Here under follows the transcription of Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888-1908, the correspondence between Cosima Wagner and Houston Stewart Chamberlain, Vienna period (2), edited by Paul Pretzsch, 2nd. ed., published by Philipp Reclam jun., Leipzig 1934.

Hieronder volgt de transcriptie van Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888-1908, de correspondentie tussen Cosima Wagner and Houston Stewart Chamberlain, Weense periode (2), geredigeerd door Paul Pretzsch, 2e druk, verschenen bij uitgeverij Philipp Reclam jun., Leipzig 1934.
 
 
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203-205 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891.

Aus dem Jahre 1891


26. Januar 1891. 1 Blümelgasse. Wien VI.

    Es wäre überflüssig und uninteressant, Ihnen, hochverehrte Meisterin, von dem Gewebe kleinlicher Umstände zu berichten, welches mich bisher wie in einem Netze hier gefangenhielt. Ich gehe lieber zur Tagesordnung über auf welcher steht, daß ich Ihnen über das gestrige Konzert schreiben soll. Dr. Boller bat mich darum, und indirekt tat das auch Bruckner. Der Wagner-Verein gab gestern ein Konzert, dessen Reinerträgnis ganz und gar zur Anschaffung von Freiplätzen, zur Erteilung von Reisestipendien etc. bei den diesjährigen Festspielen verwendet wird; gewiß also ein lebenswertes Unternehmen, nicht wahr? Und da der große Saal vom Musikvereinsgebäude fast gänzlich ausverkauft war, so wird auch der Reinertrag ein sehr erfreulicher sein — trotz der hohen Kosten eines Konzertes mit dem ganzen philharmonischen Orchester. Das Programm bestand aus: I. „Parsifal“-Vorspiel, II. Siegfried-Idyll, III. Bruckners 3te D-Moll-Symphonie. Dem Anfang des Konzertes traute ich mir nicht beizuwohnen, erfuhr aber, daß die Aufnahme eine geradezu enthusiastische gewesen sei. Bruckners Symphonie ist wirklich wert, gehört zu werden, jedenfalls ist der Mensch, der das gemacht hat, ein ganzer „Kerl“, und mich freute es aufrichtig, daß ein Konzertpublikum dies einsah und dem alten Manne die große Freude eines reichen Applauses zuteil werden ließ. — Nach dem Konzert waren etwa 30 Personen von Dr. Boller zu einem gemeinsamen Diner versammelt, darunter auch meine Frau und ich. In Beantwortung eines obligaten, dithyrambischen Toastes auf ihn sprach der alte Bruckner einige Worte, die viele von uns zu Tränen rührten; in schlichter, ungeschickter Form kam eine so gewinnende Seele zum Vorschein. Auch auf Sie, verehrte Meisterin, wurde von Dr. Boller in einer kurzen und durchaus würdig und angemessen gehaltenen Rede ein Toast ausgebracht.
    Dies alles und was noch alles mehr war, die Rede des Humoristen, die Rede eines Vorstadt-Bürgermeisters, der nicht die geringste Ahnung hatte, von was er eigentlich reden wollte und sollte, so daß es zuletzt fast wie eine Grabrede auf den guten Bruckner ausfiel, und um den peinlichen Eindruck zu verwischen, mußte Boller wieder das Wort ergreifen, und in seiner Verzweiflung ließ er gleichzeitig den Trompeter des Orchesters und auch   m i c h   leben, so daß, als wir uns beide dankend verneigten, die Gesellschaft nicht wußte, wer die Trompete blies und wer der „berühmte internationale Wagnerianer“ war, das alles könnte natürlich jeder andere weit besser als ich berichten. Aber Boller und auch Bruckner haben einen großen Wunsch, und sie trauen sich nicht, ihn auszusprechen; vielleicht kann ich dazu taugen. Es war nämlich ein hartes Stück Arbeit, den Hans Richter für dieses Konzert zu gewinnen. Der Mann ist mit Arbeit überbürdet, sehr abgemattet, enerviert etc.; dann glaubte er nicht an die Möglichkeit eines Succès. Als aber die Sache sich günstig wendete, die Plätze alle vergriffen wurden, sämtliche Philharmoniker sich verpflichtet hatten, da ist auch er ordentlich ins Zeug gegangen. Er war gestern ganz merkwürdig animiert und hat natürlich das meiste zu dem Gelingen dieses Konzertes beigetragen, welches „beaucoup de retentissement“ haben wird und eine bedeutende Summe für die edelste Bayreuther Verwendung verschafft hat. Und da läge den Herren sehr viel daran, wenn   S i e   bei Gelegenheit dem Hans Richter sagen würden, daß Sie von dem Konzert gehört hätten und ihm Ihre Anerkennung für seine Bemühung aussprechen wollten. Im Namen der Herren, die das Konzert arrangiert hatten, lege ich Ihnen diese Bitte vor, ich selber war ja nur „neutrales, internationales Publikum“. Und ich habe immer nur zu danken und danke Ihnen auch alle Tage. In Ehrfurcht und treuer Ergebung Ihr

Houston S. Chamberlain.


205-206 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891.

Berlin, Hotel Hohenzollern, den 4. Februar 1891.

    In den ersten Tagen unseres Aufenthaltes hier habe ich buchstäblich jeden Morgen und jeden Abend gemeint, Sie träten ein, mein Freund. Habe es auch geträumt. Und da Sie nicht kamen, sagte ich mir, daß Sie nicht wohl sein müßten, was, zu so manchem gesellt, mich mit eigenem Ernste in die hiesige Bewegung blicken ließ. Möchten Sie sich jetzt ganz befreit fühlen, es gibt des Unerträglichen dann immer noch genug.
    Vielen Dank für den Bericht über das Konzert. Wollen Sie Dr. Boller bestens von mir grüßen, ihm sagen, daß ich mich sehr über die Bestimmung des Ertrages gefreut hätte, und daß ich Richter schreiben würde, sobald ich zu Atem gekommen wäre.
    Es freute mich zu hören, daß Sie Freude an der Brucknerschen Symphonie hatten, man mag so gern unter seinen Mitlebenden Erfreuliches finden; was ich hier Musikalisches erfuhr — „Cavalleria rusticana“ — widerte mich an. Die Aufführung des „Tannhäuser“ legte Zeugnis von vieler Sorgfalt ab, und Sucher nahm die Tempi gut, etwas wesentlich Erfreuliches; außer seiner Frau aber war keiner der Sänger irgendwie in den Geist des Werkes gedrungen, und so verließ man denn wieder das Haus mit Schwermut und großer Sorge. Die bleibt nicht aus, diese graue Schwester, welche man sich unter den Zügen von Dürers Melancholia gern vorstellt.
    Wir hatten eine große Freude hier an zwei Gängen durch das Museum. Der Konservator derselben, Herr v. Tschudi, führte uns auf das angenehmste, ohne zuviel Belehrung mit freundlichem Verständnis der eigenen Gefühle. Wenn Sie wieder einmal nach Berlin kommen, so bringen Sie, bitte, Tschudi einen Gruß von mir, er wird Ihnen sicher sehr gefallen, eine seltene, vornehme, zarte Individualität und ein schweres Geschick, welches ihm den Ausdruck edler Resignation eingeprägt hat.
    Nun leben Sie wohl, mein Freund, gedenken Sie meiner freundlich! Daß auch die kleinen Miseren des Lebens Ihnen nicht erspart sind, kränkt mich sehr. Wie gleichgültig sind einem doch alle Begehrenden, in dem Strom der Dinge hastig Mitschwimmenden; wie nahe dagegen stehen einem die edlen Einzelnen außerhalb dieser fließenden Flucht. Zu den Nächsten gehören Sie, mein Freund, und so sagen Sie sich denn selbst, was an Teilnahme und tiefster Herzlichkeit in einem Gruße jetzt an Sie abgeht!       C. W.


206-208 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

20/2/91. Wien.

    Wie innigen Dank weiß ich Ihnen, verehrte Meisterin, für jene beiden Male, wo Sie mir gestatteten, Sie am Werke zu sehen, das eine Mal in Wahnfried, im großen Zimmer, das andere in Ihrer Festspielhauszelle. Geradeso, wie einem aus der Kindheit einzelne Momente aus der verschwommenen oder ganz dunklen Umgebung mit übernatürlicher Schärfe und wie zu der symbolischen Bedeutung eines Bildes oder eines Bildwerkes versteinert hervortreten (etwa, nicht wahr, wie Murillos Festhalten der Momente der höchsten Ekstase, welche sich vom dunklen Hintergrund des verschwommenen Lebens abheben), so sehe ich und erlebe ich jene Minuten. Ich sehe Sie, Meisterin, mit der „Parsifal“-Partitur und höre eine jede Ihrer Bemerkungen — und ich höre, wie die edele Begeisterung des Künstlers, angefacht durch Ihre unmittelbare Nähe, durch seinen fast nur geflüsterten Vortrag hindurchzittert. Es ist ein sehr großes und erhabenes Bild, das Sie mir da schenkten. —
    Zum Teil auf Albert Böhlers Anregung hin war ich jetzt öfters bei den Mittwoch-Abenden des Ak. R.-W.-Vereins. Im Grunde ist es eine ganz monströse Vereinsmeierei, denn es geschieht weiter gar nichts, als daß man ißt und trinkt und raucht und hin und wieder einer auf dem Klavier was vorpaukt. Und dennoch habe ich ganz angenehme Stunden dort verbracht. Der Ton ist ein anständiger und herzlicher, und der Zufall war mir auch günstig. An dem einen Abend traf ich einen Bruder des Prof. Höfler, der seit Jahren in   L o n d o n   ansässig ist und ein ganz begeisterter Engländer wurde. Das heißt, er ist — wie hätte er anders gekonnt? — ganz deutsch geblieben, er hat aber die Duselei gänzlich abgestreift und hat jenen charakteristisch englischen   B l i c k   bekommen, offen, frei und intensiv. Er erzählte mir viel Erfreuliches über die Kreise, die dort drüben zu Bayreuth halten. — Sogar einen „Damen-Abend“ habe ich erlebt! Zum Glück gibt es wenig solche und ist das schöne Geschlecht sonst streng aus unseren ernsten Zusammenkünften ausgeschlossen. Aber selbst da hatte ich kein Recht zu klagen, denn die einzige hübsche Frau bekam ich zum Visavis, und später am Abend erhitzte ich mich dermaßen als Ritter für Schopenhauer gegen die Angriffe eines norddeutschen „bierwirtmäßigen“ Dummkopfes, daß mir das Sehen überhaupt verging.
    Tiefere Eindrücke als der Akademische Verein verschaffte mir neulich der italienische Tragöde   R o s s i   in „Lear“. Rossi schien die Sache so aufzufassen, als ob König Lear schon von Beginn an den Keim zum hellen Wahnsinn in sich trage, als ob schon jener merkwürdige Entschluß, auf welchem das ganze Drama sich gründet, die Tat einer nicht mehr ganz equilibrierten Seele wäre. Diese Annahme mag wohl ein wenig kraß sein, für mein Empfinden war sie aber bei der szenischen Aufführung nicht so durchaus verwerflich, da sie die Ungeheuerlichkeit der ersten Voraussetzung übersehen half, so daß man mit ungeschwächter Kraft in die eigentliche Handlung miterlebend eintrat. Und da ging Rossi so oft ganz auf in die Vision des großen Sehers — oder war ich es nur? Wohl kaum denkbar? —‚ daß ich ihm nur Dank wissen kann und den analytischen Verstand wie einen Kettenhund in seine Wachtbude zurückweise. Nach der Erkennungsszene mit Cordelia mußte ich sogar flüchten, da ich keine Loge zum ungestörten (und keinen störenden) Heulen hatte, und wer vermöchte das anzusehen, wenn nur ein Funken Wahrheit in dem Darsteller glüht, wie der Mensch sein totes Glück in den Armen trägt — immer erst dann ganz unser eigen, wenn wir es also tragen? Aber ach! Diese trockenen Augen, als ich durch die Reihen eilte! Wenn die Träne den Menschen vom Tier unterscheidet, dann scheint es bis jetzt wenige zu geben, aber nein, vielleicht war Rossi wirklich schlecht, und ich hatte nur in irgendeiner „vierten Dimension“ dem Shakespeare selber gelauscht?
    Einen wirklich interessanten Mann hatte ich auch vor kurzem die Gelegenheit kennenzulernen, den gemeinsamen österreichisch-ungarischen Finanzminister, den Herrn von Kallay — Autokrat von Bosnien. Da ich jeder Versuchung, ihn um eine Audienz zu bitten, mit Fleiß aus dem Wege gegangen war, ließ er mich bitten, ihn zu besuchen, was natürlich einen viel angenehmeren Boden für den Verkehr abgab. Es war mir eine wirkliche Freude, diesen hervorragenden und wirklich genialen Staatsmann (wohl einer der allerbedeutendsten Männer dieses Reiches) zu sehen und — wenn ich so sagen darf — zu studieren. Dieser Ungar ist die verkörperte Energie und Arbeitskraft, und durch die Eigentümlichkeit seiner Machtstellung einem Lande gegenüber, in welchem alles neu zu schaffen ist, hat sein Tätigkeitstrieb ein so weites Feld gefunden, daß die sonst bei uns in Europa eingeengten Gaben sich frei haben entwickeln können. Während der Stunde, die mir der seltene Mann widmete, war es mir, als hätte ich leibhaftig vor Augen eine Exemplifizierung der unsagbaren Vorteile der Regierung eines guten Tyrannen, wie sie Plato lobt.
    Dann hätte ich noch zu melden, daß ich zweimal auf öffentlichen Maskenbällen war, auf dem sog. „Lumpenball“ und auf einem von noch schlechterem Rufe. Mein Behagen und Ausgelassenheit in so schlechter Gesellschaft — in welcher ich mich immer so wohl und heimisch fühle — soll sogar meinem eigenen Rufe (so erzählte mir eine Dame im Wagner-Verein) geschadet haben, also nach einem Mißverständnis ein anderes.
    Verzeihen Sie, daß ich so lange plaudere, und eigentlich so gegenstandslos. Sie wissen ja, daß, wenn ich auch nicht davon spreche, mein Denken immerwährend an Ihrer jetzigen ungeheueren Arbeit, an Ihrer Sorge und Ihrem Leid für die Festspiele den innigsten Anteil nimmt. Möge mein Geschwätz Sie einige Augenblicke zerstreuen.
    In Ehrfurcht und ergebener Freundschaft Ihr

Houston S. Chamberlain.


208-210 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 5. März 1891.

    Ich habe die letzten 8 Tage in Berlin und die erste Woche hier gelegen, mein Freund, und dies ist der Grund, weshalb ich Ihnen nicht für Ihren lieben, mich ungemein erfrischenden Brief dankte. Was mir gefehlt hat, wüßte ich nicht recht zu sagen, eine große Mattigkeit ist mir noch zurückgeblieben.
    Wien ist ein unglaubliches Nest in seiner Lumpazivagabundus-Bummelei (Sie chokieren mich übrigens mit dem Besuche der Lumpenbälle gar nicht. Ich habe dagegen für einen Presseball und ein Ibsen-Souper mit 70 Zeitungsschreibern gedankt!) das vollständige Gegenstück zu Berlin, wo die Strammheit und Arbeitswut völlig gespenstisch sind. Auch hat man dort mehr den Begriff der Wahrhaftigkeit, was am Ende doch etwas Hübsches ist.
    Ich habe nun doch nicht an Richter schreiben können, wie ich es mir vorgenommen hatte. Mein Leben gehört mir nicht an, und 14 Tage Brachlegung bringen mich in allem so zurück, daß eine ganz eigentümliche Angst mich erfaßt. Ich werde aber doch suchen, bei irgendwelcher Gelegenheit diesen Dank Richter zukommen zu lassen.
    Hätten Sie uns doch in Berlin besucht! Ich würde mich so gefreut haben, einiges dort mit Ihnen zu erleben. U. a. ein Stück von Ibsen „Hedda Gabler“, welches ich zumeist in Gedanken an Sie mir angesehen habe, und welches mich gefesselt und sehr eingenommen hat. Gewiß hat man es hier weder mit einem Dichter noch mit einem Künstler zu tun, doch mit einem eigentümlich ernsten Menschen, dem es aufgegangen ist, daß die Unbefriedigung wie das Ideal unseres Augenblickes ist, und der den Mut hat, das Leben ohne Bedeutung und den Tod ohne Tragik, wie ich es selbst an manchen Erscheinungen erfahren, zu zeigen. Daß eine getäuschte Leidenschaft bei einer Frau diese Trostlosigkeit zum Ausdruck bringt, war für mich das Fesselnde. Bedenklich ist, künstlerisch gesprochen, die Vermischung des Erbärmlich-Lächerlichen, wie der Mann und die Freundin, mit dem bedeutsamen Motiv dieses verbitterten Frauengemütes. Etwas vornehmer könnte das Ganze gegeben werden. Das Gefühl, vor einem Abgehäuteten zu stehen, verließ mich nicht, und die Haut, welche unseren Körper hüllt und verklärt, gehört doch auch zur Natur. Aber, wie gesagt, ich hatte den Eindruck des Ernstes und des Nichtandersseinkönnens.
    Wie sehr hat mich das, was Sie über Lear und Rossi mir geschrieben, angeheimelt und angeregt. Ich glaube, daß kein Stück des ungeheueren Mannes mich so erschüttert hat, mir derartig das Verwandtsein mit allem und jedem enthüllt hat, wie diese unsägliche Tragödie. Und gerade der Moment, den Sie erwähnen und den Sie so schön deuten, erschien mir als das ewige Symbol aller Dinge. Immer wieder muß ich daran denken wie an die unvergängliche Wahrheit, nur nicht begreifend, warum sie so trostreich ist, da sie uns doch so furchtbar erscheint. Ich sah einen schlechten Schauspieler als Lear, das störte mich jedoch nicht. Sie sind aber bezüglich Rossis gewiß im Rechte gewesen, Sie haben durch die Schwächen des Alters durch die Kraft der Jugend empfunden, und mir geht es z. B. so mit jedem alten Frauengesicht, und fast zu gesteigerter Empfindung von der Schönheit. Von dieser Auffassung des Lear als prästabiliert Wahnsinniger hatte ich schon vernommen; ich denke mir, daß Rossi etwas, was er in der Jugend unwillkürlich getroffen hatte, im Alter doktrinär ausgearbeitet und vielleicht übertrieben hat; es ist nicht gut, wenn der Schauspieler sich Rechenschaft von dem gibt, was er mit dämonischem Instinkt schafft. Und ich glaube, daß bei keiner künstlerischen Tätigkeit der Verstand sich in seiner Dummheit so enthüllt wie bei dem Mimen. Sie haben die schöpferische Kraft gehabt, Rossis Genie durch die Gebrechen des Alters zu empfinden und durch ihn zu Shakespeare zu gelangen.
    Sehr habe ich mich auch über Ihre Unterredung mit Herrn von Kallay gefreut, und danke ich Ihnen herzlich dafür, mir solche Momente aus Ihrem Leben mitzuteilen. Wir Frauen bleiben ja nie bei einer Sache stehen, und so frug ich mich, ob Sie nicht einen Ihnen entsprechenden Posten in der Verwaltung, die Sie interessiert, erhielten. Ich stelle Sie mir sehr gut in Bosnien vor, und das würde Sie doch nicht verhindern, nach Bayreuth zu kommen?
    Seien Sie aus dem stillen Wahnfried mit der Innigkeit der Tiefe gegrüßt!        C. W.


210-212 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

8. März 1891. 1 Blümelgasse. Wien.

    Daß Sie, hochverehrte Meisterin, auch in einem Festspieljahr mir solche Briefe schreiben — die Art der Dankbarkeit, die ich Ihnen dafür im Herzen weiß und als das heiligste Gut hüte, läßt mich mir selber nicht als unwürdig dessen erscheinen, wenn auch dieses Bewußtsein mir nicht über die Verwunderung und die Bewunderung hinweghilft, daß Sie es überhaupt, materiell, vermögen. — Der Carlylesche Spruch in den heute angekommenen „Bayreuther Blättern“ [„Traurigeren Beweis von seiner Kleinheit kann niemand geben als Unglauben an große Menschen“, B. Bl. 1891, II./III. Stück] ist sehr schön, und wenn man ihn umkehrt, sehr trostreich und beglückend; ich kann mir auch in der Freundschaft kein engeres, mehr sicheres Band denken als den gemeinsamen   G l a u b e n   (nur nicht   B e w u n d e r u n g,   die man mit geistig Beschränkten und moralisch Wertlosen teilen muß). Und das Höchste ist es gewiß, wenn außer alledem der eine an den anderen glauben kann und darf, wie ich an Sie glaube, Meisterin, und an Ihre wahre Größe. Ich empfinde es als eine besondere Gnade der Vorsehung, daß sie auch hin und wieder Weiber mit wahrhafter Größe (nicht bloß Geist) ausstattet, denn uns Männern wird dadurch die Gelegenheit zu Empfindungen gegeben, die uns in seltener Weise adeln und in eine sehr erhabene Gefühlswelt einführen, Die Geschichte hat ja öfters die unglaubliche Macht des großen Weibes gezeigt, namentlich die veredelnde Wirkung seines Auftretens. Die volle moralische Wirkung kann der große Mann nicht ausüben; und ich glaube fest, daß Sie jetzt da sind, weil die deutsche Kunst die volle Entfaltung der weiblichen (stets erlösenden, rettenden) Größe brauchte, um aus dem Schmutz gerettet und lichtwärts geführt zu werden.
    Seit heute früh werden alle meine Gedanken begleitet von der Stelle im „Parsifal“, wo die große Wendung zum Lichte stattfindet, nach den Worten: „...der Speer nur, der sie schlug“ — wo einem zumute ist, als ob mit bebenden Flügeln ganze Scharen von trostbeladenen Engeln vom Himmel sich herabsenkten — das Weibliche! Vorbereitend zu Parsifals stolzem, männlichem: „Gesegnet sei dein Leiden!“
    Ich muß Ihnen doch sagen, daß ich   n i c h t   deswegen bei Herrn von Kallay war, um eine Anstellung in der Verwaltung zu bekommen. In Europa könnte ich niemals derartiges erreichen: erstens müßte ich meine englische Nationalität aufgeben (was ich unter keiner Bedingung tue), und zweitens gehört dazu eine juristische Bildung und das Befolgen einer bestimmten amtlichen „filière“. Nein, die Sache ist einfach so, er interessiert sich für mich, weil ich in Bosnien gewesen bin und er von verschiedener Seite von mir gehört hat, namentlich aber interessiert er sich dafür, daß ich wieder zurückkehren und durch längere Reisen das Land gründlich kennenlernen soll.   W a r u m   er sich dafür interessiert — da ich ihm meinen Standpunkt literarischen Unternehmungen gegenüber gleich klarlegte, und mit seinem klugen Kopfe er überhaupt die von Grund aus unpraktische Anlage meines Geistes eingesehen haben muß (dessen Leistungsfähigkeit nämlich abnimmt und bald ganz aufhört, sobald irgendein „praktischer Vorteil“, ein persönlicher, materieller Zweck vorliegt) —‚ also   w a r u m,   weiß ich nicht. Dieses „nicht warum wissen“ ist aber ein chronischer Zustand; niemals habe ich mir erklären können, warum Sie mich zu Kietzens einluden, noch warum ich hier als der „berühmte Herr Tschemplay“ mit Begeisterung begrüßt wurde, noch warum der gute Boissier, der mich eigentlich kaum kennt, durch halb Europa reist, um mich während 24 Stunden zu sehen, etc., etc. Kurz, Seine Exzellenz interessiert sich lebhaft dafür, daß ich nach Bosnien zurückkehre; er will mir alle möglichen Einführungen etc. geben, und ich brauche mich dafür zu gar nichts zu verpflichten. Ich wünschte sehr, ich hätte keine Wahl, und entweder Kallay zwänge mir einen bestimmten Auftrag auf, oder ich könnte Droschkenkutscher oder Schuhputzer oder Bürgermeister oder sonst etwas in Bayreuth werden. Denn daß   i c h — der eigentliche   i c h — keine Wahl habe, das brauche ich nicht zu sagen. Aber der uneigentliche ist „bewildered“.
    In Ehrfurcht und Dankbarkeit Ihr

Houston S. Chamberlain.


212 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Bayreuth, den 11. März 1891.

    Es war in den Sternen geschrieben, daß ich Ihnen, mein Freund, ein Lebenszeichen heute, den 11ten, geben würde, denn ich kann doch nicht Ihren eingehenden und mich wirklich unterrichtenden Brief so schweigend dahinnehmen! So seien Sie denn bedankt, und von ganzem Herzen! Der Vers, den Sie mir aus „Parsifal“ zitierten, erinnerte meine Kinder daran, daß ich sie bei der Aufführung in Berlin gerade auf die Unvergleichlichkeit dieses Momentes aufmerksam gemacht hätte.
    Für Ihre Empfindung meines armen Wesens segne Sie Gott! Ich kann nicht daran glauben, daß Sie zu den Festspielen nicht kommen! Aber was ist nicht alles möglich in dieser unterschiedlichen Welt? Wie haben Sie nur glauben können, ich meinte, Sie seien zu H. v. K. in der Absicht gegangen, eine Anstellung zu erhalten? Da haben Sie mich einmal verkannt.
    Wir lesen mit vielem Vergnügen die Memoiren von Talleyrand, als den Ausdruck einer sehr bestimmten, wenn auch engbegrenzten Individualität.
    Tausend Grüße der innigsten Zugehörigkeit!    C. W.


212-213 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

13. März 1891. Blümelgasse 1. Wien.

    Hochverehrte Meisterin, Sie lesen Talleyrand? Ich sehe mir diese Memoiren in allen Schaufenstern an, was ja überhaupt 9/10 meiner Lektüre ausmacht. Ich lese über Bosnien und Serbien; es ist eine schreckliche Geschichte — eigentlich gar keine, denn kaum etwas nimmt hin und wieder Gestalt an, aber interessant und zu Bewunderung und Mitleid anregend, wie diese armen Menschen zwischen griechischem Kaisertum, ungarischer Kriegeslust, päpstlichen Kreuzzügen (gegen ihre Häresien), dann später türkischen Eroberungszügen, österreichischer sog. Protektion, venetianischen Gelüsten auf ihre reichen Bergwerke etc., etc., etc., niemals auch nur ein halbes Menschenalter Ruhe haben, und dabei doch noch weiter existieren und sich eine so kräftig entwickelte Individualität behalten wie wenige, auch dieselben physischen und moralischen Eigenschaften sich bewahren, wie sie von den ältesten Schriftstellern aufgeführt werden. — Dazu ein wenig französische „décadent“-Literatur, wie ich sie gern habe; und ein bißchen Bach und Liszt; hin und wieder zwei, drei Akkorde aus „Parsifal“, damit mein Ohr sich keine Freiheiten nehme...
    In Ehrfurcht und dankbarer Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


213-214 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Bayreuth, den 22. März 1891.

    Herzlichen Dank, mein Freund. Wir sind gestern von München zurückgekehrt, wo ich einiges arbeiten konnte und einige Freunde wiedersah. Mottl kam auf einen Tag hin, und ich hatte große Freude wieder künstlerisch und persönlich an ihm. Strauß, unser aufgehender Stern, in unserer Sache gewappnet de pied en cap, war auch da und stärkte mich durch seinen Glauben und seine Hoffnung. Auch Lenbach, der kaum von einer entsetzlichen Blutvergiftung und schmerzlichster Operation genesen ist, freute ich mich wiederzusehen und hörte gern seinen drastischen Auslassungen über Kaiser und Kanzler zu.
    Sehr hat mich das interessiert, was Sie mir über die Geschichte Bosniens mitteilten. Mir ist immer von der Tüchtigkeit und Schönheit der Serben erzählt worden. Ach, und die schändliche Habgier der umgebenden Mächte.
    In Talleyrand komme ich langsam vorwärts, aber mit einigem Vergnügen. Es ist mir genau, wie wenn ich von Reineke Fuchs mir seine Geschichte erzählen ließ. Ein Zeichen von imponierendem Talent gab der „Figaro“ kürzlich, indem er ein Gegenstück zu den Memoiren aufstellte.
    Dann denke ich viel an Bismarck, welcher in Friedrichsruh ungefähr so still leben soll wie wir drei hier in Wahnfried, nur mit dem Unterschied, daß er es nicht aushält. Ein direkter Bericht brachte ihn sehr nahe, und so wenig Grund ich habe, irgendwie zu finden, daß er mich etwas angeht, so ist es unmöglich, nicht Teilnahme zu empfinden.
    Seien Sie in wärmster Herzlichkeit und Ergebenheit gegrüßt!

C. Wagner.


214-215 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

29/3/91. Wien.

    Zwei Sachen hasse ich, glaube ich, über alle anderen — ich kann sie nur mit englischen Worten bezeichnen: „flippancy“ und „familiarity“, — Zu sehen, daß Winkelmann — obwohl er der Theaterwelt angehört, in welcher diese Laster zum bon ton gehören — von Ihnen, hochverehrte Meisterin, mit   w a h r e r   Ehrfurcht sprach und selbst seine Bewunderung in anständigen, nicht-familiären Worten ausdrückte, das überraschte mich höchst wohltuend. Und es schien mir so bezeichnend, daß ich es für erwähnenswert hielt.
    Gern möchte ich Ihnen noch meinen Dank für Ihre Erwähnung des Ibsen in einem früheren Briefe sagen. Ich glaube, daß Sie in wenigen Worten den Gegenstand im Grunde erschöpft haben; mir leisteten Sie damit einen großen Dienst. Und es freut mich aufrichtig, daß Sie jetzt nicht gewillt sein werden, einen Mann von dieser Bedeutsamkeit auf einen Haufen zu werfen mit den Sudermanns, Richard Voß etc., etc., wie unser lieber Wolzogen es tut. Mich frappiert immer bei Ibsen der fabelhafte Mangel an Geschick, ein Beweis, daß eigentliche Genialität nicht vorhanden ist. Und trotzdem ist er ein wirklich bedeutender Mann und wohl der einzige Dramatiker, von dem man sagen kann, daß er unserer Zeit den Spiegel halte; denn gerade der Mangel an Genialität, das Kalte, Begeisterungslose, die fürchterliche Unbefriedigung und das Einsehen der Bedeutungslosigkeit — das spricht doch ergreifend aus seinen Werken, und um so mehr, als sie selbst imprägniert sind von lauter negativen Eigenschaften und uns anstarren wie das unglückliche Kind der armen „Frau vom Meere“, mit „toten Fischaugen“. Ich muß Ihnen einmal eine Zeichnung eines französischen Künstlers zeigen, „le Mage“, wo ein Ähnliches ergreifend dargestellt wird. Kennen Sie  „N o r a“?   Nach meinen Gefühlen ist dieses Werk sehr einzig unter Ibsens, denn hier schaut das gebrochene Herz, die Sehnsucht („das Sehnen! das Sehnen!“) auf den alleinigen Pfad hinaus aus der Nacht —   d a s   W u n d e r   (von dem törichten deutschen Übersetzer „das Wunder b a r e“   genannt — und da sollte man dem Ibsen noch etwas übelnehmen können?). Möglichst ungeschickt kommt dieses Ende; aber bitte, lesen Sie das Stück; von den mir bekannten kommt Ibsen hier dem Poeten am nächsten. In „Nora“, wie gesagt, berührt sich Ibsen mit uns; er führt bis an die Schwelle des erlösenden Kunstwerkes.
    In Ehrfurcht und Treue

Houston S. Chamberlain.


215-216 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 3. April 1891.

    Mit Ihrer Bemerkung, daß Sie „familiarity“ nicht ausstehen können, haben Sie mir so aus dem Herzen gesprochen, mein Freund, daß ich dafür danken muß. Was man öfters in Deutschland unter „Gemütlichkeit“ versteht, dabei wird meinem Gemüte so elend, daß es sich wie unter der Influenza fühlt.
    Ein englisches Buch macht jetzt meine ganze Freude aus und hilft mir über die eigenen Gedanken hinweg; es ist: „The sentimental journey“; ich glaube kaum, ein liebenswürdigeres Buch zu kennen, und muß an meine liebsten Freund, wie z. B. Don Quichotte, denken, um mich einer ähnlichen wohligen Stimmung zu entsinnen, als die, in welche dieses anmutige, tiefsinnige, heiter-wehmütige, naiv-originelle, scheinbar so lose gehaltene und so meisterlich zusammengefaßte, gestaltenreiche Büchelchen mich versetzt. Es ist mir förmlich, als ob es mir den Frühling erzwungen hätte, der endlich sich uns nähert, und ich konnte diesen entzückenden Humor gestern nur mit dem Mozartschen vergleichen. Gott, wie klobig und spröde und gestaltlos sind dagegen die berühmten Franzosen Rabelais und Voltaire! Da bin ich denn weit ab von allem Modernen, sei es die Gemeinheit der „Cavalleria rusticana“, oder dem Interessanten, wie es Ibsen darstellt.
    Ich habe mich in der christlichen Erziehung, welche man meiner Jugend gewährte, unaussprechlich wohl als Kind gefühlt und komme in meinem Alter dazu, den ganzen Wert dieses Gepräges zu erkennen. Und ich glaube, daß, wenn Sterne so unendlich zu mir spricht, es nebst seiner Genialität auch daran liegt, daß die christliche Anschauung der Dinge ihm eine natürliche war. Man merkt es ihm an, daß das Vergessen und Verzeihen ihm viel geläufiger war als das Nachtragen, und daß er auch die Sonne als heilig begrüßte, wie wir es neulich zu größter Erbauung von Benvolio aussprechen vernahmen. [Shakespeare „Romeo und Julia“, I. Akt, 1. Szene.]
    Mit Ihren einzigen Dichtern möchte ich schließen, mein Freund, da ist reine Luft und Kraft und Liebe, und wer es mit ernsten Dingen in dieser Welt zu tun hat, der läßt sich gern von solchen schützenden Armen umfangen. (Ich fand in Sterne selbst eine Ähnlichkeit mit der Beethovenschen Art, scheinbar abrupte Nebeneinanderstellung und doch die größte Kunst, und eine Einheit, die weit jeden scheinbaren Fluß überströmt.)
    Leben Sie wohl, und wann Ihre Stimmung es Ihnen eingibt, sagen Sie, wie Ihnen zumute ist

Ihrer Ihnen anhänglichen

C. Wagner.


216-220 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

5. April 1891, früh, Wien.

    Heute muß ich Ihnen schreiben, hochverehrte Meisterin, und zwar aus einem gewichtigen Grunde: weil meine liebe Frau und ich gestern im Wiener Wald — unter den noch gänzlich kahlen Bäumen — so massenhaft Blumen fanden, daß sie gewiß nun auch sehr bald bei Ihnen in Bayreuth erscheinen müssen, und ich möchte es mir nicht nehmen lassen, Ihr Frühlingsbote zu sein. Die ersten Blumen eines Festspieljahres! Ich hätte sie Ihnen gern geschickt; nur weiß ich, daß das mit Umständen verbunden ist, und sich Waldblumen vom Steueramte holen, das geht nicht! Die kleinen Hepatica's sind Ihnen doch gewiß auch eine Lieblingsblume, nicht wahr? Wie sie unter den trockenen Blättern sich empor nach der Sonne durcharbeiten, trotz des schlanken, schwachen Stengelchens. Aber mit am meisten entzückten mich die vielen Daphne's, deren Duft fast so berauschend ist wie — später — der einiger seltenen Alpenblumen; er wirkt ähnlich wie ungarische Zigeunermusik.
    Daß Sie meine liebe, alte, teuere, angebetete „Sentimental Journey“ lesen! Das war die rechte Fortsetzung meines gestrigen Frühlingstages für mich. Sie können gar nicht glauben, verehrte Meisterin, welche unsägliche Freude Sie mir mit dieser Mitteilung machten, denn meine so gänzlich   u n l i t e r a r i s c h e   Anlage und mein zunehmender Widerwille gegen alles Lesen schließt mich von so manchem Gebiete gänzlich aus, auf welchem Sie sich heimisch bewegen — ich bin ein Fremder, ein Barbar —‚ und wenn ich es mir auch in der Nacht meiner Urwälder gut gehen lasse und mir bisweilen das Vergnügen gönne, in rohen Weise irgendeinen von Ihnen hochgepriesenen Klassiker zu skalpieren, so fühle ich doch hin und wieder eine tiefe Wehmut, wenn ich mir gestehen muß, daß jener Gelehrte von der „Allg. Musik-Ztg.“ recht hat, und daß ich nicht einmal auf die Vorstufen des Tempels hingehöre.
    Aber A Sentimental Journey, das kann man auch im Walde lesen! Ich habe es sofort zur Hälfte eben wieder durchgeflogen und meine Lieblingsmomente in Gedanken an Sie gelesen. Was mich unterbrach, war mein eignes lautes Lachen über die plötzlich aufgestiegene Erinnerung an jenen monumentalen Abend bei der Gräfin [Wolckenstein] und die drei Bücher, die man mit auf die wüste Insel nehmen soll! Und wo, wenn — wie es bei der jetzigen starken Bevölkerung dieses Planeten wahrscheinlich — mehrere Personen sich auf derselben Insel treffen sollten, es ihnen ebenso ergehen würde wie den zwölf Teilnehmern an dem schottischen Diner, wo, als nur ein Apfel auf der Schüssel übrig war und das Licht plötzlich ausging, sich zwölf Hände auf dem einsamen Apfel begegneten — insofern als alle Menschen (bis auf mich) Goethes „Faust“ mitnehmen. Und ich sehe noch, wie die sechzehn Ahnen des Grafen mich von der Seite mit vornehmer Verachtung anblickten, als ich mit überflüssiger Aufrichtigkeit erklärte, ich würde „Faust“ nicht mitnehmen.
    Ja, ja! A Sentimental Journey nehme ich entschieden mit auf die wüste Insel; nie kann ich sie aufmachen, ohne daß Phantasie, Erinnerung, Traum angeregt und wie ein brasilianischer Wald alles üppig und verschlungen und blumenreich emporschießt und sich ausbreitet, alles Häßliche den Blicken bergend.
    Mir scheint das Ideal in der Literatur ein Buch zu sein, welches man nach 3 Seiten aus der Hand legt, weil es einen eben schon mitten in den Wald geführt hat, wo man die Schmetterlinge und die Libellen frei herumflattern lassen muß und so das Auge ganz gefangengenommen wird von den von den Baumwipfeln herunterhängenden Orchis-Blumen, in denen der   B l i c k   des Tieres verbunden ist mit dem noch viel mysteriöseren, den Quellen näheren Leben der Pflanze.
    Und dans cet ordre d'idées möchte ich Sie doch wieder einmal auf Villiers de L'Isle Adam aufmerksam machen. Nicht etwa, daß er mit Lawrence Sterne verwandt wäre; aber (für mich wenigstens) hat er mit ihm die magische Macht des Wegzauberns gemein. „L'Eve future“ und „Axel“ sind gewiß, literarisch gemessen, schlechte, schwerfällige, formlose Bücher, nichtsdestoweniger sind es wahre Zauberstäbe. Aber nein! Bitte, lesen Sie sie nicht; Sie werden nicht meine angelsächsische Seefahrergeduld besitzen, und manches ist so geschmacklos, daß mir für Sie davor bangt, aber gestatten Sie mir, daß ich Ihnen einmal (vielleicht auf der wüsten Insel, als échange de bons procédés dafür, daß Sie mir Goethes „Faust“ mal geborgt) einiges daraus vorlese. Zwar kann ich nicht lesen, da meine Stimme mich erschreckt, aber Villiers verträgt einen monotonen, grauen Vortrag.
    Dagegen frug ich mich öfters dieser Tage, ob Sie jemals   P i e r r e   L o t i   gelesen haben? Der steht auch außerhalb jeder Literatur, und da er sehr jung in die Marine eintrat, auch außerhalb der alleinseligmachenden klassischen Kirche. Er gesteht selber, daß er fast gar keine Bücher in seinem Leben gelesen habe. Ich halte ihn für einen der großartigsten, mir bekannten „Seher“, aber in einem ganz anderen Sinne, wie solche Leute wie Balzac z. B. Es ist der ganz naive und unbewußte Pantheist, oder besser „tat twam asi“-ist, der genau ebenso die arme Fischersfrau zur Felsenkapelle der Marie des Miracles für den Mann beten gehen sieht, der schon lange, unweit der isländischen Küste, auf dem Meeresgrunde ruht, wie er die Wolken sieht, welche die hohen, sonnigen Berge Montenegros in Schatten hüllen und den heraufziehenden Sturm verkünden. Dann ist er wohl der erste Poet, der seine Melancholie in allen Weltteilen widergespiegelt gesehen hat. Ich persönlich habe solche unzusammenhängenden Blätter, wie der Band „Fleurs d'Ennui“ sie enthält, am liebsten, persönliche Erinnerungen bunt durcheinander; aber „Pêcheur d'Islande“ würde ich für einen ersten Versuch mehr empfehlen. Sie müssen sich aber einen recht hartherzigen Vorleser auswählen.
    Ende dieser Woche kommt Ibsen her; ich möchte ihn gern einmal gut sehen, wiewohl ein junger Maler aus München ihn mir kürzlich so lebendig beschrieb, daß mir ist, als hätte ich ihn gesehen — wie er den ganzen Nachmittag die Straßen durchbummelt, sich alle Schaufenster ansehend und die Menschen mit einem stechenden Blick durchbohrend, bisweilen diesem oder jenem in ungenierter Weise nachlaufend und beobachtend — also um zu sehen, macht er die Augen auf; mancher Dichter macht sie wohl dazu zu? — Erfahren Sie was von dem Bergarbeiterkongreß in Paris? Jedenfalls das Interessanteste, was augenblicklich vorgeht. Es ist ja ganz klar, daß schon die bloßen Bergarbeiter durch eine allgemeine internationale Arbeitseinstellung alles erzwingen können, was sie wollen. Schade allerdings, daß sie solche Mittel zunächst zu politischen Zwecken — wie zur Erlangung des allgemeinen Stimmrechtes in Belgien — anwenden wollen; aber die Idee, die sie jetzt zum Studium aufgenommen haben, nämlich den   F r i e d e n   zu erzwingen, indem, sowie eine Macht Krieg erklärt,   ü b e r a l l   die Bergarbeiter die Arbeit einstellen würden, ist geradezu großartig. Mit alledem wird allerdings das Christentum — wie es nun einmal unabänderlich sich gestaltet hat — sich niemals zurechtfinden können. — Ich verstehe, was Sie sagen; auch ich wurde streng gläubig erzogen, nur störten mich schon als kleines Kind die verschiedenen Konfessionen, die ich um mich sah, und ich entsinne mich, schon mit 6 oder 7 Jahren bestraft worden zu sein, weil ich frug, „wie wir denn wissen könnten, daß gerade   w i r   recht hätten“, auch weigerte ich mich stets, mich konfirmieren zu lassen. Die paar Worte, die man ohne jede Gelehrsamkeit und ohne jeden Zweifel sofort als Christi eigene Worte erkennt, bilden mein ganzes Christentum; wenn ich noch einen Heiligen zuließe, so wäre es Johannes, welcher wußte, daß sein Haupt auf des Meisters Brust zu legen die ganze und einzige Religion ist.
    Seit kurzem habe ich mich wie ein hungriger Wolf auf „Parsifal“ gestürzt, nach langer, langer, gewollter Enthaltsamkeit. Bei solch einsamem Versenken darf man auch — was bei der Aufführung nicht gut möglich — sich der Einzelheiten freuen, und ich gestehe, daß ich bisweilen so tief erschüttert bin, wie nur jemals in unseres Heiltums Heiligtum. Dazu kommt allerdings das plötzliche Aufleuchten des Gedächtnisses und das Erzittern des Gehörsinnes, als säße man im Festspielhause. Wie hörte ich z. B. neulich jenen wunderbaren Akkord — der, glaube ich, schon im 1. Akt bei dem Worte „Wundergut“ vorkommt, und später bei Amfortas': „...den Erlöser selbst erschaust“? — der mir aber hauptsächlich aus einer Stelle ohne Worte in Erinnerung ist, 3 Takte vor: „Oh, Herr! war es ein Fluch.“ Ein Fachmann würde sagen: C-Dur-Dreiklang in der ersten Lage, nicht wahr? Wenn wir diesen Akkord hören, da wissen wir, was Johannes hörte, als er beim letzten Liebesmahle an Christi Herz das Ohr lehnte! — Als ich mich zum Schreiben hinsetzte, wollte ich Ihnen sagen, was ich gestern beim Anblick der ersten Blumen in diesem „heilig, edelen“ Jahre, Ihrer, hohe Meisterin, gedenkend, empfand — — — Möge jener unaussprechliche Akkord es tun!

    In Ehrfurcht Ihr

Houston S. Chamberlain.


220 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

[Auf der Rückseite eines Bildes, das Haus Wahnfried darstellt und von gepreßten Schneeglöckchen umrahmt ist, steht in der Handschrift Siegfried Wagners folgendes Gedicht Cosima Wagners:]


Nicht kam der Frühling, nicht die Sonne;
Auf Wahnfrieds eigner Weid' und Wonne,
Entlastet kaum der weißen Flocken,
Fand ich allein schneebleich die Glocken.

Soll ich Euch farbenlose schelten?
Verächtlich es Euch wohl entgelten,
Daß Euch kein süßer Duft entschwindet,
Der Sinn und Seele an Euch bindet?

Nicht zürn' ich Euch, bescheidne Glocken;
Ihr zieht voran dem Lenz-Frohlocken,
Auf daß von uns'rer Mutter Erde
Ein Lächeln doch der Müden werde.

Matt ist sie, die kein Licht bescheinigt,
Und trübe auch, von Frost gepeinigt,
Versucht, den Säumigen zu locken,
Das Klein-Geläut der dürft'gen Glocken.

Ob er es hört? Weilt er nicht ferne?
Ein Wolkenheer verhüllt die Sterne.
Nach Farb' und Duft späht' ich vergebens:
Da kam vom Freund der Gruß des Lebens!
Gedicht Cosima Wagners

Gedicht Cosima Wagners. April 1891

Von ihrem Sohne Siegfried geschrieben, auf der Rückseite eines von Schneeglöckchen aus dem Wahnfriedgarten umrahmten Bildes des Hauses Wahnfried.

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221 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

13/4/91. Wien.

    Herzlichsten, herzlichsten Dank, hochverehrte Meisterin, für das schöne Bild. Auch dem anonymen Dichter Dank, dem anonymen Photographen, dem anonymen Kalligraphen. Einstweilen müssen diese letzteren sich allerdings ein wenig gedulden; das herrliche Bild nimmt mich ganz gefangen.
    Ich sende Ihnen einige Upanishadia; ich dachte, in diesen Zeiten würden Sie sie benötigen, und schrieb sie gestern und vorgestern ab. Eigentlich hat kein besonderes Prinzip mich bei dieser Zusammenstellung geleitet; im Gegenteil, ich glaube, man kann sich eher in einen Satz versenken, wenn er sich von der Umgebung ganz abhebt, Für heute mögen diese Abschriften Ihnen meinen Dank und meinen Gruß sagen; das vermögen sie auch gewiß, denn gerade in diesen Worten lebe ich so oft und so tiefinnig — ich meine, in der Welt, welche durch das Versenken in diese Gedanken und Empfindungen einem erschlossen wird, und da empfinde ich, als ob wir Hand in Hand wanderten, Sie, verehrte Meisterin, und ich — welches nicht verhindert, daß ich, wie Yadjnavalkya vor dem König, mich in tiefster Ehrfurcht vor Ihnen und Dankbarkeit verbeuge.

Houston S. Chamberlain.


221-224 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, 20. April 1891.

    Und sie sollen anonym bleiben, Poet, Kalligraph, Photograph und Botaniker — ein gutes Geheimnis, welches Ihnen Glück bringen soll!
    Ich danke Ihnen von Herzen für die Abschriften. Sie glauben nicht, welche Freude Sie mir mit diesen Auszügen gewähren, welche zu jeder Stimmung, wenigstens bei mir, sich eignen und imstande sind, das Gleichgewicht wiederherzustellen, selbst dann auch, wenn es durch das Mitgefühl erschüttert ist. Und die Einmütigkeit aller großen Geister immer deutlicher zu gewahren, ist ebenso trostreich, wie die Empfindung der Einheit aller Dinge beruhigend.
    „O Zeus, warum schufst du Weiber!“
    Wissen Sie vielleicht, Freund, wo dieser Vers vorkommt? Aristophanes? — Ich kenne ihn nur als Zitat, er fällt mir aber jedesmal ein, wenn ich finde, daß das Zeitlich-Weibliche sehr herunterzieht. — Wir haben einen armen Gärtner, Hupfer mit Namen, die redlichste Haut von der Welt, welchen seine Frau, eine Katholikin, vor und mit den Kindern „protestantischen Hund“ nennt und prügelt!
    Was die Monogamie anbetrifft, so glaube ich, daß sie der kühnste Gedanke war, zu welchem das menschliche Geschlecht sich erhob, aber, daß der Orient weiser ist wie wir.
    Sie wiederholten mir des öfteren, daß Sie wenig belesen sind; dies läßt mich annehmen, Sie glaubten, ich sei ein Bücherwurm. Ich versichere Sie, daß die Bücher, die ich gelesen habe, auf einem Brett Raum hätten, und seit manchem Jahr besteht meine Lektüre eigentlich nur im Wiederlesen. Der Kinder wegen zuerst, mit denen ich gern meine Eindrücke teile, dann aber den Werken, die ich kenne, zuliebe, die ich immer neu finde und immer leidenschaftlicher verehre. So kann ich Ihnen gar nicht schildern, was mir in diesen Tagen der „Sturm“ von Shakespeare gewesen ist. Vor ungefähr 10 Tagen lasen wir es und leben noch ganz darin, und jedes Wort, was ich Ihnen darüber sagen würde, erschiene mir dürftig, außer, daß ich, Prospero mit dem wehmütigen Lächeln vor mir sehend, das „Wahn! Wahn! Überall Wahn!“ höre. Auch er zog an dem Faden, dessen Herr nur derjenige sein darf, der kraft seiner Resignation ein edles Werk tun kann. Zum Grabe geht Prospero, indem er seine Insel verläßt, Hans Sachs zu seiner Werkstatt zurück. Für mich ist die Stimmung die gleiche, und bei beiden erscheint das Zaubern als die ganz natürliche Kraft des nichts mehr für sich Wollenden.
    Was den „Faust“ anbetrifft, so halte ich ihn, ne vous en déplaise, für das Buch par excellence, und ich werde nie aufhören, darüber zu staunen, wie es möglich war, die Summe des menschlichen Wissens und Fühlens zu bringen und dabei Gestalten zu meißeln, wie sie deutlicher, origineller und ergreifender nirgends zu begegnen sind. Deshalb nannte ich ihn für die wüste Insel; aber meine eigentliche Antwort wäre gewesen: gar kein Buch, denn ich glaube, daß man unter solchen Umständen anfinge, mit dem Ding an sich zu konversieren oder absolutes Naturwesen zu werden.
    Um auf meine Bücherlosigkeit zurückzukommen, will ich Ihnen gestehen, daß ich z. B. der ganzen französischen Literatur fremd geworden bin, ja, daß die Sprache meiner Jugend mit ihren vielen: ai, ê, é, est, ées nicht mehr recht klingt. Vielleicht liebe ich nur die deutsche, weil sie mit dem Gesang, der das Leben meiner Seele ist, vermählt ist. Meine Kinder singen jetzt in einem Verein die Johannes-Passion von Bach; da fühle ich meine Heimat, da meine Sprache, da meinen Glauben, kurz alles, denn ich ahne da die Werke [Richard Wagners] als die natürliche Deszendenz wie Siegfried vom Wotan.
    Aber wenn ich einmal die Freude haben werde, Sie zu sehen, so lesen Sie mir Pierre Loti, den meine Kinder sehr schätzen und ergreifend gefunden haben. Also, mein Freund, wer von uns beiden liest oder las am wenigsten? Preisfrage, von welcher ich überzeugt bin, daß sie zu meinen Gunsten entschieden wird.
    Auch wir haben hier mit lebhafter Teilnahme den Arbeiterkongreß in Paris, soviel wir es vermochten, verfolgt (ich danke Ihnen aber sehr für die Mitteilung des großartigen Gedankens, der mir entgangen war). Gewiß ist das die wichtigste aller Fragen, und lernen wir vielleicht einmal von den Arbeitern, vernünftig zu werden, das heißt, in Frieden miteinander zu leben. Gott gebe es der armen Menschheit, daß die Historie aufhöre und sie zu sich komme. Anstatt dann, daß Bilder verbrannt werden, wie dieses Savonarola zuliebe geschah, werden Kanonen und alle Maschinen dem Altar des Friedens dargebracht werden.
    Gott, diese Monstra! Neulich gingen wir zum Theater hinauf und besuchten das, was der Knecht Fuchs recht sinnig in bezug auf Aufführungen die „Acclamatoren“ nennt. Man ließ eine von diesen Maschinen für uns spielen, und in diesem entsetzlichen Lärm, den wir kaum 5 Minuten aushalten konnten, sah ich das ganze jetzige Geschlecht, Kinder, Frauen, Männer, dieses wüste Getöse nicht mehr hörend, und frug mich, was aus dieser Verrohung werden kann. Und diese gespenstische Bewegung ohne Vorwärtskommen und die Dummheit, die sich einbildet, daß etwas damit gewonnen sei, und je lebendiger die Maschine, um so matter das Herz! Solche Art Betrachtungen wären ohne Gegenkraft nicht zu ertragen, aber wir fanden diese, wie gesagt, in der Passion von Bach. Entsinnen Sie sich der Apostel, welche auf dem Bilde Tizians die Verklärung Mariä erleben, solche Gestalten sind es, welche fähig wären, diese Chöre zu singen. Solche sind es, die dereinst die große Auswanderung nach den besseren Klimaten vollbringen werden und eine neue Weltordnung auf dem Grunde eines unerschütterlichen Glaubens schaffen werden. Zweifel und Maschine werden da bleiben, wo sie hingehören, in Frost und Nebel!
    Villier de L'Isle Adam habe ich persönlich gekannt. Sein Gehirn war so wüst und so beschränkt, daß ich fürchte, gegen seine Poesie nicht gerecht sein zu können. Aber ein Stück von ihm „La révolte“ ist meines Erachtens bedeutender als der ganze Ibsen, der eine kolossale Täuschung von Ihnen ist, pardon! Ich kann mir nicht helfen. Aber wie gesagt, Sie sollen mir einmal Loti, Villiers, Fleurs oder fruits de l'ennui und des amusements vorlesen, Ihre Stimme wird mir gewiß recht sein.
    Ihre Frage als Kind ist echt! Kann aber nur einem protestantischen Kinde ankommen. Ich, so gut wie klösterlich katholisch erzogen, zweifelte nie daran, daß alle Welt so wäre und glaubte wie ich, und was später im Geschichtsunterricht von dem Protestanten-Gesindel mit unterlief, war so harmlos, daß es mir gar nicht auffiel.
    Ich habe viel geschrieben und nur das nicht erwähnt, was in Ihrem Briefe alles war. Ob es meiner kleinen Sendung geglückt ist, Ihnen meinen Eindruck zu sagen, Worte vermögen es nicht. Haben Sie Dank, mein Freund, und seien Sie, in tiefer Rührung durch Ihre Güte zu mir, gegrüßt!        C. W.


224-226 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

22. April 1891. Wien.

    Die Stimmung Ihres heutigen Briefes, verehrte Meisterin, und meine Stimmung — das war ein nicht unangenehmer, aber sehr eigentümlicher Zusammenstoß. Mir ist es, als ob Sie bei jedem Absatz sich hätten zusammennehmen müssen — vous retenir à quatre —‚ um nicht ganz gewaltig loszulegen. Ich denke mir, Sie fangen schon an, durch eine Welt von Ärger, Stumpfsinn, Dummheit, Unzuverlässigkeit durchwaten — wie durch einen Sumpf — zu müssen. Und wenn da solche, nur auf der Weide des Ewigen müßig grasenden Schafe wie ich auch noch ihre Bemerkungen dazwischen rufen, das muß allerdings bisweilen eine Zumutung für die Geduld sein. Daß man auf die wüste Insel gar kein Buch mitnähme, ist meines Erachtens — zwischen uns — eine ganz selbstverständliche Sache. Ich erinnere mich, daß ich sagen wollte: Papier und einen Bismarck-Bleistift, aber es frappierte mich rechtzeitig, daß dies prätentiös und mißverständlich wäre. — Auch bin ich überzeugt, daß Sie recht haben mit allem und jedem, was Sie über Goethes „Faust“ sagen; nur merkwürdig oder wenigstens schwer klarzumachen, daß gerade Ihre Lobesworte, in denen Sie — wie Sie so einzig das vermögen — alles Wesentliche in zwei Zeilen aufzählen, meiner ablehnenden Haltung als Grundlage dienen könnten. Es ist „das Buch par excellence“ — nun also! Schon deswegen nehme ich es nicht; die Bücher sind mir lieb, je weniger sie Bücher sind. — „Die Summe des menschlichen Wissens und Fühlens“ — jedesmal, wenn ich das Wunderbuch in die Hand nehme, lege ich es nach dem ersten Staunen und Entzücken bald weg, weil es mir den Eindruck eines Katalogs macht; Sie erklären mir nun dieses Gefühl: „...nie aufhören, zu staunen...?“, ja, das ist richtig, und ist für mich das Allerschlimmste; ich   w i l l   n i c h t   staunen, das ist ein unangenehmer, widerlicher, unschöner Gemütszustand. Wenn die Menschen staunen, sperren sie den Mund auf, lassen das Kinn herunterhängen und machen Fischaugen, d. h. sie sehen wie Idioten aus. Ich gestehe, daß ich nie in „Faust“ vermocht habe,   o h n e   S t a u n e n   zu blättern; und das mir dadurch erweckte Empfinden kann ich vielleicht am kürzesten und klarsten auf indirektem Wege mitteilen, indem ich sage, daß die Psalmen, die Worte Christi, Shakespeares „Sturm“, „Parsifal“ mir niemals das geringste Staunen verursacht haben. Wahrhaftigen, kindlichen Gemütern, „aus denen das Reich Gottes besteht“, machte Gott Offenbarungen — er diktierte ihnen in die Feder; und ohne zu staunen, da mir im Gegenteil das Kunstwerk die Welt näherbringt, das ganze Unermeßliche, Unerreichbare in mein eigenes Herz einheimst, lausche ich in ungetrübter Seligkeit. Aber, wie wir übereinstimmend meinen, auf der wüsten Insel werden wir überhaupt keine Bücher brauchen, sondern

„Find tongues in trees, books in the running brooks,
Sermons in stones, and good in everything.“

    Ich kann Ihnen auch versichern, daß ich Sie niemals für einen „Bücherwurm“ gehalten habe. Einen unglücklicheren Ausdruck, um den Eindruck zu bezeichnen, den Ihre Art von Belesenheit auf mich macht, könnte man gar nicht wählen. Aber was ich meine, und was ich als einen Unterschied zwischen uns erkenne, und was ich als eine immense Superiorität auf Ihrer Seite betrachte, das ist etwas, wozu Ihre Preisfrage ganz irrelevant ist. Ganz so, wie Sie erzogen wurden in dem strengen Gefüge einer monumentalen, dem Welträtsel gegenüber als erschöpfender Bau sich aufrichtenden Kirche, und Ihre ganze Denkart — kurz, Ihre Person — eine bestimmte, unabänderliche Richtung davon erhalten hat (gleichviel, wie viel oder wie wenig Sie jemals über die Dogmen geforscht, und wie Sie sich später in Einzelheiten dieser Kirche anders gegenübergestellt haben mögen), ebenso, meine ich, hat Ihr Denken, Ihre Persönlichkeit ein ganz bestimmt literarisches und ausgesprochen klassisches Gepräge erhalten. Da schon Ihr Antlitz die Prädestination hierzu verrät, so ist es möglich, daß sehr wenig Lektüre genügte, um Sie vollends in die Mitte der schönen klassischen Welt hineinzuführen, wo Sie hineingehörten, und wo Sie sich, in Ihrer intellektuellen Heimat, für das Leben niederlassen konnten. Das Papier Ihrer Bücher nach Kilogramm oder deren Zeilen nach Kilometern zu messen, das wäre hier eine recht müßige „Konstatierung von Fakten“. Vermutlich hat zu Anfang eine weise Hand für Sie gewählt; später gingen Sie auf dem betretenen Wege weiter. Und so gewannen Sie eine zweite Kirche. Vielleicht — ich weiß es nicht — blieben Sie sogar orthodoxer in dieser wie in der ersten, und wurde es Ihnen noch leichter, deren Lehren als Dogma anzunehmen. Eine Art klassischen Glorienscheins umgibt Ihr Haupt; es schillert durch Ihre Worte. Das ist etwas anderes als ein Bücherwurm, der sich im günstigsten Falle zu einem Bücherglühwurm oder Glühbücherwurm hinauf schwingen kann.
    Schnell noch ein Wort von Goethe: „...von Freunden aber lass' ich mich ebenso gern bedingen als ins Unendliche hinweisen, stets merk' ich auf sie mit reinem Zutrauen zu wahrhafter Erbauung.“
    Dies ist meine Entschuldigung — und noch vieles mehr wie das.

In ehrfurchtsvoller Treue Ihr

Houston S. Chamberlain.



226-227 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

24/4/91. Wien.

    Neulich, hochverehrte Meisterin — es war noch, ehe Ihr Brief vom 20ten ankam —‚ hatte ich zum ersten Male seit langer Zeit einen jener übermenschlich schönen Träume, die ein Besitz fürs Leben bleiben — es war die Aufführung einer neu aufgefundenen Symphonie von Beethoven, deren langsamer Mittelsatz so übermäßig schön war, daß mein eignes lautes Weinen mich aufweckte. Ich erwähne es deshalb, weil ich Ihnen gern einmal erzählen würde, wie ingeniös der Konzertsaal eingerichtet war, damit alle Menschen isoliert wären und einander den Rücken kehrten, so daß, da außerdem das Orchester unsichtbar war (und nur ein matter Schimmer in nicht unschöner Weise den Ort seiner Aufstellung andeutete), es wirklich das erste Konzert meines Lebens war, in welchem man Musik zu wahrem Genuß lauschen konnte.
    Am folgenden Morgen kamen die „Bayreuther Blätter“ an, mit Hoffmanns Beschreibung des Grazer Saales, von dem mir aber Prof. Schalk (der dort dirigiert hat) berichtete, die Sache sei durchaus nicht so vollkommen gelungen, da infolge des Nichtvorhandenseins von Schalldecken und auch anderer akustischer Bedingungen wegen, die   V e r s c h m e l z u n g   des vielstimmigen Orchesters zu einem einheitlichen Ganzen, wie in Bayreuth, ganz und gar nicht stattfindet; im Gegenteil, die einzelnen Instrumente sollen mit besonderer Schärfe sich einander gegenüber abheben; was bleibt, ist ja noch immer keine Kleinigkeit — die Ruhe des Auges und eine geringere Roheit einzelner Instrumente.
    Über den „literarischen Umschlag“ der „B. Bl.“ habe ich einen ganzen Tag verloren — in solche Aufregung hatte er mich versetzt. Sie sagten mir einmal, Sie seien nicht meiner Ansicht, aber ich fahre fort, nicht begreifen zu können, weswegen gerade wir, die wir uns prinzipiell von so vielem fernhalten, von jenem im Grunde genommen ganz gleichgültigen Geschwätz der Tagespresse gerade in unseren „B. Bl.“ aufgetischt bekommen sollen. Da Sie so manches erklären können, können Sie mir vielleicht sagen, warum das, was mich an einem Orte kalt läßt, an einem anderen rasend macht? Neulich, im Wagner-Verein-Konzert, hatte ich eine alte dicke Dame zur Nachbarin; sie teilte mir unaufgefordert mit, „daß sie im allgemeinen nicht viel auf Liszts Musik halte“, und begann darauf die horrendesten Albernheiten über den Briefwechsel [zwischen Richard Wagner und Franz Liszt] auszukramen, ich lächelte aber zu allem so unentwegt holdselig sie an, daß sie nachher (wie ich erfuhr) sich erkundigt hat, „wer der außerordentlich liebenswürdige Herr sei, mit dem sie sich so gut unterhalten hätte?“ Ich hatte immerfort gedacht: Du gute Seele! Der Gott der Barmherzigkeit hat dich mit dem entsprechenden Grade der Dummheit gesegnet; ihm sei Lob, daß du manches nicht bewunderst!

    In dankbarer Ergebung Ihr

Houston S. Chamberlain.


227-228 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

20. Mai 1891. Wien.

    Eine Reihe von sehr bewegten, hastigen Tagen, hochverehrte Meisterin, sind für mich diese letzten gewesen; daß wir morgen in aller Frühe wegdampfen [zu längerem Aufenthalt in Bosnien], verspricht Ruhe, und am 22ten gegen 4 Uhr, so Gott will, erblicken wir zwischen den Bäumen das erste Minarett — und das ist nun unbedingt „Ruhe, Ruhe“!
    Anstatt der großen Reise, kreuz und quer, gedenken wir an einem abgelegenen Orte (Varcar-Vakuf) uns längere Zeit aufzuhalten, vielleicht auch an 1 ober 2 anderen; jedenfalls aber kein Herumjagen, sondern Ruhe, Urwälder, sehr viel Reiten auf den klugen, kleinen Pferden, auch Laufen, vor allem aber das Herz einiger Mohammedaner gewinnen, daß man mit ihnen tagsüber im Schatten liegen und Zigaretten rauchen kann, dabei mit der serbischen Sprache vertraut werden — überhaupt „tausendundeine Nacht'eln“. Ich denke mir das eine gute Disziplin vor Bayreuth, wo ich, wenn nichts dazwischen kommt, am 1ten August einzutreffen hoffe.
    Die Vedânta, Oldenbergs Leben Buddhas und ein serbisches Wörterbuch nehme ich mit. Als ich einige Papiere, Testament etc., einpackte, um sie bei Albert Böhler im Feuerschrank zu hinterlassen, auf den Fall hin, daß die herzensguten Leute dort unten uns umbringen sollten, wollte ich einige „letzte Wünsche“ dazulegen und merkte zu meinem Erstaunen, daß ich gar keine eigentlich hatte! Jedoch mit Mühe brachte ich drei zustande, von denen der eine war, daß man die Mappe mit der Aufschrift „Wahnfried“ uneröffnet nach Wahnfried sende; sie enthält jedes geschriebene Wort, weIches ich von Ihnen oder den Ihrigen je bekam.
    Aus tiefstem Herzen grüßt Sie in Ehrfurcht und treuer Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


228-230 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 24. Mai 1891.

    Ich nehme an, daß Sie blauen Himmel und Hitze haben, mein Freund, während wir nach spärlichen warmen Tagen solche Gewitter erdulden, welche ein graues Zelt über uns ziehen und Frost hinterlassen. So sind Sie entschieden bevorzugt, und wir gönnen es Ihnen von Herzen! Das erstemal, daß Sie in Bosnien waren, schrieben Sie mir, daß Sie von allem sich fernfühlten, am entferntesten aber von mir. So sollte ich Ihnen wohl Ruhe lassen; aber ich habe das Gefühl, als ob ich vor Toresschluß stünde und nicht mehr dazu kommen würde, zu Ihnen zu reden, wie ich es gern tue; und, werden Sie mich sehr pedantisch finden, aber es läßt mir nie Ruhe, wenn Sie mir einiges gesagt haben; ich empfinde das Bedürfnis, Ihnen zu meIden, daß ich es vernommen habe.
    Wohl mögen Sie in Ihrem Briefe von vor einem Monat recht gehabt haben, daß ich „geladen“ war. Nachgerade war viel über mich gekommen (wann ist es aber anders?), und es hängt nur von Zufälligkeiten ab, daß man es so übel empfindet, daß die Laus einem über die Leber läuft, wie das Volk sagt. Hätte ich gleich die Upanishaden zur Hand, ginge es besser!
    Ihre Mitteilung, daß Sie in meiner Art, mich auszudrücken, und den literarischen Neigungen, die Sie an mir wahrnahmen, etwas Ausgeprägtes fänden, hat meine Jugend mir wieder vor die Sinne gebracht.
    Nachdem ich in der Schule einzig die französischen Klassiker hatte kennengelernt, wurde ich mit meinem 15ten Jahre mit meiner Mutter bekannt und besuchte dieselbe mit meiner Schwester alle acht Tage auf einige Stunden. Diese Stunden hatte sie die Güte dazu zu benutzen, uns aus Büchern, welche ihr wert waren, manches mitzuteilen; von Goethe vornehmlich, dann selbst aus Platon, was sie für uns faßbar hielt; die Antigone lernte ich durch sie kennen; und wenn sie genug gelesen hatte, führte sie uns in den Louvre, dann auch, wenn unsere zwei alten Gardedamen es gestatteten, in das Theater. Einmal „Macbeth“, von einer englischen Truppe vorzüglich gegeben; dann Madame Ristori als Maria Stuart und Myrrha; endlich Rachel in „Polyeucte“ von Corneille und „Le Misanthrope“. Das letzte, woran sie uns teilnehmen ließ, war die unter dem Herzog von Luynes von Simart hergestellte Athene von Phidias. Ich kann den Eindruck nicht schildern, welchen diese Sonntage auf mich hervorbrachten; ich sehe mich noch die wundervolle Bibliothek meiner Mutter mit Augen verschlingen, und wenn wir in die Engigkeit unseres pedantisch strengen Lebens mit zwei 70jährigen Gouvernanten zurückkehrten, da lebten diese Eindrücke in uns, wie wenn wir aus dem Reiche der Seligkeit gekommen wären. Vor diesem Verkehr mit meiner Mutter aber war, nach achtjähriger Trennung, mein Vater nach Paris gekommen. Ich hörte „Siegfrieds Tod“ vorlesen [durch Richard Wagner, Paris, am 10. Oktober 1853], verstand es kaum, aber war gefangen. Tannhäuser-Ouvertüre und Abendstern traten in mein Leben, welches periodisch durch solche Ereignisse den eigentlichen Charakter erhielt. Nach der Aufführung der Tannhäuser-Ouvertüre verlobte ich mich mit Herrn von Bülow, und meine Hochzeitsreise führte mich zu der Dichtung von „Tristan“ [nach Zürich zu Richard Wagner, September 1857].
    Ich habe wohl sehr dumme Teilnahme empfunden, z. B. für die „Maria Magdalena“ von Hebbel; aber es ging schnell vorüber, und es ist, als ob die abwendende Geste meiner Mutter, wenn ich irgend etwas Geschmackloses nannte, ihr Lächeln, wie ich für Victor Hugo schwärmte, mich durch und durch geformt hatten.
    Nun ist meine große Einsamkeit gekommen, und bereits seit dem Jahre 68; in der Einsamkeit hält nur das ganz Große Stich. Die Griechen, Shakespeare, Goethe und die Spanier waren fast unser einziger Umgang. Und so habe ich mich denn wenig umgesehen, habe selbst nie ausgesucht, sondern das empfangen, was mir gespendet wurde. Aber wie unklassisch muß ich mich ausgedrückt haben, daß Sie glauben konnten, ich staune,   w ä h r e n d   ich „Faust“ lese. Ach nein, ich liebte ihn nicht so, wenn er mich nicht hinrisse. Das Staunen stellt sich später ein.
    Erhielten Sie vor Ihrem Fortgange noch die „Blätter“? Ich empfand das, was in Ihnen vorgegangen ist, recht nach und wünschte, Sie schrieben es unserem Freunde [von Wolzogen, dem Herausgeber der „B. Bl.“], weIcher der Wahrheit fähig und würdig ist.
    Unserem teueren Strauß [Richard Strauß war in Weimar schwer erkrankt] geht es besser. Aber ich bin doch noch nicht ganz beruhigt. Sie können sich gar nicht vorstellen, in welch einem Gewebe von Ahnungen, Träumen, sorgendem Wachen wir hier gelebt haben. Wenn ich Sie sehe, werde ich Ihnen von diesem merkwürdigen Menschen, der wie keiner in unserer Kunst fest und sicher ist, erzählen. Ganz so groß wie Stein ist er nicht, aber es wäre mir fast ebenso nahegegangen, ihn zu verlieren.
    Können Sie sich etwas Schrecklicheres vorstellen, als sich selbst wiedererhalten, wenn man den anderen verliert? Wie konnten Sie auf den Gedanken mit der Mappe und meinen Briefen kommen? Doch lieber das ganze Zeug verbrennen. Nun, Gott sei Dank, wir werden alle nicht ermordet. Ist Mime mit Ihnen?
    Nun aber leben Sie wohl und seien Sie froh! Niemand kann Ihnen es mehr gönnen wie ich. Wie ich kürzlich in zwei buddhistische Suttas blickte, fand ich sie kindisch; eine Abhandlung Meister Eckarts dagegen „Über die Abgeschiedenheit“ stimmt mit der brahmanischen Weisheit ganz überein und ließ sie wie eine einheitliche Vegetation der Geister vor einem erstehn. Nochmals, leben Sie wohl!    C. W.


231-232 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

4. Juni 1891. Varcar-Vakuf.

    Gestatten Sie, hochverehrte Meisterin, daß ich Ihnen meinen wärmsten Dank für Ihren Brief vom 24. Mai sage.
    Diesmal ist es doch anders als im vorigen Jahre. Bayreuth steht mir innig nahe, und Tag und Nacht sehe ich den furchtbar strengen, mächtigen, allumfassenden Bau dort in der Ferne, auf dem geweihten Hügel, sich schweigend erheben. In diesem Lande, wo noch keine Kultur dem Blicke seine Unmittelbarkeit genommen hat, und wo durch Jahrhunderte von ununterbrochenen Kriegen und Gegenkriegen, Belagerungen, Verheerungen, Massenmorden der Gedanke an eine ferne ideale Stätte der Ruhe, des Friedens und der Verwirklichung der Sehnsucht nach Göttlichem — wo dieser Gedanke die einzige Stütze war, das einzige, welches die Schrecken des Lebens und des beständig drohenden, gewaltsamen Todes ertragen half, das einzige „er sei uns Stab, er sei uns Leuchte!“, hier liest man mit ergreifender Deutlichkeit in dem Auge das Verweilen an einem fernen Orte, das Versunkensein in eine WeIt, die als die unmittelbarste Wahrheit empfunden wird, wenngleich sie in der umliegenden, faktischen, handgreiflichen Umgebung nirgendswo zu erblicken ist.
    Namentlich beim Mohammedaner ist dies der Fall. Und dank einem jener Widersprüche, wie sie aus allem wirklich tief Empfundenen oder Gedachten entspringen, tut dieses Verweilen in der Ferne dem Genusse des Umgebenden durchaus keinen Abbruch, im Gegenteil. Diese Leute haben einen Sinn für die Naturschönheit, wie er bei uns nur bei wenigen Dichtern vorkommt. An den schönsten Punkten im Schatten liegen oder kauern und stundenlang in langen Zügen die Herrlichkeit von Gottes Welt einatmen, das ist ihnen die größte Wonne. Und gerade so mache   i c h   es jetzt auch! Im vorigen Jahre wurde ich mit einer ganzen Touristengesellschaft von früh bis abends herumgejagt, ich kam gar nicht zur Besinnung, und Sie und Bayreuth schwanden täglich ferner; aber jetzt schweIge ich von früh bis spät in der schönen Gebirgslandschaft, so einzig herrlich dadurch, daß die Menschen   a l l e   pittoresk sind und harmonisch mit dem ganzen Bilde verschmelzen (und was das ist, das kann sich keiner vorstellen, der es nie erlebte); diese harmonische Schönheit hat zur Folge wie eine Erweiterung und Vertiefung der Seele, in deren stillen, spiegelglatten Wassern sich nunmehr auch alles Schöne und Große ungetrübt widerspiegelt. Und da steht, hoch über allem, Bayreuth! Und immerwährend empfinde ich: „so fern, wie nah!“; und empfinde den heiligen Ernst und die Größe dessen, was jetzt dort vorgeht, und gedenke Ihrer, Meisterin, mit tiefer Ehrfurcht und mit einer Art von Teilnahme, die einem inbrünstigen Beten für Sie wohl sehr verwandt ist. Und da nichts zufällig ist — wer weiß, ob nicht eine göttliche Vorsehung mich hierhin, in die Abgeschiedenheit, in die Entfernung aus unserer hastigen, zerstreuenden Welt gerade jetzt gesandt hat —‚ und ob nicht mein Beten Ihnen doch nützt?
    Eigentümlich ist manches in den religiösen Überzeugungen der Mohammedaner und ihre große Toleranz. Daß einer ohne ein Ideal und ohne einen entfernten, heiligen Ort, wohin zu pilgern seine Sehnsucht ist, leben kann, das begreifen sie nicht, aber einen Christen, der in Jerusalem am Heiligen Grabe war, den nennen sie ebenso „Hadschi“ wie ihre eigenen Mekkapilger und bezeugen ihm dieselbe Ehrfurcht. Und wenn ich nur mit der Sprache soweit wäre, um ihnen von Bayreuth erzählen zu können, so würde ich gewiß auch den weißen Turban des Hadschis tragen dürfen!
    Zur siebenten Pilgerfahrt wäre nun das meiste da; einen Augenblick dachte ich, sie würde an den materiellen Schwierigkeiten scheitern, aber wir machen in diesem Lande sehr große Economieen (Mittagessen 40 Kreuzer usw., selbst Luxus, z. B. ein Pferd den ganzen Tag 1 fI. etc.!), und meine „mich hochschätzende Babette“ (wie sie sich unterschreibt) hat mir meine alte Wohnung bei Kantors bereits vom 1. August ab reserviert. Wie frisch und eindrucksfähig hoffe ich anzukommen — geläutert! Und wie dankbar bin ich Ihnen und Ihren lieben Kindern für die Erlaubnis, mich hin und wieder in die Stille ihrer Loge zurückziehen zu dürfen. — Auf dem Berge nahe über uns ist ein Hirtenknabe, der nie müde wird, Tristans „lustige Weise“ zu blasen! Ich grüße sie als gutes Zeichen und entsende sie Ihnen als solches!
    In Ehrfurcht und Treue und mit vielen herzlichen Grüßen von meiner Frau und von uns beiden an Ihre Kinder Ihr

Houston S. Chamberlain.


232-233 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Sonntag, im Festspielhaus (19/7/91).

    Mein Freund! Wenige Augenblicke vor der Aufführung möchte ich Ihnen von dem Festspielhause aus sagen, daß Sie mir fehlen, und daß ich es bitter empfinde, wie unsere Klänge Ihnen fehlen!
    Die Arbeit war groß, die Zeit kurz, und einsam in meinem Feststübchen frage ich mich: „Zu welchem Los geboren?“
    Der Himmel weint wieder heftig, und mein banges Herz feuchtet die Augen, doch weiß ich, daß das heilige Naß nahe ist, und meine guten, lieben sechs Kinder sind bei mir — wenn auch in diesem Moment nicht —‚ heiter und ernst, gut und wahr, und sie bedeuten mir die Menschheit.
    Möchten Sie wohl sein, wenn diese Zeilen zu Ihnen kommen! Gedenken Sie freundlich Ihrer Ihnen so herzlich anhänglichen    C. W.


233 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

[Telegramm aus Bihac vom 27/7/1891, 3 Uhr 30 Min.:]

    Rp — Wahnfried
    Unerwartet Genesender, Hoffender bittet herzlich Nachricht über „Tannhäuser“.

Chamberlain Bihac.


233 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

[Telegramm aus Bayreuth vom 28/7/1891:]

    Chamberlain Bihac.
    Von Herzen hofft Sie zu einer Aufführung „Tannhäusers“ zu begrüßen, die ihr ganzes Herz hineinlegt.    C. W.


233-234 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

27. Juli 1891. Bihac (Bosnien).
Am Tage der 2ten Auffährung von „Tannhäuser“.

    Sehr geehrtes liebes Fräulein [Eva Wagner]!
    Würden Sie bitte Ihrer hohen Mutter meinen Dank sagen für ihre Zeilen aus der Festspielzelle. Am Tage so schweigsam ergeben, oder sagen Wir verdummt wie möglich, wachte ich doch öfters nachts weinend auf. Aber auf jene Zeilen hin hatte ich einen jener Träume, die zu dem Unmittelbarsten gehören, das man im Leben besitzen kann — ich war bei Ihnen eingeladen, es war zu einer Festspielzeit, aber wohl 76 oder doch jetzt, aber das Bild befreit von den Hemmnissen der Zeit, und geradeso wie seinerzeit in meinem Beethoven-Traum, so wurde mir in dieser Nacht wie eine Offenbarung nicht eine unzusammenhängende Reihe von Phantasien, sondern ein stundenlanger, manche Gegenstände erschöpfender Verkehr mit jenem Erhabensten unter allen, so ganz frei von allem, was ich hätte hineintragen können, daß ich jeden Augenblick in das höchste Staunen versetzt wurde, und doch alles so sonnenklar, daß ich mich frug, warum ich es nicht schon längst von selbst eingesehen hatte. Es war wirklich über alle Begriffe herrlich, und für mich in einem Augenblick, wo ich durch „morne“ Hoffnungslosigkeit wirklich ganz stupide geworden war, war es wie ein Lebenselixier, wie eine Aufforderung, weiterzuschauen und nicht zu verzagen. Diesen Zauber hatte Ihre Mutter in ihre Zeiten eingeschlossen. Gewiß wird es sie freuen, zu erfahren, daß er gewirkt hat.
    Mein Leiden hat sich, seitdem es mich zu dent Entschluß   z w a n g,   nicht zu den Festspielen hinzureisen, so unerwartet günstig gestaltet, daß wiederum eine ganz kleine Hoffnung in mir aufflackert, ich könnte zu den letzten doch noch hin...!
    Sie sind ja jetzt umringt von den Treuesten; bitte rechnen Sie mich nicht zu den Abwesenden, meine Gedanken und mein Herz weilen ja ganz bei Ihnen; und lassen Sie mich in Wahnfried in einer stillen Ecke sitzen und oben im Festspielhaus ganz hinten und ganz meinungslos...
    Gott stärke die hohe Frau — uns allen zum Heil — und lasse die Sonne freundlich auf Wahnfried und seine lieben Insassen scheinen.
    In treuer Freundschaft Ihnen allen ergeben Ihr

Houston S. Chamberlain.


234-236 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Pension Stutz bei Luzern, den 5. September 91.

    Es hat mich betrübt, Sie, mein Freund, bei unseren Aufführungen nicht zugegen zu haben, Bei dem „Tannhäuser“ insbesondere habe ich Sie herbeigewünscht, da derselbe sich mir nicht nur von den Operndarstellungen, sondern auch von unseren bisherigen Leistungen zu unterscheiden schien. Auch bezüglich des Publikums hatten wir eine wohltätige Entscheidung zu gewahren, es kam zu ausgesprochenen Momenten, und das Mißverständliche mancher Anhängerschaft sprach sich aus. Ich glaube, wir haben noch bei keiner Aufführung so deutlich empfunden, was Bayreuth will und soll, und habe ich einerseits die erhebende Freude gehabt, alle Sinnigen auf das tiefste und, wie ich glaube, nachhaltigste von dem Werke ergriffen zu sehen, so habe ich mit gesteigerter Wehmut mir immer vorstellen müssen, daß Sie fern wären.
    Ich bin hier gestrandet, in einem gewissen Sinn in meiner Heimat; unser Hans ist dicht bei Tribschen, ebenso abgelegen wie dasselbe, und das einst so vertraute Plätschern des Wassers wiegt von neuem den müden Sinn zur Beschaulichkeit ein.
    Denn müde bin ich. Es wäre töricht, es mir leugnen zu wollen, und ich habe wie eine Scheu vor dem Weitergehen. Aber das wird sich geben, wie so manches sich gegeben hat. Ich wandele hier dieselben Wege, wie ich sie früher mit meinen Kindern wandelte, und ich stelle mir sehr gut vor, wie ich mit Ihnen diese schönen, wohlgehaltenen Pfade inmitten der üppigen Fluren durchwanderte und Sie mir Ihre Lebensgeschichte fortsetzten. Solches scheint im Leben nicht sein zu sollen, dafür wird es zum Gedanken und daher auch zu einem Teil des Lebens, den wir nicht als den geringeren deshalb betrachten wollen, weil er wenig Wirklichkeit hat; für diesen Fall wollen wir Cartesianer sein, „cogito, ergo sum“ will ich so wenden: Ich denke, folglich: ich habe.
    Wissen Sie, welches Buch wir hier lesen? Ich denke, es wird Sie anheimeln: das „Journal of Sir Walter Scott“; ein sehr wehmütiges Buch, welches einen aber inmitten eines Geistes versetzt, welcher nichts wie Klarheit, Einfachheit und Vornehmheit ist. Unendlich gern hätte ich mich in den Anlagen bewegt, auf den Gütern, mit welchen er in der edlen Leidenschaft, Boden zu kultivieren und Menschen zu beglücken, sich um das tägliche Brot brachte, und damit um das holde Spiel seiner Phantasie. Und ebenso dem beschaulichen Wesen entsprechend ist der Verkehr mit diesem Geist. Ich kann mir denken, daß er von seinen Tieren förmlich wie ein sanfter Gott des Lichtes geliebt worden ist. Und die Abwesenheit jeder Schärfe bei so vielem Geiste ist einer der eigentümlichsten Züge dieser natürlichen Vornehmheit.
    Nun muß ich Ihnen aber erzählen, wem wir diesen edlen Verkehr verdanken; der vielleicht merkwürdigsten Persönlichkeit, welche in diesem Jahre unsere Festspiele besuchte: Mr. Balfour, der Neffe von Lord Salisbury, dessen Bedeutung für England Sie gewiß besser kennen als wie ich. Wenn Sie ihn aber persönlich nicht kennen, so möchte ich Ihnen jagen, daß wir alle wohltätig durch dessen Erscheinung berührt waren. Milde und Männlichkeit, Beredsamkeit in Schweigen und Sprechen, ernste Auffassung der Dinge und kindliche Heiterkeit, ein schönes Auge mit edlem Glanz und ein sehr einnehmendes Organ — können Sie sich daraus ein Bild dieser Persönlichkeit machen, deren Anwesenheit bei unseren Festspielen mit eine Befriedigung war? Er war mit Freunden bei uns, Lord und Lady Elcho, und da wir von Walter Scott viel sprachen, entsannen sich diese neuesten Anhänger Bayreuths unserer Vorliebe und sandten uns das „Journal“.
    Ich meine, Sie müßten zum Gouverneur von Bosnien ernannt werden, Sie würden all die schönen Eigenschaften und wirkliche Kulturmomente vor dem Eindringen des Gräßlichsten schützen und, wer weiß, vielleicht bis zu einer Kunstblüte fördern. Könnten wir das nicht zustande bringen? Ich glaube, die Engländer sind die eigentlichen Staatsmänner der Gegenwart, und ihre Kolonien sind wohl kein Zufall. — Das wäre wieder ein Gedanke, mit welchem ich unter dem herzlichsten Lebewohl und unter allseitigen Doppelgrüßen von Ihnen scheide!    C. W.


236-237 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

23/9/91. Sarajevo.

    Wie schön war es, Ihren Brief zu haben, verehrte Meisterin! Ich danke Ihnen von Herzen.
    Daß „Tannhäuser“ in und für Bayreuth das werden würde, was Sie in Ihren Zeilen melden, habe ich niemals bezweifelt; wie glücklich macht es mich aber, aus Ihrem Munde zu erfahren, daß er wirklich das war — und ist! Aber natürlich wächst das Bewußtsein von dem „Mißverständlichen mancher Anhängerschaft“ bei einer derartigen Probe; selbst ich, in meinem so beschränkten Freundeskreise, habe es erfahren müssen. Was soll man darauf sagen? Sie, verehrte Meisterin, halten in einer Hand die vollbrachte Tat, in der anderen die zukünftige: Sie können billig schweigen. Mir persönlich genügt: „Der Glaube lebt!“
    Der Vierwaldstätter See und Walter Scott — eine schöne Harmonie und gewiß Ihre Seele zur Ruhe hinüberleitend. Zwar kann ich mir augenblicklich gar nicht vorstellen, daß ich jemals wieder ein Buch lesen sollte, aber Ihre Beschreibung Sir Walter Scotts Journal läßt mich empfinden, als hätte ich es bereits gelesen.
    Ihre Erwähnung meiner Lebensgeschichte amüsierte mich; ich glaube, verehrte Meisterin, wir haben den psychologischen Augenblick verpaßt; der Begriff „Geschichte“ war nie sehr prononciert in mir, aber Bosnien hat ihn noch mehr verwischt. Sie wissen ja, wie unklar ich im vorigen Jahre war, wo ich, glaube ich, in einen Vortrag über Insektenkunde hineingeraten war, und dazu um ½2 Uhr nachts! Wie würde das jetzt werden?
    Aber von der Pension Stutz aus haben Sie gewiß bisweilen hinübergeschaut, dorthin, wo der Rigi in unzugänglichen, steilen Abhängen zum Küßnacht-Arm des Sees hinunterstürzt, und wo das kleine Dorf   G r e p p e n   liegt, ganz unberührt von dem Fremdenstrom und nur mit einem einzigen Bauernwirtshaus...? Dort war für mich ein herrliches Stück Geschichte; nach vielem Suchen hatte ich diesen ganz abgelegenen, niemals besuchten Ort gefunden, und ohne daß eine Seele es ahnte — so klug waren die Fäden gesponnen —‚ also in gänzlicher Abgeschiedenheit brachte ich dort Tage zu, weIche, wenn ich es mir jetzt nach vielen Jahren überlege, wohl unvergleichlich schöne waren. Abends — es war herrlicher Mondschein — pflegten wir, am See gelagert, nach dem Pilatus hinüberzuschauen, unbewußt, geradeüber Tribschen!
    In Ehrfurcht und treuer Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


237-239 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

30. 9. 91. Wien. Blümelgasse 1.

Hochverehrte Meisterin!
    Daß wir infolge des plötzlich eingetretenen Witterungswechsels und des vielen Schnees an den Grenzen Montenegros umkehren mußten und in gerader Linie nach Wien in unser Schwalbennest flogen, das ist am Ende nicht wichtig genug, um Ihnen noch extra gemeldet zu werden, namentlich, wo ich gerade heute vor 8 Tagen mir die Freiheit nahm, Ihnen eine ganze Menge vorzuplaudern.
    Aber ich habe jetzt einige Arbeiten vor, die gleich erledigt werden müssen, und ich sehe, es geht nicht; das   B e d ü r f n i s,   Ihnen zu sagen, was ich Ihnen zu sagen habe, läßt nicht mit sich reden, bevor ich Ihnen, Meisterin, geschrieben, kann ich nichts zustande bringen.
    Zweierlei habe ich zu sagen; und zwar, bitte, das zweite zuerst.
    Ganz selig hat es mich gemacht, von dem lieben Böhler von „Tannhäuser“ zu hören! Er hatte mir seinerzeit von Bayreuth ans geschrieben, nach der allerersten Aufführung, und man merkte, daß er — wie vorauszusehen war — ganz und gar „décontenancé“ war, unsicher, deprimiert. Aber jetzt, wo er es fünfmal sah! Er sagte mir fast in Ihren Worten, daß „er noch nie so deutlich empfunden habe, was Bayreuth will und soll“. Mit zartfühlendster Diskretion und ohne irgendeinen Sängernamen zu nennen oder gleichgültige Anekdoten zu erzählen, hat er mir zwei Stunden lang über „Tannhäuser“ berichtet. Ob es Dr. Böhler ist oder ein anderer, das kann mir egal sein, aber zu sehen, mit meinen eigenen Augen zu sehen, wie Sie die Sinnigen unter Ihren Zuhörern ergriffen haben, wie unsagbar tief und nachhaltig, das hat mich mit solchem Jubel erfüllt, daß ich es Ihnen sagen   m u ß,   daß ich Ihnen davon sprechen   m u ß t e.   Wie verschwindet der eigne Kummer, die Verbitterung über das Fernbleibenmüssen von dem „geweihten Ort“ vor dem Anblick dieses Erfolges! — Von 300 Zeitungen, sagte man mir, soll nur eine einzige, die „Münchener Neuesten Nachrichten“, günstig über „Tannhäuser“ berichtet haben, eine große Anzahl sog. Wagnerianer soll sich definitiv von Bayreuth losgesagt haben — und doch, Sie haben die Schlacht gewonnen, die große, definitive; denn Ihr „Tannhäuser“ ist es, der unsere Opernwirtschaft zugrunde richten wird, von ihm bekommt sie den Gnadenstoß, an dem „Tannhäuser“ wird die junge Generation großwachsen, und an ihm werden die Künstler gezogen werden, die vielleicht später einmal imstande sein werden, die „Nibelungen“ und „Parsifal“ und „Meistersinger“ darzustellen.
    Oh, weIche Tat, Meisterin, haben Sie vollbracht! Denn daß Sie wirklich über die Menschen gesiegt haben, das weiß ich erst jetzt, das habe ich erst jetzt gesehen, aber jetzt weiß ich es gut; und mein Herz jubelt vor Freude und Dankbarkeit.
    Aber Sie, verehrte Meisterin, werden jetzt nicht in dieser Stimmung sein; ich weiß es; und das führt mich zu meinem zweiten Gegenstand hinüber.
    Es war schrecklich hart und traurig für uns, so plötzlich aus freier Bergesluft und Urvolk in die Großstadt und inmitten der Kulturmenschen versetzt zu werden. Mir wurde die Rückkehr nicht leicht, aber ich stürzte mich sofort auf den Klavierauszug des „Parsifal“. Und als erstes fiel ich auf den Akkord, der meinen Frühjahrsgruß an Sie zum Ausdruck gebracht hatte, zwischen „Heilig hehrstes Wunder!“ und „O Herr, war es ein Fluch...“, wo in Wahrheit der Fluch des Winters schwindet und alle Seelen bebend sich dem Wunder des erwachenden Frühlings öffnen. Da stand ich Ihnen sehr, sehr nahe, Meisterin, und war weder in Wien, noch in Bosnien, noch am Vierwaldstätter See. Aber das war noch nicht der Boden für den Herbstgruß, den ich jetzt finden mußte, um fühlen zu können, daß meine Seele genau mit der Ihrigen miterzittern würde. Ich kam auf Amfortas' Hilferuf an seinen Vater: „Tod! — Sterben! Einzige Gnade!“ — Aber das ist nicht die Stimmung von gestern oder heute; das ist das „Gib uns heute unser täglich Brot!“ Dann „Höchsten Heiles Wunder: Erlösung dem Erlöser!“ Aber das ist die höchste Offenbarung, in welcher man wohl sterben, aber nimmer leben kann. — Endlich fand ich es — am Schlusse der Einleitung, nach den drei tiefen Seufzern, von dem pp vor dem Misterioso bis zum pp nach demselben [Orchestervorspiel, Takt 102 bis 104]; das enthielt, was ich jetzt empfand, und es war mir, als lauschte ich — mit der Ehrfurcht und Demut, die man einem göttlichen Geheimnis schuldet —‚ als lauschte ich, Meisterin, an Ihrem Herzen. Ein edelstes Haupt — sagen wir der Christus von Vincis Abendmahl — erhebt da langsam die Augen gen Himmel und flüstert: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ — „...sie wissen nicht! sie wissen nicht!“ — Ach! Keiner, keiner weiß! Keiner   w i l l   wissen! Ein jeder lebt so vor sich hin und für sich hin; der Freund weiß nicht, der Feind weiß nicht, ja, auch die, die weinend am Fuße des Kreuzes stehen, wissen nicht; und ganz, ganz einsam auf seinem hohen Golgatha flüchtet Er zu Gott: — „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ — Das ist die Brücke, von der die Brahmanen wissen, welche hinüberführt in jenes Land, „wo das Wanderersein der Seele und das Schöpfersein des Brahman aufhören“. Es ist der Ruhepunkt, wo die müde Seele sich gleichzeitig mit ihrem Gott und mit ihrer Umgebung versöhnt. Ich denke, Meisterin, daß Sie jetzt dort ruhen.

In ehrfurchtsvoller, treuer Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


239 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

[Telegramm aus Bayreuth, 2/10 91, 6 Uhr 20 N.]

    Houston Chamberlain, Blümelgasse 1, Wien.

    Innigsten Dank für Mut und Trost spendende herrliche Worte.


240-242 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 12. Oktober 1891.

    Wie habe ich Ihnen und Ihrer lieben Frau die Stimmung an dem Bahnhof nachempfunden! Als wir unsere Schweiz verlassen mußten und uns wiederum einmal trennten und in verschiedene Gruppen teilten, hatten wir den ganzen Begriff des Elendes zu ertragen, und ich zwar so stark, daß ich kaum Abschied von meiner Daniela zu nehmen vermochte. Wir kamen nun in München an, und ich traf dort auf einen solchen Wust von Unsinn, daß ein Gang ins Narrenhaus schon dadurch wohltätig dagegen gewirkt hätte, daß bei den Kranken Direktor und Arzt zugegen sind, wogegen bei den so umherlaufenden Narren man keinerlei Behütung wahrnimmt. Das Mittel dagegen war die Beratung mit Adolf [von Groß] und den Kapellmeistern und der Beschluß der Festspiele für das nächste Jahr. Doch immer ferner wichen die Firnen und die Höhen und die Joche, wo wir Siegmunds Kampf mit Hunding uns vorgestellt hatten, und die erhabene Schneewelt, in welcher wir Wotan einschlummern sahen und umringt von den Walküren das Ende erreichen. — Hierher zurückgekehrt, war es Ihr letzter Brief aus Sarajevo, welcher mir die Gedanken wieder nach meiner eigentlichen Heimat führte; dort, wo zwei meiner Kinder geboren und die anderen mit diesen im Glücke groß wurden. Gern hätte ich es während meines Aufenthaltes gewußt, daß Sie in Greppen gewesen sind und dort jene Stimmung gekannt, wie sie mir mit diesem Landstrich verwoben zu sein scheint. So gern blickt man von einem Ufer zum anderen und denkt sich dort einen Freund. Und da Vergangenheit und Gegenwart an dem Wunderwasser ineinanderfließen, so hätte ich Sie mir dort vorgestellt, und zu zweit, was wohl notwendig ist. So sah ich auch immer unseren König in diesen Tagen, wie er einst bei uns wandelte, genau als ob er von Monsalvat unmittelbar zu uns gelangt wäre. Schopenhauer zum Trotze und dem Dasein zum Troste kann ich nicht umhin, alles Schöne und Erhabene als positiv zu empfinden, wogegen das Grausame und Häßlich-Gehässige mich wie eine schwere Woge an den Fuß des Kreuzes schleudert, wo ich sie gebrochen fühle. Habe ich Ihnen erzählt, daß die Großherzogin von Baden die Güte gehabt hat, mir zum Andenken die Kopie des Kreuzes zu schenken, welches Gregor IX. der heiligen Elisabeth zusandte und welches im Kloster Andechs aufbewahrt wird; inmitten der Arbeit und des Gewühles der Festspiele hat mir stets auch nur der flüchtigste Blick auf dieses Andenken geholfen und die innere Ruhe und Harmonie wiederhergestellt.
    Schön von den lieben Böhlers, daß sie Ihnen in solcher Weise von unserm „Tannhäuser“ Zeugnis abgelegt. Wohl hätte ich Sie dabei gewünscht und habe es Ihnen nur nicht so gesagt, wie ich es empfand, weil ich Ihnen das Herz nicht schwermachen wollte, und weil ich genau weiß, wie das Entbehren zu dem Weg gehört, den ich wandle, — Ich glaube, daß unser „Tannhäuser“ ein Erlebnis war. Ich habe es als solches bei jeder Aufführung empfunden, und die Freunde mit mir. Was nun Verein, Zeitung und wie derlei sich nennt, anlangt, so habe ich auch nicht die leiseste Vorstellung ihres Verhaltens oder vielmehr ihrer Gründe. „Strong reasons make strong actions“, sagt unser Dichter, Ich weiß nicht, ob sie solche haben, und ob daher ihr Gebaren ein starkes und wirkungsvolles sein kann. Meinen Neffen Ritter traf ich in München so außer sich und entrüstet, daß er durchaus nicht mein idyllisches Ignorieren nachfühlen mochte. Als der geeignetste Beurteiler unserer Aufführung (da er der Zeuge der Aufführungen 1845 in Dresden gewesen) hatte ich ihn gebeten, mit vieler Muße eine Arbeit über unsere Aufführung zn entwerfen. Er hatte sich daranbegeben, ich fürchtete aber, daß er vor lauter Abwehren des Unsinns nicht zur Sache kommen würde. Und da ich sah, daß es keinen einzigen gab, der die üble Arbeit ihm abnehmen würde, setzte ich mich hin, faßte alles zusammen, was er mir an Wust zugetragen, und dachte daran, als Vorarbeit dies in die „Blätter“ zu schicken. Bereits war die Sache unter Druck, als mich jener unüberwindliche Widerwille gegen jedes Wort überkam; ich zog zurück, und nun liegt mein kleines Machwerk vor mir und frägt mich, was es soll und wie ich zu ihm kam. Möglicherweise könnte es einigen Guten (verirrte Schafe!) dienen, und so werde ich es Ihnen nebst einem Briefe, den ich an unsern alten Freund Davidsohn [abgedruckt im „Bayreuther Festspielführer 1930“] schrieb, zusenden. Sie machen dann damit, was Sie wollen; wem Sie es aber mitteilen, bitte, geben Sie es nicht in die Hand. „Es sind Hanswürste von Räubern“, sagte mir meine kleine Enkelin als Erwiderung auf meine Erklärung; wie sie mich mit einem Programm des hiesigen Theaters in der Hand sah, mir überlegend, ob ich ihren Bruder in das Stück Schicke, frug sie mich: „Sind es wirkliche Räuber?“, und da ich ihr sagte, es seien nur gespielte, faßte sie sich kurzweg so, wie ich anführte. Ich gestehe, daß diese Fassung mir wie ein Motto für vieles und manches erschien und mich seitdem in vielen ernsten Betrachtungen sehr erheitert hat.
    Wir sind nun vierzehn Tage hier zurück, und ich habe zuerst den Hausstand, dann die Organisation des neuen Lebens mit den Enkelchen, endlich die Trennung von Siegfried vorgenommen. Letzterer hat Berlin verlassen und sich in Karlsruhe niedergelassen, von wo er mir heute von einer so schönen Aufführung des „Freischütz“ [unter Mottls Leitung] berichtet, daß ihm die Tränen dabei in die Augen gekommen seien. — Meine Tochter Gravina bleibt mit ihren Kinderchen bei uns, und wir versuchen es nun, wie Deutschland und Italien zueinander stimmen, und wie die Sinnigkeit zu der Schnelligkeit sich gesellen könne.
    Lassen Sie mich hoffen, daß wir uns bald wiedersehen.      C. W.


242-243 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

26. Oktober 1891. Wien.

    Ich bin von dem neuen Wagner-Verein eingeladen, dem jungen, revolutionären. Ich bin neugierig, hochverehrte Meisterin, ihn am Werke zu sehen; nach seinen in den „B. B.“ veröffentlichten Berichten müssen ernste, begeisterte Leute drin sein. Wenn es nun wirklich anständig und ernst dort zugeht, dürfte ich bei einer passenden Gelegenheit Ihre kleine „Stimme aus Bayreuth“ vorlesen? Eventuell werde ich selber dort sprechen. Wenigstens habe ich eine Art Plauderei „R. W. und Frankreich“ vorbereitet; ich meinte sie für unseren alten Akademischen, aber wirklich, es ginge vor dieser Versammlung nicht!
    Heute abend sollen wir zum zweiten Male den neuen Burgschauspieler   B o n n   treffen. Er hat mich neulich gefragt, ob ich wüßte, wann Sie herkämen, und gebeten, Ihnen schon im voraus mitzuteilen, daß et Sie um die Ehre ersuchen würde, Sie besuchen zu dürfen. Der junge Bühnenkünstler macht hier großes Aufsehen. Da er gegen Sonnenthal von einer gewissen Partei aufgestellt wird und er mehrere Hauptrollen desselben gibt, ist ein bitterer Kampf entbrannt. Die einen erheben Bonn in den Himmel, die anderen („N. Freie Presse“ etc.) lassen nicht ein Haar an ihm und überhäufen ihn mit den schmutzigsten Beschimpfungen des deutschen Pressearsenals. Ich habe ihn ein einziges Mal gesehen, in „Hamlet“. Interessant gewiß: aber erstens nicht so bedeutend, daß jenes Aufsehen berechtigt wäre, dann ganz ebenso „empêtré“ in der Keuchmanier der deutschen Schauspieler, als wäre er kein angehender Reformator — ich glaube kaum, daß er ein Wort so sprach, daß ich es als natürlich empfunden hätte —‚ und dann vor allem eine Auffassung des Hamlet, die so sicher grundfalsch ist, als — als — als daß immer recht hat Ihr
    in tiefster Ergebenheit der Ihrige

Houston S. Chamberlain.


243 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Wahnfried, den 28. Oktober 1891.

    Wann ich nach Wien kommen werde? Unendlich gern würde ich Sie, mein Freund, wiedersehen, und es ist mir, als ob ich Unendliches Ihnen zu sagen hätte; ich glaube aber, es gehört zu dem, was sich nicht spricht. Wollen Sie Bonn, wenn Sie ihn wiedersehen, sagen, daß ich mich sehr freuen werde, seine persönliche Bekanntschaft zu machen.
    Wenn Sie das „Nibelungenlied“ bei der Hand haben, schlagen Sie doch den 25. Gesang auf, wo Hagen, nachdem er gegen die Fahrt zu den Hunnen gewesen, nun auf die Weissagung seines Unterganges der Fährmann und Anführer dieser Fahrt wird, Es gibt wohl wenig so Dämonisches, und das ganze Heidentum erhebt sich inmitten dieser christlichen Welt und zeigt sich dem Göttlichen gegenüber in seiner Übermenschlichkeit, und dazu eine ganz naive Sprache, wie von einem Kind.
    Fahren Sie fort, meiner so freundlich zu gedenken, die ich wohl dessen sehr bedürftig bin; denn die Luft ist gar schwer um uns herum, und was Sie mit solchem Recht von den deutschen Schauspielern sagen, erstreckt sich bei uns auf alles.

    Seien Sie gegrüßt!    C. W.


243-245 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1891

Donnerstag, 29/10/91. Wien.

    Zu einem eigentlichen Briefe, hochverehrte Meisterin — so einem, wie ich sie zu schreiben liebe, wo man nicht mehr unter der Fuchtel der Eile und des Geschäftigseins steht, sondern seiner Seele das Wort läßt, im Bewußtsein, daß die Zeit doch ihr gehört —‚ zu einem solchen komme ich heute wieder nicht. Ich will nur ein Wort über den gestrigen Abend im Wagner-Verein sagen.
    Derselbe hat mich eigentlich sehr befriedigt, oder sagen wir, er hat mir Befriedigung verschafft. Zum   a l l e r e r s t e n   Male war ich in einem Wagner-Verein, wo man ein ernstliches Vorhaben merkte, wo etwas Ernstes geschah, und wo (wenigstens, wo ich saß) die ganze Unterhaltung sich auch   a u s s c h l i e ß l i c h   in dem Gebiete bewegte, welches einem   W a g n e r-Verein seine Existenzberechtigung verleiht. Und zwar (o Wunder der Wunder!), es fiel kein einziges ungehöriges Wort. Sie werden mich ganz begreifen, wenn ich Ihnen sage, daß Mangel an Respekt für mich ungefähr so ist, wie wenn einer mir die Faust in den Hals hineinsteckt; nicht einmal erwidern kann ich darauf, ich bin einfach vernichtet. — Daß einer diesen ober jenen Unsinn über eine Bayreuther Aufführung zum besten gibt, nicht das ist beleidigend, im Gegenteil: nur heraus mit der Meinung! Nur aufrichtig im Berichten über das tatsächlich Gefühlte, Empfundene, da kann man ja dann darüber sprechen, sich verständigen; aber wenn man z. B. Ihrer, verehrte Meisterin, in einem gewissen Tone erwähnt, ja, dann ist's aus! Denn daß Sie uns allen ein   g e w e i h t e r   Mensch sind und sein müssen, das ist ein so selbstverständliches, primitives Herzensgebot, daß man meinen sollte, selbst der blödsinnigste Anhänger müßte das empfinden. Es wird prinzipiell immer aus den Schriften vorgelesen; gestern war der II. Absatz von „Deutsche Kunst und deutsche Politik“ daran, und er wurde ganz vorzüglich, deutlich und sinngerecht vom Obmann, Bürgerschullehrer Haller, vorgetragen. Auch Vorträge werden häufig gehalten. Herr Haller ist zum Fanatiker prädestiniert; wenn er aber diese Anlage edel aufbraucht, wollen wir sie ihm nicht als Fehler anrechnen. — Als der offizielle Abend vorbei war und die meisten nach Hause gegangen, bildete sich ein kleiner Kreis um Haller und mich. Es wurde so schön von und über Bayreuth gesprochen, daß ich auch animiert, zuletzt gewissermaßen Wortführer wurde; mit gespanntester Aufmerksamkeit hörten die Herren meinen Ausführungen zu — über die Notwendigkeit echter Wagner-Vereinigungen, ihre Aufgabe etc. —‚ dann über Bayreuth, über die Bedeutung der einzelnen Faktoren, durch die die Festspiele einzig zustande kommen können usw., und als ich zuletzt einzelne Stellen aus Ihrer unveröffentlichten Arbeit vorlas, und namentlich zwei Stellen aus Briefen an mich, dazu Verschiedenes, was mir aus Ihrem Briefe an Davidsohn unvergeßlich im Gedächtnis eingeprägt ist, war die Begeisterung aufs höchste gewachsen.
    Und jetzt habe ich für meine eigene Belehrung noch eine Frage; eine kurze Antwort würde mich sehr verpflichten. Was war Frau Street-Klindworth für eine Landsmännin? Wie hieß sie als Mädchen? — Ja? darf ich das fragen?
    Und so haben Sie die Überzeugung, hochverehrte Meisterin, daß wir sehr, sehr nahe bei Bayreuth und Wahnfried leben und weben!
    Das Nibelungen l i e d ?   Das ist mir eine Erinnerung aus vor 14 bis 15 Jahren, und zwar eine so gewaltige, eigentümliche, daß ich mich niemals
wieder daran gewagt habe, ich fürchtete, mein Herz könnte etwas von seiner naiven Empfängnisfähigkeit verloren haben, und das wäre ein tiefer Schmerz gewesen; und so genügte mir der Anblick des alten, kleinen Buches, mit seinem grünen Rücken, seinem Goldschnitt und seinen alten Holzschnitten; dieser an einem Ehrenplatz ungeöffnet ruhende Band war mir seitdem ein Erwecker von Stimmungen und Träumen. — Ich erzählte Ihnen, wie ich, ganz zufällig, zum „Ring“ gekommen war; der „Ring“ brachte mich auf das Lied; jetzt sind Sie es, Meisterin, die mir zum zweiten Male das Buch aufschlägt, und ich werde unbesorgt darin lesen, das alte, alte Lied: daß stets am letzten Ende die Liebe bringet Leid.
    Apropos Liebe — habe ich Ihnen erzählt, daß meine einzig herrliche, unvergleichliche Norwegerin, jene Offenbarerin des Wesens der Senta, sich sehr glücklich verheiratet hat? Und zwar hat sie — einen Clown geheiratet! Einen äußerst soliden, ehrenwerten Engländer, der seine 3000 Pfund jährlich verdient und in wenig Jahren mit ihr — aufs Land sich zurückziehen wir