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HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
GOETHE
DRITTES KAPITEL
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201
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DRITTES
KAPITEL
DER PRAKTISCH
TÄTIGE
—
Stehe
mir der gesunde Geist der Welt bei! Goethe
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202
(Leere Seite)
203
Allgemeines
In dem vorangegangenen Kapitel redeten wir von
Goethe's Charakter und
von seinem Verstand; hier sehen wir beide am Werke. Da es aber nicht
meine Absicht sein kann, historisch Eingehendes über Goethe's
Wirksamkeit als Staatsbeamter, Theaterdirektor, Museumsverwalter,
Bibliotheksleiter usw. zu bringen — denn über alle jene Dinge
besitzen wir außer den kurzen Berichten der Lebensschilderer
vortreffliche Einzeldarstellungen —, so wird das Schwergewicht auf die
Bedeutung der praktischen Betätigung für Goethe's inneres
Leben fallen. Diese Bedeutung ist allerdings eine große, und ein
wahres Verständnis Goethe's ist undenkbar, solang das nicht
erkannt und im notwendigen Zusammenhang begriffen wird.
Wenn Charakter und Intelligenz das unmittelbar
Zunächstliegende
ergreifen, so entsteht das, was wir im umfassenden Sinne des
Wortes
p r a k t i s c h e T ä t i g k e i t nennen
müssen. Ich verstehe hier
„praktisch“ nicht in der durch verwischende Angleichungen gewonnenen
Bedeutung eines Synonyms für die moralischen Eigenschaften der
Weltklugheit, der Vorsicht, der argwöhnischen Berechnung usw.,
sondern in dem eigentlichen Verstande, wo das Wort den Gegensatz zu
„theoretisch“ besagt und auf das Befassen mit wirklichen Dingen, auf
Geschick, Handfertigkeit, Findigkeit, schnelles Beziehen und
Verwirklichen, auf Freude an jeglicher Tat weist. Es ist ein Irrtum,
wenn man gerade diesen praktischen Sinn für einen den innersten
Triebfedern ferner liegenden, sozusagen „peripherischen“ hält,
wogegen im Denken, Schaffen, Lernen, Meinen usw. das Wesen eines
Menschen unmittelbar in die Erscheinung trete; vielmehr bildet die
praktische Betätigung den innersten Kreis um den Kern der
Persönlichkeit; die weiteren, die sich bis zur Erforschung der
umgebenden Natur, bis zu dichterischer Phantasie, bis zu
schöpferischer Weltanschauung ausdehnen können, verschweben
nur dann nicht in neblige Phantasterei, wenn sie fest an dem
tüchtig ausgebildeten inneren Kreise verankert sind. „Der
Charakter“, sagt Goethe, „bezieht sich nur durchaus aufs Praktische.
Nur in dem, was der Mensch tut, zu tun fortfährt, worauf er
beharrt, darin zeigt er Charakter.“ Darum heißt es dann andern
Ortes: „Bei Belebung des
204 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
Wirklichen zeigt sich am
besten, ob das Allgemeine, zu dem wir uns
herangebildet haben, echt und wahrhaft sei; denn wir mögen es
anfangen wie wir wollen, so können wir doch zuletzt nur praktisch
zeigen, wie weit es mit uns gediehen ist.“ Wer, wie Sterne spottet,
jeden Gegenstand am falschen Ende anfaßt, wer unfähig ist,
die tausend Forderungen des Tages durch Organisation sich zu
unterwerfen, wer nicht Klarheit im nächsten leicht zu
übersehenden Kreise vermittelst zielbewußten Eingreifens
schafft, der wird auch in Dingen des Geistes verkehrt zu Werke gehen,
konfus Verkehrtes hervorbringen. Darum finden wir die
Zuhöchstbegabten ohne Ausnahme auffallend praktisch veranlagt,
hören wir Goethe „die praktischen technischen Kenntnisse
höchst schätzenswert“ loben und sich zu der Maxime bekennen:
„Mein Prüfstein für alle Theorie bleibt die Praxis.“ Wohl
konnte ein Newton — in die Ergründung kosmischer Probleme
versunken — zeitweilig abwesend handeln, was den in seinem hohlen
Nichts stets lückenlos „gegenwärtigen“ Philister belustigt;
doch, verzweifelten die geübten Optiker, einen Stoff zu finden,
womit sie, ohne sie zu verderben, die feinsten Gläser glätten
könnten: sie gingen zu Newton, und dieser gab nach kurzer
Besinnung die unerwartete, richtige Antwort: mit Wachs. „Des
Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil“, schreibt Goethe,
„ist der Bezirk des Tuns und Handelns. Tätig wird er sich selten
verirren.“ Aus der Not erwächst die Kraft; wer nichts erfindet,
nichts organisiert, nichts um sich herum anders und seinem eigenen
Wesen angemessen gestaltet, der kennt keine Not, der besitzt keine
Triebkraft; alles, was er schafft, entbehrt der natürlichen
Grundlage und ist weiter nichts als überbildete Willkür.
Goethe nun kannte die Not und besaß die Kraft.
Die praktische
Betätigung war der Ballast, ohne den sein Lebensschiff jeden
Augenblick zu kippen drohte. Ja, sie war mehr als das; sie war
eigentlich das Element, auf welchem dieses Schiff schwamm. Denn die
praktische Betätigung ist für einen solchen Mann das Leben
selbst, das zunächst gegebene elementare Leben, auf welchem und
aus welchem er sich dann ein höheres Leben errichtet, seinem
Schauen, seinem Sinnen, seinem Träumen gemäß. Wobei
noch folgende Erwägung alle Beachtung verdient. Man kann wohl
Maler, wohl Bildhauer sein, denn das Technische beansprucht hier alle
205 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
Kräfte und fordert nie
erlahmende, biegsame Verstandes — und
Handgeschicklichkeit, also Bewährung praktischer Anlagen; Musiker
sein ist schon bedenklicher; Dichter sein — als Lebensberuf dichten —
ist rein unmöglich; kein großer Dichter ist „Dichter“
gewesen, nicht einmal die echten Begabungen unter den kleineren
Dichtern; vielmehr waren die Dichter Soldaten, Priester, Forscher,
Theaterunternehmer, Beamte, Staatsmänner, Weltmänner, Denker,
Bauern. Daß heutzutage gewisse Zweige der Dichtkunst eine
Industrie geworden sind, die ihren Mann ernährt, ist für die
zugrunde liegende Tatsache bedeutungslos. Goethe fand sich also — wie
andere Dichter — geradezu genötigt, im Leben eine praktische
Betätigung zu erwählen und sich ihr zu widmen: das stand
für ihn von jung an fest; er war Dichter, nie aber hat er daran
gedacht, Dichter zu werden, noch weniger „Schriftsteller“ (wenn es
wirklich so etwas auf der Welt gibt). In einer der tiefsinnigsten
Stellen seiner Lebensschilderung erzählt uns Goethe, in welcher
Weise er schon im frühesten Mannesalter in den s e l b
e n Tiefen
seines Wesens, aus denen die Gebilde der Phantasie mit der
Unwillkür eines Naturvorganges hervorstiegen, den „strengen
Gegensatz“ hierzu ebenso gebieterisch sich regen fühlte. Sollte
die „liebliche Naturgabe“ des Dichtens „ein Heiliges“ bleiben, so
mußte sie nicht allein „uneigennützig ausgespendet“ werden,
sondern auch ungezwungen, ohne Willkür; sie durfte nicht eine
tägliche Gewohnheit oder gar ein Sklavendienst werden; und darum
habe er sich „immer stärker aufgefordert“ gefühlt,
sich „d e
n W e l t g e s c h ä f t e n z
u w i d m e n und dergestalt
nichts von seinen Kräften ungebraucht zu lassen“. Es besteht also
in Goethe's Innerem eine organische Wechselbeziehung zwischen dem
Dichten und dem Befassen mit praktischen Weltgeschäften.
Keinen schlimmeren Feind kannte Goethe als die
Zerstreuung. Im ersten
Kapitel führte ich Worte an seine Mutter an über die letzten
Zeiten in Frankfurt, die zerstreutesten seines ganzen Lebens; von ihnen
sagt er: „Unter solchen fortwährenden Umständen würde
ich gewiß zu Grunde gegangen sein“ (S.
37). Wogegen er aus der
ersten und schwersten Zeit seiner Weimarer Amtstätigkeit schreibt,
er sei „so vergnügt und glücklich, als es ein Mensch sein
kann“; von den Geschäften fühle er sich „nicht
gedrückt“, vielmehr nur „von den tollen Grillen, Leidenschaften
und Torheiten und Schwächen
206 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
und Stärken der Menschen
geplagt“; doch auch daraus ziehe er den
Vorteil, über sich selbst nicht denken zu können: „Und wie
sich Frau Aja erinnert, daß ich unleidlich war, da mich nichts
plagte, so bin ich geborgen, da ich geplagt werde.“ Die anfänglich
versuchte rechtsanwältliche Beschäftigung erwies sich darum
für ihn als untauglich, weil sie ihn nicht genügend fesselte
und plagte. Diese trockene Materie beherrschte Goethe vollkommen; darum
bot sie weder seinem Verstande noch seinem Willen kräftige
Ablenkung. Das Studium der Akten übernahm sein Vater, jede
Ausführung und Plackerei ein erfahrener Kanzleibeamter; Goethen
blieb einzig die juristische Beurteilung der Sachlage und die daraus
sich ergebende Entscheidung über Verfahren und Mittel; und zwar
vollbrachte er dies, wie er uns erzählt, „mit solcher
Leichtigkeit“, daß es dem wackeren kaiserlichen Rat „zur
höchsten Vaterfreude gedieh, und er auch wohl einmal auszusprechen
nicht unterließ: wenn ich ihm fremd wäre, er würde
mich beneiden“. Hier bestand also die praktische Betätigung aus
einer rein abstrakten und in hohem Maße rabulistischen
Überlegung. „Keine innere Richtung drängte mich zu diesen
Gegenständen.“ Das Geschäft des Advokaten ist überhaupt
immer negativ: eine Hemmung soll beseitigt, ein Knoten aufgelöst
oder durchhauen werden; ist das geschehen, tritt das Gesetz eines
werdenden Lebens wieder in Kraft, so ist sein Amt zu Ende; sein Element
ist nur die Stockung des unterbundenen Kreislaufs; auch wo er sich das
Verdienst erwirbt, Leben zu befördern, hat er mit diesem selbst
nichts zu schaffen. Wogegen Goethe bald erkannte, er sei nur dann „in
Geschäften brauchbar“, wenn diese „einer gewissen Folge
bedürfen und zuletzt auf irgend eine Weise ein dauerndes Werk
daraus entspringt oder wenigstens unterwegs immer e t w a s
G e b i l d e t e s
erscheint“, also etwas, was Gestalt und Leben besitzt. Es mußten
schon Weltgeschäfte in einem weiteren Verstand sein, sollten sie
einem Goethe ein Gegengewicht zu dem poetischen Drang ins Grenzenlose
bieten. Die Teilnahme an der Regierung eines Staates, und zwar die
Teilnahme in einer bevorzugten, amtlich-außeramtlichen Stellung
war nicht allein einzig seiner würdig, sondern auch einzig
für ihn ersprießlich. Denn wenn man auf den Grund ginge, man
fände in diesem Drange Goethe's zu Weltgeschäften den
unstillbaren Hunger nach immer wachsen-
207 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
dem Anschauungsreichtum; zu
dessen Sättigung öffnete ein
hohes Amt die Wege, und zwar nicht bloß unmittelbar, sondern auch
mittelbar. Einige Worte fielen im zweiten Kapitel darüber (S.
118). Goethe's Leben ist ohne die amtliche Stellung undenkbar.
Einzig
hierdurch ward er vermögend, auf den verschiedensten Gebieten
„etwas Gebildetes“ zu schaffen, so z. B. große, wichtige
Anstalten für Kunst und für Wissenschaften, die „einer Folge
bedurften“ und die nur nach und nach durch kluge Inangriffnahme, durch
Beharren, Menschenkenntnis, Nachgiebigkeit, Überredung,
vorsichtige Verwaltung ins Dasein gerufen, ausgebaut und
schließlich dankbaren Nachgeborenen übermacht werden
konnten. Der innere Gewinn für die Persönlichkeit ging Hand
in Hand mit dem Gewinn für die Allgemeinheit; je mehr Goethe
praktisch erstehen ließ, um so mehr heimste seine eigene
Erfahrung ein, und das heißt das Element, aus dem all sein
Dichten hervorging. In der Stadtverwaltung Frankfurts wäre
Derartiges nur in weit beschränkterem Maße möglich
gewesen; um das zu leisten, was Goethe's unvergleichlichen Gaben
entsprach, dazu gehörte eine fast autokratische Vollmacht, wie sie
einzig ein Fürst besaß und daher einzig ein Fürst
übertragen konnte. „Wer sich mit der Administration abgibt, ohne
regierender Herr zu sein,“ schreibt Goethe, „der muß entweder ein
Philister, oder ein Schelm, oder ein Narr sein.“ Carl August selber,
die Quelle dieser Machtvollkommenheit, lernte Goethe's „Herrschsucht“,
wie er sie nennt, kennen und redet einmal halb ironisch, halb
bewundernd von dem „kleinen Tyrannen“. Vielfach gehemmt — wie das
jegliche Verwirklichung mit sich bringt — durch karge Mittel,
unfähige Gehilfen, Mißwollen, allgemeine
Unzulänglichkeit, bleibt immerhin das Charakteristische für
Goethe's praktische Betätigung die Bewährung seines Willens.
Und darum dient er. Er dient dem, der ihm Freiheit zu handeln gibt.
„Lieber einem Fürsten als dem Pöbel dienen“, heißt es
in einem Spruche. So groß seine Liebe zu dem Volk als
schaffender, „vernünftiger, beständiger, reiner und wahrer
Volkheit“ (wie er diese unbewußte Naturmacht nennt) auch war, so
wenig hält er von seiner Befähigung zu regieren; die Volkheit
besitzt „einen Willen, den die Menge niemals ausspricht, den aber der
Verständige vernimmt“, dagegen das Volk „weiß niemals
für lauter Wollen, was es will.“
208 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
Die rohe Menge hast du nie
gekannt,
Sie starrt und staunt und
zaudert, läßt geschehn;
Und regt
sie sich, so endet ohne Glück,
Was ohne Plan
zufällig sie
begonnen.
Ein Fürst kann seinem Diener Freiheit schenken — die
Persönlichkeit der Persönlichkeit; ein Volk ist
unpersönlich und kann es nicht; vielmehr verschließt es die
Macht zu wirken dem wahrhaft Bedeutenden und fordert und fördert
mit unausweichlicher Notwendigkeit das Mittelmäßige. Daher
die Verse in den Zahmen Xenien:
Warum ich Royaliste bin,
Das ist sehr simpel:
Als Poet fand ich Ruhms
Gewinn,
Freie Segel, freie Wimpel;
Mußt'
aber alles selber tun,
Konnt' niemand fragen:
Der alte Fritz
wußt' auch zu tun,
Durft' ihm niemand was
sagen.
Und so fände man vielleicht für Goethe's Wirksamkeit in
Weltgeschäften keine genauer stimmende Bezeichnung als: sie war
„fürstlicher“ Art; fürstlich und genial, wie die Angleichung
an den großen Hohenzoller zu verstehen gibt. Sie war auch darin
fürstlich, daß sie zwar schöpferisch auferbaute und
auch pflichttreu im Auge hielt, nicht aber die Geduld der einzelnen
Ausführung besaß, sobald diese nur noch mechanische Arbeit
erheischte. „Ich habe nie das Handwerk einer Sache, die ich treiben
wollte oder sollte, lernen mögen“, gesteht Goethe einmal und
fügt das bedeutsame Wort hinzu: „Es war durch die Kraft des
Geistes gezwungen.“ Darum bedurfte er der Diener. Selbst als Dichter
hat er in einem unerhörten Maße die Mitwirkung Anderer
beansprucht: nicht allein vermied er es tunlichst, die Feder
eigenhändig zu führen — denn jede „schrittweise
Ausführung“ überhaupt war ihm „nojos und unerträglich“
—, sondern alles rein Technische an der Sprachbehandlung, wie
Orthographie, Interpunktion, Syntax, auch das Festhalten antiker
Versmaße im Gedächtnis, wies er von sich und suchte
dafür bis an sein Lebensende die Unterstützung Anderer. Noch
mehr war das bei Geschäften der Fall. Denn wenn auch ein Herder
209 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
Goethe „ebenso bewundert
wissen will als Geschäftsmann denn als
Dichter“ und Wieland staunend ausruft, er bleibe „unzerdrückt von
der Geschäfte Last“, so wissen Diejenigen, die in nähere
Berührung mit ihm als Beamten kamen, wie genial er es verstand,
das Lastende an der Last — genau so wie ein Fürst es tut — von
sich abzuwälzen. „Zum Detail bin ich nicht geboren“, gesteht er
offen dem Fürsten, dessen Minister er ist. Mit ungeheurer Energie
pflegte er die Dinge in Gang zu setzen, die leitenden Ideen, die
Richtung, die Methoden zu bestimmen; diese überwachte er auch
weiterhin; doch die eigentliche Arbeit überließ er Andern.
„Den Eifer statt meiner zu arbeiten und zu sorgen“, rühmt er an C.
G. Voigt, dem edlen Mann (vergl. S. 119);
und dieser erzählt
freudig lächelnd von Goethe's „perpetuierlichem Urlaub“, den er
„zu Arbeiten und Unterhaltung seines eigenen Geistes“ verwende.
Ein Beispiel von Goethe's Art, in Weltgeschäfte
einzugreifen. Als
die Finanzgebarung seines Adoptivvaterlandes durch die
Mißwirtschaft eines leichtsinnig unfähigen Verwalters bis
hart an den Bankrott geführt worden ist, läßt er sich
das Ressort übergeben und führt die Sanierung mit
bewundernswerter Energie durch, zugleich mit bewundernswerter
Beherrschung eines Faches, in welchem sentimentale Menschen einen
großen Dichter nicht zu Hause vermuten würden; „es war durch
die Kraft des Geistes gezwungen“. Den mit den verschiedenen
Regierungsgebieten betrauten Räten beschneidet er unbarmherzig
ihre Forderungen und kennt keine Ruhe, bis eines der schwierigsten
Werke auf praktischem Gebiete gelungen ist: verfahrene Finanzen wieder
ins rechte Geleis zu bringen. Dann aber bricht sofort das Interesse ab.
Für den geeigneten Nachfolger sorgt er noch; als der Herzog ihn
dennoch an erster Stelle, den Andern an zweiter belassen will, bittet
er mit aller Bestimmtheit, hiervon abzusehen und ihn „von seiner
bisherigen Inkumbenz zu entbinden.“ „Etwas Gebildetes“, wie er es
forderte, ist jetzt da; er hat es aus dem Chaos gestaltet; nunmehr
mögen Andere die Sache pflichttreu weiterführen.
Unwillkürlich verwebt sich, wie man sieht, bei
der Betrachtung
dieses Gegenstandes das Äußere und das Innere; und zwar
darum, weil es ein stets lebendiger innerer Drang, nicht ein
äußerer Zwang ist, was Goethe zu der Befassung mit
Geschäften antreibt; in ihnen
210 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
findet er Speisung für
seine Tatenlust, Genugtuung für sein
Gemüt, Bereicherung für seine Erfahrung. Des Allumfassenden
seiner Anlagen wird er sich selber hier freudig bewußt; und
indessen er seinen Ideenschatz vermehrt, übt er sein Auge und
stärkt seinen Willen. Ausführliche Menschenkenntnis erwirbt
man bei Geschäften; dazu die Kenntnis seiner selbst. „Die
Existenzen fremder Menschen sind die besten Spiegel, worin wir die
unsrige erkennen können.“ Und Goethe hatte viel zu tun, sich
selber kennen zu lernen. So interessiert er sich z. B. von seiner
Studentenzeit an bis in sein hohes Alter leidenschaftlich für
alles, was Gruben und Bergwerke betrifft; das haben auch Andere getan,
einzig ist aber die unerhörte Vielseitigkeit seines Interesses;
denn es ist zugleich spekulativ und empirisch wissenschaftlich,
technisch und ökonomisch; mit anderen Worten, es umfaßt alle
Seiten des Gegenstandes. Der rein wissenschaftliche Geolog wird jedes
Bergwerk besuchen, weil er da Aufschluß über
Steinlagerungen, Verschiebungen, Aufeinanderfolgen, also über den
Bau der Erde erhält, dazu oft eine reiche Ernte an Mineralien und
Versteinerungen, wogegen die Technik des Betriebes und gar die
ökonomische Verwertung und Rentabilität des Baues ihm
gleichgültig bleiben; anders der Techniker, der die Geologie nur
insofern studiert, als sie für seine Konstruktionen und Maschinen
in Betracht kommt; und wiederum anders der Finanzmann, für den das
Ganze auf eine Verzinsung von Kapitalien ausläuft! Goethe dagegen
empfindet alles zugleich, nimmt an den verschiedenen Verstandes- und
Gemütsbewegungen den selben Anteil. Seine Leidenschaft für
die wissenschaftliche Bedeutung des Bergbaues ist bekannt; doch auch
die rein technischen und die rein ökonomischen Probleme, die sich
aus ihm ergeben, bezeichnet er geradezu als eine „Lust“, welche ihn
„einen großen Teil seines Lebens beschäftigt habe.“ Selbst
der gewöhnliche Mensch kann sich und Andere durch ungeahnte
Fähigkeiten und nie vermutete Unzulänglichkeiten
überraschen, wenn plötzlich neue Anforderungen an ihn
gestellt werden; Goethe hörte nicht auf, sich selber zu
prüfen, damit es „bei Belebung des Wirklichen sich zeige“,
inwiefern sein geistiger Besitz „echt und wahrhaft sei“ (S.
204); und
was wir als Wachstum bei ihm anstaunen, ist zum Teil nur die immer
vollkommenere Entfaltung der Persönlichkeit an den neuen
praktischen Aufgaben. Als in späteren Jahren
211 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
sein Freund und Untergebener,
der Chemiker Döbereiner, Versuche
zu verbesserter Herstellung des Stahles anstellt, die er — von rein
wissenschaftlichem Interesse getrieben — nicht geheim hält,
ermahnt ihn Goethe hierzu eindringlich; denn sofort knüpfen seine
Gedanken an die im Entstehen begriffene, zukunftsreiche Technik an und
schweben ihm weitreichende industrielle Kombinationen vor: „Sie sehen,
daß auch mich der Kaufmannsgeist anweht.“ In einem seiner Romane
lauschen wir mit einigem Erstaunen sogar einem sachkundigen Hymnus auf
die „doppelte Buchhaltung“, die als „eine der schönsten
Erfindungen des menschlichen Geistes“ gepriesen wird.
Flußregulierung, Straßenbau, Drainierung: mit allem hat
sich Goethe eingehend abgegeben, diese Dinge technisch und
ökonomisch bis ins Einzelne studiert, die besten Fachkräfte
zu ihrer Leitung auf Grund seiner Kenntnisse ausfindig zu machen
verstanden. Auch die Landwirtschaft in allen ihren Zweigen bietet ihm
unerschöpfliches Interesse, wie alle seine Reisebeschreibungen
bezeugen; doch er wußte wohl, es sei „Niemandem zu raten, der
nicht von der Erde geboren ist, sich mit der Erde einzulassen; es ist
schwer ihr etwas abnehmen und töricht ihr noch gar hingeben“: also
auch verneinend bewährte er sich als durchaus praktischer Mann.
Was nun das Weimarer Dienstverhältnis betrifft,
so kennt kein
Mensch Goethe wirklich, der hier von Zufall spricht und den
entscheidenden Anteil des Charakters an dieser Schicksalswendung nicht
beachtet. Denn keineswegs handelt es sich um einen einmaligen,
übereilten Entschluß, sondern um einen schon in den ersten
Jahren hundertmal bei klarster Überlegung von neuem
gefaßten. Einmal über das andere, in Tagebuch und Briefen,
begegnen wir der heißen Sehnsucht, aus Weimar zu entfliehen. „Ich
bin recht zu einem Privatmenschen erschaffen und begreife nicht, wie
mich das Schicksal in eine Staatsverwaltung und eine fürstliche
Familie hat einflicken mögen.“ „Mitten im Glück lebe ich in
einem anhaltenden Entsagen.“ Und dennoch heißt es an Tagen
ruhigen Besinnens: „Was meine Lage selbst betrifft, so hat sie,
ohnerachtet großer Beschwernisse, auch sehr Erwünschtes
für mich ... Merck und Mehrere beurteilen meinen Zustand ganz
falsch; sie sehen das nur, was ich aufopfere, und nicht, was ich
gewinne, und sie können nicht begreifen, daß ich
täglich reicher werde, indem ich täglich so viel
212 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
hingebe“: so schreibt Goethe
an seine Mutter, als er schon fünf
Jahre im Amte ist. Bewußter als er hat kein Mensch
eigenhändig sein Leben aufgezimmert. Wie er seiner Mutter
erklärt, es war sowohl für seinen Charakter wie für
seinen Geist nötig, aus der Bequemlichkeit in die
Unbequemlichkeit, aus der Selbstherrlichkeit und ihrem
„Eigendünkel“ in die Unterordnung zu treten. „Wie viel
glücklicher war es, mich in ein Verhältnis gesetzt zu sehen,
dem ich von keiner Seite gewachsen war, wo ich durch manche Fehler des
Unbegriffs und der Übereilung mich und Andere kennen zu lernen
Gelegenheit genug hatte, wo ich, mir selbst und dem Schicksal
überlassen, durch so viele Prüfungen ging, die vielen hundert
Menschen nicht nötig sein mögen, d e r e
n i c h a b e r z u m e
i n e r
A u s b i l d u n g ä u ß e r s t b
e d ü r f t i g war.“ Und nun versucht er,
ihr deutlich zu machen, inwiefern gerade diese praktische
Betätigung für ihn „etwas Unendliches“ hat. Hier erst ist
seiner Persönlichkeit — und damit zugleich dem einzigen
Nährboden seiner Kunst und seiner Weisheit — die Gelegenheit
gegeben, sich zu üben, sich zu stählen, sich der Weite ihres
Horizontes bewußt zu werden und ihren gottgegebenen Umfang
auszufüllen. „Denn wenn sich auch in mir täglich neue
Fähigkeiten entwickelten, meine Begriffe sich immer aufhellten,
meine Kraft sich vermehrte, meine Kenntnisse sich erweiterten, meine
Unterscheidung sich berichtigte und mein Mut lebhafter würde, so
fände ich doch täglich Gelegenheit, alle diese Eigenschaften,
bald im Großen, bald im Kleinen, anzuwenden“. Aus diesen Stellen
geht zur Genüge hervor, welche innere Bedeutung gerade das
für Goethe besitzt, was den Menschen als eine äußere
Beschäftigung erscheint. Wozu ergänzend bemerkt werden
muß, daß sich bei Goethe nicht die leiseste Spur irgend
eines politischen oder überhaupt weltlichen Ehrgeizes entdecken
läßt; ich bin sicher, kein einziges Wort kann zur
Erschütterung dieser Behauptung angeführt werden. Und zwar
hat das einen doppelten Grund: erstens, es ist zu viel Ironie in dem
Scharfblick, mit dem er die Welt und ihre Drahtzieher durchblickt;
zweitens, in seiner Brust brennt verborgen eine Leidenschaft, die —
sobald sie in ihrem Fortbestand bedroht wird — allverzehrend aufflammt,
die Leidenschaft der Reinheit; neben ihr können weltliche Ziele
nicht bestehen. Zu keiner Lebenszeit hat Goethe sich die geringste
Illusion über die Beschaffenheit unserer menschlichen Ge-
213 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
sellschaft gemacht. Schon als
Knabe blickt er mit Schaudern „in die
seltsamen Irrgänge, mit welchen die bürgerliche Societät
unterminiert ist. Religion, Sitte, Gesetz, Stand, Verhältnisse,
Gewohnheit: alles beherrscht nur die Oberfläche des
städtischen Daseins.“ Bald darauf erkennt er mit bitterer Ironie,
„das Absurde erfülle eigentlich die Welt“. Und weit entfernt, die
Politik höher als die Gesellschaft zu schätzen, urteilt er
über sie: „So viel kann ich sagen, je größer die Welt,
desto garstiger wird die Farce, und ich schwöre, keine Zote und
Eselei der Hanswurstiaden ist so ekelhaft als das Wesen der
Großen, Mittleren und Kleinen durcheinander. Ich habe die
Götter gebeten, daß sie mir meinen Mut und Gradsein erhalten
wollen bis ans Ende, und lieber mögen das Ende vorrücken als
mich den letzten Teil des Ziels lausig hinkriechen lassen.“ Diese Worte
sind im neunundzwanzigsten Lebensjahre aus Berlin geschrieben, als er
in Begleitung seines Fürsten die Umgebung des großen
Königs hatte kennen lernen. Im intimen Gedankenaustausch mit Carl
August äußert er sich: „Die Welt ist voll Torheit,
Dumpfheit, Inkonsequenz und Ungerechtigkeit; es gehört viel Mut
dazu, diesen nicht das Feld zu räumen und sich beiseite zu
begeben.“ Und woher dieser Mut? Da kommt das Unerwartete, das
Große, dasjenige, was macht, daß Goethe der einzige Goethe
ist: „Die Seele aber wird immer tiefer in sich selbst
zurückgeführt, je mehr man die Menschen nach ihrer und nicht
nach seiner Art behandelt; man verhält sich zu ihnen wie der
Musikus zum Instrument...“ Die Zurückführung der Seele immer
tiefer in sich selbst, die Übung, das gegebene Chaos des Daseins
innerhalb des eigenen Lebens zu einer harmonischen Musik zu gestalten,
nicht also irgend eine Rücksicht auf die Welt und ihre
Forderungen, einzig dagegen die Sorge um die immer bewußtere,
fester gegründete Reinheit des eigenen Selbst in einer jeden
seiner Regungen: dies ist im letzten Grunde der Zweck, das Ziel und
auch die Errungenschaft von Goethe's Befassung mit dem praktischen
Leben der Welt.
Es käme nun darauf an zu begreifen, wie klug
Goethe im Interesse
dieses inneren — ihm einzigen — Zieles gehandelt hat, indem er die
Gelegenheit kühn ergriff, seiner praktischen Lebenstätigkeit
gerade im Herzogtum Weimar den Boden zu bereiten. Schon lange, ehe der
Zufall, das Schicksal, oder wie man es sonst nennen will, die Begegnung
mit Carl August herbeigeführt hatte, schreibt er: „Der
214 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
Umgang mit Großen ist
immer Dem vorteilhaft, der ihrer mit
Maß zu brauchen weiß: wie ich das Schießpulver ehre,
dessen Gewalt mir einen Vogel aus der Luft herunterholt, und wenn's
weiter nichts wäre.“ So klar stehen ihm als
dreiundzwanzigjährigem Jüngling die gegebenen
Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft vor Augen, so
unbewußt sicher kennt er den Weg zu jenem Wirkungskreise, der
seinen Bedürfnissen einzig entsprechen kann. Freilich betont er
auch: „Der republikanische Geist verleugnet sich nicht“ und macht
aufmerksam, er sei in Wirklichkeit weit demokratischer gesinnt als der
von den Revolutionsmännern gefeierte Schiller; aber auch hier
heißt es, Goethe recht verstehen: nach ihm können Gleichheit
und Freiheit (politisch verstanden) nicht zugleich bestehen, einzig
„Phantasten oder Charlatans“ behaupten, meint er, das Gegenteil; und
ihm drängt sich schon in knabenhafter Jugend das Bewußtsein
der Gleichheit als der wahren grundlegenden Haupttatsache der
menschlichen Gesellschaft auf, „das Gefühl der Gleichheit wo nicht
aller Menschen, doch aller menschlichen Zustände, indem mir das
nackte Dasein als die Hauptbedingung, das Übrige alles aber als
gleichgültig und zufällig erschien.“ Sein Verhältnis zum
Fürstentum ist, wie man sieht, von vornherein ein praktisches; es
handelt sich nicht um den Ehrgeiz, höhere gesellschaftliche
Rangstufen zu erklimmen — dies alles wird als „gleichgültig und
zufällig“ erkannt —, sondern vielmehr um die Erlangung eines
Wirkungskreises, in welchem die Lust und die Kraft zu wirken wenigstens
einige Gewalt erhält, Positives auszurichten, etwas zu
begründen und zu erhalten. „Ich habe ... mir zugeschworen, an
nichts mehr teilzunehmen, als an dem, was ich so in meiner Gewalt habe
wie ein Gedicht, wo man weiß, daß man zuletzt nur sich zu
tadeln oder zu loben hat, an einem Werke, an dem man, wenn der Plan
einmal gut ist, nicht das Schicksal des Penelopeischen Schleiers
erlebt. Denn leider in allen übrigen menschlichen Dingen
lösen Einem die Menschen gewöhnlich wieder auf, was man mit
großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener
beschwerlichen Art zu wallfahrten wo man drei Schritte vor und zwei
zurück tun muß.“ Wenn er nun auf diesem Wege keine
Kraftanstrengung umsonst macht, wenn alles und jedes — auch das
Mißlungene, wie z. B. der gescheiterte Bergbauversuch in Ilmenau
— ihm zugut kommt und weder Sorge noch Bitterkeit
hinterläßt, so liegt das
215 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
daran, daß es von
vornherein nicht auf den äußeren,
sondern auf den inneren Gewinn abgesehen ist, auf die Pflicht — nicht
gegen die Welt, sondern gegen sich selbst, auf die Bereicherung der
Seele und der Geisteskraft, nicht auf Schätze, Beförderung,
Glanz.
Du, edler Mann, du wirst an
ein Phantom
Von Gunst und Ehre keinen
Anspruch machen.
Zwar liebte und verehrte er Carl August, doch von dem Augenblicke an,
wo er in ein dienstliches Verhältnis zu ihm tritt, bemerken wir
die schützende Gebärde, und je bewußter der alternde
Fürst sich als „Fürst“ fühlt, um so bewußter
hüllt sich der „republikanische Geist“ in die Unantastbarkeit
seiner persönlichen Würde. „Weh' Dem, der sich von
großer Herren Gunst ins Freie locken läßt, ohne sich
den Rücken gedeckt zu haben“, sagt er mit Bezug auf den Herzog von
Weimar; und was die „heimlich tückischen Hofleute“ anbetrifft, so
hat er von Anfang an ihre Niedertracht an seiner eigenen Person zu gut
kennen gelernt, um jemals von dieser Seite etwas erwartet zu haben.
„Der Hof nimmt alle Freude weg und gibt nie Freude.“ Und so entfernt er
sich auch immer mehr vom Hofe und erklärt, er wolle zwar seiner
Pflicht gemäß „dem Hofe alles zu Gefallen tun, nur nicht bei
Hofe“.
Diese allmähliche Zurückziehung Goethe's
von der Beteiligung
an dem eigentlichen Hofleben führt uns nun zu der Betrachtung
eines weiteren Umstandes. Denn zeigte sich sein praktisches Genie in
der Erwählung eines kleineren Fürstentums, groß genug,
„um zu versuchen, wie einem die Weltrolle zu Gesichte stünde“,
bescheiden genug, um nicht durch Geschäftelast und
Verantwortlichkeitssorge die Flugkraft der Seele zu lähmen, so
zeigt es sich nicht minder in der Art und Weise, wie er seine dortigen
Pflichten und Befugnisse nach und nach umgestaltete und bestimmt
einschränkte, bis er dasjenige von sich entfernt hatte, was seiner
Seele auf die Dauer keine Nahrung bot, und dasjenige um sich herum
versammelt hatte, woraus, wie er uns sagte, „auf irgend eine Weise ein
dauerndes Werk entspringe.“ Soweit man aus den in dieser Beziehung sehr
zurückhaltenden Briefen und aus den nicht reichhaltigen
Mitteilungen Anderer über die ersten Jahre ersehen kann, scheint
Goethe ursprünglich eine Art ministeriellen Faktotums für den
jungen Herzog ge-
216 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
wesen zu sein. Schon mehrere
Monate vor seiner Anstellung im Amte
schreibt er, er übe sich „auf dem Theatro mundi“ und lerne sich
„in allen tragikomischen Farcen leidlich betragen“; wir sehen ihn schon
damals die Berufung Herder's als Generalsuperintendenten betreiben und
erfahren von Feuerlöscharbeiten und von Verbrecherverfolgungen, an
denen er quasi amtlich beteiligt ist; und wenige Tage nach der am 11.
Juni 1776 erfolgten Ernennung zum „geheimden Legationsrat, mit Sitz und
Stimme im geheimen Consilio“ hören wir ihn sich in einem
vertraulichen Briefe als „zweiten im Königreich“ bezeichnen und
von der Last der Verantwortung sprechen, „ob ich gleich mich nicht
verantworte“. Da es sich in manchen Dingen um eine Reaktion des jungen
Fürsten gegen veralteten Beamtenzopf handelte, was natürlich
eine bittere Gegenwehr hervorrief, so erfolgt mit unausweichlicher
Notwendigkeit, daß der junge Ratgeber, der „sich nicht
verantwortet“ und dennoch als „zweiter im Königreich“ hinter allen
fürstlichen Beschlüssen steht, aus dieser gedeckten Lage in
die der vollen Verantwortung hinausgeschoben wird; er selber hätte
es auf die Dauer nicht anders ertragen können. Und so erblicken
wir ihn in den verschiedensten Ämtern tätig, vorzüglich
— außer dem schon genannten Finanzwesen — als Vorsitzenden der
Kommissionen für Straßenbau, Wasserbau, Bergbau und
Kriegswesen. Doch ersehen wir aus einem fürstlichen Erlaß
des Jahres 1782, daß Goethe (der inzwischen zum Geheimrat
befördert worden war) nicht, wie die anderen Räte, dauernd an
ein bestimmtes Ressort gebunden war, sondern vielmehr fortfuhr — ohne
aber irgend eine Präsidialgewalt zu besitzen — seinem Fürsten
in sämtlichen wichtigeren Angelegenheiten ratend beizustehen.
„Soviel hingegen a l l e etwas
beträchtlicheren, aus der
gewöhnlichen Bahn herausschreitenden, eine Abweichung von dem,
was obgedachtermaßen durch Etat und sonst festgesetzt ist, mit
sich führenden Vorfallenheiten anbelanget, geht Unsere Intention
dahin, daß, da Wir Unsrem geheimen Rat Goethe Gelegenheit, sich
mit denen Kammerangelegenheiten näher bekannt zu machen und Uns in
diesem Fache in der Folge nützliche Dienste zu leisten,
verschaffen wollen, Ihr über alle dergleichen Vorfallenheiten mit
demselben Rücksprache halten, ihm, wenn er, so oft es seine
übrigen Dienstverrichtungen gestatten, denen Sessionen Eures
Collegii beiwohnen will, sowie außer den-
217 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
selbigen, mit allen ihm
nötig scheinenden Informationen an Handen
gehen, die von ihm verlangten Akten ihm verabfolgen und alle Auskunft
geben lassen sollet.“ Aus Rom schreibt Goethe an Carl August: „Nehmen
Sie mich a l s G a s t auf; lassen Sie
mich an Ihrer Seite das ganze
Maß meiner Existenz ausfüllen und des Lebens genießen:
so wird meine Kraft, wie eine neu geöffnete, gesammelte,
gereinigte Quelle, von einer Höhe nach Ihrem Willen leicht dahin
oder dorthin zu leiten sein.“ Und weiter unten heißt es: „Alles,
was ich bisher gesagt und gebeten habe, gründet sich auf den
Begriff, daß Sie meiner jetzt nicht unmittelbar, n i
c h t i m M e c h a n i s c h e n,
bedürfen.“ Und so erließ denn Carl August, während
Goethe noch in Italien weilte, eine neue Verordnung, laut welcher
dieser, ohne irgend eine amtliche Pflicht dabei zu übernehmen,
hinfürder berechtigt sein sollte, „um in beständiger
Konnexion mit den Kammerangelegenheiten zu bleiben, den Sessionen des
Collegii von Zeit zu Zeit, so wie es seine Geschäfte erlauben,
beizuwohnen und dabei seinen Sitz auf dem für Uns selbst
bestimmten Stuhle zu nehmen“. Goethe ist also nach seiner Rückkehr
aus Italien in allen politischen und die Allgemeinheit betreffenden
Regierungsgeschäften eher ein Vertreter und ein Ratgeber des
Fürsten als ein aktiver Minister; nur daß er dann
außerdem die Oberaufsicht über sämtliche Anstalten
für Kunst und Wissenschaft als eigenstes, unmittelbar vom
Fürsten abhängendes Ressort erhält, wo er — stets in
enger Fühlung mit diesem seinem einzigen Vorgesetzten —
autokratisch waltet. Dahin, zu dieser durchaus seinen eigenen geistigen
Bedürfnissen entsprechenden, ununterbrochen ihm Nahrung
zuführenden Arbeit war die „neu geöffnete, gesammelte,
gereinigte Quelle“ von der fürstlichen Höhe aus hingeleitet
worden. Als nicht lange vor seinem Lebensschlusse der inzwischen
entstandene konstitutionelle Landtag von Goethe die Rechnungsablegung
dieser Oberaufsicht forderte, verweigerte er sie; was um so
interessanter wirkt, als die nach seinem Tode von der selben
Körperschaft vorgenommene Prüfung die tadellose Führung
erwies und zu einer öffentlichen Anerkennung Veranlassung gab.
Das Verhältnis mitteninne zwischen Fürst und Volk galt ihm
eben als ein natürliches, gesundes, organisches; es erlaubte der
einzelnen Persönlichkeit, sich zu entfalten und frei zu wirken,
und stellte somit eine praktische Lösung des ewigen Pro-
218 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
blems der menschlichen
Gesellschaft dar; wogegen er den Parlamenten
jeden Respekt verweigerte und von ihnen weder Gebot noch Huldigung
duldete.
Bei allen jenen zahllosen Geschäften, die sich
aus dem
gesellschaftlichen und staatlichen Leben der Menschen ergeben und nur
durch Zusammenwirkung Vieler bestehen können, legt Goethe den
Nachdruck immer auf die Persönlichkeit der Mitwirkenden, verdammt
folglich jedes Majoritätssystem von vornherein als unpraktisch, da
es notwendig auf eine Verringerung des Wertes des besonderen
Individuums hinausläuft. Auch hier also im Gegensatz zum
Mechanischen das Organische. So schreibt er in einem amtlichen
Berichte: „J e d e s G e s c h ä f
t w i r d e i g e n t l i c h d u r
c h e t h i s c h e H e b e l
b e w e g t, da sie alle von Menschen geführt werden. Alles
kommt dabei
auf die Persönlichkeit an....“ In diesen zwei Sätzen
spiegelt sich Goethe, der Verwalter, von Kopf zu Fuß: er sucht
sich so viel wie möglich bis zum letzten Dienerposten die
Persönlichkeiten aus, ohne jemals das Ethische noch so
glänzender Begabung zulieb außer acht zu lassen, und er
behandelt sie vom ersten Tage an bis zuletzt als Persönlichkeiten,
nicht als bloße Arbeitskräfte. Was Kant's kategorischer
Imperativ in seiner reifsten Fassung lehrt — behandle nie einen
Menschen bloß als Mittel, sondern immer als einen Zweck schon an
sich —, das führt Goethe in der Praxis aus. Hunderte von Briefen
besitzen wir jetzt von ihm, die seine weitausschauende, zarte,
beharrliche Obsorge für die ihm Unterstellten bezeugen. Hofrat
Vogel, ihm in den letzten Jahren bei der Oberaufsicht zugesellt,
erzählt: „Seine Fürsorge für die in seinem Departement
Angestellten ging ins Unendliche.... Stets war er darauf bedacht, dem
Bedrängten beizustehen, den Eifrigen zu belohnen, den
Tüchtigen zu ermuntern, den Angegriffenen zu schützen, den
Gedrückten aufzurichten, den Verdienten zu ehren.“ Bei
welcher Aufzählung aber ein Wichtiges unerwähnt bleibt: denn
nichts ist für Goethe bezeichnender als die unablässige Sorge
um die weitere Ausbildung der ihm Untergeordneten in ihrem eigenen
Interesse, auch wenn er selber gerade infolge dieser Ausbildung zu
höherem Können am Ende ihre Dienste entbehren mußte.
Aus dem Drang zur Tat, den wir im vorigen
Kapitel kennen lernten, ergab
sich, wie wir dort sahen, als eine erste sittlich-intellektuelle
Forderung an jeden Men-
219 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Allgemeines
schen das Gebot des
Sichsteigerns. Wir hörten Goethe fünf
Tage vor seinem Tode in seinem letzten Briefe sagen: „Ich habe nichts
angelegentlicher zu tun als dasjenige, was an mir ist und geblieben
ist, wo möglich zu steigern“; das selbe wollte er auch an Andern
erleben, „Nach keinem Ideale springen!“, heißt es, sondern
„kämpfend und spielend Gefühle sich zu Fähigkeiten
entwickeln lassen“ und so von Stufe zu Stufe höher steigen. Wird
jedes Geschäft durch ethische Hebel bewegt, so ist es zugleich
Pflicht und Interesse eines Vorgesetzten, die sittliche Kraft seines
Personals vorzüglich im Auge zu behalten; und die Ethik des
Intellekts ist eben dieser nie nachlassende Versuch, seine
Fähigkeiten weiter zu steigern. Dies zu berücksichtigen,
empfindet Goethe als das erste praktische Gebot an Den, der Menschen zu
befehlen hat. Bemerkenswert ist es, wie er infolge dieser
Hochschätzung der Persönlichkeit den Mangel an Ehrfurcht
gegen Andere als das widerwärtigste aller Vergehen empfindet.
Über diebische Anlagen geht er bei Gelegenheit, ähnlich wie
der große Friedrich, heiter hinweg; bei der Empfehlung eines
jugendlichen Tunichtgut schreibt er z. B.: „Besonders scheint ihm die
Natur ein gewisses Organ verliehen zu haben, das in ihm einen
unwiderstehlichen Appetit nach fremdem Eigentum aufregt“; hingegen
braust er auf bei jeder Ungehörigkeit des Benehmens. So als ein
junger Beamter auf eine Rüge ungebührlich keck geantwortet
hatte, läßt ihn Goethe „zur Bescheidenheit anmahnen, auch
bedeuten, daß, wenn er ja wieder in den Fall kommen sollte, sich
Großherzoglicher Oberaufsicht schriftlich zu nähern, er sich
vorher von verständigen Männern möge belehren lassen,
welch' eines Stils man sich gegen seine Vorgesetzten zu
befleißigen habe“. Man denkt an die Wanderjahre und an das Eine,
„worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch
sei: die Ehrfurcht!“ Hier steht der Grundpfeiler von Goethe's
Auffassung der menschlichen Gesellschaft: einzig wer Ehre zu erzeigen
versteht, kann der Ehrung würdig gehalten werden. Aber nur bei
wenigen äußerst Begünstigten entwickelt sich dieser
höhere Sinn der Ehrfurcht (siehe S.
171), aus sich selbst, im
allgemeinen „bringt Niemand dieses Eine mit auf die Welt“; es muß
also gelehrt und mit Strenge im Auge behalten werden; denn einzig
hierdurch wird das erreicht, was „nicht einmal durch Gewalt zu
erreichen ist“.
220 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Politisches
Nun liebt der Mensch der
Ehrfurcht hehre Bande;
Er fühlt sich
frei, wenn er gebändigt lebt.
Einzig wer bereit ist, Bedingnis anzuerkennen — also gebändigt zu
leben — ist fähig, sich trotz Eingliederung in eine Gesamtheit
dennoch als freie Persönlichkeit zu fühlen. Goethe selbst
ging mit dem Beispiel voran, er, der zwar ein „kleiner Tyrann“ sein
konnte, nie aber Ehrfurcht nach oben und nach unten vermissen
ließ.
Ein einziger Satz möge dem hiermit Angedeuteten
ein Licht
aufsetzen, wie die Maler es bisweilen mit einem Pinselstrich tun. Von
unserer vielgelobten Preßfreiheit meinte er: „Bei der
Preßfreiheit mag man nicht mehr schreiben.“ Was ungebändigt
ist, wirkt notwendig anti-ethisch, zerstört Ehrfurcht, vernichtet
Persönlichkeit, raubt wahre Freiheit, löst zuletzt die
menschliche Gesellschaft auf.
—————
Politisches
Fragt man nun näher nach der Laufbahn und den
Leistungen Goethe's
auf diesem Gebiete des uns Alle umfangenden praktischen Lebens, so
haben wir nicht nötig, über die ersten zehn Weimarer Jahre
Näheres aus den Büchern zusammenzusuchen. Finanzgebarung,
Flußregulierung, zivilamtliche Assistenz bei Rekrutenaushebung,
staatsrechtliche Regelung neuer Bergbauunternehmungen und moralische
Unterstützung der damit betrauten Fachmänner... das alles
sind Dinge, die sich überall gleichsehen; sie können gut und
sie können schlecht durchgeführt werden; wie Goethe uns
soeben belehrte: „Alles kommt auf die Persönlichkeit an“; zu
erfinden gibt es da wenig. Daß Goethe seinen sämtlichen
Obliegenheiten vortrefflich nachgekommen ist, sagen alle, die es wissen
müssen; doch war der innere Gewinn für ihn aus diesen
Erfahrungen gewiß das Tausendfache der Leistung nach außen;
denn wie allseitig und elendiglich diese stets beschränkt ist und
selbst dem genialsten Wollen und Können gegenüber bleibt,
darüber Worte zu verlieren, ist unnütz. Mitten aus einer
Epoche klagt der arme große Mann über „den Unverstand und
den Unbegriff und die Unanstelligkeit von manchen Menschen“, mit denen
er sich abquälen muß, und macht seinem Ärger
später in der allgemeinen Formel Luft: „Das Mischen, Sudlen
221 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Politisches
und Manschen ist dem Menschen
angeboren.“ Gegen das tote Gewicht der
blöden Mehrzahl kamen selbst rein politische Gewalten, wie
Cromwell, Friedrich und Bismarck, nur zum Teil und vorübergehend
auf; Goethe, der keine politische Gewalt war noch werden wollte, und
der in einem engbeschränkten Kreise wirkte, hat nach außen
gewiß nichts geschaffen, was hervorragende Bedeutung
besäße. Weit interessanter als die Aufzählung von
Aktenstücken finde ich die Beobachtung der rührenden Treue,
mit der Goethe als Beamter sich „bedingen“ und „bändigen“
läßt und seinen Ehrgeiz nicht in überschwengliche
Neuerungen setzt, sondern in die gewissenhafte Erfüllung des ihm
Aufgetragenen, mit strenger Beobachtung der überlieferten Formen.
Auch hier weiß er übrigens, wie überall,
Bemerkenswertes für den Schatz an Erfahrung einzuheimsen; nach
einem öden Tage unter Akten schreibt er: „In alten Akten ...
manches Menschliche in einem Wuste von Formalität gefunden.“
Ergötzlich ist es zu beobachten, wie auch er sich diesem amtlichen
Formalitätswesen anbequemte. Wie viel verschwiegene Ironie hierbei
— und überhaupt in Goethe's Verhalten der Welt gegenüber —
schalkhaft mitgewirkt haben mag, ist schwer zu entwirren; doch zeigt
ein Dokument, aus dem ich jetzt einen einzigen Satz anführen will,
daß er sich manchmal die trockene Arbeit zu würzen verstand.
Es handelt sich um ein eigenhändiges Reskript aus der
Kriegskommission, betreffend eine Uniform, die ein neu angeworbener
Soldat aus dem Hinterlaß eines entlaufenen hatte erhalten sollen.
„Wir haben referieren hören, was Ihr wegen der bei Gelegenheit der
an den für den desertierenden Husaren angetretenen Rekruten
abzugebenden ledernen Hosen zwischen Euch und dem Rittmeister
entstandenen Differenz mittelst Berichts vom 10. hujus, welchem die
anschlüssig rückfolgenden Akten beigefügt gewesen,
anhero gelangen lassen. ¹) Eine köstlichere Satire auf den
Beamtenstil dürfte nicht existieren; unser teurer Sterne wäre
vor Lachen vergangen.
Vielleicht, wenn das vollständige Material aus
jenen zehn Jahren
vorläge — was bisher nicht der Fall ist — wäre es
möglich, den symbolischen Wert dieses eifrigen Tuns für das
innere Leben Goethe's
—————
¹) Die gelehrten Goetheforscher haben
herauskalkuliert, daß vor
„gelangen lassen“ ein „habt“, zu ergänzen sei; ich möchte mir
nicht erlauben, an diesem Meisterwerke eine Silbe zu ändern.
222 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Politisches
genauer zu erfassen. So
können wir nur die allgemeinen
Grundsätze entdecken. Zunächst der große Gedanke
der F
o l g e r i c h t i g k e i t. Wie wir vorhin schon
hörten: Goethe
fesselte „alles, was einer gewissen Folge bedarf“; sich darin zu
üben, gleichviel welcher nützlichen Anstalt die Arbeit galt,
beglückte ihn.
Und so gewinnt sich das
Lebendige
Durch Folg' aus Folge
neue Kraft.
Dann das O r g a n i s i e r e n, mit dem
Gefühl, hierdurch der
schnellverschlingenden Zeit ein Bleibendes abzutrotzen; „auf irgend
eine Weise ein dauerndes Werk“. Überhaupt die Lust am
S c h a f f
e n. Damals gab es häufige und verheerende
Feuersbrünste; wir
hören viel von Goethe's energischem Eingreifen bei solchen
Vorkommnissen; und doch schreibt er selber später: „Mitten in
einer brennenden Stadt beschäftigte mich der Gedanke eines
künftigen schönen Aufbauens mehr als die Rettungsanstalt
selbst.“
Manches weitere überlasse ich dem Leser, der
eine Lust darin
finden wird, sich nach und nach zu vergegenwärtigen, welche
positive Bedeutung diese zehn mühsamen ersten Jahre amtlicher
Tätigkeit für Goethe's inneres Leben besessen haben
mögen. Tut er dies aber, so wird er begreifen, daß es an
zehn Jahren solcher Arbeit genug war. Der plötzliche Abbruch
verrät keinen Mangel an Folgerichtigkeit in der
Lebensführung; ganz im Gegenteil, er geht logisch hervor als „eine
Folg' aus Folge“; treu seinem Temperament handelte Goethe, als er sich
eine Unmenge Geschäfte aufbürdete, treu seiner Bestimmung,
als er sie an Andere abgab, nachdem er — seinem Grundsatz der
Persönlichkeit gemäß — ausgezeichnete Männer
für die verschiedenen leitenden Stellen gewählt und
herangebildet hatte. Es war nicht Bescheidenheit, wenn er nunmehr dem
Herzog schrieb, Andere könnten in diesen Fächern Besseres
leisten als er, und von sich meinte: „Ich werde Ihnen mehr werden als
ich oft bisher war, wenn Sie mich nur das tun lassen, was Niemand als
ich tun kann, und das Übrige Anderen auftragen.“ Das energische
Abwenden, ein für allemal, von allem, was P o l i t i
k heißen kann, ist das erste Kennzeichen der zweiten,
vierundzwanzigjährigen Periode seiner Beamtentätigkeit im
Herzogtum Weimar. Wohl blieb er bis an sein Lebensende auf Anordnung
des Fürsten und seines Nachfolgers von
223 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Politisches
allem unterrichtet, auch von
den geheimen zwischenstaatlichen
Abmachungen. Ob er auch vertraulich sein Wort mitredete, wissen wir
nicht; denn er war nicht der Mann, solche Dinge zu verraten. „Fragen
Sie mich über die Symphonie, die Sie zu spielen gedenken, ich will
gern jederzeit meine Meinung sagen“, schreibt er an den Herzog.
Amtliche Verantwortung trug er aber nach dieser Seite hin keine mehr.
Selbst in den Schreckenstagen des Herbstes 1806 durfte er, ohne Verrat
zu üben, sein Gemüt vor zu gewaltigen Erschütterungen
bewahren und „Astronomica zur Ableitung der Politicorum“ treiben, wie
es im T a g e b u c h heißt. „Es war nicht
Not, mich der
öffentlichen Angelegenheiten anzunehmen, indem sie durch
treffliche Männer genügsam besorgt wurden; und so konnt' ich
in
meiner Klause verharren und mein Innerstes bedenken.“
Hier, wo wir Goethe von seiner politischen Laufbahn
Abschied nehmen
sehen, fragt sich vielleicht Mancher, indem er das Wort „Politik“ in
dem engeren Sinne versteht — nicht der Verwaltung des Staates, sondern
seines Verhaltens inmitten anderer Staaten —, in welcher Weise Goethe's
Einfluß sich auf die Beziehungen des Herzogtums Sachsen-Weimar
zu den deutschen Nachbarstaaten und dadurch zu den wichtigsten
Vorgängen aus der Zeit kurz vor der französischen Revolution
bemerkbar gemacht hat. Diese Frage scheint aber schwer zu beantworten.
Im Zusammenhang seiner Weltanschauung schätzte Goethe die
eigentliche Politik — „Torheiten ins Große“ — nicht besonders
hoch und „fand für seine Person nichts Rätlicheres, als die
Rolle des Diogenes zu spielen und sein Faß zu wälzen“.
Betreffs seiner amtlichen Wirksamkeit zwischen 1776 und 1787 ist
dagegen zu bemerken, erstens, daß Sachsen-Weimar ein zu winziger
Staat war, um Politik im großen zu treiben, zweitens, daß
wir den Geschichtsforschern wohl glauben müssen, wenn sie uns in
Bezug auf das einzige wichtige Ereignis — die Bildung des
„Fürstenbundes“ — belehren, es gelinge nicht, die Beteiligung
Goethe's von derjenigen des Herzogs Carl August zu entwirren. Als
dreißig Jahre später ein Geschichtsschreiber Einsicht in die
Akten erbat, meint Goethe selber; man könne sie ihm ruhig
gewähren; denn, sagt er: „Das worauf alles ankam, steht
gewiß nicht in den Akten.“ Kein sehr ermutigendes Wort für
historische Forscher; denn seine Geltung dürfte weit reichen. Doch
auch was darin steht, Vieles von
224 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Politisches
Goethe's Hand, zeigt nur,
daß an diesen äußerst geheim
gehaltenen Verhandlungen Goethe als des Herzogs vertrautester Beamter
teilnahm; er selber sagt, er sei „in der Sache kompliciert und
impliciert“, und deutet an andrem Orte an, das Ganze sei, wenigstens im
Anfang, „mehr Verschwörung als Bund“ gewesen. Bekanntlich handelte
es sich um ein zwischen Preußen und den größeren
Staaten des Nordwestens — Hannover und Sachsen — geschlossenes
Bündnis, dessen Spitze natürlich gegen Österreich ging,
wodurch nun die kleineren Staaten in die äußerst peinliche
Klemme versetzt wurden, wählen zu müssen. Carl August, der —
wie seine spätere Laufbahn zeigt — von Hause aus preußisch
gesinnt war, hat von Anfang an mit der Leidenschaftlichkeit seines
Wesens zu Gunsten des Bundes bei seinen Nachbarn zu wirken gesucht und
deswegen, von Goethe begleitet, Reisen an die verschiedenen
sächsischen Höfe, sowie auch nach Berlin unternommen.
Daß Goethe sich hierbei als treuer Ratgeber und gewandter Beamter
erwies, ist wohl nicht zu bezweifeln; doch versteht man es, wenn nach
zahlreichen Äußerungen über Preußen und nach
seiner offenkundigen Abneigung gegen die später eingeschlagene
militärische Laufbahn seines Herzogs im Rahmen der
preußischen Armee Geschichtsforscher — im Gegensatz zu etlichen
Goethephilologen — nicht überzeugt sind, i h m
sei in dieser
Angelegenheit die Initiative und der ausschlaggebende Einfluß
zuzuschreiben, sondern eher in Carl August den treibenden und
wegweisenden Teil, in Goethe den gehorsam folgenden vermuten. Einzig
Goethe könnte uns darüber belehren, und er schweigt
unverbrüchlich. Wenn wir Carl August's Briefe an Knebel lesen —
namentlich auch einige, die geschrieben wurden, während Goethe in
Italien weilte —, so bestärkt dies den Eindruck, der Fürst
habe bestimmte politische Pläne für „ein großes,
schönes Gebäude“, für ein einheitliches Deutschland im
Sinne gehabt, auf welche kein Wort in Goethe's Briefen und Schriften
aus jener Zeit auch nur von ferne hinweist. Als einzige Leuchte in
dieser Finsternis besitzen wir das oben angeführte sibyllinische
Wort von dem „compliciert und impliciert“. Von dem Ganzen behalten wir
das Eine als gewiß, daß Goethe durch diese Verhandlungen
auch in die Irrgänge geheimer europäischer Politik
ausführlich eingeweiht wurde, was für sein weiteres Leben die
unleugbare Bedeutung besaß, daß er mit anderem
Verständnis als Uneingeweihte
225 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Politisches
den großen Ereignissen
des folgenden Menschenalters beizuwohnen
befähigt ward. In einer unterdrückten Stelle der Annalen
hatte er über die Napoleonische Epoche geschrieben: „...ich
suche mich im fortdauernden Anschauen von Weltereignissen zu erhalten,
wodurch ich in der Stimmung bleibe, den welthistorischen Wert einer
Neuigkeit zu ahnen, mir das Vorhergehende zu vergegenwärtigen und
in die Zukunft meine Fühlhörner auszustrecken...“ Wie es
sich also mit den Fürstenbundverhandlungen auch verhalten
möge, sicher ist, Goethe's amtliches Befassen mit politischen
Dingen hat seine Erfahrung bereichert, sein Urteil über die
Menschen geläutert und dadurch die nähere Ausgestaltung
seiner Weltanschauung um ein Beträchtliches gefördert;
nunmehr war er befähigt, den Sinn von dem Wort, die Tat von der
Gebärde zu unterscheiden; hier wie anderwärts hatte ihm die
Praxis für die Beweggründe und die Handlungsarten der
Menschen den Blick geschärft. Wie immer: der Gewinnende war er;
er, dessen politisches Motto nunmehr lautete:
Freigesinnt, sich selbst
beschränkend.
Allerdings muß man das
Mißverständnis abwehren, als
habe Goethe nicht bis zuletzt einen durchdringenden Blick für die
Organisationsversuche des unmittelbar gegebenen gesellschaftlichen
Menschenlebens besessen; die Politik war es, die ihm die Politik
verleidete; denn er fand überall Phrasen, Thesen, Blindheit,
Eigennutz, Unkenntnis der Menschennatur. Anknüpfend an die
Ereignisse des Jahres 1830, schreibt er: „Es ist nichts trauriger
anzusehn als das unvermittelte Streben ins Unbedingte in dieser
durchaus bedingten Welt.“ Und was sein Vaterland anbetrifft, so meint
er, „die deutsche Vielmeinerei überdecke alles mit Schutt.“ Wer
seine Äußerungen mit dieser Absicht sammeln und
zusammenstellen wollte, würde uns einen Goethe von erstaunlichem
sozialpolitischem Scharfsinn offenbaren. So z. B., als man die Innungen
aufhebt, kündet er sofort an, jetzt würden neue
Korporationen entstehen, „denen das neueste deutsche Reich nichts zu
befehlen hat und vor denen der Bundestag sich entsetzen
müßte“; die Trusts und die Arbeiterverbände erkennt er
als unumgängliche logische Folgen der neuen Ordnung. Über die
Fürsten und das, was von ihnen zu hoffen ist, macht er sich eben
so wenig Illusionen; „gebunden und gedrängt“ erblickt er sie;
226 Drittes Kapitel: Der praktisch
Tätige — Politisches
„sie wirken selten aus freier
Überzeugung“, meistens nur, wenn
„Furcht vor größerem Übel“ sie zwingt. Geblendet,
begreifen sie nicht, daß jede Gewalt eine moralische
Verpflichtung voraussetzt: „Niemand als wer sich ganz verleugnet, ist
wert, zu herrschen und kann herrschen“; und sie bleiben — wie
überhaupt die Reichen — für die Grundtatsache blind,
daß innerhalb jeder gesellschaftlichen Ordnung ein Einziger
„fürchterlich“ ist, derjenige, „der nichts zu verlieren hat“. Und
was Goethe stets empört, ist der chronische Mangel an Energie
gerade Derjenigen, die Gewalt hätten einzugreifen; immer zaudern
sie; wohingegen jegliche Autorität am besten fährt und am
besten dem Allgemeinwohl dient, wenn sie rücksichtslos
entschlossen handelt. „Man fürchte sich ja nicht vor den Folgen
eines männlichen Schrittes; denn es entstehe daraus, was da wolle,
so behält man das schöne Gefühl, recht gehandelt zu
haben, da die Folgen des Zauderns und Schwankens auf alle Fälle
peinlich sind.“ Eben so klar durchschaut der praktische, kluge Kopf die
hohlen Sophismen der sogenannten Liberalen. Bei Gelegenheit einer
Verspottung des Adels bricht er zornig aus: „Wird denn das Dichter- und
Philosophenvolk nie begreifen, daß der Adel noch ganz allein dem
Despotismus die Wage hält? ... Ahnenstolz ist nicht ein Haar mehr
lächerlich als Gelehrtenstolz, Kaufmannsstolz, Bürgerstolz
und alle übertriebene Parteilichkeit für Vorzüge des
Glücks. Wer gelernt hat, Zufriedenheit auf der Stufe zu finden, wo
er steht, der wird alle Stufen über und unter sich mit
Gleichgültigkeit ansehn.“ Nach Goethe ist das erste Gesetz aller
Sozialpolitik die B e s t ä n d i g k e i t.
Denn diese ist es,
welche die Entwickelung des Einzelnen und der einzelnen Familie und
damit auch alles Erfindens und Gestaltens fördert; und nur aus
dieser Überzeugung — nicht aus theoretischen Rücksichten und
Vorurteilen — findet er unsere Zeit voll „fürchterlicher
Zeichen“:
Das Niedre schwillt, das Hohe
senkt sich nieder,
Als könnte Jeder
nur am Platz des Andern
Befriedigung verworrner
Wünsche finden,
Nur dann sich
glücklich fühlen, wenn nichts mehr
Zu
unterscheiden wäre, wenn wir Alle,
Von Einem Strom vermischt
dahingerissen,
Im Ozean uns unbemerkt
verlören.
227 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Wissenschaft und Kunst
So viel nur
als Andeutung. Höchstens noch Goethe's Mahnung, sich
nur ja nicht überflüssigerweise dem Interesse an politischen
Dingen hinzugeben: „Das Ganze kümmert sich nicht um uns, warum
sollten wir uns mehr als billig um das Ganze bekümmern?“ „Wir
wollen den i n n e r n F r i e d e n,
der höher ist als alles Kriegs- und
Friedensgewäsche, zu erhalten suchen!“
—————
Wissenschaft
und Kunst
Nun war ja auch für ihn die Zeit gekommen, wo
jene Schule des
persönlichen Eingreifens in den Gang der inneren und
äußeren Politik ihre Früchte getragen hatte und er sich
fortan darauf beschränken durfte, aufmerksamer Zuschauer zu sein;
Zweck an sich konnte ein derartiges Befassen in Goethe's Leben nicht
sein; mit dem selben Ungestüm, mit dem der Körper im Fieber
gegen das ihn Bedrückende sich empört, warf sein Geist das
allzu lästig Gewordene von sich. Mit Ausnahme einiger weniger
Dienstleistungen bei dem Herzog anfangs der neunziger Jahre hat
Goethe's amtliche Tätigkeit nur noch der Wissenschaft und der
Kunst gegolten. Sechsundzwanzig Jahre lang leitete er das Hoftheater,
und von diesem Zweig seiner amtlichen Tätigkeit pflegt die Kunde
ins große Publikum zu dringen, obwohl er in Wirklichkeit nur
einen Bruchteil seiner amtlichen Obliegenheiten ausmachte, zeitweise
von Goethe selbst mit Eifer betrieben, zu anderen Zeiten den ihm
untergeordneten Beamten zugeschoben; weniger erfahren wir von dem
vielseitigen Hauptgeschäft, dem er bis zwei Tage vor seinem Tode
mehr als vierzig Jahre lang, ja, zum Teil — da manches schon vor der
italienischen Reise im Gange war — mehr als fünfzig Jahre
ununterbrochen seine praktische Fürsorge gewidmet hat: der
Oberleitung aller unmittelbar vom Großherzog abhängigen
Anstalten für Kunst und Wissenschaft in Weimar und in Jena. Hier
hat er, namentlich in Anbetracht der äußerst
beschränkten Mittel und der bewegten Zeitläufte, viel
geschaffen, indem er — im Gegensatz zum Theater, wo alles ohne Bestand
ist — lauter „dauernde Werke“, wie er sie forderte (siehe oben Seite
206), Stein für Stein, „Folg' auf Folge“ auferbaute. Die
Universität als solche stand außerhalb seines
Wirkungskreises: „Auf die
228 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Wissenschaft und Kunst
Gesamtakademie Jena im
allgemeinen habe ich keinen
Geschäftseinfluß“, meldet er einem Gelehrten 1812; und als
in späten Jahren die inzwischen neu geschaffene Stelle des
Kurators der Universität ihm, als Erstem, angeboten wurde, lehnt
er sie mit Entschiedenheit ab. Zu den Universitäten hat er nie ein
wirklich freundschaftliches Verhältnis gewinnen können; schon
in der Jugend waren ihm „die dickhirnschaligen Wissenschaftsgenossen“
unerträglich, später aber — als die eigentliche moderne
deutsche Universität vor seinen Augen nach und nach erstand —
betrachtete er sie mit tiefem Mißtrauen, als einen Körper,
der „einen Staat im Staat zu bilden und sich vom Gouvernement
unabhängig zu machen suche“, und die Professoren des neuen
Säkulums (im Gegensatz zu den hochstehenden Geistesaristokraten
vergangener Jahrhunderte) als Männer, die „mit revolutionärem
Geiste alles nivellieren, ohne zu bemerken, daß sie sich selbst
mit der übrigen Gesellschaft auf die Wasserebene herunterbringen“.
Er deutet uns an, daß Er jedenfalls die vielgepriesene
unbeschränkte Freiheit der Wissenschaft auf den vom Staate
unterhaltenen Universitäten nicht geduldet, sondern diesen die
Achtung vor „dem Bestehenden“ zur Pflicht gemacht hätte. War er
nun persönlich an der eigentlichen Verwaltung der Universität
unbeteiligt, er schöpfte doch insofern aus seinem Amte
Einfluß innerhalb der Universitätskreise, als eine Anzahl
der auf Naturlehre sich beziehenden Museen und sonstigen Anstalten,
dazu auch die Universitätsbibliothek, unmittelbar vom Fürsten
Begründung und Unterhaltung herleiteten und infolgedessen dem
Verwaltungskreise Goethe's unterstanden, wo er fast unbehindert nach
eigenem Sinn und Urteil waltete, da Carl August „nicht sowohl
Vorschläge zu dem, was geschehen sollte, verlangte, als vielmehr
gern von dem, w a s g e s c h e h e n w
a r, berichtliche und
persönliche Kenntnis nahm“. Es ist wertvoll, aus der
Aufzählung der betreffenden „unmittelbaren“ Anstalten ein
genaueres Bild dieses praktischen Arbeitsfeldes zu gewinnen. In Weimar
finden wir: 1. die Bibliothek, 2. die Gemäldesammlung, 3. die
Kupferstich-Sammlung, 4. das Münzkabinett, 5. die sogenannte
Kunstkammer (enthaltend Altertümer und Kuriositäten), 6. das
freie Zeichen-Institut (auch Kunstschule genannt); 7. in Verbindung
mit letzterem das lithographische Institut zu Eisenach; in Jena, der
Universität angegliedert, verwaltet Goethe: 8. das mineralogische
Museum
229 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Wissenschaft und Kunst
(mit der Zeit durch seine
Fürsorge um eine geologische und eine
paläontologische Abteilung vermehrt), 9. das zoologische Museum,
10. das osteologische Museum, 11. das Museum der menschlichen Anatomie,
12. das botanische Museum, 13. den botanischen Garten, 14. das
physikalisch-chemische Kabinett, 15. das chemische Laboratorium, 16.
die Sternwarte, 17. die Tierheilschule (verbunden mit
Präparatensammlung und Lehrschmiede), 18. die
Universitätsbibliothek; außerdem noch: 19. das Museum der
Jenenser naturforschenden Gesellschaft. Manche dieser Anstalten wurden
von Goethe selbst gegründet, die anderen erst von ihm aus dem
Zustande bloßer „Erhaltung“ zu dem der „lebhaften Wirksamkeit“
aufgeweckt. Alle wurden von ihm nicht allein verwaltet, vielmehr sogen
sie ihre Lebenskraft aus seiner unerschöpflichen Anteilnahme und
aus seiner leidenschaftlichen Hingabe an alle großen und kleinen
und kleinsten Aufgaben, welche jede praktische Betätigung mit sich
bringt. Hochschullehrer der verschiedenen Fächer in Jena, eigens
angestellte Direktoren in Weimar standen nominell an der Spitze der
einzelnen Institute; doch war Goethe ein Vorgesetzter ungefähr in
dem selben Sinne wie Bismarck ein Premierminister. Ewig erfindungsreich
an glücklichen Einfällen, um das unentbehrliche und doch so
spärlich fließende Geld herauszulocken oder es vermittelst
Geschenke, Vermächtnisse, Lebensrenten, Orden- und
Diplomverleihungen zu ersparen, wußte er den einzelnen
Vorständen anzugeben, worauf sie im Interesse ihrer Sammlungen
vorzüglich das Augenmerk zu richten hätten; wichtige Briefe
diktierte er ihnen in die Feder oder verbesserte sorgfältig die
ihm vorgelegten Entwürfe; entscheidende Verhandlungen führte
er bis zuletzt selber, studierte die Kataloge, bestellte unter seinem
eigenen vermögenden Namen, gab genau an, wie er die
Gegenstände verpackt wissen wollte, schalt, schmeichelte,
versprach; zugleich heftete er aber das Auge auf die kleinsten
Kleinigkeiten, erfand praktische Lösungen für die immer von
neuem bedrohliche Raumfrage, ließ die Bauten, über deren
Unzweckmäßigkeit Andere nur Verzweifelten, nach seinen
Vorschriften dem Zweck anpassen, wußte Bücherbretter, auf
deren Beschaffung die
unpraktischen Professoren unentbehrliche Summen vergeudet hatten,
für geringfügiges Geld anfertigen zu lassen ... Obendrein nun
die zahllosen Verwickelungen, die sich daraus ergaben, erstens,
daß in man-
230 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Wissenschaft und Kunst
chen Stellen auch ungeeignete
Persönlichkeiten festsaßen und
erst nach und nach hinausgeschoben werden konnten, zweitens, daß
die meisten Institute nicht frei geschaffen, sondern an irgend eine
schon bestehende Einrichtung angeknüpft wurden, so daß
Goethe oft jahrelang seine Absicht schweigend beharrlich verfolgen
mußte, ehe sie der erträumten Ausführung zu nahen
begann. Goethe erzählt einmal halb klagend, „aus wie vielen und
gewissermaßen disparaten Geschäften das Geschäft der
Oberaufsicht bestehe und wie jedes Einzelne, teils nach dem
Gegenstande, teils nach der Persönlichkeit des Vorgesetzten und
gewissen Herkömmlichkeiten verschieden zu behandeln sei“. Was auf
diesem Wege erreicht wurde, ließe sich vermutlich an allen
neunzehn aufgezählten Instituten nachweisen; als Beispiel will ich
nur das mineralogische Museum nennen, das, von Goethe in der Gestalt
einer kleinen, dem Raritätenkabinett angeschlossenen, für
Forschungszwecke wertlosen Liebhaberkollektion übernommen, bei
seinem Tode eine der reichhaltigsten und wissenschaftlich bedeutendsten
Sammlungen ganz Europas war, deren Geldwert auf über
zweihunderttausend Taler geschätzt wurde, wiewohl es kaum den
zwanzigsten Teil dieser Summe gekostet hatte. So durfte denn Goethe mit
bescheidenem Stolze sagen: „Aus dem Zustande von Conservatorien sind
durchaus T ä t i g k e i t e n hervorgegangen“:
ein Wort, welches die
Quintessenz dessen enthält, was er unter praktischer
Betätigung verstand und bewirken wollte. Hierbei tritt
die B e h a
r r l i c h k e i t — die wir im vorigen Kapitel an ihm kennen lernten
— herrlich in die Erscheinung; eine geschäftliche Anweisung an
einen Untergebenen enthält die Worte: „Man muß niemals
verzweifeln, wenn man das Rechte kennt, sondern immer dessen
Einführung und Erhaltung möglich glauben.“
Zu dieser selben Gruppe von praktischen Arbeiten
gehört nun eine
mehr vorübergehende Leistung, die aber in der leidenschaftlichen
Energie der Inangriffnahme und Ausführung alles übertrifft,
was sonst von Goethe überliefert ist, und durch die wir
überdies erfahren, wie sicher er es verstanden hat, dort, wo es
Not tat, Geduld und Beharrlichkeit in ungestüme, gewaltig
dareinfahrende Augenblickswirkung umzuwandeln, bis das Bedrohte
gerettet und das neu Gewollte auf lange hinaus mit Lebenskraft
ausgerüstet war. Es handelt sich um eine Empörung seiner
alten Widersacher, der Universi-
231 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Wissenschaft und Kunst
tätsprofessoren, deren
„angebliche Lehrfreiheit nur Selbstsucht
und Wahrung des eigenen Vorteils ist“ und von denen nun etliche, weil
ihnen materielle Vorteile geboten wurden, nach einer anderen Hochschule
entwichen und eine in ganz Deutschland angesehene Schöpfung der
Universität Jena, die J e n a i s c h e L
i t e r a t u r z e i t
u n g, hinterlistig mit sich nach Halle
hinüberzuverpflanzen
gedachten, wähnend, der sorgfältig geheim gehaltene Verrat,
wenn er dann unerwartet plötzlich zum Ausbruch käme, werde
jeden etwa auftauchenden Versuch, eine Fortsetzung des Unternehmens in
Jena durchzuführen, von vornherein vereiteln. Hier griff nun
Goethe ein. Weder trug er für die Vorfälle auf der
Universität Jena die Verantwortlichkeit, noch hatte ihm bisher die
betreffende Publikation besonderen Anteil abgewonnen; doch jetzt litt
das Ansehen seines Fürsten und sah er den Ruf derjenigen
Hochschule, deren naturwissenschaftliche und bibliothekarische
Anstalten ihm unterstanden, gefährdet; dazu kamen noch
lügnerische Rechtfertigungsversuche der betreffenden Gelehrten,
welche Goethe's Person in ihre unfruchtbaren Zänkereien
hineinzuziehen suchten, und eine hieran anknüpfende,
unverschämte Preßhetze des Buben Kotzebue. Es waren die
ersten Anfänge einer Methode, in der die Presse es seitdem
weitgebracht hat: zunächst eine allgemeine Verwirrung stiften, das
Tüchtige verdächtigen, das Nichtige zu Bedeutsamkeit
hinauflügen, hierdurch die guten Elemente scheu machen und die
schlechten frech, um dann aus dem Wirrwarr sich selber die
allergreifbarsten Vorteile herauszufischen, unbekümmert, ob dabei
das langsam auferbaute Werk von Generationen zu Grunde geht. Goethe
erblickte aber sofort die Gefahr, und ihm behagte die
altherkömmliche Rolle des deutschen Michels keineswegs. „Die Sache
war von der größten Bedeutsamkeit“, erzählt er in
seinen A n n a l e n, „und es ist nicht zuviel
gesagt: diese stille
Einleitung bedrohte die Akademie für den Augenblick mit
völliger Auflösung.“ Er beschließt darum,
die L i t e r
a t u r z e i t u n g sofort neu zu begründen, und
zwar in der
Weise, daß sie ohne jede Unterbrechung als Fortsetzung der alten
gelten könne, zugleich aber in solchem Glanze, daß keiner
anderen die Möglichkeit gelassen werde, dagegen aufzukommen. Den
richtigen Mann für den Hauptposten entdeckt er und weiß ihn
sofort und für immer zu gewinnen, den Philologen Eichstädt;
Carl August regt er zu „leb-
232 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Wissenschaft und Kunst
hafter Teilnahme“ an; diese
Teilnahme benutzt er, ihn zu
Gunstbezeugungen zu bestimmen, wodurch Herder und andere abseits
Stehende bewogen werden, der neuen Redaktion beizutreten; zugleich
gehen Briefe ab an die bedeutenden Männer Deutschlands, mit denen
Goethe in irgend welcher Beziehung stand: an Johannes von Müller,
an Wilhelm von Humboldt, an August Wilhelm Schlegel, an F. A. Wolf, an
Schelling, an Reinhold, an Schleiermacher,
an Hegel, an Steffens, an
Niethammer, an Johann Adam Schmidt und an zahlreiche andere, deren
Namen heute weniger bekannt sind. Diese Briefe muß man lesen, um
die Beweglichkeit des Geistes, der jedem Einzelnen gegenüber
seinen Standpunkt anders wählt, seine Überzeugungskunst
anders ins Werk setzt, kennen zu lernen. Mündlich wirkt Goethe auf
seinen engeren Kreis und auf Alle, die durch Weimar reisen,
unaufhörlich; Konferenzen mit Schiller, Voigt, Heinrich Meyer und
Anderen finden fast täglich statt; Berichte gehen alle Augenblicke
an den Herzog ab, bisweilen mehrmals am Tage. Mit dem Herausgeber
Eichstädt berät Goethe alles bis ins Einzelne hinab,
durchfliegt die eingesendeten Bücher, bestimmt, wer sie
besprechen soll, prüft diese Rezensionen, verbessert sie, weist
auf neue Ziele, verschmäht es nicht, selbst Kochbücher in den
Kreis der Betrachtungen einzuziehen und den richtigen Sachkenner
für ihre Besprechung in der Person eines fürstlichen
Mundkoches ausfindig zu machen.... Bei alle dem ist aber die rein
geschäftliche Last eines solchen neu zu gründenden
Unternehmens nicht zu vergessen: von den Verträgen bezüglich
Papier und Drucklegung an bis zu den mannigfaltigen, schwierigen
Honorarfragen, und dabei die zwingende Notlage, zugleich auf
möglichste Sparsamkeit und auf größtmöglichen
Absatz zu sehen; alle diese ewigen Antinomien jeder praktischen
Verwirklichung lasteten auf Goethe, indem sie seiner Erfindungskraft,
seiner Weltklugheit, seiner Kunst zu überreden täglich neue
Aufgaben stellten. Nichtsdestoweniger begrüßt der
bewundernswert tatenlustige Mann — der soeben erst seine
Natürliche Tochter
gedichtet hat — diese ganze Plage als „für
ihn eine neue, sonderbare Schule“: der ewige Durst nach Erfahrung
findet neue Nahrung, Neues über Menschencharakter, über
Menschentätigkeit, über den Wechselstreit zwischen Wollen und
Können und zwischen Gemeinempfundenem und Hochgegebenem. Und erst
nach einer geraumen Dauer dieser ver-
233 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Wissenschaft und Kunst
zehrend leidenschaftlichen
Hingabe an eine gerade ihm, Goethe,
besonders fernliegende Aufgabe vernehmen wir Schiller gegenüber
den Seufzer: „Auch verdiene ich wohl, daß man mich ein wenig
verstärkt: denn ich habe die vergangenen vier Monate mehr als
billig an diesem Alp geschleppt und geschoben.“ Als die dauernde
Gründung gelungen war, zog er sich allmählich zurück,
die Weiterführung bewährten Untergebenen überlassend.
Anders beschaffen, doch nicht minder belehrend
für die Erkenntnis
der Persönlichkeit Goethe's und ihrer hervorragend praktischen
Veranlagung ist die sieben lange Jahre umspannende Episode der
Reorganisation der Universitätsbibliothek in Jena. Diese
Büchersammlung, von mehreren Fürsten gemeinsam unterhalten,
durch Stiftungen und Vermächtnisse nach und nach vermehrt,
zugleich aber mit hemmenden Bedingungen belastet, in heterogene
Bestandteile verwirrt, außerdem wegen Mangels an Raum jeder
Übersichtlichkeit entzogen, war schließlich in einen so
chaotischen Zustand geraten, daß ein großer Teil ihrer
Schätze unbenutzbar blieb; die aufeinanderfolgenden
Vorschläge gewissenhafter Beamten waren an der Hoffnungslosigkeit,
sie praktisch ausgeführt zu sehen, gescheitert. Über die
„kaum denkbare Verworrenheit“ und „den in seiner Art einzig
verschlungenen Mißbefund solcher Anstalt“ besitzen wir
köstliche Aktenstücke Goethe's, der in dem einen auffordert,
„den Jammer zu betrachten, wie zufällig die verschiedenen
Bibliotheksteile, Zuwächse und Anschließungen seit drei
Jahrhunderten zusammengewürfelt und übereinander geschoben
sind“. „Die Bücher selbst“, erfahren wir in einem Reskript der
Regierung an Goethe, waren „teils noch gar nicht eingeordnet, teils
unregelmäßig aufgestellt, teils dem Verderben durch
Feuchtigkeit und Moder ausgesetzt.“ Von dem akademischen Senat, unter
dessen Oberleitung die Bibliothek stand, war nichts Folgerichtiges zu
erwarten; gerade er hatte ja den Zustand verschuldet. Unter diesen
Umständen erhielt nun Goethe den Auftrag und zugleich die
Vollmacht, die gänzliche Reorganisation dieser Bibliothek
durchzuführen. Bereits ins neunundsechzigste Lebensjahr getreten,
hatte er sich dagegen mit allen Kräften gewehrt; denn es handelte
sich um ein Unabsehbares und um eine Leistung, aus der er selber nicht
hoffen durfte, den geringsten Gewinn zu ziehen. Mit Beschämung
erfährt man, eine der ersten Hochschulen Deutschlands
234 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Wissenschaft und Kunst
habe nicht einen einzigen Mann
stellen können, der außer der
Bildung auch den praktischen Scharfblick und die nötige Energie,
dazu die unerläßliche Opferwilligkeit besessen hätte,
ein solches Werk zu bewältigen, so daß die strahlende
Begabung eines Goethe von ihren einzig i h r
erreichbaren Zielen
abgelenkt werden mußte, um jenen Herren ihr Arbeitsmaterial in
brauchbare Ordnung zu bringen. Nicht die genial begabten Männer
sind unpraktisch, sondern die mittelmäßigen sind es. Auf
einem Höhepunkt eigener Produktivität stand Goethe in jenem
Augenblick (Herbst 1817): zur endgültigen Klärung und
Ausprägung seiner Ideen über die Natur hatte er in dem selben
Jahre mit den Reihen Zur Morphologie
und Zur Naturwissenschaft
überhaupt den Anfang gemacht, dichterisch herrschte eine besonders
zart-inbrünstige, Liebe-ersehnende Stimmung, wie folgendes Gedicht
aus dem Jahre 1817 veranschaulichen mag:
Augen sagt mir, sagt, was sagt
ihr?
Denn ihr sagt was gar zu
Schönes,
Gar des lieblichsten
Getönes;
Und in gleichem Sinne
fragt ihr,
Doch ich glaub' euch zu
erfassen:
Hinter dieser Augen
Klarheit
Ruht ein Herz in Lieb'
und Wahrheit,
Jetzt sich selber
überlassen.
Dem es wohl behagen
müßte,
Unter so viel stumpfen,
blinden
Endlich einen Blick zu
finden,
Der es auch zu
schätzen
wüßte.
Und indem ich diese
Chiffern
Mich versenke zu
studieren,
Laßt
euch ebenfalls verführen,
Meine Blicke zu
entziffern!
Aus dieser friedlich leidenschaftlichen Einkehr in die eigene Seele
wurde er nun durch den Befehl der Herzöge von Weimar und Gotha
unsanft und zu unliebsamer Arbeit aufgestört. An seinen Verleger
Cotta schreibt er kurz darauf: „Was sich auf uns gemeinschaftlich
235 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Wissenschaft und Kunst
bezieht, setz' ich mit Freuden
fort; doch ist mir (ich darf wohl
sagen l e i d e r) ein höchster Auftrag
zugegangen: die Jenaische
Bibliothek umzubilden und ihr, die mit anderen sächsischen
Höfen gemeinschaftlich war, unsere weimarischen, bisher
abgesonderten Bücherschätze zum Teil einzuverleiben. Hiezu
gehört denn nun, was uns nicht gerade bei der Hand ist: Jugend,
Gesundheit, besonders aber Glaube, daß das Werk im rechten Sinne
vollendet werden könne. Die langen Winterabende werden unserem
Plane nachhülflich sein.“ So fanden sich denn die langen Abende
des Winters 1817—1818 statt dem eigenen beseligenden Sinnen der
praktischen Lösung der Aufgabe gewidmet, welche die Gesamtheit der
Professoren, die sie eigentlich anging, zu lösen sich unfähig
gezeigt hatte.
Der soeben genannte Brief bedeutet aber nur eine
vorübergehende
und gleich darauf erstickte Klage; zu Goethe's Lebensmaximen
gehörte auch die, sich über keine Pflicht erhaben zu
dünken, die das Leben ihm auferlegte; sofort richtet er den Blick
in die neue, ihm angewiesene Richtung und geht frisch ans Werk. Nur
eine Bedingung stellt er endgültig auf: keinen Schritt will er
tun, ehe er nicht der Universitätsbehörde gegenüber
unbegrenzte Vollmacht, sowie die selbständige und vollkommen
unabhängige Verwaltung der Kasse erhalten hat. Denn nicht
bloß in Bezug auf die Bücher, sondern auch in Bezug auf die
Räumlichkeiten, welche erweitert und verändert werden sollen,
kann er nicht umhin, in die Befugnisse der Akademie einzugreifen, und
auf ein Parlamentieren mit Leuten, „deren Maxime bloß ist zu
hindern und zu lähmen“, will er sich nicht einlassen, sonst
müßte seine Reorganisation eben so scheitern wie die
früheren Versuche gescheitert waren. „Hier zu Lande“, sagt er von
der Universität, „haben wir eben so wenig Dank zu hoffen als
Teilnahme zu finden. Daß aber auch keine Einmischung gilt, ist
die erste und einzige Bedingung der Möglichkeit des Unternehmens.“
So bildet er sich denn in wenigen Monaten sein eigenes
Bibliothekspersonal aus — mit Ausnahme des guten Güldenapfel
abseits von der Universität — und meldet bald heiter: „Die
Professor-Weise kann uns nichts mehr anhaben.“
Goethe's reorganisatorische Tätigkeit griff
gleich dort ein, wo ein
Bibliothekar sich wenig auszukennen pflegt. Bücher und Manuskripte
gingen, wie wir schon hörten, an Feuchtigkeit zu Grunde,
236 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Wissenschaft und Kunst
die tiefe Lage des
betreffenden Schlosses, „in einer Art von Zwinger“,
hinter hohen Mauern und aufsteigendem Erdreich, brachte das mit sich.
Goethe schreibt in einem amtlichen „Pro
voto“ die erfrischenden Worte:
„Dieser neuen Umschaffung aber nach Serenissimi höchster Intention
darf nichts im Wege stehen, was nach vermoderten Vorurteilen schmeckt,
welche eigentlich die Hauptursache an der Vermoderung der Bibliothek
selbst sind.“ Auf das Wort folgt sofort die Tat. Zum Entsetzen der
Stadtväter, die an den Herzog nutzlose Deputationen deswegen
entsenden, läßt er die ehrwürdige Umfassungsmauer
fallen, die Erde wegtragen, den Graben trockenlegen, die
„verdüsternden, feuchtenährenden Taxushecken“ niederschlagen,
weite Öffnungen in die alten Mauern brechen, und siehe da: die
Sonne scheint zu allen Fenstern hinein! „In dem Niederlegen der Mauern
habe ich gleich das Symbol gegeben“, meint der tatenlustige Greis.
Natürlich veranlaßte dies weitere Änderungen:
Treppenverlegungen, Gartenzuschüttungen usw.; die
Entschädigungsansprüche Derjenigen, die aus den
Mißständen Vorteil gezogen hatten, blieben auch nicht aus;
Goethe ließ sich dadurch nicht irremachen: „So schwirren Dem,“
heißt es in einem der Aktenstücke, „der einen alten Turm
abbricht, jederzeit die Fledermäuse um den Kopf, mit Klage,
daß man sie in einem wohlerworbenen Besitz widerrechtlich zu
stören komme.“ Bekannt ist hierbei namentlich die eine Episode.
Die Universitätsbehörde, Schritt für Schritt sich jeder
Verfügung Goethe's widersetzend, verweigerte auch den
Schlüssel zu einem medizinischen Auditorium, um den Goethe behufs
Besichtigung mit dem Architekten gebeten hatte, weil sie dessen
Einbeziehung in die Bibliotheksräume befürchtete und die
Herstellung eines anderen geeigneten Saals forderte, ehe sie ihre
Einwilligung gäbe; der Senat machte Vermittelungsvorschläge;
kurz, der alte parlamentarische Mischmasch bedrohte Goethe's
Säuberungswerk. Was tut er? Auf Verhandlungen läßt er
sich nicht ein. Vielmehr beordert er seine Steinmetzen und bricht zu
stiller Stunde ein gehöriges Loch durch die Mauer; seine
Bibliotheksleute stehen bereit, die Bänke und Pulte fliegen
hinaus, die im voraus fertiggestellten Repositorien werden eiligst an
den Wänden festgeschraubt und mit Büchern belastet, und das
alles so schnell, daß die Herren Mediziner, als sie zu gewohnter
Zeit eintreten, ihren Saal nicht mehr vorfinden. Nun mögen sie
rekurrieren und machen, was
237 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Wissenschaft und Kunst
sie wollen, die Sache ist
geschehen, und die Bibliotheksarbeiten
können unbehindert ihren Fortgang nehmen. Schon aus diesem Wenigen
sieht man, wie praktisch energisch Goethe seine Aufgabe erfaßt
hatte. Bis zum Geringfügigsten hinunter nahm er alles in die
eigene Hand, kümmerte sich um Holz und Bauart der Ständer, um
Stühle und Tische, um die Bohlen zum Trockenlegen der Manuskripte,
um die Wahl des Papiers für die Zettel und die Kataloge, um Format
und Liniierung ... Absichtlich nenne ich zunächst diese
Äußerlichkeiten, denn gerade in ihnen bewährt sich der
hervorragend praktische Sinn; der vollkommenste Katalog, unleserlich
gedruckt oder auf undauerhaftem Papier, ist von geringem Werte. Dazu
kam aber natürlich als Wichtigstes die Katalogisierung selbst,
sowie die Aufstellung der Bücher. Auch hier können wir es
verfolgen, mit welcher Umsicht, Gründlichkeit und Geduld Goethe
vorgeht. „Alles kommt darauf an, daß man diese Sache stufenweis
vorführe, so daß man sie auf jedem Niveau könnte stehen
lassen, ohne daß Unheil daraus entstände“; es handelt sich,
sagt er, um „eine langwierige und schwierige Sache, aber nicht
unmöglich, wenn man Schritt vor Schritt geht.“ Proben aller
neuesten Methoden, Kataloge zu führen, weiß er sich zu
verschaffen und vergleicht sie mit den Vorschlägen von
Fachmännern aus verschiedenen Wissensgebieten; damit aber nicht
genug, läßt er das bevorzugte Verfahren zunächst an
einem der einzelnen Fache in der vollständigen Aufstellung
versuchsweise durchführen. „Um die Arbeit zu erheitern, haben wir
als Probe das angenehme und in sich selbst naturgemäß leicht
anzuordnende Fach der Naturgeschichte gewählt. Hier soll nun, ohne
daß irgend etwas anderes angerührt wird, ein Muster
aufgestellt werden, wie alle übrigen Fächer zu behandeln
seien.“ Und bei alledem hatte Goethe so kluge Einrichtungen getroffen,
daß die Bibliothek während dieser Jahre der Umstellung und
Neueingliederung — welche eine vollkommen neue Katalogisierung, neue
Bücherzettel, neue Zeichnung jedes einzelnen Bandes erforderte —
keinen Tag der üblichen Benutzung entzogen wurde!
Endlich nach vollen sieben Jahren unausgesetzter
Arbeit, kann der
Schlußbericht an die beiden Herzöge abgehen. Beachtenswert
ist der Nachdruck, den Goethe in ihm auf die Tagebücher legt, die
zu führen er jedem Angestellten bis hinab zu den Dienern zur
Pflicht
238 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
gemacht hatte, und die er
selber am Jahresschluß genau
durchzusehen pflegte. „Es ergibt sich hierdurch ein Mittel“, meint er,
„das Vergangene zu beurteilen, dem laufenden Geschäft immerdar zu
folgen und für die Zukunft das Wirksamste daraus zu bestimmen“.
Wir erblicken hier das Genie des Organisierens am Werke, wie es Schritt
für Schritt dem Chaos ein Weniges abringt. Schließlich sei
bemerkt, daß, wenn auch von vornherein sehr beschränkte
Mittel für die Durchführung der großen Arbeit zur
Verfügung gestanden hatten, Goethe so praktisch verfuhr, daß
er mit noch weniger auskam. Der Bericht schließt in jener
Einfachheit und inneren Demut, die Goethe auszeichnen: „Und nun zum
Schlusse Höchstdenselben für bisheriges unschätzbares
Vertrauen schuldigsten Dank abtragend, fügen wir die Versicherung
hinzu, daß es unsere angenehmste Pflicht bleiben werde, solches
auch zunächst und für alle Folge ehrerbietigst zu verdienen.“
—————
Theaterleitung
Ein letztes Gebiet praktischer Betätigung bleibt zu erwähnen:
das der T h e a t e r l e i t u n g.
Zunächst ist es nötig, eine Tatsache
hervorzuheben, die
allgemein unbeachtet bleibt. Goethe hat nicht etwa um diese Stellung an
der Spitze des Theaterinstitutes nachgesucht oder gar, wie man oft
hört, das Theater in Weimar selber geschaffen mit der hohen
Absicht, den Deutschen einen dramatischen Stil zu erfinden und für
alle Zeiten festzulegen. „Hochfürstliche Weimarische
Hof-Komödianten“ gab es schon geraume Zeit vor Goethe's Geburt;
und wenngleich, wie bei allem Bühnenwesen, auch in Weimar Wandel
und Wechsel herrschte, manchmal ein richtiges ständiges Hoftheater
bestand, dann wieder reisende Schauspielergesellschaften jahrweise
gastierten: Theater wurde ununterbrochen gespielt. Freilich, als Goethe
in Weimar eintraf, fand er kein Theater vor; das hatte ein
verhängnisvoller Zufall — der große Brand des Jahres 1774,
bei welchem Schloß und Theater zerstört wurden — bewirkt;
notgedrungen hatte man die seit mehreren Jahren in Weimar tätige
Gesellschaft, die den größten deutschen Schauspieler,
Eckhof, unter
239 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
ihre Mitglieder zählte,
entlassen müssen. Dank den Leistungen
dieser Truppe stand die Weimarer Hofgesellschaft in enger Fühlung
mit den Werken von Wieland, Lessing, Voltaire, Beaumarchais, Rousseau,
Diderot, Goldoni usw. und besaß infolgedessen mehr
Theatererfahrung als Goethe. Nur geladene Gäste des Hofes wohnten
dazumal den Vorstellungen bei, und Anzeigen wie folgende: „Vom 10.—20.
Oktober wegen Inokulation der Blattern des Erbprinzen Carl August
geschlossen“ zeigen, wie gemütlich intim alles zuging; doch die
Namen der Mitwirkenden bürgen dafür, daß diese
Bühne sowohl im Opern- wie im Schauspielfach eine der besten
Deutschlands war, vielleicht die beste, und der Spielplan zeigt eine
Reinheit des Geschmackes, die an den Prunkbühnen unserer heutigen
Höfe ihresgleichen nicht findet. Der Brand mit der dadurch
bewirkten Unterbrechung des regelmäßigen
Bühnenbetriebes wirkte auf Goethe insofern zurück, als der
Hof ohne Theater nicht leben konnte und nunmehr für die in
Schloß oder Park improvisierte Dilettantenbühne —
In engen Hütten und im
reichen Saal,
Auf Höhen
Ettersburg's, in Tiefurt's Tal —
seine Mitglieder selber zu dichten und zu singen und zu tragieren
begannen. Goethe's Anpassungsfähigkeit ließ ihn auch hier
sofort den Ton treffen. Bei solchen Werken wie Jery und Bätely,
Lila, Die Fischerin, Der Triumph der Empfindsamkeit, Die Geschwister
usw. dürfte man nie übersehen, daß sie zu diesen
besonderen
Zwecken erdacht und ausgeführt worden, getragen von dem lebendigen
Reiz improvisierter, wechselnder Umstände, eng begrenzt durch die
zu berücksichtigenden dilettantischen Möglichkeiten der
Darstellung. Ja, selbst eine tragische Dichtung wie Iphigenie auf
Tauris müßte — wenigstens in Bezug auf Entwurf und
poetische
Haltung — immer unter Berücksichtigung ihrer Entstehung beurteilt
werden: im Gegensatz zum vieltausendköpfigen Demos eines
atheniensischen Theatrons handelt es sich hier um Unterhaltung und
Erbauung des engsten Kreises einer kunstsinnigen Fürstenfamilie
und der ihr zunächst angegliederten Auserwählten; dort
konnten nur erhaben einfache Motive Verständnis finden und
Wirkungen hervorbringen, hier mußte alles für die stille
Traulichkeit eines Feierabends berechnet werden, und ein großer
Dichter, wenn er Sinn für das Angemessene besaß
240 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
(mit anderen Worten
„praktischen“ Verstand auch dort, wo Poesie in
Frage kam), konnte nicht anders als das Übermäßige der
Leidenschaft zügeln und die Handlung in zarteste Seelenregungen
legen; hierdurch allein entsprach er sowohl dem Geschmack seiner
Zuhörer wie den Fähigkeiten seiner Darsteller. Bald aber
hatte diese Liebhaberei, deren Möglichkeiten den Dichter so eng
beschränkten, ihre Reize erschöpft: eine annehmbare
Schauspielertruppe zog von neuem in Weimar ein und wirkte dort
jahrelang. Von einer Anregung oder gar Mitwirkung Goethe's ist aus
dieser Zeit — die von 1784 bis 1791 reicht — nichts zu entdecken; wohl
dichtete er einiges Dramatische; teils aber blieb es unvollendet
liegen, teils gehörte es zu seinen musikalischen Hoffnungen und
Plänen, die alle scheitern sollten; eine praktische Befassung mit
der Weimarer Bühne fand damals nicht statt. Als nun im Jahre 1790
Carl August sich mit dem Plane trug, den Kontrakt Belluomo's nicht zu
erneuern, sondern ein „Hoftheater“ wieder aufleben zu lassen, scheint
er Andere, nicht Goethe, zu Rate gezogen zu haben; denn dieser ist
sichtlich erschrocken, als er erfährt, der Herzog „möge sich
mit der mechanischsten aller Wissenschaften, dem deutschen Theater,
abgeben.“ Dieser Schreck wird begreiflich, wenn wir ihn ein paar Tage
später seine Meinung über deutsches Theater und deutsches
Theaterpublikum aussprechen hören. „Von Kunst hat unser Publikum
keinen Begriff“, sagt er, und daher komme es, daß selbst ein
Direktor wie Schroeder mit „mittelmäßigen“ Schauspielern und
entsprechend talentarmen Stücken sein Auskommen finde. „Die
Deutschen sind im Durchschnitt rechtliche, biedere Menschen, aber von
Originalität, Erfindung, Charakter, Einheit und Ausführung
eines Kunstwerkes haben sie nicht den mindesten Begriff. Das
heißt mit einem Worte, sie haben keinen Geschmack. Versteht sich
auch im Durchschnitt. Den roheren Teil hat man durch Abwechslung und
Überteiben, den gebildeten durch eine Art Honnetetät zum
Besten. Ritter, Räuber, Wohltätige, Dankbare, ein redlicher
biederer Tiersetat, ein infamer Adel pp., und durchaus eine
wohlsoutenierte Mittelmäßigkeit, aus der man nur allenfalls
abwärts ins Platte, aufwärts in den Unsinn einige Schritte
wagt ... Was ich unter diesen Aspekten von Ihrem Theater hoffe, es mag
dirigieren wer will, können Sie denken.“ Man sieht, wie wenig
Goethe das Amt eines Theaterleiters für sich herbeisehnte. Durch
241 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
Dekret seines Fürsten
wurde es ihm nun aufgenötigt;
sechsundzwanzig Jahre — von 1791 bis 1817 — hat er trotz aller
Bitterkeiten, die gerade dieses Geschäft mit sich brachte, das Amt
energisch verwaltet.
In welcher Stimmung Goethe an diese Aufgabe gehen
mußte, entnimmt
man dem Vorangeschickten. „Da man das deutsche Theater und Publikum von
innen und von außen kennt, wo soll man den Mut hernehmen?“
heißt es bald darauf. Dazu kam aber noch, daß Goethe in
jenem Augenblicke sich mit verzehrender Leidenschaft der Erforschung
der Natur hingegeben hatte; gerade aus jenem Sommer 1791 vernehmen wir
einmal über das andere: „Ich attachiere mich täglich mehr an
diese Wissenschaften, und ich merke wohl, daß sie in der Folge
mich vielleicht ausschließlich beschäftigen werden“; „So oft
ich mich von anderen Gegenständen losmache und diese näher
und genauer betrachte, so entsteht immer in mir der lebhafteste Wunsch,
mich ausschließlich damit beschäftigen zu können.“
Namentlich erfüllten seine seit kurzem aufgenommenen optischen
Studien ihm Herz und Sinn; sie bei Seite schieben zu müssen,
kostete schmerzliche Überwindung. „Eine doppelte
Beschäftigung hält mich hier [in Weimar] zurück: die
Ausgabe des optischen Versuchs und die Einrichtung des Schauspiels;
jenes macht mir mehr Freude als dieses, denn ich kann hoffen, dort
etwas Reelles und Bleibendes zu leisten, wenn die vorübergehende
Theatererscheinung nicht einmal ihre Wirkung in dem Augenblick
äußert, für den sie bestimmt ist.“ Es lag weder in
Goethe's Sinn noch in seinen Anlagen, sich eingehend mit der Bühne
abzugeben. „Leider ist alle theatralische Wirkung nur für den
Augenblick ... kein Plan gelingt, der einigermaßen in die Ferne
geht“: diese Einsicht mußte auf Goethe, den Mann der praktischen
Tatkraft, lähmend wirken. Einen anderen, tieferen Grund werden wir
später bei der Betrachtung des Dichters entdecken, dessen
poetisches Sehnen und Suchen auf eine dramatische Gestaltung gerichtet
war, zu deren Verwirklichung seine Bühne keine Handhabe bot.
Nun war aber der Befehl des Fürsten da. Zwar
hatte Goethe aus
Italien an ihn geschrieben, er rechne darauf, der Fürst
„bedürfe seiner im Mechanischen nicht mehr“ (S. 217),
und das
deutsche Theater, wie wir soeben hörten, dünkte ihm „die
mechanischste aller
242 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
Wissenschaften“; doch wie
später bei der Bibliotheksorganisation,
so auch hier: Goethe verstand es meisterhaft, zu gehorchen. Sofort
hören wir ihn von „seiner Pflicht“ reden, und zur Pflicht gesellt
sich die Hoffnung. „Den Versuch über die Gestalt der Tiere dachte
ich Ostern herauszugeben, er wird aber wohl noch ein Jahr reifen
müssen. ... Dagegen steht mir jetzt eine Beschäftigung vor,
die desto mehr nach außen gerichtet ist und nur den Schein zur
Absicht hat. Es ist die Oberdirektion des Theaters, das hier errichtet
wird. Ich gehe sehr p i a n o zu Werke;
vielleicht kommt doch fürs
Publikum und für mich etwas heraus. Wenigstens wird mir's Pflicht,
diesen Teil näher zu studieren, alle Jahre e i
n P a a r s p i e l
b a r e S t ü c k e z u s c h
r e i b e n. Das Übrige mag
sich finden.“ Die Biegsamkeit, mit welcher Goethe's Geist sich in alles
findet, ist herrlich! Er nennt es seine „Art, alles Sentimentale zu
verschmähen, sich an die unvermeidliche Wirklichkeit halb
verzweifelnd hinzugeben“. Die Pflicht gebietet ihm, alle die
tausendundein geschäftlichen Plackereien einer
Theatergründung und -leitung auf sich zu nehmen; die Pflicht, von
der es einmal heißt: „Zu welcher stillen, gefaßten Lage
muß sich derjenige entschließen, der sie übernimmt!“
Ihr zur Seite taucht alsobald Goethe's guter Engel auf, die Hoffnung,
und spiegelt ihm die Möglichkeit vor, veredelnd zu wirken. Bald
ertönt es fast zuversichtlich: „Im ganzen macht mir unser Theater
Vergnügen; es ist schon um Vieles besser, als das vorige, und es
kommt nur darauf an, daß sie sich zusammenspielen, auf gewisse
mechanische Vorteile aufmerksam werden, und nach und nach aus dem
abscheulichen Schlendrian, in dem die mehrsten deutschen Schauspieler
bequem hinleiern, herausgebracht werden.“
Bei der geschäftlichen Organisation
bewährt sich Goethe's
praktischer Sinn und seine Energie vorerst in der Auffindung und
Gewinnung der geeignetsten Persönlichkeit für die
unmittelbare Verwaltung des Theaterwesens: Landkammerrat Franz Kirms.
Auch Dieser spürte zu der als undankbar erkannten Aufgabe keine
Neigung und verweigerte die Annahme; doch verstand es Goethe, ihn zu
überreden, und sicherte sich dadurch diejenige Kraft, die seine
eigene Führung der Oberdirektion ermöglichte; auch nach
Goethe's Rücktritt blieb Kirms seinem Amte treu und vermittelte
auf diese Weise bis zu seinem 1826 erfolgten Tode noch manchen guten
Rat des von aller Ver-
243 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
antwortlichkeit endlich
Erlösten. Kirms war ein Mann von
großer Willenskraft und Geschmeidigkeit, „eine feste Natur“, wie
ihn Goethe einmal nennt; dazu gewandt und erfahren in Geschäften
und zugleich kunstsinnig; wie Güldenapfel bei der Reorganisation
der Bibliothek und Eichstädt bei der Begründung der
Literaturzeitung, war auch hier sofort der rechte Mann auf den rechten
Posten gestellt.
Ebenso praktisch griff Goethe die künstlerische
Durchführung
der ihm gestellten Pflicht auf. Das Hauptgewicht legte er von Anfang an
auf die Oper, weil diese die Kasse füllt: „Die Oper bleibt immer
das sicherste und bequemste Mittel, ein Publikum anzuziehen“; die
hierdurch erlangte Ruhe (wie er sich selber ausdrückt) benutzte er
dazu, „dem rezitierenden Schauspiel desto reinere Aufmerksamkeit zu
widmen“, es „auf eine würdige Weise zu behandeln und von Grund aus
zu beleben“. Die Oper bildete also die Nährmutter des Institutes,
das Drama dessen höheres Ziel. Nur durfte unter Goethe keine Oper
mehr in fremder Sprache gesungen werden: alle italienischen und
französischen Texte wurden „eilig“ ins Deutsche übertragen,
die vorhandenen deutschen Texte aber wurden umgearbeitet. Mit
offenbarer Genugtuung berichtet Goethe, diese Partituren seien in der
Folge in „ganz Deutschland“ zur Aufnahme gekommen. „Fleiß und
Lust, die hiebei aufgewendet, obgleich das Andenken völlig
verschwunden sein mag, haben nicht wenig zur Verbesserung deutscher
Operntexte mitgewirkt.“ Eine Unmenge Arbeit, sowohl an Opern wie auch
an Schauspielen aus fremder Hand, ist auf diese Weise in
fünfundzwanzig Jahren von Goethe geleistet worden und — ohne
daß ihn dies betrübte — unauffindbar wieder entschwunden. Er
gleicht seinem Sämann:
... da geht er ohne
Säumen,
Die Seele voll von
Ernteträumen,
Und sät und hofft.
Und so gelang es ihm schon im ersten Jahre, mit einer auf das
sorgfältigste vorbereiteten Aufführung von Shakespeare's
König Johann zu zeigen,
worauf er ziele. Weitere Gewähr
brachten zu Anfang des folgenden Jahres Mozart's Don Juan und
Schiller's Don Carlos.
Eine dritte praktische Idee für die
allmähliche Ausbildung
seiner Truppe und seines Publikums griff Goethe auf; in einer vorhin an-
244 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
geführten Stelle war sie
nebenbei erwähnt: „alle Jahre ein
Paar spielbare Stücke zu schreiben“. Die hiermit verfolgte Absicht
wird in einem anderen Briefe des ersten Jahres der Theaterdirektion
erläutert: „Ich werde selbst einige Stücke schreiben, mich
darinnen einigermaßen dem Geschmack des Augenblicks nähern
und sehen, ob man sie [die deutschen Schauspieler] nach und nach an ein
gebundenes, kunstreicheres Spiel gewöhnen kann.“ Zu dieser ersten
künstlerischen Absicht, das Gesamtspiel „gebundener, kunstreicher“
zu gestalten, gesellte sich eine zweite — ebenso genial praktische —,
die Fähigkeiten der einzelnen Schauspieler durch eigens für
sie geschriebene Rollen, die ihnen „recht auf den Leib gepaßt“
wären, ihnen selbst und dem Publikum zur Überraschung
herauszulocken. Aus diesen Erwägungen entstanden nun jene
Theaterstücke, deren Bedeutung in Goethe's dichterischem Schaffen
unseren Ästhetikern so viel Kopfzerbrechen macht: Der
Groß-Cophta
(ursprünglich als Oper gedacht, dann zum
Schauspiel umgearbeitet), Der
Bürgergeneral, Die Aufgeregten, Das
Mädchen von Oberkirch usw. Im Gegensatz zu monumentalem
Schaffen
sollte mit diesen Stücken augenblicklichen Bedürfnissen und
Aufgaben gedient sein. So waren im Bürgergeneral
die zwei
Hauptrollen — Schnaps und Märten — zwei bestimmten Schauspielern
„auf den Leib gepaßt“ mit dem erhofften Erfolg, einmal
darstellerische Leistungen zu erleben, die nicht bloß
annähernd, sondern „auf's vollkommenste“ der dichterischen Absicht
entsprächen; Beck und Malkolmi, die Goethe im Auge gehabt hatte,
leisteten so Unübertreffliches, daß er noch in späten
Jahren versicherte, nie Vollkommeneres gesehen zu haben. Hierdurch
belehrte nun Goethe sich selbst, seine Darsteller und sein Publikum;
ihm schwebte die Absicht einer methodischen, grundsätzlichen
Erziehung vor, von unten angefangen, um auf diesem Wege die Leistungen
und die Forderungen nach und nach immer höher zu steigern; eine
Bühnenschule, die nicht abstrakt theoretisch, nach
ästhetischen Maximen unterrichte, sondern stets an das
Gegenwärtige anknüpfe, um an ihren eigenen Leistungen zu
lernen und so, von Übung zu Übung, aus den einzelnen . mit
der Zeit das Ziel aller wahren Darstellungskunst
zu erreichen: ein allseitig „gebundenes, kunstreiches Spiel.“ Zu diesem
Behuf erfaßte Goethe außerdem den organischen Grundsatz,
„in jedem Stück den vorzüglichsten
245 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
Darsteller zu bemerken“,
denjenigen also, dem seine Rolle am genauesten
„auf den Leib gepaßt war“, und auf diese Weise eine Harmonie der
Darstellung zustandezubringen, die sich nicht nach einem Stern richte,
sondern auf den Ton jener vorzüglichsten Verkörperung
gestimmt sei.
Ohne Frage ist diese beabsichtigte Schulung und
gegenseitige Steigerung
der Darsteller und des Publikums in ihrem weit verzweigten, organisch
lebendigen Zusammenhang die genialste Idee Goethe's als
Theaterdirektors; wobei es für seine Person besonders bezeichnend
bleibt, daß er sich keinen hochfliegenden dichterischen Absichten
hingibt, nicht die ihm unterstellte Bühne für seinen Ruhm
auszubeuten trachtet, sondern vielmehr sich zu jeder untergeordneten
Betätigung bereit findet, wenn sie nur dazu dient, die Darsteller
zu üben, das Ensemble zu vervollkommnen, das Publikum zur
Erkenntnis des Vortrefflichen heranzuleiten. Trotzdem scheiterte er: er
scheiterte an der ewig ruhelosen Unbeständigkeit aller
Bühnenverhältnisse, an dem Stumpfsinn und der Eitelkeit der
Schauspieler, an der Gleichgültigkeit und Dummheit der
Theaterbesucher. Gerade in diesen Jahren machte sich Goethe über
die Schauspieler und Sänger in folgenden Worten Luft: „Man
spricht viel vom Theater; aber wer nicht selbst darauf war, kann sich
keine Vorstellung davon machen. Wie völlig diese Menschen mit sich
selbst unbekannt sind, wie sie ihr Geschäft ohne Nachdenken
treiben, wie ihre Anforderungen ohne Grenzen sind, davon hat man keinen
Begriff. Nicht allein will jeder der erste, sondern auch der einzige
sein; jeder möchte gern alle übrigen ausschließen, und
sieht nicht, daß er mit ihnen zusammen kaum etwas leistet; jeder
dünkt sich wunder-original zu sein, und ist unfähig, sich in
etwas zu finden, was außer dem Schlendrian ist; dabei eine
immerwährende Unruhe nach etwas Neuem. Mit welcher Heftigkeit
wirken sie gegeneinander! und nur die kleinlichste Eigenliebe, der
beschränkteste Eigennutz macht, daß sie sich miteinander
verbinden. Vom wechselseitigen Betragen ist gar die Rede nicht; ein
ewiges Mißtrauen wird durch heimliche Tücke und
schändliche Reden unterhalten; wer nicht liederlich lebt, lebt
albern. Jeder macht Anspruch auf unbedingteste Achtung, jeder ist
empfindlich gegen den mindesten Tadel. Das hat er selbst alles schon
besser gewußt! Und warum hat er denn das Gegenteil getan? Immer
bedürftig und
246 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
immer ohne Zutrauen, scheint
es, als wenn sie sich vor nichts so sehr
fürchteten als vor Vernunft und gutem Geschmack, und nichts so
sehr zu erhalten suchten, als das Majestätsrecht ihrer
persönlichen Willkür.“ Und wie die Schauspieler, so das
Publikum, in das „er oft horchte, und nur selten kam ihm eine Stimme
entgegen, wie er sie zu hören wünschte...“ Als er etwa sechs
Jahre am Werke gewesen ist, schreibt er vertraulich an seinen getreuen
Adlatus Kirms: „Wir haben für alle unsere Bemühungen weder
von oben noch von unten eine Spur von Dank zu erwarten und im Grunde
sehe ich es täglich mehr ein, daß das Verhältnis,
besonders für mich, ganz unanständig ist.“ Und nach weiteren
sechs Jahren heißt es an Schiller: „Übrigens verfluche und
verwünsche ich das ganze Geschäft in allen seinen alten und
neuen Teilen und Gliedern...“
Hier hätte nur der Fürst helfen
können; an ihm
hätte es gelegen, die gegebene Vollmacht mit einer Fülle von
Macht auszustatten; denn Goethe wußte wohl, daß es Zeit
kosten würde, Publikum und Darsteller zu erziehen: „Wir haben
nur eine einzige Pflicht, das ist die: für g u t e
Vorstellungen
zu sorgen“, schreibt er an Kirms. „Dafür hat man in jeder Sache
die Direktion, daß man nach seiner Überzeugung handelt, um
das Beste hervorzubringen, und nicht daß man den Leuten zu Willen
lebe, wovon man doch zuletzt noch Undank und durch Hintansetzung des
Hauptgeschäftes Schande erlebt. Nachgiebigkeit macht immer alle
Mühe und Arbeit halb verloren.“ Über Goethe's Lehre von der
„Nachgiebigkeit bei großem Willen“ hörten wir im zweiten
Kapitel einiges (S. 177); er
wußte aber genau, wo Nachgiebigkeit
nicht am Platze ist. Einem unfügsamen Theatermitglied
läßt er z. B. ausrichten: „Wenn er sich untersteht, ein
Promemoria an die Theaterkommission zu bringen und zu fragen, ob seine
Sache vergessen werden soll, so will ich ihm den Kopf waschen,
daß er zeitlebens an mich denken wird.“ Die Einsicht war da, und
der Wille war da, bereit, zugleich Kunstgewidmete und
Kunstbedürftige immer höher zu steigern; den widerwirkenden
Kabalen der Letzteren wußte Goethe mit äußerster
Energie die Spitze zu bieten, wie sein Auftreten gegen den
Theaterrezensenten Bötticher beweist; gegen Widerspenstigkeit der
ihm unterstellten Künstlerschar hätte nur der Fürst
helfen können, und er tat das Gegenteil; denn es dauerte nicht
lange, und die Muse Melpomene hatte für ihn in der Person einer
247 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
jungen Sängerin und
Schauspielerin, Caroline Jagemann, Gestalt
gefunden — einem Ausbund aller theatralischen Beschränktheit,
Eitelkeit, Verkehrtheit; dies allein genügte, jedes weitschauende
Vorhaben Goethe's zu vereiteln. Man kennt Flaubert's Wort über Ce
je ne sais quoi de borné et d'exaspérant qui fait le fond
du caractère féminin; in der Person dieser bald
geadelten
Dame feierte der caractère
féminin Orgien. Daß sie
der Liebling des Publikums wurde, bedarf kaum der Versicherung: derlei
Dinge stimmen immer ebenso genau wie der Satz von den gleichschenkligen
Dreiecken. Es bedarf keiner Einzelheiten, damit Jeder sich vorstelle,
wie von nun an jedes vernünftige, folgerechte Beginnen durch
unberechenbare Laune und Willkür durchkreuzt wurde; je
tüchtiger die Kraft — wie z. B. die des Konzertmeisters Krantz,
welcher sich weigerte, die Tempi des Don Juan nach den Launen der
Demoiselle zu fälschen —
um so erbarmungsloser wurde sie
hinausgeekelt, je schaler und lügnerischer der Histrion, um so
höher stieg er in der Gunst der Favoritin und auf diesem Wege auch
in der des Fürsten, wie z. B. der Bassist Strohmeyer, der durch
Verleihung des „Kammersänger“ den Anordnungen der Direktion
entzogen wurde; nunmehr war es Goethe, der sich von diesem Strohochs,
wie man ihn in Weimar nannte, sagen lassen mußte, welche Rollen
er zu singen die Gnade haben wolle und welche er ablehne!
Die Zähigkeit, mit der Goethe trotz alledem,
wenn auch nicht an
seinen weitausschauenden edlen Plänen, doch daran festhielt,
Weimars Bühne wenigstens vor dem Gemeinwerden zu schützen,
ist bewundernswert; wie er einmal sagt: „I c h
ü b e r t r u g, was das Theater Unerfreuliches haben
mochte.“ Als die Lage einmal schier unerträglich war, indem durch
die Dazwischenkunft jenes Weibes und ihrer Kreaturen seine
Tätigkeit am Theater „fast gänzlich paralysiert worden“,
schreibt er an Carl August, „er müsse, nicht den Fürsten,
sondern den Wohlwollenden inständigst bitten, ihn von einem
Geschäft zu entbinden, das seinen sonst so wünschenswerten
und dankenswerten Zustand zur Hölle mache“; doch die Fürsten
pflegen in dem einen Punkte dem olympischen Zeus zu gleichen: auf
nichts mögen sie verzichten, auch wenn ihre verschiedenen
Wünsche sich gegenseitig aufheben; den Glanz von Goethe's Namen
mochte Carl August für sein Hoftheater ebensowenig missen, wie er
248 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
der Gunst der Caroline
Jagemann entsagen mochte; und da beugt sich
Goethe, beschließt, „seine Persönlichkeit ganz zu
vergessen“, und setzt alles daran, mit neuen Verordnungen
durchzudringen, die wenigstens einen Teil des künstlerischen
Bestandes retten. Niemand wird die hierauf bezüglichen Akten und
Briefe durchstudieren, ohne über die hartnäckige Niedertracht
und den unglaublichen Kurzsinn auf der einen Seite zu staunen, sowie
die fast quixotische Großartigkeit und Tenacität — „die
Riesenkräfte in Brahmanischer Duldungs-Beharrlichkeit“, wie sie
Goethe selber einmal nennt — auf der anderen zu bewundern. Nach
weiteren zehn Jahren gelang es jedoch, den inzwischen fast
siebzigjährig Gewordenen und auf seinem Höhenwege den
Niederungen des Theaterwesens immer ferner Gerückten
endgültig los zu werden. Ein hochgeborener Graf wurde, wie dies
bei Höfen üblich, mit der Führung eines Institutes
betraut, von dessen äußerem Mechanismus und innerer
Tragweite er nicht das Geringste verstand; wenige Wochen nach seiner
Anstellung schreibt er an einen Dichter: „Nach dem Abgange S. Excellenz
des Herrn geheimen Rates von Goethe von der Hoftheater-Intendanz stehe
ich zwar an der Spitze der Geschäfte bei derselben: allein zu den
einzelnen mich herzugeben erlauben mir andere Geschäfte nicht.“
Der edle Herr bekleidete nämlich das für die Drehung der Erde
um ihre Achse hochgewichtige Amt eines Hofmarschalls; wogegen Goethe,
der lediglich Dichter, Denker, Forscher, geistiger Mittelpunkt von ganz
Europa und daneben Leiter von neunzehn wissenschaftlichen und
künstlerischen Anstalten war, natürlich über mehr
Muße verfügt hatte, sich zu den einzelnen Anforderungen des
Theaters „herzugeben“.
Im ersten Kapitel und auch am Anfang des jetzigen
hatte ich
Gelegenheit, die großartig fürstliche Gesinnung Carl
August's gegen Goethe zu betonen sowie die daraus folgende Bedeutung
seiner Dazwischenkunft für des Dichters Leben; hier müssen
wir mit Bedauern feststellen, daß ihm die charakteristische
Beschränktheit seines Standes nicht minder eigen war. Einem Goethe
gegen seinen eigenen Willen und zur dauernden Beeinträchtigung
seiner poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten die Erschaffung und
Leitung eines Theaters aufzunötigen und ihn dann im Stich zu
lassen, sobald er — ohne, wie Andere, große Mittel dafür zu
fordern — durch bloße
249 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
praktische Einsicht, getragen
von der Hingabe seiner genialen
Schaffenskraft, ein Außerordentliches zu gestalten begonnen hat:
das ist leider auch echt „fürstlich“. Solche Züge
erklären die zunehmende Entfremdung zwischen den Beiden, welche
einzig durch Goethe's wirklich fast übermenschliches
Gerechtigkeitsgefühl und durch jene „Demut“ (S. 174), die eine
Tragsäule seiner Kraft bildet, bis ans Ende überbrückt
wurde.
Anhangsweise möchte ich aufmerksam machen,
daß jenen Regeln
für Schauspieler, von denen wir viel und nicht immer
Günstiges hören, durchaus nicht die Würde einer
Schöpfung Goethe's zukommt, auch nicht die besondere Bedeutung,
die ihnen beigelegt zu werden pflegt. Denn erstens handelt es sich
nicht um eine Originalschrift, sondern um Aufzeichnungen zweier jungen
Leute, die mündlichen Unterricht bei Goethe genossen hatten und
von denen er sich viel später jene Aufzeichnungen zu eigener
Benachrichtigung erbat; und diese Niederschriften wurden nun, wiederum
viele Jahre später, von Eckermann, nicht von Goethe, redigiert und
in die Paragraphenform gebracht, die uns heute bekannt ist, wobei
Eckermann so stark veränderte, daß von den
Originalaufzeichnungen oft wenig wörtlich blieb. Nichts spricht
dafür, daß Goethe diese Bearbeitung Eckermann's, wenn sie
auch mit seiner Zustimmung geschah, jemals geprüft habe;
jedenfalls nahm er sie nicht in seine Schriften auf, sondern das tat
erst Eckermann nach seinem Tode. Außerdem muß aber
folgender Umstand wohl beachtet werden. Die zwei jungen Leute, die den
betreffenden Unterricht erhielten, hatten alle beide noch nie auf einer
Bühne gestanden; sie trafen in Weimar ein, um sich bei Goethe Rat
zu holen, in einem Augenblick, wo die Truppe an anderem Orte spielte;
und da Goethe zufällig gerade „Zeit und Humor hatte“ und von
beiden Gutes augurierte, nahm er sich vor, sie „ehe jene
zurückkämen, auf einen gewissen Punkt zu bringen“; wie Goethe
selber später erzählt, es handelte sich um das erste
Buchstabieren, das a b, ab,
für junge Leute, denen die allerersten
Elemente der Bühnenkunst noch fremd waren, die auf den Brettern
weder zu stehen, zu gehen noch zu reden gewußt hätten. Bald
kam die Gesellschaft zurück, und „nun mußte alles praktisch
werden“. Goethe's Verständigung mit den jungen Leuten über
„die einfachsten Elemente der Kunst“, aus welcher er selber
„klärer über ein Geschäft
250 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
ward, dem er sich bisher
instinktmäßig hingegeben hatte“,
scheint gute Früchte getragen zu haben: der eine wurde der
berühmte Schauspieler Pius Alexander Wolff, der andere, Karl Franz
Grüner, wurde Theaterdirektor in Wien. Es ist aber
lächerlich, gerade diese „einfachsten Elemente“ als Inbegriff von
Goethe's Bühnenweisheit hinzustellen, und ebenso perfid wie
verständnislos, sich darüber lustig zu machen. Wer die
Entstehungsgeschichte dieses Opusculums kennt, wird vielmehr Goethe's
gewissenhafte Sorgfalt bewundern; auch die praktische Ader, jeden
Unterricht ab ovo anzuheben.
Nach dem geschilderten Verlauf seiner
Bühnendirektion bleibt es
erstaunlich, wie viel Vortreffliches unter ihm geleistet wurde, so
Vortreffliches, daß der Ruf davon durch ganz Europa drang und
Reichhardt während des ersten Kaiserreichs in der Comédie
française von dem Theater zu Weimar als von einer
Neugeburt
antiker Tragödie reden hörte. Noch 1814, als Goethe's
Wirksamkeit schon sehr eingeschränkt war, erzählt ein
feinster, vielgereister Kenner, Rochlitz, er habe niemals etwas
Vollendeteres auf der Bühne gesehen als Götz in Weimar. Zu
Grunde liegt natürlich der tiefe Blick, den Goethe in das Wesen
aller Kunst tat; dazu kam aber jene praktische Weisheit, die ihn zu
jedem Menschentum das richtige Verhältnis finden ließ. „Das
Theaterwesen“, schreibt er, „ist ein Geschäft, das vorzüglich
mit Großheit behandelt sein will; eben weil es fast aus lauter
Kleinheiten besteht, von denen zuletzt eine große Wirkung
gefordert wird.“ Gelang es ihm auch nicht, das Theater, wie er es sich
vorgenommen hatte, durch anhaltende gleichzeitige Bildung der
Darsteller und des Publikums von Grund aus aufzubauen: er konnte
wenigstens einiges nach dieser Richtung hin bewirken durch die
Vorführung des wahrhaft Bedeutenden und durch die unnachsichtige
Abweisung des Gemeinen. Die Grundüberzeugung ist
diese: b e i d e müssen erst zur Kunst
erzogen werden, die Zuschauer und die Darsteller. „Der Liebhaber sucht
nur einen allgemeinen, unbestimmten Genuß; das Kunstwerk soll ihm
ungefähr wie ein Naturwerk behagen, und die Menschen glauben, die
Organe, ein Kunstwerk zu genießen, bildeten sich ebenso von
selbst aus, wie die Zunge und der Gaum, man urteile über ein
Kunstwerk wie über eine Speise; sie begreifen nicht, was für
einer anderen Kultur es bedarf, um sich zum wahren Kunstgenusse zu
erheben.“ Einmal über das andere
251 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
führt Goethe aus, die
Unfähigkeit des Publikums sei es, was
das Aufkommen einer wahren Theaterkunst in Deutschland unmöglich
mache. Selbst die edleren „Freunde der Bühne“ arbeiten der
Mittelmäßigkeit in die Hände, indem sie das Theater
„für eine sittliche Anstalt ausgeben“ und behaupten, „es
könne lehren und bessern und also dem Staat und der Gesellschaft
unmittelbar nutzen“, wohingegen das Theater in Wirklichkeit nur dann
Kulturwert besitzt, wenn es einer wahren K u n s
t zum Dasein verhilft,
wozu Bedingung ist, daß es „eigentlich nur der höheren
Sinnlichkeit gewidmet“ bleibe. In einem seiner Prologe gibt Goethe als
mögliche Ergebnisse eines bewußt in diesem Sinne geleiteten
Theaters an: die Verbreitung des „Geschmacks“, die wachsende Sicherheit
des „Urteils“, die Belebung zum Tageswerk, die allmähliche
„Erweiterung“ von „Herz und Geist“. Die genaue Übereinstimmung mit
gewissen Grundüberzeugungen Richard Wagner's muß Jedem
auffallen. Ein derartig hinanerzogenes Publikum würde nun
beständig auf Dichter und Darsteller zurückwirken, indem es,
wie ein Epilog es ausführt, mit „heiterem“ Sinn und „freiem,
reinen Blick“ die künstlerische Leistung als Kunst „richte“. Was
dazu gehörte, einem solchen Ideal zum Dasein zu verhelfen, liegt
auf der Hand: die klar bewußte und zugleich mit Vollmacht
ausgerüstete vermittelnde Gewalt, die Gewalt, welche Darsteller
und Publikum zu edlem Wetteifer erzieht, damit eines am anderen, sowohl
was Ansprüche wie was Leistungen betrifft, höher und immer
höher sich steigere, der schöpferischen Kunst selbst immer
reinere Möglichkeiten darbietend, zu denen aller materielle
Fortschritt kein Jota beiträgt, wofür vielmehr einzig die
lebendige Empfindung und Erkenntnis der Form von Bedeutung sind. Ein
Goethe als Intendant eines Fürsten: die Gelegenheit war gegeben;
wahrscheinlich hätte kein Fürst sie zu ergreifen verstanden.
Wer sich aber die Mühe geben will, den Spielplan am Weimarer
Theater während Goethe's Direktion zu studieren, und ihn dann etwa
mit dem irgend eines der heutigen deutschen Hoftheater vergleicht, wird
bemerken, was sich machen läßt, sobald ein sittlich und
künstlerisch hochstehender Mann allen Theater- und Hoflumpereien
zum Trotz den Willen zum Guten entschlossen durchsetzt. „Am Gelingen
oder nicht Gelingen nach außen liegt g a r n i c h t
s“, schreibt Goethe an Schiller: die einzige Sprache,
würdig eines Man-
252 Drittes
Kapitel: Der praktisch
Tätige — Theaterleitung
nes in so verantwortlicher
Stellung, und die einzige, durch welche er
selber Würde erhält. Bemerkenswert ist namentlich Goethe's
Art, nie etwas zuzulassen, was geeignet wäre, hohe, ernste
Bestrebungen des Menschengeistes (z. B. Philosophie oder Wissenschaft)
„vor der Menge herabzusetzen“, überhaupt alles Mißwollende,
Verneinende, Schadenfrohe grundsätzlich auszuschließen. Und
wie er das Schlechte fernhielt, so zog er das Gute mit aller Macht
heran. Die Bedeutung des „Theaterdirektors“ Goethe für Schiller's
Schaffen wird sich wohl nie ermessen lassen. „Hier kam uns nun Schiller
vorzüglich zu Hülfe“, heißt es in den Annalen für
1797; „er stand im Begriff sich zu beschränken, dem Rohen,
Übertriebenen, Gigantischen zu entsagen; schon gelang ihm das
wahrhaft Große und dessen natürlicher Ausdruck.“ Im ersten
Kapitel sagte ich einige Worte darüber (S.
65). Was die Welt und
sein Fürst ihm selber verweigerten, Goethe — der praktisch
Tätige — brachte es mit aller Leidenschaft des wahrhaft Wissenden
dem großen Bühnendichter entgegen und ward so zum
Mitschöpfer seiner Werke.
—————
Letzte
Änderung
am 23. Oktober 2007