|
HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
GOETHE
ZWEITES KAPITEL
|
83
|
ZWEITES
KAPITEL
DIE
PERSÖNLICHKEIT
—
Mein
eigentliches Ich bleibt wie ein
ruhiger Kern in einer stachlichen
Schale für sich lebendig wirksam.
Goethe
|
84
(Leere Seite)
85
Der Mittelpunkt
Wollen
wir die fast unlösbare Aufgabe, an die wir hier herantreten, mit
einiger Hoffnung auf Erfolg in Angriff nehmen, so müssen wir
sofort beherzt ins Innerste greifen. Wohl vermag es ein bildender
Künstler von bedeutendem Genie, wenn ihn der Augenblick
begünstigt, das Menschenantlitz so zu erfassen, daß es
individuell bestimmt und zugleich unauskennbar inhaltreich vor uns
erscheint; der Photograph hingegen versagt. Wollten wir nun etwa die
Betrachtung der physischen Erscheinung voranstellen, um von dort
schildernd ins Innere vorzudringen, es erginge uns wie dem
Photographen: das Äußere stünde als Wall vor dem
inneren Wesen. Denn in Wirklichkeit strahlt alles Leben von innen nach
außen; das ist materiell der Fall beim Entstehen und Bestehen
jedes Lebewesens und trifft nicht weniger bei geistiger
Betrachtungsweise zu. Die unerforschliche künstlerische Gewalt
einer Monna Lisa, eines Christus mit dem Zinsgroschen, eines
Selbstbildnisses Rembrandt's oder Albrecht Dürer's wurzelt in der
Tatsache, daß hier der Geist es ist, was den Leib gestaltet,
daß wir nicht bloß eine virtuos gemalte Oberfläche
erblicken, sondern diese Oberfläche als das Organ eines
unsichtbaren Innern erkennen, geformt von ihm und bis in jede letzte
Faser von ihm durchströmt. Ja, diese von innen ausstrahlende
Gewalt reicht noch weiter. Wie Goethe bemerkt: „Alles Lebendige bildet
eine Atmosphäre um sich her.“ Jeder weiß aus Erfahrung, wie
subtil und zugleich zähanhaftend oft eine solche Atmosphäre
ist, die ein Mensch von ausgesprochenem Charakter mit sich trägt;
mag er auch schweigend zu uns getreten sein, sein Mikrokosmos hat auf
den unseren anziehend oder abstoßend, einengend oder ausweitend,
aufheiternd oder verdüsternd gewirkt. Beschreiben läßt
sich dieser Eindruck der Persönlichkeit nicht, nur erleben.
Schlagen wir aber die falsche Richtung ein, so bleibt ihre
Atmosphäre — die einerseits als Abwehr, andrerseits als
überleitende Vermittelung zwischen Individuum und Umgebung dient —
unbeachtet, und unser Blick prallt, roh wie ein geschleuderter Stein,
gegen die fremde Gestalt an, sie allenfalls analytisch zerschellend,
nicht aber sie durchdringend. Selbst in der Welt der
blindstürmenden Naturkräfte hat die Forschung des letzten
Jahrhunderts gezeigt, daß es bestimmte
86
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
R i c h t u n g e n des
Geschehens
gibt, Richtungen, die sich nicht umkehren lassen; wie viel mehr
muß es bei einem lebendigen Wesen darauf ankommen, die Richtung
zu kennen, in der sein Dasein sich entfaltet! Man kann — wenn's
glückt — bei einer Persönlichkeit von innen nach außen
durchdringen; von außen nach innen zu ist es unmöglich.
Im
entschiedensten
Gegensatz zu den Göttern des hellenischen Olymps, wo jede einzelne
Gestalt einen einzigen Zug des menschlichen Wesens verkörpert und
dadurch jene große innere Ruhe eines, wenn auch bewegten, so doch
eindeutigen Daseins gewinnt, bildet den Mittelpunkt der intellektuellen
und moralischen Persönlichkeit Goethe's eine zwiespältige
Anlage, eine Anlage, aus welcher mit Notwendigkeit, wenn nicht gerade
logische Widersprüche, so doch einander widerstreitende
Gegensätze überall hervorgehen — im Fühlen, im Denken,
im Handeln, im künstlerischen Erschaffen. Goethe kann nicht
anders; auf Schritt und Tritt muß er mit sich selbst in
Widerstreit geraten, das heißt, er muß die
überzeugende Kraft entgegengesetzter Meinungen, Wünsche,
Ideale in sich und an sich erleben. In einem gewissen Grade mag dies
allgemein menschlich sein; das bleibe dahingestellt; jedenfalls ist
selten einem Manne das Gesetz der inneren Gegensätzlichkeit von
Geburt an so tief eingeprägt gewesen und hat selten einer in so
redlicher Objektivität überall den beiden Erscheinungsformen
seines Wesens Pflege, Entfaltung, Ausdruck gegönnt.
„Der
böse Mensch mit
dem guten Herzen“, sagt von ihm im halben Scherz eine Jugendfreundin;
und er selbst berichtet mit 30 Jahren über sich: „Ich bin wie
immer der nachdenkliche Leichtsinn und die warme Kälte.“ Wollte
man die Leidenschaftlichkeit und die Gelassenheit als entgegengesetzte
Temperamente verschieden gearteter Menschen bezeichnen, bei Goethe
käme man damit nicht weit. Denn einerseits besitzt er eine
verzehrende Leidenschaftlichkeit, eine „unbezwinglich-haftende“, wie es
in Werther heißt, dazu
auch alle Nebenerscheinungen des
ausgesprochen leidenschaftlichen Temperamentes — das Verworrene,
Zielunbewußte, in falschen Richtungen eigensinnig Beharrende, und
dann wiederum als Reaktion das Dumpfe, Resignierte derjenigen Menschen,
bei denen das Herz über die Erkenntnis vorherrscht; noch im hohen
Alter, als er schon seit
87
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
50 Jahren bestrebt
gewesen ist, Allen, die an ihn herantreten, diese Tatsache zu
verbergen, gesteht er einem nahen Freunde: „Die große
Erregbarkeit ist's, die mir Gefahr bringt.“ Nichtsdestoweniger ist
nicht bloß äußere Selbstbeherrschung und
unerschöpfliche Geduld, sondern tiefinnerer Frieden,
bedingungslose Ergebenheit in „das liebe unsichtbare Ding, das ihn
leitet und schult“, ein weit bemerkenswerterer Zug in Goethe's
Charakter als der angebliche Sturm und Drang, von dem man so viel
Wesens macht und der doch aller Jugend gemeinsam ist. Das ist es, was
Goethe die D e m u t nennt. Schon mit 19 Jahren
hören wir es,
„demütig ohne Niedergeschlagenheit“; und häufig kehrt der
Ausdruck wieder, so z. B. aus Rom: „Alle Wege bahnen sich vor mir, weil
ich in der Demut wandle“. Bis in die letzten Tiefen blickt Derjenige,
der zu sehen gelernt hat, wenn er im Tagebuch dem Bekenntnis einer
„demütigen Selbstgefälligkeit“ begegnet. Nie vielleicht
findet diese Antithese des Gemüts einen ergreifenderen Ausdruck
als in der ersten Weimarer Zeit, um das 30. Lebensjahr herum; aus
dieser Periode heraufdunkelnder höchster Gefahr liegen
Geständnisse vor: „Ich bin unbekannt mit dem Augenblick, dunkel
über mich selbst“, und: „Ich begreife immer weniger, was ich bin
und was ich soll“; fast im selben Atemzuge aber heißt es: „Ich
komme diesmal gesund, ohne Leidenschaft, ohne Verworrenheit, ohne
dumpfes Treiben, sondern wie ein von Gott geliebter...“ Also im
selben Augenblick verworren und klar, verzagt und zuversichtlich.
Hiermit will ich nichts
weiter als einen einleitenden Akkord angeschlagen haben. Ehe wir nun
diese Gegensätzlichkeit weiter ins Einzelne verfolgen, wird es
ratsam sein, uns nach einem begrifflich genau bestimmbaren Punkt
umzusehen, wo unsere Gedanken Fuß fassen können.
Wir
pflegen zwischen
Menschen zu unterscheiden, deren Lebensbetätigung vorzüglich
im Anschauen wurzelt, und solchen, bei denen das Denken vorherrscht; in
der Tat betrifft diese Unterscheidung den Mittelpunkt der
Persönlichkeit, wie wir sie in ihrem physischen, moralischen und
intellektuellen Wesen gewahr werden. Die eine Anlage führt zu
unmittelbarer Wechselwirkung zwischen der äußeren und der
inneren Welt, zu Unbefangenheit, Spontaneität, zur lebhaft
richtigen Schätzung und Einschätzung des Einzelnen,
88
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
Gegebenen, zu leichter
Wirksamkeit im Bunde mit Anderen, zu einer gegenständlichen
Wissenschaft und farbenfrohen Kunst, zu naivem Glauben oder heiterer
Skepsis; die andere wendet mehr Bewußtsein auf die Ausbildung
des Innern, mit Pascal meint sie: Toute
la dignité de l'homme
est en la pensée, sie macht befangener, aber auch
besonnener,
Melancholie liegt ihr näher als sanguinische Hoffnung, sie leitet
über auf das Allgemeine, lehrt im Einzelnen das Symbol
großer Zusammenhänge erkennen, will für alles Handeln,
Schaffen, Glauben das Gesetz des Warum, Woher, Wohin ausforschen; sie
schenkt Geduld und entscheidet gern im bejahenden oder verneinenden
Sinne die letzten Fragen; in der Wissenschaft scheut sie sich nicht vor
Hypothesen und in der Religion nicht vor Dogmen; in der Poesie vermag
sie es, einen Milton und einen Schiller zu zeitigen. Einseitig wie alle
Verallgemeinerungen, aber immerhin richtunggebend und insofern zu guten
Gedanken anregend, wäre es, wenn wir die erste Richtung die
eigentlich künstlerische, die zweite die eigentlich philosophische
nennen wollten. Daß ungezählte Menschen zu keiner der beiden
Richtungen gerechnet werden können, tut nichts zur Sache;
daß andere sich mehr oder weniger nahe der Trennungslinie
bewegen, so daß sie von beiden Seiten etwas abbekommen und keiner
in charakteristischer Weise angehören, ficht uns hier ebenso
wenig an; keine derartige Scheidung besitzt absoluten Wert. Von Belang
ist für uns im Augenblick einzig die Tatsache, daß es
außer der Masse der nicht näher bestimmbaren Menschen viele
gibt, die ihrem ganzen Wesen nach scharf ausgesprochene Anlagen
besitzen, nach denen sie vorzugsweise zum Anschauen oder aber
vorzugsweise zum Denken organisiert erscheinen. Denn was Goethe's
Persönlichkeit zu einer seltenen stempelt, ist der Umstand,
daß sie die beiden äußersten und insofern sich
widersprechenden Anlagen zu einer gelebten Einheit verknüpft.
Nicht in dem Sinne, als ob dieser gewaltige Intellekt genau in der
Mitte stünde und sich nach beiden Seiten hin erstreckte, gleichsam
alles Menschliche zu einem Einklang zusammenfassend; im Gegenteil,
gerade das Mittelgebiet fehlt bei ihm. „Unseliges Schicksal, das mir
keinen Mittelzustand erlauben will!“ ruft er selbst einmal aus.
Könnten wir einer vergleichenden Aburteilung Bedeutung zusprechen,
wir müßten sagen: dies ist die Lücke,
89
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
die nicht wegzuleugnende
Lücke in Goethe's Wesen. Was wir bei ihm finden, ist eine
verzehrend-leidenschaftliche, spontan-schöpferische Kraft der
unmittelbaren Anschauung und zugleich eine ununterbrochen wirkende,
vollendet besonnene Denkgewalt, welche die Geschichte nötigen
wird, Goethe zu den größten Denkern der Menschheit zu
rechnen. Zwischen diesen beiden Anlagen vermittelt bei ihm nichts,
nichts als ein Wille, der die Kraft besitzt, aus beiden Enden einen
Knoten zu schlagen und über das, was er die „Reinheit“ nennt —
nämlich die unumwundene, unbeeinflußte, durch keinen
Kompromiß entwertete Selbstbehauptung jeder der zwei Seelen —
sorgsam zu wachen. Ich weiß, diese Einsicht zerstört die
Legende von dem „harmonischen“ Goethe. Ach, könnten wir doch ein
Massengrab graben, um alle diese hohlen, heuchlerischen, erlogenen —
kurz, dummen Phrasen hineinzuscharren! „Ich wünschte, ich
käme mir selbst so harmonisch vor!“ seufzt der arme große
Mann, als diese billigste aller abgedroschenen Redensarten auch sein
Ohr verletzend berührt. Die moralische Größe Goethe's
besteht darin, daß er die wild auseinanderstrebenden
„Seelenrosse“ (wie er sie einmal in Anlehnung an Plato nennt) zu
bändigen und einen bestimmten Weg zu lenken weiß, daß
er die verschiedenen Elemente seiner Natur fest und zugleich freundlich
zu beherrschen, gerecht gegeneinander auszuspielen vermag; hierdurch
gelingt es ihm, die Zertrümmerung der Persönlichkeit — die
vor und in Italien drohte — abzuwehren und eine Eurhythmie der
Kräfte auszubilden, die sie höher und immer höher
hinanträgt. Will man dies Harmonie nennen, so übersehe man
nicht, daß Goethe selber das, was man uns bequemen Zuschauern so
oratorisch wohltuend als „Harmonie“ anzupreisen beliebt, bis zuletzt
mit Herzblut bezahlen mußte. Mit 66 Jahren — rückblickend
auf sein Seelenleben — nennt er sich „eine seltsame
Persönlichkeit, die mit sich selbst nicht einig werden konnte“.
Hier will ich nur an die Rückkehr aus Italien und an den Verzicht
auf Ulrike von Levetzow erinnern, könnte aber zahlreiche Belege
aus verschiedenen Lebenszeiten bringen, wenn ich schon jetzt
Verständnis für das innere Leben Goethe's voraussetzen
dürfte — für jenes Leben, von dem er selber bezeugt, es
„schwebe zwischen Behagen und Mißbehagen in ewig klingender
Existenz“.
90
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
Versuchen
wir nun, diese
aus dem Innersten hervorbrechende, schmerzhaften Widerstreit bedingende
Gegensätzlichkeit genau zu bestimmen.
Goethe, der Mann, bei dem
„alles Blick ist“, dürfte jedem mehr oder weniger vertraut sein.
Er redet in Bildern und dichtet Bilder. Immer handelt es sich Schritt
für Schritt um ein Gesehenes, und zwar um ein so deutlich genau
und so wohl abgewogen Gesehenes, daß es nicht bloß ein
Bild, sondern ein Gemälde ergibt — es ist also (in Goethe's
Sprache ausgedrückt) nicht bloß gesehen, sondern geschaut.
Niemand kann Goethe gelesen haben, ohne das zu bemerken; er macht
selbst die Blinden sehend. Auch wissen alle um seine Entdeckungen in
der Knochenkunde, um seine Beschäftigung mit Pflanzen und Steinen,
um seine vierzig Jahre lang betriebenen Versuche über die Farben:
alles in erster Reihe Betätigungen des anschauenden Menschen.
Außerdem haben manche hierhergehörige Aussprüche eine
solche Verbreitung gefunden, daß sie gewiß Jedem zu
Gehör gekommen sind, z. B. das Wort aus Dichtung und Wahrheit:
„Das Auge war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt
faßte“, und die herrliche Briefstelle: „Ich bin nun einmal einer
der Ephesischen Goldschmiede, der sein ganzes Leben im Anschauen und
Anstaunen und Verehrung des wunderwürdigen Tempels der Göttin
und in Nachbildung ihrer geheimnisvollen Gestalten zugebracht hat.“ Es
ließen sich leicht hundert Äußerungen zur
Bekräftigung nachtragen; eine durchdringende Sehnsucht spricht
sich in folgender aus: „Ich glaube, der Mensch träumt nur, damit
er nicht aufhöre zu sehen.“ Man denkt an Giordano Bruno's
Schilderung seines heroisch Weisen: non
piu vegga come per forami et
per fenestre la sua Diana, ma havendo gittate le muragla à
terra,
é tutto occhio!
Weniger bekannt ist
Goethe, der Denker. Zwar liegt es auf der Hand, daß Dichtungen
wie Wilhelm Meister oder Faust voll tiefer Gedanken sein
müssen;
Worte Goethe's über sittliche, gesellschaftliche, religiöse
Fragen aus Iphigenie, Tasso, Faust
sind in Aller Mund, auch
gehören Aussprüche aus Gott
und Welt, aus den Orphischen
Urworten usw., welche in Abgründe mystisch-philosophischer
Erkenntnisse blicken lassen, bereits zum Gemeingut kultivierter
Deutschredenden. Nichtsdestoweniger wird es die Mehr-
91
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
zahl befremden, wenn sie
der Behauptung begegnen, bei Goethe sei das Denken — das spezifische,
grübelnde, theoretisierende Denken zugleich mit allen den
besonderen Anlagen des Charakters und des Gemütes, die einer
solchen Begabung eigen sind — in hohem Maße ausgebildet. Und
dennoch ist das der Fall und liegt hier der Schlüssel zum
Verständnis seines Lebens und Schaffens. Mit 22 Jahren schreibt
Goethe an Salzmann: „Wie gewöhnlich, mehr g e d a c h
t als
getan“, und ein Jahr darauf berichtet Kestner, Lotte's Bräutigam:
„Goethe hat schon viel getan und viele Kenntnisse, viel Lektüre;
aber doch noch mehr gedacht und raisonniert.“ Als Goethen in seinem 30.
Lebensjahre ein liebenswürdiger poetischer Träumer empfohlen
worden war, gesteht er: „Große Gedanken ... füllen jetzt
meine Seele, beschäftigen sie in einem neuen Reiche, und so kann
ich nicht als nur geborgt nieder ins Thal des Thaues und der
Morgenbegattung lieblicher Turteltauben.“ Sehr früh entstand aber
unter den Fernerstehenden die Fabel des unphilosophischen Goethe, so
daß der noch nicht Vierzigjährige berichtet: „Ich habe immer
mit stillem Lächeln zugesehen, wenn sie mich in metaphysischen
Gesprächen nicht für voll ansahen; da ich aber ein
Künstler bin, so kann mir's gleich sein. Mir könnte vielmehr
dran gelegen sein, daß das Prinzipium verborgen bliebe, aus dem
und durch das ich arbeite.“
Hier
ist der
geheimnisvolle Pfad aufgedeckt, der in die Tiefe führt; folgen wir
ihm weiter.
Ohne
Frage hat der
Gegensatz zwischen Schiller und Goethe — den beiden so nahe Verbundenen
— viel dazu beigetragen, die Vorstellung des ausschließlich
schauenden, dem abstrakten Denken abgewandten Goethe in uns
großzuziehen. Goethe gegenüber trat Schiller als
sachkundiger Philosoph auf und belehrte ihn. Wenn nun ein einziger Mann
auf der Welt ein Recht hatte, über diese Beiden aus intimster
persönlicher Gemeinschaft und eigener geistiger Hochgeburt
vergleichend zu urteilen, so war es Wilhelm von Humboldt. Humboldt aber
schreibt — und zwar an Goethe selber — wie folgt: „Es hat mir in jener
glücklichen Zeit, wo ich mit Ihnen und Schiller zusammen lebte,
immer geschienen, daß Sie um kein Haar weniger (wenn Sie mir den
Ausdruck erlauben) eine philosophierende und grübelnde Natur
waren, als er.“ Das ist doch un-
92
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
zweideutig gesprochen: um
kein Haar weniger! Nun betrachte man aber auch die Fortsetzung; sie
führt zu einer bisher wenig beachteten Einsicht. „Nur war er
zugleich mehr eine dialektische (Natur), da es gerade in der Ihrigen
liegt, nichts durch die Dialektik für abgemacht zu halten ¹).
Wenn
also sich in ihm Meinung, Maxime, Grundsatz, Theorie überhaupt
schnell gestaltete und in Worte überging, auch wieder in anderer
Zeit umgestaltete, so fanden Sie bei dem gleichen Bestreben sich mehr
gehemmt, weil Sie allerdings etwas Anderes und schwerer zu
Erreichendes, ja eigentlich wohl nicht anders als in ewiger
Annäherung zu Erreichendes forderten.“ Wer diese Stelle genau in
Erwägung zieht, wird in der Erkenntnis der Goetheschen Eigenart
wirkliche Fortschritte machen. Wiederholen wir uns, was Humboldt
für Behauptungen aufstellt: Goethe philosophiert und grübelt
ebensoviel wie Schiller; seine Denkmethode ist aber eine andere;
Schiller gelangt schnell zum Ziele, wogegen Goethe's Denken sich
gehemmt findet; nicht bloß die Methode, sondern auch das Ziel ist
eben bei Goethe ein anderes, ein schwerer zu erreichendes, ja, was
Goethe's Denken erstrebt, läßt sich niemals mit
dialektischer Genauigkeit aussprechen, sondern nur in ewig wachsender
Annäherung erreichen — also der Linie vergleichbar, welche die
Mathematiker eine Asymptote nennen, d. h. eine solche, die einer
gegebenen zweiten Linie immer näher rückt, ohne sie jemals zu
berühren. Ziel, Methode, Hemmung, Unerreichbarkeit: das alles wird
uns nach und nach deutlich werden, teils in diesem Kapitel, teils in
den folgenden. Um den nächsten entscheidenden Schritt zu tun,
wenden wir uns nach Humboldt an Schiller.
Genügten uns
gelegentlich hingeworfene Bemerkungen, wir fänden viele.
Belangreich ist eine aus früher Zeit, 1790, vor der wirklichen
Annäherung an Goethe; über ein philosophisches Gespräch
berichtet Schiller an Körner: „Goethe's Philosophie mag ich auch
nicht ganz: sie holt zu viel aus der Sinnenwelt, wo ich aus der Seele
hole. Überhaupt ist seine Vorstellungsart zu sinn-
—————
¹) D i a l e k t i k ist dem
Sinne nach zu verdeutschen: die Erforschung der Wahrheit durch
logische Rede und Gegenrede, d. h. also durch Aufstellung genauer
Begriffsbestimmungen, von denen aus, vermittelst fortschreitenden
Einbeziehens und Ausscheidens, nach und nach der gesuchte Tatbestand
festgestellt wird; die Methode ist derjenigen der abstrakten Mathematik
so analog, daß es jetzt eine Algebra der Logik gibt.
93
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
lich und b e t a s
t e t mir zu
viel.“ Das ist noch der naive Standpunkt: Goethe so gesehen, wie ihn
noch heute Jeder sieht, der ihn nur oberflächlich kennt. Einige
Jahre später erfolgt die Befreundung, und da fällt es
Schiller immer mehr auf, welchen Anteil Goethe, der angebliche
Nicht-Philosoph, an reiner Philosophie nimmt; er hatte es nicht
vermutet. „Es ist eine sehr interessante Erscheinung“, schreibt er ihm,
„wie sich Ihre anschauende Natur mit der Philosophie so gut
verträgt und immer dadurch belebt und gestärkt wird.“ Goethe,
durch reine, abstrakte Philosophie (es ist von Schelling die Rede)
belebt und gestärkt, wird noch heute dem festgewurzelten Vorurteil
der Meisten wenig zusagen. Mehr ins Innere dringen Beobachtungen
über „die eigene Art und Weise“, wie bei Goethe „Reflexion und
Produktion a l t e r n i e r e n“. Bei sich selbst
findet sie Schiller vermischt,
sein Verstand, meint er, sei „eine Zwitterart zwischen dem Begriff und
der Anschauung“; hingegen bei Goethe „beide Geschäfte sich ganz
trennen“. Am tiefsten aber greift der ahnungsreiche Mann in dem
berühmten Brief vom 23. August 1794; in allegorischer
Verhüllung schildert er hier das ganze innere Getriebe von
Goethe's Geist. Teilweise mag wohl die Form der Allegorie Goethen zu
Gefallen gewählt sein; zum größeren Teil möchte
ich sie dem Umstande zuschreiben, daß Schiller hier als Seher
redet, dessen Geist zwar das Verborgene durchdringt, doch wie Einer,
der im Traume Gesichte erblickt, deren Tagesdeutung ihm verhüllt
bleibt. Den Sinn dieser Stelle wollen wir genau ergründen.
Das
eigentümlich
Zwiefältige in Goethe's Wesen erkennt hier Schiller deutlich als
Grundzug seiner Persönlichkeit; er sieht ein, daß es sich
nicht bloß um die uns allen gemeinsame, vorhin erwähnte
Duplizität von Denken und Anschauen handelt, sondern um Anlagen,
die tief genug wurzeln, das ganze Wesen in Mitleidenschaft zu ziehen,
und die sich sowohl ergänzen als auch gegenseitig befehden; er
empfindet die wunderwirkende Kraft einer solchen „geeinten Zwienatur“
und zugleich den schmerzlichen inneren Kampf, der aus dem organischen
Zwiespalt notwendig dauernd hervorgehen muß. Diese Einsicht
kleidet er in folgende Allegorie. Er erblickt in Goethe einen
„griechischen Geist“, der in eine „nordische Schöpfung geworfen
wurde“, und der nun durch Denkkraft ersetzen mußte, was ihm die
94
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
Welt der Anschauung
versagte. Wie rein allegorisch dies ausgedrückt ist, bedarf kaum
der Betonung. Es wäre wohl schwer möglich, weniger
„griechische“ Werke als Faust
und Wilhelm Meister namhaft
zu machen,
und selbst über Iphigenie
urteilt gerade Schiller: „Sie ist so
erstaunlich modern und ungriechisch, daß man nicht begreift, wie
es möglich war, sie jemals einem griechischen Stück zu
vergleichen“; und was die Naturbetrachtung anbetrifft, so neigten die
Griechen immer zu mathematisch-mechanischen oder aber zu
abstrakt-logischen Erklärungen, welche Goethe's angeblich
„griechischem Geiste“ so fern wie nur möglich stehen. Wenn es aber
heißt, die Denkkraft sollte sich in der nordischen Schöpfung
als Ersatz für die brachgelegte Anschauung entwickeln, so ist
daran zu erinnern, nicht allein, daß die tiefsten Denker der Welt
in Indiens tropischen Urwäldern zu Hause waren, sondern daß
niemals größere Spintisierer als die Griechen gelebt haben,
und daß ihre „südliche Schöpfung“ Aristoteles, Plato,
Heraklit und noch Dutzende von spezifischen Denkern hervorgebracht hat.
Nein, das Ganze wird nur begriffen, wenn wir es als bildlich gesprochen
auffassen. Unter dem „griechischen Geist“ haben wir die für Goethe
so bezeichnende Gewalt der unmittelbaren Anschauung zu verstehen: „Das
Auge ist das Organ, womit ich die Welt fasse“; die „nordische
Schöpfung“ ist einfach jene vollendet besonnene Denkgewalt, die in
Goethe's Leben, in seinen poetischen und wissenschaftlichen Werken,
kurz überall bei ihm gestaltend eingreift, und die er selber als
„der Betrachtung strenge Lust“ besungen hat. Indem nun Schiller seine
Allegorie festhält, verwickeln sich seine Ausführungen zu
einigermaßen wirren Tropen, wo eine „schlechtere Natur“ durch
„bessere Muster korrigiert“ werden muß usw., was nicht gerade im
Geiste Goethe's gedacht ist; solche Dinge kommen bei Schiller manchmal
vor, und nichtsdestoweniger bohrt sich sein rastlos vordringender
Verstand durch bis zu der wahren Wurzel; so auch hier. Denn zuletzt
ergibt sich ihm aus der schwerfälligen Allegorie das einfache und
einfach wahre Ergebnis, daß bei Goethe zwei
verschiedene „Richtungen“ sich kundtun — die logische Richtung und die
ästhetische Richtung, so nennt sie Schiller —, die sich
miteinander „nicht wohl vertragen“. Hier endlich halten wir es also in
deutlicher Fassung und mit ausdrücklicher Hervorhebung des inneren
Kampfes, den eine solche Anlage
95
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
anstelle der öden
„Harmonie“ notwendig erzeugen mußte. Es
kommt aber noch mehr. In dem Schlußsatz zu dieser Ausführung
sagt Schiller das Tiefste, was meines Wissens bisher über Goethe
überhaupt gesagt worden ist; denn er deckt jenes Innere der
Persönlichkeit auf, nach dem wir hier fahnden. Er schreibt: „Sie
haben also eine Arbeit mehr (mehr nämlich als andere
schöpferische Geister): denn so wie Sie von der Anschauung zur
Abstraktion übergingen, so mußten Sie nun
rückwärts Begriffe wieder in Intuitionen umsetzen und
Gedanken in Gefühle verwandeln....“ Was Schiller „eine Arbeit
mehr“ nennt, ist genau dasselbe, was Humboldt als „Hemmnis“, als ein
„schwer zu Erreichendes“ empfand. Es ist nämlich das
beständige Hin und Her bei Goethe von der Anschauung zu der
Abstraktion und nun zurück von der Abstraktion zu der Anschauung.
Von der Anschauung nimmt Goethe stets den Ausgang; mit ihr faßt
er die „Welt“; gleich darauf aber dürstet sein Geist nach
Verallgemeinerungen: beim Einzelnen (und nur dieses wird wirklich
angeschaut) mag er nicht verweilen, er fühlt, wie „der böse
Engel der Empirie ihn anhaltend mit Fäusten schlägt“, und
gesteht: „Die Beobachtung des Einzelnen war niemals meine Stärke“,
„zum Detail bin ich nicht geboren“, „es graut mir vor der empirischen
Weltbreite“. Und so eilt er denn hin zu zusammenfassenden Gedanken, zu
Begriffen, zu Ideen: er „grübelt“, wie Humboldt sagt und
wofür alle seine theoretischen Schriften und viele seiner nach
Tausenden zählenden Briefe zeugen. Einmal faßt er es in
einem Brief an Schiller in eine Formel zusammen: man solle, „ohne die
Erfahrung in die Breite verfolgen zu wollen, ... auf jedem Platz, in
jedem Moment, so weit es Einem vergönnt sei, in die Tiefe gehen“;
in der Tiefe jedoch ist das Geschaute ein Gedachtes. Darauf tritt aber
dann mit Gewalt die Gegenwirkung ein, die bei einem so mächtigen
Drang, alles anschaulich zu erfassen, nicht ausbleiben konnte: das
Allgemeine, die rein theoretische, philosophische Überzeugung will
und muß sinnfällige Gestalt gewinnen, und so steigen denn
„die aus dem Innersten hervorgearbeiteten Phantome“ auf, oder, wie
Schiller sagt, die Begriffe werden nun „rückwärts in
Intuitionen umgesetzt“, das heißt in eine erträumte
Sichtbarkeit. Goethe schaut jetzt wieder hin auf die Natur — auf
Pflanzen, Tiergerippe, Steine, Wolken, Farben, Menschen — und erblickt
überall mit Augen seine
96
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der
Mittelpunkt
eigenen Gedanken, nunmehr
vergegenständlicht, greifbar, der Geist
zu Stoff geworden. Es liegt auf der Hand, daß ein rein
anschauendes Genie — ein Raffael der Kunst oder ein Linné der
Naturbetrachtung — weit unmittelbarer als Goethe an sein Ziel gelangt;
er schaut, und was er schaut, gestaltet er, sei es zu Kunst, sei es zu
Wissenschaft. Analog ergeht es dem eigentlichen Denker, sei er nun mit
Schiller ein Dichter oder mit Descartes ein Naturgestalter oder mit
Hume ein Kritiker des Menschengeistes: er verfolgt seinen Weg
geradeaus. Goethe dagegen arbeitet unaufhörlich daran, die beiden
entferntesten Endpunkte des Menschengemütes zueinander in
übereinstimmende Beziehung zu setzen: immer geht bei ihm die
Anschauung in Abstraktion über, und immer wandelt er dann die
abgezogenen Begriffe neuerdings in anschauliche Vorstellungen um.
Allzu kurz für die Andeutung so
zart-verwickelter
Verhältnisse, doch immerhin zu genauerer Einsicht anregend,
könnten wir sagen: seine Anschauungen wandelt Goethe zu Gedanken,
seine also gewonnenen Gedanken wiederum (aber neu gestaltet) zu
Anschauungen um. Und zwar m u ß er dies, es
ist ein organisches
Gesetz seines Geistes; denn früher kommt er beim Anschauen zu
keinem Genuß und beim Denken zu keiner Ruhe. Dies gerade ist das
„rückwärts verwandeln“, von dem Schiller sprach. Goethe denkt
nicht weniger anhaltend und fein als irgend ein außerordentlich
begabter, abstrakt beanlagter Denker; seine Gedanken suchen aber und
finden den Weg bis zu einem Anschaulichen wieder zurück, und
dadurch wird das Subjektive in ein scheinbar — aber nur scheinbar —
vollkommen Objektives umgewandelt.
Somit wäre der erste Pflock eingeschlagen.
Manchem Leser wird vielleicht im Vorangehenden nicht
alles schon
vollkommen deutlich geworden sein. Es war aber geboten, sofort tief
hineinzugreifen, bis auf den Mittelpunkt der Persönlichkeit.
Sowohl in diesem Kapitel wie in allen folgenden werden wir stets von
neuem auf diesen Mittelpunkt der Goetheschen Persönlichkeit
zurückzukommen uns veranlaßt finden; dadurch wird das, was
hier einigermaßen abstrakt vorgetragen werden mußte, nach
und nach an lebendig überzeugendem und aufklärendem Inhalt
immer mehr gewinnen. Manches bleibt freilich allezeit dunkel, weil es
in dunklen Tiefen des Menschenwesens wurzelt; es als
leichtverständ-
97
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
lich darstellen wollen,
hieße sich in verführerische
Oberflächlichkeit verirren; unzweideutig jedoch soll alles werden.
—————
Die Liebe
Gehen wir nun daran, eine Art Rundblick auf die
Persönlichkeit zu
werfen, so folgen wir Goethe's Rat, wenn wir zu allererst
die L i e b e
ins Auge fassen. „Da uns das Herz immer näher liegt als der Geist
und uns dann zu schaffen macht, wenn dieser sich wohl zu helfen
weiß, so waren mir die Angelegenheiten des Herzens immer ...
die wichtigsten erschienen“: so bekennt er in Dichtung und Wahrheit.
Gleich hier wird sich aber die Unmöglichkeit herausstellen, zu
irgend einer wahren Einsicht zu gelangen, solange wir die Untersuchung
von außen, nicht von innen in Angriff nehmen.
Wer die Bücher über Goethe zur Hand nimmt,
in denen er
chaotisch sich Widersprechendes über sein Lieben und seine Lieben
erfährt, lernt bald begreifen, daß fast jede Aussage
über diesen Gegenstand zu viel oder zu wenig behauptet. Auf der
einen Seite wird er als der liebreichste aller Poeten gepriesen, auf
der anderen wird versichert, er habe mit den Frauen nur gewissenlos
gespielt; beides ist unrichtig, und doch entbehren beide Urteile nicht
einer annehmbaren Begründung. Infolge der merkwürdigen
inneren Beschaffenheit seines Wesens, auf die wir durch Schiller und
Humboldt aufmerksam gemacht wurden, befindet sich Goethe's
Gefühls- und Gedankenleben häufig in dem schwankenden
Gleichgewicht, das man „labil“ nennt und das auch dem Laien aus den
kleinen Handwagen der Apotheker bekannt ist; das geringste
Übergewicht genügt, damit die eine Schale plötzlich zu
Boden stürzt, während die andere an den Balken emporschnellt.
„Bei meinem Charakter und meiner Denkweise verschlang Eine Gesinnung
jederzeit die übrigen und stieß sie ab.“ Hiermit soll aber
nicht besagt sein, diese beiden Urteile — Goethe der Liebeverzehrte,
Goethe der Liebelose — träfen beide abwechselnd das Richtige;
vielmehr sind beide falsch; doch die scheinbare Begründung
erwächst ihnen aus der genannten Zwiespältigkeit: denn der
eine Beurteiler richtet seine ganze Aufmerksam-
98
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
keit auf die verschlingende,
alles andere abstoßende Leidenschaft
des Augenblicks, wogegen der andere nur das Hin und Her der Wage
beachtet und daraus schließt, hier liege Tändelei, nicht
Liebe vor. An urkundlichen Belegen wird es beiden Behauptungen nicht
fehlen; die erste wird schöne Briefstellen und unsterbliche
Liebesgedichte anführen, die zweite wird keine Mühe haben,
Bekenntnisse aufzufinden, welche frivole Deutungen nahelegen
könnten, wie folgendes: „Es ist eine sehr angenehme Empfindung,
wenn sich eine neue Leidenschaft in uns zu regen anfängt, ehe die
alte noch ganz verklungen ist. So sieht man bei untergehender Sonne
gern auf der entgegengesetzten Seite den Mond aufgehen, und erfreut
sich an dem Doppelglanze der beiden Himmelslichter.“ Von außen
her wird man eben nie bis zum Verständnis gelangen; es
läßt sich da das Widersprechende behaupten und belegen; wie
ist es aber möglich, in solchen Urteilen Genüge zu finden?
Sollen wir wirklich dem so unentwegt mit „eherner Geduld“
genial-besonnen strebenden Goethe einen gänzlichen Mangel an
sittlichem Ernst bis ins hohe Alter zuschreiben? Und wenn nicht, wie
erklären wir es, daß immer wieder die Liebe zu irgendeiner
holden Weiblichkeit in ihm erwacht, zur glühendsten Leidenschaft
heranwächst und dann nicht nur verlischt, sondern keinen Schmerz,
keine Reue hinterläßt, nichts als schöne,
beglückende Gedächtnisbilder, so daß wir ohne
Übertreibung sagen dürfen: den rechten Genuß seines
Liebens hat Goethe immer erst in der Erinnerung gehabt, wogegen ihre
Gegenwart manche Qual verursachte. Mitten in der leidenschaftlichsten
Liebe zu Annette in Leipzig schreibt er zwar: „Es geht keine Wollust
über den Jammer der Liebe“; doch das eigentliche Glück kommt
auch hier später: „O Behrisch, ich habe angefangen zu leben!
Daß ich dir alles erzählen könnte! Ich kann nicht, es
würde mich zu viel kosten. Genug sei dir's, Nette, ich, wir haben
uns getrennt, wir sind glücklich. Es war Arbeit, aber nun sitz ich
wie Herkules, der alles getan hat, und betrachte die glorreiche Beute
umher.“ Diese Empfindung ist für Goethe durchweg charakteristisch.
Wer z. B. die Sesenheimer Monate in den gleichzeitigen Briefen zu
verfolgen sich die Mühe gibt, wird manches lernen. Kaum von seinem
ersten dortigen Besuche nach Straßburg zurückgekehrt, greift
er zur Feder, um einer anderen, vernachlässigten Geliebten,
daheim, von Sesenheim und der dortigen
99
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
„liebenswürdigen Tochter“
zu erzählen; dieser Eindruck habe
jede „halbverschiedene Zärtlichkeit wieder auf einmal lebendig“
gemacht, „jede Erinnerung an alles, was er liebe, in seinem Herzen
geweckt“. Wenige Stunden später geht der allererste
überströmende Brief an Friederiken ab! Es ist gleichsam, als
baue er sich im voraus eine Wehr auf gegen die etwaige bedrohlich
werdende Übermacht des Stroms, von dem sich tragen zu lassen er
nichtsdestoweniger gesonnen ist. Und nun, während diese Liebe ihn
tatsächlich in den folgenden Monden immer unwiderstehlicher
fortreißt, die Geständnisse an seinen Freund Salzmann, zum
Teil aus Sesenheim selbst datiert! „Ich bin zu sehr wachend, als
daß ich nicht fühlen sollte, daß ich nach Schatten
greife.“ „Ich fühle, daß man um kein Haar glücklicher
ist, wenn man erlangt, was man wünschte. Die Zugabe, die Zugabe!
die uns das Schicksal zu jeder Glückseligkeit drein wiegt!“ Und
dann wende man den Blick auf die Episode mit Lotte Buff. Während
Goethe seinen Werther nach dem Vorbild des Jerusalem in den Tod gehen
läßt, weil die Angebetete ihm ewig unerreichbar bleibt,
empfand er selber damals „die Neigung zu einer versagten Braut“ als ein
besonderes Glück. Von jenen Tagen in Wetzlar schreibt er: „Ruht
nun, wie man sagt, in der Sehnsucht das größte Glück,
und darf die wahre Sehnsucht nur auf ein Unerreichbares gerichtet sein,
so traf wohl alles zusammen, um den Jüngling, den wir
gegenwärtig auf seinen Irrgängen begleiten, zum
glücklichsten Sterblichen zu machen.“ Das auffallend Friedvolle,
Harmonische in dem Verhältnis zu Lotte liegt jedenfalls in diesem
Umstande begründet; der Gefahr, er könnte zu glücklich
werden, die ihm bei Friederike und Lili so böse Stunden
verursacht, war hier vorgebeugt. Nun erwidert mancher getrost: das eben
ist Dichterliebe. Was soll aber damit gesagt sein? Goethe war doch
keine leichtfertige Natur wie Byron, ganz das Gegenteil. Im
übrigen ist die Beständigkeit in der Liebe ein Kennzeichen
vieler bedeutenden Dichter, was aus der Innigkeit ihres Wesens
herzuleiten sein mag; und hat auch mancher nicht die
lebenslängliche Treue eines Petrarca bewährt, so weihte er
doch der neuen Liebe die selbe Inbrunst und Ungeteiltheit, die er der
früheren Jahre hindurch bewahrt hatte; das sehen wir von Chaucer
an bis zu Richard Wagner; Schiller's uns genau bekanntes eheliches
Leben ist ein Muster reinen Glückes.
100
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
Nein, um
die Bedeutung der Liebe in Goethe's Leben zu ergründen
und sie in ihrer widerspruchsvollen Eigenart klar begreifen zu lernen,
müssen wir gleich anfangs in die Tiefen der Persönlichkeit
greifen. In diesem Falle sind es die elementare Gewalt der Anschauung
und die der üppig wuchernden Phantasie, die als „entfernte
Endpunkte des Menschengemütes“ von Goethe unaufhörlich
zueinander in Beziehung gesetzt werden; aus ihrem Spiel und Gegenspiel
leitet sich alles Eigenartige, scheinbar Widerspruchsvolle seiner
Liebesbeziehungen her.
Am schwersten fällt dem Menschen der Gegenwart,
sich die Bedeutung
des tatsächlichen A n s c h a u e n s in
Goethe's Leben
vorzustellen. Die Kraft reiner Anschauung ist unter uns im Abnehmen;
wir werden immer mehr zu theoretischen Wesen; es ist gewiß keine
Übertreibung, wenn man behauptet, ein beträchtlicher Teil der
Gebildeten empfange heute keinen bestimmenden, haftenden Eindruck durch
die Sinne; das Lesen von Berichten über die Dinge, das
Vernünfteln über sie nimmt alle Kräfte in Beschlag; nur
besonders Beanlagte wissen noch aus eigener Erfahrung, was Anschauen
ist. Goethe war ein solcher, und nicht bloß hat er die Marter der
heutigen Bildung nicht an sich erlitten, sondern die ihm angeborene
Kraft der Anschauung ist durch seines Vaters Einfluß von Kindheit
an in unaufhörlicher Übung gekräftigt worden. Befand er
sich durch einen Zufall zeitweilig von Kunst und Natur getrennt, er
verschmachtete; mit den Augen irgend etwas Bedeutendes erschauen war
für ihn ein ebenso gebieterisches Bedürfnis, wie für
unsereinen das tägliche Brot; schleunigst verschreibt er sich in
solchem Falle von Hause Stiche oder Gemmen, „damit er nur etwas vor
sich habe, das ihm das Anschauen erfrischt“. Schauen — wie Goethe das
Wort versteht — ist nicht bloßes Erblicken oder aufmerksames
Sehen, vielmehr handelt es sich dabei um eine höhere Stufe
sinnlicher Eindrucksfähigkeit, bei welcher der Gegenstand
gleichsam ins Innere aufgesogen, mit dem eigenen Wesen verschmolzen
wird *. Dieses Schauen Goethe's ist ein leidenschaftlicher Vorgang,
unbesonnen, aus elementarer Gewalt. Daher die bekannte heftige
Abneigung Goethe's gegen alles Pathologische: schon eine Brille auf der
Nase eines Besuchers genügte, ihn zu verstimmen, weil diese Zutat
auf ihn den Eindruck einer Entstellung des Menschenantlitzes machte:
„Ich bin von diesen
101
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
Glasaugen, hinter denen man
die natürlichen aufsuchen muß,
ein großer Feind“; selbst seinem Fürsten weigert er den
Gehorsam, als es gilt, eine monströse Mißgeburt anzusehen;
die schaurige Dichtung Der arme
Heinrich legt er schnell aus der Hand,
denn die darin geschilderte Krankheit „wirkt auf ihn so gewaltig,
daß er sich vom bloßen Berühren eines solchen Buchs
schon angesteckt glaubt“: nicht einmal in der Phantasie erträgt er
den Anblick des Häßlichen. Dieser
außergewöhnlichen „Empfänglichkeit für sinnliche
Eindrücke“ verdankt er, wie er selber gesteht, „viel Gutes“ und
manches „Übel“. Gleichviel welchem Gegenstand es gilt, dieses
Schauen verdient schon wegen seines Ungestüms und der damit
verbundenen Herzenswallung, L i e b e genannt zu
werden. „Man lernt
nichts kennen als was man liebt, und je tiefer und vollständiger
die Kenntnis werden soll, desto stärker, kräftiger und
lebendiger muß Liebe, ja Leidenschaft sein“: das ist Goethe's
Bekenntnis. Und ferner: „Die unzulänglichen Urteile der Menschen
entspringen nur aus Mangel an Liebe, denn ihr Urteil ruht auf nichts.“
Dieses in Liebe Anschauen und aus Anschauung Lieben ist eine
verzehrende Glut, die bei Goethe bis ins hohe Alter erhalten bleibt und
die eigentliche treibende Kraft seines Lebens bildet. Wendet er einmal,
selbst in trüben, verworrenen Tagen, diesen anschauenden Blick ins
eigene Innerste, so findet er es „immer ewig allein der heiligen Liebe
gewidmet, die nach und nach das Fremde durch den Geist der Reinheit,
der sie selbst ist, ausstößt und so endlich lauter werden
wird wie gesponnen Gold“. Ich meine, es bedarf keiner weiteren
Ausführungen, damit Jeder begreife, mit welcher heiligen Glut
einer das ganze Wesen ausfüllenden Liebe Goethe's Blick auf einem
Weibe geruht haben mag. „Das Auge war vor allen anderen das Organ,
womit ich die Welt faßte“ (S. 90). Dieser
Blick löschte alle
Vergangenheit. Das reine Anschauen ist nämlich seiner Natur nach
auf bloße Gegenwart gerichtet; was es erfüllt, ist:
das fröhliche Gefühl
Des hohen Tags, der
tausendfachen Welt
Glanzreiche Gegenwart.
Das Gedächtnisbild ist bei dieser Gemütsart (wenn nicht die
Phantasie es neuschafft) gedankenhaft schwach; sie fordert die sinnlich
102
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
reelle, tastbare Anwesenheit;
Goethe — wie wir hörten — muß
das Schöne „vor sich haben“, daß es „ihm das Anschauen
erfrische“; „alle Liebe“, schreibt er ein anderes Mal, „bezieht sich
auf die Gegenwart“.
Gerade dieses Wort ruft uns aber zur Besinnung auf.
Im kräftigsten
Jünglingsalter, im Augenblick, als seine Liebe zu Lili in
Blüte stand, beklagte Goethe seine Unfähigkeit, das in der
konkreten Gegenwart Gegebene als solches festzuhalten: „Wird mein Herz
endlich einmal in ergreifendem wahren Genuß und Leiden die
Seligkeit, die Menschen gegönnt ward, empfinden und
nicht i m m e r
a u f d e n W o g e n d e r
E i n b i l d u n g s k r a f t.... getrieben
werden?“ Die Phantasie herrscht eben bei Goethe in der gleichen
Fülle und der gleichen Gewalt wie der Trieb zum Anschauen; und
diese beiden sind in mancher Beziehung „entfernte Endpunkte“ (S. 96)
oder, wie der Philosoph sagen würde, Antinomien, Gegensätze.
Auf der Höhe seiner vollendeten Reife belehrt uns Goethe, die
Gestalt „schließe sich am wunderbarsten auf dort, wo sie dem Auge
ganz verschwindet und nur vom Geiste verfolgt werden kann“. So
entschwebt ihm das mit Sinnen Erschaute mitten im Erschauen aus den
Augen, und wird zu einem Gedachten. Und jetzt erfaßt die
Phantasie diese gedachte Gestalt, „schließt sie wunderbar auf“
und strahlt sie mit solcher Kraft der Plastik und der Beleuchtung
zurück in die Welt des Sichtbaren, daß sie geläutert,
durchklärt dasteht, als habe sie die Zeitlichkeit abgestreift und
sei nunmehr ein unvergängliches Sinnbild. Es handelt sich nicht um
eine bloße Einbildung; denn Wesen von Fleisch und Blut leben ja,
aus denen die bestimmenden Eindrücke gewonnen wurden; doch deckt
sich das jetzige Gebilde mit jenem körperlich vorhandenen Wesen
keineswegs. Denn was Goethe jetzt erschaut und durch seine Schilderung
vor unsere Augen zaubert, ist ein dem eigenen Geiste Entstammtes;
zwischen dem körperlichen Wesen und diesem Bilde seiner Phantasie
steht die gedankliche Verarbeitung in geheimen Tiefen der
„grübelnden Natur“ (um mit Humboldt zu reden); und nicht die
ursprüngliche zufällige Erfahrung, sondern dieser innerste
Schoß ewig kreisender Gedanken, wo alles Erschaute „sich
wunderbar aufschließt“, ist die Geburtsstätte des neuen
Gestaltenbildes, das nunmehr (um mit Schiller zu reden)
103
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
„rückwärts in
Intuition umgesetzt“ wird. Das Ergebnis ist
das, was Plato eine „Idee“ nannte — ein Wort, das man von neuem zu
verlebendigen gesucht hat durch die Verdeutschung G e d a n
k e n - g e
s t a l t. Goethe selber schreibt darüber: „Dieses Nachbild
strahlt nach allen Seiten in die Welt aus, und ein schönes edles
Gemüt mag an dieser Erscheinung, a l s w
ä r e s i e W i r k l i c h k e i t,
sich entzücken und empfängt davon einen tiefen Eindruck.“
Schon aus diesem flüchtigen Überblick läßt sich
ermessen, wie unvermeidlich Widersprüche zwischen Anschauung und
Phantasiebild entstehen müssen; denn je mächtiger die
ursprüngliche Gegenwart in ihrer Unmittelbarkeit wirkt, um so mehr
Nahrung wird der Phantasie zugeführt.
Ehe wir nun die Folgen dieses eigenartigen
Zwiespaltes näher
betrachten, eine kurze Einschaltung. Denn es ist von entscheidender
Wichtigkeit, gleich anfangs zu begreifen, daß, was hier von dem
Eindruck menschlicher Gestalten auf Goethe's Gemüt ausgeführt
wird, von dem gesamten Bereich seiner Interessen in genau der selben
Weise gilt. Ein Beispiel. Als Goethe sich einige Jahre eingehend mit
Pflanzen beschäftigt und somit ein stets wachsendes Material in
seinem Gedächtnis angesammelt hatte, wollte es nicht weiter; da
nun gestaltete sich in seinem sinnenden Hirn aus „aufgeschlossenen
Gestalten“ eine Vorstellung aus, die er ursprünglich als Harmonia
Plantarum — die Harmonie der Pflanzenwelt — bezeichnete und
vermittelst
deren er Ordnung in das Chaos zu bringen suchte, indem er sich
eine U r
p f l a n z e * dachte, d. h. eine Pflanze, die
derartig
beschaffen
sein sollte, daß sämtliche Gestalten der Pflanzenwelt sich
auf sie ideell beziehen und insofern auch begreifen und merken und
einordnen ließen; sie wäre die reine „Idee“ einer Pflanze
gewesen, so daß alle einzelnen Gestalten in sie wie die Strahlen
in einen Brennpunkt zusammengelaufen wären. Hier erblicken wir in
typischer Gestalt den geschilderten Zwiespalt zwischen
Anschauungsgewalt und dem Bedürfnis einer schöpferischen
Phantasie. Hätte Goethe nicht so glühend inbrünstig die
einzelnen Pflanzenformen in sein sinnendes Schauen aufgesogen, ihre
Menge hätte ihn nicht bedrückt; wäre seine Phantasie
weniger lebhaft und leuchtend gewesen, er hätte sich als
Hilfsvorstellung allenfalls ein Schema entworfen, nicht aber eine
Urpflanze im Geiste erschaffen, körper-
104
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
lich greifbar, vor der die
wirklichen Pflanzen zu Schatten
verblaßten. Daß diese „Urpflanze“ nicht eine gesondert
bestehende Tatsache war, sondern vielmehr die Umgestaltung der
über die unzählbare Menge der einzelnen Tatsachen sinnenden
Gedanken zu einer ideellen Wesenheit, liegt auf der Hand; Goethe aber
erblickte diesen seinen zu einer Gestalt zurückgebildeten Gedanken
dermaßen überzeugend leibhaftig, daß er die Urpflanze
im Walde suchte und täglich zu finden hoffte — bis Schiller ihn
über seinen Irrtum aufklärte. Nach dieser Analogie muß
man sich die Liebesleidenschaften Goethe's denken, wie sie, poetisch
gestaltet, vor uns stehen, von Friederike Brion in Dichtung und
Wahrheit an bis zu Ulrike von Levetzow in der Marienbader Elegie. Immer
verblaßt die tatsächliche Erfahrung vor der Gewalt des
Phantasiebildes; immer tritt an die Stelle der einzelnen, vielfach
bedingten Liebe eine Verkörperung der „Urliebe“.
Betrachten wir nun die Folgen einer solchen
Gemütsart, wie sie im
tagtäglichen Leben nicht ausbleiben konnten, so begreifen wir
leicht, daß Goethe von den beiden widerstreitenden Tendenzen
häufig in seinem Innern zerrissen werden mußte, und wir
begreifen auch, warum fast jeder Zeitgenosse ihn falsch beurteilte. Von
ihm besitzen wir das schöne Wort: „Es bleibt ewig wahr: sich zu
beschränken, Einen Gegenstand, wenige Gegenstände recht
bedürfen, so auch recht lieben, an ihnen hängen, sie auf alle
Seiten wenden, mit ihnen vereinigt werden, das macht den Dichter, den
Künstler, den Menschen.“ Und doch: auf welchem Gebiete des Lebens
hätte er, dessen Phantasie auf Umfassung des Alls gerichtet blieb,
sich auf Einen Gegenstand beschränkt? Schon die gewaltige Kraft
der Anschauung allein — und abgesehen von der Mitwirkung der Phantasie
— verbietet eine derartige Beschränkung. Nicht die Anschauung an
sich besitzt Gedächtnis, vielmehr gehört dieses zum Geist;
Gesetz der Anschauung ist, stets für die Erfassung des
Gegenwärtigen offene Sinne, aufnahmebegierige, bereit zu halten.
Kurz, das Anschauen, rein als Anschauen, beschränkt sich zwar in
jedem einzelnen Augenblick mit leidenschaftlicher Inbrunst auf das Eine
— „Eine Gesinnung verschlang jederzeit die übrigen“ —, es
enthält aber gar kein Prinzip einer weiteren
Selbstbeschränkung. Die Treue — wie überhaupt alle
Beständigkeit — ist ein Gedanke. Daher die Worte des Herrn in
Faust:
105
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
Und was in schwankender
Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden
Gedanken!
Bei Goethe tritt nun zu der Schrankenlosigkeit aller unmittelbaren
Anschauungsgewalt noch die weitere Verwickelung durch die
Dazwischenkunft einer immer tätigen schöpferischen Phantasie
hinzu. Denn sobald diese sich ihrem dichterischen Auferbauen widmet —
und das tut sie gerade, wenn der Sinneneindruck groß war —,
löscht sie tatsächlich den Gegenwartseindruck aus. Ein
Symptom hiervon ist die Art, wie die Liebe manchmal leidenschaftlicher
wird, wenn Goethe fern von einer Angebeteten weilt; namentlich bei Frau
von Stein fällt dies auf; „die schöne Flamme der Liebe, der
Treue leuchtet“ immer dann am hellsten, wenn die Beiden getrennt sind;
in Sizilien fühlt Goethe, wie „die weite Ferne alles gleichsam
weggeläutert hat“. Hier waltet eine poetische Kraft rein
schöpferischer Phantasie, wie wir sie inzwischen in Richard
Wagner's Briefen an Frau Mathilde Wesendonck anstaunen lernten, und von
deren seelischer Gewalt prosaische Menschen keine Vorstellung besitzen.
Wohl das merkwürdigste Beispiel eines solchen rein aus der
Phantasie geborenen Verhältnisses ist dasjenige Goethe's zu
Gräfin Auguste zu Stolberg, die er in seinem Leben niemals
erschaut hat und der er nichtsdestoweniger — mitten aus der Zeit der
Beziehungen zu Lili — heiße Liebesbriefe schreibt, voll
Sehnsucht, „zu ihren Füßen zu liegen“, und versichernd, sie
sei „das einzige Mädchen, deren Herz ganz in seinem Busen
schlage“. Von um so größerer Höhe aber stürzt die
Erwartung dann herab, da keine Wirklichkeit solcher Einbildungskraft
standhalten kann. Und so arbeitet denn die Phantasie letzten Endes im
gleichen Sinne wie die Anschauung: beide zerstören die Treue in
der Liebe.
Um nun von hier aus weiter zu gelangen und
womöglich eine
Höhe zu erreichen, die einen klareren Überblick gestattet,
möchte ich an eine Stelle in Dichtung
und Wahrheit anknüpfen,
die zu den am häufigsten angeführten gehört, aber, wie
ich glaube, zu den am häufigsten mißdeuteten. Im siebenten
Buche lesen wir: „Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein
ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige,
was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein
Bild, ein Gedicht zu verwan-
106
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
deln und darüber mit mir
selbst abzuschließen, um sowohl
meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als
mich im Innern deshalb zu beruhigen.“ Wie soll ein von Humboldt und
Schiller noch Unbelehrter das verstehen: meine Begriffe von den
äußeren Dingen zu berichtigen? Was soll er sich darunter
vorstellen, daß durch die Verwandlung in ein Bild das Innere
beruhigt werde? Wogegen ich zuversichtlich hoffe, wer bis hierher
aufmerksam gefolgt ist, ahnt den Zusammenhang sofort, wenigstens in
allgemeinen Zügen. Es wird sich lohnen, bei diesen Vorgängen
in verborgenen Tiefen des Gemütes ein wenig zu verweilen.
Einen Dichter durch das Dichten über den
Schmerz erhoben zu sehen,
der zugleich verklärt und überwunden zurückbleibt, ist
nichts Unerhörtes. Ein köstliches Beispiel besitzen wir — der
Sage nach — aus altgermanischer Heldenzeit in dem angelsächsischen
Krieger und Barden Egil. Seine beiden Lieblingssöhne hatte der Tod
dahingerafft; der Greis trug sie selber ins Grab; dann kehrte er heim,
schloß sich in sein Gemach ein, legte sich hin, wies Essen und
Trinken von sich und erwartete stumm das erlösende Ende. Da sandte
man nach seiner Tochter, die in einiger Entfernung als Gattin eines
wackeren Waffenmannes daheim war. „Wie könnte ich nach solchem
Schmerze noch weiter leben?“ sprach der Vater. „Wohl, es sei“,
erwiderte die Tochter, „und ich will mit dir sterben; doch vorher
mußt du noch das Trauerlied dichten; keiner lebt, würdig wie
du, unserm Leide Wort und Ton zu leihen.“ Und Egil erhob sich von
seinem Lager und dichtete das herrliche Klagelied an Wotan, das in
Bruchstücken auf uns gekommen ist; und während er schrieb,
wurde ihm wohler zu Mute, und als er der versammelten Sippschaft das
Gedicht vorgesungen hatte, setzte er sich an den Tisch und aß und
trank und schickte die gute Tochter reich beschenkt zu ihren Kindern
heim. Auf dem Boden einer anderen, zahmeren, der unseren
angenäherten Lebensanschauung stand Joachim du Bellay, der
liebliche französische Dichter des 16. Jahrhunderts; die selbe
Gemütsverfassung hat er in graziöse Verse gebracht:
... je pleure mes ennuis,
Ou, pour le dire mieux, en pleurant je les
chante,
107
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
Si bien
qu'en les chantant
souvent je les enchante:
Voilà
pourquoi (Magny) je chante jours et nuits.
Bei Goethe liegt die Sache aber doch wesentlich anders. Es handelt sich
bei ihm nicht darum, großer Schmerzen Herr zu werden; auch
wäre es frivole Ironie, wollte man in jeder Liebe ein zu
überwindendes Leiden erblicken; außerdem spricht Goethe
ausdrücklich von dem, „was ihn e r f r e u t e
oder q u ä l t e oder
sonst b e s c h ä f t i g t e“. Die
„Verwandlung“, von der Goethe
hier redet — und die offenbar identisch mit der „Umsetzung“ ist, die
Schiller an ihm beobachtete —, betrifft also sämtliche
Erscheinungen des Lebens, insofern ihnen irgendwelche Bedeutung
zugemessen wird: Freuden, Schmerzen, Gedanken. Jede äußere
Erfahrung von Belang, von den Sinnen und dem Herzen leidenschaftlich
eingesogen und assimiliert, wird im Innern, wie es vorhin hieß,
„auf alle Seiten gewendet“, wie es hier heißt, „berichtigt“, um
dann, verwandelt in ein von innen aus geschautes Bild, nunmehr als
Dauerndes in die Welt der Ideen beruhigt aufgenommen zu werden. „Wenn
das Einzelne durch die Zeit ausgelöscht wird, so geht das
Allgemeine rein hervor“, meint Goethe einmal in bezug auf Geschichte;
Zeit ist von allen Gegebenheiten die an sich leerste, ihr Inhalt
hängt von der jeweiligen Gewalt des Seelenlebens ab; Goethe's
Geist war immerdar beschäftigt, aus angehäuftem Einzelnen
„reines Allgemeine“ zu schmieden; er brauchte nicht auf langsam
eindämmerndes Vergessen zu warten, sondern löschte selber das
Überflüssige aus, indem er Neues, „Berichtigtes“ schuf.
Der Mittelpunkt ist erreicht, sobald wir die
Einsicht gewinnen,
daß Goethe sein eigenes Leben auf diese Weise als Idee zu
ergreifen und trotz aller tausendfachen Abbröckelungen, die jeder
„Tag des Tages“ notwendig mit sich bringen mußte, an dieser Idee
festzuhalten vermochte. Er verfährt gegen sich selber in der
gleichen Weise, wie er gegen diejenigen verfährt, die er geliebt
hat; in diesem Falle jedoch beharrt der Anschauungsstoff und kann — da
jeder Augenblick ihn neu gebiert — nie ausgelöscht werden, und so
erfolgt auch eine beharrlich fortgesetzte Ideenbildung. Goethe meint
zwar einmal, „a l l e Menschen guter Art haben
auf der Welt eine
doppelte Rolle zu spielen, eine wirkliche und eine ideelle“; hier wie
108
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
überall flicht uns und
ihn ein Gemeinsames aneinander; doch
dürfte jene Tatsache bei keinem anderen Menschen so bewußt
und deutlich in die Erscheinung getreten sein und daher eine solche
Kraft der Gestaltung besessen haben. „Zum Gewahrwerden des Ideellen
gehört eine Pubertät“, sagt Goethe; man muß nicht
bloß befähigt sein, am ideell Gezeugten teilzunehmen, wie
wir das Alle mehr oder weniger sind, sondern selbst
„Zeugungsfähigkeit“ besitzen, ehe es gelingen kann, sich selbst
als „Idee“ zu erfassen: die ungeheure Mehrzahl der Menschen bleibt in
dieser Beziehung Kind und erreicht niemals Mannbarkeit. Bei Goethe
verhielt es sich anders. Sein Leben, so reich an emsiger Tat, so
verwickelt durch den Widerstreit antipodischer Gemütsanlagen, wird
zugleich ohne Unterlaß in bezug auf das Verhältnis „zu den
äußeren Dingen berichtigt“, wird „rückwärts in
Intuition umgesetzt“, wird „in ein Bild verwandelt“, mit anderen Worten
zu einer „beruhigten“ Einheit zusammengefaßt in einer aus
poetischer Schöpferkraft hervorgehenden Idee. Es ist dies die
große mittlere Leistung von Goethe's Leben, die Leistung aller
Jahre, aller Tage, fast aller Stunden. Durch sie bewirkt er die
fortwährende Verwandlung des sonst von uns Allen verworren, halb
unbewußt erlebten und darum blind dahingerissenen „ideellen“ Ich
in eine deutlich erschaute, objektiv beurteilte und mit eiserner
Folgerichtigkeit gerade gerichtete Idee. Schon mehrere Jahre, ehe sich
Goethe bis zur letzten Klarheit durchgerungen hatte, schreibt er:
„Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben
und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu
spitzen, überwiegt alles andere und läßt kaum
augenblickliches Vergessen zu.“ Diese „Begierde“ hat mit Ehrgeiz nichts
gemein; sie ist weltfern; die Pyramide bezieht sich auf das
Phänomen des eigenen Daseins allein, das zugleich erschaut und
erschaffen wird. „Welch ein Unterschied ist nicht zwischen einem
Menschen, der sich von innen aus auferbauen, und einem, der auf die
Welt wirken und sie zum Hausgebrauch belehren will!“ Also ohne
Rücksicht auf die Welt sich von innen aus auferbauen. Dieses „von
innen aus“ wäre eine Phrase, bezöge es sich nicht auf eine
energisch und bestimmt erfaßte Idee, an der und auf der ein Leben
sich auferbauen ließe. Später empfindet Goethe manchmal
schmerzlich „den Widerspruch, der zwischen seiner Natur und der
unmittelbaren Erfahrung liegt“; denn die Erfahrung
109
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
bleibt zunächst trivial,
zufällig, ledig aller innern
Konsequenz; wie soll, wer sich selbst so deutlich als die
Verkörperung einer ewigen Idee erblickt, daran Genüge finden?
In welcher Weise edle Männer, denen diese Frage in ihrer
bedrohlichen Bedeutung aufgegangen war, sonsten zu antworten pflegten,
wissen wir: Weltflucht, Klostermauern, Kasteiung. Goethe weiß
eine andere Antwort: „Man muß, ohne die Erfahrung in die Breite
verfolgen zu wollen, auf jedem Platz, in jedem Moment, so weit es Einem
vergönnt ist, in die Tiefe gehen.“ *
Und was ist es, das man dann
überall findet? „Die ideelle Denkweise läßt im
Vorübergehenden das Ewige schauen.“ Die ideelle Denkweise tut also
für den Einzelnen, was die Zeit für die Geschichte tut; sie
löscht das verwirrende Einzelne aus und läßt das
Allgemeine rein daraus hervorgehen. Dieses Ewige im
Vorübergehenden ist das, was wir Idee nennen — auch die Urpflanze
und die Urliebe; und die Fähigkeit, dieses Ewige im
Vorübergehenden zu ergreifen, bildet das Hauptergebnis aus den
widerstreitenden Anlagen, die wir für Goethe's Persönlichkeit
als charakteristisch kennen lernten. „Im Innersten meiner Pläne
und Vorsätze und Unternehmungen bleib' ich mir geheimnisvoll
selbst getreu und knüpfe so wieder mein gesellschaftliches,
politisches, moralisches und poetisches Leben in einen verborgenen
Knoten zusammen.“
Hiermit ist der Schlüssel zu jenem viel
angeführten und wenig
verstandenen Worte nunmehr in unseren Händen: „Und so begann
diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht
abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder
quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu
verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um
sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen,
als mich im Innern deshalb zu beruhigen“ (S. 106).
Und sobald wir
Einblick in die wunderbare Gabe Goethe's gewonnen haben, sich selbst
als Idee gleichsam neu zu erschaffen, indem er aus dem Strom des
Vorüberrauschenden seines eigenen Lebens das Ewige auszusondern
und sich geläutert vor Augen zu halten verstand, so begreifen wir
unschwer, inwiefern er die Fähigkeit und den unwiderstehlichen
Drang besitzen mußte, nicht allein bei Betrachtung der
großen Naturphänomene, sondern in allen Begebenheiten des
Lebens ähnlich zu verfahren. Namentlich
110
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
mußte dies für
Gestalten gelten, welche inbrünstige
Liebe ganz in sein eigenes Wesen aufgesogen hatte. Und so stand auf
einmal, wo vor kurzem dunkle Leidenschaft getobt hatte, ein
schönes Gemälde vor seinen Augen: das Vergängliche (und
dazu gehört sowohl die Reue wie die Hoffnung) ausgelöscht,
das Ewige (in welchem auch das Unerbittliche seinen Sinn enthüllt)
offenbar. Darum besitzt Goethe die Gabe, von seinen eigenen
Liebeserfahrungen (gleichviel ob in erster oder in dritter Person) so
bildkräftig, so innig, so züchtig, so vollkommen schlicht
tatsachentreu und zugleich alle Prosa des Lebens in reine Poesie
verklärend, zu erzählen, daß die Literatur der
Menschheit nichts auch nur entfernt Analoges aufweisen kann. Es ist das
kein Dichten in dem Sinne eines Mannes, der sich hinsetzt, um aus
seiner Phantasie eine Dichtung zu gebären, sondern es ist
„Verwandlung“ — wie Goethe es selber nennt — der Naturwirklichkeit in
eine Wirklichkeit höherer Ordnung. Daß die sinnfällige,
alltägliche Wirklichkeit damit ausgelöscht sein und bleiben
mußte, liegt auf der Hand. *
Hier zu moralisieren würde, glaube ich, von
geringem Werte sein.
Eine Frau, die dem Dichter in seinen jungen Jahren so vertraut war wie
sonst vielleicht nur seine früh gestorbene Schwester und die
namentlich das Verhältnis zu Lili von Anfang bis zu Ende als
Vertraute beider Teile und als Vermittlerin erlebt hat, Johanna
Fahlmer, schreibt: „Goethe kann gut und brav, auch groß sein, nur
in Liebe ist er nicht r e i n und dazu wirklich
nicht groß genug.
Er hat zu viele Mischungen in sich; die wirren; und da kann er die
Seite, wo eigentlich Liebe ruht, nicht blank und eben lassen.“ Einem
Fräulein Johanna Fahlmer mußte natürlicherweise die
Liebe sich in einer anderen Perspektive zeigen als einem Goethe; sie
wurde die brave Gattin seines Schwagers und eine gute Mutter;
ähnlich wie sie haben seitdem Tausende geurteilt. Weder das
Verhältnis zu Charlotte von Stein noch dasjenige zu Christiane
Vulpius — und das sind der Zeitdauer nach bemessen die zwei
großen Liebesverhältnisse seines Lebens — wirkt rein
harmonisch; in beiden Fällen macht sich eine eigentümliche
Gewaltsamkeit bemerkbar. Die allzu große Nähe eines Weibes
als eines seinem Wesen nach völlig konkreten, im Einzelnen und im
Augenblick aufgehenden Geschöpfes konnte nicht anders als
verwirrend auf einen Mann wirken, der, insofern
111
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
die leidenschaftliche
Anschauung in ihm vorwog, jähem Wechsel
unterworfen war und, insofern die sinnende Phantasie die Oberhand
gewann, im einzelnen Augenblick und im einzelnen Wesen das Allgemeine,
die ewige Idee zu erfassen trachtete. Wir wären geneigt, Johanna
Fahlmer für eine gute Prophetin zu halten, wenn sie nach dem
Angeführten hinzugefügt: „Goethe ist nicht glücklich und
kann schwerlich glücklich sein.“ Glücklich in dem Sinne wie
diese vortreffliche und kluge Frau es meinte, ist er gewiß nie
geworden. Lili, mit der sie ihn so gern verheiratet hätte,
wäre wert gewesen, eines bedeutenden Mannes Gattin zu werden. Doch
wie sollte man einem Goethe den Besitz eines solchen Glückes
wünschen können? Hätte eine derartige Frau das Schicksal
auf sich nehmen können, für welches die herzensgute
Christiane wie geschaffen war? Der Zwiespalt entsteht schon in Goethe's
eigenem Innern aus dem unausbleiblichen Widerstreit zwischen dem
leibhaftig vorhandenen Goethe und dem Goethe, dessen hohe Idee wie eine
mit Augen erblickte Traumgestalt ihm stets voranschwebt, „kaum
augenblickliches Vergessen zulassend“. Gleich zu Beginn dieses Kapitels
erkannten wir: was die Menschen bei Goethe als Harmonie preisen, ist
ein täglich neugewonnener Sieg über sich selbst; daher wohl
das bemerkenswerte Geständnis aus dem Jahre 1813: „Warum sollte
ich mir nicht sagen, daß ich immer mehr zu den Menschen
gehöre, i n denen man gern leben
mag, m i t denen zu leben es aber
nicht erfreulich ist.“ Nun denke man sich an der Seite dieses Goethe
eine edle Gattin! Schnell wäre sie für ihn ebenso Idee
geworden wie er sich selber; der Widerstreit der Empfindungen zwischen
dem Allgemeinen und dem Zufälligen, zwischen dem Ewigen und dem
Zeitlichen wäre unentwirrbar verwickelt, bald gewiß
unerträglich geworden; es ist gar nicht anders möglich. „Jede
Idee verliert, wenn sie real wird, ihre Würde“, sagt Goethe. Und
mag denn auch bei Goethe die eine zunächst gegebene Wirklichkeit,
wie die brave Fahlmer meinte, „nicht groß genug“ gewesen sein,
war denn die andere, höhere Wirklichkeit nicht eine so vollendete,
daß man sich vergeblich nach Ähnlichem umsieht? War es nicht
gelebte, fast allumfassende Wahrheitsdichtung, Zeitliches und Ewiges,
Leidenschaft und geklärteste Besinnung zu einer Einheit
verknüpfend? Die bedeutendste aller Dichtungen Goethe's ist
fraglos sein eigenes Leben. Und es darf
112
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
wohl ohne Künstlichkeit
vorausgesetzt werden, die Liebe sei in
diesem an ihrem rechten Platze gewesen.
Was am Schlusse des ersten Kapitels über Goethe
und die Liebe
gesagt wurde, will ich nicht wiederholen; ich bitte aber den Leser, es
wieder nachzuschlagen (S. 79 fg.), er
wird es jetzt besser verstehen.
Nur das eine sei ein zweites Mal, und zwar mit größerer
Energie betont: das Wort von dem „ewig Weiblichen“, das wir alle Tage
zu hören verdammt sind, hat Goethe niemals gesprochen, vielmehr
handelt es sich um die unerträgliche Trivialisierung eines
großen Lebensgedankens. * Goethe
hat Ewig mit großem E
geschrieben: dieses Ewig-weibliche soll besagen, daß hier vom
Vergänglich-weiblichen — also von der äußeren
Erscheinung im Weibe — nicht die Rede ist. Sich selbst und die Welt
begreift der Mensch einerseits durch die Bildung von Ideen, andrerseits
durch die Liebe; das sind die beiden Wege, die ihn über ein
stumpfes tierisches Dasein hinausführen. „Idee“ und „Liebe“
bezeichnet Goethe in einem seiner Prosasprüche als das
geheimnisvolle „Etwas, was weit über Zeit und Raum hinausgeht und
ohne welches wir weder tun noch wirken könnten“; und im Divan
heißt es:
Mir bleibt genug! Es bleibt
Idee und Liebe!
In der Tat, was den Menschen zum „Menschen“ erst macht, ist, wie wir
seit Plato wissen, die schöpferische Befähigung seiner
Vernunft, Ideen zu bilden; auch der aller Phantasterei abholde, streng
exakte Mathematiker des heutigen Tages muß bekennen: Les
idées sont le fondement même de la réalité,
Lebensatem jedoch, Seele, pulsierendes Dasein erhält diese
„Realität“ erst, wenn sich zu der auferbauenden Architektonik der
Ideenbildung die zeugende Triebfeder der Liebe gesellt:
die
allmächtige Liebe,
Die alles bildet, alles
hegt.
Während nun die Erschaffung gestaltender Ideen als ein
charakteristisch männliches Prinzip erkannt werden muß,
empfindet Goethe das Begreifen durch die Liebe als ein weibliches.
Wiederum haben wir zwei entgegengesetzte Enden des Menschengemütes
vor
113
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Liebe
Augen, und wiederum ist
für Goethe bezeichnend, daß er beide
gleich stark empfindet, erlebt, betätigt. Zu allen Lebenszeiten
und auf allen den vielfachen Gebieten, die ihm Anteil abgewannen,
finden wir bei ihm die starke Betonung der reinen Idee; die Idee, sagt
er an verschiedenen Stellen, sei „das Organ“, mit dem er die
Erscheinungen erfasse; „die Idee muß über dem Ganzen
walten“; zugleich aber betont er stets als das unentbehrliche Element
für sein schöpferisches Ideenbilden den Enthusiasmus, die
Liebe. Auf die Bedeutung der „Idee“ bei Goethe kommen wir noch oft
zurück, denn Schritt für Schritt werden wir ihr begegnen;
doch war, wie man sieht, der Gott der Liebe ihm ebenfalls
allgegenwärtig; noch in herbis
et lapidibus, in den Kräutern
des Waldes und den von ihm so fleißig „geklopften“ Steinen,
glaubt er ihn zu erblicken. Hier ist die Verwandtschaft mit dem Wesen
des Weibes offenbar: durch Liebe (nicht durch Erkenntnis) begreifen,
aus Liebe (nicht aus Überlegung) handeln, ist weiblich; insofern
ist man gewiß berechtigt, in Goethe's Wesen ein weibliches
Element zu betonen. Wir entdecken das auch in seiner Liebe zu Weibern,
die nicht (wie so oft bei bedeutenden Männern) gedankenhaft
überspannt ist, auch nicht gewaltsam und herrisch, vielmehr an
jeder sinnlich wahrgenommenen Einzelheit sinnig haftet und stets das
Geliebtwerdenwollen mehr als die männliche Besitzesbegier betont:
„Ich habe mein ganzes Leben lang einen idealischen Wunsch gehabt, wie
ich geliebt sein möchte.“ Doch folgt bei Goethe auf diese erste
Stufe der unvermittelten Liebesregung eine Zwischenstufe
losgelöster, leidenschaftsbarer Besinnung; und dies dürfen
wir als so durchaus fremd dem weiblichen Gemüte bezeichnen,
daß wir uns zweifelnd fragen müssen, ob selbst vereinzelte
Frauen befähigt sein können, Goethen hier nach seinem Werte
gerecht zu werden. Und erst von dieser zweiten Stufe aus wird die
dritte erreicht, diejenige, wo die Liebe — die zunächst nur der
Zauber eines einzelnen, zu glücklicher Stunde erblickten Wesens
gewesen war — auf der selben Stufe erfaßt wird wie die „Idee“, wo
sie, heißt das, nicht mehr bloß als Triebfeder begeistert,
sondern als erfüllende, allgemeine, überpersönliche
Erkenntnis beglückt, nicht jedoch abstrakt, sondern in der
Verklärung eines aus der zeitlichen Bedingtheit zu ewiger
Bedeutung poetisch geläuterten Weibes. Das ist die letzte und die
höchste
114
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
jener Rückverwandlungen,
die Schiller staunend an Goethe
wahrgenommen hatte: erst das Angeschaute zu einem Gedanken geworden,
dann wieder „rückwärts Begriffe in Intuitionen umgesetzt und
Gedanken in Gefühle verwandelt (S. 95); das
erhabene Weltprinzip
der Liebe, alles Vergänglichen, alles dessen also, woran man im
gewöhnlichen Leben denkt, wenn man „weiblich“ sagt, entkleidet,
und nun — die Krone aller Weisheit — in seinem wahren Urwesen als ein
Ewiges, der Idee Verwandtes erkannt. Mit diesem Worte, das
„Ewig-weibliche“, beschreibt Goethe das Heiligste, was — weltentnommen
— er im eigenen Herzen — weltentronnen — trug und von dort aus
sonnengleich über das Erschaffene zurückstrahlte.
—————
Die Freundschaft
In das innerste Wesen von Goethe's Lieben suchten
wir einzudringen; den
Kern allein wollten wir uns herausholen; wie man gesehen hat, es
führte uns diese Untersuchung bis an den Mittelpunkt der
Persönlichkeit. Nun wollen wir verschiedene andere Wege
einschlagen, geeignet, unsere Kenntnis dieser Persönlichkeit zu
erweitern.
An die Betrachtung der Liebe gliedert sich
ungezwungen die der
Freundschaft, sowie überhaupt des Umgangs mit Menschen; Analogie
und Gegensätzlichkeit dienen zur beiderseitigen Aufhellung.
Goethe's Beziehungen zu Männern, ebenso auch zu befreundeten
Frauen sind so zahlreich, ihre Tragweite für sein Leben ist so
bedeutend, daß sie als Gesamterscheinung die Aufmerksamkeit
fesseln und in einzelnen Fällen eingehendes Betrachten verdienen,
wenn auch hier — ebenso wie bei der Besprechung der Liebe — nicht ein
biographisches Herzählen, sondern einzig die Aufdeckung
eigenartiger Anlagen der Persönlichkeit bezweckt wird.
Von Jugend auf ist das grenzenlose Bedürfnis
Goethe's nach Umgang
mit Menschen auffallend. „Geselligkeit lag in meiner Natur“, gesteht
er. Besondere Bedeutung erhält jedoch dieses Bedürfnis nach
Menschen, welches sonst trivial erscheinen könnte, erst, wenn wir
an die resolute Abkehr von der Welt nach der italieni-
115
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
schen Reise denken, eine
Abkehr, die sich schon zehn Jahre früher
als sehnsüchtiges Streben nachweisen läßt: „Die
eisernen Reifen, mit denen mein Herz eingefaßt wird, treiben sich
täglich fester an, daß endlich gar nichts mehr durchrinnen
wird.“ Ja, wie wir entdecken werden, gab sich Goethe um so
ungezwungener dem Verkehr mit Menschen hin, je sicherer er dem eigenen,
scheidenden Herzenspanzer trauen konnte:
Bedenkt! es
lebt kein Mensch
Für sich allein; er
muß viel
andere sehn,
Und unter diesen sind der
Toren viel:
Die lernt man dulden,
wenn sie brauchbar sind.
Den ganzen Tag über ist er kaum je allein. Während er noch zu
Bette liegt, tritt der Sekretär zu ihm ein; er diktiert beim
Anziehen, er diktiert im Bade; er empfängt Fremde vormittags,
Freunde zum Mittagstisch, lädt sich Diesen oder Jenen zur
Nachmittagsfahrt ein. Ehe er ein Amt erhält, sehen wir ihn von
klein auf stets in einem vielfachen Strudel der Geselligkeit; in den
Weimarer Amtsjahren nimmt er fast jede Mahlzeit außer dem Hause
ein und ist abends selten daheim; in Rom teilt er die Wohnung —
manchmal sogar das Schlafzimmer — mit seinen lieben Künstlern;
später wächst mit den Geschäften, den Studien, den
Liebhabereien die Zahl der Beziehungen. Muß er zufällig
einmal außerhalb der Arbeitsstunden allein bleiben, so stellt
sich sofort unerträgliche Langeweile ein; „die sechzehn Stunden
des Tages“, sagt er, „haben eine furchtbare Länge“; zieht er sich
unter dem erschütternden Eindruck des jähen Todes Carl
August's (1828) wirklich mit nur einem Sekretär nach Dornburg
zurück, so versteht er es, fast täglich zahlreichen Besuch
herbeizulocken.... In seinen letzten Jahren hat er außer der
vollen Familientafel den täglichen Besuch durchreisender Fremden,
weswegen August Goethe 1829 seufzt, seines Vaters Haus „gleiche
wirklich einem Gasthofe“; dazu kommt noch ein kleiner Hofstaat
näherer Freunde, die ohne Weiteres Zutritt haben und von denen
sich alltäglich mehrere — früh, mittags und abends —
einfinden. Goethe selbst bezeichnet einmal sein Leben in diesen letzten
Jahren als „einen wahren Hexentumultkreis“. Erwägt man nun,
daß diesem Manne schon in der Jugend „die Kluft zwischen sich und
denen
116
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
Menschen so graß in die
Augen fiel“ und er sich von Gott „Ruhe
vor den Menschen, mit denen er doch nichts zu teilen habe“, erbat, so
reizt dieser unleugbare Widerspruch zu nachdrücklichem Aufmerken
an.
Als die eine Wurzel des auffallenden Verlangens nach
Menschennähe
nenne ich zuerst ein Bedürfnis, seine Kraft zu üben und sich
im Anprall gegen Andere Anregung zu holen; im Gegensatz zu Sinnen und
Brüten mutet es wie ein freudiges Funkenschlagen an. Dahinter
verbirgt sich aber eine weit tiefer liegende Bedeutung: früh ein
Instinkt und später eine Überzeugung, daß der einzelne
Mensch nur ein Bruchstück ist und, wenn einsam, ein Wrack, wogegen
der Mensch als Gesamterscheinung kosmische Bedeutung besitzt. „Die
Menschheit zusammen ist erst der wahre Mensch, und der Einzelne kann
nur froh und glücklich sein, wenn er den Mut hat, sich im Ganzen
zu fühlen.“ „Nur sämtliche Menschen leben das Menschliche.“
„Die ganze Menschheit ist kaum hinreichend, sich aus sich selbst
aufzuerbauen.“ Goethe, der Mann, der sich von der italienischen Reise
an hinter einen hohen Schutzwall zurückzieht (S. 61), um sich
einzig der Ausbildung seiner eigenen Persönlichkeit zu widmen,
empfindet nichtsdestoweniger die unabweisbare Nötigung, in die
ganze Menschheit aufzugehen, mit ihr zu verschmelzen. Hier
berühren wir einen Punkt, der erst im 6.
Kapitel eingehendere
Erörterung finden kann, der aber bei dem subjektiven
Bedürfnis nach regem Menschenverkehr zu bedeutungsvoll ist, um an
dieser Stelle unerwähnt bleiben zu dürfen.
Eine zweite Wurzel dieses Bedürfnisses bildet
(wie schon
angedeutet) ein eigentümlich weiblicher Zug im Wesen Goethe's: das
Verlangen, sich an Andere anzulehnen, eine Verzagtheit, wenn er dies
nicht kann. Sich selbst gegenüber besitzt Goethe immer das
Gefühl eines schutzbedürftigen Embryos. „Ich bin immer das
neugeborene Kind“, gesteht er noch im späten Alter; wozu der
Wahlspruch aus früher Jugend stimmt: „Wir müssen
nichts s
e i n, sondern alles w e r d e n wollen“; er
selber ist immer ein
Werdender und bedarf daher mütterlicher Fürsorge. Selbst
seinen aus Frankfurt mitgebrachten Amanuensis und Diener Seidel
bezeichnet er als „Schutzgeist“; an Charlotte von Stein schreibt er,
als er sich (1784) auf einer seiner diplomatischen Reisen befindet:
„Ohne dich
117
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
kann ich nicht bestehen....
Ich bin kein einzelnes, kein
selbständiges Wesen. Alle meine Schwächen habe ich an Dich
angelehnt, meine weichen Seiten durch Dich beschützt, meine
Lücken durch Dich ausgefüllt“; wie Christiane ihn 1806 gegen
die französischen Soldaten beschirmen mußte, ist allbekannt
— er selber war fassungslos. * Dem
großen Manne bleibt eine
eigenartige Unbeholfenheit zeitlebens eigen. Noch im kräftigen
Alter, wagt er es nicht, die Reise nach Berlin zu unternehmen: „Schon
seit mehreren Jahren habe ich ein ,gewisses Kleben am Wohnort, das
vorzüglich daraus entspringt, weil in mir noch so viel Aufgeregtes
und doch Unausgebildetes liegt ¹). Da habe ich das ganze Jahr zu
tun, um
nur hie und da ins Klare zu kommen, meine Gesundheits- und die
Zeitumstände nicht mitgerechnet.“ Und doch war seine Sehnsucht,
die Gesangsaufführungen unter Zelter zu erleben, so groß,
daß er meinte, erst dadurch würde er „zum wahren
Lebensgenuß gelangen“. Wäre der richtige Mensch zur Hand
gewesen, an den sich Goethe zur Ausführung dieses Lebenswunsches
hätte „anlehnen“ können, er wäre ohne Zweifel des
Genusses teilhaftig geworden, und wer will die Bedeutung für sein
Innenleben ermessen? Wer durch einige Beispiele aufmerksam gemacht
worden ist, wird auf Schritt und Tritt diesem Anlehnungsbedürfnis
bei Goethe begegnen.
Das unersättliche Verlangen nach Menschenumgang
weist aber noch
eine dritte Wurzel auf, und vielleicht ist diese von allen die
stärkste: nicht bloß seine Schwäche lehnt Goethe an
andere an, auch seine Kraft; er versteht es meisterlich, Andere
für
sich arbeiten zu lassen. Es ist dies eines der Geheimnisse seiner
unerhörten Leistungen. Wie ein genialer König bis weit
hinunter in der Hierarchie seine Leute selbst wählt, hinstellt, wo
sie hingehören, im Auge hält, durch Drohungen antreibt, durch
Ehrungen belohnt: ebenso Goethe. Über seinen Aufenthalt in Rom
schreibt er: „Dadurch, daß ich einige Künstler immer mit mir
leben ließ, habe ich zugleich Lehrer, Freunde und Diener
erworben.“ Dieses Wort können wir auf sein ganzes Leben ausdehnen:
Lehrer, die zugleich seine Diener waren, und die er — wo sie
widerspenstig wurden — durch hundert Mittel an sich zu ketten
wußte, hat Goethe immer um sich gehabt; einige wurden auch
Freunde. Als Student schon verschafften ihm
—————
¹) „Aufgeregt“ hier im Sinne
von a n g e r e g t (vergl. Sanders).
118
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
reichere Mittel sowie der
Zauber seines Umgangs vielseitige Hilfe
Anderer; später, als Minister und als Oberleiter umfangreicher
wissenschaftlicher Sammlungen, verfügte er nah und fern über
nicht unbedeutenden Einfluß; zuletzt kam das Gewicht seines
bloßen Namens hinzu. Einige Beispiele. Als Goethe sich für
Geologie zu interessieren beginnt, läßt er sich alles
vorarbeiten: ein gehörig ausgebildeter jüngerer Fachmann wird
auf Landeskosten verschrieben, bereist Thüringen die Kreuz und
Quer, legt für das herzogliche Kabinett und zugleich für
Goethe's Privatsammlung die vollständige Gesteinsfolge an,
ergründet genau die Hauptlinien des geologischen Aufbaues sowie
die mineralogischen Vorkommnisse, und als dies geschehen, führt er
seinen Vorgesetzten an die lehrreichsten Orte, wo in die stets
verwickelten Verhältnisse des Erdrindenbaues am schnellsten
Einblick gewonnen wird. Auf diese Weise erhält der von Natur
genial zusammenfassende Geist in kürzester Zeit und trotz der
übrigen Arbeitslast nicht eine dilettantenhaft verallgemeinernde,
sondern eine an tatsächlichen Anschauungen reiche,
wohlbegründete Kenntnis der Geologie seines Wahlvaterlandes und
damit zugleich eine feste Grundlage für alle spätere
Betätigung auf diesem Gebiete. Ohne die dienende Beihülfe
eines Fachmannes wäre er dazu unfähig gewesen; in einem Brief
sagt er ausdrücklich, es sei ihm, ehe er die Hülfe dieses
Lehrer-Dieners gewonnen habe, nicht gelungen, die Namen der Körper
zu bestimmen „noch auch gewisse andere bestimmte Begriffe
zusammenzubringen“. Bei allen seinen naturwissenschaftlichen Studien
ist er ähnlich verfahren. Für die spezielle Geognosie des
Bergbaues war es ein anderer, Voigt (Bruder des im ersten Kapitel
genannten), der die Lehrerdienste sowohl an Ort und Stelle wie bei der
Ordnung der „Stufen“ im sorglich bereiteten Schranke übernahm; bei
der Botanik hatte er Hofgärtner, Hofapotheker und
Universitätsprofessoren zur Verfügung und
nahm sogar auf Reisen einen jungen Kräutersammler mit, da er
selber im „Analysieren“ der Pflanzen — nämlich im Bestimmen von
Gattung und Art — es nie zu einiger Fertigkeit hat bringen können.
Zu seiner eingehenden Kenntnis der Anatomie des menschlichen
Körpers legte Goethe den Grund, indem er — mit einem von ihm
erbetenen herzoglichen Auftrag ausgestattet — nach Jena reiste und sich
dort acht Tage lang von früh bis Abend mit Professor
119
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
Loder in den Seziersaal
einschloß und an Leichen vordemonstrieren
ließ. Einzig in der Farbenlehre hat er alles ab ovo selber
erfunden — auch die Methode des Beobachtens und Experimentierens. Und
wie in den Naturwissenschaften, so verfuhr er überall. So z. B.
verstand er es, für die tagtäglich auftauchenden
philologischen Fragen — grammatikalische, metrische, etymologische,
literarische, mythologische — Riemer, einen Lieblingsschüler
Friedrich August Wolf's, so an sich zu fesseln, erst als Hauslehrer
seines Sohnes, dann als Sekretär, schließlich als Freund und
Mitarbeiter, daß dieser nie mehr zur Fortsetzung der schon
angetretenen Hochschullaufbahn kam! Riemer — dessen „tiefeindringende
Sprachkenntnisse“ Goethe häufig bewundernd rühmt — ist an
allen Hauptschriften der zweiten Lebenshälfte — namentlich an
Dichtung und Wahrheit, an den Wanderjahren, am Faust II — hervorragend
beteiligt, so daß Goethe von seiner Beihülfe aussagt, sie
„sichere Klarheit und Übereinstimmung des Ausdrucks“; auch
für jeden Brief, auf dessen Wortlaut Goethe besonderen Wert legt,
wird Riemer's „grammatisch rhetorischer Beistand erbeten“. Mit der
Sicherheit des praktischen Genies wußte Goethe sich seine Leute
auszusuchen: seine Theaterleitung ruht auf den Schultern des
unverdrießbaren Kirms, seine Jenaische Zeitschriftengründung
auf denen Eichstädt's; die Sorge für die mineralogischen und
geologischen Sammlungen übernahm der bis ins hohe Alter
rührige Lenz. Christian Gottlob Voigt wurde schon im ersten
Kapitel kurz erwähnt (S. 55); seine
Verdienste erheischen jedoch
stärkere Betonung. Bis an Voigt's 1819 erfolgten Tod hat Goethe in
öffentlichen und auch in privaten Geschäften fast nichts
beschlossen und durchgeführt ohne den Rat und die unausgesetzte
Mitwirkung dieses verehrungswürdigen Mannes. „Durch Voigt's
Freundschaft“, schreibt er, „ward es mir allein möglich, ein
höchstbewegtes Leben ohne Anstoß fortzuführen, indem
eine jede Stockung durch weise Leitung und Mitwirkung des erfahrensten
und bestgesinnten Mannes sogleich beseitigt werden konnte“.
Rückblickend auf seine Beamtenjahre in Weimar sagt Goethe von
sich, er sei „eigentlich konstruktiv, nicht empirisch tätig
gewesen“, denn er habe sich als „zum technischen G e s c h
ä f t
gleichsam untauglich“ erkennen müssen. In der Tat, das rein
Amtliche in Goethe's Verpflichtungen blieb meistens Voigt zur
Durchführung überlassen:
120
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
er, nicht Goethe, führt
den Vortrag in allen jenen akademischen
Geschäften, deren Organisationsideen aus Goethe's Geiste
hervorgingen; ihm, nicht Goethe, liegt die unendlich verwickelte
Mühewaltung bei der Aktivierung des Bergbaues in Ilmenau ob, und
als nach Jahren vergeblicher Arbeit der Betrieb aufgegeben werden
muß, nimmt Goethe Voigt's Vorschlag dankbar an, zieht sich ganz
zurück und überläßt dem Freund und Diener „alle
das Unangenehme, was die Beendigung des Geschäfts mit sich
führt“. Schon vor der italienischen Reise trug Voigt „den
größten Teil der Geschäfte“; im Verlauf der Jahre wurde
er für Goethe immer mehr „eine notwendige Bedingung seines eigenen
Daseins“. Wie sich Goethe zu der umfangreichen Arbeit des Sammelns und
Bearbeitens einer letzten Gesamtausgabe seiner Schriften die Dienste
Eckermann's zu sichern wußte, ist allbekannt; er hätte nicht
besser wählen können: nicht so gelehrt wie Riemer, nicht
entfernt so bedeutend wie Schubarth, den zu gewinnen trotz aller
Mühe nicht gelang, nicht so zart und klar wie Zauper, für den
Goethe eine besondere Vorliebe zeigt, besaß Eckermann gerade das
richtige Verhältnis von Selbständigkeit und
Unselbständigkeit, von Unoriginalität und Anempfindungsgabe
und war Goethen als „ein gar feiner und stiller Jüngling“
persönlich angenehm. Unter allen diesen Verhältnissen ragt
jedoch das zu dem Schweizer Maler und Kunsthistoriker Johann Heinrich
Meyer hervor; in ihm hat die Beziehung zu den „Lehrern, Dienern,
Freunden“ den vollendeten Ausdruck gefunden. Verweilen wir darum hier
einen Augenblick. Indem wir den Mann kennen lernen, der mit Goethe's
Leben länger als irgend ein Anderer eng verknüpft blieb,
gewinnen wir einen tiefen Einblick in Goethe's innerstes Wesen. Und
zwar finden wir uns um so mehr dazu veranlaßt, als uns die
Biographen im Stiche lassen; einigen gelingt das Kunststück, den
Namen überhaupt nicht zu nennen, die anderen bringen so karg
Unzulängliches, daß die Art und namentlich der Grad der
Beziehungen unbegreiflich erscheint. Steigen wir also zu den Quellen.
Goethe — der rhetorische Übertreibung stets
Meidende — sagt selber
von Meyer, als er erst seit kurzem mit ihm in Rom verkehrt: „Er hat
eine himmlische Klarheit der Begriffe und eine englische Güte des
Herzens. Er spricht niemals mit mir, ohne daß ich alles
121
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
aufschreiben möchte, was
er sagt; so bestimmt, richtig, die
einzige wahre Linie beschreibend sind seine Worte.“ Später, als
Goethe ihn zum Lebensgenossen gewonnen hatte, heißt es: „Ich habe
das Glück, einen Freund in der Nähe zu besitzen, dessen
reiche Erfindungskraft und geläuterter Geschmack gleichsam
täglich eine neue Welt an meiner Seite erschafft, die mir den
schönsten Stoff zum Nachdenken giebt.“ Gegen Schiller
äußert er sich über ihn: „Es ist eine reine und
treufortschreitende Natur, unschätzbar in jedem Sinne.“ Ein
anderes Mal nennt er Meyer „eine schöne Zierde des Lebens für
mich“ und schreibt an den Herzog, als einmal der Freund erkrankte:
„Wenn er stirbt, so verliere ich einen Schatz, den wiederzufinden ich
fürs ganze Leben verzweifle.“ Mehr vielleicht als alles andere
besagen folgende zwei Stellen. In einem Brief an Jacobi redet Goethe
von Schiller und Meyer als von „zwei Freunden, mit denen mich ein
ähnliches, ja ich kann wohl sagen ein gleiches Interesse
verbindet“; und gegen Wilhelm von Humboldt äußert er sich:
„Wir drei (nämlich er selbst, Schiller und Meyer) haben uns nun so
zusammen und ineinander gesprochen, daß bei den verschiedensten
Richtungen unserer Naturen keine Diskrepanz mehr möglich ist,
sondern eine gemeinschaftliche Arbeit nur um desto mannigfaltiger
werden kann.“ Welcher Mann von Urteil wird bezweifeln, daß solche
Ausdrücke auf mehr deuten als auf die Biederkeit, Treuherzigkeit,
Bescheidenheit, von denen unsere Herren Literarhistoriker — im besten
Falle — flüchtig und herablassend erzählen.
* Auch Schiller —
der so leicht schroff Urteilende — denkt anders über Meyer als die
fachmännischen Schöngeister. Als er sich entschließt,
sein Heim von Jena nach Weimar zu verlegen, nennt er nebst Goethe und
dem Theater einzig „die Berührungen mit Meiern“ als
entscheidenden Beweggrund; mehr als einmal sehen wir ihn im
ästhetischen Meinungsaustausch Meyern seinem großen Freunde
gegenüber Recht geben; und als Herder seine Briefe über die
ästhetische Erziehung des Menschen ungünstig
beurteilt,
schöpft er „Trost“ aus Meyer's „bedeutender Stimme“; an Meyer
richtet Schiller den schönsten Brief, den er jemals über
Goethe geschrieben hat!
Die Fähigkeit, in schöpferischem Schaffen
jene „reiche
Erfindungskraft“, die Goethe an ihm preist, zu betätigen, ging ihm
122
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
allerdings ab; in weiser
Selbsterkenntnis hat er dies bald eingesehen;
dagegen erwarb er sich in nie erlahmendem Fleiße
ungewöhnlich ausgedehnte historische Kenntnisse in bezug auf
bildende Kunst, die nicht allein der Breite nach das Wissen seiner Zeit
umfaßten, sondern namentlich reich an technischer Einsicht waren.
Dank seinem Lehrer Füeßli, einem persönlichen Freunde
Winckelmann's, knüpften Meyer's historische Studien unmittelbar an
die echtesten Taten der damals erst zum Leben erwachenden
Kunstgeschichte an. Somit besaß er ein gutes Urteil über das
Was und Wie in all den tausend künstlerischen Fragen, die Goethe
sein Lebenlang beschäftigten. In seiner Geschichte der bildenden
Künste bei den Griechen und Römern und den später
gesammelten Kleineren Schriften zur
Kunstgeschichte hat er uns dauernde
Zeugnisse seiner Kompetenz hinterlassen. So viel nur flüchtigst
über den außerordentlichen Kunstkenner; der Wert des
Freundes ist tiefer begründet.
Den Kernpunkt dieser von Goethe und Schiller so
hochgeschätzten
Persönlichkeit hat Ersterer in der ihm eigenen Weise mit wenigen
Worten aufgedeckt: Meyer, meint er, sei „in dem immerfort dauernden
Streben begriffen, die Sachen i n s i c h,
und nicht, wie unsere lieben
Landsleute, s i c h nur in den Sachen zu sehen“.
Reine
Objektivität — das Seltenste von der Welt — ist das
unterscheidende Kennzeichen dieses Mannes, Goethe schreibt:
„G e w
ö h n l i c h e s Anschauen, richtige Ansicht der irdischen
Dinge
ist ein Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes; r e i n
e s
Anschauen des Äußern und Innern ist sehr selten.“ Nicht
leidenschaftslos ist eine solche Natur — sonst erteilte ihr Schiller
sicherlich nicht das Prädikat „bedeutend“, doch die Leidenschaft
zehrt sich bei ihr in jenem „immerfort dauernden Streben“ auf, wogegen
sie das Urteil unbeirrt sachlich und darum, wie Goethe einmal sagt,
„vollkommen“ fällt. Ist es für Goethe bezeichnend, daß
er bei jedem Menschen vor allem nach der Reinheit des Charakters
forschte, so fand er hier dieses Erforderte in untadeliger Gestalt,
daneben aber, wie man sieht, ein noch Selteneres: einen spiegelreinen
Intellekt, der in unnachlässiger Selbstzucht sowohl dem Haß
wie der Liebe allen Einfluß auf das Urteil verwehrt und der weder
Eigensucht noch Eigenwillen noch Eigensinn kennt. Schon in sehr jungen
Jahren hatte Goethe erkannt: „Liebe und Haß sind gar
123
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
nahe verwandt und beide machen
uns trüb sehen.“ Das schönste
Zeugnis erhielt Meyer in dem Distichon „Der treue Spiegel“, das
Schiller und Goethe mitten unter den sengenden Pfeilen ihrer Xenien
diesem seltenen Freunde widmeten:
Reiner Bach, du entstellst
nicht den Kiesel, du bringst ihn dem Auge
Näher: so seh' ich die Welt, Meyer, wenn du sie beschreibst.
Nichts schätzt Goethe höher als Meyer's „reinen,
unbestechlichen Blick“ und meint deswegen: was man durch Meyer's Augen
sieht, „nimmt sich gar herrlich aus“. So begreifen wir nunmehr — was
sonst rätselhaft bliebe —, warum Goethe nicht bloß in Fragen
der bildenden Kunst, sondern in allen Fragen des Lebens und Schaffens
auf Meyer's Urteil entscheidenden Wert legt. Für seine
Gediegenheit und seinen Takt in Weltgeschäften zeugt die Tatsache,
daß bei der schweren Theaterkrise vom Jahre 1808, als Goethe und
der Herzog hart aneinander gerieten und ein vollständiger Bruch
nahe schien, Meyer es ist, der mit der Vermittelung betraut wird.
Literarisch steigert sich sein Anteil an Goethe's Leben bis zur
Mitarbeiterschaft. Als Hermann und
Dorothea vor Schiller und Wilhelm
von Humboldt bestanden hat, schickt Goethe die Dichtung an den damals
abwesenden Meyer mit den Worten: „Meine hiesigen und benachbarten
Freunde sind wohl damit zufrieden, und es kommt hauptsächlich noch
darauf an: ob es auch vor Ihnen die Probe aushält?“ Auch im
späteren Leben sehen wir Goethe, wenn die anderen Berater seine
Manuskripte durchgearbeitet haben, sie Meyern zum entscheidenden
Überblick vorlegen. Galt es zarteste Seelenregungen,
Seelenkonflikte — wie z. B. die Aufforderung, einer Lebensschilderung
Schiller's Aufmerksamkeit zu schenken —, so wurde Meyer allein zur
Beratung herbeigerufen. Und es hat wohl viel zu bedeuten, wenn Goethe
die Vollendung des zweiten Teils des Faust
sofort, am selben Tage,
Meyern mitteilt und erst nach Monaten den sonst ihm nahen Freunden, wie
Humboldt, Zelter, Boisserée. *
Bei allen die bildende Kunst
betreffenden Schriften war die Gemeinsamkeit eine so vollkommene,
daß es heute schwer fällt, den Anteil jedes Einzelnen
auszuscheiden. In der Weimarer Ausgabe der „Schriften zur Kunst“ lesen
wir: „Auf Grund des handschriftlichen Materials läßt sich
vor allem behaupten, daß das
124
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
Gefühl der Gemeinsamkeit
beider Autoren gegenüber ihren
Arbeiten noch weiter gegangen ist, als man bisher geglaubt hat. Keiner
von Beiden hat sich gescheut, Arbeiten als die seinigen zu bezeichnen,
welche nach Ausweis der Handschriften von dem Andern herrühren.“
Wie wir aus Goethe's Briefen erfahren, „schaltet er“ bei dem Verfassen
seiner Italienischen Reise
„Beiträge von Meyer in sein Konzept
ein“ und bittet ihn bei gewissen Episoden, „irgend einen bedeutenden
Zug zu finden, der das Ganze mehr charakterisiert und bedeutender
macht“. Vor wenigen Jahren entdeckte sogar der verdienstvollste unter
den emsigen Goetheforschern, Bernhard Suphan, zu seinem und Aller
Erstaunen, daß eine berühmte Stelle in den Wanderjahren
(Buch 3, Kap. 13), die Schilderung der nächtlichen Seefahrt,
rückkehrend vom Markte, einem Manuskripte Meyer's
buchstäblich entnommen ist; nur ein einziges Wörtchen —
„kaum“ — hat Goethe eingeschoben, sonst hat er nichts geändert; er
durfte es wagen, Meyer's Schilderung für seine eigene zu geben;
und anmutig wirkt es, heute, wo wir dies wissen, Lenardo's Bemerkung zu
vernehmen (notabene, die Schilderung wird im Roman einer Frau in den
Mund gelegt): „Ich hatte ihr mit Verwunderung zugehört, wie gut
und schön sie das alles sprach.“
Jetzt verstehen wir es, wenn Goethe an Meyer
schreibt: „Daß wir
uns gefunden haben, ist eines von den glücklichsten Ereignissen
meines Lebens.“ In der Tat, wenige Dinge in Goethe's Leben ziehen sich
von Anfang bis zu Ende so ungetrübt harmonisch hin wie das
Verhältnis zwischen ihm und Meyer. Dieser war noch nicht
dreißig Jahre alt, als er Goethe in Rom begegnete; bald nachher
zog er nach Weimar und wohnte mit einer einzigen Unterbrechung zehn
Jahre lang — ein Mitglied der Familie — unter Goethe's Dach; erst seine
Verheiratung nötigte zur Begründung eines eigenen Haushaltes,
doch tat dies dem Verkehr nur geringen Eintrag; wie Goethe selber
hierüber berichtet: „Weder Hindernis noch Pause ward jemals
empfunden“; und während der fünfundvierzig Jahre, die von
1787 bis 1832 reichen, gab es wenige Tage, an denen nicht
mündlicher oder schriftlicher Gedankenaustausch stattgefunden
hätte. Goethe hat Meyer in sein eigenes Dasein so vollständig
aufgesogen, daß Meyer fast als ein Organ Goethe's zu betrachten
ist; sobald das erhabene Haupt auf immer die Augen schließt, legt
sich das treu
125
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
angehörige Glied hin und
stirbt. Durch seine Reinheit wuchs der
bescheidener beanlagte Geist zu der Höhe des Weltgenius heran und
ging so ganz in ihn über, daß kein Eigenrest blieb, kein
Atom Schlacke. Von Heinrich Meyer besitzen wir kein schwatzhaftes
Tagebuch; keine klatschseligen Briefe schrieb er an Dritte; Niemandem
auf der Welt vertraute er an, was er für Goethe empfand, noch was
er für Goethe war: es blieb sein Geheimnis. Nie hat er versucht,
durch Goethe's Einfluß über sich hinauszukommen, etwas
anderes zu werden oder zu scheinen als ein Organ des gottgesandten
Mannes, als dessen Diener, dessen Lehrer, dessen Freund.
Einst in späteren Jahren kam ein gut naiv
Beobachtender, ein
Maler, durch Weimar gereist und durfte an der gastfreien Tafel am
Frauenplan sitzen. Alle sind sie da, die täglichen Genossen: der
feinsinnige Architekt Coudray, der in alle politischen Vorgänge
eingeweihte, gegen Goethe stets dienstbeflissen hilfreiche, wenn auch
manchmal hastig unbesonnene Kanzler von Müller, der Arzt und
Skeptiker Vogel, Riemer, der schon genannte klassische Philolog, ein
gelehrter Mann, der noch mehr für Goethe geleistet hätte,
wäre er weniger eigenwillig und heftig gewesen, Eckermann, die
fleißig „zusammenschleppende Ameise“ (wie ihn Goethe bezeichnet),
welcher, das unvermeidliche Notizbuch in der Hand, an den Lippen des
Meisters hängt und jedes Wort „sofort auswendig zu lernen
scheint“; doch Einer fällt dem beobachtenden Fremden in dieser
lebhaft diskutierenden, heiteren Tafelrunde besonders auf: der
schweigsame Greis mit der ausgesprochen schweizerischen Mundart, dessen
Auge „auf dem Antlitze seines alten Jugendfreundes mit rührenden
Blicken verweilt, die ebenso viel Zärtlichkeit wie Bewunderung
ausdrücken“. Da liegt es! Über Meyer läßt sich
nicht viel sprechen; man hätte ihn mit Augen sehen müssen,
sehen, wie sein Blick auf Goethe ruhte. Dieser Blick, der reine, nichts
entstellende, sah überall bis auf den Grund. Als jene unselige,
italienisch-kleinasiatische Mischlingsfamilie der Brentanos, die
Vorboten der jüdischen Auflösung, zum ersten Male am
Horizonte Weimars auftaucht, schreibt Goethe an Schiller: „Erlustigen
wird Sie das unendliche Unglück, in welches Meyer bei dieser
Gelegenheit geraten ist, indem diese seltsamen und, man darf wohl
sagen, unnatürlichen Erscheinungen ganz neu und frisch auf seinen
reinen Sinn
126
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
wirkten.“ Immer wieder als
hervorstechende Eigenschaft die Reinheit:
die reine Natur, der reine Bach, der reine Blick, der reine Sinn. Und
dieser reine Sinn erkennt sofort das Unreine, das Naturfremde,
Erlogene, erkennt den Feind, den diabolischen Vergifter alles dessen,
was Goethe und Schiller für ihr Deutschtum erstrebt und erstritten
hatten, und ... gerät darüber in „unendliches Unglück“.
Heute wird sich Keiner hierüber erlustigen. Zweierlei offenbart
uns aber dieser eine Zug. Wir begreifen jetzt, warum unsere
Goethegelehrten so wenig mit der Gestalt des stillen Freundes
anzufangen wissen; sind sie doch fast alle aus dem chaotischen
Geschlecht, über welches der Reine in Entsetzen geriet, und wenn
nicht, so stehen sie — wie unsere ganze Gegenwart — unter seinem
Einfluß, und das heißt, unter dem Einfluß einer
unbewußt und bewußt jede einzelne Tatsache unseres
germanischen Seelenlebens fälschenden Tendenz. Was aber Meyer
betrifft, so wirkt dieser kleine Vorfall wie eine plötzliche
Beleuchtung der im Schatten halb verborgenen Gestalt. Zwar hat uns auch
der Dichter gelehrt:
Was euch das Innere stört,
D ü r f
t ihr nicht leiden!
Doch schwebte er zu hoch über den Tageserscheinungen, ihnen wie
Meyer auf den Grund zu sehen. An diesem unbeirrbaren Blick, an diesem
„unendlichen Unglück“ bei der Erscheinung zweier harmloser junger
Mädchen können wir ermessen, wie dieser Blick an einem Goethe
verweilt, wie gerade dieser eine Mann unter allen gewußt haben
mag, wem er diente. Empfand Goethe sein eigenes Leben als Idee (S. 107
fg.), so wurde Meyer dieser Idee gerecht; sein unbeirrbarer, rein
objektiver, vorwiegend männlicher Verstand erfaßte die Idee
„Goethe“ ebenso klar wie die Verhältnisse einer hellenischen
Idealgestalt; sein warmes Herz — das Ewigweibliche an ihm — klammerte
sich an diesen Einzigen, der Idee eines höheren Selbst beharrlich
Hingegebenen an. Und so erkennen wir in Goethe's „Freundschaft und
Liebe“ zu Meyer nicht allein mehr als das intellektuelle Gefallen an
den Kenntnissen des gelehrten Kunsthistorikers, sondern mehr die Liebe
zum Reinen, zum Klaren, zum Tüchtigen. „Meyer nimmt von der
Umgebung wenig Notiz“, berichtet Eckermann; seine bloße Gegenwart
wird Goethe immer wieder auf sich
127
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
selbst zurückgewiesen
haben. Sehen wir die beiden Männer
häufig — wie mehrere Zeugen erzählen — lange schweigend
einander gegenüber sitzen, so glauben wir in dieser stummen
Gegenwart den Flügelschlag der Ewigkeit zu vernehmen, welcher
sonst in der Hast und Heiterkeit der dichtgedrängten Tagesstunden
wohl nicht selten überhört worden sein mag. Das
Verhältnis von Lehrer, Diener, Freund grenzt in diesem Fall an das
Erhabene. *
Hiermit ist der Übergang zu jenen
Verhältnissen gegeben, in
denen Freundschaft allein — ohne alle bewußte Zweckbeziehung —
zum Ausdruck kam. Daß Goethe sich viele Freunde erwarb, kann uns
nicht wundern; ihre Aufzählung gehört in eine Biographie; was
uns bei dem Studium der Persönlichkeit auffällt, ist der
Umstand, daß es Goethe mit den Bedeutenderen unter ihnen nicht
leicht wurde, ein ungetrübtes Verhältnis durchzuführen.
Knebel erzählt, Goethe habe ihm, im Herbst 1774, gesagt, er
müsse immer „etwas haben, auf das er eine Zeitlang das Ideal des
Vortrefflichen lege, und so auch wieder etwas für das Ideal seines
Zornes.“ Hier tritt ein dämonischer Zug in die Erscheinung, der um
so mehr Beachtung verdient, als der sonst vorsichtig reservierte Mann
uns wenige solche Einblicke gewährt. Betrachten wir erst einige
Tatsachen, und suchen wir dann ihre Deutung zu finden.
Auffallend ist der Verlauf der Beziehungen zu
Lavater. Von einer
vorübergehenden Verblendung, bald gefolgt von besserer Einsicht,
kann keine Rede sein. Goethe kannte Lavater schon seit Jahren, war mit
ihm gereist, hatte bei ihm als Gast gelebt, war bei der Physiognomik
sein Mitarbeiter gewesen und stand schon lange in regem Briefverkehr
mit ihm, als er Worte wie die folgenden schrieb: „Lavater ist die
Blüte der Menschheit, das Beste vom Besten.“ „Wenn man wieder
einmal so einen ganz wahren Menschen sieht, meint man, man käme
erst auf die Welt.“ „Die Trefflichkeit dieses Menschen spricht kein
Mund aus; wenn durch Abwesenheit sich die Idee von ihm verschwächt
hat, wird man auf's neue von seinem Wesen überrascht. Er ist der
beste, größte, weiseste, innigste aller sterblichen und
unsterblichen Menschen, die ich kenne.“ Nichtsdestoweniger kommt es
nach einigen Jahren so weit, daß Goethe in bezug auf Lavater
erklärt: „Ich bin Haß und Liebe auf ewig los ... Ich habe
auch unter s e i n e Existenz einen großen
128
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
Strich gemacht ...“; in den Xenien wird er Schelm und Schalk
geschmäht; und in einem Brief an die Herders heißt es: „Die
Welt ist groß; laßt ihn lügen drin! Wo sich dieses
Gezücht hinwendet, kann man immer voraus wissen. Auf Gewalt, Rang,
Geld, Einfluß, Talent pp. ist ihre Nase wie eine
Wünschelrute gerichtet.“ Lavater's religiöse Unduldsamkeit,
seine Bekehrungsversuche am Freunde, das Pfäffisch-Glatte in
seinem Wesen: alles das kann als Grund zu einer solchen Abkehr nicht
dienen, denn es hätte — wenn unleidlich — von Anfang an
abstoßen müssen, nicht erst nach Jahren; indiskrete
Einmengungen in Goethe's Beziehungen zur Herzogin Luise würden
einen formellen Bruch erklären, nicht aber Haß und
öffentlichen Hohn. Das Ideal des Vortrefflichen ist auf einmal in
das Ideal des Zorns umgewandelt; das Warum ist ebenso unmöglich
aufzufinden, als handelte es sich um das Gefühlsleben einer Frau;
wir begreifen weder die Inbrunst der Liebe noch die Unnachsichtigkeit
der Abneigung.
Anders, aber ebenfalls eigentümlich schmerzlich
gestalten sich die
Beziehungen zu Fritz Jacobi, dem seltenen Manne, den Wilhelm von
Humboldt als „eine der großen und süßen Erscheinungen“
bezeichnet, „welche die Seele und das Herz für das ganze Leben
bereichern“, und von dem Goethe berichtet, in seiner Nähe habe er
„des entzückenden Gefühls einer Verbindung durch das innerste
Gemüt genossen“. Wir besitzen keinen zweiten so
schwärmerischen Ausdruck der liebetrunkenen Freundschaft aus
Goethe's Hand, wie den ersten an Jacobi gerichteten Brief. Von ihrer
Begegnung schreibt er: „Ich träume lieber Fritz den Augenblick,
habe Deinen Brief, und schwebe um Dich. Du hast gefühlt, daß
es mir Wonne war, Gegenstand Deiner Liebe zu sein. O, das ist herrlich,
daß jeder glaubt mehr vom Andern zu empfangen als er gibt! O
Liebe, Liebe! Die Armut des Reichtums — und welche Kraft wirkt's in
mich, da ich im Andern alles umarme was mir fehlt und ihm noch dazu
schenke was ich habe .... Glaub' mir, wir könnten von nun an stumm
gegen einander sein, uns dann nach Zeiten wieder treffen, und uns
wär's als wären wir Hand in Hand gangen.“ Schon aus diesen
Worten lugt die Erkenntnis der abweichenden Anlagen hervor; doch wie
liebevoll empfunden: was mir fehlt, umarme ich, dem Freunde schenke ich
dafür, was ihm abgeht. * Auch
nach vielen
129
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
Jahren, als er einmal einige
Wochen mit Jacobi zusammengewesen war und
die Erinnerung noch frisch ihm das Herz erwärmte, schreibt er:
„Die Reife unserer Freundschaft hat für mich die höchste
Süßigkeit.“ Als jedoch der Zauber der Gegenwart
verblaßte und der Verkehr längere Zeit hindurch ein
schriftlicher blieb, da empfand Goethe nach und nach alles
Unzulängliche an Jacobi als zunehmende Aufreizung und bedachte
nicht mehr, was diese in mancher Beziehung einseitige, dabei aber
wahrhaft bedeutende Natur an seltenen Gaben vom Himmel erhalten hatte,
fähig, selbst einen Goethe zu bereichern. Daß wir dieser
Gereiztheit gegen Jacobi eine Reihe der tiefsinnigsten Briefe
verdanken, die Goethe je geschrieben, beweist zwar seine Achtung
für den Freund, erklärt aber nicht die immer wiederkehrende
Schroffheit. Jacobi war ein Geist der Liebe, eine Seele voller Ahnung
des Wahren; wir sehen dies auf höchsten Höhen, wir sehen es
auch in der Beurteilung der Tagesereignisse; dazwischen klafft die
Leere: weder die Natur und die aufblühende Wissenschaft von ihr
noch die heroischen Taten der Vernunft, wie sie neben ihm Kant
vollbrachte, finden den Weg zu seinem Verständnis: dieser Mystiker
ist blind, sein Auge erblickt überall nur das Innerliche; dieser
Philosoph ist Theosoph, er glaubt an ein Organ der Wahrheit, das alle
Vernunftüberlegungen weit hinter sich lasse, und gerät
dadurch in pfadlose Schwärmerei; nichtsdestoweniger bleibt er in
seiner Eigenart fesselnd und hat er Dinge gesagt, wert, im
Gedächtnis der Menschen aufbewahrt zu bleiben. So z. B. folgende
Sätze: „Es gibt nur zwei von einander wesentlich verschiedene
Philosophien; ich will sie hier Platonismus und Spinozismus nennen.
Zwischen diesen beiden Geistern kann man wählen, d. h. man kann
ergriffen werden von dem einen oder dem andern, so daß man ihm
allein anhangen, ihn allein für den Geist der Wahrheit halten
muß. Was hier entscheidet ist des Menschen ganzes Gemüt.
Zwischen beiden sein Herz zu teilen ist unmöglich, noch
unmöglicher, sie wirklich zu vereinigen. Wo der Schein des
letztern entsteht, da betrügt die Sprache, da ist
Doppelzüngigkeit.“ Diese Worte sind an Goethe, nicht aber gegen
ihn, sondern gegen Schelling gerichtet; wie viel hätte gerade
Goethe aus ihnen lernen können! Das unglückliche
Scheinverhältnis zu Spinoza, in das ihn der in philosophischen
Dingen so unzureichende Herder hineingelockt hatte,
130
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
wäre in einer einzigen
Stunde bescheiden vertrauensvollen
Hörens auf Jacobi in Nichts zerronnen. Und um gleich ein Beispiel
aus dem andern Bereiche von Jacobi's Zuständigkeit zu geben: wie
prophetisch hat er die Gefahren der Zivilisationslage des angehenden
Jahrhunderts in seiner Rede zur Eröffnung der Münchener
Akademie bezeichnet! „Eine auf das sinnliche Leben allein sich
beziehende Kultur, weit entfernt durch ihre Fortschritte der Menschheit
aufzuhelfen, unterdrückt und verdirbt sie in ihrem Inneren und
macht uns, trotz aller Verfeinerung und Bereicherung daneben, in
Wahrheit zu schlimmeren und unglücklicheren Tieren.“ Und diesen
edlen, bedeutenden Mann hat Goethe mehr als einmal öffentlich
verspottet! Als ihn dann die falsche Nachricht von Jacobi's Tod
erschüttert, empfindet er sein eigenes Unrecht und schreibt
zärtlich: „Wir wollen auf die kurze Dauer unsers Daseins
näher zusammenrücken.... Ach, warum versäumt man so
viele Augenblicke, Freunden wohlzutun?“ Doch bald war diese gute
Regung vergessen, und immer wieder und wieder richtet Goethe an diesen
„so treuen, tief- und wohldenkenden Freund“ (wie er ihn selber noch in
spätern Jahren nennt) solche harte, verletzende Worte, daß
es der unentwurzelbaren Anhänglichkeit und der ahnungsvollen Tiefe
Jacobi's bedurfte, den Schmerz zu überwinden und die Treue heilig
zu halten.
Noch leidenschaftlicher in der disharmonischen Folge
von Anziehung und
Abstoßung verlaufen die Beziehungen zu Herder; nur liegt hier das
Verhältnis umgekehrt: Herder's Gegenwart ist es, die irritierend
auf Goethe wirkt, wogegen in der Abwesenheit sein Bild klarer und
größer erfaßt wird; leider entfernte das Schicksal
Goethe von Jacobi und schenkte ihm Herder zum dauernden Nachbarn
mitsamt der Last seiner Sorgen. Auch hier kann von Überraschung
oder Enttäuschung keine Rede sein. Herder, dessen Charakter zu den
schwierigsten gehörte, hat sich nie in schlimmerer Verfassung
befunden als in dem Augenblick, wo Goethe in Straßburg ihm zum
ersten Mal begegnete: eine mißlungene Operation hatte ein
qualvolles Augenleiden noch schmerzhafter gestaltet; bittere
Enttäuschung und unaufhörliche Leiden vergällten dem
physisch heldenhaft duldenden, doch geistig geduldlosen Manne jede
Stunde. Von dieser ersten Begegnung erzählt uns Goethe: man mochte
sagen, was man wollte, „man wurde gescholten und getadelt.“ Ein Mal
über das andere
131
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
spricht sich Goethe ohne
Rückhalt gegen Herder selbst aus und sagt
ihm z. B., er stoße sich nicht an der Schale und Hülle,
„daraus deine Castors oder Harlekins herausschlüpfen“, sondern
beachte einzig „den ewig gleichen Bruder, Mensch, Gott, Wurm und
Narren“. Auch Herder's unselige Neigung, kränkende
Verhöhnungen in Wort und Schrift seinen Freunden an den Kopf zu
werfen, ist Goethen — wie wir aus den von ihm mitgeteilten Versen
über Goethe-Kothe wissen — von der allerersten Begegnung an
bekannt. Er wußte ja und bezeugt es nach Herder's Tod, dessen
„Liebensfähigkeit und Liebenswürdigkeit“ sei trotz alles
gegenteiligen Scheines „unschätzbar“ und „einzig“, und hatte bald
anfangs die Einsicht gewonnen, dieser erratischen Natur — „eine
zersprungene Saite auf der großen Goldharfe der Menschheit“ (wie
Herder sich selber nennt) — sei alles nachzusehen. Und so zieht er ihn
nach Weimar und gewinnt die kostbaren Wochen, Monate, Jahre des
täglichen Gedankenaustausches mit dem verschwenderischesten
Sämann von Ideen, den Deutschland vielleicht jemals besessen hat,
der, auch wo er irrt, zu wahren Einsichten aufreizen kann. Ein Beispiel
für letzteres ist die Tatsache, daß Herder es war, der durch
einen Widerspruch „den Funken herausschlug“, der zu Goethe's
Farbenlehre den ersten
Anstoß gab. Goethe gewann ja weit mehr von Herder als Herder von
Goethe: Ideen lassen sich mitteilen, Gestaltungskraft bleibt dem
Gestalter selbst ein Geheimnis; während Goethe reichste Anregung
in sich aufsog, wirkte das Sonnenhafte an ihm auf Herder augenblendend.
Nicht mit Unrecht pflegte daher Herder seine Berufung nach Weimar als
den Ursprung seines „verfehlten Lebens“ zu bezeichnen. Vom ersten
Augenblick an erkannte er Goethe's Bedeutung und schenkte ihm
verschwenderisch alles, was seine Seele erfüllte, und Goethe
erwies sich (wie sich einmal Klopstock ausdrückt) als „ein
gewaltiger Nehmer“. Schon in Straßburg umarmte Herder den
jugendlichen Freund vor Shakespeare's Bild als dessen Erben; in seiner
kleinen Schrift Von deutscher Art
und Kunst (1773) rief er ihm
öffentlich zu: „Dein edles deutsches Wirken laß nicht nach,
bis der Kranz dort oben hange!... Dein Werk wird bleiben...“ In
späteren Jahren sprach er von Goethe „mit einer Art von Anbetung“
(man vergleiche die wundervolle Schilderung aus Herder's Mund in
Schiller's Brief an Körner vom 12. August 1787).
132
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
Nichtsdestoweniger pflegte er
gerade gegen den einen Goethe leicht in
einen gereizten Zustand zu geraten. Seine Liebe verbarg er ihm; „Goethe
liebe ich wie meine Seele: nur soll und darf ich's i h m
bezeugen?“
schreibt er an seine Braut. Dafür bezeugte er ihm alle
schonungslose Kritik, alle Ablehnung, allen Unmut. So sog denn Goethe
Reichtum auf, während Herder verarmte; um so mehr hätte
dieser der Liebe des Freundes bedurft, des Freundes, der seinen Wert so
genau zu schätzen wußte. Als einige Jahre nach Herder's Tod
in einem Aufsatz über deutsche Poesie der bald in Vergessenheit
Geratene nur flüchtig erwähnt wird, gerät Goethe in
Zorn: „Wer diese vierzig Jahre mitgelebt und mitgewirkt hat, der
weiß besser, wem man diese Ernten schuldig ist....“ Warum
vermochte denn Goethe nicht, sich das, was er „eine der
vorzüglichsten Glückseligkeiten seines Lebens“ nennt, zu
bewahren? Warum nicht, da er seine eigene schweigende
Unversöhnlichkeit als ebenso schuldtragend erkennt wie Herder's
Heftigkeit? Warum war er unfähig, die Schonung selber zu
üben, die er Anderen gegen Herder empfiehlt? Warum in Briefen an
Dritte so viele harte, höhnende Worte über den einzigen Mann?
Warum einmal über das andere Mißhelligkeit, Streit,
Zerwürfnis? Und zuletzt — wo der früh gealterte, kranke, von
tausend Nöten geplagte Arme am meisten eines alles vergebenden,
alles duldenden Freundes bedurft hätte — der völlige,
unwiederbringliche Bruch? Alles, was die Bücher darüber
vorbringen, ist unzureichend. Denn hier genügt keine
Erzählung über einen geschmacklosen Ausfall Herder's — dessen
mußte Goethe seit den Straßburger Tagen stets gewärtig
sein; hier genügt nicht das taktlose Vorgehen der Frau Herder im
Jahre 1795 — es geschah ohne Wissen ihres Mannes; hier genügt
nicht die angebliche Reibung zwischen Schiller und Herder — kein Mensch
war in dieser Beziehung so unbeeinflußbar wie Goethe. Vielmehr
eröffnen diese schmerzlichen Konflikte in Goethe's
Verhältnissen zu seinen Freunden einen Einblick in gewisse
Eigenschaften seiner Persönlichkeit; darum verdienen sie an dieser
Stelle unsere eingehende Aufmerksamkeit.
Denn wir finden Ähnliches in der Mehrzahl
seiner näheren
Freundschaftsbeziehungen. Fast wäre ich geneigt, hier auch
Charlotte von Stein zu nennen, insofern — wie wir gesehen haben — es
sich in diesem Falle eher um eine wahre Seelenfreundschaft, in
133
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
welche Liebeswahn sich
einschlich, als um echte Leidenschaft handelt.
Wenig besser erging es mit Carl August; einzig der Rangunterschied hat
in diesem Fall einen Bruch hintangehalten. Schon bald nach seinem
Amtsantritt beginnt eine gewisse Zurückhaltung sich bei Goethe
bemerkbar zu machen. Das Wort in Tasso
fällt auf:
(Prinzessin) Du solltest
meinem Bruder dich vertrauen.
(Tasso) Er ist mein
Fürst!
Goethe redet fast nur noch verdrießlich über den Herzog,
über seine „enge Vorstellungsart“, über sein „fehlendes
Interesse“ usw. Aus Italien schreibt er zwar noch schöne Briefe an
den weiland so eng vertrauten Duzbruder, doch wird keinem feiner
Beobachtenden entgehen, wie sorgfältig er an sich hält.
Später schließt er sich immer mehr gegen Carl August ab. „Es
hält schwer, Ew. Liebden alleweile persönlich zu erangeln“;
„vergebens habe ich an Deiner Festung gerappelt; es war kein Mensch zu
erpochen“, so und ähnlich klagt der fürstliche Freund, bis er
die Absicht merkt und selber zurückhält. Wohl durfte der
achtzigjährige Greis sich rühmen, dem verstorbenen
Fürsten „sein Leben gewidmet zu haben“ — das Leben, ja, in einem
gewissen Sinne, doch das Herz nicht. Ein Ähnliches wäre von
den Beziehungen zu der Herzogin Luise zu berichten, die zuerst „unsere
Luise“ heißt und in deren Schicksal Goethe sich nicht scheut mit
seiner L i l a lenkend einzugreifen; auch hier aber
zog er sich bald
zurück, verweigerte nie Ehrfurcht und Dienstgefälligkeit,
wohl aber die Herzensgabe, welche Kraft hat zu stützen und
aufzurichten, so daß Herder sich auserlesen fand, „die moralische
Mauer“ um die edle, tapfere, vereinsamte Frau zu bilden. was er auch
getreulich durchführte. Auch mit Wieland lebt Goethe zeitweise in
großer Vertraulichkeit: „Wieland ist gar lieb, wir stecken immer
zusammen“; „mit Wieland hab' ich göttlich reine Stunden“; Goethe
gibt viel auf Wieland's feines Sprachgefühl und unterbreitet ihm
gern seine Manuskripte zur Durchsicht; dennoch muß bald der gute
Wieland berichten: „Statt der allbelebenden Wärme, die sonst von
Goethe ausging, ist politischer Frost um ihn her.“ Nicht lange darauf
aber, und Goethe ist wieder voller Begeisterung: „Wieland sieht ganz
unglaublich alles, was man machen will, macht, und was man hangt und
langt in einer Schrift“, und
134
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
er freut sich auf die
„Aussicht besseres Zusammenlebens“. Hier
wären noch andere Namen zu nennen, wie Lenz, Knebel, Wolf; fast
immer gibt es wenigstens zeitweilig Spannungen. Auch bei Schiller ist
das Verhältnis insofern nicht ungetrübt, als die der
Annäherung vorangehende kalte Abwehr kostbare Jahre verschlang.
Bemerkenswert ist in diesem Falle die beiderseitige Sorgfalt, alle
Zutraulichkeit auszuschließen. Eckermann will die Worte vernommen
haben, den Beziehungen mit Schiller sei namentlich der Umstand zugute
gekommen, daß „es für uns keiner sogenannten besonderen
Freundschaft weiter bedurfte“. Ich ergänze: zwischen Schiller und
Goethe wurde die Freundschaft dadurch erst möglich, daß sie
auf Freundschaft im gewöhnlichen Sinne des Wortes verzichteten.
Nur auf Höhen des sinnenden und schaffenden Geistes oder — zur
Erholung — auf dem Tummelplatz literarischer Fehden begegnen sie sich;
alles, was dem Tage angehört, ist ausgeschaltet. Nie ist zwischen
ihnen vom vertraulichen „Du“ die Rede, und vorsätzlich vermeiden
sie jene letzte, sorglose Aufrichtigkeit, die als Kennzeichen der
„sogenannten Freundschaft“ gelten kann; denn die Diplomatie, welche bei
der Anknüpfung des Jahres 1794 entscheidend mitgewirkt hatte,
bleibt die folgenden Jahre hindurch in Ehren. So z. B. schreibt
Schiller an Goethe über seinen ersten Beitrag zu den Horen, er
finde „das Ganze sehr zweckmäßig eingeleitet“ und
„glücklich ins Reine gebracht“; wogegen er in einem Brief an
Körner klagt, Goethe habe „keineswegs seine Erwartung befriedigt“;
und ähnlich oft. Auch Goethe hat manche bekannte
Äußerung über Werke Schiller's getan, die er dem Ohre
des Freundes nie anvertraut hätte. Wogegen wir z. B. zwischen
Schiller und Körner die eigentliche Freundschaft walten sehen:
hier redet Schiller wie zu seiner eigenen Seele und liebt es, wenn
Körner über seine Worte und seine Werke und seine Handlungen
so rücksichtslos urteilt, als hörte ihn nur ein dritter. Wie
fällt es neben dem Ton des Briefwechsels mit Goethe auf, wenn wir
1802 Schiller über eine Dichtung seines Freundes an Körner
schreiben sehen: „Es hat treffliche Stellen, die aber auf einen platten
Dialog wie Sterne auf einen Bettlermantel gestickt sind“! Nicht einmal
der unschätzbare Briefwechsel geht ursprünglich aus dem
Herzensdrang befreundeter Seelen hervor, sondern, wie Schiller
mitteilt: „Wir haben eine
135
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
Korrespondenz miteinander
über gemischte Materie beschlossen, die
eine Quelle von Aufsätzen für die Horen werden soll. Auf
diese Art, meint Goethe, bekäme der Fleiß eine bestimmtere
Richtung, und ohne zu merken, daß man arbeite, bekäme man
Materialien zusammen.“ Wie von einer höheren Gewalt geführt,
ihnen beiden unbewußt, entsteht nach und nach der heilige Bund,
der diese zwei grundverschiedenen Persönlichkeiten für alle
Zeiten zu einer lebendigen Einheit verknüpft; zwei Jahre nach
jenen ziemlich nüchternen Worten über den Briefwechsel
schreibt Schiller aus überströmender Seele an Goethe: „Das
schöne Verhältnis, das unter uns ist, macht es mir zu einer
gewissen Religion, Ihre Sache zu der meinigen zu machen, alles was in
mir Realität ist, zu dem reinsten Spiegel des Geistes auszubilden,
der in dieser Hülle lebt, und so, in einem höheren Sinne des
Wortes, den Namen Ihres Freundes zu verdienen.“ In einem höheren
Sinne: dies genügt uns für den Augenblick, da es hier nur auf
eine genaue Verständigung über die Natur dieser Freundschaft
ankommt, der „uneinigen Einigkeit“, wie sie Goethe einmal bezeichnet.
In aller Kürze noch eine letzte Gestalt: die
Zelter's. Denn die Briefwechselbeziehungen des alternden Mannes zu
einem Schultz, einem Reinhard, einem Rochlitz, einem Boisserée,
einem Sternberg usw. deuten alle nur auf bestimmte Arbeitsgebiete des
Unermüdlichen: optische, politische, musikalisch-theatralische,
kunstgeschichtliche, geologische usw.; das Wort Freundschaft wäre
zu hoch gegriffen. Und den einzigen Wilhelm von Humboldt hat das
Schicksal sehr frühzeitig aus der Nähe seiner großen
Gönner Schiller und Goethe entführt und ihm dann in einem
geschäftereichen Leben nie Muße zu einem anhaltenden
Briefaustausch gelassen, wenn auch das Wenige zu dem Bedeutendsten
gehört, was wir besitzen. Dagegen steht das Verhältnis zu
Zelter in Goethe's Leben einzig da und wird uns helfen, in die
Eigentümlichkeiten seines Wesens, die uns augenblicklich
beschäftigen, weiteren Einblick zu gewinnen.
Stellen wir zunächst drei Tatsachen fest. Zu
keiner Lebenszeit wäre ein Zelter fähig gewesen,
Einfluß auf
Goethe's geistige Entwickelung anzustreben oder zu gewinnen — wie das
doch ein Herder, ein Jacobi, ein Lavater, ein Schiller beanspruchen
konnten; außerdem aber war Goethe fast fünfzig Jahre alt,
als er
Zelter's
136
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
Namen zum ersten Male
hörte, und mehr als fünfzig, als er ihm
persönlich begegnete; die Anknüpfung findet also zur Zeit
vollkommen abgeschlossener Reife statt, und das Du gibt Goethe dem
Freunde erst in seinem dreiundsechzigsten Jahre; drittens ist wohl zu
beachten, daß die Beziehungen fast ausschließlich
schriftliche blieben: im Laufe von dreißig Jahren sind sich beide
Männer vier- oder fünfmal auf wenige Stunden oder Tage
begegnet. Diese Umstände erklären den ungetrübten
Genuß, den Goethe an der Persönlichkeit gerade dieses
Freundes fand. Zelter ward für Goethe ein Typus, ein Typus des
Wackeren, des „tüchtig bürgerlichen Ernstes“. „Wenn die
Tüchtigkeit sich aus der Welt verlöre, so könnte man sie
durch ihn wiederherstellen“; „Zelter ist eine grundwackere und
treffliche Natur, die unter Päpsten und Kardinälen zu recht
derber Zeit hätte sollen geboren werden“; „Man fängt wieder
an, ans Leben zu glauben, wenn man solche Menschen sieht, die so
tüchtig und redlich wirken, gegen so viele, die nur wie das Rohr
vom Winde hin- und hergeweht werden.“ Tüchtig, redlich,
grundwacker, derb, voll unverwüstlichen Lebens: das ist es, was
Goethe an diesem Manne freut und fesselt. Goethe's Worte an Niebuhr
kennt wohl Jeder: „Das Tüchtig-Regsame ist ganz allein
wohltätig!“ und auch die z a h m e X e n i
e wird Vielen
erinnerlich sein:
Das Tüchtige, wenn's
wahrhaft ist,
Wirkt über alle
Zeiten
hinaus.
Genau an diesem Punkte erblickte Goethe Zelter, also
in dem Brennpunkt
seiner sittlichen Weltanschauung. Darum sind die kopfschüttelnden
Redensarten über die Unbedeutendheit Zelter's, über Goethe's
Vorliebe für mittelmäßige Menschen usw. übel
angebracht: Charakter besaß in seinen Augen höheren Wert als
Talent; Zelter, der zum Musiker umgewandelte Maurermeister, der um die
Wiedererweckung Bach's Vielverdiente, *
hat sich durch seine
Lebensführung — man denke nur an sein Verhalten während der
Okkupation Berlins durch die Franzosen — als ein „grandioser Mensch“
bewährt; es steckt in ihm, wie Goethe einmal sagt, „etwas
Prometheisches“, das man „nur anstaunen und verehren kann“. Dazu war er
ein unverwüstlich heiterer Mensch, „anmutig, unterhaltend,
unterrichtend“, ein Mann, der „immer den Nagel auf den
137
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
Kopf trifft“; seine Briefe
gehören zu den besten in der deutschen
Sprache und verschafften Goethe mit der Bestimmtheit und Lebendigkeit
ihrer Schilderungen, mit dem Witz und der Gemütstiefe ihrer
Bemerkungen endlosen Genuß. „Liebe Sonne, fahren Sie fort zu
erwärmen und zu erleuchten!“ ruft Goethe einmal aus. Ob er aber
Zelter's Nähe vertragen hätte, bezweifle ich. Nach der
Begegnung des Jahres 1829 schreibt er an Zelter höchst
verdrießlich über die Leerheit der gemeinsam verlebten
Stunden: „Die Gegenwart hat wirklich etwas Absurdes.... Der
Abwesende ist eine ideale Person; die Gegenwärtigen kommen sich
einander ganz trivial vor.“ Und der wackere Zelter erwidert mit
Aufrichtigkeit: „Wie oft muß man bemerken, daß ein
unmittelbares persönliches Verhältnis, lange gewünscht
und endlich erreicht, die Individuen auseinander treibt, wo nicht
gegeneinander stellt....“ Denken wir jetzt an Heinrich Meyer
zurück, dessen tägliche Gegenwart Goethe nicht entbehren
konnte, so merken wir deutlich, daß wir uns am entgegengesetzten
Ende der Skala befinden: dort der vollkommen einverleibte, zu einem
Hilfsorgan der eigenen Seele gewordene „reine Blick“ (S.
123), hier die
„ideale Person“, d. h. der noch bei lebendigem Leibe von Goethe zu
einem Inbegriff und Prototyp Umgewandelte.
Als Ergebnis unserer Betrachtung über die
Freundschaft in Goethe's
Leben fällt zunächst in die Augen, daß dieser Mann zwar
ein unersättliches Bedürfnis nach Menschenumgang hatte,
daß es ihm aber nicht leicht wurde, ein Freund zu sein; selbst
mit Schiller gelang dies nur durch die strenge Beobachtung genau
abgesteckter Grenzen. Wer nun, wie es manchmal geschehen ist, sei es
von Kälte und Egoismus, sei es kurzweg von der alles
überragenden Größe des Genies spricht, hat damit wenig
gesagt. Nicht allein sein forschendes Hirn, auch sein sehnendes Herz
zieht Goethe zu Menschen; „liebe mich!“ ist bei ihm ein häufigster
Briefschluß, und von ihm selber galt das Wort, das er seinem
Werther in den Mund legt: „Meinem Herzen sind die Kinder am
nächsten auf der Erde.“ Die Liebe, die Kinder ihm
einflößten, ist für Goethe bezeichnend; sein Leben und
seine Schriften sind so angefüllt davon, daß man mit den
Zeugnissen ein ganzes Buch hat anfüllen können; dieser eine
Zug entscheidet. Außerdem übt Goethe auf Viele mächtige
An-
138
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
ziehungskraft aus. Und
nichtsdestoweniger kommt es so schwer zu einer
erquicklichen und dauernden Freundschaft! In tiefsten Tiefen der
Persönlichkeit — in denen, die wir zu Beginn dieses Kapitels
aufzudecken versuchten — liegt die Erklärung. Der Blick eines
Goethe drang mit Leidenschaft bis auf den Grund jeder Erscheinung; wie
wir schon früher sahen, diese Art des Erschauens ist der Liebe
verwandt; sie ergreift den gegenwärtigen Gegenstand, ob bedeutend
oder gering, und um ganz zu empfangen, gibt sie sich ganz. Schon hier
wurzelt eine Gefahr und die Nötigung zu heftiger Gegenwirkung. Ein
herzlich unbedeutender Mensch, der Stallmeister von Stein,
veranlaßt Goethe, in sein Tagebuch einzuzeichnen: „Jedes Menschen
Gedanken- und Sinnesart hat was Magisches.“ In einem langweiligen
Stallmeister, der nur von Pferden und Jagden spricht, „was Magisches“
zu empfinden, zeugt von einer dichterisch überschwenglichen
Empfindungsart. Sofort aber knüpft Goethe für sich die
Warnung daran, sich nicht in eine „enge, arme Vorstellung ziehen“ zu
lassen. Er muß sich gegen sich selbst schützen; der
überschnellen Annäherung folgt ein vorsichtiges
Zurückweichen. Das ist der eine Grundton. Ein anderer kommt zu
Wort in einer Äußerung, welche lautet: „Aus Verbindungen,
die nicht bis in's Innerste der Existenz gehen, kann nichts Kluges
werden.“ Liebe fordert Liebe, Leidenschaft Leidenschaft; die Inbrunst,
mit der Goethe sich selbst und sein Leben erfaßt, duldet keine
halbe Hingabe; und wo findet man volle Hingabe, uninteressierte, reine
offene? Wir denken an Heinrich Meyer und fühlen das Einzige einer
solchen Erscheinung. Auch hier also eine Veranlassung, hoffnungsvoll
eingegangene Verhältnisse nicht weiter zu führen. In beiden
Fällen ist es Reichtum — nicht Armut — des Gemütes, der zu
etwas führt, was der oberflächlich Urteilende kurzweg dem
Begriff Wankelmut oder Kälte einreiht. Blicken wir aber noch
tiefer, so entdecken wir etwas, was überall in Goethe's Leben mit
unbezwinglicher Notwendigkeit gestaltend wirkt: ich meine jene einzige,
auf der merkwürdigen mittleren Anlage der Persönlichkeit
beruhende Kraft des I d e e n b i l d e n s (S. 95 ff.). Das mit
Leidenschaft Erschaute dringt, wie wir sahen, nach innen, wird dort
begrifflich auseinandergenommen, zerlegt und wandelt dann, in der
Reinheit und Kraft des poetischen Genius wieder aufgebaut, als
139
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Freundschaft
sichtbare und für
Goethe's Empfinden völlig konkrete Idee in
die Welt des Angeschauten zurück. Welcher Freund konnte in
concreto fähig sein, eine
solche schöpferisch erzeugte
Gedankengestalt dauernd auszufüllen? Ein Schiller; schwerlich ein
anderer. Daß es auch Heinrich Meyer fünfundvierzig Jahre
lang ohne jegliche Trübung vermochte, beweist, welche seltenen
Eigenschaften des Geistes und des Herzens auch dieser besessen haben
muß. Goethe sagt einmal ausdrücklich, in der Ferne
könne man „die Idee lieben“, die man von jemandem habe, in der
Nähe zerstöre sie dessen Torheit und Tollheit. Wozu aber noch
ein Ausschlaggebendes kommt, das trotz aller scheinbaren
Subtilität sich im Leben Goethe's tagtäglich aufgedrängt
haben muß: das, was er als Idee von sich selber erfaßt
hatte (S. 107 ff.), war ein Tyrann, der keine
Zugeständnisse
duldete; sonst war Goethe nachsichtig, duldsam, mitleidsvoll, hier aber
unbeugsam; wer der Verwirklichung dieses Ideals im Wege stand,
mußte fallen, wer es auch war; gegen sich selber kämpft er
ja unablässig und schreibt in sein Tagebuch das Gebet: „Gott gebe
Lichter, daß wir uns nicht selbst so viel im Wege stehen.“
Darum fiel Charlotte von Stein. Sie war, ohne daß in ihr selbst
eine Änderung vorgegangen wäre, in einen solchen Winkel zu
dem weiter schreitenden Manne zu stehen gekommen, daß sie auf den
Weg, den er zu gehen hatte, einen immer länger werdenden Schatten
warf; sie mußte fallen. Die häufige Abwendung von Herder,
zuletzt der Bruch, ist gewißlich der gleichen Ursache
zuzuschreiben; nicht die Beleidigung seiner Person fürchtete
Goethe, wohl aber die ätzende Zerstörung seiner Ideale; auch
solche Erscheinungen wie die fast befremdende Zurückhaltung
gegenüber Carl August und Luise sind ohne Zweifel hierher zu
rechnen, nicht weniger die gegen Jacobi gewendete Heftigkeit und die
gegen Lavater errichtete Scheidewand.
Wer hier andächtig genau erfaßt, der wird
vor der
Tragödie eines solchen Schicksals erschauern. „Was ich trage an
mir und Anderen sieht kein Mensch. Das beste ist die tiefe Stille, in
der ich gegen die Welt lebe und wachse, und gewinne, was sie mir mit
Feuer und Schwert nicht nehmen können.“
—————
140
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Barmherzigkeit
Die Barmherzigkeit
Es bedeutet einen ersten Schritt von innen nach
außen, wenn wir
jetzt das Verhältnis Goethe's zur Welt im allgemeinen und vorerst
als Wohltäter, Helfer, Förderer in Betracht ziehen.
Wenige Dinge haben sich so festgewurzelt in der
Vorstellung der
unwissenden und zugleich tyrannischen Menge wie die eines kalten,
harten, eigensüchtigen Goethe. Nun ist es freilich mit der
Selbstsucht wie mit dem Gedächtnis oder der Rechengabe: man redet
von Menschen, die kein Gedächtnis oder keine mathematische Anlage
besäßen, doch würde ein gänzlicher Mangel an
Gedächtnis die Abwesenheit jeglichen Verstandes bedingen, und der
Musiker z. B., der vielleicht die Regeldetri nicht kapiert,
betätigt erstaunliche instinktive Mathematik in Gehör und
Fingerspitzen; wer gut sucht, wird an jedem Menschen, wenn auch
manchmal sehr versteckt, Gedächtnis und Sinn für Zahlen oder
Verhältnisse entdecken; es kommt also auf eine Verständigung
über die Tragweite unserer Begriffe an. Ohne Schätzung des
Selbst, ohne Behauptung des Selbst läßt sich nicht das
Geringste leisten. In seiner Harzreise
im Winter schildert Goethe den
verbitterten Plessing, den aus seiner Melancholie zu retten ihm mit der
Zeit tatsächlich gelang:
Erst verachtet, nun ein
Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen
eigenen Wert
In ung'nügender
Selbstsucht.
Und während ein solcher den eigenen Wert aufzehrt und zur Null
wird, fällt er zugleich aller Welt zur Last. Dieser Kernspruch
über die „ungenügende Selbstsucht“ gemahnt an Shakespeare's:
Self-love,
my liege, is not so vile a sin
As
self-neglecting.
Und diese Verse wiederum erinnern an die Zeile im Divan:
Selbstlob! Nur
dem Neide stinkt's!
Viele Jahre nach der Harzreise hat uns Goethe in den
Wanderjahren seine
Auffassung ausführlicher dargelegt. „Jeder suche den
141
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Barmherzigkeit
Besitz, der ihm von der Natur,
von dem Schicksal gegönnt ward, zu
würdigen, zu erhalten, zu steigern; er greife mit allen seinen
Fertigkeiten so weit umher als er zu reichen fähig ist: immer aber
denke er dabei, wie er Andre daran will Teil nehmen lassen ... Jede Art
von Besitz [genannt werden der Fürst, der Dichter, der Maler, der
Musiker, der Reiche] soll der Mensch festhalten; er soll sich zum
Mittelpunkt machen, von dem das Gemeingut ausgehen kann; er
muß E
g o i s t sein um nicht E g o t i s t zu
werden, zusammenhalten, damit
er spenden könne.“ * Ein anderes
Mal lesen wir: „Die
Außenwelt bewegt sich so heftig, daß ein jeder Einzelne
bedroht ist, in den Strudel mit fortgerissen zu werden ... Da bleibt
nun nichts übrig, als sich selbst zu sagen, nur der reinste und
strengste Egoismus könne uns retten; dieser aber muß ein
selbstbewußter, wohlgefühlter und ruhig ausgesprochener
Entschluß sein.“ An einer Stelle redet Goethe von dem
„verklärten Egoismus“, mit dem allein es gelinge, aus dem
Gemüte „kraftloses Widerstreben und ohnmächtigen Haß zu
verbannen.“ Hier reizt es, noch manches schöne Wort
anzuführen, doch wir erfassen Goethe's Lehre schon bestimmt und
klar und erwarten nicht, den Mann, der die Unentbehrlichkeit der
Selbstheit so deutlich empfand, unselbstisch zu finden. Alles dreht
sich um den Unterschied zwischen Egoist und Egotist, zwischen
verklärtem Egoismus und dem „egoistischen Irrsale“, in welchem wir
„erfrieren und verdursten“. Entscheidend ist die Praxis des Lebens;
hier stehen nun die nachweisbaren Tatsachen fest, und gegen sie
zerstäubt die Lüge zu eitel Schaum.
Freilich zeigt Goethe wenig Rührseligkeit und
Empfindelei; als
unproduktiv kämpft er sie nieder, wenn sie sich regen; doch waren
seine angebliche Härte und Strenge, wie er selbst einmal sagt,
„nur factice, nur
Selbstverteidigung“, und bezeichnend für ihn ist
im Gegenteil die stete Bereitschaft, Anderen zu helfen. C. G. Voigt,
der im Anfang gegen Goethe eingenommen gewesen war, muß
später gestehen: „Je näher ich ihn kennen lerne, je mehr
innere Güte entdecke ich an ihm.“ Kaum einer seiner Freunde, der
nicht durch ihn Förderung erfahren hätte; und nicht die
Freunde allein, vielmehr fragte er nur nach der Tüchtigkeit und
diente auch denen, die ihm persönlich odios waren. Schiller
bekannte offen, Goethe's unbe-
142
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Barmherzigkeit
schränkte Duldsamkeit,
seine Art, auch dasjenige, was er nicht
mochte, zu fördern, „wolle ihm nicht gefallen“. Bei Goethe
handelte es sich um eine unweigerliche Maxime. „Uneigennützig zu
sein in Allem ... war meine höchste Lust, meine Maxime, meine
Ausübung.“ Die Jugendgenossen — Klinger, Lenz, Wagner —
genießen seine Unterstützung; der liebe Hitzkopf Knebel, der
in seiner Urteilslosigkeit so manches Abfällige über Goethe
spricht, wendet sich nichtsdestoweniger bis ans Ende (d. h. also fast
sechzig Jahre lang) stets an Goethe, sobald er — was oft geschieht — in
Not gerät; er ist ein Duzfreund des Herzogs und aller Anderen,
doch Goethe allein ist energisch unverdrossen, wenn es gilt, einem
Freunde helfen; * wird Merck bankrott,
so legt er sein Schicksal in
Goethe's Hände, nicht in die der ihm befreundeten Fürsten;
Bürger — der ihn nicht einmal persönlich kennt — sucht bei
Goethe Rat und Hilfe, sobald er verzweifelt, denn Goethe war es ja, der
aus freien Stücken sich schon einmal seiner beabsichtigten
Homerübersetzung warm angenommen hatte; Herder erhält Amt und
ansehnliche Einnahmen — dem Geschmacke der Geistlichkeit und des Hofes
zum Trotze — durch Goethe's Bemühungen, und nie veranlaßt
eine Unterbrechung der freundschaftlichen Beziehungen
Nachlässigkeit in der treuen Sorge für das Wohl der Familie,
vielmehr ist Goethe unerschöpflich in der Erfindung von
Kunstgriffen, um Eltern und Kindern aus ihren ewig neuen Nöten zu
helfen; Meyer's Schicksalsfaden läuft von Anfang bis zu Ende
durch Goethe's liebevoll sorgende Hand; auf Goethe's Anregung
erhält Schiller — noch zur Zeit der gegenseitigen entfremdenden
Kälte — die Professur in Jena, und weiterhin, bei den
entscheidenden Wendungen des allzu kurzen Lebenslaufes, findet er
Schritt für Schritt den Freund zur Hand ... Hier wäre auch
der kaum aufzuzählenden Schar der durch Goethe's Vermittelung
unterstützten Gelehrten und Künstler zu gedenken; denn
handelte es sich auch in solchen Fällen vielfach um die
Erfüllung einer amtlichen Pflicht, und wirft vielleicht Mancher
ironisch ein, Goethe selber habe reichen Gewinn aus diesen
Bemühungen gezogen, so sind wir jetzt, wo fast der gesamte
Briefwechsel vorliegt, in der Lage festzustellen, daß kein
Vorgesetzter die Lebensinteressen der ihm Untergebenen gewissenhafter
und zarter im Auge behalten kann, als er es tat. Kant's kategorischer
Imperativ, man dürfe
143
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Barmherzigkeit
einen Menschen nie bloß
als Mittel, müsse ihn vielmehr immer
zugleich als Zweck behandeln, könnte zur Schilderung von Goethe's
Tätigkeit als Beamter dienen. Ein bedeutender Teil der
fünfzig Bände ausfüllenden Sammlung der Briefe Goethe's
befaßt sich mit dem Schicksal Anderer: die Voraussicht erstreckt
sich oft auf viele Jahre, die Umsicht läßt aber nie nach,
die Weisheit und Festigkeit im Lenken seiner Schützlinge, gepaart
mit einer erstaunlichen Befähigung zur Nachgiebigkeit, die
unabschreckbare Beharrlichkeit den Fürsten und Korporationen
gegenüber zu Gunsten der von ihm zur Ausbildung Empfohlenen sind
bewundernswert. Berichten läßt sich darüber in
Kürze nicht; denn was eindrucksvoll wirkt, ist der Umfang, die
Folgerichtigkeit, die Unermüdlichkeit dieser Tätigkeit.
Fanden wir Goethe's Beziehungen, sobald seine eigene
Persönlichkeit in Mitleidenschaft gezogen war, schmerzlich
erschwert und leidenschaftlichen, unberechenbaren Zufällen
unterworfen, so sehen wir sie um so unwandelbarer sich gestalten, je
klarer ein bestimmtes Ziel vorliegt und je fester sie sich in einen
wohlerwogenen Gesamtplan einfügen.
Wem aber in dieser echt männlichen Besonnenheit
und Treue das
Zielbewußte, Erfolgsichere zum Nachteil einer gewissen
gefühlvollen Barmherzigkeit in die Augen sticht, wird eines
Besseren belehrt werden, wenn er erfährt, in welcher Weise Goethe
verschämten Armen heimlich half und mit welchem echt weiblichen
Zartgefühl er es über sich brachte, selbst den Launen und
Kapricen der seelisch Erkrankten nachzugeben. „Man soll tun was man
kann, einzelne Menschen vom Untergang zu retten“ — so lautet seine
Lebensmaxime. Ich nannte schon Plessing; Goethe fand ihn als
verbitterten Weltflüchtling und brachte ihn durch Geduld und
liebevolles Auferwecken verborgen gebliebener Kräfte dahin,
daß er ins bürgerliche Leben wieder eintrat und als
Gelehrter Schätzbares leistete. Tieferen Aufschluß über
die Persönlichkeit Goethe's gewähren die Beziehungen zu einem
Unbekannten, der seine Schwäche unter dem Namen Johann Friedrich
Krafft verbarg. Es handelt sich um einen Mann, der, früher in
guten Verhältnissen, allen Lebensunterhalt eingebüßt
hatte; Leichtsinn scheint die Ursache gewesen zu sein, physische und
seelische Zerrüttung stellten sich als Ergebnis ein;
Wiederherstellung war ausgeschlossen. Diesen Unglücklichen nun
144
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Barmherzigkeit
— den er persönlich nicht
gekannt hatte — unterstützte Goethe
aus seinen Privatmitteln bis an dessen Tod, verschaffte ihm aus
Rücksicht auf seinen Stolz einen Schein von Beschäftigung und
übte gegen seine Launen, seinen Argwohn, seine
Unzuverlässigkeit eine mild-liebevolle Nachsicht, wie man sie von
einem überbeschäftigten Beamten, Poeten, Naturforscher (es
handelt sich um die voritalienische Zeit der größten
Arbeitslast in Weimar) kaum für möglich gehalten hätte.
Wir wissen von mehreren solchen Fällen; dieses eine Mal aber hat
die Vorsehung eine Reihe von Briefen Goethe's vor dem Untergang
bewahrt. „Nehmen Sie das Wenige, was ich Ihnen geben kann, als ein
Brett, das ich Ihnen im Augenblick zuwerfe, um Zeit zu gewinnen“,
heißt es in dem ersten. Zehn Tage später folgen Kleidung,
mehr Geld und ein Plan zu Krafft's dauernder Errettung: „Ich weiß
im ganzen Umfang, was das heißt: sich das Schicksal eines
Menschen mehr zu den übrigen Lasten auf den Hals binden; aber Sie
sollen nicht zu Grunde gehen.“ Und da der Beschenkte sich sträubt,
beruhigt ihn Goethe: „Sie sind mir nicht zur Last, vielmehr lehrt's
mich wirtschaften; ich vertändele viel von meinem Einkommen, das
ich für den Notleidenden sparen könnte. Und glauben Sie denn,
daß Ihre Tränen und Ihr Segen nichts sind? ... Es ist mehr
eine Wohltat von Gott, wenn er uns, da man so selten was tun kann,
einmal einen wirklich Elenden erleichtern heißt.“ In
Wahnvorstellungen befangen, will der Arme auf die wohlerwogene und mit
aller Rücksicht vorbereitete Niederlassung in Jena nicht eingehen;
Goethe antwortet: „Sie sollen in nichts gezwungen sein.... Ich
weiß, daß dem Menschen seine Vorstellungen Wirklichkeiten
sind, und obgleich das Bild, das Sie sich von Jena machen, falsch ist,
so weiß ich doch, daß sich nichts weniger als solch eine
hypochondrische Ängstlichkeit wegraisonnieren läßt....
Ich weiß, daß den Menschen von zitternder Nerve eine
Mücke irren kann und daß dagegen kein Reden hilft....
Seien Sie überzeugt, daß mir alles recht ist, was Sie
beruhigen und zufriedenstellen kann und daß ich Jena bloß
wählte, weil ich auf die bequemste und leichteste Art für
mich Ihnen das leidlichste Leben zu verschaffen hoffte.“ Krafft kommt,
wie er's gewünscht hatte, in ein Dorf, mitten im Walde; und nun
ist es bezeichnend, auf welche Art Goethe, der die materielle Notlage
dauernd behoben hat,
145
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Barmherzigkeit
sich der moralischen Not
weise, zart und unverdrossen annimmt. Er sorgt
für Beschäftigung: Krafft muß ihm nach und nach die
Geschichte seines Lebens aufsetzen; er sorgt für Erweiterung des
Interessenkreises: Krafft hat Leben und Verhältnisse der Bergleute
zu beobachten, die Dorfverwaltung zu studieren und über alles zu
berichten; er sorgt für die Wiedererweckung des
Verantwortlichkeitsgefühles: Krafft hat einen aufwachsenden Knaben
(den unehelichen Sohn eines verstorbenen Freundes, für den Goethe
ebenfalls, ohne daß eine Seele es ahnte, alle Sorge auf sich
genommen hat) zu beaufsichtigen und ihm einigen Unterricht zu geben.
Natürlich hapert's bei dem armen seelenkranken Egotisten; Goethe
mahnt eindringlich leise: „Jeder Mensch hat seine Pflicht; machen Sie
sich das zur Pflicht Ihrer Liebe zu mir, und es wird Ihnen leicht
werden.... Das Muß ist hart, aber beim Muß kann der
Mensch allein zeigen, wie's inwendig mit ihm steht. Willkürlich
leben kann Jeder.“ Über diesen Brief gerät der
Überspannte in Verzweiflung; er sei in Goethe's Achtung gesunken,
sei in seinen Augen befleckt, und was es an unsinnigen Vorstellungen
der Schwachen mehr dergleichen gibt. Fest und freundlich erwidert
sofort der Vielgeplagte — der zu jener Zeit die Briefe seiner besten
Freunde monatelang unbeantwortet läßt — und schließt:
„Verdenken Sie mir doch nicht, wenn ich Sie mit dem, freilich Wenigen,
was ich für Sie tun kann, auch vergnügt und zufrieden
wüßte. Es bleibt also, wenn Sie wollen, beim Alten; ich
wenigstens werde in meinem Betragen gegen Sie nichts ändern.“
Jahrelang dauerte dieser Kampf des guten Prinzipes gegen die
höllischen Einflüsterungen des Geistes des Bösen und der
Verzweiflung, dem hoffnungslos Zerrütteten sicheren Schutz
gewährend und manchen verheißungsvollen Abendstrahl
göttlichen Segens vermittelnd. „Übrigens bitte ich sich zu
beruhigen; es ist für Ihren Gemütszustand besser, daß
Sie in der Stille leben. Sie haben mir schon Dienste geleistet und es
findet sich auch wohl noch Gelegenheit dazu. Keine Gnade habe ich
auszuteilen und meine Gunst ist nicht so wandelbar. Leben Sie wohl und
genießen des Wenigen in Frieden.“ Wenige Monate nach diesem
letzten der erhaltenen Briefe war der arme Krafft aus dieser
Zeitlichkeit erlöst; der unwandelbar Treue ließ ihn auf
seine Kosten beerdigen. Wir aber gedenken des Wortes: „Was ihr getan
habt Einem unter
146
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
diesen meinen geringsten
Brüdern, das habt ihr mir getan“, und
unser Herz krampft sich schweigend zusammen, wenn wir einen Menschen,
der an rettungslos Verlorenen im Verborgenen Gutes tut, von den Gift
verschleppenden Nachtalben kalt und egoistisch schelten hören.
Liebenswürdig ist der Zug, daß Goethe den
um Almosen
Bittenden gern selber spendete. Ein Zeuge berichtet, kein
Handwerksbursche ging unbeschenkt an Goethe's Wagen vorbei; reizende
Erzählungen hierüber findet man in der Besprechung des
Deutschen Gil-Blas;
unvergeßlich sind aber vor allem die
herrlichen Verse im Divan, wo
es, nachdem des Mädchens Blick, des
Trinkers froher Zuruf, des mächtigen Herrn freundlich
verheißungsvoller Gruß gepriesen worden sind, dann
heißt:
Lieblicher als alles dieses
habe
Stets vor Augen, wie sich
kleiner Gabe
Dürft'ge Hand so
hübsch entgegen dränget,
Zierlich dankbar was du
reichst
empfänget.
Welch ein Blick! ein
Gruß! ein sprechend Streben!
Schau es recht und du
wirst immer geben.
—————
Wechselwirkung
zwischen Goethe und seiner Umgebung
Auf ein schwieriges Gebiet gelangen wir, wenn wir,
unseren Weg von
innen nach außen fortsetzend, Goethe's Verhalten der
vielgestalteten Allgemeinheit gegenüber in Betracht ziehen.
Wollten wir unser Urteil auf die Berichte der Anderen gründen, wir
kämen aus den Widersprüchen nicht heraus. Alle
Lebensschilderungen führen das Gedicht Wieland's an:
Ein schöner Hexenmeister
es war,
Mit einem schwarzen Augenpaar, *
Zaubernden Augen voll
Götterblicken,
Gleich mächtig zu
töten und zu
entzücken.
So trat er unter uns,
herrlich und hehr,
Ein echter
Geisterkönig, daher!
147
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
Und Niemand fragte, wer ist
denn der?
Wir fühlten beim
ersten
Blick, 's war er!
Wir fühlten's mit
allen unseren Sinnen,
Durch
alle unsere Adern rinnen.
So hat sich nie in Gottes
Welt
Ein
Menschensohn uns dargestellt,
Der alle Güte und
alle Gewalt
Der Menschheit so in sich
vereinigt! usw.
Und wenn der Biograph nun in der gut gemeinten Absicht, dem Leser
Begeisterung einzuflößen, alles sammelt und sichtet, was den
panegyrischen Ton anschlägt, von diesem frühen Päan an
bis zu den Schilderungen des „olympischen“ Greisen seitens mancher
Besucher der letzten Jahre, so erhält man den Eindruck einer stets
hinreißenden, alle Herzen gleich beim ersten Erscheinen
gewinnenden Persönlichkeit. Die Wirklichkeit war anders beschaffen
und ungleich bemerkenswerter. Goethe konnte sein, was er wollte:
hinreißend, gleichgültig, abstoßend; das hing von der
Stimmung, von den unmittelbaren Eindrücken, von der leitenden
Absicht, später vor allem von der unverrückbar festgehaltenen
Lebensmaxime ab. Als er das erste Mal Weimar betrat, war er durch die
Generosität Wieland's gerührt, nämlich durch die Art,
wie dieser die blutige und unverdiente Satire Götter, Helden und
Wieland aufgenommen hatte; darum lag ihm daran, gleich bei der
ersten
Begegnung Wieland's Herz zu gewinnen und alles Peinliche
auszulöschen; ja, Goethe erzählt in Dichtung und Wahrheit,
dieser Wunsch, „Wielanden persönlich etwas Freundliches zu
erzeigen“, sei für ihn ein bestimmender Grund gewesen, der
Einladung nach Weimar zu folgen. Der selbe Wieland aber, der jene
soeben angeführten Verse damals dichtete, schreibt nicht lange
nachher an einen Freund, es sei „mit Goethe nichts anzufangen“. Sowohl
eigene Berichte Goethe's wie auch fremde zeugen von einem nicht
leichten, oft unbequemen Wesen. Schon als Kind, hörten wir im
ersten Kapitel (S. 23), fiel er durch
eine „gewisse Würde“ auf,
und selbst von seinen munteren Studentenjahren berichtet er, er „habe
von Hause aus einen gewissen hypochondrischen Zug mitgebracht“. Kestner
schreibt in seiner naiv fesselnden Schilderung des Jahres 1772: „Er ist
bizarre
148
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
und hat in seinem Betragen,
seinem Äußerlichen
verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte.“ Dies stimmt
genau zu Goethe's eigenem Geständnis über die Zeit kurz nach
seinen ersten Erfolgen als Dichter: „Wer mich nach meinen Werken
für liebenswürdig hielt, fand sich sehr getäuscht, wenn
er an einem starren ablehnenden Menschen anstieß.“ Mehr als
einmal betont Goethe, er habe sich nachträglich selber über
eine „unerklärliche Verstocktheit', gewundert, die ihn manchmal in
Gesellschaft selbst lieber Freunde überfalle. Auch von der Zeit
seiner ersten Ankunft in Weimar meldet er, sein Wesen sei „apprehensiv
und unbequem“ gewesen; und als er dem vierzigsten Jahre naht,
hören wir: „Mir ist's wenigstens nicht gegeben, gegen die Menge
und mit der Menge herzlich zu sein.“ Während es Schiller — dem
Denker und Diplomaten — natürlich war, sich heiter und
freimütig zu geben, so daß selbst Solche, die ihn wenig
kannten, entzückt ausriefen: „An dem Manne ist alles
liebenswürdig, selbst sein Tabaksfleckchen unter der Nase!“ trug
Goethe von Hause aus in sich die Neigung zur Reserve und Vorsicht. Dazu
kam nun ein verwirrender Wechsel der Laune. Von der Jugend heißt
es: „Ich war meist zu lebhaft oder zu still, und schien entweder
zudringlich oder stöckig...“; in reifen Jahren klagt sich
Goethe eines „Dünkels des Rechthabens“ und eines häufigen
Geratens in „gehässige Ungezogenheit“ an und schließt:
„Dabei behielt ich etwas von der Ingenuität des Voltaireschen
Huronen noch im späteren Alter, so daß ich zugleich
unerträglich und liebenswürdig sein konnte.“ Nach diesen
Anführungen wird es nicht mehr seltsam erscheinen, wenn wir in
Briefen lesen, er sei „stumm wie ein Fisch“, und im Tagebuch einer
Bemerkung begegnen wie die folgende: „War zugefroren gegen alle
Menschen.“ Dieses Zugefrorensein wurde später zur bewußten
Lebensmaxime, von welcher nur abgewichen wurde, wo es dem sich selbst
Beherrschenden gut dünkte. Hierbei ist aber namentlich folgendes
beachtenswert: in den ersten Weimarer Jahren, aus welchen wir so viele
Berichte über Goethe's glänzende Eigenschaften als Hofmann
besitzen, brachte nichtsdestoweniger diese Geselligkeit dem Gefeierten
in der Hauptsache nur Seelenleiden; das entdecken wir, sobald wir in
den vertraulichen Briefen und in den Bekenntnissen des Tagebuches
sorgsam auf die leise Stimme des innerlichsten Gemütes horchen.
Hin-
149
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
gegen schwenkten nach der
Krise und Italien die Verhältnisse ins
Entgegengesetzte um; denn gerade die Abkehr von der Welt löste den
Bann und bewirkte, daß Goethe nunmehr, seiner Selbstbeherrschung
sicher, mit den Menschen freier und unbefangener verkehren konnte. In
jener früheren Zeit hatte es geheißen: „Die Blüte des
Vertrauens, der Offenheit, der hingebenden Liebe welkt täglich
mehr“; später wird viel ruhiger geurteilt. Dieser paradoxe Vorgang
der steigenden Leichtigkeit des Verkehrs bei wachsender Entfremdung der
Gesinnung ist für Goethe's Wesen äußerst bezeichnend
und lehrt uns mehr über ihn als die ekstatischen Schilderungen der
Philister, deren Eitelkeit es schmeichelte, von dem berühmten
Manne empfangen worden zu sein, in welchem sie aber natürlich nur
erblickten, was der Stimmungsgewaltige ihnen vorzuzaubern für gut
fand.
Zweck und Methode dieses Kapitels erfordern hier
noch eine
Untersuchung: wir müssen nämlich den zeugenden Mittelpunkt
aufdecken, aus welchem der nach Zeit, Umständen und Personen so
wechselnde Eindruck sich erklärt, den Goethe auf Andere
hervorbrachte.
Als Goethe seinem dreißigsten Geburtstage
nahte, räumte er
in seinen Papieren auf und warf auf sein vergangenes Leben einen
„stillen Rückblick“. Dabei fiel ihm auf: „Wie er besonders in
Geheimnissen, in dunklen, imaginativen Verhältnissen eine Wollust
gefunden habe.“ Dies erstreckt sich sogar auf Liebe und Freundschaft;
denn er entdeckt, daß er „in Schattenleidenschaften gar viel Tage
vertan“. Fast zwanzig Jahre später, angeregt durch eine kritische
Bemerkung Schiller's in bezug auf Wilhelm
Meisters Lehrjahre — „die
Einbildungskraft scheine zu frei mit dem Ganzen zu spielen“ — legt
Goethe eine (wie er's nennt) „allgemeine Beichte“ ab: „Der Fehler, den
Sie mit Recht bemerken, kommt aus meiner innersten Natur, aus einem
gewissen realistischen Tic, durch den ich meine Existenz, meine
Handlungen, meine Schriften den Menschen aus den Augen zu rücken
behaglich finde. So werde ich immer gern incognito reisen, das
geringere Kleid vor dem besseren wählen, und, in der Unterredung
mit Fremden oder Halbbekannten, den unbedeutenderen Gegenstand oder
doch den weniger bedeutenden Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger
betragen als ich
150
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
bin und mich so, ich
möchte sagen, zwischen mich selbst und meine
eigene Erscheinung stellen.“ Zur oberflächlicheren
Veranschaulichung genügt es, daran zu erinnern, daß in
Goethe „schon von Jugend auf eine Lust, sich zu verkleiden, selbst
durch den ernsten Vater erregt worden war“, daß er als Knabe in
Frankfurt in verwickelte Mystifikationen sich einließ, daß
er die Sesenheimer Pfarre das erste Mal vermummt als ärmlicher
Student der Theologie, das zweite Mal als Bauernbursch betrat,
daß er sich seinen Professoren unter dem Namen eines Kameraden
aus einer anderen Fakultät vorstellte, daß er seine Reisen
unter angenommenen Gestalten zu machen liebte, auch nach Italien
verkleidet und mit einem falschen Paß reiste; nicht bloß
nach Italien, auch nach dem Harz und nach der Schweiz brach er
insgeheim, unvermutet auf, seine Absicht vor den Allernächsten
verbergend. Hiermit hängt eine virtuose Fähigkeit zusammen,
Gestalt, Stimme, Manier nach Belieben zu modeln und dann festzuhalten.
In dem Gedichte Wieland's, aus dem ich oben einige Verse anführte,
wird erzählt, Goethe „entschlüpfte immer, wenn man ihn zu
fassen wähnte“, und „kam in anderer Gestalt zurück“:
Und jede der tausendfachen
Gestalten
So ungezwungen, so
völlig
sein,
Man mußte sie
für die wahre halten!
Als er den armen Plessing in seiner Einsamkeit aufsuchte — Plessing,
mit dem er schon in Briefverkehr stand — unterhielt er sich einen
ganzen Abend mit ihm über Weimarer Verhältnisse und
namentlich über „Goethe“, ohne sich einmal zu verraten, und reiste
unerkannt ab. Knebel, der Goethe in Weimar aus nächster Nähe
sah und ihn als den „unendlich Guten“ preist, schreibt auch: „Er ist
ein wunderbares Gemisch oder eine Doppelnatur von Held und
Komödiant; doch prävaliert die erste.“ In der Tat, der
langjährige Theaterdirektor war ein geborener Schauspieler, aber
in einer andern Höhe und auch einem andern Sinne als unsere
Bretterhelden; denn während diese ihre beschränkende
Individualität meistens so wenig überwinden können,
daß sie sich in den verschiedensten Rollen uns immer wieder
aufdrängt, hatte Goethe gleichsam den ganzen Stoff seiner
zeitlichen Erscheinung in der
151
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
Gewalt. Hieraus gewinnen wir
für die richtige Erkenntnis der
Persönlichkeit und ihrer Geschichte einige wichtige
Aufschlüsse.
Zunächst wird die Maske (vgl. S. 19) aus der zweiten
Lebenshälfte für uns lebendig. Es handelt sich nicht um ein
willkürlich Künstliches; es ist nicht „Theater“; vielmehr war
diesem Manne das Bedürfnis und die Fähigkeit angeboren,
„sich“ zwischen sich selbst und seine Erscheinung zu stellen. Was man
unnatürlich nennen könnte, ist in diesem Falle Natur. Goethe
unterscheidet hier dreierlei: seine Erscheinung, sich und sich selbst.
Wir pflegen vorauszusetzen, die Erscheinung decke sich mehr oder
weniger genau mit dem Selbst; wo das nicht geschieht, nennen wir uns
betrogen. Goethe empfindet das Verhältnis bedeutend plastischer;
zwischen das eigentliche „Selbst“ und die sich den Sinnen der Andern
darbietende „Erscheinung“ schiebt er noch ein „sich“ ein; denn das, was
nach seinem Prometheus nicht einmal die Götter vollbringen
können,
Vermögt ihr zu scheiden
Mich von mir selbst?
das vermag er. Dieses Sich ist ein Poet und ein Schalk, der im Dienste
der unsichtbar waltenden Persönlichkeit tätig ist, ihre
Werke, ihre Handlungen, ja, ihre ganze Existenz der gaffenden Menge
„aus den Augen zu rücken“. „Mein Schicksal ist den Menschen ganz
verborgen; sie können nichts davon sehen noch hören.“ Man
versteht, inwiefern diese Neigung — diese „zu frei mit dem Ganzen
spielende Einbildungskraft“, welche Schiller aus den Lehrjahren
herausgemerkt hatte — einen unentbehrlichen, organischen Bestandteil
der „innersten Natur“ dieser einen Persönlichkeit ausmacht.
Wieder haben wir in tiefste Tiefen der
Persönlichkeit
hineingegriffen. Denn wie ich dem Leser nach und nach immer näher
zu bringen hoffe, ist unter allen seinen Taten Goethe's
größte Tat das Aufrichten einer Idee seiner Selbst, eines
Ideals, das ihm als Sonne dient. Ist Goethe ein Naturerforscher, so
bewährt sich seine Forschung nirgendwo glänzender als in der
Erforschung seiner eigenen Menschennatur; ist Goethe ein Poet, so hat
er nichts größeres gedichtet als das Selbst, das er aus dem
Innern auf die ge-
152
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
gebene Erscheinung
verklärend zurückstrahlte. Hierzu
gehörte aber eine einzige Gewalt der Seelenplastik, und ein Teil
dieser Gewalt, ein Bruchstück von ihr, ist jene Fähigkeit,
welche Goethe allegorisch als ein Stellen von „sich“ zwischen „sich
selbst“ und seine „Erscheinung“ bezeichnet. In Goethe erblicken wir
eine vollkommene Verwirklichung des Mannes nach Plato's Herzen; er
weiß, daß das E r f i n d e n die
eigentliche Funktion des
Menschengeistes ist: als Forscher erfindet er, um die Natur gestaltend
zu begreifen, als Weiser schätzt er die Kunst als hohe Schule rein
menschlicher Schöpfertaten; doch als Höchstes gilt ihm die
Tat, durch die der Mensch gleichsam sein eigener Schöpfer wird,
sich selber gestaltet, seinem Leben die Bedeutung und den Inhalt
selbstherrlich bestimmt. Philosophen und Moralisten verschiedenster
Färbung — von einem Calvin bis zu einem Schopenhauer — haben mit
Nachdruck die Unveränderlichkeit der Persönlichkeit gelehrt,
das operari sequitur esse;
dem gegenüber bringt der Poet als
Denker und als Künstler die frohe Botschaft des „Im Anfang war die
Tat“. Jenes ist im letzten Grunde ein Verneinen und führt entweder
zu Fanatismus oder zu Quietismus, dieses ist die zeugende Bejahung,
welche schafft, was noch nicht da war, indem sie, wie Plato es wollte,
„Sprungbretter“ ersinnt, um über uns selbst hinauszukommen. Man
sieht: sobald wir Goethes Verhältnis zur äußeren Welt
nicht mehr vom anekdotenhaften Standpunkt des platt-zufälligen
Tag-für-Tag, sondern sub specie
aeternitatis betrachten, erhalten
wir auch hier unerschöpflich anregende Belehrung über die
innerste Organisation der Persönlichkeit.
Plastisch wandelbar wie der Eindruck, den er auf
Andere machte, war
auch der Eindruck, den Andere auf Goethe machten; wer das erste nicht
versteht, wird das zweite nie richtig beurteilen; der Mann, der sich
selber in der Erscheinung umgestaltet, wird umgekehrt in der
Auffassung Anderer nicht bei dem Gewollten und Gemachten der
Erscheinung verweilen, sondern bis auf den dahinter liegenden Kern
durchdringen. Freilich finden wir bei allen unzweifelhaft Genialen,
daß sie sich häufig in den Menschen getäuscht haben;
das hängt mit der Fruchtbarkeit ihrer Einbildungskraft zusammen;
bei Goethe liegt aber das wahrhaft Beachtenswerte noch tiefer und kann
nur an einem Beispiel aufgezeigt wer-
153
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
den. Kaum wäre es
möglich, ein besseres zu finden als den
Eindruck, den Napoleon auf Goethe machte; es wird verlohnen, diesem
Begebnis auf den Grund zu gehen, und zwar um so mehr, als selbst
über die nackten Tatsachen man meines Wissens nirgendwo einer
Inneres und Äußeres umfassenden, kritischen Darstellung
begegnet. *
Napoleon hat im Jahre 1808 vom 26. September bis zum
14. Oktober in
Erfurt geweilt. Während dieser Zeit hat er Goethe einmal (am 2.
Oktober) in Erfurt während seines Frühstücks empfangen,
ein zweites Mal (am 6. Oktober) auf einem Hofball in Weimar kurz
angeredet und vielleicht ein drittes Mal (wiederum zur
Frühstücksstunde) in Erfurt vorgelassen. Selbst über
diese einfachen Grundtatsachen ist es nicht leicht, den Tatbestand
festzustellen. * Das eine ist aber
sicher: es hat eine einzige
wirkliche Audienz gegeben, die nach Kanzler von Müller „fast eine
volle Stunde“, nach einer Erzählung Goethe's (die er aber erst am
15. Februar 1824 diktierte) „mehr als eine Stunde, ja zwei gedauert“
hat. Doch auch diese einzige längere Unterredung hat unter
eigenartigen Bedingungen stattgefunden, die einen ruhigen
Gedankenaustausch ausschlossen. Napoleon saß bei diesen
Déjeuner-Audienzen an einem runden Tische und aß;
Generäle, Minister, Gäste standen ringsumher, wurden
angemeldet, ausgefragt, entlassen, andere traten ein. So z. B.
während der Stunde (oder der zwei Stunden), die der fast
sechzigjährige Goethe gehorsam kerzengerade dastehen mußte,
berät Napoleon mit dem Minister Daru die verwickelte Frage der
preußischen Kontributionen, empfängt Marschall Soult's
Bericht über die Zustände und Vorkommnisse in Polen usw.;
dazwischen redet er immer wieder einmal Goethe an; Daru, der gelehrte
Übersetzer des Horaz, welcher in der deutschen Literatur wie auch
in anderen Literaturen Europas gediegene Kenntnisse besaß, die
dem Imperator abgingen, verhilft seinem Herrn zu dankbaren Themen,
macht ihn aufmerksam darauf, daß Goethe Trauerspiele gedichtet
und übersetzt habe; Talleyrand, der Tausendkünstler, wirft
vermutlich auch ein Wort dazwischen. Ein Verweilen, ein
Ausschöpfen dessen, was ein Goethe als Geist, Forscher,
Persönlichkeit hätte an Anregung und Bereicherung bieten
können — von dem allen ist keine Rede. Der Weltbeherrscher ist
154
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
ein Mensch von einseitiger
Bildung, dem unfruchtbarsten aller
Dämonen, dem der Politik, verfallen; Talleyrand bat den Grafen
Montgelas, er möge nur ja nicht die Kultur der Franzosen nach
derjenigen ihres Monarchen beurteilen, der „nur die Zivilisation der
römischen Geschichte an sich habe“. Es ist wichtig, dies zu
betonen; denn es ist eine Legende entstanden von einem Napoleon und
einem Goethe, die sich wie zwei Geistesfürsten begegnen, sich
gegenseitig erkennend und einander mitteilend; ich erinnere mich eines
Gemäldes, auf dem man Napoleon nachdenklich, das Haupt zur Erde
gebeugt, sitzen sieht, während Goethe, die Augen gen Himmel, sein
Innerstes vor ihm auszugießen scheint; wogegen Napoleon in
Wirklichkeit von Goethe so gut wie nichts gewußt hat und nur auf
die Empfehlung seines die feinste literarische Kultur besitzenden
Staatssekretärs Maret hin sich herbeiließ, den Dichter rufen
und wie einen Lakaien an seinem Tische stehen zu lassen. Auch kann
nicht die leiseste Spur eines dauernden Eindruckes nachgewiesen werden,
den Goethe auf Napoleon gemacht hätte; selbst das berühmte
Voilà un homme! besitzt
nicht die Bedeutung, die Goethe dem
Worte beilegt. * Von Goethe's
Schriften kannte Napoleon einzig Werther,
den er in jüngeren Jahren gelesen hatte; dieses Buch hatte ganz
Europa in Aufregung gebracht und konnte auch Napoleon nicht unbekannt
bleiben. Dagegen war Napoleon in Wieland's Schriften, so weit sie
übersetzt vorlagen, gut bewandert und empfand für diesen
„deutschen Voltaire“, wie er ihn nannte, große Zuneigung.
Wieland, betagt und gebrechlich, hielt sich während der Erfurter
Tage auf dem Lande halb versteckt und mied die Hoffestlichkeiten; doch
forderte Napoleon gebieterisch, ihn zu sehen, und man mußte einen
Hofwagen schicken, um ihn mit Gewalt auf den Ball im Weimarer
Schloß zu holen; „eine Calotte auf dem Kopfe, ungepudert, ohne
Degen und in Tuchstiefeln“, so trat der Greis in den glänzenden
Kreis der Monarchen und Fürsten, und nun stürzte Napoleon auf
ihn zu, führte ihn abseits, wo keiner zuhören konnte, und
unterhielt sich ununterbrochen anderthalb Stunden mit ihm; nur
Wieland's Ermüdung, die ihn nötigte, um Entlassung zu bitten,
machte dem Zwiegespräch ein Ende. Nebenbei erinnere ich daran,
daß Napoleon zwei Jahre vorher den Historiker Johannes von
Müller an seinem eigenen Tische hatte speisen lassen. Weit
entfernt also,
155
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
Goethe in irgend einem
auffallenden Maße ausgezeichnet zu haben,
hat ihm Napoleon weniger Beachtung geschenkt als manchen andern
deutschen „Celebritäten“, auf die man ihn aufmerksam gemacht
hatte. Nun muß aber außerdem bemerkt werden, daß der
Verkehr mit einigen Poeten und Gelehrten in Erfurt und Weimar, so
flüchtig er auch ausfiel, lediglich aus politischen
Erwägungen erfolgte! Die Herzogin Luise von Sachsen-Weimar hat den
Zusammenhang sofort erkannt; in einem Brief vom 10. Oktober 1808
schreibt sie: Vous remarquerez tout
comme nous que ces gentillesses
envers ces savants ne se font pas sans raison. Napoléon sait
qu'ils ont en Allemagne beaucoup d'influence sur l'opinion publique et
certainement que tous les journaux vont parler de la bonté et de
l'assiduité de Napoléon. Auch der alte schlaue
Wieland,
der nicht wie die Fürstin den politischen Zusammenhang
übersehen konnte, durchschaute nichtsdestoweniger sofort die
Absichtlichkeit: „Da er (Napoleon), wie es schien, auf immer einen
guten Eindruck auf mich machen wollte, so verwandelte er sich
augenblicklich in die Form, in welcher er sicher sein konnte, seine
Absicht zu erreichen.“ Es kam aber noch etwas anderes hinzu außer
der bloßen Absicht, auf die deutsche öffentliche Meinung
einen günstigen Eindruck zu machen; wir erfahren es jetzt aus
Talleyrand's Memoiren, und es wirkt geradezu belustigend: in diesen
ersten Erfurter Tagen lag Napoleon alles daran, Zeit zu gewinnen, damit
der Abschluß der diplomatischen Verhandlungen hinausgeschoben
werde. Souvenez-vous bien,
sagt er zu Talleyrand, que tout ce
qui
retarde, m'est utile. Die ganze Tageseinteilung war darauf
angelegt,
dem Imperator keine Zeit zu eingehenderen Verhandlungen mit den
versammelten Monarchen zu lassen; zu diesem
Verschleppungskunststück gehörten die ungeheuer ausgedehnten
Frühstücke des Mannes, der sonst in fünf Minuten fertig
war und von dem Wieland erzählt: „Hastiger kann wohl kein
getulischer Löwe, der seit drei Tagen gefastet hat, sein
Déjeuner verzehren.“ J'ai vu
plusieurs de ces déjeuners
durer plus de deux heures. Cest là que Napoléon faisait
venir les hommes considérables et les hommes de
mérite.... Im weiteren Verlaufe der Schilderung
erzählt
Talleyrand mit unverkennbarer Ironie, in welcher klug überlegten
Weise sich der Kaiser vorzubereiten pflegte: L'empereur arrangeait avec
soin ses conversations d'apparat; il s'attachait à
156
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
y prendre tous ses avantages,
et pour cela il y arrivait tout
préparé sur un sujet inattendu pour la personne à
laquelle il adressait la parole. Außerdem hatte Napoleon —
wenig
gewohnt, sich mit Ideologen zu unterhalten — eine Anzahl geistreicher
Bemerkungen auswendig gelernt, die Talleyrand, der tägliche Zeuge
dieser Empfänge, einmal übers andere wortwörtlich
wiederholen hörte; hierher zählt z. B. die Behauptung, das
Christentum sei „eine bewunderungswürdige Reaktion des
griechischen Geistes gegen den römischen Geist, ein Sieg des
Besiegten über den Sieger“ — eine These, die in ihrem blendenden
Scheine und in ihrer inneren Unhaltbarkeit eher einem weiblichen als
einem männlichen Hirne zuzuschreiben sein dürfte; so auch
eine eingehend begründete Auseinandersetzung über und gegen
Tacitus. * Dabei schlummert die
Eitelkeit nie: Johannes von
Müller soll seine historischen Arbeiten liegen lassen und sein
ferneres Leben der Schilderung der Taten Napoleon's widmen; Goethe soll
nach Paris kommen, den Imperator, seinen Hof, seine Weltregierung
studieren und dann „als schönste Aufgabe seines Lebens“ dies alles
in einer großartigen Cäsarentragödie verherrlichen. Wie
immer bei diesem Manne: die Mischung von Verschlagenheit und
Naivität.
Es erübrigt noch, den Gemütszustand
Napoleon's an jenem 2.
Oktober, als er Goethe empfing, genauer ins Auge zu fassen.
Bonaparte, der 1806 gewähnt hatte, ganz Europa
werde sich seinem
Zepter beugen, und der seine Herrschaftsgedanken schon bis nach Indien
hin schweifen ließ, erkennt jetzt unüberwindliche
Hindernisse; einen zweiten Imperator m u ß er
in Europa neben
sich dulden; dazu erwählt er den entferntesten Monarchen,
denjenigen, dessen Machtgebiet weite Ausdehnung nach Osten zu
verspricht und der darum weniger als Österreich die Herrschaft
über das westliche Europa streitig machen wird; Alexander zum
wahren Freund zu gewinnen, dazu sollen die Erfurter Tage dienen. Und
mit diesem ersten Plan verwebt sich ein zweiter: Napoleon wird sich
scheiden lassen, wird eine Schwester des russischen Kaisers heiraten
und wird hierdurch nicht allein seine eigene Dynastie gründen,
sondern sie von Anfang an mit der des andern Imperators verschwistern.
Dieser zweite Plan ist noch kühner als der andere; in Erfurt erst
faßt er sich ein Herz, ihn den Allernächsten — einem
Talleyrand, einem Maret — anzuvertrauen; nachts läßt er sie
an sein Bett rufen, denn
157
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
der Schlaf, sonst sein Freund,
verläßt ihn, und die Qual des
unausgesprochenen Gedankens wird unerträglich. Von allen Seiten
türmen sich aber bei dieser Kombination die politischen
Schwierigkeiten auf: Konstantinopel, den Herzenstraum aller Zaren, kann
er seinem erhofften Schwager doch nicht gönnen; denn damit
würde dieser das Mittelländische Meer beherrschen und
Italien, Frankreich, Spanien bedrohen; Polen braucht er als Lockbissen
für Österreich, damit dieses Schlesien und Italien
verschmerze; keine festländische Macht darf er sich verfeinden,
ehe nicht das Inselreich durch Handelsabsperrung vernichtet ist. Und
nun soll Zeit gewonnen werden; jeder Tag ist kostbar. Zwar hat er den
Vertragsentwurf mit Rußland schon in der Tasche, doch mit dem
Heiratsplan wagt er sich nicht hervor, bis er das Herz Alexander's
bestrickt hat: und ebensowenig dürfen die anderen Fürsten mit
ihren Anliegen an ihn herankommen, ehe jener alles entscheidende
Schachzug, die eigentliche Grundsteinlegung seiner dauernd befestigten
Machtstellung, geglückt ist. Souvenez-vous
bien que tout ce qui
retarde, m'est utile! Zu diesen „retardierenden Momenten“,
welche die
Minister herbeischleppen mußten, wo sie sie nur auftreiben
konnten, gehörte an dem einen Morgen auch Goethe; Fürsten
harrten und wurden nicht vorgelassen, während der Kaiser sein
Frühstück ins Endlose ausdehnte. Monsieur Goethe, vous
devriez rester ici pendant tout le voyage et écrire l'impression
que fait sur vous le grand spectacle que nous vous
donnons. — Ah, Sire! il faudrait la plume de quelque écrivain de
l'antiquité pour entreprendre un travail semblable. — Etes-vous
de ceux qui aiment Tacite? — Oui, Sire, beaucoup. — Eh bien! pas moi;
mais nous parlerons de cela une autre fois. Welche sichtliche
Mühe
gibt sich der Sorgenschwere, den Schein einer Unterhaltung
aufrechtzuhalten, und wie fühlt er sich erleichtert, als Soult und
Berthier ihre Berichte über Truppenbewegungen, Aufstände,
Kommissariatsnöte und dergl. dazwischen vorbringen! Ein Wort
fällt allerdings, das viel beachtet und für geistvoll
gehalten worden ist: „Was will man jetzt mit dem Schicksal? Die Politik
ist das Schicksal.“ Doch wer die Lage
erfaßt, begreift, daß dieses hohle Diktum nur insofern
belangreich erscheint, als der verschlossen Brütende an dieser
einen Stelle seine
Seelenqual verrät; er möchte sich überreden, die Politik
zwinge
jetzt das Schicksal, und weiß es doch besser, er, der sich im
selben Augenblick,
vom
158
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
Schicksal unwiderstehlich
getrieben, mit all seiner fein
ausgeklügelten Politik wie ein Blinder ins Verderben stürzt!
Wie Goethe nun diese Begegnung aufgefaßt und
geschildert hat, ist
allbekannt; seine Briefe, Unterhaltungen, Schriften bezeugen es
hundertfach; die Vorstellung „Napoleon“ gehörte fortan zu den
lebendigsten in seinem Hirn. In einem Brief an Cotta, dem die Bedeutung
einer öffentlichen Kundgebung zukommt (da Goethe dem
Zeitungsbesitzer gern auf diese Weise Ansichten und Auffassungen zu
weiterer Verbreitung beizubringen pflegte) schreibt Goethe am 2.
Dezember 1808: „Ich will gestehen, daß mir in meinem Leben nichts
Höheres und Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem
französischen Kaiser und zwar auf eine solche Weise zu stehen.“
Das schreibt ein Goethe, der Besonnene, der allen Übertreibungen
Abgeneigte, der Mann, der seine Worte einzeln auf die Wage zu legen
pflegt! Er spricht nicht von diesem Augenblick, nein, von s
e i n e m g
a n z e n L e b e n; und er sagt nicht, es sei ihm
von Bedeutung
gewesen, den merkwürdigen Condottiere zu sehen, nein, sondern ihm,
Goethe, konnte nichts „Höheres“ begegnen, als von dem kulturarmen
Korsen zwischen zwei Bissen herablassend angeredet zu werden, und
nichts „Erfreulicheres“, als Ratschläge über die Art,
Tragödien zu dichten, von ihm zu empfangen, von einem zerstreuten
Manne, dessen geistige Fähigkeiten in jenem Augenblick durch das
eine Ziel hypnotisiert waren, wie er es fertig bringen könne,
Rußland und Österreich beide zu betrügen und
nichtsdestoweniger beide als Freunde an sich zu binden! Es tut einem
wohl, in einem Briefe, den Goethe zwei Tage später an eine gute
Freundin schrieb, dem Geständnis zu begegnen: „...gegenwärtig
unterscheidet sich der Gescheiteste bloß dadurch
von dem Albernen, daß er weiß, nach so kapital-seltsamen
Begebenheiten sei er etwas weniger verrückt als die übrigen.
Untersucht man die Grade der Verrücktheit, so findet man die
für die tollsten, die sich einbilden, sie hätten wirklich
eine Art von Urteil über das, was sie gesehen haben.“ Goethe —
nach seinem eigenen Witz — gehörte gewiß zu den
allergescheitesten, denn ahnungslos war er das Spielzeug politischer
Verknüpfungen und ohne Arg nahm er wie ein Kind alles für
echt auf, was die schlauen Diplomaten ihm vorspiegelten, und eilte mit
seinem Kreuz der Ehrenlegion an der Brust zu Hof, um sich an den
„Äugelchen“ der schönen
159
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
Frauen zu erfreuen.
Unwillkürlich denkt man an den
Schlußsatz der Tagebuchbetrachtung kurz vor Vollendung des
dreißigsten Lebensjahres zurück: „Möge die Idee des
Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den ich in den Mund
nehme, immer lichter in mir werden!“ Dreißig Jahre waren
inzwischen vergangen, dreißig Jahre des ununterbrochenen inneren
Ringens und Gestaltens, immer jene so klar, so unsentimental, so
echt m ä n n l i c h erfaßte Idee des
Reinen vor Augen. Ich glaube, wer mit aller Deutlichkeit jene beiden
Gestalten erblickt und sie eingehend ins Auge faßt, wie sie sich
am Vormittag des 2. Oktober 1808 einander gegenüberstanden, wird
aus der starken Wirkung dieses Gegensatzes Goethe's Persönlichkeit
vielleicht bedeutungsvoller als jemals erfassen. Man lernt
Größe von Größe unterscheiden.
Hiermit jedoch wäre nicht genug geschehen; wir
müßten
noch erforschen, warum Napoleon einen so gewaltigen,
unvergänglichen Eindruck auf Goethe machte. Dazu ist es aber
nötig, von allem Kleinlichen, von aller Chronik, von allen
Zufälligkeiten des Augenblicks abzusehen. „Ich verwünsche das
Tägliche, weil es immer absurd ist. Nur was wir durch
mögliche Anstrengung ihm übergewinnen, läßt sich
wohl einmal summieren.“ Wer Goethe's Wesen begreifen will, wird gut
tun, diesen Spruch stets im Sinn zu tragen. Es ist einfach nicht wahr,
was ungeschickte Lobredner behaupten, Goethe sei ein scharfsichtiger
Politiker gewesen; er hat nicht einmal lebhafte Teilnahme für
Politik bekundet, nicht wenigstens für jene Politik, die von heute
auf morgen unter hundert Intrigen und Schlauheiten, einzig subjektiven
Erwägungen folgend, weitertastet. Goethe's Interesse gehörte
einerseits der tatsächlichen V e r w a l t u n g
eines Gemeinwesens, die
bei allen Umwälzungen der Regierungsformen die Hauptlinien ihrer
Organisation bewahren muß, andrerseits den großen
Bewegungen der G e s c h i c h t e; wogegen ihm das
Politisieren aller Menschen
in jenen Tagen verhaßt war. Er nennt es „eine Art von Fegefeuer,
wo sich halbverdammte Seelen untereinander peinigen“; es zerstört
seine Stimmung und macht ihn unglücklich. Er für sein Teil
fügt sich ohne Murren in das napoleonische Reich und in die
Zerstückelung Deutschlands, weil hierdurch endlich Ordnung und
Friede gesichert scheinen; doch als Napoleon fällt, findet er auch
das wieder „gut“ und gönnt den Franzosen alle Übel „von Grund
des
160
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
Herzens“. Darum war er
imstande, als er jenem merkwürdigen Manne
begegnete, ihn aus großer Entfernung zu erblicken; „objektiv“
würden wir heute sagen, er selber hätte es „rein“ genannt.
Was Goethe nun erblickte, hinterließ einen
unauslöschlichen Eindruck; denn er erblickte seinen Gegenpol, und
zwar nicht allein in dem vorhin schon angedeuteten verneinenden Sinne
des der Seelenreinheit Ermangelnden, sondern auch im bejahenden Sinne;
Napoleon besaß, was er nicht besaß: die entfesselte
Kühnheit, die Lust am Herrschen, das überschwengliche
Selbstvertrauen, wogegen Goethe sein Lebelang es nicht vermochte, die
einengende Hülle des Bürgersohnes vollends abzustreifen.
Seine Bewunderung des Imperators dürfte zum großen Teil
hierin ihre Erklärung finden; Goethe hebt häufig hervor,
daß wir dasjenige preisen, was uns selber abgeht: „Die innigsten
Verbindungen“, sagt er, „folgen nur aus dem Entgegengesetzten.“ Doch
mußte Napoleon, um ein Gegenpol zu sein, nicht bloß
Unterscheidendes, sondern auch Verwandtes besitzen. Da ist
zunächst die ungeheure L e b e n s k r a f
t zu nennen — bei
Napoleon ganz nach außen, bei Goethe ganz nach innen gewendet.
Dann der gebieterische Drang, alles zu v e r w i r k l i c
h e n,
nicht, heißt das, bei Gedanken und Plänen zu verweilen,
sondern schleunigst zu Taten zu schreiten. „Meine Tendenz ist die
Verkörperung der Ideen“, sagt Goethe von sich; von Napoleon
erkannte er, er habe „alles der Ausführung einer Idee geopfert“.
In dieser Tendenz, das Gedachte in die Wirklichkeit
überzuführen, bekundet sich eine gewaltige G e s
t a l t u n
g s k r a f t; es ist gelebte Dichtung; j'ai toujours cherché le
merveilleux, sagt Napoleon auf Elba von sich. Hinter der Energie
ist
also die P h a n t a s i e am Werke. Und, was Goethe
besonders
entzückt als ein ihnen beiden gemeinsamer Zug: es ist echte
Phantasie, nicht Phantastik. „Höchst bemerkenswert bleibt es
immer“, sagt er mit Bezug auf Napoleon, „daß Menschen, deren
Persönlichkeit fast ganz Idee ist, sich so äußerst vor
dem Phantastischen scheuen“. Napoleon kann die „Ideologen“ nicht
ertragen, und Goethe eifert immer wieder gegen „Mystik“; beide, weil
sie befürchten, es kämen Worte an die Stelle von Taten. Hier
sind wir nun bis zum Kernpunkt durchgedrungen: Goethe, der, die
Tagesereignisse kaum beachtend, g a n z i
n d e r I d e e lebt, erkennt in
Napoleon einen Mann, der scheinbar ausschließlich Politiker, in
161
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
Wahrheit gewisse Instinkte
eines Poeten besitzt und der insofern
ebenfalls „fast ganz in der Idee lebt“. Weit mehr als Goethe leidet
Napoleon an der Politik; denn jener kann die Politik wie einen
bösen Traum von sich abschütteln, dieser bedarf ihrer bei
jedem Schritt, er ist ihr wie Faust dem Teufel verfallen. So sucht denn
jeder von beiden eine Welt zu gestalten: der Eine eine
äußere mit Preisgabe alles inneren Wertes; der Andere eine
innere mit Verzicht auf jeden äußeren Vorteil; der Eine
muß seinen Weg durch Betrug, Lüge, Meuchelmord und durch das
Elend von Millionen nehmen, er ist der Sklave der Menschen, die er zu
regieren, und der Verhältnisse, die er zu lenken wähnt, der
Andere übt die „fortdauernde reine Entfremdung von den Menschen“
und zieht sich — nicht äußerlich verstanden, aber innerlich
— immer mehr in sich selbst zurück, um sein Ich zu einem
unvergleichlich umfassenden, reinen Phänomen auszubilden, und wird
hierdurch nach und nach der ganz freie Mensch; der Eine verdient sich
den Beinamen „Geißel Gottes“, der Andere wächst empor zu
einem Ersten unter den guten Geistern, die der armen ringenden
Menschenseele durch Jahrtausende beistehen.
Noch ein letzter Gang in die Tiefe. Auch in der rein
geistigen
Beschaffenheit der beiden Männer besteht nämlich eine
bemerkenswerte Kontraposition der Anlagen. Wenn Boisserée's
Bericht zuverlässig ist, so hat Goethe (am Abend des 8. August
1815) ihm gesagt, Napoleon „habe den größten Verstand, den
je die Welt gesehen.“ Dieses Wort fällt auf, weil Goethe
wiederholt das Unbewußte an Napoleon hervorhebt und gerade der
Verstand — im Gegensatz zu Instinkt, Ahnung, Gefühl usw. — auch in
Goethe's Sprache das Organ des Bewußtseins ist; ein
„unbewußter Verstand“ wäre eine contradictio in adjecto.
Goethe scheut aber in diesem Falle das Paradoxon nicht und sagt
geradezu: Napoleon's Leben sei „in kräftigem unbewußten
Handeln und Sinnen“ vorübergeschwunden. Unbewußtes Sinnen!
ein aller Beachtung werter Ausdruck. Und zwar um so mehr wert, beachtet
zu werden, als dieses Wort uns plötzlich auf die ungeheure
Entwickelung des Bewußtseins bei Goethe als einen Hauptzug seiner
Persönlichkeit hinweist. Wohl betont er öfters das Element
des Unbewußten in aller genialen Zeugungskraft, doch sein
bewußtes Ergreifen seiner selbst — seines Wesens, seiner Bestim-
162
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
mung, seines
Willensbeschlusses, „seiner eigenen Besinnung“ (wie er
selber sagt) — ist so einzig, daß es fast beängstigend
wirkt. Schon in jungen Jahren „brütet er über sich selbst“,
und zwar so tief, daß er „die bunte, dumme und tolle Wirtschaft
um sich kaum fühlt“, und beständig bleibt diese Selbstschau
am Werke. Im Tagebuch — solang er es eigenhändig schreibt und es
infolgedessen Behälter für Selbstbekenntnisse sein kann —
lesen wir: „Was ich zustande gebracht. Worin ich zugenommen. Was ich
nicht zustande gebracht. Was ich dies Jahr nicht getan. Über
gewisse Dinge mich so klar als möglich gemacht“ usw. Als
Siebzigjähriger schreibt er: „Gesundes Hineinblicken in sich
selbst, ohne sich zu untergraben; nicht mit Wahn und Fabelei, sondern
mit reinem Schauen in die unerforschte Tiefe sich wagen, ist eine
seltene Gabe...“; diese Gabe besaß er wie vielleicht kaum ein
zweiter Mensch. Wogegen Napoleon in dieser Beziehung das reine
Gegenteil Goethe's darstellt: sein Sinnen ist ein „unbewußtes“,
sein Wollen ein wahnbetörtes. Und man beachte folgendes. Wohl
betrachtet, heißt Sich-Erfassen zugleich die Welt erfassen.
Goethe's klare Besinnung über sich selbst schließt die
Besinnung über das, was sein Selbst umgibt, in sich; wogegen
Napoleon, der erst auf Sankt Helena dazu kam, überhaupt über
sich nachzudenken, in Wirklichkeit ebensowenig die Natur, die Welt und
die Menschen wie sich selbst kannte. Man weiß, daß
elektrische Ströme von sehr hoher Spannung nicht mehr ins Innere
der Körper eindringen, sondern an der alleräußersten
Oberfläche hinstürmen; eine Stromstärke zehnmal so stark
wie diejenige, die den Menschen sofort tötet, läuft an seiner
Cuticula hin, ohne ihm den geringsten Eindruck zu hinterlassen:
ähnlich verhielt es sich mit Napoleon; er gleicht einer ungeheuren
Oberflächenkraft. Wohl mag er, wie Goethe behauptet, „fast ganz in
der Idee gelebt haben“, doch war sein Sinnen ein unbewußtes, und
er erkannte so wenig sein eigenes Wesen, daß er vielmehr alles
Ideelle leugnete. Wer aber die Idee nicht erfaßt und sie gar wie
Napoleon verwirft, ist unfähig, die Wirklichkeit zu erfassen; und
zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Idee nichts anderes ist als die
bis zur wahren, menschenmäßigen Anschaulichkeit
zusammengedrängte, sonst verworren nächtige Wirklichkeit.
„Begreifen“ ist eine Verrichtung des Menschengeistes; das Mittel zur
Ausübung dieser Verrichtung ist Ideenbilden. Und so
163
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Wechselwirkung zwischen Goethe und
seiner Umgebung
kommt es denn, daß der
(nach Goethe's Versicherung)
größte Verstand, den je die Welt gesehen, nichtsdestoweniger
blind, tiermäßig, ich möchte sagen, „dumm“ sich
betätigt hat, so daß der selbe Goethe an anderer Stelle
Napoleon mit „einer physischen Ursache, wie Feuer und Wasser“
vergleichen muß, also mit dem schlechthin Verstandlosen. Der
Mann, der vom Schicksal mit Geringschätzung als von einem
längst Überwundenen sprach, war selber n u r
S c h i c k s a l, nur
eine blinde, unbewußte Macht, keine Persönlichkeit im
ethischen Sinn dieses Wortes, sondern nur Fatum, nur Naturgewalt. Hier
aber halten wir das, was für Goethe die Quelle einer nie wankenden
Bewunderung wurde: mochte Napoleon auch eine blinde Gewalt sein, eine
mächtige Gewalt war er, ein gewaltiges Dämonium oder, wie ihn
Ernst Moritz Arndt nennt, „ein erhabenes Ungeheuer“. Das ist es, was
Goethe an ihm liebte: die beispiellose Fülle an elementarer
Lebenskraft. Kraft strömt zu Kraft über wie im Physischen so
auch zwischen Seelen. Und so empfand der Allbewußte Napoleon's
Nähe geradezu als „ihm Glück bringend“.
Man sieht: hier wie anderswo bei Goethe muß
man alle
Trivialität des bloßen Scheines hinter sich lassen, will man
zum Verständnis vordringen. Wohl gab es einen Goethe, der die
Absichtlichkeiten der erbärmlichen Politik lange nicht so schlau
wie ein Wieland erriet oder so überlegen wie eine Herzogin Luise
durchschaute, einen Goethe, der in aller Einfalt von dem Ehrgeiztollen
wähnte, er habe in ihm „seinen freundlichen und gütigen Herrn
gefunden“, und der kindlich froh das rote Band der Ehrenlegion an den
Rock heftete; „Herder hat wohl recht zu sagen: daß ich ein
großes Kind bin und bleibe“, schreibt der
Achtunddreißigjährige — welcher Gegensatz zu Napoleon, dem
Unschuldslosen! Wohl ist das alles wahr; damit wird aber nur die
äußere Hülle, die gesunde, schützende, alles
Fremde von der Seele fernhaltende Epidermis genannt. „Ich
verwünsche das Tägliche, weil es immer absurd ist!“ tönt
es uns aus dem Inneren wieder hervor; und erst wenn wir in dieses
Innere eindringen, tut sich diejenige Welt auf, in welcher Goethe
lebte, die Welt des Ewigen. Mit Leidenschaft erfaßte er jede
Gestalt, die ihm Teilnahme einflößte; nicht blieb er bei den
Zufälligkeiten des Tages stehen, sondern das Erlebte sog er in
sich auf und bearbeitete es mit seinem Geist und seiner Phantasie, bis
es die Fülle der Bedeu-
164
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
tung und die Reinheit der
Gestalt gewonnen hatte, die seinem eigenen
inneren Leben entsprachen: das Zeitliche erhält in diesem
ideenformenden Geiste ewige Bedeutung und wird so dem Weltbilde
einverleibt des ohne Unterlaß bewußt Sinnenden.
—————
Der
Charakter
Mir will es scheinen, als hätten wir mit diesen
Betrachtungen
über die Beziehungen Goethe's zu Anderen — in der Liebe, in der
Freundschaft, im Mitarbeitertum, in der warmen Anerkennung jedes
Verdienstes, in der verborgenen, werktätigen Hilfeleistung an die
hoffnungslos Leidenden und in der feurigen Bewunderung der Bedeutenden
— mir will es scheinen, als hätten wir Wege aufgedeckt, die
wirklich in Tiefen der Persönlichkeit führen und so viel zu
denken geben, daß man gern noch länger dabei verweilen
möchte. Das Beispiel wirkt immer unerschöpflich. Doch bleiben
noch manche Grundzüge zu erwähnen, und es würde ins
Unabsehbare führen, wollte ich jeden einzelnen wie bisher am Werke
aufzeigen. Ich greife also zur allgemeinen, immer mehr oder weniger
schematischen Schilderung und ziehe diese weiteren Striche an dem
Schattenriß der Persönlichkeit, zwar nicht flüchtig,
jedoch leicht und schnell.
Damit sich das Schema gleich unverhohlen als solches
bekenne, wollen
wir Charakter und Verstand auseinander zu halten versuchen. Die
Unterscheidung läßt sich allerdings nicht streng
durchführen; beide greifen ineinander über; doch soll sie uns
wenigstens zur Gliederung dienen, indem wir zuerst einiges besprechen,
was vorzüglich die Willensrichtung betrifft, nachher einiges, was
hauptsächlich in den Denkgewohnheiten wurzelt. Sittliche Urteile
will ich nicht fällen. Ein allwissender Gott, der das Herz kennt,
ist einzig imstande, den sittlichen Wert einer Persönlichkeit zu
beurteilen; wir Menschen besitzen dazu kein Mittel, da der moralische
Tatbestand — d. h. die gegebene Kraft des Willens, die relative Macht
der Phantasie sowie ihre Richtung, das Verhältnis zwischen
Verstand und Temperament, zwischen der körperlichen Beanlagung und
dem Reichtum des Geistes — uns auf immer verborgen bleibt.
165
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
Gut und Böse haben nur
mit Beziehung auf eine Gemeinsamkeit
bestimmbaren Wert; dem Einzelnen gegenüber, sobald man ihn als
gegebenes Phänomen betrachtet, verlieren diese Begriffe alle
Bedeutung. Goethe wußte es wohl. Das angeblich Gute und Böse
eines bedeutenden Menschen wird, sagt er, „von der Menge gewähnt
und geklatscht“, und der Biograph, der „die sogenannten Tugenden und
Fehler mit heuchlerischer Gerechtigkeit aufstutzt“, zerstört
dadurch „weit schlimmer als der Tod eine Personalität, die nur in
der lebendigen Vereinigung solcher entgegengesetzten Eigenschaften
gedacht werden kann.“ Das sagt der Fünfzigjährige; genau
fünfundzwanzig Jahre früher aber hatte er in dem edlen
Ungestüm der Jugend an den frömmelnden Pfarrerfreund Lavater
geschrieben: „Alle deine Ideale sollen mich nicht irre führen,
wahr zu sein, und gut und böse wie die Natur.“
Mit einem einzigen Worte versetzt uns Goethe in die
Mitte unseres
Gegenstandes; denn ohne Frage bildet die W a h r h a f t i
g k e i t einen Grundpfeiler dieses Charakters. Gleich hier aber
pflegt ein Mißverstehen sich wie eine Finsternis zwischen uns und
ihn herabzusenken, und damit entschwindet alle Hoffnung, die
Persönlichkeit zu begreifen. Goethe ist nämlich verschlossen,
oft undurchdringlich; es ist dies ein so gebieterisches Gesetz seines
Wesens, daß er gesteht:
Es spricht mein Herz; allein
es spricht mit sich!
Und in prosaischer Fassung: „Was ich ausspreche, das tue ich nicht, und
was ich verspreche, das halte ich nicht“; nicht das Schweigen, wohl
aber das V e r s c h w e i g e n ist ein Element,
das ihn umgibt und umhüllt und aus dem herauszutreten ebenso
vernichtend auf ihn wirkt wie die sengenden Strahlen der Sonne auf
unachtsam bloßgelegte Pflanzenwurzeln. Dies wird nun für
Machiavellismus, für Unaufrichtigkeit gehalten. Die genaue Deutung
dieses Schweigegesetzes kann sich uns erst nach und nach ergeben;
soviel muß aber gleich gesagt werden: wo Goethe sich
undurchdringlich gibt, geschieht es immer der inneren Wahrhaftigkeit
wegen. Ebenso sind auch die „Maske“ und der „Schutzwall“. die wir beide
zu erwähnen öfters Gelegenheit hatten, Mittel und, wenn man
will, Ausflüchte, um die innere Reinheit unangetastet zu
166
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
bewahren. Vielleicht
dürfen wir in dem Abwehren und Abweisen der
Welt und ihrer frivolen Wißbegier ein allen ganz wahrhaftigen
Menschen gemeinsames Merkmal erblicken; wie sollten sie sonst bestehen,
da die Unwahrhaftigkeit eine Grundbedingung des gesellschaftlichen
Verkehres ausmacht? Verschieden ist aber die Art, wie diese Abwehr
stattfindet: sie kann in Abkehr bestehen oder in Verschlossenheit oder
in einem unwilligen Auflehnen gegen die gesellschaftliche Konvention.
Goethe nun konnte die Menschen nicht entbehren; sein Wesen ist ein in
hohem Grade geselliges; unerschöpflich mitteilsam, fordert er von
Anderen ein gleiches; um so bemerkenswerter ist die Art, wie er dennoch
ein tiefes Schweigen über sich zu üben und darin wie in einem
heiligen Schreine verschlossen seine Wahrhaftigkeit sich zu wahren
gewußt hat. „Mein Schicksal ist den Menschen ganz verborgen; sie
können nichts davon sehen noch hören“ (S. 151).
Die Maske,
die Goethe sich vorhält, sobald es ihm beliebt, oder vielmehr die
hundert Masken, die ihm zur Verfügung stehen, sind (wie vorhin in
anderem Zusammenhang klargemacht wurde) nie Betrug, sondern sie
entstehen durch das ungehemmte Walten irgend einer zu andern Zeiten im
Zaum gehaltenen Anlage. Die Strenge, die Kälte z. B., mit denen er
Manchen fernhielt, oder wiederum das Steife, Pedantische,
Konventionelle, alle entspringen sie angeborenen Anlagen, nur daß
sie, wo er sich frei gab, durch die seinem Herzen näherliegende
Nachsicht, Begeisterung, Anmut, Geschmeidigkeit, Freiheit verschlungen
und wie ausgelöscht wurden. Bezeichnend für Goethe bleibt
aber gerade, daß er k e i n D i p l o m a t
war; dies zu werden,
blieb ihm trotz seines vieljährigen Hoflebens unmöglich. Er
konnte rücksichtsvoll, geduldig, nachsichtig sein: des famosen
Hofrats Büttner chaotische Unordnung bezeichnet er z. B. als
„beschränkte Genauigkeitsliebe“; er besaß die
Fähigkeit, das ihm Fremde mit eisiger Kälte abzuwehren;
überlegene Ironie stand ihm zur Verfügung; sein Zorn
erschreckte die Umgebung; aber lügen konnte er nicht:
Manches hab' ich gefehlt in
meinem Leben, doch Keinen Hab' ich belistet.
Nie suchte er auf
verschlungenen Umwegen Menschen und Meinungen zu
beeinflussen oder sonstige Ziele zu erreichen. Der Gegen-
167
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
setz zu Schiller wirkt
belehrend. Diesen muß man einen gewiegten
Diplomaten nennen; die Lebensnot hatte ihn Klugheit gelehrt; er
schreibt Dinge an Goethe, die seiner wahren Meinung nicht genau
entsprechen (S. 134); Goethe dagegen verschweigt
zwar manches seinem
Freunde, widerspricht nicht, wo er seine Meinung nicht teilt, sondern
läßt ihn gewähren (wie es in dem Brief an Zelter vom
11. April 1825 heißt), weicht aber in dem, was er sagt, nie um
Haaresbreite von der Wahrheit ab. Diese Sorge trägt er bis ins
Kleinste. So wird man z. B. weder in seinem gesamten Briefwechsel, noch
in seinen zahlreichen amtlichen Berichten je einer Schmeichelei
begegnen; und doch läge für einen Mann in seiner Stellung
nichts näher, als sich durch billige Redensarten die Leute vom
Halse zu halten. „Phrasen mag und darf ich nicht machen“, ist sein
Standpunkt, und darum antwortet er auf jede literarische oder
künstlerische Zusendung, je nach der Person des Absenders,
entweder gar nicht oder aufrichtig. Dem Verfasser eines schlechten
Theaterstücks schreibt er: „Schwerlich wird es auf der Bühne
noch im Buchhandel Glück machen. Ein gutes Kunstwerk sieht sich so
leicht an und mancher gute junge Mann wird dadurch verführt zu
glauben, daß es auch leicht zu verfertigen sei. Indessen wenn Sie
nach diesem mißlungenen Versuch den festen Vorsatz fassen, nie
wieder dergleichen zu unternehmen, so haben Sie dadurch schon viel
gewonnen, indem Sie Zeit und Kräfte zu Ausbildung anderer Anlagen
sparen, die Ihnen die Natur nicht versagt zu haben scheint.“ In einem
ablehnenden Brief an Heinrich von Kleist über dessen Penthesilea
heißt es: „Wenn man nicht aufrichtig sein sollte, so wäre es
besser, man schwiege gar.“ Wir finden also hier vereinigt die beiden
Formen der Wahrhaftigkeit, die sonst nicht immer ineinandergreifen: die
Wahrhaftigkeit gegen sich und die Wahrhaftigkeit gegen die Andern. Die
Wahrhaftigkeit gegen sich selbst kommt erschöpfend zum Ausdruck in
den Worten „gut und böse wie die Natur“. Das Spielen mit dem
Gewissen, die kasuistische Selbstüberredung, eine böse Tat,
die wir begangen, sei zu entschuldigen, sei womöglich in diesem
Falle „gut“, ist unser Aller Versucher; Goethe, der gegen den alten
Weisheitsspruch „e r k e n n e dich selbst“
manches einzuwenden weiß, lehrt und lebt dennoch ein heroisch
wahrhaftiges „s e i du selbst!“
168
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
Und hiermit
enthüllt sich uns der zweite Grundpfeiler dieses
Charakters: d e r T r i e b z u
m H a n d e l n. „Das Sicherste“, sagt Goethe,
„bleibt immer, daß wir alles, was in und an uns ist, in Tat zu
verwandeln suchen; darüber mögen dann die Andern wie sie
wollen und können reden und verhandeln.“ Bei Zeiten soll man
lernen, alles zu vermeiden, was nicht zu Genuß oder Produktion
führt. Selbst die Wahrhaftigkeit will er nicht als Erkenntnis,
sondern vielmehr als Tat aufgefaßt wissen. Sicherlich würde
er nicht viel gegen die Erklärung einzuwenden haben: wer handelt,
ist gut, wer nicht handelt, ist böse. Und des weiteren noch: was
an einem Menschen wahre Tathandlung ist — und wäre es auch
„böse wie die Natur“ (man denke an Napoleon!) — das wird dennoch
zu einer Quelle des Guten; hingegen: „Unnütz sein, ist tot sein“.
Darum sagt Goethe von dem „bösen Geist“:
Den ich so früh als
Freund und Feind gekannt.
Rüttelte er auf, stachelte er zu Tathandlung an, so war auch der
böse Geist ein Freund. Nicht von der Bosheit allein, auch von dem
Irrtum gilt das Gesagte: alles Reden erzeugt nur Sophismen, doch sobald
gehandelt wird, kann auch das Falsche Tüchtiges bewirken. „Ein
Irrtum kann so gut als ein Wahres zur Tätigkeit bewegen und
antreiben. Weil nun die Tat überall entscheidend ist, so kann aus
einem tätigen Irrtum etwas Treffliches entstehen, weil die Wirkung
jedes Getanen ins Unendliche reicht.“ Nicht Gutes und Böses
demnach, nicht Wahrheit und Irrtum, sondern Produktivität und
Sterilität: das sind vom Standpunkt des Handelns aus die beiden
unversöhnlichen Widersacher.
Über den Arbeitsdrang und die
Arbeitsfähigkeit Goethe's
brauche ich wohl an dieser Stelle nicht viel zu sagen; sie werden mit
Staunen von allen anerkannt, und jede Seite auch dieses Buches zeugt
von ihnen. „Die größte Gabe, für die ich den
Göttern danke, ist, daß ich durch die Schnelligkeit und
Mannigfaltigkeit der Gedanken einen solchen heitern Tag in Millionen
Teile spalten und eine kleine Ewigkeit daraus bilden kann.“ Noch zehn
Tage vor seinem Tode schreibt er: „Eine Folge von konsequenten
Augenblicken ist immer eine Art von Ewigkeit selbst.“ Und noch ein
köstliches Wort: „Man wird dreihundert Jahre alt und drüber,
wenn man nur alle Tage seine
169
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
Sachen redlich macht...“ Auch
nach dem Tode wünscht sich Goethe
nur Eines: daß „der ewig Lebendige ihm neue Tätigkeiten
nicht versage“. Was mir besonders bemerkenswert erscheint, ist dies,
daß Goethe hierbei lernen mußte, sich selbst zu meistern:
„Tätigen Sinn, das Tun gezügelt!“ Denn angeboren war ihm
vielmehr eine „desultorische Lebens- und Studienweise“ mit der Neigung,
begonnene Unternehmungen „beiseite zu legen, in Hoffnung eines
günstigern Augenblicks“; wogegen es darauf ankommt, niemals auf
einen „Augenblick von Aisance und Zufriedenheit zu warten“, vielmehr:
„Hier muß der kategorische Imperativ eintreten, um sowohl
Gleichgültigkeit als Widerwillen zu überwinden.“
Weder beabsichtige ich, Psychologie zu treiben, noch
ist es in diesem
Kapitel meine Aufgabe, in Goethe's Weltanschauung tiefer einzudringen;
ich will nur aufmerksam machen, daß in seinem eigenen Charakter
die bezeichneten zwei Anlagen — der Drang nach unbedingter
Wahrhaftigkeit und der rastlose Trieb zur Tätigkeit — in einer
Weise vorherrschen, daß sie alle übrigen Züge des
reichen und darum auch widerspruchreichen Gemütes unter sich
befassen. Charakter und Verstand sind diesem Doppelgesetz
gleichmäßig unterworfen. Schreckte man nicht angesichts der
Unergründlichkeit alles Lebendigen vor künstlichen
Gliederungen zurück, man möchte die ganze Persönlichkeit
aus der Gattung dieser zwei Grundsätze entstehen lassen. Und zwar
würde dann die Wahrhaftigkeit des Charakters demjenigen Teil des
Wesens entsprechen, den ich im Anfang dieses Kapitels als Anschauung
bezeichnete, wogegen der Drang zur Tat dem gedankenvollen innern
Ideenbilden verwandt ist. Sobald wir nämlich Seelenleben
zergliedern, wandeln wir in einer Welt, wo Entferntes verschmilzt und
Nahes auseinanderrückt: hier entdecken wir, daß
Wahrhaftigkeit — wenigstens bei Goethe — zunächst im Anschauen, in
der Rezeptivität, in der Aufnahme aller Eindrücke von
außen wurzelt und nicht etwa eine vorwiegend moralische Maxime
ist, wogegen Goethe's Tätigkeitsdrang als ein intellektuelles
Bedürfnis aus dem unablässigen Denken entspringt und zugleich
einen sittlichen Kampf zu bestehen hat mit einer entgegenwirkenden
Neigung zu Unfleiß, zu Fragmentarischem, zu Ziellosem (vergl. S.
24). Tat entspringt immer aus Untat, wie Kosmos aus Chaos; Tat ist
immer ein Ordnung-Schaffen, ein Organisieren,
170
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
ein Gestalten; „es ist nichts
wünschenswerter“, schreibt Goethe,
„als eine große Masse zu organisieren“; und daher ist die
gipfelnde Tat aller Taten das Erschauen neuer Ideen; denn Ideen — wie
Goethe sie bestimmt, — sind „Organe“, mit deren Hilfe Erfahrungsmassen
„erfaßt“ und zu „eigen“ gemacht werden. Doch kann dieser Trieb in
einem Menschengeist bestehen, ohne daß jener andere Trieb — nach
Wahrhaftigkeit — besonders stark entwickelt sei; man denke nur an den
Organisator Napoleon, der alle Wahrhaftigkeit verschmähte; wogegen
bei Goethe der Trieb zur Wahrhaftigkeit das ganze Wesen durchdringt.
Und so geschieht es denn, daß bei ihm die Wahrhaftigkeit zur Tat
hindrängt und das Handeln die praktischen Verhältnisse dieser
Welt (Staatsverwaltung, Bergwerksbetrieb, Theaterleitung,
Bibliotheksverwaltung usw.) zwar nicht verschmäht, vielmehr
zweckentsprechend zu gestalten beflissen ist, seine Hauptkraft aber von
der Jugend bis zum Greisenalter — in Kunst, Naturerkenntnis,
Weltweisheit — auf die Erschaffung neuer anschaulicher
Gedankengestalten wirkt.
„Die Wahrhaftigkeit“, die Goethe von sich fordert,
die fordert er von
der ihn umgebenden Natur als W a h r h e i t; und er
versteht recht gut,
daß es hier einer beständigen, besonnenen Überlegung
bedarf, damit auch nur die bloße Wahrnehmung der Sinne eine
„wahrhaftige“ sei, d. h. Wahrheit vermittele. Goethe's Leben ist darum
so gesteigertes Leben, weil für ihn die sichtbare Welt die
unsichtbare umschließt und einzig die Tätigkeit des heutigen
Tages dem Leben unvergänglichen Inhalt verleiht. Eine aus
Gedanken, Erkenntnissen, Bekenntnissen bestehende „Wahrheit“ ist
für ihn leer, ohne Bedeutung. Und genau so wie Goethe's
Wahrhaftigkeit in dem unmittelbar Erschauten, so wurzelt auch seine
Tätigkeit nicht in Erträumtem, Erhofftem, Ersehntem, sondern
in der unmittelbar vorliegenden Aufgabe, gleichviel welche es sei, die
das Schicksal ihm zuführt. „Ich bedauere die Menschen, welche von
der Vergänglichkeit der Dinge viel Wesens machen und sich in
Betrachtung irdischer Nichtigkeit verlieren. Sind wir ja eben deshalb
da, um das Vergängliche unvergänglich zu machen...“ Man
beachte, wie genau beides zusammentrifft: in allen Dingen, auch in den
geringfügigen, wahr sein, in allen Lebenslagen unmittelbar
zugreifen. In diesem Charakter, wie er fester und fester sich aus-
171
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
gestaltend durchs Leben
schreitet, bildet die Wahrhaftigkeit das
Bekenntnis, die Energie der Tat die Heilslehre.
Von dieser zwiefachen Wurzel aus lassen sich nun die
Hauptzüge in
Goethe's Charakter leicht ableiten und übersichtlich
zusammenstellen. So würde ich z. B. die E h r f u r c
h t, welcher
in seinem Leben, wie auch in seiner Lehre, so entscheidende Bedeutung
zukommt, als das notwendige Ergebnis eines leidenschaftlich
angestrebten, neidlos reinen Erschauens betrachten. Diese besondere
Goethesche Ehrfurcht zeichnet sich dadurch aus, daß sie nicht
bloß Ehrfurcht vor dem Gewaltigen ist, sondern auch vor dem
Geringfügigen und dem Schwachen; man erinnere sich des Verhaltens
gegen Krafft. Es kommt dieser Begriff der Ehrfurcht dem, was die
Frommen „heilig“ nennen, sehr nahe; nur ist bei Diesen das altdeutsche
heil (das soviel wie „gesund“ hieß) dem lateinischen sanctus
angeglichen worden und bedeutet einen durch bestimmte
Glaubensrichtungen gewonnenen himmlischen Segen, wogegen Goethe dieses
Empfangen, diese Gnade von oben in eine freiwillige Bewegung der Seele,
in eine immer neu entspringende Tathandlung umwandelt: in die Bezeugung
der Ehrerbietung gegen alles, was lebt und ist. „Ehrfurcht ist ein
höherer S i n n,“ heißt es in den Wanderjahren; sie
entspringt einem lebhafteren, tiefer eindringenden Erblicken und ist
daher „ahndungsvoll“ (wenn auch ein „aberweises Jahrhundert von
Literatoren“ nichts davon weiß); dieser sechste Sinn ist für
die richtige Erkenntnis des Höchsten im Menschen ebenso
unentbehrlich wie das Auge für die Erkenntnis der Natur.
Auch das für Goethe überaus
charakteristische S i c h b e s
c h r ä n k e n läßt sich zwanglos als das
Ergebnis
eines Sieges des unbedingten Wahrheitsdranges über die
allzustürmische Lust zu handeln auffassen. Wer sich nicht zu
beschränken weiß, wird schwerlich überall wahrhaftig
sein können. Der Trieb zur Tätigkeit ist im Menschen ebenso
heftig wie rastlos; er möchte immer gleich am Ziele sein; ihn
empört das äußere und das innere Hindernis; noch als
fast achtzigjähriger Mann empfindet Goethe, als sei er „in einen
Krieg verwickelt“ und müsse „den Kampf so im Nachteil als im
Vorteil kräftig fortsetzen“. Und da ist es nun der tiefe Blick
für Wahrheit und die treue Hingabe an die innere
172
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
Wahrhaftigkeit, welche
mäßigend und lenkend eingreifen. „Die
Wahrheit fordert, daß wir uns für beschränkt erkennen
sollen.“ Dieser Begriff der Schranke und des Beschränkens
gehört zu denjenigen, die in Goethe's Schriften und Briefen
ungezählte Male wiederkehren, und zwar zum Teil deswegen, weil er
sich selber immer wieder von der Richtigkeit seiner Einsicht
überzeugen mußte; gegen die ihm angeborene Neigung zum
Allumfassen, gegen die ihn bedrohende Gefahr der Zersplitterung hat er
hart und vielleicht nicht in jedem Falle erfolgreich angekämpft;
daher das tiefbewußte Gefühl für die hohe sittliche und
begriffliche Bedeutung der Beschränkung. Ein einziges Wort
genügt, wenigstens einen Blick in die Tiefe dieses
Vorstellungskreises zu eröffnen: „Niemand bedenkt leicht,
daß uns Vernunft und ein tapferes Wollen gegeben sind, damit wir
uns nicht allein vom Bösen, sondern auch vom Übermaß
des Guten zurückhalten.“ Verleiht die Ehrfurcht dem Menschen einen
neuen Sinn, den kein anderes Lebendes besitzt, so ist die bewußte
Beschränkung dasjenige, was nach Goethe den Menschen als
sittlich-geistiges Wesen grundsätzlich von der sonstigen Natur
unterscheidet. Das heldenhafte Beispiel in seinem eigenen Leben war die
Rückkehr aus Italien, wie Kap. I hervorgehoben (S. 60). Doch
handelt es sich bei Goethe's Begriff der Beschränkung weniger um
einzelne Beschlüsse als um eine Gemütsstimmung, die ohne
Unterlaß gepflegt und wach erhalten werden soll. In einer nicht
häufig gelesenen Schrift finden wir als Zusammenfassung des hier
Angedeuteten das Kernwort: „...des Mannes Vorzug besteht nicht in
gemäßigter, sondern in gebändigter Kraft.“ Bei Goethe
liegt die Auffassung der menschlichen Gesellschaft als Inbegriff des
Menschseins auch hier zu Grunde; und was sein Sinnen entdeckt, ist:
jedes „grenzenlose Streben treibt“ den Einzelnen „aus der menschlichen
Gesellschaft“ und schließlich zu Verzweiflung und Tod. Wir
pflegen den tragischen Helden für die höchste Erscheinung der
Menschennatur zu halten und vergießen Tränen über die
unausbleibliche Vernichtung, die sein Wahn und Wollen
herbeiführen; Goethe erfaßt ein anderes Ideal: den Helden,
der sich bändigt, der die Heldentat ins verborgene Innere legt,
während er äußerlich der Gesellschaft und ihren
Konventionen gehorsam bleibt. Dieses Goethesche Heldenideal nun,
ungleich dem sonstigen, bewährt seine
173
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
Größe auch darin,
daß es dem Gesetz des kategorischen
Imperativs entspricht, indem es für Alle als Ideal gelten kann,
denn ein Jeder vermag es, sich nach der Analogie dieses Helden zu
richten:
Ein Jeder kann's, der sich
bescheidet,
Schöpfer seines
Glücks
zu sein im Kleinen.
Durch die Beschränkung nach innen muß aber diese
Beschränkung nach außen ergänzt werden; denn ebenso wie
das grenzenlose Streben nach Macht, Besitz, Einfluß usw. aus der
menschlichen Gesellschaft hinaustreibt, führt auch das allzu weite
Herz, das allzu kühne Hirn den Menschen aus sich selbst, bis er
schließlich in der Uferlosigkeit des Leeren erwacht. Darum
doziert des Abbés Lehrbrief:
„Der Mensch ist nicht eher
glücklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst seine
Begrenzung bestimmt“, und darum heißt es in einer späteren
Schrift, man solle nicht nach „hohler Freiheit“, vielmehr nach
„ausbildender, reicher Begrenzung“ verlangen. Das sind die zwei
Grundbeschränkungen — diejenige nach außen und diejenige
nach innen — aus denen alle andern sich ergeben. Für den
Augenblick muß es uns genügen, sie betont zu haben; denn
hier kam es nur darauf an, erraten zu lassen, in welcher Weise Goethe
durch seine Wahrheitsliebe im Bunde mit seinem Tatendrang dazu
geführt wurde, ein ganzes System von Beschränkungen
konzentrisch um sich herum zu ziehen.
Beschränkung umfaßt E n t s a
g u n g. „Der hohe Sinn des Entsagens
ist es, durch welchen der eigentliche Eintritt in das Leben erst
denkbar ist.“ Diese Entsagung übt Goethe auf Schritt und Tritt; in
der Stille bewährt sich das Heldenhafte. Schon aus der sonnigen
Jugendzeit ertönt es: „Mitten im Glücke lebe ich in einem
anhaltenden Entsagen“; nirgends sticht das mehr in die Augen, als wenn
der Poet und Naturerforscher — d. h. der zwiefach nach Anerkennung
Lechzende — auf allen Erfolg des Augenblicks verzichtet: „Die Gegenwart
aufopfernd, der Zukunft sich widmend“, spricht er ein letztes Mal, als
er nur noch ein Jahr „Gegenwart“ vor sich hatte. Nach Goethe's
Überzeugung hängt jedes Vollbringen, ja, jede irgendwie
bedeutende Leistung mit einem energisch durchgeführten Verzicht
auf alle „Selbstigkeit“ zusammen. Erst dadurch erhält die
Beschränkung
außer dem verstandesmäßigen
174
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
auch einen rein sittlichen
Wert: Schmerz heiligt. Nunmehr begreift man
die tiefe Bedeutung einer Briefstelle, in welcher Goethe klagt, die
Freunde wichen rechts und links vom Ziele ab, denn: „Niemand hat einen
Begriff, daß ein Individuum sich resignieren müsse, wenn es
zu etwas kommen soll.“ Die tätigste Form der Entsagung ist die
rein innerliche, die Anerkennung der eigenen Geringfügigkeit: sie
heißt D e m u t. Wie ein heiliges Feuer pflegt
Goethe sein ganzes
Leben hindurch dieses kostbare Lebenselement: „Die Demut, die sich die
Götter zu verherrlichen einen Spaß machen, und die
Hingebenheit von Augenblick zu Augenblick, die ich habe.“ Als ein
„absurder Pfaffe“ ihm Hochmut vorwirft, erwidert er mit launiger
Heftigkeit:
Du Esel! willst zur Demut mich
Demütigsten ermahnen!
Denn Demut — wie Goethe sie auffaßt — betrifft das
Verhältnis des Menschen zu sich selbst; sobald sie zur Schau
getragen würde, wäre sie keine Demut mehr; darum preist er an
einem wackern Manne „kraftvolle Selbstschätzung und würdige
Demut“.
In dieser bewußten Ausübung des
Sichbeschränkens und
Entsagens liegt eine ebenso bewußt großgezogene und zu
Kraft entwickelte Fähigkeit der G e d u l d und
des G e d u l d e
n s. Auch hier sehen wir die Hingabe an die Wahrheit über
die
blinde Leidenschaftlichkeit des Dranges zu handeln siegen. Schon in
jüngeren Jahren beginnt sich Goethe's Charakter nach dieser Seite
hin auszubilden. „Ich treibe die Sachen, als wenn wir ewig auf Erden
leben sollten“, schreibt er 1780; etwa zwanzig Jahre später
heißt es: „Was wir nicht meistern können, in der Stille
abwarten...“; nach zwei Lustren vernehmen wir wiederum: „Ich glaube
wohlzutun, wenn ich auf meine alte Weise verfahre und den Wirkungen der
Zeit nicht vorgreife.“ Die Geduld nennt Goethe „eine Pandora im
höheren Sinne“, plastisch hervorgebracht durch die vereinte
Tätigkeit von Glaube, Liebe, Hoffnung. Es handelt sich für
ihn, wie man sieht, um Geduld in einer besonderen Steigerung, um das,
was wir auch G e l a s s e n h e i t nennen. Zum
Schicksal spricht der
Dichter:
175
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
Du hast uns lieb, du gabst uns
das Gefühl:
Daß ohne dich wir
nur vergebens sinnen,
Durch Ungeduld und
glaubenleer Gewühl
Voreilig dir niemals was
abgewinnen.
In dieser edlen Gelassenheit, diesem entschlossenen Niederringen der
Ungeduld und des glaubenleeren Wühlens meine ich eine der
höchsten Errungenschaften des Goetheschen Charakters zu erkennen,
zugleich eine der kostbarsten Lehren, die sein Leben für uns Alle
enthält: denn gelingt es, eine rastlose Tätigkeit mit einem
gelassenen Sinne zu verbinden, so ist ein Ideal menschlicher
Seelenkultur erreicht. Was Goethe's Persönlichkeit betrifft, so
erfaßt man die Bedeutung dieses Charakterzuges für sie
vielleicht am besten, wenn man ihn in späteren Jahren beklagen
hört, daß er ihn zur Zeit seiner vertrauten Beziehungen zu
Schiller habe fahren lassen. Rückblickend sieht er „... zwei
Menschen, die ihre Zwecke gleichsam par
force hetzen, durch innere
Übertätigkeit, durch äußere Anregung und
Störung ihre Zeit zersplittern; so daß doch im Grunde nichts
der Kräfte, der Anlagen, der Absichten völlig Wertes
herauskommt.“ Es ist auch keine Frage, daß Schiller's
Ungestüm, damit im Zusammenhang seine Art, stets unmittelbar nahe
Ziele ins Auge zu fassen und ihre sofortige Ausführung zu
betreiben, ein bedrohliches Schwanken in Goethe's echtem Eigenwesen
hervorrief und manche fehlgeschlagenen Unternehmungen veranlaßte
(S. 68). Doch auch hier bewährte sich trotz allem der Charakter
und rettete Goethe. Denn zur Beschränkung, Geduldung, Gelassenheit
gehört als Bestandteil jene schon oben genannte, fast unheimlich
ausgebildete Gewalt der V e r s c h w i e g e n h e i t.
Zieret Stärke den Mann
und freies, mutiges Wesen,
O, so
ziemet ihm fast tiefes Geheimnis noch mehr.
Städtebezwingerin
du, Verschwiegenheit! Fürstin der
Völker!
Teure
Göttin, die mich sicher durchs Leben geführt!
In einem Brief bezeichnet sich Goethe als
„gewöhnt, seine
innersten Empfindungen, sowohl freudige als schmerzliche, in der
Gegenwart zu verbergen“; und in den letzten Jahren gibt er der
Lebensregel die strenge Fassung: „...man soll nicht reden von dem, was
176
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
man tun will, nicht von dem,
was man tut, noch was man getan hat.“
Gegen Schiller — den Mitteilsamen, gewohnt, jedes Vorhaben in allen
seinen Entwickelungsstufen mit Goethe und mit Körner bis ins
Einzelne zu beraten — äußert er: „Ich mache nie etwas
fertig, wenn ich den Plan zur Arbeit nur irgend vertraut oder Jemandem
offenbart habe.“ Und so geschieht es denn, daß, während
Goethe mit
Schiller über ein alleinseligmachendes Hellenentum hin und her
debattiert und unter seines Freundes Beistand Unausführbares
entwirft, er ganz im stillen, ohne einer Seele etwas zu sagen, seine
Natürliche Tochter
erfindet und ausführt; Schiller war einer
der Letzten, der davon erfuhr; denn wie es gerade in diesem Drama
heißt:
Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist
nicht mehr dein.
Dieser Verschwiegenheit nach außen entsprach
ein heiliges
Schweigen im Innern, nicht — das haben wir gesehen (S.
162) — ein
Verzicht auf die strenge Selbstprüfung, wohl aber auf alle
Selbstquälerei und auf alles indiskrete Befassen mit sich selbst;
die große i n n e r e R u h e,
die Ehrfurcht vor dem eigenen
Geheimnis ist für Goethe bezeichnend. „An Erfahrung fehlt es uns
nicht, aber an der Gemütsruhe, wodurch das Erfahrene ganz allein
klar, wahr, dauerhaft und nützlich wird.“ Stark in dieser
gefaßten Ruhe, darf er bekennen: „Im Innersten meiner Plane und
Vorsätze und Unternehmungen bleib' ich mir geheimnisvoll selbst
getreu...“ Ganz nahe bei der Treue gegen sich selbst liegt auch die
Treue gegen Andere, die ehrfurchtsvolle Verschwiegenheit über
alles, was Andere betrifft: „Leider sind Aufrichtigkeit, Mitteilung,
Vertrauen mit Indiskretion sehr nahe verwandt.“
Hiermit jedoch gelangen wir in das Bereich jener
anderen
Charakterzüge, die eher zu dem Tätigkeitsdrang als zu dem
nach Wahrhaftigkeit gehören. An das gleichsam rückwärts
sich anlehnende Entsagen und Gedulden und Verschweigen schließen
sich als nach vorn drängende Gegenbewegungen das Hoffen und das
Beharren an. Nie fühlen wir Goethe's Blick so unmittelbar auf uns
ruhen als in den Momenten, wo er — der Entsagende, Geduldende —
dem H o
f f e n die Tore der Seele öffnet. „Im Tale grünet
Hoffnungsglück“, ruft der schmerzgebeugte Faust des jugendlichen
177
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
Poeten, während der
bejahrte Denker den organischen Zusammenhang
zwischen Tatendrang und Hoffen aufdeckt: die Hoffnung weckt die
Tätigkeit, und diese ist es, „durch welche, wenn man es genau
besieht, die Hoffnung in jedem Augenblicke realisiert wird“; denn vor
der Hoffnung stehen „Erfüllungspforten flügeloffen“. Darum
nennt Goethe die Hoffnung „seine stille Freundin“ und bittet zu Gott:
O, daß die erst
Mit dem Lichte des Lebens
Sich von mir wende,
Die edle Treiberin,
Trösterin, Hoffnung!
In den U r w o r t e n hat er dieser treibenden und
verwirklichenden
Seelenstimmung die verherrlichenden Worte gewidmet:
Ihr kennt sie wohl, sie
schwärmt durch alle Zonen;
Ein
Flügelschlag — und hinter uns Äonen!
Doch neben dieser befiederten Himmelsbotin steht die männliche
Kraftgestalt des eisenfesten B e h a r r e n s.
Gegen sich selbst
gewandt, kehrt Goethe gern das Unnachgiebige hervor; z. B. wenn er von
dem Künstler verlangt, er solle sich „im Stillen hartnäckig
bilden“; berührt er die Welt, so mischt sich weise Geschmeidigkeit
hinzu. Er selbst nennt einmal das duldende und das tätige Prinzip
in Einem Satze: „Ruhe und nachgiebige Beharrlichkeit ist das Einzige,
was leidlich durchs Leben bringt.“ Mit diesen Worten schildert er eine
ganze Seite seines Charakters: das ruhevolle Beharren; und als
Bestandteil des Beharrens die N a c h g i e b i g k e i t.
Das was ich lehre, scheint so
leicht,
Und fast unmöglich
zu
erfüllen:
Nachgiebigkeit bei
großem Willen.
Hier lernen wir unterscheiden: denn es gibt ein dumpfes Beharren, wie
bei Goethe's Vater, das dem Eigensinn nahe verwandt ist, und es gibt
ein trotziges Beharren gewalttätiger Naturen; wogegen Goethe's
Beharren „unüberwindlich“ und zugleich schmiegsam ist.
178
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
Es spielt Geduld, Zuversicht,
Selbstbeschränkung,
Pflichtgefühl, auch Ironie mit hinein. Das eine Mal heißt
es: „Wir müssen das Rad dahinrollen lassen und abwarten, wie es
uns streift und quetscht, wenn es uns nur nicht ganz zerdrückt“;
ein anderes Mal lesen wir: „Am Ende stellt sich alles her, wenn
Derjenige, welcher weiß, was er will und kann, in seinem Tun und
Wirken unablässig beharrt.“ Goethe's Beharren bezweckt stets ein
Höchstmaß an Tathandlung. In einem früheren Teile
dieses Kapitels (S. 117) erwähnte ich z. B.
eine gewisse
Schwerfälligkeit: er klebt am Orte, auch an Zuständen,
Personen, Studien, Meinungen; er selber spricht von „seiner
großen Lust in irgend einem Zustande, der nicht ganz
verdrießlich ist, zu verharren“; wer aber genau hinsieht,
entdeckt hier einen von dem Trieb zu rastloser Tätigkeit
eingegebenen Instinkt: es sollen Kräfte gespart werden; bei jeder
Änderung gehen welche verloren. Auch eine falsche Meinung kann zu
interessanten Ergebnissen führen, auch ein Mensch mit vielen
Fehlern kann nutzbar gemacht werden, auch ein „fürchterlichst
prosaischer“ Ort wie Weimar kann zur Heimstätte eines großen
Lebens auswachsen. Nur keine Lebenskraft in dem phantastischen,
ziellosen Suchen nach vermeintlich Besserem vergeuden! Auch beim
Beharren des großen Gesetzes des Sichbeschränkens eingedenk
bleiben! Wissen, was man will; auf dieses Eine sein Beharren richten
und sich nicht nach rechts und links ablenken lassen: „E n
t s c h i e d e n h e i t
und F o l g e ist das Verehrungswürdigste am
Menschen.“ Zum Beharren
gehört auch das E r h a r r e n. „Es ist nicht
in meinem
Lebensgange, daß mir ein unvorbereitetes, unerharrtes und
unerrungenes Gute begegne.“ Aus dem selben Vorstellungskreis entspringt
Goethe's immer wieder und wieder ertönende Mahnung, n
i c h t z u
s t r e i t e n. Es deutet diese Lebensregel bei ihm nicht auf
blasse
Friedfertigkeit oder schwaches Sichanbequemen; vielmehr sagt er einmal
ausdrücklich: „Es ist gut, daß man Feindschaft zwischen sich
und den Narren und Schelmen setze“; er hat auch oft nach diesem
Grundsatz gehandelt, man denke nur an die Xenien; ja seine Energie
verfährt manchmal so gewaltsam, daß sie vor Härten
nicht zurückschreckt. Empfahl er vorhin Nachgiebigkeit, so geschah
das nur, insofern diese mit Beharrlichkeit und großem Willen
verbunden war; was er will, ist die zweckmäßige Verteilung
der Kraft, nicht denkt er
179
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
an Verzicht auf das für
richtig Erkannte. Als z. B. sein Adlatus
bei der Leitung des Theaters, Kirms, sich durch stürmisch
geäußerte Wünsche des Publikums hatte
einschüchtern lassen, verweist es ihm Goethe: „Dafür hat man
in jeder Sache die Direktion, daß man nach seiner
Überzeugung handelt, um das Beste hervorzubringen, und nicht
daß man den Leuten zu Willen lebe, wovon man doch zuletzt noch
Undank und durch Hintansetzung des Hauptgeschäftes Schande erlebt.
Nachgiebigkeit macht immer alle Mühe und Arbeit halb verloren.“
Dennoch erachtet er Streit für unfruchtbar und darum zu vermeiden.
Laß dich nur in keiner
Zeit
Zum Widerspruch verleiten,
Weise fallen in
Unwissenheit
Wenn sie mit Unwissenden
streiten.
„Es ist ganz einerlei, ob man das Wahre oder das Falsche sagt: beiden
wird widersprochen... Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie
ihre Meinung wiederholen und auf die unsrige nicht achten....“ usw.
Hiermit ist aber erst die Oberfläche berührt. Streitsucht
führt nicht allein zu keinem Ergebnis, sondern wirkt
sterilisierend auf den Streitenden zurück. Wer sich „auf die
Negative wirft, zerstört sich selbst und verschwindet in Dunst.“
Der klare, schaffensfreudige Mensch wird darum „auch feindselige Dinge
zu benutzen verstehen“. Nicht minder bedenke man Folgendes, in der
Natur des Menschen Begründetes: „Die Gegenstellungen sind
überall dergestalt unvermeidlich, daß, wenn man den Menschen
selbst ganz genau in zwei Hälften spaltete, die rechte Seite
sofort mit der linken in einen unversöhnlichen Streit geraten
würde.“ Darum nimmt sich Goethe vor, bei seinen wissenschaftlichen
Arbeiten „wachsamer auf sich zu sein“ und „lieber das, worauf er
beharrt, einfach zu bezeichnen, als sich mit anders Gesinnten in
Widerspruch und Streit einzulassen“; auf diese Weise hofft er, sich
„durch Reinheit und Ruhe der hohen Kultur würdig zu erzeigen.“ Und
so lautet denn die vollkommen ausgereifte Lehre: „Weder polemisch, noch
konziliatorisch, sondern positiv und individuell“. Hierzu gehört
dann die ausgesprochene A b n e i g u n g g e g e n
j e g l i c h e K r i t i
k, insofern diese nicht entweder bloß
180
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
berichtend, oder aber
schöpferisch ist — von welchen beiden Arten
uns Goethe kostbare Muster hinterlassen hat; im übrigen lautet das
Bekenntnis: „Das Vortreffliche sollte durchaus nicht bekrittelt noch
besprochen, sondern genossen und andächtig im stillen bedacht
werden.“ Soll aber das Gute und Fördernde nur in dankbarer Andacht
Aufnahme finden, so soll das Widerwärtige und Schmerzbewirkende
nicht zu Klagen und Gegenklagen Anlaß geben, sondern einfach aus
dem Gedächtnis unwiderruflich verbannt werden. Über
das V e r
g e s s e n schreibt Goethe im Greisenalter: „Diese hohe
Gottesgabe
habe ich von jeher zu schätzen, zu nützen und zu steigern
gewußt. Wenn also von Schlägen und Püffen die Rede ist,
womit uns das Schicksal, womit uns Liebchen, Freunde, Gegner
geprüft haben, so ist das Andenken derselben beim resoluten guten
Menschen längst hinweggehaucht.“ Und wenn trotz aller dieser
verschiedenen Andeutungen Mancher noch immer sich nicht fähig
fühlt, Goethe hier recht zu begreifen, so lasse er sich das Eine
sagen: „Der eigentliche Dichter ist berufen, die Herrlichkeit der Welt
in sich aufzunehmen und wird deshalb immer eher zu loben als zu tadeln
geneigt sein.“
Aus diesen flüchtig aufgezählten
Hauptcharakterzügen mit
der Schar der daraus sich ergebenden Komponenten entsprießt nun
ein persönlich gefärbter, eigentümlich
Goethe'scher E r
n s t und eine ebenso persönlich eigenartige H
e i t e r k e i t. Bei den
meisten Menschen wird sich's finden, daß die Heiterkeit der
anschauenden Seite des Wesens entspricht, der Ernst dagegen sich aus
dem Denken und Handeln ergibt; daher das Wort: „Ernst ist das Leben,
heiter ist die Kunst“; bei Goethe — was wunderlich anmuten mag — liegen
die Verhältnisse umgekehrt. Denn sein Ernst hängt mit der
unermüdlich erstrebten Wahrheit in der Anschauung zusammen, aus
der, wie wir sahen, auch die Ehrfurcht, die Entsagung, das
Sichbeschränken, das Schweigen, die Geduld bei ihm hervorgingen;
wohingegen alle Heiterkeit ihm aus dem Denken und Handeln, aus der
Freude an jeder Art von Arbeit und Schaffen entsteht. Daher besitzt
Goethe nicht den übersprudelnden Humor, der so manchen genial
begabten Mann auszeichnet; denn dieser wurzelt immer in einem feinen
und schnellen Sinn für angeschaute individuelle Absonderlichkeiten
und Unzulänglichkeiten, während
181
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
Goethe überall geneigt
ist, das Einigende eher als das Trennende
zu erblicken und selbst im Geringfügigen und Abgeschmackten irgend
ein Anerkennenswertes aufzudecken. Zwar schätzt er Sterne und
Lichtenberg hoch, nichtsdestoweniger urteilt er, der Humor sei „nur ein
Surrogat des Genies“ und wirke „zerstörend, vernichtend“. Sein
Ernst gleicht dem Ernst — um mich allegorisch auszudrücken — eines
Engels, der an Gottes Busen läge und bei jedem Blick auf die
Schöpfung sie neu entstehen sähe aus dem Willen des
Allerschaffers; jedes Seiende gewahrt er ungeheuer, gottentsprungen;
nichts entlockt ihm ein Lachen. Darum wandelt sich bei Goethe die
humoristische Regung, sobald sie sich dennoch fühlbar macht, in
Sarkasmus; sein Witz wird dann ätzend; denn er geht nicht auf das
Einzelne, sondern auf das Ganze, und ist ein Verneinen, ein
Verhöhnen, ein Anzweifeln, was unvergängliche Prägung in
Mephistopheles gefunden hat. Wenn also der fünfzigjährige
Goethe sich selbst anklagt, er sei „vielleicht allzusehr zum Ernste
geneigt“, so müssen wir wohl verstehen: dieser Ernst ist es, der
ihn vor der Bitterkeit bewahrt, in die er sonst seinen Anlagen
gemäß leicht hätte verfallen können. Hingegen ist
nun Goethe's Heiterkeit — „sein vorstrebend heiterer Sinn“, wie er sich
ausdrückt — ein so eigenes, für Andere oft wenig sichtbares,
doch für ihn selbst sein Dasein wie eine Atmosphäre
umgebendes Element, daß man diesem Gegenstand eine besondere
Abhandlung widmen könnte. Vielleicht gibt es keinen Autor, der
einen so häufigen Gebrauch des Wortes „heiter“ gemacht hätte.
Daß Goethe von „heiterer Ehrerbietung“ redet, zeigt mit einem
Schlage, welch' eine ungewohnte Bedeutung dieser Begriff für ihn
besitzt; auch „heitere Entsagung“ kommt öfters vor. Die „zartesten
allergeheimsten Dinge“ will Goethe „mit einiger moralischer Sicherheit
und geistigen Heiterkeit behandelt“ wissen; der „Widerstreit im
Menschen von Wollen und Vollbringen“, anmutig dargestellt, „wirkt so
angenehm erheiternd“; der „trüben leidenschaftlichen
Notwendigkeit“ gegenüber steht „das Reich der heitern
Vernunftfreiheit“. Er schildert einen durch das Geschick des
Architekten „erheiterten“ Begräbnisplatz; will er von einer
schönen Frau das Beste aussagen, so heißt es, sie sei „von
der heitersten Schönheit“; wirkt eine Schrift, ein Wort, ein
Vergleich, ein Gedanke hervorragend anregend, er nennt
182
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
sie „heiter“; für den
Druck zieht er die lateinischen Lettern vor,
weil diese Schrift „heiterer aussieht“ (nur die
Universitätspedanten haben ihn gezwungen, seine eigenen Werke
gegen seinen Willen in Frakturlettern drucken zu lassen); bei der
Lektüre von Niebuhr's Römischer
Geschichte „richtet“ Goethe
„alles mit Heiterkeit im Kopfe zurechte“; bei der schwierigen,
trockenen Lehre der Verhältniswörter im englischen
Sprachgebrauch versteht er, „auf das Heiterste bemerklich zu machen,
wie diese das Ganze beleben“; bei dem Besuch einer mineralogischen
Sammlung „genießt er einer gründlichen Heiterkeit“; Roger
Bacon „leitet“ in seiner Physik „die Rückwirkungen erster
Anstöße auf eine folgerechte und heitere Weise ab“;
empfiehlt Goethe den Bibliothekbeamten, bei Bücherverleihungen
nicht allzu pedantisch ihren Verordnungen zu folgen, so heißt es,
sie sollen „heitere Liberalität“ ausüben; eine frisch und
keck zugreifende Kraft wird von ihm immer eine „heitere“ genannt, und
Luther's Reformation „verbreitet ein heiteres Licht“. Der aus dem Hades
entstiegenen Schattenhelena ruft Faust zu:
Du flüchtetest in's
heiterste Geschick!
Nicht
selten werden heiter und ernst zusammengestellt, womöglich
zu einem Worte: so wird z. B. einer verstorbenen Freundin „in ernster
Heiterkeit gedacht“; eine strenge Gegend, wo einförmiger Feldbau
mit dem Schatten uralter Fichten abwechselt, heißt „eine
ernstheitere Umgebung“; Eduard — der Herzzerbrochene — betrachtet
Ottiliens Glas mit „ernstheiterem Blick“. Besonders häufig wird
heiter mit „frei“ zusammengestellt; auch mit „klar“. Immer deutet das
Wort auf eine empfundene oder erwirkte Harmonie, in welcher das Unklare
klar und das sonst durch Irrtum Gefesselte nunmehr frei geworden ist.
Wir besitzen von Goethe das schöne Wort: „Der Frohsinn ist, so wie
im Leben, also auch in Kunst und Wissenschaft der beste Schutz- und
Hülfspatron.“ Jungsiegfried, wie er in Wagner's Dichtung sein
Schwert schmiedet, wäre für Goethe ein Inbegriff der
Heiterkeit; wogegen Mime, über den wir alle lachen, zwar ohne
Frage als Erzeugnis dichterischer Gestaltungskraft seine ungeteilte
Bewunderung erregt, doch zugleich nur ernst-traurig, vielleicht fast
unerträglich tragisch auf ihn gewirkt hätte.
183
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Charakter
Dieser
Goethesche Ernst und diese Goethesche Heiterkeit sind, wie
bereits angedeutet, ein Ergebnis; doch um so mehr lernt man aus ihnen
über Goethe's Charakter; denn, von Jugend an vorgedeutet, wird
nach der erreichten Reife dieses Gewebe des Heiterernsten und
Ernstheiteren immer mehr zu dem bleibenden Untergrund der
Lebensstimmung und folglich auch aller ihrer Äußerungen.
Genau so wie sich bei ihm der Durst nach Wahrheit und der Trieb zur
Handlung immerwährend gegenseitig wachrufen und anreizen, ebenso
gehen in seiner Seele der Ernst und die Heiterkeit eine Ehe ein. War er
in der Jugend jähem Stimmungswechsel unterworfen gewesen — „Meine
Natur schwankte zwischen den Extremen von ausgelassener Lustigkeit und
melancholischem Unbehagen“ — und bleibt er auch im Alter Anfällen
unliebenswürdiger Verneinungslust und auch heftigen Zornes
ausgesetzt, so wird er nicht müde, dieses Zeitliche in Formen
überzuleiten, die der von ihm empfundenen ewigen Bedeutung des
Lebens angemessener sind. „Nehmet den heiligen Ernst mit hinaus, denn
der Ernst, der heilige, macht allein das Leben zur Ewigkeit.“ Auf
diesem Wege geschieht es, daß sein Ernst immer „heiterer“, d. h.
toleranter, milder, durchgeklärter, und seine Heiterkeit immer
„ernster“, d. h. wohlwollender, entsagungsreicher, von den
Beschränkungen des Selbstischen vollkommener losgelöst wird.
An der Schwelle des Greisenalters schreibt er: „Wir müssen hoch
ernst sein, um nach alter Weise heiter sein zu können.“ Hier
findet die für Goethe bezeichnende unablässige Arbeit an sich
den deutlichsten, verehrungswürdigsten Ausdruck. In seinem Ernst
spiegelt sich vor allem die Treue gegen sich: „Wenig ahnen die
Menschen, in welcher unzugänglichen Burg der Mensch wohnt, dem es
nur immer Ernst um sich und um die Sachen ist.“ In seiner Heiterkeit
findet das Bewußtsein seiner Kraft Ausdruck, das Bewußtsein
der abgerundeten, durch beschränkende Entsagung in sich
vollendeten, durch Gelassenheit und Geduld mit Vorahnung der Ewigkeit
erfüllten Idee seines eigenen Wesens. Die Zeit allein fordert das
Lachen heraus; wessen Blick auf das Zeitlose gerichtet bleibt, dem ist
das mild-ernste Lächeln eigen.
In nur wenigen Strichen habe ich die Eigenart des
Charakters
angedeutet; wollte ich mehr geben, ich glaube, es würde die
suggestive Leuchtkraft der Skizze vermindern; denn bei einem Unaus-
184
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand
kennbaren wie die
Persönlichkeit kommt es zunächst darauf an,
diejenigen Punkte genau festzustellen und in richtiger Perspektive dem
Auge vertraut zu machen, denen grenzziehende Bedeutung für die
Gestalt zukommt; bei näherer Beschäftigung mit dem Leben und
den Werken rückt dann nach und nach alles an seinen rechten Platz,
und das Bild des Individuums entfaltet sich in immer
größerer Deutlichkeit vor unsern Augen. In ähnlich
aphoristischer Weise will ich nun daran gehen, einen ersten
Schattenriß von Verstand und Denkmethoden Goethe's zu entwerfen.
—————
Der Verstand
Hier knüpfen wir an den Anfang dieses Kapitels
wieder an. Denn
dort haben wir gleich ins Allerinnerste gegriffen und über den
besonderen Mechanismus dieses Geistes Entscheidendes vorgebracht, was
nicht wiederholt zu werden braucht, und zwar um so weniger, als alles
inzwischen Ausgeführte zur Verdeutlichung und Bekräftigung
gedient hat. Die letzte Gestalt, in welcher uns die dort aufgestellte
Unterscheidung zwischen Anschauen und Denken entgegentrat, war der sich
in so mannigfacher Weise ineinander verwebende Gegensatz zwischen dem
Gebot der unbedingten Wahrhaftigkeit und dem Drang nach rastloser
Tätigkeit, der auch Irrtum und Bosheit in Kauf nimmt, wenn nur
gehandelt wird. Da spiegelte sich der Verstand im Charakter wider.
Vielleicht wirkt es aufhellend, wenn wir an dieser Stelle den Verstand
zunächst dort ins Auge fassen, wo wir, umgekehrt, in ihm die
genaue Widerspiegelung des Charakters wahrnehmen.
Grundlegend werden wir dann das Streben, wie dort
nach Wahrhaftigkeit,
so hier nach W a h r h e i t entdecken. Und zwar
äußert sich
dieses Streben zunächst nach zwei Richtungen, einerseits positiv,
andrerseits negativ. Positiv lautet das Bekenntnis: „Man muß an
die Einfalt, an das Einfache, an das urständig Produktive glauben,
wenn man den rechten Weg gewinnen will“; bei der Betrachtung des
Naturerforschers kommen wir hierauf zurück; denn Goethe hatte in
der ganzen Natur eine „geheimnisvolle Urkraft“ am Werke entdeckt, „die
mit wenigem viel, und mit dem
185
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand
Einfachsten das
Mannigfaltigste leistet“. Negativ empfindet der Geist
der Wahrheit ein tiefes Mißtrauen gegen das hergebrachte
Rüstzeug der Worte, Formeln, Redensarten usw., in dem wir Menschen
zu leben erzogen werden und das eine Art Scheidewand zwischen der
wirklichen, sinnfälligen Wahrheit und unserem Geiste bildet. „Ich
habe mich in meinem Leben vor nichts so sehr als vor leeren Worten
gehütet“: so lautet die in Bekenntnisform gekleidete Maxime. In
den heiligen Büchern der alten Indoarier findet sich ein
merkwürdiger Ausspruch: „Des Menschen Sprache wurzelt im
Unwahren“; unmittelbar darauf heißt es aber dann: „Blüte und
Frucht der Sprache ist das Wahre.“ Hiermit wird offenbar besagt: der
bloße Mechanismus des Redens — also die rein logischen Methoden
sowie alle Kunst der Beredsamkeit und der Beeinflussung durch Worte —
ist an und für sich ohne jeglichen Wahrheitsgehalt; dagegen kann
die Sprache eine köstliche Blüte tragen, wenn es in harter
Arbeit gelingt, sie zu einem dienenden Organ der echten Wahrheit
umzuformen. Diese Auffassung der Brahmanen bezeichnet genau Goethe's
Stellung der Sprache gegenüber. „Das unmittelbare Anschauen der
Dinge ist mir alles, Worte sind mir weniger als je“, sagt er kurz vor
seinem Tode. Nicht also, weil er in Worten geschwelgt hätte,
sondern im Gegenteil, weil er den Worten mißtraute, wurde Goethe
der große Meister der Sprache. Keine Menschen stehen Goethe
ferner als die Wortvirtuosen der Schreibekunst. Stets ging bei ihm das
Anschauen voran; ihm sollte der Gedanke immer genau entsprechen, was
eine erste, lange, treue Bemühung voraussetzt; sodann aber sollte
das Wort den aus Anschauung geborenen Gedanken möglichst genau
decken, und zwar ebenso in bezug auf Ausdehnung wie in bezug auf
Inhalt; das Wort darf nicht übertreiben und darf auch keine
Eigenwirkung ausüben, sondern lediglich ein treuer Spiegel der
Gedankengestalt sein. Das war Goethe's Ziel, und auf diesem Wege gelang
es ihm, das formell Logische, Inhaltsleere, das sich bis in die
einzelnen Glieder unserer Sätze einnistet, fast auszurotten. Der
Ballast an Abstraktion ist bei ihm abgestreift, der Starrkrampf der
Konvention gelöst. Infolgedessen erwachen die Worte zu neuem
Leben, wie wenn bisher geschlossene Augenlider sich auftun, und die
Sprache wird ein so vollendeter Ausdruck nicht nur des Gedankens,
sondern der einen
186
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand
anschauenden
Persönlichkeit, daß sie nie ein Mensch in ihrer
schlichten Vollendung hat nachahmen können. Ihre Eigenart
drückt ein einziges Wort erschöpfend aus: Wahrheit, lebendige
Wahrheit bis in die letzten Elemente. Hier spiegelt sich der Charakter
im Verstande wider; in Goethe's Sprache verschmelzen beide zu einer
lebendigen Einheit.
Im Gegensatz nun zu Worten, Logik und
wortfechterischer Dialektik
(womit Jahrtausende des Menschengeistes angefüllt sind) wurzelt
nach Goethe alle Wahrheit — und das heißt für ihn alle
Natur- und Gotteskenntnis und alle Selbsterkenntnis — in der
sinnfälligen A n s c h a u u n g: „Ohne
unmittelbares Anschauen
begreife ich gar nichts.“ Es gehört aber die unverdrießliche
Kraft eines der Wahrheit fanatisch gewidmeten Wollens dazu, die von den
Sinnen übermittelte Wahrnehmung zur Reinheit zu leiten; denn
immerfort unterschiebt der Geist Fremdes und fälscht das
unschuldsvoll Wahrgenommene durch teuflische Erfindungen
willkürlicher Vernunftschlüsse. Darum spricht der Meister:
Was ist das Schwerste von
allem? Was dir das Leichteste dünkt,
Mit den Augen zu seh'n,
was vor den Augen dir liegt.
Die Überwindung dieses Schwersten, das unermüdliche Bestreben
zu sehen, was vor den Augen ihm lag — es wahrhaftig, umfassend, genau
zu erschauen — bildet eine nie versiegende Leidenschaft Goethe's. Er
ist überzeugt, das göttliche Geheimnis liege überall
offenbar, nicht nur in den kreisenden Sternen, auch in jeder Pflanzen-
und Tiergestalt, wenn wir nur zu sehen verstünden; selbst
dürre Knochen stellen eine „Schrift“ dar, die dem Sehenden
„heiligen Sinn offenbart“. Die eigentlichen Organe zur Aufnahme der
Wahrheit sind unsere sonnenhaften Augen; doch nur, wenn wir sie zu
gebrauchen wissen: wer sie öffnet, soll „frei gesinnt sein wie die
Luft, die alles umgibt. Weder Fabel noch Geschichte, weder Lehre noch
Meinung halte ihn ab zu s c h a u e n.“
Außerdem „sondere er
sorgfältig das, was er gesehen hat, von dem, was er vermutet oder
schließt“; er „reinige es von der Meinung“, denn „das Anschauen
ist selbst wieder subjektiv und manchen Gefahren unterworfen“. Dies ist
es, was Goethe einmal „treue Anschauung“ nennt. Ein anderes Mal spricht
er aus der Fülle der Erfahrung an sich: „Es
187
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand
kommt besonders auf Ausbildung
des Subjekts an, daß es so rein
und tief als möglich die Gegenstände ergreife und nicht bei
mittleren Vorstellungen stehen bleibe, oder wohl gar sich mit gemeinen
helfe.“ Nur von diesem Anschauen redet also Goethe: frei, treu, rein,
tief, ein solches Anschauen allein ist Quelle aller Wahrheit. Hiermit
weist er aber sowohl alle Phantasterei und Dilettanterei wie auch alle
künstlich gewaltsame Systematik und wissenschaftliche Dogmatik von
sich, auch die aus einer angeblichen inneren Anschauung stammende
mystische Intuition. Der Grundstock von Goethe's geistigem Schatz ist
durch das Einheimsen dieses „frei“, „rein“, „tief“ und „treu“
Erschauten erworben. Und zwar bezieht sich dieses Einheimsen auf die
Natur. Nichts ist falscher, als wenn man die Beschäftigung mit der
Natur bei Goethe als ein Nebensächliches auffaßt, wohl gar
als ein mehr oder weniger Zufälliges, wenn nicht gerade
Überflüssiges; vielmehr ruht das gesamte geistige
Gebäude dieses Mannes auf seinem Verhältnis zur Natur; hier
allein fließt der Quell seines Wissens, Denkens, Schaffens,
Dichtens. Als Bestandteil seines ihm angeborenen Wesens hat Goethe
ein
„i h m e i g e n t ü m l i c h e s H i n s
t a r r e n a u f d i e N a t u r“
erhalten; weit
entfernt, ein zufällig Angeeignetes zu sein, ist gerade dieses
Hinstarren ein echt dämonisches Urelement der Persönlichkeit;
in der Konfiguration der Augen tritt es auch äußerlich in
die Erscheinung. In früher Jugend folgt er planlos, jedoch
fieberhaft diesem Gebote seines Geistes; vornehmlich in der
Leidenschaft für Malerei nach der Natur kommt es damals zum
Ausdruck; schon in Straßburg aber beginnt er mit seinen
anatomischen Studien; und als Goethe noch nicht dreiundzwanzig Jahre
alt ist, bezeugt Kestner: „Die Natur, im physikalischen und moralischen
Verstande genommen, hat er zu seinem H a u p t s t u d i u
m gemacht.“
Nach und nach wird sein „Schauen“ immer systematischer und umfaßt
schließlich alles, von den leidenschaftlich gesammelten Folgen
der Urgesteine bis zu den peinlich genauesten Beobachtungen über
polarisiertes Licht, und inmitten dieser Natur erblickt er den
Menschen, als wissenschaftlich, philosophisch, künstlerisch und
sittlich zu erforschenden Gegenstand. Wie bald Goethe sich dieser
einzigen Bedeutung des Schauens für sein Leben vollkommen
bewußt ward, zeigen die Worte in Werther von „dem Vorsatz, sich
künftig allein
188
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand
an die Natur zu halten“, denn
„sie allein ist unendlich reich und sie
allein bildet den großen Künstler“. Zwanzig Jahre
später heißt es, der „Komplex von Geisteskräften, den
man Genie zu nennen pflegt, bringe oft sehr zweideutige Wirkungen
hervor“; dagegen solle man auf die „hervorbringende Natur“ schauen,
deren „Genie“ — im Gegensatz zum menschlichen — „gewiß und
unzweideutig“ sei. Im siebzigsten Lebensjahre schreibt er: „Alles
Fruchtbare gehört nicht uns sondern der Natur.“ Und noch am
spätesten Lebensabend, wenige Monate, ehe sich die Nacht über
die „zum Sehen geborenen, zum Schauen bestellten“ Augen
herniedersenkte, teilt der Greis mit: „Ich bin wieder in die
Naturbetrachtungen geraten, welches für mich, der ich ein
nachdenklicher Mensch bin, doch immer das Beste bleibt. Je tiefer man
in ihr Gebiet eindringt, desto wahrer wird sie.“
Nun fordert aber die andere Seite des
Verstandeswesens Beachtung. Was
im Charakter ein Trieb zu rastloser Tätigkeit überhaupt ist,
das ist im Verstande ein ununterbrochenes, manchmal fieberhaft
leidenschaftliches, manchmal in himmlischer Geduld unverdrossen
erstrebtes Verarbeiten und Umwandeln — zuerst des Angeschauten in
begrifflich faßbare Elemente, sodann dieser Gedankenatome in
neuerliche sichtbare Gestalten, die jedoch nicht aus den unmittelbar
erschauten Dingen gewonnen werden, sondern Neuschöpfungen des
eigenen Gemütes oder, in Plato's Sprache, I d e e n
darstellen.
Schon in sehr jungen Jahren erkannte Goethe diesen Vorgang als „die
Reproduktion der Welt um sich durch die innere Welt, die alles packt,
verbindet, neuschafft, knetet und in eigener Form, Manier wieder
hinstellt“. Es entstehen Dichtungen, es entsteht eine mit der Zeit
immer umfassender ausgestaltete Symbolik der organischen und
unorganischen Natur, es entsteht eine völlig undefinierbare,
weltumzingelnde und weltdurchdringende Weisheit, nicht eine
systematische, dogmatische, abstrakt lehrbare Weisheit, sondern eine
solche, die sich wie ein lebendiges Wesen aus und an sich selbst
entwickelt und aufbaut, bis diese „Weltanschauung“ (denn hier ist das
viel mißbrauchte Wort am Platze) gleichsam eine abgerundete
Schöpfung geworden ist, die ihren Urheber von allen Seiten umgibt
und tragend umschließt. „Indem der Mensch auf den Gipfel der
Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an,
die in sich abermals einen Gipfel hervor-
189
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand
zubringen hat.“ Die „Tat“ also
besteht bei Goethe, sobald wir sie mehr
vom Standpunkte des Verstandes als von dem des Charakters aus
betrachten, aus einem „dreifach merkwürd'gen Geisterschritt“: erst
anschauen, dann über das Erschaute denken, schließlich die
also gewonnenen Gedanken umbilden zu neuen Gedankengestalten. Und zwar
sind alle Teile des verwickelten Vorganges — über den, wie wir
sahen, Humboldt und Schiller staunten (S. 91 ff.) —
gegenseitig
bedingt. Ohne Schauen kann Goethe nicht denken: dies ist das
„Hinstarren auf die Natur“, das wir für diesen Genius
eigentümlich fanden; doch sobald er geschaut hat, setzt das Denken
ein, und es ist ihm nicht möglich, weiter zu schauen, ehe nicht
die Gedanken sich geklärt haben. „Was ist Beschauen ohne Denken?“
ruft Goethe in einem Briefe aus. Die Frage entspringt der
anfänglichen Stimmung; diese vertieft sich bald, und da
heißt es: „Das Gemüt wird schneller zum Allgemeinen erhoben
wenn man die Gegenstände genauer und schärfer betrachtet.“
Das sinnliche Betrachten kann aber in Wirklichkeit immer nur auf
Einzelnes gehen, wogegen das Allgemeine ein Gedanke ist; so wird denn
hier das genaue, scharfe Erschauen des einzelnen Gegenstandes als
Mittel gepriesen, zu Gedanken zu gelangen. Jetzt bewegt sich der Geist
weiter auf dieser Leiter, eine Sprosse höher hinauf: „Das
wohlgesehene Besondere kann i m m e r für ein
Allgemeines gelten“;
womit nichts weniger gesagt wird, als daß jedwedes freie, treue,
reine, tiefe Erschauen für Goethe die Quelle von Gedanken ist. Und
so mag denn der Leser auf ein Bekenntnis genügend vorbereitet
sein, welches sonst Manchem gerade aus Goethe's Mund unfaßlich
erscheinen und ihn infolgedessen irremachen könnte: „Man kann
sagen, daß wir schon bei jedem aufmerksamen Blick in die
Welt t h
e o r e t i s i e r e n“; Goethe theoretisiert bei jedem Blick!
Wer
über ihn urteilen will, sollte sich dieses Wort unvergeßlich
einprägen. Nicht als ob er es auf Dogmen und Systeme abgesehen
hätte. In der ewig denkwürdigen Fortsetzung jener Stelle ruft
er — damit „die Abstraktion unschädlich und das Erfahrungsresultat
lebendig werden solle“ — die F r e i h e i t heran, und
außer ihr
noch die I r o n i e ! Immer von neuem stoßen wir
auf
diese
besondere Goethesche Ironie, die sein Wesen durchdringt, gleichsam als
ob Verstand und Charakter, ein jeder dem andern, Grenzen zöge; in
190
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand
seinem Mephistopheles richtet
der Dichter diese Ironie ätzend nach
außen, im eignen Busen richtet er sie lächelnd nach innen;
an der genannten Stelle wird sie der „Selbstkenntnis“ angegliedert; man
könnte sie eine reife Frucht höchster Weisheit nennen und sie
etwa vergleichen mit Prospero's:
We are such stuff
As dreams are made on; and our little life
Is rounded with a sleep.
Auch mit Thales' köstlichem Wort, als Erderschütterungen und
herabstürzende Himmelsmeteore Gebirge zerstört und andere
aufgetürmt haben:
Sei ruhig! Es war nur gedacht!
In Besitz und Bewußtsein dieser Ironie kann sich Goethe, der
Schauende, ohne Furcht, sich selbst mißzuverstehen, zugleich als
ewig sinnender Philosoph bekennen, wie er denn auch die
beherzigenswerte verneinende Ergänzung bringt, „Abneigung gegen
die Philosophie“ bewirke, daß „ehe man sich's versieht, der Weg
zur Philisterei betreten ist“. Der Frage jedoch: Was ist Beschauen ohne
Denken? entspricht als vom Goetheschen Geiste streng gefordertes
Gegenstück die Frage: Was ist Denken, wenn es nicht zu neuerlichem
Schauen führt? Die äußere Welt muß durch die
innere — in eigener Gestalt, in eigener Verbindung, frisch geknetet —
als neue Schöpfung hingestellt werden. Das zerlegende Denken ist
nur ein einzelnes Glied in diesem verwickelten Vorgang, der Goethe's
Geist erfüllt. „Ich kann nur denken, insofern ich produziere“,
lautet es das eine Mal; noch belehrender für uns ist die Aussage,
der wir in einem Brief an Schiller begegnen: „Ich kann nur handelnd
denken“, denn hierdurch erfahren wir, Goethe habe jedes Umschaffen von
Begriffen zu Ideen als ein H a n d e l n empfunden,
was darin seinen
Grund hat, daß er nie bloß rezeptiv denkt, nie bloß
auffaßt, was Andere lehren, also bloße Worte, bloße
logische Ketten, oder sich mit dem Aufstellen eigener Vermutungen,
Schlüsse, Hypothesen begnügt, sondern immer „aktiv“ denkt,
das heißt, das Denken als Mittelglied zwischen Anschauung und
Anschauung verwendet, als Mittelglied zwischen den durch unver-
191
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand
wandtes „Hinstarren“
gewonnenen Eindrücken von außen und den
durch eigene Schöpferkraft neu hervorzubringenden anschaulichen
Ideen. „Denken und Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller
Weisheit ... Wer sich zum Gesetz macht, was einem jeden Neugebornen der
Genius des Menschenverstandes heimlich in's Ohr flüstert, das Tun
am Denken, das Denken am Tun zu prüfen, der kann nicht irren, und
irrt er, so wird er sich bald auf den rechten Weg zurückfinden.“
Goethe ist überhaupt unfähig, sich ein Wissen anzueignen,
wenn nicht durch diese Ehe von Denken und Schaffen; wie es denn in
dichterischer Form heißt:
Weil Tat und Wissen sich
zusammenheften,
Sich eins am andern
nährend stützt und steift.
Theorie ist also bei Goethe nie Zweck, immer Mittel. „Alles
Theoretische soll eigentlich nur die Grundzüge andeuten, auf
welchen sich hernach die Tat lebendig ergehen und zu gesetzlichem
Hervorbringen gelangen mag.“ Darum betrachtet er nicht — wie seine und
unsere Zeitgenossen — die versuchten Lösungen der Probleme als die
krönende Leistung der Wissenschaft, sondern findet vielmehr das
Verdienst der von uns mit Hilfe unserer Einbildungskraft erdachten
„Gedankenwesen“ lediglich darin, daß sie uns „auf das
Anschauen
z u r ü c k f ü h r e n und uns zu
größerer Aufmerksamkeit,
zu vollkommener Einsicht hindrängen.“ Das begriffliche Denken
Goethe's können wir dem Destillieren der Chemiker vergleichen; wie
diese eine Flüssigkeit durch wiederholtes Destillieren immer
reiner von fremder Zutat erhalten, ebenso soll Goethe sein
Begriffebilden, sein Ideenschaffen zu einem immer reineren,
gereinigteren Erschauen dienen; das Erschauen bleibt somit wie Anfang
so auch Ende. Er selber hat es einmal in Versen ausgesprochen:
Anschaun! wenn es dir gelingt,
Daß es erst in's
Innere dringt,
Dann nach außen
wiederkehrt,
Bist am herrlichsten
belehrt.
Diese besondere Art Goethe's, sich Wissen als Tat
anzueignen, bedingt
unaufhörliche Arbeit. In Dichtung
und Wahrheit berichtet er: „...durch Anschauen und
Betrachten
der Dinge mußte ich
erst m ü
h s a m zu einem Begriffe gelangen.“ Auch alle Erforschung
192
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Verstand
der Natur, insofern daraus
zusammenhängende Vorstellung,
systematische Kenntnis gewonnen werden soll, empfindet Goethe als
inneren Kampf, als einen „Konflikt der Denkkraft mit dem Anschauen“. Im
Gegensatz zu der Vorstellung der ruhevollen Harmonie, die
gewöhnlich dem Goetheschen Verstande zugeschrieben wird, liegen
bei ihm die polar entgegengesetzten Kräfte des Menschengeistes —
Beobachtung und Phantasie, Abstraktion und Sinnfälligkeit,
gedankenvolles Erforschen und eigenherrliches Erschaffen — ohne
Unterlaß widereinander in Streit. Es ist Kampf in sich und an
sich, aber auch Kampf um sich und gegen Andere. Bei der Erschaffung
seiner Natursymbolik ringt der Geist der Wahrhaftigkeit oft jahrelang
um angemessene Vorstellungen; die „Leidenschaft“ treibt ihn, die
Unfähigkeit, „sich zu entwirren“, verursacht ihm Qualen; doch
endlich wird es heller: „Das stille Chaos sondert sich immer
schöner und reinigt sich im Werden“; und plötzlich tritt das
ein, was Goethe nicht selten als „Offenbarung“ bezeichnet, d. h. eine
schöpferische Idee wird in seinem Geiste geboren und bringt
Ordnung in die unübersehbare Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungen
und der durch sie angeregten Gedanken. Gewaltsam bricht eine solche
Idee hervor aus dem gärenden Streite zwischen Anschauungen und
Begriffen; sie bricht hervor — „mit Machtgebärde in die
Wirklichkeit“ —, wenn die Zeiten reif sind, wenn der ungeheure Drang
nach Wahrheit in nie ermattender Arbeit, bewußt und
unbewußt, von allen Seiten die Bausteine herbeigeschleppt hat,
die dann der Hauch des Genius in einem zeugungsmächtigen,
blitzkurzen Augenblick zu einer Gestalt zaubert und dadurch auf immer
belebt. Nicht anders verhält es sich aber mit den Dichtungen. Auch
hier, sobald wir aufmerksam hinsehen, entdecken wir den inneren
Zwiespalt, das schmerzensreiche Hin und Her, das Zagen und Verzagen,
die große Geduld des Erharrens und schließlich die nach
langer Brutzeit plötzlich hervorbrechende Gestaltung, sei es eines
Ganzen, sei es eines Bruchstückes. Wohl erzählt Goethe von
den überraschenden Eingebungen, die entschwunden waren, wenn er
sich, um sie festzuhalten, auch nur die Zeit nahm, das Papier
geradezurücken; doch handelt es sich in solchen Fällen um
eine letzte Formgebung, nicht um eine unverhoffte Neugeburt, und weit
bemerkenswerter ist es, daß selbst Goethe's kleinere lyrische Ge-
193
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Gestalt
dichte oft und oft
überarbeitet wurden, ehe sie die Vollendung
erreichten. Zwischen Einfall und Vollendung lag eben das, worauf uns
Humboldt als „Hemmnis“, Schiller als „eine Arbeit mehr“ aufmerksam
machte: die erregende Anschauung (gleichviel ob Bild, Stimmung,
Schicksal oder was sonst) mußte erst begrifflich zergliedert
werden, ehe sie zu neuem Leben in der Welt der schöpferischen
Phantasie wieder erstehen konnte.
Eine letzte Bemerkung über diese eigenartige
Beschaffenheit des
Goetheschen Verstandes. In dieser „organischen Dialektik“, wie man sie
vielleicht bezeichnen könnte, lag eine Triebkraft
unbeschränkter Vervollkommnung; denn durch die immer feinere
Ausbildung der Ideen erhielt die Anschauung zunehmende Leuchtkraft, aus
immer klareren Anschauungen mußten aber noch leuchtendere Ideen
hervorgehen. So wächst denn die Pyramide dieses einzigen Daseins
höher und höher; statt des üblichen Verknöcherns
oder Verwässerns führt das Greisenalter verklärteres
Denken herbei; herrlichstes Dichten, vollendete Selbstdarstellung,
regste, aufklärendste Teilnahme an der denkenden Erforschung der
Natur: das sind die Taten der letzten Lebensmonde. Fünf Tage, ehe
der Frühling dem Heiterernsten freundlich die Augen
zudrückte, schreibt er — es ist sein allerletzter Brief — das
Glück hänge von einer „geregelten Steigerung der
natürlichen Anlagen“ ab, und sagt von sich: „Ich habe nichts
angelegentlicher zu tun als dasjenige, was an mir ist und geblieben
ist, womöglich zu steigern“. So sehen wir ihn auf dem letzten
„Platz“ und in dem letzten Moment „in die Tiefe gehen“ (S.
109),
unbekümmert, ob das ärmlich beschränkte Dasein noch
„Breite“ für ihn übrig habe; „sich steigern“ ist sein letzter
Gedanke.
—————
Die Gestalt
Dieses Wenige über das Gefüge des
Verstandes in seinen
wesentlichen Hauptlinien möge für den Augenblick
genügen; am besten lernt man ihn aus seinen Leistungen kennen, von
denen die folgenden Kapitel handeln. Wer sich aber für die
Einzelheiten der Lebens- und Arbeitsmethoden interessiert, findet alles
in den Büchern; er schlage sie nach; ich darf mich darauf
beschränken, die Wege nach innen zu weisen. Auch eine Betrachtung
der äußeren
194
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Gestalt
Gestalt würde uns von
unserem Wege abführen; denn hier, wenn
irgendwo, hat nur die unmittelbare Anschauung Wert; einzig Bilder
könnten Auskunft geben. Doch wer an Stelle der karg und mit
einseitiger Auswahl illustrierten Lebensschilderungen das einzige
wirklich auslangende Buch zur Hand nimmt, Hermann Rollett's
Goethebildnisse, wird daraus
ersehen, daß nicht zwei Menschen
Goethe ähnlich erblickt haben. So urteilen z. B. Zeitgenossen
über das Porträt, das Heinrich Meyer im Jahre 1795 malte, es
sei „von frappanter Ähnlichkeit“, und Franz Kugler, der
Kunsthistoriker, meint: „Ich kenne kein Porträt Goethe's, das, wie
dieses ... die Festigkeit, die eigentliche Deutschheit seines
Charakters, selbst seine jeweilige Beschränkung auf das
Einzelinteresse, mit seiner eigentümlichen Hoheit, mit der
Machtfülle seines Gedankens vereint, zur Erscheinung
brächte“. Und doch würde vielleicht überhaupt kein
Mensch erraten, Goethe sei hier dargestellt; so sehr weicht das Bild
von den herkömmlichen idealisierten Bildern ab. Schon die
Haartracht — ein kurzer Backenbart, oben kurzgeschorene, an den Seiten
glatt herabhängende Haare — fällt befremdend auf. Wir wissen
aber, daß sie tatsächlich der Wahrheit entspricht, nicht
bloß, weil Heinrich Meyer, wenn auch kein bedeutender, jedenfalls
ein peinlich genauer Maler, unfähig war, an seinem hochverehrten
Freunde einen Zug zu entstellen, sondern auch, weil ein Zeitgenosse
berichtet: „Goethe trägt das Vorderhaar rattenkahl abgeschoren, an
den Seiten ausgekämmt und völlig anliegend“ — und nun sehe
man sich die allbekannten Bilder und Büsten von Rauch, Bovy,
Kügelgen, Stieler usw. an! Das sogenannte Stilisieren des Haares
besaß damals die Bedeutung eines Gebotes; Goethe selber fordert
es für seine Bildnisse ausdrücklich. Abgesehen hiervon aber
besitzen wir auch in der Auffassung der Gesichtszüge eine
verwirrend mannigfaltige Galerie, und es muß gesagt werden,
daß diejenigen Bilder, die sich dauernder Beliebtheit erfreuen
und daher unsere Vorstellung des Antlitzes wesentlich gestaltet haben,
diese Vorliebe subjektivem Gutdünken und allenfalls auch technisch
besserer Ausführung verdanken, nicht aber einem objektiven Urteil
über wahre Ähnlichkeit. So bezeichnet z. B. Goethe selber das
Bildnis des englischen Malers George Dawe als „das leidlichste von
allen“ und empfiehlt den von Wright darnach verfertigten Kupfer-
195
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Die Gestalt
stich öffentlich in Kunst und Altertum als „unter den
vielen in
Kupfer gestochenen Bildnissen Goethe's dasjenige, welches ihn am
ähnlichsten darstellt“. Er tat jahrelang alles mögliche, um
die Verbreitung gerade dieses Bildes zu bewirken; doch ohne Erfolg.
Dagegen erfreute sich das (im übrigen gewiß schöne)
Gemälde Stieler's sofort allgemeiner Anerkennung, obwohl uns von
zuständiger Seite versichert wird, gerade diese „exzentrische
Kopf- und Augenwendung“ sei „höchst antigoethesch“.
* Soweit die
vortreffliche Lebensmaske uns belehren kann, kommt ohne Frage
Jagemann's Zeichnung aus dem Jahre 1817 dem Original sehr nahe und
dürfte vielleicht in seiner reinen Profilhaltung von allen Bildern
die Züge, wie sie in Wirklichkeit waren, am besten
veranschaulichen. „Wer mir Dein Profil mit Kreide auf den Tisch
schreibt, ist mein Mann“, ruft der wackere Zelter aus, als er auf einer
Ausstellung schöne idealisierende Gemälde Goethe's erblickt
hat; gerade dies hat Jagemann geleistet. Ich meine nun, wir können
diesem Tatbestand vor allem das Eine entnehmen: daß es schwer bis
zur Unmöglichkeit war, von diesem Antlitz durch ein Konterfei eine
Vorstellung zu geben. Das hätte einen Leonardo erfordert. Wir
wollen uns damit trösten, daß es Jedem, der sich in der
richtigen Geistesverfassung in den Gegenstand versenkt, eher gelingen
wird, sich eine genaue Vorstellung des inneren als des
äußeren Goethe zu bilden; und aus der Kenntnis dieses Innern
heraus werden auch die verschiedentlichen Darstellungen des
Äußeren neues Leben gewinnen.
Beachtenswert ist es, in welchem Maße der
Wille — vielleicht
dürfen wir sagen, Goethe's Idee von sich selbst — durch die
Hülle hindurchstrahlte und zu wahrheitsahnenden Täuschungen
führte. So beschreiben z. B. viele Zeugen Goethe als „groß“;
und doch kennen wir seine Körperhöhe ganz genau: sie betrug
174 Zentimeter; er war also für einen Deutschen nicht über
mittelgroß: infolge seiner Haltung (siehe S. 23) erschien er aber
größer als er in Wirklichkeit war; hierin liegt gleichsam
ein sichtbarer Ausdruck des beständigen Wachsens, welches diesen
Mann „auf den vielen Stufen seines Pyramidenlebens“ auszeichnet. Auch
die Gewalt des Antlitzes liegt nicht — wie der französische
Bildhauer David es darzustellen suchte — in auffallenden Maßen
begründet, sondern in den unbewußt wirkenden
Verhältnissen aller Teile und vor allem im Aus-
196
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Mittelpunkt
druck der Augen. Immanuel
Kant's Kopf z. B. ist als Erscheinung weit
merkwürdiger; die Größe des Schädels ist bei ihm
übermäßig, zugleich die Feinheit der Züge
unerhört; kaum je mag ein Antlitz in so hohem Grade
ent-körpert, so vollkommen durchgeistigt gewesen sein. Kant ragt
denn auch als Denker wie ein Ungeheuerliches unter den Menschen hervor;
was ihn umgibt, ist im Vergleich liliputanisch; in Goethe's Antlitz
dagegen, wie es uns die Lebensmaske am untrüglichsten
veranschaulicht, kommt ein ausgesprochen sinnliches Element zur
Erscheinung und auch eine gewisse Behäbigkeit; verkünden
Stirn und Augen die sich selbst bändigende, verschwiegene
Geistesgewalt und die gestaltende Schöpferkraft des
Dichter-Denkers, der aus der Gattung des Angeschauten und des
Ausgesonnenen sich seine eigene Welt erschafft, so lesen wir deutlich
von den Lippen und dem Kinn den Willen ab eines Mannes, der mitten
unter
Menschen zu leben entschlossen ist, sich mitteilend und behauptend;
selbst diese erstarrte weiße Gipsmaske hört zu und redet an.
* Goethe wirkte auch physisch — wenigstens auf empfängliche
Gemüter — darum so gewaltig, weil in seinem Körper von der
Fußsohle bis zum Scheitel ein Seelenleben Ausdruck fand, welches
in dem Durst nach reinem Erschauen alles dessen, was die Natur bietet,
und in der bildsamen Kraft des Wiederauferbauens des Empfangenen einzig
war. Das Leben, rein als Lust zu leben — edle, feurige, bewußte,
vielumfassende, „heiter-ernste“ Lust — ist selten so eindrucksvoll wie
hier in die Erscheinung getreten. Darum redete Goethe noch als Greis
von einem „Seelenfrühling“ (S. 78),
und darum glaubte der
kirchenferne, dogmenfremde Mann an seine Unsterblichkeit, denn er
fühlte, kein Tod sei mächtig genug, das schöpferische
Feuer in seiner Brust zu löschen. Dies alles strahlte Dem, der ihm
nahen durfte, aus den Augen entgegen; diesen herrlichen Anblick hat
kein Pinsel für uns Spätgeborene festzuhalten vermocht.
—————
Der
Mittelpunkt
Ich gebe mich keiner Täuschung hin; ich
weiß, daß ich
mit dem vorliegenden Versuch, Goethe's Persönlichkeit in
Umrißlinien vor die Augen zu stellen, etwas unternommen habe, was
zu bewältigen ans Unmögliche grenzt. Beruhigung finde ich in
der Überzeugung, auch
197
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Mittelpunkt
teilweises Gelingen
genüge zur Rechtfertigung. Die unausdenkbare
Fülle der inneren Gestalt zu schildern, ist ein Wahngedanke, der
mir nicht einen Augenblick vorgeschwebt hat; vielmehr war mir zumute,
als sei es meine Aufgabe, einen Schleier zu entfernen, der manchen
Blicken diese Gestalt verbirgt; weiter reichte die Absicht nicht; zu
der Gestalt schauten wir dann in Ehrfurcht hinauf, ohne aber ihr
verwegen nahezutreten.
Doch auch die Erfüllung dieser bescheideneren
Aufgabe begegnete
besonderen Hindernissen, über deren Beschaffenheit uns Goethe
selber genaue Auskunft gibt. In einem Briefe an einen Naturforscher
preist er die Methode der exakten Wissenschaft, welche „von der
Peripherie nach dem Zentrum zu“ forscht, weil sie eine Darstellung
„ganz eigentlich im Lichte“ zulasse; es gibt aber, sagt er, auch einen
andern Weg, der umgekehrt „von dem Zentrum zu der Peripherie“
führt, und dieser andere Weg „mußte s e i n e
Tendenz sein
und bleiben“. Dieses Ausstrahlen vom Mittelpunkte aus ist nicht
bloß für Goethe's Naturerforschung, sondern für seine
ganze Persönlichkeit bezeichnend; es ist dies der Weg des
schöpferisch Lebendigen, desjenigen Lebens, welches Leben zeugt:
wogegen der andere Weg der des Wissens, des Rubrizierens, der
Zurückführung auf Mechanik ist und damit auch — sobald wir
ihn einseitig vorwalten lassen — des Erstarrens aller
Zeugungsfähigkeit. Wollte ich nun in Goethe's Persönlichkeit
einführen, so war ich genötigt, den Weg zu gehen, der ihm
selbst einzig gemäß war; immer schreibt der wohlbegriffene
Stoff dem Gestaltenden die Form vor. Hier stoßen wir aber sofort
auf ein Hindernis, das niemals vollkommen überwunden werden kann.
Denn, wie Goethe im selben Briefe des weiteren ausführt, „das
Zentrum der Kugel b l e i b t i m m e
r i m V e r b o r g e n e n“. Anstatt
also von
Bekanntem, Nachweisbarem, Greifbarem auszugehen, um darin so lange wie
möglich fortzuschreiten, heißt es bei dieser Methode: von
einem Verborgenen aus den Weg antreten, von einem Punkte, zu dessen
Wesen es gehört, nie ganz aufgedeckt, nie „ganz eigentlich im
Lichte“ dargestellt werden zu können. Nach dem Gesetze dieser
„Tendenz“ (wie sie Goethe nennt) mußte ich in diesem Kapitel
verfahren; sofort am Anfang suchte ich, so nahe wie möglich an den
verborgen bleibenden Mittelpunkt der Kugel zu dringen; von dort
streckte ich Fühler nach der Peripherie aus.
198
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Mittelpunkt
In den Wanderjahren kommt Goethe in
anderer Stimmungsumgebung auf
diesen selben Gedanken zurück und meint, der Mensch dürfe
sich „in der Mitte dieser ewig lebendigen Ordnung (des Kosmos) nur
denken, sobald sich gleichfalls in ihm ein beharrlich Bewegtes, um
einen reinen Mittelpunkt kreisend, hervortut“. Wozu er noch bemerkt:
„Und selbst wenn es dir schwer würde, diesen Mittelpunkt in deinem
Busen aufzufinden, so würdest du ihn daran erkennen, daß
eine wohlwollende, wohltätige Wirkung von ihm ausgeht und von ihm
Zeugnis gibt.“ * Meine eigene Erfahrung
an Goethe ist nun gewesen,
daß je näher ich im Laufe der Jahre jenem Mittelpunkte in
seinem Busen kam, um welchen das beharrlich Bewegte der
Persönlichkeit kreist, um so wohltätigere Wirkung empfand
ich, um so deutlicher wurde das Zeugnis des innerlich sicheren
Verstehens. Möchte Andern der Weg zu ähnlicher Erfahrung hier
gewiesen worden sein!
Ein letztes Wort als Zusammenfassung.
Sagte Goethe, der Mittelpunkt der Kugel bleibe
verborgen, so kann es
uns nicht wundernehmen, wenn auch die gesamte Persönlichkeit, die
von diesem unerforschlichen Mittelpunkt ausstrahlt, rätselhaft
bleibt und Elemente aufweist, die wir logisch nicht miteinander zu
vereinigen wissen. Schon der Widerspruch, der uns gleich am Anfang
dieses Kapitels beschäftigte, hat das an sich, was der Philosoph
eine A n t i n o m i e nennt, das heißt: zwei
sich gegenseitig
ausschließende Gesetze bestehen dennoch in einem lebenden Wesen
beide zu Recht, eins neben dem andern. Wir hatten Goethe den
Schauenden, den Mann, der „durch Aggregation nichts begreift“, sondern
alles nur, insofern er es unmittelbar sinnlich wahrnimmt, und dessen
Welt darum „eine mit dem Auge erfaßte“ ist (S. 90);
dicht neben
ihm aber hatten wir Goethe den ewig Grübelnden (wie Humboldt sich
ausdrückt), den Mann, der nicht erschauen k a n n,
wenn er nicht
dazu denkt und theoretisiert. Kein Wunder, daß Schiller, der
scharfsinnige, bald zu der Einsicht gelangte: „Ich hab' es einmal
für immer aufgegeben, Sie mit der gewöhnlichen Logik zu
messen.“ Goethe selber empfand sich darum als Sonderwesen und den
Menschen fremd: „Ich bleibe meinem alten Schicksale geweiht und leide,
wo Andere genießen, genieße, wo sie leiden.“ Denn diese
Antinomie zieht sich, wie wir sahen, durch alles hindurch: Goethe, der
Liebereiche
199
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Mittelpunkt
und zugleich der
Treuvergessene, Goethe, der unbeirrbare Helfer und der
leicht abgescheuchte Freund, Goethe, der fieberhaft Eifrige und
nichtsdestoweniger der zaghaft Hinausschiebende, Goethe, der alles
begreifen Wollende, und Goethe, der sich in harte Einseitigkeiten
Beschränkende, der Klassiker und der Romantiker, der Poet und der
Forscher, der Heide und der Christ ... wohin wir auch blicken, das
Nebeneinanderbestehen gegensätzlicher Bestimmungen. Ich glaube nun
etwas zu sagen, wenn ich behaupte: Goethe gleicht in dieser Beziehung
der N a t u r und ist in dem gleichen Sinne wie sie
schwer zu
verstehen. Bei der Natur sind wir oft im Zweifel, ob wir sie mit den
Dichtern lieben oder mit den Heiligen verabscheuen sollen. Nur in
Individuen offenbart sich die lebendige, Stoff und Kraft beherrschende
Natur; verschwenderisch stattet sie die Individuen aus, zu aller
Phantastik des zweckmäßigen Baues schenkt sie ihnen noch
unerschöpflich Schönheit, jede Eintagsfliege ist ein
Wundergebilde; zugleich aber schätzt sie die Individuen so gering,
daß sie die überaus große Mehrzahl nicht einmal zur
Reife gelangen, sondern als bloße Nahrungsmasse von andern dumm
unbewußt vertilgen läßt; sie achtet auf keinen Schmerz
und zerstört in einem Nu, was ein ganzes Leben von Generationen in
unablässigem Eifer errungen hatte; das Bleibende an ihr — soweit
wir Menschen uns davon eine Vorstellung zu machen vermögen — sind
Ideen, und zwar Ideen, die in jeder einzelnen Erscheinung nur
unvollkommen und darum flüchtig zum Ausdruck gelangen. Hiermit
sind nun wesentliche Züge in der Persönlichkeit Goethe's
analogisch bezeichnet, und wir begreifen, warum Diejenigen, die an
diese Persönlichkeit von außen herantreten, sich an Ecken
und Kanten stoßen; Sinn und Ebenmaß können hier nur
dann wahrgenommen und begriffen werden, wenn es gelingt — und insofern
es gelingt — von dem zeugenden verborgenen Mittelpunkt aus nach den
entgegengesetzten Richtungen hin mit auszustrahlen; die Einheit
muß erlebt, sie kann nicht dargelegt werden.
Am unergründlichsten offenbart sich der
Widerstreit des
Gegensätzlichen, wenn man erst aufmerksam geworden ist, in welchem
Maße die Kultur der Persönlichkeit, der sich Goethe gewidmet
hatte, zu einer unpersönlichen, weil überpersönlichen
Bedeutung emporführt. Der Einzelne wird gleichsam Sinnbild der
Menschheit, und am letzten Ende führt die denkbar höchste
Steigerung der Persön-
200
Zweites Kapitel: Die Persönlichkeit — Der Mittelpunkt
lichkeit — durch umfassende,
auserlesene Kultur — zur Natur und ihrer
Unpersönlichkeit zurück. Schon von der Kunst hatte Goethe das
unerwartete Wort gesprochen: „Die besten Meister, in ihren
glücklichsten Augenblicken, nähern sich der höchsten
Kunst, w o d i e I n d i v i d u a
l i t ä t v e r s c h w i n d e t und das, was
durchaus
recht ist, hervorgebracht wird.“ Im Gegensatz zu gewissen
künstlich aufgebauschten Schlagwörtern unserer Zeit schwebt
also Goethen das Ideal vor, durch Vervollkommnung der eigenen
Persönlichkeit sie gleichsam auszulöschen. Ist die
höchste Meisterschaft erlangt, gelingt es, das durchaus Rechte auf
allen Gebieten hervorzubringen, so ist der Einzelne aus den Schranken
seiner Individualität erlöst. Darum findet bei Goethe die
Abkehr von der Welt und ihrem Wahne nicht in religiös-asketischer
Entsagung oder philosophisch-pessimistischer Überwindung Ausdruck,
sondern vielmehr rein innerlich, als Gesetz für ihn selber allein,
unter Anerkennung der Berechtigung des Unzulänglichen und unter
tätig-freundlicher Duldung des Mittelmäßigen. „Ich
verehre den Menschen, der deutlich weiß, was er will,
unablässig vorschreitet, die Mittel zu seinem Zwecke kennt und sie
zu ergreifen und zu brauchen weiß; inwiefern sein Zweck
groß oder klein sei, Lob oder Tadel verdiene, das kommt bei mir
erst nachher in Betrachtung.“ Der Außerordentliche ist es, der
sich unterordnet. Hier berühren wir einen Punkt, wo es leichter
fällt, die Lehre vorzutragen, die einer solchen Auffassung
entsprießt, als die zarte Verwickeltheit des Gemüts
auseinanderzulegen, das eine in Widersprüchen wurzelnde und
dennoch so folgerechte und erhabene Gesinnung beherbergt. Ohne
Erleuchtung durch Liebe wird wahre Aufhellung der Persönlichkeit
in diesen ihren letzten Tiefen nicht zu erlangen sein.
—————
Letzte
Änderung
am 11. September 2007