Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888—1908

Wiener Zeit II, Seite 203—311

 


203-205 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891.

Aus dem Jahre 1891


26. Januar 1891. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Es wäre überflüssig und uninteressant, Ihnen, hochverehrte Meisterin, von dem Gewebe kleinlicher Umstände zu berichten, welches mich bisher wie in einem Netze hier gefangenhielt. Ich gehe lieber zur Tagesordnung über auf welcher steht, daß ich Ihnen über das gestrige Konzert schreiben soll. Dr. Boller bat mich darum, und indirekt tat das auch Bruckner. Der Wagner-Verein gab gestern ein Konzert, dessen Reinerträgnis ganz und gar zur Anschaffung von Freiplätzen, zur Erteilung von Reisestipendien etc. bei den diesjährigen Festspielen verwendet wird; gewiß also ein lebenswertes Unternehmen, nicht wahr? Und da der große Saal vom Musikvereinsgebäude fast gänzlich ausverkauft war, so wird auch der Reinertrag ein sehr erfreulicher sein — trotz der hohen Kosten eines Konzertes mit dem ganzen philharmonischen Orchester. Das Programm bestand aus: I. „Parsifal“-Vorspiel, II. Siegfried-Idyll, III. Bruckners 3te D-Moll-Symphonie. Dem Anfang des Konzertes traute ich mir nicht beizuwohnen, erfuhr aber, daß die Aufnahme eine geradezu enthusiastische gewesen sei. Bruckners Symphonie ist wirklich wert, gehört zu werden, jedenfalls ist der Mensch, der das gemacht hat, ein ganzer „Kerl“, und mich freute es aufrichtig, daß ein Konzertpublikum dies einsah und dem alten Manne die große Freude eines reichen Applauses zuteil werden ließ. — Nach dem Konzert waren etwa 30 Personen von Dr. Boller zu einem gemeinsamen Diner versammelt, darunter auch meine Frau und ich. In Beantwortung eines obligaten, dithyrambischen Toastes auf ihn sprach der alte Bruckner einige Worte, die viele von uns zu Tränen rührten; in schlichter, ungeschickter Form kam eine so gewinnende Seele zum Vorschein. Auch auf Sie, verehrte Meisterin, wurde von Dr. Boller in einer kurzen und durchaus würdig und angemessen gehaltenen Rede ein Toast ausgebracht.
    Dies alles und was noch alles mehr war, die Rede des Humoristen, die Rede eines Vorstadt-Bürgermeisters, der nicht die geringste Ahnung hatte, von was er eigentlich reden wollte und sollte, so daß es zuletzt fast wie eine Grabrede auf den guten Bruckner ausfiel, und um den peinlichen Eindruck zu verwischen, mußte Boller wieder das Wort ergreifen, und in seiner Verzweiflung ließ er gleichzeitig den Trompeter des Orchesters und auch   m i c h   leben, so daß, als wir uns beide dankend verneigten, die Gesellschaft nicht wußte, wer die Trompete blies und wer der „berühmte internationale Wagnerianer“ war, das alles könnte natürlich jeder andere weit besser als ich berichten. Aber Boller und auch Bruckner haben einen großen Wunsch, und sie trauen sich nicht, ihn auszusprechen; vielleicht kann ich dazu taugen. Es war nämlich ein hartes Stück Arbeit, den Hans Richter für dieses Konzert zu gewinnen. Der Mann ist mit Arbeit überbürdet, sehr abgemattet, enerviert etc.; dann glaubte er nicht an die Möglichkeit eines Succès. Als aber die Sache sich günstig wendete, die Plätze alle vergriffen wurden, sämtliche Philharmoniker sich verpflichtet hatten, da ist auch er ordentlich ins Zeug gegangen. Er war gestern ganz merkwürdig animiert und hat natürlich das meiste zu dem Gelingen dieses Konzertes beigetragen, welches „beaucoup de retentissement“ haben wird und eine bedeutende Summe für die edelste Bayreuther Verwendung verschafft hat. Und da läge den Herren sehr viel daran, wenn   S i e   bei Gelegenheit dem Hans Richter sagen würden, daß Sie von dem Konzert gehört hätten und ihm Ihre Anerkennung für seine Bemühung aussprechen wollten. Im Namen der Herren, die das Konzert arrangiert hatten, lege ich Ihnen diese Bitte vor, ich selber war ja nur „neutrales, internationales Publikum“. Und ich habe immer nur zu danken und danke Ihnen auch alle Tage. In Ehrfurcht und treuer Ergebung Ihr

Houston S. Chamberlain.


205-206 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891.

Berlin, Hotel Hohenzollern, den 4. Februar 1891.

    In den ersten Tagen unseres Aufenthaltes hier habe ich buchstäblich jeden Morgen und jeden Abend gemeint, Sie träten ein, mein Freund. Habe es auch geträumt. Und da Sie nicht kamen, sagte ich mir, daß Sie nicht wohl sein müßten, was, zu so manchem gesellt, mich mit eigenem Ernste in die hiesige Bewegung blicken ließ. Möchten Sie sich jetzt ganz befreit fühlen, es gibt des Unerträglichen dann immer noch genug.
    Vielen Dank für den Bericht über das Konzert. Wollen Sie Dr. Boller bestens von mir grüßen, ihm sagen, daß ich mich sehr über die Bestimmung des Ertrages gefreut hätte, und daß ich Richter schreiben würde, sobald ich zu Atem gekommen wäre.
    Es freute mich zu hören, daß Sie Freude an der Brucknerschen Symphonie hatten, man mag so gern unter seinen Mitlebenden Erfreuliches finden; was ich hier Musikalisches erfuhr — „Cavalleria rusticana“ — widerte mich an. Die Aufführung des „Tannhäuser“ legte Zeugnis von vieler Sorgfalt ab, und Sucher nahm die Tempi gut, etwas wesentlich Erfreuliches; außer seiner Frau aber war keiner der Sänger irgendwie in den Geist des Werkes gedrungen, und so verließ man denn wieder das Haus mit Schwermut und großer Sorge. Die bleibt nicht aus, diese graue Schwester, welche man sich unter den Zügen von Dürers Melancholia gern vorstellt.
    Wir hatten eine große Freude hier an zwei Gängen durch das Museum. Der Konservator derselben, Herr v. Tschudi, führte uns auf das angenehmste, ohne zuviel Belehrung mit freundlichem Verständnis der eigenen Gefühle. Wenn Sie wieder einmal nach Berlin kommen, so bringen Sie, bitte, Tschudi einen Gruß von mir, er wird Ihnen sicher sehr gefallen, eine seltene, vornehme, zarte Individualität und ein schweres Geschick, welches ihm den Ausdruck edler Resignation eingeprägt hat.
    Nun leben Sie wohl, mein Freund, gedenken Sie meiner freundlich! Daß auch die kleinen Miseren des Lebens Ihnen nicht erspart sind, kränkt mich sehr. Wie gleichgültig sind einem doch alle Begehrenden, in dem Strom der Dinge hastig Mitschwimmenden; wie nahe dagegen stehen einem die edlen Einzelnen außerhalb dieser fließenden Flucht. Zu den Nächsten gehören Sie, mein Freund, und so sagen Sie sich denn selbst, was an Teilnahme und tiefster Herzlichkeit in einem Gruße jetzt an Sie abgeht!       C. W.


206-208 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

20/2/91. Wien.

    Wie innigen Dank weiß ich Ihnen, verehrte Meisterin, für jene beiden Male, wo Sie mir gestatteten, Sie am Werke zu sehen, das eine Mal in Wahnfried, im großen Zimmer, das andere in Ihrer Festspielhauszelle. Geradeso, wie einem aus der Kindheit einzelne Momente aus der verschwommenen oder ganz dunklen Umgebung mit übernatürlicher Schärfe und wie zu der symbolischen Bedeutung eines Bildes oder eines Bildwerkes versteinert hervortreten (etwa, nicht wahr, wie Murillos Festhalten der Momente der höchsten Ekstase, welche sich vom dunklen Hintergrund des verschwommenen Lebens abheben), so sehe ich und erlebe ich jene Minuten. Ich sehe Sie, Meisterin, mit der „Parsifal“-Partitur und höre eine jede Ihrer Bemerkungen — und ich höre, wie die edele Begeisterung des Künstlers, angefacht durch Ihre unmittelbare Nähe, durch seinen fast nur geflüsterten Vortrag hindurchzittert. Es ist ein sehr großes und erhabenes Bild, das Sie mir da schenkten. —
    Zum Teil auf Albert Böhlers Anregung hin war ich jetzt öfters bei den Mittwoch-Abenden des Ak. R.-W.-Vereins. Im Grunde ist es eine ganz monströse Vereinsmeierei, denn es geschieht weiter gar nichts, als daß man ißt und trinkt und raucht und hin und wieder einer auf dem Klavier was vorpaukt. Und dennoch habe ich ganz angenehme Stunden dort verbracht. Der Ton ist ein anständiger und herzlicher, und der Zufall war mir auch günstig. An dem einen Abend traf ich einen Bruder des Prof. Höfler, der seit Jahren in   L o n d o n   ansässig ist und ein ganz begeisterter Engländer wurde. Das heißt, er ist — wie hätte er anders gekonnt? — ganz deutsch geblieben, er hat aber die Duselei gänzlich abgestreift und hat jenen charakteristisch englischen   B l i c k   bekommen, offen, frei und intensiv. Er erzählte mir viel Erfreuliches über die Kreise, die dort drüben zu Bayreuth halten. — Sogar einen „Damen-Abend“ habe ich erlebt! Zum Glück gibt es wenig solche und ist das schöne Geschlecht sonst streng aus unseren ernsten Zusammenkünften ausgeschlossen. Aber selbst da hatte ich kein Recht zu klagen, denn die einzige hübsche Frau bekam ich zum Visavis, und später am Abend erhitzte ich mich dermaßen als Ritter für Schopenhauer gegen die Angriffe eines norddeutschen „bierwirtmäßigen“ Dummkopfes, daß mir das Sehen überhaupt verging.
    Tiefere Eindrücke als der Akademische Verein verschaffte mir neulich der italienische Tragöde   R o s s i   in „Lear“. Rossi schien die Sache so aufzufassen, als ob König Lear schon von Beginn an den Keim zum hellen Wahnsinn in sich trage, als ob schon jener merkwürdige Entschluß, auf welchem das ganze Drama sich gründet, die Tat einer nicht mehr ganz equilibrierten Seele wäre. Diese Annahme mag wohl ein wenig kraß sein, für mein Empfinden war sie aber bei der szenischen Aufführung nicht so durchaus verwerflich, da sie die Ungeheuerlichkeit der ersten Voraussetzung übersehen half, so daß man mit ungeschwächter Kraft in die eigentliche Handlung miterlebend eintrat. Und da ging Rossi so oft ganz auf in die Vision des großen Sehers — oder war ich es nur? Wohl kaum denkbar? —‚ daß ich ihm nur Dank wissen kann und den analytischen Verstand wie einen Kettenhund in seine Wachtbude zurückweise. Nach der Erkennungsszene mit Cordelia mußte ich sogar flüchten, da ich keine Loge zum ungestörten (und keinen störenden) Heulen hatte, und wer vermöchte das anzusehen, wenn nur ein Funken Wahrheit in dem Darsteller glüht, wie der Mensch sein totes Glück in den Armen trägt — immer erst dann ganz unser eigen, wenn wir es also tragen? Aber ach! Diese trockenen Augen, als ich durch die Reihen eilte! Wenn die Träne den Menschen vom Tier unterscheidet, dann scheint es bis jetzt wenige zu geben, aber nein, vielleicht war Rossi wirklich schlecht, und ich hatte nur in irgendeiner „vierten Dimension“ dem Shakespeare selber gelauscht?
    Einen wirklich interessanten Mann hatte ich auch vor kurzem die Gelegenheit kennenzulernen, den gemeinsamen österreichisch-ungarischen Finanzminister, den Herrn von Kallay — Autokrat von Bosnien. Da ich jeder Versuchung, ihn um eine Audienz zu bitten, mit Fleiß aus dem Wege gegangen war, ließ er mich bitten, ihn zu besuchen, was natürlich einen viel angenehmeren Boden für den Verkehr abgab. Es war mir eine wirkliche Freude, diesen hervorragenden und wirklich genialen Staatsmann (wohl einer der allerbedeutendsten Männer dieses Reiches) zu sehen und — wenn ich so sagen darf — zu studieren. Dieser Ungar ist die verkörperte Energie und Arbeitskraft, und durch die Eigentümlichkeit seiner Machtstellung einem Lande gegenüber, in welchem alles neu zu schaffen ist, hat sein Tätigkeitstrieb ein so weites Feld gefunden, daß die sonst bei uns in Europa eingeengten Gaben sich frei haben entwickeln können. Während der Stunde, die mir der seltene Mann widmete, war es mir, als hätte ich leibhaftig vor Augen eine Exemplifizierung der unsagbaren Vorteile der Regierung eines guten Tyrannen, wie sie Plato lobt.
    Dann hätte ich noch zu melden, daß ich zweimal auf öffentlichen Maskenbällen war, auf dem sog. „Lumpenball“ und auf einem von noch schlechterem Rufe. Mein Behagen und Ausgelassenheit in so schlechter Gesellschaft — in welcher ich mich immer so wohl und heimisch fühle — soll sogar meinem eigenen Rufe (so erzählte mir eine Dame im Wagner-Verein) geschadet haben, also nach einem Mißverständnis ein anderes.
    Verzeihen Sie, daß ich so lange plaudere, und eigentlich so gegenstandslos. Sie wissen ja, daß, wenn ich auch nicht davon spreche, mein Denken immerwährend an Ihrer jetzigen ungeheueren Arbeit, an Ihrer Sorge und Ihrem Leid für die Festspiele den innigsten Anteil nimmt. Möge mein Geschwätz Sie einige Augenblicke zerstreuen.
    In Ehrfurcht und ergebener Freundschaft Ihr

Houston S. Chamberlain.


208-210 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 5. März 1891.

    Ich habe die letzten 8 Tage in Berlin und die erste Woche hier gelegen, mein Freund, und dies ist der Grund, weshalb ich Ihnen nicht für Ihren lieben, mich ungemein erfrischenden Brief dankte. Was mir gefehlt hat, wüßte ich nicht recht zu sagen, eine große Mattigkeit ist mir noch zurückgeblieben.
    Wien ist ein unglaubliches Nest in seiner Lumpazivagabundus-Bummelei (Sie chokieren mich übrigens mit dem Besuche der Lumpenbälle gar nicht. Ich habe dagegen für einen Presseball und ein Ibsen-Souper mit 70 Zeitungsschreibern gedankt!) das vollständige Gegenstück zu Berlin, wo die Strammheit und Arbeitswut völlig gespenstisch sind. Auch hat man dort mehr den Begriff der Wahrhaftigkeit, was am Ende doch etwas Hübsches ist.
    Ich habe nun doch nicht an Richter schreiben können, wie ich es mir vorgenommen hatte. Mein Leben gehört mir nicht an, und 14 Tage Brachlegung bringen mich in allem so zurück, daß eine ganz eigentümliche Angst mich erfaßt. Ich werde aber doch suchen, bei irgendwelcher Gelegenheit diesen Dank Richter zukommen zu lassen.
    Hätten Sie uns doch in Berlin besucht! Ich würde mich so gefreut haben, einiges dort mit Ihnen zu erleben. U. a. ein Stück von Ibsen „Hedda Gabler“, welches ich zumeist in Gedanken an Sie mir angesehen habe, und welches mich gefesselt und sehr eingenommen hat. Gewiß hat man es hier weder mit einem Dichter noch mit einem Künstler zu tun, doch mit einem eigentümlich ernsten Menschen, dem es aufgegangen ist, daß die Unbefriedigung wie das Ideal unseres Augenblickes ist, und der den Mut hat, das Leben ohne Bedeutung und den Tod ohne Tragik, wie ich es selbst an manchen Erscheinungen erfahren, zu zeigen. Daß eine getäuschte Leidenschaft bei einer Frau diese Trostlosigkeit zum Ausdruck bringt, war für mich das Fesselnde. Bedenklich ist, künstlerisch gesprochen, die Vermischung des Erbärmlich-Lächerlichen, wie der Mann und die Freundin, mit dem bedeutsamen Motiv dieses verbitterten Frauengemütes. Etwas vornehmer könnte das Ganze gegeben werden. Das Gefühl, vor einem Abgehäuteten zu stehen, verließ mich nicht, und die Haut, welche unseren Körper hüllt und verklärt, gehört doch auch zur Natur. Aber, wie gesagt, ich hatte den Eindruck des Ernstes und des Nichtandersseinkönnens.
    Wie sehr hat mich das, was Sie über Lear und Rossi mir geschrieben, angeheimelt und angeregt. Ich glaube, daß kein Stück des ungeheueren Mannes mich so erschüttert hat, mir derartig das Verwandtsein mit allem und jedem enthüllt hat, wie diese unsägliche Tragödie. Und gerade der Moment, den Sie erwähnen und den Sie so schön deuten, erschien mir als das ewige Symbol aller Dinge. Immer wieder muß ich daran denken wie an die unvergängliche Wahrheit, nur nicht begreifend, warum sie so trostreich ist, da sie uns doch so furchtbar erscheint. Ich sah einen schlechten Schauspieler als Lear, das störte mich jedoch nicht. Sie sind aber bezüglich Rossis gewiß im Rechte gewesen, Sie haben durch die Schwächen des Alters durch die Kraft der Jugend empfunden, und mir geht es z. B. so mit jedem alten Frauengesicht, und fast zu gesteigerter Empfindung von der Schönheit. Von dieser Auffassung des Lear als prästabiliert Wahnsinniger hatte ich schon vernommen; ich denke mir, daß Rossi etwas, was er in der Jugend unwillkürlich getroffen hatte, im Alter doktrinär ausgearbeitet und vielleicht übertrieben hat; es ist nicht gut, wenn der Schauspieler sich Rechenschaft von dem gibt, was er mit dämonischem Instinkt schafft. Und ich glaube, daß bei keiner künstlerischen Tätigkeit der Verstand sich in seiner Dummheit so enthüllt wie bei dem Mimen. Sie haben die schöpferische Kraft gehabt, Rossis Genie durch die Gebrechen des Alters zu empfinden und durch ihn zu Shakespeare zu gelangen.
    Sehr habe ich mich auch über Ihre Unterredung mit Herrn von Kallay gefreut, und danke ich Ihnen herzlich dafür, mir solche Momente aus Ihrem Leben mitzuteilen. Wir Frauen bleiben ja nie bei einer Sache stehen, und so frug ich mich, ob Sie nicht einen Ihnen entsprechenden Posten in der Verwaltung, die Sie interessiert, erhielten. Ich stelle Sie mir sehr gut in Bosnien vor, und das würde Sie doch nicht verhindern, nach Bayreuth zu kommen?
    Seien Sie aus dem stillen Wahnfried mit der Innigkeit der Tiefe gegrüßt!        C. W.


210-212 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

8. März 1891. 1 Blümelgasse. Wien.

    Daß Sie, hochverehrte Meisterin, auch in einem Festspieljahr mir solche Briefe schreiben — die Art der Dankbarkeit, die ich Ihnen dafür im Herzen weiß und als das heiligste Gut hüte, läßt mich mir selber nicht als unwürdig dessen erscheinen, wenn auch dieses Bewußtsein mir nicht über die Verwunderung und die Bewunderung hinweghilft, daß Sie es überhaupt, materiell, vermögen. — Der Carlylesche Spruch in den heute angekommenen „Bayreuther Blättern“ [„Traurigeren Beweis von seiner Kleinheit kann niemand geben als Unglauben an große Menschen“, B. Bl. 1891, II./III. Stück] ist sehr schön, und wenn man ihn umkehrt, sehr trostreich und beglückend; ich kann mir auch in der Freundschaft kein engeres, mehr sicheres Band denken als den gemeinsamen   G l a u b e n   (nur nicht   B e w u n d e r u n g,   die man mit geistig Beschränkten und moralisch Wertlosen teilen muß). Und das Höchste ist es gewiß, wenn außer alledem der eine an den anderen glauben kann und darf, wie ich an Sie glaube, Meisterin, und an Ihre wahre Größe. Ich empfinde es als eine besondere Gnade der Vorsehung, daß sie auch hin und wieder Weiber mit wahrhafter Größe (nicht bloß Geist) ausstattet, denn uns Männern wird dadurch die Gelegenheit zu Empfindungen gegeben, die uns in seltener Weise adeln und in eine sehr erhabene Gefühlswelt einführen, Die Geschichte hat ja öfters die unglaubliche Macht des großen Weibes gezeigt, namentlich die veredelnde Wirkung seines Auftretens. Die volle moralische Wirkung kann der große Mann nicht ausüben; und ich glaube fest, daß Sie jetzt da sind, weil die deutsche Kunst die volle Entfaltung der weiblichen (stets erlösenden, rettenden) Größe brauchte, um aus dem Schmutz gerettet und lichtwärts geführt zu werden.
    Seit heute früh werden alle meine Gedanken begleitet von der Stelle im „Parsifal“, wo die große Wendung zum Lichte stattfindet, nach den Worten: „...der Speer nur, der sie schlug“ — wo einem zumute ist, als ob mit bebenden Flügeln ganze Scharen von trostbeladenen Engeln vom Himmel sich herabsenkten — das Weibliche! Vorbereitend zu Parsifals stolzem, männlichem: „Gesegnet sei dein Leiden!“
    Ich muß Ihnen doch sagen, daß ich   n i c h t   deswegen bei Herrn von Kallay war, um eine Anstellung in der Verwaltung zu bekommen. In Europa könnte ich niemals derartiges erreichen: erstens müßte ich meine englische Nationalität aufgeben (was ich unter keiner Bedingung tue), und zweitens gehört dazu eine juristische Bildung und das Befolgen einer bestimmten amtlichen „filière“. Nein, die Sache ist einfach so, er interessiert sich für mich, weil ich in Bosnien gewesen bin und er von verschiedener Seite von mir gehört hat, namentlich aber interessiert er sich dafür, daß ich wieder zurückkehren und durch längere Reisen das Land gründlich kennenlernen soll.   W a r u m   er sich dafür interessiert — da ich ihm meinen Standpunkt literarischen Unternehmungen gegenüber gleich klarlegte, und mit seinem klugen Kopfe er überhaupt die von Grund aus unpraktische Anlage meines Geistes eingesehen haben muß (dessen Leistungsfähigkeit nämlich abnimmt und bald ganz aufhört, sobald irgendein „praktischer Vorteil“, ein persönlicher, materieller Zweck vorliegt) —‚ also   w a r u m,   weiß ich nicht. Dieses „nicht warum wissen“ ist aber ein chronischer Zustand; niemals habe ich mir erklären können, warum Sie mich zu Kietzens einluden, noch warum ich hier als der „berühmte Herr Tschemplay“ mit Begeisterung begrüßt wurde, noch warum der gute Boissier, der mich eigentlich kaum kennt, durch halb Europa reist, um mich während 24 Stunden zu sehen, etc., etc. Kurz, Seine Exzellenz interessiert sich lebhaft dafür, daß ich nach Bosnien zurückkehre; er will mir alle möglichen Einführungen etc. geben, und ich brauche mich dafür zu gar nichts zu verpflichten. Ich wünschte sehr, ich hätte keine Wahl, und entweder Kallay zwänge mir einen bestimmten Auftrag auf, oder ich könnte Droschkenkutscher oder Schuhputzer oder Bürgermeister oder sonst etwas in Bayreuth werden. Denn daß   i c h — der eigentliche   i c h — keine Wahl habe, das brauche ich nicht zu sagen. Aber der uneigentliche ist „bewildered“.
    In Ehrfurcht und Dankbarkeit Ihr

Houston S. Chamberlain.


212 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Bayreuth, den 11. März 1891.

    Es war in den Sternen geschrieben, daß ich Ihnen, mein Freund, ein Lebenszeichen heute, den 11ten, geben würde, denn ich kann doch nicht Ihren eingehenden und mich wirklich unterrichtenden Brief so schweigend dahinnehmen! So seien Sie denn bedankt, und von ganzem Herzen! Der Vers, den Sie mir aus „Parsifal“ zitierten, erinnerte meine Kinder daran, daß ich sie bei der Aufführung in Berlin gerade auf die Unvergleichlichkeit dieses Momentes aufmerksam gemacht hätte.
    Für Ihre Empfindung meines armen Wesens segne Sie Gott! Ich kann nicht daran glauben, daß Sie zu den Festspielen nicht kommen! Aber was ist nicht alles möglich in dieser unterschiedlichen Welt? Wie haben Sie nur glauben können, ich meinte, Sie seien zu H. v. K. in der Absicht gegangen, eine Anstellung zu erhalten? Da haben Sie mich einmal verkannt.
    Wir lesen mit vielem Vergnügen die Memoiren von Talleyrand, als den Ausdruck einer sehr bestimmten, wenn auch engbegrenzten Individualität.
    Tausend Grüße der innigsten Zugehörigkeit!    C. W.


212-213 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

13. März 1891. Blümelgasse 1. Wien.

    Hochverehrte Meisterin, Sie lesen Talleyrand? Ich sehe mir diese Memoiren in allen Schaufenstern an, was ja überhaupt 9/10 meiner Lektüre ausmacht. Ich lese über Bosnien und Serbien; es ist eine schreckliche Geschichte — eigentlich gar keine, denn kaum etwas nimmt hin und wieder Gestalt an, aber interessant und zu Bewunderung und Mitleid anregend, wie diese armen Menschen zwischen griechischem Kaisertum, ungarischer Kriegeslust, päpstlichen Kreuzzügen (gegen ihre Häresien), dann später türkischen Eroberungszügen, österreichischer sog. Protektion, venetianischen Gelüsten auf ihre reichen Bergwerke etc., etc., etc., niemals auch nur ein halbes Menschenalter Ruhe haben, und dabei doch noch weiter existieren und sich eine so kräftig entwickelte Individualität behalten wie wenige, auch dieselben physischen und moralischen Eigenschaften sich bewahren, wie sie von den ältesten Schriftstellern aufgeführt werden. — Dazu ein wenig französische „décadent“-Literatur, wie ich sie gern habe; und ein bißchen Bach und Liszt; hin und wieder zwei, drei Akkorde aus „Parsifal“, damit mein Ohr sich keine Freiheiten nehme...
    In Ehrfurcht und dankbarer Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


213-214 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Bayreuth, den 22. März 1891.

    Herzlichen Dank, mein Freund. Wir sind gestern von München zurückgekehrt, wo ich einiges arbeiten konnte und einige Freunde wiedersah. Mottl kam auf einen Tag hin, und ich hatte große Freude wieder künstlerisch und persönlich an ihm. Strauß, unser aufgehender Stern, in unserer Sache gewappnet de pied en cap, war auch da und stärkte mich durch seinen Glauben und seine Hoffnung. Auch Lenbach, der kaum von einer entsetzlichen Blutvergiftung und schmerzlichster Operation genesen ist, freute ich mich wiederzusehen und hörte gern seinen drastischen Auslassungen über Kaiser und Kanzler zu.
    Sehr hat mich das interessiert, was Sie mir über die Geschichte Bosniens mitteilten. Mir ist immer von der Tüchtigkeit und Schönheit der Serben erzählt worden. Ach, und die schändliche Habgier der umgebenden Mächte.
    In Talleyrand komme ich langsam vorwärts, aber mit einigem Vergnügen. Es ist mir genau, wie wenn ich von Reineke Fuchs mir seine Geschichte erzählen ließ. Ein Zeichen von imponierendem Talent gab der „Figaro“ kürzlich, indem er ein Gegenstück zu den Memoiren aufstellte.
    Dann denke ich viel an Bismarck, welcher in Friedrichsruh ungefähr so still leben soll wie wir drei hier in Wahnfried, nur mit dem Unterschied, daß er es nicht aushält. Ein direkter Bericht brachte ihn sehr nahe, und so wenig Grund ich habe, irgendwie zu finden, daß er mich etwas angeht, so ist es unmöglich, nicht Teilnahme zu empfinden.
    Seien Sie in wärmster Herzlichkeit und Ergebenheit gegrüßt!

C. Wagner.


214-215 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

29/3/91. Wien.

    Zwei Sachen hasse ich, glaube ich, über alle anderen — ich kann sie nur mit englischen Worten bezeichnen: „flippancy“ und „familiarity“, — Zu sehen, daß Winkelmann — obwohl er der Theaterwelt angehört, in welcher diese Laster zum bon ton gehören — von Ihnen, hochverehrte Meisterin, mit   w a h r e r   Ehrfurcht sprach und selbst seine Bewunderung in anständigen, nicht-familiären Worten ausdrückte, das überraschte mich höchst wohltuend. Und es schien mir so bezeichnend, daß ich es für erwähnenswert hielt.
    Gern möchte ich Ihnen noch meinen Dank für Ihre Erwähnung des Ibsen in einem früheren Briefe sagen. Ich glaube, daß Sie in wenigen Worten den Gegenstand im Grunde erschöpft haben; mir leisteten Sie damit einen großen Dienst. Und es freut mich aufrichtig, daß Sie jetzt nicht gewillt sein werden, einen Mann von dieser Bedeutsamkeit auf einen Haufen zu werfen mit den Sudermanns, Richard Voß etc., etc., wie unser lieber Wolzogen es tut. Mich frappiert immer bei Ibsen der fabelhafte Mangel an Geschick, ein Beweis, daß eigentliche Genialität nicht vorhanden ist. Und trotzdem ist er ein wirklich bedeutender Mann und wohl der einzige Dramatiker, von dem man sagen kann, daß er unserer Zeit den Spiegel halte; denn gerade der Mangel an Genialität, das Kalte, Begeisterungslose, die fürchterliche Unbefriedigung und das Einsehen der Bedeutungslosigkeit — das spricht doch ergreifend aus seinen Werken, und um so mehr, als sie selbst imprägniert sind von lauter negativen Eigenschaften und uns anstarren wie das unglückliche Kind der armen „Frau vom Meere“, mit „toten Fischaugen“. Ich muß Ihnen einmal eine Zeichnung eines französischen Künstlers zeigen, „le Mage“, wo ein Ähnliches ergreifend dargestellt wird. Kennen Sie  „N o r a“?   Nach meinen Gefühlen ist dieses Werk sehr einzig unter Ibsens, denn hier schaut das gebrochene Herz, die Sehnsucht („das Sehnen! das Sehnen!“) auf den alleinigen Pfad hinaus aus der Nacht —   d a s   W u n d e r   (von dem törichten deutschen Übersetzer „das Wunder b a r e“   genannt — und da sollte man dem Ibsen noch etwas übelnehmen können?). Möglichst ungeschickt kommt dieses Ende; aber bitte, lesen Sie das Stück; von den mir bekannten kommt Ibsen hier dem Poeten am nächsten. In „Nora“, wie gesagt, berührt sich Ibsen mit uns; er führt bis an die Schwelle des erlösenden Kunstwerkes.
    In Ehrfurcht und Treue

Houston S. Chamberlain.


215-216 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 3. April 1891.

    Mit Ihrer Bemerkung, daß Sie „familiarity“ nicht ausstehen können, haben Sie mir so aus dem Herzen gesprochen, mein Freund, daß ich dafür danken muß. Was man öfters in Deutschland unter „Gemütlichkeit“ versteht, dabei wird meinem Gemüte so elend, daß es sich wie unter der Influenza fühlt.
    Ein englisches Buch macht jetzt meine ganze Freude aus und hilft mir über die eigenen Gedanken hinweg; es ist: „The sentimental journey“; ich glaube kaum, ein liebenswürdigeres Buch zu kennen, und muß an meine liebsten Freund, wie z. B. Don Quichotte, denken, um mich einer ähnlichen wohligen Stimmung zu entsinnen, als die, in welche dieses anmutige, tiefsinnige, heiter-wehmütige, naiv-originelle, scheinbar so lose gehaltene und so meisterlich zusammengefaßte, gestaltenreiche Büchelchen mich versetzt. Es ist mir förmlich, als ob es mir den Frühling erzwungen hätte, der endlich sich uns nähert, und ich konnte diesen entzückenden Humor gestern nur mit dem Mozartschen vergleichen. Gott, wie klobig und spröde und gestaltlos sind dagegen die berühmten Franzosen Rabelais und Voltaire! Da bin ich denn weit ab von allem Modernen, sei es die Gemeinheit der „Cavalleria rusticana“, oder dem Interessanten, wie es Ibsen darstellt.
    Ich habe mich in der christlichen Erziehung, welche man meiner Jugend gewährte, unaussprechlich wohl als Kind gefühlt und komme in meinem Alter dazu, den ganzen Wert dieses Gepräges zu erkennen. Und ich glaube, daß, wenn Sterne so unendlich zu mir spricht, es nebst seiner Genialität auch daran liegt, daß die christliche Anschauung der Dinge ihm eine natürliche war. Man merkt es ihm an, daß das Vergessen und Verzeihen ihm viel geläufiger war als das Nachtragen, und daß er auch die Sonne als heilig begrüßte, wie wir es neulich zu größter Erbauung von Benvolio aussprechen vernahmen. [Shakespeare „Romeo und Julia“, I. Akt, 1. Szene.]
    Mit Ihren einzigen Dichtern möchte ich schließen, mein Freund, da ist reine Luft und Kraft und Liebe, und wer es mit ernsten Dingen in dieser Welt zu tun hat, der läßt sich gern von solchen schützenden Armen umfangen. (Ich fand in Sterne selbst eine Ähnlichkeit mit der Beethovenschen Art, scheinbar abrupte Nebeneinanderstellung und doch die größte Kunst, und eine Einheit, die weit jeden scheinbaren Fluß überströmt.)
    Leben Sie wohl, und wann Ihre Stimmung es Ihnen eingibt, sagen Sie, wie Ihnen zumute ist

Ihrer Ihnen anhänglichen

C. Wagner.


216-220 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

5. April 1891, früh, Wien.

    Heute muß ich Ihnen schreiben, hochverehrte Meisterin, und zwar aus einem gewichtigen Grunde: weil meine liebe Frau und ich gestern im Wiener Wald — unter den noch gänzlich kahlen Bäumen — so massenhaft Blumen fanden, daß sie gewiß nun auch sehr bald bei Ihnen in Bayreuth erscheinen müssen, und ich möchte es mir nicht nehmen lassen, Ihr Frühlingsbote zu sein. Die ersten Blumen eines Festspieljahres! Ich hätte sie Ihnen gern geschickt; nur weiß ich, daß das mit Umständen verbunden ist, und sich Waldblumen vom Steueramte holen, das geht nicht! Die kleinen Hepatica's sind Ihnen doch gewiß auch eine Lieblingsblume, nicht wahr? Wie sie unter den trockenen Blättern sich empor nach der Sonne durcharbeiten, trotz des schlanken, schwachen Stengelchens. Aber mit am meisten entzückten mich die vielen Daphne's, deren Duft fast so berauschend ist wie — später — der einiger seltenen Alpenblumen; er wirkt ähnlich wie ungarische Zigeunermusik.
    Daß Sie meine liebe, alte, teuere, angebetete „Sentimental Journey“ lesen! Das war die rechte Fortsetzung meines gestrigen Frühlingstages für mich. Sie können gar nicht glauben, verehrte Meisterin, welche unsägliche Freude Sie mir mit dieser Mitteilung machten, denn meine so gänzlich   u n l i t e r a r i s c h e   Anlage und mein zunehmender Widerwille gegen alles Lesen schließt mich von so manchem Gebiete gänzlich aus, auf welchem Sie sich heimisch bewegen — ich bin ein Fremder, ein Barbar —‚ und wenn ich es mir auch in der Nacht meiner Urwälder gut gehen lasse und mir bisweilen das Vergnügen gönne, in rohen Weise irgendeinen von Ihnen hochgepriesenen Klassiker zu skalpieren, so fühle ich doch hin und wieder eine tiefe Wehmut, wenn ich mir gestehen muß, daß jener Gelehrte von der „Allg. Musik-Ztg.“ recht hat, und daß ich nicht einmal auf die Vorstufen des Tempels hingehöre.
    Aber A Sentimental Journey, das kann man auch im Walde lesen! Ich habe es sofort zur Hälfte eben wieder durchgeflogen und meine Lieblingsmomente in Gedanken an Sie gelesen. Was mich unterbrach, war mein eignes lautes Lachen über die plötzlich aufgestiegene Erinnerung an jenen monumentalen Abend bei der Gräfin [Wolckenstein] und die drei Bücher, die man mit auf die wüste Insel nehmen soll! Und wo, wenn — wie es bei der jetzigen starken Bevölkerung dieses Planeten wahrscheinlich — mehrere Personen sich auf derselben Insel treffen sollten, es ihnen ebenso ergehen würde wie den zwölf Teilnehmern an dem schottischen Diner, wo, als nur ein Apfel auf der Schüssel übrig war und das Licht plötzlich ausging, sich zwölf Hände auf dem einsamen Apfel begegneten — insofern als alle Menschen (bis auf mich) Goethes „Faust“ mitnehmen. Und ich sehe noch, wie die sechzehn Ahnen des Grafen mich von der Seite mit vornehmer Verachtung anblickten, als ich mit überflüssiger Aufrichtigkeit erklärte, ich würde „Faust“ nicht mitnehmen.
    Ja, ja! A Sentimental Journey nehme ich entschieden mit auf die wüste Insel; nie kann ich sie aufmachen, ohne daß Phantasie, Erinnerung, Traum angeregt und wie ein brasilianischer Wald alles üppig und verschlungen und blumenreich emporschießt und sich ausbreitet, alles Häßliche den Blicken bergend.
    Mir scheint das Ideal in der Literatur ein Buch zu sein, welches man nach 3 Seiten aus der Hand legt, weil es einen eben schon mitten in den Wald geführt hat, wo man die Schmetterlinge und die Libellen frei herumflattern lassen muß und so das Auge ganz gefangengenommen wird von den von den Baumwipfeln herunterhängenden Orchis-Blumen, in denen der   B l i c k   des Tieres verbunden ist mit dem noch viel mysteriöseren, den Quellen näheren Leben der Pflanze.
    Und dans cet ordre d'idées möchte ich Sie doch wieder einmal auf Villiers de L'Isle Adam aufmerksam machen. Nicht etwa, daß er mit Lawrence Sterne verwandt wäre; aber (für mich wenigstens) hat er mit ihm die magische Macht des Wegzauberns gemein. „L'Eve future“ und „Axel“ sind gewiß, literarisch gemessen, schlechte, schwerfällige, formlose Bücher, nichtsdestoweniger sind es wahre Zauberstäbe. Aber nein! Bitte, lesen Sie sie nicht; Sie werden nicht meine angelsächsische Seefahrergeduld besitzen, und manches ist so geschmacklos, daß mir für Sie davor bangt, aber gestatten Sie mir, daß ich Ihnen einmal (vielleicht auf der wüsten Insel, als échange de bons procédés dafür, daß Sie mir Goethes „Faust“ mal geborgt) einiges daraus vorlese. Zwar kann ich nicht lesen, da meine Stimme mich erschreckt, aber Villiers verträgt einen monotonen, grauen Vortrag.
    Dagegen frug ich mich öfters dieser Tage, ob Sie jemals   P i e r r e   L o t i   gelesen haben? Der steht auch außerhalb jeder Literatur, und da er sehr jung in die Marine eintrat, auch außerhalb der alleinseligmachenden klassischen Kirche. Er gesteht selber, daß er fast gar keine Bücher in seinem Leben gelesen habe. Ich halte ihn für einen der großartigsten, mir bekannten „Seher“, aber in einem ganz anderen Sinne, wie solche Leute wie Balzac z. B. Es ist der ganz naive und unbewußte Pantheist, oder besser „tat twam asi“-ist, der genau ebenso die arme Fischersfrau zur Felsenkapelle der Marie des Miracles für den Mann beten gehen sieht, der schon lange, unweit der isländischen Küste, auf dem Meeresgrunde ruht, wie er die Wolken sieht, welche die hohen, sonnigen Berge Montenegros in Schatten hüllen und den heraufziehenden Sturm verkünden. Dann ist er wohl der erste Poet, der seine Melancholie in allen Weltteilen widergespiegelt gesehen hat. Ich persönlich habe solche unzusammenhängenden Blätter, wie der Band „Fleurs d'Ennui“ sie enthält, am liebsten, persönliche Erinnerungen bunt durcheinander; aber „Pêcheur d'Islande“ würde ich für einen ersten Versuch mehr empfehlen. Sie müssen sich aber einen recht hartherzigen Vorleser auswählen.
    Ende dieser Woche kommt Ibsen her; ich möchte ihn gern einmal gut sehen, wiewohl ein junger Maler aus München ihn mir kürzlich so lebendig beschrieb, daß mir ist, als hätte ich ihn gesehen — wie er den ganzen Nachmittag die Straßen durchbummelt, sich alle Schaufenster ansehend und die Menschen mit einem stechenden Blick durchbohrend, bisweilen diesem oder jenem in ungenierter Weise nachlaufend und beobachtend — also um zu sehen, macht er die Augen auf; mancher Dichter macht sie wohl dazu zu? — Erfahren Sie was von dem Bergarbeiterkongreß in Paris? Jedenfalls das Interessanteste, was augenblicklich vorgeht. Es ist ja ganz klar, daß schon die bloßen Bergarbeiter durch eine allgemeine internationale Arbeitseinstellung alles erzwingen können, was sie wollen. Schade allerdings, daß sie solche Mittel zunächst zu politischen Zwecken — wie zur Erlangung des allgemeinen Stimmrechtes in Belgien — anwenden wollen; aber die Idee, die sie jetzt zum Studium aufgenommen haben, nämlich den   F r i e d e n   zu erzwingen, indem, sowie eine Macht Krieg erklärt,   ü b e r a l l   die Bergarbeiter die Arbeit einstellen würden, ist geradezu großartig. Mit alledem wird allerdings das Christentum — wie es nun einmal unabänderlich sich gestaltet hat — sich niemals zurechtfinden können. — Ich verstehe, was Sie sagen; auch ich wurde streng gläubig erzogen, nur störten mich schon als kleines Kind die verschiedenen Konfessionen, die ich um mich sah, und ich entsinne mich, schon mit 6 oder 7 Jahren bestraft worden zu sein, weil ich frug, „wie wir denn wissen könnten, daß gerade   w i r   recht hätten“, auch weigerte ich mich stets, mich konfirmieren zu lassen. Die paar Worte, die man ohne jede Gelehrsamkeit und ohne jeden Zweifel sofort als Christi eigene Worte erkennt, bilden mein ganzes Christentum; wenn ich noch einen Heiligen zuließe, so wäre es Johannes, welcher wußte, daß sein Haupt auf des Meisters Brust zu legen die ganze und einzige Religion ist.
    Seit kurzem habe ich mich wie ein hungriger Wolf auf „Parsifal“ gestürzt, nach langer, langer, gewollter Enthaltsamkeit. Bei solch einsamem Versenken darf man auch — was bei der Aufführung nicht gut möglich — sich der Einzelheiten freuen, und ich gestehe, daß ich bisweilen so tief erschüttert bin, wie nur jemals in unseres Heiltums Heiligtum. Dazu kommt allerdings das plötzliche Aufleuchten des Gedächtnisses und das Erzittern des Gehörsinnes, als säße man im Festspielhause. Wie hörte ich z. B. neulich jenen wunderbaren Akkord — der, glaube ich, schon im 1. Akt bei dem Worte „Wundergut“ vorkommt, und später bei Amfortas': „...den Erlöser selbst erschaust“? — der mir aber hauptsächlich aus einer Stelle ohne Worte in Erinnerung ist, 3 Takte vor: „Oh, Herr! war es ein Fluch.“ Ein Fachmann würde sagen: C-Dur-Dreiklang in der ersten Lage, nicht wahr? Wenn wir diesen Akkord hören, da wissen wir, was Johannes hörte, als er beim letzten Liebesmahle an Christi Herz das Ohr lehnte! — Als ich mich zum Schreiben hinsetzte, wollte ich Ihnen sagen, was ich gestern beim Anblick der ersten Blumen in diesem „heilig, edelen“ Jahre, Ihrer, hohe Meisterin, gedenkend, empfand — — — Möge jener unaussprechliche Akkord es tun!

    In Ehrfurcht Ihr

Houston S. Chamberlain.


220 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

[Auf der Rückseite eines Bildes, das Haus Wahnfried darstellt und von gepreßten Schneeglöckchen umrahmt ist, steht in der Handschrift Siegfried Wagners folgendes Gedicht Cosima Wagners:]


Nicht kam der Frühling, nicht die Sonne;
Auf Wahnfrieds eigner Weid' und Wonne,
Entlastet kaum der weißen Flocken,
Fand ich allein schneebleich die Glocken.

Soll ich Euch farbenlose schelten?
Verächtlich es Euch wohl entgelten,
Daß Euch kein süßer Duft entschwindet,
Der Sinn und Seele an Euch bindet?

Nicht zürn' ich Euch, bescheidne Glocken;
Ihr zieht voran dem Lenz-Frohlocken,
Auf daß von uns'rer Mutter Erde
Ein Lächeln doch der Müden werde.

Matt ist sie, die kein Licht bescheinigt,
Und trübe auch, von Frost gepeinigt,
Versucht, den Säumigen zu locken,
Das Klein-Geläut der dürft'gen Glocken.

Ob er es hört? Weilt er nicht ferne?
Ein Wolkenheer verhüllt die Sterne.
Nach Farb' und Duft späht' ich vergebens:
Da kam vom Freund der Gruß des Lebens!
Gedicht Cosima Wagners

Gedicht Cosima Wagners. April 1891

Von ihrem Sohne Siegfried geschrieben, auf der Rückseite eines von Schneeglöckchen aus dem Wahnfriedgarten umrahmten Bildes des Hauses Wahnfried.

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221 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

13/4/91. Wien.

    Herzlichsten, herzlichsten Dank, hochverehrte Meisterin, für das schöne Bild. Auch dem anonymen Dichter Dank, dem anonymen Photographen, dem anonymen Kalligraphen. Einstweilen müssen diese letzteren sich allerdings ein wenig gedulden; das herrliche Bild nimmt mich ganz gefangen.
    Ich sende Ihnen einige Upanishadia; ich dachte, in diesen Zeiten würden Sie sie benötigen, und schrieb sie gestern und vorgestern ab. Eigentlich hat kein besonderes Prinzip mich bei dieser Zusammenstellung geleitet; im Gegenteil, ich glaube, man kann sich eher in einen Satz versenken, wenn er sich von der Umgebung ganz abhebt, Für heute mögen diese Abschriften Ihnen meinen Dank und meinen Gruß sagen; das vermögen sie auch gewiß, denn gerade in diesen Worten lebe ich so oft und so tiefinnig — ich meine, in der Welt, welche durch das Versenken in diese Gedanken und Empfindungen einem erschlossen wird, und da empfinde ich, als ob wir Hand in Hand wanderten, Sie, verehrte Meisterin, und ich — welches nicht verhindert, daß ich, wie Yadjnavalkya vor dem König, mich in tiefster Ehrfurcht vor Ihnen und Dankbarkeit verbeuge.

Houston S. Chamberlain.


221-224 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, 20. April 1891.

    Und sie sollen anonym bleiben, Poet, Kalligraph, Photograph und Botaniker — ein gutes Geheimnis, welches Ihnen Glück bringen soll!
    Ich danke Ihnen von Herzen für die Abschriften. Sie glauben nicht, welche Freude Sie mir mit diesen Auszügen gewähren, welche zu jeder Stimmung, wenigstens bei mir, sich eignen und imstande sind, das Gleichgewicht wiederherzustellen, selbst dann auch, wenn es durch das Mitgefühl erschüttert ist. Und die Einmütigkeit aller großen Geister immer deutlicher zu gewahren, ist ebenso trostreich, wie die Empfindung der Einheit aller Dinge beruhigend.
    „O Zeus, warum schufst du Weiber!“
    Wissen Sie vielleicht, Freund, wo dieser Vers vorkommt? Aristophanes? — Ich kenne ihn nur als Zitat, er fällt mir aber jedesmal ein, wenn ich finde, daß das Zeitlich-Weibliche sehr herunterzieht. — Wir haben einen armen Gärtner, Hupfer mit Namen, die redlichste Haut von der Welt, welchen seine Frau, eine Katholikin, vor und mit den Kindern „protestantischen Hund“ nennt und prügelt!
    Was die Monogamie anbetrifft, so glaube ich, daß sie der kühnste Gedanke war, zu welchem das menschliche Geschlecht sich erhob, aber, daß der Orient weiser ist wie wir.
    Sie wiederholten mir des öfteren, daß Sie wenig belesen sind; dies läßt mich annehmen, Sie glaubten, ich sei ein Bücherwurm. Ich versichere Sie, daß die Bücher, die ich gelesen habe, auf einem Brett Raum hätten, und seit manchem Jahr besteht meine Lektüre eigentlich nur im Wiederlesen. Der Kinder wegen zuerst, mit denen ich gern meine Eindrücke teile, dann aber den Werken, die ich kenne, zuliebe, die ich immer neu finde und immer leidenschaftlicher verehre. So kann ich Ihnen gar nicht schildern, was mir in diesen Tagen der „Sturm“ von Shakespeare gewesen ist. Vor ungefähr 10 Tagen lasen wir es und leben noch ganz darin, und jedes Wort, was ich Ihnen darüber sagen würde, erschiene mir dürftig, außer, daß ich, Prospero mit dem wehmütigen Lächeln vor mir sehend, das „Wahn! Wahn! Überall Wahn!“ höre. Auch er zog an dem Faden, dessen Herr nur derjenige sein darf, der kraft seiner Resignation ein edles Werk tun kann. Zum Grabe geht Prospero, indem er seine Insel verläßt, Hans Sachs zu seiner Werkstatt zurück. Für mich ist die Stimmung die gleiche, und bei beiden erscheint das Zaubern als die ganz natürliche Kraft des nichts mehr für sich Wollenden.
    Was den „Faust“ anbetrifft, so halte ich ihn, ne vous en déplaise, für das Buch par excellence, und ich werde nie aufhören, darüber zu staunen, wie es möglich war, die Summe des menschlichen Wissens und Fühlens zu bringen und dabei Gestalten zu meißeln, wie sie deutlicher, origineller und ergreifender nirgends zu begegnen sind. Deshalb nannte ich ihn für die wüste Insel; aber meine eigentliche Antwort wäre gewesen: gar kein Buch, denn ich glaube, daß man unter solchen Umständen anfinge, mit dem Ding an sich zu konversieren oder absolutes Naturwesen zu werden.
    Um auf meine Bücherlosigkeit zurückzukommen, will ich Ihnen gestehen, daß ich z. B. der ganzen französischen Literatur fremd geworden bin, ja, daß die Sprache meiner Jugend mit ihren vielen: ai, ê, é, est, ées nicht mehr recht klingt. Vielleicht liebe ich nur die deutsche, weil sie mit dem Gesang, der das Leben meiner Seele ist, vermählt ist. Meine Kinder singen jetzt in einem Verein die Johannes-Passion von Bach; da fühle ich meine Heimat, da meine Sprache, da meinen Glauben, kurz alles, denn ich ahne da die Werke [Richard Wagners] als die natürliche Deszendenz wie Siegfried vom Wotan.
    Aber wenn ich einmal die Freude haben werde, Sie zu sehen, so lesen Sie mir Pierre Loti, den meine Kinder sehr schätzen und ergreifend gefunden haben. Also, mein Freund, wer von uns beiden liest oder las am wenigsten? Preisfrage, von welcher ich überzeugt bin, daß sie zu meinen Gunsten entschieden wird.
    Auch wir haben hier mit lebhafter Teilnahme den Arbeiterkongreß in Paris, soviel wir es vermochten, verfolgt (ich danke Ihnen aber sehr für die Mitteilung des großartigen Gedankens, der mir entgangen war). Gewiß ist das die wichtigste aller Fragen, und lernen wir vielleicht einmal von den Arbeitern, vernünftig zu werden, das heißt, in Frieden miteinander zu leben. Gott gebe es der armen Menschheit, daß die Historie aufhöre und sie zu sich komme. Anstatt dann, daß Bilder verbrannt werden, wie dieses Savonarola zuliebe geschah, werden Kanonen und alle Maschinen dem Altar des Friedens dargebracht werden.
    Gott, diese Monstra! Neulich gingen wir zum Theater hinauf und besuchten das, was der Knecht Fuchs recht sinnig in bezug auf Aufführungen die „Acclamatoren“ nennt. Man ließ eine von diesen Maschinen für uns spielen, und in diesem entsetzlichen Lärm, den wir kaum 5 Minuten aushalten konnten, sah ich das ganze jetzige Geschlecht, Kinder, Frauen, Männer, dieses wüste Getöse nicht mehr hörend, und frug mich, was aus dieser Verrohung werden kann. Und diese gespenstische Bewegung ohne Vorwärtskommen und die Dummheit, die sich einbildet, daß etwas damit gewonnen sei, und je lebendiger die Maschine, um so matter das Herz! Solche Art Betrachtungen wären ohne Gegenkraft nicht zu ertragen, aber wir fanden diese, wie gesagt, in der Passion von Bach. Entsinnen Sie sich der Apostel, welche auf dem Bilde Tizians die Verklärung Mariä erleben, solche Gestalten sind es, welche fähig wären, diese Chöre zu singen. Solche sind es, die dereinst die große Auswanderung nach den besseren Klimaten vollbringen werden und eine neue Weltordnung auf dem Grunde eines unerschütterlichen Glaubens schaffen werden. Zweifel und Maschine werden da bleiben, wo sie hingehören, in Frost und Nebel!
    Villier de L'Isle Adam habe ich persönlich gekannt. Sein Gehirn war so wüst und so beschränkt, daß ich fürchte, gegen seine Poesie nicht gerecht sein zu können. Aber ein Stück von ihm „La révolte“ ist meines Erachtens bedeutender als der ganze Ibsen, der eine kolossale Täuschung von Ihnen ist, pardon! Ich kann mir nicht helfen. Aber wie gesagt, Sie sollen mir einmal Loti, Villiers, Fleurs oder fruits de l'ennui und des amusements vorlesen, Ihre Stimme wird mir gewiß recht sein.
    Ihre Frage als Kind ist echt! Kann aber nur einem protestantischen Kinde ankommen. Ich, so gut wie klösterlich katholisch erzogen, zweifelte nie daran, daß alle Welt so wäre und glaubte wie ich, und was später im Geschichtsunterricht von dem Protestanten-Gesindel mit unterlief, war so harmlos, daß es mir gar nicht auffiel.
    Ich habe viel geschrieben und nur das nicht erwähnt, was in Ihrem Briefe alles war. Ob es meiner kleinen Sendung geglückt ist, Ihnen meinen Eindruck zu sagen, Worte vermögen es nicht. Haben Sie Dank, mein Freund, und seien Sie, in tiefer Rührung durch Ihre Güte zu mir, gegrüßt!        C. W.


224-226 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

22. April 1891. Wien.

    Die Stimmung Ihres heutigen Briefes, verehrte Meisterin, und meine Stimmung — das war ein nicht unangenehmer, aber sehr eigentümlicher Zusammenstoß. Mir ist es, als ob Sie bei jedem Absatz sich hätten zusammennehmen müssen — vous retenir à quatre —‚ um nicht ganz gewaltig loszulegen. Ich denke mir, Sie fangen schon an, durch eine Welt von Ärger, Stumpfsinn, Dummheit, Unzuverlässigkeit durchwaten — wie durch einen Sumpf — zu müssen. Und wenn da solche, nur auf der Weide des Ewigen müßig grasenden Schafe wie ich auch noch ihre Bemerkungen dazwischen rufen, das muß allerdings bisweilen eine Zumutung für die Geduld sein. Daß man auf die wüste Insel gar kein Buch mitnähme, ist meines Erachtens — zwischen uns — eine ganz selbstverständliche Sache. Ich erinnere mich, daß ich sagen wollte: Papier und einen Bismarck-Bleistift, aber es frappierte mich rechtzeitig, daß dies prätentiös und mißverständlich wäre. — Auch bin ich überzeugt, daß Sie recht haben mit allem und jedem, was Sie über Goethes „Faust“ sagen; nur merkwürdig oder wenigstens schwer klarzumachen, daß gerade Ihre Lobesworte, in denen Sie — wie Sie so einzig das vermögen — alles Wesentliche in zwei Zeilen aufzählen, meiner ablehnenden Haltung als Grundlage dienen könnten. Es ist „das Buch par excellence“ — nun also! Schon deswegen nehme ich es nicht; die Bücher sind mir lieb, je weniger sie Bücher sind. — „Die Summe des menschlichen Wissens und Fühlens“ — jedesmal, wenn ich das Wunderbuch in die Hand nehme, lege ich es nach dem ersten Staunen und Entzücken bald weg, weil es mir den Eindruck eines Katalogs macht; Sie erklären mir nun dieses Gefühl: „...nie aufhören, zu staunen...?“, ja, das ist richtig, und ist für mich das Allerschlimmste; ich   w i l l   n i c h t   staunen, das ist ein unangenehmer, widerlicher, unschöner Gemütszustand. Wenn die Menschen staunen, sperren sie den Mund auf, lassen das Kinn herunterhängen und machen Fischaugen, d. h. sie sehen wie Idioten aus. Ich gestehe, daß ich nie in „Faust“ vermocht habe,   o h n e   S t a u n e n   zu blättern; und das mir dadurch erweckte Empfinden kann ich vielleicht am kürzesten und klarsten auf indirektem Wege mitteilen, indem ich sage, daß die Psalmen, die Worte Christi, Shakespeares „Sturm“, „Parsifal“ mir niemals das geringste Staunen verursacht haben. Wahrhaftigen, kindlichen Gemütern, „aus denen das Reich Gottes besteht“, machte Gott Offenbarungen — er diktierte ihnen in die Feder; und ohne zu staunen, da mir im Gegenteil das Kunstwerk die Welt näherbringt, das ganze Unermeßliche, Unerreichbare in mein eigenes Herz einheimst, lausche ich in ungetrübter Seligkeit. Aber, wie wir übereinstimmend meinen, auf der wüsten Insel werden wir überhaupt keine Bücher brauchen, sondern

„Find tongues in trees, books in the running brooks,
Sermons in stones, and good in everything.“

    Ich kann Ihnen auch versichern, daß ich Sie niemals für einen „Bücherwurm“ gehalten habe. Einen unglücklicheren Ausdruck, um den Eindruck zu bezeichnen, den Ihre Art von Belesenheit auf mich macht, könnte man gar nicht wählen. Aber was ich meine, und was ich als einen Unterschied zwischen uns erkenne, und was ich als eine immense Superiorität auf Ihrer Seite betrachte, das ist etwas, wozu Ihre Preisfrage ganz irrelevant ist. Ganz so, wie Sie erzogen wurden in dem strengen Gefüge einer monumentalen, dem Welträtsel gegenüber als erschöpfender Bau sich aufrichtenden Kirche, und Ihre ganze Denkart — kurz, Ihre Person — eine bestimmte, unabänderliche Richtung davon erhalten hat (gleichviel, wie viel oder wie wenig Sie jemals über die Dogmen geforscht, und wie Sie sich später in Einzelheiten dieser Kirche anders gegenübergestellt haben mögen), ebenso, meine ich, hat Ihr Denken, Ihre Persönlichkeit ein ganz bestimmt literarisches und ausgesprochen klassisches Gepräge erhalten. Da schon Ihr Antlitz die Prädestination hierzu verrät, so ist es möglich, daß sehr wenig Lektüre genügte, um Sie vollends in die Mitte der schönen klassischen Welt hineinzuführen, wo Sie hineingehörten, und wo Sie sich, in Ihrer intellektuellen Heimat, für das Leben niederlassen konnten. Das Papier Ihrer Bücher nach Kilogramm oder deren Zeilen nach Kilometern zu messen, das wäre hier eine recht müßige „Konstatierung von Fakten“. Vermutlich hat zu Anfang eine weise Hand für Sie gewählt; später gingen Sie auf dem betretenen Wege weiter. Und so gewannen Sie eine zweite Kirche. Vielleicht — ich weiß es nicht — blieben Sie sogar orthodoxer in dieser wie in der ersten, und wurde es Ihnen noch leichter, deren Lehren als Dogma anzunehmen. Eine Art klassischen Glorienscheins umgibt Ihr Haupt; es schillert durch Ihre Worte. Das ist etwas anderes als ein Bücherwurm, der sich im günstigsten Falle zu einem Bücherglühwurm oder Glühbücherwurm hinauf schwingen kann.
    Schnell noch ein Wort von Goethe: „...von Freunden aber lass' ich mich ebenso gern bedingen als ins Unendliche hinweisen, stets merk' ich auf sie mit reinem Zutrauen zu wahrhafter Erbauung.“
    Dies ist meine Entschuldigung — und noch vieles mehr wie das.

In ehrfurchtsvoller Treue Ihr

Houston S. Chamberlain.



226-227 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

24/4/91. Wien.

    Neulich, hochverehrte Meisterin — es war noch, ehe Ihr Brief vom 20ten ankam —‚ hatte ich zum ersten Male seit langer Zeit einen jener übermenschlich schönen Träume, die ein Besitz fürs Leben bleiben — es war die Aufführung einer neu aufgefundenen Symphonie von Beethoven, deren langsamer Mittelsatz so übermäßig schön war, daß mein eignes lautes Weinen mich aufweckte. Ich erwähne es deshalb, weil ich Ihnen gern einmal erzählen würde, wie ingeniös der Konzertsaal eingerichtet war, damit alle Menschen isoliert wären und einander den Rücken kehrten, so daß, da außerdem das Orchester unsichtbar war (und nur ein matter Schimmer in nicht unschöner Weise den Ort seiner Aufstellung andeutete), es wirklich das erste Konzert meines Lebens war, in welchem man Musik zu wahrem Genuß lauschen konnte.
    Am folgenden Morgen kamen die „Bayreuther Blätter“ an, mit Hoffmanns Beschreibung des Grazer Saales, von dem mir aber Prof. Schalk (der dort dirigiert hat) berichtete, die Sache sei durchaus nicht so vollkommen gelungen, da infolge des Nichtvorhandenseins von Schalldecken und auch anderer akustischer Bedingungen wegen, die   V e r s c h m e l z u n g   des vielstimmigen Orchesters zu einem einheitlichen Ganzen, wie in Bayreuth, ganz und gar nicht stattfindet; im Gegenteil, die einzelnen Instrumente sollen mit besonderer Schärfe sich einander gegenüber abheben; was bleibt, ist ja noch immer keine Kleinigkeit — die Ruhe des Auges und eine geringere Roheit einzelner Instrumente.
    Über den „literarischen Umschlag“ der „B. Bl.“ habe ich einen ganzen Tag verloren — in solche Aufregung hatte er mich versetzt. Sie sagten mir einmal, Sie seien nicht meiner Ansicht, aber ich fahre fort, nicht begreifen zu können, weswegen gerade wir, die wir uns prinzipiell von so vielem fernhalten, von jenem im Grunde genommen ganz gleichgültigen Geschwätz der Tagespresse gerade in unseren „B. Bl.“ aufgetischt bekommen sollen. Da Sie so manches erklären können, können Sie mir vielleicht sagen, warum das, was mich an einem Orte kalt läßt, an einem anderen rasend macht? Neulich, im Wagner-Verein-Konzert, hatte ich eine alte dicke Dame zur Nachbarin; sie teilte mir unaufgefordert mit, „daß sie im allgemeinen nicht viel auf Liszts Musik halte“, und begann darauf die horrendesten Albernheiten über den Briefwechsel [zwischen Richard Wagner und Franz Liszt] auszukramen, ich lächelte aber zu allem so unentwegt holdselig sie an, daß sie nachher (wie ich erfuhr) sich erkundigt hat, „wer der außerordentlich liebenswürdige Herr sei, mit dem sie sich so gut unterhalten hätte?“ Ich hatte immerfort gedacht: Du gute Seele! Der Gott der Barmherzigkeit hat dich mit dem entsprechenden Grade der Dummheit gesegnet; ihm sei Lob, daß du manches nicht bewunderst!

    In dankbarer Ergebung Ihr

Houston S. Chamberlain.


227-228 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

20. Mai 1891. Wien.

    Eine Reihe von sehr bewegten, hastigen Tagen, hochverehrte Meisterin, sind für mich diese letzten gewesen; daß wir morgen in aller Frühe wegdampfen [zu längerem Aufenthalt in Bosnien], verspricht Ruhe, und am 22ten gegen 4 Uhr, so Gott will, erblicken wir zwischen den Bäumen das erste Minarett — und das ist nun unbedingt „Ruhe, Ruhe“!
    Anstatt der großen Reise, kreuz und quer, gedenken wir an einem abgelegenen Orte (Varcar-Vakuf) uns längere Zeit aufzuhalten, vielleicht auch an 1 ober 2 anderen; jedenfalls aber kein Herumjagen, sondern Ruhe, Urwälder, sehr viel Reiten auf den klugen, kleinen Pferden, auch Laufen, vor allem aber das Herz einiger Mohammedaner gewinnen, daß man mit ihnen tagsüber im Schatten liegen und Zigaretten rauchen kann, dabei mit der serbischen Sprache vertraut werden — überhaupt „tausendundeine Nacht'eln“. Ich denke mir das eine gute Disziplin vor Bayreuth, wo ich, wenn nichts dazwischen kommt, am 1ten August einzutreffen hoffe.
    Die Vedânta, Oldenbergs Leben Buddhas und ein serbisches Wörterbuch nehme ich mit. Als ich einige Papiere, Testament etc., einpackte, um sie bei Albert Böhler im Feuerschrank zu hinterlassen, auf den Fall hin, daß die herzensguten Leute dort unten uns umbringen sollten, wollte ich einige „letzte Wünsche“ dazulegen und merkte zu meinem Erstaunen, daß ich gar keine eigentlich hatte! Jedoch mit Mühe brachte ich drei zustande, von denen der eine war, daß man die Mappe mit der Aufschrift „Wahnfried“ uneröffnet nach Wahnfried sende; sie enthält jedes geschriebene Wort, weIches ich von Ihnen oder den Ihrigen je bekam.
    Aus tiefstem Herzen grüßt Sie in Ehrfurcht und treuer Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


228-230 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 24. Mai 1891.

    Ich nehme an, daß Sie blauen Himmel und Hitze haben, mein Freund, während wir nach spärlichen warmen Tagen solche Gewitter erdulden, welche ein graues Zelt über uns ziehen und Frost hinterlassen. So sind Sie entschieden bevorzugt, und wir gönnen es Ihnen von Herzen! Das erstemal, daß Sie in Bosnien waren, schrieben Sie mir, daß Sie von allem sich fernfühlten, am entferntesten aber von mir. So sollte ich Ihnen wohl Ruhe lassen; aber ich habe das Gefühl, als ob ich vor Toresschluß stünde und nicht mehr dazu kommen würde, zu Ihnen zu reden, wie ich es gern tue; und, werden Sie mich sehr pedantisch finden, aber es läßt mir nie Ruhe, wenn Sie mir einiges gesagt haben; ich empfinde das Bedürfnis, Ihnen zu meIden, daß ich es vernommen habe.
    Wohl mögen Sie in Ihrem Briefe von vor einem Monat recht gehabt haben, daß ich „geladen“ war. Nachgerade war viel über mich gekommen (wann ist es aber anders?), und es hängt nur von Zufälligkeiten ab, daß man es so übel empfindet, daß die Laus einem über die Leber läuft, wie das Volk sagt. Hätte ich gleich die Upanishaden zur Hand, ginge es besser!
    Ihre Mitteilung, daß Sie in meiner Art, mich auszudrücken, und den literarischen Neigungen, die Sie an mir wahrnahmen, etwas Ausgeprägtes fänden, hat meine Jugend mir wieder vor die Sinne gebracht.
    Nachdem ich in der Schule einzig die französischen Klassiker hatte kennengelernt, wurde ich mit meinem 15ten Jahre mit meiner Mutter bekannt und besuchte dieselbe mit meiner Schwester alle acht Tage auf einige Stunden. Diese Stunden hatte sie die Güte dazu zu benutzen, uns aus Büchern, welche ihr wert waren, manches mitzuteilen; von Goethe vornehmlich, dann selbst aus Platon, was sie für uns faßbar hielt; die Antigone lernte ich durch sie kennen; und wenn sie genug gelesen hatte, führte sie uns in den Louvre, dann auch, wenn unsere zwei alten Gardedamen es gestatteten, in das Theater. Einmal „Macbeth“, von einer englischen Truppe vorzüglich gegeben; dann Madame Ristori als Maria Stuart und Myrrha; endlich Rachel in „Polyeucte“ von Corneille und „Le Misanthrope“. Das letzte, woran sie uns teilnehmen ließ, war die unter dem Herzog von Luynes von Simart hergestellte Athene von Phidias. Ich kann den Eindruck nicht schildern, welchen diese Sonntage auf mich hervorbrachten; ich sehe mich noch die wundervolle Bibliothek meiner Mutter mit Augen verschlingen, und wenn wir in die Engigkeit unseres pedantisch strengen Lebens mit zwei 70jährigen Gouvernanten zurückkehrten, da lebten diese Eindrücke in uns, wie wenn wir aus dem Reiche der Seligkeit gekommen wären. Vor diesem Verkehr mit meiner Mutter aber war, nach achtjähriger Trennung, mein Vater nach Paris gekommen. Ich hörte „Siegfrieds Tod“ vorlesen [durch Richard Wagner, Paris, am 10. Oktober 1853], verstand es kaum, aber war gefangen. Tannhäuser-Ouvertüre und Abendstern traten in mein Leben, welches periodisch durch solche Ereignisse den eigentlichen Charakter erhielt. Nach der Aufführung der Tannhäuser-Ouvertüre verlobte ich mich mit Herrn von Bülow, und meine Hochzeitsreise führte mich zu der Dichtung von „Tristan“ [nach Zürich zu Richard Wagner, September 1857].
    Ich habe wohl sehr dumme Teilnahme empfunden, z. B. für die „Maria Magdalena“ von Hebbel; aber es ging schnell vorüber, und es ist, als ob die abwendende Geste meiner Mutter, wenn ich irgend etwas Geschmackloses nannte, ihr Lächeln, wie ich für Victor Hugo schwärmte, mich durch und durch geformt hatten.
    Nun ist meine große Einsamkeit gekommen, und bereits seit dem Jahre 68; in der Einsamkeit hält nur das ganz Große Stich. Die Griechen, Shakespeare, Goethe und die Spanier waren fast unser einziger Umgang. Und so habe ich mich denn wenig umgesehen, habe selbst nie ausgesucht, sondern das empfangen, was mir gespendet wurde. Aber wie unklassisch muß ich mich ausgedrückt haben, daß Sie glauben konnten, ich staune,   w ä h r e n d   ich „Faust“ lese. Ach nein, ich liebte ihn nicht so, wenn er mich nicht hinrisse. Das Staunen stellt sich später ein.
    Erhielten Sie vor Ihrem Fortgange noch die „Blätter“? Ich empfand das, was in Ihnen vorgegangen ist, recht nach und wünschte, Sie schrieben es unserem Freunde [von Wolzogen, dem Herausgeber der „B. Bl.“], welcher der Wahrheit fähig und würdig ist.
    Unserem teueren Strauß [Richard Strauß war in Weimar schwer erkrankt] geht es besser. Aber ich bin doch noch nicht ganz beruhigt. Sie können sich gar nicht vorstellen, in welch einem Gewebe von Ahnungen, Träumen, sorgendem Wachen wir hier gelebt haben. Wenn ich Sie sehe, werde ich Ihnen von diesem merkwürdigen Menschen, der wie keiner in unserer Kunst fest und sicher ist, erzählen. Ganz so groß wie Stein ist er nicht, aber es wäre mir fast ebenso nahegegangen, ihn zu verlieren.
    Können Sie sich etwas Schrecklicheres vorstellen, als sich selbst wiedererhalten, wenn man den anderen verliert? Wie konnten Sie auf den Gedanken mit der Mappe und meinen Briefen kommen? Doch lieber das ganze Zeug verbrennen. Nun, Gott sei Dank, wir werden alle nicht ermordet. Ist Mime mit Ihnen?
    Nun aber leben Sie wohl und seien Sie froh! Niemand kann Ihnen es mehr gönnen wie ich. Wie ich kürzlich in zwei buddhistische Suttas blickte, fand ich sie kindisch; eine Abhandlung Meister Eckarts dagegen „Über die Abgeschiedenheit“ stimmt mit der brahmanischen Weisheit ganz überein und ließ sie wie eine einheitliche Vegetation der Geister vor einem erstehn. Nochmals, leben Sie wohl!    C. W.


231-232 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

4. Juni 1891. Varcar-Vakuf.

    Gestatten Sie, hochverehrte Meisterin, daß ich Ihnen meinen wärmsten Dank für Ihren Brief vom 24. Mai sage.
    Diesmal ist es doch anders als im vorigen Jahre. Bayreuth steht mir innig nahe, und Tag und Nacht sehe ich den furchtbar strengen, mächtigen, allumfassenden Bau dort in der Ferne, auf dem geweihten Hügel, sich schweigend erheben. In diesem Lande, wo noch keine Kultur dem Blicke seine Unmittelbarkeit genommen hat, und wo durch Jahrhunderte von ununterbrochenen Kriegen und Gegenkriegen, Belagerungen, Verheerungen, Massenmorden der Gedanke an eine ferne ideale Stätte der Ruhe, des Friedens und der Verwirklichung der Sehnsucht nach Göttlichem — wo dieser Gedanke die einzige Stütze war, das einzige, welches die Schrecken des Lebens und des beständig drohenden, gewaltsamen Todes ertragen half, das einzige „er sei uns Stab, er sei uns Leuchte!“, hier liest man mit ergreifender Deutlichkeit in dem Auge das Verweilen an einem fernen Orte, das Versunkensein in eine Welt, die als die unmittelbarste Wahrheit empfunden wird, wenngleich sie in der umliegenden, faktischen, handgreiflichen Umgebung nirgendswo zu erblicken ist.
    Namentlich beim Mohammedaner ist dies der Fall. Und dank einem jener Widersprüche, wie sie aus allem wirklich tief Empfundenen oder Gedachten entspringen, tut dieses Verweilen in der Ferne dem Genusse des Umgebenden durchaus keinen Abbruch, im Gegenteil. Diese Leute haben einen Sinn für die Naturschönheit, wie er bei uns nur bei wenigen Dichtern vorkommt. An den schönsten Punkten im Schatten liegen oder kauern und stundenlang in langen Zügen die Herrlichkeit von Gottes Welt einatmen, das ist ihnen die größte Wonne. Und gerade so mache   i c h   es jetzt auch! Im vorigen Jahre wurde ich mit einer ganzen Touristengesellschaft von früh bis abends herumgejagt, ich kam gar nicht zur Besinnung, und Sie und Bayreuth schwanden täglich ferner; aber jetzt schweIge ich von früh bis spät in der schönen Gebirgslandschaft, so einzig herrlich dadurch, daß die Menschen   a l l e   pittoresk sind und harmonisch mit dem ganzen Bilde verschmelzen (und was das ist, das kann sich keiner vorstellen, der es nie erlebte); diese harmonische Schönheit hat zur Folge wie eine Erweiterung und Vertiefung der Seele, in deren stillen, spiegelglatten Wassern sich nunmehr auch alles Schöne und Große ungetrübt widerspiegelt. Und da steht, hoch über allem, Bayreuth! Und immerwährend empfinde ich: „so fern, wie nah!“; und empfinde den heiligen Ernst und die Größe dessen, was jetzt dort vorgeht, und gedenke Ihrer, Meisterin, mit tiefer Ehrfurcht und mit einer Art von Teilnahme, die einem inbrünstigen Beten für Sie wohl sehr verwandt ist. Und da nichts zufällig ist — wer weiß, ob nicht eine göttliche Vorsehung mich hierhin, in die Abgeschiedenheit, in die Entfernung aus unserer hastigen, zerstreuenden Welt gerade jetzt gesandt hat —‚ und ob nicht mein Beten Ihnen doch nützt?
    Eigentümlich ist manches in den religiösen Überzeugungen der Mohammedaner und ihre große Toleranz. Daß einer ohne ein Ideal und ohne einen entfernten, heiligen Ort, wohin zu pilgern seine Sehnsucht ist, leben kann, das begreifen sie nicht, aber einen Christen, der in Jerusalem am Heiligen Grabe war, den nennen sie ebenso „Hadschi“ wie ihre eigenen Mekkapilger und bezeugen ihm dieselbe Ehrfurcht. Und wenn ich nur mit der Sprache soweit wäre, um ihnen von Bayreuth erzählen zu können, so würde ich gewiß auch den weißen Turban des Hadschis tragen dürfen!
    Zur siebenten Pilgerfahrt wäre nun das meiste da; einen Augenblick dachte ich, sie würde an den materiellen Schwierigkeiten scheitern, aber wir machen in diesem Lande sehr große Economieen (Mittagessen 40 Kreuzer usw., selbst Luxus, z. B. ein Pferd den ganzen Tag 1 fI. etc.!), und meine „mich hochschätzende Babette“ (wie sie sich unterschreibt) hat mir meine alte Wohnung bei Kantors bereits vom 1. August ab reserviert. Wie frisch und eindrucksfähig hoffe ich anzukommen — geläutert! Und wie dankbar bin ich Ihnen und Ihren lieben Kindern für die Erlaubnis, mich hin und wieder in die Stille ihrer Loge zurückziehen zu dürfen. — Auf dem Berge nahe über uns ist ein Hirtenknabe, der nie müde wird, Tristans „lustige Weise“ zu blasen! Ich grüße sie als gutes Zeichen und entsende sie Ihnen als solches!
    In Ehrfurcht und Treue und mit vielen herzlichen Grüßen von meiner Frau und von uns beiden an Ihre Kinder Ihr

Houston S. Chamberlain.


232-233 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Sonntag, im Festspielhaus (19/7/91).

    Mein Freund! Wenige Augenblicke vor der Aufführung möchte ich Ihnen von dem Festspielhause aus sagen, daß Sie mir fehlen, und daß ich es bitter empfinde, wie unsere Klänge Ihnen fehlen!
    Die Arbeit war groß, die Zeit kurz, und einsam in meinem Feststübchen frage ich mich: „Zu welchem Los geboren?“
    Der Himmel weint wieder heftig, und mein banges Herz feuchtet die Augen, doch weiß ich, daß das heilige Naß nahe ist, und meine guten, lieben sechs Kinder sind bei mir — wenn auch in diesem Moment nicht —‚ heiter und ernst, gut und wahr, und sie bedeuten mir die Menschheit.
    Möchten Sie wohl sein, wenn diese Zeilen zu Ihnen kommen! Gedenken Sie freundlich Ihrer Ihnen so herzlich anhänglichen    C. W.


233 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

[Telegramm aus Bihac vom 27/7/1891, 3 Uhr 30 Min.:]

    Rp — Wahnfried
    Unerwartet Genesender, Hoffender bittet herzlich Nachricht über „Tannhäuser“.

Chamberlain Bihac.


233 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

[Telegramm aus Bayreuth vom 28/7/1891:]

    Chamberlain Bihac.
    Von Herzen hofft Sie zu einer Aufführung „Tannhäusers“ zu begrüßen, die ihr ganzes Herz hineinlegt.    C. W.


233-234 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

27. Juli 1891. Bihac (Bosnien).
Am Tage der 2ten Auffährung von „Tannhäuser“.

    Sehr geehrtes liebes Fräulein [Eva Wagner]!
    Würden Sie bitte Ihrer hohen Mutter meinen Dank sagen für ihre Zeilen aus der Festspielzelle. Am Tage so schweigsam ergeben, oder sagen Wir verdummt wie möglich, wachte ich doch öfters nachts weinend auf. Aber auf jene Zeilen hin hatte ich einen jener Träume, die zu dem Unmittelbarsten gehören, das man im Leben besitzen kann — ich war bei Ihnen eingeladen, es war zu einer Festspielzeit, aber wohl 76 oder doch jetzt, aber das Bild befreit von den Hemmnissen der Zeit, und geradeso wie seinerzeit in meinem Beethoven-Traum, so wurde mir in dieser Nacht wie eine Offenbarung nicht eine unzusammenhängende Reihe von Phantasien, sondern ein stundenlanger, manche Gegenstände erschöpfender Verkehr mit jenem Erhabensten unter allen, so ganz frei von allem, was ich hätte hineintragen können, daß ich jeden Augenblick in das höchste Staunen versetzt wurde, und doch alles so sonnenklar, daß ich mich frug, warum ich es nicht schon längst von selbst eingesehen hatte. Es war wirklich über alle Begriffe herrlich, und für mich in einem Augenblick, wo ich durch „morne“ Hoffnungslosigkeit wirklich ganz stupide geworden war, war es wie ein Lebenselixier, wie eine Aufforderung, weiterzuschauen und nicht zu verzagen. Diesen Zauber hatte Ihre Mutter in ihre Zeiten eingeschlossen. Gewiß wird es sie freuen, zu erfahren, daß er gewirkt hat.
    Mein Leiden hat sich, seitdem es mich zu dent Entschluß   z w a n g,   nicht zu den Festspielen hinzureisen, so unerwartet günstig gestaltet, daß wiederum eine ganz kleine Hoffnung in mir aufflackert, ich könnte zu den letzten doch noch hin...!
    Sie sind ja jetzt umringt von den Treuesten; bitte rechnen Sie mich nicht zu den Abwesenden, meine Gedanken und mein Herz weilen ja ganz bei Ihnen; und lassen Sie mich in Wahnfried in einer stillen Ecke sitzen und oben im Festspielhaus ganz hinten und ganz meinungslos...
    Gott stärke die hohe Frau — uns allen zum Heil — und lasse die Sonne freundlich auf Wahnfried und seine lieben Insassen scheinen.
    In treuer Freundschaft Ihnen allen ergeben Ihr

Houston S. Chamberlain.


234-236 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Pension Stutz bei Luzern, den 5. September 91.

    Es hat mich betrübt, Sie, mein Freund, bei unseren Aufführungen nicht zugegen zu haben, Bei dem „Tannhäuser“ insbesondere habe ich Sie herbeigewünscht, da derselbe sich mir nicht nur von den Operndarstellungen, sondern auch von unseren bisherigen Leistungen zu unterscheiden schien. Auch bezüglich des Publikums hatten wir eine wohltätige Entscheidung zu gewahren, es kam zu ausgesprochenen Momenten, und das Mißverständliche mancher Anhängerschaft sprach sich aus. Ich glaube, wir haben noch bei keiner Aufführung so deutlich empfunden, was Bayreuth will und soll, und habe ich einerseits die erhebende Freude gehabt, alle Sinnigen auf das tiefste und, wie ich glaube, nachhaltigste von dem Werke ergriffen zu sehen, so habe ich mit gesteigerter Wehmut mir immer vorstellen müssen, daß Sie fern wären.
    Ich bin hier gestrandet, in einem gewissen Sinn in meiner Heimat; unser Hans ist dicht bei Tribschen, ebenso abgelegen wie dasselbe, und das einst so vertraute Plätschern des Wassers wiegt von neuem den müden Sinn zur Beschaulichkeit ein.
    Denn müde bin ich. Es wäre töricht, es mir leugnen zu wollen, und ich habe wie eine Scheu vor dem Weitergehen. Aber das wird sich geben, wie so manches sich gegeben hat. Ich wandele hier dieselben Wege, wie ich sie früher mit meinen Kindern wandelte, und ich stelle mir sehr gut vor, wie ich mit Ihnen diese schönen, wohlgehaltenen Pfade inmitten der üppigen Fluren durchwanderte und Sie mir Ihre Lebensgeschichte fortsetzten. Solches scheint im Leben nicht sein zu sollen, dafür wird es zum Gedanken und daher auch zu einem Teil des Lebens, den wir nicht als den geringeren deshalb betrachten wollen, weil er wenig Wirklichkeit hat; für diesen Fall wollen wir Cartesianer sein, „cogito, ergo sum“ will ich so wenden: Ich denke, folglich: ich habe.
    Wissen Sie, welches Buch wir hier lesen? Ich denke, es wird Sie anheimeln: das „Journal of Sir Walter Scott“; ein sehr wehmütiges Buch, welches einen aber inmitten eines Geistes versetzt, welcher nichts wie Klarheit, Einfachheit und Vornehmheit ist. Unendlich gern hätte ich mich in den Anlagen bewegt, auf den Gütern, mit welchen er in der edlen Leidenschaft, Boden zu kultivieren und Menschen zu beglücken, sich um das tägliche Brot brachte, und damit um das holde Spiel seiner Phantasie. Und ebenso dem beschaulichen Wesen entsprechend ist der Verkehr mit diesem Geist. Ich kann mir denken, daß er von seinen Tieren förmlich wie ein sanfter Gott des Lichtes geliebt worden ist. Und die Abwesenheit jeder Schärfe bei so vielem Geiste ist einer der eigentümlichsten Züge dieser natürlichen Vornehmheit.
    Nun muß ich Ihnen aber erzählen, wem wir diesen edlen Verkehr verdanken; der vielleicht merkwürdigsten Persönlichkeit, welche in diesem Jahre unsere Festspiele besuchte: Mr. Balfour, der Neffe von Lord Salisbury, dessen Bedeutung für England Sie gewiß besser kennen als wie ich. Wenn Sie ihn aber persönlich nicht kennen, so möchte ich Ihnen jagen, daß wir alle wohltätig durch dessen Erscheinung berührt waren. Milde und Männlichkeit, Beredsamkeit in Schweigen und Sprechen, ernste Auffassung der Dinge und kindliche Heiterkeit, ein schönes Auge mit edlem Glanz und ein sehr einnehmendes Organ — können Sie sich daraus ein Bild dieser Persönlichkeit machen, deren Anwesenheit bei unseren Festspielen mit eine Befriedigung war? Er war mit Freunden bei uns, Lord und Lady Elcho, und da wir von Walter Scott viel sprachen, entsannen sich diese neuesten Anhänger Bayreuths unserer Vorliebe und sandten uns das „Journal“.
    Ich meine, Sie müßten zum Gouverneur von Bosnien ernannt werden, Sie würden all die schönen Eigenschaften und wirkliche Kulturmomente vor dem Eindringen des Gräßlichsten schützen und, wer weiß, vielleicht bis zu einer Kunstblüte fördern. Könnten wir das nicht zustande bringen? Ich glaube, die Engländer sind die eigentlichen Staatsmänner der Gegenwart, und ihre Kolonien sind wohl kein Zufall. — Das wäre wieder ein Gedanke, mit welchem ich unter dem herzlichsten Lebewohl und unter allseitigen Doppelgrüßen von Ihnen scheide!    C. W.


236-237 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

23/9/91. Sarajevo.

    Wie schön war es, Ihren Brief zu haben, verehrte Meisterin! Ich danke Ihnen von Herzen.
    Daß „Tannhäuser“ in und für Bayreuth das werden würde, was Sie in Ihren Zeilen melden, habe ich niemals bezweifelt; wie glücklich macht es mich aber, aus Ihrem Munde zu erfahren, daß er wirklich das war — und ist! Aber natürlich wächst das Bewußtsein von dem „Mißverständlichen mancher Anhängerschaft“ bei einer derartigen Probe; selbst ich, in meinem so beschränkten Freundeskreise, habe es erfahren müssen. Was soll man darauf sagen? Sie, verehrte Meisterin, halten in einer Hand die vollbrachte Tat, in der anderen die zukünftige: Sie können billig schweigen. Mir persönlich genügt: „Der Glaube lebt!“
    Der Vierwaldstätter See und Walter Scott — eine schöne Harmonie und gewiß Ihre Seele zur Ruhe hinüberleitend. Zwar kann ich mir augenblicklich gar nicht vorstellen, daß ich jemals wieder ein Buch lesen sollte, aber Ihre Beschreibung Sir Walter Scotts Journal läßt mich empfinden, als hätte ich es bereits gelesen.
    Ihre Erwähnung meiner Lebensgeschichte amüsierte mich; ich glaube, verehrte Meisterin, wir haben den psychologischen Augenblick verpaßt; der Begriff „Geschichte“ war nie sehr prononciert in mir, aber Bosnien hat ihn noch mehr verwischt. Sie wissen ja, wie unklar ich im vorigen Jahre war, wo ich, glaube ich, in einen Vortrag über Insektenkunde hineingeraten war, und dazu um ½2 Uhr nachts! Wie würde das jetzt werden?
    Aber von der Pension Stutz aus haben Sie gewiß bisweilen hinübergeschaut, dorthin, wo der Rigi in unzugänglichen, steilen Abhängen zum Küßnacht-Arm des Sees hinunterstürzt, und wo das kleine Dorf   G r e p p e n   liegt, ganz unberührt von dem Fremdenstrom und nur mit einem einzigen Bauernwirtshaus...? Dort war für mich ein herrliches Stück Geschichte; nach vielem Suchen hatte ich diesen ganz abgelegenen, niemals besuchten Ort gefunden, und ohne daß eine Seele es ahnte — so klug waren die Fäden gesponnen —‚ also in gänzlicher Abgeschiedenheit brachte ich dort Tage zu, weIche, wenn ich es mir jetzt nach vielen Jahren überlege, wohl unvergleichlich schöne waren. Abends — es war herrlicher Mondschein — pflegten wir, am See gelagert, nach dem Pilatus hinüberzuschauen, unbewußt, geradeüber Tribschen!
    In Ehrfurcht und treuer Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


237-239 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

30. 9. 91. Wien. Blümelgasse 1.

Hochverehrte Meisterin!
    Daß wir infolge des plötzlich eingetretenen Witterungswechsels und des vielen Schnees an den Grenzen Montenegros umkehren mußten und in gerader Linie nach Wien in unser Schwalbennest flogen, das ist am Ende nicht wichtig genug, um Ihnen noch extra gemeldet zu werden, namentlich, wo ich gerade heute vor 8 Tagen mir die Freiheit nahm, Ihnen eine ganze Menge vorzuplaudern.
    Aber ich habe jetzt einige Arbeiten vor, die gleich erledigt werden müssen, und ich sehe, es geht nicht; das   B e d ü r f n i s,   Ihnen zu sagen, was ich Ihnen zu sagen habe, läßt nicht mit sich reden, bevor ich Ihnen, Meisterin, geschrieben, kann ich nichts zustande bringen.
    Zweierlei habe ich zu sagen; und zwar, bitte, das zweite zuerst.
    Ganz selig hat es mich gemacht, von dem lieben Böhler von „Tannhäuser“ zu hören! Er hatte mir seinerzeit von Bayreuth ans geschrieben, nach der allerersten Aufführung, und man merkte, daß er — wie vorauszusehen war — ganz und gar „décontenancé“ war, unsicher, deprimiert. Aber jetzt, wo er es fünfmal sah! Er sagte mir fast in Ihren Worten, daß „er noch nie so deutlich empfunden habe, was Bayreuth will und soll“. Mit zartfühlendster Diskretion und ohne irgendeinen Sängernamen zu nennen oder gleichgültige Anekdoten zu erzählen, hat er mir zwei Stunden lang über „Tannhäuser“ berichtet. Ob es Dr. Böhler ist oder ein anderer, das kann mir egal sein, aber zu sehen, mit meinen eigenen Augen zu sehen, wie Sie die Sinnigen unter Ihren Zuhörern ergriffen haben, wie unsagbar tief und nachhaltig, das hat mich mit solchem Jubel erfüllt, daß ich es Ihnen sagen   m u ß,   daß ich Ihnen davon sprechen   m u ß t e.   Wie verschwindet der eigne Kummer, die Verbitterung über das Fernbleibenmüssen von dem „geweihten Ort“ vor dem Anblick dieses Erfolges! — Von 300 Zeitungen, sagte man mir, soll nur eine einzige, die „Münchener Neuesten Nachrichten“, günstig über „Tannhäuser“ berichtet haben, eine große Anzahl sog. Wagnerianer soll sich definitiv von Bayreuth losgesagt haben — und doch, Sie haben die Schlacht gewonnen, die große, definitive; denn Ihr „Tannhäuser“ ist es, der unsere Opernwirtschaft zugrunde richten wird, von ihm bekommt sie den Gnadenstoß, an dem „Tannhäuser“ wird die junge Generation großwachsen, und an ihm werden die Künstler gezogen werden, die vielleicht später einmal imstande sein werden, die „Nibelungen“ und „Parsifal“ und „Meistersinger“ darzustellen.
    Oh, weIche Tat, Meisterin, haben Sie vollbracht! Denn daß Sie wirklich über die Menschen gesiegt haben, das weiß ich erst jetzt, das habe ich erst jetzt gesehen, aber jetzt weiß ich es gut; und mein Herz jubelt vor Freude und Dankbarkeit.
    Aber Sie, verehrte Meisterin, werden jetzt nicht in dieser Stimmung sein; ich weiß es; und das führt mich zu meinem zweiten Gegenstand hinüber.
    Es war schrecklich hart und traurig für uns, so plötzlich aus freier Bergesluft und Urvolk in die Großstadt und inmitten der Kulturmenschen versetzt zu werden. Mir wurde die Rückkehr nicht leicht, aber ich stürzte mich sofort auf den Klavierauszug des „Parsifal“. Und als erstes fiel ich auf den Akkord, der meinen Frühjahrsgruß an Sie zum Ausdruck gebracht hatte, zwischen „Heilig hehrstes Wunder!“ und „O Herr, war es ein Fluch...“, wo in Wahrheit der Fluch des Winters schwindet und alle Seelen bebend sich dem Wunder des erwachenden Frühlings öffnen. Da stand ich Ihnen sehr, sehr nahe, Meisterin, und war weder in Wien, noch in Bosnien, noch am Vierwaldstätter See. Aber das war noch nicht der Boden für den Herbstgruß, den ich jetzt finden mußte, um fühlen zu können, daß meine Seele genau mit der Ihrigen miterzittern würde. Ich kam auf Amfortas' Hilferuf an seinen Vater: „Tod! — Sterben! Einzige Gnade!“ — Aber das ist nicht die Stimmung von gestern oder heute; das ist das „Gib uns heute unser täglich Brot!“ Dann „Höchsten Heiles Wunder: Erlösung dem Erlöser!“ Aber das ist die höchste Offenbarung, in welcher man wohl sterben, aber nimmer leben kann. — Endlich fand ich es — am Schlusse der Einleitung, nach den drei tiefen Seufzern, von dem pp vor dem Misterioso bis zum pp nach demselben [Orchestervorspiel, Takt 102 bis 104]; das enthielt, was ich jetzt empfand, und es war mir, als lauschte ich — mit der Ehrfurcht und Demut, die man einem göttlichen Geheimnis schuldet —‚ als lauschte ich, Meisterin, an Ihrem Herzen. Ein edelstes Haupt — sagen wir der Christus von Vincis Abendmahl — erhebt da langsam die Augen gen Himmel und flüstert: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ — „...sie wissen nicht! sie wissen nicht!“ — Ach! Keiner, keiner weiß! Keiner   w i l l   wissen! Ein jeder lebt so vor sich hin und für sich hin; der Freund weiß nicht, der Feind weiß nicht, ja, auch die, die weinend am Fuße des Kreuzes stehen, wissen nicht; und ganz, ganz einsam auf seinem hohen Golgatha flüchtet Er zu Gott: — „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ — Das ist die Brücke, von der die Brahmanen wissen, welche hinüberführt in jenes Land, „wo das Wanderersein der Seele und das Schöpfersein des Brahman aufhören“. Es ist der Ruhepunkt, wo die müde Seele sich gleichzeitig mit ihrem Gott und mit ihrer Umgebung versöhnt. Ich denke, Meisterin, daß Sie jetzt dort ruhen.

In ehrfurchtsvoller, treuer Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


239 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

[Telegramm aus Bayreuth, 2/10 91, 6 Uhr 20 N.]

    Houston Chamberlain, Blümelgasse 1, Wien.

    Innigsten Dank für Mut und Trost spendende herrliche Worte.


240-242 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 12. Oktober 1891.

    Wie habe ich Ihnen und Ihrer lieben Frau die Stimmung an dem Bahnhof nachempfunden! Als wir unsere Schweiz verlassen mußten und uns wiederum einmal trennten und in verschiedene Gruppen teilten, hatten wir den ganzen Begriff des Elendes zu ertragen, und ich zwar so stark, daß ich kaum Abschied von meiner Daniela zu nehmen vermochte. Wir kamen nun in München an, und ich traf dort auf einen solchen Wust von Unsinn, daß ein Gang ins Narrenhaus schon dadurch wohltätig dagegen gewirkt hätte, daß bei den Kranken Direktor und Arzt zugegen sind, wogegen bei den so umherlaufenden Narren man keinerlei Behütung wahrnimmt. Das Mittel dagegen war die Beratung mit Adolf [von Groß] und den Kapellmeistern und der Beschluß der Festspiele für das nächste Jahr. Doch immer ferner wichen die Firnen und die Höhen und die Joche, wo wir Siegmunds Kampf mit Hunding uns vorgestellt hatten, und die erhabene Schneewelt, in welcher wir Wotan einschlummern sahen und umringt von den Walküren das Ende erreichen. — Hierher zurückgekehrt, war es Ihr letzter Brief aus Sarajevo, welcher mir die Gedanken wieder nach meiner eigentlichen Heimat führte; dort, wo zwei meiner Kinder geboren und die anderen mit diesen im Glücke groß wurden. Gern hätte ich es während meines Aufenthaltes gewußt, daß Sie in Greppen gewesen sind und dort jene Stimmung gekannt, wie sie mir mit diesem Landstrich verwoben zu sein scheint. So gern blickt man von einem Ufer zum anderen und denkt sich dort einen Freund. Und da Vergangenheit und Gegenwart an dem Wunderwasser ineinanderfließen, so hätte ich Sie mir dort vorgestellt, und zu zweit, was wohl notwendig ist. So sah ich auch immer unseren König in diesen Tagen, wie er einst bei uns wandelte, genau als ob er von Monsalvat unmittelbar zu uns gelangt wäre. Schopenhauer zum Trotze und dem Dasein zum Troste kann ich nicht umhin, alles Schöne und Erhabene als positiv zu empfinden, wogegen das Grausame und Häßlich-Gehässige mich wie eine schwere Woge an den Fuß des Kreuzes schleudert, wo ich sie gebrochen fühle. Habe ich Ihnen erzählt, daß die Großherzogin von Baden die Güte gehabt hat, mir zum Andenken die Kopie des Kreuzes zu schenken, welches Gregor IX. der heiligen Elisabeth zusandte und welches im Kloster Andechs aufbewahrt wird; inmitten der Arbeit und des Gewühles der Festspiele hat mir stets auch nur der flüchtigste Blick auf dieses Andenken geholfen und die innere Ruhe und Harmonie wiederhergestellt.
    Schön von den lieben Böhlers, daß sie Ihnen in solcher Weise von unserm „Tannhäuser“ Zeugnis abgelegt. Wohl hätte ich Sie dabei gewünscht und habe es Ihnen nur nicht so gesagt, wie ich es empfand, weil ich Ihnen das Herz nicht schwermachen wollte, und weil ich genau weiß, wie das Entbehren zu dem Weg gehört, den ich wandle, — Ich glaube, daß unser „Tannhäuser“ ein Erlebnis war. Ich habe es als solches bei jeder Aufführung empfunden, und die Freunde mit mir. Was nun Verein, Zeitung und wie derlei sich nennt, anlangt, so habe ich auch nicht die leiseste Vorstellung ihres Verhaltens oder vielmehr ihrer Gründe. „Strong reasons make strong actions“, sagt unser Dichter, Ich weiß nicht, ob sie solche haben, und ob daher ihr Gebaren ein starkes und wirkungsvolles sein kann. Meinen Neffen Ritter traf ich in München so außer sich und entrüstet, daß er durchaus nicht mein idyllisches Ignorieren nachfühlen mochte. Als der geeignetste Beurteiler unserer Aufführung (da er der Zeuge der Aufführungen 1845 in Dresden gewesen) hatte ich ihn gebeten, mit vieler Muße eine Arbeit über unsere Aufführung zn entwerfen. Er hatte sich daranbegeben, ich fürchtete aber, daß er vor lauter Abwehren des Unsinns nicht zur Sache kommen würde. Und da ich sah, daß es keinen einzigen gab, der die üble Arbeit ihm abnehmen würde, setzte ich mich hin, faßte alles zusammen, was er mir an Wust zugetragen, und dachte daran, als Vorarbeit dies in die „Blätter“ zu schicken. Bereits war die Sache unter Druck, als mich jener unüberwindliche Widerwille gegen jedes Wort überkam; ich zog zurück, und nun liegt mein kleines Machwerk vor mir und frägt mich, was es soll und wie ich zu ihm kam. Möglicherweise könnte es einigen Guten (verirrte Schafe!) dienen, und so werde ich es Ihnen nebst einem Briefe, den ich an unsern alten Freund Davidsohn [abgedruckt im „Bayreuther Festspielführer 1930“] schrieb, zusenden. Sie machen dann damit, was Sie wollen; wem Sie es aber mitteilen, bitte, geben Sie es nicht in die Hand. „Es sind Hanswürste von Räubern“, sagte mir meine kleine Enkelin als Erwiderung auf meine Erklärung; wie sie mich mit einem Programm des hiesigen Theaters in der Hand sah, mir überlegend, ob ich ihren Bruder in das Stück Schicke, frug sie mich: „Sind es wirkliche Räuber?“, und da ich ihr sagte, es seien nur gespielte, faßte sie sich kurzweg so, wie ich anführte. Ich gestehe, daß diese Fassung mir wie ein Motto für vieles und manches erschien und mich seitdem in vielen ernsten Betrachtungen sehr erheitert hat.
    Wir sind nun vierzehn Tage hier zurück, und ich habe zuerst den Hausstand, dann die Organisation des neuen Lebens mit den Enkelchen, endlich die Trennung von Siegfried vorgenommen. Letzterer hat Berlin verlassen und sich in Karlsruhe niedergelassen, von wo er mir heute von einer so schönen Aufführung des „Freischütz“ [unter Mottls Leitung] berichtet, daß ihm die Tränen dabei in die Augen gekommen seien. — Meine Tochter Gravina bleibt mit ihren Kinderchen bei uns, und wir versuchen es nun, wie Deutschland und Italien zueinander stimmen, und wie die Sinnigkeit zu der Schnelligkeit sich gesellen könne.
    Lassen Sie mich hoffen, daß wir uns bald wiedersehen.      C. W.


242-243 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

26. Oktober 1891. Wien.

    Ich bin von dem neuen Wagner-Verein eingeladen, dem jungen, revolutionären. Ich bin neugierig, hochverehrte Meisterin, ihn am Werke zu sehen; nach seinen in den „B. B.“ veröffentlichten Berichten müssen ernste, begeisterte Leute drin sein. Wenn es nun wirklich anständig und ernst dort zugeht, dürfte ich bei einer passenden Gelegenheit Ihre kleine „Stimme aus Bayreuth“ vorlesen? Eventuell werde ich selber dort sprechen. Wenigstens habe ich eine Art Plauderei „R. W. und Frankreich“ vorbereitet; ich meinte sie für unseren alten Akademischen, aber wirklich, es ginge vor dieser Versammlung nicht!
    Heute abend sollen wir zum zweiten Male den neuen Burgschauspieler   B o n n   treffen. Er hat mich neulich gefragt, ob ich wüßte, wann Sie herkämen, und gebeten, Ihnen schon im voraus mitzuteilen, daß et Sie um die Ehre ersuchen würde, Sie besuchen zu dürfen. Der junge Bühnenkünstler macht hier großes Aufsehen. Da er gegen Sonnenthal von einer gewissen Partei aufgestellt wird und er mehrere Hauptrollen desselben gibt, ist ein bitterer Kampf entbrannt. Die einen erheben Bonn in den Himmel, die anderen („N. Freie Presse“ etc.) lassen nicht ein Haar an ihm und überhäufen ihn mit den schmutzigsten Beschimpfungen des deutschen Pressearsenals. Ich habe ihn ein einziges Mal gesehen, in „Hamlet“. Interessant gewiß: aber erstens nicht so bedeutend, daß jenes Aufsehen berechtigt wäre, dann ganz ebenso „empêtré“ in der Keuchmanier der deutschen Schauspieler, als wäre er kein angehender Reformator — ich glaube kaum, daß er ein Wort so sprach, daß ich es als natürlich empfunden hätte —‚ und dann vor allem eine Auffassung des Hamlet, die so sicher grundfalsch ist, als — als — als daß immer recht hat Ihr
    in tiefster Ergebenheit der Ihrige

Houston S. Chamberlain.


243 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 28. Oktober 1891.

    Wann ich nach Wien kommen werde? Unendlich gern würde ich Sie, mein Freund, wiedersehen, und es ist mir, als ob ich Unendliches Ihnen zu sagen hätte; ich glaube aber, es gehört zu dem, was sich nicht spricht. Wollen Sie Bonn, wenn Sie ihn wiedersehen, sagen, daß ich mich sehr freuen werde, seine persönliche Bekanntschaft zu machen.
    Wenn Sie das „Nibelungenlied“ bei der Hand haben, schlagen Sie doch den 25. Gesang auf, wo Hagen, nachdem er gegen die Fahrt zu den Hunnen gewesen, nun auf die Weissagung seines Unterganges der Fährmann und Anführer dieser Fahrt wird, Es gibt wohl wenig so Dämonisches, und das ganze Heidentum erhebt sich inmitten dieser christlichen Welt und zeigt sich dem Göttlichen gegenüber in seiner Übermenschlichkeit, und dazu eine ganz naive Sprache, wie von einem Kind.
    Fahren Sie fort, meiner so freundlich zu gedenken, die ich wohl dessen sehr bedürftig bin; denn die Luft ist gar schwer um uns herum, und was Sie mit solchem Recht von den deutschen Schauspielern sagen, erstreckt sich bei uns auf alles.

    Seien Sie gegrüßt!    C. W.


243-245 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Donnerstag, 29/10/91. Wien.

    Zu einem eigentlichen Briefe, hochverehrte Meisterin — so einem, wie ich sie zu schreiben liebe, wo man nicht mehr unter der Fuchtel der Eile und des Geschäftigseins steht, sondern seiner Seele das Wort läßt, im Bewußtsein, daß die Zeit doch ihr gehört —‚ zu einem solchen komme ich heute wieder nicht. Ich will nur ein Wort über den gestrigen Abend im Wagner-Verein sagen.
    Derselbe hat mich eigentlich sehr befriedigt, oder sagen wir, er hat mir Befriedigung verschafft. Zum   a l l e r e r s t e n   Male war ich in einem Wagner-Verein, wo man ein ernstliches Vorhaben merkte, wo etwas Ernstes geschah, und wo (wenigstens, wo ich saß) die ganze Unterhaltung sich auch   a u s s c h l i e ß l i c h   in dem Gebiete bewegte, welches einem   W a g n e r-Verein seine Existenzberechtigung verleiht. Und zwar (o Wunder der Wunder!), es fiel kein einziges ungehöriges Wort. Sie werden mich ganz begreifen, wenn ich Ihnen sage, daß Mangel an Respekt für mich ungefähr so ist, wie wenn einer mir die Faust in den Hals hineinsteckt; nicht einmal erwidern kann ich darauf, ich bin einfach vernichtet. — Daß einer diesen ober jenen Unsinn über eine Bayreuther Aufführung zum besten gibt, nicht das ist beleidigend, im Gegenteil: nur heraus mit der Meinung! Nur aufrichtig im Berichten über das tatsächlich Gefühlte, Empfundene, da kann man ja dann darüber sprechen, sich verständigen; aber wenn man z. B. Ihrer, verehrte Meisterin, in einem gewissen Tone erwähnt, ja, dann ist's aus! Denn daß Sie uns allen ein   g e w e i h t e r   Mensch sind und sein müssen, das ist ein so selbstverständliches, primitives Herzensgebot, daß man meinen sollte, selbst der blödsinnigste Anhänger müßte das empfinden. Es wird prinzipiell immer aus den Schriften vorgelesen; gestern war der II. Absatz von „Deutsche Kunst und deutsche Politik“ daran, und er wurde ganz vorzüglich, deutlich und sinngerecht vom Obmann, Bürgerschullehrer Haller, vorgetragen. Auch Vorträge werden häufig gehalten. Herr Haller ist zum Fanatiker prädestiniert; wenn er aber diese Anlage edel aufbraucht, wollen wir sie ihm nicht als Fehler anrechnen. — Als der offizielle Abend vorbei war und die meisten nach Hause gegangen, bildete sich ein kleiner Kreis um Haller und mich. Es wurde so schön von und über Bayreuth gesprochen, daß ich auch animiert, zuletzt gewissermaßen Wortführer wurde; mit gespanntester Aufmerksamkeit hörten die Herren meinen Ausführungen zu — über die Notwendigkeit echter Wagner-Vereinigungen, ihre Aufgabe etc. —‚ dann über Bayreuth, über die Bedeutung der einzelnen Faktoren, durch die die Festspiele einzig zustande kommen können usw., und als ich zuletzt einzelne Stellen aus Ihrer unveröffentlichten Arbeit vorlas, und namentlich zwei Stellen aus Briefen an mich, dazu Verschiedenes, was mir aus Ihrem Briefe an Davidsohn unvergeßlich im Gedächtnis eingeprägt ist, war die Begeisterung aufs höchste gewachsen.
    Und jetzt habe ich für meine eigene Belehrung noch eine Frage; eine kurze Antwort würde mich sehr verpflichten. Was war Frau Street-Klindworth für eine Landsmännin? Wie hieß sie als Mädchen? — Ja? darf ich das fragen?
    Und so haben Sie die Überzeugung, hochverehrte Meisterin, daß wir sehr, sehr nahe bei Bayreuth und Wahnfried leben und weben!
    Das Nibelungen l i e d ?   Das ist mir eine Erinnerung aus vor 14 bis 15 Jahren, und zwar eine so gewaltige, eigentümliche, daß ich mich niemals
wieder daran gewagt habe, ich fürchtete, mein Herz könnte etwas von seiner naiven Empfängnisfähigkeit verloren haben, und das wäre ein tiefer Schmerz gewesen; und so genügte mir der Anblick des alten, kleinen Buches, mit seinem grünen Rücken, seinem Goldschnitt und seinen alten Holzschnitten; dieser an einem Ehrenplatz ungeöffnet ruhende Band war mir seitdem ein Erwecker von Stimmungen und Träumen. — Ich erzählte Ihnen, wie ich, ganz zufällig, zum „Ring“ gekommen war; der „Ring“ brachte mich auf das Lied; jetzt sind Sie es, Meisterin, die mir zum zweiten Male das Buch aufschlägt, und ich werde unbesorgt darin lesen, das alte, alte Lied: daß stets am letzten Ende die Liebe bringet Leid.
    Apropos Liebe — habe ich Ihnen erzählt, daß meine einzig herrliche, unvergleichliche Norwegerin, jene Offenbarerin des Wesens der Senta, sich sehr glücklich verheiratet hat? Und zwar hat sie — einen Clown geheiratet! Einen äußerst soliden, ehrenwerten Engländer, der seine 3000 Pfund jährlich verdient und in wenig Jahren mit ihr — aufs Land sich zurückziehen wird. — Aber als Schluß einer so leidenschaftlichen Liebe des englischen Touristen ist dieser Clown wirklich impayable, nicht wahr?
    Durch Mitleid wissend Ihr

Houston S. Chamberlain.


245-246 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 31. Oktober 1891.

    Ich hatte lauter Konfuses über den neuen Verein gehört, er gehöre dem politischen Getriebe, dem gehässigsten Antisemitismus etc. etc. an, so daß Ihr Bericht mich wirklich sehr angenehm berührte. Ohne Fanatismus, mein Freund, kann ich mir eigentlich keine Anhängerschaft vorstellen. Es kommt nur darauf an, wofür und wie man fanatisch ist. Die „Gesammelten Schriften“, wollen sie anders gut gekannt werden, setzen einen so weiten Blick voraus, eine so ernste Kenntnis des Unentbehrlichen, daß, wer sie sich aneignet und für sie eintritt, der Gefahr entgeht, Fanatiker in dem Sinne zu sein, der uns zuwider bleiben muß. Also Glück auf zu Ihrem Eingreifen, es kann nur wohltätig sein.
    Ist es Ihnen mit „Oper und Drama“ gegangen wie mir? Ich kann dieses Buch nur leidenschaftlich und wie im Zustand der Hellsichtigkeit lesen. Wenn man von Schwindelnden Tiefen sprechen könnte, so würde ich den Ausdruck auf dieses Werk, in welchem man bis zu den Wurzeln der Dinge blickt, als ob diese durchsichtig wären, anwenden.
    Und nun zu der Oberfläche, Mme. Street! Ein ganzes Meer von Erinnerungen haben Sie mir damit aufgewirbelt! 53 schrieb sie meinem Vater, ob sie Unterricht bei ihm haben könne, und zeichnete D. Street. Mein Vater bejahte, erwartete einen Jüngling und war höchst überrascht, eine sehr hübsche, geistvolle Frau ankommen zu sehen. 55 erschien sie in Berlin bei einem jener Sturm- und Drang-Konzerte, wo Lohengrin-Vorspiel, Tannhäuser-Ouvertüre, Symphonische Dichtungen halb unter meines Vaters, halb unter H. von Bülows Direktion, unter großen Kämpfen und leidenschaftlichsten Erregungen, stattfanden. und ich entsinne mich noch, daß ihr mein Vater einen namenlosen Marsch darüber machte, daß sie spät kam. Er verbäte sich „ces manières de princesses russes“. Bei Tonkünstler Versammlungen erschien sie häufig, immer hübsch, elegant und geistreich. Dann 1861 in Brüssel, nach dem „Tannhäuser“ in Paris. Freundlich, aber von wenig Nutzen. Nun kam 64 der König von Bayern. Da erschien sie mit ihrem Vater, dem alten Staatsrat Klindworth (Mutter und Mann von ihr sah ich nie und weiß nur, daß sie eine Cousine von Karl Klindworth ist). Der alte Vater war einer von diesen Diplomaten-Handlangern, wie sie Metternich pflegte, und wie ich glaube, daß Bismarck ihnen ein Ende gemacht hat; schlau, geschwätzig, zu allem bereit, von allen gekannt, von niemandem avouiert, Anekdoten erzählend, Tee wie Talleyrand trinkend; einst in württembergischen Diensten, nun nichts, und nun etwas werden wollend. — Hier war es, Sekretär des Königs, das er zu sein wünschte. Gott weiß, ob im Auftrag von Rußland oder sonstwo.
    Da wir nun nur Kunst trieben, also zu gar nichts zu benützen waren, verschwanden die Gescheiten, und — Roß und Reiter sah ich niemals mehr. Mein Vater mochte sie sehr gern; ich weiß aber nicht, ob er bis zum Schluß in Verkehr mit ihr blieb. — Nach Bayreuth kam sie nie.
C. W.


247-248 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Sonntag, 8/11/91. Wien.

Geehrtes und liebes Fräulein [Eva Wagner]!

    Sie werden gewiß mir nicht böse sein, wenn ich Ihnen von Ihrer Mutter [die in Wien weilte] spreche, nicht wahr? Der Ausdruck von Ernst und Sorge auf ihrem Gesicht macht mich denken, daß Sie in Wahnfried vielleicht auch wiederum um die hohe Frau besorgt sind. Deswegen diese eiligen und gutgemeinten Zeilen.
    Mittags beehrte die Meisterin unseren Leuchtturm [so nannte Ch. seine im 4. Stock gelegene Wiener Wohnung]. Obmann Haller gefiel, wie ich erwartet hatte. Ein ganz einfacher Bürgerschullehrer, aber mit gehaltvollen, schwarzen Augen und einem gleichzeitig sehr bescheidenen und sehr sicheren Auftreten.
    Abends durften meine Frau und ich Ihre Mutter ins Theater begleiten. Da hat der Mottl sich aber eine schwere Schuld aufs Gewissen geladen; er hat Ihre Mutter veranlaßt, sich den Girardi anzusehen. Zu Beginn des II. Aktes flohen wir in aufgelöster Schlachtordnung. Ihre arme Frau Mutter war tief verstimmt. Sie nahm mich mit in ihr Hotel, und wir waren im Begriff, uns mit Bier und Kaviar, so gut es ging, zu trösten; es sollte uns aber nicht lange gegönnt sein, in diesem Hafen der Ruhe vor Anker zu liegen. Eine Karte zeigt den Hofburgschauspieler Bonn an; und nach dem obligaten Dank und den obligaten Erkundigungen nach den Fräulein Töchtern stürzte sich der Unselige auf das Hamlet-Thema, und keine Friandises, die ich auf seinen Teller tat, und kein Pilsener Bier der Welt vermochten ihn mehr zum Schweigen zu bringen. Bald kam auch der Schönaich dazu; und nun können Sie sich leicht die folgenden 2 Stunden vorstellen. Der Bonn mit jugendlichem Ungestüm für feine Auffassung des „Hamlet“ als... als... „fait divers“ eintretend und keinen anderen aussprechen lassend; ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, die Meisterin, bisweilen lächelnd, bisweilen ihren Ohren nicht trauend, empört, den Bonn zum Schweigen zwingend und ihn mit beredten Worten zurückweisend; zwischen den beiden, sein schwerer Körper in einen großen Lehnstuhl versenkt, der Schönaich — meist still und starr, aber hin und wieder sich auf beiden Händen in die Höhe hebend und mit lauter Stimme sein Entsetzen verkündend — immer mit Geist und Witz —‚ die aber den ungestümen Bonn leider zu bald zum Schweigen brachte. Ich an der 4ten Seite dieser Partie carrée, schweigsam wie das Grab; da die drei nicht einmal es vermochten, nacheinander zum Wort zu gelangen, wäre ein Vierter ganz überflüssig gewesen, und ich erwarb mir immerhin das Verdienst, daß ich endlich das Zeichen zum Aufbruch gab. Von einer Verständigung konnte schon deswegen nicht die Rede sein, weil die Grundlage fehlte — die gemeinsame; ein Sokrates hätte notgetan, um die Frage zu präzisieren. Bonn weigerte sich durchaus, auf die prinzipielle Frage — die Kunstfrage, die Frage nach dem Wesen aller Dichtung und nach dem Wesen des poetischen Schaffens — einzugehen; er wollte nur den Hamlet Szene für Szene zergliedern, und Wort für Wort, um daran nachzuweisen, daß in „Hamlet“ sehr viel „geschieht“, und daß der Hamlet selbst ein sehr aktiver junger Mann ist, der im fieberheißen Verlangen, den Tod seines Vaters zu rächen, eine Tat nach der anderen vollbringt, um zuletzt auch wirklich seinen verbrecherischen Onkel zu töten — allerdings nicht ohne selbst unterwegs durch die   m o r a l i s c h e   S c h u l d,   daß er seinen Onkel nicht beim Gebete umbrachte (wodurch er denn auch den Tod seiner Mutter erspart hätte) —‚ durch die moralische Schuld seinen eigenen Tod unerläßlich gemacht zu haben. Dagegen wollten Ihre Mutter und Schönaich sich auf keinen Detail-Disput einlassen — oder vielmehr sie benutzten dieses und jenes Detail, welches Bonn anführte, um sofort emporzuschnellen und das Wesen der Dichtkunst zu betrachten und zu kennzeichnen. Und hierbei erwärmte sich die Meisterin zwei- oder dreimal zu wirklich herrlichen Momenten. Man weiß bei ihr ganz genau, ob die richtige Wärme der Begeisterung eintritt und wann — durch die Armbewegung; und gestern erschien sie mir öfters wie eine Pallas Athene, welche mit drohender Gebärde den Barbaren von den der Kunst geweihten Stätten abweist! (Es ist immer gefährlich, wenn ich mich auf klassisches Gebiet wage, aber ich sehe nachträglich in meinem Wörterbuch, daß einige Autoren meinen, Pallas hieße: „den Speer schwingend“.)
    Wenn ich nicht augenblicklich so unglaublich ledern und auch müde wäre, würde ich es versuchen, Ihnen einiges aus diesen schönen Worten zu wiederholen. Aber so müssen Sie sich für heute mit der Tatsache begnügen, daß Ihre Frau Mutter wohl und munter genug war, sie zu sprechen.
    Mit herzlichsten Grüßen von uns beiden, auch an Ihre Geschwister, Ihr in Freundschaft ergebener

Houston S. Chamberlain.


249 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Bayreuth, 15. 11. 91.

    Nur zwei Zeilen, mein Freund, um Ihnen und Ihrer lieben Frau zu sagen, daß ich angekommen bin, was von Wien nach Bayreuth nicht ganz so leicht ist. Bis heute war ich ganz stimmlos, jetzt bin ich noch bettlägerig, aber ich kann, wie Sie sehen, diktieren. — Ich traf alles so leiblich wohl im Hause an und denke nun Ihrer großen Freundlichkeit und Güte gegen mich.
    So ist nun alles hin — Bonnsche Reden, Schönaichs Genie, Hallersche Apostrophen, Bollersche Nervosität, Paumgartnersches Gemüt, Böhlerscher Kutscher und was noch alles! Darf ich Sie bitten, Frau Böhler noch einen herzlichsten Dank für die schönen Blumen auszusprechen, die sie so freundlich war, mir zu schicken? Grüßen Sie diese beiden Freunde!
    Nun können Sie wieder arbeiten, ganz ungestört, und sind es am Ende froh. Lassen Sie mich hoffen, daß wir bald ruhiger zusammenkommen, und haben Sie nochmals Dank für all Ihre Freundlichkeit. Verzeihen Sie, daß ich nicht mehr schreibe, und bleiben Sie beide gut Ihrer   C. W.


249-251 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

20/11/91. Wien.

    Ich hatte mir einen heiligen Eid geschworen, daß ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, in diesem Jahre nicht wieder schreiben würde. Der Eindruck Ihrer Überbürdung mit Arbeit, Ihres Ersticktwerdens — nicht unter der Größe Ihrer Aufgabe (dieses wäre ja ein Nonsens, da diese Aufgabe allein Ihnen die Kraft zu leben verleihen kann), aber unter der   M a s s e   des Materials, dieser Eindruck verläßt mich nicht, mir ist es, als sähe ich Sie unter Aschhaufen pompejanisch ersticken... und da empfand ich, auch der kleinste Brief wäre nicht statthaft — ich schwur besagten Eid. Aber nun kommt Frau Dr. Thode und sagt, ich soll und muß und darf schreiben, und da ich nun auch die Gelegenheit habe, Ihnen von Ihrer Tochter zu erzählen und somit einfach an Ihr Mutterherz mich zu wenden — so mag's geschehen.
    Aber übrigens, vorher will ich doch das andere kurz abmachen. Nach dem unerhörten Äschylos-Abend des Akademischen hatten wir wieder vorgestern im Neuen Verein einen ganz anspruchslos-einfachen, schönen Abend: — zuerst Vorlesung des dritten Absatzes von „Deutscher Kunst u. d. Politik“, ganz vorzüglich lebendig von Haller vorgelesen und mit Wärme aufgenommen. Dann wurde eine Symphonie von Haydn (IX., C-Moll) vierhändig gespielt; ein entzückendes Werk; wenn die Welt so öde wird dadurch, daß alles nach und nach einem gleichgültig erscheint, klein, trivial, bis man zuletzt sich selbst in dem Spiegel besorgt anschaut, ob man nicht ein vertrockneter, gelbsichtiger Chinese geworden ist — da lebt man doch entzückt wieder auf, nicht wahr, bei Haydn?
    Also — Donnerstag besuchten uns Herr und Frau Thode nachmittags. Brauche ich Ihnen zu sagen, daß Frau Thode anbetungswürdig ist? Das wäre keine „news“. Es ist, als ob man ein Stück von Ihnen, Meisterin, genommen — nur einen Teil von Ihrer Persönlichkeit —‚ und das nun mit der Liebe eines Amateurs zur vollen Blüte und nach allen Möglichkeiten hin entwickelt und ausgeführt hätte. Aber, um Gottes willen, welche zarte, furchtbar zarte Blume hat der große Dilettant im Himmel da gezüchtet! Gott sei Dank, daß ihr das Schicksal einen Mann von so ganz entgegengesetzter Natur an die Seite gestellt hat! Diese vielen, haarfeinen, aufs äußerste stramm gespannten Saiten erzittern sympathetisch auf den leisesten Ton, der Schmerz liegt immer ganz dicht vor dem Herzenstore — ein Wort, ein Windhauch genügt, und eine Saite ist gesprungen, und man sieht, wie die Seele in Schmerzhaften Krämpfen sich zusammenzieht, als wenn Wellen sich auf ihrer Fläche folgten.
    Abends waren wir zusammen im Josephstädter Theater und haben uns alle ganz herrlich bei einer Lokalposse ergötzt. Der Doktor [Thode] meinte, so viel echtes, schauspielerisches Talent hätte er seit langem nicht gesehen; Frau Thode war zuerst besorgt, weil eine Hebamme im Stück vorkommt, aber als sie die Harmlosigkeit des Ganzen einsah, ließ sie sich auch nicht weiter stören und lachte viel und herzlich. Ein Mann muß sich als Balletteuse verkleiden und vortanzen, und er machte eine so köstliche Parodie des wirklichen modernen Balletts daraus, daß förmlich das ganze Theater sich rollte. — Nachher gingen wir zusammen in ein Ristorante italiano nahe bei Stefferl, wohin auch Schönaich kam; und als wir dort hinausgeschmissen wurden, in ein Nachtkaffeehaus, wo wir bis gegen 1 Uhr verblieben — entschieden zuviel für Ihre Tochter. — Ich muß wirklich bedauern, jetzt so eilig diese Zeilen hinwerfen zu müssen, denn die Unterhaltung war äußerst lebhaft — das reine Turnier zwischen Schönaich und Thode. Erst Grillparzer, dann Mozart — später die Frauenemanzipationsfrage, und daran sich knüpfend eine Diskussion betreffs des Fortschrittes, des Verfalls der Völker etc., der Perfektibilität, des relativen Wertes der Kulturen usw. In dem Ristorante waren alle Gäste bis auf uns längst weg; die Kellner gingen mit verzweifelten Mienen hin und her, und auf die Unsrigen, alle in der Hitze des Gefechtes, machte es nicht den geringsten Eindruck; und da auf einmal sehe ich im Spiegel, wie die Wirtin aus der Hinterstube uns anglotzt — ein herrliches Kinderbilderbuchgesicht, die böse Stiefmutter, Rabenprofil und große Brille, die Hände auf den Hüften, und wie sie nun durch energische und drohende Zeichen die Kellner antreibt, uns hinauszujagen — dieses köstliche Bild wird mir unvergeßlich bleiben, Schönaich war außer sich, daß wir um ¾1 aufbrachen; er begleitete meine Frau und mich noch bis an die Oper zu einem Wagen und erzählte uns unterwegs von der Nietzscheschen Idee, daß die ganze Welt und ihre Menschengeschlechter nur dazu da sind, um eines Tages ein vollkommenes Genie zu   d e s t i l l i e r e n   etc.
    Zwar lag es nicht in meiner Absicht, aber ich denke, diese Zeilen werden durch ihre Eile und Dürre dazu beitragen, den Wunsch, von mir Briefe zu bekommen, in Ihrem Herzen zu mäßigen, was den Konflikt in meinem eigenen Herzen zwischen dem Drang, Ihnen zu schreiben, und der Einsicht, daß ich es nicht sollte, entscheidend beeinflussen wird.
    In Ehrfurcht und treuester Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


251-254 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Bayreuth, Dienstag, den 23. November 1891.

    Genau wie wenn Sie sagten: der Mensch geht durch das Leben mit Lasten und Schwingen; da Sie so viele Lasten haben, will ich Ihnen doch schnell einige von den Schwingen kürzen — so klingt es, wenn Sie, mein Freund, mir sagen: Sie sind so abgehetzt, ich schreib' Ihnen „nicht mehr“. Also, bitte, ein andermal keine solchen Eide! Abgehetzt bin ich, das ist wahr, und in Gedanken; mit pedantischer Regelmäßigkeit stellen sich wie zur pünktlichen Mahlzeit sorgliche Vorstellungen ein; z. B. gegen 10 Uhr abends erscheint Gura mit großer Feierlichkeit und frägt mich, nicht, was man mir armem Kind getan, sondern, ob er wirklich so stimmlos sei, wie ich meinte, und ob ich denn nicht selbst das Prinzip aufgestellt hätte, daß die Stimmprotzen hier nichts zu sagen hätten. Er spricht getragen und spitz, meine Antworten sind verlegen, und erst so mit dem Dunkel der Mitternacht schwindet er, um meinen Gedanken über die Pantomime von Beckmesser Platz zu machen, und ob ich wieder einen finden werde, der mich so verstünde wie Friedrichs. Wenn es nun eine Nachtpost gäbe und inmitten dieser Quälereien ein Brief von Ihnen einträfe, was meinen Sie nun, ob das nicht wohltätig wäre, da hier nur Ablenkung möglich und keine eigentliche Hilfe denkbar, vielmehr ich mich wie das Eichhorn im Käfig herumdrehe. — „Let me out“, ruft vergeblich der gefangene Vogel; ihn zerstreuen, da er nicht zu befreien ist, heißt eine Wohltat. Nein! Dieser Eid! Ich kann mir wirklich nichts Absurderes vorstellen, pardon!
    Nun aber zu Ihrem schönen Brief, der mir meine liebe Tochter so nahe führte. — Vorerst will ich Ihnen aber für die Beschreibung des Vereinsabends danken, der wirklich sehr hübsch gewesen sein muß. Wie empfinde ich Ihnen die Freude nach, an Haydn ein solches Wohlgefallen zu haben! Dieser heitere Geist, dieser feine Meister, diese sprudelnde Naivität, diese gefühlvollen Andeutungen! Indem ich an ihn denke (natürlich nicht, wenn ich ihn höre), sehe ich eine jener sonnigen Stuben eines Niederländers, wo eine behäbig gekleidete Frau gemütlich sitzt, und inmitten dieser Heiterkeit und Wohligkeit den seelische Blick die Lebensresignation andeutet.
    Wir sind ein armes, verkommenes Volk, nehmen uns entsetzlich schlecht aus, weil wir es zu keiner Kultur brachten, und wenn es richtig ist, daß das Ganze für das Genie da ist, so müssen wir zugeben, daß Deutschland eine zu große Anzahl von zu großen Geistern auf allen Gebieten in dem jüngsten Jahrhundert gehabt, als daß nicht alles übrige eben ein um so unerquicklicheres Residu ausmachte, als es mit diesen Geistern wie mit seinesgleichen umgeht. Die Geschmacklosigkeit ist wirklich bei uns horrend. Und während die schlimmen Franzosen dem „Lohengrin“ sich zuwenden, verschwinden die Werke von dem deutschen Repertoire und räumen den Platz der „Cavalleria“.
    Aber, um auf den Vereinsabend zurückzukommen, freut es mich, daß es dort so hübsch hergeht, und ich bitte Sie herzlich, sich weiter der Gutgewillten anzunehmen. — Sie taten auch sehr recht, das Österleinsche Museum meiner Tochter zu weisen. Mir ist es nicht möglich, historisch zu fühlen, wo ich fühle. Aber denjenigen, denen es gegeben ist, das Interessante zu fassen, die haben das Recht, an manchem sich zu erfreuen, was den Einseitigen verwehrt ist. — Werden Sie das verstehen, daß ich keine Porträts von Menschen mag, die ich liebe? Sehr freundlich meinte Lenbach humoristisch, er könne mich verklagen wegen Abschneiden des Brotes, da ich ihm sagte: Hätte ich den Menschen vor mir, brauchte ich kein Porträt, hatte ich ihn in mir, störte mich das Bild.
    Ihre Worte über meine Tochter waren mir aber ein liebes Bild ihres Wesens. Ich habe ein unendliches Glück mit meinen Kindern gehabt, von denen ein jedes grundverschieden von dem anderen und in seiner Weise außerordentlich begabt ist. An Daniela bemerkten Sie dieses Schillernde, Modulationsfähige, diese Schnelligkeit des Geistes und des Gemütes, diese unvergleichliche Impressionabilität und diese Teilnahme geradezu für alles Menschliche und Geistige. Sie ist wie für das Leben geboren, möchte ich kühn sagen, mit ihr gibt es keine Einförmigkeit. Grundverschieden ist ihre Schwester Gravina, welche Sie nächstens kennenlernen werden. Wenn man von Daniela sagen kann, daß die Genialität die Summe ihres Wesens ausmacht, so ist bei Blandine die Vornehmheit der Quell alles Denkens, Handelns und Redens. Ich habe bei keiner Natur dieses Prinzip so durchgeführt gesehen, und so leise und still sie ist, ist sie des Heroischsten fähig als dessen, was sich von selbst versteht; ihr Witz hat daher ein ganz eignes Gepräge, und ich weiß kaum eine so originelle Frau sans qu'il paraisse. — Am schwersten zu erkennen, weil der Natur am nächsten stehend, ist Isolde. Sie hat keine Genialität, aber Genie (was ich unter Genie verstehe). Von einer Harmlosigkeit, von der sich kein Mensch draußen auch nur einen Begriff zu machen vermöchte, kann sie durch den Einfluß der Welt nur perturbiert werden; ihr fehlt jede Schärfe, um sie zu durchschauen, sie hat nur Sinn und keine eigentlichen Gedanken, daher auch kein Vergnügen am Reden. Viele Talente und keine Freude an der Ausübung derselben. Gar kein Verständnis für Ironie und unendlich viel Humor. Wenige Menschen werden mit ihr etwas anzufangen wissen, aber die Tiere verstehen sich mit ihr, und noch heute höre ich das Lachen, womit sie mich in ihrem Kinderwagen empfing, wenn ich vom Spaziergang heimkehrte, wobei sie sich kerzengrad aufrichtete und wie eine Walküre wieherte. Man hat mir immer vorgeworfen, daß ich sie vorzog; das tat mein Vater, dem sie am ähnlichsten (auch in der verschwenderischsten Generosität) ist. Ich habe sie nur erkannt und wünschte ihr einen Mann, den sie liebte. Das wird aber schwer sein, denn sie versteht nur das Absolut-Männliche, alles andere zieht sie nicht an, und da sie gar nichts will, fürchte ich, daß mein Wunsch ein frommer bleibt. — Über Eva kann ich natürlich nichts sagen, und da Siegfried ein Mann ist, kann er Sie nicht interessieren.
    Was soll ich Ihnen nun von uns erzählen? Die Gespenster erwähnte ich schon, und im übrigen führen wir das einfachste Familienleben, wovon meine Enkelchen die Lebendigkeit sind. In Manfred ist Daniela redivivus mit einer Nuance, die sich dem Männlichen und dem Romanischen verdankt. Als Prinzip der Erziehung kenne ich nur Heiterkeit, und das führen wir miteinander durch zu unser aller Wohl. Die Entwicklung dieses Kindes fesselt mich aber sehr.
    Sonst erfreute mich ein englischer Brief, von einem sehr außergewöhnlichen Freunde Siegfrieds, und ein englischer Aufsatz in „The Meister“ über den „Tannhäuser“. Leider nannte mich Mr. Ellis, das ist das einzige, was mich empfindlich störte, aber im übrigen ist seine Sprache schön und warm.
    So ist es denn nur gerecht, da ich von England immer das Beste bekomme, wenn wir aus Dankbarkeit unsere Abende Shakespeare widmen. Richard III., wenn mir Bonn nur sagen möchte, wie man den   a u f f a ß t !   (da er in einer Szene viermal den Sinn wechselt, und da der Dichter sich erlaubte, das Genie zu haben, ihn herzlos und niederträchtig zu zeigen und dennoch unsere ganze Teilnahme zu erwecken). Und Heinrich IV., ach, wie wohl wird einem in der Größe und in der Wahrheit!
    Dann nahm ich Abschied von Friedrichs, traurig-heiteren; er lachte, wie ich seiner Gedächtnislosigkeit die meinige entgegenhielt und ihm sagte, sie sei unsere zweite Jugend und die Blüte des Alters, sozusagen die Herbstzeitlose. Da frug er sich und mich, ob er je wieder wie in Wahnfried lachen würde, was er sonst gar nicht gekannt hätte. Das ist auch ein Genie, den konnten sie nur zugrunde richten.

    M i t t w o c h   f r ü h:

    Nun könnte ich noch eine Menge sagen, über Schiller, über die Heiligkeit der Ehe (ich sehe die Ideale so leibhaftig vor mir, daß ihre Undurchführbarkeit — wie z. B. des Christentums — mich in nichts stört, auch habe ich das Glück gehabt, idealen Wesen zu begegnen, und eine Gestalt wie die von Max Piccolomini z. B. erscheint mir nicht Unrealität), allein ich hätte zur Genüge salbadert; und nun will ich nur noch Lebewohl sagen und Sie vor den Eiden warnen, die Ihnen wirklich nicht glücken. Alles Herzliche Ihrer lieben Frau, und Ihnen nochmals Dank aus ganzer Seele!

C. W.


255-257 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

30/11/91, abends, Wien. (Kurz vor der „Entführung aus dein Serail“.)

    Ein wunderbares Zeugnis Ihrer Lebenskraft, hochverehrte Meisterin, ist die Art, wie Sie es verstehen, einen zu züchtigen, wenn einer es eben verdient hat, gezüchtigt zu werden. Und diesmal haben Sie mich wirklich empfindlich gestraft, nämlich in meiner hochehrwürdigen, ehemännlichen Stellung, denn das Lachen hatte meine gute Frau; seit sechzehn Jahren kennt sie mich — nein, seit siebzehn —‚ und da kennt sie auch meine Eide, und sie weiß, daß das gemeinsame Kennzeichen aller ist, daß ich sie niemals halte; aber wenn sie das behauptete, ärgerte es mich doch und provozierte es ein recht kräftiges: „Na, diesmal wirst du sehen! Ich werde dich eines Besseren belehren!“ Aber jetzt ist es aus, fürchte ich; ich will es nur nicht allzu fest behaupten, sonst kehrt sich die Geschichte um und fängt wieder von vorne an. Ich bin eben entsetzlich   d e u t s c h,   wahrscheinlich aus Schwaben, und kann erst mit 40 Jahren hoffen, vernünftig zu werden. Und doch, ich versichere Sie, ich sehe es jetzt schon klar ein, daß es meine Bestimmung ist, immer mit dem Winde zu segeln, ohne mich im geringsten zu kümmern, wohin gesteuert wird; erst nach vollkommener Ergebenheit in dieses Gebot wird wohl das Schiff überhaupt irgendein Land erreichen.
    Ein Geständnis: ich wollte Sie bitten, mir zu erlauben, daß ich den hübschen würdigen Brief des Mr. Element Harris an meine alte Tante schicken dürfte, die, welche bei mir die Mutterstelle vertrat; und da ich vor Beschäftigung und Hetze nicht zum Schreiben kam, tat ich es, ohne Sie gefragt zu haben. Meine Tante ist von jener entsetzlichen englischen Reserviertheit, die mir selber das natürliche Mitteilungsvermögen so verkürzt hat, und außerdem enthält dieser Brief doch nichts zu Verheimlichendes, der junge Mann stellt sich nur Selbst das beste Zeugnis, unbewußt. Also, nicht wahr! Sie verzeihen. Meine gute Tante hat eigentlich nur indirekt — durch Boissier — von der Freundschaft zwischen Ihrem Hause und mir gehört; ich   k a n n   von solchen Dingen nicht sprechen, und es erscheint mir leichter und geringer, durch Montenegro und Albanien zu Pferde zu reisen oder Kants Transzendentalismus zu erklären, als de donner des explications über Sachen, die mich betreffen. Und ich bin überzeugt, daß die Worte meines jungen Landsmannes einen Bruchteil meiner eigenen Empfindungen meiner Tante viel klarer vor die Seele führen werden, als ich dies selber bei aller Anstrengung vermöchte.
    Eine Nachricht: ich habe versprochen, im neuen W.-Verein einen Vortrag zu halten, wahrscheinlich an zwei Abenden (da 40 Minuten das Maximum von Aufmerksamkeit ist, das man von P. T. Mitgliedern verlangen kann). — Mittwoch kommt auch im Akad. Verein die große Reformdiskussion endlich daran; ich verspreche mir wenig oder nichts von dieser Bewegung — in einem Brief [Richard Wagners] an Wolzogen [vom 13. März 1882 („Bayreuther Blätter“ 1882)] heißt es: „Vor allem scheuen wir uns vor jedem Behagen!“, und diese Zusammenkünfte in später Abendstunde heißen ja ausdrücklich   „g e m ü t l i c h e   Zusammenkünfte“, die Stimmung aber, in der man begeistert seine Zustimmung den stolzen Worten zurufen kann: „Wollen wir mit dieser Welt Verträge schließen? Nein! Denn selbst die demütigendsten würden uns als ausgeschlossen hinstellen...“ ist nicht eigentlich eine   g e m ü t l i c h e   zu nennen. Auch dort rechnen die gutmeinenden revolutionären Elemente auf mich als Verbündeten; natürlich bin ich auch von Herzen mit ihnen; nur wenn ich selber ins Vordertreffen soll, da fällt es mir oft gar schwer, mich selber genügend ernst zu nehmen; eigentlich ist es eine Komödie, der man nur zuschauen sollte, und nicht „père noble“ spielen.
    Ein lieblich schönes Erlebnis: neulich zum ersten Male hörten wir „Idomeneus“ von Mozart. Wohl sehr jugendlich? Aber als die Situation gegen Schluß aus der inepten Gehaltlosigkeit zu einer gewissen Schönheit sich gestaltet, da kommt auch schöne Musik. Schon im II. Akt ein süßer Chor, bei welchem man gern den Versicherungen der Sopranistin glaubt, daß „alles atme Wanne und Glick“, und dann der III. Akt. Aber dieser Text! Und dazu noch diese Übersetzung ins Deutsche! Gerade bei dem klassischen Gegenstande kann man nicht anders als viel an Gluck denken. Wie unvergleichlich großartiger und angemessener ist seine „Iphigenie“!
    1/12/91. Nun ist es doch Dezember geworden, ehe diese Zeilen an Sie abgehen, was ich gerade vermeiden wollte. — Wenigstens habe ich mich inzwischen an der „Entführung“ von Herzen ergötzen können. Sowie Mozart das Leichte, Komische, Sprudelnde berührt, da kann ich ohne Anstrengung und historische Abstraktion genießen. Wenn ich von den sentimentalen Arien absehe, die man vielleicht von einer Loge aus, aber nicht von einem harten Platz im IV. Rang ohne Armlehne goutieren kann, so war es ein Abend voll Entzücken. Das heißt, der Qualität der Aufführung zum Trotz, denn diese war schlecht, lieblos, unsinnig, Aus dem humoristisch Grotesken machen sie „grand opéra“; es ist widerlich. Aber z. B. dieses Weinlied!
    Mit Spannung sehe ich Samstag entgegen — „Don Juan“. Ein einziges Mal sah ich das Werk, ich war 8 Jahre alt, im Théâtre Lyrique in Paris. Christine Nielsson sang, und ich entsinne mich, als wäre es gestern, wie sie mein kindliches Gemüt verletzte, dadurch, daß sie in den traurigsten Szenen nicht aufhörte, nach einer gewissen Loge zu nicken und zu lächeln; auch die Ouvertüre machte mir einen Eindruck, den ich natürlich nie wieder finden werde (denn es war das eine und einzige Mal, daß ich ein Streichorchester hörte), das erste Auftreten Leporellos mit dem „nott' e giorno...“, das „batti, batti, bel Mazetto!“, und dann natürlich die Szene mit der Statue und die Ankunft derselben zum Schlusse...
    Bald schreib' ich vernünftiger. Jetzt wartet mein Mohammedaner, zwar mit muselmännischer Geduld, aber deswegen gerade nicht zu mißbrauchen.
Gedemütigt und in Ehrfurcht Ihr

Houston S. Chamberlain.


257-259 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Sonntag, 6/12/91. Wien.

Hochverehrte Meisterin!

    Einliegend der Brief von Mr. Element Harris. Ich freute mich, die auffallende Handschrift, aus der Ernst und Überzeugung und etwas Harmonisches spricht, wiederzusehen. Natürlich sagt meine Tante buchstäblich nur die vier Worte: „I return the note.“ Ach, diese Chamberlains! Denken Sie sich Menschen von der absolutesten Ehrenhaftigkeit, denen das Pflichtgefühl die unwandelbare Richtschnur durchs Leben abgibt, für die ein nie anzutastendes ebenes moralisches Gesetz das Urteil über sie selbst und über andere mit mechanischer Notwendigkeit spricht, denen die Reserviertheit als Hauptziel der Erziehung gilt, die gut und mildtätig sein können, aber immer nur mit Beherrschung des Herzens und mit der kalten Strenge gegen die Hilfsbedürftigen, welche die Vernunft gebietet (vgl. Kants „Kritik der praktischen Vernunft“), welche, die einen für Malerei, die anderen für Musik, einen ausgesprochenen Sinn haben, aber ohne je den dionysischen Rausch geahnt zu haben, der uns (nicht wahr?) zerschmettert zu Boden wirft vor der Offenbarung des Schönen und unsere leibbefreite Seele gen Himmel führt, von denen einige durchaus nicht unbegabt sind, aber nicht nur kein Fünkchen Genie selbst besitzen, welches jemals das Herz in Brand stecken könnte, sondern auch vor den Gottgesandten so stehen wie vor einer schönen Marmorstatue, ohne die magnetische Anziehung zu empfinden, von der Christus spricht und welche es vermag, daß einer Vater und Mutter und Weib verläßt, um dem Überirdischen nachzugehen, und ohne daß sie es mit Gewalt an die Brust des armen Großen wirft, um ihm (wie meine Feder es gestern schrieb) das Almosen ihrer Tränen, ihrer Liebe, ihres rein-menschlichen, einfachen Mitleidens zu spenden — ach! Gott im Himmel weiß es, es ist entsetzlich! — Ich bin ja längst, längst heraus aus diesem Banne, und jeden Tag begrüße ich den Morgen mit einem Aufatmen der freien Brust; aber, was man erlebt hat, ist ein unveräußerliches Besitztum, meine Jugendtage sind meine Eumeniden, und die Kraft, welcher es bedurfte, geistig und moralisch, um solche Ketten abzuwerfen, ohne eine einzige helfende Hand, die kann nur der ermessen, der sie selber mit frommem Gemüt einmal als gottbestimmt getragen hat, und jedenfalls kehrt sie nicht wieder.
    Aber gerade heute erfuhr ich etwas Schönes. Die einzige Schwester meiner Mutter geht seit 89 mit ihrer Tochter nach Bayreuth. In 89 sah ich sie dort; aber mich erkannte sie nicht, und ich wich ihr aus, aus Furcht vor ihrem beißenden Witz. Sie ist die einzige wirklich geistreiche Person unter meinen jetzt lebenden Verwandten und beherrscht außer der englischen auch die deutsche, französische und italienische Sprache und Literatur in hohem Grade. Sie erklärt, sie wird stets wiederkehren, jedesmal, wenn Festspiele sind, solange sie überhaupt sich noch schleppen kann; eine Witwe, die mehrere Kinder verloren hat und ihre einzige Schwester und den einzigen Bruder, hat gewiß manche Träne im Leben geweint, aber es werden mir ihre Worte zitiert — „alle Schmerzen dieses irdischen Lebens verschwinden, wenn man in den Bayreuther Tempel eintritt...“. Mir ist diese Mitteilung sehr wert; erstens zeigt es mir, daß ich wohl doch etwas im Blute als Erbstück trage, was nach Bayreuth hingehört — und gewiß hätte meine Mutter mich begriffen; zweitens ist es mir eine Bürgschaft dafür, daß mein ältester Bruder Basil, der jetzt aus Japan heimkehrt, nächstes Jahr nach Bayreuth kommen wird. Denn diese Tante ist gerade seine intimste Freundin. Es freut mich für ihn und es freut mich für mich; auch glaube ich, daß er ein nicht uninteressanter Gast in Wahnfried wäre. Er besitzt eine sehr gründliche klassische Bildung (bis zum „baccalauréat“ in Versailles und Paris, dann bei einem gelehrten Geistlichen in England), ist enorm viel gereist, spricht fast alle Sprachen von Europa, hat Arabisch, Hebräisch etc. gründlich studiert und widmete sich später ganz der japanesischen Sprache (natürlich mit Einschluß der chinesischen und koreanischen). Zu welcher Meisterschaft er es gebracht haben muß, beweist am besten der Umstand, daß er jetzt seit Jahren Professor der japanesischen Sprache an der   j a p a n e s i s c h e n   Universität in Tokio war! Und auch, daß die japanesische Regierung ihn auf etymologische, sprachwissenschaftliche Reisen sandte in die verschiedenen und einen verschiedenen Dialekt redenden Teile ihres Landes.
    Aber dies ist ja ein entsetzlicher Brief — mit meinem ganzen Familienquatsch — wenn ich Bonn wäre, würde ich einen ganz entsetzlichen Monolog rezitieren!

    In treuer Ergebenheit

Houston S. Chamberlain.


259-260 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, 8. Dezember 1891.

    Sie waren also zweimal indiskret! Ich mußte sehr lachen, mein Freund, Über die Mitteilung an Ihre Tante, weil das eigentlich in meinem Stile ist und ich in die Zeit hingehörte, wo man sich solche Briefe schickte.
    Ihre Erzählung gemahnte mich meines geliebten Steins und was dieser mir von der Umgebung seiner Jugend sagte. Genau dieselben herrlichen Tugenden, die Sie mir berichten, und dabei eine Sprödigkeit, eine Trockenheit, die geradezu tödlich auf dieses weiche Gemüt wirkten. Auch ihm fehlte die Mutter, und die ärgsten Kämpfe mußte er bestehen, als er erklärte, er wolle bei uns bleiben. Auf die ewige Frage: „Was soll aus dir werden?“ erwiderte er: „Was ich bin!“ und rief Versteinerungen damit hervor! Aber Sie haben nicht Ihre besten Kräfte in diesem Kampfe ausgegeben. Das ist einfach nicht wahr, und das andere wollen wir abwarten.
    Ich freue mich sehr auf Ihren Bruder. Freilich noch mehr auf Sie! Denken Sie, Freund, trotz allem Schlechtmachen sind die Anmeldungen von allen Weltgegenden zahlreich. Mich dünkt dies die beste Antwort, und im übrigen wollen wir unterderhand arbeiten, belehren, nicht müde werden.
    Nehmen Sie heute fürlieb mit diesem Wenigen, Schlechtgegebenen. Heute bin ich wirklich müde. Ich habe neben Festspielnöten Strauß' Bearbeitung von der Gluckschen „Iphigenie Tauris“ sehr ernst durchgenommen. An die drei Stunden täglich seit einer Woche. Wäre mein Kopf von Präokkupationen frei, so hätte mich diese Arbeit sehr angeregt. Als Zutat war es aber wohl etwas viel, und so haben Sie Nachsicht und bleiben Sie mir gut und seien Sie gegrüßt und herzlich bedankt! Wohl haben Sie recht, daß ich bedürftig bin.        C. W.


260-262 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

12. Dezember 1891. Wien.

    Absoluter Pessimismus oder Hoffnung? Die tiefste philosophische Erkenntnis — die indischen Weisen und ihr erhabener Wiedererwecker Schopenhauer — führt uns, hochverehrte Meisterin, zum absoluten, ein-für-alle-maligen Pessimismus bezüglich der ganzen Erscheinungswelt und unserer denkenden Individualität, und gleichzeitig dehnt sie nach Zertrümmerung des Leibes das Herz zum kosmosumfassenden All aus; der süße ewige Frieden, das Wissen vom Guten, die Beruhigung des nicht anders als schön sein Könnenden, das ist das Ende der Wanderung, die sie uns führt, der Thron, zu dem der enge, dornige Pfad hinaufleitet und um welchen der Chor der Engel leise flüstert: „Ruhe, ruhe, du Gott!“ Das tatsächliche, irdische Leben aber, das Leben, welches schließlich doch gelebt werden muß, welches es Torheit wäre von uns stoßen zu wollen, und zu dessen richtiger Auffassung die alten Inder uns wohl dienlicher sich erweisen werden wie Schopenhauer, dieses Leben scheint mir uns in genauer Umkehrung der philosophischen Erkenntnis entgegenzutreten. Je weiter wir schauen, desto weniger erblicken wir, und geradeso, wie es unzweifelhaft ist, daß der Raum außerhalb unserer dünnen Atmosphärschicht absolut dunkel ist und daß trotz der Millionen Sterne ewige Nacht überall herrscht außer auf den winzigen, zerstreuten Weltchen, ebenso trifft der das Menschliche klar durchdringende Blick nach jeder Seite hin nur auf absolute, unbedingte Finsternis; aber hier ebenso wie dort: das Licht, ein helles, freudiges Eintagslicht — leuchtet dort, wo es leuchten soll — im Beschränkten, Vereinzelten, in dem dem Wechsel von Tag und Nacht Unterliegenden, und auf jene Tage, „qui n'ont pas de lendemain“ (was eigentlich von allen gilt), und wer will mir beweisen, daß ich mich nicht an diesem Lichte freuen soll? Der Weise weiß ja im Gegenteil, daß dieses Vergängliche, dieses Zukunftslose gerade das Schöne, das zu Liebende am Zeitlichen ist; kein Brahmane durfte sich in die Wälder zurückziehen, bis seine Kindeskinder erwachsen waren und sich nun auch ihrerseits dem göttlichen Willen ergaben und wie die Blumen der Sonne, nun auch — aller philosophischen Erkenntnis zum Trotz — ihre Herzen der heiligen Liebe öffneten, den   A u g e n b l i c k,   das Zeitliche nicht verachtend, sondern als das preisend, was es ist: die einzige Form, in welcher der Beschränkte das Schrankenlose, der Endliche das Ewige unmittelbar zu fassen vermag (ach, die schönen Tage! die goldene Zeit, wo der keusche, buddhistische Kram noch nicht aufgetaucht war!). Und so meine ich, daß diese gewissermaßen doppelte Einsicht — auf der einen Seite die philosophische Erkenntnis in ihrer ganzen Unerbittlichkeit, auf der anderen die jubelnde Dankbarkeit für jeden gespendeten Sonnenstrahl —‚ daß diese Einsicht uns zur Anerkennung der Berechtigung des   H o f f e n s   hinführt. Sie lehrt uns aber, daß in den Dingen dieser Welt wir niemals auf morgen, sondern immer nur auf heute hoffen dürfen; „morgen“ gibt es nicht, „morgen“ ist eine Abstraktion, die in der Welt des unmittelbar Gegebenen nichts zu suchen hat. Einem wahrhaft Weisen müssen, glaube ich, die Hoffnungen immerfort in Erfüllung gehen, denn das Befriedigende liegt ja beständig unmittelbar vor uns, die ausgestreckte Hand erfaßt es, und wenn es so selten erfaßt wird, so dürfte das in dem Umstande begründet liegen, daß (o wunderbare, herrliche Natur!) es wohl eines ebenso klaren, ungetrübten Blickes bedarf, um das Schöne in dem Augenblick zu erfassen, wie um das Wahre in dem Zeitlosen zu erkennen.
    Hans Sachs liebte Eva zärtlich; sein Schicksal wollte, daß gerade er sie einem anderen in die Arme führte; und in diesem Augenblick sagt er:

„Die Hoffnung lass' ich mir nicht mindern,
Nichts stieß sie noch übern Haufen.“

Und so, meine ich, wollen wir auch hoffen.
    Betreffs der Diskretion, so möchte ich Ihnen sagen, daß Sie stets mit dem, was ich Ihnen schreibe, machen können, ganz und gar, was Sie wollen. Es gehört Ihnen, nicht mir. Wenn ich Ihnen gebe, was ich Ihnen geben kann — Worte —‚ so fällt es mir nicht ein, diese kleine Gabe durch Bedingungen zu schmälern und einzuengen.
    Vor einiger Zeit schlossen Sie sich Boissiers Anregung zu einem „Buche“ an; daß Sie es taten, beschäftigte meine Gedanken. Wie wäre es, wenn ich eine   k l e i n e   Schrift verfaßte, von durchsichtiger Klarheit und strenger Einfachheit, welche etwa dem Titel „Initiation Wagnérienne“ entspräche? Meine Frau lacht mich aus, daß ich erst einen Titel finden und später die Schrift verfassen will; aber gewiß begreifen Sie mich gut. Nicht ausschließlich Faulheit macht, daß ich nicht wackerer und eingreifender die Feder führe, sondern die Unfähigkeit, ein einziges Wort zu finden, wenn ich nicht weiß,   a n   w e n   ich mich wende; meine Seele kommt nur in Tätigkeit, wenn sie der unmittelbaren Berührung mit einer zweiten sich bewußt ist Und bei einer für „die lieblose Allgemeinheit“ bestimmten Schrift denke ich mir, daß ein sehr scharf charakterisierender Titel zunächst den Vorteil hat, aus dieser Allgemeinheit ein ganz bestimmtes Stück herauszuschneiden, wobei einem zuletzt ein deutliches, greifbares Bild des idealen „interlocuteur's“ entstehen könnte. Zu einem tatsächlichen Einzelnen zu reden, hätte vielleicht den Nachteil einer zu großen Beschränkung, währenddessen das „ideale Schaf“, das man auf diese Art selbst erschüfe, wenn es auch alle verschiedenen Borniertheiten besäße, so doch auch mit sehr mannigfaltigen Fähigkeiten versehen werden könnte, so daß ganz gut mit ihm sich reden ließe. Nicht wahr?
    Aber die Titelfrage hat ihre Dienste schon geleistet; vorläufig dient „Was ist Bayreuth?“ Dagegen sehe ich die Schrift selbst in den allgemeinen Linien sehr deutlich:

I.
vie
II.
oeuvres théâtrales
III.
esthétique
IV.
politique
V.
religion
VI.
régénération

Résumé des chapitres I-VI
VII.
le dilemme
VIII.
la signification de Bayreuth
IX.
la situation actuelle de Bayreuth.

Alles   s o   k u r z   wie möglich; nur auf das eine loszielend, so daß es eine Broschüre oder nur ein ganz dünnes Buch wird.
    Aus ganzem Herzen grüßt Ihr in Ehrfurcht ergebener

Houston S. Chamberlain.


263 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Dienstag Abend, 22/12/91, Wien.

    Liebes geehrtes Fräulein [Eva Wagner] — Eine Art von Märchen „me trottina dans la tête ces jours-ci“. Gestern schrieb ich es auf [„Parsifals Christbescherung“, „B. Blätter“ 1892, in Buchform München 1900]. Ich tat es mit der bestimmten Absicht, es dem kleinen Manfred Gravina zu widmen, also, für kleine Kinder zu schreiben. Unbemerkt stellte ich aber immer größere Anforderungen an meinen Leser, so daß es wohl jetzt am ehesten als „Märchen für Backfische“ bezeichnet werden könnte, und dieses Tier kommt meines Wissens in der Wahnfrieder Zoologie nicht vor. Was nun machen? Ich dachte, abschicken will ich es doch, damit ich zu Weihnachten bei Ihnen vertreten bin — aber ich schicke es an   S i e,   weil ich vertraue: 1) in Ihre herzliche Güte, 2) in die ziemlich schonungslose Schärfe Ihrer Kritik. Bitte werfen Sie einen Blick in das Zeug; glauben Sie, daß mein Märchen irgend jemandem bei Ihnen Vergnügen macht, so verehren Sie es ihm bitte in meinem Namen; und sonst verehren Sie es dem monumentalen, hochgepriesenen und mir sehr sympathischen, bewußten Rachen... Übrigens, eine Idee: wir könnten mein Märchen taufen: „Christbescherung für den Wahnfrieder Papierkorb.“ Also, richtig, nun sind Sie böse! Das war die Stimmung, die ich mir wünschte für den kritischen Blick! Und ich eile, Abschied zu nehmen. Vorerst nur noch die wärmsten Grüße an Sie alle zu den Feiertagen, von meiner Frau und Ihrem in treuer Freundschaft ergebenen

Houston S. Chamberlain.


263-264 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 25. Dezember 1891.

    Meine ersten Zeilen an diesem Tage und nach dem Feste gehen an Sie, Freund! Ihr Märchen hat mich so gerührt, daß ich es Ihnen in Worten sagen will, da das Bild, welches Ihnen mein Gedenken aussprechen sollte, durch den Binder übel geklebt wurde und nachkommen muß. Nun kann ich aber keine Worte für meine Stimmung finden, und die Tage, wie wir sie jetzt haben, müssen erst vorüber sein, bis ich wieder auf meine und Ihre Weise mich geben kann.
    Was werden Sie aber dazu sagen, wenn ich um das Märchen für die „Blätter“ bitte? Ich denke immer, daß es bei den armen Unseren einige Gemüter gibt, die dessen wert sind, und die Erzählung rein als Erzählung ist so schön, daß ich sie gern als Muster dieser Art hingestellt wüßte.
    Daß Sie Eindrücke erhielten, die Sie empörten, tat mir sehr leid. Es ist eine häßliche Welt! Lassen Sie mich bei Parsifals Roß verbleiben, das so schön von der Erlösung spricht, wie Xanthos von dem Tode. Wir müssen dem lieben Tier noch einen Namen geben, daß es neben Falada, Bayard und Xanthos bei uns ganz heimisch gerufen werde. Grane nicht zu vergessen. Wählen Sie ein Pseudonym für Ihr Märchen, und danach nennen wir dann das Pferd. Freund, es war mir wohl bei dieser Einfachheit, Tiefe und Anschaulichkeit. Ich weiß niemanden, der jetzt so deutsch schreibt.
    Ich erhielt von einem Freund Abbildungen von Statuen des Naumburger Domes; lauter Fürsten und Fürstinnen des XIII. Jahrhunderts, eigentlich meine „Tannhäuser“-Gesellschaft; diese Prachtwesen an Ernst und Kindlichkeit könnten so sprechen wie Ihre Märchen.
    Wir hatten Weihnachten mit Knecht Ruprecht, Christkindchen, einen schönen Choral von Luther, und dann alles, was zur Kindheit gehört, Laterna magica, Kasperl, einen grünen brasilianischen Papagei, dazu einen Sizilianischen Marquis, von Gravina mitgebracht und derart Anarchist, daß ich ihm jetzt das Kunstwerk der Zukunft italienisch verschaffen will. Strauß, der Kunstrevolutionär, war auch gekommen, und so war unser Abend wirklich sehr seltsam und traulich. Mottl hat mir Lieder geschickt, die wurden zum besten gegeben, und heute früh sagten mir Manfred und Mariechen ein Weihnachtsspiel von Wolzogen, welches sie mit der größten Feierlichkeit an meinem Bett vortrugen, nebenbei aber ganz leise, ja flüsternd eine Zankszene aufführten, indem Marie, die sich mit Text zu wenig bedacht fand, soufflierte, Manfred aber sie pp. schimpfte, „er wisse alles, sie sei nur neidisch“. Ich glaube, wenn man dies als Aufgabe den größten Schauspielern der Welt gäbe, sie würden diesen doppelten Kontrapunkt nicht leisten können.
    Jetzt tritt die Familie in ihre Rechte, ich war nur ein halb Stündchen mit Eva allein, das Abbrechen ist nötig. Seien Sie in herzlichsten Dankbarkeit innigst gegrüßt!    C. W.

    Was sagen Sie dazu, daß Clement Harris Siegfried aufgefordert hat, nach Japan zu fahren, und daß das vermutlich geschieht? Und zwar im Januar.


265-267 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

27. Dezember 1891. Wien.

    Ich danke Ihnen, hochverehrte Meisterin, für Ihre Worte vom 25ten. Mein Märchen gefällt Ihnen; dann bitte ich Sie, es als Geschenk anzunehmen und nach Belieben darüber zu verfügen, Ich habe buchstäblich gar keine Ahnung von dem Wert oder Unwert, überhaupt von den Eigenschaften einer Sache, die ich selber mache. Zunächst ist es auch gewiß einem jeden Autor schwer, das Gefühl la montagne a accouché d'un souris zu überwinden. Wieviel Freude erlebe ich bei so was wie bei dieser Kleinigkeit, während ich durch die vollen Gassen laufe oder auf dem Ringkorso die zur „Heirat“ angebotenen „Töchter“ mit mehr oder weniger abwesendem Auge mir anschaue und mit einem ergänzenden Blick auf die radschlagenden Offiziere das zukünftige Menschengeschlecht mir vorzaubere — da lachte ich laut auf oder fühlte wiederum, wie das tiefbewegte Herz mir den Hals zuschnürte; nun fällt mir ein, du solltest das eigentlich aufschreiben und als Weihnachtsgruß nach Wahnfried schicken, und da geht eine Qual los, die zum Teil in der Verwöhnung liegen mag, daß ich gewohnt bin, meine Einfälle   n i c h t   aufzuschreiben, und die eigentlich nur das Liebevolle der Absicht aufzuwiegen imstande ist. Gewiß, ich sehe es ein; der Sache ein-für-allemalige Gestalt zu geben, hat etwas Befriedigendes, und namentlich schön ist es, zu einer befreundeten Seele durch ein Bild sprechen zu können, dieses ist   w i r k l i c h   M i t t e i l u n g.   Aber die Beschränktheit des Intellekts der Erfindung gegenüber, der Worte dem Geschauten, ist „exasperating“. Und die vielen Einfälle, die verlorengehen! Die Sachen, die man nicht mehr unterbringen konnte! An die man bei der langweiligen Aufschreiberei vergaß! usw. — Die Sachen, die einem das Herz im Leibe herumdrehten und die nun einen ganz kalt anstarren... Man müßte, glaube ich, nicht aus dem Herzen heraus geschaffen haben, um das Eigene mit demselben Blick wie ein Fremdes anschauen zu können, Ich kann es jedenfalls nicht; und hätten Sie mir geschrieben: „Freund, Ihr Märchen ist ein entsetzlich konfuser Brei, das weder alt noch jung interessiert“ — ich hätte Ihr Urteil akzeptiert, mit Dank für die von wahrer Freundschaft zeugenden Aufrichtigkeit. — Zu meinem Bleistift-Original steht eine halbe Zeile leer, um dem guten Roß einen eignen Namen zu geben! Ich suchte in Wolframs „Parzifal“ und fand keinen. Ob meine Phantasie zur Erfindung eines Namens genügt, bezweifle ich sehr. Dagegen muß ich Ihnen sagen, daß mein Pferd — wenn die Behauptung nicht zu gewagt erscheint — nach der Natur gezeichnet ist! Es schwebte mir das gute, liebe, treue Tier vor, das mich während eines großen Teiles dieses Sommers [in Bosnien] trug. Nach dem Urteil von Kennern hatte dieses bescheidene Roß entschieden echt arabisches Blut in den Adern und war infolgedessen sehr intelligent und von tiefem Gemüt. Später bekam ich weit bessere Reitpferde, aber bez. des Gemütes konnte sich keines mit meinem   A l l a t   messen. Ja! Allat wurde er gerufen. Ich dachte daran, ihn so zu nennen. Nur muß ich Ihnen sagen, daß Allat ein slawisches Wort ist und einfach eine Art Fuchs (Pferd) bedeutet, mit besonders goldiger Mähne. Das Wort ist hübsch; es paßt eigentlich auch zu einer Gegend, die man sich zum Teile als „dem arabischen Spanien zugewandt“ vorstellen darf; aber wenn ein Germanist der „B. Bl.“ dann käme und wiese diesen slawischen Ursprung nach?! Das kleinste Mäuseloch wäre noch zu groß für mich. — Das Märchen würden Sie wohl doch erst Weihnachten 92 veröffentlichen, nicht wahr? Indessen finden wir etwas. Und doch, es würde mich freuen, wenn er Allat heißen dürfte.
    Ich schicke Ihnen Bücher für Ihren Sohn Siegfried — von meinem Bruder Basil. „Things Japanese“ soll wirklich sehr erschöpfend sein und jedenfalls das Gründlichste, was es über den Gegenstand gibt.
    In treuer Verehrung Ihr

Houston S. Chamberlain.

    Ihre reizende Kinder-Schauspielgeschichte erinnerte mich an eine, die in meiner Familie sprichwörtlich blieb: ich spielte leidenschaftlich gern Theater als Kind, wenn ich nur andere dazukriegen konnte, aber nur Improvisiertes, wobei ich den anderen angab, was sie ungefähr zu tun und zu sagen hätten. Eines Sonntag nachmittags war es mir gelungen, auch eines   M ä d c h e n s   habhaft zu werden (bei uns eine Seltenheit, weil wir nur Jungens im Hause waren); dem sehr hübschen Kinde wurden die Haare aufgemacht, und unter anderem sollte es mir als Jungfrau von Orleans dienen — ich der König. Zuschauer waren gewöhnlich meine stocktaube Großmutter und eine fast ebenso taube Tante. Als sie nun bei der Krönungsszene mir die Krone überreichen sollte, kniete sie zwar an den Stufen des Thrones, aber konnte vor Verwirrung und Schüchternheit nichts sagen. Ganz leise flüsterte ich ihr zu: „Dis donc ce que je t'ai dit“, dann sage ich ihr einiges vor, noch immer bringt sie kein Wort über die Lippen. Zuletzt brülle ich sie an: „Parle!   s p e a k,   you fool!“ Und wutentbrannt reiße ich ihr die Krone aus der Hand, setze sie mir höchst eigenhändig auf das Haupt und verlasse majestätisch das Zimmer mit der flatternden roten Tischdecke um die Schultern und mit einem so verachtungsvollen Blick auf die Jungfrau, daß diese in Tränen aufgelöst nach Hause gebracht werden mußte!


267 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 29. Dezember 1891.

    Allat ist Allat, und Chamberlain ist sein Prophet. Wir bleiben bei Allat und kümmern uns nix um die Germanisten. Um so weniger, als alle Namen im „Parsifal“ ungermanisch sind.
    „Wie ist der Onkel Chamberlain?“ frägt plötzlich heute bei Tisch meine Enkelin, von welcher ich nicht wußte, daß sie eine Ahnung von Ihnen hätte, und ihrer Bonne hatte sie gestern gesagt: „Jetzt stört man Großmama nicht, sie ist bei Chamberlain.“
    Heute haben wir Silvester-Theater entworfen, der Sozialismus des sizilianischen Marquis gibt den Hauptstoff. Dabei haben wir uns vor lauter Vergnügen gezankt! Wie, wenn dem Esel zu wohl wird, er aufs Eis tanzen geht.
    Ich habe aber auch etwas für Sie entworfen, wovon nächstens. Sie werden auch mit verschüttet, da hilft nichts. Warum sind Sie Anno 88 zu Kietz in den Garten gekommen und haben mir gesagt, Sie seien kein Wagnerianer, sondern Bayreuthianer? Das ist also Ihre Schuld.
    Vielen Dank für Japan!
    Nun weiß ich doch auch, warum Sie die „Jungfrau von Orleans“ so hassen, und daß Sie die Ära der sich selbst krönenden Fürsten eröffnet haben!
    Ich verstehe sehr gut, daß Ihnen zuerst ein Titel einfällt; das ist wie der erste Bote der unbewußten Gestaltung, genau wie, daß Sie das Bedürfnis haben, sich an jemanden zu wenden, wenn Sie etwas schreiben. Bismarck schilderte das einmal sehr drollig, wie inmitten des Reichstages plötzlich ihm eine Physiognomie auffiel, und er Lust verspüre, dieser zu sagen: „Haben Sie etwas gegen mich?“ „Initiation Wagnérienne“ wäre sehr gut, und Ihre neun Kapitel vorzüglich! Ich glaube, daß es auch sehr an der Zeit ist, und den Kosmopoliten sehr wohl tun wird.
    Und nun guten Abend! Und alles Herzlichste dazu, und daß ich Allat von ganzem Herzen gut bin.    C. W.



268 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Aus dem Jahre 1892


25/1/92. Wien.

    Was meinen Sie, hochverehrte Meisterin, ohne Eide scheint es ja noch viel besser als mit zu gehen, bezüglich der Korrespondenz bin ich bald „gar so vernünftig“ wie der „arme Peter“ geworden, nicht wahr? Aber die stillen Vulkane sind wie die stillen Wasser — sie täuschen; und wenn ich bedenke, daß ich Ihnen nächstens etwas zu schicken haben werde, was ungefähr 70 Seiten Druck im Format den „Gesammelten Schriften“ große Ausgabe ausmachen wird, ja, da werde ich wieder bescheiden. — Von meinem sogenannten Buche fing ich natürlich Sämtliche Kapitel zugleich an — anders ging es nicht; nun empfand ich aber das Bedürfnis, ein Kapitel zur Ausarbeitung vorzunehmen, einerseits um volle Klarheit über meine eigene Absicht zu gewinnen, namentlich aber, um das Bedürfnis, mich darüber mit Ihnen unterhalten zu können, zu befriedigen. Und dieses Bedürfnis nimmt natürlich zu, namentlich wo — nachdem ich mit größter Bestimmtheit mein Ziel ins Auge gefaßt hatte — ich jetzt so lange unter Wasser schwimme, ohne Luft geschöpft zu haben. Ein ganz dummer Instinkt hat mich, wie ich glaube, richtig geleitet, indem ich — bloß, weil ich es als das Schwerste erkannte — das Kapitel über die Werke mir vornahm. Den letzten der vier Teile begann ich heute. Der erste behandelt die   E i n h e i t   des dramatischen Strebens; der zweite untersucht die Natur der endlich erlangten, bewußten   E i n s i c h t   in das Wesen des von Anfang an erstrebten Kunstwerkes; den dritte betrachtet   d i e   W e r k e   d e r   e r s t e n   P e r i o d e   vom Standpunkte der bewußten Einsicht in das unbewußt Erstrebte; der vierte betrachtet   d i e   W e r k e   d e r   z w e i t e n   P e r i o d e   von ebendiesem selben Standpunkte aus. Ein fünfter Teil sollte die Frage nach Philosophie und Religion im Kunstwerke behandeln; ich glaube ihn aber in ein anderes Kapitel verweisen zu können; das Wesentlichste daran ist übrigens schon geschrieben; es wäre aber schön, wenn man die Kunst Kunst könnte sein lassen, zunächst. — Wie Sie sehen, ich gehöre augenblicklich zu den hommes à idée fixe, une vraie scie... Und diese intensive Beschäftigung mit der hehrsten Kunst dieser Welt regt zu so vielem an, daß... aber Fra Angelicos zum Schweigen gemahnender Mönch ist sehr unzufrieden und winkt gebieterisch!
    In ehrfurchtsvoller Freundschaft Ihr

Houston S. Chamberlain.


269-270 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

10/2/92. Wien.

    Jetzt, hochverehrte Meisterin, da ich Schriftsteller geworden bin, bin ich gänzlich verdummt. Eine Art stille Verachtung für mich selbst erfüllt mich; aber davon kann ich Ihnen doch nichts erzählen. Und daß ich fast alle Tage — ja auch noch heute — Briefe über mein Märchen bekommen habe, es macht mir Vergnügen und ist mir gleichzeitig langweilig. Daß einer den allerletzten Satz besonders bewunderte „Bald darauf, um Ostern, kam er auch in der Gralsburg an“, das gab die lustige Note, die es einem ermöglicht, so weiter zu existieren. Es soll nämlich etwas sehr Tiefes hierin liegen — Ostern, das Fest des Frühjahrs, der aufkeimenden Natur, Weihnachten, den Schlaf (deswegen träumte Parsifal, sein Aufwachen war eben Ostern) — Ich habe keine Sterbenssilbe verstanden.
    Aus der lustigen Chronik meines sehr beschränkten Lebenskreises gäbe es allerdings Verschiedenes, was Ihnen vielleicht Spaß machen könnte, z. B.   M a s s e n e t   i n   O e s t e r l e i n s   M u s e u m : — M. weilt in Wien zur Einstudierung seiner neuen Oper „Werther“ (Goethes „
Werther“ französiert und dazu noch Massenetsche Musik; wenn das nicht ein Vomitiv wird!), einer Einladung Oesterleins leistete er gestern abend Folge; Oe. hatte mich gebeten, als Dolmetscher zu erscheinen, er hatte aber selber einen mitgebracht in der Gestalt eines keiner Beschreibung bedürftigen Theaterherrn. Ich mußte öfters an die Aufführung Ihrer Enkelchen an Ihrem Bette denken, Der kurzsichtige Massenet beugt sich über einen Schau kasten, das Augenglas in der Hand, die Nase auf der Scheibe, sieht natürlich gar nichts: „Oh! que c'est curieux! que c'est intéressant! ah! c'est une merveille!“; rechts redet der bis zur Atemlosigkeit aufgeregte Oesterlein (den ich noch rechtzeitig hatte verhindern können, sich weiße Handschuhe anzuziehen) in der ihm eigenen Weise, einen Satz in einen anderen eingeklammert, der wiederum selber nur die Klammer eines anderen ist, Massenet versteht kein Wort deutsch; links der Theateragent, der sich einzig für die Namen ihm bekannter Sänger und Sängerinnen interessiert — „ach! die war in Königsberg — ja, sie hat den Tenor in Hamburg geheiratet...“ —; und während nun Massenet mit überströmender Liebenswürdigkeit zu dem weiterredenden Oesterlein hinaufschaut: „Ah Monsieur! que je suis heureux d'être venu ici! c'est un pèlerinage! c'est une merveille!“ — stößt er mit der linken Hand dem Theatermenschen in die Rippen und wirft ihm zwischen den Zähnen flüsternd zu: „Allons nous en! allons nous en donc!“ — Es lief aber dennoch alles befriedigend ab; wir unterhielten uns sogar noch ganz gut in Oesterleins Privatwohnung; und M. war offenbar ganz perplex, was er aus mir machen solle, ich meine — où me caser.
    Jedoch dies wird schon hinreichen, um meine Handschrift Ihnen in freundliche Erinnerung zurückzurufen!
    In ergebenster Freundschaft Ihn

Houston S. Chamberlain.


270-271 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Wien, 19/2/92.

    [Voransteht aus Chamberlains „Das Drama Richard Wagners“, S. 96/97, die Zusammenfassung von 1 bis 9.]
    Soeben, hochverehrte Meisterin, schrieb ich obige Zeilen, welche meine „Meistersinger“-Betrachtnngen abschließen [das Buch erschien im Mai 1892] und dem „idealen Schaf“ zu klarerer Einsicht verhelfen sollen. — Da ich Ihnen nun das Ganze entweder gar nicht oder erst im Herbst mitteilen werde, so konnte ich den Versuchung nicht widerstehen, Ihnen diese eine Seite zu schicken; sehr interessant ist sie nicht, aber wenigstens ein Zusammenhängendes; und die Tinte noch naß. Ich komme doch langsam vorwärts; erstens kann ich nicht mehr als eine gewisse Menge Gedanken täglich verarbeiten, und namentlich das Herauswählen des Nötigsten ist anstrengend und verlangt viele Überlegung; zweitens gibt es doch viele Störung von außen — mich reißt immer das Geringste rettungslos heraus; drittens habe ich den Kopf so voller Dinge im Jahre des Heils 92, daß ich sie nicht ganz und gar von mir weisen kann. Etwas sehr Kühnes, vielleicht Verwegenes habe ich zur Hälfte fertig; meine Frau weinte neulich, als ich ihr das Fragment vorlas; ich selber weiß nicht recht, soll ich weinen oder lachen; jedenfalls verschafft es mir schöne Tage, und ist es fertig, so soll es einzig   I h r e r   Hand anvertraut werden. Gedacht ist es gewissermaßen als Sühne für Mascagnis „Cavalleria rusticana“! — Ein Ostermärchen mit Allat ist auch „dans les limbes de ma pensée“; ich kann mich nicht entschließen, es zu schreiben, weil es so rührend ist — Allat stirbt nämlich, als die Gralsburg von weitem sichtbar wird! Warum? Was symbolisiert es? Wie steht es mit der „aufwachenden Natur“ — Weihnachten — Ostern? — Ich weiß es nicht; jedenfalls aber stirbt er. — Und eine lustige Erzählung schrieb ich bisher nicht, weil ich aus der Bewunderung des Titels gar nicht mich losreißen kann: „Herrn Hinkebeins Schädel“ [erschien 1921]. Ich muß immer so herzlich darüber lachen, daß ich glaube, es ist nicht nötig, daß ich erst die Erzählung schreibe; der Titel wird alles sagen.
    Coquelin ist hier. Ich habe gestern geweint vor Lachen, Er ist geradezu unglaublich als Mascarille in „Les précieuses Ridicules“ — eine so hinreißende, wirbelwindartige Wirkung des Grotesken hatte ich nie erlebt. Und wie groß ist Molière! Ich gestehe, daß dieser so einfach dichtende Dramatiker meinem Herzen sehr nahe steht. Wenn man über französisches Theater spricht, so sollte man doch immer ihn zuerst im Sinne haben; die Tragédie kommt 1000 Meilen hinterhergehinkt auf ihren sechs Füßen. Wo steht in den Schriften etwas wirklich Eingehendes über Molière — wenn auch nur ein einziger Blick, der, wie für manchen anderen, bis auf den Grund Licht ausstrahlte? Soviel mir bekannt, nirgends. Denn in „Über die Bestimmung der Oper“ dient nur Molière einer Ausführung, nicht die Ausführung dem Molière.
    In Ehrfurcht und Freundschaft Ihr          H. S. C.


271-272 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Wahnfried, den 20. Februar 1892.

    Ich will Ihnen nur sagen, Freund, daß Ihr Fragment mir sehr gefallen hat, daß ich bestimmt auf das Ostermärchen warte und im voraus über „Hinkebeins Schädel“ lache. Ich will heute abend mit Eva die „Précieuses“ wieder lesen. Das hätte ich gern gesehen.
    In Dresden, wo ich mit Eva 4 Tage zubrachte und mir durchaus einbildete, Sie müßten da sein, sah ich niemanden außer Dr. Jenkins und einen Augenarzt, der nun bestimmte, ich solle im April auf 4 Wochen dorthin. Sie steIlen sich mein Vergnügen hierüber vor! Aber wen ich in Dresden sah? Das ist Rembrandt, und sehe ihn noch vor mir, das ganze Wesen des Genies, dem Schluchzen und dem ungeheuersten Lachen nahe, beides wie im Ausbrechen auf diesem Antlitz. — Dann war uns Mozart nahe, und wenn schon nur im „Titus“, so war es doch genug, um einmal wieder Adel und Anmut vorbeischweben gefühlt zu haben.
    Siegfried telegraphierte von der Alhambra.
    Über Molière [„Richard Wagners Ges. Schr. und Dichtungen“] Band III, S. 136; Band VIII, S. 196; Band IX, S. 171, 172, 182. Sie werden sehen, es stimmt mit Ihnen überein. Freilich steht das spanische Lustspiel und Kleist, ja, „Wallensteins Lager“ weit höher. Shakespeare immer hors de concours.

    Herzliche Grüße Ihrer lieben Frau und Ihnen!    C. W.


272-274 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

2. März 1892. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Dieser Tage wollte ich Ihnen schreiben, hochverehrte Meisterin, wagte es aber nicht. Sie haben vielleicht gelesen, daß es außergewöhnliche magnetische Strömungen in der Welt gegeben hat? Diese waren es vermutlich, die in mir die Stimmung einer halbertrunkenen Katze, an deren Schwanzende man noch einen Kessel angebunden hat, verursachten; der Mensch übersetzt sich das aber gleich in andere Vorstellungen, und da war ich derart deprimiert und grimmig und boshaft aufgelegt, daß ich entweder Sie betrübt hätte, oder — trotz aller Ehrfurcht — es verstanden hätte, Sie zu irritieren und ärgern. Und da mir doch noch eine Spur von Anstand geblieben war, schwieg ich.
    Weder durch Stimmung noch durch damit zusammenhängende Herzschwäche ließ ich mich aber in meiner Arbeit stören, und diese hat mich auch wieder ans Licht geführt. „Parsifal“ ist fertig, und ich hoffe, morgen die allgemeine Schlußbetrachtung zu Ende zu führen, und somit auch endlich das Kapitel: Die Kunstwerke. Ich begann es am 11. Januar und habe ohne Unterbrechung daran gearbeitet, oft 5—6 Stunden, auch mehr am Tage. Nächste Woche werde ich dann das Ganze revidieren und mich entschließen, ob ich das Buch weiterschreibe oder meiner Lieblingsmarotte folge und es so, wie es ist, zu den „oeuvres posthumes“ lege. — Cela me ressemble à rien, das ist sicher! Von einer Einseitigkeit à toute épreuve! — Ursprünglich geplant „für alle“, erklärte meine Frau neulich: „Eigentlich ist es für keinen“, und ich Ton bin erst heute darauf gekommen, daß es „für einen“ ist, nämlich für mich selber. Was ich während dieser Wochen genossen habe, läßt sich in Worten nicht sagen; es war epikureische Schwelgerei. Und da ich in meiner Schwärmerei — überhaupt in meiner Empfindungsart — sehr blondgermanisch bin, alles unbegrenzt, formlos, neblig — im Gedanken aber, wenn ich nur mich zwinge, si je m'astreins à rechercher l'exactitude, la précision, dann sehr klar — ja, bis zur Oberflächlichkeit —‚ so habe ich ungeheuer viel in dieser Zeit gelernt; es ist mir, als wäre ich umgewandelt, und es ist mir vorgekommen, daß ich mich im Spiegel ansah, um mich zu überzeugen, ob ich noch dasselbe Gesicht habe. Mir ist, als ob ich jetzt eine Adlernase verdiente, oder wenigstens eine so weit gebogene und stolze, wie es sich mit meinem bescheidenen Grad von Christentum verträgt.
    Ja! das ist ganz gut — spaßen, aber einmal muß ich doch meinen Mut zusammennehmen und Ihnen etwas mitteilen, was mir ebenso peinlich Ihnen gegenüber wie mir selber gegenüber auszusprechen fällt.
    Sie müssen wissen, daß ich im vorigen Monat etwas geschrieben habe, und daß ich es Ihnen mitteilen will — ach, kurz ist es, sehr kurz! Und dieses Etwas — noch eine Skizze — ist gedacht, erfunden, gefühlt — als ein Ding, was nur durch Musik ins Leben treten könnte. Zur „Cavalleria rusticana“ steht es, wie ich mir einbilde, in einem gewissen Verhältnis; wenigstens ist es ein Einakter, hat es Chöre, wird darin gestorben, und macht es gar keine Ansprüche auf prächtige Inszenierung. — Da ich ja keine Musik schreiben kann, so hat die Sache weiter nichts auf sich. Nur habe ich so in dem schönen Traum gelebt — ich hatte so selige Stunden der Entrücktheit, daß ich eine unwiderstehliche Sehnsucht hatte, Ihnen — natürlich bloß Ihnen, Meisterin — das Gedicht mitzuteilen, d. h. die Prosaskizze. Folgende Erfahrung hat mich aber ganz irregemacht: unter lautem Schluchzen und kaum fähig, meinen Bleistift zu halten, habe ich dieses und jenes geschrieben oder wiedergelesen — und wiederum, ich nahm es zur Hand, und es war   n i c h t s,   gar nichts daran, alles kalt, trocken, ohne Bedeutung. Vielleicht hängt das aber mit der Musik zusammen? Denn ich fühlte immer Mut und hörte sie (aber eben germanisch, neblig), wenn es mir gefiel; und wenn nicht, da war die Musik auch fort. Und das gibt mir den Mut, Ihnen die Skizze doch zu schicken. Haben Sie Gefallen daran, so ist es ja nur die Musik, nicht meine arme Poeterei; gefällt es Ihnen nicht, so werde ich behaupten können, Sie hätten die rechte Musik nicht gehört! — Also, nächstens trifft es ein. — Ich hatte daran gedacht, bei der Abschrift die großen musikalischen Perioden äußerlich sichtbar zu machen; werde es aber nicht tun; sie ergeben sich für jede musikalische Seele von selbst.
    Und nun, noch einen Schrecken! — Ich bitte, haben Sie mit mir armem Barbaren Erbarmen — es gibt keine Kunigunden und Huniberte und Wolfriche usw. — sondern es behandelt den

Tod der Antigone!

Nun, Ihren Schrecken kann ich mir vorstellen — aber ich freue mich doch, daß ich es herausbrachte, endlich!
    Indessen, in Ehrfurcht und ergebener Freundschaft Ihr

Houston S. Chamberlain.

    PS. Haben Sie die Neugier gehabt, meinen kleinen Beitrag zu den „Tannhäuser“-Nachklängen [„Bayreuther Blätter“ 1892] sich in deutscher Gestalt anzusehen? (Wie ich übrigens dazukomme, „Nachklänge“ zu empfinden, weiß ich nicht?) — Ich war zuerst über die grauenhafte Übersetzung, die meinen Sinn oft ganz verstümmelt, wütend — hatte ich doch mich angeboten, die Arbeit Selbst zu besorgen —‚ aber den Ärger löste sich in Lachen auf, als ich meine „orgues de Barbarie“ als „barbarische Leierkasten“ wiederfand. Für diesen Witz verzeihe ich alles übrige. (Ich, der ich außerdem Leierkasten — aus der gehörigen Entfernung — so zärtlich liebe; fast die einzige Musik, die mich tatsächlich zu Tränen rührt — dazu das Schöne, daß die heilige Musik wie ein frommer Mönch hier betteln geht und von den Ärmsten freudig aufgenommen wird...) Am Ende wird mein „barbarischer Leierkasten“ aber am meisten von allem Gesagten gefallen!


274-275 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Wahnfried, den 5. März 92. Abends.

    Ich habe Ihnen manches zu sagen, mein Freund, und möchte es sogleich tun, weil ich in den nächsten Tagen wieder Wahnfried verlassen muß (von Donnerstag, den 10. an: München, Arcisstraße 10, bei Frau Fiedler). —
    Das erste, wie betrübt ich war zu hören, daß Sie sich nicht wohl empfanden (den übelgelaunten Brief hätten Sie aber immerhin schreiben können, wenn es Ihnen danach zumute war; ich hatte mir schon alles zurechtgelegt); dann, muß ich Ihnen sagen, daß Sie ganz unglaublich sind; Sie hatten mir versichert, Sie schrieben Ihr Buch für mich; nun sagen Sie, daß Sie es für sich schreiben! Und wenn Sie auch nur mein Strohmann sind, so finde ich das doch gar nicht hübsch und sehr egoistisch. Dennoch — ich bin großmütig — freue ich mich auf Antigone (auf ihren Tod, kann ich doch nicht sagen), und bin ich gerade in der Verfassung, dieser Gestalt mich nähern zu dürfen. Ein Buch („Psyche oder Der Seelenkult in den homerischen Gesängen“ [von Erwin Rohde]) hat mich wiederum dieser Welt nahegebracht, welche uns von allem Absurden befreit.
    Aber auch ohne dieses Buch bin ich nicht gerade auf Kunihilden, Sigriden und derlei versessen, und finde ich, daß der „Ring“ ein für allemal das Wertvolle aufgenommen, verklärt und gestaltet hat und daß alles Nachhinken ein Unsinn ist. Also willkommen, Antigone, und wer weiß, wir finden am Ende den Musiker für sie.
    (Ich habe Ihren Brief deutsch nicht gelesen und hatte nicht anders angenommen, als daß Sie ihn übertragen hätten. Ein gewisses Vorurteil gegen alle Transpositionen hatte mich von der Lektüre abgehalten.)
    Nein, was man alles erlebt! Neulich war ein Sänger hier, Tenor, hübsche Erscheinung, Intelligenz, Wärme, Bildung, musikalisches Vermögen und die vollste Unnatur in Tongebung und Ausdruck! Wer hat ihm diesen Tannhäuser beigebracht, und zwar auch in der Gesangstechnik? Je vous le donne en cent — Graf Sporck! Da erfuhr ich, daß dieser seine Geist die Raupe der dramatisch-musikalischen Inkubation hat, ich begriff plötzlich, daß er und seine Gemahlin hier unseren Tannhäuser öffentlich geschmäht haben. Wie Sie sich denken, trage ich ihnen das nicht nach, finde nur den Fall sehr, sehr bedauerlich, weil eine große Impotenz des Herzens wie des Geistes, bei einem sonst nicht unbedeutenden Manne, verkündend. Nun muß ich aber mit ihm über den Sänger verkehren, den er einfach ruiniert. Ach Gott!
    Wie begreife ich, was Sie mir von Ihrer Verwandlung durch Ihre Vertiefung in die Werke sagen. Ich habe, seitdem ich in ihnen lebe, gar nicht mehr das Gefühl, persönlich vorhanden zu sein, und was Sie humoristisch mit dem Bilde der Nase ausdrücken, könnte man auf die ganze Person ausdehnen. Da fällt mir bei dem Humor Yorck und Trim ein. 2 Kapitel lasen wir (leider können Frauen wohl nicht viel mehr) in Shandy, und ich habe unwillkürlich an Sie bei dem Humor gedacht. Rührend, wie Trim in der Predigt nicht weiterlesen kann, man lacht und weint. Und bei allem Absurden, wie frei und wie fern von der Absurdität eines gewissen Ernstes und einer stupiden Absichtlichkeit.    C. W.


276 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Wahnfried, den 9. März 1892.

    Sie ist schön und ergreifend, Ihre Antigone, mein Freund, und ich kann mir wohl die Musik dazu vorstellen. Können Sie mir die Dichtung bis zu meiner Rückkehr lassen, so würde ich gern sie wiederlesen und das einzelne mit Ihnen besprechen. Ich denke, 5 Tage in München zu sein.
    Sie lieben den Leierkasten. Das erinnerte mich an meine Jugend, wo ich eine Leidenschaft dafür hatte. Mir ist aber davon nur die Liebe für den „Leiermann“ von Schubert geblieben.
    Gestern sang uns Kniese „Oh quand je dors“. Ich glaube, das würde Ihnen sehr gefallen. Fast das zarteste unter den Liedern meines Vaters. Er spielte dann die vierte von den englischen Suiten von Bach, worüber wohl einem die Worte fehlen.
    Ich kam noch nicht zu Ihrem deutschen Aufsatz, Ihre Antigone ist daran schuld, sie führte mich zu der Sophokleischen.
    Innigste Grüße Ihnen und Ihrer lieben Frau!    C. W.


276-277 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

11/3/92. Wien.

    Als ich Sonntag mittag von einem kleinen Spaziergang nach Hause kehrte, hatte meine liebe Frau meine Abwesenheit benutzt, um die bewußte Neudichtung der „Cavalleria“ an Sie, hochverehrte Meisterin, abzusenden; ich glaube — und hoffe, mein Takt hätte mich auch weiterhin verhindert, es zu tun; nun ist es geschehen, und die Dinge müssen ihren Lauf gehen; ich habe keinen Wunsch, weiter in das Schicksal des kleinen, mißgeborenen Schmerzenskindes einzugreifen. Bitte, behalten Sie es 5 Tage oder 50 Tage oder — meiner ursprünglichen Intention gemäß — überhaupt.
    Daß ich, als Sie „Tannhäuser“ gaben, weit, weit weg, in der klaren Luft wilder Gebirge lebte, umgeben von unkultivierten Menschen, in der geistigen Atmosphäre — und überall vor meinen Augen die sichtbaren Spuren — des Mittelalters, das hat mir einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Denn meine Gedanken waren bei Ihnen, in Bayreuth. Kein einzelner vermag es eben, Ihnen die ganze Sympathie entgegenzubringen, deren Sie auf Ihrem Kreuzwege bedürfen — und mir war es damals, und ist es auch jetzt, wenn meine Gedanken auf „Tannhäuser“ fallen, als wenn mein Blick nur das für Sie tun konnte, Sie weit, weit weg aus der „écoeurante“ Umgebung der zivilisierten Barbaren, der herzlosen, stupiden, schmutzigen Welt auf einen hohen Berg zu führen, wo Sie auf einem alten Bogomilengrab sitzen und Journalisten, Berufskünstler, Opernsänger, Vereinsler usw. vergessen können. Es ist eigentlich so gar kein Verhältnis zwischen dem, was in Ihnen lebt, und dem, was darüber gesagt wird, und anderseits wieder, der Brotneid ist bei Familienvätern so begreiflich, die Dummheit wird uns so systematisch anerzogen; wahre Kunst aus dem Himmel herunterzaubern zu wollen — wo sie nur aus der Erde emporwachsen könnte —‚ ist ein so wahnvolles Beginnen... Ja! Lassen Sie mich Sie hin und wieder auf Bogomilensteine begleiten, wo man auch nicht mehr Entrüstung zu empfinden vermag, wo der Größte sich klein fühlt vor der Unermeßlichkeit und Unergründlichkeit der Welt, und von wo aus das Ungeziefer dort unten nur Liebe und Mitleid in seinem unbewußten Gebaren erweckt. Ich glaube, selbst Christus hätte die Welt nicht so lieben können, wenn er nicht lange in der Wüste gelebt hätte.
    Entsinnen Sie sich auf meinen Traum von Ihrem Wiener Salon, wo Platon, Goethe, Giordano Bruno — überhaupt eine sehr bunte Gesellschaft verkehrte? Es hatte Sie befremdet oder mindestens frappiert, daß Bruno in einer Ecke so witzig war, daß alles sich um ihn versammelte und vor Lachen sich bog — neulich las ich zu meiner Genugtuung, daß Bruno mit satirischen Schriften und Possen debutierte und zuerst nur als vorzüglicher Humorist und Witzbold bekannt war. — In Ehrfurcht und treuer Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


277-278 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

22. März 1892

    Meine Freude über die gestern hier eingetroffene Nummer der „Bayreuther Blätter“ [IV. Stück mit der II. Aufsatzreihe „Tannhäuser-Nachklänge“] muß ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, in einigen Worten sagen — als Nicht-mehr-Akademiker darf ich das, ohne meiner Würde zu nahe zu treten.
    I h n e n   brauche ich nicht zu sagen, daß Marc Twain zunächst der Freuden-Erreger war. Es ist was Wunderbares bei uns Germanen um den Unterschied zwischen dem Angelsachsen und dem Deutschen, und mag der Deutsche berufen sein, die gewaltigsten Geister hervorzubringen, so glaube ich doch immer mehr, daß das gewaltige   V o l k   nur bei uns zu finden zu erhoffen ist. Deutschland ist wie eine Mutter, die von dem Gebären ihrer großen Söhne ganz erschöpft ist, und sich nur noch in weibischer, unzutreffender Vergötterung ihrer Kinder ergehen kann, währendessen der Angelsachse sich selbst, oder wenigstens ein Ureignes, Blutverwandtes erkennt, aber von einer besonderen Anstrengung ebensowenig etwas verspürt wie irgendein anderer Familienvater. Darum auch, wie verwoben die Erscheinung mit seinem eignen Herzen auch sein mag, seinem Blicke steht sie doch frei und selbständig gegenüber als, was sie ist. Die Fähigkeit zum Erfassen wird unzweifelhaft durch die Blutsverwandtschaft gegeben; erfaßt werden aber Werk und Urheber in ihrer ganzen, individuellen Gestalt, nicht wie sie wurden, woher sie stammen, wer sie gebar, sondern einfach,   w e r   s i e   s i n d;   kurz, das Verständnis ist ein wahrhaft geniales. Herzerquickend und rührend ist es, das wieder einmal in Marc Twain zu gewahren.
    Den Aufsatz von R. Strauß habe ich ein paarmal gelesen — mit größtem Interesse. Allerdings, bei der Erwähnung des „seltenen Glücks“, den Proben beiwohnen zu dürfen, seufzte ich einen tiefen Seufzer des reinen Egoismus. So ein Mensch, der, wie ich, weder was bläst, noch was streicht, noch was schlägt, ja der nicht einmal (wie so mancher andere), der nicht einmal   I h n e n   was souffliert, damit Sie nicht aus der Rolle fallen — im Herzen Künstler und durch ein wunderbares Schicksal gezwungen, abwechselnd auf dem (durch die Fortschritte der Zeit) nunmehr unbeflügelten Pegasus der Phantasie und auf der Chimäre der abstrakten Philosophie herumzureiten (die sich, notabene und, wie Ihnen aus der Mythologie sattsam bekannt, gegenseitig auffressen) — so ein Mensch wie ich hat kein Recht, an so einen Menschen wie Sie zu schreiben; und zum Troste begann ich heute früh, meinen Hinkebein zu Worte kommen zu lassen, und werde ich heute abend bei Herrn Groß meine Karten bestellen. — In Ehrfurcht Ihr ewig ergebener

Houston S. Chamberlain.


278-280 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Bayreuth, den 24. März 1892.

    Ihr heutiger Brief erfreute mich ungemein. Als ich Marc Twain las, dachte ich gleich an Sie; Wolzogen hat auf das glücklichste aus dem englischen Aufsatz die Punkte hervorgezogen, welche das Bedeutende darin waren. Mich freut es, daß die „Bayreuther Blätter“ bei Gelegenheit dieser „Tannhäuser“-Unerhörtheit sich so lebendig erwiesen haben.
    Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich mich darauf freue, Ihnen unseren „Tannhäuser“ zu zeigen! Sie kommen doch für Haupt- und Generalproben? Sie sollen mir dabei etwas soufflieren!
    Wie recht gebe ich Ihnen bezüglich des angelsächsischen   V o l k e s!   Es melden sich etliche daraus   n u r   für den Tannhäuser, was doch eine schöne Erwiderung auf all die Schlechtmacherei ist.
    So, das war mein PS. auf Ihren heutigen Brief, das lesen Sie zuletzt, und jetzt kommt ein neuer Bogen und mein eigentlicher Brief, denn ich bin ein Pedant; am Ende finden Sie das auch im „Tannhäuser“.

*

    Vor ungefähr acht Tagen bin ich von München hierher zurückgekehrt, und gestern erst konnte ich das tun, was ich mir gleich vornahm: Ihre „Antigone“ wieder durchlesen und sie mit einigen wenigen Bemerkungen versehen. Sie erfolgt hier. Es würde mich freuen, wenn es komponiert würde; wollen Sie es nicht, auf mein Anraten, entweder an Mottl oder an Strauß oder an Ritter schicken?
    Wie würden Sie sich über diese Familie Ritter freuen! Dieser Mut, dieser Stolz, diese Heiterkeit, diese immer lebendigen Erinnerungen! Ich empfinde unter ihnen immer wieder die Zugehörigkeit und die Unzerstörbarkeit der eigenen Jugend. — Ganz anders sind die Empfindungen mit Lenbach; denn solange wir uns kennen, sind wir auch nicht eine Strecke Weges gewandelt. Aber die kräftige Originalität seiner Persönlichkeit, die unvergleichlichen Einfälle seiner empörten Grobheit machten uns Vergnügen. Und wenn man ihn auch nehmen muß wie einen Katarakt, mit weIchem man keine Konversation hält, so kann man sich doch seiner, gerade wenn er unmutig ist, sehr freuen.
    Ein anderes Wesen, mit welchem wir gern Umgang pflogen und das ganz anders gemütlich und behaglich ist, war Wilhelm Hertz, der Germanist, der Dichter vom „Spielmannsbuch“, weIches ich Ihnen sehr empfehlen möchte. Er ist, eigentlich durch Dummheit und Schäbigkeit der anderen, Anti-Bayreuther. Aber wir lieben uns, nach zweimaligem Sehen, zärtlich, und er hat mir (ich bitte den Akademischen Verein um Verzeihung) bei meinem II. Akt T. geholfen.
    Ach, mein Freund, den Bogomilenstein! Das Bedürfnis nach völliger Entrücktheit und Nichtsmehrvernehmen ist zuweilen so groß, daß nichts es bewältigen könnte, außer immer wieder die Befassung mit unserem Werk; da kann ich noch so müde und fertig sein, und ich kann 20mal hintereinander „Dich, teure Halle“ von unmöglichen Wesen vorgebracht bekommen haben — die Harmonie ist hergestellt, und der Himmel hat mich wieder.
    Sehr freundlich nimmt sich stets unsere Rückkehr durch die Haustiere und die Kinder aus. Der graue Papagei hat vor Freude gehupft, wie er uns wiedersah, was ich von keinem Vogel erlebte, und — der Pudel wird nächstens sprechen.
    Jetzt ist der Übergang zum PS. gefunden, und somit auch mein Lebewohl, was gemeinschaftlich mit Eva an Sie und Ihre Frau das herzlichste von der Welt ist!      C. W.

    Ich habe richtig den Haupteindruck, das eigentlich Einzige von München, was ich vor allem Ihnen sagen wollte, ausgelassen! Herzog Karl Theodor, den ich wegen meiner Augen befrug! Nach dem König und der Kaiserin von Österreich der erste unauslöschliche Eindruck von einem Fürsten, der nichts anderes sein kann, auch wenn er Straßen kehrte, als Fürst, und dessen Gepräge, zu dem erwählten Beruf vereinigt, etwas für mich Erschütterndes hat.
    Dresden gab ich auf, wir gehen im April nach Meran. Könnten Sie kommen?


280-284 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

27. März 1892. Blümelgasse. Wien VI.

    Herzlichsten Dank, hochverehrte Meisterin! — Ein jeder ist Pedant nach seiner Art, und so bitte ich nach meiner zuerst auf das erwidern zu dürfen, was mir am direktesten zu Herzen ging. Das war die Anfrage, ob ich nicht nach Meran kommen könne. Erstens die Frage an und für sich — vor allem aber, daß Ihre Güte noch immer so unverdrossen mich zu allerhand auffordert, obwohl ich so beharrlich Ihren Vorschlägen ausweiche. Ich muß Ihnen sagen, welcher Trost und Ermunterung Ihre Unerschrockenheit mir ist; es hilft mir meinen bescheidenen kleinen Lebenskarren weiterschieben, und ich denke immer, der liebe Gott richtet es so ein, daß wir einmal herzlich lachen werden über die Gründe, die mich verhindert haben, soviel Herrliches mitzumachen, so viele Tage schön zu leben, und die mich einem künftigen, historisch kritischen Biographen werden als eine reine „Individuation des Nicht-Wollens“ erscheinen lassen! (Soeben habe ich wenigstens wirklich meine Karten bestellt — ich wartete auf den 27., weil das eine Neun gibt), und zwar eine solche Menge, daß meine Seele gewiß in die Verdammnis dafür kommt. Und da kann ich wohl als mein pedantisches Zweites die Haupt- und Generalproben anführen. Der Gedanke berauscht mich — erstens überhaupt unter diesen Bedingungen hören zu können, und namentlich für den „Tannhäuser“ — denn ich habe einen entsetzlich dicken Schädel — ich bin nicht wie Hinkebein, dessen Schädel... aber nein, ich muß nicht meine „Effekte“ verderben — und ich habe augenblicklich so entsetzlich viel zu tun und arbeite so langsam, daß ich mit der kurzen Stunde, die ich ihm widme, kaum vorwärtskomme — und eigentlich habe ich nur zu ihm jetzt Lust — den Titel will ich Ihnen aber wenigstens sagen: „Herrn Hinkebeins Schädel; Erlebnisse aus dem Bierkeller. Zum Himmelszapfen“. Ist das nicht ein schöner Titel? Jedoch, ich merke, die Schreibmaschine ist nicht viel vernünftiger wie die Feder, und die Pedanterie muß wieder strammer anziehen. — Ich bin ja noch gar nicht fertig mit den Proben — entschuldigen Sie, aber haben Sie sich überlegt, „ob Sie das derfen“? Ich habe mit eignen Ohren gehört, wie Herr G.[roß] erklärte — niemals und unter keiner denkbaren Bedingung würde er von der Regel abweichen, daß kein Laie zu einer Probe hineindarf, und ich entsinne mich, daß er hinzufügte, nicht einmal Glasenapp dürfte hinein. Bin ich hierüber ganz beruhigt, so komme ich (so Gott will), sonst nicht.
    Das dritte wäre wohl meine „Antigone“. Sie haben mich eigentlich ein wenig „upset“ damit. Ich habe Sie ja das eine Mal lachen machen dürfen, ein anderes Mal denken, ein anderes rühren (mit meinem „Parsifal“) — weswegen sollte ich Ihnen nicht auch einmal ein bißchen Musik vormachen — so wie ich es kann, so wie ich sie fühle? Und nun sagen Sie mir, Sie würden sich freuen, wenn es komponiert würde! Wie muß ich mich denn erst freuen! Der Gedanke ist herrlich, und ich könnte es gar nicht aushalten vor Ungeduld, in irgendeiner stillen Ecke zu sitzen und das zu sehen und zu hören, wenn ich nicht durch die vorhergehenden Schritte einen gehörigen Dämpfer bekäme. Wer soll es denn machen? Ritter nicht, da uns die Belehrung zuteil wurde, daß der Dichter älter sein muß als der Musiker; außerdem komponiert er nur auf eigene Gedichte. Strauß nicht: denn wir brauchen breite Melodik und großartige Einfachheit; die Leute müssen nichts denken und alle weinen — der Preis von Taschentüchern muß steigen, sonst ist es nicht die „Antigone“, die ich im Sinn habe. Mottl, ja, das wäre mir eigentlich sehr sympathisch, wie er die fünf Gedichte sang in Wahnfried, wie er in „Beatrice und Benedict“ einiges setzte und instrumentierte, es müßte was für ihn sein. Aber sollte er, dem alles offensteht und der bisher keine Oper schrieb, auf meine Anregung hin auf einmal beginnen?
    So — damit ist, glaube ich, das Kleinliche, was ich zu sagen habe, erschöpft. Und ich nehme es feierlich alles zurück. Denn natürlich weiß ich sehr gut, daß alles nur auf mich, auf meine Dichtung ankommt: ist sie gut, so wird sie einen begabten Musiker begeistern und ihm — seinen eigenen Theorien zum Trotz — auch die richtige Musik eingeben; taugt sie nichts, so hilft alles nicht.
    Bezüglich Ihrer Bemerkungen, so hat mich am meisten frappiert, was Sie über Haemons Zurückbleiben sagen. Denn das ist das einzige Detail, welches   n i c h t   mein Werk ist. Es wurde mir von liebenswürdigster Seite vorgeschlagen und von mir mit gröbster Empörung zurückgewiesen. Nun aber gewöhnte ich mich an die Vorstellung — und suchte die rechte Lösung darum nicht weiter. — Auch für eine jede der anderen Bemerkungen bin ich Ihnen aufrichtig dankbar, Ihr Interesse hat mich tief gerührt. Nur, daß die Leiche in einen   S a r g   sollte, will mir nicht schön scheinen. Jedoch hierüber will ich mich bei einem kompetenten Philologen erkundigen. Ein anderes MaI erzähle ich Ihnen dann, was ich geändert habe. In Ehrfurcht und herzlicher Ergebenheit

Houston S. Chamberlain.

*

30/3/92.

    P o s t s k r i p t u m:
    Hochverehrte Meisterin, sehr stolz fühle ich mich heute, denn ich habe in mir einen Ehrgeiz entdeckt — es Ihnen nämlich im Punkte des Postskriptums gleichzutun, womöglich „über“!
    1. Wilhelm Hertz. Sein „Spielmannsbuch“ besitze ich seit dessen Erscheinen in 1886; es gehört zu den wenigen Sachen, die ich in der ersehnten Hütte am Bogomilenfeld noch lesen werde. — Auch sein „Tristan“ benutze ich gern. — Daß er ein „Anti“ ist, das hatte ich gleich gewittert; heutzutage geht es ja kaum anders: Literatur verhält sich zu echter Kunst wie die Katze zum Hund — ganz umbringen kann sie ihn nicht, aber sie spuckt ihn an, kratzt ihm, wenn es geht, die Augen aus und betrachtet ihn jedenfalls als den geborenen Erbfeind. — Wir können nur schweigen und lieben; und daß Hertz so liebenswert ist, das hat mich gefreut.
    2. Die griechischen Särge waren sehr häßliche, viereckige Kasten. Gleichviel. Man kann sich aber unmöglich vorstellen, daß Antigone auch einen Sarg herbeigeschleppt hat. In Sophokles bedeckt sie auch nur die Leiche mit Erde, und das gilt ihr als Bestattung! Sie versenkt sie also nicht einmal in eine Grube. Und das finde ich sehr schön — es ist wie eine Idealisierung der Bestattung: daß heilig an der Leiche gehandelt wird, das genügt, das gibt der Seele Ruhe. — In Pisa sah ich in einer Kirche einen Hof; darin liegt Erde aus Jerusalem, aber nur wenige Zoll hoch. Die Leichen frommer Menschen werden nun — so wie sie sind — von dieser heiligen Erde zugedeckt; die Seele entflieht um so leichter; der Körper vergeht da bald, und die Knochen werden dann — mir nichts, dir nichts — in die umgebenden Gänge geworfen, damit für neue Leichen in der heiligen Erde Platz sei. Das gefiel mir sehr. — Ich stellte mir vor, daß Antigone die Leiche nur mit einer dünnen Erdschicht zudeckt, und daß damit Ihrer Sehnsucht Genüge getan ist.
    3. Vor nicht langer Zeit traf ich hier einen früheren Bekannten aus München. Als Wagnerianer und früheres Mitglied der Zentralleitung [des Allgem. Richard-Wagner-Vereins] sprach er natürlich nur mit Verachtung von Bayreuth, er ginge auch seit Jahren nicht mehr hin, weil „das Ding kein Interesse mehr habe“. Und nun gar die „Tannhäuser“-Aufführung! Er gäbe selber nicht viel auf, was die Zeitungen sagen, aber wenn ein Mann, wie sein Freund Graf X. — dessen unbedingtes und ausschließliches Interesse für die Bayreuther Sache allbekannt sei —‚ wenn er selbst sage, die Aufführung sei   u n t e r   a l l e r   K r i t i k   gewesen, dann müsse es wahr sein, und das sage sich auch jeder in München. — Kurz, man hat Ihre Aufführung nicht „kritisiert“, nicht auf jene Art getadelt, wie ein Anhänger eine Sache tadeln kann, weil er tief überzeugt ist, daß die Darstellung Mängel hat, sondern man hat vor aller Welt Bayreuth   l ä c h e r l i c h   gemacht und Sie dem öffentlichen   S p o t t   preisgegeben. Es hat mich tief empört; und der Gedanke, daß Sie sich mit diesen Menschen abgeben und mit Ihnen disputieren würden, hat mich die ganze Zeit über gequält, während Sie in München waren.
    4. Mein Bruder ist in London angekommen, und ich erfuhr heute, daß er sicher nach Bayreuth kommt.

    In Ehrfurcht und treuer Ergebung Ihr

Houston S. Chamberlain.


284-285 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

1. April 1892. Wien.

    Da Sie für meine Vorträge sich so lebhaft interessierten als ein für die Sache nützliches Beginnen, so möchte ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, doch melden, daß mein zweiter Vortrag einen geradezu durchschlagenden Erfolg erzielte. Ungefähr 10 Personen, die sich das erstemal zu Tode gelangweilt hatten, waren gütigst weggeblieben; dafür 4 ober 5 ernste Männer neu hinzugekommen. Außerdem wurde der Tisch so eingerichtet, daß ich keine Weiber in meiner unmittelbaren Nähe hatte — so daß ich von der geisteslähmenden Vorstellung befreit wurde, daß, während ich rede, rechts ein Köpfchen sich immerfort überlegt: „Soll ich mein Frühjahrskleid mit ‚manches à gigot' machen lassen? Oder glatt? Oder sonstwie?“, und links ein dito Köpfchen für den neuen Spitzenhut zehnerlei Garnituren Revue passieren läßt vor seinem geistigen Auge. — Und so gelang es mir, meine Zuhörer in ganz unerwarteter Weise zu fesseln. Fast die Hälfte kam nach und nach mir die Hand drücken und den persönlichen Dank aussprechen; jeder Student kam mir „seine Blume und seinen Ganzen“ — so daß ich ohne meine sokratische Anlage selber unter den Tisch gekommen wäre; und bis   z w e i   Uhr früh mußte ich Fragen beantworten, denn die guten Leute, wie ich dachte, wissen gar nichts. Die Hauptsache ist aber, daß sie eine ungewöhnlich große Erregung empfanden; vor manchen tat sich, glaube ich, eine neue Welt auf. Kurz, was ich beabsichtigte, war erreicht — nämlich anzuregen. Die Worte, mit denen ich schloß, wurden verstanden (aus dem Brief [Richard Wagners] an Wolzogen [vom 13. März 1882]): „Vor allem, scheuen wir uns vor jedem Behagen!“ — Kurz, ich glaube, daß die sehr kleine Tat im sehr kleinen Kreis die Grundlage zu etwas Gutem gelegt haben kann. Zunächst ist jedenfalls der Bann dieser entsetzlichen Phrasenmacherei gebrochen.
    Zum Schluß und zur Belustigung aus Gelbers Buch über Hamlet (das mir Bonn schenkte) ein Zitat aus den Schlußbetrachtungen:
    Ungemein klare Disposition des ganzen Stoffes. — 1. Akt   R u f   zum Handeln, 2. Akt Hamlet   d a r f   nicht handeln, 3. Akt Hamlet   w i l l   nicht handeln, 4. Akt Hamlet   k a n n   nicht handeln, 5. Akt Hamlet   m u ß   handeln. Es erinnert an das Gesellschaftsspiel: How do you like it? when do you like it? where do you like it? Jedenfalls, wenn Ihnen jetzt nicht hell ward enthüllt, was zuvor Sie nicht fassen konnten — so bleibt mir nur noch, mich zu verabschieden als Ihr treu ergebener      H. S. C.


285-286 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Wahnfried, den 3. April 1892.

    Das ist recht und schön, und ich danke Ihnen, daß Sie sich der armen Wesen annehmen. Ich halte dies für unsere eigentliche Aufgabe dem Leben gegenüber, mit größter Unerbittlichkeit uns die Wahrheit einzugestehen und doch die Flinte nicht in das Korn zu werfen, sondern ausharren, und wo wir auch nur den geringsten Erfolg als möglich erkennen, ihn zu erringen suchen. Und mögen wir darüber mißverstanden werden, daß es zum Himmel schreit! In Ihren rührenden Bemühungen um den kleinen Verein erinnern Sie mich an Stein, der einzige, mit dem ich mich darin ganz verstand.
    Daß wir Frauen bei Ihnen so schlecht stehen! Ich fürchte aber, Sie haben recht.
    Nun aber zur Antigone, die doch das ganze Geschlecht entsühnt. Sie haben bezüglich der Bestattung ganz recht, und die Schwierigkeit war mir nicht entgangen. Auch entsann ich mich der Beschreibung in Sophokles. Allein ich sprach technisch-szenisch; ich kann mir nämlich auf der Bühne keine so lange daliegende Leiche vorstellen, zu weIcher man geht, die man verläßt, in Gegenwart welcher man debattiert, und da schon die freie Höhe aufgegeben und die Felsenhöhle gewählt wurde, meinte ich, daß diese Höhle als Gruft zu behandeln wäre. Aber mein Vorschlag galt mehr als eine Hinweisung auf eine Schwierigkeit, die ich nicht für unbedeutend erachte.
    Also Sie kommen nicht nach Meran. Ich glaube immer an das Unmögliche, und daher werde ich Sie immer auffordern, denn Sie könnten doch auch an das Unmögliche glauben und einmal meinen, Sie kämen mir nicht gelegen.
    Wir haben wundervolle Frühlingstage und waren heute fast drei Stunden in dem Wald [der „Hohen Warte“ (am Festspielhaus)], um mein Schmerzenskind herum. Sehr schön hat doch Bismarck das Gefühl ausgedrückt, was wohl einen jeden erfüllt, der zu etwas bestimmt wurde, was er nicht wählte: „das demütige Vertrauen“. Wenn ich dieses Haus betrachte und betrete, dann kommt diese stille Empfindung über mich. Und wie verstoben ist das, was ich täglich, ich könnte sogar stündlich sagen, an Entmutigendem erfahre. Ich frage mich oft, wie ich leben würde, wenn diese Sorgen nicht wären. Die Antwort darauf gab mir neulich die Johannespassion von Bach. In dieser Erhabenheit und Kraft, in dieser Glaubensgewalt verschwindet man so bis zum letzten Atom, daß, sind die Schlußklänge verhallt und wird das Wort zu einem gewendet, man förmlich sich wie seinen Doppelgänger empfindet. Aber — würde ich so untergehen können, wenn meine Not eine andere wäre!
    Von Siegfried hatte ich zwei Depeschen aus Singapore; sie kamen, wie alles von ihm, im rechten äußersten Augenblick. Er meldet, es sei himmlisch.
    Freilich   d e r f   ich Sie nicht in die Proben hineinlassen! Aber ich tue es doch! Herr Gelber muß Ihnen dann sagen, wie Tannhäuser darf, will, kann, muß und wer ihn ruft!
    Lassen Sie sich doch „An die Hoffnung“ von Beethoven vortragen! Das ist eine jener Kundgebungen für die Notleidenden.
    Und nun gute Nacht. Wir sind müde, Eva und ich. Heute gibt es kein PS. Bitte, die macht mir keiner nach, denn ich schreibe sie zuerst; wie die großen Strategen werfe ich das kleine Gerümpel links und rechts, stürze mich dann auf die Hauptaktion.
    Nun leben Sie wohl und seien Sie von ganzem Herzen gegrüßt!
C. W.


286-287 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

24/4/92. Wien.

    Ich möchte Sie, hochverehrte Meisterin, um einen riesig naiven Ratschlag bitten. — Sie müssen nämlich wissen, daß ich augenblicklich zu den unglücklichsten Menschen auf dieser Erde zähle, insofern mein Unglück ein selbstverschuldetes, freiwilliges und darum lächerliches ist; es ist nämlich beschlossen worden — ursprünglich mehr gegen mich als von mir, aber jetzt wenigstens doch   m i t   mir, da ich dann eher mein geplantes Buch in der gewünschten Kürze halten kann —‚ daß ich die Kapitel über die Kunstwerke als selbständige, separate Schrift [„Das Drama Richard Wagners“, erschien 1892] herausgeben soll. Nun ich aber Rat brauche wegen des Verlegens dieser Opuscula, da merke ich, wie wenig man von sog. Freunden Unterstützung findet, wenn man sie braucht — und doch verlange ich weder Geld noch gute Worte, sondern, da ich auf diesem Gebiet gänzlich unerfahren bin, den Ratschlag einer sympathischen Seele, die das Interesse für das Bekanntwerden meines Schriftchens mit dem Wunsche, daß meine Fühlhörner keine lebenslängliche Verletzung davontrügen, verbände, und zu diesen noch einige Erfahrung besäße. Ich muß gestehen, meiner Herzensneigung würde ein kleiner, stiller Winkelverlag entsprechen; wahrscheinlich würde man sich blau und grün ärgern, aber wenigstens bliebe man in derselben zoologischen Tierklasse und ginge nicht eines schönen Tages anstatt des zierlichen Schneckengehäuses und der langen, zarten Fühlhörner mit Lederfell und Rüssel in der Welt herum! Glauben Sie nicht, daß Ihr mitleidiges Herz den rechten Weg für die Schnecke erraten und Ihre gebietende Hand mit einem einzigen Fingerzeig ihn weisen könnte?
    Die nächste Sendung von mir wird „Herrn Hinkebeins Schädel“ — E r s t e r   A b e n d — sein; ein halbes Stündchen, wenn Ihnen einmal recht wüst und wirr im Kopf ist und Sie das Gemüt an etwas recht kindlich Einfachem und Unprätentiösem erfrischen — oder sagen wir, ausruhen wollen. Ich fürchte, es nimmt sich albern aus; es frägt sich eben, wieviel von dem, was ich empfand und was mich belustigte, durch die spärlichen Andeutungen hineingedrungen ist; ich rechne aber doch auf   S i e,   Meisterin, als Publikum. Darum begann ich das Ding gestern auf der Maschine zu kopieren. Erst der   z w e i t e   Abend (falls er zustande kommt) wird den ursprünglichen, drolligsten Einfall enthalten. Ich komme aber so langsam vorwärts, da ich nur alle Wochen etwa ½ Stunde dazukomme, daß ich es vor Ungeduld, den guten, lieben Hinkebein in die Welt hinaustreten zu lassen, nicht aushielt, und da verfiel ich darauf, die Sache abrupt zu teilen. Was Sie auch von meiner Erzählung halten mögen, dem Hinkebein persönlich werden Sie, ich weiß es, sehr gut sein.
    Mit herzlichstem Gruß in Ehrfurcht Ihr

Houston S. Chamberlain.


288 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Bayreuth, den 24. Mai 1892.

    Ich stecke in Nöten gerade heute und werde Ihnen also nicht so schreiben können, wie ich es wollte, aber sagen möchte ich Ihnen, daß ich im Garten, unter Amselschlag den „Hinkebein“ gelesen und durch ihn in eine jener Stimmungen gekommen bin, wie sie sich im höchsten Sinne und in kräftigstem Maße etwa den letzten Bagatellen von Beethoven verdanken. Ich überlasse es Ihnen, sich diese Stimmung auszudenken, und füge nur hinzu, daß mich die Sicherheit der Konstruktion, bei scheinbarer so großer Divagation, sehr befriedigte, und daß ich wirklich den Eindruck erhielt, als ob ich durch etwas sehr Klares in etwas sehr Tiefes blickte und bei großer Gemütsruhe ein freies Spiel meiner Phantasie behaglich empfände. So geht es einem mit Sterne, und so geht es einem nicht mit Jean Paul, deshalb letzterer mir unbehaglich. Nur zweierlei Auslassungen möchte ich erbitten: 1. die kleine Ausarbeitung des indischen Spruches; 2. das Bild bei Heloise und Abélard von der Geliebten in der Madonna und des Geliebten in Christus. Daß es gebräuchlich ist von Heine bis zu Philipp Eulenburg, würde mich nicht stören, aber ich halte es für falsch. Geschieht die große Wendung zur Andacht und rufen wir Gott wahrhaft an, so erscheint er uns auch, und die zwei Welten sind geschieden. Verzeihung!
    Nun leben Sie wohl, Freund, und bleiben Sie mir gut. 12ten Juni [Tag der ersten Begegnung 1888] bin ich in Stuttgart! Sie sehen, ich bleibe mir treu. Seien Sie gegrüßt in allen Nöten, und grüßen Sie Ihre liebe Frau!       C. W.


288-289 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

26. Mai 1892. Wien.

    Hochverehrte Meisterin, also — nach Prüfung meines Manuskriptes — haben Breitkopf & Härtel mein Schriftchen [„Das Drama Richard Wagners“] angenommen und versprechen, „für den Vertrieb kräftig einzutreten“. Ich denke mir die Unannehmlichkeiten, von denen alle Welt mir erzählt (in letzter Reihe Glasenapp in rührenden Worten), werden wohl jetzt erst anfangen? Denn bis jetzt ging alles fabelhaft glatt und entgegenkommend. Ich schrieb immer kurz, trocken, stolz — sie liebenswürdig, verbindlich; und zeichneten sie vor Kenntnisnahme meiner Schrift „hochachtungsvoll“, so zeichnen sie nach Kenntnis derselben „mit hoher Achtung“ — ce qui me rend rêveur —‚ da doch der Deutsche bei allem, was er tut, irgend etwas anderes symbolisiert. Sie haben ganz riesige Eile; der Satz beginnt sofort; und ich muß mich verpflichten, die Korrekturbogen stets   u m g e h e n d   zu erledigen. Indessen bin ich mit der französischen Ausgabe bald zur Hälfte durch; es ist aber eine große Arbeit; übersetzen konnte ich nie; es heißt, dasselbe jetzt aus einem ganz andern Gehirn heraus noch einmal denken. — Ich danke für liebenswürdige Aufnahme von „Hinkebein“. Einstweilen ist sein Schädel dein meinigen noch „über“. Ich betrachte es als einen ersten, ungeschickt klobigen Versuch auf einer Bahn, auf welcher, wenn ich lebe, ich nach 10 Jahren treuer Arbeit vielleicht was machen könnte. In Ehrfurcht und Dankbarkeit Ihr

Houston S. Chamberlain.


289 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Wahnfried, 2. Juni 1892.

    Hier, mein Freund, Probepläne; wählen Sie sich den Tag Ihrer Ankunft, ich freue mich, Sie heute definitiv einzuladen. Ich glaube, wenn Sie zum 12. Juli kommen, werden Sie bereits einige Freude haben.
    Leben Sie wohl, Freund! Meine kleine Einladung sage Ihnen, wie ich es meine.

C. Wagner.


289-290 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

4. Juni 92. Wien.

    Ganz ausnahmsweise ging ich heute früh aus — und saß mit meinem bosnischen Mohammedaner und dem Mimchen im herrlichen Schwarzenberg-Park; zahllose zwitschernde Vögelchen und, gruppenweise unter den Bäumen wandelnd, armenische Seminaristen in ihren violetten Talaren — ich dachte daran, daß Sie, hochverehrte Meisterin, gern dort säßen, und daß bei Ihrem nächsten Aufenthalt Ihre liebe Tochter und ich Sie dorthin verlocken müssen, wo Sie dann ganz gewiß auf einige Stunden aller Rendezvous mit Fürstinnen, Theaterdirektoren, Sängern, Professoren und Delegationsmitgliedern vergessen. Ein Glas Milch und ein Stück Brot kann man von 6 Uhr früh an dort bekommen, die gewiß besser als der Hotelkaffee schmecken. — Zurückgekehrt finde ich Ihre Einladung, und wenn ich mir auch nicht verhehlen kann, daß ich selber zu den allerschlimmsten Delegationsmitgliedern gehöre bez. des Ruheraubens, so werde ich doch mit   i n n i g s t e m,   tiefstem Danke folgen. Einen violetten Talar besitze ich leider nicht — pourque je fasse bien dans le paysage —‚ aber fromm und still werde ich sein, und zu jedem Akt bete ich ein paar Paternoster und Ave-Maria. Übrigens werde ich immer bereit bleiben, nicht hineingehen zu dürfen, falls das eine Révolution de palais herbeiführen sollte. Daß ich in Bayreuth bin, dagegen kann kein Kapellmeister was, nicht einmal der Bürgermeister, solange ich mich loyal gegen den Prinzregenten benehme und alle Abende ein Seidel Bier — „Heil die Kunst!“ — trinke.
    Wie tief Sie in Nöten und Sorgen jetzt stecken, kann ich mir denken — ich glaube, die gute Tat, die Sie „einem der Kleinsten“ erweisen, wird Ihnen Glück bringen.
    Sollten aber selbst   S i e,   verehrte Meisterin, von der absoluten Harmlosigkeit meines Daseins und Tuns nicht überzeugt sein? Warum gibt sich sonst Ihre vielgeplagte Tochter die Mühe, mir den „Hinkebein“ zurückzuschicken? Hat er Ihnen einen Augenblick Unterhaltung verschafft, so habe ich die höchste Befriedigung davon, die ich haben kann, und es wäre mir herzlich lieb gewesen, wenn er dann in Ihrem Papierkorb hätte verenden dürfen, jetzt im Sommer wird ja nicht viel Papier zum Ofenanzünden gebraucht, und der gute Hinkebein hätte da noch schöne Tage in Wahnfried verleben können. Ich hätte ihn beneidet. Indessen schriftstellert mein äußeres „Ich“, worüber das innere „Ich“ seufzt und sich hin und wieder in die ungarische Czarda zur Erholung führen läßt — vor 10 Tagen war ich sogar bis 4½ früh da —‚ zuletzt spielten sie bei Tageslicht! Das hilft leben — en attendant Bayreuth. — Heute abend gehe ich in die tschechische Oper, die   g a n z   a u ß e r o r d e n t l i c h    sein soll.
    Mit tiefempfundenem Dank und unter endlosen Gebeten für das Heil   d e r   Kunst Ihr in Ehrfurcht ergebener

Houston S. Chamberlain.


290-291 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

8. Juni 92. Wien.

    Kleiner Ausstellungsbericht:
    Ein wirklich erfreuliches Erlebnis war die Aufführung von Smetanas „Verkaufte Braut“ durch die Tschechen vom Böhmischen Nationaltheater. Erstens, das Werk   g a n z   r e i z e n d,   nein, wirklich entzückend; ich glaube, hochverehrte Meisterin, daß mehr Genie darin steckt wie in Cornelius' „Barbier“, und was spontane musikalische Erfindung anbelangt, ungezwungen aus der Situation hervorquillend, mehr in einem viertel Akt als in sämtlichen Opern der Herren — (na, trüben wir die Freude nicht durch vielleicht verletzende Kritik). Und wie hübsch gespielt, wie wirklich tatentvoll! Als ich in Prag war, bin ich — als unverbesserlicher germanischer Esel — natürlich in das sog.   d e u t s c h e   Theater gestürzt, wo ich mit Hunderten von durch Vergnügungszüge herbeigeschafften, bärtigen Patrioten zusammenstieß, die ohne Begeisterung auf die Kosten der Reise nicht gekommen wären, und wo ich mitten im II. Akt des „Fliegenden Holländers“ entsetzt und händeringend hinausstürzte (zur großen Verwunderung der alles bewundernden und schön findenden Patrioten, welche vermeinten, ich müßte Zahnschmerzen haben, um mich einem für das deutsche Nationalgefühl inmitten der slawischen Niederträchtigkeit so erhebenden Vorgange zu entziehen) — aber jetzt weiß ich, wo ich meinen Abend verbringe, wenn ich wieder nach Prag kommen sollte. Unfertigkeit, Oberflächlichkeit, Mißverständnis — das gab es auch hier in Hülle und Fülle; es war halt auch nur eine   O p e r n aufführung, aber   T a l e n t   war überall, vom Orchester an, durch erste und zweite Sänger bis zu den vorzüglichen Tänzerinnen, und ein oder zwei Leute, die in dieser Beziehung ein wenig vernachlässigt waren, hatten wenigstens das Talent, ihren Mangel an Begabung einzusehen, und waren darüber so verschämt, daß es rührend war. Und denken Sie, eine Sängerin, die nicht ein einziges Mal den ganzen Abend über „Wegweiser“ gemacht hat; und ein Tenor, der zumeist (als Bauer) die Hände in den Taschen hält.

Verantwortlicher Redakteur
H.S.C.

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291-292 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

[Bayreuth, ohne Datum.]

    Sehr oft, hochverehrte Meisterin, füllten diese Tage Tränen der Dankbarkeit meine Augen, und hätten Sie plötzlich vor mir gestanden, ich glaube, ich hätte meine „Rede“ sehr gut halten können. Es ist ein weiter Weg gewesen, von dem Tage an, wo ich aus meiner künstlerisch   s o   g ä n z l i c h   verödeten Jugend durch ein Heft mit Motiven aus dem „Nibelungenring“ erlöst wurde, bis zu dem Tage, wo ich den Proben in Bayreuth beiwohnen durfte und wo mir in so freundlicher Weise gezeigt wurde, daß ich nicht nur geduldet, sondern gern gesehen wurde!
    Und ich gestehe, ich finde es schön, daß ich dieses höchste Glück in keinem Grabe mir selber, sondern ganz allein   I h r e r   Güte verdanke. Der Gedanke, daß ich in diesen Tagen der einzige war, der durch nichts es verdient hatte, dabeizusein, war mir wie ein heller Sonnenschein im Herzen. — Ist Geben das Seligste, so haben Sie diese Seligkeit an mir genießen können;   m e i n   Amt war ja nur, alles in mein Herz aufzunehmen, einzuschließen und als mein kostbarstes Gut aufzubewahren. Dieses Amtes weiß ich mich würdig; auch hier täuschte Sie Ihr Blick nicht. Was Sie „dem Kleinsten unter diesen“ taten, wird gewiß Ihnen Segen bringen.
    In ehrfurchtsvoller Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.

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292-294 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Sonntag abend 28/8/92 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Endlich ist die Operation doch gelungen, hochverehrte Meisterin! „La sentimentalité n'est pas ce qu'un vain monde pense“, sagt mein lieber Laforgue; ich empfand jedenfalls, daß ich mich einmal ausweinen müßte und mußte — aber wie, wo, wann? Gewiß wäre der passendste Augenblick der gewesen, wie der Zug Bayreuth verließ und uns forttrug von dem noch lange sichtbaren Festspielhaus, dort oben auf dem Hügel — aber das Schicksal hatte es anders bestimmt; denn als wir den fast leeren Bahnhof betraten (beide eigentlich auf so eine kleine, stille, diskrete Auflösung vorbereitet) — wer sitzt dort, über Luthers „Konkordanz“ eingeschlafen? — Levi! Levi, von dem wir schon zehnmal Abschied genommen hatten! Er hatte seinen Zug verpaßt und stieg nun mit uns ein. Ade die Tränen! Noch ehe der Zug pfiff, interpellierte er mich über den Sinn von „Erlösung dem Erlöser!“, und da ich zu nichts weniger als zu Erläuterungen aufgelegt war, legte er mir seine Ansicht weit und breit auseinander — daß der Gral der Erlöser sei, daß die Ritter — die doch von Parsifal nichts wissen — sich freuen, daß sie endlich wieder anstatt Atzung anständige Speise und Trank bekommen usw.  Kurz, es wurde mir der Abschied von Bayreuth leicht gemacht. — Von Eger aus nahmen wir — des Mime wegen — Schlafwagencoupé, und da das gute Tier offenbar glaubte, der kleine Stall sei ein Hundekompartiment und wir seine Gäste, so mußte ich mir Reserve auflegen. — Hier, zu Hause, fand ich natürlich alles in einem schrecklichen Zustande — die Bücher mit Tüchern zugedeckt, der Christus mit der Nase an die Wand usw. —‚ das war alles nichts für ein empfindsames Herz. Ich hoffte auf die Wälder, oben am Semmering; bei der Choleraangst ist aber nirgendswo im Gebirge ein Bett zu haben; wir blieben Muß-Wiener. Aber Gott ist gut, „groß sind die Wunder seiner Gnade“! Er führte mich in Beethovens „Weihe des Hauses“ (in welcher Umgebung, wird mein Ausstellungsaufsatz Ihnen sagen) — mir war, als hätte ich es noch nie gehört, als
tte Bayreuth einen neuen Sinn in mir erweckt —‚ und hatte ich nicht kurz vorher dort nebenan das   H ö r r o h r   des Tondichters gesehen? — Nun war es Zeit, nun kam alles auf einmal! Als bitte man mir selber ein Hörrohr ins Ohr gesteckt, hörte ich alles wieder: „Heil, heil! der Gnade Wunder Heil!“ — „Du Holder, du Stolzer, du — Tor!“ — „Nur an der Wunde, an der Wunde stirb mir nicht!“ — Und ich fühlte diese einzig herrliche Atmosphäre der Probenzeit und ärgerte mich von neuem und weinte über die dumm-gedankenlose, echt deutsche Rücksichtslosigkeit, die   I h r e   kostbaren Augen dem nackten elektrischen Licht preisgibt, anstatt es Ihnen durch gefärbte Gläser zu mildern oder einen Resistenzdraht einzuschalten, wodurch Sie dann das Licht auf Ihre Partitur nach Belieben und Bedarf auf- und abdrehen könnten, ganz wie eine Öllampe, und sah Humperdinck Ihnen immer die SteIle zeigen, wo man in dem Augenblick war, und Muck immer die Stelle, die Sie suchten, und Fuchs in die prachtvolle Schar Ihrer Wartburggäste hineinstürzen und den Deutschmeister „bousculieren“ — ach! Das war so, wie ein Unschulds-Zeitalter der Menschheit, und dabei so pittoresk und in jedem Detail unvergeßlich liebenswert, von Herrn Schnappaufs täglichem Morgenweckruf an: „Frau Wagner lassen sich bestens empfehlen...“ bis zu den vergleichenden Teeproben vor dem Schlafengehen; und am allerwenigsten vergesse ich dabei der Mittagsmahle mit Ihren lieben Kindern, die ich nun endlich ein wenig kennenlernen konnte. Da haben sich allerdings viele Fäden ums Herz — langsam und fest — geschlungen, denn als ich neulich von Ihnen und den Ihrigen Abschied nahm, so merkte ich, daß namentlich die   R ä u m e   Ihres lieben Wahnfried mir so einzig teuer geworden sind, daß es mir fast schwerer wurde, mich von diesen stummen Wänden als von Ihnen zu trennen. Die Menschen kann man ja überall — selbst in Singapore! — zu treffen hoffen, aber der geweihte Raum steht festgewurzelt da wie die Pflanze; von ihm scheiden, das ist wirklich scheiden! Ja, ich glaube das   H a u s   Wahnfried bekam mehr wie recht von meinen Tränen. Und in einem solchen Augenblick — Sie können es mir buchstäblich glauben — taucht alles wieder auf in meinem Gedächtnis, auch das kleinste Wort aus der hastigen, späteren Zeit oder eine bloße freundliche Bewegung, ja, sogar nur die Feder auf Ihrem Hute gegen die helle Bühne, von einer hinteren Sitzreihe aus beobachtet und als Zeichen begrüßt, daß die Festspiele sich sagen können: „Sie lebt! Sie wacht!“ — Jetzt ist natürlich manches wieder blasser, aber bei der „Weihe des Hauses“ stand alles vor meinem Auge; nichts war verloren.
    Ihren Kindern allen bitte tausend Grüße aus vollstem Herzen! Ihnen, hochverehrte Meisterin, die Versicherung einer Ehrfurcht, die täglich größer wird, und einer unbedingten, liebevollen Ergebenheit; dem ganzen Wahnfried, was Beethoven in der „Weihe des Hauses“ ausgesprochen hat. Ihr

Houston S. Chamberlain.


294-296 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Bayreuth, den 5. September 1892.

    Eben bin ich an das dritte Kapitel Ihres Buches [„Das Drama Richard Wagners“] angelangt, mein Freund, und nahm mir vor, Ihnen erst dann ausführlich zu schreiben, wenn ich Ihnen meinen Eindruck von dem Ganzen mitteilen könnte. Kapitel I und III haben mich ganz außerordentlich gefesselt, insbesondere die Parallele zwischen „Feen“ und „Liebesverbot“. In Kapitel II machte ich das durch, was Sie selbst durchgemacht haben, indem es kein leichtes ist, ausgearbeitete Gedanken auf Formeln zu reduzieren, was hier die Nötigung war. Ich freue mich nun sehr, fortzufahren.
    Ihre Ausstellungsarbeit [„Musikausstellung und Festspiele“ I. („Bayreuther Blätter“ 1892, S. 382 ff.)] ist ganz einzig. Und die Schnelligkeit, mit welcher Sie sie ausführten, bewies mir, daß Ihre Eindrücke von solchen Dingen ebenso bestimmt und entscheidend sind wie die meinigen. Ihre Fähigkeit aber, sie mitzuteilen, ist ausschließlich Ihr Eigen und erinnerte mich an ein Geschichtchen von Lope; diesem gab ein Theaterdirektor auf, mit einem anderen Dichter in drei Tagen ein Lustspiel zu verfertigen, und als der Mitarbeiter tags darauf zu Vega kam, um sich mit ihm über den Plan zu verständigen, sagte ihm dieser, er habe über Nacht schon das ganze Stück gemacht. Aber denken Sie nur, daß ich bald Ihr Mitarbeiter geworden wäre! Den Mittelpunkt Ihres Aufsatzes, der so tiefergreifend ist, Beethovens Reliquien, wollte ich gern noch etwas intensiver betonen. Ich war mit meinen Zusätzen fertig, als ich mir dachte, daß dieser weibliche Punkt aufs i sich eigentlich nicht gehört. Nun gebe ich es Ihnen, Freund, anheim, ob Sie vielleicht aus „Beethoven“ [Richard Wagner, „Sämtliche Schriften und Dichtungen“, Band IX] das anführen, was über das Eintreten der Taubheit (S. 112) gesagt ist, und es nun etwas ausführen, wie das Leiden des Genius in dem Umgang mit dem Menschen zu dem Aufschrei des Vermächtnisses führt, und auf wie furchtbare Weise nun die Natur ihren Sendling schützt, indem sie ihn mit Taubheit schlägt. Ich möchte diesen Edelstein in Ihrem Aufsatze à jour gefaßt haben! Etwas losgelöster von dem Ganzen (durch die Ausarbeitung). Sie werden mich verstehen.
    Darf ich für den „schmierigen“ Rand von Schillers Hut „abgegriffen“ und für „Fürstin Metternich“: „die vornehme Frau“ setzen?
    Nun müßte ich Ihnen eigentlich für Ihren herrlichen langen Brief danken. Aber das kann man doch nicht. Auch ich habe viel geweint, nicht unter den Klängen der „Weihe des Hauses“, aber unter den inneren Klängen, die mich so oft überwältigen. Und über Ihren Brief habe ich auch geweint.
    Daß selbst mein Kikeriki [Hutfederschmuck] zu Ehren kommen sollte! Wie meine Tochter mir ihn von Palermo mitbrachte, war ich außer mir, so etwas tragen zu sollen. Nun trug ich ihn doch, und jetzt erhielt er seine Apotheose. Und Levis Gefrage! Ach Gott! Ganz dasselbe frug er uns auch. Aber alles das tut nichts, man war doch glücklich, so glücklich, daß man eben nur Tränen dafür hat. Gott, wenn die Menschen eine Ahnung haben könnten, wie uns zumute ist, wie kämen sie sich vor mit ihrem Gerede und Getue und Korrespondenzen und Schlecht- oder Gutmachen.
    Wenn ich sagen soll, was mir einen besonderen Eindruck in Ihrem Aufsatz über die Ausstellung gemacht, so ist es das, was Sie als den Krebsschaden bezeichnen, das Ausbleiben der   E r n s t e n.   Wir müssen uns behelfen, wie unser Heiland mit seinem Mahle: kommen die Vornehmen nicht, müssen die Bettler empfangen. — Wissen Sie, was wir jetzt lesen! Die Biographie Cromwells (erschrecken Sie nicht: in vier Bänden!). Sie ist nicht gut geschrieben, diffus und ohne Prägnanz, aber der Autor [Fritz Hönig], ein deutscher Offizier, geht wenigstens von der unbedingten Verehrung für diesen Helden aus.
    Wie verschafft man sich französische Zeitungen über Bayreuth — gern läse ich von dort einiges, z. B. Pressensé, da ich mir viel von dem Eindruck unserer Kunst dort erwarte. Ich kann mir nicht helfen, der heimische Urbrei ist mir zu unergründlich.
    Wie soll ich Ihnen aber danken für Ihr Mitfühlen mit mir und das, was Ihre Teilnahme mir bringt? Ich glaube, hätten wir einen von den sonnenwarmen, blauen Tagen der Spiele, ich fände bessere Worte. Nun ist es grau und gelblich-grün, tagesgespenstisch, und man muß sehen, daß der Gral innerlich glühe, was nur in der Schweigensdämmerung möglich. Ich verlasse Sie, um zu Ihrer Schrift zu gehen, und grüße Sie und danke Ihnen.    C. W.


296-297 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Wahnfried, den 22. September 1892.

    Ich lasse alle die Obliegenheiten, welche meine morgige Reise mir aufbürdet, um Ihnen, mein Freund, von ganzem Herzen für Ihre herrliche Arbeit
[„Bayreuther Blätter“ 1892, „Musikausstellung und Festspiele“ II., S. 393 ff.] zu danken. Seit meines Vaters Schrift über Tannhäuser und Lohengrin ist es das erstemal, daß ich diese tiefe Sprache vernehme, die wie ein feierlicher Glockenklang zum Gottesdienste ruft. Mir gebricht es wieder, zu meinem Schmerze, an Zeit, um in das einzelne mich zu ergehen. Auf das Geratewohl greife ich heraus die vorzügliche Zurechtweisung der — Ianer (die „marcia funebra“ ist mir ein spezielles Ärgernis gewesen!), die Zuschauer des „Tristan“ als Italiener; der Grund, weshalb „Parsifal“ nicht mehr so wirkt (ein Beitrag zu „Erkenne dich selbst!“); „die Verklärung der Materie“; endlich und beinahe vor allem die ganze Abhandlung über den „Tannhäuser“ und seine Bedeutung; dann noch die Akzentuierung der Entrüstung als notwendig zu der Förderung des Guten: ein Shakespearesch-Cromwellscher-Beethovenscher-„Gesammelter Schriften“-Zug! Wer diese Entrüstung nicht hat, kann nichts Gutes schaffen und gehört zum „Urbrei, der im Anfang war“. Das schöne indische Zitat mit dem Verstande, was zu den „Armen im Geiste“ paßt, wie die Entrüstung zu „Ich bin gekommen mit dem Schwert“, und die Säuberung des Tempels in „Jesus von Nazareth“.
    Also, es ist herrlich! Und die Fühlung, die Sie mit dem Leben haben, ist so wohltätig wie die Bewegung der Luft durch die ganze Natur. Es ist wie das Werdende gegenüber der Stagnation.
    Meine Freude an Ihrem Buche hat sich hauptsächlich auf das letzte Kapitel und Wotan bezogen. Einen Augenblick wurde der Vorschlag eines geistvollen Freundes, die Trilogie „Wotan“ zu nennen, ernstlich erwogen.
    Gott, wie unwert ist doch alles, was ich so schrieb, des Eindruckes, den ich erhielt! Auch von Ihrem Brief. Nehmen Sie fürlieb und bleiben Sie überzeugt der innigen Freude, welche Ihre Teilnahme gewährt. Ihrer Ihnen herzlichst dankenden    C. W.

    PS. Ich habe „Rienzi“ wieder durchgenommen und eingerichtet. Ein wundersames Gegenbild zu Cromwell. Wie gern spräche ich über beides mit Ihnen, da beides, wenn auch in ganz anderer Weise, mich sehr einnimmt.


297-298 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

VI Wien, Blümelgasse 1, 25. September 1892.

    Innigen Dank für Ihre Güte, hochverehrte Meisterin! Der „schmierige“ Hutrand war schon meiner lieben Frau sehr unangenehm aufgefallen. Ich bin ja jedem dankbar, der meine Roheiten streicht, denn ich bin selber machtlos gegen diese Sachen, die, glaube ich, eine Reaktion, fast eine Rebellion gegen eine Empfindsamkeit, die allzu zart ist und nichts so sehr fürchtet wie das Entdecktwerden, sind. Daß Ihnen der Empörungspassus Freude machte, ist schön; ich hatte darauf gerechnet. Der ursprüngliche Schluß davon war so derb, daß meine Frau davor erschrak; ich empfand, daß sie recht hatte, und da schickte mir der gütige Himmel — ganz durch Zufall, ich meine meinerseits absichtslos — den kraftvollen Vers aus Kleists „Penthesilea“. Ich gestehe, daß mein Herz beklemmt war, als ich daranging, über die Festspiele zu schreiben, und gar für die „Bayreuther Blätter“! Aber ich tat es so von ganzem Herzen, daß die Beklemmung allmählich vor der Begeisterung wich. Das Schwierige ist halt immer wieder, aus der großen Menge des Sagenswerten dasjenige richtig herauszuholen, was in dem speziellen Falle am besten gesagt wird. Waren Sie mit mir zufrieden, so kann ich's auch sein; es bleibt mir nur noch, einen Dank auszusprechen, dafür nämlich, daß Sie mir die Aufgabe stellten. Vielleicht stellen Sie mir später einmal wieder eine? Indessen fehlt es nicht an selbstgestellten. Ich bin in der glücklichen Lage, nicht begreifen zu können, wie ich die Hälfte meiner Vorhaben soll ausführen können. Aber ich bleibe bei keinem vorgefaßten System, sondern mache, was sich mir aufdrängt. In nächster Zeit wird u. a. die französische Ausgabe meiner kleinen Schrift [„Le Drame Wagnérien.“ Paris 1894] zu Schaffen geben.
    Als Illustration der „künstlerischen Höhe, die sonst in keiner Stadt der Welt wahrgenommen werden kann“, schneide ich aus einer Zeitung die offizielle Hofopernanzeige aus. Ich bitte, sie zu studieren [folgt Zeitungsausschnitt mit der Anzeige der „Götterdämmerung“ nebst Personenverzeichnis, in welchem aber die   d r e i   N o r n e n   und   W a l t r a u t e   fehlen!]; eines Kommentars bedarf sie dann nicht; it speaks volumes. — Außerdem wollte ich Ihnen eine sehr drollige Beschreibung des Mascagni-Kultus schicken, der geradezu unglaubliche Proportionen angenommen hat, mit einer Charakterisierung von Mascagnis durchaus nüchternem, ganz terre à terre praktischem Gesicht und seines offenen, einfachen Wesens, dank welchem er doch der einzige von der ganzen Bande war, der sich anständig benahm, insofern er sich durchaus nicht auf den hohen Künstler ausspielte, sondern einfach als Familienvater gab, der gern in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld durch Notensetzen verdienen möchte.
    In Ehrfurcht Ihr bettlägeriger und infolgedessen ziemlich verdummter

Houston S. Chamberlain.


298-299 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Salo am Gardasee, Hotel Salo, den 4. Oktober 92.
Heiliger Franz von Assisi.

    Nachdem ich in München Siegfrieds Freisprechung [vom Militärdienst] mit einiger Bangigkeit erwartet, sind wir hierher gelangt, einem der träumerischsten Punkte der mir bekannten Erde. Hier finden wir das, woran Sie dachten, indem Sie von dem Ekel über unsere Ausstelligkeit sich nach Bosnien sehnten. Hier ist auch nichts als Licht, Luft, Wellenschlag und die zauberischste Färbung der Berge und der mannigfaltigsten Laub- und Nadelwelt. Durch die Olivenzweige den Schein des Mondes und der Sterne, über die Zypressen der Sonnenuntergang, Platanen wiederzusehen und inmitten der harmlosesten Bevölkerung zu atmen, das läßt die heiligen Klanggestalten wieder erstehen.
    Gestern sprachen wir beim Frühstück von Ihnen, und da kamen Ihre lieben Zeilen; die Zeitungsschnitzel unterhielten uns sehr; mein Gott, Rossini wurde gegen Beethoven ausgespielt; von der einen Seite erhoben, von der anderen Seite gesunken, spielen wir jetzt Mascagni gegen die Werke aus. Der Enthusiasmus könnte einem zuwider werden. Aber ich meine, man beobachtet alle diese Dinge wie die Evolutionen der Tierwelt und baut immer auf den ungekannten Gott, wollen wir sagen, den schlafenden Gott in der menschlichen Seele.
    Wie gern gäbe ich Ihnen weiteres auf! Wollen Sie nicht   m e i n e n   Dialog schreiben? Seit einer Weile trage ich mich mit derlei, worin ich alles niederlegen möchte, was sich bei mir eigentlich über alles angesammelt hat.
    Leben Sie wohl, bleiben Sie mir gut, und seien Sie, Freund, der innigen Anhänglichkeit versichert, in welcher Ihrer stets gedenkt Ihre C. W.
    Der Hirtengott Pan wird gewiß helfen!


299-300 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

13/10/92. Semmering.

    „Il est probable que Madame Cosima Wagner viendra à Paris dans quelques jours“, sagt der „Temps“, ähnlich die Wiener Zeitungen. Sie wären also wieder einmal in den alten Orten, wo wir beide unsere erste Jugend verbracht, und wo Sie er- und ich ver-zogen wurden. Werben Sie, hochverehrte Meisterin, als Parisienne den Gruß eines einfachen Versaillais verschmähen?
    Ihr Brief vom 4ten Oktober hatte mich in der übermütigen, kampflustigen Laune eines Menschen angetroffen, der sich der Tyrannei physischer Schmerzen soeben entwindet und nun die bloße Schmerzlosigkeit als höchsten Genuß kostet. Leider war ich zu rücksichtsvoll, sofort zu antworten — meinem alten Hange, auf jedes Berges Spitze zu klettern, war ich gefolgt in zu leichtsinniger Weise —‚ die Schmerzen kehrten schlimmer wieder, und obwohl es nun wieder besser zu werden beginnt, so bin ich doch gezwungen, fast den ganzen Tag ganz flach auf dem Rücken zu liegen. Dazu hat meine Frau nach Wien müssen. Und so liege ich — mein Mime liegt auf mir, und wir komponieren zusammen das zweite Parsifalmärchen — ein Satz per Stunde, wegen der Schwierigkeiten, in dieser Lage zu schreiben, und weil unsere philosophischen Gespräche manche Unterbrechung verursachen.
    In ehrfurchtsvoller Ergebenheit und mit vielen Grüßen an Ihre Kinder Ihr

Houston S. Chamberlain.


300 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Salo, Hotel Salo, den 18. Oktober 1892.

    Wir frugen uns, wie es Ihnen wohl gehen möchte, im Augenblicke, wo Ihre Zeilen eintrafen. Leider also nicht gut! Ich begreife Ihre Unvorsichtigkeit, denn es hält so schwer, das Wissen des Leidens zu haben, wenn man sich genesen fühlt.
    Hier ist es wundervoll, möge es regnen oder scheinen, kühl oder warm sein; und ich freue mich der Niederlassung meiner Kinder [das Ehepaar Thode hatte sich am Gardasee angesiedelt], welche mich öfters an diese paradiesischen Ufer führen wird. Der See ist wild heute, und das Rauschen des Meeres übertönt die Gedanken. Auch ist Schnee gefallen. Die Oleander blühen aber weiter, und der zarte Duft umgibt einen wie eine milde Verkündung.
    Die eiserne Gestalt Cromwells stimmt eigentlich nicht ganz zu dieser Umgebung. Dennoch halten wir fest und begleiten treu den apokalyptischen Reiter, wohl eine der gewaltigsten Erscheinungen der Geschichte. Einmal in Bayreuth, werde ich Sie um die prosaischen Schriften Miltons bitten (ich gebe Bücher gewissenhaft zurück).
    Den großen Zola lernte ich nun auch kennen, und auf Nimmerwiedersehen! Daß ich ihn talentlos und kindisch finden würde, war mir das Unerwartetste. Nein, diese Débâcle; die Débâcle der ganzen französischen Literatur in allem, was sie auszeichnete, Kunst der Erzählung, Feinheit der Sprache! Und dabei alle alten französischen Fehler, schablonenhafte Typen, Unkenntnis des anderen und Täuschung über sich. Das paßte allerdings noch weit weniger als wie Cromwell hierher.
    Und nun sage ich Ihnen, Freund, Lebewohl. Hoffentlich treffen diese Zeilen Sie auf. Ist es denn so weit vom Semmering hierher? Ach gewiß, das ganze Leben besteht aus Weiten! So leben Sie denn wohl, Freund; alle guten Sterne mit Ihnen!    C. W.


301-302 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

20. November 1892. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Da ich ganz frei über meine Zeit verfüge, so kann ich nicht sagen, daß ich aus Mangel an Zeit Ihnen, hochverehrte Meisterin, nicht schreibe. Vielleicht läßt mich aber die viele Arbeit, die aus meiner so eng beschränkten, kleinen Tätigkeit mir erwächst, noch lebhafter empfinden, wie sehr man sich hüten muß, Sie inmitten Ihrer großen, für die Welt so entscheidenden Arbeit zu stören? Kurz — zu sagen hätte ich mancherlei; es ist mir aber rein unmöglich, an Sie zu schreiben. — Übrigens lebe ich jetzt wieder ganz in den Schriften, und das mag auch dazu beitragen, daß ich mich Ihnen, Meisterin, näher empfinde als sonst, und das geschriebene Wort mir als die materialistische Konstatierung einer Entfernung vorkommt, die mein Herz durchaus nicht zugeben will.
    Heute bin ich so frei, Ihnen meine zwei Dezember-Vorträge zu schicken. Diese Vorträge behandeln die   S c h r i f t e n   von dem Standpunkt eines Gesamtüberblickes über das   L e b e n,   also gewissermaßen vom subjektiven Standpunkt des Verfassers aus, nicht so sehr vom objektiven dessen, was die Welt, ganz abgesehen von aller Urheberschaft, in den Schriften findet. Es sind diese zwei Vorträge die Nummer 4 u. 5 aus einer Reihe von 8 (augenblicklich schreibe ich am 6ten):
  1. Gesamtüberblick (schematisch).
  2. Kunstwerke der ersten Lebenshälfte.
  3. Kunstwerke der zweiten Lebenshälfte.
  4. Schriften der ersten Lebenshälfte.
  5. Schriften der zweiten Lebenshälfte.
  6. Stellung in der Welt. Verhalten gegen dieselbe (Kunst, Politik, Religion).
  7. Gesamtüberblick. (Wegwischen des anfänglichen Schemas.) (Anhang.)
  8. Bayreuth. (Dieses von den anderen getrennt, um den Charakter als   B e i s p i e l   recht klar hervorzuheben.)
    Eine Schwierigkeit bildet die Zusammensetzung des Publikums; ich muß versuchen, auch dem Ungebildetsten   e t w a s   zu bieten und dabei die wenigen Eingeweihten und Hochgebildeten doch auch zu fesseln. Ich werde gespannt sein, zu erfahren, ob Sie die Vorträge gut finden. Bei dem tatsächlichen Vortrag kommt dieses und jenes hinzu; z. B. jedesmal eine Erklärung von dem, was man unter „reinmenschlich“ versteht, usw.  In den Vorträgen erwähne ich des öfteren des Dr. Dinger. Das geschah aber auf Grund der kleinen „Dissertation“. — Das eigentliche Buch [„Richard Wagners geistige Entwicklung“, Leipzig 1892], Band I, ein groß 8° von 410 S., nahm ich erst heute zur Hand; ich wollte die Mitteilung aus 1849 zur Kenntnis nehmen. Natürlich blätterte ich noch weiter. Ganz abgesehen von dem Werke als Ganzem, gibt es   h a a r s t r ä u b e n d e   Dinge darin. — Daß ein   K o h n   Fürsterzbischof vom reichsten Sitz in ganz Österreich geworden ist, wissen Sie schon ohne mich — ich kann also schließen.
    In ehrfurchtsvoller Ergebenheit Ihr       H. S. C.


302-303 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Wahnfried, den 27. November 1892.

    Hier mit vielem Dank die außerordentlichen Blätter zurück, an welchen ich wieder eine so große Freude gehabt, daß ich Sie, mein Freund, bitten möchte, mir die wirklich meisterliche Gruppierung der Schriften kopieren zu lassen, damit ich diese verschiedenen Bekannten und insbesondere den Übersetzern zukommen lasse.
    Ihr kleiner Keller-Verein ist ein Pendant zu meiner „Ressourcen“-Schule! [Die Stilbildungsschule benutzte die Räume der „Bürgerressource“.] Es ist sehr schön von Ihnen, sich dieser armen, guten Menschen anzunehmen. Und was glänzt, wird nie bei uns sein.
    Meine 5 Tage in Berlin waren recht ausgefüllt. „Rienzi“ wird dort sehr ernstlich vorbereitet, und ich freue mich darauf, wenn es mir auch manche Arbeit und vieles Nachdenken verursacht. So mancherlei hätte ich Ihnen zu sagen. Es geht wohl nicht, daß Sie festspiellos einmal hier seien?
    Klindworths „Heilige Elisabeth“ war für mich wie ein Abschied von der ersten Schule meines Vaters, sehr wehmütig und rührend und schön in dem Sinne, der nichts mit dem Schein gemein hat. Aber auch hierüber verkehrte ich lieber mündlich. Nun, wer weiß! Vielleicht bin ich selbst eines schönen Tages in Wien, und zwar in der Blümelgasse.
    Mme. Duse sah ich in „Fernande“. Ach Gott! Eine feinfühlige Virtuosin, bis in den Fingerspitzen Bühnenherrscherin, aber der Größe und Einfachheit entbehrend, welche, wie mich deucht, auch in den schlechtesten Stücken die Grundlage der Darstellung sein könnte. Die große Volubilität der Sprache, der fehlende Klang im Affekt, die Wiederholung gewisser Gebärden erschreckten mich bei dem großen Talent und verhinderten mich, daran Inspiration zu empfinden, selbst da, wo die Wärme hinreißend wirkte. Bellincioni dagegen, eine wahre Tragödin, welcher ich überaus gern unsere Aufgaben zuführte.
    Nun aber leben Sie wohl, Freund, und seien Sie bedankt, sehr, sehr herzlich und gegrüßt aus vollem Herzen.     C. W.

    Ich lege den Vorträgen ein wunderliches Blatt bei [Photographie nach dem Gemälde Paul Joukowskys, das sich jetzt in der Richard-Wagner-Gedenkstätte in Bayreuth befindet]. Eines Abends in Wahnfried sollte ich etwas auf dem Globus suchen; ich tat es und trug gerade ein japanisches Negligé. Joukowsky hielt den Moment fest und improvisierte alles mögliche dazu, dessen Symbolik ich mit dem besten Willen nicht erklären könnte. Natürlich spielten die Auswanderungsgedanken [vgl. u. a. ‚Richard Wagner an seine Künstler“ (Schuster & Löffler, Berlin u. Leipzig), Brief an Hans von Wolzogen vom 5. März 1880, und C. F. Glasenapps „Das Leben Richard Wagners“, Band VI, S. 304.] sehr hinein, wie das Schiff Ihnen anzeigt. Aber wie gesagt, ich habe das meiste vergessen.

    PS. Herzlichsten Dankesgruß von einem

Tagesgespenst.

Gemälde Paul Joukowsky's
Ölgemälde von Joukowsky
Vgl. hierzu Seite 303 ff.


303-304 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

29. November 1892, Wien.

    Gestern und heute war ich übermäßig fleißig und habe soeben einen Aufsatz „Die Eröffnung der Stilbildungsschule in Bayreuth“ beendet, um den mich Baron von Ehrenfels für die „Freie Bühne“ [erschien dort im Februar 1893] bat, und zwar mit der Bedingung, daß die Arbeit sofort, vor dem 1. Dezember, abgeliefert würde. Was die „Freie Bühne“ ist, weiß ich nicht; ich denke mir nichts besonders Gutes dabei; das Thema war aber verlockend. Ganz zu meiner Befriedigung ist die Sache nicht ausgefallen; ich brauche mehr Zeit, da ich ungemein schwerfällig und langsam bin; ich hoffe aber, morgen früh noch manches zurechtzuschieben.
    Ich habe gefürchtet, hochverehrte Meisterin, Sie würden meine Einteilung der Schriften verurteilen. Ich wäre selber nie darauf gekommen, wenn das    B e d ü r f n i s,   den Menschen ein lebendiges Bild von dieser riesigen Tätigkeit zu geben — etwas, was sie wiederkäuen und behalten können, mich nicht auf den Gedanken gebracht hätte.
    Wolzogen hat vor kurzem eine andere Arbeit von mir in den Händen gehabt, die er mir, mit wertvollen Anmerkungen versehen, dieser Tage zurücksandte: eine   I n h a l t s ü b e r s i c h t   zu „Oper und Drama“ [erschienen in „Die Musik“ (Berlin), 1902, S. 772—776]. Nicht „un index raisonne“, sondern einfach eine übersichtliche Inhaltsangabe. Aus derselben — oder   d u r c h   dieselbe — wird der architektonische Aufbau dieses — für unsere Denkgewohnheiten — so schwierigen Buches vor dem Blick entrollt; ich glaube, daß sie manchem eine willkommene, wahre Hilfe und schließlich für jeden interessant wäre. Würden Sie vielleicht Wolzogen sagen, daß ich die Skizze richtig erhalten habe und ihm herzlich dankbar bin. Er hatte, wie es scheint, etwas Ausführlicheres sich vorgestellt wie den Index zum Lexikon [„Wagner-Lexikon“ von C. Fr. Glasenapp und H. v. Stein, Stuttgart 1883]; ich halte das aber nicht für das richtige. Ich will nicht der Faulheit der Menschen entgegenkommen, sondern möchte bloß dem nach Verständnis Ringenden ein Mittel zum tieferen Eindringen an die Hand geben. Und da meine ich, die trockene, lakonische Kürze reizt zum wiederholten Nachschlagen und dient zum Selbstexamen, während diese „résumés“, wie im Lexikon und in der Enzyklopädie [„Wagner-Enzyklopädie“ von C. Fr. Glasenapp, Leipzig 1891], nicht unbedenklich sind und leicht als ein Ersatz für das einzig lebendige Original betrachtet werden. — Doch jetzt gehe ich zu Bett, wo ich seit einiger Zeit alle meine Tage mit 2 ober 3 Liedern von Walther von der Vogelweide, gefolgt von 1 oder 2 Kapiteln des noch ungekürzten Don Quichotte, beschließe.

    In ehrfurchtsvoller Treue Ihr

Houston S. Chamberlain.





Cosima Wagner, 1899
Cosima Wagner. August 1899
Aufnahme von Sophia Bergman-Küchler


304-305 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

30. November 1892, Wien.

    Vielen Dank für das Bild, hochverehrte Meisterin, welches ich doch behalten darf, nicht wahr? Mir macht es den Eindruck einer im Bilde festgehaltenen   U n t e r h a l t u n g,   die, vom deutschen Mittelalter ausgehend (etwa von der Frage, was ist deutsch?), auf Griechenland zurückging, von dort, wo nur Trümmer liegen, da wir beim besten Willen doch keine Griechen sein können, zu Goethe flüchtete, in der Erkenntnis aber, daß der Mensch hoffen   m u ß   und zum Hoffen   g l a u b e n   muß, die Augen auf jungfräuliche Erdstriche warf, wozu der deutsche Mann, nunmehr durch die Kenntnis des altindischen Denkens zu einem ganz anderen Begriffe seiner Eigenart, zu einem gewissermaßen   k o s m i s c h e n   Erfassen derselben gelangt, mit brahmanischer Ruhe die Erdkugel dem untrüglichen Instinkte des Weibes zur Bestimmung hinreicht, entschlossen, das bereitliegende Schiff zu besteigen, wohin auch die Fahrt gehe. — Aber ich fürchte, meine Symbolik ist immer Sehr terre â terre.
    Meine Frau wird die Einteilung der Schriften kopieren. Auf anderes komme ich noch nächstens zurück. In Ehrfurcht Ihr          H. S. C.


305-306 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Bayreuth, den 11. Dezember 1892.

    So schön haben Sie das Bild gedeutet und gewiß richtig! Bitte, behalten Sie es nur. Ich hätte es einrahmen lassen, wenn es nicht ein bloßer Scherz! Und für so manches habe ich wiederum zu danken! Liebe Briefe und die Zeitungen, unter welchen die kleinen Ausschnitte über Cromwell mich sehr interessierten. Seltsam genug, daß es jetzt in England für diesen großen Mann zu tagen beginnt, und sehr erfreulich, daß Carlyles Arbeit, wie der in die Erde gelegte Keim, nun treibt.
    Bitte, danken Sie auch Ihrem Herrn Bruder freundlichst für die Riesen-Manchester-Zeitung, die mir schon durch ihr Format viel Vergnügen machte. Vor allem aber danken Sie der lieben Abschreiberin für ihre unablässige Arbeit in unserer Sache. Es hat etwas Ergreifendes, diese Rastlosigkeit der Frau im Dienste des Guten. Und ich glaube, daß wir dem Manne überlegen sind, obschon mein guter Kniese mir hier den Beweis liefert, daß auch der Mann unermüdlich sein kann. Was   d e r   alles schafft, ist gar nicht zu sagen. Und unsere Schule ist eigentlich sein Privathaus, darin er so tüchtig schaltet und waltet, daß die Schüler nur eine Sorge haben, entlassen zu werden.
    In jüngster Zeit bin ich etwas weniger dort hausen gegangen, da mir Weihnachten plötzlich einfiel und nun die unbeschreiblichen Wanderungen mit Eva (wie Harun al Raschid mit Giafar) durch unser Nest beginnen. Könnte ich Ihnen des Buchbinders Senfft Laden beschreiben! Am Eingang ein Ritter als Mohr und von da ab alles, auch die einfachsten Gegenstände, allegorisch! (Hier fällt mir einer unserer Schüler, Herr Christel, Freund von Boller, ein, der mich nach der Auffassung des Wirtes in „Minna von Barnhelm“ (das wir jetzt lesen) frug. Ein Schelm gibt mehr, als er hat; ich gestand, daß ich von Auffassungen und Richtungen gar nichts wüßte. Aber die ringsum grüne Weide und die dürre Heide dieser Gehirne verläßt mich als Bild nicht mehr.)
    In einigen Tagen kommt Siegfried nach Wien. Er soll Ihnen all das kleine Zeug erzählen, woraus das Leben besteht. Es wäre schön, er könnte Sie uns als Christkindchen mitbringen, aber das geht nicht, und man muß sich daran gewöhnen, in Gedanken zusammenzusein.
    Gern würde ich mit Ihnen den Proben der „Missa solemnis“ [Beethovens unter Julius Kniese] beiwohnen, deren Studium sich über unser jetziges Leben wie die blaue Himmelskuppel mit ihren Sternen wölbt. Bei keinem Werke der Andacht tritt einem die Gottähnlichkeit des Menschen so nahe, bei keinem ist die Außen- und Innenwelt so unvermittelt nebeneinander.
    Wie gefiel Ihnen Walther von der Vogelweide? „Am stillen Herd.“ Ich habe ihn früher entzückend gefunden, aber habe ziemlich alles vergessen.
    Nun leben Sie wohl und haben Sie Dank und seien Sie gegrüßt in wahnfriedlichsten Gedanken!       C. Wagner.


306-307 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

13. Dezember 1892, Wien.

    Gestern abend war ich zum ersten Male seit Bayreuth in der Oper: „Fidelio“. Alles schrecklich, hochverehrte Meisterin; aber Beethoven göttlich. Welche herrlichen Gestaltungen findet jene eine Sehnsucht nach dem Tode, die mir gestern das ganze Werk zu durchdringen schien! „Die Hoffnung flüstert sanft mir zu: wir werden frei, wir finden Ruh“; — „die Freiheit im himmlischen Reiche!“ — Ich war fast unheimlich tief ergriffen — diese ganze Umgebung (für den, der   s o   lebt, wie ich jetzt, und in jenem Umgange), diese Umgebung, die einen in den einzig erlösenden Tod hinwegzudrängen scheint, und dazu jene Töne aus dem himmlischen Reiche, welche „namenlose Freude“ verkünden, „nach unnennbarem Leide — übergroße Lust“! Und doch sagte mir ein untrüglich gesunder Instinkt, daß man den Tod durch das Leben erst verdienen muß — und währenddessen Beethoven weiterverkündete, hatte ich dann immerwährend nur Sie, Meisterin, vor Augen; mir schien alles nur in bezug auf Sie gedacht — „Süßer Trost in meinem Herzen — meine Pflicht hab' ich getan“. Wie lebhaft empfand ich da, daß, wer sich Ihr Freund wissen darf, einen herrlichen Lebensgehalt empfängt — ganz unbewußt begann ich da, auf Ihre Schillerschen Mont-Blanc-Höhen zu klettern, der Gedanke an Sie hatte auch die ganze Umgebung geadelt, auch der kleine Jude neben mir war edel geworden, das Schicksal seines sonnendurchglühten Volkes, in dessen Auge der Fluch der Liebe, die Kreuzigung des Mitleides so ergreifend sich ausdrückt, zog mich sympathisch an — und auch das übrige logenlorgnierende Publikum schien mir mehr Mitleid als Abscheu zu verdienen, es spie mich nicht mehr hinaus in den Tod, sondern lud von Herzen zum Leben ein...
    War es aber jener Schatten oder dieses Licht — oder vielleicht das zu intensive Versenken in die Betrachtung des Mont Blanc —‚ heute bin ich so müde und kraftlos, daß ich es kaum vermag, meine Feder zur Zeichnung der Buchstaben zu zwingen. Ich habe so viel, so viel vor, kenne auch die Tugend des Fleißes — aber ein einziger Eindruck genügt, und mir ist, als stünde ich vor dem Throne meines Schöpfers, und das bloße Bestehen, das   S e i n,   erfordert und absorbiert alle Kräfte. Darum werde ich mich verabschieden für heute; aber gewiß komme ich bald nach Bayreuth, mir ein Diploma als Lebensberechtigtem holen. In Ehrfurcht und Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


307-308 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Wahnfried, den 16. Dezember 1892.

    Meine ganze Teilnahme an Ihrem Leiden voraus, mein Freund, und meinen Dank dafür, daß Sie sich trotzdem zum Schreiben zwangen.
    Bitte, sagen Sie G. S. [Gustav Schönaich], daß ich seine Teilnahme für M. [Mottl] durchaus ehre und begreife. M. ist im Grunde des Herzens eine der besten Naturen, die mir je vorgekommen. Sein sehr üppiges Naturell hat ihn, von seinem 20ten Jahre ab, von einer Beziehung in die andere geworfen, und er ist, bei scheinbarer Leichtfertigkeit, doch so ernst, daß er sich Vorwürfe gemacht hat und in scheinbarer freier Beziehung sich gefesselt gefühlt hat. Die Unwahrheit, die mit solchen Verhältnissen zusammenhängt, hat er auch als unwürdig empfunden. Nun kam seine Freundschaft zu mir, und ich stehe nicht an zu glauben, daß sein Entschluß zur Ehe (vor welcher er sonst ein Grauen empfand) in einigem Zusammenhang mit dieser Freundschaft steht.   S e i n   Benehmen, seine Vornahme bedeutet mir für ihn eine große Läuterung. Und das ist das an sich Gute. „Glück und Unglück sind dem Menschen seine linke und rechte Hand, er bedient sich beider“, sagt Katharina von Siena.
    Wenn ich früher das mir Mitgeteilte gewußt hätte, ich hätte mit M. gesprochen. Nun fasse ich das Ganze als Sühne und bin überzeugt, daß er sich bewähren wird.
    Und nun noch ein anderes Motiv, auf welches ich viel gebe. Wenn man die beiden Menschen ansieht, ihre Erscheinung, ihr Alter, ihre Abstammung, so muß man sich sagen, die Natur hat sie eigentlich füreinander geschaffen. — Das ist ein großes Wort im Himmel und auf Erden, und man kann sich mit mancher Ehe versöhnen, die seelisch oder geistig unmöglich dünkt, wenn unser aller Meisterin dazu ja sagt.
    Sie sehen jetzt Siegfried. Sagen Sie ihm   a l l e s.   Vielleicht kann er noch Mottl helfen!
    Vielen Dank für den Vortrag und für die herrlichen Worte über „Fidelio“, der mir merkwürdigerweise in diesen Tagen auch unendlich nahe trat in seiner „wehmütigen Allgewalt“. Dieses geistige Auge, welches Sie haben! Sehen Sie, Sie sind Shakespeare, was ich nun einmal nicht bin, und dies dünkt mich mehr (übrigens den anderen auch) als Mont Blanc. Ich kann nicht viel mehr sagen, denn meine Hoffnung ist in diesem Falle wirklich eine Tugend und hat meine ganze Kraft.
    Leben Sie wohl, sagen Sie mir bald, daß Sie wohl sind, und nehmen Sie den Gruß aus tiefmitfühlendem Herzen!        C. W.


308-309 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Sonntag nachm. 18/12/92. Wien.

    Herzlichsten Dank, hochverehrte Meisterin! — Wir sagen auf englisch: „To hope against hope“; damit ist wohl alles ausgesprochen, was Freunde in diesem Augenblick fühlen können. — Ihr Sohn wird Ihnen gewiß vieles zu berichten haben, vor allem auch seinen eigenen Eindruck; es ist doch gut, wie ich nachträglich einsehe, daß man Sie mit einiger Schonungslosigkeit au courant setzt; denn, tritt das „Wunder“ nicht ein, welches M. erwartet, so wird   I h r   Rat und   I h r e   unerschütterliche Freundschaft über kurz oder lang sein einziges Heil sein. Einstweilen: let us hope against hope!
    Heute vormittag war ich mit Siegfried in Oesterleins Museum, dann bis zum Eingang der Philharmonischen Konzerte, wo ihn G. Schönaich erwartete. Während der 3 ersten Sätze einer   a n d e r t h a l b s t ü n d i g e n   Brucknerschen Symphonie konnte ich Siegfried beobachten, ohne von ihm gesehen zu werden; er sah genau aus wie Tristan bei den Worten: „Zu weIchem Los erkoren — ich damals wohl geboren.“
    In ehrfurchtsvoller Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


309-310 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892.

Wahnfried, den 21. Dezember 1892.

    Noch vor Siegfrieds Ankunft will ich Ihnen, mein Freund, für Ihre Güte gegen ihn, vor allem für Ihren Blick auf ihn danken. Wenn seine Schwestern ihn scherzend die „Beauté des Hauses“ nennen und meinen, er schadete ihnen, so habe ich bei diesem ernst-heiteren Antlitz immer Gefühle, die Sie mit Ihrer Divination empfunden haben! Gott lohne es Ihnen und segne ihn, der ein Segen ist!
    Das andere Thema kann ich gar nicht mehr berühren. Ich sah die   a r m e   Mutter vor mir, die ihr Bestes dahingibt. Des heiligen Paulus' Spruch: „Hoffen wider jede Hoffnung“ nimmt sich im Englischen am besten aus, da bekommt er völlig etwas Shakespearesches. „Oh esperance“, ruft Percy aus. Nur finde ich leider jetzt beim Nachsinnen, daß, verhält es sich so, wie der arme Vetter sagt, die Hoffnung nichts mehr zu wollen hat. Es ist schlecht. Und da läßt sich nichts bessern, auch nicht durch Glück.
    Zu meinen Weihnachtssendungen gehört Ihr Aufsatz über Ausstellung und Spiele. Zu meinen Lektüren die Briefe meines Vaters, eben herausgegeben. Es ist seltsam genug, auf diese Weise in seine Jugend zurückzublicken, ja, selbst den Namen der Straßen, die man in der Kindheit gehört und gekannt, wiederzubekommen. Es macht mir Freude, und das Lebendige, was in der Form der Menschenliebe das Wesen meines Vaters ausmachte, berührt mich als die Wärme, unter welcher ich aufkeimte, angenehm heimisch.
    Nun leben Sie wohl, mein Freund, und haben Sie Dank! Oh, gewiß kann ich nie genug über Siegfried hören!
    Die Münchener Hexenküche lassen wir auf sich beruhen. Alle Triumphe der Welt über mich gönne ich den Traurigen, wenn ich nur nichts mehr von ihnen zu sehen noch zu hören brauche.
    Nun seien Sie gegrüßt, aus tiefem Herzen! Möchten Sie wohler sein, wenn diese Zeilen ankommen!         C. W.

    Kennen Sie das Buch von   G e r a l d   M a s s a y   über die Sonette von Shakespeare? Ach, hätte ich nur den großen William da, um meine Stimmung auszusprechen, da wäre ich befreit!


310-311 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892

21. Dezember 1892. Blümelgasse. Wien VI.

    Dieses zweite Parsifal-Märchen beabsichtigte ich schon lange. Die Form fand ich aber erst, aIs Sie, hochverehrte Meisterin, mir einmal im Herbst schrieben: „Möchten Sie nicht   m e i n e n   Dialog schreiben?“ Mir war es, aIs könnten   S i e   nur mit dem lieben Gott „dialogisieren“, und aus diesem Eindruck wurde dann das zweite Märchen, „Parsifals   G e b e t“.   Infolge dieses Ursprungs blieb die kleine Dichtung auch im Verlaufe ihres Werdens eng mit Ihnen, mit dem Gedanken an Sie verwoben. Gewiß kann keiner das merken; ich glaube nicht, daß das kleine Märchen das Gepräge einer „actualitê“ an sich trägt;   S i e   werden aber gewiß in dem Gewebe jenen Faden deutlich gewahren, der Ihrem oben zitierten Worte seinen Ursprung verdankt.
    Aus diesem Empfinden von etwas fast Persönlichem ergab sich für mich eine gewisse Scheu, gerade Ihnen persönlich die kleine Dichtung zu Schenken — das werden Sie verstehen, nicht wahr? Darum sandte ich sie an Wolzogen; ich dachte, er druckt sie zu Weihnachten, und „sans qu'il y paraisse“ habe ich doch meine kleine Weihnachtsgabe auf Ihren Tisch gelegt. WoIzogen schrieb mir nun fast begeistert; bestimmte aber, daß das Märchen, seinem Charakter nach, erst zu   O s t e r n   erscheinen dürfte. Darum ließ ich mir das Manuskript zurücksenden; zu Weihnachten   m ü s s e n   Sie es, nach meiner Absicht, haben; und das Schicksal bestimmt, daß es doch direkt aus meiner Hand in die Ihre wandeln soll. Da das Märchen nunmehr Ihnen gehört, haben Sie aber gütigst zu bestimmen, ob es in den „Bayreuther Blättern“ erscheinen soll oder nicht.
    Sie werden sehen, daß dasselbe Thema wie im ersten Märchen hier — vertieft — den Gegenstand bildet. Was ich zu empfinden vermag, in den tiefsten Tiefen des Herzens, habe ich zu sagen versucht. Ob jene höchste Sehnsucht, sich   v e r s t ä n d l i c h   mitzuteilen, hier die rechten Worte und Bilder fand, das kann man ja erst von den „anderen“ erfahren. Vielleicht darf ich aber sagen, daß dieses zweite Märchen nur in einem Augenblick großer Sammlung und Ruhe, in einer wirklich frommen Stimmung gelesen werden sollte, am besten wohl in der Einsamkeit.
    Wie nun die kleine Dichtung auch gefällt oder nicht gefällt, in der Absicht werden Sie gewiß die in Worten nicht zu sagende, ewige Dankbarkeit erkennen, die ich Ihnen schulde, und in deren beglückendem Bewußtsein ich auch wirklich täglich lebe.
    Ihnen und Ihren Kindern alle Wünsche aus ganzem Herzen, von uns beiden in ehrfurchtsvoller, treu ergebener Freundschaft Ihr

Houston S. Chamberlain.


311 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892

[Telegramm aus Bayreuth I, 25/12/92, II vorm.]

Herrn Chamberlain, Blümelgasse 1, Wien.

    In mein tiefgerührtes Herz senke ich das Gebet, welches zu Ostern auferstehen soll.


311 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1892

31. Dezember 92. Wien.

    Ganz gebeugt vor Wehmut, da er soeben den edlen Don Quichotte zu Grabe getragen hat, entsendet Arya [unter diesem Decknamen sollte ursprünglich der Aufsatz „Musikausstellung und Festspiele“ erscheinen] an ganz Wahnfried seine herzlichsten Neujahrswünsche. — Damit das neue Jahr auch mit Lachen beginnt, einliegend sechs jedenfalls geistvolle Porträts,   a u s   d e m   K o p f e ! :   Mottl, Schönaich, Jahn, Boller, Hanslick, Göllerich [Schattenbilder Otto Böhlers]. Damit das neue Jahr auch Belehrung bringe, einliegend die Gebote der katholischen Kirche, betreffs des Zusammenlebens mit   J u d e n.   Damit das verehrte Haus Wahnfried gleich zu Beginn des Jahres nicht wüßte, ob es selbst oder ob die anderen verdreht seien, sollte auch „Hinkebein“, Teil II, heute abgehen — wegen der schwachen Kräfte kam es aber nicht zur Abschrift.
    Von Herzen dankt noch für die Depesche und nimmt sich vor, in 93 viel bescheidener und schweigsamer zu sein, der — ganz Wahnfried — in treuer Dankbarkeit ergebene

    Arya.








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Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit (1)
Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit (3)

Letzte Änderung am: 16. Juni 2010