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Hereunder
follows the transcription of chapter 1 of Houston Stewart Chamberlain's
book Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich
1921. The 1st edition appeared in 1912.
Hieronder
volgt de transcriptie van hoofdstuk 1 van Houston Stewart Chamberlain's
boek Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann
A.-G.,
München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.
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13
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ERSTES KAPITEL
DAS LEBEN
(UMRISSLINIEN)
—
Das
Klare
vor dem Trüben, das Verständige
vor dem
Ahndungsvollen
vorwalten lassen,
damit bei
Darstellung
des Aeußern das Innere
im Stillen geehrt
werde.
Goethe
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14
(Leere Seite)
15 Erstes
Kapitel: Das Leben
Zur
Verständigung
Wie die Lebensgestalt, so stellt auch jeder
Lebenslauf ein bestimmt
gegliedertes Ganzes dar, in welchem es unterschiedene Teile gibt, die
zueinander und zum Ganzen in Beziehung stehen. Denn ebenso wie die
blinden Naturkräfte —
Zwecklose
Kraft unbändiger Elemente —
Tag und Nacht um jegliche Gestalt des Lebens stürmen und diese
sich nichtsdestoweniger behauptet, ebenso spiegelt sich des Menschen
geistiger und sittlicher Eigenwille gerade in der G e g e n
w i r k u n
g gegen die äußeren, täglich und stündlich
eingreifenden Zufälle wider und drückt dadurch den
chaotischen Ereignissen den Stempel seiner Individualität auf.
Gelingt es, das Organische an dem Lebenslauf sichtbar zu machen, so
erhalten wir die unentbehrliche Grundlage für die Untersuchung der
Persönlichkeit.
Bei dem Versuch, die wahre Gliederung eines Lebens
festzustellen,
hängt zunächst alles davon ab, daß man an dem
Gefüge das
Organische richtig erkenne und es nicht mit Zufälligem vermenge.
Anstatt die Gliederung dem Leben selbst zu entnehmen, ist es bei Goethe
allgemein üblich, das Leben nach den poetischen Werken
einzuteilen. Was soll hierbei herauskommen, wenn das dichterische
Hauptwerk sechzig Jahre umspannt? wenn andere Dichtungen, in Frankfurt
begonnen, erst nach der Rückkehr aus Italien vollendet werden? Bei
jedem schöpferischen Geist hängt die Durchführung und
Vollendung seiner Werke von zufälligen Umständen ab; solchen
Daten kann niemals organische Gliederung entnommen werden. Bei Goethe
kommt noch hinzu, daß die Hälfte seiner Lebensarbeit — die
Betrachtung der Natur — bei diesem Verfahren unbeachtet bleibt. Wir
wollen anders zu Werke gehen. Uns soll das Leben, das sichtbare Leben
leiten:
Denn das
wahre Leben ist des Handelns
Ew'ge Unschuld.
Wir werden nicht befürchten, dabei
oberflächlich zu
verfahren, da es von der Eigenart der Persönlichkeit abhängt,
ob ein Vorfall die Bedeutung eines entscheidenden Lebensereignisses
gewinnt oder nicht.
—————
16 Erstes Kapitel: Das Leben
Die
zwei Lebenshälften
Zunächst setzt sich der Organismus dieses
Lebens aus zwei fast
gleichen Hälften zusammen, die zweite nur um wenige Jahre
länger als die erste. Für das Verständnis des
Lebenslaufes ist diese Einsicht ohne Frage die wichtigste; selbst der
flüchtigsten Betrachtung kann sie nicht entgehen. Goethe ist im
Jahre 1749 geboren und stirbt im Jahre 1832; kurz vor Erreichen des
halben Weges, 1788, findet die Rückkehr aus Italien statt, wodurch
— wie wir bald sehen werden — eine scharfe Scheidungslinie zwischen den
zwei Lebenshälften gezogen wird; hier endet eine Phase, hier
beginnt eine neue.
Von der Geburt an bis zu dem Abschied aus Rom findet
bei Goethe eine
zwar unsystematische, aber ununterbrochene Entwickelung statt; manchmal
geht sie stürmisch vor sich, manchmal stockt sie unter dem Druck
der umgebenden Verhältnisse; still steht sie nie; auf jede Wirkung
erwidert der reichbegabte Mann sofort mit der Gegenwirkung. In einem
Bekenntnis seines fünfzehnten Jahres meint er: „Ich gleiche
ziemlich einem Chamäleon.“ Wohl schreitet Goethe unaufhaltsam
vorwärts, wohl hält er seinen drängenden Dämon
häufig in bewundernswerter Weise im Zaum — „meine Tenazität
ist unüberwindlich,“ schreibt er in seinem
dreiunddreißigsten Jahre — auch begeht er trotz einem dunklen
Ungestüm nur wenige nie wieder gutzumachende Fehler; er weiß
alles und jedes zur Bildung seines Geistes auszunützen:
nichtsdestoweniger macht er Schwankungen durch, die ihn fast aus dem
einzigen Wege werfen, der ihn zum Ziele führen konnte. Ein Symptom
dieser inneren Unsicherheit erblicken wir, wenn wir ihn auf dem
Höhepunkte seiner aufwärtsdrängenden Fortbildung, in
Rom, sich von neuem mit großer Energie auf die bildende Technik
werfen sehen, in dem Wahne, er sei möglicherweise doch zum Maler
und Bildhauer geboren, seine wahre Lebensbestimmung sei vielleicht
nicht Dichten und Naturerforschen, sondern die Führung des Spatels
und des Pinsels. Später nannte er dies selber „den vergeblichen
Aufwand eines dilettantischen Strebens nach bildender Kunst.“ Die
Bedeutung von Goethe's Verhältnis zur bildenden Kunst für
sein Dichten ziehen wir erst in einem späteren Teil dieses Buches
in
17 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zwei Lebenshälften
Betracht;
hier handelt es sich einzig um die erstrebte technische
Leistung, und da dürfen wir behaupten: ein derartiges
eigensinniges Mißverstehenwollen der offen am Tage liegenden
Anlagen, das leidenschaftliche Erstreben des Unmöglichen durch
einen mit besonnener Urteilskraft so reich begabten Mann deutet als
sichtbares äußeres Zeichen auf eine tief liegende innere
Krisis. * Doch mitten in dieser ärgsten Verwirrung — gerade in
Italien — findet nach und nach die endgültige Selbstbesinnung
statt. „Die Wiedergeburt, die mich von innen heraus umarbeitet, wirkt
immer fort .... ich habe mich ganz hingegeben und es ist nicht allein
der Kunstsinn, es ist auch der moralische, der große Erneuerung
leidet“, so heißt es aus Rom, schon in den letzten Tagen des
Jahres 1786. Kurz darauf: „Täglich werf' ich eine neue Schale ab
und hoffe als ein Mensch wiederzukehren.“ Und in der Tat, im
Sommer 1788 kehrt er aus Italien „als Mensch“ wieder, als der
zielbewußte, hinfürder unbeirrbare Goethe. Und zwar wirft er
nicht nur die Schale des Malers und Bildhauers ab; in dem Falle
würde es sich lediglich um eine ästhetische Erkenntnis
gehandelt haben; vielmehr wirft er auch alle anderen
Mißverständnisse ein für allemal von sich hinweg. Nie
mehr ist er Staatsmann — oder doch nur vorübergehend, unter dem
Drucke trüber Verhältnisse und in sehr untergeordneter Weise;
seine organisatorischen Gaben dienen von jetzt an nur mehr der
Ausgestaltung der ihm unterstellten Anstalten zur Erforschung der
sichtbaren Natur und zur Pflege der bildenden Künste, sowie
andrerseits der Begründung des deutschen dramatischen
Darstellungsstils; namentlich aber: er schenkt sich nicht mehr seiner
Umgebung, hinkünftig will er „sich weder um rechts noch links,
viel weniger um das Glück und Unglück eines Ganzen
bekümmern“; er widersetzt sich endgültig der Tyrannei der
starren, geisttötenden Hofansprüche, er gestaltet sich das
Leben von nun an, wie Er es braucht, an den andern ist es, sich darein
zu finden. Darum ist der sofort nach der Rückkehr aus Rom erfolgte
Bruch mit Frau von Stein von so entscheidender symptomatischer
Bedeutung; denn diese Frau — deren unvergängliche Verdienste um
Goethe wir bald besprechen werden — bedeutet demungeachtet in Goethe's
Leben, rein als Lebenslauf betrachtet, den systematischen Versuch, das
Genie an die Konvention zu binden, es mit der Gesellschaft zu
versöhnen, es
18 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zwei Lebenshälften
für
die „Carrière“ zu gewinnen; sie wollte eine Brücke
sein, und sie war es tatsächlich.
Gewiß,
ich wäre schon so ferne, ferne,
Soweit die Welt nur offenliegt, gegangen!
Bezwängen mich nicht
übermächt'ge Sterne,
Die mein Geschick an deines angehangen
schreibt Goethe an sie zwei Jahre vor seiner Flucht nach Italien. Jetzt
aber ward der Zwang gebrochen und die Brücke zerstört. Und im
selben Augenblick ward der Schutzwall errichtet, der Wall gegen die
Möglichkeit dessen, was Charlotten von Stein als
wünschenswert für Goethe vorgeschwebt hatte: diesen Wall
bildete das dauernde Verhältnis zu Christiane Vulpius.
In Wahrheit ist einem jeden Manne von Bedeutung nur
Ein Weg
möglich; es kann aber lange währen, ehe er diesen Weg
entdeckt. Denn zunächst scheint die ganze Welt ihm offen zu
stehen; um so mehr, wenn er vielseitig begabt ist und daher in jeder
Richtung der Reise Ziele erblickt, geeignet ihn hinauszulocken. Jetzt
aber wußte Goethe, welchen Weg zu gehen ihm bestimmt war; mit
eiserner Energie folgte er seinem Entschlusse, ihn zu gehen und sich
niemals, sei es nach rechts oder nach links, davon ableiten zu lassen.
Alles opferte er fortan dem einen Lebenszwecke: der klaren Erkenntnis
und der systematischen Ausbildung seiner Persönlichkeit, objektiv
durch die immer umfassendere Aufnahme alles ihm erreichbaren
Menschlichen und Außermenschlichen, subjektiv durch die
möglichst reine, klare, uninteressierte Widerspiegelung dieser
Eindrücke in poetischen, wissenschaftlichen, literarischen Werken,
ja, zuletzt fast in jedem Brief und in jedem Gespräch. „Mich
selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf
mein Wunsch und meine Absicht.“
Dieses Bewußtsein seiner Selbst hat immer
etwas vom
Auskristallisieren an sich und insofern auch vom Erstarren. Bei Goethe
fällt dies um so mehr auf, als er fortan der Zwingherrschaft der
Konvention durch die starr formgerechte Beobachtung des Konventionellen
begegnet. In der Jugend hatte er einem Kreise angehört, der dem
gesellschaftlichen Zwange, der gesellschaftlichen Lüge durch
genialisches Gebaren zu trotzen liebte; später, unter dem
Einfluß der Frau von Stein, wäre er nahe daran gewesen,
seine Haltung
19 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zwei Lebenshälften
wirklich
nach der Welt zu modeln; jetzt tat er weder das eine noch das
andere, sondern er nahm eine Maske und hielt sie sich vor das Gesicht —
seiner Freiheit, seiner Wahrhaftigkeit zulieb. Ein dauerndes Verdienst
der Frau von Stein um Goethe lernen wir hiermit kennen; denn sie in
erster Reihe war es, von der er gelernt hatte, diese Weltmaske
vollkommen zu formen; daß gerade sie am bittersten darunter
leiden sollte, ist ein echter Zug menschlicher Schicksalstragödie.
Unschwer begreift man es, wenn für viele Leute der Goethe aus der
jugendfrischen Entwickelungszeit mehr Anziehung besitzt als der
bewußte, bemaskte Goethe; doch ist dieser der größere.
Hier wird entsagungsvolle Selbstbeherrschung das Gesetz; hier werden
die Gaben, welche die Natur geschenkt hat, durch den Sinn und die
unablässige Arbeit der bewußt wollenden Persönlichkeit
zu Tugenden; hier tritt eine neue, rein geistige Askese in die
Erscheinung und gestaltet mit göttlich-gelassener Geduld für
kommende Geschlechter.
Wer aufmerksam hinsieht, wird verfolgen können,
wie tief diese
große Krise Goethe's Lebensfeste erschütterte. Zwar
berichtet er kurz nach der Rückkehr einem seiner Vertrauten, in
Italien seien „Freude und Hoffnung wieder ganz in ihm lebendig
geworden“; doch beide, Freude und Hoffnung, waren jetzt nach anderer
Richtung gewendet. Seine Freunde erkannten ihn bei der Rückkehr
aus Italien kaum, so tief war sein Wesen umgewandelt; auch
äußerlich fanden sie ihn sehr verändert; Caroline
Herder muß an ihren Mann berichten: „Es ist nur schlimm,
daß
Goethe immer seinen Panzer anhat.“ In den leidenschaftlich betriebenen
Naturstudien gewann nach und nach sein Gemüt das Gleichgewicht
wieder, doch erst die Annäherung an Schiller (1794) ist ein
untrügliches Symptom der moralischen Befestigung; die Entstehung
von Hermann und Dorothea
(1796—1797) — noch in späten Jahren
Goethe's eigenes „Lieblingsgedicht“ — bezeichnet den vollendeten Sieg.
So sind wir denn nicht nur berechtigt, sondern
verpflichtet, zwei
Epochen in Goethe's Leben zu unterscheiden; die äußeren
Ereignisse und die inneren Ereignisse, beide fordern uns dazu auf.
Diese Zweiteilung bildet die wichtigste Gliederung in dem
Lebensorganismus Goethe's; hier decken sich das Äußere und
das Innere genau.
—————
20 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Die
erste Lebenshälfte
Jedoch, wollten wir nur den Zeitraum 1749—1788 und
den Zeitraum
1788—1832 unterscheiden, so wäre das für die anschauliche
Auffassung des Lebensganges nicht genügend; darum müssen wir
jetzt seiner weiteren Gliederung nachforschen, d. h. wir müssen
festzustellen suchen, in welche organischen Bestandteile eine jede der
beiden Lebenshälften zerfällt. Beginnen wir mit der ersten.
Hier kommt es darauf an, aller geistreichen Kombinatorik aus dem Wege
zu gehen und die einfachen Tatsachen für sich sprechen zu lassen.
Tun wir das, so entdecken wir in der ersten großen Lebensepoche
vier deutlich voneinander unterschiedene Abschnitte, die
äußerlich unähnlich waren und demgemäß zu
verschiedenen Entwickelungsstadien des Inneren führten. Es sind
dies:
a)
Frankfurt, 1749—1765
b) Wanderzeit, 1765—1775
c) Weimar, 1775—1786
d) Italien, 1786—1788.
Die Frankfurter Jahre
sind die uns allen aus Dichtung und
Wahrheit so
wohlbekannten, an Eindrücken reichen Tage der Kindheit. Darnach
sehen wir Goethe — als Studenten, als Praktikanten beim Reichsgericht,
als angehenden Rechtsanwalt — in Leipzig, in Straßburg, in
Wetzlar, dazwischen immer wieder monatelang in Frankfurt; er unternimmt
seine ersten längeren Reisen nach der Schweiz und den Rhein
hinunter, knüpft mit vielen bedeutenden Männern Verbindungen
an, erfährt wiederholt die Freuden und die Leiden der Liebe,
dichtet viel, nimmt an den literarischen Tagesfehden teil. Auch
für diese Periode kann man auf Dichtung
und Wahrheit verweisen.
Inzwischen hatte die Bekanntschaft mit dem Erbherzog von Weimar
stattgefunden, und bald darauf war dieser regierender Herzog geworden;
es erfolgt die Einladung nach Weimar, die Ernennung zu Amt und
Würden, die dauernde Niederlassung im thüringischen Lande.
Goethe wird Staatsmann; er ordnet verfahrene Finanzen, baut
Straßen, legt Bergwerke an, hebt Rekruten aus, entwirft
Verfassungsänderungen; er ist nahe daran, sich in die allgemeine
Politik und in die Beziehungen zum Ausland so nachdrücklich
einzulassen, daß es für einen Mann
21 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
mit
seinem ausgesprochenen Verantwortlichkeitsgefühl kein
Zurück mehr gegeben hätte. Er selber schreibt über diese
Zeit der übermäßigen Ansprüche an seine
Arbeitskraft und Initiative: „Es scheint als wenn es eines so
gewaltigen Hammers bedurft habe, um meine Natur von den vielen
Schlacken zu befreien, und mein Herz gediegen zu machen.“ Zweck an sich
konnte jedoch diese Tätigkeit nicht sein, vielmehr war sie in
erster Reihe Zweck für ihn selbst; hatte er erst Erfahrung, Kraft,
Wirkungskreis gewonnen, so mußten neue Wege eingeschlagen werden.
Und siehe da, plötzlich entschwindet er nach Italien! Es ist eine
wahre Flucht, langer Hand im geheimen von ihm vorbereitet, seinen
nächsten Freunden, seinem Fürsten, ja selbst der Freundin,
welche wähnte, die Vertraute aller seiner Gedanken zu sein,
völlig unerwartet; erst als er die Grenze überschritten hat,
teilt er sein Vorhaben mit. „Ich habe nur eine Existenz, diese hab' ich
diesmal g a n z gespielt und spiele sie noch ....
komm' ich um, so
komm' ich um; ich war ohnedies zu nichts mehr nütze.“
Handelt es sich für uns im Augenblick auch nur
um eine
flüchtige Skizze, die im weiteren Verlauf des Buches manche
Ergänzung erfahren wird, so muß ich doch noch einige
wesentliche
Striche hinzufügen, damit diese Perioden der ersten
Lebenshälfte, deren äußerliche Unterscheidung sofort in
die Augen fällt, auch als innerliche organische Glieder
erfaßt
werden. Die nähere Einteilung der zweiten Lebenshälfte wird
dann erst einleuchtend wirken.
a)
F r a n k f u r t, 1749—1765.
Vor allem verweise ich hier noch einmal auf Dichtung und Wahrheit. Wer
eine ausführliche Lebensschilderung Goethe's unternehmen wollte,
müßte den Stil wählen, den er selber für einzig
angemessen fand; gerade die Fülle des unanfechtbar wahren
Einzelnen und Vereinzelten, die wir in diesem Fall besitzen,
ermöglicht es, die großen Züge zu einer Wahrheit
höherer Ordnung zu gliedern, zu einer poetisch—eindringlichen
Wahrheit anstelle des üblichen chronistischen
Tausendfüßlers, indem durch den neuen
kunstgemäßen Aufbau das Geringfügigste Bedeutung
erlangt und das scheinbar Zufällige dank der dichtgedrängten
Umgebung seinen bestimmten Platz in der Architektonik des Schicksals
erhält. So hat
22 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Goethe
die Aufgabe erfaßt; so hat er sie durchgeführt
für die
Jahre 1749—1775. Für die genannte Zeit wollen wir also immer
wieder zu dieser Quelle zurückkehren. *
Kindheit und frühe Knabenjahre, innerlich so
wichtig für die
Entfaltung der Persönlichkeit, bieten wenig, was
äußerlich als Ereignis Bedeutung besäße.
Allenfalls könnte man als erstes aller Lebensereignisse dasjenige
hervorheben, welches Tristram Shandy zu so vielen Kapiteln Stoff gibt;
Goethe selber betont zu wiederholten Malen die Vereinigung zweier
disparater Elemente in seinem Wesen. Doch muß ich darauf
aufmerksam
machen, daß die immer und überall angeführten
Scherzverse aus
den Zahmen Xenien in
Wirklichkeit — wie Jeder sich leicht
überzeugen kann — einem anderen Zusammenhang dienen und nicht die
exakte Bedeutung besitzen, welche Biographen ihnen beizulegen pflegen.
Vom
Vater hab' ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom
Mütterchen die Frohnatur
Und Lust, zu fabulieren.
Diese Worte können unmöglich buchstäblich gemeint sein.
Goethe ist keine Frohnatur; zu keiner Lebenszeit hätte er diese
Bezeichnung verdient; man braucht nur auf seine Mutter, die
prächtige Frau Aja, zu blicken, um den Unterschied gewahr zu
werden; dank ihren herzerfrischenden Briefen ist sie uns jetzt nahe
gerückt; keine Briefe der Welt gleichen weniger denen Goethe's. In
kindlich treuem Glauben fest, im Gemüte frei, von
unverwüstlicher Munterkeit, genau ebenso übermütig und
harmlos, wenn sie an die Herzogin Amalie, wie wenn sie an einen
verwandten Gevatter schreibt, erträgt sie ohne Murren die
Drangsale der Kriegsjahre, und auch Krankheit und Schmerz gleiten ab
von ihr, ohne etwas über diese urheitere Natur zu vermögen.
„Sowie ich in einen Zirkel komme, wird alles heiter und froh, weil ich
erzähle.“ Wenige Monate vor ihrem Tode, mitten im ärgsten
Kriegsgewirre des Jahres 1807, schreibt sie: „Ich finde alle Tage
etwas, das mich freut.“ Goethe dagegen bekennt von sich selber, er sei
„von Natur nachdenklich“, ihm habe die Vorsehung „eine konversierende
Gabe nicht verliehen“, und in Gesellschaft wisse er „nur didaktisch und
dogma-
23 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
tisch“
zu verfahren; ja, es sei ihm „eine böse Manier“ eigen,
durch welche „er sich manche Person entfremdet, andere zu Feinden
gemacht habe“. Wie er uns in Dichtung
und Wahrheit entgegentritt, ist
er ein ungewöhnlich gedankenvoller, träumerischer, zu
Grübeleien geneigter Knabe. Schon als kleines Kind hat er etwas
„Ernstes und Ahnungsgsvolles“, und als Knabe „zeigte sich der innere
Ernst, mit dem er schon früh sich und die Welt betrachtete, auch
in seinem Äußern, und er ward, oft freundlich, oft auch
spöttisch, über eine gewisse Würde berufen, die er sich
herausnahm.“ Diese „gewisse Würde“ des Knaben war die
Vorläuferin der Zurückhaltung und Feierlichkeit späterer
Jahre. Bei seiner Ankunft in Weimar, als er erst 26 Jahre zählte,
spotten die Einwohner über Goethe's „Perpendikulargang“, dessen
steife, übertriebene Würde um so komischer auffiel, als sein
Famulus Seidel, der ihm alles genau nachzumachen bestrebt war, einige
Schritte hinter seinem Herrn durch die Pfützen der wenig
gepflegten Straßen Weimars im selben Perpendikulargang
einherzustolzieren pflegte. Später klagte Goethe's treuester
Freund und Gönner, Carl August, es sei unmöglich, mit ihm
Briefwechsel zu unterhalten: „Goethe schreibt mir Relationen, die man
in jedes Journal könnte einrücken lassen; es ist gar
possierlich, wie der Mensch so feierlich wird.“ Feierlichkeit und
Frohnatur sind aber konträre Gegensätze. Heinrich Voß
(der jüngere), der Goethe und Schiller intim gekannt und beide bei
schweren Erkrankungen gepflegt hat, betont immer wieder Schiller's
„außerordentliche Heiterkeit“, die hinreißend gewesen sei,
von Goethe weiß er nichts dergleichen zu melden; und während
Schiller bei den ärgsten Leiden „die Sanftmut und Milde selber“
gewesen sei, habe Goethe als „etwas ungestümer Kranker“ zu
schaffen gegeben. Madame de Staël, die Goethe's Unterhaltungsgabe
über diejenige Diderot's stellt, bemerkt dennoch, daß er
zunächst Kälte und Befangenheit um sich verbreite. Und als
der Krieg an seinem Hause — freilich recht unsanft — pochte, verlor er
so völlig die Fassung, daß er seine Gemütsruhe und
vielleicht sogar sein Leben einzig der Geistesgegenwart und Energie der
guten Christiane verdankte; bei späteren kriegerischen
Verwickelungen sorgte die Familie möglichst für seine
Entfernung aus Weimar. Es tut wohl, sich die Worte Carlyle's an
Emerson ins Gedächnis zurückzurufen: „Es kommt ein Tag, wo
24 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Sie
begreifen werden, daß dieser sonnige, höfische Goethe
eine prophetische Trauer verschleiert in sich trug, so tief wie die
Dante's.... Kein Mensch kann sehen, was Goethe sieht, wenn er nicht
gelitten und gekämpft hat, wie selten ein Mann.“ Alles dies deutet
auf ein Temperament, welches kaum irgend eine Analogie mit dem der
unverwüstlich heiteren Mutter aufweist.
Ich würde an dieser Stelle nicht mit so
großem Nachdruck
darauf hinweisen, wenn uns diese angebliche „Frohnatur“ nicht als
Erbstück und darum als unbestreitbare Tatsache in jeder
Goethebiographie entgegenträte. Es ist dies der erste der vielen
falschen Züge, aus denen der konventionelle „olympische“ Goethe
hergerichtet wird, und zwar zunächst als „apollinisch heiterer
Jüngling“.
Die „Lust zum Fabulieren“ dagegen, also einen Teil
seiner geistigen
Anlagen, mag er wohl von der Mutter erhalten haben, wenngleich ihr
Temperament sicherlich weder einen Weißlingen noch einen Werther
geboren hätte. Von ihr erhielt er aber noch mehr: Goethe's Wesen
beherbergt ein ausgesprochen weibliches Element. Hierzu gehört
namentlich, was er als das „Grillenhafte“ an seiner Natur häufig
betont und worunter er bis über die erste Lebenshälfte hinaus
nicht wenig litt; das „planlose Wesen“, das plötzliche Umschlagen
der Stimmungen, ein Mangel an nachhaltigem Fleiß, den er nicht
früher überwand, als bis er in Weimar so viele Geschäfte
überkommen hatte, daß er zum Zeitverzetteln keine Muße
mehr fand. „Der Fleiß war ohnehin meine Sache nicht“; „ich
erfreute mich vorzüglich deswegen an seinem geregelten
Fleiße, weil ich mir von einem Verdienst, dessen ich mich
keineswegs rühmen konnte, durch Anerkennung und Hochschätzung
wenigstens einen Teil zuzueignen meinte“; „ich brauche Kunst, um
fleißig zu sein“. Dahin rechne ich auch eine Art „Dunkelheit und
Zaudern“, über die sich Goethe gegen Schiller beklagt, sowie einen
— wenn nicht gerade frohen, so doch leichten, fast leichtfertigen Sinn;
wie Frau Rat vergnügt am offenen Fenster speist, während
unten auf der Straße Verwundete und Gefangene einer der Armeen —
wie das Glück es fügt — vorbeigeführt werden, und ihre
Einquartierung mit Schweinebraten regaliert: „Abwehren kann ich's
nicht, zerzausen mag ich mich nicht lassen, ich esse mit“, ebenso
besitzt Goethe eine wunderbare Gabe, manches Schmerzhafte, Auf-
25 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
regende,
Entmutigende einfach von sich abzuschütteln und, wenn
nicht ganz unbeachtet zu lassen, wenigstens möglichst leicht zu
nehmen. Es ist dies, was Herder in seiner satirischen Art „das
Spatzenmäßige“ an Goethe nennt, ein entschieden Weibliches,
teils der Natur seiner Mutter stammverwandt, teils wohl von irgend
einer Urahne ererbt.
Weit schwerer fällt es, den Anteil des Vaters
zu bestimmen,
schon deswegen, weil der Vater eine in sich gekehrte,
unzugängliche Natur war, die darum in weniger sicher gezeichneten
Zügen vor unseren Augen steht. Doch was wir wissen, lehrt uns ihn
schätzen und gibt uns die Überzeugung, gar manches des Besten
in Goethe sei auf seine oder seines Stammes Rechnung zu setzen. Durch
die Mutter knüpft Goethe an Generationen von Hoflakaien,
Barbieren, Weinhändlern, Juristen, Magistratspersonen,
Stadtschreibern, Pfarrern, Professoren, Bürgermeistern an, durch
den Vater an den derberen Stand der Schuster, Böttcher, Schmiede,
Maurer, Landgastwirte, und, wenn es hoch ging, Schneider.
Spatzenmäßiges hat freilich der fleißige Mann von
eiserner Folgerichtigkeit und zäher Beharrlichkeit, der sich aus
bescheidenen Ursprüngen zum Kaiserlichen Rat emporgearbeitet hat,
nicht besessen, aber ein feuriges, edles, aufbrausendes Gemüt und
wahre Teilnahme für Kunst und Dichtung. Inmitten der kaisertreuen
Frankfurter begeistert sich Vater Goethe für den großen
Friedrich und gerät darüber mit seiner einflußreichen
Verwandtschaft in gefährlichen Streit; umringt von
kaufmännischen Seelen, die alles hinzunehmen bereit sind, wenn nur
der Beutel nicht übermäßig leidet, trotzt der stille
Deutsche dem Franzmann mit „leidenschaftlicher Verwegenheit“ ins
Gesicht: „Ich wollte, die Preußen hätten euch zum Teufel
gejagt, und wenn ich hätte mitfahren sollen!“ Worauf ich nun
aufmerksam machen möchte, ist dies, daß ein solches
Gemüt dem
eigentlich und wahrhaft Philiströsen beträchtlich ferner
steht als die gute Frau Aja. Während die ganze Familie sich
über die Anwesenheit der schmucken französischen Soldaten und
des französischen Theaters freut, schließt sich Vater
Goethe, äußerlich mürrisch, innerlich blutenden
Herzens, in seinem Zimmer ein. Dieser Mann war ein bewußter
Deutscher. Wir wollen ihn ehren.
Zunächst mag es wohl den Anschein haben, als
hätte Johann
Caspar Goethe mehr durch Beispiel und Ermahnung als durch die
26 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
unsichtbar
kreisenden Gaben seines Blutes auf den Sohn gewirkt. Doch
auch dies hätte viel zu bedeuten. Denn bei dem „fahrigen Wesen“,
dessen Goethe sich beschuldigen muß, bei seiner Abneigung, irgend
etwas Begonnenes zu Ende zu führen, wurde seine Jugend vor einer
vielleicht nicht mehr wett zu machenden Zersplitterung durch die
Gegenwart eines Vaters gerettet, der in liebevoller Geduld alle
Arbeiten mit dem Sohne teilte und nicht müde wurde, ihm
einzuschärfen, „das Beharren sei die einzige Tugend“. Die Kenntnis
von Zeichnungen, Stichen, Bildern, die Übung in der
sorgfältigen Behandlung aller dieser Dinge, das Verständnis
für Sammlungen aller Art, die musterhafte Ordnungsliebe, auch
manches andere Nebensächliche, was in Goethe's Leben bis ans Ende
Bedeutung besitzt, verdankt er den Lehren seines Vaters. Doch ich
glaube, wir können tiefer greifen: gerade in einigen zu Grunde
liegenden, halb verborgenen Zügen hat Goethe Blut seines Vaters in
den Adern. In jenen oben angeführten Versen lasen wir, Goethe habe
von seinem Vater „des Lebens ernstes Führen“; ursprünglich
hatte aber der Dichter geschrieben, er habe vom Vater „Auch Lebens
ernste Züge“; dem Reim zulieb, weil er nämlich sonst von der
Mutter die „Dichterlüge“ hätte geerbt haben müssen,
machte Goethe aus Züge „Führen“, was weniger genau stimmt. In
der Führung des Lebens waren beide Männer verschieden,
verwandt dagegen in gewissen Wesenszügen, die den bescheiden
beanlagten, im Bürgertum nur halb erst heimischen Volksmenschen
schließlich zum Misanthropen, den überschwenglich
Begabten dagegen zum Heros schufen. Goethe sagt einmal von seinem
Vater: „Weil er innerlich ein sehr zartes Gemüt hegte, bildete er
äußerlich mit unglaublicher Konsequenz eine eherne Strenge
vor“; wer erkennt nicht hier den Sohn im Vater? Der Goethe der zweiten
Lebenshälfte ist ein Mann, der „mit unglaublicher Konsequenz“
etwas „vorbildet“, um das vor aller Augen zu verbergen, was sein
Gemüt in Wahrheit erfüllt. Das zarte Gemüt, der
heilige Ernst, der verborgene Schmerz; dazu das Gefühl der eigenen
Würde, die freiheitliche Gesinnung bei unbedingter Hochachtung vor
festgeordneten Verhältnissen..., das alles und noch mehr sind
„ernste Züge“, die Goethe vom Vater geerbt hat; leichtlebige
Frohnaturen wissen von dergleichen nicht. Sicherlich hat er aber noch
Bedeutenderes von ihm
27 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
geerbt.
In dem Wert, den der Vater auf Sprichwörter und überhaupt auf
Volkssprüche legte, bekundet sich die urwüchsige Art des in
seinem Innersten noch mit der Scholle verwachsenen
Bauernsprößlings; und nicht nur hat sich diese Liebe in
auffallendem Maße auf Goethe vererbt, so daß Spruchbildung
und Spruchdichtung einen wichtigen Bestandteil seines Lebenswerkes
ausmacht, sondern hier wurzelt gewiß, zugleich mit der
unerschöpflichen, volksverwandten Bilderkraft seiner Sprache, auch
die auffallende Tatsache, daß seine Sentenzen, zahlreicher
vielleicht als bei irgendeinem anderen Dichter, nichts von der
künstlichen Überlegung eines verfeinerten Moralisten an sich
haben, sondern vielmehr vollkommen natürlich, überzeugend
einfach, sehr häufig voll versteckten Humors und kluger Ironie aus
einem üppigen Boden echten, breiten, gesunden Verstandes
hervorsprießen. Das alles stammt nicht von Hoflakaien,
Professoren, Magistratspersonen, sondern viel eher von kräftigen
Bauern, Böttchern, Wirten, Schustern. Und so sehen wir Goethe bei
zunehmendem Alter auch äußerlich seinem Vater ähnlich
werden und hören es ihn beklagen, daß er in seiner Jugend
nicht „einen Gran des Bewußtseins“ von dem Werte „dieses
schätzbaren Familienverhältnisses“ besessen habe.
Ein Drittes wäre zu nennen: die Stadt Frankfurt
selbst und die Umgebung, die sie dem aufwachsenden Kinde schuf. Nichts
ist in Dichtung und Wahrheit
meisterlicher geschildert als gerade dies; die alte Krönungsstadt
des heiligen römischen Reiches deutscher Nation lebt hier für
alle Zeiten. Dank dieser Umgebung taucht die Phantasie des
künftigen Dichters des Gottfried
von Berlichingen bis ins Mittelalter hinab. Hierdurch erweiterte
sich in einer Beziehung die erstickende Enge, mit der jede andere
deutsche Stadt zu damaligen Zeiten ihn umgeben hätte; aus allen
Gauen deutscher Erde sah der Knabe die Menschen zur Kaiserkrönung
zusammenströmen, und was ihn beschränkend umgab, war
wenigstens ein unmittelbares Reichswesen, nicht ein
Provinzpartikularismus oder eine geisttötende Hofresidenz. Dazu
dann der Siebenjährige Krieg und die lange Anwesenheit der
Franzosen.
Nicht ungenannt bleibe Cornelia, die um ein Jahr
jüngere Schwester Goethes, deren Wesen und Begabung sie ihrem
Bruder sehr nahe brachten, „eine tiefe und zarte Natur“ mit einem
„über
28 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
ihr
Geschlecht erhobenen Geist“. Die innige Vertrautheit mit dem
weiblichen Geschlecht, die bei Goethe von Jugend an auffällt, sein
Bedürfnis nach Umgang nicht allein mit jungen Mädchen,
sondern auch mit reifen Frauen und alten Damen, sobald sie durch
Gemüt, Geist oder Energie sich hervortaten, die Harmlosigkeit und
zugleich Schicklichkeit seines Verkehrs mit ihnen: alle diese
Züge, die für die Art seiner Entwickelung und seiner Poesie
von Bedeutung sind, haben sich unter dem segensvollen Einfluß
dieser Schwester ausgebildet, die ihm leider durch eine Ehe ohne
Glück früh entrissen wurde und schon 1777 starb.
b)
W a n d e r z e i t, 1765—1775
So trat denn der 16jährige Knabe nicht
übel vorbereitet seine
Wanderzeit an. Er hatte mehr gesehen, mehr Eindrücke an Kunst und
Leben in sich aufgenommen als die meisten seines Alters; und es wirkt
komisch, wenn der gute Junge sich in Leipzig eingeschüchtert
fühlt, weil man seine Kleidung altmodisch und seine Sprache
provinzmäßig findet. In Leipzig! dessen „Meißner
Mundart“ eine slavische Verhunzung der edlen deutschen Sprache bildet,
und wo heute noch, bei einer Bevölkerung von einer halben Million
Seelen, ein Menschenauflauf stattfindet, wenn ein Fremder einen Rock
oder einen Hut trägt, der in Kleinparis noch nicht gesehen wurde!
Nur wenige Jahre später schüttete Goethe bei einem Besuche
Leipzigs folgenden ergötzlichen Lavastrom aus dem Herzen: „Ich
kann nicht genug sagen, wie sich mein Erdgeruch und Erdgefühl
gegen die schwarz, grau, steifröckigen, krummbeinigen,
perückengeklebten, degenschwänzlichen Magisters, gegen die
feiertagsberockte, altmodische, schlankliche, vieldünkliche
Studentenbuben, gegen die zuckende, krinsende, schnäbelnde und
schwumelnde Mägdlein, und gegen die hurenhafte, strotzliche,
schwänzliche und finzliche Junge-Mägde ausnimmt.“ Damals
aber,
wo Gottsched und die Gottschedin vor kurzem gethront hatten, wäre
Leipzig nahe daran gewesen, sein „pedantisches Regiment“ ganz
Deutschland aufzunötigen; Goethe und Schiller, der Mainländer
und der Schwabe, kamen gerade noch zurecht, das Vaterland vor dieser
Katastrophe zu retten.
Studiert im eigentlichen Sinne des Wortes hat Goethe
in Leipzig sehr
wenig; er sollte die Rechte hören, hat aber, außer einigen
nebel-
29 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
haften
Literaturvorträgen bei Gellert, seine Zeit
hauptsächlich im Atelier des Malers Oeser zugebracht. Oeser ist
es, der ihn lehrte, „das Ideal der Schönheit sei Einfalt und
Stille“; von Oeser bezeugt er: „Er drang in unsre Seelen, und man
mußte keine haben, um ihn nicht zu nutzen“; der Eindruck blieb
unverwischbar; an Oesers Tochter schreibt Goethe: „Ich danke Ihrem
Vater das Gefühl des Ideals.“ Als wichtigstes Ergebnis der drei
Jahre in Leipzig dürfen wir Oesers hohe Schule der Einfalt
betrachten, welche auf diesem Wege von der Malerei aus in die
Dichtkunst Eingang fand.
Dazu kamen einige anregende aber vorübergehende
Freundschaften und
die schnell aufflammende und schnell verlöschende Herzensneigung
zu der niedlichen Wirtstochter Annette oder Kätchen
Schönkopf; die ältesten der uns erhaltenen Lieder Goethe's
sind an sie gerichtet. Damals schrieb Goethe noch unbefangene Briefe;
in einem an seinen originellen Freund Behrisch findet sich folgende
charakteristische Stelle über diese Liebe: „Ich sage mir oft: wenn
sie nun deine wäre, und Niemand als der Tod sie dir streitig
machen, dir ihre Umarmung verwehren könnte? Sage dir was ich da
fühle, was ich alles herumdenke — und wenn ich am Ende bin: so
bitte ich Gott, sie mir nicht zu geben“. Gott erhörte dieses
Gebet; Annette war bald mit einem Arzte verlobt, und Goethe konnte sie
aufrichtig beglückwünschen. Er selbst aber verfiel in ein
ziemlich ausgelassenes Studentenleben, dem seine stets zarte
Körperkonstitution nicht gewachsen war; ein Blutsturz hätte
ihn bald hingerafft; krank kehrte er nach Frankfurt heim und hat
eigentlich nie mehr eine sehr feste Gesundheit besessen. Auch diese
Tatsache ist biographisch aller Beachtung wert; denn die stereotype
biographische Märe hat uns eine Art herkulischen
Götterjüngling hingezaubert, der nie gelebt hat. Abgesehen
von einer echt patrizischen Lust, etwas reichlich zu essen und zu
trinken, besaß Goethe von Hause aus gesunde Neigungen; das war
sein Glück; sonst hätte er leicht in ähnlicher Weise wie
Schiller enden können. Brust, Hals, Herz blieben bei ihm sein
Leben lang anfällig; die Neigung zu heftigen Entzündungen hat
ihm manche qualvolle Erkrankung veranlaßt; die Verdauung stockte
leicht, und Gicht stellte sich frühzeitig ein; wer aus Briefen und
Tagebüchern die Nachrichten über Erkrankungen
zusammenträgt, erhält eine traurig lange Liste; im
30 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
fünfzigsten
Lebensjahre lag Goethe am Tode, seitdem öfters
wieder. * Zu alledem fast krankhaft reizbare Nerven. Als Goethe im
sechsundzwanzigsten Lebensjahre auf dem üblichen Saumpfade zum
Gotthardspital gemächlich hinansteigt — für jeden
kräftigen Jüngling eine herzerfrischende, leichte Aufgabe —,
klagt er über „Not und Müh' und Schweiß... Schwitzen
und Matten und Sinken“. Mehr infolge seines eisernen Willens und der
klaren Gesundheit seiner Seele erscheint uns Goethe als der Typus eines
gesunden Menschen, als wegen besonderer körperlicher Kraft; wie er
mit einigen dreißig Jahren an Lavater schreibt, er war viel
krank, aber „meist ohne es zu sagen, daß niemand frage, und der
Credit aufrecht bleibe“. Die Wahrheit ist interessanter als die
Märe. Wir wollen den Lombrosos das Vergnügen machen, es zu
gestehen: ein außerordentlicher Intellekt wird stets dem
Körper zu schaffen geben; mag in Leipzig des Jünglings
Leichtsinn einiges auf dem Gewissen haben, später war es der tiefe
Sinn, der an dem Körper zehrte; Goethe's schwerste Erkrankungen
fallen zumeist mit großen seelischen Erregungen zusammen, die er
unter der Maske des Gleichmutes zu verheimlichen liebte.
Jene erste schwere Erkrankung trug zum Reifwerden
Goethe's viel bei.
„Mein Gemüt war von Natur zur Ehrerbietung geneigt“, bemerkt er
von seinem frühen Kindesalter; in diesem Keim liegt alles; der
unreligiöse Mensch ist derjenige, dem Ehrfurcht fremd bleibt.
Jetzt vertiefte sich die Anlage, und zwar nach zwei Seiten zugleich: in
die Mystik des Vereintseins mit Christus und in die Mystik der
alchimistischen Natureinheit. Man nennt Goethe einen Heiden; er selber
liebte es in späteren Jahren, sich diese Bezeichnung beizulegen;
und doch kann ein Mann, der mit einundzwanzig Jahren sich zu folgenden
Gefühlen bekannte, nie ein Heide im unreligiösen, sondern
höchstens im unkirchlichen Sinne geworden sein: „Reflexionen sind
eine sehr leichte Ware, mit Gebet dagegen ist's ein sehr
einträglicher Handel; eine einzige Aufwallung des Herzens im Namen
des, den wir inzwischen e i n e n H e r r
n nennen, bis wir ihn u n s e
r n H e r r n betiteln können, und wir
sind mit unzähligen
Wohltaten überschüttet.“
Der diese Worte an einen Kameraden richtet, ist nach
anderthalbjähriger Pause von neuem auf die Universität
gezogen, diesmal
31 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
nach
Straßburg. Die Stadt mit ihrem Dom, die bunt gemischte
Bevölkerung, die herrliche Gegend: das war alles ein anderes als
Leipzig. Vom ersten Augenblick merkt man dem Jüngling an wie dort
den Druck, so hier die Freude. Wir fühlen es, die schlimmste
Klippe, die Goethe's heranreifende Jugend bedrohte, ist umschifft.
Alles dient jetzt der Fruchtbarkeit: die Mystik, weit entfernt, einen
Frömmler aus ihm zu machen, streift ihm nur die letzten
Überbleibsel der Dogmatik von der Seele ab; die Alchimie
führt ihn zur Beobachtung der Natur. Anstatt die Rechte zu
studieren, geht er mit seinen Medizin studierenden Kommilitonen in die
anatomischen und chirurgischen Vorträge; hatte der Maler Oeser den
Dichter Einfalt und Stille gelehrt, so lehrte ihn die exakte Forschung
genaues Hinsehen und Beachtung der inneren Struktur. Auch dies blieb
Goethe fürs ganze Leben gewonnen.
Und nun fand das große Ereignis statt: die
erste Begegnung mit
einem Manne, der zu einer anderen Spezies als die übrigen
gehörte, nicht mehr Homo sapiens,
unser wohlvertrauter
Alleswisser, sondern Homo genialis,
das heißt (wörtlich) der
„lebenzeugende“ Mensch. Freilich, um zu ermessen, was die Begegnung mit
Herder für den Jüngling bedeutet hat, in dessen Seele
keimhaft, Blatt um Blatt gefaltet, Weltenbilder schlummerten, die
bloß des Auferweckens harrten, muß man eine ungefähre
Vorstellung davon besitzen, was Herder war, und diese Vorstellung ist
leider außerhalb eines engsten Kreises nicht vorauszusetzen.
Herder's hellseherisches Ahnungsvermögen
trägt ihn beschwingt
in alle Fernen, sein Begeisterungsdrang siegt über jedes
Hindernis; längst entschwundene Zeiten, nie von ihm gekannte
Völker, sie stehen vor seinem Auge, er begreift sie, er liebt sie,
er erklärt sie uns; der Zartsinn ist sein Organ, wogegen die
Derbheit, sowie das, was Goethe als „Ironie“ preist, dieser
großen Seele fehlt; Herder's Genialität übertrifft bei
weitem sein Talent, das ist sein Verhängnis, das hindert ihn,
wahre Meisterwerke zu vollenden. Die Welt aber fragt nicht viel nach
dem Wesen eines Mannes, vielmehr nur nach seinen Taten; und als Tat
läßt sie einzig das gelten, was sich ihr mit Gewalt
aufzwingt. Sonderwesen jedoch gibt es, allzu zart und
eigenmäßig entwickelt, zu selbstbewußt und zugleich zu
empfindsam-geduldlos, einen unmittelbaren Eindruck auf die allgemeine
32 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Mittelmäßigkeit
zu machen, Wesen, die weder den nachsichtig
guten, sich herabneigenden Willen, noch die ausdauernde
Selbstbeherrschung besitzen, jene Ausgleiche einzugehen, dank welchen
Verständnis und Eindruck bei der Menge erzielt werden. Abgesehen
von seinem ungeheuren Wissen (geboren aus einer seltenen
Aneignungsfähigkeit) steht ein Herder auch in bezug auf das
Gebiet, wo seine Gedanken sich bewegen, und auf die Mannigfaltigkeit
der Farbenunterscheidung seines geistigen Spektrums der Mehrzahl seiner
Zeitgenossen bedeutend ferner als die meisten Männer, denen wir
die geniale Wirkungsart zuzuschreiben pflegen. In bezug auf ihn redet
Goethe von einem „mystisch weitstrahlsinnigen Ganzen, einer in der
Fülle verschlungener Geschöpfsäste lebenden und
rollenden Welt.“ Für Herder ist „Grenze“ gleich Tod; der
Hindernisse spottend, braust sein Geist durch alle Bereiche
menschlicher Interessen; nichts dünkt ihm unerreichbar, so
kühne Brücken weiß er über die gähnenden
Abgründe des Unvermögens zu werfen; das Beschränkte
schüttelt er wie einen teuflischen Zufall hastig ab und
läßt sich den Wahn der rein idealen Wirkungsgewalt nicht
entreißen. Prophet und Weltbeglücker: das ist es, wozu er
sich innerlich berufen fühlt. „Ich will mich so stark als
möglich vom Geist der Schriftstellerei abwenden und zum Geist zu
handeln gewöhnen!“ Gleich Goethe ist auch Herder ein universal
begabter Mann; diese Ähnlichkeit trug sicherlich viel dazu bei,
jeden der beiden dem andern leidenschaftlich in die Arme zu werfen;
doch griff das Unterscheidende tiefer durch als das Verwandte. Goethe
bezeichnet sich in späteren Jahren als „ein Talent, das nicht
umherschwärmt, sondern gleichzeitig aus einem gewissen Mittelpunkt
sich nach allen Seiten versucht“; dieser Mittelpunkt blieb
unverrückbar und verlieh sowohl den verschiedenen Bestrebungen des
Augenblicks wie denen der aufeinanderfolgenden Jahre organische
Einheitlichkeit; nicht die kleinste Bemühung ist umsonst, jede
dient dem Ganzen. Wogegen Herder's Lebenswerk heute wie ein
Trümmerfeld riesenhafter Bruchstücke, unausgeführter
Absichten, traumgebliebener Träume vor unseren verwirrten Blicken
liegt. Während sein schrankenlos weiter Sinn alles umfassen
wollte, blieb der innere Mensch mit sich selber uneinig, unfähig
sich zu klären, sich zu bändigen. Kein Universalgeist kann
den Widersprüchen entgehen; bei Goethe wirkten sie aber zu-
33 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
sammen
und bauten dadurch die Persönlichkeit ringsherum
körperhaft aus, indessen sie bei Herder die Seele zerrissen und
das Werk in Stücke zerschlugen. Dies reicht bis ins Einzelne, wo
wir dicht neben Einsichten und Vorahnungen, mit denen Herder die
bedeutendsten seiner Zeitgenossen überflügelt, neidische
Mißachtung des Erhabenen und verletzend-absichtliche
Patronisierung des Unbedeutenden finden. Und das Leben ist ihm
(wiederum im Gegensatz zu seinem im Götterschutze wandelnden
Freunde) so hart, drängt ihm so unaufhörliche, lästige,
nörgelnde, aufreibende Lohnarbeit auf, sein Heim ist so
angefüllt mit der Ruhelosigkeit eines ehrgeizigen,
argwöhnischen, pläneschmiedenden Weibes und mit der Sorge um
eine zahlreiche Familie, er sieht sich dadurch seiner inneren
Bestimmung — anstatt ihr entgegenzuwachsen — ferner und ferner
gerückt, sein Stolz muß so viel leiden, daß er immer
verbitterter wird und sich zuletzt mit aller Welt verfeindet, er, der
Liebesbedürftige! Auch Goethe verliert er, der doch von ihm das
schöne Wort gesprochen hatte: „Eines edleren Herzens und weiteren
Geistes ist nicht wohl ein Mensch.“ Ruht aber Goethe's Größe
in dem unauflöslichen Bunde jenes Mittelpunktes des
unverrückbaren Seins mit einem Kreis um Kreis sich
unaufhörlich erweiternden Werden, so daß er den Grundsatz
aufzustellen wagt: „Wir müssen nichts sein, sondern alles werden
wollen“, so bekennen wir voll Dank und Ehrfurcht: auf dieses Werden
Goethe's hat keiner annähernd so befruchtend und fördernd
gewirkt wie Herder. Denn Herder war eine Elementarkraft und gab ihm
alles auf einmal, den Stoff und auch den Geist, mit anderen Worten, die
Gegenstände, aus denen die größtmögliche Nahrung
zu schöpfen war, und auch die Richtung bergauf, der Sonne
entgegen. Goethe vergleicht diese Wirkung Herder's mit einer
„Göttererscheinung“, die „über ihn herabgestiegen sei, Herz
und Sinn mit warmer, heiliger Gegenwart durch und durch belebend.“
Herder gab ihm, wovon der akademische Pedant in Leipzig keine Ahnung
besessen hatte: den ersten Einblick in Geist und Geschichte der
deutschen Poesie, ja, aller Poesien; Herder war es, der ihn auf das
Volkslied wies und ihm die alten Balladen und Chroniken zuführte;
er lehrte ihn die Gotik schätzen; er schenkte ihm das tiefere
Verständnis für Shakespeare; er offenbarte ihm die alten
Griechen und machte ihn mit den modernen Romanschreibern Eng-
34 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
lands
und Frankreichs bekannt; mit den Vorarbeiten zu seiner P l
a s t
i k beschäftigt, besaß Herder bereits (in
Anschluß an
Winckelmann) umfassende Gesichtspunkte für die Beurteilung aller
bildenden Kunst.... Doch wozu alles aufzählen? Die Hauptsache
für Goethe war ja die Erfahrung, daß es überhaupt
Menschen von dieser Art auf der Welt gibt. „Was in einem solchen Geiste
für eine Bewegung, was in einer solchen Natur für eine
Gährung müsse gewesen sein“, schreibt er von Herder,
„läßt sich weder fassen noch darstellen.“ An dem verwandten Homo
genialis erkannte er zum ersten Mal seine eigene Bedeutung; der
Verkehr
mit Herder in Straßburg ist die Geburtsstunde des bewußten
Genies in Goethe. *
Nicht unerwähnt darf in dieser Skizze die erste
wahrhaft poetische
Liebe Goethe's bleiben, diejenige zu Friederike Brion, der Tochter des
braven elsässischen Pfarrers. Welche Leidenschaft den
Jüngling erfaßt hatte, beweist nichts besser als das Lied
Willkommen und Abschied, das
unmittelbarste und stürmischeste
Liebeslied, das wir überhaupt von Goethe besitzen. Man muß
es in
der ursprünglichen Gestalt lesen, wo es beginnt:
Es
schlug mein Herz; geschwind zu Pferde!
Und fort, wild, wie ein Held
zur Schlacht!
Wo ferner, statt der dämpfenden Korrektur späterer Jahre:
In
meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!
geschrieben steht:
Mein
Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in
Glut!
Auch die unsterblichen Schlußzeilen gewinnen an Eindringlichkeit
dadurch, daß er ihr, nicht sie ihm, nachsieht:
Du
gingst, ich stund und sah zur Erden,
Und sah dir nach mit nassem
Blick:
Und doch, welch' Glück, geliebt zu
werden!
Und lieben,
Götter, welch' ein Glück!
Und was wurde aus dieser Liebe, die z`u so hohen Worten begeistert
hatte? Gleich dem Nebelkleid, von dem in jenem Liede die Rede ist,
schwand sie vor der nächsten Morgensonne, und ihre Bedeutung
35 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
für
Goethe's Leben ist fast lediglich in dem Umstand zu finden,
daß sie zu jenem Gegenstück zu Hermann und Dorothea, der
duftend zarten Idylle im zehnten und elften Buch von Dichtung und
Wahrheit, die Veranlassung gab. „Sie hatte mich geliebt,
schöner
als ich's verdiente“, bekennt Goethe; und in der Tat, sobald die holde
Erscheinung ihm nicht mehr leibhaftig das Auge bezauberte, entschwand
sie aus seinem Vorstellungskreis, bis vierzig Jahre später die
Beschäftigung mit der Lebensschilderung sie von neuem hervorrief.
Gerade infolgedessen aber blieb diese Gestalt Friederikens
unberührt und bildkräftig wie kaum eine zweite.
In den letzten Wochen seines Straßburger
Aufenthaltes zog Goethe
seine juristischen Bücher wieder hervor, holte sich Rats bei
gutmütigen Vertretern des Faches, schrieb eine Dissertation und
promovierte zum Doctor juris.
Von nun an hieß er bei seinem Vater
und auch jahrelang bei manchen Anderen „der
Dr.“ *
Die nun folgenden Jahre sind die verworrensten in
Goethe's Leben. Das
Fahrige, Unstete, Planlose, Grillenhafte in seinem Wesen erreichte hier
den Höhepunkt; seine Mittel erlaubten ihm Willkür und Mangel
an Folgerichtigkeit in der Lebensführung, und das Genie hatte
Herder, selber der nie zu Bändigende, zwar geweckt und
aufgestachelt, nicht aber zu lenken verstanden. In Gottfried von
Berlichingen — nicht die uns allen vertraute
Theaterbearbeitung G
ö t z, sondern eine grenzenlos umfangreiche
dramatisierte Chronik,
die Goethe zweimal durcharbeitete — zeigte sich die gewaltige
gestaltende Kraft, zugleich der jugendlich herrische Unwille gegen
irgendwelche Beschränkung; wogegen andere Dichtungen in acht Tagen
(wie Clavigo) fix und fertig
als Improvisationen und
Gesellschaftsspiele entstanden, deren Lücken leicht zu tilgen
gewesen wären, hätte der Dichter die Ausführung nur ein
wenig sorgfältiger durchdenken und breiter ausgestalten wollen.
Übermütige Possen, die uns bedauern lassen, daß Goethe
dies
Genre, in dem er sofort die höchste Vollendung erreichte,
später mit seiner Würde nicht vereinbar fand, sprudelten
hervor und gingen leider meistens verloren: Götter, Helden und Wieland, Concerto
Dramatico, Pater Brey,
Satyros, Prolog zu den neuesten Offenbarungen Gottes usw. Kurze
Blätter (nach Herder's Art) redeten in dithyrambischer
Begeisterung von Shakespeare, von der gotischen Baukunst, von den
Grundwahr-
36 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
heiten
des Christentums. In den Frankfurter
Gelehrten Anzeigen besprach
der wenig wissende, doch alles ahnende Jüngling mit Ungestüm
die Neuerscheinungen auf den Gebieten der schönen Literatur, der
Religionslehre, der Ästhetik. Dabei war Faust schon begonnen, und
andere gewaltige dramatische Entwürfe — Julius Caesar, Prometheus,
Mahomet — gewannen nach und nach Gestalt. Mitten in diesem
Wonnetaumel
des sich selbst wie ein unentdecktes Land erforschenden
schöpferischen Geistes ließ sich Goethe an dem Reichsgericht
in Wetzlar als Praktikant anstellen und verbrachte dort, in der
lieblichen Gegend, die er mit seiner alten Leidenschaft für die
Natur nach allen Richtungen zu Fuß und zu Pferd durchquerte, eine
„Glückseligkeit von vier Monaten“ zwischen seinem Freund und
Kameraden, dem wackeren, kenntnisreichen Johann Heinrich Kestner, und
dessen Braut, Lotte Buff. Jeder weiß, wie es hier zuging; was
sein Werther nicht über sich vermochte, Goethe selber konnte es;
er hieß seinen Diener alles heimlich bereiten, ließ
Reichsgericht Reichsgericht sein und war eines Morgens verschwunden.
Mit Kestner und Lotte blieb er im besten Einvernehmen und in regem
brieflichen Verkehr, und als bald darauf der Tod eines anderen
Kameraden am Reichsgericht, des tiefsinnigen jungen Jerusalem, durch
Selbstmord erfolgte, da war ihm zu dem Roman, den er in Anlehnung an
Rousseau's und Richardson's Romane in Briefform als halbausgestaltete
Absicht schon lange bei sich trug, auch die dramatische Katastrophe
gegeben, die es nicht in seinem episch-beschaulichen Wesen gelegen
hätte zu erfinden. * Er ließ
sich alles mit juristisch
genauer Ausführlichkeit berichten und erreichte die ergreifende
realistische Wirkung des Schlusses durch die oft buchstäbliche
Verwendung der Worte und Handlungen des aus unglücklicher Liebe in
den Tod gegangenen Jünglings. Doch kommt für die Entstehung
des Werther noch ein Umstand
in Betracht; gleich nach seinem Fortgang
aus Wetzlar hatte Goethe Liebe gefaßt für Maximiliane von La
Roche, „eine Erscheinung vom Himmel“, die in der ihr vor kurzem
aufgezwungenen Ehe mit dem Bankier Brentano, einem guten, aber
nüchternen Manne, unglücklich lebte. So wechselvoll und
flüchtig waren die Eindrücke dieser Zeit!
Inzwischen hatte sich Goethe in Frankfurt im Hause
seines Vaters eine
rechtsanwältliche Kanzlei eingerichtet, studierte aber
37 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
förmlich
darauf, möglichst wenig zu tun zu bekommen; dieses
wenige überließ er außerdem, so viel es ging, seinem
Vater oder seinen Kollegen; „meine Praxis“, schreibt er einem Freunde,
„kann noch wohl in Nebenstunden bestritten werden.“ Dem viel
zerstreuten Manne blieben auch wirklich kaum mehr als Nebenstunden
für Berufsarbeiten. Goethe's Ruf als Dichter, der später
merklich verblaßte und erst in den letzten zwanzig Lebensjahren
die volle Höhe von neuem erreichte, stand damals auf dem
Gipfelpunkt. Gottfried hatte
große Achtung erobert, sogar der mit
Lob sparsame Herder schreibt: „Gott segne dich, daß du den
Götz
gemacht hast, tausendfältig!“ Doch beschränkte sich diese
Bewunderung, wie es in der Natur der Sache lag, auf einen gewissen
vaterländischen Kreis; Werther
dagegen eroberte die ganze Welt.
Der „Herr Dr.“ war jetzt „der Verfasser des Werther“ geworden und blieb
es für Viele fünfzig Jahre lang; noch 1808 kannte Napoleon
von Goethe nichts anderes als Werther.
Mit Goethe selber werden wir uns
der Erkenntnis nicht erwehren, daß bei dem ungeheuren Erfolg
dieses Werkes seine unvergleichlichen stilistischen Eigenschaften
verhältnismäßig wenig wogen, jedenfalls wenig zum
Bewußtsein kamen neben dem bloß stofflichen Interesse an
der
geschilderten Handlung. Wie dem auch sei, das Goethehaus war ein
Mittelpunkt geworden, wo jeder Schöngeist Deutschlands, den sein
Weg nach Frankfurt führte, einkehren mußte; Goethe war mit
einem Schlage l'homme à la
mode, und er ließ es sich auch
eine Zeitlang gefallen. Hätte der Zustand angehalten, es wäre
sein Verderben geworden; aus einer gewaltsamen Zerstreuung geriet er in
die andere und besaß nichts, fähig ihn zu binden,
außer dem sehr lockeren Zwang seiner Advokatenpraxis. Aus Weimar
schreibt er mehrere Jahre später an seine Mutter: „Sie erinnern
sich der letzten Zeiten, die ich bei Ihnen, ehe ich herging, zubrachte;
unter solchen fortwährenden Umständen würde ich
gewiß zu Grunde gegangen sein.“
Durch dieses „Hurrli“, wie er's einmal nennt,
hindurch, spielt nun eine Liebe, die Goethe selber später
gelegentlich als diejenige bezeichnet haben soll, die in seinem Herzen
am tiefsten Wurzel gefaßt hätte; auch ist es die einzige von
allen, die zu
einer förmlichen Verlobung geführt hat. Soret — ein Mann der
exakten Wissenschaft, geübt, täglich abends das Erlebte genau
aufzuschreiben —
38 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
will
am 5. März 1830 aus Goethe's Mund folgende Worte vernommen
haben: „Niemals bin ich meinem Glücke so nahe gewesen.“ Und
weiter: „Lili war die erste, für welche ich eine ebenso tiefe als
wahre Neigung gefaßt hatte, ja vielleicht auch die letzte; denn
derartige Beziehungen, wie sie mich in der Folge beschäftigten,
waren im Vergleich zu jener sehr flüchtige.“ Ein solcher Ausspruch
(den auch Eckermann fast wortwörtlich wiedergibt) wirft ein
eigentümliches, den Meisten gewiß unerwartetes Licht auf das
Verhältnis zu Frau von Stein; doch worauf ich vorläufig die
Aufmerksamkeit einzig richten möchte, ist die besondere
Beleuchtung, die hierdurch auf Goethe's Liebesleben überhaupt
fällt. Der Heirat hätte in diesem Falle nichts im Wege
gestanden: Lili Schönemann war die einzige Tochter eines reichen
Bankiers; sie war vortrefflich erzogen und gebildet, von Gestalt
bezaubernd und starken Charakters; in den Greueln der
französischen Revolution zeichnete sie sich
später aus, auch Goethe mußte ihre „Standhaftigkeit und
ausdauernde Großheit“ preisen; die Familie hatte, obwohl diese
Verbindung ihren Hoffnungen nicht entsprach, doch schließlich
eingewilligt. Nichtsdestoweniger kam es nicht zur Eheschließung;
denn kaum war dieser „ebenso tiefen als wahren Neigung“ durch die
gegenseitige Angelobung die endgültige Weihe zuteil geworden,
als Goethe, wild vor Angst, es könnte wirklich eine Ehe daraus
erfolgen, alles in Bewegung setzt, die Verlobung aufzuheben, und
schließlich einfach entflieht. Er unternimmt seine erste
Schweizer Reise und bricht dabei alle Beziehungen zu Lili ab. Doch als
er nach Frankfurt zurückkehrt, kann er der Versuchung einer
Begegnung nicht widerstehen, und der alte Zauber — das „so nahe
Glück“ — umfängt ihn von neuem. Da schreibt er nun an seinen
vertrautesten Freund Merck — es sind Kraftworte, doch wenigstens
erfahren wir genau, was Goethe zu jener Zeit empfand, nicht, was er
fünfundfünfzig Jahre später darüber dachte — also
er schreibt am 8. August 1775 an Merck: „Ich bin wieder scheißig
gestrandet, und möchte mir tausend Ohrfeigen geben, daß ich
nicht
zum Teufel ging, da ich flott war. Ich passe wieder auf neue
Gelegenheit, abzudrücken....“
Auf das Thema Goethe und die Liebe werden wir mehr
als einmal
Gelegenheit finden zurückzukommen; für den Augenblick
genügt es, wenn diese etwas derbe Aufrüttelung das Gefallen
an den
39 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Phrasen
unserer Literarhistoriker gründlich verscheucht.
Biographisch ward diese brennende Begier „abzudrücken“ zwiefach
entscheidend; denn nicht allein heiratete Goethe nicht in den
behäbigen Kreis reicher Kaufherren, sondern er ergriff hastig die
Gelegenheit einer Einladung an den Hof des jungen Herzogs von Weimar,
um auf diese Weise aus der Nähe des drohenden Glückes
wegzukommen und beliebig lange ihm fernzubleiben.
c)
W e i m a r, 1775—1786
Am 7. November 1775 zog Goethe in Weimar ein; es
ward sein Heim auf
immer.
Carl August, Herzog von Sachsen-Weimar (seit 1815
Großherzog) ist
eine der entscheidenden Gewalten im Leben Goethe's; ihm fiel die
Aufgabe des Schicksals zu; er zeigte sich ihr gewachsen. „Dieser von
der Natur höchst begünstigte, glücklich ausgebildete
Fürst ließ sich meine wohlgemeinten, oft unzulänglichen
Dienste gefallen und gab mir Gelegenheit, mich zu entwickeln, welches
unter keiner andern vaterländischen Bedingung möglich gewesen
wäre.“ Ohne den Ballast der Verantwortlichkeit hätte Goethe
seinen Lebenslauf nicht zu steuern vermocht; durch Carl August erhielt
er ihn; und zwar nicht drückend-starr und schematisch-eigensinnig,
sondern den Erfordernissen des Augenblicks mit einsichtigem Wohlwollen
angemessen. Um seiner Freiheit willen diente Goethe dem Fürsten,
um aus der bürgerlichen Einengung sich hinauszuretten und Luft zum
Leben zu bekommen.
Einen
Herrn
Erkenn' ich nur: den Herrn, der mich
ernährt.
Dem folg' ich gern,
sonst will ich keinen Meister;
Frei will ich sein im Denken und im
Dichten;
Im Handeln schränkt die Welt genug
uns ein.
Zwar häuften sich in den ersten Jahren nach und nach die amtlichen
Verpflichtungen; doch lediglich, weil es die Tendenz aller Politik ist,
die tatsächlichen Machtbefugnisse in eine Hand zu spielen; was im
alten Rom gewaltige Verhältnisse gewann, findet man in jeder
Dorfgemeinde angedeutet; im kleinen (damals noch kleineren) Herzogtum
Sachsen-Weimar geschah, was überall geschieht. „Goethe lebt und
regiert und wütet, und gibt Regenwetter und Sonnenschein,
40 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
tour à tour comme vous savez,
und macht uns glücklich, er
mache, was er will“; so berichtet Wieland wenige Monate nach Goethe's
Ankunft in Weimar. Zunächst gewann er den Einfluß, dann ein
Amt nach dem andern, schließlich trug er die Hauptlast aller
Verantwortung. Goethe — nicht der Herzog — hat das so gewollt und
bewirkt. Gerade aus jener Zeit enthält das Tagebuch das
Bekenntnis, er möchte noch mehr amtliche Verpflichtungen auf sich
nehmen, „wozu Gott Gelegenheit und Mut verleihe!“ Und kurz darauf
schreibt er an einen Freund: „Das Bedürfnis meiner Natur zwingt
mich zu einer vermannigfaltigten Tätigkeit, und ich würde in
dem geringsten Dorfe und auf einer wüsten Insel eben so betriebsam
sein müssen, um nur zu leben.“ Als jedoch die Bürde ihn zu
drücken begann und die Unfruchtbarkeit aller Politik seine Seele
ausdorrte, da zürnte der Herzog nicht; zur Empörung der
lieben Weimarer ließ er dem Freunde die Bezüge und enthob
ihn der Arbeiten und Verantwortlichkeiten; nur was dem Forscher und
Poeten kongenial war, was er selber wollte und wählte, behielt er
als Amtsgebiet. „Einen Mann von Genie an dem Ort gebrauchen, wo er
seine außerordentlichen Talente nicht gebrauchen kann,
heißt denselben mißbrauchen“, so lautete Carl August's
Bekenntnis. Fürstlicher hat nie ein Freund gehandelt.
Es zeugt von haarsträubender Urteilslosigkeit,
wenn man Goethe's
Betätigung im Dienste des Staates als einen Abbruch an seiner
dichterischen Bestimmung auffaßt. Über diese ewig erneute
Klage hat kein Geringerer als Merck sich schon 1778 empört:
„Goethe hat nicht das Geringste, wie die Esel prätendieren, von
seiner ehemaligen poetischen Individualität abgelegt, dagegen aber
an Hunger und Durst nach Menschenkenntnis und Welthändeln und der
daraus folgenden Weisheit und Klugheit wie ein Mann zugenommen.“ Kein
Zug an Goethe verdient mehr Beachtung als die Abneigung gegen
berufsmäßige Schriftstellerei und gar Poeterei. Goethe war
kein Literat; das Papier war nicht sein Element und die Feder
haßte er so sehr, daß er sie selten in die eigene Hand
nahm. Mit Ronsard hätte er ausrufen können:
Bons dieux! qui voudrait louer
Ceux qui,
collés sur un livre,
N'ont jamais
souci de vivre?
41 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Bei
Goethe ist alles souci de vivre.
Gerade so wie seine einzelnen
Gedichte Gelegenheitsdichtungen sind, ebenso liegt es im Wesen seines
Dichtens überhaupt, Schmuck und Freude des Lebens zu sein oder, in
einem höheren Sinne, Vollendung der Empfindung und des Gedankens,
nicht aber Gewerb und Erwerb, auch nicht einziger Inhalt und Zweck des
Daseins. Im Gegensatz zu seinem Tasso, von dem er Leonore sagen
läßt:
Sein
Auge weilt auf dieser Erde kaum
war sein Auge von dieser Erde leidenschaftlich erfüllt; allseitige
Tätigkeit war sein notwendiges Element, ohne sie verfiel er in das
Planlose, Uferlose. Goethe war auch kein Gelehrter — nicht in dem
beschränkten und beschränkenden Verstand, den die deutsche
Sprache diesem unseligen Worte angehängt hat; seine Abneigung
gegen den Kastensinn, den Intriguengeist, die Engherzigkeit, die
Verstocktheit der deutschen Universitätsprofessoren, sobald er sie
nicht einzeln zu seiner Belehrung heranziehen konnte, sondern sie in
corpore vor sich erblickte, wirkt manchmal fast erheiternd, so
tief
steckt in ihm dieser gereizte Widerwille, den wohl jeder freigesinnte
Mann ihm nachfühlt. „Die Masse der unzulänglichen
Menschen“, schreibt er über die Fachgelehrten, „die einwirken und
ihre Nichtigkeit aneinander auferbauen, ist gar zu groß.“ Darum
war es seiner Natur vollkommen gemäß, im praktischen Leben
zu stehen, im organisierenden, Tatsachen erschaffenden. Ohne einen
großen, belangreichen und wichtigen Wirkungskreis hätte
seine geistige Entwickelung nie die Höhe erreichen können,
die wir sie nach und nach erklimmen sehen. Bis zu seinem Tode hat er
Amtsgeschäfte verwaltet; zwei Tage vor seinem Hinscheiden
unterschreibt er das letzte Aktenstück. „Der Druck der
Geschäfte“, heißt es 1779 in seinem Tagebuch, „ist sehr
schön der Seele; wenn sie entladen ist, spielt sie freier und
genießt des Lebens.“ Dagegen wäre es freilich bedauerlich
gewesen, wenn er in ein größeres Staatswesen hineingeraten
wäre, denn dieses hätte seine Lebenskräfte ganz
aufgesogen; darum sagt er von Weimar: „Ich danke Gott, daß er
mich bei meiner Natur in eine so eng-weite Situation gesetzt hat.“ In
der Tat hat Goethe gerade in den elf ersten, amtschweren Weimarer
Jahren eine Anzahl seiner herrlichsten Schöpfungen ersonnen. Ich
42 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
nenne
von den Dramen Egmont (dieses
eine Werk allerdings schon
früher im Geiste entworfen), Iphigenie,
Tasso, Elpenor, Die
Geschwister; freilich nur das letzte in der vollendeten Gestalt;
doch
auch aus dieser Tatsache darf man keinen voreiligen Schluß
ziehen, denn als er diese Werke später, bei Gelegenheit der ersten
Herausgabe seiner Gesammelten
Schriften, umzugestalten und stilistisch
auszufeilen unternahm, da fand es sich, daß er in Italien, wo
beliebig viel Muße ihm zur Verfügung stand, allem
Drängen des Verlegers zum Trotze selbst mit dieser sekundären
Arbeit nicht fertig werden konnte und sie auch tatsächlich erst
nach der Wiederaufnahme der Amtstätigkeit vollendete. Von anderen
poetischen Werken aus diesen ersten Weimarer Jahren nenne ich Wilhelm
Meister (erste Fassung), die Neubearbeitung des Werther, Hans Sachsens
poetische Sendung, Ilmenau, Harzreise im Winter, Die Geheimnisse, Auf
Miedings Tod, Zueignung, von den Balladen: Der Fischer,
Erlkönig, aus der reinen Lyrik solche himmlischen Gestalten
wie
Rastlose Liebe, Füllest wieder
Busch und Tal, Der du von dem
Himmel bist, Über allen Gipfeln ist Ruh', die Mignon- und
Harfnerlieder ... Zugleich blühen in diesen selben Jahren
die
naturwissenschaftlichen Studien auf: die Mineralogie, die Geologie, die
vergleichende Anatomie, die Botanik; im März 1784 findet die
Entdeckung des Zwischenkieferknochens statt; schon im April 1785 deutet
Goethe verhüllt auf die Metamorphose der Pflanzen.
Carl August hat also seinem Freunde den moralischen
Boden gegeben, auf
dem er stehen, auf dem er das „fahrige Wesen“ bezwingen lernen und
dadurch seinen Geist zur höchsten Blüte treiben konnte.
Zugleich schenkte er ihm in den seiner Leitung später
unterstellten Instituten und Bibliotheken des nahen Jena einen
vollständigen wissenschaftlichen Apparat für seine
Naturstudien. Gewiß: Goethe war Goethe; doch ohne Carl August
wäre er nicht der Goethe geworden, den wir heute verehren. „Geben
Sie mich mir selbst, meinem Vaterlande!“ ruft in jüngeren Jahren
der Dichter dem Fürsten zu; als Sechzigjähriger schreibt er:
„Dem Herzog von Weimar bin ich von jeher alle Bedingungen eines
tätigen und frohen Lebens schuldig geworden.“ Wogegen Weimar
selbst, als Ort und auch als menschliche Umgebung, ohne alle Bedeutung
war und blieb. Zwar gelang es Carl August, außer Wieland und
Goethe
43 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
noch
Herder und zuletzt Schiller zu gewinnen, glücklich jedoch
scheint sich keiner in Weimar gefühlt zu haben. Herder klagt
bitter über „das wüste Weimar, das unselige Mittelding
zwischen Hofstadt und Dorf“; Wieland spricht von dem „armseligen
Weimar, in dem es immer an allem fehlt“; Knebel (ihrer aller
Herzensfreund) berichtet über ein Mittagsmahl bei Hofe in Weimar:
„Rohe Grobheit und öde Langeweile dazu, mit Respekt aufgestutzt“;
Merck, der scharfblickende, redet von einem „Dreckwesen“; Schiller
schreibt, als er vier Jahre in Weimar gelebt hat: „Es gefällt mir
hier mit jedem Tage schlechter“; „es ist überall besser als hier“;
und fügt die ergreifenden Worte hinzu: „Ich bin nicht willens in
Weimar zu sterben“; Goethe nennt Weimar, nachdem er einige Jahre dort
tätig gewesen, kurzweg „das Loch“; er bekennt: „Der Wahn, die
schönen Körner, die in meinem und meiner Freunde Dasein
reifen, müßten auf d i e s e n Boden
gesäet, und jene
himmlischen Juwelen könnten in die irdischen Kronen d
i e s e r
Fürsten gefaßt werden, hat mich ganz verlassen“, und von dem
Leben
in Weimar sagt er: „Es ist wirklich eine Art der fürchterlichsten
Prosa hier, wovon man außerdem nicht wohl einen Begriff
hätte.“ Daß Goethe, die eigene heiße Sehnsucht
bekämpfend, lebenslänglich da verblieb, geschah aus Gehorsam
gegen ein inneres Gebot:
Frage
nicht, durch welche Pforte
Du in Gottes Stadt gekommen,
Sondern
bleib' am stillen Orte,
Wo du einmal Platz genommen.
In diesem fürchterlichst prosaischen aller Orte
lebte nun
Charlotte von Stein, die Gattin des herzoglichen Stallmeisters; zur
Zeit, als der 26 jährige Goethe in Weimar eintraf, war sie 33
Jahre alt und hatte sieben Kinder geboren. Ihr Vater war in Weimar
Hofmarschall, sie selbst wurde schon mit 15 Jahren Hofdame, fast alle
ihre Verwandten hatten Hofämter inne. Und dennoch stach sie im
Wesen von den übrigen Frauen dieses Kreises ab; das mochte wohl
von ihrer Mutter herzuleiten sein, einer Irving, aus vornehmem
schottischen Geschlechte. Charlotte hatte gar manches vom Schotten an
sich: so das Praktische, Kluge, Beharrliche, auch die (an Carlyle und
anderen Schotten auffällige) Unsentimentalität, wovon uns in
44 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Familienmemoiren
köstliche Beispiele aufbewahrt sind. Als Schiller
zum erstenmal (1787) Weimar vorübergehend besucht und über
die dortige adlige Gesellschaft und die geisttötende Langeweile,
die sie um sich verbreitete, an Körner berichtet, fügt er
hinzu: „Die beste unter allen war Frau von Stein, eine wahrhaftig
eigene interessante Person, und von der ich begreife, daß Goethe
sich so ganz an sie attachiert hat. Schön kann sie nie gewesen
sein, aber ihr Gesicht hat einen sanften Ernst und eine ganz eigene
Offenheit. Ein gesunder Verstand, Gefühl und Wahrheit liegen in
ihrem Wesen.“ Ungefähr zur selben Zeit klagt Carl August in einem
Brief an Knebel über die Vereinsamung seiner Gattin, der Herzogin
Luise, unter den Damen Weimars, von denen keine für wahre
Freundschaft in Betracht kommen könne außer „der Stein und
der Herder“, die aber auch „zu leicht“ *
seien. Goethe selber
schreibt, „außer Charlotte und Herder wäre er in Weimar
allein“. Dies alles muß man sich wohl gegenwärtig halten,
will
man das nun anhebende Verhältnis zwischen Goethe und Charlotte
von Stein richtig beurteilen lernen. In Weimar lebte bei seiner Ankunft
kein einziges anderes weibliches Wesen, an das sich ein Goethe
hätte anschließen können; eine Wahl gab es nicht. Ohne
eine derartige Beziehung aber wäre seine dortige Lage unhaltbar
gewesen. Der Hof in Weimar war, was alle Höfe sind: eine
abgeschlossene, jedes fremde Element instinktiv abstoßende
Körperschaft; „Kröten und Basilisken“ nennt sie Goethe. Auf
welcher geistigen Stufe der Adel einer solchen Residenz stand, kann man
daraus entnehmen, daß er noch 1799 in Entrüstung geriet und
höhnische Zirkulare herumlaufen ließ, weil der „adeliche
Clubb“ wegen der Proben zu der Erstaufführung von Schiller's
Piccolomini den Theatersaal
nicht am üblichen Tage zu seinem Ball
erhalten konnte. Als Goethe dort eintraf, um diese Gesellschaft zu
amüsieren, ließ sie es sich gefallen; als er in Amt und
Würden einrücken sollte, war die Empörung allgemein;
Carl August's treue Hand hielt ihn zwar — aber jedes Fürsten Macht
ist beschränkt, und Goethe war in solchen Verhältnissen
völlig unerfahren und von Hause aus nicht geschaffen, sie durch
diplomatische Verschlagenheit zu überwinden. „Ich bin nicht zu
dieser Welt gemacht“, gesteht er in seinem damaligen Tagebuch, „wie man
aus seinem Hause tritt, geht man auf lauter Kot; und weil ich mich
nicht um Lumperei kümmere,
45 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
nicht
klatsche und solche Rapporteurs nicht halte, handle ich oft
dumm.“ Zu einer Zeit, da Goethe schon drei volle Jahre in Weimar
weilte, schreibt Wieland in bezug auf ihn an Merck: „Du kannst Dir
kaum vorstellen, wie verhaßt hier der Name eines schönen
Geistes ist“; und noch im Herbst 1779 muß er melden, die Stimmung
der Weimaraner gegen Goethe „grenze nahe an die stille Wut“. Sollte und
wollte und mußte Goethe — der fremde Bürgerssohn — eine
vertrautere Anknüpfung zur unterrichtenden Anleitung, zur
allseitigen Vermittelung, zur klugen Überbrückung
täglich neu auftauchender Hindernisse besitzen — und daß
dies unerläßlich war, liegt auf der Hand — dann kam
hierfür einzig und allein Charlotte von Stein in Betracht. Bald
nach dem Entschlusse, in Weimar zu bleiben, schreibt er: „An die Stein
bin ich so was man sagen möchte geheftet und genistelt“; aber auch
sechs Jahre später berichtet er an einen genauesten Kenner
Weimarer Verhältnisse, Karl Ludwig von Knebel: „Die Stein
hält mich wie ein Korkwamms über dem Wasser.“ Womit
natürlich nicht angedeutet werden soll, er habe Liebe geheuchelt,
sie für seine Pläne zu gewinnen; das wäre ein
lächerliches Mißverständnis; vielmehr handelt es sich
hier lediglich um die Einsicht, welche unentrinnbare Notwendigkeit hier
vorlag. In dieser Notwendigkeit wurzelte die Kraft des
Verhältnisses zwischen Goethe und Charlotte, nicht in der Liebe,
die in diesem Falle eher einem künstlich zu üppiger
Blüte getriebenen Gartengewächs, als einer erdgeborenen
Naturpflanze zu vergleichen ist. Sobald darum mit Goethe's wachsender
gesellschaftlicher Meisterschaft der bedingende Zwang nach und nach
zusammenzuschrumpfen anfing, da begann auch — lange vor der Flucht nach
Italien — das vertraute Verhältnis langsam, unmerklich, Tag um Tag
an bindender Gewalt zu verlieren.
Um Charlotte von Stein richtig zu beurteilen, darf
man die echt
schottische kühle Schärfe des Verstandes, gepaart mit einer
gewissen Dürftigkeit in der Befähigung zu hingebender
Begeisterung, nie übersehen. Henriette von Bissing, Charlottens
Großnichte, die in ihrem Leben
der Dichterin Amalie von Helvig
die authentischen Familientraditionen bringt, spricht von ihr als einer
praktisch klugen Frau mit „kühlem Verstand“ und „unbeirrter
Gewissenhaftigkeit“; Knebel, der bis ans Ende in engstem
Freundschaftsverhältnis zu ihr
46 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
gestanden
hat und bekennt, von ihr „am meisten Nahrung für sein
Leben zu ziehen“, betont nichtsdestoweniger ihre „leidenschaftslose
Disposition“ und sagt: „Sie ist ohne Enthusiasmus“; Lotte Lengefeld
schreibt an Schiller: „Die ganze erste Zeit unserer Bekanntschaft
schreckte mich ihre Kälte oft ab“; die Herzogin-Mutter Amalie
erzählt: „Die Stein spricht von Rembrandt und Van Dyck, daß
Einem eiskalt wird“; selbst gegen die eigenen Söhne pflegte sie
sich so kalt zu benehmen, daß, als sie den einen „herzlich
umarmt“, er sich sofort hinsetzt, seinem Bruder von diesem seltenen
Ereignis zu schreiben, das ihn „fast bis zu Tränen gerührt
hatte“. Goethe selber rühmt Charlotten „Güte, Weisheit,
Mäßigkeit, Geduld“ nach und bezeichnet als ihre
hervorstechende Gabe den Besitz der „vielen Mitteltöne“, die bei
Anderen nicht anschlagen; hingegen muß er nicht selten um „ein
Bißchen Wärme“ betteln, er findet ihre Briefe „kalt“,
beneidet sie um ihr Talent, „so viel ruhiger und glücklicher zu
lieben“ als er, seufzt über „den seltsamen Druck auf die Seele“,
welchen ihr Betragen ihm verursache usw. Nie verlor sie eben — auch
Goethe gegenüber nicht — eine gewisse überlegene Ruhe und
hat, bei aller Anerkennung seiner unvergleichlichen Begabung und bei
aller Treue in der Förderung seines Wohles so unnachsichtig
über ihn geurteilt, daß wir schon daran allein die Grenzen
ihres geistigen Horizontes gewahr werden: dem Außerordentlichen
gegenüber Ruhe bewahren ist sicheres Zeichen von
Beschränkung. Das Unbedingte, was die Frau selbst dann ziert, wenn
es sie blind macht, und worin aller Heroismus ihres Geschlechtes Leben
schöpft, fehlt hier. Mit dem unbeirrbaren Instinkt des Weibes hat
sie ihre Briefe an Goethe zurückgefordert und vernichtet und
dadurch zur Idealisierung des Verhältnisses in der Vorstellung der
Nachwelt gewiß viel beigetragen; denn ihre Briefe — das ersehen
wir aus den seinen — müssen manches herbe Wort unnachsichtig
ausgesprochen haben. Doch zwei kleine Dramolette besitzen wir von ihr —
das eine zuerst im Jahre 1776, also bald nach dem Bekanntwerden mit
Goethe geschrieben und anfangs der achtziger Jahre überarbeitet,
das andere etwa 1796, also lange nach dem Bruche entstanden — und jedes
enthält eine so grausame Verspottung Goethe's, daß man mit
Schmerz die Unzulänglichkeit des Urteils und die nicht
abzuleugnende Herzensdürre dieser Frau beklagen muß. Von
anderen Weimaranern
47 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
kann
man behaupten, sie waren unfähig, eine Erscheinung wie
diejenige Goethe's überhaupt zu erkennen; ihnen war er ein Mensch
unter anderen Menschen; Charlotte aber — ich glaube, wir dürfen es
so aussprechen — Charlotte trat ihm zu nahe für den Horizont ihrer
Begabung: weil sie ihn gut kannte, verkannte sie ihn; nicht von ihm
geliebt, nicht die Vertraute seiner Träume und Hoffnungen,
hätte sie ihn weit richtiger beurteilt. Ohne Frage hat Goethe
selber hierbei viel verschuldet, indem er immer wieder durch
Leidenschaft die Beziehung überspannte und einen Ton
hineinbrachte, der zu Charlottens Wesen nicht stimmte; wogegen
Charlotte es verstand, durch Reserve und, wo es sein mußte,
Härte jahrelang den Zusammenbruch abzuwenden. Wir hörten
vorhin Goethe selber erklären, Lili Schönemann sei die letzte
gewesen, für die er eine „wahre Neigung“ gefaßt habe, alle
späteren Beziehungen seien „im Vergleich zu jener sehr
flüchtige“ gewesen; als er diese Worte sprach, war Frau von Stein
schon seit Jahren tot; Rücksicht gegen sie gebot also keine
Zurückhaltung. Er hatte eben selber inzwischen längst
erkannt, daß hier wohl wahre vertrauensinnige Freundschaft,
durchwoben mit verworrener, schmerzlicher Leidenschaft, geherrscht
hatte, nie aber echte, heilige, allgebietende Liebe; vielmehr war diese
Liebe eine auf- und abflackernde Wahnvorstellung gewesen, teils harmlos
kindlich naiv, wie es bei großen Männern auch sonst
begegnet, teils dunkler gefärbt, wie es die Dürftigkeit der
Umgebung, das Schmerzliche der geistigen Vereinsamung, das Sehnen der
Jugend, die poetische Schwärmerei, der ungestüme
Daseinsdrang, die überreizten Nerven, die Dankbarkeit, die
Gelegenheit gebar. Goethe's Briefe an Charlotte von Stein sind
schön, weil sie von Goethe sind; sie sind unerschöpflich an
Inhalt, weil er diese Frau zehn Jahre lang, während der
entscheidenden Entwickelung aus Unbewußtsein zu Bewußtsein,
zum Gefäß seines Vertrauens erwählt hatte. „Gestern von
Ihnen gehend hab' ich noch wunderliche Gedanken gehabt, unter andern,
ob ich Sie auch wirklich liebe? oder ob mich Ihre Nähe nur wie die
Gegenwart eines so reinen Glases freut, darin sich's so gut sich
bespiegeln läßt?“ Man sieht, es braucht nur ein Augenblick
innerer Ruhe einzutreten, und Goethe selber erfaßt das Wesen des
Verhältnisses vollkommen klar. Bemerkenswert ist es, wie oft er
sich eher zu Gefühlen der Blutsverwandtschaft als
48 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
zu
denen des Eros bekennt. Dies bezeugen nicht allein die überall
angeführten Verse:
Ach, du
warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau,
was eher allem anderen als einer feurigen Liebeserklärung
gleichsieht, sondern in den Briefen finden wir Ausdrücke wie: „An
dir habe ich eine Schwester“, und: es ist „das reinste, schönste,
wahrste Verhältnis, das ich außer meiner Schwester je zu
einem Weibe gehabt“ usw. Namentlich verdient folgender Satz Beachtung,
geschrieben als die Beziehungen zu Charlotte schon fünf Jahre
gewährt und die verschiedensten Entwickelungsstufen durchgemacht
hatten: „Die Stein hat meine Mutter, Schwester und Geliebten nach und
nach geerbt, und es hat sich ein Band geflochten wie die Bande der
Natur sind.“ Durch solche Worte vorbereitet, ahnen wir, was Goethe
meint, wenn er einmal dieses Verhältnis als „heilig sonderbar“
bezeichnet und hinzufügt: „Es kann nicht mit Worten
ausgedrückt werden“....
Ich empfinde es wohl, diese Ausführungen wirken
auf den Leser fast
verletzend; könnte ein ganzes Buch den Beziehungen zwischen Goethe
und Charlotte von Stein gewidmet werden, dann sollte schon alles in die
richtige Perspektive rücken, d. h. wenn es glückte, zu der
Andeutung zartester, schwebend-wechselnder Seelenstimmungen die
richtigen Worte zu finden; so aber zwingt die Kürze dieses
Kapitels, in schroffer Weise das zu betonen, was den Meisten unbekannt
ist, und das mit Stillschweigen zu übergehen, was Jeder ohnehin
weiß. Worauf es mir ankommt, ist fühlbar zu machen,
daß hier in Goethe's eigenen Empfindungen Widersprüche
klaffen zwischen der inneren, notwendigen, naturgegebenen Wahrheit und
dem leidenschaftlichen Wahne, den die Lage gebar und den seine
Phantasie genial steigerte. Denn schon hieraus erhellt, daß es
keiner weiteren Verwickelung bedurfte, um mit der Zeit einen Bruch
herbeizuführen; vielmehr war dieser von Anfang an implicite
mitgegeben. Nur dann hätte dieses Verhältnis, das „heilig
sonderbare“, von Dauer sein können, wenn es als heilig und als
sonderbar (und das heißt hier: von besonderer, höherer Art,
siehe Grimm's Wörterbuch) wirklich erkannt und festgehalten worden
wäre; wogegen die
49 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Auffassung
als alles fordernde, alles gebende, von Eros gestiftete
Liebe aus einem Irrtum entsprang, der notwendig früher oder
später eine Katastrophe herbeiführen mußte. Charlotte —
wie bei ihren Anlagen zu erwarten — hat von Beginn an die Situation
klarer erfaßt als Goethe; sie hat gefühlt, diese Liebe sei
ohne Bürgschaft des Bestandes; ihre Gebärde ist darum — bei
aller Vertrautheit — immer die des vorsichtigen Abwehrens: einmal
über das andere verbietet sie Goethe das Duzen, und als sie
endlich nachgibt, hebt sie den Eindruck durch offene Mitteilung an
Andere vorsichtig auf und erzählt, Goethe habe es ihr als
„lateinische Sitte“ annehmbar zu machen verstanden. Bei Goethe jedoch
wuchs die poetische Verzückung mit der wachsenden Unhaltbarkeit
des Wahngebildes; einzig durch diese Überspannung gewann sein
Gemüt das nötige Gleichgewicht; doch konnten die Folgen nicht
ausbleiben. Schon jahrelang vor der italienischen Reise löst eine
schmerzliche Entfremdung die andere ab; bereits 1778 kommt Charlotte
ihrem Freunde zwar noch „immer liebenswürdig“, aber schon
„fremder“ vor, und fünf Jahre vor dem Bruch schreibt Charlotte an
ihre Schwägerin, „mündlich ist nicht mit Goethe zu sprechen,
ohne daß wir uns beide weh' tun“. Und nun geschah, was ein
genauer Kenner der Abgründe des menschlichen Herzens — sagen wir
ein Shakespeare — gewiß vorausgesehen hätte: die Rollen
wurden gleichsam vertauscht; der Kalte, Vorsichtige, Weltkluge war auf
einmal Goethe, und als solcher zerriß er gewaltsam die Ketten,
die ihn an Charlotten banden, wogegen sie, die so lange bemüht
gewesen war, seine Leidenschaft zu dämpfen, jetzt erst entdeckte,
wie bitter es sei, die Anbetung des Unterjochten zu entbehren. Und so
folgte denn Disharmonie auf Disharmonie und schließlich ein
jäher, schmerzlich-gewaltsamer Bruch, der wenig zu Goethe's
sonstiger Lebensführung stimmt und wie ein bedauernswerter Makel
ihr fürderhin anhaftet. Charlotte von Stein konnte, trotz
vorübergehender Verbitterung, nicht umhin, dem großen
Freunde innerlich gut zu bleiben; Beziehungen gegenseitig verehrender
Freundschaft verknüpften die Beiden im Alter; aus dem Irrsal
jedoch, in den sie Goethe's leidenschaftlicher Zwiespalt geworfen
hatte, fand sie nie wieder hinaus, und noch nach Jahren urteilt sie aus
ihrer verzerrten Perspektive: „Es ist und bleibt ein Punkt in seinem
Herzen, mit dem's nicht just ist.“
50 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Was nun, abgesehen von dieser schmerzvoll ausgeklungenen
Herzensgeschichte, Charlotte für Goethe's Leben bedeutet, ist
nicht schwer zu fassen; schon oben habe ich aus der Vogelschau darauf
hingewiesen: sie war Carl August's Verbündete. Sie in erster Reihe
war es, die Goethe zum Eintritt in des Herzogs Dienste bestimmte, und
sie verstand es, ihn zu beschwichtigen und zurückzuhalten, als er,
noch nach Jahren, aus dem öden Weimar entfliehen wollte. „Mir
ist's wie einem Vogel, der sich in Zwirn verwickelt hat; ich
fühle, daß ich Flügel habe und sie sind nicht zu
brauchen“. „O, liebe Lotte, wenn ich dich nicht hätte, ich ging'
in die weite Welt“. „Wenn du nicht wärest, hätt' ich alles
lange abgeschüttelt“. „Wie sehr fühle ich, daß du der
Anker bist, an dem mein Schifflein an dieser Rhede festhält!“
Diese vier Sätze sind, der erste aus dem Jahre 1780, die anderen
aus den drei aufeinanderfolgenden Jahren, 1782, 1783, 1784; wir sehen
also Goethe sich aus der Weimarer Herrlichkeit fortdauernd
hinwegsehnen. Und wenn er nun unfähig bleibt, den Entschluß
zu fassen, so haben wir den Hauptgrund nicht in seiner Liebe, sondern
in dem großen Werke zu erblicken, zu dem diese Liebe nur den
Rahmen schuf. Mit jenem „festwilligen Geiste“, von dem ihre Verwandten
zu erzählen wissen, hatte nämlich Charlotte die Erziehung
Goethe's zum Weltmann in die Hand genommen, wodurch sie für die
Ausgestaltung seines äußeren Lebenslaufs mehr vielleicht als
irgend ein anderer Mensch gewirkt hat; und wie tausendfach
verknüpft ist dieser mit dem inneren Entwickelungsgang! „Eine
Frau, die euch bildet, indem sie euch zu verwöhnen scheint, wird
wie ein himmlisches freudebringendes Wesen angebetet“, schreibt
später Goethe, der dieser Frau mehr verdankt, als ich in Worte zu
fassen weiß. „Hätt' ich ohne Dich je meinen
Lieblingsirrtümern entsagen mögen?“ ruft Goethe einmal aus;
und ein anderes Mal: „Ich bitte Dich fußfällig, vollende
Dein Werk, mache mich recht gut!“ Als er seine erste größere
diplomatische Mission ausführt, schreibt er an Charlotte mitten
unter den Schilderungen seiner Audienzen und politischen Erlebnisse:
„Das danke ich Dir, Liebste, alle Tage, daß ich Dein geworden bin
und daß Du mich aufs Rechte gebracht hast.“ Von der selben Reise
aus meldet er: „Ich versuche alles, was wir zuletzt über Betragen,
Lebensart, Anstand und Vornehmigkeit abgehandelt haben, lasse mich
gehen, und bin mir immer bewußt“. Zwar
51 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
war
Charlottens genaue Kenntnis der Weimarer Verhältnisse und
Personen, namentlich auch der schwer zu beurteilenden
Fürstlichkeiten von höchstem Wert für Goethe als
angehenden Minister; man darf behaupten, daß er ohne ihren
Beistand nicht das erste Jahr seiner neuen Laufbahn überstanden
hätte; doch ist dies alles ein Geringes im Vergleich zu jener
allgemeinen Auferziehung zur „Vornehmigkeit“, von der Goethe hier
redet. Das war das große Werk Charlottens. In weiten Schichten
des deutschen Volkes, auch unter den Gebildetsten, wird noch heute das
Vornehme geringschätzig betrachtet; sehr mit Unrecht. Denn wenn
auch Vornehmheit weder Geisteskraft noch Gesinnungsreine verbürgt,
so schafft sie doch für diese Raum. Kant betont, eine
grundsätzlich geübte Gebärde wirke mit der Zeit aufs
Gemüt; ein mürrisches junges Mädchen z. B., dem
freundlich lächelnde Aufmerksamkeit zur äußeren Pflicht
gemacht werde, gewinne allmählich ein heiteres Wesen; ebenso
beeinflussen auch streng anerzogene Manieren, Reserve, Respekt,
Geschick, Zuvorkommenheit ohne Frage nach und nach das Innere. Um Worte
Schiller's zu gebrauchen: die Willkür zügeln und die Freiheit
ehren (die eigene Willkür und die Freiheit des Anderen), das ist
das Wesen echter Vornehmheit. Wer sie entbehrt, entbehrt einer
großen Kraft; nur durch sie kann das gedrängte Leben der
Gegenwart erträglich werden. Goethe selber erzählt: „Ich war
gesittet, besaß aber doch eigentlich nicht, was man Lebensart
nennt“. Doch sah er bald ein, wohin der Weg ging. „Führe Dein
gutes Werk aus und erhalte mich im Guten und im Genusse des Guten!“
ruft er Charlotten zu. Zunächst betraf diese Erziehung alle
Verhältnisse nach außen: „Ich habe weder Leichtigkeit noch
Offenheit mit den Menschen“, gesteht er; diese eignete er sich — soweit
es ihm überhaupt gegeben war — unter der geduldigen Leitung der
Freundin an. Ergreifend ist es aber, wahrzunehmen, wie er diese
Erziehung zur „Vornehmigkeit“, die ihm äußerlich gleich zu
statten kam, nun auf sein eigenes Innere bezieht, wohl wissend, wie
viel da noch durchzukämpfen sei, um vor sich selber als vornehm
bestehen zu können. Das sind die ganz großen Züge in
Goethe's Charakter; die Frau, die sie zu wecken verstand, verdient
unsern Dank. Am 11. Februar 1778 schreibt er ihr: „Es ist mir als wenn
eine Veränderung in mir vorginge, ich weiß sie aber noch
nicht zu deuten“; am folgenden Tage
52 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
notiert
er sich in sein Tagebuch: „Fortdauernde reine
Entfremdung von den Menschen. Stille und Bestimmtheit im Leben und im
Handeln“. So und so allein war das Vornehmwerden einem Goethe
angemessen. Stille und Bestimmtheit! Es sind die beiden Eigenschaften,
deren er bisher ermangelt hatte. Wenn Goethe in späteren Jahren
einmal schreibt: „Das Ausschließende ziemt sich für das
Große und Vornehme“, und ein anderes Mal: „Alles Vornehme ist
eigentlich ablehnend“, so müssen wir ergänzend bemerken: es
kommt darauf an, w a s ausgeschlossen und abgelehnt
wird. Was Goethe
abzulehnen lernte, war die Welt; dadurch kam Stille und Bestimmtheit in
seine Seele. Nicht lange währte es, und er konnte ohne
Selbsttäuschung behaupten: „Ich habe mir zum Gesetz gemacht,
über mich selbst und das Meinige ein gewissenhaftes Stillschweigen
zu beobachten“. Was dies für die volle Entfaltung seiner
Persönlichkeit bedeutete, ist nicht schwer zu erraten; denn hier
kommt alles auf Verinnerlichen, Verdichten, Zusammenballen an. „Mein
Gott, dem ich immer treu geblieben bin, hat mich reichlich gesegnet im
Geheimen; denn mein Schicksal ist den Menschen ganz verborgen, sie
können nichts davon sehen noch hören.“ Gewiß aber
empfindet der Leser schon instinktiv, daß auch hier jeder Schritt
zunehmende Entfremdung bewirken mußte. Denn waren einmal die
Weimarer Hindernisse überwunden, dann führte ihn diese Schule
der Vornehmheit noch weiter hinaus, Wege, die nicht innerhalb des
Horizontes seiner Freundin lagen; einzig w a h r e
Liebe hätte
hier vorbeugen können; daß dies nicht geschah, beweist,
daß sie nicht vorhanden war. Infolgedessen wurde jene „Stille und
Bestimmtheit“ der erste Schritt auf dem Wege zu der Krisis, die Goethe
nach Italien, von Charlotten hinwegdrängte; denn in einem gewissen
Sinne gehörte auch sie zur „Welt“, da auch sie, die Edle, Gute,
Vornehme, nur das für ihn erträumen und erstreben konnte, was
sie sich vorzustellen vermochte; gerade die gewonnene
Einflußmacht wurde ihr Verhängnis; denn sie, die
gefördert hatte, ward jetzt ein Hemmnis; als bestimmender
Einfluß zählte sie fortan zu dem Abzulehnenden.
Noch ein Letztes. Die meisten Literaturhistoriker
schätzen
Charlottens Einfluß auf Goethe's Dichten sehr hoch; ein neuerer
z. B. sagt: „Von ihr empfing er die Inspiration seines edelsten Stiles“.
53 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Ich
habe nie entdecken können, worauf sich diese Behauptung
stützt; sie scheint mir aus der Luft gegriffen. Selbst die
lyrischen Gedichte dieser Jahre — wenn sie auch ewige Gebilde enthalten
— überwiegen keinesfalls an Zahl und Bedeutung diejenigen
früherer und späterer Epochen; und was besonders auffallen
muß, ist eine Art von Unfähigkeit, die Form für seine
größeren Schöpfungen — im ganzen und im einzelnen — zu
bewältigen, so lange die Nähe Charlottens ihn einengt:
Elpenor bleibt liegen, Iphigenie und Egmont werden in der Ferne
vollendet, Tasso erst nach
dem Bruch. Charlottens Begabung war lebhaft
und zusammenhängend, doch beschränkt; von Genialität zu
schweigen, eignete ihr weder große Geistestiefe noch hoher
Schwung. Ein einziges solches Urteil wie das über Clärchen —
„eine Dirne“ — deckt die poetische Unzulänglichkeit auf; und wir
besitzen eine Reihe ähnlicher. Bei seiner früheren
Beschäftigung mit Tasso
klagt Goethe wiederholt über ihr
mangelndes Interesse: „Behalten Sie den Anteil, den ich oft einen
Augenblick nicht fühle“; „Mein Stück ist heute
vorgerückt, dessen Ende Sie mit keinen freundlichen Erinnerungen
zu beschleunigen gesinnt sind“, usw. Unstreitig hat die Erziehung zur
Vornehmheit auf Goethe's Poesie gewirkt; einen Thoas hätte er
früher vielleicht nicht ersonnen; doch hieraus einen unmittelbaren
künstlerischen Einfluß Frau von Stein's zu folgern,
wäre offenbar verfehlt. Im übrigen kann sich ein solcher nur
infolge einer unbewußten poetischen Fiktion in Goethe's eigenem
Gemüte abgespielt haben; „sie war eine Zuhörerin
ohnegleichen“, wird berichtet; er hat in sie hineingedichtet, hat ihre
stille, bestimmte Art zu etwas umgeformt. was ihrem wirklichen Wesen
nicht im geringsten ähnlich sah; abgesehen von der vornehmen
Gesinnung, paßt kein einziger Zug der Iphigenie auf die
Persönlichkeit der Frau von Stein. Was aber die Wahl gewisser
Stoffe in jenen Jahren betrifft — Iphigenie,
Tasso — so war sie durch
das Hofleben vorgeschrieben, und Charlotte von Stein kann dabei
höchstens als eine von Hofideen durchdrungene Frau, außerdem
als Vermittlerin verschwiegener fürstlicher Wünsche in
Betracht kommen; geplante Aufführungen im Fürstenkreise, an
denen bei Gelegenheit die hohen Herrschaften selbst teilnahmen, wirkten
bestimmend; das sogenannte klassische, an das Französische sich
anschließende Genre war der Herzogin-Mutter gleichsam ange-
54 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
boren
und blieb auch Carl August's Vorliebe; Goethe dagegen sprach
später ziemlich wegwerfend von seinem „gräcisierenden,
verteufelt humanen Schauspiel“ und wandte sich nie wieder dahin; bei
erneuten „allerhöchsten“ Anregungen zog er es vor, für seinen
fürstlichen Gönner Voltairesche Dramen zu übersetzen.
Wer dagegen in jenen ersten Weimarer Jahren auf Erfindung,
Quellenstudien, Stil, Sprache und zuletzt auf Einzelheiten der
Versgebung Einfluß ausübte, wissen wir: es war Herder, dem
Goethe bei der Drucklegung seiner Iphigenie
sogar vollkommen freie Hand
zu jeder Versänderung ließ. Goethe blieb es bis zuletzt
schwer, sich an ein gegebenes Versmaß zu binden; von den
fünffüßigen Jamben sagt er, Herder habe ihm zu
Verwandlung des stockenden Silbenmaßes in fortgehende Harmonie
„mit wunderbarer Geduld die Ohren geräumt“. Darum hieß es
bei der Zusendung an ihn: „Hier, mein Lieber, wenn man etwas widmen und
weihen kann, die Iphigenie,
Dir gewidmet und geweiht ... Nimm vorlieb
und freue Dich wenigstens über einen folgsamen Schüler...
Wenn ich nur dem Bilde, das Du Dir von diesem Kunstwerke machtest,
näher gekommen bin!“ Wir wollen uns hüten, die Geschichte
großer Geisteswerke zu Gunsten femininer Sentimentalitäten
zu fälschen.
d)
I t a l i e n, 1786—1788
Wir gelangen zur letzten Periode aus der ersten
Lebenshälfte, zu
der Flucht nach Italien.
Äußerlich tritt sie unvermittelt,
urplötzlich auf;
schon oben (S. 21) erwähnte ich dessen; doch
selbst wenn wir keine
Zeugnisse darüber besäßen, wir müßten aus
den begleitenden Umständen sowie aus Goethe's Charakter
schließen, daß sie schon lange vorbereitet war. In allen
Büchern findet man darüber nähere Angaben. Wir hier
dürfen die Chronik überspringen, denn diese Skizze soll uns
nur helfen, schon im Äußern das Innere durchschimmernd zu
entdecken; und da müssen wir zunächst das Eine betonen,
daß es nicht die geschäftliche Last war — nicht also ein
äußerliches Moment — was diesen Schritt herbeiführte.
Das liegt auf der Hand. Denn was Goethe an Reformen (namentlich in der
Finanzgebarung) vorgehabt hatte, war jetzt durchgeführt; was ihm
sonst zu fördern am Herzen lag, wie z. B. das Bergbauwesen, ruhte
in zuverlässigen Händen.
55 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Hier
genügt es, wenn ich den einen Namen nenne, Christian Gottlob
Voigt. Zugleich ein hochgebildeter Mann, feinsinniger Literat und
wahrer Kunstkenner, war Voigt als erfahrener, taktsicherer,
unermüdlicher Beamter dem Dichter überlegen und besaß
zudem die große Eigenschaft, Goethe's einzige Bedeutung unbedingt
und neidlos anzuerkennen; so hielt er denn als vertrautester Ratgeber
des Herzogs in seinem immer weiter sich auswachsenden Wirkungskreise
dem Freunde überallhin den Weg offen, ihn zugleich aber
möglichst aller Arbeit entlastend. An ihn schreibt Goethe aus Rom:
„Was Sie tun und einrichten und publizieren mögen, billige ich
zum voraus. Wenn man über den Zweck einer Sache so einverstanden
ist wie wir es sind, kann über die Mittel kein Zweifel bleiben.“
Neben Voigt waren andere tüchtige Männer im Amte. An Carl
August's gutem Willen, ihn von jeder drückenden Arbeitslast zu
entbinden, konnte Goethe nicht zweifeln; in diesem Vertrauen reiste er
ja ab und sah sich auch nicht getäuscht. Goethe ist also nicht vor
seinem Amte geflohen; es hätte an ihm gelegen, dieses nach seinem
Belieben einzuschränken. Und indem er es einschränkte,
hätte er zugleich zu poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten
reichlich Zeit gewonnen; auch diese Frage kommt also nicht in Betracht.
Nein, es handelt sich nicht um einen äußerlichen, sondern um
einen i n n e r l i c h e n Kampf. Unter den
Auspizien Carl August's und
Charlottens hatte der früher planlos umherirrende Mann festen
Boden unter den Füßen gewonnen und damit zugleich den
Rohstoff zur Auferbauung eines Lebens. Beide aber hatten — der Eine
durch die gestellten Aufgaben, die Andere durch die Anleitung zu ihrer
Lösung — eine so schmerzlich intensive Besinnung über Welt
und Menschen bei dem sich dem mittleren Alter nähernden Manne
hervorgerufen, daß sein Urteil über sich selbst und seine
Bestimmung zu schwanken anfing. Nichts ist für eine durch Genie
über sich selbst hinausgehobene Begabung verhängnisvoller als
jene letzte Klarheit, die dem ruhigen, beschränkten Wesen der
vornehmen Frau so natürlich und notwendig schien; sie schlägt
hier ins Gegenteil um; ernüchtert steht der Halbunbewußte am
Rande eines Abgrundes und stürzt zuletzt, vom Schwindel
erfaßt, herab. „Ich hielt mich für tot,“ gesteht Goethe
seinem Fürsten. Diesem letzten Verhängnis entfloh der
Meistergeist. Aus
56 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Rom
schreibt er an die Freundin: „Keine Zunge spricht aus, was in mir
vorging; dieser Sturz hat mich zu mir selbst gebracht.“
Wegen dieses Zusammenhanges bedeutet die Reise nach
Italien für
Goethe mehr als eine Erfahrung, sie ist vor allem eine Tat. Was er in
Wirklichkeit in Italien fand, das war nicht das Antike, das Ideal, die
Kunst und was sonst noch alles für Phrasen hierüber im Umlauf
sind; im Gegenteil, seine Kunststudien hat er mit naiver
Gewissenhaftigkeit getrieben, während der Flügelschlag des
Genies ihn unbewußt weit über das eigene beschränkte
Streben hinaustrug, und vielleicht ist im dortigen Verkehr mit recht
mittelmäßigen Malern sein Geschmack in den bildenden
Künsten ebenso irregeleitet worden wie andrerseits an Raffael und
Michelangelo geläutert; nein, was er in Italien gefunden
hat, d a
s w a r G o e t h e. „Ich habe mich auf dieser
Reise unsäglich
kennen lernen.... Alles, was ich schon lange weiß, wird mir erst
eigen.... Ich finde mich immer mehr in mich zurück und lerne
unterscheiden, was mir eigen und was mir fremd ist.... In Rom hab'
ich mich selbst zuerst gefunden.“ Sich selbst! Alles Übrige
versinkt zur Nebensächlichkeit. Goethe, den bewußt nach
klarer, allseitiger Ausbildung der Persönlichkeit Strebenden,
entschlossen, ohne alle Lüge, mit nur äußeren, aber
keinen inneren Kompromissen mehr zu leben, in der schlichten Wahrheit
die Poesie des Daseins und seine Moralität zu finden, Goethe, den
Verfasser des Wilhelm Meister,
der Orphischen Urworte, der
Farbenlehre, des zweiten Faust, den Dichter der Dorothea,
der Eugenie,
der Ottilie, der Suleika, der Pandora, der Helena, den Erforscher der
gesetzmäßig wandelbaren Lebensgestalt, des kosmischen
Farbenalls, den Mann, an den geklammert ganz Deutschland sich
auferbauen sollte: das ist es, was Goethe in Italien fand. Schon nach
kurzer Frist ruft er aus: „Ob ich gleich noch immer der selbe bin, so
meine ich bis aufs innerste Knochenmark verändert zu sein.“ Und
kurz nachdem er, von Sizilien und Neapel zurückkehrend, zum
zweiten Mal in Rom eingerückt ist, im Juni 1787, schreibt er mit
fast göttlich zu nennender Naivität an die Frau, der er so
oft versichert hatte, sie sei seine „glückliche Heimat“ und „die
ganze Freude seines Lebens“, er „wollte sich eher den Tod
gewünscht haben wie das Leben der letzten Jahre.“
57 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Über den äußeren Verlauf des Aufenthalts in Italien zu
berichten, ist keine Veranlassung. In jener zweiten Abteilung von Aus
meinem Leben, die später den Titel Italienische Reise erhielt,
besitzen wir ein Buch, das zu lesen die Welt nie ermüden wird; es
bedarf der wiederholten Versenkung in verschiedenen Lebensaltern, ehe
man an die Vollendung des hier Gebotenen nach und nach heranreift. Dem
ersten Drucker schreibt Goethe: „Den früheren Zusatz Wahrheit und
Dichtung können wir diesmal entbehren, da der Inhalt dieser
Bogen
nur allzu wahr ist.“ Eine wertvolle Ergänzung bildet jetzt der
Besitz der ursprünglichen Tagebücher und eines Teiles der
Briefe in erster Gestalt.
War aber die Flucht nach Italien eine entscheidende
Tat in Goethe's
moralischem Leben, so ist die Rückkehr aus Italien eine zweite.
Das muß noch mit Nachdruck hervorgehoben werden; denn auf dieser
Doppelangel dreht sich des Dichters Schicksal.
Goethe hatte nämlich den Plan ins Auge
gefaßt, sich in
Italien dauernd niederzulassen. Bei der Verschlossenheit und Vorsicht
seines Wesens darf man nicht erwarten, in den damaligen Briefen und
Tagebüchern deutliche Spuren von diesem Entschlusse zu finden,
doch später bekannte er ihn offen. *
„Goethe sprach von seinem
einstigen Vorhaben, in Italien für immer zu bleiben“, erzählt
einer der wenigen zuverlässigen Berichterstatter, Kanzler von
Müller, aus dem Gespräch an dem „himmlischen Abend“ des
Sonntags, den 25. April 1819. Die zweite Schicksalsangel ist nun der
Verzicht auf diesen Plan, der Entschluß, in die Heimat, in die
Pflichten und Beschränkungen zurückzukehren, freiwillig — und
diesmal der Tragweite seiner Handlung völlig bewußt — das
Joch wieder auf sich zu nehmen. Im Frühling des zweiten Jahres
vernehmen wir die Worte: „Ich bin recht still und rein, und, wie ich
euch schon versichert habe, jedem Ruf bereit und ergeben.“ Wenige
Wochen später heißt es an den Minister von Fritsch: „Ich
verehre die Gesinnungen, welche mir Durchl. der Herzog in ihren letzten
Briefen zu erkennen geben und bin wie immer bereit, meine geringen
Kräfte, an welchem Platz es auch sei, in ihrem Dienst zu
verwenden.“ Weiß man nun, daß Goethe es ernstlich bei sich
erwogen hatte, den Kampf aufzugeben und in der Ungebundenheit,
Schönheit und Freude des Südens seine Tage zu
beschließen, so
58 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
begreift
man, welche Bedeutung der Willenswendung, heimzukehren,
innewohnt.
Es ist erschrecklich, wie viel Tinte auf
Rührseligkeiten über
Goethe's Verhältnis zu Italien verschüttet worden ist. Als ob
etwa nach seiner Rückkehr Italien in die Salzfluten untergetaucht
wäre! Kein Mensch hätte Goethe verhindern können, in
Italien zu bleiben oder dahin zurückzukehren; seine Mittel
hätten ihm gestattet, mit aller Bequemlichkeit in diesem
billigsten Lande Europas zu leben. Er ist ja auch tatsächlich,
kaum zwei Jahre nach seiner Rückkehr, wieder nach Italien gereist,
und ... es hat ihm mißfallen. Schon während der ersten
Reise vernehmen wir manchmal trotz allem Rausche der Neuheit Worte wie
folgende: „So schön und herrlich diese Welt ist, so hat man doch
in derselben und mit derselben nichts zu tun“; jetzt aber lautet der
Bericht aus Venedig: „Übrigens muß ich im Vertrauen
gestehen, daß meiner Liebe für Italien durch diese Reise ein
tötlicher Stoß versetzt wird.“ Durch äußere
Umstände genötigt, in dem „Stein- und Wassernest“ einige
Wochen zu verweilen, klagt er über „das Sauleben dieser Nation“,
begehrt „Erlösung“ daraus und „verlangt sehnlich nach Hause.“
Nachher sperrten allerdings die napoleonischen Kriege das Land eine
Zeitlang ab; doch später hätte Goethe, der wiederholt
monatelang Aufenthalt in den böhmischen Bädern und am Rhein
nahm, ebenso gut Monate in Italien zubringen können. Er aber
schreibt: „Nach italien, wie ich aufrichtig gestehe, habe ich keine
weitere Sehnsucht.“ Daß er sie nicht hatte, hängt mit der
Bedeutung des italienischen Aufenthalts für sein Leben zusammen.
Hier war sein Schicksal in hartem inneren Kampf entschieden worden. Zum
ersten und einzigen Mal (wenn man von den unreifen und immerhin
vielfach gebundenen Jahren der Wanderzeit absieht) kostete hier Goethe
mit Bewußtsein Freiheit, völlige Ungebundenheit. Welche
Tragweite diese Erfahrung für sein Gemütsleben besessen haben
muß, empfinden wir, wenn wir den schon so hoch
hinaufgeläuterten Faust sich in dem schaurigen Schweigen der Nacht
zuflüstern hören:
Noch
hab' ich mich ins Freie nicht gekämpft.
Was in dem dichterischen Symbol die vier grauen Weiber sind, der
Mangel, die Not, die Schuld, die Sorge, das sind im Leben die
59 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
Verhältnisse,
wie die menschliche Gesellschaft sie schafft und
gegen die keine Zaubersprüche aufkommen; denn in der allseitigen
Gebundenheit, aus der sie hervorsprießen, wurzelt zugleich alle
Kultur des Geistes und des Gemütes.
Stünd'
ich, Natur, vor dir, ein Mann allein,
Da wär's der
Mühe wert, ein Mensch zu sein
fährt der Greis fort. Da aber liegt gerade der tragische Kern
unseres Schicksals: ein Mann allein wäre kein Mensch. Das hat kein
Denker öfter ausgesprochen, und keiner hat bewußter danach
gelebt als Goethe. „Der isolierte Mensch gelangt niemals zum Ziele“,
sagt er. Wir werden später sehen, wie Goethe's weitere
Lebensentwickelung mit seinen Beziehungen zu anderen Menschen
verknüpft ist; tausend Hände streckt er nach Anderen aus,
hält sich an ihnen fest und hebt sich an ihnen empor. „Was
wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit klugen Leuten umgegangen
wäre und von ihnen gelernt hätte? Nicht aus Büchern,
sondern durch lebendigen Ideenaustausch ... müßt ihr
lernen.“ Die Möglichkeit hierzu — in dem für einen Goethe
erforderlichen Maße — gewinnt er nur dank seiner
vielvermögenden amtlichen Stellung sowie in einem weiteren Sinne
durch das ganze Geflecht, welches die Gesellschaft um den Einzelnen
spinnt und wodurch er gegen die Verpflichtung mitzutragen selber
allseitig getragen wird. „Verhältnisse nach außen machen
unsere Existenz und rauben sie zugleich“, schreibt Goethe an Schiller.
Goethe hätte in Italien bleiben können, bei den lustigen,
leichtlebigen Malern, deren frivoles Wesen Herder (ein Jahr
später) abstieß, während Goethe sich im Interesse
seiner Bildung darein gefunden hatte; von außen stand, wie
gesagt, nichts im Wege; er hätte weiter in Kunstwerken und
Landschaften geschwelgt wie in dem herrlichen Sommer 1787, hätte
gedichtet, archäologische Studien getrieben, Sammlungen angelegt,
die Flora und die Geologie des Landes erforscht, schöne
gefällige Italienerinnen geliebt: das alles stand ihm offen. Das
einzige Hindernis war ein inneres: die Bestimmung zu Höherem;
dieser Bestimmung ward er sich jetzt bewußt, und dadurch erlangte
sie Gesetzesgewalt. Die letzten vierzehn Tage in Rom vor der Heimkehr
nach Deutschland soll er tagtäglich geweint haben, und mit 65
Jahren spricht er zu Kanzler
60 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
erste Lebenshälfte
von
Müller: „Euch darf ich's wohl gestehen, seit ich über den
Ponte molle heimwärts
fuhr, habe ich keinen rein glücklichen
Tag mehr gehabt.“ Aus Pflicht kehrte er zurück, nicht aus einer
erträumten Pflicht gegen eine erträumte Gesamtheit, auch
nicht aus Pflicht gegen seinen fürstlichen Gönner, er
wußte wohl, was er im Amte leistete, könne ebenso gut „auch
ohne ihn“ geleistet werden; es handelte sich um die heiligste Pflicht,
die Pflicht gegen sich selbst. Seiner Bestimmung wegen, im Interesse
der Ausbildung aller seiner Geisteskräfte mußte er — „eben,
da er am meisten verdiente zu bleiben“ — zurück, dorthin
zurück, von wo er entflohen war, in die Enge, in die Konvention,
in den Neid, in die Bosheit, in den Unverstand. „Es geschehe, was gut
ist!“ Über die Welt, in die er zurückkehrte, gab er sich
keiner Illusion hin; er wußte, daß sie ebenso gedankenlos,
ebenso unbeständig, ebenso unterwühlend sei wie die Flut:
Sie
schleicht heran an abertausend Enden,
Unfruchtbar selbst,
Unfruchtbarkeit zu spenden.
Aber ebenso wie Faust dieser Flut fruchtbares Land abgewinnt, ebenso
kehrte Goethe heim, entschlossen, auch jener Flut Fruchtbarkeit
abzutrotzen. Dazu bedurfte er um sich herum des Schutzwalles der
bewußten Abkehr und drinnen im Herzen der Freiheit, jener
Freiheit, die man „täglich erobern muß“; womit nicht das
Stück Brot gemeint ist, das Jeder im Schweiße seines
Angesichtes zu verdienen hat, sondern die Freiheit zu sein, wer man
ist, die Freiheit, fruchtbar zu sein, Genie zu haben inmitten einer
Welt, die man nicht entbehren kann, weil sie das Material darstellt,
aus dem und mit dem der Forscher, der Poet, der Weise seine
beziehungsreichen Gestalten auferbaut, und die nichtsdestoweniger nur
dem einen Instinkte folgt, alles Außerordentliche zu leugnen,
alles Große herunterzureißen, alles Edle gemein zu machen.
In Italien bleiben hieß dem Kampf entsagen, nach Weimar
zurückkehren hieß den Kampf auf sich nehmen; daher die
Tränen, daher das wehmütige Zurückdenken an jene
„Brücke der Schlaffheit“, die er ein für allemal hinter sich
abgebrannt hatte; daher das Verbot, in das nahe, lockende Reich, zu den
beglückenden Geländen und Kunstwerken, zu dem leichtlebigen
Volke zurückzukehren. Was
61 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
Goethe
in Weimar auf sich nahm und erdulden mußte, kostete ihn
fortdauernd starke Überwindung. „Es ist sehr sonderbar“, schreibt
er an Schiller, „daß meine Lage, die im allgemeinen genommen
nicht günstiger sein könnte, mit meiner Natur sehr im
Widerstreite steht. Wir wollen sehen, wie weit wir's im W o
l l e n
bringen können.“ Doch diesem Wollen mußte geholfen werden;
wenige Monate später heißt es: „Die Mauer, die ich schon um
meine Existenz gezogen habe, soll nun noch ein paar Schuhe höher
aufgeführt werden.“
Das ist die Bedeutung von Goethe's Rückkehr aus
Italien. Kein
Wüstenheiliger handelt mit entschlossenerem Bewußtsein, als
Goethe es tat; wie der Büßer der Welt und ihren Pflichten
den Rücken kehrt, so wandte sich Goethe jener wieder zu und nahm
diese auf sich. „Wir wollen sehen, wie weit wir's im W o l
l e n bringen
können.“ Kein Wunder, wenn er, vierzig Jahre nach der
Rückkehr, als sein Auge, rückblickend, das ganze Leben vor
sich ausgebreitet sah, selber klar erkannte, in Rom habe sich „der
Grund seines ganzen nachherigen Lebens befestigt und gestaltet.“
—————
Die zweite
Lebenshälfte
Hiermit beginnt nun der zweite große
Lebensabschnitt, welcher den
ersten an Länge um fünf Jahre übertrifft. Wäre
Schiller vom Schicksal die Daseinsfrist verlängert worden, er
hätte uns neue Werke beschert, schwerlich aber würde das
Bild seiner Persönlichkeit eine Ergänzung erfahren haben;
wogegen wenn der Tod Goethe — wie Schiller — mit 46 Jahren (also 1795)
hingerafft hätte, derjenige Goethe, den wir jetzt bewundernd
anstaunen, unwahrnehmbar und daher unbekannt geblieben wäre. In
verhältnismäßiger Rüstigkeit ein hohes Alter
erreichen, gehört zum Wesen der Goetheschen Persönlichkeit;
dies setzt nicht allein körperliche, sondern auch bestimmte
seelische Eigenschaften voraus.
Wie nicht anders zu erwarten, fällt es
schwerer, in diesem zweiten
Lebensabschnitt einzelne Zeiträume zu unterscheiden.
Örtlicher Wechsel mit den entsprechenden Änderungen in den
umgebenden Eindrücken und Einflüssen findet nur noch
vorübergehend statt. * Selbst die
übliche Badereise blieb in
manchen Jahren
62 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
aus,
und von einem dauernden Verlassen Weimars ist nie mehr die Rede.
Beachtenswert ist dagegen die Art, wie Goethe zwischen Weimar und Jena,
die er als „die zwei Enden einer großen Stadt“ betrachten lernt,
von jetzt an hin- und herpendelt. Ist ihm in Weimar der Hof, die
Gesellschaft, die ganze oben erwähnte „fürchterlichste Prosa“
schier unerträglich geworden, so entflieht er nach Jena, wo er
wochenlang, ja manchmal monatelang verbleibt und vieles Beste unter
seinen wissenschaftlichen und poetischen Schöpfungen hervorbringt;
„keinem Raum auf dieser Erde verdanke ich so viel produktive Momente“,
schreibt er an Schiller mit Bezug auf seine dortige Wohnung. Machen ihm
aber die Universitätsprofessoren mit ihrem „ewigen Hetzen, Werben,
Kompromittieren“, mit ihrem „pfäffischen Stolz“ und ihrer
„verworrenen Borniertheit“ Jena unleidlich, so springt er in seinen
Wagen, kehrt nach Weimar zurück und genießt dort den
besseren Ton und die Abwesenheit der aufdringlichen Fachsimpelei. Doch
auch diese Tatsache tut der Einheitlichkeit keinen Abbruch, im
Gegenteil. Und so müssen wir uns entschließen, tiefer zu
schürfen, wollen wir hier an dem Organismus Glieder entdecken.
Ich glaube, folgende Einteilung dürfte sich tauglich erweisen zur
Veranschaulichung des Wesentlichen:
a)
Zeitraum der Beziehungen zu Schiller, 1788—1805;
b) Von Schiller's Tod bis zu dem
Höhepunkt der Leidenschaft für Ulrike von Levetzow, 1805—1823;
c) Die letzten Jahre,
1823—1832.
a)
B e z i e h u n g e n z u S c h i l l e r,
1788—1805
Schiller war das einzig Neue, was Goethe bei seiner
Rückkehr aus
Italien in das alte Einerlei Weimarer Kleinlebens erwartete; dieses
Einzige bedeutete eine Welt. Die Begegnung Goethe's mit Schiller zu
Beginn der zweiten Lebenshälfte gemahnt an die entscheidende
Begegnung des erst erwachenden Jünglings mit Herder; das sind die
zwei Menschen, die — was die Gewalt der Anregung betrifft — an der
Entfaltung seines Geistes zu voller Kraft tätig mitgewirkt haben.
Kein reineres und fördernderes Glück ward ihm jemals zuteil
als der Besitz dieses Freundes, kein unersetzlicherer Verlust betraf
ihn als dessen früher Tod; noch zwanzig Jahre später
63 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
wies
er den Trost barsch von sich: „Rhetorisch ist so etwas recht
hübsch und gut, aber es kann mir nicht helfen, verloren bleibt
verloren.“
Eine wunderbare Schicksalswendung ist es, daß
Goethe genau in dem
Augenblick, wo er den großen Seelenkampf gekämpft und sich
nunmehr der grundsätzlichen Vereinsamung gewidmet hatte, dem einen
einzigen Menschen begegnen sollte, fähig und bestimmt, in seine
Zelle einzudringen wie der gefiederte Himmelsbote zu Paulus dem
Einsiedler. Hier waltet Vorsehung. Zugleich schwebt über diesem
Verhältnis von Beginn an ein Geist unabwendbarer Tragik. Schon
sein Anfang. „Man kann sich keinen isoliertern Menschen denken als ich
damals war und lange Zeit blieb“, schreibt Goethe von jenen Jahren.
Warum dieses melancholische „lange Zeit blieb?“ Wenige Wochen nach
Goethe's Rückkehr aus Italien stehen sich die beiden
füreinander Bestimmten gegenüber, und sie erkennen ...
alles, was sie scheidet, nichts von dem, was sie aufeinander anweist.
Als „zwei Geistesantipoden“, zwischen denen „mehr als Ein Erddiameter
die Scheidung mache“, empfanden sie sich gegenseitig; so erzählt
Goethe. Schiller hatte nur noch knapp siebzehn Jahre zu leben; sechs
Jahre — lange Jahre — verstreichen, ehe die Annäherung
stattfindet. Einsichtig-ahnende Freunde wollten vermitteln; doch
Schiller bekennt: „Dieser Charakter gefällt mir nicht ... in der
Nähe eines solchen Menschen wäre mir nicht wohl“; Goethe
lehnt ab mit „schwer zu widerlegenden Gründen“. Kostbare Jahre
für alle Ewigkeit verloren; dazu die letzten Jahre, in denen
Schiller noch einige Gesundheit besaß. Dennoch glaube ich,
daß es nicht Geschichtskonstruktion, sondern Erkenntnis ist, wenn
wir diese Zeit der gegenseitigen Abstoßung zu der Periode der
lebendigen „Beziehungen“ zwischen beiden Männern rechnen. „Wahre
Verbindungen brauchen Zeit, wie Bäume um Wurzeln zu treiben,
Kronen zu bilden und Früchte zu bringen.“ Es läßt sich
wohl schwer etwas darüber in Worten sagen, denn es handelt sich um
gar zu zarte und verborgene Vorgänge; eine genaue Kenntnis beider
Männer aber, ihrer Schriften und ihrer brieflichen
Äußerungen überzeugt uns, das plötzliche
Aufflammen der Freundschaft — so plötzlich, daß man Tag und
Stunde angeben kann — wäre ohne lange und eindringliche
Entwickelungs-
64 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
zeit
unmöglich gewesen. „Für uns Beide, glaube ich“, schreibt
Goethe an Schiller, „war es ein Vorteil, daß wir später und
gebildeter zusammentrafen“. Meistens wird die Sache so dargestellt, als
ob nur Goethe sich gegen Schiller verschlossen gehalten hätte,
nicht auch Schiller gegen Goethe; das ist aber (wie die oben
angeführten Worte zeigen) falsch; bei Goethe hat es sich vielmehr
nur um eine gewisse intellektuelle Abneigung gehandelt, wogegen
Schiller den Charakter seines späteren Freundes verkannte und
dabei manchen weiblichen Klatschereien Zugang erlaubte. In jenen sechs
Jahren wohnten sie aber einander nahe, hörten täglich
voneinander reden, verfolgten ein Jeder die Arbeiten und das Leben des
Andern, und so fand unbewußt und ungewollt und bei jedem à son
corps défendant eine innere allmähliche Umstimmung
statt, die dann in der ersten Stunde, wo sie sich wirklich Aug' in Auge
gegenüberstanden, plötzlich hervorbrach. Bei Goethe spontaner
als bei Schiller. Schon vor der entscheidenden Begegnung des 14. Juli
1794, als Schiller erst wegen der Horen
diplomatisch anzuknüpfen
begonnen hatte, meldet Goethe hocherfreut von „der neuen Epoche“, die
für ihn angehe, seit Schiller „freundlicher und zutraulicher gegen
uns Weimaraner wird“. Bei Schiller dauert es länger, bis wir etwas
vernehmen, und dann heißt es: „Goethe fühlt jetzt ein
Bedürfnis, sich an mich anzuschließen, und den Weg, den er
bisher allein und ohne Aufmunterung betrat, in Gemeinschaft mit mir
fortzusetzen“. Wie bei seinen anderen Verhältnissen, so war auch
hier der zurückhaltende Goethe der großmütigere; er gab
mehr als die anderen und empfing darum auch mehr.
In welchem Grade Goethe für Schiller bald
unentbehrlich wurde,
erfahren wir durch dessen liebe Lotte; als Goethe im Herbst 1797 einige
Wochen abwesend war, beklagt sie es einem Freunde gegenüber; denn,
sagt sie, „es ist erstaunend, welchen Einfluß seine Nähe auf
Schiller's Gemüt hat und wie belebend für ihn die
häufige Kommunikation seiner Ideen mit Goethe ist“; Schiller (der
damals in Jena lebte) sei „ganz anders“, sobald er Goethe auch „nur in
Weimar“ anwesend wisse. Schiller selber schreibt 1798 an Körner:
„Es sind jetzt 4 Jahre verflossen, daß wir einander näher
gekommen sind, und in dieser Zeit hat unser Verhältnis sich immer
in Bewegung und im Wachsen erhalten. Die vier Jahre haben mir eine
65 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
festere
Gestalt gegeben, und mich rascher vorwärts gerückt,
als es ohne das hätte geschehen können. Es ist eine Epoche
meiner Natur ...“ Gegen Goethe gebraucht er die Worte: „Die Anschauung
Ihres Geistes hat ein unerwartetes Licht in mir angesteckt“. In diesem
unerwarteten Lichte lebte und webte er fortan. Die Augen auf seinen
werdenden Wallenstein
gerichtet, schreibt er: „Ich finde
augenscheinlich, daß ich über mich selbst hinausgegangen
bin, welches die Frucht unseres Umganges ist“. Alle seine wirklich
großen Dramen — von Wallenstein
bis Demetrius — sind unter
der
liebenden Teilnahme Goethe's entstanden, der sie von dem ersten
Gedanken an täglich begleitete, bis er sie unter tausend
Mühen auf die Bühne gebracht und damit für ganz
Deutschland belebt hatte, wonach er aber noch in der Presse für
sie mit „Unverschämtheit“ (wie er sich ausdrückt) Propaganda
machte. „Sie verlebten“, erzählt der Eine, „keinen Tag in der
Nähe, ohne sich mündlich, keine Woche in der Nachbarschaft,
ohne sich schriftlich zu unterhalten.“ Ein großartiges Beispiel
hinterließ uns Goethe in der Art, wie er Schiller hochhielt. Man
hat Goethe den Vorwurf gemacht, er habe die Mittelmäßigen
bevorzugt; „man“ schließt leider so hervorragende Geister wie
Schopenhauer ein; und doch ist das ein höchst oberflächliches
Urteil. Das Halbe, das Falsche, das Unfähige hat Goethe nie in
Schutz genommen; dagegen hat er allerdings alles Tüchtige, jede
wahre Leistung, und war sie dem Umfang und der Bedeutung nach noch so
beschränkt, gewürdigt; materiell und moralisch förderte
er jedes Verdienst, auch das bescheidenste; kein Zug ist für ihn
bezeichnender. Einer, der ihn gut kannte, schreibt: „Ich habe keinen
zugleich so toleranten und intoleranten Menschen gesehen; Alles, was
ins Reich des Gecken oder Prätendenten gehört, Alles, was
scheinen will und sich zudrängt, fühlt in seiner
Atmosphäre eine Unbehaglichkeit, die schwerlich wieder zu
vergessen ist; aber schlichte Einfalt, ruhiger, gerader Sinn,
kühler Menschenverstand, kurzsilbige derbe Entschlossenheit
werden, aller ihrer Gebrechen ungeachtet, einen tätigen, einen
entschiedenen Freund an ihm finden.“ Doch würde das
Verhältnis zu Schiller allein zum Beweise genügen, daß
Goethe das ganz Große, das wahrhaft Gottbegnadete nicht in einem
Atem mit den Talenten und Fertigkeiten und Tüchtigkeiten der
Mitwelt genannt wissen wollte. Wie manches an Schil-
66 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
ler's
Kunst und Denkart seinem Geschmack wenig zusagte, dafür
können Dutzende von Belegen angeführt werden; in
späteren Jahren nannte er es „ein großes Kunststück,
das Schillern und ihm gelang, bei völlig auseinanderstrebenden
Richtungen ununterbrochen eine gemeinsame Bildung fortzusetzen“;
nichtsdestoweniger soll er im Hinblick auf die schriftstellernde
Mitwelt das unvergeßliche Wort gesprochen haben: „Wenn Schiller
sich die Nägel beschnitt, war er größer als diese
Herren.“
Was Schiller für Goethe bedeutet hat, das
darzulegen würde
weit mehr Raum erfordern, als die Verhältnisse dieses Kapitels es
zulassen. Denn wenn Goethe einmal die vielzitierten Worte an Schiller
richtet: „Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft und mich wieder
zum Dichter gemacht, welches zu sein ich so gut als aufgehört
hatte“, so muß jeder wahre Kenner seufzen, daß diese in
dankbarer Wallung als Erwiderung dargebrachte Gegengabe eines langen
Kommentars bedürfte, ehe sie ihren geheimen Wahrheitsgehalt dem
Unbewanderten offenbarte. Tiefer führt der vorangehende Satz: „Sie
haben mich von der allzustrengen Beobachtung der äußeren
Dinge und ihrer Verhältnisse auf mich selbst
zurückgeführt.“ Goethe — der Forscher und Dichter — hat durch
das Seherauge Schiller's sich selbst zum ersten Male mit Klarheit in
seinem ganzen Wollen und Wirken erblickt. Bis zu dieser Stunde hatte
doch — und trotz Italien — vielfach mehr Instinkt als Bewußtsein,
mehr Wille als Erkenntnis seine geistigen Leistungen beherrscht;
moralisch war er aus Rom geläutert und geradegerichtet
heimgekehrt, intellektuell tastete er noch; in einem seiner ersten
Briefe an Schiller spricht er selber von „einer Art Dunkelheit und
Zaudern, über die er nicht Herr werden könne“. Schiller nun
brachte Aufklärung. Er schreibt an Goethe: „In Ihrer richtigen
Intuition liegt alles und weit vollständiger, was die Analyse
mühsam sucht, und nur weil es als ein Ganzes in Ihnen liegt, ist
Ihnen Ihr eigener Reichtum verborgen“. Dies der Inhalt des Goetheschen
Geistes; nun seine Tathandlung. „Der Natur gleichsam nachzuerschaffen“:
das entdeckt Schiller als den Inbegriff der Schöpfertätigkeit
Goethe's auf allen Gebieten. „Eine große und wahrhaft
heldenmäßige Idee, die zur Genüge zeigt, wie sehr Ihr
Geist das reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer schönen
Einheit zusammenhält. Sie können
67 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
niemals
gehofft haben, daß Ihr Leben zu einem solchen Ziele
zureichen werde, aber einen solchen Weg auch nur einzuschlagen, ist
mehr wert, als jeden andern zu endigen“. Aus dieser Offenbarung gewann
Goethe mit einem Male Klarheit über sein eigenes Schaffen. „Sie
ziehen die Summe meiner Existenz“, erwidert er dankerfüllt.
Schiller gesteht, erst der Verkehr mit Goethe sei es, was ihn
„fähig gemacht habe, seine subjektiven Grenzen so weit auseinander
zu rücken“, wie dies in seinen großen Dramen geschah; nicht
Erweiterung war es, was Goethe von Schiller erhielt, wohl aber der
Blick in die letzten Tiefen und dadurch der Mut zu jeder
Kühnheit, welche die Wahrheit seiner Natur von ihm forderte. Ohne
die aus Schiller's kurzer Gegenwart geschöpfte Belebung wäre
vielleicht der zweite Teil Faust nicht gedichtet worden, und schwerlich
hätte Goethe den Vers geschrieben:
Den
lieb' ich, der Unmögliches begehrt!
Noch eine Tatsache verdient Erwähnung. Schiller
war eine gesellige
Natur; er verkehrte in Jena viel mit den Gebrüdern Humboldt, den
beiden Schlegel, Schelling und Anderen; und so bildete sich mit der
Zeit um die zweieinigen Dichter ein Kreis begabter Jünglinge von
hoher Kultur und heißem Streben; die hier gepflegte unbedingte
Anerkennung der alles überragenden geistigen Bedeutung Goethe's
dürfte wohl in erster Reihe auf Schiller's anfeuerndes Beispiel
zurückzuführen sein. Von diesem Kreise aber erstreckte sich
in der Folge über ganz Deutschland eine aufklärende und
Begeisterung einflößende Wirkung, die dem ferneren
Lebenslauf des nunmehr vereinsamten Dichters manches Erfreuliche
zuführte.
Über Schiller's Tod schreibt Goethe: „In dem
Freunde verliere ich
die Hälfte meines Daseins“, und bekennt zwanzig Jahre später:
„Sein früher Tod brachte einen Riß in mein Leben, welchen
weder Zeit noch Mitwelt zu heilen im Stande war.“
In schöpferischer Beziehung ist für diesen
Zeitraum
zunächst die Hingabe an das Studium der Natur bezeichnend. „Mein
Gemüt treibt mich mehr als je zur Naturwissenschaft,“ bekennt
Goethe kurz nach der Rückkehr aus Italien, und in einem Briefe des
Jahres 1791 meint er von der Erforschung der Natur, sie werde ihn „in
der Folge vielleicht ausschließlich beschäftigen“; denn,
heißt es
68 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
an
anderem Orte: „Die Richtung geistiger Kräfte auf wirkliche
wahrhafte Erscheinungen gibt nach und nach das größte
Behagen, Klarheit und Belehrung.“ Die Arbeit über die Metamorphose
der Pflanzen, fleißige Studien bei dem Anatomen Loder in Jena,
ausführliche Versuche über vergleichenden Knochenbau der
Tiere, der Beginn der vierzigjährigen Beschäftigung mit den
Phänomenen der Farbenbildung: dies alles fällt in die Zeit
der Beziehungen zu Schiller und erleidet keinerlei Abbruch durch die
Umkehr aus Entfremdung zu Befreundung; Goethe's Naturerforschung ist
es, was die Beiden ursprünglich zueinander führt, und auch im
weiteren Verlaufe zieht sie sich wie ein „edler Faden“ durch ihren
Verkehr. Ohne Teilnahme Schiller's waren die politischen Lustspiele
entstanden, und auch Wilhelm Meister
war in der Umarbeitung und
Erweiterung eigentlich fertig, als die Annäherung stattfand, und
konnte von Schiller's glänzend genialer Kritik nur noch in
Einzelheiten Vorteil ziehen. Dagegen empfinden wir deutlich in Hermann
und Dorothea, wenn auch nicht den Einfluß des Freundes, so
doch
das Bewußtsein seiner beglückenden Nähe. Viele Balladen
und andere Gedichte entstehen Schiller's Musenalmanachen zulieb; auch
die Xenien; und als dann
Schiller nach Weimar übersiedelt und die
Jahre der intensiven Beschäftigung mit dem Theater eintreten, wird
die Natürliche Tochter
ausgeführt, und es folgen die
Bearbeitungen früherer Stücke für das Theater
(Götz, Egmont usw.) und
die Übersetzungen Mahomet,
Tancred
usw. Weniger glücklich wirkt das ewige Theoretisieren der Beiden;
es erzeugt lebensunfähige Schöpfungen wie die Achilleis, das
große Jagdgedicht und
andere. Überhaupt ist Schiller's
Einfluß auf Goethe's Produktivität beschränkt und
zugleich fragwürdig gewesen; Goethe's Gemüt war zu zart
organisiert, dem ungestümen Andrang ästhetischer
Spekulationen standzuhalten; sein Schaffen bedurfte der
Lebenseindrücke und einer Atmosphäre des Unbewußtseins.
b)
V o n S c h i l l e r 's T o d b i
s z u U l r i k e v o n
L e v e t z o w, 1805—1823
Am 9. Mai 1805 starb Schiller; noch achtundzwanzig
Jahre sollte Goethe
leben und schaffen, des einzigen Unersetzlichen beraubt. Das
Verhältnis zu Schiller ragt so sehr über alles andere
69 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
hervor,
daß man es begreifen könnte, wollte Einer in dieser
zweiten Lebenshälfte einfach von einem Zeitraum mit Schiller und
einem ohne Schiller reden. Immerhin aber zerfallen diese letzten Jahre
in zwei deutlich geschiedene Teile. Es ist nämlich bemerkenswert,
daß Goethe während der ganzen Dauer der Jahre, die wir als
den „Zeitraum der Beziehungen zu Schiller“ bezeichneten, von keinen
poetischen Liebesleiden gequält noch gehoben wurde; nur wenige
Monde war der Freund ihm entschwunden, und schon erklingt es:
Ich
fühl' im Herzen heißes Liebestoben.
Umfaß' ich sie, die Schmerzen zu
beschwicht'gen?
Hier ist aber der Ort, den Beziehungen Goethe's zu
seiner Geliebten und
späteren Gattin, die schon im Sommer 1788, wenige Wochen nach der
Rückkehr aus Italien, ihren Anfang genommen hatten, einige Worte
zu widmen.
Das Verhältnis zu Christiane Vulpius — dies
muß gewissen
Idealisierungsversuchen gutmeinender Seelen gegenüber scharf
betont werden — ist von Anfang an ein unpoetisches; es bildet den
rechten Gegensatz zu der edlen Verknüpfung mit Schiller;
leibhaftig stehen Einem bei diesem Vergleich die „zwei Seelen“ vor
Augen. Goethe's geniale Mutter hatte sofort das richtige Wort für
Christiane: „ein lieber Bettschatz“. Goethe selber nennt sie seinen
Freunden gegenüber „ein gewisses kleines Erotikon“. Zu einer Zeit,
im Sommer 1789, wo Christiane schon seit Monaten bei ihm wohnt,
schreibt er an eine andere Frau, Charlotte von Stein, redet sie mit dem
vertraulichen „Du“ an, versichert sie seiner Liebe, sagt, sie solle ihn
wie früher lieben usw., und fügt in bezug auf Christiane
hinzu: „Und welch' ein Verhältnis ist es? Wer wird dadurch
verkürzt? Wer macht Anspruch an die Empfindungen, die ich dem
armen Geschöpf gönne?“ Wer mehr verlangt, um über die
Natur dieses Verhältnisses aufgeklärt zu werden, muß
eigentümlich anspruchsvoll sein oder eigentümlich
anspruchslos. Hin und wieder begegnen wir wohl der Versicherung aus
Goethe's Feder, er „liebe das Mädchen leidenschaftlich“; ihr
selbst schreibt er in bezeichnendem Stile: „Ich habe Dich ganz
entsetzlich lieb“; das Wort „Liebe“ reimt sich aber jedenfalls auf
Bettschatz, Erotikon, armes Geschöpf anders als auf Friederike
Brion, Lotte Buff, Maxe von Laroche, Lili Schöne-
70 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
mann usw. * Daß Goethe Christiane
gern hatte, daß sie
Eigenschaften besaß, die ihn an sie fesselten und bei seinen
häufigen Abwesenheiten mit der Zeit Sehnsucht nach ihr wachriefen,
daß er, wenn er sie drei Wochen ohne alle Nachricht gelassen
hatte, diese Versäumnis, ohne zu lügen, gut machen konnte
durch die Versicherung, sie sei „sein Liebstes auf der Welt“, daß
er sie nach und nach durch seine unaufhörlichen Mahnungen,
Drohungen, Verheißungen (wovon die jetzt bekannt gewordenen
Briefe zahlreiche Beispiele enthalten) zu einer leidlich guten
Wirtschafterin erzog, daß er der Mutter seines Sohnes (und
anderer, bald nach der Geburt gestorbener Kinder) Dankbarkeit willig
bezeugte, daß er der energischen, geistesgegenwärtigen
Erretterin aus den Schrecknissen der Oktobertage 1806
unvergängliche Anerkennung widmete — das alles wird nicht in
Abrede gestellt. Beachtenswert ist das Urteil einer Frau — einer
Nichte Goethe's —, die Christiane bei heiklen Erbschaftsregelungen zu
beobachten Gelegenheit hatte: „Ihr äußeres Wesen hat etwas
Gemeines, ihr inneres aber nicht.“ Ebenso jedoch, wie man zwischen
einer himmlischen und einer irdischen, so kann man zwischen einer
poetischen und einer prosaischen Liebe unterscheiden; und da muß
man anerkennen, Goethe's Anhänglichkeit an sein kleines Erotikon
entstammte einer durchaus prosaischen Liebe. Sie entsprach nicht dem
Vornehmen und Himmelanstrebenden in seiner Natur, sondern einer
gewissen, nie ganz ausgerotteten Neigung zum Bequemen. Die
Flüchtigkeit vieler seiner Briefe an sie findet in seinem gesamten
Briefwechsel kein Gegenstück. Wie in solchen Fällen
häufig, gelingt es eher, der Frau — der braven, beschränkten,
gutmütigen — als dem Manne gerecht zu werden. Sie liebt drei
Dinge: den „Geheimrat“, den Wein und den Tanz; dazu noch die Karten,
ohne welche ihr der Tag unerträglich lang wird; sie ist ohne
Geziertheit. „Izo gehen bey uns die winder Freuden am und ich will mir
sie durch nichts lassen verleidern. Die Weimarer dähen es gerne
aber ich achte auf nichts ich habe dich lieb und gans allein
lieb sorge
für mein Pübgen und halte mein haußwesen in ornug und
mache mich lustig.... Ich habe wieder ein ser schönen
Dänzer kennen lernen der mit dem Namen Eisert heist heude
muß ich mich erkundichen was es vor ein lans Mann ist.... Es
wird fileicht mit den arbeyden Hier besser gehn als sond du
71 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
kanns
hier wie in Jena inbete dickdiren....“ So schreibt sie,
nachdem zehnjähriges Beisammensein mit einem Goethe ihre Gedanken
zu einem so hohen Fluge befähigt hat. Sie fragt ihn, ob es wahr
sei, daß er „Kusse und Pehrde“ anschaffe — soll heißen
Kutsche und Pferde — und antwortet entrüstet auf einen Vorwurf:
„Du wirst noch nicht gehört haben daß ein Brif oder Packet
das du mir sückdes liegen geblieben währe.“ Verböte es
nicht die Verehrung für Goethe und eine unwillkürliche
Sympathie für die redliche Christiane, es ließe sich von
diesem Verhältnis eine köstliche Skizze entwerfen; hier
möge eine einzige Episode genügen: zur Feier der Vollendung
von Hermann und Dorothea
erbat sich Christiane „einen halben Stein
Seife“, und Goethe schickt es ihr aus Jena, „damit Du Dich auch auf
Deine Art mit mir freuen kannst“.
Wenn also ein Wilhelm Scherer in seiner Deutschen Literaturgeschichte
behauptet: „Christiane machte ihn vollkommen glücklich“, so
erhellt die Unsinnigkeit einer solchen Behauptung ohne weiteres; denn
welches war das Glück, das diese Frau geben konnte? Wir haben auch
Zeugnisse genug, daß Goethe durch dieses Verhältnis nicht
beglückt wurde, wenn er es auch meisterlich verstand, sich die
Last möglichst leicht zu gestalten. Ein scharfer Beobachter,
Schiller, schreibt, nachdem ihn sechs Jahre intimsten Verkehrs zu einem
Urteil befähigt haben: „Goethe's Gemüt ist nicht ruhig genug,
weil ihm seine elenden häuslichen Verhältnisse, die er zu
schwach ist, zu ändern, viel Verdruß erregen.“ Welche
Bedeutung für Goethe's Lebenslauf diesen „elenden
Verhältnissen“ trotz allem zukam, inwiefern man also auch hier das
Walten eines genialen Instinktes bewundern darf, konnte ein Zeitgenosse
nicht überblicken; was oben über den isolierenden Schutzwall
gesagt wurde (S. 18), mag als Andeutung genügen.
Nach Schiller's Tod fand nun in einer Beziehung eine
Wandlung in
Goethe's Wesen statt: in seinem Herzen erwachte von neuem die
glühende, durch und durch poetische Liebe zu holden, edlen Frauen.
Das Dasein Christianens (welche erst im Juni 1816 starb) kam hierbei
gar nicht in Betracht. Ihr war jede Freiheit erlaubt, wenn sie sich nur
gut unterhielt: „Gute Dejeuners und Bälle wünschend“, „Lebe
übrigens recht wohl bei Deinen Frühstücken, Mittagessen,
Tänzen und Schauspielen“; so und ähnlich schreibt Goethe
72 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
und
scherzt beständig über das Liebäugeln, nur daß er
hin und wieder warnt, sie solle sich in Acht nehmen, daß „aus
den Äugelchen (Christiane spricht und schreibt „Äuchellen“)
keine Augen werden“. Dafür legt sich Goethe selber keinen Zwang an
und redet ohne Scheu auch zu „seiner kleinen Freundin“ von seinem
Herzeleid. Eine der ersten Frauen, die ihm in dieser neuen Periode
einen tiefen Eindruck machten, war Amalie von Levetzow, die Mutter
Ulrikens; vierzehn Monate nach Schiller's Tod, im Juli 1806 (Ulrike war
erst zwei Jahre alt), konnte sich Goethe in Karlsbad von dieser jungen
Frau, die er schon seit mehreren Jahren kannte, jetzt aber „reizender
und angenehmer als jemals fand“, „kaum losmachen“ — so erzählt er
in einem Briefe an Christiane; in seinem Tagebuch nennt er sie
„Pandora“. Doch verwehrten die Umstände bei solchen Begegnungen an
Badeorten (deren es in den folgenden Jahren noch eine Reihe gab) ein
längeres Beisammensein; wogegen sich bald nachher in Jena
Gelegenheit zu tagtäglichem Verkehr mit der jugendlich anmutigen
Minchen Herzlieb fand. Es entstanden die Sonette, es entstand jene
göttliche Dichtung Pandora,
es entstanden die
Wahlverwandtschaften.
Später beglückte ihn das edelpoetische
Verhältnis zu Marianne von Willemer, deren Andenken
unvergänglich geworden ist durch die Verknüpfung mit dem
Westöstlichen Divan. Ich
nenne nur einzelne Namen, die
bekanntesten; wer näher hinsieht, wird noch manche entdecken. Was
Goethe von seinem geistigen Leben überhaupt berichtet, gilt auch
von seinem Herzen: „Zu den hundert Dingen, die mich interessieren,
konstituiert sich immer eins in die Mitte als Hauptplanet, und das
übrige Quodlibet meines Lebens treibt sich indessen in
vielseitiger Mondgestalt umher, bis es einem und dem anderen auch
gelingt, gleichfalls in die Mitte zu rücken.“ Selten kommt es bei
ihm zu der Krisis einer unüberwindlichen Neigung für eine
bestimmte Frau; meistens kann die Angebetete durch eine andere
vertreten werden. Doch hin und wieder erlebte und erlitt er selber, was
er an seinem Phileros und Epimetheus ergreifend geschildert hat:
Sie zog
mir mein Leben in's ihre hinein,
Ich habe nichts mehr, um
lebendig zu sein.
Nie geschah dies mit so elementarer Gewalt wie im Jahre 1823,
73 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
bei
seiner letzten Liebe, derjenigen des vierundsiebzigjährigen
Mannes zu der neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow. Doch gehen wir
sicher nicht fehl, wenn wir urteilen, die Krise sei in diesem Falle
deswegen gewaltiger als je zuvor gewesen, weil es die letzte war. Nicht
so sehr die Person des liebreizenden, schlichten Mädchens, das ihn
harmlos „Vater“ nannte, hat des Dichters Wesen so tief aufgewühlt
und ihn auch physisch dem Tode nahegebracht wie das unerbittliche
Bewußtsein, nunmehr von der beseligenden Liebe auf ewig Abschied
nehmen zu müssen. Sogar einer seiner Zeitgenossen — allerdings ein
besonders scharfsichtiger — der Kanzler von Müller, hat dies
deutlich geahnt und uns ein wertvolles Zeugnis davon hinterlassen. In
einem Brief an Gräfin Julie von Egloffstein vom 25. Sept. 1823
schreibt er: „Sie sehen also, daß seine Leidenschaft für
Ulrike Levetzow wenigstens nicht exklusiv ist und daß ich Recht
habe, zu behaupten, nicht dieses eine einzelne Individuum, sondern das
gesteigerte Bedürfnis seiner Seele überhaupt nach Mitteilung
und Mitgefühl habe seinen jetzigen Gemütszustand
herbeigeführt.“ Gerade solche Dinge, die das Zarteste und
Unfaßbarste im Menschenwesen betreffen, geben, wenn sie roher,
verständnisloser Betrachtung verfallen, zu endlosen Klatschereien
und einem Rattenkönig von Mißverständnissen
Anlaß. Schon damals war das in Weimar und Jena der Fall; heute
hat sich dieses Gerede über Ulrike von Levetzow in unseren
Zeitschriften und Büchern ewigen Fortbestand gesichert; ich will
ihm keine Zeile Raum gönnen. Wir besitzen die harmlosen Schreiben
der drei jungen Schwestern an Goethe, wir besitzen Goethe's Briefe an
Frau Amalie von Levetzow bis zum Jahre 1831, und zu willkommener
Ergänzung besitzen wir kurze, aber gewichtige Aufzeichnungen der
erst im Jahre 1899 gestorbenen Ulrike, beginnend mit den Worten: „Es
hat mir schon oft leid getan, daß die Erinnerung an die Zeit,
welche ich Goethe gekannt, mit mir begraben wird, und damit auch all
die falschen, oft fabelhaften Geschichten, welche darüber gedruckt
wurden, nicht widerlegt werden“ und endend: „Ich könnte wohl noch
viel von der Zeit erzählen, doch ich denke, das genügt, um
all das Fabelhafte, was darüber gedruckt, zu widerlegen — denn:
keine Liebschaft war es nicht.“ In diesen Worten liegt für mein
Empfinden alles. Wer hätte Goethe verhindern können, zu
74 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
heiraten?
Freilich geriet sein Sohn August in Wut, als die
Gerüchte sein Ohr erreichten; der rohe Mensch glaubte sich in
seinen Erbschaftsaussichten bedroht; doch hätte Goethe auf die
allvermögende Stütze des Großherzogs rechnen
können; spielend leicht wäre jedes Hindernis besiegt worden.
Der fürstliche Freund, das wissen wir jetzt dank Ulrike,
wünschte diese Ehe tatsächlich und suchte eifrig sie zu
fördern; und fand auch Carl August bei dem Mädchen kein
Gehör, wer kann zweifeln, daß, wenn der Dichter selbst alle
Leidenschaft, allen Zauber, alle Gewalt hätte anwenden wollen und
dürfen, das Herz des holden Kindes nicht widerspenstig geblieben
wäre? Läßt er doch gerade sie zu ihm sprechen:
Nur wo
du bist, sei alles immer kindlich,
So bist du alles, bist
unüberwindlich.
Nein, was hier vorging und das Wesen Goethe's so mächtig
aufwühlte, was ihn aufs Krankenbett warf und dem Tode nahebrachte,
spielte in den tiefsten Tiefen; es war die größte moralische
Krise seit Italien. Zuerst hatte er sich in Marienbad „heiter und wie
ins Leben zurückkehrend“ gefühlt, auch „so wohl als lange
Zeit nicht“. Mitten aus dem Glückesrausch ertönt es:
So wird
von Tag zu Tag ein Traum gedichtet,
Dem Wachen gleich, ein
labyrinthisch Wesen.
Und an die arglos Unschuldige schreibt er:
Tadelt
man, daß wir uns lieben,
Dürfen wir uns nicht
betrüben,
Tadel ist von keiner Kraft.
Andern Dingen mag das
gelten,
Kein Mißbilligen, kein Schelten
Macht die Liebe tadelhaft.
Doch bald erwacht „im engen Raum des lieb-lebend'gen Herzens“ Kampf
und Widerkampf:
Trüb'
ist der Geist, verworren das Beginnen.
In heiligem Angsterbeben eines noch nie Empfundenen flüchtet er
aus seinen Qualen zu der Kunst des Herzens:
75 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
Da
schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen,
Verflicht zu Millionen
Tön' um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu
dringen,
Zu überfüllen
ihn mit ew'ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im
höhern Sehnen
Den Götter-Wert der Töne wie
der
Tränen.
Der Kampf zwischen Sehnen und Sehnen tobte in des Dichters eigenem
Busen, und wir verstehen ihn, wenn er jetzt aus Marienbad schreibt:
„Das Bittersüße des Kelchs habe ich bis auf die Neige
getrunken und ausgeschlürft.“ Denn was die Jungfrau ahnend empfand
und später naiv aussprach, „keine Liebschaft war es nicht“, das
war für den Mann eine plötzliche Erkenntnis über sein
eigenes Wesen und Schicksal. Wenn diese Liebe den Charakter trägt
einer unwiderruflich letzten, so liegt dies nicht allein in der
Erkenntnis, daß er an eine Ehe mit Ulrike nicht ernstlich denken
durfte, sondern vor allem in der Einsicht, daß er keine der
Frauen, denen er im Laufe der vielen Jahre in Liebe und Leidenschaft
zugetan gewesen war — auch nicht Friederike, auch nicht Lotte, auch
nicht Lili — hätte ehelichen dürfen. Die Heiligkeit einer
wahren Ehe beruht in der Hingabe an ein einziges Wesen; Goethe, sonst
ein Meister in der Kunst des Sichbeschränkens, war dieser Tugend
unfähig. Schon in seinem achtzehnten Jahre hatte er an seine
Schwester geschrieben: Pour l'amour
véritable, il ne faut pas
qu'un Poète en sente, und in einer gereimten Fortsetzung
dieser
Stelle:
De l'amour seulement nous sommes amoureux.
Genau 60 Jahre waren jetzt vergangen, seitdem er die Wirtstochter
Gretchen in Frankfurt geliebt hatte; mit Ausnahme des Zeitraumes,
während dessen Schiller ihn erfüllte und das kleine Erotikon
als Gegengewicht genügte, hatte er Frauenliebe nie entbehren
können; ob er das Glück eines Lebens gefährdete, fragte
er sich nicht; jetzt aber, wo er über sich selbst wissend geworden
war, wo er als hochbetagter Mann die vergessene Erkenntnis seiner
Knabenjahre wiedererlangt hatte, de
l'amour seulement nous sommes
amoureux, jetzt mußte er verzichten.
Mir ist
das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst der
Götter Liebling war;
76 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
Sie
prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an
Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen
Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zu
Grunde.
Er entsagte, pilgerte bis an die Tore des Todes und genas — ein Greis.
Die Produktivität dieses sich vom 56. bis zum
74. Lebensjahre
erstreckenden Zeitraumes ist unübersehbar; in dieser Hinsicht
bezeichnet sie ohne Frage den Höhepunkt. Die Gedichte reichen von
Pandora bis zur Marienbader Elegie und umfassen den
ganzen
Westöstlichen Divan; an
Romanen — eher als epische Dichtungen in
Prosa zu bezeichnen — entstanden Die
Wahlverwandtschaften und die
Wanderjahre (erste Fassung);
dazu dann, als autobiographisches Epos,
die ersten 15 Bücher von Dichtung
und Wahrheit und die
Italienische Reise bis zur
Rückkehr nach Rom: zwei Höhepunkte
des unbedingt eigenartigen, nur diesem einzigen Manne möglichen
Schaffens. Das alles wäre schon genug, möchte man denken, ein
Leben auszufüllen. Neben der dichterischen behauptet sich aber
ebenbürtig die naturerforschende Tätigkeit: die
mehrbändige Farbenlehre
— ein bis zur letzten Vollendung des
Ausdrucks durchgefeiltes Werk — wird geschrieben, einschließlich
der ausführlichen Geschichte
der Farbenlehre und der Polemik;
sobald dies aber geschehen ist, werden die anderen Naturstudien von
neuem systematisch aufgenommen und die wichtigsten Betrachtungen und
Ergebnisse in einer Art Zeitschrift unter dem Titel Zur
Naturwissenschaft überhaupt, besonders zur Morphologie
veröffentlicht. Außerdem entsteht eine Reihe wichtiger
Beiträge über bildende Kunst und ihre Geschichte — von Winckelmann, am Vorabend dieses
Zeitraumes, bis zu Leonardo da
Vinci's
Abendmahl, wozu noch grundlegende Schriften, wie Über Kunst und
Altertum in den Rhein- und Maingegenden, zu rechnen sind. Diese
flüchtig-fragmentarische Liste soll nur dienen, dem in den Daten
weniger bewanderten Leser eine Vorstellung von der vielseitigen, schier
unglaublichen Schöpferkraft dieses unseres mittleren Abschnittes
in der zweiten Lebenshälfte zu geben. Von den Leistungen auf
praktischem Gebiete — der aufreibenden Theaterleitung bis zum end-
77 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
lichen
Bruche, 1818, der mehrere Jahre beanspruchenden völligen
Neugestaltung der Bibliothek in Jena, der ununterbrochenen,
mühereichen Sorge um die Vervollständigung aller Sammlungen —
habe ich hier nichts gesagt, ebensowenig von der immer wachsenden
Korrespondenz, welche trotz vielfacher Lücken neunzehn Bände
der Weimarer Briefausgabe füllt.
c)
D i e l e t z t e n J a h r e, 1823-1832
Es beginnt der letzte Lebensabschnitt. Der Greis
spinnt sich ein in
sein Haus und seinen Garten; nur selten verläßt er
hinfürder Weimar, nie mehr überschreitet er die Grenzen des
Großherzogtums. In rührend-verehrungswürdiger,
emsig-rastloser Arbeit — oder, wie er sich selbst ausdrückt, „in
grenzenloser, fast lächerlicher Tätigkeit“ — ist er
beschäftigt, seine poetischen und wissenschaftlichen Werke zu Ende
zu führen und aus der angehäuften Menge seiner Papiere das
Mitteilenswerteste auszusuchen und zu redigieren; bald gesellt sich
hierzu das Unternehmen, in einer Ausgabe
letzter Hand sein gesamtes
Lebenswerk in authentischer Fassung der Welt zu hinterlassen. Die
Wanderjahre entstehen in der
endgültigen Gestalt; die fünf
letzten Bücher Dichtung und
Wahrheit, die Annalen
und der Zweite
römische Aufenthalt beschließen die Memoiren;
allerzarteste
lyrische, allertiefste philosophische Gedichte vollenden die
früheren Reihen. Immer mächtiger empfindet Goethe den
unvergleichlichen Wert des Studiums der Natur; „diese
Naturbetrachtungen“, schreibt er seinem Freunde, „möchten denn
doch wohl das Letzte bleiben, was bei mir aushält“. Überdies
ist es die eigentliche Epoche der meisterhaften Umherschau von
gipfelnder Höhe: Kunst, Literatur, Naturhypothesen bieten nie
versiegende Veranlassung zur Ausstrahlung geklärtester Weisheit.
In den achtzehn Heften Über
Kunst und Altertum sowie als
Mitarbeiter an verschiedenen Zeitschriften spricht er sich in kurzen
Essays über diese Frage aus; sein Interesse umfaßt alle
Länder Europas, seine Stimme wird in ganz Deutschland und
darüber hinaus gehört; * aus
Frankreich, aus England, aus
Italien, aus Rußland pilgern die Besten nach Weimar; sein
Briefwechsel mit Männern in den verschiedensten Lebenskreisen
wirkt wie ein geschickt ausgespanntes Spinnennetz, das jede Regung
eines neuen Gedankens sofort an den Mittel-
78 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
punkt
meldet. Nie hat sich die rein geistige Größe zu so
allgemeiner Anerkennung emporgearbeitet. Denkt man zurück an die
grundsätzliche Abwendung von der Welt, die dieser zweiten
Lebenshälfte als energischer Entschluß die Richtung gegeben
hatte, so fallen Einem die Worte aus dem Divan ein:
Wo ich
mir die Welt beseit'ge,
Um die Welt an mich zu ziehen!
Innerlich aber tritt die Ruhe und Abgeklärtheit
des der letzten
Vollendung Entgegenreifenden ein. „Wie ein wachender Epimenides schaue
ich beruhigt durch den Flor einer bewegten Gegenwart die
vorübergezogenen Lebensträume“, schreibt Goethe an seinen
Freund Graf Reinhard, und in einem Brief an Hegel finden wir das
ergreifende Bekenntnis eines „immer mehr sich entwickelnden
Seelenfrühlings“. Selbst der jähe Tod seines einzigen Sohnes
(Oktober 1830) dient nur zu noch vollkommenerer Verklärung: „der
große Begriff der Pflicht erhält ihn aufrecht“. Der Mann,
der auf sein Leben als auf ein Übersehbares zurückschaut,
erfaßt nunmehr auch das Wesen seines Liebens, „der ewigen Liebe
Kern“, wie es in der Schlußszene seines jetzt erst der Vollendung
entgegenreifenden Faust
heißt. Sehen wir ihn auch in ein
Verhältnis nach dem anderen verstrickt, so haben wir daraus weder
auf Leichtsinn noch auf ungestümen Sinnendrang zu schließen;
beides ist durch sein ganzes Wesen ausgeschlossen. Was zu Grunde liegt,
ist vielmehr folgendes. Mehr vielleicht als je ein Anderer — selbst
Plato nicht ausgenommen — ist Goethe ein Mann, der in Ideen gelebt hat;
sein Metamorphosengedanke, seine vergleichende Morphologie, seine
Farbenlehre bezeugen, daß sich ihm die ganze Natur in Ideen
darstellte; ebenso die Liebe. Für Goethe wurde eine
Pflanzengestalt erst lebendig, als es ihm gelungen war, sie zu allen
anderen Pflanzen durch die Idee der Umgestaltung in Beziehung zu
setzen; eine Farbe mußte er aus kontrastierender Wechselwirkung
an und zu anderen Farben entstehen und bestehen sehen; überall,
heißt das, lebte das Eine erst auf, wenn es als Hinweis auf das
Andere erfaßt worden war, und was zuletzt seinen Sinn und sein
Sinnen fesselte, war die ideelle Einheit des vielfältig
Wahrgenommenen. Das Einzelne ist dann Offenbarer, Epitome, Symbol,
Anagramm einer
79 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
Wahrheit
höherer Ordnung. Das nennt Goethe: „das Einzelne zur
allgemeinen Weihe rufen“. Auch die einzelne Liebe ist für ihn
ihrem Wesen nach vergänglich und ihrem Werte nach bedingt, bis sie
diese Weihe empfangen hat.
Ins Herz
zurück, dort wirst du's besser finden,
Dort regt sie sich
in wechselnden Gestalten;
Zu Vielen bildet Eine sich hinüber,
So
tausendfach, und immer, immer lieber.
Jetzt, auf der letzten Höhe des Daseins, wußte er es: nicht
das eine oder das andere Weib, nicht die Diese oder die Jene hatte ihn
„hinangezogen“ den langen, mühereichen Lebensweg, vielmehr
würde jede Hingabe an eine Einzelne in ihrer Vergänglichkeit
ihm für immer die Flugkraft gelähmt haben:
Doch
merkt' ich mir vor andern Dingen,
Wie unbedingt uns zu bedingen
Die absolute Liebe sei.
Im Gegensatz zu jeder zeitlichen Liebe war es das E w i g e
im
Weiblichen, was ihn zu unsterblichen Werken hingerissen und zu
höchsten Höhen ahnender Erkenntnis über sich selbst
emporgehoben hatte; das Ewige im Weiblichen, das heißt, der
Weltgedanke, den nicht das Weib allein verkörpert, der aber in ihm
für uns Menschen besonders überzeugende Gestalt gewinnt, jene
überall in der lebendigen Natur waltende Idee, die wir Liebe
nennen; in
den Worten seines Pater profundus:
.... die
allmächtige Liebe,
Die alles bildet, alles hegt,
das Prinzip der Fruchtbarkeit, des ewig neu keimenden Lebens, die
Gewalt, welche bewirkt, daß Jugend, Unschuld, Kraft,
Schönheit, Hoffnung nie entschwinden von dieser Erde, „die
göttliche Kraft, von der man nicht aufhört zu singen und zu
sagen“, der „herrschende Eros“, dem der große Chor „der
sämtlichen Kreise“ am Schlusse der klassischen Walpurgisnacht
gilt; die gleiche Gewalt, genau besehen, welche vor zwei Menschenaltern
zu Rom in Goethe's eigenem Busen gegen die mephistophelischen
Einflüsterungen der
80 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
Selbstsucht
und der Unfruchtbarkeit gekämpft und gesiegt hatte. So
durfte ihm denn sein Lieben ein Symbol seines Lebens dünken; auf
allen Gebieten hatte er das Zeitliche nur als Gleichnis
aufgefaßt, als „Sprungbrett“ des Ewigen (wie Plato sagt); sein
Verstand war
ebensowenig flatterhaft wie sein Herz gewesen. In dieser Erkenntnis lag
Trost für manche Schmerzen, auch Trost für die liebearme
Vereinsamung des Alters; in ihr keimte des Greises „immer mehr sich
entwickelnder Seelenfrühling“.
Über Goethe's Tod einige Worte, denn er war ein
würdiger
Beschluß seines Lebens, friedlich, harmonisch, ohne den
üblichen Kampf zwischen Leib und Seele. Schon bei der schweren
Erkrankung des Jahres 1823, als Goethe dem Tode nahe gewesen war, hatte
er im Gegensatz zu früheren Zeiten eine wunderbare Heiterkeit und
Ironie bewahrt. Das Treiben der Ärzte, wird uns erzählt,
betrachtete er, als wären es Experimente, die sie an einem Fremden
machten. „Probiert nur immer“, sagte er, „der Tod steht in allen Ecken
und breitet seine Arme nach mir aus, aber laßt Euch nicht
stören; mich soll nur wundern, wie es werden wird.“ Und jetzt, am
Vormittag des 22. März 1832, als die Ärzte nichts mehr „zu
probieren“ wußten, umfaßte der Tod ihn nicht schreckhaft
und grausam, sondern nahm ihn sanft und freundlich in die Arme. Gottlob
ist jetzt durch sorgfältige Sammlung aller Dokumente, die irgend
auf Glaubwürdigkeit Anspruch erheben
können, * unwiderleglich
festgestellt, daß der Sterbende die programmatischen Worte „Mehr
Licht!“ nicht gesprochen hat; seine letzten bewußten Worte waren
an die ihn treu pflegende Witwe seines Sohnes gerichtet und lauteten:
„Komm, mein Töchterchen, setze Dich ganz nahe und gib mir ein
Pfötchen!“ Darauf machte er sich's bequem in einer Ecke seines
Lehnstuhles, und fast unmerklich vollzog sich der Übergang aus den
Schranken der Zeit in die ungefesselte Zeitlosigkeit. „Kein Krampf,
kein Zucken bezeichnete den furchtbaren Moment; er hörte nur auf
zu atmen.“ Auch was in den vorangehenden Stunden sich zugetragen hatte,
war friedlich und schön gewesen. Auf seine Bedienten
gestützt, ließ er sich im Zimmer herumführen, schaute
hinaus und fragte nach dem Tage; als man ihm sagte, es sei der 22.
März, rief er erfreut aus: „Also hat der Frühling begonnen!“
Dann schlief er sanft ein und träumte von Gemälden. „Seht
81 Erstes Kapitel: Das Leben — Die
zweite Lebenshälfte
den
schönen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken — in
prächtigem Kolorit, auf dunklem Hintergrunde“, so sprach er im
Traume. Erwacht, wollte er eine Mappe mit Zeichnungen
durchblättern, stieß auch Worte aus, die den Kundigen
vermuten lassen, sein Geist sei mit der Farbenlehre — diesem
leidenschaftlichen Interesse der vierzig letzten Jahre seines Lebens —
beschäftigt gewesen; gleich darauf stieg die Gestalt des Einzigen
vor ihm auf; ein Blatt lag am Boden: „Warum“, rief er, „läßt
man Schiller's Briefwechsel hier liegen?“ Dann zeichnete er in die
Luft, mit erhobener Hand, eine alte Gewohnheit bei ihm; zuletzt schrieb
er einige Zeilen mit einem Finger auf die Decke, die über seine
Kniee geworfen war; die Anwesenden konnten sie nicht enträtseln;
der Beschreibung Coudray's nach, der als Ingenieur und Architekt genau
erblickende Augen besaß, scheinen es mir Verse gewesen zu sein.
„Die eigentliche Geistestätigkeit erlosch erst mit dem Leben“,
berichtet der Arzt. Das treue Pfötchen hielt er noch im Tode fest,
„ewiger Liebe Kern“.
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(Leere Seite)
Letzte
Änderung
am 19. Februar 2007