Wahnfried, 1. 2. 93.
Ihren wundervollen Vortrag
[„Richard Wagner und die Politik“,
den Chamberlain am 20. 2, 1893 in Graz hielt; abgedruckt in „Richard
Wagner der Deutsche“, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7196/97]
gebe ich hier zurück. Haben Sie Dank für das
Verständnis, für die Ausarbeitung, welche den Zusammenhang
ergibt, Dank für die Abfertigung der Elendigkeit und für die
Einkehr zu Gott! Da war etwas zu besprechen, und w i e
haben Sie es besprochen. Daß unsere Überzeugungen in
der heutigen Welt nicht in Handlungen zu verwandeln sind — diese
traurige Tatsache wird für mich ganz aufgehoben, wenn ich diese
Überzeugung mit solcher Schärfe ausgesprochen sehe, denn dann
weiß ich, daß die Ereignisse kommen werden, die immer den
Unmögliches Begehrenden zu Diensten gewesen sind. Auch wenn die
Zeitläufte diese Dienste kaum im Zusammenhang uns erscheinen
lassen.
Dieser Vortrag wird eine Wohltat für unsere
„Blätter“ sein, ich freue mich schon, ihn wiederzulesen. Und dann
— Sie reden wie ein Mensch aus dieser Welt, und ich muß gestehen,
daß ich mit Freund Falstaff da Hand in Hand gehe und ein
peremptorisches Bedürfnis nach Einfachheit habe.
Gestern ist nun meine Minna an mir
vorübergegangen und hat mich, denke ich, gekannt. Das war eine Art
Abschluß und ein Anfang; Siegfrieds Direktion: „E n t
f ü h r u n g a u s d e m S e
r a i l“ und „T a n n h ä u s e r - M a r s c
h“; es war sehr gut und sehr ergreifend. Dann ein
wunderschöner Epilog von Wolzogen zu unseren 2 Akten.
Schließlich hat man getanzt, bei großem Orchester
Straußsche Walzer. Ich glaube, Sie hätten sich unterhalten,
jedenfalls gehörten Sie dazu.
Wie weit ist nun Weihnachten. Ich höre die
Vögelchen, wie sie in der Früh so stark, trotz der
Kälte, an meinem Fenster sangen, daß ich glaubte, Siegfried
bescherte mir eine Volière; ich sehe das rotblühende
Bäumchen von Friedrichs, ich sehe Ihr Märchen, von dem ich
mich gestern trennte, und doch ist alles so fern.
Seien Sie gegrüßt in inniger
Zugehörigkeit. C. W.
313-314
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Erlangen, 3. 2. 93. (Augenklinik
des Professors Eversbusch.)
Werden Sie mich kleinlich finden, wenn ich Sie
bitte, Ihrem Vortrag den Passus „Gott wird uns erleuchten“ nicht nur im
Zusammenhang mit dem Vorspiel zu „Parsifal“ einzuflechten, sondern auch
mit dem Gebet des Königs in „Lohengrin“, welches gleichzeitig
entstand, und welches mir ganz die Stimmung zu haben scheint. Nebenbei
ist Heinrich der Vogler der eigentliche Prototyp des Königtums,
wie es in der Rede
[Richard
Wagners im Dresdener Vaterlandsverein 1848, „Ges. Schr. u. Dichtungen“,
Bd. XII] vorschwebt. In Coburg hörte ich, daß das
Herzogtum Festspiele vorbereite, und zwar soll aufgeführt werden
„Lodoiska“ von Cherubini und „Faust“ von Spohr. Ich denke mir,
daß man als Publikum einige unserer Großmütter wird
ausgraben müssen. Lasen Sie die letzte Rede von Stöcker im
Abgeordnetenhaus (Nr. 49 der „Kreuzzeitung)? Sie ist
außerordentlich und beweist einen Mut, wie wir ihm kaum mehr
begegnen. Leben Sie wohl und lassen Sie bald von sich hören.
C. W.
314-315
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wien VI. Blümelgasse
1. 5/2/93.
Herzlichsten Dank, hochverehrte Meisterin, für
Ihren Brief aus Erlangen. Sie sind viel schneller dort hingekommen, als
ich berechnet hatte; ich hatte mir vorgenommen, Ihnen dorthin meinen
„Hinkebein II“ zur Unterhaltung in der Klinik zu senden — denn in
Bayreuth wäre es schade um die Zeit, das Ding ist zu verrückt
—‚ und ich hatte mir neulich ein Versuchskaninchen herbestellt, das es
überlebte, und meinte, er möchte es noch einmal lesen —
für sich —‚ es ist nämlich furchtbar tief, so echt deutsch
unergründlich, so daß ich es selber nicht verstehe und mich
genierte, als ich es laut vorlas, aber die Phantasie des Hinkebein, das
Verquicken seiner Gedanken mit ganz naiven Bildern, die nicht nur zur
Illustration dienen, sondern die recht eigentlich die Träger
seines inneren Lebens sind — das finde ich sehr anziehend.
Sehr dankbar bin ich Ihnen für Ihren Vorschlag
bzw. des „Lohengrin-Gebetes“. Natürlich werde ich es einflechten,
auch eine kleine Ausführung über den Paradox — absoluter
König, freies Volk —‚ als im deutschen Charakter wurzelnd.
Es tut mir mehr leid, als ich es sagen kann,
daß ich zu dem Feste nicht in Bayreuth war.
Heute erhielt ich — endlich! — die Korrekturbogen zu
meinem Aufsatz „Zur Eröffnung der Stilbildungsschule in Bayreuth“
in der Berliner „Freie Bühne“
[II. Heft, Februar 1893].
Über meine eigenen Ausführungen erschrak ich fast. Die
Redaktion hat es verstanden, alles Charakteristische, alles
Individuelle — durch einige wenige Striche und Wortänderungen — zu
nehmen; es ist nicht ganz, aber fast so ein Urbrei wie ihre eigenen
Produkte geworden. Natürlich wurden solche Ausdrücke wie
„das Auge des Genies“ mit einem Federstrich dick vor
Entrüstung gestrichen; aber das Köstlichste ist, wo sie meine
Sehnsucht nach „w i r k l i c h e n Kunstinstituten“
durch „s a c h l i c h e s (!) B e s t r
e b e n“ ersetzt haben! „Da ließ ich's denn so fein!“
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie tief mich das
Interesse rührt, welches Sie meinem schwachen, engbegrenzten (nach
außen und nach innen engbegrenzten) Wirken bezeugen. Zum
großen Teil ist wohl auch mein Tun ein ganz persönliches —
der Wunsch, zu Ihnen zu sprechen und Ihnen eine geringe Freude zu
machen. Und wenn das auch nicht das Bestimmende ist, so ist doch
gewiß Ihre Freundschaft das, was mir Kraft gibt. Auf den
Hügeln der Abstraktion grasen, das genügt meinem Magen nicht;
Ihr lebendiges Wort ist aber wahre Nahrung; es genügt auch, um
mich wissen zu lassen, ob ich auf rechter Fährte bin oder nicht.
Meine Frau sendet die innigsten Grüße;
ich grüße wie einer, der die letzten 3 Tage wieder in „Jesus
von Nazareth“ verlebte, und bete zu Gott für Ihre Augen. In
Ehrfurcht und Freundschaft Ihr
Houston S. Chamberlain.
315-316
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Erlangen, 8. 2. 93.
Hätten Sie mir nur den „Hinkebein“ zugeschickt!
Professor Eversbusch hat mich länger behalten, als ich erwartete,
und Mitte März muß ich wiederkommen. Morgen bin ich wieder
in Bayreuth. Mit meinen Augen ist nicht viel anzufangen, sie seien
abgearbeitet, sagte der vorzügliche, das unbedingteste Vertrauen
verdienende Professor. Es freut mich sehr, von Ihrer Wirksamkeit im
Verein zu vernehmen. Es ist völlig gleichgültig, wie viele
dabei sind, wenn Sie auf e i n e n Geist wirken in
dem Sinne, wie Sie es vermögen, so ist es schon s e h
r v i e l. Sie haben da eine der verdienstvollsten
Aufgaben, die ich mir denken kann, und es wird mir immer eine Freude
sein, davon zu vernehmen. Ja, diese Tätigkeit geht Hand in Hand
mit der meinigen. Denn es wäre schon hübsch, unter uns einige
unmittelbare Empfindung des Dargebotenen anzutreffen und nicht
lediglich auf die Fernstehenden angewiesen zu sein. Ich bin nun sehr
gespannt auf die „Freie Bühne“.
In jüngster Zeit ist mir über die
systematische Betreibung der Mischehen so vieles zugekommen, daß
ich nicht anders konnte, als hievon mit Ihnen sprechen. Ich finde,
daß die Frage unlösbar erscheine, verhindert mitnichten,
daß man sie auf das schärfste zu erhellen habe. Sollen wir
bald
Finis Germaniae zu sagen
haben, so möchten wir es doch mit Bewußtsein der Gründe
des Untergangs sagen.
Ich würde sehr gern Ihre Ausführung
„absoluter König, freies Volk“ kennenlernen. Hörten Sie von
der Legende über die Könige von Frankreich, daß, wenn
ein Kranker sie berührte, er gesunde? Und sehr eigentümlich
ging es uns mit der Lektüre von der Biographie Cromwells,
vielleicht gibt es keine so mächtige, so dämonische, den
ganzen Stamm und den ganzen Glauben in sich fassende Erscheinung in der
Weltgeschichte, und daß er Volk und Königtum rettete, indem
er den König opferte, erscheint mir zweifellos. Auch liegt in der
Bestimmung seines Genies etwas so Tragisches, daß das
Mitgefühl die Unnahbarkeit überwindet. Und doch — als wir bei
der Enthauptung des Königs angelangt waren, konnten wir nicht
mehr, und es war uns, als ob der gellende Schrei, womit das in der
Ferne kreisende Volk den grausigen Akt der Notwendigkeit begleitete,
für immer den Gesang und seine Fröhlichkeit in England
verscheucht habe. Rienzi dagegen, der Zögling der Franziskaner,
Einsiedler, der Phantast, der nichts rettete, der dem deutschen Kaiser
die römische Krone aufzwingen wollte, er konnte den strahlendsten
Melos eingeben. Alles dies und mehr noch ist mir bei Gelegenheit Ihres
Vortrages durch den Sinn gegangen. Eine vorzügliche Rede von
Stöcker im Abgeordnetenhause, die ich Ihnen schicken will, wenn
Sie sie nicht lasen, fügte das ihrige hinzu, um bei mir ein
Gesamtbild auszuarbeiten von den realen und idealen Dingen und wie sie
zusammenhängen. Da das Festspielhaus steht, m ü s
s e n wir hoffen und daher arbeiten, zu jeder Stunde und in
jedem Sinn. Als den besten und liebsten Mitarbeiter begrüßt
Sie in innigster Herzlichkeit C. W.
316-318
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wien, 16/2/93.
Dürfte ich Sie, hochverehrte Meisterin, bitten,
mir zu sagen, ob das im Frühjahr 1857
[von Richard Wagner in Zürich]
bezogene Chalet auch in der Ortschaft „In der Enge“ war.
Ich habe mich endlich über Ashton Ellis
[der in seiner Schrift „1849. A Vindication“ Praegers Buch
„Wagner, wie ich ihn kannte“ kritisch beleuchtet hatte]
hergemacht. Es ist eine zeitraubende und eigentlich eine undankbare
Arbeit; es ist hart, sich mit so etwas Anekelndem beschmutzen zu
müssen, und der Gedanke, daß auch die Größten
unter uns Sterblichen den Umgang mit solchen Wesen
[wie Praeger] sich haben
gefallen lassen müssen, treibt einen in eine Stimmung, der man
eigentlich nur durch Sichaufhängen an einer Straßenlaterne
Luft machen könnte. Doch ich habe es unternommen, und ich
muß es zu Ende führen. Verhindern wird das allerdings nicht,
daß dieses Schandbuch als „Autorität“ während 25 Jahren
gelten wird.
Zu Graz findet der Vortrag also Montag abend, den
20sten, statt. Man hat einen Augenblick gefürchtet, die Grazer
Polizei würde wegen des Themas meines Vortrags Schwierigkeiten
machen, vielleicht ihn gar verbieten, weil es in einem
künstlerischen Verein verboten ist, sich mit P o l i t
i k abzugeben! Ich habe eine Inhaltsangabe einsenden
müssen, und heute Schreibt mir Hausegger, die Polizei erlaubt es!
Stöckers schöne Rede habe ich mir sofort
in mehreren Exemplaren verschafft.
Die kurze Ausführung lautet: „Vielleicht
daß das Paradoxon: A b s o l u t e r K ö
n i g, f r e i e s V o l k — einige zunächst
befremdet? Versteht man aber etwas beim Meister nicht recht, so wird
man stets gut daran tun, sich zu fragen: Was wäre hier, im
tiefsten, wahrsten Sinne des Wortes, die ganz
spezifisch-charakteristische, unterscheidend-eigenartige, d
e u t s c h e Auffassung? Wohl immer wird man da entdecken,
daß man auf einmal Wagners wahre Ansicht versteht. Und auf diesem
Gebiete der sozialen Gestaltung kann man wohl sagen, daß, was die
Deutschen auszeichnet, ein — zunächst höchst widerspruchsvoll
erscheinendes — Nebeneinanderbestehen von unbedingter K
ö n i g s t r e u e und unzerstörbarem F r
e i h e i t s s t o l z ist. Diese in tiefstem Grunde aller
echtgermanischen Herzen wurzelnde Auffassung ist es, weIche Wagners
Rede mit der ganzen Unmittelbarkeit, welche Klarheit, Leidenschaft und
Wahrhaftigkeit verleihen, von Anfang bis Ende beherrscht,“
Mein Bestreben richtet sich mehr und mehr darauf,
nur eine Richtung anzugeben, nur ein Licht anzustecken, hintreten und
schauen müssen die Leute doch selber. Daß ich selber dabei
in den Ruf eines wenig „feinen“, eines für Nuancen, vielleicht
sogar für die Erkenntnis des überall im tiefsten Grunde uns
rätselhaft anlächelnden Widerspruches wenig
empfänglichen Geistes kommen werde, wird mich, glaube ich, nicht
irremachen. Was schadet das, wenn man mit einem etwas schweren Hammer
schlägt? Die Hauptsache ist doch, daß man den Nagel auf den
Kopf trifft. Darum strebe ich nach möglichster Schärfe; denn
da kann auch der Minderbegabte etwas verstehen, er kann ein lebendiger
Teilnehmer an Erscheinungen, die ihm sonst rätselhaft bleiben,
werden, und der wirklich Begabte
estompera
les lignes ohne meine Hilfe.
Die soeben erschienenen „B. Bl.“ habe ich noch nicht
gelesen. Auf den Grillparzer
[von
Richard Batka, Jahrgg. 1893, S. 82 ff.] bin ich neugierig. Ich
habe gerade jetzt mich über ihn hergemacht und bereits alle seine
Dramen bis auf drei gelesen, auch einige Notizen und Gedichte. G. mag
reizend, sinnig, poetisch, alles, was man will, sein — aber beileibe
kein Genie. Man sehe sich doch nur Kleists „Penthesilea“ dagegen an!
Gerade die viel gerühmte Charakterisierung zeigt für mein
Gefühl die Schwäche G.s, den Mangel an Genie. Ein
großer Dichter, der Shakespeares Sonette scheußlich findet,
der sie am liebsten vertilgen möchte! — ach nein, sehen Sie, jetzt
bin ich gleich wieder in der Stimmung, daß ich mich an der
Laterne aufhängen möchte! Als ich in die „B. Bl.“ guckte, sah
ich in jenem Aufsatze einen Satz, der mir solche Angst machte, ich
konnte nicht weiter.
In Ehrfurcht und Ergebenheit Ihr
Houston S. Chamberlain.
318-319
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wahnfried, 19. 2. 93.
Das Haus, welches im Jahre 57 bezogen wurde, liegt
auf dem Hügelrücken, welcher in der Gemeinde Enge den
Züricher See vom Sihltal trennt. — Soviel kann ich Ihnen sagen,
mein Freund!
Die Laternen-Wünsche begreife ich nur allzugut.
Es wird einem zuweilen ganz unmöglich zumute. Sie sollten nur die
Sendungen sehen, die bei mir eintreffen. Als Luther einmal von einem
angegangen wurde: Was wohl der liebe Gott vor Erschaffung der WeIt
getan?, erwiderte er: „Er schnitt Ruten für die, welche
unnütze Fragen machen.“ So würde ich erwidern.
Können S i e nicht Ellis auf dem Wege des
gesunden Menschenverstandes erhalten?
Absolutes Königtum und freies Volk
läßt sich vorstellen und kaum erklären. Ich denke mir
die Monarchie von Karl dem Großen, dann von Heinrich dem Vogler
also.
Ich würde Sie so gern sprechen, allein das
scheint gar nicht mehr möglich. Und darüber bin ich recht
traurig, da meine stets in der Hast geschriebenen Briefe Ihnen so gar
nicht sagen können, welchen Anteil ich an Ihnen nehme. Die Laterne
ist immer da, winkend!
Grillparzer habe ich von je bodenlos langweilig,
beamtenmäßig-patriotisch, beschränkt und
au besoin giftig gefunden. Hofpoet,
wenn es einen gab! Sein Fragment „E s t h e r“ ist
das Hübscheste, eben weil es Fragment ist, und die „Jüdin von
Toledo“ ist ergreifend, weil sie von Lope ist.
Unsere größte Freude hier sind die Tiere.
Ich möchte, Sie sähen unseren Neufundländer, so
schön und so grenzenlos gut. Und dann Fidi
[Siegfried
Wagner] heimreitend
durch die Allee auf der mutwilligen, eleganten „Grimgerde“. Ein Bild
wie aus Walter Scott. Das gibt Vergessen und Kraft wieder auf einige
Augenblicke.
Dann habe ich mich sehr über die prophetischen
Worte Novalis', die Wolzogen in seinem Artikel über E. T. A.
Hoffmann
[„Bayreuther
Blätter“ 1893, I. Stück] zitiert, gefreut. Die Einheit
im Reich der Geister, die Harmonie, wie sie wohltut! Dann haben mich
ein Terzett aus „Figaro“ und eines aus „Freischütz“, der „Schule“
und Siegfried einstudiert, gelabt.
Dann endlich machen Sie mir Freude, und so rafft man
sich immer wieder zusammen.
In Ihrem vorletzten Briefe sprachen Sie mir von
„Jesus von Nazareth“. Geht es Ihnen dabei wie mir? Bei der bloßen
Nennung dieses Werkes sehe ich die Darstellung von Tintoretto, die
Kreuzigung und andere noch von mächtigster Gewalt und von
Zusammengehen des Lichtes und des Schattens mit der Handlung und mit
den menschlichen Physiognomien, daß man das Drama zu erleben
glaubt.
Ich will Ihnen nur noch sagen, wie ich Ihnen danke,
und wie von Herzen ich Ihnen gut bin. C. W.
319-321
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Mittwoch, 22/2/93, Graz.
Wenige Stunden vor der Heimreise ein Wort des
Dankes! Ihr Schreiben, hochverehrte Meisterin, war heute mein
Morgenweckruf, als ich, spät von einer reizenden kleinen
Gesellschaft bei Hofmanns zurückgekehrt, in den Tag hineinschlief,
„Die Einheit im Reich der Geister“... Ich glaube fast, meine Frau wird
mich mit der endlich fertiggestellten Abschrift des „Hinkebein II“
überraschen, und da werden Sie auch darüber tiefempfundene
Worte meines braven „Sehers“ finden, wie die Genies, durch die Macht
des Schauens, alle miteinander verwandt sind; ich entsinne mich, von
dieser Verschmelzung sprechend, schließt er: „Und diesen Weg —
den Weg des Genies — gehen wir alle — im Tode!“
Für mich persönlich war nun der Vortrag
hier auch insofern von Interesse, als ich zum erstenmal die Gelegenheit
hatte, in einem richtigen Vortragssaal, vor einem Publikum, das nicht
trinkt und raucht, mit einem anständigen Pult versehen usw. usw.,
mich zu versuchen. Das Resultat war ein gutes. Ich habe eine Stunde und
zehn Minuten gesprochen, ohne daß meine Stimme eine Spur von
ihrem Klang verloren hätte; bis ganz am entgegengesetzten Ende hat
man ohne Anstrengung jede Silbe deutlich vernommen; und überhaupt,
die Klarheit des Vortrags, von der Gruppierung der Ideen an bis zu der
Betonung innerhalb der Sätze und bis zur Aussprache des einzelnen
Wortes schienen allen als etwas Ungewohntes aufzufallen. Ich war auch
sehr wenig — fast gar nicht — befangen, was mir für etwaige,
künftige Gelegenheiten natürlich Mut und Vertrauen
eingeflößt hat. Aus dem Urteil selbst des jüdischen
Grazer Blattes aber werden Sie entnehmen, daß ich nicht ohne
„Erfolg“ sprach. Übrigens hat das jüdische Blatt viel klarer
und mir sympathischer geschrieben als das wagnerianisch-antisemitische.
Zum Glück hatte ich unterwegs in der Bahn
fleißig „Don Quichotte“ gelesen und mich gerade an Sancho Pansas
Lobrede gelabt: „O du Demütiger unter den Stolzen, du
Hochmütiger unter den Demütigen, du Verächter der
Gefahren, du Erdulder des Unglücks, Verliebter ohne Ursache,
Nachahmer des Guten, Geißel der Bösen, Feind der Gemeinheit,
kurz, du irrender Ritter, denn das heißt alles gesagt, was man
nur sagen kann!“
Und wirklich die große Herzensgüte dieser
Grazer, die p r ä c h t i g e Bayreuther
Gesinnung und der stämmige Charakter Hofmanns, der erstaunend
seine Geist und die großen Kenntnisse des ebenfalls in jener
seltenen, einzig richtigen Art Bayreuth (und Ihnen) ergebenen
Hausegger; sie haben s e h r wohltuend auf mich
gewirkt. Und um meiner Grazer Reise den schönsten Abschluß
zu geben, wurde ich der Tischnachbar einer jungen, schönen,
schwarzäugigen, entzückenden ungarischen Witwe. Eigentlich
gehörte sie nicht in den kleinen Kreis, insofern sie von Bayreuth
nichts weiß; aber wenn sie nicht heute früh als
glühende — Anerin aufwachte, da, bitte, entlassen Sie mich aus
Ihrem Dienste, denn da bin ich wirklich zu nichts zu gebrauchen!
Nehmen Sie bitte fürlieb mit diesen eiligen
Hotelzimmerzeilen, und glauben Sie an die ewige Dankbarkeit Ihres in
Ehrfurcht und treuester Freundschaft ergebenen
Houston S. Chamberlain.
321-322
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Wahnfried, 9/3/93.
Gestern erst, mein Freund, las ich Ihren Aufsatz in
der „Freien Bühne“
[„Zur
Eröffnung der Stilbildungsschule in Bayreuth“, Februarheft]
und will Ihnen heute auf das herzlichste dafür danken. Wirklich,
Sie haben es so verstanden, daß, möge mit der Schule werden,
was wolle, dieser Aufsatz immer zeigen wird, was wir anstreben. Und
Ihre Gabe, das Nebensächliche zu beseitigen und das Bedeutende
hervorzuheben, kommt bei dieser Gelegenheit zu ihrer ganzen Geltung. Es
hat mich sehr erfreut.
Ihr Brief vom 22sten aus Graz begrüßte
mich bei meinem Eintritt in Berlin, in jener Stimmung, in welche der
Einsame immer verfällt, wenn er sich plötzlich umdrängt
fühlt. Don Quichottes wundervolle Wort-Apotheose seitens Sancho
entsprach in merkwürdigster Weise meinen Gedanken, denn ich hatte
viel an den irrenden Ritter gedacht, und wer täte das nicht, der
in dieser WeIt das Große fördern zu helfen sich gedrungen
fühlt. Aber auch Ihre Liebe traf insofern auf gut vorbereiteten
Boden, als wir in der Eisenbahn eine seltsame Begegnung gehabt, die
Isolde und mich ganz einnahm. Ein Mann, einfach, vornehm und
schwermütig, mit dem wir uns, indem wir kaum ein paar Worte
wechselten, so teilnahmsvoll verbunden fühlten, daß, sollten
wir uns wieder begegnen, wir uns gewiß als Freunde
empfänden. Eigentlich gibt es für das Herz nur Liebe, und
alles, was das nicht ist, scheint mir nicht zu sein, und ich weiß
da keinen Unterschied der Geschlechter, noch des Alters, und das
schöne Wort von Nathalie: „Nie oder immer.“
In Berlin habe ich nur Schauspiel gesehen. Die Oper
war noch mascagnisiert, und das habe ich denn nicht geteilt. Mit Mottl
und mit einem anderen Wiener waren wir in einem obskuren Theater, wo
„Eulenspiegel“ von Nestroy von einer kleinen Wiener Truppe mit Musik
vom alten Wenzel Müller vor einer harmlosen Berliner
Kleinbürgerschaft gespielt wurde. Mottl lachte so unbändig,
daß wir alle hingerissen waren und auf das kindlichste uns
unterhielten. Sonst war in Berlin mein Haupt- und Lieblingsaufenthalt
das Museum, wo der Kampf der Götter und Titanen des pergamenischen
Fundes einem wieder einmal die verschwundene Welt, auch in
Trümmern, in ihrer Großartigkeit und Gewalt erschauen
ließ! Und, sehr fesselnd daneben, in einer stillen Stube die
beiden italienischen Marmorarbeiter, welche kleinwinzige und
größere Steine des Fundes zusammenfügen, und dieser
emsigste Fleiß bei der Herstellung manches Gliedes macht den
Eindruck der Zauberei.
Bei den Bildern war es ein Rembrandt, die Predigt
von Johannes dem Täufer, welcher durch die Mannigfaltigkeit der
Gruppen und Physiognomien und Einheitlichkeit der Komposition mich ganz
einnahm. Vor allem aber die Dürer-Ausstellung, in welcher man das
eigentlich Germanische vor sich hatte, die Verbindung der Schlichtheit
mit dem Erhabenen und die unerschütterliche Kraft der
Konzentration.
Stöcker habe ich kennengelernt, und seine
Erscheinung hat mich gerührt. Er hat einen naiven
Köhlerglauben, und sein Mut stammt von diesem Glauben.
Nun leben Sie wohl, Freund, und haben Sie Dank
für das lebensvolle Bild, welches Sie mir von Ihrem Grazer
Aufenthalt gaben. Die Freude an den tüchtigen Menschen empfand ich
lebhaft mit, und ich habe mich dieser Ecke in den Bergen innig gefreut.
Nun aber nochmals und zu guter Letzt, leben Sie
wohl, mein Freund, und gedenken Sie meiner!
C. W.
322-326
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
23/3/93. Wien.
Vor einigen Tagen hatte ich wieder einmal einen
herrlichen Traum, wieder so ein „Schlafen“, das für vieles
„Wachen“ voll entschädigte. Es war „Lohengrin“ — der Abschied an
dem Ufer der Schelde; aber nicht auf der Bühne, draußen in
Gottes Natur, unter dem offenen Himmel und bei glänzendstem
Morgensonnenschein. Und nun — ja, wie soll ich das in Worten sagen,
hochverehrte Meisterin? — die M u s i k, die im
Kunstwerk zum Erklingen gebracht worden ist, diese Seele nicht nur der
einzelnen menschlichen Wesen, sondern überhaupt alles Seins und
Lebens, welche daß Genie gewissermaßen hervorgeholt und vor
unser
leibliches Ohr hingestellt, welche er offenbart hat, die Musik war
wieder ins Innere zurückgewichen, sie erklang nicht — sie war
aber noch unmittelbarer, noch gegenwärtiger als wie im Kunstwerk,
sie beseelte alles, Menschen, Bäume, Fluß, auch den Schwan,
der sehr, sehr langsam hingeschwommen kam, und jeder empfand nun die
alldurchdringende Musik ebenso sicher und natürlich, wie das Auge
die beleuchteten Gegenstände erfaßte, bei jedem aber
gestaltete sich diese Gesamtsymphonie ganz individuell, so daß
das Ganze gewissermaßen wie das direkte Gegenbild eines
Orchesters erschien, indem bei letzterem jedes einzelne Instrument nur
einzelnes spielt, und zwar mit seinem besonderen, nur ihm zukommenden
Stimmklang,
während dort ein jedes Wesen nur aufnahm, und zwar die ganze
Harmonie der gesamten Umgebung in sich aufnahm, aber doch ganz
individuell, scharf charakteristisch — also mit der bestimmten
Instrumentalfarbe. Es war wohl eine der herrlichsten Visionen, die man
sich vorstellen kann. Beschreiben kann ich sie nicht; Sie werden aber
schon nach obigem mich verstehen. — Und da, als ich mich
früh zu meinem Tee hinsetzte und mich gerade zweifelnd frage:
Soll ich s Judenblatt oder 's Christenblatt aufmachen? Welches wird
mich am wenigsten kretinisieren? — da bringt der Postbote die
„Bayreuther Blätter“ mit der frohen, herrlichen
Botschaft!
[Ankündigung
der Festspiele für 1894.] Nein — was solI unsereiner da
sagen? Es ist noch schlimmer als das
Traumerzählen! Beethovens „namenlose Freude“ singen, das
hülfe vielleicht etwas; aber ich glaube, daß die
glühende,
überströmende Dankbarkeit, die aus vielen hundert Herzen bei
den Worten „Parsifal“, „Tannhäuser“, „Lohengrin“ Ihnen
entgegenflog, ich glaube, wenn Sie dieser wirklich gewahr werden
wollen, so müssen Sie sich auf einen Traum einrichten! Denn wir
alle, wir sind keine Genies, die allermeisten von uns blasen und
streichen auch nicht einmal das armseligste Instrument; aber glauben
Sie mir nur, Meisterin, es gab viel innerliche Musik zu Ihrer Ehre
diese letzten Tage!
Ein gelinder Schreck fuhr mir durch die Glieder, als
ich den Aufsatz über Stöcker sah. Sie wissen ja, wie wir vor
kurzem uns in der Bewunderung und Anerkennung seiner neuesten
oratorischen Leistung begegnet waren; und wenn ich diesen Mann, der
unser ganzes Gezücht von Politikern durch die Macht seiner
Überzeugung, durch seinen Mut, seine Arbeitskraft, durch sein
rücksichtsloses Hinsteuern auf ein Ziel, welches nicht in ihm
selber, sondern außer ihm steht, dessen „Politik“ also dadurch,
daß sie keinem irgendwie gearteten persönlichen Interesse,
sondern dem wahren Wohl des Volkes und dem Horchen auf eine innere
göttliche Stimme gilt, sich bereits jener Auffassung einer
„unpolitischen Politik“, wie sie in den früheren „Schriften“ zum
Ausdruck kam, sich nähert — wenn ich diesen Mann, der durch
seinen C h a r a k t e r allein seine Kollegen
turmhoch überragt, von oberflächlichen Schwätzern, die
es ihren Judenblättern nachplappern, abfällig beurteilen
höre, da steigt mir die Galle, und ich könnte meiner
Bewunderung für den Hofprediger den übertriebensten Ausdruck
geben. Aber, aufrichtig gesagt, in unseren Blättern (verzeihen
Sie, daß das Wort „unser“ mir entschlüpft ist — aber die
Sperlinge, die ich ernähre, nennen mich wahrscheinlich auch
„ihren“ Herrn) —‚ in unseren Blättern ist es überhaupt
bedenklich, sich zu irgendeiner politischen Partei zu bekennen, weniger
bedenklich wäre schon das negative Verfahren, der Hinweis,
daß wir hierhin und dorthin nicht gehören, denn das
heißt etwas abgerundet Richtiges, vollkommen Gültiges
aussagen. Und ganz speziell in solch einem Falle wie Stöcker
scheint mir, daß wir uns da barfuß auf ein
„terrain brûlant“ begeben;
denn, zu seinem Amte, zum kräftig-praktischen Auftreten inmitten
einer von Juden und Glaubenslosen beherrschten Politik gehört der
naive Köhlerglaube, ohne diesen könnte er das nicht
ausrichten, was er ausrichtet. In den „Schriften“ aber, die den
„Bayreuther Blättern“ als Grundlage dienen, finden wir nirgends —
weder in dem ersten, noch in dem zehnten Bande — den
Köhlerglauben. Das ist gewiß, das Christentum des Herrn
Stöcker hat Platz bei uns; wir haben aber nicht Platz in seinem
Christentum. Von ihm nun sprechen und das verschweigen, macht
auf m i c h einen sehr peinlichen Eindruck: denn
entweder liegt darin eine gänzliche Unfähigkeit, Schopenhauer
und „Kunst und Religion“ zu verstehen (und diese dürfte dann nicht
bei uns zu Worte kommen), oder wir sind nicht ganz aufrichtig, und das
ist noch schlimmer. — Ein Mißverständnis ist hier nicht
möglich, denn Schopenhauer läßt nur den Kern des
Christentums gelten (wie er ihn nennt) — die Lehre von der
Erbsünde und von der Erlösung, und seine Betrachtungen
über Polytheismus und Monotheismus würden allein
genügen, um die Kluft, welche ihn von Stöcker trennt,
anschaulich zu machen. — Diese Kluft ist, wie uns angedeutet wurde,
ungefähr oder fast so breit wie die, welche das Christentum vom
Heidentum trennt (
[Ges. Schr.
Richard Wagners] X, 329); ganz klar wird aber gerade an dieser
Stelle gesagt: „Die S c h o p e n h a u e r s c h
e P h i l o s o p h i e solle in jeder Beziehung zur
Grundlage aller ferneren geistigen und sittlichen Kultur genommen
werden; und a n n i c h t s a n d e
r e m h a b e n w i r zu arbeiten.“ —
Etwa aber — um noch eine letzte Möglichkeit zu erwähnen —‚
etwa mit dem orthodoxon Christentum „dilettieren“, das wäre wohl
das Abscheulichste. Anders klangen jene Worte, die im
[Wagner-] Lexikon (hinten)
als „brieflich 1880“ angegeben sind: „...Kirche, Priestertum, ja die
ganze Erscheinung des Christentums in der Geschichte geben wir
schonungslos daran...“
Schweigen können wir, wo und wann Reden nicht
am Platze ist, aber hüten wir uns davor, etwas auszusagen, was
unserer innersten Überzeugung unmöglich entsprechen kann!
Warum ich I h n e n das sage,
verehrte Meisterin? Weil ich das Bedürfnis hatte, meine Meinung
einer „maßgebenden“ Persönlichkeit gegenüber
auszusprechen, und weil mir der Mut fehlt, sie an Wolzogen zu
schreiben. Wolzogen gehört zu den Leuten, die ich täglich
höher schätze und täglich mehr bewundere. Und ich
glaube, daß ich von den schwierigkeiten, mit denen er diese
ganzen Jahre hindurch zu kämpfen und denen er mit seiner
ruhig-konzentrierten Energie auch wirklich standzuhalten gewußt
hat, doch keine rechte Vorstellung habe.
In Ehrfurcht und treuester Ergebenheit Ihr
Houston S. Chamberlain.
24/3/93.
Postskriptum!
Ich wollte Ihnen noch einige Worte von dem
böhmischen Streichquartett sagen, welches unser Entzücken
diesen Winter ausgemacht hat. Wäre ich ein kleiner König
Ludwig gewesen, ich hätte diese jungen Leute einfach zu Ihnen nach
Bayreuth geschickt. Mit einem Schlage war man zugleich von allen
Joachims, Rosés und anderen Akkapareurs des Volkes
künstlerischen Vermögens, und auch von den „klassischen“
Verhunzungen durch ebenso talent- wie temperamentlose,
gesinnungsschwiemlige Germanen erlöst. Blutjunge Leute (alle
bartlos!), die mit einer Präzision, Korrektheit und
unbändigem Feuer spielten — welche, dessen bin ich überzeugt,
Ihre begeisterte Anerkennung gefunden hätten. — Diese erste Geige,
Karl Hoffmann (also trotz des „Böhmischen“ wahrscheinlich ein ganz
ehrlicher Deutscher), den möchte ich gern bei Ihnen, in Bayreuth,
sehen. — Diese ganzen vier sahen überhaupt nicht nach „Musikern“
aus, wie man sie gewöhnlich sieht und sich vorstellt; und Hoffmann
gleicht eher einem jungen Offizier aus der Zeit Napoleons I. — sicher,
entschlossen, kühn, konzentriert. Sie spielten viermal, und wir
gingen alle viermal und saßen ganz vorn unter den hohen
Herrschaften. Und S m e t a n a s („Aus meinem
Leben“) E-Moll-Quartett spielten sie dreimal. Kennen Sie es? Diese
Musik hat mir wirklich den Winter überleben geholfen! Das ist doch
endlich wieder einmal eine Musik, die nicht einfach erlogen ist.
Vergleichen will ich ihn ja gar nicht, aber der besonderen
A r t nach („ein jeder ist nach seiner Art“) ist Smetana mit
Beethoven sehr nahe verwandt. Das unmittelbare S p r e c h
e n in hohen Tönen habe ich kaum in Instrumentalmusik
wieder so gehört (außer bei Beethoven), und die Einfachheit
ist so wohltuend wie Aufrichtigkeit in allen ihren Gestalten. Die
Persönlichkeit läßt sich an Macht natürlich mit
der Beethovens nicht vergleichen, aber die Innigkeit, die Tiefe der
Empfindung, der feste Zusammenhang mit dem Geiste eines Volkes lassen
diese „relative Größe“ als sehr gleichgültig
erscheinen. Die wirklich Großen rechnen sicherlich den Dichter
dieses Tonstückes zu ihresgleichen.
Finis.
Schemanns „Schopenhauer-Briefe“
[Leipzig 1893], das war eine
schöne Bayreuther Tat, nicht wahr?
326-327
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth, 27/3/93.
Ich danke Ihnen herzlich für Ihren lieben Zuruf
zu „Lohengrin“, mein Freund! Gott schenke „Lohengrin“ seinen Segen, ich
will gleich nach Ostern mich an die Arbeit für ihn begeben.
Was Sie über Stöcker in den
„Blättern“ sagen, ist unbedingt richtig und entspricht durchaus
meinem Gefühl. Ich glaube aber, daß, wenn Wolzogen auf
diejenigen angewiesen sein sollte, welche den Geist der „Gesammelten
Schriften“ in sich aufgenommen haben, er so ziemlich
vis à vis de rien wäre.
Neulich Sonnabend, hatten wir eine kleine
Rekapitulation von unserem Siebengestirnlein
[die sieben Schüler der
Stilbildungsschule], und ich
freute mich der Leutchen recht; sie sangen Wundervolles aus der
H-Moll-Messe von Bach, (ein wahrhaft jubilierendes
„laudamus te“), die Arie der
Pamina, ein reizendes Lied von Schubert, „Die Botschaft“,
„In questa tomba“, und die Arie des
Ottavio. Sie sehen, allerhand Gutes. Wir schlossen mit dem Psalm meines
Vaters „An den Wassern Babylons“, welchen eine unserer
Schülerinnen mit vieler Empfindung vortrug, und welcher sehr
rührend wirkte.
Wie gern würde ich Ihre böhmischen Geiger
gehört haben! Wissen Sie, ob sie Orchestermitglieder sind und
daher dieses Ensemblespiel gewohnt sind? Ich würde dann versuchen,
sie hier einzuverleiben, Das Quartett von Smetana glaube ich wohl in
meiner Jugend, als es zum erstenmal produziert wurde, gehört zu
haben; ich entsinne mich seiner nicht, aber ich traue Ihrem Eindruck
unbedingt. Gott, wie wohl tut es, einem Ähnlichen jetzt zu
begegnen!
Ich habe jetzt mit einer sehr kuriosen Arbeit zu
tun; ich hat Levi um eine Aufführung der „Dido“ („Trojaner“ von
Berlioz); er schickte mir den Klavierauszug und bat mich, seine
Übersetzung, auf welche er sich einiges zugute täte,
vorzunehmen. Ich begann heute und fand eine sehr sorgfältige,
mühselige Arbeit, indem Silbe auf Silbe stimmt und der Reim
bewahrt ist. Aber immer auf Kosten des Gedankens, und wenn man
weiß, wie Berlioz die Musik in das Joch des Gedankens gegeben
hat, so entsteht für mich dadurch eine vollständige
Fälschung. Mein Vater sagte
„en
matière de traduction il y a des exactitudes qui
équivalent à des infidélités“, und
hier sind es nur die Silben, welche genau sind. Von dem Werke selbst
kann ich bis jetzt nur sagen, daß Sinn und Verstand darin und
wenig Musik. Es ist aber sehr interessant zu sehen, wohin der
französische Geist immer neigt. Und wenn Berlioz mit den
„Trojanern“ gewiß keine sehr lautere Absicht gehabt hat und er
den Werken
[Richard Wagners]
ein klassisches Paroli bieten wollte, so spricht doch seine Oper das
naiv aus, was der
Franzose als Ideal ansieht: die lateinische Antike; daher
beschäftige ich mich mit dem Werke ganz gerne.
Goethe und Schopenhauer sind doch beide in ihrem
Briefverkehr einzig, bei Sch. kommt die Wahrheit wie mit einem Erdbeben
heraus, bei G. wie das sanftstrahlende Licht.
Ich war wieder 4 Tage in der Augenklinik, und der
vorzügliche Eversbusch hofft, daß es nicht schlimmer wird.
Seine Anstalt wirkt immer auf mich wie der Hafen, in den ich einlaufe,
und die geregelte Ruhe tut mir unendlich wohl.
Nun aber leben Sie wohl, und seien Sie
gegrüßt und bedankt. C. W.
328
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
29/3/93. Wien,
Daß jemand meinem Allat Tränen geweint
hat und es begriff, daß die Siegesfanfare am Schlusse „Parsifals“
Gott gilt, daß es ein
Te Deum
laudamus ist — währenddessen der heldenhafteste, reinste
Mensch ein armes Geschöpf bleibt, der, je höher er steigt,
desto einsamere Pfade wandelt, ja, es hat mir, hochverehrte Meisterin,
wie die wenigen ähnlichen Äußerungen, die mir zuteil
wurden, innig wohl getan. Wie „herb“ und unzugänglich dieses
zweite Märchen ist, habe ich jetzt empfunden, als ich es nach
einigen Monaten wieder las; ich würde es begreifen, wenn es
einigen einen etwas forcierten, „recherchierten“ Eindruck machte;
außerdem ist es künstlerisch (wenn das Wort hier am Platze
ist) gewiß nicht so gelungen wie das erste; und doch habe ich
mich jetzt überzeugen können, daß jedes Wort von Herzen
kam, ganz lauter und ungetrübt; w a h r ist
jedes Wort, und das ist wenigstens die Grundlage echter Kunst, wenn
auch nicht das vollendete Gebäude. Für das dritte und letzte
Märchen habe ich eine herrliche Idee: Parsifals Tod. Nach einer
Sage lebte er nämlich nicht lange; daß er seine Mutter hatte
vergessen können, war eine Sünde, die durch keine Tat
gesühnt werden konnte. Wie er stirbt, kehrt Lohengrin zurück,
und an Stelle des eben verlorenen Glückes bekommt er aus seines
Vaters Händen die schwere Königskrone.
Ich versprach Ihnen, am Schluß meines Grazer
Vortrags das Gebet aus „Lohengrin“, I. Akt, zu erwähnen. Es ging
aber nicht; ich versuchte, und es paßte nicht hinein, und ich
hatte so viel an diesem Vortrage gearbeitet, daß ich nicht
fähig war, einen Satz oder gar einen Absatz — behufs dieser
Erwähnung — umzumodeln.
Denken Sie maI, daß ich erst heute — bei
meiner grenzenlosen Ignoranz — erfahren habe, daß Schopenhauer
kein eigentlicher Deutscher war! Die Deutschen haben wirklich Pech,
erst Kant, dann Schopenhauer; und dazwischen haben sie als „echte“ die
Schellings, Hegels etc. hervorgebracht! Ich möchte gern diesen
Semito-Wallachen, die uns Angelsachsen „Ausländer“ nennen, meine
Meinung sagen!
In Ehrfurcht und Dankbarkeit
Ihr H. S. C.
*
329-330
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
[Auf der Heimreise aus Les Avants,
Montreux, wo Chamberlain mit der Familie Wagner zusammengetroffen war.]
Bern, Mittwoch, 3. Mai 93.
An meiner ersten Haltestelle angelangt, möchte
ich als allererstes Ihnen, hochverehrte Meisterin, ein Wort des Dankes
senden.
Zwar bin ich weit entfernt, ein Adam von Doß
zu sein, und die schönen, glühenden, ellenlangen Sätze
stehen mir nicht zur Verfügung; zu meinem
Glück aber sind Sie — mindestens in einer Beziehung — weit mehr
als Schopenhauer, schon dadurch allein, daß Sie ein Weib sind;
dadurch kommen Sie mir mehr entgegen und begreifen Sie voll und ganz,
was ich nur äußerst unvollkommen oder vielleicht auch gar
nicht zu sagen vermag. Auch da also, wo i c h gern
geben möchte, und wäre meine Gabe auch nur mein Dank für
alles von Ihnen Empfangene, auch da muß ich das meiste von Ihnen
und von Ihrer Güte erwarten; wenn Sie mir nicht drei Viertel des
Weges entgegenkommen, und wenn Ihr großes Herz meinen armen
Worten nicht eine gewisse Verklärung zuteil werden
läßt, dann müßte ich ganz verzweifeln, Ihnen
jemals meinen Dank sagen zu können, und doch werden
gerade S i e verstehen, welches Bedürfnis es
mir ist, nicht alle Gaben stumm zu empfangen und ein von lebendigem
Dankgefühl und ehrfurchtsvollster Liebe ganz volles Herz doch
mindestens in einem kleinen Sätzchen zu irgendeinem Ausdruck
kommen zu lassen.
Als ich gestern abend, gegen Sonnenuntergang, 2
Stunden auf einer wundervollen, wie für Sie gemachten Terrasse
saß, unter einem dichtschattigen Laub, vor mir die herrlichen, im
Abendlicht erglänzenden Alpen — da empfand ich, da wußte ich
ganz genau, daß ich von dem Augenblicke ab, wo der
Neuchâteler Zug aus dem Lausanner Bahnhof abdampfte, ganz
verwaist dastand. Denn diese erhabene, gewaltige Schönheit war
ganz in Schweigen gehüllt — es war eine Art Grabesgefühl; und
währenddem ich mir sagte, daß der Klang Ihrer Stimme mich
über die ödeste Gegend gewiß trösten und dieselbe
zu Schönheit beleben würde, empfand ich mit Bestimmtheit,
daß diese großen, schweigenden Alpen mich nur noch tiefer
und schmerzhafter fühlen lassen, daß I h r e
Stimme, Ihr tastend suchender Schritt, Ihre siegesbewußt
gebietende Hand, Ihr den Alpen wie einem Naturverwandten ins Gesicht
schauendes Antlitz mir geraubt waren...
Aber auf was für Umwege gerät meine
Hotelfeder? Von Dank war ja bei dieser Sonnenuntergangsschilderung
jetzt gar nicht die Rede! Nein, ich glaube wirklich, ich kann es
über die Lippen nicht bringen — vielleicht später einmal,
aber jetzt nicht. Ich war diese Wochen in Les Avants s o
glücklich — nun, das wissen Sie ja; aber soll ich auch
wirklich dem Beispiel der Alpen folgen und mich „in Schweigen
hüllen“, so möchte ich doch mindestens das eine recht
eindringlich und nachdrücklich sagen: daß ich immer und
ausnahmslos a l l e s, was von Ihnen kommt, als
ein G e s c h e n k ansehe. Mag ich auch
eigensinnig und „widersprüchig“ und kalt und langweilig und
unliebenswürdig und weiß Gott was auch alles sein. Eines
habe ich: i c h w e i ß, w e r
S i e s i n d ! Und wenn ich auch eine etwas
bulldoggige Art habe, meine Gefühle zur Schau zu tragen, oder
vielmehr nicht zur Schau zu tragen, so bin ich doch überzeugt,
daß nicht einmal Sie, Meisterin, die ganze Tiefe der stolzen
Demut, aus welcher ich zu Ihnen hinaufblicke, zu ermessen
vermögen...
Also, ich komme darauf zurück, daß ich
auch hier, auch bei dem bescheidensten Versuch, Ihnen von dem, dessen
mein Herz voll ist, etwas zu sagen, ganz auf Sie und auf Ihre Güte
angewiesen bin! Zum Glück kann ich da auch ein unbedingtes,
unbegrenztes Vertrauen haben — bitte, seien Sie überzeugt,
daß ich es auch habe. Ich müßte zu den
allerselbstquälerischsten Eseln gehören, wenn ich jemals
bezweifelte, daß Sie mir von Herzen zugetan sind.
Daß ich die endliche Bekanntschaft mit Ihren
Töchtern zu den schönsten — ich möchte sagen zu den
rührendsten wahren Errungenschaften der Zeit in Les Avants
zähle — ein wirklich kostbarer Schatz für das ganze Leben —‚
erwähne ich hier doch noch ausdrücklich, damit wenigstens
dieses eine Mal meine „Grüße“ an sie nichts Banales an sich
haben, sondern ein bißchen von dem Glockenklang jener ersten Kuh,
der wir auf dem Herunterweg begegneten, und auch von der Innigkeit des
Wiesen- und Blumenduftes (des unschuldigen Rausches des Orchideenduftes
nicht zu vergessen!).
Ihnen, hochverehrte Meisterin, der schweigende
Gruß und der sprachlose Dank Ihres mit ganzem Herzen und mit
ganzer Seele ewig treu und in tiefster Ehrfurcht ergebenen
Houston S. Chamberlain.
331
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
München, 5. Mai 1893.
Nur mit zwei Worten Dank für Ihre Zeilen, mein
Freund! Es waren schöne, seltene Tage, die wir dort verlebten, und
ich glaube, sie werden sich immer mehr von dem Sonstigen in unserer
Erinnerung abheben. Ich war erstaunt, von der Gegend um Neuchâtel
keinen Eindruck zu erhalten, und dann erklärte ich es mir damit,
daß wir ungern an dem Frieden eines Sees und der Erhabenheit der
Berge hastig vorbeirasseln — vielmehr tat es mir wohl, wenn wir
umbogen, und dem Ewig-Unschuldigen nicht seine Wirkung durch unsere
gierige Unruhe rauben.
In Karlsruhe hatte ich eine wahre Freude, Mottls
„Firdusi“ und sein schönes, ernstes Verhältnis zu seiner
Frau. Letztere eine merkwürdige Erscheinung, durchaus unmodern,
von der Natur mit Fülle und Kraft begabt; er unternahm es, diese
von der WeIt mißbrauchte Natur zum Edlen zu bringen. Ich glaube
an das Glücken des schönen Versuches, sie sang sehr
hübsch und mit ganzer Seele in seiner Oper, begegnete mir
unbefangen und bescheiden und — so seh' ich anders als die anderen und
freue mich. Hier heute ( M u ß ) I. Akt
„Tannhäuser“... Die „Afrikanerin“! Ich glaube, es gleicht sich aus.
Alles Gute mit Ihnen und Ihrer Frau, und wir wollen
uns der Vordertage freuen. C. W.
331-332
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Zürich, 6. Mai 1893.
„Inzwischen“ (wie Schopenhauer sagt) bin ich Ihnen,
hochverehrte Meisterin, für den gestrigen Abend noch dankbar.
[Ch. hörte auf Wunsch von Frau
Wagner auf der Heimreise, einer Sängerin wegen, Meyerbeers
„Afrikanerin“.] Ich habe nur einmal vor vielen Jahren die
„Hugenotten“ und einmal den „Propheten“ gehört; so recht lebhaft
habe ich mir doch nicht vorgestellt, welcher Abgrund von poetischer
Impotenz, von rettungsloser Gemeinheit, welch gänzlicher Mangel an
musikalischer Gestaltungskraft (denn die prätentiösen,
breiten Melismen, die hin und wieder,
à
propos de rien, von der Oboe oder dem Violoncell zuerst
feilgeboten und dann vom Gesang und dem Orchester aufgenommen werden,
dienen dazu, den Mangel an Gestaltung noch fühlbarer zu machen) —
kurz, welche trostlose Öde und Leere und Nichtstwürdigkeit,
welche fabrikmäßige Verwendung alles Äußeren,
ohne auch nur ein einziges Atom von
Seele, von wahrer Empfindung, hier vorliegt. Ich mußte an eine
Posse denken, wo ein reich gewordener Fabrikant bei jeder Gelegenheit
wiederholt: „Ich muß Ihnen sagen, ich bin jetzt in eine
Aktiengesellschaft umgewandelt worden — ich stehe augenblicklich 123“;
das hat man in der „Afrikanerin“ buchstäblich vor sich: die
dramatische Kunst in eine Aktiengesellschaft umgewandelt!
Daß eine derartige Blasphemie alles
Göttlichen gestattet ist, wie das erste Ensemble-Gebet aller
Bischöfe und des Rates...? Offenbach hat die Götter
Griechenlands nicht so persifliert wie Meyerbeer hier die Erhebung der
christlichen Seelen zu ihrem Gott! Es ist einfach skandalös. —
Die
e c h t e n Schweizer schauten drollig darein, erstaunt,
verblüfft,
lächelten sich verstohlen zu, applaudierten aber tüchtig zum
Schlusse mit ernstem Ausdruck, als wollten sie sagen: „Verstanden haben
wir nichts davon; jeder gebildete Mensch weiß aber, daß die
Musik von Meyerbeer schön ist; und jeder Schweizer ist ein
gebildeter Mensch. Außerdem ist das hier das mit unserem Gelde
errichtete Züricher Stadttheater.“
Das moderne Zürich ist überhaupt eine
abscheuliche Stadt — namentlich, wenn man von dem schönen,
stolzen, würdigen Bern kommt. Ich glaube, die Züricher
würden sich ihre Berge schleifen, wenn sie es nur könnten;
leider können sie es nicht, und man wird immer wieder gezwungen
sein, hier durchzureisen.
Die Escherhäufer etc. habe ich besucht, ohne
etwas anderes empfinden zu können, als daß Zürich
„n'y
est pour rien“. Gut, daß alle Erinnerungen bereits so
ziemlich
ganz weggewischt sind; was hier geschaffen wurde, ist wie die fernen
Alpen — es kann nie vertilgt und es kann von den sich folgenden
Generationen bewundert werden —‚ die stadt Zürich geht es aber gar
nichts an.
Aufrichtig und eindringlich bitte ich Sie, weder
diesen noch andere Briefe von mir zu beantworten, und verbleibe mit den
herzlichsten Grüßen an meine beiden „Feldkameraden“ Ihr in
ehrfurchtsvoller Treue ergebener
Houston S. Chamberlain.
332
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
26/5/93. Wien.
Nichts Wichtiges habe ich zu sagen, hochverehrte
Meisterin; es drängt mich aber nach Absolvierung — gestern abend —
meines zwölften und letzten Vortrags in dieser Saison einen
Gruß zu senden, Ich freue mich auf die Ruhe jetzt; aber ich freue
mich, daß ich sie in einem gewissen Sinne mir verdient habe. Ich
wollte Ihnen auch mitteilen, daß ich den Vortrag, den ich gestern
hielt, an Wolzogen einzusenden gedenke — nicht wegen irgendeiner
Veröffentlichung, sondern zur „Begutachtuug“. Es ist nämlich
eine Art Schematische Lebensübersicht, in welcher ich versucht
habe, das anfangs trocken und nach mnemotechnischen Rücksichten
angelegte Schema nach und nach zu einem lebendigen Organismus
umzuwandeln.
Viele, viele Grüße an Sie alle; meine
Frau meinte heute: „Da du Frau W. jetzt gesehen hast, brauchst du sie
vor nächstem Jahr nicht wiederzusehen!“ (das „brauchen“ ist doch
himmlisch, nicht wahr?); aber ich denke, Sie werden im Laufe des
Sommers irgend etwas in Bayreuth vorhaben, was ich „zu sehen brauche“,
wobei ich dann nebenbei nicht umhin kann, auch Sie zu sehen?
In Ehrfurcht und treu ergebener Freundschaft Ihr
H. S. C.
333
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth, 30/5/93.
Nur mit zwo Worten will ich sagen, daß
Wolzogen gestern bei mir war mit Ihrem Vortrag, mir Bericht daraus
erstattete, einzelnes daraus vorlas, und daß diese markige, feste
Sprache mir wieder unendlich wohl tat, indem ich sie als die einzige
betrachte, die zu uns gehört, und die Gutes wirken kann.
Wir fahren fort, das gleiche zu erleben! Der
größte Teil der Schüler, die sich (und zuweilen ganz
enthusiastisch) anmelden, wird uns abspenstig gemacht, und wir haben
niemanden draußen, der gegen alles Lügenhafte, unterirdisch
Verbreitete auftritt. Sie sind der einzige, der weiß, wie es
steht und worauf es ankommt, und der den Mut hat, es zu sagen.
„Je ne saurais me
passer des choses dont je n'ai que faire“, sagte die Herzogin
von Bourgogne von ihren
Bibelots.
Geistig übertragen, wäre das ungefähr die Antwort auf
das „Brauchen“, und da jeder, dem man anhängt, eigentlich eine
Atmosphäre bildet, so gleicht das Bedürfnis nach dieser
Atmosphäre etwas unserer Sehnsucht nach einer bestimmten Luft und
Naturumgebung. Und es wäre ein schöner gebrauch, wenn man dem
regelmäßig nachgehen könnte.
Um wieder ganz auf der platten Erde zu sein,
muß ich Ihnen erzählen, daß geistvolle Freunde aus
Paris mir schrieben, sie teilten meine Freude über die
„Walküre“ dort, und daß der Eindruck von Wotans Abschied
dadurch gesteigert worden wäre, daß man seine Mitteilung an
Brünnhilde und das Gespräch mit Fricka sehr gestrichen
hätte. — Ich denke, Sie steIlen sich auch meine Freude vor.
Leben Sie wohl, Freund, und grüßen Sie
Ihre liebe Frau herzlichst von uns allen!
Ailinon! Das Gute siege! C. W.
334
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
30/Mai/93. Wien.
Hochverehrte Meisterin!
Den beiliegenden Regenerationsvortrag
[„Richard Wagners
Regenerationslehre“, abgedruckt in „Richard Wagner der Deutsche“,
Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7196/97] — V o r t r a g
ist wohl zuviel gesagt, die Regenerations-Plauderei — bekam ich gestern
wieder, und als ich es
heute früh wieder durchblätterte, gefiel es mir nicht
schlecht; ich bitte dringend, ihn zu behalten, bis der Tag sich findet,
wo nicht nur eine Stunde zur Verfügung steht, sondern wo auch
gerade die Regeneration gut paßt. Denn das ist nicht für
jeden Tag; Wiedergeburt, ja! das schon! — aber hier, wo das
Transzendente eine so unglaublich kühne Ehe mit dem Realen
eingeht, da muß man schon ein bißchen hochzeitlicher Laune
sein, sonst geht's nicht.
Übrigens liebe ich die alten Inder für
nichts so zärtlich wie für den ruhigen Mut, mit welchem sie
die direktesten Widersprüche gelehrt haben; das
tat twam asi ist doch die
Verleugnung aller I n d i v i d u a l i t ä t,
durch das s i c h Wiedererkennen in allen anderen
löst sich das Ich-Gefühl allmählich ganz auf, wie es ja
auch ausdrücklich gelehrt wird; und auf der anderen Seite, welche
grauenhaftere, unbarmherzigere Vorstellung von der Permanenz der
Individualität kann es geben als die Lehre von der
Seelenwanderung, wo das „Ich“ nicht nur in irgendein nebelhaftes
Purgatorium wandelt, sondern immer wieder und immer wieder von neuem
geboren wird, um in frischer Jugend den alten Kampf, der in den Tod
führt, noch einmal aufzunehmen?
An Schemann hatte ich vor kurzem geschrieben. Er
antwortete sofort, wirklich sehr liebenswürdig und warm, aber
soviel Gemüt hält kein Mensch auf die Dauer aus. Und diese
Leute sind wie die Raketen — zündet ein Funke — kniff! da fliegen
sie schon zum Himmel hinauf und verschwinden bald jenseits der Sterne.
Sie erinnern mich an jene Flachländer, die mich im Hochgebirge
immer zur Verzweiflung bringen, weil sie die relative Höhe der
Berge gar nicht zu schätzen verstehen — eine Sache, zu der
übrigens Instinkt und Erfahrung gehören; sie halten immer den
Berg, der ihnen gerade vor der Nase steht, für den höchsten;
was sie aber anderseits nicht im geringsten verhindert, auf einen Berg,
den man nur mit 3 Führern, Stricken und Äxten besteigen kann,
früh vor dem Luncheon hinaufzuwollen.
Ihnen, hochverehrte Meisterin, die Versicherung der
ehrfurchtsvollen und innigen Ergebenheit Ihres
Houston S. Chamberlain.
335
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
5. Juni 1893. Wien.
Aus christlichem Mitgefühl schreibe ich an Sie,
hochverehrte Meisterin, statt an Siegfried, damit dieser zu keiner
Antwort verpflichtet ist.
[Siegfried
Wagner hatte am 6. Juni Geburtstag.] Ich wüßte nicht,
welche Geburt für eine ganze Welt so viel der sehnsuchtsvollsten
Hoffnung in sich schlösse wie diese. Man denke sie sich nur weg —
vom Schicksal verweigert, um die Bedeutung dessen zu ermessen, was Sie
der Welt an jenem Tage schenkten. Darum dankt Ihnen auch eine ganze
Welt und wird Ihnen immer mehr danken. Die einzige Gewähr für
eine Zukunft des eigentlichen Bayreuther Gedankens war ja, daß
dieser zu Fleisch und Blut wurde. Möge Ihr Sohn zu der Heldenkraft
gedeihen, deren er als drachentötendes Wotanskind bedarf, und
Ihnen zum Trost, uns allen zum Heil, der Welt zum unermeßbar
großen Segen leben. Dies der Herzenswunsch Ihres in
ehrfurchtsvollster Freundschaft ergebenen
Houston S. Chamberlain.
336-337
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth, 10/6/93.
Inzwischen habe ich Ihren Vortrag über den
Regenerationsgedanken gelesen und finde ihn ganz außerordentlich
und in jeder Weise dem Gegenstand entsprechend. Schiller als Festredner
einzuführen, ist der glücklichste Gedanke, der zu haben war.
Und ich glaube, daß Sie der einzige Ausländer sind, der
sowohl diesen dichterischen Priester als wie das deutsche Wesen
überhaupt richtig zu erfassen imstande ist. Sowohl die Darstellung
des Gegenstandes als seine Zusammenfassung halte ich für unbedingt
gelungen und eindringlich, und ich möchte insbesondere für
die ernste Erfassung der Nahrungsfrage meine Genugtuung Ihnen
ausgesprochen haben.
Ich verdanke aber noch eines Ihrem Vortrag,
nämlich mehrere Stunden des Zusammenseins mit Wolzogen. Die Liebe,
die ich für ihn hege, gehört — ich empfinde dies mit
Dankbarkeit — zu den Gefühlen, denen auch Einmischungen nichts
anhaben können.
Vor allem aber Dank für Ihre
Glückwünsche zu dem 6sten! Gott hat sein Wort da gesprochen,
und auf dieses Wort baue ich, um weiter zu hoffen! Zu seinem Geburtstag
führte Siegfried mit der Militärkapelle die Ouvertüre zu
„Rienzi“ auf, und zwar sehr gut, sehr bestimmt und sehr bewußt.
Darauf reiste er nach München, um sich für das Militär
zu stellen, und wurde nun ganz frei.
Ein unglücklicher Mensch, aber ein sehr guter
und sehr bedeutender ist Schemann. In ihm erkenne ich mit tiefstem
Mitgefühl das, woran Deutschland zugrunde geht, nämlich
daß seine ideal begabten Söhne von vornherein schlecht
genährt werden und daher eine Art fieberhaften Zustandes der
Geistes- und Gemütsanlagen überliefert werden. Wogegen die
Juden ganz robust ihre realen Fähigkeiten kundgeben und vertreten!
Es ist ein Elend!
Meinen Sie wirklich, daß in der
Seelenwanderung der Inder das Individuum festgehalten sei? Ich dachte
es nicht; sondern nur, daß gleichsam der Zuschauende sagen
könnte: Dieser, der jetzt geknechtet ist, war früher der
Tyrann, und die Entsagende hat einst wütend begehrt. Aber gerade
die Individualität wäre die Veränderung. Aber ich bin
sehr wenig bewandert und habe mehr Vorstellungen als Kenntnisse.
Von uns ist weiter nichts zu erzählen. Jeden
Donnerstag zeigen die Schüler in Wahnfried, was sie gelernt, und
mit Kniese und Pohlig nehmen wir die Beethovenschen Symphonien vor.
Eine Frage, mein Freund, die mir seit langem unter
der Feder und auf den Lippen lag und nur immer durch anderes
verdrängt wurde: Wünschen Sie, daß ich Ihre Briefe
vernichte? Meiner Kinder bin ich natürlich ganz sicher, aber wir
wissen nicht, was wird, und unsere Zeit ist eine beklemmende! Wir
schreiben uns so unumwunden, daß ich, für meinen Teil, Sie
bitte, sollten Sie es nicht bereits getan haben, meine Briefe zu
zerstören.
Herzlichste Grüße und vielen Dank Ihrer
lieben Frau für die Wünsche, und alles Gute mit
Ihnen! C. W.
337-339
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Oberhof im Naßwald, 27.
Juni 1893.
Inmitten einer wahren Orgie von Orchideen sitze ich
da — und ganz unglücklich über meine Unfähigkeit, Sie
alle, hochverehrte Meisterin, daran teilnehmen zu lassen. Zur Erholung
aufs Land geschickt, machte ich gestern meine erste Bergbesteigung: die
übliche österreichische Berglandschaft, eine Bergkette hinter
der anderen, nirgendswo etwas Hervorragendes oder auch nur scharf
Individualisiertes, und die Täler alle tief und eng, woraus man
den Eindruck einer gedrückt und dunkel lebenden Bevölkerung
gewinnt. Auf diese charakterlosen Berge, in diese dunklen Täler
hat sich das arme Deutschtum Österreichs zurückgezogen; dort,
ganz weit, weit — sehe ich die Sonne auf der ungarischen Ebene
glänzen. Und die großen Herrschaften sind viel härter
hier, als sie früher waren; die Grafen Hoyos-Sprinzenstein u. a.
gestatten nicht mehr, daß die Armen sich aus den
unermeßlichen Waldungen Holz holen wie ehedem; Wild zu erlegen
ist jetzt, wo die Habsburger die ganze Gegend zur Jagd gepachtet haben
und es also doppelte Jagdhut gibt — die Hoyossche und die Kaiserliche
—‚ geradezu lebensgefährlich; kaum daß unschuldige Touristen
auf die Berge steigen können, die besten Wege sind überall
„verboten“ — und so vegetieren diese guten NaßwäIdIer
weiter, echte protestantische Deutsche, arme „Holzknechte“ — von ihren
katholischen, ungaro-slawo-judophilen Herren „beschirmt“; die guten
Leute sprechen sogar noch ein deutsches, lutherisches Deutsch — so naiv
sind sie! — und sagen z. B. statt des lateinischen Wortes „Fenster“ —
eine „Luge“! Daß mein Führer mürrisch war, werden Sie
ihm also nicht verargen; in so einem Kopfe muß es ähnlich
aussehen wie in dem eines mißhandelten und doch nicht weniger
treuen Hundes. Ich sprach dem Manne von der Schweiz und ihren freien
Bergbewohnern;
cela ne
répondait à rien chez lui; dagegen sprach er mit
gedämpfter Stimme, als er mich auf das „allerhöchste
Erzherzogliche Jagdhaus“ aufmerksam machte. Bei diesem ganzen Jammer
und bei der doppelten Trostlosigkeit des Blickes auf die Berge und des
Blickes in die Augen meines Begleiters erfüllt mich die Pracht der
Blumen mit einer fast verzweiflungsvollen Bewunderung. So etwas von
Orchideen an Anzahl und Verschiedenartigkeit habe ich noch nie auf
einem Fleck zusammen gesehen. Ihre Physiognomie hat etwas so
mysteriös Rätselhaftes, nicht wahr? Ihr Duft berauscht — aber
nicht wie andere. Schon lange wußte ich, daß diese Blumen
die Augen der urweisen Erda sind, die schlaftrunken aus der Tiefe
hervorlugen; aber erst gestern empfand ich, daß diese
verschiedenen Orchideen wie die Verkörperung der verschiedenen
Modulationen und Gestaltungen der „Schicksalsfrage“ sind, des
„Wißt ihr, wie das ward?“ — Alles stand gestern auf dem
Sonnenleitstein nebeneinander: sattrote, helle und dunkelrosa,
rötliche weiße; dann die große Epipactis,
schneeweiß, und mit einer großen Haube, wie die einer
Barmherzigen Schwester; die kleine, grüne Orchidee, mit der lang
herunterhängenden, tiefgespaltenen Zunge eine fast lustige, junge
Nonne! — dann die Neottia, eine Orchidee, die zum Parasitismus
übergegangen ist und auf den Wurzeln anderer Pflanzen von ihren
Säften lebt — kurz, die semitische Orchidee, die Schicksalsfrage
vom Standpunkt eines Juden — vollständig farblos wie eine Leiche,
des frohen Grüns ewig verlustig; ja! im tiefsten Waldesdunkel fand
ich noch herrliche Cypripediums, den riesigen „Frauenschuh“ (auch
Pantouffle de Venus und
Soulier de la Vierge genannt, da
bekanntlich, durch eine Ironie des Schicksals, die Heilige Jungfrau und
Frau Venus nicht selten vom Volke verwechselt werden!), die einzige
Orchidee, die in Europa an die tropischen durch ihre Größe
erinnert, und die in ihrer — eben nicht „holdseligen“, sondern massiven
— Pracht einen wie eine Stimme aus alten, besseren Zeiten anmutet. Und
noch andere! Und nun ist es unmöglich, sie von hier aus zu
verschicken. Keine Schachtel, und eine höchst jämmerliche
Postverbindung; dazu die Blumen nach anhaltendem Regen gepflückt
und darum sehr wenig widerstandsfähig! — Also, nur den Gedanken
und den Wunsch vermag ich Ihnen zu senden.
Daß die Orchideen ganz speziell für Frl.
Isolde gewesen wären, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Sie
hätte sie am besten verstanden, wäre am tiefsten in ihr
Geheimnis eingedrungen. Für Frl. Eva hatte ich auf der
höchsten Felsenspitze Aurikeln und weiße Pinguiculas und
große, blaue Entianen gepflückt und die einzige
a c h t-blättrige Blume: Dryas; denn diese hielt ich am
passendsten für eine nur zufällig „Eva“ getaufte Elisabeth. —
Für Sie, hochverehrte Meisterin, hatte ich die Rose ohne Dorn
bestimmt, die in
Les Avants
noch nicht blühte; vor deren zauberhaftem Anblick ich gestern aber
gleich empfand, daß diese Blume wie keine zweite
gerade I h n e n gehöre.
Das ist also die Geschichte meines „Bouquets“. Die
Blumen stehen alle auf meinem Tisch und grüßen Sie. Weiter
bezweckt dieser Brief nichts, (Wie schwer es fällt, der Welt ganz
zu entkommen, zeigt das Bild hinter meinem Tisch, welches
der „T r i p p e l“-Allianz gilt! Die drei Souveräne
stehen auf einem spiegelglatten Parkettboden, in welchem sich ihre
Beine kunstvoll widerspiegeln, und reichen sich die Hände!)
In Ehrfurcht und täglichem treuen Gedenken Ihr
Houston S. Chamberlain.
339-341
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
2. Juli 1893. Blümelgasse.
Wien VI.
Nein, hochverehrte Meisterin, Ihre Briefe habe ich
nicht „bereits zerstört“; sondern ich besitze noch jede Zeile, die
Sie mir geschrieben haben. Mit wenig Sinn für Andenken,
Erinnerungen etc. begabt, bildeten sie bisher meine Penaten. Verreiste
ich, so blieben sie in einer versiegelten Blechkiste, mit der Weisung,
daß sie im Falle meines Todes an Sie, resp. an Ihre Kinder,
ungeöffnet zurückzusenden seien. Wiederholen Sie mir Ihren
Wunsch, so werde ich für die Zerstörung sämtlicher
Briefe sofort sorgen; zwar wird es mir einen
„serrement de coeur“ verursachen —
denn, wie gesagt, ich stehe sehr allein da, und wenn ich oben von einem
geringen Sinn für Andenken sprach, so dürfte es richtiger
sein, zu sagen, daß ich wenig oder nichts bisher fand, was mir
genügend bedeutete, um ein Heiligtum auszumachen — aber es soll
trotz des
serrement de coeur
ganz heiter und gründlich geschehen; ich schreibe es auf das
Kapitel „Askese“; das wenige, was ich bisher auf diesem Gebiet
leistete, war stets unfreiwillig! Ehe Sie mir aber diesen
endgültigen Befehl zugehen lassen, erlaube ich mir jedoch einen
Vorschlag, der zwar für mich ebenso asketisch ausfiele, aber — ich
habe halt kein Glück mit Selbstkasteiungsversuchen! — der mich
gänzlich befriedigen und beglücken würde. Gewiß
war unser Briefwechsel für Sie kein wichtiger; was den Lebensatem
Ihres Daseins ausmacht, erscheint da nur im Hintergrund oder als
Atmosphäre; aber gerade die Unumwundenheit, gerade das
Rein-Persönliche verleiht manchem dieser Briefe nicht nur einen
unvergleichlichen Zauber, sondern es spiegelt sich Ihre
Individualität oder mindestens eine Seite Ihrer
Individualität in ihnen so lebhaft wider, daß, trotz des
Mangels der „wissenschaftlichen Fakta“, es vielleicht doch schade
wäre, diesen Spiegel schon jetzt zu zerstören. Ich weiß
es, jedes Aufheben von Dokumenten ist schon ein Anfang von
„registrierender Manie“, und niemand empfindet mehr wie ich, daß
von Ihrem Leben nur Ihr Wirken vor die Welt gehört und immer
gehören wird: Siegfried und der Sieg von Bayreuth — mehr braucht
keiner von Ihnen zu wissen. Aber gerade für Siegfried und für
dessen Sohn und Enkel — wäre es nicht schön, wenn sie neben
den Bildern der „hohen Ahnen“ und außer allen wichtigen
Dokumenten Ihres Archivs auch solche „Nebensächlichkeiten“
besäßen? Wer vermag von etwas zu sagen — ich meine von
etwas, was von einem bedeutenden Individuum kommt — „das ist gering“?
Keiner; auch die betreffende Persönlichkeit nicht. Wie Sie sehen,
hochverehrte Meisterin, ich plädiere jetzt nicht für mich;
ich würde mich sogar leicht von den Briefen trennen, wenn Sie mir
gestatten wollten, die ganze Sammlung in Siegfrieds Hände zu
legen. Auch ihm würde ich die Verpflichtung auferlegen, sie erst
nach meinem Tode zu öffnen; der ganze Vorgang hätte den
einen, einzigen Zweck, Sie vollkommen zu beruhigen und vor jeder auch
nur entfernten Möglichkeit einer Indiskretion zu sichern.
Vielleicht finden Sie mich schon wieder einmal recht
„umständlich“; ich aber finde, daß man sich wegen gewisser
weniger Leute Umstände machen darf und soll.
Was nun Ihre Frage bez. meiner Briefe anbelangt, so
können Sie sich gar nicht vorstellen, wie leichtsinnig und
egoistisch ich bin und denke. Ich schreibe leidenschaftlich gern
Briefe; rauben Sie mir die frohe Sorglosigkeit in bezug auf, was ich
schreibe und wie ich schreibe, so haben Sie mir viel geraubt.
Allerdings war ich zuerst ganz verdutzt, als in
Les Avants zufällig
erwähnt wurde, daß Sie auch meine Briefe aufhöben; es
war mir bisher niemals eingefallen, daß S i e
daran denken würden. Vielleicht habe ich doch einen tieferen Fond
von Bescheidenheit, als auf der Oberfläche zu erraten ist. Nach
dem ersten Erstaunen gefiel mir die Sache ganz gut. Gerade
in puncto Briefschreiben glaube ich
nicht, daß irgendein Vorgang auf dieser Welt mir jemals die
unbedingteste Natürlichkeit rauben könnte; mir ist nie so
wohl wie vor einem Bogen Briefpapier. Auch das Aufheben wird mich also
nicht verderben — und nicht bessern. Und dann:
1. Wer bin ich, daß einer sich einmal
kümmern sollte um, was ich sagte?
2. Habe ich keinen Grund zu glauben, daß ich
alt werde; ich werde also selber von Indiskretionen keine
„ennuis“ haben.
3. Wenn einer von meinen Worten beleidigt und
gekränkt wird, warum war er so indiskret und steckte seine Nase in
Sachen, die ihn nichts angingen? Für ihn fühle ich kein
Mitleid.
Von Herzen grüßt Ihr in Ehrfurcht
ergebener
Houston S. Chamberlain.
341-342
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth, 6/7/93.
Was Sie mir über den Protestantismus im
Naßwald gesagt haben, hat mich sehr gerührt. Beste
Kräfte bester Stämme sind bei uns entweder verstumpft oder
verroht worden.
Ich nahm in diesen Tagen Abschied von einer
geschichtlichen Gestalt, die mich wie kaum eine gefesselt und
erschüttert hat: Cromwell. Wer dieses Leben nicht mit ernstlicher
Aufmerksamkeit verfolgt hat, dem fehlt gewiß ein Einblick in die
Prädestination einer individuellen Erscheinung, in die Bestimmung
eines Stammes, in die Gewalt des Glaubens, in die Vereinsamung der
großen Persönlichkeit, in die Tragik des Glückes und in
die Allmacht des Genies!
Da Sie Milton gut kennen, haben Sie die Noten an die
protestantischen Mächte gelesen, die er unter Inspiration
Cromwells schrieb?
Bezüglich der Briefe! Meine Empfindung kennen
Sie; angesichts Ihrer Erwiderung vermag ich sie nicht zu einem Wunsche
zu gessalten. Eine meiner Lieblingsvorstellungen ist die sich
tummelnde, winzige Erde inmitten der Sternenwelt. Mit dieser
Vorstellung hängt ein lebhaftes Bild der Unwichtigkeit der meisten
Dinge und der Wunsch ihres Schwindens zusammen. Das „festgenagelt“
ängstigt mich. Ich höre nicht gern von Neigungen reden; das
einzige, was ich immer lebendig atmen möchte, ist der Hauch des
Genius, und zu diesem Leben scheint mir viel Abstreifen und Entfernen
alles Nebensächlichen notwendig. Nun tun Sie, was Sie wollen.
Leben Sie wohl, Freund, alles Gute auf Ihren Wegen,
und den herzlichsten Gruß von Wahnfried! C. W.
342-343
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
8. Juli 1893. Wien.
Hochverehrte Meisterin!
Was „die sich tummelnde winzige Erde inmitten der
Sternenwelt“ anbelangt — ich glaube, d i e s e
„Lieblingsvorstellung“ führt konsequenterweise zu der Nachahmung
Yadjnyavalkyas, der sich in den Urwald zurückzog und neunhundert
Jahre auf einem Fuße stand. Ich glaube, diese Vorstellung darf
nur als Korrektiv dienen, nicht als Direktiv; sonst führt sie uns
direkt ins Faß des Diogenes. — Übrigens, ist es Ihnen einmal
gelungen, sich die Sache g a n z k ö r p e r l
i c h vorzustellen? Das ist nämlich was Herrliches; in
früheren Jahren (wo ich so eine Art kleiner, unbewußter
Yadjnyavalkya war, nur daß ich in meiner Unschuld noch auf zwei
Beinen Stand) war das eine Lieblingsübung von mir. Am besten ist
es, man beginnt mit dem Monde; wenn er ungefähr 2/3 seiner Scheibe
zeigt, gelingt es leicht, durch konzentriertes Anschauen ihn als
körperliche, schwebende Kugel zu erblicken. Das ist der erste
Schritt. Plötzlich empfindet man nun — wenn man erstere
Vorstellung recht lebhaft festhält —‚ plötzlich empfindet man
auch unsere Erde als im Raume schwebende Sphäre und sich selbst
als auf der Oberfläche klebendes Wesen. Das ist die zweite Stufe.
Ist nun diese Empfindung durch öfteres Üben zu einer
habituellen geworden, dann tritt etwas ein, was man wohl die
kosmisch-sinnliche Ekstase nennen könnte: nämlich, die
unmittelbare Empfindung von der Bewegung der Erde! Man fühlt die
Erde im Raume kreisen, und zwar mit so furchtbarer, schwindelnder
Schnelligkeit, daß ich mehr als einmal mich an Fels oder Baum
oder Fenster krampfhaft angeklammert habe, um nicht hinausgeschleudert
zu werden in den dunklen Raum. Aber, verehrte Meisterin, ist auch mir,
wie Sie sehen, „die Vorstellung der sich tummelnden Erde“ nicht fremd,
bei Ihrer Berufung auf dieselbe in diesem speziellen Falle kann ich
mich nur freuen, daß die „Schopenhauersche Inquisition“ noch
nicht ins Leben getreten ist, denn ich fürchte, diese würde
Ihnen einen
mauvais quart d'heure
bereiten. Die WeIt i s t m e i n
e V o r s t e l l u n g; nichts ist
unrichtiger, meine ich, als sich von den leeren Formen von Raum und
Zeit imponieren zu lassen. Genießen soll man sie, aber sich
niemals von ihnen Gesetze aufoktroyieren lassen. Selbst der alte,
trockene Kant ist in bezug hierauf beredt; denn, nachdem er
ausgeführt hat: „Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus
der Natur, sondern schreibt sie dieser vor“, gibt er gerade die
kosmische Vorstellung, die Bahnen der Himmelskörper etc. als
Beispiel der Subjektivität der Naturanschauung. (Vgl. Prolegomena
zu jeder künftigen Metaphysik, § 36—38.) Wie vermag nun
irgendeine solche Vorstellung mir das Heilige aus meinem Herzen zu
reißen? Ich weiß ja, daß Sie das auch nicht so meinen
— aber wenn nicht, dann finde ich, daß Sie schlecht argumentiert
haben, oder aber, was noch wahrscheinlicher, daß ich gar nicht
weiß, wovon Sie eigentlich reden.
Mit Grüßen von Herzen an ganz Wahnfried
Ihr in tiefer Dankbarkeit und aufdringlicher Ehrfurcht ergebener
Houston S. Chamberlain.
343-347
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
2. August 1893.
Da ich fast Nacht für Nacht von Bayreuth und
Ihnen allen träume, und zwar mit einer Lebhaftigkeit und einer
dramatischen Wahrheit, wie sie das wirkliche Leben nur in vereinzelten
Augenblicken bietet, so habe ich, hochverehrte Meisterin — ganz
aufrichtig gesagt —‚ gar keine Lust zum Schreiben; wozu das graue,
umständliche, mißverständliche Indirekte, wo ich soeben
so lebendig mit Ihnen verkehrte und unter so mancherlei tiefwahren
Bedingungen, die in diesem Schattenleben doch niemals zu Wirklichkeiten
werden können? Und ich kann mir gar nicht denken, daß so
etwas ganz einseitig ist. Sind Sie die mittlere Gestalt meiner
figurenreichen Träume, so wird Ihr umfassendes und gerechtes Auge
mir gewiß den Platz einer kleinen Nebenfigur gönnen, etwa
wie auf einem Dürerschen Himmelsbilde einer von den
Seliggesprochenen, die rechts gans unten, aus einer großen Schar,
neugierig herausgucken und denen man anmerkt, mit welcher Freude sie
allen Zeremonien und Vorgängen im Himmelreich zuschauen? Also
bleibt's bei den Träumen!
Damit aber mein Gruß doch eine bestimmte
Gestalt besitzt und Ihnen angenehme Gedanken verschaffe, will ich Ihnen
etwas mitteilen, worüber Sie sich gewiß freuen werden.
Zweifellos erinnern Sie sich der Briefe
Schopenhauers an Rosenkranz sehr gut? Und ich bezweifle gar nicht,
daß Sie einen ebensolchen Chok wie ich empfunden haben werden,
als Sie Kant der F e i g h e i t und der
U n w a h r h a f t i g k e i t anklagen hörten? Man solI
sich hüten, einen Schatten auf den C h a r a k t e r
eines HeIden fallen zu lassen; der Charakter eines Mannes ist
doch gewiß soviel wert wie die vielgepriesene „Ehre“ eines Weibes
— ganz abgesehen davon, daß dieser Ehrbegriff ein ungeheuer
schwer festzustellender und darum meistens ganz falscher ist,
währenddessen ein Denker, der einem König zu Gefallen der
Welt das Gegenteil verkündet von dem, was er für wahr
hält, von dem, was ein ganzes Leben in ihm als Überzeugung
begründet hat, auf alle Fälle ein charakterloser, keiner
Hochachtung würdiger Mensch ist und zudem ein Lügner. Hat
Kant so gehandelt, wie Schopenhauer behauptet, so war er kein
großer Mann, sondern ein denkendes Monstrum, ein mit einem
beliebigen Klaviervirtuosen zu vergleichender Gehirnvirtuos. Obwohl ich
aus anderen Erfahrungen wußte, daß man bei Sch.s
Leidenschaftlichkeit sich hüten muß, ihm auf historischem
und persönlichem Gebiete unbedingt zu trauen, dieser schwere
Vorwurf gegen die Makellosigkeit von Kants Charakter wurmte mich doch.
Ganz zufällig bin ich nun vor kurzem auf eine
Spur gekommen, die mich dahin führte, feststellen zu können,
daß die Beschuldigung Sch.s v ö l l i g g
r u n d l o s und den Tatsachen widersprechend ist.
Sch. schreibt (siehe Schemann,
„Schopenhauer-Briefe“, pag. 187): „Dazu kam von außen, daß
der große König, der Freund des Lichts und Beschützer
der Wahrheit, e b e n g e s t o r b e
n w a r, und jener Nachfolger, dem K. bald
versprechen mußte, nicht mehr zu schreiben, ihm sukzediert hatte.
Durch dieses alles l i e ß K a n
t s i c h i n t i m i d i e r e n u
n d h a t t e d i e S c h w ä
c h e, zu tun, was seiner n i c h t w
ü r d i g w a r.“ Auf S. 188, daselbst, sagt
er: „Daß M e n s c h e n f u r c h t es
war, die den s c h w a c h e n G r e i s
zu dieser Verunstaltung der Kritik bewog — etc., etc.“
Ehe ich Ihnen nun möglichst kurz und klar und
anschaulich zeige, wie unbegründet diese schweren Vorwürfe
sind, muß ich Sie daran erinnern, daß in seinem zweiten
Brief an Rosenkranz Sch. sich schon ein wenig zurückzieht, wenn er
auch fortfährt, alle Zähne zu zeigen. Hier betont er nur die
„Altersschwäche“ und die Angst, daß ihm „die
Originalität abgesprochen werden könnte“. Und nun beruft er
sich nicht mehr bloß auf die 2te Ausgabe der Kritik, sondern auf
die „Prolegomena zu jeder künftigen Metaphysik“. (Schemann, 197.)
Also, jetzt haben wir alles beieinander:
1. Kant hat die Änderungen in der Kritik d. r.
V. nicht aus Überzeugung oder in dem Glauben, sein Werk zu
verbessern, sondern a u s M e n s c h e n f u r
c h t gemacht.
2. Der Tod von Friedrich dem Großen und der
Eintritt einer minder freiheitlichen Zeit war der e i n e
„Furcht einflößende“ Umstand. Kant hat also einer
tatsächlichen Pression von außen nachgegeben.
3. Dazu kam die Furcht, des Mangels an
Originalität angeklagt zu werden.
4. Erklärung und Entschuldigung ist: „des
Greisen Altersschwäche“.
5. Zur Begründung der schweren Anklage wird auf
die 2te Auflage der Kritik d. r. V. und auf die Prolegomena hingewiesen.
Nun bitte ich zunächst folgende Daten sich
vergegenwärtigen zu wollen:
1. Die erste Auflage der Kritik d. r. V. erschien im
Sommer 1781.
2. U n m i t t e l b a r nach dem Erscheinen
dieser ersten Auflage, und im Bewußtsein, daß das Werk in
dieser Form nur einer äußerst beschränkten Anzahl von
Menschen begreiflich sein würde, begann er den mehr populären
Auszug: „Die Prolegomena“ aufzusetzen; es war noch i
n d e m s e l b e n J a h r e 1781; und Kant
hoffte, daß es zur Ostermesse 1782 schon auf dem Büchermarkt
sein würde; durch äußere Umstände wurde das
Erscheinen der Prolegomena bis Anfang 1783 verzögert. (Vgl.
Stuckenberg: „Das Leben I. Kants“.)
3. Friedrich der Große starb am 17. August
1786.
4. Die zweite Auflage der Kr. der rein. Vern.
erschien zur Ostermesse 1787, wobei zu bedenken ist, daß die
Drucklegung sehr lange dauerte, da der Verleger in Riga und der Drucker
in Halle (!) waren.
Schon diese einfache Datenschau genügt zur
Überzeugung, daß der Tod von Friedrich dem Großen auf
die besagten Änderungen nicht von Einfluß hat sein
können. Denn die Prolegomena (in denen die Änderungen, wie
Schemann ganz richtig bemerkt, schon angedeutet sind) e r s
c h i e n e n dreieinhalb Jahre v o r diesem
Tod und waren, mindestens zum Teil, schon fünf Jahre vor dem Tode
geschrieben! Und die zweite Auflage der Kritik d. r. V. erschien, wie
wir sahen, u n m i t t e l b a r nach dem Tode des
großen Monarchen, woraus hervorgeht: erstens, daß
sie z u s e i n e n L e b z e i t e
n geschrieben war, und zweitens: daß sie zu einer
Zeit erschien, wo von einem äußeren Druck noch nicht die
Rede war, da so etwas nicht von heute auf morgen geschieht. In der Tat
wissen wir, daß Kant erst 1792 von der Regierung belästigt
wurde (obgleich er inzwischen sehr bedenkliche Sachen, wie die
„Praktische Vernunft“ und die „Kritik der Theodiceen“
veröffentlicht hatte), und erst 1793, für sein Werk „Religion
innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, wurde er zur Rede
gestellt und ermahnt (vom Minister Woellner). Weit entfernt also,
daß Kant hier dem Druck von oben nachgegeben hätte,
müssen wir es vielmehr merkwürdig und mutig finden, daß
er nicht bloß 1790 eine 3te u n v e r ä n d e r
t e (d. h. unverändert nach der 2ten, die aber alle die
Angriffe auf die Beweise des Dasein Gottes etc. eben
so wie die erste enthält)
Auflage gab, sondern 1794 (also ein Jahr nach der Mahnung) eine vierte,
ebenfalls unveränderte, und 1799 eine fünfte.
Hierdurch ist klar erwiesen, daß die erste und
schwerste Beschuldigung Schopenhauers
has
not a foot to stand upon.
Sch. gibt als zweiten Grund für die
Veränderungen Kants angebliche Furcht, man könne ihm Mangel
an Originalität vorwerfen, „was jedem Gründer eines
Systems s o u n e n d l i c h w i c
h t i g“ (!). Diese Frage hier ausführlich zu diskutieren,
würde zu weit führen; es ist sehr belustigend, wie Sch. hier
ein Stück von sich selbst dem Kant in die Seele schiebt. Kant hat
— im Gegenteil zu Sch. — eine so „serene“ Ruhe, ein so
unerschütterliches Bewußtsein von der Bedeutung seiner Tat
(wobei seine P e r s o n ihm ganz gleichgültig
bleibt). Ich begnüge mich hier, darauf aufmerksam zu machen,
daß die W i d e r l e g u n g d e
s I d e a l i s m u s, welche (der Grund ist mir
unfaßbar) Schopenhauer ein solcher Dorn im Auge ist, wenn nicht
so ausführlich, so doch ebenso energisch und eigentlich noch
deutlicher und überzeugender in den Prolegomena als in der 2ten
Auflage der Kr. d. r. V. vorkommt. Und diese sind also sofort nach
Erscheinen der ersten Auflage geschrieben. Außerdem schreibt Kant
aber in den Prolegomena (
ed.
Hartenstein, pag. 313): „Mit der Kr. d. r. V. bin ich zwar, was den
Inhalt, die Ordnung und Lehrart und die Sorgfalt betrifft, die auf
jeden Satz gewandt worden, um ihn genau zu wägen und zu
prüfen, ehe ich ihn hinstellte, auch noch jetzt ganz wohl
zufrieden (denn es haben Jahre dazu gehört, mich allein von dem
Ganzen, sondern bisweilen auch nur von einem einzigen Satze in Ansehung
seiner Quellen völlig zu befriedigen), a b e
r m i t m e i n e m V o r t r a g
e i n e i n i g e n A b s c h n i t
t e n der Elementarlehre, z. B. der Deduktion der
Verstandesbegriffe oder dem von den Paralogismen der reinen
Vernunft, b i n i c h n i c h
t v ö l l i g z u f r i e d e n, w
e i l e i n e g e w i s s e W e i t
l ä u f t i g k e i t i n d e n s e l b e
n d i e D e u t l i c h k e i t h i
n d e r t.“ Die angegebenen zwei SteIlen sind aber die einzigen
beiden, die in der 2ten Auflage in veränderter, stark
gekürzter Fassung erschienen; und die Stelle gegen den sog.
Idealismus ist die einzige größere Stelle, die neu hinzukam;
außerdem sind es gerade diese betreffenden Kürzungen und
diese bestimmte Zutat, die Sch. in seinen beiden Briefen an Rosenkranz
tadelt; hiermit ist erwiesen, daß die wichtigsten Änderungen
in der zweiten Auflage der Kritik d. r. Vern., und gerade diejenigen,
gegen die Sch. eifert, bereits im Jahre 1782, lange v o r
Friedrichs des Großen Tod und noch ehe die gelehrte Welt
Zeit gehabt hatte, das Werk zu studieren, zum Teil schon
tatsächlich durchgeführt, zum andern Teil schon deutlich und
ausdrücklich angekündigt waren.
Schopenhauers Angriff auf Kants Charakter ist somit
aller Begründung bar.
Amüsant ist es außerdem zu bemerken, wie
freigebig Sch. mit dem Ausdrucke „altersschwacher Greis“ umgeht
(während er selber mit 62 Jahren ein großes, neues Werk
herausgab und mit 71 Jahren eine neue Auflage seines Hauptwerkes, mit
einem Viertelband neuer Zusätze, vielen Berichtigungen etc.!).
Kant war aber 57 Jahre alt, als die erste Auflage der Kr. d. r. V.
erschien, und 58 (!!) Jahre alt, als er die Prolegomena schrieb, in
denen die betreffenden Änderungen teils ausgeführt, teils
angekündigt waren! (Er war 63 Jahre alt, als die 2te Auflage der
Kritik erschien.)
Zweck dieses Briefes war, Ihnen die Überzeugung
zu geben, daß die Anschuldigungen gegen Kants Charakter nicht
begründet waren. Da ich es war, der sie Ihnen vorlas, so empfand
ich es geradezu als eine Pflicht, Ihnen die Resultate meiner
Untersuchung mitzuteilen. Ich hoffe, Sie werden dem Gegenstande nicht
ungern eine halbe Stunde gewidmet haben.
In ehrfurchtsvoller Ergebenheit Ihr
Houston S. Chamberlain.
*
348
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Bayreuth, 6/8/93.
[Auf der
Rückseite des Programms für die Vorstellung vom 5. August
1893, gegeben von den Schülern der „Bayreuther Lehranstalt
für Mimik und dramatischen Gesang“, Dirigent Siegfried Wagner.]
Mit einem wärmsten Gruße die Mitteilung
einer göttlichen Freude! Dienstag verlassen wir Wahnfried.
Mittwoch abends sind wir Pension Stutz bei Luzern. Ich soll nicht
lesen, nicht schreiben, keine Musik hören; ich will's versuchen.
Ihnen und Ihrer lieben Frau alles erdenkliche
Gute! C. W.
*
348-350
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Luzern, 15/9/93.
Ich glaube jetzt bestimmt zu wissen, wie das
Stammeln entsteht, nämlich durch die Masse dessen, was man
vorbringen möchte, und ungenügende Muße, es zu ordnen;
ungefähr wie bei einem Umzug.
Mit Ihrer Arbeit
[„La littérature Wagnérienne
en Allemagne.“ Erschien 1894 in der „Revue des deux mondes“, S. 782—810.],
mein Freund, geht es mir so! Aufs Geratewohl also und stotternd, was
sich gerade durchdrängt. Ich liege nämlich noch, möchte
aber nicht meinen Dank verzögern, denn er ist herzlich und
unbedingt.
Ich wußte wohl, was ich tat, indem ich Ihnen
diese Arbeit zuwies, und wie Sie befähigt waren, sie zu tun. Und
dennoch staunte ich und staune noch über die Art, wie Sie's taten;
über die Sichtung des so konfusen Materiales; über die
Rettung auch des minimalsten Wertes, wenn nur einer da, bei so sicherer
Erkenntnis des Wertlosen. Die verschiedenen Gruppen sind geordnet und
übersichtlich, wie auf dem Bilde eines Meisters, und in diesen
Gruppen kommt wiederum jeder einzelne zu seinem Rechte. Dazu die
allgemeinen Betrachtungen, welche z. B. bei Gelegenheit von Nietzsches
Krankheit den tiefen Gehalt erkennen lassen, mit welcher diese
Erfassung der Erscheinungen erfüllt ist. Ich begreife es gar
nicht, wie Sie es angefangen haben, Wesen wie Müller, Brendel und
alle von der ersten Gruppe, die so verschwommen sind, mit d
i e s e r Deutlichkeit zu sehen. Die Bezeichnung Pohls, als
der Journalist der Sache, ist vorzüglich. Und auch den Fuchs
verstehe ich (eine
fausse
ressemblance mit Voltaire), obgleich sein elendes,
dürftiges Leben auf keine Schlauheit zurückzuführen ist.
Nur ist er nicht Rheinländer, sondern Sachse. Und der gute Brendel
war nicht glänzend, sondern oberflächlich aus
Dürftigkeit und Beschränktheit. Einzig haben Sie den meines
Erachtens delikatesten Fall, W o l z o g e n,
berührt. Und mit dem Übergang auf S t e i
n das hervorgezaubert, was Wolzogen zum Unikum macht.
Zugleich auch mit der Bemerkung, daß mein Vater der einzige war,
der technisch-musikalisch kompetent war, den Unfug der
Leitfadenscheinigen enthüllt, unschädlich gemacht, ohne
kränkend für gute Gemüter zu werden.
Die hochgemute Vornehmheit in Steins wundervoller
Erscheinung haben Sie unvergleichlich wiedergegeben und ganz richtig
den Einfluß der Sprache Rousseaus auf seinen Stil erkannt. Ob er
ein Dichter war? Wenn wir darunter das Sehen von Gestalten begreifen
und die Fähigkeit, diese Gestalten ganz nach ihrem Wesen sich
ausdrücken zu lassen, so war er wohl einer. Wenn wir darunter den
lyrischen Fluß, das naive Vergnügen an der Außenseite
der Dinge und die Heiterkeit, die aus dem Mißverhältnis von
Anlage und Ausführung, bis in das Zustandekommen des Menschen
liegt; die Fähigkeit, wie an den ewigen Gesetzen sich zu erbauen,
so an den steten Unterbrechungen sich zu belustigen, so war
er n o c h keiner. Ich sage „noch“, denn hätte
er die Zeit auf seiner Seite gehabt, so hätte er sich wohl bis zur
vollsten Freiheit entfesselt. So mußte er sich Grenzen ziehen und
zog sie nach der Tiefe.
Des Kontrastes wegen muß ich hier mein
besonderes Kompliment für Hugo Dingers Kennzeichnung machen. Eine
solche Erscheinung mit dieser Gründlichkeit und
Geringschätzung zugleich abzufertigen zu verstehen, ist
beneidenswert. Schön die Erwähnung Gobineaus, herrlich der
König. Und, daß Sie es noch möglich machten, Thode
einen so besonderen und richtigen Platz anzuweisen, erstaunlich.
Wie ich es nicht genug sagen kann, daß die
Komposition des Ganzen meine Bewunderung erweckte; denn es heißt
etwas, eine solche Anzahl von Gestalten vorbeiziehen zu lassen und
dabei nicht einen Augenblick den beunruhigenden Eindruck eines
Defilierens hervorzubringen. Jedem sein ganzes volles Recht zu
gewähren und kurz zu sein. Und in keinem Fall den bedeutenden
Untergrund der Erscheinung nebst des physiognomisch Kennzeichnenden
außer acht zu lassen.
Mit dem Zurückkehren auf meinen Vater als
Franziskaner, bei Gelegenheit des katholischen Geistlichen, ist in
geistvollster Weise die M ö g l i c h k e i t
angedeutet, welche eine der Hauptkräfte der alleinseligmachenden
Kirche ausmacht.
Auch die Einteilung von Glasenapp, Wolzogen und
Stein, Persönlichkeit, Werk und Idee, ist entscheidend. Und
daß Sie selbst sich so kenntlich wiedergeben konnten und Ihr
Verhältnis zu den anderen so einfach zeigten, wie es ist, erachte
ich nicht als eine geringe Leistung.
Die Enttäuschungen mit den Menschen! Ach Gott!
Schließlich hatten wir uns doch in Nietzsche sehr getäuscht,
denn er hatte keinen Tropfen eigenen Blutes, nur eine merkwürdige
Aneignungsgabe.
Ich habe Ihre Arbeit sogleich einem in England
lebenden Freund mitgeteilt, von dem ich eine hohe Meinung habe. Und
werde, wenn es Ihnen recht ist, fortfahren, e i n z e l n e
n sie zu zeigen. Denn sie ist das Dokument von dem Werte
der Bewegung in unserer Sache. Und Sie haben das Werden, wie Faust den
Chiron, im Laufe gefaßt! Auch ist sie hoffnungserweckend, diese
Arbeit, was viel sagen will, wenn man auf den Wust des Absurden, der
uns umgibt, blickt, und wenn man bedenkt, daß Sie schonungslos
wahrhaftig darin sind.
Ich werde nun wieder eine Weile schweigen
müssen. Das Törichte bei meinem Zustand ist, daß, wenn
ich mich wohl fühle, ich es doch nicht bin, so daß meine
Gesundheit dem europäischen Frieden gleicht; gewappnet bis an die
Zähne, vorsichtig bis an die Zähne!
Leben Sie wohl! C. W.
350-351
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
18/9/93. Wien.
Wie soll ich Ihnen für Ihren Brief danken,
hochverehrte Meisterin? Ich glaube, ich verstehe es besser, „
la littérature du Wagnérisme“
zu skizzieren; überhaupt, Sie wissen, wie selten eine „
parole sentie“ mir über die
Lippen kommt. Ich tröste mich mit den harten Worten über die
Dankbarkeit in den „Fragmenten“ — nein, in „Jesus von Nazareth“ —:
„Dankbarkeit ist einer der leeren Begriffe, welche in einer
egoistischen Gemütsschwäche beruhen —“; ich will versuchen,
die egoistische Gemütsschwäche zu überwinden und
dafür, was ich an „Kraft“ besitze, stets ganz in Ihren Dienst
stellen.
Gern würde ich über manches, was diese
Skizze berührt, mit Ihnen sprechen. Denn ich habe eigentlich so
wenig gelesen — und von dem allermeisten, was ich lese, erhalte ich
einen so konfusen Eindruck —‚ daß ich bei einer derartigen Arbeit
gezwungen bin, zu einer Art dichterischen „
évocation“ meine Zuflucht zu
nehmen, zu einer Art Hellseherei. Für das Entwerfen und Erfassen
ist das Nicht-zu-viel-Wissen gewiß vorteilhaft, aber es laufen
auch Irrtümer mit ein dabei, die an und für sich nicht
wichtig sind, die man aber gern, teils aus Gewissenhaftigkeit, teils um
kritischen Eseln keine zu bequeme Handhabe zu bieten, entfernen
möchte.
Manches ist bei mir auch Schlauheit. Unter
Schlauheit verstehe ich das Anpassen an gegebene, beschränkende
Bedingungen. Zum Beispiel: es lag mir viel daran, von Stein
möglichst hervorzuheben, ihn so stark wie möglich der
Aufmerksamkeit des Franzosen a u f z u d r ä n g e n;
um meinen Zweck nicht zu verfehlen, m u ß t e
ich also irgendeine echt „kritische“ Bemerkung einflechten; ich
bin überzeugt, daß der Eindruck auf Thorel dadurch
größer wird. Nietzsche hätte ich dagegen, wenn ich 1993
geschrieben, nicht so unbedingt in den Vordergrund gestellt (trotzdem
seine zwei Schriften noch heute einzig in ihrer Art dastehen), aber es
wäre unklug, seinen augenblicklichen Ruhm nicht zu benutzen,
namentlich da die Überschätzung seiner pathologischen
Erzeugnisse die Gelegenheit zu so überraschenden Streiflichtern —
auf unseren Zeitgeist, auf das Wesen von Nietzsches Begabung etc. bot.
Er ist eigentlich das pittoreske Element in dieser Literatur — armer
Mann!
Ich habe gestern eine kleine Notiz über die
Brahmasutras des Vedânta fertiggeschrieben. Vielleicht nimmt sie
Wolzogen für die „Blätter“: eine Anregung für die
unsrigen, sich mit der indischen Gedankenwelt zu beschäftigen. Mir
scheint, es war schon lange nichts Derartiges in den „Bayreuther
Blättern“. — Sehr wahrscheinlich reise ich in diesen Tagen nach
England. Ich muß einmal sehen, ob ich die irische Frage nicht in
Ordnung bringen kann.
In Ehrfurcht und liebevoller Dankbarkeit Ihr
Houston S. Chamberlain.
352-353
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
Villa
Cargnacco, Gardone di sopra, Lago di Garda, 28/9/93.
Nach England also, aus Mignons Gestaden, entsende
ich diese Zeilen und wünsche, daß Sie unter den Ihrigen und
auf dem heimatlichen Boden gute, gemütliche Tage erleben! Sprengen
Sie, bitte, das Oberhaus nicht, wogegen Sie mit der Majorität des
Unterhauses tun können, was Sie wollen.
Im Ernst aber danke ich Ihnen herzlich für den
Gedanken, für Bayreuth zu wirken. Ich glaube, der Boden ist etwas
vorbereitet, und zwar nach den oberen Schichten zu. Einen Augenblick
hatte ich daran gedacht, Sie, mein Freund, bezüglich der Franzosen
anzurufen. Die Münchener Aufführungen haben nämlich
manchen Schaden da angerichtet. Abgesehen von der beabsichtigten und
geglückten Täuschung, daß B a y r e u t
h diese Spiele gäbe, hat Levi persönlich alles
eingeladen (selbst die üblichen Damen „zum Bayreuther
Frühschoppen“), und die eigentümlichsten Parolen, u. a. an
Mr. Jullien, sind über Bayreuth ausgegeben worden. Daran und auch
an einen inszenierten Erfolg anknüpfend die Forderung des
monumentalen Baues des Theaters in München bis zur Aussuchung von
Bauplätzen und die Verkündung in der Zeitung daß:
„Parsifal“ in Österreich bloß auf 2 Jahre noch gesichert,
Neumann das Recht für Prag habe und wir die Verpflichtung, ihn 1
oder 2 Jahre vorher München zu überlassen. Die Methode, die
in diesem gemeinsten Wahnsinn liegt, werden Sie leicht erkennen. Die
Aufführungen selbst, gänzlich unvorbereitet und ohne Proben,
sind dem Virtuosentum (ohne Virtuosität) ausgeliefert gewesen, und
die Pein aller Echten (wie z. B. Fuchs), die mit uns empfinden.
Aber die Franzosen wurden angezogen, manches hat sie
getäuscht, und viele von ihnen, welche nicht vermögend sind,
können die Reise nach Deutschland im nächsten Jahre nicht
unternehmen (abgesehen davon, daß sie „L o h e n g r
i n“ nicht anzieht). Boissier machte ich davon, mit der
Sendung Ihrer Arbeit, eine kleine Andeutung.
Ich wollte
Ihnen darüber schreiben — allein, was jene sich nicht
entblödeten zu tun, das schämte ich mich zu besprechen und
wollte möglichst über die Alpen weg von diesem Sabbath! Nun
berühre ich es doch für den Fall, daß Sie über
Paris heimkehren und Sie Licht in die kleine Gruppe werfen können.
Adolf Groß geht jetzt hin und wird auch das seinige tun.
Bitte, schreiben Sie ja den Aufsatz über die
Upanishads! Sollen die „Blätter“ die Bedeutung behalten, welche
Sie ihnen vindizieren, so müssen Sie solche Beiträge dazu
liefern. Der Aufsatz wird schon seine Leser finden; sollte er aber es
nicht, so stehe ich Ihnen für mich und die Meinen und verspreche
Ihnen eine große Freude daran.
Ich möchte, Sie könnten hier Land und
Wohnsitz sehen. Ich glaube kaum, je etwas Einstimmenderem und
Sinnigerem begegnet zu sein. Eine wundervolle Stille, inmitten deren
die Fülle der Natur und die geistige Regsamkeit sich ausgeben. Der
See hat Färbungen und Bewegung des Meeres, und weit, weit ab ist
man von allem, was so lastend über die jetzige Existenz
drückt.
Scbopenhauers Tageseinteilung war eigentlich immer
die meinige, obgleich ich nicht „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zu
schreiben hatte. Morgens drinnen, nachmittags draußen. Aber das
ist gewiß sehr individuell. Mein Vater z. B. mußte in der
Früh seinen Gang zur Kirche haben, und ich stelle mir gut vor,
daß die matinale Luft Ihre Kräfte erfrischte.
Es war ein hübsches Zusammentreffen, daß
unser erster Tag hier der heilige Cosmas war, der in meiner
katholischen Jugend von Vater und Geschwistern mir immer gefeiert
wurde, und der nun in meinem Geburtslande bei Palmen und Oleander sich
wieder meldete. Am Abend unserer Ankunft wütete der See, aber
golden in der Ferne ging die Sonne unter, und in den schwarzen Wolken
ging ein Regenbogen auf, den ich Lohengrin begrüßte! Mit
diesem heiligen Namen will ich schließen und mit allem, was er in
sich faßt, grüßen! C. W.
353-354
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
4/10/93.
2 Wellington Road. Eltham (Kent).
Es soll nicht noch ein Tag zu Ende gehen,
hochverehrte Meisterin, ohne daß ich Ihnen für Ihren Brief
gedankt hätte; aber man kommt in England schwer zu einem
ordentlichen Brief nach unseren Begriffen — alles sind „notes“. Heute war ich den ganzen
Tag wieder in London (20 Minuten Bahn), sah 3 Onkel, 2 Tanten,
verschiedene Cousins und Cousinen. Das englische Leben und Wesen kommt
mir ungewohnt, aber doch sehr meinem eigenen Wesen entsprechend vor.
Wenn nur der Empfang, der erste Kontakt, ein klein bißchen
weniger kalt wäre — aber man kommt bald dahinter, daß es
Schüchternheit und Reserve ist und ein tiefliegendes Herz, welches
mangelhafte Verbindungen mit den Organen der Oberfläche besitzt.
Ich schicke Ihnen einen kleinen Zeitungsausschnitt, aus welchem Sie
ersehen sollen, w e r die zwei Onkel sind, mit denen
ich heute durch London fuhr. So etwas Vollkommenes von C h
a r a k t e r e n habe ich wohl nie gesehen; die Einfachheit,
die Bescheidenheit, die unostentative Würde — Augen, so rein wie
die kleiner Kinder, eine Güte, die sich an jeder Straßenecke
sozusagen zeigt — ein Dienstmädchen, das etwas hat fallen lassen,
eine Dame, die sich fürchtet, über die Straße zu gehen
— diese alten Herren schienen selbst in der vollen Straße von
London jeden instinktiv herauszufinden, der Hilfe benötigte.
Überhaupt, sollte ich in einem Wort sagen, was mich am
allermeisten in England frappiert, es ist die allgemeine
stete H ö f l i c h k e i t, die wirkliche
Courtoisie; keine Hutabnehmerei und Kriecherei, aber Dienstfertigkeit,
wirkliches Entgegenkommen, sowie solches gesucht und gewünscht
wird.
E i n e Sehnsucht bleibt mir — die, einmal
einem der Unsrigen die Hand zu drücken. Dächte ich, daß
Fürst Hohenlohe meinen Namen noch kennt, ich hätte es gewagt,
ihm meine Aufwartung zu machen, bloß um von Bayreuth und von
Ihnen sprechen zu können. Mir ist, als müßte mein Herz
vor Heimweh nach Bayreuther Atmosphäre zerspringen! — Es bliebe
mir der gute Ashton Ellis! aber — aber ach! das ist ein trauriges
Kapitel. Jetzt erst habe ich seine Arbeit als Übersetzer
untersucht und halte sie für eine wahre Kalamität. Heute habe
ich nicht Zeit; nächstens schreibe ich Ihnen darüber, denn
möglicherweise könnte man dieser Massenproduktion mit
Dampfeile einen Hemmschuh anlegen. Heute habe ich meine Netze nach Lord
Dysart, dem Besitzer der Praeger-Briefe, auszulegen begonnen; meine
Tante, Lady Chamberlain, kennt seine Frau. Auch auf den Brief an Eduard
Roeckel fahnde ich, ohne große Hoffnung jedoch.
In großer Eile, aber in täglichem,
stündlichem Gedenken Ihrer und aller Ihrigen Ihr in Ehrfurcht
ergebener
Houston S. Chamberlain.
354-355
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1893.
V
illa
Cargnacco, 8/10/93.
Ich habe mich herzlich gefreut, von den Ihrigen
durch Sie, mein Freund, zu hören, und danke Ihnen, dafür Zeit
gefunden zu haben, mir ein Bild von Ihrer Umgebung zu zeichnen.
Wir könnten wohl an keinen entgegengesetzter en
Punkten weilen! Hier hat Preller seine Landschaften zu der Odyssee
entworfen, und Böcklin holte das Motiv zu seiner Insel der Seligen
von einem Eiland, welches uns gegenüber auf dem See ruht. Auch
blüht hier das Jelängerjelieber wieder, und Friede und
Heiterk