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Hereunder
follows the transcription of chapter 1 of Houston Stewart Chamberlain's
book Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich
1921. The 1st edition appeared in 1912.
Hieronder
volgt de transcriptie van hoofdstuk 1 van Houston Stewart Chamberlain's
boek Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann
A.-G.,
München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.
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13
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ERSTES KAPITEL
DAS LEBEN
(UMRISSLINIEN)
—
Das
Klare
vor dem Trüben, das Verständige
vor dem
Ahndungsvollen
vorwalten lassen,
damit bei
Darstellung
des Aeußern das Innere
im Stillen geehrt
werde.
Goethe
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14
(Leere Seite)
15 Erstes
Kapitel: Das Leben
Zur
Verständigung
Wie die Lebensgestalt, so stellt auch jeder
Lebenslauf ein bestimmt
gegliedertes Ganzes dar, in welchem es unterschiedene Teile gibt, die
zueinander und zum Ganzen in Beziehung stehen. Denn ebenso wie die
blinden Naturkräfte —
Zwecklose
Kraft unbändiger Elemente —
Tag und Nacht um jegliche Gestalt des Lebens stürmen und diese
sich nichtsdestoweniger behauptet, ebenso spiegelt sich des Menschen
geistiger und sittlicher Eigenwille gerade in der G e g e n
w i r k u n
g gegen die äußeren, täglich und stündlich
eingreifenden Zufälle wider und drückt dadurch den
chaotischen Ereignissen den Stempel seiner Individualität auf.
Gelingt es, das Organische an dem Lebenslauf sichtbar zu machen, so
erhalten wir die unentbehrliche Grundlage für die Untersuchung der
Persönlichkeit.
Bei dem Versuch, die wahre Gliederung eines Lebens
festzustellen,
hängt zunächst alles davon ab, daß man an dem
Gefüge das
Organische richtig erkenne und es nicht mit Zufälligem vermenge.
Anstatt die Gliederung dem Leben selbst zu entnehmen, ist es bei Goethe
allgemein üblich, das Leben nach den poetischen Werken
einzuteilen. Was soll hierbei herauskommen, wenn das dichterische
Hauptwerk sechzig Jahre umspannt? wenn andere Dichtungen, in Frankfurt
begonnen, erst nach der Rückkehr aus Italien vollendet werden? Bei
jedem schöpferischen Geist hängt die Durchführung und
Vollendung seiner Werke von zufälligen Umständen ab; solchen
Daten kann niemals organische Gliederung entnommen werden. Bei Goethe
kommt noch hinzu, daß die Hälfte seiner Lebensarbeit — die
Betrachtung der Natur — bei diesem Verfahren unbeachtet bleibt. Wir
wollen anders zu Werke gehen. Uns soll das Leben, das sichtbare Leben
leiten:
Denn das
wahre Leben ist des Handelns
Ew'ge Unschuld.
Wir werden nicht befürchten, dabei
oberflächlich zu
verfahren, da es von der Eigenart der Persönlichkeit abhängt,
ob ein Vorfall die Bedeutung eines entscheidenden Lebensereignisses
gewinnt oder nicht.
—————
16 Erstes Kapitel: Das Leben
Die
zwei Lebenshälften
Zunächst setzt sich der Organismus dieses
Lebens aus zwei fast
gleichen Hälften zusammen, die zweite nur um wenige Jahre
länger als die erste. Für das Verständnis des
Lebenslaufes ist diese Einsicht ohne Frage die wichtigste; selbst der
flüchtigsten Betrachtung kann sie nicht entgehen. Goethe ist im
Jahre 1749 geboren und stirbt im Jahre 1832; kurz vor Erreichen des
halben Weges, 1788, findet die Rückkehr aus Italien statt, wodurch
— wie wir bald sehen werden — eine scharfe Scheidungslinie zwischen den
zwei Lebenshälften gezogen wird; hier endet eine Phase, hier
beginnt eine neue.
Von der Geburt an bis zu dem Abschied aus Rom findet
bei Goethe eine
zwar unsystematische, aber ununterbrochene Entwickelung statt; manchmal
geht sie stürmisch vor sich, manchmal stockt sie unter dem Druck
der umgebenden Verhältnisse; still steht sie nie; auf jede Wirkung
erwidert der reichbegabte Mann sofort mit der Gegenwirkung. In einem
Bekenntnis seines fünfzehnten Jahres meint er: „Ich gleiche
ziemlich einem Chamäleon.“ Wohl schreitet Goethe unaufhaltsam
vorwärts, wohl hält er seinen drängenden Dämon
häufig in bewundernswerter Weise im Zaum — „meine Tenazität
ist unüberwindlich,“ schreibt er in seinem
dreiunddreißigsten Jahre — auch begeht er trotz einem dunklen
Ungestüm nur wenige nie wieder gutzumachende Fehler; er weiß
alles und jedes zur Bildung seines Geistes auszunützen:
nichtsdestoweniger macht er Schwankungen durch, die ihn fast aus dem
einzigen Wege werfen, der ihn zum Ziele führen konnte. Ein Symptom
dieser inneren Unsicherheit erblicken wir, wenn wir ihn auf dem
Höhepunkte seiner aufwärtsdrängenden Fortbildung, in
Rom, sich von neuem mit großer Energie auf die bildende Technik
werfen sehen, in dem Wahne, er sei möglicherweise doch zum Maler
und Bildhauer geboren, seine wahre Lebensbestimmung sei vielleicht
nicht Dichten und Naturerforschen, sondern die Führung des Spatels
und des Pinsels. Später nannte er dies selber „den vergeblichen
Aufwand eines dilettantischen Strebens nach bildender Kunst.“ Die
Bedeutung von Goethe's Verhältnis zur bildenden Kunst für
sein Dichten ziehen wir erst in einem späteren Teil dieses Buches
in
17 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zwei Lebenshälften
Betracht;
hier handelt es sich einzig um die erstrebte technische
Leistung, und da dürfen wir behaupten: ein derartiges
eigensinniges Mißverstehenwollen der offen am Tage liegenden
Anlagen, das leidenschaftliche Erstreben des Unmöglichen durch
einen mit besonnener Urteilskraft so reich begabten Mann deutet als
sichtbares äußeres Zeichen auf eine tief liegende innere
Krisis. * Doch mitten in dieser ärgsten Verwirrung — gerade in
Italien — findet nach und nach die endgültige Selbstbesinnung
statt. „Die Wiedergeburt, die mich von innen heraus umarbeitet, wirkt
immer fort .... ich habe mich ganz hingegeben und es ist nicht allein
der Kunstsinn, es ist auch der moralische, der große Erneuerung
leidet“, so heißt es aus Rom, schon in den letzten Tagen des
Jahres 1786. Kurz darauf: „Täglich werf' ich eine neue Schale ab
und hoffe als ein Mensch wiederzukehren.“ Und in der Tat, im
Sommer 1788 kehrt er aus Italien „als Mensch“ wieder, als der
zielbewußte, hinfürder unbeirrbare Goethe. Und zwar wirft er
nicht nur die Schale des Malers und Bildhauers ab; in dem Falle
würde es sich lediglich um eine ästhetische Erkenntnis
gehandelt haben; vielmehr wirft er auch alle anderen
Mißverständnisse ein für allemal von sich hinweg. Nie
mehr ist er Staatsmann — oder doch nur vorübergehend, unter dem
Drucke trüber Verhältnisse und in sehr untergeordneter Weise;
seine organisatorischen Gaben dienen von jetzt an nur mehr der
Ausgestaltung der ihm unterstellten Anstalten zur Erforschung der
sichtbaren Natur und zur Pflege der bildenden Künste, sowie
andrerseits der Begründung des deutschen dramatischen
Darstellungsstils; namentlich aber: er schenkt sich nicht mehr seiner
Umgebung, hinkünftig will er „sich weder um rechts noch links,
viel weniger um das Glück und Unglück eines Ganzen
bekümmern“; er widersetzt sich endgültig der Tyrannei der
starren, geisttötenden Hofansprüche, er gestaltet sich das
Leben von nun an, wie Er es braucht, an den andern ist es, sich darein
zu finden. Darum ist der sofort nach der Rückkehr aus Rom erfolgte
Bruch mit Frau von Stein von so entscheidender symptomatischer
Bedeutung; denn diese Frau — deren unvergängliche Verdienste um
Goethe wir bald besprechen werden — bedeutet demungeachtet in Goethe's
Leben, rein als Lebenslauf betrachtet, den systematischen Versuch, das
Genie an die Konvention zu binden, es mit der Gesellschaft zu
versöhnen, es
18 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zwei Lebenshälften
für
die „Carrière“ zu gewinnen; sie wollte eine Brücke
sein, und sie war es tatsächlich.
Gewiß,
ich wäre schon so ferne, ferne,
Soweit die Welt nur offenliegt, gegangen!
Bezwängen mich nicht
übermächt'ge Sterne,
Die mein Geschick an deines angehangen
schreibt Goethe an sie zwei Jahre vor seiner Flucht nach Italien. Jetzt
aber ward der Zwang gebrochen und die Brücke zerstört. Und im
selben Augenblick ward der Schutzwall errichtet, der Wall gegen die
Möglichkeit dessen, was Charlotten von Stein als
wünschenswert für Goethe vorgeschwebt hatte: diesen Wall
bildete das dauernde Verhältnis zu Christiane Vulpius.
In Wahrheit ist einem jeden Manne von Bedeutung nur
Ein Weg
möglich; es kann aber lange währen, ehe er diesen Weg
entdeckt. Denn zunächst scheint die ganze Welt ihm offen zu
stehen; um so mehr, wenn er vielseitig begabt ist und daher in jeder
Richtung der Reise Ziele erblickt, geeignet ihn hinauszulocken. Jetzt
aber wußte Goethe, welchen Weg zu gehen ihm bestimmt war; mit
eiserner Energie folgte er seinem Entschlusse, ihn zu gehen und sich
niemals, sei es nach rechts oder nach links, davon ableiten zu lassen.
Alles opferte er fortan dem einen Lebenszwecke: der klaren Erkenntnis
und der systematischen Ausbildung seiner Persönlichkeit, objektiv
durch die immer umfassendere Aufnahme alles ihm erreichbaren
Menschlichen und Außermenschlichen, subjektiv durch die
möglichst reine, klare, uninteressierte Widerspiegelung dieser
Eindrücke in poetischen, wissenschaftlichen, literarischen Werken,
ja, zuletzt fast in jedem Brief und in jedem Gespräch. „Mich
selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf
mein Wunsch und meine Absicht.“
Dieses Bewußtsein seiner Selbst hat immer
etwas vom
Auskristallisieren an sich und insofern auch vom Erstarren. Bei Goethe
fällt dies um so mehr auf, als er fortan der Zwingherrschaft der
Konvention durch die starr formgerechte Beobachtung des Konventionellen
begegnet. In der Jugend hatte er einem Kreise angehört, der dem
gesellschaftlichen Zwange, der gesellschaftlichen Lüge durch
genialisches Gebaren zu trotzen liebte; später, unter dem
Einfluß der Frau von Stein, wäre er nahe daran gewesen,
seine Haltung
19 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zwei Lebenshälften
wirklich
nach der Welt zu modeln; jetzt tat er weder das eine noch das
andere, sondern er nahm eine Maske und hielt sie sich vor das Gesicht —
seiner Freiheit, seiner Wahrhaftigkeit zulieb. Ein dauerndes Verdienst
der Frau von Stein um Goethe lernen wir hiermit kennen; denn sie in
erster Reihe war es, von der er gelernt hatte, diese Weltmaske
vollkommen zu formen; daß gerade sie am bittersten darunter
leiden sollte, ist ein echter Zug menschlicher Schicksalstragödie.
Unschwer begreift man es, wenn für viele Leute der Goethe aus der
jugendfrischen Entwickelungszeit mehr Anziehung besitzt als der
bewußte, bemaskte Goethe; doch ist dieser der größere.
Hier wird entsagungsvolle Selbstbeherrschung das Gesetz; hier werden
die Gaben, welche die Natur geschenkt hat, durch den Sinn und die
unablässige Arbeit der bewußt wollenden Persönlichkeit
zu Tugenden; hier tritt eine neue, rein geistige Askese in die
Erscheinung und gestaltet mit göttlich-gelassener Geduld für
kommende Geschlechter.
Wer aufmerksam hinsieht, wird verfolgen können,
wie tief diese
große Krise Goethe's Lebensfeste erschütterte. Zwar
berichtet er kurz nach der Rückkehr einem seiner Vertrauten, in
Italien seien „Freude und Hoffnung wieder ganz in ihm lebendig
geworden“; doch beide, Freude und Hoffnung, waren jetzt nach anderer
Richtung gewendet. Seine Freunde erkannten ihn bei der Rückkehr
aus Italien kaum, so tief war sein Wesen umgewandelt; auch
äußerlich fanden sie ihn sehr verändert; Caroline
Herder muß an ihren Mann berichten: „Es ist nur schlimm,
daß
Goethe immer seinen Panzer anhat.“ In den leidenschaftlich betriebenen
Naturstudien gewann nach und nach sein Gemüt das Gleichgewicht
wieder, doch erst die Annäherung an Schiller (1794) ist ein
untrügliches Symptom der moralischen Befestigung; die Entstehung
von Hermann und Dorothea
(1796—1797) — noch in späten Jahren
Goethe's eigenes „Lieblingsgedicht“ — bezeichnet den vollendeten Sieg.
So sind wir denn nicht nur berechtigt, sondern
verpflichtet, zwei
Epochen in Goethe's Leben zu unterscheiden; die äußeren
Ereignisse und die inneren Ereignisse, beide fordern uns dazu auf.
Diese Zweiteilung bildet die wichtigste Gliederung in dem
Lebensorganismus Goethe's; hier decken sich das Äußere und
das Innere genau.
—————
20 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Die
erste Lebenshälfte
Jedoch, wollten wir nur den Zeitraum 1749—1788 und
den Zeitraum
1788—1832 unterscheiden, so wäre das für die anschauliche
Auffassung des Lebensganges nicht genügend; darum müssen wir
jetzt seiner weiteren Gliederung nachforschen, d. h. wir müssen
festzustellen suchen, in welche organischen Bestandteile eine jede der
beiden Lebenshälften zerfällt. Beginnen wir mit der ersten.
Hier kommt es darauf an, aller geistreichen Kombinatorik aus dem Wege
zu gehen und die einfachen Tatsachen für sich sprechen zu lassen.
Tun wir das, so entdecken wir in der ersten großen Lebensepoche
vier deutlich voneinander unterschiedene Abschnitte, die
äußerlich unähnlich waren und demgemäß zu
verschiedenen Entwickelungsstadien des Inneren führten. Es sind
dies:
a)
Frankfurt, 1749—1765
b) Wanderzeit, 1765—1775
c) Weimar, 1775—1786
d) Italien, 1786—1788.
Die Frankfurter Jahre
sind die uns allen aus Dichtung und
Wahrheit so
wohlbekannten, an Eindrücken reichen Tage der Kindheit. Darnach
sehen wir Goethe — als Studenten, als Praktikanten beim Reichsgericht,
als angehenden Rechtsanwalt — in Leipzig, in Straßburg, in
Wetzlar, dazwischen immer wieder monatelang in Frankfurt; er unternimmt
seine ersten längeren Reisen nach der Schweiz und den Rhein
hinunter, knüpft mit vielen bedeutenden Männern Verbindungen
an, erfährt wiederholt die Freuden und die Leiden der Liebe,
dichtet viel, nimmt an den literarischen Tagesfehden teil. Auch
für diese Periode kann man auf Dichtung
und Wahrheit verweisen.
Inzwischen hatte die Bekanntschaft mit dem Erbherzog von Weimar
stattgefunden, und bald darauf war dieser regierender Herzog geworden;
es erfolgt die Einladung nach Weimar, die Ernennung zu Amt und
Würden, die dauernde Niederlassung im thüringischen Lande.
Goethe wird Staatsmann; er ordnet verfahrene Finanzen, baut
Straßen, legt Bergwerke an, hebt Rekruten aus, entwirft
Verfassungsänderungen; er ist nahe daran, sich in die allgemeine
Politik und in die Beziehungen zum Ausland so nachdrücklich
einzulassen, daß es für einen Mann
21 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
mit
seinem ausgesprochenen Verantwortlichkeitsgefühl kein
Zurück mehr gegeben hätte. Er selber schreibt über diese
Zeit der übermäßigen Ansprüche an seine
Arbeitskraft und Initiative: „Es scheint als wenn es eines so
gewaltigen Hammers bedurft habe, um meine Natur von den vielen
Schlacken zu befreien, und mein Herz gediegen zu machen.“ Zweck an sich
konnte jedoch diese Tätigkeit nicht sein, vielmehr war sie in
erster Reihe Zweck für ihn selbst; hatte er erst Erfahrung, Kraft,
Wirkungskreis gewonnen, so mußten neue Wege eingeschlagen werden.
Und siehe da, plötzlich entschwindet er nach Italien! Es ist eine
wahre Flucht, langer Hand im geheimen von ihm vorbereitet, seinen
nächsten Freunden, seinem Fürsten, ja selbst der Freundin,
welche wähnte, die Vertraute aller seiner Gedanken zu sein,
völlig unerwartet; erst als er die Grenze überschritten hat,
teilt er sein Vorhaben mit. „Ich habe nur eine Existenz, diese hab' ich
diesmal g a n z gespielt und spiele sie noch ....
komm' ich um, so
komm' ich um; ich war ohnedies zu nichts mehr nütze.“
Handelt es sich für uns im Augenblick auch nur
um eine
flüchtige Skizze, die im weiteren Verlauf des Buches manche
Ergänzung erfahren wird, so muß ich doch noch einige
wesentliche
Striche hinzufügen, damit diese Perioden der ersten
Lebenshälfte, deren äußerliche Unterscheidung sofort in
die Augen fällt, auch als innerliche organische Glieder
erfaßt
werden. Die nähere Einteilung der zweiten Lebenshälfte wird
dann erst einleuchtend wirken.
a)
F r a n k f u r t, 1749—1765.
Vor allem verweise ich hier noch einmal auf Dichtung und Wahrheit. Wer
eine ausführliche Lebensschilderung Goethe's unternehmen wollte,
müßte den Stil wählen, den er selber für einzig
angemessen fand; gerade die Fülle des unanfechtbar wahren
Einzelnen und Vereinzelten, die wir in diesem Fall besitzen,
ermöglicht es, die großen Züge zu einer Wahrheit
höherer Ordnung zu gliedern, zu einer poetisch—eindringlichen
Wahrheit anstelle des üblichen chronistischen
Tausendfüßlers, indem durch den neuen
kunstgemäßen Aufbau das Geringfügigste Bedeutung
erlangt und das scheinbar Zufällige dank der dichtgedrängten
Umgebung seinen bestimmten Platz in der Architektonik des Schicksals
erhält. So hat
22 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Goethe
die Aufgabe erfaßt; so hat er sie durchgeführt
für die
Jahre 1749—1775. Für die genannte Zeit wollen wir also immer
wieder zu dieser Quelle zurückkehren. *
Kindheit und frühe Knabenjahre, innerlich so
wichtig für die
Entfaltung der Persönlichkeit, bieten wenig, was
äußerlich als Ereignis Bedeutung besäße.
Allenfalls könnte man als erstes aller Lebensereignisse dasjenige
hervorheben, welches Tristram Shandy zu so vielen Kapiteln Stoff gibt;
Goethe selber betont zu wiederholten Malen die Vereinigung zweier
disparater Elemente in seinem Wesen. Doch muß ich darauf
aufmerksam
machen, daß die immer und überall angeführten
Scherzverse aus
den Zahmen Xenien in
Wirklichkeit — wie Jeder sich leicht
überzeugen kann — einem anderen Zusammenhang dienen und nicht die
exakte Bedeutung besitzen, welche Biographen ihnen beizulegen pflegen.
Vom
Vater hab' ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom
Mütterchen die Frohnatur
Und Lust, zu fabulieren.
Diese Worte können unmöglich buchstäblich gemeint sein.
Goethe ist keine Frohnatur; zu keiner Lebenszeit hätte er diese
Bezeichnung verdient; man braucht nur auf seine Mutter, die
prächtige Frau Aja, zu blicken, um den Unterschied gewahr zu
werden; dank ihren herzerfrischenden Briefen ist sie uns jetzt nahe
gerückt; keine Briefe der Welt gleichen weniger denen Goethe's. In
kindlich treuem Glauben fest, im Gemüte frei, von
unverwüstlicher Munterkeit, genau ebenso übermütig und
harmlos, wenn sie an die Herzogin Amalie, wie wenn sie an einen
verwandten Gevatter schreibt, erträgt sie ohne Murren die
Drangsale der Kriegsjahre, und auch Krankheit und Schmerz gleiten ab
von ihr, ohne etwas über diese urheitere Natur zu vermögen.
„Sowie ich in einen Zirkel komme, wird alles heiter und froh, weil ich
erzähle.“ Wenige Monate vor ihrem Tode, mitten im ärgsten
Kriegsgewirre des Jahres 1807, schreibt sie: „Ich finde alle Tage
etwas, das mich freut.“ Goethe dagegen bekennt von sich selber, er sei
„von Natur nachdenklich“, ihm habe die Vorsehung „eine konversierende
Gabe nicht verliehen“, und in Gesellschaft wisse er „nur didaktisch und
dogma-
23 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
tisch“
zu verfahren; ja, es sei ihm „eine böse Manier“ eigen,
durch welche „er sich manche Person entfremdet, andere zu Feinden
gemacht habe“. Wie er uns in Dichtung
und Wahrheit entgegentritt, ist
er ein ungewöhnlich gedankenvoller, träumerischer, zu
Grübeleien geneigter Knabe. Schon als kleines Kind hat er etwas
„Ernstes und Ahnungsgsvolles“, und als Knabe „zeigte sich der innere
Ernst, mit dem er schon früh sich und die Welt betrachtete, auch
in seinem Äußern, und er ward, oft freundlich, oft auch
spöttisch, über eine gewisse Würde berufen, die er sich
herausnahm.“ Diese „gewisse Würde“ des Knaben war die
Vorläuferin der Zurückhaltung und Feierlichkeit späterer
Jahre. Bei seiner Ankunft in Weimar, als er erst 26 Jahre zählte,
spotten die Einwohner über Goethe's „Perpendikulargang“, dessen
steife, übertriebene Würde um so komischer auffiel, als sein
Famulus Seidel, der ihm alles genau nachzumachen bestrebt war, einige
Schritte hinter seinem Herrn durch die Pfützen der wenig
gepflegten Straßen Weimars im selben Perpendikulargang
einherzustolzieren pflegte. Später klagte Goethe's treuester
Freund und Gönner, Carl August, es sei unmöglich, mit ihm
Briefwechsel zu unterhalten: „Goethe schreibt mir Relationen, die man
in jedes Journal könnte einrücken lassen; es ist gar
possierlich, wie der Mensch so feierlich wird.“ Feierlichkeit und
Frohnatur sind aber konträre Gegensätze. Heinrich Voß
(der jüngere), der Goethe und Schiller intim gekannt und beide bei
schweren Erkrankungen gepflegt hat, betont immer wieder Schiller's
„außerordentliche Heiterkeit“, die hinreißend gewesen sei,
von Goethe weiß er nichts dergleichen zu melden; und während
Schiller bei den ärgsten Leiden „die Sanftmut und Milde selber“
gewesen sei, habe Goethe als „etwas ungestümer Kranker“ zu
schaffen gegeben. Madame de Staël, die Goethe's Unterhaltungsgabe
über diejenige Diderot's stellt, bemerkt dennoch, daß er
zunächst Kälte und Befangenheit um sich verbreite. Und als
der Krieg an seinem Hause — freilich recht unsanft — pochte, verlor er
so völlig die Fassung, daß er seine Gemütsruhe und
vielleicht sogar sein Leben einzig der Geistesgegenwart und Energie der
guten Christiane verdankte; bei späteren kriegerischen
Verwickelungen sorgte die Familie möglichst für seine
Entfernung aus Weimar. Es tut wohl, sich die Worte Carlyle's an
Emerson ins Gedächnis zurückzurufen: „Es kommt ein Tag, wo
24 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Sie
begreifen werden, daß dieser sonnige, höfische Goethe
eine prophetische Trauer verschleiert in sich trug, so tief wie die
Dante's.... Kein Mensch kann sehen, was Goethe sieht, wenn er nicht
gelitten und gekämpft hat, wie selten ein Mann.“ Alles dies deutet
auf ein Temperament, welches kaum irgend eine Analogie mit dem der
unverwüstlich heiteren Mutter aufweist.
Ich würde an dieser Stelle nicht mit so
großem Nachdruck
darauf hinweisen, wenn uns diese angebliche „Frohnatur“ nicht als
Erbstück und darum als unbestreitbare Tatsache in jeder
Goethebiographie entgegenträte. Es ist dies der erste der vielen
falschen Züge, aus denen der konventionelle „olympische“ Goethe
hergerichtet wird, und zwar zunächst als „apollinisch heiterer
Jüngling“.
Die „Lust zum Fabulieren“ dagegen, also einen Teil
seiner geistigen
Anlagen, mag er wohl von der Mutter erhalten haben, wenngleich ihr
Temperament sicherlich weder einen Weißlingen noch einen Werther
geboren hätte. Von ihr erhielt er aber noch mehr: Goethe's Wesen
beherbergt ein ausgesprochen weibliches Element. Hierzu gehört
namentlich, was er als das „Grillenhafte“ an seiner Natur häufig
betont und worunter er bis über die erste Lebenshälfte hinaus
nicht wenig litt; das „planlose Wesen“, das plötzliche Umschlagen
der Stimmungen, ein Mangel an nachhaltigem Fleiß, den er nicht
früher überwand, als bis er in Weimar so viele Geschäfte
überkommen hatte, daß er zum Zeitverzetteln keine Muße
mehr fand. „Der Fleiß war ohnehin meine Sache nicht“; „ich
erfreute mich vorzüglich deswegen an seinem geregelten
Fleiße, weil ich mir von einem Verdienst, dessen ich mich
keineswegs rühmen konnte, durch Anerkennung und Hochschätzung
wenigstens einen Teil zuzueignen meinte“; „ich brauche Kunst, um
fleißig zu sein“. Dahin rechne ich auch eine Art „Dunkelheit und
Zaudern“, über die sich Goethe gegen Schiller beklagt, sowie einen
— wenn nicht gerade frohen, so doch leichten, fast leichtfertigen Sinn;
wie Frau Rat vergnügt am offenen Fenster speist, während
unten auf der Straße Verwundete und Gefangene einer der Armeen —
wie das Glück es fügt — vorbeigeführt werden, und ihre
Einquartierung mit Schweinebraten regaliert: „Abwehren kann ich's
nicht, zerzausen mag ich mich nicht lassen, ich esse mit“, ebenso
besitzt Goethe eine wunderbare Gabe, manches Schmerzhafte, Auf-
25 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
regende,
Entmutigende einfach von sich abzuschütteln und, wenn
nicht ganz unbeachtet zu lassen, wenigstens möglichst leicht zu
nehmen. Es ist dies, was Herder in seiner satirischen Art „das
Spatzenmäßige“ an Goethe nennt, ein entschieden Weibliches,
teils der Natur seiner Mutter stammverwandt, teils wohl von irgend
einer Urahne ererbt.
Weit schwerer fällt es, den Anteil des Vaters
zu bestimmen,
schon deswegen, weil der Vater eine in sich gekehrte,
unzugängliche Natur war, die darum in weniger sicher gezeichneten
Zügen vor unseren Augen steht. Doch was wir wissen, lehrt uns ihn
schätzen und gibt uns die Überzeugung, gar manches des Besten
in Goethe sei auf seine oder seines Stammes Rechnung zu setzen. Durch
die Mutter knüpft Goethe an Generationen von Hoflakaien,
Barbieren, Weinhändlern, Juristen, Magistratspersonen,
Stadtschreibern, Pfarrern, Professoren, Bürgermeistern an, durch
den Vater an den derberen Stand der Schuster, Böttcher, Schmiede,
Maurer, Landgastwirte, und, wenn es hoch ging, Schneider.
Spatzenmäßiges hat freilich der fleißige Mann von
eiserner Folgerichtigkeit und zäher Beharrlichkeit, der sich aus
bescheidenen Ursprüngen zum Kaiserlichen Rat emporgearbeitet hat,
nicht besessen, aber ein feuriges, edles, aufbrausendes Gemüt und
wahre Teilnahme für Kunst und Dichtung. Inmitten der kaisertreuen
Frankfurter begeistert sich Vater Goethe für den großen
Friedrich und gerät darüber mit seiner einflußreichen
Verwandtschaft in gefährlichen Streit; umringt von
kaufmännischen Seelen, die alles hinzunehmen bereit sind, wenn nur
der Beutel nicht übermäßig leidet, trotzt der stille
Deutsche dem Franzmann mit „leidenschaftlicher Verwegenheit“ ins
Gesicht: „Ich wollte, die Preußen hätten euch zum Teufel
gejagt, und wenn ich hätte mitfahren sollen!“ Worauf ich nun
aufmerksam machen möchte, ist dies, daß ein solches
Gemüt dem
eigentlich und wahrhaft Philiströsen beträchtlich ferner
steht als die gute Frau Aja. Während die ganze Familie sich
über die Anwesenheit der schmucken französischen Soldaten und
des französischen Theaters freut, schließt sich Vater
Goethe, äußerlich mürrisch, innerlich blutenden
Herzens, in seinem Zimmer ein. Dieser Mann war ein bewußter
Deutscher. Wir wollen ihn ehren.
Zunächst mag es wohl den Anschein haben, als
hätte Johann
Caspar Goethe mehr durch Beispiel und Ermahnung als durch die
26 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
unsichtbar
kreisenden Gaben seines Blutes auf den Sohn gewirkt. Doch
auch dies hätte viel zu bedeuten. Denn bei dem „fahrigen Wesen“,
dessen Goethe sich beschuldigen muß, bei seiner Abneigung, irgend
etwas Begonnenes zu Ende zu führen, wurde seine Jugend vor einer
vielleicht nicht mehr wett zu machenden Zersplitterung durch die
Gegenwart eines Vaters gerettet, der in liebevoller Geduld alle
Arbeiten mit dem Sohne teilte und nicht müde wurde, ihm
einzuschärfen, „das Beharren sei die einzige Tugend“. Die Kenntnis
von Zeichnungen, Stichen, Bildern, die Übung in der
sorgfältigen Behandlung aller dieser Dinge, das Verständnis
für Sammlungen aller Art, die musterhafte Ordnungsliebe, auch
manches andere Nebensächliche, was in Goethe's Leben bis ans Ende
Bedeutung besitzt, verdankt er den Lehren seines Vaters. Doch ich
glaube, wir können tiefer greifen: gerade in einigen zu Grunde
liegenden, halb verborgenen Zügen hat Goethe Blut seines Vaters in
den Adern. In jenen oben angeführten Versen lasen wir, Goethe habe
von seinem Vater „des Lebens ernstes Führen“; ursprünglich
hatte aber der Dichter geschrieben, er habe vom Vater „Auch Lebens
ernste Züge“; dem Reim zulieb, weil er nämlich sonst von der
Mutter die „Dichterlüge“ hätte geerbt haben müssen,
machte Goethe aus Züge „Führen“, was weniger genau stimmt. In
der Führung des Lebens waren beide Männer verschieden,
verwandt dagegen in gewissen Wesenszügen, die den bescheiden
beanlagten, im Bürgertum nur halb erst heimischen Volksmenschen
schließlich zum Misanthropen, den überschwenglich
Begabten dagegen zum Heros schufen. Goethe sagt einmal von seinem
Vater: „Weil er innerlich ein sehr zartes Gemüt hegte, bildete er
äußerlich mit unglaublicher Konsequenz eine eherne Strenge
vor“; wer erkennt nicht hier den Sohn im Vater? Der Goethe der zweiten
Lebenshälfte ist ein Mann, der „mit unglaublicher Konsequenz“
etwas „vorbildet“, um das vor aller Augen zu verbergen, was sein
Gemüt in Wahrheit erfüllt. Das zarte Gemüt, der
heilige Ernst, der verborgene Schmerz; dazu das Gefühl der eigenen
Würde, die freiheitliche Gesinnung bei unbedingter Hochachtung vor
festgeordneten Verhältnissen..., das alles und noch mehr sind
„ernste Züge“, die Goethe vom Vater geerbt hat; leichtlebige
Frohnaturen wissen von dergleichen nicht. Sicherlich hat er aber noch
Bedeutenderes von ihm
27 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
geerbt.
In dem Wert, den der Vater auf Sprichwörter und überhaupt auf
Volkssprüche legte, bekundet sich die urwüchsige Art des in
seinem Innersten noch mit der Scholle verwachsenen
Bauernsprößlings; und nicht nur hat sich diese Liebe in
auffallendem Maße auf Goethe vererbt, so daß Spruchbildung
und Spruchdichtung einen wichtigen Bestandteil seines Lebenswerkes
ausmacht, sondern hier wurzelt gewiß, zugleich mit der
unerschöpflichen, volksverwandten Bilderkraft seiner Sprache, auch
die auffallende Tatsache, daß seine Sentenzen, zahlreicher
vielleicht als bei irgendeinem anderen Dichter, nichts von der
künstlichen Überlegung eines verfeinerten Moralisten an sich
haben, sondern vielmehr vollkommen natürlich, überzeugend
einfach, sehr häufig voll versteckten Humors und kluger Ironie aus
einem üppigen Boden echten, breiten, gesunden Verstandes
hervorsprießen. Das alles stammt nicht von Hoflakaien,
Professoren, Magistratspersonen, sondern viel eher von kräftigen
Bauern, Böttchern, Wirten, Schustern. Und so sehen wir Goethe bei
zunehmendem Alter auch äußerlich seinem Vater ähnlich
werden und hören es ihn beklagen, daß er in seiner Jugend
nicht „einen Gran des Bewußtseins“ von dem Werte „dieses
schätzbaren Familienverhältnisses“ besessen habe.
Ein Drittes wäre zu nennen: die Stadt Frankfurt
selbst und die Umgebung, die sie dem aufwachsenden Kinde schuf. Nichts
ist in Dichtung und Wahrheit
meisterlicher geschildert als gerade dies; die alte Krönungsstadt
des heiligen römischen Reiches deutscher Nation lebt hier für
alle Zeiten. Dank dieser Umgebung taucht die Phantasie des
künftigen Dichters des Gottfried
von Berlichingen bis ins Mittelalter hinab. Hierdurch erweiterte
sich in einer Beziehung die erstickende Enge, mit der jede andere
deutsche Stadt zu damaligen Zeiten ihn umgeben hätte; aus allen
Gauen deutscher Erde sah der Knabe die Menschen zur Kaiserkrönung
zusammenströmen, und was ihn beschränkend umgab, war
wenigstens ein unmittelbares Reichswesen, nicht ein
Provinzpartikularismus oder eine geisttötende Hofresidenz. Dazu
dann der Siebenjährige Krieg und die lange Anwesenheit der
Franzosen.
Nicht ungenannt bleibe Cornelia, die um ein Jahr
jüngere Schwester Goethes, deren Wesen und Begabung sie ihrem
Bruder sehr nahe brachten, „eine tiefe und zarte Natur“ mit einem
„über
28 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
ihr
Geschlecht erhobenen Geist“. Die innige Vertrautheit mit dem
weiblichen Geschlecht, die bei Goethe von Jugend an auffällt, sein
Bedürfnis nach Umgang nicht allein mit jungen Mädchen,
sondern auch mit reifen Frauen und alten Damen, sobald sie durch
Gemüt, Geist oder Energie sich hervortaten, die Harmlosigkeit und
zugleich Schicklichkeit seines Verkehrs mit ihnen: alle diese
Züge, die für die Art seiner Entwickelung und seiner Poesie
von Bedeutung sind, haben sich unter dem segensvollen Einfluß
dieser Schwester ausgebildet, die ihm leider durch eine Ehe ohne
Glück früh entrissen wurde und schon 1777 starb.
b)
W a n d e r z e i t, 1765—1775
So trat denn der 16jährige Knabe nicht
übel vorbereitet seine
Wanderzeit an. Er hatte mehr gesehen, mehr Eindrücke an Kunst und
Leben in sich aufgenommen als die meisten seines Alters; und es wirkt
komisch, wenn der gute Junge sich in Leipzig eingeschüchtert
fühlt, weil man seine Kleidung altmodisch und seine Sprache
provinzmäßig findet. In Leipzig! dessen „Meißner
Mundart“ eine slavische Verhunzung der edlen deutschen Sprache bildet,
und wo heute noch, bei einer Bevölkerung von einer halben Million
Seelen, ein Menschenauflauf stattfindet, wenn ein Fremder einen Rock
oder einen Hut trägt, der in Kleinparis noch nicht gesehen wurde!
Nur wenige Jahre später schüttete Goethe bei einem Besuche
Leipzigs folgenden ergötzlichen Lavastrom aus dem Herzen: „Ich
kann nicht genug sagen, wie sich mein Erdgeruch und Erdgefühl
gegen die schwarz, grau, steifröckigen, krummbeinigen,
perückengeklebten, degenschwänzlichen Magisters, gegen die
feiertagsberockte, altmodische, schlankliche, vieldünkliche
Studentenbuben, gegen die zuckende, krinsende, schnäbelnde und
schwumelnde Mägdlein, und gegen die hurenhafte, strotzliche,
schwänzliche und finzliche Junge-Mägde ausnimmt.“ Damals
aber,
wo Gottsched und die Gottschedin vor kurzem gethront hatten, wäre
Leipzig nahe daran gewesen, sein „pedantisches Regiment“ ganz
Deutschland aufzunötigen; Goethe und Schiller, der Mainländer
und der Schwabe, kamen gerade noch zurecht, das Vaterland vor dieser
Katastrophe zu retten.
Studiert im eigentlichen Sinne des Wortes hat Goethe
in Leipzig sehr
wenig; er sollte die Rechte hören, hat aber, außer einigen
nebel-
29 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
haften
Literaturvorträgen bei Gellert, seine Zeit
hauptsächlich im Atelier des Malers Oeser zugebracht. Oeser ist
es, der ihn lehrte, „das Ideal der Schönheit sei Einfalt und
Stille“; von Oeser bezeugt er: „Er drang in unsre Seelen, und man
mußte keine haben, um ihn nicht zu nutzen“; der Eindruck blieb
unverwischbar; an Oesers Tochter schreibt Goethe: „Ich danke Ihrem
Vater das Gefühl des Ideals.“ Als wichtigstes Ergebnis der drei
Jahre in Leipzig dürfen wir Oesers hohe Schule der Einfalt
betrachten, welche auf diesem Wege von der Malerei aus in die
Dichtkunst Eingang fand.
Dazu kamen einige anregende aber vorübergehende
Freundschaften und
die schnell aufflammende und schnell verlöschende Herzensneigung
zu der niedlichen Wirtstochter Annette oder Kätchen
Schönkopf; die ältesten der uns erhaltenen Lieder Goethe's
sind an sie gerichtet. Damals schrieb Goethe noch unbefangene Briefe;
in einem an seinen originellen Freund Behrisch findet sich folgende
charakteristische Stelle über diese Liebe: „Ich sage mir oft: wenn
sie nun deine wäre, und Niemand als der Tod sie dir streitig
machen, dir ihre Umarmung verwehren könnte? Sage dir was ich da
fühle, was ich alles herumdenke — und wenn ich am Ende bin: so
bitte ich Gott, sie mir nicht zu geben“. Gott erhörte dieses
Gebet; Annette war bald mit einem Arzte verlobt, und Goethe konnte sie
aufrichtig beglückwünschen. Er selbst aber verfiel in ein
ziemlich ausgelassenes Studentenleben, dem seine stets zarte
Körperkonstitution nicht gewachsen war; ein Blutsturz hätte
ihn bald hingerafft; krank kehrte er nach Frankfurt heim und hat
eigentlich nie mehr eine sehr feste Gesundheit besessen. Auch diese
Tatsache ist biographisch aller Beachtung wert; denn die stereotype
biographische Märe hat uns eine Art herkulischen
Götterjüngling hingezaubert, der nie gelebt hat. Abgesehen
von einer echt patrizischen Lust, etwas reichlich zu essen und zu
trinken, besaß Goethe von Hause aus gesunde Neigungen; das war
sein Glück; sonst hätte er leicht in ähnlicher Weise wie
Schiller enden können. Brust, Hals, Herz blieben bei ihm sein
Leben lang anfällig; die Neigung zu heftigen Entzündungen hat
ihm manche qualvolle Erkrankung veranlaßt; die Verdauung stockte
leicht, und Gicht stellte sich frühzeitig ein; wer aus Briefen und
Tagebüchern die Nachrichten über Erkrankungen
zusammenträgt, erhält eine traurig lange Liste; im
30 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
fünfzigsten
Lebensjahre lag Goethe am Tode, seitdem öfters
wieder. * Zu alledem fast krankhaft reizbare Nerven. Als Goethe im
sechsundzwanzigsten Lebensjahre auf dem üblichen Saumpfade zum
Gotthardspital gemächlich hinansteigt — für jeden
kräftigen Jüngling eine herzerfrischende, leichte Aufgabe —,
klagt er über „Not und Müh' und Schweiß... Schwitzen
und Matten und Sinken“. Mehr infolge seines eisernen Willens und der
klaren Gesundheit seiner Seele erscheint uns Goethe als der Typus eines
gesunden Menschen, als wegen besonderer körperlicher Kraft; wie er
mit einigen dreißig Jahren an Lavater schreibt, er war viel
krank, aber „meist ohne es zu sagen, daß niemand frage, und der
Credit aufrecht bleibe“. Die Wahrheit ist interessanter als die
Märe. Wir wollen den Lombrosos das Vergnügen machen, es zu
gestehen: ein außerordentlicher Intellekt wird stets dem
Körper zu schaffen geben; mag in Leipzig des Jünglings
Leichtsinn einiges auf dem Gewissen haben, später war es der tiefe
Sinn, der an dem Körper zehrte; Goethe's schwerste Erkrankungen
fallen zumeist mit großen seelischen Erregungen zusammen, die er
unter der Maske des Gleichmutes zu verheimlichen liebte.
Jene erste schwere Erkrankung trug zum Reifwerden
Goethe's viel bei.
„Mein Gemüt war von Natur zur Ehrerbietung geneigt“, bemerkt er
von seinem frühen Kindesalter; in diesem Keim liegt alles; der
unreligiöse Mensch ist derjenige, dem Ehrfurcht fremd bleibt.
Jetzt vertiefte sich die Anlage, und zwar nach zwei Seiten zugleich: in
die Mystik des Vereintseins mit Christus und in die Mystik der
alchimistischen Natureinheit. Man nennt Goethe einen Heiden; er selber
liebte es in späteren Jahren, sich diese Bezeichnung beizulegen;
und doch kann ein Mann, der mit einundzwanzig Jahren sich zu folgenden
Gefühlen bekannte, nie ein Heide im unreligiösen, sondern
höchstens im unkirchlichen Sinne geworden sein: „Reflexionen sind
eine sehr leichte Ware, mit Gebet dagegen ist's ein sehr
einträglicher Handel; eine einzige Aufwallung des Herzens im Namen
des, den wir inzwischen e i n e n H e r r
n nennen, bis wir ihn u n s e
r n H e r r n betiteln können, und wir
sind mit unzähligen
Wohltaten überschüttet.“
Der diese Worte an einen Kameraden richtet, ist nach
anderthalbjähriger Pause von neuem auf die Universität
gezogen, diesmal
31 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
nach
Straßburg. Die Stadt mit ihrem Dom, die bunt gemischte
Bevölkerung, die herrliche Gegend: das war alles ein anderes als
Leipzig. Vom ersten Augenblick merkt man dem Jüngling an wie dort
den Druck, so hier die Freude. Wir fühlen es, die schlimmste
Klippe, die Goethe's heranreifende Jugend bedrohte, ist umschifft.
Alles dient jetzt der Fruchtbarkeit: die Mystik, weit entfernt, einen
Frömmler aus ihm zu machen, streift ihm nur die letzten
Überbleibsel der Dogmatik von der Seele ab; die Alchimie
führt ihn zur Beobachtung der Natur. Anstatt die Rechte zu
studieren, geht er mit seinen Medizin studierenden Kommilitonen in die
anatomischen und chirurgischen Vorträge; hatte der Maler Oeser den
Dichter Einfalt und Stille gelehrt, so lehrte ihn die exakte Forschung
genaues Hinsehen und Beachtung der inneren Struktur. Auch dies blieb
Goethe fürs ganze Leben gewonnen.
Und nun fand das große Ereignis statt: die
erste Begegnung mit
einem Manne, der zu einer anderen Spezies als die übrigen
gehörte, nicht mehr Homo sapiens,
unser wohlvertrauter
Alleswisser, sondern Homo genialis,
das heißt (wörtlich) der
„lebenzeugende“ Mensch. Freilich, um zu ermessen, was die Begegnung mit
Herder für den Jüngling bedeutet hat, in dessen Seele
keimhaft, Blatt um Blatt gefaltet, Weltenbilder schlummerten, die
bloß des Auferweckens harrten, muß man eine ungefähre
Vorstellung davon besitzen, was Herder war, und diese Vorstellung ist
leider außerhalb eines engsten Kreises nicht vorauszusetzen.
Herder's hellseherisches Ahnungsvermögen
trägt ihn beschwingt
in alle Fernen, sein Begeisterungsdrang siegt über jedes
Hindernis; längst entschwundene Zeiten, nie von ihm gekannte
Völker, sie stehen vor seinem Auge, er begreift sie, er liebt sie,
er erklärt sie uns; der Zartsinn ist sein Organ, wogegen die
Derbheit, sowie das, was Goethe als „Ironie“ preist, dieser
großen Seele fehlt; Herder's Genialität übertrifft bei
weitem sein Talent, das ist sein Verhängnis, das hindert ihn,
wahre Meisterwerke zu vollenden. Die Welt aber fragt nicht viel nach
dem Wesen eines Mannes, vielmehr nur nach seinen Taten; und als Tat
läßt sie einzig das gelten, was sich ihr mit Gewalt
aufzwingt. Sonderwesen jedoch gibt es, allzu zart und
eigenmäßig entwickelt, zu selbstbewußt und zugleich zu
empfindsam-geduldlos, einen unmittelbaren Eindruck auf die allgemeine
32 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Mittelmäßigkeit
zu machen, Wesen, die weder den nachsichtig
guten, sich herabneigenden Willen, noch die ausdauernde
Selbstbeherrschung besitzen, jene Ausgleiche einzugehen, dank welchen
Verständnis und Eindruck bei der Menge erzielt werden. Abgesehen
von seinem ungeheuren Wissen (geboren aus einer seltenen
Aneignungsfähigkeit) steht ein Herder auch in bezug auf das
Gebiet, wo seine Gedanken sich bewegen, und auf die Mannigfaltigkeit
der Farbenunterscheidung seines geistigen Spektrums der Mehrzahl seiner
Zeitgenossen bedeutend ferner als die meisten Männer, denen wir
die geniale Wirkungsart zuzuschreiben pflegen. In bezug auf ihn redet
Goethe von einem „mystisch weitstrahlsinnigen Ganzen, einer in der
Fülle verschlungener Geschöpfsäste lebenden und
rollenden Welt.“ Für Herder ist „Grenze“ gleich Tod; der
Hindernisse spottend, braust sein Geist durch alle Bereiche
menschlicher Interessen; nichts dünkt ihm unerreichbar, so
kühne Brücken weiß er über die gähnenden
Abgründe des Unvermögens zu werfen; das Beschränkte
schüttelt er wie einen teuflischen Zufall hastig ab und
läßt sich den Wahn der rein idealen Wirkungsgewalt nicht
entreißen. Prophet und Weltbeglücker: das ist es, wozu er
sich innerlich berufen fühlt. „Ich will mich so stark als
möglich vom Geist der Schriftstellerei abwenden und zum Geist zu
handeln gewöhnen!“ Gleich Goethe ist auch Herder ein universal
begabter Mann; diese Ähnlichkeit trug sicherlich viel dazu bei,
jeden der beiden dem andern leidenschaftlich in die Arme zu werfen;
doch griff das Unterscheidende tiefer durch als das Verwandte. Goethe
bezeichnet sich in späteren Jahren als „ein Talent, das nicht
umherschwärmt, sondern gleichzeitig aus einem gewissen Mittelpunkt
sich nach allen Seiten versucht“; dieser Mittelpunkt blieb
unverrückbar und verlieh sowohl den verschiedenen Bestrebungen des
Augenblicks wie denen der aufeinanderfolgenden Jahre organische
Einheitlichkeit; nicht die kleinste Bemühung ist umsonst, jede
dient dem Ganzen. Wogegen Herder's Lebenswerk heute wie ein
Trümmerfeld riesenhafter Bruchstücke, unausgeführter
Absichten, traumgebliebener Träume vor unseren verwirrten Blicken
liegt. Während sein schrankenlos weiter Sinn alles umfassen
wollte, blieb der innere Mensch mit sich selber uneinig, unfähig
sich zu klären, sich zu bändigen. Kein Universalgeist kann
den Widersprüchen entgehen; bei Goethe wirkten sie aber zu-
33 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
sammen
und bauten dadurch die Persönlichkeit ringsherum
körperhaft aus, indessen sie bei Herder die Seele zerrissen und
das Werk in Stücke zerschlugen. Dies reicht bis ins Einzelne, wo
wir dicht neben Einsichten und Vorahnungen, mit denen Herder die
bedeutendsten seiner Zeitgenossen überflügelt, neidische
Mißachtung des Erhabenen und verletzend-absichtliche
Patronisierung des Unbedeutenden finden. Und das Leben ist ihm
(wiederum im Gegensatz zu seinem im Götterschutze wandelnden
Freunde) so hart, drängt ihm so unaufhörliche, lästige,
nörgelnde, aufreibende Lohnarbeit auf, sein Heim ist so
angefüllt mit der Ruhelosigkeit eines ehrgeizigen,
argwöhnischen, pläneschmiedenden Weibes und mit der Sorge um
eine zahlreiche Familie, er sieht sich dadurch seiner inneren
Bestimmung — anstatt ihr entgegenzuwachsen — ferner und ferner
gerückt, sein Stolz muß so viel leiden, daß er immer
verbitterter wird und sich zuletzt mit aller Welt verfeindet, er, der
Liebesbedürftige! Auch Goethe verliert er, der doch von ihm das
schöne Wort gesprochen hatte: „Eines edleren Herzens und weiteren
Geistes ist nicht wohl ein Mensch.“ Ruht aber Goethe's Größe
in dem unauflöslichen Bunde jenes Mittelpunktes des
unverrückbaren Seins mit einem Kreis um Kreis sich
unaufhörlich erweiternden Werden, so daß er den Grundsatz
aufzustellen wagt: „Wir müssen nichts sein, sondern alles werden
wollen“, so bekennen wir voll Dank und Ehrfurcht: auf dieses Werden
Goethe's hat keiner annähernd so befruchtend und fördernd
gewirkt wie Herder. Denn Herder war eine Elementarkraft und gab ihm
alles auf einmal, den Stoff und auch den Geist, mit anderen Worten, die
Gegenstände, aus denen die größtmögliche Nahrung
zu schöpfen war, und auch die Richtung bergauf, der Sonne
entgegen. Goethe vergleicht diese Wirkung Herder's mit einer
„Göttererscheinung“, die „über ihn herabgestiegen sei, Herz
und Sinn mit warmer, heiliger Gegenwart durch und durch belebend.“
Herder gab ihm, wovon der akademische Pedant in Leipzig keine Ahnung
besessen hatte: den ersten Einblick in Geist und Geschichte der
deutschen Poesie, ja, aller Poesien; Herder war es, der ihn auf das
Volkslied wies und ihm die alten Balladen und Chroniken zuführte;
er lehrte ihn die Gotik schätzen; er schenkte ihm das tiefere
Verständnis für Shakespeare; er offenbarte ihm die alten
Griechen und machte ihn mit den modernen Romanschreibern Eng-
34 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
lands
und Frankreichs bekannt; mit den Vorarbeiten zu seiner P l
a s t
i k beschäftigt, besaß Herder bereits (in
Anschluß an
Winckelmann) umfassende Gesichtspunkte für die Beurteilung aller
bildenden Kunst.... Doch wozu alles aufzählen? Die Hauptsache
für Goethe war ja die Erfahrung, daß es überhaupt
Menschen von dieser Art auf der Welt gibt. „Was in einem solchen Geiste
für eine Bewegung, was in einer solchen Natur für eine
Gährung müsse gewesen sein“, schreibt er von Herder,
„läßt sich weder fassen noch darstellen.“ An dem verwandten Homo
genialis erkannte er zum ersten Mal seine eigene Bedeutung; der
Verkehr
mit Herder in Straßburg ist die Geburtsstunde des bewußten
Genies in Goethe. *
Nicht unerwähnt darf in dieser Skizze die erste
wahrhaft poetische
Liebe Goethe's bleiben, diejenige zu Friederike Brion, der Tochter des
braven elsässischen Pfarrers. Welche Leidenschaft den
Jüngling erfaßt hatte, beweist nichts besser als das Lied
Willkommen und Abschied, das
unmittelbarste und stürmischeste
Liebeslied, das wir überhaupt von Goethe besitzen. Man muß
es in
der ursprünglichen Gestalt lesen, wo es beginnt:
Es
schlug mein Herz; geschwind zu Pferde!
Und fort, wild, wie ein Held
zur Schlacht!
Wo ferner, statt der dämpfenden Korrektur späterer Jahre:
In
meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!
geschrieben steht:
Mein
Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in
Glut!
Auch die unsterblichen Schlußzeilen gewinnen an Eindringlichkeit
dadurch, daß er ihr, nicht sie ihm, nachsieht:
Du
gingst, ich stund und sah zur Erden,
Und sah dir nach mit nassem
Blick:
Und doch, welch' Glück, geliebt zu
werden!
Und lieben,
Götter, welch' ein Glück!
Und was wurde aus dieser Liebe, die z`u so hohen Worten begeistert
hatte? Gleich dem Nebelkleid, von dem in jenem Liede die Rede ist,
schwand sie vor der nächsten Morgensonne, und ihre Bedeutung
35 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
für
Goethe's Leben ist fast lediglich in dem Umstand zu finden,
daß sie zu jenem Gegenstück zu Hermann und Dorothea, der
duftend zarten Idylle im zehnten und elften Buch von Dichtung und
Wahrheit, die Veranlassung gab. „Sie hatte mich geliebt,
schöner
als ich's verdiente“, bekennt Goethe; und in der Tat, sobald die holde
Erscheinung ihm nicht mehr leibhaftig das Auge bezauberte, entschwand
sie aus seinem Vorstellungskreis, bis vierzig Jahre später die
Beschäftigung mit der Lebensschilderung sie von neuem hervorrief.
Gerade infolgedessen aber blieb diese Gestalt Friederikens
unberührt und bildkräftig wie kaum eine zweite.
In den letzten Wochen seines Straßburger
Aufenthaltes zog Goethe
seine juristischen Bücher wieder hervor, holte sich Rats bei
gutmütigen Vertretern des Faches, schrieb eine Dissertation und
promovierte zum Doctor juris.
Von nun an hieß er bei seinem Vater
und auch jahrelang bei manchen Anderen „der
Dr.“ *
Die nun folgenden Jahre sind die verworrensten in
Goethe's Leben. Das
Fahrige, Unstete, Planlose, Grillenhafte in seinem Wesen erreichte hier
den Höhepunkt; seine Mittel erlaubten ihm Willkür und Mangel
an Folgerichtigkeit in der Lebensführung, und das Genie hatte
Herder, selber der nie zu Bändigende, zwar geweckt und
aufgestachelt, nicht aber zu lenken verstanden. In Gottfried von
Berlichingen — nicht die uns allen vertraute
Theaterbearbeitung G
ö t z, sondern eine grenzenlos umfangreiche
dramatisierte Chronik,
die Goethe zweimal durcharbeitete — zeigte sich die gewaltige
gestaltende Kraft, zugleich der jugendlich herrische Unwille gegen
irgendwelche Beschränkung; wogegen andere Dichtungen in acht Tagen
(wie Clavigo) fix und fertig
als Improvisationen und
Gesellschaftsspiele entstanden, deren Lücken leicht zu tilgen
gewesen wären, hätte der Dichter die Ausführung nur ein
wenig sorgfältiger durchdenken und breiter ausgestalten wollen.
Übermütige Possen, die uns bedauern lassen, daß Goethe
dies
Genre, in dem er sofort die höchste Vollendung erreichte,
später mit seiner Würde nicht vereinbar fand, sprudelten
hervor und gingen leider meistens verloren: Götter, Helden und Wieland, Concerto
Dramatico, Pater Brey,
Satyros, Prolog zu den neuesten Offenbarungen Gottes usw. Kurze
Blätter (nach Herder's Art) redeten in dithyrambischer
Begeisterung von Shakespeare, von der gotischen Baukunst, von den
Grundwahr-
36 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
heiten
des Christentums. In den Frankfurter
Gelehrten Anzeigen besprach
der wenig wissende, doch alles ahnende Jüngling mit Ungestüm
die Neuerscheinungen auf den Gebieten der schönen Literatur, der
Religionslehre, der Ästhetik. Dabei war Faust schon begonnen, und
andere gewaltige dramatische Entwürfe — Julius Caesar, Prometheus,
Mahomet — gewannen nach und nach Gestalt. Mitten in diesem
Wonnetaumel
des sich selbst wie ein unentdecktes Land erforschenden
schöpferischen Geistes ließ sich Goethe an dem Reichsgericht
in Wetzlar als Praktikant anstellen und verbrachte dort, in der
lieblichen Gegend, die er mit seiner alten Leidenschaft für die
Natur nach allen Richtungen zu Fuß und zu Pferd durchquerte, eine
„Glückseligkeit von vier Monaten“ zwischen seinem Freund und
Kameraden, dem wackeren, kenntnisreichen Johann Heinrich Kestner, und
dessen Braut, Lotte Buff. Jeder weiß, wie es hier zuging; was
sein Werther nicht über sich vermochte, Goethe selber konnte es;
er hieß seinen Diener alles heimlich bereiten, ließ
Reichsgericht Reichsgericht sein und war eines Morgens verschwunden.
Mit Kestner und Lotte blieb er im besten Einvernehmen und in regem
brieflichen Verkehr, und als bald darauf der Tod eines anderen
Kameraden am Reichsgericht, des tiefsinnigen jungen Jerusalem, durch
Selbstmord erfolgte, da war ihm zu dem Roman, den er in Anlehnung an
Rousseau's und Richardson's Romane in Briefform als halbausgestaltete
Absicht schon lange bei sich trug, auch die dramatische Katastrophe
gegeben, die es nicht in seinem episch-beschaulichen Wesen gelegen
hätte zu erfinden. * Er ließ
sich alles mit juristisch
genauer Ausführlichkeit berichten und erreichte die ergreifende
realistische Wirkung des Schlusses durch die oft buchstäbliche
Verwendung der Worte und Handlungen des aus unglücklicher Liebe in
den Tod gegangenen Jünglings. Doch kommt für die Entstehung
des Werther noch ein Umstand
in Betracht; gleich nach seinem Fortgang
aus Wetzlar hatte Goethe Liebe gefaßt für Maximiliane von La
Roche, „eine Erscheinung vom Himmel“, die in der ihr vor kurzem
aufgezwungenen Ehe mit dem Bankier Brentano, einem guten, aber
nüchternen Manne, unglücklich lebte. So wechselvoll und
flüchtig waren die Eindrücke dieser Zeit!
Inzwischen hatte sich Goethe in Frankfurt im Hause
seines Vaters eine
rechtsanwältliche Kanzlei eingerichtet, studierte aber
37 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
förmlich
darauf, möglichst wenig zu tun zu bekommen; dieses
wenige überließ er außerdem, so viel es ging, seinem
Vater oder seinen Kollegen; „meine Praxis“, schreibt er einem Freunde,
„kann noch wohl in Nebenstunden bestritten werden.“ Dem viel
zerstreuten Manne blieben auch wirklich kaum mehr als Nebenstunden
für Berufsarbeiten. Goethe's Ruf als Dichter, der später
merklich verblaßte und erst in den letzten zwanzig Lebensjahren
die volle Höhe von neuem erreichte, stand damals auf dem
Gipfelpunkt. Gottfried hatte
große Achtung erobert, sogar der mit
Lob sparsame Herder schreibt: „Gott segne dich, daß du den
Götz
gemacht hast, tausendfältig!“ Doch beschränkte sich diese
Bewunderung, wie es in der Natur der Sache lag, auf einen gewissen
vaterländischen Kreis; Werther
dagegen eroberte die ganze Welt.
Der „Herr Dr.“ war jetzt „der Verfasser des Werther“ geworden und blieb
es für Viele fünfzig Jahre lang; noch 1808 kannte Napoleon
von Goethe nichts anderes als Werther.
Mit Goethe selber werden wir uns
der Erkenntnis nicht erwehren, daß bei dem ungeheuren Erfolg
dieses Werkes seine unvergleichlichen stilistischen Eigenschaften
verhältnismäßig wenig wogen, jedenfalls wenig zum
Bewußtsein kamen neben dem bloß stofflichen Interesse an
der
geschilderten Handlung. Wie dem auch sei, das Goethehaus war ein
Mittelpunkt geworden, wo jeder Schöngeist Deutschlands, den sein
Weg nach Frankfurt führte, einkehren mußte; Goethe war mit
einem Schlage l'homme à la
mode, und er ließ es sich auch
eine Zeitlang gefallen. Hätte der Zustand angehalten, es wäre
sein Verderben geworden; aus einer gewaltsamen Zerstreuung geriet er in
die andere und besaß nichts, fähig ihn zu binden,
außer dem sehr lockeren Zwang seiner Advokatenpraxis. Aus Weimar
schreibt er mehrere Jahre später an seine Mutter: „Sie erinnern
sich der letzten Zeiten, die ich bei Ihnen, ehe ich herging, zubrachte;
unter solchen fortwährenden Umständen würde ich
gewiß zu Grunde gegangen sein.“
Durch dieses „Hurrli“, wie er's einmal nennt,
hindurch, spielt nun eine Liebe, die Goethe selber später
gelegentlich als diejenige bezeichnet haben soll, die in seinem Herzen
am tiefsten Wurzel gefaßt hätte; auch ist es die einzige von
allen, die zu
einer förmlichen Verlobung geführt hat. Soret — ein Mann der
exakten Wissenschaft, geübt, täglich abends das Erlebte genau
aufzuschreiben —
38 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
will
am 5. März 1830 aus Goethe's Mund folgende Worte vernommen
haben: „Niemals bin ich meinem Glücke so nahe gewesen.“ Und
weiter: „Lili war die erste, für welche ich eine ebenso tiefe als
wahre Neigung gefaßt hatte, ja vielleicht auch die letzte; denn
derartige Beziehungen, wie sie mich in der Folge beschäftigten,
waren im Vergleich zu jener sehr flüchtige.“ Ein solcher Ausspruch
(den auch Eckermann fast wortwörtlich wiedergibt) wirft ein
eigentümliches, den Meisten gewiß unerwartetes Licht auf das
Verhältnis zu Frau von Stein; doch worauf ich vorläufig die
Aufmerksamkeit einzig richten möchte, ist die besondere
Beleuchtung, die hierdurch auf Goethe's Liebesleben überhaupt
fällt. Der Heirat hätte in diesem Falle nichts im Wege
gestanden: Lili Schönemann war die einzige Tochter eines reichen
Bankiers; sie war vortrefflich erzogen und gebildet, von Gestalt
bezaubernd und starken Charakters; in den Greueln der
französischen Revolution zeichnete sie sich
später aus, auch Goethe mußte ihre „Standhaftigkeit und
ausdauernde Großheit“ preisen; die Familie hatte, obwohl diese
Verbindung ihren Hoffnungen nicht entsprach, doch schließlich
eingewilligt. Nichtsdestoweniger kam es nicht zur Eheschließung;
denn kaum war dieser „ebenso tiefen als wahren Neigung“ durch die
gegenseitige Angelobung die endgültige Weihe zuteil geworden,
als Goethe, wild vor Angst, es könnte wirklich eine Ehe daraus
erfolgen, alles in Bewegung setzt, die Verlobung aufzuheben, und
schließlich einfach entflieht. Er unternimmt seine erste
Schweizer Reise und bricht dabei alle Beziehungen zu Lili ab. Doch als
er nach Frankfurt zurückkehrt, kann er der Versuchung einer
Begegnung nicht widerstehen, und der alte Zauber — das „so nahe
Glück“ — umfängt ihn von neuem. Da schreibt er nun an seinen
vertrautesten Freund Merck — es sind Kraftworte, doch wenigstens
erfahren wir genau, was Goethe zu jener Zeit empfand, nicht, was er
fünfundfünfzig Jahre später darüber dachte — also
er schreibt am 8. August 1775 an Merck: „Ich bin wieder scheißig
gestrandet, und möchte mir tausend Ohrfeigen geben, daß ich
nicht
zum Teufel ging, da ich flott war. Ich passe wieder auf neue
Gelegenheit, abzudrücken....“
Auf das Thema Goethe und die Liebe werden wir mehr
als einmal
Gelegenheit finden zurückzukommen; für den Augenblick
genügt es, wenn diese etwas derbe Aufrüttelung das Gefallen
an den
39 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Phrasen
unserer Literarhistoriker gründlich verscheucht.
Biographisch ward diese brennende Begier „abzudrücken“ zwiefach
entscheidend; denn nicht allein heiratete Goethe nicht in den
behäbigen Kreis reicher Kaufherren, sondern er ergriff hastig die
Gelegenheit einer Einladung an den Hof des jungen Herzogs von Weimar,
um auf diese Weise aus der Nähe des drohenden Glückes
wegzukommen und beliebig lange ihm fernzubleiben.
c)
W e i m a r, 1775—1786
Am 7. November 1775 zog Goethe in Weimar ein; es
ward sein Heim auf
immer.
Carl August, Herzog von Sachsen-Weimar (seit 1815
Großherzog) ist
eine der entscheidenden Gewalten im Leben Goethe's; ihm fiel die
Aufgabe des Schicksals zu; er zeigte sich ihr gewachsen. „Dieser von
der Natur höchst begünstigte, glücklich ausgebildete
Fürst ließ sich meine wohlgemeinten, oft unzulänglichen
Dienste gefallen und gab mir Gelegenheit, mich zu entwickeln, welches
unter keiner andern vaterländischen Bedingung möglich gewesen
wäre.“ Ohne den Ballast der Verantwortlichkeit hätte Goethe
seinen Lebenslauf nicht zu steuern vermocht; durch Carl August erhielt
er ihn; und zwar nicht drückend-starr und schematisch-eigensinnig,
sondern den Erfordernissen des Augenblicks mit einsichtigem Wohlwollen
angemessen. Um seiner Freiheit willen diente Goethe dem Fürsten,
um aus der bürgerlichen Einengung sich hinauszuretten und Luft zum
Leben zu bekommen.
Einen
Herrn
Erkenn' ich nur: den Herrn, der mich
ernährt.
Dem folg' ich gern,
sonst will ich keinen Meister;
Frei will ich sein im Denken und im
Dichten;
Im Handeln schränkt die Welt genug
uns ein.
Zwar häuften sich in den ersten Jahren nach und nach die amtlichen
Verpflichtungen; doch lediglich, weil es die Tendenz aller Politik ist,
die tatsächlichen Machtbefugnisse in eine Hand zu spielen; was im
alten Rom gewaltige Verhältnisse gewann, findet man in jeder
Dorfgemeinde angedeutet; im kleinen (damals noch kleineren) Herzogtum
Sachsen-Weimar geschah, was überall geschieht. „Goethe lebt und
regiert und wütet, und gibt Regenwetter und Sonnenschein,
40 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
tour à tour comme vous savez,
und macht uns glücklich, er
mache, was er will“; so berichtet Wieland wenige Monate nach Goethe's
Ankunft in Weimar. Zunächst gewann er den Einfluß, dann ein
Amt nach dem andern, schließlich trug er die Hauptlast aller
Verantwortung. Goethe — nicht der Herzog — hat das so gewollt und
bewirkt. Gerade aus jener Zeit enthält das Tagebuch das
Bekenntnis, er möchte noch mehr amtliche Verpflichtungen auf sich
nehmen, „wozu Gott Gelegenheit und Mut verleihe!“ Und kurz darauf
schreibt er an einen Freund: „Das Bedürfnis meiner Natur zwingt
mich zu einer vermannigfaltigten Tätigkeit, und ich würde in
dem geringsten Dorfe und auf einer wüsten Insel eben so betriebsam
sein müssen, um nur zu leben.“ Als jedoch die Bürde ihn zu
drücken begann und die Unfruchtbarkeit aller Politik seine Seele
ausdorrte, da zürnte der Herzog nicht; zur Empörung der
lieben Weimarer ließ er dem Freunde die Bezüge und enthob
ihn der Arbeiten und Verantwortlichkeiten; nur was dem Forscher und
Poeten kongenial war, was er selber wollte und wählte, behielt er
als Amtsgebiet. „Einen Mann von Genie an dem Ort gebrauchen, wo er
seine außerordentlichen Talente nicht gebrauchen kann,
heißt denselben mißbrauchen“, so lautete Carl August's
Bekenntnis. Fürstlicher hat nie ein Freund gehandelt.
Es zeugt von haarsträubender Urteilslosigkeit,
wenn man Goethe's
Betätigung im Dienste des Staates als einen Abbruch an seiner
dichterischen Bestimmung auffaßt. Über diese ewig erneute
Klage hat kein Geringerer als Merck sich schon 1778 empört:
„Goethe hat nicht das Geringste, wie die Esel prätendieren, von
seiner ehemaligen poetischen Individualität abgelegt, dagegen aber
an Hunger und Durst nach Menschenkenntnis und Welthändeln und der
daraus folgenden Weisheit und Klugheit wie ein Mann zugenommen.“ Kein
Zug an Goethe verdient mehr Beachtung als die Abneigung gegen
berufsmäßige Schriftstellerei und gar Poeterei. Goethe war
kein Literat; das Papier war nicht sein Element und die Feder
haßte er so sehr, daß er sie selten in die eigene Hand
nahm. Mit Ronsard hätte er ausrufen können:
Bons dieux! qui voudrait louer
Ceux qui,
collés sur un livre,
N'ont jamais
souci de vivre?
41 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Bei
Goethe ist alles souci de vivre.
Gerade so wie seine einzelnen
Gedichte Gelegenheitsdichtungen sind, ebenso liegt es im Wesen seines
Dichtens überhaupt, Schmuck und Freude des Lebens zu sein oder, in
einem höheren Sinne, Vollendung der Empfindung und des Gedankens,
nicht aber Gewerb und Erwerb, auch nicht einziger Inhalt und Zweck des
Daseins. Im Gegensatz zu seinem Tasso, von dem er Leonore sagen
läßt:
Sein
Auge weilt auf dieser Erde kaum
war sein Auge von dieser Erde leidenschaftlich erfüllt; allseitige
Tätigkeit war sein notwendiges Element, ohne sie verfiel er in das
Planlose, Uferlose. Goethe war auch kein Gelehrter — nicht in dem
beschränkten und beschränkenden Verstand, den die deutsche
Sprache diesem unseligen Worte angehängt hat; seine Abneigung
gegen den Kastensinn, den Intriguengeist, die Engherzigkeit, die
Verstocktheit der deutschen Universitätsprofessoren, sobald er sie
nicht einzeln zu seiner Belehrung heranziehen konnte, sondern sie in
corpore vor sich erblickte, wirkt manchmal fast erheiternd, so
tief
steckt in ihm dieser gereizte Widerwille, den wohl jeder freigesinnte
Mann ihm nachfühlt. „Die Masse der unzulänglichen
Menschen“, schreibt er über die Fachgelehrten, „die einwirken und
ihre Nichtigkeit aneinander auferbauen, ist gar zu groß.“ Darum
war es seiner Natur vollkommen gemäß, im praktischen Leben
zu stehen, im organisierenden, Tatsachen erschaffenden. Ohne einen
großen, belangreichen und wichtigen Wirkungskreis hätte
seine geistige Entwickelung nie die Höhe erreichen können,
die wir sie nach und nach erklimmen sehen. Bis zu seinem Tode hat er
Amtsgeschäfte verwaltet; zwei Tage vor seinem Hinscheiden
unterschreibt er das letzte Aktenstück. „Der Druck der
Geschäfte“, heißt es 1779 in seinem Tagebuch, „ist sehr
schön der Seele; wenn sie entladen ist, spielt sie freier und
genießt des Lebens.“ Dagegen wäre es freilich bedauerlich
gewesen, wenn er in ein größeres Staatswesen hineingeraten
wäre, denn dieses hätte seine Lebenskräfte ganz
aufgesogen; darum sagt er von Weimar: „Ich danke Gott, daß er
mich bei meiner Natur in eine so eng-weite Situation gesetzt hat.“ In
der Tat hat Goethe gerade in den elf ersten, amtschweren Weimarer
Jahren eine Anzahl seiner herrlichsten Schöpfungen ersonnen. Ich
42 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
nenne
von den Dramen Egmont (dieses
eine Werk allerdings schon
früher im Geiste entworfen), Iphigenie,
Tasso, Elpenor, Die
Geschwister; freilich nur das letzte in der vollendeten Gestalt;
doch
auch aus dieser Tatsache darf man keinen voreiligen Schluß
ziehen, denn als er diese Werke später, bei Gelegenheit der ersten
Herausgabe seiner Gesammelten
Schriften, umzugestalten und stilistisch
auszufeilen unternahm, da fand es sich, daß er in Italien, wo
beliebig viel Muße ihm zur Verfügung stand, allem
Drängen des Verlegers zum Trotze selbst mit dieser sekundären
Arbeit nicht fertig werden konnte und sie auch tatsächlich erst
nach der Wiederaufnahme der Amtstätigkeit vollendete. Von anderen
poetischen Werken aus diesen ersten Weimarer Jahren nenne ich Wilhelm
Meister (erste Fassung), die Neubearbeitung des Werther, Hans Sachsens
poetische Sendung, Ilmenau, Harzreise im Winter, Die Geheimnisse, Auf
Miedings Tod, Zueignung, von den Balladen: Der Fischer,
Erlkönig, aus der reinen Lyrik solche himmlischen Gestalten
wie
Rastlose Liebe, Füllest wieder
Busch und Tal, Der du von dem
Himmel bist, Über allen Gipfeln ist Ruh', die Mignon- und
Harfnerlieder ... Zugleich blühen in diesen selben Jahren
die
naturwissenschaftlichen Studien auf: die Mineralogie, die Geologie, die
vergleichende Anatomie, die Botanik; im März 1784 findet die
Entdeckung des Zwischenkieferknochens statt; schon im April 1785 deutet
Goethe verhüllt auf die Metamorphose der Pflanzen.
Carl August hat also seinem Freunde den moralischen
Boden gegeben, auf
dem er stehen, auf dem er das „fahrige Wesen“ bezwingen lernen und
dadurch seinen Geist zur höchsten Blüte treiben konnte.
Zugleich schenkte er ihm in den seiner Leitung später
unterstellten Instituten und Bibliotheken des nahen Jena einen
vollständigen wissenschaftlichen Apparat für seine
Naturstudien. Gewiß: Goethe war Goethe; doch ohne Carl August
wäre er nicht der Goethe geworden, den wir heute verehren. „Geben
Sie mich mir selbst, meinem Vaterlande!“ ruft in jüngeren Jahren
der Dichter dem Fürsten zu; als Sechzigjähriger schreibt er:
„Dem Herzog von Weimar bin ich von jeher alle Bedingungen eines
tätigen und frohen Lebens schuldig geworden.“ Wogegen Weimar
selbst, als Ort und auch als menschliche Umgebung, ohne alle Bedeutung
war und blieb. Zwar gelang es Carl August, außer Wieland und
Goethe
43 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
noch
Herder und zuletzt Schiller zu gewinnen, glücklich jedoch
scheint sich keiner in Weimar gefühlt zu haben. Herder klagt
bitter über „das wüste Weimar, das unselige Mittelding
zwischen Hofstadt und Dorf“; Wieland spricht von dem „armseligen
Weimar, in dem es immer an allem fehlt“; Knebel (ihrer aller
Herzensfreund) berichtet über ein Mittagsmahl bei Hofe in Weimar:
„Rohe Grobheit und öde Langeweile dazu, mit Respekt aufgestutzt“;
Merck, der scharfblickende, redet von einem „Dreckwesen“; Schiller
schreibt, als er vier Jahre in Weimar gelebt hat: „Es gefällt mir
hier mit jedem Tage schlechter“; „es ist überall besser als hier“;
und fügt die ergreifenden Worte hinzu: „Ich bin nicht willens in
Weimar zu sterben“; Goethe nennt Weimar, nachdem er einige Jahre dort
tätig gewesen, kurzweg „das Loch“; er bekennt: „Der Wahn, die
schönen Körner, die in meinem und meiner Freunde Dasein
reifen, müßten auf d i e s e n Boden
gesäet, und jene
himmlischen Juwelen könnten in die irdischen Kronen d
i e s e r
Fürsten gefaßt werden, hat mich ganz verlassen“, und von dem
Leben
in Weimar sagt er: „Es ist wirklich eine Art der fürchterlichsten
Prosa hier, wovon man außerdem nicht wohl einen Begriff
hätte.“ Daß Goethe, die eigene heiße Sehnsucht
bekämpfend, lebenslänglich da verblieb, geschah aus Gehorsam
gegen ein inneres Gebot:
Frage
nicht, durch welche Pforte
Du in Gottes Stadt gekommen,
Sondern
bleib' am stillen Orte,
Wo du einmal Platz genommen.
In diesem fürchterlichst prosaischen aller Orte
lebte nun
Charlotte von Stein, die Gattin des herzoglichen Stallmeisters; zur
Zeit, als der 26 jährige Goethe in Weimar eintraf, war sie 33
Jahre alt und hatte sieben Kinder geboren. Ihr Vater war in Weimar
Hofmarschall, sie selbst wurde schon mit 15 Jahren Hofdame, fast alle
ihre Verwandten hatten Hofämter inne. Und dennoch stach sie im
Wesen von den übrigen Frauen dieses Kreises ab; das mochte wohl
von ihrer Mutter herzuleiten sein, einer Irving, aus vornehmem
schottischen Geschlechte. Charlotte hatte gar manches vom Schotten an
sich: so das Praktische, Kluge, Beharrliche, auch die (an Carlyle und
anderen Schotten auffällige) Unsentimentalität, wovon uns in
44 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Familienmemoiren
köstliche Beispiele aufbewahrt sind. Als Schiller
zum erstenmal (1787) Weimar vorübergehend besucht und über
die dortige adlige Gesellschaft und die geisttötende Langeweile,
die sie um sich verbreitete, an Körner berichtet, fügt er
hinzu: „Die beste unter allen war Frau von Stein, eine wahrhaftig
eigene interessante Person, und von der ich begreife, daß Goethe
sich so ganz an sie attachiert hat. Schön kann sie nie gewesen
sein, aber ihr Gesicht hat einen sanften Ernst und eine ganz eigene
Offenheit. Ein gesunder Verstand, Gefühl und Wahrheit liegen in
ihrem Wesen.“ Ungefähr zur selben Zeit klagt Carl August in einem
Brief an Knebel über die Vereinsamung seiner Gattin, der Herzogin
Luise, unter den Damen Weimars, von denen keine für wahre
Freundschaft in Betracht kommen könne außer „der Stein und
der Herder“, die aber auch „zu leicht“ *
seien. Goethe selber
schreibt, „außer Charlotte und Herder wäre er in Weimar
allein“. Dies alles muß man sich wohl gegenwärtig halten,
will
man das nun anhebende Verhältnis zwischen Goethe und Charlotte
von Stein richtig beurteilen lernen. In Weimar lebte bei seiner Ankunft
kein einziges anderes weibliches Wesen, an das sich ein Goethe
hätte anschließen können; eine Wahl gab es nicht. Ohne
eine derartige Beziehung aber wäre seine dortige Lage unhaltbar
gewesen. Der Hof in Weimar war, was alle Höfe sind: eine
abgeschlossene, jedes fremde Element instinktiv abstoßende
Körperschaft; „Kröten und Basilisken“ nennt sie Goethe. Auf
welcher geistigen Stufe der Adel einer solchen Residenz stand, kann man
daraus entnehmen, daß er noch 1799 in Entrüstung geriet und
höhnische Zirkulare herumlaufen ließ, weil der „adeliche
Clubb“ wegen der Proben zu der Erstaufführung von Schiller's
Piccolomini den Theatersaal
nicht am üblichen Tage zu seinem Ball
erhalten konnte. Als Goethe dort eintraf, um diese Gesellschaft zu
amüsieren, ließ sie es sich gefallen; als er in Amt und
Würden einrücken sollte, war die Empörung allgemein;
Carl August's treue Hand hielt ihn zwar — aber jedes Fürsten Macht
ist beschränkt, und Goethe war in solchen Verhältnissen
völlig unerfahren und von Hause aus nicht geschaffen, sie durch
diplomatische Verschlagenheit zu überwinden. „Ich bin nicht zu
dieser Welt gemacht“, gesteht er in seinem damaligen Tagebuch, „wie man
aus seinem Hause tritt, geht man auf lauter Kot; und weil ich mich
nicht um Lumperei kümmere,
45 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
nicht
klatsche und solche Rapporteurs nicht halte, handle ich oft
dumm.“ Zu einer Zeit, da Goethe schon drei volle Jahre in Weimar
weilte, schreibt Wieland in bezug auf ihn an Merck: „Du kannst Dir
kaum vorstellen, wie verhaßt hier der Name eines schönen
Geistes ist“; und noch im Herbst 1779 muß er melden, die Stimmung
der Weimaraner gegen Goethe „grenze nahe an die stille Wut“. Sollte und
wollte und mußte Goethe — der fremde Bürgerssohn — eine
vertrautere Anknüpfung zur unterrichtenden Anleitung, zur
allseitigen Vermittelung, zur klugen Überbrückung
täglich neu auftauchender Hindernisse besitzen — und daß
dies unerläßlich war, liegt auf der Hand — dann kam
hierfür einzig und allein Charlotte von Stein in Betracht. Bald
nach dem Entschlusse, in Weimar zu bleiben, schreibt er: „An die Stein
bin ich so was man sagen möchte geheftet und genistelt“; aber auch
sechs Jahre später berichtet er an einen genauesten Kenner
Weimarer Verhältnisse, Karl Ludwig von Knebel: „Die Stein
hält mich wie ein Korkwamms über dem Wasser.“ Womit
natürlich nicht angedeutet werden soll, er habe Liebe geheuchelt,
sie für seine Pläne zu gewinnen; das wäre ein
lächerliches Mißverständnis; vielmehr handelt es sich
hier lediglich um die Einsicht, welche unentrinnbare Notwendigkeit hier
vorlag. In dieser Notwendigkeit wurzelte die Kraft des
Verhältnisses zwischen Goethe und Charlotte, nicht in der Liebe,
die in diesem Falle eher einem künstlich zu üppiger
Blüte getriebenen Gartengewächs, als einer erdgeborenen
Naturpflanze zu vergleichen ist. Sobald darum mit Goethe's wachsender
gesellschaftlicher Meisterschaft der bedingende Zwang nach und nach
zusammenzuschrumpfen anfing, da begann auch — lange vor der Flucht nach
Italien — das vertraute Verhältnis langsam, unmerklich, Tag um Tag
an bindender Gewalt zu verlieren.
Um Charlotte von Stein richtig zu beurteilen, darf
man die echt
schottische kühle Schärfe des Verstandes, gepaart mit einer
gewissen Dürftigkeit in der Befähigung zu hingebender
Begeisterung, nie übersehen. Henriette von Bissing, Charlottens
Großnichte, die in ihrem Leben
der Dichterin Amalie von Helvig
die authentischen Familientraditionen bringt, spricht von ihr als einer
praktisch klugen Frau mit „kühlem Verstand“ und „unbeirrter
Gewissenhaftigkeit“; Knebel, der bis ans Ende in engstem
Freundschaftsverhältnis zu ihr
46 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
gestanden
hat und bekennt, von ihr „am meisten Nahrung für sein
Leben zu ziehen“, betont nichtsdestoweniger ihre „leidenschaftslose
Disposition“ und sagt: „Sie ist ohne Enthusiasmus“; Lotte Lengefeld
schreibt an Schiller: „Die ganze erste Zeit unserer Bekanntschaft
schreckte mich ihre Kälte oft ab“; die Herzogin-Mutter Amalie
erzählt: „Die Stein spricht von Rembrandt und Van Dyck, daß
Einem eiskalt wird“; selbst gegen die eigenen Söhne pflegte sie
sich so kalt zu benehmen, daß, als sie den einen „herzlich
umarmt“, er sich sofort hinsetzt, seinem Bruder von diesem seltenen
Ereignis zu schreiben, das ihn „fast bis zu Tränen gerührt
hatte“. Goethe selber rühmt Charlotten „Güte, Weisheit,
Mäßigkeit, Geduld“ nach und bezeichnet als ihre
hervorstechende Gabe den Besitz der „vielen Mitteltöne“, die bei
Anderen nicht anschlagen; hingegen muß er nicht selten um „ein
Bißchen Wärme“ betteln, er findet ihre Briefe „kalt“,
beneidet sie um ihr Talent, „so viel ruhiger und glücklicher zu
lieben“ als er, seufzt über „den seltsamen Druck auf die Seele“,
welchen ihr Betragen ihm verursache usw. Nie verlor sie eben — auch
Goethe gegenüber nicht — eine gewisse überlegene Ruhe und
hat, bei aller Anerkennung seiner unvergleichlichen Begabung und bei
aller Treue in der Förderung seines Wohles so unnachsichtig
über ihn geurteilt, daß wir schon daran allein die Grenzen
ihres geistigen Horizontes gewahr werden: dem Außerordentlichen
gegenüber Ruhe bewahren ist sicheres Zeichen von
Beschränkung. Das Unbedingte, was die Frau selbst dann ziert, wenn
es sie blind macht, und worin aller Heroismus ihres Geschlechtes Leben
schöpft, fehlt hier. Mit dem unbeirrbaren Instinkt des Weibes hat
sie ihre Briefe an Goethe zurückgefordert und vernichtet und
dadurch zur Idealisierung des Verhältnisses in der Vorstellung der
Nachwelt gewiß viel beigetragen; denn ihre Briefe — das ersehen
wir aus den seinen — müssen manches herbe Wort unnachsichtig
ausgesprochen haben. Doch zwei kleine Dramolette besitzen wir von ihr —
das eine zuerst im Jahre 1776, also bald nach dem Bekanntwerden mit
Goethe geschrieben und anfangs der achtziger Jahre überarbeitet,
das andere etwa 1796, also lange nach dem Bruche entstanden — und jedes
enthält eine so grausame Verspottung Goethe's, daß man mit
Schmerz die Unzulänglichkeit des Urteils und die nicht
abzuleugnende Herzensdürre dieser Frau beklagen muß. Von
anderen Weimaranern
47 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
kann
man behaupten, sie waren unfähig, eine Erscheinung wie
diejenige Goethe's überhaupt zu erkennen; ihnen war er ein Mensch
unter anderen Menschen; Charlotte aber — ich glaube, wir dürfen es
so aussprechen — Charlotte trat ihm zu nahe für den Horizont ihrer
Begabung: weil sie ihn gut kannte, verkannte sie ihn; nicht von ihm
geliebt, nicht die Vertraute seiner Träume und Hoffnungen,
hätte sie ihn weit richtiger beurteilt. Ohne Frage hat Goethe
selber hierbei viel verschuldet, indem er immer wieder durch
Leidenschaft die Beziehung überspannte und einen Ton
hineinbrachte, der zu Charlottens Wesen nicht stimmte; wogegen
Charlotte es verstand, durch Reserve und, wo es sein mußte,
Härte jahrelang den Zusammenbruch abzuwenden. Wir hörten
vorhin Goethe selber erklären, Lili Schönemann sei die letzte
gewesen, für die er eine „wahre Neigung“ gefaßt habe, alle
späteren Beziehungen seien „im Vergleich zu jener sehr
flüchtige“ gewesen; als er diese Worte sprach, war Frau von Stein
schon seit Jahren tot; Rücksicht gegen sie gebot also keine
Zurückhaltung. Er hatte eben selber inzwischen längst
erkannt, daß hier wohl wahre vertrauensinnige Freundschaft,
durchwoben mit verworrener, schmerzlicher Leidenschaft, geherrscht
hatte, nie aber echte, heilige, allgebietende Liebe; vielmehr war diese
Liebe eine auf- und abflackernde Wahnvorstellung gewesen, teils harmlos
kindlich naiv, wie es bei großen Männern auch sonst
begegnet, teils dunkler gefärbt, wie es die Dürftigkeit der
Umgebung, das Schmerzliche der geistigen Vereinsamung, das Sehnen der
Jugend, die poetische Schwärmerei, der ungestüme
Daseinsdrang, die überreizten Nerven, die Dankbarkeit, die
Gelegenheit gebar. Goethe's Briefe an Charlotte von Stein sind
schön, weil sie von Goethe sind; sie sind unerschöpflich an
Inhalt, weil er diese Frau zehn Jahre lang, während der
entscheidenden Entwickelung aus Unbewußtsein zu Bewußtsein,
zum Gefäß seines Vertrauens erwählt hatte. „Gestern von
Ihnen gehend hab' ich noch wunderliche Gedanken gehabt, unter andern,
ob ich Sie auch wirklich liebe? oder ob mich Ihre Nähe nur wie die
Gegenwart eines so reinen Glases freut, darin sich's so gut sich
bespiegeln läßt?“ Man sieht, es braucht nur ein Augenblick
innerer Ruhe einzutreten, und Goethe selber erfaßt das Wesen des
Verhältnisses vollkommen klar. Bemerkenswert ist es, wie oft er
sich eher zu Gefühlen der Blutsverwandtschaft als
48 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
zu
denen des Eros bekennt. Dies bezeugen nicht allein die überall
angeführten Verse:
Ach, du
warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau,
was eher allem anderen als einer feurigen Liebeserklärung
gleichsieht, sondern in den Briefen finden wir Ausdrücke wie: „An
dir habe ich eine Schwester“, und: es ist „das reinste, schönste,
wahrste Verhältnis, das ich außer meiner Schwester je zu
einem Weibe gehabt“ usw. Namentlich verdient folgender Satz Beachtung,
geschrieben als die Beziehungen zu Charlotte schon fünf Jahre
gewährt und die verschiedensten Entwickelungsstufen durchgemacht
hatten: „Die Stein hat meine Mutter, Schwester und Geliebten nach und
nach geerbt, und es hat sich ein Band geflochten wie die Bande der
Natur sind.“ Durch solche Worte vorbereitet, ahnen wir, was Goethe
meint, wenn er einmal dieses Verhältnis als „heilig sonderbar“
bezeichnet und hinzufügt: „Es kann nicht mit Worten
ausgedrückt werden“....
Ich empfinde es wohl, diese Ausführungen wirken
auf den Leser fast
verletzend; könnte ein ganzes Buch den Beziehungen zwischen Goethe
und Charlotte von Stein gewidmet werden, dann sollte schon alles in die
richtige Perspektive rücken, d. h. wenn es glückte, zu der
Andeutung zartester, schwebend-wechselnder Seelenstimmungen die
richtigen Worte zu finden; so aber zwingt die Kürze dieses
Kapitels, in schroffer Weise das zu betonen, was den Meisten unbekannt
ist, und das mit Stillschweigen zu übergehen, was Jeder ohnehin
weiß. Worauf es mir ankommt, ist fühlbar zu machen,
daß hier in Goethe's eigenen Empfindungen Widersprüche
klaffen zwischen der inneren, notwendigen, naturgegebenen Wahrheit und
dem leidenschaftlichen Wahne, den die Lage gebar und den seine
Phantasie genial steigerte. Denn schon hieraus erhellt, daß es
keiner weiteren Verwickelung bedurfte, um mit der Zeit einen Bruch
herbeizuführen; vielmehr war dieser von Anfang an implicite
mitgegeben. Nur dann hätte dieses Verhältnis, das „heilig
sonderbare“, von Dauer sein können, wenn es als heilig und als
sonderbar (und das heißt hier: von besonderer, höherer Art,
siehe Grimm's Wörterbuch) wirklich erkannt und festgehalten worden
wäre; wogegen die
49 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Auffassung
als alles fordernde, alles gebende, von Eros gestiftete
Liebe aus einem Irrtum entsprang, der notwendig früher oder
später eine Katastrophe herbeiführen mußte. Charlotte —
wie bei ihren Anlagen zu erwarten — hat von Beginn an die Situation
klarer erfaßt als Goethe; sie hat gefühlt, diese Liebe sei
ohne Bürgschaft des Bestandes; ihre Gebärde ist darum — bei
aller Vertrautheit — immer die des vorsichtigen Abwehrens: einmal
über das andere verbietet sie Goethe das Duzen, und als sie
endlich nachgibt, hebt sie den Eindruck durch offene Mitteilung an
Andere vorsichtig auf und erzählt, Goethe habe es ihr als
„lateinische Sitte“ annehmbar zu machen verstanden. Bei Goethe jedoch
wuchs die poetische Verzückung mit der wachsenden Unhaltbarkeit
des Wahngebildes; einzig durch diese Überspannung gewann sein
Gemüt das nötige Gleichgewicht; doch konnten die Folgen nicht
ausbleiben. Schon jahrelang vor der italienischen Reise löst eine
schmerzliche Entfremdung die andere ab; bereits 1778 kommt Charlotte
ihrem Freunde zwar noch „immer liebenswürdig“, aber schon
„fremder“ vor, und fünf Jahre vor dem Bruch schreibt Charlotte an
ihre Schwägerin, „mündlich ist nicht mit Goethe zu sprechen,
ohne daß wir uns beide weh' tun“. Und nun geschah, was ein
genauer Kenner der Abgründe des menschlichen Herzens — sagen wir
ein Shakespeare — gewiß vorausgesehen hätte: die Rollen
wurden gleichsam vertauscht; der Kalte, Vorsichtige, Weltkluge war auf
einmal Goethe, und als solcher zerriß er gewaltsam die Ketten,
die ihn an Charlotten banden, wogegen sie, die so lange bemüht
gewesen war, seine Leidenschaft zu dämpfen, jetzt erst entdeckte,
wie bitter es sei, die Anbetung des Unterjochten zu entbehren. Und so
folgte denn Disharmonie auf Disharmonie und schließlich ein
jäher, schmerzlich-gewaltsamer Bruch, der wenig zu Goethe's
sonstiger Lebensführung stimmt und wie ein bedauernswerter Makel
ihr fürderhin anhaftet. Charlotte von Stein konnte, trotz
vorübergehender Verbitterung, nicht umhin, dem großen
Freunde innerlich gut zu bleiben; Beziehungen gegenseitig verehrender
Freundschaft verknüpften die Beiden im Alter; aus dem Irrsal
jedoch, in den sie Goethe's leidenschaftlicher Zwiespalt geworfen
hatte, fand sie nie wieder hinaus, und noch nach Jahren urteilt sie aus
ihrer verzerrten Perspektive: „Es ist und bleibt ein Punkt in seinem
Herzen, mit dem's nicht just ist.“
50 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Was nun, abgesehen von dieser schmerzvoll ausgeklungenen
Herzensgeschichte, Charlotte für Goethe's Leben bedeutet, ist
nicht schwer zu fassen; schon oben habe ich aus der Vogelschau darauf
hingewiesen: sie war Carl August's Verbündete. Sie in erster Reihe
war es, die Goethe zum Eintritt in des Herzogs Dienste bestimmte, und
sie verstand es, ihn zu beschwichtigen und zurückzuhalten, als er,
noch nach Jahren, aus dem öden Weimar entfliehen wollte. „Mir
ist's wie einem Vogel, der sich in Zwirn verwickelt hat; ich
fühle, daß ich Flügel habe und sie sind nicht zu
brauchen“. „O, liebe Lotte, wenn ich dich nicht hätte, ich ging'
in die weite Welt“. „Wenn du nicht wärest, hätt' ich alles
lange abgeschüttelt“. „Wie sehr fühle ich, daß du der
Anker bist, an dem mein Schifflein an dieser Rhede festhält!“
Diese vier Sätze sind, der erste aus dem Jahre 1780, die anderen
aus den drei aufeinanderfolgenden Jahren, 1782, 1783, 1784; wir sehen
also Goethe sich aus der Weimarer Herrlichkeit fortdauernd
hinwegsehnen. Und wenn er nun unfähig bleibt, den Entschluß
zu fassen, so haben wir den Hauptgrund nicht in seiner Liebe, sondern
in dem großen Werke zu erblicken, zu dem diese Liebe nur den
Rahmen schuf. Mit jenem „festwilligen Geiste“, von dem ihre Verwandten
zu erzählen wissen, hatte nämlich Charlotte die Erziehung
Goethe's zum Weltmann in die Hand genommen, wodurch sie für die
Ausgestaltung seines äußeren Lebenslaufs mehr vielleicht als
irgend ein anderer Mensch gewirkt hat; und wie tausendfach
verknüpft ist dieser mit dem inneren Entwickelungsgang! „Eine
Frau, die euch bildet, indem sie euch zu verwöhnen scheint, wird
wie ein himmlisches freudebringendes Wesen angebetet“, schreibt
später Goethe, der dieser Frau mehr verdankt, als ich in Worte zu
fassen weiß. „Hätt' ich ohne Dich je meinen
Lieblingsirrtümern entsagen mögen?“ ruft Goethe einmal aus;
und ein anderes Mal: „Ich bitte Dich fußfällig, vollende
Dein Werk, mache mich recht gut!“ Als er seine erste größere
diplomatische Mission ausführt, schreibt er an Charlotte mitten
unter den Schilderungen seiner Audienzen und politischen Erlebnisse:
„Das danke ich Dir, Liebste, alle Tage, daß ich Dein geworden bin
und daß Du mich aufs Rechte gebracht hast.“ Von der selben Reise
aus meldet er: „Ich versuche alles, was wir zuletzt über Betragen,
Lebensart, Anstand und Vornehmigkeit abgehandelt haben, lasse mich
gehen, und bin mir immer bewußt“. Zwar
51 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
war
Charlottens genaue Kenntnis der Weimarer Verhältnisse und
Personen, namentlich auch der schwer zu beurteilenden
Fürstlichkeiten von höchstem Wert für Goethe als
angehenden Minister; man darf behaupten, daß er ohne ihren
Beistand nicht das erste Jahr seiner neuen Laufbahn überstanden
hätte; doch ist dies alles ein Geringes im Vergleich zu jener
allgemeinen Auferziehung zur „Vornehmigkeit“, von der Goethe hier
redet. Das war das große Werk Charlottens. In weiten Schichten
des deutschen Volkes, auch unter den Gebildetsten, wird noch heute das
Vornehme geringschätzig betrachtet; sehr mit Unrecht. Denn wenn
auch Vornehmheit weder Geisteskraft noch Gesinnungsreine verbürgt,
so schafft sie doch für diese Raum. Kant betont, eine
grundsätzlich geübte Gebärde wirke mit der Zeit aufs
Gemüt; ein mürrisches junges Mädchen z. B., dem
freundlich lächelnde Aufmerksamkeit zur äußeren Pflicht
gemacht werde, gewinne allmählich ein heiteres Wesen; ebenso
beeinflussen auch streng anerzogene Manieren, Reserve, Respekt,
Geschick, Zuvorkommenheit ohne Frage nach und nach das Innere. Um Worte
Schiller's zu gebrauchen: die Willkür zügeln und die Freiheit
ehren (die eigene Willkür und die Freiheit des Anderen), das ist
das Wesen echter Vornehmheit. Wer sie entbehrt, entbehrt einer
großen Kraft; nur durch sie kann das gedrängte Leben der
Gegenwart erträglich werden. Goethe selber erzählt: „Ich war
gesittet, besaß aber doch eigentlich nicht, was man Lebensart
nennt“. Doch sah er bald ein, wohin der Weg ging. „Führe Dein
gutes Werk aus und erhalte mich im Guten und im Genusse des Guten!“
ruft er Charlotten zu. Zunächst betraf diese Erziehung alle
Verhältnisse nach außen: „Ich habe weder Leichtigkeit noch
Offenheit mit den Menschen“, gesteht er; diese eignete er sich — soweit
es ihm überhaupt gegeben war — unter der geduldigen Leitung der
Freundin an. Ergreifend ist es aber, wahrzunehmen, wie er diese
Erziehung zur „Vornehmigkeit“, die ihm äußerlich gleich zu
statten kam, nun auf sein eigenes Innere bezieht, wohl wissend, wie
viel da noch durchzukämpfen sei, um vor sich selber als vornehm
bestehen zu können. Das sind die ganz großen Züge in
Goethe's Charakter; die Frau, die sie zu wecken verstand, verdient
unsern Dank. Am 11. Februar 1778 schreibt er ihr: „Es ist mir als wenn
eine Veränderung in mir vorginge, ich weiß sie aber noch
nicht zu deuten“; am folgenden Tage
52 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
notiert
er sich in sein Tagebuch: „Fortdauernde reine
Entfremdung von den Menschen. Stille und Bestimmtheit im Leben und im
Handeln“. So und so allein war das Vornehmwerden einem Goethe
angemessen. Stille und Bestimmtheit! Es sind die beiden Eigenschaften,
deren er bisher ermangelt hatte. Wenn Goethe in späteren Jahren
einmal schreibt: „Das Ausschließende ziemt sich für das
Große und Vornehme“, und ein anderes Mal: „Alles Vornehme ist
eigentlich ablehnend“, so müssen wir ergänzend bemerken: es
kommt darauf an, w a s ausgeschlossen und abgelehnt
wird. Was Goethe
abzulehnen lernte, war die Welt; dadurch kam Stille und Bestimmtheit in
seine Seele. Nicht lange währte es, und er konnte ohne
Selbsttäuschung behaupten: „Ich habe mir zum Gesetz gemacht,
über mich selbst und das Meinige ein gewissenhaftes Stillschweigen
zu beobachten“. Was dies für die volle Entfaltung seiner
Persönlichkeit bedeutete, ist nicht schwer zu erraten; denn hier
kommt alles auf Verinnerlichen, Verdichten, Zusammenballen an. „Mein
Gott, dem ich immer treu geblieben bin, hat mich reichlich gesegnet im
Geheimen; denn mein Schicksal ist den Menschen ganz verborgen, sie
können nichts davon sehen noch hören.“ Gewiß aber
empfindet der Leser schon instinktiv, daß auch hier jeder Schritt
zunehmende Entfremdung bewirken mußte. Denn waren einmal die
Weimarer Hindernisse überwunden, dann führte ihn diese Schule
der Vornehmheit noch weiter hinaus, Wege, die nicht innerhalb des
Horizontes seiner Freundin lagen; einzig w a h r e
Liebe hätte
hier vorbeugen können; daß dies nicht geschah, beweist,
daß sie nicht vorhanden war. Infolgedessen wurde jene „Stille und
Bestimmtheit“ der erste Schritt auf dem Wege zu der Krisis, die Goethe
nach Italien, von Charlotten hinwegdrängte; denn in einem gewissen
Sinne gehörte auch sie zur „Welt“, da auch sie, die Edle, Gute,
Vornehme, nur das für ihn erträumen und erstreben konnte, was
sie sich vorzustellen vermochte; gerade die gewonnene
Einflußmacht wurde ihr Verhängnis; denn sie, die
gefördert hatte, ward jetzt ein Hemmnis; als bestimmender
Einfluß zählte sie fortan zu dem Abzulehnenden.
Noch ein Letztes. Die meisten Literaturhistoriker
schätzen
Charlottens Einfluß auf Goethe's Dichten sehr hoch; ein neuerer
z. B. sagt: „Von ihr empfing er die Inspiration seines edelsten Stiles“.
53 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Ich
habe nie entdecken können, worauf sich diese Behauptung
stützt; sie scheint mir aus der Luft gegriffen. Selbst die
lyrischen Gedichte dieser Jahre — wenn sie auch ewige Gebilde enthalten
— überwiegen keinesfalls an Zahl und Bedeutung diejenigen
früherer und späterer Epochen; und was besonders auffallen
muß, ist eine Art von Unfähigkeit, die Form für seine
größeren Schöpfungen — im ganzen und im einzelnen — zu