hauptsächlich Austern und Champagnerflaschen und dem Ohre — überwiegend — ziemlich fades Gespräch, mindestens erschien es mir so nach einem ganzen mit Plato verlebten Tage. So eine Zusammenkunft mit „Wagnerianern“ muß einen ja immer melancholisch stimmen, denn wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß der Enthusiasmus stets achtungswürdig ist und die Liebe zu   d i e s e r   Musik den plattesten Menschen über sich selbst emporheben muß — hoffnungslos und zwecklos und wahnumfangen bleibt doch (wenn man sich seine Anhänger näher ansieht) das Leben eines jeden Großen. Sein Geben bleibt doch stets durch ihr Vermögen, zu empfangen, beschränkt, und neun Zehntel seines Wirkens spielt sich in seiner eigenen Seele ab.
    Ich wollte Ihnen noch so manches sagen, Interessantes; denn mit Ihnen, verehrte Meisterin, brauche ich mir den Kopf nicht so sehr anzustrengen, um eine Unterhaltung in Gang zu bringen, wie mit der Frau Baurat gestern abend! Aber ich gehe wohl doch besser ins Bett! Und nehme Ihnen nicht mehr von Ihrer Zeit. — Entschuldigen Sie diesen im Grunde ganz überflüssigen Brief!

    In ehrfurchtsvoller Treue Ihr            H. S. C.


 
143-144 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

München, den 11. Februar 1890.

    Sie, mein Freund, verstehe ich immer! Melden Sie mir bitte, wann der „Tannhäuser“ dort ist, denn den muß ich leider sehen. Es ist mir empfindlich genug, daß ich ihn nicht vor meiner Besprechung in Coburg sehen konnte.
    Ich hatte in meiner Jugend eine sehr unschuldige Freude an meinem Namen, diese ist mir so verdorben worden, daß ich förmlich zusammenfahre, wenn ich ihn lese oder höre. Von der Übligkeit, die mir von jüngsten Erfahrungen zurückgeblieben war, hat mich gestern Shakespeare befreit. Nym, Bardolph, Pistol, diese göttlichen Halunken, haben mich endlich wieder in die Stimmung gebracht, die mein Lebenselement ist. Im Leben mag ich wohl lieber nichts mit solchen zu tun haben, in der Dichtung aber haben sie die Lebenseindrücke vollständig verwischt. Ach, dieser Heinrich V.! Ich war gestern wieder, wie soll ich das ausdrücken, ganz glücklich und hätte immer schluchzen mögen, indem ich lachte; wogegen der „Tannhäuser“, abends vorher, mir weder eine Träne noch ein Lächeln entlocken konnte. Niedergeschlagenheit und sonst nichts!
    Ein alter Freund meiner Gedanken, den ich leider sehr häufig anzuführen hatte, ein Brunnen in Südfrankreich, entfernte sich von der Stadt Uzès, wenn man Unrat in ihn warf. Ich tue es ihm nach, ich habe das Gefühl eines vollständigen Schwindens unter gewissen Erfahrungen.
    Die Stimmung, die Sie mir aussprechen, erinnerte mich an einen unauslöschlichen Eindruck meiner Jugend — jetzt lachen Sie nicht! —‚ Corinne von Madame de Staël, wo die Heldin mit dem Freund, von dem sie sich trennen soll, inmitten des römischen Karnevals auf der Straße in erhaben traulicher Einsamkeit sich fühlt. Das Buch habe ich ganz vergessen, es ist gewiß sehr wenig daran, dieses Moment aber blieb mir.
    Grüßen Sie Ihre liebe Frau herzlichst dankend, und empfangen Sie hier als Gruß die Summe der Gedanken, die bei jeder ernsten Stimmung Ihnen entsendet
eine Ungenannte.
[Im März kam es zu einer persönlichen Begegnung gelegentlich eines Aufenthaltes der Frau Cosima Wagner in Wien.]

Cosima Wagner mit allen ihren Kindern und Graf Gravina

Cosima Wagner mit allen ihren Kindern und dem Schwiegersohn Graf Gravina.
Von links nach rechts: Graf Gravina, Isolde Wagner, Daniela Thode, Cosima Wagner, Siegfried Wagner, Eva Wagner, Blandine Gräfin Gravina. Um 1890.
Phot. A. v. Groß.

Houston Stewart Chamberlain, Vienna

H. S. Chamberlain in seinem Wiener Arbeitszimmer.


144-145 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

München, Arcisstr. 32, den 20. März 1890.

    Gewisse Dinge, mein Freund, gehen eben nicht zusammen, z. B. auch mein Vater und Levi; es ist rein unmöglich, und er hat neulich in seinem Elend gesessen, während wir anderen (Sporcks, Ritters, Golthers, Fischer etc.) in hoher Begeisterung uns entflammten und ich Sie so bei mir gewünscht habe. Es wurde „Faust“ und „Prometheus“ [von Liszt] in einer Weise von Kellermann aufgeführt, daß der Abend zu einem grandiosen Erlebnis wurde. Eine solche, aus der Überzeugung entsprossene Befähigung ist mir in der Tat noch nicht vorgekommen. Bei den anderen begabten Dirigenten habe ich ihre Fähigkeit im Dienste ihrer Überzeugung empfunden, hier hat aber der Glaube Fähigkeiten geschaffen, und die Energie dieses Glaubens verlieh ihm die Kraft, mit nur drei Proben, einem widerspenstigen Orchester und einem zusammengelaufenen Chor eine unvergleichliche Aufführung zu bewerkstelligen. Meine Überzeugung, daß zum Dirigieren der Charakter ebenso wichtig als das Talent ist, bestärkte sich an dieser Erfahrung. Unsere Stimmung war so, daß wir alle ganz gern am Schluß den Scheiterhaufen bestiegen hätten. Ja, indem wir die Sterne wieder begrüßten, beneidete ich diejenigen, welche für ihren Glauben sterben; denn, ihm nur zu leben, erscheint wenig und wird einem so kläglich gekreuzt!
    Wie gern hätte ich Sie da bei uns gehabt!
    Fane [Familienname der Grafen von Westmoreland, von denen Chamberlain seine Herkunft ableitet (vgl. „Lebenswege meines Denkens“, S. 15)] ist ein schöner Name, und es ist ein gutes Zeichen, durch das, was einem angehört, an das erinnert zu werden, was man ist.
    Gestern las uns Dr. Fiedler etwas vor, was ich Ihnen sehr empfehlen möchte: Altfranzösische Erzählungen, von Wilhelm Hertz bearbeitet. Nehmen Sie doch den   „T ä n z e r   u n s e r e r   l i e b e n   F r a u“   vor, ich glaube, es wird so zu Ihnen sprechen wie zu uns, und es sollte mich freuen.
    Gestern hörte ich auch die erste AmseI, wobei mir die Blümelhöhe einfiel. Klänge, welche uns zum Hohen im Leben ermuten, und Töne, die uns der Natur zurückführen, bei denen habe ich ergriffen und gerührt Ihrer gedacht.
    Leben Sie wohl, teuerer Fane! Deutsch ausgesprochen heißt es Fahne, auch ein schönes Zeichen!

C. Wagner.


 
145-148 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Sonntag nachmittag. 23/3/90.

   J'abuse — ich weiß es, hochverehrte Meisterin. Aber ich komme zu Ihnen, wie zur heiligen Elisabeth die Bettler, und rufe Sie als „Glück der Armen“ an; und scheinbar gibt sie ihnen nichts, gar nichts, und doch ziehen sie beglückt ab, ebenfalls erbitte   i c h   mir nichts als einen einzigen freundlichen Gedanken, und den geben Sie mir gewiß gern, nicht wahr? Es ist auch ein so schönes Verhältnis zwischen der heiligen Elisabeth und den Bettlern. Denn recht überlegt weiß man nicht, wer eigentlich dem anderen gibt, und jedenfalls besteht ein ganz anderes, direkt inniges und gewissermaßen gleichwertiges — oder zum mindesten einen Vergleich zulassendes — Verhältnis zwischen Elisabeth und den Armen als zwischen Elisabeth und der ganzen übrigen Welt; und es ist schön vom Tondichter, daß er bei der prunkvollen Bestattung allen weltlichen und kirchlichen Fürsten doch nur in der Weise der Bettler erlaubt, sich ihrer Seele zu nähern.
    Ob körperliche Leiden mich seit einigen Tagen melancholisch stimmen — namentlich die alte Plage der Herzstockungen —‚ oder ob nicht vielmehr die Gedanken es sind, welche das Herz zum Stocken bringen? Um Gottes willen machen wir uns darüber keine metaphysischen Sorgen; ich erwähne die Tatsache nur, um jene „Temperatur“ herzustellen, welche Schopenhauer als erste Bedingung zum wahren Verkehr zwischen Freunden fordert.
    Und der Verkehr besteht darin, daß ich Ihnen sagen möchte, daß ich heute die Dante-Symphonie [von Liszt] gehört habe. Unter möglichst ungünstigen Bedingungen: schlechter Platz, scheußliche Umgebung, Zwang, vorher sich die neueste Goldmark-Gemeinheit anzuhören, nur die Nachbarschaft der lieben Frau zur Besänftigung und ganz unten im Saal das kluge Gesicht des Schönaich, gewissermaßen aus der Hölle herauflächelnd, mit der wohlangebrachten Mahnung „de ne pas se prendre trop au sérieux“. Unter wahren Leiden habe ich also es erlebt und habe auch das Empfinden eines Erlebnisses, eines qualvollen allerdings, insofern ich selbst beim Engelchor keinen Trost empfand und eher jenen ewig, ewig Dahinziehenden im ersten Teile ruhevolles Mitempfinden entgegenbringen konnte, — jene Verdammten, für die es kein Höllenfeuer und keine künstlichen Qualen gibt, weil für sie weder Himmel noch Hölle besteht, seitdem der Blick an den Blick für alle Zeiten gekreuzigt wurde.
    Bei dem erregten, ruhelosen Genusse jagten sich tausend Gedanken durch den Kopf, namentlich über Liszt als Schöpfer musikalischer Werke; ich fürchte, man würde sie unter die Rubrik „Ästhetik“ bringen, das soll mich aber nicht abhalten, Ihnen zu sagen, daß ich mir zuletzt — jedenfalls als unbewußtes Resumé — immerfort wiederholte: „Schöner   B l i c k!   Schöner   B l i c k!“
    Ganz versöhnlich gegen die alte Dummheit von „Äußerlichkeit“ stimmte mich die Empfindung, daß in dieser Redensart doch etwas Wahres liegt, so viel wahrscheinlich, wie einem Alltagsmenschen zunächst aufgehen kann, insofern nämlich als das Auge, also das   G e s e h e n e,   mir das spezifisch Charakteristische, das Bestimmende, das Erfüllende und in die Schöpfung Überströmende bei Liszt zu sein scheint (ich urteile nach nur zwei Werken:
Elisabeth und die Dante-Symphonie). Nicht erläuternde Programme à la Pohl sollte man uns geben, sondern   B i l d e r.   Führen Sie diese Symphonie mit versenktem Orchester im nachtdunklen Raume auf, und lassen Sie im Hintergrunde Bilder vorbeiziehen — und Sie werden sehen, alle Levis und alle meine kalten Nachbarn von heute, die das arme Herz durch ihre Nichtempfindung peinigten, sie alle geraten in Ekstase. Manches in Elisabeth wird mir nunmehr auch klarer — das meine ich ja gar nicht, sondern es wird von manchem klarer, wieso es kam, daß gerade das von Liszt mit solcher Vollkommenheit und zu so ewiger Schönheit verklärt dargestellt werden konnte und wurde; z. B. Elisabeths Herunterschreiten von der Wartburg (vor dem Rosenwunder) — drei Takte, deren Schönheit geradezu göttlich zu nennen ist, es ist eben ein Gesehenes, ein mit den Augen Geschautes, ein Bild, man sieht sie leibhaftig schreiten; und das ist doch etwas Grundverschiedenes von dem, was — sagen wir Beethoven — getan haben würde oder hätte tun können. Und zur weiteren Veranschaulichung des Gemeinten könnte ich anführen, daß Elisabeth als Heilige nur in dem Gesang der Armen und Engel geschildert wird, diese schauen sie an und sagen uns, was sie   s e h e n;   während in Elisabeths Monologen das vollkommen Schöne aufsteigt, wenn sie ihr „Ungarland mit duft'gen Weiten“   s c h a u t,   „des Freundes Lichtgestalt“. Und gewißlich kann man Liszt ebensogut — wenn auch aus ganz anderen Gründen — wie Beethoven, „einen notwendig irrenden Künstler“ nennen, insofern nämlich, als er sich doch nicht zu unserem vollen, unmittelbaren Verständnis mitteilt, d. h. nicht unmittelbar an die Sinne, und zwar trifft ihn der Vorwurf (wenn dieses Wort hier einen Sinn hätte) viel direkter, weil sein künstlerisches Schaffen unmittelbar auf der Tätigkeit des Hauptsinnes, des Gesichtssinnes, sich aufbaut, und er uns dieses gänzlich verschweigt. Ob Liszt außer dem in der Phantasie und in der Natur Erschauten nicht auch häufig tatsächliche   G e m ä l d e   zur musikalischen Gestaltung benutzte? Ich möchte es glauben; und ich möchte gern Musik von ihm hören mit dem dazugehörigen Bilde vor Augen.
    Zweimal in der Symphonie frappierte mich und ergriff mich Parsifal-S t i m m u n g.   Gegen Schluß des ersten Teiles eine Titurel-Bestattungsfeier, am Schlusse des zweiten Teiles ein Erglühen des Heiligen Grals. Und wie schön beides! Sicherlich in einem gewissen Sinne „äußerlich“, denn dieses Sehen ist ein Sehen mit den Augen und eine Offenbarung an die Augen, nicht jene Offenbarung des Jenseitigen, welche Musik sein kann; aber dieses Sehen ist nicht „äußerlicher“ wie das Bild des Heilandes in Lionardo da Vincis Auge, und gewiß können wir durch diese Gestalt hindurch in das Allerheiligste eintreten, „jenseits von Schweigen und Nicht-schweigen“.
    Ich habe nicht „mich mit Ihnen über Liszts Musik   a u s e i n a n d e r s e t z e n   wollen“, verehrteste Meisterin; sondern wollte der so schweigend verlaufenden Erregung Luft machen und mißbrauche die Überzeugung Ihres Mitverstehens und Ihres Mitfühlens.
    Dienstag gehe ich wieder in die Heilige Elisabeth; eigentlich wollte ich nicht, aber durch derartige prinzipielle Vorhaben lasse ich mich nicht bestimmen, sondern folge dem Herzen, und dieses erfüllt Sehnsucht. Sie sagten auch, man könne nie genug zusammenleben mit denen, die man liebt. Außerdem bin ich überzeugt, daß das 4te Bild, mit seiner Fafner-Musik, meinem Gefühlsverständnis diesmal ganz aufgehen wird, was bisher nicht der Fall.
    In Ehrfurcht Ihr

Houston S. Chamberlain.


    Das altfranzösische Buch von Hertz ist mir ein lieber, alter Freund. Die Geschichte von „Dem Tänzer unserer lieben Frau“ werde ich heute abend im Bette wieder lesen!

 
148-150 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 29. März 1890.

    Inmitten des jubelndsten Zwitscherns schreibe ich Ihnen. Es war heute ein wonnevoller Tag, wie ich mich seit Jahren nicht entsinne, ihn im März erlebt zu haben. Wer das beschreiben könnte, wie einem da zumute wird! Wie das Glück in und außer einem zu sein scheint, und wie man nur eines nicht begreift, daß die Menschen zum Lesen und Schreiben gekommen sind. Es gibt wohl nichts Rührenderes als die ersten schönen Frühlingstage, die zarten Grüße der Erde und das stille Treiben der alten Bäume! Genau wie die Klarinette im Orchester voll und süß, macht sich die Amsel vor allem bemerklich, und ein langer Weg, den ich mit Eva durch die Wiesen machte, ließ es einen unter dem Schwirren der Lerchen recht begreifen, wie das Frühlingsfest und die Erlösungsfeier zueinander gehören.
    Eines ist aber an solchen Tagen nicht gut: man findet die Fassung für Empfindungen und Gedanken schlecht, und so bitte ich Sie, recht nachsichtig zu sein, wenn ich Ihnen sehr ungenügend für die große Freude danke, welche mir Ihre Auslassungen über das Wesen meines Vaters gewährt haben. Immer wieder lausche ich der Amsel, der Gesang verhallt allmählich, er wird immer einsamer und scheint mit den Strahlen der Sonne zu schwinden, und es ist, als ob er einen nicht wecken wollte, sondern zur Ruhe wiegen. Da kann ich Ihnen denn nur ganz einfach danken und Ihnen sagen, daß Sie das aussprachen, was ich seit der letzten Anhörung der Werke meines Vaters mir klarzumachen suchte. Gewiß sind Bilder da maßgebend gewesen, und sie erstehen auch wieder völlig vor einem. (Wieder die Amsel! Ich werde nichts Vernünftiges zusammenbringen. Ich will Ihnen lieber sagen, daß ich auf dem Wege Ihrer gedachte, mir sagte, wie man mit den Wesen, die man liebt,   s e i n   müßte, nicht sie sehen, und wie bei diesem beständigen Scheiden, welches eigentlich mit der Trennung des Kindes von dem Mutterschoße beginnt, eine Art Ersatz in dem Symbole des gemeinschaftlichen Wanderns gegeben ist. Jedesmal, wo ich diese Strecke von Laineck [Dorf bei Bayreuth] nach Wahnfried zurücklege, ist Stein, mit welchem ich sie so oft wandelte, bei mir, und nebst der Anhörung der Heiligen Elisabeth denke ich am liebsten daran, daß wir von der Bahn nach Hause wandelten. Ich weiß nicht, warum; es gilt mir aber solch eine Wanderung als ein Zeichen dafür, daß man den Lebensweg einig geht.)
   Jetzt ist es ganz still, d. h. die Natur; denn die Trompete in der Kaserne erscholl, und Georg [Diener in Wahnfried] pustete das Gas an, eben kommt auch Krug, der mir sagt: „Wir wollen einmal vernünftig miteinander reden;“ ich habe nämlich Kummer über das Abschneiden unserer Ahorne gehabt und den Wunsch ausgesprochen, es möchte etwas auch bei uns blühen. Darauf hat er mir erwidert, daß alle Nachbarn, vom Schreiner Popp bis zum Baron Wolzogen ihn bewunderten. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm entschuldigend zu sagen, daß ich einen eiligen Brief zu schreiben hätte!
    Die Amseln sind nun weit weg und die von ihnen erzeugte Stimmung! Dafür hat sich bei Eva und mir das Gelächter eingestellt, wie die Shakespeareschen Gestalten es zu erwecken wissen.
    Kürzlich abends gedachten wir wieder lebhaft Ihrer. Die Variationen Beethovens über Rule Britannia spielte uns Kniese vor, und sowohl das kräftige Thema wie die naiv kühnen Variationen darauf erfüllten uns mit jener Heiterkeit, welche „die Mutter aller Tugenden ist“. Vorerst hatten wir die „Sommernächte“ von Berlioz durchgenommen, in denen eine schöne Stimmung, ein wirkliches Erfaßtsein von dem Gegenstande und der Umgebung desselben herrscht. Und darauf einige Orgelvorspiele von Bach. Das ist ein anderes, das ist die Musik, wie sie in allen Dingen als Untergrund ist, in welcher wir auch die Gewähr finden, daß das Gute der schöpferische Urgrund der Dinge ist.
    S o n n a b e n d   f r ü h.   Heute abend kommt Siegfried, Güte und Friede ziehen mit ihm ein zu dem palmengeschmückten Einzugsfest. Wirklich ergrünen alle Zweige zu dieser stillen Woche, und wer möchte es nicht als gutes Zeichen für das nehmen, um was er sich sorgt? An unserer Freude über Siegfrieds Kommen empfinden wir erst recht, wie wir ihn vermißt haben.
    Noch von etwas möchte ich zu Ihnen Sprechen, was mir einen tiefen Eindruck aus früherer Zeit wieder belebt hat. Lassen Sie sich doch die Abbildungen von Memlings Altarbild in Lübeck zeigen, und sagen Sie mir, ob wir nicht auch in der Versenkung in diesen Erscheinungen vereint sind.
    Ich lese Ihren Brief wieder. Wie recht taten Sie daran, die Heilige Elisabeth wieder zu besuchen. So wie Sie hat wohl keiner das Werk neu gedichtet, und Ihre Worte darüber brachten mir meine Eindrücke wieder, die ich empfing, als ich unter meines Vaters Leitung dieses Tongebilde zuerst vernahm. Und wie wahr, daß der Empfangende ebenso schöpferisch als der Gebende ist. Ich wußte dagegen gar nicht, was ich Wolzogen erwidern sollte, als dieser mir sagte, man wisse nicht, warum die Elisabeth heilig sei. Mein Gott, weil sie es ist, und weil die Armen es sehen! Doch das haben Sie selbst so schön ausgedrückt, daß Worte von mir wirklich töricht wären.

C. W.


 
150-151 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

11. April 1890. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Gewiß kann kein Mensch auf dieser Erde die Erlaubnis, schriftlich mit Ihnen, hochverehrte Meisterin, verkehren zu dürfen, höher und inniger schätzen wie ich; und namentlich, wenn Sie mich noch ausdrücklich dazu auffordern, wieder zu schreiben, da bin ich wirklich nicht nur dankbar, sondern tief gerührt.
    Ich glaube, ich kenne Memlings Bild in Lübeck; es ist aber lange her, daß ich dort war, und es war gleich nach einem Bayreuth, wo mir dann alle Kunst ziemlich albern vorzukommen pflegt. Heute kann ich Ihnen nur sagen, daß ich eine besondere Passion für Roger van der Weyden habe — eine ganz ungewöhnliche eindringliche Sprache redet er zu mir, trotzdem ich ihn habe „äußerlich“ oder „schematisch“ oder so was Ähnliches schimpfen hören; und wenn ich recht berichtet bin, ist Weyden der Lehrer von Memling (und damals wollte Lehrer was heißen, da man zwölf bis sechzehn Jahre bei einem zu arbeiten pflegte!). Wenn ich von Weyden rede, so meine ich namentlich die Berliner Bilder. Und unter diesen namentlich der tote Christus in den Armen seiner Mutter.
    Ich konnte nur einmal seit Ihrer Abreise in das Belvedere kommen, habe mich aber nur bei meinem Paudiß aufgehalten, und in zwei oder drei vlämisch-holländischen Zimmern; wo ich mich riesig über Jordaens gefreut habe.
    Und das bringt mich auf Wolzogen und das „Nichtwissen, warum?“ Auf eine ähnliche Bemerkung, die er mir am selben Abend machte, erwiderte ich mit dem Hinweis auf Steins Heilige Elisabeth, wo diese auf des Landgrafen fragende Bemerkung: „Ist es ein Wunder?“ antwortet: „Ich heiß' es Wonne!“ Und wenn ich es mir jetzt überlege, so glaube ich, daß diese Antwort, die ich nur für eine geschickte und hübsche hielt, doch auch von einem tieferen Instinkt mir eingegeben war, und daß man wohl sagen dürfte, Liszt hätte in diesem Werke mehr die Wonne des Heiligseins als das Wunder desselben zum Ausdruck gebracht. Was ja mit unserer früheren „Auseinandersetzung“ durchaus harmoniert, da die Wonne wohl dem   A u g e   mitteilbar, das Wunder dagegen ein Jenseitiges ist. Aber bitte, befürchten Sie nicht, daß ich derartige Subtilitäten jemals auf die Spitze treiben würde; ich komme nur deswegen darauf zurück, weil jene Antwort so ganz und gar ohne jede Theorie, ohne jede Überlegung, aus dem Gefühl des soeben gehörten Werkes kam. Das wonnige Werk hörte ich damals wieder; und jetzt freue ich mich auf das Hören in Gesellschaft von Adolphe Appia, er wird es anders, aber ebensosehr wie ich lieben.
    Aber nun muß ich für heute Abschied nehmen; es ist ja schön, wenn es unter dem Namen Elisabeth geschieht, und verheißt Gutes.
    Mit vielen Grüßen an Ihre Kinder in ehrfurchtsvoller Treue Ihr

Houston S. Chamberlain.


 
151-152 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Bayreuth, den 14. April 1890.

    Von uns, Freund, ist nicht viel zu sagen. Zwischen Ihrem jüngsten und dem vorangegangenen Briefe liegt Siegfrieds Aufenthalt bei uns; heute hat er uns verlassen, und es beginnt ein neuer Tag, denn so ein Wiedersehen ist wie ein „Rheingold“-Tag, von der Morgenröte der Ankunft bis zu dem Abendglanz des Scheidens, was spielt sich nicht da alles im Gemüt ab! Wir lasen „Das Kunstwerk der Zukunft“ und „Faust II. Teil“ zusammen, und Kniese spielte uns mehreres vor, viel von der „Heiligen Elisabeth“ natürlich.
    Die Mittagsglocke unterbrach mich, und darauf erfolgte ein Besuch auf „Fantaisie“ [Schloß bei Bayreuth], welche eine schöne und, wie mir scheint, nicht befriedigte Frau sich zum dauernden Wohnsitz einrichtet. Dieser Umstand ließ uns über das Schicksal auch von solchen Ländereien nachsinnen; es ist, als ob die arme Herzogin, welche im vorigen Jahrhundert dieses Grundstück bebaute und ihr eheliches Leiden dort still betrauerte, es der Wehmut geweiht hätte. Ob eine der Seelen aber, die dort geduldet haben, zur Wonne der Heiligkeit aufgeblüht ist, welche Sie so schön als die Ausstrahlung der heiligen Elisabeth empfinden?
    Aber auch andere Gedanken kamen uns an, eine Anzahl Rekruten ergingen sich nicht etwa im Freien, sondern im Wirtshauslokal, spielten gemeinste Märsche, darauf das Preislied und nach diesem den trivialsten Walzer. Der wundervolle blaue Himmel durch das Dickicht der grünen Tannen erblickt und die schwirrende Lerche auf den Feldern vertrieben den unerfreulichen Eindruck.
    Leben Sie wohl, Freund, und wann es Ihre Zeit erlaubt, lassen Sie von sich hören, in der Sicherheit, mir immer Freude damit zu gewähren! Treten größere Pausen ein, dann fällt mir die Mitteilung schwer, weil ich dann gleichsam in das schweigende Zusammenleben getreten bin, von wo man nicht so leicht zu der Fassung des Nächstliegenden gerät, und das Resümieren ist gar nicht meine Sache, ich kann nur entweder alles sagen oder nichts. Nehmen Sie mit dem Nichts heute fürlieb, und seien Sie und Ihre liebe Frau auf das herzlichste von uns beiden in Wahnfried gegrüßt!

C. W.


 
152-153 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

19. April 1890. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Ich bin heute früh ganz „upset“ von einer Nachricht, hochverehrte Meisterin; keine Arbeit will gehen, es hilft alles nichts, ich will mal sehen, ob ich einige Zeilen an Sie zustande bringe, Ihnen meinen herzlichen Dank für Ihren Brief aussprechend? Und wenn das auch nicht geht, dann laufe ich ziellos durch die Straßen — die Einsamkeit in der Menge, sie ist doch oft einzig wohltuend.
    Ein Freund ist mir gestorben; ich kann wohl sagen „mir“, denn auf der ganzen weiten Welt, die er nach jeder Richtung im Laufe seines abenteuerlichen Lebens durchstrichen hatte, schlug kein einziges Herz für ihn, außer dem meinigen. Nur mir ist er gestorben; kein anderer wird merken, daß er tot ist, und für ihn ist die Erlösung aus dem bittersten Leben, das je ein Mensch lebte, der einzige Segen — es war auch seine einzige Sehnsucht; nur ich Tor hoffte noch immer, „hope against hope“, und glaubte fest, daß mein eigner Stern, der durch so manches hindurch doch so unwandelbar mild und freundlich auf mich hinunterleuchtet, ihm noch schöne und stille Jahre in meiner Nähe gönnen würde. Und jetzt ein Brief mit der ominösen Überschrift „étude de notaire“, und die Nachricht, daß er im Spital gestorben ist! Ganz allein, der Ärmste — ganz allein im Spital. Ja, können Sie sich das vorstellen? Allein sterben! Und wie mögen seine Gedanken mich gerufen haben — und ich habe nichts gehört. Ein ungewöhnlich begabter Mann, von unglaublicher Energie, von ungestümer Leidenschaft, der seinen Weg ganz allein gemacht hatte vom barfüßigen Dorfbuben zum hochgeschatzten Arzt; schon sein Charakter prädestinierte ihn zum Unglück, wenigstens in seiner Lebensstellung, die nordische Empfindlichkeit, vermehrt durch den Argwohn des Armen, unbeugsamer Stolz, unbändige Heftigkeit im Ausdrucke, gänzliche Unfähigkeit, einen Gedanken, eine Empfindung zu verbergen oder irgendwie „taktvoll“ zu nuancieren, welche große und bedenkliche Gaben! Sein Leben ist auch buchstäblich einem Schauerroman zu vergleichen. Als er endlich Doktor wurde (nachdem er Dienstmann und Kellner und alles mögliche gewesen), war er körperlich und geistig (oder vielmehr moralisch) gänzlich gebrochen; die Ärzte in den Lyoner Spitälern rissen sich dann um ihn, alle Welt sprach ihm von „großer Zukunft“ — aber er wußt' es besser!
    Die mir fast ganz unbekannten Tränen machen mir das Schreiben nicht länger möglich. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen mein Leid klagen   m u ß t e,   und gedenken Sie mit Freundlichkeit
    Ihres Ihnen im tiefsten Herzen ergebenen

Houston S. Chamberlain.


 
153-154 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 21/4 1890.

    Da meine Eva heute recht angegriffen zu Bett liegt, kann ich Ihnen, mein Freund, nicht schreiben, doch will, muß ich Ihnen ein Wort des Mitgefühls sagen!
    Gestern unter schwerer Stimmung innen und außen, sagte ich Eva von der großen, lebensgefährlichen Krankheit Siegfrieds (1885), wo ich allein in Wahnfried mit ihm war, und ihr dies wieder vorführend, meinte ich, es sei, als ob in solchen Zeiten nur man eigentlich lebte, den Kern des Daseins faßte, während in den anderen man träumte. Das Leiden, das furchtbare, unfaßliche Leiden, wen es wahrhaft erfaßt, daß alles übrige wie Nebel schwindet, der weiß das Leben. Und wundersamerweise: eine Begegnung mit einem näher Bekannten brachte uns anhaltend lange auf die Betrachtung des tragischen Endes unseres Königs!... Wollen wir Zufall oder Ahnung diese Begegnung der Empfindungen nennen?
    Ihr armer Freund, und Sie noch Ärmerer, ihm nicht nahe gewesen zu sein! Oder waren Sie es ihm nicht doch? Ich habe von dem Tode für den, den er berührt, eine versöhnliche Vorstellung, ich denke es mir, wie ein Aufbrechen der Knospe und eine Erfüllung. Nur die Bleibenden sind die zu Beklagenden. Aber ich glaube, daß ich sehr allein in dieser Empfindung stehe.
    Über Steins Verlust werde ich nie hinwegkommen, und doch — könnte ich ihn zurückrufen, ich weiß nicht, ob ich den Mut dazu hätte. Wenn Sie zum Frieden wieder gelangt sind, sehen Sie sich doch seine „Einsiedler“ [Heinrich von Stein, „Dramatische Bilder und Erzählungen“, „Die beiden Einsiedler“] an; da sagt Paulus im Sterben dem Antonius: „Bruder, wenn du nicht da wärest, wäre diese Stunde schwer.“ Das ist Ihr Gedanke von der Einsamkeit Ihres Freundes, und — vielleicht sehen Sie und Stein richtig — ich sehe es anders, könnte aber nicht sagen, wie. Ich möchte, ich wäre jetzt in Wien, und wir weinten zusammen. Schon vor langen, langen, langen Jahren nannte mich mein Vater: un psaume de pleurs. Von dem Leben weiß ich wenig anders (dieses wenige freilich sonnensiegreich); von dem Tode sehe ich die Verklärung!

 
154-156 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

3. Mai 1890. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Es wird Ihnen kindisch erscheinen, hochverehrte Meisterin, aber sprechen muß ich doch davon, denn es macht mir einen jubelnden Frühling, und alles übrige erscheint dagegen so klein und gleichgültig, daß ich nicht weiß, wovon ich Ihnen sonst sprechen sollte; ich habe einen Band Symphonischer Dichtungen [von Liszt], vierbändig gesetzt, herausgeholt, früher war ich nicht klug daraus geworden und hatte sie als für mich nicht zugänglich beseitegelegt; jetzt haben wir uns — mein lieber Freund Appia und ich — darübergemacht, und wir sind wirklich einfach verrückt vor Seligkeit! Es ging sofort, als wären wir von jeher mit den Intentionen des großen Malers innig vertraut gewesen. Gewiß, und ganz abgesehen davon, daß ich absolut keine Note lesen noch spielen kann (was immerhin ein wenig genant ist), gewiß ist manches noch verkehrt aufgefaßt, und unendlich viele exquisite Feinheiten mögen trotz der vielen Instrumentierungsangaben für uns völlig verlorengehen, das ist alles Nebensache: die Liebe ist doch wunderbar und einzig schöpferisch; und daß ich bei einem solchen armseligen „Zusammenhauen“ dem großen Manne sehr, sehr nahetrete und ihm direkt ins Auge schaue, das weiß ich. Der Gott, der die Brotkrusten in Rosen wandelte, kann auch mein Klimpern zu herrlichen Tönen umgestalten. Ja, Gott ist doch gerecht, und es hat doch jeder seinen Teil. Ich zum Beispiel, der ich so unsäglich an der Unfähigkeit leide, mein tiefes, leidenschaftliches und wohl doch wesentlich „musikalisches“ Empfinden irgendwie in Tönen zum Ausdruck und gewissermaßen zur Erlösung in der Form zu bringen, ich schwelge geradezu in einem Jenseitigen, dessen „Egoismus“ (wenn man es so nennen will) gewiß berechtigt ist, da es eben als   r e i n   Jenseitiges, Transzendentes eines „Ausdruckes“ unfähig ist. Und da man bei jedem Kunstwerk — wenn es von einem wahren Dichter und nicht von einem beliebigen Paukenschläger ist — doch nie eine wahre Verwirklichung vor sich hat, sondern nur ein mehr oder minder geglücktes symbolisches Spiel, und die Stimme, die uns, wenn auch noch so herrlich, im Kunstwerk offenbar wird, sich zu der eigentlichen Stimme des Dichters nur so etwa verhält wie die des Phonographen zu der des lebendig redenden Menschen, so öffnet sich dem metaphysisch angelegten Geiste das herrlichste Gebiet, wenn er an der Jakobsleiter, die das Genie ihm aus dem Paradiese hinunterreicht, hinaufsteigt bis in den Himmel selbst, den Himmel des Wesentlichen, des Urgrundes. Daß die Leiter eine notwendig sinnliche ist und daß nur die kräftige Sinnlichkeit hinaufzuklettern vermag, das bin ich der erste, zuzugeben; aber ich meine, daß, wer die gesamte Sinnlichkeit, die künstlerische mit einbegriffen, nur als   W e r k z e u g   aufzufassen versteht, wenn er nun vermöge dieses Werkzeuges zu ganz weltentrückten Gebieten zu gelangen vermag, sich selbst darüber trösten sollte, wenn ihm das Herz nicht übergeht, weil einer die Pikkoloflöte und die Posaunen zusammengesetzt hat oder Harfe und Amboß, oder weil er nur jämmerlich klimpern kann. Hier wie anderswo kommt es auf Gleichgewicht an; man kann eigentlich die Menschen nur bedauern, bei denen das Gehör dermaßen einseitig entwickelt ist, daß sie vor lauter Gesumme gar nicht imstande sind, zu unterscheiden, ob hinter der Musik etwas steckt, ob sie wirklich himmelwärts führt oder nicht, und die ganz naiv Berlioz' „Requiem“ mit Beethovens „Messe“ „vergleichen“!
    Doch ich muß nicht vergessen, daß ich mich nur vor Ihnen entschuldigen wollte; Sie sollen mir nicht böse sein, daß ich die Werke Ihres großen Vaters am Klavier malträtiere; dazu gilt obiges. Hinzufügen will ich nur noch, daß von dem wenigen mir bisher Bekannten (Festklänge, Hunnenschlacht, Hungaria, Ideale, Héroide) die Hunnenschlacht mir weitaus den größten Eindruck macht — es ist unbeschreiblich großartig und groß und vereinigt die verschiedenen Momente, die mich bisher bei Liszt am unmittelbarsten packten: das Religiöse, das Schauerliche und der Triumph. Und dann ist die Hunnenschlacht so offenbar die Musik des Auges; der Kaulbach kann sich schon freuen. In demselben Bande habe ich noch „Hamlet“, habe aber eine geheime Angst davor und wagte noch nicht, es anzuschauen (obwohl ich vor Jahren den betreffenden Band   n u r   für den „Hamlet“ gekauft hatte).
    Ich hätte gern anders geschrieben; mir war ganz anders zumute; ich hätte gern auf Ihre schönen Worte über den Tod einiges erwidert; es sollte heute nicht sein. Bitte, betrachten Sie das Ganze nur als einen Gruß, und glauben Sie, daß, wenn Liszts Musik mir auf eine Weile die Zunge löst, ich immer sehr Schönes mit Ihnen rede!
    In ehrfurchtsvoller Treue Ihr

Houston S. Chamberlain.


 
156-159 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

13. Mai 1890. 1 Blümelgasse. Wien.

    Daß ich das Glück, Ihnen, hochverehrte Meisterin, schreiben zu dürfen, einer schlechten Nacht verdanke, das hört sich komisch an; da ich aber ein Freund der einleitenden Stimmungsakkorde bin, so sage ich es gleich. Heute fühlte sich mein Kopf wie der Resonanzkasten einer Fiedel, deren Saiten alle übermäßig gespannt. Ich denke, an Sie zu schreiben, verehrte Meisterin, kann unter jeder Bedingung nur Ruhe und schöne Gedanken geben?
    Ich möchte doch endlich eine Art finden, um Ihnen zu sagen, was mir Ihre Zeilen vom 21ten April waren oder vielmehr sind. Auf der Welt gibt es immer nur Umwege; und wenn wirklich das allertiefste, ureigenste Herz zu sprechen wünscht, so bleibt doch das einzige, daß es sich gestehe: „unausgesprochen bleibe es ewig“ (diese Worte durch   j e n e   Töne [„Walküre“, II. Akt, 2. Szene] erst zu wirklichen Trägern des Sinnes erlöst und für mich immer einzig mit jenen anderen vergleichbar: „ach! dieses Auge, ewig nun offen!“ [„Götterdämmerung“, III. Akt, 2. Szene]).
    Am besten erwidere ich einfach auf Ihre Bemerkungen bez. des Todes. Um so mehr, als mir unsere Empfindungen sehr verwandt zu sein scheinen, und für mich persönlich sogar das Wort „Tod“ ein so schönes, mildes, heiteres (möcht' ich sagen) erscheint — wenn ich nur von den Zutaten der Zivilisation absehe, von den „pompes funèbres“, Kondolationen usw. —‚ daß ein Gefühl von beseligendem Frieden und Glück in mich zieht, wenn ich nur von ihm sprechen darf. Wir müßten also, meine ich, uns doch verständigen können. Und daß Sie sich den Tod „wie ein Aufbrechen der Knospe und eine Erfüllung“ denken, das scheint mir so klar wie alles, was man selber täglich empfindet; die Freude über die Übereinstimmung kam erst bei der Überlegung, daß Sie auch anders hätten empfinden können. Die Freude ist groß und „ewig nun“. Und die Überzeugung, daß manche Grundanschauung uns trennt, kann mir diese Freude nicht rauben.
    Eine Trennung glaube ich z. B. gleich zu sehen. Sie erinnern sich an Mozarts Worte in einem Brief an seinen Vater: „...genau zu nehmen, ist der Tod der wahre Endzweck unseres Lebens.“ Sie scheinen mir dasselbe nur zarter, verklärter, Heilige-Elisabeth-artiger zu sagen, mit Ihrem Ausdruck: „Eine Erfüllung.“   M i r   liegt eine derartige Auffassung fern — Sie würden vielleicht eigentümlich fern finden. Ich bin so von der transzendentalen Weltanschauung durchdrungen — die mir gewiß bei meiner Geburt schon im Blute floß —‚ daß mir alle derartigen Gedanken, wie „Zweck des Lebens“, „Erfüllung“ usw. fast geradezu utilitaristisch, jedenfalls materiell erscheinen. Der Begriff eines   Z w e c k e s   (und das zarte Wort „Erfüllung“ birgt auch dieses) will mir ganz und gar nicht in ein Jenseitiges hinüberreichen. Von einem gewissen Standpunkt aus hat für mich das Leben folglich überhaupt gar keinen Zweck, und von einem anderen Standpunkt aus ist es sich selbst voll-genügender Selbstzweck (und in dieser zweiten Anschauung fühle ich mich eins mit der antiken Weltanschauung). Anstatt wie Sie den Tod zugleich als ein Aufbrechen der Knospe und als eine Erfüllung zu betrachten, empfinde ich ihn zugleich als ein Aufbrechen der Knospe und als eine   V o l l e n d u n g.   Dem transzendenten, jubelnden Jenseits die Knospe „ewig nun offen“; dem Diesseits gegenüber das Ende. Geburt und Tod geben diesem Leben den Charakter des Künstlerischen, indem sie es abgrenzen — zwischen beiden zieht die Zeit den Umriß. Die ganze Bedeutung des Schönen für den Menschen liegt hierin.
    Und hieran knüpft sich für mich (bitte verzeihen Sie die Gedanken-Ellipsen) die Überzeugung, daß der Charakter des Todes für den einzelnen eng mit dem seines Lebens verknüpft sein muß, denn in diesem Sinne ist der Tod durchaus nicht die Negation des Lebens, sondern ein Teil desselben. Dem Großen wird der Tod majestätisch sein, dem wahrhaft Glücklichen wird er lächeln, dem Bösen ein Schrecken, dem Kleinlichen unbedeutend, dem Verbitterten bitter sein usw. Also könnte ich (den Tod in diesem Sinne, nämlich vom Leben aus betrachtet) Ihre „versöhnliche Vorstellung“ nicht so unbedingt teilen. Und darum glaube ich nicht, daß Sie recht haben, daß Stein und ich uns bezüglich der Einsamkeit beim Sterben treffen. Jene Worte des sterbenden Paulus sind mir rätselhaft, ich hätte gedacht, er würde jubeln, daß es einem anderen heiligen Manne gegönnt war, ihn aus dem Leben scheiden zu sehen. Derselbe Empfindungsgang aber wird mich nie Trost finden lassen, daß ich nicht am Bette meines sterbenden Freundes saß, denn er war kein Paulus, sondern ein bis zum Haß gegen Gott und die Welt und sich selbst verbitterter Mann, und solche bedürfen der Liebe mehr wie die Heiligen, mehr sogar wie unsereiner. Er führte zwar immerwährend den Tod im Munde und rief ihn als Erlöser aus seinem grenzenlosen Elend an, aber — Gott weiß, verehrte Meisterin, daß ich nicht vor Ihnen den Weisen, den Paradoxen spielen möchte, ich sage es einfach, wie ich es empfinde: nur wer gern lebt, wird gern sterben. Noch im vorigen Herbst schrieb mir mein Freund, er habe nur noch einen Wunsch und eine Hoffnung — noch einmal den Kopf an meine Brust lehnen und sich ausweinen zu können! Der Große Künstler war unerbittlich — er hat nicht die Linie des Schmerzes auf seinem Werke durch Trost und Frieden am Schlusse verderben lassen wollen. Und gewiß, solange er denken konnte, hat mein Freund mein Nicht-bei-ihm-Sein als einen letzten, bitteren Schmerz empfunden und hat oft gerufen: „Bruder, wenn du da wärest, wäre diese Stunde nicht so schwer!“
    Die Logik des Lebens ist furchtbar, nicht wahr? Und von meinem Standpunkt aus, das Leben (in dem   e i n e n   Sinne) als ein Vollendetes, Abgeschlossenes zu betrachten, ist das Furchtbarste, finde ich, der „irreparable“ Charakter, den jede Kleinigkeit an sich trägt. Gewiß ist die Zeit nur eine Form der Anschauung, eine mir eigene, aber gerade dadurch kann man nichts in ihr auswischen und trägt alles den Stempel einer unerbittlichen Ewigkeit.
    Allerdings ist dies alles nur der   e i n e   Sinn, die   e i n e   Anschauung, der   e i n e   Standpunkt. Und sowie ich den ganz kleinen Riesenschritt hinübertue ins andere Reich — ja, da bleibt es mir ewig rätselhaft, wie der Tod zu Tränen und Trauer (wie häufig buchstäblich „ewige“!) führen kann? Eigentlich hat das nicht den Schimmer eines Sinnes. Man kann doch, selbst wenn man keiner pessimistischen Weltauffassung huldigt, unter keiner Bedingung denjenigen bedauern, der aus einer widerspruchsvollen Welt, wo Schmerz und Wonne sich ewig in den Haaren liegen, hinaus, in eine widerspruchslose, gegangen ist; man kann von keinem Wesen sich einbilden, daß es noch irgend etwas zu „vollenden“ gehabt hätte, in welchem Sinne es auch sei; und wie kommt der Bleibende dazu, sich zu beklagen und als beklagenswürdig sich zu empfinden? Was sind seine wenigen Tage? Vom Leben aus allerdings alles, vom Jenseits gar nichts, es gibt ja keine Zeit, folglich auch keinen Überlebenden. Eine Trennung ist ja ein Ding der Unmöglichkeit — und das meine ich nicht als metaphysische Spitzfindigkeit, sondern als das Wahrste, Unsagbarste meines eigenen Selbst. — Das eigene Ich empfinde ich immerwährend als ganz und gar außerhalb der Erscheinungswelt; es ist eben jener „Kern des Daseins“, von dem Sie auch reden; und wenn, wie Sie meinen, das Leiden dahin führt, so erlöst das Leiden aus dem Leiden. Denn tragisch ist ja nur der Widerspruch; das eigentlich Daseiende kann keinen Widerspruch enthalten, ist also auch nicht tragisch. Mir scheint, der Verkehr mit den Toten ist das Schönste am Leben, so groß, so himmlisch heiter, so ruhig erhaben, der einzige, in den sich keinerlei Bitterkeit mischen kann, und gerade die Überlebenden sind es, die durch ihn verklärt werden...
    Ich lese das Geschriebene durch und sehe, es ist sehr „fiedelig“ ausgefallen, wie aller Verkehr, in größerem oder geringerem Grade, zwischen Lebenden. Da ich aber nicht die mindeste Ahnung habe über die Verständlichkeit, überhaupt über den Wert von dem selbst Gesprochenen, schicke ich es immer ab, so wie es gerade kam. Es gilt ja nur als Flügelschlag!
    Ihr in Ehrfurcht und Treue ergebener

Houston S. Chamberlain.


 
160-162 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Bayreuth, Wahnfried, den 19. Mai 1890.

    Mir ist es, als ob wir uns über Leben und Tod vollständig verstünden, mein Freund, nur daß Sie sich präziser, daher besser ausdrücken als wie ich. Ich weiß nicht, ob es Ihnen gehen wird wie mir, ob Sie im Alter so schwer sich über die innerlich ausgesöhntesten Dinge auslassen werden. So ungeängstigt ich in meinem Herzen bin, höre ich doch am liebsten dem Freunde zu, und seine Empfindungen, in den Äußerungen vielleicht verschieden, verschmelzen sich mit den meinigen ungefähr, wie man am Himmel beim Sonnenuntergang eine Farbe zur anderen werden sieht und sich sagt, daß Licht und Wärme, diese großen Einheiten, wohl die Wandelungen hervorbringen; aber das Wort von Stein oder seinem Paulus scheinen Sie mir nicht richtig verstanden zu haben, es liegt doch der Triumph der Menschenliebe darin, selbst über die Gottseligkeit, über das unaussprechliche Wohl der Einsamkeit. Wie habe ich dieses Wohl in den letzten Tagen empfunden! Eine Reihe von schmerzlichen Eindrücken ist uns wieder geworden, das Bellen unseres treuen Hundes, der letzte aus einem teuren großartigen Geschlecht, empfing uns bei unserer Rückkehr nicht mehr; meine Isolde liegt in Palermo fieberkrank, ich geriet mit einem teuersten Freund in einen Konflikt, welcher mir einmal wieder zeigte, wie mein armes Wesen in bestimmten Normen durchaus nicht untergebracht werden will; eine andere hoffnungsreiche Existenz sehe ich der Trivialität preisgegeben, dazu ein Unaussprechliches, und stündliche Sorgen um alles, was mir anvertraut ist. Und doch so ein Tag in der Stille des wahnfriedlichen Grünen, ein Blick auf den Tannhäuser, und mir ist es, als ob immer wieder das Herz mit der Amsel schlagen und jenen wundervollen Wachtelgesang Beethovens nachsingen könnte: Lobe Gott, denn er ist gut! Ich meine, es noch niemals so empfunden zu haben, was ein stiller Maitag ist, und wenn Sie mich über Leben und Tod befragen, so könnte ich Ihnen nur mit dem Zittern der Blätter, mit dem schwankenden Strahl der Sterne und mit dem empfangenen Vogelgesang erwidern, und wirklich, ich habe nur noch dieses eine Bedürfnis nach Frieden; ist es Leben, ist es Tod, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß es mich unfähig macht, das meiste, was die Menschen sich antuen, zu empfinden, und einzig zu diesem andächtigen Verlangen stimmen die Worte, die Sie mir jetzt entsendeten!
    Noch muß ich Ihnen für Ihren Brief über die Symphonischen Dichtungen danken; er hat mich innig gefreut. Ich glaube, man muß zu meinem Vater ein ganz direktes Verhältnis haben, um sich seiner Kompositionen zu erfreuen. Das Schönste darüber steht wohl im Briefwechsel [zwischen Wagner und Liszt, vgl. Brief Wagners vom 4. 3. 1854] über die Kantate an die Künstler. Wenn ich z. B. Préludes oder Tasso höre, so höre ich ganz direkt meinen Vater zu mir von dem Gleichnis des Irdischen, von dem Leiden des Genius in der Welt sprechen, ich folge dieser Sprache, und nichts läge mir ferner, als mich zu fragen, ob ich es hier mit einer guten oder nicht guten Komposition zu tun hätte. Wie gern hätte ich Sie, mein Freund, bei der Aufführung des  „P r o m e t h e u s“   bei mir gehabt; wiederum fühlten wir uns, meine Eva und ich, durch Gruppen von Nereiden und Tritonen an herrliche Buchten geführt und sahen den Dulder, den Menschenfreund, dem kein Leiden, keine Fessel das Aufjauchzen über das Aufkeimen seiner Saat verkürzen kann und dem ein Erlöser wird.
    Ich habe in Karlsruhe die „Heilige Elisabeth“ mit den dortigen Theaterkräften ganz durchgenommen, sie wird im November aufgeführt werden, am Ende kämen Sie dafür hin? Auch den „Rienzi“ hoffe ich, seinem Geiste nach wieder festzusetzen, und wenn mir auch dort die Volksmassen recht abgehen werden und der Hauptdarsteller sehr ungenügend sein wird, so ist doch für den Geist, in welchem gearbeitet wird, durch Mottl gesorgt. Er wird Sie in Wien aufsuchen, und es sollte mich freuen, wenn Sie beide miteinander einigen Verkehr hätten.
    Den „Hamlet“ meines Vaters kenne ich nicht. Ich weiß nicht, ob dies ein Zufall oder eine Fügung ist. Er sprach wenig über solche Dinge, so gut wie gar nicht in den letzten Jahren, und so habe ich gar kein Bild von seiner Konzeption des „Hamlet“.
    Gestern hatten wir Taufe bei Knieses; in dem redlichen Bestreben, mir den Gottesschöpfer des Kredos zurechtzulegen, verlor ich einen Teil der Andacht, die ich mitgebracht hatte, verlor den Heiland, den Heiligen Geist und sah einmal wieder, was es für ein erbärmliches Ding mit dem guten Willen und dem Zwang ist. Darauf fuhren wir nach Fantaisie, und ich erinnerte mich daran, daß ich bei meinem letzten Besuch lebhaft Ihrer gedachte und es Ihnen schrieb, so daß Sie förmlich für mich mit dem schönen Ort verknüpft sind. Sie passen, meine ich, auch sehr gut in eine solche Park- und Waldanlage, und wenn Sie mir kein eigensinniges Gesicht darauf machen, will ich dabeibleiben.
    „Wer gerne lebt, wird gerne sterben.“ Das unterschreibe ich ganz, und es kommt auf den Spruch hinaus, der von Schopenhauer gegeben sich mir einprägte: „In tristitia hilaris, in hilaritate tristis;“ hoffentlich zitierte ich ohne Fehler, ich hätte es jedenfalls lieber deutsch gesagt. Der Mensch ist aber dumm, zumal die Frau, zumalst
Ihre treu ergebene

C. Wagner.


 
162-163 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Mittwoch 21/5/90. 1 Blümelgasse. Wien.

    Wenn wir „in Korrespondenz“ stünden, hochverehrte Meisterin, so würde ich gewiß nicht die Taktlosigkeit begehen, Ihnen umgehend auf Ihren Brief vom 19ten zu antworten, den ich soeben, nach einem Frühgang im Schönbrunner Park, erhalten habe. Aber so unbescheiden bin ich nicht, mir die Sache so vorzustellen; Sie sagen heute „am liebsten hören Sie dem Freunde zu“, und mir ist es häufig (der Vergleich hinkt ja an allen vier Beinen, aber das macht nichts), mir ist es bei unserem Verkehr, als wären Sie der Held Siegfried, der sich auf einen Augenblick im Schatten der Bäume ausruht, und ich das „dumme Vöglein“, welches Ihnen vorschwatzt. Wenn das Geschwätz nur hin und wieder so gut zu den Bedürfnissen Ihrer Seele stimmen würde wie der Vogelgesang zu Siegfrieds, da könnte der liebe Gott mit sich selber zufrieden sein!
    Daß Sie mir Ihre Empfindungen über Leben und Tod mit dem „Zittern der Blätter, dem schwankenden Strahl der Sterne...“ mitteilen, das ist schön, und Sie wissen, daß ich Sie da am allerbesten verstehe. Gerade so, wie Sie mich verstehen werden, wenn ich oft empfinde, daß ein einziger Akkord mehr ausspricht von dem allen, was ich Ihnen sagen möchte, als alle Worte es jemals vermöchten. „La séculaire tristesse qui tient dans un tout petit accord au piano“ — es ist ja etwas anderes als das Blätterrauschen, als der Vogelsang, aber wie bald läuft die menschliche Stimme mit der anderen zusammen! Alle rufen sich „tat tvam asi“ zu!
    Gewiß, verehrte Meisterin, empfinde   i c h   es stets als das Schwerste (ich weiß nicht, ob „Tragischste“ richtiger wäre) an Ihrem jetzigen Leben, daß Sie auf der einen Seite, sowohl durch die Art Ihrer Begabung als durch Ihr ganzes Lebensschicksal, nicht nur ein Recht zum Lossagen von allen diesseitigen Interessen besitzen, sondern tatsächlich von dem Tun und Lassen, von dem ganzen Streben der Menschen gänzlich abgesondert sind, während Sie doch auf der anderen Seite noch in der Welt Schlachten liefern müssen, was Sie doch nicht anders können, als, indem Sie sich mitten ins Getümmel stürzen, wo Sie nicht bloß der allumfassenden Gemeinheit preisgegeben sind, sondern jene schmerzlichen Eindrücke (auf die Sie hinweisen) Ihnen gar nicht erspart bleiben können, auch bei den Besten und Edelsten, auch bei den Treuesten gar häufig in schroffster Weise auf Unzulänglichkeiten zu stoßen. Und was sind die materiellen Unzulänglichkeiten dem plötzlichen Gewahrwerden gegenüber, daß man auch mitten im Kreise der aufopferungsvollsten Besten doch im eigentlichsten Sinne   g ä n z l i c h   vereinsamt steht? Steht man nicht im Getümmel, kann man sich abseits im Walde hinlegen (und welch Lebender hätte mehr wie Sie das Recht
„De cheminer loin des femmes et des hommes,
Dans le frais oubli de ce qui nous exile“ —?),
da ist dieser Schmerz durchaus nicht so „poignant“, so grausam; da kann die ganze Anschauung eine still-verklärte werden, der Widerspruch lebt weiter — er berührt aber weniger —‚ die ganze Welt wird gewissermaßen von der anderen Seite erfaßt, und indem man sein intellektuelles Ich (um mich sehr ungeschickt auszudrücken) vollständig opfert, es den Dümmsten unter die Füße legt, so wird man auch vom Mißverstandensein und von der Einsamkeit erlöst; die Elisabeth ist im stillen Walde nicht mehr einsam, und die Armen, denen sie ihr letztes Brot gibt, verstehen sie recht gut. Ihr Schicksal aber, verehrte Meisterin, ist es, in der Welt wirken zu   m ü s s e n,   wiewohl Sie gar nicht mehr in dieselbe hineingehören. Wie oft mögen Sie, wie mein so früh verstorbener Dichterfreund Laforgue, ausrufen: „Oh! qui jettera un pont entre mon coeur et le présent?“ Und die himmlische Heiterkeit Ihres „ungeängstigten Herzens“ wird immer wieder auf vorübergehende, schmerzliche Augenblicke getrübt. Schön, daß Sie sich Giordano Brunos „in tristitia hilaris“ auch zum Wahlspruch erkoren; es ist einer der häufigen „Zettel“ auf meiner Stubenwand.

*

    Ich werde unterbrochen. Der Morgengruß des schwatzenden Vögleins ist ja auch lang genug für die knappe diesseitige Zeit.
    In ehrfurchtsvollster, treuer Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


 
164-165 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 30. Mai 1890.

    Wiederum ist es eine Wanderung, die mich zu Ihnen führt, mein Freund. Nach etlichen trüben, naßkalten Tagen schien gestern die Sonne wieder, wir folgten dem Gang nach Eremitage, bogen zu einer Anhöhe rechts hinauf, und inmitten eines hier seltenen Wiesenblumenreichtums kamen Sie uns entgegen, und wir sprachen von Ihnen. Heute sind wir durch Wind und Wetter wieder eingesperrt, und der Gedanke soll sich zum Wort verdichten.
    Ich habe in diesen Tagen ein Buch wieder gelesen, für welches ich als junge Frau geschwärmt habe und das mir dadurch nicht mehr so ganz traulich ist, als die germanische Weltanschauung und Empfindung mich völlig absorbiert hat. So viel und Bedeutendes ist aber an dem „Lys dans la vallée“, daß ich jetzt noch Balzac für die gestaltende Kraft Frankreichs halte. In diesem Buche spielen nun seltsamerweise die Feldblumen bedeutend mit, und es war ein artiges Zusammentreffen, daß sie, wie vielleicht kaum je zuvor, gestern zu mir sprachen.
    Ich glaube, es ist kein Buch für Männer. Es erheischt zu seiner Lektüre die hauptweibliche Tugend, die Faust mit solchem Fug verwünscht und welche die Prinzessin wie mit einem Angstschrei als die Summe ihres Daseins angibt: Geduld! Ferner kann nur eine Frau, glaube ich, dieses Seelengewebe in allen seinen Fäden verfolgen. Ich entsinne mich, in meiner Jugend tief gekränkt dadurch gewesen zu sein, daß ein Freund mir mit anderen Papieren ein Kuvert mit meiner Handschrift zurückschickte. Schlaflose Nächte und ewiges Schweigen, kurz, das Absurde in optima forma entsprang daraus. Kein Mensch kann das verstehen, der Dichter aber merkt es.
    Noch eine andere fremdländische Erscheinung hat uns in den letzten Zeiten sehr beschäftigt, es ist Chopin, dessen Eigenart und vornehme Größe sehr tief in uns eingedrungen ist. Kennen Sie seine Lieder? Ich weiß wenige solcher, wo man derart das Gefühl hat, daß das Volk durch den Künstler singt.
    Im übrigen hat uns Reineke Fuchs die Pfingsttage erheitert und Fidelio (durch einen vorzüglichen Aufsatz von Berlioz eingeleitet) zum größeren Teile bedrückt, in einigem ergriffen und erhoben. — Da haben Sie unser Leben, denn an diese Beschäftigungen reiben sich auch unsere Gespräche an.
    Wie ist der Besuch von Mr. Boissier abgelaufen? Wenn er etwas für unsere Sache tun will, so hat er im nächsten Jahre die schönste Gelegenheit, wo, auch wenn wir bis zum letzten Platz verkaufen und nicht einen einzigen Freisitz geben, wir doch ein bedeutendes Defizit haben müssen, weil unsere Ausgaben um ein Beträchtliches unsere höchsten Einnahmen übersteigen. Gott wird helfen, sage ich mir, um die Sorgen einzuwiegen.
    Über Ihr letztes Schreiben sage ich Ihnen nichts; sagen Sie sich alles selbst, indem Sie sich wiederholen, daß in den Augenblicken, wo die Schranken sich mir lösen, was nur in der Musik oder in der Natur mir wird, Sie mir nahe sind. Ich grüße das Vöglein und würde ihm sehr gern wie der Schuster im „Machandelbaum“ [in Grimms „Kinder- un Hausmärchen“] ein Paar rote Schuhe schenken, damit er wieder sänge!

C. Wagner.


 
165-166 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Semmering, 7/6/90.

    Stimmungsakkord: „L'anima sua si slancia fuori del creato, e si crea nel infinito un Mondo tutto per esso, diverso assai da questo oscuro e pauroso baratro.“ — Wenigstens hat mich, hochverehrte Meisterin, dieses „si slancia fuori“ einige Tage fast zu buchstäblich beherrscht und das goldene Gleichgewicht beinahe bedroht. Aber gestern, trotz nachschleppender Schmerzreste, konnte ich meine ewige Sehnsucht, überall den höchsten Berggipfel zu erklettern, erfüllen; und Auge und Seele konnten wirklich schwelgen, von den langen Gletscherreihen im Südwesten bis zu der grenzenlosen Wellenebene Ungarns im Nordosten. Die Welt und wir, wir sind doch organisiert, um aneinander die höchste Wonne zu erleben; ich kann Ihnen gar nicht sagen, mit welchem Entzücken ich das Auge über dieses weite Stück Welt schweifen ließ! Traurig gewiß, ich meine, voll Trauer schaut jeder Berg und jedes Tal aus, gleichviel ob im hellen Sonnenschein oder im Schatten der unerbittlich daherziehenden Wolken; übersieht man weite Fernen, so ist mir immer, als wäre die ganze Welt von der allertiefsten Melancholie durchdrungen, gewissermaßen in dieselbe eingetaucht und von ihr ganz durchsättigt (ein ganz anderer Eindruck, als man vom   e i n z e l n e n   Tal, vom   e i n z e l n e n   Wald, in dem man wandert, bekommt, und der bisweilen ganz harmlos heiter sein kann); aber die Welt ist so unendlich, so unaussprechlich   s c h ö n!   Sie umarmen und küssen und den Kopf darauflegen — und jene wahren Tränen weinen, die weder Schmerz noch Freude sagen oder beides, wie man will, nur das Durchdrungensein von jener allgemeinen, alles überragenden, alles durchdringenden Schönheit, welche Shelley so schön bezeichnet:
„...that Beauty
Which penetrates and clasps and fills the world;
Scarce visible from extreme loveliness.“
    Die Welt als „oscuro baratro“ betrachten, das ist im Grunde leicht; es ist die erste, aber auch die unterste Stufe der Erkenntnis. Aber ihre „extreme loveliness“ mit schrankenloser Überschwenglichkeit empfinden, das kaum Sichtbare vor Übermaß dennoch sehen lernen, so viel möglich,   n u r   noch dieses sehen — wäre das nicht die einzige Wahrheit, die uns im Diesseitigen blühen kann? Und die am besten geeignete, um uns in das blendende Jenseits hinüberzuleiten? Und dieses — diese Betrachtung —‚ verbunden auch mit der Erinnerung an unsere neuerliche Unterhaltung über den Tod, ruft mir folgenden herrlichen Satz aus einer Prosaschrift von Milton zurück — er hat ja nichts mit alledem zu tun, ich zitiere ihn nur, weil ich heute die strahlende Schönheit dieser Worte so tief empfinde, daß ich sie Ihnen sagen muß: „...where (nämlich im Jenseits) — where they (nämlich die Großen) — where they in supereminence of beatific vision, progressing the dateless and irrevoluble circle of eternity, shall clasp inseparable hands with joy and bliss, in overmeasure for ever.“
    Und daß ich die „extreme loveliness“ Ihres Lebens habe betrachten dürfen, hochverehrte Meisterin, dafür dankt Ihnen gewiß durch den ganzen „dateless and irrevoluble circle of eternity“ Ihr in ehrfurchtsvoller Treue ergebener

Houston S. Chamberlain.


 
166-167 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 11. Juni 1890.

    Wohl haben Sie recht, daß die Empfindung des Baratrischen der Welt gleichsam die unterste Stufe der Erkenntnis bildet, zu welcher so ziemlich ein jeder gelangt. Dahin aber zu kommen, auf dem Schmerzenslager wie Tristan zu Isolde zu rufen: „Ach, wie schön bist du!“, das ist wohl nur den wenigsten zuteil, und wenn die Kundgebungen der Hellenen uns mit dem Eindruck der Erhabenheit durchschauern, so beruht dies vielleicht in der Errungenschaft des Schönen durch die empfundene Tragik hindurch.
    Aber auch, daß ein weiter Überblick immer traurig ist, sprach heimisch zu mir. In der Begrenzung — in der Kunst — liegt die Heiterkeit.
    Neulich erfuhr ich bei Gelegenheit des japanesisch richtig gestimmten Klaviers, daß wir gar keine gesetzmäßige Stimmung haben, sondern daß unser Ohr das Angedeutete zur Harmonie erhebt; das ganze Verhältnis des Menschen zum Leben und zur Welt lag mir darin. Keine Erfahrung, die so schwer wäre, daß der Mensch ihr nicht Schwingen verleihen könnte, keine Häßlichkeit so grinsend, daß er sie nicht zur Erhabenheit wandeln könnte. Freilich darf die Sorge ihn nicht allzu scharf und unausgesetzt nagen in der Angst um meine Tochter, in der Vorstellung der Hitze in Palermo war mir wirklich jeder Friede der Beschauung geschwunden.

C. W.


 
167-169 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

22. Juni 1890. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Ich empfinde mit Scham die bodenlose Tiefe meiner Dummheit, hochverehrte Meisterin, bei dem Gedanken, daß, was so vielen leicht und selbstverständlich, mir mehr wie je unmöglich ist: die Trennung des Gesamtdaseins in ein Subjektives und ein Objektives. Mein abscheulich gestimmtes „Subjekt“ wirft auf alles Umgebende so häßliche Strahlen — und doch wiederum, sollte es nicht vielmehr das vermaledeite Objektive sein, welches mich so plötzlich und unverdient aus heiterer, unschuldiger und wirklich schöner Laune ganz roh hinauswirft, so daß ich mich nur frage, mit welchem Verbrechen ich anfangen soll? Denn Sie werden doch nicht im Ernste mich glauben machen wollen, daß ich persönlich den gewittrigen, feuchten Tag veranlaßt habe? Und was kann ich dafür, und wie erklären Sie das, daß präzise im Augenblick, wo der Himmel sich bewölkt und die „subjektive“ Stimmung sich trübt, ein Freund mir wirklich herben Kummer macht? Mir das rauben möchte, was ich mir niemals rauben ließ, und sollte ich auch 70 mal 7 als blöder Esel vor mir und anderen dastehen — den   G l a u b e n?   Ich vermute, mit dem Subjektiven und Objektiven kann man es ungefähr so halten wie der Dachdecker: „Von beiden Seiten ganz egal.“ Aber ich gestehe, daß, wenn man immerfort auf der scharfen Kante wandelt, wo die beiden Seiten „ganz egal“ zusammenlaufen, es einem bisweilen recht schwindlig wird. Und wie ich dann weiter im „Il Penseroso“ der Melancholie begegnete, vorgestellt als
„A pensive nun, devout and pure,
Sober, steadfast and demure,
All in a robe of darkest grain,
Flowing with majestic train,
And looks commercing with the skies,
Thy rapt soul sitting in thine eyes.“
Ja! Da war ich doch bei Ihnen angelangt, hochverehrte Meisterin, nicht wahr? Und der Dachdecker-Standpunkt war glücklich überwunden.
    Dies ungefähr, was mich veranlaßte, einen Quartbogen herauszuholen. Und nun: Zuerst die Hoffnung, daß die Wolke, die mir die Sonne raubte, nicht etwa von Bayreuth aus ihren Schatten über mich warf? Und, daß Sie an Sorge und Kummer nur „das tägliche Brot“ hatten.
    Daß Sie schreiben — und wie Schön und richtig! —‚ der Mensch könne   j e d e r   Erfahrung Schwingen verleihen und jede Häßlichkeit zur Erhabenheit wandeln, das machte mir, außer der großen Freude, eine kleine boshafte! Ich dachte an unsere Korrespondenz im Winter und an meine Anschauung, daß man nichts als seelenlos anreden dürfe, weil die Seele von dem anschauenden   M e n s c h e n   in das Ding hineingetragen oder, was auf dasselbe hinauskommt, aus dem Ding herausgefühlt und empfunden wird. Wobei ich nur dadurch meine Stellung verdarb und unklar machte, daß ich aus reiner, zweckloser Boshaftigkeit gleichzeitig den Begriff der Seele überhaupt — mit Schopenhauer — angriff. Daß wir vollständig übereinstimmten, war ja selbstverständlich; der Schein des Widerstreites kam nur, daß Sie Influenza und ich Zahnschmerzen hatten. Heute muß ich Ihnen aber in bezug hierauf etwas anderes erzählen, was Sie mehr interessieren wird als meine Manie, recht haben zu wollen; ein Erlebtes. Sie werden dann begreifen, warum ich damals bei Ihrer Bemerkung: das Telephon (oder Phonograph) sei „seelenlos“, in solch sonderbare Wut geriet. — Im vorigen Herbst, als ich in Paris war, kam mein lieber Freund, der junge Arzt, der vor kurzem starb, in Marseille krank an. Da wir uns nicht treffen konnten und ein schnell zu fassender Beschluß eine mündliche Unterhaltung dringend wünschenswert machte, so bestellten wir uns zu einer bestimmten Stunde an das Telephon. Bei der großen Entfernung zwischen Paris und Marseille ist der Schall außerordentlich schwach, ohne Übung kaum verständlich und so bloß metallisch, daß viel,   v i e l   weniger von der warmen menschlichen Stimme darin zu erkennen ist als in einem Edisonschen Phonographen. Würden Sie es glauben, mein Freund ist von dem   K l a n g   meiner Stimme, oder vor dem Klang meiner Stimme fast buchstäblich in Ohnmacht gefallen. Es kam keine Antwort mehr, und ein Beamter meldete mir von Marseille aus, der Herr sei unpäßlich; und nachher schrieb mir mein Freund, nach der jahrelangen Trennung, nach der trostlosen Wanderung durch so viele öde Länder und dem Herumschieben mit so unzähligen guten, schlechten und gleichgültigen Menschen hätte ihn der Klang der einzigen Stimme, die auf der Welt ihm wahre Liebe verkündete, der ihm so wohlbekannte Klang ganz überwältigt! Es war auch das letztemal, daß er sie hören sollte. Man muß wohl grenzenlos unglücklich und vereinsamt sein, um dem häßlichen, puppenhaften, näselnden Telephon-Ton derartige Schwingen zu verleihen, so daß er mit leidenschaftlichster Gewalt direkt zur Seele spricht — aber, Sie sehen, es geht. Es kommt nur auf die   N o t   an.
    In diesen letzten Zeiten war ich wieder viel in meinen lieben Alpen, durch das Buch eines reizenden, sehr originellen und im wahren Sinne des Wortes distinguierten jungen, früh verstorbenen Franzosen, der als unbemittelter Lehrer in der franz. Schweiz tätig, alles sparte für Hochalp-Touren, die er trotz seiner Schwindsucht meisterlich ausführte: Javelle. Das Charakteristische ist bei ihm die schwärmerische, pantheistische Liebe der Natur und der vollständige Rausch des Himmelwärtskletterns.
Ihr in Ehrfurcht ergebener

Houston S. Chamberlain.

 

169-170 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 28. Juni 90 (Sonnabend).

    Das war ein Ruf aus der Tiefe, mein Freund! Und ich hätte ihn vom Rande dieser Tiefe gleich widerhallt, wenn ich nicht in diesen Tagen Festspielbesuch erhalten hätte. Strauß war da, begleitet von singenden Weibchen und Männchen. Alle drei sehr merkwürdig. Der erste fanatisch, wie man es in der Jugend nur ist; die zweite [Pauline de Ahna, Bayreuther Elisabeth 1891] als Generalstochter mit angenehmer Stimme, für die Bühne schwärmend, wie man es zu der Goethe-Schiller-Zeit tat; der dritte [Heinrich Zeller, der 1891 den Tannhäuser in Bayreuth sang], Schullehrer, inbrünstig, schweigsam, tief und exaltiert. Die drei produzierten mir die Szene zwischen Elisabeth und Tannhäuser, wie ich wahrhaftig bezeugen kann, sie noch nie gehört zu haben, wenn ich auch bei weitem glänzendere Mittel und, wenn Sie wollen, auch Talente kenne. Es war eine große Freude; das Gefühl, wie in einer Gemeinde zu sein, und ich habe diese vier Tage buchstäblich mit dieser Dreieinigkeit gelebt; beständig aber dabei an Sie gedacht und mich gefragt, wie jetzt Ihre Stimmung sei? Ob Mime [der Hund Chamberlains] kuriert? Ob der Freund Ihnen erblichen, wie er Ihnen untreu wurde? Ich finde es wundervoll von Schiller, daß er uns Wallenstein, den er uns sonst gefühllos zeigen mußte, mit einem solchen Freundschaftsglauben ausrüstet.
    Das, was Sie jetzt durchmachen mußten, ist meinem Leben öfters widerfahren, und der Gleichmut, der einen dabei ankommt, ist nicht beneidenswert.
    Die Stimme des Entfernten! Ich meine, soll ich die Gegenwart missen, so misse ich auch gern die Stimme, oder vielmehr, ersetze mir alles auf meine Weise, worin mich ein Teil der Realität nur stören könnte. Aber sehr ergreifend ist der Fall mit Ihrem Freund.
    Wir haben nun den Johannistag gefeiert, die letzten Vögel singen hören, die ersten Glühwürmer begrüßt und von den Wiesenblumen, ehe sie abgemäht wurden, Abschied genommen.
    Ich habe auch eine Dachdeckergeschichte, nämlich von einem, der, wie er zum 13ten Male herunterfiel, sich frug: „Jetzt bin ich neugierig, was ich mir diesmal breche!“ So wollen wir uns als arme, ehrliche Dachdecker die Hand reichen und sehen, wie wir uns helfen. Seien Sie beide aus Herzensgrund gegrüßt!

C. W.


 
170-171 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

14/7/90. 1 Blümelgasse. Wien.

    Wirklich, hochverehrte Meisterin, nur von dem Wunsche beseelt, ein wenig diskret zu sein oder wenigstens dies zu versuchen, schrieb ich nicht.
    Zu einem wirklichen Briefe wird es heute allerdings kaum kommen: denn erstens, ich bin ein ganz klein wenig „uneasy“ über das Schicksal einer wissenschaftlichen Arbeit, welche jetzt endlich in den Händen eines berühmten Gelehrten ruht,   i c h   selbstverständlich überzeugt, daß ich etwas sehr Tüchtiges geleistet habe, und wenn auch nicht gerade eine gelehrte Arbeit, immerhin eine, welche ganz neue Gesichtspunkte eröffnet, und welche fleißigeren Forschern wie ich ein reiches Feld zur Bearbeitung freigibt, aber er (nämlich der berühmte Physiolog), wie mir scheint, bis jetzt der Meinung, daß ich gänzlich verdreht bin, so daß ich bei jedem Erschallen der Türklingel zitternd die Postkarte erwarte, welche mir, wie bei meinen sonstigen gutgemeinten Versuchen üblich, mitteilt, daß ich noch nicht die ersten Stufen des Tempels etc., etc., etc. — Und zweitens, weil ich seit 14 Tagen ganz allein in der Wonne des Bergerklimmens und des tagelangen Laufens lebe; den Rucksack angeschnallt, ziehe ich fort, jedes Wetter ist mir schön, jede Stunde mir gut; bisweilen geht es ganz allein weg über Berg und Tal, andere Male mit der lieben Frau auf liebliche Höhen des Wiener Waldes, und wieder andere Male mit Freund Appia auf Felsenklettereien, von denen wir, beladen mit Edelweiß, Alpenrosen, Soldanellen und anderen Hochalpenblumen heimkehren; und bei einem derartigen Leben bin ich viel zu glücklich, um noch etwas zu   d e n k e n.   Ich komme mir so vor wie — wie eine Blume, will ich nicht sagen, diese sind ja für die Damen reserviert, aber, um mir nicht zu schmeicheln, wie eine jener glücklichen Kühe, die jetzt hoch oben weiden, sich alles mit großen, neugierigen Augen anschauen, sich aber über das Welträtsel und derartiges gar nicht den Kopf zerbrechen.
    Viele herzliche Grüße von uns beiden an alle Ihrigen, bitte, und Ihnen die Versicherung unserer unwandelbaren — Herz und Seele beherrschenden — Ergebenheit.

Houston S. Chamberlain.


 
171-173 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 16. Juli 1890.

    Wir hatten drei traumhafte Tage an dem Vierwaldstätter See, bereits der Bodensee mit seiner großen Wasserfläche hatte an uns die magische Anziehung des geheimnisvollsten Elementes ausgeübt. Dort nun wirklich geborgen inmitten der Berge, empfanden wir uns wie jenseits von Gutem und Bösem, von Leid und Freude, von Vergangenem und Zukünftigem.
    Hier empfing uns nun ein strahlender Sonnenschein, die letzte Baumblüte, die berauschende Linde und zu unserer größten Überraschung und Freude ein unaufhörlicher Vogelgesang. Die Amseln schlagen, als ob sie sich vor Freude gar nicht kennten, und wie wir gestern von dem Besuche bei unserem armen Friedrichs [erster Bayreuther Beckmesser, der, an Melancholie erkrankt, durch Frau Wagner in einem Sanatorium bei Bayreuth untergebracht war] heim über die Wiesen kehrten, schwirrte die Lerche in den Lüften wie unsinnig, ließ keine trüben Gedanken zu und zwang uns in die freundliche Betrachtung der blauen Sterne in dem grünen Korn hinein. Einen seltsamen Kampf zwischen Lust und Trauer hatte ich soeben durchgemacht! Der erste Anblick unseres teueren Friedrichs hatte die Angst mir erweckt, wie ich mir vorstelle, daß sie die Flucht vor dem Leben, die Daseinspanik eingibt; nun aber behauptete sich etwas in mir, was ich nicht anders als die Lebenssicherheit bezeichnen kann, welche den Drang in sich schließt, es mit dem Feinde aufzunehmen. Es ließ mich nicht, ich mußte diesem trübsinnigen Auge, diesem hoffnungslosen Antlitz das Lächeln abgewinnen, und mit der Kühnheit des Nachtwandlers bewegte ich mich in einem Gespräche, dessen Ausgelassenheit mir durch Verzweiflung eingegeben, dessen hie und da mir entgegenschimmernder freundlicher Erfolg mir eine kräftigste Hoffnung einflößte. Wer will solche Rätsel der Empfindung lösen? Hier ist alles im völligen Gegensatz zu dem Schopenhauerschen Gedanken; das Schauen war trostlos, das Sein aber, das Gefühl der Tätigkeit, erlösend.
    Gern folge ich Ihnen in Ihren Wanderungen auf die Höhen... Kniese, der mir vorzulesen kam, unterbrach mich, und jetzt steht es als Unterlassungsstünde vor mir, daß ich in meiner Mitteilung über Friedrichs den Freund nicht erwähnte, einen Schauspieler, der ihn hierher begleitet hat und ein Beispiel an heiterer Aufopferungskraft in dieser freiwilligen Wartung des Kranken gibt, wie kein barmherziger Bruder sie herzlicher und mutiger bewähren könnte. Dieses Beispiel war es, glaube ich, welches den Mut in mir erweckte.
    So ist es in allem und jedem, inmitten der Schrecklichkeit des Daseins ein Blick, ein Ton, eine Tat, welche einem die Harmonie bedeutet. So erfuhren wir, als wir durch den Gotthard zogen — Zeit- und Geldmangel verhinderten uns,   ü b e r   ihn zu fahren —‚ etwas unaussprechlich und unauslöschlich Ergreifendes: Es ging durch einen Tunnel, und zwar glitt der Zug mit größter Langsamkeit über ein Gerüst, an dessen beiden Seiten tiefe, von Wasser erfüllte Gruben zu erblicken waren, in welchen bei dem Scheine vieler Lampen eine große Anzahl Arbeiter, von allen Lebensaltern bis zu Kindern, beschäftigt waren. Es geschah dies am Tag, Wie wir hingingen, und nachts, wie wir heimkehrten. Freundlich grüßten die Arbeiter, und plötzlich, bei der Heimkehr, erscholl aus dieser Tiefe eines jener neapolitanischen Lieder, von einer Knabenstimme gesungen, wie der Mensch im jubelnden Dank gegen die Sonne sie ausgehaucht zu haben scheint!... Nun bin ich aus der tiefsten Tiefe zu Ihren Höhen wieder gelangt und wünsche Ihnen Glück zu diesen.
    Wie oft habe ich nicht mit Gobineau über die Lyrik, die er als „ich bin eine Blume“, schließlich „ich bin ein Salat“ bezeichnete, gescherzt! Und bei Ihrem Vergleich mit der Kuh fiel mir Wilhelmine Schroeder-Devrient ein, welche kein Kleefeld sehen konnte, ohne sich zu wünschen, eines jener ehrwürdigen Tiere zu sein, von welchem unsere Vorfahren annahmen, daß es die Welt aus dem Eise herausgeleckt habe.
    Wie hat sich denn Ihr Physiologe ausgelassen (noch dazu auf einer Postkarte!)? — Da wären wir denn in der Ebene, weder in der Tiefe noch auf der Höhe, in dem Reiche von „Gestank und Tätigkeit“, und ach! des Geräusches! Letzteres wird mir, glaube ich, das Reisen vollends verleiden; wenn unserem Auge sehr viel zugemutet wird, so ist das, was unserem Gehirn durch das Ohr angetan wird, für mich geradeswegs entsetzlich, und mir gilt die Stille hier wie Seligkeit.

Seien Sie in ihr gegrüßt, mein Freund!   C. W.


 
173-174 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

18. Juli 1890. 1 Blümelgasse. Wien.

    Ein Wort des Dankes für Ihren Brief vom 16ten, hochverehrte Meisterin, der so unvergleichlich schön den Tag eröffnete. Er gab mir die richtige Stimmung und den Übermut für die auf heute vormittag anberaumte, endgültige Konferenz mit meinem großen Gelehrten [Professor Julius Wiesner], und diese fiel dann auch   s e h r   befriedigend aus. Die ganze Art der Untersuchung und die durch dieselbe zutage geförderten Tatsachen sind so neu, daß der gelehrte Mann mich zuerst ganz und gar nicht verstanden hatte, jetzt aber, nach sorgfältigerem Studium meines „Mémoires“, war er sehr für die Arbeit und für mich eingenommen; namentlich auch darüber erstaunt, daß ein Erstlingsversuch auf dem so viel bebauten Gebiet der Pflanzenphysiologie ganz und gar neue (und doch so naheliegende) Gesichtspunkte eröffnet, und daß die Versuche eines dilettantenhaften Pfuschers sich durch eine Gründlichkeit und Peinlichkeit auszeichneten, die, wie er meinte, bei fast sämtlichen wissenschaftlichen Versuchen fehlen. Auch über die kindische Einfachheit des von mir erdachten Instrumentes zu der Messung des Druckes des aufsteigenden Saftes etc. schien er sich sehr zu freuen.
    Nun bleibt die Frage, ob ich das Ding zu einer Doktordissertation ummodeln oder, hierauf Verzicht leistend, es einfach so zur Publikation bringen soll? Persönlich habe ich nicht die geringste Lust nach Diplomen und fühle auch, daß ich nur durch Mißverständnis jemals eines erlangen könnte.
    Gestern von schöner Bergbesteigung mit meiner Frau heimgekehrt, reise ich in einer Stunde wieder mit Appia weg, in die nahen Kalkalpen. Um 3 Uhr früh beginnt dann die Kletterpartie, und morgen verbringen wir, so Gott will, den ganzen Tag von Sonnenaufgang bis -untergang unter Felsen (meine größte Passion), Edelweiß und Alpenrosen. Die folgende Nacht verbringen wir in einem Schutzhause und kommen dann Sonntag früh über einen schönen, durch eiserne Griffe und Leiter zugänglich gemachten Abgrund ins Tal wieder hinunter.
    Dies nur ein Dankesgruß Ihres in ehrfurchtsvoller Liebe und Treue ergebenen

Houston S. Chamberlain.


 
174-176 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

1 Blümelgasse, im Bette. Wien, 27/7/90.

    Sehr geehrte Meisterin!

    Auf meiner letzten Gebirgstour mit Freund Appia geschah es, daß ich von irgendeinem giftigen, in die Lehren des Mitleids wenig eingeweihten Insekt am Bein gestochen wurde, woher dann Blutvergiftung, Infektion auch des anderen Beines, ganze Reihen von Geschwüren, viel Schmerz, viel langwierige Pflege, welches alles noch fortdauert.
    Die Pflege und das Stöhnen nehmen täglich eine Reihe Stunden in Anspruch, aber es bleibt auch eine schöne Zeit für Lektüre. Die Upanishaden entsprechen am besten: man liest wenig und denkt viel, dazu sind es wahre Schmerzentöter. Man versenkt sich (wie die Taittiryaka Upanishad es sagt) „in jene Seligkeit, von welcher die Sprache wie auch der Verstand sich abwenden, unfähig, sie jemals zu erreichen“. Mit großem Interesse habe ich auch wieder Schopenhauers „Grundlage der Moral“ und „Freiheit des Willens“ gründlich durchgenommen; diese Klarheit und siegreiche Wahrheit sind wirklich beseligend. Die Moral ist ja aus dem Indischen und die Freiheitsanschauung aus Kant entlehnt, aber das tut nichts zur Sache; die Art der Behandlung macht sie zu Schopenhauers Eigenem, und gleichzeitig hat er es verstanden, sie zu jedes aufrichtig denkenden Menschen Eigenem zu machen. In demselben Buche gibt es allerdings leider auch die Aufsätze über den „Willen in der Natur“; ich kann nicht umhin, einzelne zu lesen, und da zucken alle meine Wunden, als ob der böse Käfer mit seiner ganzen Brut drin hauste! Aber darüber ein anderes Mal; ich gebe ja zu, daß es „eine erhabene Grille“ ist. — Dann gibt es etwas Milton, mit dessen Strenge und Erhabenheit ich mich immer mehr befreunde. Er erinnert mich häufig an die deutschen Dichter der sog. klassischen Zeit, mit seiner Vorliebe für Sentenzen und allseitiges Moralisieren, auch dadurch, daß er so ganz und gar im klassischen Altertum fußt und atmet, aber mir kommt er (in seiner größeren Beschränkung) großartiger vor — seine Freiheitsliebe, sein Idealismus, seine Religion haben dasjenige an sich des Mannes, der mitten im wirklichen Freiheits- und Religionskampf gestanden hat, dessen Blut (wie das der altgriechischen Dichter) auf den Schlachtfeldern   w i r k l i c h   geflossen ist, der sein Leben lang mit wirklicher Gefahr für seinen Glauben, für sein Ideal gestritten hat; ich glaube auch nicht, daß wir Engländer eine zweite, ähnlich erhabene Dichterpersönlichkeit besitzen — Dichter und Staatsmann. Shakespeare steht ja so ganz außerhalb und lebte in einer Zeit, wo er da ruhig stehen und zusehen konnte; aber Milton ist so ganz und gar   M e n s c h,   alles zittert bei ihm von dem Schmerz und der Unrettbarkeit der unmittelbar sich mitteilenden menschlichen Seele. Gewiß ist alles bei ihm subjektiv, aber mit   s e i n e r   Seele und in seiner großen Zeit lebend, hat er so unendlich viel selbst empfunden, so Verschiedenartiges, daß, als er erblindete, er wahrlich Stoff genug in sich fand, um manches ewig Herrliche singen zu können. Seine Sprache ist geradezu einzig, gewiß das Großartigste und an Formen Reichste, was wir besitzen (trotz der viel erwähnten 20 000 Worte des Shakespeare), und nirgends so gewaltig, will mir es scheinen, wie in seinen Prosaschriften. Allerdings kann man, oder wenigstens ich, ihn nur in kleinen Dosen wirklich genießen; da er aber den guten Geschmack gehabt hat, seine große Seele nicht in die 30 Figuren von fünfaktigen Dramen einzuschließen, sondern sie in einfachen symbolischen Verkörperungen und in möglichst handlungsarmem Rahmen zur Schau zu tragen, so geht das leicht und ohne seinen Werken Abbruch zn tun.
    Ein ganz klein wenig Shakespeare kommt dann auch zu dem übrigen, augenblicklich Richard II.
    Ach! Und gestern die letzte Nummer der „Bayreuther Blätter“ (VII/VIII — die Einheit hat eine merkwürdige Neigung, sich in diesen Blättern zu verzweifachen, nicht wahr?) mit dem wirklich   s e h r   interessanten und lehrreichen und durchaus lesbaren Aufsatz von Golther [„Deutsche Mythologie in neuer Beleuchtung“, Augustheft]. Ich gestehe, diese Aufklärung hat mich wie eine Wohltat berührt, sie erlöst aus allerhand schwammigen, hyperideal-sumpfigen Vorstellungen, und es hat doch etwas ungeheuer Rührendes, „attachant“, wie ein Blick tief in das Herz der rauhen, edelen Wikinger hinein — diese Einsicht, daß ihr Odin unter direktem Einfluß der Christuslegende entstand. Findet Herr Bugge noch das dritte, letzte Glied — den von Carlyle als selbstverständlich vorausgesetzten wirklichen, historischen Helden —‚ in dessen Herzen nämlich diese Verschmelzung des alten Mythus mit dem neuen stattfand und zur Tat wurde (welche dann die Dichter besangen), dann sind wir aus dem Brei ganz heraus.
    Ich nahm mir vor, auch Wolzogens Aufsatz durchzulesen. Übrigens bin ich überzeugt, daß, was er von Ibsen sagt, insofern irrig ist, als Ibsen ausschließlich von der Bühne herab wirken kann; wie gering man sein Talent anschlagen mag, er ist   B ü h n e n -Dichter, nicht Novellist, und wer ihn nicht auf der Bühne gesehen hat, kann überhaupt nicht über ihn urteilen.
 

176-180 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

1. August 1890. Wien.

    „Mögen alle lebenden Wesen von Schmerzen verschont bleiben!“ Dies altindische Gebet diene mir heute, hochverehrte Meisterin, als einleitender Akkord.
    Ich unterhalte mich so viel mit Ihnen während dieser stillen Tage, daß es wohl eine Unehrlichkeit wäre, wenn ich es Ihnen nicht sagte; zwar ist die Ausführung dieses Sagens noch recht schwer, und es ist eine Zumutung, daß jemand diese Zeilen entziffern soll. Allein, Pio Nono sagte einer mir bekannten Dame, die ihre Eigenschaft als Protestantin ihm bekannte: „Nun, nun! Der Segen eines alten Mannes kann keinem Menschen schaden“ — und ich stelle mir vor, das Gedenken eines Leidenden kann nichts anders als angenehm berühren, sei er auch, wer er wolle. Der Mangel an wahrer Unterhaltung ist, ich gestehe es, eine Dürre, die ich bisweilen schmerzlich empfinde; bei der Anwesenheit von physischem Schmerz noch mit dem Bedauern über die Abwesenheit eines kräftigen Heilmittels. Nun, da zünde ich mir eine Zigarette an und führe endlose Unterhaltung mit Ihnen, gewiß viel schönere, als ich es jemals in Wirklichkeit vermöchte, da mir die Gabe und auch die Übung des schnellen Wortes abgeht, aber anderseits gar schmerzlich unvollkommene, da ich Ihre Argumente aus einem schiefen Winkel sehe und Ihre mich verdutzenden, blitzartigen Einfälle mir natürlich fehlen. Ich versichere Sie aber, ich tue, was ich kann, um Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
    Eine neuliche Erwähnung rief mir die Erinnerung an, eine kurze, abgebrochene Unterhaltung aus dem Herbst 88 zurück. Wir hatten uns nicht ausgesprochen, und ich würde Ihnen gern meine bezüglichen Gedanken — ich meine also ganz im allgemeinen betreffs der Biographien bedeutender Männer — mindestens skizzieren.
    Ich meine also, daß der wahre Zweck eines derartigen Werkes ist, den großen Mann im Herzen teilnehmender Leser wieder aufleben zu lassen; er muß wirklich ganz   l e b e n d i g   werden, durch eine Neuschöpfung ganz derjenigen analog, welche jeder große Künstler für seine Werke fordert. Gerechtigkeit habe ich ihm widerfahren lassen, sowie ich sein Werk nicht von außen betrachte, sondern in meinem Innern habe neu entstehen lassen, was ich natürlich nur meinen Anlagen, meinem Charakter gemäß zu tun vermag. (Das ist aber auch der einzig mögliche Sinn des Wortes: Verstehen.) Dieses kann aber, meine ich, einzig und allein durch die   L i e b e   geschehen. Nur die Liebe schafft neue, lebende Wesen. Die erste aller Bedingungen für eine Lebensbeschreibung wird also sein, daß der Verfasser, wie der heilige Johannes bei Jesu, den Kopf oft und lange an das Herz des Helden gelehnt und sich rückhaltlos der Erkenntnis durch Liebe, dem „durch Mitleid Wissen“ hingegeben hat.
    Wird nun aber diese Erkenntnis durch Liebe — wie   i c h   sie verstehe — zu endlosen Panegyriken und hochfahrenden Lobpreisungen führen? Ich glaube es nimmermehr, jedenfalls geht dann der Erfolg beim Leser gänzlich verloren. Wer hat denn jemals den Dichtern geglaubt, welche einem versichern, ihr Mädchen sei das schönste von der ganzen Welt? Niemand! Sind die Verse sehr schön, so freut man sich ihrer; wenn nicht, so wünscht man, die betreffende Liebste wäre weniger schön gewesen, und den Schreiber verflucht man ob der Arroganz seiner Bewunderung. Und das kommt daher, daß bei diesem System die Sache äußerlich bleibt und alle Häufung von Epitheten mir niemals begreiflich macht, wieso eine so übermäßige oder mindestens als übermäßig geschilderte Liebe und Bewunderung möglich sein kann. Es ist auch eine offenbar falsche Methode; ebenso falsch, wie wenn einer, anstatt mir „Hamlet“ aufzuführen, mir ein Buch voll Lobpreisungen desselben schickt; wie gerechtfertigt die übertriebensten Ausdrücke auch sein mögen, sie langweilen mich nur, sie sind ja nur der Ausdruck des seelischen Verhaltens eines gewissen Herrn X. diesem Kunstwerk gegenüber, und mir liegt allein an dem Werk. Grundfalsch ist auch die bei Biographen beliebte Art und Weise, sich wie Rechtsanwälte vor einem Gerichtshof zu gebärden: was dem Leser als Schwäche oder Fehler erscheinen könnte, zu erklären, zu umschreiben, die mildernden Umstände anzuführen, und dann bei der nächsten schönen Tat in alle Posaunen zu stoßen (genau so wie der Verteidiger eines Angeklagten zur Jury!). Hier können wir wirklich das Urteilen dem lieben Gott überlassen; unsere Begriffe von Gut und Böse, Zulässig, Schwach etc. haben hier nichts zu suchen — hinaus mit ihnen! Verstehen, verstehen, verstehen — wollen wir! Die Notwendigkeit der aufeinanderfolgenden Handlungen begreifen, sie selber durchleben und mit Sicherheit empfinden: Ja! So hätte ich auch gehandelt. Ganz genau so wie einer nach Versenkung in z. B. den „Parsifal“ fühlen muß, daß jede Note, jedes Wort seit allen Zeiten notwendig und unabänderlich dastand. Dieses ist eben die Neuschöpfung, die Identifizierung des eignen Ich mit dem Ich des ursprünglichen Schöpfers, das höhere, künstlerische „Tat twam asi“; von einer „absoluten“, „beispiellosen“   V o l l k o m m e n h e i t   kann (in einem objektiven, kritischen Sinne) schon deswegen nicht die Rede sein, weil diese Worte eigentlich inhaltlos sind und unsere unerschütterliche Überzeugung von der vollkommenen Schönheit des Werkes darauf beruht, daß es sich uns   g a n z   u n d   g a r   m i t g e t e i l t   hat — was eben nur durch die Liebe geschehen kann. Diese gänzliche Mitteilung (wenn Sie mir den Ausdruck gestatten) ist nun, was ich von Biographen fordere. Denn nicht Lobpreisungen, nicht Erhebungen über den Kinchinjunga hinaus können mir jemals den leisesten Atem allbegreifender Liebe einhauchen, im Gegenteil: der große Mann rückt ja immer ferner, ich bin noch mehr einsam und verlassen als vorher. Diese ewige, einseitige Hervorhebung hochgradiger Gehirnkapazitäten machen einem schließlich alle Kunstwerke nur als sogenannte „verfluchte Pflicht und Schuldigkeit“ erscheinen — und damit basta. Das Vergleichen, welches hier zugrunde liegt, führt unwillkürlich auf Arroganz. Und wenn noch die mathematischen Betrachtungen dazukommen (wie sie schon Schopenhauer mit Vorliebe anwendet), da ist das Maß voll: einmal im Jahrhundert, zweimal in 1000 Jahren usw. Welcher bedeutende Mann wird Regeldetri aufgestellt haben, um zu wissen, wie oft er vorkommt? Wie anders haben die drei einfachen Evangelisten ihre Aufgabe verstanden und gelöst! Wie wenig berichten sie, und wie ewig nahe steht uns Christus nach 2000 Jahren! Der liebste, nächste Herzensfreund.
    Nein, eine Lebensschilderung kann nicht zu einfach und schmucklos sein. Der Verfasser habe die echte Bescheidenheit, sich (mitsamt seiner Bewunderung) zu verbergen; er trachte nur, den großen Mann ganz schlicht vor uns leben zu lassen, und sei namentlich überzeugt, daß, je mehr er bestrebt ist, allein den   M e n s c h e n   darzustellen, und zwar wie und weil er ihn liebt, nicht weil er selten oder groß oder sonst was war, desto mehr er auch den Zweck erfüllen wird, andere in das Verständnis und die Begeisterung einzuführen. Apologetisch-panegyrische Biographien sind eigentlich nur das gerade Umgekehrte von objektiv-kritischen; die als Kunstwerk aufgefaßte ist aber die einzig würdige eines großen Mannes. Nichts vertuschen, nichts verzerren, den Menschen, wie er war und mit jenem Gemenge von Licht und Schatten, durch welches allein wahre Plastizität in der Natur entstehen kann. Und da möchte ich doch noch die andere Seite dieser Betrachtung wenigstens erwähnen: Ist es wahr, daß ein großer Mann uns ferner steht als andere? (Denn das ist doch der Eindruck, der sich aus allen Panegyriken ergibt.) Mir ist es unmöglich, diese Empfindung zu teilen; denn das Intellektuelle ist gewissermaßen das wenigste, das Zufällige an ihm; das wirklich Auszeichnende ist, daß, während man lauter Automaten um sich herum sieht, Menschen, die, wie Käfer in einen dicken Panzer gehüllt, in dessen Inneres man niemals um ein Haarbreit einbringen kann, nur das Licht von außen widerspiegeln, der bedeutende Mensch sich gleich ganz gibt, und je bedeutender die Persönlichkeit, desto unbedingter. Das ist aber etwas, das man nichts anders als mit   L i e b e   bezeichnen kann; vor allem ist es ein ungeheures Bedürfnis nach Liebe. Der große Mann zeigt uns also da selbst, auf welchem Boden wir ihm entgegentreten sollen. Seine übermäßigen intellektuellen Gaben machen ein volles Verstehen von dieser Seite aus unmöglich; aber durch Liebe ist ein gänzliches Verschmelzen immer und ausnahmslos möglich, und alle komparativen Scheidewände fallen da ganz weg. Der Weg aber zur Liebe, wenn er nicht mehr durch persönliche Begegnung möglich, ist es nur durch die Offenbarung, wie wir sie im Kunstwerk selbst am deutlichsten erblicken, und wie der Lebenserzähler sie auch verwirklichen kann, wenn er mit schlichtem Glauben darangeht und mit dem Selbstvertrauen des durch die Liebe gewonnenen Verständnisses; das Motto dieses Verständnisses sei immer „Durch Mitleid wissend“!
    Und ein also verstandenes Lebensbild hat noch zu allem Obigen einen weiteren, großen Vorzug. Anstatt uns wie die Würmer unter Füßen zu drücken mit der einseitigen Hervorhebung der beispiellosen Gaben, werden wir hier selber auf lichte Höhen emporgehoben, selber geadelt; wir ruhen ja selber in den Armen des Großen — und fragen nichts. —
    Diese Auseinandersetzung war wohl, wie üblich, zu lang oder zu kurz; aber ich weiß ja, daß Sie das Übergangene ergänzen und das Unüberlegte verwischen. —
    Gern hätte ich einige Kant-Schopenhaueriana eingeflochten bez. einiger sehr subtilen, aber tiefgehenden Unterschiede zwischen den beiden betreffs der Lehre von dem Zusammenbestehen der empirischen Notwendigkeit mit der transzendenten Freiheit. Aber ich bin recht müde, und vielleicht Sie auch? Also sage ich für heute „Gott befohlen“ und füge nur noch hinzu (da es keine Redensart, sondern stets das Allerwahrste meiner Briefe bildet) die Versicherung meiner ehrfurchtsvollsten Ergebenheit.

Houston S. Chamberlain.

 

180-182 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 3. August 1890.

    Zu dem Freud- und dem Leidvollen, welches Ihre zwei jüngsten Briefe enthielten, wollte ich sofort nach dem letzten meine Teilnahme Ihnen, armer Freund, bezeigen. Allein, ich bin zum Aufatmen nicht recht mehr gekommen; Blumenmädchen, Gurnemanz, Tristan, Reinmar, Flugmaschinen, Europa und verschiedenes noch haben mich ganz eingenommen; dazu mein armer Friedrichs, der nicht wohler werden will, und mit dem ich buchstäblich nicht weiß, was anfangen. Mein letzter Gedanke war, im September mich zu ihm auf den Riedelsberg [Landsitz bei Bayreuth] zu begeben und sehen, was ein Monat steten Umganges und Beaufsichtigung hervorbringt. Aber ich glaube, daß niemand das zugeben wird, und zwar aus dem Grunde, weil wenig Hoffnung bei dem Experiment ist. Wird Gott helfen?
    Nun muß ich Sie mir wieder leidend und gequält vorstellen, und zwar in einer solchen Hitze, daß Ihnen gewiß das Liegen recht unerträglich wird! So mußten Sie nun die Freude über die Aufnahme Ihrer Schrift zahlen; was Sie den Pflanzen und der Kenntnis derselben Gutes getan, hat Sie das Tier büßen lassen! Eine böse Einrichtung allenthalben, und man verliert die Lust selbst an der Wanderung durch die Sterne, welche jetzt so besonders hell leuchten sollen. Ich sah gestern nur ein strahlendes Meteor, und auch dieses bloß von der Seite, schräg, ich weiß nicht wie.
    Es freute mich, daß Ihnen der Aufsatz von Golther gefallen hat, und da ich ihm für eine Zusendung dankte, teilte ich es ihm mit, daß seine Arbeit Sie interessiere. Ich fand sie sehr schön, von einem vornehmen, freien Geiste eingegeben und in einfacher Sprache ausgeführt. Sonst konnte ich bis jetzt nur noch Friedrich den Großen in den „Blättern“ lesen. Vor dem Worte Materialismus habe ich mich aber immer etwas gehütet. Für meinen äußerst bescheidenen Bedarf an Büchern genügt mir Schopenhauers „Geschichte der Philosophie“, und was seinen „Willen in der Natur“ betrifft, so nehme ich das, was er mir sagt — da, wo ich zu urteilen unfähig bin —‚ vertrauensvoll hin und folge ihm gern in seinen Hypothesen, welche, immer tiefsinnig, auch etwas Künstlerisches an sich haben.
    Es wird mich sehr freuen, von Ihnen einiges von Milton mitgeteilt zu erhalten; mir schien es, als ob ihm die dichterische Gestaltungskraft abging, welche ich in so hohem Grade bei Schiller (an welchen Sie wohl bei der Vergleichung gedacht haben) vorfinde. Ob es Gestalten sind, welchen wir hienieden begegnen, oder ob sie einem anderen Sterne angehören, gleichviel, Gestalten sind es, mir deutlich erkennbar, und von welchen ich ganz bestimmt wissen würde, wie sie in diesem oder jenem Falle handeln würden. Neulich sagte uns Friedrichs' Freund die Erzählung aus der Schlacht bei Lützen, seitens Wallenstein, her. Der wundervolle Stil dieser Einfachheit stimmte uns sofort, wie etwa der Eintritt in einen edlen, hohen Raum. Dabei war es so traulich, daß ich mich mir selbst vorstellen konnte neben Wallenstein sitzend und seine Erzählung vernehmend. Die schlechten Schauspieler haben das alles bei uns vernichtet. Ich verstehe vollkommen, daß die Tat und die Kraft des Glaubens bei Milton Sie so anzieht, und unendlich würde es mich freuen, aus dem Leben dieses strengen und hohen Mannes von Ihnen einiges zu vernehmen. Doch meine ich, daß derjenige, welcher abseits der menschlichen Organisation lebt, schaut und wirkt und dadurch die Taten hervorbringt, wie es wirklich in Deutschland geschah und gleichsam das Orphische in unserer Welt darstellt, nicht minder groß ist und einflußreicher. Wir lasen gerade das Erhebendste in der neueren Geschichte, die Auferstehung Deutschlands durch Preußen nach der Napoleonischen Schmach, gewiß verdankt sich diese zum großen Teil Schiller.
    Möchten diese Zeilen Sie in der Genesung antreffen! Habe ich Ihnen denn mitgeteilt, daß mein Siegfried bei uns ist? Ich kann sein Wesen und das Wohl, was er mir antut, nicht anders bezeichnen als damit, daß er mich stets zu meinem besseren Selbst zurückführt und inmitten der Zuckungen, welche das Draußen immer wieder uns verursacht, den Frieden herstellt.
    Grüßen Sie bitte Ihre liebe Frau, und gedenken Sie freundlich meiner!

C. W.

 

182-183 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

1 Blümelgasse. Wien VI. 5. August 1890.

    Gestatten Sie, hochverehrte Meisterin, daß ich Ihnen ein Wort des allerherzlichsten Dankes sage für Ihren Brief vom 3ten.
    Gewiß haben Sie recht mit Ihrer Bemerkung bezüglich Schillers und überhaupt desjenigen, „der abseits lebt, schaut und wirkt und dadurch die Taten hervorbringt“. Aber vielleicht gilt nicht eines für alle, und vielleicht ist der Engländer überhaupt, und namentlich in seiner höchsten Potenz als Dichter oder Philosoph, dem Griechen ähnlicher als irgendein anderes neueres Volk. Ich kenne leider nur sehr kleine Bruchstücke des griechischen Lebens, Dichtens und Denkens (aber charakteristische, glaube ich), und ich gestehe, daß diese großen Männer, die alle selber auf Schlachtfeldern gefochten und als praktische Staatsmänner sich betätigt haben, mir ungeheuer sympathisch sind; es ist mir, als ob ich eine andere Art des Verständnisses für sie hätte.   U n s e r e   Denker — ich meine die größten — waren ausnahmslos Staatsmänner; die Dichter auch zum Teil, und alle mindestens Weltmänner. Es fällt mir ungeheuer schwer, mich wirklich von Herzen für jene andere, von Ihnen erwähnte Kategorie, die abseits stehen und Blasebalg spielen, zu begeistern. Aber Sie können glauben, ich bin ein grundehrlicher Mensch; ich kann meine Borniertheiten nicht verhehlen, aber es ist mein heißer Wunsch, sie zu überwinden. — Um jeder Mißdeutung vorzubeugen, muß ich hinzufügen, daß ich eine besonders innige Liebe für diejenigen seltenen Geister empfinde, die ganz und gar seitwärts abstehen, aber dann auch niemals zu dem großen Haufen sprechen, sondern wie seltene, berauschend duftende Blumen nur den einzelnen, einsame Berge Ersteigenden blühen. Diese liebe ich sogar alle Tage mehr. Die Dichter und Denker, die man in Hamlets Bibliothek gefunden haben würde.
    In treuer Ergebenheit und Dankbarkeit Ihr

Houston S. Chamberlain.


 
183-184 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 6. August 1890.

    Es ist doch nicht recht, seinem Freunde Not zu machen! Ich bin wirklich ganz geängstigt durch den bösen Stich und betrübt, Sie solchen Schmerzen preisgegeben zu wissen! Wie gerne würde ich Ihnen jetzt etwas Gesellschaft leisten, denn ich habe Sie vollkommen verstanden, der Fremde bringt etwas mit wie einen neuen Luftzug. Ich habe es deshalb immer gern gehabt, wenn unter meinen Kindern der eine oder der andere verreiste, um dann den in der Einsamkeit Verbleibenden eine gelinde nötige Zerstreuung zu bringen, und übermütig paradoxal könnte man von der Ehe sagen, entweder ist sie unglücklich, da kann man seiner Frau nichts sagen, oder sie ist glücklich, und da hat man ihr nichts zu sagen.
    Da ich aber nicht kommen kann, will ich Ihnen doch wenigstens mit einigen Federstrichen für Ihren lieben Brief danken und Ihnen sagen, daß Ihre Auslassungen über Biographien durchaus meinem Sinne entsprechen. Ich habe von je eine Passion für Anekdoten gehabt, und wenn ich aufrichtig sein will, so muß ich gestehen, daß ich in der Geschichte selten die Ideen, sondern immer die Anekdote aufsuche. Daher ist mir die naive alte Geschichtsschreibung bei weitem lieber als die modern-philosophische, und gar die Lobredner mit Entschuldigungen, als ob ein Held jemals entschuldigt zu werden brauchte, und als ob nicht gerade in den exzessiven Zügen (Fausts Grausamkeit am Schluß, Friedrichs des Großen scheinbare Härte im Alter) das läge, wovon das Verständnis uns erst als wert uns erkennen läßt, uns mit solchen Erscheinungen zu befassen.
    Wir haben in diesen Tagen wacker gearbeitet, ich hatte meine lieben Mannen um mich, zu welchen sich jetzt noch eine Frau gesellt hat: Madame Zucchi, in welcher wir das italienische Naturell in seiner ganzen Liebenswürdigkeit kennenlernten. Ob sie der übermäßigen Aufgabe gewachsen ist, welche ihr hier [Choreographische Leitung der Venusbergszene] zuteil wird, weiß ich nicht; ich weiß aber, daß diese menschliche Erfahrung eine belebende war, und daß diese Frau mit ihrem lebhaften Ernst, mit ihrer unbedingten Einfachheit und mit ihrem mühseligen — anscheinend so leichten — Leben zu uns gehört und eine Bereicherung unseres kleinen Verbandes bildet. Ihr Kopf ist prachtvoll, und so habe ich ihr unbedenklich eine der Grazien anvertraut, wenn sie auch nicht mehr sehr jung, nicht groß und etwas üppig ist.
    Nun leben Sie wohl, so gut es auf dem Schmerzenslager angeht, mein teuerer Freund. Möchten nur die Wünsche so viel Kraft haben wie das Leiden, dann träfen Sie diese Zeilen auf und munter.
    Seien Sie von ganzem Herzen gegrüßt, wie in wärmster Teilnahme bedacht!    C. W.

 
184-185 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

14. August 1890. Wien.

    Wenn auch nur sehr ungeschickt, so kann ich doch wieder an einem Tisch sitzen und denke Ihnen, hochverehrte Meisterin, durch diese Mitteilung Freude zu machen.
    Shelley vergleicht Milton mit Dante; es geschieht mehrere Male — das eine Mal heißt es: „The distorted notions of invisible things which Dante and his rival Milton have idealised, are merely the mask and the mantle in which these great poets walk through eternity enveloped and disguised.“ Dies war mir namentlich insofern interessant, als es mir auf dasjenige hinzudeuten scheint, welches Milton so tief unterscheidet von einem Dramatiker wie Schiller (wie Sie neulich überaus richtig meinten), ohne aber daß man ihm deswegen die Gestaltungskraft abzusprechen berechtigt wäre; ich glaube, daß sie bei ihm überaus mächtig ist. Es kann allerdings auf eine Auffassung des Wortes ankommen. Neulich traf ich in De Quincey etwas auf Milton Bezügliches, welches ich bedauere, meinem Aufsatz über die Sprache in Tristan (seligen Angedenkens) nicht vorangestellt zu haben, da er so genau den Sinn bezeichnet, in welchem jene — fast allseitig mißverstandenen — Bemerkungen verfaßt wurden: „... the subtle principle by which he was influenced, which principle I do not mean to say that Milton had fully developed to his own consciousness; ... but I say that the principle was immanent in his feelings; just as   h i s   f i n e   e a r   c o n t a i n e d   i m p l i c i t l y   a l l   t h i s   m e t r i c a l   r u l e s   w h i c h   a r e   l a t e n t   i n   h i s   e x q u i s i t e   v e r s i f i c a t i o n,   though it is most improbable that he ever took the trouble to evolve those to his own distinct consciousness.“ — So lasse ich andere meine Briefe schreiben; hoffentlich verleiht es Ihnen Interesse. — Viele tägliche Grüße nach Wahnfried. Neulich, nach einer schmerzhaften Operation, bekam ich drei Glas Champagner: der erste Becher galt Ihnen, der zweite Frl. Eva, der dritte Ihrem Sohne Siegfried! Leider kann ich meiner Anhänglichkeit nicht alle Tage in 3 Glas „very dry“ Ausdruck geben, on fait ce qu'on peut; heute also nur die schriftliche Versicherung meiner Ergebenheit und meiner unwandelbaren Freundschaft.

Houston S. Chamberlain.


 
185-188 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 18. August 1890.

    Als ich vor einigen Tagen auf Fantaisie Spazieren ging, wurde ich in die Hand gestochen. Der Stich schwoll sofort an, und es war mir ganz wunderlich, in dieser ungewohnten Erhöhung gleichsam die sorglichen Gedanken, die ich mir um Sie machte, vor den Augen zu haben. Der abergläubische Zug, der mit allem, was uns verwundert, zusammenhängt, ließ mir keine Ruhe.
    Nun habe ich das Gefühl, als ob ich eine Abhandlung Ihnen zu schreiben hätte, und doch wäre alles, was ich Ihnen bereits in Gedanken gesagt habe, einzig in einem Gespräche mir gut mitzuteilen möglich. Ich will nun sehen, wie ich zwischen Schweigen und ins Blau-Rederei mein Schifflein durchführe.
    Mir geht nämlich Ihre Vorliebe für handelnde Dichter, Denker und Künstler nicht aus dem Sinn. Ich glaube, Sie so gut zu verstehen, daß ich mich frage, ob ich diese Ihre Vorliebe nicht teile, und dies um so mehr, als der Zug meinem Vater auch zu eigen war, und er vor allem den Helden in dem Künstler suchte. Anderseits aber sage ich mir, daß ich mir Beethoven nicht recht als Mitsieger bei Waterloo vorstellen kann, und daß Kant mir ziemlich überflüssig beim Abschluß des Hubertusburger Friedens erschiene. Auch finde ich, daß, weil sie an größeren Staats- und Kriegsaktionen keinen Anteil nahmen, die deutschen großen Männer nicht minder gelebt und tätigen Anteil an dem Leben der anderen genommen haben.
    Ob ich in bescheidener Weise als Lehrer an der Universität, wie Schiller und Kant, mit der Jugend verkehre und gewiß da alles erfahre und leiste, was menschlich ist, oder ob ich im großen Stile kolonisiere — mir erscheint eines ebenso lebensvoll und bedeutsam wie das andere.
    Goethe hat ein sehr unscheinbares, kleines Herzogtum verwaltet, und durch seinen Einfluß hat sich sein Herzog in schweren, schmachvollen Zeiten als echter, deutscher Fürst bewährt. Doch würden Sie kaum Goethe zu den Staatsmännern im englisch-römischen Sinne rechnen.
    Und hier bin ich auf dem Kern meiner Betrachtung angelangt. Mir will es nicht scheinen, als ob eine Ähnlichkeit zwischen den Engländern und den Griechen bestünde; daß Sophokles den Päan nach irgendwelchem Siege angestimmt, daß Sokrates des Alkibiades' Leben auf einem Rückzug beschützt habe, scheint mir in dieser Beziehung nicht viel zu sagen. Daß aber Platon die Dichter aus seinem Staat entfernt wissen wollte, daß Perikles seine Weisheit bei Anaxagoras schöpfen ging, zeigt uns wohl, wie in diesem Lande, welches durch seine geringe Ausdehnung, seine fast als Wunder zu bezeichnende künstlerische Begabung und seine Geschichte, die uns beinahe wie eine Fortsetzung Homers erscheint, die schöpferisch Phantasievollen ein besonderes Leben führten. Mir sind die Griechen das   u n s t a a t l i c h s t e   Volk, der Inbegriff des Unbestandes, des genialen Sichselbst-Verzehrens.
    Mir will es scheinen, als ob die Engländer die Erben der Römer seien. Nicht in der Weltherrschaft allein, sondern in der eigenartigen, ausgearbeiteten Kultur. Ihnen wie den Römern kommt par excellence das zu, was wir unter les beaux esprits verstehen: eine Vereinigung von freien Ansichten und nüchternem und praktischem Verstand, von großer Welterfahrung und edlem Nachsinnen darüber, eine eigentümliche Melancholie verbunden mit sinniger Ironie (freilich tritt bei den Engländern die Überlegenheit des germanischen über den lateinischen Geist deutlich hervor). Aus dieser Gesellschaft möchte ich ausscheiden: die Humoristen des 18. Jahrhunderts, Walter Scott und Shakespeare. Die Biographie der Humoristen kenne ich leider nicht genug, um zu wissen, ob sie auch bedeutenden Anteil an dem Staatsleben nahmen; Scott sehe ich auf seinem schönen Landsitz, und von Shakespeare glaube ich ganz naiv, was die populärste Tradition von ihm meldet, und daß er sich nach obskurem Leben in Stratford zurückzog und verstummte. Nimmermehr aber, daß er   B a c o n   war! Wem das Innere gestaltenreich ist, der kann an den Händeln dieser Welt, so meine ich, keinen bedeutenden Anteil nehmen, wenn er auch gewiß stets mit seinem Vaterlande empfinden wird, und — sind denn die Taten der Denker keine? Wenn Lessing in Deutschland den verderblichen französischen Einfluß erschüttert, wenn Herder als bescheidener Pfarrer die Deutschen zuerst auf ihre Abstammung verwies — gibt sich darin nicht auch Tapferkeit und Scharfsinn, wie sie nur einen Staatsmann schmücken können, zu erkennen? Und ebensogut, wie Sie von Scharnhorst nicht verlangen werden, daß er die „Jungfrau von Orleans“ dichtet, so dürfen Sie von Schiller nicht die Goldene Bulle erwarten. Mir ist es z. B. nie möglich gewesen, in die Anklage der Untätigkeit der Klöster einzustimmen. Wo eine Gesellschaft von Menschen sich findet, gibt es Leiden und Arbeit, und dabei unter irgendeiner Form einen Anteil an dem menschlichen Leben. Dagegen begreife ich sehr gut die naive Vorstellung des Mittelalters, welche es dem Philosophen verwies, sich zu verehelichen. Und wenn Sie mir mit Cervantes und der Schlacht bei Lepanto erwidern, so sage ich Ihnen, daß er da nur ein armer, bescheidener Soldat war, was ungefähr dasselbe wie ein armer Professor ist, und daß eine eigentümliche Fügung des Schicksals ihn zum Gefangenen und außerhalb jedes öffentlichen Lebens werden ließ, um ihn auf härteste Weise im Dienste des Ewigen zu erhalten, während seine großen Landsleute Lope, Calderon etc. durch geistliche Würden belohnt, ebenfalls dem Anteil an öffentlichen Geschäften entrückt wurden. Und — vergessen möchten wir das eine doch nie, daß die deutschen Dichter und Denker zur Zeit, wo es keine Nation gab, an eine solche — ideale — sich gewendet haben und somit sie geschaffen haben. Und zwar nicht als Blasebälger, sondern wirklich und wahrhaftig, wie Bach, aus seiner dürftigen Leipziger Kantorei heraus, die Einheit des protestantischen Glaubens schuf. Eine solche Tat hat keine andere Kultur aufzuweisen, sie erhebt für mich die Deutschen selbst über die Hellenen und stellt ihr scheinbar abstraktes Wirken und abgelegenes Schauen voll in das Leben, und zwar nicht als Erfolg, sondern als Ursache desselben: ein wundervolles Ereignis!
    So Wäre ich bei dem Vergleich zwischen Milton und Dante angelangt, der mir nicht recht einleuchten will; was mir vor allem bei dem gestalterfüllten Epos Dantes auffällt, ist die kindliche Naivität, welche inmitten des Grausens der Hölle wie ein Sonnenstrahl wirkt. Wogegen ich bei Milton die Hoheit der Gedanken und der Gesinnung stets empfand. Dies sowohl wie die Bedeutung seiner Versifikation reihen ihn für mich den Lateinern — den eigentlichen Vätern der   L i t e r a t u r   — an. Wenn Dante seinen Lehrer mit der herzlichsten Freude und Verehrung in dem Kreis der Lasterhaften begrüßt, wohin er ihn doch selbst verbannt, so erleben wir da einen Triumph der Selbstentäußerung und dazu der stolzen Bejahung der Persönlichkeit des Dichters, wie wenige Beispiele davon aufzuweisen sind und wobei einem das ganze Herz lacht; und sein erster Teil ist voll von solchen Beispielen. Das Paradies von ihm habe ich nicht gelesen.
    Leben Sie wohl, mein Freund! Möchte Ihnen eine recht schöne Zeit Ihre Standhaftigkeit lohnen. Ich weiß, es wird Sie unterhalten, wenn ich Ihnen sage, daß ich Sie verlasse, um das Haar für die Perücke der drei Grazien auszusuchen! Auch ein Problem! Wenn Winckelmann gesagt hätte, wie es war, ging ich blindlings danach; so muß ich mir mit meinen eignen Vorstellungen helfen; für mich ein pis-aller. Ich weiß nicht, Warum ich Sorge trage, Raphael da zu folgen.

    Nun aber übergenug, und nur noch einen alles Gute in sich schließenden Gruß!     C. Wagner.

 

188-191 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

30. August 1890. Wien VI.

    Kein Wort von Ihnen, hochverehrte Meisterin, geht mir verloren. Aber es könnte noch viele „Worte setzen“, insofern als ich auf manches zu erwidern oder zu fragen hätte.
    Heute möchte ich mir nur eine kleine Berichtigung erlauben bezüglich ganz materieller   T a t s a c h e n,   und ohne an diese letzteren irgendeinen weiteren Schluß zu knüpfen. Es handelt sich um Ihre Vorstellung von Scotts und Shakespeares Leben oder Lebensverhältnissen.
    Scott „sehen Sie auf seinem schönen Landsitz“? Ich weiß manches sehr genau von ihm, da seine Familie mit der meiner Mutter sehr befreundet war; ich glaube sogar (nach den sehr weitgehenden schottischen Begriffen) verschwägert. Meine Großmutter mußte oft von ihm erzählen. Er hat ja auch nahen Verwandten von mir zu einem anonymen Ruhm in seinen Romanen verholfen, von denen wohl die bekannteste meine Tante — die „bride of Lammermoor“ — ist. (In jenem Werk ist auch meines Urgroßvaters Haus mit photographischer Genauigkeit beschrieben.) Nun, Scott war durchaus nicht reich von Hause aus. Sein Landgut „Abbotsford“ hat er erst erschwingen können, wie er über vierzig Jahre alt war, und die dortige Pracht hat kaum fünfzehn Jahre (glaube ich) gedauert, wo er dann, wie Ihnen bekannt, gänzlich ruiniert, bis auf den letzten Pfennig, wurde durch den Bankrott einer großen Verlagshandlung, deren Mitbesitzer er war. Als echter Schotte wollte er von dem ihm von seinen Gläubigern angebotenen Ausgleich nichts wissen, sondern alles bis auf den letzten Pfennig bezahlen; „time and I against any two“ war seine Devise; und die übermäßige Anstrengung, der er sich dann hingab, führte seinen schnellen Tod herbei. Der Landsitz war also nur eine Episode in seinem Leben.
    Und dazu kommt folgendes, daß Scott niemals zurückgezogen gelebt hat, sondern schon in seiner in der Hauptstadt Edinburgh verlebten Jugend mit allen bedeutenden Männern Schottlands verkehrt hat (und es gab deren damals viele), daß seine Verwandtschaft mit dem Adel ihm den Verkehr in allen Kreisen gestattete, und daß er vom Anfang seines Ruhmes an in beständigem Verkehr mit buchstäblich allen durch Geburt oder Talent großen Männern des englischen Reiches stand. Und er steckte auch mitten drin, in allen politischen und literarischen Tagesfragen, und hat enorm viel geschrieben außer seinen sonst genannten Schriften, an politischen, historischen, kritischen, biographischen Aufsätzen, neue Auflagen alter Schriften besorgt etc., etc. Man darf sich also beileibe nicht Walter Scott als einen ein zurückgezogenes Leben führenden Mann vorstellen; und selbst auf seinem Landsitz (abgesehen von seinen Reisen) sorgte er dafür, daß sein Haus stets voll Gäste War. Wenn er auch niemals Minister war, so muß man doch zugeben, daß er nicht bloß ein Zuschauer, auch nicht bloß ein die Vergangenheit aus ihrem Schatten hervorzaubernder Träumer, sondern ein mitten im Leben steckender Mann war, der sich für die Tagesfragen passionierte und tüchtig mit dreinschlug.
    Und nun zu Shakespeare! Aber bitte keine Angst, ich werde der allgemeinen Versuchung, Unsinn zu sprechen, nicht erliegen. Die unbegrenzteste Bewunderung schützt, wie es scheint, dagegen nicht; wohl aber die einfachste Liebe zu dem Menschen, der uns noch nicht, wie Homer, ganz wegsublimisiert worden ist. Daß Shakespeare Bacon war, das lege ich gleich, wie Sie, zu den schlechten Witzen, die man deutschen Gelehrten und den tollsten der englischen Altjungfern überläßt. Daß er aber, wie Sie meinen, „nach   o b s k u r e m   Leben sich zurückzog und verstummte“ — das ist entschieden falsch, und Sie werden gewiß mit mir meinen, daß man die Tatsache, daß man so wenig Nachricht über Shakespeare besitzt, nicht dazu mißbrauchen darf, um dasjenige, was historisch feststeht, zu ignorieren und sich einen noch nebligeren Shakespeare zu konstruieren.
    Nun ist es aber sicher, daß Shakespeare, nachdem er mit Greene, Marlowe etc. vermutlich ein sehr tolles Leben geführt hatte, nicht nur der Liebling des Hofes und im allgemeinen des Adels wurde, und daß er mindestens über zwanzig Jahre lang sich in den höchsten Kreisen Englands als dazugehörig bewegte, sondern eine von den wenigen Tatsachen, die Wir mit Sicherheit von ihm wissen, ist, daß er der allerintimste Herzensfreund von einem bedeutenden politischen Manne seiner Zeit war (Lord Pembroke), und daß er ebenfalls sehr intim befreundet war mit mehreren anderen der Rührigsten (wie namentlich Essex und auch Southampton und anderen). „Obskur“ kann man das Leben dieses Mannes also auf keinen Fall nennen.
    Man braucht gewiß nicht wie einige anzunehmen, daß er selber einen tätigen Anteil an den Unruhen seiner Zeit genommen, und daß er namentlich an Essex' Aufstand mitbeteiligt gewesen wäre. Daß er aber alles Unglück seiner Freunde mit furchtbarer Gewalt mitempfunden hat und also wenigstens insofern mitten drin in all den politischen Vorkommnissen seiner Zeit gestanden hat, dazu bedarf es, finde ich, keiner gelehrten, kritischen Erwägungen, sondern es genügt, sich intuitiv vorzustellen, welch ein leidenschaftliches Herz in dem Busen eines solchen Dichters geschlagen haben   m u ß.   Wir bedürfen keiner Briefe, keiner Zeugnisse Mitlebender, um uns vorzustellen, mit welchem gebrochenen Herzen Shakespeare sich aufs Land zurückzog, nachdem sein bester Freund verbannt, sein lieber Essex enthauptet, sein erster Beschützer Southampton in den Tower eingeschlossen worden war. Wenn es Leute gibt, die in dem bald darauf entstandenen „Julius Cäsar“ den Essex wiedererkennen wollen, so zeugt diese Behauptung von einem solchen Mißverhältnis zwischen dem kritisch Erkennenden und dem Dichter, daß es umsonst ist, ein Wort zu verlieren. Wir erleben es ja heute von den gescheutesten Menschen, daß Hans Sachs für das Porträt von Liszt ausgegeben wird!
    Dagegen ist es wirklich interessant, zu erfahren, daß sowohl chronologische Nachrichten wie philologische Untersuchungen es in hohem Grade wahrscheinlich erscheinen lassen, daß es nun — nach dem Ruin seiner Freunde und seiner eigenen Flucht aus der Hauptstadt — war, daß „Hamlet“, „Othello“, „Macbeth“, „Lear“ entstanden. Absichtlich will ich nicht „dwell upon“ solche Betrachtungen; man soll niemals vergessen, wie erhaben ein größter Dichter mit seinen Gaben über den Tagesereignissen fleht. Wenn es aber auch frevelhaft — und vor allem unsinnig — ist, in einem Solchen Fall eine   d i r e k t e   Beziehung nachweisen zu wollen zwischen einem Erlebnis und einem bestimmten Werke, so ist es ebenso unerlaubt, meine ich, von einem Dichter wie Shakespeare sich vorzustellen, daß er wie ein Ochs ruhig sein Leben durchgegrast hat, und jedenfalls   w i s s e n   wir von ihm, daß dies nicht sein Schicksal war. Übrigens können wir uns ein Bild von seiner Leidenschaftlichkeit und von ihrer verzehrenden Glut in seinem Herzen dank den Sonetten machen. Es steht heute so sicher, wie fast nur eine Sache sein kann, fest, daß die 126 an einen Mann gerichteten gerade an den Lord Pembroke, seinen jugendlichen, glänzenden Freund, geschrieben waren, und die anderen 26 an die schöne Hofdame, Tochter eines Sir Edward Fitton, die längere Zeit sehr intim mit Shakespeare war (eine leichtsinnige Schönheit, die vielen Männern den Kopf verdrehte) und welche dann die Geliebte von Lord Pembroke wurde, wodurch Shakespeare tief betrübt wurde. Wie dem auch sei, soviel ist unstreitig, daß die große Leidenschaftlichkeit des Temperaments und die Fülle trauriger, harter Erfahrungen aus diesen Gedichten sprechen.
    Was übrigens Lord Bacon betrifft, so läßt sich wohl gar nicht bezweifeln, daß die beiden Männer sich gekannt und häufig gesehen haben. Das Gegenteil wäre ein wunderbarer Zufall. Und gewiß kann die Begegnung zweier solcher Geister für beide nur von Bedeutung gewesen sein. Ich weiß es nicht — und zu einer Meinung habe ich kein Recht —‚ aber ich kann mich des Glaubens nicht erwehren, daß man den Mann, unter dessen Schutz Kant seine „Kritik“ stellt, gar nicht zu hoch schätzen   k a n n.   Shakespeare verkehrte da mit einem der großartigsten Geister aller Zeiten, und welche Bedeutung mag jede Begegnung gehabt haben, wenn das Auge und das Ohr eines Shakespeare einen Bacon trafen!
    Soviel also nur zum „Tatbestand“.
    In Ehrfurcht und Ergebenheit und Freundschaft Ihr

Houston S. Chamberlain.


192 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

10/9/90. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Mein letzter — so unbescheiden langer, mir so kurz erscheinender, weil er mich kaum bis an den Eingang desjenigen führte, was ich eigentlich sagen wollte — Brief hat Ihnen, hochverehrte Meisterin, hoffentlich nicht auf alle Zeiten den Briefverkehr mit mir verleidet? Ich hoffe, daß Sie an irgendeinem schönen Orte, umringt nur von Ihren Kindern, sich wirklich ausruhen, und allen Eindringlichen (zu welchen ich mich mit Recht rechne) den Riegel vorgeschoben haben.
    Dennoch gestatte ich mir, Ihnen in aller Eile mitzuteilen, daß meine Frau und ich morgen, Donnerstag, früh nach Bosnien und der Herzegowina abreisen. Die Reise wird kurz sein, denn schon am 25ten d. M. erreichen wir an den Mündungen der Narenta die Küste und kehren von dort aus per Dampfer über Fiume (und Adelsberger Grotten) nach Wien zurück. Aber wir freuen uns ungeheuer, das herrliche Land und das herrliche Volk, wenn auch nur oberflächlich, kennenzulernen, Mittelalterliches Christentum und mohammedanisches Mittelalter blühen dort noch, und zwar neben- und durcheinander! Wir sind nur fünf oder sechs Personen und reisen unter direktem Schutz der Regierung; einige von uns auf Wunsch derselben, andere von ihr dazu in zuvorkommender Weise aufgemuntert, so daß wir vermutlich nicht ermordet werden. Jedenfalls bin ich so frei, Ihnen einige Zeilen ganz frisch vom fremden Boden zu senden; und ich gestehe, daß es meinen Genuß in hohem Maße erhöhen würde (welche Stilblüte, diese Wendung! — Aber die Tiefe des Gefühlten muß solche Mängel gutmachen), wenn eine einzige Zeile uns versicherte, daß es allen Wahnfriedlern gut gehe.
    Mit den herzlichsten Grüßen von uns beiden an Sie und alle Ihrigen bin ich, hochverehrte Meisterin, Ihr in Ehrfurcht und Treue ergebener

Houston S. Chamberlain.


192-193 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Bellagio „Grand Hotel Bellagio“, den 16. September 1890.

    Auf die Gefahr hin, daß mein Gruß Sie nicht mehr erreiche, entsende ich Ihnen doch das Glückauf zur romantischen Fahrt durch das Land, von dem ich einmal hörte, daß es eine Million Bettler enthielt. Da ist es gut mittelalterlich-christlich sein! Es freut mich an dem seligen Ort hier zu Wissen, daß Sie ihn einmal froh bewohnt haben, ich glaube, man könnte hier vieles vergessen! — Ihren lieben langen Brief besprechen wir einmal mündlich. Daß ich mißverständlich war, ersah ich wohl daraus, aber das geht nicht anders und tut nichts.
    An der Freude, die ich darüber empfand, daß Sie von Ihrer Mutter und Großeltern zu mir sprachen, ersah ich, daß es ein Wunsch von mir gewesen, von diesen etwas zu wissen.
    Nun denken wir Sie gern mit Ihrer lieben Frau in angenehmer Gesellschaft auf schönem Strom und unter neuen Eindrücken. Wir ruhen noch hier 14 Tage in wundervollster Luft aus, und dann geht es wieder an das Leben.

    Seien Sie von uns vieren gegrüßt.    C. W.


193-194 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Samstag, 11/10/90. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Ihre Zeilen vom 16ten September, hochverehrte Meisterin, trafen mich richtig in Mostar; sie trösteten mich gerade dort, wo die ersten Anzeichen einer Rückkehr in die Zivilisation und in das allgemeine Reich des Häßlichen (am Menschen) verzweiflungsvoll melancholisch stimmten — nach den zehn Tagen im Wunderlande der lebendigen, allgegenwärtigen Tausend-und-eine-Nacht-Welt. Aus Dank zeigte ich dann auch öfters Ihren Zeilen den blauen Himmel und das blaue Meer der Adria und wärmte sie in der schönen, Südlichen Sonne; aber mehr konnte ich nicht, namentlich nicht Ihnen schreiben. Ich wäre mir wie ein fauler Sünder vorgekommen, hätte ich nicht so unmittelbar empfunden, daß ich einfach unfähig war, Ihnen zu schreiben. Allerdings, wir hatten wenig Zeit, die Reise war eine förmliche „Hetze“; aber man hat immer Zeit zu dem, was man will. Nein, verehrte Meisterin, Sie waren mir so unendlich fern gerückt — wenn ich geschrieben hätte, ich glaube, ich hätte mir nicht anders als durch Baedeker-Abschreiben zu helfen gewußt; da ließ ich es denn lieber sein und harrte mit mohammedanischer Ruhe und Glaubensfestigkeit künftiger Zeiten.
    Das   E x q u i s i t e   an Ihrer Kultur fesselt gewiß jeden, ich meine diese divinatorische, fast göttliche Art, mit welcher Sie, ohne sich in das Breite, in das Enzyklopädische zu verlieren, doch eigentlich von allem Edelsten der westlichen Kultur sich hinwiederum das Alleredelste angeeignet und es mit dem Ihnen selbst von der Natur Verliehenen und vom Schicksal empor und zur Blüte Geführten zu etwas so unwiderstehlich Bestrickendem gestaltet haben; aber denken Sie sich unsere ganze Kultur vom Standpunkt des Mohammedanismus aus betrachtet, auch Sie und Bayreuth inbegriffen! Und mein Wesen ist Ihnen genug bekannt, daß ich Ihnen nicht erst zu sagen brauche, wie ganz und gar ich mich nach 24 Stunden mit der mohammedanischen Weltansicht identifizierte. Wenn es auch ein Leichtes und Selbstverständliches war, unsere ganze Zivilisation en bloc zu verwerfen, und die Abwesenheit eines jeden Wunsches nach alledem, was bei uns Kunst heißt, wie eine Erlösung, wie ein freies Aufatmen nach einem Alpdruck vorkam, so war es mir dagegen sehr schwer, Ihnen und allem, was sich nun Ihren Namen herumgruppiert, gegenüber die richtige Stellung zu gewinnen und Klarheit in die widerstreitenden Gefühle zu bringen. Die Einleitung zur „Heiligen Elisabeth“ (gestern, am Klavier) und namentlich der Schluß, wo man empfindet, wie alle unsere armen Herzen in ein einziges, allumfassendes aufgehen, ließ mich sehr lebhaft den Wunsch empfinden, Ihnen wenigstens zu sagen, mit welcher ehrfurchtsvollen Liebe und Treue ich an Ihnen und an den Ihrigen selbst als Mohammedaner noch hing, und auch jetzt — in die Welt der blassen Skeptik zurückgekehrt — hänge.
    Heute nur dies eine von Ihrem von Herzen ergebenen

Houston S. Chamberlain.


194-196 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, den 14. Oktober 1890.

    Sie haben mir also — um deutsch zu reden — den Abschied gegeben gehabt. Aber, um ernst zu sein, muß ich Ihnen sagen, daß ich Ihre Stimmung so vorempfunden habe, daß es mir unmöglich war, Ihnen nach Mostar mehr zu schreiben, als ich es tat; obgleich ich Ihnen eine Menge zu sagen hatte. Was wir im Süden suchen, was uns dort immer wieder mit einem Zauber befängt, dem wir je nach unserer Stimmung uns träumerisch hingeben, oder was wir wie eine Art von Teufelei empfinden, das ist eben jenes Aufhören des Denkens und Aufhebung des Tuns. Gewiß ist das letzte, was man da vermag, Briefe schreiben. In einem gewissen Sinne wirft man sich der Natur in die Arme, und nicht ungleich dem „Was träumte mir von Tristans Ehre!“ ist der Zustand, aus welchem man alle Fesseln empfindet. So geht es mir wenigstens, sobald ich Licht und Luft wieder einatme.
    Merkwürdig und wohl unerklärlich ist, daß zweierlei mich in dieser Stimmung stets heimisch berührt und begleitet: das ist die intensive Andacht, wenn ich in die Gotteshäuser komme, welche eine edle Kunst z. B. in Mailand errichtet hat, und der Gedanke an unsere Kunst. Beides muß wohl das Natürlichste von der Welt sein. Und wenn Sie mir den Vergleich zulassen, in unsere Kunst habe ich mich geflüchtet wie in ein Kloster; eines jener, wie sie unter der heißesten Sonne als seelische und leibliche Beschattung für die Bedürftigen errichtet wurden. Oder wollen wir unsere Kunst mit dem Himmel selbst vergleichen, der sich überall über uns wölbt? Und Ihrer muselmännischen Ruhe ist wohl der christliche Gleichmut nicht sehr fremd.
    Bei einem jener wundervollen Iichtdurchtränkten Tage sahen wir in Mailand ein Heilandsbild, von einem mir bis dahin unbekannt gebliebenen Maler (Solari), welches durch das Aufgehen des Schmerzes in die Milde der Versöhnung mir eines jener ausgleichenden Werke zu sein schien, welche uns die Heiligkeit der Schönheit oder die Schönheit der Heiligkeit lebendig entgegenbringen. Wir schauten es an, das Bild, auf welchem die Träne rinnt, wir blickten von ihm auf den lachenden Hof mit den Palmen, und es war Frieden.
    Ich habe Ihnen noch immer auf Ihren langen Brief sagen wollen, wie leid es mir tut, daß Sie in Wien noch keinen entsprechenden Umgang gefunden. Es wundert mich insofern nicht, als mein armer Bruder, der doch als halber Österreicher dorthin kam, viel von seiner Vereinsamung und Langenweile in dem als so lustig gerühmten Ort geklagt hat. Er war unendlich begabt und daher wohl zum Alleinsein verurteilt.
    Um Sie recht zu ärgern, schließe ich mit dem Satze: Ich glaube, daß das Genie die Lebenseindrücke zur Befruchtung seiner inneren Welt bedarf, aber ich glaube auch, daß diese Lebenseindrücke, um befruchtend sein zu können, keine zu mannigfaltigen sein dürfen. Daher auch das Wort: Le genie est sédentaire. Sie sehen, ich habe ruhig und still weiter mit Ihnen verkehrt, und während die Buntheit Sie ganz aufsog, bin ich beim Weben der Fäden geblieben. Ich glaube, wenn Sie mir nicht geschrieben hätten, ich hätte Sie — mit Verlaub — an mein Dasein erinnert. Und wenn Sie mich in 1001 Nacht nicht unterbringen, so weiß ich doch, daß Sie mich mit unserer Zivilisation nicht vermengen.
    Nun aber leben Sie wohl! Und seien Sie gegrüßt in treuer Herzlichkeit, mein teuerer Freund!    C. W.


196-197 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

21/10/90, abends, Wien.

    Als ich gestern von dem Gesumme der Menschenmenge auf dem Korso mich wiegen ließ — ein Bekannter hatte sich vorher gewundert, daß ich fast niemals in ein Theater oder Konzert ginge, ich schiene keine Freude an dem allen zu empfinden, wofür sich auch die Gescheitesten interessierten; es wäre wohl nichts gut genug für mich? etc. etc. (worauf ich natürlich viel zu faul war, anders als ausweichend zu antworten, wo ich außerdem nur zu einer stillen Bootfahrt auf offenem Meer ausgegangen war), da empfand ich lebhaft, hochverehrte Meisterin, wie so, wenn der purpurne Schatten eines wahrhaft königlichen Mantels einmal über einen gefallen ist — und sei es noch so wenig, nur von einer Falte oder von einem im Winde treibenden Zipfel —‚ wie unwiderruflich ewig man in die Nähe des Königs und in den Schatten seines Mantels gebannt sei. Das Gewöhnliche, das Unzulängliche, das Gemeine — also fast ausnahmslos alles, was uns überallhin umgibt, ist so unwiderruflich, so definitiv zu dem gestempelt, was es ist, daß, wenn noch die Tugend der Aufrichtigkeit gegen sich selbst dazukommt, keine Täuschung, am allerwenigsten eine Selbsttäuschung mehr möglich ist. Und es ist wohl auch schwer, die Illusion des Mächtigen zu teilen, der in dem Wahne, seinem Volk zu dienen, sich lebend aufzehrt. Das Gemeine hat eine Lebenskraft in sich, welche derjenigen des Genies gleichkommt. Also, sowohl hierhin wie dorthin nur die unaussprechlichste Melancholie. Und da ist es wohl nur Gerechtigkeit, wenn der König dem im Schatten seines Mantels Gebannten auch die Sonne seines Angesichtes leuchten läßt. —
    Ihre Bemerkungen bez. des Südens sind sehr wahr; ich habe Ähnliches
empfunden. Bosnien ist aber eine ganz andere Nuance, weil es ganz und gar schon   O r i e n t   ist, nicht bloß, oder vielmehr gar nicht Süden, denn das Klima ist rein „kontinental“, die Nächte selbst im Sommer sehr frisch und der Winter kälter als in Wien. Das bosnische Volk ist auch ein kräftiges, höchst individualisiertes; durch das ganze Mittelalter hindurch hielt es, trotz Kreuzzüge und furchtbarster Verfolgungen, an seiner „bogumilischen“ Häresie fest, und der Mohammedanismus, dem der bessere Teil der Bevölkerung seit 4 Jahrhunderten angehört, hat auch eine eigentümliche Ausbildung, ein besonderes Gepräge erhalten. Hierin liegt der Reiz, den Bosnien ausübt und der einen mit einem Ruck aus allem Gewohnten hinaus und weit weg führt. Worüber ein anderes Mal mehr.
    Meine Frau grüßt herzlich, sowie auch Ihr in ehrfurchtsvoller Treue ergebener

Houston S. Chamberlain.


[Im November 1890 weilte Frau Cosima Wagner einige Tage in Wien.]


197
Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.


Wahnfried, 4. Dezember 1890.

    Nun bin ich zwei Tage hier zurück und möchte nicht länger säumen, Ihnen, Freund, mein Gedenken zu entsenden.
    Wie haben mich die Zeilen, die Sie mir mitgaben, begleitet! Ich konnte nicht anders, wie ich die schönen Rosen des guten Dr. Boehler, trotz aller angewandten Sorge um sie, absterben sah, mir zu sagen: wieviel schöner das Unverwelkliche sei, was Sie mir mitgaben, und welche Trostesspende solche Worte seien. Da fiel mir denn ein, daß es schön wäre, wenn Sie statt Briefe, zu den Zeiten, wo Sie diese ungern schreiben, mir eine solche Abschrift entsendeten. Ich erhielte dann immer ein Lebenszeichen, und allmählich entstünde unsere „Upanishade“, die ich dann artig einbinden lassen würde. Und wenn Sie wollen, erwiderte ich mit Zitaten aus meiner losen Lektüre, die freilich viel weniger einheitlich ausfallen würde.
    Wenig Erbauliches habe ich als Musik in München vernommen. Ich habe mich gefreut, meinen alten Freund Lenbach wiederzusehen, der mir immer die interessante Anomalie bietet eines hyperverfeinerten Geschmackes mit ungehemmter Unbildung — ein Rätsel, wie wohl jeder von uns eines ist. Er sprach mir sehr gerührt von dem Kanzler [Fürst Bismarck war am 20. März 1890 aus dem Amte geschieden] und seiner Verlassenheit, und die Verachtung, die ihm bei dieser Gelegenheit das ganze Deutsche Reich einflößt, stand ihm — meiner Meinung nach — sehr gut.
    Mit dem herzlichsten Wunsch, daß in der Blümelgasse, auf den Höhen, alles so wohl sei, wie es die Adventzeit erfordert! Seien Sie gegrüßt,
Freunde, und bleiben Sie mir gut,    C. W.


198-200 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

4/12/90. 1 Blümelgasse. Wien.

    Mir, verehrte Meisterin, war Ihr kurzer Besuch wie eine besondere Gnade Gottes. Diese ganzen kleinlichen und ekelhaften Geschichten mit den Zeitungsschreibereien usw. hatten einen solchen Mißklang zu dem ruhevollen mohammedanischen Traum gebildet. Ihre Gegenwart verscheuchte alle Schatten und erhob mich wieder in die heimischen Sphären. Trostlosigkeit und Heiterkeit können Schließlich ebensogut Hand in Hand friedlich einhergehen wie Gemüt und Verstand; sie müssen sich nur gegenseitig achten. Ich habe auch dafür gesorgt, daß Sie — ich meine Sie in meinen Gedanken — eine Ihrer würdige Gesellschaft vorfänden; Sie träumten einmal hier von dem Salon, den Sie in Wien sich einrichten würden — ich war so frei, die Einladungen selber auszusenden: zu allererst „spazierte hinein“ (wie man hier sagt) Sokrates, das war ein Versicherungsschein, daß die Unterhaltung nicht „languieren“ würde; Plato, der göttliche, hatte natürlich den Ehrenplatz neben Ihnen, er ärgerte sich aber sichtlich, daß der alte Sokrates, den er gewohnt war, in seinen Schriften nach   s e i n e r   Art dialektisieren zu lassen, so ganz selbständig, eigenartig und autoritätsglaubenlos fortschwatzte, und dann — über Kunst war es gar schwer, mit ihm zu sprechen, er hatte so schrecklich viel Prinzipien und suchte beständig midi à quatorze heures; es war ein wahres Glück, daß Schopenhauer gekommen und ihm ein Ehrenexemplar seiner „Vierfachen Wurzel“ mitgebracht hatte; ich weiß nicht, ob Sie es geahnt hatten, oder ob es Ihnen unerwartet kam, daß Kant bei weitem der angenehmste Gesellschafter unter diesen Philosophen war, mit einfach-vornehmen Manieren, sich mit den verschiedensten Menschen gleich gern unterhaltend, jedem Versuch, das Gespräch auf „reine Vernunft“ zu bringen, mit einem seinen Witze ausweichend, sonst aber für alles Menschliche sich interessierend; Giordano Bruno war unglaublich witzig — der leichtsinnigste Teil der Gesellschaft (zu dem ich natürlich gehörte) gruppierte sich um ihn, bis wir nicht mehr zu lachen vermochten; ich glaube, Sie ärgerten sich, daß wir in eine Ecke des Salons uns zurückgezogen hatten, so daß Sie gar nicht an dem Spaß teilnehmen konnten; Goethe war auch da, aber sehr schweigsam, denn beim Eintritt hatte er sich — nach altem Weimarer Usus — aufs „olympisch Aussehen“ eingerichtet, und in dieser bunten Gesellschaft waren Sie die einzige, die ihm diese Schwäche nachsah (Plato war ohnedies gegen den Faust gar eigensinnig eingenommen); für mich persönlich war diese Konstellation günstig, denn plötzlich wandte er sich an mich — als wäre es eine Eingebung, denn er hatte mich niemals gesehen —‚ wir sprachen Naturwissenschaftliches, es war ebenso interessant, wie vorher Bruno amüsant gewesen war (wie rührend ich für mich selbst sorge, nicht wahr?), wie freute mich seine Bewunderung des erhabensten Genies unter den Physiologen, des großen Pasteur, und wie ganz andersartig war seine lobende   A n e r k e n n u n g   der Verdienste eines Mannes wie Koch (über dessen Heilverfahren er sich übrigens sehr reserviert aussprach und mehr interessiert als begeistert, denn da ihm die  p h i l o s o p h i s c h e   Grundlage zu den gehegten Hoffnungen zu fehlen schien, so wollte er sich gar nicht erst auf das Detail der Beobachtungen einlassen, zum Glück war kein Arzt anwesend, um dem großen Mann haarklein nachzuweisen, daß er ein Esel sei), und da er an mir ein intensiv sympathisches Auditorium fand, so schwang sich seine Rede immer höher, ich lenkte ihn absichtlich über auf seine „Tabelle der möglichen Wirkungsarten“: Zufällig, Mechanisch, Physisch, Chemisch, Organisch, Psychisch, Ethisch, Religiös, Genial — ich glaubte zu bemerken, er hatte sie selber vergessen —‚ aber wie herrlich stieg dann seine Rede an den neun Sprossen dieser Leiter hinauf, bald schwieg auch alles im Zimmer, er sprach eben für alle oder vielmehr nur mehr für sich, selbst der alte Sokrates schwieg und glaubte sich im Delphischen Tempel, einer neuen Verkündigung des Orakels lauschend, und wir alle, wenn wir auch, aufrichtig gestanden, von der ganzen Tabelle der Wirkungsarten eine ziemlich konfuse Erinnerung behielten, wir hatten wenigstens mächtig empfunden, welche die „geniale Wirkungsart“ ist. Im großen und ganzen war also diese von mir arrangierte Soiree entschieden interessanter und anregender ausgefallen als das neuliche Diner bei der Fürstin H.  Nur eines klappte nicht ganz; Sie hatten mir gestattet, einige meiner lieben, trauten Freunde, wirkliche Herzensfreunde, einige französische Dichter der neuesten Zeit mitzubringen, aber mir schien, daß da eine unüberbrückbare Kluft Sie von denselben trenne, und ich konnte nicht umhin, einen gewissen Schmerz hierüber zu empfinden. Denn empfindet man das „Tat twam asi“ als im Schmerze wahr, so möchte man es im Freudevollen auch. Wieviel hundertmal hat nicht z. B. Verlaine, dieser vollendete Musiker der Silben, nicht nur allen Schmerz mir verjagt, sondern mich ebenso weltab-himmelwärts emporgehoben wie nur irgendeine Musik.

5/12.
    Als ich Ihnen gestern von Kant und Plato und Goethe und von meiner übrigen Lektüre dieser Tage erzählte — weil diese faktisch mein ganzes Leben ausgemacht hatte (mit ein wenig Bach und Liszt) —‚ wurde ich durch den Besuch eines jungen französischen Kavallerieoffiziers unterbrochen, der trotz seiner Jugend schon 76 in Bayreuth war, auch 82 wieder, seitdem zu seinem Leidwesen nicht mehr, weil es wegen der unaufhörlichen Schikanen, denen französische Offiziere seitdem in Deutschland unterworfen waren, den Stabsoffizieren empfohlen wurde, das Land nicht zu betreten. Jetzt, unter dem jungen Kaiser, soll das alles viel besser geworden sein, und er hofft, im nächsten Jahre seine junge Frau hinführen zu dürfen.
    Und jetzt ist auch Ihr Brief von gestern gekommen — wir hatten gleichzeitig aneinander geschrieben.
    Der Upanishad-Gedanke ist schön. Man könnte ja von rechts und links durch Upanishadartiges ergänzen. Daß ich Yadnjavalkya zu Ihrem ersten Wiener Empfang nicht aufgefordert hatte, werden Sie begreifen; er ist doch fast so heilig wie Yama, der Tod, dessen Worte ich Ihnen neulich anstatt Blumen auf die Reise mitgab; ganz jenseits aller „Tafeln möglicher Wirkungsarten“; überhaupt schaute ich dieser Tage wegen des eingangs erwähnten Grundes wenig in die Upanishaden.
    Ich schließe alles, was ich zu empfinden vermag, in den Ausdruck der ehrfurchtsvollen Freundschaft und der Ergebenheit ein.

Houston S. Chamberlain.


200-201 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

Wahnfried, Mittwoch, den 17. Dezember 1890.

    Der Baum ist bereits in unser Haus eingekehrt, die Pfefferkuchenkiste steht vor mir, eine kleine Kinderlotterie beschäftigt meine Gedanken samt einer Laterna magica für die Kniesesche Familie; vor allem, unser Siegfried hat sich uns für Montag angesagt, Thodes treffen Dienstag ein, somit stehe ich auf der Schwelle der Christzeit, die für mich das Jahr abschließt, und möchte ich diesen Abschluß nicht begehen, ohne Ihnen einen Gruß entsendet zu haben.
    Ohne Zitat erscheine ich, denn ich habe in dieser ganzen Zeit so gut wie nichts gelesen, ja selbst nicht geblättert. Und wie weit bin ich von der dichterischen Geselligkeit, welche Ihr dichterischer Flug mir zudachte. „Wie weit, so nah“, kann ich aber hinzufügen, denn das Bild, welches Sie entworfen haben, hat mich begleitet, und ich habe es mir angelegen sein lassen, es auszufüllen. Wobei ich allerdings gestehen muß, daß Giordano Brunos Witze mir absolut unmöglich nachzubilden waren; womit ich nicht etwa sagen will, daß ich Goethes Rede gehalten habe. Die eigentümliche, scheinbare Steifheit und das plötzliche, leidenschaftliche Explodieren dieses Gewaltsam-Ruhigen, wie Sie es darstellen, ist mir neulich in einem Gespräch von ihm über Geschichte recht nahegekommen. Warum soll ich aber den französischen Dichtern ungeneigt sein? Wenn ich Ihnen auch zugeben muß, daß mich das Alter von der Lyrik entfernt hat. Ich glaube, Sie werden diesen Prozeß auch durchmachen, aber das Talent spricht unter allen Formen zu einem, und wer wollte den Franzosen das Talent absprechen!
    Die Notiz von dem französischen Offizier war Wasser auf unsere Mühle, da wir mit großer Teilnahme die Persönlichkeit des jungen Kaisers in ihren verschiedenen Äußerungen verfolgen.
    Grüßen Sie Ihre liebe Frau von Herzen, und gedenken Sie meiner freundlich, sei es, wenn der nüchterne Verstand die Oberhand bei Ihnen
hat, oder das kindlich heitere Gemüt, in der Sicherheit, unter jeglichem Aspekt von mir verstanden zu sein.
    Meine Kinder grüßen weihnachtlich! — Thodes Buch [„Die Malerschule von Nürnberg“], welches ich piano, piano vornehme, ist mir eine
große Freude!    C. W.


201-203 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1890.

[Von einer Erholungsreise über Dresden nach Berlin.]

21. Dezember 1890. 5 Räcknitzstraße. Dresden.

    Es war eine schöne, christliche Tat, hochverehrte Meisterin, am Vorabend Ihres Familienfestes meiner zu gedenken. Gewiß gehört es mit der Laterna magica für die Knieseschen Kinder zu den hellsten Freuden, die Sie anderen bereiteten. Als Gegengabe habe ich nur meinen Dank.
    Es amüsierte mich sehr, an meine Abendgesellschaft erinnert zu werden. Was Sie mir über Goethes Art mitteilen, freut mich innig, denn ich habe das neulich so hingekritzelt ohne jegliche Überlegung und namentlich ohne „wissenschaftliche Daten“. Warum Giordano Bruno so witzig war, das kann ich Ihnen noch viel weniger sagen. Aber vielleicht schauen Sie bei Gelegenheit in einer ausführlicheren Lebensschilderung nach?
    Neulich hatte ich einen amüsanten Traum: Und wie so oft, führte er mich nach Bayreuth; das Festspielhaus war so wie jetzt, nur viel größer; rings um dasselbe standen in dichten Reihen unzählige Festspielgäste; Sie hatten meinen Arm genommen, um zu Fuß hinaufzupilgern. Nirgends konnten wir hindurchkommen nach dem Festspielhause. Sie bekamen einen Gesichtsausdruck, wie ich ihn bisweilen bei Ihnen gesehen, der mir das Blut in den Adern fast erfriert und der mich mit einer geradezu namenlosen Angst erfüllt, wie Furcht vor irgendeinem ungekannten, entsetzlichen Unglück. Endlich wandte ich mich an einen kräftigen und gutmütig aussehenden Menschen mit der Bitte, uns behilflich zu sein, die Dame und ich müßten unbedingt hinein, sonst könnte gar nicht gespielt werden. Des Mannes dickes Gesicht entwickelte eine ganze Skala von Ausdrücken, von dem der Frage und des Erstaunens bis zu denn der größten Heiterkeit, und zuletzt lachte er laut auf: „Na, das ist nicht schlecht! Sie beide! Sie werden da 'neingehören? Danach Schauen Sie gerad' aus!“ Und mit Verachtung drehte er uns den Rücken. Aber der gute Mann hatte uns doch eine Wohltat erwiesen; Sie lachten so unbändig, und ich dazu, daß man hörte, wie die Leute in der Menge von „unanständigem und ungehörigem Benehmen“ sprachen. Was aus uns wurde, weiß ich nicht; ich glaube, Sie freuten sich über das „Danach schauen Sie gerad' aus!“ so sehr, daß Sie alles übrige darüber vergaßen.
    Von dem Kaiser und der Schulrede möchte ich so gern zu Ihnen sprechen, um Ihnen zugleich meine große Freude über dieselbe zu sagen, und auch mein Bedauern über alles, was nicht darin war. — Übrigens verspreche ich mir so gut wie nichts von der Bewegung; wir werden niemals das Selbstvertrauen besitzen, gründlich   g e n u g   mit dem klassischen Kram aufzuräumen, gründlich genug, um frohe Menschen zu sein und Kunst zu haben und Gedanken; da müssen wir schon geduldig auf die Barbaren warten. Als Jüngling kam ich nach Rom, und ich entsinne mich auf das Entsetzen meiner Angehörigen, als ich in meinem ersten Brief, nach einigen Worten der Bewunderung, behauptete, ich würde entschieden, wenn ich König wäre, sofort die ganzen Ruinen in die Luft sprengen und vernichten lassen. Der Modergeruch und auch die Großartigkeit, das „Irréparable“ einer vergangenen Welt ersticken jedes gesunde Aufblühen im Keime. (Man halte mir nicht die Renaissance entgegen, denn der treffende Name brandmarkt schon die Erscheinung, wahre Wiedergeburten gibt es nur im metaphysischen Sinne, als Übergang von einer Lebenssphäre in die andere.) — Im Grunde scheint auch der Kaiser nur eine Literatur auf Kosten der anderen in den Vordergrund schieben zu wollen, währenddem das Prinzipielle sein würde, Sprache und Literatur überhaupt nicht zur   G r u n d l a g e   der Erziehung zu machen, sondern das einzige, was an und für sich charaktererziehend ist, nämlich das Studium der Natur. Goethe soll mein Schild-Mann sein: „Da lobe ich mir das Studium der Natur! Denn hier haben wir es mit dem unendlich und ewig Wahren zu tun, das jeden, der nicht durchaus   r e i n   u n d   e h r l i c h   bei Beobachtung und Behandlung seines Gegenstandes verfährt, sogleich als unzulänglich verwirft. Auch bin ich gewiß, daß mancher dialektisch Kranke im Studium der Natur eine   w o h l t ä t i g e   H e i l u n g   finden könnte.“
    Mittwoch reise ich nach Berlin, Central Hotel. Ich hoffe viel von der grauen Stadt, meinem altbewährten Sanatorium, wo ich in einer wohltuenden Atmosphäre des „Unwirklichen“ mich ausruhen kann, denn nichts kann ich ernst dort nehmen, am allerwenigsten die so überaus ernsten, wichtigen Gesichter der herumhuschenden Gespenster; und auch in der herrlichen Galerie, jedes Bild lächelt mich an (natürlich Cornelius und Kaulbach ausgenommen!) und spricht seine Freude über das gelungene Mißverständnis aus.
    Mit den herzlichsten Weihnachtsgrüßen an alle Ihre Kinder in Ehrfurcht und Treue Ihr

Houston S. Chamberlain.

 

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Aus H. S. Chamberlains Dresdener Zeit

Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit (2)

Letzte Änderung am: 16. Juni 2010