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Hereunder
follows the transcription of chapter 2 of Houston Stewart Chamberlain's
book Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich
1921. The 1st edition appeared in 1912.
Hieronder
volgt de transcriptie van hoofdstuk 2 van Houston Stewart Chamberlain's
boek Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann
A.-G.,
München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.
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ZWEITES
KAPITEL
DIE
PERSÖNLICHKEIT
—
Mein
eigentliches Ich bleibt wie ein
ruhiger Kern in einer stachlichen
Schale für sich lebendig wirksam.
Goethe
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84
(Leere Seite)
85
Der Mittelpunkt
Wollen
wir die fast unlösbare Aufgabe, an die wir hier herantreten, mit
einiger Hoffnung auf Erfolg in Angriff nehmen, so müssen wir
sofort beherzt ins Innerste greifen. Wohl vermag es ein bildender
Künstler von bedeutendem Genie, wenn ihn der Augenblick
begünstigt, das Menschenantlitz so zu erfassen, daß es
individuell bestimmt und zugleich unauskennbar inhaltreich vor uns
erscheint; der Photograph hingegen versagt. Wollten wir nun etwa die
Betrachtung der physischen Erscheinung voranstellen, um von dort
schildernd ins Innere vorzudringen, es erginge uns wie dem
Photographen: das Äußere stünde als Wall vor dem
inneren Wesen. Denn in Wirklichkeit strahlt alles Leben von innen nach
außen; das ist materiell der Fall beim Entstehen und Bestehen
jedes Lebewesens und trifft nicht weniger bei geistiger
Betrachtungsweise zu. Die unerforschliche künstlerische Gewalt
einer Monna Lisa, eines Christus mit dem Zinsgroschen, eines
Selbstbildnisses Rembrandt's oder Albrecht Dürer's wurzelt in der
Tatsache, daß hier der Geist es ist, was den Leib gestaltet,
daß wir nicht bloß eine virtuos gemalte Oberfläche
erblicken, sondern diese Oberfläche als das Organ eines
unsichtbaren Innern erkennen, geformt von ihm und bis in jede letzte
Faser von ihm durchströmt. Ja, diese von innen ausstrahlende
Gewalt reicht noch weiter. Wie Goethe bemerkt: „Alles Lebendige bildet
eine Atmosphäre um sich her.“ Jeder weiß aus Erfahrung, wie
subtil und zugleich zähanhaftend oft eine solche Atmosphäre
ist, die ein Mensch von ausgesprochenem Charakter mit sich trägt;
mag er auch schweigend zu uns getreten sein, sein Mikrokosmos hat auf
den unseren anziehend oder abstoßend, einengend oder ausweitend,
aufheiternd oder verdüsternd gewirkt. Beschreiben läßt
sich dieser Eindruck der Persönlichkeit nicht, nur erleben.
Schlagen wir aber die falsche Richtung ein, so bleibt ihre
Atmosphäre — die einerseits als Abwehr, andrerseits als
überleitende Vermittelung zwischen Individuum und Umgebung dient —
unbeachtet, und unser Blick prallt, roh wie ein geschleuderter Stein,
gegen die fremde Gestalt an, sie allenfalls analytisch zerschellend,
nicht aber sie durchdringend. Selbst in der Welt der
blindstürmenden Naturkräfte hat die Forschung des letzten
Jahrhunderts gezeigt, daß es bestimmte
86
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
R i c h t u n g e n des
Geschehens
gibt, Richtungen, die sich nicht umkehren lassen; wie viel mehr
muß es bei einem lebendigen Wesen darauf ankommen, die Richtung
zu kennen, in der sein Dasein sich entfaltet! Man kann — wenn's
glückt — bei einer Persönlichkeit von innen nach außen
durchdringen; von außen nach innen zu ist es unmöglich.
Im
entschiedensten
Gegensatz zu den Göttern des hellenischen Olymps, wo jede einzelne
Gestalt einen einzigen Zug des menschlichen Wesens verkörpert und
dadurch jene große innere Ruhe eines, wenn auch bewegten, so doch
eindeutigen Daseins gewinnt, bildet den Mittelpunkt der intellektuellen
und moralischen Persönlichkeit Goethe's eine zwiespältige
Anlage, eine Anlage, aus welcher mit Notwendigkeit, wenn nicht gerade
logische Widersprüche, so doch einander widerstreitende
Gegensätze überall hervorgehen — im Fühlen, im Denken,
im Handeln, im künstlerischen Erschaffen. Goethe kann nicht
anders; auf Schritt und Tritt muß er mit sich selbst in
Widerstreit geraten, das heißt, er muß die
überzeugende Kraft entgegengesetzter Meinungen, Wünsche,
Ideale in sich und an sich erleben. In einem gewissen Grade mag dies
allgemein menschlich sein; das bleibe dahingestellt; jedenfalls ist
selten einem Manne das Gesetz der inneren Gegensätzlichkeit von
Geburt an so tief eingeprägt gewesen und hat selten einer in so
redlicher Objektivität überall den beiden Erscheinungsformen
seines Wesens Pflege, Entfaltung, Ausdruck gegönnt.
„Der
böse Mensch mit
dem guten Herzen“, sagt von ihm im halben Scherz eine Jugendfreundin;
und er selbst berichtet mit 30 Jahren über sich: „Ich bin wie
immer der nachdenkliche Leichtsinn und die warme Kälte.“ Wollte
man die Leidenschaftlichkeit und die Gelassenheit als entgegengesetzte
Temperamente verschieden gearteter Menschen bezeichnen, bei Goethe
käme man damit nicht weit. Denn einerseits besitzt er eine
verzehrende Leidenschaftlichkeit, eine „unbezwinglich-haftende“, wie es
in Werther heißt, dazu
auch alle Nebenerscheinungen des
ausgesprochen leidenschaftlichen Temperamentes — das Verworrene,
Zielunbewußte, in falschen Richtungen eigensinnig Beharrende, und
dann wiederum als Reaktion das Dumpfe, Resignierte derjenigen Menschen,
bei denen das Herz über die Erkenntnis vorherrscht; noch im hohen
Alter, als er schon seit
87
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
50 Jahren bestrebt
gewesen ist, Allen, die an ihn herantreten, diese Tatsache zu
verbergen, gesteht er einem nahen Freunde: „Die große
Erregbarkeit ist's, die mir Gefahr bringt.“ Nichtsdestoweniger ist
nicht bloß äußere Selbstbeherrschung und
unerschöpfliche Geduld, sondern tiefinnerer Frieden,
bedingungslose Ergebenheit in „das liebe unsichtbare Ding, das ihn
leitet und schult“, ein weit bemerkenswerterer Zug in Goethe's
Charakter als der angebliche Sturm und Drang, von dem man so viel
Wesens macht und der doch aller Jugend gemeinsam ist. Das ist es, was
Goethe die D e m u t nennt. Schon mit 19 Jahren
hören wir es,
„demütig ohne Niedergeschlagenheit“; und häufig kehrt der
Ausdruck wieder, so z. B. aus Rom: „Alle Wege bahnen sich vor mir, weil
ich in der Demut wandle“. Bis in die letzten Tiefen blickt Derjenige,
der zu sehen gelernt hat, wenn er im Tagebuch dem Bekenntnis einer
„demütigen Selbstgefälligkeit“ begegnet. Nie vielleicht
findet diese Antithese des Gemüts einen ergreifenderen Ausdruck
als in der ersten Weimarer Zeit, um das 30. Lebensjahr herum; aus
dieser Periode heraufdunkelnder höchster Gefahr liegen
Geständnisse vor: „Ich bin unbekannt mit dem Augenblick, dunkel
über mich selbst“, und: „Ich begreife immer weniger, was ich bin
und was ich soll“; fast im selben Atemzuge aber heißt es: „Ich
komme diesmal gesund, ohne Leidenschaft, ohne Verworrenheit, ohne
dumpfes Treiben, sondern wie ein von Gott geliebter...“ Also im
selben Augenblick verworren und klar, verzagt und zuversichtlich.
Hiermit will ich nichts
weiter als einen einleitenden Akkord angeschlagen haben. Ehe wir nun
diese Gegensätzlichkeit weiter ins Einzelne verfolgen, wird es
ratsam sein, uns nach einem begrifflich genau bestimmbaren Punkt
umzusehen, wo unsere Gedanken Fuß fassen können.
Wir
pflegen zwischen
Menschen zu unterscheiden, deren Lebensbetätigung vorzüglich
im Anschauen wurzelt, und solchen, bei denen das Denken vorherrscht; in
der Tat betrifft diese Unterscheidung den Mittelpunkt der
Persönlichkeit, wie wir sie in ihrem physischen, moralischen und
intellektuellen Wesen gewahr werden. Die eine Anlage führt zu
unmittelbarer Wechselwirkung zwischen der äußeren und der
inneren Welt, zu Unbefangenheit, Spontaneität, zur lebhaft
richtigen Schätzung und Einschätzung des Einzelnen,
88
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
Gegebenen, zu leichter
Wirksamkeit im Bunde mit Anderen, zu einer gegenständlichen
Wissenschaft und farbenfrohen Kunst, zu naivem Glauben oder heiterer
Skepsis; die andere wendet mehr Bewußtsein auf die Ausbildung
des Innern, mit Pascal meint sie: Toute
la dignité de l'homme
est en la pensée, sie macht befangener, aber auch
besonnener,
Melancholie liegt ihr näher als sanguinische Hoffnung, sie leitet
über auf das Allgemeine, lehrt im Einzelnen das Symbol
großer Zusammenhänge erkennen, will für alles Handeln,
Schaffen, Glauben das Gesetz des Warum, Woher, Wohin ausforschen; sie
schenkt Geduld und entscheidet gern im bejahenden oder verneinenden
Sinne die letzten Fragen; in der Wissenschaft scheut sie sich nicht vor
Hypothesen und in der Religion nicht vor Dogmen; in der Poesie vermag
sie es, einen Milton und einen Schiller zu zeitigen. Einseitig wie alle
Verallgemeinerungen, aber immerhin richtunggebend und insofern zu guten
Gedanken anregend, wäre es, wenn wir die erste Richtung die
eigentlich künstlerische, die zweite die eigentlich philosophische
nennen wollten. Daß ungezählte Menschen zu keiner der beiden
Richtungen gerechnet werden können, tut nichts zur Sache;
daß andere sich mehr oder weniger nahe der Trennungslinie
bewegen, so daß sie von beiden Seiten etwas abbekommen und keiner
in charakteristischer Weise angehören, ficht uns hier ebenso
wenig an; keine derartige Scheidung besitzt absoluten Wert. Von Belang
ist für uns im Augenblick einzig die Tatsache, daß es
außer der Masse der nicht näher bestimmbaren Menschen viele
gibt, die ihrem ganzen Wesen nach scharf ausgesprochene Anlagen
besitzen, nach denen sie vorzugsweise zum Anschauen oder aber
vorzugsweise zum Denken organisiert erscheinen. Denn was Goethe's
Persönlichkeit zu einer seltenen stempelt, ist der Umstand,
daß sie die beiden äußersten und insofern sich
widersprechenden Anlagen zu einer gelebten Einheit verknüpft.
Nicht in dem Sinne, als ob dieser gewaltige Intellekt genau in der
Mitte stünde und sich nach beiden Seiten hin erstreckte, gleichsam
alles Menschliche zu einem Einklang zusammenfassend; im Gegenteil,
gerade das Mittelgebiet fehlt bei ihm. „Unseliges Schicksal, das mir
keinen Mittelzustand erlauben will!“ ruft er selbst einmal aus.
Könnten wir einer vergleichenden Aburteilung Bedeutung zusprechen,
wir müßten sagen: dies ist die Lücke,
89
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
die nicht wegzuleugnende
Lücke in Goethe's Wesen. Was wir bei ihm finden, ist eine
verzehrend-leidenschaftliche, spontan-schöpferische Kraft der
unmittelbaren Anschauung und zugleich eine ununterbrochen wirkende,
vollendet besonnene Denkgewalt, welche die Geschichte nötigen
wird, Goethe zu den größten Denkern der Menschheit zu
rechnen. Zwischen diesen beiden Anlagen vermittelt bei ihm nichts,
nichts als ein Wille, der die Kraft besitzt, aus beiden Enden einen
Knoten zu schlagen und über das, was er die „Reinheit“ nennt —
nämlich die unumwundene, unbeeinflußte, durch keinen
Kompromiß entwertete Selbstbehauptung jeder der zwei Seelen —
sorgsam zu wachen. Ich weiß, diese Einsicht zerstört die
Legende von dem „harmonischen“ Goethe. Ach, könnten wir doch ein
Massengrab graben, um alle diese hohlen, heuchlerischen, erlogenen —
kurz, dummen Phrasen hineinzuscharren! „Ich wünschte, ich
käme mir selbst so harmonisch vor!“ seufzt der arme große
Mann, als diese billigste aller abgedroschenen Redensarten auch sein
Ohr verletzend berührt. Die moralische Größe Goethe's
besteht darin, daß er die wild auseinanderstrebenden
„Seelenrosse“ (wie er sie einmal in Anlehnung an Plato nennt) zu
bändigen und einen bestimmten Weg zu lenken weiß, daß
er die verschiedenen Elemente seiner Natur fest und zugleich freundlich
zu beherrschen, gerecht gegeneinander auszuspielen vermag; hierdurch
gelingt es ihm, die Zertrümmerung der Persönlichkeit — die
vor und in Italien drohte — abzuwehren und eine Eurhythmie der
Kräfte auszubilden, die sie höher und immer höher
hinanträgt. Will man dies Harmonie nennen, so übersehe man
nicht, daß Goethe selber das, was man uns bequemen Zuschauern so
oratorisch wohltuend als „Harmonie“ anzupreisen beliebt, bis zuletzt
mit Herzblut bezahlen mußte. Mit 66 Jahren — rückblickend
auf sein Seelenleben — nennt er sich „eine seltsame
Persönlichkeit, die mit sich selbst nicht einig werden konnte“.
Hier will ich nur an die Rückkehr aus Italien und an den Verzicht
auf Ulrike von Levetzow erinnern, könnte aber zahlreiche Belege
aus verschiedenen Lebenszeiten bringen, wenn ich schon jetzt
Verständnis für das innere Leben Goethe's voraussetzen
dürfte — für jenes Leben, von dem er selber bezeugt, es
„schwebe zwischen Behagen und Mißbehagen in ewig klingender
Existenz“.
90
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
Versuchen
wir nun, diese
aus dem Innersten hervorbrechende, schmerzhaften Widerstreit bedingende
Gegensätzlichkeit genau zu bestimmen.
Goethe, der Mann, bei dem
„alles Blick ist“, dürfte jedem mehr oder weniger vertraut sein.
Er redet in Bildern und dichtet Bilder. Immer handelt es sich Schritt
für Schritt um ein Gesehenes, und zwar um ein so deutlich genau
und so wohl abgewogen Gesehenes, daß es nicht bloß ein
Bild, sondern ein Gemälde ergibt — es ist also (in Goethe's
Sprache ausgedrückt) nicht bloß gesehen, sondern geschaut.
Niemand kann Goethe gelesen haben, ohne das zu bemerken; er macht
selbst die Blinden sehend. Auch wissen alle um seine Entdeckungen in
der Knochenkunde, um seine Beschäftigung mit Pflanzen und Steinen,
um seine vierzig Jahre lang betriebenen Versuche über die Farben:
alles in erster Reihe Betätigungen des anschauenden Menschen.
Außerdem haben manche hierhergehörige Aussprüche eine
solche Verbreitung gefunden, daß sie gewiß Jedem zu
Gehör gekommen sind, z. B. das Wort aus Dichtung und Wahrheit:
„Das Auge war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt
faßte“, und die herrliche Briefstelle: „Ich bin nun einmal einer
der Ephesischen Goldschmiede, der sein ganzes Leben im Anschauen und
Anstaunen und Verehrung des wunderwürdigen Tempels der Göttin
und in Nachbildung ihrer geheimnisvollen Gestalten zugebracht hat.“ Es
ließen sich leicht hundert Äußerungen zur
Bekräftigung nachtragen; eine durchdringende Sehnsucht spricht
sich in folgender aus: „Ich glaube, der Mensch träumt nur, damit
er nicht aufhöre zu sehen.“ Man denkt an Giordano Bruno's
Schilderung seines heroisch Weisen: non
piu vegga come per forami et
per fenestre la sua Diana, ma havendo gittate le muragla à
terra,
é tutto occhio!
Weniger bekannt ist
Goethe, der Denker. Zwar liegt es auf der Hand, daß Dichtungen
wie Wilhelm Meister oder Faust voll tiefer Gedanken sein
müssen;
Worte Goethe's über sittliche, gesellschaftliche, religiöse
Fragen aus Iphigenie, Tasso, Faust
sind in Aller Mund, auch
gehören Aussprüche aus Gott
und Welt, aus den Orphischen
Urworten usw., welche in Abgründe mystisch-philosophischer
Erkenntnisse blicken lassen, bereits zum Gemeingut kultivierter
Deutschredenden. Nichtsdestoweniger wird es die Mehr-
91
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
zahl befremden, wenn sie
der Behauptung begegnen, bei Goethe sei das Denken — das spezifische,
grübelnde, theoretisierende Denken zugleich mit allen den
besonderen Anlagen des Charakters und des Gemütes, die einer
solchen Begabung eigen sind — in hohem Maße ausgebildet. Und
dennoch ist das der Fall und liegt hier der Schlüssel zum
Verständnis seines Lebens und Schaffens. Mit 22 Jahren schreibt
Goethe an Salzmann: „Wie gewöhnlich, mehr g e d a c h
t als
getan“, und ein Jahr darauf berichtet Kestner, Lotte's Bräutigam:
„Goethe hat schon viel getan und viele Kenntnisse, viel Lektüre;
aber doch noch mehr gedacht und raisonniert.“ Als Goethen in seinem 30.
Lebensjahre ein liebenswürdiger poetischer Träumer empfohlen
worden war, gesteht er: „Große Gedanken ... füllen jetzt
meine Seele, beschäftigen sie in einem neuen Reiche, und so kann
ich nicht als nur geborgt nieder ins Thal des Thaues und der
Morgenbegattung lieblicher Turteltauben.“ Sehr früh entstand aber
unter den Fernerstehenden die Fabel des unphilosophischen Goethe, so
daß der noch nicht Vierzigjährige berichtet: „Ich habe immer
mit stillem Lächeln zugesehen, wenn sie mich in metaphysischen
Gesprächen nicht für voll ansahen; da ich aber ein
Künstler bin, so kann mir's gleich sein. Mir könnte vielmehr
dran gelegen sein, daß das Prinzipium verborgen bliebe, aus dem
und durch das ich arbeite.“
Hier
ist der
geheimnisvolle Pfad aufgedeckt, der in die Tiefe führt; folgen wir
ihm weiter.
Ohne
Frage hat der
Gegensatz zwischen Schiller und Goethe — den beiden so nahe Verbundenen
— viel dazu beigetragen, die Vorstellung des ausschließlich
schauenden, dem abstrakten Denken abgewandten Goethe in uns
großzuziehen. Goethe gegenüber trat Schiller als
sachkundiger Philosoph auf und belehrte ihn. Wenn nun ein einziger Mann
auf der Welt ein Recht hatte, über diese Beiden aus intimster
persönlicher Gemeinschaft und eigener geistiger Hochgeburt
vergleichend zu urteilen, so war es Wilhelm von Humboldt. Humboldt aber
schreibt — und zwar an Goethe selber — wie folgt: „Es hat mir in jener
glücklichen Zeit, wo ich mit Ihnen und Schiller zusammen lebte,
immer geschienen, daß Sie um kein Haar weniger (wenn Sie mir den
Ausdruck erlauben) eine philosophierende und grübelnde Natur
waren, als er.“ Das ist doch un-
92
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
zweideutig gesprochen: um
kein Haar weniger! Nun betrachte man aber auch die Fortsetzung; sie
führt zu einer bisher wenig beachteten Einsicht. „Nur war er
zugleich mehr eine dialektische (Natur), da es gerade in der Ihrigen
liegt, nichts durch die Dialektik für abgemacht zu halten ¹).
Wenn
also sich in ihm Meinung, Maxime, Grundsatz, Theorie überhaupt
schnell gestaltete und in Worte überging, auch wieder in anderer
Zeit umgestaltete, so fanden Sie bei dem gleichen Bestreben sich mehr
gehemmt, weil Sie allerdings etwas Anderes und schwerer zu
Erreichendes, ja eigentlich wohl nicht anders als in ewiger
Annäherung zu Erreichendes forderten.“ Wer diese Stelle genau in
Erwägung zieht, wird in der Erkenntnis der Goetheschen Eigenart
wirkliche Fortschritte machen. Wiederholen wir uns, was Humboldt
für Behauptungen aufstellt: Goethe philosophiert und grübelt
ebensoviel wie Schiller; seine Denkmethode ist aber eine andere;
Schiller gelangt schnell zum Ziele, wogegen Goethe's Denken sich
gehemmt findet; nicht bloß die Methode, sondern auch das Ziel ist
eben bei Goethe ein anderes, ein schwerer zu erreichendes, ja, was
Goethe's Denken erstrebt, läßt sich niemals mit
dialektischer Genauigkeit aussprechen, sondern nur in ewig wachsender
Annäherung erreichen — also der Linie vergleichbar, welche die
Mathematiker eine Asymptote nennen, d. h. eine solche, die einer
gegebenen zweiten Linie immer näher rückt, ohne sie jemals zu
berühren. Ziel, Methode, Hemmung, Unerreichbarkeit: das alles wird
uns nach und nach deutlich werden, teils in diesem Kapitel, teils in
den folgenden. Um den nächsten entscheidenden Schritt zu tun,
wenden wir uns nach Humboldt an Schiller.
Genügten uns
gelegentlich hingeworfene Bemerkungen, wir fänden viele.
Belangreich ist eine aus früher Zeit, 1790, vor der wirklichen
Annäherung an Goethe; über ein philosophisches Gespräch
berichtet Schiller an Körner: „Goethe's Philosophie mag ich auch
nicht ganz: sie holt zu viel aus der Sinnenwelt, wo ich aus der Seele
hole. Überhaupt ist seine Vorstellungsart zu sinn-
—————
¹) D i a l e k t i k ist dem
Sinne nach zu verdeutschen: die Erforschung der Wahrheit durch
logische Rede und Gegenrede, d. h. also durch Aufstellung genauer
Begriffsbestimmungen, von denen aus, vermittelst fortschreitenden
Einbeziehens und Ausscheidens, nach und nach der gesuchte Tatbestand
festgestellt wird; die Methode ist derjenigen der abstrakten Mathematik
so analog, daß es jetzt eine Algebra der Logik gibt.
93
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
lich und b e t a s
t e t mir zu
viel.“ Das ist noch der naive Standpunkt: Goethe so gesehen, wie ihn
noch heute Jeder sieht, der ihn nur oberflächlich kennt. Einige
Jahre später erfolgt die Befreundung, und da fällt es
Schiller immer mehr auf, welchen Anteil Goethe, der angebliche
Nicht-Philosoph, an reiner Philosophie nimmt; er hatte es nicht
vermutet. „Es ist eine sehr interessante Erscheinung“, schreibt er ihm,
„wie sich Ihre anschauende Natur mit der Philosophie so gut
verträgt und immer dadurch belebt und gestärkt wird.“ Goethe,
durch reine, abstrakte Philosophie (es ist von Schelling die Rede)
belebt und gestärkt, wird noch heute dem festgewurzelten Vorurteil
der Meisten wenig zusagen. Mehr ins Innere dringen Beobachtungen
über „die eigene Art und Weise“, wie bei Goethe „Reflexion und
Produktion a l t e r n i e r e n“. Bei sich selbst
findet sie Schiller vermischt,
sein Verstand, meint er, sei „eine Zwitterart zwischen dem Begriff und
der Anschauung“; hingegen bei Goethe „beide Geschäfte sich ganz
trennen“. Am tiefsten aber greift der ahnungsreiche Mann in dem
berühmten Brief vom 23. August 1794; in allegorischer
Verhüllung schildert er hier das ganze innere Getriebe von
Goethe's Geist. Teilweise mag wohl die Form der Allegorie Goethen zu
Gefallen gewählt sein; zum größeren Teil möchte
ich sie dem Umstande zuschreiben, daß Schiller hier als Seher
redet, dessen Geist zwar das Verborgene durchdringt, doch wie Einer,
der im Traume Gesichte erblickt, deren Tagesdeutung ihm verhüllt
bleibt. Den Sinn dieser Stelle wollen wir genau ergründen.
Das
eigentümlich
Zwiefältige in Goethe's Wesen erkennt hier Schiller deutlich als
Grundzug seiner Persönlichkeit; er sieht ein, daß es sich
nicht bloß um die uns allen gemeinsame, vorhin erwähnte
Duplizität von Denken und Anschauen handelt, sondern um Anlagen,
die tief genug wurzeln, das ganze Wesen in Mitleidenschaft zu ziehen,
und die sich sowohl ergänzen als auch gegenseitig befehden; er
empfindet die wunderwirkende Kraft einer solchen „geeinten Zwienatur“
und zugleich den schmerzlichen inneren Kampf, der aus dem organischen
Zwiespalt notwendig dauernd hervorgehen muß. Diese Einsicht
kleidet er in folgende Allegorie. Er erblickt in Goethe einen
„griechischen Geist“, der in eine „nordische Schöpfung geworfen
wurde“, und der nun durch Denkkraft ersetzen mußte, was ihm die
94
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
Welt der Anschauung
versagte. Wie rein allegorisch dies ausgedrückt ist, bedarf kaum
der Betonung. Es wäre wohl schwer möglich, weniger
„griechische“ Werke als Faust
und Wilhelm Meister namhaft
zu machen,
und selbst über Iphigenie
urteilt gerade Schiller: „Sie ist so
erstaunlich modern und ungriechisch, daß man nicht begreift, wie
es möglich war, sie jemals einem griechischen Stück zu
vergleichen“; und was die Naturbetrachtung anbetrifft, so neigten die
Griechen immer zu mathematisch-mechanischen oder aber zu
abstrakt-logischen Erklärungen, welche Goethe's angeblich
„griechischem Geiste“ so fern wie nur möglich stehen. Wenn es aber
heißt, die Denkkraft sollte sich in der nordischen Schöpfung
als Ersatz für die brachgelegte Anschauung entwickeln, so ist
daran zu erinnern, nicht allein, daß die tiefsten Denker der Welt
in Indiens tropischen Urwäldern zu Hause waren, sondern daß
niemals größere Spintisierer als die Griechen gelebt haben,
und daß ihre „südliche Schöpfung“ Aristoteles, Plato,
Heraklit und noch Dutzende von spezifischen Denkern hervorgebracht hat.
Nein, das Ganze wird nur begriffen, wenn wir es als bildlich gesprochen
auffassen. Unter dem „griechischen Geist“ haben wir die für Goethe
so bezeichnende Gewalt der unmittelbaren Anschauung zu verstehen: „Das
Auge ist das Organ, womit ich die Welt fasse“; die „nordische
Schöpfung“ ist einfach jene vollendet besonnene Denkgewalt, die in
Goethe's Leben, in seinen poetischen und wissenschaftlichen Werken,
kurz überall bei ihm gestaltend eingreift, und die er selber als
„der Betrachtung strenge Lust“ besungen hat. Indem nun Schiller seine
Allegorie festhält, verwickeln sich seine Ausführungen zu
einigermaßen wirren Tropen, wo eine „schlechtere Natur“ durch
„bessere Muster korrigiert“ werden muß usw., was nicht gerade im
Geiste Goethe's gedacht ist; solche Dinge kommen bei Schiller manchmal
vor, und nichtsdestoweniger bohrt sich sein rastlos vordringender
Verstand durch bis zu der wahren Wurzel; so auch hier. Denn zuletzt
ergibt sich ihm aus der schwerfälligen Allegorie das einfache und
einfach wahre Ergebnis, daß bei Goethe zwei
verschiedene „Richtungen“ sich kundtun — die logische Richtung und die
ästhetische Richtung, so nennt sie Schiller —, die sich
miteinander „nicht wohl vertragen“. Hier endlich halten wir es also in
deutlicher Fassung und mit ausdrücklicher Hervorhebung des inneren
Kampfes, den eine solche Anlage
95
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
anstelle der öden
„Harmonie“ notwendig erzeugen mußte. Es
kommt aber noch mehr. In dem Schlußsatz zu dieser Ausführung
sagt Schiller das Tiefste, was meines Wissens bisher über Goethe
überhaupt gesagt worden ist; denn er deckt jenes Innere der
Persönlichkeit auf, nach dem wir hier fahnden. Er schreibt: „Sie
haben also eine Arbeit mehr (mehr nämlich als andere
schöpferische Geister): denn so wie Sie von der Anschauung zur
Abstraktion übergingen, so mußten Sie nun
rückwärts Begriffe wieder in Intuitionen umsetzen und
Gedanken in Gefühle verwandeln....“ Was Schiller „eine Arbeit
mehr“ nennt, ist genau dasselbe, was Humboldt als „Hemmnis“, als ein
„schwer zu Erreichendes“ empfand. Es ist nämlich das
beständige Hin und Her bei Goethe von der Anschauung zu der
Abstraktion und nun zurück von der Abstraktion zu der Anschauung.
Von der Anschauung nimmt Goethe stets den Ausgang; mit ihr faßt
er die „Welt“; gleich darauf aber dürstet sein Geist nach
Verallgemeinerungen: beim Einzelnen (und nur dieses wird wirklich
angeschaut) mag er nicht verweilen, er fühlt, wie „der böse
Engel der Empirie ihn anhaltend mit Fäusten schlägt“, und
gesteht: „Die Beobachtung des Einzelnen war niemals meine Stärke“,
„zum Detail bin ich nicht geboren“, „es graut mir vor der empirischen
Weltbreite“. Und so eilt er denn hin zu zusammenfassenden Gedanken, zu
Begriffen, zu Ideen: er „grübelt“, wie Humboldt sagt und
wofür alle seine theoretischen Schriften und viele seiner nach
Tausenden zählenden Briefe zeugen. Einmal faßt er es in
einem Brief an Schiller in eine Formel zusammen: man solle, „ohne die
Erfahrung in die Breite verfolgen zu wollen, ... auf jedem Platz, in
jedem Moment, so weit es Einem vergönnt sei, in die Tiefe gehen“;
in der Tiefe jedoch ist das Geschaute ein Gedachtes. Darauf tritt aber
dann mit Gewalt die Gegenwirkung ein, die bei einem so mächtigen
Drang, alles anschaulich zu erfassen, nicht ausbleiben konnte: das
Allgemeine, die rein theoretische, philosophische Überzeugung will
und muß sinnfällige Gestalt gewinnen, und so steigen denn
„die aus dem Innersten hervorgearbeiteten Phantome“ auf, oder, wie
Schiller sagt, die Begriffe werden nun „rückwärts in
Intuitionen umgesetzt“, das heißt in eine erträumte
Sichtbarkeit. Goethe schaut jetzt wieder hin auf die Natur — auf
Pflanzen, Tiergerippe, Steine, Wolken, Farben, Menschen — und erblickt
überall mit Augen seine
96
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
eigenen Gedanken, nunmehr
vergegenständlicht, greifbar, der Geist
zu Stoff geworden. Es liegt auf der Hand, daß ein rein
anschauendes Genie — ein Raffael der Kunst oder ein Linné der
Naturbetrachtung — weit unmittelbarer als Goethe an sein Ziel gelangt;
er schaut, und was er schaut, gestaltet er, sei es zu Kunst, sei es zu
Wissenschaft. Analog ergeht es dem eigentlichen Denker, sei er nun mit
Schiller ein Dichter oder mit Descartes ein Naturgestalter oder mit
Hume ein Kritiker des Menschengeistes: er verfolgt seinen Weg
geradeaus. Goethe dagegen arbeitet unaufhörlich daran, die beiden
entferntesten Endpunkte des Menschengemütes zueinander in
übereinstimmende Beziehung zu setzen: immer geht bei ihm die
Anschauung in Abstraktion über, und immer wandelt er dann die
abgezogenen Begriffe neuerdings in anschauliche Vorstellungen um.
Allzu kurz für die Andeutung so
zart-verwickelter
Verhältnisse, doch immerhin zu genauerer Einsicht anregend,
könnten wir sagen: seine Anschauungen wandelt Goethe zu Gedanken,
seine also gewonnenen Gedanken wiederum (aber neu gestaltet) zu
Anschauungen um. Und zwar m u ß er dies, es
ist ein organisches
Gesetz seines Geistes; denn früher kommt er beim Anschauen zu
keinem Genuß und beim Denken zu keiner Ruhe. Dies gerade ist das
„rückwärts verwandeln“, von dem Schiller sprach. Goethe denkt
nicht weniger anhaltend und fein als irgend ein außerordentlich
begabter, abstrakt beanlagter Denker; seine Gedanken suchen aber und
finden den Weg bis zu einem Anschaulichen wieder zurück, und
dadurch wird das Subjektive in ein scheinbar — aber nur scheinbar —
vollkommen Objektives umgewandelt.
Somit wäre der erste Pflock eingeschlagen.
Manchem Leser wird vielleicht im Vorangehenden nicht
alles schon
vollkommen deutlich geworden sein. Es war aber geboten, sofort tief
hineinzugreifen, bis auf den Mittelpunkt der Persönlichkeit.
Sowohl in diesem Kapitel wie in allen folgenden werden wir stets von
neuem auf diesen Mittelpunkt der Goetheschen Persönlichkeit
zurückzukommen uns veranlaßt finden; dadurch wird das, was
hier einigermaßen abstrakt vorgetragen werden mußte, nach
und nach an lebendig überzeugendem und aufklärendem Inhalt
immer mehr gewinnen. Manches bleibt freilich allezeit dunkel, weil es
in dunklen Tiefen des Menschenwesens wurzelt; es als
leichtverständ-
97
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
lich darstellen wollen,
hieße sich in verführerische
Oberflächlichkeit verirren; unzweideutig jedoch soll alles werden.
—————
Die Liebe
Gehen wir nun daran, eine Art Rundblick auf die
Persönlichkeit zu
werfen, so folgen wir Goethe's Rat, wenn wir zu allererst
die L i e b e
ins Auge fassen. „Da uns das Herz immer näher liegt als der Geist
und uns dann zu schaffen macht, wenn dieser sich wohl zu helfen
weiß, so waren mir die Angelegenheiten des Herzens immer ...
die wichtigsten erschienen“: so bekennt er in Dichtung und Wahrheit.
Gleich hier wird sich aber die Unmöglichkeit herausstellen, zu
irgend einer wahren Einsicht zu gelangen, solange wir die Untersuchung
von außen, nicht von innen in Angriff nehmen.
Wer die Bücher über Goethe zur Hand nimmt,
in denen er
chaotisch sich Widersprechendes über sein Lieben und seine Lieben
erfährt, lernt bald begreifen, daß fast jede Aussage
über diesen Gegenstand zu viel oder zu wenig behauptet. Auf der
einen Seite wird er als der liebreichste aller Poeten gepriesen, auf
der anderen wird versichert, er habe mit den Frauen nur gewissenlos
gespielt; beides ist unrichtig, und doch entbehren beide Urteile nicht
einer annehmbaren Begründung. Infolge der merkwürdigen
inneren Beschaffenheit seines Wesens, auf die wir durch Schiller und
Humboldt aufmerksam gemacht wurden, befindet sich Goethe's
Gefühls- und Gedankenleben häufig in dem schwankenden
Gleichgewicht, das man „labil“ nennt und das auch dem Laien aus den
kleinen Handwagen der Apotheker bekannt ist; das geringste
Übergewicht genügt, damit die eine Schale plötzlich zu
Boden stürzt, während die andere an den Balken emporschnellt.
„Bei meinem Charakter und meiner Denkweise verschlang Eine Gesinnung
jederzeit die übrigen und stieß sie ab.“ Hiermit soll aber
nicht besagt sein, diese beiden Urteile — Goethe der Liebeverzehrte,
Goethe der Liebelose — träfen beide abwechselnd das Richtige;
vielmehr sind beide falsch; doch die scheinbare Begründung
erwächst ihnen aus der genannten Zwiespältigkeit: denn der
eine Beurteiler richtet seine ganze Aufmerksam-
98
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
keit auf die verschlingende,
alles andere abstoßende Leidenschaft
des Augenblicks, wogegen der andere nur das Hin und Her der Wage
beachtet und daraus schließt, hier liege Tändelei, nicht
Liebe vor. An urkundlichen Belegen wird es beiden Behauptungen nicht
fehlen; die erste wird schöne Briefstellen und unsterbliche
Liebesgedichte anführen, die zweite wird keine Mühe haben,
Bekenntnisse aufzufinden, welche frivole Deutungen nahelegen
könnten, wie folgendes: „Es ist eine sehr angenehme Empfindung,
wenn sich eine neue Leidenschaft in uns zu regen anfängt, ehe die
alte noch ganz verklungen ist. So sieht man bei untergehender Sonne
gern auf der entgegengesetzten Seite den Mond aufgehen, und erfreut
sich an dem Doppelglanze der beiden Himmelslichter.“ Von außen
her wird man eben nie bis zum Verständnis gelangen; es
läßt sich da das Widersprechende behaupten und belegen; wie
ist es aber möglich, in solchen Urteilen Genüge zu finden?
Sollen wir wirklich dem so unentwegt mit „eherner Geduld“
genial-besonnen strebenden Goethe einen gänzlichen Mangel an
sittlichem Ernst bis ins hohe Alter zuschreiben? Und wenn nicht, wie
erklären wir es, daß immer wieder die Liebe zu irgendeiner
holden Weiblichkeit in ihm erwacht, zur glühendsten Leidenschaft
heranwächst und dann nicht nur verlischt, sondern keinen Schmerz,
keine Reue hinterläßt, nichts als schöne,
beglückende Gedächtnisbilder, so daß wir ohne
Übertreibung sagen dürfen: den rechten Genuß seines
Liebens hat Goethe immer erst in der Erinnerung gehabt, wogegen ihre
Gegenwart manche Qual verursachte. Mitten in der leidenschaftlichsten
Liebe zu Annette in Leipzig schreibt er zwar: „Es geht keine Wollust
über den Jammer der Liebe“; doch das eigentliche Glück kommt
auch hier später: „O Behrisch, ich habe angefangen zu leben!
Daß ich dir alles erzählen könnte! Ich kann nicht, es
würde mich zu viel kosten. Genug sei dir's, Nette, ich, wir haben
uns getrennt, wir sind glücklich. Es war Arbeit, aber nun sitz ich
wie Herkules, der alles getan hat, und betrachte die glorreiche Beute
umher.“ Diese Empfindung ist für Goethe durchweg charakteristisch.
Wer z. B. die Sesenheimer Monate in den gleichzeitigen Briefen zu
verfolgen sich die Mühe gibt, wird manches lernen. Kaum von seinem
ersten dortigen Besuche nach Straßburg zurückgekehrt, greift
er zur Feder, um einer anderen, vernachlässigten Geliebten,
daheim, von Sesenheim und der dortigen
99
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
„liebenswürdigen Tochter“
zu erzählen; dieser Eindruck habe
jede „halbverschiedene Zärtlichkeit wieder auf einmal lebendig“
gemacht, „jede Erinnerung an alles, was er liebe, in seinem Herzen
geweckt“. Wenige Stunden später geht der allererste
überströmende Brief an Friederiken ab! Es ist gleichsam, als
baue er sich im voraus eine Wehr auf gegen die etwaige bedrohlich
werdende Übermacht des Stroms, von dem sich tragen zu lassen er
nichtsdestoweniger gesonnen ist. Und nun, während diese Liebe ihn
tatsächlich in den folgenden Monden immer unwiderstehlicher
fortreißt, die Geständnisse an seinen Freund Salzmann, zum
Teil aus Sesenheim selbst datiert! „Ich bin zu sehr wachend, als
daß ich nicht fühlen sollte, daß ich nach Schatten
greife.“ „Ich fühle, daß man um kein Haar glücklicher
ist, wenn man erlangt, was man wünschte. Die Zugabe, die Zugabe!
die uns das Schicksal zu jeder Glückseligkeit drein wiegt!“ Und
dann wende man den Blick auf die Episode mit Lotte Buff. Während
Goethe seinen Werther nach dem Vorbild des Jerusalem in den Tod gehen
läßt, weil die Angebetete ihm ewig unerreichbar bleibt,
empfand er selber damals „die Neigung zu einer versagten Braut“ als ein
besonderes Glück. Von jenen Tagen in Wetzlar schreibt er: „Ruht
nun, wie man sagt, in der Sehnsucht das größte Glück,
und darf die wahre Sehnsucht nur auf ein Unerreichbares gerichtet sein,
so traf wohl alles zusammen, um den Jüngling, den wir
gegenwärtig auf seinen Irrgängen begleiten, zum
glücklichsten Sterblichen zu machen.“ Das auffallend Friedvolle,
Harmonische in dem Verhältnis zu Lotte liegt jedenfalls in diesem
Umstande begründet; der Gefahr, er könnte zu glücklich
werden, die ihm bei Friederike und Lili so böse Stunden
verursacht, war hier vorgebeugt. Nun erwidert mancher getrost: das eben
ist Dichterliebe. Was soll aber damit gesagt sein? Goethe war doch
keine leichtfertige Natur wie Byron, ganz das Gegenteil. Im
übrigen ist die Beständigkeit in der Liebe ein Kennzeichen
vieler bedeutenden Dichter, was aus der Innigkeit ihres Wesens
herzuleiten sein mag; und hat auch mancher nicht die
lebenslängliche Treue eines Petrarca bewährt, so weihte er
doch der neuen Liebe die selbe Inbrunst und Ungeteiltheit, die er der
früheren Jahre hindurch bewahrt hatte; das sehen wir von Chaucer
an bis zu Richard Wagner; Schiller's uns genau bekanntes eheliches
Leben ist ein Muster reinen Glückes.
100
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
Nein, um
die Bedeutung der Liebe in Goethe's Leben zu ergründen
und sie in ihrer widerspruchsvollen Eigenart klar begreifen zu lernen,
müssen wir gleich anfangs in die Tiefen der Persönlichkeit
greifen. In diesem Falle sind es die elementare Gewalt der Anschauung
und die der üppig wuchernden Phantasie, die als „entfernte
Endpunkte des Menschengemütes“ von Goethe unaufhörlich
zueinander in Beziehung gesetzt werden; aus ihrem Spiel und Gegenspiel
leitet sich alles Eigenartige, scheinbar Widerspruchsvolle seiner
Liebesbeziehungen her.
Am schwersten fällt dem Menschen der Gegenwart,
sich die Bedeutung
des tatsächlichen A n s c h a u e n s in
Goethe's Leben
vorzustellen. Die Kraft reiner Anschauung ist unter uns im Abnehmen;
wir werden immer mehr zu theoretischen Wesen; es ist gewiß keine
Übertreibung, wenn man behauptet, ein beträchtlicher Teil der
Gebildeten empfange heute keinen bestimmenden, haftenden Eindruck durch
die Sinne; das Lesen von Berichten über die Dinge, das
Vernünfteln über sie nimmt alle Kräfte in Beschlag; nur
besonders Beanlagte wissen noch aus eigener Erfahrung, was Anschauen
ist. Goethe war ein solcher, und nicht bloß hat er die Marter der
heutigen Bildung nicht an sich erlitten, sondern die ihm angeborene
Kraft der Anschauung ist durch seines Vaters Einfluß von Kindheit
an in unaufhörlicher Übung gekräftigt worden. Befand er
sich durch einen Zufall zeitweilig von Kunst und Natur getrennt, er
verschmachtete; mit den Augen irgend etwas Bedeutendes erschauen war
für ihn ein ebenso gebieterisches Bedürfnis, wie für
unsereinen das tägliche Brot; schleunigst verschreibt er sich in
solchem Falle von Hause Stiche oder Gemmen, „damit er nur etwas vor
sich habe, das ihm das Anschauen erfrischt“. Schauen — wie Goethe das
Wort versteht — ist nicht bloßes Erblicken oder aufmerksames
Sehen, vielmehr handelt es sich dabei um eine höhere Stufe
sinnlicher Eindrucksfähigkeit, bei welcher der Gegenstand
gleichsam ins Innere aufgesogen, mit dem eigenen Wesen verschmolzen
wird *. Dieses Schauen Goethe's ist ein leidenschaftlicher Vorgang,
unbesonnen, aus elementarer Gewalt. Daher die bekannte heftige
Abneigung Goethe's gegen alles Pathologische: schon eine Brille auf der
Nase eines Besuchers genügte, ihn zu verstimmen, weil diese Zutat
auf ihn den Eindruck einer Entstellung des Menschenantlitzes machte:
„Ich bin von diesen
101
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
Glasaugen, hinter denen man
die natürlichen aufsuchen muß,
ein großer Feind“; selbst seinem Fürsten weigert er den
Gehorsam, als es gilt, eine monströse Mißgeburt anzusehen;
die schaurige Dichtung Der arme
Heinrich legt er schnell aus der Hand,
denn die darin geschilderte Krankheit „wirkt auf ihn so gewaltig,
daß er sich vom bloßen Berühren eines solchen Buchs
schon angesteckt glaubt“: nicht einmal in der Phantasie erträgt er
den Anblick des Häßlichen. Dieser
außergewöhnlichen „Empfänglichkeit für sinnliche
Eindrücke“ verdankt er, wie er selber gesteht, „viel Gutes“ und
manches „Übel“. Gleichviel welchem Gegenstand es gilt, dieses
Schauen verdient schon wegen seines Ungestüms und der damit
verbundenen Herzenswallung, L i e b e genannt zu
werden. „Man lernt
nichts kennen als was man liebt, und je tiefer und vollständiger
die Kenntnis werden soll, desto stärker, kräftiger und
lebendiger muß Liebe, ja Leidenschaft sein“: das ist Goethe's
Bekenntnis. Und ferner: „Die unzulänglichen Urteile der Menschen
entspringen nur aus Mangel an Liebe, denn ihr Urteil ruht auf nichts.“
Dieses in Liebe Anschauen und aus Anschauung Lieben ist eine
verzehrende Glut, die bei Goethe bis ins hohe Alter erhalten bleibt und
die eigentliche treibende Kraft seines Lebens bildet. Wendet er einmal,
selbst in trüben, verworrenen Tagen, diesen anschauenden Blick ins
eigene Innerste, so findet er es „immer ewig allein der heiligen Liebe
gewidmet, die nach und nach das Fremde durch den Geist der Reinheit,
der sie selbst ist, ausstößt und so endlich lauter werden
wird wie gesponnen Gold“. Ich meine, es bedarf keiner weiteren
Ausführungen, damit Jeder begreife, mit welcher heiligen Glut
einer das ganze Wesen ausfüllenden Liebe Goethe's Blick auf einem
Weibe geruht haben mag. „Das Auge war vor allen anderen das Organ,
womit ich die Welt faßte“ (S. 90). Dieser
Blick löschte alle
Vergangenheit. Das reine Anschauen ist nämlich seiner Natur nach
auf bloße Gegenwart gerichtet; was es erfüllt, ist:
das fröhliche Gefühl
Des hohen Tags, der
tausendfachen Welt
Glanzreiche Gegenwart.
Das Gedächtnisbild ist bei dieser Gemütsart (wenn nicht die
Phantasie es neuschafft) gedankenhaft schwach; sie fordert die sinnlich
102
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
reelle, tastbare Anwesenheit;
Goethe — wie wir hörten — muß
das Schöne „vor sich haben“, daß es „ihm das Anschauen
erfrische“; „alle Liebe“, schreibt er ein anderes Mal, „bezieht sich
auf die Gegenwart“.
Gerade dieses Wort ruft uns aber zur Besinnung auf.
Im kräftigsten
Jünglingsalter, im Augenblick, als seine Liebe zu Lili in
Blüte stand, beklagte Goethe seine Unfähigkeit, das in der
konkreten Gegenwart Gegebene als solches festzuhalten: „Wird mein Herz
endlich einmal in ergreifendem wahren Genuß und Leiden die
Seligkeit, die Menschen gegönnt ward, empfinden und
nicht i m m e r
a u f d e n W o g e n d e r
E i n b i l d u n g s k r a f t.... getrieben
werden?“ Die Phantasie herrscht eben bei Goethe in der gleichen
Fülle und der gleichen Gewalt wie der Trieb zum Anschauen; und
diese beiden sind in mancher Beziehung „entfernte Endpunkte“ (S. 96)
oder, wie der Philosoph sagen würde, Antinomien, Gegensätze.
Auf der Höhe seiner vollendeten Reife belehrt uns Goethe, die
Gestalt „schließe sich am wunderbarsten auf dort, wo sie dem Auge
ganz verschwindet und nur vom Geiste verfolgt werden kann“. So
entschwebt ihm das mit Sinnen Erschaute mitten im Erschauen aus den
Augen, und wird zu einem Gedachten. Und jetzt erfaßt die
Phantasie diese gedachte Gestalt, „schließt sie wunderbar auf“
und strahlt sie mit solcher Kraft der Plastik und der Beleuchtung
zurück in die Welt des Sichtbaren, daß sie geläutert,
durchklärt dasteht, als habe sie die Zeitlichkeit abgestreift und
sei nunmehr ein unvergängliches Sinnbild. Es handelt sich nicht um
eine bloße Einbildung; denn Wesen von Fleisch und Blut leben ja,
aus denen die bestimmenden Eindrücke gewonnen wurden; doch deckt
sich das jetzige Gebilde mit jenem körperlich vorhandenen Wesen
keineswegs. Denn was Goethe jetzt erschaut und durch seine Schilderung
vor unsere Augen zaubert, ist ein dem eigenen Geiste Entstammtes;
zwischen dem körperlichen Wesen und diesem Bilde seiner Phantasie
steht die gedankliche Verarbeitung in geheimen Tiefen der
„grübelnden Natur“ (um mit Humboldt zu reden); und nicht die
ursprüngliche zufällige Erfahrung, sondern dieser innerste
Schoß ewig kreisender Gedanken, wo alles Erschaute „sich
wunderbar aufschließt“, ist die Geburtsstätte des neuen
Gestaltenbildes, das nunmehr (um mit Schiller zu reden)
103
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
„rückwärts in
Intuition umgesetzt“ wird. Das Ergebnis ist
das, was Plato eine „Idee“ nannte — ein Wort, das man von neuem zu
verlebendigen gesucht hat durch die Verdeutschung G e d a n
k e n - g e
s t a l t. Goethe selber schreibt darüber: „Dieses Nachbild
strahlt nach allen Seiten in die Welt aus, und ein schönes edles
Gemüt mag an dieser Erscheinung, a l s w
ä r e s i e W i r k l i c h k e i t,
sich entzücken und empfängt davon einen tiefen Eindruck.“
Schon aus diesem flüchtigen Überblick läßt sich
ermessen, wie unvermeidlich Widersprüche zwischen Anschauung und
Phantasiebild entstehen müssen; denn je mächtiger die
ursprüngliche Gegenwart in ihrer Unmittelbarkeit wirkt, um so mehr
Nahrung wird der Phantasie zugeführt.
Ehe wir nun die Folgen dieses eigenartigen
Zwiespaltes näher
betrachten, eine kurze Einschaltung. Denn es ist von entscheidender
Wichtigkeit, gleich anfangs zu begreifen, daß, was hier von dem
Eindruck menschlicher Gestalten auf Goethe's Gemüt ausgeführt
wird, von dem gesamten Bereich seiner Interessen in genau der selben
Weise gilt. Ein Beispiel. Als Goethe sich einige Jahre eingehend mit
Pflanzen beschäftigt und somit ein stets wachsendes Material in
seinem Gedächtnis angesammelt hatte, wollte es nicht weiter; da
nun gestaltete sich in seinem sinnenden Hirn aus „aufgeschlossenen
Gestalten“ eine Vorstellung aus, die er ursprünglich als Harmonia
Plantarum — die Harmonie der Pflanzenwelt — bezeichnete und
vermittelst
deren er Ordnung in das Chaos zu bringen suchte, indem er sich
eine U r
p f l a n z e * dachte, d. h. eine Pflanze, die
derartig
beschaffen
sein sollte, daß sämtliche Gestalten der Pflanzenwelt sich
auf sie ideell beziehen und insofern auch begreifen und merken und
einordnen ließen; sie wäre die reine „Idee“ einer Pflanze
gewesen, so daß alle einzelnen Gestalten in sie wie die Strahlen
in einen Brennpunkt zusammengelaufen wären. Hier erblicken wir in
typischer Gestalt den geschilderten Zwiespalt zwischen
Anschauungsgewalt und dem Bedürfnis einer schöpferischen
Phantasie. Hätte Goethe nicht so glühend inbrünstig die
einzelnen Pflanzenformen in sein sinnendes Schauen aufgesogen, ihre
Menge hätte ihn nicht bedrückt; wäre seine Phantasie
weniger lebhaft und leuchtend gewesen, er hätte sich als
Hilfsvorstellung allenfalls ein Schema entworfen, nicht aber eine
Urpflanze im Geiste erschaffen, körper-
104
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
lich greifbar, vor der die
wirklichen Pflanzen zu Schatten
verblaßten. Daß diese „Urpflanze“ nicht eine gesondert
bestehende Tatsache war, sondern vielmehr die Umgestaltung der
über die unzählbare Menge der einzelnen Tatsachen sinnenden
Gedanken zu einer ideellen Wesenheit, liegt auf der Hand; Goethe aber
erblickte diesen seinen zu einer Gestalt zurückgebildeten Gedanken
dermaßen überzeugend leibhaftig, daß er die Urpflanze
im Walde suchte und täglich zu finden hoffte — bis Schiller ihn
über seinen Irrtum aufklärte. Nach dieser Analogie muß
man sich die Liebesleidenschaften Goethe's denken, wie sie, poetisch
gestaltet, vor uns stehen, von Friederike Brion in Dichtung und
Wahrheit an bis zu Ulrike von Levetzow in der Marienbader Elegie. Immer
verblaßt die tatsächliche Erfahrung vor der Gewalt des
Phantasiebildes; immer tritt an die Stelle der einzelnen, vielfach
bedingten Liebe eine Verkörperung der „Urliebe“.
Betrachten wir nun die Folgen einer solchen
Gemütsart, wie sie im
tagtäglichen Leben nicht ausbleiben konnten, so begreifen wir
leicht, daß Goethe von den beiden widerstreitenden Tendenzen
häufig in seinem Innern zerrissen werden mußte, und wir
begreifen auch, warum fast jeder Zeitgenosse ihn falsch beurteilte. Von
ihm besitzen wir das schöne Wort: „Es bleibt ewig wahr: sich zu
beschränken, Einen Gegenstand, wenige Gegenstände recht
bedürfen, so auch recht lieben, an ihnen hängen, sie auf alle
Seiten wenden, mit ihnen vereinigt werden, das macht den Dichter, den
Künstler, den Menschen.“ Und doch: auf welchem Gebiete des Lebens
hätte er, dessen Phantasie auf Umfassung des Alls gerichtet blieb,
sich auf Einen Gegenstand beschränkt? Schon die gewaltige Kraft
der Anschauung allein — und abgesehen von der Mitwirkung der Phantasie
— verbietet eine derartige Beschränkung. Nicht die Anschauung an
sich besitzt Gedächtnis, vielmehr gehört dieses zum Geist;
Gesetz der Anschauung ist, stets für die Erfassung des
Gegenwärtigen offene Sinne, aufnahmebegierige, bereit zu halten.
Kurz, das Anschauen, rein als Anschauen, beschränkt sich zwar in
jedem einzelnen Augenblick mit leidenschaftlicher Inbrunst auf das Eine
— „Eine Gesinnung verschlang jederzeit die übrigen“ —, es
enthält aber gar kein Prinzip einer weiteren
Selbstbeschränkung. Die Treue — wie überhaupt alle
Beständigkeit — ist ein Gedanke. Daher die Worte des Herrn in
Faust:
105
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
Und was in schwankender
Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden
Gedanken!
Bei Goethe tritt nun zu der Schrankenlosigkeit aller unmittelbaren
Anschauungsgewalt noch die weitere Verwickelung durch die
Dazwischenkunft einer immer tätigen schöpferischen Phantasie
hinzu. Denn sobald diese sich ihrem dichterischen Auferbauen widmet —
und das tut sie gerade, wenn der Sinneneindruck groß war —,
löscht sie tatsächlich den Gegenwartseindruck aus. Ein
Symptom hiervon ist die Art, wie die Liebe manchmal leidenschaftlicher
wird, wenn Goethe fern von einer Angebeteten weilt; namentlich bei Frau
von Stein fällt dies auf; „die schöne Flamme der Liebe, der
Treue leuchtet“ immer dann am hellsten, wenn die Beiden getrennt sind;
in Sizilien fühlt Goethe, wie „die weite Ferne alles gleichsam
weggeläutert hat“. Hier waltet eine poetische Kraft rein
schöpferischer Phantasie, wie wir sie inzwischen in Richard
Wagner's Briefen an Frau Mathilde Wesendonck anstaunen lernten, und von
deren seelischer Gewalt prosaische Menschen keine Vorstellung besitzen.
Wohl das merkwürdigste Beispiel eines solchen rein aus der
Phantasie geborenen Verhältnisses ist dasjenige Goethe's zu
Gräfin Auguste zu Stolberg, die er in seinem Leben niemals
erschaut hat und der er nichtsdestoweniger — mitten aus der Zeit der
Beziehungen zu Lili — heiße Liebesbriefe schreibt, voll
Sehnsucht, „zu ihren Füßen zu liegen“, und versichernd, sie
sei „das einzige Mädchen, deren Herz ganz in seinem Busen
schlage“. Von um so größerer Höhe aber stürzt die
Erwartung dann herab, da keine Wirklichkeit solcher Einbildungskraft
standhalten kann. Und so arbeitet denn die Phantasie letzten Endes im
gleichen Sinne wie die Anschauung: beide zerstören die Treue in
der Liebe.
Um nun von hier aus weiter zu gelangen und
womöglich eine
Höhe zu erreichen, die einen klareren Überblick gestattet,
möchte ich an eine Stelle in Dichtung
und Wahrheit anknüpfen,
die zu den am häufigsten angeführten gehört, aber, wie
ich glaube, zu den am häufigsten mißdeuteten. Im siebenten
Buche lesen wir: „Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein
ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige,
was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein
Bild, ein Gedicht zu verwan-
106
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
deln und darüber mit mir
selbst abzuschließen, um sowohl
meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als
mich im Innern deshalb zu beruhigen.“ Wie soll ein von Humboldt und
Schiller noch Unbelehrter das verstehen: meine Begriffe von den
äußeren Dingen zu berichtigen? Was soll er sich darunter
vorstellen, daß durch die Verwandlung in ein Bild das Innere
beruhigt werde? Wogegen ich zuversichtlich hoffe, wer bis hierher
aufmerksam gefolgt ist, ahnt den Zusammenhang sofort, wenigstens in
allgemeinen Zügen. Es wird sich lohnen, bei diesen Vorgängen
in verborgenen Tiefen des Gemütes ein wenig zu verweilen.
Einen Dichter durch das Dichten über den
Schmerz erhoben zu sehen,
der zugleich verklärt und überwunden zurückbleibt, ist
nichts Unerhörtes. Ein köstliches Beispiel besitzen wir — der
Sage nach — aus altgermanischer Heldenzeit in dem angelsächsischen
Krieger und Barden Egil. Seine beiden Lieblingssöhne hatte der Tod
dahingerafft; der Greis trug sie selber ins Grab; dann kehrte er heim,
schloß sich in sein Gemach ein, legte sich hin, wies Essen und
Trinken von sich und erwartete stumm das erlösende Ende. Da sandte
man nach seiner Tochter, die in einiger Entfernung als Gattin eines
wackeren Waffenmannes daheim war. „Wie könnte ich nach solchem
Schmerze noch weiter leben?“ sprach der Vater. „Wohl, es sei“,
erwiderte die Tochter, „und ich will mit dir sterben; doch vorher
mußt du noch das Trauerlied dichten; keiner lebt, würdig wie
du, unserm Leide Wort und Ton zu leihen.“ Und Egil erhob sich von
seinem Lager und dichtete das herrliche Klagelied an Wotan, das in
Bruchstücken auf uns gekommen ist; und während er schrieb,
wurde ihm wohler zu Mute, und als er der versammelten Sippschaft das
Gedicht vorgesungen hatte, setzte er sich an den Tisch und aß und
trank und schickte die gute Tochter reich beschenkt zu ihren Kindern
heim. Auf dem Boden einer anderen, zahmeren, der unseren
angenäherten Lebensanschauung stand Joachim du Bellay, der
liebliche französische Dichter des 16. Jahrhunderts; die selbe
Gemütsverfassung hat er in graziöse Verse gebracht:
... je pleure mes ennuis,
Ou, pour le dire mieux, en pleurant je les
chante,
107
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
Si bien
qu'en les chantant
souvent je les enchante:
Voilà
pourquoi (Magny) je chante jours et nuits.
Bei Goethe liegt die Sache aber doch wesentlich anders. Es handelt sich
bei ihm nicht darum, großer Schmerzen Herr zu werden; auch
wäre es frivole Ironie, wollte man in jeder Liebe ein zu
überwindendes Leiden erblicken; außerdem spricht Goethe
ausdrücklich von dem, „was ihn e r f r e u t e
oder q u ä l t e oder
sonst b e s c h ä f t i g t e“. Die
„Verwandlung“, von der Goethe
hier redet — und die offenbar identisch mit der „Umsetzung“ ist, die
Schiller an ihm beobachtete —, betrifft also sämtliche
Erscheinungen des Lebens, insofern ihnen irgendwelche Bedeutung
zugemessen wird: Freuden, Schmerzen, Gedanken. Jede äußere
Erfahrung von Belang, von den Sinnen und dem Herzen leidenschaftlich
eingesogen und assimiliert, wird im Innern, wie es vorhin hieß,
„auf alle Seiten gewendet“, wie es hier heißt, „berichtigt“, um
dann, verwandelt in ein von innen aus geschautes Bild, nunmehr als
Dauerndes in die Welt der Ideen beruhigt aufgenommen zu werden. „Wenn
das Einzelne durch die Zeit ausgelöscht wird, so geht das
Allgemeine rein hervor“, meint Goethe einmal in bezug auf Geschichte;
Zeit ist von allen Gegebenheiten die an sich leerste, ihr Inhalt
hängt von der jeweiligen Gewalt des Seelenlebens ab; Goethe's
Geist war immerdar beschäftigt, aus angehäuftem Einzelnen
„reines Allgemeine“ zu schmieden; er brauchte nicht auf langsam
eindämmerndes Vergessen zu warten, sondern löschte selber das
Überflüssige aus, indem er Neues, „Berichtigtes“ schuf.
Der Mittelpunkt ist erreicht, sobald wir die
Einsicht gewinnen,
daß Goethe sein eigenes Leben auf diese Weise als Idee zu
ergreifen und trotz aller tausendfachen Abbröckelungen, die jeder
„Tag des Tages“ notwendig mit sich bringen mußte, an dieser Idee
festzuhalten vermochte. Er verfährt gegen sich selber in der
gleichen Weise, wie er gegen diejenigen verfährt, die er geliebt
hat; in diesem Falle jedoch beharrt der Anschauungsstoff und kann — da
jeder Augenblick ihn neu gebiert — nie ausgelöscht werden, und so
erfolgt auch eine beharrlich fortgesetzte Ideenbildung. Goethe meint
zwar einmal, „a l l e Menschen guter Art haben
auf der Welt eine
doppelte Rolle zu spielen, eine wirkliche und eine ideelle“; hier wie
108
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
überall flicht uns und
ihn ein Gemeinsames aneinander; doch
dürfte jene Tatsache bei keinem anderen Menschen so bewußt
und deutlich in die Erscheinung getreten sein und daher eine solche
Kraft der Gestaltung besessen haben. „Zum Gewahrwerden des Ideellen
gehört eine Pubertät“, sagt Goethe; man muß nicht
bloß befähigt sein, am ideell Gezeugten teilzunehmen, wie
wir das Alle mehr oder weniger sind, sondern selbst
„Zeugungsfähigkeit“ besitzen, ehe es gelingen kann, sich selbst
als „Idee“ zu erfassen: die ungeheure Mehrzahl der Menschen bleibt in
dieser Beziehung Kind und erreicht niemals Mannbarkeit. Bei Goethe
verhielt es sich anders. Sein Leben, so reich an emsiger Tat, so
verwickelt durch den Widerstreit antipodischer Gemütsanlagen, wird
zugleich ohne Unterlaß in bezug auf das Verhältnis „zu den
äußeren Dingen berichtigt“, wird „rückwärts in
Intuition umgesetzt“, wird „in ein Bild verwandelt“, mit anderen Worten
zu einer „beruhigten“ Einheit zusammengefaßt in einer aus
poetischer Schöpferkraft hervorgehenden Idee. Es ist dies die
große mittlere Leistung von Goethe's Leben, die Leistung aller
Jahre, aller Tage, fast aller Stunden. Durch sie bewirkt er die
fortwährende Verwandlung des sonst von uns Allen verworren, halb
unbewußt erlebten und darum blind dahingerissenen „ideellen“ Ich
in eine deutlich erschaute, objektiv beurteilte und mit eiserner
Folgerichtigkeit gerade gerichtete Idee. Schon mehrere Jahre, ehe sich
Goethe bis zur letzten Klarheit durchgerungen hatte, schreibt er:
„Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben
und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu
spitzen, überwiegt alles andere und läßt kaum
augenblickliches Vergessen zu.“ Diese „Begierde“ hat mit Ehrgeiz nichts
gemein; sie ist weltfern; die Pyramide bezieht sich auf das
Phänomen des eigenen Daseins allein, das zugleich erschaut und
erschaffen wird. „Welch ein Unterschied ist nicht zwischen einem
Menschen, der sich von innen aus auferbauen, und einem, der auf die
Welt wirken und sie zum Hausgebrauch belehren will!“ Also ohne
Rücksicht auf die Welt sich von innen aus auferbauen. Dieses „von
innen aus“ wäre eine Phrase, bezöge es sich nicht auf eine
energisch und bestimmt erfaßte Idee, an der und auf der ein Leben
sich auferbauen ließe. Später empfindet Goethe manchmal
schmerzlich „den Widerspruch, der zwischen seiner Natur und der
unmittelbaren Erfahrung liegt“; denn die Erfahrung
109
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
bleibt zunächst trivial,
zufällig, ledig aller innern
Konsequenz; wie soll, wer sich selbst so deutlich als die
Verkörperung einer ewigen Idee erblickt, daran Genüge finden?
In welcher Weise edle Männer, denen diese Frage in ihrer
bedrohlichen Bedeutung aufgegangen war, sonsten zu antworten pflegten,
wissen wir: Weltflucht, Klostermauern, Kasteiung. Goethe weiß
eine andere Antwort: „Man muß, ohne die Erfahrung in die Breite
verfolgen zu wollen, auf jedem Platz, in jedem Moment, so weit es Einem
vergönnt ist, in die Tiefe gehen.“ *
Und was ist es, das man dann
überall findet? „Die ideelle Denkweise läßt im
Vorübergehenden das Ewige schauen.“ Die ideelle Denkweise tut also
für den Einzelnen, was die Zeit für die Geschichte tut; sie
löscht das verwirrende Einzelne aus und läßt das
Allgemeine rein daraus hervorgehen. Dieses Ewige im
Vorübergehenden ist das, was wir Idee nennen — auch die Urpflanze
und die Urliebe; und die Fähigkeit, dieses Ewige im
Vorübergehenden zu ergreifen, bildet das Hauptergebnis aus den
widerstreitenden Anlagen, die wir für Goethe's Persönlichkeit
als charakteristisch kennen lernten. „Im Innersten meiner Pläne
und Vorsätze und Unternehmungen bleib' ich mir geheimnisvoll
selbst getreu und knüpfe so wieder mein gesellschaftliches,
politisches, moralisches und poetisches Leben in einen verborgenen
Knoten zusammen.“
Hiermit ist der Schlüssel zu jenem viel
angeführten und wenig
verstandenen Worte nunmehr in unseren Händen: „Und so begann
diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht
abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder
quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu
verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um
sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen,
als mich im Innern deshalb zu beruhigen“ (S. 106).
Und sobald wir
Einblick in die wunderbare Gabe Goethe's gewonnen haben, sich selbst
als Idee gleichsam neu zu erschaffen, indem er aus dem Strom des
Vorüberrauschenden seines eigenen Lebens das Ewige auszusondern
und sich geläutert vor Augen zu halten verstand, so begreifen wir
unschwer, inwiefern er die Fähigkeit und den unwiderstehlichen
Drang besitzen mußte, nicht allein bei Betrachtung der
großen Naturphänomene, sondern in allen Begebenheiten des
Lebens ähnlich zu verfahren. Namentlich
110
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
mußte dies für
Gestalten gelten, welche inbrünstige
Liebe ganz in sein eigenes Wesen aufgesogen hatte. Und so stand auf
einmal, wo vor kurzem dunkle Leidenschaft getobt hatte, ein
schönes Gemälde vor seinen Augen: das Vergängliche (und
dazu gehört sowohl die Reue wie die Hoffnung) ausgelöscht,
das Ewige (in welchem auch das Unerbittliche seinen Sinn enthüllt)
offenbar. Darum besitzt Goethe die Gabe, von seinen eigenen
Liebeserfahrungen (gleichviel ob in erster oder in dritter Person) so
bildkräftig, so innig, so züchtig, so vollkommen schlicht
tatsachentreu und zugleich alle Prosa des Lebens in reine Poesie
verklärend, zu erzählen, daß die Literatur der
Menschheit nichts auch nur entfernt Analoges aufweisen kann. Es ist das
kein Dichten in dem Sinne eines Mannes, der sich hinsetzt, um aus
seiner Phantasie eine Dichtung zu gebären, sondern es ist
„Verwandlung“ — wie Goethe es selber nennt — der Naturwirklichkeit in
eine Wirklichkeit höherer Ordnung. Daß die sinnfällige,
alltägliche Wirklichkeit damit ausgelöscht sein und bleiben
mußte, liegt auf der Hand. *
Hier zu moralisieren würde, glaube ich, von
geringem Werte sein.
Eine Frau, die dem Dichter in seinen jungen Jahren so vertraut war wie
sonst vielleicht nur seine früh gestorbene Schwester und die
namentlich das Verhältnis zu Lili von Anfang bis zu Ende als
Vertraute beider Teile und als Vermittlerin erlebt hat, Johanna
Fahlmer, schreibt: „Goethe kann gut und brav, auch groß sein, nur
in Liebe ist er nicht r e i n und dazu wirklich
nicht groß genug.
Er hat zu viele Mischungen in sich; die wirren; und da kann er die
Seite, wo eigentlich Liebe ruht, nicht blank und eben lassen.“ Einem
Fräulein Johanna Fahlmer mußte natürlicherweise die
Liebe sich in einer anderen Perspektive zeigen als einem Goethe; sie
wurde die brave Gattin seines Schwagers und eine gute Mutter;
ähnlich wie sie haben seitdem Tausende geurteilt. Weder das
Verhältnis zu Charlotte von Stein noch dasjenige zu Christiane
Vulpius — und das sind der Zeitdauer nach bemessen die zwei
großen Liebesverhältnisse seines Lebens — wirkt rein
harmonisch; in beiden Fällen macht sich eine eigentümliche
Gewaltsamkeit bemerkbar. Die allzu große Nähe eines Weibes
als eines seinem Wesen nach völlig konkreten, im Einzelnen und im
Augenblick aufgehenden Geschöpfes konnte nicht anders als
verwirrend auf einen Mann wirken, der, insofern
111
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
die leidenschaftliche
Anschauung in ihm vorwog, jähem Wechsel
unterworfen war und, insofern die sinnende Phantasie die Oberhand
gewann, im einzelnen Augenblick und im einzelnen Wesen das Allgemeine,
die ewige Idee zu erfassen trachtete. Wir wären geneigt, Johanna
Fahlmer für eine gute Prophetin zu halten, wenn sie nach dem
Angeführten hinzugefügt: „Goethe ist nicht glücklich und
kann schwerlich glücklich sein.“ Glücklich in dem Sinne wie
diese vortreffliche und kluge Frau es meinte, ist er gewiß nie
geworden. Lili, mit der sie ihn so gern verheiratet hätte,
wäre wert gewesen, eines bedeutenden Mannes Gattin zu werden. Doch
wie sollte man einem Goethe den Besitz eines solchen Glückes
wünschen können? Hätte eine derartige Frau das Schicksal
auf sich nehmen können, für welches die herzensgute
Christiane wie geschaffen war? Der Zwiespalt entsteht schon in Goethe's
eigenem Innern aus dem unausbleiblichen Widerstreit zwischen dem
leibhaftig vorhandenen Goethe und dem Goethe, dessen hohe Idee wie eine
mit Augen erblickte Traumgestalt ihm stets voranschwebt, „kaum
augenblickliches Vergessen zulassend“. Gleich zu Beginn dieses Kapitels
erkannten wir: was die Menschen bei Goethe als Harmonie preisen, ist
ein täglich neugewonnener Sieg über sich selbst; daher wohl
das bemerkenswerte Geständnis aus dem Jahre 1813: „Warum sollte
ich mir nicht sagen, daß ich immer mehr zu den Menschen
gehöre, i n denen man gern leben
mag, m i t denen zu leben es aber
nicht erfreulich ist.“ Nun denke man sich an der Seite dieses Goethe
eine edle Gattin! Schnell wäre sie für ihn ebenso Idee
geworden wie er sich selber; der Widerstreit der Empfindungen zwischen
dem Allgemeinen und dem Zufälligen, zwischen dem Ewigen und dem
Zeitlichen wäre unentwirrbar verwickelt, bald gewiß
unerträglich geworden; es ist gar nicht anders möglich. „Jede
Idee verliert, wenn sie real wird, ihre Würde“, sagt Goethe. Und
mag denn auch bei Goethe die eine zunächst gegebene Wirklichkeit,
wie die brave Fahlmer meinte, „nicht groß genug“ gewesen sein,
war denn die andere, höhere Wirklichkeit nicht eine so vollendete,
daß man sich vergeblich nach Ähnlichem umsieht? War es nicht
gelebte, fast allumfassende Wahrheitsdichtung, Zeitliches und Ewiges,
Leidenschaft und geklärteste Besinnung zu einer Einheit
verknüpfend? Die bedeutendste aller Dichtungen Goethe's ist
fraglos sein eigenes Leben. Und es darf
112
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
wohl ohne Künstlichkeit
vorausgesetzt werden, die Liebe sei in
diesem an ihrem rechten Platze gewesen.
Was am Schlusse des ersten Kapitels über Goethe
und die Liebe
gesagt wurde, will ich nicht wiederholen; ich bitte aber den Leser, es
wieder nachzuschlagen (S. 79 fg.), er
wird es jetzt besser verstehen.
Nur das eine sei ein zweites Mal, und zwar mit größerer
Energie betont: das Wort von dem „ewig Weiblichen“, das wir alle Tage
zu hören verdammt sind, hat Goethe niemals gesprochen, vielmehr
handelt es sich um die unerträgliche Trivialisierung eines
großen Lebensgedankens. * Goethe
hat Ewig mit großem E
geschrieben: dieses Ewig-weibliche soll besagen, daß hier vom
Vergänglich-weiblichen — also von der äußeren
Erscheinung im Weibe — nicht die Rede ist. Sich selbst und die Welt
begreift der Mensch einerseits durch die Bildung von Ideen, andrerseits
durch die Liebe; das sind die beiden Wege, die ihn über ein
stumpfes tierisches Dasein hinausführen. „Idee“ und „Liebe“
bezeichnet Goethe in einem seiner Prosasprüche als das
geheimnisvolle „Etwas, was weit über Zeit und Raum hinausgeht und
ohne welches wir weder tun noch wirken könnten“; und im Divan
heißt es:
Mir bleibt genug! Es bleibt
Idee und Liebe!
In der Tat, was den Menschen zum „Menschen“ erst macht, ist, wie wir
seit Plato wissen, die schöpferische Befähigung seiner
Vernunft, Ideen zu bilden; auch der aller Phantasterei abholde, streng
exakte Mathematiker des heutigen Tages muß bekennen: Les
idées sont le fondement même de la réalité,
Lebensatem jedoch, Seele, pulsierendes Dasein erhält diese
„Realität“ erst, wenn sich zu der auferbauenden Architektonik der
Ideenbildung die zeugende Triebfeder der Liebe gesellt:
die
allmächtige Liebe,
Die alles bildet, alles
hegt.
Während nun die Erschaffung gestaltender Ideen als ein
charakteristisch männliches Prinzip erkannt werden muß,
empfindet Goethe das Begreifen durch die Liebe als ein weibliches.
Wiederum haben wir zwei entgegengesetzte Enden des Menschengemütes
vor
113
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
Augen, und wiederum ist
für Goethe bezeichnend, daß er beide
gleich stark empfindet, erlebt, betätigt. Zu allen Lebenszeiten
und auf allen den vielfachen Gebieten, die ihm Anteil abgewannen,
finden wir bei ihm die starke Betonung der reinen Idee; die Idee, sagt
er an verschiedenen Stellen, sei „das Organ“, mit dem er die
Erscheinungen erfasse; „die Idee muß über dem Ganzen
walten“; zugleich aber betont er stets als das unentbehrliche Element
für sein schöpferisches Ideenbilden den Enthusiasmus, die
Liebe. Auf die Bedeutung der „Idee“ bei Goethe kommen wir noch oft
zurück, denn Schritt für Schritt werden wir ihr begegnen;
doch war, wie man sieht, der Gott der Liebe ihm ebenfalls
allgegenwärtig; noch in herbis
et lapidibus, in den Kräutern
des Waldes und den von ihm so fleißig „geklopften“ Steinen,
glaubt er ihn zu erblicken. Hier ist die Verwandtschaft mit dem Wesen
des Weibes offenbar: durch Liebe (nicht durch Erkenntnis) begreifen,
aus Liebe (nicht aus Überlegung) handeln, ist weiblich; insofern
ist man gewiß berechtigt, in Goethe's Wesen ein weibliches
Element zu betonen. Wir entdecken das auch in seiner Liebe zu Weibern,
die nicht (wie so oft bei bedeutenden Männern) gedankenhaft
überspannt ist, auch nicht gewaltsam und herrisch, vielmehr an
jeder sinnlich wahrgenommenen Einzelheit sinnig haftet und stets das
Geliebtwerdenwollen mehr als die männliche Besitzesbegier betont:
„Ich habe mein ganzes Leben lang einen idealischen Wunsch gehabt, wie
ich geliebt sein möchte.“ Doch folgt bei Goethe auf diese erste
Stufe der unvermittelten Liebesregung eine Zwischenstufe
losgelöster, leidenschaftsbarer Besinnung; und dies dürfen
wir als so durchaus fremd dem weiblichen Gemüte bezeichnen,
daß wir uns zweifelnd fragen müssen, ob selbst vereinzelte
Frauen befähigt sein können, Goethen hier nach seinem Werte
gerecht zu werden. Und erst von dieser zweiten Stufe aus wird die
dritte erreicht, diejenige, wo die Liebe — die zunächst nur der
Zauber eines einzelnen, zu glücklicher Stunde erblickten Wesens
gewesen war — auf der selben Stufe erfaßt wird wie die „Idee“, wo
sie, heißt das, nicht mehr bloß als Triebfeder begeistert,
sondern als erfüllende, allgemeine, überpersönliche
Erkenntnis beglückt, nicht jedoch abstrakt, sondern in der
Verklärung eines aus der zeitlichen Bedingtheit zu ewiger
Bedeutung poetisch geläuterten Weibes. Das ist die letzte und die
höchste
114
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
jener Rückverwandlungen,
die Schiller staunend an Goethe
wahrgenommen hatte: erst das Angeschaute zu einem Gedanken geworden,
dann wieder „rückwärts Begriffe in Intuitionen umgesetzt und
Gedanken in Gefühle verwandelt (S. 95); das
erhabene Weltprinzip
der Liebe, alles Vergänglichen, alles dessen also, woran man im
gewöhnlichen Leben denkt, wenn man „weiblich“ sagt, entkleidet,
und nun — die Krone aller Weisheit — in seinem wahren Urwesen als ein
Ewiges, der Idee Verwandtes erkannt. Mit diesem Worte, das
„Ewig-weibliche“, beschreibt Goethe das Heiligste, was — weltentnommen
— er im eigenen Herzen — weltentronnen — trug und von dort aus
sonnengleich über das Erschaffene zurückstrahlte.
—————
Die Freundschaft
In das innerste Wesen von Goethe's Lieben suchten
wir einzudringen; den
Kern allein wollten wir uns herausholen; wie man gesehen hat, es
führte uns diese Untersuchung bis an den Mittelpunkt der
Persönlichkeit. Nun wollen wir verschiedene andere Wege
einschlagen, geeignet, unsere Kenntnis dieser Persönlichkeit zu
erweitern.
An die Betrachtung der Liebe gliedert sich
ungezwungen die der
Freundschaft, sowie überhaupt des Umgangs mit Menschen; Analogie
und Gegensätzlichkeit dienen zur beiderseitigen Aufhellung.
Goethe's Beziehungen zu Männern, ebenso auch zu befreundeten
Frauen sind so zahlreich, ihre Tragweite für sein Leben ist so
bedeutend, daß sie als Gesamterscheinung die Aufmerksamkeit
fesseln und in einzelnen Fällen eingehendes Betrachten verdienen,
wenn auch hier — ebenso wie bei der Besprechung der Liebe — nicht ein
biographisches Herzählen, sondern einzig die Aufdeckung
eigenartiger Anlagen der Persönlichkeit bezweckt wird.
Von Jugend auf ist das grenzenlose Bedürfnis
Goethe's nach Umgang
mit Menschen auffallend. „Geselligkeit lag in meiner Natur“, gesteht
er. Besondere Bedeutung erhält jedoch dieses Bedürfnis nach
Menschen, welches sonst trivial erscheinen könnte, erst, wenn wir
an die resolute Abkehr von der Welt nach der italieni-
115
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
schen Reise denken, eine
Abkehr, die sich schon zehn Jahre früher
als sehnsüchtiges Streben nachweisen läßt: „Die
eisernen Reifen, mit denen mein Herz eingefaßt wird, treiben sich
täglich fester an, daß endlich gar nichts mehr durchrinnen
wird.“ Ja, wie wir entdecken werden, gab sich Goethe um so
ungezwungener dem Verkehr mit Menschen hin, je sicherer er dem eigenen,
scheidenden Herzenspanzer trauen konnte:
Bedenkt! es
lebt kein Mensch
Für sich allein; er
muß viel
andere sehn,
Und unter diesen sind der
Toren viel:
Die lernt man dulden,
wenn sie brauchbar sind.
Den ganzen Tag über ist er kaum je allein. Während er noch zu
Bette liegt, tritt der Sekretär zu ihm ein; er diktiert beim
Anziehen, er diktiert im Bade; er empfängt Fremde vormittags,
Freunde zum Mittagstisch, lädt sich Diesen oder Jenen zur
Nachmittagsfahrt ein. Ehe er ein Amt erhält, sehen wir ihn von
klein auf stets in einem vielfachen Strudel der Geselligkeit; in den
Weimarer Amtsjahren nimmt er fast jede Mahlzeit außer dem Hause
ein und ist abends selten daheim; in Rom teilt er die Wohnung —
manchmal sogar das Schlafzimmer — mit seinen lieben Künstlern;
später wächst mit den Geschäften, den Studien, den
Liebhabereien die Zahl der Beziehungen. Muß er zufällig
einmal außerhalb der Arbeitsstunden allein bleiben, so stellt
sich sofort unerträgliche Langeweile ein; „die sechzehn Stunden
des Tages“, sagt er, „haben eine furchtbare Länge“; zieht er sich
unter dem erschütternden Eindruck des jähen Todes Carl
August's (1828) wirklich mit nur einem Sekretär nach Dornburg
zurück, so versteht er es, fast täglich zahlreichen Besuch
herbeizulocken.... In seinen letzten Jahren hat er außer der
vollen Familientafel den täglichen Besuch durchreisender Fremden,
weswegen August Goethe 1829 seufzt, seines Vaters Haus „gleiche
wirklich einem Gasthofe“; dazu kommt noch ein kleiner Hofstaat
näherer Freunde, die ohne Weiteres Zutritt haben und von denen
sich alltäglich mehrere — früh, mittags und abends —
einfinden. Goethe selbst bezeichnet einmal sein Leben in diesen letzten
Jahren als „einen wahren Hexentumultkreis“. Erwägt man nun,
daß diesem Manne schon in der Jugend „die Kluft zwischen sich und
denen
116
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
Menschen so graß in die
Augen fiel“ und er sich von Gott „Ruhe
vor den Menschen, mit denen er doch nichts zu teilen habe“, erbat, so
reizt dieser unleugbare Widerspruch zu nachdrücklichem Aufmerken
an.
Als die eine Wurzel des auffallenden Verlangens nach
Menschennähe
nenne ich zuerst ein Bedürfnis, seine Kraft zu üben und sich
im Anprall gegen Andere Anregung zu holen; im Gegensatz zu Sinnen und
Brüten mutet es wie ein freudiges Funkenschlagen an. Dahinter
verbirgt sich aber eine weit tiefer liegende Bedeutung: früh ein
Instinkt und später eine Überzeugung, daß der einzelne
Mensch nur ein Bruchstück ist und, wenn einsam, ein Wrack, wogegen
der Mensch als Gesamterscheinung kosmische Bedeutung besitzt. „Die
Menschheit zusammen ist erst der wahre Mensch, und der Einzelne kann
nur froh und glücklich sein, wenn er den Mut hat, sich im Ganzen
zu fühlen.“ „Nur sämtliche Menschen leben das Menschliche.“
„Die ganze Menschheit ist kaum hinreichend, sich aus sich selbst
aufzuerbauen.“ Goethe, der Mann, der sich von der italienischen Reise
an hinter einen hohen Schutzwall zurückzieht (S. 61), um sich
einzig der Ausbildung seiner eigenen Persönlichkeit zu widmen,
empfindet nichtsdestoweniger die unabweisbare Nötigung, in die
ganze Menschheit aufzugehen, mit ihr zu verschmelzen. Hier
berühren wir einen Punkt, der erst im 6.
Kapitel eingehendere
Erörterung finden kann, der aber bei dem subjektiven
Bedürfnis nach regem Menschenverkehr zu bedeutungsvoll ist, um an
dieser Stelle unerwähnt bleiben zu dürfen.
Eine zweite Wurzel dieses Bedürfnisses bildet
(wie schon
angedeutet) ein eigentümlich weiblicher Zug im Wesen Goethe's: das
Verlangen, sich an Andere anzulehnen, eine Verzagtheit, wenn er dies
nicht kann. Sich selbst gegenüber besitzt Goethe immer das
Gefühl eines schutzbedürftigen Embryos. „Ich bin immer das
neugeborene Kind“, gesteht er noch im späten Alter; wozu der
Wahlspruch aus früher Jugend stimmt: „Wir müssen
nichts s
e i n, sondern alles w e r d e n wollen“; er
selber ist immer ein
Werdender und bedarf daher mütterlicher Fürsorge. Selbst
seinen aus Frankfurt mitgebrachten Amanuensis und Diener Seidel
bezeichnet er als „Schutzgeist“; an Charlotte von Stein schreibt er,
als er sich (1784) auf einer seiner diplomatischen Reisen befindet:
„Ohne dich
117
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
kann ich nicht bestehen....
Ich bin kein einzelnes, kein
selbständiges Wesen. Alle meine Schwächen habe ich an Dich
angelehnt, meine weichen Seiten durch Dich beschützt, meine
Lücken durch Dich ausgefüllt“; wie Christiane ihn 1806 gegen
die französischen Soldaten beschirmen mußte, ist allbekannt
— er selber war fassungslos. * Dem
großen Manne bleibt eine
eigenartige Unbeholfenheit zeitlebens eigen. Noch im kräftigen
Alter, wagt er es nicht, die Reise nach Berlin zu unternehmen: „Schon
seit mehreren Jahren habe ich ein ,gewisses Kleben am Wohnort, das
vorzüglich daraus entspringt, weil in mir noch so viel Aufgeregtes
und doch Unausgebildetes liegt ¹). Da habe ich das ganze Jahr zu
tun, um
nur hie und da ins Klare zu kommen, meine Gesundheits- und die
Zeitumstände nicht mitgerechnet.“ Und doch war seine Sehnsucht,
die Gesangsaufführungen unter Zelter zu erleben, so groß,
daß er meinte, erst dadurch würde er „zum wahren
Lebensgenuß gelangen“. Wäre der richtige Mensch zur Hand
gewesen, an den sich Goethe zur Ausführung dieses Lebenswunsches
hätte „anlehnen“ können, er wäre ohne Zweifel des
Genusses teilhaftig geworden, und wer will die Bedeutung für sein
Innenleben ermessen? Wer durch einige Beispiele aufmerksam gemacht
worden ist, wird auf Schritt und Tritt diesem Anlehnungsbedürfnis
bei Goethe begegnen.
Das unersättliche Verlangen nach Menschenumgang
weist aber noch
eine dritte Wurzel auf, und vielleicht ist diese von allen die
stärkste: nicht bloß seine Schwäche lehnt Goethe an
andere an, auch seine Kraft; er versteht es meisterlich, Andere
für
sich arbeiten zu lassen. Es ist dies eines der Geheimnisse seiner
unerhörten Leistungen. Wie ein genialer König bis weit
hinunter in der Hierarchie seine Leute selbst wählt, hinstellt, wo
sie hingehören, im Auge hält, durch Drohungen antreibt, durch
Ehrungen belohnt: ebenso Goethe. Über seinen Aufenthalt in Rom
schreibt er: „Dadurch, daß ich einige Künstler immer mit mir
leben ließ, habe ich zugleich Lehrer, Freunde und Diener
erworben.“ Dieses Wort können wir auf sein ganzes Leben ausdehnen:
Lehrer, die zugleich seine Diener waren, und die er — wo sie
widerspenstig wurden — durch hundert Mittel an sich zu ketten
wußte, hat Goethe immer um sich gehabt; einige wurden auch
Freunde. Als Student schon verschafften ihm
—————
¹) „Aufgeregt“ hier im Sinne
von a n g e r e g t (vergl. Sanders).
118
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
reichere Mittel sowie der
Zauber seines Umgangs vielseitige Hilfe
Anderer; später, als Minister und als Oberleiter umfangreicher
wissenschaftlicher Sammlungen, verfügte er nah und fern über
nicht unbedeutenden Einfluß; zuletzt kam das Gewicht seines
bloßen Namens hinzu. Einige Beispiele. Als Goethe sich für
Geologie zu interessieren beginnt, läßt er sich alles
vorarbeiten: ein gehörig ausgebildeter jüngerer Fachmann wird
auf Landeskosten verschrieben, bereist Thüringen die Kreuz und
Quer, legt für das herzogliche Kabinett und zugleich für
Goethe's Privatsammlung die vollständige Gesteinsfolge an,
ergründet genau die Hauptlinien des geologischen Aufbaues sowie
die mineralogischen Vorkommnisse, und als dies geschehen, führt er
seinen Vorgesetzten an die lehrreichsten Orte, wo in die stets
verwickelten Verhältnisse des Erdrindenbaues am schnellsten
Einblick gewonnen wird. Auf diese Weise erhält der von Natur
genial zusammenfassende Geist in kürzester Zeit und trotz der
übrigen Arbeitslast nicht eine dilettantenhaft verallgemeinernde,
sondern eine an tatsächlichen Anschauungen reiche,
wohlbegründete Kenntnis der Geologie seines Wahlvaterlandes und
damit zugleich eine feste Grundlage für alle spätere
Betätigung auf diesem Gebiete. Ohne die dienende Beihülfe
eines Fachmannes wäre er dazu unfähig gewesen; in einem Brief
sagt er ausdrücklich, es sei ihm, ehe er die Hülfe dieses
Lehrer-Dieners gewonnen habe, nicht gelungen, die Namen der Körper
zu bestimmen „noch auch gewisse andere bestimmte Begriffe
zusammenzubringen“. Bei allen seinen naturwissenschaftlichen Studien
ist er ähnlich verfahren. Für die spezielle Geognosie des
Bergbaues war es ein anderer, Voigt (Bruder des im ersten Kapitel
genannten), der die Lehrerdienste sowohl an Ort und Stelle wie bei der
Ordnung der „Stufen“ im sorglich bereiteten Schranke übernahm; bei
der Botanik hatte er Hofgärtner, Hofapotheker und
Universitätsprofessoren zur Verfügung und
nahm sogar auf Reisen einen jungen Kräutersammler mit, da er
selber im „Analysieren“ der Pflanzen — nämlich im Bestimmen von
Gattung und Art — es nie zu einiger Fertigkeit hat bringen können.
Zu seiner eingehenden Kenntnis der Anatomie des menschlichen
Körpers legte Goethe den Grund, indem er — mit einem von ihm
erbetenen herzoglichen Auftrag ausgestattet — nach Jena reiste und sich
dort acht Tage lang von früh bis Abend mit Professor
119
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
Loder in den Seziersaal
einschloß und an Leichen vordemonstrieren
ließ. Einzig in der Farbenlehre hat er alles ab ovo selber
erfunden — auch die Methode des Beobachtens und Experimentierens. Und
wie in den Naturwissenschaften, so verfuhr er überall. So z. B.
verstand er es, für die tagtäglich auftauchenden
philologischen Fragen — grammatikalische, metrische, etymologische,
literarische, mythologische — Riemer, einen Lieblingsschüler
Friedrich August Wolf's, so an sich zu fesseln, erst als Hauslehrer
seines Sohnes, dann als Sekretär, schließlich als Freund und
Mitarbeiter, daß dieser nie mehr zur Fortsetzung der schon
angetretenen Hochschullaufbahn kam! Riemer — dessen „tiefeindringende
Sprachkenntnisse“ Goethe häufig bewundernd rühmt — ist an
allen Hauptschriften der zweiten Lebenshälfte — namentlich an
Dichtung und Wahrheit, an den Wanderjahren, am Faust II — hervorragend
beteiligt, so daß Goethe von seiner Beihülfe aussagt, sie
„sichere Klarheit und Übereinstimmung des Ausdrucks“; auch
für jeden Brief, auf dessen Wortlaut Goethe besonderen Wert legt,
wird Riemer's „grammatisch rhetorischer Beistand erbeten“. Mit der
Sicherheit des praktischen Genies wußte Goethe sich seine Leute
auszusuchen: seine Theaterleitung ruht auf den Schultern des
unverdrießbaren Kirms, seine Jenaische Zeitschriftengründung
auf denen Eichstädt's; die Sorge für die mineralogischen und
geologischen Sammlungen übernahm der bis ins hohe Alter
rührige Lenz. Christian Gottlob Voigt wurde schon im ersten
Kapitel kurz erwähnt (S. 55); seine
Verdienste erheischen jedoch
stärkere Betonung. Bis an Voigt's 1819 erfolgten Tod hat Goethe in
öffentlichen und auch in privaten Geschäften fast nichts
beschlossen und durchgeführt ohne den Rat und die unausgesetzte
Mitwirkung dieses verehrungswürdigen Mannes. „Durch Voigt's
Freundschaft“, schreibt er, „ward es mir allein möglich, ein
höchstbewegtes Leben ohne Anstoß fortzuführen, indem
eine jede Stockung durch weise Leitung und Mitwirkung des erfahrensten
und bestgesinnten Mannes sogleich beseitigt werden konnte“.
Rückblickend auf seine Beamtenjahre in Weimar sagt Goethe von
sich, er sei „eigentlich konstruktiv, nicht empirisch tätig
gewesen“, denn er habe sich als „zum technischen G e s c h
ä f t
gleichsam untauglich“ erkennen müssen. In der Tat, das rein
Amtliche in Goethe's Verpflichtungen blieb meistens Voigt zur
Durchführung überlassen:
120
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
er, nicht Goethe, führt
den Vortrag in allen jenen akademischen
Geschäften, deren Organisationsideen aus Goethe's Geiste
hervorgingen; ihm, nicht Goethe, liegt die unendlich verwickelte
Mühewaltung bei der Aktivierung des Bergbaues in Ilmenau ob, und
als nach Jahren vergeblicher Arbeit der Betrieb aufgegeben werden
muß, nimmt Goethe Voigt's Vorschlag dankbar an, zieht sich ganz
zurück und überläßt dem Freund und Diener „alle
das Unangenehme, was die Beendigung des Geschäfts mit sich
führt“. Schon vor der italienischen Reise trug Voigt „den
größten Teil der Geschäfte“; im Verlauf der Jahre wurde
er für Goethe immer mehr „eine notwendige Bedingung seines eigenen
Daseins“. Wie sich Goethe zu der umfangreichen Arbeit des Sammelns und
Bearbeitens einer letzten Gesamtausgabe seiner Schriften die Dienste
Eckermann's zu sichern wußte, ist allbekannt; er hätte nicht
besser wählen können: nicht so gelehrt wie Riemer, nicht
entfernt so bedeutend wie Schubarth, den zu gewinnen trotz aller
Mühe nicht gelang, nicht so zart und klar wie Zauper, für den
Goethe eine besondere Vorliebe zeigt, besaß Eckermann gerade das
richtige Verhältnis von Selbständigkeit und
Unselbständigkeit, von Unoriginalität und Anempfindungsgabe
und war Goethen als „ein gar feiner und stiller Jüngling“
persönlich angenehm. Unter allen diesen Verhältnissen ragt
jedoch das zu dem Schweizer Maler und Kunsthistoriker Johann Heinrich
Meyer hervor; in ihm hat die Beziehung zu den „Lehrern, Dienern,
Freunden“ den vollendeten Ausdruck gefunden. Verweilen wir darum hier
einen Augenblick. Indem wir den Mann kennen lernen, der mit Goethe's
Leben länger als irgend ein Anderer eng verknüpft blieb,
gewinnen wir einen tiefen Einblick in Goethe's innerstes Wesen. Und
zwar finden wir uns um so mehr dazu veranlaßt, als uns die
Biographen im Stiche lassen; einigen gelingt das Kunststück, den
Namen überhaupt nicht zu nennen, die anderen bringen so karg
Unzulängliches, daß die Art und namentlich der Grad der
Beziehungen unbegreiflich erscheint. Steigen wir also zu den Quellen.
Goethe — der rhetorische Übertreibung stets
Meidende — sagt selber
von Meyer, als er erst seit kurzem mit ihm in Rom verkehrt: „Er hat
eine himmlische Klarheit der Begriffe und eine englische Güte des
Herzens. Er spricht niemals mit mir, ohne daß ich alles
121
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
aufschreiben möchte, was
er sagt; so bestimmt, richtig, die
einzige wahre Linie beschreibend sind seine Worte.“ Später, als
Goethe ihn zum Lebensgenossen gewonnen hatte, heißt es: „Ich habe
das Glück, einen Freund in der Nähe zu besitzen, dessen
reiche Erfindungskraft und geläuterter Geschmack gleichsam
täglich eine neue Welt an meiner Seite erschafft, die mir den
schönsten Stoff zum Nachdenken giebt.“ Gegen Schiller
äußert er sich über ihn: „Es ist eine reine und
treufortschreitende Natur, unschätzbar in jedem Sinne.“ Ein
anderes Mal nennt er Meyer „eine schöne Zierde des Lebens für
mich“ und schreibt an den Herzog, als einmal der Freund erkrankte:
„Wenn er stirbt, so verliere ich einen Schatz, den wiederzufinden ich
fürs ganze Leben verzweifle.“ Mehr vielleicht als alles andere
besagen folgende zwei Stellen. In einem Brief an Jacobi redet Goethe
von Schiller und Meyer als von „zwei Freunden, mit denen mich ein
ähnliches, ja ich kann wohl sagen ein gleiches Interesse
verbindet“; und gegen Wilhelm von Humboldt äußert er sich:
„Wir drei (nämlich er selbst, Schiller und Meyer) haben uns nun so
zusammen und ineinander gesprochen, daß bei den verschiedensten
Richtungen unserer Naturen keine Diskrepanz mehr möglich ist,
sondern eine gemeinschaftliche Arbeit nur um desto mannigfaltiger
werden kann.“ Welcher Mann von Urteil wird bezweifeln, daß solche
Ausdrücke auf mehr deuten als auf die Biederkeit, Treuherzigkeit,
Bescheidenheit, von denen unsere Herren Literarhistoriker — im besten
Falle — flüchtig und herablassend erzählen.
* Auch Schiller —
der so leicht schroff Urteilende — denkt anders über Meyer als die
fachmännischen Schöngeister. Als er sich entschließt,
sein Heim von Jena nach Weimar zu verlegen, nennt er nebst Goethe und
dem Theater einzig „die Berührungen mit Meiern“ als
entscheidenden Beweggrund; mehr als einmal sehen wir ihn im
ästhetischen Meinungsaustausch Meyern seinem großen Freunde
gegenüber Recht geben; und als Herder seine Briefe über die
ästhetische Erziehung des Menschen ungünstig
beurteilt,
schöpft er „Trost“ aus Meyer's „bedeutender Stimme“; an Meyer
richtet Schiller den schönsten Brief, den er jemals über
Goethe geschrieben hat!
Die Fähigkeit, in schöpferischem Schaffen
jene „reiche
Erfindungskraft“, die Goethe an ihm preist, zu betätigen, ging ihm
122
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
allerdings ab; in weiser
Selbsterkenntnis hat er dies bald eingesehen;
dagegen erwarb er sich in nie erlahmendem Fleiße
ungewöhnlich ausgedehnte historische Kenntnisse in bezug auf
bildende Kunst, die nicht allein der Breite nach das Wissen seiner Zeit
umfaßten, sondern namentlich reich an technischer Einsicht waren.
Dank seinem Lehrer Füeßli, einem persönlichen Freunde
Winckelmann's, knüpften Meyer's historische Studien unmittelbar an
die echtesten Taten der damals erst zum Leben erwachenden
Kunstgeschichte an. Somit besaß er ein gutes Urteil über das
Was und Wie in all den tausend künstlerischen Fragen, die Goethe
sein Lebenlang beschäftigten. In seiner Geschichte der bildenden
Künste bei den Griechen und Römern und den später
gesammelten Kleineren Schriften zur
Kunstgeschichte hat er uns dauernde
Zeugnisse seiner Kompetenz hinterlassen. So viel nur flüchtigst
über den außerordentlichen Kunstkenner; der Wert des
Freundes ist tiefer begründet.
Den Kernpunkt dieser von Goethe und Schiller so
hochgeschätzten
Persönlichkeit hat Ersterer in der ihm eigenen Weise mit wenigen
Worten aufgedeckt: Meyer, meint er, sei „in dem immerfort dauernden
Streben begriffen, die Sachen i n s i c h,
und nicht, wie unsere lieben
Landsleute, s i c h nur in den Sachen zu sehen“.
Reine
Objektivität — das Seltenste von der Welt — ist das
unterscheidende Kennzeichen dieses Mannes, Goethe schreibt:
„G e w
ö h n l i c h e s Anschauen, richtige Ansicht der irdischen
Dinge
ist ein Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes; r e i n
e s
Anschauen des Äußern und Innern ist sehr selten.“ Nicht
leidenschaftslos ist eine solche Natur — sonst erteilte ihr Schiller
sicherlich nicht das Prädikat „bedeutend“, doch die Leidenschaft
zehrt sich bei ihr in jenem „immerfort dauernden Streben“ auf, wogegen
sie das Urteil unbeirrt sachlich und darum, wie Goethe einmal sagt,
„vollkommen“ fällt. Ist es für Goethe bezeichnend, daß
er bei jedem Menschen vor allem nach der Reinheit des Charakters
forschte, so fand er hier dieses Erforderte in untadeliger Gestalt,
daneben aber, wie man sieht, ein noch Selteneres: einen spiegelreinen
Intellekt, der in unnachlässiger Selbstzucht sowohl dem Haß
wie der Liebe allen Einfluß auf das Urteil verwehrt und der weder
Eigensucht noch Eigenwillen noch Eigensinn kennt. Schon in sehr jungen
Jahren hatte Goethe erkannt: „Liebe und Haß sind gar
123
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
nahe verwandt und beide machen
uns trüb sehen.“ Das schönste
Zeugnis erhielt Meyer in dem Distichon „Der treue Spiegel“, das
Schiller und Goethe mitten unter den sengenden Pfeilen ihrer Xenien
diesem seltenen Freunde widmeten:
Reiner Bach, du entstellst
nich