Here under
follows the transcription of Houston Stewart
Chamberlain's Von Deutschem Wesen, a collection of essays,
also known as Deutsches
Wesen, 2nd edition,
published by F. Bruckmann, 1916.
|
3
Houston
Stewart
Chamberlain
DEUTSCHES
WESEN
(Ausgewählte
Aufsätze)
„Friede und Heil des ganzen
Weltteils werden
auf Deutschlands Stärke und Freiheit beruhen.“
(Jakob Grimm)
2. Auflage
F. Bruckmann A.-G., München
4
Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1915 by F. Bruckmann A.-G., München
(Ohne diesen Vermerk ist geistiges Eigentum in
den Vereinigten Staaten von Amerika vogelfrei)
Druck von F. Bruckmann A.-G., München
5
Hans Freiherrn von Wolzogen
sind diese
Streifzüge auf sein ureigenstes Gebiet
in Freundschaft zugeeignet
6
(Leere Seite)
7
Aufsatzfolge
—————
8
(Leere Seite)
9
Vorwort
Wie
wenig sich der Mensch selber kennt, habe ich wieder einmal erfahren:
ich bildete mir ein, ich hätte vor dem Kriege nur wenige
Aufsätze geschrieben; nun kommt ein lieber Freund, stöbert in
seinen Papieren und in den meinen, durchforscht außerdem die
Sammelmappen des Verlags Bruckmann und fördert mehr als 160
gedruckte Aufsätze aus meiner Feder an den Tag! Mir fehlte jetzt
die Muße und die Gemütsruhe, sie auf Inhalt und Wert zu
prüfen; wir alle haben andere Dinge im Kopf; und so stand ich im
Begriff, die eifrige Freundesgüte unbelohnt zu lassen; da wurde
ich aufmerksam, daß einige Arbeiten aus alter und aus neuer Zeit,
aneinandergereiht, sich als Studien über die Eigenart deutschen
Wesens, dort, wo es sich auf reinen Höhen bewegt, auffassen
lassen. So entstand der Sammelband „Deutsches Wesen“. Deutsche
Fürsten: Wilhelm I. und Wilhelm II.; Schmiede an dem werdenden
Deutschen Reiche: Luther und Bismarck; als Musterbeispiel des deutschen
Weltweisen: Immanuel Kant; dann, als Dichter, Denker und hohe Menschen:
Goethe, Schiller, Richard Wagner — diese bilden den Stoff der kurzen
Aufsätze und ziehen manchen anderen unvergeßlichen deutschen
Namen in den Zauberkreis, der bei jeder solchen Betrachtung entsteht.
In Deutschland leben gar manche griesgrämige,
sauertöpfische, enggeherzte Mannsen, die mir meine Liebe zu
deutschem Wesen mißgönnen und meinen offen bekannten Glauben
an eine strahlende, weltbeglückende Zukunft dieses zu edelstem Tun
befähigten und in hartem Kampf gereinigten Volkes als
gefährliche, demagogische Aufwiegelei verdächtigen: sie
mögen aus diesem Buche entnehmen, mit welchen „Deutschen“ ich
bisher Umgang pflog, wer mich über deutsches Wesen be-
10 Vorwort
lehrte, an welcher ewig
lodernden Flamme die Fackel meines Hoffens sich entzündete. Reizen
würde es mich, auch diese Afterdeutschen zu schildern — „das
Gewurm und Geschwurm“, wie ein Großer sie einst nannte; bilden
sie doch eine bezeichnende Ergänzung „deutschen Wesens“; in diesen
Tagen aber des Heldenringens richten sich die Blicke unwillkürlich
nur nach oben, nach den strahlenden Gipfeln der Menschheit, die
Schiller uns lehrte, stets im Auge zu tragen. Ich warne die Deutschen
gegen diejenigen, die ihnen Nüchternheit und Maß und
allgemeine Menschenliebe predigen; es sind Wölfe im Schafsfell,
bestenfalls wirkliche Schafe. Nur glühende Begeisterung ist
imstande, demjenigen, was auf allen Gebieten von den großen
Deutschen geleistet wurde, einigermaßen gerecht zu werden;
Begeisterung ist die einzige Gemütsbewegung, die den
gewöhnlichen Durchschnittsmenschen über sich selbst
hinaushebt und ihn zu edlen Taten befähigt; ohne
Überschwenglichkeit, sagt Goethe, ist nie etwas Großes
geleistet worden; wir sehen's im Kriege, es gilt aber nicht minder von
den gewaltigen Aufgaben der kommenden Friedenszeit; Deutschland wird
entweder groß, überschwenglich groß sein — nicht die
Ausdehnung habe ich im Sinn, sondern die Leistungen — oder es wird zu
einem Nichts im sengenden Hauche seiner Neider verschrumpfen. Die
Mäßigkeitsapostel sind VaterIandsmörder. Einen anderen
Weg weisen uns die Männer, denen folgende Seiten in Ehrfurcht und
dankbarer Liebe gewidmet sind.
B a y r e u t h, November 1915.
Houston Stewart Chamberlain
11
Erinnerungen
aus dem Jahre 1870 ¹)
When to the sessions of
sweet silent thought
I summon up
remembrance of things past.
S h a k e s p e a
r e.
Zu den
vielen Wundern der menschlichen Psyche gehört die festhaftende
Erinnerung an Längstvergangenes, So erinnere ich mich gewisser
Episoden aus meinem vierten und dritten Lebensjahr, ja, Sogar an eine
aus der Mitte meines zweiten Lebensjahres so deutlich, daß ich
sie bis ins einzelne Schildern könnte: es steht alles haarscharf
im Hirne abgebildet wie das Negativ auf einer photographischen Platte;
nur aber der eine einzelne Augenblick, vor welchem und hinter welchem
dunkle Nacht herrscht. Mit den Jahren nimmt natürlich die Zahl der
Erinnerungsbilder zu; was mich aber jenseits aller
Erklärungsmöglichkeiten dünkt — Schopenhauer würde
es „metaphysisch“ heißen — ist das gleichsam Prophetische an
manchen unter ihnen: ich will sagen, daß Geschautes,
Gehörtes, Empfundenes, was im Hirne als dauernder Bestandteil des
geistigen Besitzes lebendig bleibt, erst später, vielleicht nach
Jahren, Bedeutung für die empfangende Seele gewann, im Augenblick
der Aufnahme dagegen belanglos und nur des schnellen Vergessens wert
war. So fuhr ich z. B. als vierzehnjähriger Knabe zum ersten Male
in meinem Leben auf dem Vierwaldstättersee; es war im Monat
August, und auf Bergen und Wasser lag die übermäßige
Lichtfülle und das unheimliche Naturschweigen eines heißen
Sommernachmittags, der in Regenströmen enden wird. Für solche
Witterungs- und Landschaftseindrücke besonders empfänglich,
hatte mich schon das Betreten des von plappernden Touristen besetzten
Deckes gereizt und unduldsam gestimmt. Mürrisch nahm ich zwischen
—————
¹) Zuerst erschienen in der Zeitschrift „Der Merker“, 15. April
1915.
12 ERINNERUNGEN AUS DEM
JAHRE 1870
schützenden Verwandten
Platz und ärgerte mich, daß mein erwachsener Bruder, der am
Ende der Bank saß, sich von einem kleinen, dicken, geschniegelten
Franzosen mit Lackschuhen — einem Kerl, der inmitten dieser
religiös verstummten Natur schier unerträglich wirkte — hatte
ins Gespräch ziehen lassen, so daß jetzt, im lautesten
Diskant abgeschnattert, das trivialste Zeug die Ohren marterte. Beim
Hinausfahren aus dem Hafen von Luzern mußte unser Schiff einem einfahrenden
ausweichen und kam dadurch recht nahe an die Landzunge von Triebschen;
da unser Sitz dem Rigi zugekehrt war, merkten wir zunächst diese
Annäherung an die Küste nicht. Auf einmal entsteht ein
allgemeines Hallo- und Herbeirufen von einem Schiffsende zum andern;
die auf der gegenüberliegenden Seite Sitzenden kommen zu uns
herübergestürzt, die Feldstecherfutterale werden eiligst
aufgeknipst, die Leute reißen sich die Gläser aus der Hand,
alles fragt und antwortet, und den Wirrwarr durchdringt beherrschend
die Schnatterstimme des kleinen, dicken Franzosen, der nach rechts und
links Auskunft erteilt. „Ja, um Gottes Willen, was ist denn los?“ frage
ich, indem ich mich unwillkürlich auch umwende. „Mais, c'est la maison de Richard Wagner!“
kräht mich das erregte Franzmännlein an, indem es auf der
Silbe „nér“ das
dreifach gestrichene C erreicht. Ich setze mich wieder hin und frage
meinen Bruder, aber diesmal — um dem unausstehlichen Wichtigtuer zu
entrinnen — auf englisch: „Wer ist Richard Wagner?“ „Ein berühmter
deutscher Komponist.“ In Frankreich und in England, aller Kunst, allen
Künstlern, ja, jeder künstlerischen Anregung irgendeiner Art
so fern wie nur irgend ein Fidjiinsulaner, aufgewachsen, hatte ich den
Namen nie gehört; er sagte mir also nichts, und doch habe ich ihn
nie mehr vergessen. Nicht allein der Name blieb mir fortan Besitz,
sondern die ganze Soeben geschilderte Szene: ich könnte noch
13 ERINNERUNGEN
AUS DEM JAHRE 1870
heute — fünfundvierzig
Jahre nach jenem Tage — den kleinen Franzosen malen; namentlich aber
ist mein eigener Gemütszustand mir erinnerlich. Ärgerlich
setzte ich mich wieder hin, Haus Triebschen den Rücken kehrend.
Zwei Empfindungen betrübten mich: hier hatte sich ein Mann,
gleichviel wer, ein abgelegenes Stückchen Erde ausgesucht,
unzugänglich, von Wasser umspült, offenbar um mit den Seinen
Ruhe zu genießen, und weil der Zufall ein Schiff in die Nähe
verschlägt, da gaffen und spähen und stieren hundert Paar
Augen, ob sie nicht dieser Einsamkeit etwas abstehlen können,
anstatt sie zu verehren; außerdem fand ich diese kleinliche
Neugier betrübend unschicklich angesichts der
überwältigend großartigen Umgebung. Zum erstenmal im
Leben war ich „Tourist“: sämtliche Fühlhörner meiner
Seele zogen sich verletzt in die innerste Schale zurück.
Völlig unerklärlich ist mir nun vor allem der Eindruck von
Triebschen auf mein Gesicht. In späteren Jahren habe ich
Triebschen häufig gesehen, es von der Land- und von der
Wasserseite aus besucht, kein Erinnerungsbild ist aber annähernd
so stark wie jenes erste; bei jeder Nennung des Namens steigt es mir
vor die inneren Augen, während ich zu den späteren
Gedächtnisbildern erst tastend den Weg suchen muß; und doch
irre ich gewiß nicht, wenn ich schätze, daß ich
das liebliche Bild nicht länger als zwanzig Sekunden betrachtete. Es mag
ja sein, daß der strahlende Zauber des Tages, verbunden
mit jener erhabenen Stimmung der Natur — teils vollendete
Ruhe, teils beklemmende Ahnung heraufziehender Gewitter — Triebschen so
wunderbar umrahmte, daß ichs nie wieder in solcher Vollendung
erblickt habe; vielleicht wär' es mir auch rein als
Landschaftsbild unvergeßlich geblieben; ich bezweifle dies aber:
denn von der weiteren Fahrt nach Brunnen weiß ich nichts mehr,
alles ist durch spätere Eindrücke verwischt,
ausgelöscht; der kleine
14 ERINNERUNGEN
AUS DEM JAHRE 1870
Franzose entschwindet aus
meinem Gedächtnis von jenem Augenblick ab plötzlich, als
wäre er vom See verschlungen worden; auch alle die anderen
Touristen, das ganze Schiff, wir selbst — nichts mehr weiß ich
von jenem Tag, gar nichts: einzig der eine Eindruck blieb ewig lebendig
wie eine Traumvision — Triebschen! und im Ohre klang mir nach der eine
— unbekannte — Name: „Richard Wagner“.
Mit dieser Erzählung hoffe ich die Treue und
Lebhaftigkeit meines Gedächtnisses beglaubigt zu haben, namentlich
in jener Beziehung, die von den Fachleuten als „visuelles
Gedächtnis“ bezeichnet wird; zum Auswendiglernen war mein Gehirn
nicht organisiert — Verse, Regeln, Namen, alles läuft durch wie
durch ein Sieb, wogegen das Geschaute merkwürdig fest haftet.
Meinen Augen war es nun im selben Jahre 1870 —
einige Wochen vor der Fahrt an Triebschen vorbei — vergönnt
gewesen, Zeugen eines weltgeschichtlichen Vorfalles zu sein, dem sehr
wenige Menschen — vielleicht nicht mehr als zwanzig — beiwohnten; wer
weiß, ob von ihnen heute noch einer am Leben ist? Auch hier
handelt es sich nur um ein Gesehenes; Sinn und Tragweite des Vorganges
waren mir im Augenblick völlig unbekannt; um so reiner aber
erschauten die Augen, die weder durch Neugier an jene Stelle gelockt
waren, noch irgend einer leidenschaftlichen Voreingenommenheit dienten.
In der zweiten Hälfte des Juni 1870 hatte ich
zum ersten Male in meinem Leben deutschen Boden betreten und war nach
kurzem Aufenthalt am Rhein in Ems eingetroffen, um mich dort einer
längeren Kur zu unterziehen. Die genauen Tagesdaten weiß ich
natürlich nicht mehr; doch besitze ich Anhaltspunkte: denn zur
Feier der Schlacht bei Königgrätz traf eine
größere Abteilung eines Infanterieregimentes in Ems
15 ERINNERUNGEN
AUS DEM JAHRE 1870
ein: ich sah sie vom Bahnhof
aus an meinen Fenstern vorbeimarschieren und nachher bei der Parade vor
dem König; an französische und englische Soldaten
gewöhnt, machten diese preußischen Elitetruppen auf mich den
Eindruck nie geahnter Kraft; der Anblick riß mich hin; das
muß am 3. Juli gewesen sein. Ich war noch in Ems, als die
Nachricht von der Schlacht (ich glaube es war die bei Weißenburg)
eintraf, wo gerade dieses Regiment entsetzlich litt; in Ems wurde
erzählt, von dem Bataillon, das wir so kurz vorher in jugendlicher
Schönheit und Kraft hatten vorbeiziehen sehen, sei kein einziger
Offizier und kaum ein einziger Mann unversehrt geblieben: es war das
ein erschütternder, unvergeßlicher Eindruck.
Ems
war sehr belebt: außer Deutschen, Engländern und Russen
hielten sich auffallend viele Franzosen da auf, unter denen namentlich
Jacques Offenbach, den sie, trotz seiner Kölner Herkunft, zu den
ihrigen rechneten, Aufsehen erregte, sobald er sich auf der Promenade
zeigte, auf Schritt und Tritt von dem größten Hund
begleitet, den ich mein Lebtag gesehen habe. In den deutschen Badeorten
wurde damals noch Roulette gespielt; infolgedessen kam ein viel
bunteres und gemischteres Publikum zusammen als heutzutage.
Frühmorgens 6 Uhr ertönte von der Kurmusik der übliche
Choral; bis gegen 9 Uhr ging es am Brunnen lebhaft zu; dann leerte sich
die Promenade zwischen Kurhaus und Kasino, um sich erst nachmittags zur
Kaffeezeit von neuem auf zwei Stunden zu beleben; abends aber erreichte
der Verkehr seinen Höhepunkt, denn da strömte alles zusammen,
Patienten und Lebewelt; in dem promenadeartigen Kurgarten war nicht
bloß häufig
kein Stuhl übrig, sondern kaum mehr Platz zum Stehen und Gehen,
und beim Kasino wogte die Menge ununterbrochen aus und ein.
16 ERINNERUNGEN
AUS DEM JAHRE 1870
In diesem
wimmelnden Menschenhaufen hat nun gleich vom ersten Tag ab ein Mensch
allein meinen Sinn gefangen genommen: König Wilhelm. Manche —
vielleicht die meisten — haben seine Erscheinung
unbedeutend gefunden; auf mich — und ich sollte ihn bis
wenige Tage vor seinem Hinscheiden noch häufig sehen — hat er
stets magisch gewirkt. Er war so vollendet schlicht, so gar nicht —
wozu doch manche Hohenzollern neigen — à panache, so bestrickend
freundlich und so heilig ernst. Die Menschenkenntnis, die aus der Wahl
seiner Berater spricht — man denke außer an Bismarck nur noch an
Roon und Moltke — genügt allein, seine geistige Bedeutung zu
beweisen; dazu diese anbetungswürdige Beharrlichkeit der Treue! Es
war das Ideal eines Monarchen. Man macht so viel Wesens über die
Talente gekrönter Häupter: daran ist wenig gelegen, es dient
meistens, die weit bedeutenderen Talente, die im Volke vorhanden sind,
matt zu setzen; Urteil über Begabung und Charakter der anderen,
der sichere Instinkt für reine und starke Menschen, ein Auge,
welches Genie erkennt: das ist die eigentlich „königliche Gabe“;
und von dem Manne, der einen Helmuth von Moltke dahin stellt, wo er
hingehört, ihn dort gegen alle Kabalen hält und sich selbst
schließlich der Vollmacht des gottgesandten Feldherrn
unterzuordnen weiß, kann man mit Shakespeare ausrufen: every inch a king, jeder Zoll ein
König! So war König Wilhelm.
Täglich sah ich in Ems den König: früh am Brunnen,
meistens wieder nachmittags auf der Promenade, immer abends, wo er an
der Wand des Kasino, nicht weit von der Treppe, zu sitzen pflegte. Am
Tage trug der König häufig Zivilanzug, abends Uniform.
Gewöhnlich war er nur von zwei Herren begleitet, manchmal nur von
einem, selten von vier oder mehr; abends dagegen war häufig eine
zahlreiche Gesellschaft um des Königs Tisch versammelt. Früh,
bei dem
17 ERINNERUNGEN
AUS DEM JAHRE 1870
Gang zwischen den Bechern,
fügte es sich öfters, daß er einer trotz der
Morgenstunde auffallend elegant gekleideten Dame begegnete; man sagte,
es sei eine polnische Gräfin, doch habe ich den Namen vergessen;
mit ihr pflegte sich der König auf eine Bank niederzulassen,
während die Herren seiner Begleitung ihren Spaziergang
fortsetzten. Man glaube nicht, ich sei dem König nachgelaufen und
habe ihn systematisch beobachtet; hätte ich es tun wollen, man
hätte es mir verwehrt; doch auf dem beschränkten Raum und bei
dem ewigen Hin und Her zum Brunnen und wieder zur Musik, war es nicht
anders möglich, als daß man sich immer wieder begegnete;
dutzende Male pflegten wir dem König auszuweichen und machten wir
einen Umweg, um nicht an der Bank vorbeizukommen, wo er mit der
schönen Gräfin plauderte. Er aber — der im Kurhaus Quartier
genommen hatte — wollte offenbar ein Badegast unter Badegästen
sein. Wer ihn nicht gesehen hat, kann sich diese vollendete Einfachheit
kaum vorstellen: sie zeugte Verehrung und Rücksichtnahme.
Polizeimaßregeln habe ich gar keine wahrgenommen; so stand z. B.
der Abendtisch an einem Ort, wo alle Welt vorübergehen
mußte, und rechts und links standen die anderen Tische jedem zur
Verfügung; doch blieb dieser eine Tisch wie von einem Zauberkreise
umgeben: niemand drängte sich heran, niemand blieb stehen; ich
weiß nicht, war die Welt damals der Vulgarität weniger
verfallen als heute, oder war es die ungezwungen auserlesene
Höflichkeit des Königs, welche die Umstehenden zur
Schicklichkeit erzog?
So verging Tag für Tag im Einerlei des
Badelebens. Einiges über politische Spannung drang wohl durch die
Zeitungen an unser Ohr, doch kein Mensch hielt es für bedrohlich,
und nicht ein einziger Franzose reiste aus unserem Hotel ab. Nur
allmählich zogen sich die Wolken zusammen.
18 ERINNERUNGEN
AUS DEM JAHRE 1870
Ich erinnere mich, wie bei
Tisch einer sagte: „Bismarck wird heute Abend erwartet!“ da rief ein
Zweiter, der querüber saß: „Er ist ja vorige Nacht dagewesen
und ist in aller Frühe mit Sonderzug nach Berlin
zurückgefahren.“ Doch ich achtete wenig auf diese Dinge, hatte ich
doch einen großen französischen Maueranschlag am Kasino
erblickt, der für den morgigen Abend die Künste des „premier prestidigitateur de Paris“
(des ersten Taschenspielers von Paris) versprach, was meiner
Knabenphantasie mehr zu schaffen gab, als die Frage der spanischen
Thronkandidatur. Halb und halb versprach mir mein Onkel, mich
hinzunehmen. Das schwebende „Sein oder Nichtsein“, das im Laufe des
Lebens so wechselnde Gestalten annimmt, bezog sich in dem Augenblick
für mich mehr auf den famosen Prestidigitateur als auf Leopold von
Hohenzollern.
Am folgenden Tag traf es sich nun, baß ich
etwas in der Stadt zu besorgen hatte; mein Weg führte mich
über die Kurgartenpromenade, am Kurhaus und am Kasino vorbei.
Daß es der 13. Juli war, das meldet mir mein Gedächtnis
nicht, ich erfahre es aus den Geschichtsbüchern. Selbst die
Tagesstunde steht mir nicht als solche im Hirne gestempelt; was ich
ganz deutlich sehe, ist die fast menschenleere Promenade, woraus ich
mit Sicherheit schließe, daß es entweder mittags zwischen
halb 11 und halb 12 Uhr gewesen sein muß, oder abends zwischen
etwa fünfeinhalb und sieben; fast hätte ich letzteres
vorausgesetzt, doch werde ich belehrt, es sei jedenfalls am Vormittag
geschehen; ich persönlich kann das nicht entscheiden. Um so
deutlicher erblicke ich die unbelebte Brunnenpromenade und mich selbst,
wie ich — in einer Art traumhafter Stimmung — eilig dahinschreite. Vom
Kurhaus her taucht plötzlich — in der Diagonale die Promenade
durchquerend — eine noch rascher schreitende Gestalt auf, die meine
19 ERINNERUNGEN
AUS DEM JAHRE 1870
Aufmerksamkeit durch den
ungewohnten Anzug erweckt: am hellen lichten Tage Frack, weiße
Binde, Zylinder. Meine englischen Vorurteile waren eben so verletzt,
wie wenn der Kellner mir Senf zu Hammelfleisch anbot! Das ist wohl ein
Tollhäusler, dachte ich bei mir. Auf einmal fiel es mir aber klar
wie die Sonne ein: das ist natürlich der Taschenspieler aus Paris!
Ihm kann man den Aufzug verzeihen, der Frack ist ihm angewachsen. Sein
Gesicht sah ich nicht deutlich, weil er schneller als ich, fast im
Laufschritt daher sausend, das Lahnufer, an dem entlang ich ging, etwa
zehn Schritte vor mir erreichte, um nun weiter zu eilen. Jetzt erst
erblickte ich geradeaus eine Gruppe von Herren, die, zu zwei und zwei
hintereinander, gemächlich dahinschritten, einige in Uniform,
andere in Zivil. Das muß ja der König sein, sagte ich mir,
und staunte, denn zu dieser menschenleeren Stunde hatte ich ihn nie
getroffen, und nie in so zahlreicher Begleitung: es müssen
mindestens acht, vielleicht zehn oder zwölf Herren gewesen sein.
Inzwischen war der vermeintliche Taschenspieler wieder rechts in die
Büsche verschwunden und muß dort gelaufen sein, was die
Beine ihn nur trugen, denn plötzlich schießt er weit vorn
aus ihnen wieder heraus, so daß er unmittelbar vor den König
zu stehen kommt. Über diese Unverfrorenheit erschrak ich
dermaßen, daß mir das Herz still stand. Doch nein, der
König muß es nicht übel genommen haben; denn er reicht
dem Taschenspieler die Hand, während dieser den tiefsten
Bückling macht, den ich dazumal je gesehen hatte, und mit dem Rand
seines Zylinders fast die Straße berührt. Ich dachte nicht
anders als daß der berühmte Prestidigitateur den König
ersuche, seine Aufführung durch die allerhöchste Gegenwart zu
beehren und — da mich mein Weg ohnehin dort führte — schritt ich
näher heran, von der halbunbewußten Hoffnung belebt, er
würde
20 ERINNERUNGEN
AUS DEM JAHRE 1870
vielleicht dem Monarchen auf
der Stelle irgendein wunderbares Kunststück vormachen, daß
ihm der Mund nach mehr wässerig werde .... Doch es kam anders. Ich
weiß nicht, geschah es Spontan oder war es angeordnet: die Herren
vom Gefolge traten alle einige Schritte zurück und bildeten eine
Art Kreis oder Dreiviertelkreis, so daß der König und der
Taschenspieler in der Mitte isoliert dastanden und gewiß niemand
ein Wort hören konnte, was sie zusammen sprachen. In dem
Augenblick drehte der eine Herr von der Begleitung den Kopf nach mir um
und guckte mich an, als wollte er sagen: schau, daß du weiter
kommst! Doch ich konnte nicht weiter. Denn die Begegnung hatte genau an
der Ecke des Kasinos stattgefunden, auf der Flußseite, und durch
den von den Herren der Begleitung gebildeten weiten Kreis war diese
Straße gleichsam abgesperrt; ich hätte umkehren und rings um
das Kasino auf der Stadtseite herum müssen; das paßte mir
nicht; so blieb ich denn stehen. Mit einer leichten Wendung nach links
hatte der König einen seiner Herren herangewinkt; dieser zog eine
Zeitung aus der Tasche, legte sie auseinander und reichte sie dem
König, worauf er sofort zurücktrat. Nun sah ich zu meiner
Verwunderung — und sehe es noch heute — den König die Zeitung in
der linken Hand vorgestreckt halten und mit der rechten Hand auf eine
bestimmte Stelle weisen. War der befrackte Mann wirklich sehr
kurzsichtig oder war er durch die Erregung blind geworden, ich
weiß es nicht: ich sehe ihn tief gebückt, mit der Nase fast
das Papier berühren. Der König streckte dann den linken Arm
mit dem Blatt zurück ohne sich umzuwenden, der betreffende Herr
des Gefolges sprang vor und nahm es ihm ab. Nur wenige Worte wurden da
noch zwischen den beiden in der Mitte gewechselt. Von meinem Platz aus
sah ich dem König ins Gesicht; eine merkwürdige Umwandlung
21 ERINNERUNGEN
AUS DEM JAHRE 1870
war in ihm vorgegangen; der
sonst sich leicht bewegende Mann stand jetzt da wie von Marmor oder
Bronze, das Antlitz in Falten erstarrt; er reichte dem vermeintlichen
Taschenspieler die Hand nicht, als dieser sich wiederum und sogar noch
tiefer der Erde zubeugte, vielmehr erwiderte er steif und kalt diesen
Abschiedsgruß; der befrackte Mann richtete sich wieder empor,
verneigte sich leicht gegen die Herren im Kreise und verschwand dem
Kurhause zu ebenso stürmischen Schrittes wie er gekommen war. Auch
ich eilte jetzt weiter meiner Wege.
Wie wurde ich bei Tisch ausgelacht, als ich mein
Abenteuer erzählte und naiv überzeugt immerfort vom
„Taschenspieler“ redete. „Du einfältiger Bube,“ belehrte mich mein
Onkel, „das war kein Taschenspieler, sondern irgend ein hoher Beamter.“
Von der anderen Seite des Tisches rief jemand: „Sicher ist das ein von
Bismarck hergesandter vortragender Rat aus dem Auswärtigen Amte.“
Am Abend fiel aller Welt die Veränderung auf: zwar saß der
König wieder an seinem Tische, und sein Kreis war zahlreich, er
aber, anstatt wie sonst leutselig zu reden und vergnügt freundlich
die Menge anzuschauen, saß in sich gekehrt, die Augen zu Boden
gerichtet. Am folgenden Morgen ging in Ems die Märe, in des
Königs Arbeitszimmer im Kurhaus habe die ganze Nacht Licht
gebrannt. Mit einem Male war die Stimmung bei Bevölkerung und
Gästen umgewandelt: in Gruppen standen die Menschen herum und
sprachen erregt, Wagen auf Wagen eilte zum Bahnhof, scharfe Kriegsluft
webte; doch wußte man nichts Genaues und die Klügeren rieten
zu ruhigem Abwarten.
Des Königs Abfahrt von Ems, am Nachmittag des
folgenden Tages, habe ich schon vor Jahren in der „Jugend“ geschildert.
¹) Es folgte die Kriegserklärung, die Flucht der Bade-
—————
¹) Vgl. den folgenden Aufsatz.
22 ERINNERUNGEN
AUS DEM JAHRE 1870
gäste; wir blieben ruhig
bei unserer Kur, sahen die deutschen Truppen ausziehen, erlebten die
Ankunft der ersten französischen Gefangenen. Eines Tages, als ich
durch den Hotelgarten ging, rief mich mein Onkel, der in die Zeitungen
vertieft dasaß: „Du bist Zeuge des weltgeschichtlichen
Ereignisses gewesen, aus welchem dieser große Krieg hervorging:
Dein vermeintlicher Taschenspieler, der den König auf der
Promenade anredete, war der französische Botschafter Graf
Benedetti!“
B a y r e u t h, 24. März 1915.
—————
23
Kaiser Wilhelm II. ¹)
Ich
rief im Stillen mir das Ver-
gangene
zurück, um, nach meiner Art,
daran das
Gegenwärtige zu prüfen, und
das Künftige
daraus zu schließen, oder
doch wenigstens zu
ahnen. G o e t h e.
Betrachten wir die geschichtliche Stellung Kaiser Wilhelm's des
Zweiten, so ist die große mittlere Tatsache diese: er ist überhaupt der
erste Deutsche Kaiser. Er ist es historisch und er ist es, weil er
weiß, daß er es ist. Wohl hat es während 450 Jahren,
von der Krönung Karl's des Großen bis zum Tode Friedrich's
des Zweiten (mit Unterbrechungen), in Deutschland wahre Kaiser gegeben,
doch römische, nicht deutsche. In Karl's des Großen
offizieller Titulatur hinkt ganz bescheiden nach: „et per misericordiam Dei rex Francorum et
Langobardorum“; Kaiser ist er aber als: „Romanum gubernans imperium“. Die
Römer sind es, die ihn zum Kaiser ausrufen, und von Byzanz
erbittet er die Bestätigung seiner Kaiserwürde. Der Begriff
des „Deutschen“ ist hier ohne jeden Belang. Wir begehen also nicht
bloß einen historischen Schnitzer, indem wir Barbarossa statt des
großen zweiten Friedrich im Kyffhäuser harren lassen,
sondern diese ganze Vorstellung eines wieder ins Leben gerufenen,
früher schon dagewesenen Deutschen Reiches ist grundfalsch und
verhindert das Verständnis der Gegenwart. Freilich spukt schon
früh bei den Schriftstellern ein „rex
Teutonicorum“, ein „deutscher König“, doch rechtlich und
urkundlich wird ein derartiger Begriff erst im Augenblick anerkannt
(Ferdinand I.), als jenes Geschlecht den Thron bestiegen hatte, welches
durch die geographische Lage seiner Länder und die
Zusammenstellung seiner Völkerschaften nicht berufen sein konnte,
die wirkende
—————
¹) Zuerst erschienen in der Münchener „Jugend“ vom 28. Mai
1900, Nr. 22.
24 KAISER WILHELM
II.
Kraft zur Bildung eines echten
Deutschen Reiches abzugeben. Ein wirkliches „Deutsches“ Reich gibt es
erst seit 1871. Kaiser Wilhelm I. aber hat sich zur Annahme der
Kaiserwürde förmlich zwingen lassen, und zwar nicht aus Demut
oder Rücksicht, sondern weil, wie Bismarck bezeugt: „er mehr die
Macht und Größe Preußens als die
verfassungsmäßige Einheit Deutschlands im Auge hatte“
(Erinn. II, 57). Auch bei dem nachmaligen Kaiser Friedrich fand
Bismarck nur ein bedingtes Verständnis für die Idee eines
echten deutschen Kaisertums. Dagegen erfüllte das Bewußtsein
seiner einstigen Kaiserwürde Wilhelm II. von Kindesbeinen an.
Für die geistige Entwicklung einer in einem
entscheidenden historischen Augenblicke wirkenden Persönlichkeit
ist es nun von ausschlaggebender Bedeutung, in welchem Verhältnis
die fortlaufende Bewegung der politischen Ereignisse zu den
fortlaufenden Phasen des Lebensalters dieser Persönlichkeit steht.
In diesem Falle ist das Verhältnis ein äußerst
günstiges. Nicht allein hat der jetzt regierende Monarch gegen
keinen Nachbarn das Schwert gezogen und erblickt ihn darum selbst der
Feind schuldlos, blutlos — dies ist doch mehr ein äußeres,
wenn auch nicht unwichtiges Moment — nein, die letzten Etappen in der
Entwicklung des neuen Reiches hat er selber miterlebt. Hat er auch
nicht gefochten, er war doch schon sieben Jahre alt, als der innere
Feind des im Entstehen begriffenen Deutschlands aufs Haupt geschlagen
wurde, und als elfjähriger Knabe hat er es erlebt, wie sein Vater,
sein Großvater, seine ganze Familie und mit ihr alle wehrbaren
Männer Deutschlands gegen den äußeren Feind in den
Krieg zogen, und hat mit eigenen Augen ihre ruhmgekrönte Heimkehr
erblickt. Das Werden des Reiches ist ihm also ein persönliches
Erlebnis, nicht eine vom Lehrer vermittelte Chronik, und das ist ein
kostbarer Besitz.
25 KAISER
WILHELM
II.
Nichts kann
geeigneter sein, einen zum Überschwänglichen geneigten
Charakter zu zügeln und zu festigen, als das Erlebnis großer
Ereignisse. Denn diese faßt er dann mit der selben eingeborenen
Leidenschaftlichkeit auf und sie wirken richtunggebend auf sein ganzes
Leben. Ich kann behaupten, ich weiß es aus Erfahrung. Denn als
der große Krieg ausbrach, war ich in Ems, ein Knabe nur wenig
älter als Prinz Wilhelm, und sollte ich hundert Jahre alt werden,
nie werde ich die Abfahrt des Königs nach Berlin vergessen.
Begeisterung, wilde Freude und Zorn wechselten in den Blicken und den
Stimmen der dem Fürsten unaufhörlich zujubelnden Menge; er
aber, sonst so wohlwollend, stand regungslos am offenen Fenster des
Eisenbahnwagens, die edlen Züge wie versteinert in dem Ausdruck
des furchtbaren, heiligen Ernstes, und es lag in dem Auge eine solche
Tiefe der Trauer, ein so tragisches Bewußtsein der Verantwortung
vor Gott, daß sich mir die Kehle zuschnürte und ich dem
hohen Herrn wohl die Hand hätte küssen mögen, doch ein
Hoch hervorzubringen unfähig gewesen wäre. Das ganze
Geschlecht der Hohenzollern rief dieser eine Blick aus der
Vergangenheit hervor. Der in schlichter Soldatengestalt dastand, war
mehr als ein einzelner Mann, er war die Verkörperung eines
Geschlechtes; ich erfuhr, was es bedeutet, König zu sein; der
Blick schien von weit her, über Jahrhunderte von Not und Kampf und
Sorge zu kommen, und er schaute weit, weit hinaus, unbeirrt, doch nicht
jubelnd, sondern als sähe er Kampf über Kampf sich
auftürmen. Wer als Erbe diesen Mann am Werke gesehen hat, wird
niemals leichten Herzens sich auf Abenteuer einlassen.
Zugleich aber mit diesem kostbaren Schatz der
Erfahrung besitzt der jetzige Kaiser etwas, was nur eine sehr
wohlwollende Vorsehung damit verknüpfen konnte, nämlich die
Gunst, jung
26 KAISER WILHELM
II.
auf den Thron gekommen zu
sein. Wilhelm I. und auch Bismarck sind beide Vollender; für beide
ist es charakteristisch, daß sie in ein Gebäude, an dem
schon Geschlechter gebaut, den Schlußstein einfügen. Wilhelm
I. vollendet die spezifisch „preußische“ Mission des Hauses
Hohenzollern; Bismarck vollendet — eigenwillig, selbstherrisch,
titanenhaft — das, was Generationen der besten Deutschen nicht nur
ersehnt sondern auch vorerstritten und gegründet haben. Jetzt galt
es aber ein Neues: das zum erstenmal in der Geschichte fest geeinte
Reich der Deutschen mußte nun wissen, was es mit der neuen Macht
beginnen wollte. Jede Blüte birgt Samen, jede Erfüllung
trägt Keime neuen Lebens, jeder Zuwachs an Kraft bedeutet einen
Zuwachs an Pflichten. Zurückblickend auf die glorreiche Reihe
seiner Ahnen, mußte der gekrönte Gewalthaber erkennen, jetzt
habe die kreißende Zeit, indem sie sein Haus immer höher
emporhob, eine Lage geschaffen, analog derjenigen, in welcher der
Große Kurfürst die Regierung übernahm, analog
nämlich insofern es jetzt gilt — durch eine Vereinigung von
kühner, hochfliegender, phantasiemächtiger Erfassung der in
einem Übergangszustand befindlichen Weltlage, verbunden mit einer
leidenschaftslosen diplomatischen Interessenpolitik, den Gegnern und
den höchst unzuverlässigen Freunden zum Trotz — die Grundlage
zu einem neuen, erweiterten Deutschland zu legen. Und hier wie dort
konnte eine derartige Aufgabe nur von einem Mann in Angriff genommen
werden, der in der Fülle der Jugend sie übernahm. Das Wort
vom „neuen Kurs“ ist ein weltgeschichtlich viel tieferes, als die
Zeitgenossen ahnen; es bezeichnet einen historischen Wendepunkt. Und
wurde es auch, wie alle solche Worte, halb unbewußt gesprochen,
so bildet es doch keine zufällige Wendung. In einer seiner letzten
Reden rief der Kaiser aus: „Blicken wir um uns her: wie hat seit
einigen Jahren
27 KAISER WILHELM
II.
die WeIt ihr Antlitz
verändert! Alte Weltreiche vergehen und neue sind im Entstehen
begriffen.“ Dieser Mann weiß genau, um was es sich handelt, und
mit dem schöpferischen Ungestüm jugendlicher Furchtlosigkeit
hat er die Aufgabe erfaßt und glaubt fest (wie es in einer vor
zehn Jahren gehaltenen Rede heißt): „daß es den Deutschen
gelingen wird, diese Nebel und dunklen Stunden zu überwinden und
bei kräftigem Vorwärtsstreben ihr Ziel zu erreichen.“ Doch
ist bei ihm dieses Bewußtsein ein so lebendiges, daß zu der
Zuversicht sich auch Sorge gesellt; denn der durchschnittliche deutsche
Adelsprotz und Bierphilister sonnt sich in der neuen Herrlichkeit des
Reiches und glaubt alles erfüllt; er ahnt nicht, daß die
schwerste Arbeit jetzt beginnt, daß es jetzt gilt, erhabeneren
Idealen mit Aufopferung und eisernem Willen nachzustreben; anstatt das
gemeinsame Werk zu fördern, steht er hemmend im Wege, so daß
dieser hellblickende Kaiser — dessen Augen in so charakteristischer
Weise zwischen schwärmerischer Entrücktheit und kaltem,
hartem Willensgebot wechseln — vor kurzem klagen mußte: „Mit
tiefster Sorge habe ich beobachten müssen, wie langsame
Fortschritte das Interesse und das politische Verständnis für
große weltbewegende Fragen unter den Deutschen macht.“
Ich habe nicht die billige Rolle eines Propheten zu
übernehmen, doch steigert sich meine Zuversicht, wenn ich diesen
Mann im Laufe einer schon zwölfjährigen Regierung — gefesselt
durch das allgemeine Wahlrecht derjenigen, welche nicht auf
weltüberschauendem Gipfel stehen — dennoch alle
Haupterfordernisse, wie sie sich aus dem Bewußtsein des neu zu
Schaffenden ergeben, unverrückt im Auge behalten und mit
großem Geschicke in günstigen Konjunkturen immer wieder
vorbringen und nach Möglichkeit durchsetzen sehe. Nur mit
aphoristischer Kürze kann ich das Gemeinte hier andeuten;
28 KAISER WILHELM
II.
ich wähle zwei Punkte:
nach außen die Seemacht, nach innen die Sprache.
Ob die kleinen Nationen von der Weltkarte
verschwinden werden, darf man billig bezweifeln; doch de facto wenn auch nicht de jure sind sie bereits den
großen unterworfen, und zwar infolge eines schon Jahrhunderte
währenden, wirtschaftlich bedingten unentrinnbaren
Entwicklungsprinzips. Und aus dem selben Prinzip entnehmen wir die
unbezweifelbare Tatsache, daß die vier oder fünf
Großmächte nur unter der einen Bedingung groß bleiben
können, daß sie größer werden. Nie war der
Kehrreim
„Mein Vaterland muß
größer sein!“
für die Deutschen
zeitgemäßer als heute. Zweihundert und fünfzig Jahre
trennen uns vom Großen Kurfürsten; daß Deutschland
nicht zu irgendeiner Art „Österreich“, sondern zu einer
festgeschlossenen Nation wurde, verdankt die Welt in erster Reihe dem
„gewaltigen Seherblick“ ¹) dieses Mannes, sodann seiner Tatkraft
und der seiner Nachfolger. Wenn aber das neue Deutsche Reich innerhalb
der nun folgenden zweihundertundfünfzig Jahre nicht zu einer
weitausgedehnten Weltmacht heranwächst — und dies hängt nur
und allein von seinem Willen ab — so schwindet es, infolge der
relativen Abnahme, aus der Reihe der Großmächte, und sein
Überschuß an Bevölkerung, sowie der größte
Teil seiner unvergleichlichen geistigen und moralischen
Leistungsfähigkeit, dient der Größe anderer
Völker. Millionen von Deutschen sind dem Vaterlande schon im Laufe
des 19. Jahrhunderts verloren gegangen. Von dem Großen
Kurfürsten dürfte es feststehen, daß er kein Jahr zu
früh auftrat; die Lage war eine so verzweifelte, daß der
eine Mann sie nicht mehr retten
—————
¹) Rede Kaiser Wilhelms II. am 1.
Dezember 1890.
29 KAISER WILHELM
II.
konnte und es ohne das Genie
seines Urenkels für Preußen und Deutschland schon zu
spät gewesen wäre. Von Wilhelm II. wird man einst
Ähnliches sagen. Der Blindeste muß doch einsehen, wenn er
nur einen Augenblick aus dem engumzirkten Interessenkreise seines Heute
und Morgen aufzublicken vermag, daß in dem Wettbewerb um Kolonien
nicht eine Stunde mehr zu versäumen ist. Und daß dieser
Kaiser, vom ersten Tage seiner Regierung an, die fortschreitende
Ausbildung der Flotte als ein Hauptziel erkannt, daß er die
technische Ausbildung auf diesem Felde sich persönlich angeeignet
und somit als Sachkundiger eine Idee des Großen Kurfürsten —
die so lange hatte ruhen müssen — wieder aufgenommen hat, das
bedeutet so ungeheuer viel, daß jeder einsichtige Mann billig
über manches andere hinwegblicken sollte, was ihm an den
Anschauungen des Kaisers nicht behagen mag. Ohne Flotte läßt
sich gar nichts machen; mit einer großen Flotte ausgerüstet,
betritt Deutschland die Bahn, welche Cromwell England eröffnete,
und kann und muß resolut darauf lossteuern, die erste Macht der
Welt zu werden. Es hat die moralische Berechtigung dazu und daher auch
die Pflicht. Und zwar sind Eroberungen mit Waffengewalt durchaus nicht
das Ausschlaggebende; ist erst die Macht da, so stellt sich schon der
des Besitz ein — die Geschichte der englischen Kolonialbesitzungen
bezeugt es; und ausschlaggebend (auch für den materiellen Vorteil)
ist nicht so seht der tatsächliche Besitz, wie jene moralische
Wertung, die auf Macht beruht und die vor allem in der Sprache sich
kundtut. Man betrachte nur die Fortschritte der deutschen Sprache in
den Vereinigten Staaten seit dem Krieg von 1870!
Dies ist nun der innere Kernpunkt jener nach
außen gerichteten Politik: die Sprache. Hierbei handelt es sich
um etwas noch Größeres als das Deutsche Reich, es handelt
sich um den
30 KAISER WILHELM
II.
deutschen Geist. Denn
kämen lediglich wirtschaftliche Fragen in Betracht, so könnte
man sagen, es sei gleichgültig, ob der Crefelder Fabrikant und der
Hamburger Reeder mit einem Chinesen oder mit einem Engländer
handelt und ob der betreffende chinesisch oder englisch redende
Korrespondent deutscher Herkunft ist oder nicht. Von Völkern kann
man aber wie von Individuen behaupten: sie leben nicht um zu essen,
sondern sie essen um zu leben. Das nationale Leben ist nichts — und
gewiß keiner Flotte wert — wenn wir ihm nicht einen Inhalt geben,
und die Form dieses Inhalts ist unzertrennlich an die Sprache
geknüpft. Wer aber Form sagt, sagt viel; Form und Stoff lassen
sich nicht scheiden. Eine Sprache kann dem Geist Flügel geben und
dadurch den Inhalt des Lebens zu einem herrlichen gestalten; dagegen
kann der Verlust einer Sprache dem Geist die Flügel
ausreißen und ihn fortan unfähig machen, die Gedanken zu
denken, für die er seinem Wesen nach bestimmt war. Und keine
Überzeugung hege ich fester und heiliger als die, daß die
höhere Kultur der Menschheit an die Verbreitung der deutschen
Sprache geknüpft ist. Ich sage das, als ein Engländer, der
seine Muttersprache innig liebt und der sich von einem Jakob Grimm
über die Unvergleichlichkeit mancher ihrer Eigenschaften hat
belehren lassen. Die englische Sprache ist aber eine Sprache der
Extreme: Extase oder Geschäft; sie ist nicht die Sprache der
Wissenschaft und nicht die Sprache der Philosophie; in ihr führt
jetzt kein Weg weiter zu neuer Kenntnis und neuer Erkenntnis. Nun wurde
aber vor vier Jahrhunderten die deutsche Sprache von zwei und
einhalbmal soviel Menschen wie die englische gesprochen, heute —
infolge der Weltstellung der alles an sich reißenden, mit sich
amalgamierenden Angelsachsen — verhält sich die Verbreitung der
deutschen Sprache zur Verbreitung der englischen wie 2 zu 3, und in nur
hundert Jahren, wenn
31 KAISER WILHELM
II.
es so weiter ginge, wie 1 zu 3
(nach Carnac's Berechnungen). Außerdem hat schon jetzt die
russische Sprache die deutsche fast überflügelt. Das ist
für die europäische Kultur und namentlich für die
Zukunft der edelsten germanischen Menschheit ein unermeßliches
Unglück. Jener erhabene Deutsche, Richard Wagner, sprach ein
großes Wort, als er sagte, die Deutschen seien „zu Veredlern der
Welt bestimmt“. Diese veredelnde Mission ist an ihre Sprache gebunden;
denn nicht die deutsche Industrie und der deutsche Landbau, sondern die
deutsche Organisation des Staates, die deutsche Wissenschaft, die
deutsche Philosophie, die deutsche Kunst und — so Gott will — die
deutsche Religion sind es, welche die Welt veredeln können und
sollen. Und darum, wer diese Sprache verbreiten hilft, ist mein Mann,
mag er es anfangen, wie er will, und mag er selbst die Gegner über
die Klinge springen lassen; nur ein Kaiser, der diese Aufgabe
erfaßt, ist ein echter Kaiser der Deutschen.
Das alles sind bloß hastige Andeutungen eines
Themas, über das man ganze Bücher schreiben müßte,
und zwar mit Herzblut, nicht mit Tinte. Sie genügen aber, damit
man zu dem Manne Vertrauen faßt, der kaum zwei Jahre auf dem
Thron saß, als er eine durchgreifende Reform des deutschen
Schulwesens anregte, und zwar mit dem einen bestimmten Zweck, fortan
die deutsche Sprache beim Unterricht „Mittelpunkt“ sein zu lassen. „Wir
sollen Deutsche erziehen, und nicht Griechen und Römer!“ rief der
Kaiser bei dieser Gelegenheit aus. Daß er hier wie bei der Flotte
nur langsam durchdringt, daran ist schuld, daß er nicht
verstanden wird. Wahrlich, es ist ein tragisches Schicksal, heutzutage
ein weitblickender Monarch zu sein; den schattenhaft verwehenden
Gestaltungen des Tages entrückt, überblickt er ferne
Zusammenhänge, das Herz ist voller Gaben, die Hand wäre
tatenmächtig, er hat alles, nur nicht die nötige Gewalt.
Dennoch brauche
32 KAISER WILHELM
II.
ich nicht erst statistisch
nachzuweisen, wieviel der Kaiser trotz aller Philologen und
Parlamentarier durch die ganze Richtung seiner Politik für die
Verbreitung der deutschen Sprache schon geleistet hat.
Es liegt mir ferne, in diesen kurzen Zeilen eine
Panegyrik schreiben zu wollen. Ich stehe aber selber — wenn auch kein
Kaiser — abseits von der rauschenden, staubaufwirbelnden Menge, dort,
wo ich die Gipfel besser als die Heerstraße überblicke: und
wenn ich auch die fast leidenschaftliche Opposition begreife, die sich
so vielfach Luft macht, ich muß gestehen, ich sympathisiere mehr
mit dem Kaiser als mit seinen Widersachern. Mit Goethe bekenne ich:
„mein Gemüt neigt zur Ehrerbietung.“ Ich glaube nicht an
Gottesgnadentum, ich glaube aber an die zwingende Macht eines
großen Geschlechtes, welche den Ohnmächtigen stützt und
den Mächtigen hebt, und welche — vor allem — dem Individuum eine
überindividuelle Folgerichtigkeit und dadurch ganz besondere
Fähigkeiten verleiht. Und ich meine, was man zunächst von
einem Kaiser zu fordern oder zu erhoffen hat, ist, daß er ein
guter „Kaiser“ sei; dieser ist noch mehr, er ist ein sehr bedeutender;
und das kann ich behaupten, ohne in den Snobbismus der Anbetung, noch
in die Roheit der Anflegelei zu verfallen.
Daß es über eine so fesselnde und
zugleich so gewaltsam zum Widerspruch reizende Persönlichkeit noch
viel zu sagen gäbe, bedarf keiner Versicherung. Ich habe aber
heute nur den „Kaiser“ im Menschen, nicht den „Menschen“ im Kaiser in
Betracht ziehen wollen. Und so möchte ich mit einem Hinweis auf
jenen Punkt schließen, wo Kaiser und Mensch ineinander
übergehen: die Religion. Des Kaisers anachronistische
Rechtgläubigkeit wird viel kritisiert; ich teile sie nicht, ich
halte sie aber für eine Grundfeste zugleich seiner
Persönlichkeit und seiner monarchischen Kraft. Ist es auch nur die
33 KAISER WILHELM
II.
Richtung des Gemütes,
nicht die Gestalt des Credos, welche von Wichtigkeit ist, des Kaisers
naiv-kirchliche Religion wird doch den Millionen des Volkes
zugänglicher sein als Goethe's Religion der Ehrfurcht vor sich
selbst und als Kant's und Schiller's nahe verwandte Religion der
sittlichen Autonomie. Und Wilhelm II. weiß, daß ein Volk
und ein König ohne Religion nichts wahrhaft Großes
vollbringen können. Auch hierin bewährt er sich als ein
geborener, echter Kaiser.
Die Regierung Wilhelm's II. trägt den Charakter
eines aufgehenden neuen Morgens. Der Veteran des vergangenen
glorreichen Tages begreift nicht dessen Berechtigung, er kann ihm
keinen Geschmack abgewinnen; der Zukunftsschwärmer, die mehr oder
weniger blonde Bestie der Dämmerung, begreift dagegen nicht,
daß das Heute im Gestern wurzeln, und daß jede Gegenwart in
wesentlichen Dingen eine Wiederholung der Vergangenheit sein muß,
weil die Lebensgesetze die selben bleiben. Uns fehlt die
Unmittelbarkeit, die Unbefangenheit der Anschauung; die Abendstimmung,
um nicht zu sagen die Nachtstimmung, waltet vor, die Eule ist unser spiritus familiaris; und
während die junge Zeit auf feurigem Rosse dem neuen Morgen
entgegenbraust, kauern wir brütend am Boden, schaufeln alte
Schädel heraus, verpesten die Luft mit modrigen Literaturen und
schwüler dekadenter Kunst, theoretisieren über das, was war,
und ruhen nicht, bis wir die lebendige Gestalt dessen, was ist, des
gottähnlichen, zeugenden, gegenwärtigen Menschen zur
wandelnden Mumie des verneinenden Kritikers verdörrt haben. Stets
jedoch hat der Tag die Nacht, Siegfried den Wurm besiegt; auch bei uns
soll es anders werden; und indessen sitzt schon auf dem neuen Throne
des Reiches der Zukunft ein Mann, dessen Wesen in dem Spruche
zusammengefaßt werden kann:
„Im Anfang war die Tat.“
34
Bismarck der
Deutsche ¹)
Es
war der Glaube an das wahre Wesen
des deutschen Geistes, der einen deutschen
Staatsmann unserer Tage mit dem unge-
heuren Muthe beseelte, das von ihm erkannte
Geheimniß der politischen Kraft der Nation
durch kühne Thaten aller Welt aufzudecken.
R i c h a r d W a g n e r.
Was
meinen wir eigentlich, welcher genauen Vorstellung geben wir Ausdruck,
wenn wir einen Mann, der sich vor Andren auszeichnet, also jedenfalls
eigenartig ist, als den Inbegriff eines ganzen, mehr oder weniger
gleichmäßig vorgestellten Volkes auffassen? So glaubt z. B.
Milton in den Schöpfungen Shakespeare's das Echo aus den
Wäldern Englands zu vernehmen, und Schlegel führt das Wort
an, Shakespeare sei „der Genius der Britischen Insel“ — wobei das Wort
„Genius“ der Vorstellung eines Inbegriffs, das heißt der
Verkörperung des ganz reinen und darum kräftig klaren
Sonderwesens nahekommt (vergleiche Grimm). Wir aber sehen uns
unwillkürlich nach den anderen englischen Shakespeares um und
finden sie nicht; ja, es taucht sogar aus Tiefen die Frage auf: bildet
nicht dieser große Dichter — wenigstens in gewissen Beziehungen —
einen polaren Gegensatz zu allem, was man als charakteristisch
„englisch“ berechtigterweise bezeichnen kann? Wer nun Bismarck's Leben
an sich vorüberziehen läßt, wer, gründlich
beschlagen, an der Hand eines kurzen Leitfadens, wie wir jetzt einen
ganz vortrefflichen von Valentin besitzen, sich in wenigen Tagen,
besser noch in wenigen Stunden die Laufbahn des Begründers des
Deutschen Reiches von Anfang bis Ende vergegenwärtigt, so
daß die Kraft des einheitlichen Bildes auf den sinnenden Geist
etwa wie der Eindruck eines Heldendramas wirkt — der wird
—————
¹) Erschienen in der „Bismarckbeilage“
der „Täglichen Rundschau“ vom 1. April 1915.
35 BISMARCK DER DEUTSCHE
verstummen unter dem
niederdrückenden Gefühl einer ungeheuren Tragik: der Tragik
der Einsamkeit. Dieser Inbegriff des Deutschen steht unter Deutschen
allein: das stimmt uns nachdenklich. So wenig sie sonst sich gleichen
mögen, in einem Bezug zeigen Bismarck und Hamlet Ähnlichkeit:
der eine kennt von Jugend auf nur ein Sehnen — das Land, den Wald, die
lautlose Pürschjagd —‚ der andere sagt, die Umgrenzung einer
Nußschale würde ihm genügen, sich als Monarch des
unermeßlichen Weltenraumes zu empfinden; beide stellt das
Schicksal in den Mittelpunkt von Hof und Staat und Politik, und weil
sie nicht allein sind, sind sie einsam. Von dem Tage an, wo Bismarck
(1864) im Abgeordnetenhause hören mußte, „das ganze
preußische Volk sage sich von jeder Gemeinschaft mit ihm los“,
bis zu jenem 18. Januar, an weIchem der soeben zum Kaiser Ausgerufene
an dem Minister, der allein und gegen Alle das Werk vollbracht hatte,
vorüberging, ohne ihn nur eines Blickes, geschweige eines
Händedrucks zu würdigen, und bis zu jenen letzten Tagen der
Verbannung, wo er bekannte: „Ich bin im Walde lange nicht so einsam,
wie in den vorangehenden dreißig Jahren“: immer steht er allein —
allein in seinem Erkennen, allein in seinem Wollen, allein in seinem
Vollbringen. Nicht bloß steht er einsam da, vielmehr brandet und
braust Tag und Nacht um ihn ringsumher Haß, Neid, Todfeindschaft,
Intrige, und um jeden seiner Schritte werfen Hinterlist und Tücke
ihre verräterischen Schlingen. Und dieses unabsehbare Heer von
Widersachern, das sind doch alles Deutsche! Von den vier Königen,
unter denen Bismarck gewirkt hat, achtete ihn der erste, doch traute er
ihm nicht, der zweite schenkte ihm sein Vertrauen, widerstrebte ihm
aber fast Schritt für Schritt, der dritte lehnte von Anfang an die
Politik Bismarck's in jeder Einzelheit ab, schrieb in den sechziger
Jahren, er sei
36 BISMARCK DER DEUTSCHE
„der allergefährlichste
Ratgeber für Krone und Vaterland“, und von dieses Königs
kurzer Regierung berichtet der Kanzler, es seien für ihn
(Bismarck) „die schwersten Tage seines ganzen Lebens“ gewesen, der
vierte entriß ihm — dem größten Staatsmann aller
Zeiten — acht volle Jahre unberechenbaren Wirkens.... Mit den
verschiedenen parlamentarischen Körperschaften — den „Häusern
der Phrase“, wie er sie nennt — steht Bismarck von Anfang bis Ende
seiner Laufbahn in erbittertem Kampfe; gelingt es ihm, die eine Partei
oder die andere für die Durchbringung dieses und jenes Gesetzes zu
gewinnen, immer handelt es sich um vorübergehende, irgend einem
Sonderinteresse zulieb abgeschlossene Vereinbarungen; eine
Bismarck-Partei, eine Partei, entschlossen, dem gewaltigen
Schöpfer des Reiches zu trauen, zu folgen, zu dienen, hat es nie
gegeben. „Immer befinde ich mich in meinen Bemühungen einem Ring
von Fraktionen gegenüber, wo ich voraussehe, daß jeder
Schritt, den ich nach irgend einer Richtung tue, erfolglos sein wird.“
Mit dem Offizierkorps ist das Verhältnis wenig erfreulich:
während des Feldzugs 1866 meidet Bismarck die höheren
Offiziere möglichst, so unfreundlich benehmen sie sich gegen ihn,
und 1870 meldet er seiner Gattin aus Versailles, „außer dem guten
und klugen alten Moltke gefalle ihm der Generalstab überhaupt
nicht“. Aus seinen eigenen Landadelskreisen ist ihm wohl kaum ein
Freund zu allen Zeiten treu geblieben, und mancher hat mehr als
niederträchtig gegen ihn gehandelt. Und was die breiten Massen des
Mittelstandes und des Volkes anbelangt, ihnen war im neuen Deutschen
Reiche durch das allgemeine Wahlrecht die Gelegenheit gegeben, sich zu
Mitarbeitern am Werke des Einzigen aufzuschwingen, und daß sie
diese Gelegenheit ergreifen würden, darauf hatte der Schöpfer
der Verfassung gerechnet: sie aber zogen es vor, Bebel und Richter,
Virchow
37 BISMARCK DER DEUTSCHE
und Windthorst ins Haus zu
schicken, sowie Konservative und Liberale, die sich in bezug auf den
„politischen Kuhhandel“ gleichkamen. Nichtsdestoweniger ist es
gewiß kein Irrtum, wenn wir Bismarck für ebenso typisch und
mustergültig „deutsch“ halten, wie es gewiß ist, daß
nur das eine englische Volk einen Shakespeare gebären konnte. Es
tut aber gut, sich zu überlegen, wie es sich mit diesem
„Deutschsein“ verhält.
Da kommt es zunächst darauf an, ein
Verhältnis zu würdigen, das dem Physiker und Chemiker
geläufig, den meisten Menschen jedoch nicht nach Gebühr
bekannt ist: im Kopf machen zwei und zwei vier, und nochmal zwei dazu
sechs, die Linie wird länger, die Menge nimmt zu, weiter nichts;
in der Natur dagegen bedingt häufig dem Zuwachs von Gleichem zu
Gleichem eine Umwandlung des Wesens. So besteht z. B. das Gas
„Sauerstoff“ aus kleinen Molekeln, deren jede aus zwei
gleichmäßigen Atomen zusammengesetzt ist; gelingt es, zu den
zwei Atomen ein drittes völlig gleiches hineinzuzwingen, so
daß jede Molekel nicht mehr zwei, sondern drei Atome
umfaßt, dann ist ein neuer Stoff, „Ozon“, entstanden, der sich
durch Farbe und Geruch sowie auch durch den Besitz einer wirksameren
Energie von dem gewöhnlichen Sauerstoff wesentlich unterscheidet.
Für die Erkenntnis der Eigenart außerordentlicher
Männer besitzt diese Tatsache — und die Stofflehre bietet
ähnliche so viele man will — mehr Wert als den einer bloßen
Fabel oder Allegorie; sie vermittelt wahre Einsicht. Das
nüchterne, praktische englische Volk bringt den gewaltigsten Seher
der menschlichen Lebenstragödie hervor; die an politischem
Scharfsinn besonders spärlich begabten Deutschen erzeugen das
vollendete politische Genie: der Abstich ist ein Beweis der
Verwandtschaft, ja, mehr als das, ein Beweis für die
außerordentlich starke Durchsättigung mit den die
Besonderheit des Volkes aus-
38 BISMARCK DER DEUTSCHE
machenden Eigenschaften. —
Unser Sauerstoff-Ozon führt uns aber noch einen Schritt weiter.
Das Ozon weist Ähnlichkeiten mit völlig fremden Stoffen auf,
so z. B. mit Wasserstoffverbindungen, von denen es manchmal schwer
fällt, es zu unterscheiden, was bei dem Sauerstoff nie vorkommt.
Gegensätze können also auf nahe Verwandtschaft,
Übereinstimmungen häufig auf unverwandte Herkunft deuten.
Ebenso muten uns die Universalität und Objektivität,
überhaupt die reine, sinnende Betrachtung Shakespeare's wie
deutsche Anlagen an, während Bismarck's schmerzhaft einseitiges
Interesse für Politik — von dem er selber sagt, es habe alle
anderen Neigungen in ihm „nach und nach aufgefressen“ — ein Zug ist,
der gar nicht an deutsches, um so mehr an englisches Wesen gemahnt.
Wenn also Bismarck als alter Mann einmal sagt, er fühle sich
„wohler und zufriedener“, wenn die Mehrheit seiner Mitbürger ihn
hasse, als an den Tagen, wo sie ihm zujubele, so entnehmen wir daraus
die Belehrung, daß er seinen Landsleuten um so fremder und
ungeheuerlichem vorkam, je echter und intensiver er als „Deutscher“
dachte und handelte.
Nun folgt aber die andere Seite der Betrachtung. Das
bewußte Denken — wenn nicht Vernunft als bedächtiger,
weitblickender Reiter die Zügel führt — ist oft ein arger
Irreleiter; rein wirkender Instinkt urteilt mit Sicherheit. Noch stritt
sich Hof und Stadt um Shakespeare's Wert und suchten die Kollegen ihn
schlechtzumachen, und schon hatte das Volk das Epitheton „sweet Shakespeare“ gefunden, von
ihm in den gleichen Worten wie ein Mann von dem geliebten Mädchen
redend, während der eine Southampton ihm Herz und Vermögen
gewidmet hatte, beide instinktiv erratend, was einzig dem Dichter
nottat und geschenkt werden konnte und mußte: Liebe. Welche
Beachtung verdient eine
39 BISMARCK DER DEUTSCHE
solche Tatsache, wenn wir uns
die Gewalt und Unerbittlichkeit, die Tiefe und Schreckensfülle der
Bühnenwerke Shakespeare's vergegenwärtigen! Was ein Bismarck
für sein Werk brauchte, war Vertrauen. Und da hat sich in dem
einen Manne, Wilhelm dem Getreuen, der Instinkt für das, was der
heiligen Sache des gesamten Deutschtums frommte, wunderbar und ewig
bewundernswert verkörpert, später dann in dem eigentlichen
„deutschen Volke“, überall, wo es unvermittelt spontan sich zu
äußern Gelegenheit fand, zum deutlichen Beweis — jetzt im
Jahre 1914 erneuert beigebracht —‚ daß der Reichstag ebensowenig
wie irgend ein anderes Parlament Erkenntnisse und Stimmungen des Volkes
widerspiegelt. Ich wüßte nicht, wo des Menschen „geeinte
Zwienatur“ in der Weltgeschichte so deutlich und ergreifend zutage
träte wie in dem Verhalten des verehrungswürdigen Königs
und Kaisers gegen den gewaltigen Mann, der wie eine von himmlischen
Mächten hergesandte Verkörperung des unbewußten
deutschen Wollens und Müssens, in dem e i n e
n zu unheimlich hellseherischem Bewußtsein erwacht,
vor ihm stand. Eine gewisse, offiziös begünstigte Tendenz,
die Sache so hinzustellen, als sei König Wilhelm der Erfinder und
Gestalter, Bismarck der Diener und Ausführer, hat nicht nur den
Nachteil, die offenkundige Wahrheit in ein phrasenhaftes Nichts
aufzulösen, sondern sie zerstört gerade dasjenige, was in
seiner Beispiellosigkeit alle Zeiten zu staunender Bewunderung des
Monarchen anregen wird. Durch die Treue wird et Mitbegründer des
Reiches. Schenkt uns einstens der Himmel einen großen Dichter,
der die Geschichte der Reichsentstehung zu gedrängter
Prägnanz verdichtet und formt, kein Motiv wird ihm mehr am Herzen
liegen als dieses einzig von einem Poeten vollkommen zu erfassende des
stolzen und eigenwilligen Fürsten, der zuerst die Be-
40 BISMARCK DER DEUTSCHE
deutung des ihm dem Wesen nach
fremden Mannes erkennt und dann — von einem untrüglichen Instinkt
geleitet — ihm durch dreißig Jahre Treue hält, Schritt
für Schritt dem kühnen Steuermann nachgibt, nachdem er sich
Schritt für Schritt ihm widersetzt hat. Hier sehen wir die
kindlich reine Gläubigkeit des Königs am Werke; der schlichte
Mann besitzt Kraftquellen, die dem Skeptiker verschlossen geblieben
wären; seine Seele empfängt Belehrung, die er für
höher einzuschätzen weiß als die Gründe seines
Verstandes und die überkommenen Vorurteile seiner Umgebung.
Richard Wagner schreibt 1871 in einem Briefe: „Der Gang der Bildung des
neuen Reiches ist wundervoll. Hier hat alles aus tiefem Instinkt und
unvertilgbaren Anlagen gewirkt.“ Und wenn wir nun diesen Instinkt des
Königs, der dann millionenhaft im ganzen deutschen Volke — sofern
es der Politik fernstand — aufloderte, in einem einzigen Satze
zusammenfassen wollten, was müßten wir darüber
aussagen? König und Volk hatten erkannt, daß von allen
Deutschen Bismarck der deutscheste war. Die guten Absichten der
Widersacher wollen wir nicht anzweifeln; rückblickend erkennen wir
aber klar: bei allen wurzelte der Fehler in der Unzulänglichkeit
dem deutschen Einsicht, wogegen Bismarck überall das einzig echt
Deutsche vertrat. Nur-Preuße sein war ebenso verfehlt wie
Preußengegner sein; einzig Bismarck steuerte zwischen beiden
Klippen geradeaus. Es war ebenso falsch, für die Rechte des
Augustenburgers sich zu erhitzen wie den dänischen Forderungen
nachzugeben; es war ebenso verfehlt, Revolution zu machen und Republik
zu predigen, wie es falsch war, irgend ein Heil vom kaiserlichen Wien
zu erhoffen. Die zweijährige Dienstzeit einführen und die
Heeresausgaben herabsetzen, wie das die Majorität des
preußischen Abgeordnetenhauses am Vorabend der entscheidenden
Jahre wollte,
41 BISMARCK DER DEUTSCHE
das hieß einfach,
Deutschland im Mutterschoße ermorden zugunsten Frankreichs,
Englands, Rußlands; Bismarck aber, als er es verhinderte,
mußte sich von seinen Landsleuten „Französling“,
„Napoleonid“, „Staatsstreichskandidat“ usw. schimpfen lassen. Und das
geht immer so weiter bis zu jenem letzten gewaltigen Werke seines
Lebens — jetzt selbst von den Feinden Deutschlands als dessen
höchster Ruhmestitel anerkannt — die Grundlegung der Sozialen
Gesetzgebung: von allen politischen Parteien bekämpft, von
Bismarck — unter erzwungenem Verzicht auf manche seiner
großartigsten, segenvollsten Pläne — Stein für Stein
errichtet. Wir Heutigen wissen, welch ein im besten Sinne des
Wortes d e u t s c h e s Werk hier mit
heldenmäßigem moralischen und sozialpolitischen Mute
erfunden und hingestellt worden ist, ein Rückgrat zu der
Volkskraft, die sich 1914—15 kundtut.
Hiermit finden wir uns auf die anfänglichen
Betrachtungen zurückgewiesen, wo wir die außerordentlichen
Männer die Schranken des im engeren Sinne einen Volkscharakter
Bezeichnenden überschreiten sahen. Ein alter Satz der Weltweisheit
lehrt: einer Aufgabe vollkommen gerecht wird nur, wessen Brust
darüber hinaus noch überschüssige Kraft birgt. Bismarck
der Deutsche war mehr als bloß ein Deutscher: darum unterlag er
manchem Hemmnis nicht, darum übertraf sein Erkennen und sein
Können das der Anderen, darum war er fähig, den Rahmen des
deutschen Wollens und Vollbringens ganz auszufüllen, und
dürfen wir ihn preisen als einen Inbegriff des Deutschen.
B a y r e u t h, 7. März 1915.
—————
42
Ein
Volk sind die Deutschen erst
durch Luthern geworden.
G o e t h e.
Luther
— ein politischer Held: dieser Ausdruck, der, wenn ich nicht irre,
zweimal in den „Grundlagen“ vorkommt, hat einige Leser verletzt,
anderen wenigstens ein Kopfschütteln verursacht. Hier möge es
unerörtert bleiben, ob es mir an Deutlichkeit oder den
betreffenden Lesern an Phantasie gefehlt hat. Ein Buch will aus dem
Ganzen verstanden werden. Die Begriffsbestimmung des Wortes „Politik“
war bei mir weit gezeichnet und umfaßte alles, was den Staat
gestaltet, namentlich auch die Kirche; außerdem schwebte mir vor,
daß den Deutschen eine besondere Auffassung von „Politik“
zukomme, die wir zuerst gerade bei Luther kennen lernen und später
bei Kant theoretisch ausgebildet und bei Bismarck (wenigstens
teilweise) in die diplomatische Praxis umgesetzt finden. So verschieden
diese drei Männer in allem sind: aus ihnen kann man lernen, was
deutsche Politik im Unterschied von römischer und romanischer
Politik ist.
In einem Abschnitt, der „Politik“ überschrieben
ist, war es nun natürlich und geboten, vom Politischen zu reden;
außerdem war in einem früheren Teil des Werkes von der —
bereits ein halbes Jahrtausend vor Luther geforderten und unterdessen
durch das Blut ungezählter Märtyrer geweihten —
religiösen Reformation die Rede gewesen, und an der Hand der
Tatsachen war gezeigt worden, daß eine rein und
ausschließlich religiöse Bewegung niemals einen durchdrin-
—————
¹) Dieser Aufsatz war bisher
unveröffentlicht.
43 MARTIN LUTHER
genden Erfolg gegen die
römische Hierarchie erfechten konnte. Rom ist Religion, Rom ist
aber auch Politik und war es zu jenen Zeiten fast ausschließlich;
über die politische Idee Roms konnte nur eine andere politische
Idee siegen; die Idee der C
i v i t a s D e
i war an und für sich eine große, heilige
Idee;
nur eine große, wahrhaftige, begeisternde Idee konnte erfolgreich
gegen jene, wenn auch noch so entartete, auftreten; indem Luther
ausrief: „Für meine Deutschen bin ich geboren; ihnen will ich
dienen!“ schob er dem politischen Chaos des päpstlichen Europa
einen Riegel vor; das neue politische Ideal war gegeben: das Vaterland!
Und zwar als die bestimmte Vorstellung eines seelisch Besonderen,
Unvergleichlichen. Von den Schriften der deutschen „Gottesfreunde“ sagt
Luther: „Ich dank' Gott, daß ich in deutscher Zungen meinen Gott
also hör und find, als ich, und sie mit mir, anher nit funden
haben, weder in latinischer, griechischer noch hebreyscher Zungen....
Wir werden finden, daß die deutschen Theologen ohn Zweifel die
besten Theologen sein.“ Und so legt er sich in reifsten Jahren den
Ehrennamen zu: „der Deutschen Prophet“! „Luther“ — so heißt es in
den Grundlagen — „ist der erste Mann, der sich der Bedeutung des
Kampfes zwischen Imperialismus und Nationalismus vollkommen
bewußt ist ..... und während er Fürsten, Adel,
Bürgertum, Volk zum Kampf aufruft, läßt er es durchaus
nicht bei diesem negativen Werke der Auflehnung gegen Rom bewenden,
sondern schenkt im selben Augenblick den Deutschen eine ihnen allen
gemeinsame, sie alle verbindende Schriftsprache und faßt die
eigentliche politische Organisation an den zwei Punkten an, die
für die Zukunft des Nationalismus entscheidend waren: Kirche und
Schule.“ Das sind politische Taten.
Eine andere Frage tut sich jedoch auf, sobald man
den Blick weniger ausschließlich auf den allgemeinsten Zusammen-
44 MARTIN LUTHER
hang der geschichtlichen
Geschehnisse richtet und die Persönlichkeit des wunderbaren Mannes
näher ins Auge faßt; dann fragt man sich verwundert, wie es
möglich ward, daß die folgenschwerste politische Wirkung der
neunzehn christlichen Jahrhunderte von einem innerlich und
äußerlich der Religion gewidmeten Menschen ausging? Im
Drange des überreichen Vorhabens kam ich vor achtzehn Jahren nicht
dazu, dieser Frage Aufmerksamkeit zu schenken; mein Werk eilte
ungestüm gen Ende; heute möchte ich versuchen, das
Versäumte nachzuholen, doch ohne den in jenem Werke gegebenen
Rahmen des Weltgeschichtlichen und knapp Bezeichnenden zu
überschreiten — etwa wie das dort für Paulus, Augustinus,
Loyola versucht wurde.
* *
*
Das Gegensätzliche — logisch betrachtet, das
sich Widersprechende — scheint in dem Menschennatur als ein Gesetz
ihres Seins zu liegen; darüber zu philosophieren ist hier nicht
der Ort; was wir aber an Luther lernen können — wie an Paulus und
Augustinus, an Descartes und Kant, an Leonardo und Wagner, an Friedrich
und Bismarck — ist, daß dieses Nebeneinanderstehen
gegensätzlicher und insofern auch widersprechender Elemente im
Geist und im Gemüt einer sonst gesunden und abgeschlossen
einheitlichen Persönlichkeit um so kräftiger und dadurch auch
um so verblüffender und für den oberflächlichen Blick
verwirrender zum Ausdruck kommt, je eindringlicher die
Wechselfälle des Schicksals ihr dazu Veranlassung geben und je
gewaltiger diese Persönlichkeit die Kraft sich zu
äußern besitzt. In einem seltenen Maße hat bei Luther
beides mitgewirkt: das Schicksal schuf ihm Gelegenheiten von einer
Tragweite, wie sie die Geschichte
45 MARTIN LUTHER
nicht häufig bietet, und
seiner Seele stand eine Sprachgewalt zu Gebote, die fast ohne Vergleich
ist.
Bei Luther können wir sogar den Widerspruch
dort fassen, wo er am weitesten klafft: nämlich zwischen
angeborener Neigung des Gemütes und aufgedrungenem Geschick.
Luther ist von Hause aus heiter und empfindsam, ein wackerer Gesell,
der Freundschaft und dem Gesang zugetan, dem Übermut nicht
abgeneigt; seine Stimme ist sanft; er ist ein liebevoller Freund,
später ein zärtlicher Gatte und Vater — seine Witwe
erzählt davon in rührenden Worten. Dennoch wog der angeborene
Hang zur Einsamkeit bei ihm vor, denn sein Sinn war von jung auf
unverrückbar auf Vertiefung des Denkens und auf Heiligung des
Wollens gerichtet — „geisthüngrig und gnaddürstig“, wie er es
nennt. Mehr, als die meisten es ahnen, war Luther — der in
l i t t e r i s
wohlbewanderte m a g i s
t e
r a r t i u m — ein frommer und in sich gekehrter
Gelehrter, dessen Sinn so ganz auf die Ewigkeit gerichtet war,
daß er den Dingen dieser Welt gern ihren Lauf ließ.
Staupitz, sein edler Seelsorger, schilt ihn einen „Grübler“. Der
dramatischen Wirkung zulieb pflegen populäre Darstellungen dem
jähen Schreck, der Luther zur Weltflucht veranlaßt habe,
eine übertriebene Wirkung zuzuschreiben; offenbar erfolgte die
Wendung zu Gott und zur Gottesgelahrtheit aus einem so
unwiderstehlichen inneren Drang, daß er sogar den Geboten seines
strengen Vaters zu trotzen den Mut fand. Am liebsten hätte er
lange Jahre in der Stille seiner Mönchszelle gearbeitet, gebetet,
gerungen. Selbst ein akademisches Lehramt tritt er widerstrebend an,
denn es entreißt ihn der Beschaulichkeit. „Aufgedrungen worden,
ist mir mein Lehramt,“ schreibt er, und zwar nicht etwa aus
späterer Perspektive, sondern im Jahre 1509, als der
Sechsundzwanzigjährige soeben zum Professor an der
Universität ernannt worden war.
46 MARTIN LUTHER
Dreißig Jahre
später sagt er in dem Vorwort zu der ersten Gesamtausgabe seiner
deutschen Schriften: „Ich selber (daß ich Mäusedreck auch
mit unter den Pfeffer menge) habe sehr viel meinen Papisten zu danken,
daß sie mich durch des Teufels Toben so zuschlagen,
zudränget und zuängstet, das ist, einen ziemlich guten
Theologen gemacht haben, dahin ich sonst nicht kommen wäre.“ Noch
mehr widerstrebte er dem Predigt- und Seelsorgeramt, das ihm sechs
Jahre später zufiel; darüber besitzen wir Dutzende von
Zeugnissen aus seinem Munde. Der Zufall einer Erkrankung des
Stadtpfarrers von Wittenberg zwang ihn, stellvertretend einzuspringen;
Gott und Menschen gaben den großen Prediger nie wieder frei. Er
selber erzählt: „Zum Lehr- und Predigtamt bin ich mit den Haaren
gezogen; hätte ich aber gewußt, das ich itzt weiß, so
hätten mich kaum zehen Roß dazu ziehen sollen“; und noch
1530 schreibt er: „Für mich zu reden, wollt ich kein lieber
Botschaft hören, denn die, so mich vom Predigtamt absetzt“. Feiern
wir am 31. Oktober das Anschlagen der Lehrsätze über den
Ablaß an den Toren der Wittenberger Schloßkirche als die
Geburtsstunde der Reformation, so machen wir uns jedenfalls eine ganz
andere Vorstellung von Luther's erstem Auftreten vor der großen
Öffentlichkeit als er selber, der diese lateinisch von ihm
verfaßten Thesen einer akademischen Gewohnheit gemäß
so anschlug, sie nicht selber verdeutschte, noch zu ihrem Bekanntwerden
in weiteren Kreisen beitrug: „Die Verbreitung,“ schreibt er damals
einem Freunde, „lag weder in meiner Absicht, noch entspricht sie meinem
Wunsche. Mir lag weiter nichts im Sinn, als mich mit einigen Gelehrten
unserer Stadt und aus deren Nachbarschaft über diese Fragen
auszusprechen.“ Mitten aus dem „großen Jahre“ 1520 versichert er
uns, er habe sich, trotz der Stürme der letzten drei Jahre, still
verhalten und sich „nicht um des
47 MARTIN LUTHER
Papstes Recht oder Unrecht
bekümmert“; Eck und Emser seien es, die ihn „mit Gewalt auf diesen
Kampfplatz hinausgeschleppt hätten“. In späteren Jahren,
rückblickend auf seine öffentliche Tätigkeit, soll er
gesprochen haben: „Gott hat mich hinangeführet wie einen Gaul, dem
die Augen geblendet sind, daß er die nicht sehe, so zu ihm
zurennen.“ Wohin wir auch schauen mögen, in allen seinen
Beziehungen nach außen hin handelt Luther Schritt für
Schritt gedrängt, gezwungen, genötigt. Ich weiß es
wohl, ein Anderer hätte diese Nötigung nicht — oder nicht so
gewaltig stark — empfunden; in dem Wort „Hier steh' ich; ich kann nicht
anders“ kommt sowohl das äußere Schicksal wie die innere
Gegenwirkung zum Ausdruck: wer einen Blick ins Innere dieser Seele
getan hat, wird gerade dieses Wort unausdenklich finden. Im Gegensatz
zu ich „will“ nicht anders: ich „kann“ nicht anders! Nur im Dienen ist
dieser Wille nach außen hin gerichtet; er ist nicht Eigenwille,
sondern Gotteswille; „ich kann nicht anders als wollen“. Damit ist aber
zugleich gesagt: hier gebietet keine Willkür, kein Ehrgeiz, kein
Übereifer; das gewaltige Wollen ist — von innen aus gesehen —
schlichter Gehorsam, Gehorsam, der die eigene Neigung überwindet.
In diesen verborgenen Sinn des ehernen „ich kann nicht anders“ dringen
wir ein, wenn wir es durch ein zweites, an den Kaiser gerichtetes Wort
ergänzen: „Ungern und wider mein Willen hab ich mich an Tag geben;
und nicht anders, dann durch der Anderen Zumüssigung, Gewalt und
betrüglichen Nachtrachten gedrungen, hab ich geschrieben alles,
das ich geschrieben hab, und nie nichts sehrer und mehrer begehrt und
gewunscht, dann daß ich als ein begebener Mann in einem Winkel
heimlich und unbekannt bleiben mocht“.
Inzwischen ruht und reift in Seelentiefen verborgen
die weltbewegende Gewalt seines Willens. So lange der Reiz
48 MARTIN LUTHER
zur Gegenwirkung nicht
rücksichtslos ins Innere durchbricht, zeigt er Sanftmut und
Wohlwollen, und alles Unerbittliche zehrt sich auf in der Gestalt
beispielloser Arbeitsleistungen und heißer Gewissenskämpfe
gegen den Satan der Versuchung und um Erlösung aus
Sündenschuld. Man betrachte in diesem Licht Luther's zähes
Festhalten an der römischen Kirche. Lange nach dem Anschlagen der
Thesen hat er die Ablässe noch gutgeheißen und einzig gegen
Mißbräuche Einspruch erhoben! Er selber erzählt
später, erst die Schriften der Dominikaner zugunsten der
Ablässe hätten ihm die Augen über den „.............“
geöffnet, so daß er endlich begriff:
„......................................“ Noch mit
fünfunddreißig Jahren erklärt er: „Kein Ursach ist so
groß, noch werden mag, daß man sich von der römischen
Kirchen reißen oder scheiden soll; ja, je übler es do
zugeht, je mehr man zulaufen und anhangen soll; denn durch
Abreißen oder Verachten wird es nit besser.“ Der hier redet, ist
der stille Luther, der „begebene Mann“. Nur die unaufhörliche
Aufreizung „der vielen reißenden Wölfe“, die ihm keine
ruhige Stunde gönnen, rüttelt ihn schließlich auf, bis
er zuletzt — als er „die subtilsten Subtilitäten dieser
Troßler, womit sie ihren Abgott aufrichten“, kennen gelernt hat —
.................................................................................................................
Viel lernt man durch die genauere Betrachtung
einzelner näher bekannten Vorfälle.
Als der Kardinallegat Kajetan im Oktober 1518 Luther
in Augsburg empfing, um ihn im Auftrag der Kurie zu verhören und
zum Widerruf zu bestimmen, erstaunte er bei dem Anblick eines so
schüchternen „Mönchleins“; Kajetan, einer der bedeutendsten
Theologen jener Zeit, scheint nämlich aus den wenigen damaligen
Veröffentlichungen Luther's Achtung und
49 MARTIN LUTHER
fast Sympathie für ihn
geschöpft zu haben; rohe Hetzkapläne nach Art des Eck waren
ihm zuwider, und er hat sogar noch später den übereifrigen
Löwener und Kölner Doktoren zu bedenken gegeben, daß
Luther's Hauptlehren nicht so ketzerisch seien, wie es auf den ersten
Blick den Anschein habe; darum empfing er den verklagten Mönch
„gütig, ja fast ehrerbietig“ und „betonte wiederholt, daß er
mit ihm als Vater, nicht als Richter verhandeln wolle“. Nun ging es
merkwürdig zu. Luther war dermaßen schüchtern und
demütig, er richtete so „flehentliche Bitten um Schonung“ an den
Legaten, daß dieser sich in seiner Erwartung getäuscht sah;
er hatte geglaubt, einen starken Mann anzutreffen, rechthaberisch und
zanklustig, einen überzeugten Umstürzler, — diesen Eindruck
hatten Luther's Schriften auf ihn gemacht, und er hatte sich
infolgedessen vorgenommen, sich auf keinen theologischen Streit
einzulassen, ebensowenig ihn mit dem Bannfluch, den er bei sich
führte, aufzureizen, vielmehr ihn durch Güte zu gewinnen und
durch moralische Ermahnungen umzustimmen. Jetzt aber, wo der
bescheidene, stammelnde Augustiner vor ihm stand und vor Ehrerbietung
verstummte, da warf der Kirchenfürst seinen eigenen Schlachtplan
als unzweckmäßig um und begann dem jungen Theologieprofessor
seine Irrtümer schulgemäß nachzuweisen. Damit war aber
für Kajetan das Spiel verloren; denn nun hatte er dem Helden ins
Innerste gegriffen: nicht mehr ging es um die gegebene Kirche, der
Luther angehörte und der er demutvoll zu dienen damals noch
gewillt war, nicht ging es um sein eigenes Wohl und sein Verhalten,
sondern um die Lehren des Heilands und damit um das ewige Heil der
Seele; es schwand die Schüchternheit, es schwand die Unsicherheit,
es schwand die Furcht; vor den erstaunten Augen des italienischen
Edelmanns reckte sich empor „der Deutschen Prophet“, und so wenig
ließ sich
50 MARTIN LUTHER
dieser mehr
einschüchtern, daß er dem größten Gelehrten des
Vatikans keck ins Gesicht rief, er verstünde kein Latein! Kajetan
erschrak dermaßen, daß er zu Staupitz nachher sagte: „Mit
diesem bestialischen Menschen mag ich nimmermehr reden; aber
unergründliche Augen hat er und in seinem Kopfe kreisen wunderbare
Gedanken.“ Ist nicht ein solcher Vorfall ungemein belehrend zur
Erkenntnis der Persönlichkeit in ihrem verborgenen Gefüge,
reich an Gegensätzen? Nicht unähnlich verhielt es sich bei
dem weltbekannten Auftreten vor dem Reichstag zu Worms, drei Jahre
später. Am ersten Tage war Luther's Benehmen nach allen
Schilderungen ein so seltsames, daß seine Feinde frohlockten, die
Gleichgültigen staunten und die Freunde verzweifelten; viele
hielten ihn für verrückt oder betrunken; Kaiser Karl V. rief
lachend aus: „Der da soll mich nie zum Ketzer machen!“ Auf die Frage,
ob die ihm vorgelegten Schriften von ihm seien, antwortete er so leise,
daß selbst der Beamte, der neben ihm stand, das „Ja“ kaum
vernahm; und auf die Frage, ob er zu widerrufen bereit sei, erwiderte
er nicht mit einem donnernden „Nein“, sondern mit der geflüsterten
Bitte um Bedenkzeit. Am nächsten Tag aber, wo die Eindrücke
Zeit gehabt hatten, sich bis in die Tiefen der Seele hinabzusenken,
stand ein verwandelter Mann da. Kaiser und Fürsten waren vor Gott
ein Nichts: „Wie ist es nur ein Ding um die Welt! Wie sperret sie den
Leuten die Mäuler auf!“ Auch er selber war sich als
beschränkter, hoffender, fürchtender, wünschender Mensch
nunmehr entschwunden. Nachts hatte er gebetet: „Du mein Gott, stehe du
mir bei wider aller Welt Vernunft und Weisheit! Ist es doch nicht meine
sondern deine Sache! Hab ich doch für meine Person allhie nichts
zu schaffen und mit diesen großen Herren der Welt zu thun. Wollt
ich doch auch wohl gute, geruhige Tage haben und unverworren sein! Aber
dein ist die Sach, Herr!“
51 MARTIN LUTHER
Die Schüchternheit nach
außen, die innere Sehnsucht nach guten, geruhigen Tagen, alles
ist bei dem zweiten Erscheinen vor versammeltem Reichstag entschwunden;
jetzt geht's um ewige Dinge. Aufrecht steht der Mann, der in Gottes
Namen, nicht im eigenen redet; seine Stimme dringt in alle Ecken des
Saales; gefragt, ob er dabei beharre, daß Kirchenkonzilien irren
können, erwidert er: „Als ein harter Fels.“ Und nun beachte man,
daß, sobald diese Stimmung waltet, d. h. also, sobald der im
Innern verborgene Genius gebietet und der eigentliche Seher und Prophet
redet, da kommen ihm Worte über das deutsche Vaterland auf die
Zunge! Gefragt wird er nur nach theologischen Dingen; er aber legt
immer in solchen Augenblicken Nachdruck auf die vaterländischen.
Die bekannte große Rede vor dem Reichstag gipfelt in den Worten:
„Ich sag dies nicht darum, daß so großen Häuptern
meine Lehre oder Ermahnung von Nöten sei, sondern daß ich
meiner Heimath, deutschen Landen, meinen Dienst damit erzeigen wolle.“
Und als er wenige Tage darauf seinem „lieben Gevatter“, dem Maler Lukas
Cranach in einem Briefe die Vorgänge vor dem Reichstag kurz
erzählt, knüpft er unmittelbar daran den Wehruf: „O wir
blinde Deutschen! Wie kindisch handeln wir, und lassen uns so
jämmerlich die Romanisten äffen und narren!“
Auf untheoretischem Wege — auf dem Wege der
Beobachtung — habe ich den Leser zu der lebensvollen Wahrnehmung einer
Tatsache hinführen wollen, die, nach meinem Dafürhalten, die
Achse dieser gewaltigen Persönlichkeit ausmacht: s o b
a l d L u t h e r e r h a b e n w i
r d, w i r d e r p r a k t i s c h.
Luther in Ruhe, in innerer Beschaulichkeit, in innerem
Seelenkampf, Luther bei ungestörter Auslegung der Schrift vor
seinen jungen Hörern und bei Trostsprechung für seinen
kurfürstlichen Herrn ist ein anderer Mann — er denkt anders,
52 MARTIN LUTHER
lehrt anders, handelt anders —
als Luther der Zerstörer und der Wiederauferbauer, Luther der
Prophet, dessen Stil schon die Zeitgenossen als eine m e t h o d u s h e r o i c a
(eine HeIdenart) bezeichneten. Luther, der bloße Mensch,
hält sich zurück, leidet unter Gewissensqualen, ist
versöhnlich, schont sogar den Papst, der ihn verfolgt; Luther, der
Held, greift zu, fürchtet weder Mensch noch Teufel, scheut vor
keinem Paradoxon, opfert zarteste Gedanken, opfert sich selbst, seine
Folgerichtigkeit, seinen Ruf als Theolog, alles, was nottut, dem
großen allgemeinen und — wie Goethe gesagt hätte —
„baumeisterlichen“ Ziel zulieb. Bleibt er unangefochten, so gleicht
seine Seele auf der Oberfläche einem ungekräuselten Wasser;
immer sinnend, manchmal heiter, manchmal schwermütig, spiegelt sie
die Umgebung treu und lächelnd wieder; in ihren mystischen Tiefen
lebt sie ein zweites, oft von stürmischen Bewegungen
aufgewühltes Leben, reich an Qualen und an Schrecknissen, reich
auch an Hoffnung, an Gewißheit, an Jubel. Das ist der „begebene
Mann“, geschaffen wie nur je einer es war, „in einem Winkel heimlich
und unbekannt“ — d. h. inmitten eines kleinen Kreises einfacher,
arbeitsamer, guter Menschen — zu leben. Reißt ihn aber der Strom
der Geschehnisse aus seiner Stille heraus, muß er sich sogar in
einem weltgeschichtlich entscheidenden Augenblick zum Gotteskämpen
auserkoren fühlen, so findet eine Umwälzung statt innerhalb
des Wesens, und weil die große T i e f e das
Bezeichnende an diesem Wesen ist, so wirkt die Umwälzung von unten
nach oben, eruptiv. Wie aus einem Feuerberg sprühen und
schießen die Erkenntnisse, die Taten, die Worte empor! Die
üblichen Verhältnisse menschlicher Dinge gelten hier nicht;
von einem Vulkan hat man nicht Maß zu erwarten, sondern Kraft;
das stille „Mönchlein“ rüttelt an jahrtausend alten
Weltgewalten, zerstört sie zu einem Teil und segnet sie
53 MARTIN LUTHER
zum andern zu wiedergewonnenem
besseren Leben; Neues baut er auf; er wird der größte
Befreier, von dem überhaupt die Weltgeschichte zu melden
weiß; er bahnt gar vielem, wovon er selber keine bewußte
Vorstellung besitzt, die Wege. Aus dem hier berührten Zusammenhang
ist z. B. die maßlose Grobheit Luther's gegen seine Widersacher
zu erklären, von der er selber sagt: „Ich bekenne mich heftiger
gewest sein, dann christlichem Wesen und Stand geziempt“. Er kann
nichts dafür: wäre er von Natur weniger sanft, er würde
in solchen Augenblicken weniger rauh sein; wäre er weniger
schüchtern, er würde weniger trotzig auftreten; wäre er
weniger tief beanlagt, weniger in gottselige Ewigkeitsbetrachtung
einsiedlerisch versunken, es hätte sich nicht in seinem Innern
diese elementare Kraft angesammelt und zu gigantischer Stärke
gesteigert, fähig, Throne zu erschüttern, Fürsten zu
gebieten, ein ganzes Volk aufzurufen, fähig zu einer
Kraftschöpfung, die wie glühendes Gestein aus dem
unbewußten Innern hervordrang, um sich dann in
unvergängliche Gestalt zu wandeln und der Seele der
europäischen Menschheit eine neue Umgebung zu schaffen.
Hier quillen nun die scheinbaren, aber organisch
bedingten, für jedes schöpferische Beginnen unentbehrlichen
Widersprüche ebenso miteinander verschlungen empor, wie Erde und
Himmel, ehe sie Gott auseinander geschieden hatte. Einige Beispiele. Um
gleich sehr tief zu greifen: Luther's Lehre der Erlösung durch den
alleinigen Glauben an Christus, hebt wie jede echte Mystik alle Zeit
und dadurch auch alle zeitliche Verpflichtung, auch die Notwendigkeit
jeder weiteren Dogmatik auf, wie denn Luther gelegentlich zugibt, die
Sakramente der Taufe und des Abendmahls seien zwar förderlich,
doch zur Seligkeit nicht unentbehrlich: „Ohn das Sakrament kannst
leben,
fromm und selig werden“; tritt er dann aber in die
54 MARTIN LUTHER
Welt hinein und sieht, wie
wenig doch von einem solchen Glauben die Rede sein kann, wie er und
Paulus ihn verstanden — „eine Standveste des Herzens, die nicht wanket,
wackelt, bebet, zappelt, noch zweifelt“ — so greift sein praktischer
Sinn durch, errichtet eine verwickelte, aber praktisch brauchbare
Kirchenlehre und Kirchenübung, in welcher zum Christusglauben
nicht allein der buchstäblich zu fassende Schriftglaube
hinzukommt, sondern auch manches Ding für das es kein
Schriftzeugnis gibt, wie z. B. das sogenannte apostolische
Glaubensbekenntnis, und nun gebietet er: „Entweder alles geglaubt, oder
nichts geglaubt!“ Oder wieder, um ein einzelnes herauszugreifen: er
lehrt, selbst gerechte Verteidigung komme dem Christen nicht zu. „Habt
recht, wie ihr wollet, so gebühret keinem Christen zu rechten noch
zu fechten, sondern, Unrecht zu leiden und das Übel zu dulden“;
denn „Christen erobern mit Leiden, nicht mit der Faust“, „sie streiten
nicht für sich selbs mit dem Schwert, noch mit Büchsen,
sondern mit dem Kreuz und Leiden, gleichwie ihr Herzog, Christus, nicht
das Schwert führet, sondern am Kreuze hanget“; das hindert ihn
aber nicht, an anderer Stelle das Recht, sich und die Seinigen und das
Seinige „zu schützen und zu schirmen, wo der Mann nur kann“ als
ein unbestreitbares warm zu verfechten und über die zu spotten,
die es nicht tun wollen, denn das „wäre eben genarret, wie man
sagt von einem tollen Heiligen, der sich selbs ließ die
Läuse fressen, und wollt keine tödten .... gab für, man
müßte leiden und dem Bösen nicht widerstehen“. Wenige
Männer haben den moralischen Mut gehabt, zwei entgegengesetzten
Gedankengängen so unbekümmert frei das Wort zu reden. Und
gleich dieses auf gut Glück, ohne weitere Absichtlichkeit
herausgegriffene Beispiel zeigt uns das Nebeneinanderbestehen der zwei
Welten: Religion und Politik. Die Religion verbietet die Verteidigung,
55 MARTIN LUTHER
die Politik gebietet sie; und
wenn ich dem politischen Gebot nicht folge, so bin ich ein toller
Heiliger, und die falsche Religion wird über die wahre Religion
Gottes triumphieren. Es zeigt sich eben überall bei Luther ein
zwiefacher Mensch: der stille Theolog und Stadtpfarrer, der in sich
selbst beschlossen ist, mit seinem Gott und seiner Umgebung unbefangen
offen verkehrt und nichts lieber will denn leben und leben lassen; und
der Held, der gebietet, und der schmiedet, und der — gerade weil sein
Sinn auf Ewiges und Allgemeines gerichtet ist — für eine
zeitbefangene, beschränkte, unverbesserliche Menschheit aufbaut,
wie und was er für praktisch und wirksam und haltbar hält.
Der erste Luther ist ein hoher, der zweite ist ein erhabener Mann.
Hier nun führt ein Steg hinüber von einer
Welt zur andern, von der religiösen zu der politischen. Wer die
ausführliche Darstellung der Jahre 1515 bis 1520 von Paul Kalkoff
durchstudiert, wird staunen, wieviel P o l i t i k
vom ersten Augenblick an bei Luther's Reformation mitratet und mittatet
¹). Ohne den edlen Kurfürsten Friedrich — den erfahrenen,
—————
¹) Vgl. die „Einleitung zum ersten und
zweiten Band“ der von Hans Heinrich Borcherdt herausgegebenen, im
Erscheinen begriffenen Ausgabe „Ausgewählter Werke Martin
Luther's“ (1914, bei Georg Müller in München), die erste
Auswahl, welche nicht theologische oder erbauliche Ziele verfolgt,
sondern die Kenntnis der ganzen Persönlichkeit als einer der
großen Kulturgewalten der Geschichte bezweckt. Aus der selben
Ausgabe ist (1915, als Separatdruck käuflich) erschienen Henry
Thode's Abhandlung „Luther und die deutsche Kultur“, die in einem von
Franz von Assisi bis Richard Wagner reichenden kühnen Wurf
Luther's Wesen und Wirken von ihrem Entstehen an bis in die letzten
Verzweigungen ihrer Folgen darzustellen unternimmt. Bei dieser
Gelegenheit empfehle ich Jedem, dem es um die Kenntnis Luther's ernst
ist, die überaus vortreffliche kleine Schrift von Heinrich
Boehmer: „Luther im Lichte der neueren Forschung“, dritte vermehrte und
umgearbeitete Auflage, Leipzig und Berlin bei B. G. Teubner, 1914 (Nr.
113 der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt“).
56 MARTIN LUTHER
klugen, schlauen, festen —
wäre sein Werk gleich in den ersten Anfängen gescheitert. Der
Fürst gleicht einem Steuermann, der bei Sturm und Gewitter das
Schiff zwischen tausend sichtbaren und unsichtbaren Riffen leitet,
jeder List gewachsen, für jede Versuchung (wie die eines
Kardinalhuts für seinen Luther!) unempfänglich. Was gab ihm
hierzu die Befähigung und die Beharrlichkeit? Doch einzig die
Religion; die Religion, wie sie auf ihn durch die gotterfüllte
Persönlichkeit Luther's unwiderstehlich wirkte. Und wie viel hat
Luther von seinem Fürsten gelernt! Wie hat er in späteren
Jahren es verstanden, die verschiedenen Fürsten, auf die es ankam,
„politisch“ zu behandeln! Manche haben ihm dies zum Vorwurf gemacht.
Doch damit berühren wir nur die schmale Kante dieser Beziehungen
zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit, zwischen Erdenreich und
Gottesreich. Wer wirklich nicht einsieht, daß Luther das Gesicht
unserer greifbaren „politischen“ Welt völlig umgewandelt hat, so
daß wir alle eine andere Luft atmen, als wir ohne ihn atmen
würden, von dem behaupte ich: er ist weit entf