Cosima Wagner und Houlston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888—1908

Wiener Zeit IV, Seite 419—



N.B.: Enumerated notes ¹), ²) etc. are not original.


419-420 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Aus dem Jahre 1896


Wahnfried, 5. 1. 1896.

    Ihr Brief, mein Freund, kam an, wie ich Thodes um mich hatte. Ich las in Ihrem Buch mit ihm und freute mich seiner Begeisterung dafür. Mich beschäftigen die drei Kapitel Tristan, Politik und Philosophie noch immer. Ich finde sie herrlich! Das nächste, was ich darin vornehme, wird Tannhäuser und Lohengrin sein.
    Nach allem, was ich höre, ist die Verbreitung eine große. Sogar Kuno Fischer erhielt ein Exemplar zu Weihnachten geschenkt. Und von manchem weiß ich, der es gut gelesen hat.
    Nichts mehr für heute, meine wärmsten Wünsche sind bei Ihnen. Wann Sie kommen können, sind Sie uns willkommen und die „Biographie“ zu Ihrer Verfügung. Sie werden staunen, wie divinatorisch Sie gewesen sind. Das ist das Hellsehen der Liebe!
    Eva wird Ihrer lieben Frau erzählen, wie wir das Jahr schlossen; mir fehlt eigentlich das Herz zum Schreiben, und ich wollte Ihnen nur sagen, wie ich Ihrer gedenke.

C. Wagner.


420-421 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

17/1/96 abends, Wien.

    Sie erhalten, wie ich erfahre, sehr viel Nachricht aus Wien, hochverehrte Meisterin; meine hinkt nach, darauf vertrauend, daß es einer Mutter nicht leicht zuviel wird.
    In den Proben [zu Siegfried Wagners Konzert in Wien] war ich nicht, weder gestern noch heute, gestern, weil ich nichts davon wußte, und heute, weil ich nicht gut abkommen konnte. Meine Frau war aber heute da, hörte den Mephistowalzer, Bruchstücke aus der Symphonie und — namentlich — das Idyll. Sie kam ganz verweint nach Hause, aber nur — weil es so herrlich gewesen war. — Das Orchester, dessen Vorzüglichkeit nicht erst gerühmt zu werden braucht, hat auch, wie es scheint, die Tugenden, welche wahre Bedeutung gewöhnlich begleiten: es nimmt das Neue und Ungewohnte widerspruchslos an und versucht alle Intentionen seines jungen Leiters auszuführen. Die Musiker scheinen auch wirklich für Siegfried ganz begeistert. Sehen Sie, das ist doch wieder etwas Schönes in dieser guten Wiener Stadt, über die sonst nicht viel Gutes zu berichten ist: die Leute sind begeisterungsfähig. Es hält zwar nicht an, aber die Möglichkeit zu vorübergehenden Momenten künstlerischer „Ewigkeit“ ist gegeben. Ich bin überzeugt, das Publikum wird Sonntag ganz aus 'm Häus'l sein; der Andrang ist ja so kolossal, daß die morgige Generalprobe öffentlich ist (in Wien seit den 6 Jahren, die ich hier lebe, das  e r s t e m a l ! ),   sonst hätten Hunderte das Konzert nicht hören können. Ihr Sohn geht also einem schönen Tag entgegen.
    Heute waren beide zu Rindfleisch und Sauerkraut bei uns eingeladen. Es war recht lustig, gemütlich und schön; wir schwatzten, daß wir, glaube ich, alle fühlten, als ginge uns ein Mühlrad im Kopf herum. Dann ging es als „wilde Jagd“ durch die flämisch-deutsche Abteilung des Hofmuseums; beim Heraustreten bot ein Fremdenführer Siegfried den Besuch der kaiserlichen Marställe an, worauf er so erschrocken erwiderte: „Ach, um Gottes willen, nein!“, daß der glacébehandschuhte arme Teufel ordentlich zurückprallte.
    In Ehrfurcht und Treue und mit tausend Grüßen von meiner Frau Ihr

Houston S. Chamberlain.


421 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Telegramm aus Wien, 19/1/96.

    Konzert herrlich. — Idyll wie noch nie nach Siegfrieds eigenem Geständnis. Symphonie prachtvoll. Mephisto hinreißend. „Holländer“ großartig, kurz, alles vollkommen von Anfang bis Ende. Nicht enden wollende, jubelnde Anerkennung. Siegfried hielt schöne Ansprache aus Orchester nachher, nur Sie fehlten zur Vollendung, waren uns aber allen immerfort gegenwärtig. Ihre Kinder beide sehr wohl.

Houston Chamberlain.


421-422 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Sonntag früh 11 Uhr, 19/1/96, Wien.

    Ich wollte Ihnen, hochverehrte Meisterin, einen langen Brief heute früh schreiben, bin aber bis zu so unglaublichen Stunden aufgeblieben, daß ich heute über keinen „Morgen“ verfüge.
    Was sollte ich Ihnen von der künstlerischen Leitung berichten, was Sie nicht wüßten? Das Orchester kennen Sie, seinen Dirigenten kennen Sie auch. Gern berichte ich aber über die so sehr warme Aufnahme; erstens die Aufnahme Siegfrieds gleich bei seinem ersten Erscheinen — wie sich's doch seinem Namen gegenüber gehört —‚ sodann die widerspruchslose Hingabe an seine Darbietungen.   A l l e s   ist mit lautem Beifall aufgenommen worden — selbst das Schönste und Unerwartetste.
    Gott! was die Symphonie [Beethovens VIII.] sein würde, wußte ich ja; ich wartete seit Jahren darauf. Ich weiß nicht, ob es in einem höheren Sinn des Wortes „künstlerisch“ ist, große Werke von ihrem Schöpfer nicht trennen zu können, sondern sie auch in der Phantasie stets miteinander zu verknüpfen, so daß das eine das andere hervorruft; mir ist diese Art der Empfindung von der Natur bestimmt. Und gestern stand Beethoven   l e i b h a f t i g   vor mir; kein Porträt, keine Lebensbeschreibung, keine Briefe aus seiner Hand haben mich je so unmittelbar empfinden lassen: der große Mann redet zu dir. Daß ich zum ersten Male in meinem Leben Beethoven gehört habe, diese Ahnung ist jetzt in Erfüllung gegangen. Haben Sie keine Angst; ich werde es nicht in die Welt ausposaunen und dadurch dem jungen Helden Hindernisse auf seine Siegeslaufbahn heraufbeschwören, aber   I h n e n   darf ich es doch sagen, nicht wahr? Ja, Ihnen muß ich es sagen. Denn bei jener eigentümlichen Verknüpfung zwischen Beethoven und Ihnen, die mich seit unserer ersten Begegnung im Jahre 1888 niemals verlassen hat (so daß mein eigenes Quartettgeklimper am Klavier Ihre Gegenwart sofort für mich bewirkt!), waren Sie gestern so gegenwärtig im Konzert, daß Ihre Abwesenheit — nach jedem Satze zu meinem Erschrecken plötzlich wahrgenommen — sehr schmerzhaft war. Auch heute früh wachte ich mit dem Gedanken auf, daß   S i e   nicht da seien. Das sollte Ihnen eigentlich der liebe Gott doch noch schenken,   d i e s e s   Orchester, von Siegfried geleitet, zu hören. Dann erst wäre es eine vollkommene Freude. Doch ich werde gerufen. Verzeihen Sie dieses eilige Gekritzel.

    Ihr in Ehrfurcht und Angehörigkeit ergebener

Houston S. Chamberlain.


422-424 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Sonntag, 19/1/96, abends 6 Uhr, Wien.

    Was Siegfried nach dem Konzert im Künstlerzimmer in einer reizenden, improvisierten, aber leider ganz und gar unwiedergeblichen Ansprache an die Orchestermitglieder sagte, daß er dieses Tages als eines der schönsten seines Lebens eingedenk bleiben würde, mag Ihnen, hochverehrte Meisterin, die Bedeutung desselben, ich meine die künstlerische Bedeutung des hier Erreichten empfinden lassen. Es war heute einer jener seltenen Augenblicke — wie ich sie sonst nur von Bayreuth her kannte —‚ wo man unmittelbar gewahr wird, daß „Ewigkeit“ und „Niewiederkehren“ synonym sind. Ein großer, ewig schöner, nie wiederkehrender Tag.
    Das Benehmen des Publikums verdient deswegen eine besondere Erwähnung, weil Siegfried dadurch offenbar sehr gehoben wurde. Die 8te Symphonie   s o f o r t   mit Begeisterung aufgenommen und ohne eine Spur von Widerspruch — so daß die vereinzelten Herzlosen, die stumm und unbeweglich dasaßen, einem inmitten dieses elementar wirkenden Jubels förmlich leid taten. Nach dem Tempo di Menuetto z. B. hörte man von der ersten Reihe des Saales bis zur letzten und von den Galerien herunter lauter:   „W u n d e r b a r!   Wundervoll!“ „Himmlisch!“ — es hatte wie eine Offenbarung gewirkt, und dann brach ein Beifallssturm los, wie ich ihn hier noch nie erlebte, Fräulein Eva sagte mir, Sie liebten nicht sehr, von dem sog. „Erfolg“ zu hören; das begreife ich; aber das, was heute stattfand, war mehr als bloßer Erfolg, und mir erschien es durchaus nicht bedeutungslos. Schon darum nicht, weil, als dann noch der Mephistowalzer entzückt und dazu das enorme technische Können des Dirigenten über alle Zweifel erhoben hatte (er dirigierte ihn auswendig), Orchester und Dirigent zum Siegfriedidyll in die Glühhitze ihres höchsten, ihres allerhöchsten Könnens gelangt waren. So spielt das schönste Orchester von der WeIt, auch unter einem Siegfried Wagner, nicht von selbst. Welle und Gegenwelle war zwischen Künstlern und Zuhörern hin und her gegangen; die Herzen aller waren mit Begeisterung und mit der Erwartung eines höchsten Ereignisses erfüllt — die einen in den abnormen Zustand versetzt, das Höchste leisten
zu können, die anderen in den ebenso seltenen Zustand, das Höchste empfangen zu können. Ja, nehmen Sie es mir nicht übel, öffentlich habe ich das Dekorum bewahrt; aber jetzt, wo ich an Sie schreibe, muß ich bittere Tränen weinen, daß Sie nicht da sein konnten, daß Sie das nicht erleben durften. Namentlich die ganze zweite Hälfte, und vor allem der Schluß waren ganz einfach überirdisch schön.
    Um Ihnen ein Bild der Stimmung nach dem Konzert zu geben: Rosé, den ich seit Jahren kenne und er mich, ohne daß einer von uns jemals die geringste Lust empfunden hätte, sich dem anderen vorstellen zu lassen: Rosé stürzte auf mich im Künstlerzimmer zu, das Gesicht hoch errötet, die Augen voller Tränen: „Heute muß ich Ihnen die Hand drücken! Das war doch großartig! Großartig! — Aber das muß man auch sagen, so schön wie heute spielen wir nicht oft!“
    Und zum notgedrungenen Schluß eine wohltuende, heitere Episode: Ich ging über den Ring, um an Sie zu telegraphieren, die Sonne war herausgekommen, von allen Dächern und Bäumen regneten die schweren Tropfen des geschmolzenen Schnees; direkt unter dem Gesimse des Hotels „Impérial“, Ecke Ringstraße, von dem schmutzigen Wasser bespritzt, stand eine kleine Gruppe von Kritikern, Dr. Theodor Helm, mit dem langbärtigen Mausgesicht, in der Mitte, und debattierten heftig an einem aufgeschlagenen Klavierauszug über ein „Ritardando“!
    Wie es in den Märchen heißt: Und sind sie nicht tot, so stehen sie noch jetzt da und debattieren weiter.
    Ich küsse Ihnen beide Hände in tiefster Ehrfurcht und mit der erhöhten Dankbarkeit, deren man an einem solchen Tage fähig ist.
    Ihr   

Houston S. Chamberlain.


424 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wahnfried, d. 20. Jan. 1896.

    Mein lieber Freund!

    Wer könnte mir lieber, echter und schöner Nachricht geben als wie Sie! Haben Sie Dank aus vollem Herzen! Wir haben das gemütliche Frühstück erlebt. Und daß, wenn Zusammengehörige beisammen sind, die Sterne vom Himmel heruntergeschwatzt werden — das wissen wir!
    Ihre wundervolle Depesche kam gestern abend, wie wir in der Schule beieinander versammelt waren. Eine stille Ergriffenheit bemächtigte sich unser — die Guten waren glücklich wie bei Ihrem Buche. Das sind Bayreuther Siege, worüber die Engel im Himmel sich freuen. Und diese Freude ist so rein, daß man auch die Schlimmen mit in seinem Herzen aufnimmt und ihnen den warmen Gruß der Vergebung entsendet; denn diese Freude enthält die Liebe.
    Ihre teure Frau mit dem warmen, mutigen Herzen habe ich vor mir gesehen. Ich drücke ihr die Hand. Meine Kinder werden glücklich sein, Sie beide in dem Auditorium zu wissen. Ach! fühlende Herzen!
    Die armen Marställe! Am Ende hat Siegfried Hofmarschälle verstanden, denn Pferde sind doch etwas sehr Schönes. Ich höre aber sein „um Gottes willen!“.
    Leben Sie wohl, meine Freunde! In tiefer Dankbarkeit grüßen wir Sie beide und durch Sie die Kinder.       C. W.


424-425 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Bayreuth, 21. Januar 1896.

    Eva hat mich doch überschätzt, mein Freund; möglich, daß eine gewisse Verstimmung mir hie und da ankam, wenn ich den Wert der Leistung nach dem gemeldeten Erfolge bemessen sah, aber das, was Sie mir zu melden haben und in unvergleichlicher Weise meIden, das ist ja das Höchste, was wir erleben dürfen, das Genie der Gemeinsamkeit in Wirkung, und was ist es denn, was uns so namenlos bei den Chören zur Begrüßung Lohengrins oder Hans Sachs' ergreift, wenn nicht ebendiese Gemeinsamkeit. Die Schranken fallen, alle Menschen werden Brüder, wogegen es wohl nichts Traurigeres und Verzweiflungsvolleres gibt als den edlen, begeisterten Menschen ohne Macht über Stumpfheit oder Bosheit zu erleben. Ja, ich habe mir selbst in meinen Gedanken die Physiognomie des Auditoriums ausgemalt, so sehr ist mir die Wechselwirkung gegenwärtig gewesen, und so gut habe ich mir die Steigerung der künstlerischen Leistung durch das Miterleben der Zuhörer vergegenwärtigt. Daß ich es nicht erlebt habe, ich glaube, mein Freund, es ist so besser. Ich habe Siegfried selbst nicht zum Abendmahl begleitet und blieb betend zu Hause; betend auch war ich jetzt bei ihm, ich habe keinen Mut mehr, und ich bin nur nach Berlin mit ihm gereist, weil ich dachte, daß er dort sich vereinsamt fühlen würde, aber ich danke Ihnen dafür, daß Sie mich zugleich dort empfanden und vermißten und durch Ihre Mitteilungen mir wie im verklärenden Spiegel auch den äußerlichen Hergang erleben lassen. Beethoven...! Nun leben Sie wohl und lassen Sie mich der Freude darüber Ausdruck geben, daß Sie in der Gemeinsamkeit der einzelne waren, auf den es schließlich ankommt, wenn die Gemeinsamkeit fehlen sollte.
    Hoffentlich sind Sie ganz gesund, Kekulé behauptet, der „Lohengrin“ in Bayreuth habe ihn kuriert, das Siegfriedidyll — so wollen wir diese Wiener Tage nennen — hat es hoffentlich bei Ihnen getan.

    Von Herzen         C. W.


425-427 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

22/1/1896, Wien.

    Kein Wort mehr vom Konzert, hochverehrte Meisterin, wenigstens nicht von der künstlerischen Tat, sondern, wenn Sie es gestatten, eine zusammenhangslose Plauderei.
    Um Zeitungen kümmert sich Siegfried ja sonst gar nicht, er selbst veranlaßte mich aber, sie mit ihm durchzumustern, und wahrlich, es war der Mühe wert: zum ersten Male seit vielen Jahren waren hier alle Menschen „Brüder“ geworden: Antisemiten und Juden, Klerikale und Liberale, Brahmsianer und Brucknerianer, in der rückhaltlosen Anerkennung Siegfrieds begegneten sich alle. Solche ganz schlimmen Kerle wie Hanslick waren im richtigen Vorgefühl, daß sie einer Niederlage entgegengingen, zu Hause geblieben und hatten sich vertreten lassen, so daß selbst die „Neue Freie Presse“ durchaus sympathisch berichtete. Man merkte, wie wenig Berlin die Hauptstadt Deutschlands ist; neben der heißblütigen Begeisterung und, das darf nicht unerwähnt bleiben, dem wirklichen, künstlerisch-intuitiven Verständnis auch der technischen   E i n z e l h e i t e n   von Siegfrieds Direktionskunst kam mir jene nördliche Metropole wie ein „Centralfriedhof“ vor. Daß ich damals jenes erste Berliner Konzert miterleben durfte, freut mich jetzt doppelt.
    Richter hat Sonnabend abend (im „Impérial“, außer ihm, Siegfried und Eva nur noch Frau Richter, Antropp und ich) einen wirklich sehr schönen Toast auf Siegfried ausgebracht. Das heißt, es war nicht formell ein Trinkspruch, aber eine kleine, harmlos begonnene Rede, die sich nach und nach zu einer Art offiziellen Ansprache entwickelte. Verschiedenes, was er hier zusammenfassend vorbrachte, hat er dann bei anderen Gelegenheiten weiter ausgeführt, so daß ich selbst verlegen wäre, wenn ich unterscheiden müßte zwischen dem, was er bei dem Toast sagte und später. Der Gegenstand war natürlich Siegfrieds Begabung als Dirigent. Viel Gewicht legte er hierbei auf das einstimmige Urteil der Philharmoniker — gleich nach der ersten Probe. Diese Leute, sagte er, sind die geborenen Demokraten, Sozialisten, nein,   A n a r c h i s t e n.   Sie erkennen gar keine Autorität an — außer derjenigen des Mannes, der sie förmlich unter seinen Willen unterjocht. Träte der Kaiser in höchsteigener Person vor sie hin und sagte — hier, dieser Mann ist von heute ab euer Kapellmeister, ihm sollt ihr gehorchen — sie würden ihm nicht gehorchen. Nach Richters Schilderung scheint der Instrumentik dem Dirigenten von vornherein Mißtrauen, Geringschätzung, Antipathie entgegenzubringen. Nur wenn die Musiker merken, ein Dirigent weiß, was er will, und er   k a n n,   was er weiß, nur dann fügen sie sich ihm, und auch dazu gehört Zeit. Wenn aber einer sofort die Herzen und den Verstand dieser Leute erobert, so daß sie ihm gleich und willig und begeistert gehorchen, so muß er ein geborener Meisterdirigent sein. Sehr spaßhaft schilderte auch Richter die fürchterliche   k r i t i s c h e   Geistesrichtung der Musiker, gegen die ein Hanslick ein unschuldiges Lamm sei. Den geringsten Fehler merken gerade sie natürlich sofort, wirkliche Mißgriffe in Tempi u. dgl. sind ihnen ebenfalls meistens unmittelbar fühlbar usw. Nun waren aber die Philharmoniker alle, wie gesagt, sofort nach der ersten Probe Feuer und Flamme für Siegfried. Von ihnen ging ja in erster Reihe die gehobene Stimmung aus, die dann von Donnerstag bis Sonntag die ganze Stadt ergriffen hatte. Sehr nett und einfach klang auch folgende Bemerkung Richters: „Weißt du, was hier und da die Auffassung anbelangt, da läßt sich darüber sprechen. Der eine empfindet es so, der andere anders. Die Hauptsache ist aber, daß ein Dirigent überhaupt eine Auffassung habe, das ist das erste, zweitens dann noch, daß er diese Auffassung ausführen kann.“ In eine andere Stimmung hinüberschlagend, sprach er dann von seinen Erinnerungen an des kleinen Siegfried erste Gehversuche; wie prächtig verstehe er heute zu gehen, und — fügte R. hinzu — „und noch viel herrlicher zu stehen“! Es war sehr schön und ergreifend. Richter schien sehr ergriffen; er kam aus dem Umarmen gar nicht hinaus.
    Aber ich sehe, ich muß abbrechen, wenngleich ich nur weniges von dem, was ich erzählen wollte, auch nur erwähnt habe. Ich fürchte sonst, Sie zu
ermüden.
    Ewig dankbar werde ich Ihnen und Ihrem Sohne für diesen 19ten Januar sein. Das war wieder ein Band, das sich zu den alten fest um das Herz schlägt. Um so fester als der von mir bisher fast nur geahnte und obwohl angebetete, doch kaum gekannte Beethoven nunmehr lebendig vor mir steht. Gern hätte ich Siegfried an das Herz gedrückt; aber — man kann halt nicht Engländer sein und zugleich Nicht-Engländer. Aber brieflich finde ich dazu den Mut, namentlich wo Sie für mich reden.
    Ihr in Ehrfurcht und Liebe zu ganz Wahnfried ergebener

Houston S. Chamberlain.


427-428 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

23/1/96, Wien.


    Kaum war mein Brief fort, hochverehrte Meisterin, als mir einiges einfiel, was ich schon als anständiger Mensch, abgesehen von anderen Gründen, nicht hätte vergessen dürfen.
    Zuallererst   I h r   B i l d!   Ich danke Ihnen von Herzen — ich meine, im Namen meines Herzens — dafür. Herr von Groß hat wirklich viel um mich verdient. Schon seit Jahren ist ein Bild [letzte Aufnahme Richard Wagners] von seiner Hand der einzige Schmuck meines Tisches, und zwar steht es zwischen mir und meinen Wörterbüchern, so daß ich es hundertmal am Tage in die Hände nehmen muß; beim Buche war es eigentlich meine einzige Hilfe (außer Gott, zu dem ich alle Morgen kniend am Schreibtisch betete, meiner eigenen gänzlichen Unfähigkeit bewußt); fand ich nicht weiter, so schaute ich es immer so lange an, bis mir der Weg gewiesen wurde. Nun darf ich auch   S i e   haben! Denn nichts, was wir bisher besaßen, war mir für meinen höchsteigenen persönlichen Gebrauch gut genug; Lenbach gehört auf den Salontisch. Wie schön und entsprechend und harmonisch wirken die Blätter! Tiere passen zu Ihnen gar nicht, finde ich (auch nicht menschliche), um so mehr aber Pflanzen. Unbewußt — oder hatten Sie es angeordnet? — ist hier ein Meisterwerk entstanden. Sie kommen natürlich nicht auf den Tisch; keine Hand soll Sie jemals berühren; ein kleiner Schrank steht aber rechts an meinem Tische und bildet so eine Art kleines Sanktum; da hat das eingerahmte Bild gerade wundervoll Platz und — jetzt kommt erst die „trouvaille de génie“ — kein Mensch wird es außer mir sehen! Der „Besuch“ sitzt nämlich gerade an diesem Schränkchen, kann aber natürlich nicht um die Ecke sehen; niemand wird sagen: „What an intelligent face!“ Dieser wohltuende Egoismus, das Gefühl, daß ich dieses Bild „sekretieren“ kann, setzt meiner Freude die Krone auf.
    Über mein Vorwort [zu der englischen Übersetzung von R. Wagners Briefen an August Röckel] habe ich von wirklich kompetenten Leuten wahre
Schmeicheleien zu hören bekommen, auch mein englischer Stil soll „very forcible“ sein. Die Leute, die es lasen, waren alle durch meine Darstellung sehr für Röckel eingenommen. Nun kommt der Sohn, der ebenfalls meine Preface „most interesting and stimulating“ findet, und beklagt sich, er könne die Sache unmöglich so drucken, da nach meiner Darstellung sein Vater dem Genie nicht ebenbürtig gewesen sei!
    Es ist doch gräßlich, rechts und links mit dieser selben Brut der Mittelmäßigkeit in Berührung zu kommen und kommen zu müssen. Ja, was tun? Mein premier mouvement ist natürlich, A. R. zu schreiben, er soll mich in Ruhe lassen und sich an La Mara halten. Anderseits wäre es aber schade, wenn diese Sammlung von einem x-beliebigen Skribifax dem englischen Publikum vorgestellt würde; wir wissen ja, was dann herauskommt! Ich kann aber unmöglich sagen, daß Röckel ein Genie war, ein „intellectual equal“!

    In Treue und Ehrfurcht vor allen Großen Ihr    H. S. C.


429 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wahnfried, 26. Januar 1896.

    Wenn Sie nicht mürbe werden, mein Freund, so weiß ich nicht, was dazu gehört.
    Die Sache von A. R. ist einfach unglaublich, und selbst, daß man es erlebt, verwirklicht einem die Möglichkeit nicht. Nun ist sehr schwer zu raten. An Ihrer Stelle aber würde ich doch, glaube ich, A. R. schreiben, Sie könnten an Ihrer Auffassung nichts ändern.
    Alles, was Sie mir von Siegfried berichteten, freute mich unsäglich, ja selbst, daß er den Humor für die Zeitungen hatte. Mir geht diese Seite ganz ab, und ich werde mich nie zurechtfinden.
    Schön, daß Ihnen Richter seine vortreffliche, echte Seite zeigte, und ich habe ihn förmlich durch Sie reden hören. Schemann schrieb mir, ich möchte an einem Pausetag der Festspiele Balladen von Plüddemann vorführen lassen, und das ist wirklich ein Bester! Heckel schrieb kürzlich an den Bürgermeister, es müßte doch jetzt die Geschichte des Verwaltungsrates geschrieben werden!
    Nun aber verzweifeln Sie nicht, so sehr auch Ursache dazu da ist, stärken Sie Ihre Gesundheit und sagen Sie sich, daß Sie   d o c h   viel Gutes wirken; nehmen Sie an, daß mein Bild Ihnen dies beständig sagt. In einer Stunde ungefähr tritt Siegfried in Leipzig auf, er hat es mit sehr dürftigen Mitteln dort zu tun, eine wahre Prüfung, ich denke, er besteht es gut. Haben Sie Dank auch für seine kleine Rede, für so vieles, und seien Sie gegrüßt.    C. W.


429-431 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wien, 26/1/96.

Mein liebes Fräulein Eva [Wagner]!

    Einliegender Brief [von Frau Mathilde Wesendonck] traf vorgestern abend ein. Eine Abschrift meiner Antwort füge ich auch bei [Beilagen I und II]. Mich dünkt, die Sache hat eine definitiv friedliche und allseitig befriedigende Wendung genommen, nicht wahr?
    An einer anderen Abschrift schreibt meine Frau. Es ist ein Brief nach England [an seine Tante, vgl. Beilage III.], politischen Inhalts; ganz zufällig wurde er etwas ausführlich, und wie ich ihn wieder durchlas, glaubte ich, daß er vielleicht Ihre Frau Mutter als kleine Abendlektüre unterhält und von Fricka und Freia zerstreut. Sie können diese Abschrift vernichten oder, wenn Sie einen englischen Freund ärgern wollen, sie dazu gebrauchen. Zur Erläuterung folgendes: Der „Uncle Neville“ ist mein Onkel Sir Neville Chamberlain, früher commander-in-chief in Madras und noch früher (etwa von 1845 bis 1865) einer unserer hervorragendsten Afghanistan-Krieger. Die Geschichte, auf die ich an einer Stelle anspiele, ist folgende: Die Afghanen hatten einen engen Paß durch Felsblöcke abgesperrt und unterhielten von hinter dieser Mauer her ein so mörderisches Feuer auf unsere Truppen, daß dieselben nichts vorwärts kamen und zuletzt zurückzuweichen begannen; da reitet mein Onkel ein Stück zurück, gibt seinem Pferde die Sporen und setzt mit einem gewaltigen Sprung über die hohe Mauer hinüber, so daß er von oben her auf die Köpfe der Feinde fällt und minutenlang — bis die englischen Soldaten die künstliche Felswand überklettert hatten — ganz allein gegen Hunderte sein Leben verteidigen mußte. Bei dieser Gelegenheit hieb er einem seiner Gegner mit solcher Meisterschaft den Arm mit einem einzigen Schwertstreich ab, daß man nach dem Kampfe diesen Arm noch in der Gebärde des Lebens auf dem Schlachtfeld auffand: die Muskeln straff, der Ellbogen gekrümmt, die Hand fest geschlossen, das Schwert erhoben. Mein Onkel spricht   n i e m a l s   von sich; in mehreren Büchern sind aber diese und andere Heldentaten von ihm von Augenzeugen aufgezeichnet. „Basil“ ist mein ältester Bruder, der Japanese. In einem mir mitgeteilten Briefe tadelt er Ausführungen der „Times“ über die Behandlung der Christen in China; er spottet über diese Missionäre, die von „gunboats“ begleitet ihres Amtes walten, und zu deren Schutz man Kriegsschiffe entsendet, sobald ihnen nur ein Haar gekrümmt wird. Ironisch fragt er: „Glaubt Ihr, daß Paulus und die Apostel die Welt zum Christentum bekehrt hätten, wenn sie mit anderen Waffen als ihrem Glauben und mit einem anderen Mute als dem, für ihren Glauben zu sterben, herumgezogen wären? Man kann nicht alles haben: wer auf physische Kraft sich stützt, kann die moralische Macht nicht besitzen.“ Das ist sehr bayreutherisch empfunden. Sie werden meinen Bruder ja — so Gott will — bald kennenlernen; er reist in diesen Tagen aus Tokio ab. Schade, daß die Begegnung wohl einzig auf die Festspielzeit beschränkt bleiben wird; denn   d a s   wäre ein Unterhalter und Zerstreuer für Ihre Mutter! Ein Mann, der in allen Literaturen und Sprachen zu Hause ist, der einen sehr großen Teil der Welt eingehend bereit hat, der in den verschiedensten Religionen und Philosophien des Orients so zu Hause ist wie wenige, eine Art „Gobineau des far East“ — und dabei dank seiner Erziehung in Frankreich (bis zum 18. Lebensjahre) ein parfait causeur. Soeben erkundigte ich mich bei meiner Tante, für wie viele Zyklen ich ihm Karten bestellen soll; er hat mir nur geschrieben: „as many performances as you consider necessary“ — wobei man ja nicht vergessen darf, daß der Gute, seit 25 Jahren im Orient, nichts von nichts weiß, außer daß er Musik „adoriert“, wofür er ja viel begabter ist als ich, was allerdings nicht viel sagen will. Ich fürchte etwas die heidnisch kräftige Färbung des „Ringes“ für ihn; er ist echt Oxford, „littérateur raffiné“, findet elementare Leidenschaftlichkeit „bad taste“. Nun, wir werden Sehen.
    Immer und immer noch und wohl auf lange, ganz umgeben von der Atmosphäre des 19. Januars, das Herz überfließend von Liebe und Dankbarkeit, Ihr

Houston S. Chamberlain.


431-432 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.


[Beilagen zu vorstehendem Brief]

I.

F r a u   M a t h i l d e   W e s e n d o n c k   an   H o u s t o n   S.   C h a m b e r l a i n:

Zelten 21: Januar 13. 1896. Berlin.

Hochverehrter Herr!

    Seit 3 Wochen liegt die Prachtausgabe Ihrer Wagner-Biographie vor mir, die Ich mit reiner und ungeteilter Freude begrüßen würde, wenn sich mir nicht die Frage auf die Lippen drängte: wie es denn kommt, daß derselbe wohl und gründlich unterrichtete, klarblickende Verfasser, dessen Seherblick in die verborgenste Tiefe der Weltanschauung Richard Wagners dringt, ihm plötzlich versagt bei Beurteilung der Züricher Periode des Meisters, so zwar, daß er, mit negativen Behauptungen darüber wegeilend, das Zartgefühl als auch das Hochgefühl der Züricher Freunde kränkt und verletzt?
    Nur   S i e   können mir das Rätsel lösen, und Ich bitte herzlichst darum!
    Es war ja doch die stille, weltabgewandte, fruchtbringende Zeit der Arbeit und der Sammlung!
    In das Dunkel dieses noch unerforschten Gebiets Klarheit und Licht zu bringen, im Interesse unserer gemeinsamen, hoch- und heiliggehaltenen Sache erachte Ich es für wünschenswert, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen!
    Ist es undenkbar, daß Sie einmal nach Berlin kommen?
    Mein Sohn (der Physiker) sprach mir mit Befriedigung von einem Zusammentreffen mit Ihnen und Ihrem wissenschaftlichen Interesse für Darwin. — Er bittet mich, Ihn in Ihr Gedächtnis zurückzurufen!
    Mit dem Ausdruck ausgezeichnetester Hochschätzung habe Ich die Ehre mich zu zeichnen, Ihre

Mathilde Wesendonck.


432-435 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.


II.

H o u s t o n   S.   C h a m b e r l a i n   an   F r a u   M a t h i l d e   W e s e n d o n c k:

20. Januar 1896, Wien VI, Blümelgasse 1.

Hochverehrte gnädige Frau!

    In Beantwortung Ihres Briefes vom 13ten Januar gestatten Sie, daß ich Ihnen zunächst meinen verbindlichsten Dank für Ihre so nachsichtige und freundliche Beurteilung meines Buches ausspreche. Gewiß haben nur wenige die Befähigung, und dadurch auch das Recht, in dieser Frage ein so vollwichtiges Urteil zu fällen wie Sie; daher meine aufrichtige Freude und Dankbarkeit.
    Was nun den Punkt betrifft, an dem Sie einiges auszustellen haben, so kann ich Ihnen, hochverehrte Frau, versichern, daß hier möglicherweise ein Irrtum, keinesfalls aber ein „Rätsel“ vorliegt. Wie ich in meiner Allgemeinen Einleitung gesagt habe: mir hat für die Abfassung meines Buches kein anderes Material vorgelegen als das allen Zugängliche; die große, unveröffentlichte Autobiographie kenne ich nicht, und niemals habe ich mit einem Angehörigen des Meisters über seine Lebensschicksale gesprochen; außerdem habe ich bei dieser Arbeit keinen Menschen um Rat angegangen. Daß ich bei einem solchen Verfahren hier und da irren mußte, ist klar; „rätselhaft“ wäre es, wenn ich überall intuitiv das Richtige getroffen hätte.
    Der Vollständigkeit halber muß ich allerdings erwähnen, daß ich — ganz zufällig — gerade über diese Züricher Jahre gar manches erfahren habe, was bisher nicht in die Öffentlichkeit drang, und was zu meiner Erkenntnis des Verhältnisses zwischen dem Meister und seinen damaligen Freunden vielleicht einiges beigetragen hat.
    Erstens habe ich viele Jahre in der Schweiz gelebt und traf dort manchen, der davon zu erzählen wußte. Wichtiger war aber in dieser Beziehung meine Begegnung mit Herrn und Frau Jochmus, vor zwanzig Jahren, in Florenz. Die makellose Ehrenhaftigkeit und vornehme Unabhängigkeit dieser Familie verlieh ihren Berichten einen Wert, der nichts dadurch einbüßte, daß sie für den großen Meister selber, als Künstler und als Mensch, nicht soviel Verständnis wie für seine Freunde besaßen und für seine erste Gattin. Außerdem habe ich mit Ernst Kietz in seinen letzten Lebensjahren ziemlich viel verkehrt, dem ebenfalls Zürich und seine Bewohner besonders lebhaft im Gedächtnis hafteten. So ganz „dunkel“ blieb mir also diese Zeit nicht, wie Sie, gnädige Frau, voraussetzen und voraussetzen mußten.   A b e r:   dieses fragmentarische Detailwissen hat nirgendswo meine Darstellung beeinflußt. Zum Glück für mich bin ich kein Chronist. Die Erkenntnis einer Persönlichkeit dünkt mich wie eine mathematische Gleichung: sie besteht aus zwei getrennten Teilen, deren Summen eine jede der anderen gleicht; nur besteht hier die eine Seite der Gleichung (die chronistische Außenseite des Lebens) aus zahllosen Faktoren, die wohl nur Gott im Himmel vollständig übersehen kann, um die Summe daraus abzuleiten, darum halte ich mich an die andere Seite, an die Innenseite, wo das eine große X, die „unbekannte Größe“ der Individualität, dem, der richtig fragt, doch mindestens einen Teil seines Geheimnisses anvertraut. War ich aber bestrebt, mich möglichst in die Seele des unerreichbar großen Mannes hineinzuleben, so habe ich doch die Einseitigkeit dieses Verfahrens gleich auf der ersten Seite des Vorworts eingestanden. Und das gilt auch hier, für diesen speziellen Fall. In den Worten, die ich über des Meisters Empfinden gegen den Schluß der Züricher Zeit geschrieben habe, bin ich fest überzeugt, daß ich das Richtige getroffen habe; womit ich sagen will, daß ich aus höchst verwickelten Vorgängen und leidenschaftlich widerspruchsvollen Stimmungen den   K e r n   herausgeschält zu haben glaube. „Kern“ ist vielleicht zuviel gesagt; ja, gewiß, es gab hier Pfade, die noch tiefer in das Geheimnis der Seele hineinführten, solche aber

Where angels fear to tread, and fools rush in“,

und ich verstehe hier unter „Kern“ lediglich   d e n j e n i g e n   Kern, den ich für meine Darstellung brauchte, und ohne welchen eine empfindliche Lücke in ihr entstanden wäre. Damit will ich gar nicht behaupten, daß Wagner recht hatte, so zu empfinden, das, was man „objektiv recht“ nennt. Diese Frage gehört zur anderen Seite der Gleichung, die ich, wie gesagt, dem lieben Gott überlasse. Ich begreife auch vollkommen, daß die betreffenden Freunde anders empfanden und anders empfinden mußten; ich weiß auch, daß die Genialität seines Herzens den Meister selber manchmal anders empfinden ließ. Das alles beweist aber durchaus nicht, daß der „Seherblick“, den Sie in so gütiger Weise mir nachrühmen, mich hier irregeführt habe. Möglich ist es, das leugne ich nicht; ich gebe aber meine Hand ins Feuer, daß ich nicht leichtsinnig, sondern aus tiefster Überzeugung das sagte, was ich gesagt habe.
    Es bleibt also lediglich die Frage bez. der   F o r m,   in welcher ich es sagte. Hier ist gewiß überall Diskretion und Takt zu wünschen, sagen wir noch einfacher: Herzensgüte. Es gibt aber Fälle, wo Wahrhaftigkeit und Rücksicht in Kollision geraten; den beliebten Ausweg der   U n d e u t l i c h k e i t   betrachte ich als Feigheit und Lüge. Was ich meinte, mußte ich also hier deutlich sagen. Ich durfte es um so eher, als der Abstand zwischen einem Richard Wagner und dem wackersten seiner Freunde ein ebenso großer ist wie der zwischen Sonne und Planeten; was dem einen Licht dünkt, kann für den anderen tiefen Schatten bedeuten; von Vorwurf und Kritik ist bei meinen Darstellungen nicht die Rede. Trotzdem war ich eifrig bestrebt, nichts zu sagen, was irgend jemanden auf der Welt oder auch nur die Erinnerung an irgendeinen der edlen Helfer in der Not (denen ich doch wahrlich warme, tiefempfundene Worte gewidmet habe) verletzen konnte. In meinem ursprünglichen Manuskript gestand ich mir, was ich dem Meister nachempfinden zu müssen glaubte, ohne Umschweife, also bisweilen mit einer gewissen Brutalität. Von einer Korrektur zur anderen wurde aber die Fassung immer milder, und zuletzt ließ ich einen sehr zartfühlenden, fast weiblich-empfindenden Freund kommen, um ihm diese und einige andere heikle Stellen vorzulesen. In dem Abschleifen der Härten bin ich so weit gegangen, wie es mir möglich war — ohne undeutlich zu werden. Habe ich das „Zartgefühl“ und das „Hochgefühl“ edler Menschen trotzdem verletzt, so bedauere ich es von Herzen; wenigstens tat ich, wie Sie sehen, was ich konnte, um dies zu vermeiden. Vielleicht ist eine einigermaßen ungeschlachte Art mir zu sehr zu eigen, als daß es mir gelingen könnte, sie ganz und gar abzuschleifen? Aus der Aufrichtigkeit aber darf mir niemand einen Vorwurf machen.
    Ich bitte, gnädige Frau, in dieser Rechtfertigung keine Rechthaberei zu erblicken, sondern vielmehr einen Beweis des Wertes, den ich Ihren Zeilen beilege.
    Von verschiedenen Seiten wurde ich in letzter Zeit aufgefordert, nach Berlin zu kommen, und da ich diese Stadt sehr gern habe, wird es wohl einmal dazu kommen. Von der so gütigen Erlaubnis, Sie zu besuchen, werde ich natürlich glücklich sein, Gebrauch zu machen. Ihrem Herrn Sohn empfehle ich mich bestens.
    In größter Hochachtung bin ich, hochverehrte gnädige Frau, Ihr sehrergebener

Houston S. Chamberlain.


435-439 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.


III.

H o u s t o n   S.   C h a m b e r l a i n   an   H a r r i e t   M a r y   C h a m b e r l a i n:

[Übersetzung aus dem Englischen]

Wien, den 25. Januar 1896.

Liebste Tante!

    Der Brief von Onkel Neville interessierte mich sehr; ich danke Dir, daß Du ihn mir zum Lesen überließest. Man sieht natürlich, daß der Schreiber ein Mann ist, der nur Englisches liest und daher seine Ansichten in Schützender Insularität erhält; aber wie dürfte man das tadeln, wenn man anerkennen muß, daß gerade diese Insularität ein Hauptelement unserer unvergleichlichen Stärke ist? Der Ozean umgibt nicht nur unsere Insel und sichert sie gegen alle Feinde, sondern er umschränkt auch unseren Verstand und schließt uns wirksam von der übrigen Menschheit ab. Die Tatsache, daß ein Engländer 50 Jahre in Afrika, Indien oder China zubringen und dann als genau derselbe Mann wiederkehren kann, als der er fortging, ohne daß eine einzige seiner täglichen Gewohnheiten verändert, eine einzige seiner Eigenschaften erschüttert, ein einziges der ihm zuträglichen Vorurteile abhanden gekommen wäre, so daß das ihm angeborene Gleichgewicht unberührt geblieben ist, das ist einfach wunderbar und ist eines der großen Geheimnisse unserer Kraft. Hinauszuziehen, um unwissenden Negern das Evangelium der Wahrheit zu predigen, und gleichzeitig den Agenten für den Vertrieb von Rum und Schnaps zu machen und einen kleinen Auftrag auf Martini-Gewehre anzunehmen, überdies die Augen offen zu halten für Goldminen und Diamantenfelder, das ist nicht jedem gegeben. Ich erinnere mich, wie mir der arme, liebe Onkel Alfred, als ich ihn zuletzt sah, die Schönheit dieses Systems ausführlich auseinandersetzte und mir erzählte, wie die Missionare in Afrika angefangen hätten, und wie sie gleichzeitig den Keil des Handelsverkehrs eingetrieben hätten, wie der Handelsverkehr nun auf eigenen Füßen zu stehen beginne und man die Vorhut des Evangeliums weiter hinein in unerforschte Gegenden sende, und daß schließlich, wenn die Dinge reif seien, die Regierung vortreten und das ganze Afrika annektieren werde. Und dieses Gemisch von Unbewußtheit und Bewußtheit, dieser unfehlbare Instinkt in jedem einzelnen Manne, möge er Missionar, Goldgräber oder Offizier sein, seine eigenen Interessen stets derart zu betreiben, daß sie genau mit der beständigen Vergrößerung Großbritanniens zusammenfallen, das ist es, was unser Volk zu einer Elementarkraft der Natur macht. Wenn diese bekömmliche — ich will nicht sagen Beschränktheit, denn beschränkt sind wir nicht —‚ aber diese Insularbeschränktheit aus irgendeinem Grunde nachließe, wären wir verloren. Wie Goethe sagt: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. England ist sicherlich eine Meisternation und wird es so lange sein, als es beschränkt bleibt. Und in diesem Sinne halte ich die Bemerkung Onkel Nevilles, betreffend die Tatsache, daß gebildete Engländer zufrieden damit sind, hinauszugehen und ihr Leben in der Einöde zuzubringen, für höchst interessant — er ist der Ansicht, daß andere so etwas nicht tun würden. Die Erklärung dafür scheint mir sehr einfach: Diese Engländer kümmern sich nicht einen Deut um die ganze Kultur der Menschheit. Ich glaube,   S e i f e   ist ungefähr die einzige Errungenschaft der Zivilisation, die diese Art Engländer für unerläßlich nötig halten. Aber im übrigen — ich glaube, wenn gute Jagdgründe vorhanden, Gefahren zu bestehen, Geldladungen zu ernten find, und wenn die Möglichkeit da ist, Golf oder Kricket in der Umgebung einzurichten —‚ ich glaube, dann würden sie sich keinen Deut darum kümmern, falls alle Poesie und Kunst, von Homer bis zu Richard Wagner, falls alle Philosophie, von Çankara bis zu Schopenhauer, kurz, wenn jede geistige Errungenschaft der Menschheit morgen vom Angesicht der Erde verschwinden würde... Ich erinnere mich, wie Vetter Neville zu mir sagte, daß ein einziges Buch für sein ganzes Leben genüge — und das war nicht Sophokles oder Shakespeare, sondern Westward Ho!“, und daß eine Ballade (deren Titel mir entfallen ist, es war irgend etwas mit „Sally“ ¹) alles sei, was er an Musik brauche; nun, ein Mann solcher Art ist reif für die Einöde. — Ja, wenn Du Dir nun einbildest — wie Du es wahrscheinlich tust —‚ daß alles das satirisch gemeint ist, so irrst Du. Je länger ich lebe, je mehr fühle und erkenne ich, daß der   M a n n   d e r   T a t   der A1-Mann ²) ist. Wenn ich noch einmal geboren würde und eine bessere Gesundheit besäße, als sie mir diesmal beschieden war, so würde ich unendlich Lieber hinaus nach Zentralafrika gehen, den ganzen Tag als Hüter von Straußenvögeln umherreiten, statt eine wandernde Denkmaschine zu werden, die an Stelle eines insularen Verstandes einen solchen hat, wo alle Seen und Ozeane eingetrocknet sind, eine ausgedörrte und zerspaltene Sache wie der Mond.
    Wie sehr ich von Grund aus mit den Männern der Tat sympathisiere, das beweist meine eigene literarische Laufbahn zur Genüge. Ich empfinde mich nicht im geringsten als einen literarischen Menschen; ich bin streitlustig, eigensinnig, heftig, hartnäckig — ich bewundere die Einseitigkeit. Wonach ich ziele, wenn ich schreibe, ist Tat: ich will durch Tat Einfluß auf andere Menschen ausüben. Weder Ruhm noch Geld haben Einfluß auf mich, sie reizen mich nicht; was mich bewegt, das ist die Hingabe an eine gute Sache und ein Gefühl der Pflicht, das mich zur Preisgabe jeder persönlichen Voreingenommenheit führt. Das sind sicherlich lauter englische und soldatische Eigenschaften! Onkel Neville hieb einmal mit einem Streich einem Mann den Arm ab; ich tat etwas ganz Ähnliches, als ich eine der ersten Verlegerfirmen des Kontinents zwang, ein Buch aus dem Buchhandel zurückzuziehen. Es ist mir durch sehr gute Autoritäten versichert worden, daß nur noch einmal in unserm Jahrhundert (außer in diesem Falle) ein einfacher kritischer Aufsatz diesen Erfolg errungen hat, und doch, der Himmel weiß es, haben so manche Memoiren die Namen großer Männer angeschwärzt und gefälschte Dokumente von ihnen veröffentlicht. Der einzige Lobspruch, der je mein Herz bewegt hat, war es, als jemand zu mir sagte: Man sieht aus Ihren Schriften, daß Sie der geborene Soldat sind; Sie sind kühn, unbarmherzig und zugleich ritterlich und gerecht.
    Ich erwähne das alles nur, weil ich versuchen möchte, Dir verständlich zu machen — auf kurzen, für den Briefwechsel geeigneten Wegen —‚ wieso es geschehen kann, daß ich, obgleich fast alle meine Argumente in völlig anderen Bahnen laufen, im Grunde des Herzens beinahe mit jedem Worte Onkel Nevilles übereinstimme, und daß ich bereit wäre, die meisten seiner Schlußfolgerungen zu bestätigen. Ich bin überzeugt, daß in einem besonderen, und zwar in einem sehr wesentlichen Sinne, unser Volk im Daseinskampfe das kraftvollste auf der Welt ist, so daß keine irdische Macht imstande sein wird, es zu vernichten — solange wir uns selber treu bleiben und Sorge tragen, während wir unsere Herrschaft ausbreiten, niemals unsern insularen Gesichtskreis zu erweitern. Wo ich ganz besonders mit Onkel Neville übereinstimme, das ist da, wo er die ganze Schlußfolgerung auf ihren einfachsten Ausdruck bringt, auf den des „Hungers“, und das erläutert, indem er von den Buren sagt: entweder müssen sie fähig sein, ihre Stellung zu verteidigen, oder sie müssen weiterziehen. Das ist der eine große Grundsatz, der aller Politik zugrunde Liegt. Macht ist Recht. Und was mich empört, ist nicht die Tatsache, daß dieser Grundsatz anerkannt wird, sondern daß er beständig mit dem Mantel des Christentums, der Ehrlichkeit, des Mitleids und anderer schöner Gefühle zugedeckt wird. Was ist unser ganzer Streit über unsere Verträge mit den Buren anderes als kriechende Heuchelei? Wenn wir einen Paragraphen hineingeschmuggelt haben, der uns die Suzeränität zuspricht, so wurden die Buren damit bereits betrogen, denn sie hätten nicht unterzeichnet, hätten sie eine solche Auslegung vorhersehen können. Und wenn wir einen solchen zweideutigen Vertrag verfaßt haben, daß die höchsten gesetzlichen Autoritäten über dessen Auslegung uneins sind, so war das nichts anderes als direkte Unehrlichkeit.
    Ein Kaufmann, der einen Vertrag dieser Art abschlösse, würde zu Zwangsarbeit verurteilt werden. Dagegen ist Onkel Nevilles Weise, die Frage zu behandeln, offen und wahrhaftig: sind die Buren stark genug, ihr Eigentum zu verteidigen, so werden wir es nicht bekommen, sind sie das nicht, so werden wir es nehmen. Das ist Ehrlichkeit im höheren Sinne des Wortes. Der Kampf ums Dasein ist nach allen Seiten hin ein furchtbares Schauspiel, aber er ist eines der großartigsten Phänomene der Natur. Er ist weder sittlich noch unsittlich, ebensowenig wie es eine Lawine oder der Niagarafall ist. Sittliche Schönheit gleicht der Kunst und der Philosophie; sie ist ein innerliches, unsichtbares Geschehen, sie ist eine Welt innerhalb einer Welt, und die beiden Welten haben keine anderen Berührungspunkte miteinander als den in der Tiefe unseres Bewußtseins. Aber über   e i n e n   wichtigen Punkt sollte kein Zweifel herrschen. Gesetzt, daß zwei Männer sich im Kampf ums Dasein begegnen und der eine zu dem anderen so spricht, wie Onkel Neville es gegenüber den Buren tut: Bedauere sehr, mein Lieber, aber du mußt dich entweder davonmachen oder mir gestatten, daß ich dir eine Kugel in den Kopf schieße; der Mann, der so spricht, ist kein Christ; es ist eine ausgesprochene Gotteslästerung, den geheiligten Namen Jesus Christus unnütz zu brauchen — so wie wir das in der Armenischen Frage tun — und gleichzeitig zu einer der friedfertigsten und frömmsten Nationen der Welt zu sagen: „Fort mit euch, denn ich brauche eure Goldminen.“ Graf Tolstoi hat letzthin einige ergreifende Beispiele von dem aufgestellt, was die Handlungsweise eines wahren Christen in allen solchen Fallen sein würde. Der Mann, der im Kampf ums Dasein vor der Alternative Blutvergießen oder eigener Tod den letzteren erwählte, wie es Christus tat, indem er sagte: „Ich bin bereit zu sterben, damit ihr leben sollt“, dieser Mann würde ein Christ sein. Ich glaube, jedermann würde mit Freuden einräumen, daß wir Engländer am äußersten Grenzpunkt einer solchen Gefühlsweise stehen. Wir sind just die heidnische Nation und Rasse par excellence: Krieg, Eroberungen, Handel, Geld, Sport und vor allem eine beständige Bereitschaft, jeden Mann niederzuschlagen, der uns im Wege steht. Und das eine, was mich in England völlig anwidert, an den Engländern im allgemeinen und an der Politik im besonderen, ist dieses ewige Kokettieren mit einer Religion, die in direktem Gegensatz zu jedem ihrer Gefühle, Ansichten und Handlungen steht. Die Engländer gleichen den römischen Soldaten am Fuße des Kreuzes, die umherstehen und den Mann verspotten, der mit seinem Tode seine Göttlichkeit bezeugte. Ich halte das nicht für eines stolzen Volkes würdig. Laßt uns doch das Neue Testament kaltblütig verbrennen und nur Jehova, dem Gott der Schlachten, untertan sein, der stets der wirkliche Gott nach unserem Herzen gewesen ist.
    Es bleibt natürlich ein großer Fragepunkt übrig: Basil stellt in seinem Briefe den moralischen Einfluß der physischen Kraft gegenüber und stellt fest, daß beide niemals vereint gehen können. Es ist Christi Lehre, daß man nicht Gott und dem Mammon dienen kann — und niemand wird leugnen, daß wir seit langem den Dienst Mammons erwählt haben. Aber die Frage ist: Könnte nicht doch im Menschen eine rein moralische Kraft sein, wenn auch verborgen, wie es die Elektrizität vor hundert Jahren war, die nur hie und da während starker Gewitter als ein plötzlicher und rasch verschwindender Blitzfunken aufleuchtete, die sich aber doch eines Tages der physischen Kraft, ihrem Unternehmungsgeist und ihrer Unbezwinglichkeit überlegen erweisen würde?
    Mit diesem Fragezeichen will ich meinen Sang über Politik abbrechen, denn da ich nicht sehr von den Tagesereignissen hingenommen bin, könnte es geschehen, daß ich durch die Jahrhunderte zurückwanderte, was Deine Geduld allzusehr auf die Probe stellen würde.

*
—————
    ¹) Maybe The Ballad of Sally in our Alley by Henry Carey.
    ²) Chamberlain probably refers to the A1-steak sauce created by H. W. Brand, chef of King George IV.



440-441 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wahnfried, d. 30. Jan. 1896.

    Ihr Brief an Frau W., mein Freund, ist außerordentlich schön und muß sie beruhigt haben. Er drückt das Unaussprechliche aus, und in seiner bestimmten und doch geheimnisvollen Wiedergebung des Unfaßlichen stellt er das Gleichgewicht her. Es tut mir leid, daß sie verletzt war. Daß sie aber an Sie schrieb, zeigt, welches Vertrauen Ihr Buch ihr eingeflößt hat. Und so zweifle ich nicht daran, daß Ihre Zeilen ihr Heilung brachten.
    Es ist merkwürdig genug, daß ich ohne Ahnung von den Vorgängen Sie durch Eva um eine Umarbeitung dieser Stelle in Ihrem Buche gebeten hatte. Ich hatte sie kurz nach Ankunft des Buches gelesen und weiter nicht darüber nachgedacht. Aber wie die Arbeit der Eindrücke abseits unseres Bewußtseins still vor sich geht und ein Resultat sich einstellt, ohne daß wir es erwarten, nahm die Empfindung Gestalt, die ich Ihnen vermitteln ließ. Weiter habe ich darüber nichts zu sagen, denn Sie haben in Ihrem Briefe das Thema divinatorisch erschöpft.
    Ihr Brief an Ihre Tante hat uns gestern abend wahrhaft belebt. Er ist schlagend, wie alles, was von Ihnen kommt. Das Schönste darin ist für mich, was Sie über den Kampf ums Dasein sagen, und Ihre Empörung über die Benutzung der Religion zur Beschönigung der Naturkraft. Was mir noch bei Betrachtung des Sieges des Stärkeren über den Schwächeren ankam, ist: daß, wenn die numerische Zahl überlegen ist, man dabei den widerwärtigen Eindruck der Schwäche, das heißt der Feigheit hat. So die Spanier gegen die Niederländer, die Österreicher gegen die Schweizer, die Perser gegen die Griechen. Und wunderbarerweise ergibt es sich hie und da in der Geschichte, daß die weit Stärkeren in Anzahl und rabiat in ihrer Begierde doch weichen müssen. Da käme denn der elektrische Funke, von welchem Sie sprechen, zu seiner Geltung. Höchst einnehmend dagegen sind die Eroberungszüge der Normannen, wo eine Handvoll Menschen, wie z. B. in Rußland, ein großes Gebiet sich aneignet, die verschiedenen Stämme unterwirft und einen Staat aus den heterogensten Elementen bildet. Den normannischen Stamm haben Sie auch in Ihrer Schilderung des Engländers dargestellt. Er hat den Angelsachsen unterjocht und ihm seinen Stempel auferlegt, wodurch er ihn sich dienstbar und ähnlich gemacht hat. Aber der Angelsachse ist doch da, mit seinen ganz anderen Anlagen — zum Frieden, zur Religion, zur Philosophie, zur Dichtkunst. Er war es, der einmal England zum sangeslustigen Albion gemacht hatte. Er stellte, durch Shakespeare, seine erobernden Herrscher vor sein Gericht. Er hat dem Wotan einen Tag geweiht; er hat das Christentum mit Inbrunst, nicht
aus politischen Zwecken angenommen; er hat das Germanische in seiner Sprache gerettet und spricht zu uns, durch die einzig naiven Züge des Humors, wie man sie bei dem englischen Volke antrifft. Er lebt auch in Ihnen — möge die andere Kraft Ihnen noch so sympathisch sein. Wie recht haben Sie, daß in dem Insularischen, dem Abgeschlossenen, die Kraft und die Originalität Englands liegt.
    Wie wird Ihr Brief aufgenommen worden sein? Ganz verstanden? Das würde mich freuen.
    Wie war denn das Frühstück mit Schönaich? ¹) Das ist nun weder ein Normanne noch ein Angelsachse, aber etwas höchst Originelles; und ein solcher Sieg des Geistes über die Materie (worunter ich auch das Achtungswürdige verstehe) ist mir eigentlich nie vorgekommen. Auch hat er Gemüt, das ist nicht zu leugnen. Das geht mit ihm, wie der Page mit Sir John.
    Ist nicht etwas von Fiedler in Ihrem Bruder? Mit mehr Lebensfähigkeit, als leider dem edlen Freund zugeteilt war.
    Nun aber innigste Grüße und vielen Dank. Der Brief war wieder ein Meisterstück. „Frapper d'estoc et de taille“ — das ist Ihre Sache, und dabei sehr zart und tief sein und beschaulich.
    Leben Sie wohl, und seien Sie von uns allen auf das wärmte gegrüßt.

C. W.
—————
    ¹) Gustav Schönaich, music critic and wagnerite.


441-445 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

18/2/96, Wien.

    Gestatten Sie, hochverehrte Meisterin, daß ich Sie mit einer Frage belästige.
    Herr Bruckmann hat gelegentlich geäußert, daß er jemanden finden möchte, der ihm ein   B u c h   ü b e r   d a s   N e u n z e h n t e   J a h r h u n d e r t   schriebe. Auf diese Bemerkung antwortete ich zunächst gar nichts; mich ging die Geschichte nichts an. Aber auf einmal, dank der Influenza oder Gott weiß was, fing es an, ganz gewaltig in mir zu gären und zu kochen, und in wenigen Tagen stand eine vollständige, zum Teil recht ausführliche Disposition auf dem Papier, zu einem Buche, welches in 3 Teilen, 16 Kapiteln und etwa 66 Abschnitten dem genannten Thema gerecht zu werden suchte. Ich fand einfach keine Ruhe, bis alles ausgearbeitet war. Diese Skizze schickte ich dem Bruckmann und erhielt von ihm nach wenigen Stunden ein überschwengliches Telegramm und die Mitteilung, daß er nächste Woche nach Wien kommen würde — vermutlich also, um über diese Sache zu verhandeln, und in der Erwartung, daß   i c h   das Buch schreiben werde. Nächstens wird mir also das Messer an die Kehle gesetzt, und zwar in einer Angelegenheit, die jedenfalls   m e h r e r e   J a h r e   hindurch alle meine Kräfte beanspruchen würde. Verstehen Sie jetzt und entschuldigen Sie meinen Wunsch, mir bei Ihnen Rat zu holen?
    Ob ich, nämlich Houston Chamberlain, überhaupt befähigt bin, das Thema zu behandeln? Ja oder nein? Meinen Sie, daß die Eigenschaften meiner Begabung und die Mängel derselben sich zu einem solchen Thema derartig verhalten, daß man damit ein Maximum an Leistungsfähigkeit aus mir herauspressen könnte? Darauf kommt es an. Nicht drei Jahre seines Lebens auf eine Sache geben, die dann doch nicht ganz first rate ausfallen kann. Ein kleines Meisterstück oder gar nichts, spazierengehen und das Leben kontemplativ genießen: das wäre meine Empfindung.
    Damit Sie nicht einzig als delphische Orakelspenderin Ihr Urteil sprechen, will ich Ihnen wenigstens eine Idee von meiner Auffassung geben.
    Das Buch bestünde aus drei Teilen: der erste wäre einem Überblick vom Jahre 1 bis 1800 gewidmet, der zweite behandelte das XIX. Jahrhundert, der dritte wäre ein Versuch, die Bedeutung des XIX. Jahrhunderts vergleichend zu bestimmen.
    Der erste Teil zerfällt wieder in drei Kapitel: I Die Ursprünge (1—600), II Die Zeit der Gärung (600—1200), III Die Entstehung einer neuen Welt (von 1200 an). — Das erste Kapitel „Die Ursprünge“ besteht wieder aus folgenden Abschnitten:
  1. Das Erbe der Alten WeIt (hellenische Kunst und Philosophie, römisches Recht, die Gestalt Jesu Christi).
  2. Der Eintritt der Semiten in die Weltgeschichte.
  3. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.
    Das dritte Kapitel (ich gebe Ihnen nur Beispiele) „Die Entstehung einer Neuen Welt“ zerfiele in folgende Abteilungen:
  1. Die Entdeckung der Erde (von Marco Polo bis Cook).
  2. Das Volk (von der Gründung der Hansa bis zur Franz. Revolution). (NB. der Staat ist schon im II. Kapitel behandelt.)
  3. Die Industrie (von dem Aufkommen des Hemdes bis zur Erfindung der Dampfmaschine).
  4. Die Naturwissenschaft (von Occam bis Lavoisier).
  5. Die religiösen Bewegungen (von Waldus bis Wesley).
  6. Die Philosophie (von Albertus bis Kant).
  7. Die Kunst (von Dante bis Bach).
    Der zweite Teil des Buches, der Hauptteil, zerfällt nach meinem vorläufigen Plan in acht Kapitel. Von diesen acht nur einiges über das erste und letzte.
    Kap. I „Neu auftretende Kräfte“.
  1. Das mobile Vermögen: eine neue gesellschaftliche Macht.
  2. Die Presse: eine neue politische Macht.
  3. Die moderne Chemie: der Ausgangspunkt einer neuen Naturwissenschaft.
  4. Dampf und Elektrizität: neue Lebensgewohnheiten, neue Industrie.
  5. Die Entthronung der logisierenden Vernunft: Begründung einer neuen Weltanschauung (Schopenhauer).
  6. Die Vollendung einer neuen künstlerischen Sprache: die Musik (Beethoven).
    In den weiteren Kapiteln werden nun die Hauptzüge der politischen Gestaltung, der sozialen Gestaltung, die Fortschritte der Technik, der Naturwissenschaften, der „Humanitäten“ im Laufe des Jahrhunderts in kurzen Zügen behandelt, sodann die Philosophie, zuletzt die Schöpfungen der Kunst (eine „Literatur“ für sich kommt im ganzen Buch nicht vor). Leider reichen, wie ich sehe, meine Bleistiftnotizen für dieses letzte, achte Kapitel, nicht hin; es zerfällt in 4 Abschnitte, der letzte lautet:
    4. Richard Wagner: der überragende Genius des Jahrhunderts; die Stellung seiner dramatischen Schöpfungen im Verhältnis zur vorangegangenen Wort- und Tondichtung Deutschlands; ihre Stellung im Verhältnis zu den kulminierenden Erscheinungen des hellenischen Dramas (Sophokles), des spanischen (Calderon) und des englischen (Shakespeare).
    Über den dritten Teil des Buches — vielleicht den interessantesten — kann ich mich in wenigen Worten nicht klar aussprechen. Vielleicht genügt das eine, daß ich das XIX. Jahrhundert als eine bloße Etappe auf dem Wege vom XIII. zum XXIII. (oder XXV.) Jahrhundert auffasse und meine Meinung zu begründen suche, daß nichts von ihm bleiben wird, außer den Entdeckungen der Wissenschaften (keine aber ihrer Hypothesen) und einigen sehr wenigen Werken der Kunst. Recht unterhaltend wirkt die Parallele mit der Zeit der Ursprünge: Aristotelismus wieder aufblühend, das Problem des erblichen Eigentums akut, das Christentum genau so wie damals die Antithese des öffentlichen Lebens, der neue „Eintritt der Semiten“ in unserem Jahrhundert vollbracht, die Völkerwanderung der Germanen über den Erdball fortgesetzt etc., etc.! Gerade in diesem dritten Teil kommt die „Bayreuther Weltanschauung“ vielfach in entscheidender Weise zur Geltung.
    Doch genug!
    Mich würde die Aufgabe — trotz ihrer fast erschreckenden Größe — deswegen sehr anziehen, weil ich in der reinen Luft vollkommener Objektivität (im Goetheschen Sinne!) mich baden und sonnen könnte und mich gewiß sehr wohl fühlen würde. Zugleich wäre es eine unerwartete Lösung jenes „von außen“, von dem ich in meinem Vorwort neulich sprach. Die Schwierigkeit, von außen an die großen Erscheinungen der Menschheit heranzukommen, liegt in dem Mangel an Raum. Die Lebenserinnerungen der Pecht, Wesendonck, Heckel e tutti quanti sind allerdings auch „außen“ — oder wie man hier in Wien sagt „außi“ —‚ aber es ist, als ob man einen Überblick über den Mont Blanc von der schlammigen Moräne des Mer de Glace aus gewinnen wollte. In einem Rahmen von dreiundzwanzig Jahrhunderten dagegen würde sich, meine ich, Bayreuth ganz schön ausnehmen.
    Gegen meine Betrauung mit einem solchen Werke sprechen gewichtige Gründe. Erstens: ich weiß von Geschichte nichts, gar nichts — ich habe mir niemals eine Zahl, niemals einen Namen merken können —‚ ich bin noch ignoranter als Jean Jacques Rousseau; ich behalf mich bisher mit einer Art Traumbild, in weIches ich dann, wenn es not tat, hier und dort vorübergehend die „Ereignisse“ einfügte. Zweitens: ich müßte furchtbar viel Lesen. Ob ich das aushalte?
    Dessen kann ich Sie versichern, hochverehrte Meisterin, Ihr „nein“ wäre mir eine kleine Enttäuschung, aber eine große Erlösung. An Arbeit brauchte es ja deswegen nicht zu fehlen.
    In Ehrfurcht und voll dankbaren Vertrauens Ihr

Houston S. Chamberlain.


    PS. — Herrlich erfrischend wirkte neulich „Was ihr wollt“. In den belebten komischen Szenen so viel Leben und eine so wohltuende Derbheit, daß man aus dem homerischen Gelächter gar nicht herauskam. Allerdings mußte ich wieder bemerken, daß Sh. in deutscher Übersetzung sich zum wirklichen Sh. ungefähr so verhält wie ein Lamoureux-Konzert zu einer Bayreuther Aufführung.


445-446 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wahnfried, d. 22. Febr. 96.

    Mein Freund, Sie haben mir den Rat tüchtig erschwert!
    Mein erstes war ein dezidiertes, enthusiastisches Ja!, denn es ist sicher, daß Sie uns etwas Herrliches schenken werden.
    Wenn Sie mir aber die Bücherwürmerei evozieren, in welche Sie sich auf drei Jahre werden verkriechen müssen, wenn ich bedenke, wie notwendig Sie freie Zeit, Luft, ja Klimawechsel haben, dann sinkt mir der Mut zu meiner Bejahung.
    Ihre Einteilung hat mich ganz erregt. Ich würde nur bitten, den Deutschen Orden nicht auszulassen, dessen Geschichte ich immer lesen wollte, nie aber dazu kam. Dann würden Sie doch wohl den Dämon Napoleon nicht auslassen können und die wunderbare Gerechtigkeit der Geschichte im Krieg 70. Oder soll dieser Teil ganz ausgelassen werden?
    Ich bin ganz in die Begeisterung von Herrn Bruckmann geraten, auch glaube ich, daß Sie eine eigene und schnellere Art haben, sich anzueignen, was Sie brauchen, als die meisten Gelehrten, weil Sie ein ordnender Geist sind. Aber — ich habe nicht den Mut, zuzureden, Ihrer Kräfte halber!
    Ihre Lapidar-Inschrift [für eine Tafel an Haus Triebschen, die von A. Böhler ¹) gestiftet wurde] scheint mir sehr gut. „Meistersinger“ wurden in Biebrich begonnen, in Triebschen (und bei weitem der größte Teil) vollendet. Siegfried war in der Skizze bis zum 2. Akt fertig. Skizze des 3. Aktes und ganze Partitur wurden in Triebschen vollendet. Die „Götterdämmerung“ wurde 74 in Wahnfried vollendet. Ich würde noch den Kaisermarsch aufzählen und sicherlich „Beethoven“. (Auch das Siegfriedidyll.)
    Nur soviel für heute, um Sie nicht warten zu lassen. Ich bin so ziemlich am Schluß meiner Arbeit mit Frau Sucher und Gerhäuser und glaube, daß wir einen sehr schönen ersten Akt „Walküre“ haben werden. Beide sind warm, enthusiastisch und schöne Menschen!
    Leben Sie wohl, Freund! Möchten Sie doch etwas Gutes erfahren! Jeden Augenblick bringt mir Wolzogen die schönsten Zeugnisse von dem durch Ihr Buch hervorgerufenen Eindruck.

    Alles Herzlichste Ihrer lieben Frau!    C. W.
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    ¹) Albert Böhler, Viennese friend of Chamberlain.


446-447 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

24/2/96, Wien.

Hochverehrte Meisterin!

    Eine einzige Zeile nur, um den schuldigen Dank auszusprechen. — Bruckmann kommt erst Ende nächster Woche her; inzwischen verdanke ich Ihrer Ermutigung — die für mich geistigen Sonnenschein bedeutet —‚ gepaart mit Ihren so freundlich besorgten Bedenken eine sehr angenehme, produktive Stimmung: heute habe ich wieder auf meinem Spaziergang ein paar kapitale Einfälle gehabt — Licht spendende, Straßen bahnende —‚ zugleich aber habe ich die höchst angenehme Empfindung: ich darf denken, was ich will, auch Unsinn, es sagt ja kein Mensch, daß ich das Buch schreibe — Mich dünkt, das Weitere hängt jetzt von Bruckmann ab. Er muß mich so honorieren, daß ich die Hygienik des Bücherschreibens beobachten kann, und er muß mir das Bücheranschaffen auch erleichtern, da die Bibliothekleserei und -ausleiherei für mich nichts ist. Wenn ich ein Buch nicht besitze, so geht mir gar nichts davon in den Kopf; habe ich es, so brauche ich es gar nicht erst zu lesen — das Wissenswerte sickert so nach und nach von dem Bücherbrett hinab und durch meinen Schädel hindurch.
    Sollte ich es unternehmen, so brauche ich nicht zu sagen, wie innig dankbar ich für jeden Rat, für jeden Wink, für jedes Wort sein werde. Bei meinen bisherigen Veröffentlichungen war es aus 100 naheliegenden Gründen unmöglich, ein Atom Verantwortlichkeit auf Ihnen lasten zu lassen. Hier läge die Sache ganz anders. Ich klettere Ihnen auf alle Bergesspitzen um Mürren nach, wie ein Zeitungsreporter, einen Zettel in der Hand, und praktiziere den Gedankendiebstahl in großartigstem Maßstabe!
    Napoleon? Aber gewiß! Allerdings muß ich gestehen, daß ich mit dieser Erscheinung nicht ins reine kam. Ich hatte sie nämlich zuerst und mit einer gewissen „Selbstverständlichkeit“ zum XVIII. Jahrhundert gerechnet, als Personifikation der Franz. Revolution und als eine der Folgen der im XIII. Jahrhundert begonnenen Volksbewegung. Das schien mir aber zu kühn, zu unreif, und so kam er zu dem Kapitel: „Grundzüge der politischen Gestaltung“ und wohl nicht ganz zu seinem Recht, da hier die Angelsachsen und die Slawen einerseits, und anderseits die Ausbildung des festen (unausgebreiteten)   K e r n e s,   des deutschen Reiches, mein Interesse fesselten, und Napoleon merkwürdig geringfügig neben diesen weltgestaltenden und umgestaltenden Ereignissen wurde.
    Über den Deutschen Orden wollte ich auch etwas sagen — aber, nach einem heißen Arbeitstag werde ich gerufen, mich umzuziehen, wir gehen in „Götz von Berlichingen“. Dieser Dank soll aber abgehen — kurz und eilig geschrieben, aber tief und ewig.

    Ihr in Ehrfurcht getreuer

Houston S. Chamberlain.


447-448 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Bayreuth, d. 28. Februar 1896.

    Ich — habe bereits begonnen! Nämlich gelesen. Ein Band Treitschke bringt mir zufällig einen Aufsatz über den Deutschen Orden, den verschlingen wir jetzt.
    Napoleon betreffend rief einmal meine Mutter aus: „Dieu, qu'il était bête cet homme“, also, was Sie richtig als geringfügig bezeichnen. Ich habe mich öfters gefragt, ob, wenn er als Feldherr auf Genies wie Cromwell, Friedrich den Großen oder einen Strategen wie Moltke getroffen wäre, seine Erfolge auch nur bemerkenswert gewesen wären; und ob er als Dämon oder Wüstenwind mit Erscheinungen wie Attila, Tamerlan oder Dschingis-Chan es aufnimmt, weiß ich nicht, denn sein komödiantisches Wesen benimmt ihm die Urkraft. Was er als Gesetzgeber war? Ob da schöpferisch, kann ich gar nicht beurteilen. Zweierlei aber bleibt ihm, die merkwürdige Erscheinung, der Cäsarentypus und das rastlose Sichverzehren bis zum Untergang, die Verachtung jeglichen Genusses oder Behagens. Der instinktive Haß gegen das Germanische, der sich bei ihm ausspricht, ist auch bemerkenswert.
    Ich bin begierig, welchen Eindruck Ihnen „Götz“ gemacht hat. Ich liebe ihn sehr, aber die schlechten Schauspieler können ihn vernichten, was sie mit Shakespeare nicht fertigbringen. Mein letzter Versuch, „Götz“ zu sehen, war mit dem guten Fiedler ¹); ich sah ihn immer dünner und bleicher werden, bis ich zu unserer beider Befreiung vorschlug, das Haus zu verlassen. Ein dem Hans Sachs nicht unähnlicher, echt deutscher Gemütszug webt im „Götz“, und wie schön die Szene, wo sie unentrinnbar belagert sind und die Freiheit leben lassen.
    Was die (Tieck-Schlegelsche) Übersetzung von Shakespeare betrifft, so sind wir in der Liebe zu ihr groß geworden, weil uns der größte Dichter durch sie zu einem heimischen Besitz geworden ist. Ich glaube kaum, daß man den „Hamlet“ getreuer und selbständiger übertragen kann, aber ich gebe Ihnen gerne zu, daß, sobald man den englischen Text vernimmt, eine Wirklichkeit, ein Licht und eine Farbe auf einen eindringt, gegen welche die Übertragung sich wie ein edles Traumbild ausnimmt. Wie gern hätte ich das „Was ihr wollt“ gesehen! Der herrliche Malvolio!
    Nun lassen Sie mich hoffen, daß Ihr neues Buch uns sehr viel zusammenführen wird. Wollen wir nicht nach den Festspielen irgendwo gemeinsam uns niederlassen, wo es recht still und schön ist? Sinnen Sie das hübsch aus, und hatten Sie sich gut, und seien Sie von uns allen auf das wärmte gegrüßt!    C. W.
—————
    ¹) Dr. Konrad Fiedler, Jewish art historian and wagnerite.


448-449 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wien, 10. März 96.

    Einen definitiven kontraktlichen Abschluß hat das neue Vorhaben noch nicht gefunden; eigentlich haben wir uns aber gegenseitig dazu moralisch verpflichtet. Einzig die Honorarfrage bleibt noch schwebend; ich verstehe mich auf derlei absolut nicht und finde die Leute immer unglaublich anständig, wenn sie mich zu einem etwas geringeren Lohne als einen Straßenpflasterer arbeiten lassen. Meinen ursprünglichen Entwurf werde ich Ihnen, hochverehrte Meisterin, diese Woche noch schicken. Er ist sehr ungleich ausgefallen, und ich bitte natürlich meinen Titel „Erster Orientierungsversuch“ zu beachten. Es liegt mir aber gerade daran, Ihnen diesen ersten Wurf mitzuteilen, denn ich weiß nicht, ich glaube aber fast, daß ein solcher Embryo, tout d'un jet entstanden, die Vorzüge und die Schwächen des ausgeführten Werkes schon andeutet. Ihr warmes Interesse aber für den Flug, den ich vom Bayreuther Nest aus zu unternehmen mich erkühne, läßt mich die Empfindung als nicht unbescheiden empfinden.
    Bruckmann hat sich verpflichtet, mir — nach meiner eigenen Bestimmung — Werke zu eigenem Besitz anzuschaffen. Ich beabsichtige natürlich die allerstrengste Beschränkung (soweit irgend tunlich) auf das Bedeutendste allein, auf das Gedankenvolle und zugleich Hellblickende. Wenn Ihnen zu den verschiedenen Punkten meines Programms derartige meisterliche Abhandlungen einfallen, so wäre ich zu unendlichem Danke verpflichtet. Die Titel auf einem Zettel genügen.
    Wie gräßlich deutsche Gelehrte schreiben können, habe ich vor kurzem für den Preis von 10 Mark erfahren: der Titel „Ethnische Elementargedanken der Menschen“ und dabei der Autorenname A. Bastian, einer der berühmtesten lebenden Ethnologen, verführten mich zur Bestellung. Ich schlage at haphazard auf und schreibe einen Absatz ab: „Aus dem Denkreflex des Zoon politikon — worin, als seinem 'totum divisum' (jedesmaligen Gesellschaftskreises), das psychologische Individuum den Ziffernwert des eigenen Selbst zu fixieren hat — treten in den Differenzierungen des Völkergedankens Anschauungsbilder entgegen, die aus den, im Umschluß geographischer Provinzen (unter deren historischen Konstellationen), betätigten Agenzien zu realisierter Verwirklichung (oder Inkarnation) gelangt sind, unter dem Bann festgeregelter Gesetzlichkeiten, von denen (im logischen Rechnen) der Logos redet, wenn die zeiträumlich geschmiedeten Gleichungsformeln lockernd, beim Hinausstreifen auf eine 'höhere Analysis', für freieren Schwung (der, ihrer Zeitrichtung zugewandten Denkregungen).“! So geht's 500 Seiten lang, Satz für Satz! Ich bin neugierig, ob Wolzogen den Sinn jenes Satzes entdecken kann? Solche Bücher möchte ich vermeiden!
    Ein anderes Mal über den herrlichen „Götz“ und über das durch Frau Wolter fast zugrunde gerichtete „Wintermärchen“.
    In Ehrfurcht und Treue Ihr

Houston S. Chamberlain.


449-450 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

14. 3. 1896.

    Mein Freund, Ihre Übereinkunft mit Bruckmann freut mich, und doch bangt mir vor der ungeheuren Arbeitslast, die Sie sich auferlegen.
    Die vergeudeten 10 Mark an den ursprechenden Ethnologen haben mich wahrhaft geschmerzt.   S o l c h   ein Buch bekommen Sie sicher nicht von mir empfohlen! Ob ich aber imstande bin, Ihnen die richtigen zu nennen? Ich glaube, Sie überschätzen mich, aber ich will sehen. Jedenfalls bin ich auf Ihr Schema sehr gespannt. Nur zu gut begreife ich, daß   S i e   keine Bedingungen stellen können. Geistige Erzeugnisse und Zahlen will eigentlich nicht zusammengehen. Die dichterische Tätigkeit hat ihre Schamhaftigkeit.
    Wir Leben mit Ihrem Buch [„Richard Wagner“] eigentlich. Ich Lese jetzt mit Eva das herrliche Kapitel der Regenerationslehre. Es ist nicht genug zu rühmen, mit welch einem ordnenden Sinn Sie in alles Klarheit gebracht haben, und wie Sie es möglich gemacht haben, durch beständige
Zitate hindurch, doch den Faden so fest in der Hand zu behalten, daß Sie ein wirklicher Führer sind. Auch die Rassenfrage haben Sie außerordentlich schön breit und eindringlich behandelt! So hat denn wirklich dieses Buch „einige Bedeutung“.
    Es hat mich sehr gefreut, daß „Götz“ zu Ihnen gesprochen hat, denn nichts stimmt mich wehmütiger, als wenn ich wahrzunehmen glaube, daß die einst mitteilungskräftigen Akzente des Genius allmählich sogar auf die Hochbegabten ihre Wirkung verlieren müssen! Zeit und Raum in ihrer drückenden Gewalt!
    Immer wieder erzählen mir die Kinder von den schönen Stunden bei Ihnen. Gestern war unsere Abendmahlzeit davon erfüllt. Auch die herrlichen englischen Konserven wurden erwähnt.
    Seien Sie, Freund, von uns allen, jeder auf seine besondere Weise, gegrüßt!      C. W.


450-452 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

16. III. 1896.

    Einzig Schön, mein Freund, breit, groß und eigenartig. [Bezieht sich auf den übersandten „Orientierungsversuch zu den Grundlagen“.] Es entsteht hier wieder etwas, was uns unbeschreiblich fesseln wird; vor allem nehmen Sie die Larve der Dinge weg und setzen sie in ihr richtiges Verhältnis.
    Der Gedanke, daß das Germanentum die eigentliche Wendung gebracht hat, hat mir ungemein eingeleuchtet. Würde es in Ihren Plan passen, die Reformation als die germanische Herstellung des Christentums aufzuweisen und zu konstatieren, daß seit der Reformation alle Geschichte von den protestantischen Ländern ausgegangen ist, alle wahren Helden, d. h. solche, die entscheidend die Geschicke der Völker beeinflußten, Protestanten waren? Wogegen der Katholizismus, dem jesuitischen Geist in die Arme getrieben, nur mehr das Leben des äußeren Besitzes und der nichtssagenden Verbreitung hat und sich darauf angewiesen sieht, durch Erziehungsanstalten die Charaktere zu brechen, die Geister zu entmannen und Geschichte, Wissenschaft und Religion verfälscht den verkrüppelten, wahrheitunfähig gemachten Zöglingen zu bieten. Österreich, Frankreich, Spanien legen Zeugnis ab.
    Überrascht hat mich die Bedeutung, welche Sie Byron geben. Ich muß ihn wieder lesen. Als Lyriker ist er mir nicht naiv erschienen, als Epiker nicht so reich an Phantasie wie etwa Ariost; Dramatiker war er gar nicht, so daß ich eine Erscheinung wie Kleist, der doch ein vollendetes Drama schuf, welches neben Calderon seinen Wert behauptet, weit höher als Byron stelle. Aber, wie gesagt, ich will Byron wieder lesen.
    George Sand, Balzac etc. zählen wohl nicht da, wo die Linien so groß gezogen sind.
    Die   N e g e r   haben mich überrascht. Aber ich bin ganz vorbereitet, überzeugt zu werden.
    Nun will ich noch etwas sehr Dummes sagen: Brauchen Sie die Landwirtschaft nicht und ihre Entwicklung oder ihren Zurückgang im Gegensatz zu der Industrie?
    Indem ich das schreibe, da ich rein gar nichts von diesen Dingen weiß, kommt mir ein eigenes Gefühl von Torheit an.
    Ihre Sendung, immer hoch willkommen, kam gestern zur besonders guten Stunde. Ich war bei der Unterweisung des armen Burgstaller maßlos heftig geworden. Siegfried machte mich darauf aufmerksam, und insbesondere auch darauf, daß ich auf diese Weise meinen Zweck nicht erreichte, ja vernichtete. Die Beschämung, die über mich kam, hinterließ bei mir eine große Depression. Ich glaube, daß kaum ein Mensch das Gefühl der Unzufriedenheit mit sich   s o   kennt wie ich. Eva schlug mir die Lektüre Ihres „Versuches“ vor; und wirklich, es hat mir unsäglich wohlgetan. Man verliert sich selbst in solchen Betrachtungen und damit die Last des Daseins. Haben Sie Dank!
    Die Wolter sah ich vor über 30 Jahren bei Ihrem Debut im „Wintermärchen“. Das Stück erschütterte mich derart, daß ich an die Darstellung gar nicht dachte. Jetzt aber in der Erinnerung geht es mir auf, daß sie ganz schlecht war; und nun die Zeit! Damals war sie wenigstens schön. Ich kann mir denken, welche Verzerrung und kalte Affektation ein unbegründeter Ruf über sie gebracht hat.
    Wolzogen kennt Bastian, sagt, es sei ein vorzüglicher Gelehrter, sein Stil aber so unmöglich, daß er ihn selbst nicht für die Verrottung der Sprache verwenden kann. [Vgl. Wolzogens Aufsatz „Über Verrottung und Errettung der deutschen Sprache“, „Bayr. Bl.“ 1879.]
    Leben Sie wohl, Freund, und nochmals den wärmsten Dank! Es wird herrlich, Ihr Buch!
    Von Herzen grüßen wir Sie alle!

C. Wagner


452 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

20. III. 1896.

Liebe Freundin [Anna Chamberlain]!

    Grüßen Sie Ihren lieben Mann und sagen Sie ihm von mir, er solle sich ja nicht anstrengen.
    Bezüglich Byrons ist es freilich Sicher, daß die grenzenlose Bewunderung Goethes einem schon auffallen muß. Ich glaube, daß die Persönlichkeit auf Goethe, dem ganzen Pedantismus seiner Umgebung gegenüber, wie ein Himmelslicht wirkte. Der Stolz, der Mut, die Wahrhaftigkeit, der Bruch mit aller Konvention, die Genialität, die entschiedene Originalität seiner Dichtungen und das Ungespreizte davon; endlich die hinreißende Schönheit der Erscheinung, und das alles lebendig pulsierend, üppig, da blieb nichts für die Objektivität übrig, da   m u ß t e   zugejubelt werben. Ich glaube, daß jetzt Goethe sich anders verhalten würde, wo nur die Werke vor uns stehen.
    Noch eine Frage habe ich an Ihren Mann: Warum er Sophokles, nicht Äschylos als Typus der griechischen Tragödie aufstellte?
    Dann — möchte ich Luther ans Herz Legen, als Retter des Germanentums, des Glaubens, der Sprache, des Gesangs.
    Kennen Sie Goethes herrliches Gedicht: „Den deutschen Mannen gereicht' s zum Ruhm, Daß sie gehaßt das Christentum?“ Es endigt nämlich mit Luther, und man empfindet, wie diese heidnische Kraft zur Glaubensmacht wurde und wir alle dadurch gegen jeden Zwang protestieren...
    Nun, gute Nacht, liebe Freundin, es ist spät, wir gehen zu Bett, aber so müde ich bin, sind meine Grüße doch lebendig und wahr!

C. Wagner.

    PS. Ich   m u ß   noch hinzufügen, daß der Philister, als Typus des XIX. Jahrhunderts, mich glücklich gemacht hat.


453-454 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

23. III. 1896.

„Vermischte Mitteilungen aus der Blümelgasse.“

    1. Vielen Dank für alles über Byron. Was Sie über seine Persönlichkeit sagen, zeigt mir, warum ich ihn nicht einfach streichen konnte, klärt mich aber zugleich über das unheimliche Gefühl der „Phrasenhaftigkeit“ auf, was mich beschlich, als ich seine Werke hinzunahm. Aber natürlich Kleist — und somit ganz richtig die gesamte dramatische Bewegung eine   d e u t s c h e.
    2. Auch für Katholizismus etc. danke ich. Nur werde ich diese Frage wohl weiter fassen müssen. Nicht Katholizismus + Protestantismus kann ich brauchen, sondern römisch-semitische Kirche gegen   n i c h t - r ö m i s c h - s e m i t i s c h e.   Das immense slawische Volk muß zu seinem Recht kommen und vervollkommnet auch das Bild der lähmenden Wirkung des Katholizismus. Denken Sie an die Bogomilen! Betrachten Sie die Slawen, die sich inmitten des bigotten Ungarn stets, durch die Jahrhunderte hindurch bis auf den heutigen Tag, anti-römisch und ausgesprochen national (also arisch) erhalten haben.
    3. Auch die Anregung über Landwirtschaft soll nicht verlorengehen.
    4. Möchte ich Sie um eine Gunst bitten: nämlich die zwei Seiten (bei Gelegenheit) zu lesen, die [im Buch „Richard Wagner“] ganz unten auf S. 306, nach dem Strich beginnen. [Sie enthalten den zusammenfassenden Schlußabschnitt des III. Kapitels „Die Bedeutung der Dramen Richard Wagners in der Geschichte der deutschen Kunst“.] Es ist dies gewissermaßen ein Höhepunkt der Darstellung; gerade hier wollte ich aber bei aller Bestimmtheit doch möglichst „reserviert“ im Ausdruck sein. Ich fürchte,   g a n z   vorsichtig werde ich nie werden können. Ihre Mahnung werde ich aber nie vergessen. Hier hatte ich nun ein bestimmtes Publikum im Auge und eine bestimmte Überzeugung so auszusprechen, daß jedes Wort wahr und des Gegenstandes — wenn nicht würdig, so doch nicht unwürdig sei, und mir dieses Publikum doch nicht gleich davonliefe.
    Ach, noch eins!
    Wissen Sie, wie die Stelle [Richard Wagners Ges. Schr. u. D.], Band IX, pag. 116, zu verstehen ist über Bach? Neulich begegnete ich einer mir schon von früher her erinnerlichen und, ich glaube, wohl erhärteten Angabe, wonach Beethoven   f a s t   g a r   n i c h t s   von J. S. Bach gekannt habe — einzig und allein einen kleinen Teil seiner Klavierkompositionen. Die feurige Begeisterung für Händel in seinen allerletzten Tagen würde das wohl bestätigen, weil sonst, nicht wahr, fast unerklärlich?
    In Treue und Ehrfurcht Ihr

Houston S. Chamberlain.


454 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wahnfried, 26. März 1896.

    Freilich haben Sie recht mit den Slawen und der orthodoxen Kirche. Das alles gehört in die Protestation gegen den römisch-semitischen Realismus. Gegen die Tendenz, die Religion als Mittel zu Macht und Besitz zu gebrauchen.
    Aber Luther als Persönlichkeit möchte ich Ihrem dichterischen Blick empfehlen und die merkwürdige Erscheinung, daß seit ihm alle wahrhaft großen Männer der Geschichte Protestanten waren. Coligny, Wilhelm von Oranien, Gustav Adolf, Cromwell, der Große Kurfürst etc.
    Wie man sagt, komponiert Strauß: „So sprach Zarathustra“; das ist alles „Richtung“, so herrlich abgetan im Kapitel „Kunstlehre“.      C. W.


454-455 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wahnfried, 28. März 1896.

    Beethoven hat das Wohltemperierte Klavier von Bach gekannt. Das Buch mit den krausen Zeichen bedeutet dieses Werk. Die Passionen und die Messe sind nicht zu ihm gelangt. Daher kann man sich seine Bewunderung für Händel erklären. Der Aufbau der Chöre, die Wirkung dieser kunstreich kombinierten Massen, die ernste Tendenz der Werke gegenüber der Opernfrivolität oder -dürre läßt sich erklären.
    In einem gewissen Sinne könnte ich mir vorstellen, daß die tiefsinnigen Erbauer der alten Basiliken, die uns den christlichen Gedanken auszuatmen scheinen und uns in Andacht versinken lassen, wenn sie Palladios Kuppeln und Kolonnaden erblickt hätten, doch große Bewunderung für die kühne Freiheit dieser dekorativen Kunst empfunden hätten, die uns nur ergötzt, aber uns nicht sehr viel sagt. Ich habe die zwei Seiten von pag. 306 ab gelesen und kann nur sagen,   s o   i s t   e s,   und staunen über die Kürze, die Klarheit und die der Frage angemessene Behutsamkeit. Man kann dies wohl
als klassisch bezeichnen.
    Wie bin ich aber dazu gekommen, Vorsicht zu empfehlen? Ich muß sie leider üben, weil ich ohne sie viel Schaden unserer Sache antun würde. Aber es ist eine der Eigenschaften, für welche ich die geringste Schätzung habe, und verstehe ich sie nur als Opfer, welches ich allerdings öfters meinen Kindern empfehle.
    Wär' ich besonnen, hieß ich nicht der Tell (der Tolle, der Tor). Allerdings gibt es ein gewisses Ins-Zeug-Gehen und abenteuerliche Tollkühnheit, die mir recht zuwider ist, und die dem wahren Helden ganz fremd ist. Mündlich verarbeiten wir auch dieses Thema.
    Anbei Wolzogens schönes Gedicht [zum Geburtstag Adolf von Groß'; abgedruckt im „Bayreuther Festspielführer“ 1930]. Finden Sie nicht, daß Schillerscher Geist darin weht?

    Seien Sie gegrüßt, Freund!    C. W.


455 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wahnfried, 7/4 1896.

    Ich habe in diesen Tagen die 4 letzten Seiten der „Kunstlehre“ vollendet. Ich lese langsam, mit Wiederholung und Nachschlagen; habe aber auch einen unendlichen Genuß davon, denn es ist   h e r r l i c h,   durch das überallhin durchdringende Licht und überall durchpulsierende Leben. Klindworth schreibt mir auch, daß er seine größte Freude an dem Buche habe. Ich glaube, daß seine Wirkung unabsehbar ist, und werde dadurch zur Optimistin.
    Ein Büchlein hat, nebst Ihrem Buche, uns ganz eingenommen: Sprüche von Angelus Silesius. Wundervoll, kindlich und erhaben. Schopenhauers Weisheit als Lieblichkeit sich enthüllend, uns Frauen traulicher als der indische Tiefsinn. Man fühlt sich wie im Paradies!
    Leben Sie wohl, Freund! Hoffentlich ist Klang und Licht wieder bei Ihnen eingekehrt.
    Herzlichsten Gruß Ihnen beiden!    C. W.


455-457 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wien, 8. IV. 1896.

    Soeben habe ich den zweiten Teil meiner physiologischen Arbeit beendet (die „Analyse des expériences“) — nach drei Tagen Arbeit bei höchster Dampfkraft; ich fühle mich sehr erschöpft, wie das bei solchen Gelegenheiten üblich —‚ doch nicht zu sehr, um Ihnen, hochverehrte Meisterin, für Ihre Zeilen zu danken. Daß Sie mein Buch lesen würden, habe ich niemals im Traume mir gedacht; daß Sie es nun doch tun, und zwar mit Befriedigung, beglückt mich — ich gestehe es — mehr als vielleicht irgend etwas, was ein lebendes Wesen mir antun könnte. Natürlich, je größer die Begabung, um so größer die Nachsicht, und dann — leben Sie auch jetzt abseits von ihr, Sie haben doch die Welt zu gut gekannt, um nicht neben der Darstellung auch den Zweck der Darstellung sich mehr oder weniger bewußt gegenwärtig zu halten, was zu einer gerechten Beurteilung durchaus nötig. Natürlich fehlt das rein persönliche Element bei meiner Freude nicht; man lebt ja mindestens ebensosehr von Ermutigung und Anerkennung wie von Brot und Wein, und wenn ich in den letzten Jahren leistungsfähig geworden bin, so ist es zweifelsohne in allererster Reihe, weil ich von Ihnen diese Nahrung empfing, die mir vorher entweder ganz mangelte oder doch nicht auf einem so sonnigen Boden gewachsen war, daß es neue Lebenskräfte hätte in mir erwecken können. Jedoch, mein Buch liebe ich tausendmal mehr als mich selber, und so erhoffe ich vor allem diesem Werke recht viel Gewinn von Ihrem Interesse. Die Welt ist ja nicht so dicht mit Talenten besät, daß einer es mir bald nachmacht; das nächste   b e s s e r e   Buch über den Gegenstand muß also die neue Auflage dieses Buches sein; was an mir liegt, möchte ich nicht ungetan lassen. Was könnte mich aber mehr hierin fördern, als wenn Sie in unseren Gesprächen (hoffentlich wird es doch einmal welche geben!) mich auf Irrtümliches, Mißverständliches, Ungenügendes usw. aufmerksam machen wollten. Natürlich habe ich weniger das Detail als die großen Linien im Sinne. — Ob Sie sich entschließen können, das Kap. III zu lesen, bezweifle ich. Gerade hier wäre mir aber Hilfe, glaube ich, recht vonnöten. Ich halte diesen Abschnitt für den schwächsten. Ein wachsender Widerwille, über diese Wunder aller Kunst zu schwatzen, lähmte meine guten Absichten. Die Ausführungen über die Werke der ersten Lebenshälfte enthalten, glaube ich, einige treffende Bemerkungen (z. B. pag. 223); schon Tannhäuser-Lohengrin kommt mir aber zu breit und langweilig vor, und bei den Werken der 2. Lebenshälfte fehlt vielleicht doch ein leitender Gedanke, der das Ganze organisch zusammenhielte. Was gesagt wird, ist vielleicht ganz richtig und nicht uninteressant, aber man könnte auch etwas anderes über jedes Werk sagen, was ebenso richtig und ebenso interessant wäre. Und doch, ich weiß nicht, ob ich mit diesem Gefühl recht habe. Kurz, ich weiß nicht, „si j'ai fait quelque chose qui vaille“ in diesem Kapitel oder nicht. Vielleicht benutzen Sie gütigst eine Gelegenheit, um von irgendeinem kompetenten Menschen ein Urteil einzuholen? Die Frage ist nur,   w e r   ist kompetent? Die Künstler sind nicht genügend Denker, und die Denker nicht genügend Künstler, fürchte ich.
    Heute abend findet in Zürich die erste Aufführung des „Weinbauern“ statt. Ich danke Gott, daß ich durch meine Erkrankung und das schlechte Wetter verhindert bin, der Verhunzung meines kleinen Werkes beizuwohnen. Man telegraphierte mir, es sei dermaßen zusammengestrichen, daß manchmal der Zusammenhang unklar bleibt. Dekorationen und Kostüme sind natürlich n'importe comment zusammengestellt worden. Und nun — aber bitte, nicht gleich umdrehen —‚ wie viel Proben glauben Sie im   g a n z e n?   Z w e i!   Nun, das würde ja alles erträglich sein, wenn nur ein guter Jan gewählt worden wäre. Er soll aber miserabel sein! Und dennoch soll die erste (kostümlose) Probe „dramatisch interessant“ gewirkt haben, telegraphiert ein kühler Beobachter. Der einzige gute Schauspieler soll Martin sein; der einzige, der die Sache mit Liebe durchführt. Soeben erhalte ich eine Depesche nach der heutigen Generalprobe: der zweite Akt (dank Martin und Volksszene) soll bei weitem das beste sein, der erste und dritte dagegen „regrettablement mal joués“. Ein ganz klein bißchen Herzweh überkommt einen doch. Ich denke aber, wenn das Ding nicht ganz skandalös durchfällt, wird mir die Aufführung doch nützen. Es ist ein großer Unterschied zwischen einem aufgeführten und einem unaufgeführten dramatischen Autor, und wenn nur ein einziger Mensch in der Presse ein freundliches Wort sagt, wird schon Bruckmann Kapital daraus schlagen, um — wenn möglich — eine Aufführung in München durchzusetzen, die dann entweder würdig oder gar nicht sein soll. — Kurz, ich denke, die Aufführung in Zürich wird schon zu Gutem führen, und füge mich so gelassen wie möglich in die mir angetane Schmach.

    In Ehrfurcht und Dankbarkeit Ihr

Houston S. Chamberlain.


457-460 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wien, 11/4/96.

    Mein armer „Weinbauer“ ist — soviel ich weiß — nicht einmal durchgefallen. Die zwei von mir bevollmächtigten Freunde haben am Tag der Aufführung gleich nach der Generalprobe die Zurücknahme des dermaßen erbärmlich zugerichteten Stückes energisch gefordert, aber ohne Erfolg. Um Ihnen, hochverehrte Meisterin, von der „Zurichtung“ eine Idee zu geben, genüge die eine Tatsache, daß   d e r   g a n z e   S c h l u ß   weggefallen war; man wußte nicht, ist Jan tot oder nicht! Nach der Generalprobe schrieb mir der eine Freund: „Das einzige, was mir von dieser traurigen Erfahrung blieb, war, daß ich Ihre dramatische Begabung bewundern lernte (er hatte sehr kühl nach der Lektüre geurteilt). Trotz der entsetzlichen Verstümmelung und des sinnlosen Spieles brachte die Dichtung stellenweise wirklich tiefe Wirkung hervor.“
    Früh durchflog ich den Aufsatz des Lange, der die „Tägliche Rundschau“ herausgab, und nun — angeblich um sein Deutschtum reinzuhalten — ein neues Blatt gegründet hat und einen ersten, offenbar lange und gründlich vorbereiteten Eröffnungsartikel bringt über die Notwendigkeit, das Deutsche zu retten usw., wobei dann gelegentlich Bayreuth als „ein Schatten“ bezeichnet wird, „groß, aber gefährlich“ (!!!), dagegen die moderne deutsche   M a l e r e i   als sehr verheißungsvoll hingestellt! Wenn das le premier venu sagte, so wäre diese blöde Albernheit keiner geringsten Achtung würdig; das sagt aber einer der offenbar ernstesten, besten Deutschen, ein Mann, dem jetzt einige Hunderte und Tausende mit ihren Ersparnissen sein Blatt gründen und frei von kommerziellen Beeinflussungen erhalten. Es ist doch ein zu rätselhaftes Volk, dieses deutsche, ohne jeglichen Instinkt, ohne jegliches Unterscheidungsvermögen. Die dummen Verzerrungen, die Leute wie Max Klinger an beim wirklich begabten virtuosen Leistungen eines Félicien Rops usw. ausüben, das halten sie für „deutsche Kunst“, das heißt, sie halten es dafür, weil sie ebensowenig Augen zum Sehen wie Ohren zum Hören haben, sondern einzig ein blindes und taubes, gestaltloses Gehirnplasma, welches nicht einmal über   H ä n d e   gebietet, um schöne Form wenigstens tastend wahrzunehmen, und welches, dergestalt organlos, ohne jegliche Berührung mit der Welt der Sonne und der Freiheit, innerhalb des ewig dunkeln Gehirnkastens nutzlos und erfolglos, ohne zu verstehen und ohne zu erschaffen, brütet und salbadert und der gesamten Schöpfung zum Spott wird.
    Na! und noch eins, was der schlechten Laune eine pittoreske Wendung geben wird. — Mein japanischer Bruder kam neulich in Neapel an. Er reiste diesmal mit dem Deutschen Lloyd, mit dem er recht zufrieden war (viel besser als die englischen Schiffe, wenn auch nicht von weitem mit den unvergleichlichen französischen „Messageries Maritimes“ in Parallele zu stellen); die Musik aber, „a brass band and a string band“, die früh und zu den Mahlzeiten und abends spielt, bat meinen Bruder an den Rand des Wahnsinns gebracht. Alle Tage Potpourris aus „Martha“ und „Norma“ und endlose Variationen über „Tararaboumdié“ und dergleichen, als ob in Deutschland gar keine andere Musik bekannt sei. Dagegen brachte mein Bruder die zwei Tage in Singapore in dem Hause von wohlhabenden englischen Freunden zu, die sich dort niedergelassen haben, weit ihnen das Klima am Äquator am meisten zusagt; sie finden es auch „zentraler“ als Europa, da sie von dort aus ihre Ausflüge einerseits bis nach Italien und Deutschland (Bayreuth), anderseits aber ebenso leicht zur Abwechslung nach Java, Neuseeland, Japan und Peru ausdehnen können. Mein Bruder fand nun dort in dem (nach äquatorialer Sitte) enormen, 70 Fuß langen Salon zwei Konzertflügel und eine große Orgel. Und da die Wirte seine Leidenschaft für Musik kannten, so wurde, unter Zuhilfenahme vorzüglich begabter englischer Liebhaber aus der Umgegend, unaufhörlich musiziert, und zwar einzig   B e e t h o v e n   u n d   d i e   B a y r e u t h e r   W e r k e!   So erlebte mein Bruder z. B. eine ziemlich ausführliche Aufführung des „Tannhäuser“: die Chöre sehr eindrucksvoll auf der Orgel vorgetragen. Fenster werden dort gar nicht erst eingesetzt; alles bleibt immer offen; und so fliegen die Paradiesvögel heran und lauschen erstaunt dem Konzert. — Was Herr Lange wohl dazu sagt? Ich kenne ja diese musikalischen Engländer; ich weiß, wo die nahen Grenzen ihrer Begabung gezogen sind; aber sie sind doch wenigstens begabt, vielleicht ähnlich begabt wie die Paradiesvögel, und sie dienen, um einen beim grauenvollen Anblick gewisser Deutscher zu trösten.

    In Ehrfurcht Ihr         Houston S. Chamberlain.

    PS. Wissen Sie, daß ich der allererste Mensch bin, der gegen die grotesken Machwerke Wilders [Übersetzer der Wagnerschen Dramendichtungen ins Französische] ¹) öffentlich loszog? Es war mein erster kritischer Aufsatz — im Jahre 1886. ²) Ein Freund Wilders erzählte mir, dieser habe zwei Stunden lang über den Aufsatz wie ein Kind geweint; er sah ein, daß kein Wort darauf zu erwidern war. Nicht nur dient dieser jetzt vergessene Aufsatz den heutigen Journalisten als Fundgrube für ihre improvisierte Weisheit, sondern — um die Quelle nur ja zu maskieren — wurde unlängst in der französischen Presse allgemein   I h n e n   ein Wort daraus zugesprochen: „Ces traductions ne sont ni littéraires, ni littérales!“ Daß Sie jetzt meine Bücher schreiben, habe ich schon öfters gehört, und da Sie die Muße fanden, die „Federspiele“ und der „Ring des Frangipani“ [Werke Henry Thodes] zu verfassen, wunderte es mich nicht; daß Sie aber meine Artikel zu einer Zeit schon schrieben, als wir uns noch nie gesehen hatten, ist wirklich rührend.
—————
    ¹) Jérôme Albert Victor van Wilder, Belgian poet.
    ²) La Walkure de Richard Wagner et la Valkyrie de M. Victor Wilder, Revue Wagnérienne, vol. 3, nr. VIII—IX, Sept.—Oct. 1887, p. 190—208.



460-461 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Wahnfried, 12. April 96.

    „Soll man sich freuen?“ Immerhin ist's von groß Gewicht, daß Jan, der Bauer, laut nun spricht!
    Der arme Jan! Daß er noch diese Behandlung erleiden mußte! Zürich scheint sich gleichgeblieben zu sein, voll der reichsten Menschen, die in einem gewissen Luxus leben und nie daran denken, etwas für das Theater zu tun!
    Wirklich, man weiß nicht, soll man kondo- oder gratulieren! Mein fruchtbarer Boden ist aber wieder auf zwei Gedanken gekommen: In München ist Ernst Wolzogen an der Spitze der   i n t e r n e n   B ü h n e.   Von den verschiedensten Seiten höre ich, daß er ebenso ausgezeichneter Regisseur wie Darsteller ist. Wollen Sie diesem Modernsten Ihren Jan anvertrauen? Dann, soll ich nicht Frau v. Heldburg das Stück zusenden für Meiningen? Hätte ich meine Schule, ich studierte es Ihnen hier ein. Es ist aber dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
    Kant und der Diakonus [„I. Kant in seinen letzten Lebensjahren“. Von Diakonus Wasianski. Königsberg 1804. Neudruck, zusammen mit den Erinnerungen von Borowski und Jachmann, erschien in 2. Auflage 1907 in Halle S.] haben uns einen liebenswürdigen Abend gestern gewährt. Heiter angeregt gingen wir zu Bett.
    Aus dem Kapitel [des Buches „Richard Wagner“], welches Sie mir empfehlen, habe ich „Tristan“ bereits unter den gleichen Empfindungen wie bis jetzt alles gelesen. Ich habe mich augenblicklich unterbrochen, weil diese Lektüre alle meine Spannkraft in Anspruch nimmt, ich nehme mir aber vor, im Herbst nachzuholen. Die heilsamsten Dinge sagen Sie auf entscheidende Weise. Mir geht es seltsam mit Ihnen und Ihrem Buche. Wenn ich Ihnen etwas sagen will, finde ich es gleich bei Ihnen bereits ausgedrückt. So dachte ich daran, Ihnen mitzuteilen, wie mir die Gemeinsamkeit aufgegangen ist; nämlich, mit Aufhebung der Zeit, die Gemeinsamkeit aller Genies, wie sie sich in Ihrem Buche so herrlich darstellt, und — siehe da, es steht am Schluß der „Kunstlehre“.
    Auf das, was Sie für mich sagen, erwidere ich nur mit der Freude, die ich, Sie sehen es, an unserer Verbindung habe! — Die Kinder entsenden
    alles Herzlichste.    C. W.


461 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

14/4/96, Wien.

    Soeben trifft aber die Nachricht ein von Alexander Ritters Tod. Der Verlust dieses so treuen und so alten Freundes wird Sie, hochverehrte Meisterin, sehr schmerzlich berühren; es ist wieder ein ganzes Stück Leben, welches plötzlich und unwiderbringlich aus der Hand entgleitet. Wer lange genug lebt, wird wie ein Baum, dem nach und nach alle Äste abgehauen werden; nur ganz oben, dort, wo die letzten Kräfte noch hinreichen, da grünen einige Zweige der Jugend — Das Leben ist so von Trauer durchtränkt, daß ich mir oft denke, die verhießenen Freuden eines zukünftigen besseren Daseins könne man gar nicht genießen: die Erinnerung an die Schmerzen dieses kurzen Erdenlebens würden, glaube ich, hinreichen, um über die fernste Ewigkeit ihren Schatten zu werfen. Ich rede nicht von mir; meine Bahn bewegt sich in so engem Kreise, daß nur das „wie“ und nicht das „was“ in Betracht kommen kann. Ich empfinde aber sehr deutlich, daß gerade die Größten, die Welten Gestaltenden, aus dem Leiden kaum auf Augenblicke erlöst werden können; sie umfassen zuviel, ihre Gegenwart beherbergt eine zu reichbevölkerte Vergangenheit und eilt zu leidenschaftlich einer Zukunft entgegen, für welche alles Gegenwärtige als bestimmend empfunden wird, als daß nicht jeder Verlust viel Erinnerung und viel Hoffnung umspannte und so, nach und nach, das ganze große Herz in Mitleidenschaft zöge. Darum müssen auch die Schmerzen solcher Menschen das größte Mitleiden erwecken. Das ist auch das einzige, was wir ihnen entgegenbringen können. Heute wie alle Tage tue ich es.
    Und so schweige ich und kehre zu meinem „aufsteigenden Saft“ zurück, dem Reich der ewigen Ruhe und leidenschaftsloser Gleichgültigkeit — nachdem ich Ihnen vorher in anhänglicher und ehrfurchtsvoller Treue die Hand geküßt habe.

    Houston S. Chamberlain.


[...]


 
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Letzte Änderung am: 20. November 2011