Hereunder follows the transcription of the prefaces & index of Houston Stewart Chamberlain's boek Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1921. The 1st edition appeared in 1912.

Hieronder volgt de transcriptie van voorwoorden & inhoudsoverzicht van Houston Stewart Chamberlain's book Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.

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Vorworte & Einleitung
Erstes Kapitel. DAS LEBEN
Zweites Kapitel. DIE PERSÖNLICHKEIT
Drittes Kapitel. DER PRAKTISCH TÄTIGE
Viertes Kapitel. DER NATURERFORSCHER
Fünftes Kapitel DER DICHTER
Sechstes Kapitel. DER WEISE
Anhang & Register



 
HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
GOETHE
 

D R I T T E   A U F L A G E

 

DU STEHST MIT UNERFORSCHTEM BUSEN
GEHEIMNISVOLL OFFENBAR
ÜBER DER ERSTAUNTEN WELT

 

V E R L A G   V O N   F.  B R U C K M A N N   A. - G.
MÜNCHEN 1921

IV


COPYRIGHT 1912 BY F. BRUCKMANN A.-G.

V

L O R D   R E D E S D A L E

dem Manne von weltumspannender Kultur
dem edlen, nachsichtigen Freunde meiner Schriften

d a n k b a r   g e w i d m e t

VI

(Leere Seite)

VII


VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE
DIE TAT IST ÜBERALL ENTSCHEIDEND.
GOETHE

W
er aufrichtig und rückhaltlos den Bedürfnissen der eigenen Persönlichkeit gerecht zu werden trachtet, kann hiermit zugleich einer Allgemeinheit besser dienen, als wenn er sie zu belehren im Sinne gehabt hätte. Dieses Buch über Goethe habe ich recht eigentlich für mich selber geschrieben. Was von fähigen Männern schon richtig empfunden und deutlich ausgeführt worden war, brauchte ich nicht zu wiederholen; über gar manches aber hatte ich leitende Aufklärung gesucht und sie nicht gefunden. So entstand die Notlage, das Entbehrte nach dem Maße meiner Befähigung selber zu schaffen, und jetzt der Wunsch, Gleichgesinnte an dem Ergebnis dieser Bemühungen teilnehmen zu lassen.

    Denn ich vermute, es mögen Andere ein ähnliches Bedürfnis empfinden. Wir können nicht tausend Jahre warten, um die Gestalt des herrlichen Mannes sich in den Umrissen ihrer ewigen Bedeutung klar von dem chaotischen Gewimmel abheben zu sehen. „Sinnlich und verstockt, ins Gegenwärtige verschlossen“: diese Riegel wollte ich aufbrechen, nein, aufschließen, ohne Gewalt, aber auch ohne Zagen, in der Hoffnung, hierdurch wenigstens einige Ausblicke auf einen Horizont zu gewinnen, würdig eines Goethe.

    Es herrscht heute die Unsitte, Goethen Worte in den Mund zu legen, die nur aus unkontrollierbaren Gesprächen überliefert sind; wo die Quelle so reich aus dem eigenen Borne fließt, ist es unverzeihlich, zu mittelbaren Relationen zu greifen. Goethe selber bezeugt: „Es sind mir oft Geschichten erzählt worden, wie ich sollte gesagt und getan haben, und da habe ich auch nicht Eine darunter gefunden, die mich gefreut hätte, die, im Guten oder Bösen, zu meinem Vorteil oder Nachteil, in dem Sinne meiner Natur und meiner Art zu sein wäre erfunden gewesen.“ Und ein anderes Mal heißt es, er „hinterlasse auf dem Papier ... schriftlich gute Worte“ für die „Gemeinschaft der Heiligen, zu der wir uns bekennen“, da-

VIII Vorwort zur ersten Auflage

gegen: „Mit den Lippen mag ich nur selten ein wahres, grund-gemeintes Wort aussprechen; gewöhnlich hören die Menschen etwas Anderes, als was ich sage, und das mag denn auch gut sein.“ Und wiederum lesen wir: „Auch wenn ich mich gehen lasse, werde ich doch immer von den Leuten nicht recht gefaßt.“ Nur selten und wo des Zeugen annähernde Genauigkeit aus bestimmten nachweisbaren Gründen anzunehmen war, habe ich auf mündliche Überlieferungen ergänzend hingewiesen.
Die genaue Quellenangabe sämtlicher Anführungen findet der Leser in einem Anhang, sowie Band und Seite der W. A. (Weimarer Ausgabe); N. S. weist auf die Reihe der „naturwissenschaftlichen Schriften“, die leider zum Teil willkürlich und irreführend zusammengestellt sind, auch mit willkürlichen Titeln versehen. Eine Ausnahme habe ich nur bei Zitaten aus den Maximen und Reflexionen gemacht. Da diese nämlich in der W. A. überallhin verstreut sind, habe ich die Nummern in der vortrefflichen Ausgabe von Max Hecker (Goethe-Gesellschaft, 1907) und auch in der Ausgabe von G. v. Loeper (Hempel, 1870) angegeben, wodurch ein sofortiges Auffinden ermöglicht wird. Sterne deuten auf Erläuterungen oder Ergänzungen im Anhang.
    Ein nicht mechanisch lückenloses, sondern dem geistigen Inhalt des Buches möglichst genau angepaßtes Register will dem ernsteren Leser ein Hülfsmittel zu wiederholter Benützung an die Hand geben.
    Zwei Tafeln, die in anderen Büchern besser am Platze gewesen wären, habe ich angehängt, weil ich sie dort nicht fand. Die eine zeigt Goethe „in der Zeit“ und ergänzt dadurch das Zeitlose meiner Darstellung; die zweite will annähernd veranschaulichen, in welcher Weise Goethe die ihm vergönnte „Zeit“ ausgenutzt hat.

    Zum Beschluß noch ein Wort Goethe's, das man mir zugute halten möge: „Der Mensch, indem er spricht, muß für den Augenblick einseitig werden; es gibt keine Mitteilung, keine Lehre ohne Sonderung.“

    B a y r e u t h,   im September 1912.


H o u s t o n   S t e w a r t   C h a m b e r l a i n.




IX


VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE

I
n aller Stille hat sich auch dieses Buch einen sich langsam erweiternden Freundeskreis gewonnen; mitten im Weltkriege wird eine neue Auflage verlangt. Auf jedem Unternehmen lasten natürlich die Zeitumstände; doch hat der Verlag das Mögliche in Bezug auf Ausstattung und Preislage getan, um der erwünschten „Volksausgabe“ nahezukommen.

    Eine große Anzahl Fremdwörter sind vom Verfasser durch deutsche Wörter ersetzt worden; einige Zusätze fanden im Anhang Platz; sonst blieb das Buch unverändert. Ein einziges Opfer hat die Papiernot der Gegenwart veranlaßt: die im Anhang der Urausgabe enthaltenen, sehr viel Raum beanspruchenden, umständlich genauen Nachweise sämtlicher Anführungen mußten fortfallen.
    Zur Durchführung der Arbeit, die eine solche Neuausgabe mit sich bringt, wäre der Verfasser infolge seines leidenden Zustandes ohne Unterstützung unfähig gewesen: diese fand er in der Bereitwilligkeit einer zu dieser Aufgabe besonders beanlagten Freundin, welche die Herstellung der Druckvorlage sowie die Durchsicht der Korrekturen an seiner Stelle übernahm. Hierdurch hat Fräulein Sidonie Peter in Leipzig sich ein großes Verdienst um das Buch erworben; den ihr gebührenden Dank spreche ich ihr an dieser Stelle öffentlich aus.

    B a y r e u t h , im September 1918.


H. S. C.




X


(Leere Seite)

XI

VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE

I
m Jahre 1917 veröffentlichte ich einen Aufsatz unter dem Titel „Das eine und das andere Deutschland“; inzwischen haben die Ereignisse selbst den Blindesten und den Taubsten überzeugen müssen, daß es tatsächlich zwei völlig verschiedene „Deutschland“ gibt. Mir ist bei keiner anderen Nation eine derartige Erscheinung bekannt: natürlich gibt es überall Stufen der Bildung und Schattierungen der politischen Ansichten, und aus beiden entstehen gelegentlich scharfe Gegensätze; doch beziehen sich diese anderswo auf das Wie, nicht auf das Was; wogegen das Deutsche Reich gleichsam aus zwei einander fremden Elementen zusammengesetzt zu sein scheint, deren Gegnerschaft ganz anderer Art ist als die, welche z. B. im vorrevolutionären Frankreich Adel und Volk von einander schied: das Volk dachte dort von seinem Vaterland noch größer als König und Adel, ja bis zur Überschwenglichkeit, und erwies sich als angriffslustiger und kriegstüchtiger. Ein anderes Bild zeigt uns das heutige Deutschland, wo die herrschende Mehrzahl — aus allen Gesellschaftsschichten zusammengesetzt — jeder Selbstbehauptung entsagt und jedes noch so entehrende Gebot barbarischer Zwingherren, ohne sich in ihrer Fröhlichkeit stören zu lassen, hinnimmt. Dieses „andere Deutschland“ findet es bequemer, den Begriff der Ehre als überflüssigen Ballast über Bord zu werfen: das war noch nicht erlebt worden.

    Fraglos wäre dieses „andere Deutschland“ nie zu einer derartigen Sündflut angeschwollen ohne die Mitwirkung der Juden, die im Laufe des Weltkrieges vollends die Herrschaft an sich zu reißen wußten, nachdem sie ein Jahrhundert lang emsig den Boden durch die systematische Vergiftung der Volksseele und Irreführung der Gebildeten vorbereitet hatten: Richard Wagner's Ausspruch über „den plastischen Dämon des Verfalles der Menschheit“ bewahrheitet sich in grausiger Weise. Doch so groß — und für manchen überraschend — die Förderung, die das „andere Deutschland“ durch diesen Umstand erfahren hat, es mußte ein minderwertiges Deutschland vorhanden sein, um der Förderung durch jüdische Einwirkung zugänglich zu sein: in anderen Ländern haben überall die Juden es für geraten gehalten, den wahnwitzigsten Patriotismus an den Tag

XII Vorwort zur dritten Auflage

zu legen, einzig in Deutschland konnten sie mit der entgegengesetzten Haltung Erfolg zu ernten hoffen.
    Hiermit wird die wahre Schmach aufgedeckt: es geht nicht an, sie dem fremden Volke zuzuschieben, vielmehr müssen wir die eigene Unwürdigkeit bekennen; denn allein aus Erkenntnis und Bekenntnis kann die Hoffnung auf Gesundung emporwachsen.
    Das Deutschtum steht und fällt mit seinen großen Männern. Auf die vielberührte Frage „Was ist deutsch?“ lautet die zutreffendste Antwort — sobald man den Blick auf das „eine Deutschland“ einschränkt —: Held sein ist deutsch! Wer dies noch nicht wußte, hat es jetzt erfahren.
    Verfügte freilich das „andere Deutschland“ in Wirklichkeit über die Zahlen, über die es heute zu verfügen scheint, da müßte die letzte Hoffnung erlöschen; dem ist aber nicht so, vielmehr liegt eine ungeheure Täuschung vor, und jeder von uns wird Gelegenheit gehabt haben, zu beobachten, wie viele gute Deutsche in allen Ständen einfach verrückt gemacht worden sind, ihrem besseren Selbst entführt, ihres Deutschtums beraubt, jedoch voll heimlicher Sehnsucht nach der echten Eigenart, die ihnen aus tausend noch unvergessenen Stimmen zuruft. Diese Stimmen bilden die stärkste Macht, die das niedergeworfene Deutschland ins Feld noch führen kann: sie allein sind fähig, die abtrünnigen Deutschen zu ihrer Pflicht zurückzurufen, ihnen wieder Mannesstolz ins Herz zu gießen, sie zu belehren, daß höchste Kultur — erhabenste Kunst, umfassendste Weltanschauung, tiefsinnigste Naturdeutung — geradezu an den Besitz der deutschen Sprache geknüpft sind, und daß, wer solchen Segens teilhaftig wird, damit zugleich hohe Verpflichtungen überkommt.
    In diesem Sinne möchte auch das vorliegende Buch für sein bescheiden Teil wirken, indem es zu einer eindringenderen Befassung mit einem der Unermeßlichsten, welche deutscher Geist hervorgebracht hat, anregt und anleitet. In Tagen sonnigen Glückes entstanden, möge es ihm beschieden sein, der inzwischen über Deutschland hereingebrochenen unerbittlich tragischen Gegenwart dadurch zu dienen, daß es manchen lehrt, mit Ehrfurcht und Inbrunst auf den Mann zu hören, der sich nie der geringsten Täuschung über

XIII Vorwort zur dritten Auflage

seine Landsleute hingegeben hat, und der nichtsdestoweniger von den Deutschen urteilt:
Zusammen haltet euren Wert,
Und euch ist niemand gleich!
H. S. C.

B a y r e u t h, 28. Oktober 1920.



 
 
XIV

(Leere Seite)

XV


INHALTSÜBERSICHT


Seite
Einleitung 1
Erstes Kapitel. DAS LEBEN (Umrißlinien)
Zur Verständigung S. 15. — Die zwei Lebenshälften S. 16. — Die erste Lebenshälfte S. 20. — Die zweite Lebenshälfte S. 61.
13
Zweites Kapitel. DIE PERSÖNLICHKEIT
Der Mittelpunkt S. 85. — Die Liebe S. 97. — Die Freundschaft S. 114. — Die Barmherzigkeit S. 140. — Wechselwirkung zwischen Goethe und seiner Umgebung S. 146. — Der Charakter S. 164. — Der Verstand S. 184. — Die Gestalt S. 193. — Der Mittelpunkt S. 196.
83
Drittes Kapitel. DER PRAKTISCH TÄTIGE
Allgemeines S. 203. — Politisches S. 220. — Wissenschaft und Kunst S. 227. — Theaterleitung S. 238.
201
Viertes Kapitel. DER NATURERFORSCHER
Vorläufige Verständigung S. 255 — Der Begriff „Natur“ S. 270. — Goethe's Standpunkt S. 287. — Goethe's Forschungsmethode S. 326. — Die Farbenlehre S. 337. — Das Organische S. 359. — Das Anorganische S. 375. — Zusammenfassung S. 390.
253
Fünftes Kapitel DER DICHTER
Goethe's Sonderstellung S. 407. — Sinnenkunst und Wahnkunst S. 413. — Gehalt und Form S. 431. — Der Gehalt in Goethe's Dichtungen S. 442. — Die Form in Goethe's Dichtungen S. 453: a) die Naturtreue S. 455, b) die Freiheit der Phantasie S. 467, c) die Sinnenkünste S. 515, d) die Wahnkunst S. 528. — Bekenntnis und Rückblick S. 561. — Goethe und das Drama S. 564.
406
Sechstes Kapitel. DER WEISE
Goethe der Weise S. 581. — Ziel und Methode des Kapitels S. 584. — Die zwei Grundallegorien S. 591. — Die vier Grundwidersprüche: I. Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen S. 595; II. Unterscheiden, Verbinden S. 628; III. Monade, Gemeinsamkeit S. 663; IV. Natur, Gott S. 705.
579
Anhang 763
Register der Eigennamen 779
Register der Hauptbegriffe 785

XVI


(Leere Seite)

1


EINLEITUNG


Die erste von allen Eigenschaften
ist die Aufmerksamkeit.

Goethe

2

(Leere Seite)

3


Scharf abgegrenzt stand mir das Ziel vor Augen, als ich die Arbeiten zu diesem Buch in Angriff nahm: möglichst tief wollte ich in die Persönlichkeit Goethe's einführen. Sein Leben und Schaffen im Einzelnen schildern? Nein, das haben andere schon getan. Der Persönlichkeit der Breite nach gerecht werden, das heißt also, sie erschöpfend darstellen? Nein; Unmögliches soll man nicht unternehmen. Gelänge es dagegen, bis auf die Wurzeln hinabzugreifen, aus denen der unerschöpfliche Reichtum dieses Lebens hervorsproßt, so dürfte man hoffen, Nützliches geleistet zu haben; denn ein klares, begeistertes und zugleich kritisch-besonnenes Erfassen dieser großen Persönlichkeit in ihrem Wesen und Wirken bedeutet für jeden eine Steigerung der Kultur, die auf keinem anderen Wege zu erreichen ist. Einem solchen Ziele bringen uns nur vereinzelte Erscheinungen der bisherigen Goetheliteratur näher. Wir waten in einem wahren Dschungel hergebrachter Phrasen, die nachgerade Gesetzeswert zu beanspruchen und jedes freie Urteil zu ersticken drohen; entsetzlich vieles wissen wir über Goethe, verlieren aber dabei das, was zu wissen nottut, aus den Augen. Uns wird es bald ergehen wie jenen Gelehrten, von denen Calderon spricht, die „alles wissen, nichts erfahren“. Erfahren! Ja, erfahren, wer Goethe war: danach zu streben müßte jedes denkenden Menschen Sache sein, wogegen die gerade über Goethe wie der Sand am Meere angehäufte Tatsachenübermenge auf jeden, der sich nicht die Goethephilologie zum Fachstudium erwählte, als ein zu Boden drückender Ballast wirkt. Freilich, wirkliches Erfahren ist immer die Tat des Einzelnen; keiner kann für den anderen „erfahren“: der Weg aber zur Erfahrung — der Weg wenigstens für verwandte Geister — läßt sich vielleicht weisen; und das ist es, was ich mit meinem Buche zu leisten versuche. Rücksichtslos subjektiv will ich zu Werke gehen, denn dadurch allein kann das objektive Ziel der bestimmenden Anregung erreicht werden. Es gibt keine „Wissenschaft“ der Persönlichkeit, vielmehr muß diese erraten, erhascht, blitzartig erblickt und erkannt werden. Hierzu anzuleiten ist eine Kunst; nur wer sie versteht, kann über Ziel, Methode und Leistung mit Sachkenntnis urteilen.
    Von jeder Methode dürfen wir nun verlangen, daß sie in erster Reihe Übersichtlichkeit fordere. Praktisch nüchtern muß sie die Wege zu bahnen verstehen bis in jene Gebiete hinan, wo die wahren

4 Einleitung

Verhältnisse sich uns von selbst in ihrer Verschränktheit, Harmonie und Notwendigkeit enthüllen. Echter Geist tritt aus Eigentrieb auf; wie der Quell bricht er aus dem Boden hervor, sobald wir diesen freilegen, d. h. sobald wir die Kruste aufbrechen und entfernen, welche Geistlosigkeit immer von neuem darüber ablagert. Demgemäß ist die Anlage dieses Buches eine äußerst einfache. Es besteht aus sechs Kapiteln. Im ersten soll eine kurze Skizze des Lebens dazu dienen, den Gegenstand unserer Untersuchung deutlich vor Augen zu stellen; das zweite gilt dem Versuche, die Hauptlinien der Persönlichkeit im Schattenriß sichtbar zu machen; im dritten, vierten und fünften betrachten wir Goethe in den Hauptbetätigungen seines Daseinsdranges: als praktisch tätigen Weltmann, als Naturerforscher, als Dichter, wir lernen ihn hierdurch ausführlicher als in der Lebensskizze kennen, und zwar darum, weil wir, durch die vorangeschickte Befassung mit der Persönlichkeit genügend in die Eigenart eingeweiht, nun überall die Tatsachen — das „Feste“ — als „Geisterzeugtes“ aufzufassen vermögen; ein sechstes und letztes Kapitel, „der Weise“, will den Blick auf das Allgemeine, erweitern. Die im zweiten Kapitel versuchte Synthese der Persönlichkeit ist eine subjektive, eine solche, heißt das, die das Individuelle an dieser Persönlichkeit betrachtet, wie sie uns erscheint, wenn wir sie zunächst in ihrer Umgebung erblicken, und mit dieser verglichen zu beurteilen suchen; wogegen im sechsten Kapitel ein objektives Ziel vorschwebt, nämlich Goethe's Denkart aus der Analyse der ihm eigenen Geistesanlagen aufzudecken, woraus sich das innere Gerüste einer Weltanschauung ergibt, die in ihrer Mannigfaltigkeit jedem Versuche, sie zu schildern, spottet, der man aber — ihre streng bedingte Verknüpfung mit dem Organismus dieses einen unvergleichlichen Mannes begreifend — fortan ein beweglicheres, zarteres Verständnis entgegenbringen wird.
    Einige Worte zur genaueren Erläuterung dieses Planes.
    Die Art, wie Goethes Leben im ersten Kapitel betrachtet wird, gewährt bereits eine gewisse Übersicht über die Persönlichkeit; wie er selber sagt: „Das Äußere, Bewegliche, Veränderliche muß als ein wichtiges bedeutendes Resultat eines inneren entschiedenen Lebens betrachtet werden.“ Ehe wir aber weiter ins Einzelne gehen, ist eine vorläufige Synthese der Persönlichkeit unentbehrlich. Dieser

5 Einleitung

Versuch kann zwar nicht anders als unvollkommen ausfallen, fehlt uns doch der größte Teil des Stoffes; das darf uns aber nicht abhalten, ihn zu unternehmen. Denn wollten wir bei einer Persönlichkeit wie diejenige Goethe's das Einzelne ins Auge fassen, ehe wir richtige leitende Vorstellungen über das Ganze besäßen, wir müßten notwendigerweise irregehen. Dies ist es, was bei der Betrachtung Goethe's, des Dichters, zu geschehen pflegt, indem unsere Bücher den Dichter ohne Berücksichtigung des Naturerschauers und Naturerforschers weit und breit besprechen, um über letzteren nur in einem kurzen Nachtragskapitel — gleichsam als Absonderlichkeit — abzuhandeln. In Wirklichkeit kann hier der Dichter nur künstlich von dem Naturerforscher geschieden werden. Goethe's Naturerforschung ist ihrem tiefsten Wesen nach schöpferisch und insofern echt dichterisch; der Natur gegenüber verhält sich Goethe als Poietes; als „Macher“; hingegen ist seine Poesie sozusagen „exakt“, d. h. sie schmiegt sich mit möglichster Genauigkeit an den einzelnen Fall an und fußt nicht auf schwärmerischer Eingebung oder oratorischer Selbstbetätigung des Geistes. „Poesie: eine reife Natur“, heißt es an einer Stelle, auf die wir später zurückkommen. Naturerforscher und Dichter weisen also in Goethe beide aufeinander hin und erklären sich gegenseitig, indem sie zusammen das ausmachen, was er einmal als sein „poetisch-wissenschaftliches Wesen“ bezeichnet. Darum können wir die eingehendere Untersuchung einzelner Geistes-betätigungen Goethe's nicht mit Hoffnung auf Erfolg unternehmen, wenn wir nicht zuvor Grundbegriffe über das Eigenartige der Persönlichkeit gewonnen haben. Es ist ja mißlich, daß wir Menschen uns genötigt finden, entweder vom Allgemeinen zum Einzelnen oder umgekehrt vom Einzelnen zum Allgemeinen nach und nach fortzuschreiten, da doch eine richtige Erfassung des Allgemeinen die Kenntnis des Einzelnen eigentlich voraussetzt und das Einzelne ohne vorangegangene Erfassung des Allgemeinen nie rein und erschöpfend beurteilt werden kann. Diesem Gesetze unseres Denkens können wir nun einmal nicht entrinnen; welchen der beiden Wege wir wählen wollen, ist also eine Frage der praktischen Methodik; in diesem Buche versuche ich, einige Vorzüge beider Methoden zu vereinen.
    Auf diese Weise wollen wir also dem seltenen Manne verschiedene Wege entlang — aufmerksam, offenäugig, andächtig — folgen.

6 Einleitung

Eine Persönlichkeit verstehen kann nur heißen: sehen, was sie sah, denken, was sie dachte; die Freiheit, in mancher Beziehung auch abweichend zu sehen und zu denken, geht uns nicht verloren; ist doch diese Freiheit nichts anderes als die Unfreiheit eines Jeden, als die Kette, die ihn an sein Eigenwesen für immer angeschmiedet hält. Nun weist aber der Geist Goethe's zwei besondere Eigenschaften auf: Umfang und Schlichtheit; beide erschweren uns die Aufgabe, zu sehen, was er sah, zu denken, was er dachte. Selbst unter den bedeutendsten Männern, von denen wir Kunde besitzen, haben nur Einzelne soviel umfaßt wie er; und wer Umfang sagt, deutet nicht bloß auf eine geistige Tätigkeit, welcher nur Wenige nachzukommen vermögen, sondern auf widerspruchsvolle Anlagen, da der Menschengeist wie ein Kreisstück ist, in dessen Mittelpunkt, wenn das Stück mehr als einen Halbkreis beträgt, viele Speichen aneinanderprallen, während hingegen, wenn er kleiner ist, alle bloß fächerartig einer am anderen liegen. Daher bei Männern mit solchen Anlagen das Mißverstandenwerden von außen, und im Innern die Tragik eines nie beizulegenden Kampfes widerstreitender Elemente. Gegen das erste vermochte auch Goethe nichts; gegen die innere Tragik wendete er aber das, was wir seine Schlichtheit nennen dürfen; er suchte keinen künstlichen Ausgleich; er beging keine Gewalt — weder gegen andere, noch gegen sich selbst; sondern ebenso wie er für jede Leistung und jede Meinung Anderer Verständnis und damit gerechte Beurteilung zu gewinnen sich bestrebte, ebenso arbeitete er daran, die verschieden gearteten, einander widerstrebenden Bestandteile seines eigenen Wesens möglichst wahr und rein zum Ausdruck gelangen zu lassen; die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit nach allen Richtungen hin ging ihm weit über jede Sorge um seine Werke. An Blickesweite übertrifft ihn vielleicht ein Leonardo, an Wucht des Daseins ein Michelangelo, an unerbittlicher Tragik des Lebensgefühles ein Beethoven, an Tiefe der Besinnung ein Immanuel Kant, an ideenbildender Schöpferkraft ein Plato, an enzyklopädischer Beherrschung alles Menschlichen ein Leibniz, an Beziehungsreichtum des Weltbildes ein Descartes, an allgestaltender Seelenplastik ein Shakespeare, an unmittelbarer Gewalt des Ausdruckes ein Richard Wagner; gerade darin aber, daß Goethe nicht wie ein Meteor am Himmel glänzt oder uns staunende Verehrung despotisch auf-

7 Einleitung

nötigt, besteht das Unvergleichliche: mit schlichter Gewalt der zielbewußten Willenskraft überwindet er die innere Tragik, weist gleichsam die Größe von sich und setzt es entschlossen durch, ein Mensch unter Menschen zu sein. Eine Widmung, die ihn als „Meister“ rühmt, lehnt der Achtzigjährige ab: „Denn da die sämtliche Menschheit eigentlich nur als Ein großer Lehrling zu betrachten ist, so möchte wohl Niemand sich einer besonderen Meisterschaft rühmen dürfen.“ Deswegen gerade bedeutet seine Persönlichkeit eine Kulturgewalt ohne allen Vergleich und besitzt sie vorbildliche Bedeutung. Neben Shakespeare's Werken ist dessen Tagesleben so karg an Inhalt, daß man mit einer Art Bestürzung die Berichte darüber aus der Hand legt: inkommensurabel, sich kaum berührend, westen hier die zwei Seelen nebeneinander, die eine, als erblicke sie das Menschliche von der alles ausgleichenden, lichten Höhe eines fast göttlich losgelösten Daseins, die andere, alltäglichen Interessen und Freuden eines spezifisch englischen Gentleman harmlos-bescheiden hingegeben; wohingegen ein Schiller das, „was uns alle bändigt“, tief unter sich liegen lassend, so erhaben einherschreitet, und für einen Beethoven, der alle Wirklichkeit einzig in seiner Welt der Töne erfaßt, die real gegebenen Verhältnisse unseres irdischen Daseins so offenbar nur den Sinn eines bösen, marternden Traumes besitzen, daß wir zu diesen Männern wohl ehrfurchtsvoll emporblicken, ihnen aber unmöglich nacheifern können. Anders bei Goethe. In ihm erklimmt die uns allen gemeinsame Natur vollbedächtig eine höhere Stufe und legt dort dauernde Grundlagen; hier können und sollen wir Alle bauen, auf daß wir höher zu stehen kommen; so hat der sich selbst Beherrschende es gemeint. Ich hoffe nicht mißdeutet zu werden, wenn ich sage: ein gewisses Bürgerlichbehäbige, das Goethe's leidenschaftlichem Temperament beigemischt ist, auch die feste Umzäunung, die er um sein eigenes Hinausstreben zieht, damit er nur ja nicht die Grenze des gesund Naturgemäßen überschreite, sowie sein Festhalten an dem, was er „das Gefühl allgemein heiligen Behagens“ nennt: das alles gehört zu dem Grundgeheimnis seines besonderen Wertes für die Allgemeinheit. Die Berührungsfläche zwischen Goethe und der Welt der Menschen ist eine weite; nicht weil er der Allgemeinheit näher verwandt wäre als andere Zuhöchstbegabte, sondern weil er selber ohne Unterlaß darauf hingearbeitet

8 Einleitung

hat, diese Berührungsfläche zu schaffen und zu erhalten. Gerade aber diese Einfachheit, dieses sich äußerlich Nichtunterscheidenwollen, dazu die nie versagende Zurückhaltung, das welterfahren Vorsichtige machen Goethe weniger zugänglich und selbst für wahrhaft gebildete Menschen oft schwerer verständlich als diejenigen großen Männer, bei denen das Heldenhafte (was jede wahre Größe in sich schließt) mehr in die Augen fällt oder der ungebändigte Wahn zu tragisch-romantischen Schicksalen führt. Goethe ist wie ein langsam, doch unbezwingbar waltendes Naturereignis; er wirkt, ohne aber daß der Flüchtige es gewahr würde; er selber berichtet einmal an einen Freund: „Mit mir geht es so einförmig und sachte, daß man wie an einem Stundenzeiger nicht sieht, daß ich mich bewege und es Zeit braucht, nur zu bemerken, daß ich mich bewegt habe“; nichts drängt sich bei ihm auf; Emphase ist ihm fremd; wo er am einfachsten scheint, da gerade pflegen seine Gedanken bis in letzte Tiefen zu reichen; keine selbstgefällige Deutung wird gegeben; hier müssen wir — wie der angehende Naturforscher — b e o b a c h t e n   l e r n e n.   Hin und wieder kommen in der Natur und auch in einigen wenigen Werken höchster Kunst so gewaltige Verhältnisse vor, dazu in allen Teilen so fein gegeneinander abgewogen, daß das Menschenauge zunächst versagt und Würde wie Schönheit des Gegenstandes nicht sofort zu erfassen imstande ist; ähnlich wirkt Goethe: man muß auf vieles in ihm erst aufmerksam gemacht werden, sonst geht man leicht achtlos vorbei. Ich nannte als mein Ziel: möglichst tief in die Persönlichkeit Goethe's einzudringen; nur ein Weg führt dahin: das Aufmerksamwerden; alles Weitere gewinnt man am besten aus Goethe selber.
    Noch eine letzte Bemerkung muß aber einleitend zur Abwehr böser Mißverständnisse vorangeschickt werden. Goethe selber hat wiederholt den Wert des „parteiischen Enthusiasmus“ für das Begreifen von Persönlichkeiten und ihren Werken betont, ohne den, meint er, „so wenig daran bleibt, daß es der Rede gar nicht wert ist.“ Sehen wir z. B. einen Immanuel Kant sein Dasein in eiserner Selbstbeschränkung rastlos der Besinnung über die dunkelsten Fragen des menschlichen Gemütes weihen, so daß er unseren nur langsam sich erweiternden Fähigkeiten um Jahrhunderte voraneilt:

9 Einleitung

was soll in einem solchen Falle die abwägende und angeblich unparteiische Kritik? Noch ist kaum ein Mann unter Tausenden imstande, den Gedanken wirklich zu erfassen, den Kant dachte, und schon wollen wir ihm eine beschränkte historische Gültigkeit wie einer Erscheinung der Vergangenheit anweisen! Wir bemerken, daß selbst Geister von der Tiefe und dem Umfang eines Schelling und eines Schopenhauer nicht begriffen haben, was Kant bezweckte, daß sie weder seine Absicht, noch seine Methode, noch seine Errungenschaft gerecht beurteilen — so neu und unerwartet traten diese plötzlich ins Dasein, die Kette zerreißend, wo Ring sich bisher an Ring angegliedert hatte — und da sollen wir ruhig schweigen, wenn Dutzendgelehrte über den „Göttlichsten“ seit Plato zur Tagesordnung übergehen und dozieren, die Wissenschaft habe ihn „überwunden“? Vielmehr gilt es, mit dem glühenden Feuereifer einer nur bejahenden Begeisterung eine Fackel nach der anderen anzuzünden, auf daß der Weg hell und immer heller erleuchtet werde, der zu dem tiefsten Gedanken hinführt, der je gedacht wurde, dem einzigen, der uns Menschen ein für allemal aus der Gewalt der tausendköpfigen Hydra Dogmatik erlöst. Ein anders geartetes Beispiel. Richard Wagner ist als dramatischer Dichter auf die Mitwirkung der Welt angewiesen. Was er von sich fordert, es scheint unmöglich, und dennoch, das Genie in ihm leistet es; was er von der ihn umgebenden Welt fordert, ist (wohlbetrachtet) nichts weniger, als daß sie ebenfalls Genie besitzen solle, und das ist eine unerfüllbare Zumutung. So umfaßt denn sein Schaffen einerseits das Glück eines gestaltenden Künstlers, andrerseits den berauschenden Wahn einer zu beglückenden Menschheit, wofür dann aber jede — buchstäblich jede — seiner Berührungen mit der Welt in die bittere Tragik der Erkenntnis mündet, daß diese Menschheit die Mitwirkung versagt und das Erhabene, wonach sie bloß die Hand auszustrecken brauchte, um es zu besitzen, nicht eher anzunehmen geruht, als bis es trivialisiert und somit der höheren Absicht entkleidet worden ist. „Mein Leben ist ein Meer von Widersprüchen, aus dem ich nur mit meinem Tode aufzutauchen hoffen darf.“ Auch hier kann Verständnis offenbar nur der Hingabe jenes von Goethe geforderten „parteiischen Enthusiasmus“ entfließen; jede nüchterne Betrachtung löscht das Bild aus; der Kritiker eifert gegen

10 Einleitung

einen Schatten; wohl kann man die gesamte Erscheinung ablehnen; ihre Folgerichtigkeit und ihre gewissermaßen „übermenschliche“ Logik anzweifeln kann nur ein Stümper. Wie der Funken bei Kant im Kopfe zündet oder nicht zündet, so bei Wagner im Herzen; ein Begabter wird ihn lieben oder hassen müssen, Kritik wird ihm eigentlich unfruchtbar dünken.
    Wesentlich anders verhält es sich bei Goethe. Wohl wird jeder, der dieser Persönlichkeit nähertritt, sich nach und nach von dem parteiischen Enthusiasmus ergriffen fühlen; wohl werden die Wenigen, denen es gelingt, bis auf den Grund zu sehen, die heilig verschwiegene Tragödie dieses äußerlich glänzenden Lebens mit Ehrfurchtsschauer verstummend gewahr werden; den Ausgang jedoch dürfen wir von diesem Standpunkt nicht nehmen, sonst bleibt der Weg in die Tiefe unauffindbar. Goethe selber hat dieses Gesetz gegeben. Wo er schweigt, müssen auch wir schweigen lernen; wo er sich schlicht, maßvoll, dem Schicksal heiter ergeben vor uns hinstellt, sind wir verpflichtet, ihm in der entsprechenden Verfassung zu nahen. Goethe lebt kein visionäres Leben; er schließt sich nicht, wie Beethoven, weltflüchtig, in einen eigenen Tempel der Gottheit ein; nichts liegt ihm ferner denn das Revolutionäre des jugendlichen und das Prophetische des älteren Wagner; vielmehr ist für Goethe bezeichnend, daß er sich fast ängstlich vor jeder Überspannung des Bogens hütet und seinen Sinn überlegt und unwandelbar entschlossen auf das allgemein Menschliche einstellt. Während Schiller geträumt hatte, der Mensch solle „aufwärts blicken, nicht niederwärts“, lehrte Goethe, als dritte der vier Ehrfurchten, „die Ehrfurcht gegen das, was   u n t e r   uns ist.“ Zum Verständnis Goethe's gehört darum unparteiliche Besonnenheit. Innere Ruhe ist hier ein unabweisbares Erfordernis. Goethe, der so bescheiden-pflichteifrig den Aufgaben des Tages nachkommt, ist ununterbrochen tätig, Zeit in Ewigkeit umzuwandeln; er verwünscht nicht — wie so Mancher — die ihn umgebende Gegenwart, entwindet sich aber still und entschlossen ihrer aufdringlichen Umzingelung. „Ich mag wohl gerne in der Zeit leben, weiß es aber nicht recht anzugreifen, wenn ich mit ihr leben soll.“ Der Horizont, auf den sein Auge gerichtet bleibt, liegt jenseits von manchem, was edelste Herzen und Hirne unter uns aufreizt, begeistert und entzweit; er umfaßt

11 Einleitung

das sich Bestreitende: Erweiterung des Blickes ist darum das, was wir vor allem anstreben müssen, wollen wir hoffen, dieser Persönlichkeit gerecht zu werden.
    In diesem Zusammenhang habe ich noch auf ein Paradoxon aufmerksam zu machen, dessen Beherzigung unerläßlich ist und das zugleich als Beispiel dienen mag der besonderen Schwierigkeiten, die hier vorliegen: eine derartige, auf allumfassendes Verständnis gerichtete Geistesanlage zwingt nämlich den betreffenden Menschen zu harten Einseitigkeiten. Ein Mystiker, der sich in die Zelle des eigenen Herzens zurückzieht, ist imstande, jegliche Erscheinung mit gleicher Liebe zu umfangen; wer dagegen hinaustritt unter die Menschen und sich tausendfachen Wirkungen aussetzt, muß sich behaupten, sich wappnen, seine Individualität scharf ausgestalten; sollen die unzähligen Eindrücke sich wieder zu einer Welt zusammenfinden, so muß es   s e i n e   Welt sein, sonst herrscht nur Chaos.
Töricht ist's
In allen Stücken billig sein; es heißt
Sein eigen Selbst zerstören.
    Gerade seiner Universalität und seinem Bedürfnis nach weitherziger Allgerechtigkeit zulieb hat Goethe in der ganzen Breite seiner Bildungsinteressen Einseitigkeiten mit merkbarer Absichtlichkeit großgezogen. Dies ist ein Bestandteil seiner Weisheit. Deswegen muß, wer Goethen gerecht werden will, sich vor zwei Dingen wohl hüten: vor einer Kritik, welche die organische Zweckmäßigkeit derartiger Beschränkungen übersähe, und vor einer Neigung zu Lobeserhebungen, welche das formal zu Bewundernde zu einem materiell Anzuerkennenden degradierte. In beiden Beziehungen wird viel gesündigt. „Mißverstanden zu werden, ist das Schicksal von unser Einem“: diese Worte, einem seiner Helden in den Mund gelegt, spiegeln die eigene Erfahrung wider. Die einen spotten z. B. über Goethe's Naturerforschung, weil Kenntnisse und Urteil hinreichen, sie das klaffende Nichtverstehenwollen, das sich hier in mancher Rücksicht eigenwillig behauptet, deutlich gewahren zu lassen; andere dagegen berauschen sich an der wahnwitzigen Phrase, die ganze moderne Zoologie und Botanik rührten von Goethe her. Ähnliche Verirrungen des Urteils finden in bezug auf Goethe's Ver-

12 Einleitung

hältnis zur bildenden Kunst, auf seine Auffassung der Antike, auf seinen Beruf zum Dramatiker, auf seine Bedeutung als Philosoph, auf seine Stellung als Staatsmann und als Deutscher, kurz auf allen Gebieten statt. Man sieht, wie unerläßlich es ist, bei Goethe genau zu erschauen und besonnen zu erwägen; diesen Mann ehrt man am besten, wenn man alle eigenen Seelenkräfte zusammenfaßt und steigert, um seine beispiellos reiche und darum auch geheimnisvolle Seele zu ergründen.
 
 
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Erstes Kapitel: Das Leben

Letzte Änderung am 17. Juli 2008