Wahnfried, 5. 1. 1896.
Ihr Brief, mein Freund, kam an, wie ich
Thodes um
mich hatte. Ich las in Ihrem Buch mit ihm und freute mich seiner
Begeisterung dafür. Mich beschäftigen die drei Kapitel
Tristan, Politik und Philosophie noch immer. Ich finde sie herrlich!
Das nächste, was ich darin vornehme, wird Tannhäuser und
Lohengrin sein.
Nach allem, was ich höre, ist die Verbreitung
eine große. Sogar
Kuno Fischer
erhielt ein Exemplar zu
Weihnachten geschenkt. Und von manchem weiß ich, der es gut
gelesen hat.
Nichts mehr für heute, meine wärmsten
Wünsche sind bei Ihnen. Wann Sie kommen können, sind Sie uns
willkommen und die „Biographie“ zu Ihrer Verfügung. Sie werden
staunen, wie divinatorisch Sie gewesen sind. Das ist das Hellsehen der
Liebe!
Eva wird Ihrer lieben Frau erzählen, wie
wir das Jahr schlossen; mir fehlt eigentlich das Herz zum Schreiben,
und ich wollte Ihnen nur sagen, wie ich Ihrer gedenke.
C. Wagner.
420-421
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.
17/1/96 abends, Wien.
Sie erhalten, wie ich erfahre, sehr viel Nachricht
aus Wien, hochverehrte Meisterin; meine hinkt nach, darauf vertrauend,
daß es einer Mutter nicht leicht zuviel wird.
In den Proben
[zu Siegfried Wagners Konzert in
Wien]
war ich nicht, weder gestern noch heute, gestern, weil ich nichts davon
wußte, und heute, weil ich nicht gut abkommen konnte. Meine Frau
war aber heute da, hörte den Mephistowalzer, Bruchstücke aus
der Symphonie und — namentlich — das Idyll. Sie kam ganz verweint nach
Hause, aber
nur — weil es so herrlich gewesen war. — Das Orchester, dessen
Vorzüglichkeit nicht erst gerühmt zu werden braucht, hat
auch, wie es scheint, die Tugenden, welche wahre Bedeutung
gewöhnlich begleiten: es nimmt das Neue und Ungewohnte
widerspruchslos an und versucht alle Intentionen seines jungen Leiters
auszuführen. Die Musiker scheinen auch wirklich für Siegfried
ganz begeistert. Sehen Sie, das ist doch wieder etwas Schönes in
dieser guten Wiener Stadt, über die sonst nicht viel Gutes zu
berichten ist: die Leute sind begeisterungsfähig. Es hält
zwar
nicht an, aber die Möglichkeit zu vorübergehenden Momenten
künstlerischer „Ewigkeit“ ist gegeben. Ich bin überzeugt, das
Publikum wird Sonntag ganz aus 'm Häus'l sein; der Andrang ist
ja so kolossal, daß die morgige Generalprobe öffentlich ist
(in Wien seit den 6 Jahren, die ich hier lebe, das e r s t e m a
l ! ), sonst
hätten Hunderte das Konzert nicht hören können. Ihr Sohn
geht also einem schönen Tag entgegen.
Heute waren beide zu Rindfleisch und Sauerkraut bei
uns eingeladen. Es war recht lustig, gemütlich und schön; wir
schwatzten, daß wir, glaube ich, alle fühlten, als ginge uns
ein Mühlrad im Kopf herum. Dann ging es als „wilde Jagd“ durch die
flämisch-deutsche Abteilung des Hofmuseums; beim Heraustreten bot
ein Fremdenführer Siegfried den Besuch der kaiserlichen
Marställe an, worauf er so erschrocken erwiderte: „Ach, um Gottes
willen, nein!“, daß der glacébehandschuhte arme Teufel
ordentlich zurückprallte.
In Ehrfurcht und Treue und mit tausend
Grüßen von meiner Frau Ihr
Houston S. Chamberlain.
421
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.
Telegramm aus Wien, 19/1/96.
Konzert herrlich. — Idyll wie noch nie nach
Siegfrieds eigenem Geständnis. Symphonie prachtvoll. Mephisto
hinreißend. „Holländer“ großartig, kurz, alles
vollkommen von Anfang bis Ende. Nicht enden wollende, jubelnde
Anerkennung. Siegfried hielt schöne Ansprache aus Orchester
nachher, nur Sie fehlten zur Vollendung, waren uns aber allen immerfort
gegenwärtig. Ihre Kinder beide sehr wohl.
Houston Chamberlain.
421-422
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.
Sonntag früh 11 Uhr,
19/1/96, Wien.
Ich wollte Ihnen, hochverehrte Meisterin, einen
langen Brief heute früh schreiben, bin aber bis zu so
unglaublichen Stunden aufgeblieben, daß ich heute über
keinen „Morgen“ verfüge.
Was sollte ich Ihnen von der künstlerischen
Leitung berichten, was Sie nicht wüßten? Das Orchester
kennen Sie, seinen Dirigenten kennen Sie auch. Gern berichte ich aber
über die so sehr warme Aufnahme; erstens die Aufnahme Siegfrieds
gleich bei seinem ersten Erscheinen — wie sich's doch seinem Namen
gegenüber gehört —‚ sodann die widerspruchslose Hingabe an
seine Darbietungen. A l l e s ist mit lautem Beifall
aufgenommen worden — selbst das Schönste und Unerwartetste.
Gott! was die Symphonie
[Beethovens VIII.] sein
würde, wußte ich ja; ich wartete seit Jahren darauf. Ich
weiß nicht, ob es in einem höheren Sinn des Wortes
„künstlerisch“ ist, große Werke von ihrem Schöpfer
nicht trennen zu können, sondern sie auch in der Phantasie stets
miteinander zu verknüpfen, so daß das eine das andere
hervorruft; mir ist diese Art der Empfindung von der Natur bestimmt.
Und gestern stand Beethoven l e i b h a f t i g vor
mir; kein Porträt, keine Lebensbeschreibung, keine Briefe aus
seiner Hand haben mich je so unmittelbar empfinden lassen: der
große Mann redet zu dir. Daß ich zum ersten Male in meinem
Leben Beethoven gehört habe, diese Ahnung ist jetzt in
Erfüllung gegangen. Haben Sie keine Angst; ich werde es nicht in
die Welt ausposaunen und dadurch dem jungen Helden Hindernisse auf
seine Siegeslaufbahn heraufbeschwören, aber I h n e n
darf ich es doch sagen, nicht wahr? Ja, Ihnen muß ich es
sagen. Denn bei jener eigentümlichen Verknüpfung zwischen
Beethoven und Ihnen, die mich seit unserer ersten Begegnung im Jahre
1888 niemals verlassen hat (so daß mein eigenes Quartettgeklimper
am Klavier Ihre Gegenwart sofort für mich bewirkt!), waren Sie
gestern so gegenwärtig im Konzert, daß Ihre Abwesenheit —
nach jedem Satze zu meinem Erschrecken plötzlich wahrgenommen —
sehr schmerzhaft war. Auch heute früh wachte ich mit dem Gedanken
auf, daß S i e nicht da seien. Das sollte
Ihnen eigentlich der liebe Gott doch noch schenken, d i e s
e s Orchester, von Siegfried geleitet, zu hören. Dann erst
wäre es eine vollkommene Freude. Doch ich werde gerufen. Verzeihen
Sie dieses eilige Gekritzel.
Ihr in Ehrfurcht und Angehörigkeit ergebener
Houston S. Chamberlain.
422-424
Aus
H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.
Sonntag, 19/I/96, abends 6 Uhr,
Wien.
Was Siegfried nach dem Konzert im
Künstlerzimmer in einer reizenden, improvisierten, aber leider
ganz und gar unwiedergeblichen Ansprache an die Orchestermitglieder
sagte, daß er dieses Tages als eines der schönsten seines
Lebens eingedenk bleiben würde, mag Ihnen, hochverehrte Meisterin,
die Bedeutung desselben, ich meine die künstlerische Bedeutung des
hier Erreichten empfinden lassen. Es war heute einer jener seltenen
Augenblicke — wie ich sie sonst nur von Bayreuth her kannte —‚ wo man
unmittelbar gewahr wird, daß „Ewigkeit“ und „Niewiederkehren“
synonym sind. Ein großer, ewig schöner, nie wiederkehrender
Tag.
Das Benehmen des Publikums verdient deswegen eine
besondere Erwähnung, weil Siegfried dadurch offenbar sehr gehoben
wurde. Die 8te Symphonie s o f o r t mit
Begeisterung aufgenommen und ohne eine Spur von Widerspruch — so
daß die vereinzelten Herzlosen, die stumm und unbeweglich
dasaßen, einem inmitten dieses elementar wirkenden Jubels
förmlich leid taten. Nach dem Tempo di Menuetto z. B. hörte
man von der ersten Reihe des Saales bis zur letzten und von den
Galerien herunter lauter: „W u n d e r b a r!
Wundervoll!“ „Himmlisch!“ — es hatte wie eine Offenbarung gewirkt, und
dann brach ein Beifallssturm los, wie ich ihn hier noch nie erlebte,
Fräulein Eva sagte mir, Sie liebten nicht sehr, von dem sog.
„Erfolg“ zu hören; das begreife ich; aber das, was heute
stattfand, war mehr aIs bloßer Erfolg, und mir erschien es
durchaus nicht bedeutungslos. Schon darum nicht, weil, als dann noch
der Mephistowalzer entzückt und dazu das enorme technische
Können des Dirigenten über alle Zweifel erhoben hatte (er
dirigierte ihn auswendig), Orchester und Dirigent zum Siegfriedidyll in
die Glühhitze ihres höchsten, ihres allerhöchsten
Könnens gelangt waren. So spielt das schönste Orchester von
der WeIt, auch unter einem Siegfried Wagner, nicht von selbst. Welle
und Gegenwelle war zwischen Künstlern und Zuhörern hin und
her gegangen; die Herzen aller waren mit Begeisterung und mit der
Erwartung eines höchsten Ereignisses erfüllt — die einen in
den abnormen Zustand versetzt, das Höchste leisten
zu können, die anderen in den ebenso seltenen Zustand, das
Höchste empfangen zu können. Ja, nehmen Sie es mir nicht
übel, öffentlich habe ich das Dekorum bewahrt; aber jetzt, wo
ich an Sie schreibe, muß ich bittere Tränen weinen,
daß Sie nicht da sein konnten, daß Sie das nicht erleben
durften. Namentlich die ganze zweite Hälfte, und vor allem der
Schluß waren ganz einfach überirdisch schön.
Um Ihnen ein Bild der Stimmung nach dem Konzert zu
geben:
Rosé,
den ich seit Jahren kenne und er mich, ohne daß einer von uns
jemals die geringste Lust empfunden hätte, sich dem anderen
vorstellen zu lassen: Rosé stürzte auf mich im
Künstlerzimmer zu, das Gesicht hoch errötet, die Augen voller
Tränen: „Heute muß ich Ihnen die Hand drücken! Das war
doch großartig! Großartig! — Aber das muß man auch
sagen, so schön wie heute spielen wir nicht oft!“
Und zum notgedrungenen Schluß eine wohltuende,
heitere Episode: Ich ging über den Ring, um an Sie zu
telegraphieren, die Sonne war herausgekommen, von allen Dächern
und Bäumen regneten die schweren Tropfen des geschmolzenen
Schnees; direkt unter dem Gesimse des Hotels „Impérial“, Ecke
Ringstraße, von dem schmutzigen Wasser bespritzt, stand eine