Hereunder follows the transcription of chapter 1 of Houston Stewart Chamberlain's book Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1921. The 1st edition appeared in 1912.

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 1 van Houston Stewart Chamberlain's boek Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.

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Vorworte & Einleitung
Erstes Kapitel. DAS LEBEN
Zweites Kapitel. DIE PERSÖNLICHKEIT
Drittes Kapitel. DER PRAKTISCH TÄTIGE
Viertes Kapitel. DER NATURERFORSCHER
Fünftes Kapitel DER DICHTER
Sechstes Kapitel. DER WEISE
Anhang & Register




 
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ERSTES KAPITEL

DAS LEBEN

(UMRISSLINIEN)

Das Klare vor dem Trüben, das Verständige
vor dem Ahndungsvollen vorwalten lassen,
damit bei Darstellung des Aeußern das Innere
im Stillen geehrt werde.

Goethe

14

(Leere Seite)

15 Erstes Kapitel: Das Leben
Zur Verständigung

Wie die Lebensgestalt, so stellt auch jeder Lebenslauf ein bestimmt gegliedertes Ganzes dar, in welchem es unterschiedene Teile gibt, die zueinander und zum Ganzen in Beziehung stehen. Denn ebenso wie die blinden Naturkräfte —

Zwecklose Kraft unbändiger Elemente —

Tag und Nacht um jegliche Gestalt des Lebens stürmen und diese sich nichtsdestoweniger behauptet, ebenso spiegelt sich des Menschen geistiger und sittlicher Eigenwille gerade in der   G e g e n w i r k u n g   gegen die äußeren, täglich und stündlich eingreifenden Zufälle wider und drückt dadurch den chaotischen Ereignissen den Stempel seiner Individualität auf. Gelingt es, das Organische an dem Lebenslauf sichtbar zu machen, so erhalten wir die unentbehrliche Grundlage für die Untersuchung der Persönlichkeit.
    Bei dem Versuch, die wahre Gliederung eines Lebens festzustellen, hängt zunächst alles davon ab, daß man an dem Gefüge das Organische richtig erkenne und es nicht mit Zufälligem vermenge. Anstatt die Gliederung dem Leben selbst zu entnehmen, ist es bei Goethe allgemein üblich, das Leben nach den poetischen Werken einzuteilen. Was soll hierbei herauskommen, wenn das dichterische Hauptwerk sechzig Jahre umspannt? wenn andere Dichtungen, in Frankfurt begonnen, erst nach der Rückkehr aus Italien vollendet werden? Bei jedem schöpferischen Geist hängt die Durchführung und Vollendung seiner Werke von zufälligen Umständen ab; solchen Daten kann niemals organische Gliederung entnommen werden. Bei Goethe kommt noch hinzu, daß die Hälfte seiner Lebensarbeit — die Betrachtung der Natur — bei diesem Verfahren unbeachtet bleibt. Wir wollen anders zu Werke gehen. Uns soll das Leben, das sichtbare Leben leiten:

Denn das wahre Leben ist des Handelns
Ew'ge Unschuld.

    Wir werden nicht befürchten, dabei oberflächlich zu verfahren, da es von der Eigenart der Persönlichkeit abhängt, ob ein Vorfall die Bedeutung eines entscheidenden Lebensereignisses gewinnt oder nicht.

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16 Erstes Kapitel: Das Leben
Die zwei Lebenshälften

    Zunächst setzt sich der Organismus dieses Lebens aus zwei fast gleichen Hälften zusammen, die zweite nur um wenige Jahre länger als die erste. Für das Verständnis des Lebenslaufes ist diese Einsicht ohne Frage die wichtigste; selbst der flüchtigsten Betrachtung kann sie nicht entgehen. Goethe ist im Jahre 1749 geboren und stirbt im Jahre 1832; kurz vor Erreichen des halben Weges, 1788, findet die Rückkehr aus Italien statt, wodurch — wie wir bald sehen werden — eine scharfe Scheidungslinie zwischen den zwei Lebenshälften gezogen wird; hier endet eine Phase, hier beginnt eine neue.
    Von der Geburt an bis zu dem Abschied aus Rom findet bei Goethe eine zwar unsystematische, aber ununterbrochene Entwickelung statt; manchmal geht sie stürmisch vor sich, manchmal stockt sie unter dem Druck der umgebenden Verhältnisse; still steht sie nie; auf jede Wirkung erwidert der reichbegabte Mann sofort mit der Gegenwirkung. In einem Bekenntnis seines fünfzehnten Jahres meint er: „Ich gleiche ziemlich einem Chamäleon.“ Wohl schreitet Goethe unaufhaltsam vorwärts, wohl hält er seinen drängenden Dämon häufig in bewundernswerter Weise im Zaum — „meine Tenazität ist unüberwindlich,“ schreibt er in seinem dreiunddreißigsten Jahre — auch begeht er trotz einem dunklen Ungestüm nur wenige nie wieder gutzumachende Fehler; er weiß alles und jedes zur Bildung seines Geistes auszunützen: nichtsdestoweniger macht er Schwankungen durch, die ihn fast aus dem einzigen Wege werfen, der ihn zum Ziele führen konnte. Ein Symptom dieser inneren Unsicherheit erblicken wir, wenn wir ihn auf dem Höhepunkte seiner aufwärtsdrängenden Fortbildung, in Rom, sich von neuem mit großer Energie auf die bildende Technik werfen sehen, in dem Wahne, er sei möglicherweise doch zum Maler und Bildhauer geboren, seine wahre Lebensbestimmung sei vielleicht nicht Dichten und Naturerforschen, sondern die Führung des Spatels und des Pinsels. Später nannte er dies selber „den vergeblichen Aufwand eines dilettantischen Strebens nach bildender Kunst.“ Die Bedeutung von Goethe's Verhältnis zur bildenden Kunst für sein Dichten ziehen wir erst in einem späteren Teil dieses Buches in

17 Erstes Kapitel: Das Leben — Die zwei Lebenshälften

Betracht; hier handelt es sich einzig um die erstrebte technische Leistung, und da dürfen wir behaupten: ein derartiges eigensinniges Mißverstehenwollen der offen am Tage liegenden Anlagen, das leidenschaftliche Erstreben des Unmöglichen durch einen mit besonnener Urteilskraft so reich begabten Mann deutet als sichtbares äußeres Zeichen auf eine tief liegende innere Krisis. * Doch mitten in dieser ärgsten Verwirrung — gerade in Italien — findet nach und nach die endgültige Selbstbesinnung statt. „Die Wiedergeburt, die mich von innen heraus umarbeitet, wirkt immer fort .... ich habe mich ganz hingegeben und es ist nicht allein der Kunstsinn, es ist auch der moralische, der große Erneuerung leidet“, so heißt es aus Rom, schon in den letzten Tagen des Jahres 1786. Kurz darauf: „Täglich werf' ich eine neue Schale ab und hoffe als ein Mensch wiederzukehren.“ Und in der Tat, im Sommer 1788 kehrt er aus Italien „als Mensch“ wieder, als der zielbewußte, hinfürder unbeirrbare Goethe. Und zwar wirft er nicht nur die Schale des Malers und Bildhauers ab; in dem Falle würde es sich lediglich um eine ästhetische Erkenntnis gehandelt haben; vielmehr wirft er auch alle anderen Mißverständnisse ein für allemal von sich hinweg. Nie mehr ist er Staatsmann — oder doch nur vorübergehend, unter dem Drucke trüber Verhältnisse und in sehr untergeordneter Weise; seine organisatorischen Gaben dienen von jetzt an nur mehr der Ausgestaltung der ihm unterstellten Anstalten zur Erforschung der sichtbaren Natur und zur Pflege der bildenden Künste, sowie andrerseits der Begründung des deutschen dramatischen Darstellungsstils; namentlich aber: er schenkt sich nicht mehr seiner Umgebung, hinkünftig will er „sich weder um rechts noch links, viel weniger um das Glück und Unglück eines Ganzen bekümmern“; er widersetzt sich endgültig der Tyrannei der starren, geisttötenden Hofansprüche, er gestaltet sich das Leben von nun an, wie Er es braucht, an den andern ist es, sich darein zu finden. Darum ist der sofort nach der Rückkehr aus Rom erfolgte Bruch mit Frau von Stein von so entscheidender symptomatischer Bedeutung; denn diese Frau — deren unvergängliche Verdienste um Goethe wir bald besprechen werden — bedeutet demungeachtet in Goethe's Leben, rein als Lebenslauf betrachtet, den systematischen Versuch, das Genie an die Konvention zu binden, es mit der Gesellschaft zu versöhnen, es

18 Erstes Kapitel: Das Leben — Die zwei Lebenshälften

für die „Carrière“ zu gewinnen; sie wollte eine Brücke sein, und sie war es tatsächlich.

Gewiß, ich wäre schon so ferne, ferne,
Soweit die Welt nur offenliegt, gegangen!
Bezwängen mich nicht übermächt'ge Sterne,
Die mein Geschick an deines angehangen

schreibt Goethe an sie zwei Jahre vor seiner Flucht nach Italien. Jetzt aber ward der Zwang gebrochen und die Brücke zerstört. Und im selben Augenblick ward der Schutzwall errichtet, der Wall gegen die Möglichkeit dessen, was Charlotten von Stein als wünschenswert für Goethe vorgeschwebt hatte: diesen Wall bildete das dauernde Verhältnis zu Christiane Vulpius.
    In Wahrheit ist einem jeden Manne von Bedeutung nur Ein Weg möglich; es kann aber lange währen, ehe er diesen Weg entdeckt. Denn zunächst scheint die ganze Welt ihm offen zu stehen; um so mehr, wenn er vielseitig begabt ist und daher in jeder Richtung der Reise Ziele erblickt, geeignet ihn hinauszulocken. Jetzt aber wußte Goethe, welchen Weg zu gehen ihm bestimmt war; mit eiserner Energie folgte er seinem Entschlusse, ihn zu gehen und sich niemals, sei es nach rechts oder nach links, davon ableiten zu lassen. Alles opferte er fortan dem einen Lebenszwecke: der klaren Erkenntnis und der systematischen Ausbildung seiner Persönlichkeit, objektiv durch die immer umfassendere Aufnahme alles ihm erreichbaren Menschlichen und Außermenschlichen, subjektiv durch die möglichst reine, klare, uninteressierte Widerspiegelung dieser Eindrücke in poetischen, wissenschaftlichen, literarischen Werken, ja, zuletzt fast in jedem Brief und in jedem Gespräch. „Mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht.“
    Dieses Bewußtsein seiner Selbst hat immer etwas vom Auskristallisieren an sich und insofern auch vom Erstarren. Bei Goethe fällt dies um so mehr auf, als er fortan der Zwingherrschaft der Konvention durch die starr formgerechte Beobachtung des Konventionellen begegnet. In der Jugend hatte er einem Kreise angehört, der dem gesellschaftlichen Zwange, der gesellschaftlichen Lüge durch genialisches Gebaren zu trotzen liebte; später, unter dem Einfluß der Frau von Stein, wäre er nahe daran gewesen, seine Haltung

19 Erstes Kapitel: Das Leben — Die zwei Lebenshälften

wirklich nach der Welt zu modeln; jetzt tat er weder das eine noch das andere, sondern er nahm eine Maske und hielt sie sich vor das Gesicht — seiner Freiheit, seiner Wahrhaftigkeit zulieb. Ein dauerndes Verdienst der Frau von Stein um Goethe lernen wir hiermit kennen; denn sie in erster Reihe war es, von der er gelernt hatte, diese Weltmaske vollkommen zu formen; daß gerade sie am bittersten darunter leiden sollte, ist ein echter Zug menschlicher Schicksalstragödie. Unschwer begreift man es, wenn für viele Leute der Goethe aus der jugendfrischen Entwickelungszeit mehr Anziehung besitzt als der bewußte, bemaskte Goethe; doch ist dieser der größere. Hier wird entsagungsvolle Selbstbeherrschung das Gesetz; hier werden die Gaben, welche die Natur geschenkt hat, durch den Sinn und die unablässige Arbeit der bewußt wollenden Persönlichkeit zu Tugenden; hier tritt eine neue, rein geistige Askese in die Erscheinung und gestaltet mit göttlich-gelassener Geduld für kommende Geschlechter.
    Wer aufmerksam hinsieht, wird verfolgen können, wie tief diese große Krise Goethe's Lebensfeste erschütterte. Zwar berichtet er kurz nach der Rückkehr einem seiner Vertrauten, in Italien seien „Freude und Hoffnung wieder ganz in ihm lebendig geworden“; doch beide, Freude und Hoffnung, waren jetzt nach anderer Richtung gewendet. Seine Freunde erkannten ihn bei der Rückkehr aus Italien kaum, so tief war sein Wesen umgewandelt; auch äußerlich fanden sie ihn sehr verändert; Caroline Herder muß an ihren Mann berichten: „Es ist nur schlimm, daß Goethe immer seinen Panzer anhat.“ In den leidenschaftlich betriebenen Naturstudien gewann nach und nach sein Gemüt das Gleichgewicht wieder, doch erst die Annäherung an Schiller (1794) ist ein untrügliches Symptom der moralischen Befestigung; die Entstehung von Hermann und Dorothea (1796—1797) — noch in späten Jahren Goethe's eigenes „Lieblingsgedicht“ — bezeichnet den vollendeten Sieg.
    So sind wir denn nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, zwei Epochen in Goethe's Leben zu unterscheiden; die äußeren Ereignisse und die inneren Ereignisse, beide fordern uns dazu auf. Diese Zweiteilung bildet die wichtigste Gliederung in dem Lebensorganismus Goethe's; hier decken sich das Äußere und das Innere genau.

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20 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte
Die erste Lebenshälfte

    Jedoch, wollten wir nur den Zeitraum 1749—1788 und den Zeitraum 1788—1832 unterscheiden, so wäre das für die anschauliche Auffassung des Lebensganges nicht genügend; darum müssen wir jetzt seiner weiteren Gliederung nachforschen, d. h. wir müssen festzustellen suchen, in welche organischen Bestandteile eine jede der beiden Lebenshälften zerfällt. Beginnen wir mit der ersten. Hier kommt es darauf an, aller geistreichen Kombinatorik aus dem Wege zu gehen und die einfachen Tatsachen für sich sprechen zu lassen. Tun wir das, so entdecken wir in der ersten großen Lebensepoche vier deutlich voneinander unterschiedene Abschnitte, die äußerlich unähnlich waren und demgemäß zu verschiedenen Entwickelungsstadien des Inneren führten. Es sind dies:
a) Frankfurt, 1749—1765
b) Wanderzeit, 1765—1775
c) Weimar, 1775—1786
d) Italien, 1786—1788.
    Die Frankfurter Jahre sind die uns allen aus Dichtung und Wahrheit so wohlbekannten, an Eindrücken reichen Tage der Kindheit. Darnach sehen wir Goethe — als Studenten, als Praktikanten beim Reichsgericht, als angehenden Rechtsanwalt — in Leipzig, in Straßburg, in Wetzlar, dazwischen immer wieder monatelang in Frankfurt; er unternimmt seine ersten längeren Reisen nach der Schweiz und den Rhein hinunter, knüpft mit vielen bedeutenden Männern Verbindungen an, erfährt wiederholt die Freuden und die Leiden der Liebe, dichtet viel, nimmt an den literarischen Tagesfehden teil. Auch für diese Periode kann man auf Dichtung und Wahrheit verweisen. Inzwischen hatte die Bekanntschaft mit dem Erbherzog von Weimar stattgefunden, und bald darauf war dieser regierender Herzog geworden; es erfolgt die Einladung nach Weimar, die Ernennung zu Amt und Würden, die dauernde Niederlassung im thüringischen Lande. Goethe wird Staatsmann; er ordnet verfahrene Finanzen, baut Straßen, legt Bergwerke an, hebt Rekruten aus, entwirft Verfassungsänderungen; er ist nahe daran, sich in die allgemeine Politik und in die Beziehungen zum Ausland so nachdrücklich einzulassen, daß es für einen Mann

21 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte
mit seinem ausgesprochenen Verantwortlichkeitsgefühl kein Zurück mehr gegeben hätte. Er selber schreibt über diese Zeit der übermäßigen Ansprüche an seine Arbeitskraft und Initiative: „Es scheint als wenn es eines so gewaltigen Hammers bedurft habe, um meine Natur von den vielen Schlacken zu befreien, und mein Herz gediegen zu machen.“ Zweck an sich konnte jedoch diese Tätigkeit nicht sein, vielmehr war sie in erster Reihe Zweck für ihn selbst; hatte er erst Erfahrung, Kraft, Wirkungskreis gewonnen, so mußten neue Wege eingeschlagen werden. Und siehe da, plötzlich entschwindet er nach Italien! Es ist eine wahre Flucht, langer Hand im geheimen von ihm vorbereitet, seinen nächsten Freunden, seinem Fürsten, ja selbst der Freundin, welche wähnte, die Vertraute aller seiner Gedanken zu sein, völlig unerwartet; erst als er die Grenze überschritten hat, teilt er sein Vorhaben mit. „Ich habe nur eine Existenz, diese hab' ich diesmal   g a n z   gespielt und spiele sie noch .... komm' ich um, so komm' ich um; ich war ohnedies zu nichts mehr nütze.“
    Handelt es sich für uns im Augenblick auch nur um eine flüchtige Skizze, die im weiteren Verlauf des Buches manche Ergänzung erfahren wird, so muß ich doch noch einige wesentliche Striche hinzufügen, damit diese Perioden der ersten Lebenshälfte, deren äußerliche Unterscheidung sofort in die Augen fällt, auch als innerliche organische Glieder erfaßt werden. Die nähere Einteilung der zweiten Lebenshälfte wird dann erst einleuchtend wirken.

a)   F r a n k f u r t,   1749—1765.

    Vor allem verweise ich hier noch einmal auf Dichtung und Wahrheit. Wer eine ausführliche Lebensschilderung Goethe's unternehmen wollte, müßte den Stil wählen, den er selber für einzig angemessen fand; gerade die Fülle des unanfechtbar wahren Einzelnen und Vereinzelten, die wir in diesem Fall besitzen, ermöglicht es, die großen Züge zu einer Wahrheit höherer Ordnung zu gliedern, zu einer poetisch—eindringlichen Wahrheit anstelle des üblichen chronistischen Tausendfüßlers, indem durch den neuen kunstgemäßen Aufbau das Geringfügigste Bedeutung erlangt und das scheinbar Zufällige dank der dichtgedrängten Umgebung seinen bestimmten Platz in der Architektonik des Schicksals erhält. So hat

22 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte
Goethe die Aufgabe erfaßt; so hat er sie durchgeführt für die Jahre 1749—1775. Für die genannte Zeit wollen wir also immer wieder zu dieser Quelle zurückkehren. *
    Kindheit und frühe Knabenjahre, innerlich so wichtig für die Entfaltung der Persönlichkeit, bieten wenig, was äußerlich als Ereignis Bedeutung besäße. Allenfalls könnte man als erstes aller Lebensereignisse dasjenige hervorheben, welches Tristram Shandy zu so vielen Kapiteln Stoff gibt; Goethe selber betont zu wiederholten Malen die Vereinigung zweier disparater Elemente in seinem Wesen. Doch muß ich darauf aufmerksam machen, daß die immer und überall angeführten Scherzverse aus den Zahmen Xenien in Wirklichkeit — wie Jeder sich leicht überzeugen kann — einem anderen Zusammenhang dienen und nicht die exakte Bedeutung besitzen, welche Biographen ihnen beizulegen pflegen.

Vom Vater hab' ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust, zu fabulieren.

Diese Worte können unmöglich buchstäblich gemeint sein. Goethe ist keine Frohnatur; zu keiner Lebenszeit hätte er diese Bezeichnung verdient; man braucht nur auf seine Mutter, die prächtige Frau Aja, zu blicken, um den Unterschied gewahr zu werden; dank ihren herzerfrischenden Briefen ist sie uns jetzt nahe gerückt; keine Briefe der Welt gleichen weniger denen Goethe's. In kindlich treuem Glauben fest, im Gemüte frei, von unverwüstlicher Munterkeit, genau ebenso übermütig und harmlos, wenn sie an die Herzogin Amalie, wie wenn sie an einen verwandten Gevatter schreibt, erträgt sie ohne Murren die Drangsale der Kriegsjahre, und auch Krankheit und Schmerz gleiten ab von ihr, ohne etwas über diese urheitere Natur zu vermögen. „Sowie ich in einen Zirkel komme, wird alles heiter und froh, weil ich erzähle.“ Wenige Monate vor ihrem Tode, mitten im ärgsten Kriegsgewirre des Jahres 1807, schreibt sie: „Ich finde alle Tage etwas, das mich freut.“ Goethe dagegen bekennt von sich selber, er sei „von Natur nachdenklich“, ihm habe die Vorsehung „eine konversierende Gabe nicht verliehen“, und in Gesellschaft wisse er „nur didaktisch und dogma-

23 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte
tisch“ zu verfahren; ja, es sei ihm „eine böse Manier“ eigen, durch welche „er sich manche Person entfremdet, andere zu Feinden gemacht habe“. Wie er uns in Dichtung und Wahrheit entgegentritt, ist er ein ungewöhnlich gedankenvoller, träumerischer, zu Grübeleien geneigter Knabe. Schon als kleines Kind hat er etwas „Ernstes und Ahnungsgsvolles“, und als Knabe „zeigte sich der innere Ernst, mit dem er schon früh sich und die Welt betrachtete, auch in seinem Äußern, und er ward, oft freundlich, oft auch spöttisch, über eine gewisse Würde berufen, die er sich herausnahm.“ Diese „gewisse Würde“ des Knaben war die Vorläuferin der Zurückhaltung und Feierlichkeit späterer Jahre. Bei seiner Ankunft in Weimar, als er erst 26 Jahre zählte, spotten die Einwohner über Goethe's „Perpendikulargang“, dessen steife, übertriebene Würde um so komischer auffiel, als sein Famulus Seidel, der ihm alles genau nachzumachen bestrebt war, einige Schritte hinter seinem Herrn durch die Pfützen der wenig gepflegten Straßen Weimars im selben Perpendikulargang einherzustolzieren pflegte. Später klagte Goethe's treuester Freund und Gönner, Carl August, es sei unmöglich, mit ihm Briefwechsel zu unterhalten: „Goethe schreibt mir Relationen, die man in jedes Journal könnte einrücken lassen; es ist gar possierlich, wie der Mensch so feierlich wird.“ Feierlichkeit und Frohnatur sind aber konträre Gegensätze. Heinrich Voß (der jüngere), der Goethe und Schiller intim gekannt und beide bei schweren Erkrankungen gepflegt hat, betont immer wieder Schiller's „außerordentliche Heiterkeit“, die hinreißend gewesen sei, von Goethe weiß er nichts dergleichen zu melden; und während Schiller bei den ärgsten Leiden „die Sanftmut und Milde selber“ gewesen sei, habe Goethe als „etwas ungestümer Kranker“ zu schaffen gegeben. Madame de Staël, die Goethe's Unterhaltungsgabe über diejenige Diderot's stellt, bemerkt dennoch, daß er zunächst Kälte und Befangenheit um sich verbreite. Und als der Krieg an seinem Hause — freilich recht unsanft — pochte, verlor er so völlig die Fassung, daß er seine Gemütsruhe und vielleicht sogar sein Leben einzig der Geistesgegenwart und Energie der guten Christiane verdankte; bei späteren kriegerischen Verwickelungen sorgte die Familie möglichst für seine Entfernung aus Weimar. Es tut wohl, sich die Worte Carlyle's an Emerson ins Gedächnis zurückzurufen: „Es kommt ein Tag, wo

24 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte
Sie begreifen werden, daß dieser sonnige, höfische Goethe eine prophetische Trauer verschleiert in sich trug, so tief wie die Dante's.... Kein Mensch kann sehen, was Goethe sieht, wenn er nicht gelitten und gekämpft hat, wie selten ein Mann.“ Alles dies deutet auf ein Temperament, welches kaum irgend eine Analogie mit dem der unverwüstlich heiteren Mutter aufweist.
    Ich würde an dieser Stelle nicht mit so großem Nachdruck darauf hinweisen, wenn uns diese angebliche „Frohnatur“ nicht als Erbstück und darum als unbestreitbare Tatsache in jeder Goethebiographie entgegenträte. Es ist dies der erste der vielen falschen Züge, aus denen der konventionelle „olympische“ Goethe hergerichtet wird, und zwar zunächst als „apollinisch heiterer Jüngling“.
    Die „Lust zum Fabulieren“ dagegen, also einen Teil seiner geistigen Anlagen, mag er wohl von der Mutter erhalten haben, wenngleich ihr Temperament sicherlich weder einen Weißlingen noch einen Werther geboren hätte. Von ihr erhielt er aber noch mehr: Goethe's Wesen beherbergt ein ausgesprochen weibliches Element. Hierzu gehört namentlich, was er als das „Grillenhafte“ an seiner Natur häufig betont und worunter er bis über die erste Lebenshälfte hinaus nicht wenig litt; das „planlose Wesen“, das plötzliche Umschlagen der Stimmungen, ein Mangel an nachhaltigem Fleiß, den er nicht früher überwand, als bis er in Weimar so viele Geschäfte überkommen hatte, daß er zum Zeitverzetteln keine Muße mehr fand. „Der Fleiß war ohnehin meine Sache nicht“; „ich erfreute mich vorzüglich deswegen an seinem geregelten Fleiße, weil ich mir von einem Verdienst, dessen ich mich keineswegs rühmen konnte, durch Anerkennung und Hochschätzung wenigstens einen Teil zuzueignen meinte“; „ich brauche Kunst, um fleißig zu sein“. Dahin rechne ich auch eine Art „Dunkelheit und Zaudern“, über die sich Goethe gegen Schiller beklagt, sowie einen — wenn nicht gerade frohen, so doch leichten, fast leichtfertigen Sinn; wie Frau Rat vergnügt am offenen Fenster speist, während unten auf der Straße Verwundete und Gefangene einer der Armeen — wie das Glück es fügt — vorbeigeführt werden, und ihre Einquartierung mit Schweinebraten regaliert: „Abwehren kann ich's nicht, zerzausen mag ich mich nicht lassen, ich esse mit“, ebenso besitzt Goethe eine wunderbare Gabe, manches Schmerzhafte, Auf-

25 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte
regende, Entmutigende einfach von sich abzuschütteln und, wenn nicht ganz unbeachtet zu lassen, wenigstens möglichst leicht zu nehmen. Es ist dies, was Herder in seiner satirischen Art „das Spatzenmäßige“ an Goethe nennt, ein entschieden Weibliches, teils der Natur seiner Mutter stammverwandt, teils wohl von irgend einer Urahne ererbt.
    Weit schwerer fällt es, den Anteil des Vaters zu bestimmen, schon deswegen, weil der Vater eine in sich gekehrte, unzugängliche Natur war, die darum in weniger sicher gezeichneten Zügen vor unseren Augen steht. Doch was wir wissen, lehrt uns ihn schätzen und gibt uns die Überzeugung, gar manches des Besten in Goethe sei auf seine oder seines Stammes Rechnung zu setzen. Durch die Mutter knüpft Goethe an Generationen von Hoflakaien, Barbieren, Weinhändlern, Juristen, Magistratspersonen, Stadtschreibern, Pfarrern, Professoren, Bürgermeistern an, durch den Vater an den derberen Stand der Schuster, Böttcher, Schmiede, Maurer, Landgastwirte, und, wenn es hoch ging, Schneider. Spatzenmäßiges hat freilich der fleißige Mann von eiserner Folgerichtigkeit und zäher Beharrlichkeit, der sich aus bescheidenen Ursprüngen zum Kaiserlichen Rat emporgearbeitet hat, nicht besessen, aber ein feuriges, edles, aufbrausendes Gemüt und wahre Teilnahme für Kunst und Dichtung. Inmitten der kaisertreuen Frankfurter begeistert sich Vater Goethe für den großen Friedrich und gerät darüber mit seiner einflußreichen Verwandtschaft in gefährlichen Streit; umringt von kaufmännischen Seelen, die alles hinzunehmen bereit sind, wenn nur der Beutel nicht übermäßig leidet, trotzt der stille Deutsche dem Franzmann mit „leidenschaftlicher Verwegenheit“ ins Gesicht: „Ich wollte, die Preußen hätten euch zum Teufel gejagt, und wenn ich hätte mitfahren sollen!“ Worauf ich nun aufmerksam machen möchte, ist dies, daß ein solches Gemüt dem eigentlich und wahrhaft Philiströsen beträchtlich ferner steht als die gute Frau Aja. Während die ganze Familie sich über die Anwesenheit der schmucken französischen Soldaten und des französischen Theaters freut, schließt sich Vater Goethe, äußerlich mürrisch, innerlich blutenden Herzens, in seinem Zimmer ein. Dieser Mann war ein bewußter Deutscher. Wir wollen ihn ehren.
    Zunächst mag es wohl den Anschein haben, als hätte Johann Caspar Goethe mehr durch Beispiel und Ermahnung als durch die

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unsichtbar kreisenden Gaben seines Blutes auf den Sohn gewirkt. Doch auch dies hätte viel zu bedeuten. Denn bei dem „fahrigen Wesen“, dessen Goethe sich beschuldigen muß, bei seiner Abneigung, irgend etwas Begonnenes zu Ende zu führen, wurde seine Jugend vor einer vielleicht nicht mehr wett zu machenden Zersplitterung durch die Gegenwart eines Vaters gerettet, der in liebevoller Geduld alle Arbeiten mit dem Sohne teilte und nicht müde wurde, ihm einzuschärfen, „das Beharren sei die einzige Tugend“. Die Kenntnis von Zeichnungen, Stichen, Bildern, die Übung in der sorgfältigen Behandlung aller dieser Dinge, das Verständnis für Sammlungen aller Art, die musterhafte Ordnungsliebe, auch manches andere Nebensächliche, was in Goethe's Leben bis ans Ende Bedeutung besitzt, verdankt er den Lehren seines Vaters. Doch ich glaube, wir können tiefer greifen: gerade in einigen zu Grunde liegenden, halb verborgenen Zügen hat Goethe Blut seines Vaters in den Adern. In jenen oben angeführten Versen lasen wir, Goethe habe von seinem Vater „des Lebens ernstes Führen“; ursprünglich hatte aber der Dichter geschrieben, er habe vom Vater „Auch Lebens ernste Züge“; dem Reim zulieb, weil er nämlich sonst von der Mutter die „Dichterlüge“ hätte geerbt haben müssen, machte Goethe aus Züge „Führen“, was weniger genau stimmt. In der Führung des Lebens waren beide Männer verschieden, verwandt dagegen in gewissen Wesenszügen, die den bescheiden beanlagten, im Bürgertum nur halb erst heimischen Volksmenschen schließlich zum Misanthropen, den überschwenglich Begabten dagegen zum Heros schufen. Goethe sagt einmal von seinem Vater: „Weil er innerlich ein sehr zartes Gemüt hegte, bildete er äußerlich mit unglaublicher Konsequenz eine eherne Strenge vor“; wer erkennt nicht hier den Sohn im Vater? Der Goethe der zweiten Lebenshälfte ist ein Mann, der „mit unglaublicher Konsequenz“ etwas „vorbildet“, um das vor aller Augen zu verbergen, was sein Gemüt in Wahrheit erfüllt. Das zarte Gemüt, der heilige Ernst, der verborgene Schmerz; dazu das Gefühl der eigenen Würde, die freiheitliche Gesinnung bei unbedingter Hochachtung vor festgeordneten Verhältnissen..., das alles und noch mehr sind „ernste Züge“, die Goethe vom Vater geerbt hat; leichtlebige Frohnaturen wissen von dergleichen nicht. Sicherlich hat er aber noch Bedeutenderes von ihm

27 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte
geerbt. In dem Wert, den der Vater auf Sprichwörter und überhaupt auf Volkssprüche legte, bekundet sich die urwüchsige Art des in seinem Innersten noch mit der Scholle verwachsenen Bauernsprößlings; und nicht nur hat sich diese Liebe in auffallendem Maße auf Goethe vererbt, so daß Spruchbildung und Spruchdichtung einen wichtigen Bestandteil seines Lebenswerkes ausmacht, sondern hier wurzelt gewiß, zugleich mit der unerschöpflichen, volksverwandten Bilderkraft seiner Sprache, auch die auffallende Tatsache, daß seine Sentenzen, zahlreicher vielleicht als bei irgendeinem anderen Dichter, nichts von der künstlichen Überlegung eines verfeinerten Moralisten an sich haben, sondern vielmehr vollkommen natürlich, überzeugend einfach, sehr häufig voll versteckten Humors und kluger Ironie aus einem üppigen Boden echten, breiten, gesunden Verstandes hervorsprießen. Das alles stammt nicht von Hoflakaien, Professoren, Magistratspersonen, sondern viel eher von kräftigen Bauern, Böttchern, Wirten, Schustern. Und so sehen wir Goethe bei zunehmendem Alter auch äußerlich seinem Vater ähnlich werden und hören es ihn beklagen, daß er in seiner Jugend nicht „einen Gran des Bewußtseins“ von dem Werte „dieses schätzbaren Familienverhältnisses“ besessen habe.
    Ein Drittes wäre zu nennen: die Stadt Frankfurt selbst und die Umgebung, die sie dem aufwachsenden Kinde schuf. Nichts ist in Dichtung und Wahrheit meisterlicher geschildert als gerade dies; die alte Krönungsstadt des heiligen römischen Reiches deutscher Nation lebt hier für alle Zeiten. Dank dieser Umgebung taucht die Phantasie des künftigen Dichters des Gottfried von Berlichingen bis ins Mittelalter hinab. Hierdurch erweiterte sich in einer Beziehung die erstickende Enge, mit der jede andere deutsche Stadt zu damaligen Zeiten ihn umgeben hätte; aus allen Gauen deutscher Erde sah der Knabe die Menschen zur Kaiserkrönung zusammenströmen, und was ihn beschränkend umgab, war wenigstens ein unmittelbares Reichswesen, nicht ein Provinzpartikularismus oder eine geisttötende Hofresidenz. Dazu dann der Siebenjährige Krieg und die lange Anwesenheit der Franzosen.
    Nicht ungenannt bleibe Cornelia, die um ein Jahr jüngere Schwester Goethes, deren Wesen und Begabung sie ihrem Bruder sehr nahe brachten, „eine tiefe und zarte Natur“ mit einem „über

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ihr Geschlecht erhobenen Geist“. Die innige Vertrautheit mit dem weiblichen Geschlecht, die bei Goethe von Jugend an auffällt, sein Bedürfnis nach Umgang nicht allein mit jungen Mädchen, sondern auch mit reifen Frauen und alten Damen, sobald sie durch Gemüt, Geist oder Energie sich hervortaten, die Harmlosigkeit und zugleich Schicklichkeit seines Verkehrs mit ihnen: alle diese Züge, die für die Art seiner Entwickelung und seiner Poesie von Bedeutung sind, haben sich unter dem segensvollen Einfluß dieser Schwester ausgebildet, die ihm leider durch eine Ehe ohne Glück früh entrissen wurde und schon 1777 starb.

b)   W a n d e r z e i t,   1765—1775

    So trat denn der 16jährige Knabe nicht übel vorbereitet seine Wanderzeit an. Er hatte mehr gesehen, mehr Eindrücke an Kunst und Leben in sich aufgenommen als die meisten seines Alters; und es wirkt komisch, wenn der gute Junge sich in Leipzig eingeschüchtert fühlt, weil man seine Kleidung altmodisch und seine Sprache provinzmäßig findet. In Leipzig! dessen „Meißner Mundart“ eine slavische Verhunzung der edlen deutschen Sprache bildet, und wo heute noch, bei einer Bevölkerung von einer halben Million Seelen, ein Menschenauflauf stattfindet, wenn ein Fremder einen Rock oder einen Hut trägt, der in Kleinparis noch nicht gesehen wurde! Nur wenige Jahre später schüttete Goethe bei einem Besuche Leipzigs folgenden ergötzlichen Lavastrom aus dem Herzen: „Ich kann nicht genug sagen, wie sich mein Erdgeruch und Erdgefühl gegen die schwarz, grau, steifröckigen, krummbeinigen, perückengeklebten, degenschwänzlichen Magisters, gegen die feiertagsberockte, altmodische, schlankliche, vieldünkliche Studentenbuben, gegen die zuckende, krinsende, schnäbelnde und schwumelnde Mägdlein, und gegen die hurenhafte, strotzliche, schwänzliche und finzliche Junge-Mägde ausnimmt.“ Damals aber, wo Gottsched und die Gottschedin vor kurzem gethront hatten, wäre Leipzig nahe daran gewesen, sein „pedantisches Regiment“ ganz Deutschland aufzunötigen; Goethe und Schiller, der Mainländer und der Schwabe, kamen gerade noch zurecht, das Vaterland vor dieser Katastrophe zu retten.
    Studiert im eigentlichen Sinne des Wortes hat Goethe in Leipzig sehr wenig; er sollte die Rechte hören, hat aber, außer einigen nebel-

29 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte
haften Literaturvorträgen bei Gellert, seine Zeit hauptsächlich im Atelier des Malers Oeser zugebracht. Oeser ist es, der ihn lehrte, „das Ideal der Schönheit sei Einfalt und Stille“; von Oeser bezeugt er: „Er drang in unsre Seelen, und man mußte keine haben, um ihn nicht zu nutzen“; der Eindruck blieb unverwischbar; an Oesers Tochter schreibt Goethe: „Ich danke Ihrem Vater das Gefühl des Ideals.“ Als wichtigstes Ergebnis der drei Jahre in Leipzig dürfen wir Oesers hohe Schule der Einfalt betrachten, welche auf diesem Wege von der Malerei aus in die Dichtkunst Eingang fand.
    Dazu kamen einige anregende aber vorübergehende Freundschaften und die schnell aufflammende und schnell verlöschende Herzensneigung zu der niedlichen Wirtstochter Annette oder Kätchen Schönkopf; die ältesten der uns erhaltenen Lieder Goethe's sind an sie gerichtet. Damals schrieb Goethe noch unbefangene Briefe; in einem an seinen originellen Freund Behrisch findet sich folgende charakteristische Stelle über diese Liebe: „Ich sage mir oft: wenn sie nun deine wäre, und Niemand als der Tod sie dir streitig machen, dir ihre Umarmung verwehren könnte? Sage dir was ich da fühle, was ich alles herumdenke — und wenn ich am Ende bin: so bitte ich Gott, sie mir nicht zu geben“. Gott erhörte dieses Gebet; Annette war bald mit einem Arzte verlobt, und Goethe konnte sie aufrichtig beglückwünschen. Er selbst aber verfiel in ein ziemlich ausgelassenes Studentenleben, dem seine stets zarte Körperkonstitution nicht gewachsen war; ein Blutsturz hätte ihn bald hingerafft; krank kehrte er nach Frankfurt heim und hat eigentlich nie mehr eine sehr feste Gesundheit besessen. Auch diese Tatsache ist biographisch aller Beachtung wert; denn die stereotype biographische Märe hat uns eine Art herkulischen Götterjüngling hingezaubert, der nie gelebt hat. Abgesehen von einer echt patrizischen Lust, etwas reichlich zu essen und zu trinken, besaß Goethe von Hause aus gesunde Neigungen; das war sein Glück; sonst hätte er leicht in ähnlicher Weise wie Schiller enden können. Brust, Hals, Herz blieben bei ihm sein Leben lang anfällig; die Neigung zu heftigen Entzündungen hat ihm manche qualvolle Erkrankung veranlaßt; die Verdauung stockte leicht, und Gicht stellte sich frühzeitig ein; wer aus Briefen und Tagebüchern die Nachrichten über Erkrankungen zusammenträgt, erhält eine traurig lange Liste; im

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fünfzigsten Lebensjahre lag Goethe am Tode, seitdem öfters wieder. * Zu alledem fast krankhaft reizbare Nerven. Als Goethe im sechsundzwanzigsten Lebensjahre auf dem üblichen Saumpfade zum Gotthardspital gemächlich hinansteigt — für jeden kräftigen Jüngling eine herzerfrischende, leichte Aufgabe —, klagt er über „Not und Müh' und Schweiß... Schwitzen und Matten und Sinken“. Mehr infolge seines eisernen Willens und der klaren Gesundheit seiner Seele erscheint uns Goethe als der Typus eines gesunden Menschen, als wegen besonderer körperlicher Kraft; wie er mit einigen dreißig Jahren an Lavater schreibt, er war viel krank, aber „meist ohne es zu sagen, daß niemand frage, und der Credit aufrecht bleibe“. Die Wahrheit ist interessanter als die Märe. Wir wollen den Lombrosos das Vergnügen machen, es zu gestehen: ein außerordentlicher Intellekt wird stets dem Körper zu schaffen geben; mag in Leipzig des Jünglings Leichtsinn einiges auf dem Gewissen haben, später war es der tiefe Sinn, der an dem Körper zehrte; Goethe's schwerste Erkrankungen fallen zumeist mit großen seelischen Erregungen zusammen, die er unter der Maske des Gleichmutes zu verheimlichen liebte.
    Jene erste schwere Erkrankung trug zum Reifwerden Goethe's viel bei. „Mein Gemüt war von Natur zur Ehrerbietung geneigt“, bemerkt er von seinem frühen Kindesalter; in diesem Keim liegt alles; der unreligiöse Mensch ist derjenige, dem Ehrfurcht fremd bleibt. Jetzt vertiefte sich die Anlage, und zwar nach zwei Seiten zugleich: in die Mystik des Vereintseins mit Christus und in die Mystik der alchimistischen Natureinheit. Man nennt Goethe einen Heiden; er selber liebte es in späteren Jahren, sich diese Bezeichnung beizulegen; und doch kann ein Mann, der mit einundzwanzig Jahren sich zu folgenden Gefühlen bekannte, nie ein Heide im unreligiösen, sondern höchstens im unkirchlichen Sinne geworden sein: „Reflexionen sind eine sehr leichte Ware, mit Gebet dagegen ist's ein sehr einträglicher Handel; eine einzige Aufwallung des Herzens im Namen des, den wir inzwischen   e i n e n   H e r r n   nennen, bis wir ihn   u n s e r n   H e r r n   betiteln können, und wir sind mit unzähligen Wohltaten überschüttet.“
    Der diese Worte an einen Kameraden richtet, ist nach anderthalbjähriger Pause von neuem auf die Universität gezogen, diesmal

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nach Straßburg. Die Stadt mit ihrem Dom, die bunt gemischte Bevölkerung, die herrliche Gegend: das war alles ein anderes als Leipzig. Vom ersten Augenblick merkt man dem Jüngling an wie dort den Druck, so hier die Freude. Wir fühlen es, die schlimmste Klippe, die Goethe's heranreifende Jugend bedrohte, ist umschifft. Alles dient jetzt der Fruchtbarkeit: die Mystik, weit entfernt, einen Frömmler aus ihm zu machen, streift ihm nur die letzten Überbleibsel der Dogmatik von der Seele ab; die Alchimie führt ihn zur Beobachtung der Natur. Anstatt die Rechte zu studieren, geht er mit seinen Medizin studierenden Kommilitonen in die anatomischen und chirurgischen Vorträge; hatte der Maler Oeser den Dichter Einfalt und Stille gelehrt, so lehrte ihn die exakte Forschung genaues Hinsehen und Beachtung der inneren Struktur. Auch dies blieb Goethe fürs ganze Leben gewonnen.
    Und nun fand das große Ereignis statt: die erste Begegnung mit einem Manne, der zu einer anderen Spezies als die übrigen gehörte, nicht mehr Homo sapiens, unser wohlvertrauter Alleswisser, sondern Homo genialis, das heißt (wörtlich) der „lebenzeugende“ Mensch. Freilich, um zu ermessen, was die Begegnung mit Herder für den Jüngling bedeutet hat, in dessen Seele keimhaft, Blatt um Blatt gefaltet, Weltenbilder schlummerten, die bloß des Auferweckens harrten, muß man eine ungefähre Vorstellung davon besitzen, was Herder war, und diese Vorstellung ist leider außerhalb eines engsten Kreises nicht vorauszusetzen.
    Herder's hellseherisches Ahnungsvermögen trägt ihn beschwingt in alle Fernen, sein Begeisterungsdrang siegt über jedes Hindernis; längst entschwundene Zeiten, nie von ihm gekannte Völker, sie stehen vor seinem Auge, er begreift sie, er liebt sie, er erklärt sie uns; der Zartsinn ist sein Organ, wogegen die Derbheit, sowie das, was Goethe als „Ironie“ preist, dieser großen Seele fehlt; Herder's Genialität übertrifft bei weitem sein Talent, das ist sein Verhängnis, das hindert ihn, wahre Meisterwerke zu vollenden. Die Welt aber fragt nicht viel nach dem Wesen eines Mannes, vielmehr nur nach seinen Taten; und als Tat läßt sie einzig das gelten, was sich ihr mit Gewalt aufzwingt. Sonderwesen jedoch gibt es, allzu zart und eigenmäßig entwickelt, zu selbstbewußt und zugleich zu empfindsam-geduldlos, einen unmittelbaren Eindruck auf die allgemeine

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Mittelmäßigkeit zu machen, Wesen, die weder den nachsichtig guten, sich herabneigenden Willen, noch die ausdauernde Selbstbeherrschung besitzen, jene Ausgleiche einzugehen, dank welchen Verständnis und Eindruck bei der Menge erzielt werden. Abgesehen von seinem ungeheuren Wissen (geboren aus einer seltenen Aneignungsfähigkeit) steht ein Herder auch in bezug auf das Gebiet, wo seine Gedanken sich bewegen, und auf die Mannigfaltigkeit der Farbenunterscheidung seines geistigen Spektrums der Mehrzahl seiner Zeitgenossen bedeutend ferner als die meisten Männer, denen wir die geniale Wirkungsart zuzuschreiben pflegen. In bezug auf ihn redet Goethe von einem „mystisch weitstrahlsinnigen Ganzen, einer in der Fülle verschlungener Geschöpfsäste lebenden und rollenden Welt.“ Für Herder ist „Grenze“ gleich Tod; der Hindernisse spottend, braust sein Geist durch alle Bereiche menschlicher Interessen; nichts dünkt ihm unerreichbar, so kühne Brücken weiß er über die gähnenden Abgründe des Unvermögens zu werfen; das Beschränkte schüttelt er wie einen teuflischen Zufall hastig ab und läßt sich den Wahn der rein idealen Wirkungsgewalt nicht entreißen. Prophet und Weltbeglücker: das ist es, wozu er sich innerlich berufen fühlt. „Ich will mich so stark als möglich vom Geist der Schriftstellerei abwenden und zum Geist zu handeln gewöhnen!“ Gleich Goethe ist auch Herder ein universal begabter Mann; diese Ähnlichkeit trug sicherlich viel dazu bei, jeden der beiden dem andern leidenschaftlich in die Arme zu werfen; doch griff das Unterscheidende tiefer durch als das Verwandte. Goethe bezeichnet sich in späteren Jahren als „ein Talent, das nicht umherschwärmt, sondern gleichzeitig aus einem gewissen Mittelpunkt sich nach allen Seiten versucht“; dieser Mittelpunkt blieb unverrückbar und verlieh sowohl den verschiedenen Bestrebungen des Augenblicks wie denen der aufeinanderfolgenden Jahre organische Einheitlichkeit; nicht die kleinste Bemühung ist umsonst, jede dient dem Ganzen. Wogegen Herder's Lebenswerk heute wie ein Trümmerfeld riesenhafter Bruchstücke, unausgeführter Absichten, traumgebliebener Träume vor unseren verwirrten Blicken liegt. Während sein schrankenlos weiter Sinn alles umfassen wollte, blieb der innere Mensch mit sich selber uneinig, unfähig sich zu klären, sich zu bändigen. Kein Universalgeist kann den Widersprüchen entgehen; bei Goethe wirkten sie aber zu-

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sammen und bauten dadurch die Persönlichkeit ringsherum körperhaft aus, indessen sie bei Herder die Seele zerrissen und das Werk in Stücke zerschlugen. Dies reicht bis ins Einzelne, wo wir dicht neben Einsichten und Vorahnungen, mit denen Herder die bedeutendsten seiner Zeitgenossen überflügelt, neidische Mißachtung des Erhabenen und verletzend-absichtliche Patronisierung des Unbedeutenden finden. Und das Leben ist ihm (wiederum im Gegensatz zu seinem im Götterschutze wandelnden Freunde) so hart, drängt ihm so unaufhörliche, lästige, nörgelnde, aufreibende Lohnarbeit auf, sein Heim ist so angefüllt mit der Ruhelosigkeit eines ehrgeizigen, argwöhnischen, pläneschmiedenden Weibes und mit der Sorge um eine zahlreiche Familie, er sieht sich dadurch seiner inneren Bestimmung — anstatt ihr entgegenzuwachsen — ferner und ferner gerückt, sein Stolz muß so viel leiden, daß er immer verbitterter wird und sich zuletzt mit aller Welt verfeindet, er, der Liebesbedürftige! Auch Goethe verliert er, der doch von ihm das schöne Wort gesprochen hatte: „Eines edleren Herzens und weiteren Geistes ist nicht wohl ein Mensch.“ Ruht aber Goethe's Größe in dem unauflöslichen Bunde jenes Mittelpunktes des unverrückbaren Seins mit einem Kreis um Kreis sich unaufhörlich erweiternden Werden, so daß er den Grundsatz aufzustellen wagt: „Wir müssen nichts sein, sondern alles werden wollen“, so bekennen wir voll Dank und Ehrfurcht: auf dieses Werden Goethe's hat keiner annähernd so befruchtend und fördernd gewirkt wie Herder. Denn Herder war eine Elementarkraft und gab ihm alles auf einmal, den Stoff und auch den Geist, mit anderen Worten, die Gegenstände, aus denen die größtmögliche Nahrung zu schöpfen war, und auch die Richtung bergauf, der Sonne entgegen. Goethe vergleicht diese Wirkung Herder's mit einer „Göttererscheinung“, die „über ihn herabgestiegen sei, Herz und Sinn mit warmer, heiliger Gegenwart durch und durch belebend.“ Herder gab ihm, wovon der akademische Pedant in Leipzig keine Ahnung besessen hatte: den ersten Einblick in Geist und Geschichte der deutschen Poesie, ja, aller Poesien; Herder war es, der ihn auf das Volkslied wies und ihm die alten Balladen und Chroniken zuführte; er lehrte ihn die Gotik schätzen; er schenkte ihm das tiefere Verständnis für Shakespeare; er offenbarte ihm die alten Griechen und machte ihn mit den modernen Romanschreibern Eng-

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lands und Frankreichs bekannt; mit den Vorarbeiten zu seiner   P l a s t i k   beschäftigt, besaß Herder bereits (in Anschluß an Winckelmann) umfassende Gesichtspunkte für die Beurteilung aller bildenden Kunst.... Doch wozu alles aufzählen? Die Hauptsache für Goethe war ja die Erfahrung, daß es überhaupt Menschen von dieser Art auf der Welt gibt. „Was in einem solchen Geiste für eine Bewegung, was in einer solchen Natur für eine Gährung müsse gewesen sein“, schreibt er von Herder, „läßt sich weder fassen noch darstellen.“ An dem verwandten Homo genialis erkannte er zum ersten Mal seine eigene Bedeutung; der Verkehr mit Herder in Straßburg ist die Geburtsstunde des bewußten Genies in Goethe. *
    Nicht unerwähnt darf in dieser Skizze die erste wahrhaft poetische Liebe Goethe's bleiben, diejenige zu Friederike Brion, der Tochter des braven elsässischen Pfarrers. Welche Leidenschaft den Jüngling erfaßt hatte, beweist nichts besser als das Lied Willkommen und Abschied, das unmittelbarste und stürmischeste Liebeslied, das wir überhaupt von Goethe besitzen. Man muß es in der ursprünglichen Gestalt lesen, wo es beginnt:

Es schlug mein Herz; geschwind zu Pferde!
Und fort, wild, wie ein Held zur Schlacht!

Wo ferner, statt der dämpfenden Korrektur späterer Jahre:

In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

geschrieben steht:

Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Glut!

Auch die unsterblichen Schlußzeilen gewinnen an Eindringlichkeit dadurch, daß er ihr, nicht sie ihm, nachsieht:

Du gingst, ich stund und sah zur Erden,
Und sah dir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch' Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch' ein Glück!

Und was wurde aus dieser Liebe, die z`u so hohen Worten begeistert hatte? Gleich dem Nebelkleid, von dem in jenem Liede die Rede ist, schwand sie vor der nächsten Morgensonne, und ihre Bedeutung

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für Goethe's Leben ist fast lediglich in dem Umstand zu finden, daß sie zu jenem Gegenstück zu Hermann und Dorothea, der duftend zarten Idylle im zehnten und elften Buch von Dichtung und Wahrheit, die Veranlassung gab. „Sie hatte mich geliebt, schöner als ich's verdiente“, bekennt Goethe; und in der Tat, sobald die holde Erscheinung ihm nicht mehr leibhaftig das Auge bezauberte, entschwand sie aus seinem Vorstellungskreis, bis vierzig Jahre später die Beschäftigung mit der Lebensschilderung sie von neuem hervorrief. Gerade infolgedessen aber blieb diese Gestalt Friederikens unberührt und bildkräftig wie kaum eine zweite.
    In den letzten Wochen seines Straßburger Aufenthaltes zog Goethe seine juristischen Bücher wieder hervor, holte sich Rats bei gutmütigen Vertretern des Faches, schrieb eine Dissertation und promovierte zum Doctor juris. Von nun an hieß er bei seinem Vater und auch jahrelang bei manchen Anderen „der Dr.“ *
    Die nun folgenden Jahre sind die verworrensten in Goethe's Leben. Das Fahrige, Unstete, Planlose, Grillenhafte in seinem Wesen erreichte hier den Höhepunkt; seine Mittel erlaubten ihm Willkür und Mangel an Folgerichtigkeit in der Lebensführung, und das Genie hatte Herder, selber der nie zu Bändigende, zwar geweckt und aufgestachelt, nicht aber zu lenken verstanden. In Gottfried von Berlichingen — nicht die uns allen vertraute Theaterbearbeitung   G ö t z,   sondern eine grenzenlos umfangreiche dramatisierte Chronik, die Goethe zweimal durcharbeitete — zeigte sich die gewaltige gestaltende Kraft, zugleich der jugendlich herrische Unwille gegen irgendwelche Beschränkung; wogegen andere Dichtungen in acht Tagen (wie Clavigo) fix und fertig als Improvisationen und Gesellschaftsspiele entstanden, deren Lücken leicht zu tilgen gewesen wären, hätte der Dichter die Ausführung nur ein wenig sorgfältiger durchdenken und breiter ausgestalten wollen. Übermütige Possen, die uns bedauern lassen, daß Goethe dies Genre, in dem er sofort die höchste Vollendung erreichte, später mit seiner Würde nicht vereinbar fand, sprudelten hervor und gingen leider meistens verloren: Götter, Helden und Wieland, Concerto Dramatico, Pater Brey, Satyros, Prolog zu den neuesten Offenbarungen Gottes usw. Kurze Blätter (nach Herder's Art) redeten in dithyrambischer Begeisterung von Shakespeare, von der gotischen Baukunst, von den Grundwahr-

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heiten des Christentums. In den Frankfurter Gelehrten Anzeigen besprach der wenig wissende, doch alles ahnende Jüngling mit Ungestüm die Neuerscheinungen auf den Gebieten der schönen Literatur, der Religionslehre, der Ästhetik. Dabei war Faust schon begonnen, und andere gewaltige dramatische Entwürfe — Julius Caesar, Prometheus, Mahomet — gewannen nach und nach Gestalt. Mitten in diesem Wonnetaumel des sich selbst wie ein unentdecktes Land erforschenden schöpferischen Geistes ließ sich Goethe an dem Reichsgericht in Wetzlar als Praktikant anstellen und verbrachte dort, in der lieblichen Gegend, die er mit seiner alten Leidenschaft für die Natur nach allen Richtungen zu Fuß und zu Pferd durchquerte, eine „Glückseligkeit von vier Monaten“ zwischen seinem Freund und Kameraden, dem wackeren, kenntnisreichen Johann Heinrich Kestner, und dessen Braut, Lotte Buff. Jeder weiß, wie es hier zuging; was sein Werther nicht über sich vermochte, Goethe selber konnte es; er hieß seinen Diener alles heimlich bereiten, ließ Reichsgericht Reichsgericht sein und war eines Morgens verschwunden. Mit Kestner und Lotte blieb er im besten Einvernehmen und in regem brieflichen Verkehr, und als bald darauf der Tod eines anderen Kameraden am Reichsgericht, des tiefsinnigen jungen Jerusalem, durch Selbstmord erfolgte, da war ihm zu dem Roman, den er in Anlehnung an Rousseau's und Richardson's Romane in Briefform als halbausgestaltete Absicht schon lange bei sich trug, auch die dramatische Katastrophe gegeben, die es nicht in seinem episch-beschaulichen Wesen gelegen hätte zu erfinden. * Er ließ sich alles mit juristisch genauer Ausführlichkeit berichten und erreichte die ergreifende realistische Wirkung des Schlusses durch die oft buchstäbliche Verwendung der Worte und Handlungen des aus unglücklicher Liebe in den Tod gegangenen Jünglings. Doch kommt für die Entstehung des Werther noch ein Umstand in Betracht; gleich nach seinem Fortgang aus Wetzlar hatte Goethe Liebe gefaßt für Maximiliane von La Roche, „eine Erscheinung vom Himmel“, die in der ihr vor kurzem aufgezwungenen Ehe mit dem Bankier Brentano, einem guten, aber nüchternen Manne, unglücklich lebte. So wechselvoll und flüchtig waren die Eindrücke dieser Zeit!
    Inzwischen hatte sich Goethe in Frankfurt im Hause seines Vaters eine rechtsanwältliche Kanzlei eingerichtet, studierte aber

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förmlich darauf, möglichst wenig zu tun zu bekommen; dieses wenige überließ er außerdem, so viel es ging, seinem Vater oder seinen Kollegen; „meine Praxis“, schreibt er einem Freunde, „kann noch wohl in Nebenstunden bestritten werden.“ Dem viel zerstreuten Manne blieben auch wirklich kaum mehr als Nebenstunden für Berufsarbeiten. Goethe's Ruf als Dichter, der später merklich verblaßte und erst in den letzten zwanzig Lebensjahren die volle Höhe von neuem erreichte, stand damals auf dem Gipfelpunkt. Gottfried hatte große Achtung erobert, sogar der mit Lob sparsame Herder schreibt: „Gott segne dich, daß du den Götz gemacht hast, tausendfältig!“ Doch beschränkte sich diese Bewunderung, wie es in der Natur der Sache lag, auf einen gewissen vaterländischen Kreis; Werther dagegen eroberte die ganze Welt. Der „Herr Dr.“ war jetzt „der Verfasser des Werther“ geworden und blieb es für Viele fünfzig Jahre lang; noch 1808 kannte Napoleon von Goethe nichts anderes als Werther. Mit Goethe selber werden wir uns der Erkenntnis nicht erwehren, daß bei dem ungeheuren Erfolg dieses Werkes seine unvergleichlichen stilistischen Eigenschaften verhältnismäßig wenig wogen, jedenfalls wenig zum Bewußtsein kamen neben dem bloß stofflichen Interesse an der geschilderten Handlung. Wie dem auch sei, das Goethehaus war ein Mittelpunkt geworden, wo jeder Schöngeist Deutschlands, den sein Weg nach Frankfurt führte, einkehren mußte; Goethe war mit einem Schlage l'homme à la mode, und er ließ es sich auch eine Zeitlang gefallen. Hätte der Zustand angehalten, es wäre sein Verderben geworden; aus einer gewaltsamen Zerstreuung geriet er in die andere und besaß nichts, fähig ihn zu binden, außer dem sehr lockeren Zwang seiner Advokatenpraxis. Aus Weimar schreibt er mehrere Jahre später an seine Mutter: „Sie erinnern sich der letzten Zeiten, die ich bei Ihnen, ehe ich herging, zubrachte; unter solchen fortwährenden Umständen würde ich gewiß zu Grunde gegangen sein.“
    Durch dieses „Hurrli“, wie er's einmal nennt, hindurch, spielt nun eine Liebe, die Goethe selber später gelegentlich als diejenige bezeichnet haben soll, die in seinem Herzen am tiefsten Wurzel gefaßt hätte; auch ist es die einzige von allen, die zu einer förmlichen Verlobung geführt hat. Soret — ein Mann der exakten Wissenschaft, geübt, täglich abends das Erlebte genau aufzuschreiben —

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will am 5. März 1830 aus Goethe's Mund folgende Worte vernommen haben: „Niemals bin ich meinem Glücke so nahe gewesen.“ Und weiter: „Lili war die erste, für welche ich eine ebenso tiefe als wahre Neigung gefaßt hatte, ja vielleicht auch die letzte; denn derartige Beziehungen, wie sie mich in der Folge beschäftigten, waren im Vergleich zu jener sehr flüchtige.“ Ein solcher Ausspruch (den auch Eckermann fast wortwörtlich wiedergibt) wirft ein eigentümliches, den Meisten gewiß unerwartetes Licht auf das Verhältnis zu Frau von Stein; doch worauf ich vorläufig die Aufmerksamkeit einzig richten möchte, ist die besondere Beleuchtung, die hierdurch auf Goethe's Liebesleben überhaupt fällt. Der Heirat hätte in diesem Falle nichts im Wege gestanden: Lili Schönemann war die einzige Tochter eines reichen Bankiers; sie war vortrefflich erzogen und gebildet, von Gestalt bezaubernd und starken Charakters; in den Greueln der französischen Revolution zeichnete sie sich später aus, auch Goethe mußte ihre „Standhaftigkeit und ausdauernde Großheit“ preisen; die Familie hatte, obwohl diese Verbindung ihren Hoffnungen nicht entsprach, doch schließlich eingewilligt. Nichtsdestoweniger kam es nicht zur Eheschließung; denn kaum war dieser „ebenso tiefen als wahren Neigung“ durch die gegenseitige Angelobung die endgültige Weihe zuteil geworden, als Goethe, wild vor Angst, es könnte wirklich eine Ehe daraus erfolgen, alles in Bewegung setzt, die Verlobung aufzuheben, und schließlich einfach entflieht. Er unternimmt seine erste Schweizer Reise und bricht dabei alle Beziehungen zu Lili ab. Doch als er nach Frankfurt zurückkehrt, kann er der Versuchung einer Begegnung nicht widerstehen, und der alte Zauber — das „so nahe Glück“ — umfängt ihn von neuem. Da schreibt er nun an seinen vertrautesten Freund Merck — es sind Kraftworte, doch wenigstens erfahren wir genau, was Goethe zu jener Zeit empfand, nicht, was er fünfundfünfzig Jahre später darüber dachte — also er schreibt am 8. August 1775 an Merck: „Ich bin wieder scheißig gestrandet, und möchte mir tausend Ohrfeigen geben, daß ich nicht zum Teufel ging, da ich flott war. Ich passe wieder auf neue Gelegenheit, abzudrücken....“
    Auf das Thema Goethe und die Liebe werden wir mehr als einmal Gelegenheit finden zurückzukommen; für den Augenblick genügt es, wenn diese etwas derbe Aufrüttelung das Gefallen an den

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Phrasen unserer Literarhistoriker gründlich verscheucht. Biographisch ward diese brennende Begier „abzudrücken“ zwiefach entscheidend; denn nicht allein heiratete Goethe nicht in den behäbigen Kreis reicher Kaufherren, sondern er ergriff hastig die Gelegenheit einer Einladung an den Hof des jungen Herzogs von Weimar, um auf diese Weise aus der Nähe des drohenden Glückes wegzukommen und beliebig lange ihm fernzubleiben.

c)   W e i m a r,   1775—1786

    Am 7. November 1775 zog Goethe in Weimar ein; es ward sein Heim auf immer.
    Carl August, Herzog von Sachsen-Weimar (seit 1815 Großherzog) ist eine der entscheidenden Gewalten im Leben Goethe's; ihm fiel die Aufgabe des Schicksals zu; er zeigte sich ihr gewachsen. „Dieser von der Natur höchst begünstigte, glücklich ausgebildete Fürst ließ sich meine wohlgemeinten, oft unzulänglichen Dienste gefallen und gab mir Gelegenheit, mich zu entwickeln, welches unter keiner andern vaterländischen Bedingung möglich gewesen wäre.“ Ohne den Ballast der Verantwortlichkeit hätte Goethe seinen Lebenslauf nicht zu steuern vermocht; durch Carl August erhielt er ihn; und zwar nicht drückend-starr und schematisch-eigensinnig, sondern den Erfordernissen des Augenblicks mit einsichtigem Wohlwollen angemessen. Um seiner Freiheit willen diente Goethe dem Fürsten, um aus der bürgerlichen Einengung sich hinauszuretten und Luft zum Leben zu bekommen.

Einen Herrn
Erkenn' ich nur: den Herrn, der mich ernährt.
Dem folg' ich gern, sonst will ich keinen Meister;
Frei will ich sein im Denken und im Dichten;
Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein.

Zwar häuften sich in den ersten Jahren nach und nach die amtlichen Verpflichtungen; doch lediglich, weil es die Tendenz aller Politik ist, die tatsächlichen Machtbefugnisse in eine Hand zu spielen; was im alten Rom gewaltige Verhältnisse gewann, findet man in jeder Dorfgemeinde angedeutet; im kleinen (damals noch kleineren) Herzogtum Sachsen-Weimar geschah, was überall geschieht. „Goethe lebt und regiert und wütet, und gibt Regenwetter und Sonnenschein,

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tour à tour comme vous savez, und macht uns glücklich, er mache, was er will“; so berichtet Wieland wenige Monate nach Goethe's Ankunft in Weimar. Zunächst gewann er den Einfluß, dann ein Amt nach dem andern, schließlich trug er die Hauptlast aller Verantwortung. Goethe — nicht der Herzog — hat das so gewollt und bewirkt. Gerade aus jener Zeit enthält das Tagebuch das Bekenntnis, er möchte noch mehr amtliche Verpflichtungen auf sich nehmen, „wozu Gott Gelegenheit und Mut verleihe!“ Und kurz darauf schreibt er an einen Freund: „Das Bedürfnis meiner Natur zwingt mich zu einer vermannigfaltigten Tätigkeit, und ich würde in dem geringsten Dorfe und auf einer wüsten Insel eben so betriebsam sein müssen, um nur zu leben.“ Als jedoch die Bürde ihn zu drücken begann und die Unfruchtbarkeit aller Politik seine Seele ausdorrte, da zürnte der Herzog nicht; zur Empörung der lieben Weimarer ließ er dem Freunde die Bezüge und enthob ihn der Arbeiten und Verantwortlichkeiten; nur was dem Forscher und Poeten kongenial war, was er selber wollte und wählte, behielt er als Amtsgebiet. „Einen Mann von Genie an dem Ort gebrauchen, wo er seine außerordentlichen Talente nicht gebrauchen kann, heißt denselben mißbrauchen“, so lautete Carl August's Bekenntnis. Fürstlicher hat nie ein Freund gehandelt.
    Es zeugt von haarsträubender Urteilslosigkeit, wenn man Goethe's Betätigung im Dienste des Staates als einen Abbruch an seiner dichterischen Bestimmung auffaßt. Über diese ewig erneute Klage hat kein Geringerer als Merck sich schon 1778 empört: „Goethe hat nicht das Geringste, wie die Esel prätendieren, von seiner ehemaligen poetischen Individualität abgelegt, dagegen aber an Hunger und Durst nach Menschenkenntnis und Welthändeln und der daraus folgenden Weisheit und Klugheit wie ein Mann zugenommen.“ Kein Zug an Goethe verdient mehr Beachtung als die Abneigung gegen berufsmäßige Schriftstellerei und gar Poeterei. Goethe war kein Literat; das Papier war nicht sein Element und die Feder haßte er so sehr, daß er sie selten in die eigene Hand nahm. Mit Ronsard hätte er ausrufen können:

Bons dieux! qui voudrait louer
Ceux qui, collés sur un livre,
N'ont jamais souci de vivre?

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Bei Goethe ist alles souci de vivre. Gerade so wie seine einzelnen Gedichte Gelegenheitsdichtungen sind, ebenso liegt es im Wesen seines Dichtens überhaupt, Schmuck und Freude des Lebens zu sein oder, in einem höheren Sinne, Vollendung der Empfindung und des Gedankens, nicht aber Gewerb und Erwerb, auch nicht einziger Inhalt und Zweck des Daseins. Im Gegensatz zu seinem Tasso, von dem er Leonore sagen läßt:

Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum

war sein Auge von dieser Erde leidenschaftlich erfüllt; allseitige Tätigkeit war sein notwendiges Element, ohne sie verfiel er in das Planlose, Uferlose. Goethe war auch kein Gelehrter — nicht in dem beschränkten und beschränkenden Verstand, den die deutsche Sprache diesem unseligen Worte angehängt hat; seine Abneigung gegen den Kastensinn, den Intriguengeist, die Engherzigkeit, die Verstocktheit der deutschen Universitätsprofessoren, sobald er sie nicht einzeln zu seiner Belehrung heranziehen konnte, sondern sie in corpore vor sich erblickte, wirkt manchmal fast erheiternd, so tief steckt in ihm dieser gereizte Widerwille, den wohl jeder freigesinnte Mann ihm nachfühlt. „Die Masse der unzulänglichen Menschen“, schreibt er über die Fachgelehrten, „die einwirken und ihre Nichtigkeit aneinander auferbauen, ist gar zu groß.“ Darum war es seiner Natur vollkommen gemäß, im praktischen Leben zu stehen, im organisierenden, Tatsachen erschaffenden. Ohne einen großen, belangreichen und wichtigen Wirkungskreis hätte seine geistige Entwickelung nie die Höhe erreichen können, die wir sie nach und nach erklimmen sehen. Bis zu seinem Tode hat er Amtsgeschäfte verwaltet; zwei Tage vor seinem Hinscheiden unterschreibt er das letzte Aktenstück. „Der Druck der Geschäfte“, heißt es 1779 in seinem Tagebuch, „ist sehr schön der Seele; wenn sie entladen ist, spielt sie freier und genießt des Lebens.“ Dagegen wäre es freilich bedauerlich gewesen, wenn er in ein größeres Staatswesen hineingeraten wäre, denn dieses hätte seine Lebenskräfte ganz aufgesogen; darum sagt er von Weimar: „Ich danke Gott, daß er mich bei meiner Natur in eine so eng-weite Situation gesetzt hat.“ In der Tat hat Goethe gerade in den elf ersten, amtschweren Weimarer Jahren eine Anzahl seiner herrlichsten Schöpfungen ersonnen. Ich

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nenne von den Dramen Egmont (dieses eine Werk allerdings schon früher im Geiste entworfen), Iphigenie, Tasso, Elpenor, Die Geschwister; freilich nur das letzte in der vollendeten Gestalt; doch auch aus dieser Tatsache darf man keinen voreiligen Schluß ziehen, denn als er diese Werke später, bei Gelegenheit der ersten Herausgabe seiner Gesammelten Schriften, umzugestalten und stilistisch auszufeilen unternahm, da fand es sich, daß er in Italien, wo beliebig viel Muße ihm zur Verfügung stand, allem Drängen des Verlegers zum Trotze selbst mit dieser sekundären Arbeit nicht fertig werden konnte und sie auch tatsächlich erst nach der Wiederaufnahme der Amtstätigkeit vollendete. Von anderen poetischen Werken aus diesen ersten Weimarer Jahren nenne ich Wilhelm Meister (erste Fassung), die Neubearbeitung des Werther, Hans Sachsens poetische Sendung, Ilmenau, Harzreise im Winter, Die Geheimnisse, Auf Miedings Tod, Zueignung, von den Balladen: Der Fischer, Erlkönig, aus der reinen Lyrik solche himmlischen Gestalten wie Rastlose Liebe, Füllest wieder Busch und Tal, Der du von dem Himmel bist, Über allen Gipfeln ist Ruh', die Mignon- und Harfnerlieder ... Zugleich blühen in diesen selben Jahren die naturwissenschaftlichen Studien auf: die Mineralogie, die Geologie, die vergleichende Anatomie, die Botanik; im März 1784 findet die Entdeckung des Zwischenkieferknochens statt; schon im April 1785 deutet Goethe verhüllt auf die Metamorphose der Pflanzen.
    Carl August hat also seinem Freunde den moralischen Boden gegeben, auf dem er stehen, auf dem er das „fahrige Wesen“ bezwingen lernen und dadurch seinen Geist zur höchsten Blüte treiben konnte. Zugleich schenkte er ihm in den seiner Leitung später unterstellten Instituten und Bibliotheken des nahen Jena einen vollständigen wissenschaftlichen Apparat für seine Naturstudien. Gewiß: Goethe war Goethe; doch ohne Carl August wäre er nicht der Goethe geworden, den wir heute verehren. „Geben Sie mich mir selbst, meinem Vaterlande!“ ruft in jüngeren Jahren der Dichter dem Fürsten zu; als Sechzigjähriger schreibt er: „Dem Herzog von Weimar bin ich von jeher alle Bedingungen eines tätigen und frohen Lebens schuldig geworden.“ Wogegen Weimar selbst, als Ort und auch als menschliche Umgebung, ohne alle Bedeutung war und blieb. Zwar gelang es Carl August, außer Wieland und Goethe

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noch Herder und zuletzt Schiller zu gewinnen, glücklich jedoch scheint sich keiner in Weimar gefühlt zu haben. Herder klagt bitter über „das wüste Weimar, das unselige Mittelding zwischen Hofstadt und Dorf“; Wieland spricht von dem „armseligen Weimar, in dem es immer an allem fehlt“; Knebel (ihrer aller Herzensfreund) berichtet über ein Mittagsmahl bei Hofe in Weimar: „Rohe Grobheit und öde Langeweile dazu, mit Respekt aufgestutzt“; Merck, der scharfblickende, redet von einem „Dreckwesen“; Schiller schreibt, als er vier Jahre in Weimar gelebt hat: „Es gefällt mir hier mit jedem Tage schlechter“; „es ist überall besser als hier“; und fügt die ergreifenden Worte hinzu: „Ich bin nicht willens in Weimar zu sterben“; Goethe nennt Weimar, nachdem er einige Jahre dort tätig gewesen, kurzweg „das Loch“; er bekennt: „Der Wahn, die schönen Körner, die in meinem und meiner Freunde Dasein reifen, müßten auf   d i e s e n   Boden gesäet, und jene himmlischen Juwelen könnten in die irdischen Kronen   d i e s e r   Fürsten gefaßt werden, hat mich ganz verlassen“, und von dem Leben in Weimar sagt er: „Es ist wirklich eine Art der fürchterlichsten Prosa hier, wovon man außerdem nicht wohl einen Begriff hätte.“ Daß Goethe, die eigene heiße Sehnsucht bekämpfend, lebenslänglich da verblieb, geschah aus Gehorsam gegen ein inneres Gebot:

Frage nicht, durch welche Pforte
Du in Gottes Stadt gekommen,
Sondern bleib' am stillen Orte,
Wo du einmal Platz genommen.

    In diesem fürchterlichst prosaischen aller Orte lebte nun Charlotte von Stein, die Gattin des herzoglichen Stallmeisters; zur Zeit, als der 26 jährige Goethe in Weimar eintraf, war sie 33 Jahre alt und hatte sieben Kinder geboren. Ihr Vater war in Weimar Hofmarschall, sie selbst wurde schon mit 15 Jahren Hofdame, fast alle ihre Verwandten hatten Hofämter inne. Und dennoch stach sie im Wesen von den übrigen Frauen dieses Kreises ab; das mochte wohl von ihrer Mutter herzuleiten sein, einer Irving, aus vornehmem schottischen Geschlechte. Charlotte hatte gar manches vom Schotten an sich: so das Praktische, Kluge, Beharrliche, auch die (an Carlyle und anderen Schotten auffällige) Unsentimentalität, wovon uns in

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Familienmemoiren köstliche Beispiele aufbewahrt sind. Als Schiller zum erstenmal (1787) Weimar vorübergehend besucht und über die dortige adlige Gesellschaft und die geisttötende Langeweile, die sie um sich verbreitete, an Körner berichtet, fügt er hinzu: „Die beste unter allen war Frau von Stein, eine wahrhaftig eigene interessante Person, und von der ich begreife, daß Goethe sich so ganz an sie attachiert hat. Schön kann sie nie gewesen sein, aber ihr Gesicht hat einen sanften Ernst und eine ganz eigene Offenheit. Ein gesunder Verstand, Gefühl und Wahrheit liegen in ihrem Wesen.“ Ungefähr zur selben Zeit klagt Carl August in einem Brief an Knebel über die Vereinsamung seiner Gattin, der Herzogin Luise, unter den Damen Weimars, von denen keine für wahre Freundschaft in Betracht kommen könne außer „der Stein und der Herder“, die aber auch „zu leicht“ * seien. Goethe selber schreibt, „außer Charlotte und Herder wäre er in Weimar allein“. Dies alles muß man sich wohl gegenwärtig halten, will man das nun anhebende Verhältnis zwischen Goethe und Charlotte von Stein richtig beurteilen lernen. In Weimar lebte bei seiner Ankunft kein einziges anderes weibliches Wesen, an das sich ein Goethe hätte anschließen können; eine Wahl gab es nicht. Ohne eine derartige Beziehung aber wäre seine dortige Lage unhaltbar gewesen. Der Hof in Weimar war, was alle Höfe sind: eine abgeschlossene, jedes fremde Element instinktiv abstoßende Körperschaft; „Kröten und Basilisken“ nennt sie Goethe. Auf welcher geistigen Stufe der Adel einer solchen Residenz stand, kann man daraus entnehmen, daß er noch 1799 in Entrüstung geriet und höhnische Zirkulare herumlaufen ließ, weil der „adeliche Clubb“ wegen der Proben zu der Erstaufführung von Schiller's Piccolomini den Theatersaal nicht am üblichen Tage zu seinem Ball erhalten konnte. Als Goethe dort eintraf, um diese Gesellschaft zu amüsieren, ließ sie es sich gefallen; als er in Amt und Würden einrücken sollte, war die Empörung allgemein; Carl August's treue Hand hielt ihn zwar — aber jedes Fürsten Macht ist beschränkt, und Goethe war in solchen Verhältnissen völlig unerfahren und von Hause aus nicht geschaffen, sie durch diplomatische Verschlagenheit zu überwinden. „Ich bin nicht zu dieser Welt gemacht“, gesteht er in seinem damaligen Tagebuch, „wie man aus seinem Hause tritt, geht man auf lauter Kot; und weil ich mich nicht um Lumperei kümmere,

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nicht klatsche und solche Rapporteurs nicht halte, handle ich oft dumm.“ Zu einer Zeit, da Goethe schon drei volle Jahre in Weimar weilte, schreibt Wieland in bezug auf ihn an Merck: „Du kannst Dir kaum vorstellen, wie verhaßt hier der Name eines schönen Geistes ist“; und noch im Herbst 1779 muß er melden, die Stimmung der Weimaraner gegen Goethe „grenze nahe an die stille Wut“. Sollte und wollte und mußte Goethe — der fremde Bürgerssohn — eine vertrautere Anknüpfung zur unterrichtenden Anleitung, zur allseitigen Vermittelung, zur klugen Überbrückung täglich neu auftauchender Hindernisse besitzen — und daß dies unerläßlich war, liegt auf der Hand — dann kam hierfür einzig und allein Charlotte von Stein in Betracht. Bald nach dem Entschlusse, in Weimar zu bleiben, schreibt er: „An die Stein bin ich so was man sagen möchte geheftet und genistelt“; aber auch sechs Jahre später berichtet er an einen genauesten Kenner Weimarer Verhältnisse, Karl Ludwig von Knebel: „Die Stein hält mich wie ein Korkwamms über dem Wasser.“ Womit natürlich nicht angedeutet werden soll, er habe Liebe geheuchelt, sie für seine Pläne zu gewinnen; das wäre ein lächerliches Mißverständnis; vielmehr handelt es sich hier lediglich um die Einsicht, welche unentrinnbare Notwendigkeit hier vorlag. In dieser Notwendigkeit wurzelte die Kraft des Verhältnisses zwischen Goethe und Charlotte, nicht in der Liebe, die in diesem Falle eher einem künstlich zu üppiger Blüte getriebenen Gartengewächs, als einer erdgeborenen Naturpflanze zu vergleichen ist. Sobald darum mit Goethe's wachsender gesellschaftlicher Meisterschaft der bedingende Zwang nach und nach zusammenzuschrumpfen anfing, da begann auch — lange vor der Flucht nach Italien — das vertraute Verhältnis langsam, unmerklich, Tag um Tag an bindender Gewalt zu verlieren.
    Um Charlotte von Stein richtig zu beurteilen, darf man die echt schottische kühle Schärfe des Verstandes, gepaart mit einer gewissen Dürftigkeit in der Befähigung zu hingebender Begeisterung, nie übersehen. Henriette von Bissing, Charlottens Großnichte, die in ihrem Leben der Dichterin Amalie von Helvig die authentischen Familientraditionen bringt, spricht von ihr als einer praktisch klugen Frau mit „kühlem Verstand“ und „unbeirrter Gewissenhaftigkeit“; Knebel, der bis ans Ende in engstem Freundschaftsverhältnis zu ihr

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gestanden hat und bekennt, von ihr „am meisten Nahrung für sein Leben zu ziehen“, betont nichtsdestoweniger ihre „leidenschaftslose Disposition“ und sagt: „Sie ist ohne Enthusiasmus“; Lotte Lengefeld schreibt an Schiller: „Die ganze erste Zeit unserer Bekanntschaft schreckte mich ihre Kälte oft ab“; die Herzogin-Mutter Amalie erzählt: „Die Stein spricht von Rembrandt und Van Dyck, daß Einem eiskalt wird“; selbst gegen die eigenen Söhne pflegte sie sich so kalt zu benehmen, daß, als sie den einen „herzlich umarmt“, er sich sofort hinsetzt, seinem Bruder von diesem seltenen Ereignis zu schreiben, das ihn „fast bis zu Tränen gerührt hatte“. Goethe selber rühmt Charlotten „Güte, Weisheit, Mäßigkeit, Geduld“ nach und bezeichnet als ihre hervorstechende Gabe den Besitz der „vielen Mitteltöne“, die bei Anderen nicht anschlagen; hingegen muß er nicht selten um „ein Bißchen Wärme“ betteln, er findet ihre Briefe „kalt“, beneidet sie um ihr Talent, „so viel ruhiger und glücklicher zu lieben“ als er, seufzt über „den seltsamen Druck auf die Seele“, welchen ihr Betragen ihm verursache usw. Nie verlor sie eben — auch Goethe gegenüber nicht — eine gewisse überlegene Ruhe und hat, bei aller Anerkennung seiner unvergleichlichen Begabung und bei aller Treue in der Förderung seines Wohles so unnachsichtig über ihn geurteilt, daß wir schon daran allein die Grenzen ihres geistigen Horizontes gewahr werden: dem Außerordentlichen gegenüber Ruhe bewahren ist sicheres Zeichen von Beschränkung. Das Unbedingte, was die Frau selbst dann ziert, wenn es sie blind macht, und worin aller Heroismus ihres Geschlechtes Leben schöpft, fehlt hier. Mit dem unbeirrbaren Instinkt des Weibes hat sie ihre Briefe an Goethe zurückgefordert und vernichtet und dadurch zur Idealisierung des Verhältnisses in der Vorstellung der Nachwelt gewiß viel beigetragen; denn ihre Briefe — das ersehen wir aus den seinen — müssen manches herbe Wort unnachsichtig ausgesprochen haben. Doch zwei kleine Dramolette besitzen wir von ihr — das eine zuerst im Jahre 1776, also bald nach dem Bekanntwerden mit Goethe geschrieben und anfangs der achtziger Jahre überarbeitet, das andere etwa 1796, also lange nach dem Bruche entstanden — und jedes enthält eine so grausame Verspottung Goethe's, daß man mit Schmerz die Unzulänglichkeit des Urteils und die nicht abzuleugnende Herzensdürre dieser Frau beklagen muß. Von anderen Weimaranern

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kann man behaupten, sie waren unfähig, eine Erscheinung wie diejenige Goethe's überhaupt zu erkennen; ihnen war er ein Mensch unter anderen Menschen; Charlotte aber — ich glaube, wir dürfen es so aussprechen — Charlotte trat ihm zu nahe für den Horizont ihrer Begabung: weil sie ihn gut kannte, verkannte sie ihn; nicht von ihm geliebt, nicht die Vertraute seiner Träume und Hoffnungen, hätte sie ihn weit richtiger beurteilt. Ohne Frage hat Goethe selber hierbei viel verschuldet, indem er immer wieder durch Leidenschaft die Beziehung überspannte und einen Ton hineinbrachte, der zu Charlottens Wesen nicht stimmte; wogegen Charlotte es verstand, durch Reserve und, wo es sein mußte, Härte jahrelang den Zusammenbruch abzuwenden. Wir hörten vorhin Goethe selber erklären, Lili Schönemann sei die letzte gewesen, für die er eine „wahre Neigung“ gefaßt habe, alle späteren Beziehungen seien „im Vergleich zu jener sehr flüchtige“ gewesen; als er diese Worte sprach, war Frau von Stein schon seit Jahren tot; Rücksicht gegen sie gebot also keine Zurückhaltung. Er hatte eben selber inzwischen längst erkannt, daß hier wohl wahre vertrauensinnige Freundschaft, durchwoben mit verworrener, schmerzlicher Leidenschaft, geherrscht hatte, nie aber echte, heilige, allgebietende Liebe; vielmehr war diese Liebe eine auf- und abflackernde Wahnvorstellung gewesen, teils harmlos kindlich naiv, wie es bei großen Männern auch sonst begegnet, teils dunkler gefärbt, wie es die Dürftigkeit der Umgebung, das Schmerzliche der geistigen Vereinsamung, das Sehnen der Jugend, die poetische Schwärmerei, der ungestüme Daseinsdrang, die überreizten Nerven, die Dankbarkeit, die Gelegenheit gebar. Goethe's Briefe an Charlotte von Stein sind schön, weil sie von Goethe sind; sie sind unerschöpflich an Inhalt, weil er diese Frau zehn Jahre lang, während der entscheidenden Entwickelung aus Unbewußtsein zu Bewußtsein, zum Gefäß seines Vertrauens erwählt hatte. „Gestern von Ihnen gehend hab' ich noch wunderliche Gedanken gehabt, unter andern, ob ich Sie auch wirklich liebe? oder ob mich Ihre Nähe nur wie die Gegenwart eines so reinen Glases freut, darin sich's so gut sich bespiegeln läßt?“ Man sieht, es braucht nur ein Augenblick innerer Ruhe einzutreten, und Goethe selber erfaßt das Wesen des Verhältnisses vollkommen klar. Bemerkenswert ist es, wie oft er sich eher zu Gefühlen der Blutsverwandtschaft als

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zu denen des Eros bekennt. Dies bezeugen nicht allein die überall angeführten Verse:

Ach, du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau,

was eher allem anderen als einer feurigen Liebeserklärung gleichsieht, sondern in den Briefen finden wir Ausdrücke wie: „An dir habe ich eine Schwester“, und: es ist „das reinste, schönste, wahrste Verhältnis, das ich außer meiner Schwester je zu einem Weibe gehabt“ usw. Namentlich verdient folgender Satz Beachtung, geschrieben als die Beziehungen zu Charlotte schon fünf Jahre gewährt und die verschiedensten Entwickelungsstufen durchgemacht hatten: „Die Stein hat meine Mutter, Schwester und Geliebten nach und nach geerbt, und es hat sich ein Band geflochten wie die Bande der Natur sind.“ Durch solche Worte vorbereitet, ahnen wir, was Goethe meint, wenn er einmal dieses Verhältnis als „heilig sonderbar“ bezeichnet und hinzufügt: „Es kann nicht mit Worten ausgedrückt werden“....
    Ich empfinde es wohl, diese Ausführungen wirken auf den Leser fast verletzend; könnte ein ganzes Buch den Beziehungen zwischen Goethe und Charlotte von Stein gewidmet werden, dann sollte schon alles in die richtige Perspektive rücken, d. h. wenn es glückte, zu der Andeutung zartester, schwebend-wechselnder Seelenstimmungen die richtigen Worte zu finden; so aber zwingt die Kürze dieses Kapitels, in schroffer Weise das zu betonen, was den Meisten unbekannt ist, und das mit Stillschweigen zu übergehen, was Jeder ohnehin weiß. Worauf es mir ankommt, ist fühlbar zu machen, daß hier in Goethe's eigenen Empfindungen Widersprüche klaffen zwischen der inneren, notwendigen, naturgegebenen Wahrheit und dem leidenschaftlichen Wahne, den die Lage gebar und den seine Phantasie genial steigerte. Denn schon hieraus erhellt, daß es keiner weiteren Verwickelung bedurfte, um mit der Zeit einen Bruch herbeizuführen; vielmehr war dieser von Anfang an implicite mitgegeben. Nur dann hätte dieses Verhältnis, das „heilig sonderbare“, von Dauer sein können, wenn es als heilig und als sonderbar (und das heißt hier: von besonderer, höherer Art, siehe Grimm's Wörterbuch) wirklich erkannt und festgehalten worden wäre; wogegen die

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Auffassung als alles fordernde, alles gebende, von Eros gestiftete Liebe aus einem Irrtum entsprang, der notwendig früher oder später eine Katastrophe herbeiführen mußte. Charlotte — wie bei ihren Anlagen zu erwarten — hat von Beginn an die Situation klarer erfaßt als Goethe; sie hat gefühlt, diese Liebe sei ohne Bürgschaft des Bestandes; ihre Gebärde ist darum — bei aller Vertrautheit — immer die des vorsichtigen Abwehrens: einmal über das andere verbietet sie Goethe das Duzen, und als sie endlich nachgibt, hebt sie den Eindruck durch offene Mitteilung an Andere vorsichtig auf und erzählt, Goethe habe es ihr als „lateinische Sitte“ annehmbar zu machen verstanden. Bei Goethe jedoch wuchs die poetische Verzückung mit der wachsenden Unhaltbarkeit des Wahngebildes; einzig durch diese Überspannung gewann sein Gemüt das nötige Gleichgewicht; doch konnten die Folgen nicht ausbleiben. Schon jahrelang vor der italienischen Reise löst eine schmerzliche Entfremdung die andere ab; bereits 1778 kommt Charlotte ihrem Freunde zwar noch „immer liebenswürdig“, aber schon „fremder“ vor, und fünf Jahre vor dem Bruch schreibt Charlotte an ihre Schwägerin, „mündlich ist nicht mit Goethe zu sprechen, ohne daß wir uns beide weh' tun“. Und nun geschah, was ein genauer Kenner der Abgründe des menschlichen Herzens — sagen wir ein Shakespeare — gewiß vorausgesehen hätte: die Rollen wurden gleichsam vertauscht; der Kalte, Vorsichtige, Weltkluge war auf einmal Goethe, und als solcher zerriß er gewaltsam die Ketten, die ihn an Charlotten banden, wogegen sie, die so lange bemüht gewesen war, seine Leidenschaft zu dämpfen, jetzt erst entdeckte, wie bitter es sei, die Anbetung des Unterjochten zu entbehren. Und so folgte denn Disharmonie auf Disharmonie und schließlich ein jäher, schmerzlich-gewaltsamer Bruch, der wenig zu Goethe's sonstiger Lebensführung stimmt und wie ein bedauernswerter Makel ihr fürderhin anhaftet. Charlotte von Stein konnte, trotz vorübergehender Verbitterung, nicht umhin, dem großen Freunde innerlich gut zu bleiben; Beziehungen gegenseitig verehrender Freundschaft verknüpften die Beiden im Alter; aus dem Irrsal jedoch, in den sie Goethe's leidenschaftlicher Zwiespalt geworfen hatte, fand sie nie wieder hinaus, und noch nach Jahren urteilt sie aus ihrer verzerrten Perspektive: „Es ist und bleibt ein Punkt in seinem Herzen, mit dem's nicht just ist.“

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    Was nun, abgesehen von dieser schmerzvoll ausgeklungenen Herzensgeschichte, Charlotte für Goethe's Leben bedeutet, ist nicht schwer zu fassen; schon oben habe ich aus der Vogelschau darauf hingewiesen: sie war Carl August's Verbündete. Sie in erster Reihe war es, die Goethe zum Eintritt in des Herzogs Dienste bestimmte, und sie verstand es, ihn zu beschwichtigen und zurückzuhalten, als er, noch nach Jahren, aus dem öden Weimar entfliehen wollte. „Mir ist's wie einem Vogel, der sich in Zwirn verwickelt hat; ich fühle, daß ich Flügel habe und sie sind nicht zu brauchen“. „O, liebe Lotte, wenn ich dich nicht hätte, ich ging' in die weite Welt“. „Wenn du nicht wärest, hätt' ich alles lange abgeschüttelt“. „Wie sehr fühle ich, daß du der Anker bist, an dem mein Schifflein an dieser Rhede festhält!“ Diese vier Sätze sind, der erste aus dem Jahre 1780, die anderen aus den drei aufeinanderfolgenden Jahren, 1782, 1783, 1784; wir sehen also Goethe sich aus der Weimarer Herrlichkeit fortdauernd hinwegsehnen. Und wenn er nun unfähig bleibt, den Entschluß zu fassen, so haben wir den Hauptgrund nicht in seiner Liebe, sondern in dem großen Werke zu erblicken, zu dem diese Liebe nur den Rahmen schuf. Mit jenem „festwilligen Geiste“, von dem ihre Verwandten zu erzählen wissen, hatte nämlich Charlotte die Erziehung Goethe's zum Weltmann in die Hand genommen, wodurch sie für die Ausgestaltung seines äußeren Lebenslaufs mehr vielleicht als irgend ein anderer Mensch gewirkt hat; und wie tausendfach verknüpft ist dieser mit dem inneren Entwickelungsgang! „Eine Frau, die euch bildet, indem sie euch zu verwöhnen scheint, wird wie ein himmlisches freudebringendes Wesen angebetet“, schreibt später Goethe, der dieser Frau mehr verdankt, als ich in Worte zu fassen weiß. „Hätt' ich ohne Dich je meinen Lieblingsirrtümern entsagen mögen?“ ruft Goethe einmal aus; und ein anderes Mal: „Ich bitte Dich fußfällig, vollende Dein Werk, mache mich recht gut!“ Als er seine erste größere diplomatische Mission ausführt, schreibt er an Charlotte mitten unter den Schilderungen seiner Audienzen und politischen Erlebnisse: „Das danke ich Dir, Liebste, alle Tage, daß ich Dein geworden bin und daß Du mich aufs Rechte gebracht hast.“ Von der selben Reise aus meldet er: „Ich versuche alles, was wir zuletzt über Betragen, Lebensart, Anstand und Vornehmigkeit abgehandelt haben, lasse mich gehen, und bin mir immer bewußt“. Zwar

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war Charlottens genaue Kenntnis der Weimarer Verhältnisse und Personen, namentlich auch der schwer zu beurteilenden Fürstlichkeiten von höchstem Wert für Goethe als angehenden Minister; man darf behaupten, daß er ohne ihren Beistand nicht das erste Jahr seiner neuen Laufbahn überstanden hätte; doch ist dies alles ein Geringes im Vergleich zu jener allgemeinen Auferziehung zur „Vornehmigkeit“, von der Goethe hier redet. Das war das große Werk Charlottens. In weiten Schichten des deutschen Volkes, auch unter den Gebildetsten, wird noch heute das Vornehme geringschätzig betrachtet; sehr mit Unrecht. Denn wenn auch Vornehmheit weder Geisteskraft noch Gesinnungsreine verbürgt, so schafft sie doch für diese Raum. Kant betont, eine grundsätzlich geübte Gebärde wirke mit der Zeit aufs Gemüt; ein mürrisches junges Mädchen z. B., dem freundlich lächelnde Aufmerksamkeit zur äußeren Pflicht gemacht werde, gewinne allmählich ein heiteres Wesen; ebenso beeinflussen auch streng anerzogene Manieren, Reserve, Respekt, Geschick, Zuvorkommenheit ohne Frage nach und nach das Innere. Um Worte Schiller's zu gebrauchen: die Willkür zügeln und die Freiheit ehren (die eigene Willkür und die Freiheit des Anderen), das ist das Wesen echter Vornehmheit. Wer sie entbehrt, entbehrt einer großen Kraft; nur durch sie kann das gedrängte Leben der Gegenwart erträglich werden. Goethe selber erzählt: „Ich war gesittet, besaß aber doch eigentlich nicht, was man Lebensart nennt“. Doch sah er bald ein, wohin der Weg ging. „Führe Dein gutes Werk aus und erhalte mich im Guten und im Genusse des Guten!“ ruft er Charlotten zu. Zunächst betraf diese Erziehung alle Verhältnisse nach außen: „Ich habe weder Leichtigkeit noch Offenheit mit den Menschen“, gesteht er; diese eignete er sich — soweit es ihm überhaupt gegeben war — unter der geduldigen Leitung der Freundin an. Ergreifend ist es aber, wahrzunehmen, wie er diese Erziehung zur „Vornehmigkeit“, die ihm äußerlich gleich zu statten kam, nun auf sein eigenes Innere bezieht, wohl wissend, wie viel da noch durchzukämpfen sei, um vor sich selber als vornehm bestehen zu können. Das sind die ganz großen Züge in Goethe's Charakter; die Frau, die sie zu wecken verstand, verdient unsern Dank. Am 11. Februar 1778 schreibt er ihr: „Es ist mir als wenn eine Veränderung in mir vorginge, ich weiß sie aber noch nicht zu deuten“; am folgenden Tage

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notiert er sich in sein Tagebuch: „Fortdauernde reine Entfremdung von den Menschen. Stille und Bestimmtheit im Leben und im Handeln“. So und so allein war das Vornehmwerden einem Goethe angemessen. Stille und Bestimmtheit! Es sind die beiden Eigenschaften, deren er bisher ermangelt hatte. Wenn Goethe in späteren Jahren einmal schreibt: „Das Ausschließende ziemt sich für das Große und Vornehme“, und ein anderes Mal: „Alles Vornehme ist eigentlich ablehnend“, so müssen wir ergänzend bemerken: es kommt darauf an,   w a s   ausgeschlossen und abgelehnt wird. Was Goethe abzulehnen lernte, war die Welt; dadurch kam Stille und Bestimmtheit in seine Seele. Nicht lange währte es, und er konnte ohne Selbsttäuschung behaupten: „Ich habe mir zum Gesetz gemacht, über mich selbst und das Meinige ein gewissenhaftes Stillschweigen zu beobachten“. Was dies für die volle Entfaltung seiner Persönlichkeit bedeutete, ist nicht schwer zu erraten; denn hier kommt alles auf Verinnerlichen, Verdichten, Zusammenballen an. „Mein Gott, dem ich immer treu geblieben bin, hat mich reichlich gesegnet im Geheimen; denn mein Schicksal ist den Menschen ganz verborgen, sie können nichts davon sehen noch hören.“ Gewiß aber empfindet der Leser schon instinktiv, daß auch hier jeder Schritt zunehmende Entfremdung bewirken mußte. Denn waren einmal die Weimarer Hindernisse überwunden, dann führte ihn diese Schule der Vornehmheit noch weiter hinaus, Wege, die nicht innerhalb des Horizontes seiner Freundin lagen; einzig   w a h r e   Liebe hätte hier vorbeugen können; daß dies nicht geschah, beweist, daß sie nicht vorhanden war. Infolgedessen wurde jene „Stille und Bestimmtheit“ der erste Schritt auf dem Wege zu der Krisis, die Goethe nach Italien, von Charlotten hinwegdrängte; denn in einem gewissen Sinne gehörte auch sie zur „Welt“, da auch sie, die Edle, Gute, Vornehme, nur das für ihn erträumen und erstreben konnte, was sie sich vorzustellen vermochte; gerade die gewonnene Einflußmacht wurde ihr Verhängnis; denn sie, die gefördert hatte, ward jetzt ein Hemmnis; als bestimmender Einfluß zählte sie fortan zu dem Abzulehnenden.
    Noch ein Letztes. Die meisten Literaturhistoriker schätzen Charlottens Einfluß auf Goethe's Dichten sehr hoch; ein neuerer z. B. sagt: „Von ihr empfing er die Inspiration seines edelsten Stiles“.

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Ich habe nie entdecken können, worauf sich diese Behauptung stützt; sie scheint mir aus der Luft gegriffen. Selbst die lyrischen Gedichte dieser Jahre — wenn sie auch ewige Gebilde enthalten — überwiegen keinesfalls an Zahl und Bedeutung diejenigen früherer und späterer Epochen; und was besonders auffallen muß, ist eine Art von Unfähigkeit, die Form für seine größeren Schöpfungen — im ganzen und im einzelnen — zu bewältigen, so lange die Nähe Charlottens ihn einengt: Elpenor bleibt liegen, Iphigenie und Egmont werden in der Ferne vollendet, Tasso erst nach dem Bruch. Charlottens Begabung war lebhaft und zusammenhängend, doch beschränkt; von Genialität zu schweigen, eignete ihr weder große Geistestiefe noch hoher Schwung. Ein einziges solches Urteil wie das über Clärchen — „eine Dirne“ — deckt die poetische Unzulänglichkeit auf; und wir besitzen eine Reihe ähnlicher. Bei seiner früheren Beschäftigung mit Tasso klagt Goethe wiederholt über ihr mangelndes Interesse: „Behalten Sie den Anteil, den ich oft einen Augenblick nicht fühle“; „Mein Stück ist heute vorgerückt, dessen Ende Sie mit keinen freundlichen Erinnerungen zu beschleunigen gesinnt sind“, usw. Unstreitig hat die Erziehung zur Vornehmheit auf Goethe's Poesie gewirkt; einen Thoas hätte er früher vielleicht nicht ersonnen; doch hieraus einen unmittelbaren künstlerischen Einfluß Frau von Stein's zu folgern, wäre offenbar verfehlt. Im übrigen kann sich ein solcher nur infolge einer unbewußten poetischen Fiktion in Goethe's eigenem Gemüte abgespielt haben; „sie war eine Zuhörerin ohnegleichen“, wird berichtet; er hat in sie hineingedichtet, hat ihre stille, bestimmte Art zu etwas umgeformt. was ihrem wirklichen Wesen nicht im geringsten ähnlich sah; abgesehen von der vornehmen Gesinnung, paßt kein einziger Zug der Iphigenie auf die Persönlichkeit der Frau von Stein. Was aber die Wahl gewisser Stoffe in jenen Jahren betrifft — Iphigenie, Tasso — so war sie durch das Hofleben vorgeschrieben, und Charlotte von Stein kann dabei höchstens als eine von Hofideen durchdrungene Frau, außerdem als Vermittlerin verschwiegener fürstlicher Wünsche in Betracht kommen; geplante Aufführungen im Fürstenkreise, an denen bei Gelegenheit die hohen Herrschaften selbst teilnahmen, wirkten bestimmend; das sogenannte klassische, an das Französische sich anschließende Genre war der Herzogin-Mutter gleichsam ange-

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boren und blieb auch Carl August's Vorliebe; Goethe dagegen sprach später ziemlich wegwerfend von seinem „gräcisierenden, verteufelt humanen Schauspiel“ und wandte sich nie wieder dahin; bei erneuten „allerhöchsten“ Anregungen zog er es vor, für seinen fürstlichen Gönner Voltairesche Dramen zu übersetzen. Wer dagegen in jenen ersten Weimarer Jahren auf Erfindung, Quellenstudien, Stil, Sprache und zuletzt auf Einzelheiten der Versgebung Einfluß ausübte, wissen wir: es war Herder, dem Goethe bei der Drucklegung seiner Iphigenie sogar vollkommen freie Hand zu jeder Versänderung ließ. Goethe blieb es bis zuletzt schwer, sich an ein gegebenes Versmaß zu binden; von den fünffüßigen Jamben sagt er, Herder habe ihm zu Verwandlung des stockenden Silbenmaßes in fortgehende Harmonie „mit wunderbarer Geduld die Ohren geräumt“. Darum hieß es bei der Zusendung an ihn: „Hier, mein Lieber, wenn man etwas widmen und weihen kann, die Iphigenie, Dir gewidmet und geweiht ... Nimm vorlieb und freue Dich wenigstens über einen folgsamen Schüler... Wenn ich nur dem Bilde, das Du Dir von diesem Kunstwerke machtest, näher gekommen bin!“ Wir wollen uns hüten, die Geschichte großer Geisteswerke zu Gunsten femininer Sentimentalitäten zu fälschen.

d)   I t a l i e n,   1786—1788

    Wir gelangen zur letzten Periode aus der ersten Lebenshälfte, zu der Flucht nach Italien.
    Äußerlich tritt sie unvermittelt, urplötzlich auf; schon oben (S. 21) erwähnte ich dessen; doch selbst wenn wir keine Zeugnisse darüber besäßen, wir müßten aus den begleitenden Umständen sowie aus Goethe's Charakter schließen, daß sie schon lange vorbereitet war. In allen Büchern findet man darüber nähere Angaben. Wir hier dürfen die Chronik überspringen, denn diese Skizze soll uns nur helfen, schon im Äußern das Innere durchschimmernd zu entdecken; und da müssen wir zunächst das Eine betonen, daß es nicht die geschäftliche Last war — nicht also ein äußerliches Moment — was diesen Schritt herbeiführte. Das liegt auf der Hand. Denn was Goethe an Reformen (namentlich in der Finanzgebarung) vorgehabt hatte, war jetzt durchgeführt; was ihm sonst zu fördern am Herzen lag, wie z. B. das Bergbauwesen, ruhte in zuverlässigen Händen.

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Hier genügt es, wenn ich den einen Namen nenne, Christian Gottlob Voigt. Zugleich ein hochgebildeter Mann, feinsinniger Literat und wahrer Kunstkenner, war Voigt als erfahrener, taktsicherer, unermüdlicher Beamter dem Dichter überlegen und besaß zudem die große Eigenschaft, Goethe's einzige Bedeutung unbedingt und neidlos anzuerkennen; so hielt er denn als vertrautester Ratgeber des Herzogs in seinem immer weiter sich auswachsenden Wirkungskreise dem Freunde überallhin den Weg offen, ihn zugleich aber möglichst aller Arbeit entlastend. An ihn schreibt Goethe aus Rom: „Was Sie tun und einrichten und publizieren mögen, billige ich zum voraus. Wenn man über den Zweck einer Sache so einverstanden ist wie wir es sind, kann über die Mittel kein Zweifel bleiben.“ Neben Voigt waren andere tüchtige Männer im Amte. An Carl August's gutem Willen, ihn von jeder drückenden Arbeitslast zu entbinden, konnte Goethe nicht zweifeln; in diesem Vertrauen reiste er ja ab und sah sich auch nicht getäuscht. Goethe ist also nicht vor seinem Amte geflohen; es hätte an ihm gelegen, dieses nach seinem Belieben einzuschränken. Und indem er es einschränkte, hätte er zugleich zu poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten reichlich Zeit gewonnen; auch diese Frage kommt also nicht in Betracht. Nein, es handelt sich nicht um einen äußerlichen, sondern um einen   i n n e r l i c h e n   Kampf. Unter den Auspizien Carl August's und Charlottens hatte der früher planlos umherirrende Mann festen Boden unter den Füßen gewonnen und damit zugleich den Rohstoff zur Auferbauung eines Lebens. Beide aber hatten — der Eine durch die gestellten Aufgaben, die Andere durch die Anleitung zu ihrer Lösung — eine so schmerzlich intensive Besinnung über Welt und Menschen bei dem sich dem mittleren Alter nähernden Manne hervorgerufen, daß sein Urteil über sich selbst und seine Bestimmung zu schwanken anfing. Nichts ist für eine durch Genie über sich selbst hinausgehobene Begabung verhängnisvoller als jene letzte Klarheit, die dem ruhigen, beschränkten Wesen der vornehmen Frau so natürlich und notwendig schien; sie schlägt hier ins Gegenteil um; ernüchtert steht der Halbunbewußte am Rande eines Abgrundes und stürzt zuletzt, vom Schwindel erfaßt, herab. „Ich hielt mich für tot,“ gesteht Goethe seinem Fürsten. Diesem letzten Verhängnis entfloh der Meistergeist. Aus

56 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte

Rom schreibt er an die Freundin: „Keine Zunge spricht aus, was in mir vorging; dieser Sturz hat mich zu mir selbst gebracht.“
    Wegen dieses Zusammenhanges bedeutet die Reise nach Italien für Goethe mehr als eine Erfahrung, sie ist vor allem eine Tat. Was er in Wirklichkeit in Italien fand, das war nicht das Antike, das Ideal, die Kunst und was sonst noch alles für Phrasen hierüber im Umlauf sind; im Gegenteil, seine Kunststudien hat er mit naiver Gewissenhaftigkeit getrieben, während der Flügelschlag des Genies ihn unbewußt weit über das eigene beschränkte Streben hinaustrug, und vielleicht ist im dortigen Verkehr mit recht mittelmäßigen Malern sein Geschmack in den bildenden Künsten ebenso irregeleitet worden wie andrerseits an Raffael und Michelangelo geläutert; nein, was er in Italien gefunden hat,   d a s   w a r   G o e t h e.   „Ich habe mich auf dieser Reise unsäglich kennen lernen.... Alles, was ich schon lange weiß, wird mir erst eigen.... Ich finde mich immer mehr in mich zurück und lerne unterscheiden, was mir eigen und was mir fremd ist.... In Rom hab' ich mich selbst zuerst gefunden.“ Sich selbst! Alles Übrige versinkt zur Nebensächlichkeit. Goethe, den bewußt nach klarer, allseitiger Ausbildung der Persönlichkeit Strebenden, entschlossen, ohne alle Lüge, mit nur äußeren, aber keinen inneren Kompromissen mehr zu leben, in der schlichten Wahrheit die Poesie des Daseins und seine Moralität zu finden, Goethe, den Verfasser des Wilhelm Meister, der Orphischen Urworte, der Farbenlehre, des zweiten Faust, den Dichter der Dorothea, der Eugenie, der Ottilie, der Suleika, der Pandora, der Helena, den Erforscher der gesetzmäßig wandelbaren Lebensgestalt, des kosmischen Farbenalls, den Mann, an den geklammert ganz Deutschland sich auferbauen sollte: das ist es, was Goethe in Italien fand. Schon nach kurzer Frist ruft er aus: „Ob ich gleich noch immer der selbe bin, so meine ich bis aufs innerste Knochenmark verändert zu sein.“ Und kurz nachdem er, von Sizilien und Neapel zurückkehrend, zum zweiten Mal in Rom eingerückt ist, im Juni 1787, schreibt er mit fast göttlich zu nennender Naivität an die Frau, der er so oft versichert hatte, sie sei seine „glückliche Heimat“ und „die ganze Freude seines Lebens“, er „wollte sich eher den Tod gewünscht haben wie das Leben der letzten Jahre.“

57 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte

    Über den äußeren Verlauf des Aufenthalts in Italien zu berichten, ist keine Veranlassung. In jener zweiten Abteilung von Aus meinem Leben, die später den Titel Italienische Reise erhielt, besitzen wir ein Buch, das zu lesen die Welt nie ermüden wird; es bedarf der wiederholten Versenkung in verschiedenen Lebensaltern, ehe man an die Vollendung des hier Gebotenen nach und nach heranreift. Dem ersten Drucker schreibt Goethe: „Den früheren Zusatz Wahrheit und Dichtung können wir diesmal entbehren, da der Inhalt dieser Bogen nur allzu wahr ist.“ Eine wertvolle Ergänzung bildet jetzt der Besitz der ursprünglichen Tagebücher und eines Teiles der Briefe in erster Gestalt.
    War aber die Flucht nach Italien eine entscheidende Tat in Goethe's moralischem Leben, so ist die Rückkehr aus Italien eine zweite. Das muß noch mit Nachdruck hervorgehoben werden; denn auf dieser Doppelangel dreht sich des Dichters Schicksal.
    Goethe hatte nämlich den Plan ins Auge gefaßt, sich in Italien dauernd niederzulassen. Bei der Verschlossenheit und Vorsicht seines Wesens darf man nicht erwarten, in den damaligen Briefen und Tagebüchern deutliche Spuren von diesem Entschlusse zu finden, doch später bekannte er ihn offen. * „Goethe sprach von seinem einstigen Vorhaben, in Italien für immer zu bleiben“, erzählt einer der wenigen zuverlässigen Berichterstatter, Kanzler von Müller, aus dem Gespräch an dem „himmlischen Abend“ des Sonntags, den 25. April 1819. Die zweite Schicksalsangel ist nun der Verzicht auf diesen Plan, der Entschluß, in die Heimat, in die Pflichten und Beschränkungen zurückzukehren, freiwillig — und diesmal der Tragweite seiner Handlung völlig bewußt — das Joch wieder auf sich zu nehmen. Im Frühling des zweiten Jahres vernehmen wir die Worte: „Ich bin recht still und rein, und, wie ich euch schon versichert habe, jedem Ruf bereit und ergeben.“ Wenige Wochen später heißt es an den Minister von Fritsch: „Ich verehre die Gesinnungen, welche mir Durchl. der Herzog in ihren letzten Briefen zu erkennen geben und bin wie immer bereit, meine geringen Kräfte, an welchem Platz es auch sei, in ihrem Dienst zu verwenden.“ Weiß man nun, daß Goethe es ernstlich bei sich erwogen hatte, den Kampf aufzugeben und in der Ungebundenheit, Schönheit und Freude des Südens seine Tage zu beschließen, so

58 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte

begreift man, welche Bedeutung der Willenswendung, heimzukehren, innewohnt.
    Es ist erschrecklich, wie viel Tinte auf Rührseligkeiten über Goethe's Verhältnis zu Italien verschüttet worden ist. Als ob etwa nach seiner Rückkehr Italien in die Salzfluten untergetaucht wäre! Kein Mensch hätte Goethe verhindern können, in Italien zu bleiben oder dahin zurückzukehren; seine Mittel hätten ihm gestattet, mit aller Bequemlichkeit in diesem billigsten Lande Europas zu leben. Er ist ja auch tatsächlich, kaum zwei Jahre nach seiner Rückkehr, wieder nach Italien gereist, und ... es hat ihm mißfallen. Schon während der ersten Reise vernehmen wir manchmal trotz allem Rausche der Neuheit Worte wie folgende: „So schön und herrlich diese Welt ist, so hat man doch in derselben und mit derselben nichts zu tun“; jetzt aber lautet der Bericht aus Venedig: „Übrigens muß ich im Vertrauen gestehen, daß meiner Liebe für Italien durch diese Reise ein tötlicher Stoß versetzt wird.“ Durch äußere Umstände genötigt, in dem „Stein- und Wassernest“ einige Wochen zu verweilen, klagt er über „das Sauleben dieser Nation“, begehrt „Erlösung“ daraus und „verlangt sehnlich nach Hause.“ Nachher sperrten allerdings die napoleonischen Kriege das Land eine Zeitlang ab; doch später hätte Goethe, der wiederholt monatelang Aufenthalt in den böhmischen Bädern und am Rhein nahm, ebenso gut Monate in Italien zubringen können. Er aber schreibt: „Nach italien, wie ich aufrichtig gestehe, habe ich keine weitere Sehnsucht.“ Daß er sie nicht hatte, hängt mit der Bedeutung des italienischen Aufenthalts für sein Leben zusammen. Hier war sein Schicksal in hartem inneren Kampf entschieden worden. Zum ersten und einzigen Mal (wenn man von den unreifen und immerhin vielfach gebundenen Jahren der Wanderzeit absieht) kostete hier Goethe mit Bewußtsein Freiheit, völlige Ungebundenheit. Welche Tragweite diese Erfahrung für sein Gemütsleben besessen haben muß, empfinden wir, wenn wir den schon so hoch hinaufgeläuterten Faust sich in dem schaurigen Schweigen der Nacht zuflüstern hören:

Noch hab' ich mich ins Freie nicht gekämpft.

Was in dem dichterischen Symbol die vier grauen Weiber sind, der Mangel, die Not, die Schuld, die Sorge, das sind im Leben die

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Verhältnisse, wie die menschliche Gesellschaft sie schafft und gegen die keine Zaubersprüche aufkommen; denn in der allseitigen Gebundenheit, aus der sie hervorsprießen, wurzelt zugleich alle Kultur des Geistes und des Gemütes.

Stünd' ich, Natur, vor dir, ein Mann allein,
Da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein

fährt der Greis fort. Da aber liegt gerade der tragische Kern unseres Schicksals: ein Mann allein wäre kein Mensch. Das hat kein Denker öfter ausgesprochen, und keiner hat bewußter danach gelebt als Goethe. „Der isolierte Mensch gelangt niemals zum Ziele“, sagt er. Wir werden später sehen, wie Goethe's weitere Lebensentwickelung mit seinen Beziehungen zu anderen Menschen verknüpft ist; tausend Hände streckt er nach Anderen aus, hält sich an ihnen fest und hebt sich an ihnen empor. „Was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit klugen Leuten umgegangen wäre und von ihnen gelernt hätte? Nicht aus Büchern, sondern durch lebendigen Ideenaustausch ... müßt ihr lernen.“ Die Möglichkeit hierzu — in dem für einen Goethe erforderlichen Maße — gewinnt er nur dank seiner vielvermögenden amtlichen Stellung sowie in einem weiteren Sinne durch das ganze Geflecht, welches die Gesellschaft um den Einzelnen spinnt und wodurch er gegen die Verpflichtung mitzutragen selber allseitig getragen wird. „Verhältnisse nach außen machen unsere Existenz und rauben sie zugleich“, schreibt Goethe an Schiller. Goethe hätte in Italien bleiben können, bei den lustigen, leichtlebigen Malern, deren frivoles Wesen Herder (ein Jahr später) abstieß, während Goethe sich im Interesse seiner Bildung darein gefunden hatte; von außen stand, wie gesagt, nichts im Wege; er hätte weiter in Kunstwerken und Landschaften geschwelgt wie in dem herrlichen Sommer 1787, hätte gedichtet, archäologische Studien getrieben, Sammlungen angelegt, die Flora und die Geologie des Landes erforscht, schöne gefällige Italienerinnen geliebt: das alles stand ihm offen. Das einzige Hindernis war ein inneres: die Bestimmung zu Höherem; dieser Bestimmung ward er sich jetzt bewußt, und dadurch erlangte sie Gesetzesgewalt. Die letzten vierzehn Tage in Rom vor der Heimkehr nach Deutschland soll er tagtäglich geweint haben, und mit 65 Jahren spricht er zu Kanzler

60 Erstes Kapitel: Das Leben — Die erste Lebenshälfte

von Müller: „Euch darf ich's wohl gestehen, seit ich über den Ponte molle heimwärts fuhr, habe ich keinen rein glücklichen Tag mehr gehabt.“ Aus Pflicht kehrte er zurück, nicht aus einer erträumten Pflicht gegen eine erträumte Gesamtheit, auch nicht aus Pflicht gegen seinen fürstlichen Gönner, er wußte wohl, was er im Amte leistete, könne ebenso gut „auch ohne ihn“ geleistet werden; es handelte sich um die heiligste Pflicht, die Pflicht gegen sich selbst. Seiner Bestimmung wegen, im Interesse der Ausbildung aller seiner Geisteskräfte mußte er — „eben, da er am meisten verdiente zu bleiben“ — zurück, dorthin zurück, von wo er entflohen war, in die Enge, in die Konvention, in den Neid, in die Bosheit, in den Unverstand. „Es geschehe, was gut ist!“ Über die Welt, in die er zurückkehrte, gab er sich keiner Illusion hin; er wußte, daß sie ebenso gedankenlos, ebenso unbeständig, ebenso unterwühlend sei wie die Flut:

Sie schleicht heran an abertausend Enden,
Unfruchtbar selbst, Unfruchtbarkeit zu spenden.

Aber ebenso wie Faust dieser Flut fruchtbares Land abgewinnt, ebenso kehrte Goethe heim, entschlossen, auch jener Flut Fruchtbarkeit abzutrotzen. Dazu bedurfte er um sich herum des Schutzwalles der bewußten Abkehr und drinnen im Herzen der Freiheit, jener Freiheit, die man „täglich erobern muß“; womit nicht das Stück Brot gemeint ist, das Jeder im Schweiße seines Angesichtes zu verdienen hat, sondern die Freiheit zu sein, wer man ist, die Freiheit, fruchtbar zu sein, Genie zu haben inmitten einer Welt, die man nicht entbehren kann, weil sie das Material darstellt, aus dem und mit dem der Forscher, der Poet, der Weise seine beziehungsreichen Gestalten auferbaut, und die nichtsdestoweniger nur dem einen Instinkte folgt, alles Außerordentliche zu leugnen, alles Große herunterzureißen, alles Edle gemein zu machen. In Italien bleiben hieß dem Kampf entsagen, nach Weimar zurückkehren hieß den Kampf auf sich nehmen; daher die Tränen, daher das wehmütige Zurückdenken an jene „Brücke der Schlaffheit“, die er ein für allemal hinter sich abgebrannt hatte; daher das Verbot, in das nahe, lockende Reich, zu den beglückenden Geländen und Kunstwerken, zu dem leichtlebigen Volke zurückzukehren. Was

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Goethe in Weimar auf sich nahm und erdulden mußte, kostete ihn fortdauernd starke Überwindung. „Es ist sehr sonderbar“, schreibt er an Schiller, „daß meine Lage, die im allgemeinen genommen nicht günstiger sein könnte, mit meiner Natur sehr im Widerstreite steht. Wir wollen sehen, wie weit wir's im   W o l l e n   bringen können.“ Doch diesem Wollen mußte geholfen werden; wenige Monate später heißt es: „Die Mauer, die ich schon um meine Existenz gezogen habe, soll nun noch ein paar Schuhe höher aufgeführt werden.“
    Das ist die Bedeutung von Goethe's Rückkehr aus Italien. Kein Wüstenheiliger handelt mit entschlossenerem Bewußtsein, als Goethe es tat; wie der Büßer der Welt und ihren Pflichten den Rücken kehrt, so wandte sich Goethe jener wieder zu und nahm diese auf sich. „Wir wollen sehen, wie weit wir's im   W o l l e n   bringen können.“ Kein Wunder, wenn er, vierzig Jahre nach der Rückkehr, als sein Auge, rückblickend, das ganze Leben vor sich ausgebreitet sah, selber klar erkannte, in Rom habe sich „der Grund seines ganzen nachherigen Lebens befestigt und gestaltet.“

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Die zweite Lebenshälfte

    Hiermit beginnt nun der zweite große Lebensabschnitt, welcher den ersten an Länge um fünf Jahre übertrifft. Wäre Schiller vom Schicksal die Daseinsfrist verlängert worden, er hätte uns neue Werke beschert, schwerlich aber würde das Bild seiner Persönlichkeit eine Ergänzung erfahren haben; wogegen wenn der Tod Goethe — wie Schiller — mit 46 Jahren (also 1795) hingerafft hätte, derjenige Goethe, den wir jetzt bewundernd anstaunen, unwahrnehmbar und daher unbekannt geblieben wäre. In verhältnismäßiger Rüstigkeit ein hohes Alter erreichen, gehört zum Wesen der Goetheschen Persönlichkeit; dies setzt nicht allein körperliche, sondern auch bestimmte seelische Eigenschaften voraus.
    Wie nicht anders zu erwarten, fällt es schwerer, in diesem zweiten Lebensabschnitt einzelne Zeiträume zu unterscheiden. Örtlicher Wechsel mit den entsprechenden Änderungen in den umgebenden Eindrücken und Einflüssen findet nur noch vorübergehend statt. * Selbst die übliche Badereise blieb in manchen Jahren

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aus, und von einem dauernden Verlassen Weimars ist nie mehr die Rede. Beachtenswert ist dagegen die Art, wie Goethe zwischen Weimar und Jena, die er als „die zwei Enden einer großen Stadt“ betrachten lernt, von jetzt an hin- und herpendelt. Ist ihm in Weimar der Hof, die Gesellschaft, die ganze oben erwähnte „fürchterlichste Prosa“ schier unerträglich geworden, so entflieht er nach Jena, wo er wochenlang, ja manchmal monatelang verbleibt und vieles Beste unter seinen wissenschaftlichen und poetischen Schöpfungen hervorbringt; „keinem Raum auf dieser Erde verdanke ich so viel produktive Momente“, schreibt er an Schiller mit Bezug auf seine dortige Wohnung. Machen ihm aber die Universitätsprofessoren mit ihrem „ewigen Hetzen, Werben, Kompromittieren“, mit ihrem „pfäffischen Stolz“ und ihrer „verworrenen Borniertheit“ Jena unleidlich, so springt er in seinen Wagen, kehrt nach Weimar zurück und genießt dort den besseren Ton und die Abwesenheit der aufdringlichen Fachsimpelei. Doch auch diese Tatsache tut der Einheitlichkeit keinen Abbruch, im Gegenteil. Und so müssen wir uns entschließen, tiefer zu schürfen, wollen wir hier an dem Organismus Glieder entdecken. Ich glaube, folgende Einteilung dürfte sich tauglich erweisen zur Veranschaulichung des Wesentlichen:
a) Zeitraum der Beziehungen zu Schiller, 1788—1805;
b) Von Schiller's Tod bis zu dem Höhepunkt der Leidenschaft für Ulrike von Levetzow, 1805—1823;
c) Die letzten Jahre, 1823—1832.

a)   B e z i e h u n g e n   z u   S c h i l l e r,   1788—1805

    Schiller war das einzig Neue, was Goethe bei seiner Rückkehr aus Italien in das alte Einerlei Weimarer Kleinlebens erwartete; dieses Einzige bedeutete eine Welt. Die Begegnung Goethe's mit Schiller zu Beginn der zweiten Lebenshälfte gemahnt an die entscheidende Begegnung des erst erwachenden Jünglings mit Herder; das sind die zwei Menschen, die — was die Gewalt der Anregung betrifft — an der Entfaltung seines Geistes zu voller Kraft tätig mitgewirkt haben. Kein reineres und fördernderes Glück ward ihm jemals zuteil als der Besitz dieses Freundes, kein unersetzlicherer Verlust betraf ihn als dessen früher Tod; noch zwanzig Jahre später

63 Erstes Kapitel: Das Leben — Die zweite Lebenshälfte

wies er den Trost barsch von sich: „Rhetorisch ist so etwas recht hübsch und gut, aber es kann mir nicht helfen, verloren bleibt verloren.“
    Eine wunderbare Schicksalswendung ist es, daß Goethe genau in dem Augenblick, wo er den großen Seelenkampf gekämpft und sich nunmehr der grundsätzlichen Vereinsamung gewidmet hatte, dem einen einzigen Menschen begegnen sollte, fähig und bestimmt, in seine Zelle einzudringen wie der gefiederte Himmelsbote zu Paulus dem Einsiedler. Hier waltet Vorsehung. Zugleich schwebt über diesem Verhältnis von Beginn an ein Geist unabwendbarer Tragik. Schon sein Anfang. „Man kann sich keinen isoliertern Menschen denken als ich damals war und lange Zeit blieb“, schreibt Goethe von jenen Jahren. Warum dieses melancholische „lange Zeit blieb?“ Wenige Wochen nach Goethe's Rückkehr aus Italien stehen sich die beiden füreinander Bestimmten gegenüber, und sie erkennen ... alles, was sie scheidet, nichts von dem, was sie aufeinander anweist. Als „zwei Geistesantipoden“, zwischen denen „mehr als Ein Erddiameter die Scheidung mache“, empfanden sie sich gegenseitig; so erzählt Goethe. Schiller hatte nur noch knapp siebzehn Jahre zu leben; sechs Jahre — lange Jahre — verstreichen, ehe die Annäherung stattfindet. Einsichtig-ahnende Freunde wollten vermitteln; doch Schiller bekennt: „Dieser Charakter gefällt mir nicht ... in der Nähe eines solchen Menschen wäre mir nicht wohl“; Goethe lehnt ab mit „schwer zu widerlegenden Gründen“. Kostbare Jahre für alle Ewigkeit verloren; dazu die letzten Jahre, in denen Schiller noch einige Gesundheit besaß. Dennoch glaube ich, daß es nicht Geschichtskonstruktion, sondern Erkenntnis ist, wenn wir diese Zeit der gegenseitigen Abstoßung zu der Periode der lebendigen „Beziehungen“ zwischen beiden Männern rechnen. „Wahre Verbindungen brauchen Zeit, wie Bäume um Wurzeln zu treiben, Kronen zu bilden und Früchte zu bringen.“ Es läßt sich wohl schwer etwas darüber in Worten sagen, denn es handelt sich um gar zu zarte und verborgene Vorgänge; eine genaue Kenntnis beider Männer aber, ihrer Schriften und ihrer brieflichen Äußerungen überzeugt uns, das plötzliche Aufflammen der Freundschaft — so plötzlich, daß man Tag und Stunde angeben kann — wäre ohne lange und eindringliche Entwickelungs-

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zeit unmöglich gewesen. „Für uns Beide, glaube ich“, schreibt Goethe an Schiller, „war es ein Vorteil, daß wir später und gebildeter zusammentrafen“. Meistens wird die Sache so dargestellt, als ob nur Goethe sich gegen Schiller verschlossen gehalten hätte, nicht auch Schiller gegen Goethe; das ist aber (wie die oben angeführten Worte zeigen) falsch; bei Goethe hat es sich vielmehr nur um eine gewisse intellektuelle Abneigung gehandelt, wogegen Schiller den Charakter seines späteren Freundes verkannte und dabei manchen weiblichen Klatschereien Zugang erlaubte. In jenen sechs Jahren wohnten sie aber einander nahe, hörten täglich voneinander reden, verfolgten ein Jeder die Arbeiten und das Leben des Andern, und so fand unbewußt und ungewollt und bei jedem à son corps défendant eine innere allmähliche Umstimmung statt, die dann in der ersten Stunde, wo sie sich wirklich Aug' in Auge gegenüberstanden, plötzlich hervorbrach. Bei Goethe spontaner als bei Schiller. Schon vor der entscheidenden Begegnung des 14. Juli 1794, als Schiller erst wegen der Horen diplomatisch anzuknüpfen begonnen hatte, meldet Goethe hocherfreut von „der neuen Epoche“, die für ihn angehe, seit Schiller „freundlicher und zutraulicher gegen uns Weimaraner wird“. Bei Schiller dauert es länger, bis wir etwas vernehmen, und dann heißt es: „Goethe fühlt jetzt ein Bedürfnis, sich an mich anzuschließen, und den Weg, den er bisher allein und ohne Aufmunterung betrat, in Gemeinschaft mit mir fortzusetzen“. Wie bei seinen anderen Verhältnissen, so war auch hier der zurückhaltende Goethe der großmütigere; er gab mehr als die anderen und empfing darum auch mehr.
    In welchem Grade Goethe für Schiller bald unentbehrlich wurde, erfahren wir durch dessen liebe Lotte; als Goethe im Herbst 1797 einige Wochen abwesend war, beklagt sie es einem Freunde gegenüber; denn, sagt sie, „es ist erstaunend, welchen Einfluß seine Nähe auf Schiller's Gemüt hat und wie belebend für ihn die häufige Kommunikation seiner Ideen mit Goethe ist“; Schiller (der damals in Jena lebte) sei „ganz anders“, sobald er Goethe auch „nur in Weimar“ anwesend wisse. Schiller selber schreibt 1798 an Körner: „Es sind jetzt 4 Jahre verflossen, daß wir einander näher gekommen sind, und in dieser Zeit hat unser Verhältnis sich immer in Bewegung und im Wachsen erhalten. Die vier Jahre haben mir eine

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festere Gestalt gegeben, und mich rascher vorwärts gerückt, als es ohne das hätte geschehen können. Es ist eine Epoche meiner Natur ...“ Gegen Goethe gebraucht er die Worte: „Die Anschauung Ihres Geistes hat ein unerwartetes Licht in mir angesteckt“. In diesem unerwarteten Lichte lebte und webte er fortan. Die Augen auf seinen werdenden Wallenstein gerichtet, schreibt er: „Ich finde augenscheinlich, daß ich über mich selbst hinausgegangen bin, welches die Frucht unseres Umganges ist“. Alle seine wirklich großen Dramen — von Wallenstein bis Demetrius — sind unter der liebenden Teilnahme Goethe's entstanden, der sie von dem ersten Gedanken an täglich begleitete, bis er sie unter tausend Mühen auf die Bühne gebracht und damit für ganz Deutschland belebt hatte, wonach er aber noch in der Presse für sie mit „Unverschämtheit“ (wie er sich ausdrückt) Propaganda machte. „Sie verlebten“, erzählt der Eine, „keinen Tag in der Nähe, ohne sich mündlich, keine Woche in der Nachbarschaft, ohne sich schriftlich zu unterhalten.“ Ein großartiges Beispiel hinterließ uns Goethe in der Art, wie er Schiller hochhielt. Man hat Goethe den Vorwurf gemacht, er habe die Mittelmäßigen bevorzugt; „man“ schließt leider so hervorragende Geister wie Schopenhauer ein; und doch ist das ein höchst oberflächliches Urteil. Das Halbe, das Falsche, das Unfähige hat Goethe nie in Schutz genommen; dagegen hat er allerdings alles Tüchtige, jede wahre Leistung, und war sie dem Umfang und der Bedeutung nach noch so beschränkt, gewürdigt; materiell und moralisch förderte er jedes Verdienst, auch das bescheidenste; kein Zug ist für ihn bezeichnender. Einer, der ihn gut kannte, schreibt: „Ich habe keinen zugleich so toleranten und intoleranten Menschen gesehen; Alles, was ins Reich des Gecken oder Prätendenten gehört, Alles, was scheinen will und sich zudrängt, fühlt in seiner Atmosphäre eine Unbehaglichkeit, die schwerlich wieder zu vergessen ist; aber schlichte Einfalt, ruhiger, gerader Sinn, kühler Menschenverstand, kurzsilbige derbe Entschlossenheit werden, aller ihrer Gebrechen ungeachtet, einen tätigen, einen entschiedenen Freund an ihm finden.“ Doch würde das Verhältnis zu Schiller allein zum Beweise genügen, daß Goethe das ganz Große, das wahrhaft Gottbegnadete nicht in einem Atem mit den Talenten und Fertigkeiten und Tüchtigkeiten der Mitwelt genannt wissen wollte. Wie manches an Schil-

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ler's Kunst und Denkart seinem Geschmack wenig zusagte, dafür können Dutzende von Belegen angeführt werden; in späteren Jahren nannte er es „ein großes Kunststück, das Schillern und ihm gelang, bei völlig auseinanderstrebenden Richtungen ununterbrochen eine gemeinsame Bildung fortzusetzen“; nichtsdestoweniger soll er im Hinblick auf die schriftstellernde Mitwelt das unvergeßliche Wort gesprochen haben: „Wenn Schiller sich die Nägel beschnitt, war er größer als diese Herren.“
    Was Schiller für Goethe bedeutet hat, das darzulegen würde weit mehr Raum erfordern, als die Verhältnisse dieses Kapitels es zulassen. Denn wenn Goethe einmal die vielzitierten Worte an Schiller richtet: „Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft und mich wieder zum Dichter gemacht, welches zu sein ich so gut als aufgehört hatte“, so muß jeder wahre Kenner seufzen, daß diese in dankbarer Wallung als Erwiderung dargebrachte Gegengabe eines langen Kommentars bedürfte, ehe sie ihren geheimen Wahrheitsgehalt dem Unbewanderten offenbarte. Tiefer führt der vorangehende Satz: „Sie haben mich von der allzustrengen Beobachtung der äußeren Dinge und ihrer Verhältnisse auf mich selbst zurückgeführt.“ Goethe — der Forscher und Dichter — hat durch das Seherauge Schiller's sich selbst zum ersten Male mit Klarheit in seinem ganzen Wollen und Wirken erblickt. Bis zu dieser Stunde hatte doch — und trotz Italien — vielfach mehr Instinkt als Bewußtsein, mehr Wille als Erkenntnis seine geistigen Leistungen beherrscht; moralisch war er aus Rom geläutert und geradegerichtet heimgekehrt, intellektuell tastete er noch; in einem seiner ersten Briefe an Schiller spricht er selber von „einer Art Dunkelheit und Zaudern, über die er nicht Herr werden könne“. Schiller nun brachte Aufklärung. Er schreibt an Goethe: „In Ihrer richtigen Intuition liegt alles und weit vollständiger, was die Analyse mühsam sucht, und nur weil es als ein Ganzes in Ihnen liegt, ist Ihnen Ihr eigener Reichtum verborgen“. Dies der Inhalt des Goetheschen Geistes; nun seine Tathandlung. „Der Natur gleichsam nachzuerschaffen“: das entdeckt Schiller als den Inbegriff der Schöpfertätigkeit Goethe's auf allen Gebieten. „Eine große und wahrhaft heldenmäßige Idee, die zur Genüge zeigt, wie sehr Ihr Geist das reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer schönen Einheit zusammenhält. Sie können

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niemals gehofft haben, daß Ihr Leben zu einem solchen Ziele zureichen werde, aber einen solchen Weg auch nur einzuschlagen, ist mehr wert, als jeden andern zu endigen“. Aus dieser Offenbarung gewann Goethe mit einem Male Klarheit über sein eigenes Schaffen. „Sie ziehen die Summe meiner Existenz“, erwidert er dankerfüllt. Schiller gesteht, erst der Verkehr mit Goethe sei es, was ihn „fähig gemacht habe, seine subjektiven Grenzen so weit auseinander zu rücken“, wie dies in seinen großen Dramen geschah; nicht Erweiterung war es, was Goethe von Schiller erhielt, wohl aber der Blick in die letzten Tiefen und dadurch der Mut zu jeder Kühnheit, welche die Wahrheit seiner Natur von ihm forderte. Ohne die aus Schiller's kurzer Gegenwart geschöpfte Belebung wäre vielleicht der zweite Teil Faust nicht gedichtet worden, und schwerlich hätte Goethe den Vers geschrieben:

Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt!

    Noch eine Tatsache verdient Erwähnung. Schiller war eine gesellige Natur; er verkehrte in Jena viel mit den Gebrüdern Humboldt, den beiden Schlegel, Schelling und Anderen; und so bildete sich mit der Zeit um die zweieinigen Dichter ein Kreis begabter Jünglinge von hoher Kultur und heißem Streben; die hier gepflegte unbedingte Anerkennung der alles überragenden geistigen Bedeutung Goethe's dürfte wohl in erster Reihe auf Schiller's anfeuerndes Beispiel zurückzuführen sein. Von diesem Kreise aber erstreckte sich in der Folge über ganz Deutschland eine aufklärende und Begeisterung einflößende Wirkung, die dem ferneren Lebenslauf des nunmehr vereinsamten Dichters manches Erfreuliche zuführte.
    Über Schiller's Tod schreibt Goethe: „In dem Freunde verliere ich die Hälfte meines Daseins“, und bekennt zwanzig Jahre später: „Sein früher Tod brachte einen Riß in mein Leben, welchen weder Zeit noch Mitwelt zu heilen im Stande war.“
    In schöpferischer Beziehung ist für diesen Zeitraum zunächst die Hingabe an das Studium der Natur bezeichnend. „Mein Gemüt treibt mich mehr als je zur Naturwissenschaft,“ bekennt Goethe kurz nach der Rückkehr aus Italien, und in einem Briefe des Jahres 1791 meint er von der Erforschung der Natur, sie werde ihn „in der Folge vielleicht ausschließlich beschäftigen“; denn, heißt es

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an anderem Orte: „Die Richtung geistiger Kräfte auf wirkliche wahrhafte Erscheinungen gibt nach und nach das größte Behagen, Klarheit und Belehrung.“ Die Arbeit über die Metamorphose der Pflanzen, fleißige Studien bei dem Anatomen Loder in Jena, ausführliche Versuche über vergleichenden Knochenbau der Tiere, der Beginn der vierzigjährigen Beschäftigung mit den Phänomenen der Farbenbildung: dies alles fällt in die Zeit der Beziehungen zu Schiller und erleidet keinerlei Abbruch durch die Umkehr aus Entfremdung zu Befreundung; Goethe's Naturerforschung ist es, was die Beiden ursprünglich zueinander führt, und auch im weiteren Verlaufe zieht sie sich wie ein „edler Faden“ durch ihren Verkehr. Ohne Teilnahme Schiller's waren die politischen Lustspiele entstanden, und auch Wilhelm Meister war in der Umarbeitung und Erweiterung eigentlich fertig, als die Annäherung stattfand, und konnte von Schiller's glänzend genialer Kritik nur noch in Einzelheiten Vorteil ziehen. Dagegen empfinden wir deutlich in Hermann und Dorothea, wenn auch nicht den Einfluß des Freundes, so doch das Bewußtsein seiner beglückenden Nähe. Viele Balladen und andere Gedichte entstehen Schiller's Musenalmanachen zulieb; auch die Xenien; und als dann Schiller nach Weimar übersiedelt und die Jahre der intensiven Beschäftigung mit dem Theater eintreten, wird die Natürliche Tochter ausgeführt, und es folgen die Bearbeitungen früherer Stücke für das Theater (Götz, Egmont usw.) und die Übersetzungen Mahomet, Tancred usw. Weniger glücklich wirkt das ewige Theoretisieren der Beiden; es erzeugt lebensunfähige Schöpfungen wie die Achilleis, das große Jagdgedicht und andere. Überhaupt ist Schiller's Einfluß auf Goethe's Produktivität beschränkt und zugleich fragwürdig gewesen; Goethe's Gemüt war zu zart organisiert, dem ungestümen Andrang ästhetischer Spekulationen standzuhalten; sein Schaffen bedurfte der Lebenseindrücke und einer Atmosphäre des Unbewußtseins.

b)   V o n   S c h i l l e r 's   T o d   b i s   z u   U l r i k e   v o n   L e v e t z o w,   1805—1823

    Am 9. Mai 1805 starb Schiller; noch achtundzwanzig Jahre sollte Goethe leben und schaffen, des einzigen Unersetzlichen beraubt. Das Verhältnis zu Schiller ragt so sehr über alles andere

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hervor, daß man es begreifen könnte, wollte Einer in dieser zweiten Lebenshälfte einfach von einem Zeitraum mit Schiller und einem ohne Schiller reden. Immerhin aber zerfallen diese letzten Jahre in zwei deutlich geschiedene Teile. Es ist nämlich bemerkenswert, daß Goethe während der ganzen Dauer der Jahre, die wir als den „Zeitraum der Beziehungen zu Schiller“ bezeichneten, von keinen poetischen Liebesleiden gequält noch gehoben wurde; nur wenige Monde war der Freund ihm entschwunden, und schon erklingt es:

Ich fühl' im Herzen heißes Liebestoben.
Umfaß' ich sie, die Schmerzen zu beschwicht'gen?

    Hier ist aber der Ort, den Beziehungen Goethe's zu seiner Geliebten und späteren Gattin, die schon im Sommer 1788, wenige Wochen nach der Rückkehr aus Italien, ihren Anfang genommen hatten, einige Worte zu widmen.
    Das Verhältnis zu Christiane Vulpius — dies muß gewissen Idealisierungsversuchen gutmeinender Seelen gegenüber scharf betont werden — ist von Anfang an ein unpoetisches; es bildet den rechten Gegensatz zu der edlen Verknüpfung mit Schiller; leibhaftig stehen Einem bei diesem Vergleich die „zwei Seelen“ vor Augen. Goethe's geniale Mutter hatte sofort das richtige Wort für Christiane: „ein lieber Bettschatz“. Goethe selber nennt sie seinen Freunden gegenüber „ein gewisses kleines Erotikon“. Zu einer Zeit, im Sommer 1789, wo Christiane schon seit Monaten bei ihm wohnt, schreibt er an eine andere Frau, Charlotte von Stein, redet sie mit dem vertraulichen „Du“ an, versichert sie seiner Liebe, sagt, sie solle ihn wie früher lieben usw., und fügt in bezug auf Christiane hinzu: „Und welch' ein Verhältnis ist es? Wer wird dadurch verkürzt? Wer macht Anspruch an die Empfindungen, die ich dem armen Geschöpf gönne?“ Wer mehr verlangt, um über die Natur dieses Verhältnisses aufgeklärt zu werden, muß eigentümlich anspruchsvoll sein oder eigentümlich anspruchslos. Hin und wieder begegnen wir wohl der Versicherung aus Goethe's Feder, er „liebe das Mädchen leidenschaftlich“; ihr selbst schreibt er in bezeichnendem Stile: „Ich habe Dich ganz entsetzlich lieb“; das Wort „Liebe“ reimt sich aber jedenfalls auf Bettschatz, Erotikon, armes Geschöpf anders als auf Friederike Brion, Lotte Buff, Maxe von Laroche, Lili Schöne-

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mann usw. * Daß Goethe Christiane gern hatte, daß sie Eigenschaften besaß, die ihn an sie fesselten und bei seinen häufigen Abwesenheiten mit der Zeit Sehnsucht nach ihr wachriefen, daß er, wenn er sie drei Wochen ohne alle Nachricht gelassen hatte, diese Versäumnis, ohne zu lügen, gut machen konnte durch die Versicherung, sie sei „sein Liebstes auf der Welt“, daß er sie nach und nach durch seine unaufhörlichen Mahnungen, Drohungen, Verheißungen (wovon die jetzt bekannt gewordenen Briefe zahlreiche Beispiele enthalten) zu einer leidlich guten Wirtschafterin erzog, daß er der Mutter seines Sohnes (und anderer, bald nach der Geburt gestorbener Kinder) Dankbarkeit willig bezeugte, daß er der energischen, geistesgegenwärtigen Erretterin aus den Schrecknissen der Oktobertage 1806 unvergängliche Anerkennung widmete — das alles wird nicht in Abrede gestellt. Beachtenswert ist das Urteil einer Frau — einer Nichte Goethe's —, die Christiane bei heiklen Erbschaftsregelungen zu beobachten Gelegenheit hatte: „Ihr äußeres Wesen hat etwas Gemeines, ihr inneres aber nicht.“ Ebenso jedoch, wie man zwischen einer himmlischen und einer irdischen, so kann man zwischen einer poetischen und einer prosaischen Liebe unterscheiden; und da muß man anerkennen, Goethe's Anhänglichkeit an sein kleines Erotikon entstammte einer durchaus prosaischen Liebe. Sie entsprach nicht dem Vornehmen und Himmelanstrebenden in seiner Natur, sondern einer gewissen, nie ganz ausgerotteten Neigung zum Bequemen. Die Flüchtigkeit vieler seiner Briefe an sie findet in seinem gesamten Briefwechsel kein Gegenstück. Wie in solchen Fällen häufig, gelingt es eher, der Frau — der braven, beschränkten, gutmütigen — als dem Manne gerecht zu werden. Sie liebt drei Dinge: den „Geheimrat“, den Wein und den Tanz; dazu noch die Karten, ohne welche ihr der Tag unerträglich lang wird; sie ist ohne Geziertheit. „Izo gehen bey uns die winder Freuden am und ich will mir sie durch nichts lassen verleidern. Die Weimarer dähen es gerne aber ich achte auf nichts  ich habe dich lieb und gans allein lieb  sorge für mein Pübgen und halte mein haußwesen in ornug und mache mich lustig.... Ich habe wieder ein ser schönen Dänzer kennen lernen der mit dem Namen Eisert heist  heude muß ich mich erkundichen was es vor ein lans Mann ist.... Es wird fileicht mit den arbeyden Hier besser gehn als sond du

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kanns hier wie in Jena inbete dickdiren....“ So schreibt sie, nachdem zehnjähriges Beisammensein mit einem Goethe ihre Gedanken zu einem so hohen Fluge befähigt hat. Sie fragt ihn, ob es wahr sei, daß er „Kusse und Pehrde“ anschaffe — soll heißen Kutsche und Pferde — und antwortet entrüstet auf einen Vorwurf: „Du wirst noch nicht gehört haben daß ein Brif oder Packet das du mir sückdes liegen geblieben währe.“ Verböte es nicht die Verehrung für Goethe und eine unwillkürliche Sympathie für die redliche Christiane, es ließe sich von diesem Verhältnis eine köstliche Skizze entwerfen; hier möge eine einzige Episode genügen: zur Feier der Vollendung von Hermann und Dorothea erbat sich Christiane „einen halben Stein Seife“, und Goethe schickt es ihr aus Jena, „damit Du Dich auch auf Deine Art mit mir freuen kannst“.
    Wenn also ein Wilhelm Scherer in seiner Deutschen Literaturgeschichte behauptet: „Christiane machte ihn vollkommen glücklich“, so erhellt die Unsinnigkeit einer solchen Behauptung ohne weiteres; denn welches war das Glück, das diese Frau geben konnte? Wir haben auch Zeugnisse genug, daß Goethe durch dieses Verhältnis nicht beglückt wurde, wenn er es auch meisterlich verstand, sich die Last möglichst leicht zu gestalten. Ein scharfer Beobachter, Schiller, schreibt, nachdem ihn sechs Jahre intimsten Verkehrs zu einem Urteil befähigt haben: „Goethe's Gemüt ist nicht ruhig genug, weil ihm seine elenden häuslichen Verhältnisse, die er zu schwach ist, zu ändern, viel Verdruß erregen.“ Welche Bedeutung für Goethe's Lebenslauf diesen „elenden Verhältnissen“ trotz allem zukam, inwiefern man also auch hier das Walten eines genialen Instinktes bewundern darf, konnte ein Zeitgenosse nicht überblicken; was oben über den isolierenden Schutzwall gesagt wurde (S. 18), mag als Andeutung genügen.
    Nach Schiller's Tod fand nun in einer Beziehung eine Wandlung in Goethe's Wesen statt: in seinem Herzen erwachte von neuem die glühende, durch und durch poetische Liebe zu holden, edlen Frauen. Das Dasein Christianens (welche erst im Juni 1816 starb) kam hierbei gar nicht in Betracht. Ihr war jede Freiheit erlaubt, wenn sie sich nur gut unterhielt: „Gute Dejeuners und Bälle wünschend“, „Lebe übrigens recht wohl bei Deinen Frühstücken, Mittagessen, Tänzen und Schauspielen“; so und ähnlich schreibt Goethe

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und scherzt beständig über das Liebäugeln, nur daß er hin und wieder warnt, sie solle sich in Acht nehmen, daß „aus den Äugelchen (Christiane spricht und schreibt „Äuchellen“) keine Augen werden“. Dafür legt sich Goethe selber keinen Zwang an und redet ohne Scheu auch zu „seiner kleinen Freundin“ von seinem Herzeleid. Eine der ersten Frauen, die ihm in dieser neuen Periode einen tiefen Eindruck machten, war Amalie von Levetzow, die Mutter Ulrikens; vierzehn Monate nach Schiller's Tod, im Juli 1806 (Ulrike war erst zwei Jahre alt), konnte sich Goethe in Karlsbad von dieser jungen Frau, die er schon seit mehreren Jahren kannte, jetzt aber „reizender und angenehmer als jemals fand“, „kaum losmachen“ — so erzählt er in einem Briefe an Christiane; in seinem Tagebuch nennt er sie „Pandora“. Doch verwehrten die Umstände bei solchen Begegnungen an Badeorten (deren es in den folgenden Jahren noch eine Reihe gab) ein längeres Beisammensein; wogegen sich bald nachher in Jena Gelegenheit zu tagtäglichem Verkehr mit der jugendlich anmutigen Minchen Herzlieb fand. Es entstanden die Sonette, es entstand jene göttliche Dichtung Pandora, es entstanden die Wahlverwandtschaften. Später beglückte ihn das edelpoetische Verhältnis zu Marianne von Willemer, deren Andenken unvergänglich geworden ist durch die Verknüpfung mit dem Westöstlichen Divan. Ich nenne nur einzelne Namen, die bekanntesten; wer näher hinsieht, wird noch manche entdecken. Was Goethe von seinem geistigen Leben überhaupt berichtet, gilt auch von seinem Herzen: „Zu den hundert Dingen, die mich interessieren, konstituiert sich immer eins in die Mitte als Hauptplanet, und das übrige Quodlibet meines Lebens treibt sich indessen in vielseitiger Mondgestalt umher, bis es einem und dem anderen auch gelingt, gleichfalls in die Mitte zu rücken.“ Selten kommt es bei ihm zu der Krisis einer unüberwindlichen Neigung für eine bestimmte Frau; meistens kann die Angebetete durch eine andere vertreten werden. Doch hin und wieder erlebte und erlitt er selber, was er an seinem Phileros und Epimetheus ergreifend geschildert hat:

Sie zog mir mein Leben in's ihre hinein,
Ich habe nichts mehr, um lebendig zu sein.

Nie geschah dies mit so elementarer Gewalt wie im Jahre 1823,

73 Erstes Kapitel: Das Leben — Die zweite Lebenshälfte

bei seiner letzten Liebe, derjenigen des vierundsiebzigjährigen Mannes zu der neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow. Doch gehen wir sicher nicht fehl, wenn wir urteilen, die Krise sei in diesem Falle deswegen gewaltiger als je zuvor gewesen, weil es die letzte war. Nicht so sehr die Person des liebreizenden, schlichten Mädchens, das ihn harmlos „Vater“ nannte, hat des Dichters Wesen so tief aufgewühlt und ihn auch physisch dem Tode nahegebracht wie das unerbittliche Bewußtsein, nunmehr von der beseligenden Liebe auf ewig Abschied nehmen zu müssen. Sogar einer seiner Zeitgenossen — allerdings ein besonders scharfsichtiger — der Kanzler von Müller, hat dies deutlich geahnt und uns ein wertvolles Zeugnis davon hinterlassen. In einem Brief an Gräfin Julie von Egloffstein vom 25. Sept. 1823 schreibt er: „Sie sehen also, daß seine Leidenschaft für Ulrike Levetzow wenigstens nicht exklusiv ist und daß ich Recht habe, zu behaupten, nicht dieses eine einzelne Individuum, sondern das gesteigerte Bedürfnis seiner Seele überhaupt nach Mitteilung und Mitgefühl habe seinen jetzigen Gemütszustand herbeigeführt.“ Gerade solche Dinge, die das Zarteste und Unfaßbarste im Menschenwesen betreffen, geben, wenn sie roher, verständnisloser Betrachtung verfallen, zu endlosen Klatschereien und einem Rattenkönig von Mißverständnissen Anlaß. Schon damals war das in Weimar und Jena der Fall; heute hat sich dieses Gerede über Ulrike von Levetzow in unseren Zeitschriften und Büchern ewigen Fortbestand gesichert; ich will ihm keine Zeile Raum gönnen. Wir besitzen die harmlosen Schreiben der drei jungen Schwestern an Goethe, wir besitzen Goethe's Briefe an Frau Amalie von Levetzow bis zum Jahre 1831, und zu willkommener Ergänzung besitzen wir kurze, aber gewichtige Aufzeichnungen der erst im Jahre 1899 gestorbenen Ulrike, beginnend mit den Worten: „Es hat mir schon oft leid getan, daß die Erinnerung an die Zeit, welche ich Goethe gekannt, mit mir begraben wird, und damit auch all die falschen, oft fabelhaften Geschichten, welche darüber gedruckt wurden, nicht widerlegt werden“ und endend: „Ich könnte wohl noch viel von der Zeit erzählen, doch ich denke, das genügt, um all das Fabelhafte, was darüber gedruckt, zu widerlegen — denn: keine Liebschaft war es nicht.“ In diesen Worten liegt für mein Empfinden alles. Wer hätte Goethe verhindern können, zu

74 Erstes Kapitel: Das Leben — Die zweite Lebenshälfte

heiraten? Freilich geriet sein Sohn August in Wut, als die Gerüchte sein Ohr erreichten; der rohe Mensch glaubte sich in seinen Erbschaftsaussichten bedroht; doch hätte Goethe auf die allvermögende Stütze des Großherzogs rechnen können; spielend leicht wäre jedes Hindernis besiegt worden. Der fürstliche Freund, das wissen wir jetzt dank Ulrike, wünschte diese Ehe tatsächlich und suchte eifrig sie zu fördern; und fand auch Carl August bei dem Mädchen kein Gehör, wer kann zweifeln, daß, wenn der Dichter selbst alle Leidenschaft, allen Zauber, alle Gewalt hätte anwenden wollen und dürfen, das Herz des holden Kindes nicht widerspenstig geblieben wäre? Läßt er doch gerade sie zu ihm sprechen:

Nur wo du bist, sei alles immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich.

Nein, was hier vorging und das Wesen Goethe's so mächtig aufwühlte, was ihn aufs Krankenbett warf und dem Tode nahebrachte, spielte in den tiefsten Tiefen; es war die größte moralische Krise seit Italien. Zuerst hatte er sich in Marienbad „heiter und wie ins Leben zurückkehrend“ gefühlt, auch „so wohl als lange Zeit nicht“. Mitten aus dem Glückesrausch ertönt es:

So wird von Tag zu Tag ein Traum gedichtet,
Dem Wachen gleich, ein labyrinthisch Wesen.

Und an die arglos Unschuldige schreibt er:

Tadelt man, daß wir uns lieben,
Dürfen wir uns nicht betrüben,
Tadel ist von keiner Kraft.
Andern Dingen mag das gelten,
Kein Mißbilligen, kein Schelten
Macht die Liebe tadelhaft.

Doch bald erwacht „im engen Raum des lieb-lebend'gen Herzens“ Kampf und Widerkampf:

Trüb' ist der Geist, verworren das Beginnen.

In heiligem Angsterbeben eines noch nie Empfundenen flüchtet er aus seinen Qualen zu der Kunst des Herzens:

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Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön' um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew'ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götter-Wert der Töne wie der Tränen.

Der Kampf zwischen Sehnen und Sehnen tobte in des Dichters eigenem Busen, und wir verstehen ihn, wenn er jetzt aus Marienbad schreibt: „Das Bittersüße des Kelchs habe ich bis auf die Neige getrunken und ausgeschlürft.“ Denn was die Jungfrau ahnend empfand und später naiv aussprach, „keine Liebschaft war es nicht“, das war für den Mann eine plötzliche Erkenntnis über sein eigenes Wesen und Schicksal. Wenn diese Liebe den Charakter trägt einer unwiderruflich letzten, so liegt dies nicht allein in der Erkenntnis, daß er an eine Ehe mit Ulrike nicht ernstlich denken durfte, sondern vor allem in der Einsicht, daß er keine der Frauen, denen er im Laufe der vielen Jahre in Liebe und Leidenschaft zugetan gewesen war — auch nicht Friederike, auch nicht Lotte, auch nicht Lili — hätte ehelichen dürfen. Die Heiligkeit einer wahren Ehe beruht in der Hingabe an ein einziges Wesen; Goethe, sonst ein Meister in der Kunst des Sichbeschränkens, war dieser Tugend unfähig. Schon in seinem achtzehnten Jahre hatte er an seine Schwester geschrieben: Pour l'amour véritable, il ne faut pas qu'un Poète en sente, und in einer gereimten Fortsetzung dieser Stelle:

De l'amour seulement nous sommes amoureux.

Genau 60 Jahre waren jetzt vergangen, seitdem er die Wirtstochter Gretchen in Frankfurt geliebt hatte; mit Ausnahme des Zeitraumes, während dessen Schiller ihn erfüllte und das kleine Erotikon als Gegengewicht genügte, hatte er Frauenliebe nie entbehren können; ob er das Glück eines Lebens gefährdete, fragte er sich nicht; jetzt aber, wo er über sich selbst wissend geworden war, wo er als hochbetagter Mann die vergessene Erkenntnis seiner Knabenjahre wiedererlangt hatte, de l'amour seulement nous sommes amoureux, jetzt mußte er verzichten.

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst der Götter Liebling war;

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Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde.

Er entsagte, pilgerte bis an die Tore des Todes und genas — ein Greis.
    Die Produktivität dieses sich vom 56. bis zum 74. Lebensjahre erstreckenden Zeitraumes ist unübersehbar; in dieser Hinsicht bezeichnet sie ohne Frage den Höhepunkt. Die Gedichte reichen von Pandora bis zur Marienbader Elegie und umfassen den ganzen Westöstlichen Divan; an Romanen — eher als epische Dichtungen in Prosa zu bezeichnen — entstanden Die Wahlverwandtschaften und die Wanderjahre (erste Fassung); dazu dann, als autobiographisches Epos, die ersten 15 Bücher von Dichtung und Wahrheit und die Italienische Reise bis zur Rückkehr nach Rom: zwei Höhepunkte des unbedingt eigenartigen, nur diesem einzigen Manne möglichen Schaffens. Das alles wäre schon genug, möchte man denken, ein Leben auszufüllen. Neben der dichterischen behauptet sich aber ebenbürtig die naturerforschende Tätigkeit: die mehrbändige Farbenlehre — ein bis zur letzten Vollendung des Ausdrucks durchgefeiltes Werk — wird geschrieben, einschließlich der ausführlichen Geschichte der Farbenlehre und der Polemik; sobald dies aber geschehen ist, werden die anderen Naturstudien von neuem systematisch aufgenommen und die wichtigsten Betrachtungen und Ergebnisse in einer Art Zeitschrift unter dem Titel Zur Naturwissenschaft überhaupt, besonders zur Morphologie veröffentlicht. Außerdem entsteht eine Reihe wichtiger Beiträge über bildende Kunst und ihre Geschichte — von Winckelmann, am Vorabend dieses Zeitraumes, bis zu Leonardo da Vinci's Abendmahl, wozu noch grundlegende Schriften, wie Über Kunst und Altertum in den Rhein- und Maingegenden, zu rechnen sind. Diese flüchtig-fragmentarische Liste soll nur dienen, dem in den Daten weniger bewanderten Leser eine Vorstellung von der vielseitigen, schier unglaublichen Schöpferkraft dieses unseres mittleren Abschnittes in der zweiten Lebenshälfte zu geben. Von den Leistungen auf praktischem Gebiete — der aufreibenden Theaterleitung bis zum end-

77 Erstes Kapitel: Das Leben — Die zweite Lebenshälfte

lichen Bruche, 1818, der mehrere Jahre beanspruchenden völligen Neugestaltung der Bibliothek in Jena, der ununterbrochenen, mühereichen Sorge um die Vervollständigung aller Sammlungen — habe ich hier nichts gesagt, ebensowenig von der immer wachsenden Korrespondenz, welche trotz vielfacher Lücken neunzehn Bände der Weimarer Briefausgabe füllt.

c)   D i e   l e t z t e n   J a h r e,  1823-1832

    Es beginnt der letzte Lebensabschnitt. Der Greis spinnt sich ein in sein Haus und seinen Garten; nur selten verläßt er hinfürder Weimar, nie mehr überschreitet er die Grenzen des Großherzogtums. In rührend-verehrungswürdiger, emsig-rastloser Arbeit — oder, wie er sich selbst ausdrückt, „in grenzenloser, fast lächerlicher Tätigkeit“ — ist er beschäftigt, seine poetischen und wissenschaftlichen Werke zu Ende zu führen und aus der angehäuften Menge seiner Papiere das Mitteilenswerteste auszusuchen und zu redigieren; bald gesellt sich hierzu das Unternehmen, in einer Ausgabe letzter Hand sein gesamtes Lebenswerk in authentischer Fassung der Welt zu hinterlassen. Die Wanderjahre entstehen in der endgültigen Gestalt; die fünf letzten Bücher Dichtung und Wahrheit, die Annalen und der Zweite römische Aufenthalt beschließen die Memoiren; allerzarteste lyrische, allertiefste philosophische Gedichte vollenden die früheren Reihen. Immer mächtiger empfindet Goethe den unvergleichlichen Wert des Studiums der Natur; „diese Naturbetrachtungen“, schreibt er seinem Freunde, „möchten denn doch wohl das Letzte bleiben, was bei mir aushält“. Überdies ist es die eigentliche Epoche der meisterhaften Umherschau von gipfelnder Höhe: Kunst, Literatur, Naturhypothesen bieten nie versiegende Veranlassung zur Ausstrahlung geklärtester Weisheit. In den achtzehn Heften Über Kunst und Altertum sowie als Mitarbeiter an verschiedenen Zeitschriften spricht er sich in kurzen Essays über diese Frage aus; sein Interesse umfaßt alle Länder Europas, seine Stimme wird in ganz Deutschland und darüber hinaus gehört; * aus Frankreich, aus England, aus Italien, aus Rußland pilgern die Besten nach Weimar; sein Briefwechsel mit Männern in den verschiedensten Lebenskreisen wirkt wie ein geschickt ausgespanntes Spinnennetz, das jede Regung eines neuen Gedankens sofort an den Mittel-

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punkt meldet. Nie hat sich die rein geistige Größe zu so allgemeiner Anerkennung emporgearbeitet. Denkt man zurück an die grundsätzliche Abwendung von der Welt, die dieser zweiten Lebenshälfte als energischer Entschluß die Richtung gegeben hatte, so fallen Einem die Worte aus dem Divan ein:

Wo ich mir die Welt beseit'ge,
Um die Welt an mich zu ziehen!

    Innerlich aber tritt die Ruhe und Abgeklärtheit des der letzten Vollendung Entgegenreifenden ein. „Wie ein wachender Epimenides schaue ich beruhigt durch den Flor einer bewegten Gegenwart die vorübergezogenen Lebensträume“, schreibt Goethe an seinen Freund Graf Reinhard, und in einem Brief an Hegel finden wir das ergreifende Bekenntnis eines „immer mehr sich entwickelnden Seelenfrühlings“. Selbst der jähe Tod seines einzigen Sohnes (Oktober 1830) dient nur zu noch vollkommenerer Verklärung: „der große Begriff der Pflicht erhält ihn aufrecht“. Der Mann, der auf sein Leben als auf ein Übersehbares zurückschaut, erfaßt nunmehr auch das Wesen seines Liebens, „der ewigen Liebe Kern“, wie es in der Schlußszene seines jetzt erst der Vollendung entgegenreifenden Faust heißt. Sehen wir ihn auch in ein Verhältnis nach dem anderen verstrickt, so haben wir daraus weder auf Leichtsinn noch auf ungestümen Sinnendrang zu schließen; beides ist durch sein ganzes Wesen ausgeschlossen. Was zu Grunde liegt, ist vielmehr folgendes. Mehr vielleicht als je ein Anderer — selbst Plato nicht ausgenommen — ist Goethe ein Mann, der in Ideen gelebt hat; sein Metamorphosengedanke, seine vergleichende Morphologie, seine Farbenlehre bezeugen, daß sich ihm die ganze Natur in Ideen darstellte; ebenso die Liebe. Für Goethe wurde eine Pflanzengestalt erst lebendig, als es ihm gelungen war, sie zu allen anderen Pflanzen durch die Idee der Umgestaltung in Beziehung zu setzen; eine Farbe mußte er aus kontrastierender Wechselwirkung an und zu anderen Farben entstehen und bestehen sehen; überall, heißt das, lebte das Eine erst auf, wenn es als Hinweis auf das Andere erfaßt worden war, und was zuletzt seinen Sinn und sein Sinnen fesselte, war die ideelle Einheit des vielfältig Wahrgenommenen. Das Einzelne ist dann Offenbarer, Epitome, Symbol, Anagramm einer

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Wahrheit höherer Ordnung. Das nennt Goethe: „das Einzelne zur allgemeinen Weihe rufen“. Auch die einzelne Liebe ist für ihn ihrem Wesen nach vergänglich und ihrem Werte nach bedingt, bis sie diese Weihe empfangen hat.

Ins Herz zurück, dort wirst du's besser finden,
Dort regt sie sich in wechselnden Gestalten;
Zu Vielen bildet Eine sich hinüber,
So tausendfach, und immer, immer lieber.

Jetzt, auf der letzten Höhe des Daseins, wußte er es: nicht das eine oder das andere Weib, nicht die Diese oder die Jene hatte ihn „hinangezogen“ den langen, mühereichen Lebensweg, vielmehr würde jede Hingabe an eine Einzelne in ihrer Vergänglichkeit ihm für immer die Flugkraft gelähmt haben:

Doch merkt' ich mir vor andern Dingen,
Wie unbedingt uns zu bedingen
Die absolute Liebe sei.

Im Gegensatz zu jeder zeitlichen Liebe war es das   E w i g e   im Weiblichen, was ihn zu unsterblichen Werken hingerissen und zu höchsten Höhen ahnender Erkenntnis über sich selbst emporgehoben hatte; das Ewige im Weiblichen, das heißt, der Weltgedanke, den nicht das Weib allein verkörpert, der aber in ihm für uns Menschen besonders überzeugende Gestalt gewinnt, jene überall in der lebendigen Natur waltende Idee, die wir Liebe nennen; in
den Worten seines Pater profundus:

.... die allmächtige Liebe,
Die alles bildet, alles hegt,

das Prinzip der Fruchtbarkeit, des ewig neu keimenden Lebens, die Gewalt, welche bewirkt, daß Jugend, Unschuld, Kraft, Schönheit, Hoffnung nie entschwinden von dieser Erde, „die göttliche Kraft, von der man nicht aufhört zu singen und zu sagen“, der „herrschende Eros“, dem der große Chor „der sämtlichen Kreise“ am Schlusse der klassischen Walpurgisnacht gilt; die gleiche Gewalt, genau besehen, welche vor zwei Menschenaltern zu Rom in Goethe's eigenem Busen gegen die mephistophelischen Einflüsterungen der

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Selbstsucht und der Unfruchtbarkeit gekämpft und gesiegt hatte. So durfte ihm denn sein Lieben ein Symbol seines Lebens dünken; auf allen Gebieten hatte er das Zeitliche nur als Gleichnis aufgefaßt, als „Sprungbrett“ des Ewigen (wie Plato sagt); sein Verstand war ebensowenig flatterhaft wie sein Herz gewesen. In dieser Erkenntnis lag Trost für manche Schmerzen, auch Trost für die liebearme Vereinsamung des Alters; in ihr keimte des Greises „immer mehr sich entwickelnder Seelenfrühling“.
    Über Goethe's Tod einige Worte, denn er war ein würdiger Beschluß seines Lebens, friedlich, harmonisch, ohne den üblichen Kampf zwischen Leib und Seele. Schon bei der schweren Erkrankung des Jahres 1823, als Goethe dem Tode nahe gewesen war, hatte er im Gegensatz zu früheren Zeiten eine wunderbare Heiterkeit und Ironie bewahrt. Das Treiben der Ärzte, wird uns erzählt, betrachtete er, als wären es Experimente, die sie an einem Fremden machten. „Probiert nur immer“, sagte er, „der Tod steht in allen Ecken und breitet seine Arme nach mir aus, aber laßt Euch nicht stören; mich soll nur wundern, wie es werden wird.“ Und jetzt, am Vormittag des 22. März 1832, als die Ärzte nichts mehr „zu probieren“ wußten, umfaßte der Tod ihn nicht schreckhaft und grausam, sondern nahm ihn sanft und freundlich in die Arme. Gottlob ist jetzt durch sorgfältige Sammlung aller Dokumente, die irgend auf Glaubwürdigkeit Anspruch erheben können, * unwiderleglich festgestellt, daß der Sterbende die programmatischen Worte „Mehr Licht!“ nicht gesprochen hat; seine letzten bewußten Worte waren an die ihn treu pflegende Witwe seines Sohnes gerichtet und lauteten: „Komm, mein Töchterchen, setze Dich ganz nahe und gib mir ein Pfötchen!“ Darauf machte er sich's bequem in einer Ecke seines Lehnstuhles, und fast unmerklich vollzog sich der Übergang aus den Schranken der Zeit in die ungefesselte Zeitlosigkeit. „Kein Krampf, kein Zucken bezeichnete den furchtbaren Moment; er hörte nur auf zu atmen.“ Auch was in den vorangehenden Stunden sich zugetragen hatte, war friedlich und schön gewesen. Auf seine Bedienten gestützt, ließ er sich im Zimmer herumführen, schaute hinaus und fragte nach dem Tage; als man ihm sagte, es sei der 22. März, rief er erfreut aus: „Also hat der Frühling begonnen!“ Dann schlief er sanft ein und träumte von Gemälden. „Seht

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den schönen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken — in prächtigem Kolorit, auf dunklem Hintergrunde“, so sprach er im Traume. Erwacht, wollte er eine Mappe mit Zeichnungen durchblättern, stieß auch Worte aus, die den Kundigen vermuten lassen, sein Geist sei mit der Farbenlehre — diesem leidenschaftlichen Interesse der vierzig letzten Jahre seines Lebens — beschäftigt gewesen; gleich darauf stieg die Gestalt des Einzigen vor ihm auf; ein Blatt lag am Boden: „Warum“, rief er, „läßt man Schiller's Briefwechsel hier liegen?“ Dann zeichnete er in die Luft, mit erhobener Hand, eine alte Gewohnheit bei ihm; zuletzt schrieb er einige Zeilen mit einem Finger auf die Decke, die über seine Kniee geworfen war; die Anwesenden konnten sie nicht enträtseln; der Beschreibung Coudray's nach, der als Ingenieur und Architekt genau erblickende Augen besaß, scheinen es mir Verse gewesen zu sein. „Die eigentliche Geistestätigkeit erlosch erst mit dem Leben“, berichtet der Arzt. Das treue Pfötchen hielt er noch im Tode fest, „ewiger Liebe Kern“.

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Letzte Änderung am 19. Februar 2007