Wahnfried, 1. 2. 93.
Ihren wundervollen Vortrag
[„Richard Wagner und die Politik“,
den Chamberlain am 20. 2, 1893 in Graz hielt; abgedruckt in „Richard
Wagner der Deutsche“, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7196/97]
gebe ich hier zurück. Haben Sie Dank für das
Verständnis, für die Ausarbeitung, welche den Zusammenhang
ergibt, Dank für die Abfertigung der Elendigkeit und für die
Einkehr zu Gott! Da war etwas zu besprechen, und w i e
haben Sie es besprochen. Daß unsere Überzeugungen in
der heutigen Welt nicht in Handlungen zu verwandeln sind — diese
traurige Tatsache wird für mich ganz aufgehoben, wenn ich diese
Überzeugung mit solcher Schärfe ausgesprochen sehe, denn dann
weiß ich, daß die Ereignisse kommen werden, die immer den
Unmögliches Begehrenden zu Diensten gewesen sind. Auch wenn die
Zeitläufte diese Dienste kaum im Zusammenhang uns erscheinen
lassen.
Dieser Vortrag wird eine Wohltat für unsere
„Blätter“ sein, ich freue mich schon, ihn wiederzulesen. Und dann
— Sie reden wie ein Mensch aus dieser Welt, und ich muß gestehen,
daß ich mit Freund Falstaff da Hand in Hand gehe und ein
peremptorisches Bedürfnis nach Einfachheit habe.
Gestern ist nun meine Minna an mir
vorübergegangen und hat mich, denke ich, gekannt. Das war eine Art
Abschluß und ein Anfang; Siegfrieds Direktion: „E n t
f ü h r u n g a u s d e m S e
r a i l“ und „T a n n h ä u s e r - M a r s c
h“; es war sehr gut und sehr ergreifend. Dann ein
wunderschöner Epilog von
Wolzogen
zu unseren 2 Akten.
Schließlich hat man getanzt, bei großem Orchester
Straußsche Walzer. Ich glaube, Sie hätten sich unterhalten,
jedenfalls gehörten Sie dazu.
Wie weit ist nun Weihnachten. Ich höre die
Vögelchen, wie sie in der Früh so stark, trotz der
Kälte, an meinem Fenster sangen, daß ich glaubte, Siegfried
bescherte mir eine Volière; ich sehe das rotblühende
Bäumchen von Friedrichs, ich sehe Ihr Märchen, von dem ich
mich gestern trennte, und doch ist alles so fern.
Seien Sie gegrüßt in inniger
Zugehörigkeit. C. W.
313-314
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Erlangen, 3. 2. 93. (Augenklinik
des Professors Eversbusch.)
Werden Sie mich kleinlich finden, wenn ich Sie
bitte, Ihrem Vortrag den Passus „Gott wird uns erleuchten“ nicht nur im
Zusammenhang mit dem Vorspiel zu „Parsifal“ einzuflechten, sondern auch
mit dem Gebet des Königs in „Lohengrin“, welches gleichzeitig
entstand, und welches mir ganz die Stimmung zu haben scheint. Nebenbei
ist Heinrich der Vogler der eigentliche Prototyp des Königtums,
wie es in der Rede
[Richard
Wagners im Dresdener Vaterlandsverein 1848, „Ges. Schr. u. Dichtungen“,
Bd. XII] vorschwebt. In Coburg hörte ich, daß das
Herzogtum Festspiele vorbereite, und zwar soll aufgeführt werden
„Lodoiska“ von Cherubini und „Faust“ von Spohr. Ich denke mir,
daß man als Publikum einige unserer Großmütter wird
ausgraben müssen. Lasen Sie die letzte Rede von Stöcker im
Abgeordnetenhaus (Nr. 49 der „Kreuzzeitung)? Sie ist
außerordentlich und beweist einen Mut, wie wir ihm kaum mehr
begegnen. Leben Sie wohl und lassen Sie bald von sich hören.
C. W.
314-315
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wien VI. Blümelgasse
1. 5/2/93.
Herzlichsten Dank, hochverehrte Meisterin, für
Ihren Brief aus Erlangen. Sie sind viel schneller dort hingekommen, als
ich berechnet hatte; ich hatte mir vorgenommen, Ihnen dorthin meinen
„Hinkebein II“ zur Unterhaltung in der Klinik zu senden — denn in
Bayreuth wäre es schade um die Zeit, das Ding ist zu verrückt
—‚ und ich hatte mir neulich ein Versuchskaninchen herbestellt, das es
überlebte, und meinte, er möchte es noch einmal lesen —
für sich —‚ es ist nämlich furchtbar tief, so echt deutsch
unergründlich, so daß ich es selber nicht verstehe und mich
genierte, als ich es laut vorlas, aber die Phantasie des Hinkebein, das
Verquicken seiner Gedanken mit ganz naiven Bildern, die nicht nur zur
Illustration dienen, sondern die recht eigentlich die Träger
seines inneren Lebens sind — das finde ich sehr anziehend.
Sehr dankbar bin ich Ihnen für Ihren Vorschlag
bzw. des „Lohengrin-Gebetes“. Natürlich werde ich es einflechten,
auch eine kleine Ausführung über den Paradox — absoluter
König, freies Volk —‚ als im deutschen Charakter wurzelnd.
Es tut mir mehr leid, als ich es sagen kann,
daß ich zu dem Feste nicht in Bayreuth war.
Heute erhielt ich — endlich! — die Korrekturbogen zu
meinem Aufsatz „Zur Eröffnung der Stilbildungsschule in Bayreuth“
in der Berliner „Freie Bühne“
[II. Heft, Februar 1893].
Über meine eigenen Ausführungen erschrak ich fast. Die
Redaktion hat es verstanden, alles Charakteristische, alles
Individuelle — durch einige wenige Striche und Wortänderungen — zu
nehmen; es ist nicht ganz, aber fast so ein Urbrei wie ihre eigenen
Produkte geworden. Natürlich wurden solche Ausdrücke wie
„das Auge des Genies“ mit einem Federstrich dick vor
Entrüstung gestrichen; aber das Köstlichste ist, wo sie meine
Sehnsucht nach „w i r k l i c h e n Kunstinstituten“
durch „s a c h l i c h e s (!) B e s t r
e b e n“ ersetzt haben! „Da ließ ich's denn so fein!“
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie tief mich das
Interesse rührt, welches Sie meinem schwachen, engbegrenzten (nach
außen und nach innen engbegrenzten) Wirken bezeugen. Zum
großen Teil ist wohl auch mein Tun ein ganz persönliches —
der Wunsch, zu Ihnen zu sprechen und Ihnen eine geringe Freude zu
machen. Und wenn das auch nicht das Bestimmende ist, so ist doch
gewiß Ihre Freundschaft das, was mir Kraft gibt. Auf den
Hügeln der Abstraktion grasen, das genügt meinem Magen nicht;
Ihr lebendiges Wort ist aber wahre Nahrung; es genügt auch, um
mich wissen zu lassen, ob ich auf rechter Fährte bin oder nicht.
Meine Frau sendet die innigsten Grüße;
ich grüße wie einer, der die letzten 3 Tage wieder in „Jesus
von Nazareth“ verlebte, und bete zu Gott für Ihre Augen. In
Ehrfurcht und Freundschaft Ihr
Houston S. Chamberlain.
315-316
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Erlangen, 8. 2. 93.
Hätten Sie mir nur den „Hinkebein“ zugeschickt!
Professor Eversbusch hat mich länger behalten, als ich erwartete,
und Mitte März muß ich wiederkommen. Morgen bin ich wieder
in Bayreuth. Mit meinen Augen ist nicht viel anzufangen, sie seien
abgearbeitet, sagte der vorzügliche, das unbedingteste Vertrauen
verdienende Professor. Es freut mich sehr, von Ihrer Wirksamkeit im
Verein zu vernehmen. Es ist völlig gleichgültig, wie viele
dabei sind, wenn Sie auf e i n e n Geist wirken in
dem Sinne, wie Sie es vermögen, so ist es schon s e h
r v i e l. Sie haben da eine der verdienstvollsten
Aufgaben, die ich mir denken kann, und es wird mir immer eine Freude
sein, davon zu vernehmen. Ja, diese Tätigkeit geht Hand in Hand
mit der meinigen. Denn es wäre schon hübsch, unter uns einige
unmittelbare Empfindung des Dargebotenen anzutreffen und nicht
lediglich auf die Fernstehenden angewiesen zu sein. Ich bin nun sehr
gespannt auf die „Freie Bühne“.
In jüngster Zeit ist mir über die
systematische Betreibung der Mischehen so vieles zugekommen, daß
ich nicht anders konnte, als hievon mit Ihnen sprechen. Ich finde,
daß die Frage unlösbar erscheine, verhindert mitnichten,
daß man sie auf das schärfste zu erhellen habe. Sollen wir
bald
Finis Germaniae zu sagen
haben, so möchten wir es doch mit Bewußtsein der Gründe
des Untergangs sagen.
Ich würde sehr gern Ihre Ausführung
„absoluter König, freies Volk“ kennenlernen. Hörten Sie von
der Legende über die Könige von Frankreich, daß, wenn
ein Kranker sie berührte, er gesunde? Und sehr eigentümlich
ging es uns mit der Lektüre von der Biographie Cromwells,
vielleicht gibt es keine so mächtige, so dämonische, den
ganzen Stamm und den ganzen Glauben in sich fassende Erscheinung in der
Weltgeschichte, und daß er Volk und Königtum rettete, indem
er den König opferte, erscheint mir zweifellos. Auch liegt in der
Bestimmung seines Genies etwas so Tragisches, daß das
Mitgefühl die Unnahbarkeit überwindet. Und doch — als wir bei
der Enthauptung des Königs angelangt waren, konnten wir nicht
mehr, und es war uns, als ob der gellende Schrei, womit das in der
Ferne kreisende Volk den grausigen Akt der Notwendigkeit begleitete,
für immer den Gesang und seine Fröhlichkeit in England
verscheucht habe. Rienzi dagegen, der Zögling der Franziskaner,
Einsiedler, der Phantast, der nichts rettete, der dem deutschen Kaiser
die römische Krone aufzwingen wollte, er konnte den strahlendsten
Melos eingeben. Alles dies und mehr noch ist mir bei Gelegenheit Ihres
Vortrages durch den Sinn gegangen. Eine vorzügliche Rede von
Stöcker im Abgeordnetenhause, die ich Ihnen schicken will, wenn
Sie sie nicht lasen, fügte das ihrige hinzu, um bei mir ein
Gesamtbild auszuarbeiten von den realen und idealen Dingen und wie sie
zusammenhängen. Da das Festspielhaus steht, m ü s
s e n wir hoffen und daher arbeiten, zu jeder Stunde und in
jedem Sinn. Als den besten und liebsten Mitarbeiter begrüßt
Sie in innigster Herzlichkeit C. W.
316-318
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wien, 16/2/93.
Dürfte ich Sie, hochverehrte Meisterin, bitten,
mir zu sagen, ob das im Frühjahr 1857
[von Richard Wagner in Zürich]
bezogene Chalet auch in der Ortschaft „In der Enge“ war.
Ich habe mich endlich über Ashton Ellis
[der in seiner Schrift „1849. A Vindication“ Praegers Buch
„Wagner, wie ich ihn kannte“ kritisch beleuchtet hatte]
hergemacht. Es ist eine zeitraubende und eigentlich eine undankbare
Arbeit; es ist hart, sich mit so etwas Anekelndem beschmutzen zu
müssen, und der Gedanke, daß auch die Größten
unter uns Sterblichen den Umgang mit solchen Wesen
[wie Praeger] sich haben
gefallen lassen müssen, treibt einen in eine Stimmung, der man
eigentlich nur durch Sichaufhängen an einer Straßenlaterne
Luft machen könnte. Doch ich habe es unternommen, und ich
muß es zu Ende führen. Verhindern wird das allerdings nicht,
daß dieses Schandbuch als „Autorität“ während 25 Jahren
gelten wird.
Zu Graz findet der Vortrag also Montag abend, den
20sten, statt. Man hat einen Augenblick gefürchtet, die Grazer
Polizei würde wegen des Themas meines Vortrags Schwierigkeiten
machen, vielleicht ihn gar verbieten, weil es in einem
künstlerischen Verein verboten ist, sich mit P o l i t
i k abzugeben! Ich habe eine Inhaltsangabe einsenden
müssen, und heute Schreibt mir Hausegger,
die Polizei erlaubt es!
Stöckers schöne Rede habe ich mir sofort
in mehreren Exemplaren verschafft.
Die kurze Ausführung lautet: „Vielleicht
daß das Paradoxon: A b s o l u t e r K ö
n i g, f r e i e s V o l k — einige zunächst
befremdet? Versteht man aber etwas beim Meister nicht recht, so wird
man stets gut daran tun, sich zu fragen: Was wäre hier, im
tiefsten, wahrsten Sinne des Wortes, die ganz
spezifisch-charakteristische, unterscheidend-eigenartige, d
e u t s c h e Auffassung? Wohl immer wird man da entdecken,
daß man auf einmal Wagners wahre Ansicht versteht. Und auf diesem
Gebiete der sozialen Gestaltung kann man wohl sagen, daß, was die
Deutschen auszeichnet, ein — zunächst höchst widerspruchsvoll
erscheinendes — Nebeneinanderbestehen von unbedingter K
ö n i g s t r e u e und unzerstörbarem F r
e i h e i t s s t o l z ist. Diese in tiefstem Grunde aller
echtgermanischen Herzen wurzelnde Auffassung ist es, weIche Wagners
Rede mit der ganzen Unmittelbarkeit, welche Klarheit, Leidenschaft und
Wahrhaftigkeit verleihen, von Anfang bis Ende beherrscht.“
Mein Bestreben richtet sich mehr und mehr darauf,
nur eine Richtung anzugeben, nur ein Licht anzustecken, hintreten und
schauen müssen die Leute doch selber. Daß ich selber dabei
in den Ruf eines wenig „feinen“, eines für Nuancen, vielleicht
sogar für die Erkenntnis des überall im tiefsten Grunde uns
rätselhaft anlächelnden Widerspruches wenig
empfänglichen Geistes kommen werde, wird mich, glaube ich, nicht
irremachen. Was schadet das, wenn man mit einem etwas schweren Hammer
schlägt? Die Hauptsache ist doch, daß man den Nagel auf den
Kopf trifft. Darum strebe ich nach möglichster Schärfe; denn
da kann auch der Minderbegabte etwas verstehen, er kann ein lebendiger
Teilnehmer an Erscheinungen, die ihm sonst rätselhaft bleiben,
werden, und der wirklich Begabte
estompera
les lignes ohne meine Hilfe.
Die soeben erschienenen „B. Bl.“ habe ich noch nicht
gelesen. Auf den Grillparzer
[von
Richard Batka, Jahrgg.
1893, S. 82 ff.] bin ich neugierig. Ich
habe gerade jetzt mich über ihn hergemacht und bereits alle seine
Dramen bis auf drei gelesen, auch einige Notizen und Gedichte. G. mag
reizend, sinnig, poetisch, alles, was man will, sein — aber beileibe
kein Genie. Man sehe sich doch nur Kleists „Penthesilea“ dagegen an!
Gerade die viel gerühmte Charakterisierung zeigt für mein
Gefühl die Schwäche G.s, den Mangel an Genie. Ein
großer Dichter, der Shakespeares Sonette scheußlich findet,
der sie am liebsten vertilgen möchte! — ach nein, sehen Sie, jetzt
bin ich gleich wieder in der Stimmung, daß ich mich an der
Laterne aufhängen möchte! Als ich in die „B. Bl.“ guckte, sah
ich in jenem Aufsatze einen Satz, der mir solche Angst machte, ich
konnte nicht weiter.
In Ehrfurcht und Ergebenheit Ihr
Houston S. Chamberlain.
318-319
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wahnfried, 19. 2. 93.
Das Haus, welches im Jahre 57 bezogen wurde, liegt
auf dem Hügelrücken, welcher in der Gemeinde Enge den
Züricher See vom Sihltal trennt. — Soviel kann ich Ihnen sagen,
mein Freund!
Die Laternen-Wünsche begreife ich nur allzugut.
Es wird einem zuweilen ganz unmöglich zumute. Sie sollten nur die
Sendungen sehen, die bei mir eintreffen. Als Luther einmal von einem
angegangen wurde: Was wohl der liebe Gott vor Erschaffung der Welt
getan?, erwiderte er: „Er schnitt Ruten für die, welche
unnütze Fragen machen.“ So würde ich erwidern.
Können S i e nicht Ellis auf dem Wege des
gesunden Menschenverstandes erhalten?
Absolutes Königtum und freies Volk
läßt sich vorstellen und kaum erklären. Ich denke mir
die Monarchie von Karl dem Großen, dann von Heinrich dem Vogler
also.
Ich würde Sie so gern sprechen, allein das
scheint gar nicht mehr möglich. Und darüber bin ich recht
traurig, da meine stets in der Hast geschriebenen Briefe Ihnen so gar
nicht sagen können, welchen Anteil ich an Ihnen nehme. Die Laterne
ist immer da, winkend!
Grillparzer habe ich von je bodenlos langweilig,
beamtenmäßig-patriotisch, beschränkt und
au besoin giftig gefunden. Hofpoet,
wenn es einen gab! Sein Fragment „E s t h e r“ ist
das Hübscheste, eben weil es Fragment ist, und die „Jüdin von
Toledo“ ist ergreifend, weil sie von Lope ist.
Unsere größte Freude hier sind die Tiere.
Ich möchte, Sie sähen unseren Neufundländer, so
schön und so grenzenlos gut. Und dann Fidi
[Siegfried Wagner] heimreitend
durch die Allee auf der mutwilligen, eleganten „Grimgerde“. Ein Bild
wie aus Walter Scott. Das gibt Vergessen und Kraft wieder auf einige
Augenblicke.
Dann habe ich mich sehr über die prophetischen
Worte Novalis', die
Wolzogen
in seinem Artikel über E. T. A.
Hoffmann
[„Bayreuther
Blätter“ 1893, I. Stück] zitiert, gefreut. Die Einheit
im Reich der Geister, die Harmonie, wie sie wohltut! Dann haben mich
ein Terzett aus „Figaro“ und eines aus „Freischütz“, der „Schule“
und Siegfried einstudiert, gelabt.
Dann endlich machen Sie mir Freude, und so rafft man
sich immer wieder zusammen.
In Ihrem vorletzten Briefe sprachen Sie mir von
„Jesus von Nazareth“. Geht es Ihnen dabei wie mir? Bei der bloßen
Nennung dieses Werkes sehe ich die Darstellung von Tintoretto, die
Kreuzigung und andere noch von mächtigster Gewalt und von
Zusammengehen des Lichtes und des Schattens mit der Handlung und mit
den menschlichen Physiognomien, daß man das Drama zu erleben
glaubt.
Ich will Ihnen nur noch sagen, wie ich Ihnen danke,
und wie von Herzen ich Ihnen gut bin. C. W.
319-321
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Mittwoch, 22/2/93, Graz.
Wenige Stunden vor der Heimreise ein Wort des
Dankes! Ihr Schreiben, hochverehrte Meisterin, war heute mein
Morgenweckruf, als ich, spät von einer reizenden kleinen
Gesellschaft bei Hofmanns zurückgekehrt, in den Tag hineinschlief,
„Die Einheit im Reich der Geister“... Ich glaube fast, meine Frau wird
mich mit der endlich fertiggestellten Abschrift des „Hinkebein II“
überraschen, und da werden Sie auch darüber tiefempfundene
Worte meines braven „Sehers“ finden, wie die Genies, durch die Macht
des Schauens, alle miteinander verwandt sind; ich entsinne mich, von
dieser Verschmelzung sprechend, schließt er: „Und diesen Weg —
den Weg des Genies — gehen wir alle — im Tode!“
Für mich persönlich war nun der Vortrag
hier auch insofern von Interesse, als ich zum erstenmal die Gelegenheit
hatte, in einem richtigen Vortragssaal, vor einem Publikum, das nicht
trinkt und raucht, mit einem anständigen Pult versehen usw. usw.,
mich zu versuchen. Das Resultat war ein gutes. Ich habe eine Stunde und
zehn Minuten gesprochen, ohne daß meine Stimme eine Spur von
ihrem Klang verloren hätte; bis ganz am entgegengesetzten Ende hat
man ohne Anstrengung jede Silbe deutlich vernommen; und überhaupt,
die Klarheit des Vortrags, von der Gruppierung der Ideen an bis zu der
Betonung innerhalb der Sätze und bis zur Aussprache des einzelnen
Wortes schienen allen als etwas Ungewohntes aufzufallen. Ich war auch
sehr wenig — fast gar nicht — befangen, was mir für etwaige,
künftige Gelegenheiten natürlich Mut und Vertrauen
eingeflößt hat. Aus dem Urteil selbst des jüdischen
Grazer Blattes aber werden Sie entnehmen, daß ich nicht ohne
„Erfolg“ sprach. Übrigens hat das jüdische Blatt viel klarer
und mir sympathischer geschrieben als das wagnerianisch-antisemitische.
Zum Glück hatte ich unterwegs in der Bahn
fleißig „Don Quichotte“ gelesen und mich gerade an Sancho Pansas
Lobrede gelabt: „O du Demütiger unter den Stolzen, du
Hochmütiger unter den Demütigen, du Verächter der
Gefahren, du Erdulder des Unglücks, Verliebter ohne Ursache,
Nachahmer des Guten, Geißel der Bösen, Feind der Gemeinheit,
kurz, du irrender Ritter, denn das heißt alles gesagt, was man
nur sagen kann!“
Und wirklich die große Herzensgüte dieser
Grazer, die p r ä c h t i g e Bayreuther
Gesinnung und der stämmige Charakter Hofmanns, der erstaunend
seine Geist und die großen Kenntnisse des ebenfalls in jener
seltenen, einzig richtigen Art Bayreuth (und Ihnen) ergebenen
Hausegger;
sie haben s e h r wohltuend auf mich
gewirkt. Und um meiner Grazer Reise den schönsten Abschluß
zu geben, wurde ich der Tischnachbar einer jungen, schönen,
schwarzäugigen, entzückenden ungarischen Witwe. Eigentlich
gehörte sie nicht in den kleinen Kreis, insofern sie von Bayreuth
nichts weiß; aber wenn sie nicht heute früh als
glühende — Anerin aufwachte, da, bitte, entlassen Sie mich aus
Ihrem Dienste, denn da bin ich wirklich zu nichts zu gebrauchen!
Nehmen Sie bitte fürlieb mit diesen eiligen
Hotelzimmerzeilen, und glauben Sie an die ewige Dankbarkeit Ihres in
Ehrfurcht und treuester Freundschaft ergebenen
Houston S. Chamberlain.
321-322
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wahnfried, 9/3/93.
Gestern erst, mein Freund, las ich Ihren Aufsatz in
der „Freien Bühne“
[„Zur
Eröffnung der Stilbildungsschule in Bayreuth“, Februarheft]
und will Ihnen heute auf das herzlichste dafür danken. Wirklich,
Sie haben es so verstanden, daß, möge mit der Schule werden,
was wolle, dieser Aufsatz immer zeigen wird, was wir anstreben. Und
Ihre Gabe, das Nebensächliche zu beseitigen und das Bedeutende
hervorzuheben, kommt bei dieser Gelegenheit zu ihrer ganzen Geltung. Es
hat mich sehr erfreut.
Ihr Brief vom 22sten aus Graz begrüßte
mich bei meinem Eintritt in Berlin, in jener Stimmung, in welche der
Einsame immer verfällt, wenn er sich plötzlich umdrängt
fühlt. Don Quichottes wundervolle Wort-Apotheose seitens Sancho
entsprach in merkwürdigster Weise meinen Gedanken, denn ich hatte
viel an den irrenden Ritter gedacht, und wer täte das nicht, der
in dieser Welt das Große fördern zu helfen sich gedrungen
fühlt. Aber auch Ihre Liebe traf insofern auf gut vorbereiteten
Boden, als wir in der Eisenbahn eine seltsame Begegnung gehabt, die
Isolde und mich ganz einnahm. Ein Mann, einfach, vornehm und
schwermütig, mit dem wir uns, indem wir kaum ein paar Worte
wechselten, so teilnahmsvoll verbunden fühlten, daß, sollten
wir uns wieder begegnen, wir uns gewiß als Freunde
empfänden. Eigentlich gibt es für das Herz nur Liebe, und
alles, was das nicht ist, scheint mir nicht zu sein, und ich weiß
da keinen Unterschied der Geschlechter, noch des Alters, und das
schöne Wort von Nathalie: „Nie oder immer.“
In Berlin habe ich nur Schauspiel gesehen. Die Oper
war noch mascagnisiert, und das habe ich denn nicht geteilt. Mit
Mottl
und mit einem anderen Wiener waren wir in einem obskuren Theater, wo
„Eulenspiegel“ von Nestroy von einer kleinen Wiener Truppe mit Musik
vom alten Wenzel Müller vor einer harmlosen Berliner
Kleinbürgerschaft gespielt wurde. Mottl lachte so unbändig,
daß wir alle hingerissen waren und auf das kindlichste uns
unterhielten. Sonst war in Berlin mein Haupt- und Lieblingsaufenthalt
das Museum, wo der Kampf der Götter und Titanen des pergamenischen
Fundes einem wieder einmal die verschwundene Welt, auch in
Trümmern, in ihrer Großartigkeit und Gewalt erschauen
ließ! Und, sehr fesselnd daneben, in einer stillen Stube die
beiden italienischen Marmorarbeiter, welche kleinwinzige und
größere Steine des Fundes zusammenfügen, und dieser
emsigste Fleiß bei der Herstellung manches Gliedes macht den
Eindruck der Zauberei.
Bei den Bildern war es ein Rembrandt, die Predigt
von Johannes dem Täufer, welcher durch die Mannigfaltigkeit der
Gruppen und Physiognomien und Einheitlichkeit der Komposition mich ganz
einnahm. Vor allem aber die Dürer-Ausstellung, in welcher man das
eigentlich Germanische vor sich hatte, die Verbindung der Schlichtheit
mit dem Erhabenen und die unerschütterliche Kraft der
Konzentration.
Stöcker habe ich kennengelernt, und seine
Erscheinung hat mich gerührt. Er hat einen naiven
Köhlerglauben, und sein Mut stammt von diesem Glauben.
Nun leben Sie wohl, Freund, und haben Sie Dank
für das lebensvolle Bild, welches Sie mir von Ihrem Grazer
Aufenthalt gaben. Die Freude an den tüchtigen Menschen empfand ich
lebhaft mit, und ich habe mich dieser Ecke in den Bergen innig gefreut.
Nun aber nochmals und zu guter Letzt, leben Sie
wohl, mein Freund, und gedenken Sie meiner!
C. W.
322-326
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
23/3/93. Wien.
Vor einigen Tagen hatte ich wieder einmal einen
herrlichen Traum, wieder so ein „Schlafen“, das für vieles
„Wachen“ voll entschädigte. Es war „Lohengrin“ — der Abschied an
dem Ufer der Schelde; aber nicht auf der Bühne, draußen in
Gottes Natur, unter dem offenen Himmel und bei glänzendstem
Morgensonnenschein. Und nun — ja, wie soll ich das in Worten sagen,
hochverehrte Meisterin? — die M u s i k, die im
Kunstwerk zum Erklingen gebracht worden ist, diese Seele nicht nur der
einzelnen menschlichen Wesen, sondern überhaupt alles Seins und
Lebens, welche daß Genie gewissermaßen hervorgeholt und vor
unser
leibliches Ohr hingestellt, welche er offenbart hat, die Musik war
wieder ins Innere zurückgewichen, sie erklang nicht — sie war
aber noch unmittelbarer, noch gegenwärtiger als wie im Kunstwerk,
sie beseelte alles, Menschen, Bäume, Fluß, auch den Schwan,
der sehr, sehr langsam hingeschwommen kam, und jeder empfand nun die
alldurchdringende Musik ebenso sicher und natürlich, wie das Auge
die beleuchteten Gegenstände erfaßte, bei jedem aber
gestaltete sich diese Gesamtsymphonie ganz individuell, so daß
das Ganze gewissermaßen wie das direkte Gegenbild eines
Orchesters erschien, indem bei letzterem jedes einzelne Instrument nur
einzelnes spielt, und zwar mit seinem besonderen, nur ihm zukommenden
Stimmklang,
während dort ein jedes Wesen nur aufnahm, und zwar die ganze
Harmonie der gesamten Umgebung in sich aufnahm, aber doch ganz
individuell, scharf charakteristisch — also mit der bestimmten
Instrumentalfarbe. Es war wohl eine der herrlichsten Visionen, die man
sich vorstellen kann. Beschreiben kann ich sie nicht; Sie werden aber
schon nach obigem mich verstehen. — Und da, als ich mich
früh zu meinem Tee hinsetzte und mich gerade zweifelnd frage:
Soll ich 's Judenblatt oder 's Christenblatt aufmachen? Welches wird
mich am wenigsten kretinisieren? — da bringt der Postbote die
„Bayreuther Blätter“ mit der frohen, herrlichen
Botschaft!
[Ankündigung
der Festspiele für 1894.] Nein — was solI unsereiner da
sagen? Es ist noch schlimmer als das
Traumerzählen! Beethovens „namenlose Freude“ singen, das
hülfe vielleicht etwas; aber ich glaube, daß die
glühende,
überströmende Dankbarkeit, die aus vielen hundert Herzen bei
den Worten „Parsifal“, „Tannhäuser“, „Lohengrin“ Ihnen
entgegenflog, ich glaube, wenn Sie dieser wirklich gewahr werden
wollen, so müssen Sie sich auf einen Traum einrichten! Denn wir
alle, wir sind keine Genies, die allermeisten von uns blasen und
streichen auch nicht einmal das armseligste Instrument; aber glauben
Sie mir nur, Meisterin, es gab viel innerliche Musik zu Ihrer Ehre
diese letzten Tage!
Ein gelinder Schreck fuhr mir durch die Glieder, als
ich den Aufsatz über Stöcker sah. Sie wissen ja, wie wir vor
kurzem uns in der Bewunderung und Anerkennung seiner neuesten
oratorischen Leistung begegnet waren; und wenn ich diesen Mann, der
unser ganzes Gezücht von Politikern durch die Macht seiner
Überzeugung, durch seinen Mut, seine Arbeitskraft, durch sein
rücksichtsloses Hinsteuern auf ein Ziel, welches nicht in ihm
selber, sondern außer ihm steht, dessen „Politik“ also dadurch,
daß sie keinem irgendwie gearteten persönlichen Interesse,
sondern dem wahren Wohl des Volkes und dem Horchen auf eine innere
göttliche Stimme gilt, sich bereits jener Auffassung einer
„unpolitischen Politik“, wie sie in den früheren „Schriften“ zum
Ausdruck kam, sich nähert — wenn ich diesen Mann, der durch
seinen C h a r a k t e r allein seine Kollegen
turmhoch überragt, von oberflächlichen Schwätzern, die
es ihren Judenblättern nachplappern, abfällig beurteilen
höre, da steigt mir die Galle, und ich könnte meiner
Bewunderung für den Hofprediger den übertriebensten Ausdruck
geben. Aber, aufrichtig gesagt, in unseren Blättern (verzeihen
Sie, daß das Wort „unser“ mir entschlüpft ist — aber die
Sperlinge, die ich ernähre, nennen mich wahrscheinlich auch
„ihren“ Herrn) —‚ in unseren Blättern ist es überhaupt
bedenklich, sich zu irgendeiner politischen Partei zu bekennen, weniger
bedenklich wäre schon das negative Verfahren, der Hinweis,
daß wir hierhin und dorthin nicht gehören, denn das
heißt etwas abgerundet Richtiges, vollkommen Gültiges
aussagen. Und ganz speziell in solch einem Falle wie Stöcker
scheint mir, daß wir uns da barfuß auf ein
„terrain brûlant“ begeben;
denn, zu seinem Amte, zum kräftig-praktischen Auftreten inmitten
einer von Juden und Glaubenslosen beherrschten Politik gehört der
naive Köhlerglaube, ohne diesen könnte er das nicht
ausrichten, was er ausrichtet. In den „Schriften“ aber, die den
„Bayreuther Blättern“ als Grundlage dienen, finden wir nirgends —
weder in dem ersten, noch in dem zehnten Bande — den
Köhlerglauben. Das ist gewiß, das Christentum des Herrn
Stöcker hat Platz bei uns; wir haben aber nicht Platz in seinem
Christentum. Von ihm nun sprechen und das verschweigen, macht
auf m i c h einen sehr peinlichen Eindruck: denn
entweder liegt darin eine gänzliche Unfähigkeit, Schopenhauer
und „Kunst und Religion“ zu verstehen (und diese dürfte dann nicht
bei uns zu Worte kommen), oder wir sind nicht ganz aufrichtig, und das
ist noch schlimmer. — Ein Mißverständnis ist hier nicht
möglich, denn Schopenhauer läßt nur den Kern des
Christentums gelten (wie er ihn nennt) — die Lehre von der
Erbsünde und von der Erlösung, und seine Betrachtungen
über Polytheismus und Monotheismus würden allein
genügen, um die Kluft, welche ihn von Stöcker trennt,
anschaulich zu machen. — Diese Kluft ist, wie uns angedeutet wurde,
ungefähr oder fast so breit wie die, welche das Christentum vom
Heidentum trennt (
[Ges. Schr.
Richard Wagners] X, 329); ganz klar wird aber gerade an dieser
Stelle gesagt: „Die S c h o p e n h a u e r s c h
e P h i l o s o p h i e solle in jeder Beziehung zur
Grundlage aller ferneren geistigen und sittlichen Kultur genommen
werden; und a n n i c h t s a n d e
r e m h a b e n w i r zu arbeiten.“ —
Etwa aber — um noch eine letzte Möglichkeit zu erwähnen —‚
etwa mit dem orthodoxon Christentum „dilettieren“, das wäre wohl
das Abscheulichste. Anders klangen jene Worte, die im
[Wagner-] Lexikon (hinten)
als „brieflich 1880“ angegeben sind: „...Kirche, Priestertum, ja die
ganze Erscheinung des Christentums in der Geschichte geben wir
schonungslos daran...“
Schweigen können wir, wo und wann Reden nicht
am Platze ist, aber hüten wir uns davor, etwas auszusagen, was
unserer innersten Überzeugung unmöglich entsprechen kann!
Warum ich I h n e n das sage,
verehrte Meisterin? Weil ich das Bedürfnis hatte, meine Meinung
einer „maßgebenden“ Persönlichkeit gegenüber
auszusprechen, und weil mir der Mut fehlt, sie an
Wolzogen
zu
schreiben. Wolzogen gehört zu den Leuten, die ich täglich
höher schätze und täglich mehr bewundere. Und ich
glaube, daß ich von den schwierigkeiten, mit denen er diese
ganzen Jahre hindurch zu kämpfen und denen er mit seiner
ruhig-konzentrierten Energie auch wirklich standzuhalten gewußt
hat, doch keine rechte Vorstellung habe.
In Ehrfurcht und treuester Ergebenheit Ihr
Houston S. Chamberlain.
24/3/93.
Postskriptum!
Ich wollte Ihnen noch einige Worte von dem
böhmischen Streichquartett sagen, welches unser Entzücken
diesen Winter ausgemacht hat. Wäre ich ein kleiner König
Ludwig gewesen, ich hätte diese jungen Leute einfach zu Ihnen nach
Bayreuth geschickt. Mit einem Schlage war man zugleich von allen
Joachims, Rosés
und anderen Akkapareurs des Volkes
künstlerischen Vermögens, und auch von den „klassischen“
Verhunzungen durch ebenso talent- wie temperamentlose,
gesinnungsschwiemlige Germanen erlöst. Blutjunge Leute (alle
bartlos!), die mit einer Präzision, Korrektheit und
unbändigem Feuer spielten — welche, dessen bin ich überzeugt,
Ihre begeisterte Anerkennung gefunden hätten. — Diese erste Geige,
Karl Hoffmann (also trotz des „Böhmischen“ wahrscheinlich ein ganz
ehrlicher Deutscher), den möchte ich gern bei Ihnen, in Bayreuth,
sehen. — Diese ganzen vier sahen überhaupt nicht nach „Musikern“
aus, wie man sie gewöhnlich sieht und sich vorstellt; und Hoffmann
gleicht eher einem jungen Offizier aus der Zeit Napoleons I. — sicher,
entschlossen, kühn, konzentriert. Sie spielten viermal, und wir
gingen alle viermal und saßen ganz vorn unter den hohen
Herrschaften. Und S m e t a n a s („Aus meinem
Leben“) E-Moll-Quartett spielten sie dreimal. Kennen Sie es? Diese
Musik hat mir wirklich den Winter überleben geholfen! Das ist doch
endlich wieder einmal eine Musik, die nicht einfach erlogen ist.
Vergleichen will ich ihn ja gar nicht, aber der besonderen
A r t nach („ein jeder ist nach seiner Art“) ist Smetana mit
Beethoven sehr nahe verwandt. Das unmittelbare S p r e c h
e n in hohen Tönen habe ich kaum in Instrumentalmusik
wieder so gehört (außer bei Beethoven), und die Einfachheit
ist so wohltuend wie Aufrichtigkeit in allen ihren Gestalten. Die
Persönlichkeit läßt sich an Macht natürlich mit
der Beethovens nicht vergleichen, aber die Innigkeit, die Tiefe der
Empfindung, der feste Zusammenhang mit dem Geiste eines Volkes lassen
diese „relative Größe“ als sehr gleichgültig
erscheinen. Die wirklich Großen rechnen sicherlich den Dichter
dieses Tonstückes zu ihresgleichen.
Finis.
Schemanns
„Schopenhauer-Briefe“
[Leipzig
1893], das war eine
schöne Bayreuther Tat, nicht wahr?
326-327
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth, 27/3/93.
Ich danke Ihnen herzlich für Ihren lieben Zuruf
zu „Lohengrin“, mein Freund! Gott schenke „Lohengrin“ seinen Segen, ich
will gleich nach Ostern mich an die Arbeit für ihn begeben.
Was Sie über Stöcker in den
„Blättern“ sagen, ist unbedingt richtig und entspricht durchaus
meinem Gefühl. Ich glaube aber, daß, wenn
Wolzogen
auf
diejenigen angewiesen sein sollte, welche den Geist der „Gesammelten
Schriften“ in sich aufgenommen haben, er so ziemlich
vis à vis de rien wäre.
Neulich Sonnabend, hatten wir eine kleine
Rekapitulation von unserem Siebengestirnlein
[die sieben Schüler der
Stilbildungsschule], und ich freute mich der Leutchen recht; sie
sangen Wundervolles aus der
H-Moll-Messe von Bach, (ein wahrhaft jubilierendes
„laudamus te“), die Arie der
Pamina, ein reizendes Lied von Schubert, „Die Botschaft“,
„In questa tomba“, und die Arie des
Ottavio. Sie sehen, allerhand Gutes. Wir schlossen mit dem Psalm meines
Vaters „An den Wassern Babylons“, welchen eine unserer
Schülerinnen mit vieler Empfindung vortrug, und welcher sehr
rührend wirkte.
Wie gern würde ich Ihre böhmischen Geiger
gehört haben! Wissen Sie, ob sie Orchestermitglieder sind und
daher dieses Ensemblespiel gewohnt sind? Ich würde dann versuchen,
sie hier einzuverleiben, Das Quartett von Smetana glaube ich wohl in
meiner Jugend, als es zum erstenmal produziert wurde, gehört zu
haben; ich entsinne mich seiner nicht, aber ich traue Ihrem Eindruck
unbedingt. Gott, wie wohl tut es, einem Ähnlichen jetzt zu
begegnen!
Ich habe jetzt mit einer sehr kuriosen Arbeit zu
tun; ich bat
Levi
um eine Aufführung der „Dido“ („Trojaner“ von
Berlioz); er schickte mir den Klavierauszug und bat mich, seine
Übersetzung, auf welche er sich einiges zugute täte,
vorzunehmen. Ich begann heute und fand eine sehr sorgfältige,
mühselige Arbeit, indem Silbe auf Silbe stimmt und der Reim
bewahrt ist. Aber immer auf Kosten des Gedankens, und wenn man
weiß, wie Berlioz die Musik in das Joch des Gedankens gegeben
hat, so entsteht für mich dadurch eine vollständige
Fälschung. Mein Vater sagte
„en
matière de traduction il y a des exactitudes qui
équivalent à des infidélités“, und
hier sind es nur die Silben, welche genau sind. Von dem Werke selbst
kann ich bis jetzt nur sagen, daß Sinn und Verstand darin und
wenig Musik. Es ist aber sehr interessant zu sehen, wohin der
französische Geist immer neigt. Und wenn Berlioz mit den
„Trojanern“ gewiß keine sehr lautere Absicht gehabt hat und er
den Werken
[Richard Wagners]
ein klassisches Paroli bieten wollte, so spricht doch seine Oper das
naiv aus, was der Franzose als Ideal ansieht: die lateinische Antike;
daher
beschäftige ich mich mit dem Werke ganz gerne.
Goethe und Schopenhauer sind doch beide in ihrem
Briefverkehr einzig, bei Sch. kommt die Wahrheit wie mit einem Erdbeben
heraus, bei G. wie das sanftstrahlende Licht.
Ich war wieder 4 Tage in der Augenklinik, und der
vorzügliche Eversbusch hofft, daß es nicht schlimmer wird.
Seine Anstalt wirkt immer auf mich wie der Hafen, in den ich einlaufe,
und die geregelte Ruhe tut mir unendlich wohl.
Nun aber leben Sie wohl, und seien Sie
gegrüßt und bedankt. C. W.
328
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
29/3/93. Wien.
Daß jemand meinem Allat Tränen geweint
hat und es begriff, daß die Siegesfanfare am Schlusse „Parsifals“
Gott gilt, daß es ein
Te Deum
laudamus ist — währenddessen der heldenhafteste, reinste
Mensch ein armes Geschöpf bleibt, der, je höher er steigt,
desto einsamere Pfade wandelt, ja, es hat mir, hochverehrte Meisterin,
wie die wenigen ähnlichen Äußerungen, die mir zuteil
wurden, innig wohl getan. Wie „herb“ und unzugänglich dieses
zweite Märchen ist, habe ich jetzt empfunden, als ich es nach
einigen Monaten wieder las; ich würde es begreifen, wenn es
einigen einen etwas forcierten, „recherchierten“ Eindruck machte;
außerdem ist es künstlerisch (wenn das Wort hier am Platze
ist) gewiß nicht so gelungen wie das erste; und doch habe ich
mich jetzt überzeugen können, daß jedes Wort von Herzen
kam, ganz lauter und ungetrübt; w a h r ist
jedes Wort, und das ist wenigstens die Grundlage echter Kunst, wenn
auch nicht das vollendete Gebäude. Für das dritte und letzte
Märchen habe ich eine herrliche Idee: Parsifals Tod. Nach einer
Sage lebte er nämlich nicht lange; daß er seine Mutter hatte
vergessen können, war eine Sünde, die durch keine Tat
gesühnt werden konnte. Wie er stirbt, kehrt Lohengrin zurück,
und an Stelle des eben verlorenen Glückes bekommt er aus seines
Vaters Händen die schwere Königskrone.
Ich versprach Ihnen, am Schluß meines Grazer
Vortrags das Gebet aus „Lohengrin“, I. Akt, zu erwähnen. Es ging
aber nicht; ich versuchte, und es paßte nicht hinein, und ich
hatte so viel an diesem Vortrage gearbeitet, daß ich nicht
fähig war, einen Satz oder gar einen Absatz — behufs dieser
Erwähnung — umzumodeln.
Denken Sie maI, daß ich erst heute — bei
meiner grenzenlosen Ignoranz — erfahren habe, daß Schopenhauer
kein eigentlicher Deutscher war! Die Deutschen haben wirklich Pech,
erst Kant, dann Schopenhauer; und dazwischen haben sie als „echte“ die
Schellings, Hegels etc. hervorgebracht! Ich möchte gern diesen
Semito-Wallachen, die uns Angelsachsen „Ausländer“ nennen, meine
Meinung sagen!
In Ehrfurcht und Dankbarkeit
Ihr H. S. C.
*
329-330
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
[Auf der Heimreise aus Les Avants,
Montreux, wo Chamberlain mit der Familie Wagner zusammengetroffen war.]
Bern, Mittwoch, 3. Mai 93.
An meiner ersten Haltestelle angelangt, möchte
ich als allererstes Ihnen, hochverehrte Meisterin, ein Wort des Dankes
senden.
Zwar bin ich weit entfernt, ein Adam von Doß
zu sein, und die schönen, glühenden, ellenlangen Sätze
stehen mir nicht zur Verfügung; zu meinem Glück aber sind Sie
— mindestens in einer Beziehung — weit mehr
als Schopenhauer, schon dadurch allein, daß Sie ein Weib sind;
dadurch kommen Sie mir mehr entgegen und begreifen Sie voll und ganz,
was ich nur äußerst unvollkommen oder vielleicht auch gar
nicht zu sagen vermag. Auch da also, wo i c h gern
geben möchte, und wäre meine Gabe auch nur mein Dank für
alles von Ihnen Empfangene, auch da muß ich das meiste von Ihnen
und von Ihrer Güte erwarten; wenn Sie mir nicht drei Viertel des
Weges entgegenkommen, und wenn Ihr großes Herz meinen armen
Worten nicht eine gewisse Verklärung zuteil werden
läßt, dann müßte ich ganz verzweifeln, Ihnen
jemals meinen Dank sagen zu können, und doch werden
gerade S i e verstehen, welches Bedürfnis es
mir ist, nicht alle Gaben stumm zu empfangen und ein von lebendigem
Dankgefühl und ehrfurchtsvollster Liebe ganz volles Herz doch
mindestens in einem kleinen Sätzchen zu irgendeinem Ausdruck
kommen zu lassen.
Als ich gestern abend, gegen Sonnenuntergang, 2
Stunden auf einer wundervollen, wie für Sie gemachten Terrasse
saß, unter einem dichtschattigen Laub, vor mir die herrlichen, im
Abendlicht erglänzenden Alpen — da empfand ich, da wußte ich
ganz genau, daß ich von dem Augenblicke ab, wo der
Neuchâteler Zug aus dem Lausanner Bahnhof abdampfte, ganz
verwaist dastand. Denn diese erhabene, gewaltige Schönheit war
ganz in Schweigen gehüllt — es war eine Art Grabesgefühl; und
währenddem ich mir sagte, daß der Klang Ihrer Stimme mich
über die ödeste Gegend gewiß trösten und dieselbe
zu Schönheit beleben würde, empfand ich mit Bestimmtheit,
daß diese großen, schweigenden Alpen mich nur noch tiefer
und schmerzhafter fühlen lassen, daß I h r e
Stimme, Ihr tastend suchender Schritt, Ihre siegesbewußt
gebietende Hand, Ihr den Alpen wie einem Naturverwandten ins Gesicht
schauendes Antlitz mir geraubt waren...
Aber auf was für Umwege gerät meine
Hotelfeder? Von Dank war ja bei dieser Sonnenuntergangsschilderung
jetzt gar nicht die Rede! Nein, ich glaube wirklich, ich kann es
über die Lippen nicht bringen — vielleicht später einmal,
aber jetzt nicht. Ich war diese Wochen in Les Avants s o
glücklich — nun, das wissen Sie ja; aber soll ich auch
wirklich dem Beispiel der Alpen folgen und mich „in Schweigen
hüllen“, so möchte ich doch mindestens das eine recht
eindringlich und nachdrücklich sagen: daß ich immer und
ausnahmslos a l l e s, was von Ihnen kommt, als
ein G e s c h e n k ansehe. Mag ich auch
eigensinnig und „widersprüchig“ und kalt und langweilig und
unliebenswürdig und weiß Gott was auch alles sein. Eines
habe ich: i c h w e i ß, w e r
S i e s i n d ! Und wenn ich auch eine etwas
bulldoggige Art habe, meine Gefühle zur Schau zu tragen, oder
vielmehr nicht zur Schau zu tragen, so bin ich doch überzeugt,
daß nicht einmal Sie, Meisterin, die ganze Tiefe der stolzen
Demut, aus welcher ich zu Ihnen hinaufblicke, zu ermessen
vermögen...
Also, ich komme darauf zurück, daß ich
auch hier, auch bei dem bescheidensten Versuch, Ihnen von dem, dessen
mein Herz voll ist, etwas zu sagen, ganz auf Sie und auf Ihre Güte
angewiesen bin! Zum Glück kann ich da auch ein unbedingtes,
unbegrenztes Vertrauen haben — bitte, seien Sie überzeugt,
daß ich es auch habe. Ich müßte zu den
allerselbstquälerischsten Eseln gehören, wenn ich jemals
bezweifelte, daß Sie mir von Herzen zugetan sind.
Daß ich die endliche Bekanntschaft mit Ihren
Töchtern zu den schönsten — ich möchte sagen zu den
rührendsten wahren Errungenschaften der Zeit in Les Avants
zähle — ein wirklich kostbarer Schatz für das ganze Leben —‚
erwähne ich hier doch noch ausdrücklich, damit wenigstens
dieses eine Mal meine „Grüße“ an sie nichts Banales an sich
haben, sondern ein bißchen von dem Glockenklang jener ersten Kuh,
der wir auf dem Herunterweg begegneten, und auch von der Innigkeit des
Wiesen- und Blumenduftes (des unschuldigen Rausches des Orchideenduftes
nicht zu vergessen!).
Ihnen, hochverehrte Meisterin, der schweigende
Gruß und der sprachlose Dank Ihres mit ganzem Herzen und mit
ganzer Seele ewig treu und in tiefster Ehrfurcht ergebenen
Houston S. Chamberlain.
331
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
München, 5. Mai 1893.
Nur mit zwei Worten Dank für Ihre Zeilen, mein
Freund! Es waren schöne, seltene Tage, die wir dort verlebten, und
ich glaube, sie werden sich immer mehr von dem Sonstigen in unserer
Erinnerung abheben. Ich war erstaunt, von der Gegend um Neuchâtel
keinen Eindruck zu erhalten, und dann erklärte ich es mir damit,
daß wir ungern an dem Frieden eines Sees und der Erhabenheit der
Berge hastig vorbeirasseln — vielmehr tat es mir wohl, wenn wir
umbogen, und dem Ewig-Unschuldigen nicht seine Wirkung durch unsere
gierige Unruhe rauben.
In Karlsruhe hatte ich eine wahre Freude,
Mottls
„Firdusi“ und sein schönes, ernstes Verhältnis zu seiner
Frau. Letztere eine merkwürdige Erscheinung, durchaus unmodern,
von der Natur mit Fülle und Kraft begabt; er unternahm es, diese
von der Welt mißbrauchte Natur zum Edlen zu bringen. Ich glaube
an das Glücken des schönen Versuches, sie sang sehr
hübsch und mit ganzer Seele in seiner Oper, begegnete mir
unbefangen und bescheiden und — so seh' ich anders als die anderen und
freue mich. Hier heute ( M u ß ) I. Akt
„Tannhäuser“... Die „Afrikanerin“! Ich glaube, es gleicht sich aus.
Alles Gute mit Ihnen und Ihrer Frau, und wir wollen
uns der Vordertage freuen. C. W.
331-332
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Zürich, 6. Mai 1893.
„Inzwischen“ (wie Schopenhauer sagt) bin ich Ihnen,
hochverehrte Meisterin, für den gestrigen Abend noch dankbar.
[Ch. hörte auf Wunsch von Frau
Wagner auf der Heimreise, einer Sängerin wegen, Meyerbeers
„Afrikanerin“.] Ich habe nur einmal vor vielen Jahren die
„Hugenotten“ und einmal den „Propheten“ gehört; so recht lebhaft
habe ich mir doch nicht vorgestellt, welcher Abgrund von poetischer
Impotenz, von rettungsloser Gemeinheit, welch gänzlicher Mangel an
musikalischer Gestaltungskraft (denn die prätentiösen,
breiten Melismen, die hin und wieder,
à
propos de rien, von der Oboe oder dem Violoncell zuerst
feilgeboten und dann vom Gesang und dem Orchester aufgenommen werden,
dienen dazu, den Mangel an Gestaltung noch fühlbarer zu machen) —
kurz, welche trostlose Öde und Leere und Nichtstwürdigkeit,
welche fabrikmäßige Verwendung alles Äußeren,
ohne auch nur ein einziges Atom von
Seele, von wahrer Empfindung, hier vorliegt. Ich mußte an eine
Posse denken, wo ein reich gewordener Fabrikant bei jeder Gelegenheit
wiederholt: „Ich muß Ihnen sagen, ich bin jetzt in eine
Aktiengesellschaft umgewandelt worden — ich stehe augenblicklich 123“;
das hat man in der „Afrikanerin“ buchstäblich vor sich: die
dramatische Kunst in eine Aktiengesellschaft umgewandelt!
Daß eine derartige Blasphemie alles
Göttlichen gestattet ist, wie das erste Ensemble-Gebet aller
Bischöfe und des Rates...? Offenbach hat die Götter
Griechenlands nicht so persifliert wie Meyerbeer hier die Erhebung der
christlichen Seelen zu ihrem Gott! Es ist einfach skandalös. —
Die
e c h t e n Schweizer schauten drollig darein, erstaunt,
verblüfft,
lächelten sich verstohlen zu, applaudierten aber tüchtig zum
Schlusse mit ernstem Ausdruck, als wollten sie sagen: „Verstanden haben
wir nichts davon; jeder gebildete Mensch weiß aber, daß die
Musik von Meyerbeer schön ist; und jeder Schweizer ist ein
gebildeter Mensch. Außerdem ist das hier das mit unserem Gelde
errichtete Züricher Stadttheater.“
Das moderne Zürich ist überhaupt eine
abscheuliche Stadt — namentlich, wenn man von dem schönen,
stolzen, würdigen Bern kommt. Ich glaube, die Züricher
würden sich ihre Berge schleifen, wenn sie es nur könnten;
leider können sie es nicht, und man wird immer wieder gezwungen
sein, hier durchzureisen.
Die Escherhäufer etc. habe ich besucht, ohne
etwas anderes empfinden zu können, als daß Zürich
„n'y
est pour rien“. Gut, daß alle Erinnerungen bereits so
ziemlich
ganz weggewischt sind; was hier geschaffen wurde, ist wie die fernen
Alpen — es kann nie vertilgt und es kann von den sich folgenden
Generationen bewundert werden —‚ die stadt Zürich geht es aber gar
nichts an.
Aufrichtig und eindringlich bitte ich Sie, weder
diesen noch andere Briefe von mir zu beantworten, und verbleibe mit den
herzlichsten Grüßen an meine beiden „Feldkameraden“ Ihr in
ehrfurchtsvoller Treue ergebener
Houston S. Chamberlain.
332
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
26/5/93. Wien.
Nichts Wichtiges habe ich zu sagen, hochverehrte
Meisterin; es drängt mich aber nach Absolvierung — gestern abend —
meines zwölften und letzten Vortrags in dieser Saison einen
Gruß zu senden, Ich freue mich auf die Ruhe jetzt; aber ich freue
mich, daß ich sie in einem gewissen Sinne mir verdient habe. Ich
wollte Ihnen auch mitteilen, daß ich den Vortrag, den ich gestern
hielt, an
Wolzogen
einzusenden gedenke — nicht wegen irgendeiner
Veröffentlichung, sondern zur „Begutachtuug“. Es ist nämlich
eine Art Schematische Lebensübersicht, in welcher ich versucht
habe, das anfangs trocken und nach mnemotechnischen Rücksichten
angelegte Schema nach und nach zu einem lebendigen Organismus
umzuwandeln.
Viele, viele Grüße an Sie alle; meine
Frau meinte heute: „Da du Frau W. jetzt gesehen hast, brauchst du sie
vor nächstem Jahr nicht wiederzusehen!“ (das „brauchen“ ist doch
himmlisch, nicht wahr?); aber ich denke, Sie werden im Laufe des
Sommers irgend etwas in Bayreuth vorhaben, was ich „zu sehen brauche“,
wobei ich dann nebenbei nicht umhin kann, auch Sie zu sehen?
In Ehrfurcht und treu ergebener Freundschaft Ihr
H. S. C.
333
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth, 30/5/93.
Nur mit zwo Worten will ich sagen, daß
Wolzogen
gestern bei mir war mit Ihrem Vortrag, mir Bericht daraus
erstattete, einzelnes daraus vorlas, und daß diese markige, feste
Sprache mir wieder unendlich wohl tat, indem ich sie als die einzige
betrachte, die zu uns gehört, und die Gutes wirken kann.
Wir fahren fort, das gleiche zu erleben! Der
größte Teil der Schüler, die sich (und zuweilen ganz
enthusiastisch) anmelden, wird uns abspenstig gemacht, und wir haben
niemanden draußen, der gegen alles Lügenhafte, unterirdisch
Verbreitete auftritt. Sie sind der einzige, der weiß, wie es
steht und worauf es ankommt, und der den Mut hat, es zu sagen.
„Je ne saurais me
passer des choses dont je n'ai que faire“, sagte die Herzogin
von Bourgogne von ihren
Bibelots.
Geistig übertragen, wäre das ungefähr die Antwort auf
das „Brauchen“, und da jeder, dem man anhängt, eigentlich eine
Atmosphäre bildet, so gleicht das Bedürfnis nach dieser
Atmosphäre etwas unserer Sehnsucht nach einer bestimmten Luft und
Naturumgebung. Und es wäre ein schöner gebrauch, wenn man dem
regelmäßig nachgehen könnte.
Um wieder ganz auf der platten Erde zu sein,
muß ich Ihnen erzählen, daß geistvolle Freunde aus
Paris mir schrieben, sie teilten meine Freude über die
„Walküre“ dort, und daß der Eindruck von Wotans Abschied
dadurch gesteigert worden wäre, daß man seine Mitteilung an
Brünnhilde und das Gespräch mit Fricka sehr gestrichen
hätte. — Ich denke, Sie steIlen sich auch meine Freude vor.
Leben Sie wohl, Freund, und grüßen Sie
Ihre liebe Frau herzlichst von uns allen!
Ailinon! Das Gute siege! C. W.
334
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
30/Mai/93. Wien.
Hochverehrte Meisterin!
Den beiliegenden Regenerationsvortrag
[„Richard Wagners
Regenerationslehre“, abgedruckt in „Richard Wagner der Deutsche“,
Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7196/97] — V o r t r a g
ist wohl zuviel gesagt, die Regenerations-Plauderei — bekam ich gestern
wieder, und als ich es heute früh wieder durchblätterte,
gefiel es mir nicht
schlecht; ich bitte dringend, ihn zu behalten, bis der Tag sich findet,
wo nicht nur eine Stunde zur Verfügung steht, sondern wo auch
gerade die Regeneration gut paßt. Denn das ist nicht für
jeden Tag; Wiedergeburt, ja! das schon! — aber hier, wo das
Transzendente eine so unglaublich kühne Ehe mit dem Realen
eingeht, da muß man schon ein bißchen hochzeitlicher Laune
sein, sonst geht's nicht.
Übrigens liebe ich die alten Inder für
nichts so zärtlich wie für den ruhigen Mut, mit welchem sie
die direktesten Widersprüche gelehrt haben; das
tat twam asi ist doch die
Verleugnung aller I n d i v i d u a l i t ä t,
durch das s i c h Wiedererkennen in allen anderen
löst sich das Ich-Gefühl allmählich ganz auf, wie es ja
auch ausdrücklich gelehrt wird; und auf der anderen Seite, welche
grauenhaftere, unbarmherzigere Vorstellung von der Permanenz der
Individualität kann es geben als die Lehre von der
Seelenwanderung, wo das „Ich“ nicht nur in irgendein nebelhaftes
Purgatorium wandelt, sondern immer wieder und immer wieder von neuem
geboren wird, um in frischer Jugend den alten Kampf, der in den Tod
führt, noch einmal aufzunehmen?
An
Schemann
hatte ich vor kurzem geschrieben. Er
antwortete sofort, wirklich sehr liebenswürdig und warm, aber
soviel Gemüt hält kein Mensch auf die Dauer aus. Und diese
Leute sind wie die Raketen — zündet ein Funke — kniff! da fliegen
sie schon zum Himmel hinauf und verschwinden bald jenseits der Sterne.
Sie erinnern mich an jene Flachländer, die mich im Hochgebirge
immer zur Verzweiflung bringen, weil sie die relative Höhe der
Berge gar nicht zu schätzen verstehen — eine Sache, zu der
übrigens Instinkt und Erfahrung gehören; sie halten immer den
Berg, der ihnen gerade vor der Nase steht, für den höchsten;
was sie aber anderseits nicht im geringsten verhindert, auf einen Berg,
den man nur mit 3 Führern, Stricken und Äxten besteigen kann,
früh vor dem Luncheon hinaufzuwollen.
Ihnen, hochverehrte Meisterin, die Versicherung der
ehrfurchtsvollen und innigen Ergebenheit Ihres
Houston S. Chamberlain.
335
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
5. Juni 1893. Wien.
Aus christlichem Mitgefühl schreibe ich an Sie,
hochverehrte Meisterin, statt an Siegfried, damit dieser zu keiner
Antwort verpflichtet ist.
[Siegfried
Wagner hatte am 6. Juni Geburtstag.] Ich wüßte nicht,
welche Geburt für eine ganze Welt so viel der sehnsuchtsvollsten
Hoffnung in sich schlösse wie diese. Man denke sie sich nur weg —
vom Schicksal verweigert, um die Bedeutung dessen zu ermessen, was Sie
der Welt an jenem Tage schenkten. Darum dankt Ihnen auch eine ganze
Welt und wird Ihnen immer mehr danken. Die einzige Gewähr für
eine Zukunft des eigentlichen Bayreuther Gedankens war ja, daß
dieser zu Fleisch und Blut wurde. Möge Ihr Sohn zu der Heldenkraft
gedeihen, deren er als drachentötendes Wotanskind bedarf, und
Ihnen zum Trost, uns allen zum Heil, der Welt zum unermeßbar
großen Segen leben. Dies der Herzenswunsch Ihres in
ehrfurchtsvollster Freundschaft ergebenen
Houston S. Chamberlain.
336-337
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth, 10/6/93.
Inzwischen habe ich Ihren Vortrag über den
Regenerationsgedanken gelesen und finde ihn ganz außerordentlich
und in jeder Weise dem Gegenstand entsprechend. Schiller als Festredner
einzuführen, ist der glücklichste Gedanke, der zu haben war.
Und ich glaube, daß Sie der einzige Ausländer sind, der
sowohl diesen dichterischen Priester als wie das deutsche Wesen
überhaupt richtig zu erfassen imstande ist. Sowohl die Darstellung
des Gegenstandes als seine Zusammenfassung halte ich für unbedingt
gelungen und eindringlich, und ich möchte insbesondere für
die ernste Erfassung der Nahrungsfrage meine Genugtuung Ihnen
ausgesprochen haben.
Ich verdanke aber noch eines Ihrem Vortrag,
nämlich mehrere Stunden des Zusammenseins mit
Wolzogen.
Die Liebe,
die ich für ihn hege, gehört — ich empfinde dies mit
Dankbarkeit — zu den Gefühlen, denen auch Einmischungen nichts
anhaben können.
Vor allem aber Dank für Ihre
Glückwünsche zu dem 6sten! Gott hat sein Wort da gesprochen,
und auf dieses Wort baue ich, um weiter zu hoffen! Zu seinem Geburtstag
führte Siegfried mit der Militärkapelle die Ouvertüre zu
„Rienzi“ auf, und zwar sehr gut, sehr bestimmt und sehr bewußt.
Darauf reiste er nach München, um sich für das Militär
zu stellen, und wurde nun ganz frei.
Ein unglücklicher Mensch, aber ein sehr guter
und sehr bedeutender ist
Schemann.
In ihm erkenne ich mit tiefstem
Mitgefühl das, woran Deutschland zugrunde geht, nämlich
daß seine ideal begabten Söhne von vornherein schlecht
genährt werden und daher eine Art fieberhaften Zustandes der
Geistes- und Gemütsanlagen überliefert werden. Wogegen die
Juden ganz robust ihre realen Fähigkeiten kundgeben und vertreten!
Es ist ein Elend!
Meinen Sie wirklich, daß in der
Seelenwanderung der Inder das Individuum festgehalten sei? Ich dachte
es nicht; sondern nur, daß gleichsam der Zuschauende sagen
könnte: Dieser, der jetzt geknechtet ist, war früher der
Tyrann, und die Entsagende hat einst wütend begehrt. Aber gerade
die Individualität wäre die Veränderung. Aber ich bin
sehr wenig bewandert und habe mehr Vorstellungen als Kenntnisse.
Von uns ist weiter nichts zu erzählen. Jeden
Donnerstag zeigen die Schüler in Wahnfried, was sie gelernt, und
mit
Kniese
und Pohlig nehmen wir die Beethovenschen Symphonien vor.
Eine Frage, mein Freund, die mir seit langem unter
der Feder und auf den Lippen lag und nur immer durch anderes
verdrängt wurde: Wünschen Sie, daß ich Ihre Briefe
vernichte? Meiner Kinder bin ich natürlich ganz sicher, aber wir
wissen nicht, was wird, und unsere Zeit ist eine beklemmende! Wir
schreiben uns so unumwunden, daß ich, für meinen Teil, Sie
bitte, sollten Sie es nicht bereits getan haben, meine Briefe zu
zerstören.
Herzlichste Grüße und vielen Dank Ihrer
lieben Frau für die Wünsche, und alles Gute mit
Ihnen! C. W.
337-339
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Oberhof im Naßwald, 27.
Juni 1893.
Inmitten einer wahren Orgie von Orchideen sitze ich
da — und ganz unglücklich über meine Unfähigkeit, Sie
alle, hochverehrte Meisterin, daran teilnehmen zu lassen. Zur Erholung
aufs Land geschickt, machte ich gestern meine erste Bergbesteigung: die
übliche österreichische Berglandschaft, eine Bergkette hinter
der anderen, nirgendswo etwas Hervorragendes oder auch nur scharf
Individualisiertes, und die Täler alle tief und eng, woraus man
den Eindruck einer gedrückt und dunkel lebenden Bevölkerung
gewinnt. Auf diese charakterlosen Berge, in diese dunklen Täler
hat sich das arme Deutschtum Österreichs zurückgezogen; dort,
ganz weit, weit — sehe ich die Sonne auf der ungarischen Ebene
glänzen. Und die großen Herrschaften sind viel härter
hier, als sie früher waren; die Grafen Hoyos-Sprinzenstein u. a.
gestatten nicht mehr, daß die Armen sich aus den
unermeßlichen Waldungen Holz holen wie ehedem; Wild zu erlegen
ist jetzt, wo die Habsburger die ganze Gegend zur Jagd gepachtet haben
und es also doppelte Jagdhut gibt — die Hoyossche und die Kaiserliche
—‚ geradezu lebensgefährlich; kaum daß unschuldige Touristen
auf die Berge steigen können, die besten Wege sind überall
„verboten“ — und so vegetieren diese guten NaßwäIdIer
weiter, echte protestantische Deutsche, arme „Holzknechte“ — von ihren
katholischen, ungaro-slawo-judophilen Herren „beschirmt“; die guten
Leute sprechen sogar noch ein deutsches, lutherisches Deutsch — so naiv
sind sie! — und sagen z. B. statt des lateinischen Wortes „Fenster“ —
eine „Luge“! Daß mein Führer mürrisch war, werden Sie
ihm also nicht verargen; in so einem Kopfe muß es ähnlich
aussehen wie in dem eines mißhandelten und doch nicht weniger
treuen Hundes. Ich sprach dem Manne von der Schweiz und ihren freien
Bergbewohnern;
cela ne
répondait à rien chez lui; dagegen sprach er mit
gedämpfter Stimme, als er mich auf das „allerhöchste
Erzherzogliche Jagdhaus“ aufmerksam machte. Bei diesem ganzen Jammer
und bei der doppelten Trostlosigkeit des Blickes auf die Berge und des
Blickes in die Augen meines Begleiters erfüllt mich die Pracht der
Blumen mit einer fast verzweiflungsvollen Bewunderung. So etwas von
Orchideen an Anzahl und Verschiedenartigkeit habe ich noch nie auf
einem Fleck zusammen gesehen. Ihre Physiognomie hat etwas so
mysteriös Rätselhaftes, nicht wahr? Ihr Duft berauscht — aber
nicht wie andere. Schon lange wußte ich, daß diese Blumen
die Augen der urweisen Erda sind, die schlaftrunken aus der Tiefe
hervorlugen; aber erst gestern empfand ich, daß diese
verschiedenen Orchideen wie die Verkörperung der verschiedenen
Modulationen und Gestaltungen der „Schicksalsfrage“ sind, des
„Wißt ihr, wie das ward?“ — Alles stand gestern auf dem
Sonnenleitstein nebeneinander: sattrote, helle und dunkelrosa,
rötliche weiße; dann die große Epipactis,
schneeweiß, und mit einer großen Haube, wie die einer
Barmherzigen Schwester; die kleine, grüne Orchidee, mit der lang
herunterhängenden, tiefgespaltenen Zunge eine fast lustige, junge
Nonne! — dann die Neottia, eine Orchidee, die zum Parasitismus
übergegangen ist und auf den Wurzeln anderer Pflanzen von ihren
Säften lebt — kurz, die semitische Orchidee, die Schicksalsfrage
vom Standpunkt eines Juden — vollständig farblos wie eine Leiche,
des frohen Grüns ewig verlustig; ja! im tiefsten Waldesdunkel fand
ich noch herrliche Cypripediums, den riesigen „Frauenschuh“ (auch
Pantouffle de Venus und
Soulier de la Vierge genannt, da
bekanntlich, durch eine Ironie des Schicksals, die Heilige Jungfrau und
Frau Venus nicht selten vom Volke verwechselt werden!), die einzige
Orchidee, die in Europa an die tropischen durch ihre Größe
erinnert, und die in ihrer — eben nicht „holdseligen“, sondern massiven
— Pracht einen wie eine Stimme aus alten, besseren Zeiten anmutet. Und
noch andere! Und nun ist es unmöglich, sie von hier aus zu
verschicken. Keine Schachtel, und eine höchst jämmerliche
Postverbindung; dazu die Blumen nach anhaltendem Regen gepflückt
und darum sehr wenig widerstandsfähig! — Also, nur den Gedanken
und den Wunsch vermag ich Ihnen zu senden.
Daß die Orchideen ganz speziell für Frl.
Isolde gewesen wären, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Sie
hätte sie am besten verstanden, wäre am tiefsten in ihr
Geheimnis eingedrungen. Für Frl. Eva hatte ich auf der
höchsten Felsenspitze Aurikeln und weiße Pinguiculas und
große, blaue Entianen gepflückt und die einzige
a c h t-blättrige Blume: Dryas; denn diese hielt ich am
passendsten für eine nur zufällig „Eva“ getaufte Elisabeth. —
Für Sie, hochverehrte Meisterin, hatte ich die Rose ohne Dorn
bestimmt, die in
Les Avants
noch nicht blühte; vor deren zauberhaftem Anblick ich gestern aber
gleich empfand, daß diese Blume wie keine zweite
gerade I h n e n gehöre.
Das ist also die Geschichte meines „Bouquets“. Die
Blumen stehen alle auf meinem Tisch und grüßen Sie. Weiter
bezweckt dieser Brief nichts, (Wie schwer es fällt, der Welt ganz
zu entkommen, zeigt das Bild hinter meinem Tisch, welches
der „T r i p p e l“-Allianz gilt! Die drei Souveräne
stehen auf einem spiegelglatten Parkettboden, in welchem sich ihre
Beine kunstvoll widerspiegeln, und reichen sich die Hände!)
In Ehrfurcht und täglichem treuen Gedenken Ihr
Houston S. Chamberlain.
339-341
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
2. Juli 1893. Blümelgasse.
Wien VI.
Nein, hochverehrte Meisterin, Ihre Briefe habe ich
nicht „bereits zerstört“; sondern ich besitze noch jede Zeile, die
Sie mir geschrieben haben. Mit wenig Sinn für Andenken,
Erinnerungen etc. begabt, bildeten sie bisher meine Penaten. Verreiste
ich, so blieben sie in einer versiegelten Blechkiste, mit der Weisung,
daß sie im Falle meines Todes an Sie, resp. an Ihre Kinder,
ungeöffnet zurückzusenden seien. Wiederholen Sie mir Ihren
Wunsch, so werde ich für die Zerstörung sämtlicher
Briefe sofort sorgen; zwar wird es mir einen
„serrement de coeur“ verursachen —
denn, wie gesagt, ich stehe sehr allein da, und wenn ich oben von einem
geringen Sinn für Andenken sprach, so dürfte es richtiger
sein, zu sagen, daß ich wenig oder nichts bisher fand, was mir
genügend bedeutete, um ein Heiligtum auszumachen — aber es soll
trotz des
serrement de coeur
ganz heiter und gründlich geschehen; ich schreibe es auf das
Kapitel „Askese“; das wenige, was ich bisher auf diesem Gebiet
leistete, war stets unfreiwillig! Ehe Sie mir aber diesen
endgültigen Befehl zugehen lassen, erlaube ich mir jedoch einen
Vorschlag, der zwar für mich ebenso asketisch ausfiele, aber — ich
habe halt kein Glück mit Selbstkasteiungsversuchen! — der mich
gänzlich befriedigen und beglücken würde. Gewiß
war unser Briefwechsel für Sie kein wichtiger; was den Lebensatem
Ihres Daseins ausmacht, erscheint da nur im Hintergrund oder als
Atmosphäre; aber gerade die Unumwundenheit, gerade das
Rein-Persönliche verleiht manchem dieser Briefe nicht nur einen
unvergleichlichen Zauber, sondern es spiegelt sich Ihre
Individualität oder mindestens eine Seite Ihrer
Individualität in ihnen so lebhaft wider, daß, trotz des
Mangels der „wissenschaftlichen Fakta“, es vielleicht doch schade
wäre, diesen Spiegel schon jetzt zu zerstören. Ich weiß
es, jedes Aufheben von Dokumenten ist schon ein Anfang von
„registrierender Manie“, und niemand empfindet mehr wie ich, daß
von Ihrem Leben nur Ihr Wirken vor die Welt gehört und immer
gehören wird: Siegfried und der Sieg von Bayreuth — mehr braucht
keiner von Ihnen zu wissen. Aber gerade für Siegfried und für
dessen Sohn und Enkel — wäre es nicht schön, wenn sie neben
den Bildern der „hohen Ahnen“ und außer allen wichtigen
Dokumenten Ihres Archivs auch solche „Nebensächlichkeiten“
besäßen? Wer vermag von etwas zu sagen — ich meine von
etwas, was von einem bedeutenden Individuum kommt — „das ist gering“?
Keiner; auch die betreffende Persönlichkeit nicht. Wie Sie sehen,
hochverehrte Meisterin, ich plädiere jetzt nicht für mich;
ich würde mich sogar leicht von den Briefen trennen, wenn Sie mir
gestatten wollten, die ganze Sammlung in Siegfrieds Hände zu
legen. Auch ihm würde ich die Verpflichtung auferlegen, sie erst
nach meinem Tode zu öffnen; der ganze Vorgang hätte den
einen, einzigen Zweck, Sie vollkommen zu beruhigen und vor jeder auch
nur entfernten Möglichkeit einer Indiskretion zu sichern.
Vielleicht finden Sie mich schon wieder einmal recht
„umständlich“; ich aber finde, daß man sich wegen gewisser
weniger Leute Umstände machen darf und soll.
Was nun Ihre Frage bez. meiner Briefe anbelangt, so
können Sie sich gar nicht vorstellen, wie leichtsinnig und
egoistisch ich bin und denke. Ich schreibe leidenschaftlich gern
Briefe; rauben Sie mir die frohe Sorglosigkeit in bezug auf, was ich
schreibe und wie ich schreibe, so haben Sie mir viel geraubt.
Allerdings war ich zuerst ganz verdutzt, als in
Les Avants zufällig
erwähnt wurde, daß Sie auch meine Briefe aufhöben; es
war mir bisher niemals eingefallen, daß S i e
daran denken würden. Vielleicht habe ich doch einen tieferen Fond
von Bescheidenheit, als auf der Oberfläche zu erraten ist. Nach
dem ersten Erstaunen gefiel mir die Sache ganz gut. Gerade
in puncto Briefschreiben glaube ich
nicht, daß irgendein Vorgang auf dieser Welt mir jemals die
unbedingteste Natürlichkeit rauben könnte; mir ist nie so
wohl wie vor einem Bogen Briefpapier. Auch das Aufheben wird mich also
nicht verderben — und nicht bessern. Und dann:
1. Wer bin ich, daß einer sich einmal
kümmern sollte um, was ich sagte?
2. Habe ich keinen Grund zu glauben, daß ich
alt werde; ich werde also selber von Indiskretionen keine
„ennuis“ haben.
3. Wenn einer von meinen Worten beleidigt und
gekränkt wird, warum war er so indiskret und steckte seine Nase in
Sachen, die ihn nichts angingen? Für ihn fühle ich kein
Mitleid.
Von Herzen grüßt Ihr in Ehrfurcht
ergebener
Houston S. Chamberlain.
341-342
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth, 6/7/93.
Was Sie mir über den Protestantismus im
Naßwald gesagt haben, hat mich sehr gerührt. Beste
Kräfte bester Stämme sind bei uns entweder verstumpft oder
verroht worden.
Ich nahm in diesen Tagen Abschied von einer
geschichtlichen Gestalt, die mich wie kaum eine gefesselt und
erschüttert hat: Cromwell. Wer dieses Leben nicht mit ernstlicher
Aufmerksamkeit verfolgt hat, dem fehlt gewiß ein Einblick in die
Prädestination einer individuellen Erscheinung, in die Bestimmung
eines Stammes, in die Gewalt des Glaubens, in die Vereinsamung der
großen Persönlichkeit, in die Tragik des Glückes und in
die Allmacht des Genies!
Da Sie Milton gut kennen, haben Sie die Noten an die
protestantischen Mächte gelesen, die er unter Inspiration
Cromwells schrieb?
Bezüglich der Briefe! Meine Empfindung kennen
Sie; angesichts Ihrer Erwiderung vermag ich sie nicht zu einem Wunsche
zu gessalten. Eine meiner Lieblingsvorstellungen ist die sich
tummelnde, winzige Erde inmitten der Sternenwelt. Mit dieser
Vorstellung hängt ein lebhaftes Bild der Unwichtigkeit der meisten
Dinge und der Wunsch ihres Schwindens zusammen. Das „festgenagelt“
ängstigt mich. Ich höre nicht gern von Neigungen reden; das
einzige, was ich immer lebendig atmen möchte, ist der Hauch des
Genius, und zu diesem Leben scheint mir viel Abstreifen und Entfernen
alles Nebensächlichen notwendig. Nun tun Sie, was Sie wollen.
Leben Sie wohl, Freund, alles Gute auf Ihren Wegen,
und den herzlichsten Gruß von Wahnfried! C. W.
342-343
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
8. Juli 1893. Wien.
Hochverehrte Meisterin!
Was „die sich tummelnde winzige Erde inmitten der
Sternenwelt“ anbelangt — ich glaube, d i e s e
„Lieblingsvorstellung“ führt konsequenterweise zu der Nachahmung
Yadjnyavalkyas, der sich in den Urwald zurückzog und neunhundert
Jahre auf einem Fuße stand. Ich glaube, diese Vorstellung darf
nur als Korrektiv dienen, nicht als Direktiv; sonst führt sie uns
direkt ins Faß des Diogenes. — Übrigens, ist es Ihnen einmal
gelungen, sich die Sache g a n z k ö r p e r l
i c h vorzustellen? Das ist nämlich was Herrliches; in
früheren Jahren (wo ich so eine Art kleiner, unbewußter
Yadjnyavalkya war, nur daß ich in meiner Unschuld noch auf zwei
Beinen Stand) war das eine Lieblingsübung von mir. Am besten ist
es, man beginnt mit dem Monde; wenn er ungefähr 2/3 seiner Scheibe
zeigt, gelingt es leicht, durch konzentriertes Anschauen ihn als
körperliche, schwebende Kugel zu erblicken. Das ist der erste
Schritt. Plötzlich empfindet man nun — wenn man erstere
Vorstellung recht lebhaft festhält —‚ plötzlich empfindet man
auch unsere Erde als im Raume schwebende Sphäre und sich selbst
als auf der Oberfläche klebendes Wesen. Das ist die zweite Stufe.
Ist nun diese Empfindung durch öfteres Üben zu einer
habituellen geworden, dann tritt etwas ein, was man wohl die
kosmisch-sinnliche Ekstase nennen könnte: nämlich, die
unmittelbare Empfindung von der Bewegung der Erde! Man fühlt die
Erde im Raume kreisen, und zwar mit so furchtbarer, schwindelnder
Schnelligkeit, daß ich mehr als einmal mich an Fels oder Baum
oder Fenster krampfhaft angeklammert habe, um nicht hinausgeschleudert
zu werden in den dunklen Raum. Aber, verehrte Meisterin, ist auch mir,
wie Sie sehen, „die Vorstellung der sich tummelnden Erde“ nicht fremd,
bei Ihrer Berufung auf dieselbe in diesem speziellen Falle kann ich
mich nur freuen, daß die „Schopenhauersche Inquisition“ noch
nicht ins Leben getreten ist, denn ich fürchte, diese würde
Ihnen einen
mauvais quart d'heure
bereiten. Die Welt i s t m e i n
e V o r s t e l l u n g; nichts ist
unrichtiger, meine ich, als sich von den leeren Formen von Raum und
Zeit imponieren zu lassen. Genießen soll man sie, aber sich
niemals von ihnen Gesetze aufoktroyieren lassen. Selbst der alte,
trockene Kant ist in bezug hierauf beredt; denn, nachdem er
ausgeführt hat: „Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus
der Natur, sondern schreibt sie dieser vor“, gibt er gerade die
kosmische Vorstellung, die Bahnen der Himmelskörper etc. als
Beispiel der Subjektivität der Naturanschauung. (Vgl. Prolegomena
zu jeder künftigen Metaphysik, § 36—38.) Wie vermag nun
irgendeine solche Vorstellung mir das Heilige aus meinem Herzen zu
reißen? Ich weiß ja, daß Sie das auch nicht so meinen
— aber wenn nicht, dann finde ich, daß Sie schlecht argumentiert
haben, oder aber, was noch wahrscheinlicher, daß ich gar nicht
weiß, wovon Sie eigentlich reden.
Mit Grüßen von Herzen an ganz Wahnfried
Ihr in tiefer Dankbarkeit und aufdringlicher Ehrfurcht ergebener
Houston S. Chamberlain.
343-347
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
2. August 1893.
Da ich fast Nacht für Nacht von Bayreuth und
Ihnen allen träume, und zwar mit einer Lebhaftigkeit und einer
dramatischen Wahrheit, wie sie das wirkliche Leben nur in vereinzelten
Augenblicken bietet, so habe ich, hochverehrte Meisterin — ganz
aufrichtig gesagt —‚ gar keine Lust zum Schreiben; wozu das graue,
umständliche, mißverständliche Indirekte, wo ich soeben
so lebendig mit Ihnen verkehrte und unter so mancherlei tiefwahren
Bedingungen, die in diesem Schattenleben doch niemals zu Wirklichkeiten
werden können? Und ich kann mir gar nicht denken, daß so
etwas ganz einseitig ist. Sind Sie die mittlere Gestalt meiner
figurenreichen Träume, so wird Ihr umfassendes und gerechtes Auge
mir gewiß den Platz einer kleinen Nebenfigur gönnen, etwa
wie auf einem Dürerschen Himmelsbilde einer von den
Seliggesprochenen, die rechts gans unten, aus einer großen Schar,
neugierig herausgucken und denen man anmerkt, mit welcher Freude sie
allen Zeremonien und Vorgängen im Himmelreich zuschauen? Also
bleibt's bei den Träumen!
Damit aber mein Gruß doch eine bestimmte
Gestalt besitzt und Ihnen angenehme Gedanken verschaffe, will ich Ihnen
etwas mitteilen, worüber Sie sich gewiß freuen werden.
Zweifellos erinnern Sie sich der Briefe
Schopenhauers an Rosenkranz sehr gut? Und ich bezweifle gar nicht,
daß Sie einen ebensolchen Chok wie ich empfunden haben werden,
als Sie Kant der F e i g h e i t und der
U n w a h r h a f t i g k e i t anklagen hörten? Man solI
sich hüten, einen Schatten auf den C h a r a k t e r
eines HeIden fallen zu lassen; der Charakter eines Mannes ist
doch gewiß soviel wert wie die vielgepriesene „Ehre“ eines Weibes
— ganz abgesehen davon, daß dieser Ehrbegriff ein ungeheuer
schwer festzustellender und darum meistens ganz falscher ist,
währenddessen ein Denker, der einem König zu Gefallen der
Welt das Gegenteil verkündet von dem, was er für wahr
hält, von dem, was ein ganzes Leben in ihm als Überzeugung
begründet hat, auf alle Fälle ein charakterloser, keiner
Hochachtung würdiger Mensch ist und zudem ein Lügner. Hat
Kant so gehandelt, wie Schopenhauer behauptet, so war er kein
großer Mann, sondern ein denkendes Monstrum, ein mit einem
beliebigen Klaviervirtuosen zu vergleichender Gehirnvirtuos. Obwohl ich
aus anderen Erfahrungen wußte, daß man bei Sch.s
Leidenschaftlichkeit sich hüten muß, ihm auf historischem
und persönlichem Gebiete unbedingt zu trauen, dieser schwere
Vorwurf gegen die Makellosigkeit von Kants Charakter wurmte mich doch.
Ganz zufällig bin ich nun vor kurzem auf eine
Spur gekommen, die mich dahin führte, feststellen zu können,
daß die Beschuldigung Sch.s v ö l l i g g
r u n d l o s und den Tatsachen widersprechend ist.
Sch. schreibt (siehe
Schemann,
„Schopenhauer-Briefe“, pag. 187): „Dazu kam von außen, daß
der große König, der Freund des Lichts und Beschützer
der Wahrheit, e b e n g e s t o r b e
n w a r, und jener Nachfolger, dem K. bald
versprechen mußte, nicht mehr zu schreiben, ihm sukzediert hatte.
Durch dieses alles l i e ß K a n
t s i c h i n t i m i d i e r e n u
n d h a t t e d i e S c h w ä
c h e, zu tun, was seiner n i c h t w
ü r d i g w a r.“ Auf S. 188, daselbst, sagt
er: „Daß M e n s c h e n f u r c h t es
war, die den s c h w a c h e n G r e i s
zu dieser Verunstaltung der Kritik bewog — etc., etc.“
Ehe ich Ihnen nun möglichst kurz und klar und
anschaulich zeige, wie unbegründet diese schweren Vorwürfe
sind, muß ich Sie daran erinnern, daß in seinem zweiten
Brief an Rosenkranz Sch. sich schon ein wenig zurückzieht, wenn er
auch fortfährt, alle Zähne zu zeigen. Hier betont er nur die
„Altersschwäche“ und die Angst, daß ihm „die
Originalität abgesprochen werden könnte“. Und nun beruft er
sich nicht mehr bloß auf die 2te Ausgabe der Kritik, sondern auf
die „Prolegomena zu jeder künftigen Metaphysik“. (Schemann, 197.)
Also, jetzt haben wir alles beieinander:
1. Kant hat die Änderungen in der Kritik d. r.
V. nicht aus Überzeugung oder in dem Glauben, sein Werk zu
verbessern, sondern a u s M e n s c h e n f u r
c h t gemacht.
2. Der Tod von Friedrich dem Großen und der
Eintritt einer minder freiheitlichen Zeit war der e i n e
„Furcht einflößende“ Umstand. Kant hat also einer
tatsächlichen Pression von außen nachgegeben.
3. Dazu kam die Furcht, des Mangels an
Originalität angeklagt zu werden.
4. Erklärung und Entschuldigung ist: „des
Greisen Altersschwäche“.
5. Zur Begründung der schweren Anklage wird auf
die 2te Auflage der Kritik d. r. V. und auf die Prolegomena hingewiesen.
Nun bitte ich zunächst folgende Daten sich
vergegenwärtigen zu wollen:
1. Die erste Auflage der Kritik d. r. V. erschien im
Sommer 1781.
2. U n m i t t e l b a r nach dem Erscheinen
dieser ersten Auflage, und im Bewußtsein, daß das Werk in
dieser Form nur einer äußerst beschränkten Anzahl von
Menschen begreiflich sein würde, begann er den mehr populären
Auszug: „Die Prolegomena“ aufzusetzen; es war noch i
n d e m s e l b e n J a h r e 1781; und Kant
hoffte, daß es zur Ostermesse 1782 schon auf dem Büchermarkt
sein würde; durch äußere Umstände wurde das
Erscheinen der Prolegomena bis Anfang 1783 verzögert. (Vgl.
Stuckenberg: „Das Leben I. Kants“.)
3. Friedrich der Große starb am 17. August
1786.
4. Die zweite Auflage der Kr. der rein. Vern.
erschien zur Ostermesse 1787, wobei zu bedenken ist, daß die
Drucklegung sehr lange dauerte, da der Verleger in Riga und der Drucker
in Halle (!) waren.
Schon diese einfache Datenschau genügt zur
Überzeugung, daß der Tod von Friedrich dem Großen auf
die besagten Änderungen nicht von Einfluß hat sein
können. Denn die Prolegomena (in denen die Änderungen, wie
Schemann ganz richtig bemerkt, schon angedeutet sind) e r s
c h i e n e n dreieinhalb Jahre v o r diesem
Tod und waren, mindestens zum Teil, schon fünf Jahre vor dem Tode
geschrieben! Und die zweite Auflage der Kritik d. r. V. erschien, wie
wir sahen, u n m i t t e l b a r nach dem Tode des
großen Monarchen, woraus hervorgeht: erstens, daß
sie z u s e i n e n L e b z e i t e
n geschrieben war, und zweitens: daß sie zu einer
Zeit erschien, wo von einem äußeren Druck noch nicht die
Rede war, da so etwas nicht von heute auf morgen geschieht. In der Tat
wissen wir, daß Kant erst 1792 von der Regierung belästigt
wurde (obgleich er inzwischen sehr bedenkliche Sachen, wie die
„Praktische Vernunft“ und die „Kritik der Theodiceen“
veröffentlicht hatte), und erst 1793, für sein Werk „Religion
innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, wurde er zur Rede
gestellt und ermahnt (vom Minister Woellner). Weit entfernt also,
daß Kant hier dem Druck von oben nachgegeben hätte,
müssen wir es vielmehr merkwürdig und mutig finden, daß
er nicht bloß 1790 eine 3te u n v e r ä n d e r
t e (d. h. unverändert nach der 2ten, die aber alle die
Angriffe auf die Beweise des Dasein Gottes etc. eben
so wie die erste enthält)
Auflage gab, sondern 1794 (also ein Jahr nach der Mahnung) eine vierte,
ebenfalls unveränderte, und 1799 eine fünfte.
Hierdurch ist klar erwiesen, daß die erste und
schwerste Beschuldigung Schopenhauers
has
not a foot to stand upon.
Sch. gibt als zweiten Grund für die
Veränderungen Kants angebliche Furcht, man könne ihm Mangel
an Originalität vorwerfen, „was jedem Gründer eines
Systems s o u n e n d l i c h w i c
h t i g“ (!). Diese Frage hier ausführlich zu diskutieren,
würde zu weit führen; es ist sehr belustigend, wie Sch. hier
ein Stück von sich selbst dem Kant in die Seele schiebt. Kant hat
— im Gegenteil zu Sch. — eine so „serene“ Ruhe, ein so
unerschütterliches Bewußtsein von der Bedeutung seiner Tat
(wobei seine P e r s o n ihm ganz gleichgültig
bleibt). Ich begnüge mich hier, darauf aufmerksam zu machen,
daß die W i d e r l e g u n g d e
s I d e a l i s m u s, welche (der Grund ist mir
unfaßbar) Schopenhauer ein solcher Dorn im Auge ist, wenn nicht
so ausführlich, so doch ebenso energisch und eigentlich noch
deutlicher und überzeugender in den Prolegomena als in der 2ten
Auflage der Kr. d. r. V. vorkommt. Und diese sind also sofort nach
Erscheinen der ersten Auflage geschrieben. Außerdem schreibt Kant
aber in den Prolegomena (
ed.
Hartenstein, pag. 313): „Mit der Kr. d. r. V. bin ich zwar, was den
Inhalt, die Ordnung und Lehrart und die Sorgfalt betrifft, die auf
jeden Satz gewandt worden, um ihn genau zu wägen und zu
prüfen, ehe ich ihn hinstellte, auch noch jetzt ganz wohl
zufrieden (denn es haben Jahre dazu gehört, mich allein von dem
Ganzen, sondern bisweilen auch nur von einem einzigen Satze in Ansehung
seiner Quellen völlig zu befriedigen), a b e
r m i t m e i n e m V o r t r a g
e i n e i n i g e n A b s c h n i t
t e n der Elementarlehre, z. B. der Deduktion der
Verstandesbegriffe oder dem von den Paralogismen der reinen
Vernunft, b i n i c h n i c h
t v ö l l i g z u f r i e d e n, w
e i l e i n e g e w i s s e W e i t
l ä u f t i g k e i t i n d e n s e l b e
n d i e D e u t l i c h k e i t h i
n d e r t.“ Die angegebenen zwei SteIlen sind aber die einzigen
beiden, die in der 2ten Auflage in veränderter, stark
gekürzter Fassung erschienen; und die Stelle gegen den sog.
Idealismus ist die einzige größere Stelle, die neu hinzukam;
außerdem sind es gerade diese betreffenden Kürzungen und
diese bestimmte Zutat, die Sch. in seinen beiden Briefen an Rosenkranz
tadelt; hiermit ist erwiesen, daß die wichtigsten Änderungen
in der zweiten Auflage der Kritik d. r. Vern., und gerade diejenigen,
gegen die Sch. eifert, bereits im Jahre 1782, lange v o r
Friedrichs des Großen Tod und noch ehe die gelehrte Welt
Zeit gehabt hatte, das Werk zu studieren, zum Teil schon
tatsächlich durchgeführt, zum andern Teil schon deutlich und
ausdrücklich angekündigt waren.
Schopenhauers Angriff auf Kants Charakter ist somit
aller Begründung bar.
Amüsant ist es außerdem zu bemerken, wie
freigebig Sch. mit dem Ausdrucke „altersschwacher Greis“ umgeht
(während er selber mit 62 Jahren ein großes, neues Werk
herausgab und mit 71 Jahren eine neue Auflage seines Hauptwerkes, mit
einem Viertelband neuer Zusätze, vielen Berichtigungen etc.!).
Kant war aber 57 Jahre alt, als die erste Auflage der Kr. d. r. V.
erschien, und 58 (!!) Jahre alt, als er die Prolegomena schrieb, in
denen die betreffenden Änderungen teils ausgeführt, teils
angekündigt waren! (Er war 63 Jahre alt, als die 2te Auflage der
Kritik erschien.)
Zweck dieses Briefes war, Ihnen die Überzeugung
zu geben, daß die Anschuldigungen gegen Kants Charakter nicht
begründet waren. Da ich es war, der sie Ihnen vorlas, so empfand
ich es geradezu als eine Pflicht, Ihnen die Resultate meiner
Untersuchung mitzuteilen. Ich hoffe, Sie werden dem Gegenstande nicht
ungern eine halbe Stunde gewidmet haben.
In ehrfurchtsvoller Ergebenheit Ihr
Houston S. Chamberlain.
*
348
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth, 6/8/93.
[Auf der
Rückseite des Programms für die Vorstellung vom 5. August
1893, gegeben von den Schülern der „Bayreuther Lehranstalt
für Mimik und dramatischen Gesang“, Dirigent Siegfried Wagner.]
Mit einem wärmsten Gruße die Mitteilung
einer göttlichen Freude! Dienstag verlassen wir Wahnfried.
Mittwoch abends sind wir Pension Stutz bei Luzern. Ich soll nicht
lesen, nicht schreiben, keine Musik hören; ich will's versuchen.
Ihnen und Ihrer lieben Frau alles erdenkliche
Gute! C. W.
*
348-350
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Luzern, 15/9/93.
Ich glaube jetzt bestimmt zu wissen, wie das
Stammeln entsteht, nämlich durch die Masse dessen, was man
vorbringen möchte, und ungenügende Muße, es zu ordnen;
ungefähr wie bei einem Umzug.
Mit Ihrer Arbeit
[„La littérature Wagnérienne
en Allemagne.“ Erschien 1894 in der „Revue des deux mondes“, S. 782—810.],
mein Freund, geht es mir so! Aufs Geratewohl also und stotternd, was
sich gerade durchdrängt. Ich liege nämlich noch, möchte
aber nicht meinen Dank verzögern, denn er ist herzlich und
unbedingt.
Ich wußte wohl, was ich tat, indem ich Ihnen
diese Arbeit zuwies, und wie Sie befähigt waren, sie zu tun. Und
dennoch staunte ich und staune noch über die Art, wie Sie's taten;
über die Sichtung des so konfusen Materiales; über die
Rettung auch des minimalsten Wertes, wenn nur einer da, bei so sicherer
Erkenntnis des Wertlosen. Die verschiedenen Gruppen sind geordnet und
übersichtlich, wie auf dem Bilde eines Meisters, und in diesen
Gruppen kommt wiederum jeder einzelne zu seinem Rechte. Dazu die
allgemeinen Betrachtungen, welche z. B. bei Gelegenheit von Nietzsches
Krankheit den tiefen Gehalt erkennen lassen, mit welcher diese
Erfassung der Erscheinungen erfüllt ist. Ich begreife es gar
nicht, wie Sie es angefangen haben, Wesen wie Müller, Brendel und
alle von der ersten Gruppe, die so verschwommen sind, mit d
i e s e r Deutlichkeit zu sehen. Die Bezeichnung Pohls, als
der Journalist der Sache, ist vorzüglich. Und auch den Fuchs
verstehe ich (eine
fausse
ressemblance mit Voltaire), obgleich sein elendes,
dürftiges Leben auf keine Schlauheit zurückzuführen ist.
Nur ist er nicht Rheinländer, sondern Sachse. Und der gute Brendel
war nicht glänzend, sondern oberflächlich aus
Dürftigkeit und Beschränktheit. Einzig haben Sie den meines
Erachtens delikatesten Fall, W o l z o g e n,
berührt. Und mit dem Übergang auf S t e i
n das hervorgezaubert, was
Wolzogen
zum Unikum macht.
Zugleich auch mit der Bemerkung, daß mein Vater der einzige war,
der technisch-musikalisch kompetent war, den Unfug der
Leitfadenscheinigen enthüllt, unschädlich gemacht, ohne
kränkend für gute Gemüter zu werden.
Die hochgemute Vornehmheit in Steins wundervoller
Erscheinung haben Sie unvergleichlich wiedergegeben und ganz richtig
den Einfluß der Sprache Rousseaus auf seinen Stil erkannt. Ob er
ein Dichter war? Wenn wir darunter das Sehen von Gestalten begreifen
und die Fähigkeit, diese Gestalten ganz nach ihrem Wesen sich
ausdrücken zu lassen, so war er wohl einer. Wenn wir darunter den
lyrischen Fluß, das naive Vergnügen an der Außenseite
der Dinge und die Heiterkeit, die aus dem Mißverhältnis von
Anlage und Ausführung, bis in das Zustandekommen des Menschen
liegt; die Fähigkeit, wie an den ewigen Gesetzen sich zu erbauen,
so an den steten Unterbrechungen sich zu belustigen, so war
er n o c h keiner. Ich sage „noch“, denn hätte
er die Zeit auf seiner Seite gehabt, so hätte er sich wohl bis zur
vollsten Freiheit entfesselt. So mußte er sich Grenzen ziehen und
zog sie nach der Tiefe.
Des Kontrastes wegen muß ich hier mein
besonderes Kompliment für Hugo Dingers Kennzeichnung machen. Eine
solche Erscheinung mit dieser Gründlichkeit und
Geringschätzung zugleich abzufertigen zu verstehen, ist
beneidenswert. Schön die Erwähnung Gobineaus, herrlich der
König. Und, daß Sie es noch möglich machten,
Thode
einen so besonderen und richtigen Platz anzuweisen, erstaunlich.
Wie ich es nicht genug sagen kann, daß die
Komposition des Ganzen meine Bewunderung erweckte; denn es heißt
etwas, eine solche Anzahl von Gestalten vorbeiziehen zu lassen und
dabei nicht einen Augenblick den beunruhigenden Eindruck eines
Defilierens hervorzubringen. Jedem sein ganzes volles Recht zu
gewähren und kurz zu sein. Und in keinem Fall den bedeutenden
Untergrund der Erscheinung nebst des physiognomisch Kennzeichnenden
außer acht zu lassen.
Mit dem Zurückkehren auf meinen Vater als
Franziskaner, bei Gelegenheit des katholischen Geistlichen, ist in
geistvollster Weise die M ö g l i c h k e i t
angedeutet, welche eine der Hauptkräfte der alleinseligmachenden
Kirche ausmacht.
Auch die Einteilung von
Glasenapp,
Wolzogen
und
Stein, Persönlichkeit, Werk und Idee, ist entscheidend. Und
daß Sie selbst sich so kenntlich wiedergeben konnten und Ihr
Verhältnis zu den anderen so einfach zeigten, wie es ist, erachte
ich nicht als eine geringe Leistung.
Die Enttäuschungen mit den Menschen! Ach Gott!
Schließlich hatten wir uns doch in Nietzsche sehr getäuscht,
denn er hatte keinen Tropfen eigenen Blutes, nur eine merkwürdige
Aneignungsgabe.
Ich habe Ihre Arbeit sogleich einem in England
lebenden Freund mitgeteilt, von dem ich eine hohe Meinung habe. Und
werde, wenn es Ihnen recht ist, fortfahren, e i n z e l n e
n sie zu zeigen. Denn sie ist das Dokument von dem Werte
der Bewegung in unserer Sache. Und Sie haben das Werden, wie Faust den
Chiron, im Laufe gefaßt! Auch ist sie hoffnungserweckend, diese
Arbeit, was viel sagen will, wenn man auf den Wust des Absurden, der
uns umgibt, blickt, und wenn man bedenkt, daß Sie schonungslos
wahrhaftig darin sind.
Ich werde nun wieder eine Weile schweigen
müssen. Das Törichte bei meinem Zustand ist, daß, wenn
ich mich wohl fühle, ich es doch nicht bin, so daß meine
Gesundheit dem europäischen Frieden gleicht; gewappnet bis an die
Zähne, vorsichtig bis an die Zähne!
Leben Sie wohl! C. W.
350-351
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
18/9/93. Wien.
Wie soll ich Ihnen für Ihren Brief danken,
hochverehrte Meisterin? Ich glaube, ich verstehe es besser, „
la littérature du Wagnérisme“
zu skizzieren; überhaupt, Sie wissen, wie selten eine „
parole sentie“ mir über die
Lippen kommt. Ich tröste mich mit den harten Worten über die
Dankbarkeit in den „Fragmenten“ — nein, in „Jesus von Nazareth“ —:
„Dankbarkeit ist einer der leeren Begriffe, welche in einer
egoistischen Gemütsschwäche beruhen —“; ich will versuchen,
die egoistische Gemütsschwäche zu überwinden und
dafür, was ich an „Kraft“ besitze, stets ganz in Ihren Dienst
stellen.
Gern würde ich über manches, was diese
Skizze berührt, mit Ihnen sprechen. Denn ich habe eigentlich so
wenig gelesen — und von dem allermeisten, was ich lese, erhalte ich
einen so konfusen Eindruck —‚ daß ich bei einer derartigen Arbeit
gezwungen bin, zu einer Art dichterischen „
évocation“ meine Zuflucht zu
nehmen, zu einer Art Hellseherei. Für das Entwerfen und Erfassen
ist das Nicht-zu-viel-Wissen gewiß vorteilhaft, aber es laufen
auch Irrtümer mit ein dabei, die an und für sich nicht
wichtig sind, die man aber gern, teils aus Gewissenhaftigkeit, teils um
kritischen Eseln keine zu bequeme Handhabe zu bieten, entfernen
möchte.
Manches ist bei mir auch Schlauheit. Unter
Schlauheit verstehe ich das Anpassen an gegebene, beschränkende
Bedingungen. Zum Beispiel: es lag mir viel daran, von Stein
möglichst hervorzuheben, ihn so stark wie möglich der
Aufmerksamkeit des Franzosen a u f z u d r ä n g e n;
um meinen Zweck nicht zu verfehlen, m u ß t e
ich also irgendeine echt „kritische“ Bemerkung einflechten; ich
bin überzeugt, daß der Eindruck auf Thorel dadurch
größer wird. Nietzsche hätte ich dagegen, wenn ich 1993
geschrieben, nicht so unbedingt in den Vordergrund gestellt (trotzdem
seine zwei Schriften noch heute einzig in ihrer Art dastehen), aber es
wäre unklug, seinen augenblicklichen Ruhm nicht zu benutzen,
namentlich da die Überschätzung seiner pathologischen
Erzeugnisse die Gelegenheit zu so überraschenden Streiflichtern —
auf unseren Zeitgeist, auf das Wesen von Nietzsches Begabung etc. bot.
Er ist eigentlich das pittoreske Element in dieser Literatur — armer
Mann!
Ich habe gestern eine kleine Notiz über die
Brahmasutras des Vedânta fertiggeschrieben. Vielleicht nimmt sie
Wolzogen
für die „Blätter“: eine Anregung für die
unsrigen, sich mit der indischen Gedankenwelt zu beschäftigen. Mir
scheint, es war schon lange nichts Derartiges in den „Bayreuther
Blättern“. — Sehr wahrscheinlich reise ich in diesen Tagen nach
England. Ich muß einmal sehen, ob ich die irische Frage nicht in
Ordnung bringen kann.
In Ehrfurcht und liebevoller Dankbarkeit Ihr
Houston S. Chamberlain.
352-353
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Villa
Cargnacco, Gardone di sopra, Lago di Garda, 28/9/93.
Nach England also, aus Mignons Gestaden, entsende
ich diese Zeilen und wünsche, daß Sie unter den Ihrigen und
auf dem heimatlichen Boden gute, gemütliche Tage erleben! Sprengen
Sie, bitte, das Oberhaus nicht, wogegen Sie mit der Majorität des
Unterhauses tun können, was Sie wollen.
Im Ernst aber danke ich Ihnen herzlich für den
Gedanken, für Bayreuth zu wirken. Ich glaube, der Boden ist etwas
vorbereitet, und zwar nach den oberen Schichten zu. Einen Augenblick
hatte ich daran gedacht, Sie, mein Freund, bezüglich der Franzosen
anzurufen. Die Münchener Aufführungen haben nämlich
manchen Schaden da angerichtet. Abgesehen von der beabsichtigten und
geglückten Täuschung, daß B a y r e u t
h diese Spiele gäbe, hat Levi
persönlich alles
eingeladen (selbst die üblichen Damen „zum Bayreuther
Frühschoppen“), und die eigentümlichsten Parolen, u. a. an
Mr. Jullien, sind über Bayreuth ausgegeben worden. Daran und auch
an einen inszenierten Erfolg anknüpfend die Forderung des
monumentalen Baues des Theaters in München bis zur Aussuchung von
Bauplätzen und die Verkündung in der Zeitung daß:
„Parsifal“ in Österreich bloß auf 2 Jahre noch gesichert,
Neumann das Recht für Prag habe und wir die Verpflichtung, ihn 1
oder 2 Jahre vorher München zu überlassen. Die Methode, die
in diesem gemeinsten Wahnsinn liegt, werden Sie leicht erkennen. Die
Aufführungen selbst, gänzlich unvorbereitet und ohne Proben,
sind dem Virtuosentum (ohne Virtuosität) ausgeliefert gewesen, und
die Pein aller Echten (wie z. B. Fuchs), die mit uns empfinden.
Aber die Franzosen wurden angezogen, manches hat sie
getäuscht, und viele von ihnen, welche nicht vermögend sind,
können die Reise nach Deutschland im nächsten Jahre nicht
unternehmen (abgesehen davon, daß sie „L o h e n g r
i n“ nicht anzieht). Boissier machte ich davon, mit der
Sendung Ihrer Arbeit, eine kleine Andeutung.
Ich wollte
Ihnen darüber schreiben — allein, was jene sich nicht
entblödeten zu tun, das schämte ich mich zu besprechen und
wollte möglichst über die Alpen weg von diesem Sabbath! Nun
berühre ich es doch für den Fall, daß Sie über
Paris heimkehren und Sie Licht in die kleine Gruppe werfen können.
Adolf Groß geht jetzt hin und wird auch das seinige tun.
Bitte, schreiben Sie ja den Aufsatz über die
Upanishads! Sollen die „Blätter“ die Bedeutung behalten, welche
Sie ihnen vindizieren, so müssen Sie solche Beiträge dazu
liefern. Der Aufsatz wird schon seine Leser finden; sollte er aber es
nicht, so stehe ich Ihnen für mich und die Meinen und verspreche
Ihnen eine große Freude daran.
Ich möchte, Sie könnten hier Land und
Wohnsitz sehen. Ich glaube kaum, je etwas Einstimmenderem und
Sinnigerem begegnet zu sein. Eine wundervolle Stille, inmitten deren
die Fülle der Natur und die geistige Regsamkeit sich ausgeben. Der
See hat Färbungen und Bewegung des Meeres, und weit, weit ab ist
man von allem, was so lastend über die jetzige Existenz
drückt.
Scbopenhauers Tageseinteilung war eigentlich immer
die meinige, obgleich ich nicht „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zu
schreiben hatte. Morgens drinnen, nachmittags draußen. Aber das
ist gewiß sehr individuell. Mein Vater z. B. mußte in der
Früh seinen Gang zur Kirche haben, und ich stelle mir gut vor,
daß die matinale Luft Ihre Kräfte erfrischte.
Es war ein hübsches Zusammentreffen, daß
unser erster Tag hier der heilige Cosmas war, der in meiner
katholischen Jugend von Vater und Geschwistern mir immer gefeiert
wurde, und der nun in meinem Geburtslande bei Palmen und Oleander sich
wieder meldete. Am Abend unserer Ankunft wütete der See, aber
golden in der Ferne ging die Sonne unter, und in den schwarzen Wolken
ging ein Regenbogen auf, den ich Lohengrin begrüßte! Mit
diesem heiligen Namen will ich schließen und mit allem, was er in
sich faßt, grüßen! C. W.
353-354
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
4/10/93.
2 Wellington Road. Eltham (Kent).
Es soll nicht noch ein Tag zu Ende gehen,
hochverehrte Meisterin, ohne daß ich Ihnen für Ihren Brief
gedankt hätte; aber man kommt in England schwer zu einem
ordentlichen Brief nach unseren Begriffen — alles sind „notes“. Heute war ich den ganzen
Tag wieder in London (20 Minuten Bahn), sah 3 Onkel, 2 Tanten,
verschiedene Cousins und Cousinen. Das englische Leben und Wesen kommt
mir ungewohnt, aber doch sehr meinem eigenen Wesen entsprechend vor.
Wenn nur der Empfang, der erste Kontakt, ein klein bißchen
weniger kalt wäre — aber man kommt bald dahinter, daß es
Schüchternheit und Reserve ist und ein tiefliegendes Herz, welches
mangelhafte Verbindungen mit den Organen der Oberfläche besitzt.
Ich schicke Ihnen einen kleinen Zeitungsausschnitt, aus welchem Sie
ersehen sollen, w e r die zwei Onkel sind, mit denen
ich heute durch London fuhr. So etwas Vollkommenes von C h
a r a k t e r e n habe ich wohl nie gesehen; die Einfachheit,
die Bescheidenheit, die unostentative Würde — Augen, so rein wie
die kleiner Kinder, eine Güte, die sich an jeder Straßenecke
sozusagen zeigt — ein Dienstmädchen, das etwas hat fallen lassen,
eine Dame, die sich fürchtet, über die Straße zu gehen
— diese alten Herren schienen selbst in der vollen Straße von
London jeden instinktiv herauszufinden, der Hilfe benötigte.
Überhaupt, sollte ich in einem Wort sagen, was mich am
allermeisten in England frappiert, es ist die allgemeine
stete H ö f l i c h k e i t, die wirkliche
Courtoisie; keine Hutabnehmerei und Kriecherei, aber Dienstfertigkeit,
wirkliches Entgegenkommen, sowie solches gesucht und gewünscht
wird.
E i n e Sehnsucht bleibt mir — die, einmal
einem der Unsrigen die Hand zu drücken. Dächte ich, daß
Fürst Hohenlohe meinen Namen noch kennt, ich hätte es gewagt,
ihm meine Aufwartung zu machen, bloß um von Bayreuth und von
Ihnen sprechen zu können. Mir ist, als müßte mein Herz
vor Heimweh nach Bayreuther Atmosphäre zerspringen! — Es bliebe
mir der gute Ashton Ellis! aber — aber ach! das ist ein trauriges
Kapitel. Jetzt erst habe ich seine Arbeit als Übersetzer
untersucht und halte sie für eine wahre Kalamität. Heute habe
ich nicht Zeit; nächstens schreibe ich Ihnen darüber, denn
möglicherweise könnte man dieser Massenproduktion mit
Dampfeile einen Hemmschuh anlegen. Heute habe ich meine Netze nach Lord
Dysart, dem Besitzer der Praeger-Briefe, auszulegen begonnen; meine
Tante, Lady Chamberlain, kennt seine Frau. Auch auf den Brief an Eduard
Roeckel fahnde ich, ohne große Hoffnung jedoch.
In großer Eile, aber in täglichem,
stündlichem Gedenken Ihrer und aller Ihrigen Ihr in Ehrfurcht
ergebener
Houston S. Chamberlain.
354-355
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
V
illa
Cargnacco, 8/10/93.
Ich habe mich herzlich gefreut, von den Ihrigen
durch Sie, mein Freund, zu hören, und danke Ihnen, dafür Zeit
gefunden zu haben, mir ein Bild von Ihrer Umgebung zu zeichnen.
Wir könnten wohl an keinen entgegengesetzter en
Punkten weilen! Hier hat Preller seine Landschaften zu der Odyssee
entworfen, und Böcklin holte das Motiv zu seiner Insel der Seligen
von einem Eiland, welches uns gegenüber auf dem See ruht. Auch
blüht hier das Jelängerjelieber wieder, und Friede und
Heiterkeit bringen das Paradies uns in den Sinn. Es hält schwer,
hier an die Schlechtigkeit der Menschen zu denken, und doch muß
ich mich täglich mit ihr befassen! Ich lege zwei Dinge bei, die
Sie unterrichten werden. Das e r s t e betrifft den
Festbau in München [das
Prinzregententheater], von welchem es heißt, daß die
Gelder für ihn zusammenkommen. Das z w e i t e,
ein Aufsatz, von welchem ich dachte, es wäre gut, ihn zu
veröffentlichen. Allein der Umstand, daß sie den „Lohengrin“
jetzt fürs nächste Frühjahr ankündigen und die
ganze Arbeit, die ich mit Dekorateur, Kostumier und Regisseur
gemacht, v o r Bayreuth verwerten wollen, zwingt
mich zu schweigen, und ich habe nur Herrn Possart ernstlich gemahnt,
dieses nicht leicht zu bezeichnende Vorhaben aufzugeben.
Unterdessen sieht Adolf [von Groß], wie wir
„Parsifal“ noch schützen können. Ich denke wohl, daß
wir durchkommen; aber wir machen einen der schwersten Augenblicke in
unserer Sache durch.
Dürfte ich Sie nun, Freund, bitten, sei es
durch Ashton Ellis oder durch irgend jemanden, in die englischen
Zeitungen eine Notiz bringen zu lassen, daß die Festspiele immer
in Bayreuth stattfinden, daß dieselben mit den Münchener
Aufführungen n i c h t s gemein haben, und
daß die daraufhin zirkulierenden Gerüchte irrig seien.
Es sind nämlich verschiedenerlei Anfragen
hierüber aus England an uns gelangt. Und da man mit Willen in
München jetzt den Festbau besprechen lassen wird, um die Meinung
zu verbreiten, Bayreuth sei zu Ende, so ist solch eine einfache Notiz
vonnöten.
Daß die Übersetzung von A. Ellis nicht
treu, ist seht traurig. Ach Gott! Gräfin Wolkenstein war hier,
empört über die Schlechtigkeit der Münchener
Aufführung, und hat mich gut unterrichtet über die dortige
Allianz. Ich denke: „noch lebt der alte Gott“, und wenn auch die
Franzosen gegen die Wahl des „Lohengrin“ sprechen, kommen würden
sie doch, sagen sie.
Nun leben Sie wohl, mein Freund, und seien Sie von
uns allen herzlichst gegrüßt.
Wäre Parsifal und seine Geschwister nicht, mir
graute vor dem Norden! C. W.
356-358
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
21.
Oktober 1893. Duart, Isle of Mull.
Eine für meine ganzen Anlagen und für mein
ganzes Wesen äußerst anstrengende Zeit mache ich durch; ich
hoffe, meine Kräfte werden 14 Tage noch aushalten, damit ich
wenigstens die Befriedigung habe, mein ganzes Programm ausgeführt
zu sehen; zu irgend etwas außerhalb desselben kann ich fast gar
nicht kommen, darum schreibe ich auch heute, hochverehrte Meisterin,
wenig und bleibe an der Oberfläche.
Was für haarsträubende Fragen an mich
gestellt werden, können Sie sich gar nicht vorstellen; es ist
unmöglich. Daß Sie Bayreuth gewählt haben, weil es ein „centre of traffic“ ist, bezweifelt
niemand; eine stehende Frage ist: „How
much money do they make out of it?“; — dann „which do you prefer?“ — und als
neulich ein gebildeter, bescheidener, junger Mann, der in Deutschland
gelebt hatte, mit größter Seelenruhe erzählte,
daß er in Stuttgart „Parsifal“ öfters in der Oper gesehen
hatte, und daß er „didn't care
for it so much“, wozu ich schwieg, mit der Absicht, zu
beobachten, ob eine der um den Tisch sitzenden ausgeschnittenen
Kennerinnen oder einer der in hohen Kragen und weißen Krawatten
pontifizierenden Dilettanten etwas einwenden würde, was aber nicht
geschah, da alles in der Rede des Jünglings allen richtig erschien
— da merkte ich, wie wenig ernst man in gewissen Dingen diese Leute
nehmen muß. Jeder Jude wird sie irreführen können —
allerdings; nicht aber, wenn Sie durch klare Annoncen schwarz auf
weiß ihn immer wieder an Bayreuth erinnern; denn da können
Sie ruhig sein, er wird zu Ihnen kommen, „because it's more gentlemanlike“.
Höchstens fügen Sie hinzu: „Ne
pas confondre avec la maison du coin.“ Falls meine Dienste
erwünscht sind, bin ich gern bereit, cela va sans dire, Herrn von
Groß bei dem Entwurf einer derartigen Anzeige behilflich zu sein.
Apropos „gentlemanlike“;
gestern abend — wir waren zahlreicher wie gewöhnlich, da mehrere
Gäste wegen des Wetters nicht hatten abreisen können — war
von Lohengrin, dem Ritter, die Rede; es wurden „ästhetische“
Betrachtungen angestellt; mein schottischer Onkel aber — ein
großer Freund von Musik, erklärter Feind aber von allen
Theorien, Ästhetik etc. — unterbrach sie ziemlich ungeduldig: „Well, the long and the short of it all is
— Lohengrin was a r e a l gentleman!“
Rührend war mir die Entdeckung, daß —
währenddessen die angeblichen „Kenner“ unter meinen Verwandten
kein Verständnis zeigen, mein guter alter Onkel Sir Neville, der
von Kunst gar nichts versteht, gerade für die Bayreuther Werke
schwärmt und sicherlich nach Bayreuth kommen wird. Seine
Beschreibung der Werke ist höchst komisch; „Tannhäuser“ z. B.
ist „the opera when there are a lot
of girls at the beginning!“ usw.! Er hat nämlich keine
blasse Ahnung, was eigentlich vorgeht. Aber die Musik und das Singen
entzückt den alten Kriegsmann: „You
know. I can't understand learned music what they play in concerts;
but w i t h W a g n e r a l
l i s s o s i m p e l (!),
it goes straight to ones heart.“ Ach Gott, die weisen, alten
Inder: „Nicht der, der das Höchste versteht, sondern der
es n i c h t v e r s t e h t, der
versteht es!“
Denken Sie, ich habe den alten Eduard Roeckel
entdeckt, er lebt noch in Bath; er hat mir eine authentische Abschrift
des Briefes [Richard Wagners]
an ihn aus Zürich vom 15. März 1851 geschickt, über den
soviel im vergangenen Jahr geredet wurde; Praeger hatte ihn bedeutend
gefälscht. Ich hoffe, Roeckel nächste Woche zu besuchen; ich
möchte sehen, ob der Brief nicht vielleicht zu kaufen wäre.
Lord Dysart, anderseits, hat mir Einsicht in seine
Sammlung der Briefe [Richard
Wagners] an Praeger versprochen; ich hoffe, er wird mir
erlauben, sie abzuschreiben. Ich werde nächste Woche 2 bis 3 Tage
sein Gast sein, auf seinem Schlosse Buckminster (in der Nähe von
Grantham). Bis jetzt hat er es verweigert, die Briefe irgend jemandem
zu zeigen; es gelang mir aber durch meine Tante, Lady Chamberlain, eine
Attacke von der weiblichen Seite auszuführen, mit besagtem Erfolg.
Wie tief betrübt Ihr letzter Brief mich hat,
brauche ich kaum zu sagen. Ich wußte von jenen
Niederträchtigkeiten, hatte aber gehofft, daß man Sie
würde ganz und gar verschonen können: denn an ein Gelingen
jener Pläne glaube ich gar nicht, nicht einmal an ihren Ernst; das
Ganze halte ich für einen Erpressungsversuch. Und sollte selbst
das Schlimmste geschehen; sollte Klingsor die Hand auf „der
Zeugengüter höchstes Wundergut“ legen, ich habe die
unerschütterliche Überzeugung, daß auch diese Missetat
zum Ruhm und Heil von Bayreuth beitragen würde. — Ich möchte
einen kleinen Bläserchor von Posaunen und Trompeten engagieren,
stets in Ihrer Nähe versteckt halten; und sowie die Menschen zu
Ihnen von diesen Geschichten zu reden begännen — und wären es
selbst hoch adelige —‚ ich ließe das Glaubensthema derartig
herausschmettern, daß Sie kein einziges Wort vernehmen sollten!
Doch, ich komme ins Schwatzen — draußen weht
der Sturm und heult die Kamine hinunter; mehrere Schiffe haben Zuflucht
in unserer Bucht gesucht. Der Butler bringt soeben das heiße
Wasser, den Frack und die Abendstiefel und mahnt: „It's time to dress for dinner, Sir!“
Das Herz sehnt sich hinweg — ach! wenn es nur wüßte,
daß dort in der frei erkorenen, einzig wahren Heimat seine
„Meisterin“, durch hohen Wall und tiefe Gräben vor aller
Gemeinheit geschützt, ungehindert und einzig ihrem hohen,
königlichen Beruf leben könnte! — Das gebe Gott!
In Ehrfurcht und Treue Ihr
Houston S. Chambenlain.
358
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
26/10/93.
Buckminster, Colsterworth. Grantham.
Herzlichen Dank für Ihre Zeilen, hochverehrte
Meisterin. — Von den 34 Briefen an Praeger besitzt Lord D. nur 20;
diese habe ich nach den Originalen wörtlich abgeschrieben; nur bei
den Bestellungen
betreffs des Shakespeare habe ich einiges ausgelassen, da ich
nämlich wegen der vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen, die
ein solcher Aufenthalt
unabweislich auferlegt, die beiden Nächte zum Abschreiben benutzen
mußte und vorige Nacht dann doch à bout de forces war.
Das Resultat ist natürlich das von mir
erwartete: es dürfte kaum eine Zeile stimmen. Leider sind aber
gerade die 14 fehlenden Briefe mir die wichtigsten! Was ist aus ihnen
geworden? Wenn sie nicht schon längst etwa gestohlen sein sollten,
hoffe ich ihnen auf die Spur zu kommen. Zum Glück weiß kein
Mensch etwas von meinem Aufsatz hier, und ich sage zu allen: Oh yes! Oh no! Oh, you don't say so!
etc. — Wer mich nicht hier für einen Narren hält, muß
selber einen sein.
In Ehrfurcht und treuester Ergebenheit Ihr
Houston S. Chamberlain.
358-359
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Gardone,
28/10/93.
Ich danke Ihnen herzlich, mein Freund, für
Ihren Brief, den ich gestern abend, den 27sten, erhielt.
Ich stelle Sie mir und Ihre Stimmung sehr gut
inmitten der zahlreichen englischen Familie vor. „Wie es auch sei, das
Leben, es ist gut“, das kann man von Erfahrungen, wie Sie jetzt eine
machen, glaube ich, sagen. — „The
real gentleman!“ Wenn Ihr Onkel gesagt hätte „an ideal gentleman“, so hätte
man sich verständigen können; aber so ist der kühnen und
bündigen Auffassung nicht zu folgen. Daß Sie sich aber, bei
aller Verwandtschaft, fremd fühlen, und daß Sie selbst das
Ungünstige im Leben begrüßen müssen, da es Sie zu
sich führte, b e g r e i f e ich. Es wird
halt der Teufel mit Beelzebub vertrieben!
Ein Buch, welches uns viel über die
eigentümlichen Wirren bes Lebens sagt, wenn man es zu lesen
verstehe, ist „Wilhelm Meister“, an dem ich jetzt eine beinahe nicht
gekannte Freude hatte. Es wird ewig zu bewundern sein, wie der Dichter
alle Kreuz- und Querzüge, innen und außen, wiedergibt und
dabei Künstler bleibt. Eine große Wehmut ist im Grunde, und
eine unbeschreibliche Heiterkeit (gewaltsam nur durch ein tragisches
Opfer gestört) auf der Oberfläche.
Wenn Sie über Paris gehen, wollen Sie gern
meine Stiefschwester [Marquise
Claire de Charnacé, geb. Komtesse d'Agoult] dort und
meinen Neffen Ollivier sehen? Meine Schwester ist ein seltenes Wesen an
Geist, Empfindung und Art.
Nun aber leben Sie wohl, mein Freund, und haben Dank
für Ihre schönen, lieben Worte. Über den „Weinbauer“ [Schauspiel von H. S. Chamberlain,
„Drei Bühnendichtungen“, München 1902] will ich
eingehend und à tête
reposée von Bayreuth aus Ihnen schreiben. Am liebsten
sprechen, bei meinem jetzigen, etwas defekten Zustand. Kämen Sie
nicht auf der Heimreise? Siegfried könnte Ihnen etwas Schönes
singen und geigen?
C. W.
359-360
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Cargnacco,
30/10/93.
Wie soll ich Ihnen, mein Freund, für die
Mühewaltung der Abschrift der Briefe danken! Bitte, nehmen Sie
fürlieb mit wenigen Worten, da ich wirklich gar nicht sehr wohl
bin, und trauen Sie der Tiefe meinen Empfindung für solch eine
Wohltat.
Meinen Sie nicht, diese authentischen Briefe
Wolzogen
zur Publikation und gegenüber die gefälschten zu
geben, und zugleich hinzuzufügen, aus welchem Stamm Praeger kam,
und daß der unbegreifliche Vorgang wohl nur als Racheakt gegen
die Broschüre [Richard
Wagner, „Das Judentum in der Musik“] zu erklären ist?
Welcher Racheakt fortfährt, gegen Bayreuth sich zu vollziehen!
Vielleicht verkehren Sie mit Wolzogen darüber, ob er das Ganze
sagte, wenn Sie es Ihrer Schrift nicht beifügen wollten.
Meiner Schwester kündigte ich Sie an.
Hoffentlich erlaubt es Ihre Zeit.
Herzlichste Grüße, und v i e
l e n, v i e l e n Dank. C. W.
*
360-363
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wien,
15. Nov. 1893.
Die Götter Schienen mir die Heimkehr wirklich
möglichst erschweren zu wollen, hochverehrte Meisterin, denn
infolge einer Entgleisung trafen wir Orientexpreßler mit starker
Verspätung in Wien ein; in Wien eingetroffen, und zwar sehr, sehr extenué und à bout de forces nach sieben
Wochen ununterbrochenen Herumreisens und Komödienspielens, sollte
ich die ersehnte Ruhe auch nicht finden: unsere Stockholmer Bayreuther,
Herr und Frau Vult von Steyern, waren soeben auf 4—5 Tage hier
eingetroffen, wo ich Tropf auf einige Tage gänzlicher
Abgeschiedenheit, mit X. Band, etwas Schopenhauer-„Picotiren“,
Chandogya-Upanishad und Ästhetischer Erziehung [Schillers „Briefe über die
ästhetische Erziehung des Menschen“] gehofft hatte,
bloß um meine — wohl hoffentlich doch in diesen Räumen
zurückgebliebene Seele wiederzufinden!
Meine Frau hatte auch einen langen Brief indessen
von Ihnen bekommen und Bilden von Ihren Hunden, die mich sehr
interessierten — es sind Prachtkerle —‚ und Brehms Tierleben, das mich
nur sehr teilweise befriedigte. Ihr Brehm und die große
Unvollkommenheit seiner Aufgabe hat meine Instinkte von Tristram
Shandys Vater — das Bedürfnis nach klaren Theorien und Einsichten
— geweckt, und ich möchte Ihnen einiges kurz zusammengefaßt
mitteilen, worüber, wie mir scheint, Ihre Vorstellungen auch nicht
so ganz sonnenklar sind.
Eine a u ß e r o r d e n t l i c h
e Rasse (und die königlichen Hunde, die Sie
besaßen, sind gewiß als solche zu bezeichnen) entsteht
immer n u r d u r c h M i s c h u n
g. Eine reine Naturrasse gibt nie Außerordentliches; das
Wesentliche einer r e i n e n Naturrasse ist ihre
genaue Anpassung an ihre Umgebung, d. h. also, Harmonie mit derselben,
nicht deren
Überragung. Diese Behauptung widerspricht gewissen beliebten
Lehren von „reinen Rassen“, ist aber der Ausdruck eines Naturgesetzes.
— Ebenso wie solche phänomenale Denker wie Kant und Schopenhauer
nur durch glückliche Mischung entstehen konnten, ebenso
können außergewöhnliche Tiere nur durch (hier noch dazu
zielbewußte) Kreuzung entstehen, Wiederum bei den Menschen: Der
wirklich große Mann ist entweder kinderlos, oder sein Stamm
stirbt aus in einer, höchstens zwei Generationen; Sie werden wohl
schwerlich ein einziges Beispiel des Gegenteils anführen
können.
Die von Ihnen als „echte Neufundländer“
bezeichnete Rasse ist also unzweifelhaft das Resultat einer Kreuzung,
und zwar höchstwahrscheinlich mehrfacher Kreuzung. Hieraus folgt
die Schwierigkeit, die Rasse zu erhalten. Hieraus folgt aber auch,
daß man jeden Augenblick die Rasse von neuem züchten
könnte.
Die R e i n h e i t einer Rasse
ist immer erst das Sekundäre; das Primäre, dasjenige, welches
der Zuchtwahl die Grundlage zu großen Erfolgen bietet, ist nicht
Reinheit des Blutes, sondern im Gegenteil Kreuzung. Und diese Einsicht
ist eine sehr wichtige. Denn, wenn ich mich nicht irre, hat Gobineau
eine Irrlehre von „reinem Blut“ aufgestellt, oder er ist
mißverstanden worden, denn es spuken unter uns Vorstellungen
herum, die, glaube ich, ganz aus der Luft gegriffen sind und aus einem
unentwirrbaren Gemenge von Richtigem und Falschem bestehen. Man scheint
sich vorzustellen, eine „reine Rasse“ wäre einmal vom Himmel
heruntergefallen und degeneriere jetzt progressiv und unrettbar durch
Mischung usw. — währenddessen die Natur uns lehrt, daß sog.
„reine Rassen“ immer erst gezüchtet werden müssen und jeden
Augenblick wieder gezüchtet werden können, und daß
Kreuzung (allerdings nicht jede, aber die richtige) den besten Boden
für diese Zucht abgibt. Schopenhauer, der große
Neufundländer unter den Denkern, hat das gewußt und gelehrt,
indem er die edelste Menschenrasse aus den schwächsten Menschen,
aus den schönen Weltgegenden vertrieben, im Kampfe gegen die Natur
herangezüchtet hervorgehen läßt. Und ich habe mich oft
der Empfindung nicht erwehren können, daß über einige
Ausführungen im X. Bande [der
Ges. Schr. R. Wagners] der Schatten der Gobineauschen Lehren wie
eine dunkle Wolke liegt, so daß, wo der große Schopenhauer
wieder wie die Mittagssonne hervorbricht — z. B. gegen Schluß von
„Heldentum und Christentum“ —‚ er nicht mehr zu seinem Recht kommt und
der Gedankengang nicht mehr klar ist —‚ vielleicht nicht von 1 Menschen
in 10 000 verfolgt werden kann. Es wird zwar ganz deutlich gesagt:
daß die Annahme einer Entartung die einzige ist, die
zu e i n e r b e g r ü n d e t e
n H o f f n u n g führe; das Hauptgewicht wird
aber — in Gobineauscher Art — auf die Entartung gelegt, so daß
wohl manchem Leser nicht klar wird, woher die Hoffnung kommen soll. —
Die Einsicht, daß die „Göttersöhne“ aus „Hörigen“
gezüchtet wurden, daß die Entartung nur die Kehrseite einer
erst allmählich und langsam erfolgten, früheren Entwicklung
ist, das ist ja die eigentliche und wahre G r u n d l a g e
zu jedem Hoffen; denn ein Kampf auf Leben und Tod wird
neuerdings die Bedingungen zu einer strengen und erfolgreichen
Zuchtwahl geben, währenddessen Vegetarianismus, Temperenz etc.
alles nur konkomittierende Elemente der Zucht sind. — So wenigstens
lehrt Schopenhauer, und die Geschichte des Neufundländers scheint
mir eine schöne und überzeugende Illustration seiner Lehre
abzugeben.
— — — —
Es hat mich innig gefreut, die Marquise de
Charnacé kennenzulernen. Sie kennt unseren Namen seit vielen
Jahren, denn sie lebte früher Avenue de St. Cloud, Nr. 50. in dem
Hause neben meiner Großmutter, Lady Chamberlain! Sie hat auch
meine in Versailles noch lebende Tante in Gesellschaft getroffen. Es
war eine schöne, unvergeßliche Stunde, die ich bei ihr
zubrachte.
Ein kurzer Besuch bei dem alten Dichter
Stéphane Mallarmé gewährte mir einen hohen
Genuß. Er hat wenig geschrieben, aber es weht etwas so Tiefes, so
Ur-poetisches durch seine Gedichte, vergleichbar gewissen alten
griechischen Lyrikern, daß ich schon lange mich sehnte, diesen
einen Mann zu sehen. In seinen kleinen Kammer, au 4me, saß er eingekeilt
zwischen Bett, Feuer und Tisch, trotz der Hitze noch einen Schal auf
seinen Schultern; ich empfand lebhaft das seltene Gefühl, vor dem
wirklich B e d e u t e n d e n zu stehen. Das Auge,
die Stimme, die Bewegungen — bei absoluter Einfachheit und Herzlichkeit
etwas Königliches; auf einem anderen Planet, unter der geringsten
Verschiebung unserer sublunären Verhältnisse, hätte
dieser Mann zu den ganz Großen gehören können; so aber
liegt auf seinem Antlitz ein Ehrfurcht gebietender Stolz der Entsagung.
Er erinnert an sein eigenes Gedicht von dem eingefrorenen Schwan:
Magnifique
mais qui sans espoir se délivre
P o u
r n' a v o i
r p a s c h a n t é l
a r é g i o n o ù v i v r e
Quand du
stérile hiver a
resplendi l'ennui.
Die Bayreuther Kunst ist für ihn „l'art
suprême“. Nach Bayreuth konnte er und kann er nicht gehen;
in ein anderes Theater, um die Bayreuther Werke zu sehen, w
i l l er nicht; er hört die Musik bei Lamoureux —
sie sagt
ihm „la région où vivre“,
und dann kehrt er in seine Mansarde zurück und träumt sich
die Werke in nie erreichbaren Vollkommenheit! — Über die
Borniertheit der Franzosen „Tannhäuser“ gegenüber und ihre
lächerliche Petition, meinte er, sehr irritiert, „c'est que les français ont perdu
l'instinct de la perfection“. Eines aber haben die Franzosen
nicht verloren, die Fähigkeit, zwischen einer guten und einer
schlechten Aufführung zu unterscheiden. Wohin ich in Paris kam,
wurde auf die Münchener Aufführungen geschimpft.
Über W. A. Ellis' Übersetzungen muß
ich ein anderes Mal mit Ihnen sprechen. Ich habe nicht gemeint, was Sie
voraussetzen, sie seien „nicht treu“; sie sind aber n i c h
t e n g l i s c h. Kein Engländer, der Deutsch
nicht kann, versteht diesen Ellisschen Stil. Bezüglich der Treue
ist übrigens Ellis dem Worte wohl treu, allzu treu, dem Sinne aber
durchaus nicht.
Mit 1000 Grüßen an Ihre Kinder Ihr in
Ehrfurcht und Treue ergebener
Houston S. Chamberlain.
363-364
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth,
18. Nov. 93.
Wie recht und billig, zuerst der Hund:
Ich unterschreibe alles, was Sie über die Hunde
sagen; ich habe von je gewußt, daß die Neufundländer
von den Bernhardinern abstammen.
Über Gobineau einmal mündlich. Sie
müßten aber doch das Buch selbst lesen. Freilich ist
Kreuzung nötig, aber welche? Hierauf kommt alles an.
Recht angenehm war mir, was Sie von den Franzosen
mir meldeten. Sie haben recht: ihr unzweifelhaftes Verhältnis zur
Form gibt ihnen noch immer das Recht, in Dingen der Kultur mitzureden.
Einen Band Gedichte von Mallarmé hatte ich
einmal in Händen. Ich habe ein gewisses Vorurteil gegen
französische Lyrik, weil ich nicht finde, daß die Sprache
sich dafür eignet. Daher sah ich nicht genau genug hin; ich
bedaure es.
Mottl
geht im hoffnungsreichen Monat März nach
Paris, um 6 Konzerte zu dirigieren. Da wird Ihr Freund eine Freude
haben.
Wie hübsch, daß meine Schwester Nachbarin
der Ihrigen war! Es freut mich sehr, daß Sie sie besucht haben.
Ich hoffe, sie wiederzusehen, wünsche es sehr, da sie in einem
bestimmten Sinne ihresgleichen nicht hat, und nun sind es 30 Jahre her,
daß ich sie nicht sah.
Wenn ich denke, daß wir Sie schon im Jahre
1879 hätten kennenlernen können und Sie höchstvermutlich
mit uns wie Stein, Gobineau, Joukowsky, Humperdinck
hätten leben
und reisen können, so kann mich Wut erfüllen.
Nun sehen wir uns vielleicht doch noch in diesem
Jahre; sind Sie in Leipzig oder Berlin, dann kämen Sie doch
hierher. Ich muß leider hier hocken, bis Schweninger
mich
flottgemacht hat. Wir besprächen dann allerhand.
Goethe sagt: „Was ist ein Philister?: Ein hohler
Darm, mit Furcht und Hoffnung angefüllt, daß Gott erbarm'.“
Demnach wäre der rechte Mann (gekreuzt oder nicht!) mit Mut und
Verzweiflung erfüllt. Und so mein Abschiedsgruß, so herzlich
wie nur denkbar. C. W.
364-365
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Blümelgasse
I, Wien, den 24. November 1893.
Herzlichsten Dank für Ihren Brief vom 18ten
November, hochverehrte Meisterin. Mit innigster Freude habe ich von
Schweningers
Beförderung gehört; er wird es wohl verstehen,
sich Gehorsam zu erzwingen? Hoffentlich ist der gute Mann sich
bewußt, welches Leben und welches Weltenschicksal nunmehr in
seinen Händen ruht, und er wird verstehen, daß Friedrichsruh
von nun an erst seine z w e i t e Sorge zu sein hat?
— — — —
Ja! Anfang 79 war ich
gänzlich frei. Ich suchte noch meine Richtung und war, da die
Regelung von meines Vaters Nachlasse ¹) soeben beendet,
vollständig
Herr meiner Entschlüsse. Vielleicht hat Wolzogens
Brief ²) nicht
unwesentlich dazu beigetragen, daß ich dann, im Mai jenes Jahres,
den ganz plötzlichen Entschluß faßte, mich dem harten
Studium der Naturwissenschaften zu widmen, zu welchem Zwecke ich dann
auch die Genfer Universität bezog. Denn ohne daß ich das
Geringste „wußte“, erfüllte mich doch damals die Bayreuther
Kunst ebensosehr wie jetzt, und noch dazu mit jener
schwärmerischen Innigkeit, welche die Jugend und das nur Geahnte
verleihen. Und ich entsinne mich, daß Wolzogens Diktum im
Jahrgang 79, pag. 8: „...so kann denn n u r d e r
D e u t s c h e wirklich dazu gelangen, die Eigenart
unserer Bestrebungen und ihrer Ziele ganz zu begreifen“ — auf mich
einen herzzerreißend tiefen Eindruck gemacht hat; denn dieser
Satz war ja ganz speziell auf m i c h gemünzt,
und wenige Tage vor dem Erscheinen jener Nummer hatte ich die Ihnen
bekannte briefliche Versicherung bekommen, alles, was in den
„Bayreuther Blättern“ stehe, sei „inspiriert!“ — Mit einer solchen
Wut versenkte ich mich in meine naturwissenschaftlichen Studien,
daß ich bereits Herbst 81 in s ä m t l i c h e n
Naturwissenschaften z u g l e i c h und mit
gutem Erfolg bestand! Dagegen schnitt ich die „B. Bl.“ niemals auch nun
auf und habe erst viele Jahre später „Religion und Kunst“ und die
übrigen Schätze, die diese Hefte bargen, überhaupt
kennengelernt. — Das könnte man „die Geschichte eines Wortes“
nennen. Was eine solche Geschichte birgt, ist unaussprechlich,
Schönaich war neulich hier; er hatte soviel
Schönes und Bedeutendes zu erzählen von dem, was er über
Siegfrieds Dirigieren gehört! — Mime liegt im Sterben!
In Treue und Ehrfurcht Ihn
Houston S. Chamberlain.
—————
¹) Chamberlain's father, Rear-Admiral William
Charles Chamberlain, had died February 27th, 1878.
²) Hans von Wolzogen, editor of the Bayreuther Blätter, had
rejected Chamberlain's first Wagner-essay. See Lebenswege meines Denkens, p. 218.
365-366
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wien,
11. Dez. 93.
Geehrtes, liebes Fräulein [Eva Wagner]!
Wie gut, wie wirklich gut und freundlich von Ihnen,
mir über Leipzig [Konzert
Siegfried Wagners im Liszt-Verein] zu berichten! Tausend Dank!
Ihre Bemühung in solch einem Augenblick, die Tatsache, daß
Sie meiner gedachten, hat mich gerührt und beglückt.
Der Applaus der vielköpfigen Menge macht mir —
an und für sich — vielleicht fast ebensowenig Eindruck, wie er
gewiß Siegfried selber neben der wahren Bedeutung jener Stunde
als ein Geringes erschien. Wer weiß, welch violinspielendes
Wickelwunder dieselben Leute seitdem dort beklatscht haben? Der Erfolg
ist aber in diesem Fall doch sehr wichtig, glaube ich, denn gewiß
trägt Ihr Bruder alles, was er werden kann, i
n s i c h, was von außen hinzukommen wird, an
Erfahrung usw., ist sicherlich gering im Vergleich zu den eingeborenen
Kraft, weIche einzig Luft unb Licht bedarf, um sich voll zu entwickeln.
Widerspruch und Opposition könnten den Raum verengen, die
Entwicklung hemmen, vielleicht sogar reizen und dadurch verunstalten —
währenddessen es Siegfrieds Bestimmung ist, eine vollkommen
abgerundete, in sich geschlossene, harmonische Erscheinung zu sein, die
wie ein Tropfen Öl auf einem Wassergefäß unberührt
die Welt durchschreitet. — Daß die guten Leipziger diese
Konzentration nach innen nicht gestört haben, das sei ihnen hoch
angerechnet; davon zu erfahren, hat mich hoch beglückt — und zu
guter Letzt gratuliere ich also doch Ihrem Bruder von Herzen zu seinem
„Erfolg“.
Der Kufferathsche „Guide
Musical“ bringt eine begeisterte Schilderung heute, sagt, man
hätte die Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer“ noch
niemals so gehört; und soeben unterbricht mich mein guter Antropp
mit einem Bericht aus Dresden, von Arthur Seidl —
der aber mehr nach
unserem grauen Prießnitzumschlag, trotz allen Lobes, ausschaut.
Also, noch einmal, danke! Meinen ehrfurchtsvollen
Gruß an Ihre Frau Mutter, deren tiefes Glück für uns
alle einen warmen, versöhnenden Sonnenstrahl in dieser
häßlichen, schmutzigen Welt bedeutet — der Schweninger
wird
sich einbilden, er hat sie kuriert, wo es in Wirklichkeit Siegfried mit
seinem Zauberstabe tat!
Ihnen, Ihrer Schwester und dem jungen Helden noch
einen herzlichen Gruß! — Ihr ergebenen
Houston S. Chamberlain.
366-367
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
16.
Dez. 93. Wien.
Sie werden verstehen und es billigen, hochverehrte
Meisterin, wenn ich Ihnen sage, daß ich meinen Jesuiten [Père Hébert]
nicht gern locker lasse. Mein Besuch im Collège Fénelon hat
mir einen großen Eindruck gemacht; mündlich mehr
darüber; diese Leute haben einen gewaltigen Einfluß. Und es
hat mich wirklich gefreut, in dem Studierzimmer des Professors der
Philosophie einer solchen Anstalt durch die Bilder an der Wand und die
Bücher auf dem Tisch darüber belehrt zu werden, welcher Geist
hier seinen Zutritt erzwungen hat. Aber — der gute Mann bringt mich oft
in Verzweiflung. Er schickt mir einen Fragebogen nach dem anderen, und
oft würde die richtige Beantwortung einer einzigen dieser Fragen
eine ganze Abhandlung erfordern.
Heute schreiben mir auch die Grazer. Für meinen
dortigen Vortrag im Februar haben sie sich aus dem ihnen von mir
Vorgeschlagenen die „Schematische Lebensübersicht“
ausgewählt; ich möge aber „die Lektion, welche den Deutschen
am Schluß verdientermaßen gegeben werden soll,
z u r V e r m e i d u n g v o n M i
ß v e r s t ä n d n i s s e n m ö g l i c h
s t e i n s c h r ä n k e n“! Da haben Sie
die Deutschen! So ein feiges Lumpenpack! Und dann diese Blödheit:
um Mißverständnisse zu vermeiden, soll ich unklar sein! Und
weiter heißt es: „Die Darlegung der großen
Lebenstragödie wird von selbst den entsprechenden Vorwurf in sich
schließen...“; das Schicksal eines Helden wird aber erst dadurch
tragisch, daß seine Umgebung weder mit Herz, noch mit Hirn an ihn
heranreicht; male ich die Niederträchtigkeit der Umgebung nicht,
so gibt es keine Tragödie und vor allem auch keine Moral, keine
Lehre und keine Pflicht. Als ich in England in der Schule war, bekam
ein Junge eine sehr schwere körperliche Züchtigung (für
Diebstahl); nach englischer Sitte stand er ganz frei: — bei dem ersten
Hiebe sprang er aber davon, worauf der Lehrer mit ernster Stimme
sprach: „Don't add cowardice to your
other sins, Sir!“ — und er beschämt zurückkam und
bewegungslos die verdiente Strafe ertrug.
In Ehrfurcht Ihr H. S. C.
367-368
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wahnfried,
d. 17. Dez. 93. Abends.
Siegfrieds Konzert findet in Berlin am 29sten statt.
Der Wagnerverein gibt dieses Konzert im Saale der Philharmonie.
Aufgeführt wird: von den „Feen“ bis zum „Tannhäuser“ und
dazwischen; „Idyll“ und 5 Gedichte. Üben den „Erfolg“ verstehen
wir uns ganz, und daß, wenn er einem Wesen wie Siegfried gilt,
man das Gefühl des Glückes auf Erden erhält. In der Tat
ist sein Talent wie sein Wesen: breit, einfach, feurig und bestimmt.
Ich höre, daß Sie uns Frauen schlecht
machen, und unseren herrlichen Dichter obenein! [Vgl. den Brief vom 19. 12. 1893.] Tut nichts; jedem Manne
wird man es doch bis ans Ende der Welt ansehen, ob er bei edlen Frauen
anfrug oder nicht; und die erhabene Gestalt der Jungfrau-Mutter wird,
solange es einen Dichter oder Künstler gibt, vor diesem, durch
Goethes entzücktes Auge, sich offenbaren. — Nichts für ungut,
mein Freund, es wäre traurig, wenn man Frau sein müßte,
um nachzuempfinden, was der Dichter in dem Wesen Leonores sowohl als in
der Doppelerscheinung der liebenden, unschuldigen Sünderin und der
Unbefleckten uns Frauen für einen unsäglichen Trost und
unaussprechliche Erhebung gespendet hat.
*
Wie geht es Mime [dem erkrankten Hund Ch.s]?
Albi [Siegfried Wagners Pudel]
kam lahm heim, vollständig als Don Quichotte, er erholt sich aber
und wird nicht so bald auf Abenteuer gehen.
Recht gutes Weihnachtsfest Ihnen und Ihrer lieben
Frau, und die herzlichsten Grüße!
C. W.
368
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wien,
18. Dez. 93.
Geehrtes,
liebes Fräulein [Eva
Wagner]!
Einliegend
meine ursprüngliche Abschrift der Briefe des Meisters an
Ferdinand Praeger. Schöneres kann ich Ihrer Frau Mutter nicht auf
den
Weihnachtstisch legen; darf ich Sie bitten, das in meinem Namen zu tun?
Sie werden gewiß diese Briefe als eine besondere Feier vorlesen —
sie enthalten h e r r l i c h e, e w i g
s c h ö n e Worte.
Die letzten Briefe weisen Lücken auf. In der
zweiten Nacht nämlich
(in der ersten hatte ich buchstäblich kein Auge geschlossen, nach
langer Reise und sehr anstrengendem Tage), da bekam ich einen fast
bedenklichen Blutandrang zum Kopfe, ich war physisch unfähig mehr
als
noch eine bestimmte Arbeit zu leisten, und da entschloß ich mich,
das,
was sich auf die Shakespeare-Bestellung bezieht und was F. Praeger dem
Sinn nach genau wiedergegeben hat, auszulassen. Es ist bedauerlich,
aber ich hoffe, Sie werden finden, daß ich wenigstens dasjenige
richtig
traf, was einzig ausgelassen werden konnte, da die Welt diese
Angelegenheit überhaupt nichts angeht.
Möge Gott zum 24sten seinen Segen geben und
recht fühlbar im Hause Wahnfried seine Gegenwart offenbaren.
Von Herzen grüßt Ihr ergebener
Houston S. Chamberlain.
368-369
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wien,
19/12/93.
Meine kleine „pochade“
über Bosnien [„Bosnische
Bilder“ („Östdt.
Rundschau“, 2. 12. 93)] scheint, hochverehrte Meisterin, zu
einem argen
Mißverständnis Veranlassung gegeben zu haben. Ich glaube,
daß, wenn Sie selber das Ding gelesen hatten, Sie es nicht so
ernst genommen und auch den richtigen Zusammenhang herausgefunden
hätten.
Von unserem „Reiseunternehmer“ war ich nämlich
aufgefordert worden, ein Feuilleton für die „Neue Freie Presse“ zu
schreiben. Sie sehen mich als Mitarbeiter des Organs der „Alliance
Israëlite“, nicht wahr? Der Auftrag begeisterte mich zu einer Art
Satire auf den jüdischen Feuilleton-stil, mit seinen t
i e f e n Bemerkungen, seinem p i k a n t e n
Gewürz und seiner falschen S e n t i m e n t a l i t
ä t. Auf die Zurechtweisung Goethes tat ich mir ganz
speziell was zugut; ich dachte, das wäre so „echt“, so
fortschrittsparteienmäßig. Und dabei (und hieraus mögen
Sie ersehen, welch urwäldlicher, unverbesserlichen Germane ich
doch bin) — dabei hatte die ‚pochade“
eine tiefere Seite in meinen Augen, ich hatte in den wenigen Zeilen
viel berührt: das Affenmäßige unseren
Afterzivilisation, die sich jedem Naturvolk gegenüber als Barbarei
entpuppt, den Reiz des Kostüms unseren monotonen Farblosigkeit
gegenüber, die idiotische Beamtenästhetik, die schwarze
Bauernhäuser zur Ankunft des Erzh. Rudolf weiß anstreichen
läßt, die éternels
bonshommes der Gelehrsamkeit, welche in Angesicht der
Bogomilengräber einem erklären, es hätte keine Bogomilen
gegeben, etc., etc. Wenn Sie mich selber gelesen hätten, Sie
hätten mir, wie gesagt, mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen!
Aber das Beste kommt noch: ich verzankte mich mit besagtem
Reiseunternehmer, die Publikation unterblieb (es war vor 3 Jahren), und
als jetzt die neue deutschnationale, antisemitische Zeitung mich um
etwas bat, schickte ich den alten Aufsatz, und alle Welt fand alles in
bester Ordnung!
Mime sollte schon vor 4 Wochen vergiftet werden; ich
bestimmte aber, daß dieses Verbrechen nicht geschehen durfte;
jetzt ist er verhältnismäßig munter, wenn auch wenig
Aussicht vorhanden, daß das Herzleiden und die Wassersucht wieder
abnehmen.
In Ehrfurcht und Treue Ihr
Houston S. Chamberlain.
369-370
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth,
20/12/93.
Mündlich alles über Ihre Bosniana. Die
Sätze, über welche ich schrieb, habe ich gelesen, aber das
Unrecht begangen, nicht das Ganze zu lesen. Jedenfalls sind Sie mir
für Feuilletons zu gut.
„Der Deutsche fürchtet Gott und“ — die
Wahrheit; so scheint mir's nach der Ängstlichkeit mancher.
Porges schrieb mir schön in Erinnerung an
unsere alten, gemeinsamen Feldzüge, daß damals wir es
wenigstens mit Feinden zu tun gehabt, jetzt aber wären die
falschen Freunde unsere Not. Ich erwiderte ihm, daß der
Judaskuß unserer Kunst gegeben würde — und, vielleicht
wäre es nicht von Übel, den Unsrigen dies, an dem Beispiel
München, zu verdeutlichen.
Viel Schönes Ihrer lieben Frau, und Ihnen das
Herzlichste von uns allen C. W.
PS. Ich
will noch hinzufügen, daß es sehr verdienstlich von Ihnen
ist, Père Hébert nicht fahren zu lassen, dort herrscht
wenigstens ein Prinzip, wenn es auch ein uns entgegengesetztes ist.
370
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wahnfried,
26/12/93.
Werte Frau und Freundin [Anna
Chamberlain]!
Da ich beinahe annehmen muß, daß Ihr
lieber Mann unterwegs ist, so richte ich meinen Dank an Sie, die Sie ja
auch in so freundlicher Weise bei der herrlichen Gabe mitgewirkt haben.
Indem ich heute die erste Abschrift einräumte und mich für
die Abendlektüre der zweiten sammelte, sagte ich zu mir selbst,
das ist Besitz, das ist mein und mir von den Besten gewährt und
gegönnt. Einzig der Gedanke, daß Ihr Gatte bei dieser
mühevollen Arbeit sich anstrengte, wirft einen Schatten über
meine Rührung. Überhaupt, sein Leiden geht mir nahe, und bei
dem, was Sie mir von dem Wiener Arzt mitteilen, fürchte ich,
daß das energische Temperament des Patienten zu gewaltsamem
Eingreifen getrieben hat, während ich bezüglich Gesundheit
nur Vorsicht verstehe.
Möchte er doch ganz wohl jetzt sein! Siegfried
freute sich s e h r auf sein Kommen. Berlin hat ihn
bei der ersten Probe etwas angefröstelt. Nur bei den guten Suchers
wurde ihm warm. Es ist mir ein einzig behagliches Gefühl, Ihren
lieben Mann dort zu wissen, unter Larven die fühlende Brust! Aber
nur, wenn er wohl ist. Es ist wohl hart, daß jede Freude uns so
belastet sich naht. Aber das Bedürfnis danach ist so groß,
daß man den Ballast davonwirft und sich d o c h
freut!
Leben Sie wohl, teuerste Frau! Haben Sie Dank und
seien Sie unter besten Wünschen für das kommende Jahr
herzlichst gegrüßt!
C. Wagner.
371-372
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Donnerstag,
28/12/93. Berlin, Abend.
Ich möchte nicht ins Bett gehen, hochverehrte
Meisterin, ohne Ihnen ein Wort über das heutige Erlebnis zu sagen.
Was ungesagt bleibt, ist ja hier mehr denn je das meiste, aber
Schweigen wäre Herzlosigkeit.
Den ganz bestimmenden, ein für allemaligen
Eindruck bekam ich gleich vom ersten Stück der
„Feen-Ouvertüre“. Ich hatte sie vor einem Jahr von den Wiener
Philharmonikern gehört. Der Gesamteindruck war nicht nur ein recht
„spektulöser“, sondern vor allem ein z e r r i s s e n
e r, so wie von einem Werke, das bloß von
Sturm-und-Drang-Periode zeugte. Die Tempi waren viel schneller und die
Stärkenuancen weit greller. Unter Siegfrieds Hand wurde das Ganze
zu einem ganz einheitlichen, lieblichen Gemälde, Kurz, wie ich
schon Frl. Isolde sagte — und ich muß mich wiederholen, denn ich
finde kein passenderes Bild —‚ mir war es, als ob Richter
diese
Komposition durch die Brille der „Meistersinger“ angesehen hätte
und bemüht gewesen wäre, uns zu zeigen: da ist ein Keim, dort
ist wieder einer, währenddessen Siegfried sie einfach und mit
unbebrilltem Auge — avec
ingénuité — nachempfand und wiedergab. Das ist
aber so groß, es zeugt so klar von dem gewaltigen,
unüberbrückbaren Abstand zwischen dem, was in ihm webt und
lebt, und der Begabung selbst eines ganz kolossalen Musikers, daß
diese eine — verhältnismäßig geringe — Tat vollkommen
genügt, um einen über den künstlerischen Wert der hier
sich betätigenden Persönlichkeit ausführlich und
bestimmend zu orientieren. — Wir hatten vorher über „Fidelio“
gesprochen (dessen eigentlichen Wert Siegfried wohl noch zu jung ist zu
erkennen), und wie der Eindruck der „Feen-Ouvertüre“ im Verlauf
des Stückes immer zunahm, da rief es in mir immer lauter und
lauter: „Ja, ja, es gibt eine Vorsehung!“ — Und wirklich, dieses
unsichtbare Sichtbare, was jetzt leibhaftig vor uns auftaucht, ist
etwas, wogegen (wie Beethoven sagte) „die Sprache noch gar nichts ist“.
— Ob das Publikum diesen Eindruck von den „Feen“ usw. haben wird, das
bezweifle ich sehr; la portée
lui en échappera. Von der „Holländer-Ouvertüre“
brauche ich nur zu sagen, daß das Orchester jetzt auf die
Intentionen des Dirigenten eingegangen ist; sie wird sicherlich
begeistern. „Rienzi“ und „Tannhäuser“ waren auch — glaube ich —
sehr gut. Götz sang sehr hübsch die reizende Arindal-Arie mit
dem herrlichen: „O seht! das Tier kann weinen!“ — und ich glaube, es
imponierte dem Orchester, das bei dem Hollahe-Anfang, der Sänger
zwei-, dreimal rhythmisch falsch sang und es zuerst nicht zugeben
wollte, dann aber de bonne
grâce gestehen mußte, daß er im Unrecht
gewesen und Siegfried vollständig recht hatte.
Allerdings ist gerade dieses Bedürfnis nach
„imponiert-werden“ hier etwas Widerliches, aber es ist gewiß,
daß die Leute — wenn auch nicht ohne Sympathie für ihren
neuen Dirigenten — eine gewisse „méfiante“
Trägheit ihm entgegensetzen; ich habe innerhalb und
außerhalb des Orchesters gesehen, daß die Leute Ihrem Sohne
nicht das entgegenbringen, was sie sollten, nämlich das volle
Vertrauen, jenen Glauben, den sie doch wirklich ohne sonderliche
Intuition besitzen könnten. Die Stimmung ist sympathisch, aber
reserviert, als wollten die Leute sich selber gegenüber nicht sich
kompromittieren; sie sind bereit, sich überzeugen zu lassen:
währenddessen man dieser Erscheinung gegenüber zu der
Mit-Produktivität des Glaubens sich hingerissen fühlen
sollte; selbst einem angehenden Geschäftsmann gibt man Kredit! Wie
sollte man einem Siegfried Wagner gegenüber „vorsichtig“ sein? —
Vielleicht bin ich für so was allzu empfindlich, aber mir ist, als
ginge die Hälfte von Siegfrieds Kraft in der Überwindung
dieses latenten Widerstandes verloren. Und doch, selbst ein Tauber
würde, so dünkt mich, an der Bewegung der Hand sehen, wer da
vor ihm steht! — Und wie ganz anders als das, was wir unter Kritik
verstehen, ist die Empfindung, daß diese Kraft eine noch junge
ist, zu herrlicher Entwicklung berufen, so daß, was an
Unerfahrenheit, an noch nicht gänzliche Beherrschung gemahnt, der
Leistung gerade den Reiz des neuen, erst aufblühenden Lebens gibt!
Es war ein schöner, unvergeßlicher
Morgen. Ich war glücklich für Siegfried, daß er eine
Schwester da hatte; mit den anderen Leuten macht es mir den Eindruck,
als unterhielte er sich nur telephonisch. — Und, ach Gott! bin ich ein
elender Berichterstatter; fast hätte ich die „sensationellste“
Episode vergessen: Frau Sucher kam sehr pünktlich um 12 Uhr und
sang die fünf Gedichte, zur übergroßen Zufriedenheit
aller Welt und wirklich schön.
In Dankbarkeit und Treue und Glauben Ihr
Houston S. Chamberlain.
373-374
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Aus dem Jahre 1894
Wien, Montag, 8/1/94, 4 nachmittags.
Gestern zu dieser Zeit saßen wir noch alle auf
dem Bahnhof, hochverehrte Meisterin; jetzt sitze ich in meinem
Leuchtturm, nachdem ich etliche Stunden geschlafen, ein herrliches Bad
genossen, und die „Feen“ und „Tannhäuser“ schon mit so viel
Überzeugung gehämmert und gebrüllt („Jetzt erkenne ich
sie wieder, die schöne Welt...“) habe, daß die Dame unten
gewiß wieder mit Kündigung droht (wie im Sommer für die
IX. Symphonie). Da Sie weise sind, wird Sie diese Tatsache
wahrscheinlich weniger erstaunen wie mich selber. Die Wehmut, von
Wahnfried zu scheiden, steigerte die Sehnsucht zurück zum trauten
Heim mit seinen menschlichen und tierischen Einwohnern dermaßen,
daß ich es nicht aushielt, vernünftig zu sein; ich reiste
gleich durch und kam früh bald nach 7 Uhr hier an. Die Behauptung,
daß man in einem gewöhnlichen Wagen besser als in einem
Schlafwagen aufgehoben sei, erwies sich natürlich als
unbegründet, aber ich bestach die Schaffner und blieb allein, und
als in Gmünd um 3½ Uhr früh die Gräfin
Schönborn in meinen Wagen dennoch einstieg, tat ich, als ob ich
entsetzlich schnarchte, und sie floh — so daß die Nacht sich sehr
erträglich gestaltete, und ich auf dem harten Lager sogar etwas
schlief, die übrige Zeit aber durch Sprechen mit Ihnen, durch
Aufführungen vom Siegfried-Idyll unter Ihrem Sohne und durch das
Denken an die freudige Überraschung meiner Frau über meine
frühe Ankunft sehr angenehm mir vertrieb. — Der kleine Spitz
fraß mich förmlich auf vor Freude und war wie toll; Mime sah
uns an, als ob er wirklich „an den Bruderkuß, der die Welt
erlöse“, glaube; und meine liebe, gute Frau entfaltete die
unersättliche Neugierde, welche die Zie — ie — ie — ie — ie — ie —
ie — rde ihres Geschlechtes ist. — Von Schönaich waren nette
Zeilen da, „die Nachricht, daß es I h n e
n besser ging, sei ihm die schönste Weihnachtsgabe
gewesen“; er dankt mir herzlich für meinen Bericht, scheint aber
keinen Gebrauch davon für die Öffentlichkeit zu machen.
Jedoch, diese Zeilen sollen nur die Nachricht von
meiner Ankunft zu Hause — gesund und munter — enthalten und nochmals
meinen innigsten Dank sagen für alles, was mit dem Morgen vom 28.
Dezember begann und mit dem so überaus freundlichen
„seeing off“ am Bahnhof, gestern,
endete. Ich weiß nicht, wie Sie es fertigbringen, alle so gut zu
mir zu sein;
Ihre Güte steigt mir
aber nicht zu Kopfe; ich weiß nur zu wohl, daß ein
dankbares und treu liebendes Herz das einzige ist, was ich als
Gegengabe dazureichen vermag.
Ihnen und Ihren Kindern den allerherzlichsten
Gruß von meiner Frau und von Ihrem in Ehrfurcht und Dankbarkeit
ergebenen
Houston S. Chamberlain.
*
374
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Wahnfried,
d. 2. Febr. 94.
Siegfried macht sich nun Sonntag wieder auf, mein
Freund. Er dirigiert zunächst in Frankfurt, worüber ich mich
wegen Humperdinck,
den ich seit „Hänsel und Gretel“ vielleicht
noch inniger liebe, freue.
Madame Duse als „Locandiera“ war wirklich
hinreißend, und sie schien mir da, im heiteren Simulieren, im
Maskenspiel, wie an ihrem Platze. Während ich sie mir absolut
nicht in irgend etwas, das aus dem Gemüte kommt, ja selbst nicht
in „Minna von Barnhelm“, vorstellen kann, wohl aber in
zartleidenschaftlichen, zugespitzten Stücken, wie spanische, ganz
unvergleichlich mir denke und herzlich bedaure, daß sie das
elende Zeug für ihre Gestaltungskraft verwendet. Levi hat sie
erklärt, daß sie ganz unmusikalisch sei, in Bayreuth nichts
verstanden habe, außer daß die Inszenierung vortrefflich
sei. Ist dem so, so ist auch die Art ihres seltenen Talentes Ihnen
gegeben. Maria Stuart erklärte sie als „orribile“, was sie von deutschen
Juden erlernt haben mag; denn ihre große Vorgängerin Ristori
gab Maria Stuart mit Vorliebe. Einige meinten, sie müßte die
Porzia im „Kaufmann“ gut geben, ich glaube, dazu würde ihr doch
die Größe fehlen. Ihre Erscheinung ist vornehm, und sie hat
große Anmut, eine unerhörte Beherrschung der
Bühnenmittel. Aber sie ist modern durchaus, und die
Gestaltungskraft aus dem Gefühle heraus scheint ihr nicht gegeben.
Wir lasen „Die Hermannsschlacht“ von Kleist. Die
Bitterkeit gegen Deutschland, die sich darin ausspricht, stimmt zu
unserer Empfindung. Und er hat die echte germanische Natur
großartig in Hermann gestattet.
Nun aber recht freundliche Genesung und tausend
Grüße von uns allen! Auch an die arme
Krankenwärtenin! C. W.
*
375
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Wahnfried, d. 17. März 94.
Schon lange wollte ich einige Zeilen an Sie richten,
mein Freund, und Ihnen meine Teilnahme an der langen Passivität
aussprechen. Doch wollte es immer nicht recht gehen.
Gestern ist nun Siegfried zurückgekehrt, und
alles, was er von Brüssel mitteilt, ist so erfreulich, daß
mein Gruß nicht so lahm an Sie abgeht, und daß ich sagen
kann, es geht uns gut. — Kufferath hat mir sehr schön geschrieben.
Leider hat mir aber sein Buch über „Tristan und Isolde“, welches
ich heute mit Interesse begann, einen so peinlichen Eindruck gemacht,
daß ich nicht weiter darin lesen werde. Mir ist dieses Sezieren
der tiefsten Geheimnisse der Seele, der zartesten Erlebnisse, dieses
Sich-Herumfragen, wie solch ein Wunder entsteht, geradezu
unerträglich, und jetzt suche ich mir wieder einmal das wenige zu
vergessen, was ich gelesen habe. Seine Absicht ist ja gut, es ist nur
fürchterlich, wie jetzt die Dinge aufgefaßt werden.
Nun aber wieder zu Siegfried: Zu Antwerpen, wohin er
ging, um einen Bassisten anzuhören, wurde er an der Bahn von einer
kleinen Deputation empfangen, an deren Spitze Monsieur Peter
Bénoit, der bedeutendste flämische Komponist, stand, der
sich des Verdienstes rühmen darf, das flämische Idiom wieder
eingeführt zu haben. Sie luden Siegfried zu Tisch ein, und Mr.
Bénoit hielt ihm eine Rede, in welcher er die einzelnen
Vorzüge von S.s Direktion, insbesondere im Siegfried-Idyll,
hervorhob, über Bayreuth sich dann ausließ, um
schließlich auf das Wohl seines Gastes zu trinken. Diese
Zustimmung war Siegfried von größtem Werte.
Ein Professor des Konservatoriums ließ
unmittelbar nach dem Konzert eine Karte in S.s Hotel, worauf er schrieb
„pour exprimer mon admiration
à l'enfant héros“. Kurz, es waren der
Eindrücke viele der mannigfaltigst freundlichen Art. Vor allem das
gesamte Orchester ganz enthusiastisch
„c'est
éminent, c'est admirable, vous poursuivez toujours la melodie“,
und alles, was nur feinfühlige, selbständige Künstler
empfinden und sagen können. Monsieur Lascoux fand nur den
Venusberg zu w i l d.
La mariée est trop belle,
kann man da sagen!
Nun aber leben Sie wohl, mein Freund, werden Sie
gesund und seien Sie und Ihre liebe Frau in treuer Anhänglichkeit
gegrüßt!
C. W.
*
376
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
4/5/94. Wien.
Unser guter, lieber, alter Mime mit den
unvergleichlich schönen Augen mußte heute sterben; es waren
Symptome eingetreten, welche das Abwarten des natürlichen Todes
— unter den Bedingungen unserer Stadtwohnung — unmöglich machten.
Wir sind aber natürlich sehr betrübt; ich mehr, als ich
gestehen möchte, und erschreckte vorhin meine Frau durch ganz
kindisches Geheule. Mime — bei uns geboren — ist genau elf Jahre alt
geworden; und es trifft sich so, daß er in unser Leben genau in
einem Augenblick eintrat, wo schwere Schicksalsschläge einem
sorglos heiteren Lebensfrühling ein jähes Ende bereiteten,
zugleich aber das früher nur dunkel geahnte Bayreuth immer
deutlicher in das Bewußtsein trat: als hätte eine Welt der
anderen erst weichen müssen; darum ist gerade dieses Tier mit
einem schönen und ernsten Abschnitte unseres Lebens verwachsen. Er
wird heimlich in unserem Park begraben werden (polizeiwidrig!), und mit
ihm geht etwas zu Ende, was nie wiederkehrt. Und man bildet sich ein,
man sei ein Philosoph, und man ist ein noch viel größerer
Esel als die anderen. — Ihr H. S. C.
376-377
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Wahnfried, d. 5. Mai 94.
Wir sind mit Ihnen betrübt, mein Freund, und
wir wissen, daß dies ein Schmerz ist, der immer wiederkehrt. Wir
mußten von vielen solchen treuen Freunden scheiden, und sie sind
uns noch alle mit ihren Eigenheiten gegenwärtig und fehlen uns. Um
so mehr für Sie der liebe, kleine Genosse, der lange Zeit Ihr
einziges Tierchen war, und gerade in den schweren Abschnitten des
Lebens sind Tiere so bedeutsam. Wenn man kaum noch die menschliche
Stimme verträgt, rührt uns ihr Blick und tut uns ihre treue
Annäherung wohl. — Wie die Kinder oben ausriefen: „Armer Mime“, da
schien Albi etwas zu verstehen, und kam und wedelte und leckte, ganz
rührend.
Wie schön, daß Sie Bayreuth mit dem
Lebensabschnitt, den auch die Treue Mimes ausfüllte,
zusammenführen und einen Ersatz für das Geschwundene darin
finden!
Möchten Sie diese Tage und ihre Schwere bald
überstehen! Wie werden Sie das mit dem Esterhazy-Park vollbringen?
Nachts? Und selbst? Oder durch jemanden?
Leben Sie wohl, mein Freund, es hat mich sehr
gerührt, daß Sie uns dies mitteilten und daß Sie
wußten, wie wir mit Ihnen beiden mitfühlen!
Treulich C. W.
377
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
9. 5. 94.
Tausend Dank für die Zeilen über unseren
guten Mime; aus dem Rachen des Krematoriums, wo er zu D
ü n g e r gewandelt werden sollte, gerettet, ruht er sicher
und in Frieden unter Kastanienblättern und Flieder — und Goldregen.
Tausend Grüße an Sie alle.
Ihr H. S. C.
*
377
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Wahnfried, 7. Juni 94.
Zwei Worte des Dankes, mein Freund, für die
liebe Depesche an Siegfried.
Wir haben gestern Siegfrieds Geburtstag mit dem
Königsruf aus „Lohengrin“ begonnen, und dann kam Hundegratulation,
5 Stück hoch. Der Abend schloß mit Illumination und
Feuerwerk. Man hat auch getanzt. Heute ist wieder Arbeitstag. Es gibt
viel. Unser Telramund vom vorigen Jahr kommt uns ganz verdorben wieder!
Ein Jesuitenpater hat sich mit mehreren
Zöglingen für die drei Werke angemeldet. Wißt Ihr, wie
das wird? Nun leben Sie wohl, mein Freund, es ist traurig, daß
wir Sie vermissen müssen. Aber hoffentlich wenigstens zum
Schluß! Und dann bleiben Sie etwas, denn wir wollen hier nach den
Festspielen rasten.
Siegfried hat neulich hier die
„Rienzi-Ouvertüre“ w u n d e r v o l l
dirigiert. Jetzt übt er die Bühnenmusik. — Sein Haus ist von
außen fertig und sehr hübsch. Seine Soldaten
[vgl. oben! (Königsruf)]
waren auf der Terrasse aufgestellt. Es nahm sich Sehr lustig aus. —
Albi ist gemeißelt und dient als Schmuck eines kleinen Brunnens.
Leben Sie wohl und haben Sie Dank; recht, recht gute
Besserung!
Ich lege die Gratulation der Hunde
[Photographie]
bei. C. W.
378
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
11/06/94. Wien.
Hochverehrte Meisterin!
Mit bestem Dank die Hundegratulationen; namentlich
der Albi imponierte mir,
il en
remontre in bezug auf tiefsinnige Form den Brahmasutras!
Es tat mir so sehr leid, daß ich verhindert
war, Ihrem Sohne zu seinem Geburtstage zu schreiben. Nicht etwa,
daß ich — der ich gar keinen Sinn für Daten habe — die
Absicht hätte, ihm fortan offiziell zu gratulieren und dadurch ihn
zu einem lästigen Dankschreiben zu veranlassen. Weil ich aber so
bald nach dem Berliner Konzert von der Welt ganz ausgeschlossen wurde
und noch bin, so ist mir dieses Erlebnis besonders lebhaft im Geiste
geblieben, eine Flut von Licht auf Vergangenheit und Zukunft werfend,
und der Gegenwart jene positive, greifbare Bedeutung gebend, die sie
nur hat, wenn sie eine ganz bestimmte, persönliche, in Fleisch und
Blut geformte Z u k u n f t in sich birgt. Und diese
ewig unvergeßlichen Eindrücke: das früher nie
gehörte Siegfried-Idyll, der großartige Schluß der
„Tannhäuser-Ouvertüre“, der Matrosenchor, den ich oft genug
im Bett gesungen habe — es war herrlich! Gott gebe, daß es
herrlich gedeihe und wachse!
In Ehrfurcht Ihr ergebener
Houston S. Chamberlain.
378-379
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
13/6/94. Wien.
Geehrtes, liebes Fräulein [
Eva
Wagner]!
Folgendes ist zur gütigen Mitteilung an Ihre
Frau Mutter.
Von der Firma B r u c k m a n n
in München werde ich aufgefordert, zu einer „Serie von
illustrierten Biographien berühmter Musiker“ den ersten Band, das
Leben des Meisters, zu liefern. Das „illustrierte“ ist abschreckend,
und der Ausdruck „berühmte Musiker“ läßt keinem Zweifel
Raum, daß hier nur auf Umwegen dem Bayreuther Gedanken zu dienen
ist. Anderseits, man denkt mit Schrecken, in wessen Hände so etwas
fallen könnte. Und einiges hört sich in dem Brief ganz gut
an. Das Musikalische soll „n i c h t e i n g e
h e n d b e h a n d e l t w e r d e n. E
s w ü r d e s i c h a l s
o m e h r u m e i n e k u l
t u r- u n d k u n s t g e s c h i c h t l i c h
e W ü r d i g u n g W a g n e r
s h a n d e l n, w e l c h e z u g l e i
c h m i t S c h i l d e r u n g s e i n
e s L e b e n s g a n g e s, s e i n e N
e u s c h a f f u n g e n u n d R e f o r m e
n a u f d e m G e b i e t
e d e r K u n s t, s e i n e
p h i l o s o p h i s c h e W e l t a n s c h a u u n
g v o r f ü h r t, u n d z w a
r a l l e s , s o w e i t m ö
g l i c h, a n d e r H a n d
s e i n e r e i g e n e n B r i e f e u
n d S c h r i f t e n.“ Illustrationen wollen sie
zahlreiche: Porträts, Dokumente, Darstellung von Aufführungen
(!) etc. — auch hier könnte aber eine pietätvolle Hand
vielleicht einiges Geschmacklose verhindern wenigstens, namentlich, da
sie hauptsächlich auf Oesterlein rechnen, den ich hier unter der
Hand habe.
Nun, vielleicht wissen Sie mehr von der Sache als
ich; vielleicht rührt die Empfehlung meines Namens, die hier
allerdings sich auf einen anderen bezieht, in letzter Instanz von der
Meisterin? Vielleicht weiß sie im Gegenteil etwas Nachteiliges
über das Unternehmen?
Diese Zeilen sollen nun erfragen: Sähe es die
Meisterin gern, daß ich den Auftrag annahme? Wenn ja, so tue ich
es unbedingt. Sollte Sie aber nicht der Meinung sein, daß hier
etwas Nützliches zu vollbringen ist, so werde ich sehr
wahrscheinlich abschlagen: denn eigentlich gehören „illustrierte
Biographien“ nicht in mein „Fach“.
Wenn die Meisterin „ja“ stimmt, so dürfte ich
wohl auch darauf rechnen, daß Ihr Rat mir — sagen wir lieber
meinem kleinen Werk — zugut käme?
Da ich den Antrag nicht unbeantwortet lassen kann,
so bitte ich gütigst um schnelle Antwort, evtl. telegraphisch.
Mit herzlichem Gruß Ihr
Houston S. Chamberlain.
Hat Ihre Frau Mutter einen Geeigneteren unter der
Hand, so wird es mir lieb sein, die Sache weiterzugeben. Die Hauptsache
ist ja nicht, w e r es macht, sondern w
i e es gemacht wird.
Kurz wird es: nur 200 Seiten lang.
379
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
[Telegramm von Bayreuth, 15/6/94.]
Herrn Chamberlain, Blümelgasse 1, Wien.
380
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
18. Juli 1894.
Bayreuth.
[Während der
Festspielproben]
Jetzt, da ich an „Primadonnas“
[zur Schlichtung entstandener
Rangstreitigkeiten] zu schreiben beginne, geniere ich mich
fast, I h n e n, hochverehrte Meisterin, zu
schreiben, wenn sich auch in der Überzeugung, daß Sie — in
einem modifizierten Sinne — die „primissima Donna“ der ganzen
Schöpfung sind, ein Anknüpfungspunkt finden ließe. Ich
vermag es aber nicht, Freundlichkeit und Wohltat anzunehmen, ohne zu
danken. Welche Wohltat Sie uns beiden durch die gütige Erlaubnis,
den Proben von „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ beizuwohnen, erwiesen,
das brauche ich nicht erst zu sagen; den D a n k,
den k a n n ich eigentlich auch nicht sagen,
ungesagt will ich ihn aber nicht lassen, damit Sie die Versicherung
haben, daß an uns das Sprichwort: „Wohltaten verderben“ nicht
wahr wird. Jede Güte empfinde ich — von Ihnen kommend — wie einen
neuen Anfang: es ist nicht eine langsam zunehmende arithmetische Summe,
sondern körperlich stellt sich eine Tat neben die andere, als
wäre jede wieder eine e r s t e. Niemals habe
ich das Gefühl von etwas „Gewöhntem“, zu Erwartendem, sondern
stets empfindet mein Herz, daß wiederum aus der Fülle — aus
der so unerschöpflich reichen Fülle Ihrer Güte eine
unverdiente Gabe mir zuteil wurde. Die Dankeslast drückt mich
nicht; wohl würde es mich aber drücken, wenn Sie — und die
Ihrigen — von dieser besonderen Gesinnung nicht immer überzeugt
wären.
Für den „Lohengrin“, als künstlerische
Tat, Ihnen zu danken, kommt mir nicht zu; da gilt nur ein Dank; der aus
viel tausend Herzen bald strömen wird. Indessen singe ich von
früh bis abend: „Wer mutig mit ihm ficht, dem lacht des Ruhmes
Bahn!“ — und ich Schleife blutgierig das rohe Messer des
„homme des bois“ für den
nächsten Feind, der „von Osten drohen“ und Lust verspüren
mag, sich skalpieren zu lassen!
In ewiger Dankbarkeit und Ehrerbietung Ihr
Houston S. Chamberlain.
*
380-382
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
23. August 94. Wien.
Im ersten Augenblick — offen gestanden — habe ich an
„eines Unholds List“ gedacht, hochverehrte Meisterin, oder nein, im
Gegenteil, an das ganz arg- und listlose Verplappern einer Holden. Ich
habe aber nicht weiterforschen wollen, damit nichts mir das Glück
störe, Ihnen verbunden zu sein. — Mit genau 80 Pfennig reiste ich
von Bayreuth ab, aber — erste Klasse! Was will der Mensch mehr?
Ich habe mich ja stets als Ihren Gast gefühlt,
sind wir es doch alle in Bayreuth; und in bezug auf Geld bin ich eine
Art kleines Genie; ich gebe es immer aus, ohne es zu haben; der
bloße Gedanke des Verdienens paralysiert meine Fähigkeiten
gänzlich, und ich nehme ebenso leicht und harmlos und
sans garantie de bonne mémoire
an, als ich es verschenke. Daß Sie aber meiner guten, lieben Frau
eine Sorge genommen haben, dafür bin ich Ihnen herzlich dankbar.
SolI ich die Unzahl der Dankesbriefe, die gerade
jetzt in Wahnfried einlaufen — Dank und begeisterte Bewunderung
für den „Lohengrin“ —‚ noch um einen vermehren und somit auch Ihre
Mühe? Gestern dachte ich immerfort in der Bahn, daß die
Abreise aller Ihrer Freunde eine wahre „Entlastung“ für Sie sein
muß. Gerade wenn wir so alle um Sie herum versammelt sind, wird
man unser aller Unzulänglichkeit recht lebhaft gewahr. Solche
mitschaffende Künstler, wie
Kniese und
Mottl, sind doch
die
einzigen Menschen, die Ihnen wahre Genugtuung bereiten können,
alle anderen, wir alle, nehmen uns jedenfalls in der Entfernung am
besten aus. Und da nun unsere grenzenlose Verehrung und unsere Liebe
das Beste an uns ist, so empfinde ich gerade in diesem Augenblick
das S p r e c h e n zu Ihnen über das neue
Herrliche, was Sie vollbracht haben, wie das gewaltsame
Herandrängen an einen erhabenen Monarchen, der allein zu bestimmen
hat, wann er angeredet werden will, und der sich durch seine Taten das
Recht auf Schweigen erkauft hat.
Wollen Sie, daß ich sprechen soll, so lassen
Sie sich, bitte, meinen vierten kleinen Brief über „Lohengrin“
[„Ostdeutsche Rundschau“, Wien, vom
14. 8. 1894] lesen, den ich an Frl. Eva schicke. Alles Beste
aber, alles, was mein Herz erfüllt — gerade Ihnen gegenüber,
muß „ewig unausgesprochen“ bleiben. Ein indischer König frug
einen Brahmanen nach dem Weltgeist Brahman; der König wiederholte
öfters seine Frage, der Weise schwieg; erzürnt fuhr ihn der
König an, weshalb er nicht antworte, da sprach der Brahmane: „Ich
erkläre dir jenes Brahman ja immerfort, du aber begreifst es
nicht; denn das Wesen dieses Brahmans i s t S c
h w e i g e n.“ Auf dem Boden dieses Schweigens fühle ich
mich Ihnen, hochverehrte Meisterin, am nächsten, und ich
weiß, Sie werden mich deswegen nicht barsch anfahren.
In Dankbarkeit und unverbrüchlicher Treue Ihr
Houston S. Chamberlain.
382-383
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
23. August 1894. Wien.
Liebes, geehrtes Fräulein
[Eva
Wagner]!
Als ich soeben die Zeilen an Ihre Frau Mutter
unterschrieben hatte, fiel mir ein, daß das Brahmanische
Schweigen, das I h r gegenüber am Platze ist,
Ihnen und Ihren Geschwistern gegenüber nicht angebracht sei. Den
„Lohengrin“ kann man, ohne zu danken, hinnehmen; die eine einzige
Gestalt des Schöpfers jenes Werkes, die uns gerade aus diesem so
unaussprechlich ergreifend — und jedesmal von neuem — entgegentraf,
macht alles Reden verstummen und das größte Verdienst
nebensächlich erscheinen. Auf meinem Tisch steht immer Fra
Angelicos „Petrus Martyr“, den Finger zum Munde erhoben, Schweigen
gebietend; von seinem Haupte tropft das Blut herab, wir sollen aber
nichts sagen, kein Mitleid, keine Bewunderung sollen über unsere
Lippen; was hier vorgeht, gehört einer jenseitigen Welt. Mehr als
einmal, als der Zuschauerraum verdunkelt war und das Vorspiel zu
„Lohengrin“ gen Himmel stieg, erblickte ich — dort, wo später der
Vorhang sich auftat — jenen „Petrus Martyr“, den Finger auf den
Lippen...
Gestern blätterte ich im Zuge in einem alten
Gedankenbuch und fand folgende Aufzeichnung: „Beethoven und die
Hoffnung: als Punkt, wo die Mystik der Welt sich uns auftut.“ Das gab
zu denken und zu fühlen in bezug auf „Lohengrin“ und auf dessen
erhabenen Schöpfer. Unwillkürlich trat Petrus Martyr hinzu;
sein Schweiggebot verschwand in dem Augenblick, wo der Vorhang sich
auftut; im Kunstwerk — im „Lohengrin“ — durfte geredet werden; was sich
dort kundtat, lag jenseits der Worte. Als der Vorhang sich aber wieder
schloß, da war der blutende Märtyr wieder da, und zugleich
ertönte gebieterisch das ewige F r a g e v e r b o t,
das die ganze Natur täglich uns zuruft.
Was man aber nicht ohne Dank hinnehmen kann, das ist
eine Freundlichkeit, die volle fünf Wochen (+ einen Tag)
währt, ohne ein einziges Mal zu erlahmen; eine Freundlichkeit, die
bereit war, stets zu geben, ohne jemals etwas zu empfangen; eine
Freundlichkeit, die — auf mich und andere erstreckt — Ihrer
schönen Loge im Festspielhaus bisweilen das Aussehen einer
Versorgungsanstalt für Altersschwache und Unheilbare gab, usw.,
usw. Ich bitte Sie und Ihre Geschwister, meiner innigen Dankbarkeit
versichert zu sein, und der vielleicht noch größeren
Dankbarkeit meiner Frau. Letztere hat nämlich ein lebhafteres oder
richtiger n o r m a l e r e s Gefühl für
Dank als ich. Mir ist immer, als entwickle sich eine Freundschaft wie
ein wachsender Baum, und es wäre vielleicht ganz richtig und
angebracht, aber doch komisch, wenn die Blätter dem Stamme danken
wollten für die Mühe des Tragens, oder der Stamm den
Blättern für den kühlenden Schatten! Aber — o weh! — ich
habe heute meine Briefschreibstimmung, die Feder rast ohne
Vorausberechnung weiter, und jetzt erfüllt mich dieser Vergleich
vom Baume mit Wehmut: Sie werden mich doch nicht etwa wie ein Blatt
fallen lassen? Wenn ich verspreche, „immergrün“ zu sein — und das
tue ich feierlich hiermit (allerdings sind die immergrünen
Blätter immer ein wenig ledern und dickhäutig, man kann aber
nicht alles zugleich wollen), dann müssen auch Sie, als
anständiger Stamm, jedem Sturm und Wetter (denn solche gibt es
auch in der Freundschaft) trotzen!
Also für heute genug. Unser ganzes Denken und
unser Danken sind in Bayreuth.
Ihnen allen und einem jeden einzeln tausend innige
Grüße! Ihr
Houston S. Chamberlain.
383-384
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Bayreuth, 25. 8. 94.
Haben Sie Dank, mein Freund, für Ihr
Verständnis meines Wesens, in all seinen Verzweigungen. Der letzte
Beweis dieses Verständnisses rührt mich nicht zum wenigsten.
Die Sonne strahlt jetzt wieder, und ich denke daran, daß Sie sich
aufmachen, und daß Herakles der Hilfreiche Ihnen
[durch eine geplante Kur in
Herkulesbad] helfen wird. Gott walte es.
Von
Schweninger
erhielt ich nur Aufsätze in der
„Zukunft“ — aber diese ganz vorzüglich. Sie werden Sie unterhalten.
Ich bin jetzt bereits bei Brünnhilde und Wotan,
aber Lohengrin liegt mir doch noch sehr in dem Sinn. Ich danke Ihnen
für die Erwähnung dessen, woran mir einzig liegt,
nämlich daß wir hier nichts erfinden, sondern nach
Kräften a u s f ü h r e n. Im übrigen
will ich gern des Schweigens Herrin sein; ich meine, daß man mir
da leicht sprechen kann, wo man auf das innigste schweigt.
Leben Sie und meine liebe Nachbarin recht herzlich
wohl und gedenken Sie mein, die ich mich Ihnen so ernstlich verbunden
fühle.
C. Wagner.
384-385
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Bayreuth, 17. September 1894.
Ich bin wirklich gerührt, lieber Freund,
daß Sie noch um unsern Lohengrin sich kümmern und sein
Streiter bleiben. Sie erfüllen Elsas Wunsch: „O könnte ein
Verdienst mich Dir vereinen“ — und mit inniger Genugtuung und
Dankbarkeit habe ich Ihren 5. Aufsatz
[in der „Ostd. Rundschau“]
gelesen.
Ich danke Ihnen auch für die Erwähnung der
deutschen Fürsten, denn ich meine, es sei immer recht, auch das zu
rühmen, was lobend hervorzuheben ist.
Mr. Jullien hat in drolligster Weise in den
Débats Münchens
Betragen gegen Bayreuth dargestellt; Mr. Thorel schickte mir soeben
diesen Aufsatz, woran auch er beteiligt ist, indem er einige Angriffe
Julliens (u. a. Elsa auf dem Thron bei dem König) refutierte.
Charakteristisch ist es für den Franzosen, daß ihn die
Niederlegung der Mäntel auf den Sitzen bei dem Bett chokiert hat,
und daß er behauptet, ein Pariser Publikum würde dies in
Gelächter ausbrechen lassen. Meinen Sie nicht, daß man die
ganze steife
Tragédie
vor sich hat?
Und da ich —
horribile
dictu — bei Zeitungen bin, muß ich Ihnen schon von van
Dyckschen Auslassungen erzählen — können Sie sich vielleicht
die „Wiener Extrapost“ vom 10. September verschaffen? Sie würden
darin erkennen, wie der berühmte Sänger
„cherche à donner le change“,
wie sein Benehmen hier ihn doch schließlich wurmt. Siegfried hat
dem Redakteur über die angebliche Theorie der Aussprache in
Bayreuth erwidert und gesagt, daß wohl ein
Mißverständnis vorläge, dann aber einige Zitate aus den
„Ges. Schriften“ gemacht, in welchen auf unsere Prinzipien gewiesen
wird. Aber
van Dyck
als Korrektor der Aussprache ist doch eine der
scherzhaftesten Erscheinungen des
mauvaise
foi. On en rit pour n'en pas pleurer — Sie sehen, ich bin ganz
verwelscht, und am Ende kündigen Sie mir die Streiterschaft. So
Gott will, nicht, denn ich käme um manches Schöne und
Geistvolle, was mir zu lesen denn doch große Freude und
Ermutigung bringt.
Wir haben nur der Familie hier gelebt und fast jeden
Nachmittag mit den Kinderchen Spaziergänge in unsern Wäldern
gemacht, mir unendlich zusagend.
Das Nachschlagen in „Oper und Drama“ hat mich wieder
ganz eingenommen; können Sie nicht für unsere „Blätter“
und bei Gelegenheit der Van Dyckiaden etwas über diese
unvergleichliche Erfassung der Sprache sagen? Es ist mir immer
förmlich, als ob ich sie vor mir erstehen sähe.
Leben Sie wohl, und seien Sie mit Ihrer lieben Frau
in herzlichster Anhänglichkeit von uns allen
gegrüßt. C. W.
385-386
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
21/9/94. Herkulesbad.
Ich danke Ihnen, hochverehrte Meisterin, von Herzen
für Ihre gütigen Zeilen vom 17. d. Mts. Leider
läßt mir meine Kur fast g a r k e i n e
Zeit, außer zum Denken; darum schleppen sich die
Lohengrin-Briefe so hin. Auch dieser letzte Bf. hat aber, wie es
scheint, angeregt, denn es liefen bei der Redaktion Dankesschreiben ein.
Das van Dycksche Interview hätte ich gern
gesehen; ich habe mir die Nummer bestellt. Diese Aussprachsgeschichte
ist so grotesk, daß man sie einem so begabten Manne gar nicht
zugetraut hätte. Ich möchte wissen, wie er sich
die „s c h a r f e Aussprache“, die für
Lohengrin (Bf. an Liszt, I, 78) ausdrücklich gefordert wird,
denkt? — Zu Ihrem Vokabularium kann ich einen Beitrag liefern, aus
Wien, wo van Dyck unvergleichlich schlechter noch ausspricht als in
Bayreuth: „E l s a: ... So halt' in Treu' ich dein Gebot. —
L o h e n g r i n: Alsa! 'chlllia — patti!“
Ihre Erwähnung von „Oper und Drama“ hat mich
elektrisch bewegt; die Kenntnis dieses wunderbaren und einzig
entscheidenden Werkes zu verbreiten, iss ein schönes Amt. Ich
glaube, meine Inhaltsangabe wird später dazu beitragen —
wenigstens fahre ich fort, privatim die besten Erfahrungen damit zu
machen.
Mein Onkel Sir Neville, der Afghanistaner Held, hat
nunmehr fest beschlossen, ehe er stirbt, Bayreuth zu besuchen — und nun
hoffe auch ich auf eine Wiederholung des „Lohengrin“!
Neulich träumte mir, Ihr Kutscher wurde
plötzlich krank; ich habe seinerzeit das Fahren mit
Vollblutpferden gelernt und wollte also diese Wissenschaft in Ihrem
Dienste üben, um Sie mindestens nach Hause zu bringen; Sie hatten
aber so gar kein Vertrauen zu mir, daß Sie darauf bestanden, ein
anderer müsse fahren: dieser andere — dem Sie vertrauten — konnte
es aber gar nicht; ich führte versteckt die Zügel — und wir
kamen gut an!
In Ehrfurcht Ihr
Houston S. Chamberlain.
*
386
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Villa Cargnacco Gardone, d. 15.
Oktober 94.
Hoffentlich hat Herkules Sie auf seine breiten
Schultern genommen, und sind Sie ganz kuriert!
Hier ist es wieder wundervoll, und das Zusammenleben
mit unserer einzigen Malwida
[von
Meysenbug] das denkbar angenehmste. Eine Brahmssche Prinzessin
ist auch hier, von Meiningen. Sie hat aber den Vorzug, wahrhaftig zu
sein und die Wahrheit bei anderen zu lieben, so daß der
Brahms-Kultus hier zur Erheiterung des Gesprächs dient, was er
wohl selten bewirkt.
Wer ist denn der „andere“, der mich schlecht
kutschierte? Ich wäre auf den sehr neugierig — Aber daß ich
Ihnen nicht vertraute, ist doch ein ganz unwahrer Zug, der mehr dem
Wachen als dem Traume angehört.
Leben Sie wohl, Freund, möchte Ihr Heim Sie
recht traulich aufnehmen! Wir alle grüßen Sie und Ihre liebe
Frau in herzlicher Ergebenheit. C. W.
*
386-387
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Salò, Hotel Salò,
Gardasee, d. 4. Novbr. 1894.
Lieber Freund, wir sind auf dem Heimweg aus dem
göttlichen Lande. 10ten in München auf 8 Tage, dann Bayreuth.
Wilhelmj telegraphierte mir gestern von der ersten
Probe
[zum Londoner Konzert
Siegfried Wagners]:
„grand
success“. Die Musiker fühlen eben, daß er seine Sache
kann, und daß, wie mir bei Gelegenheit
Bülows, der mit 20 Jahren gänzlich unvorbereitet an das
Dirigentenpult in Zürich gestellt wurde, gesagt wurde
[von Richard
Wagner]: „Der Dirigent wird geboren, nicht erzogen, sein
Können
ist ein spontanes, kein erlerntes.“ Das sind göttliche Dinge, von
denen die wenigsten etwas wissen.
Von Amsterdam wurde mir seitens des Vereines
„großartiger Erfolg“
[Konzert
Siegfried Wagners] gemeldet.
Herzlichste Grüße von uns dreien, still
uns hier sonnenden Frauen!
C. W.
*
387-388
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Wahnfried, d. 17. Nov. 94.
Bruckmann wird Ihnen, mein Freund, von unserer
eingehenden Besprechung Mitteilung gemacht haben. Ich konnte nur zu
allem ja sagen; Anordnung, Auszüge, Gesichtspunkte, von denen Sie
ausgeben, alles teile ich.
Heute ist Wahnfried wieder vollständig. Das
Quartett fand sich aus den verschiedenen Weltgegenden wieder zusammen
und hatte sich manches, Siegfried lauter Erfreuliches, mitzuteilen.
Hier muß ich beichten: Ich habe das
„Fremdenblatt“ in den Papierkorb geworfen, ohne ihm davon Mitteilung zu
machen. In meiner Jugend machte ich es durch, wie Herr v. Bülow
sich regelmäßig nach jedem Konzert durch Zeitungslesen die
Laune verdarb; vergeblich bat ich ihn, dies zu lassen: von der
Gemeinheit lerne man nichts. Daß die Bosheit auf der Welt sei,
wisse man; und genau, wie man nicht sagen kann, daß man sich
gegen die Schärfe der Luft abhärtet, wenn man sich dem
Bewerfen mit Schmutz aussetzt, genau so könne man nicht sagen,
daß man seinen Charakter stähle, wenn man von Gemeinheiten
Kenntnis
nehme. Er hat es nicht gelassen und hat des öfteren seine
Unbefangenheit, diese goldene Frucht, darüber verloren.
Auch unser König wäre sichern Schrittes in
unsrer Sache gegangen, wenn er sich den Anblick der Gemeinheit erspart
hätte.
Dies war unser Gesetz in München, Triebschen
und Bayreuth, so lange, wo nicht das Bedürfnis empfunden wurde,
mit einem Schlage zu erwidern; dann wurde ich gebeten, unter der Masse
der Zusendungen das herauszugreifen, was etwa eine Erwiderung verdiene,
ja, angesichts einer bestimmten Situation benötigen sollte.
Ich denke, Sie geben mir recht, oder wenigstens
Absolution.
Seien Sie gegrüßt, Sie und Ihre liebe
Frau, auf das herzlichste!
C. W.
PS. Wäre das Verhältnis zu der Rassenfrage
nicht auch vor oder nach Politik zu behandeln und Gobineaus
Freundschaft und Bild als Abschluß anzugeben?
388-389
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Wien, 19. November 1894.
Den Poststempel „Bayreuth“ endlich wieder einmal zu
sehen, hat uns, hochverehrte Meisterin, ganz heimisch angemutet.
Ja, Herr Bruckmann hatte mir sofort ausführlich
über Ihre Unterredung berichtet. Durch die Vorschläge, die
Sie die Güte hatten zu machen, hat nun die Physiognomie des Ganzen
sehr gewonnen; Herr B. ist von der Richtigkeit Ihrer Vorschläge
ganz überzeugt. Ich kann ihm und seinem Werke nur wünschen,
daß Sie ihm auch fernerhin mit Ihrem Rate — oder vielmehr mit
Ihrer entscheidenden Stimme — zur Hand stehen. Nur dadurch kann es ihm
gelingen, das richtige Buch zusammenzustellen.
Was mich anbelangt, so bin ich in der Lage,
mein U n w i s s e n täglich empfinden zu
müssen. Für meine eigene Person, für mein eigenes
Seelenleben (ich weiß, Sie können mich nicht
mißverstehen) entbehre ich das, was ich nicht weiß, nicht
im geringsten; im Gegenteil. Die Schriften, die Werke und die
veröffentlichten Briefe genügen für mein ganzes Leben;
sie sind auch mehr als genügend für das Umrißbild, das
ich jetzt zu entwerfen habe, und das ich bestrebt sein will,
möglichst einfach und plastisch, und möglichst wenig mit
Namen überladen, auszuführen. Aber für Herrn B. ist
deswegen der Rat von jemandem, der mehr weiß, unbedingt
notwendig. Ein einziges Beispiel: von Frau von Muchanoff, deren
Porträt im Buche Aufnahme finden soll (nach Ihrem Wunsche),
weiß ich weiter nichts, als daß sie in Glasenapp
[„Das
Leben Richard Wagners“, 6
Bände, (Leipzig)] zweimal erwähnt ist, und zwar ist
beide Male nur von ihrem Tode die Rede! So daß man zwar einsieht,
es war bedauerlich, daß sie starb, aber keine Ahnung hat, was sie
tat, als sie lebte! Von Ihnen habe ich den Namen im Gespräch auch
gelegentlich erwähnen gehört und halte ihn darum hoch in
Ehren, aber wie ein Bauer einen der Heiligen aus der „
Ora pro nobis“-Litanei, den er
verehrt, bei dem er sich aber nichts Bestimmteres vorstellt, als
daß er ein heiliger Mensch war, dessen bloßer Name schon
Segen bringen muß. Darum muß ich von Herzen hoffen,
daß Sie auch fernerhin Herrn B. wohlwollend unterstützen.
Daß ich selber manchmal des Rates, der
Aufmunterung und der Berichtigung bedürfte, ist sicher. Jedoch,
die Sachlage ist hier ungleich verwickelter; schließlich
muß doch jeder seine Sache so gut machen, als er kann, und nach
bestem Wissen und Gewissen. — Neulich wollte ich Ihnen die Einleitung
zum zweiten Kapitel (Schriften und Lehren) mitteilen; stand aber davon
ab aus verschiedenen Gründen, von denen die eine Erwägung
schon genügte, daß heutzutage niemand das Recht auf eine
Stunde Ihrer Zeit hat. Aber mit welchem tiefen Dank ich jede Anregung —
auch die geringste — empfangen werde, brauche ich wohl nicht erst zu
sagen. Darum danke ich auch herzlichst für die heutige, bez.
Gobineau. Bis jetzt hatte ich die Berührung der Rassenfrage mir
nicht unter Politik vorgenommen, sondern ein erstes Mal — zart
angedeutet nur — unter Regeneration, und dann ein zweites Mal, etwas
eingehender, und mit Spezieller Betonung Gobineaus unter IV, 2 (Der
Bayreuther Gedanke). Dabei wäre natürlich bei Politik ein
starker Nachdruck auf das „Was ist deutsch?“ gelegt worden, aber mehr
so handgreiflich, politisch-praktisch. Für Ihre Anregung aber bin
ich Ihnen auf jeden Fall sehr dankbar; denn wahrscheinlich haben Sie
recht; und selbst, wenn Sie mich nur zum Widerspruch reizten, was von
Ihnen ausgeht, ist auf alle Fälle produktiv.
Mit einer Sache haben Sie ganz ohne jeden Zweifel
vollkommen recht, und das ist bez. des Papierkorb-Vorfalles. Nur
scheinen Sie meine Absicht nicht ganz verstanden zu haben. Ich glaube
kaum, daß es möglich ist, weniger auf Zeitungsurteile zu
geben, als ich es tue. Mit Ausnahme der kleinen „Ostdeutschen“ kommt
ja k e i n e i n z i g e s
Tageblatt in mein Haus. Dieser Ausschnitt wurde mir — wie so manches
andere — brieflich zugeschickt. Wenn ich aber gerade diesen einen
Bericht weitersandte, trotzdem er gänzlich ohne jede Bedeutung
war, so geschah es einzig und allein, weil er — angeblich — auf
einem I n t e r v i e w zum großen Teil
beruhte. Meine Zusendung hatte die Absicht, eine W a r n u
n g zu sein.
Meine Frau trägt mir herzlichste
Grüße auf; ich schließe mich ihr an und bin in
ehrfurchtsvoller Treue Ihr ergebener
Houston S. Chamberlain.
390
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Bayreuth, Wahnfried, d. 21.
November 94.
Herzlichsten Dank für Ihre Zeilen, mein Freund!
Ich war sicher, daß Sie mich verstehen würden, und habe Sie
natürlich auch gleich verstanden.
Ihre Anordnung und Vereinfachung des Buches kann ich
nicht genug rühmen. Das ist das, was jetzt vor allem not tut, da
man wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.
Marie Mouchanoff trat, von meinem Vater in
Rußland gewonnen, als 17jährige Frau in Dresden ein. Von da
ab hörte sie nicht auf zu wirken, wie sie konnte, und in Paris
trat sie (durchaus nicht sehr vermögend) für das Defizit der
Konzerte ein. Niemand hat dies je erfahren; sie erhielt die Skizzen zum
„Tristan“ mit einer schönen Widmung geschenkt und vermachte mir
diese.
Im Augenblick, wo ich R a s s e
zu P o l i t i k zählte, fühlte ich das
Unrichtige; Sie haben ganz recht. Und ich wollte nur an das Thema
erinnern, da hier auch die Initiative ergriffen worden ist und der
Anstoß zu der Bewegung gegeben wurde.
Sehr gut wäre es, wenn das Buch gleichzeitig
englisch erscheinen könnte.
Morgen fahre ich auf 8 Tage nach Dessau, für
„HänseI und Gretel“ und zwei Teile des „Ringes“. Dann aber endlich
seßhaft in Wahnfried.
Alles Herzlichste Ihnen und Ihrer lieben Frau von
uns
allen!
C. W.
390
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Erbprinzliches Palais Dessau, 24.
11. 94.
Mein Freund, mit wahrer Rührung habe ich Ihren
Abschluß
[„Lohengrin in
Bayreuth“, 9. Brief, „Ostdeutsche Rundschau“, Wien, 18. 11. 94]
von „Lohengrin“ gelesen und drücke Ihnen dafür die Hand.
Wollen Sie die Güte haben, mir, wenn Sie es nicht zu sehr
bemüht, alle Kufferatschen Irrtümer
[in der damals im Guide musical (Brüssel)
erscheinenden Übersetzung der Briefe Richard Wagners an August
Röckel ins Französische.] mit der Schreibmaschine
anzugeben. Ich werde dann selbst an K. schreiben.
Ihnen alles Herzlichste, schönste und
Beste! C. W.
391
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
28. Nov. 94. Wien.
In Beantwortung Ihrer gütigen Zeilen aus Dessau
vom 24sten gestatten Sie, hochverehrte Meisterin, daß ich zuerst
ein schönes Zitat aus einem wenig gelesenen Aufsatz Carlyles
anführe:
„
Great souls are
always loyally submissive, reverent to what is over them; only small
mean souls are otherwise. I could not find a better proof of what I
said the other day, that the sincere man was by nature the obedient
man; that only in a world of Heroes was there l o y a
l o b e d i e n c e to the Heroic.“
Diese herrlichen Worte werden Sie gern lesen, ich
weiß es; aber Sie haben natürlich längst erraten,
daß sie zugleich mir als „schirmender Schild“ dienen sollen.
Loyal
obedience to the Heroic ist gewiß mein Lebensgesetz, aber
dennoch erblaßte ich bei Ihrem Auftrag, Ihnen „alle Kufferatschen
Irrtümer anzugeben“. Der bloße vierte allein würde ein
immenses Aktenstück abgeben — wenigstens nach meiner Auffassung
von dem, was eine Übersetzung zu sein hat. Denn mit den
großen, groben Mißverständnissen ist die Sache noch
lange nicht abgetan; Herr K. verfügt über eine ganze Skala
bis hinunter zu dem Heer der kleinen Nachlässigkeiten, die einzeln
genommen nicht sehr viel auf sich haben, aber durch ihre Zahl den Stil
— ich spreche namentlich von dem, was man wohl den „Gedankenstil“
nennen kann — völlig verunstalten.
In ehrfurchtsvoller Ergebenheit Ihr
Houston S. Chamberlain.
391
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Wahnfried, 4. Dez. 94.
Nur zwei Zeilen bei der Rückkehr von Dessau.
Natürlich bin ich einverstanden mit Ihrem Vorschlag bezüglich
Kufferaths.
Nächstens werden Sie den lieben
Humperdinck
sehen, dem ich Ihre Adresse gegeben habe. Eine echte
Weihnachtserscheinung! Bitte, empfehlen Sie ihm doch den guten,
berühmten Ohrenarzt in Wien.
Das Buch von Bähr
[„Gespräche mit Schopenhauer“]
gefällt mir sehr. Alles darin scheint mir echt. Endlich einer, der
nicht sich, sondern den großen Mann sah!
Tausend herzlichste
Grüße C. W.
392-393
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
19. 12. 04. Früh, Wien.
Ich weiß, es freut Sie, hochverehrte
Meisterin, von dem ungewöhnlich großen Erfolg von
Humperdincks
„Hänsel und Gretel“ bei ihrer gestrigen ersten
Aufführung in Wien zu hören. — Etwas Ähnliches mag wohl
seit den seligen Mascagni-Tagen nicht hier erlebt worden sein; denn nur
ein
homme du métier
vermöchte es zu melden, wie oft der liebenswürdige Verfasser
in seinen zu kurzen Beinkleidern und Pelzschuhen (die ihn beide besser
kleideten als alle erdenkbare Eleganz) vor die Rampe gerufen wurde
sowohl nach dem zweiten, als nach dem dritten Bilde. Auch während
der Aufführung webte oft wie ein leiser Wind die Bewunderung durch
das ganze Haus. Wie entzückt wir waren, brauche ich ja nicht zu
sagen. Es tat einem wohl ums Herz, wie seit Ewigkeiten nichts. Es war
wirklich ein „Schwinde H e r z e n s s t a r r e,
busch!“.
Am Abend vorher hatte ich zum erstenmal seit
Bayreuth wieder Musik gehört: „Fidelio“ — und wiederum empfunden,
daß Beethoven der größte aller Menschen ist. Es hat
wohl vor ihm und nach ihm Vollkommenheit gegeben, die an die
unmittelbar göttliche gemahnt, und die man sich nicht anders als
in Augenblicken gänzlicher Entrücktheit der Gottheit
abgelauscht entstanden denken kann; bei Beethoven dagegen ist es immer
der M e n s c h — der Mensch, der den Himmel erstürmt
—‚ dessen Klagen und dessen Jubel, dessen „Hoffnung“ und dessen
Verzweiflung nur dem Heben und Senken d e s s e l b e n
Flügelschlages gleichen. Und da finde ich die so vielfach
gerügten Mängel des Fideliotextes so wunderbar am Platze, so
von der Vorsehung bestimmt. Was hätte Beethoven mit einem
Meistersingertext angefangen? Oder selbst mit einem „Fliegenden
Holländer“, wo doch viel „Beethoven“ durch die Dichtung weht? Der
kühne Schiffer hätte sich gewiß als „
land-lubber“ gefühlt; seine
ganze Kunst entwickelt der Seemann nur im Segeln g e g e n
den Wind. Alle Augenblicke wird doch in „Fidelio“ das absolut
vollkommen Schöne über uns ausgeschüttet, und das
Unzureichende der dramatischen Konzeption und Form ist wie eine Hand,
die immerwährend auf das Jenseits weist, wodurch der Eindruck von
Beethovens Musik eine Intensität der Wirkung erreicht, die ganz
unvergleichlich ist. Diese ewige W a h r h e i t,
die überall durch kindische Bühnenkonventionen und unwahre
Schablone hindurchglänzt, hat schon an sich allein etwas
unsäglich Rührendes; gerade hierin erreicht das Menschliche —
das notwendig Unvollkommene des Menschlichen — seinen ergreifenden
Ausdruck. So macht sich das Genie alles dienlich, und niemals wird die
Musik etwas Ergreifenderes und Vollendeteres bewirken, als der
langsame F-Dur-Satz des Schlusses ist, wo der dumme Chor ringsherum
aufgepflanzt steht, und als hundert andere Sachen, in denen Beethoven
häufig ein einziger Takt genügt hat, um den
Gefühlsinhalt einer Welt von Empfindung ganz zu erschöpfen —
Jedoch, ich griff zur Feder in der Hoffnung, sie würde
bescheidener als die Maschine sein! Entschuldigen Sie, wenn der Versuch
mißlang.
In Ehrfurcht und treuer Ergebenheit Ihr
H. S. C.
393-394
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
23. Dez. 94. Wien
Diesmal nahe ich mit leeren Händen,
hochverehrte Meisterin. Unter diesem Weihnachtsbaum stehe ich also nur
unsichtbar. Dennoch hoffe ich, daß Sie auch mich als
gegenwärtig empfinden werden. — Außer dem engen
Familienkreise sind wir wohl nur zwei oder drei, deren Gedanken
täglich in Bayreuth weilen, deren Herz und Verstand nicht allein
von dem „Bayreuther Gedanken“, sondern namentlich von dem „Denken an
Bayreuth“ fast ununterbrochen erfüllt sind, und zu diesen
gehöre auch ich. Namentlich gerade in diesem Winter lebe ich ja
von früh bis abends in dem Zauberkreis von „Bayreuth“ und entferne
mich auch nicht aus demselben,
wenn ich in Mußestunden in Hafis und Calderon, in Schopenhauer
und Goethe, in Treitschke und Ruge, in Herwegh und Dingelstaedt
blättere. Und da es mir ebensowenig möglich ist, eine Idee
ohne P e r s o n zu denken, wie es einem kindlichen
Gemüt nicht
gelingen will, sich Gott ohne Gestalt vorzustellen, so hat sich mein
Geist gewissermaßen bei Ihnen in Bayreuth n i e d e r
g e l a s s e n — Ich
hoffe, er fällt Ihnen nicht beschwerlich!
Aus dieser Stimmung heraus und in diesem Sinne sende
ich meine Grüße und die innigsten Wünsche zu Ihrem
Namenstag und zu dem „
merry Christmas
and happy New Year“.
Du Sie ja nur „einer W e l t
zuliebe“ leben, ist es mir
immer, als hätte der einzelne gar kein Recht auf Sie, nicht einmal
das, seine Wünsche Ihnen zu Füßen zu legen. Was Sie tun
und wirken, geht uns alle eigentlich gar nichts an; Sie stehen im
Dienste eines Jenseits, Ihr Werk zielt über unser aller Köpfe
weit hinweg, Sie sind über Lob ebensosehr wie über Tadel
erhaben, und selbst mit der Dankbarkeit ist es ein eigen Ding. Wenn ich
Ihnen danken hörte, empfand ich es fast immer als ein „
jarring“ Mißverhältnis.
Ich glaube doch, die ehrfurchtsvollste L i e b e ist
die einzige Huldigung, die Ihnen in Wahrheit dargebracht werden darf;
im Lobe liegt Vermessenheit, im Danke Naivität; nur die Liebe ist
kein tönendes Erz und „klingende Schelle“.
In Ehrfurcht und Treue Ihr ergebener
Houston S. Chamberlain.
Dr.
Thode hat uns sehr durch die Zusendung seines
„Ringes“
[„Der Ring des
Frangipani“] erfreut. Diese Geschichte ist ein wahres
Märchen.
And if the Mottos are
meant to „exercise the reader's imagination“, they certainly succeed in
sodoing!
394
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.
Wahnfried, Weihnachten 1894.
Mein Dank für den Bericht über
„Hänsel und Gretel“ kommt in der Form eines Grußes aus dem
Knufperhäuschen, welches uns niemand verbieten kann, am Meere oder
in der Champagne anzunehmen. Ja, selbst in Florestans Gefängnis,
wenn wir uns den himmlischen Chor des Schlusses dazu singen!
C. W.
394-395
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Aus dem Jahre 1895
Wahnfried, 28. Januar 1895.
Endlich, mein Freund, gelange ich dazu, Ihnen
für die Einleitung
[zum
Buche „Richard Wagner“] zu danken. Sie hat mich sehr gefesselt,
als ich sie gestern las, und ich könnte sie mir nicht
vorzüglicher denken. Das einzige, worum ich bitten möchte,
wäre um einen prägnanteren Ausdruck für
„Kunstübung“, weil mir dieser nicht ganz deutlich erscheint. Ich
danke Ihnen herzlich für die Freude, die ich von dieser Arbeit
hatte!
Ich lege hier ein Interview im „New York Herald“ von
Madame
Nordica bei. Nicht, wie Sie wohl denken, wegen der
Äußerungen über mich, sondern wegen ihrer Auslassung
des Eindruckes des Orchesters auf Sie. Verstimmt war unser Orchester
nicht!
Wie geht es Ihnen, Freund? Die Kälte ist bei
uns grimmig, und ich frage mich, wie sie Ihnen bekommt?
Ich weiß, daß Sie mich entschuldigen,
wenn ich hier
schließe, und daß vielleicht keiner wie Sie es sich so
lebhaft vorstellt, wie es in meinem armen Kopfe bestellt ist.
Wär's nicht so ernst, man könnte über mich lachen. Ja,
ein alter, vornehmer Freund tat dies in Berlin, als ich ihm auf seine
Frage, wen ich für den „Ring“ gewählt, erwiderte: Niemand. Er
meinte, ich wollte mich wohl mit Hoboen und Klarinetten begnügen.
Gott gebe, daß dieser „Outis“, ein Odysseus, als
Frühlingsgott sich ergebe, der mir den Lenz des Talentes und der
Stimme brächte. Vorläufig ist Frost da, und: „Du bist der
Lenz“ werde ich wohl lange nicht zu singen haben.
Seien Sie dafür bedankt, daß Sie in
diesen Zustand die Freude an Ihrer Einleitung zuströmen
ließen, und seien Sie und Ihre liebe Frau auf das herzlichste von
uns allen
gegrüßt!
C. W.
Siegfried ist jetzt in Schwerin.
395-396
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
3. 2. 95. Wien.
Das war wohl die schönste Überraschung,
die
mir zuteil werden konnte, einen Brief von Ihnen, hochverehrte
Meisterin, zu erhalten. Es häuft sich gerade in diesem Winter, wo
ich heitere Ruhe so nötig hätte, soviel Ärgernis
und Widerwärtigkeit an — von Köchinnenkrisen bis zu einem
Diebstahl an meinem Eigentum, den die
Illustrated
London News jetzt
begeht, indem sie unsere so mühsam hergestellten bosnischen
Photographien und auch Text von mir, dem Artikel irgendeines Schmocks
einverleibt, der 8 Tage vorigen Sommer dort zubrachte, meinen Namen
gänzlich unterdrückt und mir nun nachträglich eine
Geldentschädigung anbieten läßt — „es hätte sich
nicht anders machen lassen“ — ! Nun, wie gesagt, ein Wort von
Ihnen, und ich lache auf und schäme mich, daß derartige
Infamien auch nur eine Wolke über die gute Laune zu werfen
vermögen.
Ich bin Ihnen besonders dankbar für die
gütigen Worte, die Sie mir bez. jener „Einleitung“ sagen. Sie war
mir ziemlich entschwunden; ich las sie jetzt wieder und sah, daß
recht viel daran noch zu feilen, klarer zu fassen und
zurechtzurücken ist. Aller Anfang fällt mir sehr schwer, und
das war ein Anfang. Natürlich ist das Wort „Kunstübung“ ganz
unmöglich; vielen Dank für den Hinweis; seine eigenen Sachen
liest man oft durch, ohne die haarsträubendsten Dinge zu
bemerken, die einem anderswo sofort auffallen würden.
Ich lebe eben ganz und gar in den Schriften und
Briefen, und das erregt mein ganzes Wesen so bis in die letzten Fasern
von allem, was mein „ich“ ausmacht, daß ich einer Äolsharfe
— nein, das ist zu schön, sagen wir einer stark
„überspannten“ Violine gleiche, die bei jedem Hauch erzittert und
mittönt.
Vielen, vielen Dank für den „New York Herald“.
Sie müssen mir die Versicherung gestatten, daß ich
niemals, n i e m a l s —
au
grand jamais! — geträumt, gedacht, gesagt, geschrieben noch
gedruckt habe, das Bayreuther Orchester sei „verstimmt“. Der Erfinder
dieser wilden Märe kann wirklich von sich sagen: „Schön ist,
o Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht!“
Winckelmann traf ich zweimal jetzt. Ihnen und der
Bayreuther Sache in unwandelbarer Treue ergeben; es ist immer ein
ungemischtes Vergnügen, mit ihm von Bayreuth und von Ihnen und von
Ihren Kindern zu sprechen. Ich glaube, Sie haben wenige so wirklich
treue und zugleich verständnisvolle Freunde unter den
Bühnenkünstlern. Durch seine Hilfe bekamen wir endlich wieder
Karten zu „Hänsel und Gretel“ — aber ein Publikum! Selbst nach der
Engelerscheinung saß das ganze P. T. Logenpublikum da, stierten
sich gegenseitig an — n i c h t e i n e H a n d
rührte sich (außer oben, wo Menschen mit Herzen
saßen) —‚ ich erntete verachtungsvolle Blicke für meinen
„unfeinen Applaus“, klatschte aber nur um so mehr. — Immer herzlichsten
Dank für jede Nachricht über Ihren Sohn; ich erfahre sonst
nur, was der „Temps“ bringt. Heute stand von der „Sehnsucht“!
[Ungedruckte Symphonische Dichtung
Siegfried Wagners.] Ist's wahr?
Verzeihen Sie gütigst diese Plauderei Ihres in
ehrfurchtsvoller Treue ergebenen
Houston S. Chamberlain.
396-397
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Bayreuth, d. 28. Februar 1895.
Der Erbprinz H. erzählte mir, Sie hätten
ihm Appias Schrift
[Über
die Inszenierung des „Ringes des Nibelungen“] angekündigt,
er habe sie noch nicht erhalten. Ich sagte ihm, daß für uns
die Inszenierung in den Partituren genau angegeben ist, und daher diese
Arbeit keinen Wert habe, daß aber für Frankreich
m ö g l i c h e r w e i s e etwas dabei herausschaut,
obgleich auch dort sie besser tun, einzig nach der Angabe der Dichtung
sich zu richten. Er wollte Ihnen danken, mein Freund, wenn die Sendung
angekommen.
Siegfried macht sich nun morgen auf nach Pest. Heute
hören wir seine „Sehnsucht“, die er seinen Militärs hier
tant bien que mal einstudiert hat.
Wenn Sie Winckelmann wiedersehen, grüßen
Sie ihn herzlichst von mir. Mir war er immer einer der
Liebsten a u f und a u ß e r h a l
b der Bühne.
Neulich soll Mr. Balfour so schön über die
soziale Frage gesprochen haben. Sehen Sie englische Zeitungen, worin
das stand? Ich würde es gern lesen, weiß aber nicht, wie es
mir verschaffen.
Daß Sie noch dazu kommen, Klopfstock zu
zitieren, hat mich gerührt. Soweit habe ich es noch nicht
gebracht, obgleich ich gehörigen Respekt vor dieser Erscheinung
habe.
Verzeihen Sie das Abgebrochene meiner Zeilen und
wickeln Sie alles in Herzlichkeit ein! Ich bin wirklich ein gehetztes
Wild, und soviel unabweislich Unnützes fügt sich zu dem
Notwendigen.
Alles Beste Ihnen und Ihrer lieben Frau in
freundschaftlichster Gesinnung! C.
Wagner.
397-398
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
1. März 1895, Wien.
Daß Sie meinen Klopstock gleich
„revélé“ haben, hat
mir, hochverehrte Meisterin, große Freude gemacht: für das
eine Mal im Leben, daß ich meinen einzigen Klopstock-Vers habe
anbringen zu können geglaubt, bin ich schön 'reingefallen! —
Als ich etwa nämlich vor 20 Jahren begann, mich zwar recht
kümmerlich, aber einigermaßen verständlich deutsch
auszudrücken, schloß ich mich in der Schweiz einer kleinen
Gesellschaft von Deutschen an: ein Leutnant, ein Assessor, ein
Kaufmann, ein Student, grenzenlos fade Menschen. Regelmäßig,
sobald wir auf irgendeinen schönen Aussichtspunkt anlangten,
deklamierte der eine oder der andere: „Schön ist, o Mutter Natur,
deiner Erfindung Pracht!“ Worauf dann ebenso regelmäßig ein
anderer in persiflierendem Tone hinzusetzte: „Schöner ein froh
Gesicht, das den großen Gedanken deiner Schöpfung noch
einmal denkt!“ (Pardon, wenn die Verseinteilung mangelhaft sein sollte;
ich habe diese Worte nie gedruckt gesehen.)
Mir, dem führerlos schwärmenden
Jüngling, in Childe Harold, Shakespeare und Schiller
getränkt, Botanik und Geologie eifrig — und wie ich jetzt einsehe,
aus poetischem Bedürfnis, der „Mutter Natur“ näherzutreten —
betreibend, mir machten diese Worte einen unauslöschlichen
Eindruck: so als wäre meinem so aufrichtigen Wunsche, mir das
Deutsch zu assimilieren, plötzlich ein unübersteigliches
Hindernis in den Weg gelegt worden. Ich gab mir aufrichtige Mühe,
diese Verse schön zu finden; es wollte aber nicht gelingen. Ich
fand sie ebenso prosaisch wie die Jünglinge, die sie zitierten. Es
ist schwer, solche Eindrücke zu schildern; es ist nichts dabei zu
erzählen, und doch liegt ein Leben darin — auf der Heimwehfluh war
es einmal, wo mir bei dieser üblichen poetischen Hanswurstiade wie
eine Wolke vor den Augen vorbeizog: das Gefühl der Einsamkeit.
Natürlich vergaß ich diese Verse darum nie; und auch jetzt,
wenn ich sie mal höre, zieht die Wolke wieder vorbei und zugleich
die Erinnerung an jene herrliche Jungfrau, die es verdient hätte,
von keinem Philister jemals angeblickt zu werden. Ich hätte mich
eben gern an jenem Verse gerächt!
Wolzogen
hat übrigens in den „Bayreuther
Blättern“
[IV./V.
Stück „Lit. Anzeigen“] ganz hübsch und richtig
über Appias Versuch geschrieben. Den Ausdruck
„drame wagnérien“ hat er von
mir und in meinem Sinne genommen und versteht darunter das
Wort-Ton-Drama ü b e r h a u p t, nicht dieses
oder jenes Werk. Er nimmt (ohne es zu wissen) eine Idee wieder auf, die
schon Goethe beschäftigt hatte, und die nirgendswo in den „Ges.
Schriften“ behandelt wird — wie die Musik, durch ihre Mitwirkung am
Drama, nicht bloß die Zeit, sondern
implicite auch den R a
u m bestimmt etc. —‚ eine Betrachtung, die an und für
sich, wie mir scheint, von hohem Interesse ist.
Ihr in ehrfurchtsvoller Liebe ergebener
Houston S. Chamberlain.
398-399
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
2. 3. 95. Wien.
Heute, hochverehrte Meisterin, will ich nur noch
bestätigen, daß ich nach London an meinen Bruder wegen
Balfours Rede geschrieben habe.
Von Balfours neuem Buch:
„The foundations of Belief“
— oder ähnlich — war jetzt öfters die Rede. Neulich
stieß ich auf ein ganzes Päckchen Notizen, die ich
seinerzeit über sein
„Philosophic
Doubt“ angelegt hatte,
um Ihnen ausführlich darüber referieren zu können.
Merkwürdig ist es, daß ein solcher Mann nicht imstande ist,
die grundlegende Frage aller Metaphysik: „Wie ist Erkenntnis
möglich?“ überhaupt zu begreifen. Was er über Kant
referiert, ist geradezu haarsträubend; er hält ihn einfach
für einen Esel. Und sonst ist Balfour in diesem Buche unendlich
scharfsinnig, er demoliert die Empiriker, daß es eine Freude ist,
und die Positivisten etc. Zugleich offenbart sich in ihm eine
umfassende Breite des Verstandes und ein tiefes Gemüt. Nur das
„metaphysische Bedürfnis“ (von dem Kant und Schopenhauer soviel
berichten), das ist bei diesen Engländern ganz und gar
in R e l i g i o n aufgegangen. Und ein
gänzlich unmetaphysischer Mensch mutet einem f a s t
ebenso fremd an wie ein unmusikalischer.
In ehrfurchtsvoller Ergebenheit
Ihr
H. S. C.
399
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Bayreuth, 8. März 1895.
Vielen Dank, lieber Freund, für Balfour! Nicht
nur für den Brief an Ihren Bruder, sondern auch für Ihre
Beurteilung des bedeutenden Staatsmannes, von der ich sagen würde,
daß sie mir aus dem Herzen geschrieben ist, wenn ich nicht
vielmehr sagen müßte, daß sie einen Ausdruck brachte,
nach dem ich unbewußt lange gesucht. Und wie recht haben Sie mit
Metaphysik und Musik!
Sahen Sie den Siegfried nicht? Er Schrieb mir, an
dem Vormittag, den er in Wien zubrachte, „jetzt gehe ich zu
Chamberlain“. Sollte ihm das Unwesen von Agenten etc. zwischen seinem
Vorsatz und seiner Abreise in den Weg gekommen sein.
Ihnen alles Beste! Bald werden es zwei Jahre,
daß wir die schönen Tage in Les Avants hatten! Denken Sie
noch
daran?
C. W.
Für Schiller seien Sie hochgelobt! Und was
Gluck anbetrifft, haben Sie sehr recht. „Vorgänger!“
399-400
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
9/3/95 Wien.
Heute brauche ich keine Entschuldigung, hochverehrte
Meisterin, denn ich will Ihnen nur sagen, daß Ihr Sohn sehr wohl
und munter aussieht, trotz aller Strapazen. Gegen Abend kam er gestern
zu uns — eine höchst freudige Überraschung, da wir nicht
wußten, daß er durch Wien reisen würde, und da es in
einer Großstadt immer ein Opfer ist, Besuche zu machen, ein
Opfer, das ich um so weniger erwarte, als ich mich selten selber dazu
aufschwinge. Eine ganz geringe Spur von Müdigkeit legte sich hin
und wieder auf die Augen, aber wahrlich kein Wunder, da er die Nacht
vorher bankettiert worden war, und dann um 6 Uhr früh für den
Wiener Zug hatte aufstehen müssen. Es fiel mir aber sehr auf,
wieviel kräftiger, „stämmiger“ er aussieht als vor zwei
Jahren; er scheint — gottlob! — aus jenem Jünglingsalter, in dem
er oft fast erschreckend zart aussah, endgültig herausgewachsen;
dadurch gewiß auch physisch den großen Aufgaben gewachsen,
für die die geistige Anlage nie bezweifelt werden konnte. Gestern
wieder wie schon früher rief es immer wieder in meinem Innern, als
ich ihn ansah (mit Leonore): „Es gibt eine Vorsehung! Ja, ja, es gibt
eine Vorsehung!“
In Ehrfurcht und Ergebenheit Ihr
Houston S. Chamberlain.
400
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Wahnfried, 13. März 1895.
Dank für alles Liebe und Gute! Und für das
Bild, welches Sie mir von meinem Sohne geben! Wenn ich mich seiner auch
bei allen Gelegenheiten freue, so ist es mir doch schwer, ihn manchem
ausgesetzt zu wissen; diese Empfindung ist so stark, daß ich in
dem Schmerz über den mit ihm nun wieder begonnenen Kreislauf
manchmal das Bedürfnis, aus der Welt zu fliehen, habe, dahin,
dahin, wo meine Seele Ruhe wiederfände; unter blauem Himmel und in
milder Luft! Und doch fühle ich mich hier mit allem, was ich bin
und fühle, geheftet! Wundersam half mir vorgestern nachts die
Natur, ich wachte auf und sah von meinem Bette aus den Mond langsam
untergehen. Er sank in den Schoß seiner heiligen Mutter! Der
Himmel war tiefblau, wie des Wanderers Mantel, und die Äste
strahlten, als ob von dieser Verklärung der Frühling nun
ausging. Und es war gut, und ich versank auch und schlummerte ein.
Kurz nach dem
Kriege 66 war
eine Freundin von mir in Kissingen. Sie verkehrte dort mit dem Volk,
und eine Bauernfrau erzählte ihr, daß in diesem Jahre (also
67) viele Zwillinge in der Gegend geboren waren: „Das sind
göttliche Dinge“, fügte die Volksfrau hinzu. So empfinde ich,
Siegfried gewahrend, und Ihr Wort, „Es gibt eine Vorsehung“, sagt mir
das gleiche.
Haben Sie Dank, und seien Sie innigst
gegrüßt! C. W.
401
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Wien 14/3/95
Reineke Fuchs im ursprünglichen Volksbuch hat
mich köstlich unterhalten; es ist lange, hochverehrte Meisterin,
seit ich Goethes las, ich glaube aber, das Volksbuch gefällt mir
besser. Es ist ein so vollendetes „Kunstwerk“ (was man von den meisten
dieser Volksbücher nicht sagen kann), daß man nicht
begreift, wie das Bedürfnis entstand, es neu zu dichten. Daß
der kleine Hund „Wackerlos“ von allen Tieren der einzige ist, der nicht
deutsch, s o n d e r n f r a n z ö s i s c h
spricht, das hat mir wohlgetan, mit Bezug auf Vorwürfe, die
ich deswegen 1892 von Ihnen bekam!
[Ch. sprach mit seinem Hund
französisch.] Ich war so krank, als ich es las: daß
ich wieder einmal recht hatte, machte mich förmlich gesund!
Ein schreckliches Volksbuch ist die Melusine.
Geschmacklos und häßlich und formlos.
Inzwischen bin ich aber zu meinem Buche
[„Richard Wagner“] schon
zurückgekehrt und schreibe den Lebenslauf. Ich merke, er wird sehr
eigentümlich anders ausfallen als bei anderen Autoren, was mir
allerdings nicht bloß durch eigene Kunst gelingt, sondern weil
ich
Glasenapp
[„Das
Leben
Richard Wagners.“ In 6 Büchern.] voraussetzen kann.
Zwar
kann ich ihn nicht als bekannt voraussetzen; ich verweise aber alle,
die nach Detail lechzen, auf ihn. Es wäre einfach lächerlich,
aus diesem klassischen Werk einen Auszug zu geben.
Ich fürchte nur, mein Buch entfernt sich so
sehr aus den betretenen Pfaden, daß es nicht vielen gefallen
wird. Hoffentlich sind die Bilder recht schön!
Viele Grüße von uns beiden, und immer
zwei Herzen voll Dank zum Bersten für Ihre liebevolle Güte zu
uns.
In
Ehrfurcht
Houston S. Chamberlain.
401-402
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
27/3/95 Wien.
Wenig mit Zeitungsnachrichten versehen, habe ich
erst gestern abend von „Rienzi“
[vgl.
den folgenden Brief] in Berlin gelesen und kann nicht anders,
als Ihnen, hochverehrte Meisterin, ans tiefstem Herzen einen
Glückwunsch zu dieser neuen Tat auszusprechen. Als neuer Rienzi
führen Sie den Wahlspruch: „Der ganzen Welt gehöre Bayreuth!“
Auch dieses herrliche Drama hätten Sie nun errettet! Wahrlich, es
waltet hier auch jene „Vorsehung“, von der wir neulich sprachen.
Selbst die dumme Zeitungsnotiz zeugte von wirklicher
Ergriffenheit und von naiver Verwunderung. Die guten Leute glaubten
allen Ernstes, „Rienzi“ zu kennen, „die Oper im Meyerbeerschen Stil“,
und bleiben jetzt ganz baff. Gott, die Augen wird ihnen auch diese
Erfahrung nicht öffnen; Sie wissen ja, unser Auge hat außen
eine sogenannte „Hornhaut“, und sie ist halt sehr hörnern — aber
Wecker des Lebens sein zu können wie Sie, das ist doch herrlich
und eine göttliche Gnade, und vermögen Sie es auch nicht, den
Menschen den Verstand zu erweitern, Sie öffnen ihnen doch
allmählich das Herz. Mir scheint das Schicksal bestimmt zu haben,
daß ich hauptsächlich von Ahnungen und Mitgefühl leben
soll; auch den „Rienzi“ durfte ich nicht miterleben. Durch die
Empfindung von dem, was S i e dieser Tage im
innersten Herzen durchlebt haben mögen, ist es mir aber doch, als
wäre ich dabeigewesen, irgendwo im tiefsten Schatten, von wo aus
ich das Kunstwerk ganz genoß, da ich auf der einen Seite die
große Tragödie vor Aug' und Ohr sich abspielen sah, und auf
der anderen die Gestalt des einzigen lebenden Menschen gewahrte, der
die ganze Gewalt, den ganzen Schatz von Schönheit und Wahrheit,
den dieses Werk birgt, voll zu schätzen vermag — ich meine,
überhaupt zu würdigen und unmittelbar lebendig zu empfinden.
Warum ich das alles sage, weiß ich nicht;
gerade diese „Rienzi“-Nachricht hat mich aber besonders tief ergriffen,
und vielleicht werden Sie mich besser verstehen, als ich mich selber.
Bei Kapitel I
[des „Richard-Wagner“-Buches]
habe ich augenblicklich gegen eine eigentümliche Anfechtung
anzukämpfen: eine fast unüberwindliche Abneigung, Namen zu
nennen. Über Adolf Wagner habe ich eine (glaube ich) hübsche
Seite geschrieben, auch über Vater, Mutter und Stiefvater das
Interessante kurz vorgebracht, auch Rosalie Wagner die warmen Worte
gewidmet, die sie zu verdienen scheint, aber sonst scheinen mir sowohl
Verwandte wie Unverwandte bis zum Eintritt von Franz Liszt eine so
trostlos öde Gesellschaft — alle diese Alberts
[Albert Wagner] und Laubes
und Dorns und Stahrs und Pechts, und wie sie alle heißen, dazu
die Meyerbeers und Schlesingers und Lüttichaus — der Biograph vom
Jahre 2895 wird es gut haben, daß er alle diese Schattengestalten
auslassen kann; ich will ihm aber tüchtig vorarbeiten!
In ehrfurchtsvoller Angehörigkeit Ihr
Houston S. Chamberlain.
403-404
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Bayreuth, 29/3/95.
Ich danke Ihnen herzlich, mein Freund, für Ihre
Teilnahme an meinem „R i e n z i“! Es war mir eine
Befriedigung, auch gegen dieses Werk die Schuld der Dankbarkeit
einigermaßen abzutragen. Vor zwei Jahren war ich mit meiner
kleinen Arbeit, welche darin bestand, einiges aus der Originalpartitur
einzutragen und dafür manches zu entfernen, fertig; ich fügte
ein ziemlich vollständiges Regiebuch hinzu, besprach Dekorationen
mit Brückner und Kostüme mit dem — Berliner Kostumier! Und
wartete. (Daß ich mit
Muck mich eingehend
verständigte,
brauche ich nicht zu sagen.)
Vor 14 Tagen nun ward ich zu Haupt- und Generalprobe
gerufen. Da hatte ich mit Anerkennung zu gewahren, daß man sich
eine sehr große Mühe gegeben hatte (die Orchesterleistung
war tadellos) und nach Möglichkeiten meine Angaben befolgt hatte.
Das L e b e n fehlte; in einer dritten, freundlich
eingeschobenen Probe suchte ich nachzuhelfen, und aus Mucks beigelegter
Depesche sehen Sie, daß es geholfen hat. Eine wahre Freude waren
mir die Solisten, welche trotz angestrengtester Arbeit mit
größter Willigkeit, ja mit Enthusiasmus, indem sie mir bei
jeder kleinsten Angabe die Hand küßten, auf alles eingingen.
Immer wieder sieht man bei uns in Deutschland die großen
Möglichkeiten, und über den Schmerz ihrer Verwahrlosung
trägt uns der Trost solcher Einzelerfahrung hinweg.
Ich habe nichts, außer Mucks Depesche und
einem Briefe von Tschudi, erfahren. So freut es mich, daß doch zu
Ihnen etwas von dieser kleinen Episode gedrungen. Die in der
Generalprobe zugegen, sagten mir, es sei ihnen ein neues Werk.
Inzwischen spielte sich in München Siegfrieds
Auftreten ab. Die Kinder, welche zugegen waren, erzählten mir,
daß am Schluß das Publikum, wie bei den „Meistersingern“ zu
Hans Sachs, zu ihm hinströmte. Es soll sehr ergreifend gewesen
sein. Zumal bei der erhöhten Stimmung durch die Leistung und bei
seiner kindlichen Einfachheit.
Gehen Sie ja recht bald nach Les Avants! Die
Höhenluft im Süden wird Ihnen gewiß wohltun. Dann sind
Sie in der Nähe von dem lieben Boissier, und ich meine, daß
ein wenig menschlicher Umgang mit den großen Natureindrücken
sich wohl verträgt. Ich hätte sehr gern solch einen Eindruck,
aber ich muß jetzt
Kniese als Mont
Blanc annehmen und die
verschiedenen Amseln und Nachtigallen, die jetzt von Stadt- und
Hoftheater bald zu mir herflattern, als meinen Lenz
begrüßen! Die draußen absolut fehlende Sonne ersetzt
freilich reichlich der „Ring“, den ich nun bald gänzlich
durchgenommen haben werde.
Ich begreife wohl, daß Ihnen „
nomina sunt odiosa“ ankommt. In der
Tat sagen diese Schatten gar nichts, und ich meine, daß man den
Weg davon nicht genug dèplayieren kann.
Vielen Dank für Balfours Rede! Sie hat mich
sehr interessiert durch ihre Ehrlichkeit, Bestimmtheit und ihren
überlegenen Witz. — Bei den Bismarck-Festivitäten
[Einladung Bismarcks zu Kaiser
Wilhelm II.] war es merkwürdig genug zu verfolgen, wie ein
bei lebendigem Leibe Begrabener der Überlegene bleibt.
Leben Sie wohl, Freund. (Sahen Sie die Schrift vom
Abbé Mugnier? Sie ist sehr merkwürdig!)
Herzlichste Grüße von meinen Kindern und
mir!
In treuer Anhänglichkeit
C. Wagner.
404-405
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
9/4/95, Wien.
Ein armer Student, dem wir öfters durch
abgelegte Kleidungsstücke etc. helfen, versichert uns dann immer
brieflich seines „h ö c h s t e n Dankes“, und
wenn die Sendung besonders reichlich ausfiel, wünscht er uns noch
ein langes Leben, und daß wir „dann in den H i m m e
l kommen möchten“. Ähnlich geht es mir heute Ihnen
gegenüber, hochverehrte Meisterin; vor der Freude, die Sie mir mit
den Siegfried-Zusendungen gemacht haben, stockt mein bißchen
Beredsamkeit; ich müßte auch zu der zehnfachen
Unterstreichung jedes Wortes greifen. Die Münchener Sendung hat
mir außerdem viel Spaß gemacht: es war so hübsch,
diese verschiedenen Arten, zu reagieren, zu beobachten.
Über die Depesche „Siegfried Beethoven-Dirigent
ersten Ranges“ habe ich mich bucklig gelacht: Gott, wenn es einen
ganzen „Rang“ Beethoven-Dirigenten gäbe, dann wäre uns ja
geholfen; ich möchte wissen, wo sie stecken? Außer dem
Adagio der Neunten durch Herrn von Bülow habe ich niemals
Beethoven gehört, das weiß ich bestimmt.
Eine sehr hübsche Notiz über Siegfrieds
Konzert in Rom im hiesigen „Fremdenblatt“ zeigte mir neulich ein
Bekannter. Nur das Siegfried-Idyll scheinen die Italiener nicht
verstanden zu haben, sonst sei die Begeisterung unerhört gewesen.
Zu meiner größten Freude dürfte
Appia nächstens die Gelegenheit haben, das p r a k t i
s c h e Gebiet zu betreten, das einzige, wo ihm Erfolg
blühen kann. Mehrere Pariser Künstler sind von seinen
Ausführungen bezüglich der Rolle des L i c h t e
s als eines „
agent actif“
— im Gegensatz zu der jetzigen Immobilisierung desselben zur einzigen
Beleuchtung gemalter Wände — sehr frappiert worden, und er wird
wahrscheinlich bei der Inszenierung einer neuen französischen Oper
mitwirken. Man wird also bald sehen und wissen, ob er was kann oder
nicht.
Die „Rienzi“-Stimmung dauert bei mir fort; ich wache
auf mit dem: „Wir schwören dir, so groß und stark, wie Roma
war, wird Roma sein!“ Ich denke, Siegfrieds Triumphzug hat auch etwas
damit zu tun, das werden Sie aber besser als ich verstehen und zu
deuten wissen. Übrigens habe ich Rienzi nie gehört — in
Dresden lief ich weg,
Mottl bei Ihnen
auf dem Klavier und meine eigene
Klimperei —‚ also mehr nur Phantasie, von der ich mir denken kann, wie
weit sie hinter der Wirklichkeit zurückbleibt.
Der „Lebensgang“ ist nach der Disposition meines
Buches so fabelhaft kurz, daß ich mich sehr in acht nehmen
muß, um keine chinesische Perspektive zu bekommen — eine Sache,
die mir trotz des Geschmacks unserer Tage verhaßt ist. Ich habe
aber für elastische Stellen gesorgt, wo Namen nach Belieben
eingeschoben oder ausgestrichen werden können. Als Muster nehme
ich mir die Alten. Gestern wurde ich mit Zürich fertig; Gott
weiß, ob's gut ist? Meine Frau hat es sehr ergriffen.
Mit Les Avants wird wohl nichts; der Arzt will mich
durchaus nicht aus den Augen lassen, und ich denke, die Sache wird sich
auf 14 Tage im Salzkammergut nach Ostern reduzieren. — Überhaupt,
ich habe mir's überlegt, und ich glaube, Les Avants ohne Sie und
Ihre Töchter, das hielte ich nicht aus.
In Ehrfurcht und Dankbarkeit
Ihr
Houston S. Chamberlain.
405-406
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Wahnfried, 13/4/95.
Herzlichen Dank, mein Freund, für den
eingehenden Brief und Glück auf zum Salzkammergut, wo es
hoffentlich wärmer sein wird, als wir Armen hier haben. Wenn
Siegfried dazu von der Villa d'Este und dem Sitzen auf dem Monte Pincio
erzählt, fühlt man sich unglücklich und töricht
zugleich in unseren Klimaten zu Hause.
Ich finde es sehr erfreulich, daß Appia eine
praktische Tätigkeit erhält, und es wäre ein
großer Dienst, den er der Bühne leistete, wenn er die
Beleuchtungstechnik steigert. Ich schicke ihm dann Kranich sofort zu!
Über Praeger triumphieren Sie auf der ganzen
Linie. Ich habe selten etwas so glücken sehen! Das ist doch
wenigstens ein Erfolg für die Riesenarbeit!
Siegfried ist Gott sei Dank wohl, er
grüßt herzlichst.
Schöne Kostümblätter
[zum „Ring des Nibelungen“]
von Thoma sind eingezogen!
Alles Gute Ihnen und Ihrer lieben Frau in einem
Ostergruß!
C. Wagner.
*
406-407
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
20. Juni 95, Wien.
Zweck dieser Zeilen ist, hochverehrte Meisterin,
Ihre Aufmerksamkeit auf die soeben in der Reclam-Ausgabe erschienene
vollständige Sammlung von S c h o p e n h a u e r - B
r i e f e n zu lenken. Erstens
finden Sie dort einiges bisher Unveröffentlichte; zweitens ist
diese Zusammenstellung a l l e r Briefe sehr
praktisch und „
handy“;
drittens gewinnen solche Briefe wie die so äußert wichtigen
an Frauenstädt durch die Anmerkungen fünfzig Perzent an Wert,
da man genau erfährt, wovon Schopenhauer spricht — jede Stelle aus
zeitgenössischen Schriften, auf die er sich beruft und die er
kommentiert, wird zitiert etc. Und noch eines: dem Büchel ist ein
Porträt von Schopenhauer als ganz alter Mann vorangestellt, das
ich sehr gewinnend, ja geradezu rührend finde.
Manche Seite in diesem Buche kommt dem Gebet
entgegen: „Gib Vergessen, daß ich lebe!“
Einer ganz anderen Stimmung dürfte mein
Kampfaufsatz
[„Neue Dt.
Rundschau“, Juni 1895] gegen Büchner
entsprechen. Der nachgeschriebene Anfang (bis zu den ersten drei
Sternen) ist leider sehr eilig verfaßt, ich habe da wohl doch ein
bißchen zuviel in den mir eng bemessenen Raum hineinstopfen
wollen. Von I h n e n habe ich ja nicht zu
befürchten, daß Sie
meine Kriegstaktik, Büchner einzig als Dogmatiker hinzustellen und
somit seine Verwandtschaft mit dem Pfaffentum darzutun,
mißverstehen: nichts konnte ihn sicherer und tiefer ins Herz
treffen, und ich gebe aufrichtig zu, daß der Trieb, Rache zu
üben, ganz persönliche Rache, die Hoffnung, diesem
„Bösen überm Berge“ (Ultramontan) vergiftete Pfeile ins Herz
zu schießen, mir nicht ganz fremd war. Natürlich habe ich
mich nicht darauf beschränkt, und ich hoffe, auch anderen manches
zur Belehrung und Anregung geboten zu haben. (Der geschmacklose Titel:
„Büchners Sturz“, ist von der Redaktion g e g e n
meinen ausdrücklichen Wunsch gewählt worden!)
Ich bin gestern mit den „Festspielen“ fertig
geworden; bin sehr gut aufgelegt, habe sie in zwei Tagen geschrieben:
so ein Skribent hat's doch gut mit Festspielen, nicht wahr?
Mit vielen herzlichen Grüßen aus
treuestem Herzen Ihr in Ehrfurcht ergebener
Houston S. Chamberlain.
*
407-408
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
19/8/95, Hinterstoder.
Liebes Fräulein Eva
[Wagner]!
In der Nacht vom 14ten auf den 15ten hatte ich einen
der phantastischsten und beängstigendsten Träume, mit der
Meisterin — natürlich — als Hauptperson, die ich je geträumt
habe. Ihn erzählen würde zu weit führen: das Ganze
drückte jedenfalls ein unaussprechliches Bedürfnis nach Ruhe
und Schweigen aus. In einem großartigen Hotel gaben Sie aber
einen großen Empfangsabend
à
la Wahnfried; Ihre Mutter gab sich heldenhafte Mühe, alle
Gäste zu empfangen und für jeden ein freundliches Wort zu
finden, aber zuletzt ging es nicht mehr, sie drehte irgendeiner Hoheit
plötzlich den Rücken, erfaßte meinen Arm und sagte mir:
„Führen Sie mich gleich hinaus, ins Freie!“ Nun wurde ich aber von
einer ganz Jean Jacques Rousseauschen Ungeschicklichkeit erfaßt;
ich dachte, ich müßte die Meisterin u n t e r h
a l t e n! — und da mir natürlich nichts Gescheites einfiel, sagte
ich Dummheiten; mit einem ganz furchtbaren Gesichtsausdruck, den ich
niemals vergessen werde, ruft mir die Meisterin zu: „Was, nicht
einmal S i e können schweigen?“, wirft heftig
meinen Arm von sich und läuft geschwind wie der Wind fort, fort in
die Nacht hinein.
Und nun denken Sie, am folgenden Tag, am 15ten,
verursache ich — sehr unschuldigerweise und indem ich ihn befreien
wollte — den Tod eines süßen kleinen Vogels, der in unser
„Stegbauergut“ hineingeflogen war; Der Kleine prallte mit dem Kopf
gegen ein Fenster an und blieb sofort tot! Es war wirklich
erschütternd; selten hat etwas einen solchen Eindruck auf mich
gemacht: der Mensch stirbt eigentlich gar nicht, er lebt in seinem
Werke, er lebt in dem Andenken aller, die ihn liebten, und stirbt also
jedenfalls nur sehr langsam und allmählich — und auch da noch ist
er nicht tot, etwas von ihm lebt in dem Andenken der spätesten
Generationen fort, die niemals seinen Namen hörten... Aber so ein
kleiner, befiederter Bewohner der Sonnenstrahlen, dessen ganzer Bau auf
Licht, Luft und Gesang zielt, der liegt gleich so ganz und gar tot da!
Noch niemals habe ich das unergründliche Mysterium des
L e b e n s so unmittelbar gewaltig empfunden wie an jenem Tage.
Und welche Welttragik lag nicht in dem Schmerz des vereinsamten
Überlebenden, der mit herzzerreißendem Gezirps um das Haus
herumflatterte! Das war der echte absolute Schmerz, der nichts von
Trost und ähnlichen Limonaden und Lügen weiß... Kennen
Sie die Vorstellung der alten Inder, daß die Seelen „der
Väter“ in Vogelgestalt herumfliegen, bis sie durch die frommen
Werke ihrer Nachkommen die letzte Erlösung gewinnen?
In treuer Angehörigkeit Ihr
Houston S. Chamberlain.
408-411
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Hinterstoder, 3/9/95.
Liebes Fräulein Eva!
Gewiß bemerkten Sie auf dem Ihnen neulich
mitgeteilten Bogen, daß ich Kleist das Motto für mein ganzes
Buch
[„Richard Wagner“]
entnommen habe?
„Prometheus soll von seinem Sitz
erstehen
Und dem Geschlecht der Welt verkündigen:
Hier ward ein Mensch; so hab' ich ihn gewollt!“
Daraus mögen Sie — wenn Sie sehr findig sind — die Geschichte
meiner Kenntnis von — besser, meines Verhältnisses zu Kleist
entnehmen.
Vielleicht war es der Geist des Widerspruchs? Ich
glaube jedoch eher eine Folge davon, daß man von Dingen, von
denen man viel hört, sich unwillkürlich eine fast bestimmte
Vorstellung macht, ehe man sie in der Tat kennenlernt — und
natürlich eine falsche Vorstellung, wodurch aber leicht ein
Gefühl der Unbefriedigung bei der Begegnung mit dem Original
entsteht; jedenfalls, und wie dem auch sei, als ich die Lektüre
von Kleist mit dem
„Prinzen
von Homburg“ begann, zündete das Werk bei mir nicht so, wie
ich's erwartet hatte.
„Käthchen
von Heilbronn“ fesselte mich schon viel mehr. In die hellste
Begeisterung aber geriet ich erst bei „Penthesilea“ — von deren
Existenz ich nichts gewußt hatte, und die namentlich im ersten
Drittel noch immer als eine der erstaunlichsten,
„vertigineux“-sesten
Schöpfungen des Menschengeistes mir erscheint. Daß es als
Ganzes verfehlt ist, daß es sich selbst als „unaufführbares
Theaterstück“ das Todesurteil gesprochen hat, das kann einen nach
jenem Anfang nicht wundernehmen; es kommt auch gar nicht darauf an.
Beides, die dichterische Vision und der Stil sind hier berauschend. Das
ist Schillersche Rhetorik, aus den Banden der Dialektik erlöst und
zu höchstem poetischen Glanz erhoben. Nun, ich weiß, meine
Liebe für „Penthesilea“ ist eine blinde; solche Eindrücke
gehören zu den wirklichen Erlebnissen des Daseins: ich werde mich
hüten, mir so etwas wegargumentieren zu lassen; die Liebe zu einem
Werk mit vielen Schwächen ist wie die Liebe zu einem Kinde.
Minder leidenschaftlich, aber voll staunendster
Bewunderung war und ist meine Empfindung für die
„Hermannsschlacht“.
Ich möchte wissen, wo der D e u t s c h e so
gemalt ist wie da? — Faust ist ebensowenig (als Charakter) spezifisch
deutsch, wie Hamlet etwa Engländer; vielleicht könnte man von
diesen beiden sagen, daß sie durch abnorme, monströse
Ausbildung Ingredienzen des Nationalcharakters hervorkehren und
manifestieren, die wohl zu den eigensten, unentbehrlichsten
Bestandteilen dieses Charakters gehören, nicht aber in diesem
Verhältnis. In dem Außerordentlichen offenbart sich etwas,
was sonst dem Blicke verborgen blieb. Man wird an Taines echt
französisch-doktrinäre Aussage:
„Le premier principe de l'art, c'est
la d é f o r m a t i o n !“ (ich
zitiere nach dem Gedächtnis) erinnert. Dagegen ist Kleist etwas
einfach Mirakulöses gelungen: er hat den Deutschen so gemalt, wie
er ist; in Hermann erblicke ich gar nichts „Deformiertes“ oder
Geniales; er ist einfach ein bestimmter, charakteristischer Typus des
echten, unverfälschten Deutschen, der durch Leben in der Natur,
durch physische Kraft und infolge seines glücklichen Mangels an
Bildung in bedeutenderer Gestalt vor uns hintritt als sein Urenkel, der
heutige Gymnasiallehrer oder Kapellmeister. Das ist zugleich Realismus
und höchste Poesie. Fast dasselbe gilt von Thusnelda, wenngleich
das Dämonisch-Außerordentliche wohl mehr bei ihr
ausgeprägt ist. Hermann bleibt aber ein Unikum in der deutschen
Poesie — vielleicht überhaupt; wer diese Gestalt schaffen konnte,
war ein Sehr großer Dichter.
Nun glauben Sie mich vielleicht in Barbarei
versunken; Sie meinen, ich habe noch immer nicht die erste Stufe
betreten, die zum Tempel hinaufführt, da ich nämlich gestehen
muß, noch niemals eine so elementare Begeisterung für den
Prinzen von Homburg empfunden zu haben wie für Penthesilea und
Hermann? Das ist die Wahrheit; darum muß ich sie auch gestehen.
Dennoch habe ich nach und nach sehr deutlich einsehen gelernt,
daß der „Prinz von Homburg“ Kleistens bestes Kunstwerk ist,
vielleicht ein vollkommenes und dann jedenfalls und ohne Frage das
einzige von ihm, dem dieses Prädikat zukommt. Aber, wissen Sie —
bitte, glauben Sie nicht, daß ich durch Paradoxe „geistvoll“ zu
erscheinen suche, höchstens entsteht dieser Schein durch
ungeschickte Äußerung einer tiefen Empfindung —‚ wissen Sie,
ich finde, daß ein Mann wie Kleist gar nicht dazu bestimmt ist,
vollkommene Werke zu machen! Dazu fehlt ihm doch jene einzige,
despotische und souveräne Kraft des vollgültigen,
authentischen Genies. Und in dem Gefühl hiervon berührt es
mich fast u n h a r m o n i s c h, daß solch
ein Mensch nun auf einmal ein Meisterwerk wie den „Prinzen von Homburg“
hervorbringt. Es ist mir fast unheimlich! Um diese Vollkommenheit zu
erreichen, hat er sich auch sehr beschränken müssen: das
käme einem bei einem Goethe ganz natürlich vor, nicht aber
bei einem Kleist, dessen Geist immerwährend ins Unendliche oder
wenigstens in die ganz großen, gigantischen Verhältnisse
schweift und dort seine Wonne findet. Für Kleist selber kann ich
mich kaum der Empfindung des Schmerzes erwehren, wenn ich ihn auf
feste, gegebene, nahe Verhältnisse beschränkt sehe. Wohl
weiß ich, daß er aus dieser Enge einen Ausweg gefunden hat,
durch den Traum, aber gerade das macht den Prinzen und Kätchen zu
solchen tragischen Werken — mir wenigstens schneidet es jedesmal wie
ein Messer ins Herz —‚ es ist das Bekenntnis eines Mannes, der nur und
einzig im Traume Glück gekannt hat. Hierin liegt aber wiederum das
Bekenntnis einer angeborenen Schwäche, jenes Mangels an
Gleichgewicht zwischen Wollen und Können, welches Kleists
Persönlichkeit so schmerzhaft bezeichnet und zu seinem traurigen
Ende schließlich führte. Kurz, mein rein künstlerischer
Genuß wird durch die zu lebhafte Suggestion der leidenden
Individualität des Autors in etwas gestört.
Ich glaube nicht, daß ich mit dem Gesagten
mich so mißverständlich ausgedrückt habe, daß man
darin eine Kritik von Kleist und seinem Werke erblicken könnte;
ich habe im Gegenteil nur versucht, Ihnen über meine Empfindung in
bezug hierauf zu berichten, und zwar weil Sie die Güte hatten, sie
gern erfahren zu wollen.
Natürlich gehört der „Prinz von Homburg“
trotz alledem zu den schönen Besitztümern meines
intellektuellen Lebens, Sein Traum am Eingang, wodurch alles Folgende,
wie es sich auch wenden möge, die tragische Weihe empfängt,
die Angst vor dem Tode, so wahr bei der Phantasie eines so lebhaft
träumenden Mannes, und sei er auch ein Held, und dann jene
unvergleichliche Szene, in welcher die Befehle für die kommende
Schlacht erteilt werden — kenne ich das Stück auch schlecht, das
steht doch alles so lebhaft vor mir, als wäre ich dabeigewesen.
Verzeihen Sie das eilige Geschreibe; es geht seit
einigen Tagen wieder recht flott zwischen München und Stoder,
gottlob! Was ich Ihnen sagen wollte, kann ich nur so auf das Papier
hinwerfen.
Tausend Grüße von Ihrem treu ergebenen
Houston S. Chamberlain.
411-412
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Brünig, d. 9. September 95.
Wir sind nun hier in einer stillen Pension
angekommen, die Siegfried in seiner Sprache „mimsy“ oder „urlieb“
nennen würde. Das Gute davon ist, daß wir in solcher
Abgeschiedenheit leben, daß man sich wirklich sammeln kann, auch
überwältigt einen die Natur nicht, sondern hilft ein
herrlicher Buchen- und Tannenwald zur gemütlichen
Äußerung, und so komme ich denn endlich zu Ihnen, mein
Freund, und warte nicht bis zum mündlichen Austausch, wenngleich
ich mich herzlich darauf freue.
Inzwischen hat mich Eva treulichst von allem
unterrichtet, und ich möchte Ihnen von Herzen dafür danken,
daß Sie das gute Werk auf Kosten Ihrer Ruhe fördern.
Irre ich nicht, so hat
Apponyi
gemeint, daß
der Staatsmann von der Idee ausgeht und zur Wirklichkeit gelangt (ein
Beispiel wäre der Freiherr vom Stein, der von der Idee des
deutschen Reiches immer, bei seinen praktischen, sehr
verschiedenartigen Anknüpfungen, ausging), während der
Künstler oder der Dichter von der Anschaulichkeit aus sich zu der
Idee erhebt. (Habe nun ach Philosophie etc., etc.) (Alles
Vergängliche ist nur ein Gleichnis.)
Prinz von Homburg! Mir ist es im Gegenteil, als ob
nach jugendlicher Ausschweifung auf allen Gebieten, der Zeit und des
Raumes Kleist nun darin zu sich zurückgekehrt sei, und, aus einer
preußischen Soldatenfamilie stammend, das ihm Handgreiflichste
gefaßt hätte und unnachahmlich wiedergegeben. Daher auch ein
Leben der Gestalten und eine Wahrheit, wie sie in diesem Grabe in
seinen sonstigen schwungvoll schönen Werken nicht zu finden. Der
Große Kurfürst ist einzig und weist dem Prinzen
gegenüber völlig Züge auf, wie wir sie von Hans Sachs zu
Stolzing gewahren, Dann Kottwitz, Hohenzollern, Derfflinger, solche
Leute hat Kleist gekannt. Und die konzise Sprache, die ihm als Dichter
so wesentlich zu eigen, sie stimmt zu der Knappheit der
Äußerungsweise dieser märkischen Helden, inmitten
weIcher der romantische Homburg wie ein exotisches Gewächs wirkt.
In einem gewissen Sinn kann man dieses Stück als das Meisterwerk
des deutschen Schauspiels bezeichnen, eben, weil es auf eigenem Grund
und Boden erwachsen ist und auch in der Zeit dem Dichter so nahe,
daß er gar nicht irren konnte.
Leben Sie wohl, Freund, und seien Sie
gegrüßt! C. W.
*
412
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Wien, 13. Nov. 1895.
Liebes Fräulein Eva
[Wagner]!
An Bruckmann schreibe ich mit derselben Post, um ihn
zu beauftragen, Ihnen zehn meiner Autorenexemplare
[des Buches „Richard Wagner“]
zur Verfügung zu stellen; ich bin sehr stolz, wenn ich Ihnen damit
dienen kann, und ich finde es viel netter, Sie erhalten sie von mir als
von einer Aktiengesellschaft.
Der erste Anblick des fertigen Buches hat mir ein
ganz klein wenig den Atem benommen; verschiedenes ist furchtbar
„echt-deutsch“, wie man so sagt, und der Mangel an Luxus in einigen
materiellen Kleinigkeiten (das Sparen an Pfennigen, nachdem man die
Tausender freigebig ausgegeben hat) beleidigt das englische Empfinden.
Jedoch, ich hoffe, das Echtdeutsche wird sich auch im guten Bayreuther
Sinn des Wortes bewähren. Alle Öffentlichkeit muß als
eine Marter betrachtet werden, die in Geduld zu tragen ist.
Tausend Grüße an Sie alle von Ihrem
treuergebenen
Houston S. Chamberlain.
413
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
15/11/95, München.
Liebe Freundin
[Anna
Chamberlain]!
Fünf Autorenexemplare sind nun bei mir
angelangt, mehr nehme ich nicht an! Dazu kommt, daß ich gar keine
verschenken kann, denn, wie ich höre, hat Ihr teurer Mann doch von
mir gesprochen. Nun weiß ich, wie er dies tun wird, und ich will
nicht daran denken, da sonst das Gefühl der Scham
unüberwindlich mich befallen würde.
Meine Exemplare erhalten: 2 die Kinder, 1 Adolf
[von Groß], 1
Wolzogen,
1
Glasenapp,
1
Schweninger
(vor dem Arzt schäme ich mich nicht!).
Lesen? — Dies würde einen Abschnitt in meinem Dasein bedeuten, es
ist mir also vielleicht bestimmt. W a s das
Buch i s t, weiß ich aber, ohne es zu lesen,
und danke Ihnen aus tiefer Seele. Die Mottos allein sind ein Denkmal.
Das Buch wird Gutes wirken, und darauf kommt es an.
Al. Ritter war entzückt von Ihres Mannes Brief;
demnach kann die Blümel-Tendenz
[„Tendenz oder Sentenz?“ „Bayr.
Blätter“ 1896, S. 193—196] in den „Bayreuther
Blättern“ erscheinen. Es wird jedenfalls kein Blümchenkaffee
sein.
Herzlichste Grüße Ihnen
beiden. C. W.
413
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Bayreuth, d. 10. Dez. 1895.
Über Ihr Buch ist nur eine Stimme, mein Freund,
und zwar bei allen Vortrefflichen. Und es ist unabsehbar, was Sie Gutes
damit wirkten. Möchten Sie selbst rechte Freude daran haben!
Sie wollen Wien verlassen? Ich verstehe es! Wohin?
Sie sagten mir einst: Sie brauchten das Element einer großen
Stadt; wäre das nicht, würde ich Ihnen München raten, wo
Sie, glaube ich, ungemein wirken würden und mehr Anregung
erführen als — meines Wissens — in irgendeiner deutschen Stadt.
Ich spreche eigentlich für mich, wegen der Nähe, und weil man
immer über München kommt.
Ich bin sehr gespannt auf den „Weinbauer“ in
Zürich; ich glaube, er wird Glück haben, was mich sehr freuen
würde!
Freilich wollen wir Ihre „Bayreuther
Blätter“-Arbeit
[1876—1896.
„Die ersten zwanzig Jahre der Bayreuther Bühnenfestspiele“, „B.
Bl.“ 1896.] als Broschüre sehen! Jetzt wird alles, was Sie
schreiben, Aufmerksamkeit erwecken.
Alles Herzlichste Ihnen beiden! Treulichst
C. W.
414
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
13. Dez. 1895, Wien.
Herzlichen Dank, hochverehrte Meisterin, für
Ihren Brief vom 10ten! Ja, mit Ausnahme einiger habe ich nur
Liebenswürdiges, hier und da auch Beglückendes über mein
Buch bis jetzt erfahren. Bis die Leute es wirklich lesen, wird
allerdings geraume Zeit bei den meisten noch vergehen. Aufs
Blättern ist es durchaus nicht angelegt. — Erfreulicherweise wird
auch sowohl von Zeitungen wie von Privaten der gesamte illustrierte
Teil schwärmerisch bewundert: Über
Frenz findet
das Entzücken kein Ende, und selbst
Kaempffer
(auf den ich einen besonderen Haß habe) begeistert. Außer
Ihnen kenne ich einzig
Appia und noch
einen Dritten, der ungenannt bleiben mag, die nicht mit einstimmen. Und
mein lieber Appia setzt sich philosophisch über die „Hindernisse“,
wie er sie nennt, hinweg, indem er mir versichert, daß, sobald er
zwei Zeilen meines Testes gelesen hat, er die Bilder überhaupt
nicht mehr sehe. — Ich für meinen Teil habe von Anfang an bestimmt
darauf gerechnet, daß der Erfolg der reich und nach dem Geschmack
der Menge entsprechend illustrierten Ausgabe die
verhältnismäßig baldige Möglichkeit einer
billigen, nur mit den wichtigsten Porträts versehenen Ausgabe
herbeiführen wird. Der buchhändlerische Erfolg scheint —
für ein so kostspieliges Werk — e n o r m zu sein.
Der „Weinbauer“ in Zürich! Die schriftliche
Zusage des Direktors habe ich, aber noch nichts Bestimmtes. Ich kann
aufrichtig sagen, daß ich diese Aufführung einzig meiner
selbst willen betreibe und wünsche. Als ich das Stück
schrieb, habe ich nämlich alles so ganz „bühnen-dramatisch“
empfunden, jedes Wort gespielt und agiert, ehe ich es aufs Papier
setzte, usw., daß ich den Eindruck habe, als könnte kein
Mensch wissen, wie es wirken wird, bis es die Gelegenheit hat, von der
Bühne ab ähnlich zu wirken, wie damals in meiner Phantasie.
Beim bloßen kühlen Lesen habe ich es selber nicht
interessant gefunden. Ich glaube nun, daß nichts auf der Welt
mich so gründlich über die Natur meiner eigenen Begabung
unterrichten würde, mir so deutlich zeigen würde, was mir
hier versagt ist, und wohin ich mich zu wenden hätte, um Gutes zu
leisten, wie die Erfahrung einer leibhaftigen Aufführung. Ich kann
Sie versichern, daß, wenn ich auch meinen Jan von Herzen liebe,
ich mir auf das Stück nicht das geringste einbilde.
Von Herzen grüßt in Ehrfurcht Ihr
Houston S. Chamberlain.
415-416
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Wien, 17/12/95.
Sie fragten einmal, hochverehrte Meisterin, ob wir
Lili Lehmann
gehört hatten; gestern hörten wir sie in „Fidelio“.
Hervorragend war sie nicht. Daß die Künstlerin von Bedeutung
hin und wieder herausblitzte, solI nicht verschwiegen werden; aber
alles in allem — der Vergleich mag ja ein bißchen disparat sein
—‚ Marie Lehmann als Hexe in
Humperdincks
„Hänsel und Gretel“ ist
eine der vollkommensten Leistungen, die ich je auf einer Bühne
sah, Lili Lehmann als Fidelio war gesanglich und darstellerisch
mittelmäßig.
Wie komisch komme ich mir heute als Kritiker vor, wo
ich gestern abend mich zusammennehmen mußte, um hin und wieder
auf die agierenden Leute aufzupassen, durch welche dieses
übernatürlich schöne Werk, so gut es ging, in die
Erscheinung trat, Ich hatte noch niemals so empfunden, wie sehr diese
„Oper“ im tiefsten Grunde
de l'art
pour les artistes ist. Mir erschien alles symbolisch, die ganze
Handlung
„quelconque“ —
überall einzig die Stimme des gewaltigen Einen. Die Kreise des
Symbols kann man natürlich so weit ziehen, wie man will, das ist
das Moment der Willkür und der eigenen Seelengröße,
Beethoven selber hat es ja durch diese dramatische Form recht kindlich
bequem für die Unfähigsten gemacht; was aber keine
Willkür ist, das ist die Erkenntnis oder besser die Empfindung des
einen einzigen schöpferischen Mittelpunktes, Beethovens eigenen
Herzens. Was ihm zum Dramatiker fehlte, war wahrlich nicht, wie die
Musikgeschichten es erzählen, die Gestaltungskraft (!) oder gar
die spezielle d r a m a t i s c h e
Gestaltungskraft; mich dünkt, auch in „Fidelio“, seine Musik die
dramatischste, die es gibt; zwar steigert sie sich nicht, sie gibt aber
immer sofort, in zwei Takten, die ganze restlose Empfindung, man wird
aus einer V o l l k o m m e n h e i t in die andere
versetzt. Beethoven wandelt in diesem Werke wie die Götter der
Inder von einer Bergspitze zur nächsten: vom Quartett an bis zum
Schlusse kommt man aus der Verzückung und den Tränen nie
heraus. W a r u m, habe ich erst gestern verstanden.
Beethoven ist in einem gewissen und tiefberechtigten Sinne viel mehr
ausschließlich „reiner Musiker“ als Mozart. Mozarts
einzige S p r a c h e war die Musik, mit dieser
Sprache konnte er aber allen möglichen Dingen beikommen; Beethoven
kennt dagegen nur einen einzigen Gegenstand, seine eigene Seele; zwar
ist diese Seele eine weltumfassende, aber wenn er durch seinen
Bildungsgang auch zum Dichten befähigt worden wäre, wohl auch
zum Malen und Bilden, er hätte doch immer nur von s i
c h reden können. Er hätte, wie Rembrandt, sich selbst
gemalt, und, wie Byron, sich selbst besungen. Das Irreführende und
zunächst fast unharmonisch Störende im „Fidelio“ ist nun,
glaube ich, daß die symbolische Projektion, anstatt etwa ihre
Kreise bis zur Entfeßlung des Prometheus auszudehnen, sich nicht
weiter wirft als bis zu einem spanischen Kerkerabenteuer. Im Grunde
genommen bleibt sich das aber ganz gleich. Die 7te Symphonie war ja
für das Genie die „Apotheose des Tanzes“
[Richard Wagner, Ges. Schr. u. D.,
Bd. 3, „Das Kunstwerk der Zukunft“], für andere ein
einfaches Bauernfest, in welchem die Leute zum Schluß sich einen
„Schwips“ angetrunken haben; Monsieur Thiers, als Vertreter der
bürgerlichen Kreise, erblickte in dem mittleren Satze einen
Trauermarsch, und in dem letzten (wie ich vermute) die Freude der
„trauernden Hinterbliebenen“ über die ihnen zugefallene Erbschaft.
Ein jeder tut eben, was er kann. Worauf ich aber hinauskommen wollte,
war, daß es sich mit der angeblichen „Oper“ „Fidelio“ genau
ebenso verhält. Die überirdische Schönheit dieser Musik
läßt uns deutlich empfinden, daß sie einzig und
allein e i n e m Drama gilt: der Tragödie
betitelt „Beethoven“. „Mir ist so wunderbar“ — „so leuchtet mir ein
Farbenbogen“ — „o Freiheit, Freiheit!“ — „Süßer Trost in
meinem Herzen, meine Pflicht hab' ich getan“ — „gefesselt, gefesselt“ —
„O Gott, welch ein Augenblick!“ — „O namenlose Freude!“ — alles ist
Beethoven, Beethoven und nur Beethoven. Ja, auch „Die Rache werd' ich
kühlen“, und „Das Geld, das ist ein prächtig Ding!“, das
spricht e r alles, und darum hat es auch Unendliches
zu bedeuten.
Entschuldigen Sie dieses Geschwätz; bei
„Fidelio“ habe ich immer das Gefühl, als säßen Sie im
Theater; Sie könnten zürnen, wenn ich die schuldige
Aufwartung in Ihrer Loge unterließe.
Ehrfurchtsvoll Ihr
Houston S. Chamberlain.
H. S. Chamberlain mit seinem Hund „Colla“
416-417
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
Wahnfried, 18. 12. 1895.
Gerade vor wenigen Tagen hörte ich von oben
(weil ich jetzt meinen Kindern die kleinen Empfangsabende der Schule
[in der Halle Wahnfrieds]
überlasse) die große Arie von Fidelio und war dabei zu
Tränen gerührt. Gewiß ist es so, wie Sie sagen, und
kommt das, was uns so namenlos dabei ergreift, aus dem Quell her, den
Sie bezeichnen.
Ich glaube auch, daß mit der
Schröder-Devrient
die letzte Darstellerin der Leonore verschied. Sie hatte ja Beethoven
gekannt und hatte vielleicht von ihm Worte über die Treue des
Weibes vernommen!
Heute hat mir Ellis mit seinem Freudenausbruch
Freude gemacht. Ihr Buch ist ein Glück für alle Guten, und es
enthüllt uns Gute allenthalben.
Ich habe nun auf meine Weise mich damit
beschäftigt, nämlich durch meine Kinder mir zuerst die Mottos
der Reihe nach vorlesen lassen, dann die Faksimiles, dann einzelne
Stellen u. a. über die Freunde. Und ich finde, daß Sie da
geradeswegs wie ein Dramatiker wirken; so kurz Ihre Darstellung
ist, s i e h t man sie doch alle! Das scheint mir
von guter Vorbedeutung für den „Weinbauer“, von welchem ich
überzeugt bin, daß er lebendig wirken wird.
Ich würde niemals ein Wort über Vignetten
und sonstige Illustrationen verloren haben, wenn Ihre liebe Frau mich
nicht gefragt hätte, ob ich nicht auch fände, daß diese
Illustrationen den Text erdrückten. Ich mußte ihr recht
geben. Nun behalten wir beide unrecht, da, wie es scheint, die
Vignetten geradezu hinreißen! Das ist aber alles einerlei! Das
Buch ist da und wird g e w i ß gelesen, nicht
nur gekauft!
Nun sinne ich und sinne und möchte Ihnen eine
Ihrer würdige Freude machen. D. h. gefunden habe ich es gleich!
Ich weiß nur nicht, wie es ausführen. Ich möchte Ihnen
die „B i o g r a p h i e“
[Richard Wagner, „Mein Leben“,
damals nur als Privatdruck vorhanden] zu lesen geben. Kann mich
aber nicht entschließen, das Buch aus dem Hause zu geben. Nun
sind wir so weit voneinander, daß ich es nicht wage, Sie zu
bitten, herzukommen! Wie wir uns aber freuen würden, brauche ich
es zu sagen? Auch träfen Sie
Thodes hier! Und
meine kleine Enkelin
aus Sizilien! Das trifft alles nächsten Sonntag ein, aber eine
Stube hätten Sie doch in Wahnfried. Und eine Vorführung vom
I. Akt „Siegfried“ (mit Klavier), wenn alles glückt. Und was noch
alles, das sich nicht sagen läßt. Doch die Götter sind
mächtiger als wir Armen! Und so will ich nicht drängen,
sondern nur andeuten.
Alles Gute mit Ihnen, Freund, und die herzlichsten
Grüße von uns allen für Sie und Ihre liebe
Frau! C. W.
Cosima Wagner im Jahre 1888
418-419
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.
22. Dezember 1895, Wien.
Das Schicksal, welches mich in bezug auf Wahnfried
seit Anfang an verfolgte, tut es auch jetzt noch, hochverehrte
Meisterin. Von Ihrer so gütigen Einladung darf ich nur die Freude,
daß Sie mich einluden, genießen. Daß ich
gesundheitlich nicht auf der Höhe bin, hätte mich vielleicht
nicht verhindert. Gestern hatte ich aber eine lange Konferenz mit
Hofrat Wiesner,
dem Leiter des Pflanzenphysiologischen Instituts, und
es ist ausgemacht worden, daß ich die Ferienzeit zwischen morgen
und dem zehnten Januar zu Arbeiten benütze, bei denen Wiesners
Assistent mir behilflich sein kann. Sobald die Studenten wieder da
sind, ist das natürlich viel schwerer, der betreffende Herr hat
keine Zeit, und selbst das bloße Nachschlagen in der Bibliothek
und Notizennehmen fällt mir ohne absolute Ruhe nicht leicht. Ich
müßte also bis Ostern warten. Da gibt es also keine Wahl.
Ein Trost war mir, nebenbei gesagt, das große
Interesse, welches Wiesner dieser Publikation
[„Recherches
sur la sève ascendante“. Neuchâtel 1897]
entgegenbringt. Weit entfernt, daß meine vor zwölf und
dreizehn Jahren gemachten Beobachtungen antiquiert wären,
kämen sie jetzt gerade zeitgemäß. Der Streit zwischen
den namhaftesten Gelehrten über die Bewegung des Saftes ist gerade
augenblicklich sehr heftig; woran es aber fehlt, sind gerade
größere Reihen von exakten Beobachtungen; denn diese sind so
zeitraubend, so mühsam und erfordern eine so unendliche
Gewissenhaftigkeit, daß sich schwer einer dazu entschließt.
Außerdem erfuhr ich, daß der von mir erfundene Saftdruck-
und Saftmengenmeßapparat noch von keinem „nacherfunden“ wurde;
auch ein unerwartetes Glück, denn die Geschichte ist so kindisch
einfach, daß man glaubt, jeder müßte gleich darauf
verfallen; die Gelehrsamkeit zahlt wirklich hoben Zoll!
Nun, entschuldigen Sie, wenn ich von solchen Dingen
zu Ihnen spreche; ich wollte Sie nur mir nachempfinden lassen,
daß ich hier wirklich keine Wahl habe, sondern mit blindem
Gehorsam diese mir vom Schicksal zugewiesene Pflicht erfüllen
muß. Einmal tritt das Schicksal als Aktiengesellschaft, ein
anderes Mal als Hofrat auf — die Pflichterfüllung bleibt aber
dieselbe.
Dabei habe ich aber dennoch das Gefühl einer
mehr dumpfen als begeisterten Resignation bei diesem Entschluß,
nicht nach Bayreuth zu fahren. Ich fühle mich „ausgeschlossen aus
der Seligen Schar“. Und zwar hält mich diese Stimmung so umfangen,
daß ich kein einziges Wort finde, um meinen Gefühlen bei
Ihrem Geburtstagsfest Ausdruck zu geben. Dazu kommt noch, daß
nach dieser langen, eingehenden Beschäftigung einzig mit „Ihrer“
Sache mein Herz in einen chronischen Zustand von
„Überfüllung“
gekommen ist. Könnte ich in Tönen reden, so würde ich
Ihnen sofort sagen, was ich zu sagen habe; aber so kann ich nur auf Ihr
Genie rechnen, das Verborgene zu erblicken und das Unausgesprochene zu
vernehmen.
Was ich Ihnen unter den Weihnachtsbaum legen
könnte, wäre so außer allem Verhältnis zu dem, was
ich fühle, daß ich davon absah. Vielleicht darf das Exemplar
meines Buches mich vertreten?
Es erübrigt mir noch, Ihnen für das
schönste Geschenk: daß ich die Biographie einmal lesen darf,
zu danken. Ihre Güte hat mich tief gerührt. Ich freue mich
aber, daß Sie es mir nicht zuschicken wollen; ich hätte
keinen Augenblick Ruhe, aus Angst, daß dem kostbaren Werk etwas
geschehen könnte. Voriges Jahr hatte ich öfters Angst, Sie
könnten mir möglicherweise meiner Arbeit wegen diese
Lektüre anbieten, die mich natürlich gänzlich
paralysiert hätte. Eine alberne Angst, da Sie das ganz genau
wußten. Jetzt aber, wenn das Herz erst ein wenig „entleert“ sein
wird, darf ich vielleicht einmal von Ihrem Versprechen Gebrauch
machen, vielleicht wenn ich die physiologischen Mühsalen
überwunden habe? Sie sollten gewiß meine Gegenwart in
Bayreuth gar nicht merken, oder wenigstens nur, soweit es Ihnen
beliebte, ihr Aufmerksamkeit zu schenken.
Ihren Kindern, allen, wünsche ich von Herzen
„a
merry Christmas and a happy New Year“.
In Ehrfurcht und treuer Angehörigkeit Ihr
Houston S. Chamberlain.