Here under follows the transcription of Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888-1908, the correspondence between Cosima Wagner and Houston Stewart Chamberlain, Vienna period (3), edited by Paul Pretzsch, 2nd. ed., published by Philipp Reclam jun., Leipzig 1934.

Hieronder volgt de transcriptie van Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888-1908, de correspondentie tussen Cosima Wagner and Houston Stewart Chamberlain, Weense periode (3), geredigeerd door Paul Pretzsch, 2e druk, verschenen bij uitgeverij Philipp Reclam jun., Leipzig 1934.
 
 
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312 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Aus dem Jahre 1893


Bayreuth, 13. 1. 1893.

    Nun sind drei Wochen seit der Weihnacht bereits vergangen. Ich liebe Feste und Feierlichkeiten, die gemütlichen intimen wie die grandiosen! Wären Sie nur bei uns zur Weihnacht und zur Silvester gewesen; erstere brachte uns zwei wunderschöne Tiere, ein Pferd, welches Siegfried nun schön reitet, und einen lieben prachtvollen Neufundländer, der so schnell der unsrige geworden, daß es ihm und uns ist, als ob wir uns von je gekannt. Zu Silvester aber führten meine Kinder eine Improvisation auf: „Festspielnot“, welche Sie gewiß sehr unterhalten hätte.
    Nun stecken wir wieder in der sonstigen Not dicke drinnen. Das Leben der „Schule“ ist eine rechte Schule des Lebens, indem es sich nicht bloß darum handelt, allerhand, was sich von selbst versteht, mit Mühe beizubringen, sondern ebenfalls sich von selbst Verstehendes zu ertragen, auszugleichen, „payer les pots cassés“, wie es auf nüchtern gallisch heißt.
    Ich möchte Ihnen gern Dr. Fiedlers Brief schicken, weil ich ihn sehr bezeichnend fand. So wird der gut angelegte Deutsche, wenn er von Juden umringt ist, nämlich — objektiv! Alles Positive erschreckt ihn. Ich habe immer die Hoffnung, F. noch herauszuangeln; es wird aber schwer halten.
    Vielen Dank für die Schattenbilder und für den Fürst Erzbischof. Das kanonische Recht ist sehr einfach und schon dadurch richtig.
    Ich möchte, Sie hörten hier eine Probe der Messe [„Missa solemnis“ von Beethoven, die Kniese einstudierte], dann vielleicht etwas aus der „Minna von Barnhelm“, die ich [in der „Stilbildungsschule“] einstudiere, und würde dann, wenn Sie sich ansagen, einiges vorbereiten. Aber, wenn Sie à tout prix das Glück herausfordern wollen, gut, mir recht!
    Hoffentlich auf Wiedersehen, mit oder ohne „Alarmierung“, und leben Sie wohl und heil und hoch und froh, und bleiben Sie mir gut und schreiben Sie mir bald (bitte, keine Vornahmen!). Treulichst

C. W.


312-313 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wahnfried, 1. 2. 93.

    Ihren wundervollen Vortrag [„Richard Wagner und die Politik“, den Chamberlain am 20. 2, 1893 in Graz hielt; abgedruckt in „Richard Wagner der Deutsche“, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7196/97] gebe ich hier zurück. Haben Sie Dank für das Verständnis, für die Ausarbeitung, welche den Zusammenhang ergibt, Dank für die Abfertigung der Elendigkeit und für die Einkehr zu Gott! Da war etwas zu besprechen, und   w i e   haben Sie es besprochen. Daß unsere Überzeugungen in der heutigen Welt nicht in Handlungen zu verwandeln sind — diese traurige Tatsache wird für mich ganz aufgehoben, wenn ich diese Überzeugung mit solcher Schärfe ausgesprochen sehe, denn dann weiß ich, daß die Ereignisse kommen werden, die immer den Unmögliches Begehrenden zu Diensten gewesen sind. Auch wenn die Zeitläufte diese Dienste kaum im Zusammenhang uns erscheinen lassen.
    Dieser Vortrag wird eine Wohltat für unsere „Blätter“ sein, ich freue mich schon, ihn wiederzulesen. Und dann — Sie reden wie ein Mensch aus dieser Welt, und ich muß gestehen, daß ich mit Freund Falstaff da Hand in Hand gehe und ein peremptorisches Bedürfnis nach Einfachheit habe.
    Gestern ist nun meine Minna an mir vorübergegangen und hat mich, denke ich, gekannt. Das war eine Art Abschluß und ein Anfang; Siegfrieds Direktion:   „E n t f ü h r u n g   a u s   d e m   S e r a i l“   und   „T a n n h ä u s e r - M a r s c h“;   es war sehr gut und sehr ergreifend. Dann ein wunderschöner Epilog von Wolzogen zu unseren 2 Akten. Schließlich hat man getanzt, bei großem Orchester Straußsche Walzer. Ich glaube, Sie hätten sich unterhalten, jedenfalls gehörten Sie dazu.
    Wie weit ist nun Weihnachten. Ich höre die Vögelchen, wie sie in der Früh so stark, trotz der Kälte, an meinem Fenster sangen, daß ich glaubte, Siegfried bescherte mir eine Volière; ich sehe das rotblühende Bäumchen von Friedrichs, ich sehe Ihr Märchen, von dem ich mich gestern trennte, und doch ist alles so fern.
    Seien Sie gegrüßt in inniger Zugehörigkeit.    C. W.


313-314 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Erlangen, 3. 2. 93. (Augenklinik des Professors Eversbusch.)

    Werden Sie mich kleinlich finden, wenn ich Sie bitte, Ihrem Vortrag den Passus „Gott wird uns erleuchten“ nicht nur im Zusammenhang mit dem Vorspiel zu „Parsifal“ einzuflechten, sondern auch mit dem Gebet des Königs in „Lohengrin“, welches gleichzeitig entstand, und welches mir ganz die Stimmung zu haben scheint. Nebenbei ist Heinrich der Vogler der eigentliche Prototyp des Königtums, wie es in der Rede [Richard Wagners im Dresdener Vaterlandsverein 1848, „Ges. Schr. u. Dichtungen“, Bd. XII] vorschwebt. In Coburg hörte ich, daß das Herzogtum Festspiele vorbereite, und zwar soll aufgeführt werden „Lodoiska“ von Cherubini und „Faust“ von Spohr. Ich denke mir, daß man als Publikum einige unserer Großmütter wird ausgraben müssen. Lasen Sie die letzte Rede von Stöcker im Abgeordnetenhaus (Nr. 49 der „Kreuzzeitung)? Sie ist außerordentlich und beweist einen Mut, wie wir ihm kaum mehr begegnen. Leben Sie wohl und lassen Sie bald von sich hören.    C. W.


314-315 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wien VI. Blümelgasse 1.   5/2/93.

    Herzlichsten Dank, hochverehrte Meisterin, für Ihren Brief aus Erlangen. Sie sind viel schneller dort hingekommen, als ich berechnet hatte; ich hatte mir vorgenommen, Ihnen dorthin meinen „Hinkebein II“ zur Unterhaltung in der Klinik zu senden — denn in Bayreuth wäre es schade um die Zeit, das Ding ist zu verrückt —‚ und ich hatte mir neulich ein Versuchskaninchen herbestellt, das es überlebte, und meinte, er möchte es noch einmal lesen — für sich —‚ es ist nämlich furchtbar tief, so echt deutsch unergründlich, so daß ich es selber nicht verstehe und mich genierte, als ich es laut vorlas, aber die Phantasie des Hinkebein, das Verquicken seiner Gedanken mit ganz naiven Bildern, die nicht nur zur Illustration dienen, sondern die recht eigentlich die Träger seines inneren Lebens sind — das finde ich sehr anziehend.
    Sehr dankbar bin ich Ihnen für Ihren Vorschlag bzw. des „Lohengrin-Gebetes“. Natürlich werde ich es einflechten, auch eine kleine Ausführung über den Paradox — absoluter König, freies Volk —‚ als im deutschen Charakter wurzelnd.
    Es tut mir mehr leid, als ich es sagen kann, daß ich zu dem Feste nicht in Bayreuth war.
    Heute erhielt ich — endlich! — die Korrekturbogen zu meinem Aufsatz „Zur Eröffnung der Stilbildungsschule in Bayreuth“ in der Berliner „Freie Bühne“ [II. Heft, Februar 1893]. Über meine eigenen Ausführungen erschrak ich fast. Die Redaktion hat es verstanden, alles Charakteristische, alles Individuelle — durch einige wenige Striche und Wortänderungen — zu nehmen; es ist nicht ganz, aber fast so ein Urbrei wie ihre eigenen Produkte geworden. Natürlich wurden solche Ausdrücke wie „das  Auge des Genies“ mit einem Federstrich dick vor Entrüstung gestrichen; aber das Köstlichste ist, wo sie meine Sehnsucht nach   „w i r k l i c h e n   Kunstinstituten“ durch   „s a c h l i c h e s   (!)   B e s t r e b e n“   ersetzt haben! „Da ließ ich's denn so fein!“
    Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie tief mich das Interesse rührt, welches Sie meinem schwachen, engbegrenzten (nach außen und nach innen engbegrenzten) Wirken bezeugen. Zum großen Teil ist wohl auch mein Tun ein ganz persönliches — der Wunsch, zu Ihnen zu sprechen und Ihnen eine geringe Freude zu machen. Und wenn das auch nicht das Bestimmende ist, so ist doch gewiß Ihre Freundschaft das, was mir Kraft gibt. Auf den Hügeln der Abstraktion grasen, das genügt meinem Magen nicht; Ihr lebendiges Wort ist aber wahre Nahrung; es genügt auch, um mich wissen zu lassen, ob ich auf rechter Fährte bin oder nicht.
    Meine Frau sendet die innigsten Grüße; ich grüße wie einer, der die letzten 3 Tage wieder in „Jesus von Nazareth“ verlebte, und bete zu Gott für Ihre Augen. In Ehrfurcht und Freundschaft Ihr

Houston S. Chamberlain.


315-316 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Erlangen, 8. 2. 93.

    Hätten Sie mir nur den „Hinkebein“ zugeschickt! Professor Eversbusch hat mich länger behalten, als ich erwartete, und Mitte März muß ich wiederkommen. Morgen bin ich wieder in Bayreuth. Mit meinen Augen ist nicht viel anzufangen, sie seien abgearbeitet, sagte der vorzügliche, das unbedingteste Vertrauen verdienende Professor. Es freut mich sehr, von Ihrer Wirksamkeit im Verein zu vernehmen. Es ist völlig gleichgültig, wie viele dabei sind, wenn Sie auf   e i n e n   Geist wirken in dem Sinne, wie Sie es vermögen, so ist es schon   s e h r   v i e l.   Sie haben da eine der verdienstvollsten Aufgaben, die ich mir denken kann, und es wird mir immer eine Freude sein, davon zu vernehmen. Ja, diese Tätigkeit geht Hand in Hand mit der meinigen. Denn es wäre schon hübsch, unter uns einige unmittelbare Empfindung des Dargebotenen anzutreffen und nicht lediglich auf die Fernstehenden angewiesen zu sein. Ich bin nun sehr gespannt auf die „Freie Bühne“.
    In jüngster Zeit ist mir über die systematische Betreibung der Mischehen so vieles zugekommen, daß ich nicht anders konnte, als hievon mit Ihnen sprechen. Ich finde, daß die Frage unlösbar erscheine, verhindert mitnichten, daß man sie auf das schärfste zu erhellen habe. Sollen wir bald Finis Germaniae zu sagen haben, so möchten wir es doch mit Bewußtsein der Gründe des Untergangs sagen.
    Ich würde sehr gern Ihre Ausführung „absoluter König, freies Volk“ kennenlernen. Hörten Sie von der Legende über die Könige von Frankreich, daß, wenn ein Kranker sie berührte, er gesunde? Und sehr eigentümlich ging es uns mit der Lektüre von der Biographie Cromwells, vielleicht gibt es keine so mächtige, so dämonische, den ganzen Stamm und den ganzen Glauben in sich fassende Erscheinung in der Weltgeschichte, und daß er Volk und Königtum rettete, indem er den König opferte, erscheint mir zweifellos. Auch liegt in der Bestimmung seines Genies etwas so Tragisches, daß das Mitgefühl die Unnahbarkeit überwindet. Und doch — als wir bei der Enthauptung des Königs angelangt waren, konnten wir nicht mehr, und es war uns, als ob der gellende Schrei, womit das in der Ferne kreisende Volk den grausigen Akt der Notwendigkeit begleitete, für immer den Gesang und seine Fröhlichkeit in England verscheucht habe. Rienzi dagegen, der Zögling der Franziskaner, Einsiedler, der Phantast, der nichts rettete, der dem deutschen Kaiser die römische Krone aufzwingen wollte, er konnte den strahlendsten Melos eingeben. Alles dies und mehr noch ist mir bei Gelegenheit Ihres Vortrages durch den Sinn gegangen. Eine vorzügliche Rede von Stöcker im Abgeordnetenhause, die ich Ihnen schicken will, wenn Sie sie nicht lasen, fügte das ihrige hinzu, um bei mir ein Gesamtbild auszuarbeiten von den realen und idealen Dingen und wie sie zusammenhängen. Da das Festspielhaus steht,   m ü s s e n   wir hoffen und daher arbeiten, zu jeder Stunde und in jedem Sinn. Als den besten und liebsten Mitarbeiter begrüßt Sie in innigster Herzlichkeit      C. W.


316-318 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wien, 16/2/93.

    Dürfte ich Sie, hochverehrte Meisterin, bitten, mir zu sagen, ob das im Frühjahr 1857 [von Richard Wagner in Zürich] bezogene Chalet auch in der Ortschaft „In der Enge“ war.
    Ich habe mich endlich über Ashton Ellis [der in seiner Schrift „1849. A Vindication“ Praegers Buch „Wagner, wie ich ihn kannte“ kritisch beleuchtet hatte] hergemacht. Es ist eine zeitraubende und eigentlich eine undankbare Arbeit; es ist hart, sich mit so etwas Anekelndem beschmutzen zu müssen, und der Gedanke, daß auch die Größten unter uns Sterblichen den Umgang mit solchen Wesen [wie Praeger] sich haben gefallen lassen müssen, treibt einen in eine Stimmung, der man eigentlich nur durch Sichaufhängen an einer Straßenlaterne Luft machen könnte. Doch ich habe es unternommen, und ich muß es zu Ende führen. Verhindern wird das allerdings nicht, daß dieses Schandbuch als „Autorität“ während 25 Jahren gelten wird.
    Zu Graz findet der Vortrag also Montag abend, den 20sten, statt. Man hat einen Augenblick gefürchtet, die Grazer Polizei würde wegen des Themas meines Vortrags Schwierigkeiten machen, vielleicht ihn gar verbieten, weil es in einem künstlerischen Verein verboten ist, sich mit   P o l i t i k   abzugeben! Ich habe eine Inhaltsangabe einsenden müssen, und heute Schreibt mir Hausegger, die Polizei erlaubt es!
    Stöckers schöne Rede habe ich mir sofort in mehreren Exemplaren verschafft.
    Die kurze Ausführung lautet: „Vielleicht daß das Paradoxon:   A b s o l u t e r   K ö n i g,   f r e i e s   V o l k — einige zunächst befremdet? Versteht man aber etwas beim Meister nicht recht, so wird man stets gut daran tun, sich zu fragen: Was wäre hier, im tiefsten, wahrsten Sinne des Wortes, die ganz spezifisch-charakteristische, unterscheidend-eigenartige,   d e u t s c h e   Auffassung? Wohl immer wird man da entdecken, daß man auf einmal Wagners wahre Ansicht versteht. Und auf diesem Gebiete der sozialen Gestaltung kann man wohl sagen, daß, was die Deutschen auszeichnet, ein — zunächst höchst widerspruchsvoll erscheinendes — Nebeneinanderbestehen von unbedingter   K ö n i g s t r e u e   und unzerstörbarem   F r e i h e i t s s t o l z   ist. Diese in tiefstem Grunde aller echtgermanischen Herzen wurzelnde Auffassung ist es, weIche Wagners Rede mit der ganzen Unmittelbarkeit, welche Klarheit, Leidenschaft und Wahrhaftigkeit verleihen, von Anfang bis Ende beherrscht,“
    Mein Bestreben richtet sich mehr und mehr darauf, nur eine Richtung anzugeben, nur ein Licht anzustecken, hintreten und schauen müssen die Leute doch selber. Daß ich selber dabei in den Ruf eines wenig „feinen“, eines für Nuancen, vielleicht sogar für die Erkenntnis des überall im tiefsten Grunde uns rätselhaft anlächelnden Widerspruches wenig empfänglichen Geistes kommen werde, wird mich, glaube ich, nicht irremachen. Was schadet das, wenn man mit einem etwas schweren Hammer schlägt? Die Hauptsache ist doch, daß man den Nagel auf den Kopf trifft. Darum strebe ich nach möglichster Schärfe; denn da kann auch der Minderbegabte etwas verstehen, er kann ein lebendiger Teilnehmer an Erscheinungen, die ihm sonst rätselhaft bleiben, werden, und der wirklich Begabte estompera les lignes ohne meine Hilfe.
    Die soeben erschienenen „B. Bl.“ habe ich noch nicht gelesen. Auf den Grillparzer [von Richard Batka, Jahrgg. 1893, S. 82 ff.] bin ich neugierig. Ich habe gerade jetzt mich über ihn hergemacht und bereits alle seine Dramen bis auf drei gelesen, auch einige Notizen und Gedichte. G. mag reizend, sinnig, poetisch, alles, was man will, sein — aber beileibe kein Genie. Man sehe sich doch nur Kleists „Penthesilea“ dagegen an! Gerade die viel gerühmte Charakterisierung zeigt für mein Gefühl die Schwäche G.s, den Mangel an Genie. Ein großer Dichter, der Shakespeares Sonette scheußlich findet, der sie am liebsten vertilgen möchte! — ach nein, sehen Sie, jetzt bin ich gleich wieder in der Stimmung, daß ich mich an der Laterne aufhängen möchte! Als ich in die „B. Bl.“ guckte, sah ich in jenem Aufsatze einen Satz, der mir solche Angst machte, ich konnte nicht weiter.
    In Ehrfurcht und Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.


318-319 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wahnfried, 19. 2. 93.

    Das Haus, welches im Jahre 57 bezogen wurde, liegt auf dem Hügelrücken, welcher in der Gemeinde Enge den Züricher See vom Sihltal trennt. — Soviel kann ich Ihnen sagen, mein Freund!
    Die Laternen-Wünsche begreife ich nur allzugut. Es wird einem zuweilen ganz unmöglich zumute. Sie sollten nur die Sendungen sehen, die bei mir eintreffen. Als Luther einmal von einem angegangen wurde: Was wohl der liebe Gott vor Erschaffung der WeIt getan?, erwiderte er: „Er schnitt Ruten für die, welche unnütze Fragen machen.“ So würde ich erwidern. Können   S i e   nicht Ellis auf dem Wege des gesunden Menschenverstandes erhalten?
    Absolutes Königtum und freies Volk läßt sich vorstellen und kaum erklären. Ich denke mir die Monarchie von Karl dem Großen, dann von Heinrich dem Vogler also.
    Ich würde Sie so gern sprechen, allein das scheint gar nicht mehr möglich. Und darüber bin ich recht traurig, da meine stets in der Hast geschriebenen Briefe Ihnen so gar nicht sagen können, welchen Anteil ich an Ihnen nehme. Die Laterne ist immer da, winkend!
    Grillparzer habe ich von je bodenlos langweilig, beamtenmäßig-patriotisch, beschränkt und au besoin giftig gefunden. Hofpoet, wenn es einen gab! Sein Fragment   „E s t h e r“   ist das Hübscheste, eben weil es Fragment ist, und die „Jüdin von Toledo“ ist ergreifend, weil sie von Lope ist.
    Unsere größte Freude hier sind die Tiere. Ich möchte, Sie sähen unseren Neufundländer, so schön und so grenzenlos gut. Und dann Fidi [Siegfried
Wagner] heimreitend durch die Allee auf der mutwilligen, eleganten „Grimgerde“. Ein Bild wie aus Walter Scott. Das gibt Vergessen und Kraft wieder auf einige Augenblicke.
    Dann habe ich mich sehr über die prophetischen Worte Novalis', die Wolzogen in seinem Artikel über E. T. A. Hoffmann [„Bayreuther Blätter“ 1893, I. Stück] zitiert, gefreut. Die Einheit im Reich der Geister, die Harmonie, wie sie wohltut! Dann haben mich ein Terzett aus „Figaro“ und eines aus „Freischütz“, der „Schule“ und Siegfried einstudiert, gelabt.
    Dann endlich machen Sie mir Freude, und so rafft man sich immer wieder zusammen.
    In Ihrem vorletzten Briefe sprachen Sie mir von „Jesus von Nazareth“. Geht es Ihnen dabei wie mir? Bei der bloßen Nennung dieses Werkes sehe ich die Darstellung von Tintoretto, die Kreuzigung und andere noch von mächtigster Gewalt und von Zusammengehen des Lichtes und des Schattens mit der Handlung und mit den menschlichen Physiognomien, daß man das Drama zu erleben glaubt.
    Ich will Ihnen nur noch sagen, wie ich Ihnen danke, und wie von Herzen ich Ihnen gut bin.    C. W.


319-321 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Mittwoch, 22/2/93, Graz.

    Wenige Stunden vor der Heimreise ein Wort des Dankes! Ihr Schreiben, hochverehrte Meisterin, war heute mein Morgenweckruf, als ich, spät von einer reizenden kleinen Gesellschaft bei Hofmanns zurückgekehrt, in den Tag hineinschlief, „Die Einheit im Reich der Geister“... Ich glaube fast, meine Frau wird mich mit der endlich fertiggestellten Abschrift des „Hinkebein II“ überraschen, und da werden Sie auch darüber tiefempfundene Worte meines braven „Sehers“ finden, wie die Genies, durch die Macht des Schauens, alle miteinander verwandt sind; ich entsinne mich, von dieser Verschmelzung sprechend, schließt er: „Und diesen Weg — den Weg des Genies — gehen wir alle — im Tode!“
    Für mich persönlich war nun der Vortrag hier auch insofern von Interesse, als ich zum erstenmal die Gelegenheit hatte, in einem richtigen Vortragssaal, vor einem Publikum, das nicht trinkt und raucht, mit einem anständigen Pult versehen usw. usw., mich zu versuchen. Das Resultat war ein gutes. Ich habe eine Stunde und zehn Minuten gesprochen, ohne daß meine Stimme eine Spur von ihrem Klang verloren hätte; bis ganz am entgegengesetzten Ende hat man ohne Anstrengung jede Silbe deutlich vernommen; und überhaupt, die Klarheit des Vortrags, von der Gruppierung der Ideen an bis zu der Betonung innerhalb der Sätze und bis zur Aussprache des einzelnen Wortes schienen allen als etwas Ungewohntes aufzufallen. Ich war auch sehr wenig — fast gar nicht — befangen, was mir für etwaige, künftige Gelegenheiten natürlich Mut und Vertrauen eingeflößt hat. Aus dem Urteil selbst des jüdischen Grazer Blattes aber werden Sie entnehmen, daß ich nicht ohne „Erfolg“ sprach. Übrigens hat das jüdische Blatt viel klarer und mir sympathischer geschrieben als das wagnerianisch-antisemitische.
    Zum Glück hatte ich unterwegs in der Bahn fleißig „Don Quichotte“ gelesen und mich gerade an Sancho Pansas Lobrede gelabt: „O du Demütiger unter den Stolzen, du Hochmütiger unter den Demütigen, du Verächter der Gefahren, du Erdulder des Unglücks, Verliebter ohne Ursache, Nachahmer des Guten, Geißel der Bösen, Feind der Gemeinheit, kurz, du irrender Ritter, denn das heißt alles gesagt, was man nur sagen kann!“
    Und wirklich die große Herzensgüte dieser Grazer, die   p r ä c h t i g e   Bayreuther Gesinnung und der stämmige Charakter Hofmanns, der erstaunend seine Geist und die großen Kenntnisse des ebenfalls in jener seltenen, einzig richtigen Art Bayreuth (und Ihnen) ergebenen Hausegger; sie haben   s e h r   wohltuend auf mich gewirkt. Und um meiner Grazer Reise den schönsten Abschluß zu geben, wurde ich der Tischnachbar einer jungen, schönen, schwarzäugigen, entzückenden ungarischen Witwe. Eigentlich gehörte sie nicht in den kleinen Kreis, insofern sie von Bayreuth nichts weiß; aber wenn sie nicht heute früh als glühende — Anerin aufwachte, da, bitte, entlassen Sie mich aus Ihrem Dienste, denn da bin ich wirklich zu nichts zu gebrauchen!
    Nehmen Sie bitte fürlieb mit diesen eiligen Hotelzimmerzeilen, und glauben Sie an die ewige Dankbarkeit Ihres in Ehrfurcht und treuester Freundschaft ergebenen

Houston S. Chamberlain.


321-322 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Wahnfried, 9/3/93.

    Gestern erst, mein Freund, las ich Ihren Aufsatz in der „Freien Bühne“ [„Zur Eröffnung der Stilbildungsschule in Bayreuth“, Februarheft] und will Ihnen heute auf das herzlichste dafür danken. Wirklich, Sie haben es so verstanden, daß, möge mit der Schule werden, was wolle, dieser Aufsatz immer zeigen wird, was wir anstreben. Und Ihre Gabe, das Nebensächliche zu beseitigen und das Bedeutende hervorzuheben, kommt bei dieser Gelegenheit zu ihrer ganzen Geltung. Es hat mich sehr erfreut.
    Ihr Brief vom 22sten aus Graz begrüßte mich bei meinem Eintritt in Berlin, in jener Stimmung, in welche der Einsame immer verfällt, wenn er sich plötzlich umdrängt fühlt. Don Quichottes wundervolle Wort-Apotheose seitens Sancho entsprach in merkwürdigster Weise meinen Gedanken, denn ich hatte viel an den irrenden Ritter gedacht, und wer täte das nicht, der in dieser WeIt das Große fördern zu helfen sich gedrungen fühlt. Aber auch Ihre Liebe traf insofern auf gut vorbereiteten Boden, als wir in der Eisenbahn eine seltsame Begegnung gehabt, die Isolde und mich ganz einnahm. Ein Mann, einfach, vornehm und schwermütig, mit dem wir uns, indem wir kaum ein paar Worte wechselten, so teilnahmsvoll verbunden fühlten, daß, sollten wir uns wieder begegnen, wir uns gewiß als Freunde empfänden. Eigentlich gibt es für das Herz nur Liebe, und alles, was das nicht ist, scheint mir nicht zu sein, und ich weiß da keinen Unterschied der Geschlechter, noch des Alters, und das schöne Wort von Nathalie: „Nie oder immer.“
    In Berlin habe ich nur Schauspiel gesehen. Die Oper war noch mascagnisiert, und das habe ich denn nicht geteilt. Mit Mottl und mit einem anderen Wiener waren wir in einem obskuren Theater, wo „Eulenspiegel“ von Nestroy von einer kleinen Wiener Truppe mit Musik vom alten Wenzel Müller vor einer harmlosen Berliner Kleinbürgerschaft gespielt wurde. Mottl lachte so unbändig, daß wir alle hingerissen waren und auf das kindlichste uns unterhielten. Sonst war in Berlin mein Haupt- und Lieblingsaufenthalt das Museum, wo der Kampf der Götter und Titanen des pergamenischen Fundes einem wieder einmal die verschwundene Welt, auch in Trümmern, in ihrer Großartigkeit und Gewalt erschauen ließ! Und, sehr fesselnd daneben, in einer stillen Stube die beiden italienischen Marmorarbeiter, welche kleinwinzige und größere Steine des Fundes zusammenfügen, und dieser emsigste Fleiß bei der Herstellung manches Gliedes macht den Eindruck der Zauberei.
    Bei den Bildern war es ein Rembrandt, die Predigt von Johannes dem Täufer, welcher durch die Mannigfaltigkeit der Gruppen und Physiognomien und Einheitlichkeit der Komposition mich ganz einnahm. Vor allem aber die Dürer-Ausstellung, in welcher man das eigentlich Germanische vor sich hatte, die Verbindung der Schlichtheit mit dem Erhabenen und die unerschütterliche Kraft der Konzentration.
    Stöcker habe ich kennengelernt, und seine Erscheinung hat mich gerührt. Er hat einen naiven Köhlerglauben, und sein Mut stammt von diesem Glauben.
    Nun leben Sie wohl, Freund, und haben Sie Dank für das lebensvolle Bild, welches Sie mir von Ihrem Grazer Aufenthalt gaben. Die Freude an den tüchtigen Menschen empfand ich lebhaft mit, und ich habe mich dieser Ecke in den Bergen innig gefreut.
    Nun aber nochmals und zu guter Letzt, leben Sie wohl, mein Freund, und gedenken Sie meiner!        C. W.


322-326 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

23/3/93. Wien.

    Vor einigen Tagen hatte ich wieder einmal einen herrlichen Traum, wieder so ein „Schlafen“, das für vieles „Wachen“ voll entschädigte. Es war „Lohengrin“ — der Abschied an dem Ufer der Schelde; aber nicht auf der Bühne, draußen in Gottes Natur, unter dem offenen Himmel und bei glänzendstem Morgensonnenschein. Und nun — ja, wie soll ich das in Worten sagen, hochverehrte Meisterin? — die   M u s i k,   die im Kunstwerk zum Erklingen gebracht worden ist, diese Seele nicht nur der einzelnen menschlichen Wesen, sondern überhaupt alles Seins und Lebens, welche daß Genie gewissermaßen hervorgeholt und vor unser leibliches Ohr hingestellt, welche er offenbart hat, die Musik war wieder ins Innere zurückgewichen, sie erklang nicht — sie war aber noch unmittelbarer, noch gegenwärtiger als wie im Kunstwerk, sie beseelte alles, Menschen, Bäume, Fluß, auch den Schwan, der sehr, sehr langsam hingeschwommen kam, und jeder empfand nun die alldurchdringende Musik ebenso sicher und natürlich, wie das Auge die beleuchteten Gegenstände erfaßte, bei jedem aber gestaltete sich diese Gesamtsymphonie ganz individuell, so daß das Ganze gewissermaßen wie das direkte Gegenbild eines Orchesters erschien, indem bei letzterem jedes einzelne Instrument nur einzelnes spielt, und zwar mit seinem besonderen, nur ihm zukommenden Stimmklang, während dort ein jedes Wesen nur aufnahm, und zwar die ganze Harmonie der gesamten Umgebung in sich aufnahm, aber doch ganz individuell, scharf charakteristisch — also mit der bestimmten Instrumentalfarbe. Es war wohl eine der herrlichsten Visionen, die man sich vorstellen kann. Beschreiben kann ich sie nicht; Sie werden aber schon nach obigem mich verstehen. — Und da, als ich mich früh zu meinem Tee hinsetzte und mich gerade zweifelnd frage: Soll ich s Judenblatt oder 's Christenblatt aufmachen? Welches wird mich am wenigsten kretinisieren? — da bringt der Postbote die „Bayreuther Blätter“ mit der frohen, herrlichen Botschaft! [Ankündigung der Festspiele für 1894.] Nein — was solI unsereiner da sagen? Es ist noch schlimmer als das Traumerzählen! Beethovens „namenlose Freude“ singen, das hülfe vielleicht etwas; aber ich glaube, daß die glühende, überströmende Dankbarkeit, die aus vielen hundert Herzen bei den Worten „Parsifal“, „Tannhäuser“, „Lohengrin“ Ihnen entgegenflog, ich glaube, wenn Sie dieser wirklich gewahr werden wollen, so müssen Sie sich auf einen Traum einrichten! Denn wir alle, wir sind keine Genies, die allermeisten von uns blasen und streichen auch nicht einmal das armseligste Instrument; aber glauben Sie mir nur, Meisterin, es gab viel innerliche Musik zu Ihrer Ehre diese letzten Tage!
    Ein gelinder Schreck fuhr mir durch die Glieder, als ich den Aufsatz über Stöcker sah. Sie wissen ja, wie wir vor kurzem uns in der Bewunderung und Anerkennung seiner neuesten oratorischen Leistung begegnet waren; und wenn ich diesen Mann, der unser ganzes Gezücht von Politikern durch die Macht seiner Überzeugung, durch seinen Mut, seine Arbeitskraft, durch sein rücksichtsloses Hinsteuern auf ein Ziel, welches nicht in ihm selber, sondern außer ihm steht, dessen „Politik“ also dadurch, daß sie keinem irgendwie gearteten persönlichen Interesse, sondern dem wahren Wohl des Volkes und dem Horchen auf eine innere göttliche Stimme gilt, sich bereits jener Auffassung einer „unpolitischen Politik“, wie sie in den früheren „Schriften“ zum Ausdruck kam, sich nähert — wenn ich diesen Mann, der durch seinen   C h a r a k t e r   allein seine Kollegen turmhoch überragt, von oberflächlichen Schwätzern, die es ihren Judenblättern nachplappern, abfällig beurteilen höre, da steigt mir die Galle, und ich könnte meiner Bewunderung für den Hofprediger den übertriebensten Ausdruck geben. Aber, aufrichtig gesagt, in unseren Blättern (verzeihen Sie, daß das Wort „unser“ mir entschlüpft ist — aber die Sperlinge, die ich ernähre, nennen mich wahrscheinlich auch „ihren“ Herrn) —‚ in unseren Blättern ist es überhaupt bedenklich, sich zu irgendeiner politischen Partei zu bekennen, weniger bedenklich wäre schon das negative Verfahren, der Hinweis, daß wir hierhin und dorthin nicht gehören, denn das heißt etwas abgerundet Richtiges, vollkommen Gültiges aussagen. Und ganz speziell in solch einem Falle wie Stöcker scheint mir, daß wir uns da barfuß auf ein „terrain brûlant“ begeben; denn, zu seinem Amte, zum kräftig-praktischen Auftreten inmitten einer von Juden und Glaubenslosen beherrschten Politik gehört der naive Köhlerglaube, ohne diesen könnte er das nicht ausrichten, was er ausrichtet. In den „Schriften“ aber, die den „Bayreuther Blättern“ als Grundlage dienen, finden wir nirgends — weder in dem ersten, noch in dem zehnten Bande — den Köhlerglauben. Das ist gewiß, das Christentum des Herrn Stöcker hat Platz bei uns; wir haben aber nicht Platz in seinem Christentum. Von ihm nun sprechen und das verschweigen, macht auf   m i c h   einen sehr peinlichen Eindruck: denn entweder liegt darin eine gänzliche Unfähigkeit, Schopenhauer und „Kunst und Religion“ zu verstehen (und diese dürfte dann nicht bei uns zu Worte kommen), oder wir sind nicht ganz aufrichtig, und das ist noch schlimmer. — Ein Mißverständnis ist hier nicht möglich, denn Schopenhauer läßt nur den Kern des Christentums gelten (wie er ihn nennt) — die Lehre von der Erbsünde und von der Erlösung, und seine Betrachtungen über Polytheismus und Monotheismus würden allein genügen, um die Kluft, welche ihn von Stöcker trennt, anschaulich zu machen. — Diese Kluft ist, wie uns angedeutet wurde, ungefähr oder fast so breit wie die, welche das Christentum vom Heidentum trennt ([Ges. Schr. Richard Wagners] X, 329); ganz klar wird aber gerade an dieser Stelle gesagt: „Die   S c h o p e n h a u e r s c h e   P h i l o s o p h i e   solle in jeder Beziehung zur Grundlage aller ferneren geistigen und sittlichen Kultur genommen werden; und   a n   n i c h t s   a n d e r e m   h a b e n   w i r   zu arbeiten.“ — Etwa aber — um noch eine letzte Möglichkeit zu erwähnen —‚ etwa mit dem orthodoxon Christentum „dilettieren“, das wäre wohl das Abscheulichste. Anders klangen jene Worte, die im [Wagner-] Lexikon (hinten) als „brieflich 1880“ angegeben sind: „...Kirche, Priestertum, ja die ganze Erscheinung des Christentums in der Geschichte geben wir schonungslos daran...“
    Schweigen können wir, wo und wann Reden nicht am Platze ist, aber hüten wir uns davor, etwas auszusagen, was unserer innersten Überzeugung unmöglich entsprechen kann!
    Warum ich   I h n e n   das sage, verehrte Meisterin? Weil ich das Bedürfnis hatte, meine Meinung einer „maßgebenden“ Persönlichkeit gegenüber auszusprechen, und weil mir der Mut fehlt, sie an Wolzogen zu schreiben. Wolzogen gehört zu den Leuten, die ich täglich höher schätze und täglich mehr bewundere. Und ich glaube, daß ich von den schwierigkeiten, mit denen er diese ganzen Jahre hindurch zu kämpfen und denen er mit seiner ruhig-konzentrierten Energie auch wirklich standzuhalten gewußt hat, doch keine rechte Vorstellung habe.
    In Ehrfurcht und treuester Ergebenheit Ihr
Houston S. Chamberlain.

24/3/93.

Postskriptum!
    Ich wollte Ihnen noch einige Worte von dem böhmischen Streichquartett sagen, welches unser Entzücken diesen Winter ausgemacht hat. Wäre ich ein kleiner König Ludwig gewesen, ich hätte diese jungen Leute einfach zu Ihnen nach Bayreuth geschickt. Mit einem Schlage war man zugleich von allen Joachims, Rosés und anderen Akkapareurs des Volkes künstlerischen Vermögens, und auch von den „klassischen“ Verhunzungen durch ebenso talent- wie temperamentlose, gesinnungsschwiemlige Germanen erlöst. Blutjunge Leute (alle bartlos!), die mit einer Präzision, Korrektheit und unbändigem Feuer spielten — welche, dessen bin ich überzeugt, Ihre begeisterte Anerkennung gefunden hätten. — Diese erste Geige, Karl Hoffmann (also trotz des „Böhmischen“ wahrscheinlich ein ganz ehrlicher Deutscher), den möchte ich gern bei Ihnen, in Bayreuth, sehen. — Diese ganzen vier sahen überhaupt nicht nach „Musikern“ aus, wie man sie gewöhnlich sieht und sich vorstellt; und Hoffmann gleicht eher einem jungen Offizier aus der Zeit Napoleons I. — sicher, entschlossen, kühn, konzentriert. Sie spielten viermal, und wir gingen alle viermal und saßen ganz vorn unter den hohen Herrschaften. Und   S m e t a n a s   („Aus meinem Leben“) E-Moll-Quartett spielten sie dreimal. Kennen Sie es? Diese Musik hat mir wirklich den Winter überleben geholfen! Das ist doch endlich wieder einmal eine Musik, die nicht einfach erlogen ist. Vergleichen will ich ihn ja gar nicht, aber der besonderen   A r t   nach („ein jeder ist nach seiner Art“) ist Smetana mit Beethoven sehr nahe verwandt. Das unmittelbare   S p r e c h e n   in hohen Tönen habe ich kaum in Instrumentalmusik wieder so gehört (außer bei Beethoven), und die Einfachheit ist so wohltuend wie Aufrichtigkeit in allen ihren Gestalten. Die Persönlichkeit läßt sich an Macht natürlich mit der Beethovens nicht vergleichen, aber die Innigkeit, die Tiefe der Empfindung, der feste Zusammenhang mit dem Geiste eines Volkes lassen diese „relative Größe“ als sehr gleichgültig erscheinen. Die wirklich Großen rechnen sicherlich den Dichter dieses Tonstückes zu ihresgleichen.
    Finis.
    Schemanns „Schopenhauer-Briefe“ [Leipzig 1893], das war eine schöne Bayreuther Tat, nicht wahr?


326-327 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 27/3/93.

    Ich danke Ihnen herzlich für Ihren lieben Zuruf zu „Lohengrin“, mein Freund! Gott schenke „Lohengrin“ seinen Segen, ich will gleich nach Ostern mich an die Arbeit für ihn begeben.
    Was Sie über Stöcker in den „Blättern“ sagen, ist unbedingt richtig und entspricht durchaus meinem Gefühl. Ich glaube aber, daß, wenn Wolzogen auf diejenigen angewiesen sein sollte, welche den Geist der „Gesammelten Schriften“ in sich aufgenommen haben, er so ziemlich vis à vis de rien wäre.
    Neulich Sonnabend, hatten wir eine kleine Rekapitulation von unserem Siebengestirnlein [die sieben Schüler der Stilbildungsschule], und ich
freute mich der Leutchen recht; sie sangen Wundervolles aus der H-Moll-Messe von Bach, (ein wahrhaft jubilierendes „laudamus te“), die Arie der Pamina, ein reizendes Lied von Schubert, „Die Botschaft“, „In questa tomba“, und die Arie des Ottavio. Sie sehen, allerhand Gutes. Wir schlossen mit dem Psalm meines Vaters „An den Wassern Babylons“, welchen eine unserer Schülerinnen mit vieler Empfindung vortrug, und welcher sehr rührend wirkte.
    Wie gern würde ich Ihre böhmischen Geiger gehört haben! Wissen Sie, ob sie Orchestermitglieder sind und daher dieses Ensemblespiel gewohnt sind? Ich würde dann versuchen, sie hier einzuverleiben, Das Quartett von Smetana glaube ich wohl in meiner Jugend, als es zum erstenmal produziert wurde, gehört zu haben; ich entsinne mich seiner nicht, aber ich traue Ihrem Eindruck unbedingt. Gott, wie wohl tut es, einem Ähnlichen jetzt zu begegnen!
    Ich habe jetzt mit einer sehr kuriosen Arbeit zu tun; ich hat Levi um eine Aufführung der „Dido“ („Trojaner“ von Berlioz); er schickte mir den Klavierauszug und bat mich, seine Übersetzung, auf welche er sich einiges zugute täte, vorzunehmen. Ich begann heute und fand eine sehr sorgfältige, mühselige Arbeit, indem Silbe auf Silbe stimmt und der Reim bewahrt ist. Aber immer auf Kosten des Gedankens, und wenn man weiß, wie Berlioz die Musik in das Joch des Gedankens gegeben hat, so entsteht für mich dadurch eine vollständige Fälschung. Mein Vater sagte „en matière de traduction il y a des exactitudes qui équivalent à des infidélités“, und hier sind es nur die Silben, welche genau sind. Von dem Werke selbst kann ich bis jetzt nur sagen, daß Sinn und Verstand darin und wenig Musik. Es ist aber sehr interessant zu sehen, wohin der französische Geist immer neigt. Und wenn Berlioz mit den „Trojanern“ gewiß keine sehr lautere Absicht gehabt hat und er den Werken [Richard Wagners] ein klassisches Paroli bieten wollte, so spricht doch seine Oper das naiv aus, was der
Franzose als Ideal ansieht: die lateinische Antike; daher beschäftige ich mich mit dem Werke ganz gerne.
    Goethe und Schopenhauer sind doch beide in ihrem Briefverkehr einzig, bei Sch. kommt die Wahrheit wie mit einem Erdbeben heraus, bei G. wie das sanftstrahlende Licht.
    Ich war wieder 4 Tage in der Augenklinik, und der vorzügliche Eversbusch hofft, daß es nicht schlimmer wird. Seine Anstalt wirkt immer auf mich wie der Hafen, in den ich einlaufe, und die geregelte Ruhe tut mir unendlich wohl.
    Nun aber leben Sie wohl, und seien Sie gegrüßt und bedankt.    C. W.

328 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

29/3/93. Wien,


    Daß jemand meinem Allat Tränen geweint hat und es begriff, daß die Siegesfanfare am Schlusse „Parsifals“ Gott gilt, daß es ein Te Deum laudamus ist — währenddessen der heldenhafteste, reinste Mensch ein armes Geschöpf bleibt, der, je höher er steigt, desto einsamere Pfade wandelt, ja, es hat mir, hochverehrte Meisterin, wie die wenigen ähnlichen Äußerungen, die mir zuteil wurden, innig wohl getan. Wie „herb“ und unzugänglich dieses zweite Märchen ist, habe ich jetzt empfunden, als ich es nach einigen Monaten wieder las; ich würde es begreifen, wenn es einigen einen etwas forcierten, „recherchierten“ Eindruck machte; außerdem ist es künstlerisch (wenn das Wort hier am Platze ist) gewiß nicht so gelungen wie das erste; und doch habe ich mich jetzt überzeugen können, daß jedes Wort von Herzen kam, ganz lauter und ungetrübt;   w a h r   ist jedes Wort, und das ist wenigstens die Grundlage echter Kunst, wenn auch nicht das vollendete Gebäude. Für das dritte und letzte Märchen habe ich eine herrliche Idee: Parsifals Tod. Nach einer Sage lebte er nämlich nicht lange; daß er seine Mutter hatte vergessen können, war eine Sünde, die durch keine Tat gesühnt werden konnte. Wie er stirbt, kehrt Lohengrin zurück, und an Stelle des eben verlorenen Glückes bekommt er aus seines Vaters Händen die schwere Königskrone.
    Ich versprach Ihnen, am Schluß meines Grazer Vortrags das Gebet aus „Lohengrin“, I. Akt, zu erwähnen. Es ging aber nicht; ich versuchte, und es paßte nicht hinein, und ich hatte so viel an diesem Vortrage gearbeitet, daß ich nicht fähig war, einen Satz oder gar einen Absatz — behufs dieser Erwähnung — umzumodeln.
    Denken Sie maI, daß ich erst heute — bei meiner grenzenlosen Ignoranz — erfahren habe, daß Schopenhauer kein eigentlicher Deutscher war! Die Deutschen haben wirklich Pech, erst Kant, dann Schopenhauer; und dazwischen haben sie als „echte“ die Schellings, Hegels etc. hervorgebracht! Ich möchte gern diesen Semito-Wallachen, die uns Angelsachsen „Ausländer“ nennen, meine Meinung sagen!
    In Ehrfurcht und Dankbarkeit Ihr        H. S. C.

*

329-330 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

    [Auf der Heimreise aus Les Avants, Montreux, wo Chamberlain mit der Familie Wagner zusammengetroffen war.]

Bern, Mittwoch, 3. Mai 93.

    An meiner ersten Haltestelle angelangt, möchte ich als allererstes Ihnen, hochverehrte Meisterin, ein Wort des Dankes senden.
    Zwar bin ich weit entfernt, ein Adam von Doß zu sein, und die schönen, glühenden, ellenlangen Sätze stehen mir nicht zur Verfügung; zu meinem
Glück aber sind Sie — mindestens in einer Beziehung — weit mehr als Schopenhauer, schon dadurch allein, daß Sie ein Weib sind; dadurch kommen Sie mir mehr entgegen und begreifen Sie voll und ganz, was ich nur äußerst unvollkommen oder vielleicht auch gar nicht zu sagen vermag. Auch da also, wo   i c h   gern geben möchte, und wäre meine Gabe auch nur mein Dank für alles von Ihnen Empfangene, auch da muß ich das meiste von Ihnen und von Ihrer Güte erwarten; wenn Sie mir nicht drei Viertel des Weges entgegenkommen, und wenn Ihr großes Herz meinen armen Worten nicht eine gewisse Verklärung zuteil werden läßt, dann müßte ich ganz verzweifeln, Ihnen jemals meinen Dank sagen zu können, und doch werden gerade   S i e   verstehen, welches Bedürfnis es mir ist, nicht alle Gaben stumm zu empfangen und ein von lebendigem Dankgefühl und ehrfurchtsvollster Liebe ganz volles Herz doch mindestens in einem kleinen Sätzchen zu irgendeinem Ausdruck kommen zu lassen.
    Als ich gestern abend, gegen Sonnenuntergang, 2 Stunden auf einer wundervollen, wie für Sie gemachten Terrasse saß, unter einem dichtschattigen Laub, vor mir die herrlichen, im Abendlicht erglänzenden Alpen — da empfand ich, da wußte ich ganz genau, daß ich von dem Augenblicke ab, wo der Neuchâteler Zug aus dem Lausanner Bahnhof abdampfte, ganz verwaist dastand. Denn diese erhabene, gewaltige Schönheit war ganz in Schweigen gehüllt — es war eine Art Grabesgefühl; und währenddem ich mir sagte, daß der Klang Ihrer Stimme mich über die ödeste Gegend gewiß trösten und dieselbe zu Schönheit beleben würde, empfand ich mit Bestimmtheit, daß diese großen, schweigenden Alpen mich nur noch tiefer und schmerzhafter fühlen lassen, daß   I h r e   Stimme, Ihr tastend suchender Schritt, Ihre siegesbewußt gebietende Hand, Ihr den Alpen wie einem Naturverwandten ins Gesicht schauendes Antlitz mir geraubt waren...
    Aber auf was für Umwege gerät meine Hotelfeder? Von Dank war ja bei dieser Sonnenuntergangsschilderung jetzt gar nicht die Rede! Nein, ich glaube wirklich, ich kann es über die Lippen nicht bringen — vielleicht später einmal, aber jetzt nicht. Ich war diese Wochen in Les Avants   s o   glücklich — nun, das wissen Sie ja; aber soll ich auch wirklich dem Beispiel der Alpen folgen und mich „in Schweigen hüllen“, so möchte ich doch mindestens das eine recht eindringlich und nachdrücklich sagen: daß ich immer und ausnahmslos   a l l e s,   was von Ihnen kommt, als ein   G e s c h e n k   ansehe. Mag ich auch eigensinnig und „widersprüchig“ und kalt und langweilig und unliebenswürdig und weiß Gott was auch alles sein. Eines habe ich:   i c h   w e i ß,   w e r   S i e   s i n d !   Und wenn ich auch eine etwas bulldoggige Art habe, meine Gefühle zur Schau zu tragen, oder vielmehr nicht zur Schau zu tragen, so bin ich doch überzeugt, daß nicht einmal Sie, Meisterin, die ganze Tiefe der stolzen Demut, aus welcher ich zu Ihnen hinaufblicke, zu ermessen vermögen...
    Also, ich komme darauf zurück, daß ich auch hier, auch bei dem bescheidensten Versuch, Ihnen von dem, dessen mein Herz voll ist, etwas zu sagen, ganz auf Sie und auf Ihre Güte angewiesen bin! Zum Glück kann ich da auch ein unbedingtes, unbegrenztes Vertrauen haben — bitte, seien Sie überzeugt, daß ich es auch habe. Ich müßte zu den allerselbstquälerischsten Eseln gehören, wenn ich jemals bezweifelte, daß Sie mir von Herzen zugetan sind.
    Daß ich die endliche Bekanntschaft mit Ihren Töchtern zu den schönsten — ich möchte sagen zu den rührendsten wahren Errungenschaften der Zeit in Les Avants zähle — ein wirklich kostbarer Schatz für das ganze Leben —‚ erwähne ich hier doch noch ausdrücklich, damit wenigstens dieses eine Mal meine „Grüße“ an sie nichts Banales an sich haben, sondern ein bißchen von dem Glockenklang jener ersten Kuh, der wir auf dem Herunterweg begegneten, und auch von der Innigkeit des Wiesen- und Blumenduftes (des unschuldigen Rausches des Orchideenduftes nicht zu vergessen!).
    Ihnen, hochverehrte Meisterin, der schweigende Gruß und der sprachlose Dank Ihres mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele ewig treu und in tiefster Ehrfurcht ergebenen

Houston S. Chamberlain.


331 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

München, 5. Mai 1893.

    Nur mit zwei Worten Dank für Ihre Zeilen, mein Freund! Es waren schöne, seltene Tage, die wir dort verlebten, und ich glaube, sie werden sich immer mehr von dem Sonstigen in unserer Erinnerung abheben. Ich war erstaunt, von der Gegend um Neuchâtel keinen Eindruck zu erhalten, und dann erklärte ich es mir damit, daß wir ungern an dem Frieden eines Sees und der Erhabenheit der Berge hastig vorbeirasseln — vielmehr tat es mir wohl, wenn wir umbogen, und dem Ewig-Unschuldigen nicht seine Wirkung durch unsere gierige Unruhe rauben.
    In Karlsruhe hatte ich eine wahre Freude, Mottls „Firdusi“ und sein schönes, ernstes Verhältnis zu seiner Frau. Letztere eine merkwürdige Erscheinung, durchaus unmodern, von der Natur mit Fülle und Kraft begabt; er unternahm es, diese von der WeIt mißbrauchte Natur zum Edlen zu bringen. Ich glaube an das Glücken des schönen Versuches, sie sang sehr hübsch und mit ganzer Seele in seiner Oper, begegnete mir unbefangen und bescheiden und — so seh' ich anders als die anderen und freue mich. Hier heute   ( M u ß )   I. Akt „Tannhäuser“... Die „Afrikanerin“! Ich glaube, es gleicht sich aus.
    Alles Gute mit Ihnen und Ihrer Frau, und wir wollen uns der Vordertage freuen.    C. W.


331-332 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Zürich, 6. Mai 1893.

    „Inzwischen“ (wie Schopenhauer sagt) bin ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, für den gestrigen Abend noch dankbar. [Ch. hörte auf Wunsch von Frau Wagner auf der Heimreise, einer Sängerin wegen, Meyerbeers „Afrikanerin“.] Ich habe nur einmal vor vielen Jahren die „Hugenotten“ und einmal den „Propheten“ gehört; so recht lebhaft habe ich mir doch nicht vorgestellt, welcher Abgrund von poetischer Impotenz, von rettungsloser Gemeinheit, welch gänzlicher Mangel an musikalischer Gestaltungskraft (denn die prätentiösen, breiten Melismen, die hin und wieder, à propos de rien, von der Oboe oder dem Violoncell zuerst feilgeboten und dann vom Gesang und dem Orchester aufgenommen werden, dienen dazu, den Mangel an Gestaltung noch fühlbarer zu machen) — kurz, welche trostlose Öde und Leere und Nichtstwürdigkeit, welche fabrikmäßige Verwendung alles Äußeren, ohne auch nur ein einziges Atom von Seele, von wahrer Empfindung, hier vorliegt. Ich mußte an eine Posse denken, wo ein reich gewordener Fabrikant bei jeder Gelegenheit wiederholt: „Ich muß Ihnen sagen, ich bin jetzt in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden — ich stehe augenblicklich 123“; das hat man in der „Afrikanerin“ buchstäblich vor sich: die dramatische Kunst in eine Aktiengesellschaft umgewandelt!
    Daß eine derartige Blasphemie alles Göttlichen gestattet ist, wie das erste Ensemble-Gebet aller Bischöfe und des Rates...? Offenbach hat die Götter Griechenlands nicht so persifliert wie Meyerbeer hier die Erhebung der christlichen Seelen zu ihrem Gott! Es ist einfach skandalös. — Die   e c h t e n   Schweizer schauten drollig darein, erstaunt, verblüfft, lächelten sich verstohlen zu, applaudierten aber tüchtig zum Schlusse mit ernstem Ausdruck, als wollten sie sagen: „Verstanden haben wir nichts davon; jeder gebildete Mensch weiß aber, daß die Musik von Meyerbeer schön ist; und jeder Schweizer ist ein gebildeter Mensch. Außerdem ist das hier das mit unserem Gelde errichtete Züricher Stadttheater.“
    Das moderne Zürich ist überhaupt eine abscheuliche Stadt — namentlich, wenn man von dem schönen, stolzen, würdigen Bern kommt. Ich glaube, die Züricher würden sich ihre Berge schleifen, wenn sie es nur könnten; leider können sie es nicht, und man wird immer wieder gezwungen sein, hier durchzureisen.
    Die Escherhäufer etc. habe ich besucht, ohne etwas anderes empfinden zu können, als daß Zürich „n'y est pour rien“. Gut, daß alle Erinnerungen bereits so ziemlich ganz weggewischt sind; was hier geschaffen wurde, ist wie die fernen Alpen — es kann nie vertilgt und es kann von den sich folgenden Generationen bewundert werden —‚ die stadt Zürich geht es aber gar nichts an.
    Aufrichtig und eindringlich bitte ich Sie, weder diesen noch andere Briefe von mir zu beantworten, und verbleibe mit den herzlichsten Grüßen an meine beiden „Feldkameraden“ Ihr in ehrfurchtsvoller Treue ergebener

Houston S. Chamberlain.


332 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

26/5/93. Wien.

    Nichts Wichtiges habe ich zu sagen, hochverehrte Meisterin; es drängt mich aber nach Absolvierung — gestern abend — meines zwölften und letzten Vortrags in dieser Saison einen Gruß zu senden, Ich freue mich auf die Ruhe jetzt; aber ich freue mich, daß ich sie in einem gewissen Sinne mir verdient habe. Ich wollte Ihnen auch mitteilen, daß ich den Vortrag, den ich gestern hielt, an Wolzogen einzusenden gedenke — nicht wegen irgendeiner Veröffentlichung, sondern zur „Begutachtuug“. Es ist nämlich eine Art Schematische Lebensübersicht, in welcher ich versucht habe, das anfangs trocken und nach mnemotechnischen Rücksichten angelegte Schema nach und nach zu einem lebendigen Organismus umzuwandeln.
    Viele, viele Grüße an Sie alle; meine Frau meinte heute: „Da du Frau W. jetzt gesehen hast, brauchst du sie vor nächstem Jahr nicht wiederzusehen!“ (das „brauchen“ ist doch himmlisch, nicht wahr?); aber ich denke, Sie werden im Laufe des Sommers irgend etwas in Bayreuth vorhaben, was ich „zu sehen brauche“, wobei ich dann nebenbei nicht umhin kann, auch Sie zu sehen?
    In Ehrfurcht und treu ergebener Freundschaft Ihr

H. S. C.


333 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 30/5/93.

    Nur mit zwo Worten will ich sagen, daß Wolzogen gestern bei mir war mit Ihrem Vortrag, mir Bericht daraus erstattete, einzelnes daraus vorlas, und daß diese markige, feste Sprache mir wieder unendlich wohl tat, indem ich sie als die einzige betrachte, die zu uns gehört, und die Gutes wirken kann.
    Wir fahren fort, das gleiche zu erleben! Der größte Teil der Schüler, die sich (und zuweilen ganz enthusiastisch) anmelden, wird uns abspenstig gemacht, und wir haben niemanden draußen, der gegen alles Lügenhafte, unterirdisch Verbreitete auftritt. Sie sind der einzige, der weiß, wie es steht und worauf es ankommt, und der den Mut hat, es zu sagen.
    „Je ne saurais me passer des choses dont je n'ai que faire“, sagte die Herzogin von Bourgogne von ihren Bibelots. Geistig übertragen, wäre das ungefähr die Antwort auf das „Brauchen“, und da jeder, dem man anhängt, eigentlich eine Atmosphäre bildet, so gleicht das Bedürfnis nach dieser Atmosphäre etwas unserer Sehnsucht nach einer bestimmten Luft und Naturumgebung. Und es wäre ein schöner gebrauch, wenn man dem regelmäßig nachgehen könnte.
    Um wieder ganz auf der platten Erde zu sein, muß ich Ihnen erzählen, daß geistvolle Freunde aus Paris mir schrieben, sie teilten meine Freude über die „Walküre“ dort, und daß der Eindruck von Wotans Abschied dadurch gesteigert worden wäre, daß man seine Mitteilung an Brünnhilde und das Gespräch mit Fricka sehr gestrichen hätte. — Ich denke, Sie steIlen sich auch meine Freude vor.
    Leben Sie wohl, Freund, und grüßen Sie Ihre liebe Frau herzlichst von uns allen!
    Ailinon! Das Gute siege!    C. W.


334 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

30/Mai/93. Wien.

Hochverehrte Meisterin!
    Den beiliegenden Regenerationsvortrag [„Richard Wagners Regenerationslehre“, abgedruckt in „Richard Wagner der Deutsche“, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7196/97] — V o r t r a g   ist wohl zuviel gesagt, die Regenerations-Plauderei — bekam ich gestern wieder, und als ich es
heute früh wieder durchblätterte, gefiel es mir nicht schlecht; ich bitte dringend, ihn zu behalten, bis der Tag sich findet, wo nicht nur eine Stunde zur Verfügung steht, sondern wo auch gerade die Regeneration gut paßt. Denn das ist nicht für jeden Tag; Wiedergeburt, ja! das schon! — aber hier, wo das Transzendente eine so unglaublich kühne Ehe mit dem Realen eingeht, da muß man schon ein bißchen hochzeitlicher Laune sein, sonst geht's nicht.
    Übrigens liebe ich die alten Inder für nichts so zärtlich wie für den ruhigen Mut, mit welchem sie die direktesten Widersprüche gelehrt haben; das tat twam asi ist doch die Verleugnung aller   I n d i v i d u a l i t ä t,   durch das   s i c h   Wiedererkennen in allen anderen löst sich das Ich-Gefühl allmählich ganz auf, wie es ja auch ausdrücklich gelehrt wird; und auf der anderen Seite, welche grauenhaftere, unbarmherzigere Vorstellung von der Permanenz der Individualität kann es geben als die Lehre von der Seelenwanderung, wo das „Ich“ nicht nur in irgendein nebelhaftes Purgatorium wandelt, sondern immer wieder und immer wieder von neuem geboren wird, um in frischer Jugend den alten Kampf, der in den Tod führt, noch einmal aufzunehmen?
    An Schemann hatte ich vor kurzem geschrieben. Er antwortete sofort, wirklich sehr liebenswürdig und warm, aber soviel Gemüt hält kein Mensch auf die Dauer aus. Und diese Leute sind wie die Raketen — zündet ein Funke — kniff! da fliegen sie schon zum Himmel hinauf und verschwinden bald jenseits der Sterne. Sie erinnern mich an jene Flachländer, die mich im Hochgebirge immer zur Verzweiflung bringen, weil sie die relative Höhe der Berge gar nicht zu schätzen verstehen — eine Sache, zu der übrigens Instinkt und Erfahrung gehören; sie halten immer den Berg, der ihnen gerade vor der Nase steht, für den höchsten; was sie aber anderseits nicht im geringsten verhindert, auf einen Berg, den man nur mit 3 Führern, Stricken und Äxten besteigen kann, früh vor dem Luncheon hinaufzuwollen.
    Ihnen, hochverehrte Meisterin, die Versicherung der ehrfurchtsvollen und innigen Ergebenheit Ihres

Houston S. Chamberlain.


335 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

5. Juni 1893. Wien.

    Aus christlichem Mitgefühl schreibe ich an Sie, hochverehrte Meisterin, statt an Siegfried, damit dieser zu keiner Antwort verpflichtet ist. [Siegfried Wagner hatte am 6. Juni Geburtstag.] Ich wüßte nicht, welche Geburt für eine ganze Welt so viel der sehnsuchtsvollsten Hoffnung in sich schlösse wie diese. Man denke sie sich nur weg — vom Schicksal verweigert, um die Bedeutung dessen zu ermessen, was Sie der Welt an jenem Tage schenkten. Darum dankt Ihnen auch eine ganze Welt und wird Ihnen immer mehr danken. Die einzige Gewähr für eine Zukunft des eigentlichen Bayreuther Gedankens war ja, daß dieser zu Fleisch und Blut wurde. Möge Ihr Sohn zu der Heldenkraft gedeihen, deren er als drachentötendes Wotanskind bedarf, und Ihnen zum Trost, uns allen zum Heil, der Welt zum unermeßbar großen Segen leben. Dies der Herzenswunsch Ihres in ehrfurchtsvollster Freundschaft ergebenen

Houston S. Chamberlain.


336-337 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 10/6/93.

    Inzwischen habe ich Ihren Vortrag über den Regenerationsgedanken gelesen und finde ihn ganz außerordentlich und in jeder Weise dem Gegenstand entsprechend. Schiller als Festredner einzuführen, ist der glücklichste Gedanke, der zu haben war. Und ich glaube, daß Sie der einzige Ausländer sind, der sowohl diesen dichterischen Priester als wie das deutsche Wesen überhaupt richtig zu erfassen imstande ist. Sowohl die Darstellung des Gegenstandes als seine Zusammenfassung halte ich für unbedingt gelungen und eindringlich, und ich möchte insbesondere für die ernste Erfassung der Nahrungsfrage meine Genugtuung Ihnen ausgesprochen haben.
    Ich verdanke aber noch eines Ihrem Vortrag, nämlich mehrere Stunden des Zusammenseins mit Wolzogen. Die Liebe, die ich für ihn hege, gehört — ich empfinde dies mit Dankbarkeit — zu den Gefühlen, denen auch Einmischungen nichts anhaben können.
    Vor allem aber Dank für Ihre Glückwünsche zu dem 6sten! Gott hat sein Wort da gesprochen, und auf dieses Wort baue ich, um weiter zu hoffen! Zu seinem Geburtstag führte Siegfried mit der Militärkapelle die Ouvertüre zu „Rienzi“ auf, und zwar sehr gut, sehr bestimmt und sehr bewußt. Darauf reiste er nach München, um sich für das Militär zu stellen, und wurde nun ganz frei.
    Ein unglücklicher Mensch, aber ein sehr guter und sehr bedeutender ist Schemann. In ihm erkenne ich mit tiefstem Mitgefühl das, woran Deutschland zugrunde geht, nämlich daß seine ideal begabten Söhne von vornherein schlecht genährt werden und daher eine Art fieberhaften Zustandes der Geistes- und Gemütsanlagen überliefert werden. Wogegen die Juden ganz robust ihre realen Fähigkeiten kundgeben und vertreten! Es ist ein Elend!
    Meinen Sie wirklich, daß in der Seelenwanderung der Inder das Individuum festgehalten sei? Ich dachte es nicht; sondern nur, daß gleichsam der Zuschauende sagen könnte: Dieser, der jetzt geknechtet ist, war früher der Tyrann, und die Entsagende hat einst wütend begehrt. Aber gerade die Individualität wäre die Veränderung. Aber ich bin sehr wenig bewandert und habe mehr Vorstellungen als Kenntnisse.
    Von uns ist weiter nichts zu erzählen. Jeden Donnerstag zeigen die Schüler in Wahnfried, was sie gelernt, und mit Kniese und Pohlig nehmen wir die Beethovenschen Symphonien vor.
    Eine Frage, mein Freund, die mir seit langem unter der Feder und auf den Lippen lag und nur immer durch anderes verdrängt wurde: Wünschen Sie, daß ich Ihre Briefe vernichte? Meiner Kinder bin ich natürlich ganz sicher, aber wir wissen nicht, was wird, und unsere Zeit ist eine beklemmende! Wir schreiben uns so unumwunden, daß ich, für meinen Teil, Sie bitte, sollten Sie es nicht bereits getan haben, meine Briefe zu zerstören.
    Herzlichste Grüße und vielen Dank Ihrer lieben Frau für die Wünsche, und alles Gute mit Ihnen!    C. W.


337-339 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Oberhof im Naßwald, 27. Juni 1893.

    Inmitten einer wahren Orgie von Orchideen sitze ich da — und ganz unglücklich über meine Unfähigkeit, Sie alle, hochverehrte Meisterin, daran teilnehmen zu lassen. Zur Erholung aufs Land geschickt, machte ich gestern meine erste Bergbesteigung: die übliche österreichische Berglandschaft, eine Bergkette hinter der anderen, nirgendswo etwas Hervorragendes oder auch nur scharf Individualisiertes, und die Täler alle tief und eng, woraus man den Eindruck einer gedrückt und dunkel lebenden Bevölkerung gewinnt. Auf diese charakterlosen Berge, in diese dunklen Täler hat sich das arme Deutschtum Österreichs zurückgezogen; dort, ganz weit, weit — sehe ich die Sonne auf der ungarischen Ebene glänzen. Und die großen Herrschaften sind viel härter hier, als sie früher waren; die Grafen Hoyos-Sprinzenstein u. a. gestatten nicht mehr, daß die Armen sich aus den unermeßlichen Waldungen Holz holen wie ehedem; Wild zu erlegen ist jetzt, wo die Habsburger die ganze Gegend zur Jagd gepachtet haben und es also doppelte Jagdhut gibt — die Hoyossche und die Kaiserliche —‚ geradezu lebensgefährlich; kaum daß unschuldige Touristen auf die Berge steigen können, die besten Wege sind überall „verboten“ — und so vegetieren diese guten NaßwäIdIer weiter, echte protestantische Deutsche, arme „Holzknechte“ — von ihren katholischen, ungaro-slawo-judophilen Herren „beschirmt“; die guten Leute sprechen sogar noch ein deutsches, lutherisches Deutsch — so naiv sind sie! — und sagen z. B. statt des lateinischen Wortes „Fenster“ — eine „Luge“! Daß mein Führer mürrisch war, werden Sie ihm also nicht verargen; in so einem Kopfe muß es ähnlich aussehen wie in dem eines mißhandelten und doch nicht weniger treuen Hundes. Ich sprach dem Manne von der Schweiz und ihren freien Bergbewohnern; cela ne répondait à rien chez lui; dagegen sprach er mit gedämpfter Stimme, als er mich auf das „allerhöchste Erzherzogliche Jagdhaus“ aufmerksam machte. Bei diesem ganzen Jammer und bei der doppelten Trostlosigkeit des Blickes auf die Berge und des Blickes in die Augen meines Begleiters erfüllt mich die Pracht der Blumen mit einer fast verzweiflungsvollen Bewunderung. So etwas von Orchideen an Anzahl und Verschiedenartigkeit habe ich noch nie auf einem Fleck zusammen gesehen. Ihre Physiognomie hat etwas so mysteriös Rätselhaftes, nicht wahr? Ihr Duft berauscht — aber nicht wie andere. Schon lange wußte ich, daß diese Blumen die Augen der urweisen Erda sind, die schlaftrunken aus der Tiefe hervorlugen; aber erst gestern empfand ich, daß diese verschiedenen Orchideen wie die Verkörperung der verschiedenen Modulationen und Gestaltungen der „Schicksalsfrage“ sind, des „Wißt ihr, wie das ward?“ — Alles stand gestern auf dem Sonnenleitstein nebeneinander: sattrote, helle und dunkelrosa, rötliche weiße; dann die große Epipactis, schneeweiß, und mit einer großen Haube, wie die einer Barmherzigen Schwester; die kleine, grüne Orchidee, mit der lang herunterhängenden, tiefgespaltenen Zunge eine fast lustige, junge Nonne! — dann die Neottia, eine Orchidee, die zum Parasitismus übergegangen ist und auf den Wurzeln anderer Pflanzen von ihren Säften lebt — kurz, die semitische Orchidee, die Schicksalsfrage vom Standpunkt eines Juden — vollständig farblos wie eine Leiche, des frohen Grüns ewig verlustig; ja! im tiefsten Waldesdunkel fand ich noch herrliche Cypripediums, den riesigen „Frauenschuh“ (auch Pantouffle de Venus und Soulier de la Vierge genannt, da bekanntlich, durch eine Ironie des Schicksals, die Heilige Jungfrau und Frau Venus nicht selten vom Volke verwechselt werden!), die einzige Orchidee, die in Europa an die tropischen durch ihre Größe erinnert, und die in ihrer — eben nicht „holdseligen“, sondern massiven — Pracht einen wie eine Stimme aus alten, besseren Zeiten anmutet. Und noch andere! Und nun ist es unmöglich, sie von hier aus zu verschicken. Keine Schachtel, und eine höchst jämmerliche
Postverbindung; dazu die Blumen nach anhaltendem Regen gepflückt und darum sehr wenig widerstandsfähig! — Also, nur den Gedanken und den Wunsch vermag ich Ihnen zu senden.
    Daß die Orchideen ganz speziell für Frl. Isolde gewesen wären, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Sie hätte sie am besten verstanden, wäre am tiefsten in ihr Geheimnis eingedrungen. Für Frl. Eva hatte ich auf der höchsten Felsenspitze Aurikeln und weiße Pinguiculas und große, blaue Entianen gepflückt und die einzige   a c h t-blättrige Blume: Dryas; denn diese hielt ich am passendsten für eine nur zufällig „Eva“ getaufte Elisabeth. — Für Sie, hochverehrte Meisterin, hatte ich die Rose ohne Dorn bestimmt, die in Les Avants noch nicht blühte; vor deren zauberhaftem Anblick ich gestern aber gleich empfand, daß diese Blume wie keine zweite gerade   I h n e n   gehöre.
    Das ist also die Geschichte meines „Bouquets“. Die Blumen stehen alle auf meinem Tisch und grüßen Sie. Weiter bezweckt dieser Brief nichts, (Wie schwer es fällt, der Welt ganz zu entkommen, zeigt das Bild hinter meinem Tisch, welches der   „T r i p p e l“-Allianz gilt! Die drei Souveräne stehen auf einem spiegelglatten Parkettboden, in welchem sich ihre Beine kunstvoll widerspiegeln, und reichen sich die Hände!)
    In Ehrfurcht und täglichem treuen Gedenken Ihr

Houston S. Chamberlain.


339-341 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

2. Juli 1893. Blümelgasse. Wien VI.

    Nein, hochverehrte Meisterin, Ihre Briefe habe ich nicht „bereits zerstört“; sondern ich besitze noch jede Zeile, die Sie mir geschrieben haben. Mit wenig Sinn für Andenken, Erinnerungen etc. begabt, bildeten sie bisher meine Penaten. Verreiste ich, so blieben sie in einer versiegelten Blechkiste, mit der Weisung, daß sie im Falle meines Todes an Sie, resp. an Ihre Kinder, ungeöffnet zurückzusenden seien. Wiederholen Sie mir Ihren Wunsch, so werde ich für die Zerstörung sämtlicher Briefe sofort sorgen; zwar wird es mir einen „serrement de coeur“ verursachen — denn, wie gesagt, ich stehe sehr allein da, und wenn ich oben von einem geringen Sinn für Andenken sprach, so dürfte es richtiger sein, zu sagen, daß ich wenig oder nichts bisher fand, was mir genügend bedeutete, um ein Heiligtum auszumachen — aber es soll trotz des serrement de coeur ganz heiter und gründlich geschehen; ich schreibe es auf das Kapitel „Askese“; das wenige, was ich bisher auf diesem Gebiet leistete, war stets unfreiwillig! Ehe Sie mir aber diesen endgültigen Befehl zugehen lassen, erlaube ich mir jedoch einen Vorschlag, der zwar für mich ebenso asketisch ausfiele, aber — ich habe halt kein Glück mit Selbstkasteiungsversuchen! — der mich gänzlich befriedigen und beglücken würde. Gewiß war unser Briefwechsel für Sie kein wichtiger; was den Lebensatem Ihres Daseins ausmacht, erscheint da nur im Hintergrund oder als Atmosphäre; aber gerade die Unumwundenheit, gerade das Rein-Persönliche verleiht manchem dieser Briefe nicht nur einen unvergleichlichen Zauber, sondern es spiegelt sich Ihre Individualität oder mindestens eine Seite Ihrer Individualität in ihnen so lebhaft wider, daß, trotz des Mangels der „wissenschaftlichen Fakta“, es vielleicht doch schade wäre, diesen Spiegel schon jetzt zu zerstören. Ich weiß es, jedes Aufheben von Dokumenten ist schon ein Anfang von „registrierender Manie“, und niemand empfindet mehr wie ich, daß von Ihrem Leben nur Ihr Wirken vor die Welt gehört und immer gehören wird: Siegfried und der Sieg von Bayreuth — mehr braucht keiner von Ihnen zu wissen. Aber gerade für Siegfried und für dessen Sohn und Enkel — wäre es nicht schön, wenn sie neben den Bildern der „hohen Ahnen“ und außer allen wichtigen Dokumenten Ihres Archivs auch solche „Nebensächlichkeiten“ besäßen? Wer vermag von etwas zu sagen — ich meine von etwas, was von einem bedeutenden Individuum kommt — „das ist gering“? Keiner; auch die betreffende Persönlichkeit nicht. Wie Sie sehen, hochverehrte Meisterin, ich plädiere jetzt nicht für mich; ich würde mich sogar leicht von den Briefen trennen, wenn Sie mir gestatten wollten, die ganze Sammlung in Siegfrieds Hände zu legen. Auch ihm würde ich die Verpflichtung auferlegen, sie erst nach meinem Tode zu öffnen; der ganze Vorgang hätte den einen, einzigen Zweck, Sie vollkommen zu beruhigen und vor jeder auch nur entfernten Möglichkeit einer Indiskretion zu sichern.
    Vielleicht finden Sie mich schon wieder einmal recht „umständlich“; ich aber finde, daß man sich wegen gewisser weniger Leute Umstände machen darf und soll.
    Was nun Ihre Frage bez. meiner Briefe anbelangt, so können Sie sich gar nicht vorstellen, wie leichtsinnig und egoistisch ich bin und denke. Ich schreibe leidenschaftlich gern Briefe; rauben Sie mir die frohe Sorglosigkeit in bezug auf, was ich schreibe und wie ich schreibe, so haben Sie mir viel geraubt. Allerdings war ich zuerst ganz verdutzt, als in Les Avants zufällig erwähnt wurde, daß Sie auch meine Briefe aufhöben; es war mir bisher niemals eingefallen, daß   S i e   daran denken würden. Vielleicht habe ich doch einen tieferen Fond von Bescheidenheit, als auf der Oberfläche zu erraten ist. Nach dem ersten Erstaunen gefiel mir die Sache ganz gut. Gerade in puncto Briefschreiben glaube ich nicht, daß irgendein Vorgang auf dieser Welt mir jemals die unbedingteste Natürlichkeit rauben könnte; mir ist nie so wohl wie vor einem Bogen Briefpapier. Auch das Aufheben wird mich also nicht verderben — und nicht bessern. Und dann:
    1. Wer bin ich, daß einer sich einmal kümmern sollte um, was ich sagte?
    2. Habe ich keinen Grund zu glauben, daß ich alt werde; ich werde also selber von Indiskretionen keine „ennuis“ haben.
    3. Wenn einer von meinen Worten beleidigt und gekränkt wird, warum war er so indiskret und steckte seine Nase in Sachen, die ihn nichts angingen? Für ihn fühle ich kein Mitleid.
    Von Herzen grüßt Ihr in Ehrfurcht ergebener

Houston S. Chamberlain.


341-342 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 6/7/93.

    Was Sie mir über den Protestantismus im Naßwald gesagt haben, hat mich sehr gerührt. Beste Kräfte bester Stämme sind bei uns entweder verstumpft oder verroht worden.
    Ich nahm in diesen Tagen Abschied von einer geschichtlichen Gestalt, die mich wie kaum eine gefesselt und erschüttert hat: Cromwell. Wer dieses Leben nicht mit ernstlicher Aufmerksamkeit verfolgt hat, dem fehlt gewiß ein Einblick in die Prädestination einer individuellen Erscheinung, in die Bestimmung eines Stammes, in die Gewalt des Glaubens, in die Vereinsamung der großen Persönlichkeit, in die Tragik des Glückes und in die Allmacht des Genies!
    Da Sie Milton gut kennen, haben Sie die Noten an die protestantischen Mächte gelesen, die er unter Inspiration Cromwells schrieb?
    Bezüglich der Briefe! Meine Empfindung kennen Sie; angesichts Ihrer Erwiderung vermag ich sie nicht zu einem Wunsche zu gessalten. Eine meiner Lieblingsvorstellungen ist die sich tummelnde, winzige Erde inmitten der Sternenwelt. Mit dieser Vorstellung hängt ein lebhaftes Bild der Unwichtigkeit der meisten Dinge und der Wunsch ihres Schwindens zusammen. Das „festgenagelt“ ängstigt mich. Ich höre nicht gern von Neigungen reden; das einzige, was ich immer lebendig atmen möchte, ist der Hauch des Genius, und zu diesem Leben scheint mir viel Abstreifen und Entfernen alles Nebensächlichen notwendig. Nun tun Sie, was Sie wollen.
    Leben Sie wohl, Freund, alles Gute auf Ihren Wegen, und den herzlichsten Gruß von Wahnfried!    C. W.


342-343 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

8. Juli 1893. Wien.

Hochverehrte Meisterin!
    Was „die sich tummelnde winzige Erde inmitten der Sternenwelt“ anbelangt — ich glaube,   d i e s e   „Lieblingsvorstellung“ führt konsequenterweise zu der Nachahmung Yadjnyavalkyas, der sich in den Urwald zurückzog und neunhundert Jahre auf einem Fuße stand. Ich glaube, diese Vorstellung darf nur als Korrektiv dienen, nicht als Direktiv; sonst führt sie uns direkt ins Faß des Diogenes. — Übrigens, ist es Ihnen einmal gelungen, sich die Sache   g a n z   k ö r p e r l i c h   vorzustellen? Das ist nämlich was Herrliches; in früheren Jahren (wo ich so eine Art kleiner, unbewußter Yadjnyavalkya war, nur daß ich in meiner Unschuld noch auf zwei Beinen Stand) war das eine Lieblingsübung von mir. Am besten ist es, man beginnt mit dem Monde; wenn er ungefähr 2/3 seiner Scheibe zeigt, gelingt es leicht, durch konzentriertes Anschauen ihn als körperliche, schwebende Kugel zu erblicken. Das ist der erste Schritt. Plötzlich empfindet man nun — wenn man erstere Vorstellung recht lebhaft festhält —‚ plötzlich empfindet man auch unsere Erde als im Raume schwebende Sphäre und sich selbst als auf der Oberfläche klebendes Wesen. Das ist die zweite Stufe. Ist nun diese Empfindung durch öfteres Üben zu einer habituellen geworden, dann tritt etwas ein, was man wohl die kosmisch-sinnliche Ekstase nennen könnte: nämlich, die unmittelbare Empfindung von der Bewegung der Erde! Man fühlt die Erde im Raume kreisen, und zwar mit so furchtbarer, schwindelnder Schnelligkeit, daß ich mehr als einmal mich an Fels oder Baum oder Fenster krampfhaft angeklammert habe, um nicht hinausgeschleudert zu werden in den dunklen Raum. Aber, verehrte Meisterin, ist auch mir, wie Sie sehen, „die Vorstellung der sich tummelnden Erde“ nicht fremd, bei Ihrer Berufung auf dieselbe in diesem speziellen Falle kann ich mich nur freuen, daß die „Schopenhauersche Inquisition“ noch nicht ins Leben getreten ist, denn ich fürchte, diese würde Ihnen einen mauvais quart d'heure bereiten. Die WeIt    i s t   m e i n e   V o r s t e l l u n g;   nichts ist unrichtiger, meine ich, als sich von den leeren Formen von Raum und Zeit imponieren zu lassen. Genießen soll man sie, aber sich niemals von ihnen Gesetze aufoktroyieren lassen. Selbst der alte, trockene Kant ist in bezug hierauf beredt; denn, nachdem er ausgeführt hat: „Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor“, gibt er gerade die kosmische Vorstellung, die Bahnen der Himmelskörper etc. als Beispiel der Subjektivität der Naturanschauung. (Vgl. Prolegomena zu jeder künftigen Metaphysik, § 36—38.) Wie vermag nun irgendeine solche Vorstellung mir das Heilige aus meinem Herzen zu reißen? Ich weiß ja, daß Sie das auch nicht so meinen — aber wenn nicht, dann finde ich, daß Sie schlecht argumentiert haben, oder aber, was noch wahrscheinlicher, daß ich gar nicht weiß, wovon Sie eigentlich reden.
    Mit Grüßen von Herzen an ganz Wahnfried Ihr in tiefer Dankbarkeit und aufdringlicher Ehrfurcht ergebener

Houston S. Chamberlain.


343-347 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

2. August 1893.

    Da ich fast Nacht für Nacht von Bayreuth und Ihnen allen träume, und zwar mit einer Lebhaftigkeit und einer dramatischen Wahrheit, wie sie das wirkliche Leben nur in vereinzelten Augenblicken bietet, so habe ich, hochverehrte Meisterin — ganz aufrichtig gesagt —‚ gar keine Lust zum Schreiben; wozu das graue, umständliche, mißverständliche Indirekte, wo ich soeben so lebendig mit Ihnen verkehrte und unter so mancherlei tiefwahren Bedingungen, die in diesem Schattenleben doch niemals zu Wirklichkeiten werden können? Und ich kann mir gar nicht denken, daß so etwas ganz einseitig ist. Sind Sie die mittlere Gestalt meiner figurenreichen Träume, so wird Ihr umfassendes und gerechtes Auge mir gewiß den Platz einer kleinen Nebenfigur gönnen, etwa wie auf einem Dürerschen Himmelsbilde einer von den Seliggesprochenen, die rechts gans unten, aus einer großen Schar, neugierig herausgucken und denen man anmerkt, mit welcher Freude sie allen Zeremonien und Vorgängen im Himmelreich zuschauen? Also bleibt's bei den Träumen!
    Damit aber mein Gruß doch eine bestimmte Gestalt besitzt und Ihnen angenehme Gedanken verschaffe, will ich Ihnen etwas mitteilen, worüber Sie sich gewiß freuen werden.
    Zweifellos erinnern Sie sich der Briefe Schopenhauers an Rosenkranz sehr gut? Und ich bezweifle gar nicht, daß Sie einen ebensolchen Chok wie ich empfunden haben werden, als Sie Kant der   F e i g h e i t   und der   U n w a h r h a f t i g k e i t   anklagen hörten? Man solI sich hüten, einen Schatten auf den   C h a r a k t e r   eines HeIden fallen zu lassen; der Charakter eines Mannes ist doch gewiß soviel wert wie die vielgepriesene „Ehre“ eines Weibes — ganz abgesehen davon, daß dieser Ehrbegriff ein ungeheuer schwer festzustellender und darum meistens ganz falscher ist, währenddessen ein Denker, der einem König zu Gefallen der Welt das Gegenteil verkündet von dem, was er für wahr hält, von dem, was ein ganzes Leben in ihm als Überzeugung begründet hat, auf alle Fälle ein charakterloser, keiner Hochachtung würdiger Mensch ist und zudem ein Lügner. Hat Kant so gehandelt, wie Schopenhauer behauptet, so war er kein großer Mann, sondern ein denkendes Monstrum, ein mit einem beliebigen Klaviervirtuosen zu vergleichender Gehirnvirtuos. Obwohl ich aus anderen Erfahrungen wußte, daß man bei Sch.s Leidenschaftlichkeit sich hüten muß, ihm auf historischem und persönlichem Gebiete unbedingt zu trauen, dieser schwere Vorwurf gegen die Makellosigkeit von Kants Charakter wurmte mich doch.
    Ganz zufällig bin ich nun vor kurzem auf eine Spur gekommen, die mich dahin führte, feststellen zu können, daß die Beschuldigung Sch.s   v ö l l i g   g r u n d l o s   und den Tatsachen widersprechend ist.
    Sch. schreibt (siehe Schemann, „Schopenhauer-Briefe“, pag. 187): „Dazu kam von außen, daß der große König, der Freund des Lichts und Beschützer der Wahrheit,   e b e n   g e s t o r b e n   w a r,   und jener Nachfolger, dem K. bald versprechen mußte, nicht mehr zu schreiben, ihm sukzediert hatte. Durch dieses alles   l i e ß   K a n t   s i c h   i n t i m i d i e r e n   u n d   h a t t e   d i e   S c h w ä c h e,   zu tun, was seiner   n i c h t   w ü r d i g   w a r.“   Auf S. 188, daselbst, sagt er: „Daß   M e n s c h e n f u r c h t   es war, die den   s c h w a c h e n   G r e i s   zu dieser Verunstaltung der Kritik bewog — etc., etc.“
    Ehe ich Ihnen nun möglichst kurz und klar und anschaulich zeige, wie unbegründet diese schweren Vorwürfe sind, muß ich Sie daran erinnern, daß in seinem zweiten Brief an Rosenkranz Sch. sich schon ein wenig zurückzieht, wenn er auch fortfährt, alle Zähne zu zeigen. Hier betont er nur die „Altersschwäche“ und die Angst, daß ihm „die Originalität abgesprochen werden könnte“. Und nun beruft er sich nicht mehr bloß auf die 2te Ausgabe der Kritik, sondern auf die „Prolegomena zu jeder künftigen Metaphysik“. (Schemann, 197.)
    Also, jetzt haben wir alles beieinander:
    1. Kant hat die Änderungen in der Kritik d. r. V. nicht aus Überzeugung oder in dem Glauben, sein Werk zu verbessern, sondern   a u s   M e n s c h e n f u r c h t   gemacht.
    2. Der Tod von Friedrich dem Großen und der Eintritt einer minder freiheitlichen Zeit war der   e i n e   „Furcht einflößende“ Umstand. Kant hat also einer tatsächlichen Pression von außen nachgegeben.
    3. Dazu kam die Furcht, des Mangels an Originalität angeklagt zu werden.
    4. Erklärung und Entschuldigung ist: „des Greisen Altersschwäche“.
    5. Zur Begründung der schweren Anklage wird auf die 2te Auflage der Kritik d. r. V. und auf die Prolegomena hingewiesen.
    Nun bitte ich zunächst folgende Daten sich vergegenwärtigen zu wollen:
    1. Die erste Auflage der Kritik d. r. V. erschien im Sommer 1781.
    2. U n m i t t e l b a r   nach dem Erscheinen dieser ersten Auflage, und im Bewußtsein, daß das Werk in dieser Form nur einer äußerst beschränkten Anzahl von Menschen begreiflich sein würde, begann er den mehr populären Auszug: „Die Prolegomena“ aufzusetzen; es war noch   i n   d e m s e l b e n   J a h r e   1781; und Kant hoffte, daß es zur Ostermesse 1782 schon auf dem Büchermarkt sein würde; durch äußere Umstände wurde das Erscheinen der Prolegomena bis Anfang 1783 verzögert. (Vgl. Stuckenberg: „Das Leben I. Kants“.)
    3. Friedrich der Große starb am 17. August 1786.
    4. Die zweite Auflage der Kr. der rein. Vern. erschien zur Ostermesse 1787, wobei zu bedenken ist, daß die Drucklegung sehr lange dauerte, da der Verleger in Riga und der Drucker in Halle (!) waren.
    Schon diese einfache Datenschau genügt zur Überzeugung, daß der Tod von Friedrich dem Großen auf die besagten  Änderungen nicht von Einfluß hat sein können. Denn die Prolegomena (in denen die Änderungen, wie Schemann ganz richtig bemerkt, schon angedeutet sind)   e r s c h i e n e n   dreieinhalb Jahre   v o r   diesem Tod und waren, mindestens zum Teil, schon fünf Jahre vor dem Tode geschrieben! Und die zweite Auflage der Kritik d. r. V. erschien, wie wir sahen,   u n m i t t e l b a r   nach dem Tode des großen Monarchen, woraus hervorgeht: erstens, daß sie   z u   s e i n e n   L e b z e i t e n   geschrieben war, und zweitens: daß sie zu einer Zeit erschien, wo von einem äußeren Druck noch nicht die Rede war, da so etwas nicht von heute auf morgen geschieht. In der Tat wissen wir, daß Kant erst 1792 von der Regierung belästigt wurde (obgleich er inzwischen sehr bedenkliche Sachen, wie die „Praktische Vernunft“ und die „Kritik der Theodiceen“ veröffentlicht hatte), und erst 1793, für sein Werk „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, wurde er zur Rede gestellt und ermahnt (vom Minister Woellner). Weit entfernt also, daß Kant hier dem Druck von oben nachgegeben hätte, müssen wir es vielmehr merkwürdig und mutig finden, daß er nicht bloß 1790 eine 3te   u n v e r ä n d e r t e   (d. h. unverändert nach der 2ten, die aber alle die Angriffe auf die Beweise des Dasein Gottes etc. ebenso wie die erste enthält) Auflage gab, sondern 1794 (also ein Jahr nach der Mahnung) eine vierte, ebenfalls unveränderte, und 1799 eine fünfte.
    Hierdurch ist klar erwiesen, daß die erste und schwerste Beschuldigung Schopenhauers has not a foot to stand upon.
    Sch. gibt als zweiten Grund für die Veränderungen Kants angebliche Furcht, man könne ihm Mangel an Originalität vorwerfen, „was jedem Gründer eines Systems   s o   u n e n d l i c h   w i c h t i g“ (!).   Diese Frage hier ausführlich zu diskutieren, würde zu weit führen; es ist sehr belustigend, wie Sch. hier ein Stück von sich selbst dem Kant in die Seele schiebt. Kant hat — im Gegenteil zu Sch. — eine so „serene“ Ruhe, ein so unerschütterliches Bewußtsein von der Bedeutung seiner Tat (wobei seine   P e r s o n   ihm ganz gleichgültig bleibt). Ich begnüge mich hier, darauf aufmerksam zu machen, daß die   W i d e r l e g u n g   d e s   I d e a l i s m u s,   welche (der Grund ist mir unfaßbar) Schopenhauer ein solcher Dorn im Auge ist, wenn nicht so ausführlich, so doch ebenso energisch und eigentlich noch deutlicher und überzeugender in den Prolegomena als in der 2ten Auflage der Kr. d. r. V. vorkommt. Und diese sind also sofort nach Erscheinen der ersten Auflage geschrieben. Außerdem schreibt Kant aber in den Prolegomena (ed. Hartenstein, pag. 313): „Mit der Kr. d. r. V. bin ich zwar, was den Inhalt, die Ordnung und Lehrart und die Sorgfalt betrifft, die auf jeden Satz gewandt worden, um ihn genau zu wägen und zu prüfen, ehe ich ihn hinstellte, auch noch jetzt ganz wohl zufrieden (denn es haben Jahre dazu gehört, mich allein von dem Ganzen, sondern bisweilen auch nur von einem einzigen Satze in Ansehung seiner Quellen völlig zu befriedigen),   a b e r   m i t   m e i n e m   V o r t r a g e   i n   e i n i g e n   A b s c h n i t t e n   der Elementarlehre, z. B. der Deduktion der Verstandesbegriffe oder dem von den Paralogismen der reinen Vernunft,   b i n   i c h   n i c h t   v ö l l i g   z u f r i e d e n,   w e i l   e i n e   g e w i s s e   W e i t l ä u f t i g k e i t   i n   d e n s e l b e n   d i e   D e u t l i c h k e i t   h i n d e r t.“   Die angegebenen zwei SteIlen sind aber die einzigen beiden, die in der 2ten Auflage in veränderter, stark gekürzter Fassung erschienen; und die Stelle gegen den sog. Idealismus ist die einzige größere Stelle, die neu hinzukam; außerdem sind es gerade diese betreffenden Kürzungen und diese bestimmte Zutat, die Sch. in seinen beiden Briefen an Rosenkranz tadelt; hiermit ist erwiesen, daß die wichtigsten Änderungen in der zweiten Auflage der Kritik d. r. Vern., und gerade diejenigen, gegen die Sch. eifert, bereits im Jahre 1782, lange   v o r   Friedrichs des Großen Tod und noch ehe die gelehrte Welt Zeit gehabt hatte, das Werk zu studieren, zum Teil schon tatsächlich durchgeführt, zum andern Teil schon deutlich und ausdrücklich angekündigt waren.
    Schopenhauers Angriff auf Kants Charakter ist somit aller Begründung bar.
    Amüsant ist es außerdem zu bemerken, wie freigebig Sch. mit dem Ausdrucke „altersschwacher Greis“ umgeht (während er selber mit 62 Jahren ein großes, neues Werk herausgab und mit 71 Jahren eine neue Auflage seines Hauptwerkes, mit einem Viertelband neuer Zusätze, vielen Berichtigungen etc.!). Kant war aber 57 Jahre alt, als die erste Auflage der Kr. d. r. V. erschien, und 58 (!!) Jahre alt, als er die Prolegomena schrieb, in denen die betreffenden Änderungen teils ausgeführt, teils angekündigt waren! (Er war 63 Jahre alt, als die 2te Auflage der Kritik erschien.)
    Zweck dieses Briefes war, Ihnen die Überzeugung zu geben, daß die Anschuldigungen gegen Kants Charakter nicht begründet waren. Da ich es war, der sie Ihnen vorlas, so empfand ich es geradezu als eine Pflicht, Ihnen die Resultate meiner Untersuchung mitzuteilen. Ich hoffe, Sie werden dem Gegenstande nicht ungern eine halbe Stunde gewidmet haben.
    In ehrfurchtsvoller Ergebenheit Ihr

Houston S. Chamberlain.

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348 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Bayreuth, 6/8/93.

    [Auf der Rückseite des Programms für die Vorstellung vom 5. August 1893, gegeben von den Schülern der „Bayreuther Lehranstalt für Mimik und dramatischen Gesang“, Dirigent Siegfried Wagner.]
    Mit einem wärmsten Gruße die Mitteilung einer göttlichen Freude! Dienstag verlassen wir Wahnfried. Mittwoch abends sind wir Pension Stutz bei Luzern. Ich soll nicht lesen, nicht schreiben, keine Musik hören; ich will's versuchen.
    Ihnen und Ihrer lieben Frau alles erdenkliche Gute!     C. W.

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348-350 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Luzern, 15/9/93.

    Ich glaube jetzt bestimmt zu wissen, wie das Stammeln entsteht, nämlich durch die Masse dessen, was man vorbringen möchte, und ungenügende Muße, es zu ordnen; ungefähr wie bei einem Umzug.
    Mit Ihrer Arbeit [La littérature Wagnérienne en Allemagne. Erschien 1894 in der „Revue des deux mondes“, S. 782—810.], mein Freund, geht es mir so! Aufs Geratewohl also und stotternd, was sich gerade durchdrängt. Ich liege nämlich noch, möchte aber nicht meinen Dank verzögern, denn er ist herzlich und unbedingt.
    Ich wußte wohl, was ich tat, indem ich Ihnen diese Arbeit zuwies, und wie Sie befähigt waren, sie zu tun. Und dennoch staunte ich und staune noch über die Art, wie Sie's taten; über die Sichtung des so konfusen Materiales; über die Rettung auch des minimalsten Wertes, wenn nur einer da, bei so sicherer Erkenntnis des Wertlosen. Die verschiedenen Gruppen sind geordnet und übersichtlich, wie auf dem Bilde eines Meisters, und in diesen Gruppen kommt wiederum jeder einzelne zu seinem Rechte. Dazu die allgemeinen Betrachtungen, welche z. B. bei Gelegenheit von Nietzsches Krankheit den tiefen Gehalt erkennen lassen, mit welcher diese Erfassung der Erscheinungen erfüllt ist. Ich begreife es gar nicht, wie Sie es angefangen haben, Wesen wie Müller, Brendel und alle von der ersten Gruppe, die so verschwommen sind, mit   d i e s e r   Deutlichkeit zu sehen. Die Bezeichnung Pohls, als der Journalist der Sache, ist vorzüglich. Und auch den Fuchs verstehe ich (eine fausse ressemblance mit Voltaire), obgleich sein elendes, dürftiges Leben auf keine Schlauheit zurückzuführen ist. Nur ist er nicht Rheinländer, sondern Sachse. Und der gute Brendel war nicht glänzend, sondern oberflächlich aus Dürftigkeit und Beschränktheit. Einzig haben Sie den meines Erachtens delikatesten Fall,   W o l z o g e n,   berührt. Und mit dem Übergang auf   S t e i n   das hervorgezaubert, was Wolzogen zum Unikum macht. Zugleich auch mit der Bemerkung, daß mein Vater der einzige war, der technisch-musikalisch kompetent war, den Unfug der Leitfadenscheinigen enthüllt, unschädlich gemacht, ohne kränkend für gute Gemüter zu werden.
    Die hochgemute Vornehmheit in Steins wundervoller Erscheinung haben Sie unvergleichlich wiedergegeben und ganz richtig den Einfluß der Sprache Rousseaus auf seinen Stil erkannt. Ob er ein Dichter war? Wenn wir darunter das Sehen von Gestalten begreifen und die Fähigkeit, diese Gestalten ganz nach ihrem Wesen sich ausdrücken zu lassen, so war er wohl einer. Wenn wir darunter den lyrischen Fluß, das naive Vergnügen an der Außenseite der Dinge und die Heiterkeit, die aus dem Mißverhältnis von Anlage und Ausführung, bis in das Zustandekommen des Menschen liegt; die Fähigkeit, wie an den ewigen Gesetzen sich zu erbauen, so an den steten Unterbrechungen sich zu belustigen, so war er   n o c h   keiner. Ich sage „noch“, denn hätte er die Zeit auf seiner Seite gehabt, so hätte er sich wohl bis zur vollsten Freiheit entfesselt. So mußte er sich Grenzen ziehen und zog sie nach der Tiefe.
    Des Kontrastes wegen muß ich hier mein besonderes Kompliment für Hugo Dingers Kennzeichnung machen. Eine solche Erscheinung mit dieser Gründlichkeit und Geringschätzung zugleich abzufertigen zu verstehen, ist beneidenswert. Schön die Erwähnung Gobineaus, herrlich der König. Und, daß Sie es noch möglich machten, Thode einen so besonderen und richtigen Platz anzuweisen, erstaunlich.
    Wie ich es nicht genug sagen kann, daß die Komposition des Ganzen meine Bewunderung erweckte; denn es heißt etwas, eine solche Anzahl von Gestalten vorbeiziehen zu lassen und dabei nicht einen Augenblick den beunruhigenden Eindruck eines Defilierens hervorzubringen. Jedem sein ganzes volles Recht zu gewähren und kurz zu sein. Und in keinem Fall den bedeutenden Untergrund der Erscheinung nebst des physiognomisch Kennzeichnenden außer acht zu lassen.
    Mit dem Zurückkehren auf meinen Vater als Franziskaner, bei Gelegenheit des katholischen Geistlichen, ist in geistvollster Weise die   M ö g l i c h k e i t   angedeutet, welche eine der Hauptkräfte der alleinseligmachenden Kirche ausmacht.
    Auch die Einteilung von Glasenapp, Wolzogen und Stein, Persönlichkeit, Werk und Idee, ist entscheidend. Und daß Sie selbst sich so kenntlich wiedergeben konnten und Ihr Verhältnis zu den anderen so einfach zeigten, wie es ist, erachte ich nicht als eine geringe Leistung.
    Die Enttäuschungen mit den Menschen! Ach Gott! Schließlich hatten wir uns doch in Nietzsche sehr getäuscht, denn er hatte keinen Tropfen eigenen Blutes, nur eine merkwürdige Aneignungsgabe.
    Ich habe Ihre Arbeit sogleich einem in England lebenden Freund mitgeteilt, von dem ich eine hohe Meinung habe. Und werde, wenn es Ihnen recht ist, fortfahren,   e i n z e l n e n   sie zu zeigen. Denn sie ist das Dokument von dem Werte der Bewegung in unserer Sache. Und Sie haben das Werden, wie Faust den Chiron, im Laufe gefaßt! Auch ist sie hoffnungserweckend, diese Arbeit, was viel sagen will, wenn man auf den Wust des Absurden, der uns umgibt, blickt, und wenn man bedenkt, daß Sie schonungslos wahrhaftig darin sind.
    Ich werde nun wieder eine Weile schweigen müssen. Das Törichte bei meinem Zustand ist, daß, wenn ich mich wohl fühle, ich es doch nicht bin, so daß meine Gesundheit dem europäischen Frieden gleicht; gewappnet bis an die Zähne, vorsichtig bis an die Zähne!

    Leben Sie wohl!    C. W.


350-351 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

18/9/93. Wien.

    Wie soll ich Ihnen für Ihren Brief danken, hochverehrte Meisterin? Ich glaube, ich verstehe es besser, „la littérature du Wagnérisme“ zu skizzieren; überhaupt, Sie wissen, wie selten eine „parole sentie“ mir über die Lippen kommt. Ich tröste mich mit den harten Worten über die Dankbarkeit in den „Fragmenten“ — nein, in „Jesus von Nazareth“ —: „Dankbarkeit ist einer der leeren Begriffe, welche in einer egoistischen Gemütsschwäche beruhen —“; ich will versuchen, die egoistische Gemütsschwäche zu überwinden und dafür, was ich an „Kraft“ besitze, stets ganz in Ihren Dienst stellen.
    Gern würde ich über manches, was diese Skizze berührt, mit Ihnen sprechen. Denn ich habe eigentlich so wenig gelesen — und von dem allermeisten, was ich lese, erhalte ich einen so konfusen Eindruck —‚ daß ich bei einer derartigen Arbeit gezwungen bin, zu einer Art dichterischen „évocation“ meine Zuflucht zu nehmen, zu einer Art Hellseherei. Für das Entwerfen und Erfassen ist das Nicht-zu-viel-Wissen gewiß vorteilhaft, aber es laufen auch Irrtümer mit ein dabei, die an und für sich nicht wichtig sind, die man aber gern, teils aus Gewissenhaftigkeit, teils um kritischen Eseln keine zu bequeme Handhabe zu bieten, entfernen möchte.
    Manches ist bei mir auch Schlauheit. Unter Schlauheit verstehe ich das Anpassen an gegebene, beschränkende Bedingungen. Zum Beispiel: es lag mir viel daran, von Stein möglichst hervorzuheben, ihn so stark wie möglich der Aufmerksamkeit des Franzosen   a u f z u d r ä n g e n;   um meinen Zweck nicht zu verfehlen,   m u ß t e   ich also irgendeine echt „kritische“ Bemerkung einflechten; ich bin überzeugt, daß der Eindruck auf Thorel dadurch größer wird. Nietzsche hätte ich dagegen, wenn ich 1993 geschrieben, nicht so unbedingt in den Vordergrund gestellt (trotzdem seine zwei Schriften noch heute einzig in ihrer Art dastehen), aber es wäre unklug, seinen augenblicklichen Ruhm nicht zu benutzen, namentlich da die Überschätzung seiner pathologischen Erzeugnisse die Gelegenheit zu so überraschenden Streiflichtern — auf unseren Zeitgeist, auf das Wesen von Nietzsches Begabung etc. bot. Er ist eigentlich das pittoreske Element in dieser Literatur — armer Mann!
    Ich habe gestern eine kleine Notiz über die Brahmasutras des Vedânta fertiggeschrieben. Vielleicht nimmt sie Wolzogen für die „Blätter“: eine Anregung für die unsrigen, sich mit der indischen Gedankenwelt zu beschäftigen. Mir scheint, es war schon lange nichts Derartiges in den „Bayreuther Blättern“. — Sehr wahrscheinlich reise ich in diesen Tagen nach England. Ich muß einmal sehen, ob ich die irische Frage nicht in Ordnung bringen kann.
    In Ehrfurcht und liebevoller Dankbarkeit Ihr

Houston S. Chamberlain.


352-353 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Villa Cargnacco, Gardone di sopra, Lago di Garda, 28/9/93.

    Nach England also, aus Mignons Gestaden, entsende ich diese Zeilen und wünsche, daß Sie unter den Ihrigen und auf dem heimatlichen Boden gute, gemütliche Tage erleben! Sprengen Sie, bitte, das Oberhaus nicht, wogegen Sie mit der Majorität des Unterhauses tun können, was Sie wollen.
    Im Ernst aber danke ich Ihnen herzlich für den Gedanken, für Bayreuth zu wirken. Ich glaube, der Boden ist etwas vorbereitet, und zwar nach den oberen Schichten zu. Einen Augenblick hatte ich daran gedacht, Sie, mein Freund, bezüglich der Franzosen anzurufen. Die Münchener Aufführungen haben nämlich manchen Schaden da angerichtet. Abgesehen von der beabsichtigten und geglückten Täuschung, daß   B a y r e u t h   diese Spiele gäbe, hat Levi persönlich alles eingeladen (selbst die üblichen Damen „zum Bayreuther Frühschoppen“), und die eigentümlichsten Parolen, u. a. an Mr. Jullien, sind über Bayreuth ausgegeben worden. Daran und auch an einen inszenierten Erfolg anknüpfend die Forderung des monumentalen Baues des Theaters in München bis zur Aussuchung von Bauplätzen und die Verkündung in der Zeitung daß: „Parsifal“ in Österreich bloß auf 2 Jahre noch gesichert, Neumann das Recht für Prag habe und wir die Verpflichtung, ihn 1 oder 2 Jahre vorher München zu überlassen. Die Methode, die in diesem gemeinsten Wahnsinn liegt, werden Sie leicht erkennen. Die Aufführungen selbst, gänzlich unvorbereitet und ohne Proben, sind dem Virtuosentum (ohne Virtuosität) ausgeliefert gewesen, und die Pein aller Echten (wie z. B. Fuchs), die mit uns empfinden.
    Aber die Franzosen wurden angezogen, manches hat sie getäuscht, und viele von ihnen, welche nicht vermögend sind, können die Reise nach Deutschland im nächsten Jahre nicht unternehmen (abgesehen davon, daß sie   „L o h e n g r i n“   nicht anzieht). Boissier machte ich davon, mit der Sendung Ihrer Arbeit, eine kleine Andeutung.
    Ich wollte Ihnen darüber schreiben — allein, was jene sich nicht entblödeten zu tun, das schämte ich mich zu besprechen und wollte möglichst über die Alpen weg von diesem Sabbath! Nun berühre ich es doch für den Fall, daß Sie über Paris heimkehren und Sie Licht in die kleine Gruppe werfen können. Adolf Groß geht jetzt hin und wird auch das seinige tun.
    Bitte, schreiben Sie ja den Aufsatz über die Upanishads! Sollen die „Blätter“ die Bedeutung behalten, welche Sie ihnen vindizieren, so müssen Sie solche Beiträge dazu liefern. Der Aufsatz wird schon seine Leser finden; sollte er aber es nicht, so stehe ich Ihnen für mich und die Meinen und verspreche Ihnen eine große Freude daran.
    Ich möchte, Sie könnten hier Land und Wohnsitz sehen. Ich glaube kaum, je etwas Einstimmenderem und Sinnigerem begegnet zu sein. Eine wundervolle Stille, inmitten deren die Fülle der Natur und die geistige Regsamkeit sich ausgeben. Der See hat Färbungen und Bewegung des Meeres, und weit, weit ab ist man von allem, was so lastend über die jetzige Existenz drückt.
    Scbopenhauers Tageseinteilung war eigentlich immer die meinige, obgleich ich nicht „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zu schreiben hatte. Morgens drinnen, nachmittags draußen. Aber das ist gewiß sehr individuell. Mein Vater z. B. mußte in der Früh seinen Gang zur Kirche haben, und ich stelle mir gut vor, daß die matinale Luft Ihre Kräfte erfrischte.
    Es war ein hübsches Zusammentreffen, daß unser erster Tag hier der heilige Cosmas war, der in meiner katholischen Jugend von Vater und Geschwistern mir immer gefeiert wurde, und der nun in meinem Geburtslande bei Palmen und Oleander sich wieder meldete. Am Abend unserer Ankunft wütete der See, aber golden in der Ferne ging die Sonne unter, und in den schwarzen Wolken ging ein Regenbogen auf, den ich Lohengrin begrüßte! Mit diesem heiligen Namen will ich schließen und mit allem, was er in sich faßt, grüßen!      C. W.


353-354 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

4/10/93. 2 Wellington Road. Eltham (Kent).

    Es soll nicht noch ein Tag zu Ende gehen, hochverehrte Meisterin, ohne daß ich Ihnen für Ihren Brief gedankt hätte; aber man kommt in England schwer zu einem ordentlichen Brief nach unseren Begriffen — alles sind „notes“. Heute war ich den ganzen Tag wieder in London (20 Minuten Bahn), sah 3 Onkel, 2 Tanten, verschiedene Cousins und Cousinen. Das englische Leben und Wesen kommt mir ungewohnt, aber doch sehr meinem eigenen Wesen entsprechend vor. Wenn nur der Empfang, der erste Kontakt, ein klein bißchen weniger kalt wäre — aber man kommt bald dahinter, daß es Schüchternheit und Reserve ist und ein tiefliegendes Herz, welches mangelhafte Verbindungen mit den Organen der Oberfläche besitzt. Ich schicke Ihnen einen kleinen Zeitungsausschnitt, aus welchem Sie ersehen sollen,   w e r   die zwei Onkel sind, mit denen ich heute durch London fuhr. So etwas Vollkommenes von   C h a r a k t e r e n   habe ich wohl nie gesehen; die Einfachheit, die Bescheidenheit, die unostentative Würde — Augen, so rein wie die kleiner Kinder, eine Güte, die sich an jeder Straßenecke sozusagen zeigt — ein Dienstmädchen, das etwas hat fallen lassen, eine Dame, die sich fürchtet, über die Straße zu gehen — diese alten Herren schienen selbst in der vollen Straße von London jeden instinktiv herauszufinden, der Hilfe benötigte. Überhaupt, sollte ich in einem Wort sagen, was mich am allermeisten in England frappiert, es ist die allgemeine stete   H ö f l i c h k e i t,   die wirkliche Courtoisie; keine Hutabnehmerei und Kriecherei, aber Dienstfertigkeit, wirkliches Entgegenkommen, sowie solches gesucht und gewünscht wird.
    E i n e   Sehnsucht bleibt mir — die, einmal einem der Unsrigen die Hand zu drücken. Dächte ich, daß Fürst Hohenlohe meinen Namen noch kennt, ich hätte es gewagt, ihm meine Aufwartung zu machen, bloß um von Bayreuth und von Ihnen sprechen zu können. Mir ist, als müßte mein Herz vor Heimweh nach Bayreuther Atmosphäre zerspringen! — Es bliebe mir der gute Ashton Ellis! aber — aber ach! das ist ein trauriges Kapitel. Jetzt erst habe ich seine Arbeit als Übersetzer untersucht und halte sie für eine wahre Kalamität. Heute habe ich nicht Zeit; nächstens schreibe ich Ihnen darüber, denn möglicherweise könnte man dieser Massenproduktion mit Dampfeile einen Hemmschuh anlegen. Heute habe ich meine Netze nach Lord Dysart, dem Besitzer der Praeger-Briefe, auszulegen begonnen; meine Tante, Lady Chamberlain, kennt seine Frau. Auch auf den Brief an Eduard Roeckel fahnde ich, ohne große Hoffnung jedoch.
    In großer Eile, aber in täglichem, stündlichem Gedenken Ihrer und aller Ihrigen Ihr in Ehrfurcht ergebener

Houston S. Chamberlain.


354-355 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.

Villa Cargnacco, 8/10/93.

    Ich habe mich herzlich gefreut, von den Ihrigen durch Sie, mein Freund, zu hören, und danke Ihnen, dafür Zeit gefunden zu haben, mir ein Bild von Ihrer Umgebung zu zeichnen.
    Wir könnten wohl an keinen entgegengesetzter en Punkten weilen! Hier hat Preller seine Landschaften zu der Odyssee entworfen, und Böcklin holte das Motiv zu seiner Insel der Seligen von einem Eiland, welches uns gegenüber auf dem See ruht. Auch blüht hier das Jelängerjelieber wieder, und Friede und Heiterk