Hereunder follows the transcription of chapter 2 of Houston Stewart Chamberlain's book Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1921. The 1st edition appeared in 1912.

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 2 van Houston Stewart Chamberlain's boek Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.

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Vorworte & Einleitung
Erstes Kapitel. DAS LEBEN
Zweites Kapitel. DIE PERSÖNLICHKEIT
Drittes Kapitel. DER PRAKTISCH TÄTIGE
Viertes Kapitel. DER NATURERFORSCHER
Fünftes Kapitel DER DICHTER
Sechstes Kapitel. DER WEISE
Anhang & Register




 
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ZWEITES KAPITEL

DIE PERSÖNLICHKEIT

Mein eigentliches Ich bleibt wie ein
ruhiger Kern in einer stachlichen
Schale für sich lebendig wirksam.
Goethe
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(Leere Seite)

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Der Mittelpunkt


Wollen wir die fast unlösbare Aufgabe, an die wir hier herantreten, mit einiger Hoffnung auf Erfolg in Angriff nehmen, so müssen wir sofort beherzt ins Innerste greifen. Wohl vermag es ein bildender Künstler von bedeutendem Genie, wenn ihn der Augenblick begünstigt, das Menschenantlitz so zu erfassen, daß es individuell bestimmt und zugleich unauskennbar inhaltreich vor uns erscheint; der Photograph hingegen versagt. Wollten wir nun etwa die Betrachtung der physischen Erscheinung voranstellen, um von dort schildernd ins Innere vorzudringen, es erginge uns wie dem Photographen: das Äußere stünde als Wall vor dem inneren Wesen. Denn in Wirklichkeit strahlt alles Leben von innen nach außen; das ist materiell der Fall beim Entstehen und Bestehen jedes Lebewesens und trifft nicht weniger bei geistiger Betrachtungsweise zu. Die unerforschliche künstlerische Gewalt einer Monna Lisa, eines Christus mit dem Zinsgroschen, eines Selbstbildnisses Rembrandt's oder Albrecht Dürer's wurzelt in der Tatsache, daß hier der Geist es ist, was den Leib gestaltet, daß wir nicht bloß eine virtuos gemalte Oberfläche erblicken, sondern diese Oberfläche als das Organ eines unsichtbaren Innern erkennen, geformt von ihm und bis in jede letzte Faser von ihm durchströmt. Ja, diese von innen ausstrahlende Gewalt reicht noch weiter. Wie Goethe bemerkt: „Alles Lebendige bildet eine Atmosphäre um sich her.“ Jeder weiß aus Erfahrung, wie subtil und zugleich zähanhaftend oft eine solche Atmosphäre ist, die ein Mensch von ausgesprochenem Charakter mit sich trägt; mag er auch schweigend zu uns getreten sein, sein Mikrokosmos hat auf den unseren anziehend oder abstoßend, einengend oder ausweitend, aufheiternd oder verdüsternd gewirkt. Beschreiben läßt sich dieser Eindruck der Persönlichkeit nicht, nur erleben. Schlagen wir aber die falsche Richtung ein, so bleibt ihre Atmosphäre — die einerseits als Abwehr, andrerseits als überleitende Vermittelung zwischen Individuum und Umgebung dient — unbeachtet, und unser Blick prallt, roh wie ein geschleuderter Stein, gegen die fremde Gestalt an, sie allenfalls analytisch zerschellend, nicht aber sie durchdringend. Selbst in der Welt der blindstürmenden Naturkräfte hat die Forschung des letzten Jahrhunderts gezeigt, daß es bestimmte

86 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Mittelpunkt

R i c h t u n g e n   des Geschehens gibt, Richtungen, die sich nicht umkehren lassen; wie viel mehr muß es bei einem lebendigen Wesen darauf ankommen, die Richtung zu kennen, in der sein Dasein sich entfaltet! Man kann — wenn's glückt — bei einer Persönlichkeit von innen nach außen durchdringen; von außen nach innen zu ist es unmöglich.
    Im entschiedensten Gegensatz zu den Göttern des hellenischen Olymps, wo jede einzelne Gestalt einen einzigen Zug des menschlichen Wesens verkörpert und dadurch jene große innere Ruhe eines, wenn auch bewegten, so doch eindeutigen Daseins gewinnt, bildet den Mittelpunkt der intellektuellen und moralischen Persönlichkeit Goethe's eine zwiespältige Anlage, eine Anlage, aus welcher mit Notwendigkeit, wenn nicht gerade logische Widersprüche, so doch einander widerstreitende Gegensätze überall hervorgehen — im Fühlen, im Denken, im Handeln, im künstlerischen Erschaffen. Goethe kann nicht anders; auf Schritt und Tritt muß er mit sich selbst in Widerstreit geraten, das heißt, er muß die überzeugende Kraft entgegengesetzter Meinungen, Wünsche, Ideale in sich und an sich erleben. In einem gewissen Grade mag dies allgemein menschlich sein; das bleibe dahingestellt; jedenfalls ist selten einem Manne das Gesetz der inneren Gegensätzlichkeit von Geburt an so tief eingeprägt gewesen und hat selten einer in so redlicher Objektivität überall den beiden Erscheinungsformen seines Wesens Pflege, Entfaltung, Ausdruck gegönnt.
    „Der böse Mensch mit dem guten Herzen“, sagt von ihm im halben Scherz eine Jugendfreundin; und er selbst berichtet mit 30 Jahren über sich: „Ich bin wie immer der nachdenkliche Leichtsinn und die warme Kälte.“ Wollte man die Leidenschaftlichkeit und die Gelassenheit als entgegengesetzte Temperamente verschieden gearteter Menschen bezeichnen, bei Goethe käme man damit nicht weit. Denn einerseits besitzt er eine verzehrende Leidenschaftlichkeit, eine „unbezwinglich-haftende“, wie es in Werther heißt, dazu auch alle Nebenerscheinungen des ausgesprochen leidenschaftlichen Temperamentes — das Verworrene, Zielunbewußte, in falschen Richtungen eigensinnig Beharrende, und dann wiederum als Reaktion das Dumpfe, Resignierte derjenigen Menschen, bei denen das Herz über die Erkenntnis vorherrscht; noch im hohen Alter, als er schon seit

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50 Jahren bestrebt gewesen ist, Allen, die an ihn herantreten, diese Tatsache zu verbergen, gesteht er einem nahen Freunde: „Die große Erregbarkeit ist's, die mir Gefahr bringt.“ Nichtsdestoweniger ist nicht bloß äußere Selbstbeherrschung und unerschöpfliche Geduld, sondern tiefinnerer Frieden, bedingungslose Ergebenheit in „das liebe unsichtbare Ding, das ihn leitet und schult“, ein weit bemerkenswerterer Zug in Goethe's Charakter als der angebliche Sturm und Drang, von dem man so viel Wesens macht und der doch aller Jugend gemeinsam ist. Das ist es, was Goethe die   D e m u t   nennt. Schon mit 19 Jahren hören wir es, „demütig ohne Niedergeschlagenheit“; und häufig kehrt der Ausdruck wieder, so z. B. aus Rom: „Alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demut wandle“. Bis in die letzten Tiefen blickt Derjenige, der zu sehen gelernt hat, wenn er im Tagebuch dem Bekenntnis einer „demütigen Selbstgefälligkeit“ begegnet. Nie vielleicht findet diese Antithese des Gemüts einen ergreifenderen Ausdruck als in der ersten Weimarer Zeit, um das 30. Lebensjahr herum; aus dieser Periode heraufdunkelnder höchster Gefahr liegen Geständnisse vor: „Ich bin unbekannt mit dem Augenblick, dunkel über mich selbst“, und: „Ich begreife immer weniger, was ich bin und was ich soll“; fast im selben Atemzuge aber heißt es: „Ich komme diesmal gesund, ohne Leidenschaft, ohne Verworrenheit, ohne dumpfes Treiben, sondern wie ein von Gott geliebter...“ Also im selben Augenblick verworren und klar, verzagt und zuversichtlich.
    Hiermit will ich nichts weiter als einen einleitenden Akkord angeschlagen haben. Ehe wir nun diese Gegensätzlichkeit weiter ins Einzelne verfolgen, wird es ratsam sein, uns nach einem begrifflich genau bestimmbaren Punkt umzusehen, wo unsere Gedanken Fuß fassen können.
    Wir pflegen zwischen Menschen zu unterscheiden, deren Lebensbetätigung vorzüglich im Anschauen wurzelt, und solchen, bei denen das Denken vorherrscht; in der Tat betrifft diese Unterscheidung den Mittelpunkt der Persönlichkeit, wie wir sie in ihrem physischen, moralischen und intellektuellen Wesen gewahr werden. Die eine Anlage führt zu unmittelbarer Wechselwirkung zwischen der äußeren und der inneren Welt, zu Unbefangenheit, Spontaneität, zur lebhaft richtigen Schätzung und Einschätzung des Einzelnen,

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Gegebenen, zu leichter Wirksamkeit im Bunde mit Anderen, zu einer gegenständlichen Wissenschaft und farbenfrohen Kunst, zu naivem Glauben oder heiterer Skepsis; die andere wendet mehr Bewußtsein auf die Ausbildung des Innern, mit Pascal meint sie: Toute la dignité de l'homme est en la pensée, sie macht befangener, aber auch besonnener, Melancholie liegt ihr näher als sanguinische Hoffnung, sie leitet über auf das Allgemeine, lehrt im Einzelnen das Symbol großer Zusammenhänge erkennen, will für alles Handeln, Schaffen, Glauben das Gesetz des Warum, Woher, Wohin ausforschen; sie schenkt Geduld und entscheidet gern im bejahenden oder verneinenden Sinne die letzten Fragen; in der Wissenschaft scheut sie sich nicht vor Hypothesen und in der Religion nicht vor Dogmen; in der Poesie vermag sie es, einen Milton und einen Schiller zu zeitigen. Einseitig wie alle Verallgemeinerungen, aber immerhin richtunggebend und insofern zu guten Gedanken anregend, wäre es, wenn wir die erste Richtung die eigentlich künstlerische, die zweite die eigentlich philosophische nennen wollten. Daß ungezählte Menschen zu keiner der beiden Richtungen gerechnet werden können, tut nichts zur Sache; daß andere sich mehr oder weniger nahe der Trennungslinie bewegen, so daß sie von beiden Seiten etwas abbekommen und keiner in charakteristischer Weise angehören, ficht uns hier ebenso wenig an; keine derartige Scheidung besitzt absoluten Wert. Von Belang ist für uns im Augenblick einzig die Tatsache, daß es außer der Masse der nicht näher bestimmbaren Menschen viele gibt, die ihrem ganzen Wesen nach scharf ausgesprochene Anlagen besitzen, nach denen sie vorzugsweise zum Anschauen oder aber vorzugsweise zum Denken organisiert erscheinen. Denn was Goethe's Persönlichkeit zu einer seltenen stempelt, ist der Umstand, daß sie die beiden äußersten und insofern sich widersprechenden Anlagen zu einer gelebten Einheit verknüpft. Nicht in dem Sinne, als ob dieser gewaltige Intellekt genau in der Mitte stünde und sich nach beiden Seiten hin erstreckte, gleichsam alles Menschliche zu einem Einklang zusammenfassend; im Gegenteil, gerade das Mittelgebiet fehlt bei ihm. „Unseliges Schicksal, das mir keinen Mittelzustand erlauben will!“ ruft er selbst einmal aus. Könnten wir einer vergleichenden Aburteilung Bedeutung zusprechen, wir müßten sagen: dies ist die Lücke,

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die nicht wegzuleugnende Lücke in Goethe's Wesen. Was wir bei ihm finden, ist eine verzehrend-leidenschaftliche, spontan-schöpferische Kraft der unmittelbaren Anschauung und zugleich eine ununterbrochen wirkende, vollendet besonnene Denkgewalt, welche die Geschichte nötigen wird, Goethe zu den größten Denkern der Menschheit zu rechnen. Zwischen diesen beiden Anlagen vermittelt bei ihm nichts, nichts als ein Wille, der die Kraft besitzt, aus beiden Enden einen Knoten zu schlagen und über das, was er die „Reinheit“ nennt — nämlich die unumwundene, unbeeinflußte, durch keinen Kompromiß entwertete Selbstbehauptung jeder der zwei Seelen — sorgsam zu wachen. Ich weiß, diese Einsicht zerstört die Legende von dem „harmonischen“ Goethe. Ach, könnten wir doch ein Massengrab graben, um alle diese hohlen, heuchlerischen, erlogenen — kurz, dummen Phrasen hineinzuscharren! „Ich wünschte, ich käme mir selbst so harmonisch vor!“ seufzt der arme große Mann, als diese billigste aller abgedroschenen Redensarten auch sein Ohr verletzend berührt. Die moralische Größe Goethe's besteht darin, daß er die wild auseinanderstrebenden „Seelenrosse“ (wie er sie einmal in Anlehnung an Plato nennt) zu bändigen und einen bestimmten Weg zu lenken weiß, daß er die verschiedenen Elemente seiner Natur fest und zugleich freundlich zu beherrschen, gerecht gegeneinander auszuspielen vermag; hierdurch gelingt es ihm, die Zertrümmerung der Persönlichkeit — die vor und in Italien drohte — abzuwehren und eine Eurhythmie der Kräfte auszubilden, die sie höher und immer höher hinanträgt. Will man dies Harmonie nennen, so übersehe man nicht, daß Goethe selber das, was man uns bequemen Zuschauern so oratorisch wohltuend als „Harmonie“ anzupreisen beliebt, bis zuletzt mit Herzblut bezahlen mußte. Mit 66 Jahren — rückblickend auf sein Seelenleben — nennt er sich „eine seltsame Persönlichkeit, die mit sich selbst nicht einig werden konnte“. Hier will ich nur an die Rückkehr aus Italien und an den Verzicht auf Ulrike von Levetzow erinnern, könnte aber zahlreiche Belege aus verschiedenen Lebenszeiten bringen, wenn ich schon jetzt Verständnis für das innere Leben Goethe's voraussetzen dürfte — für jenes Leben, von dem er selber bezeugt, es „schwebe zwischen Behagen und Mißbehagen in ewig klingender Existenz“.

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    Versuchen wir nun, diese aus dem Innersten hervorbrechende, schmerzhaften Widerstreit bedingende Gegensätzlichkeit genau zu bestimmen.
    Goethe, der Mann, bei dem „alles Blick ist“, dürfte jedem mehr oder weniger vertraut sein. Er redet in Bildern und dichtet Bilder. Immer handelt es sich Schritt für Schritt um ein Gesehenes, und zwar um ein so deutlich genau und so wohl abgewogen Gesehenes, daß es nicht bloß ein Bild, sondern ein Gemälde ergibt — es ist also (in Goethe's Sprache ausgedrückt) nicht bloß gesehen, sondern geschaut. Niemand kann Goethe gelesen haben, ohne das zu bemerken; er macht selbst die Blinden sehend. Auch wissen alle um seine Entdeckungen in der Knochenkunde, um seine Beschäftigung mit Pflanzen und Steinen, um seine vierzig Jahre lang betriebenen Versuche über die Farben: alles in erster Reihe Betätigungen des anschauenden Menschen. Außerdem haben manche hierhergehörige Aussprüche eine solche Verbreitung gefunden, daß sie gewiß Jedem zu Gehör gekommen sind, z. B. das Wort aus Dichtung und Wahrheit: „Das Auge war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt faßte“, und die herrliche Briefstelle: „Ich bin nun einmal einer der Ephesischen Goldschmiede, der sein ganzes Leben im Anschauen und Anstaunen und Verehrung des wunderwürdigen Tempels der Göttin und in Nachbildung ihrer geheimnisvollen Gestalten zugebracht hat.“ Es ließen sich leicht hundert Äußerungen zur Bekräftigung nachtragen; eine durchdringende Sehnsucht spricht sich in folgender aus: „Ich glaube, der Mensch träumt nur, damit er nicht aufhöre zu sehen.“ Man denkt an Giordano Bruno's Schilderung seines heroisch Weisen: non piu vegga come per forami et per fenestre la sua Diana, ma havendo gittate le muragla à terra, é tutto occhio!
    Weniger bekannt ist Goethe, der Denker. Zwar liegt es auf der Hand, daß Dichtungen wie Wilhelm Meister oder Faust voll tiefer Gedanken sein müssen; Worte Goethe's über sittliche, gesellschaftliche, religiöse Fragen aus Iphigenie, Tasso, Faust sind in Aller Mund, auch gehören Aussprüche aus Gott und Welt, aus den Orphischen Urworten usw., welche in Abgründe mystisch-philosophischer Erkenntnisse blicken lassen, bereits zum Gemeingut kultivierter Deutschredenden. Nichtsdestoweniger wird es die Mehr-

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zahl befremden, wenn sie der Behauptung begegnen, bei Goethe sei das Denken — das spezifische, grübelnde, theoretisierende Denken zugleich mit allen den besonderen Anlagen des Charakters und des Gemütes, die einer solchen Begabung eigen sind — in hohem Maße ausgebildet. Und dennoch ist das der Fall und liegt hier der Schlüssel zum Verständnis seines Lebens und Schaffens. Mit 22 Jahren schreibt Goethe an Salzmann: „Wie gewöhnlich, mehr   g e d a c h t   als getan“, und ein Jahr darauf berichtet Kestner, Lotte's Bräutigam: „Goethe hat schon viel getan und viele Kenntnisse, viel Lektüre; aber doch noch mehr gedacht und raisonniert.“ Als Goethen in seinem 30. Lebensjahre ein liebenswürdiger poetischer Träumer empfohlen worden war, gesteht er: „Große Gedanken ... füllen jetzt meine Seele, beschäftigen sie in einem neuen Reiche, und so kann ich nicht als nur geborgt nieder ins Thal des Thaues und der Morgenbegattung lieblicher Turteltauben.“ Sehr früh entstand aber unter den Fernerstehenden die Fabel des unphilosophischen Goethe, so daß der noch nicht Vierzigjährige berichtet: „Ich habe immer mit stillem Lächeln zugesehen, wenn sie mich in metaphysischen Gesprächen nicht für voll ansahen; da ich aber ein Künstler bin, so kann mir's gleich sein. Mir könnte vielmehr dran gelegen sein, daß das Prinzipium verborgen bliebe, aus dem und durch das ich arbeite.“
    Hier ist der geheimnisvolle Pfad aufgedeckt, der in die Tiefe führt; folgen wir ihm weiter.
    Ohne Frage hat der Gegensatz zwischen Schiller und Goethe — den beiden so nahe Verbundenen — viel dazu beigetragen, die Vorstellung des ausschließlich schauenden, dem abstrakten Denken abgewandten Goethe in uns großzuziehen. Goethe gegenüber trat Schiller als sachkundiger Philosoph auf und belehrte ihn. Wenn nun ein einziger Mann auf der Welt ein Recht hatte, über diese Beiden aus intimster persönlicher Gemeinschaft und eigener geistiger Hochgeburt vergleichend zu urteilen, so war es Wilhelm von Humboldt. Humboldt aber schreibt — und zwar an Goethe selber — wie folgt: „Es hat mir in jener glücklichen Zeit, wo ich mit Ihnen und Schiller zusammen lebte, immer geschienen, daß Sie um kein Haar weniger (wenn Sie mir den Ausdruck erlauben) eine philosophierende und grübelnde Natur waren, als er.“ Das ist doch un-

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zweideutig gesprochen: um kein Haar weniger! Nun betrachte man aber auch die Fortsetzung; sie führt zu einer bisher wenig beachteten Einsicht. „Nur war er zugleich mehr eine dialektische (Natur), da es gerade in der Ihrigen liegt, nichts durch die Dialektik für abgemacht zu halten ¹). Wenn also sich in ihm Meinung, Maxime, Grundsatz, Theorie überhaupt schnell gestaltete und in Worte überging, auch wieder in anderer Zeit umgestaltete, so fanden Sie bei dem gleichen Bestreben sich mehr gehemmt, weil Sie allerdings etwas Anderes und schwerer zu Erreichendes, ja eigentlich wohl nicht anders als in ewiger Annäherung zu Erreichendes forderten.“ Wer diese Stelle genau in Erwägung zieht, wird in der Erkenntnis der Goetheschen Eigenart wirkliche Fortschritte machen. Wiederholen wir uns, was Humboldt für Behauptungen aufstellt: Goethe philosophiert und grübelt ebensoviel wie Schiller; seine Denkmethode ist aber eine andere; Schiller gelangt schnell zum Ziele, wogegen Goethe's Denken sich gehemmt findet; nicht bloß die Methode, sondern auch das Ziel ist eben bei Goethe ein anderes, ein schwerer zu erreichendes, ja, was Goethe's Denken erstrebt, läßt sich niemals mit dialektischer Genauigkeit aussprechen, sondern nur in ewig wachsender Annäherung erreichen — also der Linie vergleichbar, welche die Mathematiker eine Asymptote nennen, d. h. eine solche, die einer gegebenen zweiten Linie immer näher rückt, ohne sie jemals zu berühren. Ziel, Methode, Hemmung, Unerreichbarkeit: das alles wird uns nach und nach deutlich werden, teils in diesem Kapitel, teils in den folgenden. Um den nächsten entscheidenden Schritt zu tun, wenden wir uns nach Humboldt an Schiller.
    Genügten uns gelegentlich hingeworfene Bemerkungen, wir fänden viele. Belangreich ist eine aus früher Zeit, 1790, vor der wirklichen Annäherung an Goethe; über ein philosophisches Gespräch berichtet Schiller an Körner: „Goethe's Philosophie mag ich auch nicht ganz: sie holt zu viel aus der Sinnenwelt, wo ich aus der Seele hole. Überhaupt ist seine Vorstellungsart zu sinn-
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    ¹)   D i a l e k t i k   ist dem Sinne nach zu verdeutschen: die Erforschung der Wahrheit durch logische Rede und Gegenrede, d. h. also durch Aufstellung genauer Begriffsbestimmungen, von denen aus, vermittelst fortschreitenden Einbeziehens und Ausscheidens, nach und nach der gesuchte Tatbestand festgestellt wird; die Methode ist derjenigen der abstrakten Mathematik so analog, daß es jetzt eine Algebra der Logik gibt.

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lich und   b e t a s t e t   mir zu viel.“ Das ist noch der naive Standpunkt: Goethe so gesehen, wie ihn noch heute Jeder sieht, der ihn nur oberflächlich kennt. Einige Jahre später erfolgt die Befreundung, und da fällt es Schiller immer mehr auf, welchen Anteil Goethe, der angebliche Nicht-Philosoph, an reiner Philosophie nimmt; er hatte es nicht vermutet. „Es ist eine sehr interessante Erscheinung“, schreibt er ihm, „wie sich Ihre anschauende Natur mit der Philosophie so gut verträgt und immer dadurch belebt und gestärkt wird.“ Goethe, durch reine, abstrakte Philosophie (es ist von Schelling die Rede) belebt und gestärkt, wird noch heute dem festgewurzelten Vorurteil der Meisten wenig zusagen. Mehr ins Innere dringen Beobachtungen über „die eigene Art und Weise“, wie bei Goethe „Reflexion und Produktion   a l t e r n i e r e n“.   Bei sich selbst findet sie Schiller vermischt, sein Verstand, meint er, sei „eine Zwitterart zwischen dem Begriff und der Anschauung“; hingegen bei Goethe „beide Geschäfte sich ganz trennen“. Am tiefsten aber greift der ahnungsreiche Mann in dem berühmten Brief vom 23. August 1794; in allegorischer Verhüllung schildert er hier das ganze innere Getriebe von Goethe's Geist. Teilweise mag wohl die Form der Allegorie Goethen zu Gefallen gewählt sein; zum größeren Teil möchte ich sie dem Umstande zuschreiben, daß Schiller hier als Seher redet, dessen Geist zwar das Verborgene durchdringt, doch wie Einer, der im Traume Gesichte erblickt, deren Tagesdeutung ihm verhüllt bleibt. Den Sinn dieser Stelle wollen wir genau ergründen.
    Das eigentümlich Zwiefältige in Goethe's Wesen erkennt hier Schiller deutlich als Grundzug seiner Persönlichkeit; er sieht ein, daß es sich nicht bloß um die uns allen gemeinsame, vorhin erwähnte Duplizität von Denken und Anschauen handelt, sondern um Anlagen, die tief genug wurzeln, das ganze Wesen in Mitleidenschaft zu ziehen, und die sich sowohl ergänzen als auch gegenseitig befehden; er empfindet die wunderwirkende Kraft einer solchen „geeinten Zwienatur“ und zugleich den schmerzlichen inneren Kampf, der aus dem organischen Zwiespalt notwendig dauernd hervorgehen muß. Diese Einsicht kleidet er in folgende Allegorie. Er erblickt in Goethe einen „griechischen Geist“, der in eine „nordische Schöpfung geworfen wurde“, und der nun durch Denkkraft ersetzen mußte, was ihm die

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Welt der Anschauung versagte. Wie rein allegorisch dies ausgedrückt ist, bedarf kaum der Betonung. Es wäre wohl schwer möglich, weniger „griechische“ Werke als Faust und Wilhelm Meister namhaft zu machen, und selbst über Iphigenie urteilt gerade Schiller: „Sie ist so erstaunlich modern und ungriechisch, daß man nicht begreift, wie es möglich war, sie jemals einem griechischen Stück zu vergleichen“; und was die Naturbetrachtung anbetrifft, so neigten die Griechen immer zu mathematisch-mechanischen oder aber zu abstrakt-logischen Erklärungen, welche Goethe's angeblich „griechischem Geiste“ so fern wie nur möglich stehen. Wenn es aber heißt, die Denkkraft sollte sich in der nordischen Schöpfung als Ersatz für die brachgelegte Anschauung entwickeln, so ist daran zu erinnern, nicht allein, daß die tiefsten Denker der Welt in Indiens tropischen Urwäldern zu Hause waren, sondern daß niemals größere Spintisierer als die Griechen gelebt haben, und daß ihre „südliche Schöpfung“ Aristoteles, Plato, Heraklit und noch Dutzende von spezifischen Denkern hervorgebracht hat. Nein, das Ganze wird nur begriffen, wenn wir es als bildlich gesprochen auffassen. Unter dem „griechischen Geist“ haben wir die für Goethe so bezeichnende Gewalt der unmittelbaren Anschauung zu verstehen: „Das Auge ist das Organ, womit ich die Welt fasse“; die „nordische Schöpfung“ ist einfach jene vollendet besonnene Denkgewalt, die in Goethe's Leben, in seinen poetischen und wissenschaftlichen Werken, kurz überall bei ihm gestaltend eingreift, und die er selber als „der Betrachtung strenge Lust“ besungen hat. Indem nun Schiller seine Allegorie festhält, verwickeln sich seine Ausführungen zu einigermaßen wirren Tropen, wo eine „schlechtere Natur“ durch „bessere Muster korrigiert“ werden muß usw., was nicht gerade im Geiste Goethe's gedacht ist; solche Dinge kommen bei Schiller manchmal vor, und nichtsdestoweniger bohrt sich sein rastlos vordringender Verstand durch bis zu der wahren Wurzel; so auch hier. Denn zuletzt ergibt sich ihm aus der schwerfälligen Allegorie das einfache und einfach wahre Ergebnis, daß bei Goethe zwei verschiedene „Richtungen“ sich kundtun — die logische Richtung und die ästhetische Richtung, so nennt sie Schiller —, die sich miteinander „nicht wohl vertragen“. Hier endlich halten wir es also in deutlicher Fassung und mit ausdrücklicher Hervorhebung des inneren Kampfes, den eine solche Anlage

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anstelle der öden „Harmonie“ notwendig erzeugen mußte. Es kommt aber noch mehr. In dem Schlußsatz zu dieser Ausführung sagt Schiller das Tiefste, was meines Wissens bisher über Goethe überhaupt gesagt worden ist; denn er deckt jenes Innere der Persönlichkeit auf, nach dem wir hier fahnden. Er schreibt: „Sie haben also eine Arbeit mehr (mehr nämlich als andere schöpferische Geister): denn so wie Sie von der Anschauung zur Abstraktion übergingen, so mußten Sie nun rückwärts Begriffe wieder in Intuitionen umsetzen und Gedanken in Gefühle verwandeln....“ Was Schiller „eine Arbeit mehr“ nennt, ist genau dasselbe, was Humboldt als „Hemmnis“, als ein „schwer zu Erreichendes“ empfand. Es ist nämlich das beständige Hin und Her bei Goethe von der Anschauung zu der Abstraktion und nun zurück von der Abstraktion zu der Anschauung. Von der Anschauung nimmt Goethe stets den Ausgang; mit ihr faßt er die „Welt“; gleich darauf aber dürstet sein Geist nach Verallgemeinerungen: beim Einzelnen (und nur dieses wird wirklich angeschaut) mag er nicht verweilen, er fühlt, wie „der böse Engel der Empirie ihn anhaltend mit Fäusten schlägt“, und gesteht: „Die Beobachtung des Einzelnen war niemals meine Stärke“, „zum Detail bin ich nicht geboren“, „es graut mir vor der empirischen Weltbreite“. Und so eilt er denn hin zu zusammenfassenden Gedanken, zu Begriffen, zu Ideen: er „grübelt“, wie Humboldt sagt und wofür alle seine theoretischen Schriften und viele seiner nach Tausenden zählenden Briefe zeugen. Einmal faßt er es in einem Brief an Schiller in eine Formel zusammen: man solle, „ohne die Erfahrung in die Breite verfolgen zu wollen, ... auf jedem Platz, in jedem Moment, so weit es Einem vergönnt sei, in die Tiefe gehen“; in der Tiefe jedoch ist das Geschaute ein Gedachtes. Darauf tritt aber dann mit Gewalt die Gegenwirkung ein, die bei einem so mächtigen Drang, alles anschaulich zu erfassen, nicht ausbleiben konnte: das Allgemeine, die rein theoretische, philosophische Überzeugung will und muß sinnfällige Gestalt gewinnen, und so steigen denn „die aus dem Innersten hervorgearbeiteten Phantome“ auf, oder, wie Schiller sagt, die Begriffe werden nun „rückwärts in Intuitionen umgesetzt“, das heißt in eine erträumte Sichtbarkeit. Goethe schaut jetzt wieder hin auf die Natur — auf Pflanzen, Tiergerippe, Steine, Wolken, Farben, Menschen — und erblickt überall mit Augen seine

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eigenen Gedanken, nunmehr vergegenständlicht, greifbar, der Geist zu Stoff geworden. Es liegt auf der Hand, daß ein rein anschauendes Genie — ein Raffael der Kunst oder ein Linné der Naturbetrachtung — weit unmittelbarer als Goethe an sein Ziel gelangt; er schaut, und was er schaut, gestaltet er, sei es zu Kunst, sei es zu Wissenschaft. Analog ergeht es dem eigentlichen Denker, sei er nun mit Schiller ein Dichter oder mit Descartes ein Naturgestalter oder mit Hume ein Kritiker des Menschengeistes: er verfolgt seinen Weg geradeaus. Goethe dagegen arbeitet unaufhörlich daran, die beiden entferntesten Endpunkte des Menschengemütes zueinander in übereinstimmende Beziehung zu setzen: immer geht bei ihm die Anschauung in Abstraktion über, und immer wandelt er dann die abgezogenen Begriffe neuerdings in anschauliche Vorstellungen um.
    Allzu kurz für die Andeutung so zart-verwickelter Verhältnisse, doch immerhin zu genauerer Einsicht anregend, könnten wir sagen: seine Anschauungen wandelt Goethe zu Gedanken, seine also gewonnenen Gedanken wiederum (aber neu gestaltet) zu Anschauungen um. Und zwar   m u ß   er dies, es ist ein organisches Gesetz seines Geistes; denn früher kommt er beim Anschauen zu keinem Genuß und beim Denken zu keiner Ruhe. Dies gerade ist das „rückwärts verwandeln“, von dem Schiller sprach. Goethe denkt nicht weniger anhaltend und fein als irgend ein außerordentlich begabter, abstrakt beanlagter Denker; seine Gedanken suchen aber und finden den Weg bis zu einem Anschaulichen wieder zurück, und dadurch wird das Subjektive in ein scheinbar — aber nur scheinbar — vollkommen Objektives umgewandelt.
    Somit wäre der erste Pflock eingeschlagen.
    Manchem Leser wird vielleicht im Vorangehenden nicht alles schon vollkommen deutlich geworden sein. Es war aber geboten, sofort tief hineinzugreifen, bis auf den Mittelpunkt der Persönlichkeit. Sowohl in diesem Kapitel wie in allen folgenden werden wir stets von neuem auf diesen Mittelpunkt der Goetheschen Persönlichkeit zurückzukommen uns veranlaßt finden; dadurch wird das, was hier einigermaßen abstrakt vorgetragen werden mußte, nach und nach an lebendig überzeugendem und aufklärendem Inhalt immer mehr gewinnen. Manches bleibt freilich allezeit dunkel, weil es in dunklen Tiefen des Menschenwesens wurzelt; es als leichtverständ-

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lich darstellen wollen, hieße sich in verführerische Oberflächlichkeit verirren; unzweideutig jedoch soll alles werden.

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Die Liebe

    Gehen wir nun daran, eine Art Rundblick auf die Persönlichkeit zu werfen, so folgen wir Goethe's Rat, wenn wir zu allererst die   L i e b e   ins Auge fassen. „Da uns das Herz immer näher liegt als der Geist und uns dann zu schaffen macht, wenn dieser sich wohl zu helfen weiß, so waren mir die Angelegenheiten des Herzens immer ... die wichtigsten erschienen“: so bekennt er in Dichtung und Wahrheit. Gleich hier wird sich aber die Unmöglichkeit herausstellen, zu irgend einer wahren Einsicht zu gelangen, solange wir die Untersuchung von außen, nicht von innen in Angriff nehmen.
    Wer die Bücher über Goethe zur Hand nimmt, in denen er chaotisch sich Widersprechendes über sein Lieben und seine Lieben erfährt, lernt bald begreifen, daß fast jede Aussage über diesen Gegenstand zu viel oder zu wenig behauptet. Auf der einen Seite wird er als der liebreichste aller Poeten gepriesen, auf der anderen wird versichert, er habe mit den Frauen nur gewissenlos gespielt; beides ist unrichtig, und doch entbehren beide Urteile nicht einer annehmbaren Begründung. Infolge der merkwürdigen inneren Beschaffenheit seines Wesens, auf die wir durch Schiller und Humboldt aufmerksam gemacht wurden, befindet sich Goethe's Gefühls- und Gedankenleben häufig in dem schwankenden Gleichgewicht, das man „labil“ nennt und das auch dem Laien aus den kleinen Handwagen der Apotheker bekannt ist; das geringste Übergewicht genügt, damit die eine Schale plötzlich zu Boden stürzt, während die andere an den Balken emporschnellt. „Bei meinem Charakter und meiner Denkweise verschlang Eine Gesinnung jederzeit die übrigen und stieß sie ab.“ Hiermit soll aber nicht besagt sein, diese beiden Urteile — Goethe der Liebeverzehrte, Goethe der Liebelose — träfen beide abwechselnd das Richtige; vielmehr sind beide falsch; doch die scheinbare Begründung erwächst ihnen aus der genannten Zwiespältigkeit: denn der eine Beurteiler richtet seine ganze Aufmerksam-

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keit auf die verschlingende, alles andere abstoßende Leidenschaft des Augenblicks, wogegen der andere nur das Hin und Her der Wage beachtet und daraus schließt, hier liege Tändelei, nicht Liebe vor. An urkundlichen Belegen wird es beiden Behauptungen nicht fehlen; die erste wird schöne Briefstellen und unsterbliche Liebesgedichte anführen, die zweite wird keine Mühe haben, Bekenntnisse aufzufinden, welche frivole Deutungen nahelegen könnten, wie folgendes: „Es ist eine sehr angenehme Empfindung, wenn sich eine neue Leidenschaft in uns zu regen anfängt, ehe die alte noch ganz verklungen ist. So sieht man bei untergehender Sonne gern auf der entgegengesetzten Seite den Mond aufgehen, und erfreut sich an dem Doppelglanze der beiden Himmelslichter.“ Von außen her wird man eben nie bis zum Verständnis gelangen; es läßt sich da das Widersprechende behaupten und belegen; wie ist es aber möglich, in solchen Urteilen Genüge zu finden? Sollen wir wirklich dem so unentwegt mit „eherner Geduld“ genial-besonnen strebenden Goethe einen gänzlichen Mangel an sittlichem Ernst bis ins hohe Alter zuschreiben? Und wenn nicht, wie erklären wir es, daß immer wieder die Liebe zu irgendeiner holden Weiblichkeit in ihm erwacht, zur glühendsten Leidenschaft heranwächst und dann nicht nur verlischt, sondern keinen Schmerz, keine Reue hinterläßt, nichts als schöne, beglückende Gedächtnisbilder, so daß wir ohne Übertreibung sagen dürfen: den rechten Genuß seines Liebens hat Goethe immer erst in der Erinnerung gehabt, wogegen ihre Gegenwart manche Qual verursachte. Mitten in der leidenschaftlichsten Liebe zu Annette in Leipzig schreibt er zwar: „Es geht keine Wollust über den Jammer der Liebe“; doch das eigentliche Glück kommt auch hier später: „O Behrisch, ich habe angefangen zu leben! Daß ich dir alles erzählen könnte! Ich kann nicht, es würde mich zu viel kosten. Genug sei dir's, Nette, ich, wir haben uns getrennt, wir sind glücklich. Es war Arbeit, aber nun sitz ich wie Herkules, der alles getan hat, und betrachte die glorreiche Beute umher.“ Diese Empfindung ist für Goethe durchweg charakteristisch. Wer z. B. die Sesenheimer Monate in den gleichzeitigen Briefen zu verfolgen sich die Mühe gibt, wird manches lernen. Kaum von seinem ersten dortigen Besuche nach Straßburg zurückgekehrt, greift er zur Feder, um einer anderen, vernachlässigten Geliebten, daheim, von Sesenheim und der dortigen

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„liebenswürdigen Tochter“ zu erzählen; dieser Eindruck habe jede „halbverschiedene Zärtlichkeit wieder auf einmal lebendig“ gemacht, „jede Erinnerung an alles, was er liebe, in seinem Herzen geweckt“. Wenige Stunden später geht der allererste überströmende Brief an Friederiken ab! Es ist gleichsam, als baue er sich im voraus eine Wehr auf gegen die etwaige bedrohlich werdende Übermacht des Stroms, von dem sich tragen zu lassen er nichtsdestoweniger gesonnen ist. Und nun, während diese Liebe ihn tatsächlich in den folgenden Monden immer unwiderstehlicher fortreißt, die Geständnisse an seinen Freund Salzmann, zum Teil aus Sesenheim selbst datiert! „Ich bin zu sehr wachend, als daß ich nicht fühlen sollte, daß ich nach Schatten greife.“ „Ich fühle, daß man um kein Haar glücklicher ist, wenn man erlangt, was man wünschte. Die Zugabe, die Zugabe! die uns das Schicksal zu jeder Glückseligkeit drein wiegt!“ Und dann wende man den Blick auf die Episode mit Lotte Buff. Während Goethe seinen Werther nach dem Vorbild des Jerusalem in den Tod gehen läßt, weil die Angebetete ihm ewig unerreichbar bleibt, empfand er selber damals „die Neigung zu einer versagten Braut“ als ein besonderes Glück. Von jenen Tagen in Wetzlar schreibt er: „Ruht nun, wie man sagt, in der Sehnsucht das größte Glück, und darf die wahre Sehnsucht nur auf ein Unerreichbares gerichtet sein, so traf wohl alles zusammen, um den Jüngling, den wir gegenwärtig auf seinen Irrgängen begleiten, zum glücklichsten Sterblichen zu machen.“ Das auffallend Friedvolle, Harmonische in dem Verhältnis zu Lotte liegt jedenfalls in diesem Umstande begründet; der Gefahr, er könnte zu glücklich werden, die ihm bei Friederike und Lili so böse Stunden verursacht, war hier vorgebeugt. Nun erwidert mancher getrost: das eben ist Dichterliebe. Was soll aber damit gesagt sein? Goethe war doch keine leichtfertige Natur wie Byron, ganz das Gegenteil. Im übrigen ist die Beständigkeit in der Liebe ein Kennzeichen vieler bedeutenden Dichter, was aus der Innigkeit ihres Wesens herzuleiten sein mag; und hat auch mancher nicht die lebenslängliche Treue eines Petrarca bewährt, so weihte er doch der neuen Liebe die selbe Inbrunst und Ungeteiltheit, die er der früheren Jahre hindurch bewahrt hatte; das sehen wir von Chaucer an bis zu Richard Wagner; Schiller's uns genau bekanntes eheliches Leben ist ein Muster reinen Glückes.

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    Nein, um die Bedeutung der Liebe in Goethe's Leben zu ergründen und sie in ihrer widerspruchsvollen Eigenart klar begreifen zu lernen, müssen wir gleich anfangs in die Tiefen der Persönlichkeit greifen. In diesem Falle sind es die elementare Gewalt der Anschauung und die der üppig wuchernden Phantasie, die als „entfernte Endpunkte des Menschengemütes“ von Goethe unaufhörlich zueinander in Beziehung gesetzt werden; aus ihrem Spiel und Gegenspiel leitet sich alles Eigenartige, scheinbar Widerspruchsvolle seiner Liebesbeziehungen her.
    Am schwersten fällt dem Menschen der Gegenwart, sich die Bedeutung des tatsächlichen   A n s c h a u e n s   in Goethe's Leben vorzustellen. Die Kraft reiner Anschauung ist unter uns im Abnehmen; wir werden immer mehr zu theoretischen Wesen; es ist gewiß keine Übertreibung, wenn man behauptet, ein beträchtlicher Teil der Gebildeten empfange heute keinen bestimmenden, haftenden Eindruck durch die Sinne; das Lesen von Berichten über die Dinge, das Vernünfteln über sie nimmt alle Kräfte in Beschlag; nur besonders Beanlagte wissen noch aus eigener Erfahrung, was Anschauen ist. Goethe war ein solcher, und nicht bloß hat er die Marter der heutigen Bildung nicht an sich erlitten, sondern die ihm angeborene Kraft der Anschauung ist durch seines Vaters Einfluß von Kindheit an in unaufhörlicher Übung gekräftigt worden. Befand er sich durch einen Zufall zeitweilig von Kunst und Natur getrennt, er verschmachtete; mit den Augen irgend etwas Bedeutendes erschauen war für ihn ein ebenso gebieterisches Bedürfnis, wie für unsereinen das tägliche Brot; schleunigst verschreibt er sich in solchem Falle von Hause Stiche oder Gemmen, „damit er nur etwas vor sich habe, das ihm das Anschauen erfrischt“. Schauen — wie Goethe das Wort versteht — ist nicht bloßes Erblicken oder aufmerksames Sehen, vielmehr handelt es sich dabei um eine höhere Stufe sinnlicher Eindrucksfähigkeit, bei welcher der Gegenstand gleichsam ins Innere aufgesogen, mit dem eigenen Wesen verschmolzen wird *. Dieses Schauen Goethe's ist ein leidenschaftlicher Vorgang, unbesonnen, aus elementarer Gewalt. Daher die bekannte heftige Abneigung Goethe's gegen alles Pathologische: schon eine Brille auf der Nase eines Besuchers genügte, ihn zu verstimmen, weil diese Zutat auf ihn den Eindruck einer Entstellung des Menschenantlitzes machte: „Ich bin von diesen

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Glasaugen, hinter denen man die natürlichen aufsuchen muß, ein großer Feind“; selbst seinem Fürsten weigert er den Gehorsam, als es gilt, eine monströse Mißgeburt anzusehen; die schaurige Dichtung Der arme Heinrich legt er schnell aus der Hand, denn die darin geschilderte Krankheit „wirkt auf ihn so gewaltig, daß er sich vom bloßen Berühren eines solchen Buchs schon angesteckt glaubt“: nicht einmal in der Phantasie erträgt er den Anblick des Häßlichen. Dieser außergewöhnlichen „Empfänglichkeit für sinnliche Eindrücke“ verdankt er, wie er selber gesteht, „viel Gutes“ und manches „Übel“. Gleichviel welchem Gegenstand es gilt, dieses Schauen verdient schon wegen seines Ungestüms und der damit verbundenen Herzenswallung,   L i e b e   genannt zu werden. „Man lernt nichts kennen als was man liebt, und je tiefer und vollständiger die Kenntnis werden soll, desto stärker, kräftiger und lebendiger muß Liebe, ja Leidenschaft sein“: das ist Goethe's Bekenntnis. Und ferner: „Die unzulänglichen Urteile der Menschen entspringen nur aus Mangel an Liebe, denn ihr Urteil ruht auf nichts.“ Dieses in Liebe Anschauen und aus Anschauung Lieben ist eine verzehrende Glut, die bei Goethe bis ins hohe Alter erhalten bleibt und die eigentliche treibende Kraft seines Lebens bildet. Wendet er einmal, selbst in trüben, verworrenen Tagen, diesen anschauenden Blick ins eigene Innerste, so findet er es „immer ewig allein der heiligen Liebe gewidmet, die nach und nach das Fremde durch den Geist der Reinheit, der sie selbst ist, ausstößt und so endlich lauter werden wird wie gesponnen Gold“. Ich meine, es bedarf keiner weiteren Ausführungen, damit Jeder begreife, mit welcher heiligen Glut einer das ganze Wesen ausfüllenden Liebe Goethe's Blick auf einem Weibe geruht haben mag. „Das Auge war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt faßte“ (S. 90). Dieser Blick löschte alle Vergangenheit. Das reine Anschauen ist nämlich seiner Natur nach auf bloße Gegenwart gerichtet; was es erfüllt, ist:

das fröhliche Gefühl
Des hohen Tags, der tausendfachen Welt
Glanzreiche Gegenwart.

Das Gedächtnisbild ist bei dieser Gemütsart (wenn nicht die Phantasie es neuschafft) gedankenhaft schwach; sie fordert die sinnlich

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reelle, tastbare Anwesenheit; Goethe — wie wir hörten — muß das Schöne „vor sich haben“, daß es „ihm das Anschauen erfrische“; „alle Liebe“, schreibt er ein anderes Mal, „bezieht sich auf die Gegenwart“.
    Gerade dieses Wort ruft uns aber zur Besinnung auf. Im kräftigsten Jünglingsalter, im Augenblick, als seine Liebe zu Lili in Blüte stand, beklagte Goethe seine Unfähigkeit, das in der konkreten Gegenwart Gegebene als solches festzuhalten: „Wird mein Herz endlich einmal in ergreifendem wahren Genuß und Leiden die Seligkeit, die Menschen gegönnt ward, empfinden und nicht   i m m e r   a u f   d e n   W o g e n   d e r   E i n b i l d u n g s k r a f t.... getrieben werden?“ Die Phantasie herrscht eben bei Goethe in der gleichen Fülle und der gleichen Gewalt wie der Trieb zum Anschauen; und diese beiden sind in mancher Beziehung „entfernte Endpunkte“ (S. 96) oder, wie der Philosoph sagen würde, Antinomien, Gegensätze. Auf der Höhe seiner vollendeten Reife belehrt uns Goethe, die Gestalt „schließe sich am wunderbarsten auf dort, wo sie dem Auge ganz verschwindet und nur vom Geiste verfolgt werden kann“. So entschwebt ihm das mit Sinnen Erschaute mitten im Erschauen aus den Augen, und wird zu einem Gedachten. Und jetzt erfaßt die Phantasie diese gedachte Gestalt, „schließt sie wunderbar auf“ und strahlt sie mit solcher Kraft der Plastik und der Beleuchtung zurück in die Welt des Sichtbaren, daß sie geläutert, durchklärt dasteht, als habe sie die Zeitlichkeit abgestreift und sei nunmehr ein unvergängliches Sinnbild. Es handelt sich nicht um eine bloße Einbildung; denn Wesen von Fleisch und Blut leben ja, aus denen die bestimmenden Eindrücke gewonnen wurden; doch deckt sich das jetzige Gebilde mit jenem körperlich vorhandenen Wesen keineswegs. Denn was Goethe jetzt erschaut und durch seine Schilderung vor unsere Augen zaubert, ist ein dem eigenen Geiste Entstammtes; zwischen dem körperlichen Wesen und diesem Bilde seiner Phantasie steht die gedankliche Verarbeitung in geheimen Tiefen der „grübelnden Natur“ (um mit Humboldt zu reden); und nicht die ursprüngliche zufällige Erfahrung, sondern dieser innerste Schoß ewig kreisender Gedanken, wo alles Erschaute „sich wunderbar aufschließt“, ist die Geburtsstätte des neuen Gestaltenbildes, das nunmehr (um mit Schiller zu reden)

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„rückwärts in Intuition umgesetzt“ wird. Das Ergebnis ist das, was Plato eine „Idee“ nannte — ein Wort, das man von neuem zu verlebendigen gesucht hat durch die Verdeutschung   G e d a n k e n - g e s t a l t.   Goethe selber schreibt darüber: „Dieses Nachbild strahlt nach allen Seiten in die Welt aus, und ein schönes edles Gemüt mag an dieser Erscheinung,   a l s   w ä r e   s i e   W i r k l i c h k e i t,   sich entzücken und empfängt davon einen tiefen Eindruck.“ Schon aus diesem flüchtigen Überblick läßt sich ermessen, wie unvermeidlich Widersprüche zwischen Anschauung und Phantasiebild entstehen müssen; denn je mächtiger die ursprüngliche Gegenwart in ihrer Unmittelbarkeit wirkt, um so mehr Nahrung wird der Phantasie zugeführt.
    Ehe wir nun die Folgen dieses eigenartigen Zwiespaltes näher betrachten, eine kurze Einschaltung. Denn es ist von entscheidender Wichtigkeit, gleich anfangs zu begreifen, daß, was hier von dem Eindruck menschlicher Gestalten auf Goethe's Gemüt ausgeführt wird, von dem gesamten Bereich seiner Interessen in genau der selben Weise gilt. Ein Beispiel. Als Goethe sich einige Jahre eingehend mit Pflanzen beschäftigt und somit ein stets wachsendes Material in seinem Gedächtnis angesammelt hatte, wollte es nicht weiter; da nun gestaltete sich in seinem sinnenden Hirn aus „aufgeschlossenen Gestalten“ eine Vorstellung aus, die er ursprünglich als Harmonia Plantarum — die Harmonie der Pflanzenwelt — bezeichnete und vermittelst deren er Ordnung in das Chaos zu bringen suchte, indem er sich eine   U r p f l a n z e *   dachte, d. h. eine Pflanze, die derartig beschaffen sein sollte, daß sämtliche Gestalten der Pflanzenwelt sich auf sie ideell beziehen und insofern auch begreifen und merken und einordnen ließen; sie wäre die reine „Idee“ einer Pflanze gewesen, so daß alle einzelnen Gestalten in sie wie die Strahlen in einen Brennpunkt zusammengelaufen wären. Hier erblicken wir in typischer Gestalt den geschilderten Zwiespalt zwischen Anschauungsgewalt und dem Bedürfnis einer schöpferischen Phantasie. Hätte Goethe nicht so glühend inbrünstig die einzelnen Pflanzenformen in sein sinnendes Schauen aufgesogen, ihre Menge hätte ihn nicht bedrückt; wäre seine Phantasie weniger lebhaft und leuchtend gewesen, er hätte sich als Hilfsvorstellung allenfalls ein Schema entworfen, nicht aber eine Urpflanze im Geiste erschaffen, körper-

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lich greifbar, vor der die wirklichen Pflanzen zu Schatten verblaßten. Daß diese „Urpflanze“ nicht eine gesondert bestehende Tatsache war, sondern vielmehr die Umgestaltung der über die unzählbare Menge der einzelnen Tatsachen sinnenden Gedanken zu einer ideellen Wesenheit, liegt auf der Hand; Goethe aber erblickte diesen seinen zu einer Gestalt zurückgebildeten Gedanken dermaßen überzeugend leibhaftig, daß er die Urpflanze im Walde suchte und täglich zu finden hoffte — bis Schiller ihn über seinen Irrtum aufklärte. Nach dieser Analogie muß man sich die Liebesleidenschaften Goethe's denken, wie sie, poetisch gestaltet, vor uns stehen, von Friederike Brion in Dichtung und Wahrheit an bis zu Ulrike von Levetzow in der Marienbader Elegie. Immer verblaßt die tatsächliche Erfahrung vor der Gewalt des Phantasiebildes; immer tritt an die Stelle der einzelnen, vielfach bedingten Liebe eine Verkörperung der „Urliebe“.
    Betrachten wir nun die Folgen einer solchen Gemütsart, wie sie im tagtäglichen Leben nicht ausbleiben konnten, so begreifen wir leicht, daß Goethe von den beiden widerstreitenden Tendenzen häufig in seinem Innern zerrissen werden mußte, und wir begreifen auch, warum fast jeder Zeitgenosse ihn falsch beurteilte. Von ihm besitzen wir das schöne Wort: „Es bleibt ewig wahr: sich zu beschränken, Einen Gegenstand, wenige Gegenstände recht bedürfen, so auch recht lieben, an ihnen hängen, sie auf alle Seiten wenden, mit ihnen vereinigt werden, das macht den Dichter, den Künstler, den Menschen.“ Und doch: auf welchem Gebiete des Lebens hätte er, dessen Phantasie auf Umfassung des Alls gerichtet blieb, sich auf Einen Gegenstand beschränkt? Schon die gewaltige Kraft der Anschauung allein — und abgesehen von der Mitwirkung der Phantasie — verbietet eine derartige Beschränkung. Nicht die Anschauung an sich besitzt Gedächtnis, vielmehr gehört dieses zum Geist; Gesetz der Anschauung ist, stets für die Erfassung des Gegenwärtigen offene Sinne, aufnahmebegierige, bereit zu halten. Kurz, das Anschauen, rein als Anschauen, beschränkt sich zwar in jedem einzelnen Augenblick mit leidenschaftlicher Inbrunst auf das Eine — „Eine Gesinnung verschlang jederzeit die übrigen“ —, es enthält aber gar kein Prinzip einer weiteren Selbstbeschränkung. Die Treue — wie überhaupt alle Beständigkeit — ist ein Gedanke. Daher die Worte des Herrn in Faust:

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Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken!

Bei Goethe tritt nun zu der Schrankenlosigkeit aller unmittelbaren Anschauungsgewalt noch die weitere Verwickelung durch die Dazwischenkunft einer immer tätigen schöpferischen Phantasie hinzu. Denn sobald diese sich ihrem dichterischen Auferbauen widmet — und das tut sie gerade, wenn der Sinneneindruck groß war —, löscht sie tatsächlich den Gegenwartseindruck aus. Ein Symptom hiervon ist die Art, wie die Liebe manchmal leidenschaftlicher wird, wenn Goethe fern von einer Angebeteten weilt; namentlich bei Frau von Stein fällt dies auf; „die schöne Flamme der Liebe, der Treue leuchtet“ immer dann am hellsten, wenn die Beiden getrennt sind; in Sizilien fühlt Goethe, wie „die weite Ferne alles gleichsam weggeläutert hat“. Hier waltet eine poetische Kraft rein schöpferischer Phantasie, wie wir sie inzwischen in Richard Wagner's Briefen an Frau Mathilde Wesendonck anstaunen lernten, und von deren seelischer Gewalt prosaische Menschen keine Vorstellung besitzen. Wohl das merkwürdigste Beispiel eines solchen rein aus der Phantasie geborenen Verhältnisses ist dasjenige Goethe's zu Gräfin Auguste zu Stolberg, die er in seinem Leben niemals erschaut hat und der er nichtsdestoweniger — mitten aus der Zeit der Beziehungen zu Lili — heiße Liebesbriefe schreibt, voll Sehnsucht, „zu ihren Füßen zu liegen“, und versichernd, sie sei „das einzige Mädchen, deren Herz ganz in seinem Busen schlage“. Von um so größerer Höhe aber stürzt die Erwartung dann herab, da keine Wirklichkeit solcher Einbildungskraft standhalten kann. Und so arbeitet denn die Phantasie letzten Endes im gleichen Sinne wie die Anschauung: beide zerstören die Treue in der Liebe.
    Um nun von hier aus weiter zu gelangen und womöglich eine Höhe zu erreichen, die einen klareren Überblick gestattet, möchte ich an eine Stelle in Dichtung und Wahrheit anknüpfen, die zu den am häufigsten angeführten gehört, aber, wie ich glaube, zu den am häufigsten mißdeuteten. Im siebenten Buche lesen wir: „Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwan-

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deln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen.“ Wie soll ein von Humboldt und Schiller noch Unbelehrter das verstehen: meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen? Was soll er sich darunter vorstellen, daß durch die Verwandlung in ein Bild das Innere beruhigt werde? Wogegen ich zuversichtlich hoffe, wer bis hierher aufmerksam gefolgt ist, ahnt den Zusammenhang sofort, wenigstens in allgemeinen Zügen. Es wird sich lohnen, bei diesen Vorgängen in verborgenen Tiefen des Gemütes ein wenig zu verweilen.
    Einen Dichter durch das Dichten über den Schmerz erhoben zu sehen, der zugleich verklärt und überwunden zurückbleibt, ist nichts Unerhörtes. Ein köstliches Beispiel besitzen wir — der Sage nach — aus altgermanischer Heldenzeit in dem angelsächsischen Krieger und Barden Egil. Seine beiden Lieblingssöhne hatte der Tod dahingerafft; der Greis trug sie selber ins Grab; dann kehrte er heim, schloß sich in sein Gemach ein, legte sich hin, wies Essen und Trinken von sich und erwartete stumm das erlösende Ende. Da sandte man nach seiner Tochter, die in einiger Entfernung als Gattin eines wackeren Waffenmannes daheim war. „Wie könnte ich nach solchem Schmerze noch weiter leben?“ sprach der Vater. „Wohl, es sei“, erwiderte die Tochter, „und ich will mit dir sterben; doch vorher mußt du noch das Trauerlied dichten; keiner lebt, würdig wie du, unserm Leide Wort und Ton zu leihen.“ Und Egil erhob sich von seinem Lager und dichtete das herrliche Klagelied an Wotan, das in Bruchstücken auf uns gekommen ist; und während er schrieb, wurde ihm wohler zu Mute, und als er der versammelten Sippschaft das Gedicht vorgesungen hatte, setzte er sich an den Tisch und aß und trank und schickte die gute Tochter reich beschenkt zu ihren Kindern heim. Auf dem Boden einer anderen, zahmeren, der unseren angenäherten Lebensanschauung stand Joachim du Bellay, der liebliche französische Dichter des 16. Jahrhunderts; die selbe Gemütsverfassung hat er in graziöse Verse gebracht:

... je pleure mes ennuis,
Ou, pour le dire mieux, en pleurant je les chante,

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Si bien qu'en les chantant souvent je les enchante:
Voilà pourquoi (Magny) je chante jours et nuits.

Bei Goethe liegt die Sache aber doch wesentlich anders. Es handelt sich bei ihm nicht darum, großer Schmerzen Herr zu werden; auch wäre es frivole Ironie, wollte man in jeder Liebe ein zu überwindendes Leiden erblicken; außerdem spricht Goethe ausdrücklich von dem, „was ihn   e r f r e u t e   oder   q u ä l t e   oder sonst   b e s c h ä f t i g t e“.   Die „Verwandlung“, von der Goethe hier redet — und die offenbar identisch mit der „Umsetzung“ ist, die Schiller an ihm beobachtete —, betrifft also sämtliche Erscheinungen des Lebens, insofern ihnen irgendwelche Bedeutung zugemessen wird: Freuden, Schmerzen, Gedanken. Jede äußere Erfahrung von Belang, von den Sinnen und dem Herzen leidenschaftlich eingesogen und assimiliert, wird im Innern, wie es vorhin hieß, „auf alle Seiten gewendet“, wie es hier heißt, „berichtigt“, um dann, verwandelt in ein von innen aus geschautes Bild, nunmehr als Dauerndes in die Welt der Ideen beruhigt aufgenommen zu werden. „Wenn das Einzelne durch die Zeit ausgelöscht wird, so geht das Allgemeine rein hervor“, meint Goethe einmal in bezug auf Geschichte; Zeit ist von allen Gegebenheiten die an sich leerste, ihr Inhalt hängt von der jeweiligen Gewalt des Seelenlebens ab; Goethe's Geist war immerdar beschäftigt, aus angehäuftem Einzelnen „reines Allgemeine“ zu schmieden; er brauchte nicht auf langsam eindämmerndes Vergessen zu warten, sondern löschte selber das Überflüssige aus, indem er Neues, „Berichtigtes“ schuf.
    Der Mittelpunkt ist erreicht, sobald wir die Einsicht gewinnen, daß Goethe sein eigenes Leben auf diese Weise als Idee zu ergreifen und trotz aller tausendfachen Abbröckelungen, die jeder „Tag des Tages“ notwendig mit sich bringen mußte, an dieser Idee festzuhalten vermochte. Er verfährt gegen sich selber in der gleichen Weise, wie er gegen diejenigen verfährt, die er geliebt hat; in diesem Falle jedoch beharrt der Anschauungsstoff und kann — da jeder Augenblick ihn neu gebiert — nie ausgelöscht werden, und so erfolgt auch eine beharrlich fortgesetzte Ideenbildung. Goethe meint zwar einmal,   „a l l e   Menschen guter Art haben auf der Welt eine doppelte Rolle zu spielen, eine wirkliche und eine ideelle“; hier wie

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überall flicht uns und ihn ein Gemeinsames aneinander; doch dürfte jene Tatsache bei keinem anderen Menschen so bewußt und deutlich in die Erscheinung getreten sein und daher eine solche Kraft der Gestaltung besessen haben. „Zum Gewahrwerden des Ideellen gehört eine Pubertät“, sagt Goethe; man muß nicht bloß befähigt sein, am ideell Gezeugten teilzunehmen, wie wir das Alle mehr oder weniger sind, sondern selbst „Zeugungsfähigkeit“ besitzen, ehe es gelingen kann, sich selbst als „Idee“ zu erfassen: die ungeheure Mehrzahl der Menschen bleibt in dieser Beziehung Kind und erreicht niemals Mannbarkeit. Bei Goethe verhielt es sich anders. Sein Leben, so reich an emsiger Tat, so verwickelt durch den Widerstreit antipodischer Gemütsanlagen, wird zugleich ohne Unterlaß in bezug auf das Verhältnis „zu den äußeren Dingen berichtigt“, wird „rückwärts in Intuition umgesetzt“, wird „in ein Bild verwandelt“, mit anderen Worten zu einer „beruhigten“ Einheit zusammengefaßt in einer aus poetischer Schöpferkraft hervorgehenden Idee. Es ist dies die große mittlere Leistung von Goethe's Leben, die Leistung aller Jahre, aller Tage, fast aller Stunden. Durch sie bewirkt er die fortwährende Verwandlung des sonst von uns Allen verworren, halb unbewußt erlebten und darum blind dahingerissenen „ideellen“ Ich in eine deutlich erschaute, objektiv beurteilte und mit eiserner Folgerichtigkeit gerade gerichtete Idee. Schon mehrere Jahre, ehe sich Goethe bis zur letzten Klarheit durchgerungen hatte, schreibt er: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andere und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu.“ Diese „Begierde“ hat mit Ehrgeiz nichts gemein; sie ist weltfern; die Pyramide bezieht sich auf das Phänomen des eigenen Daseins allein, das zugleich erschaut und erschaffen wird. „Welch ein Unterschied ist nicht zwischen einem Menschen, der sich von innen aus auferbauen, und einem, der auf die Welt wirken und sie zum Hausgebrauch belehren will!“ Also ohne Rücksicht auf die Welt sich von innen aus auferbauen. Dieses „von innen aus“ wäre eine Phrase, bezöge es sich nicht auf eine energisch und bestimmt erfaßte Idee, an der und auf der ein Leben sich auferbauen ließe. Später empfindet Goethe manchmal schmerzlich „den Widerspruch, der zwischen seiner Natur und der unmittelbaren Erfahrung liegt“; denn die Erfahrung

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bleibt zunächst trivial, zufällig, ledig aller innern Konsequenz; wie soll, wer sich selbst so deutlich als die Verkörperung einer ewigen Idee erblickt, daran Genüge finden? In welcher Weise edle Männer, denen diese Frage in ihrer bedrohlichen Bedeutung aufgegangen war, sonsten zu antworten pflegten, wissen wir: Weltflucht, Klostermauern, Kasteiung. Goethe weiß eine andere Antwort: „Man muß, ohne die Erfahrung in die Breite verfolgen zu wollen, auf jedem Platz, in jedem Moment, so weit es Einem vergönnt ist, in die Tiefe gehen.“ * Und was ist es, das man dann überall findet? „Die ideelle Denkweise läßt im Vorübergehenden das Ewige schauen.“ Die ideelle Denkweise tut also für den Einzelnen, was die Zeit für die Geschichte tut; sie löscht das verwirrende Einzelne aus und läßt das Allgemeine rein daraus hervorgehen. Dieses Ewige im Vorübergehenden ist das, was wir Idee nennen — auch die Urpflanze und die Urliebe; und die Fähigkeit, dieses Ewige im Vorübergehenden zu ergreifen, bildet das Hauptergebnis aus den widerstreitenden Anlagen, die wir für Goethe's Persönlichkeit als charakteristisch kennen lernten. „Im Innersten meiner Pläne und Vorsätze und Unternehmungen bleib' ich mir geheimnisvoll selbst getreu und knüpfe so wieder mein gesellschaftliches, politisches, moralisches und poetisches Leben in einen verborgenen Knoten zusammen.“
    Hiermit ist der Schlüssel zu jenem viel angeführten und wenig verstandenen Worte nunmehr in unseren Händen: „Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen“ (S. 106). Und sobald wir Einblick in die wunderbare Gabe Goethe's gewonnen haben, sich selbst als Idee gleichsam neu zu erschaffen, indem er aus dem Strom des Vorüberrauschenden seines eigenen Lebens das Ewige auszusondern und sich geläutert vor Augen zu halten verstand, so begreifen wir unschwer, inwiefern er die Fähigkeit und den unwiderstehlichen Drang besitzen mußte, nicht allein bei Betrachtung der großen Naturphänomene, sondern in allen Begebenheiten des Lebens ähnlich zu verfahren. Namentlich

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mußte dies für Gestalten gelten, welche inbrünstige Liebe ganz in sein eigenes Wesen aufgesogen hatte. Und so stand auf einmal, wo vor kurzem dunkle Leidenschaft getobt hatte, ein schönes Gemälde vor seinen Augen: das Vergängliche (und dazu gehört sowohl die Reue wie die Hoffnung) ausgelöscht, das Ewige (in welchem auch das Unerbittliche seinen Sinn enthüllt) offenbar. Darum besitzt Goethe die Gabe, von seinen eigenen Liebeserfahrungen (gleichviel ob in erster oder in dritter Person) so bildkräftig, so innig, so züchtig, so vollkommen schlicht tatsachentreu und zugleich alle Prosa des Lebens in reine Poesie verklärend, zu erzählen, daß die Literatur der Menschheit nichts auch nur entfernt Analoges aufweisen kann. Es ist das kein Dichten in dem Sinne eines Mannes, der sich hinsetzt, um aus seiner Phantasie eine Dichtung zu gebären, sondern es ist „Verwandlung“ — wie Goethe es selber nennt — der Naturwirklichkeit in eine Wirklichkeit höherer Ordnung. Daß die sinnfällige, alltägliche Wirklichkeit damit ausgelöscht sein und bleiben mußte, liegt auf der Hand. *
    Hier zu moralisieren würde, glaube ich, von geringem Werte sein. Eine Frau, die dem Dichter in seinen jungen Jahren so vertraut war wie sonst vielleicht nur seine früh gestorbene Schwester und die namentlich das Verhältnis zu Lili von Anfang bis zu Ende als Vertraute beider Teile und als Vermittlerin erlebt hat, Johanna Fahlmer, schreibt: „Goethe kann gut und brav, auch groß sein, nur in Liebe ist er nicht   r e i n   und dazu wirklich nicht groß genug. Er hat zu viele Mischungen in sich; die wirren; und da kann er die Seite, wo eigentlich Liebe ruht, nicht blank und eben lassen.“ Einem Fräulein Johanna Fahlmer mußte natürlicherweise die Liebe sich in einer anderen Perspektive zeigen als einem Goethe; sie wurde die brave Gattin seines Schwagers und eine gute Mutter; ähnlich wie sie haben seitdem Tausende geurteilt. Weder das Verhältnis zu Charlotte von Stein noch dasjenige zu Christiane Vulpius — und das sind der Zeitdauer nach bemessen die zwei großen Liebesverhältnisse seines Lebens — wirkt rein harmonisch; in beiden Fällen macht sich eine eigentümliche Gewaltsamkeit bemerkbar. Die allzu große Nähe eines Weibes als eines seinem Wesen nach völlig konkreten, im Einzelnen und im Augenblick aufgehenden Geschöpfes konnte nicht anders als verwirrend auf einen Mann wirken, der, insofern

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die leidenschaftliche Anschauung in ihm vorwog, jähem Wechsel unterworfen war und, insofern die sinnende Phantasie die Oberhand gewann, im einzelnen Augenblick und im einzelnen Wesen das Allgemeine, die ewige Idee zu erfassen trachtete. Wir wären geneigt, Johanna Fahlmer für eine gute Prophetin zu halten, wenn sie nach dem Angeführten hinzugefügt: „Goethe ist nicht glücklich und kann schwerlich glücklich sein.“ Glücklich in dem Sinne wie diese vortreffliche und kluge Frau es meinte, ist er gewiß nie geworden. Lili, mit der sie ihn so gern verheiratet hätte, wäre wert gewesen, eines bedeutenden Mannes Gattin zu werden. Doch wie sollte man einem Goethe den Besitz eines solchen Glückes wünschen können? Hätte eine derartige Frau das Schicksal auf sich nehmen können, für welches die herzensgute Christiane wie geschaffen war? Der Zwiespalt entsteht schon in Goethe's eigenem Innern aus dem unausbleiblichen Widerstreit zwischen dem leibhaftig vorhandenen Goethe und dem Goethe, dessen hohe Idee wie eine mit Augen erblickte Traumgestalt ihm stets voranschwebt, „kaum augenblickliches Vergessen zulassend“. Gleich zu Beginn dieses Kapitels erkannten wir: was die Menschen bei Goethe als Harmonie preisen, ist ein täglich neugewonnener Sieg über sich selbst; daher wohl das bemerkenswerte Geständnis aus dem Jahre 1813: „Warum sollte ich mir nicht sagen, daß ich immer mehr zu den Menschen gehöre,   i n   denen man gern leben mag,   m i t   denen zu leben es aber nicht erfreulich ist.“ Nun denke man sich an der Seite dieses Goethe eine edle Gattin! Schnell wäre sie für ihn ebenso Idee geworden wie er sich selber; der Widerstreit der Empfindungen zwischen dem Allgemeinen und dem Zufälligen, zwischen dem Ewigen und dem Zeitlichen wäre unentwirrbar verwickelt, bald gewiß unerträglich geworden; es ist gar nicht anders möglich. „Jede Idee verliert, wenn sie real wird, ihre Würde“, sagt Goethe. Und mag denn auch bei Goethe die eine zunächst gegebene Wirklichkeit, wie die brave Fahlmer meinte, „nicht groß genug“ gewesen sein, war denn die andere, höhere Wirklichkeit nicht eine so vollendete, daß man sich vergeblich nach Ähnlichem umsieht? War es nicht gelebte, fast allumfassende Wahrheitsdichtung, Zeitliches und Ewiges, Leidenschaft und geklärteste Besinnung zu einer Einheit verknüpfend? Die bedeutendste aller Dichtungen Goethe's ist fraglos sein eigenes Leben. Und es darf

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wohl ohne Künstlichkeit vorausgesetzt werden, die Liebe sei in diesem an ihrem rechten Platze gewesen.
    Was am Schlusse des ersten Kapitels über Goethe und die Liebe gesagt wurde, will ich nicht wiederholen; ich bitte aber den Leser, es wieder nachzuschlagen (S. 79 fg.), er wird es jetzt besser verstehen. Nur das eine sei ein zweites Mal, und zwar mit größerer Energie betont: das Wort von dem „ewig Weiblichen“, das wir alle Tage zu hören verdammt sind, hat Goethe niemals gesprochen, vielmehr handelt es sich um die unerträgliche Trivialisierung eines großen Lebensgedankens. * Goethe hat Ewig mit großem E geschrieben: dieses Ewig-weibliche soll besagen, daß hier vom Vergänglich-weiblichen — also von der äußeren Erscheinung im Weibe — nicht die Rede ist. Sich selbst und die Welt begreift der Mensch einerseits durch die Bildung von Ideen, andrerseits durch die Liebe; das sind die beiden Wege, die ihn über ein stumpfes tierisches Dasein hinausführen. „Idee“ und „Liebe“ bezeichnet Goethe in einem seiner Prosasprüche als das geheimnisvolle „Etwas, was weit über Zeit und Raum hinausgeht und ohne welches wir weder tun noch wirken könnten“; und im Divan heißt es:

Mir bleibt genug! Es bleibt Idee und Liebe!

In der Tat, was den Menschen zum „Menschen“ erst macht, ist, wie wir seit Plato wissen, die schöpferische Befähigung seiner Vernunft, Ideen zu bilden; auch der aller Phantasterei abholde, streng exakte Mathematiker des heutigen Tages muß bekennen: Les idées sont le fondement même de la réalité, Lebensatem jedoch, Seele, pulsierendes Dasein erhält diese „Realität“ erst, wenn sich zu der auferbauenden Architektonik der Ideenbildung die zeugende Triebfeder der Liebe gesellt:

    die allmächtige Liebe,
Die alles bildet, alles hegt.

Während nun die Erschaffung gestaltender Ideen als ein charakteristisch männliches Prinzip erkannt werden muß, empfindet Goethe das Begreifen durch die Liebe als ein weibliches. Wiederum haben wir zwei entgegengesetzte Enden des Menschengemütes vor

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Augen, und wiederum ist für Goethe bezeichnend, daß er beide gleich stark empfindet, erlebt, betätigt. Zu allen Lebenszeiten und auf allen den vielfachen Gebieten, die ihm Anteil abgewannen, finden wir bei ihm die starke Betonung der reinen Idee; die Idee, sagt er an verschiedenen Stellen, sei „das Organ“, mit dem er die Erscheinungen erfasse; „die Idee muß über dem Ganzen walten“; zugleich aber betont er stets als das unentbehrliche Element für sein schöpferisches Ideenbilden den Enthusiasmus, die Liebe. Auf die Bedeutung der „Idee“ bei Goethe kommen wir noch oft zurück, denn Schritt für Schritt werden wir ihr begegnen; doch war, wie man sieht, der Gott der Liebe ihm ebenfalls allgegenwärtig; noch in herbis et lapidibus, in den Kräutern des Waldes und den von ihm so fleißig „geklopften“ Steinen, glaubt er ihn zu erblicken. Hier ist die Verwandtschaft mit dem Wesen des Weibes offenbar: durch Liebe (nicht durch Erkenntnis) begreifen, aus Liebe (nicht aus Überlegung) handeln, ist weiblich; insofern ist man gewiß berechtigt, in Goethe's Wesen ein weibliches Element zu betonen. Wir entdecken das auch in seiner Liebe zu Weibern, die nicht (wie so oft bei bedeutenden Männern) gedankenhaft überspannt ist, auch nicht gewaltsam und herrisch, vielmehr an jeder sinnlich wahrgenommenen Einzelheit sinnig haftet und stets das Geliebtwerdenwollen mehr als die männliche Besitzesbegier betont: „Ich habe mein ganzes Leben lang einen idealischen Wunsch gehabt, wie ich geliebt sein möchte.“ Doch folgt bei Goethe auf diese erste Stufe der unvermittelten Liebesregung eine Zwischenstufe losgelöster, leidenschaftsbarer Besinnung; und dies dürfen wir als so durchaus fremd dem weiblichen Gemüte bezeichnen, daß wir uns zweifelnd fragen müssen, ob selbst vereinzelte Frauen befähigt sein können, Goethen hier nach seinem Werte gerecht zu werden. Und erst von dieser zweiten Stufe aus wird die dritte erreicht, diejenige, wo die Liebe — die zunächst nur der Zauber eines einzelnen, zu glücklicher Stunde erblickten Wesens gewesen war — auf der selben Stufe erfaßt wird wie die „Idee“, wo sie, heißt das, nicht mehr bloß als Triebfeder begeistert, sondern als erfüllende, allgemeine, überpersönliche Erkenntnis beglückt, nicht jedoch abstrakt, sondern in der Verklärung eines aus der zeitlichen Bedingtheit zu ewiger Bedeutung poetisch geläuterten Weibes. Das ist die letzte und die höchste

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jener Rückverwandlungen, die Schiller staunend an Goethe wahrgenommen hatte: erst das Angeschaute zu einem Gedanken geworden, dann wieder „rückwärts Begriffe in Intuitionen umgesetzt und Gedanken in Gefühle verwandelt (S. 95); das erhabene Weltprinzip der Liebe, alles Vergänglichen, alles dessen also, woran man im gewöhnlichen Leben denkt, wenn man „weiblich“ sagt, entkleidet, und nun — die Krone aller Weisheit — in seinem wahren Urwesen als ein Ewiges, der Idee Verwandtes erkannt. Mit diesem Worte, das „Ewig-weibliche“, beschreibt Goethe das Heiligste, was — weltentnommen — er im eigenen Herzen — weltentronnen — trug und von dort aus sonnengleich über das Erschaffene zurückstrahlte.

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Die Freundschaft

    In das innerste Wesen von Goethe's Lieben suchten wir einzudringen; den Kern allein wollten wir uns herausholen; wie man gesehen hat, es führte uns diese Untersuchung bis an den Mittelpunkt der Persönlichkeit. Nun wollen wir verschiedene andere Wege einschlagen, geeignet, unsere Kenntnis dieser Persönlichkeit zu erweitern.
    An die Betrachtung der Liebe gliedert sich ungezwungen die der Freundschaft, sowie überhaupt des Umgangs mit Menschen; Analogie und Gegensätzlichkeit dienen zur beiderseitigen Aufhellung. Goethe's Beziehungen zu Männern, ebenso auch zu befreundeten Frauen sind so zahlreich, ihre Tragweite für sein Leben ist so bedeutend, daß sie als Gesamterscheinung die Aufmerksamkeit fesseln und in einzelnen Fällen eingehendes Betrachten verdienen, wenn auch hier — ebenso wie bei der Besprechung der Liebe — nicht ein biographisches Herzählen, sondern einzig die Aufdeckung eigenartiger Anlagen der Persönlichkeit bezweckt wird.
    Von Jugend auf ist das grenzenlose Bedürfnis Goethe's nach Umgang mit Menschen auffallend. „Geselligkeit lag in meiner Natur“, gesteht er. Besondere Bedeutung erhält jedoch dieses Bedürfnis nach Menschen, welches sonst trivial erscheinen könnte, erst, wenn wir an die resolute Abkehr von der Welt nach der italieni-

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schen Reise denken, eine Abkehr, die sich schon zehn Jahre früher als sehnsüchtiges Streben nachweisen läßt: „Die eisernen Reifen, mit denen mein Herz eingefaßt wird, treiben sich täglich fester an, daß endlich gar nichts mehr durchrinnen wird.“ Ja, wie wir entdecken werden, gab sich Goethe um so ungezwungener dem Verkehr mit Menschen hin, je sicherer er dem eigenen, scheidenden Herzenspanzer trauen konnte:

    Bedenkt! es lebt kein Mensch
Für sich allein; er muß viel andere sehn,
Und unter diesen sind der Toren viel:
Die lernt man dulden, wenn sie brauchbar sind.

Den ganzen Tag über ist er kaum je allein. Während er noch zu Bette liegt, tritt der Sekretär zu ihm ein; er diktiert beim Anziehen, er diktiert im Bade; er empfängt Fremde vormittags, Freunde zum Mittagstisch, lädt sich Diesen oder Jenen zur Nachmittagsfahrt ein. Ehe er ein Amt erhält, sehen wir ihn von klein auf stets in einem vielfachen Strudel der Geselligkeit; in den Weimarer Amtsjahren nimmt er fast jede Mahlzeit außer dem Hause ein und ist abends selten daheim; in Rom teilt er die Wohnung — manchmal sogar das Schlafzimmer — mit seinen lieben Künstlern; später wächst mit den Geschäften, den Studien, den Liebhabereien die Zahl der Beziehungen. Muß er zufällig einmal außerhalb der Arbeitsstunden allein bleiben, so stellt sich sofort unerträgliche Langeweile ein; „die sechzehn Stunden des Tages“, sagt er, „haben eine furchtbare Länge“; zieht er sich unter dem erschütternden Eindruck des jähen Todes Carl August's (1828) wirklich mit nur einem Sekretär nach Dornburg zurück, so versteht er es, fast täglich zahlreichen Besuch herbeizulocken.... In seinen letzten Jahren hat er außer der vollen Familientafel den täglichen Besuch durchreisender Fremden, weswegen August Goethe 1829 seufzt, seines Vaters Haus „gleiche wirklich einem Gasthofe“; dazu kommt noch ein kleiner Hofstaat näherer Freunde, die ohne Weiteres Zutritt haben und von denen sich alltäglich mehrere — früh, mittags und abends — einfinden. Goethe selbst bezeichnet einmal sein Leben in diesen letzten Jahren als „einen wahren Hexentumultkreis“. Erwägt man nun, daß diesem Manne schon in der Jugend „die Kluft zwischen sich und denen

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Menschen so graß in die Augen fiel“ und er sich von Gott „Ruhe vor den Menschen, mit denen er doch nichts zu teilen habe“, erbat, so reizt dieser unleugbare Widerspruch zu nachdrücklichem Aufmerken an.
    Als die eine Wurzel des auffallenden Verlangens nach Menschennähe nenne ich zuerst ein Bedürfnis, seine Kraft zu üben und sich im Anprall gegen Andere Anregung zu holen; im Gegensatz zu Sinnen und Brüten mutet es wie ein freudiges Funkenschlagen an. Dahinter verbirgt sich aber eine weit tiefer liegende Bedeutung: früh ein Instinkt und später eine Überzeugung, daß der einzelne Mensch nur ein Bruchstück ist und, wenn einsam, ein Wrack, wogegen der Mensch als Gesamterscheinung kosmische Bedeutung besitzt. „Die Menschheit zusammen ist erst der wahre Mensch, und der Einzelne kann nur froh und glücklich sein, wenn er den Mut hat, sich im Ganzen zu fühlen.“ „Nur sämtliche Menschen leben das Menschliche.“ „Die ganze Menschheit ist kaum hinreichend, sich aus sich selbst aufzuerbauen.“ Goethe, der Mann, der sich von der italienischen Reise an hinter einen hohen Schutzwall zurückzieht (S. 61), um sich einzig der Ausbildung seiner eigenen Persönlichkeit zu widmen, empfindet nichtsdestoweniger die unabweisbare Nötigung, in die ganze Menschheit aufzugehen, mit ihr zu verschmelzen. Hier berühren wir einen Punkt, der erst im 6. Kapitel eingehendere Erörterung finden kann, der aber bei dem subjektiven Bedürfnis nach regem Menschenverkehr zu bedeutungsvoll ist, um an dieser Stelle unerwähnt bleiben zu dürfen.
    Eine zweite Wurzel dieses Bedürfnisses bildet (wie schon angedeutet) ein eigentümlich weiblicher Zug im Wesen Goethe's: das Verlangen, sich an Andere anzulehnen, eine Verzagtheit, wenn er dies nicht kann. Sich selbst gegenüber besitzt Goethe immer das Gefühl eines schutzbedürftigen Embryos. „Ich bin immer das neugeborene Kind“, gesteht er noch im späten Alter; wozu der Wahlspruch aus früher Jugend stimmt: „Wir müssen nichts   s e i n,   sondern alles   w e r d e n   wollen“; er selber ist immer ein Werdender und bedarf daher mütterlicher Fürsorge. Selbst seinen aus Frankfurt mitgebrachten Amanuensis und Diener Seidel bezeichnet er als „Schutzgeist“; an Charlotte von Stein schreibt er, als er sich (1784) auf einer seiner diplomatischen Reisen befindet: „Ohne dich

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kann ich nicht bestehen.... Ich bin kein einzelnes, kein selbständiges Wesen. Alle meine Schwächen habe ich an Dich angelehnt, meine weichen Seiten durch Dich beschützt, meine Lücken durch Dich ausgefüllt“; wie Christiane ihn 1806 gegen die französischen Soldaten beschirmen mußte, ist allbekannt — er selber war fassungslos. * Dem großen Manne bleibt eine eigenartige Unbeholfenheit zeitlebens eigen. Noch im kräftigen Alter, wagt er es nicht, die Reise nach Berlin zu unternehmen: „Schon seit mehreren Jahren habe ich ein ,gewisses Kleben am Wohnort, das vorzüglich daraus entspringt, weil in mir noch so viel Aufgeregtes und doch Unausgebildetes liegt ¹). Da habe ich das ganze Jahr zu tun, um nur hie und da ins Klare zu kommen, meine Gesundheits- und die Zeitumstände nicht mitgerechnet.“ Und doch war seine Sehnsucht, die Gesangsaufführungen unter Zelter zu erleben, so groß, daß er meinte, erst dadurch würde er „zum wahren Lebensgenuß gelangen“. Wäre der richtige Mensch zur Hand gewesen, an den sich Goethe zur Ausführung dieses Lebenswunsches hätte „anlehnen“ können, er wäre ohne Zweifel des Genusses teilhaftig geworden, und wer will die Bedeutung für sein Innenleben ermessen? Wer durch einige Beispiele aufmerksam gemacht worden ist, wird auf Schritt und Tritt diesem Anlehnungsbedürfnis bei Goethe begegnen.
    Das unersättliche Verlangen nach Menschenumgang weist aber noch eine dritte Wurzel auf, und vielleicht ist diese von allen die stärkste: nicht bloß seine Schwäche lehnt Goethe an andere an, auch seine Kraft; er versteht es meisterlich, Andere für sich arbeiten zu lassen. Es ist dies eines der Geheimnisse seiner unerhörten Leistungen. Wie ein genialer König bis weit hinunter in der Hierarchie seine Leute selbst wählt, hinstellt, wo sie hingehören, im Auge hält, durch Drohungen antreibt, durch Ehrungen belohnt: ebenso Goethe. Über seinen Aufenthalt in Rom schreibt er: „Dadurch, daß ich einige Künstler immer mit mir leben ließ, habe ich zugleich Lehrer, Freunde und Diener erworben.“ Dieses Wort können wir auf sein ganzes Leben ausdehnen: Lehrer, die zugleich seine Diener waren, und die er — wo sie widerspenstig wurden — durch hundert Mittel an sich zu ketten wußte, hat Goethe immer um sich gehabt; einige wurden auch Freunde. Als Student schon verschafften ihm
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    ¹) „Aufgeregt“ hier im Sinne von   a n g e r e g t   (vergl. Sanders).

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reichere Mittel sowie der Zauber seines Umgangs vielseitige Hilfe Anderer; später, als Minister und als Oberleiter umfangreicher wissenschaftlicher Sammlungen, verfügte er nah und fern über nicht unbedeutenden Einfluß; zuletzt kam das Gewicht seines bloßen Namens hinzu. Einige Beispiele. Als Goethe sich für Geologie zu interessieren beginnt, läßt er sich alles vorarbeiten: ein gehörig ausgebildeter jüngerer Fachmann wird auf Landeskosten verschrieben, bereist Thüringen die Kreuz und Quer, legt für das herzogliche Kabinett und zugleich für Goethe's Privatsammlung die vollständige Gesteinsfolge an, ergründet genau die Hauptlinien des geologischen Aufbaues sowie die mineralogischen Vorkommnisse, und als dies geschehen, führt er seinen Vorgesetzten an die lehrreichsten Orte, wo in die stets verwickelten Verhältnisse des Erdrindenbaues am schnellsten Einblick gewonnen wird. Auf diese Weise erhält der von Natur genial zusammenfassende Geist in kürzester Zeit und trotz der übrigen Arbeitslast nicht eine dilettantenhaft verallgemeinernde, sondern eine an tatsächlichen Anschauungen reiche, wohlbegründete Kenntnis der Geologie seines Wahlvaterlandes und damit zugleich eine feste Grundlage für alle spätere Betätigung auf diesem Gebiete. Ohne die dienende Beihülfe eines Fachmannes wäre er dazu unfähig gewesen; in einem Brief sagt er ausdrücklich, es sei ihm, ehe er die Hülfe dieses Lehrer-Dieners gewonnen habe, nicht gelungen, die Namen der Körper zu bestimmen „noch auch gewisse andere bestimmte Begriffe zusammenzubringen“. Bei allen seinen naturwissenschaftlichen Studien ist er ähnlich verfahren. Für die spezielle Geognosie des Bergbaues war es ein anderer, Voigt (Bruder des im ersten Kapitel genannten), der die Lehrerdienste sowohl an Ort und Stelle wie bei der Ordnung der „Stufen“ im sorglich bereiteten Schranke übernahm; bei der Botanik hatte er Hofgärtner, Hofapotheker und Universitätsprofessoren zur Verfügung und nahm sogar auf Reisen einen jungen Kräutersammler mit, da er selber im „Analysieren“ der Pflanzen — nämlich im Bestimmen von Gattung und Art — es nie zu einiger Fertigkeit hat bringen können. Zu seiner eingehenden Kenntnis der Anatomie des menschlichen Körpers legte Goethe den Grund, indem er — mit einem von ihm erbetenen herzoglichen Auftrag ausgestattet — nach Jena reiste und sich dort acht Tage lang von früh bis Abend mit Professor

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Loder in den Seziersaal einschloß und an Leichen vordemonstrieren ließ. Einzig in der Farbenlehre hat er alles ab ovo selber erfunden — auch die Methode des Beobachtens und Experimentierens. Und wie in den Naturwissenschaften, so verfuhr er überall. So z. B. verstand er es, für die tagtäglich auftauchenden philologischen Fragen — grammatikalische, metrische, etymologische, literarische, mythologische — Riemer, einen Lieblingsschüler Friedrich August Wolf's, so an sich zu fesseln, erst als Hauslehrer seines Sohnes, dann als Sekretär, schließlich als Freund und Mitarbeiter, daß dieser nie mehr zur Fortsetzung der schon angetretenen Hochschullaufbahn kam! Riemer — dessen „tiefeindringende Sprachkenntnisse“ Goethe häufig bewundernd rühmt — ist an allen Hauptschriften der zweiten Lebenshälfte — namentlich an Dichtung und Wahrheit, an den Wanderjahren, am Faust II — hervorragend beteiligt, so daß Goethe von seiner Beihülfe aussagt, sie „sichere Klarheit und Übereinstimmung des Ausdrucks“; auch für jeden Brief, auf dessen Wortlaut Goethe besonderen Wert legt, wird Riemer's „grammatisch rhetorischer Beistand erbeten“. Mit der Sicherheit des praktischen Genies wußte Goethe sich seine Leute auszusuchen: seine Theaterleitung ruht auf den Schultern des unverdrießbaren Kirms, seine Jenaische Zeitschriftengründung auf denen Eichstädt's; die Sorge für die mineralogischen und geologischen Sammlungen übernahm der bis ins hohe Alter rührige Lenz. Christian Gottlob Voigt wurde schon im ersten Kapitel kurz erwähnt (S. 55); seine Verdienste erheischen jedoch stärkere Betonung. Bis an Voigt's 1819 erfolgten Tod hat Goethe in öffentlichen und auch in privaten Geschäften fast nichts beschlossen und durchgeführt ohne den Rat und die unausgesetzte Mitwirkung dieses verehrungswürdigen Mannes. „Durch Voigt's Freundschaft“, schreibt er, „ward es mir allein möglich, ein höchstbewegtes Leben ohne Anstoß fortzuführen, indem eine jede Stockung durch weise Leitung und Mitwirkung des erfahrensten und bestgesinnten Mannes sogleich beseitigt werden konnte“. Rückblickend auf seine Beamtenjahre in Weimar sagt Goethe von sich, er sei „eigentlich konstruktiv, nicht empirisch tätig gewesen“, denn er habe sich als „zum technischen   G e s c h ä f t   gleichsam untauglich“ erkennen müssen. In der Tat, das rein Amtliche in Goethe's Verpflichtungen blieb meistens Voigt zur Durchführung überlassen:

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er, nicht Goethe, führt den Vortrag in allen jenen akademischen Geschäften, deren Organisationsideen aus Goethe's Geiste hervorgingen; ihm, nicht Goethe, liegt die unendlich verwickelte Mühewaltung bei der Aktivierung des Bergbaues in Ilmenau ob, und als nach Jahren vergeblicher Arbeit der Betrieb aufgegeben werden muß, nimmt Goethe Voigt's Vorschlag dankbar an, zieht sich ganz zurück und überläßt dem Freund und Diener „alle das Unangenehme, was die Beendigung des Geschäfts mit sich führt“. Schon vor der italienischen Reise trug Voigt „den größten Teil der Geschäfte“; im Verlauf der Jahre wurde er für Goethe immer mehr „eine notwendige Bedingung seines eigenen Daseins“. Wie sich Goethe zu der umfangreichen Arbeit des Sammelns und Bearbeitens einer letzten Gesamtausgabe seiner Schriften die Dienste Eckermann's zu sichern wußte, ist allbekannt; er hätte nicht besser wählen können: nicht so gelehrt wie Riemer, nicht entfernt so bedeutend wie Schubarth, den zu gewinnen trotz aller Mühe nicht gelang, nicht so zart und klar wie Zauper, für den Goethe eine besondere Vorliebe zeigt, besaß Eckermann gerade das richtige Verhältnis von Selbständigkeit und Unselbständigkeit, von Unoriginalität und Anempfindungsgabe und war Goethen als „ein gar feiner und stiller Jüngling“ persönlich angenehm. Unter allen diesen Verhältnissen ragt jedoch das zu dem Schweizer Maler und Kunsthistoriker Johann Heinrich Meyer hervor; in ihm hat die Beziehung zu den „Lehrern, Dienern, Freunden“ den vollendeten Ausdruck gefunden. Verweilen wir darum hier einen Augenblick. Indem wir den Mann kennen lernen, der mit Goethe's Leben länger als irgend ein Anderer eng verknüpft blieb, gewinnen wir einen tiefen Einblick in Goethe's innerstes Wesen. Und zwar finden wir uns um so mehr dazu veranlaßt, als uns die Biographen im Stiche lassen; einigen gelingt das Kunststück, den Namen überhaupt nicht zu nennen, die anderen bringen so karg Unzulängliches, daß die Art und namentlich der Grad der Beziehungen unbegreiflich erscheint. Steigen wir also zu den Quellen.
    Goethe — der rhetorische Übertreibung stets Meidende — sagt selber von Meyer, als er erst seit kurzem mit ihm in Rom verkehrt: „Er hat eine himmlische Klarheit der Begriffe und eine englische Güte des Herzens. Er spricht niemals mit mir, ohne daß ich alles

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aufschreiben möchte, was er sagt; so bestimmt, richtig, die einzige wahre Linie beschreibend sind seine Worte.“ Später, als Goethe ihn zum Lebensgenossen gewonnen hatte, heißt es: „Ich habe das Glück, einen Freund in der Nähe zu besitzen, dessen reiche Erfindungskraft und geläuterter Geschmack gleichsam täglich eine neue Welt an meiner Seite erschafft, die mir den schönsten Stoff zum Nachdenken giebt.“ Gegen Schiller äußert er sich über ihn: „Es ist eine reine und treufortschreitende Natur, unschätzbar in jedem Sinne.“ Ein anderes Mal nennt er Meyer „eine schöne Zierde des Lebens für mich“ und schreibt an den Herzog, als einmal der Freund erkrankte: „Wenn er stirbt, so verliere ich einen Schatz, den wiederzufinden ich fürs ganze Leben verzweifle.“ Mehr vielleicht als alles andere besagen folgende zwei Stellen. In einem Brief an Jacobi redet Goethe von Schiller und Meyer als von „zwei Freunden, mit denen mich ein ähnliches, ja ich kann wohl sagen ein gleiches Interesse verbindet“; und gegen Wilhelm von Humboldt äußert er sich: „Wir drei (nämlich er selbst, Schiller und Meyer) haben uns nun so zusammen und ineinander gesprochen, daß bei den verschiedensten Richtungen unserer Naturen keine Diskrepanz mehr möglich ist, sondern eine gemeinschaftliche Arbeit nur um desto mannigfaltiger werden kann.“ Welcher Mann von Urteil wird bezweifeln, daß solche Ausdrücke auf mehr deuten als auf die Biederkeit, Treuherzigkeit, Bescheidenheit, von denen unsere Herren Literarhistoriker — im besten Falle — flüchtig und herablassend erzählen. * Auch Schiller — der so leicht schroff Urteilende — denkt anders über Meyer als die fachmännischen Schöngeister. Als er sich entschließt, sein Heim von Jena nach Weimar zu verlegen, nennt er nebst Goethe und dem Theater einzig „die Berührungen mit Meiern“ als entscheidenden Beweggrund; mehr als einmal sehen wir ihn im ästhetischen Meinungsaustausch Meyern seinem großen Freunde gegenüber Recht geben; und als Herder seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen ungünstig beurteilt, schöpft er „Trost“ aus Meyer's „bedeutender Stimme“; an Meyer richtet Schiller den schönsten Brief, den er jemals über Goethe geschrieben hat!
    Die Fähigkeit, in schöpferischem Schaffen jene „reiche Erfindungskraft“, die Goethe an ihm preist, zu betätigen, ging ihm

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allerdings ab; in weiser Selbsterkenntnis hat er dies bald eingesehen; dagegen erwarb er sich in nie erlahmendem Fleiße ungewöhnlich ausgedehnte historische Kenntnisse in bezug auf bildende Kunst, die nicht allein der Breite nach das Wissen seiner Zeit umfaßten, sondern namentlich reich an technischer Einsicht waren. Dank seinem Lehrer Füeßli, einem persönlichen Freunde Winckelmann's, knüpften Meyer's historische Studien unmittelbar an die echtesten Taten der damals erst zum Leben erwachenden Kunstgeschichte an. Somit besaß er ein gutes Urteil über das Was und Wie in all den tausend künstlerischen Fragen, die Goethe sein Lebenlang beschäftigten. In seiner Geschichte der bildenden Künste bei den Griechen und Römern und den später gesammelten Kleineren Schriften zur Kunstgeschichte hat er uns dauernde Zeugnisse seiner Kompetenz hinterlassen. So viel nur flüchtigst über den außerordentlichen Kunstkenner; der Wert des Freundes ist tiefer begründet.
    Den Kernpunkt dieser von Goethe und Schiller so hochgeschätzten Persönlichkeit hat Ersterer in der ihm eigenen Weise mit wenigen Worten aufgedeckt: Meyer, meint er, sei „in dem immerfort dauernden Streben begriffen, die Sachen   i n   s i c h,   und nicht, wie unsere lieben Landsleute,   s i c h   nur in den Sachen zu sehen“. Reine Objektivität — das Seltenste von der Welt — ist das unterscheidende Kennzeichen dieses Mannes, Goethe schreibt:   „G e w ö h n l i c h e s   Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge ist ein Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes;   r e i n e s   Anschauen des Äußern und Innern ist sehr selten.“ Nicht leidenschaftslos ist eine solche Natur — sonst erteilte ihr Schiller sicherlich nicht das Prädikat „bedeutend“, doch die Leidenschaft zehrt sich bei ihr in jenem „immerfort dauernden Streben“ auf, wogegen sie das Urteil unbeirrt sachlich und darum, wie Goethe einmal sagt, „vollkommen“ fällt. Ist es für Goethe bezeichnend, daß er bei jedem Menschen vor allem nach der Reinheit des Charakters forschte, so fand er hier dieses Erforderte in untadeliger Gestalt, daneben aber, wie man sieht, ein noch Selteneres: einen spiegelreinen Intellekt, der in unnachlässiger Selbstzucht sowohl dem Haß wie der Liebe allen Einfluß auf das Urteil verwehrt und der weder Eigensucht noch Eigenwillen noch Eigensinn kennt. Schon in sehr jungen Jahren hatte Goethe erkannt: „Liebe und Haß sind gar

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nahe verwandt und beide machen uns trüb sehen.“ Das schönste Zeugnis erhielt Meyer in dem Distichon „Der treue Spiegel“, das Schiller und Goethe mitten unter den sengenden Pfeilen ihrer Xenien diesem seltenen Freunde widmeten:

Reiner Bach, du entstellst nich