Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888—1908

Wiener Zeit III, Seite 312—419

 

Note: Enumerated notes ¹), ²) etc. are not original.


312 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Aus dem Jahre 1893


Bayreuth, 13. 1. 1893.

    Nun sind drei Wochen seit der Weihnacht bereits vergangen. Ich liebe Feste und Feierlichkeiten, die gemütlichen intimen wie die grandiosen! Wären Sie nur bei uns zur Weihnacht und zur Silvester gewesen; erstere brachte uns zwei wunderschöne Tiere, ein Pferd, welches Siegfried nun schön reitet, und einen lieben prachtvollen Neufundländer, der so schnell der unsrige geworden, daß es ihm und uns ist, als ob wir uns von je gekannt. Zu Silvester aber führten meine Kinder eine Improvisation auf: „Festspielnot“, welche Sie gewiß sehr unterhalten hätte.
    Nun stecken wir wieder in der sonstigen Not dicke drinnen. Das Leben der „Schule“ ist eine rechte Schule des Lebens, indem es sich nicht bloß darum handelt, allerhand, was sich von selbst versteht, mit Mühe beizubringen, sondern ebenfalls sich von selbst Verstehendes zu ertragen, auszugleichen, „payer les pots cassés“, wie es auf nüchtern gallisch heißt.
    Ich möchte Ihnen gern Dr. Fiedlers Brief schicken, weil ich ihn sehr bezeichnend fand. So wird der gut angelegte Deutsche, wenn er von Juden umringt ist, nämlich — objektiv! Alles Positive erschreckt ihn. Ich habe immer die Hoffnung, F. noch herauszuangeln; es wird aber schwer halten.
    Vielen Dank für die Schattenbilder und für den Fürst Erzbischof. Das kanonische Recht ist sehr einfach und schon dadurch richtig.
    Ich möchte, Sie hörten hier eine Probe der Messe [„Missa solemnis“ von Beethoven, die Kniese einstudierte], dann vielleicht etwas aus der „Minna von Barnhelm“, die ich [in der „Stilbildungsschule“] einstudiere, und würde dann, wenn Sie sich ansagen, einiges vorbereiten. Aber, wenn Sie à tout prix das Glück herausfordern wollen, gut, mir recht!
    Hoffentlich auf Wiedersehen, mit oder ohne „Alarmierung“, und leben Sie wohl und heil und hoch und froh, und bleiben Sie mir gut und schreiben Sie mir bald (bitte, keine Vornahmen!). Treulichst

C. W.


312-313 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wahnfried, 1. 2. 93.

    Ihren wundervollen Vortrag [„Richard Wagner und die Politik“, den Chamberlain am 20. 2, 1893 in Graz hielt; abgedruckt in „Richard Wagner der Deutsche“, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7196/97] gebe ich hier zurück. Haben Sie Dank für das Verständnis, für die Ausarbeitung, welche den Zusammenhang ergibt, Dank für die Abfertigung der Elendigkeit und für die Einkehr zu Gott! Da war etwas zu besprechen, und   w i e   haben Sie es besprochen. Daß unsere Überzeugungen in der heutigen Welt nicht in Handlungen zu verwandeln sind — diese traurige Tatsache wird für mich ganz aufgehoben, wenn ich diese Überzeugung mit solcher Schärfe ausgesprochen sehe, denn dann weiß ich, daß die Ereignisse kommen werden, die immer den Unmögliches Begehrenden zu Diensten gewesen sind. Auch wenn die Zeitläufte diese Dienste kaum im Zusammenhang uns erscheinen lassen.
    Dieser Vortrag wird eine Wohltat für unsere „Blätter“ sein, ich freue mich schon, ihn wiederzulesen. Und dann — Sie reden wie ein Mensch aus dieser Welt, und ich muß gestehen, daß ich mit Freund Falstaff da Hand in Hand gehe und ein peremptorisches Bedürfnis nach Einfachheit habe.
    Gestern ist nun meine Minna an mir vorübergegangen und hat mich, denke ich, gekannt. Das war eine Art Abschluß und ein Anfang; Siegfrieds Direktion:   „E n t f ü h r u n g   a u s   d e m   S e r a i l“   und   „T a n n h ä u s e r - M a r s c h“;   es war sehr gut und sehr ergreifend. Dann ein wunderschöner Epilog von Wolzogen zu unseren 2 Akten. Schließlich hat man getanzt, bei großem Orchester Straußsche Walzer. Ich glaube, Sie hätten sich unterhalten, jedenfalls gehörten Sie dazu.
    Wie weit ist nun Weihnachten. Ich höre die Vögelchen, wie sie in der Früh so stark, trotz der Kälte, an meinem Fenster sangen, daß ich glaubte, Siegfried bescherte mir eine Volière; ich sehe das rotblühende Bäumchen von Friedrichs, ich sehe Ihr Märchen, von dem ich mich gestern trennte, und doch ist alles so fern.
    Seien Sie gegrüßt in inniger Zugehörigkeit.    C. W.


313-314 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Erlangen, 3. 2. 93. (Augenklinik des Professors Eversbusch.)

    Werden Sie mich kleinlich finden, wenn ich Sie bitte, Ihrem Vortrag den Passus „Gott wird uns erleuchten“ nicht nur im Zusammenhang mit dem Vorspiel zu „Parsifal“ einzuflechten, sondern auch mit dem Gebet des Königs in „Lohengrin“, welches gleichzeitig entstand, und welches mir ganz die Stimmung zu haben scheint. Nebenbei ist Heinrich der Vogler der eigentliche Prototyp des Königtums, wie es in der Rede [Richard Wagners im Dresdener Vaterlandsverein 1848, „Ges. Schr. u. Dichtungen“, Bd. XII] vorschwebt. In Coburg hörte ich, daß das Herzogtum Festspiele vorbereite, und zwar soll aufgeführt werden „Lodoiska“ von Cherubini und „Faust“ von Spohr. Ich denke mir, daß man als Publikum einige unserer Großmütter wird ausgraben müssen. Lasen Sie die letzte Rede von Stöcker im Abgeordnetenhaus (Nr. 49 der „Kreuzzeitung)? Sie ist außerordentlich und beweist einen Mut, wie wir ihm kaum mehr begegnen. Leben Sie wohl und lassen Sie bald von sich hören.    C. W.


314-315 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wien VI. Blümelgasse 1.   5/2/93.

    Herzlichsten Dank, hochverehrte Meisterin, für Ihren Brief aus Erlangen. Sie sind viel schneller dort hingekommen, als ich berechnet hatte; ich hatte mir vorgenommen, Ihnen dorthin meinen „Hinkebein II“ zur Unterhaltung in der Klinik zu senden — denn in Bayreuth wäre es schade um die Zeit, das Ding ist zu verrückt —‚ und ich hatte mir neulich ein Versuchskaninchen herbestellt, das es überlebte, und meinte, er möchte es noch einmal lesen — für sich —‚ es ist nämlich furchtbar tief, so echt deutsch unergründlich, so daß ich es selber nicht verstehe und mich genierte, als ich es laut vorlas, aber die Phantasie des Hinkebein, das Verquicken seiner Gedanken mit ganz naiven Bildern, die nicht nur zur Illustration dienen, sondern die recht eigentlich die Träger seines inneren Lebens sind — das finde ich sehr anziehend.
    Sehr dankbar bin ich Ihnen für Ihren Vorschlag bzw. des „Lohengrin-Gebetes“. Natürlich werde ich es einflechten, auch eine kleine Ausführung über den Paradox — absoluter König, freies Volk —‚ als im deutschen Charakter wurzelnd.
    Es tut mir mehr leid, als ich es sagen kann, daß ich zu dem Feste nicht in Bayreuth war.
    Heute erhielt ich — endlich! — die Korrekturbogen zu meinem Aufsatz „Zur Eröffnung der Stilbildungsschule in Bayreuth“ in der Berliner „Freie Bühne“ [II. Heft, Februar 1893]. Über meine eigenen Ausführungen erschrak ich fast. Die Redaktion hat es verstanden, alles Charakteristische, alles Individuelle — durch einige wenige Striche und Wortänderungen — zu nehmen; es ist nicht ganz, aber fast so ein Urbrei wie ihre eigenen Produkte geworden. Natürlich wurden solche Ausdrücke wie „das  Auge des Genies“ mit einem Federstrich dick vor Entrüstung gestrichen; aber das Köstlichste ist, wo sie meine Sehnsucht nach   „w i r k l i c h e n   Kunstinstituten“ durch   „s a c h l i c h e s   (!)   B e s t r e b e n“   ersetzt haben! „Da ließ ich's denn so fein!“
    Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie tief mich das Interesse rührt, welches Sie meinem schwachen, engbegrenzten (nach außen und nach innen engbegrenzten) Wirken bezeugen. Zum großen Teil ist wohl auch mein Tun ein ganz persönliches — der Wunsch, zu Ihnen zu sprechen und Ihnen eine geringe Freude zu machen. Und wenn das auch nicht das Bestimmende ist, so ist doch gewiß Ihre Freundschaft das, was mir Kraft gibt. Auf den Hügeln der Abstraktion grasen, das genügt meinem Magen nicht; Ihr lebendiges Wort ist aber wahre Nahrung; es genügt auch, um mich wissen zu lassen, ob ich auf rechter Fährte bin oder nicht.
    Meine Frau sendet die innigsten Grüße; ich grüße wie einer, der die letzten 3 Tage wieder in „Jesus von Nazareth“ verlebte, und bete zu Gott für Ihre Augen. In Ehrfurcht und Freundschaft Ihr

Houston S. Chamberlain.


315-316 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Erlangen, 8. 2. 93.

    Hätten Sie mir nur den „Hinkebein“ zugeschickt! Professor Eversbusch hat mich länger behalten, als ich erwartete, und Mitte März muß ich wiederkommen. Morgen bin ich wieder in Bayreuth. Mit meinen Augen ist nicht viel anzufangen, sie seien abgearbeitet, sagte der vorzügliche, das unbedingteste Vertrauen verdienende Professor. Es freut mich sehr, von Ihrer Wirksamkeit im Verein zu vernehmen. Es ist völlig gleichgültig, wie viele dabei sind, wenn Sie auf   e i n e n   Geist wirken in dem Sinne, wie Sie es vermögen, so ist es schon   s e h r   v i e l.   Sie haben da eine der verdienstvollsten Aufgaben, die ich mir denken kann, und es wird mir immer eine Freude sein, davon zu vernehmen. Ja, diese Tätigkeit geht Hand in Hand mit der meinigen. Denn es wäre schon hübsch, unter uns einige unmittelbare Empfindung des Dargebotenen anzutreffen und nicht lediglich auf die Fernstehenden angewiesen zu sein. Ich bin nun sehr gespannt auf die „Freie Bühne“.
    In jüngster Zeit ist mir über die systematische Betreibung der Mischehen so vieles zugekommen, daß ich nicht anders konnte, als hievon mit Ihnen sprechen. Ich finde, daß die Frage unlösbar erscheine, verhindert mitnichten, daß man sie auf das schärfste zu erhellen habe. Sollen wir bald Finis Germaniae zu sagen haben, so möchten wir es doch mit Bewußtsein der Gründe des Untergangs sagen.
    Ich würde sehr gern Ihre Ausführung „absoluter König, freies Volk“ kennenlernen. Hörten Sie von der Legende über die Könige von Frankreich, daß, wenn ein Kranker sie berührte, er gesunde? Und sehr eigentümlich ging es uns mit der Lektüre von der Biographie Cromwells, vielleicht gibt es keine so mächtige, so dämonische, den ganzen Stamm und den ganzen Glauben in sich fassende Erscheinung in der Weltgeschichte, und daß er Volk und Königtum rettete, indem er den König opferte, erscheint mir zweifellos. Auch liegt in der Bestimmung seines Genies etwas so Tragisches, daß das Mitgefühl die Unnahbarkeit überwindet. Und doch — als wir bei der Enthauptung des Königs angelangt waren, konnten wir nicht mehr, und es war uns, als ob der gellende Schrei, womit das in der Ferne kreisende Volk den grausigen Akt der Notwendigkeit begleitete, für immer den Gesang und seine Fröhlichkeit in England verscheucht habe. Rienzi dagegen, der Zögling der Franziskaner, Einsiedler, der Phantast, der nichts rettete, der dem deutschen Kaiser die römische Krone aufzwingen wollte, er konnte den strahlendsten Melos eingeben. Alles dies und mehr noch ist mir bei Gelegenheit Ihres Vortrages durch den Sinn gegangen. Eine vorzügliche Rede von Stöcker im Abgeordnetenhause, die ich Ihnen schicken will, wenn Sie sie nicht lasen, fügte das ihrige hinzu, um bei mir ein Gesamtbild auszuarbeiten von den realen und idealen Dingen und wie sie zusammenhängen. Da das Festspielhaus steht,   m ü s s e n   wir hoffen und daher arbeiten, zu jeder Stunde und in jedem Sinn. Als den besten und liebsten Mitarbeiter begrüßt Sie in innigster Herzlichkeit      C. W.


316-318 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wien, 16/2/93.

    Dürfte ich Sie, hochverehrte Meisterin, bitten, mir zu sagen, ob das im Frühjahr 1857 [von Richard Wagner in Zürich] bezogene Chalet auch in der Ortschaft „In der Enge“ war.
    Ich habe mich endlich über Ashton Ellis [der in seiner Schrift „1849. A Vindication“ Praegers Buch „Wagner, wie ich ihn kannte“ kritisch beleuchtet hatte] hergemacht. Es ist eine zeitraubende und eigentlich eine undankbare Arbeit; es ist hart, sich mit so etwas Anekelndem beschmutzen zu müssen, und der Gedanke, daß auch die Größten unter uns Sterblichen den Umgang mit solchen Wesen [wie Praeger] sich haben gefallen lassen müssen, treibt einen in eine Stimmung, der man eigentlich nur durch Sichaufhängen an einer Straßenlaterne Luft machen könnte. Doch ich habe es unternommen, und ich muß es zu Ende führen. Verhindern wird das allerdings nicht, daß dieses Schandbuch als „Autorität“ während 25 Jahren gelten wird.
    Zu Graz findet der Vortrag also Montag abend, den 20sten, statt. Man hat einen Augenblick gefürchtet, die Grazer Polizei würde wegen des Themas meines Vortrags Schwierigkeiten machen, vielleicht ihn gar verbieten, weil es in einem künstlerischen Verein verboten ist, sich mit   P o l i t i k   abzugeben! Ich habe eine Inhaltsangabe einsenden müssen, und heute Schreibt mir Hausegger, die Polizei erlaubt es!
    Stöckers schöne Rede habe ich mir sofort in mehreren Exemplaren verschafft.
    Die kurze Ausführung lautet: „Vielleicht daß das Paradoxon:   A b s o l u t e r   K ö n i g,   f r e i e s   V o l k — einige zunächst befremdet? Versteht man aber etwas beim Meister nicht recht, so wird man stets gut daran tun, sich zu fragen: Was wäre hier, im tiefsten, wahrsten Sinne des Wortes, die ganz spezifisch-charakteristische, unterscheidend-eigenartige,   d e u t s c h e   Auffassung? Wohl immer wird man da entdecken, daß man auf einmal Wagners wahre Ansicht versteht. Und auf diesem Gebiete der sozialen Gestaltung kann man wohl sagen, daß, was die Deutschen auszeichnet, ein — zunächst höchst widerspruchsvoll erscheinendes — Nebeneinanderbestehen von unbedingter   K ö n i g s t r e u e   und unzerstörbarem   F r e i h e i t s s t o l z   ist. Diese in tiefstem Grunde aller echtgermanischen Herzen wurzelnde Auffassung ist es, weIche Wagners Rede mit der ganzen Unmittelbarkeit, welche Klarheit, Leidenschaft und Wahrhaftigkeit verleihen, von Anfang bis Ende beherrscht.“
    Mein Bestreben richtet sich mehr und mehr darauf, nur eine Richtung anzugeben, nur ein Licht anzustecken, hintreten und schauen müssen die Leute doch selber. Daß ich selber dabei in den Ruf eines wenig „feinen“, eines für Nuancen, vielleicht sogar für die Erkenntnis des überall im tiefsten Grunde uns rätselhaft anlächelnden Widerspruches wenig empfänglichen Geistes kommen werde, wird mich, glaube ich, nicht irremachen. Was schadet das, wenn man mit einem etwas schweren Hammer schlägt? Die Hauptsache ist doch, daß man den Nagel auf den Kopf trifft. Darum strebe ich nach möglichster Schärfe; denn da kann auch der Minderbegabte etwas verstehen, er kann ein lebendiger Teilnehmer an Erscheinungen, die ihm sonst rätselhaft bleiben, werden, und der wirklich Begabte estompera les lignes ohne meine Hilfe.
    Die soeben erschienenen „B. Bl.“ habe ich noch nicht gelesen. Auf den Grillparzer [von Richard Batka, Jahrgg. 1893, S. 82 ff.] bin ich neugierig. Ich habe gerade jetzt mich über ihn hergemacht und bereits alle seine Dramen bis auf drei gelesen, auch einige Notizen und Gedichte. G. mag reizend, sinnig, poetisch, alles, was man will, sein — aber beileibe kein Genie. Man sehe sich doch nur Kleists „Penthesilea“ dagegen an! Gerade die viel gerühmte Charakterisierung zeigt für mein Gefühl die Schwäche G.s, den Mangel an Genie. Ein großer Dichter, der Shakespeares Sonette scheußlich findet, der sie am liebsten vertilgen möchte! — ach nein, sehen Sie, jetzt bin ich gleich wieder in der Stimmung, daß ich mich an der Laterne aufhängen möchte! Als ich in die „B. Bl.“ guckte, sah ich in jenem Aufsatze einen Satz, der mir solche Angst machte, ich konnte nicht weiter.
    In Ehrfurcht und Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


318-319 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wahnfried, 19. 2. 93.

    Das Haus, welches im Jahre 57 bezogen wurde, liegt auf dem Hügelrücken, welcher in der Gemeinde Enge den Züricher See vom Sihltal trennt. — Soviel kann ich Ihnen sagen, mein Freund!
    Die Laternen-Wünsche begreife ich nur allzugut. Es wird einem zuweilen ganz unmöglich zumute. Sie sollten nur die Sendungen sehen, die bei mir eintreffen. Als Luther einmal von einem angegangen wurde: Was wohl der liebe Gott vor Erschaffung der Welt getan?, erwiderte er: „Er schnitt Ruten für die, welche unnütze Fragen machen.“ So würde ich erwidern. Können   S i e   nicht Ellis auf dem Wege des gesunden Menschenverstandes erhalten?
    Absolutes Königtum und freies Volk läßt sich vorstellen und kaum erklären. Ich denke mir die Monarchie von Karl dem Großen, dann von Heinrich dem Vogler also.
    Ich würde Sie so gern sprechen, allein das scheint gar nicht mehr möglich. Und darüber bin ich recht traurig, da meine stets in der Hast geschriebenen Briefe Ihnen so gar nicht sagen können, welchen Anteil ich an Ihnen nehme. Die Laterne ist immer da, winkend!
    Grillparzer habe ich von je bodenlos langweilig, beamtenmäßig-patriotisch, beschränkt und au besoin giftig gefunden. Hofpoet, wenn es einen gab! Sein Fragment   „E s t h e r“   ist das Hübscheste, eben weil es Fragment ist, und die „Jüdin von Toledo“ ist ergreifend, weil sie von Lope ist.
    Unsere größte Freude hier sind die Tiere. Ich möchte, Sie sähen unseren Neufundländer, so schön und so grenzenlos gut. Und dann Fidi [Siegfried Wagner] heimreitend durch die Allee auf der mutwilligen, eleganten „Grimgerde“. Ein Bild wie aus Walter Scott. Das gibt Vergessen und Kraft wieder auf einige Augenblicke.
    Dann habe ich mich sehr über die prophetischen Worte Novalis', die Wolzogen in seinem Artikel über E. T. A. Hoffmann [„Bayreuther Blätter“ 1893, I. Stück] zitiert, gefreut. Die Einheit im Reich der Geister, die Harmonie, wie sie wohltut! Dann haben mich ein Terzett aus „Figaro“ und eines aus „Freischütz“, der „Schule“ und Siegfried einstudiert, gelabt.
    Dann endlich machen Sie mir Freude, und so rafft man sich immer wieder zusammen.
    In Ihrem vorletzten Briefe sprachen Sie mir von „Jesus von Nazareth“. Geht es Ihnen dabei wie mir? Bei der bloßen Nennung dieses Werkes sehe ich die Darstellung von Tintoretto, die Kreuzigung und andere noch von mächtigster Gewalt und von Zusammengehen des Lichtes und des Schattens mit der Handlung und mit den menschlichen Physiognomien, daß man das Drama zu erleben glaubt.
    Ich will Ihnen nur noch sagen, wie ich Ihnen danke, und wie von Herzen ich Ihnen gut bin.    C. W.


319-321 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Mittwoch, 22/2/93, Graz.

    Wenige Stunden vor der Heimreise ein Wort des Dankes! Ihr Schreiben, hochverehrte Meisterin, war heute mein Morgenweckruf, als ich, spät von einer reizenden kleinen Gesellschaft bei Hofmanns zurückgekehrt, in den Tag hineinschlief, „Die Einheit im Reich der Geister“... Ich glaube fast, meine Frau wird mich mit der endlich fertiggestellten Abschrift des „Hinkebein II“ überraschen, und da werden Sie auch darüber tiefempfundene Worte meines braven „Sehers“ finden, wie die Genies, durch die Macht des Schauens, alle miteinander verwandt sind; ich entsinne mich, von dieser Verschmelzung sprechend, schließt er: „Und diesen Weg — den Weg des Genies — gehen wir alle — im Tode!“
    Für mich persönlich war nun der Vortrag hier auch insofern von Interesse, als ich zum erstenmal die Gelegenheit hatte, in einem richtigen Vortragssaal, vor einem Publikum, das nicht trinkt und raucht, mit einem anständigen Pult versehen usw. usw., mich zu versuchen. Das Resultat war ein gutes. Ich habe eine Stunde und zehn Minuten gesprochen, ohne daß meine Stimme eine Spur von ihrem Klang verloren hätte; bis ganz am entgegengesetzten Ende hat man ohne Anstrengung jede Silbe deutlich vernommen; und überhaupt, die Klarheit des Vortrags, von der Gruppierung der Ideen an bis zu der Betonung innerhalb der Sätze und bis zur Aussprache des einzelnen Wortes schienen allen als etwas Ungewohntes aufzufallen. Ich war auch sehr wenig — fast gar nicht — befangen, was mir für etwaige, künftige Gelegenheiten natürlich Mut und Vertrauen eingeflößt hat. Aus dem Urteil selbst des jüdischen Grazer Blattes aber werden Sie entnehmen, daß ich nicht ohne „Erfolg“ sprach. Übrigens hat das jüdische Blatt viel klarer und mir sympathischer geschrieben als das wagnerianisch-antisemitische.
    Zum Glück hatte ich unterwegs in der Bahn fleißig „Don Quichotte“ gelesen und mich gerade an Sancho Pansas Lobrede gelabt: „O du Demütiger unter den Stolzen, du Hochmütiger unter den Demütigen, du Verächter der Gefahren, du Erdulder des Unglücks, Verliebter ohne Ursache, Nachahmer des Guten, Geißel der Bösen, Feind der Gemeinheit, kurz, du irrender Ritter, denn das heißt alles gesagt, was man nur sagen kann!“
    Und wirklich die große Herzensgüte dieser Grazer, die   p r ä c h t i g e   Bayreuther Gesinnung und der stämmige Charakter Hofmanns, der erstaunend seine Geist und die großen Kenntnisse des ebenfalls in jener seltenen, einzig richtigen Art Bayreuth (und Ihnen) ergebenen Hausegger; sie haben   s e h r   wohltuend auf mich gewirkt. Und um meiner Grazer Reise den schönsten Abschluß zu geben, wurde ich der Tischnachbar einer jungen, schönen, schwarzäugigen, entzückenden ungarischen Witwe. Eigentlich gehörte sie nicht in den kleinen Kreis, insofern sie von Bayreuth nichts weiß; aber wenn sie nicht heute früh als glühende — Anerin aufwachte, da, bitte, entlassen Sie mich aus Ihrem Dienste, denn da bin ich wirklich zu nichts zu gebrauchen!
    Nehmen Sie bitte fürlieb mit diesen eiligen Hotelzimmerzeilen, und glauben Sie an die ewige Dankbarkeit Ihres in Ehrfurcht und treuester Freundschaft ergebenen

Houston S. Chamberlain.


321-322 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wahnfried, 9/3/93.

    Gestern erst, mein Freund, las ich Ihren Aufsatz in der „Freien Bühne“ [„Zur Eröffnung der Stilbildungsschule in Bayreuth“, Februarheft] und will Ihnen heute auf das herzlichste dafür danken. Wirklich, Sie haben es so verstanden, daß, möge mit der Schule werden, was wolle, dieser Aufsatz immer zeigen wird, was wir anstreben. Und Ihre Gabe, das Nebensächliche zu beseitigen und das Bedeutende hervorzuheben, kommt bei dieser Gelegenheit zu ihrer ganzen Geltung. Es hat mich sehr erfreut.
    Ihr Brief vom 22sten aus Graz begrüßte mich bei meinem Eintritt in Berlin, in jener Stimmung, in welche der Einsame immer verfällt, wenn er sich plötzlich umdrängt fühlt. Don Quichottes wundervolle Wort-Apotheose seitens Sancho entsprach in merkwürdigster Weise meinen Gedanken, denn ich hatte viel an den irrenden Ritter gedacht, und wer täte das nicht, der in dieser Welt das Große fördern zu helfen sich gedrungen fühlt. Aber auch Ihre Liebe traf insofern auf gut vorbereiteten Boden, als wir in der Eisenbahn eine seltsame Begegnung gehabt, die Isolde und mich ganz einnahm. Ein Mann, einfach, vornehm und schwermütig, mit dem wir uns, indem wir kaum ein paar Worte wechselten, so teilnahmsvoll verbunden fühlten, daß, sollten wir uns wieder begegnen, wir uns gewiß als Freunde empfänden. Eigentlich gibt es für das Herz nur Liebe, und alles, was das nicht ist, scheint mir nicht zu sein, und ich weiß da keinen Unterschied der Geschlechter, noch des Alters, und das schöne Wort von Nathalie: „Nie oder immer.“
    In Berlin habe ich nur Schauspiel gesehen. Die Oper war noch mascagnisiert, und das habe ich denn nicht geteilt. Mit Mottl und mit einem anderen Wiener waren wir in einem obskuren Theater, wo „Eulenspiegel“ von Nestroy von einer kleinen Wiener Truppe mit Musik vom alten Wenzel Müller vor einer harmlosen Berliner Kleinbürgerschaft gespielt wurde. Mottl lachte so unbändig, daß wir alle hingerissen waren und auf das kindlichste uns unterhielten. Sonst war in Berlin mein Haupt- und Lieblingsaufenthalt das Museum, wo der Kampf der Götter und Titanen des pergamenischen Fundes einem wieder einmal die verschwundene Welt, auch in Trümmern, in ihrer Großartigkeit und Gewalt erschauen ließ! Und, sehr fesselnd daneben, in einer stillen Stube die beiden italienischen Marmorarbeiter, welche kleinwinzige und größere Steine des Fundes zusammenfügen, und dieser emsigste Fleiß bei der Herstellung manches Gliedes macht den Eindruck der Zauberei.
    Bei den Bildern war es ein Rembrandt, die Predigt von Johannes dem Täufer, welcher durch die Mannigfaltigkeit der Gruppen und Physiognomien und Einheitlichkeit der Komposition mich ganz einnahm. Vor allem aber die Dürer-Ausstellung, in welcher man das eigentlich Germanische vor sich hatte, die Verbindung der Schlichtheit mit dem Erhabenen und die unerschütterliche Kraft der Konzentration.
    Stöcker habe ich kennengelernt, und seine Erscheinung hat mich gerührt. Er hat einen naiven Köhlerglauben, und sein Mut stammt von diesem Glauben.
    Nun leben Sie wohl, Freund, und haben Sie Dank für das lebensvolle Bild, welches Sie mir von Ihrem Grazer Aufenthalt gaben. Die Freude an den tüchtigen Menschen empfand ich lebhaft mit, und ich habe mich dieser Ecke in den Bergen innig gefreut.
    Nun aber nochmals und zu guter Letzt, leben Sie wohl, mein Freund, und gedenken Sie meiner!        C. W.


322-326 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

23/3/93. Wien.

    Vor einigen Tagen hatte ich wieder einmal einen herrlichen Traum, wieder so ein „Schlafen“, das für vieles „Wachen“ voll entschädigte. Es war „Lohengrin“ — der Abschied an dem Ufer der Schelde; aber nicht auf der Bühne, draußen in Gottes Natur, unter dem offenen Himmel und bei glänzendstem Morgensonnenschein. Und nun — ja, wie soll ich das in Worten sagen, hochverehrte Meisterin? — die   M u s i k,   die im Kunstwerk zum Erklingen gebracht worden ist, diese Seele nicht nur der einzelnen menschlichen Wesen, sondern überhaupt alles Seins und Lebens, welche daß Genie gewissermaßen hervorgeholt und vor unser leibliches Ohr hingestellt, welche er offenbart hat, die Musik war wieder ins Innere zurückgewichen, sie erklang nicht — sie war aber noch unmittelbarer, noch gegenwärtiger als wie im Kunstwerk, sie beseelte alles, Menschen, Bäume, Fluß, auch den Schwan, der sehr, sehr langsam hingeschwommen kam, und jeder empfand nun die alldurchdringende Musik ebenso sicher und natürlich, wie das Auge die beleuchteten Gegenstände erfaßte, bei jedem aber gestaltete sich diese Gesamtsymphonie ganz individuell, so daß das Ganze gewissermaßen wie das direkte Gegenbild eines Orchesters erschien, indem bei letzterem jedes einzelne Instrument nur einzelnes spielt, und zwar mit seinem besonderen, nur ihm zukommenden Stimmklang, während dort ein jedes Wesen nur aufnahm, und zwar die ganze Harmonie der gesamten Umgebung in sich aufnahm, aber doch ganz individuell, scharf charakteristisch — also mit der bestimmten Instrumentalfarbe. Es war wohl eine der herrlichsten Visionen, die man sich vorstellen kann. Beschreiben kann ich sie nicht; Sie werden aber schon nach obigem mich verstehen. — Und da, als ich mich früh zu meinem Tee hinsetzte und mich gerade zweifelnd frage: Soll ich 's Judenblatt oder 's Christenblatt aufmachen? Welches wird mich am wenigsten kretinisieren? — da bringt der Postbote die „Bayreuther Blätter“ mit der frohen, herrlichen Botschaft! [Ankündigung der Festspiele für 1894.] Nein — was solI unsereiner da sagen? Es ist noch schlimmer als das Traumerzählen! Beethovens „namenlose Freude“ singen, das hülfe vielleicht etwas; aber ich glaube, daß die glühende, überströmende Dankbarkeit, die aus vielen hundert Herzen bei den Worten „Parsifal“, „Tannhäuser“, „Lohengrin“ Ihnen entgegenflog, ich glaube, wenn Sie dieser wirklich gewahr werden wollen, so müssen Sie sich auf einen Traum einrichten! Denn wir alle, wir sind keine Genies, die allermeisten von uns blasen und streichen auch nicht einmal das armseligste Instrument; aber glauben Sie mir nur, Meisterin, es gab viel innerliche Musik zu Ihrer Ehre diese letzten Tage!
    Ein gelinder Schreck fuhr mir durch die Glieder, als ich den Aufsatz über Stöcker sah. Sie wissen ja, wie wir vor kurzem uns in der Bewunderung und Anerkennung seiner neuesten oratorischen Leistung begegnet waren; und wenn ich diesen Mann, der unser ganzes Gezücht von Politikern durch die Macht seiner Überzeugung, durch seinen Mut, seine Arbeitskraft, durch sein rücksichtsloses Hinsteuern auf ein Ziel, welches nicht in ihm selber, sondern außer ihm steht, dessen „Politik“ also dadurch, daß sie keinem irgendwie gearteten persönlichen Interesse, sondern dem wahren Wohl des Volkes und dem Horchen auf eine innere göttliche Stimme gilt, sich bereits jener Auffassung einer „unpolitischen Politik“, wie sie in den früheren „Schriften“ zum Ausdruck kam, sich nähert — wenn ich diesen Mann, der durch seinen   C h a r a k t e r   allein seine Kollegen turmhoch überragt, von oberflächlichen Schwätzern, die es ihren Judenblättern nachplappern, abfällig beurteilen höre, da steigt mir die Galle, und ich könnte meiner Bewunderung für den Hofprediger den übertriebensten Ausdruck geben. Aber, aufrichtig gesagt, in unseren Blättern (verzeihen Sie, daß das Wort „unser“ mir entschlüpft ist — aber die Sperlinge, die ich ernähre, nennen mich wahrscheinlich auch „ihren“ Herrn) —‚ in unseren Blättern ist es überhaupt bedenklich, sich zu irgendeiner politischen Partei zu bekennen, weniger bedenklich wäre schon das negative Verfahren, der Hinweis, daß wir hierhin und dorthin nicht gehören, denn das heißt etwas abgerundet Richtiges, vollkommen Gültiges aussagen. Und ganz speziell in solch einem Falle wie Stöcker scheint mir, daß wir uns da barfuß auf ein „terrain brûlant“ begeben; denn, zu seinem Amte, zum kräftig-praktischen Auftreten inmitten einer von Juden und Glaubenslosen beherrschten Politik gehört der naive Köhlerglaube, ohne diesen könnte er das nicht ausrichten, was er ausrichtet. In den „Schriften“ aber, die den „Bayreuther Blättern“ als Grundlage dienen, finden wir nirgends — weder in dem ersten, noch in dem zehnten Bande — den Köhlerglauben. Das ist gewiß, das Christentum des Herrn Stöcker hat Platz bei uns; wir haben aber nicht Platz in seinem Christentum. Von ihm nun sprechen und das verschweigen, macht auf   m i c h   einen sehr peinlichen Eindruck: denn entweder liegt darin eine gänzliche Unfähigkeit, Schopenhauer und „Kunst und Religion“ zu verstehen (und diese dürfte dann nicht bei uns zu Worte kommen), oder wir sind nicht ganz aufrichtig, und das ist noch schlimmer. — Ein Mißverständnis ist hier nicht möglich, denn Schopenhauer läßt nur den Kern des Christentums gelten (wie er ihn nennt) — die Lehre von der Erbsünde und von der Erlösung, und seine Betrachtungen über Polytheismus und Monotheismus würden allein genügen, um die Kluft, welche ihn von Stöcker trennt, anschaulich zu machen. — Diese Kluft ist, wie uns angedeutet wurde, ungefähr oder fast so breit wie die, welche das Christentum vom Heidentum trennt ([Ges. Schr. Richard Wagners] X, 329); ganz klar wird aber gerade an dieser Stelle gesagt: „Die   S c h o p e n h a u e r s c h e   P h i l o s o p h i e   solle in jeder Beziehung zur Grundlage aller ferneren geistigen und sittlichen Kultur genommen werden; und   a n   n i c h t s   a n d e r e m   h a b e n   w i r   zu arbeiten.“ — Etwa aber — um noch eine letzte Möglichkeit zu erwähnen —‚ etwa mit dem orthodoxon Christentum „dilettieren“, das wäre wohl das Abscheulichste. Anders klangen jene Worte, die im [Wagner-] Lexikon (hinten) als „brieflich 1880“ angegeben sind: „...Kirche, Priestertum, ja die ganze Erscheinung des Christentums in der Geschichte geben wir schonungslos daran...“
    Schweigen können wir, wo und wann Reden nicht am Platze ist, aber hüten wir uns davor, etwas auszusagen, was unserer innersten Überzeugung unmöglich entsprechen kann!
    Warum ich   I h n e n   das sage, verehrte Meisterin? Weil ich das Bedürfnis hatte, meine Meinung einer „maßgebenden“ Persönlichkeit gegenüber auszusprechen, und weil mir der Mut fehlt, sie an Wolzogen zu schreiben. Wolzogen gehört zu den Leuten, die ich täglich höher schätze und täglich mehr bewundere. Und ich glaube, daß ich von den schwierigkeiten, mit denen er diese ganzen Jahre hindurch zu kämpfen und denen er mit seiner ruhig-konzentrierten Energie auch wirklich standzuhalten gewußt hat, doch keine rechte Vorstellung habe.
    In Ehrfurcht und treuester Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.

24/3/93.

Postskriptum!
    Ich wollte Ihnen noch einige Worte von dem böhmischen Streichquartett sagen, welches unser Entzücken diesen Winter ausgemacht hat. Wäre ich ein kleiner König Ludwig gewesen, ich hätte diese jungen Leute einfach zu Ihnen nach Bayreuth geschickt. Mit einem Schlage war man zugleich von allen Joachims, Rosés und anderen Akkapareurs des Volkes künstlerischen Vermögens, und auch von den „klassischen“ Verhunzungen durch ebenso talent- wie temperamentlose, gesinnungsschwiemlige Germanen erlöst. Blutjunge Leute (alle bartlos!), die mit einer Präzision, Korrektheit und unbändigem Feuer spielten — welche, dessen bin ich überzeugt, Ihre begeisterte Anerkennung gefunden hätten. — Diese erste Geige, Karl Hoffmann (also trotz des „Böhmischen“ wahrscheinlich ein ganz ehrlicher Deutscher), den möchte ich gern bei Ihnen, in Bayreuth, sehen. — Diese ganzen vier sahen überhaupt nicht nach „Musikern“ aus, wie man sie gewöhnlich sieht und sich vorstellt; und Hoffmann gleicht eher einem jungen Offizier aus der Zeit Napoleons I. — sicher, entschlossen, kühn, konzentriert. Sie spielten viermal, und wir gingen alle viermal und saßen ganz vorn unter den hohen Herrschaften. Und   S m e t a n a s   („Aus meinem Leben“) E-Moll-Quartett spielten sie dreimal. Kennen Sie es? Diese Musik hat mir wirklich den Winter überleben geholfen! Das ist doch endlich wieder einmal eine Musik, die nicht einfach erlogen ist. Vergleichen will ich ihn ja gar nicht, aber der besonderen   A r t   nach („ein jeder ist nach seiner Art“) ist Smetana mit Beethoven sehr nahe verwandt. Das unmittelbare   S p r e c h e n   in hohen Tönen habe ich kaum in Instrumentalmusik wieder so gehört (außer bei Beethoven), und die Einfachheit ist so wohltuend wie Aufrichtigkeit in allen ihren Gestalten. Die Persönlichkeit läßt sich an Macht natürlich mit der Beethovens nicht vergleichen, aber die Innigkeit, die Tiefe der Empfindung, der feste Zusammenhang mit dem Geiste eines Volkes lassen diese „relative Größe“ als sehr gleichgültig erscheinen. Die wirklich Großen rechnen sicherlich den Dichter dieses Tonstückes zu ihresgleichen.
    Finis.
    Schemanns „Schopenhauer-Briefe“ [Leipzig 1893], das war eine schöne Bayreuther Tat, nicht wahr?


326-327 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 27/3/93.

    Ich danke Ihnen herzlich für Ihren lieben Zuruf zu „Lohengrin“, mein Freund! Gott schenke „Lohengrin“ seinen Segen, ich will gleich nach Ostern mich an die Arbeit für ihn begeben.
    Was Sie über Stöcker in den „Blättern“ sagen, ist unbedingt richtig und entspricht durchaus meinem Gefühl. Ich glaube aber, daß, wenn Wolzogen auf diejenigen angewiesen sein sollte, welche den Geist der „Gesammelten Schriften“ in sich aufgenommen haben, er so ziemlich vis à vis de rien wäre.
    Neulich Sonnabend, hatten wir eine kleine Rekapitulation von unserem Siebengestirnlein [die sieben Schüler der Stilbildungsschule], und ich freute mich der Leutchen recht; sie sangen Wundervolles aus der H-Moll-Messe von Bach, (ein wahrhaft jubilierendes „laudamus te“), die Arie der Pamina, ein reizendes Lied von Schubert, „Die Botschaft“, „In questa tomba“, und die Arie des Ottavio. Sie sehen, allerhand Gutes. Wir schlossen mit dem Psalm meines Vaters „An den Wassern Babylons“, welchen eine unserer Schülerinnen mit vieler Empfindung vortrug, und welcher sehr rührend wirkte.
    Wie gern würde ich Ihre böhmischen Geiger gehört haben! Wissen Sie, ob sie Orchestermitglieder sind und daher dieses Ensemblespiel gewohnt sind? Ich würde dann versuchen, sie hier einzuverleiben, Das Quartett von Smetana glaube ich wohl in meiner Jugend, als es zum erstenmal produziert wurde, gehört zu haben; ich entsinne mich seiner nicht, aber ich traue Ihrem Eindruck unbedingt. Gott, wie wohl tut es, einem Ähnlichen jetzt zu begegnen!
    Ich habe jetzt mit einer sehr kuriosen Arbeit zu tun; ich bat Levi um eine Aufführung der „Dido“ („Trojaner“ von Berlioz); er schickte mir den Klavierauszug und bat mich, seine Übersetzung, auf welche er sich einiges zugute täte, vorzunehmen. Ich begann heute und fand eine sehr sorgfältige, mühselige Arbeit, indem Silbe auf Silbe stimmt und der Reim bewahrt ist. Aber immer auf Kosten des Gedankens, und wenn man weiß, wie Berlioz die Musik in das Joch des Gedankens gegeben hat, so entsteht für mich dadurch eine vollständige Fälschung. Mein Vater sagte „en matière de traduction il y a des exactitudes qui équivalent à des infidélités“, und hier sind es nur die Silben, welche genau sind. Von dem Werke selbst kann ich bis jetzt nur sagen, daß Sinn und Verstand darin und wenig Musik. Es ist aber sehr interessant zu sehen, wohin der französische Geist immer neigt. Und wenn Berlioz mit den „Trojanern“ gewiß keine sehr lautere Absicht gehabt hat und er den Werken [Richard Wagners] ein klassisches Paroli bieten wollte, so spricht doch seine Oper das naiv aus, was der Franzose als Ideal ansieht: die lateinische Antike; daher beschäftige ich mich mit dem Werke ganz gerne.
    Goethe und Schopenhauer sind doch beide in ihrem Briefverkehr einzig, bei Sch. kommt die Wahrheit wie mit einem Erdbeben heraus, bei G. wie das sanftstrahlende Licht.
    Ich war wieder 4 Tage in der Augenklinik, und der vorzügliche Eversbusch hofft, daß es nicht schlimmer wird. Seine Anstalt wirkt immer auf mich wie der Hafen, in den ich einlaufe, und die geregelte Ruhe tut mir unendlich wohl.
    Nun aber leben Sie wohl, und seien Sie gegrüßt und bedankt.    C. W.

328 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

29/3/93. Wien.

    Daß jemand meinem Allat Tränen geweint hat und es begriff, daß die Siegesfanfare am Schlusse „Parsifals“ Gott gilt, daß es ein Te Deum laudamus ist — währenddessen der heldenhafteste, reinste Mensch ein armes Geschöpf bleibt, der, je höher er steigt, desto einsamere Pfade wandelt, ja, es hat mir, hochverehrte Meisterin, wie die wenigen ähnlichen Äußerungen, die mir zuteil wurden, innig wohl getan. Wie „herb“ und unzugänglich dieses zweite Märchen ist, habe ich jetzt empfunden, als ich es nach einigen Monaten wieder las; ich würde es begreifen, wenn es einigen einen etwas forcierten, „recherchierten“ Eindruck machte; außerdem ist es künstlerisch (wenn das Wort hier am Platze ist) gewiß nicht so gelungen wie das erste; und doch habe ich mich jetzt überzeugen können, daß jedes Wort von Herzen kam, ganz lauter und ungetrübt;   w a h r   ist jedes Wort, und das ist wenigstens die Grundlage echter Kunst, wenn auch nicht das vollendete Gebäude. Für das dritte und letzte Märchen habe ich eine herrliche Idee: Parsifals Tod. Nach einer Sage lebte er nämlich nicht lange; daß er seine Mutter hatte vergessen können, war eine Sünde, die durch keine Tat gesühnt werden konnte. Wie er stirbt, kehrt Lohengrin zurück, und an Stelle des eben verlorenen Glückes bekommt er aus seines Vaters Händen die schwere Königskrone.
    Ich versprach Ihnen, am Schluß meines Grazer Vortrags das Gebet aus „Lohengrin“, I. Akt, zu erwähnen. Es ging aber nicht; ich versuchte, und es paßte nicht hinein, und ich hatte so viel an diesem Vortrage gearbeitet, daß ich nicht fähig war, einen Satz oder gar einen Absatz — behufs dieser Erwähnung — umzumodeln.
    Denken Sie maI, daß ich erst heute — bei meiner grenzenlosen Ignoranz — erfahren habe, daß Schopenhauer kein eigentlicher Deutscher war! Die Deutschen haben wirklich Pech, erst Kant, dann Schopenhauer; und dazwischen haben sie als „echte“ die Schellings, Hegels etc. hervorgebracht! Ich möchte gern diesen Semito-Wallachen, die uns Angelsachsen „Ausländer“ nennen, meine Meinung sagen!
    In Ehrfurcht und Dankbarkeit Ihr        H. S. C.

*

329-330 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

    [Auf der Heimreise aus Les Avants, Montreux, wo Chamberlain mit der Familie Wagner zusammengetroffen war.]

Bern, Mittwoch, 3. Mai 93.

    An meiner ersten Haltestelle angelangt, möchte ich als allererstes Ihnen, hochverehrte Meisterin, ein Wort des Dankes senden.
    Zwar bin ich weit entfernt, ein Adam von Doß zu sein, und die schönen, glühenden, ellenlangen Sätze stehen mir nicht zur Verfügung; zu meinem Glück aber sind Sie — mindestens in einer Beziehung — weit mehr als Schopenhauer, schon dadurch allein, daß Sie ein Weib sind; dadurch kommen Sie mir mehr entgegen und begreifen Sie voll und ganz, was ich nur äußerst unvollkommen oder vielleicht auch gar nicht zu sagen vermag. Auch da also, wo   i c h   gern geben möchte, und wäre meine Gabe auch nur mein Dank für alles von Ihnen Empfangene, auch da muß ich das meiste von Ihnen und von Ihrer Güte erwarten; wenn Sie mir nicht drei Viertel des Weges entgegenkommen, und wenn Ihr großes Herz meinen armen Worten nicht eine gewisse Verklärung zuteil werden läßt, dann müßte ich ganz verzweifeln, Ihnen jemals meinen Dank sagen zu können, und doch werden gerade   S i e   verstehen, welches Bedürfnis es mir ist, nicht alle Gaben stumm zu empfangen und ein von lebendigem Dankgefühl und ehrfurchtsvollster Liebe ganz volles Herz doch mindestens in einem kleinen Sätzchen zu irgendeinem Ausdruck kommen zu lassen.
    Als ich gestern abend, gegen Sonnenuntergang, 2 Stunden auf einer wundervollen, wie für Sie gemachten Terrasse saß, unter einem dichtschattigen Laub, vor mir die herrlichen, im Abendlicht erglänzenden Alpen — da empfand ich, da wußte ich ganz genau, daß ich von dem Augenblicke ab, wo der Neuchâteler Zug aus dem Lausanner Bahnhof abdampfte, ganz verwaist dastand. Denn diese erhabene, gewaltige Schönheit war ganz in Schweigen gehüllt — es war eine Art Grabesgefühl; und währenddem ich mir sagte, daß der Klang Ihrer Stimme mich über die ödeste Gegend gewiß trösten und dieselbe zu Schönheit beleben würde, empfand ich mit Bestimmtheit, daß diese großen, schweigenden Alpen mich nur noch tiefer und schmerzhafter fühlen lassen, daß   I h r e   Stimme, Ihr tastend suchender Schritt, Ihre siegesbewußt gebietende Hand, Ihr den Alpen wie einem Naturverwandten ins Gesicht schauendes Antlitz mir geraubt waren...
    Aber auf was für Umwege gerät meine Hotelfeder? Von Dank war ja bei dieser Sonnenuntergangsschilderung jetzt gar nicht die Rede! Nein, ich glaube wirklich, ich kann es über die Lippen nicht bringen — vielleicht später einmal, aber jetzt nicht. Ich war diese Wochen in Les Avants   s o   glücklich — nun, das wissen Sie ja; aber soll ich auch wirklich dem Beispiel der Alpen folgen und mich „in Schweigen hüllen“, so möchte ich doch mindestens das eine recht eindringlich und nachdrücklich sagen: daß ich immer und ausnahmslos   a l l e s,   was von Ihnen kommt, als ein   G e s c h e n k   ansehe. Mag ich auch eigensinnig und „widersprüchig“ und kalt und langweilig und unliebenswürdig und weiß Gott was auch alles sein. Eines habe ich:   i c h   w e i ß,   w e r   S i e   s i n d !   Und wenn ich auch eine etwas bulldoggige Art habe, meine Gefühle zur Schau zu tragen, oder vielmehr nicht zur Schau zu tragen, so bin ich doch überzeugt, daß nicht einmal Sie, Meisterin, die ganze Tiefe der stolzen Demut, aus welcher ich zu Ihnen hinaufblicke, zu ermessen vermögen...
    Also, ich komme darauf zurück, daß ich auch hier, auch bei dem bescheidensten Versuch, Ihnen von dem, dessen mein Herz voll ist, etwas zu sagen, ganz auf Sie und auf Ihre Güte angewiesen bin! Zum Glück kann ich da auch ein unbedingtes, unbegrenztes Vertrauen haben — bitte, seien Sie überzeugt, daß ich es auch habe. Ich müßte zu den allerselbstquälerischsten Eseln gehören, wenn ich jemals bezweifelte, daß Sie mir von Herzen zugetan sind.
    Daß ich die endliche Bekanntschaft mit Ihren Töchtern zu den schönsten — ich möchte sagen zu den rührendsten wahren Errungenschaften der Zeit in Les Avants zähle — ein wirklich kostbarer Schatz für das ganze Leben —‚ erwähne ich hier doch noch ausdrücklich, damit wenigstens dieses eine Mal meine „Grüße“ an sie nichts Banales an sich haben, sondern ein bißchen von dem Glockenklang jener ersten Kuh, der wir auf dem Herunterweg begegneten, und auch von der Innigkeit des Wiesen- und Blumenduftes (des unschuldigen Rausches des Orchideenduftes nicht zu vergessen!).
    Ihnen, hochverehrte Meisterin, der schweigende Gruß und der sprachlose Dank Ihres mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele ewig treu und in tiefster Ehrfurcht ergebenen

Houston S. Chamberlain.


331 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

München, 5. Mai 1893.

    Nur mit zwei Worten Dank für Ihre Zeilen, mein Freund! Es waren schöne, seltene Tage, die wir dort verlebten, und ich glaube, sie werden sich immer mehr von dem Sonstigen in unserer Erinnerung abheben. Ich war erstaunt, von der Gegend um Neuchâtel keinen Eindruck zu erhalten, und dann erklärte ich es mir damit, daß wir ungern an dem Frieden eines Sees und der Erhabenheit der Berge hastig vorbeirasseln — vielmehr tat es mir wohl, wenn wir umbogen, und dem Ewig-Unschuldigen nicht seine Wirkung durch unsere gierige Unruhe rauben.
    In Karlsruhe hatte ich eine wahre Freude, Mottls „Firdusi“ und sein schönes, ernstes Verhältnis zu seiner Frau. Letztere eine merkwürdige Erscheinung, durchaus unmodern, von der Natur mit Fülle und Kraft begabt; er unternahm es, diese von der Welt mißbrauchte Natur zum Edlen zu bringen. Ich glaube an das Glücken des schönen Versuches, sie sang sehr hübsch und mit ganzer Seele in seiner Oper, begegnete mir unbefangen und bescheiden und — so seh' ich anders als die anderen und freue mich. Hier heute   ( M u ß )   I. Akt „Tannhäuser“... Die „Afrikanerin“! Ich glaube, es gleicht sich aus.
    Alles Gute mit Ihnen und Ihrer Frau, und wir wollen uns der Vordertage freuen.    C. W.


331-332 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Zürich, 6. Mai 1893.

    „Inzwischen“ (wie Schopenhauer sagt) bin ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, für den gestrigen Abend noch dankbar. [Ch. hörte auf Wunsch von Frau Wagner auf der Heimreise, einer Sängerin wegen, Meyerbeers „Afrikanerin“.] Ich habe nur einmal vor vielen Jahren die „Hugenotten“ und einmal den „Propheten“ gehört; so recht lebhaft habe ich mir doch nicht vorgestellt, welcher Abgrund von poetischer Impotenz, von rettungsloser Gemeinheit, welch gänzlicher Mangel an musikalischer Gestaltungskraft (denn die prätentiösen, breiten Melismen, die hin und wieder, à propos de rien, von der Oboe oder dem Violoncell zuerst feilgeboten und dann vom Gesang und dem Orchester aufgenommen werden, dienen dazu, den Mangel an Gestaltung noch fühlbarer zu machen) — kurz, welche trostlose Öde und Leere und Nichtstwürdigkeit, welche fabrikmäßige Verwendung alles Äußeren, ohne auch nur ein einziges Atom von Seele, von wahrer Empfindung, hier vorliegt. Ich mußte an eine Posse denken, wo ein reich gewordener Fabrikant bei jeder Gelegenheit wiederholt: „Ich muß Ihnen sagen, ich bin jetzt in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden — ich stehe augenblicklich 123“; das hat man in der „Afrikanerin“ buchstäblich vor sich: die dramatische Kunst in eine Aktiengesellschaft umgewandelt!
    Daß eine derartige Blasphemie alles Göttlichen gestattet ist, wie das erste Ensemble-Gebet aller Bischöfe und des Rates...? Offenbach hat die Götter Griechenlands nicht so persifliert wie Meyerbeer hier die Erhebung der christlichen Seelen zu ihrem Gott! Es ist einfach skandalös. — Die   e c h t e n   Schweizer schauten drollig darein, erstaunt, verblüfft, lächelten sich verstohlen zu, applaudierten aber tüchtig zum Schlusse mit ernstem Ausdruck, als wollten sie sagen: „Verstanden haben wir nichts davon; jeder gebildete Mensch weiß aber, daß die Musik von Meyerbeer schön ist; und jeder Schweizer ist ein gebildeter Mensch. Außerdem ist das hier das mit unserem Gelde errichtete Züricher Stadttheater.“
    Das moderne Zürich ist überhaupt eine abscheuliche Stadt — namentlich, wenn man von dem schönen, stolzen, würdigen Bern kommt. Ich glaube, die Züricher würden sich ihre Berge schleifen, wenn sie es nur könnten; leider können sie es nicht, und man wird immer wieder gezwungen sein, hier durchzureisen.
    Die Escherhäufer etc. habe ich besucht, ohne etwas anderes empfinden zu können, als daß Zürich „n'y est pour rien“. Gut, daß alle Erinnerungen bereits so ziemlich ganz weggewischt sind; was hier geschaffen wurde, ist wie die fernen Alpen — es kann nie vertilgt und es kann von den sich folgenden Generationen bewundert werden —‚ die stadt Zürich geht es aber gar nichts an.
    Aufrichtig und eindringlich bitte ich Sie, weder diesen noch andere Briefe von mir zu beantworten, und verbleibe mit den herzlichsten Grüßen an meine beiden „Feldkameraden“ Ihr in ehrfurchtsvoller Treue ergebener

Houston S. Chamberlain.


332 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

26/5/93. Wien.

    Nichts Wichtiges habe ich zu sagen, hochverehrte Meisterin; es drängt mich aber nach Absolvierung — gestern abend — meines zwölften und letzten Vortrags in dieser Saison einen Gruß zu senden, Ich freue mich auf die Ruhe jetzt; aber ich freue mich, daß ich sie in einem gewissen Sinne mir verdient habe. Ich wollte Ihnen auch mitteilen, daß ich den Vortrag, den ich gestern hielt, an Wolzogen einzusenden gedenke — nicht wegen irgendeiner Veröffentlichung, sondern zur „Begutachtuug“. Es ist nämlich eine Art Schematische Lebensübersicht, in welcher ich versucht habe, das anfangs trocken und nach mnemotechnischen Rücksichten angelegte Schema nach und nach zu einem lebendigen Organismus umzuwandeln.
    Viele, viele Grüße an Sie alle; meine Frau meinte heute: „Da du Frau W. jetzt gesehen hast, brauchst du sie vor nächstem Jahr nicht wiederzusehen!“ (das „brauchen“ ist doch himmlisch, nicht wahr?); aber ich denke, Sie werden im Laufe des Sommers irgend etwas in Bayreuth vorhaben, was ich „zu sehen brauche“, wobei ich dann nebenbei nicht umhin kann, auch Sie zu sehen?
    In Ehrfurcht und treu ergebener Freundschaft Ihr

H. S. C.


333 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 30/5/93.

    Nur mit zwo Worten will ich sagen, daß Wolzogen gestern bei mir war mit Ihrem Vortrag, mir Bericht daraus erstattete, einzelnes daraus vorlas, und daß diese markige, feste Sprache mir wieder unendlich wohl tat, indem ich sie als die einzige betrachte, die zu uns gehört, und die Gutes wirken kann.
    Wir fahren fort, das gleiche zu erleben! Der größte Teil der Schüler, die sich (und zuweilen ganz enthusiastisch) anmelden, wird uns abspenstig gemacht, und wir haben niemanden draußen, der gegen alles Lügenhafte, unterirdisch Verbreitete auftritt. Sie sind der einzige, der weiß, wie es steht und worauf es ankommt, und der den Mut hat, es zu sagen.
    „Je ne saurais me passer des choses dont je n'ai que faire“, sagte die Herzogin von Bourgogne von ihren Bibelots. Geistig übertragen, wäre das ungefähr die Antwort auf das „Brauchen“, und da jeder, dem man anhängt, eigentlich eine Atmosphäre bildet, so gleicht das Bedürfnis nach dieser Atmosphäre etwas unserer Sehnsucht nach einer bestimmten Luft und Naturumgebung. Und es wäre ein schöner gebrauch, wenn man dem regelmäßig nachgehen könnte.
    Um wieder ganz auf der platten Erde zu sein, muß ich Ihnen erzählen, daß geistvolle Freunde aus Paris mir schrieben, sie teilten meine Freude über die „Walküre“ dort, und daß der Eindruck von Wotans Abschied dadurch gesteigert worden wäre, daß man seine Mitteilung an Brünnhilde und das Gespräch mit Fricka sehr gestrichen hätte. — Ich denke, Sie steIlen sich auch meine Freude vor.
    Leben Sie wohl, Freund, und grüßen Sie Ihre liebe Frau herzlichst von uns allen!
    Ailinon! Das Gute siege!    C. W.


334 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

30/Mai/93. Wien.

Hochverehrte Meisterin!
    Den beiliegenden Regenerationsvortrag [„Richard Wagners Regenerationslehre“, abgedruckt in „Richard Wagner der Deutsche“, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7196/97] — V o r t r a g   ist wohl zuviel gesagt, die Regenerations-Plauderei — bekam ich gestern wieder, und als ich es heute früh wieder durchblätterte, gefiel es mir nicht schlecht; ich bitte dringend, ihn zu behalten, bis der Tag sich findet, wo nicht nur eine Stunde zur Verfügung steht, sondern wo auch gerade die Regeneration gut paßt. Denn das ist nicht für jeden Tag; Wiedergeburt, ja! das schon! — aber hier, wo das Transzendente eine so unglaublich kühne Ehe mit dem Realen eingeht, da muß man schon ein bißchen hochzeitlicher Laune sein, sonst geht's nicht.
    Übrigens liebe ich die alten Inder für nichts so zärtlich wie für den ruhigen Mut, mit welchem sie die direktesten Widersprüche gelehrt haben; das tat twam asi ist doch die Verleugnung aller   I n d i v i d u a l i t ä t,   durch das   s i c h   Wiedererkennen in allen anderen löst sich das Ich-Gefühl allmählich ganz auf, wie es ja auch ausdrücklich gelehrt wird; und auf der anderen Seite, welche grauenhaftere, unbarmherzigere Vorstellung von der Permanenz der Individualität kann es geben als die Lehre von der Seelenwanderung, wo das „Ich“ nicht nur in irgendein nebelhaftes Purgatorium wandelt, sondern immer wieder und immer wieder von neuem geboren wird, um in frischer Jugend den alten Kampf, der in den Tod führt, noch einmal aufzunehmen?
    An Schemann hatte ich vor kurzem geschrieben. Er antwortete sofort, wirklich sehr liebenswürdig und warm, aber soviel Gemüt hält kein Mensch auf die Dauer aus. Und diese Leute sind wie die Raketen — zündet ein Funke — kniff! da fliegen sie schon zum Himmel hinauf und verschwinden bald jenseits der Sterne. Sie erinnern mich an jene Flachländer, die mich im Hochgebirge immer zur Verzweiflung bringen, weil sie die relative Höhe der Berge gar nicht zu schätzen verstehen — eine Sache, zu der übrigens Instinkt und Erfahrung gehören; sie halten immer den Berg, der ihnen gerade vor der Nase steht, für den höchsten; was sie aber anderseits nicht im geringsten verhindert, auf einen Berg, den man nur mit 3 Führern, Stricken und Äxten besteigen kann, früh vor dem Luncheon hinaufzuwollen.
    Ihnen, hochverehrte Meisterin, die Versicherung der ehrfurchtsvollen und innigen Ergebenheit Ihres

Houston S. Chamberlain.


335 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

5. Juni 1893. Wien.

    Aus christlichem Mitgefühl schreibe ich an Sie, hochverehrte Meisterin, statt an Siegfried, damit dieser zu keiner Antwort verpflichtet ist. [Siegfried Wagner hatte am 6. Juni Geburtstag.] Ich wüßte nicht, welche Geburt für eine ganze Welt so viel der sehnsuchtsvollsten Hoffnung in sich schlösse wie diese. Man denke sie sich nur weg — vom Schicksal verweigert, um die Bedeutung dessen zu ermessen, was Sie der Welt an jenem Tage schenkten. Darum dankt Ihnen auch eine ganze Welt und wird Ihnen immer mehr danken. Die einzige Gewähr für eine Zukunft des eigentlichen Bayreuther Gedankens war ja, daß dieser zu Fleisch und Blut wurde. Möge Ihr Sohn zu der Heldenkraft gedeihen, deren er als drachentötendes Wotanskind bedarf, und Ihnen zum Trost, uns allen zum Heil, der Welt zum unermeßbar großen Segen leben. Dies der Herzenswunsch Ihres in ehrfurchtsvollster Freundschaft ergebenen

Houston S. Chamberlain.


336-337 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 10/6/93.

    Inzwischen habe ich Ihren Vortrag über den Regenerationsgedanken gelesen und finde ihn ganz außerordentlich und in jeder Weise dem Gegenstand entsprechend. Schiller als Festredner einzuführen, ist der glücklichste Gedanke, der zu haben war. Und ich glaube, daß Sie der einzige Ausländer sind, der sowohl diesen dichterischen Priester als wie das deutsche Wesen überhaupt richtig zu erfassen imstande ist. Sowohl die Darstellung des Gegenstandes als seine Zusammenfassung halte ich für unbedingt gelungen und eindringlich, und ich möchte insbesondere für die ernste Erfassung der Nahrungsfrage meine Genugtuung Ihnen ausgesprochen haben.
    Ich verdanke aber noch eines Ihrem Vortrag, nämlich mehrere Stunden des Zusammenseins mit Wolzogen. Die Liebe, die ich für ihn hege, gehört — ich empfinde dies mit Dankbarkeit — zu den Gefühlen, denen auch Einmischungen nichts anhaben können.
    Vor allem aber Dank für Ihre Glückwünsche zu dem 6sten! Gott hat sein Wort da gesprochen, und auf dieses Wort baue ich, um weiter zu hoffen! Zu seinem Geburtstag führte Siegfried mit der Militärkapelle die Ouvertüre zu „Rienzi“ auf, und zwar sehr gut, sehr bestimmt und sehr bewußt. Darauf reiste er nach München, um sich für das Militär zu stellen, und wurde nun ganz frei.
    Ein unglücklicher Mensch, aber ein sehr guter und sehr bedeutender ist Schemann. In ihm erkenne ich mit tiefstem Mitgefühl das, woran Deutschland zugrunde geht, nämlich daß seine ideal begabten Söhne von vornherein schlecht genährt werden und daher eine Art fieberhaften Zustandes der Geistes- und Gemütsanlagen überliefert werden. Wogegen die Juden ganz robust ihre realen Fähigkeiten kundgeben und vertreten! Es ist ein Elend!
    Meinen Sie wirklich, daß in der Seelenwanderung der Inder das Individuum festgehalten sei? Ich dachte es nicht; sondern nur, daß gleichsam der Zuschauende sagen könnte: Dieser, der jetzt geknechtet ist, war früher der Tyrann, und die Entsagende hat einst wütend begehrt. Aber gerade die Individualität wäre die Veränderung. Aber ich bin sehr wenig bewandert und habe mehr Vorstellungen als Kenntnisse.
    Von uns ist weiter nichts zu erzählen. Jeden Donnerstag zeigen die Schüler in Wahnfried, was sie gelernt, und mit Kniese und Pohlig nehmen wir die Beethovenschen Symphonien vor.
    Eine Frage, mein Freund, die mir seit langem unter der Feder und auf den Lippen lag und nur immer durch anderes verdrängt wurde: Wünschen Sie, daß ich Ihre Briefe vernichte? Meiner Kinder bin ich natürlich ganz sicher, aber wir wissen nicht, was wird, und unsere Zeit ist eine beklemmende! Wir schreiben uns so unumwunden, daß ich, für meinen Teil, Sie bitte, sollten Sie es nicht bereits getan haben, meine Briefe zu zerstören.
    Herzlichste Grüße und vielen Dank Ihrer lieben Frau für die Wünsche, und alles Gute mit Ihnen!    C. W.


337-339 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Oberhof im Naßwald, 27. Juni 1893.

    Inmitten einer wahren Orgie von Orchideen sitze ich da — und ganz unglücklich über meine Unfähigkeit, Sie alle, hochverehrte Meisterin, daran teilnehmen zu lassen. Zur Erholung aufs Land geschickt, machte ich gestern meine erste Bergbesteigung: die übliche österreichische Berglandschaft, eine Bergkette hinter der anderen, nirgendswo etwas Hervorragendes oder auch nur scharf Individualisiertes, und die Täler alle tief und eng, woraus man den Eindruck einer gedrückt und dunkel lebenden Bevölkerung gewinnt. Auf diese charakterlosen Berge, in diese dunklen Täler hat sich das arme Deutschtum Österreichs zurückgezogen; dort, ganz weit, weit — sehe ich die Sonne auf der ungarischen Ebene glänzen. Und die großen Herrschaften sind viel härter hier, als sie früher waren; die Grafen Hoyos-Sprinzenstein u. a. gestatten nicht mehr, daß die Armen sich aus den unermeßlichen Waldungen Holz holen wie ehedem; Wild zu erlegen ist jetzt, wo die Habsburger die ganze Gegend zur Jagd gepachtet haben und es also doppelte Jagdhut gibt — die Hoyossche und die Kaiserliche —‚ geradezu lebensgefährlich; kaum daß unschuldige Touristen auf die Berge steigen können, die besten Wege sind überall „verboten“ — und so vegetieren diese guten NaßwäIdIer weiter, echte protestantische Deutsche, arme „Holzknechte“ — von ihren katholischen, ungaro-slawo-judophilen Herren „beschirmt“; die guten Leute sprechen sogar noch ein deutsches, lutherisches Deutsch — so naiv sind sie! — und sagen z. B. statt des lateinischen Wortes „Fenster“ — eine „Luge“! Daß mein Führer mürrisch war, werden Sie ihm also nicht verargen; in so einem Kopfe muß es ähnlich aussehen wie in dem eines mißhandelten und doch nicht weniger treuen Hundes. Ich sprach dem Manne von der Schweiz und ihren freien Bergbewohnern; cela ne répondait à rien chez lui; dagegen sprach er mit gedämpfter Stimme, als er mich auf das „allerhöchste Erzherzogliche Jagdhaus“ aufmerksam machte. Bei diesem ganzen Jammer und bei der doppelten Trostlosigkeit des Blickes auf die Berge und des Blickes in die Augen meines Begleiters erfüllt mich die Pracht der Blumen mit einer fast verzweiflungsvollen Bewunderung. So etwas von Orchideen an Anzahl und Verschiedenartigkeit habe ich noch nie auf einem Fleck zusammen gesehen. Ihre Physiognomie hat etwas so mysteriös Rätselhaftes, nicht wahr? Ihr Duft berauscht — aber nicht wie andere. Schon lange wußte ich, daß diese Blumen die Augen der urweisen Erda sind, die schlaftrunken aus der Tiefe hervorlugen; aber erst gestern empfand ich, daß diese verschiedenen Orchideen wie die Verkörperung der verschiedenen Modulationen und Gestaltungen der „Schicksalsfrage“ sind, des „Wißt ihr, wie das ward?“ — Alles stand gestern auf dem Sonnenleitstein nebeneinander: sattrote, helle und dunkelrosa, rötliche weiße; dann die große Epipactis, schneeweiß, und mit einer großen Haube, wie die einer Barmherzigen Schwester; die kleine, grüne Orchidee, mit der lang herunterhängenden, tiefgespaltenen Zunge eine fast lustige, junge Nonne! — dann die Neottia, eine Orchidee, die zum Parasitismus übergegangen ist und auf den Wurzeln anderer Pflanzen von ihren Säften lebt — kurz, die semitische Orchidee, die Schicksalsfrage vom Standpunkt eines Juden — vollständig farblos wie eine Leiche, des frohen Grüns ewig verlustig; ja! im tiefsten Waldesdunkel fand ich noch herrliche Cypripediums, den riesigen „Frauenschuh“ (auch Pantouffle de Venus und Soulier de la Vierge genannt, da bekanntlich, durch eine Ironie des Schicksals, die Heilige Jungfrau und Frau Venus nicht selten vom Volke verwechselt werden!), die einzige Orchidee, die in Europa an die tropischen durch ihre Größe erinnert, und die in ihrer — eben nicht „holdseligen“, sondern massiven — Pracht einen wie eine Stimme aus alten, besseren Zeiten anmutet. Und noch andere! Und nun ist es unmöglich, sie von hier aus zu verschicken. Keine Schachtel, und eine höchst jämmerliche Postverbindung; dazu die Blumen nach anhaltendem Regen gepflückt und darum sehr wenig widerstandsfähig! — Also, nur den Gedanken und den Wunsch vermag ich Ihnen zu senden.
    Daß die Orchideen ganz speziell für Frl. Isolde gewesen wären, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Sie hätte sie am besten verstanden, wäre am tiefsten in ihr Geheimnis eingedrungen. Für Frl. Eva hatte ich auf der höchsten Felsenspitze Aurikeln und weiße Pinguiculas und große, blaue Entianen gepflückt und die einzige   a c h t-blättrige Blume: Dryas; denn diese hielt ich am passendsten für eine nur zufällig „Eva“ getaufte Elisabeth. — Für Sie, hochverehrte Meisterin, hatte ich die Rose ohne Dorn bestimmt, die in Les Avants noch nicht blühte; vor deren zauberhaftem Anblick ich gestern aber gleich empfand, daß diese Blume wie keine zweite gerade   I h n e n   gehöre.
    Das ist also die Geschichte meines „Bouquets“. Die Blumen stehen alle auf meinem Tisch und grüßen Sie. Weiter bezweckt dieser Brief nichts, (Wie schwer es fällt, der Welt ganz zu entkommen, zeigt das Bild hinter meinem Tisch, welches der   „T r i p p e l“-Allianz gilt! Die drei Souveräne stehen auf einem spiegelglatten Parkettboden, in welchem sich ihre Beine kunstvoll widerspiegeln, und reichen sich die Hände!)
    In Ehrfurcht und täglichem treuen Gedenken Ihr

Houston S. Chamberlain.


339-341 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

2. Juli 1893. Blümelgasse. Wien VI.

    Nein, hochverehrte Meisterin, Ihre Briefe habe ich nicht „bereits zerstört“; sondern ich besitze noch jede Zeile, die Sie mir geschrieben haben. Mit wenig Sinn für Andenken, Erinnerungen etc. begabt, bildeten sie bisher meine Penaten. Verreiste ich, so blieben sie in einer versiegelten Blechkiste, mit der Weisung, daß sie im Falle meines Todes an Sie, resp. an Ihre Kinder, ungeöffnet zurückzusenden seien. Wiederholen Sie mir Ihren Wunsch, so werde ich für die Zerstörung sämtlicher Briefe sofort sorgen; zwar wird es mir einen „serrement de coeur“ verursachen — denn, wie gesagt, ich stehe sehr allein da, und wenn ich oben von einem geringen Sinn für Andenken sprach, so dürfte es richtiger sein, zu sagen, daß ich wenig oder nichts bisher fand, was mir genügend bedeutete, um ein Heiligtum auszumachen — aber es soll trotz des serrement de coeur ganz heiter und gründlich geschehen; ich schreibe es auf das Kapitel „Askese“; das wenige, was ich bisher auf diesem Gebiet leistete, war stets unfreiwillig! Ehe Sie mir aber diesen endgültigen Befehl zugehen lassen, erlaube ich mir jedoch einen Vorschlag, der zwar für mich ebenso asketisch ausfiele, aber — ich habe halt kein Glück mit Selbstkasteiungsversuchen! — der mich gänzlich befriedigen und beglücken würde. Gewiß war unser Briefwechsel für Sie kein wichtiger; was den Lebensatem Ihres Daseins ausmacht, erscheint da nur im Hintergrund oder als Atmosphäre; aber gerade die Unumwundenheit, gerade das Rein-Persönliche verleiht manchem dieser Briefe nicht nur einen unvergleichlichen Zauber, sondern es spiegelt sich Ihre Individualität oder mindestens eine Seite Ihrer Individualität in ihnen so lebhaft wider, daß, trotz des Mangels der „wissenschaftlichen Fakta“, es vielleicht doch schade wäre, diesen Spiegel schon jetzt zu zerstören. Ich weiß es, jedes Aufheben von Dokumenten ist schon ein Anfang von „registrierender Manie“, und niemand empfindet mehr wie ich, daß von Ihrem Leben nur Ihr Wirken vor die Welt gehört und immer gehören wird: Siegfried und der Sieg von Bayreuth — mehr braucht keiner von Ihnen zu wissen. Aber gerade für Siegfried und für dessen Sohn und Enkel — wäre es nicht schön, wenn sie neben den Bildern der „hohen Ahnen“ und außer allen wichtigen Dokumenten Ihres Archivs auch solche „Nebensächlichkeiten“ besäßen? Wer vermag von etwas zu sagen — ich meine von etwas, was von einem bedeutenden Individuum kommt — „das ist gering“? Keiner; auch die betreffende Persönlichkeit nicht. Wie Sie sehen, hochverehrte Meisterin, ich plädiere jetzt nicht für mich; ich würde mich sogar leicht von den Briefen trennen, wenn Sie mir gestatten wollten, die ganze Sammlung in Siegfrieds Hände zu legen. Auch ihm würde ich die Verpflichtung auferlegen, sie erst nach meinem Tode zu öffnen; der ganze Vorgang hätte den einen, einzigen Zweck, Sie vollkommen zu beruhigen und vor jeder auch nur entfernten Möglichkeit einer Indiskretion zu sichern.
    Vielleicht finden Sie mich schon wieder einmal recht „umständlich“; ich aber finde, daß man sich wegen gewisser weniger Leute Umstände machen darf und soll.
    Was nun Ihre Frage bez. meiner Briefe anbelangt, so können Sie sich gar nicht vorstellen, wie leichtsinnig und egoistisch ich bin und denke. Ich schreibe leidenschaftlich gern Briefe; rauben Sie mir die frohe Sorglosigkeit in bezug auf, was ich schreibe und wie ich schreibe, so haben Sie mir viel geraubt. Allerdings war ich zuerst ganz verdutzt, als in Les Avants zufällig erwähnt wurde, daß Sie auch meine Briefe aufhöben; es war mir bisher niemals eingefallen, daß   S i e   daran denken würden. Vielleicht habe ich doch einen tieferen Fond von Bescheidenheit, als auf der Oberfläche zu erraten ist. Nach dem ersten Erstaunen gefiel mir die Sache ganz gut. Gerade in puncto Briefschreiben glaube ich nicht, daß irgendein Vorgang auf dieser Welt mir jemals die unbedingteste Natürlichkeit rauben könnte; mir ist nie so wohl wie vor einem Bogen Briefpapier. Auch das Aufheben wird mich also nicht verderben — und nicht bessern. Und dann:
    1. Wer bin ich, daß einer sich einmal kümmern sollte um, was ich sagte?
    2. Habe ich keinen Grund zu glauben, daß ich alt werde; ich werde also selber von Indiskretionen keine „ennuis“ haben.
    3. Wenn einer von meinen Worten beleidigt und gekränkt wird, warum war er so indiskret und steckte seine Nase in Sachen, die ihn nichts angingen? Für ihn fühle ich kein Mitleid.
    Von Herzen grüßt Ihr in Ehrfurcht ergebener

Houston S. Chamberlain.


341-342 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 6/7/93.

    Was Sie mir über den Protestantismus im Naßwald gesagt haben, hat mich sehr gerührt. Beste Kräfte bester Stämme sind bei uns entweder verstumpft oder verroht worden.
    Ich nahm in diesen Tagen Abschied von einer geschichtlichen Gestalt, die mich wie kaum eine gefesselt und erschüttert hat: Cromwell. Wer dieses Leben nicht mit ernstlicher Aufmerksamkeit verfolgt hat, dem fehlt gewiß ein Einblick in die Prädestination einer individuellen Erscheinung, in die Bestimmung eines Stammes, in die Gewalt des Glaubens, in die Vereinsamung der großen Persönlichkeit, in die Tragik des Glückes und in die Allmacht des Genies!
    Da Sie Milton gut kennen, haben Sie die Noten an die protestantischen Mächte gelesen, die er unter Inspiration Cromwells schrieb?
    Bezüglich der Briefe! Meine Empfindung kennen Sie; angesichts Ihrer Erwiderung vermag ich sie nicht zu einem Wunsche zu gessalten. Eine meiner Lieblingsvorstellungen ist die sich tummelnde, winzige Erde inmitten der Sternenwelt. Mit dieser Vorstellung hängt ein lebhaftes Bild der Unwichtigkeit der meisten Dinge und der Wunsch ihres Schwindens zusammen. Das „festgenagelt“ ängstigt mich. Ich höre nicht gern von Neigungen reden; das einzige, was ich immer lebendig atmen möchte, ist der Hauch des Genius, und zu diesem Leben scheint mir viel Abstreifen und Entfernen alles Nebensächlichen notwendig. Nun tun Sie, was Sie wollen.
    Leben Sie wohl, Freund, alles Gute auf Ihren Wegen, und den herzlichsten Gruß von Wahnfried!    C. W.


342-343 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

8. Juli 1893. Wien.

Hochverehrte Meisterin!
    Was „die sich tummelnde winzige Erde inmitten der Sternenwelt“ anbelangt — ich glaube,   d i e s e   „Lieblingsvorstellung“ führt konsequenterweise zu der Nachahmung Yadjnyavalkyas, der sich in den Urwald zurückzog und neunhundert Jahre auf einem Fuße stand. Ich glaube, diese Vorstellung darf nur als Korrektiv dienen, nicht als Direktiv; sonst führt sie uns direkt ins Faß des Diogenes. — Übrigens, ist es Ihnen einmal gelungen, sich die Sache   g a n z   k ö r p e r l i c h   vorzustellen? Das ist nämlich was Herrliches; in früheren Jahren (wo ich so eine Art kleiner, unbewußter Yadjnyavalkya war, nur daß ich in meiner Unschuld noch auf zwei Beinen Stand) war das eine Lieblingsübung von mir. Am besten ist es, man beginnt mit dem Monde; wenn er ungefähr 2/3 seiner Scheibe zeigt, gelingt es leicht, durch konzentriertes Anschauen ihn als körperliche, schwebende Kugel zu erblicken. Das ist der erste Schritt. Plötzlich empfindet man nun — wenn man erstere Vorstellung recht lebhaft festhält —‚ plötzlich empfindet man auch unsere Erde als im Raume schwebende Sphäre und sich selbst als auf der Oberfläche klebendes Wesen. Das ist die zweite Stufe. Ist nun diese Empfindung durch öfteres Üben zu einer habituellen geworden, dann tritt etwas ein, was man wohl die kosmisch-sinnliche Ekstase nennen könnte: nämlich, die unmittelbare Empfindung von der Bewegung der Erde! Man fühlt die Erde im Raume kreisen, und zwar mit so furchtbarer, schwindelnder Schnelligkeit, daß ich mehr als einmal mich an Fels oder Baum oder Fenster krampfhaft angeklammert habe, um nicht hinausgeschleudert zu werden in den dunklen Raum. Aber, verehrte Meisterin, ist auch mir, wie Sie sehen, „die Vorstellung der sich tummelnden Erde“ nicht fremd, bei Ihrer Berufung auf dieselbe in diesem speziellen Falle kann ich mich nur freuen, daß die „Schopenhauersche Inquisition“ noch nicht ins Leben getreten ist, denn ich fürchte, diese würde Ihnen einen mauvais quart d'heure bereiten. Die Welt    i s t   m e i n e   V o r s t e l l u n g;   nichts ist unrichtiger, meine ich, als sich von den leeren Formen von Raum und Zeit imponieren zu lassen. Genießen soll man sie, aber sich niemals von ihnen Gesetze aufoktroyieren lassen. Selbst der alte, trockene Kant ist in bezug hierauf beredt; denn, nachdem er ausgeführt hat: „Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor“, gibt er gerade die kosmische Vorstellung, die Bahnen der Himmelskörper etc. als Beispiel der Subjektivität der Naturanschauung. (Vgl. Prolegomena zu jeder künftigen Metaphysik, § 36—38.) Wie vermag nun irgendeine solche Vorstellung mir das Heilige aus meinem Herzen zu reißen? Ich weiß ja, daß Sie das auch nicht so meinen — aber wenn nicht, dann finde ich, daß Sie schlecht argumentiert haben, oder aber, was noch wahrscheinlicher, daß ich gar nicht weiß, wovon Sie eigentlich reden.
    Mit Grüßen von Herzen an ganz Wahnfried Ihr in tiefer Dankbarkeit und aufdringlicher Ehrfurcht ergebener

Houston S. Chamberlain.


343-347 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

2. August 1893.

    Da ich fast Nacht für Nacht von Bayreuth und Ihnen allen träume, und zwar mit einer Lebhaftigkeit und einer dramatischen Wahrheit, wie sie das wirkliche Leben nur in vereinzelten Augenblicken bietet, so habe ich, hochverehrte Meisterin — ganz aufrichtig gesagt —‚ gar keine Lust zum Schreiben; wozu das graue, umständliche, mißverständliche Indirekte, wo ich soeben so lebendig mit Ihnen verkehrte und unter so mancherlei tiefwahren Bedingungen, die in diesem Schattenleben doch niemals zu Wirklichkeiten werden können? Und ich kann mir gar nicht denken, daß so etwas ganz einseitig ist. Sind Sie die mittlere Gestalt meiner figurenreichen Träume, so wird Ihr umfassendes und gerechtes Auge mir gewiß den Platz einer kleinen Nebenfigur gönnen, etwa wie auf einem Dürerschen Himmelsbilde einer von den Seliggesprochenen, die rechts gans unten, aus einer großen Schar, neugierig herausgucken und denen man anmerkt, mit welcher Freude sie allen Zeremonien und Vorgängen im Himmelreich zuschauen? Also bleibt's bei den Träumen!
    Damit aber mein Gruß doch eine bestimmte Gestalt besitzt und Ihnen angenehme Gedanken verschaffe, will ich Ihnen etwas mitteilen, worüber Sie sich gewiß freuen werden.
    Zweifellos erinnern Sie sich der Briefe Schopenhauers an Rosenkranz sehr gut? Und ich bezweifle gar nicht, daß Sie einen ebensolchen Chok wie ich empfunden haben werden, als Sie Kant der   F e i g h e i t   und der   U n w a h r h a f t i g k e i t   anklagen hörten? Man solI sich hüten, einen Schatten auf den   C h a r a k t e r   eines HeIden fallen zu lassen; der Charakter eines Mannes ist doch gewiß soviel wert wie die vielgepriesene „Ehre“ eines Weibes — ganz abgesehen davon, daß dieser Ehrbegriff ein ungeheuer schwer festzustellender und darum meistens ganz falscher ist, währenddessen ein Denker, der einem König zu Gefallen der Welt das Gegenteil verkündet von dem, was er für wahr hält, von dem, was ein ganzes Leben in ihm als Überzeugung begründet hat, auf alle Fälle ein charakterloser, keiner Hochachtung würdiger Mensch ist und zudem ein Lügner. Hat Kant so gehandelt, wie Schopenhauer behauptet, so war er kein großer Mann, sondern ein denkendes Monstrum, ein mit einem beliebigen Klaviervirtuosen zu vergleichender Gehirnvirtuos. Obwohl ich aus anderen Erfahrungen wußte, daß man bei Sch.s Leidenschaftlichkeit sich hüten muß, ihm auf historischem und persönlichem Gebiete unbedingt zu trauen, dieser schwere Vorwurf gegen die Makellosigkeit von Kants Charakter wurmte mich doch.
    Ganz zufällig bin ich nun vor kurzem auf eine Spur gekommen, die mich dahin führte, feststellen zu können, daß die Beschuldigung Sch.s   v ö l l i g   g r u n d l o s   und den Tatsachen widersprechend ist.
    Sch. schreibt (siehe Schemann, „Schopenhauer-Briefe“, pag. 187): „Dazu kam von außen, daß der große König, der Freund des Lichts und Beschützer der Wahrheit,   e b e n   g e s t o r b e n   w a r,   und jener Nachfolger, dem K. bald versprechen mußte, nicht mehr zu schreiben, ihm sukzediert hatte. Durch dieses alles   l i e ß   K a n t   s i c h   i n t i m i d i e r e n   u n d   h a t t e   d i e   S c h w ä c h e,   zu tun, was seiner   n i c h t   w ü r d i g   w a r.“   Auf S. 188, daselbst, sagt er: „Daß   M e n s c h e n f u r c h t   es war, die den   s c h w a c h e n   G r e i s   zu dieser Verunstaltung der Kritik bewog — etc., etc.“
    Ehe ich Ihnen nun möglichst kurz und klar und anschaulich zeige, wie unbegründet diese schweren Vorwürfe sind, muß ich Sie daran erinnern, daß in seinem zweiten Brief an Rosenkranz Sch. sich schon ein wenig zurückzieht, wenn er auch fortfährt, alle Zähne zu zeigen. Hier betont er nur die „Altersschwäche“ und die Angst, daß ihm „die Originalität abgesprochen werden könnte“. Und nun beruft er sich nicht mehr bloß auf die 2te Ausgabe der Kritik, sondern auf die „Prolegomena zu jeder künftigen Metaphysik“. (Schemann, 197.)
    Also, jetzt haben wir alles beieinander:
    1. Kant hat die Änderungen in der Kritik d. r. V. nicht aus Überzeugung oder in dem Glauben, sein Werk zu verbessern, sondern   a u s   M e n s c h e n f u r c h t   gemacht.
    2. Der Tod von Friedrich dem Großen und der Eintritt einer minder freiheitlichen Zeit war der   e i n e   „Furcht einflößende“ Umstand. Kant hat also einer tatsächlichen Pression von außen nachgegeben.
    3. Dazu kam die Furcht, des Mangels an Originalität angeklagt zu werden.
    4. Erklärung und Entschuldigung ist: „des Greisen Altersschwäche“.
    5. Zur Begründung der schweren Anklage wird auf die 2te Auflage der Kritik d. r. V. und auf die Prolegomena hingewiesen.
    Nun bitte ich zunächst folgende Daten sich vergegenwärtigen zu wollen:
    1. Die erste Auflage der Kritik d. r. V. erschien im Sommer 1781.
    2. U n m i t t e l b a r   nach dem Erscheinen dieser ersten Auflage, und im Bewußtsein, daß das Werk in dieser Form nur einer äußerst beschränkten Anzahl von Menschen begreiflich sein würde, begann er den mehr populären Auszug: „Die Prolegomena“ aufzusetzen; es war noch   i n   d e m s e l b e n   J a h r e   1781; und Kant hoffte, daß es zur Ostermesse 1782 schon auf dem Büchermarkt sein würde; durch äußere Umstände wurde das Erscheinen der Prolegomena bis Anfang 1783 verzögert. (Vgl. Stuckenberg: „Das Leben I. Kants“.)
    3. Friedrich der Große starb am 17. August 1786.
    4. Die zweite Auflage der Kr. der rein. Vern. erschien zur Ostermesse 1787, wobei zu bedenken ist, daß die Drucklegung sehr lange dauerte, da der Verleger in Riga und der Drucker in Halle (!) waren.
    Schon diese einfache Datenschau genügt zur Überzeugung, daß der Tod von Friedrich dem Großen auf die besagten  Änderungen nicht von Einfluß hat sein können. Denn die Prolegomena (in denen die Änderungen, wie Schemann ganz richtig bemerkt, schon angedeutet sind)   e r s c h i e n e n   dreieinhalb Jahre   v o r   diesem Tod und waren, mindestens zum Teil, schon fünf Jahre vor dem Tode geschrieben! Und die zweite Auflage der Kritik d. r. V. erschien, wie wir sahen,   u n m i t t e l b a r   nach dem Tode des großen Monarchen, woraus hervorgeht: erstens, daß sie   z u   s e i n e n   L e b z e i t e n   geschrieben war, und zweitens: daß sie zu einer Zeit erschien, wo von einem äußeren Druck noch nicht die Rede war, da so etwas nicht von heute auf morgen geschieht. In der Tat wissen wir, daß Kant erst 1792 von der Regierung belästigt wurde (obgleich er inzwischen sehr bedenkliche Sachen, wie die „Praktische Vernunft“ und die „Kritik der Theodiceen“ veröffentlicht hatte), und erst 1793, für sein Werk „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, wurde er zur Rede gestellt und ermahnt (vom Minister Woellner). Weit entfernt also, daß Kant hier dem Druck von oben nachgegeben hätte, müssen wir es vielmehr merkwürdig und mutig finden, daß er nicht bloß 1790 eine 3te   u n v e r ä n d e r t e   (d. h. unverändert nach der 2ten, die aber alle die Angriffe auf die Beweise des Dasein Gottes etc. ebenso wie die erste enthält) Auflage gab, sondern 1794 (also ein Jahr nach der Mahnung) eine vierte, ebenfalls unveränderte, und 1799 eine fünfte.
    Hierdurch ist klar erwiesen, daß die erste und schwerste Beschuldigung Schopenhauers has not a foot to stand upon.
    Sch. gibt als zweiten Grund für die Veränderungen Kants angebliche Furcht, man könne ihm Mangel an Originalität vorwerfen, „was jedem Gründer eines Systems   s o   u n e n d l i c h   w i c h t i g“ (!).   Diese Frage hier ausführlich zu diskutieren, würde zu weit führen; es ist sehr belustigend, wie Sch. hier ein Stück von sich selbst dem Kant in die Seele schiebt. Kant hat — im Gegenteil zu Sch. — eine so „serene“ Ruhe, ein so unerschütterliches Bewußtsein von der Bedeutung seiner Tat (wobei seine   P e r s o n   ihm ganz gleichgültig bleibt). Ich begnüge mich hier, darauf aufmerksam zu machen, daß die   W i d e r l e g u n g   d e s   I d e a l i s m u s,   welche (der Grund ist mir unfaßbar) Schopenhauer ein solcher Dorn im Auge ist, wenn nicht so ausführlich, so doch ebenso energisch und eigentlich noch deutlicher und überzeugender in den Prolegomena als in der 2ten Auflage der Kr. d. r. V. vorkommt. Und diese sind also sofort nach Erscheinen der ersten Auflage geschrieben. Außerdem schreibt Kant aber in den Prolegomena (ed. Hartenstein, pag. 313): „Mit der Kr. d. r. V. bin ich zwar, was den Inhalt, die Ordnung und Lehrart und die Sorgfalt betrifft, die auf jeden Satz gewandt worden, um ihn genau zu wägen und zu prüfen, ehe ich ihn hinstellte, auch noch jetzt ganz wohl zufrieden (denn es haben Jahre dazu gehört, mich allein von dem Ganzen, sondern bisweilen auch nur von einem einzigen Satze in Ansehung seiner Quellen völlig zu befriedigen),   a b e r   m i t   m e i n e m   V o r t r a g e   i n   e i n i g e n   A b s c h n i t t e n   der Elementarlehre, z. B. der Deduktion der Verstandesbegriffe oder dem von den Paralogismen der reinen Vernunft,   b i n   i c h   n i c h t   v ö l l i g   z u f r i e d e n,   w e i l   e i n e   g e w i s s e   W e i t l ä u f t i g k e i t   i n   d e n s e l b e n   d i e   D e u t l i c h k e i t   h i n d e r t.“   Die angegebenen zwei SteIlen sind aber die einzigen beiden, die in der 2ten Auflage in veränderter, stark gekürzter Fassung erschienen; und die Stelle gegen den sog. Idealismus ist die einzige größere Stelle, die neu hinzukam; außerdem sind es gerade diese betreffenden Kürzungen und diese bestimmte Zutat, die Sch. in seinen beiden Briefen an Rosenkranz tadelt; hiermit ist erwiesen, daß die wichtigsten Änderungen in der zweiten Auflage der Kritik d. r. Vern., und gerade diejenigen, gegen die Sch. eifert, bereits im Jahre 1782, lange   v o r   Friedrichs des Großen Tod und noch ehe die gelehrte Welt Zeit gehabt hatte, das Werk zu studieren, zum Teil schon tatsächlich durchgeführt, zum andern Teil schon deutlich und ausdrücklich angekündigt waren.
    Schopenhauers Angriff auf Kants Charakter ist somit aller Begründung bar.
    Amüsant ist es außerdem zu bemerken, wie freigebig Sch. mit dem Ausdrucke „altersschwacher Greis“ umgeht (während er selber mit 62 Jahren ein großes, neues Werk herausgab und mit 71 Jahren eine neue Auflage seines Hauptwerkes, mit einem Viertelband neuer Zusätze, vielen Berichtigungen etc.!). Kant war aber 57 Jahre alt, als die erste Auflage der Kr. d. r. V. erschien, und 58 (!!) Jahre alt, als er die Prolegomena schrieb, in denen die betreffenden Änderungen teils ausgeführt, teils angekündigt waren! (Er war 63 Jahre alt, als die 2te Auflage der Kritik erschien.)
    Zweck dieses Briefes war, Ihnen die Überzeugung zu geben, daß die Anschuldigungen gegen Kants Charakter nicht begründet waren. Da ich es war, der sie Ihnen vorlas, so empfand ich es geradezu als eine Pflicht, Ihnen die Resultate meiner Untersuchung mitzuteilen. Ich hoffe, Sie werden dem Gegenstande nicht ungern eine halbe Stunde gewidmet haben.
    In ehrfurchtsvoller Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.

*
348 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 6/8/93.

    [Auf der Rückseite des Programms für die Vorstellung vom 5. August 1893, gegeben von den Schülern der „Bayreuther Lehranstalt für Mimik und dramatischen Gesang“, Dirigent Siegfried Wagner.]
    Mit einem wärmsten Gruße die Mitteilung einer göttlichen Freude! Dienstag verlassen wir Wahnfried. Mittwoch abends sind wir Pension Stutz bei Luzern. Ich soll nicht lesen, nicht schreiben, keine Musik hören; ich will's versuchen.
    Ihnen und Ihrer lieben Frau alles erdenkliche Gute!     C. W.

*
348-350 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Luzern, 15/9/93.

    Ich glaube jetzt bestimmt zu wissen, wie das Stammeln entsteht, nämlich durch die Masse dessen, was man vorbringen möchte, und ungenügende Muße, es zu ordnen; ungefähr wie bei einem Umzug.
    Mit Ihrer Arbeit [La littérature Wagnérienne en Allemagne. Erschien 1894 in der „Revue des deux mondes“, S. 782—810.], mein Freund, geht es mir so! Aufs Geratewohl also und stotternd, was sich gerade durchdrängt. Ich liege nämlich noch, möchte aber nicht meinen Dank verzögern, denn er ist herzlich und unbedingt.
    Ich wußte wohl, was ich tat, indem ich Ihnen diese Arbeit zuwies, und wie Sie befähigt waren, sie zu tun. Und dennoch staunte ich und staune noch über die Art, wie Sie's taten; über die Sichtung des so konfusen Materiales; über die Rettung auch des minimalsten Wertes, wenn nur einer da, bei so sicherer Erkenntnis des Wertlosen. Die verschiedenen Gruppen sind geordnet und übersichtlich, wie auf dem Bilde eines Meisters, und in diesen Gruppen kommt wiederum jeder einzelne zu seinem Rechte. Dazu die allgemeinen Betrachtungen, welche z. B. bei Gelegenheit von Nietzsches Krankheit den tiefen Gehalt erkennen lassen, mit welcher diese Erfassung der Erscheinungen erfüllt ist. Ich begreife es gar nicht, wie Sie es angefangen haben, Wesen wie Müller, Brendel und alle von der ersten Gruppe, die so verschwommen sind, mit   d i e s e r   Deutlichkeit zu sehen. Die Bezeichnung Pohls, als der Journalist der Sache, ist vorzüglich. Und auch den Fuchs verstehe ich (eine fausse ressemblance mit Voltaire), obgleich sein elendes, dürftiges Leben auf keine Schlauheit zurückzuführen ist. Nur ist er nicht Rheinländer, sondern Sachse. Und der gute Brendel war nicht glänzend, sondern oberflächlich aus Dürftigkeit und Beschränktheit. Einzig haben Sie den meines Erachtens delikatesten Fall,   W o l z o g e n,   berührt. Und mit dem Übergang auf   S t e i n   das hervorgezaubert, was Wolzogen zum Unikum macht. Zugleich auch mit der Bemerkung, daß mein Vater der einzige war, der technisch-musikalisch kompetent war, den Unfug der Leitfadenscheinigen enthüllt, unschädlich gemacht, ohne kränkend für gute Gemüter zu werden.
    Die hochgemute Vornehmheit in Steins wundervoller Erscheinung haben Sie unvergleichlich wiedergegeben und ganz richtig den Einfluß der Sprache Rousseaus auf seinen Stil erkannt. Ob er ein Dichter war? Wenn wir darunter das Sehen von Gestalten begreifen und die Fähigkeit, diese Gestalten ganz nach ihrem Wesen sich ausdrücken zu lassen, so war er wohl einer. Wenn wir darunter den lyrischen Fluß, das naive Vergnügen an der Außenseite der Dinge und die Heiterkeit, die aus dem Mißverhältnis von Anlage und Ausführung, bis in das Zustandekommen des Menschen liegt; die Fähigkeit, wie an den ewigen Gesetzen sich zu erbauen, so an den steten Unterbrechungen sich zu belustigen, so war er   n o c h   keiner. Ich sage „noch“, denn hätte er die Zeit auf seiner Seite gehabt, so hätte er sich wohl bis zur vollsten Freiheit entfesselt. So mußte er sich Grenzen ziehen und zog sie nach der Tiefe.
    Des Kontrastes wegen muß ich hier mein besonderes Kompliment für Hugo Dingers Kennzeichnung machen. Eine solche Erscheinung mit dieser Gründlichkeit und Geringschätzung zugleich abzufertigen zu verstehen, ist beneidenswert. Schön die Erwähnung Gobineaus, herrlich der König. Und, daß Sie es noch möglich machten, Thode einen so besonderen und richtigen Platz anzuweisen, erstaunlich.
    Wie ich es nicht genug sagen kann, daß die Komposition des Ganzen meine Bewunderung erweckte; denn es heißt etwas, eine solche Anzahl von Gestalten vorbeiziehen zu lassen und dabei nicht einen Augenblick den beunruhigenden Eindruck eines Defilierens hervorzubringen. Jedem sein ganzes volles Recht zu gewähren und kurz zu sein. Und in keinem Fall den bedeutenden Untergrund der Erscheinung nebst des physiognomisch Kennzeichnenden außer acht zu lassen.
    Mit dem Zurückkehren auf meinen Vater als Franziskaner, bei Gelegenheit des katholischen Geistlichen, ist in geistvollster Weise die   M ö g l i c h k e i t   angedeutet, welche eine der Hauptkräfte der alleinseligmachenden Kirche ausmacht.
    Auch die Einteilung von Glasenapp, Wolzogen und Stein, Persönlichkeit, Werk und Idee, ist entscheidend. Und daß Sie selbst sich so kenntlich wiedergeben konnten und Ihr Verhältnis zu den anderen so einfach zeigten, wie es ist, erachte ich nicht als eine geringe Leistung.
    Die Enttäuschungen mit den Menschen! Ach Gott! Schließlich hatten wir uns doch in Nietzsche sehr getäuscht, denn er hatte keinen Tropfen eigenen Blutes, nur eine merkwürdige Aneignungsgabe.
    Ich habe Ihre Arbeit sogleich einem in England lebenden Freund mitgeteilt, von dem ich eine hohe Meinung habe. Und werde, wenn es Ihnen recht ist, fortfahren,   e i n z e l n e n   sie zu zeigen. Denn sie ist das Dokument von dem Werte der Bewegung in unserer Sache. Und Sie haben das Werden, wie Faust den Chiron, im Laufe gefaßt! Auch ist sie hoffnungserweckend, diese Arbeit, was viel sagen will, wenn man auf den Wust des Absurden, der uns umgibt, blickt, und wenn man bedenkt, daß Sie schonungslos wahrhaftig darin sind.
    Ich werde nun wieder eine Weile schweigen müssen. Das Törichte bei meinem Zustand ist, daß, wenn ich mich wohl fühle, ich es doch nicht bin, so daß meine Gesundheit dem europäischen Frieden gleicht; gewappnet bis an die Zähne, vorsichtig bis an die Zähne!

    Leben Sie wohl!    C. W.


350-351 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

18/9/93. Wien.

    Wie soll ich Ihnen für Ihren Brief danken, hochverehrte Meisterin? Ich glaube, ich verstehe es besser, „la littérature du Wagnérisme“ zu skizzieren; überhaupt, Sie wissen, wie selten eine „parole sentie“ mir über die Lippen kommt. Ich tröste mich mit den harten Worten über die Dankbarkeit in den „Fragmenten“ — nein, in „Jesus von Nazareth“ —: „Dankbarkeit ist einer der leeren Begriffe, welche in einer egoistischen Gemütsschwäche beruhen —“; ich will versuchen, die egoistische Gemütsschwäche zu überwinden und dafür, was ich an „Kraft“ besitze, stets ganz in Ihren Dienst stellen.
    Gern würde ich über manches, was diese Skizze berührt, mit Ihnen sprechen. Denn ich habe eigentlich so wenig gelesen — und von dem allermeisten, was ich lese, erhalte ich einen so konfusen Eindruck —‚ daß ich bei einer derartigen Arbeit gezwungen bin, zu einer Art dichterischen „évocation“ meine Zuflucht zu nehmen, zu einer Art Hellseherei. Für das Entwerfen und Erfassen ist das Nicht-zu-viel-Wissen gewiß vorteilhaft, aber es laufen auch Irrtümer mit ein dabei, die an und für sich nicht wichtig sind, die man aber gern, teils aus Gewissenhaftigkeit, teils um kritischen Eseln keine zu bequeme Handhabe zu bieten, entfernen möchte.
    Manches ist bei mir auch Schlauheit. Unter Schlauheit verstehe ich das Anpassen an gegebene, beschränkende Bedingungen. Zum Beispiel: es lag mir viel daran, von Stein möglichst hervorzuheben, ihn so stark wie möglich der Aufmerksamkeit des Franzosen   a u f z u d r ä n g e n;   um meinen Zweck nicht zu verfehlen,   m u ß t e   ich also irgendeine echt „kritische“ Bemerkung einflechten; ich bin überzeugt, daß der Eindruck auf Thorel dadurch größer wird. Nietzsche hätte ich dagegen, wenn ich 1993 geschrieben, nicht so unbedingt in den Vordergrund gestellt (trotzdem seine zwei Schriften noch heute einzig in ihrer Art dastehen), aber es wäre unklug, seinen augenblicklichen Ruhm nicht zu benutzen, namentlich da die Überschätzung seiner pathologischen Erzeugnisse die Gelegenheit zu so überraschenden Streiflichtern — auf unseren Zeitgeist, auf das Wesen von Nietzsches Begabung etc. bot. Er ist eigentlich das pittoreske Element in dieser Literatur — armer Mann!
    Ich habe gestern eine kleine Notiz über die Brahmasutras des Vedânta fertiggeschrieben. Vielleicht nimmt sie Wolzogen für die „Blätter“: eine Anregung für die unsrigen, sich mit der indischen Gedankenwelt zu beschäftigen. Mir scheint, es war schon lange nichts Derartiges in den „Bayreuther Blättern“. — Sehr wahrscheinlich reise ich in diesen Tagen nach England. Ich muß einmal sehen, ob ich die irische Frage nicht in Ordnung bringen kann.
    In Ehrfurcht und liebevoller Dankbarkeit Ihr

Houston S. Chamberlain.


352-353 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Villa Cargnacco, Gardone di sopra, Lago di Garda, 28/9/93.

    Nach England also, aus Mignons Gestaden, entsende ich diese Zeilen und wünsche, daß Sie unter den Ihrigen und auf dem heimatlichen Boden gute, gemütliche Tage erleben! Sprengen Sie, bitte, das Oberhaus nicht, wogegen Sie mit der Majorität des Unterhauses tun können, was Sie wollen.
    Im Ernst aber danke ich Ihnen herzlich für den Gedanken, für Bayreuth zu wirken. Ich glaube, der Boden ist etwas vorbereitet, und zwar nach den oberen Schichten zu. Einen Augenblick hatte ich daran gedacht, Sie, mein Freund, bezüglich der Franzosen anzurufen. Die Münchener Aufführungen haben nämlich manchen Schaden da angerichtet. Abgesehen von der beabsichtigten und geglückten Täuschung, daß   B a y r e u t h   diese Spiele gäbe, hat Levi persönlich alles eingeladen (selbst die üblichen Damen „zum Bayreuther Frühschoppen“), und die eigentümlichsten Parolen, u. a. an Mr. Jullien, sind über Bayreuth ausgegeben worden. Daran und auch an einen inszenierten Erfolg anknüpfend die Forderung des monumentalen Baues des Theaters in München bis zur Aussuchung von Bauplätzen und die Verkündung in der Zeitung daß: „Parsifal“ in Österreich bloß auf 2 Jahre noch gesichert, Neumann das Recht für Prag habe und wir die Verpflichtung, ihn 1 oder 2 Jahre vorher München zu überlassen. Die Methode, die in diesem gemeinsten Wahnsinn liegt, werden Sie leicht erkennen. Die Aufführungen selbst, gänzlich unvorbereitet und ohne Proben, sind dem Virtuosentum (ohne Virtuosität) ausgeliefert gewesen, und die Pein aller Echten (wie z. B. Fuchs), die mit uns empfinden.
    Aber die Franzosen wurden angezogen, manches hat sie getäuscht, und viele von ihnen, welche nicht vermögend sind, können die Reise nach Deutschland im nächsten Jahre nicht unternehmen (abgesehen davon, daß sie   „L o h e n g r i n“   nicht anzieht). Boissier machte ich davon, mit der Sendung Ihrer Arbeit, eine kleine Andeutung.
    Ich wollte Ihnen darüber schreiben — allein, was jene sich nicht entblödeten zu tun, das schämte ich mich zu besprechen und wollte möglichst über die Alpen weg von diesem Sabbath! Nun berühre ich es doch für den Fall, daß Sie über Paris heimkehren und Sie Licht in die kleine Gruppe werfen können. Adolf Groß geht jetzt hin und wird auch das seinige tun.
    Bitte, schreiben Sie ja den Aufsatz über die Upanishads! Sollen die „Blätter“ die Bedeutung behalten, welche Sie ihnen vindizieren, so müssen Sie solche Beiträge dazu liefern. Der Aufsatz wird schon seine Leser finden; sollte er aber es nicht, so stehe ich Ihnen für mich und die Meinen und verspreche Ihnen eine große Freude daran.
    Ich möchte, Sie könnten hier Land und Wohnsitz sehen. Ich glaube kaum, je etwas Einstimmenderem und Sinnigerem begegnet zu sein. Eine wundervolle Stille, inmitten deren die Fülle der Natur und die geistige Regsamkeit sich ausgeben. Der See hat Färbungen und Bewegung des Meeres, und weit, weit ab ist man von allem, was so lastend über die jetzige Existenz drückt.
    Scbopenhauers Tageseinteilung war eigentlich immer die meinige, obgleich ich nicht „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zu schreiben hatte. Morgens drinnen, nachmittags draußen. Aber das ist gewiß sehr individuell. Mein Vater z. B. mußte in der Früh seinen Gang zur Kirche haben, und ich stelle mir gut vor, daß die matinale Luft Ihre Kräfte erfrischte.
    Es war ein hübsches Zusammentreffen, daß unser erster Tag hier der heilige Cosmas war, der in meiner katholischen Jugend von Vater und Geschwistern mir immer gefeiert wurde, und der nun in meinem Geburtslande bei Palmen und Oleander sich wieder meldete. Am Abend unserer Ankunft wütete der See, aber golden in der Ferne ging die Sonne unter, und in den schwarzen Wolken ging ein Regenbogen auf, den ich Lohengrin begrüßte! Mit diesem heiligen Namen will ich schließen und mit allem, was er in sich faßt, grüßen!      C. W.


353-354 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

4/10/93. 2 Wellington Road. Eltham (Kent).

    Es soll nicht noch ein Tag zu Ende gehen, hochverehrte Meisterin, ohne daß ich Ihnen für Ihren Brief gedankt hätte; aber man kommt in England schwer zu einem ordentlichen Brief nach unseren Begriffen — alles sind „notes“. Heute war ich den ganzen Tag wieder in London (20 Minuten Bahn), sah 3 Onkel, 2 Tanten, verschiedene Cousins und Cousinen. Das englische Leben und Wesen kommt mir ungewohnt, aber doch sehr meinem eigenen Wesen entsprechend vor. Wenn nur der Empfang, der erste Kontakt, ein klein bißchen weniger kalt wäre — aber man kommt bald dahinter, daß es Schüchternheit und Reserve ist und ein tiefliegendes Herz, welches mangelhafte Verbindungen mit den Organen der Oberfläche besitzt. Ich schicke Ihnen einen kleinen Zeitungsausschnitt, aus welchem Sie ersehen sollen,   w e r   die zwei Onkel sind, mit denen ich heute durch London fuhr. So etwas Vollkommenes von   C h a r a k t e r e n   habe ich wohl nie gesehen; die Einfachheit, die Bescheidenheit, die unostentative Würde — Augen, so rein wie die kleiner Kinder, eine Güte, die sich an jeder Straßenecke sozusagen zeigt — ein Dienstmädchen, das etwas hat fallen lassen, eine Dame, die sich fürchtet, über die Straße zu gehen — diese alten Herren schienen selbst in der vollen Straße von London jeden instinktiv herauszufinden, der Hilfe benötigte. Überhaupt, sollte ich in einem Wort sagen, was mich am allermeisten in England frappiert, es ist die allgemeine stete   H ö f l i c h k e i t,   die wirkliche Courtoisie; keine Hutabnehmerei und Kriecherei, aber Dienstfertigkeit, wirkliches Entgegenkommen, sowie solches gesucht und gewünscht wird.
    E i n e   Sehnsucht bleibt mir — die, einmal einem der Unsrigen die Hand zu drücken. Dächte ich, daß Fürst Hohenlohe meinen Namen noch kennt, ich hätte es gewagt, ihm meine Aufwartung zu machen, bloß um von Bayreuth und von Ihnen sprechen zu können. Mir ist, als müßte mein Herz vor Heimweh nach Bayreuther Atmosphäre zerspringen! — Es bliebe mir der gute Ashton Ellis! aber — aber ach! das ist ein trauriges Kapitel. Jetzt erst habe ich seine Arbeit als Übersetzer untersucht und halte sie für eine wahre Kalamität. Heute habe ich nicht Zeit; nächstens schreibe ich Ihnen darüber, denn möglicherweise könnte man dieser Massenproduktion mit Dampfeile einen Hemmschuh anlegen. Heute habe ich meine Netze nach Lord Dysart, dem Besitzer der Praeger-Briefe, auszulegen begonnen; meine Tante, Lady Chamberlain, kennt seine Frau. Auch auf den Brief an Eduard Roeckel fahnde ich, ohne große Hoffnung jedoch.
    In großer Eile, aber in täglichem, stündlichem Gedenken Ihrer und aller Ihrigen Ihr in Ehrfurcht ergebener

Houston S. Chamberlain.


354-355 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Villa Cargnacco, 8/10/93.

    Ich habe mich herzlich gefreut, von den Ihrigen durch Sie, mein Freund, zu hören, und danke Ihnen, dafür Zeit gefunden zu haben, mir ein Bild von Ihrer Umgebung zu zeichnen.
    Wir könnten wohl an keinen entgegengesetzter en Punkten weilen! Hier hat Preller seine Landschaften zu der Odyssee entworfen, und Böcklin holte das Motiv zu seiner Insel der Seligen von einem Eiland, welches uns gegenüber auf dem See ruht. Auch blüht hier das Jelängerjelieber wieder, und Friede und Heiterkeit bringen das Paradies uns in den Sinn. Es hält schwer, hier an die Schlechtigkeit der Menschen zu denken, und doch muß ich mich täglich mit ihr befassen! Ich lege zwei Dinge bei, die Sie unterrichten werden. Das   e r s t e   betrifft den Festbau in München [das Prinzregententheater], von welchem es heißt, daß die Gelder für ihn zusammenkommen. Das   z w e i t e,   ein Aufsatz, von welchem ich dachte, es wäre gut, ihn zu veröffentlichen. Allein der Umstand, daß sie den „Lohengrin“ jetzt fürs nächste Frühjahr ankündigen und die ganze Arbeit, die ich mit Dekorateur, Kostumier und Regisseur gemacht,   v o r   Bayreuth verwerten wollen, zwingt mich zu schweigen, und ich habe nur Herrn Possart ernstlich gemahnt, dieses nicht leicht zu bezeichnende Vorhaben aufzugeben.
    Unterdessen sieht Adolf [von Groß], wie wir „Parsifal“ noch schützen können. Ich denke wohl, daß wir durchkommen; aber wir machen einen der schwersten Augenblicke in unserer Sache durch.
    Dürfte ich Sie nun, Freund, bitten, sei es durch Ashton Ellis oder durch irgend jemanden, in die englischen Zeitungen eine Notiz bringen zu lassen, daß die Festspiele immer in Bayreuth stattfinden, daß dieselben mit den Münchener Aufführungen   n i c h t s   gemein haben, und daß die daraufhin zirkulierenden Gerüchte irrig seien.
    Es sind nämlich verschiedenerlei Anfragen hierüber aus England an uns gelangt. Und da man mit Willen in München jetzt den Festbau besprechen lassen wird, um die Meinung zu verbreiten, Bayreuth sei zu Ende, so ist solch eine einfache Notiz vonnöten.
    Daß die Übersetzung von A. Ellis nicht treu, ist seht traurig. Ach Gott! Gräfin Wolkenstein war hier, empört über die Schlechtigkeit der Münchener Aufführung, und hat mich gut unterrichtet über die dortige Allianz. Ich denke: „noch lebt der alte Gott“, und wenn auch die Franzosen gegen die Wahl des „Lohengrin“ sprechen, kommen würden sie doch, sagen sie.
    Nun leben Sie wohl, mein Freund, und seien Sie von uns allen herzlichst gegrüßt.
    Wäre Parsifal und seine Geschwister nicht, mir graute vor dem Norden!      C. W.


356-358 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

21. Oktober 1893. Duart, Isle of Mull.

    Eine für meine ganzen Anlagen und für mein ganzes Wesen äußerst anstrengende Zeit mache ich durch; ich hoffe, meine Kräfte werden 14 Tage noch aushalten, damit ich wenigstens die Befriedigung habe, mein ganzes Programm ausgeführt zu sehen; zu irgend etwas außerhalb desselben kann ich fast gar nicht kommen, darum schreibe ich auch heute, hochverehrte Meisterin, wenig und bleibe an der Oberfläche.
    Was für haarsträubende Fragen an mich gestellt werden, können Sie sich gar nicht vorstellen; es ist unmöglich. Daß Sie Bayreuth gewählt haben, weil es ein „centre of traffic“ ist, bezweifelt niemand; eine stehende Frage ist: „How much money do they make out of it?“; — dann „which do you prefer?“ — und als neulich ein gebildeter, bescheidener, junger Mann, der in Deutschland gelebt hatte, mit größter Seelenruhe erzählte, daß er in Stuttgart „Parsifal“ öfters in der Oper gesehen hatte, und daß er „didn't care for it so much“, wozu ich schwieg, mit der Absicht, zu beobachten, ob eine der um den Tisch sitzenden ausgeschnittenen Kennerinnen oder einer der in hohen Kragen und weißen Krawatten pontifizierenden Dilettanten etwas einwenden würde, was aber nicht geschah, da alles in der Rede des Jünglings allen richtig erschien — da merkte ich, wie wenig ernst man in gewissen Dingen diese Leute nehmen muß. Jeder Jude wird sie irreführen können — allerdings; nicht aber, wenn Sie durch klare Annoncen schwarz auf weiß ihn immer wieder an Bayreuth erinnern; denn da können Sie ruhig sein, er wird zu Ihnen kommen, „because it's more gentlemanlike“. Höchstens fügen Sie hinzu: „Ne pas confondre avec la maison du coin.“ Falls meine Dienste erwünscht sind, bin ich gern bereit, cela va sans dire, Herrn von Groß bei dem Entwurf einer derartigen Anzeige behilflich zu sein.
    Apropos „gentlemanlike“; gestern abend — wir waren zahlreicher wie gewöhnlich, da mehrere Gäste wegen des Wetters nicht hatten abreisen können — war von Lohengrin, dem Ritter, die Rede; es wurden „ästhetische“ Betrachtungen angestellt; mein schottischer Onkel aber — ein großer Freund von Musik, erklärter Feind aber von allen Theorien, Ästhetik etc. — unterbrach sie ziemlich ungeduldig: „Well, the long and the short of it all is — Lohengrin was a   r e a l   gentleman!“
    Rührend war mir die Entdeckung, daß — währenddessen die angeblichen „Kenner“ unter meinen Verwandten kein Verständnis zeigen, mein guter alter Onkel Sir Neville, der von Kunst gar nichts versteht, gerade für die Bayreuther Werke schwärmt und sicherlich nach Bayreuth kommen wird. Seine Beschreibung der Werke ist höchst komisch; „Tannhäuser“ z. B. ist „the opera when there are a lot of girls at the beginning!“ usw.! Er hat nämlich keine blasse Ahnung, was eigentlich vorgeht. Aber die Musik und das Singen entzückt den alten Kriegsmann: „You know. I can't understand learned music what they play in concerts; but   w i t h   W a g n e r   a l l   i s   s o   s i m p e l   (!), it goes straight to ones heart.“ Ach Gott, die weisen, alten Inder: „Nicht der, der das Höchste versteht, sondern der es   n i c h t   v e r s t e h t,   der versteht es!“
    Denken Sie, ich habe den alten Eduard Roeckel entdeckt, er lebt noch in Bath; er hat mir eine authentische Abschrift des Briefes [Richard Wagners] an ihn aus Zürich vom 15. März 1851 geschickt, über den soviel im vergangenen Jahr geredet wurde; Praeger hatte ihn bedeutend gefälscht. Ich hoffe, Roeckel nächste Woche zu besuchen; ich möchte sehen, ob der Brief nicht vielleicht zu kaufen wäre.
    Lord Dysart, anderseits, hat mir Einsicht in seine Sammlung der Briefe [Richard Wagners] an Praeger versprochen; ich hoffe, er wird mir erlauben, sie abzuschreiben. Ich werde nächste Woche 2 bis 3 Tage sein Gast sein, auf seinem Schlosse Buckminster (in der Nähe von Grantham). Bis jetzt hat er es verweigert, die Briefe irgend jemandem zu zeigen; es gelang mir aber durch meine Tante, Lady Chamberlain, eine Attacke von der weiblichen Seite auszuführen, mit besagtem Erfolg.
    Wie tief betrübt Ihr letzter Brief mich hat, brauche ich kaum zu sagen. Ich wußte von jenen Niederträchtigkeiten, hatte aber gehofft, daß man Sie würde ganz und gar verschonen können: denn an ein Gelingen jener Pläne glaube ich gar nicht, nicht einmal an ihren Ernst; das Ganze halte ich für einen Erpressungsversuch. Und sollte selbst das Schlimmste geschehen; sollte Klingsor die Hand auf „der Zeugengüter höchstes Wundergut“ legen, ich habe die unerschütterliche Überzeugung, daß auch diese Missetat zum Ruhm und Heil von Bayreuth beitragen würde. — Ich möchte einen kleinen Bläserchor von Posaunen und Trompeten engagieren, stets in Ihrer Nähe versteckt halten; und sowie die Menschen zu Ihnen von diesen Geschichten zu reden begännen — und wären es selbst hoch adelige —‚ ich ließe das Glaubensthema derartig herausschmettern, daß Sie kein einziges Wort vernehmen sollten!
    Doch, ich komme ins Schwatzen — draußen weht der Sturm und heult die Kamine hinunter; mehrere Schiffe haben Zuflucht in unserer Bucht gesucht. Der Butler bringt soeben das heiße Wasser, den Frack und die Abendstiefel und mahnt: „It's time to dress for dinner, Sir!“ Das Herz sehnt sich hinweg — ach! wenn es nur wüßte, daß dort in der frei erkorenen, einzig wahren Heimat seine „Meisterin“, durch hohen Wall und tiefe Gräben vor aller Gemeinheit geschützt, ungehindert und einzig ihrem hohen, königlichen Beruf leben könnte! — Das gebe Gott!
    In Ehrfurcht und Treue Ihr

Houston S. Chambenlain.


358 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

26/10/93. Buckminster, Colsterworth. Grantham.

    Herzlichen Dank für Ihre Zeilen, hochverehrte Meisterin. — Von den 34 Briefen an Praeger besitzt Lord D. nur 20; diese habe ich nach den Originalen wörtlich abgeschrieben; nur bei den Bestellungen betreffs des Shakespeare habe ich einiges ausgelassen, da ich nämlich wegen der vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ein solcher Aufenthalt unabweislich auferlegt, die beiden Nächte zum Abschreiben benutzen mußte und vorige Nacht dann doch à bout de forces war.
    Das Resultat ist natürlich das von mir erwartete: es dürfte kaum eine Zeile stimmen. Leider sind aber gerade die 14 fehlenden Briefe mir die wichtigsten! Was ist aus ihnen geworden? Wenn sie nicht schon längst etwa gestohlen sein sollten, hoffe ich ihnen auf die Spur zu kommen. Zum Glück weiß kein Mensch etwas von meinem Aufsatz hier, und ich sage zu allen: Oh yes! Oh no! Oh, you don't say so! etc. — Wer mich nicht hier für einen Narren hält, muß selber einen sein.
    In Ehrfurcht und treuester Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


358-359 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Gardone, 28/10/93.

    Ich danke Ihnen herzlich, mein Freund, für Ihren Brief, den ich gestern abend, den 27sten, erhielt.
    Ich stelle Sie mir und Ihre Stimmung sehr gut inmitten der zahlreichen englischen Familie vor. „Wie es auch sei, das Leben, es ist gut“, das kann man von Erfahrungen, wie Sie jetzt eine machen, glaube ich, sagen. — „The real gentleman!“ Wenn Ihr Onkel gesagt hätte „an ideal gentleman“, so hätte man sich verständigen können; aber so ist der kühnen und bündigen Auffassung nicht zu folgen. Daß Sie sich aber, bei aller Verwandtschaft, fremd fühlen, und daß Sie selbst das Ungünstige im Leben begrüßen müssen, da es Sie zu sich führte,   b e g r e i f e   ich. Es wird halt der Teufel mit Beelzebub vertrieben!
    Ein Buch, welches uns viel über die eigentümlichen Wirren bes Lebens sagt, wenn man es zu lesen verstehe, ist „Wilhelm Meister“, an dem ich jetzt eine beinahe nicht gekannte Freude hatte. Es wird ewig zu bewundern sein, wie der Dichter alle Kreuz- und Querzüge, innen und außen, wiedergibt und dabei Künstler bleibt. Eine große Wehmut ist im Grunde, und eine unbeschreibliche Heiterkeit (gewaltsam nur durch ein tragisches Opfer gestört) auf der Oberfläche.
    Wenn Sie über Paris gehen, wollen Sie gern meine Stiefschwester [Marquise Claire de Charnacé, geb. Komtesse d'Agoult] dort und meinen Neffen Ollivier sehen? Meine Schwester ist ein seltenes Wesen an Geist, Empfindung und Art.
    Nun aber leben Sie wohl, mein Freund, und haben Dank für Ihre schönen, lieben Worte. Über den „Weinbauer“ [Schauspiel von H. S. Chamberlain, „Drei Bühnendichtungen“, München 1902] will ich eingehend und à tête reposée von Bayreuth aus Ihnen schreiben. Am liebsten sprechen, bei meinem jetzigen, etwas defekten Zustand. Kämen Sie nicht auf der Heimreise? Siegfried könnte Ihnen etwas Schönes singen und geigen?
C. W.


359-360 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Cargnacco, 30/10/93.

    Wie soll ich Ihnen, mein Freund, für die Mühewaltung der Abschrift der Briefe danken! Bitte, nehmen Sie fürlieb mit wenigen Worten, da ich wirklich gar nicht sehr wohl bin, und trauen Sie der Tiefe meinen Empfindung für solch eine Wohltat.
    Meinen Sie nicht, diese authentischen Briefe Wolzogen zur Publikation und gegenüber die gefälschten zu geben, und zugleich hinzuzufügen, aus welchem Stamm Praeger kam, und daß der unbegreifliche Vorgang wohl nur als Racheakt gegen die Broschüre [Richard Wagner, „Das Judentum in der Musik“] zu erklären ist? Welcher Racheakt fortfährt, gegen Bayreuth sich zu vollziehen! Vielleicht verkehren Sie mit Wolzogen darüber, ob er das Ganze sagte, wenn Sie es Ihrer Schrift nicht beifügen wollten.
    Meiner Schwester kündigte ich Sie an. Hoffentlich erlaubt es Ihre Zeit.
    Herzlichste Grüße, und   v i e l e n,   v i e l e n   Dank.    C. W.

*

360-363 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wien, 15. Nov. 1893.

    Die Götter Schienen mir die Heimkehr wirklich möglichst erschweren zu wollen, hochverehrte Meisterin, denn infolge einer Entgleisung trafen wir Orientexpreßler mit starker Verspätung in Wien ein; in Wien eingetroffen, und zwar sehr, sehr extenué und à bout de forces nach sieben Wochen ununterbrochenen Herumreisens und Komödienspielens, sollte ich die ersehnte Ruhe auch nicht finden: unsere Stockholmer Bayreuther, Herr und Frau Vult von Steyern, waren soeben auf 4—5 Tage hier eingetroffen, wo ich Tropf auf einige Tage gänzlicher Abgeschiedenheit, mit X. Band, etwas Schopenhauer-„Picotiren“, Chandogya-Upanishad und Ästhetischer Erziehung [Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“] gehofft hatte, bloß um meine — wohl hoffentlich doch in diesen Räumen zurückgebliebene Seele wiederzufinden!
    Meine Frau hatte auch einen langen Brief indessen von Ihnen bekommen und Bilden von Ihren Hunden, die mich sehr interessierten — es sind Prachtkerle —‚ und Brehms Tierleben, das mich nur sehr teilweise befriedigte. Ihr Brehm und die große Unvollkommenheit seiner Aufgabe hat meine Instinkte von Tristram Shandys Vater — das Bedürfnis nach klaren Theorien und Einsichten — geweckt, und ich möchte Ihnen einiges kurz zusammengefaßt mitteilen, worüber, wie mir scheint, Ihre Vorstellungen auch nicht so ganz sonnenklar sind.
    Eine   a u ß e r o r d e n t l i c h e   Rasse (und die königlichen Hunde, die Sie besaßen, sind gewiß als solche zu bezeichnen) entsteht immer   n u r   d u r c h   M i s c h u n g.   Eine reine Naturrasse gibt nie Außerordentliches; das Wesentliche einer   r e i n e n   Naturrasse ist ihre genaue Anpassung an ihre Umgebung, d. h. also, Harmonie mit derselben, nicht deren Überragung. Diese Behauptung widerspricht gewissen beliebten Lehren von „reinen Rassen“, ist aber der Ausdruck eines Naturgesetzes. — Ebenso wie solche phänomenale Denker wie Kant und Schopenhauer nur durch glückliche Mischung entstehen konnten, ebenso können außergewöhnliche Tiere nur durch (hier noch dazu zielbewußte) Kreuzung entstehen, Wiederum bei den Menschen: Der wirklich große Mann ist entweder kinderlos, oder sein Stamm stirbt aus in einer, höchstens zwei Generationen; Sie werden wohl schwerlich ein einziges Beispiel des Gegenteils anführen können.
    Die von Ihnen als „echte Neufundländer“ bezeichnete Rasse ist also unzweifelhaft das Resultat einer Kreuzung, und zwar höchstwahrscheinlich mehrfacher Kreuzung. Hieraus folgt die Schwierigkeit, die Rasse zu erhalten. Hieraus folgt aber auch, daß man jeden Augenblick die Rasse von neuem züchten könnte.
    Die   R e i n h e i t   einer Rasse ist immer erst das Sekundäre; das Primäre, dasjenige, welches der Zuchtwahl die Grundlage zu großen Erfolgen bietet, ist nicht Reinheit des Blutes, sondern im Gegenteil Kreuzung. Und diese Einsicht ist eine sehr wichtige. Denn, wenn ich mich nicht irre, hat Gobineau eine Irrlehre von „reinem Blut“ aufgestellt, oder er ist mißverstanden worden, denn es spuken unter uns Vorstellungen herum, die, glaube ich, ganz aus der Luft gegriffen sind und aus einem unentwirrbaren Gemenge von Richtigem und Falschem bestehen. Man scheint sich vorzustellen, eine „reine Rasse“ wäre einmal vom Himmel heruntergefallen und degeneriere jetzt progressiv und unrettbar durch Mischung usw. — währenddessen die Natur uns lehrt, daß sog. „reine Rassen“ immer erst gezüchtet werden müssen und jeden Augenblick wieder gezüchtet werden können, und daß Kreuzung (allerdings nicht jede, aber die richtige) den besten Boden für diese Zucht abgibt. Schopenhauer, der große Neufundländer unter den Denkern, hat das gewußt und gelehrt, indem er die edelste Menschenrasse aus den schwächsten Menschen, aus den schönen Weltgegenden vertrieben, im Kampfe gegen die Natur herangezüchtet hervorgehen läßt. Und ich habe mich oft der Empfindung nicht erwehren können, daß über einige Ausführungen im X. Bande [der Ges. Schr. R. Wagners] der Schatten der Gobineauschen Lehren wie eine dunkle Wolke liegt, so daß, wo der große Schopenhauer wieder wie die Mittagssonne hervorbricht — z. B. gegen Schluß von „Heldentum und Christentum“ —‚ er nicht mehr zu seinem Recht kommt und der Gedankengang nicht mehr klar ist —‚ vielleicht nicht von 1 Menschen in 10 000 verfolgt werden kann. Es wird zwar ganz deutlich gesagt: daß die Annahme einer Entartung die einzige ist, die zu   e i n e r   b e g r ü n d e t e n   H o f f n u n g   führe; das Hauptgewicht wird aber — in Gobineauscher Art — auf die Entartung gelegt, so daß wohl manchem Leser nicht klar wird, woher die Hoffnung kommen soll. — Die Einsicht, daß die „Göttersöhne“ aus „Hörigen“ gezüchtet wurden, daß die Entartung nur die Kehrseite einer erst allmählich und langsam erfolgten, früheren Entwicklung ist, das ist ja die eigentliche und wahre   G r u n d l a g e   zu jedem Hoffen; denn ein Kampf auf Leben und Tod wird neuerdings die Bedingungen zu einer strengen und erfolgreichen Zuchtwahl geben, währenddessen Vegetarianismus, Temperenz etc. alles nur konkomittierende Elemente der Zucht sind. — So wenigstens lehrt Schopenhauer, und die Geschichte des Neufundländers scheint mir eine schöne und überzeugende Illustration seiner Lehre abzugeben.
    — — — —
    Es hat mich innig gefreut, die Marquise de Charnacé kennenzulernen. Sie kennt unseren Namen seit vielen Jahren, denn sie lebte früher Avenue de St. Cloud, Nr. 50. in dem Hause neben meiner Großmutter, Lady Chamberlain! Sie hat auch meine in Versailles noch lebende Tante in Gesellschaft getroffen. Es war eine schöne, unvergeßliche Stunde, die ich bei ihr zubrachte.
    Ein kurzer Besuch bei dem alten Dichter Stéphane Mallarmé gewährte mir einen hohen Genuß. Er hat wenig geschrieben, aber es weht etwas so Tiefes, so Ur-poetisches durch seine Gedichte, vergleichbar gewissen alten griechischen Lyrikern, daß ich schon lange mich sehnte, diesen einen Mann zu sehen. In seinen kleinen Kammer, au 4me, saß er eingekeilt zwischen Bett, Feuer und Tisch, trotz der Hitze noch einen Schal auf seinen Schultern; ich empfand lebhaft das seltene Gefühl, vor dem wirklich   B e d e u t e n d e n   zu stehen. Das Auge, die Stimme, die Bewegungen — bei absoluter Einfachheit und Herzlichkeit etwas Königliches; auf einem anderen Planet, unter der geringsten Verschiebung unserer sublunären Verhältnisse, hätte dieser Mann zu den ganz Großen gehören können; so aber liegt auf seinem Antlitz ein Ehrfurcht gebietender Stolz der Entsagung. Er erinnert an sein eigenes Gedicht von dem eingefrorenen Schwan:

Magnifique mais qui sans espoir se délivre
P o u r   n' a v o i r   p a s   c h a n t é   l a   r é g i o n   o ù   v i v r e
Quand du stérile hiver a resplendi l'ennui.

Die Bayreuther Kunst ist für ihn „l'art suprême“. Nach Bayreuth konnte er und kann er nicht gehen; in ein anderes Theater, um die Bayreuther Werke zu sehen,   w i l l   er nicht; er hört die Musik bei Lamoureux — sie sagt ihm „la région où vivre“, und dann kehrt er in seine Mansarde zurück und träumt sich die Werke in nie erreichbaren Vollkommenheit! — Über die Borniertheit der Franzosen „Tannhäuser“ gegenüber und ihre lächerliche Petition, meinte er, sehr irritiert, „c'est que les français ont perdu l'instinct de la perfection“. Eines aber haben die Franzosen nicht verloren, die Fähigkeit, zwischen einer guten und einer schlechten Aufführung zu unterscheiden. Wohin ich in Paris kam, wurde auf die Münchener Aufführungen geschimpft.
    Über W. A. Ellis' Übersetzungen muß ich ein anderes Mal mit Ihnen sprechen. Ich habe nicht gemeint, was Sie voraussetzen, sie seien „nicht treu“; sie sind aber   n i c h t   e n g l i s c h.   Kein Engländer, der Deutsch nicht kann, versteht diesen Ellisschen Stil. Bezüglich der Treue ist übrigens Ellis dem Worte wohl treu, allzu treu, dem Sinne aber durchaus nicht.
    Mit 1000 Grüßen an Ihre Kinder Ihr in Ehrfurcht und Treue ergebener

Houston S. Chamberlain.


363-364 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 18. Nov. 93.

    Wie recht und billig, zuerst der Hund:
    Ich unterschreibe alles, was Sie über die Hunde sagen; ich habe von je gewußt, daß die Neufundländer von den Bernhardinern abstammen.
    Über Gobineau einmal mündlich. Sie müßten aber doch das Buch selbst lesen. Freilich ist Kreuzung nötig, aber welche? Hierauf kommt alles an.
    Recht angenehm war mir, was Sie von den Franzosen mir meldeten. Sie haben recht: ihr unzweifelhaftes Verhältnis zur Form gibt ihnen noch immer das Recht, in Dingen der Kultur mitzureden.
    Einen Band Gedichte von Mallarmé hatte ich einmal in Händen. Ich habe ein gewisses Vorurteil gegen französische Lyrik, weil ich nicht finde, daß die Sprache sich dafür eignet. Daher sah ich nicht genau genug hin; ich bedaure es.
    Mottl geht im hoffnungsreichen Monat März nach Paris, um 6 Konzerte zu dirigieren. Da wird Ihr Freund eine Freude haben.
    Wie hübsch, daß meine Schwester Nachbarin der Ihrigen war! Es freut mich sehr, daß Sie sie besucht haben. Ich hoffe, sie wiederzusehen, wünsche es sehr, da sie in einem bestimmten Sinne ihresgleichen nicht hat, und nun sind es 30 Jahre her, daß ich sie nicht sah.
    Wenn ich denke, daß wir Sie schon im Jahre 1879 hätten kennenlernen können und Sie höchstvermutlich mit uns wie Stein, Gobineau, Joukowsky, Humperdinck hätten leben und reisen können, so kann mich Wut erfüllen.
    Nun sehen wir uns vielleicht doch noch in diesem Jahre; sind Sie in Leipzig oder Berlin, dann kämen Sie doch hierher. Ich muß leider hier hocken, bis Schweninger mich flottgemacht hat. Wir besprächen dann allerhand.
    Goethe sagt: „Was ist ein Philister?: Ein hohler Darm, mit Furcht und Hoffnung angefüllt, daß Gott erbarm'.“ Demnach wäre der rechte Mann (gekreuzt oder nicht!) mit Mut und Verzweiflung erfüllt. Und so mein Abschiedsgruß, so herzlich wie nur denkbar.    C. W.


364-365 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Blümelgasse I, Wien, den 24. November 1893.

    Herzlichsten Dank für Ihren Brief vom 18ten November, hochverehrte Meisterin. Mit innigster Freude habe ich von Schweningers Beförderung gehört; er wird es wohl verstehen, sich Gehorsam zu erzwingen? Hoffentlich ist der gute Mann sich bewußt, welches Leben und welches Weltenschicksal nunmehr in seinen Händen ruht, und er wird verstehen, daß Friedrichsruh von nun an erst seine   z w e i t e   Sorge zu sein hat?
    — — — —
    Ja! Anfang 79 war ich gänzlich frei. Ich suchte noch meine Richtung und war, da die Regelung von meines Vaters Nachlasse ¹) soeben beendet, vollständig Herr meiner Entschlüsse. Vielleicht hat Wolzogens Brief ²) nicht unwesentlich dazu beigetragen, daß ich dann, im Mai jenes Jahres, den ganz plötzlichen Entschluß faßte, mich dem harten Studium der Naturwissenschaften zu widmen, zu welchem Zwecke ich dann auch die Genfer Universität bezog. Denn ohne daß ich das Geringste „wußte“, erfüllte mich doch damals die Bayreuther Kunst ebensosehr wie jetzt, und noch dazu mit jener schwärmerischen Innigkeit, welche die Jugend und das nur Geahnte verleihen. Und ich entsinne mich, daß Wolzogens Diktum im Jahrgang 79, pag. 8: „...so kann denn   n u r   d e r   D e u t s c h e   wirklich dazu gelangen, die Eigenart unserer Bestrebungen und ihrer Ziele ganz zu begreifen“ — auf mich einen herzzerreißend tiefen Eindruck gemacht hat; denn dieser Satz war ja ganz speziell auf   m i c h   gemünzt, und wenige Tage vor dem Erscheinen jener Nummer hatte ich die Ihnen bekannte briefliche Versicherung bekommen, alles, was in den „Bayreuther Blättern“ stehe, sei „inspiriert!“ — Mit einer solchen Wut versenkte ich mich in meine naturwissenschaftlichen Studien, daß ich bereits Herbst 81 in   s ä m t l i c h e n   Naturwissenschaften   z u g l e i c h   und mit gutem Erfolg bestand! Dagegen schnitt ich die „B. Bl.“ niemals auch nun auf und habe erst viele Jahre später „Religion und Kunst“ und die übrigen Schätze, die diese Hefte bargen, überhaupt kennengelernt. — Das könnte man „die Geschichte eines Wortes“ nennen. Was eine solche Geschichte birgt, ist unaussprechlich,
    Schönaich war neulich hier; er hatte soviel Schönes und Bedeutendes zu erzählen von dem, was er über Siegfrieds Dirigieren gehört! — Mime liegt im Sterben!
    In Treue und Ehrfurcht Ihn

Houston S. Chamberlain.
—————
    ¹) Chamberlain's father, Rear-Admiral William Charles Chamberlain, had died February 27th, 1878.
    ²) Hans von Wolzogen, editor of the Bayreuther Blätter, had rejected Chamberlain's first Wagner-essay. See Lebenswege meines Denkens, p. 218.



365-366 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wien, 11. Dez. 93.

    Geehrtes, liebes Fräulein [Eva Wagner]!

    Wie gut, wie wirklich gut und freundlich von Ihnen, mir über Leipzig [Konzert Siegfried Wagners im Liszt-Verein] zu berichten! Tausend Dank! Ihre Bemühung in solch einem Augenblick, die Tatsache, daß Sie meiner gedachten, hat mich gerührt und beglückt.
    Der Applaus der vielköpfigen Menge macht mir — an und für sich — vielleicht fast ebensowenig Eindruck, wie er gewiß Siegfried selber neben der wahren Bedeutung jener Stunde als ein Geringes erschien. Wer weiß, welch violinspielendes Wickelwunder dieselben Leute seitdem dort beklatscht haben? Der Erfolg ist aber in diesem Fall doch sehr wichtig, glaube ich, denn gewiß trägt Ihr Bruder alles, was er werden kann,   i n   s i c h,   was von außen hinzukommen wird, an Erfahrung usw., ist sicherlich gering im Vergleich zu den eingeborenen Kraft, weIche einzig Luft unb Licht bedarf, um sich voll zu entwickeln. Widerspruch und Opposition könnten den Raum verengen, die Entwicklung hemmen, vielleicht sogar reizen und dadurch verunstalten — währenddessen es Siegfrieds Bestimmung ist, eine vollkommen abgerundete, in sich geschlossene, harmonische Erscheinung zu sein, die wie ein Tropfen Öl auf einem Wassergefäß unberührt die Welt durchschreitet. — Daß die guten Leipziger diese Konzentration nach innen nicht gestört haben, das sei ihnen hoch angerechnet; davon zu erfahren, hat mich hoch beglückt — und zu guter Letzt gratuliere ich also doch Ihrem Bruder von Herzen zu seinem „Erfolg“.
    Der Kufferathsche „Guide Musical“ bringt eine begeisterte Schilderung heute, sagt, man hätte die Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer“ noch niemals so gehört; und soeben unterbricht mich mein guter Antropp mit einem Bericht aus Dresden, von Arthur Seidl — der aber mehr nach unserem grauen Prießnitzumschlag, trotz allen Lobes, ausschaut.
    Also, noch einmal, danke! Meinen ehrfurchtsvollen Gruß an Ihre Frau Mutter, deren tiefes Glück für uns alle einen warmen, versöhnenden Sonnenstrahl in dieser häßlichen, schmutzigen Welt bedeutet — der Schweninger wird sich einbilden, er hat sie kuriert, wo es in Wirklichkeit Siegfried mit seinem Zauberstabe tat!
    Ihnen, Ihrer Schwester und dem jungen Helden noch einen herzlichen Gruß! — Ihr ergebenen

Houston S. Chamberlain.


366-367 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

16. Dez. 93. Wien.

    Sie werden verstehen und es billigen, hochverehrte Meisterin, wenn ich Ihnen sage, daß ich meinen Jesuiten [Père Hébert] nicht gern locker lasse. Mein Besuch im Collège Fénelon hat mir einen großen Eindruck gemacht; mündlich mehr darüber; diese Leute haben einen gewaltigen Einfluß. Und es hat mich wirklich gefreut, in dem Studierzimmer des Professors der Philosophie einer solchen Anstalt durch die Bilder an der Wand und die Bücher auf dem Tisch darüber belehrt zu werden, welcher Geist hier seinen Zutritt erzwungen hat. Aber — der gute Mann bringt mich oft in Verzweiflung. Er schickt mir einen Fragebogen nach dem anderen, und oft würde die richtige Beantwortung einer einzigen dieser Fragen eine ganze Abhandlung erfordern.
    Heute schreiben mir auch die Grazer. Für meinen dortigen Vortrag im Februar haben sie sich aus dem ihnen von mir Vorgeschlagenen die „Schematische Lebensübersicht“ ausgewählt; ich möge aber „die Lektion, welche den Deutschen am Schluß verdientermaßen gegeben werden soll,   z u r   V e r m e i d u n g   v o n   M i ß v e r s t ä n d n i s s e n   m ö g l i c h s t   e i n s c h r ä n k e n“!   Da haben Sie die Deutschen! So ein feiges Lumpenpack! Und dann diese Blödheit: um Mißverständnisse zu vermeiden, soll ich unklar sein! Und weiter heißt es: „Die Darlegung der großen Lebenstragödie wird von selbst den entsprechenden Vorwurf in sich schließen...“; das Schicksal eines Helden wird aber erst dadurch tragisch, daß seine Umgebung weder mit Herz, noch mit Hirn an ihn heranreicht; male ich die Niederträchtigkeit der Umgebung nicht, so gibt es keine Tragödie und vor allem auch keine Moral, keine Lehre und keine Pflicht. Als ich in England in der Schule war, bekam ein Junge eine sehr schwere körperliche Züchtigung (für Diebstahl); nach englischer Sitte stand er ganz frei: — bei dem ersten Hiebe sprang er aber davon, worauf der Lehrer mit ernster Stimme sprach: „Don't add cowardice to your other sins, Sir!“ — und er beschämt zurückkam und bewegungslos die verdiente Strafe ertrug.

    In Ehrfurcht Ihr    H. S. C.


367-368 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wahnfried, d. 17. Dez. 93. Abends.

    Siegfrieds Konzert findet in Berlin am 29sten statt. Der Wagnerverein gibt dieses Konzert im Saale der Philharmonie. Aufgeführt wird: von den „Feen“ bis zum „Tannhäuser“ und dazwischen; „Idyll“ und 5 Gedichte. Üben den „Erfolg“ verstehen wir uns ganz, und daß, wenn er einem Wesen wie Siegfried gilt, man das Gefühl des Glückes auf Erden erhält. In der Tat ist sein Talent wie sein Wesen: breit, einfach, feurig und bestimmt.
    Ich höre, daß Sie uns Frauen schlecht machen, und unseren herrlichen Dichter obenein! [Vgl. den Brief vom 19. 12. 1893.] Tut nichts; jedem Manne wird man es doch bis ans Ende der Welt ansehen, ob er bei edlen Frauen anfrug oder nicht; und die erhabene Gestalt der Jungfrau-Mutter wird, solange es einen Dichter oder Künstler gibt, vor diesem, durch Goethes entzücktes Auge, sich offenbaren. — Nichts für ungut, mein Freund, es wäre traurig, wenn man Frau sein müßte, um nachzuempfinden, was der Dichter in dem Wesen Leonores sowohl als in der Doppelerscheinung der liebenden, unschuldigen Sünderin und der Unbefleckten uns Frauen für einen unsäglichen Trost und unaussprechliche Erhebung gespendet hat.

*

    Wie geht es Mime [dem erkrankten Hund Ch.s]? Albi [Siegfried Wagners Pudel] kam lahm heim, vollständig als Don Quichotte, er erholt sich aber und wird nicht so bald auf Abenteuer gehen.
    Recht gutes Weihnachtsfest Ihnen und Ihrer lieben Frau, und die herzlichsten Grüße!        C. W.


368 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wien, 18. Dez. 93.

    Geehrtes, liebes Fräulein [Eva Wagner]!

    Einliegend meine ursprüngliche Abschrift der Briefe des Meisters an Ferdinand Praeger. Schöneres kann ich Ihrer Frau Mutter nicht auf den Weihnachtstisch legen; darf ich Sie bitten, das in meinem Namen zu tun? Sie werden gewiß diese Briefe als eine besondere Feier vorlesen — sie enthalten   h e r r l i c h e,   e w i g   s c h ö n e   Worte.
    Die letzten Briefe weisen Lücken auf. In der zweiten Nacht nämlich (in der ersten hatte ich buchstäblich kein Auge geschlossen, nach langer Reise und sehr anstrengendem Tage), da bekam ich einen fast bedenklichen Blutandrang zum Kopfe, ich war physisch unfähig mehr als noch eine bestimmte Arbeit zu leisten, und da entschloß ich mich, das, was sich auf die Shakespeare-Bestellung bezieht und was F. Praeger dem Sinn nach genau wiedergegeben hat, auszulassen. Es ist bedauerlich, aber ich hoffe, Sie werden finden, daß ich wenigstens dasjenige richtig traf, was einzig ausgelassen werden konnte, da die Welt diese Angelegenheit überhaupt nichts angeht.
    Möge Gott zum 24sten seinen Segen geben und recht fühlbar im Hause Wahnfried seine Gegenwart offenbaren.
    Von Herzen grüßt Ihr ergebener

Houston S. Chamberlain.



368-369 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wien, 19/12/93.

    Meine kleine „pochade“ über Bosnien [„Bosnische Bilder“ („Östdt. Rundschau“, 2. 12. 93)] scheint, hochverehrte Meisterin, zu einem argen Mißverständnis Veranlassung gegeben zu haben. Ich glaube, daß, wenn Sie selber das Ding gelesen hatten, Sie es nicht so ernst genommen und auch den richtigen Zusammenhang herausgefunden hätten.
    Von unserem „Reiseunternehmer“ war ich nämlich aufgefordert worden, ein Feuilleton für die „Neue Freie Presse“ zu schreiben. Sie sehen mich als Mitarbeiter des Organs der „Alliance Israëlite“, nicht wahr? Der Auftrag begeisterte mich zu einer Art Satire auf den jüdischen Feuilleton-stil, mit seinen   t i e f e n   Bemerkungen, seinem   p i k a n t e n   Gewürz und seiner falschen   S e n t i m e n t a l i t ä t.   Auf die Zurechtweisung Goethes tat ich mir ganz speziell was zugut; ich dachte, das wäre so „echt“, so fortschrittsparteienmäßig. Und dabei (und hieraus mögen Sie ersehen, welch urwäldlicher, unverbesserlichen Germane ich doch bin) — dabei hatte die ‚pochade“ eine tiefere Seite in meinen Augen, ich hatte in den wenigen Zeilen viel berührt: das Affenmäßige unseren Afterzivilisation, die sich jedem Naturvolk gegenüber als Barbarei entpuppt, den Reiz des Kostüms unseren monotonen Farblosigkeit gegenüber, die idiotische Beamtenästhetik, die schwarze Bauernhäuser zur Ankunft des Erzh. Rudolf weiß anstreichen läßt, die éternels bonshommes der Gelehrsamkeit, welche in Angesicht der Bogomilengräber einem erklären, es hätte keine Bogomilen gegeben, etc., etc. Wenn Sie mich selber gelesen hätten, Sie hätten mir, wie gesagt, mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen! Aber das Beste kommt noch: ich verzankte mich mit besagtem Reiseunternehmer, die Publikation unterblieb (es war vor 3 Jahren), und als jetzt die neue deutschnationale, antisemitische Zeitung mich um etwas bat, schickte ich den alten Aufsatz, und alle Welt fand alles in bester Ordnung!
    Mime sollte schon vor 4 Wochen vergiftet werden; ich bestimmte aber, daß dieses Verbrechen nicht geschehen durfte; jetzt ist er verhältnismäßig munter, wenn auch wenig Aussicht vorhanden, daß das Herzleiden und die Wassersucht wieder abnehmen.
    In Ehrfurcht und Treue Ihr

Houston S. Chamberlain.

369-370 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 20/12/93.

    Mündlich alles über Ihre Bosniana. Die Sätze, über welche ich schrieb, habe ich gelesen, aber das Unrecht begangen, nicht das Ganze zu lesen. Jedenfalls sind Sie mir für Feuilletons zu gut.
    „Der Deutsche fürchtet Gott und“ — die Wahrheit; so scheint mir's nach der Ängstlichkeit mancher.
    Porges schrieb mir schön in Erinnerung an unsere alten, gemeinsamen Feldzüge, daß damals wir es wenigstens mit Feinden zu tun gehabt, jetzt aber wären die falschen Freunde unsere Not. Ich erwiderte ihm, daß der Judaskuß unserer Kunst gegeben würde — und, vielleicht wäre es nicht von Übel, den Unsrigen dies, an dem Beispiel München, zu verdeutlichen.
    Viel Schönes Ihrer lieben Frau, und Ihnen das Herzlichste von uns allen    C. W.

    PS. Ich will noch hinzufügen, daß es sehr verdienstlich von Ihnen ist, Père Hébert nicht fahren zu lassen, dort herrscht wenigstens ein Prinzip, wenn es auch ein uns entgegengesetztes ist.


370 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wahnfried, 26/12/93.

Werte Frau und Freundin [Anna Chamberlain]!

    Da ich beinahe annehmen muß, daß Ihr lieber Mann unterwegs ist, so richte ich meinen Dank an Sie, die Sie ja auch in so freundlicher Weise bei der herrlichen Gabe mitgewirkt haben. Indem ich heute die erste Abschrift einräumte und mich für die Abendlektüre der zweiten sammelte, sagte ich zu mir selbst, das ist Besitz, das ist mein und mir von den Besten gewährt und gegönnt. Einzig der Gedanke, daß Ihr Gatte bei dieser mühevollen Arbeit sich anstrengte, wirft einen Schatten über meine Rührung. Überhaupt, sein Leiden geht mir nahe, und bei dem, was Sie mir von dem Wiener Arzt mitteilen, fürchte ich, daß das energische Temperament des Patienten zu gewaltsamem Eingreifen getrieben hat, während ich bezüglich Gesundheit nur Vorsicht verstehe.
    Möchte er doch ganz wohl jetzt sein! Siegfried freute sich   s e h r   auf sein Kommen. Berlin hat ihn bei der ersten Probe etwas angefröstelt. Nur bei den guten Suchers wurde ihm warm. Es ist mir ein einzig behagliches Gefühl, Ihren lieben Mann dort zu wissen, unter Larven die fühlende Brust! Aber nur, wenn er wohl ist. Es ist wohl hart, daß jede Freude uns so belastet sich naht. Aber das Bedürfnis danach ist so groß, daß man den Ballast davonwirft und sich   d o c h   freut!
    Leben Sie wohl, teuerste Frau! Haben Sie Dank und seien Sie unter besten Wünschen für das kommende Jahr herzlichst gegrüßt!

C. Wagner.


371-372 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Donnerstag, 28/12/93. Berlin, Abend.

    Ich möchte nicht ins Bett gehen, hochverehrte Meisterin, ohne Ihnen ein Wort über das heutige Erlebnis zu sagen. Was ungesagt bleibt, ist ja hier mehr denn je das meiste, aber Schweigen wäre Herzlosigkeit.
    Den ganz bestimmenden, ein für allemaligen Eindruck bekam ich gleich vom ersten Stück der „Feen-Ouvertüre“. Ich hatte sie vor einem Jahr von den Wiener Philharmonikern gehört. Der Gesamteindruck war nicht nur ein recht „spektulöser“, sondern vor allem ein   z e r r i s s e n e r,   so wie von einem Werke, das bloß von Sturm-und-Drang-Periode zeugte. Die Tempi waren viel schneller und die Stärkenuancen weit greller. Unter Siegfrieds Hand wurde das Ganze zu einem ganz einheitlichen, lieblichen Gemälde, Kurz, wie ich schon Frl. Isolde sagte — und ich muß mich wiederholen, denn ich finde kein passenderes Bild —‚ mir war es, als ob Richter diese Komposition durch die Brille der „Meistersinger“ angesehen hätte und bemüht gewesen wäre, uns zu zeigen: da ist ein Keim, dort ist wieder einer, währenddessen Siegfried sie einfach und mit unbebrilltem Auge — avec ingénuité — nachempfand und wiedergab. Das ist aber so groß, es zeugt so klar von dem gewaltigen, unüberbrückbaren Abstand zwischen dem, was in ihm webt und lebt, und der Begabung selbst eines ganz kolossalen Musikers, daß diese eine — verhältnismäßig geringe — Tat vollkommen genügt, um einen über den künstlerischen Wert der hier sich betätigenden Persönlichkeit ausführlich und bestimmend zu orientieren. — Wir hatten vorher über „Fidelio“ gesprochen (dessen eigentlichen Wert Siegfried wohl noch zu jung ist zu erkennen), und wie der Eindruck der „Feen-Ouvertüre“ im Verlauf des Stückes immer zunahm, da rief es in mir immer lauter und lauter: „Ja, ja, es gibt eine Vorsehung!“ — Und wirklich, dieses unsichtbare Sichtbare, was jetzt leibhaftig vor uns auftaucht, ist etwas, wogegen (wie Beethoven sagte) „die Sprache noch gar nichts ist“. — Ob das Publikum diesen Eindruck von den „Feen“ usw. haben wird, das bezweifle ich sehr; la portée lui en échappera. Von der „Holländer-Ouvertüre“ brauche ich nur zu sagen, daß das Orchester jetzt auf die Intentionen des Dirigenten eingegangen ist; sie wird sicherlich begeistern. „Rienzi“ und „Tannhäuser“ waren auch — glaube ich — sehr gut. Götz sang sehr hübsch die reizende Arindal-Arie mit dem herrlichen: „O seht! das Tier kann weinen!“ — und ich glaube, es imponierte dem Orchester, das bei dem Hollahe-Anfang, der Sänger zwei-, dreimal rhythmisch falsch sang und es zuerst nicht zugeben wollte, dann aber de bonne grâce gestehen mußte, daß er im Unrecht gewesen und Siegfried vollständig recht hatte.
    Allerdings ist gerade dieses Bedürfnis nach „imponiert-werden“ hier etwas Widerliches, aber es ist gewiß, daß die Leute — wenn auch nicht ohne Sympathie für ihren neuen Dirigenten — eine gewisse „méfiante“ Trägheit ihm entgegensetzen; ich habe innerhalb und außerhalb des Orchesters gesehen, daß die Leute Ihrem Sohne nicht das entgegenbringen, was sie sollten, nämlich das volle Vertrauen, jenen Glauben, den sie doch wirklich ohne sonderliche Intuition besitzen könnten. Die Stimmung ist sympathisch, aber reserviert, als wollten die Leute sich selber gegenüber nicht sich kompromittieren; sie sind bereit, sich überzeugen zu lassen: währenddessen man dieser Erscheinung gegenüber zu der Mit-Produktivität des Glaubens sich hingerissen fühlen sollte; selbst einem angehenden Geschäftsmann gibt man Kredit! Wie sollte man einem Siegfried Wagner gegenüber „vorsichtig“ sein? — Vielleicht bin ich für so was allzu empfindlich, aber mir ist, als ginge die Hälfte von Siegfrieds Kraft in der Überwindung dieses latenten Widerstandes verloren. Und doch, selbst ein Tauber würde, so dünkt mich, an der Bewegung der Hand sehen, wer da vor ihm steht! — Und wie ganz anders als das, was wir unter Kritik verstehen, ist die Empfindung, daß diese Kraft eine noch junge ist, zu herrlicher Entwicklung berufen, so daß, was an Unerfahrenheit, an noch nicht gänzliche Beherrschung gemahnt, der Leistung gerade den Reiz des neuen, erst aufblühenden Lebens gibt!
    Es war ein schöner, unvergeßlicher Morgen. Ich war glücklich für Siegfried, daß er eine Schwester da hatte; mit den anderen Leuten macht es mir den Eindruck, als unterhielte er sich nur telephonisch. — Und, ach Gott! bin ich ein elender Berichterstatter; fast hätte ich die „sensationellste“ Episode vergessen: Frau Sucher kam sehr pünktlich um 12 Uhr und sang die fünf Gedichte, zur übergroßen Zufriedenheit aller Welt und wirklich schön.
    In Dankbarkeit und Treue und Glauben Ihr

Houston S. Chamberlain.


373-374 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Aus dem Jahre 1894

Wien, Montag, 8/1/94, 4 nachmittags.

    Gestern zu dieser Zeit saßen wir noch alle auf dem Bahnhof, hochverehrte Meisterin; jetzt sitze ich in meinem Leuchtturm, nachdem ich etliche Stunden geschlafen, ein herrliches Bad genossen, und die „Feen“ und „Tannhäuser“ schon mit so viel Überzeugung gehämmert und gebrüllt („Jetzt erkenne ich sie wieder, die schöne Welt...“) habe, daß die Dame unten gewiß wieder mit Kündigung droht (wie im Sommer für die IX. Symphonie). Da Sie weise sind, wird Sie diese Tatsache wahrscheinlich weniger erstaunen wie mich selber. Die Wehmut, von Wahnfried zu scheiden, steigerte die Sehnsucht zurück zum trauten Heim mit seinen menschlichen und tierischen Einwohnern dermaßen, daß ich es nicht aushielt, vernünftig zu sein; ich reiste gleich durch und kam früh bald nach 7 Uhr hier an. Die Behauptung, daß man in einem gewöhnlichen Wagen besser als in einem Schlafwagen aufgehoben sei, erwies sich natürlich als unbegründet, aber ich bestach die Schaffner und blieb allein, und als in Gmünd um 3½ Uhr früh die Gräfin Schönborn in meinen Wagen dennoch einstieg, tat ich, als ob ich entsetzlich schnarchte, und sie floh — so daß die Nacht sich sehr erträglich gestaltete, und ich auf dem harten Lager sogar etwas schlief, die übrige Zeit aber durch Sprechen mit Ihnen, durch Aufführungen vom Siegfried-Idyll unter Ihrem Sohne und durch das Denken an die freudige Überraschung meiner Frau über meine frühe Ankunft sehr angenehm mir vertrieb. — Der kleine Spitz fraß mich förmlich auf vor Freude und war wie toll; Mime sah uns an, als ob er wirklich „an den Bruderkuß, der die Welt erlöse“, glaube; und meine liebe, gute Frau entfaltete die unersättliche Neugierde, welche die Zie — ie — ie — ie — ie — ie — ie — rde ihres Geschlechtes ist. — Von Schönaich waren nette Zeilen da, „die Nachricht, daß es   I h n e n   besser ging, sei ihm die schönste Weihnachtsgabe gewesen“; er dankt mir herzlich für meinen Bericht, scheint aber keinen Gebrauch davon für die Öffentlichkeit zu machen.
    Jedoch, diese Zeilen sollen nur die Nachricht von meiner Ankunft zu Hause — gesund und munter — enthalten und nochmals meinen innigsten Dank sagen für alles, was mit dem Morgen vom 28. Dezember begann und mit dem so überaus freundlichen „seeing off“ am Bahnhof, gestern, endete. Ich weiß nicht, wie Sie es fertigbringen, alle so gut zu mir zu sein; Ihre Güte steigt mir aber nicht zu Kopfe; ich weiß nur zu wohl, daß ein dankbares und treu liebendes Herz das einzige ist, was ich als Gegengabe dazureichen vermag.
    Ihnen und Ihren Kindern den allerherzlichsten Gruß von meiner Frau und von Ihrem in Ehrfurcht und Dankbarkeit ergebenen

Houston S. Chamberlain.

*


374 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Wahnfried, d. 2. Febr. 94.

    Siegfried macht sich nun Sonntag wieder auf, mein Freund. Er dirigiert zunächst in Frankfurt, worüber ich mich wegen Humperdinck, den ich seit „Hänsel und Gretel“ vielleicht noch inniger liebe, freue.
    Madame Duse als „Locandiera“ war wirklich hinreißend, und sie schien mir da, im heiteren Simulieren, im Maskenspiel, wie an ihrem Platze. Während ich sie mir absolut nicht in irgend etwas, das aus dem Gemüte kommt, ja selbst nicht in „Minna von Barnhelm“, vorstellen kann, wohl aber in zartleidenschaftlichen, zugespitzten Stücken, wie spanische, ganz unvergleichlich mir denke und herzlich bedaure, daß sie das elende Zeug für ihre Gestaltungskraft verwendet. Levi hat sie erklärt, daß sie ganz unmusikalisch sei, in Bayreuth nichts verstanden habe, außer daß die Inszenierung vortrefflich sei. Ist dem so, so ist auch die Art ihres seltenen Talentes Ihnen gegeben. Maria Stuart erklärte sie als „orribile“, was sie von deutschen Juden erlernt haben mag; denn ihre große Vorgängerin Ristori gab Maria Stuart mit Vorliebe. Einige meinten, sie müßte die Porzia im „Kaufmann“ gut geben, ich glaube, dazu würde ihr doch die Größe fehlen. Ihre Erscheinung ist vornehm, und sie hat große Anmut, eine unerhörte Beherrschung der Bühnenmittel. Aber sie ist modern durchaus, und die Gestaltungskraft aus dem Gefühle heraus scheint ihr nicht gegeben.
    Wir lasen „Die Hermannsschlacht“ von Kleist. Die Bitterkeit gegen Deutschland, die sich darin ausspricht, stimmt zu unserer Empfindung. Und er hat die echte germanische Natur großartig in Hermann gestattet.
    Nun aber recht freundliche Genesung und tausend Grüße von uns allen! Auch an die arme Krankenwärtenin!       C. W.

*

375 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Wahnfried, d. 17. März 94.

    Schon lange wollte ich einige Zeilen an Sie richten, mein Freund, und Ihnen meine Teilnahme an der langen Passivität aussprechen. Doch wollte es immer nicht recht gehen.
    Gestern ist nun Siegfried zurückgekehrt, und alles, was er von Brüssel mitteilt, ist so erfreulich, daß mein Gruß nicht so lahm an Sie abgeht, und daß ich sagen kann, es geht uns gut. — Kufferath hat mir sehr schön geschrieben. Leider hat mir aber sein Buch über „Tristan und Isolde“, welches ich heute mit Interesse begann, einen so peinlichen Eindruck gemacht, daß ich nicht weiter darin lesen werde. Mir ist dieses Sezieren der tiefsten Geheimnisse der Seele, der zartesten Erlebnisse, dieses Sich-Herumfragen, wie solch ein Wunder entsteht, geradezu unerträglich, und jetzt suche ich mir wieder einmal das wenige zu vergessen, was ich gelesen habe. Seine Absicht ist ja gut, es ist nur fürchterlich, wie jetzt die Dinge aufgefaßt werden.
    Nun aber wieder zu Siegfried: Zu Antwerpen, wohin er ging, um einen Bassisten anzuhören, wurde er an der Bahn von einer kleinen Deputation empfangen, an deren Spitze Monsieur Peter Bénoit, der bedeutendste flämische Komponist, stand, der sich des Verdienstes rühmen darf, das flämische Idiom wieder eingeführt zu haben. Sie luden Siegfried zu Tisch ein, und Mr. Bénoit hielt ihm eine Rede, in welcher er die einzelnen Vorzüge von S.s Direktion, insbesondere im Siegfried-Idyll, hervorhob, über Bayreuth sich dann ausließ, um schließlich auf das Wohl seines Gastes zu trinken. Diese Zustimmung war Siegfried von größtem Werte.
    Ein Professor des Konservatoriums ließ unmittelbar nach dem Konzert eine Karte in S.s Hotel, worauf er schrieb „pour exprimer mon admiration à l'enfant héros“. Kurz, es waren der Eindrücke viele der mannigfaltigst freundlichen Art. Vor allem das gesamte Orchester ganz enthusiastisch „c'est éminent, c'est admirable, vous poursuivez toujours la melodie“, und alles, was nur feinfühlige, selbständige Künstler empfinden und sagen können. Monsieur Lascoux fand nur den Venusberg zu   w i l d.   La mariée est trop belle, kann man da sagen!
    Nun aber leben Sie wohl, mein Freund, werden Sie gesund und seien Sie und Ihre liebe Frau in treuer Anhänglichkeit gegrüßt!          C. W.

*

376
Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.


4/5/94. Wien.

    Unser guter, lieber, alter Mime mit den unvergleichlich schönen Augen mußte heute sterben; es waren Symptome eingetreten, welche das Abwarten des natürlichen Todes — unter den Bedingungen unserer Stadtwohnung — unmöglich machten. Wir sind aber natürlich sehr betrübt; ich mehr, als ich gestehen möchte, und erschreckte vorhin meine Frau durch ganz kindisches Geheule. Mime — bei uns geboren — ist genau elf Jahre alt geworden; und es trifft sich so, daß er in unser Leben genau in einem Augenblick eintrat, wo schwere Schicksalsschläge einem sorglos heiteren Lebensfrühling ein jähes Ende bereiteten, zugleich aber das früher nur dunkel geahnte Bayreuth immer deutlicher in das Bewußtsein trat: als hätte eine Welt der anderen erst weichen müssen; darum ist gerade dieses Tier mit einem schönen und ernsten Abschnitte unseres Lebens verwachsen. Er wird heimlich in unserem Park begraben werden (polizeiwidrig!), und mit ihm geht etwas zu Ende, was nie wiederkehrt. Und man bildet sich ein, man sei ein Philosoph, und man ist ein noch viel größerer Esel als die anderen. — Ihr       H. S. C.


376-377 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Wahnfried, d. 5. Mai 94.

    Wir sind mit Ihnen betrübt, mein Freund, und wir wissen, daß dies ein Schmerz ist, der immer wiederkehrt. Wir mußten von vielen solchen treuen Freunden scheiden, und sie sind uns noch alle mit ihren Eigenheiten gegenwärtig und fehlen uns. Um so mehr für Sie der liebe, kleine Genosse, der lange Zeit Ihr einziges Tierchen war, und gerade in den schweren Abschnitten des Lebens sind Tiere so bedeutsam. Wenn man kaum noch die menschliche Stimme verträgt, rührt uns ihr Blick und tut uns ihre treue Annäherung wohl. — Wie die Kinder oben ausriefen: „Armer Mime“, da schien Albi etwas zu verstehen, und kam und wedelte und leckte, ganz rührend.
    Wie schön, daß Sie Bayreuth mit dem Lebensabschnitt, den auch die Treue Mimes ausfüllte, zusammenführen und einen Ersatz für das Geschwundene darin finden!
    Möchten Sie diese Tage und ihre Schwere bald überstehen! Wie werden Sie das mit dem Esterhazy-Park vollbringen? Nachts? Und selbst? Oder durch jemanden?
    Leben Sie wohl, mein Freund, es hat mich sehr gerührt, daß Sie uns dies mitteilten und daß Sie wußten, wie wir mit Ihnen beiden mitfühlen!

    Treulich         C. W.


377 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

9. 5. 94.

    Tausend Dank für die Zeilen über unseren guten Mime; aus dem Rachen des Krematoriums, wo er zu   D ü n g e r   gewandelt werden sollte, gerettet, ruht er sicher und in Frieden unter Kastanienblättern und Flieder — und Goldregen.

    Tausend Grüße an Sie alle.       Ihr H. S. C.

*


377 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Wahnfried, 7. Juni 94.

    Zwei Worte des Dankes, mein Freund, für die liebe Depesche an Siegfried.
    Wir haben gestern Siegfrieds Geburtstag mit dem Königsruf aus „Lohengrin“ begonnen, und dann kam Hundegratulation, 5 Stück hoch. Der Abend schloß mit Illumination und Feuerwerk. Man hat auch getanzt. Heute ist wieder Arbeitstag. Es gibt viel. Unser Telramund vom vorigen Jahr kommt uns ganz verdorben wieder!
    Ein Jesuitenpater hat sich mit mehreren Zöglingen für die drei Werke angemeldet. Wißt Ihr, wie das wird? Nun leben Sie wohl, mein Freund, es ist traurig, daß wir Sie vermissen müssen. Aber hoffentlich wenigstens zum Schluß! Und dann bleiben Sie etwas, denn wir wollen hier nach den Festspielen rasten.
    Siegfried hat neulich hier die „Rienzi-Ouvertüre“   w u n d e r v o l l   dirigiert. Jetzt übt er die Bühnenmusik. — Sein Haus ist von außen fertig und sehr hübsch. Seine Soldaten [vgl. oben! (Königsruf)] waren auf der Terrasse aufgestellt. Es nahm sich Sehr lustig aus. — Albi ist gemeißelt und dient als Schmuck eines kleinen Brunnens.
    Leben Sie wohl und haben Sie Dank; recht, recht gute Besserung!
    Ich lege die Gratulation der Hunde [Photographie] bei.    C. W.


378 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

11/06/94. Wien.

Hochverehrte Meisterin!

    Mit bestem Dank die Hundegratulationen; namentlich der Albi imponierte mir, il en remontre in bezug auf tiefsinnige Form den Brahmasutras!
    Es tat mir so sehr leid, daß ich verhindert war, Ihrem Sohne zu seinem Geburtstage zu schreiben. Nicht etwa, daß ich — der ich gar keinen Sinn für Daten habe — die Absicht hätte, ihm fortan offiziell zu gratulieren und dadurch ihn zu einem lästigen Dankschreiben zu veranlassen. Weil ich aber so bald nach dem Berliner Konzert von der Welt ganz ausgeschlossen wurde und noch bin, so ist mir dieses Erlebnis besonders lebhaft im Geiste geblieben, eine Flut von Licht auf Vergangenheit und Zukunft werfend, und der Gegenwart jene positive, greifbare Bedeutung gebend, die sie nur hat, wenn sie eine ganz bestimmte, persönliche, in Fleisch und Blut geformte   Z u k u n f t   in sich birgt. Und diese ewig unvergeßlichen Eindrücke: das früher nie gehörte Siegfried-Idyll, der großartige Schluß der „Tannhäuser-Ouvertüre“, der Matrosenchor, den ich oft genug im Bett gesungen habe — es war herrlich! Gott gebe, daß es herrlich gedeihe und wachse!
    In Ehrfurcht Ihr ergebener

Houston S. Chamberlain.


378-379 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

13/6/94. Wien.

Geehrtes, liebes Fräulein [Eva Wagner]!

    Folgendes ist zur gütigen Mitteilung an Ihre Frau Mutter.
    Von der Firma   B r u c k m a n n   in München werde ich aufgefordert, zu einer „Serie von illustrierten Biographien berühmter Musiker“ den ersten Band, das Leben des Meisters, zu liefern. Das „illustrierte“ ist abschreckend, und der Ausdruck „berühmte Musiker“ läßt keinem Zweifel Raum, daß hier nur auf Umwegen dem Bayreuther Gedanken zu dienen ist. Anderseits, man denkt mit Schrecken, in wessen Hände so etwas fallen könnte. Und einiges hört sich in dem Brief ganz gut an. Das Musikalische soll   „n i c h t   e i n g e h e n d   b e h a n d e l t   w e r d e n.   E s   w ü r d e   s i c h   a l s o   m e h r   u m   e i n e   k u l t u r-   u n d   k u n s t g e s c h i c h t l i c h e   W ü r d i g u n g   W a g n e r s   h a n d e l n,   w e l c h e   z u g l e i c h   m i t   S c h i l d e r u n g   s e i n e s   L e b e n s g a n g e s,   s e i n e   N e u s c h a f f u n g e n   u n d   R e f o r m e n   a u f   d e m   G e b i e t e   d e r   K u n s t,   s e i n e   p h i l o s o p h i s c h e   W e l t a n s c h a u u n g   v o r f ü h r t,   u n d   z w a r   a l l e s ,   s o w e i t   m ö g l i c h,   a n   d e r   H a n d   s e i n e r   e i g e n e n   B r i e f e   u n d   S c h r i f t e n.“   Illustrationen wollen sie zahlreiche: Porträts, Dokumente, Darstellung von Aufführungen (!) etc. — auch hier könnte aber eine pietätvolle Hand vielleicht einiges Geschmacklose verhindern wenigstens, namentlich, da sie hauptsächlich auf Oesterlein rechnen, den ich hier unter der Hand habe.
    Nun, vielleicht wissen Sie mehr von der Sache als ich; vielleicht rührt die Empfehlung meines Namens, die hier allerdings sich auf einen anderen bezieht, in letzter Instanz von der Meisterin? Vielleicht weiß sie im Gegenteil etwas Nachteiliges über das Unternehmen?
    Diese Zeilen sollen nun erfragen: Sähe es die Meisterin gern, daß ich den Auftrag annahme? Wenn ja, so tue ich es unbedingt. Sollte Sie aber nicht der Meinung sein, daß hier etwas Nützliches zu vollbringen ist, so werde ich sehr wahrscheinlich abschlagen: denn eigentlich gehören „illustrierte Biographien“ nicht in mein „Fach“.
    Wenn die Meisterin „ja“ stimmt, so dürfte ich wohl auch darauf rechnen, daß Ihr Rat mir — sagen wir lieber meinem kleinen Werk — zugut käme?
    Da ich den Antrag nicht unbeantwortet lassen kann, so bitte ich gütigst um schnelle Antwort, evtl. telegraphisch.
    Mit herzlichem Gruß Ihr

Houston S. Chamberlain.

    Hat Ihre Frau Mutter einen Geeigneteren unter der Hand, so wird es mir lieb sein, die Sache weiterzugeben. Die Hauptsache ist ja nicht,   w e r   es macht, sondern   w i e   es gemacht wird.
    Kurz wird es: nur 200 Seiten lang.


379 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

[Telegramm von Bayreuth, 15/6/94.]

Herrn Chamberlain, Blümelgasse 1, Wien.

    „Unbedingt ja.“

*


380 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

18.    Juli 1894. Bayreuth.
[Während der Festspielproben]

    Jetzt, da ich an „Primadonnas“ [zur Schlichtung entstandener Rangstreitigkeiten] zu schreiben beginne, geniere ich mich fast,   I h n e n,   hochverehrte Meisterin, zu schreiben, wenn sich auch in der Überzeugung, daß Sie — in einem modifizierten Sinne — die „primissima Donna“ der ganzen Schöpfung sind, ein Anknüpfungspunkt finden ließe. Ich vermag es aber nicht, Freundlichkeit und Wohltat anzunehmen, ohne zu danken. Welche Wohltat Sie uns beiden durch die gütige Erlaubnis, den Proben von „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ beizuwohnen, erwiesen, das brauche ich nicht erst zu sagen; den   D a n k,   den   k a n n   ich eigentlich auch nicht sagen, ungesagt will ich ihn aber nicht lassen, damit Sie die Versicherung haben, daß an uns das Sprichwort: „Wohltaten verderben“ nicht wahr wird. Jede Güte empfinde ich — von Ihnen kommend — wie einen neuen Anfang: es ist nicht eine langsam zunehmende arithmetische Summe, sondern körperlich stellt sich eine Tat neben die andere, als wäre jede wieder eine   e r s t e.   Niemals habe ich das Gefühl von etwas „Gewöhntem“, zu Erwartendem, sondern stets empfindet mein Herz, daß wiederum aus der Fülle — aus der so unerschöpflich reichen Fülle Ihrer Güte eine unverdiente Gabe mir zuteil wurde. Die Dankeslast drückt mich nicht; wohl würde es mich aber drücken, wenn Sie — und die Ihrigen — von dieser besonderen Gesinnung nicht immer überzeugt wären.
    Für den „Lohengrin“, als künstlerische Tat, Ihnen zu danken, kommt mir nicht zu; da gilt nur ein Dank; der aus viel tausend Herzen bald strömen wird. Indessen singe ich von früh bis abend: „Wer mutig mit ihm ficht, dem lacht des Ruhmes Bahn!“ — und ich Schleife blutgierig das rohe Messer des „homme des bois“ für den nächsten Feind, der „von Osten drohen“ und Lust verspüren mag, sich skalpieren zu lassen!
    In ewiger Dankbarkeit und Ehrerbietung Ihr

Houston S. Chamberlain.

*

380-382 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

23. August 94. Wien.

    Im ersten Augenblick — offen gestanden — habe ich an „eines Unholds List“ gedacht, hochverehrte Meisterin, oder nein, im Gegenteil, an das ganz arg- und listlose Verplappern einer Holden. Ich habe aber nicht weiterforschen wollen, damit nichts mir das Glück störe, Ihnen verbunden zu sein. — Mit genau 80 Pfennig reiste ich von Bayreuth ab, aber — erste Klasse! Was will der Mensch mehr?
    Ich habe mich ja stets als Ihren Gast gefühlt, sind wir es doch alle in Bayreuth; und in bezug auf Geld bin ich eine Art kleines Genie; ich gebe es immer aus, ohne es zu haben; der bloße Gedanke des Verdienens paralysiert meine Fähigkeiten gänzlich, und ich nehme ebenso leicht und harmlos und sans garantie de bonne mémoire an, als ich es verschenke. Daß Sie aber meiner guten, lieben Frau eine Sorge genommen haben, dafür bin ich Ihnen herzlich dankbar.
    SolI ich die Unzahl der Dankesbriefe, die gerade jetzt in Wahnfried einlaufen — Dank und begeisterte Bewunderung für den „Lohengrin“ —‚ noch um einen vermehren und somit auch Ihre Mühe? Gestern dachte ich immerfort in der Bahn, daß die Abreise aller Ihrer Freunde eine wahre „Entlastung“ für Sie sein muß. Gerade wenn wir so alle um Sie herum versammelt sind, wird man unser aller Unzulänglichkeit recht lebhaft gewahr. Solche mitschaffende Künstler, wie Kniese und Mottl, sind doch die einzigen Menschen, die Ihnen wahre Genugtuung bereiten können, alle anderen, wir alle, nehmen uns jedenfalls in der Entfernung am besten aus. Und da nun unsere grenzenlose Verehrung und unsere Liebe das Beste an uns ist, so empfinde ich gerade in diesem Augenblick das   S p r e c h e n   zu Ihnen über das neue Herrliche, was Sie vollbracht haben, wie das gewaltsame Herandrängen an einen erhabenen Monarchen, der allein zu bestimmen hat, wann er angeredet werden will, und der sich durch seine Taten das Recht auf Schweigen erkauft hat.
    Wollen Sie, daß ich sprechen soll, so lassen Sie sich, bitte, meinen vierten kleinen Brief über „Lohengrin“ [„Ostdeutsche Rundschau“, Wien, vom 14. 8. 1894] lesen, den ich an Frl. Eva schicke. Alles Beste aber, alles, was mein Herz erfüllt — gerade Ihnen gegenüber, muß „ewig unausgesprochen“ bleiben. Ein indischer König frug einen Brahmanen nach dem Weltgeist Brahman; der König wiederholte öfters seine Frage, der Weise schwieg; erzürnt fuhr ihn der König an, weshalb er nicht antworte, da sprach der Brahmane: „Ich erkläre dir jenes Brahman ja immerfort, du aber begreifst es nicht; denn das Wesen dieses Brahmans   i s t   S c h w e i g e n.“   Auf dem Boden dieses Schweigens fühle ich mich Ihnen, hochverehrte Meisterin, am nächsten, und ich weiß, Sie werden mich deswegen nicht barsch anfahren.
    In Dankbarkeit und unverbrüchlicher Treue Ihr

Houston S. Chamberlain.


382-383 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

23. August 1894. Wien.

Liebes, geehrtes Fräulein [Eva Wagner]!

    Als ich soeben die Zeilen an Ihre Frau Mutter unterschrieben hatte, fiel mir ein, daß das Brahmanische Schweigen, das   I h r   gegenüber am Platze ist, Ihnen und Ihren Geschwistern gegenüber nicht angebracht sei. Den „Lohengrin“ kann man, ohne zu danken, hinnehmen; die eine einzige Gestalt des Schöpfers jenes Werkes, die uns gerade aus diesem so unaussprechlich ergreifend — und jedesmal von neuem — entgegentraf, macht alles Reden verstummen und das größte Verdienst nebensächlich erscheinen. Auf meinem Tisch steht immer Fra Angelicos „Petrus Martyr“, den Finger zum Munde erhoben, Schweigen gebietend; von seinem Haupte tropft das Blut herab, wir sollen aber nichts sagen, kein Mitleid, keine Bewunderung sollen über unsere Lippen; was hier vorgeht, gehört einer jenseitigen Welt. Mehr als einmal, als der Zuschauerraum verdunkelt war und das Vorspiel zu „Lohengrin“ gen Himmel stieg, erblickte ich — dort, wo später der Vorhang sich auftat — jenen „Petrus Martyr“, den Finger auf den Lippen...
    Gestern blätterte ich im Zuge in einem alten Gedankenbuch und fand folgende Aufzeichnung: „Beethoven und die Hoffnung: als Punkt, wo die Mystik der Welt sich uns auftut.“ Das gab zu denken und zu fühlen in bezug auf „Lohengrin“ und auf dessen erhabenen Schöpfer. Unwillkürlich trat Petrus Martyr hinzu; sein Schweiggebot verschwand in dem Augenblick, wo der Vorhang sich auftut; im Kunstwerk — im „Lohengrin“ — durfte geredet werden; was sich dort kundtat, lag jenseits der Worte. Als der Vorhang sich aber wieder schloß, da war der blutende Märtyr wieder da, und zugleich ertönte gebieterisch das ewige   F r a g e v e r b o t,   das die ganze Natur täglich uns zuruft.
    Was man aber nicht ohne Dank hinnehmen kann, das ist eine Freundlichkeit, die volle fünf Wochen (+ einen Tag) währt, ohne ein einziges Mal zu erlahmen; eine Freundlichkeit, die bereit war, stets zu geben, ohne jemals etwas zu empfangen; eine Freundlichkeit, die — auf mich und andere erstreckt — Ihrer schönen Loge im Festspielhaus bisweilen das Aussehen einer Versorgungsanstalt für Altersschwache und Unheilbare gab, usw., usw. Ich bitte Sie und Ihre Geschwister, meiner innigen Dankbarkeit versichert zu sein, und der vielleicht noch größeren Dankbarkeit meiner Frau. Letztere hat nämlich ein lebhafteres oder richtiger   n o r m a l e r e s   Gefühl für Dank als ich. Mir ist immer, als entwickle sich eine Freundschaft wie ein wachsender Baum, und es wäre vielleicht ganz richtig und angebracht, aber doch komisch, wenn die Blätter dem Stamme danken wollten für die Mühe des Tragens, oder der Stamm den Blättern für den kühlenden Schatten! Aber — o weh! — ich habe heute meine Briefschreibstimmung, die Feder rast ohne Vorausberechnung weiter, und jetzt erfüllt mich dieser Vergleich vom Baume mit Wehmut: Sie werden mich doch nicht etwa wie ein Blatt fallen lassen? Wenn ich verspreche, „immergrün“ zu sein — und das tue ich feierlich hiermit (allerdings sind die immergrünen Blätter immer ein wenig ledern und dickhäutig, man kann aber nicht alles zugleich wollen), dann müssen auch Sie, als anständiger Stamm, jedem Sturm und Wetter (denn solche gibt es auch in der Freundschaft) trotzen!
    Also für heute genug. Unser ganzes Denken und unser Danken sind in Bayreuth.
    Ihnen allen und einem jeden einzeln tausend innige Grüße! Ihr

Houston S. Chamberlain.


383-384 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Bayreuth, 25. 8. 94.

    Haben Sie Dank, mein Freund, für Ihr Verständnis meines Wesens, in all seinen Verzweigungen. Der letzte Beweis dieses Verständnisses rührt mich nicht zum wenigsten. Die Sonne strahlt jetzt wieder, und ich denke daran, daß Sie sich aufmachen, und daß Herakles der Hilfreiche Ihnen [durch eine geplante Kur in Herkulesbad] helfen wird. Gott walte es.
    Von Schweninger erhielt ich nur Aufsätze in der „Zukunft“ — aber diese ganz vorzüglich. Sie werden Sie unterhalten.
    Ich bin jetzt bereits bei Brünnhilde und Wotan, aber Lohengrin liegt mir doch noch sehr in dem Sinn. Ich danke Ihnen für die Erwähnung dessen, woran mir einzig liegt, nämlich daß wir hier nichts erfinden, sondern nach Kräften   a u s f ü h r e n.   Im übrigen will ich gern des Schweigens Herrin sein; ich meine, daß man mir da leicht sprechen kann, wo man auf das innigste schweigt.
    Leben Sie und meine liebe Nachbarin recht herzlich wohl und gedenken Sie mein, die ich mich Ihnen so ernstlich verbunden fühle.

C. Wagner.


384-385
Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.


Bayreuth, 17. September 1894.

    Ich bin wirklich gerührt, lieber Freund, daß Sie noch um unsern Lohengrin sich kümmern und sein Streiter bleiben. Sie erfüllen Elsas Wunsch: „O könnte ein Verdienst mich Dir vereinen“ — und mit inniger Genugtuung und Dankbarkeit habe ich Ihren 5. Aufsatz [in der „Ostd. Rundschau“] gelesen.
    Ich danke Ihnen auch für die Erwähnung der deutschen Fürsten, denn ich meine, es sei immer recht, auch das zu rühmen, was lobend hervorzuheben ist.
    Mr. Jullien hat in drolligster Weise in den Débats Münchens Betragen gegen Bayreuth dargestellt; Mr. Thorel schickte mir soeben diesen Aufsatz, woran auch er beteiligt ist, indem er einige Angriffe Julliens (u. a. Elsa auf dem Thron bei dem König) refutierte. Charakteristisch ist es für den Franzosen, daß ihn die Niederlegung der Mäntel auf den Sitzen bei dem Bett chokiert hat, und daß er behauptet, ein Pariser Publikum würde dies in Gelächter ausbrechen lassen. Meinen Sie nicht, daß man die ganze steife Tragédie vor sich hat?
    Und da ich — horribile dictu — bei Zeitungen bin, muß ich Ihnen schon von van Dyckschen Auslassungen erzählen — können Sie sich vielleicht die „Wiener Extrapost“ vom 10. September verschaffen? Sie würden darin erkennen, wie der berühmte Sänger „cherche à donner le change“, wie sein Benehmen hier ihn doch schließlich wurmt. Siegfried hat dem Redakteur über die angebliche Theorie der Aussprache in Bayreuth erwidert und gesagt, daß wohl ein Mißverständnis vorläge, dann aber einige Zitate aus den „Ges. Schriften“ gemacht, in welchen auf unsere Prinzipien gewiesen wird. Aber van Dyck als Korrektor der Aussprache ist doch eine der scherzhaftesten Erscheinungen des mauvaise foi. On en rit pour n'en pas pleurer — Sie sehen, ich bin ganz verwelscht, und am Ende kündigen Sie mir die Streiterschaft. So Gott will, nicht, denn ich käme um manches Schöne und Geistvolle, was mir zu lesen denn doch große Freude und Ermutigung bringt.
    Wir haben nur der Familie hier gelebt und fast jeden Nachmittag mit den Kinderchen Spaziergänge in unsern Wäldern gemacht, mir unendlich zusagend.
    Das Nachschlagen in „Oper und Drama“ hat mich wieder ganz eingenommen; können Sie nicht für unsere „Blätter“ und bei Gelegenheit der Van Dyckiaden etwas über diese unvergleichliche Erfassung der Sprache sagen? Es ist mir immer förmlich, als ob ich sie vor mir erstehen sähe.
    Leben Sie wohl, und seien Sie mit Ihrer lieben Frau in herzlichster Anhänglichkeit von uns allen gegrüßt.    C. W.


385-386 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

21/9/94. Herkulesbad.

    Ich danke Ihnen, hochverehrte Meisterin, von Herzen für Ihre gütigen Zeilen vom 17. d. Mts. Leider läßt mir meine Kur fast   g a r   k e i n e   Zeit, außer zum Denken; darum schleppen sich die Lohengrin-Briefe so hin. Auch dieser letzte Bf. hat aber, wie es scheint, angeregt, denn es liefen bei der Redaktion Dankesschreiben ein.
    Das van Dycksche Interview hätte ich gern gesehen; ich habe mir die Nummer bestellt. Diese Aussprachsgeschichte ist so grotesk, daß man sie einem so begabten Manne gar nicht zugetraut hätte. Ich möchte wissen, wie er sich die   „s c h a r f e   Aussprache“, die für Lohengrin (Bf. an Liszt, I, 78) ausdrücklich gefordert wird, denkt? — Zu Ihrem Vokabularium kann ich einen Beitrag liefern, aus Wien, wo van Dyck unvergleichlich schlechter noch ausspricht als in Bayreuth:   „E l s a: ... So halt' in Treu' ich dein Gebot. — L o h e n g r i n:   Alsa! 'chlllia — patti!“
    Ihre Erwähnung von „Oper und Drama“ hat mich elektrisch bewegt; die Kenntnis dieses wunderbaren und einzig entscheidenden Werkes zu verbreiten, iss ein schönes Amt. Ich glaube, meine Inhaltsangabe wird später dazu beitragen — wenigstens fahre ich fort, privatim die besten Erfahrungen damit zu machen.
    Mein Onkel Sir Neville, der Afghanistaner Held, hat nunmehr fest beschlossen, ehe er stirbt, Bayreuth zu besuchen — und nun hoffe auch ich auf eine Wiederholung des „Lohengrin“!
    Neulich träumte mir, Ihr Kutscher wurde plötzlich krank; ich habe seinerzeit das Fahren mit Vollblutpferden gelernt und wollte also diese Wissenschaft in Ihrem Dienste üben, um Sie mindestens nach Hause zu bringen; Sie hatten aber so gar kein Vertrauen zu mir, daß Sie darauf bestanden, ein anderer müsse fahren: dieser andere — dem Sie vertrauten — konnte es aber gar nicht; ich führte versteckt die Zügel — und wir kamen gut an!
    In Ehrfurcht Ihr

Houston S. Chamberlain.

*


386 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Villa Cargnacco Gardone, d. 15. Oktober 94.

    Hoffentlich hat Herkules Sie auf seine breiten Schultern genommen, und sind Sie ganz kuriert!
    Hier ist es wieder wundervoll, und das Zusammenleben mit unserer einzigen Malwida [von Meysenbug] das denkbar angenehmste. Eine Brahmssche Prinzessin ist auch hier, von Meiningen. Sie hat aber den Vorzug, wahrhaftig zu sein und die Wahrheit bei anderen zu lieben, so daß der Brahms-Kultus hier zur Erheiterung des Gesprächs dient, was er wohl selten bewirkt.
    Wer ist denn der „andere“, der mich schlecht kutschierte? Ich wäre auf den sehr neugierig — Aber daß ich Ihnen nicht vertraute, ist doch ein ganz unwahrer Zug, der mehr dem Wachen als dem Traume angehört.
    Leben Sie wohl, Freund, möchte Ihr Heim Sie recht traulich aufnehmen! Wir alle grüßen Sie und Ihre liebe Frau in herzlicher Ergebenheit.    C. W.

*


386-387 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Salò, Hotel Salò, Gardasee, d. 4. Novbr. 1894.

    Lieber Freund, wir sind auf dem Heimweg aus dem göttlichen Lande. 10ten in München auf 8 Tage, dann Bayreuth.
    Wilhelmj telegraphierte mir gestern von der ersten Probe [zum Londoner Konzert Siegfried Wagners]: „grand success“. Die Musiker fühlen eben, daß er seine Sache kann, und daß, wie mir bei Gelegenheit Bülows, der mit 20 Jahren gänzlich unvorbereitet an das Dirigentenpult in Zürich gestellt wurde, gesagt wurde [von Richard Wagner]: „Der Dirigent wird geboren, nicht erzogen, sein Können ist ein spontanes, kein erlerntes.“ Das sind göttliche Dinge, von denen die wenigsten etwas wissen.
    Von Amsterdam wurde mir seitens des Vereines „großartiger Erfolg“ [Konzert Siegfried Wagners] gemeldet.
    Herzlichste Grüße von uns dreien, still uns hier sonnenden Frauen!

C. W.
*


387-388 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Wahnfried, d. 17. Nov. 94.

    Bruckmann wird Ihnen, mein Freund, von unserer eingehenden Besprechung Mitteilung gemacht haben. Ich konnte nur zu allem ja sagen; Anordnung, Auszüge, Gesichtspunkte, von denen Sie ausgeben, alles teile ich.
    Heute ist Wahnfried wieder vollständig. Das Quartett fand sich aus den verschiedenen Weltgegenden wieder zusammen und hatte sich manches, Siegfried lauter Erfreuliches, mitzuteilen.
    Hier muß ich beichten: Ich habe das „Fremdenblatt“ in den Papierkorb geworfen, ohne ihm davon Mitteilung zu machen. In meiner Jugend machte ich es durch, wie Herr v. Bülow sich regelmäßig nach jedem Konzert durch Zeitungslesen die Laune verdarb; vergeblich bat ich ihn, dies zu lassen: von der Gemeinheit lerne man nichts. Daß die Bosheit auf der Welt sei, wisse man; und genau, wie man nicht sagen kann, daß man sich gegen die Schärfe der Luft abhärtet, wenn man sich dem Bewerfen mit Schmutz aussetzt, genau so könne man nicht sagen, daß man seinen Charakter stähle, wenn man von Gemeinheiten Kenntnis nehme. Er hat es nicht gelassen und hat des öfteren seine Unbefangenheit, diese goldene Frucht, darüber verloren.
    Auch unser König wäre sichern Schrittes in unsrer Sache gegangen, wenn er sich den Anblick der Gemeinheit erspart hätte.
    Dies war unser Gesetz in München, Triebschen und Bayreuth, so lange, wo nicht das Bedürfnis empfunden wurde, mit einem Schlage zu erwidern; dann wurde ich gebeten, unter der Masse der Zusendungen das herauszugreifen, was etwa eine Erwiderung verdiene, ja, angesichts einer bestimmten Situation benötigen sollte.
    Ich denke, Sie geben mir recht, oder wenigstens Absolution.
    Seien Sie gegrüßt, Sie und Ihre liebe Frau, auf das herzlichste!

C. W.

    PS. Wäre das Verhältnis zu der Rassenfrage nicht auch vor oder nach Politik zu behandeln und Gobineaus Freundschaft und Bild als Abschluß anzugeben?


388-389 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Wien, 19. November 1894.

    Den Poststempel „Bayreuth“ endlich wieder einmal zu sehen, hat uns, hochverehrte Meisterin, ganz heimisch angemutet.
    Ja, Herr Bruckmann hatte mir sofort ausführlich über Ihre Unterredung berichtet. Durch die Vorschläge, die Sie die Güte hatten zu machen, hat nun die Physiognomie des Ganzen sehr gewonnen; Herr B. ist von der Richtigkeit Ihrer Vorschläge ganz überzeugt. Ich kann ihm und seinem Werke nur wünschen, daß Sie ihm auch fernerhin mit Ihrem Rate — oder vielmehr mit Ihrer entscheidenden Stimme — zur Hand stehen. Nur dadurch kann es ihm gelingen, das richtige Buch zusammenzustellen.
    Was mich anbelangt, so bin ich in der Lage, mein   U n w i s s e n   täglich empfinden zu müssen. Für meine eigene Person, für mein eigenes Seelenleben (ich weiß, Sie können mich nicht mißverstehen) entbehre ich das, was ich nicht weiß, nicht im geringsten; im Gegenteil. Die Schriften, die Werke und die veröffentlichten Briefe genügen für mein ganzes Leben; sie sind auch mehr als genügend für das Umrißbild, das ich jetzt zu entwerfen habe, und das ich bestrebt sein will, möglichst einfach und plastisch, und möglichst wenig mit Namen überladen, auszuführen. Aber für Herrn B. ist deswegen der Rat von jemandem, der mehr weiß, unbedingt notwendig. Ein einziges Beispiel: von Frau von Muchanoff, deren Porträt im Buche Aufnahme finden soll (nach Ihrem Wunsche), weiß ich weiter nichts, als daß sie in Glasenapp [„Das Leben Richard Wagners“, 6 Bände, (Leipzig)] zweimal erwähnt ist, und zwar ist beide Male nur von ihrem Tode die Rede! So daß man zwar einsieht, es war bedauerlich, daß sie starb, aber keine Ahnung hat, was sie tat, als sie lebte! Von Ihnen habe ich den Namen im Gespräch auch gelegentlich erwähnen gehört und halte ihn darum hoch in Ehren, aber wie ein Bauer einen der Heiligen aus der „Ora pro nobis“-Litanei, den er verehrt, bei dem er sich aber nichts Bestimmteres vorstellt, als daß er ein heiliger Mensch war, dessen bloßer Name schon Segen bringen muß. Darum muß ich von Herzen hoffen, daß Sie auch fernerhin Herrn B. wohlwollend unterstützen.
    Daß ich selber manchmal des Rates, der Aufmunterung und der Berichtigung bedürfte, ist sicher. Jedoch, die Sachlage ist hier ungleich verwickelter; schließlich muß doch jeder seine Sache so gut machen, als er kann, und nach bestem Wissen und Gewissen. — Neulich wollte ich Ihnen die Einleitung zum zweiten Kapitel (Schriften und Lehren) mitteilen; stand aber davon ab aus verschiedenen Gründen, von denen die eine Erwägung schon genügte, daß heutzutage niemand das Recht auf eine Stunde Ihrer Zeit hat. Aber mit welchem tiefen Dank ich jede Anregung — auch die geringste — empfangen werde, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Darum danke ich auch herzlichst für die heutige, bez. Gobineau. Bis jetzt hatte ich die Berührung der Rassenfrage mir nicht unter Politik vorgenommen, sondern ein erstes Mal — zart angedeutet nur — unter Regeneration, und dann ein zweites Mal, etwas eingehender, und mit Spezieller Betonung Gobineaus unter IV, 2 (Der Bayreuther Gedanke). Dabei wäre natürlich bei Politik ein starker Nachdruck auf das „Was ist deutsch?“ gelegt worden, aber mehr so handgreiflich, politisch-praktisch. Für Ihre Anregung aber bin ich Ihnen auf jeden Fall sehr dankbar; denn wahrscheinlich haben Sie recht; und selbst, wenn Sie mich nur zum Widerspruch reizten, was von Ihnen ausgeht, ist auf alle Fälle produktiv.
    Mit einer Sache haben Sie ganz ohne jeden Zweifel vollkommen recht, und das ist bez. des Papierkorb-Vorfalles. Nur scheinen Sie meine Absicht nicht ganz verstanden zu haben. Ich glaube kaum, daß es möglich ist, weniger auf Zeitungsurteile zu geben, als ich es tue. Mit Ausnahme der kleinen „Ostdeutschen“ kommt ja   k e i n   e i n z i g e s   Tageblatt in mein Haus. Dieser Ausschnitt wurde mir — wie so manches andere — brieflich zugeschickt. Wenn ich aber gerade diesen einen Bericht weitersandte, trotzdem er gänzlich ohne jede Bedeutung war, so geschah es einzig und allein, weil er — angeblich — auf einem   I n t e r v i e w   zum großen Teil beruhte. Meine Zusendung hatte die Absicht, eine   W a r n u n g   zu sein.
    Meine Frau trägt mir herzlichste Grüße auf; ich schließe mich ihr an und bin in ehrfurchtsvoller Treue Ihr ergebener

Houston S. Chamberlain.


390 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Bayreuth, Wahnfried, d. 21. November 94.

    Herzlichsten Dank für Ihre Zeilen, mein Freund! Ich war sicher, daß Sie mich verstehen würden, und habe Sie natürlich auch gleich verstanden.
    Ihre Anordnung und Vereinfachung des Buches kann ich nicht genug rühmen. Das ist das, was jetzt vor allem not tut, da man wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.
    Marie Mouchanoff trat, von meinem Vater in Rußland gewonnen, als 17jährige Frau in Dresden ein. Von da ab hörte sie nicht auf zu wirken, wie sie konnte, und in Paris trat sie (durchaus nicht sehr vermögend) für das Defizit der Konzerte ein. Niemand hat dies je erfahren; sie erhielt die Skizzen zum „Tristan“ mit einer schönen Widmung geschenkt und vermachte mir diese.
    Im Augenblick, wo ich   R a s s e   zu   P o l i t i k   zählte, fühlte ich das Unrichtige; Sie haben ganz recht. Und ich wollte nur an das Thema erinnern, da hier auch die Initiative ergriffen worden ist und der Anstoß zu der Bewegung gegeben wurde.
    Sehr gut wäre es, wenn das Buch gleichzeitig englisch erscheinen könnte.
    Morgen fahre ich auf 8 Tage nach Dessau, für „HänseI und Gretel“ und zwei Teile des „Ringes“. Dann aber endlich seßhaft in Wahnfried.
    Alles Herzlichste Ihnen und Ihrer lieben Frau von uns allen!              C. W.


390 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Erbprinzliches Palais Dessau, 24. 11. 94.

    Mein Freund, mit wahrer Rührung habe ich Ihren Abschluß [„Lohengrin in Bayreuth“, 9. Brief, „Ostdeutsche Rundschau“, Wien, 18. 11. 94] von „Lohengrin“ gelesen und drücke Ihnen dafür die Hand. Wollen Sie die Güte haben, mir, wenn Sie es nicht zu sehr bemüht, alle Kufferatschen Irrtümer [in der damals im Guide musical (Brüssel) erscheinenden Übersetzung der Briefe Richard Wagners an August Röckel ins Französische.] mit der Schreibmaschine anzugeben. Ich werde dann selbst an K. schreiben.

    Ihnen alles Herzlichste, schönste und Beste!    C. W.


391 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

28. Nov. 94. Wien.

    In Beantwortung Ihrer gütigen Zeilen aus Dessau vom 24sten gestatten Sie, hochverehrte Meisterin, daß ich zuerst ein schönes Zitat aus einem wenig gelesenen Aufsatz Carlyles anführe:
    „Great souls are always loyally submissive, reverent to what is over them; only small mean souls are otherwise. I could not find a better proof of what I said the other day, that the sincere man was by nature the obedient man; that only in a world of Heroes was there   l o y a l   o b e d i e n c e   to the Heroic.
    Diese herrlichen Worte werden Sie gern lesen, ich weiß es; aber Sie haben natürlich längst erraten, daß sie zugleich mir als „schirmender Schild“ dienen sollen. Loyal obedience to the Heroic ist gewiß mein Lebensgesetz, aber dennoch erblaßte ich bei Ihrem Auftrag, Ihnen „alle Kufferatschen Irrtümer anzugeben“. Der bloße vierte allein würde ein immenses Aktenstück abgeben — wenigstens nach meiner Auffassung von dem, was eine Übersetzung zu sein hat. Denn mit den großen, groben Mißverständnissen ist die Sache noch lange nicht abgetan; Herr K. verfügt über eine ganze Skala bis hinunter zu dem Heer der kleinen Nachlässigkeiten, die einzeln genommen nicht sehr viel auf sich haben, aber durch ihre Zahl den Stil — ich spreche namentlich von dem, was man wohl den „Gedankenstil“ nennen kann — völlig verunstalten.
    In ehrfurchtsvoller Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


391 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Wahnfried, 4. Dez. 94.

    Nur zwei Zeilen bei der Rückkehr von Dessau. Natürlich bin ich einverstanden mit Ihrem Vorschlag bezüglich Kufferaths.
    Nächstens werden Sie den lieben Humperdinck sehen, dem ich Ihre Adresse gegeben habe. Eine echte Weihnachtserscheinung! Bitte, empfehlen Sie ihm doch den guten, berühmten Ohrenarzt in Wien.
    Das Buch von Bähr [„Gespräche mit Schopenhauer“] gefällt mir sehr. Alles darin scheint mir echt. Endlich einer, der nicht sich, sondern den großen Mann sah!
    Tausend herzlichste Grüße       C. W.


392-393 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

19. 12. 04. Früh, Wien.

    Ich weiß, es freut Sie, hochverehrte Meisterin, von dem ungewöhnlich großen Erfolg von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ bei ihrer gestrigen ersten Aufführung in Wien zu hören. — Etwas Ähnliches mag wohl seit den seligen Mascagni-Tagen nicht hier erlebt worden sein; denn nur ein homme du métier vermöchte es zu melden, wie oft der liebenswürdige Verfasser in seinen zu kurzen Beinkleidern und Pelzschuhen (die ihn beide besser kleideten als alle erdenkbare Eleganz) vor die Rampe gerufen wurde sowohl nach dem zweiten, als nach dem dritten Bilde. Auch während der Aufführung webte oft wie ein leiser Wind die Bewunderung durch das ganze Haus. Wie entzückt wir waren, brauche ich ja nicht zu sagen. Es tat einem wohl ums Herz, wie seit Ewigkeiten nichts. Es war wirklich ein „Schwinde   H e r z e n s s t a r r e,   busch!“.
    Am Abend vorher hatte ich zum erstenmal seit Bayreuth wieder Musik gehört: „Fidelio“ — und wiederum empfunden, daß Beethoven der größte aller Menschen ist. Es hat wohl vor ihm und nach ihm Vollkommenheit gegeben, die an die unmittelbar göttliche gemahnt, und die man sich nicht anders als in Augenblicken gänzlicher Entrücktheit der Gottheit abgelauscht entstanden denken kann; bei Beethoven dagegen ist es immer der   M e n s c h — der Mensch, der den Himmel erstürmt —‚ dessen Klagen und dessen Jubel, dessen „Hoffnung“ und dessen Verzweiflung nur dem Heben und Senken   d e s s e l b e n   Flügelschlages gleichen. Und da finde ich die so vielfach gerügten Mängel des Fideliotextes so wunderbar am Platze, so von der Vorsehung bestimmt. Was hätte Beethoven mit einem Meistersingertext angefangen? Oder selbst mit einem „Fliegenden Holländer“, wo doch viel „Beethoven“ durch die Dichtung weht? Der kühne Schiffer hätte sich gewiß als „land-lubber“ gefühlt; seine ganze Kunst entwickelt der Seemann nur im Segeln   g e g e n   den Wind. Alle Augenblicke wird doch in „Fidelio“ das absolut vollkommen Schöne über uns ausgeschüttet, und das Unzureichende der dramatischen Konzeption und Form ist wie eine Hand, die immerwährend auf das Jenseits weist, wodurch der Eindruck von Beethovens Musik eine Intensität der Wirkung erreicht, die ganz unvergleichlich ist. Diese ewige   W a h r h e i t,   die überall durch kindische Bühnenkonventionen und unwahre Schablone hindurchglänzt, hat schon an sich allein etwas unsäglich Rührendes; gerade hierin erreicht das Menschliche — das notwendig Unvollkommene des Menschlichen — seinen ergreifenden Ausdruck. So macht sich das Genie alles dienlich, und niemals wird die Musik etwas Ergreifenderes und Vollendeteres bewirken, als der langsame F-Dur-Satz des Schlusses ist, wo der dumme Chor ringsherum aufgepflanzt steht, und als hundert andere Sachen, in denen Beethoven häufig ein einziger Takt genügt hat, um den Gefühlsinhalt einer Welt von Empfindung ganz zu erschöpfen — Jedoch, ich griff zur Feder in der Hoffnung, sie würde bescheidener als die Maschine sein! Entschuldigen Sie, wenn der Versuch mißlang.

    In Ehrfurcht und treuer Ergebenheit Ihr        H. S. C.


393-394 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

23. Dez. 94. Wien

    Diesmal nahe ich mit leeren Händen, hochverehrte Meisterin. Unter diesem Weihnachtsbaum stehe ich also nur unsichtbar. Dennoch hoffe ich, daß Sie auch mich als gegenwärtig empfinden werden. — Außer dem engen Familienkreise sind wir wohl nur zwei oder drei, deren Gedanken täglich in Bayreuth weilen, deren Herz und Verstand nicht allein von dem „Bayreuther Gedanken“, sondern namentlich von dem „Denken an Bayreuth“ fast ununterbrochen erfüllt sind, und zu diesen gehöre auch ich. Namentlich gerade in diesem Winter lebe ich ja von früh bis abends in dem Zauberkreis von „Bayreuth“ und entferne mich auch nicht aus demselben, wenn ich in Mußestunden in Hafis und Calderon, in Schopenhauer und Goethe, in Treitschke und Ruge, in Herwegh und Dingelstaedt blättere. Und da es mir ebensowenig möglich ist, eine Idee ohne   P e r s o n   zu denken, wie es einem kindlichen Gemüt nicht gelingen will, sich Gott ohne Gestalt vorzustellen, so hat sich mein Geist gewissermaßen bei Ihnen in Bayreuth   n i e d e r g e l a s s e n — Ich hoffe, er fällt Ihnen nicht beschwerlich!
    Aus dieser Stimmung heraus und in diesem Sinne sende ich meine Grüße und die innigsten Wünsche zu Ihrem Namenstag und zu dem „merry Christmas and happy New Year“.
    Du Sie ja nur „einer   W e l t   zuliebe“ leben, ist es mir immer, als hätte der einzelne gar kein Recht auf Sie, nicht einmal das, seine Wünsche Ihnen zu Füßen zu legen. Was Sie tun und wirken, geht uns alle eigentlich gar nichts an; Sie stehen im Dienste eines Jenseits, Ihr Werk zielt über unser aller Köpfe weit hinweg, Sie sind über Lob ebensosehr wie über Tadel erhaben, und selbst mit der Dankbarkeit ist es ein eigen Ding. Wenn ich Ihnen danken hörte, empfand ich es fast immer als ein „jarring“ Mißverhältnis. Ich glaube doch, die ehrfurchtsvollste   L i e b e   ist die einzige Huldigung, die Ihnen in Wahrheit dargebracht werden darf; im Lobe liegt Vermessenheit, im Danke Naivität; nur die Liebe ist kein tönendes Erz und „klingende Schelle“.
    In Ehrfurcht und Treue Ihr ergebener

Houston S. Chamberlain.

    Dr. Thode hat uns sehr durch die Zusendung seines „Ringes“ [„Der Ring des Frangipani“] erfreut. Diese Geschichte ist ein wahres Märchen. And if the Mottos are meant to „exercise the reader's imagination“, they certainly succeed in sodoing!


394 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1894.

Wahnfried, Weihnachten 1894.

    Mein Dank für den Bericht über „Hänsel und Gretel“ kommt in der Form eines Grußes aus dem Knufperhäuschen, welches uns niemand verbieten kann, am Meere oder in der Champagne anzunehmen. Ja, selbst in Florestans Gefängnis, wenn wir uns den himmlischen Chor des Schlusses dazu singen!       C. W.


394-395 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.


Aus dem Jahre 1895

Wahnfried, 28. Januar 1895.

    Endlich, mein Freund, gelange ich dazu, Ihnen für die Einleitung [zum Buche „Richard Wagner“] zu danken. Sie hat mich sehr gefesselt, als ich sie gestern las, und ich könnte sie mir nicht vorzüglicher denken. Das einzige, worum ich bitten möchte, wäre um einen prägnanteren Ausdruck für „Kunstübung“, weil mir dieser nicht ganz deutlich erscheint. Ich danke Ihnen herzlich für die Freude, die ich von dieser Arbeit hatte!
    Ich lege hier ein Interview im „New York Herald“ von Madame Nordica bei. Nicht, wie Sie wohl denken, wegen der Äußerungen über mich, sondern wegen ihrer Auslassung des Eindruckes des Orchesters auf Sie. Verstimmt war unser Orchester nicht!
    Wie geht es Ihnen, Freund? Die Kälte ist bei uns grimmig, und ich frage mich, wie sie Ihnen bekommt?
    Ich weiß, daß Sie mich entschuldigen, wenn ich hier schließe, und daß vielleicht keiner wie Sie es sich so lebhaft vorstellt, wie es in meinem armen Kopfe bestellt ist. Wär's nicht so ernst, man könnte über mich lachen. Ja, ein alter, vornehmer Freund tat dies in Berlin, als ich ihm auf seine Frage, wen ich für den „Ring“ gewählt, erwiderte: Niemand. Er meinte, ich wollte mich wohl mit Hoboen und Klarinetten begnügen. Gott gebe, daß dieser „Outis“, ein Odysseus, als Frühlingsgott sich ergebe, der mir den Lenz des Talentes und der Stimme brächte. Vorläufig ist Frost da, und: „Du bist der Lenz“ werde ich wohl lange nicht zu singen haben.
    Seien Sie dafür bedankt, daß Sie in diesen Zustand die Freude an Ihrer Einleitung zuströmen ließen, und seien Sie und Ihre liebe Frau auf das herzlichste von uns allen gegrüßt!              C. W.

    Siegfried ist jetzt in Schwerin.


395-396 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

3. 2. 95. Wien.

    Das war wohl die schönste Überraschung, die mir zuteil werden konnte, einen Brief von Ihnen, hochverehrte Meisterin, zu erhalten. Es häuft sich gerade in diesem Winter, wo ich heitere Ruhe so nötig hätte, soviel Ärgernis und Widerwärtigkeit an — von Köchinnenkrisen bis zu einem Diebstahl an meinem Eigentum, den die Illustrated London News jetzt begeht, indem sie unsere so mühsam hergestellten bosnischen Photographien und auch Text von mir, dem Artikel irgendeines Schmocks einverleibt, der 8 Tage vorigen Sommer dort zubrachte, meinen Namen gänzlich unterdrückt und mir nun nachträglich eine Geldentschädigung anbieten läßt — „es hätte sich nicht anders machen lassen“ — ! Nun, wie gesagt, ein Wort von Ihnen, und ich lache auf und schäme mich, daß derartige Infamien auch nur eine Wolke über die gute Laune zu werfen vermögen.
    Ich bin Ihnen besonders dankbar für die gütigen Worte, die Sie mir bez. jener „Einleitung“ sagen. Sie war mir ziemlich entschwunden; ich las sie jetzt wieder und sah, daß recht viel daran noch zu feilen, klarer zu fassen und zurechtzurücken ist. Aller Anfang fällt mir sehr schwer, und das war ein Anfang. Natürlich ist das Wort „Kunstübung“ ganz unmöglich; vielen Dank für den Hinweis; seine eigenen Sachen liest man oft durch, ohne die haarsträubendsten Dinge zu bemerken, die einem anderswo sofort auffallen würden.
    Ich lebe eben ganz und gar in den Schriften und Briefen, und das erregt mein ganzes Wesen so bis in die letzten Fasern von allem, was mein „ich“ ausmacht, daß ich einer Äolsharfe — nein, das ist zu schön, sagen wir einer stark „überspannten“ Violine gleiche, die bei jedem Hauch erzittert und mittönt.
    Vielen, vielen Dank für den „New York Herald“. Sie müssen mir die Versicherung gestatten, daß ich niemals,   n i e m a l s — au grand jamais! — geträumt, gedacht, gesagt, geschrieben noch gedruckt habe, das Bayreuther Orchester sei „verstimmt“. Der Erfinder dieser wilden Märe kann wirklich von sich sagen: „Schön ist, o Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht!“
    Winckelmann traf ich zweimal jetzt. Ihnen und der Bayreuther Sache in unwandelbarer Treue ergeben; es ist immer ein ungemischtes Vergnügen, mit ihm von Bayreuth und von Ihnen und von Ihren Kindern zu sprechen. Ich glaube, Sie haben wenige so wirklich treue und zugleich verständnisvolle Freunde unter den Bühnenkünstlern. Durch seine Hilfe bekamen wir endlich wieder Karten zu „Hänsel und Gretel“ — aber ein Publikum! Selbst nach der Engelerscheinung saß das ganze P. T. Logenpublikum da, stierten sich gegenseitig an — n i c h t   e i n e   H a n d   rührte sich (außer oben, wo Menschen mit Herzen saßen) —‚ ich erntete verachtungsvolle Blicke für meinen „unfeinen Applaus“, klatschte aber nur um so mehr. — Immer herzlichsten Dank für jede Nachricht über Ihren Sohn; ich erfahre sonst nur, was der „Temps“ bringt. Heute stand von der „Sehnsucht“! [Ungedruckte Symphonische Dichtung Siegfried Wagners.] Ist's wahr?
    Verzeihen Sie gütigst diese Plauderei Ihres in ehrfurchtsvoller Treue ergebenen

Houston S. Chamberlain.


396-397 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Bayreuth, d. 28. Februar 1895.

    Der Erbprinz H. erzählte mir, Sie hätten ihm Appias Schrift [Über die Inszenierung des „Ringes des Nibelungen“] angekündigt, er habe sie noch nicht erhalten. Ich sagte ihm, daß für uns die Inszenierung in den Partituren genau angegeben ist, und daher diese Arbeit keinen Wert habe, daß aber für Frankreich   m ö g l i c h e r w e i s e   etwas dabei herausschaut, obgleich auch dort sie besser tun, einzig nach der Angabe der Dichtung sich zu richten. Er wollte Ihnen danken, mein Freund, wenn die Sendung angekommen.
    Siegfried macht sich nun morgen auf nach Pest. Heute hören wir seine „Sehnsucht“, die er seinen Militärs hier tant bien que mal einstudiert hat.
    Wenn Sie Winckelmann wiedersehen, grüßen Sie ihn herzlichst von mir. Mir war er immer einer der Liebsten   a u f   und   a u ß e r h a l b   der Bühne.
    Neulich soll Mr. Balfour so schön über die soziale Frage gesprochen haben. Sehen Sie englische Zeitungen, worin das stand? Ich würde es gern lesen, weiß aber nicht, wie es mir verschaffen.
    Daß Sie noch dazu kommen, Klopfstock zu zitieren, hat mich gerührt. Soweit habe ich es noch nicht gebracht, obgleich ich gehörigen Respekt vor dieser Erscheinung habe.
    Verzeihen Sie das Abgebrochene meiner Zeilen und wickeln Sie alles in Herzlichkeit ein! Ich bin wirklich ein gehetztes Wild, und soviel unabweislich Unnützes fügt sich zu dem Notwendigen.
    Alles Beste Ihnen und Ihrer lieben Frau in freundschaftlichster Gesinnung!        C. Wagner.


397-398 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

1. März 1895, Wien.

    Daß Sie meinen Klopstock gleich „revélé“ haben, hat mir, hochverehrte Meisterin, große Freude gemacht: für das eine Mal im Leben, daß ich meinen einzigen Klopstock-Vers habe anbringen zu können geglaubt, bin ich schön 'reingefallen! — Als ich etwa nämlich vor 20 Jahren begann, mich zwar recht kümmerlich, aber einigermaßen verständlich deutsch auszudrücken, schloß ich mich in der Schweiz einer kleinen Gesellschaft von Deutschen an: ein Leutnant, ein Assessor, ein Kaufmann, ein Student, grenzenlos fade Menschen. Regelmäßig, sobald wir auf irgendeinen schönen Aussichtspunkt anlangten, deklamierte der eine oder der andere: „Schön ist, o Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht!“ Worauf dann ebenso regelmäßig ein anderer in persiflierendem Tone hinzusetzte: „Schöner ein froh Gesicht, das den großen Gedanken deiner Schöpfung noch einmal denkt!“ (Pardon, wenn die Verseinteilung mangelhaft sein sollte; ich habe diese Worte nie gedruckt gesehen.)
    Mir, dem führerlos schwärmenden Jüngling, in Childe Harold, Shakespeare und Schiller getränkt, Botanik und Geologie eifrig — und wie ich jetzt einsehe, aus poetischem Bedürfnis, der „Mutter Natur“ näherzutreten — betreibend, mir machten diese Worte einen unauslöschlichen Eindruck: so als wäre meinem so aufrichtigen Wunsche, mir das Deutsch zu assimilieren, plötzlich ein unübersteigliches Hindernis in den Weg gelegt worden. Ich gab mir aufrichtige Mühe, diese Verse schön zu finden; es wollte aber nicht gelingen. Ich fand sie ebenso prosaisch wie die Jünglinge, die sie zitierten. Es ist schwer, solche Eindrücke zu schildern; es ist nichts dabei zu erzählen, und doch liegt ein Leben darin — auf der Heimwehfluh war es einmal, wo mir bei dieser üblichen poetischen Hanswurstiade wie eine Wolke vor den Augen vorbeizog: das Gefühl der Einsamkeit. Natürlich vergaß ich diese Verse darum nie; und auch jetzt, wenn ich sie mal höre, zieht die Wolke wieder vorbei und zugleich die Erinnerung an jene herrliche Jungfrau, die es verdient hätte, von keinem Philister jemals angeblickt zu werden. Ich hätte mich eben gern an jenem Verse gerächt!
    Wolzogen hat übrigens in den „Bayreuther Blättern“ [IV./V. Stück „Lit. Anzeigen“] ganz hübsch und richtig über Appias Versuch geschrieben. Den Ausdruck „drame wagnérien“ hat er von mir und in meinem Sinne genommen und versteht darunter das Wort-Ton-Drama   ü b e r h a u p t,   nicht dieses oder jenes Werk. Er nimmt (ohne es zu wissen) eine Idee wieder auf, die schon Goethe beschäftigt hatte, und die nirgendswo in den „Ges. Schriften“ behandelt wird — wie die Musik, durch ihre Mitwirkung am Drama, nicht bloß die Zeit, sondern implicite auch den   R a u m   bestimmt etc. —‚ eine Betrachtung, die an und für sich, wie mir scheint, von hohem Interesse ist.
    Ihr in ehrfurchtsvoller Liebe ergebener

Houston S. Chamberlain.

398-399 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

2. 3. 95. Wien.

    Heute, hochverehrte Meisterin, will ich nur noch bestätigen, daß ich nach London an meinen Bruder wegen Balfours Rede geschrieben habe.
    Von Balfours neuem Buch: „The foundations of Belief“ — oder ähnlich — war jetzt öfters die Rede. Neulich stieß ich auf ein ganzes Päckchen Notizen, die ich seinerzeit über sein „Philosophic Doubt“ angelegt hatte, um Ihnen ausführlich darüber referieren zu können. Merkwürdig ist es, daß ein solcher Mann nicht imstande ist, die grundlegende Frage aller Metaphysik: „Wie ist Erkenntnis möglich?“ überhaupt zu begreifen. Was er über Kant referiert, ist geradezu haarsträubend; er hält ihn einfach für einen Esel. Und sonst ist Balfour in diesem Buche unendlich scharfsinnig, er demoliert die Empiriker, daß es eine Freude ist, und die Positivisten etc. Zugleich offenbart sich in ihm eine umfassende Breite des Verstandes und ein tiefes Gemüt. Nur das „metaphysische Bedürfnis“ (von dem Kant und Schopenhauer soviel berichten), das ist bei diesen Engländern ganz und gar in   R e l i g i o n   aufgegangen. Und ein gänzlich unmetaphysischer Mensch mutet einem   f a s t   ebenso fremd an wie ein unmusikalischer.
    In ehrfurchtsvoller Ergebenheit Ihr              H. S. C.


399 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Bayreuth, 8. März 1895.

    Vielen Dank, lieber Freund, für Balfour! Nicht nur für den Brief an Ihren Bruder, sondern auch für Ihre Beurteilung des bedeutenden Staatsmannes, von der ich sagen würde, daß sie mir aus dem Herzen geschrieben ist, wenn ich nicht vielmehr sagen müßte, daß sie einen Ausdruck brachte, nach dem ich unbewußt lange gesucht. Und wie recht haben Sie mit Metaphysik und Musik!
    Sahen Sie den Siegfried nicht? Er Schrieb mir, an dem Vormittag, den er in Wien zubrachte, „jetzt gehe ich zu Chamberlain“. Sollte ihm das Unwesen von Agenten etc. zwischen seinem Vorsatz und seiner Abreise in den Weg gekommen sein.
    Ihnen alles Beste! Bald werden es zwei Jahre, daß wir die schönen Tage in Les Avants hatten! Denken Sie noch daran?             C. W.

    Für Schiller seien Sie hochgelobt! Und was Gluck anbetrifft, haben Sie sehr recht. „Vorgänger!“


399-400 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

9/3/95 Wien.

    Heute brauche ich keine Entschuldigung, hochverehrte Meisterin, denn ich will Ihnen nur sagen, daß Ihr Sohn sehr wohl und munter aussieht, trotz aller Strapazen. Gegen Abend kam er gestern zu uns — eine höchst freudige Überraschung, da wir nicht wußten, daß er durch Wien reisen würde, und da es in einer Großstadt immer ein Opfer ist, Besuche zu machen, ein Opfer, das ich um so weniger erwarte, als ich mich selten selber dazu aufschwinge. Eine ganz geringe Spur von Müdigkeit legte sich hin und wieder auf die Augen, aber wahrlich kein Wunder, da er die Nacht vorher bankettiert worden war, und dann um 6 Uhr früh für den Wiener Zug hatte aufstehen müssen. Es fiel mir aber sehr auf, wieviel kräftiger, „stämmiger“ er aussieht als vor zwei Jahren; er scheint — gottlob! — aus jenem Jünglingsalter, in dem er oft fast erschreckend zart aussah, endgültig herausgewachsen; dadurch gewiß auch physisch den großen Aufgaben gewachsen, für die die geistige Anlage nie bezweifelt werden konnte. Gestern wieder wie schon früher rief es immer wieder in meinem Innern, als ich ihn ansah (mit Leonore): „Es gibt eine Vorsehung! Ja, ja, es gibt eine Vorsehung!“
    In Ehrfurcht und Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


400 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Wahnfried, 13. März 1895.

    Dank für alles Liebe und Gute! Und für das Bild, welches Sie mir von meinem Sohne geben! Wenn ich mich seiner auch bei allen Gelegenheiten freue, so ist es mir doch schwer, ihn manchem ausgesetzt zu wissen; diese Empfindung ist so stark, daß ich in dem Schmerz über den mit ihm nun wieder begonnenen Kreislauf manchmal das Bedürfnis, aus der Welt zu fliehen, habe, dahin, dahin, wo meine Seele Ruhe wiederfände; unter blauem Himmel und in milder Luft! Und doch fühle ich mich hier mit allem, was ich bin und fühle, geheftet! Wundersam half mir vorgestern nachts die Natur, ich wachte auf und sah von meinem Bette aus den Mond langsam untergehen. Er sank in den Schoß seiner heiligen Mutter! Der Himmel war tiefblau, wie des Wanderers Mantel, und die Äste strahlten, als ob von dieser Verklärung der Frühling nun ausging. Und es war gut, und ich versank auch und schlummerte ein.
    Kurz nach dem Kriege 66 war eine Freundin von mir in Kissingen. Sie verkehrte dort mit dem Volk, und eine Bauernfrau erzählte ihr, daß in diesem Jahre (also 67) viele Zwillinge in der Gegend geboren waren: „Das sind göttliche Dinge“, fügte die Volksfrau hinzu. So empfinde ich, Siegfried gewahrend, und Ihr Wort, „Es gibt eine Vorsehung“, sagt mir das gleiche.
    Haben Sie Dank, und seien Sie innigst gegrüßt!        C. W.


401 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Wien 14/3/95

    Reineke Fuchs im ursprünglichen Volksbuch hat mich köstlich unterhalten; es ist lange, hochverehrte Meisterin, seit ich Goethes las, ich glaube aber, das Volksbuch gefällt mir besser. Es ist ein so vollendetes „Kunstwerk“ (was man von den meisten dieser Volksbücher nicht sagen kann), daß man nicht begreift, wie das Bedürfnis entstand, es neu zu dichten. Daß der kleine Hund „Wackerlos“ von allen Tieren der einzige ist, der nicht deutsch,   s o n d e r n   f r a n z ö s i s c h   spricht, das hat mir wohlgetan, mit Bezug auf Vorwürfe, die ich deswegen 1892 von Ihnen bekam! [Ch. sprach mit seinem Hund französisch.] Ich war so krank, als ich es las: daß ich wieder einmal recht hatte, machte mich förmlich gesund!
    Ein schreckliches Volksbuch ist die Melusine. Geschmacklos und häßlich und formlos.
    Inzwischen bin ich aber zu meinem Buche [„Richard Wagner“] schon zurückgekehrt und schreibe den Lebenslauf. Ich merke, er wird sehr eigentümlich anders ausfallen als bei anderen Autoren, was mir allerdings nicht bloß durch eigene Kunst gelingt, sondern weil ich Glasenapp [„Das Leben Richard Wagners.“ In 6 Büchern.] voraussetzen kann. Zwar kann ich ihn nicht als bekannt voraussetzen; ich verweise aber alle, die nach Detail lechzen, auf ihn. Es wäre einfach lächerlich, aus diesem klassischen Werk einen Auszug zu geben.
    Ich fürchte nur, mein Buch entfernt sich so sehr aus den betretenen Pfaden, daß es nicht vielen gefallen wird. Hoffentlich sind die Bilder recht schön!
    Viele Grüße von uns beiden, und immer zwei Herzen voll Dank zum Bersten für Ihre liebevolle Güte zu uns.

    In Ehrfurcht                  Houston S. Chamberlain.


401-402 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

    27/3/95 Wien.

    Wenig mit Zeitungsnachrichten versehen, habe ich erst gestern abend von „Rienzi“ [vgl. den folgenden Brief] in Berlin gelesen und kann nicht anders, als Ihnen, hochverehrte Meisterin, ans tiefstem Herzen einen Glückwunsch zu dieser neuen Tat auszusprechen. Als neuer Rienzi führen Sie den Wahlspruch: „Der ganzen Welt gehöre Bayreuth!“ Auch dieses herrliche Drama hätten Sie nun errettet! Wahrlich, es waltet hier auch jene „Vorsehung“, von der wir neulich sprachen.
    Selbst die dumme Zeitungsnotiz zeugte von wirklicher Ergriffenheit und von naiver Verwunderung. Die guten Leute glaubten allen Ernstes, „Rienzi“ zu kennen, „die Oper im Meyerbeerschen Stil“, und bleiben jetzt ganz baff. Gott, die Augen wird ihnen auch diese Erfahrung nicht öffnen; Sie wissen ja, unser Auge hat außen eine sogenannte „Hornhaut“, und sie ist halt sehr hörnern — aber Wecker des Lebens sein zu können wie Sie, das ist doch herrlich und eine göttliche Gnade, und vermögen Sie es auch nicht, den Menschen den Verstand zu erweitern, Sie öffnen ihnen doch allmählich das Herz. Mir scheint das Schicksal bestimmt zu haben, daß ich hauptsächlich von Ahnungen und Mitgefühl leben soll; auch den „Rienzi“ durfte ich nicht miterleben. Durch die Empfindung von dem, was   S i e   dieser Tage im innersten Herzen durchlebt haben mögen, ist es mir aber doch, als wäre ich dabeigewesen, irgendwo im tiefsten Schatten, von wo aus ich das Kunstwerk ganz genoß, da ich auf der einen Seite die große Tragödie vor Aug' und Ohr sich abspielen sah, und auf der anderen die Gestalt des einzigen lebenden Menschen gewahrte, der die ganze Gewalt, den ganzen Schatz von Schönheit und Wahrheit, den dieses Werk birgt, voll zu schätzen vermag — ich meine, überhaupt zu würdigen und unmittelbar lebendig zu empfinden.
    Warum ich das alles sage, weiß ich nicht; gerade diese „Rienzi“-Nachricht hat mich aber besonders tief ergriffen, und vielleicht werden Sie mich besser verstehen, als ich mich selber.
    Bei Kapitel I [des „Richard-Wagner“-Buches] habe ich augenblicklich gegen eine eigentümliche Anfechtung anzukämpfen: eine fast unüberwindliche Abneigung, Namen zu nennen. Über Adolf Wagner habe ich eine (glaube ich) hübsche Seite geschrieben, auch über Vater, Mutter und Stiefvater das Interessante kurz vorgebracht, auch Rosalie Wagner die warmen Worte gewidmet, die sie zu verdienen scheint, aber sonst scheinen mir sowohl Verwandte wie Unverwandte bis zum Eintritt von Franz Liszt eine so trostlos öde Gesellschaft — alle diese Alberts [Albert Wagner] und Laubes und Dorns und Stahrs und Pechts, und wie sie alle heißen, dazu die Meyerbeers und Schlesingers und Lüttichaus — der Biograph vom Jahre 2895 wird es gut haben, daß er alle diese Schattengestalten auslassen kann; ich will ihm aber tüchtig vorarbeiten!
    In ehrfurchtsvoller Angehörigkeit Ihr

Houston S. Chamberlain.


403-404 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Bayreuth, 29/3/95.

    Ich danke Ihnen herzlich, mein Freund, für Ihre Teilnahme an meinem   „R i e n z i“!   Es war mir eine Befriedigung, auch gegen dieses Werk die Schuld der Dankbarkeit einigermaßen abzutragen. Vor zwei Jahren war ich mit meiner kleinen Arbeit, welche darin bestand, einiges aus der Originalpartitur einzutragen und dafür manches zu entfernen, fertig; ich fügte ein ziemlich vollständiges Regiebuch hinzu, besprach Dekorationen mit Brückner und Kostüme mit dem — Berliner Kostumier! Und wartete. (Daß ich mit Muck mich eingehend verständigte, brauche ich nicht zu sagen.)
    Vor 14 Tagen nun ward ich zu Haupt- und Generalprobe gerufen. Da hatte ich mit Anerkennung zu gewahren, daß man sich eine sehr große Mühe gegeben hatte (die Orchesterleistung war tadellos) und nach Möglichkeiten meine Angaben befolgt hatte. Das   L e b e n   fehlte; in einer dritten, freundlich eingeschobenen Probe suchte ich nachzuhelfen, und aus Mucks beigelegter Depesche sehen Sie, daß es geholfen hat. Eine wahre Freude waren mir die Solisten, welche trotz angestrengtester Arbeit mit größter Willigkeit, ja mit Enthusiasmus, indem sie mir bei jeder kleinsten Angabe die Hand küßten, auf alles eingingen. Immer wieder sieht man bei uns in Deutschland die großen Möglichkeiten, und über den Schmerz ihrer Verwahrlosung trägt uns der Trost solcher Einzelerfahrung hinweg.
    Ich habe nichts, außer Mucks Depesche und einem Briefe von Tschudi, erfahren. So freut es mich, daß doch zu Ihnen etwas von dieser kleinen Episode gedrungen. Die in der Generalprobe zugegen, sagten mir, es sei ihnen ein neues Werk.
    Inzwischen spielte sich in München Siegfrieds Auftreten ab. Die Kinder, welche zugegen waren, erzählten mir, daß am Schluß das Publikum, wie bei den „Meistersingern“ zu Hans Sachs, zu ihm hinströmte. Es soll sehr ergreifend gewesen sein. Zumal bei der erhöhten Stimmung durch die Leistung und bei seiner kindlichen Einfachheit.
    Gehen Sie ja recht bald nach Les Avants! Die Höhenluft im Süden wird Ihnen gewiß wohltun. Dann sind Sie in der Nähe von dem lieben Boissier, und ich meine, daß ein wenig menschlicher Umgang mit den großen Natureindrücken sich wohl verträgt. Ich hätte sehr gern solch einen Eindruck, aber ich muß jetzt Kniese als Mont Blanc annehmen und die verschiedenen Amseln und Nachtigallen, die jetzt von Stadt- und Hoftheater bald zu mir herflattern, als meinen Lenz begrüßen! Die draußen absolut fehlende Sonne ersetzt freilich reichlich der „Ring“, den ich nun bald gänzlich durchgenommen haben werde.
    Ich begreife wohl, daß Ihnen „nomina sunt odiosa“ ankommt. In der Tat sagen diese Schatten gar nichts, und ich meine, daß man den Weg davon nicht genug dèplayieren kann.
    Vielen Dank für Balfours Rede! Sie hat mich sehr interessiert durch ihre Ehrlichkeit, Bestimmtheit und ihren überlegenen Witz. — Bei den Bismarck-Festivitäten [Einladung Bismarcks zu Kaiser Wilhelm II.] war es merkwürdig genug zu verfolgen, wie ein bei lebendigem Leibe Begrabener der Überlegene bleibt.
    Leben Sie wohl, Freund. (Sahen Sie die Schrift vom Abbé Mugnier? Sie ist sehr merkwürdig!)
    Herzlichste Grüße von meinen Kindern und mir!

    In treuer Anhänglichkeit        C. Wagner.


404-405 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

    9/4/95, Wien.

    Ein armer Student, dem wir öfters durch abgelegte Kleidungsstücke etc. helfen, versichert uns dann immer brieflich seines   „h ö c h s t e n   Dankes“, und wenn die Sendung besonders reichlich ausfiel, wünscht er uns noch ein langes Leben, und daß wir „dann in den   H i m m e l   kommen möchten“. Ähnlich geht es mir heute Ihnen gegenüber, hochverehrte Meisterin; vor der Freude, die Sie mir mit den Siegfried-Zusendungen gemacht haben, stockt mein bißchen Beredsamkeit; ich müßte auch zu der zehnfachen Unterstreichung jedes Wortes greifen. Die Münchener Sendung hat mir außerdem viel Spaß gemacht: es war so hübsch, diese verschiedenen Arten, zu reagieren, zu beobachten.
    Über die Depesche „Siegfried Beethoven-Dirigent ersten Ranges“ habe ich mich bucklig gelacht: Gott, wenn es einen ganzen „Rang“ Beethoven-Dirigenten gäbe, dann wäre uns ja geholfen; ich möchte wissen, wo sie stecken? Außer dem Adagio der Neunten durch Herrn von Bülow habe ich niemals Beethoven gehört, das weiß ich bestimmt.
    Eine sehr hübsche Notiz über Siegfrieds Konzert in Rom im hiesigen „Fremdenblatt“ zeigte mir neulich ein Bekannter. Nur das Siegfried-Idyll scheinen die Italiener nicht verstanden zu haben, sonst sei die Begeisterung unerhört gewesen.
    Zu meiner größten Freude dürfte Appia nächstens die Gelegenheit haben, das   p r a k t i s c h e   Gebiet zu betreten, das einzige, wo ihm Erfolg blühen kann. Mehrere Pariser Künstler sind von seinen Ausführungen bezüglich der Rolle des   L i c h t e s   als eines „agent actif“ — im Gegensatz zu der jetzigen Immobilisierung desselben zur einzigen Beleuchtung gemalter Wände — sehr frappiert worden, und er wird wahrscheinlich bei der Inszenierung einer neuen französischen Oper mitwirken. Man wird also bald sehen und wissen, ob er was kann oder nicht.
    Die „Rienzi“-Stimmung dauert bei mir fort; ich wache auf mit dem: „Wir schwören dir, so groß und stark, wie Roma war, wird Roma sein!“ Ich denke, Siegfrieds Triumphzug hat auch etwas damit zu tun, das werden Sie aber besser als ich verstehen und zu deuten wissen. Übrigens habe ich Rienzi nie gehört — in Dresden lief ich weg, Mottl bei Ihnen auf dem Klavier und meine eigene Klimperei —‚ also mehr nur Phantasie, von der ich mir denken kann, wie weit sie hinter der Wirklichkeit zurückbleibt.
    Der „Lebensgang“ ist nach der Disposition meines Buches so fabelhaft kurz, daß ich mich sehr in acht nehmen muß, um keine chinesische Perspektive zu bekommen — eine Sache, die mir trotz des Geschmacks unserer Tage verhaßt ist. Ich habe aber für elastische Stellen gesorgt, wo Namen nach Belieben eingeschoben oder ausgestrichen werden können. Als Muster nehme ich mir die Alten. Gestern wurde ich mit Zürich fertig; Gott weiß, ob's gut ist? Meine Frau hat es sehr ergriffen.
    Mit Les Avants wird wohl nichts; der Arzt will mich durchaus nicht aus den Augen lassen, und ich denke, die Sache wird sich auf 14 Tage im Salzkammergut nach Ostern reduzieren. — Überhaupt, ich habe mir's überlegt, und ich glaube, Les Avants ohne Sie und Ihre Töchter, das hielte ich nicht aus.
    In Ehrfurcht und Dankbarkeit Ihr                  Houston S. Chamberlain.


405-406 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Wahnfried, 13/4/95.

    Herzlichen Dank, mein Freund, für den eingehenden Brief und Glück auf zum Salzkammergut, wo es hoffentlich wärmer sein wird, als wir Armen hier haben. Wenn Siegfried dazu von der Villa d'Este und dem Sitzen auf dem Monte Pincio erzählt, fühlt man sich unglücklich und töricht zugleich in unseren Klimaten zu Hause.
    Ich finde es sehr erfreulich, daß Appia eine praktische Tätigkeit erhält, und es wäre ein großer Dienst, den er der Bühne leistete, wenn er die Beleuchtungstechnik steigert. Ich schicke ihm dann Kranich sofort zu!
    Über Praeger triumphieren Sie auf der ganzen Linie. Ich habe selten etwas so glücken sehen! Das ist doch wenigstens ein Erfolg für die Riesenarbeit!
    Siegfried ist Gott sei Dank wohl, er grüßt herzlichst.
    Schöne Kostümblätter [zum „Ring des Nibelungen“] von Thoma sind eingezogen!
    Alles Gute Ihnen und Ihrer lieben Frau in einem Ostergruß!

C. Wagner.

*

406-407 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

20. Juni 95, Wien.

    Zweck dieser Zeilen ist, hochverehrte Meisterin, Ihre Aufmerksamkeit auf die soeben in der Reclam-Ausgabe erschienene vollständige Sammlung von   S c h o p e n h a u e r - B r i e f e n   zu lenken. Erstens finden Sie dort einiges bisher Unveröffentlichte; zweitens ist diese Zusammenstellung   a l l e r   Briefe sehr praktisch und „handy“; drittens gewinnen solche Briefe wie die so äußert wichtigen an Frauenstädt durch die Anmerkungen fünfzig Perzent an Wert, da man genau erfährt, wovon Schopenhauer spricht — jede Stelle aus zeitgenössischen Schriften, auf die er sich beruft und die er kommentiert, wird zitiert etc. Und noch eines: dem Büchel ist ein Porträt von Schopenhauer als ganz alter Mann vorangestellt, das ich sehr gewinnend, ja geradezu rührend finde.
    Manche Seite in diesem Buche kommt dem Gebet entgegen: „Gib Vergessen, daß ich lebe!“
    Einer ganz anderen Stimmung dürfte mein Kampfaufsatz [„Neue Dt. Rundschau“, Juni 1895] gegen Büchner entsprechen. Der nachgeschriebene Anfang (bis zu den ersten drei Sternen) ist leider sehr eilig verfaßt, ich habe da wohl doch ein bißchen zuviel in den mir eng bemessenen Raum hineinstopfen wollen. Von   I h n e n   habe ich ja nicht zu befürchten, daß Sie meine Kriegstaktik, Büchner einzig als Dogmatiker hinzustellen und somit seine Verwandtschaft mit dem Pfaffentum darzutun, mißverstehen: nichts konnte ihn sicherer und tiefer ins Herz treffen, und ich gebe aufrichtig zu, daß der Trieb, Rache zu üben, ganz persönliche Rache, die Hoffnung, diesem „Bösen überm Berge“ (Ultramontan) vergiftete Pfeile ins Herz zu schießen, mir nicht ganz fremd war. Natürlich habe ich mich nicht darauf beschränkt, und ich hoffe, auch anderen manches zur Belehrung und Anregung geboten zu haben. (Der geschmacklose Titel: „Büchners Sturz“, ist von der Redaktion   g e g e n   meinen ausdrücklichen Wunsch gewählt worden!)
    Ich bin gestern mit den „Festspielen“ fertig geworden; bin sehr gut aufgelegt, habe sie in zwei Tagen geschrieben: so ein Skribent hat's doch gut mit Festspielen, nicht wahr?
    Mit vielen herzlichen Grüßen aus treuestem Herzen Ihr in Ehrfurcht ergebener

Houston S. Chamberlain.

*

407-408 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

19/8/95, Hinterstoder.

Liebes Fräulein Eva [Wagner]!

    In der Nacht vom 14ten auf den 15ten hatte ich einen der phantastischsten und beängstigendsten Träume, mit der Meisterin — natürlich — als Hauptperson, die ich je geträumt habe. Ihn erzählen würde zu weit führen: das Ganze drückte jedenfalls ein unaussprechliches Bedürfnis nach Ruhe und Schweigen aus. In einem großartigen Hotel gaben Sie aber einen großen Empfangsabend à la Wahnfried; Ihre Mutter gab sich heldenhafte Mühe, alle Gäste zu empfangen und für jeden ein freundliches Wort zu finden, aber zuletzt ging es nicht mehr, sie drehte irgendeiner Hoheit plötzlich den Rücken, erfaßte meinen Arm und sagte mir: „Führen Sie mich gleich hinaus, ins Freie!“ Nun wurde ich aber von einer ganz Jean Jacques Rousseauschen Ungeschicklichkeit erfaßt; ich dachte, ich müßte die Meisterin   u n t e r h a l t e n! — und da mir natürlich nichts Gescheites einfiel, sagte ich Dummheiten; mit einem ganz furchtbaren Gesichtsausdruck, den ich niemals vergessen werde, ruft mir die Meisterin zu: „Was, nicht einmal   S i e   können schweigen?“, wirft heftig meinen Arm von sich und läuft geschwind wie der Wind fort, fort in die Nacht hinein.
    Und nun denken Sie, am folgenden Tag, am 15ten, verursache ich — sehr unschuldigerweise und indem ich ihn befreien wollte — den Tod eines süßen kleinen Vogels, der in unser „Stegbauergut“ hineingeflogen war; Der Kleine prallte mit dem Kopf gegen ein Fenster an und blieb sofort tot! Es war wirklich erschütternd; selten hat etwas einen solchen Eindruck auf mich gemacht: der Mensch stirbt eigentlich gar nicht, er lebt in seinem Werke, er lebt in dem Andenken aller, die ihn liebten, und stirbt also jedenfalls nur sehr langsam und allmählich — und auch da noch ist er nicht tot, etwas von ihm lebt in dem Andenken der spätesten Generationen fort, die niemals seinen Namen hörten... Aber so ein kleiner, befiederter Bewohner der Sonnenstrahlen, dessen ganzer Bau auf Licht, Luft und Gesang zielt, der liegt gleich so ganz und gar tot da! Noch niemals habe ich das unergründliche Mysterium des   L e b e n s   so unmittelbar gewaltig empfunden wie an jenem Tage. Und welche Welttragik lag nicht in dem Schmerz des vereinsamten Überlebenden, der mit herzzerreißendem Gezirps um das Haus herumflatterte! Das war der echte absolute Schmerz, der nichts von Trost und ähnlichen Limonaden und Lügen weiß... Kennen Sie die Vorstellung der alten Inder, daß die Seelen „der Väter“ in Vogelgestalt herumfliegen, bis sie durch die frommen Werke ihrer Nachkommen die letzte Erlösung gewinnen?
    In treuer Angehörigkeit Ihr

Houston S. Chamberlain.


408-411 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Hinterstoder, 3/9/95.

Liebes Fräulein Eva!

    Gewiß bemerkten Sie auf dem Ihnen neulich mitgeteilten Bogen, daß ich Kleist das Motto für mein ganzes Buch [„Richard Wagner“] entnommen habe?

„Prometheus soll von seinem Sitz erstehen
Und dem Geschlecht der Welt verkündigen:
Hier ward ein Mensch; so hab' ich ihn gewollt!“

Daraus mögen Sie — wenn Sie sehr findig sind — die Geschichte meiner Kenntnis von — besser, meines Verhältnisses zu Kleist entnehmen.
    Vielleicht war es der Geist des Widerspruchs? Ich glaube jedoch eher eine Folge davon, daß man von Dingen, von denen man viel hört, sich unwillkürlich eine fast bestimmte Vorstellung macht, ehe man sie in der Tat kennenlernt — und natürlich eine falsche Vorstellung, wodurch aber leicht ein Gefühl der Unbefriedigung bei der Begegnung mit dem Original entsteht; jedenfalls, und wie dem auch sei, als ich die Lektüre von Kleist mit dem „Prinzen von Homburg“ begann, zündete das Werk bei mir nicht so, wie ich's erwartet hatte. „Käthchen von Heilbronn“ fesselte mich schon viel mehr. In die hellste Begeisterung aber geriet ich erst bei „Penthesilea“ — von deren Existenz ich nichts gewußt hatte, und die namentlich im ersten Drittel noch immer als eine der erstaunlichsten, „vertigineux“-sesten Schöpfungen des Menschengeistes mir erscheint. Daß es als Ganzes verfehlt ist, daß es sich selbst als „unaufführbares Theaterstück“ das Todesurteil gesprochen hat, das kann einen nach jenem Anfang nicht wundernehmen; es kommt auch gar nicht darauf an. Beides, die dichterische Vision und der Stil sind hier berauschend. Das ist Schillersche Rhetorik, aus den Banden der Dialektik erlöst und zu höchstem poetischen Glanz erhoben. Nun, ich weiß, meine Liebe für „Penthesilea“ ist eine blinde; solche Eindrücke gehören zu den wirklichen Erlebnissen des Daseins: ich werde mich hüten, mir so etwas wegargumentieren zu lassen; die Liebe zu einem Werk mit vielen Schwächen ist wie die Liebe zu einem Kinde.
    Minder leidenschaftlich, aber voll staunendster Bewunderung war und ist meine Empfindung für die „Hermannsschlacht“. Ich möchte wissen, wo der   D e u t s c h e   so gemalt ist wie da? — Faust ist ebensowenig (als Charakter) spezifisch deutsch, wie Hamlet etwa Engländer; vielleicht könnte man von diesen beiden sagen, daß sie durch abnorme, monströse Ausbildung Ingredienzen des Nationalcharakters hervorkehren und manifestieren, die wohl zu den eigensten, unentbehrlichsten Bestandteilen dieses Charakters gehören, nicht aber in diesem Verhältnis. In dem Außerordentlichen offenbart sich etwas, was sonst dem Blicke verborgen blieb. Man wird an Taines echt französisch-doktrinäre Aussage: „Le premier principe de l'art, c'est la   d é f o r m a t i o n !“   (ich zitiere nach dem Gedächtnis) erinnert. Dagegen ist Kleist etwas einfach Mirakulöses gelungen: er hat den Deutschen so gemalt, wie er ist; in Hermann erblicke ich gar nichts „Deformiertes“ oder Geniales; er ist einfach ein bestimmter, charakteristischer Typus des echten, unverfälschten Deutschen, der durch Leben in der Natur, durch physische Kraft und infolge seines glücklichen Mangels an Bildung in bedeutenderer Gestalt vor uns hintritt als sein Urenkel, der heutige Gymnasiallehrer oder Kapellmeister. Das ist zugleich Realismus und höchste Poesie. Fast dasselbe gilt von Thusnelda, wenngleich das Dämonisch-Außerordentliche wohl mehr bei ihr ausgeprägt ist. Hermann bleibt aber ein Unikum in der deutschen Poesie — vielleicht überhaupt; wer diese Gestalt schaffen konnte, war ein Sehr großer Dichter.
    Nun glauben Sie mich vielleicht in Barbarei versunken; Sie meinen, ich habe noch immer nicht die erste Stufe betreten, die zum Tempel hinaufführt, da ich nämlich gestehen muß, noch niemals eine so elementare Begeisterung für den Prinzen von Homburg empfunden zu haben wie für Penthesilea und Hermann? Das ist die Wahrheit; darum muß ich sie auch gestehen. Dennoch habe ich nach und nach sehr deutlich einsehen gelernt, daß der „Prinz von Homburg“ Kleistens bestes Kunstwerk ist, vielleicht ein vollkommenes und dann jedenfalls und ohne Frage das einzige von ihm, dem dieses Prädikat zukommt. Aber, wissen Sie — bitte, glauben Sie nicht, daß ich durch Paradoxe „geistvoll“ zu erscheinen suche, höchstens entsteht dieser Schein durch ungeschickte Äußerung einer tiefen Empfindung —‚ wissen Sie, ich finde, daß ein Mann wie Kleist gar nicht dazu bestimmt ist, vollkommene Werke zu machen! Dazu fehlt ihm doch jene einzige, despotische und souveräne Kraft des vollgültigen, authentischen Genies. Und in dem Gefühl hiervon berührt es mich fast   u n h a r m o n i s c h,   daß solch ein Mensch nun auf einmal ein Meisterwerk wie den „Prinzen von Homburg“ hervorbringt. Es ist mir fast unheimlich! Um diese Vollkommenheit zu erreichen, hat er sich auch sehr beschränken müssen: das käme einem bei einem Goethe ganz natürlich vor, nicht aber bei einem Kleist, dessen Geist immerwährend ins Unendliche oder wenigstens in die ganz großen, gigantischen Verhältnisse schweift und dort seine Wonne findet. Für Kleist selber kann ich mich kaum der Empfindung des Schmerzes erwehren, wenn ich ihn auf feste, gegebene, nahe Verhältnisse beschränkt sehe. Wohl weiß ich, daß er aus dieser Enge einen Ausweg gefunden hat, durch den Traum, aber gerade das macht den Prinzen und Kätchen zu solchen tragischen Werken — mir wenigstens schneidet es jedesmal wie ein Messer ins Herz —‚ es ist das Bekenntnis eines Mannes, der nur und einzig im Traume Glück gekannt hat. Hierin liegt aber wiederum das Bekenntnis einer angeborenen Schwäche, jenes Mangels an Gleichgewicht zwischen Wollen und Können, welches Kleists Persönlichkeit so schmerzhaft bezeichnet und zu seinem traurigen Ende schließlich führte. Kurz, mein rein künstlerischer Genuß wird durch die zu lebhafte Suggestion der leidenden Individualität des Autors in etwas gestört.
    Ich glaube nicht, daß ich mit dem Gesagten mich so mißverständlich ausgedrückt habe, daß man darin eine Kritik von Kleist und seinem Werke erblicken könnte; ich habe im Gegenteil nur versucht, Ihnen über meine Empfindung in bezug hierauf zu berichten, und zwar weil Sie die Güte hatten, sie gern erfahren zu wollen.
    Natürlich gehört der „Prinz von Homburg“ trotz alledem zu den schönen Besitztümern meines intellektuellen Lebens, Sein Traum am Eingang, wodurch alles Folgende, wie es sich auch wenden möge, die tragische Weihe empfängt, die Angst vor dem Tode, so wahr bei der Phantasie eines so lebhaft träumenden Mannes, und sei er auch ein Held, und dann jene unvergleichliche Szene, in welcher die Befehle für die kommende Schlacht erteilt werden — kenne ich das Stück auch schlecht, das steht doch alles so lebhaft vor mir, als wäre ich dabeigewesen.
    Verzeihen Sie das eilige Geschreibe; es geht seit einigen Tagen wieder recht flott zwischen München und Stoder, gottlob! Was ich Ihnen sagen wollte, kann ich nur so auf das Papier hinwerfen.
    Tausend Grüße von Ihrem treu ergebenen

Houston S. Chamberlain.


411-412 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Brünig, d. 9. September 95.

    Wir sind nun hier in einer stillen Pension angekommen, die Siegfried in seiner Sprache „mimsy“ oder „urlieb“ nennen würde. Das Gute davon ist, daß wir in solcher Abgeschiedenheit leben, daß man sich wirklich sammeln kann, auch überwältigt einen die Natur nicht, sondern hilft ein herrlicher Buchen- und Tannenwald zur gemütlichen Äußerung, und so komme ich denn endlich zu Ihnen, mein Freund, und warte nicht bis zum mündlichen Austausch, wenngleich ich mich herzlich darauf freue.
    Inzwischen hat mich Eva treulichst von allem unterrichtet, und ich möchte Ihnen von Herzen dafür danken, daß Sie das gute Werk auf Kosten Ihrer Ruhe fördern.
    Irre ich nicht, so hat Apponyi gemeint, daß der Staatsmann von der Idee ausgeht und zur Wirklichkeit gelangt (ein Beispiel wäre der Freiherr vom Stein, der von der Idee des deutschen Reiches immer, bei seinen praktischen, sehr verschiedenartigen Anknüpfungen, ausging), während der Künstler oder der Dichter von der Anschaulichkeit aus sich zu der Idee erhebt. (Habe nun ach Philosophie etc., etc.) (Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.)
    Prinz von Homburg! Mir ist es im Gegenteil, als ob nach jugendlicher Ausschweifung auf allen Gebieten, der Zeit und des Raumes Kleist nun darin zu sich zurückgekehrt sei, und, aus einer preußischen Soldatenfamilie stammend, das ihm Handgreiflichste gefaßt hätte und unnachahmlich wiedergegeben. Daher auch ein Leben der Gestalten und eine Wahrheit, wie sie in diesem Grabe in seinen sonstigen schwungvoll schönen Werken nicht zu finden. Der Große Kurfürst ist einzig und weist dem Prinzen gegenüber völlig Züge auf, wie wir sie von Hans Sachs zu Stolzing gewahren, Dann Kottwitz, Hohenzollern, Derfflinger, solche Leute hat Kleist gekannt. Und die konzise Sprache, die ihm als Dichter so wesentlich zu eigen, sie stimmt zu der Knappheit der Äußerungsweise dieser märkischen Helden, inmitten weIcher der romantische Homburg wie ein exotisches Gewächs wirkt. In einem gewissen Sinn kann man dieses Stück als das Meisterwerk des deutschen Schauspiels bezeichnen, eben, weil es auf eigenem Grund und Boden erwachsen ist und auch in der Zeit dem Dichter so nahe, daß er gar nicht irren konnte.
    Leben Sie wohl, Freund, und seien Sie gegrüßt!    C. W.

*

412 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Wien, 13. Nov. 1895.

Liebes Fräulein Eva [Wagner]!

    An Bruckmann schreibe ich mit derselben Post, um ihn zu beauftragen, Ihnen zehn meiner Autorenexemplare [des Buches „Richard Wagner“] zur Verfügung zu stellen; ich bin sehr stolz, wenn ich Ihnen damit dienen kann, und ich finde es viel netter, Sie erhalten sie von mir als von einer Aktiengesellschaft.
    Der erste Anblick des fertigen Buches hat mir ein ganz klein wenig den Atem benommen; verschiedenes ist furchtbar „echt-deutsch“, wie man so sagt, und der Mangel an Luxus in einigen materiellen Kleinigkeiten (das Sparen an Pfennigen, nachdem man die Tausender freigebig ausgegeben hat) beleidigt das englische Empfinden. Jedoch, ich hoffe, das Echtdeutsche wird sich auch im guten Bayreuther Sinn des Wortes bewähren. Alle Öffentlichkeit muß als eine Marter betrachtet werden, die in Geduld zu tragen ist.
    Tausend Grüße an Sie alle von Ihrem treuergebenen

Houston S. Chamberlain.


413 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

15/11/95, München.

Liebe Freundin [Anna Chamberlain]!

    Fünf Autorenexemplare sind nun bei mir angelangt, mehr nehme ich nicht an! Dazu kommt, daß ich gar keine verschenken kann, denn, wie ich höre, hat Ihr teurer Mann doch von mir gesprochen. Nun weiß ich, wie er dies tun wird, und ich will nicht daran denken, da sonst das Gefühl der Scham unüberwindlich mich befallen würde.
    Meine Exemplare erhalten: 2 die Kinder, 1 Adolf [von Groß], 1 Wolzogen, 1 Glasenapp, 1 Schweninger (vor dem Arzt schäme ich mich nicht!). Lesen? — Dies würde einen Abschnitt in meinem Dasein bedeuten, es ist mir also vielleicht bestimmt.   W a s   das Buch   i s t,   weiß ich aber, ohne es zu lesen, und danke Ihnen aus tiefer Seele. Die Mottos allein sind ein Denkmal. Das Buch wird Gutes wirken, und darauf kommt es an.
    Al. Ritter war entzückt von Ihres Mannes Brief; demnach kann die Blümel-Tendenz [„Tendenz oder Sentenz?“ „Bayr. Blätter“ 1896, S. 193—196] in den „Bayreuther Blättern“ erscheinen. Es wird jedenfalls kein Blümchenkaffee sein.

    Herzlichste Grüße Ihnen beiden.    C. W.


413 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Bayreuth, d. 10. Dez. 1895.

    Über Ihr Buch ist nur eine Stimme, mein Freund, und zwar bei allen Vortrefflichen. Und es ist unabsehbar, was Sie Gutes damit wirkten. Möchten Sie selbst rechte Freude daran haben!
    Sie wollen Wien verlassen? Ich verstehe es! Wohin? Sie sagten mir einst: Sie brauchten das Element einer großen Stadt; wäre das nicht, würde ich Ihnen München raten, wo Sie, glaube ich, ungemein wirken würden und mehr Anregung erführen als — meines Wissens — in irgendeiner deutschen Stadt. Ich spreche eigentlich für mich, wegen der Nähe, und weil man immer über München kommt.
    Ich bin sehr gespannt auf den „Weinbauer“ in Zürich; ich glaube, er wird Glück haben, was mich sehr freuen würde!
    Freilich wollen wir Ihre „Bayreuther Blätter“-Arbeit [1876—1896. „Die ersten zwanzig Jahre der Bayreuther Bühnenfestspiele“, „B. Bl.“ 1896.] als Broschüre sehen! Jetzt wird alles, was Sie schreiben, Aufmerksamkeit erwecken.

    Alles Herzlichste Ihnen beiden! Treulichst           C. W.


414 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

13. Dez. 1895, Wien.

    Herzlichen Dank, hochverehrte Meisterin, für Ihren Brief vom 10ten! Ja, mit Ausnahme einiger habe ich nur Liebenswürdiges, hier und da auch Beglückendes über mein Buch bis jetzt erfahren. Bis die Leute es wirklich lesen, wird allerdings geraume Zeit bei den meisten noch vergehen. Aufs Blättern ist es durchaus nicht angelegt. — Erfreulicherweise wird auch sowohl von Zeitungen wie von Privaten der gesamte illustrierte Teil schwärmerisch bewundert: Über Frenz findet das Entzücken kein Ende, und selbst Kaempffer (auf den ich einen besonderen Haß habe) begeistert. Außer Ihnen kenne ich einzig Appia und noch einen Dritten, der ungenannt bleiben mag, die nicht mit einstimmen. Und mein lieber Appia setzt sich philosophisch über die „Hindernisse“, wie er sie nennt, hinweg, indem er mir versichert, daß, sobald er zwei Zeilen meines Testes gelesen hat, er die Bilder überhaupt nicht mehr sehe. — Ich für meinen Teil habe von Anfang an bestimmt darauf gerechnet, daß der Erfolg der reich und nach dem Geschmack der Menge entsprechend illustrierten Ausgabe die verhältnismäßig baldige Möglichkeit einer billigen, nur mit den wichtigsten Porträts versehenen Ausgabe herbeiführen wird. Der buchhändlerische Erfolg scheint — für ein so kostspieliges Werk — e n o r m   zu sein.
    Der „Weinbauer“ in Zürich! Die schriftliche Zusage des Direktors habe ich, aber noch nichts Bestimmtes. Ich kann aufrichtig sagen, daß ich diese Aufführung einzig meiner selbst willen betreibe und wünsche. Als ich das Stück schrieb, habe ich nämlich alles so ganz „bühnen-dramatisch“ empfunden, jedes Wort gespielt und agiert, ehe ich es aufs Papier setzte, usw., daß ich den Eindruck habe, als könnte kein Mensch wissen, wie es wirken wird, bis es die Gelegenheit hat, von der Bühne ab ähnlich zu wirken, wie damals in meiner Phantasie. Beim bloßen kühlen Lesen habe ich es selber nicht interessant gefunden. Ich glaube nun, daß nichts auf der Welt mich so gründlich über die Natur meiner eigenen Begabung unterrichten würde, mir so deutlich zeigen würde, was mir hier versagt ist, und wohin ich mich zu wenden hätte, um Gutes zu leisten, wie die Erfahrung einer leibhaftigen Aufführung. Ich kann Sie versichern, daß, wenn ich auch meinen Jan von Herzen liebe, ich mir auf das Stück nicht das geringste einbilde.
    Von Herzen grüßt in Ehrfurcht Ihr

Houston S. Chamberlain.


415-416 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Wien, 17/12/95.

    Sie fragten einmal, hochverehrte Meisterin, ob wir Lili Lehmann gehört hatten; gestern hörten wir sie in „Fidelio“. Hervorragend war sie nicht. Daß die Künstlerin von Bedeutung hin und wieder herausblitzte, solI nicht verschwiegen werden; aber alles in allem — der Vergleich mag ja ein bißchen disparat sein —‚ Marie Lehmann als Hexe in Humperdincks „Hänsel und Gretel“ ist eine der vollkommensten Leistungen, die ich je auf einer Bühne sah, Lili Lehmann als Fidelio war gesanglich und darstellerisch mittelmäßig.
    Wie komisch komme ich mir heute als Kritiker vor, wo ich gestern abend mich zusammennehmen mußte, um hin und wieder auf die agierenden Leute aufzupassen, durch welche dieses übernatürlich schöne Werk, so gut es ging, in die Erscheinung trat, Ich hatte noch niemals so empfunden, wie sehr diese „Oper“ im tiefsten Grunde de l'art pour les artistes ist. Mir erschien alles symbolisch, die ganze Handlung „quelconque“ — überall einzig die Stimme des gewaltigen Einen. Die Kreise des Symbols kann man natürlich so weit ziehen, wie man will, das ist das Moment der Willkür und der eigenen Seelengröße, Beethoven selber hat es ja durch diese dramatische Form recht kindlich bequem für die Unfähigsten gemacht; was aber keine Willkür ist, das ist die Erkenntnis oder besser die Empfindung des einen einzigen schöpferischen Mittelpunktes, Beethovens eigenen Herzens. Was ihm zum Dramatiker fehlte, war wahrlich nicht, wie die Musikgeschichten es erzählen, die Gestaltungskraft (!) oder gar die spezielle   d r a m a t i s c h e   Gestaltungskraft; mich dünkt, auch in „Fidelio“, seine Musik die dramatischste, die es gibt; zwar steigert sie sich nicht, sie gibt aber immer sofort, in zwei Takten, die ganze restlose Empfindung, man wird aus einer   V o l l k o m m e n h e i t   in die andere versetzt. Beethoven wandelt in diesem Werke wie die Götter der Inder von einer Bergspitze zur nächsten: vom Quartett an bis zum Schlusse kommt man aus der Verzückung und den Tränen nie heraus.   W a r u m,   habe ich erst gestern verstanden. Beethoven ist in einem gewissen und tiefberechtigten Sinne viel mehr ausschließlich „reiner Musiker“ als Mozart. Mozarts einzige   S p r a c h e   war die Musik, mit dieser Sprache konnte er aber allen möglichen Dingen beikommen; Beethoven kennt dagegen nur einen einzigen Gegenstand, seine eigene Seele; zwar ist diese Seele eine weltumfassende, aber wenn er durch seinen Bildungsgang auch zum Dichten befähigt worden wäre, wohl auch zum Malen und Bilden, er hätte doch immer nur von   s i c h   reden können. Er hätte, wie Rembrandt, sich selbst gemalt, und, wie Byron, sich selbst besungen. Das Irreführende und zunächst fast unharmonisch Störende im „Fidelio“ ist nun, glaube ich, daß die symbolische Projektion, anstatt etwa ihre Kreise bis zur Entfeßlung des Prometheus auszudehnen, sich nicht weiter wirft als bis zu einem spanischen Kerkerabenteuer. Im Grunde genommen bleibt sich das aber ganz gleich. Die 7te Symphonie war ja für das Genie die „Apotheose des Tanzes“ [Richard Wagner, Ges. Schr. u. D., Bd. 3, „Das Kunstwerk der Zukunft“], für andere ein einfaches Bauernfest, in welchem die Leute zum Schluß sich einen „Schwips“ angetrunken haben; Monsieur Thiers, als Vertreter der bürgerlichen Kreise, erblickte in dem mittleren Satze einen Trauermarsch, und in dem letzten (wie ich vermute) die Freude der „trauernden Hinterbliebenen“ über die ihnen zugefallene Erbschaft. Ein jeder tut eben, was er kann. Worauf ich aber hinauskommen wollte, war, daß es sich mit der angeblichen „Oper“ „Fidelio“ genau ebenso verhält. Die überirdische Schönheit dieser Musik läßt uns deutlich empfinden, daß sie einzig und allein   e i n e m   Drama gilt: der Tragödie betitelt „Beethoven“. „Mir ist so wunderbar“ — „so leuchtet mir ein Farbenbogen“ — „o Freiheit, Freiheit!“ — „Süßer Trost in meinem Herzen, meine Pflicht hab' ich getan“ — „gefesselt, gefesselt“ — „O Gott, welch ein Augenblick!“ — „O namenlose Freude!“ — alles ist Beethoven, Beethoven und nur Beethoven. Ja, auch „Die Rache werd' ich kühlen“, und „Das Geld, das ist ein prächtig Ding!“, das spricht   e r   alles, und darum hat es auch Unendliches zu bedeuten.
    Entschuldigen Sie dieses Geschwätz; bei „Fidelio“ habe ich immer das Gefühl, als säßen Sie im Theater; Sie könnten zürnen, wenn ich die schuldige Aufwartung in Ihrer Loge unterließe.
    Ehrfurchtsvoll Ihr

Houston S. Chamberlain.

H. S. Chamberlain mit seinem Hund Colla

H. S. Chamberlain mit seinem Hund „Colla“


416-417 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

Wahnfried, 18. 12. 1895.

    Gerade vor wenigen Tagen hörte ich von oben (weil ich jetzt meinen Kindern die kleinen Empfangsabende der Schule [in der Halle Wahnfrieds] überlasse) die große Arie von Fidelio und war dabei zu Tränen gerührt. Gewiß ist es so, wie Sie sagen, und kommt das, was uns so namenlos dabei ergreift, aus dem Quell her, den Sie bezeichnen.
    Ich glaube auch, daß mit der Schröder-Devrient die letzte Darstellerin der Leonore verschied. Sie hatte ja Beethoven gekannt und hatte vielleicht von ihm Worte über die Treue des Weibes vernommen!
    Heute hat mir Ellis mit seinem Freudenausbruch Freude gemacht. Ihr Buch ist ein Glück für alle Guten, und es enthüllt uns Gute allenthalben.
    Ich habe nun auf meine Weise mich damit beschäftigt, nämlich durch meine Kinder mir zuerst die Mottos der Reihe nach vorlesen lassen, dann die Faksimiles, dann einzelne Stellen u. a. über die Freunde. Und ich finde, daß Sie da geradeswegs wie ein Dramatiker wirken; so kurz Ihre Darstellung ist,   s i e h t   man sie doch alle! Das scheint mir von guter Vorbedeutung für den „Weinbauer“, von welchem ich überzeugt bin, daß er lebendig wirken wird.
    Ich würde niemals ein Wort über Vignetten und sonstige Illustrationen verloren haben, wenn Ihre liebe Frau mich nicht gefragt hätte, ob ich nicht auch fände, daß diese Illustrationen den Text erdrückten. Ich mußte ihr recht geben. Nun behalten wir beide unrecht, da, wie es scheint, die Vignetten geradezu hinreißen! Das ist aber alles einerlei! Das Buch ist da und wird   g e w i ß   gelesen, nicht nur gekauft!
    Nun sinne ich und sinne und möchte Ihnen eine Ihrer würdige Freude machen. D. h. gefunden habe ich es gleich! Ich weiß nur nicht, wie es ausführen. Ich möchte Ihnen die   „B i o g r a p h i e“   [Richard Wagner, „Mein Leben“, damals nur als Privatdruck vorhanden] zu lesen geben. Kann mich aber nicht entschließen, das Buch aus dem Hause zu geben. Nun sind wir so weit voneinander, daß ich es nicht wage, Sie zu bitten, herzukommen! Wie wir uns aber freuen würden, brauche ich es zu sagen? Auch träfen Sie Thodes hier! Und meine kleine Enkelin aus Sizilien! Das trifft alles nächsten Sonntag ein, aber eine Stube hätten Sie doch in Wahnfried. Und eine Vorführung vom I. Akt „Siegfried“ (mit Klavier), wenn alles glückt. Und was noch alles, das sich nicht sagen läßt. Doch die Götter sind mächtiger als wir Armen! Und so will ich nicht drängen, sondern nur andeuten.
    Alles Gute mit Ihnen, Freund, und die herzlichsten Grüße von uns allen für Sie und Ihre liebe Frau!         C. W.


Cosima Wagner im Jahre 1888

Cosima Wagner im Jahre 1888


418-419 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1895.

22. Dezember 1895, Wien.

    Das Schicksal, welches mich in bezug auf Wahnfried seit Anfang an verfolgte, tut es auch jetzt noch, hochverehrte Meisterin. Von Ihrer so gütigen Einladung darf ich nur die Freude, daß Sie mich einluden, genießen. Daß ich gesundheitlich nicht auf der Höhe bin, hätte mich vielleicht nicht verhindert. Gestern hatte ich aber eine lange Konferenz mit Hofrat Wiesner, dem Leiter des Pflanzenphysiologischen Instituts, und es ist ausgemacht worden, daß ich die Ferienzeit zwischen morgen und dem zehnten Januar zu Arbeiten benütze, bei denen Wiesners Assistent mir behilflich sein kann. Sobald die Studenten wieder da sind, ist das natürlich viel schwerer, der betreffende Herr hat keine Zeit, und selbst das bloße Nachschlagen in der Bibliothek und Notizennehmen fällt mir ohne absolute Ruhe nicht leicht. Ich müßte also bis Ostern warten. Da gibt es also keine Wahl.
    Ein Trost war mir, nebenbei gesagt, das große Interesse, welches Wiesner dieser Publikation [„Recherches sur la sève ascendante“. Neuchâtel 1897] entgegenbringt. Weit entfernt, daß meine vor zwölf und dreizehn Jahren gemachten Beobachtungen antiquiert wären, kämen sie jetzt gerade zeitgemäß. Der Streit zwischen den namhaftesten Gelehrten über die Bewegung des Saftes ist gerade augenblicklich sehr heftig; woran es aber fehlt, sind gerade größere Reihen von exakten Beobachtungen; denn diese sind so zeitraubend, so mühsam und erfordern eine so unendliche Gewissenhaftigkeit, daß sich schwer einer dazu entschließt. Außerdem erfuhr ich, daß der von mir erfundene Saftdruck- und Saftmengenmeßapparat noch von keinem „nacherfunden“ wurde; auch ein unerwartetes Glück, denn die Geschichte ist so kindisch einfach, daß man glaubt, jeder müßte gleich darauf verfallen; die Gelehrsamkeit zahlt wirklich hoben Zoll!
    Nun, entschuldigen Sie, wenn ich von solchen Dingen zu Ihnen spreche; ich wollte Sie nur mir nachempfinden lassen, daß ich hier wirklich keine Wahl habe, sondern mit blindem Gehorsam diese mir vom Schicksal zugewiesene Pflicht erfüllen muß. Einmal tritt das Schicksal als Aktiengesellschaft, ein anderes Mal als Hofrat auf — die Pflichterfüllung bleibt aber dieselbe.
    Dabei habe ich aber dennoch das Gefühl einer mehr dumpfen als begeisterten Resignation bei diesem Entschluß, nicht nach Bayreuth zu fahren. Ich fühle mich „ausgeschlossen aus der Seligen Schar“. Und zwar hält mich diese Stimmung so umfangen, daß ich kein einziges Wort finde, um meinen Gefühlen bei Ihrem Geburtstagsfest Ausdruck zu geben. Dazu kommt noch, daß nach dieser langen, eingehenden Beschäftigung einzig mit „Ihrer“ Sache mein Herz in einen chronischen Zustand von „Überfüllung“ gekommen ist. Könnte ich in Tönen reden, so würde ich Ihnen sofort sagen, was ich zu sagen habe; aber so kann ich nur auf Ihr Genie rechnen, das Verborgene zu erblicken und das Unausgesprochene zu vernehmen.
    Was ich Ihnen unter den Weihnachtsbaum legen könnte, wäre so außer allem Verhältnis zu dem, was ich fühle, daß ich davon absah. Vielleicht darf das Exemplar meines Buches mich vertreten?
    Es erübrigt mir noch, Ihnen für das schönste Geschenk: daß ich die Biographie einmal lesen darf, zu danken. Ihre Güte hat mich tief gerührt. Ich freue mich aber, daß Sie es mir nicht zuschicken wollen; ich hätte keinen Augenblick Ruhe, aus Angst, daß dem kostbaren Werk etwas geschehen könnte. Voriges Jahr hatte ich öfters Angst, Sie könnten mir möglicherweise meiner Arbeit wegen diese Lektüre anbieten, die mich natürlich gänzlich paralysiert hätte. Eine alberne Angst, da Sie das ganz genau wußten. Jetzt aber, wenn das Herz erst ein wenig „entleert“ sein wird, darf ich vielleicht einmal von Ihrem Versprechen Gebrauch machen, vielleicht wenn ich die physiologischen Mühsalen überwunden habe? Sie sollten gewiß meine Gegenwart in Bayreuth gar nicht merken, oder wenigstens nur, soweit es Ihnen beliebte, ihr Aufmerksamkeit zu schenken.
    Ihren Kindern, allen, wünsche ich von Herzen „a merry Christmas and a happy New Year“.
    In Ehrfurcht und treuer Angehörigkeit Ihr

Houston S. Chamberlain.



 
Zurück zur Hauptseite / Back to main page
Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit (2)
Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit (4)

Letzte Änderung am: 16. Juni 2010