HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
GOETHE

ZWEITES KAPITEL

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Vorworte & Einleitung
Erstes Kapitel. DAS LEBEN
Zweites Kapitel. DIE PERSÖNLICHKEIT
Drittes Kapitel. DER PRAKTISCH TÄTIGE
Viertes Kapitel. DER NATURERFORSCHER
Fünftes Kapitel DER DICHTER
Sechstes Kapitel. DER WEISE
Anhang & Register




 
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ZWEITES KAPITEL

DIE PERSÖNLICHKEIT

Mein eigentliches Ich bleibt wie ein
ruhiger Kern in einer stachlichen
Schale für sich lebendig wirksam.
Goethe
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(Leere Seite)

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Der Mittelpunkt


Wollen wir die fast unlösbare Aufgabe, an die wir hier herantreten, mit einiger Hoffnung auf Erfolg in Angriff nehmen, so müssen wir sofort beherzt ins Innerste greifen. Wohl vermag es ein bildender Künstler von bedeutendem Genie, wenn ihn der Augenblick begünstigt, das Menschenantlitz so zu erfassen, daß es individuell bestimmt und zugleich unauskennbar inhaltreich vor uns erscheint; der Photograph hingegen versagt. Wollten wir nun etwa die Betrachtung der physischen Erscheinung voranstellen, um von dort schildernd ins Innere vorzudringen, es erginge uns wie dem Photographen: das Äußere stünde als Wall vor dem inneren Wesen. Denn in Wirklichkeit strahlt alles Leben von innen nach außen; das ist materiell der Fall beim Entstehen und Bestehen jedes Lebewesens und trifft nicht weniger bei geistiger Betrachtungsweise zu. Die unerforschliche künstlerische Gewalt einer Monna Lisa, eines Christus mit dem Zinsgroschen, eines Selbstbildnisses Rembrandt's oder Albrecht Dürer's wurzelt in der Tatsache, daß hier der Geist es ist, was den Leib gestaltet, daß wir nicht bloß eine virtuos gemalte Oberfläche erblicken, sondern diese Oberfläche als das Organ eines unsichtbaren Innern erkennen, geformt von ihm und bis in jede letzte Faser von ihm durchströmt. Ja, diese von innen ausstrahlende Gewalt reicht noch weiter. Wie Goethe bemerkt: „Alles Lebendige bildet eine Atmosphäre um sich her.“ Jeder weiß aus Erfahrung, wie subtil und zugleich zähanhaftend oft eine solche Atmosphäre ist, die ein Mensch von ausgesprochenem Charakter mit sich trägt; mag er auch schweigend zu uns getreten sein, sein Mikrokosmos hat auf den unseren anziehend oder abstoßend, einengend oder ausweitend, aufheiternd oder verdüsternd gewirkt. Beschreiben läßt sich dieser Eindruck der Persönlichkeit nicht, nur erleben. Schlagen wir aber die falsche Richtung ein, so bleibt ihre Atmosphäre — die einerseits als Abwehr, andrerseits als überleitende Vermittelung zwischen Individuum und Umgebung dient — unbeachtet, und unser Blick prallt, roh wie ein geschleuderter Stein, gegen die fremde Gestalt an, sie allenfalls analytisch zerschellend, nicht aber sie durchdringend. Selbst in der Welt der blindstürmenden Naturkräfte hat die Forschung des letzten Jahrhunderts gezeigt, daß es bestimmte

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R i c h t u n g e n   des Geschehens gibt, Richtungen, die sich nicht umkehren lassen; wie viel mehr muß es bei einem lebendigen Wesen darauf ankommen, die Richtung zu kennen, in der sein Dasein sich entfaltet! Man kann — wenn's glückt — bei einer Persönlichkeit von innen nach außen durchdringen; von außen nach innen zu ist es unmöglich.
    Im entschiedensten Gegensatz zu den Göttern des hellenischen Olymps, wo jede einzelne Gestalt einen einzigen Zug des menschlichen Wesens verkörpert und dadurch jene große innere Ruhe eines, wenn auch bewegten, so doch eindeutigen Daseins gewinnt, bildet den Mittelpunkt der intellektuellen und moralischen Persönlichkeit Goethe's eine zwiespältige Anlage, eine Anlage, aus welcher mit Notwendigkeit, wenn nicht gerade logische Widersprüche, so doch einander widerstreitende Gegensätze überall hervorgehen — im Fühlen, im Denken, im Handeln, im künstlerischen Erschaffen. Goethe kann nicht anders; auf Schritt und Tritt muß er mit sich selbst in Widerstreit geraten, das heißt, er muß die überzeugende Kraft entgegengesetzter Meinungen, Wünsche, Ideale in sich und an sich erleben. In einem gewissen Grade mag dies allgemein menschlich sein; das bleibe dahingestellt; jedenfalls ist selten einem Manne das Gesetz der inneren Gegensätzlichkeit von Geburt an so tief eingeprägt gewesen und hat selten einer in so redlicher Objektivität überall den beiden Erscheinungsformen seines Wesens Pflege, Entfaltung, Ausdruck gegönnt.
    „Der böse Mensch mit dem guten Herzen“, sagt von ihm im halben Scherz eine Jugendfreundin; und er selbst berichtet mit 30 Jahren über sich: „Ich bin wie immer der nachdenkliche Leichtsinn und die warme Kälte.“ Wollte man die Leidenschaftlichkeit und die Gelassenheit als entgegengesetzte Temperamente verschieden gearteter Menschen bezeichnen, bei Goethe käme man damit nicht weit. Denn einerseits besitzt er eine verzehrende Leidenschaftlichkeit, eine „unbezwinglich-haftende“, wie es in Werther heißt, dazu auch alle Nebenerscheinungen des ausgesprochen leidenschaftlichen Temperamentes — das Verworrene, Zielunbewußte, in falschen Richtungen eigensinnig Beharrende, und dann wiederum als Reaktion das Dumpfe, Resignierte derjenigen Menschen, bei denen das Herz über die Erkenntnis vorherrscht; noch im hohen Alter, als er schon seit

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50 Jahren bestrebt gewesen ist, Allen, die an ihn herantreten, diese Tatsache zu verbergen, gesteht er einem nahen Freunde: „Die große Erregbarkeit ist's, die mir Gefahr bringt.“ Nichtsdestoweniger ist nicht bloß äußere Selbstbeherrschung und unerschöpfliche Geduld, sondern tiefinnerer Frieden, bedingungslose Ergebenheit in „das liebe unsichtbare Ding, das ihn leitet und schult“, ein weit bemerkenswerterer Zug in Goethe's Charakter als der angebliche Sturm und Drang, von dem man so viel Wesens macht und der doch aller Jugend gemeinsam ist. Das ist es, was Goethe die   D e m u t   nennt. Schon mit 19 Jahren hören wir es, „demütig ohne Niedergeschlagenheit“; und häufig kehrt der Ausdruck wieder, so z. B. aus Rom: „Alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demut wandle“. Bis in die letzten Tiefen blickt Derjenige, der zu sehen gelernt hat, wenn er im Tagebuch dem Bekenntnis einer „demütigen Selbstgefälligkeit“ begegnet. Nie vielleicht findet diese Antithese des Gemüts einen ergreifenderen Ausdruck als in der ersten Weimarer Zeit, um das 30. Lebensjahr herum; aus dieser Periode heraufdunkelnder höchster Gefahr liegen Geständnisse vor: „Ich bin unbekannt mit dem Augenblick, dunkel über mich selbst“, und: „Ich begreife immer weniger, was ich bin und was ich soll“; fast im selben Atemzuge aber heißt es: „Ich komme diesmal gesund, ohne Leidenschaft, ohne Verworrenheit, ohne dumpfes Treiben, sondern wie ein von Gott geliebter...“ Also im selben Augenblick verworren und klar, verzagt und zuversichtlich.
    Hiermit will ich nichts weiter als einen einleitenden Akkord angeschlagen haben. Ehe wir nun diese Gegensätzlichkeit weiter ins Einzelne verfolgen, wird es ratsam sein, uns nach einem begrifflich genau bestimmbaren Punkt umzusehen, wo unsere Gedanken Fuß fassen können.
    Wir pflegen zwischen Menschen zu unterscheiden, deren Lebensbetätigung vorzüglich im Anschauen wurzelt, und solchen, bei denen das Denken vorherrscht; in der Tat betrifft diese Unterscheidung den Mittelpunkt der Persönlichkeit, wie wir sie in ihrem physischen, moralischen und intellektuellen Wesen gewahr werden. Die eine Anlage führt zu unmittelbarer Wechselwirkung zwischen der äußeren und der inneren Welt, zu Unbefangenheit, Spontaneität, zur lebhaft richtigen Schätzung und Einschätzung des Einzelnen,

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Gegebenen, zu leichter Wirksamkeit im Bunde mit Anderen, zu einer gegenständlichen Wissenschaft und farbenfrohen Kunst, zu naivem Glauben oder heiterer Skepsis; die andere wendet mehr Bewußtsein auf die Ausbildung des Innern, mit Pascal meint sie: Toute la dignité de l'homme est en la pensée, sie macht befangener, aber auch besonnener, Melancholie liegt ihr näher als sanguinische Hoffnung, sie leitet über auf das Allgemeine, lehrt im Einzelnen das Symbol großer Zusammenhänge erkennen, will für alles Handeln, Schaffen, Glauben das Gesetz des Warum, Woher, Wohin ausforschen; sie schenkt Geduld und entscheidet gern im bejahenden oder verneinenden Sinne die letzten Fragen; in der Wissenschaft scheut sie sich nicht vor Hypothesen und in der Religion nicht vor Dogmen; in der Poesie vermag sie es, einen Milton und einen Schiller zu zeitigen. Einseitig wie alle Verallgemeinerungen, aber immerhin richtunggebend und insofern zu guten Gedanken anregend, wäre es, wenn wir die erste Richtung die eigentlich künstlerische, die zweite die eigentlich philosophische nennen wollten. Daß ungezählte Menschen zu keiner der beiden Richtungen gerechnet werden können, tut nichts zur Sache; daß andere sich mehr oder weniger nahe der Trennungslinie bewegen, so daß sie von beiden Seiten etwas abbekommen und keiner in charakteristischer Weise angehören, ficht uns hier ebenso wenig an; keine derartige Scheidung besitzt absoluten Wert. Von Belang ist für uns im Augenblick einzig die Tatsache, daß es außer der Masse der nicht näher bestimmbaren Menschen viele gibt, die ihrem ganzen Wesen nach scharf ausgesprochene Anlagen besitzen, nach denen sie vorzugsweise zum Anschauen oder aber vorzugsweise zum Denken organisiert erscheinen. Denn was Goethe's Persönlichkeit zu einer seltenen stempelt, ist der Umstand, daß sie die beiden äußersten und insofern sich widersprechenden Anlagen zu einer gelebten Einheit verknüpft. Nicht in dem Sinne, als ob dieser gewaltige Intellekt genau in der Mitte stünde und sich nach beiden Seiten hin erstreckte, gleichsam alles Menschliche zu einem Einklang zusammenfassend; im Gegenteil, gerade das Mittelgebiet fehlt bei ihm. „Unseliges Schicksal, das mir keinen Mittelzustand erlauben will!“ ruft er selbst einmal aus. Könnten wir einer vergleichenden Aburteilung Bedeutung zusprechen, wir müßten sagen: dies ist die Lücke,

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die nicht wegzuleugnende Lücke in Goethe's Wesen. Was wir bei ihm finden, ist eine verzehrend-leidenschaftliche, spontan-schöpferische Kraft der unmittelbaren Anschauung und zugleich eine ununterbrochen wirkende, vollendet besonnene Denkgewalt, welche die Geschichte nötigen wird, Goethe zu den größten Denkern der Menschheit zu rechnen. Zwischen diesen beiden Anlagen vermittelt bei ihm nichts, nichts als ein Wille, der die Kraft besitzt, aus beiden Enden einen Knoten zu schlagen und über das, was er die „Reinheit“ nennt — nämlich die unumwundene, unbeeinflußte, durch keinen Kompromiß entwertete Selbstbehauptung jeder der zwei Seelen — sorgsam zu wachen. Ich weiß, diese Einsicht zerstört die Legende von dem „harmonischen“ Goethe. Ach, könnten wir doch ein Massengrab graben, um alle diese hohlen, heuchlerischen, erlogenen — kurz, dummen Phrasen hineinzuscharren! „Ich wünschte, ich käme mir selbst so harmonisch vor!“ seufzt der arme große Mann, als diese billigste aller abgedroschenen Redensarten auch sein Ohr verletzend berührt. Die moralische Größe Goethe's besteht darin, daß er die wild auseinanderstrebenden „Seelenrosse“ (wie er sie einmal in Anlehnung an Plato nennt) zu bändigen und einen bestimmten Weg zu lenken weiß, daß er die verschiedenen Elemente seiner Natur fest und zugleich freundlich zu beherrschen, gerecht gegeneinander auszuspielen vermag; hierdurch gelingt es ihm, die Zertrümmerung der Persönlichkeit — die vor und in Italien drohte — abzuwehren und eine Eurhythmie der Kräfte auszubilden, die sie höher und immer höher hinanträgt. Will man dies Harmonie nennen, so übersehe man nicht, daß Goethe selber das, was man uns bequemen Zuschauern so oratorisch wohltuend als „Harmonie“ anzupreisen beliebt, bis zuletzt mit Herzblut bezahlen mußte. Mit 66 Jahren — rückblickend auf sein Seelenleben — nennt er sich „eine seltsame Persönlichkeit, die mit sich selbst nicht einig werden konnte“. Hier will ich nur an die Rückkehr aus Italien und an den Verzicht auf Ulrike von Levetzow erinnern, könnte aber zahlreiche Belege aus verschiedenen Lebenszeiten bringen, wenn ich schon jetzt Verständnis für das innere Leben Goethe's voraussetzen dürfte — für jenes Leben, von dem er selber bezeugt, es „schwebe zwischen Behagen und Mißbehagen in ewig klingender Existenz“.

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    Versuchen wir nun, diese aus dem Innersten hervorbrechende, schmerzhaften Widerstreit bedingende Gegensätzlichkeit genau zu bestimmen.
    Goethe, der Mann, bei dem „alles Blick ist“, dürfte jedem mehr oder weniger vertraut sein. Er redet in Bildern und dichtet Bilder. Immer handelt es sich Schritt für Schritt um ein Gesehenes, und zwar um ein so deutlich genau und so wohl abgewogen Gesehenes, daß es nicht bloß ein Bild, sondern ein Gemälde ergibt — es ist also (in Goethe's Sprache ausgedrückt) nicht bloß gesehen, sondern geschaut. Niemand kann Goethe gelesen haben, ohne das zu bemerken; er macht selbst die Blinden sehend. Auch wissen alle um seine Entdeckungen in der Knochenkunde, um seine Beschäftigung mit Pflanzen und Steinen, um seine vierzig Jahre lang betriebenen Versuche über die Farben: alles in erster Reihe Betätigungen des anschauenden Menschen. Außerdem haben manche hierhergehörige Aussprüche eine solche Verbreitung gefunden, daß sie gewiß Jedem zu Gehör gekommen sind, z. B. das Wort aus Dichtung und Wahrheit: „Das Auge war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt faßte“, und die herrliche Briefstelle: „Ich bin nun einmal einer der Ephesischen Goldschmiede, der sein ganzes Leben im Anschauen und Anstaunen und Verehrung des wunderwürdigen Tempels der Göttin und in Nachbildung ihrer geheimnisvollen Gestalten zugebracht hat.“ Es ließen sich leicht hundert Äußerungen zur Bekräftigung nachtragen; eine durchdringende Sehnsucht spricht sich in folgender aus: „Ich glaube, der Mensch träumt nur, damit er nicht aufhöre zu sehen.“ Man denkt an Giordano Bruno's Schilderung seines heroisch Weisen: non piu vegga come per forami et per fenestre la sua Diana, ma havendo gittate le muragla à terra, é tutto occhio!
    Weniger bekannt ist Goethe, der Denker. Zwar liegt es auf der Hand, daß Dichtungen wie Wilhelm Meister oder Faust voll tiefer Gedanken sein müssen; Worte Goethe's über sittliche, gesellschaftliche, religiöse Fragen aus Iphigenie, Tasso, Faust sind in Aller Mund, auch gehören Aussprüche aus Gott und Welt, aus den Orphischen Urworten usw., welche in Abgründe mystisch-philosophischer Erkenntnisse blicken lassen, bereits zum Gemeingut kultivierter Deutschredenden. Nichtsdestoweniger wird es die Mehr-

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zahl befremden, wenn sie der Behauptung begegnen, bei Goethe sei das Denken — das spezifische, grübelnde, theoretisierende Denken zugleich mit allen den besonderen Anlagen des Charakters und des Gemütes, die einer solchen Begabung eigen sind — in hohem Maße ausgebildet. Und dennoch ist das der Fall und liegt hier der Schlüssel zum Verständnis seines Lebens und Schaffens. Mit 22 Jahren schreibt Goethe an Salzmann: „Wie gewöhnlich, mehr   g e d a c h t   als getan“, und ein Jahr darauf berichtet Kestner, Lotte's Bräutigam: „Goethe hat schon viel getan und viele Kenntnisse, viel Lektüre; aber doch noch mehr gedacht und raisonniert.“ Als Goethen in seinem 30. Lebensjahre ein liebenswürdiger poetischer Träumer empfohlen worden war, gesteht er: „Große Gedanken ... füllen jetzt meine Seele, beschäftigen sie in einem neuen Reiche, und so kann ich nicht als nur geborgt nieder ins Thal des Thaues und der Morgenbegattung lieblicher Turteltauben.“ Sehr früh entstand aber unter den Fernerstehenden die Fabel des unphilosophischen Goethe, so daß der noch nicht Vierzigjährige berichtet: „Ich habe immer mit stillem Lächeln zugesehen, wenn sie mich in metaphysischen Gesprächen nicht für voll ansahen; da ich aber ein Künstler bin, so kann mir's gleich sein. Mir könnte vielmehr dran gelegen sein, daß das Prinzipium verborgen bliebe, aus dem und durch das ich arbeite.“
    Hier ist der geheimnisvolle Pfad aufgedeckt, der in die Tiefe führt; folgen wir ihm weiter.
    Ohne Frage hat der Gegensatz zwischen Schiller und Goethe — den beiden so nahe Verbundenen — viel dazu beigetragen, die Vorstellung des ausschließlich schauenden, dem abstrakten Denken abgewandten Goethe in uns großzuziehen. Goethe gegenüber trat Schiller als sachkundiger Philosoph auf und belehrte ihn. Wenn nun ein einziger Mann auf der Welt ein Recht hatte, über diese Beiden aus intimster persönlicher Gemeinschaft und eigener geistiger Hochgeburt vergleichend zu urteilen, so war es Wilhelm von Humboldt. Humboldt aber schreibt — und zwar an Goethe selber — wie folgt: „Es hat mir in jener glücklichen Zeit, wo ich mit Ihnen und Schiller zusammen lebte, immer geschienen, daß Sie um kein Haar weniger (wenn Sie mir den Ausdruck erlauben) eine philosophierende und grübelnde Natur waren, als er.“ Das ist doch un-

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zweideutig gesprochen: um kein Haar weniger! Nun betrachte man aber auch die Fortsetzung; sie führt zu einer bisher wenig beachteten Einsicht. „Nur war er zugleich mehr eine dialektische (Natur), da es gerade in der Ihrigen liegt, nichts durch die Dialektik für abgemacht zu halten ¹). Wenn also sich in ihm Meinung, Maxime, Grundsatz, Theorie überhaupt schnell gestaltete und in Worte überging, auch wieder in anderer Zeit umgestaltete, so fanden Sie bei dem gleichen Bestreben sich mehr gehemmt, weil Sie allerdings etwas Anderes und schwerer zu Erreichendes, ja eigentlich wohl nicht anders als in ewiger Annäherung zu Erreichendes forderten.“ Wer diese Stelle genau in Erwägung zieht, wird in der Erkenntnis der Goetheschen Eigenart wirkliche Fortschritte machen. Wiederholen wir uns, was Humboldt für Behauptungen aufstellt: Goethe philosophiert und grübelt ebensoviel wie Schiller; seine Denkmethode ist aber eine andere; Schiller gelangt schnell zum Ziele, wogegen Goethe's Denken sich gehemmt findet; nicht bloß die Methode, sondern auch das Ziel ist eben bei Goethe ein anderes, ein schwerer zu erreichendes, ja, was Goethe's Denken erstrebt, läßt sich niemals mit dialektischer Genauigkeit aussprechen, sondern nur in ewig wachsender Annäherung erreichen — also der Linie vergleichbar, welche die Mathematiker eine Asymptote nennen, d. h. eine solche, die einer gegebenen zweiten Linie immer näher rückt, ohne sie jemals zu berühren. Ziel, Methode, Hemmung, Unerreichbarkeit: das alles wird uns nach und nach deutlich werden, teils in diesem Kapitel, teils in den folgenden. Um den nächsten entscheidenden Schritt zu tun, wenden wir uns nach Humboldt an Schiller.
    Genügten uns gelegentlich hingeworfene Bemerkungen, wir fänden viele. Belangreich ist eine aus früher Zeit, 1790, vor der wirklichen Annäherung an Goethe; über ein philosophisches Gespräch berichtet Schiller an Körner: „Goethe's Philosophie mag ich auch nicht ganz: sie holt zu viel aus der Sinnenwelt, wo ich aus der Seele hole. Überhaupt ist seine Vorstellungsart zu sinn-
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    ¹)   D i a l e k t i k   ist dem Sinne nach zu verdeutschen: die Erforschung der Wahrheit durch logische Rede und Gegenrede, d. h. also durch Aufstellung genauer Begriffsbestimmungen, von denen aus, vermittelst fortschreitenden Einbeziehens und Ausscheidens, nach und nach der gesuchte Tatbestand festgestellt wird; die Methode ist derjenigen der abstrakten Mathematik so analog, daß es jetzt eine Algebra der Logik gibt.

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lich und   b e t a s t e t   mir zu viel.“ Das ist noch der naive Standpunkt: Goethe so gesehen, wie ihn noch heute Jeder sieht, der ihn nur oberflächlich kennt. Einige Jahre später erfolgt die Befreundung, und da fällt es Schiller immer mehr auf, welchen Anteil Goethe, der angebliche Nicht-Philosoph, an reiner Philosophie nimmt; er hatte es nicht vermutet. „Es ist eine sehr interessante Erscheinung“, schreibt er ihm, „wie sich Ihre anschauende Natur mit der Philosophie so gut verträgt und immer dadurch belebt und gestärkt wird.“ Goethe, durch reine, abstrakte Philosophie (es ist von Schelling die Rede) belebt und gestärkt, wird noch heute dem festgewurzelten Vorurteil der Meisten wenig zusagen. Mehr ins Innere dringen Beobachtungen über „die eigene Art und Weise“, wie bei Goethe „Reflexion und Produktion   a l t e r n i e r e n“.   Bei sich selbst findet sie Schiller vermischt, sein Verstand, meint er, sei „eine Zwitterart zwischen dem Begriff und der Anschauung“; hingegen bei Goethe „beide Geschäfte sich ganz trennen“. Am tiefsten aber greift der ahnungsreiche Mann in dem berühmten Brief vom 23. August 1794; in allegorischer Verhüllung schildert er hier das ganze innere Getriebe von Goethe's Geist. Teilweise mag wohl die Form der Allegorie Goethen zu Gefallen gewählt sein; zum größeren Teil möchte ich sie dem Umstande zuschreiben, daß Schiller hier als Seher redet, dessen Geist zwar das Verborgene durchdringt, doch wie Einer, der im Traume Gesichte erblickt, deren Tagesdeutung ihm verhüllt bleibt. Den Sinn dieser Stelle wollen wir genau ergründen.
    Das eigentümlich Zwiefältige in Goethe's Wesen erkennt hier Schiller deutlich als Grundzug seiner Persönlichkeit; er sieht ein, daß es sich nicht bloß um die uns allen gemeinsame, vorhin erwähnte Duplizität von Denken und Anschauen handelt, sondern um Anlagen, die tief genug wurzeln, das ganze Wesen in Mitleidenschaft zu ziehen, und die sich sowohl ergänzen als auch gegenseitig befehden; er empfindet die wunderwirkende Kraft einer solchen „geeinten Zwienatur“ und zugleich den schmerzlichen inneren Kampf, der aus dem organischen Zwiespalt notwendig dauernd hervorgehen muß. Diese Einsicht kleidet er in folgende Allegorie. Er erblickt in Goethe einen „griechischen Geist“, der in eine „nordische Schöpfung geworfen wurde“, und der nun durch Denkkraft ersetzen mußte, was ihm die

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Welt der Anschauung versagte. Wie rein allegorisch dies ausgedrückt ist, bedarf kaum der Betonung. Es wäre wohl schwer möglich, weniger „griechische“ Werke als Faust und Wilhelm Meister namhaft zu machen, und selbst über Iphigenie urteilt gerade Schiller: „Sie ist so erstaunlich modern und ungriechisch, daß man nicht begreift, wie es möglich war, sie jemals einem griechischen Stück zu vergleichen“; und was die Naturbetrachtung anbetrifft, so neigten die Griechen immer zu mathematisch-mechanischen oder aber zu abstrakt-logischen Erklärungen, welche Goethe's angeblich „griechischem Geiste“ so fern wie nur möglich stehen. Wenn es aber heißt, die Denkkraft sollte sich in der nordischen Schöpfung als Ersatz für die brachgelegte Anschauung entwickeln, so ist daran zu erinnern, nicht allein, daß die tiefsten Denker der Welt in Indiens tropischen Urwäldern zu Hause waren, sondern daß niemals größere Spintisierer als die Griechen gelebt haben, und daß ihre „südliche Schöpfung“ Aristoteles, Plato, Heraklit und noch Dutzende von spezifischen Denkern hervorgebracht hat. Nein, das Ganze wird nur begriffen, wenn wir es als bildlich gesprochen auffassen. Unter dem „griechischen Geist“ haben wir die für Goethe so bezeichnende Gewalt der unmittelbaren Anschauung zu verstehen: „Das Auge ist das Organ, womit ich die Welt fasse“; die „nordische Schöpfung“ ist einfach jene vollendet besonnene Denkgewalt, die in Goethe's Leben, in seinen poetischen und wissenschaftlichen Werken, kurz überall bei ihm gestaltend eingreift, und die er selber als „der Betrachtung strenge Lust“ besungen hat. Indem nun Schiller seine Allegorie festhält, verwickeln sich seine Ausführungen zu einigermaßen wirren Tropen, wo eine „schlechtere Natur“ durch „bessere Muster korrigiert“ werden muß usw., was nicht gerade im Geiste Goethe's gedacht ist; solche Dinge kommen bei Schiller manchmal vor, und nichtsdestoweniger bohrt sich sein rastlos vordringender Verstand durch bis zu der wahren Wurzel; so auch hier. Denn zuletzt ergibt sich ihm aus der schwerfälligen Allegorie das einfache und einfach wahre Ergebnis, daß bei Goethe zwei verschiedene „Richtungen“ sich kundtun — die logische Richtung und die ästhetische Richtung, so nennt sie Schiller —, die sich miteinander „nicht wohl vertragen“. Hier endlich halten wir es also in deutlicher Fassung und mit ausdrücklicher Hervorhebung des inneren Kampfes, den eine solche Anlage

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anstelle der öden „Harmonie“ notwendig erzeugen mußte. Es kommt aber noch mehr. In dem Schlußsatz zu dieser Ausführung sagt Schiller das Tiefste, was meines Wissens bisher über Goethe überhaupt gesagt worden ist; denn er deckt jenes Innere der Persönlichkeit auf, nach dem wir hier fahnden. Er schreibt: „Sie haben also eine Arbeit mehr (mehr nämlich als andere schöpferische Geister): denn so wie Sie von der Anschauung zur Abstraktion übergingen, so mußten Sie nun rückwärts Begriffe wieder in Intuitionen umsetzen und Gedanken in Gefühle verwandeln....“ Was Schiller „eine Arbeit mehr“ nennt, ist genau dasselbe, was Humboldt als „Hemmnis“, als ein „schwer zu Erreichendes“ empfand. Es ist nämlich das beständige Hin und Her bei Goethe von der Anschauung zu der Abstraktion und nun zurück von der Abstraktion zu der Anschauung. Von der Anschauung nimmt Goethe stets den Ausgang; mit ihr faßt er die „Welt“; gleich darauf aber dürstet sein Geist nach Verallgemeinerungen: beim Einzelnen (und nur dieses wird wirklich angeschaut) mag er nicht verweilen, er fühlt, wie „der böse Engel der Empirie ihn anhaltend mit Fäusten schlägt“, und gesteht: „Die Beobachtung des Einzelnen war niemals meine Stärke“, „zum Detail bin ich nicht geboren“, „es graut mir vor der empirischen Weltbreite“. Und so eilt er denn hin zu zusammenfassenden Gedanken, zu Begriffen, zu Ideen: er „grübelt“, wie Humboldt sagt und wofür alle seine theoretischen Schriften und viele seiner nach Tausenden zählenden Briefe zeugen. Einmal faßt er es in einem Brief an Schiller in eine Formel zusammen: man solle, „ohne die Erfahrung in die Breite verfolgen zu wollen, ... auf jedem Platz, in jedem Moment, so weit es Einem vergönnt sei, in die Tiefe gehen“; in der Tiefe jedoch ist das Geschaute ein Gedachtes. Darauf tritt aber dann mit Gewalt die Gegenwirkung ein, die bei einem so mächtigen Drang, alles anschaulich zu erfassen, nicht ausbleiben konnte: das Allgemeine, die rein theoretische, philosophische Überzeugung will und muß sinnfällige Gestalt gewinnen, und so steigen denn „die aus dem Innersten hervorgearbeiteten Phantome“ auf, oder, wie Schiller sagt, die Begriffe werden nun „rückwärts in Intuitionen umgesetzt“, das heißt in eine erträumte Sichtbarkeit. Goethe schaut jetzt wieder hin auf die Natur — auf Pflanzen, Tiergerippe, Steine, Wolken, Farben, Menschen — und erblickt überall mit Augen seine

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eigenen Gedanken, nunmehr vergegenständlicht, greifbar, der Geist zu Stoff geworden. Es liegt auf der Hand, daß ein rein anschauendes Genie — ein Raffael der Kunst oder ein Linné der Naturbetrachtung — weit unmittelbarer als Goethe an sein Ziel gelangt; er schaut, und was er schaut, gestaltet er, sei es zu Kunst, sei es zu Wissenschaft. Analog ergeht es dem eigentlichen Denker, sei er nun mit Schiller ein Dichter oder mit Descartes ein Naturgestalter oder mit Hume ein Kritiker des Menschengeistes: er verfolgt seinen Weg geradeaus. Goethe dagegen arbeitet unaufhörlich daran, die beiden entferntesten Endpunkte des Menschengemütes zueinander in übereinstimmende Beziehung zu setzen: immer geht bei ihm die Anschauung in Abstraktion über, und immer wandelt er dann die abgezogenen Begriffe neuerdings in anschauliche Vorstellungen um.
    Allzu kurz für die Andeutung so zart-verwickelter Verhältnisse, doch immerhin zu genauerer Einsicht anregend, könnten wir sagen: seine Anschauungen wandelt Goethe zu Gedanken, seine also gewonnenen Gedanken wiederum (aber neu gestaltet) zu Anschauungen um. Und zwar   m u ß   er dies, es ist ein organisches Gesetz seines Geistes; denn früher kommt er beim Anschauen zu keinem Genuß und beim Denken zu keiner Ruhe. Dies gerade ist das „rückwärts verwandeln“, von dem Schiller sprach. Goethe denkt nicht weniger anhaltend und fein als irgend ein außerordentlich begabter, abstrakt beanlagter Denker; seine Gedanken suchen aber und finden den Weg bis zu einem Anschaulichen wieder zurück, und dadurch wird das Subjektive in ein scheinbar — aber nur scheinbar — vollkommen Objektives umgewandelt.
    Somit wäre der erste Pflock eingeschlagen.
    Manchem Leser wird vielleicht im Vorangehenden nicht alles schon vollkommen deutlich geworden sein. Es war aber geboten, sofort tief hineinzugreifen, bis auf den Mittelpunkt der Persönlichkeit. Sowohl in diesem Kapitel wie in allen folgenden werden wir stets von neuem auf diesen Mittelpunkt der Goetheschen Persönlichkeit zurückzukommen uns veranlaßt finden; dadurch wird das, was hier einigermaßen abstrakt vorgetragen werden mußte, nach und nach an lebendig überzeugendem und aufklärendem Inhalt immer mehr gewinnen. Manches bleibt freilich allezeit dunkel, weil es in dunklen Tiefen des Menschenwesens wurzelt; es als leichtverständ-

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lich darstellen wollen, hieße sich in verführerische Oberflächlichkeit verirren; unzweideutig jedoch soll alles werden.

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Die Liebe

    Gehen wir nun daran, eine Art Rundblick auf die Persönlichkeit zu werfen, so folgen wir Goethe's Rat, wenn wir zu allererst die   L i e b e   ins Auge fassen. „Da uns das Herz immer näher liegt als der Geist und uns dann zu schaffen macht, wenn dieser sich wohl zu helfen weiß, so waren mir die Angelegenheiten des Herzens immer ... die wichtigsten erschienen“: so bekennt er in Dichtung und Wahrheit. Gleich hier wird sich aber die Unmöglichkeit herausstellen, zu irgend einer wahren Einsicht zu gelangen, solange wir die Untersuchung von außen, nicht von innen in Angriff nehmen.
    Wer die Bücher über Goethe zur Hand nimmt, in denen er chaotisch sich Widersprechendes über sein Lieben und seine Lieben erfährt, lernt bald begreifen, daß fast jede Aussage über diesen Gegenstand zu viel oder zu wenig behauptet. Auf der einen Seite wird er als der liebreichste aller Poeten gepriesen, auf der anderen wird versichert, er habe mit den Frauen nur gewissenlos gespielt; beides ist unrichtig, und doch entbehren beide Urteile nicht einer annehmbaren Begründung. Infolge der merkwürdigen inneren Beschaffenheit seines Wesens, auf die wir durch Schiller und Humboldt aufmerksam gemacht wurden, befindet sich Goethe's Gefühls- und Gedankenleben häufig in dem schwankenden Gleichgewicht, das man „labil“ nennt und das auch dem Laien aus den kleinen Handwagen der Apotheker bekannt ist; das geringste Übergewicht genügt, damit die eine Schale plötzlich zu Boden stürzt, während die andere an den Balken emporschnellt. „Bei meinem Charakter und meiner Denkweise verschlang Eine Gesinnung jederzeit die übrigen und stieß sie ab.“ Hiermit soll aber nicht besagt sein, diese beiden Urteile — Goethe der Liebeverzehrte, Goethe der Liebelose — träfen beide abwechselnd das Richtige; vielmehr sind beide falsch; doch die scheinbare Begründung erwächst ihnen aus der genannten Zwiespältigkeit: denn der eine Beurteiler richtet seine ganze Aufmerksam-

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keit auf die verschlingende, alles andere abstoßende Leidenschaft des Augenblicks, wogegen der andere nur das Hin und Her der Wage beachtet und daraus schließt, hier liege Tändelei, nicht Liebe vor. An urkundlichen Belegen wird es beiden Behauptungen nicht fehlen; die erste wird schöne Briefstellen und unsterbliche Liebesgedichte anführen, die zweite wird keine Mühe haben, Bekenntnisse aufzufinden, welche frivole Deutungen nahelegen könnten, wie folgendes: „Es ist eine sehr angenehme Empfindung, wenn sich eine neue Leidenschaft in uns zu regen anfängt, ehe die alte noch ganz verklungen ist. So sieht man bei untergehender Sonne gern auf der entgegengesetzten Seite den Mond aufgehen, und erfreut sich an dem Doppelglanze der beiden Himmelslichter.“ Von außen her wird man eben nie bis zum Verständnis gelangen; es läßt sich da das Widersprechende behaupten und belegen; wie ist es aber möglich, in solchen Urteilen Genüge zu finden? Sollen wir wirklich dem so unentwegt mit „eherner Geduld“ genial-besonnen strebenden Goethe einen gänzlichen Mangel an sittlichem Ernst bis ins hohe Alter zuschreiben? Und wenn nicht, wie erklären wir es, daß immer wieder die Liebe zu irgendeiner holden Weiblichkeit in ihm erwacht, zur glühendsten Leidenschaft heranwächst und dann nicht nur verlischt, sondern keinen Schmerz, keine Reue hinterläßt, nichts als schöne, beglückende Gedächtnisbilder, so daß wir ohne Übertreibung sagen dürfen: den rechten Genuß seines Liebens hat Goethe immer erst in der Erinnerung gehabt, wogegen ihre Gegenwart manche Qual verursachte. Mitten in der leidenschaftlichsten Liebe zu Annette in Leipzig schreibt er zwar: „Es geht keine Wollust über den Jammer der Liebe“; doch das eigentliche Glück kommt auch hier später: „O Behrisch, ich habe angefangen zu leben! Daß ich dir alles erzählen könnte! Ich kann nicht, es würde mich zu viel kosten. Genug sei dir's, Nette, ich, wir haben uns getrennt, wir sind glücklich. Es war Arbeit, aber nun sitz ich wie Herkules, der alles getan hat, und betrachte die glorreiche Beute umher.“ Diese Empfindung ist für Goethe durchweg charakteristisch. Wer z. B. die Sesenheimer Monate in den gleichzeitigen Briefen zu verfolgen sich die Mühe gibt, wird manches lernen. Kaum von seinem ersten dortigen Besuche nach Straßburg zurückgekehrt, greift er zur Feder, um einer anderen, vernachlässigten Geliebten, daheim, von Sesenheim und der dortigen

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„liebenswürdigen Tochter“ zu erzählen; dieser Eindruck habe jede „halbverschiedene Zärtlichkeit wieder auf einmal lebendig“ gemacht, „jede Erinnerung an alles, was er liebe, in seinem Herzen geweckt“. Wenige Stunden später geht der allererste überströmende Brief an Friederiken ab! Es ist gleichsam, als baue er sich im voraus eine Wehr auf gegen die etwaige bedrohlich werdende Übermacht des Stroms, von dem sich tragen zu lassen er nichtsdestoweniger gesonnen ist. Und nun, während diese Liebe ihn tatsächlich in den folgenden Monden immer unwiderstehlicher fortreißt, die Geständnisse an seinen Freund Salzmann, zum Teil aus Sesenheim selbst datiert! „Ich bin zu sehr wachend, als daß ich nicht fühlen sollte, daß ich nach Schatten greife.“ „Ich fühle, daß man um kein Haar glücklicher ist, wenn man erlangt, was man wünschte. Die Zugabe, die Zugabe! die uns das Schicksal zu jeder Glückseligkeit drein wiegt!“ Und dann wende man den Blick auf die Episode mit Lotte Buff. Während Goethe seinen Werther nach dem Vorbild des Jerusalem in den Tod gehen läßt, weil die Angebetete ihm ewig unerreichbar bleibt, empfand er selber damals „die Neigung zu einer versagten Braut“ als ein besonderes Glück. Von jenen Tagen in Wetzlar schreibt er: „Ruht nun, wie man sagt, in der Sehnsucht das größte Glück, und darf die wahre Sehnsucht nur auf ein Unerreichbares gerichtet sein, so traf wohl alles zusammen, um den Jüngling, den wir gegenwärtig auf seinen Irrgängen begleiten, zum glücklichsten Sterblichen zu machen.“ Das auffallend Friedvolle, Harmonische in dem Verhältnis zu Lotte liegt jedenfalls in diesem Umstande begründet; der Gefahr, er könnte zu glücklich werden, die ihm bei Friederike und Lili so böse Stunden verursacht, war hier vorgebeugt. Nun erwidert mancher getrost: das eben ist Dichterliebe. Was soll aber damit gesagt sein? Goethe war doch keine leichtfertige Natur wie Byron, ganz das Gegenteil. Im übrigen ist die Beständigkeit in der Liebe ein Kennzeichen vieler bedeutenden Dichter, was aus der Innigkeit ihres Wesens herzuleiten sein mag; und hat auch mancher nicht die lebenslängliche Treue eines Petrarca bewährt, so weihte er doch der neuen Liebe die selbe Inbrunst und Ungeteiltheit, die er der früheren Jahre hindurch bewahrt hatte; das sehen wir von Chaucer an bis zu Richard Wagner; Schiller's uns genau bekanntes eheliches Leben ist ein Muster reinen Glückes.

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    Nein, um die Bedeutung der Liebe in Goethe's Leben zu ergründen und sie in ihrer widerspruchsvollen Eigenart klar begreifen zu lernen, müssen wir gleich anfangs in die Tiefen der Persönlichkeit greifen. In diesem Falle sind es die elementare Gewalt der Anschauung und die der üppig wuchernden Phantasie, die als „entfernte Endpunkte des Menschengemütes“ von Goethe unaufhörlich zueinander in Beziehung gesetzt werden; aus ihrem Spiel und Gegenspiel leitet sich alles Eigenartige, scheinbar Widerspruchsvolle seiner Liebesbeziehungen her.
    Am schwersten fällt dem Menschen der Gegenwart, sich die Bedeutung des tatsächlichen   A n s c h a u e n s   in Goethe's Leben vorzustellen. Die Kraft reiner Anschauung ist unter uns im Abnehmen; wir werden immer mehr zu theoretischen Wesen; es ist gewiß keine Übertreibung, wenn man behauptet, ein beträchtlicher Teil der Gebildeten empfange heute keinen bestimmenden, haftenden Eindruck durch die Sinne; das Lesen von Berichten über die Dinge, das Vernünfteln über sie nimmt alle Kräfte in Beschlag; nur besonders Beanlagte wissen noch aus eigener Erfahrung, was Anschauen ist. Goethe war ein solcher, und nicht bloß hat er die Marter der heutigen Bildung nicht an sich erlitten, sondern die ihm angeborene Kraft der Anschauung ist durch seines Vaters Einfluß von Kindheit an in unaufhörlicher Übung gekräftigt worden. Befand er sich durch einen Zufall zeitweilig von Kunst und Natur getrennt, er verschmachtete; mit den Augen irgend etwas Bedeutendes erschauen war für ihn ein ebenso gebieterisches Bedürfnis, wie für unsereinen das tägliche Brot; schleunigst verschreibt er sich in solchem Falle von Hause Stiche oder Gemmen, „damit er nur etwas vor sich habe, das ihm das Anschauen erfrischt“. Schauen — wie Goethe das Wort versteht — ist nicht bloßes Erblicken oder aufmerksames Sehen, vielmehr handelt es sich dabei um eine höhere Stufe sinnlicher Eindrucksfähigkeit, bei welcher der Gegenstand gleichsam ins Innere aufgesogen, mit dem eigenen Wesen verschmolzen wird *. Dieses Schauen Goethe's ist ein leidenschaftlicher Vorgang, unbesonnen, aus elementarer Gewalt. Daher die bekannte heftige Abneigung Goethe's gegen alles Pathologische: schon eine Brille auf der Nase eines Besuchers genügte, ihn zu verstimmen, weil diese Zutat auf ihn den Eindruck einer Entstellung des Menschenantlitzes machte: „Ich bin von diesen

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Glasaugen, hinter denen man die natürlichen aufsuchen muß, ein großer Feind“; selbst seinem Fürsten weigert er den Gehorsam, als es gilt, eine monströse Mißgeburt anzusehen; die schaurige Dichtung Der arme Heinrich legt er schnell aus der Hand, denn die darin geschilderte Krankheit „wirkt auf ihn so gewaltig, daß er sich vom bloßen Berühren eines solchen Buchs schon angesteckt glaubt“: nicht einmal in der Phantasie erträgt er den Anblick des Häßlichen. Dieser außergewöhnlichen „Empfänglichkeit für sinnliche Eindrücke“ verdankt er, wie er selber gesteht, „viel Gutes“ und manches „Übel“. Gleichviel welchem Gegenstand es gilt, dieses Schauen verdient schon wegen seines Ungestüms und der damit verbundenen Herzenswallung,   L i e b e   genannt zu werden. „Man lernt nichts kennen als was man liebt, und je tiefer und vollständiger die Kenntnis werden soll, desto stärker, kräftiger und lebendiger muß Liebe, ja Leidenschaft sein“: das ist Goethe's Bekenntnis. Und ferner: „Die unzulänglichen Urteile der Menschen entspringen nur aus Mangel an Liebe, denn ihr Urteil ruht auf nichts.“ Dieses in Liebe Anschauen und aus Anschauung Lieben ist eine verzehrende Glut, die bei Goethe bis ins hohe Alter erhalten bleibt und die eigentliche treibende Kraft seines Lebens bildet. Wendet er einmal, selbst in trüben, verworrenen Tagen, diesen anschauenden Blick ins eigene Innerste, so findet er es „immer ewig allein der heiligen Liebe gewidmet, die nach und nach das Fremde durch den Geist der Reinheit, der sie selbst ist, ausstößt und so endlich lauter werden wird wie gesponnen Gold“. Ich meine, es bedarf keiner weiteren Ausführungen, damit Jeder begreife, mit welcher heiligen Glut einer das ganze Wesen ausfüllenden Liebe Goethe's Blick auf einem Weibe geruht haben mag. „Das Auge war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt faßte“ (S. 90). Dieser Blick löschte alle Vergangenheit. Das reine Anschauen ist nämlich seiner Natur nach auf bloße Gegenwart gerichtet; was es erfüllt, ist:

das fröhliche Gefühl
Des hohen Tags, der tausendfachen Welt
Glanzreiche Gegenwart.

Das Gedächtnisbild ist bei dieser Gemütsart (wenn nicht die Phantasie es neuschafft) gedankenhaft schwach; sie fordert die sinnlich

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reelle, tastbare Anwesenheit; Goethe — wie wir hörten — muß das Schöne „vor sich haben“, daß es „ihm das Anschauen erfrische“; „alle Liebe“, schreibt er ein anderes Mal, „bezieht sich auf die Gegenwart“.
    Gerade dieses Wort ruft uns aber zur Besinnung auf. Im kräftigsten Jünglingsalter, im Augenblick, als seine Liebe zu Lili in Blüte stand, beklagte Goethe seine Unfähigkeit, das in der konkreten Gegenwart Gegebene als solches festzuhalten: „Wird mein Herz endlich einmal in ergreifendem wahren Genuß und Leiden die Seligkeit, die Menschen gegönnt ward, empfinden und nicht   i m m e r   a u f   d e n   W o g e n   d e r   E i n b i l d u n g s k r a f t.... getrieben werden?“ Die Phantasie herrscht eben bei Goethe in der gleichen Fülle und der gleichen Gewalt wie der Trieb zum Anschauen; und diese beiden sind in mancher Beziehung „entfernte Endpunkte“ (S. 96) oder, wie der Philosoph sagen würde, Antinomien, Gegensätze. Auf der Höhe seiner vollendeten Reife belehrt uns Goethe, die Gestalt „schließe sich am wunderbarsten auf dort, wo sie dem Auge ganz verschwindet und nur vom Geiste verfolgt werden kann“. So entschwebt ihm das mit Sinnen Erschaute mitten im Erschauen aus den Augen, und wird zu einem Gedachten. Und jetzt erfaßt die Phantasie diese gedachte Gestalt, „schließt sie wunderbar auf“ und strahlt sie mit solcher Kraft der Plastik und der Beleuchtung zurück in die Welt des Sichtbaren, daß sie geläutert, durchklärt dasteht, als habe sie die Zeitlichkeit abgestreift und sei nunmehr ein unvergängliches Sinnbild. Es handelt sich nicht um eine bloße Einbildung; denn Wesen von Fleisch und Blut leben ja, aus denen die bestimmenden Eindrücke gewonnen wurden; doch deckt sich das jetzige Gebilde mit jenem körperlich vorhandenen Wesen keineswegs. Denn was Goethe jetzt erschaut und durch seine Schilderung vor unsere Augen zaubert, ist ein dem eigenen Geiste Entstammtes; zwischen dem körperlichen Wesen und diesem Bilde seiner Phantasie steht die gedankliche Verarbeitung in geheimen Tiefen der „grübelnden Natur“ (um mit Humboldt zu reden); und nicht die ursprüngliche zufällige Erfahrung, sondern dieser innerste Schoß ewig kreisender Gedanken, wo alles Erschaute „sich wunderbar aufschließt“, ist die Geburtsstätte des neuen Gestaltenbildes, das nunmehr (um mit Schiller zu reden)

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„rückwärts in Intuition umgesetzt“ wird. Das Ergebnis ist das, was Plato eine „Idee“ nannte — ein Wort, das man von neuem zu verlebendigen gesucht hat durch die Verdeutschung   G e d a n k e n - g e s t a l t.   Goethe selber schreibt darüber: „Dieses Nachbild strahlt nach allen Seiten in die Welt aus, und ein schönes edles Gemüt mag an dieser Erscheinung,   a l s   w ä r e   s i e   W i r k l i c h k e i t,   sich entzücken und empfängt davon einen tiefen Eindruck.“ Schon aus diesem flüchtigen Überblick läßt sich ermessen, wie unvermeidlich Widersprüche zwischen Anschauung und Phantasiebild entstehen müssen; denn je mächtiger die ursprüngliche Gegenwart in ihrer Unmittelbarkeit wirkt, um so mehr Nahrung wird der Phantasie zugeführt.
    Ehe wir nun die Folgen dieses eigenartigen Zwiespaltes näher betrachten, eine kurze Einschaltung. Denn es ist von entscheidender Wichtigkeit, gleich anfangs zu begreifen, daß, was hier von dem Eindruck menschlicher Gestalten auf Goethe's Gemüt ausgeführt wird, von dem gesamten Bereich seiner Interessen in genau der selben Weise gilt. Ein Beispiel. Als Goethe sich einige Jahre eingehend mit Pflanzen beschäftigt und somit ein stets wachsendes Material in seinem Gedächtnis angesammelt hatte, wollte es nicht weiter; da nun gestaltete sich in seinem sinnenden Hirn aus „aufgeschlossenen Gestalten“ eine Vorstellung aus, die er ursprünglich als Harmonia Plantarum — die Harmonie der Pflanzenwelt — bezeichnete und vermittelst deren er Ordnung in das Chaos zu bringen suchte, indem er sich eine   U r p f l a n z e *   dachte, d. h. eine Pflanze, die derartig beschaffen sein sollte, daß sämtliche Gestalten der Pflanzenwelt sich auf sie ideell beziehen und insofern auch begreifen und merken und einordnen ließen; sie wäre die reine „Idee“ einer Pflanze gewesen, so daß alle einzelnen Gestalten in sie wie die Strahlen in einen Brennpunkt zusammengelaufen wären. Hier erblicken wir in typischer Gestalt den geschilderten Zwiespalt zwischen Anschauungsgewalt und dem Bedürfnis einer schöpferischen Phantasie. Hätte Goethe nicht so glühend inbrünstig die einzelnen Pflanzenformen in sein sinnendes Schauen aufgesogen, ihre Menge hätte ihn nicht bedrückt; wäre seine Phantasie weniger lebhaft und leuchtend gewesen, er hätte sich als Hilfsvorstellung allenfalls ein Schema entworfen, nicht aber eine Urpflanze im Geiste erschaffen, körper-

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lich greifbar, vor der die wirklichen Pflanzen zu Schatten verblaßten. Daß diese „Urpflanze“ nicht eine gesondert bestehende Tatsache war, sondern vielmehr die Umgestaltung der über die unzählbare Menge der einzelnen Tatsachen sinnenden Gedanken zu einer ideellen Wesenheit, liegt auf der Hand; Goethe aber erblickte diesen seinen zu einer Gestalt zurückgebildeten Gedanken dermaßen überzeugend leibhaftig, daß er die Urpflanze im Walde suchte und täglich zu finden hoffte — bis Schiller ihn über seinen Irrtum aufklärte. Nach dieser Analogie muß man sich die Liebesleidenschaften Goethe's denken, wie sie, poetisch gestaltet, vor uns stehen, von Friederike Brion in Dichtung und Wahrheit an bis zu Ulrike von Levetzow in der Marienbader Elegie. Immer verblaßt die tatsächliche Erfahrung vor der Gewalt des Phantasiebildes; immer tritt an die Stelle der einzelnen, vielfach bedingten Liebe eine Verkörperung der „Urliebe“.
    Betrachten wir nun die Folgen einer solchen Gemütsart, wie sie im tagtäglichen Leben nicht ausbleiben konnten, so begreifen wir leicht, daß Goethe von den beiden widerstreitenden Tendenzen häufig in seinem Innern zerrissen werden mußte, und wir begreifen auch, warum fast jeder Zeitgenosse ihn falsch beurteilte. Von ihm besitzen wir das schöne Wort: „Es bleibt ewig wahr: sich zu beschränken, Einen Gegenstand, wenige Gegenstände recht bedürfen, so auch recht lieben, an ihnen hängen, sie auf alle Seiten wenden, mit ihnen vereinigt werden, das macht den Dichter, den Künstler, den Menschen.“ Und doch: auf welchem Gebiete des Lebens hätte er, dessen Phantasie auf Umfassung des Alls gerichtet blieb, sich auf Einen Gegenstand beschränkt? Schon die gewaltige Kraft der Anschauung allein — und abgesehen von der Mitwirkung der Phantasie — verbietet eine derartige Beschränkung. Nicht die Anschauung an sich besitzt Gedächtnis, vielmehr gehört dieses zum Geist; Gesetz der Anschauung ist, stets für die Erfassung des Gegenwärtigen offene Sinne, aufnahmebegierige, bereit zu halten. Kurz, das Anschauen, rein als Anschauen, beschränkt sich zwar in jedem einzelnen Augenblick mit leidenschaftlicher Inbrunst auf das Eine — „Eine Gesinnung verschlang jederzeit die übrigen“ —, es enthält aber gar kein Prinzip einer weiteren Selbstbeschränkung. Die Treue — wie überhaupt alle Beständigkeit — ist ein Gedanke. Daher die Worte des Herrn in Faust:

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Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken!

Bei Goethe tritt nun zu der Schrankenlosigkeit aller unmittelbaren Anschauungsgewalt noch die weitere Verwickelung durch die Dazwischenkunft einer immer tätigen schöpferischen Phantasie hinzu. Denn sobald diese sich ihrem dichterischen Auferbauen widmet — und das tut sie gerade, wenn der Sinneneindruck groß war —, löscht sie tatsächlich den Gegenwartseindruck aus. Ein Symptom hiervon ist die Art, wie die Liebe manchmal leidenschaftlicher wird, wenn Goethe fern von einer Angebeteten weilt; namentlich bei Frau von Stein fällt dies auf; „die schöne Flamme der Liebe, der Treue leuchtet“ immer dann am hellsten, wenn die Beiden getrennt sind; in Sizilien fühlt Goethe, wie „die weite Ferne alles gleichsam weggeläutert hat“. Hier waltet eine poetische Kraft rein schöpferischer Phantasie, wie wir sie inzwischen in Richard Wagner's Briefen an Frau Mathilde Wesendonck anstaunen lernten, und von deren seelischer Gewalt prosaische Menschen keine Vorstellung besitzen. Wohl das merkwürdigste Beispiel eines solchen rein aus der Phantasie geborenen Verhältnisses ist dasjenige Goethe's zu Gräfin Auguste zu Stolberg, die er in seinem Leben niemals erschaut hat und der er nichtsdestoweniger — mitten aus der Zeit der Beziehungen zu Lili — heiße Liebesbriefe schreibt, voll Sehnsucht, „zu ihren Füßen zu liegen“, und versichernd, sie sei „das einzige Mädchen, deren Herz ganz in seinem Busen schlage“. Von um so größerer Höhe aber stürzt die Erwartung dann herab, da keine Wirklichkeit solcher Einbildungskraft standhalten kann. Und so arbeitet denn die Phantasie letzten Endes im gleichen Sinne wie die Anschauung: beide zerstören die Treue in der Liebe.
    Um nun von hier aus weiter zu gelangen und womöglich eine Höhe zu erreichen, die einen klareren Überblick gestattet, möchte ich an eine Stelle in Dichtung und Wahrheit anknüpfen, die zu den am häufigsten angeführten gehört, aber, wie ich glaube, zu den am häufigsten mißdeuteten. Im siebenten Buche lesen wir: „Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwan-

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deln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen.“ Wie soll ein von Humboldt und Schiller noch Unbelehrter das verstehen: meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen? Was soll er sich darunter vorstellen, daß durch die Verwandlung in ein Bild das Innere beruhigt werde? Wogegen ich zuversichtlich hoffe, wer bis hierher aufmerksam gefolgt ist, ahnt den Zusammenhang sofort, wenigstens in allgemeinen Zügen. Es wird sich lohnen, bei diesen Vorgängen in verborgenen Tiefen des Gemütes ein wenig zu verweilen.
    Einen Dichter durch das Dichten über den Schmerz erhoben zu sehen, der zugleich verklärt und überwunden zurückbleibt, ist nichts Unerhörtes. Ein köstliches Beispiel besitzen wir — der Sage nach — aus altgermanischer Heldenzeit in dem angelsächsischen Krieger und Barden Egil. Seine beiden Lieblingssöhne hatte der Tod dahingerafft; der Greis trug sie selber ins Grab; dann kehrte er heim, schloß sich in sein Gemach ein, legte sich hin, wies Essen und Trinken von sich und erwartete stumm das erlösende Ende. Da sandte man nach seiner Tochter, die in einiger Entfernung als Gattin eines wackeren Waffenmannes daheim war. „Wie könnte ich nach solchem Schmerze noch weiter leben?“ sprach der Vater. „Wohl, es sei“, erwiderte die Tochter, „und ich will mit dir sterben; doch vorher mußt du noch das Trauerlied dichten; keiner lebt, würdig wie du, unserm Leide Wort und Ton zu leihen.“ Und Egil erhob sich von seinem Lager und dichtete das herrliche Klagelied an Wotan, das in Bruchstücken auf uns gekommen ist; und während er schrieb, wurde ihm wohler zu Mute, und als er der versammelten Sippschaft das Gedicht vorgesungen hatte, setzte er sich an den Tisch und aß und trank und schickte die gute Tochter reich beschenkt zu ihren Kindern heim. Auf dem Boden einer anderen, zahmeren, der unseren angenäherten Lebensanschauung stand Joachim du Bellay, der liebliche französische Dichter des 16. Jahrhunderts; die selbe Gemütsverfassung hat er in graziöse Verse gebracht:

... je pleure mes ennuis,
Ou, pour le dire mieux, en pleurant je les chante,

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Si bien qu'en les chantant souvent je les enchante:
Voilà pourquoi (Magny) je chante jours et nuits.

Bei Goethe liegt die Sache aber doch wesentlich anders. Es handelt sich bei ihm nicht darum, großer Schmerzen Herr zu werden; auch wäre es frivole Ironie, wollte man in jeder Liebe ein zu überwindendes Leiden erblicken; außerdem spricht Goethe ausdrücklich von dem, „was ihn   e r f r e u t e   oder   q u ä l t e   oder sonst   b e s c h ä f t i g t e“.   Die „Verwandlung“, von der Goethe hier redet — und die offenbar identisch mit der „Umsetzung“ ist, die Schiller an ihm beobachtete —, betrifft also sämtliche Erscheinungen des Lebens, insofern ihnen irgendwelche Bedeutung zugemessen wird: Freuden, Schmerzen, Gedanken. Jede äußere Erfahrung von Belang, von den Sinnen und dem Herzen leidenschaftlich eingesogen und assimiliert, wird im Innern, wie es vorhin hieß, „auf alle Seiten gewendet“, wie es hier heißt, „berichtigt“, um dann, verwandelt in ein von innen aus geschautes Bild, nunmehr als Dauerndes in die Welt der Ideen beruhigt aufgenommen zu werden. „Wenn das Einzelne durch die Zeit ausgelöscht wird, so geht das Allgemeine rein hervor“, meint Goethe einmal in bezug auf Geschichte; Zeit ist von allen Gegebenheiten die an sich leerste, ihr Inhalt hängt von der jeweiligen Gewalt des Seelenlebens ab; Goethe's Geist war immerdar beschäftigt, aus angehäuftem Einzelnen „reines Allgemeine“ zu schmieden; er brauchte nicht auf langsam eindämmerndes Vergessen zu warten, sondern löschte selber das Überflüssige aus, indem er Neues, „Berichtigtes“ schuf.
    Der Mittelpunkt ist erreicht, sobald wir die Einsicht gewinnen, daß Goethe sein eigenes Leben auf diese Weise als Idee zu ergreifen und trotz aller tausendfachen Abbröckelungen, die jeder „Tag des Tages“ notwendig mit sich bringen mußte, an dieser Idee festzuhalten vermochte. Er verfährt gegen sich selber in der gleichen Weise, wie er gegen diejenigen verfährt, die er geliebt hat; in diesem Falle jedoch beharrt der Anschauungsstoff und kann — da jeder Augenblick ihn neu gebiert — nie ausgelöscht werden, und so erfolgt auch eine beharrlich fortgesetzte Ideenbildung. Goethe meint zwar einmal,   „a l l e   Menschen guter Art haben auf der Welt eine doppelte Rolle zu spielen, eine wirkliche und eine ideelle“; hier wie

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überall flicht uns und ihn ein Gemeinsames aneinander; doch dürfte jene Tatsache bei keinem anderen Menschen so bewußt und deutlich in die Erscheinung getreten sein und daher eine solche Kraft der Gestaltung besessen haben. „Zum Gewahrwerden des Ideellen gehört eine Pubertät“, sagt Goethe; man muß nicht bloß befähigt sein, am ideell Gezeugten teilzunehmen, wie wir das Alle mehr oder weniger sind, sondern selbst „Zeugungsfähigkeit“ besitzen, ehe es gelingen kann, sich selbst als „Idee“ zu erfassen: die ungeheure Mehrzahl der Menschen bleibt in dieser Beziehung Kind und erreicht niemals Mannbarkeit. Bei Goethe verhielt es sich anders. Sein Leben, so reich an emsiger Tat, so verwickelt durch den Widerstreit antipodischer Gemütsanlagen, wird zugleich ohne Unterlaß in bezug auf das Verhältnis „zu den äußeren Dingen berichtigt“, wird „rückwärts in Intuition umgesetzt“, wird „in ein Bild verwandelt“, mit anderen Worten zu einer „beruhigten“ Einheit zusammengefaßt in einer aus poetischer Schöpferkraft hervorgehenden Idee. Es ist dies die große mittlere Leistung von Goethe's Leben, die Leistung aller Jahre, aller Tage, fast aller Stunden. Durch sie bewirkt er die fortwährende Verwandlung des sonst von uns Allen verworren, halb unbewußt erlebten und darum blind dahingerissenen „ideellen“ Ich in eine deutlich erschaute, objektiv beurteilte und mit eiserner Folgerichtigkeit gerade gerichtete Idee. Schon mehrere Jahre, ehe sich Goethe bis zur letzten Klarheit durchgerungen hatte, schreibt er: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andere und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu.“ Diese „Begierde“ hat mit Ehrgeiz nichts gemein; sie ist weltfern; die Pyramide bezieht sich auf das Phänomen des eigenen Daseins allein, das zugleich erschaut und erschaffen wird. „Welch ein Unterschied ist nicht zwischen einem Menschen, der sich von innen aus auferbauen, und einem, der auf die Welt wirken und sie zum Hausgebrauch belehren will!“ Also ohne Rücksicht auf die Welt sich von innen aus auferbauen. Dieses „von innen aus“ wäre eine Phrase, bezöge es sich nicht auf eine energisch und bestimmt erfaßte Idee, an der und auf der ein Leben sich auferbauen ließe. Später empfindet Goethe manchmal schmerzlich „den Widerspruch, der zwischen seiner Natur und der unmittelbaren Erfahrung liegt“; denn die Erfahrung

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bleibt zunächst trivial, zufällig, ledig aller innern Konsequenz; wie soll, wer sich selbst so deutlich als die Verkörperung einer ewigen Idee erblickt, daran Genüge finden? In welcher Weise edle Männer, denen diese Frage in ihrer bedrohlichen Bedeutung aufgegangen war, sonsten zu antworten pflegten, wissen wir: Weltflucht, Klostermauern, Kasteiung. Goethe weiß eine andere Antwort: „Man muß, ohne die Erfahrung in die Breite verfolgen zu wollen, auf jedem Platz, in jedem Moment, so weit es Einem vergönnt ist, in die Tiefe gehen.“ * Und was ist es, das man dann überall findet? „Die ideelle Denkweise läßt im Vorübergehenden das Ewige schauen.“ Die ideelle Denkweise tut also für den Einzelnen, was die Zeit für die Geschichte tut; sie löscht das verwirrende Einzelne aus und läßt das Allgemeine rein daraus hervorgehen. Dieses Ewige im Vorübergehenden ist das, was wir Idee nennen — auch die Urpflanze und die Urliebe; und die Fähigkeit, dieses Ewige im Vorübergehenden zu ergreifen, bildet das Hauptergebnis aus den widerstreitenden Anlagen, die wir für Goethe's Persönlichkeit als charakteristisch kennen lernten. „Im Innersten meiner Pläne und Vorsätze und Unternehmungen bleib' ich mir geheimnisvoll selbst getreu und knüpfe so wieder mein gesellschaftliches, politisches, moralisches und poetisches Leben in einen verborgenen Knoten zusammen.“
    Hiermit ist der Schlüssel zu jenem viel angeführten und wenig verstandenen Worte nunmehr in unseren Händen: „Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen“ (S. 106). Und sobald wir Einblick in die wunderbare Gabe Goethe's gewonnen haben, sich selbst als Idee gleichsam neu zu erschaffen, indem er aus dem Strom des Vorüberrauschenden seines eigenen Lebens das Ewige auszusondern und sich geläutert vor Augen zu halten verstand, so begreifen wir unschwer, inwiefern er die Fähigkeit und den unwiderstehlichen Drang besitzen mußte, nicht allein bei Betrachtung der großen Naturphänomene, sondern in allen Begebenheiten des Lebens ähnlich zu verfahren. Namentlich

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mußte dies für Gestalten gelten, welche inbrünstige Liebe ganz in sein eigenes Wesen aufgesogen hatte. Und so stand auf einmal, wo vor kurzem dunkle Leidenschaft getobt hatte, ein schönes Gemälde vor seinen Augen: das Vergängliche (und dazu gehört sowohl die Reue wie die Hoffnung) ausgelöscht, das Ewige (in welchem auch das Unerbittliche seinen Sinn enthüllt) offenbar. Darum besitzt Goethe die Gabe, von seinen eigenen Liebeserfahrungen (gleichviel ob in erster oder in dritter Person) so bildkräftig, so innig, so züchtig, so vollkommen schlicht tatsachentreu und zugleich alle Prosa des Lebens in reine Poesie verklärend, zu erzählen, daß die Literatur der Menschheit nichts auch nur entfernt Analoges aufweisen kann. Es ist das kein Dichten in dem Sinne eines Mannes, der sich hinsetzt, um aus seiner Phantasie eine Dichtung zu gebären, sondern es ist „Verwandlung“ — wie Goethe es selber nennt — der Naturwirklichkeit in eine Wirklichkeit höherer Ordnung. Daß die sinnfällige, alltägliche Wirklichkeit damit ausgelöscht sein und bleiben mußte, liegt auf der Hand. *
    Hier zu moralisieren würde, glaube ich, von geringem Werte sein. Eine Frau, die dem Dichter in seinen jungen Jahren so vertraut war wie sonst vielleicht nur seine früh gestorbene Schwester und die namentlich das Verhältnis zu Lili von Anfang bis zu Ende als Vertraute beider Teile und als Vermittlerin erlebt hat, Johanna Fahlmer, schreibt: „Goethe kann gut und brav, auch groß sein, nur in Liebe ist er nicht   r e i n   und dazu wirklich nicht groß genug. Er hat zu viele Mischungen in sich; die wirren; und da kann er die Seite, wo eigentlich Liebe ruht, nicht blank und eben lassen.“ Einem Fräulein Johanna Fahlmer mußte natürlicherweise die Liebe sich in einer anderen Perspektive zeigen als einem Goethe; sie wurde die brave Gattin seines Schwagers und eine gute Mutter; ähnlich wie sie haben seitdem Tausende geurteilt. Weder das Verhältnis zu Charlotte von Stein noch dasjenige zu Christiane Vulpius — und das sind der Zeitdauer nach bemessen die zwei großen Liebesverhältnisse seines Lebens — wirkt rein harmonisch; in beiden Fällen macht sich eine eigentümliche Gewaltsamkeit bemerkbar. Die allzu große Nähe eines Weibes als eines seinem Wesen nach völlig konkreten, im Einzelnen und im Augenblick aufgehenden Geschöpfes konnte nicht anders als verwirrend auf einen Mann wirken, der, insofern

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die leidenschaftliche Anschauung in ihm vorwog, jähem Wechsel unterworfen war und, insofern die sinnende Phantasie die Oberhand gewann, im einzelnen Augenblick und im einzelnen Wesen das Allgemeine, die ewige Idee zu erfassen trachtete. Wir wären geneigt, Johanna Fahlmer für eine gute Prophetin zu halten, wenn sie nach dem Angeführten hinzugefügt: „Goethe ist nicht glücklich und kann schwerlich glücklich sein.“ Glücklich in dem Sinne wie diese vortreffliche und kluge Frau es meinte, ist er gewiß nie geworden. Lili, mit der sie ihn so gern verheiratet hätte, wäre wert gewesen, eines bedeutenden Mannes Gattin zu werden. Doch wie sollte man einem Goethe den Besitz eines solchen Glückes wünschen können? Hätte eine derartige Frau das Schicksal auf sich nehmen können, für welches die herzensgute Christiane wie geschaffen war? Der Zwiespalt entsteht schon in Goethe's eigenem Innern aus dem unausbleiblichen Widerstreit zwischen dem leibhaftig vorhandenen Goethe und dem Goethe, dessen hohe Idee wie eine mit Augen erblickte Traumgestalt ihm stets voranschwebt, „kaum augenblickliches Vergessen zulassend“. Gleich zu Beginn dieses Kapitels erkannten wir: was die Menschen bei Goethe als Harmonie preisen, ist ein täglich neugewonnener Sieg über sich selbst; daher wohl das bemerkenswerte Geständnis aus dem Jahre 1813: „Warum sollte ich mir nicht sagen, daß ich immer mehr zu den Menschen gehöre,   i n   denen man gern leben mag,   m i t   denen zu leben es aber nicht erfreulich ist.“ Nun denke man sich an der Seite dieses Goethe eine edle Gattin! Schnell wäre sie für ihn ebenso Idee geworden wie er sich selber; der Widerstreit der Empfindungen zwischen dem Allgemeinen und dem Zufälligen, zwischen dem Ewigen und dem Zeitlichen wäre unentwirrbar verwickelt, bald gewiß unerträglich geworden; es ist gar nicht anders möglich. „Jede Idee verliert, wenn sie real wird, ihre Würde“, sagt Goethe. Und mag denn auch bei Goethe die eine zunächst gegebene Wirklichkeit, wie die brave Fahlmer meinte, „nicht groß genug“ gewesen sein, war denn die andere, höhere Wirklichkeit nicht eine so vollendete, daß man sich vergeblich nach Ähnlichem umsieht? War es nicht gelebte, fast allumfassende Wahrheitsdichtung, Zeitliches und Ewiges, Leidenschaft und geklärteste Besinnung zu einer Einheit verknüpfend? Die bedeutendste aller Dichtungen Goethe's ist fraglos sein eigenes Leben. Und es darf

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wohl ohne Künstlichkeit vorausgesetzt werden, die Liebe sei in diesem an ihrem rechten Platze gewesen.
    Was am Schlusse des ersten Kapitels über Goethe und die Liebe gesagt wurde, will ich nicht wiederholen; ich bitte aber den Leser, es wieder nachzuschlagen (S. 79 fg.), er wird es jetzt besser verstehen. Nur das eine sei ein zweites Mal, und zwar mit größerer Energie betont: das Wort von dem „ewig Weiblichen“, das wir alle Tage zu hören verdammt sind, hat Goethe niemals gesprochen, vielmehr handelt es sich um die unerträgliche Trivialisierung eines großen Lebensgedankens. * Goethe hat Ewig mit großem E geschrieben: dieses Ewig-weibliche soll besagen, daß hier vom Vergänglich-weiblichen — also von der äußeren Erscheinung im Weibe — nicht die Rede ist. Sich selbst und die Welt begreift der Mensch einerseits durch die Bildung von Ideen, andrerseits durch die Liebe; das sind die beiden Wege, die ihn über ein stumpfes tierisches Dasein hinausführen. „Idee“ und „Liebe“ bezeichnet Goethe in einem seiner Prosasprüche als das geheimnisvolle „Etwas, was weit über Zeit und Raum hinausgeht und ohne welches wir weder tun noch wirken könnten“; und im Divan heißt es:

Mir bleibt genug! Es bleibt Idee und Liebe!

In der Tat, was den Menschen zum „Menschen“ erst macht, ist, wie wir seit Plato wissen, die schöpferische Befähigung seiner Vernunft, Ideen zu bilden; auch der aller Phantasterei abholde, streng exakte Mathematiker des heutigen Tages muß bekennen: Les idées sont le fondement même de la réalité, Lebensatem jedoch, Seele, pulsierendes Dasein erhält diese „Realität“ erst, wenn sich zu der auferbauenden Architektonik der Ideenbildung die zeugende Triebfeder der Liebe gesellt:

    die allmächtige Liebe,
Die alles bildet, alles hegt.

Während nun die Erschaffung gestaltender Ideen als ein charakteristisch männliches Prinzip erkannt werden muß, empfindet Goethe das Begreifen durch die Liebe als ein weibliches. Wiederum haben wir zwei entgegengesetzte Enden des Menschengemütes vor

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Augen, und wiederum ist für Goethe bezeichnend, daß er beide gleich stark empfindet, erlebt, betätigt. Zu allen Lebenszeiten und auf allen den vielfachen Gebieten, die ihm Anteil abgewannen, finden wir bei ihm die starke Betonung der reinen Idee; die Idee, sagt er an verschiedenen Stellen, sei „das Organ“, mit dem er die Erscheinungen erfasse; „die Idee muß über dem Ganzen walten“; zugleich aber betont er stets als das unentbehrliche Element für sein schöpferisches Ideenbilden den Enthusiasmus, die Liebe. Auf die Bedeutung der „Idee“ bei Goethe kommen wir noch oft zurück, denn Schritt für Schritt werden wir ihr begegnen; doch war, wie man sieht, der Gott der Liebe ihm ebenfalls allgegenwärtig; noch in herbis et lapidibus, in den Kräutern des Waldes und den von ihm so fleißig „geklopften“ Steinen, glaubt er ihn zu erblicken. Hier ist die Verwandtschaft mit dem Wesen des Weibes offenbar: durch Liebe (nicht durch Erkenntnis) begreifen, aus Liebe (nicht aus Überlegung) handeln, ist weiblich; insofern ist man gewiß berechtigt, in Goethe's Wesen ein weibliches Element zu betonen. Wir entdecken das auch in seiner Liebe zu Weibern, die nicht (wie so oft bei bedeutenden Männern) gedankenhaft überspannt ist, auch nicht gewaltsam und herrisch, vielmehr an jeder sinnlich wahrgenommenen Einzelheit sinnig haftet und stets das Geliebtwerdenwollen mehr als die männliche Besitzesbegier betont: „Ich habe mein ganzes Leben lang einen idealischen Wunsch gehabt, wie ich geliebt sein möchte.“ Doch folgt bei Goethe auf diese erste Stufe der unvermittelten Liebesregung eine Zwischenstufe losgelöster, leidenschaftsbarer Besinnung; und dies dürfen wir als so durchaus fremd dem weiblichen Gemüte bezeichnen, daß wir uns zweifelnd fragen müssen, ob selbst vereinzelte Frauen befähigt sein können, Goethen hier nach seinem Werte gerecht zu werden. Und erst von dieser zweiten Stufe aus wird die dritte erreicht, diejenige, wo die Liebe — die zunächst nur der Zauber eines einzelnen, zu glücklicher Stunde erblickten Wesens gewesen war — auf der selben Stufe erfaßt wird wie die „Idee“, wo sie, heißt das, nicht mehr bloß als Triebfeder begeistert, sondern als erfüllende, allgemeine, überpersönliche Erkenntnis beglückt, nicht jedoch abstrakt, sondern in der Verklärung eines aus der zeitlichen Bedingtheit zu ewiger Bedeutung poetisch geläuterten Weibes. Das ist die letzte und die höchste

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jener Rückverwandlungen, die Schiller staunend an Goethe wahrgenommen hatte: erst das Angeschaute zu einem Gedanken geworden, dann wieder „rückwärts Begriffe in Intuitionen umgesetzt und Gedanken in Gefühle verwandelt (S. 95); das erhabene Weltprinzip der Liebe, alles Vergänglichen, alles dessen also, woran man im gewöhnlichen Leben denkt, wenn man „weiblich“ sagt, entkleidet, und nun — die Krone aller Weisheit — in seinem wahren Urwesen als ein Ewiges, der Idee Verwandtes erkannt. Mit diesem Worte, das „Ewig-weibliche“, beschreibt Goethe das Heiligste, was — weltentnommen — er im eigenen Herzen — weltentronnen — trug und von dort aus sonnengleich über das Erschaffene zurückstrahlte.

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Die Freundschaft

    In das innerste Wesen von Goethe's Lieben suchten wir einzudringen; den Kern allein wollten wir uns herausholen; wie man gesehen hat, es führte uns diese Untersuchung bis an den Mittelpunkt der Persönlichkeit. Nun wollen wir verschiedene andere Wege einschlagen, geeignet, unsere Kenntnis dieser Persönlichkeit zu erweitern.
    An die Betrachtung der Liebe gliedert sich ungezwungen die der Freundschaft, sowie überhaupt des Umgangs mit Menschen; Analogie und Gegensätzlichkeit dienen zur beiderseitigen Aufhellung. Goethe's Beziehungen zu Männern, ebenso auch zu befreundeten Frauen sind so zahlreich, ihre Tragweite für sein Leben ist so bedeutend, daß sie als Gesamterscheinung die Aufmerksamkeit fesseln und in einzelnen Fällen eingehendes Betrachten verdienen, wenn auch hier — ebenso wie bei der Besprechung der Liebe — nicht ein biographisches Herzählen, sondern einzig die Aufdeckung eigenartiger Anlagen der Persönlichkeit bezweckt wird.
    Von Jugend auf ist das grenzenlose Bedürfnis Goethe's nach Umgang mit Menschen auffallend. „Geselligkeit lag in meiner Natur“, gesteht er. Besondere Bedeutung erhält jedoch dieses Bedürfnis nach Menschen, welches sonst trivial erscheinen könnte, erst, wenn wir an die resolute Abkehr von der Welt nach der italieni-

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schen Reise denken, eine Abkehr, die sich schon zehn Jahre früher als sehnsüchtiges Streben nachweisen läßt: „Die eisernen Reifen, mit denen mein Herz eingefaßt wird, treiben sich täglich fester an, daß endlich gar nichts mehr durchrinnen wird.“ Ja, wie wir entdecken werden, gab sich Goethe um so ungezwungener dem Verkehr mit Menschen hin, je sicherer er dem eigenen, scheidenden Herzenspanzer trauen konnte:

    Bedenkt! es lebt kein Mensch
Für sich allein; er muß viel andere sehn,
Und unter diesen sind der Toren viel:
Die lernt man dulden, wenn sie brauchbar sind.

Den ganzen Tag über ist er kaum je allein. Während er noch zu Bette liegt, tritt der Sekretär zu ihm ein; er diktiert beim Anziehen, er diktiert im Bade; er empfängt Fremde vormittags, Freunde zum Mittagstisch, lädt sich Diesen oder Jenen zur Nachmittagsfahrt ein. Ehe er ein Amt erhält, sehen wir ihn von klein auf stets in einem vielfachen Strudel der Geselligkeit; in den Weimarer Amtsjahren nimmt er fast jede Mahlzeit außer dem Hause ein und ist abends selten daheim; in Rom teilt er die Wohnung — manchmal sogar das Schlafzimmer — mit seinen lieben Künstlern; später wächst mit den Geschäften, den Studien, den Liebhabereien die Zahl der Beziehungen. Muß er zufällig einmal außerhalb der Arbeitsstunden allein bleiben, so stellt sich sofort unerträgliche Langeweile ein; „die sechzehn Stunden des Tages“, sagt er, „haben eine furchtbare Länge“; zieht er sich unter dem erschütternden Eindruck des jähen Todes Carl August's (1828) wirklich mit nur einem Sekretär nach Dornburg zurück, so versteht er es, fast täglich zahlreichen Besuch herbeizulocken.... In seinen letzten Jahren hat er außer der vollen Familientafel den täglichen Besuch durchreisender Fremden, weswegen August Goethe 1829 seufzt, seines Vaters Haus „gleiche wirklich einem Gasthofe“; dazu kommt noch ein kleiner Hofstaat näherer Freunde, die ohne Weiteres Zutritt haben und von denen sich alltäglich mehrere — früh, mittags und abends — einfinden. Goethe selbst bezeichnet einmal sein Leben in diesen letzten Jahren als „einen wahren Hexentumultkreis“. Erwägt man nun, daß diesem Manne schon in der Jugend „die Kluft zwischen sich und denen

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Menschen so graß in die Augen fiel“ und er sich von Gott „Ruhe vor den Menschen, mit denen er doch nichts zu teilen habe“, erbat, so reizt dieser unleugbare Widerspruch zu nachdrücklichem Aufmerken an.
    Als die eine Wurzel des auffallenden Verlangens nach Menschennähe nenne ich zuerst ein Bedürfnis, seine Kraft zu üben und sich im Anprall gegen Andere Anregung zu holen; im Gegensatz zu Sinnen und Brüten mutet es wie ein freudiges Funkenschlagen an. Dahinter verbirgt sich aber eine weit tiefer liegende Bedeutung: früh ein Instinkt und später eine Überzeugung, daß der einzelne Mensch nur ein Bruchstück ist und, wenn einsam, ein Wrack, wogegen der Mensch als Gesamterscheinung kosmische Bedeutung besitzt. „Die Menschheit zusammen ist erst der wahre Mensch, und der Einzelne kann nur froh und glücklich sein, wenn er den Mut hat, sich im Ganzen zu fühlen.“ „Nur sämtliche Menschen leben das Menschliche.“ „Die ganze Menschheit ist kaum hinreichend, sich aus sich selbst aufzuerbauen.“ Goethe, der Mann, der sich von der italienischen Reise an hinter einen hohen Schutzwall zurückzieht (S. 61), um sich einzig der Ausbildung seiner eigenen Persönlichkeit zu widmen, empfindet nichtsdestoweniger die unabweisbare Nötigung, in die ganze Menschheit aufzugehen, mit ihr zu verschmelzen. Hier berühren wir einen Punkt, der erst im 6. Kapitel eingehendere Erörterung finden kann, der aber bei dem subjektiven Bedürfnis nach regem Menschenverkehr zu bedeutungsvoll ist, um an dieser Stelle unerwähnt bleiben zu dürfen.
    Eine zweite Wurzel dieses Bedürfnisses bildet (wie schon angedeutet) ein eigentümlich weiblicher Zug im Wesen Goethe's: das Verlangen, sich an Andere anzulehnen, eine Verzagtheit, wenn er dies nicht kann. Sich selbst gegenüber besitzt Goethe immer das Gefühl eines schutzbedürftigen Embryos. „Ich bin immer das neugeborene Kind“, gesteht er noch im späten Alter; wozu der Wahlspruch aus früher Jugend stimmt: „Wir müssen nichts   s e i n,   sondern alles   w e r d e n   wollen“; er selber ist immer ein Werdender und bedarf daher mütterlicher Fürsorge. Selbst seinen aus Frankfurt mitgebrachten Amanuensis und Diener Seidel bezeichnet er als „Schutzgeist“; an Charlotte von Stein schreibt er, als er sich (1784) auf einer seiner diplomatischen Reisen befindet: „Ohne dich

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kann ich nicht bestehen.... Ich bin kein einzelnes, kein selbständiges Wesen. Alle meine Schwächen habe ich an Dich angelehnt, meine weichen Seiten durch Dich beschützt, meine Lücken durch Dich ausgefüllt“; wie Christiane ihn 1806 gegen die französischen Soldaten beschirmen mußte, ist allbekannt — er selber war fassungslos. * Dem großen Manne bleibt eine eigenartige Unbeholfenheit zeitlebens eigen. Noch im kräftigen Alter, wagt er es nicht, die Reise nach Berlin zu unternehmen: „Schon seit mehreren Jahren habe ich ein ,gewisses Kleben am Wohnort, das vorzüglich daraus entspringt, weil in mir noch so viel Aufgeregtes und doch Unausgebildetes liegt ¹). Da habe ich das ganze Jahr zu tun, um nur hie und da ins Klare zu kommen, meine Gesundheits- und die Zeitumstände nicht mitgerechnet.“ Und doch war seine Sehnsucht, die Gesangsaufführungen unter Zelter zu erleben, so groß, daß er meinte, erst dadurch würde er „zum wahren Lebensgenuß gelangen“. Wäre der richtige Mensch zur Hand gewesen, an den sich Goethe zur Ausführung dieses Lebenswunsches hätte „anlehnen“ können, er wäre ohne Zweifel des Genusses teilhaftig geworden, und wer will die Bedeutung für sein Innenleben ermessen? Wer durch einige Beispiele aufmerksam gemacht worden ist, wird auf Schritt und Tritt diesem Anlehnungsbedürfnis bei Goethe begegnen.
    Das unersättliche Verlangen nach Menschenumgang weist aber noch eine dritte Wurzel auf, und vielleicht ist diese von allen die stärkste: nicht bloß seine Schwäche lehnt Goethe an andere an, auch seine Kraft; er versteht es meisterlich, Andere für sich arbeiten zu lassen. Es ist dies eines der Geheimnisse seiner unerhörten Leistungen. Wie ein genialer König bis weit hinunter in der Hierarchie seine Leute selbst wählt, hinstellt, wo sie hingehören, im Auge hält, durch Drohungen antreibt, durch Ehrungen belohnt: ebenso Goethe. Über seinen Aufenthalt in Rom schreibt er: „Dadurch, daß ich einige Künstler immer mit mir leben ließ, habe ich zugleich Lehrer, Freunde und Diener erworben.“ Dieses Wort können wir auf sein ganzes Leben ausdehnen: Lehrer, die zugleich seine Diener waren, und die er — wo sie widerspenstig wurden — durch hundert Mittel an sich zu ketten wußte, hat Goethe immer um sich gehabt; einige wurden auch Freunde. Als Student schon verschafften ihm
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    ¹) „Aufgeregt“ hier im Sinne von   a n g e r e g t   (vergl. Sanders).

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reichere Mittel sowie der Zauber seines Umgangs vielseitige Hilfe Anderer; später, als Minister und als Oberleiter umfangreicher wissenschaftlicher Sammlungen, verfügte er nah und fern über nicht unbedeutenden Einfluß; zuletzt kam das Gewicht seines bloßen Namens hinzu. Einige Beispiele. Als Goethe sich für Geologie zu interessieren beginnt, läßt er sich alles vorarbeiten: ein gehörig ausgebildeter jüngerer Fachmann wird auf Landeskosten verschrieben, bereist Thüringen die Kreuz und Quer, legt für das herzogliche Kabinett und zugleich für Goethe's Privatsammlung die vollständige Gesteinsfolge an, ergründet genau die Hauptlinien des geologischen Aufbaues sowie die mineralogischen Vorkommnisse, und als dies geschehen, führt er seinen Vorgesetzten an die lehrreichsten Orte, wo in die stets verwickelten Verhältnisse des Erdrindenbaues am schnellsten Einblick gewonnen wird. Auf diese Weise erhält der von Natur genial zusammenfassende Geist in kürzester Zeit und trotz der übrigen Arbeitslast nicht eine dilettantenhaft verallgemeinernde, sondern eine an tatsächlichen Anschauungen reiche, wohlbegründete Kenntnis der Geologie seines Wahlvaterlandes und damit zugleich eine feste Grundlage für alle spätere Betätigung auf diesem Gebiete. Ohne die dienende Beihülfe eines Fachmannes wäre er dazu unfähig gewesen; in einem Brief sagt er ausdrücklich, es sei ihm, ehe er die Hülfe dieses Lehrer-Dieners gewonnen habe, nicht gelungen, die Namen der Körper zu bestimmen „noch auch gewisse andere bestimmte Begriffe zusammenzubringen“. Bei allen seinen naturwissenschaftlichen Studien ist er ähnlich verfahren. Für die spezielle Geognosie des Bergbaues war es ein anderer, Voigt (Bruder des im ersten Kapitel genannten), der die Lehrerdienste sowohl an Ort und Stelle wie bei der Ordnung der „Stufen“ im sorglich bereiteten Schranke übernahm; bei der Botanik hatte er Hofgärtner, Hofapotheker und Universitätsprofessoren zur Verfügung und nahm sogar auf Reisen einen jungen Kräutersammler mit, da er selber im „Analysieren“ der Pflanzen — nämlich im Bestimmen von Gattung und Art — es nie zu einiger Fertigkeit hat bringen können. Zu seiner eingehenden Kenntnis der Anatomie des menschlichen Körpers legte Goethe den Grund, indem er — mit einem von ihm erbetenen herzoglichen Auftrag ausgestattet — nach Jena reiste und sich dort acht Tage lang von früh bis Abend mit Professor

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Loder in den Seziersaal einschloß und an Leichen vordemonstrieren ließ. Einzig in der Farbenlehre hat er alles ab ovo selber erfunden — auch die Methode des Beobachtens und Experimentierens. Und wie in den Naturwissenschaften, so verfuhr er überall. So z. B. verstand er es, für die tagtäglich auftauchenden philologischen Fragen — grammatikalische, metrische, etymologische, literarische, mythologische — Riemer, einen Lieblingsschüler Friedrich August Wolf's, so an sich zu fesseln, erst als Hauslehrer seines Sohnes, dann als Sekretär, schließlich als Freund und Mitarbeiter, daß dieser nie mehr zur Fortsetzung der schon angetretenen Hochschullaufbahn kam! Riemer — dessen „tiefeindringende Sprachkenntnisse“ Goethe häufig bewundernd rühmt — ist an allen Hauptschriften der zweiten Lebenshälfte — namentlich an Dichtung und Wahrheit, an den Wanderjahren, am Faust II — hervorragend beteiligt, so daß Goethe von seiner Beihülfe aussagt, sie „sichere Klarheit und Übereinstimmung des Ausdrucks“; auch für jeden Brief, auf dessen Wortlaut Goethe besonderen Wert legt, wird Riemer's „grammatisch rhetorischer Beistand erbeten“. Mit der Sicherheit des praktischen Genies wußte Goethe sich seine Leute auszusuchen: seine Theaterleitung ruht auf den Schultern des unverdrießbaren Kirms, seine Jenaische Zeitschriftengründung auf denen Eichstädt's; die Sorge für die mineralogischen und geologischen Sammlungen übernahm der bis ins hohe Alter rührige Lenz. Christian Gottlob Voigt wurde schon im ersten Kapitel kurz erwähnt (S. 55); seine Verdienste erheischen jedoch stärkere Betonung. Bis an Voigt's 1819 erfolgten Tod hat Goethe in öffentlichen und auch in privaten Geschäften fast nichts beschlossen und durchgeführt ohne den Rat und die unausgesetzte Mitwirkung dieses verehrungswürdigen Mannes. „Durch Voigt's Freundschaft“, schreibt er, „ward es mir allein möglich, ein höchstbewegtes Leben ohne Anstoß fortzuführen, indem eine jede Stockung durch weise Leitung und Mitwirkung des erfahrensten und bestgesinnten Mannes sogleich beseitigt werden konnte“. Rückblickend auf seine Beamtenjahre in Weimar sagt Goethe von sich, er sei „eigentlich konstruktiv, nicht empirisch tätig gewesen“, denn er habe sich als „zum technischen   G e s c h ä f t   gleichsam untauglich“ erkennen müssen. In der Tat, das rein Amtliche in Goethe's Verpflichtungen blieb meistens Voigt zur Durchführung überlassen:

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er, nicht Goethe, führt den Vortrag in allen jenen akademischen Geschäften, deren Organisationsideen aus Goethe's Geiste hervorgingen; ihm, nicht Goethe, liegt die unendlich verwickelte Mühewaltung bei der Aktivierung des Bergbaues in Ilmenau ob, und als nach Jahren vergeblicher Arbeit der Betrieb aufgegeben werden muß, nimmt Goethe Voigt's Vorschlag dankbar an, zieht sich ganz zurück und überläßt dem Freund und Diener „alle das Unangenehme, was die Beendigung des Geschäfts mit sich führt“. Schon vor der italienischen Reise trug Voigt „den größten Teil der Geschäfte“; im Verlauf der Jahre wurde er für Goethe immer mehr „eine notwendige Bedingung seines eigenen Daseins“. Wie sich Goethe zu der umfangreichen Arbeit des Sammelns und Bearbeitens einer letzten Gesamtausgabe seiner Schriften die Dienste Eckermann's zu sichern wußte, ist allbekannt; er hätte nicht besser wählen können: nicht so gelehrt wie Riemer, nicht entfernt so bedeutend wie Schubarth, den zu gewinnen trotz aller Mühe nicht gelang, nicht so zart und klar wie Zauper, für den Goethe eine besondere Vorliebe zeigt, besaß Eckermann gerade das richtige Verhältnis von Selbständigkeit und Unselbständigkeit, von Unoriginalität und Anempfindungsgabe und war Goethen als „ein gar feiner und stiller Jüngling“ persönlich angenehm. Unter allen diesen Verhältnissen ragt jedoch das zu dem Schweizer Maler und Kunsthistoriker Johann Heinrich Meyer hervor; in ihm hat die Beziehung zu den „Lehrern, Dienern, Freunden“ den vollendeten Ausdruck gefunden. Verweilen wir darum hier einen Augenblick. Indem wir den Mann kennen lernen, der mit Goethe's Leben länger als irgend ein Anderer eng verknüpft blieb, gewinnen wir einen tiefen Einblick in Goethe's innerstes Wesen. Und zwar finden wir uns um so mehr dazu veranlaßt, als uns die Biographen im Stiche lassen; einigen gelingt das Kunststück, den Namen überhaupt nicht zu nennen, die anderen bringen so karg Unzulängliches, daß die Art und namentlich der Grad der Beziehungen unbegreiflich erscheint. Steigen wir also zu den Quellen.
    Goethe — der rhetorische Übertreibung stets Meidende — sagt selber von Meyer, als er erst seit kurzem mit ihm in Rom verkehrt: „Er hat eine himmlische Klarheit der Begriffe und eine englische Güte des Herzens. Er spricht niemals mit mir, ohne daß ich alles

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aufschreiben möchte, was er sagt; so bestimmt, richtig, die einzige wahre Linie beschreibend sind seine Worte.“ Später, als Goethe ihn zum Lebensgenossen gewonnen hatte, heißt es: „Ich habe das Glück, einen Freund in der Nähe zu besitzen, dessen reiche Erfindungskraft und geläuterter Geschmack gleichsam täglich eine neue Welt an meiner Seite erschafft, die mir den schönsten Stoff zum Nachdenken giebt.“ Gegen Schiller äußert er sich über ihn: „Es ist eine reine und treufortschreitende Natur, unschätzbar in jedem Sinne.“ Ein anderes Mal nennt er Meyer „eine schöne Zierde des Lebens für mich“ und schreibt an den Herzog, als einmal der Freund erkrankte: „Wenn er stirbt, so verliere ich einen Schatz, den wiederzufinden ich fürs ganze Leben verzweifle.“ Mehr vielleicht als alles andere besagen folgende zwei Stellen. In einem Brief an Jacobi redet Goethe von Schiller und Meyer als von „zwei Freunden, mit denen mich ein ähnliches, ja ich kann wohl sagen ein gleiches Interesse verbindet“; und gegen Wilhelm von Humboldt äußert er sich: „Wir drei (nämlich er selbst, Schiller und Meyer) haben uns nun so zusammen und ineinander gesprochen, daß bei den verschiedensten Richtungen unserer Naturen keine Diskrepanz mehr möglich ist, sondern eine gemeinschaftliche Arbeit nur um desto mannigfaltiger werden kann.“ Welcher Mann von Urteil wird bezweifeln, daß solche Ausdrücke auf mehr deuten als auf die Biederkeit, Treuherzigkeit, Bescheidenheit, von denen unsere Herren Literarhistoriker — im besten Falle — flüchtig und herablassend erzählen. * Auch Schiller — der so leicht schroff Urteilende — denkt anders über Meyer als die fachmännischen Schöngeister. Als er sich entschließt, sein Heim von Jena nach Weimar zu verlegen, nennt er nebst Goethe und dem Theater einzig „die Berührungen mit Meiern“ als entscheidenden Beweggrund; mehr als einmal sehen wir ihn im ästhetischen Meinungsaustausch Meyern seinem großen Freunde gegenüber Recht geben; und als Herder seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen ungünstig beurteilt, schöpft er „Trost“ aus Meyer's „bedeutender Stimme“; an Meyer richtet Schiller den schönsten Brief, den er jemals über Goethe geschrieben hat!
    Die Fähigkeit, in schöpferischem Schaffen jene „reiche Erfindungskraft“, die Goethe an ihm preist, zu betätigen, ging ihm

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allerdings ab; in weiser Selbsterkenntnis hat er dies bald eingesehen; dagegen erwarb er sich in nie erlahmendem Fleiße ungewöhnlich ausgedehnte historische Kenntnisse in bezug auf bildende Kunst, die nicht allein der Breite nach das Wissen seiner Zeit umfaßten, sondern namentlich reich an technischer Einsicht waren. Dank seinem Lehrer Füeßli, einem persönlichen Freunde Winckelmann's, knüpften Meyer's historische Studien unmittelbar an die echtesten Taten der damals erst zum Leben erwachenden Kunstgeschichte an. Somit besaß er ein gutes Urteil über das Was und Wie in all den tausend künstlerischen Fragen, die Goethe sein Lebenlang beschäftigten. In seiner Geschichte der bildenden Künste bei den Griechen und Römern und den später gesammelten Kleineren Schriften zur Kunstgeschichte hat er uns dauernde Zeugnisse seiner Kompetenz hinterlassen. So viel nur flüchtigst über den außerordentlichen Kunstkenner; der Wert des Freundes ist tiefer begründet.
    Den Kernpunkt dieser von Goethe und Schiller so hochgeschätzten Persönlichkeit hat Ersterer in der ihm eigenen Weise mit wenigen Worten aufgedeckt: Meyer, meint er, sei „in dem immerfort dauernden Streben begriffen, die Sachen   i n   s i c h,   und nicht, wie unsere lieben Landsleute,   s i c h   nur in den Sachen zu sehen“. Reine Objektivität — das Seltenste von der Welt — ist das unterscheidende Kennzeichen dieses Mannes, Goethe schreibt:   „G e w ö h n l i c h e s   Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge ist ein Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes;   r e i n e s   Anschauen des Äußern und Innern ist sehr selten.“ Nicht leidenschaftslos ist eine solche Natur — sonst erteilte ihr Schiller sicherlich nicht das Prädikat „bedeutend“, doch die Leidenschaft zehrt sich bei ihr in jenem „immerfort dauernden Streben“ auf, wogegen sie das Urteil unbeirrt sachlich und darum, wie Goethe einmal sagt, „vollkommen“ fällt. Ist es für Goethe bezeichnend, daß er bei jedem Menschen vor allem nach der Reinheit des Charakters forschte, so fand er hier dieses Erforderte in untadeliger Gestalt, daneben aber, wie man sieht, ein noch Selteneres: einen spiegelreinen Intellekt, der in unnachlässiger Selbstzucht sowohl dem Haß wie der Liebe allen Einfluß auf das Urteil verwehrt und der weder Eigensucht noch Eigenwillen noch Eigensinn kennt. Schon in sehr jungen Jahren hatte Goethe erkannt: „Liebe und Haß sind gar

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nahe verwandt und beide machen uns trüb sehen.“ Das schönste Zeugnis erhielt Meyer in dem Distichon „Der treue Spiegel“, das Schiller und Goethe mitten unter den sengenden Pfeilen ihrer Xenien diesem seltenen Freunde widmeten:

Reiner Bach, du entstellst nicht den Kiesel, du bringst ihn dem Auge Näher: so seh' ich die Welt, Meyer, wenn du sie beschreibst.

Nichts schätzt Goethe höher als Meyer's „reinen, unbestechlichen Blick“ und meint deswegen: was man durch Meyer's Augen sieht, „nimmt sich gar herrlich aus“. So begreifen wir nunmehr — was sonst rätselhaft bliebe —, warum Goethe nicht bloß in Fragen der bildenden Kunst, sondern in allen Fragen des Lebens und Schaffens auf Meyer's Urteil entscheidenden Wert legt. Für seine Gediegenheit und seinen Takt in Weltgeschäften zeugt die Tatsache, daß bei der schweren Theaterkrise vom Jahre 1808, als Goethe und der Herzog hart aneinander gerieten und ein vollständiger Bruch nahe schien, Meyer es ist, der mit der Vermittelung betraut wird. Literarisch steigert sich sein Anteil an Goethe's Leben bis zur Mitarbeiterschaft. Als Hermann und Dorothea vor Schiller und Wilhelm von Humboldt bestanden hat, schickt Goethe die Dichtung an den damals abwesenden Meyer mit den Worten: „Meine hiesigen und benachbarten Freunde sind wohl damit zufrieden, und es kommt hauptsächlich noch darauf an: ob es auch vor Ihnen die Probe aushält?“ Auch im späteren Leben sehen wir Goethe, wenn die anderen Berater seine Manuskripte durchgearbeitet haben, sie Meyern zum entscheidenden Überblick vorlegen. Galt es zarteste Seelenregungen, Seelenkonflikte — wie z. B. die Aufforderung, einer Lebensschilderung Schiller's Aufmerksamkeit zu schenken —, so wurde Meyer allein zur Beratung herbeigerufen. Und es hat wohl viel zu bedeuten, wenn Goethe die Vollendung des zweiten Teils des Faust sofort, am selben Tage, Meyern mitteilt und erst nach Monaten den sonst ihm nahen Freunden, wie Humboldt, Zelter, Boisserée. * Bei allen die bildende Kunst betreffenden Schriften war die Gemeinsamkeit eine so vollkommene, daß es heute schwer fällt, den Anteil jedes Einzelnen auszuscheiden. In der Weimarer Ausgabe der „Schriften zur Kunst“ lesen wir: „Auf Grund des handschriftlichen Materials läßt sich vor allem behaupten, daß das

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Gefühl der Gemeinsamkeit beider Autoren gegenüber ihren Arbeiten noch weiter gegangen ist, als man bisher geglaubt hat. Keiner von Beiden hat sich gescheut, Arbeiten als die seinigen zu bezeichnen, welche nach Ausweis der Handschriften von dem Andern herrühren.“ Wie wir aus Goethe's Briefen erfahren, „schaltet er“ bei dem Verfassen seiner Italienischen Reise „Beiträge von Meyer in sein Konzept ein“ und bittet ihn bei gewissen Episoden, „irgend einen bedeutenden Zug zu finden, der das Ganze mehr charakterisiert und bedeutender macht“. Vor wenigen Jahren entdeckte sogar der verdienstvollste unter den emsigen Goetheforschern, Bernhard Suphan, zu seinem und Aller Erstaunen, daß eine berühmte Stelle in den Wanderjahren (Buch 3, Kap. 13), die Schilderung der nächtlichen Seefahrt, rückkehrend vom Markte, einem Manuskripte Meyer's buchstäblich entnommen ist; nur ein einziges Wörtchen — „kaum“ — hat Goethe eingeschoben, sonst hat er nichts geändert; er durfte es wagen, Meyer's Schilderung für seine eigene zu geben; und anmutig wirkt es, heute, wo wir dies wissen, Lenardo's Bemerkung zu vernehmen (notabene, die Schilderung wird im Roman einer Frau in den Mund gelegt): „Ich hatte ihr mit Verwunderung zugehört, wie gut und schön sie das alles sprach.“
    Jetzt verstehen wir es, wenn Goethe an Meyer schreibt: „Daß wir uns gefunden haben, ist eines von den glücklichsten Ereignissen meines Lebens.“ In der Tat, wenige Dinge in Goethe's Leben ziehen sich von Anfang bis zu Ende so ungetrübt harmonisch hin wie das Verhältnis zwischen ihm und Meyer. Dieser war noch nicht dreißig Jahre alt, als er Goethe in Rom begegnete; bald nachher zog er nach Weimar und wohnte mit einer einzigen Unterbrechung zehn Jahre lang — ein Mitglied der Familie — unter Goethe's Dach; erst seine Verheiratung nötigte zur Begründung eines eigenen Haushaltes, doch tat dies dem Verkehr nur geringen Eintrag; wie Goethe selber hierüber berichtet: „Weder Hindernis noch Pause ward jemals empfunden“; und während der fünfundvierzig Jahre, die von 1787 bis 1832 reichen, gab es wenige Tage, an denen nicht mündlicher oder schriftlicher Gedankenaustausch stattgefunden hätte. Goethe hat Meyer in sein eigenes Dasein so vollständig aufgesogen, daß Meyer fast als ein Organ Goethe's zu betrachten ist; sobald das erhabene Haupt auf immer die Augen schließt, legt sich das treu

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angehörige Glied hin und stirbt. Durch seine Reinheit wuchs der bescheidener beanlagte Geist zu der Höhe des Weltgenius heran und ging so ganz in ihn über, daß kein Eigenrest blieb, kein Atom Schlacke. Von Heinrich Meyer besitzen wir kein schwatzhaftes Tagebuch; keine klatschseligen Briefe schrieb er an Dritte; Niemandem auf der Welt vertraute er an, was er für Goethe empfand, noch was er für Goethe war: es blieb sein Geheimnis. Nie hat er versucht, durch Goethe's Einfluß über sich hinauszukommen, etwas anderes zu werden oder zu scheinen als ein Organ des gottgesandten Mannes, als dessen Diener, dessen Lehrer, dessen Freund.
    Einst in späteren Jahren kam ein gut naiv Beobachtender, ein Maler, durch Weimar gereist und durfte an der gastfreien Tafel am Frauenplan sitzen. Alle sind sie da, die täglichen Genossen: der feinsinnige Architekt Coudray, der in alle politischen Vorgänge eingeweihte, gegen Goethe stets dienstbeflissen hilfreiche, wenn auch manchmal hastig unbesonnene Kanzler von Müller, der Arzt und Skeptiker Vogel, Riemer, der schon genannte klassische Philolog, ein gelehrter Mann, der noch mehr für Goethe geleistet hätte, wäre er weniger eigenwillig und heftig gewesen, Eckermann, die fleißig „zusammenschleppende Ameise“ (wie ihn Goethe bezeichnet), welcher, das unvermeidliche Notizbuch in der Hand, an den Lippen des Meisters hängt und jedes Wort „sofort auswendig zu lernen scheint“; doch Einer fällt dem beobachtenden Fremden in dieser lebhaft diskutierenden, heiteren Tafelrunde besonders auf: der schweigsame Greis mit der ausgesprochen schweizerischen Mundart, dessen Auge „auf dem Antlitze seines alten Jugendfreundes mit rührenden Blicken verweilt, die ebenso viel Zärtlichkeit wie Bewunderung ausdrücken“. Da liegt es! Über Meyer läßt sich nicht viel sprechen; man hätte ihn mit Augen sehen müssen, sehen, wie sein Blick auf Goethe ruhte. Dieser Blick, der reine, nichts entstellende, sah überall bis auf den Grund. Als jene unselige, italienisch-kleinasiatische Mischlingsfamilie der Brentanos, die Vorboten der jüdischen Auflösung, zum ersten Male am Horizonte Weimars auftaucht, schreibt Goethe an Schiller: „Erlustigen wird Sie das unendliche Unglück, in welches Meyer bei dieser Gelegenheit geraten ist, indem diese seltsamen und, man darf wohl sagen, unnatürlichen Erscheinungen ganz neu und frisch auf seinen reinen Sinn

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wirkten.“ Immer wieder als hervorstechende Eigenschaft die Reinheit: die reine Natur, der reine Bach, der reine Blick, der reine Sinn. Und dieser reine Sinn erkennt sofort das Unreine, das Naturfremde, Erlogene, erkennt den Feind, den diabolischen Vergifter alles dessen, was Goethe und Schiller für ihr Deutschtum erstrebt und erstritten hatten, und ... gerät darüber in „unendliches Unglück“. Heute wird sich Keiner hierüber erlustigen. Zweierlei offenbart uns aber dieser eine Zug. Wir begreifen jetzt, warum unsere Goethegelehrten so wenig mit der Gestalt des stillen Freundes anzufangen wissen; sind sie doch fast alle aus dem chaotischen Geschlecht, über welches der Reine in Entsetzen geriet, und wenn nicht, so stehen sie — wie unsere ganze Gegenwart — unter seinem Einfluß, und das heißt, unter dem Einfluß einer unbewußt und bewußt jede einzelne Tatsache unseres germanischen Seelenlebens fälschenden Tendenz. Was aber Meyer betrifft, so wirkt dieser kleine Vorfall wie eine plötzliche Beleuchtung der im Schatten halb verborgenen Gestalt. Zwar hat uns auch der Dichter gelehrt:

Was euch das Innere stört,
D ü r f t   ihr nicht leiden!

Doch schwebte er zu hoch über den Tageserscheinungen, ihnen wie Meyer auf den Grund zu sehen. An diesem unbeirrbaren Blick, an diesem „unendlichen Unglück“ bei der Erscheinung zweier harmloser junger Mädchen können wir ermessen, wie dieser Blick an einem Goethe verweilt, wie gerade dieser eine Mann unter allen gewußt haben mag, wem er diente. Empfand Goethe sein eigenes Leben als Idee (S. 107 fg.), so wurde Meyer dieser Idee gerecht; sein unbeirrbarer, rein objektiver, vorwiegend männlicher Verstand erfaßte die Idee „Goethe“ ebenso klar wie die Verhältnisse einer hellenischen Idealgestalt; sein warmes Herz — das Ewigweibliche an ihm — klammerte sich an diesen Einzigen, der Idee eines höheren Selbst beharrlich Hingegebenen an. Und so erkennen wir in Goethe's „Freundschaft und Liebe“ zu Meyer nicht allein mehr als das intellektuelle Gefallen an den Kenntnissen des gelehrten Kunsthistorikers, sondern mehr die Liebe zum Reinen, zum Klaren, zum Tüchtigen. „Meyer nimmt von der Umgebung wenig Notiz“, berichtet Eckermann; seine bloße Gegenwart wird Goethe immer wieder auf sich

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selbst zurückgewiesen haben. Sehen wir die beiden Männer häufig — wie mehrere Zeugen erzählen — lange schweigend einander gegenüber sitzen, so glauben wir in dieser stummen Gegenwart den Flügelschlag der Ewigkeit zu vernehmen, welcher sonst in der Hast und Heiterkeit der dichtgedrängten Tagesstunden wohl nicht selten überhört worden sein mag. Das Verhältnis von Lehrer, Diener, Freund grenzt in diesem Fall an das Erhabene. *
    Hiermit ist der Übergang zu jenen Verhältnissen gegeben, in denen Freundschaft allein — ohne alle bewußte Zweckbeziehung — zum Ausdruck kam. Daß Goethe sich viele Freunde erwarb, kann uns nicht wundern; ihre Aufzählung gehört in eine Biographie; was uns bei dem Studium der Persönlichkeit auffällt, ist der Umstand, daß es Goethe mit den Bedeutenderen unter ihnen nicht leicht wurde, ein ungetrübtes Verhältnis durchzuführen. Knebel erzählt, Goethe habe ihm, im Herbst 1774, gesagt, er müsse immer „etwas haben, auf das er eine Zeitlang das Ideal des Vortrefflichen lege, und so auch wieder etwas für das Ideal seines Zornes.“ Hier tritt ein dämonischer Zug in die Erscheinung, der um so mehr Beachtung verdient, als der sonst vorsichtig reservierte Mann uns wenige solche Einblicke gewährt. Betrachten wir erst einige Tatsachen, und suchen wir dann ihre Deutung zu finden.
    Auffallend ist der Verlauf der Beziehungen zu Lavater. Von einer vorübergehenden Verblendung, bald gefolgt von besserer Einsicht, kann keine Rede sein. Goethe kannte Lavater schon seit Jahren, war mit ihm gereist, hatte bei ihm als Gast gelebt, war bei der Physiognomik sein Mitarbeiter gewesen und stand schon lange in regem Briefverkehr mit ihm, als er Worte wie die folgenden schrieb: „Lavater ist die Blüte der Menschheit, das Beste vom Besten.“ „Wenn man wieder einmal so einen ganz wahren Menschen sieht, meint man, man käme erst auf die Welt.“ „Die Trefflichkeit dieses Menschen spricht kein Mund aus; wenn durch Abwesenheit sich die Idee von ihm verschwächt hat, wird man auf's neue von seinem Wesen überrascht. Er ist der beste, größte, weiseste, innigste aller sterblichen und unsterblichen Menschen, die ich kenne.“ Nichtsdestoweniger kommt es nach einigen Jahren so weit, daß Goethe in bezug auf Lavater erklärt: „Ich bin Haß und Liebe auf ewig los ... Ich habe auch unter   s e i n e   Existenz einen großen

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Strich gemacht ...“; in den Xenien wird er Schelm und Schalk geschmäht; und in einem Brief an die Herders heißt es: „Die Welt ist groß; laßt ihn lügen drin! Wo sich dieses Gezücht hinwendet, kann man immer voraus wissen. Auf Gewalt, Rang, Geld, Einfluß, Talent pp. ist ihre Nase wie eine Wünschelrute gerichtet.“ Lavater's religiöse Unduldsamkeit, seine Bekehrungsversuche am Freunde, das Pfäffisch-Glatte in seinem Wesen: alles das kann als Grund zu einer solchen Abkehr nicht dienen, denn es hätte — wenn unleidlich — von Anfang an abstoßen müssen, nicht erst nach Jahren; indiskrete Einmengungen in Goethe's Beziehungen zur Herzogin Luise würden einen formellen Bruch erklären, nicht aber Haß und öffentlichen Hohn. Das Ideal des Vortrefflichen ist auf einmal in das Ideal des Zorns umgewandelt; das Warum ist ebenso unmöglich aufzufinden, als handelte es sich um das Gefühlsleben einer Frau; wir begreifen weder die Inbrunst der Liebe noch die Unnachsichtigkeit der Abneigung.
    Anders, aber ebenfalls eigentümlich schmerzlich gestalten sich die Beziehungen zu Fritz Jacobi, dem seltenen Manne, den Wilhelm von Humboldt als „eine der großen und süßen Erscheinungen“ bezeichnet, „welche die Seele und das Herz für das ganze Leben bereichern“, und von dem Goethe berichtet, in seiner Nähe habe er „des entzückenden Gefühls einer Verbindung durch das innerste Gemüt genossen“. Wir besitzen keinen zweiten so schwärmerischen Ausdruck der liebetrunkenen Freundschaft aus Goethe's Hand, wie den ersten an Jacobi gerichteten Brief. Von ihrer Begegnung schreibt er: „Ich träume lieber Fritz den Augenblick, habe Deinen Brief, und schwebe um Dich. Du hast gefühlt, daß es mir Wonne war, Gegenstand Deiner Liebe zu sein. O, das ist herrlich, daß jeder glaubt mehr vom Andern zu empfangen als er gibt! O Liebe, Liebe! Die Armut des Reichtums — und welche Kraft wirkt's in mich, da ich im Andern alles umarme was mir fehlt und ihm noch dazu schenke was ich habe .... Glaub' mir, wir könnten von nun an stumm gegen einander sein, uns dann nach Zeiten wieder treffen, und uns wär's als wären wir Hand in Hand gangen.“ Schon aus diesen Worten lugt die Erkenntnis der abweichenden Anlagen hervor; doch wie liebevoll empfunden: was mir fehlt, umarme ich, dem Freunde schenke ich dafür, was ihm abgeht. * Auch nach vielen

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Jahren, als er einmal einige Wochen mit Jacobi zusammengewesen war und die Erinnerung noch frisch ihm das Herz erwärmte, schreibt er: „Die Reife unserer Freundschaft hat für mich die höchste Süßigkeit.“ Als jedoch der Zauber der Gegenwart verblaßte und der Verkehr längere Zeit hindurch ein schriftlicher blieb, da empfand Goethe nach und nach alles Unzulängliche an Jacobi als zunehmende Aufreizung und bedachte nicht mehr, was diese in mancher Beziehung einseitige, dabei aber wahrhaft bedeutende Natur an seltenen Gaben vom Himmel erhalten hatte, fähig, selbst einen Goethe zu bereichern. Daß wir dieser Gereiztheit gegen Jacobi eine Reihe der tiefsinnigsten Briefe verdanken, die Goethe je geschrieben, beweist zwar seine Achtung für den Freund, erklärt aber nicht die immer wiederkehrende Schroffheit. Jacobi war ein Geist der Liebe, eine Seele voller Ahnung des Wahren; wir sehen dies auf höchsten Höhen, wir sehen es auch in der Beurteilung der Tagesereignisse; dazwischen klafft die Leere: weder die Natur und die aufblühende Wissenschaft von ihr noch die heroischen Taten der Vernunft, wie sie neben ihm Kant vollbrachte, finden den Weg zu seinem Verständnis: dieser Mystiker ist blind, sein Auge erblickt überall nur das Innerliche; dieser Philosoph ist Theosoph, er glaubt an ein Organ der Wahrheit, das alle Vernunftüberlegungen weit hinter sich lasse, und gerät dadurch in pfadlose Schwärmerei; nichtsdestoweniger bleibt er in seiner Eigenart fesselnd und hat er Dinge gesagt, wert, im Gedächtnis der Menschen aufbewahrt zu bleiben. So z. B. folgende Sätze: „Es gibt nur zwei von einander wesentlich verschiedene Philosophien; ich will sie hier Platonismus und Spinozismus nennen. Zwischen diesen beiden Geistern kann man wählen, d. h. man kann ergriffen werden von dem einen oder dem andern, so daß man ihm allein anhangen, ihn allein für den Geist der Wahrheit halten muß. Was hier entscheidet ist des Menschen ganzes Gemüt. Zwischen beiden sein Herz zu teilen ist unmöglich, noch unmöglicher, sie wirklich zu vereinigen. Wo der Schein des letztern entsteht, da betrügt die Sprache, da ist Doppelzüngigkeit.“ Diese Worte sind an Goethe, nicht aber gegen ihn, sondern gegen Schelling gerichtet; wie viel hätte gerade Goethe aus ihnen lernen können! Das unglückliche Scheinverhältnis zu Spinoza, in das ihn der in philosophischen Dingen so unzureichende Herder hineingelockt hatte,

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wäre in einer einzigen Stunde bescheiden vertrauensvollen Hörens auf Jacobi in Nichts zerronnen. Und um gleich ein Beispiel aus dem andern Bereiche von Jacobi's Zuständigkeit zu geben: wie prophetisch hat er die Gefahren der Zivilisationslage des angehenden Jahrhunderts in seiner Rede zur Eröffnung der Münchener Akademie bezeichnet! „Eine auf das sinnliche Leben allein sich beziehende Kultur, weit entfernt durch ihre Fortschritte der Menschheit aufzuhelfen, unterdrückt und verdirbt sie in ihrem Inneren und macht uns, trotz aller Verfeinerung und Bereicherung daneben, in Wahrheit zu schlimmeren und unglücklicheren Tieren.“ Und diesen edlen, bedeutenden Mann hat Goethe mehr als einmal öffentlich verspottet! Als ihn dann die falsche Nachricht von Jacobi's Tod erschüttert, empfindet er sein eigenes Unrecht und schreibt zärtlich: „Wir wollen auf die kurze Dauer unsers Daseins näher zusammenrücken.... Ach, warum versäumt man so viele Augenblicke, Freunden wohlzutun?“ Doch bald war diese gute Regung vergessen, und immer wieder und wieder richtet Goethe an diesen „so treuen, tief- und wohldenkenden Freund“ (wie er ihn selber noch in spätern Jahren nennt) solche harte, verletzende Worte, daß es der unentwurzelbaren Anhänglichkeit und der ahnungsvollen Tiefe Jacobi's bedurfte, den Schmerz zu überwinden und die Treue heilig zu halten.
    Noch leidenschaftlicher in der disharmonischen Folge von Anziehung und Abstoßung verlaufen die Beziehungen zu Herder; nur liegt hier das Verhältnis umgekehrt: Herder's Gegenwart ist es, die irritierend auf Goethe wirkt, wogegen in der Abwesenheit sein Bild klarer und größer erfaßt wird; leider entfernte das Schicksal Goethe von Jacobi und schenkte ihm Herder zum dauernden Nachbarn mitsamt der Last seiner Sorgen. Auch hier kann von Überraschung oder Enttäuschung keine Rede sein. Herder, dessen Charakter zu den schwierigsten gehörte, hat sich nie in schlimmerer Verfassung befunden als in dem Augenblick, wo Goethe in Straßburg ihm zum ersten Mal begegnete: eine mißlungene Operation hatte ein qualvolles Augenleiden noch schmerzhafter gestaltet; bittere Enttäuschung und unaufhörliche Leiden vergällten dem physisch heldenhaft duldenden, doch geistig geduldlosen Manne jede Stunde. Von dieser ersten Begegnung erzählt uns Goethe: man mochte sagen, was man wollte, „man wurde gescholten und getadelt.“ Ein Mal über das andere

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spricht sich Goethe ohne Rückhalt gegen Herder selbst aus und sagt ihm z. B., er stoße sich nicht an der Schale und Hülle, „daraus deine Castors oder Harlekins herausschlüpfen“, sondern beachte einzig „den ewig gleichen Bruder, Mensch, Gott, Wurm und Narren“. Auch Herder's unselige Neigung, kränkende Verhöhnungen in Wort und Schrift seinen Freunden an den Kopf zu werfen, ist Goethen — wie wir aus den von ihm mitgeteilten Versen über Goethe-Kothe wissen — von der allerersten Begegnung an bekannt. Er wußte ja und bezeugt es nach Herder's Tod, dessen „Liebensfähigkeit und Liebenswürdigkeit“ sei trotz alles gegenteiligen Scheines „unschätzbar“ und „einzig“, und hatte bald anfangs die Einsicht gewonnen, dieser erratischen Natur — „eine zersprungene Saite auf der großen Goldharfe der Menschheit“ (wie Herder sich selber nennt) — sei alles nachzusehen. Und so zieht er ihn nach Weimar und gewinnt die kostbaren Wochen, Monate, Jahre des täglichen Gedankenaustausches mit dem verschwenderischesten Sämann von Ideen, den Deutschland vielleicht jemals besessen hat, der, auch wo er irrt, zu wahren Einsichten aufreizen kann. Ein Beispiel für letzteres ist die Tatsache, daß Herder es war, der durch einen Widerspruch „den Funken herausschlug“, der zu Goethe's Farbenlehre den ersten Anstoß gab. Goethe gewann ja weit mehr von Herder als Herder von Goethe: Ideen lassen sich mitteilen, Gestaltungskraft bleibt dem Gestalter selbst ein Geheimnis; während Goethe reichste Anregung in sich aufsog, wirkte das Sonnenhafte an ihm auf Herder augenblendend. Nicht mit Unrecht pflegte daher Herder seine Berufung nach Weimar als den Ursprung seines „verfehlten Lebens“ zu bezeichnen. Vom ersten Augenblick an erkannte er Goethe's Bedeutung und schenkte ihm verschwenderisch alles, was seine Seele erfüllte, und Goethe erwies sich (wie sich einmal Klopstock ausdrückt) als „ein gewaltiger Nehmer“. Schon in Straßburg umarmte Herder den jugendlichen Freund vor Shakespeare's Bild als dessen Erben; in seiner kleinen Schrift Von deutscher Art und Kunst (1773) rief er ihm öffentlich zu: „Dein edles deutsches Wirken laß nicht nach, bis der Kranz dort oben hange!... Dein Werk wird bleiben...“ In späteren Jahren sprach er von Goethe „mit einer Art von Anbetung“ (man vergleiche die wundervolle Schilderung aus Herder's Mund in Schiller's Brief an Körner vom 12. August 1787).

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Nichtsdestoweniger pflegte er gerade gegen den einen Goethe leicht in einen gereizten Zustand zu geraten. Seine Liebe verbarg er ihm; „Goethe liebe ich wie meine Seele: nur soll und darf ich's   i h m   bezeugen?“ schreibt er an seine Braut. Dafür bezeugte er ihm alle schonungslose Kritik, alle Ablehnung, allen Unmut. So sog denn Goethe Reichtum auf, während Herder verarmte; um so mehr hätte dieser der Liebe des Freundes bedurft, des Freundes, der seinen Wert so genau zu schätzen wußte. Als einige Jahre nach Herder's Tod in einem Aufsatz über deutsche Poesie der bald in Vergessenheit Geratene nur flüchtig erwähnt wird, gerät Goethe in Zorn: „Wer diese vierzig Jahre mitgelebt und mitgewirkt hat, der weiß besser, wem man diese Ernten schuldig ist....“ Warum vermochte denn Goethe nicht, sich das, was er „eine der vorzüglichsten Glückseligkeiten seines Lebens“ nennt, zu bewahren? Warum nicht, da er seine eigene schweigende Unversöhnlichkeit als ebenso schuldtragend erkennt wie Herder's Heftigkeit? Warum war er unfähig, die Schonung selber zu üben, die er Anderen gegen Herder empfiehlt? Warum in Briefen an Dritte so viele harte, höhnende Worte über den einzigen Mann? Warum einmal über das andere Mißhelligkeit, Streit, Zerwürfnis? Und zuletzt — wo der früh gealterte, kranke, von tausend Nöten geplagte Arme am meisten eines alles vergebenden, alles duldenden Freundes bedurft hätte — der völlige, unwiederbringliche Bruch? Alles, was die Bücher darüber vorbringen, ist unzureichend. Denn hier genügt keine Erzählung über einen geschmacklosen Ausfall Herder's — dessen mußte Goethe seit den Straßburger Tagen stets gewärtig sein; hier genügt nicht das taktlose Vorgehen der Frau Herder im Jahre 1795 — es geschah ohne Wissen ihres Mannes; hier genügt nicht die angebliche Reibung zwischen Schiller und Herder — kein Mensch war in dieser Beziehung so unbeeinflußbar wie Goethe. Vielmehr eröffnen diese schmerzlichen Konflikte in Goethe's Verhältnissen zu seinen Freunden einen Einblick in gewisse Eigenschaften seiner Persönlichkeit; darum verdienen sie an dieser Stelle unsere eingehende Aufmerksamkeit.
    Denn wir finden Ähnliches in der Mehrzahl seiner näheren Freundschaftsbeziehungen. Fast wäre ich geneigt, hier auch Charlotte von Stein zu nennen, insofern — wie wir gesehen haben — es sich in diesem Falle eher um eine wahre Seelenfreundschaft, in

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welche Liebeswahn sich einschlich, als um echte Leidenschaft handelt. Wenig besser erging es mit Carl August; einzig der Rangunterschied hat in diesem Fall einen Bruch hintangehalten. Schon bald nach seinem Amtsantritt beginnt eine gewisse Zurückhaltung sich bei Goethe bemerkbar zu machen. Das Wort in Tasso fällt auf:

(Prinzessin) Du solltest meinem Bruder dich vertrauen.
(Tasso) Er ist mein Fürst!

Goethe redet fast nur noch verdrießlich über den Herzog, über seine „enge Vorstellungsart“, über sein „fehlendes Interesse“ usw. Aus Italien schreibt er zwar noch schöne Briefe an den weiland so eng vertrauten Duzbruder, doch wird keinem feiner Beobachtenden entgehen, wie sorgfältig er an sich hält. Später schließt er sich immer mehr gegen Carl August ab. „Es hält schwer, Ew. Liebden alleweile persönlich zu erangeln“; „vergebens habe ich an Deiner Festung gerappelt; es war kein Mensch zu erpochen“, so und ähnlich klagt der fürstliche Freund, bis er die Absicht merkt und selber zurückhält. Wohl durfte der achtzigjährige Greis sich rühmen, dem verstorbenen Fürsten „sein Leben gewidmet zu haben“ — das Leben, ja, in einem gewissen Sinne, doch das Herz nicht. Ein Ähnliches wäre von den Beziehungen zu der Herzogin Luise zu berichten, die zuerst „unsere Luise“ heißt und in deren Schicksal Goethe sich nicht scheut mit seiner   L i l a   lenkend einzugreifen; auch hier aber zog er sich bald zurück, verweigerte nie Ehrfurcht und Dienstgefälligkeit, wohl aber die Herzensgabe, welche Kraft hat zu stützen und aufzurichten, so daß Herder sich auserlesen fand, „die moralische Mauer“ um die edle, tapfere, vereinsamte Frau zu bilden. was er auch getreulich durchführte. Auch mit Wieland lebt Goethe zeitweise in großer Vertraulichkeit: „Wieland ist gar lieb, wir stecken immer zusammen“; „mit Wieland hab' ich göttlich reine Stunden“; Goethe gibt viel auf Wieland's feines Sprachgefühl und unterbreitet ihm gern seine Manuskripte zur Durchsicht; dennoch muß bald der gute Wieland berichten: „Statt der allbelebenden Wärme, die sonst von Goethe ausging, ist politischer Frost um ihn her.“ Nicht lange darauf aber, und Goethe ist wieder voller Begeisterung: „Wieland sieht ganz unglaublich alles, was man machen will, macht, und was man hangt und langt in einer Schrift“, und

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er freut sich auf die „Aussicht besseres Zusammenlebens“. Hier wären noch andere Namen zu nennen, wie Lenz, Knebel, Wolf; fast immer gibt es wenigstens zeitweilig Spannungen. Auch bei Schiller ist das Verhältnis insofern nicht ungetrübt, als die der Annäherung vorangehende kalte Abwehr kostbare Jahre verschlang. Bemerkenswert ist in diesem Falle die beiderseitige Sorgfalt, alle Zutraulichkeit auszuschließen. Eckermann will die Worte vernommen haben, den Beziehungen mit Schiller sei namentlich der Umstand zugute gekommen, daß „es für uns keiner sogenannten besonderen Freundschaft weiter bedurfte“. Ich ergänze: zwischen Schiller und Goethe wurde die Freundschaft dadurch erst möglich, daß sie auf Freundschaft im gewöhnlichen Sinne des Wortes verzichteten. Nur auf Höhen des sinnenden und schaffenden Geistes oder — zur Erholung — auf dem Tummelplatz literarischer Fehden begegnen sie sich; alles, was dem Tage angehört, ist ausgeschaltet. Nie ist zwischen ihnen vom vertraulichen „Du“ die Rede, und vorsätzlich vermeiden sie jene letzte, sorglose Aufrichtigkeit, die als Kennzeichen der „sogenannten Freundschaft“ gelten kann; denn die Diplomatie, welche bei der Anknüpfung des Jahres 1794 entscheidend mitgewirkt hatte, bleibt die folgenden Jahre hindurch in Ehren. So z. B. schreibt Schiller an Goethe über seinen ersten Beitrag zu den Horen, er finde „das Ganze sehr zweckmäßig eingeleitet“ und „glücklich ins Reine gebracht“; wogegen er in einem Brief an Körner klagt, Goethe habe „keineswegs seine Erwartung befriedigt“; und ähnlich oft. Auch Goethe hat manche bekannte Äußerung über Werke Schiller's getan, die er dem Ohre des Freundes nie anvertraut hätte. Wogegen wir z. B. zwischen Schiller und Körner die eigentliche Freundschaft walten sehen: hier redet Schiller wie zu seiner eigenen Seele und liebt es, wenn Körner über seine Worte und seine Werke und seine Handlungen so rücksichtslos urteilt, als hörte ihn nur ein dritter. Wie fällt es neben dem Ton des Briefwechsels mit Goethe auf, wenn wir 1802 Schiller über eine Dichtung seines Freundes an Körner schreiben sehen: „Es hat treffliche Stellen, die aber auf einen platten Dialog wie Sterne auf einen Bettlermantel gestickt sind“! Nicht einmal der unschätzbare Briefwechsel geht ursprünglich aus dem Herzensdrang befreundeter Seelen hervor, sondern, wie Schiller mitteilt: „Wir haben eine

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Korrespondenz miteinander über gemischte Materie beschlossen, die eine Quelle von Aufsätzen für die Horen werden soll. Auf diese Art, meint Goethe, bekäme der Fleiß eine bestimmtere Richtung, und ohne zu merken, daß man arbeite, bekäme man Materialien zusammen.“ Wie von einer höheren Gewalt geführt, ihnen beiden unbewußt, entsteht nach und nach der heilige Bund, der diese zwei grundverschiedenen Persönlichkeiten für alle Zeiten zu einer lebendigen Einheit verknüpft; zwei Jahre nach jenen ziemlich nüchternen Worten über den Briefwechsel schreibt Schiller aus überströmender Seele an Goethe: „Das schöne Verhältnis, das unter uns ist, macht es mir zu einer gewissen Religion, Ihre Sache zu der meinigen zu machen, alles was in mir Realität ist, zu dem reinsten Spiegel des Geistes auszubilden, der in dieser Hülle lebt, und so, in einem höheren Sinne des Wortes, den Namen Ihres Freundes zu verdienen.“ In einem höheren Sinne: dies genügt uns für den Augenblick, da es hier nur auf eine genaue Verständigung über die Natur dieser Freundschaft ankommt, der „uneinigen Einigkeit“, wie sie Goethe einmal bezeichnet.
    In aller Kürze noch eine letzte Gestalt: die Zelter's. Denn die Briefwechselbeziehungen des alternden Mannes zu einem Schultz, einem Reinhard, einem Rochlitz, einem Boisserée, einem Sternberg usw. deuten alle nur auf bestimmte Arbeitsgebiete des Unermüdlichen: optische, politische, musikalisch-theatralische, kunstgeschichtliche, geologische usw.; das Wort Freundschaft wäre zu hoch gegriffen. Und den einzigen Wilhelm von Humboldt hat das Schicksal sehr frühzeitig aus der Nähe seiner großen Gönner Schiller und Goethe entführt und ihm dann in einem geschäftereichen Leben nie Muße zu einem anhaltenden Briefaustausch gelassen, wenn auch das Wenige zu dem Bedeutendsten gehört, was wir besitzen. Dagegen steht das Verhältnis zu Zelter in Goethe's Leben einzig da und wird uns helfen, in die Eigentümlichkeiten seines Wesens, die uns augenblicklich beschäftigen, weiteren Einblick zu gewinnen.
    Stellen wir zunächst drei Tatsachen fest. Zu keiner Lebenszeit wäre ein Zelter fähig gewesen, Einfluß auf Goethe's geistige Entwickelung anzustreben oder zu gewinnen — wie das doch ein Herder, ein Jacobi, ein Lavater, ein Schiller beanspruchen konnten; außerdem aber war Goethe fast fünfzig Jahre alt, als er Zelter's

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Namen zum ersten Male hörte, und mehr als fünfzig, als er ihm persönlich begegnete; die Anknüpfung findet also zur Zeit vollkommen abgeschlossener Reife statt, und das Du gibt Goethe dem Freunde erst in seinem dreiundsechzigsten Jahre; drittens ist wohl zu beachten, daß die Beziehungen fast ausschließlich schriftliche blieben: im Laufe von dreißig Jahren sind sich beide Männer vier- oder fünfmal auf wenige Stunden oder Tage begegnet. Diese Umstände erklären den ungetrübten Genuß, den Goethe an der Persönlichkeit gerade dieses Freundes fand. Zelter ward für Goethe ein Typus, ein Typus des Wackeren, des „tüchtig bürgerlichen Ernstes“. „Wenn die Tüchtigkeit sich aus der Welt verlöre, so könnte man sie durch ihn wiederherstellen“; „Zelter ist eine grundwackere und treffliche Natur, die unter Päpsten und Kardinälen zu recht derber Zeit hätte sollen geboren werden“; „Man fängt wieder an, ans Leben zu glauben, wenn man solche Menschen sieht, die so tüchtig und redlich wirken, gegen so viele, die nur wie das Rohr vom Winde hin- und hergeweht werden.“ Tüchtig, redlich, grundwacker, derb, voll unverwüstlichen Lebens: das ist es, was Goethe an diesem Manne freut und fesselt. Goethe's Worte an Niebuhr kennt wohl Jeder: „Das Tüchtig-Regsame ist ganz allein wohltätig!“ und auch die   z a h m e   X e n i e   wird Vielen erinnerlich sein:

Das Tüchtige, wenn's wahrhaft ist,
Wirkt über alle Zeiten hinaus.

    Genau an diesem Punkte erblickte Goethe Zelter, also in dem Brennpunkt seiner sittlichen Weltanschauung. Darum sind die kopfschüttelnden Redensarten über die Unbedeutendheit Zelter's, über Goethe's Vorliebe für mittelmäßige Menschen usw. übel angebracht: Charakter besaß in seinen Augen höheren Wert als Talent; Zelter, der zum Musiker umgewandelte Maurermeister, der um die Wiedererweckung Bach's Vielverdiente, * hat sich durch seine Lebensführung — man denke nur an sein Verhalten während der Okkupation Berlins durch die Franzosen — als ein „grandioser Mensch“ bewährt; es steckt in ihm, wie Goethe einmal sagt, „etwas Prometheisches“, das man „nur anstaunen und verehren kann“. Dazu war er ein unverwüstlich heiterer Mensch, „anmutig, unterhaltend, unterrichtend“, ein Mann, der „immer den Nagel auf den

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Kopf trifft“; seine Briefe gehören zu den besten in der deutschen Sprache und verschafften Goethe mit der Bestimmtheit und Lebendigkeit ihrer Schilderungen, mit dem Witz und der Gemütstiefe ihrer Bemerkungen endlosen Genuß. „Liebe Sonne, fahren Sie fort zu erwärmen und zu erleuchten!“ ruft Goethe einmal aus. Ob er aber Zelter's Nähe vertragen hätte, bezweifle ich. Nach der Begegnung des Jahres 1829 schreibt er an Zelter höchst verdrießlich über die Leerheit der gemeinsam verlebten Stunden: „Die Gegenwart hat wirklich etwas Absurdes.... Der Abwesende ist eine ideale Person; die Gegenwärtigen kommen sich einander ganz trivial vor.“ Und der wackere Zelter erwidert mit Aufrichtigkeit: „Wie oft muß man bemerken, daß ein unmittelbares persönliches Verhältnis, lange gewünscht und endlich erreicht, die Individuen auseinander treibt, wo nicht gegeneinander stellt....“ Denken wir jetzt an Heinrich Meyer zurück, dessen tägliche Gegenwart Goethe nicht entbehren konnte, so merken wir deutlich, daß wir uns am entgegengesetzten Ende der Skala befinden: dort der vollkommen einverleibte, zu einem Hilfsorgan der eigenen Seele gewordene „reine Blick“ (S. 123), hier die „ideale Person“, d. h. der noch bei lebendigem Leibe von Goethe zu einem Inbegriff und Prototyp Umgewandelte.
    Als Ergebnis unserer Betrachtung über die Freundschaft in Goethe's Leben fällt zunächst in die Augen, daß dieser Mann zwar ein unersättliches Bedürfnis nach Menschenumgang hatte, daß es ihm aber nicht leicht wurde, ein Freund zu sein; selbst mit Schiller gelang dies nur durch die strenge Beobachtung genau abgesteckter Grenzen. Wer nun, wie es manchmal geschehen ist, sei es von Kälte und Egoismus, sei es kurzweg von der alles überragenden Größe des Genies spricht, hat damit wenig gesagt. Nicht allein sein forschendes Hirn, auch sein sehnendes Herz zieht Goethe zu Menschen; „liebe mich!“ ist bei ihm ein häufigster Briefschluß, und von ihm selber galt das Wort, das er seinem Werther in den Mund legt: „Meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde.“ Die Liebe, die Kinder ihm einflößten, ist für Goethe bezeichnend; sein Leben und seine Schriften sind so angefüllt davon, daß man mit den Zeugnissen ein ganzes Buch hat anfüllen können; dieser eine Zug entscheidet. Außerdem übt Goethe auf Viele mächtige An-

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ziehungskraft aus. Und nichtsdestoweniger kommt es so schwer zu einer erquicklichen und dauernden Freundschaft! In tiefsten Tiefen der Persönlichkeit — in denen, die wir zu Beginn dieses Kapitels aufzudecken versuchten — liegt die Erklärung. Der Blick eines Goethe drang mit Leidenschaft bis auf den Grund jeder Erscheinung; wie wir schon früher sahen, diese Art des Erschauens ist der Liebe verwandt; sie ergreift den gegenwärtigen Gegenstand, ob bedeutend oder gering, und um ganz zu empfangen, gibt sie sich ganz. Schon hier wurzelt eine Gefahr und die Nötigung zu heftiger Gegenwirkung. Ein herzlich unbedeutender Mensch, der Stallmeister von Stein, veranlaßt Goethe, in sein Tagebuch einzuzeichnen: „Jedes Menschen Gedanken- und Sinnesart hat was Magisches.“ In einem langweiligen Stallmeister, der nur von Pferden und Jagden spricht, „was Magisches“ zu empfinden, zeugt von einer dichterisch überschwenglichen Empfindungsart. Sofort aber knüpft Goethe für sich die Warnung daran, sich nicht in eine „enge, arme Vorstellung ziehen“ zu lassen. Er muß sich gegen sich selbst schützen; der überschnellen Annäherung folgt ein vorsichtiges Zurückweichen. Das ist der eine Grundton. Ein anderer kommt zu Wort in einer Äußerung, welche lautet: „Aus Verbindungen, die nicht bis in's Innerste der Existenz gehen, kann nichts Kluges werden.“ Liebe fordert Liebe, Leidenschaft Leidenschaft; die Inbrunst, mit der Goethe sich selbst und sein Leben erfaßt, duldet keine halbe Hingabe; und wo findet man volle Hingabe, uninteressierte, reine offene? Wir denken an Heinrich Meyer und fühlen das Einzige einer solchen Erscheinung. Auch hier also eine Veranlassung, hoffnungsvoll eingegangene Verhältnisse nicht weiter zu führen. In beiden Fällen ist es Reichtum — nicht Armut — des Gemütes, der zu etwas führt, was der oberflächlich Urteilende kurzweg dem Begriff Wankelmut oder Kälte einreiht. Blicken wir aber noch tiefer, so entdecken wir etwas, was überall in Goethe's Leben mit unbezwinglicher Notwendigkeit gestaltend wirkt: ich meine jene einzige, auf der merkwürdigen mittleren Anlage der Persönlichkeit beruhende Kraft des   I d e e n b i l d e n s   (S. 95 ff.). Das mit Leidenschaft Erschaute dringt, wie wir sahen, nach innen, wird dort begrifflich auseinandergenommen, zerlegt und wandelt dann, in der Reinheit und Kraft des poetischen Genius wieder aufgebaut, als

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sichtbare und für Goethe's Empfinden völlig konkrete Idee in die Welt des Angeschauten zurück. Welcher Freund konnte in concreto fähig sein, eine solche schöpferisch erzeugte Gedankengestalt dauernd auszufüllen? Ein Schiller; schwerlich ein anderer. Daß es auch Heinrich Meyer fünfundvierzig Jahre lang ohne jegliche Trübung vermochte, beweist, welche seltenen Eigenschaften des Geistes und des Herzens auch dieser besessen haben muß. Goethe sagt einmal ausdrücklich, in der Ferne könne man „die Idee lieben“, die man von jemandem habe, in der Nähe zerstöre sie dessen Torheit und Tollheit. Wozu aber noch ein Ausschlaggebendes kommt, das trotz aller scheinbaren Subtilität sich im Leben Goethe's tagtäglich aufgedrängt haben muß: das, was er als Idee von sich selber erfaßt hatte (S. 107 ff.), war ein Tyrann, der keine Zugeständnisse duldete; sonst war Goethe nachsichtig, duldsam, mitleidsvoll, hier aber unbeugsam; wer der Verwirklichung dieses Ideals im Wege stand, mußte fallen, wer es auch war; gegen sich selber kämpft er ja unablässig und schreibt in sein Tagebuch das Gebet: „Gott gebe Lichter, daß wir uns nicht selbst so viel im Wege stehen.“ Darum fiel Charlotte von Stein. Sie war, ohne daß in ihr selbst eine Änderung vorgegangen wäre, in einen solchen Winkel zu dem weiter schreitenden Manne zu stehen gekommen, daß sie auf den Weg, den er zu gehen hatte, einen immer länger werdenden Schatten warf; sie mußte fallen. Die häufige Abwendung von Herder, zuletzt der Bruch, ist gewißlich der gleichen Ursache zuzuschreiben; nicht die Beleidigung seiner Person fürchtete Goethe, wohl aber die ätzende Zerstörung seiner Ideale; auch solche Erscheinungen wie die fast befremdende Zurückhaltung gegenüber Carl August und Luise sind ohne Zweifel hierher zu rechnen, nicht weniger die gegen Jacobi gewendete Heftigkeit und die gegen Lavater errichtete Scheidewand.
    Wer hier andächtig genau erfaßt, der wird vor der Tragödie eines solchen Schicksals erschauern. „Was ich trage an mir und Anderen sieht kein Mensch. Das beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse, und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können.“

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140 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Barmherzigkeit


Die Barmherzigkeit

    Es bedeutet einen ersten Schritt von innen nach außen, wenn wir jetzt das Verhältnis Goethe's zur Welt im allgemeinen und vorerst als Wohltäter, Helfer, Förderer in Betracht ziehen.
    Wenige Dinge haben sich so festgewurzelt in der Vorstellung der unwissenden und zugleich tyrannischen Menge wie die eines kalten, harten, eigensüchtigen Goethe. Nun ist es freilich mit der Selbstsucht wie mit dem Gedächtnis oder der Rechengabe: man redet von Menschen, die kein Gedächtnis oder keine mathematische Anlage besäßen, doch würde ein gänzlicher Mangel an Gedächtnis die Abwesenheit jeglichen Verstandes bedingen, und der Musiker z. B., der vielleicht die Regeldetri nicht kapiert, betätigt erstaunliche instinktive Mathematik in Gehör und Fingerspitzen; wer gut sucht, wird an jedem Menschen, wenn auch manchmal sehr versteckt, Gedächtnis und Sinn für Zahlen oder Verhältnisse entdecken; es kommt also auf eine Verständigung über die Tragweite unserer Begriffe an. Ohne Schätzung des Selbst, ohne Behauptung des Selbst läßt sich nicht das Geringste leisten. In seiner Harzreise im Winter schildert Goethe den verbitterten Plessing, den aus seiner Melancholie zu retten ihm mit der Zeit tatsächlich gelang:

Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eigenen Wert
In ung'nügender Selbstsucht.

Und während ein solcher den eigenen Wert aufzehrt und zur Null wird, fällt er zugleich aller Welt zur Last. Dieser Kernspruch über die „ungenügende Selbstsucht“ gemahnt an Shakespeare's:

Self-love, my liege, is not so vile a sin
As self-neglecting.

Und diese Verse wiederum erinnern an die Zeile im Divan:

Selbstlob! Nur dem Neide stinkt's!

    Viele Jahre nach der Harzreise hat uns Goethe in den Wanderjahren seine Auffassung ausführlicher dargelegt. „Jeder suche den

141 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Barmherzigkeit

Besitz, der ihm von der Natur, von dem Schicksal gegönnt ward, zu würdigen, zu erhalten, zu steigern; er greife mit allen seinen Fertigkeiten so weit umher als er zu reichen fähig ist: immer aber denke er dabei, wie er Andre daran will Teil nehmen lassen ... Jede Art von Besitz [genannt werden der Fürst, der Dichter, der Maler, der Musiker, der Reiche] soll der Mensch festhalten; er soll sich zum Mittelpunkt machen, von dem das Gemeingut ausgehen kann; er muß   E g o i s t   sein um nicht   E g o t i s t   zu werden, zusammenhalten, damit er spenden könne.“ * Ein anderes Mal lesen wir: „Die Außenwelt bewegt sich so heftig, daß ein jeder Einzelne bedroht ist, in den Strudel mit fortgerissen zu werden ... Da bleibt nun nichts übrig, als sich selbst zu sagen, nur der reinste und strengste Egoismus könne uns retten; dieser aber muß ein selbstbewußter, wohlgefühlter und ruhig ausgesprochener Entschluß sein.“ An einer Stelle redet Goethe von dem „verklärten Egoismus“, mit dem allein es gelinge, aus dem Gemüte „kraftloses Widerstreben und ohnmächtigen Haß zu verbannen.“ Hier reizt es, noch manches schöne Wort anzuführen, doch wir erfassen Goethe's Lehre schon bestimmt und klar und erwarten nicht, den Mann, der die Unentbehrlichkeit der Selbstheit so deutlich empfand, unselbstisch zu finden. Alles dreht sich um den Unterschied zwischen Egoist und Egotist, zwischen verklärtem Egoismus und dem „egoistischen Irrsale“, in welchem wir „erfrieren und verdursten“. Entscheidend ist die Praxis des Lebens; hier stehen nun die nachweisbaren Tatsachen fest, und gegen sie zerstäubt die Lüge zu eitel Schaum.
    Freilich zeigt Goethe wenig Rührseligkeit und Empfindelei; als unproduktiv kämpft er sie nieder, wenn sie sich regen; doch waren seine angebliche Härte und Strenge, wie er selbst einmal sagt, „nur factice, nur Selbstverteidigung“, und bezeichnend für ihn ist im Gegenteil die stete Bereitschaft, Anderen zu helfen. C. G. Voigt, der im Anfang gegen Goethe eingenommen gewesen war, muß später gestehen: „Je näher ich ihn kennen lerne, je mehr innere Güte entdecke ich an ihm.“ Kaum einer seiner Freunde, der nicht durch ihn Förderung erfahren hätte; und nicht die Freunde allein, vielmehr fragte er nur nach der Tüchtigkeit und diente auch denen, die ihm persönlich odios waren. Schiller bekannte offen, Goethe's unbe-

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schränkte Duldsamkeit, seine Art, auch dasjenige, was er nicht mochte, zu fördern, „wolle ihm nicht gefallen“. Bei Goethe handelte es sich um eine unweigerliche Maxime. „Uneigennützig zu sein in Allem ... war meine höchste Lust, meine Maxime, meine Ausübung.“ Die Jugendgenossen — Klinger, Lenz, Wagner — genießen seine Unterstützung; der liebe Hitzkopf Knebel, der in seiner Urteilslosigkeit so manches Abfällige über Goethe spricht, wendet sich nichtsdestoweniger bis ans Ende (d. h. also fast sechzig Jahre lang) stets an Goethe, sobald er — was oft geschieht — in Not gerät; er ist ein Duzfreund des Herzogs und aller Anderen, doch Goethe allein ist energisch unverdrossen, wenn es gilt, einem Freunde helfen; * wird Merck bankrott, so legt er sein Schicksal in Goethe's Hände, nicht in die der ihm befreundeten Fürsten; Bürger — der ihn nicht einmal persönlich kennt — sucht bei Goethe Rat und Hilfe, sobald er verzweifelt, denn Goethe war es ja, der aus freien Stücken sich schon einmal seiner beabsichtigten Homerübersetzung warm angenommen hatte; Herder erhält Amt und ansehnliche Einnahmen — dem Geschmacke der Geistlichkeit und des Hofes zum Trotze — durch Goethe's Bemühungen, und nie veranlaßt eine Unterbrechung der freundschaftlichen Beziehungen Nachlässigkeit in der treuen Sorge für das Wohl der Familie, vielmehr ist Goethe unerschöpflich in der Erfindung von Kunstgriffen, um Eltern und Kindern aus ihren ewig neuen Nöten zu helfen; Meyer's Schicksalsfaden läuft von Anfang bis zu Ende durch Goethe's liebevoll sorgende Hand; auf Goethe's Anregung erhält Schiller — noch zur Zeit der gegenseitigen entfremdenden Kälte — die Professur in Jena, und weiterhin, bei den entscheidenden Wendungen des allzu kurzen Lebenslaufes, findet er Schritt für Schritt den Freund zur Hand ... Hier wäre auch der kaum aufzuzählenden Schar der durch Goethe's Vermittelung unterstützten Gelehrten und Künstler zu gedenken; denn handelte es sich auch in solchen Fällen vielfach um die Erfüllung einer amtlichen Pflicht, und wirft vielleicht Mancher ironisch ein, Goethe selber habe reichen Gewinn aus diesen Bemühungen gezogen, so sind wir jetzt, wo fast der gesamte Briefwechsel vorliegt, in der Lage festzustellen, daß kein Vorgesetzter die Lebensinteressen der ihm Untergebenen gewissenhafter und zarter im Auge behalten kann, als er es tat. Kant's kategorischer Imperativ, man dürfe

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einen Menschen nie bloß als Mittel, müsse ihn vielmehr immer zugleich als Zweck behandeln, könnte zur Schilderung von Goethe's Tätigkeit als Beamter dienen. Ein bedeutender Teil der fünfzig Bände ausfüllenden Sammlung der Briefe Goethe's befaßt sich mit dem Schicksal Anderer: die Voraussicht erstreckt sich oft auf viele Jahre, die Umsicht läßt aber nie nach, die Weisheit und Festigkeit im Lenken seiner Schützlinge, gepaart mit einer erstaunlichen Befähigung zur Nachgiebigkeit, die unabschreckbare Beharrlichkeit den Fürsten und Korporationen gegenüber zu Gunsten der von ihm zur Ausbildung Empfohlenen sind bewundernswert. Berichten läßt sich darüber in Kürze nicht; denn was eindrucksvoll wirkt, ist der Umfang, die Folgerichtigkeit, die Unermüdlichkeit dieser Tätigkeit. Fanden wir Goethe's Beziehungen, sobald seine eigene Persönlichkeit in Mitleidenschaft gezogen war, schmerzlich erschwert und leidenschaftlichen, unberechenbaren Zufällen unterworfen, so sehen wir sie um so unwandelbarer sich gestalten, je klarer ein bestimmtes Ziel vorliegt und je fester sie sich in einen wohlerwogenen Gesamtplan einfügen.
    Wem aber in dieser echt männlichen Besonnenheit und Treue das Zielbewußte, Erfolgsichere zum Nachteil einer gewissen gefühlvollen Barmherzigkeit in die Augen sticht, wird eines Besseren belehrt werden, wenn er erfährt, in welcher Weise Goethe verschämten Armen heimlich half und mit welchem echt weiblichen Zartgefühl er es über sich brachte, selbst den Launen und Kapricen der seelisch Erkrankten nachzugeben. „Man soll tun was man kann, einzelne Menschen vom Untergang zu retten“ — so lautet seine Lebensmaxime. Ich nannte schon Plessing; Goethe fand ihn als verbitterten Weltflüchtling und brachte ihn durch Geduld und liebevolles Auferwecken verborgen gebliebener Kräfte dahin, daß er ins bürgerliche Leben wieder eintrat und als Gelehrter Schätzbares leistete. Tieferen Aufschluß über die Persönlichkeit Goethe's gewähren die Beziehungen zu einem Unbekannten, der seine Schwäche unter dem Namen Johann Friedrich Krafft verbarg. Es handelt sich um einen Mann, der, früher in guten Verhältnissen, allen Lebensunterhalt eingebüßt hatte; Leichtsinn scheint die Ursache gewesen zu sein, physische und seelische Zerrüttung stellten sich als Ergebnis ein; Wiederherstellung war ausgeschlossen. Diesen Unglücklichen nun

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— den er persönlich nicht gekannt hatte — unterstützte Goethe aus seinen Privatmitteln bis an dessen Tod, verschaffte ihm aus Rücksicht auf seinen Stolz einen Schein von Beschäftigung und übte gegen seine Launen, seinen Argwohn, seine Unzuverlässigkeit eine mild-liebevolle Nachsicht, wie man sie von einem überbeschäftigten Beamten, Poeten, Naturforscher (es handelt sich um die voritalienische Zeit der größten Arbeitslast in Weimar) kaum für möglich gehalten hätte. Wir wissen von mehreren solchen Fällen; dieses eine Mal aber hat die Vorsehung eine Reihe von Briefen Goethe's vor dem Untergang bewahrt. „Nehmen Sie das Wenige, was ich Ihnen geben kann, als ein Brett, das ich Ihnen im Augenblick zuwerfe, um Zeit zu gewinnen“, heißt es in dem ersten. Zehn Tage später folgen Kleidung, mehr Geld und ein Plan zu Krafft's dauernder Errettung: „Ich weiß im ganzen Umfang, was das heißt: sich das Schicksal eines Menschen mehr zu den übrigen Lasten auf den Hals binden; aber Sie sollen nicht zu Grunde gehen.“ Und da der Beschenkte sich sträubt, beruhigt ihn Goethe: „Sie sind mir nicht zur Last, vielmehr lehrt's mich wirtschaften; ich vertändele viel von meinem Einkommen, das ich für den Notleidenden sparen könnte. Und glauben Sie denn, daß Ihre Tränen und Ihr Segen nichts sind? ... Es ist mehr eine Wohltat von Gott, wenn er uns, da man so selten was tun kann, einmal einen wirklich Elenden erleichtern heißt.“ In Wahnvorstellungen befangen, will der Arme auf die wohlerwogene und mit aller Rücksicht vorbereitete Niederlassung in Jena nicht eingehen; Goethe antwortet: „Sie sollen in nichts gezwungen sein.... Ich weiß, daß dem Menschen seine Vorstellungen Wirklichkeiten sind, und obgleich das Bild, das Sie sich von Jena machen, falsch ist, so weiß ich doch, daß sich nichts weniger als solch eine hypochondrische Ängstlichkeit wegraisonnieren läßt.... Ich weiß, daß den Menschen von zitternder Nerve eine Mücke irren kann und daß dagegen kein Reden hilft.... Seien Sie überzeugt, daß mir alles recht ist, was Sie beruhigen und zufriedenstellen kann und daß ich Jena bloß wählte, weil ich auf die bequemste und leichteste Art für mich Ihnen das leidlichste Leben zu verschaffen hoffte.“ Krafft kommt, wie er's gewünscht hatte, in ein Dorf, mitten im Walde; und nun ist es bezeichnend, auf welche Art Goethe, der die materielle Notlage dauernd behoben hat,

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sich der moralischen Not weise, zart und unverdrossen annimmt. Er sorgt für Beschäftigung: Krafft muß ihm nach und nach die Geschichte seines Lebens aufsetzen; er sorgt für Erweiterung des Interessenkreises: Krafft hat Leben und Verhältnisse der Bergleute zu beobachten, die Dorfverwaltung zu studieren und über alles zu berichten; er sorgt für die Wiedererweckung des Verantwortlichkeitsgefühles: Krafft hat einen aufwachsenden Knaben (den unehelichen Sohn eines verstorbenen Freundes, für den Goethe ebenfalls, ohne daß eine Seele es ahnte, alle Sorge auf sich genommen hat) zu beaufsichtigen und ihm einigen Unterricht zu geben. Natürlich hapert's bei dem armen seelenkranken Egotisten; Goethe mahnt eindringlich leise: „Jeder Mensch hat seine Pflicht; machen Sie sich das zur Pflicht Ihrer Liebe zu mir, und es wird Ihnen leicht werden.... Das Muß ist hart, aber beim Muß kann der Mensch allein zeigen, wie's inwendig mit ihm steht. Willkürlich leben kann Jeder.“ Über diesen Brief gerät der Überspannte in Verzweiflung; er sei in Goethe's Achtung gesunken, sei in seinen Augen befleckt, und was es an unsinnigen Vorstellungen der Schwachen mehr dergleichen gibt. Fest und freundlich erwidert sofort der Vielgeplagte — der zu jener Zeit die Briefe seiner besten Freunde monatelang unbeantwortet läßt — und schließt: „Verdenken Sie mir doch nicht, wenn ich Sie mit dem, freilich Wenigen, was ich für Sie tun kann, auch vergnügt und zufrieden wüßte. Es bleibt also, wenn Sie wollen, beim Alten; ich wenigstens werde in meinem Betragen gegen Sie nichts ändern.“ Jahrelang dauerte dieser Kampf des guten Prinzipes gegen die höllischen Einflüsterungen des Geistes des Bösen und der Verzweiflung, dem hoffnungslos Zerrütteten sicheren Schutz gewährend und manchen verheißungsvollen Abendstrahl göttlichen Segens vermittelnd. „Übrigens bitte ich sich zu beruhigen; es ist für Ihren Gemütszustand besser, daß Sie in der Stille leben. Sie haben mir schon Dienste geleistet und es findet sich auch wohl noch Gelegenheit dazu. Keine Gnade habe ich auszuteilen und meine Gunst ist nicht so wandelbar. Leben Sie wohl und genießen des Wenigen in Frieden.“ Wenige Monate nach diesem letzten der erhaltenen Briefe war der arme Krafft aus dieser Zeitlichkeit erlöst; der unwandelbar Treue ließ ihn auf seine Kosten beerdigen. Wir aber gedenken des Wortes: „Was ihr getan habt Einem unter

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diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, und unser Herz krampft sich schweigend zusammen, wenn wir einen Menschen, der an rettungslos Verlorenen im Verborgenen Gutes tut, von den Gift verschleppenden Nachtalben kalt und egoistisch schelten hören.
    Liebenswürdig ist der Zug, daß Goethe den um Almosen Bittenden gern selber spendete. Ein Zeuge berichtet, kein Handwerksbursche ging unbeschenkt an Goethe's Wagen vorbei; reizende Erzählungen hierüber findet man in der Besprechung des Deutschen Gil-Blas; unvergeßlich sind aber vor allem die herrlichen Verse im Divan, wo es, nachdem des Mädchens Blick, des Trinkers froher Zuruf, des mächtigen Herrn freundlich verheißungsvoller Gruß gepriesen worden sind, dann heißt:

Lieblicher als alles dieses habe
Stets vor Augen, wie sich kleiner Gabe
Dürft'ge Hand so hübsch entgegen dränget,
Zierlich dankbar was du reichst empfänget.
Welch ein Blick! ein Gruß! ein sprechend Streben!
Schau es recht und du wirst immer geben.

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Wechselwirkung zwischen Goethe und seiner Umgebung

    Auf ein schwieriges Gebiet gelangen wir, wenn wir, unseren Weg von innen nach außen fortsetzend, Goethe's Verhalten der vielgestalteten Allgemeinheit gegenüber in Betracht ziehen. Wollten wir unser Urteil auf die Berichte der Anderen gründen, wir kämen aus den Widersprüchen nicht heraus. Alle Lebensschilderungen führen das Gedicht Wieland's an:

Ein schöner Hexenmeister es war,
Mit einem schwarzen Augenpaar, *
Zaubernden Augen voll Götterblicken,
Gleich mächtig zu töten und zu entzücken.
So trat er unter uns, herrlich und hehr,
Ein echter Geisterkönig, daher!

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Und Niemand fragte, wer ist denn der?
Wir fühlten beim ersten Blick, 's war er!
Wir fühlten's mit allen unseren Sinnen,
Durch alle unsere Adern rinnen.
So hat sich nie in Gottes Welt
Ein Menschensohn uns dargestellt,
Der alle Güte und alle Gewalt
Der Menschheit so in sich vereinigt! usw.

Und wenn der Biograph nun in der gut gemeinten Absicht, dem Leser Begeisterung einzuflößen, alles sammelt und sichtet, was den panegyrischen Ton anschlägt, von diesem frühen Päan an bis zu den Schilderungen des „olympischen“ Greisen seitens mancher Besucher der letzten Jahre, so erhält man den Eindruck einer stets hinreißenden, alle Herzen gleich beim ersten Erscheinen gewinnenden Persönlichkeit. Die Wirklichkeit war anders beschaffen und ungleich bemerkenswerter. Goethe konnte sein, was er wollte: hinreißend, gleichgültig, abstoßend; das hing von der Stimmung, von den unmittelbaren Eindrücken, von der leitenden Absicht, später vor allem von der unverrückbar festgehaltenen Lebensmaxime ab. Als er das erste Mal Weimar betrat, war er durch die Generosität Wieland's gerührt, nämlich durch die Art, wie dieser die blutige und unverdiente Satire Götter, Helden und Wieland aufgenommen hatte; darum lag ihm daran, gleich bei der ersten Begegnung Wieland's Herz zu gewinnen und alles Peinliche auszulöschen; ja, Goethe erzählt in Dichtung und Wahrheit, dieser Wunsch, „Wielanden persönlich etwas Freundliches zu erzeigen“, sei für ihn ein bestimmender Grund gewesen, der Einladung nach Weimar zu folgen. Der selbe Wieland aber, der jene soeben angeführten Verse damals dichtete, schreibt nicht lange nachher an einen Freund, es sei „mit Goethe nichts anzufangen“. Sowohl eigene Berichte Goethe's wie auch fremde zeugen von einem nicht leichten, oft unbequemen Wesen. Schon als Kind, hörten wir im ersten Kapitel (S. 23), fiel er durch eine „gewisse Würde“ auf, und selbst von seinen munteren Studentenjahren berichtet er, er „habe von Hause aus einen gewissen hypochondrischen Zug mitgebracht“. Kestner schreibt in seiner naiv fesselnden Schilderung des Jahres 1772: „Er ist bizarre

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und hat in seinem Betragen, seinem Äußerlichen verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte.“ Dies stimmt genau zu Goethe's eigenem Geständnis über die Zeit kurz nach seinen ersten Erfolgen als Dichter: „Wer mich nach meinen Werken für liebenswürdig hielt, fand sich sehr getäuscht, wenn er an einem starren ablehnenden Menschen anstieß.“ Mehr als einmal betont Goethe, er habe sich nachträglich selber über eine „unerklärliche Verstocktheit', gewundert, die ihn manchmal in Gesellschaft selbst lieber Freunde überfalle. Auch von der Zeit seiner ersten Ankunft in Weimar meldet er, sein Wesen sei „apprehensiv und unbequem“ gewesen; und als er dem vierzigsten Jahre naht, hören wir: „Mir ist's wenigstens nicht gegeben, gegen die Menge und mit der Menge herzlich zu sein.“ Während es Schiller — dem Denker und Diplomaten — natürlich war, sich heiter und freimütig zu geben, so daß selbst Solche, die ihn wenig kannten, entzückt ausriefen: „An dem Manne ist alles liebenswürdig, selbst sein Tabaksfleckchen unter der Nase!“ trug Goethe von Hause aus in sich die Neigung zur Reserve und Vorsicht. Dazu kam nun ein verwirrender Wechsel der Laune. Von der Jugend heißt es: „Ich war meist zu lebhaft oder zu still, und schien entweder zudringlich oder stöckig...“; in reifen Jahren klagt sich Goethe eines „Dünkels des Rechthabens“ und eines häufigen Geratens in „gehässige Ungezogenheit“ an und schließt: „Dabei behielt ich etwas von der Ingenuität des Voltaireschen Huronen noch im späteren Alter, so daß ich zugleich unerträglich und liebenswürdig sein konnte.“ Nach diesen Anführungen wird es nicht mehr seltsam erscheinen, wenn wir in Briefen lesen, er sei „stumm wie ein Fisch“, und im Tagebuch einer Bemerkung begegnen wie die folgende: „War zugefroren gegen alle Menschen.“ Dieses Zugefrorensein wurde später zur bewußten Lebensmaxime, von welcher nur abgewichen wurde, wo es dem sich selbst Beherrschenden gut dünkte. Hierbei ist aber namentlich folgendes beachtenswert: in den ersten Weimarer Jahren, aus welchen wir so viele Berichte über Goethe's glänzende Eigenschaften als Hofmann besitzen, brachte nichtsdestoweniger diese Geselligkeit dem Gefeierten in der Hauptsache nur Seelenleiden; das entdecken wir, sobald wir in den vertraulichen Briefen und in den Bekenntnissen des Tagebuches sorgsam auf die leise Stimme des innerlichsten Gemütes horchen. Hin-

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gegen schwenkten nach der Krise und Italien die Verhältnisse ins Entgegengesetzte um; denn gerade die Abkehr von der Welt löste den Bann und bewirkte, daß Goethe nunmehr, seiner Selbstbeherrschung sicher, mit den Menschen freier und unbefangener verkehren konnte. In jener früheren Zeit hatte es geheißen: „Die Blüte des Vertrauens, der Offenheit, der hingebenden Liebe welkt täglich mehr“; später wird viel ruhiger geurteilt. Dieser paradoxe Vorgang der steigenden Leichtigkeit des Verkehrs bei wachsender Entfremdung der Gesinnung ist für Goethe's Wesen äußerst bezeichnend und lehrt uns mehr über ihn als die ekstatischen Schilderungen der Philister, deren Eitelkeit es schmeichelte, von dem berühmten Manne empfangen worden zu sein, in welchem sie aber natürlich nur erblickten, was der Stimmungsgewaltige ihnen vorzuzaubern für gut fand.
    Zweck und Methode dieses Kapitels erfordern hier noch eine Untersuchung: wir müssen nämlich den zeugenden Mittelpunkt aufdecken, aus welchem der nach Zeit, Umständen und Personen so wechselnde Eindruck sich erklärt, den Goethe auf Andere hervorbrachte.
    Als Goethe seinem dreißigsten Geburtstage nahte, räumte er in seinen Papieren auf und warf auf sein vergangenes Leben einen „stillen Rückblick“. Dabei fiel ihm auf: „Wie er besonders in Geheimnissen, in dunklen, imaginativen Verhältnissen eine Wollust gefunden habe.“ Dies erstreckt sich sogar auf Liebe und Freundschaft; denn er entdeckt, daß er „in Schattenleidenschaften gar viel Tage vertan“. Fast zwanzig Jahre später, angeregt durch eine kritische Bemerkung Schiller's in bezug auf Wilhelm Meisters Lehrjahre — „die Einbildungskraft scheine zu frei mit dem Ganzen zu spielen“ — legt Goethe eine (wie er's nennt) „allgemeine Beichte“ ab: „Der Fehler, den Sie mit Recht bemerken, kommt aus meiner innersten Natur, aus einem gewissen realistischen Tic, durch den ich meine Existenz, meine Handlungen, meine Schriften den Menschen aus den Augen zu rücken behaglich finde. So werde ich immer gern incognito reisen, das geringere Kleid vor dem besseren wählen, und, in der Unterredung mit Fremden oder Halbbekannten, den unbedeutenderen Gegenstand oder doch den weniger bedeutenden Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen als ich

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bin und mich so, ich möchte sagen, zwischen mich selbst und meine eigene Erscheinung stellen.“ Zur oberflächlicheren Veranschaulichung genügt es, daran zu erinnern, daß in Goethe „schon von Jugend auf eine Lust, sich zu verkleiden, selbst durch den ernsten Vater erregt worden war“, daß er als Knabe in Frankfurt in verwickelte Mystifikationen sich einließ, daß er die Sesenheimer Pfarre das erste Mal vermummt als ärmlicher Student der Theologie, das zweite Mal als Bauernbursch betrat, daß er sich seinen Professoren unter dem Namen eines Kameraden aus einer anderen Fakultät vorstellte, daß er seine Reisen unter angenommenen Gestalten zu machen liebte, auch nach Italien verkleidet und mit einem falschen Paß reiste; nicht bloß nach Italien, auch nach dem Harz und nach der Schweiz brach er insgeheim, unvermutet auf, seine Absicht vor den Allernächsten verbergend. Hiermit hängt eine virtuose Fähigkeit zusammen, Gestalt, Stimme, Manier nach Belieben zu modeln und dann festzuhalten. In dem Gedichte Wieland's, aus dem ich oben einige Verse anführte, wird erzählt, Goethe „entschlüpfte immer, wenn man ihn zu fassen wähnte“, und „kam in anderer Gestalt zurück“:

Und jede der tausendfachen Gestalten
So ungezwungen, so völlig sein,
Man mußte sie für die wahre halten!

Als er den armen Plessing in seiner Einsamkeit aufsuchte — Plessing, mit dem er schon in Briefverkehr stand — unterhielt er sich einen ganzen Abend mit ihm über Weimarer Verhältnisse und namentlich über „Goethe“, ohne sich einmal zu verraten, und reiste unerkannt ab. Knebel, der Goethe in Weimar aus nächster Nähe sah und ihn als den „unendlich Guten“ preist, schreibt auch: „Er ist ein wunderbares Gemisch oder eine Doppelnatur von Held und Komödiant; doch prävaliert die erste.“ In der Tat, der langjährige Theaterdirektor war ein geborener Schauspieler, aber in einer andern Höhe und auch einem andern Sinne als unsere Bretterhelden; denn während diese ihre beschränkende Individualität meistens so wenig überwinden können, daß sie sich in den verschiedensten Rollen uns immer wieder aufdrängt, hatte Goethe gleichsam den ganzen Stoff seiner zeitlichen Erscheinung in der

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Gewalt. Hieraus gewinnen wir für die richtige Erkenntnis der Persönlichkeit und ihrer Geschichte einige wichtige Aufschlüsse.
    Zunächst wird die Maske (vgl. S. 19) aus der zweiten Lebenshälfte für uns lebendig. Es handelt sich nicht um ein willkürlich Künstliches; es ist nicht „Theater“; vielmehr war diesem Manne das Bedürfnis und die Fähigkeit angeboren, „sich“ zwischen sich selbst und seine Erscheinung zu stellen. Was man unnatürlich nennen könnte, ist in diesem Falle Natur. Goethe unterscheidet hier dreierlei: seine Erscheinung, sich und sich selbst. Wir pflegen vorauszusetzen, die Erscheinung decke sich mehr oder weniger genau mit dem Selbst; wo das nicht geschieht, nennen wir uns betrogen. Goethe empfindet das Verhältnis bedeutend plastischer; zwischen das eigentliche „Selbst“ und die sich den Sinnen der Andern darbietende „Erscheinung“ schiebt er noch ein „sich“ ein; denn das, was nach seinem Prometheus nicht einmal die Götter vollbringen können,

Vermögt ihr zu scheiden
Mich von mir selbst?

das vermag er. Dieses Sich ist ein Poet und ein Schalk, der im Dienste der unsichtbar waltenden Persönlichkeit tätig ist, ihre Werke, ihre Handlungen, ja, ihre ganze Existenz der gaffenden Menge „aus den Augen zu rücken“. „Mein Schicksal ist den Menschen ganz verborgen; sie können nichts davon sehen noch hören.“ Man versteht, inwiefern diese Neigung — diese „zu frei mit dem Ganzen spielende Einbildungskraft“, welche Schiller aus den Lehrjahren herausgemerkt hatte — einen unentbehrlichen, organischen Bestandteil der „innersten Natur“ dieser einen Persönlichkeit ausmacht.
    Wieder haben wir in tiefste Tiefen der Persönlichkeit hineingegriffen. Denn wie ich dem Leser nach und nach immer näher zu bringen hoffe, ist unter allen seinen Taten Goethe's größte Tat das Aufrichten einer Idee seiner Selbst, eines Ideals, das ihm als Sonne dient. Ist Goethe ein Naturerforscher, so bewährt sich seine Forschung nirgendwo glänzender als in der Erforschung seiner eigenen Menschennatur; ist Goethe ein Poet, so hat er nichts größeres gedichtet als das Selbst, das er aus dem Innern auf die ge-

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gebene Erscheinung verklärend zurückstrahlte. Hierzu gehörte aber eine einzige Gewalt der Seelenplastik, und ein Teil dieser Gewalt, ein Bruchstück von ihr, ist jene Fähigkeit, welche Goethe allegorisch als ein Stellen von „sich“ zwischen „sich selbst“ und seine „Erscheinung“ bezeichnet. In Goethe erblicken wir eine vollkommene Verwirklichung des Mannes nach Plato's Herzen; er weiß, daß das   E r f i n d e n   die eigentliche Funktion des Menschengeistes ist: als Forscher erfindet er, um die Natur gestaltend zu begreifen, als Weiser schätzt er die Kunst als hohe Schule rein menschlicher Schöpfertaten; doch als Höchstes gilt ihm die Tat, durch die der Mensch gleichsam sein eigener Schöpfer wird, sich selber gestaltet, seinem Leben die Bedeutung und den Inhalt selbstherrlich bestimmt. Philosophen und Moralisten verschiedenster Färbung — von einem Calvin bis zu einem Schopenhauer — haben mit Nachdruck die Unveränderlichkeit der Persönlichkeit gelehrt, das operari sequitur esse; dem gegenüber bringt der Poet als Denker und als Künstler die frohe Botschaft des „Im Anfang war die Tat“. Jenes ist im letzten Grunde ein Verneinen und führt entweder zu Fanatismus oder zu Quietismus, dieses ist die zeugende Bejahung, welche schafft, was noch nicht da war, indem sie, wie Plato es wollte, „Sprungbretter“ ersinnt, um über uns selbst hinauszukommen. Man sieht: sobald wir Goethes Verhältnis zur äußeren Welt nicht mehr vom anekdotenhaften Standpunkt des platt-zufälligen Tag-für-Tag, sondern sub specie aeternitatis betrachten, erhalten wir auch hier unerschöpflich anregende Belehrung über die innerste Organisation der Persönlichkeit.
    Plastisch wandelbar wie der Eindruck, den er auf Andere machte, war auch der Eindruck, den Andere auf Goethe machten; wer das erste nicht versteht, wird das zweite nie richtig beurteilen; der Mann, der sich selber in der Erscheinung umgestaltet, wird umgekehrt in der Auffassung Anderer nicht bei dem Gewollten und Gemachten der Erscheinung verweilen, sondern bis auf den dahinter liegenden Kern durchdringen. Freilich finden wir bei allen unzweifelhaft Genialen, daß sie sich häufig in den Menschen getäuscht haben; das hängt mit der Fruchtbarkeit ihrer Einbildungskraft zusammen; bei Goethe liegt aber das wahrhaft Beachtenswerte noch tiefer und kann nur an einem Beispiel aufgezeigt wer-

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den. Kaum wäre es möglich, ein besseres zu finden als den Eindruck, den Napoleon auf Goethe machte; es wird verlohnen, diesem Begebnis auf den Grund zu gehen, und zwar um so mehr, als selbst über die nackten Tatsachen man meines Wissens nirgendwo einer Inneres und Äußeres umfassenden, kritischen Darstellung begegnet. *
    Napoleon hat im Jahre 1808 vom 26. September bis zum 14. Oktober in Erfurt geweilt. Während dieser Zeit hat er Goethe einmal (am 2. Oktober) in Erfurt während seines Frühstücks empfangen, ein zweites Mal (am 6. Oktober) auf einem Hofball in Weimar kurz angeredet und vielleicht ein drittes Mal (wiederum zur Frühstücksstunde) in Erfurt vorgelassen. Selbst über diese einfachen Grundtatsachen ist es nicht leicht, den Tatbestand festzustellen. * Das eine ist aber sicher: es hat eine einzige wirkliche Audienz gegeben, die nach Kanzler von Müller „fast eine volle Stunde“, nach einer Erzählung Goethe's (die er aber erst am 15. Februar 1824 diktierte) „mehr als eine Stunde, ja zwei gedauert“ hat. Doch auch diese einzige längere Unterredung hat unter eigenartigen Bedingungen stattgefunden, die einen ruhigen Gedankenaustausch ausschlossen. Napoleon saß bei diesen Déjeuner-Audienzen an einem runden Tische und aß; Generäle, Minister, Gäste standen ringsumher, wurden angemeldet, ausgefragt, entlassen, andere traten ein. So z. B. während der Stunde (oder der zwei Stunden), die der fast sechzigjährige Goethe gehorsam kerzengerade dastehen mußte, berät Napoleon mit dem Minister Daru die verwickelte Frage der preußischen Kontributionen, empfängt Marschall Soult's Bericht über die Zustände und Vorkommnisse in Polen usw.; dazwischen redet er immer wieder einmal Goethe an; Daru, der gelehrte Übersetzer des Horaz, welcher in der deutschen Literatur wie auch in anderen Literaturen Europas gediegene Kenntnisse besaß, die dem Imperator abgingen, verhilft seinem Herrn zu dankbaren Themen, macht ihn aufmerksam darauf, daß Goethe Trauerspiele gedichtet und übersetzt habe; Talleyrand, der Tausendkünstler, wirft vermutlich auch ein Wort dazwischen. Ein Verweilen, ein Ausschöpfen dessen, was ein Goethe als Geist, Forscher, Persönlichkeit hätte an Anregung und Bereicherung bieten können — von dem allen ist keine Rede. Der Weltbeherrscher ist

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ein Mensch von einseitiger Bildung, dem unfruchtbarsten aller Dämonen, dem der Politik, verfallen; Talleyrand bat den Grafen Montgelas, er möge nur ja nicht die Kultur der Franzosen nach derjenigen ihres Monarchen beurteilen, der „nur die Zivilisation der römischen Geschichte an sich habe“. Es ist wichtig, dies zu betonen; denn es ist eine Legende entstanden von einem Napoleon und einem Goethe, die sich wie zwei Geistesfürsten begegnen, sich gegenseitig erkennend und einander mitteilend; ich erinnere mich eines Gemäldes, auf dem man Napoleon nachdenklich, das Haupt zur Erde gebeugt, sitzen sieht, während Goethe, die Augen gen Himmel, sein Innerstes vor ihm auszugießen scheint; wogegen Napoleon in Wirklichkeit von Goethe so gut wie nichts gewußt hat und nur auf die Empfehlung seines die feinste literarische Kultur besitzenden Staatssekretärs Maret hin sich herbeiließ, den Dichter rufen und wie einen Lakaien an seinem Tische stehen zu lassen. Auch kann nicht die leiseste Spur eines dauernden Eindruckes nachgewiesen werden, den Goethe auf Napoleon gemacht hätte; selbst das berühmte Voilà un homme! besitzt nicht die Bedeutung, die Goethe dem Worte beilegt. * Von Goethe's Schriften kannte Napoleon einzig Werther, den er in jüngeren Jahren gelesen hatte; dieses Buch hatte ganz Europa in Aufregung gebracht und konnte auch Napoleon nicht unbekannt bleiben. Dagegen war Napoleon in Wieland's Schriften, so weit sie übersetzt vorlagen, gut bewandert und empfand für diesen „deutschen Voltaire“, wie er ihn nannte, große Zuneigung. Wieland, betagt und gebrechlich, hielt sich während der Erfurter Tage auf dem Lande halb versteckt und mied die Hoffestlichkeiten; doch forderte Napoleon gebieterisch, ihn zu sehen, und man mußte einen Hofwagen schicken, um ihn mit Gewalt auf den Ball im Weimarer Schloß zu holen; „eine Calotte auf dem Kopfe, ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln“, so trat der Greis in den glänzenden Kreis der Monarchen und Fürsten, und nun stürzte Napoleon auf ihn zu, führte ihn abseits, wo keiner zuhören konnte, und unterhielt sich ununterbrochen anderthalb Stunden mit ihm; nur Wieland's Ermüdung, die ihn nötigte, um Entlassung zu bitten, machte dem Zwiegespräch ein Ende. Nebenbei erinnere ich daran, daß Napoleon zwei Jahre vorher den Historiker Johannes von Müller an seinem eigenen Tische hatte speisen lassen. Weit entfernt also,

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Goethe in irgend einem auffallenden Maße ausgezeichnet zu haben, hat ihm Napoleon weniger Beachtung geschenkt als manchen andern deutschen „Celebritäten“, auf die man ihn aufmerksam gemacht hatte. Nun muß aber außerdem bemerkt werden, daß der Verkehr mit einigen Poeten und Gelehrten in Erfurt und Weimar, so flüchtig er auch ausfiel, lediglich aus politischen Erwägungen erfolgte! Die Herzogin Luise von Sachsen-Weimar hat den Zusammenhang sofort erkannt; in einem Brief vom 10. Oktober 1808 schreibt sie: Vous remarquerez tout comme nous que ces gentillesses envers ces savants ne se font pas sans raison. Napoléon sait qu'ils ont en Allemagne beaucoup d'influence sur l'opinion publique et certainement que tous les journaux vont parler de la bonté et de l'assiduité de Napoléon. Auch der alte schlaue Wieland, der nicht wie die Fürstin den politischen Zusammenhang übersehen konnte, durchschaute nichtsdestoweniger sofort die Absichtlichkeit: „Da er (Napoleon), wie es schien, auf immer einen guten Eindruck auf mich machen wollte, so verwandelte er sich augenblicklich in die Form, in welcher er sicher sein konnte, seine Absicht zu erreichen.“ Es kam aber noch etwas anderes hinzu außer der bloßen Absicht, auf die deutsche öffentliche Meinung einen günstigen Eindruck zu machen; wir erfahren es jetzt aus Talleyrand's Memoiren, und es wirkt geradezu belustigend: in diesen ersten Erfurter Tagen lag Napoleon alles daran, Zeit zu gewinnen, damit der Abschluß der diplomatischen Verhandlungen hinausgeschoben werde. Souvenez-vous bien, sagt er zu Talleyrand, que tout ce qui retarde, m'est utile. Die ganze Tageseinteilung war darauf angelegt, dem Imperator keine Zeit zu eingehenderen Verhandlungen mit den versammelten Monarchen zu lassen; zu diesem Verschleppungskunststück gehörten die ungeheuer ausgedehnten Frühstücke des Mannes, der sonst in fünf Minuten fertig war und von dem Wieland erzählt: „Hastiger kann wohl kein getulischer Löwe, der seit drei Tagen gefastet hat, sein Déjeuner verzehren.“ J'ai vu plusieurs de ces déjeuners durer plus de deux heures. Cest là que Napoléon faisait venir les hommes considérables et les hommes de mérite.... Im weiteren Verlaufe der Schilderung erzählt Talleyrand mit unverkennbarer Ironie, in welcher klug überlegten Weise sich der Kaiser vorzubereiten pflegte: L'empereur arrangeait avec soin ses conversations d'apparat; il s'attachait à

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y prendre tous ses avantages, et pour cela il y arrivait tout préparé sur un sujet inattendu pour la personne à laquelle il adressait la parole. Außerdem hatte Napoleon — wenig gewohnt, sich mit Ideologen zu unterhalten — eine Anzahl geistreicher Bemerkungen auswendig gelernt, die Talleyrand, der tägliche Zeuge dieser Empfänge, einmal übers andere wortwörtlich wiederholen hörte; hierher zählt z. B. die Behauptung, das Christentum sei „eine bewunderungswürdige Reaktion des griechischen Geistes gegen den römischen Geist, ein Sieg des Besiegten über den Sieger“ — eine These, die in ihrem blendenden Scheine und in ihrer inneren Unhaltbarkeit eher einem weiblichen als einem männlichen Hirne zuzuschreiben sein dürfte; so auch eine eingehend begründete Auseinandersetzung über und gegen Tacitus. * Dabei schlummert die Eitelkeit nie: Johannes von Müller soll seine historischen Arbeiten liegen lassen und sein ferneres Leben der Schilderung der Taten Napoleon's widmen; Goethe soll nach Paris kommen, den Imperator, seinen Hof, seine Weltregierung studieren und dann „als schönste Aufgabe seines Lebens“ dies alles in einer großartigen Cäsarentragödie verherrlichen. Wie immer bei diesem Manne: die Mischung von Verschlagenheit und Naivität.
    Es erübrigt noch, den Gemütszustand Napoleon's an jenem 2. Oktober, als er Goethe empfing, genauer ins Auge zu fassen.
    Bonaparte, der 1806 gewähnt hatte, ganz Europa werde sich seinem Zepter beugen, und der seine Herrschaftsgedanken schon bis nach Indien hin schweifen ließ, erkennt jetzt unüberwindliche Hindernisse; einen zweiten Imperator   m u ß   er in Europa neben sich dulden; dazu erwählt er den entferntesten Monarchen, denjenigen, dessen Machtgebiet weite Ausdehnung nach Osten zu verspricht und der darum weniger als Österreich die Herrschaft über das westliche Europa streitig machen wird; Alexander zum wahren Freund zu gewinnen, dazu sollen die Erfurter Tage dienen. Und mit diesem ersten Plan verwebt sich ein zweiter: Napoleon wird sich scheiden lassen, wird eine Schwester des russischen Kaisers heiraten und wird hierdurch nicht allein seine eigene Dynastie gründen, sondern sie von Anfang an mit der des andern Imperators verschwistern. Dieser zweite Plan ist noch kühner als der andere; in Erfurt erst faßt er sich ein Herz, ihn den Allernächsten — einem Talleyrand, einem Maret — anzuvertrauen; nachts läßt er sie an sein Bett rufen, denn

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der Schlaf, sonst sein Freund, verläßt ihn, und die Qual des unausgesprochenen Gedankens wird unerträglich. Von allen Seiten türmen sich aber bei dieser Kombination die politischen Schwierigkeiten auf: Konstantinopel, den Herzenstraum aller Zaren, kann er seinem erhofften Schwager doch nicht gönnen; denn damit würde dieser das Mittelländische Meer beherrschen und Italien, Frankreich, Spanien bedrohen; Polen braucht er als Lockbissen für Österreich, damit dieses Schlesien und Italien verschmerze; keine festländische Macht darf er sich verfeinden, ehe nicht das Inselreich durch Handelsabsperrung vernichtet ist. Und nun soll Zeit gewonnen werden; jeder Tag ist kostbar. Zwar hat er den Vertragsentwurf mit Rußland schon in der Tasche, doch mit dem Heiratsplan wagt er sich nicht hervor, bis er das Herz Alexander's bestrickt hat: und ebensowenig dürfen die anderen Fürsten mit ihren Anliegen an ihn herankommen, ehe jener alles entscheidende Schachzug, die eigentliche Grundsteinlegung seiner dauernd befestigten Machtstellung, geglückt ist. Souvenez-vous bien que tout ce qui retarde, m'est utile! Zu diesen „retardierenden Momenten“, welche die Minister herbeischleppen mußten, wo sie sie nur auftreiben konnten, gehörte an dem einen Morgen auch Goethe; Fürsten harrten und wurden nicht vorgelassen, während der Kaiser sein Frühstück ins Endlose ausdehnte. Monsieur Goethe, vous devriez rester ici pendant tout le voyage et écrire l'impression que fait sur vous le grand spectacle que nous vous donnons. — Ah, Sire! il faudrait la plume de quelque écrivain de l'antiquité pour entreprendre un travail semblable. — Etes-vous de ceux qui aiment Tacite? — Oui, Sire, beaucoup. — Eh bien! pas moi; mais nous parlerons de cela une autre fois. Welche sichtliche Mühe gibt sich der Sorgenschwere, den Schein einer Unterhaltung aufrechtzuhalten, und wie fühlt er sich erleichtert, als Soult und Berthier ihre Berichte über Truppenbewegungen, Aufstände, Kommissariatsnöte und dergl. dazwischen vorbringen! Ein Wort fällt allerdings, das viel beachtet und für geistvoll gehalten worden ist: „Was will man jetzt mit dem Schicksal? Die Politik ist das Schicksal.“ Doch wer die Lage erfaßt, begreift, daß dieses hohle Diktum nur insofern belangreich erscheint, als der verschlossen Brütende an dieser einen Stelle seine Seelenqual verrät; er möchte sich überreden, die Politik zwinge jetzt das Schicksal, und weiß es doch besser, er, der sich im selben Augenblick, vom

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Schicksal unwiderstehlich getrieben, mit all seiner fein ausgeklügelten Politik wie ein Blinder ins Verderben stürzt!
    Wie Goethe nun diese Begegnung aufgefaßt und geschildert hat, ist allbekannt; seine Briefe, Unterhaltungen, Schriften bezeugen es hundertfach; die Vorstellung „Napoleon“ gehörte fortan zu den lebendigsten in seinem Hirn. In einem Brief an Cotta, dem die Bedeutung einer öffentlichen Kundgebung zukommt (da Goethe dem Zeitungsbesitzer gern auf diese Weise Ansichten und Auffassungen zu weiterer Verbreitung beizubringen pflegte) schreibt Goethe am 2. Dezember 1808: „Ich will gestehen, daß mir in meinem Leben nichts Höheres und Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser und zwar auf eine solche Weise zu stehen.“ Das schreibt ein Goethe, der Besonnene, der allen Übertreibungen Abgeneigte, der Mann, der seine Worte einzeln auf die Wage zu legen pflegt! Er spricht nicht von diesem Augenblick, nein, von   s e i n e m   g a n z e n   L e b e n;   und er sagt nicht, es sei ihm von Bedeutung gewesen, den merkwürdigen Condottiere zu sehen, nein, sondern ihm, Goethe, konnte nichts „Höheres“ begegnen, als von dem kulturarmen Korsen zwischen zwei Bissen herablassend angeredet zu werden, und nichts „Erfreulicheres“, als Ratschläge über die Art, Tragödien zu dichten, von ihm zu empfangen, von einem zerstreuten Manne, dessen geistige Fähigkeiten in jenem Augenblick durch das eine Ziel hypnotisiert waren, wie er es fertig bringen könne, Rußland und Österreich beide zu betrügen und nichtsdestoweniger beide als Freunde an sich zu binden! Es tut einem wohl, in einem Briefe, den Goethe zwei Tage später an eine gute Freundin schrieb, dem Geständnis zu begegnen: „...gegenwärtig unterscheidet sich der Gescheiteste bloß dadurch von dem Albernen, daß er weiß, nach so kapital-seltsamen Begebenheiten sei er etwas weniger verrückt als die übrigen. Untersucht man die Grade der Verrücktheit, so findet man die für die tollsten, die sich einbilden, sie hätten wirklich eine Art von Urteil über das, was sie gesehen haben.“ Goethe — nach seinem eigenen Witz — gehörte gewiß zu den allergescheitesten, denn ahnungslos war er das Spielzeug politischer Verknüpfungen und ohne Arg nahm er wie ein Kind alles für echt auf, was die schlauen Diplomaten ihm vorspiegelten, und eilte mit seinem Kreuz der Ehrenlegion an der Brust zu Hof, um sich an den „Äugelchen“ der schönen

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Frauen zu erfreuen. Unwillkürlich denkt man an den Schlußsatz der Tagebuchbetrachtung kurz vor Vollendung des dreißigsten Lebensjahres zurück: „Möge die Idee des Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den ich in den Mund nehme, immer lichter in mir werden!“ Dreißig Jahre waren inzwischen vergangen, dreißig Jahre des ununterbrochenen inneren Ringens und Gestaltens, immer jene so klar, so unsentimental, so echt   m ä n n l i c h   erfaßte Idee des Reinen vor Augen. Ich glaube, wer mit aller Deutlichkeit jene beiden Gestalten erblickt und sie eingehend ins Auge faßt, wie sie sich am Vormittag des 2. Oktober 1808 einander gegenüberstanden, wird aus der starken Wirkung dieses Gegensatzes Goethe's Persönlichkeit vielleicht bedeutungsvoller als jemals erfassen. Man lernt Größe von Größe unterscheiden.
    Hiermit jedoch wäre nicht genug geschehen; wir müßten noch erforschen, warum Napoleon einen so gewaltigen, unvergänglichen Eindruck auf Goethe machte. Dazu ist es aber nötig, von allem Kleinlichen, von aller Chronik, von allen Zufälligkeiten des Augenblicks abzusehen. „Ich verwünsche das Tägliche, weil es immer absurd ist. Nur was wir durch mögliche Anstrengung ihm übergewinnen, läßt sich wohl einmal summieren.“ Wer Goethe's Wesen begreifen will, wird gut tun, diesen Spruch stets im Sinn zu tragen. Es ist einfach nicht wahr, was ungeschickte Lobredner behaupten, Goethe sei ein scharfsichtiger Politiker gewesen; er hat nicht einmal lebhafte Teilnahme für Politik bekundet, nicht wenigstens für jene Politik, die von heute auf morgen unter hundert Intrigen und Schlauheiten, einzig subjektiven Erwägungen folgend, weitertastet. Goethe's Interesse gehörte einerseits der tatsächlichen   V e r w a l t u n g   eines Gemeinwesens, die bei allen Umwälzungen der Regierungsformen die Hauptlinien ihrer Organisation bewahren muß, andrerseits den großen Bewegungen der   G e s c h i c h t e;   wogegen ihm das Politisieren aller Menschen in jenen Tagen verhaßt war. Er nennt es „eine Art von Fegefeuer, wo sich halbverdammte Seelen untereinander peinigen“; es zerstört seine Stimmung und macht ihn unglücklich. Er für sein Teil fügt sich ohne Murren in das napoleonische Reich und in die Zerstückelung Deutschlands, weil hierdurch endlich Ordnung und Friede gesichert scheinen; doch als Napoleon fällt, findet er auch das wieder „gut“ und gönnt den Franzosen alle Übel „von Grund des

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Herzens“. Darum war er imstande, als er jenem merkwürdigen Manne begegnete, ihn aus großer Entfernung zu erblicken; „objektiv“ würden wir heute sagen, er selber hätte es „rein“ genannt.
    Was Goethe nun erblickte, hinterließ einen unauslöschlichen Eindruck; denn er erblickte seinen Gegenpol, und zwar nicht allein in dem vorhin schon angedeuteten verneinenden Sinne des der Seelenreinheit Ermangelnden, sondern auch im bejahenden Sinne; Napoleon besaß, was er nicht besaß: die entfesselte Kühnheit, die Lust am Herrschen, das überschwengliche Selbstvertrauen, wogegen Goethe sein Lebelang es nicht vermochte, die einengende Hülle des Bürgersohnes vollends abzustreifen. Seine Bewunderung des Imperators dürfte zum großen Teil hierin ihre Erklärung finden; Goethe hebt häufig hervor, daß wir dasjenige preisen, was uns selber abgeht: „Die innigsten Verbindungen“, sagt er, „folgen nur aus dem Entgegengesetzten.“ Doch mußte Napoleon, um ein Gegenpol zu sein, nicht bloß Unterscheidendes, sondern auch Verwandtes besitzen. Da ist zunächst die ungeheure   L e b e n s k r a f t   zu nennen — bei Napoleon ganz nach außen, bei Goethe ganz nach innen gewendet. Dann der gebieterische Drang, alles zu   v e r w i r k l i c h e n,   nicht, heißt das, bei Gedanken und Plänen zu verweilen, sondern schleunigst zu Taten zu schreiten. „Meine Tendenz ist die Verkörperung der Ideen“, sagt Goethe von sich; von Napoleon erkannte er, er habe „alles der Ausführung einer Idee geopfert“. In dieser Tendenz, das Gedachte in die Wirklichkeit überzuführen, bekundet sich eine gewaltige   G e s t a l t u n g s k r a f t;   es ist gelebte Dichtung; j'ai toujours cherché le merveilleux, sagt Napoleon auf Elba von sich. Hinter der Energie ist also die   P h a n t a s i e   am Werke. Und, was Goethe besonders entzückt als ein ihnen beiden gemeinsamer Zug: es ist echte Phantasie, nicht Phantastik. „Höchst bemerkenswert bleibt es immer“, sagt er mit Bezug auf Napoleon, „daß Menschen, deren Persönlichkeit fast ganz Idee ist, sich so äußerst vor dem Phantastischen scheuen“. Napoleon kann die „Ideologen“ nicht ertragen, und Goethe eifert immer wieder gegen „Mystik“; beide, weil sie befürchten, es kämen Worte an die Stelle von Taten. Hier sind wir nun bis zum Kernpunkt durchgedrungen: Goethe, der, die Tagesereignisse kaum beachtend,   g a n z   i n   d e r   I d e e   lebt, erkennt in Napoleon einen Mann, der scheinbar ausschließlich Politiker, in

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Wahrheit gewisse Instinkte eines Poeten besitzt und der insofern ebenfalls „fast ganz in der Idee lebt“. Weit mehr als Goethe leidet Napoleon an der Politik; denn jener kann die Politik wie einen bösen Traum von sich abschütteln, dieser bedarf ihrer bei jedem Schritt, er ist ihr wie Faust dem Teufel verfallen. So sucht denn jeder von beiden eine Welt zu gestalten: der Eine eine äußere mit Preisgabe alles inneren Wertes; der Andere eine innere mit Verzicht auf jeden äußeren Vorteil; der Eine muß seinen Weg durch Betrug, Lüge, Meuchelmord und durch das Elend von Millionen nehmen, er ist der Sklave der Menschen, die er zu regieren, und der Verhältnisse, die er zu lenken wähnt, der Andere übt die „fortdauernde reine Entfremdung von den Menschen“ und zieht sich — nicht äußerlich verstanden, aber innerlich — immer mehr in sich selbst zurück, um sein Ich zu einem unvergleichlich umfassenden, reinen Phänomen auszubilden, und wird hierdurch nach und nach der ganz freie Mensch; der Eine verdient sich den Beinamen „Geißel Gottes“, der Andere wächst empor zu einem Ersten unter den guten Geistern, die der armen ringenden Menschenseele durch Jahrtausende beistehen.
    Noch ein letzter Gang in die Tiefe. Auch in der rein geistigen Beschaffenheit der beiden Männer besteht nämlich eine bemerkenswerte Kontraposition der Anlagen. Wenn Boisserée's Bericht zuverlässig ist, so hat Goethe (am Abend des 8. August 1815) ihm gesagt, Napoleon „habe den größten Verstand, den je die Welt gesehen.“ Dieses Wort fällt auf, weil Goethe wiederholt das Unbewußte an Napoleon hervorhebt und gerade der Verstand — im Gegensatz zu Instinkt, Ahnung, Gefühl usw. — auch in Goethe's Sprache das Organ des Bewußtseins ist; ein „unbewußter Verstand“ wäre eine contradictio in adjecto. Goethe scheut aber in diesem Falle das Paradoxon nicht und sagt geradezu: Napoleon's Leben sei „in kräftigem unbewußten Handeln und Sinnen“ vorübergeschwunden. Unbewußtes Sinnen! ein aller Beachtung werter Ausdruck. Und zwar um so mehr wert, beachtet zu werden, als dieses Wort uns plötzlich auf die ungeheure Entwickelung des Bewußtseins bei Goethe als einen Hauptzug seiner Persönlichkeit hinweist. Wohl betont er öfters das Element des Unbewußten in aller genialen Zeugungskraft, doch sein bewußtes Ergreifen seiner selbst — seines Wesens, seiner Bestim-

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mung, seines Willensbeschlusses, „seiner eigenen Besinnung“ (wie er selber sagt) — ist so einzig, daß es fast beängstigend wirkt. Schon in jungen Jahren „brütet er über sich selbst“, und zwar so tief, daß er „die bunte, dumme und tolle Wirtschaft um sich kaum fühlt“, und beständig bleibt diese Selbstschau am Werke. Im Tagebuch — solang er es eigenhändig schreibt und es infolgedessen Behälter für Selbstbekenntnisse sein kann — lesen wir: „Was ich zustande gebracht. Worin ich zugenommen. Was ich nicht zustande gebracht. Was ich dies Jahr nicht getan. Über gewisse Dinge mich so klar als möglich gemacht“ usw. Als Siebzigjähriger schreibt er: „Gesundes Hineinblicken in sich selbst, ohne sich zu untergraben; nicht mit Wahn und Fabelei, sondern mit reinem Schauen in die unerforschte Tiefe sich wagen, ist eine seltene Gabe...“; diese Gabe besaß er wie vielleicht kaum ein zweiter Mensch. Wogegen Napoleon in dieser Beziehung das reine Gegenteil Goethe's darstellt: sein Sinnen ist ein „unbewußtes“, sein Wollen ein wahnbetörtes. Und man beachte folgendes. Wohl betrachtet, heißt Sich-Erfassen zugleich die Welt erfassen. Goethe's klare Besinnung über sich selbst schließt die Besinnung über das, was sein Selbst umgibt, in sich; wogegen Napoleon, der erst auf Sankt Helena dazu kam, überhaupt über sich nachzudenken, in Wirklichkeit ebensowenig die Natur, die Welt und die Menschen wie sich selbst kannte. Man weiß, daß elektrische Ströme von sehr hoher Spannung nicht mehr ins Innere der Körper eindringen, sondern an der alleräußersten Oberfläche hinstürmen; eine Stromstärke zehnmal so stark wie diejenige, die den Menschen sofort tötet, läuft an seiner Cuticula hin, ohne ihm den geringsten Eindruck zu hinterlassen: ähnlich verhielt es sich mit Napoleon; er gleicht einer ungeheuren Oberflächenkraft. Wohl mag er, wie Goethe behauptet, „fast ganz in der Idee gelebt haben“, doch war sein Sinnen ein unbewußtes, und er erkannte so wenig sein eigenes Wesen, daß er vielmehr alles Ideelle leugnete. Wer aber die Idee nicht erfaßt und sie gar wie Napoleon verwirft, ist unfähig, die Wirklichkeit zu erfassen; und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Idee nichts anderes ist als die bis zur wahren, menschenmäßigen Anschaulichkeit zusammengedrängte, sonst verworren nächtige Wirklichkeit. „Begreifen“ ist eine Verrichtung des Menschengeistes; das Mittel zur Ausübung dieser Verrichtung ist Ideenbilden. Und so

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kommt es denn, daß der (nach Goethe's Versicherung) größte Verstand, den je die Welt gesehen, nichtsdestoweniger blind, tiermäßig, ich möchte sagen, „dumm“ sich betätigt hat, so daß der selbe Goethe an anderer Stelle Napoleon mit „einer physischen Ursache, wie Feuer und Wasser“ vergleichen muß, also mit dem schlechthin Verstandlosen. Der Mann, der vom Schicksal mit Geringschätzung als von einem längst Überwundenen sprach, war selber   n u r   S c h i c k s a l,   nur eine blinde, unbewußte Macht, keine Persönlichkeit im ethischen Sinn dieses Wortes, sondern nur Fatum, nur Naturgewalt. Hier aber halten wir das, was für Goethe die Quelle einer nie wankenden Bewunderung wurde: mochte Napoleon auch eine blinde Gewalt sein, eine mächtige Gewalt war er, ein gewaltiges Dämonium oder, wie ihn Ernst Moritz Arndt nennt, „ein erhabenes Ungeheuer“. Das ist es, was Goethe an ihm liebte: die beispiellose Fülle an elementarer Lebenskraft. Kraft strömt zu Kraft über wie im Physischen so auch zwischen Seelen. Und so empfand der Allbewußte Napoleon's Nähe geradezu als „ihm Glück bringend“.
    Man sieht: hier wie anderswo bei Goethe muß man alle Trivialität des bloßen Scheines hinter sich lassen, will man zum Verständnis vordringen. Wohl gab es einen Goethe, der die Absichtlichkeiten der erbärmlichen Politik lange nicht so schlau wie ein Wieland erriet oder so überlegen wie eine Herzogin Luise durchschaute, einen Goethe, der in aller Einfalt von dem Ehrgeiztollen wähnte, er habe in ihm „seinen freundlichen und gütigen Herrn gefunden“, und der kindlich froh das rote Band der Ehrenlegion an den Rock heftete; „Herder hat wohl recht zu sagen: daß ich ein großes Kind bin und bleibe“, schreibt der Achtunddreißigjährige — welcher Gegensatz zu Napoleon, dem Unschuldslosen! Wohl ist das alles wahr; damit wird aber nur die äußere Hülle, die gesunde, schützende, alles Fremde von der Seele fernhaltende Epidermis genannt. „Ich verwünsche das Tägliche, weil es immer absurd ist!“ tönt es uns aus dem Inneren wieder hervor; und erst wenn wir in dieses Innere eindringen, tut sich diejenige Welt auf, in welcher Goethe lebte, die Welt des Ewigen. Mit Leidenschaft erfaßte er jede Gestalt, die ihm Teilnahme einflößte; nicht blieb er bei den Zufälligkeiten des Tages stehen, sondern das Erlebte sog er in sich auf und bearbeitete es mit seinem Geist und seiner Phantasie, bis es die Fülle der Bedeu-

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tung und die Reinheit der Gestalt gewonnen hatte, die seinem eigenen inneren Leben entsprachen: das Zeitliche erhält in diesem ideenformenden Geiste ewige Bedeutung und wird so dem Weltbilde einverleibt des ohne Unterlaß bewußt Sinnenden.

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Der Charakter

    Mir will es scheinen, als hätten wir mit diesen Betrachtungen über die Beziehungen Goethe's zu Anderen — in der Liebe, in der Freundschaft, im Mitarbeitertum, in der warmen Anerkennung jedes Verdienstes, in der verborgenen, werktätigen Hilfeleistung an die hoffnungslos Leidenden und in der feurigen Bewunderung der Bedeutenden — mir will es scheinen, als hätten wir Wege aufgedeckt, die wirklich in Tiefen der Persönlichkeit führen und so viel zu denken geben, daß man gern noch länger dabei verweilen möchte. Das Beispiel wirkt immer unerschöpflich. Doch bleiben noch manche Grundzüge zu erwähnen, und es würde ins Unabsehbare führen, wollte ich jeden einzelnen wie bisher am Werke aufzeigen. Ich greife also zur allgemeinen, immer mehr oder weniger schematischen Schilderung und ziehe diese weiteren Striche an dem Schattenriß der Persönlichkeit, zwar nicht flüchtig, jedoch leicht und schnell.
    Damit sich das Schema gleich unverhohlen als solches bekenne, wollen wir Charakter und Verstand auseinander zu halten versuchen. Die Unterscheidung läßt sich allerdings nicht streng durchführen; beide greifen ineinander über; doch soll sie uns wenigstens zur Gliederung dienen, indem wir zuerst einiges besprechen, was vorzüglich die Willensrichtung betrifft, nachher einiges, was hauptsächlich in den Denkgewohnheiten wurzelt. Sittliche Urteile will ich nicht fällen. Ein allwissender Gott, der das Herz kennt, ist einzig imstande, den sittlichen Wert einer Persönlichkeit zu beurteilen; wir Menschen besitzen dazu kein Mittel, da der moralische Tatbestand — d. h. die gegebene Kraft des Willens, die relative Macht der Phantasie sowie ihre Richtung, das Verhältnis zwischen Verstand und Temperament, zwischen der körperlichen Beanlagung und dem Reichtum des Geistes — uns auf immer verborgen bleibt.

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Gut und Böse haben nur mit Beziehung auf eine Gemeinsamkeit bestimmbaren Wert; dem Einzelnen gegenüber, sobald man ihn als gegebenes Phänomen betrachtet, verlieren diese Begriffe alle Bedeutung. Goethe wußte es wohl. Das angeblich Gute und Böse eines bedeutenden Menschen wird, sagt er, „von der Menge gewähnt und geklatscht“, und der Biograph, der „die sogenannten Tugenden und Fehler mit heuchlerischer Gerechtigkeit aufstutzt“, zerstört dadurch „weit schlimmer als der Tod eine Personalität, die nur in der lebendigen Vereinigung solcher entgegengesetzten Eigenschaften gedacht werden kann.“ Das sagt der Fünfzigjährige; genau fünfundzwanzig Jahre früher aber hatte er in dem edlen Ungestüm der Jugend an den frömmelnden Pfarrerfreund Lavater geschrieben: „Alle deine Ideale sollen mich nicht irre führen, wahr zu sein, und gut und böse wie die Natur.“
    Mit einem einzigen Worte versetzt uns Goethe in die Mitte unseres Gegenstandes; denn ohne Frage bildet die   W a h r h a f t i g k e i t   einen Grundpfeiler dieses Charakters. Gleich hier aber pflegt ein Mißverstehen sich wie eine Finsternis zwischen uns und ihn herabzusenken, und damit entschwindet alle Hoffnung, die Persönlichkeit zu begreifen. Goethe ist nämlich verschlossen, oft undurchdringlich; es ist dies ein so gebieterisches Gesetz seines Wesens, daß er gesteht:

Es spricht mein Herz; allein es spricht mit sich!

Und in prosaischer Fassung: „Was ich ausspreche, das tue ich nicht, und was ich verspreche, das halte ich nicht“; nicht das Schweigen, wohl aber das   V e r s c h w e i g e n   ist ein Element, das ihn umgibt und umhüllt und aus dem herauszutreten ebenso vernichtend auf ihn wirkt wie die sengenden Strahlen der Sonne auf unachtsam bloßgelegte Pflanzenwurzeln. Dies wird nun für Machiavellismus, für Unaufrichtigkeit gehalten. Die genaue Deutung dieses Schweigegesetzes kann sich uns erst nach und nach ergeben; soviel muß aber gleich gesagt werden: wo Goethe sich undurchdringlich gibt, geschieht es immer der inneren Wahrhaftigkeit wegen. Ebenso sind auch die „Maske“ und der „Schutzwall“. die wir beide zu erwähnen öfters Gelegenheit hatten, Mittel und, wenn man will, Ausflüchte, um die innere Reinheit unangetastet zu

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bewahren. Vielleicht dürfen wir in dem Abwehren und Abweisen der Welt und ihrer frivolen Wißbegier ein allen ganz wahrhaftigen Menschen gemeinsames Merkmal erblicken; wie sollten sie sonst bestehen, da die Unwahrhaftigkeit eine Grundbedingung des gesellschaftlichen Verkehres ausmacht? Verschieden ist aber die Art, wie diese Abwehr stattfindet: sie kann in Abkehr bestehen oder in Verschlossenheit oder in einem unwilligen Auflehnen gegen die gesellschaftliche Konvention. Goethe nun konnte die Menschen nicht entbehren; sein Wesen ist ein in hohem Grade geselliges; unerschöpflich mitteilsam, fordert er von Anderen ein gleiches; um so bemerkenswerter ist die Art, wie er dennoch ein tiefes Schweigen über sich zu üben und darin wie in einem heiligen Schreine verschlossen seine Wahrhaftigkeit sich zu wahren gewußt hat. „Mein Schicksal ist den Menschen ganz verborgen; sie können nichts davon sehen noch hören“ (S. 151). Die Maske, die Goethe sich vorhält, sobald es ihm beliebt, oder vielmehr die hundert Masken, die ihm zur Verfügung stehen, sind (wie vorhin in anderem Zusammenhang klargemacht wurde) nie Betrug, sondern sie entstehen durch das ungehemmte Walten irgend einer zu andern Zeiten im Zaum gehaltenen Anlage. Die Strenge, die Kälte z. B., mit denen er Manchen fernhielt, oder wiederum das Steife, Pedantische, Konventionelle, alle entspringen sie angeborenen Anlagen, nur daß sie, wo er sich frei gab, durch die seinem Herzen näherliegende Nachsicht, Begeisterung, Anmut, Geschmeidigkeit, Freiheit verschlungen und wie ausgelöscht wurden. Bezeichnend für Goethe bleibt aber gerade, daß er   k e i n   D i p l o m a t   war; dies zu werden, blieb ihm trotz seines vieljährigen Hoflebens unmöglich. Er konnte rücksichtsvoll, geduldig, nachsichtig sein: des famosen Hofrats Büttner chaotische Unordnung bezeichnet er z. B. als „beschränkte Genauigkeitsliebe“; er besaß die Fähigkeit, das ihm Fremde mit eisiger Kälte abzuwehren; überlegene Ironie stand ihm zur Verfügung; sein Zorn erschreckte die Umgebung; aber lügen konnte er nicht:

Manches hab' ich gefehlt in meinem Leben, doch Keinen Hab' ich belistet.

Nie suchte er auf verschlungenen Umwegen Menschen und Meinungen zu beeinflussen oder sonstige Ziele zu erreichen. Der Gegen-

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setz zu Schiller wirkt belehrend. Diesen muß man einen gewiegten Diplomaten nennen; die Lebensnot hatte ihn Klugheit gelehrt; er schreibt Dinge an Goethe, die seiner wahren Meinung nicht genau entsprechen (S. 134); Goethe dagegen verschweigt zwar manches seinem Freunde, widerspricht nicht, wo er seine Meinung nicht teilt, sondern läßt ihn gewähren (wie es in dem Brief an Zelter vom 11. April 1825 heißt), weicht aber in dem, was er sagt, nie um Haaresbreite von der Wahrheit ab. Diese Sorge trägt er bis ins Kleinste. So wird man z. B. weder in seinem gesamten Briefwechsel, noch in seinen zahlreichen amtlichen Berichten je einer Schmeichelei begegnen; und doch läge für einen Mann in seiner Stellung nichts näher, als sich durch billige Redensarten die Leute vom Halse zu halten. „Phrasen mag und darf ich nicht machen“, ist sein Standpunkt, und darum antwortet er auf jede literarische oder künstlerische Zusendung, je nach der Person des Absenders, entweder gar nicht oder aufrichtig. Dem Verfasser eines schlechten Theaterstücks schreibt er: „Schwerlich wird es auf der Bühne noch im Buchhandel Glück machen. Ein gutes Kunstwerk sieht sich so leicht an und mancher gute junge Mann wird dadurch verführt zu glauben, daß es auch leicht zu verfertigen sei. Indessen wenn Sie nach diesem mißlungenen Versuch den festen Vorsatz fassen, nie wieder dergleichen zu unternehmen, so haben Sie dadurch schon viel gewonnen, indem Sie Zeit und Kräfte zu Ausbildung anderer Anlagen sparen, die Ihnen die Natur nicht versagt zu haben scheint.“ In einem ablehnenden Brief an Heinrich von Kleist über dessen Penthesilea heißt es: „Wenn man nicht aufrichtig sein sollte, so wäre es besser, man schwiege gar.“ Wir finden also hier vereinigt die beiden Formen der Wahrhaftigkeit, die sonst nicht immer ineinandergreifen: die Wahrhaftigkeit gegen sich und die Wahrhaftigkeit gegen die Andern. Die Wahrhaftigkeit gegen sich selbst kommt erschöpfend zum Ausdruck in den Worten „gut und böse wie die Natur“. Das Spielen mit dem Gewissen, die kasuistische Selbstüberredung, eine böse Tat, die wir begangen, sei zu entschuldigen, sei womöglich in diesem Falle „gut“, ist unser Aller Versucher; Goethe, der gegen den alten Weisheitsspruch   „e r k e n n e   dich selbst“ manches einzuwenden weiß, lehrt und lebt dennoch ein heroisch wahrhaftiges   „s e i   du selbst!“

168 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter

    Und hiermit enthüllt sich uns der zweite Grundpfeiler dieses Charakters:   d e r   T r i e b   z u m   H a n d e l n.   „Das Sicherste“, sagt Goethe, „bleibt immer, daß wir alles, was in und an uns ist, in Tat zu verwandeln suchen; darüber mögen dann die Andern wie sie wollen und können reden und verhandeln.“ Bei Zeiten soll man lernen, alles zu vermeiden, was nicht zu Genuß oder Produktion führt. Selbst die Wahrhaftigkeit will er nicht als Erkenntnis, sondern vielmehr als Tat aufgefaßt wissen. Sicherlich würde er nicht viel gegen die Erklärung einzuwenden haben: wer handelt, ist gut, wer nicht handelt, ist böse. Und des weiteren noch: was an einem Menschen wahre Tathandlung ist — und wäre es auch „böse wie die Natur“ (man denke an Napoleon!) — das wird dennoch zu einer Quelle des Guten; hingegen: „Unnütz sein, ist tot sein“. Darum sagt Goethe von dem „bösen Geist“:

Den ich so früh als Freund und Feind gekannt.

Rüttelte er auf, stachelte er zu Tathandlung an, so war auch der böse Geist ein Freund. Nicht von der Bosheit allein, auch von dem Irrtum gilt das Gesagte: alles Reden erzeugt nur Sophismen, doch sobald gehandelt wird, kann auch das Falsche Tüchtiges bewirken. „Ein Irrtum kann so gut als ein Wahres zur Tätigkeit bewegen und antreiben. Weil nun die Tat überall entscheidend ist, so kann aus einem tätigen Irrtum etwas Treffliches entstehen, weil die Wirkung jedes Getanen ins Unendliche reicht.“ Nicht Gutes und Böses demnach, nicht Wahrheit und Irrtum, sondern Produktivität und Sterilität: das sind vom Standpunkt des Handelns aus die beiden unversöhnlichen Widersacher.
    Über den Arbeitsdrang und die Arbeitsfähigkeit Goethe's brauche ich wohl an dieser Stelle nicht viel zu sagen; sie werden mit Staunen von allen anerkannt, und jede Seite auch dieses Buches zeugt von ihnen. „Die größte Gabe, für die ich den Göttern danke, ist, daß ich durch die Schnelligkeit und Mannigfaltigkeit der Gedanken einen solchen heitern Tag in Millionen Teile spalten und eine kleine Ewigkeit daraus bilden kann.“ Noch zehn Tage vor seinem Tode schreibt er: „Eine Folge von konsequenten Augenblicken ist immer eine Art von Ewigkeit selbst.“ Und noch ein köstliches Wort: „Man wird dreihundert Jahre alt und drüber, wenn man nur alle Tage seine

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Sachen redlich macht...“ Auch nach dem Tode wünscht sich Goethe nur Eines: daß „der ewig Lebendige ihm neue Tätigkeiten nicht versage“. Was mir besonders bemerkenswert erscheint, ist dies, daß Goethe hierbei lernen mußte, sich selbst zu meistern: „Tätigen Sinn, das Tun gezügelt!“ Denn angeboren war ihm vielmehr eine „desultorische Lebens- und Studienweise“ mit der Neigung, begonnene Unternehmungen „beiseite zu legen, in Hoffnung eines günstigern Augenblicks“; wogegen es darauf ankommt, niemals auf einen „Augenblick von Aisance und Zufriedenheit zu warten“, vielmehr: „Hier muß der kategorische Imperativ eintreten, um sowohl Gleichgültigkeit als Widerwillen zu überwinden.“
    Weder beabsichtige ich, Psychologie zu treiben, noch ist es in diesem Kapitel meine Aufgabe, in Goethe's Weltanschauung tiefer einzudringen; ich will nur aufmerksam machen, daß in seinem eigenen Charakter die bezeichneten zwei Anlagen — der Drang nach unbedingter Wahrhaftigkeit und der rastlose Trieb zur Tätigkeit — in einer Weise vorherrschen, daß sie alle übrigen Züge des reichen und darum auch widerspruchreichen Gemütes unter sich befassen. Charakter und Verstand sind diesem Doppelgesetz gleichmäßig unterworfen. Schreckte man nicht angesichts der Unergründlichkeit alles Lebendigen vor künstlichen Gliederungen zurück, man möchte die ganze Persönlichkeit aus der Gattung dieser zwei Grundsätze entstehen lassen. Und zwar würde dann die Wahrhaftigkeit des Charakters demjenigen Teil des Wesens entsprechen, den ich im Anfang dieses Kapitels als Anschauung bezeichnete, wogegen der Drang zur Tat dem gedankenvollen innern Ideenbilden verwandt ist. Sobald wir nämlich Seelenleben zergliedern, wandeln wir in einer Welt, wo Entferntes verschmilzt und Nahes auseinanderrückt: hier entdecken wir, daß Wahrhaftigkeit — wenigstens bei Goethe — zunächst im Anschauen, in der Rezeptivität, in der Aufnahme aller Eindrücke von außen wurzelt und nicht etwa eine vorwiegend moralische Maxime ist, wogegen Goethe's Tätigkeitsdrang als ein intellektuelles Bedürfnis aus dem unablässigen Denken entspringt und zugleich einen sittlichen Kampf zu bestehen hat mit einer entgegenwirkenden Neigung zu Unfleiß, zu Fragmentarischem, zu Ziellosem (vergl. S. 24). Tat entspringt immer aus Untat, wie Kosmos aus Chaos; Tat ist immer ein Ordnung-Schaffen, ein Organisieren,

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ein Gestalten; „es ist nichts wünschenswerter“, schreibt Goethe, „als eine große Masse zu organisieren“; und daher ist die gipfelnde Tat aller Taten das Erschauen neuer Ideen; denn Ideen — wie Goethe sie bestimmt, — sind „Organe“, mit deren Hilfe Erfahrungsmassen „erfaßt“ und zu „eigen“ gemacht werden. Doch kann dieser Trieb in einem Menschengeist bestehen, ohne daß jener andere Trieb — nach Wahrhaftigkeit — besonders stark entwickelt sei; man denke nur an den Organisator Napoleon, der alle Wahrhaftigkeit verschmähte; wogegen bei Goethe der Trieb zur Wahrhaftigkeit das ganze Wesen durchdringt. Und so geschieht es denn, daß bei ihm die Wahrhaftigkeit zur Tat hindrängt und das Handeln die praktischen Verhältnisse dieser Welt (Staatsverwaltung, Bergwerksbetrieb, Theaterleitung, Bibliotheksverwaltung usw.) zwar nicht verschmäht, vielmehr zweckentsprechend zu gestalten beflissen ist, seine Hauptkraft aber von der Jugend bis zum Greisenalter — in Kunst, Naturerkenntnis, Weltweisheit — auf die Erschaffung neuer anschaulicher Gedankengestalten wirkt.
    „Die Wahrhaftigkeit“, die Goethe von sich fordert, die fordert er von der ihn umgebenden Natur als   W a h r h e i t;   und er versteht recht gut, daß es hier einer beständigen, besonnenen Überlegung bedarf, damit auch nur die bloße Wahrnehmung der Sinne eine „wahrhaftige“ sei, d. h. Wahrheit vermittele. Goethe's Leben ist darum so gesteigertes Leben, weil für ihn die sichtbare Welt die unsichtbare umschließt und einzig die Tätigkeit des heutigen Tages dem Leben unvergänglichen Inhalt verleiht. Eine aus Gedanken, Erkenntnissen, Bekenntnissen bestehende „Wahrheit“ ist für ihn leer, ohne Bedeutung. Und genau so wie Goethe's Wahrhaftigkeit in dem unmittelbar Erschauten, so wurzelt auch seine Tätigkeit nicht in Erträumtem, Erhofftem, Ersehntem, sondern in der unmittelbar vorliegenden Aufgabe, gleichviel welche es sei, die das Schicksal ihm zuführt. „Ich bedauere die Menschen, welche von der Vergänglichkeit der Dinge viel Wesens machen und sich in Betrachtung irdischer Nichtigkeit verlieren. Sind wir ja eben deshalb da, um das Vergängliche unvergänglich zu machen...“ Man beachte, wie genau beides zusammentrifft: in allen Dingen, auch in den geringfügigen, wahr sein, in allen Lebenslagen unmittelbar zugreifen. In diesem Charakter, wie er fester und fester sich aus-

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gestaltend durchs Leben schreitet, bildet die Wahrhaftigkeit das Bekenntnis, die Energie der Tat die Heilslehre.
    Von dieser zwiefachen Wurzel aus lassen sich nun die Hauptzüge in Goethe's Charakter leicht ableiten und übersichtlich zusammenstellen. So würde ich z. B. die   E h r f u r c h t,   welcher in seinem Leben, wie auch in seiner Lehre, so entscheidende Bedeutung zukommt, als das notwendige Ergebnis eines leidenschaftlich angestrebten, neidlos reinen Erschauens betrachten. Diese besondere Goethesche Ehrfurcht zeichnet sich dadurch aus, daß sie nicht bloß Ehrfurcht vor dem Gewaltigen ist, sondern auch vor dem Geringfügigen und dem Schwachen; man erinnere sich des Verhaltens gegen Krafft. Es kommt dieser Begriff der Ehrfurcht dem, was die Frommen „heilig“ nennen, sehr nahe; nur ist bei Diesen das altdeutsche heil (das soviel wie „gesund“ hieß) dem lateinischen sanctus angeglichen worden und bedeutet einen durch bestimmte Glaubensrichtungen gewonnenen himmlischen Segen, wogegen Goethe dieses Empfangen, diese Gnade von oben in eine freiwillige Bewegung der Seele, in eine immer neu entspringende Tathandlung umwandelt: in die Bezeugung der Ehrerbietung gegen alles, was lebt und ist. „Ehrfurcht ist ein höherer   S i n n,“   heißt es in den Wanderjahren; sie entspringt einem lebhafteren, tiefer eindringenden Erblicken und ist daher „ahndungsvoll“ (wenn auch ein „aberweises Jahrhundert von Literatoren“ nichts davon weiß); dieser sechste Sinn ist für die richtige Erkenntnis des Höchsten im Menschen ebenso unentbehrlich wie das Auge für die Erkenntnis der Natur.
    Auch das für Goethe überaus charakteristische   S i c h b e s c h r ä n k e n   läßt sich zwanglos als das Ergebnis eines Sieges des unbedingten Wahrheitsdranges über die allzustürmische Lust zu handeln auffassen. Wer sich nicht zu beschränken weiß, wird schwerlich überall wahrhaftig sein können. Der Trieb zur Tätigkeit ist im Menschen ebenso heftig wie rastlos; er möchte immer gleich am Ziele sein; ihn empört das äußere und das innere Hindernis; noch als fast achtzigjähriger Mann empfindet Goethe, als sei er „in einen Krieg verwickelt“ und müsse „den Kampf so im Nachteil als im Vorteil kräftig fortsetzen“. Und da ist es nun der tiefe Blick für Wahrheit und die treue Hingabe an die innere

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Wahrhaftigkeit, welche mäßigend und lenkend eingreifen. „Die Wahrheit fordert, daß wir uns für beschränkt erkennen sollen.“ Dieser Begriff der Schranke und des Beschränkens gehört zu denjenigen, die in Goethe's Schriften und Briefen ungezählte Male wiederkehren, und zwar zum Teil deswegen, weil er sich selber immer wieder von der Richtigkeit seiner Einsicht überzeugen mußte; gegen die ihm angeborene Neigung zum Allumfassen, gegen die ihn bedrohende Gefahr der Zersplitterung hat er hart und vielleicht nicht in jedem Falle erfolgreich angekämpft; daher das tiefbewußte Gefühl für die hohe sittliche und begriffliche Bedeutung der Beschränkung. Ein einziges Wort genügt, wenigstens einen Blick in die Tiefe dieses Vorstellungskreises zu eröffnen: „Niemand bedenkt leicht, daß uns Vernunft und ein tapferes Wollen gegeben sind, damit wir uns nicht allein vom Bösen, sondern auch vom Übermaß des Guten zurückhalten.“ Verleiht die Ehrfurcht dem Menschen einen neuen Sinn, den kein anderes Lebendes besitzt, so ist die bewußte Beschränkung dasjenige, was nach Goethe den Menschen als sittlich-geistiges Wesen grundsätzlich von der sonstigen Natur unterscheidet. Das heldenhafte Beispiel in seinem eigenen Leben war die Rückkehr aus Italien, wie Kap. I hervorgehoben (S. 60). Doch handelt es sich bei Goethe's Begriff der Beschränkung weniger um einzelne Beschlüsse als um eine Gemütsstimmung, die ohne Unterlaß gepflegt und wach erhalten werden soll. In einer nicht häufig gelesenen Schrift finden wir als Zusammenfassung des hier Angedeuteten das Kernwort: „...des Mannes Vorzug besteht nicht in gemäßigter, sondern in gebändigter Kraft.“ Bei Goethe liegt die Auffassung der menschlichen Gesellschaft als Inbegriff des Menschseins auch hier zu Grunde; und was sein Sinnen entdeckt, ist: jedes „grenzenlose Streben treibt“ den Einzelnen „aus der menschlichen Gesellschaft“ und schließlich zu Verzweiflung und Tod. Wir pflegen den tragischen Helden für die höchste Erscheinung der Menschennatur zu halten und vergießen Tränen über die unausbleibliche Vernichtung, die sein Wahn und Wollen herbeiführen; Goethe erfaßt ein anderes Ideal: den Helden, der sich bändigt, der die Heldentat ins verborgene Innere legt, während er äußerlich der Gesellschaft und ihren Konventionen gehorsam bleibt. Dieses Goethesche Heldenideal nun, ungleich dem sonstigen, bewährt seine

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Größe auch darin, daß es dem Gesetz des kategorischen Imperativs entspricht, indem es für Alle als Ideal gelten kann, denn ein Jeder vermag es, sich nach der Analogie dieses Helden zu richten:

Ein Jeder kann's, der sich bescheidet,
Schöpfer seines Glücks zu sein im Kleinen.

Durch die Beschränkung nach innen muß aber diese Beschränkung nach außen ergänzt werden; denn ebenso wie das grenzenlose Streben nach Macht, Besitz, Einfluß usw. aus der menschlichen Gesellschaft hinaustreibt, führt auch das allzu weite Herz, das allzu kühne Hirn den Menschen aus sich selbst, bis er schließlich in der Uferlosigkeit des Leeren erwacht. Darum doziert des Abbés Lehrbrief: „Der Mensch ist nicht eher glücklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst seine Begrenzung bestimmt“, und darum heißt es in einer späteren Schrift, man solle nicht nach „hohler Freiheit“, vielmehr nach „ausbildender, reicher Begrenzung“ verlangen. Das sind die zwei Grundbeschränkungen — diejenige nach außen und diejenige nach innen — aus denen alle andern sich ergeben. Für den Augenblick muß es uns genügen, sie betont zu haben; denn hier kam es nur darauf an, erraten zu lassen, in welcher Weise Goethe durch seine Wahrheitsliebe im Bunde mit seinem Tatendrang dazu geführt wurde, ein ganzes System von Beschränkungen konzentrisch um sich herum zu ziehen.
    Beschränkung umfaßt   E n t s a g u n g.   „Der hohe Sinn des Entsagens ist es, durch welchen der eigentliche Eintritt in das Leben erst denkbar ist.“ Diese Entsagung übt Goethe auf Schritt und Tritt; in der Stille bewährt sich das Heldenhafte. Schon aus der sonnigen Jugendzeit ertönt es: „Mitten im Glücke lebe ich in einem anhaltenden Entsagen“; nirgends sticht das mehr in die Augen, als wenn der Poet und Naturerforscher — d. h. der zwiefach nach Anerkennung Lechzende — auf allen Erfolg des Augenblicks verzichtet: „Die Gegenwart aufopfernd, der Zukunft sich widmend“, spricht er ein letztes Mal, als er nur noch ein Jahr „Gegenwart“ vor sich hatte. Nach Goethe's Überzeugung hängt jedes Vollbringen, ja, jede irgendwie bedeutende Leistung mit einem energisch durchgeführten Verzicht auf alle „Selbstigkeit“ zusammen. Erst dadurch erhält die Beschränkung außer dem verstandesmäßigen

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auch einen rein sittlichen Wert: Schmerz heiligt. Nunmehr begreift man die tiefe Bedeutung einer Briefstelle, in welcher Goethe klagt, die Freunde wichen rechts und links vom Ziele ab, denn: „Niemand hat einen Begriff, daß ein Individuum sich resignieren müsse, wenn es zu etwas kommen soll.“ Die tätigste Form der Entsagung ist die rein innerliche, die Anerkennung der eigenen Geringfügigkeit: sie heißt   D e m u t.   Wie ein heiliges Feuer pflegt Goethe sein ganzes Leben hindurch dieses kostbare Lebenselement: „Die Demut, die sich die Götter zu verherrlichen einen Spaß machen, und die Hingebenheit von Augenblick zu Augenblick, die ich habe.“ Als ein „absurder Pfaffe“ ihm Hochmut vorwirft, erwidert er mit launiger Heftigkeit:

Du Esel! willst zur Demut mich
Demütigsten ermahnen!

Denn Demut — wie Goethe sie auffaßt — betrifft das Verhältnis des Menschen zu sich selbst; sobald sie zur Schau getragen würde, wäre sie keine Demut mehr; darum preist er an einem wackern Manne „kraftvolle Selbstschätzung und würdige Demut“.
    In dieser bewußten Ausübung des Sichbeschränkens und Entsagens liegt eine ebenso bewußt großgezogene und zu Kraft entwickelte Fähigkeit der   G e d u l d   und des   G e d u l d e n s.   Auch hier sehen wir die Hingabe an die Wahrheit über die blinde Leidenschaftlichkeit des Dranges zu handeln siegen. Schon in jüngeren Jahren beginnt sich Goethe's Charakter nach dieser Seite hin auszubilden. „Ich treibe die Sachen, als wenn wir ewig auf Erden leben sollten“, schreibt er 1780; etwa zwanzig Jahre später heißt es: „Was wir nicht meistern können, in der Stille abwarten...“; nach zwei Lustren vernehmen wir wiederum: „Ich glaube wohlzutun, wenn ich auf meine alte Weise verfahre und den Wirkungen der Zeit nicht vorgreife.“ Die Geduld nennt Goethe „eine Pandora im höheren Sinne“, plastisch hervorgebracht durch die vereinte Tätigkeit von Glaube, Liebe, Hoffnung. Es handelt sich für ihn, wie man sieht, um Geduld in einer besonderen Steigerung, um das, was wir auch   G e l a s s e n h e i t   nennen. Zum Schicksal spricht der Dichter:

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Du hast uns lieb, du gabst uns das Gefühl:
Daß ohne dich wir nur vergebens sinnen,
Durch Ungeduld und glaubenleer Gewühl
Voreilig dir niemals was abgewinnen.

In dieser edlen Gelassenheit, diesem entschlossenen Niederringen der Ungeduld und des glaubenleeren Wühlens meine ich eine der höchsten Errungenschaften des Goetheschen Charakters zu erkennen, zugleich eine der kostbarsten Lehren, die sein Leben für uns Alle enthält: denn gelingt es, eine rastlose Tätigkeit mit einem gelassenen Sinne zu verbinden, so ist ein Ideal menschlicher Seelenkultur erreicht. Was Goethe's Persönlichkeit betrifft, so erfaßt man die Bedeutung dieses Charakterzuges für sie vielleicht am besten, wenn man ihn in späteren Jahren beklagen hört, daß er ihn zur Zeit seiner vertrauten Beziehungen zu Schiller habe fahren lassen. Rückblickend sieht er „... zwei Menschen, die ihre Zwecke gleichsam par force hetzen, durch innere Übertätigkeit, durch äußere Anregung und Störung ihre Zeit zersplittern; so daß doch im Grunde nichts der Kräfte, der Anlagen, der Absichten völlig Wertes herauskommt.“ Es ist auch keine Frage, daß Schiller's Ungestüm, damit im Zusammenhang seine Art, stets unmittelbar nahe Ziele ins Auge zu fassen und ihre sofortige Ausführung zu betreiben, ein bedrohliches Schwanken in Goethe's echtem Eigenwesen hervorrief und manche fehlgeschlagenen Unternehmungen veranlaßte (S. 68). Doch auch hier bewährte sich trotz allem der Charakter und rettete Goethe. Denn zur Beschränkung, Geduldung, Gelassenheit gehört als Bestandteil jene schon oben genannte, fast unheimlich ausgebildete Gewalt der   V e r s c h w i e g e n h e i t.

Zieret Stärke den Mann und freies, mutiges Wesen,
    O, so ziemet ihm fast tiefes Geheimnis noch mehr.
Städtebezwingerin du, Verschwiegenheit! Fürstin der Völker!
    Teure Göttin, die mich sicher durchs Leben geführt!

    In einem Brief bezeichnet sich Goethe als „gewöhnt, seine innersten Empfindungen, sowohl freudige als schmerzliche, in der Gegenwart zu verbergen“; und in den letzten Jahren gibt er der Lebensregel die strenge Fassung: „...man soll nicht reden von dem, was

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man tun will, nicht von dem, was man tut, noch was man getan hat.“ Gegen Schiller — den Mitteilsamen, gewohnt, jedes Vorhaben in allen seinen Entwickelungsstufen mit Goethe und mit Körner bis ins Einzelne zu beraten — äußert er: „Ich mache nie etwas fertig, wenn ich den Plan zur Arbeit nur irgend vertraut oder Jemandem offenbart habe.“ Und so geschieht es denn, daß, während Goethe mit Schiller über ein alleinseligmachendes Hellenentum hin und her debattiert und unter seines Freundes Beistand Unausführbares entwirft, er ganz im stillen, ohne einer Seele etwas zu sagen, seine Natürliche Tochter erfindet und ausführt; Schiller war einer der Letzten, der davon erfuhr; denn wie es gerade in diesem Drama heißt:

Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein.

    Dieser Verschwiegenheit nach außen entsprach ein heiliges Schweigen im Innern, nicht — das haben wir gesehen (S. 162) — ein Verzicht auf die strenge Selbstprüfung, wohl aber auf alle Selbstquälerei und auf alles indiskrete Befassen mit sich selbst; die große    i n n e r e   R u h e,   die Ehrfurcht vor dem eigenen Geheimnis ist für Goethe bezeichnend. „An Erfahrung fehlt es uns nicht, aber an der Gemütsruhe, wodurch das Erfahrene ganz allein klar, wahr, dauerhaft und nützlich wird.“ Stark in dieser gefaßten Ruhe, darf er bekennen: „Im Innersten meiner Plane und Vorsätze und Unternehmungen bleib' ich mir geheimnisvoll selbst getreu...“ Ganz nahe bei der Treue gegen sich selbst liegt auch die Treue gegen Andere, die ehrfurchtsvolle Verschwiegenheit über alles, was Andere betrifft: „Leider sind Aufrichtigkeit, Mitteilung, Vertrauen mit Indiskretion sehr nahe verwandt.“
    Hiermit jedoch gelangen wir in das Bereich jener anderen Charakterzüge, die eher zu dem Tätigkeitsdrang als zu dem nach Wahrhaftigkeit gehören. An das gleichsam rückwärts sich anlehnende Entsagen und Gedulden und Verschweigen schließen sich als nach vorn drängende Gegenbewegungen das Hoffen und das Beharren an. Nie fühlen wir Goethe's Blick so unmittelbar auf uns ruhen als in den Momenten, wo er — der Entsagende, Geduldende — dem   H o f f e n   die Tore der Seele öffnet. „Im Tale grünet Hoffnungsglück“, ruft der schmerzgebeugte Faust des jugendlichen

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Poeten, während der bejahrte Denker den organischen Zusammenhang zwischen Tatendrang und Hoffen aufdeckt: die Hoffnung weckt die Tätigkeit, und diese ist es, „durch welche, wenn man es genau besieht, die Hoffnung in jedem Augenblicke realisiert wird“; denn vor der Hoffnung stehen „Erfüllungspforten flügeloffen“. Darum nennt Goethe die Hoffnung „seine stille Freundin“ und bittet zu Gott:

O, daß die erst
Mit dem Lichte des Lebens
Sich von mir wende,
Die edle Treiberin,
Trösterin, Hoffnung!

In den   U r w o r t e n   hat er dieser treibenden und verwirklichenden Seelenstimmung die verherrlichenden Worte gewidmet:

Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt durch alle Zonen;
Ein Flügelschlag — und hinter uns Äonen!

Doch neben dieser befiederten Himmelsbotin steht die männliche Kraftgestalt des eisenfesten   B e h a r r e n s.   Gegen sich selbst gewandt, kehrt Goethe gern das Unnachgiebige hervor; z. B. wenn er von dem Künstler verlangt, er solle sich „im Stillen hartnäckig bilden“; berührt er die Welt, so mischt sich weise Geschmeidigkeit hinzu. Er selbst nennt einmal das duldende und das tätige Prinzip in Einem Satze: „Ruhe und nachgiebige Beharrlichkeit ist das Einzige, was leidlich durchs Leben bringt.“ Mit diesen Worten schildert er eine ganze Seite seines Charakters: das ruhevolle Beharren; und als Bestandteil des Beharrens die   N a c h g i e b i g k e i t.

Das was ich lehre, scheint so leicht,
Und fast unmöglich zu erfüllen:
Nachgiebigkeit bei großem Willen.

Hier lernen wir unterscheiden: denn es gibt ein dumpfes Beharren, wie bei Goethe's Vater, das dem Eigensinn nahe verwandt ist, und es gibt ein trotziges Beharren gewalttätiger Naturen; wogegen Goethe's Beharren „unüberwindlich“ und zugleich schmiegsam ist.

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Es spielt Geduld, Zuversicht, Selbstbeschränkung, Pflichtgefühl, auch Ironie mit hinein. Das eine Mal heißt es: „Wir müssen das Rad dahinrollen lassen und abwarten, wie es uns streift und quetscht, wenn es uns nur nicht ganz zerdrückt“; ein anderes Mal lesen wir: „Am Ende stellt sich alles her, wenn Derjenige, welcher weiß, was er will und kann, in seinem Tun und Wirken unablässig beharrt.“ Goethe's Beharren bezweckt stets ein Höchstmaß an Tathandlung. In einem früheren Teile dieses Kapitels (S. 117) erwähnte ich z. B. eine gewisse Schwerfälligkeit: er klebt am Orte, auch an Zuständen, Personen, Studien, Meinungen; er selber spricht von „seiner großen Lust in irgend einem Zustande, der nicht ganz verdrießlich ist, zu verharren“; wer aber genau hinsieht, entdeckt hier einen von dem Trieb zu rastloser Tätigkeit eingegebenen Instinkt: es sollen Kräfte gespart werden; bei jeder Änderung gehen welche verloren. Auch eine falsche Meinung kann zu interessanten Ergebnissen führen, auch ein Mensch mit vielen Fehlern kann nutzbar gemacht werden, auch ein „fürchterlichst prosaischer“ Ort wie Weimar kann zur Heimstätte eines großen Lebens auswachsen. Nur keine Lebenskraft in dem phantastischen, ziellosen Suchen nach vermeintlich Besserem vergeuden! Auch beim Beharren des großen Gesetzes des Sichbeschränkens eingedenk bleiben! Wissen, was man will; auf dieses Eine sein Beharren richten und sich nicht nach rechts und links ablenken lassen:   „E n t s c h i e d e n h e i t   und   F o l g e   ist das Verehrungswürdigste am Menschen.“ Zum Beharren gehört auch das   E r h a r r e n.   „Es ist nicht in meinem Lebensgange, daß mir ein unvorbereitetes, unerharrtes und unerrungenes Gute begegne.“ Aus dem selben Vorstellungskreis entspringt Goethe's immer wieder und wieder ertönende Mahnung,   n i c h t   z u   s t r e i t e n.   Es deutet diese Lebensregel bei ihm nicht auf blasse Friedfertigkeit oder schwaches Sichanbequemen; vielmehr sagt er einmal ausdrücklich: „Es ist gut, daß man Feindschaft zwischen sich und den Narren und Schelmen setze“; er hat auch oft nach diesem Grundsatz gehandelt, man denke nur an die Xenien; ja seine Energie verfährt manchmal so gewaltsam, daß sie vor Härten nicht zurückschreckt. Empfahl er vorhin Nachgiebigkeit, so geschah das nur, insofern diese mit Beharrlichkeit und großem Willen verbunden war; was er will, ist die zweckmäßige Verteilung der Kraft, nicht denkt er

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an Verzicht auf das für richtig Erkannte. Als z. B. sein Adlatus bei der Leitung des Theaters, Kirms, sich durch stürmisch geäußerte Wünsche des Publikums hatte einschüchtern lassen, verweist es ihm Goethe: „Dafür hat man in jeder Sache die Direktion, daß man nach seiner Überzeugung handelt, um das Beste hervorzubringen, und nicht daß man den Leuten zu Willen lebe, wovon man doch zuletzt noch Undank und durch Hintansetzung des Hauptgeschäftes Schande erlebt. Nachgiebigkeit macht immer alle Mühe und Arbeit halb verloren.“ Dennoch erachtet er Streit für unfruchtbar und darum zu vermeiden.

Laß dich nur in keiner Zeit
Zum Widerspruch verleiten,
Weise fallen in Unwissenheit
Wenn sie mit Unwissenden streiten.

„Es ist ganz einerlei, ob man das Wahre oder das Falsche sagt: beiden wird widersprochen... Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung wiederholen und auf die unsrige nicht achten....“ usw. Hiermit ist aber erst die Oberfläche berührt. Streitsucht führt nicht allein zu keinem Ergebnis, sondern wirkt sterilisierend auf den Streitenden zurück. Wer sich „auf die Negative wirft, zerstört sich selbst und verschwindet in Dunst.“ Der klare, schaffensfreudige Mensch wird darum „auch feindselige Dinge zu benutzen verstehen“. Nicht minder bedenke man Folgendes, in der Natur des Menschen Begründetes: „Die Gegenstellungen sind überall dergestalt unvermeidlich, daß, wenn man den Menschen selbst ganz genau in zwei Hälften spaltete, die rechte Seite sofort mit der linken in einen unversöhnlichen Streit geraten würde.“ Darum nimmt sich Goethe vor, bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten „wachsamer auf sich zu sein“ und „lieber das, worauf er beharrt, einfach zu bezeichnen, als sich mit anders Gesinnten in Widerspruch und Streit einzulassen“; auf diese Weise hofft er, sich „durch Reinheit und Ruhe der hohen Kultur würdig zu erzeigen.“ Und so lautet denn die vollkommen ausgereifte Lehre: „Weder polemisch, noch konziliatorisch, sondern positiv und individuell“. Hierzu gehört dann die ausgesprochene   A b n e i g u n g   g e g e n   j e g l i c h e   K r i t i k,   insofern diese nicht entweder bloß

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berichtend, oder aber schöpferisch ist — von welchen beiden Arten uns Goethe kostbare Muster hinterlassen hat; im übrigen lautet das Bekenntnis: „Das Vortreffliche sollte durchaus nicht bekrittelt noch besprochen, sondern genossen und andächtig im stillen bedacht werden.“ Soll aber das Gute und Fördernde nur in dankbarer Andacht Aufnahme finden, so soll das Widerwärtige und Schmerzbewirkende nicht zu Klagen und Gegenklagen Anlaß geben, sondern einfach aus dem Gedächtnis unwiderruflich verbannt werden. Über das   V e r g e s s e n   schreibt Goethe im Greisenalter: „Diese hohe Gottesgabe habe ich von jeher zu schätzen, zu nützen und zu steigern gewußt. Wenn also von Schlägen und Püffen die Rede ist, womit uns das Schicksal, womit uns Liebchen, Freunde, Gegner geprüft haben, so ist das Andenken derselben beim resoluten guten Menschen längst hinweggehaucht.“ Und wenn trotz aller dieser verschiedenen Andeutungen Mancher noch immer sich nicht fähig fühlt, Goethe hier recht zu begreifen, so lasse er sich das Eine sagen: „Der eigentliche Dichter ist berufen, die Herrlichkeit der Welt in sich aufzunehmen und wird deshalb immer eher zu loben als zu tadeln geneigt sein.“
    Aus diesen flüchtig aufgezählten Hauptcharakterzügen mit der Schar der daraus sich ergebenden Komponenten entsprießt nun ein persönlich gefärbter, eigentümlich Goethe'scher   E r n s t   und eine ebenso persönlich eigenartige   H e i t e r k e i t.   Bei den meisten Menschen wird sich's finden, daß die Heiterkeit der anschauenden Seite des Wesens entspricht, der Ernst dagegen sich aus dem Denken und Handeln ergibt; daher das Wort: „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“; bei Goethe — was wunderlich anmuten mag — liegen die Verhältnisse umgekehrt. Denn sein Ernst hängt mit der unermüdlich erstrebten Wahrheit in der Anschauung zusammen, aus der, wie wir sahen, auch die Ehrfurcht, die Entsagung, das Sichbeschränken, das Schweigen, die Geduld bei ihm hervorgingen; wohingegen alle Heiterkeit ihm aus dem Denken und Handeln, aus der Freude an jeder Art von Arbeit und Schaffen entsteht. Daher besitzt Goethe nicht den übersprudelnden Humor, der so manchen genial begabten Mann auszeichnet; denn dieser wurzelt immer in einem feinen und schnellen Sinn für angeschaute individuelle Absonderlichkeiten und Unzulänglichkeiten, während

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Goethe überall geneigt ist, das Einigende eher als das Trennende zu erblicken und selbst im Geringfügigen und Abgeschmackten irgend ein Anerkennenswertes aufzudecken. Zwar schätzt er Sterne und Lichtenberg hoch, nichtsdestoweniger urteilt er, der Humor sei „nur ein Surrogat des Genies“ und wirke „zerstörend, vernichtend“. Sein Ernst gleicht dem Ernst — um mich allegorisch auszudrücken — eines Engels, der an Gottes Busen läge und bei jedem Blick auf die Schöpfung sie neu entstehen sähe aus dem Willen des Allerschaffers; jedes Seiende gewahrt er ungeheuer, gottentsprungen; nichts entlockt ihm ein Lachen. Darum wandelt sich bei Goethe die humoristische Regung, sobald sie sich dennoch fühlbar macht, in Sarkasmus; sein Witz wird dann ätzend; denn er geht nicht auf das Einzelne, sondern auf das Ganze, und ist ein Verneinen, ein Verhöhnen, ein Anzweifeln, was unvergängliche Prägung in Mephistopheles gefunden hat. Wenn also der fünfzigjährige Goethe sich selbst anklagt, er sei „vielleicht allzusehr zum Ernste geneigt“, so müssen wir wohl verstehen: dieser Ernst ist es, der ihn vor der Bitterkeit bewahrt, in die er sonst seinen Anlagen gemäß leicht hätte verfallen können. Hingegen ist nun Goethe's Heiterkeit — „sein vorstrebend heiterer Sinn“, wie er sich ausdrückt — ein so eigenes, für Andere oft wenig sichtbares, doch für ihn selbst sein Dasein wie eine Atmosphäre umgebendes Element, daß man diesem Gegenstand eine besondere Abhandlung widmen könnte. Vielleicht gibt es keinen Autor, der einen so häufigen Gebrauch des Wortes „heiter“ gemacht hätte. Daß Goethe von „heiterer Ehrerbietung“ redet, zeigt mit einem Schlage, welch' eine ungewohnte Bedeutung dieser Begriff für ihn besitzt; auch „heitere Entsagung“ kommt öfters vor. Die „zartesten allergeheimsten Dinge“ will Goethe „mit einiger moralischer Sicherheit und geistigen Heiterkeit behandelt“ wissen; der „Widerstreit im Menschen von Wollen und Vollbringen“, anmutig dargestellt, „wirkt so angenehm erheiternd“; der „trüben leidenschaftlichen Notwendigkeit“ gegenüber steht „das Reich der heitern Vernunftfreiheit“. Er schildert einen durch das Geschick des Architekten „erheiterten“ Begräbnisplatz; will er von einer schönen Frau das Beste aussagen, so heißt es, sie sei „von der heitersten Schönheit“; wirkt eine Schrift, ein Wort, ein Vergleich, ein Gedanke hervorragend anregend, er nennt

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sie „heiter“; für den Druck zieht er die lateinischen Lettern vor, weil diese Schrift „heiterer aussieht“ (nur die Universitätspedanten haben ihn gezwungen, seine eigenen Werke gegen seinen Willen in Frakturlettern drucken zu lassen); bei der Lektüre von Niebuhr's Römischer Geschichte „richtet“ Goethe „alles mit Heiterkeit im Kopfe zurechte“; bei der schwierigen, trockenen Lehre der Verhältniswörter im englischen Sprachgebrauch versteht er, „auf das Heiterste bemerklich zu machen, wie diese das Ganze beleben“; bei dem Besuch einer mineralogischen Sammlung „genießt er einer gründlichen Heiterkeit“; Roger Bacon „leitet“ in seiner Physik „die Rückwirkungen erster Anstöße auf eine folgerechte und heitere Weise ab“; empfiehlt Goethe den Bibliothekbeamten, bei Bücherverleihungen nicht allzu pedantisch ihren Verordnungen zu folgen, so heißt es, sie sollen „heitere Liberalität“ ausüben; eine frisch und keck zugreifende Kraft wird von ihm immer eine „heitere“ genannt, und Luther's Reformation „verbreitet ein heiteres Licht“. Der aus dem Hades entstiegenen Schattenhelena ruft Faust zu:

Du flüchtetest in's heiterste Geschick!

    Nicht selten werden heiter und ernst zusammengestellt, womöglich zu einem Worte: so wird z. B. einer verstorbenen Freundin „in ernster Heiterkeit gedacht“; eine strenge Gegend, wo einförmiger Feldbau mit dem Schatten uralter Fichten abwechselt, heißt „eine ernstheitere Umgebung“; Eduard — der Herzzerbrochene — betrachtet Ottiliens Glas mit „ernstheiterem Blick“. Besonders häufig wird heiter mit „frei“ zusammengestellt; auch mit „klar“. Immer deutet das Wort auf eine empfundene oder erwirkte Harmonie, in welcher das Unklare klar und das sonst durch Irrtum Gefesselte nunmehr frei geworden ist. Wir besitzen von Goethe das schöne Wort: „Der Frohsinn ist, so wie im Leben, also auch in Kunst und Wissenschaft der beste Schutz- und Hülfspatron.“ Jungsiegfried, wie er in Wagner's Dichtung sein Schwert schmiedet, wäre für Goethe ein Inbegriff der Heiterkeit; wogegen Mime, über den wir alle lachen, zwar ohne Frage als Erzeugnis dichterischer Gestaltungskraft seine ungeteilte Bewunderung erregt, doch zugleich nur ernst-traurig, vielleicht fast unerträglich tragisch auf ihn gewirkt hätte.

183 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter

    Dieser Goethesche Ernst und diese Goethesche Heiterkeit sind, wie bereits angedeutet, ein Ergebnis; doch um so mehr lernt man aus ihnen über Goethe's Charakter; denn, von Jugend an vorgedeutet, wird nach der erreichten Reife dieses Gewebe des Heiterernsten und Ernstheiteren immer mehr zu dem bleibenden Untergrund der Lebensstimmung und folglich auch aller ihrer Äußerungen. Genau so wie sich bei ihm der Durst nach Wahrheit und der Trieb zur Handlung immerwährend gegenseitig wachrufen und anreizen, ebenso gehen in seiner Seele der Ernst und die Heiterkeit eine Ehe ein. War er in der Jugend jähem Stimmungswechsel unterworfen gewesen — „Meine Natur schwankte zwischen den Extremen von ausgelassener Lustigkeit und melancholischem Unbehagen“ — und bleibt er auch im Alter Anfällen unliebenswürdiger Verneinungslust und auch heftigen Zornes ausgesetzt, so wird er nicht müde, dieses Zeitliche in Formen überzuleiten, die der von ihm empfundenen ewigen Bedeutung des Lebens angemessener sind. „Nehmet den heiligen Ernst mit hinaus, denn der Ernst, der heilige, macht allein das Leben zur Ewigkeit.“ Auf diesem Wege geschieht es, daß sein Ernst immer „heiterer“, d. h. toleranter, milder, durchgeklärter, und seine Heiterkeit immer „ernster“, d. h. wohlwollender, entsagungsreicher, von den Beschränkungen des Selbstischen vollkommener losgelöst wird. An der Schwelle des Greisenalters schreibt er: „Wir müssen hoch ernst sein, um nach alter Weise heiter sein zu können.“ Hier findet die für Goethe bezeichnende unablässige Arbeit an sich den deutlichsten, verehrungswürdigsten Ausdruck. In seinem Ernst spiegelt sich vor allem die Treue gegen sich: „Wenig ahnen die Menschen, in welcher unzugänglichen Burg der Mensch wohnt, dem es nur immer Ernst um sich und um die Sachen ist.“ In seiner Heiterkeit findet das Bewußtsein seiner Kraft Ausdruck, das Bewußtsein der abgerundeten, durch beschränkende Entsagung in sich vollendeten, durch Gelassenheit und Geduld mit Vorahnung der Ewigkeit erfüllten Idee seines eigenen Wesens. Die Zeit allein fordert das Lachen heraus; wessen Blick auf das Zeitlose gerichtet bleibt, dem ist das mild-ernste Lächeln eigen.
    In nur wenigen Strichen habe ich die Eigenart des Charakters angedeutet; wollte ich mehr geben, ich glaube, es würde die suggestive Leuchtkraft der Skizze vermindern; denn bei einem Unaus-

184 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand

kennbaren wie die Persönlichkeit kommt es zunächst darauf an, diejenigen Punkte genau festzustellen und in richtiger Perspektive dem Auge vertraut zu machen, denen grenzziehende Bedeutung für die Gestalt zukommt; bei näherer Beschäftigung mit dem Leben und den Werken rückt dann nach und nach alles an seinen rechten Platz, und das Bild des Individuums entfaltet sich in immer größerer Deutlichkeit vor unsern Augen. In ähnlich aphoristischer Weise will ich nun daran gehen, einen ersten Schattenriß von Verstand und Denkmethoden Goethe's zu entwerfen.

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Der Verstand


    Hier knüpfen wir an den Anfang dieses Kapitels wieder an. Denn dort haben wir gleich ins Allerinnerste gegriffen und über den besonderen Mechanismus dieses Geistes Entscheidendes vorgebracht, was nicht wiederholt zu werden braucht, und zwar um so weniger, als alles inzwischen Ausgeführte zur Verdeutlichung und Bekräftigung gedient hat. Die letzte Gestalt, in welcher uns die dort aufgestellte Unterscheidung zwischen Anschauen und Denken entgegentrat, war der sich in so mannigfacher Weise ineinander verwebende Gegensatz zwischen dem Gebot der unbedingten Wahrhaftigkeit und dem Drang nach rastloser Tätigkeit, der auch Irrtum und Bosheit in Kauf nimmt, wenn nur gehandelt wird. Da spiegelte sich der Verstand im Charakter wider. Vielleicht wirkt es aufhellend, wenn wir an dieser Stelle den Verstand zunächst dort ins Auge fassen, wo wir, umgekehrt, in ihm die genaue Widerspiegelung des Charakters wahrnehmen.
    Grundlegend werden wir dann das Streben, wie dort nach Wahrhaftigkeit, so hier nach   W a h r h e i t   entdecken. Und zwar äußert sich dieses Streben zunächst nach zwei Richtungen, einerseits positiv, andrerseits negativ. Positiv lautet das Bekenntnis: „Man muß an die Einfalt, an das Einfache, an das urständig Produktive glauben, wenn man den rechten Weg gewinnen will“; bei der Betrachtung des Naturerforschers kommen wir hierauf zurück; denn Goethe hatte in der ganzen Natur eine „geheimnisvolle Urkraft“ am Werke entdeckt, „die mit wenigem viel, und mit dem

185 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand

Einfachsten das Mannigfaltigste leistet“. Negativ empfindet der Geist der Wahrheit ein tiefes Mißtrauen gegen das hergebrachte Rüstzeug der Worte, Formeln, Redensarten usw., in dem wir Menschen zu leben erzogen werden und das eine Art Scheidewand zwischen der wirklichen, sinnfälligen Wahrheit und unserem Geiste bildet. „Ich habe mich in meinem Leben vor nichts so sehr als vor leeren Worten gehütet“: so lautet die in Bekenntnisform gekleidete Maxime. In den heiligen Büchern der alten Indoarier findet sich ein merkwürdiger Ausspruch: „Des Menschen Sprache wurzelt im Unwahren“; unmittelbar darauf heißt es aber dann: „Blüte und Frucht der Sprache ist das Wahre.“ Hiermit wird offenbar besagt: der bloße Mechanismus des Redens — also die rein logischen Methoden sowie alle Kunst der Beredsamkeit und der Beeinflussung durch Worte — ist an und für sich ohne jeglichen Wahrheitsgehalt; dagegen kann die Sprache eine köstliche Blüte tragen, wenn es in harter Arbeit gelingt, sie zu einem dienenden Organ der echten Wahrheit umzuformen. Diese Auffassung der Brahmanen bezeichnet genau Goethe's Stellung der Sprache gegenüber. „Das unmittelbare Anschauen der Dinge ist mir alles, Worte sind mir weniger als je“, sagt er kurz vor seinem Tode. Nicht also, weil er in Worten geschwelgt hätte, sondern im Gegenteil, weil er den Worten mißtraute, wurde Goethe der große Meister der Sprache. Keine Menschen stehen Goethe ferner als die Wortvirtuosen der Schreibekunst. Stets ging bei ihm das Anschauen voran; ihm sollte der Gedanke immer genau entsprechen, was eine erste, lange, treue Bemühung voraussetzt; sodann aber sollte das Wort den aus Anschauung geborenen Gedanken möglichst genau decken, und zwar ebenso in bezug auf Ausdehnung wie in bezug auf Inhalt; das Wort darf nicht übertreiben und darf auch keine Eigenwirkung ausüben, sondern lediglich ein treuer Spiegel der Gedankengestalt sein. Das war Goethe's Ziel, und auf diesem Wege gelang es ihm, das formell Logische, Inhaltsleere, das sich bis in die einzelnen Glieder unserer Sätze einnistet, fast auszurotten. Der Ballast an Abstraktion ist bei ihm abgestreift, der Starrkrampf der Konvention gelöst. Infolgedessen erwachen die Worte zu neuem Leben, wie wenn bisher geschlossene Augenlider sich auftun, und die Sprache wird ein so vollendeter Ausdruck nicht nur des Gedankens, sondern der einen

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anschauenden Persönlichkeit, daß sie nie ein Mensch in ihrer schlichten Vollendung hat nachahmen können. Ihre Eigenart drückt ein einziges Wort erschöpfend aus: Wahrheit, lebendige Wahrheit bis in die letzten Elemente. Hier spiegelt sich der Charakter im Verstande wider; in Goethe's Sprache verschmelzen beide zu einer lebendigen Einheit.
    Im Gegensatz nun zu Worten, Logik und wortfechterischer Dialektik (womit Jahrtausende des Menschengeistes angefüllt sind) wurzelt nach Goethe alle Wahrheit — und das heißt für ihn alle Natur- und Gotteskenntnis und alle Selbsterkenntnis — in der sinnfälligen   A n s c h a u u n g:   „Ohne unmittelbares Anschauen begreife ich gar nichts.“ Es gehört aber die unverdrießliche Kraft eines der Wahrheit fanatisch gewidmeten Wollens dazu, die von den Sinnen übermittelte Wahrnehmung zur Reinheit zu leiten; denn immerfort unterschiebt der Geist Fremdes und fälscht das unschuldsvoll Wahrgenommene durch teuflische Erfindungen willkürlicher Vernunftschlüsse. Darum spricht der Meister:

Was ist das Schwerste von allem? Was dir das Leichteste dünkt,
Mit den Augen zu seh'n, was vor den Augen dir liegt.

Die Überwindung dieses Schwersten, das unermüdliche Bestreben zu sehen, was vor den Augen ihm lag — es wahrhaftig, umfassend, genau zu erschauen — bildet eine nie versiegende Leidenschaft Goethe's. Er ist überzeugt, das göttliche Geheimnis liege überall offenbar, nicht nur in den kreisenden Sternen, auch in jeder Pflanzen- und Tiergestalt, wenn wir nur zu sehen verstünden; selbst dürre Knochen stellen eine „Schrift“ dar, die dem Sehenden „heiligen Sinn offenbart“. Die eigentlichen Organe zur Aufnahme der Wahrheit sind unsere sonnenhaften Augen; doch nur, wenn wir sie zu gebrauchen wissen: wer sie öffnet, soll „frei gesinnt sein wie die Luft, die alles umgibt. Weder Fabel noch Geschichte, weder Lehre noch Meinung halte ihn ab zu   s c h a u e n.“   Außerdem „sondere er sorgfältig das, was er gesehen hat, von dem, was er vermutet oder schließt“; er „reinige es von der Meinung“, denn „das Anschauen ist selbst wieder subjektiv und manchen Gefahren unterworfen“. Dies ist es, was Goethe einmal „treue Anschauung“ nennt. Ein anderes Mal spricht er aus der Fülle der Erfahrung an sich: „Es

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kommt besonders auf Ausbildung des Subjekts an, daß es so rein und tief als möglich die Gegenstände ergreife und nicht bei mittleren Vorstellungen stehen bleibe, oder wohl gar sich mit gemeinen helfe.“ Nur von diesem Anschauen redet also Goethe: frei, treu, rein, tief, ein solches Anschauen allein ist Quelle aller Wahrheit. Hiermit weist er aber sowohl alle Phantasterei und Dilettanterei wie auch alle künstlich gewaltsame Systematik und wissenschaftliche Dogmatik von sich, auch die aus einer angeblichen inneren Anschauung stammende mystische Intuition. Der Grundstock von Goethe's geistigem Schatz ist durch das Einheimsen dieses „frei“, „rein“, „tief“ und „treu“ Erschauten erworben. Und zwar bezieht sich dieses Einheimsen auf die Natur. Nichts ist falscher, als wenn man die Beschäftigung mit der Natur bei Goethe als ein Nebensächliches auffaßt, wohl gar als ein mehr oder weniger Zufälliges, wenn nicht gerade Überflüssiges; vielmehr ruht das gesamte geistige Gebäude dieses Mannes auf seinem Verhältnis zur Natur; hier allein fließt der Quell seines Wissens, Denkens, Schaffens, Dichtens. Als Bestandteil seines ihm angeborenen Wesens hat Goethe ein   „i h m   e i g e n t ü m l i c h e s   H i n s t a r r e n   a u f   d i e   N a t u r“   erhalten; weit entfernt, ein zufällig Angeeignetes zu sein, ist gerade dieses Hinstarren ein echt dämonisches Urelement der Persönlichkeit; in der Konfiguration der Augen tritt es auch äußerlich in die Erscheinung. In früher Jugend folgt er planlos, jedoch fieberhaft diesem Gebote seines Geistes; vornehmlich in der Leidenschaft für Malerei nach der Natur kommt es damals zum Ausdruck; schon in Straßburg aber beginnt er mit seinen anatomischen Studien; und als Goethe noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt ist, bezeugt Kestner: „Die Natur, im physikalischen und moralischen Verstande genommen, hat er zu seinem   H a u p t s t u d i u m   gemacht.“ Nach und nach wird sein „Schauen“ immer systematischer und umfaßt schließlich alles, von den leidenschaftlich gesammelten Folgen der Urgesteine bis zu den peinlich genauesten Beobachtungen über polarisiertes Licht, und inmitten dieser Natur erblickt er den Menschen, als wissenschaftlich, philosophisch, künstlerisch und sittlich zu erforschenden Gegenstand. Wie bald Goethe sich dieser einzigen Bedeutung des Schauens für sein Leben vollkommen bewußt ward, zeigen die Worte in Werther von „dem Vorsatz, sich künftig allein

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an die Natur zu halten“, denn „sie allein ist unendlich reich und sie allein bildet den großen Künstler“. Zwanzig Jahre später heißt es, der „Komplex von Geisteskräften, den man Genie zu nennen pflegt, bringe oft sehr zweideutige Wirkungen hervor“; dagegen solle man auf die „hervorbringende Natur“ schauen, deren „Genie“ — im Gegensatz zum menschlichen — „gewiß und unzweideutig“ sei. Im siebzigsten Lebensjahre schreibt er: „Alles Fruchtbare gehört nicht uns sondern der Natur.“ Und noch am spätesten Lebensabend, wenige Monate, ehe sich die Nacht über die „zum Sehen geborenen, zum Schauen bestellten“ Augen herniedersenkte, teilt der Greis mit: „Ich bin wieder in die Naturbetrachtungen geraten, welches für mich, der ich ein nachdenklicher Mensch bin, doch immer das Beste bleibt. Je tiefer man in ihr Gebiet eindringt, desto wahrer wird sie.“
    Nun fordert aber die andere Seite des Verstandeswesens Beachtung. Was im Charakter ein Trieb zu rastloser Tätigkeit überhaupt ist, das ist im Verstande ein ununterbrochenes, manchmal fieberhaft leidenschaftliches, manchmal in himmlischer Geduld unverdrossen erstrebtes Verarbeiten und Umwandeln — zuerst des Angeschauten in begrifflich faßbare Elemente, sodann dieser Gedankenatome in neuerliche sichtbare Gestalten, die jedoch nicht aus den unmittelbar erschauten Dingen gewonnen werden, sondern Neuschöpfungen des eigenen Gemütes oder, in Plato's Sprache,   I d e e n   darstellen. Schon in sehr jungen Jahren erkannte Goethe diesen Vorgang als „die Reproduktion der Welt um sich durch die innere Welt, die alles packt, verbindet, neuschafft, knetet und in eigener Form, Manier wieder hinstellt“. Es entstehen Dichtungen, es entsteht eine mit der Zeit immer umfassender ausgestaltete Symbolik der organischen und unorganischen Natur, es entsteht eine völlig undefinierbare, weltumzingelnde und weltdurchdringende Weisheit, nicht eine systematische, dogmatische, abstrakt lehrbare Weisheit, sondern eine solche, die sich wie ein lebendiges Wesen aus und an sich selbst entwickelt und aufbaut, bis diese „Weltanschauung“ (denn hier ist das viel mißbrauchte Wort am Platze) gleichsam eine abgerundete Schöpfung geworden ist, die ihren Urheber von allen Seiten umgibt und tragend umschließt. „Indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervor-

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zubringen hat.“ Die „Tat“ also besteht bei Goethe, sobald wir sie mehr vom Standpunkte des Verstandes als von dem des Charakters aus betrachten, aus einem „dreifach merkwürd'gen Geisterschritt“: erst anschauen, dann über das Erschaute denken, schließlich die also gewonnenen Gedanken umbilden zu neuen Gedankengestalten. Und zwar sind alle Teile des verwickelten Vorganges — über den, wie wir sahen, Humboldt und Schiller staunten (S. 91 ff.) — gegenseitig bedingt. Ohne Schauen kann Goethe nicht denken: dies ist das „Hinstarren auf die Natur“, das wir für diesen Genius eigentümlich fanden; doch sobald er geschaut hat, setzt das Denken ein, und es ist ihm nicht möglich, weiter zu schauen, ehe nicht die Gedanken sich geklärt haben. „Was ist Beschauen ohne Denken?“ ruft Goethe in einem Briefe aus. Die Frage entspringt der anfänglichen Stimmung; diese vertieft sich bald, und da heißt es: „Das Gemüt wird schneller zum Allgemeinen erhoben wenn man die Gegenstände genauer und schärfer betrachtet.“ Das sinnliche Betrachten kann aber in Wirklichkeit immer nur auf Einzelnes gehen, wogegen das Allgemeine ein Gedanke ist; so wird denn hier das genaue, scharfe Erschauen des einzelnen Gegenstandes als Mittel gepriesen, zu Gedanken zu gelangen. Jetzt bewegt sich der Geist weiter auf dieser Leiter, eine Sprosse höher hinauf: „Das wohlgesehene Besondere kann   i m m e r   für ein Allgemeines gelten“; womit nichts weniger gesagt wird, als daß jedwedes freie, treue, reine, tiefe Erschauen für Goethe die Quelle von Gedanken ist. Und so mag denn der Leser auf ein Bekenntnis genügend vorbereitet sein, welches sonst Manchem gerade aus Goethe's Mund unfaßlich erscheinen und ihn infolgedessen irremachen könnte: „Man kann sagen, daß wir schon bei jedem aufmerksamen Blick in die Welt   t h e o r e t i s i e r e n“;  Goethe theoretisiert bei jedem Blick! Wer über ihn urteilen will, sollte sich dieses Wort unvergeßlich einprägen. Nicht als ob er es auf Dogmen und Systeme abgesehen hätte. In der ewig denkwürdigen Fortsetzung jener Stelle ruft er — damit „die Abstraktion unschädlich und das Erfahrungsresultat lebendig werden solle“ — die  F r e i h e i t  heran, und außer ihr noch die  I r o n i e !   Immer von neuem stoßen wir auf diese besondere Goethesche Ironie, die sein Wesen durchdringt, gleichsam als ob Verstand und Charakter, ein jeder dem andern, Grenzen zöge; in

190 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand

seinem Mephistopheles richtet der Dichter diese Ironie ätzend nach außen, im eignen Busen richtet er sie lächelnd nach innen; an der genannten Stelle wird sie der „Selbstkenntnis“ angegliedert; man könnte sie eine reife Frucht höchster Weisheit nennen und sie etwa vergleichen mit Prospero's:

    We are such stuff
As dreams are made on; and our little life
Is rounded with a sleep.

Auch mit Thales' köstlichem Wort, als Erderschütterungen und herabstürzende Himmelsmeteore Gebirge zerstört und andere aufgetürmt haben:

Sei ruhig! Es war nur gedacht!

In Besitz und Bewußtsein dieser Ironie kann sich Goethe, der Schauende, ohne Furcht, sich selbst mißzuverstehen, zugleich als ewig sinnender Philosoph bekennen, wie er denn auch die beherzigenswerte verneinende Ergänzung bringt, „Abneigung gegen die Philosophie“ bewirke, daß „ehe man sich's versieht, der Weg zur Philisterei betreten ist“. Der Frage jedoch: Was ist Beschauen ohne Denken? entspricht als vom Goetheschen Geiste streng gefordertes Gegenstück die Frage: Was ist Denken, wenn es nicht zu neuerlichem Schauen führt? Die äußere Welt muß durch die innere — in eigener Gestalt, in eigener Verbindung, frisch geknetet — als neue Schöpfung hingestellt werden. Das zerlegende Denken ist nur ein einzelnes Glied in diesem verwickelten Vorgang, der Goethe's Geist erfüllt. „Ich kann nur denken, insofern ich produziere“, lautet es das eine Mal; noch belehrender für uns ist die Aussage, der wir in einem Brief an Schiller begegnen: „Ich kann nur handelnd denken“, denn hierdurch erfahren wir, Goethe habe jedes Umschaffen von Begriffen zu Ideen als ein   H a n d e l n   empfunden, was darin seinen Grund hat, daß er nie bloß rezeptiv denkt, nie bloß auffaßt, was Andere lehren, also bloße Worte, bloße logische Ketten, oder sich mit dem Aufstellen eigener Vermutungen, Schlüsse, Hypothesen begnügt, sondern immer „aktiv“ denkt, das heißt, das Denken als Mittelglied zwischen Anschauung und Anschauung verwendet, als Mittelglied zwischen den durch unver-

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wandtes „Hinstarren“ gewonnenen Eindrücken von außen und den durch eigene Schöpferkraft neu hervorzubringenden anschaulichen Ideen. „Denken und Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit ... Wer sich zum Gesetz macht, was einem jeden Neugebornen der Genius des Menschenverstandes heimlich in's Ohr flüstert, das Tun am Denken, das Denken am Tun zu prüfen, der kann nicht irren, und irrt er, so wird er sich bald auf den rechten Weg zurückfinden.“ Goethe ist überhaupt unfähig, sich ein Wissen anzueignen, wenn nicht durch diese Ehe von Denken und Schaffen; wie es denn in dichterischer Form heißt:

Weil Tat und Wissen sich zusammenheften,
Sich eins am andern nährend stützt und steift.

Theorie ist also bei Goethe nie Zweck, immer Mittel. „Alles Theoretische soll eigentlich nur die Grundzüge andeuten, auf welchen sich hernach die Tat lebendig ergehen und zu gesetzlichem Hervorbringen gelangen mag.“ Darum betrachtet er nicht — wie seine und unsere Zeitgenossen — die versuchten Lösungen der Probleme als die krönende Leistung der Wissenschaft, sondern findet vielmehr das Verdienst der von uns mit Hilfe unserer Einbildungskraft erdachten „Gedankenwesen“ lediglich darin, daß sie uns „auf das Anschauen   z u r ü c k f ü h r e n   und uns zu größerer Aufmerksamkeit, zu vollkommener Einsicht hindrängen.“ Das begriffliche Denken Goethe's können wir dem Destillieren der Chemiker vergleichen; wie diese eine Flüssigkeit durch wiederholtes Destillieren immer reiner von fremder Zutat erhalten, ebenso soll Goethe sein Begriffebilden, sein Ideenschaffen zu einem immer reineren, gereinigteren Erschauen dienen; das Erschauen bleibt somit wie Anfang so auch Ende. Er selber hat es einmal in Versen ausgesprochen:

Anschaun! wenn es dir gelingt,
Daß es erst in's Innere dringt,
Dann nach außen wiederkehrt,
Bist am herrlichsten belehrt.

    Diese besondere Art Goethe's, sich Wissen als Tat anzueignen, bedingt unaufhörliche Arbeit. In Dichtung und Wahrheit berichtet er: „...durch Anschauen und Betrachten der Dinge mußte ich erst   m ü h s a m   zu einem Begriffe gelangen.“ Auch alle Erforschung

192 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand

der Natur, insofern daraus zusammenhängende Vorstellung, systematische Kenntnis gewonnen werden soll, empfindet Goethe als inneren Kampf, als einen „Konflikt der Denkkraft mit dem Anschauen“. Im Gegensatz zu der Vorstellung der ruhevollen Harmonie, die gewöhnlich dem Goetheschen Verstande zugeschrieben wird, liegen bei ihm die polar entgegengesetzten Kräfte des Menschengeistes — Beobachtung und Phantasie, Abstraktion und Sinnfälligkeit, gedankenvolles Erforschen und eigenherrliches Erschaffen — ohne Unterlaß widereinander in Streit. Es ist Kampf in sich und an sich, aber auch Kampf um sich und gegen Andere. Bei der Erschaffung seiner Natursymbolik ringt der Geist der Wahrhaftigkeit oft jahrelang um angemessene Vorstellungen; die „Leidenschaft“ treibt ihn, die Unfähigkeit, „sich zu entwirren“, verursacht ihm Qualen; doch endlich wird es heller: „Das stille Chaos sondert sich immer schöner und reinigt sich im Werden“; und plötzlich tritt das ein, was Goethe nicht selten als „Offenbarung“ bezeichnet, d. h. eine schöpferische Idee wird in seinem Geiste geboren und bringt Ordnung in die unübersehbare Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungen und der durch sie angeregten Gedanken. Gewaltsam bricht eine solche Idee hervor aus dem gärenden Streite zwischen Anschauungen und Begriffen; sie bricht hervor — „mit Machtgebärde in die Wirklichkeit“ —, wenn die Zeiten reif sind, wenn der ungeheure Drang nach Wahrheit in nie ermattender Arbeit, bewußt und unbewußt, von allen Seiten die Bausteine herbeigeschleppt hat, die dann der Hauch des Genius in einem zeugungsmächtigen, blitzkurzen Augenblick zu einer Gestalt zaubert und dadurch auf immer belebt. Nicht anders verhält es sich aber mit den Dichtungen. Auch hier, sobald wir aufmerksam hinsehen, entdecken wir den inneren Zwiespalt, das schmerzensreiche Hin und Her, das Zagen und Verzagen, die große Geduld des Erharrens und schließlich die nach langer Brutzeit plötzlich hervorbrechende Gestaltung, sei es eines Ganzen, sei es eines Bruchstückes. Wohl erzählt Goethe von den überraschenden Eingebungen, die entschwunden waren, wenn er sich, um sie festzuhalten, auch nur die Zeit nahm, das Papier geradezurücken; doch handelt es sich in solchen Fällen um eine letzte Formgebung, nicht um eine unverhoffte Neugeburt, und weit bemerkenswerter ist es, daß selbst Goethe's kleinere lyrische Ge-

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dichte oft und oft überarbeitet wurden, ehe sie die Vollendung erreichten. Zwischen Einfall und Vollendung lag eben das, worauf uns Humboldt als „Hemmnis“, Schiller als „eine Arbeit mehr“ aufmerksam machte: die erregende Anschauung (gleichviel ob Bild, Stimmung, Schicksal oder was sonst) mußte erst begrifflich zergliedert werden, ehe sie zu neuem Leben in der Welt der schöpferischen Phantasie wieder erstehen konnte.
    Eine letzte Bemerkung über diese eigenartige Beschaffenheit des Goetheschen Verstandes. In dieser „organischen Dialektik“, wie man sie vielleicht bezeichnen könnte, lag eine Triebkraft unbeschränkter Vervollkommnung; denn durch die immer feinere Ausbildung der Ideen erhielt die Anschauung zunehmende Leuchtkraft, aus immer klareren Anschauungen mußten aber noch leuchtendere Ideen hervorgehen. So wächst denn die Pyramide dieses einzigen Daseins höher und höher; statt des üblichen Verknöcherns oder Verwässerns führt das Greisenalter verklärteres Denken herbei; herrlichstes Dichten, vollendete Selbstdarstellung, regste, aufklärendste Teilnahme an der denkenden Erforschung der Natur: das sind die Taten der letzten Lebensmonde. Fünf Tage, ehe der Frühling dem Heiterernsten freundlich die Augen zudrückte, schreibt er — es ist sein allerletzter Brief — das Glück hänge von einer „geregelten Steigerung der natürlichen Anlagen“ ab, und sagt von sich: „Ich habe nichts angelegentlicher zu tun als dasjenige, was an mir ist und geblieben ist, womöglich zu steigern“. So sehen wir ihn auf dem letzten „Platz“ und in dem letzten Moment „in die Tiefe gehen“ (S. 109), unbekümmert, ob das ärmlich beschränkte Dasein noch „Breite“ für ihn übrig habe; „sich steigern“ ist sein letzter Gedanke.

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Die Gestalt


    Dieses Wenige über das Gefüge des Verstandes in seinen wesentlichen Hauptlinien möge für den Augenblick genügen; am besten lernt man ihn aus seinen Leistungen kennen, von denen die folgenden Kapitel handeln. Wer sich aber für die Einzelheiten der Lebens- und Arbeitsmethoden interessiert, findet alles in den Büchern; er schlage sie nach; ich darf mich darauf beschränken, die Wege nach innen zu weisen. Auch eine Betrachtung der äußeren

194 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Gestalt

Gestalt würde uns von unserem Wege abführen; denn hier, wenn irgendwo, hat nur die unmittelbare Anschauung Wert; einzig Bilder könnten Auskunft geben. Doch wer an Stelle der karg und mit einseitiger Auswahl illustrierten Lebensschilderungen das einzige wirklich auslangende Buch zur Hand nimmt, Hermann Rollett's Goethebildnisse, wird daraus ersehen, daß nicht zwei Menschen Goethe ähnlich erblickt haben. So urteilen z. B. Zeitgenossen über das Porträt, das Heinrich Meyer im Jahre 1795 malte, es sei „von frappanter Ähnlichkeit“, und Franz Kugler, der Kunsthistoriker, meint: „Ich kenne kein Porträt Goethe's, das, wie dieses ... die Festigkeit, die eigentliche Deutschheit seines Charakters, selbst seine jeweilige Beschränkung auf das Einzelinteresse, mit seiner eigentümlichen Hoheit, mit der Machtfülle seines Gedankens vereint, zur Erscheinung brächte“. Und doch würde vielleicht überhaupt kein Mensch erraten, Goethe sei hier dargestellt; so sehr weicht das Bild von den herkömmlichen idealisierten Bildern ab. Schon die Haartracht — ein kurzer Backenbart, oben kurzgeschorene, an den Seiten glatt herabhängende Haare — fällt befremdend auf. Wir wissen aber, daß sie tatsächlich der Wahrheit entspricht, nicht bloß, weil Heinrich Meyer, wenn auch kein bedeutender, jedenfalls ein peinlich genauer Maler, unfähig war, an seinem hochverehrten Freunde einen Zug zu entstellen, sondern auch, weil ein Zeitgenosse berichtet: „Goethe trägt das Vorderhaar rattenkahl abgeschoren, an den Seiten ausgekämmt und völlig anliegend“ — und nun sehe man sich die allbekannten Bilder und Büsten von Rauch, Bovy, Kügelgen, Stieler usw. an! Das sogenannte Stilisieren des Haares besaß damals die Bedeutung eines Gebotes; Goethe selber fordert es für seine Bildnisse ausdrücklich. Abgesehen hiervon aber besitzen wir auch in der Auffassung der Gesichtszüge eine verwirrend mannigfaltige Galerie, und es muß gesagt werden, daß diejenigen Bilder, die sich dauernder Beliebtheit erfreuen und daher unsere Vorstellung des Antlitzes wesentlich gestaltet haben, diese Vorliebe subjektivem Gutdünken und allenfalls auch technisch besserer Ausführung verdanken, nicht aber einem objektiven Urteil über wahre Ähnlichkeit. So bezeichnet z. B. Goethe selber das Bildnis des englischen Malers George Dawe als „das leidlichste von allen“ und empfiehlt den von Wright darnach verfertigten Kupfer-

195 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Gestalt

stich öffentlich in Kunst und Altertum als „unter den vielen in Kupfer gestochenen Bildnissen Goethe's dasjenige, welches ihn am ähnlichsten darstellt“. Er tat jahrelang alles mögliche, um die Verbreitung gerade dieses Bildes zu bewirken; doch ohne Erfolg. Dagegen erfreute sich das (im übrigen gewiß schöne) Gemälde Stieler's sofort allgemeiner Anerkennung, obwohl uns von zuständiger Seite versichert wird, gerade diese „exzentrische Kopf- und Augenwendung“ sei „höchst antigoethesch“. * Soweit die vortreffliche Lebensmaske uns belehren kann, kommt ohne Frage Jagemann's Zeichnung aus dem Jahre 1817 dem Original sehr nahe und dürfte vielleicht in seiner reinen Profilhaltung von allen Bildern die Züge, wie sie in Wirklichkeit waren, am besten veranschaulichen. „Wer mir Dein Profil mit Kreide auf den Tisch schreibt, ist mein Mann“, ruft der wackere Zelter aus, als er auf einer Ausstellung schöne idealisierende Gemälde Goethe's erblickt hat; gerade dies hat Jagemann geleistet. Ich meine nun, wir können diesem Tatbestand vor allem das Eine entnehmen: daß es schwer bis zur Unmöglichkeit war, von diesem Antlitz durch ein Konterfei eine Vorstellung zu geben. Das hätte einen Leonardo erfordert. Wir wollen uns damit trösten, daß es Jedem, der sich in der richtigen Geistesverfassung in den Gegenstand versenkt, eher gelingen wird, sich eine genaue Vorstellung des inneren als des äußeren Goethe zu bilden; und aus der Kenntnis dieses Innern heraus werden auch die verschiedentlichen Darstellungen des Äußeren neues Leben gewinnen.
    Beachtenswert ist es, in welchem Maße der Wille — vielleicht dürfen wir sagen, Goethe's Idee von sich selbst — durch die Hülle hindurchstrahlte und zu wahrheitsahnenden Täuschungen führte. So beschreiben z. B. viele Zeugen Goethe als „groß“; und doch kennen wir seine Körperhöhe ganz genau: sie betrug 174 Zentimeter; er war also für einen Deutschen nicht über mittelgroß: infolge seiner Haltung (siehe S. 23) erschien er aber größer als er in Wirklichkeit war; hierin liegt gleichsam ein sichtbarer Ausdruck des beständigen Wachsens, welches diesen Mann „auf den vielen Stufen seines Pyramidenlebens“ auszeichnet. Auch die Gewalt des Antlitzes liegt nicht — wie der französische Bildhauer David es darzustellen suchte — in auffallenden Maßen begründet, sondern in den unbewußt wirkenden Verhältnissen aller Teile und vor allem im Aus-

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druck der Augen. Immanuel Kant's Kopf z. B. ist als Erscheinung weit merkwürdiger; die Größe des Schädels ist bei ihm übermäßig, zugleich die Feinheit der Züge unerhört; kaum je mag ein Antlitz in so hohem Grade ent-körpert, so vollkommen durchgeistigt gewesen sein. Kant ragt denn auch als Denker wie ein Ungeheuerliches unter den Menschen hervor; was ihn umgibt, ist im Vergleich liliputanisch; in Goethe's Antlitz dagegen, wie es uns die Lebensmaske am untrüglichsten veranschaulicht, kommt ein ausgesprochen sinnliches Element zur Erscheinung und auch eine gewisse Behäbigkeit; verkünden Stirn und Augen die sich selbst bändigende, verschwiegene Geistesgewalt und die gestaltende Schöpferkraft des Dichter-Denkers, der aus der Gattung des Angeschauten und des Ausgesonnenen sich seine eigene Welt erschafft, so lesen wir deutlich von den Lippen und dem Kinn den Willen ab eines Mannes, der mitten unter Menschen zu leben entschlossen ist, sich mitteilend und behauptend; selbst diese erstarrte weiße Gipsmaske hört zu und redet an. * Goethe wirkte auch physisch — wenigstens auf empfängliche Gemüter — darum so gewaltig, weil in seinem Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel ein Seelenleben Ausdruck fand, welches in dem Durst nach reinem Erschauen alles dessen, was die Natur bietet, und in der bildsamen Kraft des Wiederauferbauens des Empfangenen einzig war. Das Leben, rein als Lust zu leben — edle, feurige, bewußte, vielumfassende, „heiter-ernste“ Lust — ist selten so eindrucksvoll wie hier in die Erscheinung getreten. Darum redete Goethe noch als Greis von einem „Seelenfrühling“ (S. 78), und darum glaubte der kirchenferne, dogmenfremde Mann an seine Unsterblichkeit, denn er fühlte, kein Tod sei mächtig genug, das schöpferische Feuer in seiner Brust zu löschen. Dies alles strahlte Dem, der ihm nahen durfte, aus den Augen entgegen; diesen herrlichen Anblick hat kein Pinsel für uns Spätgeborene festzuhalten vermocht.

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Der Mittelpunkt

    Ich gebe mich keiner Täuschung hin; ich weiß, daß ich mit dem vorliegenden Versuch, Goethe's Persönlichkeit in Umrißlinien vor die Augen zu stellen, etwas unternommen habe, was zu bewältigen ans Unmögliche grenzt. Beruhigung finde ich in der Überzeugung, auch

197 Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Mittelpunkt

teilweises Gelingen genüge zur Rechtfertigung. Die unausdenkbare Fülle der inneren Gestalt zu schildern, ist ein Wahngedanke, der mir nicht einen Augenblick vorgeschwebt hat; vielmehr war mir zumute, als sei es meine Aufgabe, einen Schleier zu entfernen, der manchen Blicken diese Gestalt verbirgt; weiter reichte die Absicht nicht; zu der Gestalt schauten wir dann in Ehrfurcht hinauf, ohne aber ihr verwegen nahezutreten.
    Doch auch die Erfüllung dieser bescheideneren Aufgabe begegnete besonderen Hindernissen, über deren Beschaffenheit uns Goethe selber genaue Auskunft gibt. In einem Briefe an einen Naturforscher preist er die Methode der exakten Wissenschaft, welche „von der Peripherie nach dem Zentrum zu“ forscht, weil sie eine Darstellung „ganz eigentlich im Lichte“ zulasse; es gibt aber, sagt er, auch einen andern Weg, der umgekehrt „von dem Zentrum zu der Peripherie“ führt, und dieser andere Weg „mußte   s e i n e   Tendenz sein und bleiben“. Dieses Ausstrahlen vom Mittelpunkte aus ist nicht bloß für Goethe's Naturerforschung, sondern für seine ganze Persönlichkeit bezeichnend; es ist dies der Weg des schöpferisch Lebendigen, desjenigen Lebens, welches Leben zeugt: wogegen der andere Weg der des Wissens, des Rubrizierens, der Zurückführung auf Mechanik ist und damit auch — sobald wir ihn einseitig vorwalten lassen — des Erstarrens aller Zeugungsfähigkeit. Wollte ich nun in Goethe's Persönlichkeit einführen, so war ich genötigt, den Weg zu gehen, der ihm selbst einzig gemäß war; immer schreibt der wohlbegriffene Stoff dem Gestaltenden die Form vor. Hier stoßen wir aber sofort auf ein Hindernis, das niemals vollkommen überwunden werden kann. Denn, wie Goethe im selben Briefe des weiteren ausführt, „das Zentrum der Kugel   b l e i b t   i m m e r   i m   V e r b o r g e n e n“.    Anstatt also von Bekanntem, Nachweisbarem, Greifbarem auszugehen, um darin so lange wie möglich fortzuschreiten, heißt es bei dieser Methode: von einem Verborgenen aus den Weg antreten, von einem Punkte, zu dessen Wesen es gehört, nie ganz aufgedeckt, nie „ganz eigentlich im Lichte“ dargestellt werden zu können. Nach dem Gesetze dieser „Tendenz“ (wie sie Goethe nennt) mußte ich in diesem Kapitel verfahren; sofort am Anfang suchte ich, so nahe wie möglich an den verborgen bleibenden Mittelpunkt der Kugel zu dringen; von dort streckte ich Fühler nach der Peripherie aus.

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    In den Wanderjahren kommt Goethe in anderer Stimmungsumgebung auf diesen selben Gedanken zurück und meint, der Mensch dürfe sich „in der Mitte dieser ewig lebendigen Ordnung (des Kosmos) nur denken, sobald sich gleichfalls in ihm ein beharrlich Bewegtes, um einen reinen Mittelpunkt kreisend, hervortut“. Wozu er noch bemerkt: „Und selbst wenn es dir schwer würde, diesen Mittelpunkt in deinem Busen aufzufinden, so würdest du ihn daran erkennen, daß eine wohlwollende, wohltätige Wirkung von ihm ausgeht und von ihm Zeugnis gibt.“ * Meine eigene Erfahrung an Goethe ist nun gewesen, daß je näher ich im Laufe der Jahre jenem Mittelpunkte in seinem Busen kam, um welchen das beharrlich Bewegte der Persönlichkeit kreist, um so wohltätigere Wirkung empfand ich, um so deutlicher wurde das Zeugnis des innerlich sicheren Verstehens. Möchte Andern der Weg zu ähnlicher Erfahrung hier gewiesen worden sein!
    Ein letztes Wort als Zusammenfassung.
    Sagte Goethe, der Mittelpunkt der Kugel bleibe verborgen, so kann es uns nicht wundernehmen, wenn auch die gesamte Persönlichkeit, die von diesem unerforschlichen Mittelpunkt ausstrahlt, rätselhaft bleibt und Elemente aufweist, die wir logisch nicht miteinander zu vereinigen wissen. Schon der Widerspruch, der uns gleich am Anfang dieses Kapitels beschäftigte, hat das an sich, was der Philosoph eine   A n t i n o m i e   nennt, das heißt: zwei sich gegenseitig ausschließende Gesetze bestehen dennoch in einem lebenden Wesen beide zu Recht, eins neben dem andern. Wir hatten Goethe den Schauenden, den Mann, der „durch Aggregation nichts begreift“, sondern alles nur, insofern er es unmittelbar sinnlich wahrnimmt, und dessen Welt darum „eine mit dem Auge erfaßte“ ist (S. 90); dicht neben ihm aber hatten wir Goethe den ewig Grübelnden (wie Humboldt sich ausdrückt), den Mann, der nicht erschauen   k a n n,   wenn er nicht dazu denkt und theoretisiert. Kein Wunder, daß Schiller, der scharfsinnige, bald zu der Einsicht gelangte: „Ich hab' es einmal für immer aufgegeben, Sie mit der gewöhnlichen Logik zu messen.“ Goethe selber empfand sich darum als Sonderwesen und den Menschen fremd: „Ich bleibe meinem alten Schicksale geweiht und leide, wo Andere genießen, genieße, wo sie leiden.“ Denn diese Antinomie zieht sich, wie wir sahen, durch alles hindurch: Goethe, der Liebereiche

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und zugleich der Treuvergessene, Goethe, der unbeirrbare Helfer und der leicht abgescheuchte Freund, Goethe, der fieberhaft Eifrige und nichtsdestoweniger der zaghaft Hinausschiebende, Goethe, der alles begreifen Wollende, und Goethe, der sich in harte Einseitigkeiten Beschränkende, der Klassiker und der Romantiker, der Poet und der Forscher, der Heide und der Christ ... wohin wir auch blicken, das Nebeneinanderbestehen gegensätzlicher Bestimmungen. Ich glaube nun etwas zu sagen, wenn ich behaupte: Goethe gleicht in dieser Beziehung der   N a t u r   und ist in dem gleichen Sinne wie sie schwer zu verstehen. Bei der Natur sind wir oft im Zweifel, ob wir sie mit den Dichtern lieben oder mit den Heiligen verabscheuen sollen. Nur in Individuen offenbart sich die lebendige, Stoff und Kraft beherrschende Natur; verschwenderisch stattet sie die Individuen aus, zu aller Phantastik des zweckmäßigen Baues schenkt sie ihnen noch unerschöpflich Schönheit, jede Eintagsfliege ist ein Wundergebilde; zugleich aber schätzt sie die Individuen so gering, daß sie die überaus große Mehrzahl nicht einmal zur Reife gelangen, sondern als bloße Nahrungsmasse von andern dumm unbewußt vertilgen läßt; sie achtet auf keinen Schmerz und zerstört in einem Nu, was ein ganzes Leben von Generationen in unablässigem Eifer errungen hatte; das Bleibende an ihr — soweit wir Menschen uns davon eine Vorstellung zu machen vermögen — sind Ideen, und zwar Ideen, die in jeder einzelnen Erscheinung nur unvollkommen und darum flüchtig zum Ausdruck gelangen. Hiermit sind nun wesentliche Züge in der Persönlichkeit Goethe's analogisch bezeichnet, und wir begreifen, warum Diejenigen, die an diese Persönlichkeit von außen herantreten, sich an Ecken und Kanten stoßen; Sinn und Ebenmaß können hier nur dann wahrgenommen und begriffen werden, wenn es gelingt — und insofern es gelingt — von dem zeugenden verborgenen Mittelpunkt aus nach den entgegengesetzten Richtungen hin mit auszustrahlen; die Einheit muß erlebt, sie kann nicht dargelegt werden.
    Am unergründlichsten offenbart sich der Widerstreit des Gegensätzlichen, wenn man erst aufmerksam geworden ist, in welchem Maße die Kultur der Persönlichkeit, der sich Goethe gewidmet hatte, zu einer unpersönlichen, weil überpersönlichen Bedeutung emporführt. Der Einzelne wird gleichsam Sinnbild der Menschheit, und am letzten Ende führt die denkbar höchste Steigerung der Persön-

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lichkeit — durch umfassende, auserlesene Kultur — zur Natur und ihrer Unpersönlichkeit zurück. Schon von der Kunst hatte Goethe das unerwartete Wort gesprochen: „Die besten Meister, in ihren glücklichsten Augenblicken, nähern sich der höchsten Kunst,   w o   d i e   I n d i v i d u a l i t ä t   v e r s c h w i n d e t   und das, was durchaus recht ist, hervorgebracht wird.“ Im Gegensatz zu gewissen künstlich aufgebauschten Schlagwörtern unserer Zeit schwebt also Goethen das Ideal vor, durch Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit sie gleichsam auszulöschen. Ist die höchste Meisterschaft erlangt, gelingt es, das durchaus Rechte auf allen Gebieten hervorzubringen, so ist der Einzelne aus den Schranken seiner Individualität erlöst. Darum findet bei Goethe die Abkehr von der Welt und ihrem Wahne nicht in religiös-asketischer Entsagung oder philosophisch-pessimistischer Überwindung Ausdruck, sondern vielmehr rein innerlich, als Gesetz für ihn selber allein, unter Anerkennung der Berechtigung des Unzulänglichen und unter tätig-freundlicher Duldung des Mittelmäßigen. „Ich verehre den Menschen, der deutlich weiß, was er will, unablässig vorschreitet, die Mittel zu seinem Zwecke kennt und sie zu ergreifen und zu brauchen weiß; inwiefern sein Zweck groß oder klein sei, Lob oder Tadel verdiene, das kommt bei mir erst nachher in Betrachtung.“ Der Außerordentliche ist es, der sich unterordnet. Hier berühren wir einen Punkt, wo es leichter fällt, die Lehre vorzutragen, die einer solchen Auffassung entsprießt, als die zarte Verwickeltheit des Gemüts auseinanderzulegen, das eine in Widersprüchen wurzelnde und dennoch so folgerechte und erhabene Gesinnung beherbergt. Ohne Erleuchtung durch Liebe wird wahre Aufhellung der Persönlichkeit in diesen ihren letzten Tiefen nicht zu erlangen sein.

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Letzte Änderung am 11. September 2007