Here under follows the transcription of Houston Stewart Chamberlain's Von Deutschem Wesen, a collection of essays, also known as Deutsches Wesen, 2nd edition, published by F. Bruckmann, 1916.

Von Deutschem Wesen — H. S. Chamberlain 

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Houston Stewart Chamberlain

DEUTSCHES WESEN

(Ausgewählte Aufsätze)

Deutsches Wesen


„Friede und Heil des ganzen Weltteils werden
auf Deutschlands Stärke und Freiheit beruhen.“
(Jakob Grimm)




2. Auflage




F. Bruckmann A.-G., München

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Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1915 by F. Bruckmann A.-G., München
(Ohne diesen Vermerk ist geistiges Eigentum in
den Vereinigten Staaten von Amerika vogelfrei)


Druck von F. Bruckmann A.-G., München


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Hans Freiherrn von Wolzogen

sind diese Streifzüge auf sein ureigenstes Gebiet
in Freundschaft zugeeignet

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(Leere Seite)

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Aufsatzfolge


Seite
Erinnerungen aus dem Jahre 1870 11
Kaiser Wilhelm II.
23
Bismarck der Deutsche
34
Martin Luther
42
Immanuel kant
59
Das Wesen der Kunst
70
Einführung in den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe
72
Goethe's Werther
98
Schiller als Lehrer im Ideal
105
Richard Wagner's geschichtliche Stellung 113
Richard Wagner's Verhältnis zu den Klassikern der Dicht- und Tonkunst 132
Richard Wagner's Bayreuth 170
Gipfel der Menschheit 179

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(Leere Seite)

9



Vorwort

    Wie wenig sich der Mensch selber kennt, habe ich wieder einmal erfahren: ich bildete mir ein, ich hätte vor dem Kriege nur wenige Aufsätze geschrieben; nun kommt ein lieber Freund, stöbert in seinen Papieren und in den meinen, durchforscht außerdem die Sammelmappen des Verlags Bruckmann und fördert mehr als 160 gedruckte Aufsätze aus meiner Feder an den Tag! Mir fehlte jetzt die Muße und die Gemütsruhe, sie auf Inhalt und Wert zu prüfen; wir alle haben andere Dinge im Kopf; und so stand ich im Begriff, die eifrige Freundesgüte unbelohnt zu lassen; da wurde ich aufmerksam, daß einige Arbeiten aus alter und aus neuer Zeit, aneinandergereiht, sich als Studien über die Eigenart deutschen Wesens, dort, wo es sich auf reinen Höhen bewegt, auffassen lassen. So entstand der Sammelband „Deutsches Wesen“. Deutsche Fürsten: Wilhelm I. und Wilhelm II.; Schmiede an dem werdenden Deutschen Reiche: Luther und Bismarck; als Musterbeispiel des deutschen Weltweisen: Immanuel Kant; dann, als Dichter, Denker und hohe Menschen: Goethe, Schiller, Richard Wagner — diese bilden den Stoff der kurzen Aufsätze und ziehen manchen anderen unvergeßlichen deutschen Namen in den Zauberkreis, der bei jeder solchen Betrachtung entsteht.
    In Deutschland leben gar manche griesgrämige, sauertöpfische, enggeherzte Mannsen, die mir meine Liebe zu deutschem Wesen mißgönnen und meinen offen bekannten Glauben an eine strahlende, weltbeglückende Zukunft dieses zu edelstem Tun befähigten und in hartem Kampf gereinigten Volkes als gefährliche, demagogische Aufwiegelei verdächtigen: sie mögen aus diesem Buche entnehmen, mit welchen „Deutschen“ ich bisher Umgang pflog, wer mich über deutsches Wesen be-

10 Vorwort


lehrte, an welcher ewig lodernden Flamme die Fackel meines Hoffens sich entzündete. Reizen würde es mich, auch diese Afterdeutschen zu schildern — „das Gewurm und Geschwurm“, wie ein Großer sie einst nannte; bilden sie doch eine bezeichnende Ergänzung „deutschen Wesens“; in diesen Tagen aber des Heldenringens richten sich die Blicke unwillkürlich nur nach oben, nach den strahlenden Gipfeln der Menschheit, die Schiller uns lehrte, stets im Auge zu tragen. Ich warne die Deutschen gegen diejenigen, die ihnen Nüchternheit und Maß und allgemeine Menschenliebe predigen; es sind Wölfe im Schafsfell, bestenfalls wirkliche Schafe. Nur glühende Begeisterung ist imstande, demjenigen, was auf allen Gebieten von den großen Deutschen geleistet wurde, einigermaßen gerecht zu werden; Begeisterung ist die einzige Gemütsbewegung, die den gewöhnlichen Durchschnittsmenschen über sich selbst hinaushebt und ihn zu edlen Taten befähigt; ohne Überschwenglichkeit, sagt Goethe, ist nie etwas Großes geleistet worden; wir sehen's im Kriege, es gilt aber nicht minder von den gewaltigen Aufgaben der kommenden Friedenszeit; Deutschland wird entweder groß, überschwenglich groß sein — nicht die Ausdehnung habe ich im Sinn, sondern die Leistungen — oder es wird zu einem Nichts im sengenden Hauche seiner Neider verschrumpfen. Die Mäßigkeitsapostel sind VaterIandsmörder. Einen anderen Weg weisen uns die Männer, denen folgende Seiten in Ehrfurcht und dankbarer Liebe gewidmet sind.

    B a y r e u t h,   November 1915.

            Houston Stewart Chamberlain



11



Erinnerungen aus dem Jahre 1870 ¹)

When to the sessions of sweet silent thought
I summon up remembrance of things past.
S h a k e s p e a r e.

    Zu den vielen Wundern der menschlichen Psyche gehört die festhaftende Erinnerung an Längstvergangenes, So erinnere ich mich gewisser Episoden aus meinem vierten und dritten Lebensjahr, ja, Sogar an eine aus der Mitte meines zweiten Lebensjahres so deutlich, daß ich sie bis ins einzelne Schildern könnte: es steht alles haarscharf im Hirne abgebildet wie das Negativ auf einer photographischen Platte; nur aber der eine einzelne Augenblick, vor welchem und hinter welchem dunkle Nacht herrscht. Mit den Jahren nimmt natürlich die Zahl der Erinnerungsbilder zu; was mich aber jenseits aller Erklärungsmöglichkeiten dünkt — Schopenhauer würde es „metaphysisch“ heißen — ist das gleichsam Prophetische an manchen unter ihnen: ich will sagen, daß Geschautes, Gehörtes, Empfundenes, was im Hirne als dauernder Bestandteil des geistigen Besitzes lebendig bleibt, erst später, vielleicht nach Jahren, Bedeutung für die empfangende Seele gewann, im Augenblick der Aufnahme dagegen belanglos und nur des schnellen Vergessens wert war. So fuhr ich z. B. als vierzehnjähriger Knabe zum ersten Male in meinem Leben auf dem Vierwaldstättersee; es war im Monat August, und auf Bergen und Wasser lag die übermäßige Lichtfülle und das unheimliche Naturschweigen eines heißen Sommernachmittags, der in Regenströmen enden wird. Für solche Witterungs- und Landschaftseindrücke besonders empfänglich, hatte mich schon das Betreten des von plappernden Touristen besetzten Deckes gereizt und unduldsam gestimmt. Mürrisch nahm ich zwischen
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    ¹) Zuerst erschienen in der Zeitschrift „Der Merker“, 15. April 1915.

12 ERINNERUNGEN AUS DEM JAHRE 1870

schützenden Verwandten Platz und ärgerte mich, daß mein erwachsener Bruder, der am Ende der Bank saß, sich von einem kleinen, dicken, geschniegelten Franzosen mit Lackschuhen — einem Kerl, der inmitten dieser religiös verstummten Natur schier unerträglich wirkte — hatte ins Gespräch ziehen lassen, so daß jetzt, im lautesten Diskant abgeschnattert, das trivialste Zeug die Ohren marterte. Beim Hinausfahren aus dem Hafen von Luzern mußte unser Schiff einem einfahrenden ausweichen und kam dadurch recht nahe an die Landzunge von Triebschen; da unser Sitz dem Rigi zugekehrt war, merkten wir zunächst diese Annäherung an die Küste nicht. Auf einmal entsteht ein allgemeines Hallo- und Herbeirufen von einem Schiffsende zum andern; die auf der gegenüberliegenden Seite Sitzenden kommen zu uns herübergestürzt, die Feldstecherfutterale werden eiligst aufgeknipst, die Leute reißen sich die Gläser aus der Hand, alles fragt und antwortet, und den Wirrwarr durchdringt beherrschend die Schnatterstimme des kleinen, dicken Franzosen, der nach rechts und links Auskunft erteilt. „Ja, um Gottes Willen, was ist denn los?“ frage ich, indem ich mich unwillkürlich auch umwende. „Mais, c'est la maison de Richard Wagner!“ kräht mich das erregte Franzmännlein an, indem es auf der Silbe „nér“ das dreifach gestrichene C erreicht. Ich setze mich wieder hin und frage meinen Bruder, aber diesmal — um dem unausstehlichen Wichtigtuer zu entrinnen — auf englisch: „Wer ist Richard Wagner?“ „Ein berühmter deutscher Komponist.“ In Frankreich und in England, aller Kunst, allen Künstlern, ja, jeder künstlerischen Anregung irgendeiner Art so fern wie nur irgend ein Fidjiinsulaner, aufgewachsen, hatte ich den Namen nie gehört; er sagte mir also nichts, und doch habe ich ihn nie mehr vergessen. Nicht allein der Name blieb mir fortan Besitz, sondern die ganze Soeben geschilderte Szene: ich könnte noch

13 ERINNERUNGEN AUS DEM JAHRE 1870
heute — fünfundvierzig Jahre nach jenem Tage — den kleinen Franzosen malen; namentlich aber ist mein eigener Gemütszustand mir erinnerlich. Ärgerlich setzte ich mich wieder hin, Haus Triebschen den Rücken kehrend. Zwei Empfindungen betrübten mich: hier hatte sich ein Mann, gleichviel wer, ein abgelegenes Stückchen Erde ausgesucht, unzugänglich, von Wasser umspült, offenbar um mit den Seinen Ruhe zu genießen, und weil der Zufall ein Schiff in die Nähe verschlägt, da gaffen und spähen und stieren hundert Paar Augen, ob sie nicht dieser Einsamkeit etwas abstehlen können, anstatt sie zu verehren; außerdem fand ich diese kleinliche Neugier betrübend unschicklich angesichts der überwältigend großartigen Umgebung. Zum erstenmal im Leben war ich „Tourist“: sämtliche Fühlhörner meiner Seele zogen sich verletzt in die innerste Schale zurück. Völlig unerklärlich ist mir nun vor allem der Eindruck von Triebschen auf mein Gesicht. In späteren Jahren habe ich Triebschen häufig gesehen, es von der Land- und von der Wasserseite aus besucht, kein Erinnerungsbild ist aber annähernd so stark wie jenes erste; bei jeder Nennung des Namens steigt es mir vor die inneren Augen, während ich zu den späteren Gedächtnisbildern erst tastend den Weg suchen muß; und doch irre ich gewiß nicht, wenn ich schätze, daß ich das liebliche Bild nicht länger als zwanzig Sekunden betrachtete. Es mag ja sein, daß der strahlende Zauber des Tages, verbunden mit jener erhabenen Stimmung der Natur — teils vollendete Ruhe, teils beklemmende Ahnung heraufziehender Gewitter — Triebschen so wunderbar umrahmte, daß ichs nie wieder in solcher Vollendung erblickt habe; vielleicht wär' es mir auch rein als Landschaftsbild unvergeßlich geblieben; ich bezweifle dies aber: denn von der weiteren Fahrt nach Brunnen weiß ich nichts mehr, alles ist durch spätere Eindrücke verwischt, ausgelöscht; der kleine

14 ERINNERUNGEN AUS DEM JAHRE 1870

Franzose entschwindet aus meinem Gedächtnis von jenem Augenblick ab plötzlich, als wäre er vom See verschlungen worden; auch alle die anderen Touristen, das ganze Schiff, wir selbst — nichts mehr weiß ich von jenem Tag, gar nichts: einzig der eine Eindruck blieb ewig lebendig wie eine Traumvision — Triebschen! und im Ohre klang mir nach der eine — unbekannte — Name: „Richard Wagner“.
    Mit dieser Erzählung hoffe ich die Treue und Lebhaftigkeit meines Gedächtnisses beglaubigt zu haben, namentlich in jener Beziehung, die von den Fachleuten als „visuelles Gedächtnis“ bezeichnet wird; zum Auswendiglernen war mein Gehirn nicht organisiert — Verse, Regeln, Namen, alles läuft durch wie durch ein Sieb, wogegen das Geschaute merkwürdig fest haftet.
    Meinen Augen war es nun im selben Jahre 1870 — einige Wochen vor der Fahrt an Triebschen vorbei — vergönnt gewesen, Zeugen eines weltgeschichtlichen Vorfalles zu sein, dem sehr wenige Menschen — vielleicht nicht mehr als zwanzig — beiwohnten; wer weiß, ob von ihnen heute noch einer am Leben ist? Auch hier handelt es sich nur um ein Gesehenes; Sinn und Tragweite des Vorganges waren mir im Augenblick völlig unbekannt; um so reiner aber erschauten die Augen, die weder durch Neugier an jene Stelle gelockt waren, noch irgend einer leidenschaftlichen Voreingenommenheit dienten.
    In der zweiten Hälfte des Juni 1870 hatte ich zum ersten Male in meinem Leben deutschen Boden betreten und war nach kurzem Aufenthalt am Rhein in Ems eingetroffen, um mich dort einer längeren Kur zu unterziehen. Die genauen Tagesdaten weiß ich natürlich nicht mehr; doch besitze ich Anhaltspunkte: denn zur Feier der Schlacht bei Königgrätz traf eine größere Abteilung eines Infanterieregimentes in Ems

15 ERINNERUNGEN AUS DEM JAHRE 1870

ein: ich sah sie vom Bahnhof aus an meinen Fenstern vorbeimarschieren und nachher bei der Parade vor dem König; an französische und englische Soldaten gewöhnt, machten diese preußischen Elitetruppen auf mich den Eindruck nie geahnter Kraft; der Anblick riß mich hin; das muß am 3. Juli gewesen sein. Ich war noch in Ems, als die Nachricht von der Schlacht (ich glaube es war die bei Weißenburg) eintraf, wo gerade dieses Regiment entsetzlich litt; in Ems wurde erzählt, von dem Bataillon, das wir so kurz vorher in jugendlicher Schönheit und Kraft hatten vorbeiziehen sehen, sei kein einziger Offizier und kaum ein einziger Mann unversehrt geblieben: es war das ein erschütternder, unvergeßlicher Eindruck.
    Ems war sehr belebt: außer Deutschen, Engländern und Russen hielten sich auffallend viele Franzosen da auf, unter denen namentlich Jacques Offenbach, den sie, trotz seiner Kölner Herkunft, zu den ihrigen rechneten, Aufsehen erregte, sobald er sich auf der Promenade zeigte, auf Schritt und Tritt von dem größten Hund begleitet, den ich mein Lebtag gesehen habe. In den deutschen Badeorten wurde damals noch Roulette gespielt; infolgedessen kam ein viel bunteres und gemischteres Publikum zusammen als heutzutage. Frühmorgens 6 Uhr ertönte von der Kurmusik der übliche Choral; bis gegen 9 Uhr ging es am Brunnen lebhaft zu; dann leerte sich die Promenade zwischen Kurhaus und Kasino, um sich erst nachmittags zur Kaffeezeit von neuem auf zwei Stunden zu beleben; abends aber erreichte der Verkehr seinen Höhepunkt, denn da strömte alles zusammen, Patienten und Lebewelt; in dem promenadeartigen Kurgarten war nicht bloß häufig kein Stuhl übrig, sondern kaum mehr Platz zum Stehen und Gehen, und beim Kasino wogte die Menge ununterbrochen aus und ein.

16 ERINNERUNGEN AUS DEM JAHRE 1870
    In diesem wimmelnden Menschenhaufen hat nun gleich vom ersten Tag ab ein Mensch allein meinen Sinn gefangen genommen: König Wilhelm. Manche — vielleicht die meisten — haben seine Erscheinung unbedeutend gefunden; auf mich — und ich sollte ihn bis wenige Tage vor seinem Hinscheiden noch häufig sehen — hat er stets magisch gewirkt. Er war so vollendet schlicht, so gar nicht — wozu doch manche Hohenzollern neigen — à panache, so bestrickend freundlich und so heilig ernst. Die Menschenkenntnis, die aus der Wahl seiner Berater spricht — man denke außer an Bismarck nur noch an Roon und Moltke — genügt allein, seine geistige Bedeutung zu beweisen; dazu diese anbetungswürdige Beharrlichkeit der Treue! Es war das Ideal eines Monarchen. Man macht so viel Wesens über die Talente gekrönter Häupter: daran ist wenig gelegen, es dient meistens, die weit bedeutenderen Talente, die im Volke vorhanden sind, matt zu setzen; Urteil über Begabung und Charakter der anderen, der sichere Instinkt für reine und starke Menschen, ein Auge, welches Genie erkennt: das ist die eigentlich „königliche Gabe“; und von dem Manne, der einen Helmuth von Moltke dahin stellt, wo er hingehört, ihn dort gegen alle Kabalen hält und sich selbst schließlich der Vollmacht des gottgesandten Feldherrn unterzuordnen weiß, kann man mit Shakespeare ausrufen: every inch a king, jeder Zoll ein König! So war König Wilhelm.
    Täglich sah ich in Ems den König: früh am Brunnen, meistens wieder nachmittags auf der Promenade, immer abends, wo er an der Wand des Kasino, nicht weit von der Treppe, zu sitzen pflegte. Am Tage trug der König häufig Zivilanzug, abends Uniform. Gewöhnlich war er nur von zwei Herren begleitet, manchmal nur von einem, selten von vier oder mehr; abends dagegen war häufig eine zahlreiche Gesellschaft um des Königs Tisch versammelt. Früh, bei dem

17 ERINNERUNGEN AUS DEM JAHRE 1870

Gang zwischen den Bechern, fügte es sich öfters, daß er einer trotz der Morgenstunde auffallend elegant gekleideten Dame begegnete; man sagte, es sei eine polnische Gräfin, doch habe ich den Namen vergessen; mit ihr pflegte sich der König auf eine Bank niederzulassen, während die Herren seiner Begleitung ihren Spaziergang fortsetzten. Man glaube nicht, ich sei dem König nachgelaufen und habe ihn systematisch beobachtet; hätte ich es tun wollen, man hätte es mir verwehrt; doch auf dem beschränkten Raum und bei dem ewigen Hin und Her zum Brunnen und wieder zur Musik, war es nicht anders möglich, als daß man sich immer wieder begegnete; dutzende Male pflegten wir dem König auszuweichen und machten wir einen Umweg, um nicht an der Bank vorbeizukommen, wo er mit der schönen Gräfin plauderte. Er aber — der im Kurhaus Quartier genommen hatte — wollte offenbar ein Badegast unter Badegästen sein. Wer ihn nicht gesehen hat, kann sich diese vollendete Einfachheit kaum vorstellen: sie zeugte Verehrung und Rücksichtnahme. Polizeimaßregeln habe ich gar keine wahrgenommen; so stand z. B. der Abendtisch an einem Ort, wo alle Welt vorübergehen mußte, und rechts und links standen die anderen Tische jedem zur Verfügung; doch blieb dieser eine Tisch wie von einem Zauberkreise umgeben: niemand drängte sich heran, niemand blieb stehen; ich weiß nicht, war die Welt damals der Vulgarität weniger verfallen als heute, oder war es die ungezwungen auserlesene Höflichkeit des Königs, welche die Umstehenden zur Schicklichkeit erzog?
    So verging Tag für Tag im Einerlei des Badelebens. Einiges über politische Spannung drang wohl durch die Zeitungen an unser Ohr, doch kein Mensch hielt es für bedrohlich, und nicht ein einziger Franzose reiste aus unserem Hotel ab. Nur allmählich zogen sich die Wolken zusammen.

18 ERINNERUNGEN AUS DEM JAHRE 1870

Ich erinnere mich, wie bei Tisch einer sagte: „Bismarck wird heute Abend erwartet!“ da rief ein Zweiter, der querüber saß: „Er ist ja vorige Nacht dagewesen und ist in aller Frühe mit Sonderzug nach Berlin zurückgefahren.“ Doch ich achtete wenig auf diese Dinge, hatte ich doch einen großen französischen Maueranschlag am Kasino erblickt, der für den morgigen Abend die Künste des „premier prestidigitateur de Paris“ (des ersten Taschenspielers von Paris) versprach, was meiner Knabenphantasie mehr zu schaffen gab, als die Frage der spanischen Thronkandidatur. Halb und halb versprach mir mein Onkel, mich hinzunehmen. Das schwebende „Sein oder Nichtsein“, das im Laufe des Lebens so wechselnde Gestalten annimmt, bezog sich in dem Augenblick für mich mehr auf den famosen Prestidigitateur als auf Leopold von Hohenzollern.
    Am folgenden Tag traf es sich nun, baß ich etwas in der Stadt zu besorgen hatte; mein Weg führte mich über die Kurgartenpromenade, am Kurhaus und am Kasino vorbei. Daß es der 13. Juli war, das meldet mir mein Gedächtnis nicht, ich erfahre es aus den Geschichtsbüchern. Selbst die Tagesstunde steht mir nicht als solche im Hirne gestempelt; was ich ganz deutlich sehe, ist die fast menschenleere Promenade, woraus ich mit Sicherheit schließe, daß es entweder mittags zwischen halb 11 und halb 12 Uhr gewesen sein muß, oder abends zwischen etwa fünfeinhalb und sieben; fast hätte ich letzteres vorausgesetzt, doch werde ich belehrt, es sei jedenfalls am Vormittag geschehen; ich persönlich kann das nicht entscheiden. Um so deutlicher erblicke ich die unbelebte Brunnenpromenade und mich selbst, wie ich — in einer Art traumhafter Stimmung — eilig dahinschreite. Vom Kurhaus her taucht plötzlich — in der Diagonale die Promenade durchquerend — eine noch rascher schreitende Gestalt auf, die meine

19 ERINNERUNGEN AUS DEM JAHRE 1870

Aufmerksamkeit durch den ungewohnten Anzug erweckt: am hellen lichten Tage Frack, weiße Binde, Zylinder. Meine englischen Vorurteile waren eben so verletzt, wie wenn der Kellner mir Senf zu Hammelfleisch anbot! Das ist wohl ein Tollhäusler, dachte ich bei mir. Auf einmal fiel es mir aber klar wie die Sonne ein: das ist natürlich der Taschenspieler aus Paris! Ihm kann man den Aufzug verzeihen, der Frack ist ihm angewachsen. Sein Gesicht sah ich nicht deutlich, weil er schneller als ich, fast im Laufschritt daher sausend, das Lahnufer, an dem entlang ich ging, etwa zehn Schritte vor mir erreichte, um nun weiter zu eilen. Jetzt erst erblickte ich geradeaus eine Gruppe von Herren, die, zu zwei und zwei hintereinander, gemächlich dahinschritten, einige in Uniform, andere in Zivil. Das muß ja der König sein, sagte ich mir, und staunte, denn zu dieser menschenleeren Stunde hatte ich ihn nie getroffen, und nie in so zahlreicher Begleitung: es müssen mindestens acht, vielleicht zehn oder zwölf Herren gewesen sein. Inzwischen war der vermeintliche Taschenspieler wieder rechts in die Büsche verschwunden und muß dort gelaufen sein, was die Beine ihn nur trugen, denn plötzlich schießt er weit vorn aus ihnen wieder heraus, so daß er unmittelbar vor den König zu stehen kommt. Über diese Unverfrorenheit erschrak ich dermaßen, daß mir das Herz still stand. Doch nein, der König muß es nicht übel genommen haben; denn er reicht dem Taschenspieler die Hand, während dieser den tiefsten Bückling macht, den ich dazumal je gesehen hatte, und mit dem Rand seines Zylinders fast die Straße berührt. Ich dachte nicht anders als daß der berühmte Prestidigitateur den König ersuche, seine Aufführung durch die allerhöchste Gegenwart zu beehren und — da mich mein Weg ohnehin dort führte — schritt ich näher heran, von der halbunbewußten Hoffnung belebt, er würde

20 ERINNERUNGEN AUS DEM JAHRE 1870

vielleicht dem Monarchen auf der Stelle irgendein wunderbares Kunststück vormachen, daß ihm der Mund nach mehr wässerig werde .... Doch es kam anders. Ich weiß nicht, geschah es Spontan oder war es angeordnet: die Herren vom Gefolge traten alle einige Schritte zurück und bildeten eine Art Kreis oder Dreiviertelkreis, so daß der König und der Taschenspieler in der Mitte isoliert dastanden und gewiß niemand ein Wort hören konnte, was sie zusammen sprachen. In dem Augenblick drehte der eine Herr von der Begleitung den Kopf nach mir um und guckte mich an, als wollte er sagen: schau, daß du weiter kommst! Doch ich konnte nicht weiter. Denn die Begegnung hatte genau an der Ecke des Kasinos stattgefunden, auf der Flußseite, und durch den von den Herren der Begleitung gebildeten weiten Kreis war diese Straße gleichsam abgesperrt; ich hätte umkehren und rings um das Kasino auf der Stadtseite herum müssen; das paßte mir nicht; so blieb ich denn stehen. Mit einer leichten Wendung nach links hatte der König einen seiner Herren herangewinkt; dieser zog eine Zeitung aus der Tasche, legte sie auseinander und reichte sie dem König, worauf er sofort zurücktrat. Nun sah ich zu meiner Verwunderung — und sehe es noch heute — den König die Zeitung in der linken Hand vorgestreckt halten und mit der rechten Hand auf eine bestimmte Stelle weisen. War der befrackte Mann wirklich sehr kurzsichtig oder war er durch die Erregung blind geworden, ich weiß es nicht: ich sehe ihn tief gebückt, mit der Nase fast das Papier berühren. Der König streckte dann den linken Arm mit dem Blatt zurück ohne sich umzuwenden, der betreffende Herr des Gefolges sprang vor und nahm es ihm ab. Nur wenige Worte wurden da noch zwischen den beiden in der Mitte gewechselt. Von meinem Platz aus sah ich dem König ins Gesicht; eine merkwürdige Umwandlung

21 ERINNERUNGEN AUS DEM JAHRE 1870

war in ihm vorgegangen; der sonst sich leicht bewegende Mann stand jetzt da wie von Marmor oder Bronze, das Antlitz in Falten erstarrt; er reichte dem vermeintlichen Taschenspieler die Hand nicht, als dieser sich wiederum und sogar noch tiefer der Erde zubeugte, vielmehr erwiderte er steif und kalt diesen Abschiedsgruß; der befrackte Mann richtete sich wieder empor, verneigte sich leicht gegen die Herren im Kreise und verschwand dem Kurhause zu ebenso stürmischen Schrittes wie er gekommen war. Auch ich eilte jetzt weiter meiner Wege.
    Wie wurde ich bei Tisch ausgelacht, als ich mein Abenteuer erzählte und naiv überzeugt immerfort vom „Taschenspieler“ redete. „Du einfältiger Bube,“ belehrte mich mein Onkel, „das war kein Taschenspieler, sondern irgend ein hoher Beamter.“ Von der anderen Seite des Tisches rief jemand: „Sicher ist das ein von Bismarck hergesandter vortragender Rat aus dem Auswärtigen Amte.“ Am Abend fiel aller Welt die Veränderung auf: zwar saß der König wieder an seinem Tische, und sein Kreis war zahlreich, er aber, anstatt wie sonst leutselig zu reden und vergnügt freundlich die Menge anzuschauen, saß in sich gekehrt, die Augen zu Boden gerichtet. Am folgenden Morgen ging in Ems die Märe, in des Königs Arbeitszimmer im Kurhaus habe die ganze Nacht Licht gebrannt. Mit einem Male war die Stimmung bei Bevölkerung und Gästen umgewandelt: in Gruppen standen die Menschen herum und sprachen erregt, Wagen auf Wagen eilte zum Bahnhof, scharfe Kriegsluft webte; doch wußte man nichts Genaues und die Klügeren rieten zu ruhigem Abwarten.
    Des Königs Abfahrt von Ems, am Nachmittag des folgenden Tages, habe ich schon vor Jahren in der „Jugend“ geschildert. ¹) Es folgte die Kriegserklärung, die Flucht der Bade-
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    ¹) Vgl. den folgenden Aufsatz.

22 ERINNERUNGEN AUS DEM JAHRE 1870

gäste; wir blieben ruhig bei unserer Kur, sahen die deutschen Truppen ausziehen, erlebten die Ankunft der ersten französischen Gefangenen. Eines Tages, als ich durch den Hotelgarten ging, rief mich mein Onkel, der in die Zeitungen vertieft dasaß: „Du bist Zeuge des weltgeschichtlichen Ereignisses gewesen, aus welchem dieser große Krieg hervorging: Dein vermeintlicher Taschenspieler, der den König auf der Promenade anredete, war der französische Botschafter Graf Benedetti!“

    B a y r e u t h,   24. März 1915.

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23


Kaiser Wilhelm II.
¹)


    Ich rief im Stillen mir das Ver-
gangene zurück, um, nach meiner Art,
daran das Gegenwärtige zu prüfen, und
das Künftige daraus zu schließen, oder
doch wenigstens zu ahnen.      G o e t h e.

    Betrachten wir die geschichtliche Stellung Kaiser Wilhelm's des Zweiten, so ist die große mittlere Tatsache diese: er ist überhaupt der erste Deutsche Kaiser. Er ist es historisch und er ist es, weil er weiß, daß er es ist. Wohl hat es während 450 Jahren, von der Krönung Karl's des Großen bis zum Tode Friedrich's des Zweiten (mit Unterbrechungen), in Deutschland wahre Kaiser gegeben, doch römische, nicht deutsche. In Karl's des Großen offizieller Titulatur hinkt ganz bescheiden nach: „et per misericordiam Dei rex Francorum et Langobardorum“; Kaiser ist er aber als: „Romanum gubernans imperium“. Die Römer sind es, die ihn zum Kaiser ausrufen, und von Byzanz erbittet er die Bestätigung seiner Kaiserwürde. Der Begriff des „Deutschen“ ist hier ohne jeden Belang. Wir begehen also nicht bloß einen historischen Schnitzer, indem wir Barbarossa statt des großen zweiten Friedrich im Kyffhäuser harren lassen, sondern diese ganze Vorstellung eines wieder ins Leben gerufenen, früher schon dagewesenen Deutschen Reiches ist grundfalsch und verhindert das Verständnis der Gegenwart. Freilich spukt schon früh bei den Schriftstellern ein „rex Teutonicorum“, ein „deutscher König“, doch rechtlich und urkundlich wird ein derartiger Begriff erst im Augenblick anerkannt (Ferdinand I.), als jenes Geschlecht den Thron bestiegen hatte, welches durch die geographische Lage seiner Länder und die Zusammenstellung seiner Völkerschaften nicht berufen sein konnte, die wirkende
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    ¹) Zuerst erschienen in der Münchener „Jugend“ vom 28. Mai 1900, Nr. 22.

24 KAISER WILHELM II.

Kraft zur Bildung eines echten Deutschen Reiches abzugeben. Ein wirkliches „Deutsches“ Reich gibt es erst seit 1871. Kaiser Wilhelm I. aber hat sich zur Annahme der Kaiserwürde förmlich zwingen lassen, und zwar nicht aus Demut oder Rücksicht, sondern weil, wie Bismarck bezeugt: „er mehr die Macht und Größe Preußens als die verfassungsmäßige Einheit Deutschlands im Auge hatte“ (Erinn. II, 57). Auch bei dem nachmaligen Kaiser Friedrich fand Bismarck nur ein bedingtes Verständnis für die Idee eines echten deutschen Kaisertums. Dagegen erfüllte das Bewußtsein seiner einstigen Kaiserwürde Wilhelm II. von Kindesbeinen an.
    Für die geistige Entwicklung einer in einem entscheidenden historischen Augenblicke wirkenden Persönlichkeit ist es nun von ausschlaggebender Bedeutung, in welchem Verhältnis die fortlaufende Bewegung der politischen Ereignisse zu den fortlaufenden Phasen des Lebensalters dieser Persönlichkeit steht. In diesem Falle ist das Verhältnis ein äußerst günstiges. Nicht allein hat der jetzt regierende Monarch gegen keinen Nachbarn das Schwert gezogen und erblickt ihn darum selbst der Feind schuldlos, blutlos — dies ist doch mehr ein äußeres, wenn auch nicht unwichtiges Moment — nein, die letzten Etappen in der Entwicklung des neuen Reiches hat er selber miterlebt. Hat er auch nicht gefochten, er war doch schon sieben Jahre alt, als der innere Feind des im Entstehen begriffenen Deutschlands aufs Haupt geschlagen wurde, und als elfjähriger Knabe hat er es erlebt, wie sein Vater, sein Großvater, seine ganze Familie und mit ihr alle wehrbaren Männer Deutschlands gegen den äußeren Feind in den Krieg zogen, und hat mit eigenen Augen ihre ruhmgekrönte Heimkehr erblickt. Das Werden des Reiches ist ihm also ein persönliches Erlebnis, nicht eine vom Lehrer vermittelte Chronik, und das ist ein kostbarer Besitz.

25 KAISER WILHELM II.

    Nichts kann geeigneter sein, einen zum Überschwänglichen geneigten Charakter zu zügeln und zu festigen, als das Erlebnis großer Ereignisse. Denn diese faßt er dann mit der selben eingeborenen Leidenschaftlichkeit auf und sie wirken richtunggebend auf sein ganzes Leben. Ich kann behaupten, ich weiß es aus Erfahrung. Denn als der große Krieg ausbrach, war ich in Ems, ein Knabe nur wenig älter als Prinz Wilhelm, und sollte ich hundert Jahre alt werden, nie werde ich die Abfahrt des Königs nach Berlin vergessen. Begeisterung, wilde Freude und Zorn wechselten in den Blicken und den Stimmen der dem Fürsten unaufhörlich zujubelnden Menge; er aber, sonst so wohlwollend, stand regungslos am offenen Fenster des Eisenbahnwagens, die edlen Züge wie versteinert in dem Ausdruck des furchtbaren, heiligen Ernstes, und es lag in dem Auge eine solche Tiefe der Trauer, ein so tragisches Bewußtsein der Verantwortung vor Gott, daß sich mir die Kehle zuschnürte und ich dem hohen Herrn wohl die Hand hätte küssen mögen, doch ein Hoch hervorzubringen unfähig gewesen wäre. Das ganze Geschlecht der Hohenzollern rief dieser eine Blick aus der Vergangenheit hervor. Der in schlichter Soldatengestalt dastand, war mehr als ein einzelner Mann, er war die Verkörperung eines Geschlechtes; ich erfuhr, was es bedeutet, König zu sein; der Blick schien von weit her, über Jahrhunderte von Not und Kampf und Sorge zu kommen, und er schaute weit, weit hinaus, unbeirrt, doch nicht jubelnd, sondern als sähe er Kampf über Kampf sich auftürmen. Wer als Erbe diesen Mann am Werke gesehen hat, wird niemals leichten Herzens sich auf Abenteuer einlassen.
    Zugleich aber mit diesem kostbaren Schatz der Erfahrung besitzt der jetzige Kaiser etwas, was nur eine sehr wohlwollende Vorsehung damit verknüpfen konnte, nämlich die Gunst, jung

26 KAISER WILHELM II.

auf den Thron gekommen zu sein. Wilhelm I. und auch Bismarck sind beide Vollender; für beide ist es charakteristisch, daß sie in ein Gebäude, an dem schon Geschlechter gebaut, den Schlußstein einfügen. Wilhelm I. vollendet die spezifisch „preußische“ Mission des Hauses Hohenzollern; Bismarck vollendet — eigenwillig, selbstherrisch, titanenhaft — das, was Generationen der besten Deutschen nicht nur ersehnt sondern auch vorerstritten und gegründet haben. Jetzt galt es aber ein Neues: das zum erstenmal in der Geschichte fest geeinte Reich der Deutschen mußte nun wissen, was es mit der neuen Macht beginnen wollte. Jede Blüte birgt Samen, jede Erfüllung trägt Keime neuen Lebens, jeder Zuwachs an Kraft bedeutet einen Zuwachs an Pflichten. Zurückblickend auf die glorreiche Reihe seiner Ahnen, mußte der gekrönte Gewalthaber erkennen, jetzt habe die kreißende Zeit, indem sie sein Haus immer höher emporhob, eine Lage geschaffen, analog derjenigen, in welcher der Große Kurfürst die Regierung übernahm, analog nämlich insofern es jetzt gilt — durch eine Vereinigung von kühner, hochfliegender, phantasiemächtiger Erfassung der in einem Übergangszustand befindlichen Weltlage, verbunden mit einer leidenschaftslosen diplomatischen Interessenpolitik, den Gegnern und den höchst unzuverlässigen Freunden zum Trotz — die Grundlage zu einem neuen, erweiterten Deutschland zu legen. Und hier wie dort konnte eine derartige Aufgabe nur von einem Mann in Angriff genommen werden, der in der Fülle der Jugend sie übernahm. Das Wort vom „neuen Kurs“ ist ein weltgeschichtlich viel tieferes, als die Zeitgenossen ahnen; es bezeichnet einen historischen Wendepunkt. Und wurde es auch, wie alle solche Worte, halb unbewußt gesprochen, so bildet es doch keine zufällige Wendung. In einer seiner letzten Reden rief der Kaiser aus: „Blicken wir um uns her: wie hat seit einigen Jahren

27 KAISER WILHELM II.

die WeIt ihr Antlitz verändert! Alte Weltreiche vergehen und neue sind im Entstehen begriffen.“ Dieser Mann weiß genau, um was es sich handelt, und mit dem schöpferischen Ungestüm jugendlicher Furchtlosigkeit hat er die Aufgabe erfaßt und glaubt fest (wie es in einer vor zehn Jahren gehaltenen Rede heißt): „daß es den Deutschen gelingen wird, diese Nebel und dunklen Stunden zu überwinden und bei kräftigem Vorwärtsstreben ihr Ziel zu erreichen.“ Doch ist bei ihm dieses Bewußtsein ein so lebendiges, daß zu der Zuversicht sich auch Sorge gesellt; denn der durchschnittliche deutsche Adelsprotz und Bierphilister sonnt sich in der neuen Herrlichkeit des Reiches und glaubt alles erfüllt; er ahnt nicht, daß die schwerste Arbeit jetzt beginnt, daß es jetzt gilt, erhabeneren Idealen mit Aufopferung und eisernem Willen nachzustreben; anstatt das gemeinsame Werk zu fördern, steht er hemmend im Wege, so daß dieser hellblickende Kaiser — dessen Augen in so charakteristischer Weise zwischen schwärmerischer Entrücktheit und kaltem, hartem Willensgebot wechseln — vor kurzem klagen mußte: „Mit tiefster Sorge habe ich beobachten müssen, wie langsame Fortschritte das Interesse und das politische Verständnis für große weltbewegende Fragen unter den Deutschen macht.“
    Ich habe nicht die billige Rolle eines Propheten zu übernehmen, doch steigert sich meine Zuversicht, wenn ich diesen Mann im Laufe einer schon zwölfjährigen Regierung — gefesselt durch das allgemeine Wahlrecht derjenigen, welche nicht auf weltüberschauendem Gipfel stehen — dennoch alle Haupterfordernisse, wie sie sich aus dem Bewußtsein des neu zu Schaffenden ergeben, unverrückt im Auge behalten und mit großem Geschicke in günstigen Konjunkturen immer wieder vorbringen und nach Möglichkeit durchsetzen sehe. Nur mit aphoristischer Kürze kann ich das Gemeinte hier andeuten;

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ich wähle zwei Punkte: nach außen die Seemacht, nach innen die Sprache.
    Ob die kleinen Nationen von der Weltkarte verschwinden werden, darf man billig bezweifeln; doch de facto wenn auch nicht de jure sind sie bereits den großen unterworfen, und zwar infolge eines schon Jahrhunderte währenden, wirtschaftlich bedingten unentrinnbaren Entwicklungsprinzips. Und aus dem selben Prinzip entnehmen wir die unbezweifelbare Tatsache, daß die vier oder fünf Großmächte nur unter der einen Bedingung groß bleiben können, daß sie größer werden. Nie war der Kehrreim
„Mein Vaterland muß größer sein!“
für die Deutschen zeitgemäßer als heute. Zweihundert und fünfzig Jahre trennen uns vom Großen Kurfürsten; daß Deutschland nicht zu irgendeiner Art „Österreich“, sondern zu einer festgeschlossenen Nation wurde, verdankt die Welt in erster Reihe dem „gewaltigen Seherblick“ ¹) dieses Mannes, sodann seiner Tatkraft und der seiner Nachfolger. Wenn aber das neue Deutsche Reich innerhalb der nun folgenden zweihundertundfünfzig Jahre nicht zu einer weitausgedehnten Weltmacht heranwächst — und dies hängt nur und allein von seinem Willen ab — so schwindet es, infolge der relativen Abnahme, aus der Reihe der Großmächte, und sein Überschuß an Bevölkerung, sowie der größte Teil seiner unvergleichlichen geistigen und moralischen Leistungsfähigkeit, dient der Größe anderer Völker. Millionen von Deutschen sind dem Vaterlande schon im Laufe des 19. Jahrhunderts verloren gegangen. Von dem Großen Kurfürsten dürfte es feststehen, daß er kein Jahr zu früh auftrat; die Lage war eine so verzweifelte, daß der eine Mann sie nicht mehr retten
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    ¹) Rede Kaiser Wilhelms II. am 1. Dezember 1890.

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konnte und es ohne das Genie seines Urenkels für Preußen und Deutschland schon zu spät gewesen wäre. Von Wilhelm II. wird man einst Ähnliches sagen. Der Blindeste muß doch einsehen, wenn er nur einen Augenblick aus dem engumzirkten Interessenkreise seines Heute und Morgen aufzublicken vermag, daß in dem Wettbewerb um Kolonien nicht eine Stunde mehr zu versäumen ist. Und daß dieser Kaiser, vom ersten Tage seiner Regierung an, die fortschreitende Ausbildung der Flotte als ein Hauptziel erkannt, daß er die technische Ausbildung auf diesem Felde sich persönlich angeeignet und somit als Sachkundiger eine Idee des Großen Kurfürsten — die so lange hatte ruhen müssen — wieder aufgenommen hat, das bedeutet so ungeheuer viel, daß jeder einsichtige Mann billig über manches andere hinwegblicken sollte, was ihm an den Anschauungen des Kaisers nicht behagen mag. Ohne Flotte läßt sich gar nichts machen; mit einer großen Flotte ausgerüstet, betritt Deutschland die Bahn, welche Cromwell England eröffnete, und kann und muß resolut darauf lossteuern, die erste Macht der Welt zu werden. Es hat die moralische Berechtigung dazu und daher auch die Pflicht. Und zwar sind Eroberungen mit Waffengewalt durchaus nicht das Ausschlaggebende; ist erst die Macht da, so stellt sich schon der des Besitz ein — die Geschichte der englischen Kolonialbesitzungen bezeugt es; und ausschlaggebend (auch für den materiellen Vorteil) ist nicht so seht der tatsächliche Besitz, wie jene moralische Wertung, die auf Macht beruht und die vor allem in der Sprache sich kundtut. Man betrachte nur die Fortschritte der deutschen Sprache in den Vereinigten Staaten seit dem Krieg von 1870!
    Dies ist nun der innere Kernpunkt jener nach außen gerichteten Politik: die Sprache. Hierbei handelt es sich um etwas noch Größeres als das Deutsche Reich, es handelt sich um den

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deutschen Geist. Denn kämen lediglich wirtschaftliche Fragen in Betracht, so könnte man sagen, es sei gleichgültig, ob der Crefelder Fabrikant und der Hamburger Reeder mit einem Chinesen oder mit einem Engländer handelt und ob der betreffende chinesisch oder englisch redende Korrespondent deutscher Herkunft ist oder nicht. Von Völkern kann man aber wie von Individuen behaupten: sie leben nicht um zu essen, sondern sie essen um zu leben. Das nationale Leben ist nichts — und gewiß keiner Flotte wert — wenn wir ihm nicht einen Inhalt geben, und die Form dieses Inhalts ist unzertrennlich an die Sprache geknüpft. Wer aber Form sagt, sagt viel; Form und Stoff lassen sich nicht scheiden. Eine Sprache kann dem Geist Flügel geben und dadurch den Inhalt des Lebens zu einem herrlichen gestalten; dagegen kann der Verlust einer Sprache dem Geist die Flügel ausreißen und ihn fortan unfähig machen, die Gedanken zu denken, für die er seinem Wesen nach bestimmt war. Und keine Überzeugung hege ich fester und heiliger als die, daß die höhere Kultur der Menschheit an die Verbreitung der deutschen Sprache geknüpft ist. Ich sage das, als ein Engländer, der seine Muttersprache innig liebt und der sich von einem Jakob Grimm über die Unvergleichlichkeit mancher ihrer Eigenschaften hat belehren lassen. Die englische Sprache ist aber eine Sprache der Extreme: Extase oder Geschäft; sie ist nicht die Sprache der Wissenschaft und nicht die Sprache der Philosophie; in ihr führt jetzt kein Weg weiter zu neuer Kenntnis und neuer Erkenntnis. Nun wurde aber vor vier Jahrhunderten die deutsche Sprache von zwei und einhalbmal soviel Menschen wie die englische gesprochen, heute — infolge der Weltstellung der alles an sich reißenden, mit sich amalgamierenden Angelsachsen — verhält sich die Verbreitung der deutschen Sprache zur Verbreitung der englischen wie 2 zu 3, und in nur hundert Jahren, wenn

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es so weiter ginge, wie 1 zu 3 (nach Carnac's Berechnungen). Außerdem hat schon jetzt die russische Sprache die deutsche fast überflügelt. Das ist für die europäische Kultur und namentlich für die Zukunft der edelsten germanischen Menschheit ein unermeßliches Unglück. Jener erhabene Deutsche, Richard Wagner, sprach ein großes Wort, als er sagte, die Deutschen seien „zu Veredlern der Welt bestimmt“. Diese veredelnde Mission ist an ihre Sprache gebunden; denn nicht die deutsche Industrie und der deutsche Landbau, sondern die deutsche Organisation des Staates, die deutsche Wissenschaft, die deutsche Philosophie, die deutsche Kunst und — so Gott will — die deutsche Religion sind es, welche die Welt veredeln können und sollen. Und darum, wer diese Sprache verbreiten hilft, ist mein Mann, mag er es anfangen, wie er will, und mag er selbst die Gegner über die Klinge springen lassen; nur ein Kaiser, der diese Aufgabe erfaßt, ist ein echter Kaiser der Deutschen.
    Das alles sind bloß hastige Andeutungen eines Themas, über das man ganze Bücher schreiben müßte, und zwar mit Herzblut, nicht mit Tinte. Sie genügen aber, damit man zu dem Manne Vertrauen faßt, der kaum zwei Jahre auf dem Thron saß, als er eine durchgreifende Reform des deutschen Schulwesens anregte, und zwar mit dem einen bestimmten Zweck, fortan die deutsche Sprache beim Unterricht „Mittelpunkt“ sein zu lassen. „Wir sollen Deutsche erziehen, und nicht Griechen und Römer!“ rief der Kaiser bei dieser Gelegenheit aus. Daß er hier wie bei der Flotte nur langsam durchdringt, daran ist schuld, daß er nicht verstanden wird. Wahrlich, es ist ein tragisches Schicksal, heutzutage ein weitblickender Monarch zu sein; den schattenhaft verwehenden Gestaltungen des Tages entrückt, überblickt er ferne Zusammenhänge, das Herz ist voller Gaben, die Hand wäre tatenmächtig, er hat alles, nur nicht die nötige Gewalt. Dennoch brauche

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ich nicht erst statistisch nachzuweisen, wieviel der Kaiser trotz aller Philologen und Parlamentarier durch die ganze Richtung seiner Politik für die Verbreitung der deutschen Sprache schon geleistet hat.
    Es liegt mir ferne, in diesen kurzen Zeilen eine Panegyrik schreiben zu wollen. Ich stehe aber selber — wenn auch kein Kaiser — abseits von der rauschenden, staubaufwirbelnden Menge, dort, wo ich die Gipfel besser als die Heerstraße überblicke: und wenn ich auch die fast leidenschaftliche Opposition begreife, die sich so vielfach Luft macht, ich muß gestehen, ich sympathisiere mehr mit dem Kaiser als mit seinen Widersachern. Mit Goethe bekenne ich: „mein Gemüt neigt zur Ehrerbietung.“ Ich glaube nicht an Gottesgnadentum, ich glaube aber an die zwingende Macht eines großen Geschlechtes, welche den Ohnmächtigen stützt und den Mächtigen hebt, und welche — vor allem — dem Individuum eine überindividuelle Folgerichtigkeit und dadurch ganz besondere Fähigkeiten verleiht. Und ich meine, was man zunächst von einem Kaiser zu fordern oder zu erhoffen hat, ist, daß er ein guter „Kaiser“ sei; dieser ist noch mehr, er ist ein sehr bedeutender; und das kann ich behaupten, ohne in den Snobbismus der Anbetung, noch in die Roheit der Anflegelei zu verfallen.
    Daß es über eine so fesselnde und zugleich so gewaltsam zum Widerspruch reizende Persönlichkeit noch viel zu sagen gäbe, bedarf keiner Versicherung. Ich habe aber heute nur den „Kaiser“ im Menschen, nicht den „Menschen“ im Kaiser in Betracht ziehen wollen. Und so möchte ich mit einem Hinweis auf jenen Punkt schließen, wo Kaiser und Mensch ineinander übergehen: die Religion. Des Kaisers anachronistische Rechtgläubigkeit wird viel kritisiert; ich teile sie nicht, ich halte sie aber für eine Grundfeste zugleich seiner Persönlichkeit und seiner monarchischen Kraft. Ist es auch nur die

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Richtung des Gemütes, nicht die Gestalt des Credos, welche von Wichtigkeit ist, des Kaisers naiv-kirchliche Religion wird doch den Millionen des Volkes zugänglicher sein als Goethe's Religion der Ehrfurcht vor sich selbst und als Kant's und Schiller's nahe verwandte Religion der sittlichen Autonomie. Und Wilhelm II. weiß, daß ein Volk und ein König ohne Religion nichts wahrhaft Großes vollbringen können. Auch hierin bewährt er sich als ein geborener, echter Kaiser.
    Die Regierung Wilhelm's II. trägt den Charakter eines aufgehenden neuen Morgens. Der Veteran des vergangenen glorreichen Tages begreift nicht dessen Berechtigung, er kann ihm keinen Geschmack abgewinnen; der Zukunftsschwärmer, die mehr oder weniger blonde Bestie der Dämmerung, begreift dagegen nicht, daß das Heute im Gestern wurzeln, und daß jede Gegenwart in wesentlichen Dingen eine Wiederholung der Vergangenheit sein muß, weil die Lebensgesetze die selben bleiben. Uns fehlt die Unmittelbarkeit, die Unbefangenheit der Anschauung; die Abendstimmung, um nicht zu sagen die Nachtstimmung, waltet vor, die Eule ist unser spiritus familiaris; und während die junge Zeit auf feurigem Rosse dem neuen Morgen entgegenbraust, kauern wir brütend am Boden, schaufeln alte Schädel heraus, verpesten die Luft mit modrigen Literaturen und schwüler dekadenter Kunst, theoretisieren über das, was war, und ruhen nicht, bis wir die lebendige Gestalt dessen, was ist, des gottähnlichen, zeugenden, gegenwärtigen Menschen zur wandelnden Mumie des verneinenden Kritikers verdörrt haben. Stets jedoch hat der Tag die Nacht, Siegfried den Wurm besiegt; auch bei uns soll es anders werden; und indessen sitzt schon auf dem neuen Throne des Reiches der Zukunft ein Mann, dessen Wesen in dem Spruche zusammengefaßt werden kann:

„Im Anfang war die Tat.“



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Bismarck der Deutsche ¹)

    Es war der Glaube an das wahre Wesen
des deutschen Geistes, der einen deutschen
Staatsmann unserer Tage mit dem unge-
heuren Muthe beseelte, das von ihm erkannte
Geheimniß der politischen Kraft der Nation
durch kühne Thaten aller Welt aufzudecken.
R i c h a r d   W a g n e r
.

    Was meinen wir eigentlich, welcher genauen Vorstellung geben wir Ausdruck, wenn wir einen Mann, der sich vor Andren auszeichnet, also jedenfalls eigenartig ist, als den Inbegriff eines ganzen, mehr oder weniger gleichmäßig vorgestellten Volkes auffassen? So glaubt z. B. Milton in den Schöpfungen Shakespeare's das Echo aus den Wäldern Englands zu vernehmen, und Schlegel führt das Wort an, Shakespeare sei „der Genius der Britischen Insel“ — wobei das Wort „Genius“ der Vorstellung eines Inbegriffs, das heißt der Verkörperung des ganz reinen und darum kräftig klaren Sonderwesens nahekommt (vergleiche Grimm). Wir aber sehen uns unwillkürlich nach den anderen englischen Shakespeares um und finden sie nicht; ja, es taucht sogar aus Tiefen die Frage auf: bildet nicht dieser große Dichter — wenigstens in gewissen Beziehungen — einen polaren Gegensatz zu allem, was man als charakteristisch „englisch“ berechtigterweise bezeichnen kann? Wer nun Bismarck's Leben an sich vorüberziehen läßt, wer, gründlich beschlagen, an der Hand eines kurzen Leitfadens, wie wir jetzt einen ganz vortrefflichen von Valentin besitzen, sich in wenigen Tagen, besser noch in wenigen Stunden die Laufbahn des Begründers des Deutschen Reiches von Anfang bis Ende vergegenwärtigt, so daß die Kraft des einheitlichen Bildes auf den sinnenden Geist etwa wie der Eindruck eines Heldendramas wirkt — der wird
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    ¹) Erschienen in der „Bismarckbeilage“ der „Täglichen Rundschau“ vom 1. April 1915.

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verstummen unter dem niederdrückenden Gefühl einer ungeheuren Tragik: der Tragik der Einsamkeit. Dieser Inbegriff des Deutschen steht unter Deutschen allein: das stimmt uns nachdenklich. So wenig sie sonst sich gleichen mögen, in einem Bezug zeigen Bismarck und Hamlet Ähnlichkeit: der eine kennt von Jugend auf nur ein Sehnen — das Land, den Wald, die lautlose Pürschjagd —‚ der andere sagt, die Umgrenzung einer Nußschale würde ihm genügen, sich als Monarch des unermeßlichen Weltenraumes zu empfinden; beide stellt das Schicksal in den Mittelpunkt von Hof und Staat und Politik, und weil sie nicht allein sind, sind sie einsam. Von dem Tage an, wo Bismarck (1864) im Abgeordnetenhause hören mußte, „das ganze preußische Volk sage sich von jeder Gemeinschaft mit ihm los“, bis zu jenem 18. Januar, an weIchem der soeben zum Kaiser Ausgerufene an dem Minister, der allein und gegen Alle das Werk vollbracht hatte, vorüberging, ohne ihn nur eines Blickes, geschweige eines Händedrucks zu würdigen, und bis zu jenen letzten Tagen der Verbannung, wo er bekannte: „Ich bin im Walde lange nicht so einsam, wie in den vorangehenden dreißig Jahren“: immer steht er allein — allein in seinem Erkennen, allein in seinem Wollen, allein in seinem Vollbringen. Nicht bloß steht er einsam da, vielmehr brandet und braust Tag und Nacht um ihn ringsumher Haß, Neid, Todfeindschaft, Intrige, und um jeden seiner Schritte werfen Hinterlist und Tücke ihre verräterischen Schlingen. Und dieses unabsehbare Heer von Widersachern, das sind doch alles Deutsche! Von den vier Königen, unter denen Bismarck gewirkt hat, achtete ihn der erste, doch traute er ihm nicht, der zweite schenkte ihm sein Vertrauen, widerstrebte ihm aber fast Schritt für Schritt, der dritte lehnte von Anfang an die Politik Bismarck's in jeder Einzelheit ab, schrieb in den sechziger Jahren, er sei

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„der allergefährlichste Ratgeber für Krone und Vaterland“, und von dieses Königs kurzer Regierung berichtet der Kanzler, es seien für ihn (Bismarck) „die schwersten Tage seines ganzen Lebens“ gewesen, der vierte entriß ihm — dem größten Staatsmann aller Zeiten — acht volle Jahre unberechenbaren Wirkens.... Mit den verschiedenen parlamentarischen Körperschaften — den „Häusern der Phrase“, wie er sie nennt — steht Bismarck von Anfang bis Ende seiner Laufbahn in erbittertem Kampfe; gelingt es ihm, die eine Partei oder die andere für die Durchbringung dieses und jenes Gesetzes zu gewinnen, immer handelt es sich um vorübergehende, irgend einem Sonderinteresse zulieb abgeschlossene Vereinbarungen; eine Bismarck-Partei, eine Partei, entschlossen, dem gewaltigen Schöpfer des Reiches zu trauen, zu folgen, zu dienen, hat es nie gegeben. „Immer befinde ich mich in meinen Bemühungen einem Ring von Fraktionen gegenüber, wo ich voraussehe, daß jeder Schritt, den ich nach irgend einer Richtung tue, erfolglos sein wird.“ Mit dem Offizierkorps ist das Verhältnis wenig erfreulich: während des Feldzugs 1866 meidet Bismarck die höheren Offiziere möglichst, so unfreundlich benehmen sie sich gegen ihn, und 1870 meldet er seiner Gattin aus Versailles, „außer dem guten und klugen alten Moltke gefalle ihm der Generalstab überhaupt nicht“. Aus seinen eigenen Landadelskreisen ist ihm wohl kaum ein Freund zu allen Zeiten treu geblieben, und mancher hat mehr als niederträchtig gegen ihn gehandelt. Und was die breiten Massen des Mittelstandes und des Volkes anbelangt, ihnen war im neuen Deutschen Reiche durch das allgemeine Wahlrecht die Gelegenheit gegeben, sich zu Mitarbeitern am Werke des Einzigen aufzuschwingen, und daß sie diese Gelegenheit ergreifen würden, darauf hatte der Schöpfer der Verfassung gerechnet: sie aber zogen es vor, Bebel und Richter, Virchow

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und Windthorst ins Haus zu schicken, sowie Konservative und Liberale, die sich in bezug auf den „politischen Kuhhandel“ gleichkamen. Nichtsdestoweniger ist es gewiß kein Irrtum, wenn wir Bismarck für ebenso typisch und mustergültig „deutsch“ halten, wie es gewiß ist, daß nur das eine englische Volk einen Shakespeare gebären konnte. Es tut aber gut, sich zu überlegen, wie es sich mit diesem „Deutschsein“ verhält.
    Da kommt es zunächst darauf an, ein Verhältnis zu würdigen, das dem Physiker und Chemiker geläufig, den meisten Menschen jedoch nicht nach Gebühr bekannt ist: im Kopf machen zwei und zwei vier, und nochmal zwei dazu sechs, die Linie wird länger, die Menge nimmt zu, weiter nichts; in der Natur dagegen bedingt häufig dem Zuwachs von Gleichem zu Gleichem eine Umwandlung des Wesens. So besteht z. B. das Gas „Sauerstoff“ aus kleinen Molekeln, deren jede aus zwei gleichmäßigen Atomen zusammengesetzt ist; gelingt es, zu den zwei Atomen ein drittes völlig gleiches hineinzuzwingen, so daß jede Molekel nicht mehr zwei, sondern drei Atome umfaßt, dann ist ein neuer Stoff, „Ozon“, entstanden, der sich durch Farbe und Geruch sowie auch durch den Besitz einer wirksameren Energie von dem gewöhnlichen Sauerstoff wesentlich unterscheidet. Für die Erkenntnis der Eigenart außerordentlicher Männer besitzt diese Tatsache — und die Stofflehre bietet ähnliche so viele man will — mehr Wert als den einer bloßen Fabel oder Allegorie; sie vermittelt wahre Einsicht. Das nüchterne, praktische englische Volk bringt den gewaltigsten Seher der menschlichen Lebenstragödie hervor; die an politischem Scharfsinn besonders spärlich begabten Deutschen erzeugen das vollendete politische Genie: der Abstich ist ein Beweis der Verwandtschaft, ja, mehr als das, ein Beweis für die außerordentlich starke Durchsättigung mit den die Besonderheit des Volkes aus-

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machenden Eigenschaften. — Unser Sauerstoff-Ozon führt uns aber noch einen Schritt weiter. Das Ozon weist Ähnlichkeiten mit völlig fremden Stoffen auf, so z. B. mit Wasserstoffverbindungen, von denen es manchmal schwer fällt, es zu unterscheiden, was bei dem Sauerstoff nie vorkommt. Gegensätze können also auf nahe Verwandtschaft, Übereinstimmungen häufig auf unverwandte Herkunft deuten. Ebenso muten uns die Universalität und Objektivität, überhaupt die reine, sinnende Betrachtung Shakespeare's wie deutsche Anlagen an, während Bismarck's schmerzhaft einseitiges Interesse für Politik — von dem er selber sagt, es habe alle anderen Neigungen in ihm „nach und nach aufgefressen“ — ein Zug ist, der gar nicht an deutsches, um so mehr an englisches Wesen gemahnt. Wenn also Bismarck als alter Mann einmal sagt, er fühle sich „wohler und zufriedener“, wenn die Mehrheit seiner Mitbürger ihn hasse, als an den Tagen, wo sie ihm zujubele, so entnehmen wir daraus die Belehrung, daß er seinen Landsleuten um so fremder und ungeheuerlichem vorkam, je echter und intensiver er als „Deutscher“ dachte und handelte.
    Nun folgt aber die andere Seite der Betrachtung. Das bewußte Denken — wenn nicht Vernunft als bedächtiger, weitblickender Reiter die Zügel führt — ist oft ein arger Irreleiter; rein wirkender Instinkt urteilt mit Sicherheit. Noch stritt sich Hof und Stadt um Shakespeare's Wert und suchten die Kollegen ihn schlechtzumachen, und schon hatte das Volk das Epitheton „sweet Shakespeare“ gefunden, von ihm in den gleichen Worten wie ein Mann von dem geliebten Mädchen redend, während der eine Southampton ihm Herz und Vermögen gewidmet hatte, beide instinktiv erratend, was einzig dem Dichter nottat und geschenkt werden konnte und mußte: Liebe. Welche Beachtung verdient eine

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solche Tatsache, wenn wir uns die Gewalt und Unerbittlichkeit, die Tiefe und Schreckensfülle der Bühnenwerke Shakespeare's vergegenwärtigen! Was ein Bismarck für sein Werk brauchte, war Vertrauen. Und da hat sich in dem einen Manne, Wilhelm dem Getreuen, der Instinkt für das, was der heiligen Sache des gesamten Deutschtums frommte, wunderbar und ewig bewundernswert verkörpert, später dann in dem eigentlichen „deutschen Volke“, überall, wo es unvermittelt spontan sich zu äußern Gelegenheit fand, zum deutlichen Beweis — jetzt im Jahre 1914 erneuert beigebracht —‚ daß der Reichstag ebensowenig wie irgend ein anderes Parlament Erkenntnisse und Stimmungen des Volkes widerspiegelt. Ich wüßte nicht, wo des Menschen „geeinte Zwienatur“ in der Weltgeschichte so deutlich und ergreifend zutage träte wie in dem Verhalten des verehrungswürdigen Königs und Kaisers gegen den gewaltigen Mann, der wie eine von himmlischen Mächten hergesandte Verkörperung des unbewußten deutschen Wollens und Müssens, in dem   e i n e n   zu unheimlich hellseherischem Bewußtsein erwacht, vor ihm stand. Eine gewisse, offiziös begünstigte Tendenz, die Sache so hinzustellen, als sei König Wilhelm der Erfinder und Gestalter, Bismarck der Diener und Ausführer, hat nicht nur den Nachteil, die offenkundige Wahrheit in ein phrasenhaftes Nichts aufzulösen, sondern sie zerstört gerade dasjenige, was in seiner Beispiellosigkeit alle Zeiten zu staunender Bewunderung des Monarchen anregen wird. Durch die Treue wird et Mitbegründer des Reiches. Schenkt uns einstens der Himmel einen großen Dichter, der die Geschichte der Reichsentstehung zu gedrängter Prägnanz verdichtet und formt, kein Motiv wird ihm mehr am Herzen liegen als dieses einzig von einem Poeten vollkommen zu erfassende des stolzen und eigenwilligen Fürsten, der zuerst die Be-

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deutung des ihm dem Wesen nach fremden Mannes erkennt und dann — von einem untrüglichen Instinkt geleitet — ihm durch dreißig Jahre Treue hält, Schritt für Schritt dem kühnen Steuermann nachgibt, nachdem er sich Schritt für Schritt ihm widersetzt hat. Hier sehen wir die kindlich reine Gläubigkeit des Königs am Werke; der schlichte Mann besitzt Kraftquellen, die dem Skeptiker verschlossen geblieben wären; seine Seele empfängt Belehrung, die er für höher einzuschätzen weiß als die Gründe seines Verstandes und die überkommenen Vorurteile seiner Umgebung. Richard Wagner schreibt 1871 in einem Briefe: „Der Gang der Bildung des neuen Reiches ist wundervoll. Hier hat alles aus tiefem Instinkt und unvertilgbaren Anlagen gewirkt.“ Und wenn wir nun diesen Instinkt des Königs, der dann millionenhaft im ganzen deutschen Volke — sofern es der Politik fernstand — aufloderte, in einem einzigen Satze zusammenfassen wollten, was müßten wir darüber aussagen? König und Volk hatten erkannt, daß von allen Deutschen Bismarck der deutscheste war. Die guten Absichten der Widersacher wollen wir nicht anzweifeln; rückblickend erkennen wir aber klar: bei allen wurzelte der Fehler in der Unzulänglichkeit dem deutschen Einsicht, wogegen Bismarck überall das einzig echt Deutsche vertrat. Nur-Preuße sein war ebenso verfehlt wie Preußengegner sein; einzig Bismarck steuerte zwischen beiden Klippen geradeaus. Es war ebenso falsch, für die Rechte des Augustenburgers sich zu erhitzen wie den dänischen Forderungen nachzugeben; es war ebenso verfehlt, Revolution zu machen und Republik zu predigen, wie es falsch war, irgend ein Heil vom kaiserlichen Wien zu erhoffen. Die zweijährige Dienstzeit einführen und die Heeresausgaben herabsetzen, wie das die Majorität des preußischen Abgeordnetenhauses am Vorabend der entscheidenden Jahre wollte,

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das hieß einfach, Deutschland im Mutterschoße ermorden zugunsten Frankreichs, Englands, Rußlands; Bismarck aber, als er es verhinderte, mußte sich von seinen Landsleuten „Französling“, „Napoleonid“, „Staatsstreichskandidat“ usw. schimpfen lassen. Und das geht immer so weiter bis zu jenem letzten gewaltigen Werke seines Lebens — jetzt selbst von den Feinden Deutschlands als dessen höchster Ruhmestitel anerkannt — die Grundlegung der Sozialen Gesetzgebung: von allen politischen Parteien bekämpft, von Bismarck — unter erzwungenem Verzicht auf manche seiner großartigsten, segenvollsten Pläne — Stein für Stein errichtet. Wir Heutigen wissen, welch ein im besten Sinne des Wortes   d e u t s c h e s   Werk hier mit heldenmäßigem moralischen und sozialpolitischen Mute erfunden und hingestellt worden ist, ein Rückgrat zu der Volkskraft, die sich 1914—15 kundtut.
    Hiermit finden wir uns auf die anfänglichen Betrachtungen zurückgewiesen, wo wir die außerordentlichen Männer die Schranken des im engeren Sinne einen Volkscharakter Bezeichnenden überschreiten sahen. Ein alter Satz der Weltweisheit lehrt: einer Aufgabe vollkommen gerecht wird nur, wessen Brust darüber hinaus noch überschüssige Kraft birgt. Bismarck der Deutsche war mehr als bloß ein Deutscher: darum unterlag er manchem Hemmnis nicht, darum übertraf sein Erkennen und sein Können das der Anderen, darum war er fähig, den Rahmen des deutschen Wollens und Vollbringens ganz auszufüllen, und dürfen wir ihn preisen als einen Inbegriff des Deutschen.

    B a y r e u t h,   7. März 1915.

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Martin Luther
ein ergänzender Abschnitt zu den „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ ¹)


    Ein Volk sind die Deutschen erst
durch Luthern geworden.
G o e t h e.

    Luther — ein politischer Held: dieser Ausdruck, der, wenn ich nicht irre, zweimal in den „Grundlagen“ vorkommt, hat einige Leser verletzt, anderen wenigstens ein Kopfschütteln verursacht. Hier möge es unerörtert bleiben, ob es mir an Deutlichkeit oder den betreffenden Lesern an Phantasie gefehlt hat. Ein Buch will aus dem Ganzen verstanden werden. Die Begriffsbestimmung des Wortes „Politik“ war bei mir weit gezeichnet und umfaßte alles, was den Staat gestaltet, namentlich auch die Kirche; außerdem schwebte mir vor, daß den Deutschen eine besondere Auffassung von „Politik“ zukomme, die wir zuerst gerade bei Luther kennen lernen und später bei Kant theoretisch ausgebildet und bei Bismarck (wenigstens teilweise) in die diplomatische Praxis umgesetzt finden. So verschieden diese drei Männer in allem sind: aus ihnen kann man lernen, was deutsche Politik im Unterschied von römischer und romanischer Politik ist.
    In einem Abschnitt, der „Politik“ überschrieben ist, war es nun natürlich und geboten, vom Politischen zu reden; außerdem war in einem früheren Teil des Werkes von der — bereits ein halbes Jahrtausend vor Luther geforderten und unterdessen durch das Blut ungezählter Märtyrer geweihten — religiösen Reformation die Rede gewesen, und an der Hand der Tatsachen war gezeigt worden, daß eine rein und ausschließlich religiöse Bewegung niemals einen durchdrin-
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    ¹) Dieser Aufsatz war bisher unveröffentlicht.

43 MARTIN LUTHER

genden Erfolg gegen die römische Hierarchie erfechten konnte. Rom ist Religion, Rom ist aber auch Politik und war es zu jenen Zeiten fast ausschließlich; über die politische Idee Roms konnte nur eine andere politische Idee siegen; die Idee der   C i v i t a s   D e i   war an und für sich eine große, heilige Idee; nur eine große, wahrhaftige, begeisternde Idee konnte erfolgreich gegen jene, wenn auch noch so entartete, auftreten; indem Luther ausrief: „Für meine Deutschen bin ich geboren; ihnen will ich dienen!“ schob er dem politischen Chaos des päpstlichen Europa einen Riegel vor; das neue politische Ideal war gegeben: das Vaterland! Und zwar als die bestimmte Vorstellung eines seelisch Besonderen, Unvergleichlichen. Von den Schriften der deutschen „Gottesfreunde“ sagt Luther: „Ich dank' Gott, daß ich in deutscher Zungen meinen Gott also hör und find, als ich, und sie mit mir, anher nit funden haben, weder in latinischer, griechischer noch hebreyscher Zungen.... Wir werden finden, daß die deutschen Theologen ohn Zweifel die besten Theologen sein.“ Und so legt er sich in reifsten Jahren den Ehrennamen zu: „der Deutschen Prophet“! „Luther“ — so heißt es in den Grundlagen — „ist der erste Mann, der sich der Bedeutung des Kampfes zwischen Imperialismus und Nationalismus vollkommen bewußt ist ..... und während er Fürsten, Adel, Bürgertum, Volk zum Kampf aufruft, läßt er es durchaus nicht bei diesem negativen Werke der Auflehnung gegen Rom bewenden, sondern schenkt im selben Augenblick den Deutschen eine ihnen allen gemeinsame, sie alle verbindende Schriftsprache und faßt die eigentliche politische Organisation an den zwei Punkten an, die für die Zukunft des Nationalismus entscheidend waren: Kirche und Schule.“ Das sind politische Taten.
    Eine andere Frage tut sich jedoch auf, sobald man den Blick weniger ausschließlich auf den allgemeinsten Zusammen-

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hang der geschichtlichen Geschehnisse richtet und die Persönlichkeit des wunderbaren Mannes näher ins Auge faßt; dann fragt man sich verwundert, wie es möglich ward, daß die folgenschwerste politische Wirkung der neunzehn christlichen Jahrhunderte von einem innerlich und äußerlich der Religion gewidmeten Menschen ausging? Im Drange des überreichen Vorhabens kam ich vor achtzehn Jahren nicht dazu, dieser Frage Aufmerksamkeit zu schenken; mein Werk eilte ungestüm gen Ende; heute möchte ich versuchen, das Versäumte nachzuholen, doch ohne den in jenem Werke gegebenen Rahmen des Weltgeschichtlichen und knapp Bezeichnenden zu überschreiten — etwa wie das dort für Paulus, Augustinus, Loyola versucht wurde.

*    *
*

    Das Gegensätzliche — logisch betrachtet, das sich Widersprechende — scheint in dem Menschennatur als ein Gesetz ihres Seins zu liegen; darüber zu philosophieren ist hier nicht der Ort; was wir aber an Luther lernen können — wie an Paulus und Augustinus, an Descartes und Kant, an Leonardo und Wagner, an Friedrich und Bismarck — ist, daß dieses Nebeneinanderstehen gegensätzlicher und insofern auch widersprechender Elemente im Geist und im Gemüt einer sonst gesunden und abgeschlossen einheitlichen Persönlichkeit um so kräftiger und dadurch auch um so verblüffender und für den oberflächlichen Blick verwirrender zum Ausdruck kommt, je eindringlicher die Wechselfälle des Schicksals ihr dazu Veranlassung geben und je gewaltiger diese Persönlichkeit die Kraft sich zu äußern besitzt. In einem seltenen Maße hat bei Luther beides mitgewirkt: das Schicksal schuf ihm Gelegenheiten von einer Tragweite, wie sie die Geschichte

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nicht häufig bietet, und seiner Seele stand eine Sprachgewalt zu Gebote, die fast ohne Vergleich ist.
    Bei Luther können wir sogar den Widerspruch dort fassen, wo er am weitesten klafft: nämlich zwischen angeborener Neigung des Gemütes und aufgedrungenem Geschick. Luther ist von Hause aus heiter und empfindsam, ein wackerer Gesell, der Freundschaft und dem Gesang zugetan, dem Übermut nicht abgeneigt; seine Stimme ist sanft; er ist ein liebevoller Freund, später ein zärtlicher Gatte und Vater — seine Witwe erzählt davon in rührenden Worten. Dennoch wog der angeborene Hang zur Einsamkeit bei ihm vor, denn sein Sinn war von jung auf unverrückbar auf Vertiefung des Denkens und auf Heiligung des Wollens gerichtet — „geisthüngrig und gnaddürstig“, wie er es nennt. Mehr, als die meisten es ahnen, war Luther — der in   l i t t e r i s   wohlbewanderte   m a g i s t e r   a r t i u m — ein frommer und in sich gekehrter Gelehrter, dessen Sinn so ganz auf die Ewigkeit gerichtet war, daß er den Dingen dieser Welt gern ihren Lauf ließ. Staupitz, sein edler Seelsorger, schilt ihn einen „Grübler“. Der dramatischen Wirkung zulieb pflegen populäre Darstellungen dem jähen Schreck, der Luther zur Weltflucht veranlaßt habe, eine übertriebene Wirkung zuzuschreiben; offenbar erfolgte die Wendung zu Gott und zur Gottesgelahrtheit aus einem so unwiderstehlichen inneren Drang, daß er sogar den Geboten seines strengen Vaters zu trotzen den Mut fand. Am liebsten hätte er lange Jahre in der Stille seiner Mönchszelle gearbeitet, gebetet, gerungen. Selbst ein akademisches Lehramt tritt er widerstrebend an, denn es entreißt ihn der Beschaulichkeit. „Aufgedrungen worden, ist mir mein Lehramt,“ schreibt er, und zwar nicht etwa aus späterer Perspektive, sondern im Jahre 1509, als der Sechsundzwanzigjährige soeben zum Professor an der Universität ernannt worden war.

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Dreißig Jahre später sagt er in dem Vorwort zu der ersten Gesamtausgabe seiner deutschen Schriften: „Ich selber (daß ich Mäusedreck auch mit unter den Pfeffer menge) habe sehr viel meinen Papisten zu danken, daß sie mich durch des Teufels Toben so zuschlagen, zudränget und zuängstet, das ist, einen ziemlich guten Theologen gemacht haben, dahin ich sonst nicht kommen wäre.“ Noch mehr widerstrebte er dem Predigt- und Seelsorgeramt, das ihm sechs Jahre später zufiel; darüber besitzen wir Dutzende von Zeugnissen aus seinem Munde. Der Zufall einer Erkrankung des Stadtpfarrers von Wittenberg zwang ihn, stellvertretend einzuspringen; Gott und Menschen gaben den großen Prediger nie wieder frei. Er selber erzählt: „Zum Lehr- und Predigtamt bin ich mit den Haaren gezogen; hätte ich aber gewußt, das ich itzt weiß, so hätten mich kaum zehen Roß dazu ziehen sollen“; und noch 1530 schreibt er: „Für mich zu reden, wollt ich kein lieber Botschaft hören, denn die, so mich vom Predigtamt absetzt“. Feiern wir am 31. Oktober das Anschlagen der Lehrsätze über den Ablaß an den Toren der Wittenberger Schloßkirche als die Geburtsstunde der Reformation, so machen wir uns jedenfalls eine ganz andere Vorstellung von Luther's erstem Auftreten vor der großen Öffentlichkeit als er selber, der diese lateinisch von ihm verfaßten Thesen einer akademischen Gewohnheit gemäß so anschlug, sie nicht selber verdeutschte, noch zu ihrem Bekanntwerden in weiteren Kreisen beitrug: „Die Verbreitung,“ schreibt er damals einem Freunde, „lag weder in meiner Absicht, noch entspricht sie meinem Wunsche. Mir lag weiter nichts im Sinn, als mich mit einigen Gelehrten unserer Stadt und aus deren Nachbarschaft über diese Fragen auszusprechen.“ Mitten aus dem „großen Jahre“ 1520 versichert er uns, er habe sich, trotz der Stürme der letzten drei Jahre, still verhalten und sich „nicht um des

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Papstes Recht oder Unrecht bekümmert“; Eck und Emser seien es, die ihn „mit Gewalt auf diesen Kampfplatz hinausgeschleppt hätten“. In späteren Jahren, rückblickend auf seine öffentliche Tätigkeit, soll er gesprochen haben: „Gott hat mich hinangeführet wie einen Gaul, dem die Augen geblendet sind, daß er die nicht sehe, so zu ihm zurennen.“ Wohin wir auch schauen mögen, in allen seinen Beziehungen nach außen hin handelt Luther Schritt für Schritt gedrängt, gezwungen, genötigt. Ich weiß es wohl, ein Anderer hätte diese Nötigung nicht — oder nicht so gewaltig stark — empfunden; in dem Wort „Hier steh' ich; ich kann nicht anders“ kommt sowohl das äußere Schicksal wie die innere Gegenwirkung zum Ausdruck: wer einen Blick ins Innere dieser Seele getan hat, wird gerade dieses Wort unausdenklich finden. Im Gegensatz zu ich „will“ nicht anders: ich „kann“ nicht anders! Nur im Dienen ist dieser Wille nach außen hin gerichtet; er ist nicht Eigenwille, sondern Gotteswille; „ich kann nicht anders als wollen“. Damit ist aber zugleich gesagt: hier gebietet keine Willkür, kein Ehrgeiz, kein Übereifer; das gewaltige Wollen ist — von innen aus gesehen — schlichter Gehorsam, Gehorsam, der die eigene Neigung überwindet. In diesen verborgenen Sinn des ehernen „ich kann nicht anders“ dringen wir ein, wenn wir es durch ein zweites, an den Kaiser gerichtetes Wort ergänzen: „Ungern und wider mein Willen hab ich mich an Tag geben; und nicht anders, dann durch der Anderen Zumüssigung, Gewalt und betrüglichen Nachtrachten gedrungen, hab ich geschrieben alles, das ich geschrieben hab, und nie nichts sehrer und mehrer begehrt und gewunscht, dann daß ich als ein begebener Mann in einem Winkel heimlich und unbekannt bleiben mocht“.
    Inzwischen ruht und reift in Seelentiefen verborgen die weltbewegende Gewalt seines Willens. So lange der Reiz

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zur Gegenwirkung nicht rücksichtslos ins Innere durchbricht, zeigt er Sanftmut und Wohlwollen, und alles Unerbittliche zehrt sich auf in der Gestalt beispielloser Arbeitsleistungen und heißer Gewissenskämpfe gegen den Satan der Versuchung und um Erlösung aus Sündenschuld. Man betrachte in diesem Licht Luther's zähes Festhalten an der römischen Kirche. Lange nach dem Anschlagen der Thesen hat er die Ablässe noch gutgeheißen und einzig gegen Mißbräuche Einspruch erhoben! Er selber erzählt später, erst die Schriften der Dominikaner zugunsten der Ablässe hätten ihm die Augen über den „.............“ geöffnet, so daß er endlich begriff: „......................................“ Noch mit fünfunddreißig Jahren erklärt er: „Kein Ursach ist so groß, noch werden mag, daß man sich von der römischen Kirchen reißen oder scheiden soll; ja, je übler es do zugeht, je mehr man zulaufen und anhangen soll; denn durch Abreißen oder Verachten wird es nit besser.“ Der hier redet, ist der stille Luther, der „begebene Mann“. Nur die unaufhörliche Aufreizung „der vielen reißenden Wölfe“, die ihm keine ruhige Stunde gönnen, rüttelt ihn schließlich auf, bis er zuletzt — als er „die subtilsten Subtilitäten dieser Troßler, womit sie ihren Abgott aufrichten“, kennen gelernt hat — .................................................................................................................
    Viel lernt man durch die genauere Betrachtung einzelner näher bekannten Vorfälle.
    Als der Kardinallegat Kajetan im Oktober 1518 Luther in Augsburg empfing, um ihn im Auftrag der Kurie zu verhören und zum Widerruf zu bestimmen, erstaunte er bei dem Anblick eines so schüchternen „Mönchleins“; Kajetan, einer der bedeutendsten Theologen jener Zeit, scheint nämlich aus den wenigen damaligen Veröffentlichungen Luther's Achtung und

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fast Sympathie für ihn geschöpft zu haben; rohe Hetzkapläne nach Art des Eck waren ihm zuwider, und er hat sogar noch später den übereifrigen Löwener und Kölner Doktoren zu bedenken gegeben, daß Luther's Hauptlehren nicht so ketzerisch seien, wie es auf den ersten Blick den Anschein habe; darum empfing er den verklagten Mönch „gütig, ja fast ehrerbietig“ und „betonte wiederholt, daß er mit ihm als Vater, nicht als Richter verhandeln wolle“. Nun ging es merkwürdig zu. Luther war dermaßen schüchtern und demütig, er richtete so „flehentliche Bitten um Schonung“ an den Legaten, daß dieser sich in seiner Erwartung getäuscht sah; er hatte geglaubt, einen starken Mann anzutreffen, rechthaberisch und zanklustig, einen überzeugten Umstürzler, — diesen Eindruck hatten Luther's Schriften auf ihn gemacht, und er hatte sich infolgedessen vorgenommen, sich auf keinen theologischen Streit einzulassen, ebensowenig ihn mit dem Bannfluch, den er bei sich führte, aufzureizen, vielmehr ihn durch Güte zu gewinnen und durch moralische Ermahnungen umzustimmen. Jetzt aber, wo der bescheidene, stammelnde Augustiner vor ihm stand und vor Ehrerbietung verstummte, da warf der Kirchenfürst seinen eigenen Schlachtplan als unzweckmäßig um und begann dem jungen Theologieprofessor seine Irrtümer schulgemäß nachzuweisen. Damit war aber für Kajetan das Spiel verloren; denn nun hatte er dem Helden ins Innerste gegriffen: nicht mehr ging es um die gegebene Kirche, der Luther angehörte und der er demutvoll zu dienen damals noch gewillt war, nicht ging es um sein eigenes Wohl und sein Verhalten, sondern um die Lehren des Heilands und damit um das ewige Heil der Seele; es schwand die Schüchternheit, es schwand die Unsicherheit, es schwand die Furcht; vor den erstaunten Augen des italienischen Edelmanns reckte sich empor „der Deutschen Prophet“, und so wenig ließ sich

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dieser mehr einschüchtern, daß er dem größten Gelehrten des Vatikans keck ins Gesicht rief, er verstünde kein Latein! Kajetan erschrak dermaßen, daß er zu Staupitz nachher sagte: „Mit diesem bestialischen Menschen mag ich nimmermehr reden; aber unergründliche Augen hat er und in seinem Kopfe kreisen wunderbare Gedanken.“ Ist nicht ein solcher Vorfall ungemein belehrend zur Erkenntnis der Persönlichkeit in ihrem verborgenen Gefüge, reich an Gegensätzen? Nicht unähnlich verhielt es sich bei dem weltbekannten Auftreten vor dem Reichstag zu Worms, drei Jahre später. Am ersten Tage war Luther's Benehmen nach allen Schilderungen ein so seltsames, daß seine Feinde frohlockten, die Gleichgültigen staunten und die Freunde verzweifelten; viele hielten ihn für verrückt oder betrunken; Kaiser Karl V. rief lachend aus: „Der da soll mich nie zum Ketzer machen!“ Auf die Frage, ob die ihm vorgelegten Schriften von ihm seien, antwortete er so leise, daß selbst der Beamte, der neben ihm stand, das „Ja“ kaum vernahm; und auf die Frage, ob er zu widerrufen bereit sei, erwiderte er nicht mit einem donnernden „Nein“, sondern mit der geflüsterten Bitte um Bedenkzeit. Am nächsten Tag aber, wo die Eindrücke Zeit gehabt hatten, sich bis in die Tiefen der Seele hinabzusenken, stand ein verwandelter Mann da. Kaiser und Fürsten waren vor Gott ein Nichts: „Wie ist es nur ein Ding um die Welt! Wie sperret sie den Leuten die Mäuler auf!“ Auch er selber war sich als beschränkter, hoffender, fürchtender, wünschender Mensch nunmehr entschwunden. Nachts hatte er gebetet: „Du mein Gott, stehe du mir bei wider aller Welt Vernunft und Weisheit! Ist es doch nicht meine sondern deine Sache! Hab ich doch für meine Person allhie nichts zu schaffen und mit diesen großen Herren der Welt zu thun. Wollt ich doch auch wohl gute, geruhige Tage haben und unverworren sein! Aber dein ist die Sach, Herr!“

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Die Schüchternheit nach außen, die innere Sehnsucht nach guten, geruhigen Tagen, alles ist bei dem zweiten Erscheinen vor versammeltem Reichstag entschwunden; jetzt geht's um ewige Dinge. Aufrecht steht der Mann, der in Gottes Namen, nicht im eigenen redet; seine Stimme dringt in alle Ecken des Saales; gefragt, ob er dabei beharre, daß Kirchenkonzilien irren können, erwidert er: „Als ein harter Fels.“ Und nun beachte man, daß, sobald diese Stimmung waltet, d. h. also, sobald der im Innern verborgene Genius gebietet und der eigentliche Seher und Prophet redet, da kommen ihm Worte über das deutsche Vaterland auf die Zunge! Gefragt wird er nur nach theologischen Dingen; er aber legt immer in solchen Augenblicken Nachdruck auf die vaterländischen. Die bekannte große Rede vor dem Reichstag gipfelt in den Worten: „Ich sag dies nicht darum, daß so großen Häuptern meine Lehre oder Ermahnung von Nöten sei, sondern daß ich meiner Heimath, deutschen Landen, meinen Dienst damit erzeigen wolle.“ Und als er wenige Tage darauf seinem „lieben Gevatter“, dem Maler Lukas Cranach in einem Briefe die Vorgänge vor dem Reichstag kurz erzählt, knüpft er unmittelbar daran den Wehruf: „O wir blinde Deutschen! Wie kindisch handeln wir, und lassen uns so jämmerlich die Romanisten äffen und narren!“
    Auf untheoretischem Wege — auf dem Wege der Beobachtung — habe ich den Leser zu der lebensvollen Wahrnehmung einer Tatsache hinführen wollen, die, nach meinem Dafürhalten, die Achse dieser gewaltigen Persönlichkeit ausmacht:   s o b a l d   L u t h e r   e r h a b e n   w i r d,   w i r d   e r   p r a k t i s c h.   Luther in Ruhe, in innerer Beschaulichkeit, in innerem Seelenkampf, Luther bei ungestörter Auslegung der Schrift vor seinen jungen Hörern und bei Trostsprechung für seinen kurfürstlichen Herrn ist ein anderer Mann — er denkt anders,

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lehrt anders, handelt anders — als Luther der Zerstörer und der Wiederauferbauer, Luther der Prophet, dessen Stil schon die Zeitgenossen als eine   m e t h o d u s   h e r o i c a   (eine HeIdenart) bezeichneten. Luther, der bloße Mensch, hält sich zurück, leidet unter Gewissensqualen, ist versöhnlich, schont sogar den Papst, der ihn verfolgt; Luther, der Held, greift zu, fürchtet weder Mensch noch Teufel, scheut vor keinem Paradoxon, opfert zarteste Gedanken, opfert sich selbst, seine Folgerichtigkeit, seinen Ruf als Theolog, alles, was nottut, dem großen allgemeinen und — wie Goethe gesagt hätte — „baumeisterlichen“ Ziel zulieb. Bleibt er unangefochten, so gleicht seine Seele auf der Oberfläche einem ungekräuselten Wasser; immer sinnend, manchmal heiter, manchmal schwermütig, spiegelt sie die Umgebung treu und lächelnd wieder; in ihren mystischen Tiefen lebt sie ein zweites, oft von stürmischen Bewegungen aufgewühltes Leben, reich an Qualen und an Schrecknissen, reich auch an Hoffnung, an Gewißheit, an Jubel. Das ist der „begebene Mann“, geschaffen wie nur je einer es war, „in einem Winkel heimlich und unbekannt“ — d. h. inmitten eines kleinen Kreises einfacher, arbeitsamer, guter Menschen — zu leben. Reißt ihn aber der Strom der Geschehnisse aus seiner Stille heraus, muß er sich sogar in einem weltgeschichtlich entscheidenden Augenblick zum Gotteskämpen auserkoren fühlen, so findet eine Umwälzung statt innerhalb des Wesens, und weil die große   T i e f e   das Bezeichnende an diesem Wesen ist, so wirkt die Umwälzung von unten nach oben, eruptiv. Wie aus einem Feuerberg sprühen und schießen die Erkenntnisse, die Taten, die Worte empor! Die üblichen Verhältnisse menschlicher Dinge gelten hier nicht; von einem Vulkan hat man nicht Maß zu erwarten, sondern Kraft; das stille „Mönchlein“ rüttelt an jahrtausend alten Weltgewalten, zerstört sie zu einem Teil und segnet sie

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zum andern zu wiedergewonnenem besseren Leben; Neues baut er auf; er wird der größte Befreier, von dem überhaupt die Weltgeschichte zu melden weiß; er bahnt gar vielem, wovon er selber keine bewußte Vorstellung besitzt, die Wege. Aus dem hier berührten Zusammenhang ist z. B. die maßlose Grobheit Luther's gegen seine Widersacher zu erklären, von der er selber sagt: „Ich bekenne mich heftiger gewest sein, dann christlichem Wesen und Stand geziempt“. Er kann nichts dafür: wäre er von Natur weniger sanft, er würde in solchen Augenblicken weniger rauh sein; wäre er weniger schüchtern, er würde weniger trotzig auftreten; wäre er weniger tief beanlagt, weniger in gottselige Ewigkeitsbetrachtung einsiedlerisch versunken, es hätte sich nicht in seinem Innern diese elementare Kraft angesammelt und zu gigantischer Stärke gesteigert, fähig, Throne zu erschüttern, Fürsten zu gebieten, ein ganzes Volk aufzurufen, fähig zu einer Kraftschöpfung, die wie glühendes Gestein aus dem unbewußten Innern hervordrang, um sich dann in unvergängliche Gestalt zu wandeln und der Seele der europäischen Menschheit eine neue Umgebung zu schaffen.
    Hier quillen nun die scheinbaren, aber organisch bedingten, für jedes schöpferische Beginnen unentbehrlichen Widersprüche ebenso miteinander verschlungen empor, wie Erde und Himmel, ehe sie Gott auseinander geschieden hatte. Einige Beispiele. Um gleich sehr tief zu greifen: Luther's Lehre der Erlösung durch den alleinigen Glauben an Christus, hebt wie jede echte Mystik alle Zeit und dadurch auch alle zeitliche Verpflichtung, auch die Notwendigkeit jeder weiteren Dogmatik auf, wie denn Luther gelegentlich zugibt, die Sakramente der Taufe und des Abendmahls seien zwar förderlich, doch zur Seligkeit nicht unentbehrlich: „Ohn das Sakrament kannst leben, fromm und selig werden“; tritt er dann aber in die

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Welt hinein und sieht, wie wenig doch von einem solchen Glauben die Rede sein kann, wie er und Paulus ihn verstanden — „eine Standveste des Herzens, die nicht wanket, wackelt, bebet, zappelt, noch zweifelt“ — so greift sein praktischer Sinn durch, errichtet eine verwickelte, aber praktisch brauchbare Kirchenlehre und Kirchenübung, in welcher zum Christusglauben nicht allein der buchstäblich zu fassende Schriftglaube hinzukommt, sondern auch manches Ding für das es kein Schriftzeugnis gibt, wie z. B. das sogenannte apostolische Glaubensbekenntnis, und nun gebietet er: „Entweder alles geglaubt, oder nichts geglaubt!“ Oder wieder, um ein einzelnes herauszugreifen: er lehrt, selbst gerechte Verteidigung komme dem Christen nicht zu. „Habt recht, wie ihr wollet, so gebühret keinem Christen zu rechten noch zu fechten, sondern, Unrecht zu leiden und das Übel zu dulden“; denn „Christen erobern mit Leiden, nicht mit der Faust“, „sie streiten nicht für sich selbs mit dem Schwert, noch mit Büchsen, sondern mit dem Kreuz und Leiden, gleichwie ihr Herzog, Christus, nicht das Schwert führet, sondern am Kreuze hanget“; das hindert ihn aber nicht, an anderer Stelle das Recht, sich und die Seinigen und das Seinige „zu schützen und zu schirmen, wo der Mann nur kann“ als ein unbestreitbares warm zu verfechten und über die zu spotten, die es nicht tun wollen, denn das „wäre eben genarret, wie man sagt von einem tollen Heiligen, der sich selbs ließ die Läuse fressen, und wollt keine tödten .... gab für, man müßte leiden und dem Bösen nicht widerstehen“. Wenige Männer haben den moralischen Mut gehabt, zwei entgegengesetzten Gedankengängen so unbekümmert frei das Wort zu reden. Und gleich dieses auf gut Glück, ohne weitere Absichtlichkeit herausgegriffene Beispiel zeigt uns das Nebeneinanderbestehen der zwei Welten: Religion und Politik. Die Religion verbietet die Verteidigung,

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die Politik gebietet sie; und wenn ich dem politischen Gebot nicht folge, so bin ich ein toller Heiliger, und die falsche Religion wird über die wahre Religion Gottes triumphieren. Es zeigt sich eben überall bei Luther ein zwiefacher Mensch: der stille Theolog und Stadtpfarrer, der in sich selbst beschlossen ist, mit seinem Gott und seiner Umgebung unbefangen offen verkehrt und nichts lieber will denn leben und leben lassen; und der Held, der gebietet, und der schmiedet, und der — gerade weil sein Sinn auf Ewiges und Allgemeines gerichtet ist — für eine zeitbefangene, beschränkte, unverbesserliche Menschheit aufbaut, wie und was er für praktisch und wirksam und haltbar hält. Der erste Luther ist ein hoher, der zweite ist ein erhabener Mann.
    Hier nun führt ein Steg hinüber von einer Welt zur andern, von der religiösen zu der politischen. Wer die ausführliche Darstellung der Jahre 1515 bis 1520 von Paul Kalkoff durchstudiert, wird staunen, wieviel   P o l i t i k   vom ersten Augenblick an bei Luther's Reformation mitratet und mittatet ¹). Ohne den edlen Kurfürsten Friedrich — den erfahrenen,
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    ¹) Vgl. die „Einleitung zum ersten und zweiten Band“ der von Hans Heinrich Borcherdt herausgegebenen, im Erscheinen begriffenen Ausgabe „Ausgewählter Werke Martin Luther's“ (1914, bei Georg Müller in München), die erste Auswahl, welche nicht theologische oder erbauliche Ziele verfolgt, sondern die Kenntnis der ganzen Persönlichkeit als einer der großen Kulturgewalten der Geschichte bezweckt. Aus der selben Ausgabe ist (1915, als Separatdruck käuflich) erschienen Henry Thode's Abhandlung „Luther und die deutsche Kultur“, die in einem von Franz von Assisi bis Richard Wagner reichenden kühnen Wurf Luther's Wesen und Wirken von ihrem Entstehen an bis in die letzten Verzweigungen ihrer Folgen darzustellen unternimmt. Bei dieser Gelegenheit empfehle ich Jedem, dem es um die Kenntnis Luther's ernst ist, die überaus vortreffliche kleine Schrift von Heinrich Boehmer: „Luther im Lichte der neueren Forschung“, dritte vermehrte und umgearbeitete Auflage, Leipzig und Berlin bei B. G. Teubner, 1914 (Nr. 113 der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt“).

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klugen, schlauen, festen — wäre sein Werk gleich in den ersten Anfängen gescheitert. Der Fürst gleicht einem Steuermann, der bei Sturm und Gewitter das Schiff zwischen tausend sichtbaren und unsichtbaren Riffen leitet, jeder List gewachsen, für jede Versuchung (wie die eines Kardinalhuts für seinen Luther!) unempfänglich. Was gab ihm hierzu die Befähigung und die Beharrlichkeit? Doch einzig die Religion; die Religion, wie sie auf ihn durch die gotterfüllte Persönlichkeit Luther's unwiderstehlich wirkte. Und wie viel hat Luther von seinem Fürsten gelernt! Wie hat er in späteren Jahren es verstanden, die verschiedenen Fürsten, auf die es ankam, „politisch“ zu behandeln! Manche haben ihm dies zum Vorwurf gemacht. Doch damit berühren wir nur die schmale Kante dieser Beziehungen zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit, zwischen Erdenreich und Gottesreich. Wer wirklich nicht einsieht, daß Luther das Gesicht unserer greifbaren „politischen“ Welt völlig umgewandelt hat, so daß wir alle eine andere Luft atmen, als wir ohne ihn atmen würden, von dem behaupte ich: er ist weit entf