Cosima Wagner und Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888—1908

Wiener Zeit IV, Seite 419—




419-420 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Aus dem Jahre 1896


Wahnfried, 5. 1. 1896.

    Ihr Brief, mein Freund, kam an, wie ich Thodes um mich hatte. Ich las in Ihrem Buch mit ihm und freute mich seiner Begeisterung dafür. Mich beschäftigen die drei Kapitel Tristan, Politik und Philosophie noch immer. Ich finde sie herrlich! Das nächste, was ich darin vornehme, wird Tannhäuser und Lohengrin sein.
    Nach allem, was ich höre, ist die Verbreitung eine große. Sogar Kuno Fischer erhielt ein Exemplar zu Weihnachten geschenkt. Und von manchem weiß ich, der es gut gelesen hat.
    Nichts mehr für heute, meine wärmsten Wünsche sind bei Ihnen. Wann Sie kommen können, sind Sie uns willkommen und die „Biographie“ zu Ihrer Verfügung. Sie werden staunen, wie divinatorisch Sie gewesen sind. Das ist das Hellsehen der Liebe!
    Eva wird Ihrer lieben Frau erzählen, wie wir das Jahr schlossen; mir fehlt eigentlich das Herz zum Schreiben, und ich wollte Ihnen nur sagen, wie ich Ihrer gedenke.

C. Wagner.


420-421 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

17/1/96 abends, Wien.

    Sie erhalten, wie ich erfahre, sehr viel Nachricht aus Wien, hochverehrte Meisterin; meine hinkt nach, darauf vertrauend, daß es einer Mutter nicht leicht zuviel wird.
    In den Proben [zu Siegfried Wagners Konzert in Wien] war ich nicht, weder gestern noch heute, gestern, weil ich nichts davon wußte, und heute, weil ich nicht gut abkommen konnte. Meine Frau war aber heute da, hörte den Mephistowalzer, Bruchstücke aus der Symphonie und — namentlich — das Idyll. Sie kam ganz verweint nach Hause, aber nur — weil es so herrlich gewesen war. — Das Orchester, dessen Vorzüglichkeit nicht erst gerühmt zu werden braucht, hat auch, wie es scheint, die Tugenden, welche wahre Bedeutung gewöhnlich begleiten: es nimmt das Neue und Ungewohnte widerspruchslos an und versucht alle Intentionen seines jungen Leiters auszuführen. Die Musiker scheinen auch wirklich für Siegfried ganz begeistert. Sehen Sie, das ist doch wieder etwas Schönes in dieser guten Wiener Stadt, über die sonst nicht viel Gutes zu berichten ist: die Leute sind begeisterungsfähig. Es hält zwar nicht an, aber die Möglichkeit zu vorübergehenden Momenten künstlerischer „Ewigkeit“ ist gegeben. Ich bin überzeugt, das Publikum wird Sonntag ganz aus 'm Häus'l sein; der Andrang ist ja so kolossal, daß die morgige Generalprobe öffentlich ist (in Wien seit den 6 Jahren, die ich hier lebe, das  e r s t e m a l ! ),   sonst hätten Hunderte das Konzert nicht hören können. Ihr Sohn geht also einem schönen Tag entgegen.
    Heute waren beide zu Rindfleisch und Sauerkraut bei uns eingeladen. Es war recht lustig, gemütlich und schön; wir schwatzten, daß wir, glaube ich, alle fühlten, als ginge uns ein Mühlrad im Kopf herum. Dann ging es als „wilde Jagd“ durch die flämisch-deutsche Abteilung des Hofmuseums; beim Heraustreten bot ein Fremdenführer Siegfried den Besuch der kaiserlichen Marställe an, worauf er so erschrocken erwiderte: „Ach, um Gottes willen, nein!“, daß der glacébehandschuhte arme Teufel ordentlich zurückprallte.
    In Ehrfurcht und Treue und mit tausend Grüßen von meiner Frau Ihr

Houston S. Chamberlain.


421 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Telegramm aus Wien, 19/1/96.

    Konzert herrlich. — Idyll wie noch nie nach Siegfrieds eigenem Geständnis. Symphonie prachtvoll. Mephisto hinreißend. „Holländer“ großartig, kurz, alles vollkommen von Anfang bis Ende. Nicht enden wollende, jubelnde Anerkennung. Siegfried hielt schöne Ansprache aus Orchester nachher, nur Sie fehlten zur Vollendung, waren uns aber allen immerfort gegenwärtig. Ihre Kinder beide sehr wohl.

Houston Chamberlain.


421-422 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Sonntag früh 11 Uhr, 19/1/96, Wien.

    Ich wollte Ihnen, hochverehrte Meisterin, einen langen Brief heute früh schreiben, bin aber bis zu so unglaublichen Stunden aufgeblieben, daß ich heute über keinen „Morgen“ verfüge.
    Was sollte ich Ihnen von der künstlerischen Leitung berichten, was Sie nicht wüßten? Das Orchester kennen Sie, seinen Dirigenten kennen Sie auch. Gern berichte ich aber über die so sehr warme Aufnahme; erstens die Aufnahme Siegfrieds gleich bei seinem ersten Erscheinen — wie sich's doch seinem Namen gegenüber gehört —‚ sodann die widerspruchslose Hingabe an seine Darbietungen.   A l l e s   ist mit lautem Beifall aufgenommen worden — selbst das Schönste und Unerwartetste.
    Gott! was die Symphonie [Beethovens VIII.] sein würde, wußte ich ja; ich wartete seit Jahren darauf. Ich weiß nicht, ob es in einem höheren Sinn des Wortes „künstlerisch“ ist, große Werke von ihrem Schöpfer nicht trennen zu können, sondern sie auch in der Phantasie stets miteinander zu verknüpfen, so daß das eine das andere hervorruft; mir ist diese Art der Empfindung von der Natur bestimmt. Und gestern stand Beethoven   l e i b h a f t i g   vor mir; kein Porträt, keine Lebensbeschreibung, keine Briefe aus seiner Hand haben mich je so unmittelbar empfinden lassen: der große Mann redet zu dir. Daß ich zum ersten Male in meinem Leben Beethoven gehört habe, diese Ahnung ist jetzt in Erfüllung gegangen. Haben Sie keine Angst; ich werde es nicht in die Welt ausposaunen und dadurch dem jungen Helden Hindernisse auf seine Siegeslaufbahn heraufbeschwören, aber   I h n e n   darf ich es doch sagen, nicht wahr? Ja, Ihnen muß ich es sagen. Denn bei jener eigentümlichen Verknüpfung zwischen Beethoven und Ihnen, die mich seit unserer ersten Begegnung im Jahre 1888 niemals verlassen hat (so daß mein eigenes Quartettgeklimper am Klavier Ihre Gegenwart sofort für mich bewirkt!), waren Sie gestern so gegenwärtig im Konzert, daß Ihre Abwesenheit — nach jedem Satze zu meinem Erschrecken plötzlich wahrgenommen — sehr schmerzhaft war. Auch heute früh wachte ich mit dem Gedanken auf, daß   S i e   nicht da seien. Das sollte Ihnen eigentlich der liebe Gott doch noch schenken,   d i e s e s   Orchester, von Siegfried geleitet, zu hören. Dann erst wäre es eine vollkommene Freude. Doch ich werde gerufen. Verzeihen Sie dieses eilige Gekritzel.

    Ihr in Ehrfurcht und Angehörigkeit ergebener

Houston S. Chamberlain.


422-424 Aus H. S. Chamberlains Wiener Zeit - Aus dem Jahre 1896.

Sonntag, 19/I/96, abends 6 Uhr, Wien.

    Was Siegfried nach dem Konzert im Künstlerzimmer in einer reizenden, improvisierten, aber leider ganz und gar unwiedergeblichen Ansprache an die Orchestermitglieder sagte, daß er dieses Tages als eines der schönsten seines Lebens eingedenk bleiben würde, mag Ihnen, hochverehrte Meisterin, die Bedeutung desselben, ich meine die künstlerische Bedeutung des hier Erreichten empfinden lassen. Es war heute einer jener seltenen Augenblicke — wie ich sie sonst nur von Bayreuth her kannte —‚ wo man unmittelbar gewahr wird, daß „Ewigkeit“ und „Niewiederkehren“ synonym sind. Ein großer, ewig schöner, nie wiederkehrender Tag.
    Das Benehmen des Publikums verdient deswegen eine besondere Erwähnung, weil Siegfried dadurch offenbar sehr gehoben wurde. Die 8te Symphonie   s o f o r t   mit Begeisterung aufgenommen und ohne eine Spur von Widerspruch — so daß die vereinzelten Herzlosen, die stumm und unbeweglich dasaßen, einem inmitten dieses elementar wirkenden Jubels förmlich leid taten. Nach dem Tempo di Menuetto z. B. hörte man von der ersten Reihe des Saales bis zur letzten und von den Galerien herunter lauter:   „W u n d e r b a r!   Wundervoll!“ „Himmlisch!“ — es hatte wie eine Offenbarung gewirkt, und dann brach ein Beifallssturm los, wie ich ihn hier noch nie erlebte, Fräulein Eva sagte mir, Sie liebten nicht sehr, von dem sog. „Erfolg“ zu hören; das begreife ich; aber das, was heute stattfand, war mehr aIs bloßer Erfolg, und mir erschien es durchaus nicht bedeutungslos. Schon darum nicht, weil, als dann noch der Mephistowalzer entzückt und dazu das enorme technische Können des Dirigenten über alle Zweifel erhoben hatte (er dirigierte ihn auswendig), Orchester und Dirigent zum Siegfriedidyll in die Glühhitze ihres höchsten, ihres allerhöchsten Könnens gelangt waren. So spielt das schönste Orchester von der WeIt, auch unter einem Siegfried Wagner, nicht von selbst. Welle und Gegenwelle war zwischen Künstlern und Zuhörern hin und her gegangen; die Herzen aller waren mit Begeisterung und mit der Erwartung eines höchsten Ereignisses erfüllt — die einen in den abnormen Zustand versetzt, das Höchste leisten
zu können, die anderen in den ebenso seltenen Zustand, das Höchste empfangen zu können. Ja, nehmen Sie es mir nicht übel, öffentlich habe ich das Dekorum bewahrt; aber jetzt, wo ich an Sie schreibe, muß ich bittere Tränen weinen, daß Sie nicht da sein konnten, daß Sie das nicht erleben durften. Namentlich die ganze zweite Hälfte, und vor allem der Schluß waren ganz einfach überirdisch schön.
    Um Ihnen ein Bild der Stimmung nach dem Konzert zu geben: Rosé, den ich seit Jahren kenne und er mich, ohne daß einer von uns jemals die geringste Lust empfunden hätte, sich dem anderen vorstellen zu lassen: Rosé stürzte auf mich im Künstlerzimmer zu, das Gesicht hoch errötet, die Augen voller Tränen: „Heute muß ich Ihnen die Hand drücken! Das war doch großartig! Großartig! — Aber das muß man auch sagen, so schön wie heute spielen wir nicht oft!“
    Und zum notgedrungenen Schluß eine wohltuende, heitere Episode: Ich ging über den Ring, um an Sie zu telegraphieren, die Sonne war herausgekommen, von allen Dächern und Bäumen regneten die schweren Tropfen des geschmolzenen Schnees; direkt unter dem Gesimse des Hotels „Impérial“, Ecke Ringstraße, von dem schmutzigen Wasser bespritzt, stand eine







 
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Letzte Änderung am: 16. Juni 2010