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Hereunder
follows the transcription of chapter 4 of Houston Stewart Chamberlain's
book Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich
1921. The 1st edition appeared in 1912.
Hieronder
volgt de transcriptie van hoofdstuk 4 van Houston Stewart Chamberlain's
boek Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann
A.-G.,
München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.
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253
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VIERTES
KAPITEL
DER
NATURERFORSCHER
—
Das
Genie in seiner höchsten Aus-
bildung fühlt sich selbst und ver-
kennt nicht seinen Wirkungskreis.
Goethe
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254
(Leere Seite)
255
Vorläufige
Verständigung
Für die Bezeichnung dieses
Kapitels habe ich ein besonderes
Wort geprägt; ich rede von Naturerforschung und nenne Goethe einen
Naturerforscher. Mir lag daran, zwei Verhältnisse, die zusammen
eine einzige Tatsache ausmachen, nachdrücklich hervorzuheben: in
einem gewissen Umfang gehört Goethe zu unseren Naturforschern,
zugleich aber unterscheidet er sich grundsätzlich von ihnen; die
Ähnlichkeit und die Unähnlichkeit, beide sollte das neue Wort
andeuten.
Nicht allein in der Auffassung des Poeten:
Sei es mein einziges
Glück, dich zu berühren, Natur!
sondern auch im rein „wissenschaftlichen“ Sinne war alles, was man
Studium der Natur nennen kann, ein lebenslängliches Bedürfnis
des Goetheschen Wesens. Darum bedurfte Goethe für diese Studien
der Anleitung und der Mitarbeiterschaft der Naturforscher von Fach
sowie des andauernden Gedankenaustausches mit ihnen. Der Stoff ist den
Naturforschern und ihm gemeinsam: es handelt sich bei Goethe nicht um
ästhetisch-poetische, den Stimmungen unterworfene
Natureindrücke, vielmehr um wissenschaftlich genau beobachtete
Tatsachenreihen. Auch das Ziel liegt für beide insofern in der
gleichen Richtung, als beiden eine Gestaltung dieses Wissens
vorschwebt. Das Wort Wissenschaft bedeutet „gestaltetes Wissen“; sobald
es im eigenen Sinne verwendet wird, liegt der Nachdruck auf der
Tätigkeit des unterscheidenden, ordnenden, zusammenfügenden,
auferbauenden Gestaltens. Nichtsdestoweniger ist es wichtiger, das
Unterscheidende eher als das Verwandtschaftliche in dem Gestalten des
Wissens zu betonen; ja, man darf behaupten: Keiner wird Goethe's
Leistungen auf diesem Gebiete, als solchen, gerecht werden, Keiner wird
die Bedeutung der Naturstudien in seinem Leben, zugleich ihre
mögliche Bedeutung für eine Kultur der Allgemeinheit richtig
ermessen, solange er sie kurzweg als Naturwissenschaft auffaßt
und sich bei unseren sogenannten „exakten Forschern“ ein
abschließendes Urteil über ihren Wert und Unwert holt. Wohl
ist Goethe's S t o f f der selbe wie der
unserer Naturforscher: er
erblickt ihn aber mit anderen Augen; wohl ist sein Z i e l
ein
analoges, nämlich Ge-
256 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
staltung: seine Auffassung von
„Gestalt“ unterscheidet sich aber so
sehr, daß sie gleichsam einer anderen Welt angehört,
weswegen Goethe mit der Zeit einsehen mußte, sein Ziel „bleibe
den Männern vom Fach unfaßlich, eben weil sie anders
denken“. Dazu kommt noch als Drittes die s i t t l i c h
e T r i e b f
e d e r zu diesen Studien, ein Punkt, den man nicht
übersehen darf
und in Bezug auf den Goethe in toto
von unseren Fachmännern
abweicht.
Einige Worte über diese drei — Stoff, Ziel,
Triebfeder — werden
genügen, damit wir das, was Goethe unterscheidet, in klaren
Umrissen vor Augen erblicken. Aus dieser vorläufigen
Verständigung gewinnen wir sofort einen festen Standpunkt, von wo
aus wir das weitere Studium mit einiger Zuversicht unternehmen
können.
Um mit der sittlichen Triebfeder zu beginnen: es ist
der Stolz der
reinen Wissenschaft, dem Wissen allein gewidmet zu sein,
unbekümmert, ob dieses Wissen nützt oder schadet,
fördert oder hemmt, und namentlich ohne jede Beachtung des
möglichen Rückpralls gegen alles, was Kultur des Gemütes
zu heißen verdient; wogegen Goethe's Liebe dem Menschen
gehört, als geistigem und sittlichem Wesen, und er Schritt
für Schritt sich die Frage vorlegt: was wirkt auf diesen
veredelnd, was nicht? In seinem vierzigsten Jahre schreibt er an einen
Freund: „Es ist mir sehr ernst in allem, was die großen ewigen
Verhältnisse der Natur betrifft“; und gerade in einer rein
naturwissenschaftlichen Schrift bekennt er sich zu der „wachsenden
Überzeugung: daß alles, was durch Menschen geschieht, in
ethischem Sinne betrachtet werden müsse“. Eben so wenig wie an
l'art pour l'art (eine Lehre,
die unter den Romantikern seiner Zeit
schon spukte) glaubt Goethe an die unantastbare Würde einer ihren
Zweck in sich selbst erblickenden Wissenschaft; dazu schätzt er
„den Wert des Lebens“ zu hoch und erkennt zu deutlich „den Unwert einer
überhäuften Empirie“. So viel vorderhand in aller
Flüchtigkeit über den sittlichen und erziehlichen Hintergrund.
Doch auch der Blick, den Goethe auf die Natur wirft
und der ihm zum
Einsammeln seines Stoffes dient, ist ein anderer als der der Fachleute.
Nicht, daß er ihre Leistungen verkennt, er behauptet aber, bei
diesen „Gildemeistern ... verstumpfen die Organe des Anschauens
völlig“, wenn nicht immer, so doch oft; er meint, über der
zum „Geschäft gewordenen Beschäftigung ging das Interesse an
der
257 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
eigentlichen Naturerscheinung
ganz verloren“; die Fachleute
„verunnaturen“ die Natur und bringen es so weit, daß man „vor
lauter Kram die Natur nicht mehr sieht“; ja, in einem Privatbrief macht
er sich mit dem Geständnis Luft: „Einem Gelehrten von Profession
traue ich zu, daß er seine fünf Sinne ableugnet.“ Diese
Sinne rein zu erhalten und „mit eigenen, frischen Augen zu sehen“: das
ist — was die Aufnahme der Naturphänomene anbetrifft — Goethe's
Hauptsorge. Darum sagt er (in einem schon im 2. Kapitel teilweise
angeführten Satze): „Es kommt jetzt besonders auf Ausbildung des
Subjektes an, daß es so r e i n u n
d t i e f a l s m ö g l i c
h d i e
G e g e n s t ä n d e e r g r e i f e und nicht
bei mittleren Vorstellungen stehen
bleibe, oder wohl gar sich mit gemeinen helfe.“ Bei Goethe lernt man
die Sätze Wort für Wort genau erwägen: so „rein“ als
möglich, so „tief“ als möglich. Über die
Bedeutungsfülle des Begriffes „rein“ bei Goethe war schon
wiederholt die Rede; das „tief“ aber deutet darauf hin, daß hier
die Reinheit allein nicht ausreicht; es wäre immerhin noch
möglich — und wir erfahren es täglich — rein zu sehen und
dennoch „bei mittleren Vorstellungen stehen zu bleiben“; zur Reinheit
muß die Tiefe hinzukommen, soll der Mensch es mit der Natur
aufnehmen; denn einzig „der erhöhte leidenschaftliche Sinn“ ist im
Stande, die Natur tief „zu erfassen“; und sein letztes Geheimnis
verrät Goethe erst dann, wenn er von einer „produktiven
Leidenschaft“ redet, die ihn bei seinen Naturstudien „treibe“. Also
rein, tief, erhöht, leidenschaftlich, produktiv: so denkt sich
Goethe die Aufnahme des Stoffes.
Auch hier habe ich nur vorläufig andeuten
wollen; das Nähere
wird sich erst aus genauerer Einsicht ergeben.
Noch gründlicher weicht Goethe's Ziel von dem
unserer
Fachmänner ab. Denn bedeutet auch das Wort Wissenschaft eine
„Gestaltung des Wissens“, so darf man ohne Ungerechtigkeit behaupten,
das Programm unserer exakten Wissenschaft laute: der Höchstzahl an
Tatsachen mit dem Mindestmaß an Gestaltung Herr werden; wogegen
Goethe die Überwindung der Tatsachenüberfülle durch ihre
vollkommene Umwandlung in erschaute Einheit der Gestalt erstrebt. Es
ist der Unterschied zwischen Schema und Architektonik. Da unserer
Wissenschaft — bewußt oder unbewußt — das Ideal einer
absoluten Wahrheit vorschwebt, einer Wahrheit, die da draußen,
258 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
d. h. außerhalb des
Menschenhirns mitten in der Atomenwüste
konkret da säße wie eine ägyptische Sphinx auf ihrem
Postament, so empfindet sie eine begreifliche Scheu vor konstruktiven
Hypothesen und haßt namentlich alle Symbolik. Was ihr aber an
Symbolik und Hypothetik für das Werk der Gestaltung unentbehrlich
ist, muß so abstrakt wie möglich sein; denn der Lebensnerv
aller exakten Wissenschaft ist die Mathematik, und diese kann nur
Quantität handhaben, nicht Qualität, für welche sie ohne
jegliches Organ ist, also nur Zahl und Maß, nicht Eigenschaft.
„Die Naturwissenschaft ist durchgängig eine entweder reine oder
angewandte Bewegungslehre“, belehrt uns Kant. Ein leerer Raum und darin
Bewegung, nicht aber Bewegung von Etwas, sondern Bewegung von Nichts,
nicht einmal von Atomen, sondern nur von mathematischen Punkten ohne
Ausdehnung: dies ist das letzte Ziel aller Zweige unserer
Wissenschaften. * Einige Disziplinen
haben dieses „Ziel aufs innigste zu
wünschen“ schon so ziemlich erreicht, für die anderen
bedeutet es ein Ideal, nach dem gestrebt werden muß. Goethe's
Ideal unterscheidet sich in allen Stücken. Unsere
Fachwissenschaft, meint er, befindet sich in einem Wahne, indem sie
„darauf ausgeht, sich an die Stelle der Natur zu setzen“, wodurch sie
„nach und nach so unbegreiflich als diese selbst wird“. Darum
„müssen die Phänomene ein für allemal aus der
düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen Marterkammer“ unserer
Wissenschaft erlöst werden. An ein absolutes Wissen glaubt Goethe
nicht; dazu ist er ein zu tiefer Denker; er weiß, daß wir
„doch immer im Felde des Unbegreiflichen und Unaussprechlichen
herumwandern“; mit vollem Bewußtsein geht er darauf aus, den
Wissensstoff so zu gestalten, wie es ihm geeignet dünkt, nicht,
immer mehr tote Tatsachen schematisch einzureihen, sondern
Geisteskultur zu bereichern, zu vermannigfaltigen, zu verbreiten; hier,
in diesem Ideal, erblickt er die lebendige Wahrheit, nicht dort, in
jenem Idol.
Was fruchtbar ist, allein ist
wahr!
Ohne Umschweife spricht er es aus: „Wir müssen uns die
Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgend eine
Art von Ganzheit erwarten.“ Wissenschaft ist eben, wie an der selben
Stelle ausgeführt wird und wie wir es alle Tage deutlicher
erkennen, grenzenlos, Kunst dagegen ist diejenige Fähigkeit des
Menschen, ver-
259 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
mittelst welcher er grenzend
abschließt und im Einzelnen das
Ganze erkennen lernt. Dazu muß aber in erster Reihe die
Grundfrage aller unserer exakten Wissenschaft — die nach dem Warum? —
abgewiesen werden, ebenso streng abgewiesen wie die der Theologen nach
dem Wozu? Reines Anschauen fragt nur W a s?
„Hier wird nicht nach
Ursachen gefragt, sondern nach Bedingungen, unter welchen die
Phänomene erscheinen.“ Denn das Warum entspringt einer logischen
Erwägung und verzerrt notwendig die reine Anschauung, indem es sie
anthropomorphisiert, das heißt, im schlechten Sinne vermenscht.
Der Begriff von Ursache und Wirkung „wird in der Anwendung die
Veranlassung zu unzähligen sich immer wiederholenden
Irrtümern“. Wir müssen lernen, dieser zur Gewohnheit
gewordenen Gedankenrichtung zu entsagen, „die Phänomene freier zu
sehen“; unser Anschauen m u ß „gereinigt
werden“; „zur Naturbeobachtung gehört eine gewisse
ruhige R e i n h e i t d e s I n n
e r n“. Von den mathematisch-mechanischen Hypothesen der
Wissenschaft heißt es: „sie hindern alle das Wiederbeschauen, das
Betrachten der Gegenstände, der fraglichen Erscheinungen von allen
Seiten“; wir lernen durch sie viel denken, alles berechnen, verlernen
aber das eigentliche Sehen. Wohingegen Goethe im Gegensatz zu dieser
Geistesrichtung unserer Wissenschaft „sein Heil nur in der Anschauung
findet“ und sich im ausdrücklichen Gegensatz zu den
Naturforschern, „die von unten hinauf leiten wollen“, einen
„Naturschauer“ nennt, „in der Mitte stehend“. Von wissenschaftlichen
Hypothesen will er nur solche gelten lassen, welche die Probleme „dahin
versetzen, wo das Beschauen erleichtert wird“; denn das Ziel ist, „das
Ganze i n d e r A n s c h a u u n g
gewissermaßen zu beherrschen“ (nicht
also in der Berechnung). Zu diesem inkräftigen Erschauen
gehört nun als unerläßliche Bedingung das einzig mit
Hilfe des Verstandes durchführbare Vereinfachen. „Der Mensch
muß die Erscheinungen alle erst bändigen und modifizieren,
um sie sich einigermaßen assimilieren zu können“; dann erst
gelingt es, „das sonst Undarstellbare in ihm darzustellen“. Es gilt
einen Kampf gegen die „millionfache Hydra der Empirie“, gegen die
Gefahr des Sichverlierens „in den Minutien des grenzenlos
Mannigfaltigen“. „Alle Bemühung geht einwärts und
Simplifikation ist der Zweck“, schreibt Goethe in der Zeit seiner
ersten eingehenden Studien der Natur; später berichtet er, er
könne
260 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
nicht ruhen, bis „alles aufs
Einfachste zurückgebracht ist.“ Dann
erst, wenn das Auge gereinigt, befreit, geübt, wenn auch das von
ihm Erschaute vermittelst der das Beschauen erleichternden Begriffe
möglichst vereinfacht worden ist, dann tritt das tätige
Anschauen in sein Recht und g e s t a l t e t.
„Einbildungskraft und Natur
scheinen hier miteinander zu wetteifern.“ Auf dieser Stufe
unterscheidet dann Goethe einen „höheren Sinn“ von dem bisher
allein tätigen „empirischen Sinne“; die „exakte sinnliche
Phantasie“ wird herbeigerufen, jene „plastische Imagination“, die der
bahnbrechende Physiologe des 19. Jahrhunderts Johann Müller als
unvergleichlich bei Goethe preist, und es gilt nunmehr der Grundsatz:
„Auf diesen höheren Stufen kann man nicht w i s s e n,
sondern man
muß t u n.“
Hiermit ist aber der Wendepunkt bezeichnet; denn
sobald der Mensch
nicht länger nur Buch führt und berechnet, nur beobachtet und
verkettet, sondern selbstherrlich schafft und gestaltet, da befinden
wir uns in einem Bereich, wo einzig Genie — mit anderen Worten der
Mensch, der über geniale Befähigung verfügt und
insoweit er über geniale Befähigung verfügt — das Recht
hat, zu reden, oder wenigstens den Anspruch erheben darf, gehört
zu werden. Und da tut sich uns denn plötzlich die Erkenntnis auf,
daß Goethe's Verhalten sowohl der Natur wie der Menschheit
gegenüber trotz der vielen gemeinsamen Interessen in Wirklichkeit
nicht bloß im Einzelnen, sondern durchweg von demjenigen unserer
Naturforschung abweicht: denn dieser ist die geniale Wirkungsweise
geradezu verboten, wogegen die Berechtigung zu Goethe's Verfahren in
ihr wurzelt. Der erstaunliche Aufschwung unserer exakten Wissenschaft
sowie der ihr allernächst verschwisterten Technik im Laufe des 19.
Jahrhunderts ist nicht zum wenigsten der Tatsache zu verdanken,
daß gerade mittlere Begabungen hier am Platze sind. Mangel an
philosophischer und künstlerischer Beanlagung, willige
Einschränkung auf den Bruchteil eines Bruchteils (im Gegensatz zu
Goethe's Ideal eines „Wissens, das ins Ganze strebt“), hingegebene
Emsigkeit: das sind die besten Bedingungen zur Mitarbeit an dem
gemeinsamen Werke des Aufdeckens und Aufstapelns von Tatsachen.
Tausenden den Weg zu weisen, genügt eine sehr kleine Anzahl
größerer Begabungen; sobald ihrer zu viele sind, entsteht
Verwirrung, und der Instinkt der Kollektivität schafft Hilfe,
indem er die Bedeutenderen
261 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
bei Seite schiebt. „Bei uns
Gelehrten kommt es nunmehr viel weniger auf
die Gehirnwindungen an als auf das Sitzfleisch“, sagte mir in den
achtziger Jahren ein Mediziner und Naturforscher, der in seinem Fache
und als Hochschullehrer Vorzügliches geleistet hat. Selbst die
wenigen Naturforscher von unbestreitbar genialen Geistesgaben, denen es
gelang, sich gegen das Heer der sieghaften Mittelmäßigkeit
durchzusetzen — ein Cuvier, ein Agassiz, ein Clerk Maxwell — ragen in
der Geschichte der Wissenschaften nicht in dem Maße hervor, wie
man es nach ihrer unvergleichlichen Geistesleistung erwarten sollte;
ihre genialen Gedanken werden auf die mittlere Wasserebene
heruntergedrückt, ehe ihnen die offizielle Naturkunde Aufnahme
gestattet. Ich bin weit entfernt, die exakte Forschung deswegen
geringer zu schätzen; es leitet sie der richtige Instinkt, die
Natur selbst zu Worte kommen zu lassen im Gegensatz zum einzelnen, wenn
auch noch so begabten, der Natur gegenüber nichtsdestoweniger
unzulänglichen Hirn; welchen reichen Lohn solche weise
Verzichtleistung mit sich führt, das haben die letzten drei
Jahrhunderte gelehrt; doch wäre es töricht, die hier
tyrannisch waltende Einschränkung nicht gewahr zu werden. Goethe,
der mit rührender Dankbarkeit jedes kleinste Verdienst eines
Fachmannes um seine Kenntnisse der Naturphänomene rühmt, war
doch anfänglich erschrocken, als er auf diesen „Starrsinn“
stieß, den er nicht geahnt hatte. „O, mein Freund! w
e r sind die
Gelehrten! und w a s sind sie!“ ruft er in
frühen Jahren aus; und
später: „Man glaubt nicht, wie viel Totes und Tötendes in den
Wissenschaften ist, bis man mit Ernst und Trieb selbst hineinkommt, und
durchaus scheint mir die eigentlichen wissenschaftlichen Menschen mehr
ein sophistischer als ein wahrheitsliebender Geist zu beleben.“ Nach
und nach gewann er einen tieferen Einblick in „die Beschränktheit
der wissenschaftlichen Gilden“ und in ihren „Handwerkssinn“, und konnte
er auch nicht umhin, gegen den von der Wissenschaft großgezogenen
„Obskurantismus mit einem gewissen Unwillen zu verfahren“, der „selbst
gesunden Blicken den reinen Tag und die Fruchtbarkeit des Wahren zu
verkümmern beschäftigt ist“, wettert er auch hin und wieder
gegen „das Pfaffentum, das die Herren errichten“ und mit dem „sie uns
aufdringen wollen, was sie selbst nicht wissen, vielleicht nicht einmal
glauben“, so tritt doch nach und nach die Beruhigung einer Einsicht
ein: er erkennt die
262 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
Notwendigkeit, dieser
großen, einer Naturgewalt gleichen Bewegung
der nüchternen, strengen, demokratisch farblosen Forschung ihren
Lauf zu lassen. Nur darf die noch heute unter uns so viel berufene
„allgemeine Übereinstimmung der Forscher“ sich nie mehr
anmaßen, ihm imponieren zu wollen; er weiß, wie
„herdenmäßig“ es hier zugeht und daß infolgedessen
„ein rein fortschreitender, das Problem ehrender Menschenverstand
allein steht, eh' er sich's versieht“. Da auch ich mit diesen
Ausführungen über Art und Bedeutung von Goethe's
Naturansichten allein stehe und man auch meiner Darstellung das „Urteil
der Wissenschaft“ entgegenhalten wird, als handle es sich um den Spruch
einer obersten Behörde, von der es keine Berufung mehr gebe, so
schalte ich hier einen längeren Ausspruch ein, den ich der
Beachtung jedes ernsten, freien Lesers empfehle: „Das Schrecklichste,
was man hören muß, ist die wiederholte Versicherung: die
sämtlichen Naturforscher seien hierin der selben Überzeugung.
Wer aber die Menschen kennt, der weiß, wie das zugeht: gute,
tüchtige, kühne Köpfe putzen durch Wahrscheinlichkeiten
eine solche Meinung heraus; sie machen sich Anhänger und
Schüler, eine solche Masse gewinnt eine literarische Gewalt, man
steigert die Meinung, übertreibt sie und führt sie mit einer
gewissen leidenschaftlichen Bewegung durch. Hundert und aber Hundert
wohldenkende, vernünftige Männer, die in andern Fächern
arbeiten, die auch ihren Kreis wollen lebendig, wirksam, geehrt und
respektiert sehen, was haben sie Bessers und Klügers zu tun als
jenen ihr Feld zu lassen und ihre Zustimmung zu dem zu geben, was sie
nichts angeht. Das heißt man alsdann: allgemeine
Übereinstimmung der Forscher. — Ich habe dieses, was ich hier
sage, in Concreto an ganz würdigen Männern gesehen; ihre
Sache war: im Felde der Naturlehre ihr Fach, ihr Geschäft, ihre
Erfahrungen und Wissen zu innigen, zu isolieren, zu
vervollständigen und durchzuarbeiten. Hier waren sie vortrefflich,
durch Unterscheiden und Ordnen belehrend, ihr Urteil sicher, genug,
höchst schätzenswert. In andern Fächern aber waren sie
ganz gemein. Was der Tag hatte, was der Tag brachte, was allenfalls in
Kompendien und Zeitschriften stand, das wußten sie, das billigten
sie; nahmen aber auch nicht den geringsten weiteren Teil daran.“
Dem gegenüber ersteht nun von neuem das Prinzip
des genial
Schöpferischen. An reiner Anschauung der Natur so reich wie nur
263 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
irgend ein
zuhöchstbegabter Fachmann, an historischer Kenntnis und
Einsicht, somit namentlich an Urteil über Wesen und Bedürfnis
des Menschengeistes ihnen allen weit überlegen, fordert Goethe im
Namen dieses Prinzips sein Recht, die Wissenschaft als Kunst zu denken,
die „grenzenlose Empirie“ zu durchsichtiger Klarheit zu gestalten — und
zwar nicht für sich allein, denn da bedürfte es keiner
Erlaubnis — sondern sein Recht gehört zu werden, sein Recht, die
gefährdete Kultur aus den Klauen der „atomistischen
Beschränktheit“ zu erretten, sein Recht, die Natur wieder
schön, übersichtlich, faßlich zu gestalten, sein Recht,
die edle, klassische Freiheit gegen die barbarische Neoscholastik der
Schulen zu verfechten und sittliche Größe und
schöpferische Begabung höher zu stellen als die
alleinseligmachenden Lehren der Herren Physiker und Chemiker und als
die maschinellen Triumphe, die weder in Herz noch Hirn einen Funken
schlagen, kurz, das Recht des Genies, das Recht, das die mächtige
Gilde — „ein anderes Papsttum“, wie sie Goethe nennt — ihm durch jede
Gewalt und Tücke zu schmälern sucht und für das wir
heute noch nach hundert Jahren kämpfen müssen, heute, wo die
neueste Taktik des Unverstandes darin besteht, den so lange von der
exakten Wissenschaft anathematisierten Goethe auf die Ebene der
nichtigen Tagesmeinungen herabzuziehen, ihn freundlich patronisierend
zu einem „Vorläufer Darwins“ zu stempeln, seine Farbenlehre als
„nützlich für Künstler“ passieren zu lassen, und was es
sonst noch alles an empörenden Plattheiten gibt. Was diesem
erhabenen Geist aufgegangen war, worauf er fünfzig Jahre seines
Lebens und seiner Leidenschaft verwendet hat, das ist die Einsicht in
ein Neues, in ein Nochnieversuchtes, die Einsicht in eine „Art die
Gegenstände der Natur anzusehen und zu behandeln“, die er
ausdrücklich als derjenigen unserer heutigen Fachwissenschaft
„entgegengesetzt“ und als ein „Loswerden trivialer Vorstellungen und
Begriffe“ bezeichnet. Einzig an Plato weiß er anzuknüpfen,
„um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und
Verwickelung der modernen Naturlehre ins Einfache zu retten“. Nun
heißt es aber, den Weg wandeln, den Plato wies. Als Genie hatte
Plato gestaltet, und es ist nicht genug, wenn man sagt, er sei seiner
Zeit um Jahrhunderte vorausgeeilt, vielmehr ist er aller Zeit
vorausgeeilt; ein solcher Geist steht außerhalb der Zeit und
befruchtet alle Zeiten, wenngleich er
264 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
von keiner einzigen
erschöpfend verstanden wird; ebenso erging es
Goethe, dem Naturerforscher, und wird es ihm in der
heranstürmenden Zukunft ergehen. Völlig naiv hatte er seinen
Weg angetreten; er selber war der Erste, der über das Neue
staunte; 1786 schreibt er über seine botanischen Studien: „Ich bin
so zu sagen über die Mauer gestiegen; so komme ich von neuen
Seiten und auf sonderbaren Wegen zur Erkenntnis“; bald darauf wurde ihm
klar, daß er in dieser „Wendung gegen die Natur, zu der er aus
eigenstem Trieb auf die individuellste Weise hingelenkt worden“, „weder
Meister noch Gesellen finde und selbst für alles stehen
müsse“. Noch ehe er das fünfzigste Jahr erreicht hatte,
begann des Rätsels Lösung ihm deutlich aufzudämmern,
zugleich die Erklärung des tragischen Seelenkampfes, in den seine
„Wendung gegen die Natur“ ihn verwickelt hatte. Dafür zeugt das
folgende Wort, das zu den gewichtigsten gehört, die je seinem
Munde entflossen: „Sind wir im Stande, mit dem Komplex von
Geisteskräften, den man Genie zu nennen pflegt, dem gewissen und
unzweideutigen Genie der hervorbringenden Natur entgegen zu dringen, so
müßte denn doch etwas entstehen, dessen wir uns als Menschen
zu erfreuen hätten.“ Mit diesem Satz ist alles ausgesprochen:
Ziel, Methode, sittlicher Zweck. Wohl nur halb bewußt hat Goethe
an dieser einen Stelle das Geheimnis entschlüpfen lassen: zu der
von ihm erträumten Naturauffassung und Naturdarstellung
gehöre Genie! „Es wird, wenn Sie wollen, eigentlich die Welt des
Auges ... und alles Raisonnement verwandelt sich in eine Art von
Darstellung“, schreibt er in dem selben Jahre 1796 an Schiller. Hier
sehen wir bis in die innersten Gedankenbewegungen des
schöpferischen Geistes: statt der unfruchtbaren
Kausalitätsjägerei, die zuletzt zu phantastisch-nichtigen
Weltentstehungserklärungen entartet, eine S c h u l
e d e s S e h
e n s, bis daß wir die Gegenstände „im Geiste wieder
hervorbringen können“ und sie daher zu gleicher Zeit „im
eigentlichen und im höheren Sinne anschauen.“ Das ist die Tat, die
vorhin an Stelle des Wissens gefordert wurde; das Sichhinaufringen zu
einem „höheren Anschauen“; das ist Wissenschaft, als Kunst zu
„Ganzheit“ und „Einheit“ zusammengefaßt; das ist, was uns nicht
allein als Fachgelehrten, sondern „als Menschen“ Freude schenken kann,
was uns nicht allein Technik und Tatsachenkram spendet, sondern Kultur
des Geistes und des Herzens.
265 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
Nun
muß ich aber nachtragen, daß ich in jenem oben
angeführten unsterblichen Ausspruch über das Genie, das dem
Genie entgegendringt, zwei eingeschobene Sätzchen ausgelassen
habe; ich tat es, um den Sinn des Hauptsatzes zusammengedrängter
wirken zu lassen und auch weil jedes dieser Einschiebsel einen
Gedankengang andeutet, der Erläuterungen benötigt; das eine
bringt eine unentbehrliche Aufklärung über die Methode dieses
genialen Verfahrens, das andere deckt den Ursprung mancher Illusionen
und Enttäuschungen Goethe's auf. Nach den Worten über „den
Komplex von Geisteskräften, den man Genie zu nennen pflegt“, lesen
wir: „der aber oft sehr zweideutige Wirkungen hervorbringt“. Hiermit
weist Goethe — wie an Dutzenden anderer Stellen — alles arrogante
Geniegebaren von sich; er haßt die angeblich „höhere ideelle
Behandlung“, die das Wirkliche geringschätzt und „durch ein
Transscendieren und Mysticisieren, wo das Hohle vom Gehaltvollen nicht
mehr zu unterscheiden ist“, schließlich dahinführt, wo alles
„sich in Traum und Nebel verschweben muß“; zu dem großen
Werk, das er sich vorgesetzt hat, gehört die ausführliche,
genaue Kenntnis der Phänomene; als erste Forderung bei jedem
Versuch, Natur zu gestalten, nennt er: „die Erscheinungen selbst
vollständig kennen zu lernen“. Erzeugt die Beschränkung in
ein Fach „Starrsinn“ (S. 261), so ist der
entgegengesetzte Fehler — das
Dilettieren über Naturgegenstände — noch mehr zu
fürchten: „Das Unzulängliche widerstrebt mehr als man
glauben sollte dem Auslangenden.“ Wir besitzen das Zeugnis von Camper,
Johannes Müller, Alexander von Humboldt, Geoffroy Saint-Hilaire,
Schleiden, Helmholtz, Virchow, Ferdinand Cohn, Wiesner und anderen
Meistern unter den Fachmännern, daß Goethe's Beobachtungen,
Experimente, Darstellungen in verschiedenen Teilgebieten der Tier- und
Pflanzenkunde, der Physik, Geologie, Meteorologie, die er zur
näheren Bearbeitung erwählte, erstaunlich ausführlich,
erfindungsreich, genau, unwiderleglich sind; völlig berechtigt ist
er, sich in dieser Beziehung zu den Naturforschern von Fach zu rechnen
und bewußt auszurufen: „Wir Empiriker und Realisten!“ Dies ein
für allemal festzustellen, ist wichtig: Goethe fordert zwar
für sein besonderes Werk die geniale „Gemütsanlage“ (wie Kant
sich ausdrückt), er weist aber die „oft sehr zweideutigen
Wirkungen“ des nicht genügend unterrichten Genies von
266 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
sich. — Der zweite Relativsatz
ist vor dem Schlußpassus „so
müßte denn doch etwas entstehen“ eingeschaltet und lautet:
„könnten Mehrere in Einem Sinne auf den ungeheuren Gegenstand
loswirken“. Goethe erkennt die Unmöglichkeit, daß ein
Einzelner „die Erscheinungen selbst vollständig kennen lerne“,
sobald nämlich diese Forderung sämtliche Gebiete der
Naturerscheinungen umfassen soll; wie wir im Laufe dieses Kapitels
sehen werden, er selber hat sich aus jeder wissenschaftlichen Disziplin
nur einen beschränkten Bruchteil ausgewählt und es dadurch in
diesem zur Meisterschaft gebracht; es müßten also Mehrere
sich verbinden, Mehrere, von denen Jeder das Genie eines Goethe zur
Erfassung der Natur besäße: dann erst könnte jene
vollendete künstlerische Vereinheitlichung und Durchgestaltung
unseres gesamten Wissens über die Natur gelingen, die ihm
vorschwebte, jenes „Etwas, dessen wir uns als Menschen zu erfreuen
hätten.“ Ich weiß nicht, ob der Leser sich einer kurzen
Ausführung in unserer Einleitung erinnert, in welcher es von
Richard Wagner hieß: „Was er von sich fordert, es scheint
unmöglich, und dennoch, das Genie in ihm leistet es; was er von
der ihn umgebenden Welt fordert, ist (wohlbetrachtet) nichts weniger,
als daß sie ebenfalls Genie besitzen solle, und das ist eine
unerfüllbare Zumutung.“ Hier finden wir nun Goethe in genau der
selben Lage. Daß es „jenes Komplexes von Geisteskräften, den
man Genie zu nennen pflegt“, bedürfe, um „die millionfache Hydra
der Empirie“, nämlich unsere mathematisch-mechanische
Wissenschaft, in „die Welt des Auges“ umzuzaubern, das sagt Goethe
ausdrücklich; im selben Augenblicke aber fordert er „Mehrere, die
in Einem Sinne auf den ungeheuren Gegenstand loswirken“, also ein
Unmögliches; denn nicht nur kommt der Besitz wahrhafter
Genialität selten vor, sondern es ist aussichtslos, Genie gerade
in dem Heer der naturwissenschaftlich Geschulten erhoffen zu wollen,
deren Beschäftigung die grundsätzliche und wohlberechtigte
Negation der genialen Gemütslage bedeutet; außerdem wird
fast jede echt schöpferische Kraft dem gebieterischen Drange zur
Gestaltung ungestüm folgen; wann also dürfen wir auch
nur e i
n e n Mann erwarten, der — außer der genialen Begabung —
in dem
selben Maße wie Goethe die beharrliche Geduld der
Selbstüberwindung besitzt, vorerst unzählige Tatsachen
ausführlich genau kennen zu lernen? Selbst dieser Eine mußte
trotz seiner vorzüglichen
267 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
Leistungen in der empirischen
Beobachtung gerade an diesem Punkte eine
Schwäche seiner geistigen Rüstung zugestehen: er nennt es
„den Widerspruch zwischen seiner Natur und der unmittelbaren
Erfahrung“; er gesteht: „Die Beobachtung des Einzelnen war niemals
meine Stärke“, und: „Mir graut vor der empirischen Weltbreite.“
Einzig die Glut der Begeisterung hat ihm die Kraft verliehen, Tausende
von physikalischen Experimenten anzustellen, Tausende von Beobachtungen
über Steine und Lebensgestalten treu zu sammeln; und nicht der
dumpfe Rausch eines Wissenwollens um des Wissens willen, sondern
vielmehr der unwiderstehliche Drang, aus der Fülle der von der
exakten Forschung neu entdeckten Phänomene einen neuen Kosmos zu
gestalten, den Menschen zur Freude, den Menschen zur Errettung aus dem
Chaos, dem sie im Begriffe sind zu verfallen: das war es, was ihn
hierbei und hierzu beseelte. Woher sollen denn die „mehreren“ Goethes
kommen? Vielmehr glaube ich, das Werk — auch das naturgestaltende,
welches nicht weniger gewaltig ist als irgend ein Größtes,
was er sonst geschaffen — ich glaube, das Werk dieses Weltengenius wird
wie das der anderen Zuhöchstbegabten einsam emporragen, ein
Bruchstück und doch vollendet, eine Schöpfung, an die Keiner
heranzukommen vermag, um sie zu vervollständigen. „Nur ein Bild
des eigenen Geistes“ heißt es in einer von ihm selbst
niedergeschriebenen Aufzeichnung über seine Bestrebungen, unser
Wissen von der Natur zu gestalten, „aber nicht bloß des leer
wirkenden, imaginativen, (sondern) des ausgearbeiteten, gefühlten,
bearbeitenden und bearbeiteten.“ Nirgends, ist Goethe unbewußter,
mehr notgedrungen zu Werke gegangen als bei seinen Naturstudien; er
berichtet darüber: „Es ging mir mit diesen Entwicklungen
natürlicher Phänomene wie mit Gedichten; ich machte sie
nicht, sie machten mich.“ Nicht Carlyle allein, auch Andere haben
über die unheimliche Klarheit geschaudert, die Schiller und Goethe
zur Zeit ihrer Gemeinsamkeit in ihr poetisches Wirken zu bringen
suchten, als wollten sie sich wissenschaftliche Rechenschaft über
jede Regung der Schöpferkraft ertrotzen; dagegen stürmte, vom
Dämonium getrieben, Goethe in seine selbsterfundene Pflicht, die
entseelte, in Atome zerschlagene, der Schönheit beraubte Natur zu
neuem Leben zu wecken, indem er Bezüge aufdeckte — „Bezüge
sind das Leben“ — Organisation schuf, in das Vielfältige
268 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
Einheit hauchte, uns Allen
„die ideelle Denkweise“ (wie er sie im
ausdrücklichen Gegensatz zum „bloßen Beobachten“ nennt)
vertraut machte, hiermit das „reine Phänomen“ an Stelle des
„wissenschaftlichen Phänomens“ setzte und uns „im
Vorübergehenden das Ewige schauen ließ“.
Somit hoffe ich, mit aller wünschenswerten
Deutlichkeit
dargestellt zu haben, inwiefern Goethe zu unserer fachmännisch
betriebenen Naturforschung gehört, inwiefern nicht. Für den
tiefer Schauenden habe ich zugleich auch die Schranken bezeichnet, die
diesem Wirken gezogen sind. Aus dem vorerwähnten Satze entnahmen
wir eine Unterscheidung zwischen dem Genie „als Genie“ und dem Genie
„als nicht Genie“; und in der Tat, ein Mensch, der ganz Genie
wäre, wäre eine des Daseins unfähige
Ungeheuerlichkeit ¹). Wir haben also damit zu rechnen, daß
der
geniale Mann nicht überall, nicht immer, und nicht immer im
gleichen Maße als Genie wirken wird. Wozu aber noch eine tiefere
Erwägung kommt. Denn im Genialen tritt — wie wir seit Kant wissen
— eine unpersönliche Kraft in die Erscheinung, eine Kraft, die
sich besonders beanlagter Individuen bedient, um zum Durchbruch zu
gelangen, wobei aber ein Zwiespalt zwischen dem Persönlichen und
dem Überpersönlichen, zwischen der Beschränkung des
begabtesten Einzelnen und dem „gewissen und unzweideutigen Genie der
hervorbringenden Natur“ unausbleiblich ist, so daß die genial
wirkenden Männer geradezu „privilegiert sind“, Fehler zu begehen
und „Mißgestalten“ an ihrem Werke zu dulden, deren Entfernung
„die Idee schwächen“ würde. Unverzeihlich ist die
nüchterne Exaktheit, wenn sie Falsches lehrt; denn zu ihrem Wesen
gehört es, unbegrenzt zu sein und das heißt, in lauter
Fragezeichen auszulaufen; wohingegen scharfgezogene Umrisse eine
Bedingung jedes genialen Werkes ausmachen und gerade auf dieser
willkürlich-unwillkürlich grenzenden Linie der Gegensatz des
Persönlich-Überpersönlichen, des Zeitlich-Zeitlosen, des
Künstlerisch-Naturwahren Ausdruck gewinnt; das muß auch bei
Goethe's Naturerforschen zutreffen.“ *
Bezeichne ich nun Goethe's besondere Art, sich der
Natur gegenüber
schaffend und gestaltend zu verhalten, mit dem Namen „Natur-
—————
¹) Näheres über Goethe's
Auffassung des Begriffes „Genie“
findet der Leser im sechsten Kapitel,
Abschnitt „Monade,
Gemeinsamkeit“.
269 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
erforschen“, so beabsichtige
ich, durch den Klang die Verwandtschaft zu
betonen, die in wichtigen Beziehungen ihn an unsere fachmännische
Naturforschung angliedert und die nicht ignoriert werden darf, da er
dort ununterbrochen Belehrung empfing und seinerseits dorthin
unerschöpfliche Anregung zurückgab. Goethe ist kein Phantast,
sondern ein wirklicher Forscher. „Wer den Unterschied des
Phantastischen und Ideellen ... nicht zu fassen weiß, der ist als
Naturforscher in einer üblen Lage.“ Wollten wir aber Goethe
kurzweg zu unseren Naturforschern zählen, seine Methode, seine
Ideen, sein Ziel an dem Maßstab der fachgelehrten Wissenschaft
einschätzen, wir würden uns jedes wahre Verständnis
verrammeln und eine einzig dastehende T a t des
schöpferischen
Geistes genialer Gestaltung auf die Ebene einer zwar aller Anerkennung
würdigen, jedoch alltäglichen Leistung herabziehen. Daher die
Betonung des Er-forschens im Gegensatz zum bloßen Forschen; der
Unterschied ist der selbe wie zwischen erfragen und fragen. Goethe
liebte es, durch Voranstellung der Vorsilbe „er“ Worte zu
kräftigerem Leben aufzurufen. Jakob Grimm belehrt uns: „In
diesem
e r liegt die von innen auf einen äußeren Gegenstand
gehende
Wirkung“; Boucke zeigt an der Hand von Beispielen, daß Goethe
besonders noch die Richtung auf ein Höheres, die Andeutung eines
Hebens und Hinanziehens damit verband. Hierdurch wird die Eigenart
dieser Naturdeutung genau bezeichnet: Goethe will tiefer hineingreifen
als unsere heutige Naturforschung, bis hinein in jenes „Innere, nicht
etwa Abstrakte, sondern Urlebendige“, das von unserer Wissenschaft „gar
nicht berührt werden darf“, er will höher hinaus als sie, bis
dahin, wo „nicht ein atomistisches Atom geduldet wird“, wo wir anstatt
der „mechanischen Formeln“, die „das Lebendige in Totes verwandeln“,
das „unzweideutige Genie der Natur“ gewahr werden. Durch diese Tat
wird, sagt er, dasjenige gelingen, was unserer unzugänglichen
Kastengelehrsamkeit und ihrem abstrakt-praktischen Wissensschema zu
bewirken versagt bleibt, es wird nämlich „d i
e N a t u r A l l e n v e r s t ä n
d l i c h
w e r d e n“: in diesen letzten Worten, sieben Tage vor dem Tode
geschrieben, liegt der Kulturgedanke, die Kulturhoffnung Goethe's
eingeschlossen.
—————
270
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
Der Begriff „Natur“
Die genaue Begriffsbestimmung eines bloßen
Wortes hat uns soeben
wesentliche Dienste geleistet; möchte dies den Leser
ermutigen, einer zweiten derartigen Untersuchung seine Aufmerksamkeit
nicht zu versagen; denn liegen auch spitzfindige Definitionen dem
Geiste dieses Buches fern, so gibt es doch Fälle, wo — wie wir es
eben erlebten — die Verständigung über ein Wort zugleich
Aufschluß über weitverzweigte, verwickelte
Gedankengänge gewährt. In diesem Kapitel können wir nun
nicht umhin, immer wieder von „Natur“ zu reden; wie wollen wir zu
unzweideutigen Ergebnissen gelangen, wenn wir nicht eine bestimmte und
unterscheidende Vorstellung davon gewonnen haben, was unter „Natur“
verstanden werden soll? Dieses Wort stellt uns aber einem chaotischen
Durcheinander grundverschiedener Gedankenassociationen gegenüber,
so daß es ohne vorhergegangene Verständigung unmöglich
ist zu wissen, worüber die Rede geht. In dem ersten Abschnitt
hatte ich eine neue Vokabel zu erklären; hier werden wir einem
sehr alten Worte geschichtlich nachgehen müssen; denn die
Vielseitigkeit des Begriffes „Natur“ ist historisch begründet, und
Goethe mußte, wie Jeder es muß, an die Auffassungen
anknüpfen, die er um sich herum antraf.
Das Wort „Natur“ ist ein lateinisches. Ungleich den
Gebilden unseres
angestammten germanischen Gemeinguts — wie Gott, Welt, Mensch —— die in
der Kraft ihres eigenen Innenlebens unausdenkbaren Beziehungsreichtum
und unbegrenzte Wachstumsfähigkeit besitzen, liegt hier ein
fremdes Kunstwort vor, dessen Bedeutung wir nicht erraten und
erfühlen können, sondern erlernen müssen. Noch heute
dürfte schwerlich ein deutscher Bauer das Wort verstehen, und wie
viele Gebildete wären im Stande, genau anzugeben, was sie sich
unter „Natur“ vorstellen? Bei den Eingeborenen Latiums verhielt es sich
in frühen Zeiten anders; für sie war das Wort ein lebendiges
Gebilde, vielseitig an Verwandtes angrenzend, zugleich genau umrissen.
Zunächst bedeutete natura
für sie „die Geburt“; nichts
anderes. Jener urmächtige unter allen Meistern deutscher Sprache,
Martin Luther, hat uns das Wort noch in dieser Bedeutung
überwiesen: „Wiewohl wir von Natur Juden sind“ (Galater 2, 15),
das heißt, von Geburt; ebenfalls: „Wir waren Kinder des
271
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
Zorns von Natur“ (Epheser 2,
3), und ähnlich öfters. Natura
bildet einen Seitenzweig des Zeitwortes nascor, nasci, natus sum:
gezeugt werden, geboren werden. Solange es unverfälscht angewandt
wird, deutet es also auf ein Leben, das aus Leben entsteht und zu Leben
hinführt, niemals auf Lebloses. Diesen ursprünglichen
Vorstellungskreis des Zeugens und Geborenwerdens merke sich der Leser
wohl; denn trotz der vielfachen Schicksale, die des Wortes natura
harrten, behauptete sich dieser ursprüngliche Sinn durch alle
Zeiten unausrottbar und schenkt ihm noch heute den Beigeschmack eines
Lebendigen.
Schwerlich hätte eine vom Ursinn schroff
abbiegende Ausweichung
jemals stattgefunden, wenn nicht infolge der reger werdenden
Beziehungen zu den Hellenen die Aufmerksamkeit einiger begabteren
Römer neben dem griechischen Dichten auch auf das griechische
Forschen und Denken gelenkt worden wäre, das sie in
unvergänglicher Bedeutungsfülle ausgebreitet entdeckten. Die
Römer selber hatten im Laufe ihrer langen Geschichte nie einen
Philosophen und nie einen Naturforscher besessen; nun fanden sie sich
plötzlich einer eifrig gepflegten Mathematik, Astronomie und
Anfängen weiterer Erkundung der Natur, sowie einer völlig
ausgereiften Besinnung gegenüber, die sich im Laufe der
Jahrhunderte eine reich gegliederte Organisation von Vorstellungen
geschaffen hatte mit einer entsprechend ausgebildeten Begriffssprache,
in welcher alle Forscher sich untereinander verständigten,
gleichviel ob zur gegenseitigen Zustimmung und Bekräftigung oder
aber zum Kampfe widerstreitender Meinungen. Sobald es nun dem
höherer Bildung entgegenreifenden einzelnen Lateiner nicht mehr
genügte, sich griechische Geisteskultur für seinen
persönlichen Bedarf griechisch anzueignen, sobald ihn eine edle
Sehnsucht trieb, die Ergebnisse dieser fremden Arbeit seinem eigenen
Volke zu übermitteln, fand er sich vor eine fast unlösbare
Aufgabe gestellt; denn er sollte ein nach und nach folgerichtig
Ausgebautes sowie eine fertige Technik des Denkens und des
Gedankenausdruckes plötzlich in eine weit abliegende Zivilisation
hinüberpflanzen, in welcher die Praxis der sozialen Ausgestaltung,
der Verwaltung, der Jurisprudenz, des Waffenhandwerks bisher alle
Lebensenergie beansprucht und die Sprache demgemäß gemodelt
hatte. Wollte er nicht hellenische Wörter zu einer unver-
272
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
standenen Gelehrtensprache
latinisieren — was der praktische
Popularisierungsgeschmack der römischen Autoren möglichst zu
vermeiden gebot — so blieb ihm nichts übrig, als bekannte
Wörter des bestehenden Sprachschatzes zum Gefäß
für neue Begriffe zu machen. Auf diesem Wege erlitt auch das Wort
natura eine vollkommene
Metamorphose, indem es nunmehr einen Gedanken
der griechischen Philosophen vermitteln sollte, dem es seiner
festgewurzelten herkömmlichen Bedeutung nach nicht entsprach.
Eine der nicht zu umgehenden Vorstellungen, die
für die
hellenischen Forscher aller Richtungen den gleichen, klaren Sinn
besaß, war nämlich der Begriff einer physis. Goethe schreibt
einmal:
Dich im Unendlichen zu finden,
Mußt unterscheiden
und dann verbinden.
Physis war von Haus aus einer
dieser Unterscheidungsbegriffe, erdacht,
aufgestellt und bis zur Deutlichkeit durchgearbeitet, um sich „im
Unendlichen zu finden“. Der naive Mensch denkt nicht ans Unterscheiden;
ohne zu zögern, bezieht er eine Erscheinung auf die andere; auch
bei den Hellenen war es in frühen Zeiten nicht anders zugegangen.
Indem nun ihr großer Forscher und Denker Anaxagoras — als Erster
— sie zwischen dem, was den Sinnen erscheint, und dem, was der
Sinneswahrnehmung nicht unmittelbar zugänglich ist, zu
unterscheiden lehrte, ward er der Begründer zugleich aller exakten
Wissenschaft des Stoffes und aller echten Philosophie des Geistes. Das
Erscheinende nannte er physis
(ein Wort benutzend, das in der
Volkssprache das Äußere, den Habitus an einem Dinge oder an
einer Person bezeichnete), das Nichterscheinende (Gedanke, Traum,
Hoffnung, Gewissen, Spekulation) belegte er mit dem Namen nûs,
einem Wort, das bei Homer bisweilen „Verstand“, bisweilen „Gesinnung“
besagt und das in unseren philosophischen Büchern gewöhnlich
mit „Geist“ übersetzt wird. Will man den Gedankeninhalt auf eine
einfachste Formel zurückführen, man kann sagen: es handelt
sich um die grundlegende Unterscheidung zwischen Stoff und Geist. In
einem Volke, wo schöpferische Gestaltungskraft einen so
empfänglichen Boden fand, blieb eine derartige Leistung
unverlierbar; zwar wurden die Begriffskreise physis und nûs von
verschiedenen Schulen verschieden gegeneinander verschoben, die Unter-
273
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
scheidung selbst jedoch
erkannten alle an; solche Dinge bilden die
Grundlage zu der Möglichkeit eines systematischen Denkens
sowie eines folgerichtigen Beobachtens. Da es nun zum Wesen des
Begriffs physis gehört,
eine methodische U n t e r s c h e i d u n g
auszusprechen, d. h. also, da von einer physis gar nicht gesprochen
werden kann außer im Gegensatz und in Gegenüberstellung zu
irgend etwas, was nicht physis
ist, so liegt es auf der Hand, daß
niemals ein Grieche darauf verfallen konnte, mit einer Betrachtung der
bloßen physis die
Erkenntnis der Welt erschöpfen zu wollen.
Wohl mochte ein Forscher die Alleinheit lehren, diese mußte aber
dann hinter physis und nûs liegen, beide umfassend;
denn wie
immer man die geistigen Phänomene erklären will — und sei es
auch rein materialistisch — ihre Existenz kann der Geist selbst
unmöglich leugnen. Darum gliedert sich bei allen hellenischen
Forschern an die „Physik“ (oder Wissenschaft der physis) eine
„Metaphysik“ (wie man die Wissenschaft des nûs benannt hat).
Dem ihm bisher vollkommen fremden Begriff der physis glaubte nun der
Lateiner mit seinem Worte natura
am besten zum Verständnis zu
verhelfen; alles weitere fließt aus dieser verhängnisvollen
Wahl. Denn nun fand ein Durcheinanderschieben wesentlich verschiedener
Vorstellungsreihen statt, und zwar durch Menschen, die weder das
angeborene Talent noch die anerzogene Schulung besaßen, sich
Rechenschaft über ihr Tun zu geben. Von dem methodologischen
Unterscheidungswerke des Anaxagoras und seiner Nachfolger hatte der
Lateiner nichts begriffen; den Wert dieser Großtat — einer von
jenen, an denen die Menschheit heute, nach 2500 Jahren, zehrt und nach
weiteren 2500 Jahren noch zehren wird — ahnte er nicht; vielmehr hatte
er in den ihm zugänglichen Autoren einzig das eine
Bruchstück erfaßt, nämlich die auf die physis allein
sich beziehende wissenschaftliche Disziplin der Physik, d. h. einzig
die Spekulationen über die Materie, dazu noch die Abhandlungen
über die Ethik; alles übrige bleibt unverstanden und darum
unverdolmetscht; er begreift nicht, was es soll. Man schlage nur das
Wort des Lucretius, De natura rerum,
auf! Seine Fragen und seine
Antworten sind wie die eines Kindes; zu der eigentlichen Besinnung, zu
jener Verwunderung über die Frage selbst, die der griechische
Weise als den ersten Ursprung aller Philosophie erkennt, kommt es nie.
Ebenso-
274
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
wenig erwägt Lucretius,
was in den verschiedenen griechischen
Schulen an einander ergänzenden Widersprüchen gedacht und
errungen worden war: in dem physischen Abschnitt eines der griechischen
Denkerforscher findet er als kühne, geistvolle Kombination die
Hypothese der Atome und des leeren Raumes; auf einmal ist ihm alles
klar: diese Atome kommen durch Fall, Stoß, Druck zufällig
vorübergehend im leeren Raume zusammen und bilden auf diese Weise
vergängliche Körper, die je nach den Bewegungsbedingungen der
Atome belebt oder unbelebt genannt werden, doch völlig gleichen
Wesens sind; wer das weiß, besitzt alle Weisheit; was wir
Empfindung nennen, ist „nur eine Bewegungserscheinung des
Empfindungslosen“, das angebliche Denken ist nichts weiter als „das
Rollen kleiner, glatter, runder Körperchen“ (corporibus parvis et
levibus atque rotundis, lib. 3, Vers 205). So ist denn „des
Lebens
Leben“, wie Goethe es nennt, vollkommen entschwunden, und der Mann, der
sein Gedicht mit der Anrufung der Venus begonnen hatte, „weil sie
allein das Geborenwerden der Dinge lenke“, lehrt uns jetzt: nam corpora
sunt et inane, denn Körper gibt es und leeren Raum; praeter inane
et corpora tertia per se nulla potest rerum in numero natura relinqui,
außer dem leeren Raume und den Körpern verstattet die Natur
nicht irgendeinem Dritten eigenes Dasein. Freilich liegt hier Ohnmacht
des Denkens zu Grunde, der leere Raum befindet sich wie gewöhnlich
zunächst im Kopfe des Philosophen; doch übersehe man nicht
die unheimliche Zauberwandlung, welche durch die Vermählung des
Wortes natura mit dem
Begriffe physis vor sich
gegangen ist; hier fand
etwas statt, wozu ein Lucretius nur den ersten Anstoß gegeben
hat, dessen unabsehbare Wirkung aber der überpersönlichen
Gewalt der Umstände zuzuschreiben ist. Hätte nicht diese
Vokabel natura — die Geburt —
von Hause aus einen solchen Schatz an
Vorstellungen in sich getragen, die alle auf Zeugen und Gezeugtwerden
hinwiesen, so hätte sie sich nie zu einem das All umfassenden
Begriff aufgeschwungen; andrerseits aber hätte aus
dem Vorstellungskreis des Lebendigsten am Leben sich niemals eine
Bezeichnung für die dogmatisch-materialistische, die Eigenart der
Welt des Geistes leugnende Anschauung ergeben, niemals gerade dieses
Wort der Ausdruck für den Kollektivbegriff der Atome und des
leeren Raumes werden können, wenn nicht der griechische
Unterscheidungsbegriff
275
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
der physis als Bezeichnung des
ausschließlich Stofflichen,
mechanisch Bewegten im Gegensatz zum Geistigen, Unmechanischen dem
Worte natura auf- und
eingepfropft worden wäre. Der eine Begriff
lieh seine volksmäßige Kraft, der andere seinen
wissenschaftlichen Inhalt.
Wozu noch eine Erwägung kommt, auf die ich nur
flüchtigst
hindeuten kann: der nie zu überbrückende Gegensatz zwischen
dem Geist der griechischen und dem der lateinischen Sprache. Wie Goethe
bemerkt: im Griechischen wird durch das Wort „nichts bepfählt und
festgesetzt, es ist nur eine Andeutung, um den Gegenstand in der
Einbildungskraft hervorzurufen“; dagegen im Lateinischen „der Begriff
im Wort fertig aufgestellt ist, im Worte erstarrt, mit welchem nun als
einem wirklichen Wesen verfahren wird.“ Das gilt auch hier: die Physis
des Anaxagoras deutet auf eine alle Darstellung in Worten
übertreffende Erwägung des bewußten Nachsinnens; die
Natura der Lateiner ist ein
vorhandenes, tastbares Ding.
Und nun geschah, was vorauszusehen war: die
Atomenlehre griechischer
Philosophen war nicht Jedem zugänglich, das Wort natura dagegen
gewann allgemeine Geltung und verbreitete die Kunde, die Götter
seien abgesetzt, das All bestehe aus eigener Kraft. Sofort entsprangen
hieraus zwei entgegengesetzte Lehren: einerseits der mechanische
Materialismus, der alles Leben leugnet, andrerseits der psychologische
Materialismus, der die Belebtheit jedes Atoms voraussetzt: beide
knüpfen hier an, und beiden entgegengesetzten Ansichten soll das
Wort „Natur“ fortan zur Bezeichnung dienen.
Hinzu kam nun, etwa zur Zeit der ersten
Kirchenväter, eine neue
Auffassung, die sich ebenfalls des Wortes natura bemächtigte. Eine
neue pseudohellenische Philosophie riefen nämlich die asiatischen,
afrikanischen und syreo-jüdischen Mestizen hervor: die
Verballhornung Plato's, genannt „Neoplatonismus“. Sie war teils
christlich, teils antichristlich; nahe verwandt sind ihr die
Geheimlehren der „Gnosis“. Nach dieser Lehre ist die Natur das „Abbild“
des Urbildes, nämlich Gottes; insofern sie als Materie
wahrgenommen wird, ist sie ein eigentlich „Nichtseiendes“, ein Phantom;
nur Seelisches besitzt wirkliches Sein; der Eine, das Urwesen, ist die
alle scheinbaren Arten und Individuen umschließende A
l l s e e l e. Diese Lehre besaß im frühen
Christentum jahrhundertelang großen Einfluß und blühte
von
276
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
neuem auf unter den mystischen
Pietisten, die Goethe's erste Jugend
umgaben, und in der Gruppe Schelling-Hegel, die seinem Mannesalter
nahestand. „Natur“ ist hier ein bloßer, mystisch zu verstehender
Name für das göttliche All.
So vom Wurm des Widerspruches innerlich zerfressen,
bedeutete also
jetzt „Natur“ für die Einen (in Anlehnung an die griechische
Bedeutung von physis) eine
rein wissenschaftlich methodologische
Unterscheidung der Sinnenwelt von der Geisteswelt, für Andere den
Inbegriff des Allbelebten, die „Zeugemutter“ (wie ein braver
Lexikograph des vierzehnten Jahrhunderts das Wort natura zu
verdeutschen suchte), für wieder Andere das Bekenntnis einer
lückenlos mechanischen — Leben, Geist und moralische Weltordnung
leugnenden — Anschauung, schließlich für Manche ein
mystisches Phantom, dem überhaupt keine Wirklichkeit zukommt.
Man könnte meinen, das wäre Verwirrung
genug; der Verlauf der
Geschichte sorgte für weitere. Denn inzwischen hatte sich das
Christentum zur Weltmacht aufgeschwungen, und damit hatte die
Entfesselung der geistig-moralischen Leidenschaftlichkeit
stattgefunden; selbst abstrakte Begriffe konnten nunmehr dem Bannfluch
verfallen; mit besonderer Heftigkeit geschah dies der „Natur“
gegenüber. Gleichviel welche Auffassung der „Natur“ dem
frühen Christen aus den weltlichen Schulen entgegentrat, den
Hoffnungsblick in eine bessere Welt als die, mit welcher das
rohgewaltsame Kaisertum ihn umgab, fand er hier nicht; und so ward die
harmlos-tiefsinnige Erfindung des hellenischen Weisen plötzlich
zum Inbegriff des Feindseligen, des Glückzerstörenden, zur
Vernichterin der Seele, zur Räuberin himmlischer Unschuld, zur
Verführerin in alle Laster, zum Widerdämon. Eine christliche
Sekte, die, reichverzweigt, jahrhundertelang große Verbreitung
genoß und viele Märtyrer gebar, lehrte sogar, die Natur sei
das Werk nicht Gottes, sondern des Teufels. Zwar verwarf die Kirche
diese Lehre als Häresie — hatte sie doch den Gottschöpfer vom
Judentum übernommen — doch schärften alle Kirchenväter
die Abwendung von der Natur als erste Bedingung wahrer
Gottgefälligkeit ein; jede Beschäftigung mit
Naturgegenständen wird von ihnen als Zeitvergeudung und somit als
Sünde gebrandmarkt; Augustinus z. B. will nur soviel Astronomie
gestattet wissen, als nötig ist, um den Ostervollmond mit
Sicherheit zu be-
277
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
stimmen; selbst ein so tiefer
und verhältnismäßig
freier Geist wie Scotus Erigena verbietet als Sünde die
Bewunderung irgend einer Schönheit der Natur, der indigentia Dei,
Armut [oder Leerheit] Gottes, wie sie die Theologie nannte. Ohne
mich nun durch diese Betrachtung, so interessante Ausblicke sie auch
eröffnet, von unserem Gegenstande ableiten zu lassen, will ich
gleich auf eine Tatsache aufmerksam machen, die noch heute bei uns
Allen wirksam ist und die wir in der Hauptsache dem Einfluß der
Kirche zuschreiben müssen. Verlor nämlich diese
frömmelnde Auffassung der Natur nach und nach an
Überzeugungskraft, so daß die Kirche heute, um Fühlung
mit der lebendigen Menschheit zu behalten, Jesuiten zu Naturforschern
kommandieren muß, ein Teil ihres Werkes blieb aufrecht:
die
H y p o s t a s i e r u n g d e r N a t u r,
d. h. die Verdichtung dieses bloßen
Unterscheidungsbegriffes zu einem faßbaren und so zu sagen
„persönlichen“ Wesen. In der physis
der Hellenen hatte das
Ergebnis einer forschenden Besinnung Gestalt gewonnen; es war gleichsam
wie das Aufschlagen eines Buches gewesen, das hinfürder nicht
bloß von außen als verschlossenes Ganze betrachtet, sondern
Seite für Seite gelesen werden sollte; nicht hatte man jedoch
damit die Einheit des Sichtbaren und des Unsichtbaren als Erlebnis
leugnen wollen; im Menschen selber verflossen ja physis und nûs
zum Individuum. Jetzt dagegen war aus dem Unterscheidungs b e g r i f
f
der Forscherdenker ein tatsächlich Unterschiedenes,
Fürsichbestehendes geworden, mochte es von Gott oder vom Teufel
geschaffen worden sein, gleichviel; und der Mensch wurde als zeitweilig
in der Natur, doch als seinem Wesen nach nicht zur Natur gehörig
betrachtet: seines Sündenfalles wegen wandelt er zwar in ihr,
erlöst, wird er ihrer entledigt sein. Natur war also jetzt nicht
länger ein Gegensatz zu Geist (wie bei Anaxagoras physis zu nûs), sondern ein Gegensatz zu
Mensch: hierdurch entstand eine
noch verhängnisvollere Verwirrung als schon durch die Lateiner und
ihren Lucretius. Wie buchstäblich diese Personifizierung einer
für sich bestehenden, außermenschlichen Natur von nun an
aufgefaßt wird, ersehen wir daraus, daß Luther die Natur
kurzweg Frau Hulda nennt, sie also einer heidnischen Göttin
gleichstellt und von ihr schreibt: „Frau Hulda mit der Potznasen, die
Natur, tritt hervor und darf ihrem Gott widerbellen und ihn Lügen
strafen usw.“ Nicht aber von den Frommen allein gilt
278
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
dies, es gilt nicht minder von
den Ungläubigen. Voltaire ruft aus:
Qui est-tu, Nature? Je vis dans toi;
il y a cinquante ans que je te
cherche, et je n'ai pu te trouver encore. Wo also der Grieche
schlicht
und klar gesprochen hatte: es wird förderlich sein, zwischen
physis (Stoff) und nûs (Geist) zu unterscheiden,
denn erst
dadurch werde ich Ordnung in das Studium des bewegten Sichtbaren und
des denkenden Unsichtbaren bringen, schwärmt hier ein freiester
Kopf, der alle Kultur seiner Zeit wie kaum ein Zweiter innehat, von
einer Natur, „in der“ er lebt und die „zu finden“ ihm dennoch nicht
gelinge! Ein solches Dilemma hätte der hellenische Denker kaum zu
verstehen vermocht, und wäre es ihm gelungen, er hätte laut
aufgelacht: diese physis, die
man mit „du“ anredet, als ob das Leblose
Ohren besäße! diese physis,
„in der“ der Geist lebt und die
als Begriff doch erst dadurch entstanden war, daß ein Denker sie
vom Geiste unterschied! diese physis,
die der Mensch „sucht und nicht
findet“, während es ja sein eigenes Besinnen ist, aus dem sie als
Idee erst hervorgegangen war!
Doch wir sind noch nicht ans Ende gelangt. Ein
Wesen, das Haß und
Anzweiflung erfährt, werden Andere der Liebe und des Vertrauens
würdig erachten; hatten die Kirchenväter vor der Natur
gewarnt und die Patarener sie als Teufelswerk verabscheut, so waren
wenige Jahrhunderte später die christlichen Mystiker gekommen, die
in ihrem schwärmerischen Bedürfnis, mit dem Gott der Liebe zu
verschmelzen, sich der von ihm erschaffenen Natur an den Busen warfen
und mehr oder weniger bewußt an die vorhin kurz geschilderten
Auffassungen der Neoplatoniker und der Gnostiker anknüpften.
Franziskus besingt Sonne und Mond, Baum, Bach und Vogel, Kreaturen
Gottes wie er selber, als Brüder und Schwestern; Eckhardt redet
von dem „wonniglichen Wunder“ der Blumen; Jakob Böhme nennt die
Natur „Das Buch Gottes“ und sagt, auf einer Wiese „sehe, rieche und
schmecke man die Kraft Gottes“; Giordano Bruno schreibt: La natura non
è altro che Dio nelle cose; Pascal, der zu Christus
geflüchtete Geometer, spricht den schönen Gedanken aus: La
nature a des perfections, pour montrer qu'elle est l'image de Dieu, et
des défauts, pour montrer qu'elle n'en est que l'image.
So ward
aus dem Teufelswerk das Abbild des allweisen und allgütigen
Schöpfers. Selbst Diejenigen, die nicht soweit gingen, erblickten
zum wenigsten auf
279
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
Schritt und Tritt in der Natur
den Finger Gottes; ich brauche nur an
die zahllosen apologetischen Bücher zu erinnern. Bald aber trat
ein weiterer, unerwarteter Erfolg ein: denn die an Zahl wachsenden
Unkirchlichen hatten es leicht, die Sache umzudrehen und von dieser
ohnehin so göttlich vorgestellten Natur zu behaupten, sie
bedürfe eines Gottes nicht, sie verrichte alles von selbst
vollkommen; zu dieser Verwandlung ins Gegenteil genügte ein
bloßer Wechsel der Worte. Alle die Werke, die im 18. Jahrhundert
über „Das System der Natur“ entstehen, sind offen oder versteckt
gegen den Gottesglauben der Kirchen gerichtet, und der gebotene Ersatz
ist die Anbetung der Natur. Dies ist aller Beachtung wert: die
Vergötterung der sogenannten „Natur“ ist den gläubigsten
aller Seelen und den materialistisch gerichteten Geistern gemeinsam.
Um nun Goethe's Auffassung von „Natur“ genau in den
Brennpunkt zu
bekommen, müssen wir versuchen, in das Chaos, das die Geschichte
vor uns aufgetürmt hat, einige Ordnung zu bringen. Hier wie
anderwärts haben sich im Laufe der Zeiten Hauptströmungen
gebildet, welche die Nebenflüsse aufnahmen und verschlangen, und
es genügt, wenn wir die wesentlich voneinander unterschiedenen
Hauptbedeutungen kennen, die der Begriff „Natur“ in den letzten
Jahrhunderten unserer Zeitepoche gewonnen hat und die auch Goethe, als
er zu denken begann, um sich herum vorfand. Um zum Ziele zu gelangen,
wollen wir frischweg vereinfachen und nur drei durch je eine weite
Kluft voneinander getrennte Denkungsarten unterscheiden. Jede der drei
Grunddenkarten läßt sich mit Hilfe unserer historischen
Skizze auf eine ferne Wurzel oder auf mehrere zurückführen.
Die Einen will ich kurzweg die „Naiven“ nennen: es
sind Diejenigen,
welche sich niemals selber gefragt haben, was sie unter „Natur“
verstehen. Tun wir auch auf diese Weise ein Gewimmel von verschiedenen,
ja von widerstreitenden Meinungen in eine Klasse zusammen, so ist doch
die Charakteristik der mangelnden Besinnung Allen gemeinsam;
Vereinzelte schöpfen in ihr Kraft, die übergroße
Mehrzahl einzig Konfusion. Aus hundert Wurzeln wird hier jede
Verwirrung gespeist: die lebendige Kraft des alten Wortes „Natur“, die
Lehren des Lucretius, die kirchlichen Vorstellungen und
Anathematisierungen, die Vergötterung und die Verteufelung, uralte
280
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
Volksmythen aus
vorchristlicher Zeit und allerneueste Weltanschauungen
für den Frühstückstisch: alles kreist durcheinander. Die
zweite Gruppe ist die der „Dogmatiker“, Männer, die unter „Natur“
sich eine allumfassende Einheit denken, über welche sie
dogmatische Urteile fällen, indem sie behaupten, ihr Wesen
erfaßt zu haben, und uns nunmehr bestimmt ausführlich
darüber unterweisen; ihren Grundlehren nach gliedern sich alle
Dogmatiker der Natur in Spiritualisten und Materialisten; sie
können kirchlich oder antikirchlich sein. Die Hauptwurzel reicht
in diesem Falle zurück auf die altlateinische Vorstellung von
natura, der Allerzeugerin. Die
dritte Klasse bilden die „Methodiker“,
d. h. die besonnen Forschenden. Bewußt oder unbewußt,
knüpfen sie alle bei der physis
der Hellenen an, begreifen,
daß richtiges Unterscheiden jedem Erkennen, jedem folgerechten
Untersuchen und Auferbauen zu Grunde liegt; nicht als dogmatisches
Bekenntnis entsteht bei diesen Männern der Begriff „Natur“,
sondern vielmehr als methodischer Kunstgriff und setzt einen
ergänzenden zweiten Begriff voraus, da die Vorstellung „Natur“
etwas Besonderes aus der Gesamtheit des Gegebenen zwecks näherer
Untersuchung unterscheiden und ausscheiden soll; eine dogmatische
Aussage wäre in diesem Zusammenhang sinnlos.
Einige Worte zur noch genaueren Bestimmung der drei
hier
unterschiedenen Grundauffassungen von „Natur“.
Über die Heerschar der Naiven ist es nicht
nötig; viel zu
sagen: die Hauptsache ist, daß wir klar unterscheiden zwischen
den F r e i e n unter ihnen und den U n
f r e i e n. Für die
Ersteren ist die Naivität eine Kraft, für die Letzteren eine
Schwäche. Die freien Naiven schöpfen in ihrem Verhältnis
zur Natur Vertrauen, Jugend, offene Augen, unverwelkliche Heiterkeit;
die unfreien nehmen eine kirchliche, philosophische oder
wissenschaftliche Lehre an und wandeln dann geschlossenen Auges und
toten Hirnes durchs Leben. Wenn Franziskus den Vögeln im Walde
predigt, liegt darin eine Seelenkraft, die alles hinter sich
läßt, was Denker und Forscher je erreichen können; eine
verwandte Kraft werden wir bald bei Goethe wieder antreffen. Weit
häufiger jedoch ruht die naive Auffassung einfach auf
Verkümmerung des Denkens, sorgfältig unterhalten durch die
Tätigkeit der Pfaffen und der Gegenpfaffen. Für diese
Mehrzahl ist „Natur“ ein personifiziertes Wesen, über das man sich
281
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
den Kopf nicht weiter
zerbricht; sie liegt ja vor Augen, wozu noch
spintisieren? Man könnte die Natur hier definieren als dasjenige
Ding, welches weder Gott noch Mensch ist; sie steht im Gegensatz zu
Gott, der sie erschaffen hat, und im Gegensatz zum Menschen, der in ihr
wohnt. Manche aber streichen in der genannten Trinität von
Gott, Mensch, Natur den einen Faktor „Gott“ und kommen mit den beiden
anderen allein auch aus. Weder sind ihnen die Widersprüche
bekannt, in welche empirische Wissenschaft nach allen Seiten
hinausführt, überall rein metaphysische Probleme aufdeckend,
noch kennen sie die Gedanken, die aus der höheren Besinnung
einzelner Begabtesten, Schöpfer von Ideen, im Laufe der Zeiten
herangereift sind. Diese naiven Materialisten besitzen unter allen die
beschränkteste, armseligste Auffassung von „Natur“; von Lucretius
behalten sie nur die Keckheit und den Unverstand ohne eine Spur jenes
hellenischen Geisteshauches, der seiner Dichtung unvergängliches
Leben sichert, von der Kirche nur die unsinnige Personifizierung eines
Gedankendinges ohne irgend einen Rest des in alle Tiefen des
Menschenwesens dringenden religiösen Lebens. Die Tausende
sogenannter Gebildeten sowie das Heer der zu einem solchen Credo
schwörenden Arbeiterschaft kommen dadurch geistig tief unter jedem
unverdorbenen Naturvolke zu stehen, welches, ohne zu zweifeln, kindlich
vertrauensvoll sich in den Dingen, die Dinge in sich erblickt und auf
diese Weise zu praktisch-poetischer, wahrheitsreicher Anschauung
gelangt.
Wenn es auch manche Berührungen zwischen den
Naiven und den
Dogmatikern gibt, insofern die Naiven es lieben, dogmatisch und
intolerant zu verfahren, so wird doch bei näherer Betrachtung
selten eine Verwechselung stattfinden; denn wenn der Naive
dogmatisiert, dann tut er's naiv, sei es wie Thomas von Aquin, sei es
wie die Herren Büchner und Moleschott; wogegen ich unter
„Dogmatikern“ diejenigen verstehe, die über das Wesen der Natur
philosophisch und wissenschaftlich nachgesonnen haben und darüber
dann apodiktische Behauptungen aufstellen, d. h. Lehren, für die
sie nicht blinden Glauben beanspruchen, sondern die
Überzeugungskraft erwiesener Wahrheiten. Diese Forscher der
vielverzweigten zweiten Gruppe verstehen unter „Natur“ d a
s A l l, die
unvorstellbare, unerfaßliche Idee einer Totalität alles
dessen, was war, ist und sein wird,
282
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
wobei die Welt der sittlichen
Persönlichkeit eben so
eingeschlossen gedacht ist wie die des mechanisch bewegten
Sinnfälligen. Jede dogmatische Aussage über das Wesen der
Natur führt im letzten Ende zum sogenannten Monismus, d. h. zu
einer irgend wie beschaffenen Alleinheitslehre. Alles ist „Natur“,
Natur ist „Alles“.
Hingegen verstehen die Männer der dritten
Gruppe, die Methodiker,
unter „Natur“ immer einen bestimmten Teil, nie ein Allumfassendes;
Natur ist für sie die Gesamtheit des Sichtbaren, genauer
gesprochen des Sinnfälligen, einschließlich des eigenen
menschlichen Leibes und des Hirns als Organs des Denkens, kurz, die
Gesamtheit des Stoffes in seiner gesetzmäßigen Beweglichkeit
erfaßt; dieser „Natur“ gegenüber und ihr mehr oder weniger
entgegengesetzt (mehr oder weniger nämlich je nach der
Geistesrichtung des betreffenden Forschers) wird eine zweite Welt
unterschieden, die nicht sinnfällig und überhaupt nicht
raumerfüllend, insofern also nicht „Natur“ ist: die Welt der
Persönlichkeit, der Freiheit, der sittlichen Verantwortung, der
Religion, der Kunst. Beide Welten treffen im Menschen zusammen (der
aus Sinnfälligem und Nichtsinnfälligem besteht), und nicht im
Menschen allein, sondern überall, wo der Mensch Gestalt erblickt
oder Gesetz erkennt, was immer eine Durchdringung von zweierlei
voraussetzt. Die Nomenklatur, in der diese Auffassung sich kundtut, ist
eine verschiedene: Locke redet von einer nicht-denkenden (incogitative)
und einer denkenden (cogitative) Natur, Descartes unterscheidet
zwischen „Ausgedehntem“ und „Gedachtem“ (l'étendue et la
pensée); auf der höchsten Stufe der Besinnung, zu
der uns
Immanuel Kant hinaufführt, gelangen wir zu der vollendet klaren
Entgegensetzung von „Natur“ und „Freiheit“, zwei Reichen, an denen
beiden der Mensch zugleich teilhat, welche es aber unmöglich ist
und bleibt ineinander so überzuleiten, daß eines in dem
andern enthalten sei oder eines aus dem andern hervorgehe. Wie man nun
die Unterscheidung auch treffen mag, bezeichnend bleibt für alle
Methodiker die Entgegensetzung von zweierlei und die Beschränkung
des Begriffes „Natur“ auf die Bezeichnung des einen Teiles. Und fragt
man, was praktisch hierbei herauskomme, so will ich nur das Eine
erwähnen: ohne diesen methodischen Grundsatz einer reinlichen
Scheidung von Phänomenen, die nicht aufeinander
zurückzuführen sind, wäre unsere Mechanik, damit zu-
283
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
gleich unsere gesamte exakte
Wissenschaft des heutigen Tages
unmöglich gewesen. Die Denkart der Dogmatiker, sowohl in ihrer
spiritualistisch-mystischen wie in ihrer materialistischen Abart, kann
uns als Gedankenleistung Achtung einflößen, doch ist
offenbar diejenige der Methodiker die eigentlich tiefbesonnene; denn
sie geht analytisch-unterscheidend vor, disponiert den
unermeßlichen Gegenstand alles Erforschens nach richtig
unterschiedenen Hauptbestandteilen, schafft dadurch vereinfachende
Klarheit, gibt die Anregung zu weiteren grundlegenden Unterscheidungen,
wie z. B. zu denjenigen zwischen Materie und Form, zwischen
Wirklichkeit und Möglichkeit, zwischen Sinnlichkeit und Verstand
usw., ohne aber über letzte Fragen irgend etwas zu
präjudizieren (wie der Jurist sagt).
Den Unterschied zwischen der dogmatischen und der
methodischen
Auffassung des Begriffes „Natur“ hoffe ich vollkommen deutlich gemacht
zu haben. Jede Definition der Natur als Allzeugende, Allumfassende
enthält nur halb verschleiert ein Dogma; die bloße
Begriffsbestimmung der „Natur“ ist hier schon ein Glaubensbekenntnis.
Und wie es zu geschehen pflegt: aus einem ersten Dogma entsteht
notgedrungen ein zweites, aus diesen beiden ein drittes, und so weiter;
das Gefühl, die vermeintlichen Intuitionen, die kühnen
Versicherungen ex tripode
bekommen das Übergewicht. Und
während bei den Methodikern verschiedene Weltanschauungen
friedlich auf dem Boden der selben Unterscheidung stehen,
bekämpfen sich hier mit erbitterter Leidenschaft Ansichten, die
aus dem selben Grunddogma der allzeugenden Natur hervorgehen und darum
in Wirklichkeit nahe verschwistert sind. So führt z. B. die in der
Begriffsbestimmung „Natur“ vorausgesetzte Einheitlichkeit von Stoff und
Geist zu zwei polar entgegengesetzten dogmatischen Auffassungen, der
materialistischen und der spiritualistisch-mystischen, von denen die
eine genau eben so viel für sich anzuführen hat wie die
andere. Der Materialist deutet nämlich die Einheit zwischen physis
und metaphysis so, daß
er behauptet, aus bewegtem Stoff entstehe
Denken, Fühlen, moralische Tat; wohingegen der Mystiker in der
ganzen Welt des Sinnfälligen Seelenleben und Seelenausdruck
entdeckt und Giordano Bruno uns versichert: Non est lapis sine anima,
kein Stein ermangelt der Seele. Weil aber diese beiden polaren
Gegensätze — des materialistischen Monismus und des spiri-
284
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
tualistischen Monismus — aus
der selben Wurzel entstammen, so schlagen
sie häufig plötzlich ineinander um. Aller konsequente
Materialismus wird, sobald er bis zu letzten Fragen vordringt,
mystisch, und aller konsequente Spiritualismus und Mystizismus zeigt
für den genauer Zuschauenden ausgesprochen materialistische
Färbung; es gibt kein Entrinnen aus dieser Notwendigkeit.
Eine letzte Unterscheidung erheischt noch eine kurze
Betrachtung.
Als Ergänzung unserer bisherigen Versuche, die
Gegenwart aus der
Vergangenheit bis zur Klarheit zu entwirren, bleibt eine Tatsache von
bedeutender Tragweite hervorzuheben, die in der obigen Betrachtung
nicht zum Ausdruck kommen konnte. Jede Darstellung, welche der geraden
Linie der zeitlichen Aufeinanderfolge nachgeht, und auch jeder
Überblick, welcher der Vereinfachung halber nach einem einzigen
Prinzip sich richtet, wird — gleichviel welches der Gegenstand ist —
nur einem Teil der Lebenserscheinungen gerecht werden, denn deren
Mannigfaltigkeit ist supralogisch. Schütteln wir also das soeben
Erworbene vorübergehend von uns ab, und treten wir mit frischen
Augen noch einmal an die Vorstellung „Natur“ heran.
Abgesehen davon, welchen Umfang und welche Deutung
man der Vorstellung
einer physis-Natur zugesteht,
abgesehen davon, ob man zu den Naiven, zu
den Dogmatikern, zu den Methodikern gehört, kommen zwei
Auffassungen vor über das Verhältnis des Menschen zu den
Phänomenen der ihn umgebenden und durchdringenden Welt: die Einen
setzen voraus, der Menschengeist umfasse die Umwelt — sagen wir
einfach, umfasse die physis-Natur
oder sei ihr zumindest gewachsen
(adäquat) —, woraus die Annahme folgt, der Mensch werde sie, wenn
nicht heute, dann morgen lückenlos ausdeuten können; die
Anderen sind dagegen überzeugt, die physis-Natur umfasse den
Menschengeist, überflügele ihn nach allen Richtungen und sei
deswegen nie von ihm auszukennen. Wir können dasselbe zur
Vermehrung der Deutlichkeit noch anders aussprechen. Daß Natur
und Menschengeist sich nicht genau decken, sieht jeder besonnene
Forscher ein: der eine ist nun mehr geneigt, die Natur aus dem
Menschen, der andere, den Menschen aus der Natur zu erklären;
wobei der erste sich eine harmonisch zu vollendende Aufgabe vorstellt,
weil nach seiner Ansicht die Bedingungen zur Lösung
285
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
im Menschen selber gegeben
vorliegen, dahingegen der zweite sich
infolge der eingeborenen Unzulänglichkeit des menschlichen Denkens
von ewig unlösbaren Problemen umgeben sieht. Die erste Anlage ist
spezifisch hellenisch, wenngleich sie auch unter uns vereinzelt
vorkommt; die zweite ist von Anfang an der kennzeichnende, unserer
ganzen neuen Wissenschaft sein Gepräge aufdrückende Zug der
Forschungsmethode der Germanen (worunter ich den Nordeuropäer
aller Nationen, auch Italiens, den Schöpfer unserer heutigen
Zivilisation und Kultur verstehe). Der Hellene, gleichviel welcher
Schule er angehörte, hat nie gezweifelt, der Menschengeist werde
alle Phänomene ausdeuten können; ein Sokrates meint gar, jede
Beobachtung sei überflüssig, und wolle man z. B. wissen, ob
die Erde stillstehe oder sich bewege, so dürfe man nur fragen: was
hält die Menschenvernunft für das angemessenste? dieses
müsse fraglos statthaben. Doch auch unter den beobachtenden
Astronomen und Mathematikern der Hellenen ist jeder überzeugt, die
lückenlose Klarlegung aller Vorgänge der Natur sei nur eine
Frage der technischen und gedanklichen Ausbildung. Im Gegensatz hierzu
bildet eine Grundlage aller germanischen Wissenschaft das
Mißtrauen gegen die Konstruktionen der Menschenvernunft; diese
abwehrende Geistesrichtung wird durch die positive einer
leidenschaftlichen Hingabe an die treue Beobachtung der Natur
ergänzt, einschließlich des Experimentes, das sich zur
Beobachtung wie das Teleskop zum Auge verhält und das
bezeichnenderweise den Hellenen unbekannt blieb; „ihnen fehlt die
Kunst,“ schreibt Goethe, „Versuche anzustellen, ja sogar der Sinn
dazu.“ Was ich hier hervorhebe, hat mit historischer Verkettung nichts
gemein; es liegt auch tiefer eingewurzelt als in jener
Oberflächensphäre, wo der Streit der Schulen tobt; wir gehen
wohl nicht irre, wenn wir darin den Ausdruck einer angeborenen
Rassenanlage erblicken, die sich dann auch den fremdrassigen
Volksgenossen mehr oder weniger aufdrängt.
Wir unterscheiden also eine „hellenische“ Auffassung
des
Verhältnisses zwischen Mensch und Natur (die aber bei uns noch
nachwirkt und bisweilen spontan vorkommt) von einer „germanischen“, die
mancher Nichtgermane sich aneignen mag. Auch diese Unterscheidung wird
uns gute Dienste leisten, namentlich wenn wir uns hüten, sie mit
der früher gemachten zu verwechseln.
286
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
Zum
Beschluß dieses Abschnittes und zugleich als Überleitung
in den nächsten möge eine allgemeine Bemerkung dienen, die
das bisher Gesagte zusammengedrängt vorführt und zugleich auf
das Kommende deutet. Ich rede von der unberechenbaren Macht
einer I d e e ¹).
Eine Idee, das zeigt uns die Geschichte des Wortes
„Natur“,
fördert oder hemmt, schenkt Klarheit oder stiftet Verwirrung, hebt
den Menschengeist oder drückt ihn nieder, oft auf Jahrhunderte.
Man denke sich ins vierte Jahrhundert vor Christo zurück. Die Idee
„Natur“ im Sinne der physis
des Anaxagoras, mag sie auch Manchem
abstrakt erscheinen, wirkt auf jede Erforschung, sei es der Dinge, sei
es des Geistes, wie eine Offenbarung; in die Dämmerung, wo die
alten Beobachter und Philosophen der Hellenen herumgetappt hatten mit
ihren angeblichen Weltprinzipien — einmal des Feuers, ein anderes Mal
des Wassers, ein drittes Mal der Zahlen, ein viertes Mal der Liebe und
des Hasses, usw. —, bricht plötzlich der Tag ein. Und in diesem
neuen Tage wirken die Geister aller Richtungen fortan friedlich
nebeneinander, sich gegenseitig im Wettstreite fördernd. Der
Anblick wirkt bestrickend; denn bei allem Widerstreit der Meinungen
weiß man immer, wovon die Rede ist; und man weiß es, weil
der Begriff einer Physis und einer Nicht-Physis Ordnung geschaffen hat
und der Konfusionsbegriff einer „Natur“ noch nicht besteht. Durch
Lucretius wird sofort alles anders; seine Idee engt den Menschengeist
ein, verkrüppelt seinen Flug. Die Atome und der leere Raum,
ursprünglich wissenschaftliche Spekulationen hellenischer Meister
zur Deutung der physis
allein, werden nun so zugerichtet, daß
jeder Flachkopf parva opella
(mit geringer Mühe) Bescheid
über die Natur weiß und mit dieser einen armseligen Idee
alle Weisheit zu besitzen wähnt. Ein bequemstes Vademecum für
Freidenker auf der Gasse! Unser heutiger Tag kennt ähnliche Dinge,
aber noch bedeutend dümmer! Dann kommt die Kirche, der es von
amtswegen zusteht, alles zu wissen, ohne irgend etwas lernen zu
müssen; sie verwirft zwar die Atome, weil sie sie in der Genesis
nicht angeführt findet, doch das greifbare D i n g
—————
¹ Es sei daran erinnert, daß wir
mit
Plato unter „Idee“ alles zu
verstehen haben, was Einheit schafft; jede Idee ist eine Schöpfung
des Menschengeistes: die Idee „Hund“ ebenso wie die Idee
„Gerechtigkeit“.
287
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
des Lucretius, die Idee
„Natur“, behält sie als ausgemachte
Wahrheit, modelt diese Idee nach ihrem Bedürfnis um und
personifiziert sie, sei es zur Exekration, sei es zur Adoration.
Inzwischen stellen die Neoplatoniker die Idee einer „Natur“ auf, die
ein bloßes Phantom ist ... So wird die aus höchster
Besonnenheit geborene Idee physis
durch die zwar aus ihrer Anregung
entstandene, doch durch philosophische Unfähigkeit, religiöse
Voreingenommenheit, schwärmerische Überschwenglichkeit,
hochtrabende Unwissenheit völlig verunstaltete, proteusartige Idee
„Natur“ verdrängt; die Klarheit ist ausgelöscht, die
nächtliche Verwirrung ist eingebrochen.
An diesem Beispiel lernen wir: wer Ideen
aufzustellen unternimmt, die
weder in genialer Anschauungskraft geboren noch in geduldiger,
anschmiegender Besonnenheit gereift sind, begeht ein Verbrechen gegen
den Menschengeist, den sein eigenes Gebilde fortan umnachtet; wer
dagegen der Menschheit eine im Überreichtum des denkenden
Anschauens gezeugte, aus wahrem Notdrang des Geistes hervorgegangene,
wohl-erwogene, genau angemessene, „dem unzweideutigen Genie der Natur“
(S. 264) nahverwandte Idee schenkt, dieser schafft
froher Denkarbeit
und wachsender Anschauungsfülle auf Geschlechter hinaus Luft und
Licht.
—————
Goethe's
Standpunkt
Jetzt wenden wir uns der Frage zu: was verstand
Goethe unter „Natur“?
Und wie verhielt er sich ihr gegenüber? Die eigentliche
Weltanschauungsfrage — Natur im Verhältnis zu Gott usw. — kommt
für uns vorläufig nicht in Betracht; zwar können wir
nicht umhin, sie hin und wieder zu streifen, doch handelt es sich in
diesem Kapitel lediglich um den Erforscher der Natur: w a s
wollte er
erforschen? und w i e wollte er es erforschen?
Wenige Aussprüche Goethe's sind so weit und
breit bekannt wie
folgender: „Ich für mich kann, bei den mannigfaltigen Richtungen
meines Wesens, nicht an e i n e r Denkweise genug
haben; als Dichter
und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist hingegen als
Naturforscher, und eins so entschieden als das andere. Bedarf ich eines
Gottes für meine Persönlichkeit als sittlicher Mensch, so ist
288
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
dafür auch schon
gesorgt.“ So lauten die Worte in dem diktierten
Briefe an Jacobi; der eigenhändige Zettel mit der
ursprünglichen Aufzeichnung des Gedankens dient zur willkommenen
Ergänzung:
„Wir sind
{
|
naturforschend |
|
{
|
dichtend |
|
{
|
sittlich |
| Pantheisten |
|
Polytheisten |
|
Monotheisten.“ |
Es ist interessant zu sehen, daß Goethe dem Freunde
gegenüber — also wo er der Welt sich zuwendet — den Dichter
voranstellt, wie die Welt es von ihm erwartete, bei sich selbst dagegen
sich instinktiv an erster Stelle fragt, was er „naturforschend“
empfinde.
Die bewundernswerte Schärfe, mit der an diesen
beiden Stellen
unterschieden wird, erleichtert unsere Aufgabe. Denn daß ein Mann
von Geist zwischen mehreren „ismen“ hin- und herschwanke, namentlich
wenn es sich um „theismen“ handelt, wäre nicht neu; hier aber wird
unter dem Symbol des Göttlichen auf drei verschiedene
Weltanschauungen hingewiesen, nicht, weil der Geist zögert, zu
welcher er sich bekennen soll, sondern weil, je nach der Tat, die das
Gemüt im Augenblick erfüllt — Forschen, Dichten, Handeln —
das eine Mal die eine, das andere Mal die andere als fraglos einzig
berechtigt empfunden wird. Man beachte vorzüglich das Eine: nicht
theoretisch-philosophische Erwägungen entscheiden, vielmehr
entscheidet einzig die Richtung, nach welcher sich der Geist gerade
bewegt. Nun denke man sich, Goethe schriebe statt an den frommen Jacobi
an einen Naturforscher exakter Tendenz, der, verwirrt durch scheinbar
sich widersprechende Äußerungen, ihn gefragt hätte, was
er sich unter Natur eigentlich vorstelle und wie er sich zu ihr
verhalte. Ohne Zweifel würde die Antwort, ebenso wie die obige in
Bezug auf den Gottesbegriff, nicht nach Art eines eindeutigen Credos,
sondern mehrfach gegliedert ausfallen; auch hier würde es
heißen: „Ich kann nicht an e i n e r
Denkweise genug haben“; auch hier würde Goethe nicht zu einer
willkürlich logischen Vergewaltigung seines eigenen Wesens
greifen, sondern zwischen verschiedenen gleichberechtigten Anschauungen
unterscheiden. Für Goethe war die Wahrhaftigkeit, wie wir im
zweiten Kapitel gesehen haben (vgl. S. 165
fg.), nicht so sehr ein
sittliches Gebot wie ein unentrinnbares Bedürfnis der
Persönlichkeit; darum ließ er sich selbst ge-
289
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
währen, betrachtete sein
eigenes, notwendiges Tun mit reinem
Blicke, belog weder sich noch Andere und entdeckte auf diese Weise,
daß die jeweilige Richtung der als T a t
empfundenen
Geistesarbeit zugleich dem übrigen Denken und Fühlen eine
besondere, unterschiedliche Richtung aufdrängte. Wie Novalis
bemerkt: „Bei Goethe ist alles Tat, wie bei Anderen alles Tendenz nur
ist.“ Wir können also von vornherein sicher sein, bei Goethe nicht
bloß keiner eindeutigen Definition von „Natur“, sondern auch
keinem eindeutigen Verhalten ihr gegenüber zu begegnen;
Auffassungen, die sich nicht minder widersprechen als die des
Pantheisten, Polytheisten und Monotheisten, herrschen gewiß
ebenso ruhig und unerschütterlich hier wie dort nebeneinander.
Darum ist aber auf dem beliebten Wege der nach Willkür
herausgehobenen Anführungen kein Verständnis zu gewinnen.
„Zur Einsicht in den geringsten Teil ist die Übersicht des Ganzen
nötig“, stellt Goethe als allgemeinen Grundsatz auf; nirgends mehr
als bei Betrachtung seiner eigenen Persönlichkeit hat man es
nötig, dessen eingedenk zu bleiben. Aus seinen Schriften kann
Jeder herauslesen, was er will, wenn er nicht zuvörderst einen
Überblick über die gesamte Erscheinung gewonnen hat und nun
ebenso scharf und methodisch unterscheidet, wie der Meister selber bei
seinem Bekenntnis zu drei verschiedenen Arten des Gottesglaubens klar
unterschied. Greifen wir darum zur Analyse: die zwei vorangeschickten
Abschnitte dieses Kapitels geben uns geordnetes Material an die Hand.
Was die Auffassung des Begriffes „Natur“ betrifft,
so hatten wir den
fast unentwirrbar verhedderten Stoff in drei große Gruppen
gegliedert: in die der Naiven, der Dogmatiker, der Methodiker. Nun
hatten wir aber des Weiteren allen Grund gefunden, bei den Naiven zwei
wesentlich verschiedene Gesinnungen nicht miteinander zu verwechseln,
die der Freien und die der Unfreien. Auch unter den Dogmatikern und den
Methodikern entdeckten wir je zwei deutlich getrennte Abteilungen:
für die Einen umfaßte der Menschengeist die Natur, für
die Anderen die Natur den Menschengeist; diese Unterscheidung hat
sowohl beim Dogmatiker wie beim Methodiker statt. Der Dogmatiker, der
den Geist über die Natur setzt, ist Spiritualist (mehr oder
weniger monistisch gefärbt), derjenige, der umgekehrt die Natur
über den Geist setzt, ist Materialist
290
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
(eine Überzeugung, die
ebenfalls eine ganze monistische Skala
umfaßt). Bei den Methodikern — den Männern also, die eine
Physis von einer Nicht-Physis sondern — handelt es sich um eine
feinere, jedoch nicht minder belangreiche Unterscheidung: der unter
ihnen, dem es natürlich ist, dem Menschengeist das
Übergewicht zuzuschreiben, wird eine (nach Analogie der Kunst zu
denkende) Architektonik der Natur erstreben, wer dagegen die
außermenschliche Natur als das Umfassende, den Menschengeist als
das Umfaßte betrachtet, wird notwendig allen Rätseln auf dem
Wege der Mechanik nachgehen, und die Mechanik kann unmöglich eine
andere Methode benützen als die der Mathematik, weil Mathematik
genau an dem Punkt entsteht, wo die beiden Welten der Physis und der
Nicht-Physis sich kreuzen. So erkennen wir also im Ganzen nicht
bloß drei, sondern sechs überall und immer deutlich
voneinander zu unterscheidende Auffassungen der Vorstellung „Natur“.
Eine Tafel wird dieses Ergebnis noch deutlicher vor Augen führen
und außerdem den Vorzug haben, Goethe's Stellung — so
vielfältig und darum verwirrend sie auch erscheint — auf einen
einzigen Blick klar zur Darstellung zu bringen.
| Naive |
|
Dogmatiker |
|
Methodiker |
f r e i
|
unfrei |
|
S p i r i t u a l i s t e n
|
Materialisten |
|
A r c h i t e k t e n
|
Mathematiker |
Was wir von Goethe zu sagen haben, enthüllt
sich nunmehr als
verblüffend einfach: er fußt zugleich in allen drei Gruppen;
jedoch gehört er immer ausgesprochen zu der einen der beiden
Unterabteilungen und verwirft die andere: unter den Naiven ist er ein
freier, unter den Dogmatikern ein Spiritualist, unter den Methodikern
ein Architekt. Hiermit ist Goethe's Auffassung von „Natur“ mit
mathematischer Genauigkeit geschildert. Zwei Dinge fallen zunächst
auf: einerseits das beispiellose Nebeneinanderbestehen dreier
Gemütsarten, die sonst die Geister voneinander unterscheiden,
indem Goethe je nach Tag und Stunde — und das heißt, wie wir
sahen, je nach der T a t, die im Augenblick seinem
Wesen die Richtung
gibt — vollkommen naiv, überzeugt spiritualistisch, oder aber
überlegen methodisch fühlt und denkt; andrerseits die
Tatsache, daß Goethe nicht etwa wie so mancher Eklektiker
überall dippt und nippt, son-
291
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
dern vielmehr aus jeder dieser
verschiedenen Gesinnungen das ihn
Fördernde mit Leidenschaft aufnimmt, das ihn Hemmende mit
Leidenschaft von sich stößt.
Wissen wir nunmehr auch genau, wo Goethe bei
Betrachtung der Natur
Stellung nimmt, so folgt doch aus der Mannigfaltigkeit seiner
Standpunkte die Nötigung, uns jeden einzelnen bis zur vollkommenen
Klarheit zu vergegenwärtigen. Darum müssen wir jetzt Goethe,
den Naiven, und Goethe, den der Alleinheitslehre Geneigten, kurz
betrachten, dann aber länger bei dem Methodiker Goethe verweilen,
weil erst hier, wo er sich als Ideen-Architekt bewährt, in die
tiefsten Tiefen seiner Auffassung der Natur hineingeleuchtet wird; nur
auf diesem Wege kann eine wirkliche Einsicht in Goethe's Bestrebungen
und Leistungen als Naturerforscher gewonnen werden.
Das, was wir im schönsten, oft an das Erhabene
grenzenden Sinne
„naiv“ nennen dürfen, bildet einen Grundzug seines Wesens und
muß daher im Ganzen eher als im Einzelnen aufgesucht werden. Naiv
tritt Goethe an die Natur heran, naiv nimmt er das Studium dieses und
jenes Zweiges der Wissenschaft auf. „Auf eine kindliche Weise“, sagt
Goethe, sei er zu seinen botanischen Ideen gekommen und habe „mit
kindlicher, ja beinahe kindischer Sorgfalt ihnen nachgehangen“;
über die anatomischen berichtet er ähnlich. Tiefen Einblick
gewährt namentlich ein auf die optischen Studien bezügliches
Wort: „Eine unschuldige, Schritt vor Schritt sich bewegende
Naivität, wie die meinige, spielt vor mir selbst eine wundersame
Rolle.“ Namentlich darin bewährt sich Goethe's Naturerforschung
als naiv, daß sie zunächst weder philosophische
Überlegung noch wissenschaftliche Hypothetik zu Hilfe ruft,
sondern einfach an die Natur herantritt, überzeugt, sie werde auf
vertrauensvolles Anfragen leicht verständliche Antworten erteilen.
Je prétends que les
caractères de la Nature sont tous
lisibles, heißt es in einem von ihm französisch
geschriebenen Briefe; in einem anderen lesen wir: „Wie lesbar mir das
Buch der Natur wird, kann ich dir nicht ausdrücken.“ Diese
Stimmung nennt er einmal die der „Anfrage an die Natur“. Wie sicher er
in jungen Jahren, ehe er die Last der Studien auf sich genommen hatte,
sich in dieser „ganz eigenen Art von Forschung“ fühlte, zeigt ein
gereimter Brief an seinen vertrauten Merck, wo es heißt:
292
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
Sieh, so ist Natur ein Buch
lebendig,
Unverstanden, doch nicht
unverständlich.
Am darauffolgenden Tage greift er gleich wieder zur Feder, um es ihm
noch einmal zu beteuern:
Ich fühl', ich kenne
dich, Natur,
Und so m u
ß
ich dich
fassen!
Bei einem Mann von Goethe's Gaben konnte eine derartig naive Stimmung
nicht vorherrschend bleiben; doch verschwand sie niemals völlig,
vielmehr lebte sie wie eine unzerstörbare Unschuld immer wieder
auf: das gehört zu den großen Zügen in Goethe's
Persönlichkeit. Heute pflegt man alles in den Gesichtswinkel der
Entwickelung zu rücken, ein Standpunkt, der den Nachteil hat, das
Bleibende unsichtbar zu machen; und so würde man auch hier die
Naivität gewiß als eine erste Stufe auffassen, die vor
späterer Aufklärung entwichen sei, eine Deutung indessen, die
nicht stimmt, da vielmehr diese Unschuld, dieses Vertrauen ein
immerwährender Grundzug des Wesens bleibt, der überall
hervorlugt zu nicht geringer Verwirrung der Oberflächlichen, den
tiefer Schauenden jedoch als ein Ariadnefaden durch das Labyrinth
scheinbarer Widersprüche dient. Hier ist es — in der „kindlichen
Weise“ —, wo der Poet in Goethe, wo das „unzweideutige Genie der Natur“
wurzelt. Eine gewaltige Arbeit an wissenschaftlicher Beobachtung und an
philosophischer Überlegung häuft sich im Laufe des langen
Lebens an, doch den Grund von Goethe's Leistungen auf dem Gebiete der
Naturlehre bilden nach wie vor naive Eingebungen. Einmal spricht er von
dem „ihm eigentümlichen Hinstarren auf die Natur“ und sagt: „Zu
gewissen Stunden wünscht man sich mehr Augen, damit man nur alles
recht einnehmen könne“; dieses hinstarrende Auge ist weder Monist
noch Dualist, weder Dogmatiker noch Methodiker: es ist ein ebenso
großartig naives und mächtig schöpferisches Auge wie
das der Mythenbildner der Urzeiten. Gehört also Goethe unstreitig
bei seiner Auffassung von „Natur“ zu der Gruppe der Naiven, zu
Denjenigen, die (um seine eigenen Worte anzuwenden) „eine gewisse
gutmütige, ins Reale verliebte Beschränktheit“ besitzen, so
haben wir allen Grund, diesem einen Gesichtspunkt besondere
Aufmerksamkeit zu schenken. „Man m u ß an die
Einfalt, an das
Einfache, an das urständig Produktive
293
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
glauben“, spricht der Meister,
„wenn man den rechten Weg gewinnen will.
Das ist aber nicht Jedem gegeben; wir werden in einem künstlichen
Zustande geboren, und es ist durchaus leichter, diesen immer mehr zu
bekünsteln als zu dem Einfachen zurückzukehren.“
Kaum ist es nötig hinzuzufügen, daß
Goethe zu den
„Freien“ zu zählen ist, die niemals ein Befangen geduldet haben in
irgend einem der tausendfachen Gebilde der unfreien Naivität,
seien sie frommer, unfrommer oder gemeiner Gattung. Goethe macht
aufmerksam, daß manche Lehre, die uns Menschen frei zu lassen
scheint und Freiheit sogar auf ihre Fahne schreibt, dafür die
Natur selbst in Ketten schlägt; dies verbietet sich der freie
Naive; ihm imponiert der wissenschaftliche Dogmatiker ebenso wenig wie
jeder andere; die „Rechte der Natur“ will er den maßlos
beanspruchten „Menschenrechten“ gegenüber gewahrt wissen: „Nur da,
wo die Natur frei ist, wird der Naturforscher frei sein, da, wo man sie
mit Menschensatzungen bindet, wird auch er gefesselt werden.“
Dieser urkräftigen Naivität unbeschadet
empfindet Goethe die
Anziehungskraft jeder Alleinheitsvorstellung, gleichviel ob sie auf
Gott oder auf Natur den Nachdruck lege. Schon in früher Jugend
kommt er in Berührung mit der religiösen Schwärmerei.
Die engen Beziehungen des Jünglings zu den Herrenhutern und
ähnlichen frommen Sekten sind Allen aus Dichtung und Wahrheit
bekannt, auch aus den „Bekenntnissen einer schönen Seele“ in
Wilhelm Meister; seine eigene
Sehnsucht nach Religion zog ihn
mächtig in diese Richtung, die Bekenner selbst waren es, deren
Wesen ihn abstieß. Von den „frommen Leuten“ schreibt er an die
engelsgute Katharina von Klettenberg: „Sie sind so von Herzen
langweilig, wenn sie anfangen, daß es meine Lebhaftigkeit nicht
aushalten konnte. Lauter Leute von mäßigem Verstande, die
mit der ersten Religionsempfindung auch den ersten vernünftigen
Gedanken dachten, und nun meinen, das wäre alles, weil sie sonst
von nichts wissen.“ Doch kaum war die Frömmigkeit
abgeschüttelt, so regte Herder an zur Kenntnisnahme der
neoplatonischen Alleinheitslehre, der mittelalterlichen Mystik, der
Spekulationen Bruno's und Spinoza's, gipfelnd schließlich in
eifrig betriebener Alchymie, so daß man es bewundern muß,
wenn Goethe sich die Naivität seines gesunden Realismus trotzdem
kräftig erhielt. Auch hier urteile man aber nicht schnell, sondern
bedenke
294
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
Goethe's Rat, stets „in die
Tiefe zu gehen“ (S. 109). Tut man das,
so
entdeckt man zweierlei: nämlich, inwiefern Goethe der
Alleinheitslehre zugetan ist, inwiefern er sie verwirft. Der kirchlich
angehauchten, süßlichen Mystik und dem spekulativen Humbug
gestattet er niemals den geringsten Einfluß auf seine Denkart;
sorgfältig dagegen bewahrt er die Anregung, die sein Innerstes
traf: „Das Wehen des All-liebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend
trägt und erhält.“ Ebenso wie das naive Kraftbewußtsein
hält auch diese Gemütsstimmung bis ans Ende vor. Sagt er doch
einmal im Übermut, er sei „zur Identitätsschule geboren“, und
nennt das Gefühl, „als seien wir mit der Natur eins“, eine ihm
„ursprüngliche Empfindung“, weswegen er alles begrüßt,
was geeignet ist, diese Stimmung zu „erhöhen, sichern, und in ein
tiefes, ruhiges Anschauen zu verwandeln“. Ich bitte aber, jenen
Ausdruck — „als seien wir“ — recht zu beachten; denn hier liegt der
kritische Punkt. Im Gegensatz zu den Monisten g l a u b t
Goethe an das
Alleinheitsdogma nicht! Nicht um eine philosophische Überzeugung
handelt es sich für ihn, nicht also um eine zu verfechtende, alles
aufklärende Weltdeutung, vielmehr lediglich um eine Stimmung des
Gemütes, um eine Atmosphäre, die ihn produktiv anregt. In
dieser Atmosphäre atmet nun auch seine Erforschung der Natur.
Jener oben bezeichnete Haß gegen die „millionfache Empirie“, jene
Unfähigkeit, „ein Einzelnes zu zählen“ (S. 267),
gehört
negativ schon hierher; es handelt sich um eine Beschaffenheit des
Geistes, in welcher zugleich eine eingestandene Unzulänglichkeit
Zuflucht findet. „Das Einzelne verwirrt“, schreibt Goethe; „desto
angenehmer ist's, wenn unser Bestreben, die Gegenstände in einem
gewissen Zusammenhange zu sehen, einigermaßen gefördert
wird.“ Gerade aus solchen gelegentlichen Äußerungen
fühlt man die Ungeduld, die Qual dieses in weitläufige
empirische Untersuchungen verstrickten Verstandes und das erlöste
Aufatmen, sobald der ertrotzte „Zusammenhang“ ein wirkliches „Sehen“
verheißt. Daher das unablässige Streben, die Erscheinungen
auf vereinfachende E i n h e i t
zurückzuführen: Einheit soll
die Idee der Metamorphose in die unübersichtliche Menge der
Pflanzengestalten bringen, Einheit die vergleichende Anatomie in den
ins Endlose variierenden Knochenbau der Wirbeltiere, Einheit soll in
die Geologie durch das Prinzip der Stetigkeit eingeführt werden,
Einheit in die konfuse Me-
295
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
teorologie durch die
Erkenntnis eines organischen Zusammenhanges
zwischen Atmosphäre und Erde, Einheit des Farbenphänomens
soll Goethe's Lehre den Menschen verkünden. Das alles hindert aber
nicht, daß er unter ausdrücklichem Hinweis auf die
Einheitslehre uns warnt vor „dem bequemen Mystizismus, der seine
Armut gern in einer respektablen Dunkelheit verbirgt“.
Auch hier wieder wäre nicht genug getan,
hätten wir nur
Bedeutung und Wert dieser Stimmung für Goethe's Naturerforschung
einsehen gelernt; plastisch wird unsere Einsicht erst, wenn wir sie
durch die kräftige Verneinung ergänzen, mit welcher er die
eine große Alleinheitsschule allezeit von sich wies. Goethe
spottet über „die materiell atomistisch mechanischen
Vorstellungen, deren Absurdität sich wechselsweise bekämpft“,
über die „Lächerlichkeit“ einer „Empirie, die sich mit der
Empirie herumschlägt“, über die Vorstellung: „Eine Welt soll
sich zufällig aus schwirrenden Elementen zusammensetzen!“ * Schon
in der Jugend, umringt von einer Welt, die dem Materialismus eines
Condillac, Holbach usw. zujauchzte, verwirft er mit aller
Entschiedenheit deren angebliches Système
de la nature, eine
Lehre, die „dasjenige, was höher als die Natur, oder als
höhere Natur in der Natur erscheint, zur materiellen, schweren,
zwar bewegten aber doch richtungs- und gestaltlosen Natur verwandelt,
und dadurch recht viel gewonnen zu haben glaubt.“ Der Grund dieser
leidenschaftlichen Abwehr liegt auf der Hand: die materialistische
Weltanschauung zerstört alle G e s t a l t u n g;
ebenso wie sie
in der Politik mit unabweisbarer Logik zur Anarchie führt (von der
Goethe sagt: „Mir ist von Jugend auf Anarchie verdrießlicher
gewesen als der Tod selbst“), ebenso führt sie überall im
letzten Ende zu Chaos, auch in der Auffassung der Natur. Hiervor
schauderte Goethe zurück, und hier wurzelt der Konflikt zwischen
ihm und der exakten Wissenschaft, der nie beigelegt werden konnte; denn
zwar wird diese, solange sie rein wissenschaftlich verfährt, nie
dogmatische, geschweige monistische Schlüsse ziehen, sie ist aber
genötigt, ihre gesamte Symbolik den materialistischen
Vorstellungen zu entnehmen, weil sie als einzigen Gegenstand den Stoff
und als einziges Deutungsgebiet die Bewegung zugewiesen erhielt;
weswegen sie sich notwendig einer materialistischen Sprache bedienen
muß und ein frommgläubiger Newton sich als Naturforscher
nicht anders aus-
296
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
drückt als jeder
dogmatische Materialist. So groß war nun
Goethe's Abneigung gegen alles, was Gestalt vernichtet, daß er
die Berechtigung dieser Sprache nicht zugeben wollte, selbst da nicht,
wo doch lediglich eine Methode darin zum Ausdruck kommt. Bewegung,
methodisch gedeutet, ist M e c h a n i k;
Mechanik auf die letzten,
nicht mehr wahrnehmbaren, also nur noch gedachten Teile
zurückgeführt, ist A t o m i s t i k.
Diesen beiden
widerstrebt daher Goethe's Geist auf das heftigste. Selbst in der
Geologie, deren Gebiet vom Kampf und Spiel der Elemente angefüllt
ist, gönnt er ihnen ungern Raum und verlangt, „daß man das
Atomistische und Mechanische, welches in gewissen Momenten freilich
sich wirksam erweist, solange als möglich zurückdränge“;
„mechanische Formeln“, sagt er, „behalten immer etwas Rohes“ und
sprechen darum „zu dem gemeinen Sinne“. Wie unerträglich ihm
vollends derartige Anschauungsmethoden bei der Betrachtung lebender
Wesen sein mußten, läßt sich denken; von diesen
heißt es daher: „Der Haupt-Begriff, welcher, wie mich dünkt,
bei jeder Betrachtung eines lebendigen Wesens zum Grunde liegen
muß, von dem man nicht abweichen darf, ist, daß ... n i c h
t s
M e c h a n i s c h e s g l e i c h s a m v o
n a u ß e n g e b a u e t u n
d h e r v o r g e b r a c h t
w e r d e, obgleich Teile nach außen zu wirken und von
außen
Bestimmung annehmen.“
Wir gelangen zum dritten und letzten Standpunkt
Goethe's, zu demjenigen
des wissenschaftlichen Methodikers.
Wie hoch Goethe den Wert der wissenschaftlichen
Methodik schätzte,
kann aus manchen Aussprüchen belegt werden. So schreibt er
über „seine Art, die Naturgegenstände zu behandeln“: „Es ist
hier die Rede nicht von einer durchzusetzenden Meinung, sondern von
einer mitzuteilenden M e t h o d e“; und selbst von
seinem Schmerzenskinde,
der Farbenlehre, heißt es: „Es freut mich gar sehr, daß Sie
meine Farbenlehre hauptsächlich um der M e t h o d
e willen
studieren; denn ich leugne nicht, daß mich diese Arbeit zuletzt
mehr wegen der Form als wegen des Gehalts interessierte.“ Freilich
Goethe's Methode ist eine andere als die unserer exakten Wissenschaft;
es ist nicht die mathematisch-mechanische, sondern die
architektonische; aber es ist Methode, und zwar eine in exakter Empirie
fußende Methode: dies ist das Entscheidende. Grundlage aller
Methodik ist nun das einsichtsvolle Sondern, d. h. die klare Erkenntnis
297
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
fundamentaler Unterschiede; wo
dieses Sondern die Erforschung des
Menschen und seiner Welt betrifft, wird wissenschaftliche Methodik
immer wieder — sei es historisch, sei es aus eigener Erwägung —
bei Anaxagoras anknüpfen und zwischen „Geist“ und „Natur“
unterscheiden; dadurch angeregt wird sie aber auf eine weitere Reihe
von Unterscheidungen aufmerksam, die Goethe — weil sie sich vor dem
Geübten überall auftun — als „Dualismus der Natur“
bezeichnet. Einmal auf diesem Geleise, kommt man immer weiter hinweg
von der mystischen Alleinheit, und so gelangt auch Goethe dazu, Mensch
und Natur einander als wesensfremd entgegenzustellen:
Und wer durch alle die
Elemente,
Feuer, Luft, Wasser und
Erde rennte,
Der wird zuletzt sich
überzeugen,
Er sei kein Wesen ihres
Gleichen.
Für Goethe's methodische Erforschung der Natur
erweisen sich nun
namentlich zwei jener dualistischen Unterscheidungen als von
ausschlaggebender Bedeutung: die erste ist die zwischen Objekt und
Subjekt, die zweite die zwischen Erfahrung und Idee. Jeder Forscher ist
gezwungen, sie bewußt oder unbewußt anzuerkennen; denn sein
Forschen nötigt ihn, immer von neuem den kritischen Punkt zu
betreten. Wer hier ohne philosophische Überlegung handelt,
gerät in einen Sumpf, aus welchem einzig das Dogma errettet; doch
auch dieses nur in der selben Art, wie es dem Herrn von
Münchhausen gelang, sich und sein Pferd an dem eigenen Zopfe
herauszuziehen. Wogegen Goethe, weit entfernt, diese Diagnose als
spitzfindig geringzuschätzen, ihr entscheidende Bedeutung beilegt.
Er, der angebliche Nicht-Philosoph, bezeichnet „die Region, wo
Metaphysik und Naturwissenschaft übereinandergreifen“, als
diejenige, „wo der ernste treue Forscher am liebsten verweilt“, und
meint: „Man kann in der Naturwissenschaft über manche Probleme
nicht gehörig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Hilfe
ruft.“ Wie wollen wir seine Naturwissenschaft verstehen, wenn wir die
Region vermeiden, wo er selber am liebsten verweilte, und die
Metaphysik grundsätzlich außeracht lassen, ohne die man
überhaupt nicht gehörig sprechen kann?
Goethe's N a c h d e n
k e n über die Natur findet den Mittelpunkt in der
bewußten
Gegenüberstellung von Objekt und Subjekt, sein E r-
298
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
s c h a f f e n im
Dienste der „Welt des Auges“ in der nicht
immer
bewußten, doch nicht minder tatsächlichen
Gegenüberstellung von Erfahrung und Idee. Die eine
Gegenüberstellung kommt nämlich besonders bei der Aufnahme
von Eindrücken, die andere bei dem Neugestalten des Empfangenen in
Betracht. Wer hierüber bis zur Klarheit durchdringt, erreicht
schließlich den Punkt, wo sich mit aller Genauigkeit aufzeigen
läßt, was Goethe's architektonische Methode mit der
mathematischen Methode der exakten Wissenschaft gemein hat und was die
beiden voneinander scheidet. Reden wir zuerst von der einen, dann von
der anderen Gegenüberstellung.
Weil unsere Wissenschaft der Natur den
selbständigen Kombinationen
des Subjektes mißtraut, predigt sie Beobachtung des Objekts: so
weit geht Goethe mit; er erkennt „die Disproportion unseres Verstandes
zu der Natur der Dinge“ und „nimmt sich in Acht, sich und
seinesgleichen an die Stelle des zu Erforschenden zu setzen“. Nun aber
geschieht, was uns Menschen überall zu geschehen pflegt: die
starre Konsequenz führt unsere Wissenschaft zum Gegenteil des
ursprünglich Bezweckten. In der Sorge, alles Subjektive zu
entfernen, bemüht sie sich, das Sinnenzeugnis nach Tunlichkeit auf
ein Mindestmaß zurückzuführen; infolgedessen wird sie —
die doch ursprünglich darauf ausging, das Konkrete zu erforschen —
mit jedem Tage abstrakter, unfaßlicher. Dies ist die
unentrinnbare Folge ihrer einseitigen Betonung des Objektes. Indem ich
nun für Weiteres auf den ersten Abschnitt dieses Kapitels
zurückverweise (S. 258 ff.), will ich eine
dort nur
bruchstückweise gebrachte Äußerung Goethe's hier
ungekürzt mitteilen; sie zeigt uns genau, wie er über diesen
Mißstand dachte: „Die Wissenschaft, anstatt sich in die Mitte zu
stellen zwischen Natur und Subjekt, geht darauf aus, sich an die Stelle
der Natur zu setzen und wird nach und nach so unbegreiflich als diese
selbst.“ Diese Worte können als Leitfaden dienen zur klaren
Entwirrung von Goethe's Auffassung des Verhältnisses zwischen
Objekt und Subjekt bei seiner Naturerforschung; denn sie sagen uns
genau: erstens, was Goethe an der Wissenschaft aussetzt — ihre
Unbegreiflichkeit; zweitens, woher er diesen Fehler ableitet — aus dem
fehlerhaften Standpunkt; drittens, was er selber dagegen
beabsichtigt — einen anderen Standpunkt einzunehmen, nämlich, sich
genau in die Mitte zu stellen zwischen Objekt und Subjekt. Wer diese
drei Dinge
299
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
— die Kritik, die Analyse, das
Vorhaben — so versteht, wie Goethe sie
meinte, weiß Bescheid.
Um genau zu verstehen, wohin Goethe's Vorwurf gegen
die exakte
Wissenschaft zielt, lese man an jener Stelle über die
Unbegreiflichkeit der exakten Wissenschaft den unmittelbar
anschließenden Satz: „Will nun der unbewußte Mensch hier
sich in Worten aussprechen, so haben wir den traurigen Mystizismus, der
das Labyrinth verwirrt.“ Indem also Goethe die Unbegreiflichkeit der
Wissenschaft tadelt, welche daraus entsteht, daß sie sich ins
Objekt verliert, warnt er zugleich vor der Gefahr, uns etwa — im
Gefolge einer Gegenwirkung — ins Subjekt zu verlieren und dadurch der
ebenso traurigen Mystik in die Arme zu fallen. Ja, mehr noch als das;
die objektive Wissenschaft ist für diese zweite Verwirrung
verantwortlich! Sie ist es — darauf macht uns Goethe hier aufmerksam —
deren Unbegreiflichkeit die Menschen in den „traurigen Mystizismus“ mit
Gewalt hineintreibt. Die Wissenschaft wollte Aufklärung bringen
und zeugt nun Obskurantismus. Das ist ein Urteil, dessen Richtigkeit
heute dem besonnen Beobachtenden offenliegt. Wir leben in einer Zeit
des geistigen Verfalles: kirchlicher Aberglaube rohester Art, den man,
als Goethe jene prophetischen Worte sprach, ausgerottet glaubte auf
ewig, schießt wieder auf allen Seiten üppig empor bis in die
Kreise der Hochgebildeten; die Naturphilosophie — jene Mißgeburt,
die um Goethe herum grassiert hatte, die aber seitdem unter der
Geringschätzung aller denkenden Menschen entschwunden war — treibt
von neuem ihr Unwesen; der naiv dumme, angeblich „wissenschaftliche“
materialistische Evolutionismus hat die Arbeiterklassen und die
Mehrzahl der Halbgebildeten (unter die ein großer Prozentsatz der
in den Naturwissenschaften Tätigen mitzurechnen ist) derart
durchseucht, daß diese nach Millionen Zählenden jede
Fähigkeit, einen wirklichen Gedanken nachzudenken, verloren haben;
unter den Gebildeteren oder Denkfähigeren aber breitet sich immer
mehr die mystische Alleinheitslehre in allerhand spiritualistischen und
materialistischen Abarten aus und beginnt sogar von dort aus die
Wissenschaft zu verseuchen; voran schreitet der kleine, aber wachsende
Haufe der Theosophen. Die Schuld an diesem Verfall trägt unsere
angeblich „siegreiche“ Wissenschaft. Sobald nämlich Wissenschaft
auch für den denkfähigen, gebildeten Laien „unbegreif-
300
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
lich“ geworden ist, sobald
sie, wie Goethe des öfteren hervorhebt,
nur noch eine „Technik“ für Spezialforscher darstellt, die dem
einen Zweige — um sich darin auszukennen — ihr ganzes Leben widmen
müssen, da hat sie jeden geistbildenden und geistrichtenden Wert
verloren. Wir sehen wohl Ergebnisse, insofern diese und jene
wissenschaftliche Entdeckung technische Bedeutung erlangt und
industriell ausgebeutet wird, doch auf welche Weise das zugeht,
weiß einzig der betreffende Techniker; denn es handelt sich um
ein Unmitteilbares; vom hohen Katheder aus werden freilich
„populäre“ Schriften verbreitet, in denen staunenden „Laien“
gleich alten Kindern angebliche Errungenschaften der gelehrten
Forschung zum Angaffen hingehalten werden, zugleich als Anregung zu
einer demutsvollen und gläubigen Bewunderung der Herren
Fachwissenschaftler, die „es zuletzt so herrlich weit gebracht“; doch
der Geist geht leer aus oder hat im besten Falle sein Gedächtnis
noch weiter belastet. Diese Sachlage hängt nun mit der
erwähnten wachsenden A b s t r a k t i o n in
dem Verfahren der Wissenschaft
zusammen; das eine folgt aus dem anderen, die Unbegreiflichkeit aus der
einseitigen Objektivität. In einem kürzlich aus den
Vereinigten Staaten von zuständigster Seite hervorgegangenen Plan
zur methodischen internationalen Organisierung aller astronomischen
Studien wird nicht nur die vollkommene Trennung der
verschiedenen Beobachtungszweige der Sternkunde in besonderen
Observatorien befürwortet, so daß dann jeder Gelehrte — wie
der Uhrfabrikarbeiter von seinem besonderen Rädchen — sein ganzes
Leben lang nur von einer Gattung von Phänomenen Kenntnis erlangen
wird, sondern es ist ein größeres Zentralinstitut
vorgesehen, in welchem Hunderte von fachmännisch erzogenen
Kräften einzig der Berechnung sich widmen sollen und aus welchem
sorglich jeder Beobachtungsapparat verbannt bleibt, damit die
Versuchung, die Dinge zu sehen, nicht aufkomme; eine „Sternwarte“
für blinde Forscher! Und man werfe nicht ein, die Wissenschaften
des Lebens gingen andere Wege. Leben ist — sobald es rein mechanisch
gedeutet werden soll — Physik und Chemie, Physik und Chemie sind aber
Mechanik; auch hier steht als Ideal am Ende der Bahn die mathematische
Formel: ein leerer Raum und darin die Bewegung von abstrakten Punkten;
denn nach der heutigen Mechanik ist das „Uratom“ unstofflich, und
301
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
daher auch ausdehnungslos und
unteilbar. Und gerade bei den
Lebensproblemen pflegt dann urplötzlich die Unbegreiflichkeit in
eine Überbegreiflichkeit umzuschlagen, in eine Weltdeutung, die
ich
als Aftermystik bezeichnen möchte. In der R e v u
e d e s I d
é e s vom 15. Oktober 1909, S. 272, widmet einer
der
zuhöchst anerkannten Physiologen und experimentellen Biologen der
Gegenwart eine zusammenfassende Studie den „Tropismen“ (d. h. den
physikalisch verursachten Bewegungen lebender Wesen), wobei er die
Auffassung vertritt, daß, wenn ein Mann sein Leben für ein
Ideal aufopfert — für Vaterland, Glauben, Ehre — hier lediglich
„eine chemische Reaktion“ zu Grunde liege; diese Reaktion betrachtet
der Gelehrte als eine Krankheitserscheinung, hervorgebracht durch
vermehrte Reizbarkeit gewisser Gewebe; infolge der schädlichen
Reaktion wird der von dieser Erkrankung befallene Mensch zum Sklaven
eines Wahnes und geht in den Tod. Hinkünftig wird ohne Zweifel
(dies füge ich hinzu) eine geeignete Serum-Einspritzung die an
dieser Krankheit leidenden Männer kurieren. Das ist kein
Spaß; vielmehr ist es der notwendige und unentrinnbare Zielpunkt
der exakten Wissenschaft des Lebens. Ich gebe Herrn Professor Jacques
Loeb tausendmal recht; die Wissenschaft kann und darf nicht anders
denken; nur gebe ich Goethe nicht minder recht, wenn er dergleichen als
„chemische Philistergesetze“ an den Platz hinstellt, wohin es
gehört, und ausruft: „Jeder Freund der Naturlehre hat
stündlich zu rufen und zu seufzen: wer errettet mich aus dem
Leibe dieses Todes!“ Es wäre an der Zeit, daß wir Anderen
— wir Gesamtheit der strebenden, hoffenden, denkenden, leidenden
Menschheit — aus dem hypnotischen Schlafe erwachten, der uns in einem
schlimmeren Wahne willenlos befangen hält als derjenige, für
eine bloße Idee sein Leben hinzugeben, in dem Wahne, die exakte,
mathematische, „philisterhafte“ Wissenschaft der Natur befördere
Kultur, während sie diese in Wirklichkeit notwendig zerstört;
notwendig nämlich, sobald sie in ihrer heutigen Suprematie
herrscht, anstatt bloß in ihrer bestimmt beschränkten
Geltung als ausgezeichnetes, untergeordnetes Glied einem gesetzgebenden
Ganzen zu dienen, das nach höheren Prinzipien organisiert ist, als
die Wissenschaft sie zu geben vermag. Diese lehrt heute, um nur aus
ihrer Unbegreiflichkeit ein begreifbares Ergebnis aufzuweisen, der
Menschengeist sei ein zufälliges, vorübergehendes Erzeugnis
der Natur, hervorgegangen
302
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
aus dem Kampf ums Leben, wie
irgend ein Elephantenrüssel oder
Ichthyosaurusschwanz, nur sekundär und künstlich nutzlos dein
Denken und Dichten zugewendet, da die Wesen, denen Verstand auf einige
Tage verliehen ist, in Wirklichkeit nicht mehr Freiheit, nicht mehr
Sittlichkeit, nicht mehr Genie besitzen als jeder aus einem Vulkan
ausgespiene Stein. Über die angebliche Beschränktheit der
Alten pflegen wir zu lächeln; vielleicht ist der Tag nicht mehr
fern, wo das, was heute Vielen als „wissenschaftliche Weltanschauung“
gilt, unter dem empörten Lachen aller denkfähigen Menschen
auf immer verschwindet. Was Goethe behauptet, ist, daß
Mystizismus und Aftermystizismus, beide, aus der Unbegreiflichkeit der
Wissenschaft notwendig entsprießen.
Jetzt, wo wir den Vorwurf kennen, den Goethe gegen
unsere Wissenschaft
erhebt, wollen wir sehen, wie er es erklärt, daß ein
richtiger Gedanke zu so verhängnisvoller Ausartung führen
konnte.
Methode muß sein, sonst gibt es keine
Wissenschaft; und Methode
ist Unterscheidung; ward aber erst unterschieden, bin ich mir
bewußt geworden, daß Objekt und Subjekt einander
gegenüberstehen und sich nie genau decken können: dann
hängt der weitere Verlauf bis in fernste Zeiten — und mit ihm
vielleicht die ganze Zukunft der Geisteskultur — von einer kleinen
Verschiebung des Standpunktes ab, der mir zum Ausgang dient, einer
Verschiebung, die im Anfange so klein ist, daß der Ungeübte
sie kaum gewahr wird und an überflüssige Haarspalterei
glaubt. Der Hellene neigte dazu, das Hauptgewicht auf das Subjekt zu
legen, und es entstanden infolgedessen Strukturen, deren
Lebensfähigkeit unvertilgbar ist; noch heute wäre unsere
exakte Wissenschaft ohne Anaxagoras, Plato, Aristoteles, Demokrit nicht
zu denken. Denn ohne die Vorstellungen Art und Gattung, Erfahrung,
Begriff, Idee, Wirklichkeit, Möglichkeit, Energie, Stoff, Geist,
ohne die Symbole Element, Atom, Äther usw. vermöchte sie
keinen Schritt zu machen. Das alles sind nicht „Dinge“, auch nicht
Gedanken, die sich einem Jeden von selbst aufdrängen, sondern sind
menschliche Erfindungen, sind Erzeugnisse des geübten, geschulten,
methodisch und zugleich kühn auferbauenden Ideenarchitekten. Und
so hat in der Tat die hellenische Methode, mochte sie auch vielfach
Phantastisches und Unzulängliches gebären, die
ganze S p r a c h e
erschaffen, die unsere Wissenschaft
303
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
heute noch spricht, die
Sprache, heißt das, nicht allein der
Gedanken und Worte, sondern auch die Sprache der Vorstellungen, in
denen selbst unsere rabiatesten Materialisten leben. Plato nennt dies:
„in der Seele erzeugen“; wir alle zehren täglich an diesen
Gebilden genialster Schöpferkraft. Nun kam der Germane, und als er
nach etlichen Jahrhunderten Ruhe dazu fand, die Natur ernstlich ins
Auge zu fassen, war das erste, was er tat, den Schwerpunkt der
Fragestellung zu verschieben, nämlich vom Subjekt hinweg aufs
Objekt zu. Es war die Tat großer Geister, welche sofort sahen,
was der Grieche n i c h t geleistet hatte, noch
auf seinem Wege jemals
hätte leisten können: ein Roger Bacon ging voran, Descartes,
Pascal, Galilei, Locke folgten, die Übertreibung bis zur Karikatur
brachte Francis Bacon, „das Haupt aller Philister, und darum ihnen so
auch zu Rechte“, soll Goethe gesagt haben. Hatte Plato „sich mit
heiliger Scheu der Natur genähert“, jetzt war es hiermit vorbei;
ohne Scheu, aber auch ohne Furcht und ohne Falsch ward bis in die
Eingeweide der Natur gegriffen. Das Programm war fortan in jedem Punkte
ein anderes; es hieß: nicht bauen, sondern beobachten, nicht
Systeme aufstellen, sondern sammeln, nicht erfinden, sondern
experimentieren, nicht Ideen des Geistes suchen, sondern technische
Ideen (d. h. Instrumente) zusammenstellen. Was diese Methode gefruchtet
hat, wissen wir; Goethe wußte es auch. Über die
Unzulänglichkeiten der hellenischen Methode urteilte er, wie nur
irgend ein philosophisch gebildeter Naturforscher es tut; die Art, wie
die Griechen aus einigen „zerstreuten Fällen, aus der gemeinen
Empirie aufgegriffen“, sogleich ins „Räsonnement“ übergehen
und nun Begriffe auf Begriffe türmen, ohne irgend eine
ausreichende Kenntnis der Tatsachen zu besitzen, ihr gänzlicher
Mangel an Beanlagung zum Experiment (vgl. S. 285):
alles das war ihm
genau bekannt; fordert er doch selber im Gegensatz hierzu die
„ausführliche Kenntnis des Einzelnen“ und daß „der Forscher
nicht ablasse, alle Seiten und Modifikationen einer einzigen Erfahrung,
eines einzigen Versuches nach aller Möglichkeit durchzuforschen
und durchzuarbeiten.“ Über die hellenischen Naturforscher schreibt
er: sie „finden sich in einer Art von Zirkel und jagen das
Unerklärliche immer vor sich her im Kreise herum.“ Hier wie auf
allen Gebieten entdecken wir in Goethe, sobald wir genauer hinsehen,
den entschiedenen N i c h t g r i e c h e n
304
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
und den
ausgesprochenen G e r m a n e n.
Wunderbar ist aber, daß, während andere Männer nur
durch Einseitigkeit Großes leisten und ein Descartes es
gewiß nicht vermocht hätte, uns loszureißen von der
tödlich erstarrten aristotelischen Dogmatik, wenn ihm nicht eine
blinde Verkennung der wissenschaftlichen Leistungen des hellenischen
Altertums eigen gewesen wäre, Goethe's Auge fast göttlich
gerecht auf Erscheinungen ruht, die aus entgegengesetzten Prinzipien
hervorgingen. So erblickt er nicht allein die Unzulänglichkeiten
der hellenischen, sondern auch die Unzulänglichkeiten der
germanischen Methode. Haarscharf genau — wie bei ihm üblich —
bezeichnet er den schwachen Punkt: sobald der Mensch die
Gegenstände nicht in Bezug auf sich, Mensch, sondern rein objektiv
und in ihren Verhältnissen untereinander zu beobachten
strebt, „v
e r m i ß t e r b a l d d e
n M a ß s t a b, d e r i h
m z u H i l f e k a m.“ Der
Maßstab ist verloren, der Maßstab des rein Menschlichen,
„die ganz natürliche Art die Sachen anzusehen und zu beurteilen“,
der einzige allgemein verständliche, allgemein gültige
Maßstab; dadurch ist zugleich alle Gestalt verloren. * Unsere
durch die exakte Wissenschaft beeinflußte Weltanschauung irrt im
Ungeheuren herum: im ungeheuer Großen, im ungeheuer Kleinen, im
ungeheuer Verwickelten; Zahlen, bei denen Keiner sich etwas
vorzustellen vermag, weil sie kein Verhältnis zu dem Maßstab
unseres eigenen Wesens und Daseins, zu den uns Menschen angewiesenen
Tagen und Jahren besitzen, häufen sich um uns und sollen Eindruck
auf uns machen. Hierbei üben die sonst aller Bewunderung
würdigen Instrumente — Teleskop, Mikroskop usw. — „wodurch wir
unseren Sinnen zu Hilfe kommen, keine sittlich günstige Wirkung
auf den Menschen aus ... der äußere Sinn wird dadurch mit
der inneren Urteilsfähigkeit außer Gleichgewicht gesetzt.“
Inzwischen hat — Hand in Hand mit dieser widernatürlichen
Erweiterung des Horizontes — das Subjekt nach und nach immer mehr an
Bedeutung verloren: erst ward es äußerlich immer nichtiger
und nichtiger; der Mensch ward ein Wurm auf einem obskuren
Wandelsterne, welcher durch die Finsternis des Weltenraumes ziellos
dahinrast; dann ward der Stern selber immer kleiner, bis er jetzt mit
dem Atom in dem Molekül eines chemischen Körpers verglichen
wird, denn zwischen solchen Atomen sollen ähnliche
Verhältnisse obwalten wie zwischen den Gliedern
305
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
eines Sonnensystems. „Und so
werden wir um das Hohe gebracht, was wir
genießen können, um die Einheit, die uns in vollem
Maße zur Mitempfindung des Unendlichen erhebt, wogegen wir bei
vermehrter Kenntnis immer kleiner werden.“ Doch wozu auch nach „Hohem“
verlangen? Denn auf die äußere Vernichtung war mit
Notwendigkeit die innerliche Vernichtung gefolgt: die chemische
Gewebeserkrankung, welche einen Narren treibt, fürs Vaterland zu
sterben, kann doch für sich keine höhere Würde
beanspruchen als die gesunde Blutzusammensetzung, welche dem Schelm
eingibt, fein zu Hause zu bleiben; es sind halt zwei Tatsachen; als
solche sind sie in letzter Instanz auf Zahlen zurückzuführen,
und wenn E die bei der Geburt potentiell vorhandene Gesamtenergie der
betreffenden Menschenmade bezeichnet, V die als Vaterlandsliebe
bekannte Krankheitsdisposition, M den Mut, W den „Wahn-Koeffizienten“,
r den Willensfaktor aus ererbter Rassentüchtigkeit, μ die seit der
Geburt durch Laster usw. angehäufte Menge der
Schwächungskeime, so dürfte die Gleichung für die
wahrscheinliche Lebensdauer (L) etwa lauten:
E - V
|
M +
½W
——————
√r + μ³
|
= L;
|
womit die Sache erledigt
ist. Vor dem Sturz in diesen
Höllenschlund will uns
Goethe retten; er tut es, indem er uns wieder auf den Maßstab —
den verlorenen Maßstab — des dem Menschen Angemessenen aufmerksam
macht. *
So wissen wir nunmehr, erstens, w a s
Goethe tadelt,
zweitens, w o r a
u s er den Fehler herleitet: nämlich, aus der Tatsache,
daß
das Subjekt mit seinen Forderungen und Rechten, vor allem mit der
einzigen Würde seiner grenzenden Gestalt dem chaotischen,
uferlosen Objekt unentrinnbar verfiel. Jetzt wollen wir sehen, wie
Goethe selber vorzugehen gedenkt, um das Unzulängliche durch ein
Kulturförderndes zu ergänzen.
Hierzu erfindet er eine neue Lösung des
Problems Objekt-Subjekt
und somit, wohlbetrachtet, e i n e n e u
e A u f f a s s u n g v o n „N a t
u r“. Eine
kleine Verschiebung des Standpunktes genügt. Weder ins Subjekt,
wie der Hellene, noch ins Objekt, wie der Germane, verirrt er sich,
sondern genau mitteninne zwischen Objekt und Subjekt, da nimmt er
Stellung, von dort aus erblickt er die Natur. Dies wenigstens ist sein
Ziel und begründet die Originalität seines
306
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
Versuches. Er ist sich der
zuerst instinktiv befolgten Methode nach und
nach vollkommen bewußt geworden: „Das Subjekt in genauer
Erwägung seiner auffassenden und erkennenden Organe, das Objekt
als ein allenfalls Erkennbares gegenüber, die Erscheinung ... in
der Mitte; wodurch denn e i n e g a n z
e i g e n e A r t v o n F o r s c
h u n g
bereitet wurde.“ Mögen auch fernerhin einzelne
schöpferisch-intuitive Geister sich mit aller Wucht auf das
vorwiegend Subjektive werfen, während nach wie vor Tausende von
fleißigen Arbeitern sich dem Dienste des einseitig Objektiven
widmen: das kann nur förderlich sein; wir Menschheit aber, wir
Wesen, deren Organe alle zusammen erst „die himmlischen und irdischen
Dinge zu erfassen vermögen“, wir, denen Goethe angehören
wollte und denen er sich mit aller Leidenschaft widmete, wir sollen auf
der Hut sein, sowohl vor einer fast nur subjektiv gedachten
Naturerkenntnis, die immer wieder, wie ehedem, entweder in den rein
logischen Dogmatismus der aristotelischen Kirchenscholastik oder in die
verschwommene Mystik des Neoplatonismus umschlagen wird, wie auch auf
der Hut vor dem Wahn des objektiven Wissens, des Wissens um Millionen
von Tatsachen, deren fressender Schwarm zuletzt das Tageslicht
löscht, bis schließlich mitten in diesem vorgeblichen
Siegeslauf des Menschen eine Nacht der allgemeinen, starrkrampfartigen
Unwissenheit und Urteilslosigkeit anbricht, da das eigentliche Wissen
nur Eingeweihten zugänglich ist und selbst für diese immer
fragmentarischer und inhaltsleerer wird. Die Kirche, mochte auch ihre
angebliche Allwissenheit armselig beschaffen sein, pflegte ein
großes Erbe, spendete Millionen Leitung, Kraft, Trost, Freude;
die neue Kirche, die neue Scholastik, das neue Heer unduldsamer Pfaffen
und Aftermystiker spendet ... Tatsachen und Maschinen. La peste de
l'homme, c'est l'opinion de savoir, sagt der freie, kluge
Montaigne.
Goethe versuchte zwischen Scylla und Charybdis zu steuern, beide
Gefahren im Auge, beiden ausweichend.
Als den seiner Auffassung von „Natur“ angemessensten
Standpunkt
erwählt er, wie gesagt, denjenigen genau mitteninne zwischen
Subjekt und Objekt. Da nun aber die Kenntnis des Objektes in den
letzten drei Jahrhunderten enorme Fortschritte gemacht hat, wogegen die
Kultur des Subjektes brachliegt, so verstehen wir, daß er trotz
des erwählten mittleren Standpunktes als Erstes betonen
307
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
mußte: „Jetzt kommt es
besonders auf Ausbildung des Subjektes
an.“ Nicht handelt es sich hierbei um ein Bekenntnis zu Subjektivismus
oder zu Naturphilosophie, Spiritualismus, Monismus und wie die Ismen
alle heißen; vielmehr liegt die Sache genau umgekehrt: weil das
angeblich rein objektive Sehen, welches heute dominiert, in
Wirklichkeit ein rohes, unkritisches Sehen ist und diesem
Übelstande einzig durch bewußte Ausbildung des Subjektes,
durch grundsätzliche „Durcharbeitung des armen Ichs“ gesteuert
werden kann, darum kommt es ihm vor allem auf diese Ausbildung, auf
diese Durcharbeitung an.
Unser objektives Sehen — heute so hoch gepriesen —
ist in Wirklichkeit,
solange es unergänzt bleibt, ein mangelhaftes Sehen. Warum? Goethe
gibt die Antwort: „Ohne mit A u g e n d e s
G e i s t e s zu sehen,
tasten wir, wie überall, so besonders auch in der Naturforschung
blind umher.“ Dieser Ausdruck, „mit den Augen des Geistes sehen“, kehrt
bei Goethe häufig wieder, nicht aber, wie bei Bruno und Berkeley,
um anzudeuten, die Augen des Leibes besäßen geringere
Würde, sondern weil nach seiner Ansicht weder die Augen des Leibes
noch die Augen des Geistes a l l e i n richtig und
treu sehen: die einen
sehen dann „gemein“, die anderen „phantastisch“, und das nennt er
beides „blind“. Man vergesse doch nicht, daß es ein rein
objektives Sehen in Wirklichkeit gar nicht gibt; der Menschengeist, wie
Goethe sagt, „nimmt nichts auf, ohne sich's durch eigene Zutat
anzueignen“. Darum heißt es von seiner Farbenlehre im Gegensatz
zu derjenigen der exakten Wissenschaft: „Hier werden nicht Redensarten
überliefert, die man hundertmal wiederholen kann, ohne etwas dabei
zu denken, noch jemanden etwas dadurch denken zu machen; sondern es ist
von E r s c h e i n u n g e n die Rede, die
man v o r
d e n A u g e n d e s
L e i b e s u n d d e s G e i s t e
s gegenwärtig haben muß, um ihre
Abkunft, ihre Herleitung sich und Anderen mit Klarheit entwickeln zu
können.“ Das erst ist wirkliches Sehen, wenn beide — die Augen des
Leibes und die Augen des Geistes — sehen, mit anderen Worten: wo das
Objekt dem Subjekt und das Subjekt dem Objekt sich genau angepaßt
hat. Allerdings gibt es ein Feld, wo das Auge des Leibes vorwiegend
oder allein tätig ist, nicht minder kommt es aber auf Schritt und
Tritt vor, daß tatsächlich konkrete
Gestaltsverhältnisse „unserem Auge entrückt und nur
308
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
dem Verstande sichtbar
bleiben“, welcher dann durch die
Aneinanderreihung dessen, was das Auge des Leibes und dessen, was das
andere Auge erblickt, „den geistigen Punkt der Vergleichung“ für
die ganze Reihe des leiblich und geistig Erblickten entdeckt. So z. B.
„sehen wir in geistiger Anschauung“, daß „die fünf Finger
bei dem Pferde in einen Huf geschlossen sind“ (auch wenn keine
monströsen Gebilde uns davon überzeugten). Es gilt, ohne
daß dadurch der Empirie irgendeine Gewalt angetan wird, die
Einsicht zu gewinnen, daß Francis Bacon in einem Irrtum befangen
war, als er das Innere leugnete; wohl gibt es ein Inneres, ein
höchst wichtiges, ein ganz unentbehrliches Inneres, welches nicht
etwa „das Abstrakte“, vielmehr „das U r l e b e n d i g e“
ist. An
Einen, der mit einer mechanischen Erklärung — wie sie die Augen
des Leibes eingeben — „geschwind“ alles abgetan zu haben wähnte,
schreibt Goethe mahnend: „Die Art zu sein der Dinge ist auf eine
unglaubliche und geheimnisvolle Weise bestimmt und umschrieben“. Wie
bereits Roger Bacon erkannt hatte: „Die Natur verbirgt dem bloß
sinnlichen Menschen Vieles.“ In den eigentlichen „Geist der Natur“
(wenn der paradoxe Ausdruck gestattet wird) dringt einzig der Geist,
das heißt also das Subjekt. Noch sehr jung an Jahren, in
Straßburg, hatte Goethe es schon gewußt: „Der Leichnam ist
nicht das ganze Tier; es gehört noch etwas dazu, noch ein
Hauptstück ... ein sehr hauptsächliches Hauptstück:
das Leben, der Geist, der alles schön macht.“ Leben, Geist,
Schönheit! Wer soll diese zu unserer Erkenntnis der
geheimnisvollen Natur beisteuern, wenn nicht das Subjekt, belehrt durch
das, was die Augen des Geistes ihm aufzeigen? Wer von Atomen allein
ausgeht, findet am letzten Ende auch nur Atome; denn stets bestimmt der
Ausgangspunkt den Endpunkt; er wird darum das Leben der Natur, den
Geist der Natur, die Schönheit der Natur, das Geheimnisvolle der
Natur nicht finden; wie erfolgreich sein Werk auch sei, es ist und
bleibt Stückwerk. Wogegen Goethe ein Ganzes zu erreichen sich
vornimmt, indem er das Subjekt vom Objekt aus bestimmt, das Objekt aber
vom Subjekt aus betrachtet.
Ich hoffe, der Leser hat sich nicht durch die ihm
vielleicht wenig
geläufige Art dieser Untersuchung abschrecken lassen; ganz zu
vermeiden war die Abstraktion nicht, doch tat ich mein Bestes
aufzuzeigen, wie durchaus gegenständlich und praktisch alle diese
Dinge
309
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
bei Goethe gedacht sind. Wer
nicht die Geduld besitzt, den
grundsätzlichen Standpunkt eingehend zu analysieren, wird niemals
befähigt sein, Goethe's Leistungen auf diesem Gebiete
unabhängig zu beurteilen und zu würdigen; sobald
ausführliche Genauigkeit des Verständnisses fehlt, herrscht
das Vorurteil oder die Phrase, zwei Dinge, die man im Umgang mit Goethe
verabscheuen lernt.
Besitzen wir nun vollkommen klare Vorstellungen
über Goethe's
Verhalten gegen Objekt und Subjekt und treten näher heran, um das
dem unzweideutigen Genie der Natur entgegendringende Genie an der
Arbeit zu betrachten, sofort finden wir uns vor einem zweiten
allgemeinen Problem, an dem wir ebenfalls nicht ohne Erörterung
vorübereilen dürfen, da wir sonst bei jedem einzelnen
Naturgebiet, dem Goethe seine forschende Aufmerksamkeit schenkt, auf
stets neue, unerwartete Weise stutzig werden müßten. Es
handelt sich um die Entgegensetzung von Erfahrung und Idee. Im Grunde
genommen herrscht strikter Parallelismus mit dem Problem
Objekt-Subjekt; ohne Anaxagoras und die Methode der D i a i
r e s i s
oder „Inzweitrennung“ (wie sie Plato nannte) wäre von einem
Problem hier wie dort nicht die Rede; der naive Mensch unterscheidet
weder zwischen Natur und sich selbst, noch zwischen Objekt und Subjekt;
und was die Ideen betrifft, so bildet er sie zwar — täte er es
nicht, er wäre unfähig, etwas zu „erfahren“ — doch findet das
bei ihm instinktiv, unbewußt statt. Ein solcher naiver Mensch war
auch Goethe einstens. In seinem schöpferischen Gemüte
entstand z. B. aus schnell sich vermannigfaltigenden Erfahrungen die
Idee einer „Urpflanze“ (vergl. S. 103),
und dann ging er in den Wald
hinaus und suchte sie; kein Kind könnte naiver sein; daß
Erfahrung und Idee zweierlei sei, ahnte er zu jener Zeit nicht. „Ich
suchte damals die Urpflanze, bewußtlos, daß ich
die I d e
e, den Begriff suchte, wonach wir sie uns ausbilden
könnten“; das
gesteht später Goethe selber. Derjenige Leser aber, der über
diese Dinge noch nicht nachgedacht hat, möge daraus entnehmen, wie
wichtig eine derartige Überlegung für Jeden ist; über
den von Genie Besessenen wacht ein guter Engel, der ihn auch
bewußtlos Großes finden und erfinden läßt;
dagegen ein gewöhnlicher Mensch „bewußtlos“ nur
widerspruchsvolle, verwirrte Vorstellungen findet, weiter nichts.
Schiller war es, der in dem berühmten Abendgespräch vom 14.
Juli 1794 Goethe auf die Unerläß-
310
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
lichkeit einer klaren
Unterscheidung zwischen Erfahrung und Idee
aufmerksam machte; fortan, bis an seinen Tod, also nahe an vierzig
Jahre, hat dieses Problem Goethe's Denken ununterbrochen
beschäftigt; immer von neuem kehrte er zu seinem erkorenen
Meister, Immanuel Kant, zurück, um in dessen K r i t i
k d e r r e i n e n V e r n u n f t
und K r i t i k d e r U r t
e i l s k r a f t sich tiefere Aufklärung zu
holen; im Laufe langer Jahre hat er so viel darüber geschrieben
und gesprochen, daß die ausführliche Darlegung eine
umfangreiche Abhandlung erfordern würde. Kein Wunder: denn mit
dieser Gegenüberstellung von Idee und Erfahrung war nicht nur
zugleich die Kernfrage aller Naturerforschung (was Plato vor 2500
Jahren erkannt hatte) sowie die Kernfrage aller Philosophie getroffen
(diese Frage bildet z. B. den eigentlichen Hintergrund von
Kants K r i
t i k d e r r e i n e n V e r n u n
f t), sondern mit dieser Gegenüberstellung
war auch der K e r n v o n G o e t
h e 's e i g e n e r P e r s ö n l i
c h k e i t b l o
ß g e 1 e g t. Der unstillbare Durst nach Erfahrung,
einem Ozean
gleich, der an allen Tag und Nacht hineinströmenden Flüssen
der Welt nie sich satt trinkt: das ist das erste Kennzeichen dieses
Mannes, und wir sahen schon im ersten und zweiten Kapitel, wie sehr
dieser eine Zug sein Leben bis in die geheimnisvollsten Triebe hinein
bestimmt:
Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt.
Doch das zweite Kennzeichen ist die Gabe, Ideen zu erfinden und in
diesen Ideen zu leben. Seiner Idee einer Urpflanze nahe verwandt ist
jene Idee von sich selbst, von welcher in früheren Abschnitten
dieses Buches eingehend die Rede war; auch von ihr hätte er sagen
können: ich erfaßte sie, bewußtlos, daß ich die
Idee suchte, wonach ich mich selbst ausbilden sollte.
Nimmt Goethe's Name von Jahr zu Jahr an Ansehen zu,
so gibt es
hierfür eine überwiegende Ursache: die lebenzeugende Gewalt
seiner Ideengestaltung. Einzig die Analogie mit Plato kann hier
historisch aufklärend wirken; denn von sämtlichen Menschen,
von denen wir Kunde besitzen, kann keiner sich mit Plato an dauernder
Beeinflussung des menschlichen Denkens und Vorstellens vergleichen, und
die unvertilgbare Kraft dieses Einzigen beruht auf der
311
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
S c h ö p f u n
g v o n I d e e n.
Während der scharfsinnige
Schulfuchs Aristoteles über das erratische Umherschweifen seines
Lehrers spottete, hatte die unbewußte Genialität der
Namenlosen — Menschen, die zum großen Teile nie eine Zeile von
Platos Hand gelesen hatten und nicht fähig gewesen wären,
seiner Dialektik zu folgen — jene Zeugungskraft so mächtig
empfunden, daß sie diesen Einen mit dem indischen Bacchus, dem
Schöpfer des Weinbaus, verglichen und Münzen sowie
Standbilder zu Ehren des D i o n y s o s p l a t
o
verfertigten, ahnend,
es habe ein Göttliches unter ihnen gewandelt. Durch seine
Einführung der nach oben und nach unten hin verschiebbaren Skala
von Gattung und Art (gleichviel ob abstrakte Begriffe oder empirische
Gegenstände in Frage stehen), durch seine Einsicht in das Wesen
des „Sprungbrettes“ der Hypothese, durch seine Entdekkung, daß
Wahrgenommenes und Wahrnehmendes im selben Augenblicke und gleichsam
aneinander entstehen (wie der Funken, den zwei Steine schlagen), im
besonderen durch seinen Nachweis, daß alles, was wir Menschen uns
vorstellen, was wir sind und denken — kurz, die Welt im umfassendsten
Sinne — an, in und aus Ideen entsteht, daß das „Zusammenschauen
zur Einheit“ ebenso wie das „Auseinanderschauen in Einheiten“ das Werk
unseres Geistes ist, woraus hervorgeht, wir Menschen seien an der Welt,
die uns erschafft, als Schöpfer beteiligt, nämlich als
Gestalter des Kosmos der Anschauung aus dem Chaos der Wahrnehmungen,
und es somit an uns liege, sie reich oder arm, schön oder
häßlich, edel oder gemein zu bilden ... durch alles dieses
hat Plato dem menschlichen Denken, Erleben, Erstreben eine neue
Atmosphäre erschaffen, und mochten wir ihn verkennen, mochten wir
seine Gedanken verballhornen, mochte sein Werk Jahrhunderte lang
verschüttet liegen, diese Kraft hatte sich an dem reichen Saft des
Lebensbaumes genährt, wie er unmittelbar aus der Wurzel aufquillt,
und infolgedessen zu intensiv und plastisch wahr gestaltet, als
daß ihre Gebilde hätten, wie die anderer Denker, von der
Zeiten Nebel nach und nach aufgelöst werden können. An einer
solchen Kraft lassen sich zwei Bestandteile unterscheiden: die
Fähigkeit, zu erfahren und die Fähigkeit, das Erfahrene zu
Ideen zu gestalten; wäre die Erfahrung nicht ungewöhnlich
reich und durchdringend wahr, so könnten die Ideen, die aus ihr
hervorsprießen, nicht reich sein und wahr; die reichste Erfahrung
312
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
aber bliebe dunkel und
nutzlos, wenn ihr nicht menschlich faßbare
Gestaltung zuteil würde; die Bausteine dieser Gestaltung
heißen Ideen. Goethe's intellektuelle Eigenart ist nun derjenigen
Plato's näher vielleicht als der irgend eines anderen Mannes
verwandt, wenigstens in einigen entscheidenden Beziehungen, und darum
ist sein Lebenswerk und der Einfluß seines Lebenswerkes
zunächst am ehesten aus der Analogie mit dem Denken und Schaffen
des Dichters des Gastmahles
zu verstehen. Gerade diese Parallelisierung
schärft aber den Blick für die wesentlichen Unterschiede,
wie sie die Geistesepochen und wie sie die Geistesanlagen bedingten.
Einem Durcheinander von fragmentarischen, unsystematisch
eingesammelten, zufälligen Erfahrungen gegenüber fand Plato
die Ideenbildung der Menschen tastend unsicher und namentlich dem neuen
Material keineswegs gewachsen; hier also, nicht dort, hatte er alle
Kräfte anzuwenden; denn das eben ist das Wesen dieses
einheitlichen Zwiespalts: nur mit Hilfe von Ideen, von richtigen,
klaren, gut organisierten Ideen ist es möglich, Tatsachen
der Erfahrung systematisch zu sammeln und im Geiste aufzustapeln, sonst
bleiben sie ungestaltete Wahrnehmungen, kaum erblickt, schon
verschwommen; diese Ideen zu vermitteln, war Plato's Werk; erst Plato,
der Schöpfer der Ideen, machte Aristoteles möglich, den
großen vorläufigen Ordner — und dadurch zugleich Aufbewahrer
— der den Menschen jener Zeit bekannt gewordenen Gedanken und
Tatsachen. Man sieht, welche unentrinnbare Notwendigkeit Plato zwang,
dem Subjekt, nicht dem Objekt seine Aufmerksamkeit vorwiegend zu
widmen, und begreift, warum der Mann, der als gekrönter
Tragödiendichter begonnen hatte, in Regionen metaphysischer
Besinnung enden mußte, wohin nur Einzelne ihm zu folgen vermocht
haben; denn für manche Gedanken Plato's ist das Menschenhirn noch
immer nicht zu genügender Zartheit und Schärfe gereift.
Goethe dagegen ward in einer anderen Umgebung geboren. Plato hatte
Brücken vom Subjekt zum Objekt hinübergeschlagen; Goethe fand
sich vor die Aufgabe gestellt, Brücken zu bauen, die vom Objekt
zum Subjekt leiteten. Indem unsere Wissenschaft in der oben schon
wiederholt bezeichneten Weise den Standpunkt verschob, nicht mehr
architektonisch, sondern nur mechanisch und rechnerisch gestaltete,
nicht mehr Ebenmaß, Lükkenlosigkeit, Schönheit,
einheitliche Weltanschauung, sondern einzig das möglichst nahe
Herantasten an die Tatsachen der Natur als aus-
313
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
schlaggebend betrachtete,
gelangte sie nach und nach zu einer
unerhörten Virtuosität in der Einsammlung von „Erfahrung“;
das Altertum hat nicht die entfernteste Vorstellung solcher
Möglichkeiten gekannt. Hätte nun Goethe nicht den
leidenschaftlichen Trieb besessen, sich diese neuentdeckte
Erfahrungsmasse anzueignen, wäre er ein bloßer Künstler
gewesen, das Gemüt von Phantasie ausgefüllt, er hätte
nicht der Plato unseres Zeitalters werden können; sein
Verhältnis zu unserer Naturwissenschaft mußte ein
überzeugt bejahendes sein, genau so wie dasjenige Plato's zu der
Mathematik und Kosmologie seiner Epoche es gewesen war; doch
nötigte der Gesamtzustand des Denkens und Forschens den deutschen
Plato, andere Wege zu gehen. Der Hellene hatte Ideen erfinden
müssen, geeignet, die methodische Einsammlung von
Erfahrungstatsachen zu fördern; Goethe dagegen fand eine solche
Überfülle angesammelter Tatsachen vor, daß der Himmel
davon verdunkelt und die Natur den Blicken der Menschen entrückt
zu werden begann; darum mußte seine Kraft vor allem dem Objekte,
nicht, wie bei Plato, dem Subjekte gelten; das Objekt, die erfahrene
Natur, mußte er ordnen, lichten, architektonisch gliedern, damit
sie wieder in den Sehwinkel des normalen Menschen falle und damit
dieses nach und nach armselig abstrakt gewordene Wesen wieder sehen,
hören, genießen lerne, und zwar inmitten einer durch die
rastlose Tätigkeit von Generationen von Forschern nach allen
Richtungen hin erweiterten und unendlich vermannigfaltigten
Naturvorstellung. Ein Jeder wird bemerken, in welcher Weise hier das
Eine in das Andere übergreift. Das Verhältnis gegenseitiger
Abhängigkeit zwischen Erfahrung und Idee ist nämlich ein so
engbedingtes, daß Plato, indem er alle Geistesgewalt auf die
Bereicherung der Mittel des Subjektes wandte, die Aufschließung
der objektiven Welt, die Erforschung der Natur, möglich gemacht
hat, wogegen Goethe, indem er nur neue Gruppierungen und Deutungen der
objektiven Tatsachen (also der Erfahrung) einzuführen schien,
gerade deswegen „der Ausbildung des Subjektes“ (S. 307)
seine besondere
Aufmerksamkeit widmen mußte, und im letzten Grunde mehr noch
vielleicht der allgemeinen Kultur als der Wissenschaft diente, der
Kultur des Menschengeistes und des Menschengemütes, also der
subjektiven Welt. Nur wer beide Seiten dieser Gleichung erfaßt,
hat verstanden.
314
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
Als nun
Goethe die Urkraft
seiner angeborenen Naivität so weit
durch Übung methodischen Denkens und Schaffens gebändigt
hatte, daß ihm vollkommene Klarheit über sein eigenes
Verfahren zuteil geworden war, machte er sich davon folgendes Bild.
Zuerst mußte er die Erfahrung vor sich ausgebreitet sehen, die
„Naturphänomene in einer gewissen Folge der Entwickelung
betrachten und die Übergänge vor- und rückwärts
aufmerksam begleiten“; wobei er die feinste Skala der Unterscheidungen
aufstellt: Ansehen, Anschauen, Betrachten, Sinnen, Verknüpfen. Aus
dieser genauen Betrachtung der Phänomene sucht er sich eine so
„lebendige Übersicht“ zu verschaffen, daß „aus ihr
sich e i
n B e g r i f f bilde“. Also erst die empirischen
Tatsachen in aller
Breite des Vor- und Rückwärts vor sich ausgebreitet; dann
aber — wie man aus einer aromatischen Flüssigkeit durch anhaltende
Destillation die Essenz gewinnt — ebenso aus dieser empirischen Breite
durch tiefes Nachdenken einen konzentrierten Begriff ausgezogen. Dies
alles stellt sich Goethe als einen Vorgang „in aufsteigender Linie“
vor. Ich möchte zur aufklärenden Analogie auf das, was Goethe
„die Pyramide seines Daseins“ nannte (S. 108),
verweisen; ähnlich
spitzt sich hier die breite Masse der Wahrnehmungen nach oben zu in
einen Gipfel, der den „Begriff“ ausmacht und den Goethe einmal als
„Summe der Erfahrung“ bezeichnet. Dies ist die erste Hälfte des
Vorganges, die eigentliche Erfahrung; nun folgt die zweite Hälfte,
die Ideenbildung. Der Begriff, als „Summe der Erfahrung“, ruft die
Idee, als „R e s u l t a t d e r E r f a
h r u n g“, hervor: der in
aufsteigender Linie sich zuspitzende Begriff „begegnet der Idee“, die
sich von oben herabsenkt. Erst war das Objekt dem Subjekt
entgegengewachsen, nun strebt das Subjekt dem Objekt entgegen. „Wir
finden uns genötigt, der Erfahrung gewisse Ideen a u f
z u d r i n
g e n“, lautet an einer Stelle das energische Bekenntnis, und an
einer
anderen nicht minder unzweideutig: „Ich schreibe immer der Natur etwas
vor.“ Was die Wirklichkeit dieser Ideen betrifft, so lesen wir: „Beim
Anschauen der Natur werden I d e e n geweckt, denen
wir eine gleiche
Gewißheit als ihr selbst, ja eine größere zuschreiben,
von denen wir uns dürfen leiten lassen, sowohl wenn wir suchen,
als wenn wir das Gefundne ordnen.“ Die Phrase von der „bloßen
Erfahrung“ als Prinzip der Naturforschung, gegen die Goethe sich
ereifert, wird noch heute unter
315
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
uns mit priesterlicher
Arroganz von leitenden Naturforschern
verkündet, als sei hiermit ein Höhepunkt erreicht, von wo aus
sie, mitleidig überlegen, alles Streben, Irren und Hoffen der
Menschheit zu ihren Füßen erblickten; und doch drückt
dieses Wort nichts weiter aus als eine bedauerliche Unfähigkeit zu
besonnenem Denken, als die Philisterei philosophisch
unzulänglicher Menschen, und ist in Wirklichkeit ein sinnloses
Silbengeklapper, neben welchem jedes Credo eines Kongonegers Verehrung
verdient. „Alle die ausschließlich die Erfahrung anpreisen,
bedenken nicht, daß die Erfahrung nur die Hälfte der
Erfahrung ist“; wahnwitzig ist die Voraussetzung, „man könne das
Neuzuerfahrende durch bloße Erfahrung in seine Gewalt bekommen“;
„die Erscheinung ist vom Beobachter nicht losgelöst, vielmehr in
die Individualität desselben verschlungen und verwickelt“: so und
ähnlich belehrt uns Goethe, der große Denker, der, gerade
weil er ein Anschauer ohnegleichen und außerdem ein
schöpferischer Ideenbildner war, mit der Zeit genau einsehen
lernte, wie leer Ideen ohne Erfahrung und wie ganz und gar
unmöglich Erfahrungen ohne Ideen sind.
Noch ein letzter Schritt! und wir haben uns eine
ausreichende
Erkenntnis des vorliegenden Problems erworben.
Während unsere empirische Wissenschaft die ihr
vorgezeichnete Bahn
verfolgte, hatten die philosophischer beanlagten Naturforscher und die
naturkundigen unter unseren Philosophen etwas entdeckt, was den
Hellenen unbekannt geblieben war, wenn auch die Indoarier (die
metaphysisch begabtesten Menschen der Welt) es schon lange
wußten, etwas, wodurch eine neue, höhere Stufe der
Erkenntnis erstiegen ward: sie entdeckten, daß die zwei
Hälften jeder solchen methodischen Auseinanderlegung (Natur und
Geist, Objekt und Subjekt, Erfahrung und Idee) sich nie genau decken.
Die Methodik hat nicht, wie sie selber glaubte, eine Einheit nach
Belieben in zwei Hälften zerschnitten, sondern sie hat zwei
Bestandteile eines in der Praxis einheitlich wirkenden Ganzen
voneinander zu lösen gelehrt, und nun stellt es sich bei genauerem
Vergleich heraus, daß diese zwei Hälften asymmetrisch sind,
d. h. sich nicht genau ineinander fügen. Bis dahin hatte man
argwöhnen können, jede solche Unterscheidung sei zwar
praktisch, immerhin aber willkürlich; jetzt mußte jeder
Denkfähige einsehen, dem sei nicht so. Indem die Methodik nur der
316
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
Sicherheit der Forschung wegen
die großen Unterscheidungen
eingeführt hatte, fand es sich, sie habe hiermit zugleich eine
Grundtatsache des Menschengemütes aufgedeckt, eine
urangeborene D
u a l i t ä t, welche zu verkleistern alle die verworrenen
Machtsprüche der Monisten niemals vermögen werden,
ebensowenig wie es je gelingen wird, durch einen Ukas den rechten
Handschuh der linken Hand anzupassen. Auch hier hat Goethe auf den
Grund gesehen. „Keine Idee kongruiert völlig der Erfahrung“,
spricht er dem Philosophen nach und ergänzt diese Aussage
plastisch bildsam: „Hier treffen wir nun auf die eigene Schwierigkeit,
die nicht immer klar in's Bewußtsein tritt, daß zwischen
Idee und Erfahrung eine gewisse Kluft befestigt scheint, die zu
überschreiten unsere ganze Kraft sich vergeblich bemüht.
Demungeachtet bleibt unser ewiges Bestreben, diesen Hiatus mit
Vernunft, Verstand, Einbildungskraft, Glauben, Gefühl, Wahn und,
wenn wir sonst nichts vermögen, mit Albernheit zu
überwinden.“ Weshalb es denn ein anderes Mal heißt: „Idee
und Erfahrung werden in der Mitte nie zusammentreffen; zu
vereinigen sind sie nur durch Kunst und Tat“. Vielleicht hat neben dem
einzigen Immanuel Kant unter allen Menschen Goethe am lebhaftesten die
Bedeutung dieser neuen Erkenntnis eingesehen. Man kann sie als eine
Rückkehr zu Plato auf einer höheren Stufe des Wissens
betrachten; denn die selbständige Bedeutung der Ideen steht von
nun an außer Frage. Was uns heute als „Idee“ geläufig ist,
hatte Plato unter allerhand verschiedenen Namen und in zwanzig
verschiedenen Fassungen — symbolisch und allegorisch —
verständlich mitzuteilen sich alle Mühe gegeben; Aristoteles
und sein vielhundertjähriger Anhang schalten ihn dafür einen
Phantasten; jetzt stellte es sich heraus, nicht bloß, daß
keine Erfahrung ohne Idee statthaben kann, sondern daß die Idee —
wenngleich sie durch Erfahrung geweckt werden muß — doch nicht
etwa ein bloßes Gegenbild ihrer ist, vielmehr einen eigenartigen,
selbständigen, von der bloßen Empirie unterschiedenen und
sich nie mit ihr genau deckenden Bestandteil unserer Erkenntnis bildet.
Was Plato als Seher geahnt hatte, steht also jetzt als nachweisbare
Wahrheit vor uns: der Mensch ist nicht bloß Geschöpf,
sondern auch Schöpfer. Zwar in einer gegebenen, ihn allseitig
bestimmenden Welt zum Bewußtsein erwachend, verhält er sich
doch nicht allein leidend und aufnehmend, vielmehr auch tätig und
schaffend.
317
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
„Der Mensch, wo er bedeutend
auftritt, verhält sich gesetzgebend“,
sagt Goethe; er ist Erfinder und Gestalter, und zwar auf Schritt und
Tritt; denn keinen Eindruck kann er sich einverleiben, wenn er ihn
nicht seinem eigenen Wesen gemäß gestaltet hat. Insofern
ist, wie man sieht, die Welt des Menschen Schöpfung, und hiermit
steht für alle Zeiten das Primat des Geistes fest. Wird aber die
Idee nicht aus der Erfahrung als einfaches Ergebnis gefolgert, ist sie
vielmehr ein eigenes Erzeugnis des Menschengeistes, dann folgt ohne
weiteres, der Wert einer Idee hänge von dem geistigen Wert ihres
Schöpfers ab. Keine Gabe und keine Kraft ist seltener als die,
Ideen zu erfinden. Unsere Auffassung der Welt und unseres eigenen
Selbst, alle die Vorstellungen und Gedanken, in denen wir leben und
weben, sind eben so sehr das Werk einzelner hervorragendsten
Männer, wie die Zerlegung in physis
und nûs die
geschichtlich nachweisbare Tat eines bestimmten Mannes an einem
bestimmten Tage war. Nur vermittelst Ideen wird die Natur verstanden;
Ideen aber entstammen, wenn sie Wert besitzen sollen, der Zeugungskraft
genial begabter Männer. „Die Umfassenden, die man in einem
stolzeren Sinne die Erschaffenden nennen könnte, verhalten sich im
höchsten Grade produktiv; indem sie nämlich von Ideen
ausgehen, sprechen sie die Einheit des Ganzen [ein gewisses ideales
Ganze] schon aus, und es ist gewissermaßen nachher die Sache der
Natur, sich in diese Idee zu fügen“: so übermütig
bewußt spricht sich Goethe einmal aus und schöpft aus dieser
Überzeugung folgende klare Formel: „Was man Idee nennt, tritt uns
als G e s e t z aller Erscheinungen entgegen.“ Doch
wer ist
„umfassend“? Hier entsteht die Gefahr, und für diese Gefahr hatte
Goethe ein scharfes Auge. Sie entlockt dem um die Zukunft unserer
Kultur Besorgten die mahnenden Worte: „Ein großes Übel in
den Wissenschaften, ja überall, entsteht daher, daß
Menschen, die kein Ideenvermögen haben, zu theoretisieren sich
vermessen, weil sie nicht begreifen, daß noch so vieles Wissen
hierzu nicht berechtigt“; Worte, die man in großen Lettern
über den Eingang zu jeder Universität eingraben möchte.
Noch so vieles Wissen berechtigt nicht, sondern einzig das seltene,
angeborene, gottgegebene Vermögen, Ideen zu bilden, welche der
Natur angemessen sind! Bei naiv geformten Ideen, die unser
tägliches Leben gestalten, genügt Goethe's Forderung: „Wenn
man fragt, wie ist Idee und Erfahrung am besten zu verbin-
318
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
den? so würde ich
antworten: p r a k t i s c
h!“; anders
verhält es sich, sobald jene große Zahl der Vielwissenden,
Wenigvermögenden darangehen, sich Ideen zu bilden über
neuentdeckte, dem Menschenleben nicht angehörende Tatsachen, wie
sie die Naturforschung täglich massenhafter an den Tag
fördert; da stellt es sich heraus, daß Ideen von sehr
„verschiedenem Werte“ sein können. Um die Kluft zu stopfen, deren
Dasein der Empiriker sich selbst und erst recht dem
unwissenschaftlichen Laien nur ungern gesteht, müssen auch Wahn
und Albernheit herhalten. Infolge der mangelhaften Ausbildung des
Denkvermögens sind die meisten Naturforscher unfähig,
zwischen Erfahrung und Idee klar zu unterscheiden: „Erst stecken sie
mitten in dem Realen; auf einmal erheben sie sich zu einer idealen
Vorstellungsart, und fallen dann wieder ins Reale zurück. Daher
entstehen die wunderlichsten Vorstellungs- und Erklärungsweisen,
denen man einen gewissen Gehalt nicht absprechen kann, deren Form aber
einen inneren Widerspruch mit sich führt.“ Oder aber sie
versteifen sich um jeden Preis darauf, „alles im Gegenstande zu suchen
und aus ihm zu entwickeln“, woraus „wortreiche und sinnlose Hypothesen
immer entstehen müssen“. Wogegen Goethe's Bekenntnis lautet, es
sei „gleich schädlich ausschließlich der Erfahrung als
unbedingt der Idee zu gehorchen“, und er auf die Anerkennung der
Unentbehrlichkeit und des Eigenwertes beider Teile dringt. „Daß
die Erfahrung, wie in allem, was der Mensch unternimmt, so auch in der
Naturlehre ... den größten Einfluß habe und haben
solle, wird Niemand leugnen, so wenig als man den Seelenkräften,
in welchen diese Erfahrungen aufgefaßt, zusammengenommen,
geordnet und ausgebildet werden, ihre hohe und gleichsam
schöpferisch unabhängige Kraft absprechen wird.“ Offenbar
befindet sich Goethe, der mit bewußter Überlegung den
Standpunkt mitteninne zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Erfahrung
und Idee einnimmt, in einer weit günstigeren Lage als eine
Wissenschaft, die sich verpflichtet fühlt, einzig das Objekt,
lediglich die Erfahrung reden zu lassen. Eine solche Einseitigkeit mag
Großes leisten, doch die Fähigkeit, zu urteilen, muß
ihr abgesprochen werden.
Eine weitere Erläuterung ist aber hier
unentbehrlich.
Hat unsere exakte Forschung Großes geleistet,
so kann das nicht
an dem Unzulänglichen in der Methode liegen; dafür muß
es eine
319
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
positive Begründung
geben; mag sie heute neben ihren technischen
Leistungen noch so viele bedauerlich unzulängliche Gedanken
verbreiten, nichtsdestoweniger muß ein richtiger Instinkt sie —
namentlich aber ihre bedeutenderen Heerführer — geleitet haben,
sonst wären ihre Erfolge unmöglich gewesen; außerdem
sehen wir immer wieder — wie bei Galilei und Clerk Maxwell — die Ideen,
welche Generationen von Forschern die Richtung geben, spontan,
unbewußt, dem Schöpfer selber unerklärlich entspringen.
* Auch hier herrscht eben Zurückführung auf die vom
Menschengeist geforderte E i n h e i t, auch hier
ist diese Einheit
notwendig I d e e; denn ideenlose Erfahrung
gäbe nie Einheit,
immer nur Mannigfaltigkeit; es fragt sich also: was für eine
Gattung von Ideen hat in diesem Falle Geltung? Kant gibt uns die
Antwort, indem er uns lehrt, zwischen zwei Arten von
Einheit-schaffenden Ideen zu unterscheiden: die einen geben
t e c h n i s c h e
E i n h e i t, die anderen gründen a r c h i t
e k t o n i s
c h e E i n h e i
t. Hat Goethe recht, sich über die Albernheit der vielen
unvermögenden Ideenschmiede zu entrüsten, hat er auch recht,
uns zu warnen, das Ideal der heutigen Wissenschaft wandle alle
Weltanschauung in eine riesige Maschinenhalle und erniedrige uns
selber zu entseelten Rädern an der schönheits- und
gütebaren, dummen, zwecklosen Universalmaschine, so ist es dennoch
eine Schwäche an seiner Erkenntnis, daß er die Eigenart und
die Berechtigung des exakt-mechanischen Standpunktes und seiner auf
„technische Einheit“ gerichteten Ideen nie recht eigentlich eingesehen
und anerkannt, vielmehr diesen Standpunkt und diese Ideen auf ihrem
eigensten Gebiete bekämpft hat. Dies wurde die Ursache endloser
Verwirrung, die noch heute nachwirkt. Denn wenn auch Goethe Worte der
Wahrheit spricht, indem er sagt: „Diejenige Kultur, welche die
Mathematik dem Geiste gibt, ist äußerst einseitig und
beschränkt,“ wofür er sich auf Voltaire beruft: J'ai toujours
remarqué que la Géometrie laisse l'esprit ou elle le
trouve, so fällt hier die Perspicacität des Franzosen
auf,
der zwar den Kulturwert der Mathematik geringschätzt,
nichtsdestoweniger aber einen bedeutenden Teil seiner Lebenskraft dem
Kampf um die allgemeine Anerkennung der mathematisch-mechanischen
Methode in den Wissenschaften widmet. Die Mathematik gibt freilich
nicht Kultur, wohl aber bietet sie dem Geiste wunderbar stärkende
Gymnastik, weswegen Plato keinem
320
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
„Nichtgeometer“ den
Einlaß zu seinem philosophischen Unterrichte
gestattete. Nichts, was wir Menschen zu wissen imstande sind, ist
gewisser als die Berechtigung der mechanischen Naturforschung. Kant,
auf den Goethe sich gern beruft, hat gezeigt, daß hinter dem
mechanischen Gesetz der Verknüpfung von Ursache und Wirkung ein
Gesetz des menschlichen Verstandes liegt, daher es „unter keinem
Vorwande erlaubt“ ist, „irgend eine Erscheinung davon auszunehmen“, da
diese dadurch zu einem „bloßen Gedankending“ und „Hirngespinst“
gemacht würde. Zur Überzeugung genügt aber auch der Gang
der wissenschaftlichen Entdeckungen; wie spottet nicht Goethe über
die von dem „guten Fraunhofer“ im Spektrum entdeckten Linien und „lehnt
seine Bemühungen ab“, bis zuletzt ungläubig, daß es
sich um mehr als „einen Hokuspokus“ handle, und welche erstaunliche
Fülle von Tatsachen — verborgen in dem Staub unter unseren
Füßen, und von da bis zu den fernsten Nebelgestirnen — hat
nicht die Spektralanalyse uns im Laufe von noch nicht einhundert Jahren
offenbart! Eine Diskussion hierüber ist nicht möglich; an
diesem Punkte hat Goethe geirrt. Er hat sogar gegen sein besseres
Wissen geirrt; denn er selber ist es, der den Wert der Mathematik
behufs Vermittelung „reinen Anschauens“ so hoch schätzt, daß
er sie auf eine Stufe mit „Poesie des Genies“ stellt. Hätte er
bloß die enge Beschränkung der Geltung jener Methode
aufgezeigt, welche mit Hilfe technischer, nicht architektonischer Ideen
Einheit schafft; hätte er bloß auf die große Gefahr
aufmerksam gemacht, die aller Geisteskultur erwächst, sobald diese
Methode die ihr gewiesenen praktischen Grenzen übersteigt, wie das
heute auf allen Gebieten geschieht; hätte er sich begnügt,
das Daseinsrecht und die ungleich höhere Würde und
allgemeinere Bedeutung der Methode zu verfechten, welche uns
architektonische Einheit der Naturerkenntnis schenkt: man hätte
nicht das Geringste dagegen einwenden können. So aber hat mancher
auf Irrtum beruhende Angriff die siegreiche Kraft seines eigenen
Standpunktes nicht unerheblich geschwächt. Fügen wir hinzu:
Goethe durfte in seiner Beurteilung irren, denn er kämpfte und
schuf; eine spätere Zeit kann nicht entschuldigt werden, wenn sie,
wo die Leistungen vorliegen, zwischen technischen Ideen und
architektonischen Ideen nicht zu unterscheiden und beiden ihr Recht
widerfahren zu lassen weiß.
321
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
Wenn also
Goethe von seiner
Morphologie sagt: „Der Geist trachtet da
seine eigene Wahrheit in die Naturwahrheit zu verkörpern“, so
müssen wir wohl verstehen, daß dies nicht bloß von
seinen architektonischen Ideen, sondern ebenfalls von den „technischen“
Ideen der Wissenschaft gilt; auch in diesen verkörpert sich
Geisteswahrheit. Eine Wahrheit, die buchstäblich n u r
„Naturwahrheit“ zum Ausdruck brächte, wäre für uns
Menschen unverständlich und daher bedeutungslos. Diesem offenbaren
Gesetze kann die mechanische Wissenschaft sich nicht entziehen: jede
einzelne Naturtatsache muß sie zu einer „Menschenwahrheit“
umwandeln; gleich auf der ersten Seite seiner Prinzipien der Mechanik
setzt der Physiker Heinrich Hertz „naturnotwendig“ gleich
„denknotwendig“; wie Goethe sagt: „Alle Erscheinungen sind
unaussprechlich“, ein Wissen besitzen wir nur von unserem Denken
über sie. Das Geheimnis unserer erfolgreichen empirischen
Wissenschaft ist, daß sie es verstanden hat, einzig und allein
die f o r m e l l e n Ansprüche des
Menschengeistes geltend zu
machen, auf alle anderen dagegen grundsätzlich zu verzichten; es
ist das ihre Kraft und zugleich ihre Schwäche; in ihr feiert die
Abstraktion ihren höchsten Triumph. Hier lockt mich ein Bild, das
zwar nur mathematisch Vorbereitete ganz verstehen, dessen Bedeutsamkeit
aber auch Unmathematische fühlen werden: das unendlich Große
und das Nichts stehen in gewissen Kapiteln der Zahl- und Raumlehre in
so
enger „Korrelation“ (wie man es nennt) zueinander, daß das eine
in das andere leicht umschlägt; es kommt manchmal auf das selbe
heraus, ob ich ∞, das Zeichen für Unendlich, oder 0, das Zeichen
für Null, ansetze; ähnlich verhält es sich mit unserer
exakten Naturwissenschaft: die Summe ihres Wissens wächst ins
Ungeheure, täglich näher wird sie dem „Alles“ kommen,
täglich mehr aber als bloßes „Nichts“ in der Hand Derjenigen
bleiben, die mit ihrer Hilfe etwas zu fassen wähnten, was
Vorstellbarkeit, geistige Bedeutung, Lebenswert, Gemütsnahrung
besäße. Hier setzt nun Goethe ein, indem er eine neue
Methode einführt, eine neue — zum Teil aus dem Altertum erneute —
Methode für den Geist, seine eigene Wahrheit in die Naturwahrheit
zu verkörpern: nämlich durch architektonische, Sinnlichkeit
und Phantasie befruchtende Ideen anstatt durch technisch-formelle,
jedes sinnlich faßbaren Inhaltes ledige. Nur wird man wohl tun zu
beachten, daß die architektonische Idee
322
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
nicht bloß anders
geartet ist als die technische Idee, sondern
daß ihr auch ein anderer Wirkungskreis eigen ist. Die technische
Idee ist beschränkt und formal, besitzt aber eindeutigen Sinn und
zwingende Kraft; die architektonische Idee schenkt, wie ein Werk der
Kunst, unerschöpfliche Anregung, erfordert jedoch
Empfänglichkeit und spiegelt sich in jedem Gemüte anders, da
sie nicht bloß verstanden, sondern nachgelebt werden muß.
Newton's Idee der Anziehung zweier Körper im geraden
Verhältnis ihrer Massen und im umgekehrten des Quadrates ihrer
Entfernung ist eine technische Idee, bar jedes sinnlichen oder
geistigen Inhaltes, erstarrte Natur, gleich geronnenem Blute, das nie
mehr in Umlauf geraten kann, dafür aber eindeutig und
unvergänglich; wogegen die Idee des Äthers, die Idee der
Metamorphose architektonische Strukturen sind, welche
„unaussprechlichen Erscheinungen“ durch Mitwirkung der „exakten
sinnlichen Phantasie“ (S. 260) und der
„schöpferisch
unabhängigen Kraft“ (S. 318) des
Menschengeistes Ausdruck,
Verständnis oder wenigstens Ahnung wecken wollen. Goethe schreibt
einmal: „Eine Idee über Gegenstände der Erfahrung ist
gleichsam ein Organ, dessen ich mich bediene, um diese zu fassen, um
sie mir eigen zu machen. Die Idee kann mir bequem sein, ich kann
anderen zeigen, daß sie es ihnen auch sein werde: aber es
läßt sich nach meiner Vorstellungsart nur sehr schwer und
vielleicht gar nicht beweisen, daß sie wirklich mit den Objekten
übereinkommen und mit ihnen zusammentreffen müsse.“
Soviel nur über Erfahrung und Idee bei Goethe:
an und für
sich unzulänglich und fragmentarisch, nicht aber für den
Zweck dieses Buches unzulänglich, wenn es zu eigenem Nachsinnen
kräftig anregt. Als Nachtrag zu dieser Untersuchung über den
Standpunkt, den Goethe der Natur gegenüber einnahm, noch zwei
aufklärende Bemerkungen, die dem unvorbereiteten Leser Goethescher
Schriften Schwierigkeiten aus dem Wege räumen sollen.
Nicht selten redet Goethe von S y m b o
l. „Nach meiner Art zu
forschen, zu wissen und zu genießen, darf ich mich nur an Symbole
halten.“ Das „Symbol“ ist bei ihm das sinnliche Bild, in das sich jener
abstrakte Begriff umwandelt, von dem wir als „Summe der Erfahrung“
hörten; zusammen mit diesem vermittelt es zwischen Erfahrung und
Idee. Auch die exakte Wissenschaft kann der Sym-
323
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
bole nicht entbehren; ihre
Symbole sind aber alle rein formal, es sind
mathematische Formeln und logische Schemen; in Goethe's Welt des Auges
muß dagegen ein jeder Schritt Anschaulichkeit bieten; bei ihm
muß — um ein Wort seines philosophischen Meisters Kant anzuwenden
— „die Idee eine Analogie von einem Schema der Sinnlichkeit sein“; und
darum sucht der aus den vielen Erfahrungen abgezogene Begriff nach
einem anschaulichen Symbol, an das die herbeigerufene Idee
anzuknüpfen vermag; das Symbol dient dann der Idee als „Schema der
Sinnlichkeit“. So z. B. hatte Goethe sämtliche Seitenorgane der
Pflanzen auf einen einzigen Begriff zurückgeführt, der ihm
zuerst als „abstrakte Einheit“ vorschwebte; da verfiel er auf das
Symbol „Blatt“ als anschauliches Gegenbild des unfaßbaren
Begriffes, und nun erst konnte die Idee der Metamorphose Gestalt
gewinnen. In Goethe's Lehre von der Pflanzenmetamorphose darf man sich
unter „Blatt“ nämlich nicht ein wirkliches Blatt vorstellen,
sondern vielmehr das Symbol für einen so rein abgezogenen Begriff
aller möglichen Seitenorgane, daß er ohne „Schema der
Sinnlichkeit“ der Anschauung gar keine Handhabe böte. Damit dieses
Verhältnis ganz klar werde, möchte ich an Stelle der stets
mehr oder weniger unkörperlich wirkenden Fremdwörter deutsche
Ausdrücke vorschlagen: das Symbol würde ich ein S
i n n b i l
d nennen, hingegen die sich aus den Höhen des
schöpferischen
Menschengemütes herabsenkende Idee ein I n b i l d.
Hierdurch
würde auch das verschlungene Verhältnis deutlicher
hervortreten. Das Sinnbild knüpft an die Sinneseindrücke an
und erteilt dem sonst unfaßbar abstrakten Einheitsgedanken
faßbare Gegenständlichkeit; das Inbild stammt unmittelbar
aus dem Innern des Menschengeistes. Das Sinnbild ist der letzte,
verklärteste Ausdruck für das, was wir als physis, Objekt,
Erfahrung unterscheiden lernten; ein wenig weiter, und die
„gefährlichste Stelle“ wäre erreicht, „wo die sinnlichen
Dinge uns verschwinden“. Das Inbild stammt aus einer verborgenen
Vernunftwelt, erwacht als Gegenwirkung der eindringenden
Außenwelt, wächst unter Anlehnung an das Sinnbild zu einer
Gedankengestalt aus und kann dann — in dem naiven und genialen Geist
eines Mannes wie Goethe — eine solche greifbare Plastizität
gewinnen, daß es — das Inbild — als A u ß e n b
i l d wirkt
und man, wie Goethe gegen Schiller bemerkte, es „mit Augen sieht“. So
wäre es denn gelungen,
324
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
die Naturwahrheit — nicht das
blasse mathematische Schema, nicht die
leere Litanei von Ursache und Wirkung — sondern die farbige,
tönende, duftende, berauschende, Verwunderung und Bewunderung
erregende, allverwandte Naturwahrheit bis in den Menschengeist
hineinzuführen, und dieser hätte sich dann mit jener
vermählt, das männliche Prinzip dem weiblichen, nicht, indem
die beiden sich gleicher Art wähnten, im Gegenteil, indem sie sich
als verschieden erkannten und indem der Menschengeist seine eigene
Wahrheit in die Naturwahrheit zu verkörpern trachtete. Was hierbei
entsteht, mag wohl, wie ein Kind, beiden Eltern in gewissen Zügen
ähnlich und unähnlich sein; in Wirklichkeit ist es ein Neues,
voll jugendlichen Lebens.
Hier knüpft nun die zweite
Schlußbemerkung an, die zugleich
auf eine Erörterung in dem ersten Abschnitt dieses Kapitels
zurückgreift: das Wort W a h r h e i t
trägt für Goethe
nicht den Sinn, den unsere Wissenschaft ihm beilegt. Nach dem Warum
fragt er niemals, vielmehr warnt er: „Lebhafte Frage nach der Ursache
... ist von großer, nicht zu entwickelnder Schädlichkeit.“
In diesem Punkte berührt sich Goethe unmittelbar mit den
Indoariern und Urgermanen, soweit sie uns aus Mythologie und Denken
bekannt sind; ein geistesmächtiger Franzose des vorigen
Jahrhunderts faßte den gleichen Gedanken in den Kernspruch: Du
moment que vous prouvez, vous mentez; diese Überzeugung
bedeutet
zugleich die Ablehnung jener jüdischen Weltanschauung, die, durch
den Kirchenglauben eingebürgert, längst in jede
Lebenssphäre übergegangen ist und, in unserer
Naturwissenschaft genau ebenso heimisch wie in den Zellen frommer
Mönche, unseren Geist wie ein Knochenfraß in seinen
tragenden Elementen zerstört. Neben Goethe steht Kant, welcher
nachgewiesen hat, die Ursächlichkeit sei zwar eine formelle
Bedingung des Verstandes, habe aber nur für Dinge a l
s E r s c h
e i n u n g e n Geltung, nicht für Dinge, wie sie an
sich sein
mögen. ¹) Wir haben ja soeben gehört, wie freimütig
Goethe
bekennt, ihm liege wenig daran, ob seine gestaltenden Organideen
„wirklich mit den Objekten über-
—————
¹) Welche Welt hier Goethe von
Spinoza trennt, der mit der obersten
Ursache — causa sui — Gott anfängt, um dann auf mathematischem
Wege, more geometrico, alles hieraus abzuleiten, müßte
selbst dem Blindesten auffallen. Die astronomische Entfernungseinheit
der Weite zwischen Sonne und Erde genügt nicht,
den Abstand auszudrücken.
325
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
einkommen“. Was ist denn
Wahrheit? „Ich habe bemerkt, daß
ich d e
n Gedanken für wahr halte, der für mich fruchtbar
ist.“ Also
haben wir auf der einen Seite das Verbot, nach letzten Ursachen zu
forschen, weil dieser Wahn höchst schädlich wirke, und auf
der anderen das Gebot, das für wahr zu halten, was sich fruchtbar
erweist. Auch diesen Punkt darf man bei Beurteilung von Goethe's
Naturideen nie aus den Augen lassen: e r k l ä r e n,
wie es
unsere Atomisten und Darwinianer verstehen, hat für ihn gar keinen
Sinn; ist es doch nichts weiter als eine aus Denkunvermögen
entsprossene Manie oder ein Rest jüdischen materialistischen
Aberglaubens. „Erklärung der Phänomene: eigentlich Behandlung
der Phänomene nach menschlicher Art“, so urteilt Goethe und meint:
„Eine frohe Bewunderung läßt die Lust zu erklären nicht
aufkommen, und ein geordneter, im Kreise sich abschließender
Vortrag macht eine jede Hypothese verdächtig und entfernt.“ Alles,
was wir Menschen gestalten, muß scharfe, sichtbare Grenzen
aufweisen, soll es Bedeutung für unser Geistesleben gewinnen; der
regressus in infinitum unserer
Wissenschaft ist darum für
Goethe's Welt des Auges ausgeschlossen. „Wir können hoffen,
daß die Naturgeschichte nach und nach sich in eine Ableitung der
Naturerscheinungen aus höheren Phänomenen umbilden wird“; so
bezeichnet Goethe die abschließende Peripherie seines Systems.
Weiter als bis dahin, wo sinnlich Faßbares gerade noch
wahrgenommen werden kann, soll der Mensch nicht trachten: „Der
Naturforscher lasse die U r p h ä n o m e n
e in ihrer ewigen Ruhe
und Herrlichkeit dastehen.“ Goethe weiß, daß, sobald wir
einen Schritt weitergehen, alles in Abstraktionen und Hirngespinste
aufgelöst wird. Wer Naturwissenschaft gründlich studiert,
entdeckt zu seinem Staunen, daß hinter all den herrlichen
„Ergebnissen“ viele innere Widersprüche, Ungeheuerlichkeiten,
Absurditäten sich verbergen. „Wen werden wir überzeugen“,
schreibt einer der bedeutendsten Physiker unserer Zeit, Heinrich Hertz,
über die höhere Physik unserer Tage, „daß wir noch von
wirklichen Dingen reden und nicht von Gebilden einer ausschweifenden
Einbildungskraft?“ Dies will Goethe vermieden wissen. Ein
Urphänomen (oder eine G r u n d e r f a h r u n g,
wie es
gelegentlich auch heißt) definiert er als das, was „unmittelbar
an der Idee steht“; weiter zurück wollen, hieße ja die Idee,
die aus unserem eigenen Innern stammt, wieder zurück-
326
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode
stoßen ins Reich des
Unwahrnehmbaren. Und was sollte diesem
Bestreben für ein Wert innewohnen, da wir unseren „beim Anschauen
der Natur geweckten Ideen eine gleiche Gewißheit als ihr selbst,
ja eine größere zuschreiben?“ Nur Eines könnte und kann
hier weiterführen: eine Steigerung unseres eigenen Inneren, eine
Steigerung aller Fähigkeiten des Menschengeistes; wächst das
Subjekt, so wird auch das Objekt an Bedeutung gewinnen; wogegen wir
jetzt, der mathematischen Wissenschaft blind hingegeben, indem wir uns
die Natur durch ein unablässig erweitertes Wissen zu unterwerfen
wähnen, unserem eigenen Sklaven, wie das stets geschah, nach und
nach erliegen. Dieser Entartung und Unterjochung Einhalt zu tun, indem
er wahrer, höherer Kultur die Bahn brach: das schwebte dem
erhabenen Genius bei seiner Erforschung der Natur als Ziel vor.
Wie ich in der allgemeinen Einleitung zu diesem
Buche schrieb: In
Goethe erklimmt der Menschengeist vollbedächtig eine höhere
Stufe und legt dort dauernde Grundlagen, auf daß wir alle
höher zu stehen kommen; seine Gestaltung der Natur gehört als
Tat und als Beispiel zu dem Bedeutendsten, was er in dieser Beziehung
schuf; sie sollte alle unsere Fähigkeiten zu höherer
Entfaltung anregen. „Um aber einer solchen Forderung sich zu
nähern, so müßte man keine der menschlichen
Kräfte bei wissenschaftlicher Tätigkeit ausschließen.
Die Abgründe der Ahndung, ein sicheres Anschauen der Gegenwart,
mathematische Tiefe, physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft,
Schärfe des Verstandes, bewegliche, sehnsuchtsvolle Phantasie,
liebevolle Freude am Sinnlichen, nichts kann entbehrt werden zum
lebhaften fruchtbaren Ergreifen des Augenblicks...“
—————
Goethe's
Forschungsmethode
Eine kritische Erläuterung der einzelnen
Leistungen Goethe's als
Naturerforscher kann in diesem Werke nicht unternommen werden; das
Kapitel würde zu einem Buch anwachsen; darum beschränke ich
mich in folgender Weise: zuerst mache ich auf allgemeine Gesichtspunkte
aufmerksam, die einen orientierenden Überblick gewähren,
sodann bringe ich über jedes der drei Hauptgebiete — Farbenlehre,
organische Studien, anorganische Studien — einiges vor, was als
Anleitung zu ernstem Studium dienen mag und vorder-
327
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode
hand jene Grundsätze und
Ergebnisse kurz zusammenfaßt, die
ein Jeder kennen muß, der über die Persönlichkeit, das
Werk und die Weisheit Goethe's sich ein Urteil bilden will. Wen Neigung
und Kenntnisse dazu befähigen, möge dann an der Hand Goethe's
weiterschreiten; er wird nicht bald ausgelernt
haben. *
Was zunächst bei Goethe's Naturerforschung
auffällt, ist ihre
Vielseitigkeit: die Meisten staunen sie an, manche Fachleute
schütteln dagegen den Kopf und meinen, der Dichter würde es
in den Wissenschaften weiter gebracht haben, wenn er sich zu
beschränken verstanden hätte. Beide Urteile haften an der
Oberfläche und betrachten nicht einmal diese genau. Denn die
„Vielseitigkeit“ des Naturerforschers Goethe, gleichviel ob
gerühmt oder gescholten, ist eine bloße Phrase, wenn man die
energische Begrenzung nicht beachtet, die ihr zum Gegengewicht dient.
Für mein Empfinden bewährt sich Goethe's eigenes Wort:
In der Beschränkung zeigt
sich erst der Meister
nirgends meisterlicher als in der Art, wie er sich ein Ganzes des
Naturerkennens durch strenge Beschränkung auf Bruchteile einzelner
Disziplinen zu schaffen verstand; hier hat ein hoher Instinkt gewaltet.
Selbst von Jemand, der nicht auf Fachgelehrsamkeit ausgehen, sondern
auf ideelle Gestaltungszwecke gerichtet bleiben wollte, hätte jede
einzelne naturwissenschaftliche Disziplin, sobald sie in allen ihren
Teilen hätte umfaßt werden sollen, die Hingabe eines ganzen
Lebens erfordert; Goethe's Ziel wies ihm andere Wege: nicht alles
lernen, was andere erforscht haben, sondern durch weise
Beschränkung Hellsichtigkeit gewinnen, „durch strengste Kenntnis
des Einzelnen sich eine Art von durchdringender Allwissenheit
erwerben.“ Darum zog er sich ein zwiefaches Netz von Grenzlinien:
zunächst eine Begrenzung des Stoffes auf je einen Bruchteil des in
Frage kommenden Gebietes, sodann eine weitere Begrenzung, diejenige
nämlich der bezweckten Leistung. Infolgedessen findet bei Goethe's
Naturstudien keine Wiederholung statt, sondern an jedem Orte faßt
er etwas ins Auge, was keine Analogie zu dem von ihm anderwärts
Betrachteten bietet, und an jedem Orte findet eine neue, eigenartige
Anpassung zwischen Erfahrung und Idee statt. Überall lernt er
Neues und überall erschafft er Neues. Hier also müssen
328
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode
wir ansetzen, nicht dort, bei
der Vielseitigkeit; und zwar betrachten
wir in erster Reihe die rein stoffliche Beschränkung, sodann die
bestimmte Beschränkung der Leistung.
Zunächst strich er einzelne weite Gebiete ganz;
einige allgemeine
Kenntnisse hat er allerdings auch dort erworben, doch nie versucht, sie
seiner gestaltenden Wirksamkeit zu unterwerfen; als Beispiel nenne ich
die Chemie. Heute wissen wir, warum er das mußte. Keinem noch so
genialen Manne hätte es gelingen können, die „grenzenlosen
Einzelheiten“ der damaligen Chemie ideell zu überwinden, alles
Tatsächliche lag in einem kreißenden Chaos von
Widersprüchen; und so begnügte sich Goethe, als Mineralog den
gestalteten Aspekt dieser gestaltlosesten Wissenschaft im Auge zu
behalten; außerdem gelang es ihm, einen der tüchtigsten
Fachmänner seiner Zeit an sich zu fesseln, Döbereiner, und
somit von einer Warte aus der Entwickelung zuzusehen, deren
Fortschritte er „unter die glücklichsten Ereignisse, die ihm
begegnen konnten, rechnete“, ohne aber sich selber dabei zu
betätigen.
Wie verfuhr er nun bei denjenigen Gebieten, denen er
sich widmete?
Im P f l a n z e n r e i c h
beschränkt sich
Goethe dadurch
stofflich, daß er aus der Menge der verschiedenen Grundformen nur
eine einzige in Betracht zieht: einzig unsere blühenden Pflanzen
(Phanerogamen) sind Gegenstand seiner Untersuchungen. Und zwar von
diesen fast nur die einjährigen Kräuter. Außerdem
begnügt er sich mit denen, die er in Europa wild oder in
Gärten blühend antrifft, und macht keinen Versuch, eine
eingehendere Kenntnis der exotischen Floren zu gewinnen. Was aber die
unerschöpflich reiche Welt der nichtblühenden Pflanzen
(Kryptogamen) betrifft, die an Verschiedenheit der Grundformen und der
Lebensentwickelung diejenige der blühenden weit hinter sich
läßt, so hat er sich kaum ein- oder zweimal flüchtig
damit abgegeben und läßt dieses Wunderreich abseits liegen
mit der Begründung: „Als Freund faßlicher Gestalten empfand
ich beinahe einen Widerwillen gegen diese schwer zu unterscheidenden
Geschöpfe.“ Von dem in dieser Weise zur Betrachtung abgesonderten
Bruchteil eines Bruchteils beachtet er nun weder die Anatomie (d. h.
den inneren Aufbau) noch die Physiologie (d. h. die Funktionen des
Lebens, wie Nahrung, Atmung usw.), ja, nicht einmal die
329
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode
eigentliche Systematik (d. h.
die genaue Kenntnis der Gattungen und
Arten); zwar nahm er zu allen diesen Dingen Anläufe, doch
ließ er sie stets wieder nach wenigen Tagen liegen; es hatte sich
nur um eine Übung gehandelt, damit er befähigt sei, der
Tätigkeit Anderer mit Verständnis von fern zu folgen. Ihn
fesselt hier einzig und allein der allgemeine Habitus und die
wechselnde Form der äußerlich sichtbaren Organe: seine
Botanik ist ausschließlich allgemeine G e s t a l t e
n l e h r
e oder „Morphologie“, um das von ihm erfundene und in die
Wissenschaft
übergegangene Wort zu gebrauchen, und zwar, wie gesagt, die
Morphologie der in Europa wachsenden, zu den blühenden Pflanzen
gehörigen Kräuter. So fest zieht er um sich herum den Kreis,
der seinen Horizont begrenzt, und läßt sich nicht
darüber hinaus entführen.
Bei der Beschäftigung mit dem T i e
r r e i c h
finden wir eine
analoge, doch wesentlich anders geartete Beschränkung: auch hier
wird von den verschiedenen Grundformen eine einzige eingehend und
andauernd in Betracht gezogen, andere nur gelegentlich und ohne Folge;
die erwählte ist die der Wirbeltiere (Vertebrata), und zwar fast
ausschließlich die Unterabteilung der Säugetiere. Anstatt
aber die Aufmerksamkeit, wie bei den Pflanzen, der äußeren
Gestalt zu widmen, richtet Goethe sie hier auf den inneren Knochenbau
allein; für ihn handelt es sich bei seinen diesbezüglichen
Studien einzig und allein um v e r g l e i c h e n d
e A n a t o m i e, und zwar um
vergleichende Anatomie des Skelettes (und des Gebisses), ohne irgend
welche Berücksichtigung der übrigen Gewebe. Weder eigentliche
Morphologie (wie in seiner Botanik) noch Zoologie (also allgemeine
Tierlehre) noch Physiologie wird ins Auge gefaßt, noch auch
kümmert er sich um die Lebensbedingungen (Biologie), außer
wo und insofern diese den Knochenbau auffallend beeinflussen.
Dagegen könnte man in einem freilich nicht
üblichen, doch
bedeutungsreichen Sinne des Wortes seine F a r b e n l e h
r e einen
mustergültigen Versuch nennen, in der B i o l o g i e
den Weg zu
weisen. Denn Goethe erfaßt das Phänomen des Lichtes genau in
dem Augenblick, wo es zum Leben in Beziehung tritt und dadurch „Licht“
wird; weder greift er hinaus ins Bereich der physischen
Elementarvorgänge noch hinein in die Physiologie der Sinne. Die
Beschränkung ist hier eine besonders interessante, ja, für
die Be-
330
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode
trachtung und Deutung der
Natur bahnbrechende, und nur daß man
sie nicht beachtet, führt zu der babylonischen Verwirrung in der
Beurteilung der Leistungen Goethe's auf diesem Gebiete. Nicht
eigentlich stofflich, sondern vielmehr rein zeitlich ist in diesem
Falle die Beschränkung, in dem genial richtigen Gefühl,
daß, wo nicht eine Gestalt, sondern ein Vorgang betrachtet werden
sollte, an diesem selbst nichts ausgeschieden werden durfte, wohl aber,
so viel es beliebte, an dem Vorher der Zeit mit seiner endlosen Kette
von aneinander gegliederten Ursachen und an dem Nachher der Zeit mit
seinen ins dunkle Innere des Nervennetzes und Hirnes sich verlierenden
hypothetischen Folgen. Goethe's Farbenlehre beschränkt sich auf
den einen einzigen Augenblick, in welchem Objekt und Subjekt aneinander
geraten und den Funken des Daseins entzünden.
Wiederum einem anderen Einschränkungsgesetz
gehorcht Goethe bei
seinen mit so großem, andauerndem Eifer betriebenen g
e o l o g
i s c h e n Studien. Hier fehlt die unmittelbare Beziehung aufs
Subjekt. „Die Vernunft hat nur über das Lebendige Herrschaft; die
entstandene Welt, mit der sich die Geognosie abgiebt, ist tot.“ Ein
wichtiges Wort, das wir erläutern dürfen: Leben ist Gestalt;
was dagegen den Elementen verfiel, hat die Eigenbestimmung — jedes
notwendige Verhältnis von Teil zu Teil und vom Teil zum Ganzen —
verloren, dadurch auch die bestimmende Grenze. Goethe lehnt also die
Geognosie ab, insofern sie eine Wissenschaft von dem Bau der Erde zu
sein vorgibt; denn an die Möglichkeit einer eigentlichen
„Wissenschaft“, d. h. an die Zurückführung auf gesetzgebende
Ideen der Gestaltung, glaubt er auf diesem Felde nicht. Einzig fesselt
ihn darum das historische W e r d e n; nirgendwo
kommt Goethe dem
Gedankengang der Evolution (wie man heute das Wort versteht) so nahe
wie bei seinen Erwägungen über die Erdkruste; hier dünkt
ihm „die genetische Betrachtung wünschenswert“; wo nicht Gestalt
herrscht, da ist Geschichte am Platze. In die eigentliche Mineralogie
(außer als Sammler und insofern bestimmte Mineralien seinen
Ansichten über die Entstehung gewisser Felsarten zur Stütze
dienen) vertieft er sich nicht, da sie Kenntnisse in der „grenzenlos
unübersehbaren“ Chemie voraussetzt, die Kristallographie lehnt er
ab, die Physiographie der Gesteine beachtet er gar nicht, die
Stratigraphie (oder Schichtenlehre) verfolgt er sehr genau innerhalb
enggezogener Gren-
331
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode
zen, doch an ihrem umfassenden
Ausbau auf Grund des
paläontologischen Zeugnisses (der Versteinerungen) nahm er keinen
Teil, trotzdem er vielleicht der erste unter Allen war, der den Wert
dieses Zeugnisses vorhersagte (siehe Brief an Merck vom 27. 10. 82).
Dagegen sucht er immer „die kleinsten Abweichungen und Schattierungen,
die eine Gesteinsart der anderen näher bringen und die das Kreuz
der Systematiker und Sammler sind...“ zusammenzutragen, widmet sich
also dem unendlichen Detail, dem er bei Pflanzen und Tieren
grundsätzlich aus dem Wege ging. Und zwar tat er dies, weil sein
Bestreben dem Versuche gilt, dieses Chaotische, Gesetz- und
Maßlose sich möglichst als „stetig“ und „gebändigt“
vorzustellen, aus langsamen, allmählichen, nicht gar zu
„tumultuarischen“ Veränderungen nach und nach hervorgegangen, die
auch jetzt noch „in einer Folge“ wirken. Darum das unablässig
eifrige Sammeln von „Zwischenstufen“, die als Argumente gegen
plötzliche, unerhörte und als Zeugnisse für
„gesetzmäßig-bedingte“ Vorgänge gelten können;
darum auch der unablässige Kampf gegen die Vulkanisten und andere
Kataklysten; denn der künstlerisch schaffende Genius weigert sich,
„einen solchen wilden willkürlichen Erdboden zu bewohnen“, und ist
entschlossen, ihn „wenigstens nicht zu betrachten“. Wo also Goethe am
meisten empirisches Detail sammelt, da gerade geht er auch am
unbedingtesten subjektiv vor! Wie dies zusammenhängt, werden wir
bald einsehen lernen.
Der P h y s i o l o g i e (oder
Lehre von den
Lebensfunktionen) kommt
Goethe merkwürdigerweise am nächsten in seiner M
e t e o r
o l o g i e. Mit Eifer benutzt der Greis (welcher der
wissenschaftlichen Sternkunde niemals Interesse entgegengebracht hat)
eine Vakanz, um das astronomische Observatorium zu Jena so weit
möglich in ein meteorologisches umzuwandeln; doch die rein
physikalischen und namentlich die mathematischen Interessen, ohne
welche es auf diesen Gebieten schwer fällt, die Tatsachen
überhaupt zu ordnen, werden ausgeschieden; Gestalt wird gesucht,
wo sie sich nur halbwegs konstruieren läßt; von den Wolken
heißt es:
Was sich nicht halten, nicht
erreichen läßt,
Er faßt
es an, er hält zuerst es fest,
Bestimmt das Unbestimmte,
schränkt es ein.
332
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode
Und auf den Kurven der
Barometerschwankungen, zu denen Goethe
allerorten einer der ersten Anreger ist, verfolgt er das Anschwellen
und Einsinken der graphischen Darstellung und gewinnt daraus die
Vorstellung eines „Aus- und Einatmens“ oder eines wechselnden
Pulsschlages. Nicht etwa, als ob eine schwärmerische Neigung
walte, die Erde als lebendiges Wesen zu deuten; wir hörten sie als
„tot“ bezeichnen; wohl ist aber, genau so wie bei der Geologie, das
unabweisbare Bedürfnis des Geistes am Werke, die ungefesselten
Elemente, welche „die Willkür selbst zu nennen sind“, und die
„immerhin den Trieb haben, ihren eigenen wilden wüsten Gang zu
nehmen“, möglichst als gebändigt, als in ihrem
„ungezügelten, gesetzlosen Wesen“ einigermaßen geregelt
aufzufassen und darzustellen.
Jedem, der aufmerksam gemacht ward, muß es,
glaube ich,
auffallen, mit welchem merkwürdigen Geschick Goethe durch diese
Reihe von genau bestimmten, genau verteilten verschiedenen
Beschränkungen seiner Studien es verstanden hat, einen
vielumfassenden Überblick über die Phänomene der Natur
zu gewinnen, dem es trotzdem an der nötigen Fundierung in Bezug
auf empirische Reichhaltigkeit und Genauigkeit nicht fehlte. Wenige
Tage vor seinem Tode meinte Goethe, rückblickend auf den Gang
seiner Naturstudien, sie seien „in ihrem Vorschreiten immer
desultorisch“ gewesen, nichtsdestoweniger aber „immer
zusammenhängend“; das Gefüge des Ganzen gleicht dem
kunstvollsten Bau. Freilich, sobald von den Organen lebender Wesen die
Rede war und von der Art, wie sie, um den äußeren
Bedingungen standzuhalten und sie auszunützen, sich gestalten und
umgestalten, so besaß er eingehende Kenntnisse aus
hinlänglichem eigenen Anschauen und Vergleichen nur auf dem einen
bezeichneten Gebiete der Pflanzenkunde; diese waren aber so reich und
genau, daß ihm die Methode des Schauens und Urteilens auch auf
weit abliegenden Gebieten zugute kam; ebenso waren ihm für den
inneren Bau, der dem äußeren als Grundlage dient, nur die
Verhältnisse des einen Gewebes einer einzigen Unterabteilung des
Tierreiches ausführlich bekannt. Welch' eine herrlich geniale
Eingebung, Pflanzenreich und Tierreich gerade auf diese Weise sich
gegenseitig ergänzen zu lassen: die Unbeweglichen in der
unerschöpflich biegsamen Beweglichkeit ihrer Gestaltung, die rast-
333
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode
los Beweglichen in der
unverrückbaren Beharrlichkeit ihres
Strukturplans durch alle Lebensbedingungen, Epochen und Jahrmillionen
hindurch! Aus diesem beschränkten, nichtsdestoweniger aber genauen
und reichen Wissen gingen Dinge hervor, die ein Johannes Müller
als „fernes Ideal der Naturgeschichte“ bezeichnete, so gute
Früchte trug die von Goethe erfundene Methode der Spezialisierung
innerhalb der Universalität. Dann wieder beachte man die Art, wie
die zwei großen Grundprobleme aller Naturforschung — das Leben
und das Unbelebte, kontradiktorische Gegensätze und doch in
unserem Bewußtsein unzertrennbar — kühn dort (bei Licht und
Farbe) angefaßt werden, wo sie ein einziges Problem bilden und
jedes der beiden Unerforschbaren im anderen sich widerspiegelt,
blitzartig aufgehellt! Auf die Fruchtbarkeit dieser Gedankentat komme
ich gleich zurück. Wie weise, anstatt sich in das pfadlose
Labyrinth der erst werdenden Chemie zu verlieren, gleich an die
Urstätte aller Stofflehre zu gehen, an unseren Planeten; weder den
Lockungen zu den Elementen hinunter noch denen hinauf in die Sterne
nachgebend, sondern hier sich verankernd, auf dem einmal gegebenen
Muttergestirne, wo das empirische Wissen seine Interessen nach allen
Seiten hin erstreckt und nebst dem Theoretischen und Hypothetischen
auch für Phantasie und Praxis täglich frische Nahrung
herbeischafft. Nur aus diesem lebendigen Bunde genauer Einzelkenntnisse
mit allumfassendem, sinnendem Schauen läßt es sich
erklären, daß Goethe auch dort, wo er am wenigsten heimisch
schien, dem empirischen Forscher um ein Jahrhundert vorauseilte: so z.
B. mit seiner Divination, Licht sei „eines und desselben E
n t i s
(Wesens)“ wie Magnetismus, Elektrizität und Chemismus; was unsere
ersten Physiker heute, im zwanzigsten Jahrhundert, als ein Neues, von
Clerk Maxwell nur Vorgeahntes beschäftigt, hat Goethe vor hundert
Jahren (1806) ausgesprochen, und zwar als eine Überzeugung, an der
er
„gar nicht zweifle“ und durch deren empirischen Nachweis „die ganze
Naturforschung für immer geborgen wäre“. Ein einziger solcher
bis auf den tiefsten Grund durchdringender Blick sollte Goethe für
alle Zeiten vor dem Vorwurf schützen, in der Physik ohne Urteil
gewesen zu sein; freilich, die Form der Mathematik lag ihm fern, doch
in das Wesen auch der elementaren Vorgänge schaute er so tief wie
nur Wenige. Hätte er es doch erlebt, wie die ihm so verhaßten
334
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode
angeblichen „Strahlen“ des
Lichtes bis auf die letzte Spur
verschwanden, so daß sie heute nur noch für die
dümmeren Studenten der ersten Semester sowie für
Feuilletonisten und deren Leser dienen!
So sehen wir denn die systematische Begrenzung des
Stoffes der
Entwickelung des Urteils zu wahrhafter Förderung dienen. Nun
muß ich aber noch auf jene andere Begrenzung hinweisen, die ich
vorhin als Begrenzung der Leistung bezeichnete: innerhalb eines jeden
Gebietes findet Goethe eine bestimmte Aufgabe zu lösen, ihr widmet
er sich und läßt sich nicht durch andere Dinge ablenken und
irremachen.
Schon bei unserer Übersicht der rein
stofflichen Beschränkung
erkannten wir klar den lebendigen Mittelpunkt in Goethe's Erforschung
der Natur: es ist seine Farbenlehre. Äußerlich
läßt sich leicht feststellen, daß er diesen
Untersuchungen am meisten Zeit gewidmet hat; denn seine
diesbezüglichen Veröffentlichungen und Manuskripte
füllen sechs Bände der Weimarer Ausgabe in der Stärke
von je vier- bis fünfhundert Seiten, was mehr ausmacht als alle
übrigen Arbeiten zur Naturerforschung zusammen. Wie teuer ihm
gerade diese Arbeit war, ersehen wir aus folgender Episode: als im
Oktober 1806 nach der Schlacht bei Jena die Gefahr, alles zu verlieren,
plötzlich über ihn hereinbrach, dachte er nicht etwa an die
Rettung von Dichtungen, Tagebüchern u. dgl., sondern einzig an die
seiner Papiere zur Farbenlehre. Die innere Veranlassung zu dieser
Bevorzugung erkennen wir, sobald wir uns die grundsätzlichen
Ausführungen über Objekt und Subjekt, über Erfahrung und
Idee zurückrufen. Dort hörten wir Goethe als den idealen
Standpunkt für die Naturerforschung denjenigen bezeichnen, der
genau mitteninne zwischen Objekt und Subjekt gelegen wäre: hier —
bei seinen Untersuchungen über das Wesen der Farbe — ist es ihm
gelungen, diesen Standpunkt genau einzunehmen und mit nur geringen
Schwankungen zu behaupten. Darum war nicht bloß ihm selber
besonders wohl und sicher und sieghaft auf diesem Gebiete zu Mute,
sondern es ist unwidersprechlich sicher, daß wir hier am ehesten
lernen können, worauf es ankommt, um Goethe's Ziel zu verstehen
und uns von ihm in seine neue Methode einführen zu lassen;
außerdem wird es schon trotz aller Verwirrung des irregeleiteten
Urteiles täglich deutlicher, in welchem Maße mit dieser
großen Leistung sowohl der
335
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode
Erkenntnis der Natur wie der
Kultur des Geistes dauernd gedient worden
ist. Rechts und links von diesem Mittelpunkt — den wir vielleicht noch
besser als B r e n n p u n k t des auf Erforschung
der Natur
gerichteten Geistes bezeichnen könnten — erblicken wir je eine
Gruppe von zwei eifrig gepflegten Naturstudien: die eine betrifft das
gestaltete Leben (Pflanzen- und Tierreich), die andere das Reich der
Elemente (die Erde und ihre Lufthülle); die erste Gruppe
gehört, wie Goethe uns vorhin belehrte, zur „Herrschaft der
Vernunft“, neigt also dem Subjekte zu, die andere ist dem Geiste
unverwandt, folglich ganz und gar Objekt, so daß hier das Subjekt
Gewaltsamkeit anwenden muß, um sie seinem
Gestaltungsbedürfnis zu unterwerfen. Man stelle sich also
fünf Hauptaugenpunkte vor (wie die fünf Finger einer Hand):
in der Mitte die Farben, links davon das Pflanzenreich (in seinen
Blattformen veranschaulicht) und das Tierreich (an seinem Skelette
erfaßt), rechts davon die Erdrinde (als geschichtlich
aufgestapeltes Zeugnis langsamen Werdens) und die nach
Elementenfreiheit hinwegstrebende, doch gefesselte Lufthülle. Nun
aber tritt ein doppelt-gekreuztes Verhältnis ein, zu jenen
gehörig, die Goethe als „überquer“ zu bezeichnen pflegte. Wie
stark subjektiv er Geologie und Meteorologie behandelte, habe ich
soeben hervorgehoben; streng objektiv ging er dagegen bei der
Morphologie und der vergleichenden Anatomie vor; kein Fachmann
könnte härtere empirische Forderungen an sich stellen, als
Goethe es hier tat (man sehe nur seine Arbeiten über
Blattgestalten und seine Tabellen zu Knochenstudien). Seinem leitenden
Grundsatz der Mittelstellung zwischen Objekt und Subjekt blieb er also
dadurch treu, daß er bei Erscheinungen, die dem Subjekte
näher stehen, die Objektivität in ihren strengsten
Forderungen, dagegen bei Erscheinungen, die an und für sich fast
rein objektiver Natur sind, die Subjektivität freier walten
ließ. Bis hierher erfaßt man den Zusammenhang leicht; nun
aber stoßen wir erst auf das eigentliche Überquere, und
dieses merkwürdige Verhältnis scheint mir geeignet, zu noch
tieferem Nachdenken anzuregen. Denn gerade unser Wissen von den
Lebensgestalten, bei deren Erforschung sich Goethe so strenger
Objektivität befleißigte, hat er weniger durch neue
Tatsachen als durch neue architektonische Ideen bereichert, Ideen, die
auch auf die exakte Naturforschung ungemein anregend gewirkt haben;
wogegen auf jenen
336
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode
Gebieten, wo Goethe
rücksichtslos subjektiv vorging (ich habe
namentlich die Geologie im Auge), er weniger Gestaltungskraft seinen
Ideen mitzuteilen wußte, dafür aber eine Reihe von empirisch
wohlbegründeten Entdeckungen machte, um die ihn jeder Fachmann
beneiden könnte.
Aus der Wahrnehmung dieses eigentümlichen
Verhältnisses — der
subjektiv Verfahrende entdeckt (wie durch ein zweites Gesicht)
empirische Tatsachen, der objektiv Erforschende bereichert den Geist
durch neue schöpferische Ideen — erhalten wir eine solche
Fülle von Belehrung sowohl über die Natur des Menschengeistes
überhaupt wie auch namentlich über das innerste Gefüge
dieser reichen Persönlichkeit, daß der Redende gern
schweigt, um Jedem Raum zu eigenem Sinnen zu lassen. In dieser
Intelligenz bleibt nichts Fläche; durch das beständige
Nebeneinanderbestehen des Antithetischen wächst jeder
Teil der Persönlichkeit zu einem Körperhaften aus, und es
kann nie gelingen, Goethe in irgend einer seiner Begabungen und
Tätigkeiten von einem einzigen Standpunkt aus zu übersehen
und zu beurteilen, immer wird man es verstehen müssen, sich
ringsherum den Weg zu bahnen.
Wir wenden uns zu den einzelnen Gebieten. Und zwar
fassen wir alle
Arbeiten Goethe's unter drei Rubriken zusammen: das Zwischengebiet der
Farbenlehre, das Gebiet des Organischen, das Gebiet des Anorganischen.
Warum die Farbenlehre vorangeschickt werden soll, erhellt zur
Genüge aus den bisherigen Ausführungen: hier, auf der
Grenzscheide zwischen organischer Lebenstat und anorganischer
Kräfteverschiebung, lernen wir Goethe's Standpunkt am besten
kennen. Was seine Beobachtungen und Gedanken über Pflanzen und
Tiere anbelangt, so ergänzen sie sich gegenseitig: beide betreffen
das große Reich des dem Subjekt verwandten Organischen, und man
versteht besser, worauf er hinaus will, wenn man sie vorerst als
Teilbestrebungen innerhalb einer größeren Einheit behandelt.
Dagegen hebt sich das Anorganische als Einheit anderer Art scharf von
dem Organischen ab. Goethe selber hat die grundsätzliche
Unterscheidung anerkannt und ausgesprochen, indem er betont, man
müsse auf den beiden Gebieten verschieden verfahren: beim
Anorganischen „anfangs rein atomistisch, nur sehen, nicht denken“,
beim Organischen dagegen „erst die Ideen in uns erwecken und beleben“.
337
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
Beim Anorganischen ist es
nicht möglich, etwas zu denken, ehe man
nicht sehr viel gesehen hat, beim Organischen bleiben die wichtigsten
Beziehungen Demjenigen ebenso wie einem Blinden verborgen, dessen Geist
nicht von vornherein wie die straffgespannten Saiten eines
Streichinstrumentes vorbereitet ist, die empfangenen Eindrücke in
eine höhere, mehr vermögende Gedankensphäre zu erheben.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich die vorgeschlagene Dreiteilung.
—————
Die
Farbenlehre
Goethe's Briefe an Jacobi sind eine wahre Fundgrube
für Den, der
nach Aufschluß über seine tiefsten Gedanken sucht; auch hier
wieder bieten sie uns die genaue, unterscheidende Kennzeichnung. Von
seiner Arbeit über die Farben schreibt er an den Freund: „Sie hat
mir große Vorteile gebracht, indem ich dabei genötigt war,
sowohl gegen Erfahrung als Theorie face zu machen, und mich also nach
beiden Seiten gleich auszubilden suchen mußte.“ Bei seinen
anderen Naturstudien hatte er es insofern leichter gehabt, als er dort
in der Hauptsache nur entweder gegen die von der Wissenschaft
angenommene Erfahrungsmasse oder gegen ihre leitenden Theorien, nicht
aber gegen beide zugleich in Widerspruch trat; wogegen er sich bei
seiner Erforschung der Farben genötigt sah, „sowohl gegen
Erfahrung als Theorie face zu machen“, d. h. also, sowohl den Stoff wie
die Lehre neu zu gestalten. Die Tatsachen selbst, welche der
Wissenschaft als Grundlage dienten, schienen ihm — insofern nicht das
Licht, sondern die Farben in Betracht kamen — teils falsch, teils
bedeutungslos; hier hat er also nicht bloß, wie bei den
organischen Wesen, in eine unbestritten bleibende empirische Hauptmasse
neue Einblicke und auf bisher wenig beachtete Tatsachenreihen neue
Ausblicke eröffnet, sondern er hat den gesamten empirischen
Tatbestand in wesentlichen Punkten neu aufzubauen, beziehentlich
aufzudecken unternommen, wobei er noch das gesamte technische und
künstlerische Schaffen der historischen Menschheit und alle
Gedanken der Menschen über die Farben als einen Bestandteil seines
empirischen Materials zum ersten Mal einsammelte, durchforschte und
darstellte. Das Alles betraf „die Erfahrung“, wie er es im obigen Satze
nennt; nun aber die „Theorie“. Es steht von vornherein nicht anders zu
338
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
erwarten, als daß die
neue Lehre mit der in grundsätzlich
verschiedenen Voraussetzungen wurzelnden und ein anderes Material
bearbeitenden physikalisch-optischen Lehre der Wissenschaft kaum
einige Berührungspunkte aufweisen wird. Hier steht Goethe also
allein. Und kostet es auch deswegen Mühe, ihn wirklich zu
verstehen — denn man muß sich entschließen, wie ein Kind in
die Schule zu gehen und das Abc zu lernen —, so entschädigt
dafür der Vorzug, daß jenes halbe Verständnis nicht
leicht aufkommen kann, welches Goethe's Leistung auf rein organischem
und rein anorganischem Gebiete als die eines durchwegs
schöpferischen Naturerforschers noch immer verdunkelt, Schlimmeres
damit anrichtend als ein grobehrliches Mißverstehen. Mag also der
um die Kenntnis Goethe's Beflissene an das Studium dieser Farbenlehre,
in welcher Stimmung es auch sei, herantreten, mag er, in aller
Einseitigkeit unserer Zeit festverwoben, entschlossen sein, diese Lehre
als unbegründet zu verwerfen, das Eine muß er zugeben und
festhalten: es handelt sich um ein Neues, um ein Ganzes, um ein
Eigenes, in welchem Goethe „sowohl gegen Erfahrung als Theorie face zu
machen genötigt ist“. In diesem Zusammenhang verdient es
gewiß Beachtung, wenn Goethe hier — und hier allein — immer
wieder von dem „Genius“ spricht, dem er gehorchen müsse. „Ich bin
... vom Genius dahin geführt worden, wo ich nicht hinwollte“; „ich
habe mir durch das optische Studium eine große Last aufgeladen
oder vielmehr der Genius hat's getan“ usw. Es ist einfach
unerträglich, wenn über eine derartige Geistesleistung nach
den Schuster- und Schneiderusancen der gangbaren Wissenschaft
abgeurteilt wird; wie Goethe gesagt hat: „Ich wünsche, daß
ein aufgeweckter, guter, besonders aber liberaler Kopf zur Sache
greife“, wobei er weiter definiert: „Liberal aber heiß' ich, von
beschränkendem Egoismus frei, von dem selbstsüchtigen
Gefühl, das weder mit guter Art zu nehmen noch zu geben
weiß.“
Daß Goethe selber nicht unbeträchtlich zu
der unter
seinen Zeitgenossen und noch unter uns herrschenden Wirrnis beigetragen
hat, soll nicht geleugnet werden; entscheidend ist aber die Tatsache,
daß er von Anfang an gewußt hat, seine F a r b
e n l e h r
e und die m a t h e m a t i s c h e O p
t i k seien zwei unverwandte
Bestrebungen des
Menschengeistes; schon während seiner frühesten Arbeiten
über die Farben sagt er, es werde „auf seinem Wege nach der mathe-
339
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
matischen Theorie gar nicht
gefragt“; er hat es nur hin und wieder in
der begreiflichen Erbitterung über die „niederträchtigste
Behandlung, die er von seinen Zeitgenossen erduldete“, vergessen oder
übersehen. Nicht also liegt hier eine Gegnerschaft vor, eine
Leugnung der Berechtigung und der Leistungen der mathematischen
Methode, sondern, sobald und solange man Goethe's Standpunkt einnimmt,
fällt jene nicht in den Gesichtskreis. Von der mathematischen
Physik erklärt er, „sie möge in ihrem Kreis vor wie nach ihr
Wesen treiben“, und ausdrücklich gibt er zu, „die übrige
Optik“ könne „der Meßkunst nicht entbehren“; einzig von den
Farben behauptet er, man dürfe sie „von der Meßkunst ganz
abgesondert betrachten“. Denn, so heißt es an anderem Orte: „Der
Regenbogen, sowie die prismatischen Erscheinungen sind nur einzelne
Fälle der viel weiter ausgebreiteten, mehr umfassenden, tiefer zu
begründenden harmonischen Farbenerscheinungen.“ Die mathematische
Optik, und mögen ihre Leistungen noch so glänzende sein,
behandelt nur einen Spezialfall unter hundert anderen, bei denen Farbe
wahrgenommen wird. Darum hat Goethe es sehr bald bedauert, seine ersten
kurzen Veröffentlichungen auf diesem Gebiete Beiträge zur
Optik genannt zu haben, und meinte: „Hätte ich Chromatik
gesagt,
so wäre es unverfänglicher gewesen.“ Später hat er stets
nur von „Farbenlehre“ gesprochen und ist so fern davon, der
Wissenschaft auf ihrem Felde einen Kampf liefern zu wollen, daß
er in der Einleitung zu seinem Entwurf
einer Farbenlehre schreibt:
„Diese Art, sich die Sache vorzustellen, können wir Niemand
aufdringen. Wer sie bequem findet wie wir, wird sie gern in sich
aufnehmen. Ebenso wenig haben wir Lust, sie künftig durch Kampf
und Streit zu verteidigen.“
Worin besteht nun der Gegensatz des Standpunktes
zwischen der
mathematischen Optik und Goethe's Farbenlehre? In früheren
Abschnitten des Kapitels wurde diese Frage (eingeschlossen in der
weiteren Frage über das Wesen von Goethe's Naturerforschung)
sowohl von der hohen Warte der allgemeinen Interessen einer
Menschheitskultur aus wie auch aus metaphysischer Vertiefung
beantwortet; jetzt, wo ein bestimmt beschränktes Feld vorliegt,
will ich es bündig und handgreiflich tun: die Optik hat zum
Gegenstand das L i c h t, die Farbenlehre hat zum
Gegenstand die F a r
b e n. Licht und Farbe sind so grundverschiedene Vorstellungen,
daß wir, je nach
340
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
dem das eine oder das andere
von beiden uns zum Ausgangspunkt dient, in
völlig getrennte Erfahrungs- und Gedankengebiete geraten. „Farbe“
ist eine ganz und gar konkrete, unmittelbare, sichere, jedem Bauern
ebenso genau wie dem größten Gelehrten bekannte Wahrnehmung;
„Licht“ dagegen — wie die Wissenschaft das Wort versteht — ist ein
Begriff, der sich aus einer Reihe von Abstraktionen ergibt und fast
ebenso sehr Gedanke genannt werden muß wie der Begriff „Natur“.
Gleich von vornherein haben wir also die Gegenüberstellung eines
Abstrakten und eines Konkreten: das Abstrakte vertritt die exakte
Wissenschaft, das Konkrete Goethe.
Hier wie überall geht die exakte Wissenschaft
in der Weise vor,
daß sie so viel als möglich aus der sinnlichen Erfahrung —
also die wahren Eigenschaften der Phänomene — tunlichst bald
abstreift, um ein mechanisches Symbol zu erreichen (die „technische
Idee“, von der vorhin die Rede war, S. 319), wo
dann die unmittelbare
Verknüpfung mit dem einzig unfehlbaren Organ der Meßkunst
stattfinden kann. Ist das Licht wirklich eine Wesenheit für sich?
Kann man es erfassen wie irgend einen materiellen Gegenstand,
isolieren, analysieren? Diese Annahme ist schon eine Hypothese, eine
„Art von Abstraktum“. Goethe's Prometheus sagt von dem Geschlecht der
Menschen, es sei:
Bestimmt Erleuchtetes zu
sehen, nicht das Licht!
Das Erleuchtete ist überall Farbe, wogegen der Begriff Licht —
ähnlich wie der Begriff Schall — für den naiven Menschen
bloß die Tätigkeit eines seiner Sinne objektiviert
zusammenfaßt
und nicht ohne weiteres den Schluß auf eine
außermenschliche
Wesenheit zuläßt. Das „Licht“ ist, jenachdem man es
nimmt, g a n z objektiv, oder g a n
z subjektiv; die Farbe dagegen bezeichnet immer eine Relation
zwischen dem lebendigen Wesen und der umgebenden Natur. Goethe meint:
„Die Natur des Lichts wird nie ein Sterblicher aussprechen; und sollte
er es können, so würde er
von Niemandem, so wenig wie das Licht, verstanden werden“, doch neigt
er, wie wir schon hörten (S. 333), zu der
Ansicht, der Name „Licht“ bezeichne nur das Bruchstück eines
allgemeineren
Phänomens, welches unter sich manches befasse, was wir als
Magnetismus und als chemische oder physikalische Wirkung deuten. Heute
urteilt die Physik genau so wie Goethe und versteht unter Licht
341
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
eine beschränkte
Teilerscheinung innerhalb eines großen
Komplexes von Phänomenen, die keine Beziehung auf unseren
Gesichtssinn erkennen lassen. Goethe hat also ohne Frage schon hier,
bei der Grundauffassung, gegen Newton recht behalten. Denn dieser
große Mathematiker war von der kindlichen Vorstellung
ausgegangen, das Licht sei wirklich ein besonderes, getrenntes,
für sich bestehendes „Ding“, eine eigenartige Materie, lauter
kleine Kügelchen, welche von der Sonne gegen die Erde geschleudert
würden. Um Goethe herum hielt noch die Mehrzahl an dieser
Vorstellung fest, wenngleich schon damals für alle mathematisch
höher Gebildeten die Kügelchen längst den Wellen des
Äthers gewichen waren, wie sie Descartes, der schöpferische
Denker, vor Newton's Geburt ersonnen und Huyghens, der Mathematiker,
plausibel gemacht hatte; nunmehr aber sind die Wellen dort, wo zu
Goethe's Zeiten die Kügelchen waren, d. h. sie tun Dienste in den
Köpfen der beschränkt Begabten oder verkrüppelt
Gebildeten, wogegen sie in der eigentlichen Wissenschaft längst zu
nicht näher definierbaren „Schwingungen“ umgewandelt werden
mußten und in guten Lehrbüchern nur noch als
Hilfsvorstellung Verwendung finden. Noch vor wenigen Jahren wurde
Jeder, der für Goethe's Lehre Interesse faßte, auf Dove's
Darstellung der Farbenlehre
(1853), ein im übrigen vortreffliches
Buch, verwiesen, in welchem der tatsächliche Beweis ad oculos der
Wellen als endgültige Widerlegung Goethe's aufgefaßt wurde;
heute sagt Poincaré, der erste Analytiker unserer Tage, von der
Hypothese der Wellenschwingungen, sie sei nicht bloß keine
nachweisbare Wahrheit, sondern nicht einmal „interessant“! Der Physiker
behauptet jetzt nur: innerhalb des undefinierbaren, weil undenkbaren
Äthers gibt es einen beständigen Wechsel von Plus und Minus,
einen Tausch und Umtausch der Richtungen, ein Hin und Her von Energie
innerhalb eines weltumfassenden Kraftfeldes, und dieser Wechsel
läßt sowohl einen räumlichen wie einen zeitlichen
periodischen Ausdruck zu; eine Vorstellung, gegen die Goethe um so
weniger einzuwenden hätte, als sie mit seinen oft ausgesprochenen
Vermutungen genau übereinstimmt. Die Vorstellung „Licht“ ist —
innerhalb der streng exakten Wissenschaft — eine so schwankende
geworden, daß ein anerkannt allererster Physiker unserer Zeit,
Lord Kelvin, keine andere Definition zu geben weiß als: „Licht
ist Licht, wenn Du es als Licht
342
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
siehst; es ist nicht Licht,
wenn Du es nicht siehst“. Unbefriedigt
nimmt Kelvin noch einen Anlauf und sagt: „Licht definieren wir als
dasjenige, was wir mit Bewußtsein als Licht wahrnehmen.“ * Die
logischen Leistungen unserer führenden Naturforscher könnten
einem neuen Molière zu einem unsterblichen Lustspiel Stoff
geben. Außerdem stimmt die Definition des edlen Lords nicht mehr;
ein hervorragender englischer Physiker veröffentlichte
unlängst ein Buch Light visible
and invisible; es werden also von
der heutigen Physik auch Phänomene, die zu keiner sinnlichen
Wahrnehmung gelangen, als „Licht“ bezeichnet. Wer denkt nicht an das
soeben gehörte Wort Goethe's zurück: „Die Natur des Lichtes
wird nie ein Sterblicher aussprechen“? *
Wenn nun die theoretischen
Vorstellungen der exakten Wissenschaft über das Wesen des Lichtes
eine nach der anderen als nichtig erkannt wurden, warum erlitt der
Siegeslauf der Entdeckungen auf optischem Gebiete nicht einen Tag
Aufenthalt? Weil die Berechnungen blieben. Die symbolischen
Vorstellungen konnten kommen und gehen wie sie wollten; die kindlichen
unter ihnen genügten kindlichen Geistern, die vertrackt absurden
waren und sind der Neoscholastik unserer Neopfaffen ebenso teuer wie
die entsprechenden logischen Seiltänzereien ihren Vorgängern
in der Kutte vor etlichen Jahrhunderten; doch was richtig berechnet
war, blieb richtig berechnet und führte außerdem zu weiteren
richtigen Berechnungen. „Des Mathematikers Formel“, bemerkt Goethe,
„bleibt immer noch richtig, wenn auch die Unterlage nicht zu ihr
paßt, auf die sie angewendet worden“. Nirgends enthüllt sich
das rein abstrakte Wesen unserer exakten Wissenschaft deutlicher als
gerade hier. Der eigentliche Geist des Menschen, dessen Nahrung einzig
aus sinnlichen Vorstellungen besteht, geht leer aus: es ist nichts zu
sehen, nichts zu denken, kein Tüttelchen Inhalt mehr zu Traum,
Dichtung, Sehnsucht, Tat; aber — die Rechnung stimmt.
Dem gegenüber ersteht nun Goethe, der konkrete.
Ihm fällt es
nicht ein, über das angebliche Wesen des angeblichen Lichtes etwas
auszumachen; von diesem „Abstrakten, für sich Bestehenden, sich
selbst Bedingenden“ will er nichts wissen; vielmehr blickt er um sich
als freier, künstlerischer, naturverwandter Mann und gewahrt zwei
Dinge, durch welche die „Welt des Auges erschöpft wird: Gestalt
und Farbe“. Über Gestalt redet er an anderem Orte, hier erforscht
er Farbe.
343
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
Die Welt
des Auges! Dieses
Wort — uns aus anderen Äußerungen
Goethe's schon bekannt (S. 264) — weist einen
bestimmten Weg, der nicht
der Weg der mathematischen Wissenschaft ist, einen Weg, auf dem man
„sich vor der Abstraktion fürchtet“, einen Weg, auf dem die
Naturbetrachtung „unmittelbar ins Leben übergeht“. Mit
entzückender Schlichtheit nennt Goethe als „Hauptabsicht“ seines
Farbenwerkes, „die Natursprache zu bereichern, zu erweitern und so die
Mitteilung höherer Anschauungen unter den Freunden der Natur zu
erleichtern“. Zur wirklichen Bereicherung einer Sprache kann nur die
Bereicherung unserer Vorstellungen führen; die neuen Anschauungen
bedingen die Spracherweiterung. Goethe will sehen lehren, will in die
Welt des Auges einführen; als einen Hauptfehler unserer Zeit
bezeichnet er den „Mangel der Anerkennung des eigentlichen Wertes der
Anschauung“; an Stelle „des Atomistischen der Newtonschen
Vorstellungsart“, an Stelle der Linien, Winkel, Punkte, Buchstaben,
Berechnungen, welche die Wissenschaft als „Lichtlehre“ uns darbietet,
will Goethe die Freunde der Natur lehren, d i e
F a r b e n z u
s e h e n, ihr kaum je beachtetes unaufhörliches
Wechselspiel
bewußt zu erleben und dadurch zugleich die Sinne zu
schärfen; sind diese erst geschärft, so tritt das
Bedürfnis nach neuen Begriffen, nach neuen
Begriffsverknüpfungen, schließlich nach neuen Ideen auf. In
diesem Wechselspiel zwischen Geist und Sinnlichkeit soll sich der
Mensch steigern, und aus dieser Steigerung geht das Organ seines
geistigen Daseins, die Sprache, bereichert, erweitert hervor. Da sind
wir freilich weit von der Weisheit: „Licht ist das, was Du als Licht
wahrnimmst.“ Doch ohne eine Theorie kann auch Goethe nicht auskommen.
In folgendem Absatz seines Vorworts hat er in jener Vollkommenheit des
Ausdrucks darüber gesprochen, die sein ganzes Farbenbuch zu einem
ewigen Meisterwerk menschlicher Mitteilungskunst erhebt; in diesem
Buche besitzen wir eben das erste Ergebnis des genannten Parallelismus
zwischen Steigerung der Anschauung und der Sprache.
„Hier aber ist zu bemerken, daß, ob man sich
gleich überall
an die Erfahrungen gehalten, sie überall zum Grunde gelegt, doch
die theoretische Ansicht nicht verschwiegen werden konnte, welche den
Anlaß zu jener Aufstellung und Anordnung gegeben. Ist es doch
eine höchst wunderliche Forderung, die wohl manchmal gemacht,
344
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
aber auch selbst von Denen,
die sie machen, nicht erfüllt wird:
Erfahrungen solle man ohne irgend ein theoretisches Band vortragen und
dem Leser, dem Schüler überlassen, sich selbst nach Belieben
irgend eine Überzeugung zu bilden. Denn das bloße Anblicken
einer Sache kann uns nicht fördern. Jedes Ansehen geht über
in ein Betrachten, jedes Betrachten in ein Sinnen, jedes Sinnen in ein
Verknüpfen, und so kann man sagen, daß wir schon bei jedem
aufmerksamen Blick in die Welt theoretisieren. Dieses aber mit
Bewußtsein, mit Selbstkenntnis, mit Freiheit und, um uns eines
gewagten Wortes zu bedienen, mit Ironie zu tun und vorzunehmen, eine
solche Gewandtheit ist nötig, wenn die Abstraktion, vor der wir
uns fürchten, unschädlich, und das Erfahrungsresultat, das
wir hoffen, recht lebendig und nützlich werden soll.“
Möchte der Leser diese Sätze wiederholt
Wort für Wort
überdenken, bis er ihren Sinn, der zu reich ist, um sofort in
seinem vollen Umfang erfaßt zu werden, ganz in sich aufgenommen
hat! Dann frage er sich, wie groß wohl die Wahrscheinlichkeit
sein mag, daß irgend einer selbst unserer bedeutendsten exakten
Forscher jemals einer Lehre gerecht werden könnte, die
in F r e i
h e i t und I r o n i e wurzelt? Kaum einer
von ihnen wird auch nur die
Aufforderung hierzu verstehen. Es ist genau so, als wollte man mit
einem Jesuitenpater von Freiheit des Gewissens und Ironie des Glaubens
reden; wer die Wahrheit in concreto
zu besitzen wähnt, hat
für das, was Goethe „recht lebendige Erfahrung“ nennt, keinen
Sinn. Goethe anerkennt als Kriterion einzig die Fruchtbarkeit: „Was
fruchtbar ist, allein ist wahr!“ (S. 258).
Fruchtbar für eine
organische Weiterentwickelung der Menschenkultur ist nicht eine
angebliche Wahrheit, die auf lauter Berechnungen hinausläuft,
welche einzig der mathematische Fachmann versteht und einzig der
Mechaniker anwendet, vielmehr etwas, was auf allen Gebieten des Lebens
Bedeutung besitzt, was die Sinne schärft und den Geist nährt,
wie denn Goethe mit seiner Farbenlehre „Gefälliges und
Nützliches zu erzeigen denkt“ den Philosophen, Ärzten,
praktischen Chemikern, Technikern, Fabrikanten, Künstlern und
Anderen und den Wunsch ausspricht, auf den von der Theorie „nur
angedeuteten Grundzügen“ solle sich „die Tat lebendig ergehen“.
Wie wir am Anfang dieses Kapitels vernahmen: „Auf diesen höheren
Stufen kann man nicht
345
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
w i s s e n,
sondern man muß t u n“ (S. 260).
Dies aber, diese
allgemeine Steigerung der geistigen Kultur, kann nicht den Menschen von
oben herab, aus gelehrter Gnade, in Worten, die dem Ungelehrten
unbegreiflicher sind als die Mysterien der Religionen, gespendet
werden, sondern nur durch eine Auffassung der Natur, in welcher „alles
Raisonnement sich in eine Art von Darstellung verwandelt“ (S. 264),
mit anderen Worten, durch eine konkrete, sinnliche, sichtbare Lehre,
eine Lehre, durch welche „die Natur Allen verständlich wird“
(S. 269).
Mit Absicht habe ich wieder in die allgemeinen
Betrachtungen des
einleitenden Abschnittes dieses Kapitels zurückgegriffen; denn
wenn Goethe einmal mit Bezug auf seine Farbenlehre klagt: „Niemand
kennt und versteht meine Prämissen“, so müssen wir vor allem
bemerken: diese Prämissen sind nicht bloß technischer Art,
sie betreffen nicht bloß die Benutzung oder Nichtbenutzung der
Rechenkunst, nicht bloß die gereizte Gegnerschaft gegen Newton
und was es dergleichen noch gibt, vielmehr umfassen sie eine
Weltanschauung. Bei der technischen Ausführung der Experimente,
bei der Deutung der Phänomene muß sich natürlich Goethe
oft mit der Wissenschaft berühren, wie auch oft sich von ihr
entfernen; da handelt es sich um ein Geben und Nehmen; keiner aber, der
nicht begriffen hat, in welcher Weise die rein menschlichen
Voraussetzungen — das Woher und das Wohin — völlig voneinander
abweichen, wird je sich ein Urteil bilden können über das,
was Goethe hier geleistet hat. Versteht dagegen der Leser, inwiefern
der oben hervorgehobene Gegensatz zwischen der Erforschung des Lichtes
und der Erforschung der Farbe bereits den Gegensatz zweier
Weltanschauungen umfaßt, dann ist er auf dem Wege, Goethe's
Farbenlehre auch bis ins Einzelne hinein, als Tat, als Schöpfung,
als Kulturelement, begreifen zu können. Alles hält sich: das
Ganze und dessen Teile. Wer das Licht erforscht, geht, wie wir gesehen
haben, von einem abgezogenen Begriff aus und endet in Gleichungen;
daß man in gewissen Kapiteln der Optik doch von „Farben“ redet,
ist nur eine schlechte Angewohnheit; denn weitaus der größte
Teil der Schwingungen, Vibrationen oder, wie man es nennen will, des
Äthers ist überhaupt unsichtbar, sie liegen unter- oder
oberhalb der Grenzen, die unserer Augentätigkeit gezogen sind.
Was aber jene Vorgänge
346
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
betrifft, die man allegorisch
als „Schwingungen“ bezeichnen kann, deren
Frequenz zwischen vierhundert und achthundert Billionen in der Sekunde
beträgt und die das Menschenauge wahrnimmt, so verfährt der
Physiker weit praktischer, wenn er von Zahlen, als wenn er von Farben
redet; denn erstens gibt es Farbenblinde, sodann kommen alle
erdenklichen Grade von verschieden feiner Empfänglichkeit vor
(Newton z. B. hat haarsträubend ungenau die Farben unterschieden,
wogegen Goethe es durch Natur und ununterbrochene künstlerische
Weiterbildung bis zu der zartesten Unterscheidungsfähigkeit
brachte). In Wahrheit ist jede Lebensfunktion, welche sie auch sei, ein
dem Physiker verbotenes Gebiet. Der selbe Lord Kelvin, den ich vorhin
anführte und dessen Autorität kein exakter Forscher abweisen
kann, sagt, der Physiker überschreite seine Kompetenz, „sobald er
bei Nerven ankommt“, und fügt hinzu: „Die Physik betrifft leblosen
Stoff allein; sobald ich von einem lebendigen Körper rede, bin ich
außerhalb meines Gegenstandes.“ Sobald also unsere mathematische
Optik von Farbe und von Farben redet, besitzen diese Vorstellungen
nicht konkreten, sondern nur allegorischen Wert; das sogenannte „Licht“
der Physik existiert ja ohne das Menschenauge, überhaupt ohne
alles Leben; treibt hier und da zufällig ein Auge sein Wesen, so
hat das auf die optischen Phänomene, wie wir sie heute auffassen
und berechnen, gar keinen Bezug; finden wir armen Menschen uns auf
unseren Gesichtssinn angewiesen, um gleichsam tastend zu
Phänomenenreihen zu gelangen, die unserer unmittelbaren
Wahrnehmung unzugänglich bleiben, so bedeutet das von diesem
Standpunkt aus nicht eine Göttergabe, vielmehr nur das
Bewußtwerden einer Beschränkung. Wie anders stellt sich die
Sache für den Mann dar, der seinen Ausgangspunkt von der Farbe
nimmt und seine Untersuchung einzig der Farbe widmet! Farbe ist eine
ausschließlich sinnliche Wahrnehmung; keinen Worten, geschweige
Zahlen, kann es gelingen, an sie auch nur heranzukommen; der Verstand
ist unfähig, einen Punkt zu entdecken, wo er anbinden könnte.
Rot oder Grün liegen jenseits aller Definierkunst; der
Farbenblinde kann sie sich ebenso wenig wie der ganz Blinde vorstellen;
wogegen der Ungelehrteste sich in dieser „Natur“, sobald er gute Augen
besitzt, nicht weniger genau auskennt als der Gelehrteste. Und doch,
selbst der Farbenblinde stellt sich Farbe noch besser als der
347
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
Mathematiker vor; denn aus der
Wahrnehmung von Helligkeit und
Dunkelheit (die er besonders zart empfindet) entnimmt er, daß das
Wesen aller Farbe auf Kontrast beruht, auf Gegensatz, und damit auf
abgeschlossener, in sich selbst begründeter Vollständigkeit;
Gelb und Blau, Grün und Rot verhalten sich zueinander wie
Männliches und Weibliches, wie Pflanzenreich und Tierreich: das
eine setzt das andere als Ergänzung voraus; dahingegen zwischen
fünfhundert Billionen und sechshundert Billionen weder Kontrast
noch Gegensatz noch Ergänzung stattfindet, sondern einfach eine
lineare Zunahme in der selben Richtung, wodurch das eine vom anderen
einzig progressiv und relativ unterschieden wird, was allein zur
Überzeugung genügen müßte, daß unsere
Farbenempfindung den Lehrsätzen der mathematischen Optik
völlig wesensfremd ist.
Nun wirft vielleicht Jemand ein, Goethe habe sich
eben mit Physiologie,
nicht mit Physik abgegeben; auch im reinwissenschaftlichen Lager mehren
sich die Stimmen Derjenigen, welche Goethe's Verdienste um die
Physiologie des Gesichtssinnes anerkennen; Helmholtz ging
schüchtern voran, und heute, wo seine eigene spezielle
Farbenlehre, weil grundfalsch, schon im Grabe der Vergessenheit ruht,
während Goethe's Beobachtungen und Auffassungen neuesten Theorien
als Grundlage oder Stütze dienen, heute sind die Physiologen
geneigt, Goethe einen Ehrenplatz anzuweisen, jedoch auf Kosten dessen,
was sie seine falsche physikalische Deutung
nennen. * Hier müssen
wir energisch Einspruch erheben. Denn möge Goethe recht haben oder
nicht: was kein unparteiischer Mensch leugnen kann, das ist die genial
organische E i n h e i t l i c h k e i t von
Goethe's Farbenlehre;
jeder einzelne Teil trägt die anderen und wird von ihnen getragen;
jedes Bedingende ist selber bedingt, und aus jedem Bedingten
sprießt neue Bedingnis hervor. Goethe ist eben so wenig Physiolog
wie Physiker; vielmehr steht er, wie wir schon feststellten, auf einem
Punkte mitteninne zwischen beiden; Kant hätte es den
„transscendentalen Punkt“ genannt; es ist derjenige, wo Objekt und
Subjekt, beide, ins Dasein springen. Ohne Frage hat die exakte
Wissenschaft das Recht, sich in Goethe das zu holen, was sie gebrauchen
kann, und das übrige zu verwerfen; das ist ihre Sache; ich leugne
aber, daß damit irgend etwas über die Richtigkeit, über
die aus der Fruchtbarkeit sich ergebende Wahrheit von Goethe's
348
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
Farbenlehre ausgemacht sei.
Unsere Physiologie der Sinne ist ein
äußerst schwankes Rohr, und zwar ist sie es, weil sie sich
verpflichtet fühlt, unmittelbar an die Physik anzuknüpfen und
unmittelbar in die Psychologie hinüberzuleiten, und dies
heißt, das Leben durch das Leblose und den nûs durch die
physis erklären: eine
zwiefache Unmöglichkeit. Wogegen
Goethe, wenn er auch die eigenen Beschränkungen seines besonderen
Standpunktes erdulden muß, doch die Beschränkungen des im
Wahn einer reinen Objektivität forschenden Physikers sowie die
noch bedenklicheren Ungereimtheiten des Psycho-Physiologen, der das
Subjektive objektiv untersuchen will, überwindet. Goethe stellt
keine physikalische Theorie auf, liegt somit (wenn man es wohl
beachtet) in keinem Widerstreit mit unseren Physikern: der Äther,
die Kügelchen, die Schwingungen, die Wellen ... alle diese Dinge
samt den damit zusammenhängenden Berechnungen fechten ihn nichts
an; ebensowenig gibt er sich mit der Anatomie des Auges ab und
quält er sich mit der hoffnungslosen Frage, wie es wohl zustande
komme, daß blinde Nervenden ein Sehen vermitteln, mit anderen
Worten, wie Leben „Leben“ werde, was das uferlose Geschäft unserer
Physiologen ausmacht. Goethe beschränkt seine Untersuchung auf die
Farben allein, „die man mehr Tätigkeiten als Gegenstände
nennen kann“. Seine erste Sorge ist, wie gesagt, uns überhaupt die
Farben s e h e n z u l e h r e n:
das zu bewirken, würde ihm
allein schon das Wichtigste dünken; es gehört zu jener
„Durcharbeitung des armen Ichs“, dessen „Aufmerksamkeit, Genauigkeit,
Vollständigkeit, Vielseitigkeit“ mit und an seiner Kenntnis der
Phänomene wachsen soll. Selbst der mit Lob kargende Helmholtz
gesteht, es sei „ein Verdienst Goethe's, die Aufmerksamkeit der
deutschen Naturforscher auf die Wichtigkeit dieser Kenntnis hingeleitet
zu haben“; es war also, nach diesem Geständnis, unsern braven
Physikern vorher nicht eingefallen, daß man die
Farbenerscheinungen kennen müsse, ehe man darüber
theoretisierte! Zu dieser Lehre des Sehens — der Grundlehre auf allen
Gebieten der „Welt des Auges“, die Goethe im Sinne hat — gesellt sich
das Aufsuchen der B e d i n g u n g e n, unter denen
die betreffenden
Erscheinungen gesehen werden. Hierzu werden die Hunderte von
wohlausgedachten Versuchen durchgeführt, deren unanfechtbare
Richtigkeit Helmholtz bezeugt.*
349
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
Doch
unterbreche ich mich, um den Leser aufmerksam zu machen,
daß, indem wir jetzt Goethe an der Arbeit erblicken, wir schon
zwei ihn und seine Naturerforschung grundsätzlich unterscheidende
Züge deutlich gewahr werden. Wir sollen als Erstes genau und
vollständig s e h e n; wir sollen als Zweites
die B e d i n g u n
g e n dessen, was wir zu sehen gelernt haben, erforschen.
Keiner, der
Newton's Leistungen kennt, wird sein Genie leugnen, dem Goethe, wie nur
er es vermochte, alle Anerkennung gezollt hat; doch fassen wir hier den
Grundunterschied zwischen ihm und Goethe: Newton hat nach der
Fülle der Phänomene, die ihm ebenso zugänglich gewesen
wären wie seinem großen „Widersacher“, gar nicht gefragt.
Die sogenannten „subjektiven Farben“, die durch Kontrast im Auge
entstehen und die schon hellenischen Forschern auffielen, waren ihm
unbekannt; die farbigen Schatten ebenso; selbst die Farben, die sein
geliebtes Prisma auf die Wand warf, sah er unvollständig, ungenau,
unaufmerksam und beharrte eigensinnig bei nachweisbar unrichtigen
Behauptungen, sobald sie von seinen theoretischen Ansichten gefordert
schienen; der Geniale geht mit Notwendigkeit seinen Weg, und Newton
hatte auf dem ihm gewiesenen genug zu tun, „im abstraktesten Sinn ...
seine innere Welt aufzubauen und die äußere zu
gewältigen“. Im Gegensatz hierzu will Goethe's Farbenlehre vor
allem dazu anleiten, a l l e Farbenphänomene zu
beachten, und zwar genau: das ist das Sehenlernen, als Erstes. Doch das
Zweite ist nicht minder wichtig: wir sollen Bedingungen — nicht
Ursachen — erforschen. Newton, und mit ihm unsere ganze exakte
Wissenschaft, springt gleich von einem Phänomen auf dessen
Ursache. Ohne sich um die Gesamtheit der Farbenerscheinungen im
geringsten gekümmert zu haben, folgert Newton aus der Tatsache,
daß (unter gewissen Bedingungen) bei der Brechung des Lichtes
Farben sichtbar werden, die Brechung sei „die Ursache“ der Farben,
woraus dann weiter folgt, das „weiße Licht“ enthalte die Farben
gleichsam eingekapselt, usw. Das Bekannte wird also durch das
Unbekannte, das Konkrete durch das Abstrakte, die Farben durch das
Licht „erklärt“. Hierbei läuft noch das höchst
Bedauerliche mit unter, daß ganze Kategorien von Phänomenen
— so z. B. die Kontrasterscheinungen — entweder geleugnet oder
vergewaltigt werden müssen, während andere — z. B. alles, was
auf Ästhetisches Bezug hat — für immer
350
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
aus der Betrachtung
ausgeschlossen bleiben. Mit ungleich
größerer Besonnenheit geht Goethe zu Werke; denn erstens
sammelt er ein hundertfach so großes und namentlich weit
mannigfaltigeres Material als Newton an, und daraus schließt er
dann unwidersprechlich: die Brechung ist nicht „die Ursache“ der
Farben, sondern vielmehr bloß eine der vielen „Gelegenheiten“,
bei denen Farbenerscheinungen auftreten können. Wer alle diese
„Gelegenheiten“ genau kennt, der weiß Bescheid um die Farben,
denn er kennt Bedingendes und Bedingtes; nach Ursachen wird nicht
gefragt. Hierin kommt also ein radikaler Gegensatz der Weltanschauungen
zum Ausdruck. Und aus diesem radikalen Gegensatz ergeben sich für
die Betrachtung der Natur zwei ebenso radikal verschiedene Methoden,
die ich in einem früheren Teil des Kapitels in abstrakterer
Sprache als architektonisch und mathematisch voneinander unterschied
und die wir jetzt den Vorzug haben am Werke beobachten zu können.
Goethe hat vollkommen recht, wenn er sagt, mit Newton werde man „die
Farbe fürs ganze Leben los“; denn sobald wir eine Ursache
aufstellen, ist die Erscheinung vernichtet, was sich am besten daran
zeigt, daß, wer die Ursache zu kennen wähnt, wie hier
Newton, sich tatsächlich um die Kenntnis der Erscheinungen nicht
mehr bekümmert; die Brechungen fesseln Newton's Aufmerksamkeit,
der darin die Grundlage zu einer ergebnisreichen mathematischen
Wissenschaft richtig ahnt, doch die Farben, Wesen, in denen keine Art
von Berechnungen Fuß fassen kann, schafft er dadurch zugleich aus
der Welt. Und so ist es immer und überall: für die Biologie
der Tiere, d. h. für die Kenntnis ihres Lebens, und dies bedeutet
im letzten Ende, für die Erkenntnis der
lebendig-gegenwärtigen Bedeutung ihrer Gestalt, gibt es an keiner
deutschen Universität einen Stuhl, niemand kümmert sich um
das wirklich existierende Individuum und um die lebendigen Bezüge
zwischen Gestalt und Dasein; aber von der als „Ursache“ der Gestalt
aufgefaßten Abstammung, d. h. von einem abstrakten, logischen und
zugleich entsetzlich oberflächlichen Gedanken sind alle Köpfe
voll. Farbe und Gestalt: die beiden, welche, nach Goethe, die Welt des
Auges erschöpfen (siehe S. 342), sind aus
unserer exakten
Wissenschaft verbannt. Auf Goethe's Wege dagegen ist die Anschauung
selbst die Lehre; denn das aufmerksame, genaue, vollständige,
vielseitige Anschauen umfaßt nebst den konkreten
351
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
Wahrnehmungen (als Grundlage
zu allem, worin der Menschengeist wahre
Nahrung finden kann) die sorgfältige Prüfung der Bedingungen
dieser Wahrnehmungen; so fördern sich denn Verstand und Sinne
gegenseitig.
Viel zu wenig beachtet wird folgende einfache
Tatsache: Goethe's
Farbenlehre ist die erste und einzige umfassende „Farbenlehre“, die es
überhaupt gibt. Nur Theophrast und Boyle könnten als
Vorgänger genannt werden, und auffallend ist die Art, wie Beide
sich in wesentlichen Punkten mit ihm berühren; doch handelt es
sich bei ihnen um so Unzulängliches (was Beide auch zugeben),
daß sie mit Goethe nicht in eine Reihe gestellt werden
können; sonst aber haben Physiker die Phänomene des
Äthers untersucht und nebenbei die Farben abgehandelt und abgetan,
oder Physiologen und physiologische Psychologen das Auge und das
Nervensystem studiert, wobei der bloße Mechanismus der
Farbenempfindung auch zur Sprache kam, oder es haben über Farben
Farbentechniker gehandelt, denen aber einzig die empirische Erzeugung
der sogenannten „chemischen Farben“ Interesse bot; Goethe's Versuch
steht allein. Wer alle Dogmen von sich schüttelt und als
freier Mann an die Lehre herantritt, wird gewiß Goethe's
Zuversicht
teilen: „Weil rein und redlich gemeint, muß sie von der Natur auf
ewige Zeiten begünstigt werden.“ Sie ist vollendet organisch,
weswegen man behaupten darf, sie erschöpfe jeden möglichen
Fall: das Farbenleben der verschiedenen Arten von „Farbenblinden“ ist
darin ebenso enthalten wie dasjenige, welches wir als „normal“ zu
bezeichnen pflegen; sie liefert aber zugleich das Paradigma für
jedes andere System der Farbenempfindung irgend welcher Sehorgane, wie
solche wahrscheinlich in Hunderten von Abarten im Reiche des Lebens
vorkommen.
Wer Goethe's Prämissen kennt, weiß, in
welcher
Geistesverfassung er an das Studium dieser Lehre herantreten muß,
an der eine der gewaltigsten Intelligenzen aller Zeiten vierzig Jahre
lang gearbeitet hat. Hiermit hätte ich alles geleistet, was ich in
dem Zusammenhang dieses Kapitels für das Verständnis der
Farbenlehre leisten kann; nur das tatsächliche Erblicken der
Phänomene unter Goethe's Leitung kann das Übrige bewirken.
Eine warnende Mahnung möchte ich jedoch noch hinzufügen.
Wiederholt macht Goethe darauf aufmerksam, seine
Lehre,
352
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
wenngleich sie dem ungelehrten
Menschen durchaus zugänglich sei,
da sie kein anderes Erfordernis stelle, als die Augen zu öffnen
und richtig sehen zu lernen, koste dennoch — und eigentlich deswegen —
bedeutend mehr Mühe als die physikalische; wer einige Schulung in
der Elementarmathematik genossen hat, kann im Laufe einer Stunde alle
Grundlagen der physikalischen Optik kennen lernen; dazu genügt ein
schwarzes Brett, ein Stück Kreide und ein Lehrer, der die Theorie
innehat. Bei Goethe dagegen kommt es auf ein T u n,
nicht auf ein
Lernen an; die Erziehung zum Sehen fordert eine Erziehung zum
Beobachten, Beziehen, Denken, und zwar bei Goethe eine weit
eingreifendere als in den Laboratorien der Physiker; denn bei diesen
wird zwar auch gesehen, beobachtet, bezogen usw., doch stets an
Instrumenten, welche neue Phänomene, bisher unzugängliche,
außerdem bestimmt beschränkte, an den Tag fördern, und
diese fallen selbst dem Stumpfsinnigsten auf, während Goethe uns
lehrt, in der uns umgebenden Natur tausend Dinge zu bemerken, für
die wir bisher sozusagen keine Augen hatten; und dies erfordert weit
mehr Aufmerksamkeit, weit mehr Selbstzucht als die
wissenschaftlich-technischen Beobachtungen, die man im Verfolg einer
besonderen, vorgefaßten Meinung ausführt und bei denen man
alles unbeachtet läßt, was zu dem leitenden Gedanken nicht
gehört oder sich ihm nicht einfügt. Sind die Arbeitsstunden
vorbei, so ruht der Forscher aus; Goethe aber lehrt, jeden Augenblick
aufmerksam sein: lustwandelnd im Garten, bei Tische, mitten im
lebhaften Gespräche, in der Stille der Nacht ... überall und
immer achtet sein Auge auf die Farben. Denn wenn auch, wie wir sahen,
Goethe dem Versuche Wert beilegt, er mißtraut doch der
wissenschaftlichen Methode, immer von einem abstrakten Gedanken aus die
Experimente anzustellen, wobei der Physiker dann findet, was er
vorausgesetzt hat; Goethe's Methode ist, stets auf der Lauer zu
bleiben, offenen Sinnes; erhascht er dann Neues, so ist er
unermüdlich, das ihm auf diese Weise Geoffenbarte von allen Seiten
zu erforschen, bis er möglichst viele „Bedingungen“, unter denen
das Phänomen auftritt, entdeckt hat. Darum kostet es Arbeit,
kostet es Lebenskraft, sich in Goethe's Farbenlehre heimisch zu machen.
Damit hängt aber noch ein Weiteres zusammen,
was uns abstrakten,
anschauungsarmen Menschen manche Schwierigkeit be-
353
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
reitet oder wenigstens
Schulung kostet. Wer so vorgeht, wie Goethe es
tut, und sei er auch der Sprachkünstler, der gerade dieser ist,
wird nicht leicht W o r t e finden, um unmittelbar
das
auszudrücken, was er mitzuteilen hat; wie Kant sagt: „Worte
können nicht die ganze Idee ausdrücken“; deswegen muß
ein Goethe an unserem Geiste arbeiten, wie der Bildhauer den Ton
bearbeitet, um diesem nach und nach, durch Druck, Stoß, Abtragen,
Aufsetzen, jene Gestalt mitzuteilen, die er im Sinne hat. Es erfordert
also Vertrauen, Ausdauer, Biegsamkeit des Gemütes, soll man als
Schlußergebnis erschauen, was Goethe erschaute. Zwar ist es seine
Absicht, „alles aufs Einfachste zurückzubringen“; von den Farben
insbesondere betont er dies am Anfang seiner Studien und jubelt
über das „weite Feld der Beobachtung und Erforschung, welches
alsdann eröffnet“ werden wird; nichts aber fällt uns schwerer
als einfache Anschauungen und einfache Gedanken.
Ich will das hier Gesagte an einem Beispiel
erörtern.
Gewohnt, wie wir es sind, immer von Begriffen und
Zahlen auszugehen,
enthält jeder Bericht über Goethe's Farbenlehre,
gewöhnlich bald am Anfang, eine Erörterung der Frage: wie
viele Grundfarben hat Goethe angenommen? Während nämlich die
Physiker in der glücklichen Lage sind, alle Farbenempfindung als
einen überwundenen Standpunkt geringzuschätzen, mußten
die Physiologen bald bemerken, daß hier ein verwickeltes System
notwendiger Beziehungen vorliegt, und es entstand ein lebhafter Streit
— der noch heute andauert — ob man eine gerade oder eine ungerade Zahl
von Farben, aus denen alle anderen durch Mischung, Steigerung,
Abschwächung usw. abgeleitet werden könnten, als zu Grunde
liegend zu betrachten habe. Diese Frage besitzt jedoch innerhalb der
Goetheschen Anschauung keinen rechten Sinn. Man sehe die musterhafte
Inhaltsübersicht der Farbenlehre
durch; wo findet man den Begriff
„Grundfarbe“? Und doch, wenn diesem Begriff Bedeutung zukäme,
müßte er in einem besonderen Abschnitt zur Sprache kommen;
das ist aber nicht der Fall; vielmehr taucht das Wort nur gelegentlich
auf: „Der Maler hat Ursache, drei Grundfarben anzunehmen, indem er aus
diesen die übrigen sämtlich zusammensetzt. Der Physiker
hingegen nimmt nur zwei Grundfarben an, aus denen er die übrigen
entwickelt und zusammensetzt.“ Goethe selber ist
354
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
weder der Maler noch der
Physiker; sein Verfahren kennt nicht derartige
Begriffe, sondern schreitet von Anschauung zu Anschauung. Und da findet
er als elementarste Anschauung nicht bestimmte Farben, sondern die
polare Gegenüberstellung von Finsternis und Helligkeit. „Die
sichtbare Welt, die wir für eine Einheit halten, ist aus jenen
beiden Uranfängen auf das Freundlichste zusammengebaut.“ Des
weiteren entdeckt sein genau beobachtendes Auge, daß Farben sich
nicht aus dem bloßen Lichte „entwickeln“ (wie die Physiker es
behaupten), sondern stets zweierlei voraussetzen, indem zur Erzeugung
jeglicher Farbe „Helles und Dunkles oder, wenn man sich einer
allgemeineren Formel bedienen will, Licht und Nichtlicht, gefordert
werde“. „Alle Farben haben die Eigenschaft, daß sie dunkler als
Weiß und heller als Schwarz sind.“ Zwischen Helligkeit (von
Goethe auch Licht genannt) und Finsternis liegt nun alles
eingeschlossen, was dem Auge Farbenempfindung spendet, und zwar
„entsteht uns ¹) zunächst am Licht eine Farbe, die wir Gelb
nennen,
eine andere zunächst an der Finsternis, die wir mit dem Worte Blau
bezeichnen.“ Vorerst haben wir also eine polare Entgegensetzung von
zwei Farben, die der in anschauungsbarem Ursachenwahn erzogene Mensch
geneigt ist, sich als „Urfarben“ oder „Grundfarben“ zu denken, wogegen
sie Goethe als ein lebendig Bewegliches auffaßt, als ein
Entgegenstreben von Finsternis und Licht. Goethe sagt von den Farben:
„Sie stehen einander entgegen, wie alle uns bekannte entgegengesetzte
Dinge oder Eigenschaften. Die reine Existenz der einen schließt
die reine Existenz der anderen völlig aus. Dennoch haben sie eine
Neigung gegeneinander als zwei entgegengesetzte, aber nicht
widersprechende Wesen.“ Dieser Neigung gibt nun die Natur nach, und
wiederum empfindet es Goethe als eine B e w e g u n
g, und zwar als
eine Bewegung mit verschiedenen Richtungen; geradeaus können Blau
und Gelb nicht ineinander übergehen, sind sie doch polar
entgegengesetzt; darum biegen sie sich nach unten oder nach oben;
begegnen sie sich unten, also mehr im Schatten, in der Schwäche,
in der Abspannung, mehr durch Nach-
—————
¹) Ich bitte, auf die Genauigkeit jedes
Goetheschen Satzes
aufzupassen; die Farbe entsteht „uns“, uns Menschen; der völlig
sinnlosen Vorstellung einer Farbe, die ohne wahrnehmendes Auge „Farbe“
wäre, (Helmholtz z. B. redet von „rotempfindenden Strahlen“, nicht
etwa von rot empfundenen!) begegnet man bei Goethe nicht.
355
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
geben und Einbuße der
Farbenempfindung, so entsteht das
Grün; begegnen sie sich durch Verdichtung, Verstärkung,
Steigerung, also nach der Seite der Kraft und des Lichtes zu, so
entsteht das Rot. Insofern kann man — oder könnte man — sowohl das
Grün wie das Rot als Mischfarben, im Gegensatz zu den
„Grundfarben“ Blau und Gelb, betrachten; man fände in den
früheren Arbeiten Goethe's für diese Auffassung scheinbare
Belege; z. B.: „Das Grün ist die Wirkung der beiden vermischten,
aber nicht vereinigten Farben“, und: „Rot nehmen wir also vorerst als
keine eigene Farbe an, sondern kennen es als eine Eigenschaft, welche
dem Gelben und Blauen zukommen kann.“ Doch wird Keiner, der in Goethe
zu lesen geübt ist, an dem „also vorerst“ achtlos
vorübergehen. Eine logisch-mathematische Wissenschaftslehre wird
sofort klipp und klar mitgeteilt und wirkt noch unmittelbarer als ein
Kirchendogma; wogegen es bei Goethe's Methode auf ein unbegrenztes
Wachstum des erkennenden Anschauens abgesehen ist. Hier soll nicht eine
vermeintliche objektive Wahrheit, die irgendwo draußen im leeren
Raume haust, als Idol angebetet (S. 257), sondern
es soll der
Menschengeist zu zarterem, wacherem Leben aufgeweckt werden; das
Staunen des Kindes, das täglich Neues entdeckt, soll auch dem
Manne angehören; an seinen Erfahrungen soll er Tag um Tag wachsen,
und das kann er nur, wenn seine Innenwelt und seine Außenwelt in
einem unaufhörlichen Wechselspiel von Geben und Nehmen verbleiben,
so daß der erweiterten Seele von Heute, wie beim Kinde, die
Wahrheit von Gestern zwar bedeutungsreich, doch nicht ausreichend
erscheint und als Wegweiser zu neuen Einsichten dient. Dies ist ja der
Pfad, der zu Goethe's Auffassung von der Unsterblichkeit führt.
Ähnlich schritt sein Geist, immer im Bunde mit seinem Auge, auch
hier, bei der Erforschung der Farben, weiter. Von dem Rot, das er
„vorerst als keine eigene Farbe angenommen hatte“, gelangte er zu der
Einsicht, der er in folgenden Worten Ausdruck gab: „Wer die
prismatische Entstehung des Roten kennt, der wird nicht paradox finden,
wenn wir behaupten, daß diese Farbe teils actu teils potentia
alle anderen Farben enthalte.“ Man braucht also nur die Phänomene
genauer zu beobachten und den Standpunkt ein wenig zu verschieben, so
erkennt man in jener Farbe, die vorhin aus der Steigerung von Blau und
Gelb hervorging und „keine eigene Farbe“ war, die
356
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
zeugende Mutter aller Farben.
Nach dieser Auffassung gäbe es also
nur e i n e Grundfarbe. Bei der durchgängigen
Polarität aller
Farbenerscheinungen muß aber vom Grün alles das gelten, was
vom Rot gesagt wird, nur umgekehrt, und so würde es sicher
beschränkt sein, das Grün nur als entstanden aus der Mischung
von Gelb und Blau zu betrachten (wie der Färber es erzeugt),
vielmehr wird es auch als Residium aus allen Farben „von dem geistigen
Auge“ (S. 307 ff.) erblickt werden können.
Jedenfalls findet der
theoretisch nach „Grundfarben“ bei Goethe forschende Gelehrte eine
Auslese von Antworten: e i n e
Grundfarbe, z w e i Grundfarben, d r e
i
Grundfarben, v i e r Grundfarben (dies am
häufigsten, denn das als
Errungenschaft der allermodernsten, nachhelmholtzischen Forschung
geltende Farbenkreuz findet sich bei Goethe schon 1794), und
auch s e c
h s Grundfarben. In Wahrheit hat aber Goethe mit derartigen
logisch-schematischen Willkürlichkeiten nichts zu tun und
erklärt: „Hier kann nicht von Zahl, sondern von einem unendlich
lebendigen Spiel die Rede sein.“ *
Jede Farbe ist eine Grundfarbe, und
die Zahl der Farben läßt sich durch keine Ziffer angeben.
Sobald die Farben, aus „ihrem gleichsam abstrakten Zustande“
erlöst, sich „in der Wirklichkeit manifestieren ... entspringt
eine Individualisierung bis ins Grenzenlose, wohin keine Sprache, ja
alle Sprachen der Welt zusammengenommen nicht nachreichen.“ Darum macht
Goethe aufmerksam, weder Versuche noch Pigmente seien imstande, „den
vollständigen Farbenkreis“ uns vor Augen zu führen, vielmehr
geschehe das „am besten durch die Idee“. Heute wissen wir, wie genau
auch hier Goethe's Auge beobachtete. Denn stellte einer der am
peinlichsten genau arbeitenden Physiker, König, fest, im Spektrum
ließen sich höchstens 160 Farbenabstufungen unterscheiden,
so war damit nur die völlige Unzulänglichkeit der
prismatischen Erscheinungen der Farbenwelt gegenüber erwiesen;
darum wurde auf internationale Veranlassung eine Farbenskala behufs
Verständigung ausgeführt, die beinahe 1000 unterschiedliche
Töne aufweist; hiermit galt die Sache für abgetan, und das
Tafelwerk des Herrn Professor Radde war an allen Universitäten der
Welt in Gebrauch. Nun aber trat der Fall ein, daß einer der
wenigen Forscher, die sich mit dem Leben des Lebens abgeben, der
Botaniker Julius Wiesner, das Grün der verschiedenen
Laubblätter mit größtmöglichster Genauigkeit zu
357
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
bestimmen Veranlassung fand;
er hatte nämlich entdeckt, daß
das Grün einer jeden Pflanzenart (bei vollendeter Entwickelung)
unwandelbar individualisiert ist; ihm kam es darauf an, dieses
Grün zu bezeichnen; natürlich verwies man ihn an die
berühmte „Raddesche Skala“, die alle „möglichen“ Farben
enthalte; doch es kam anders; die Natur spottet der exakt sein
wollenden Wissenschaft; auf der Tafel waren 280 Schattierungen von
Grün unterschieden; das scheint übermäßig, erweist
sich aber dem Leben gegenüber fast lächerlich
unzulänglich, und Wiesner mußte zu dem Notbehelf greifen,
die Zwischenräume zwischen je zwei Tönen der Raddeschen Tafel
gedanklich noch weiter einzuteilen. Bei der selben Gelegenheit
entdeckte er, daß kein Maler imstande ist, durch Mischung auf
seiner Palette das Grün irgend einer Pflanze genau
hervorzubringen. Hieraus erhellt nun deutlich, in welchem Sinne selbst
die Worte Blau, Gelb, Rot usw. nur ungefähre Bezeichnungen
für etwas sind, was — wie alles Leben — zu beweglich und
mannigfaltig ist, um durch ein Wort festgenagelt werden zu können;
das Wort ist immer nur ein Wegweiser, und kein Begriff deckt genau ein
Naturphänomen.
Wie viel weiter als mit solchen abstrakten Begriffen
wie Grundfarben
und dergleichen führte uns Goethe mit seiner Entdeckung, jede
Farbe (sei deren Zahl auch unendlich) bedinge stets eine polar
entgegenstehende, setze sie voraus, rufe sie hervor! Es ist dies die
Lehre von den „antagonistischen“ oder „komplementären“ Farben, den
großen Malern von jeher unbewußt bekannt, für welche
aber in unserer mathematischen, Newtonschen Optik kein Schlupfloch
gefunden werden kann, trotzdem es die eine große, allbedingende
Grundtatsache aller Farbenerscheinung ausmacht. Wie das Helle das
Dunkle fordert und umgekehrt, so fordert jede Farbe eine bestimmte
andere, sie ergänzende. Der für Rot Blinde kann auch kein
Grün sehen, doch seinem Blau entspricht ebenso wie beim
Normalsichtigen das Gelb; denn das eine setzt das andere; alle Farben
sind nur lebendige Steigerungen des Kontrastes zwischen Tag und Nacht,
und (trotz des menschlich beschränkten Wortes „farbenblind“) ist
ihr Kreis immer vollendet, ob klein oder groß. Das aber ist „die
ewige Formel des Lebens“, wie Goethe es nennt: Einheit ist nicht die
Zahl Eins, sondern eine Einheit kann einzig dasjenige heißen, was
aus Teilen besteht, die sich gegenseitig bedingen; wo aber wesentlich
358
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Die Farbenlehre
Unterschiedenes sich derartig
bedingt, daß das eine das andere
voraussetzt und beide zusammen als „Teile“ eine Einheit ausmachen, da
reden wir von „Gestalt“ und bezeichnen mit diesem Worte die sinnlich
faßbare Erscheinung eines Lebendigen. Was Goethe uns lehrt, ist
nicht der Firlefanz von einer Grundfarbe oder zwei Grundfarben oder
drei Grundfarben usw., sondern die Einsicht, daß „Farbe“ — im
Gegensatz zum „Licht“ der Physiker — ein Phänomen ist, welches
ausschließlich dem L e b e n angehört und als
solches,
führe es zu noch so unübersehbar mannigfaltigen
Erscheinungen, eine organische Einheit, eine einheitliche Gestalt
ausmacht. „So setzt das Einatmen schon das Ausatmen voraus und
umgekehrt, so jede Systole ihre Diastole... Wie dem Auge das Dunkle
geboten wird, so fordert es das Helle; es fordert Dunkel, wenn man ihm
Hell entgegenbringt, und zeigt eben dadurch seine Lebendigkeit, sein
Recht, das Objekt zu fassen, indem es etwas, das dem Objekt
entgegengesetzt ist, aus sich selbst hervorbringt.“
Hiermit habe ich eine warnende Mahnung an den Leser
richten wollen: die
Mahnung, nicht zu glauben, er könne sich zu Goethe's Farbenlehre
so hinsetzen wie etwa zu einem Lehrbuch der physikalischen Optik oder
zu einer Abhandlung über die Physiologie unserer Sinnesorgane, sie
durchstudieren, da und dort „excerpieren“, sich einen Überblick
verschaffen und sodann ein Urteil fällen; vielmehr soll durch
Goethe der Mensch neu sehen und neu denken lernen; die Probleme sind
andere, und die Lösungen sind darum auch andere, als wir sie sonst
gewohnt sind; hier kommt es darauf an, ein „ewig bewegliches, werdend
wirksames Wesen“ eben so beweglich, so werdend und so wirksam zu
erschauen, in Gedanken zu erfassen und in Ideen
menschenmäßig und anschaulich wiederzugebären; dazu
muß eine neue Sprache erfunden werden; und wenn auch Goethe
gezwungen ist, sich der alten Sprache zu bedienen, so vergesse man nie
die oben angeführte Stelle aus dem Vorwort zu Goethe's
Farbenlehre (S. 343), er wolle die Sprache „durch
die Farbenlehre“
bereichern und erweitern, um so „die Mitteilung höherer
Anschauungen“ zu ermöglichen. Wie er einmal unwidersprechlich
richtig bemerkt, schon seit Demokrit „wird das Gesehene in ein
Getastetes umgewandelt, der schärfste Sinn in den stumpfsten
aufgelöst“, damit er uns „begreiflicher werde“. Hingegen schwebt
ihm,
359
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
Goethe, vor, „b e
i d e r V e r w a n d t s c h a f t
d e r S i n n e n a c h e i n e
m i d e e l l e n S i n n
a u f z u b l i c k e n, i n d e m
s i c h a l l e v e r e i n i g t e n.“ Ein
jedes derartige
Bestreben, die Schneidepunkte verschiedener Vorstellungsreihen zu
entdecken und aufzuzeigen, bedeutet ein Bestreben zu gestalten, mit
anderen Worten, die Gestaltungsprinzipien der Natur durch eigene
Gestaltung wahrnehmbar zu machen. Es handelt sich hier um ein
Höheres also, und nur Derjenige darf hoffen, diesem Höheren
gerecht zu werden, der die Hingabe besitzt, sich dahin leiten zu
lassen; wozu außerdem gewisse geistige und sittliche
Eigenschaften vonnöten sind, „die geistigen: das Vermögen der
An- und Durchschauung; die sittlichen: daß er die bösen
Dämonen ablehne, die ihn hindern könnten, der Wahrheit die
Ehre zu geben“.
—————
Das Organische
„Die Natur ... setzt dem G e s t a l t l
o s e n
[der Elemente] ein g e s t a l t e t e s L e b
e n entgegen.“ In diesen Worten liegen
zwei verschiedene grundlegende Erkenntnisse eingeschlossen: erstens,
die Elemente (als Welt des Anorganischen) sind dem Leben (der Welt des
Organischen) „entgegengesetzt“; zweitens, das Anorganische ist
„gestaltlos“, das Leben ist „Gestalt“. Wohlbetrachtet umschließt
diese Doppelerkenntnis eine dritte: die beiden einander
entgegengesetzten Erzeugnisse der Natur mögen einander bedingen,
mögen sich ineinander unentwirrbar verflechten, nie aber wird es
möglich sein, die Tatsache ihres Gegensatzes aus der Welt zu
schaffen und das eine der beiden durch das andere oder aus dem
anderen zu „erklären“ oder in irgend einem Sinne „abzuleiten“;
denn es gehört zum Wesen des einen, gestaltlos zu sein, zum Wesen
des anderen, gestaltet zu sein. Auch hier wieder stoßen wir
gleich bei den ersten Prinzipien auf einen Fundamentalgegensatz
zwischen Goethe's Weltanschauung und der Weltanschauung unserer exakten
Wissenschaft; denn Goethe unterscheidet, wie man sieht, zwei diametral
entgegengesetzte Gebiete, wogegen es ein Grunddogma der modernen
Wissenschaft ist, nur Ein Gebiet anzuerkennen und das Gestaltete als
aus dem Gestaltlosen, das Leben aus dem Leblosen hervorgegangen zu
betrachten. Nun hat aber Kant ein für allemal nachgewiesen, der
For-
360
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
scher finde als letztes
Ergebnis stets diejenigen Elemente, die er
„hineingelegt hatte“; auch Goethe erkannte: „Genau besehen findet sich
immer, daß der Mensch dasjenige voraussetzt, was er gefunden hat,
und dasjenige findet, was er voraussetzt“. Wer Atome voraussetzt, wird
Atome überall finden. Wer das Gestaltete aus dem Gestaltlosen um
jeden Preis „erklären“ will, kann es tun: nur wird er zuletzt dort
ankommen, wo wir vorhin einen tonangebenden Physiologen unserer Tage
fanden, der die Vaterlandsliebe als eine chemische Erkrankung der
Gewebe auffaßt. Goethe's Stellung ist nicht zweifelhaft; und
hatte schon Kant erklärt: „Ich meinerseits leite alle
Organisierung von organischen Wesen ab“, so ruft Goethe:
Leben erst muß Leben
geben!
Auch war er sich des Gegensatzes zu den Methoden der mathematischen
Wissenschaft so genau bewußt, daß er schon 1795 an
Alexander von Humboldt schreibt: „Ihre Beobachtungen gehen
vom E l e m e n t, die meinigen von der G e s
t a l t aus.“
Nun entsteht aber eine Frage: zwei Methoden der
Forschung sehen wir
einander gegenüberstehen; in der Natur stehen sich aber ebenfalls
zwei Phänomenenreihen gegenüber, das Gestaltlose und das
Gestaltete; sollten nicht vielleicht beide Forschungsmethoden
Vorzüge und Beschränkungen aufweisen, je nach den
Phänomenen, denen die Untersuchung gilt? So meinte wohl Goethe,
der in jenem Briefe die Hoffnung auf eine „Begegnung in der Mitte“
ausspricht. In der Tat! diejenige Forschungsmethode, die vom „Element“
ausgeht, fördert vortreffliche Ergebnisse zu Tage bei allen
Phänomenen, welche dem Elementar-Gestaltlosen angehören;
dagegen ist ihre Zuständigkeit innerhalb des Reiches des
gestalteten Lebens beschränkt, weil sie an der Gestalt einzig das
Nichtgestaltete begreift; dogmatisch weitergeführt,
zerschlägt sie schließlich ihrem Dogma zulieb unsere
Erkenntnis der Gestalt, gerade so wie in der Wirklichkeit die
„zwecklose Kraft“ der Elemente die Gestalt des Lebens ewig zu
zerbrechen strebt; und was sie dann lehrt, ist nicht nur ungenau und
unvollständig, sondern falsch und geistzerstörend. Einzig
diejenige Forschung, deren Ausgangspunkt die „Gestalt“ ist, hat die
Fähigkeit, den Phänomenen des Lebens gerecht zu werden. Es
verdient alle Beachtung, daß gerade unter Physikern, die auf der
reinsten Höhe des
361
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
Wissens stehen (Männern
wie Kelvin, Kirchhoff u. A.), und auch bei
einigen besonders begabten Forschern auf organischem Gebiete (ich nenne
den genialen amerikanischen Zoologen und Paläontologen Cope * und
den bahnbrechenden Biologen Uexküll
*) Goethe's Überzeugung,
Gestalt könne nur durch Gestalt, nicht durch Ungestalt gedeutet
werden, vollkommene Zustimmung findet; doch dringt wenig von diesen
reinen Einsichten auserlesener Geister hinab in die emsigen Faktoreien
des mußelosen Wissenschaftsgetriebes und gar nichts ins
große Publikum. Das Kriterion der Vortrefflichkeit wird nun
für den Forscher, der von der Gestalt (im Gegensatz zum Atom) den
Ausgang nimmt, nicht eine mathematisch-mechanische Formel sein, sondern
die Offenbarung von gegenseitig sich bedingenden Zusammenhängen,
ein Sehenlernen, das zugleich ein Denkenlernen und ein Tunlernen ist;
denn hier wird es sich nie um eine bloße Zunahme des sogenannten
Wissens handeln, sondern um eine Steigerung des gesamten
sinnlich-geistigen Lebens durch neue Gedankengestalten. Und wie die
Elementenforschung das Recht hat, bis zu einer gewissen Grenze ins
Leben hinüberzugreifen, da Stoff und Kraft immerwährend in
den Dienst des Lebens gebannt werden, so darf auch die
Gestaltenerforschung bis zu einer gewissen Grenze ins Elementare
eindringen, bis zu jenem Punkte nämlich, wo das Leben das
Elementare ergreift, um es umzubilden; dringt sie aber verwegen noch
weiter vor, so entstehen bloße Phantasmagorien, die alles wahren
Gehalts ebenso entbehren wie Herrn Jacques Loeb's Chemie des Heldentums.
Somit wissen wir, wo Goethe stand und in welcher
Verfassung; wir
begreifen, daß er — von Gestalt erfüllt — nicht immer die
ihm gezogene Begrenzung beachtete; es gab Augenblicke, wo er gar keine
„tote Materie“ zugeben wollte und gegen jede mechanische Ansicht
„unempfänglich, ja unleidsam“ war; warum sollte er nicht hin und
wieder in den Übertretungsfehler verfallen, dessen die Mechanisten
sich tagtäglich schuldig machen? Wichtig ist nur, daß er von
seinem Standpunkt einer architektonischen Methodik aus neue Ideen
über die organische Welt schuf, über deren Wert und Unwert
nicht die entgegengesetzte Methode, sondern nur ein beiden
gerechtwerdender höherer Standpunkt zu urteilen befähigt sein
kann.
Inwiefern die Farbenlehre hierher zu zählen
ist, wissen wir schon;
was wir darüber wissen, schenkt uns für das übrige
Klarheit.
362
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
Von dem
Augenblick an, wo Goethe ein aufmerksames Auge auf die
umgebende Welt der Pflanzen und der Tiere warf, erfaßte ihn eine
Leidenschaft, die ihn nie mehr verließ; es bedeutet dies ein
erlösendes Erlebnis in seinem Dasein. Bis dahin wandelt er wie in
einem Irrgarten, zwischen Erzeugnissen seiner Phantasie — die einem
Bühnendichter (wie Schiller), einem bloßen Poeten (wie so
Manche), nicht aber ihm volle Befriedigung gewähren konnten — und
einem Leben ohne Ziel von Tag zu Tag, mit Leidenschaften, die, kaum
erfaßt, zu Ideen verflüchtigten, Arbeiten, die spielend
leicht, doch ohne innere Anteilnahme Erledigung fanden, Träumen,
die nie greifbare Gestalt gewannen. Fesselte nun Carl August als
„heiliges Schicksal“ den zerstreuenden Dämon des hin- und
herflackernden Lebenslaufes, so war es die Erforschung der Natur, die
den innen wühlenden Feind — die überreiche Begabung, die
Zersplitterung, Unentschlossenheit, Maßlosigkeit — für immer
bändigte. Hier schlug der Geist Wurzeln; hier blieb er bis ans
Lebensende verankert; Frieden, Reichtum, Erfüllung schenkte ihm
der Verkehr mit der Natur. Von der „Naturlehre“ schreibt der
Fünfunddreißigjährige: „Sie ist sicher, wahr,
mannigfaltig, lebendig, man mag viel oder wenig in ihr tun, sich an
einen Teil halten oder aufs Ganze ausgehen, leicht oder tief, zum
Scherz oder Ernst sie treiben, immer ist sie befriedigend und bleibt
doch immer unendlich. Der Beobachter und Denker, der Ruhige und
Strebende: jeder findet seine Nahrung.“ Hier hatte Goethe entdeckt, was
die Welt nie gibt, weil sie es unter keinen noch so günstigen
Bedingungen zu geben fähig ist: Beständigkeit des Erworbenen,
verbunden mit der ewigen Jugend des Unerwarteten. „Die Natur ist immer
neu und wird immer tiefer“, schreibt der Achtzigjährige und nennt
sich „einen alten Schiffer, der sein ganzes Leben auf dem Ozean der
Natur ... zugebracht“.
Es tut gut, unsere theoretischen Streifzüge
durch diese
Erinnerungen zu unterbrechen, weil uns sonst leichtlich der eine
Bestandteil in Goethe's Naturerforschung aus dem Sinne schwinden
könnte: ihre Leidenschaftlichkeit und ihre Innigkeit, ihre
Bedeutung für sein Leben und die Bedeutung, die er ihr
infolgedessen für das Leben aller Höherbeanlagten
zumaß; wie er denn auch meint: „Zarte, sittliche Gemüter
sind für Naturerscheinungen die offensten.“ Dessen eingedenk zu
bleiben hat nun Derjenige allen Grund, der an das Stu-
363
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
dium von Goethe's
Beiträgen zur organischen Naturerforschung
herangeht; denn hier hat die Leidenschaft einem nach Gedankengestaltung
Lechzenden zu einem kühnsten Sprung die Kraft verliehen, der
Leidenschaftslose wird ihm schwerlich nachkommen. Bei der Farbenlehre
gab es außer dem Organischen auch ein Anorganisches, wo es also
galt, „nur sehen, nicht denken“, und dieses Anorganische vermittelte
gleichsam die gestaltende Idee des Ganzen, welche sonst, da die Farbe
ausschließlich das Subjekt betrifft, kaum begreiflich zu machen
gewesen wäre; sobald aber Goethe die Gestalten der Pflanzen und
Tiere seinem Verständnis und dem Verständnis Anderer nahe zu
bringen unternimmt, dabei aber doch von allem absieht, was an diesen
Gestalten physisch und chemisch sein mag, da steht ein r e i n
Organisches
vor seinem Auge, also Gestalt nur als Gestalt, und das heißt —
nach seiner unmathematischen, unmechanischen Anschauungsweise — als
etwas, was nur von innen heraus, aus dem Leben, aus dem Gedanken
begriffen und der Vorstellung zugänglich gemacht werden kann,
indem die uns schon bekannte Forderung gilt, „z u e r s
t die Ideen
erwecken und beleben“ (S. 336) und erst wenn das
geschehen ist, dann den
unendlichen Stoff durch diese Ideen und vermittelst ihrer
bewältigen. Der Neophyt soll sich also darüber klar sein,
daß Goethe bei seinen organischen Beiträgen zwar das
aufgestapelte Material der Wissenschaft benutzt, daß aber
die I d
e e n, die er selber beisteuert, nicht im eigentlichen Sinne als
ein
Ergebnis aus diesem Material zu betrachten sind (wie das bei
wissenschaftlichen Theorien der Fall ist), sondern vielmehr als
selbständige organisatorische Gedanken, hervorgegangen aus dem
zwingenden Bedürfnis, das wegen seiner Massenhaftigkeit undeutlich
Gesehene in ein deutlich zu Übersehendes umzuformen. „Das
ungeheure Reich simplifiziert sich mir in der Seele“, schreibt Goethe,
als seine Idee der Pflanzenmetamorphose deutliche Gestalt zu gewinnen
beginnt. Jene „Welt des Auges“, von der Goethe zu Schiller sprach (S.
264), ist immer das Ziel.
Der organisatorische Gedanke nun, aus dem alle Ideen
Goethe's über
die lebendige Natur hervorgehen, entstammt der Überzeugung, „im
Mannigfaltigen verberge sich das Einfache“. Wie aber sollen wir zu
diesem verborgenen Einfachen gelangen? Dadurch, daß wir lernen,
„im Besonderen das Allgemeine zu schauen“. Kurz und
364
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
nichtsdestoweniger
erschöpfend hat Goethe es einmal ausgesprochen:
„Das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das Allgemeine
repräsentiert, nicht als Traum und Schatten, sondern als lebendig
augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen.“ Ich bitte den Leser,
diese zwei entgegengesetzten, sich aber harmonisch ergänzenden
Grundsätze in aller Deutlichkeit zu erfassen:
i m M a n n i g f
a l t i g e n d a s E i n f a c h e
e r b l i c k e n
und
i m B e s o n d e
r e n d a s A l l g e m e i n e e r
s c h a u e n.
Zum vollen
Verständnis gehört noch eine Entwirrung. Sowohl
das Mannigfaltige wie das Besondere ist ein sinnlich Gegebenes,
wogegen das Einfache und das Allgemeine dem Geiste angehören.
Hierbei muß folgende Stufenleiter beachtet werden. Unmittelbar
den Sinnen gegeben ist nur Mannigfaltigkeit; auf ein Besonderes die
Aufmerksamkeit zu konzentrieren, das deutet schon auf eine
richtunggebende Beteiligung des Verstandes; in diesem Besonderen den
Stellvertreter eines Allgemeinen erkennen — gleichviel ob wir konkret
an allgemeine Gestaltsbeziehungen oder abstrakt an allgemeine
Gesetzmäßigkeit denken — zeigt Walten der Ideenbildung; eine
weitere Steigerung des Ideellen, und zwar im Interesse des
Menschengeistes, findet statt, wenn wir dieses Allgemeine auf
möglichst einfache Vorstellungen zurückführen. Bildlich
gesprochen findet also eine stufenartige Steigerung statt:
|
|
|
das Einfache
|
|
|
das Allgemeine
|
|
|
das Besondere
|
|
|
das Mannigfaltige
|
|
|
|
|
|
|
|
Nie ist es möglich,
das Einfache unmittelbar im Mannigfaltigen zu erblicken, wo es, nach
Goethe's Wort, „sich verbirgt“; vielmehr
müssen zuvörderst Sinne und Verstand gemeinsam ein
„Besonderes“ in den Brennpunkt ihrer Aufmerksamkeit bringen, bis sich
dessen allgemeine Bedeutung „lebendig augenblicklich offenbart“; ist
erst auf diesem Wege die Vereinfachung eingeleitet, so liegt es in der
Natur unserer Vernunft, sie durch Ideenbildung zu vollenden. Die selbe
365
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
Erkenntnis kann auch
folgendermaßen ausgesprochen werden: sobald
es gelingt, aus der Fülle des Mannigfaltigen ein Besonderes zu
sinnbildlicher Bedeutung zu erheben, wird dadurch die zerstreute
Vielfältigkeit zu einer einzigen umfassenden Allgemeinheit
geklärt, womit die Möglichkeit der Zurückführung
auf ein einfaches Prinzip gegeben ist.
Ein Beispiel soll zur Verdeutlichung dienen.
In seinen Universitätsjahren hatte Goethe „kalt
zu seinem
Zeitvertreib“ botanisiert, wie das Andere auch tun; später, in
Weimar, erfaßte ihn das heilige Feuer; das Reich der Pflanzen
„raste in seinem Gemüte“, er wollte es beherrschen, besitzen, d.
h. in allen seinen Teilen im Auge tragen. Gerade nun, weil Goethe's
Auge alles in sich einsog und sich aneignete, ermüdete es eher als
manches andere bei Aufgaben, die das Auge mehr als
Präzisionsinstrument denn als lebendiges Organ beanspruchen. „Kein
eigentlich scharfes Gesicht“, berichtet er über sich, und ein
anderes Mal: „Die Beobachtung des Einzelnen war niemals meine
Stärke“; womit besagt wird, ihm — dem (wie Plato)
„Zusammenschauenden“ — bereite das analytische, zergliedernde,
„auseinanderschauende“ Sehen des Empirikers physische Qual. Darum
stieß er bald anfangs an ein Hindernis seiner botanischen
Studien; „unauflösbar schien ihm die Aufgabe, Genera mit
Sicherheit zu bezeichnen“, geschweige denn Arten; er sah sich
gezwungen, hierzu fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen (S. 118). Ihn aber
erfüllte inzwischen ein anderes Problem und, wir dürfen wohl
sagen, ein höheres, viel weniger künstliches, der lebendigen
Natur näher verwandtes. Während seine gutmütigen
Mentoren noch beschäftigt waren, ihn Staubfäden zählen
und Familiencharaktere unterscheiden zu lehren, „bemächtigte sich“
Goethe in der ihm eigenen Weise jeder „neben sich bemerkten Pflanze“
und strebte schon, seiner Erfahrung voraneilend, die gesamte
vegetabilische Welt in ihrem unterscheidenden Wesen zu umfassen. Wenn
„es in den ungeübtesten Sinn fällt, eine Pflanze von einem
anderen Gegenstand der Natur unterscheiden zu können“, was Jeder
zugeben muß, „worin besteht denn eigentlich die innige
Verwandtschaft dieser Wesen?“ So lautet die erste Frage. Was die
Anderen können, kann Goethe nicht; wo aber die Anderen an dem
größten Wunder — dem Wunder nämlich der Beziehungen
zwischen Natur und Geist,
366
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
zwischen Objekt und Subjekt —
achtlos vorübergehen, dort bleibt
er, der Schauende unter allen Denkern und der Denkende unter allen die
Natur so emsig Beschauenden, verwundert stehen; zu zählen versteht
er nicht, er versteht aber zu fragen. Diese Frage — worin besteht die
Verwandtschaft? — ist eine Frage nach Gestalt. Und darum ruft er, als
er in Italien anlangt und im botanischen Garten von Padua ungeahnte
Fülle noch nie gesehener Gestalten vor seinen Augen ausgebreitet
findet, wie erschrocken aus: „Ich sehe noch nicht, wie ich mich
entwirren will!“ Doch bald beginnt die I d e e
zu dämmern; denn so
verschieden die Pflanzen auch sind, ein gemeinsames Gestaltungsprinzip
eignet ihnen gewiß allen. Mit bestrickender Naivität
heißt es: „Woran würde ich sonst erkennen, daß dieses
oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem
Muster gebildet wären?“ Hier bemerken wir eine organisatorische
Idee in dem ersten Stadium ihres Entstehens: im Mannigfaltigen
„verbirgt sich“ das Einfache; das Ziel wird zuerst erfaßt, die
Methode noch nicht; und als erster Ausdruck des Zieles schwebt das
Muster, der Typus, die „Urpflanze“ vor. Über diese berühmte
Urpflanze ist viel Papier geschwärzt worden; darum bekümmern
wir uns nicht, denn wir verstehen ohne weiteres, daß, da Goethe
„von der Gestalt ausgeht“ und auf Gestalt hinzielt, er als Erstes eine
vollkommene Gestalt, ein Muster sich vorstellen muß: die
einfachste aller Pflanzen, da sie ledig aller Sonderlichkeiten bleibt,
doch zugleich die vollendetste, insofern sie in sich die
befähigende Anlage zu jeglicher Mannigfaltigkeit birgt. Wohl ist
es naiv, zugleich aber herrlich genial, wenn Goethe diese seine
Urpflanze in Wald und Garten tatsächlich sucht; es liegt darin
genau die selbe Kraft konkreter schöpferischer Anschauung wie wir,
frühzeitig Geschwächte sie an unseren Kindern voll Neid
bewundern; aus solcher Kraft sind die Mythen der Aroinder, Hellenen,
Keltogermanen entsprungen. Doch blieb Goethe nicht dabei stehen.
Tauchte der Begriff des Typus später hin und wieder auf, wie in
dem berühmten Gespräch mit Schiller, so war nicht mehr von
einer „Urpflanze“, sondern von einer „symbolischen Pflanze“ die Rede,
nicht mehr also von einer mythologischen Gestalt, sondern von einer
konstruktiven Idee des Menschengeistes; und — was entscheidend ist — in
dem (bereits 1790 gedruckten) V e r s u c h d i
e M e t a m o r p h o s e d e r
367
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
P f l a n z e n z
u e r k 1 ä r e
n wird an keiner einzigen Stelle weder eine Urpflanze noch
eine symbolische Pflanze genannt. Denn schon in Italien hatte Goethe
den entscheidenden zweiten Schritt getan und zu dem Ziele die Methode
erfunden. Nicht im Mannigfaltigen des Lebens dürfe man das
Einfache m a t e r i a l i t e r suchen, als eine
individuell irgendwo
vorkommende Erscheinung, vielmehr müsse man es mit Waffen des
Geistes erfassen, indem man lerne, „im Besonderen das Allgemeine zu
erschauen“, also in dem überall gegebenen, überall dem Blicke
sich bietenden Besonderen. Er berichtet darüber: „Ich erhob mich
von dem beschränkten Begriff einer Urpflanze zum Begriff und wenn
man will zur I d e e einer gesetzlichen — wenn
schon nicht gleichgestalteten — Bildung und Umbildung des
Pflanzenlebens von der Wurzel bis zum Samen.“ Also an Stelle der
kindlichen Vorstellung einer vollendeten Urpflanze, von welcher alle
vorhandenen Pflanzen gleichsam verschiedenartige monströse
Abweichungen wären, die hohe Idee, alles, was wir Menschen Pflanze
nennen, sei darum und dadurch „Pflanze“ und werde von uns unter diesem
vereinheitlichenden Begriff zusammengefaßt, weil — bei aller
Verschiedenheit in der Erscheinung — jede Pflanze einem gleichen Gesetz
der Bildung und Umbildung gehorche, einem Gesetz, das für andere
Lebensgestalten keine Geltung besitze. Jetzt haben wir, was wir
brauchen! Eine Urpflanze wäre eine Idee im Sinne eines
Phantasiegebildes, wogegen die Vorstellung eines allen Pflanzen
gemeinsamen Bildungsgesetzes eine organisatorische Idee bedeutet. Man
könnte auch sagen: nunmehr hat Goethe die Urpflanze
tatsächlich gefunden. In der Tat, jegliche Pflanze, sobald wir sie
in ihrem Wachstum und Gedeihen rein und innig erschauen, kann uns jenes
gemeinsame Gesetz, durch welches Pflanze „Pflanze“ ist, verkünden;
jetzt erschauen wir in jedem Besonderen das Allgemeine. Gelingt dies,
so wäre das Wort zur Tat geworden: „Das ist die wahre Symbolik, wo
das Besondere das Allgemeine repräsentiert, nicht als Traum und
Schatten, sondern als lebendig augenblickliche Offenbarung des
Unerforschlichen.“ Zugleich aber lernen wir aus diesem Vorgang genau
verstehen, was Goethe meint, wenn er Schiller versichert, es gebe
außer der üblichen „zerstückelten Art“ noch „eine
andere Weise die Natur vorzunehmen,... sie wirkend und lebendig, aus
dem Ganzen in die Teile strebend, darzustellen.“ Denn
368
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
wir sehen, wie Goethe hier aus
einem ihn geradezu beängstigenden,
dunklen Gefühl des G a n z e n die
ordnende Idee gebiert, welche dann Licht über die Teile wirft; von
dem peinlichen Studium des Einzelnen aus hätte kein Weg dahin
geführt.
Nun aber heißt es, diese Idee einer allen
Pflanzen gemeinsamen
gesetzlichen Bildung und Umbildung weiter verfolgen. Jede organische
Idee ist unerschöpflich und kann sowohl umfassenderen Ideen
eingegliedert wie auch in engere Ideen auseinandergegliedert werden.
Beides hat Goethe getan. Denn er hat sich überlegt, es müsse
die Idee eines noch höheren Bildungsgesetzes vorhanden sein,
welches „die sämtlichen organischen Geschöpfe“ — also nicht
die Pflanzen allein — umfasse; andrerseits aber hat er sich bei den
Pflanzen in seinem Versuch, die Idee ihrer allgemeinen gesetzlichen
Bildung und Umbildung näher zu bestimmen, auf dasjenige
Bruchstück des Pflanzenreichs beschränkt, das er aus
Anschauung gut kannte; ich habe dessen schon früher Erwähnung
getan (S. 328), muß aber nochmals daran
erinnern, damit man von
Goethe's Idee der Metamorphose des Blattes nicht mehr fordere, als sie
zu geben unternimmt. Außerdem ist es nötig, mit aller
Genauigkeit auf den Wortlaut jenes vorhin angeführten Satzes zu
achten: es heißt nicht: „ich entdeckte ein Gesetz der Bildung und
Umbildung“, sondern „ich erhob mich zur I d e
e einer gesetzlichen Bildung und Umbildung.“ Goethe's
Metamorphosenlehre — gleichviel ob er sie so allgemein faßt,
daß die gesamte organische Welt darunter begriffen ist, oder so
eng, daß nur ein Teil des einen Reiches der lebendigen
Schöpfung in Betracht kommt — will also nicht ein empirisches
Gesetz formulieren, vielmehr d i e I d e
e e i n e s G e s e t z e s dem Geiste
schenken: zwei sehr verschiedene Dinge, wie der aufmerksame Leser
dieses Kapitels weiß. Hat er außerdem das Glück, Kant
zu kennen, so weiß er, daß Ideen niemals
Erfahrungstatsachen einfach wiedergeben, da es zu ihrem Wesen
gehört, „die Möglichkeit der Erfahrung zu übersteigen“,
daß ihnen aber nichtsdestoweniger „ein vortrefflicher und
unentbehrlicher Gebrauch“ zufällt, indem sie dem Verstand „ein
gewisses Ziel“ stecken, was seiner erfassenden Gedankentätigkeit
„die größte Einheit neben der größten Ausbreitung
verschafft.“ Diese Worte bezeichnen genau, was Goethe's
Metamorphosenlehre soll und was sie nicht soll. Zwar muß Goethe,
als er
369
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
die Sammlung seiner
morphologischen Studien später bevorwortet,
klagen: „Wie Wenige fühlen sich von dem begeistert, was eigentlich
nur dem Geist erscheint!“ Wer ohne Geist sein Genüge findet,
möge Goethe's Naturerforschung lieber bei Seite liegen lassen;
denn zu der Welt des Auges, die ihr als Ziel vorschwebt, führt nur
ein Weg: der Menschengeist; auf dessen Kultur ist es überhaupt bei
dieser Naturerforschung abgesehen, auf dessen „unendliche Ausbildung,
indem er seine Empfänglichkeit sowohl als sein Urteil immer zu
neuen Formen des Aufnehmens und Gegenwirkens geschickt macht“.
Als Goethe nun jene Gruppe von Pflanzen ins Auge
faßte, die ihm
am besten bekannt war, die blühenden Pflanzen (Phanerogamen)
Mitteleuropas, und zwar vorzüglich die einjährigen, und er
sich fragte, wie er innerhalb dieses bestimmt umgrenzten Gebietes der
Idee jener gesetzlichen Bildung und Umbildung, wodurch Pflanze
„Pflanze“ ist, anschaulichen Ausdruck verschaffen könnte,
mußte er sich wieder nach einem „Besonderen“ umschauen, worin das
„Allgemeine“ offenbar wird; da erfand er folgende Vorstellung: das
Besondere ist das Blatt; alle verschiedenartigen Seitenorgane dieser
Lebensgebilde können als Umwandlungen des Blattes aufgefaßt
werden. Doch hiermit greife ich der Vereinfachung halber vor,
veranlaßt durch die Tatsache, daß alle Welt diese
Vorstellung Goethe's — an der Pflanze sei alles Blatt — wenigstens dem
Namen nach kennt; um die Idee in ihrer Reinheit zu erfassen, werden wir
gut tun, von unserer angeblichen Kenntnis abzusehen und Schritt
für Schritt zu verfahren.
Am Beginn seines V e r s u c h e
s aus dem
Jahre 1790 führt Goethe aus, die „verschiedenen äußeren
Pflanzenteile“ (darunter versteht er alle Teile außer Wurzel und
Stamm) seien durch „geheime Verwandtschaft“ miteinander verbunden,
indem „die Natur die verschiedensten Gestalten durch Modifikation eines
einzigen Organes darstellt“. Schon hier ist Verweilen geboten, wollen
wir nachdenken, was Goethe uns vordachte, und nicht an Stelle des
zartesten Ideengewebes einen rohen Scheingedanken klotzweise
hinstellen. Von „Blatt“ ist, wie man sieht, gar noch die Rede nicht,
sondern von „geheimer Verwandtschaft“ und von einem „einzigen Organ“
ohne Namen. Diejenigen Pflanzen, die Goethe im Sinne hat, tragen als
„äußere Teile“ sehr verschieden geformte Organe:
Keimblätter, untere und
370
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
obere Stengelblätter,
Nebenblätter, Hüllblätter,
Kelch, Krone, Nektarien, Staubwerkzeuge, Griffel, Samenkapsel usw.; wir
sollen die Vorstellung fassen, alle diese (den verschiedensten
Lebensfunktionen dienenden) Organe stünden miteinander in
„geheimer Verwandtschaft“, indem sie ideell die „Umwandlung eines
einzigen Organs“ darstellen. Dies ist Idee, nicht empirische Tatsache,
und es liegt nicht die allerentfernteste deszendenz-theoretische
Absicht vor, wie das verständnislose Ausleger manchmal behaupten;
Goethe pflegt das, was er meint, genau auszusprechen; hätte er
andeuten wollen, das Blatt sei das historische „Urorgan“, aus welchem
die anderen Organe nach und nach hervorgegangen seien, so wäre es
ihm nicht schwer gefallen, diesen plumpen Gedanken deutlich in Worte zu
kleiden. Er tut es aber nicht; vielmehr schreibt er gegen Schluß
des selben V e r s u c h e s: „Wir können
ebenso gut sagen, ein Staubwerkzeug sei ein zusammengezogenes
Blumenblatt, als wir von dem Blumenblatt sagen können, es sei ein
Staubgefäß im Zustande der Ausdehnung; ein Kelchblatt sei
ein zusammengezogenes Stengelblatt, als wir von einem Stengelblatt
sagen können, es sei ein ausgedehntes Kelchblatt.“ Nicht also das
ist die Absicht, zu behaupten, alle Organe der Pflanze seien
umgewandelte Blätter, sondern vielmehr, wie es in des Verfassers
eigenen Worten im selben Absatz heißt: „daß wir uns
gewöhnen, die Erscheinungen vorwärts und rückwärts
gegeneinander zu halten“. In der Natur kommen Fälle vor, wo an die
Stelle von Staubwerkzeugen halbe oder ganze Kronenblätter treten,
wo farbige Kronen zu grünen Blättern umgewandelt erscheinen;
hieran sollen wir uns üben, um uns im Geiste ein ideelles Organ zu
denken, welches einmal als Staubwerkzeug, ein anderes Mal als
Kronenblatt, ein drittes Mal als Laubblatt erscheint usw. „Metamorphose
im höheren Sinne“ definiert Goethe später einmal als „Nehmen
und Geben, Gewinnen und Verlieren“; damit an Stelle eines Kronenblattes
ein Staubwerkzeug entstehe, muß das ideelle Grundorgan manches
verlieren, hingeben — Entfaltung, Farbenpracht usw. — dafür vieles
nehmen, gewinnen, an eigenartiger Ausbildung der Gewebe und an
Bedeutung für das kommende Geschlecht. Bei diesem
Gegeneinanderhalten scheinbar unverwandter Erscheinungen liegt die
allgemeine Idee aller „Metamorphose“ zu Grunde, wie sie Goethe für
das gesamte Reich des Lebens dreißig Jahre später aus-
371
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
sprach: „Daß nun das,
was der Idee nach gleich ist, in der
Erfahrung entweder als gleich oder als ähnlich, ja sogar als
völlig ungleich und unähnlich erscheinen kann, darin besteht
eigentlich das bewegliche Leben der Natur.“ Goethe selber macht
aufmerksam, diese Vorstellung „widerspreche unseren Sinnen wie das
Kopernikanische System“; dafür leistet sie unserem Geiste
kopernikanische Dienste. Wir bleiben also nicht zögernd bei der
Frage stehen: was soll das bedeuten, wenn behauptet wird, das
männliche Befruchtungsorgan (das Staubwerkzeug) der Pflanze sei
die Umbildung eines ideell „einzigen“ Organs, welches in einer anderen
Umbildung die luftige Pappuskrone eines fliegenden Samens, in einer
anderen die geheimnisvolle Vielgestalt einer Orchideenblüte und in
wieder einer anderen das breite Assimilationsorgan des wahren Blattes
darstellt, sondern wir begreifen den Vorteil, der für den Geist
aus der Gewöhnung entsteht, die Erscheinungen vorwärts und
rückwärts gegeneinander zu halten, und wir empfinden im
voraus die Fruchtbarkeit des Gedankens, das in der Erscheinung
„völlig Ungleiche“ könne in der Idee ein Gleiches sein. Alles
dies sind Schritte auf dem Wege, der dahin führt, das Einfache
aufzudecken, welches nach Goethe's oben angeführten Worten im
Mannigfaltigen „verborgen“ anzunehmen ist.
Wie sollen wir nun das ideelle Organ, welches
unserem in der
Überfülle der Wahrnehmungen sich verwirrenden Geiste Einheit
und Einfachheit schenkt, in diesem Falle benennen? Darüber war
Goethe geraume Zeit im Ungewissen. In seinem Versuch, die Metamorphose
der Pflanzen zu erklären, sagt er: „Es versteht sich hier
von
selbst, daß wir ein allgemeines Wort haben müßten,
wodurch wir dieses in so verschiedene Gestalten metamorphosierte Organ
bezeichnen und alle Erscheinungen seiner Gestalt damit vergleichen
könnten.“ Für ihn verstand sich das von selbst; von Denen,
die über seine Metamorphose geschrieben haben, verstand es fast
Keiner. Und nun fährt er an jener Stelle fort: da wir dieses
„allgemeine Wort“ nicht haben, so „müssen wir uns gegenwärtig
damit begnügen, daß wir uns gewöhnen, die Erscheinungen
vorwärts und rückwärts gegeneinander zu halten“. An den
verschiedensten Orten begegnen wir dieser Empfehlung des „vorwärts
und rückwärts“, was man als die Umsetzung der
Metamorphosenidee in die Praxis bezeichnen könnte: so z. B. in den
Wanderjahren, wo der
„plastische
372
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
Anatom“ Wilhelmen „ein
auffallend schönes Beispiel gab, wie auf
diese Weise vorwärts und rückwärts zu arbeiten sei“.
Auch hier wieder handelt es sich, wie bei aller Naturerforschung
Goethe's, um eine Tat, um eine Bewegung, um eine Übung des
Geistes, nicht um eine Lehre mit eins, zwei, drei. Unentbehrlich bleibt
aber nichtsdestoweniger ein benennendes Wort; für das
Unaussprechliche muß ein Symbol gefunden werden; in seiner
Verzweiflung über das ewige Mißverstandenwerden hat Goethe
sogar einmal „große abstrakte Einheit“ gesagt, doch war das ein
aus vorübergehender Erbitterung entsprungener lapsus calami;
„abstrakt“ sind wahrlich Goethes Ideen nicht, wenngleich sie alle Worte
übersteigen; konkret müssen seine Symbole sein; und so war es
für ihn gewiß ein glücklicher Tag, als er hastig mit
Bleistift auf einen Zettel schrieb: „Hypothese: Alles ist Blatt, und
durch diese Einfachheit wird die größte Mannigfaltigkeit
möglich.“ Höchst charakteristisch ist es für Goethe, wie
er, der das Einfache im Mannigfaltigen verborgen empfand und mit
fieberhafter Ungeduld danach suchte, jetzt, wo er es zu halten glaubt,
sofort die Sache umkehrt und das Einfache als „Ermöglichung“ des
Mannigfaltigen auffaßt: wiederum die Umsetzung eines Gedankens in
die Vorstellung einer Tätigkeit. Im ersten Augenblick überkam
ihn eine Art Taumel, und er meinte: „ein Blatt, das nur Feuchtigkeit
unter der Erde einsaugt, nennen wir Wurzel... ein Blatt, das sich
gleich [gleichmäßig] ausdehnt, einen Stiel, Stengel“; doch
ehe seine erste Veröffentlichung reif war, hatte er schon
längst dieser Übertreibung, welche die Idee in ein Nichts
aufgelöst hätte, entsagt; es wirkt ergötzlich naiv, wenn
er dann versichert, der Stengel sei „eigentlich keiner Betrachtung
wert“, doch war diese Beschränkung geboten; durch sie rettete er
seine ideelle Vorstellung, die sich von nun an ausschließlich auf
die Seitenorgane der einjährigen blühenden Pflanzen bezog.
Dank der Weimarer Ausgabe sind wir in der Lage, die Art, wie sich
dieses Symbol des Blattes nach und nach der Vorstellung empfahl, an der
Hand der tagtäglichen Gedankennotizen zu verfolgen. Im
„empirischen Sinne“, heißt es einmal, sei zwar das Blatt
„ein b e s t i m m t e s Organ“, dagegen sei es
„im höheren Sinne“ ein „b e s t i m m b a r e
s Organ“. Man kann nicht feiner die methodische
Ideenbildung des die Natur architektonisch Auffassenden bezeichnen! Der
Mechaniker gewahrt in der Natur nur
373
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
bestimmende Kräfte und
trägen Stoff und bemerkt darum keinen
Unterschied zwischen Leblosem und Lebendigem: dagegen erblickt der
Architektoniker eine bleibende Gestaltenidee, die in abertausend
Umbildungen sich dennoch behauptet und kraft deren „Bestimmbarkeit“ das
unzerstörliche Eigenwesen über die äußeren
Kräfte siegt. Nunmehr ist dem Sehenden das Blatt auf einmal „der
wahre Proteus“ geworden, „der sich in allen Gestaltungen verstecken und
offenbaren kann“. Und jene uns in der später entstandenen
Hauptschrift empfohlene Gewöhnung, „die Erscheinungen
vorwärts und rückwärts gegeneinander zu halten“,
übt der Erfinder der erst werdenden Idee, indem er sich
gewöhnt, in den Pflanzen „rückwärts und vorwärts
immer nur Blatt“ zu sehen. Dazwischen vernehmen wir den
Stoßseufzer: „Einen solchen Begriff zu fassen, zu ertragen, ihn
in der Natur aufzusuchen ist eine Aufgabe!“ Wie Goethe die Metamorphose
des Blattes gemeint hat, kann keinen Augenblick zweifelhaft sein, zumal
er später von seinem ideellen Blatt schreibt: „Den Trivialbegriff
haben wir beinahe verloren, haben einen transscendentellen Begriff
erreicht.“ Hier wie überall steht eben Goethe in der Mitte und
wird sowohl der physis wie
dem nûs, der Natur wie
dem
Menschengeiste, dem Anschauen wie dem Denken gerecht. Handelt es sich
um Anschauung allein, dann sollen wir uns — bei der Metamorphosenlehre
— an die unserem Auge so wohlvertraute Vorstellung „Blatt“ halten;
denken wir jedoch tiefer darüber nach, so begreifen wir bald,
daß wir „das Blatt in seinem transscendentellsten Sinne“ nehmen,
da es sich nicht um ein Blatt, wie es die Erfahrung uns bietet, sondern
um die I d e e eines einzigen Grundorgans handelt,
für das wir
leider kein „allgemeines Wort“ besitzen und als dessen verbreitetste,
am häufigsten und eindringlichsten in die Sinne fallende
Modifikation alle diejenigen Formen gelten müssen, die wir im
gewöhnlichen Leben unter dem Namen „Blatt“ begreifen.
Wenn ich nun noch ausführen und nachweisen
müßte, was
mit dieser Aufstellung der Idee der Metamorphose — der wir jetzt in
einem engumzirkten Gebiete nachgegangen sind, die aber in Goethe's
Geist weitere und immer weitere Kreise zieht, bis sie alles Lebendige
umfaßt — für das Verhältnis zwischen Geist und Natur
gewonnen ist, so müßte ich mir gestehen, dieses ganze
Kapitel umsonst geschrieben zu haben. Dagegen möchte ich nicht
unterlassen, darauf
374
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Organische
hinzuweisen, wie bewußt
bescheiden Goethe seine Leistung
eingeschätzt hat und wie lebhaft er die Berechtigung anderer
Methoden anerkannte. Seine Pflanzenmetamorphose nennt er „einen
Versuch, wie man die Gesetze der Pflanzenbildung sich geistreich
vorzustellen habe“, und berichtet: „Da es, wie man zu sagen pflegt,
viele Wege ins Holz gibt, so habe ich den Weg der Metamorphose sehr
vorteilhaft gefunden; die Ansicht ist geistig genug, und da man die
Idee immer durch die Ausführung alsogleich ausfüllen und
bewähren kann, so hat mir diese Vorstellungsart immer viel
Zufriedenheit gegeben.“ Alexander von Humboldt sagt, durch die
Berührung mit Goethe's Naturansichten sei er „gewissermaßen
mit neuen Organen ausgestattet worden.“ Dieses ohne jede theoretische
Präoccupation gesprochene Wort trifft genau das Richtige; Goethe's
Naturerforschung begabt uns — d. h. die Unvoreingenommenen und geistig
Regen unter uns — mit neuen Organen, mit jenen „geistigen Augen“, von
denen oben öfters die Rede war. Gegen Kanzler von Müller
bemerkte einmal Goethe: „Man darf die Grundmaxime der Metamorphose
nicht allzubreit erklären wollen; wenn man sagt, sie sei reich und
produktiv wie eine Idee, ist es das beste.“
Wäre Vollständigkeit bezweckt, ich
müßte hier auf
die Metamorphosenidee, wie sie Goethe auf das Skelett der Wirbeltiere
anwandte, eingehen, doch wer die Lehre von der Metamorphose der
Pflanzen in ihrem Wesen erfaßt hat, ist befähigt, sie auf
anderen Einzelgebieten und auch im Organismus der gesamten
Weltanschauung richtig zu verstehen. Was Polemik betrifft — wozu die
vielen empörend falschen Darstellungen stark anreizen — so stehe
ich davon ab: wer das Richtige hinstellt, hat stillschweigend das
Falsche widerlegt. Nur möge keine Begeisterung für die
große Tat Goethe's zu einer Mißachtung ihrer begrenzten
Anwendung führen; weswegen ich seine eigene Mahnung
hinzufüge: „Der Mißbrauch dieses Begriffes (der
Metamorphose)
führt auf ganz falsche Wege und bringt uns in der Wissenschaft
eher rück- als vorwärts.“ Demnach bliebe in diesem
Zusammenhang des Organischen nur noch die eine Erörterung
unentbehrlich, nämlich die des Verhältnisses der Ideen
Goethe's über die Natur zu den Evolutionsdogmen Darwin's und
seiner Nachfolger; doch wird diese besser am Platze sein in dem Kapitel
über den
375
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
Weisen, dort wo wir die zu
Grunde liegenden allgemeinen Anschauungen in
Betracht ziehen, wogegen es in diesem Kapitel nur gilt, dem um die
Kenntnis des Naturerforschers Goethe redlich Bemühten eine
leitende Freundeshand zu reichen, auf daß er die Hindernisse
schneller überwinde, die unsere Zeit sowie die fein gewobene
Eigenheit dieser neuen Art zu schauen dem Anfänger in den Weg
stellt.
—————
Das
Anorganische
Hätte Goethe nur über das Anorganische
geschrieben, seine
Leistungen als Erforscher der Natur würden kaum bestritten werden.
Denn hier stellt er sich, soweit es seinem Wesen und seiner
Weltanschauung möglich ist, auf den Boden der exakten
Wissenschaft. Wie wir uns erinnern, rät er, bei der Betrachtung
der anorganischen Natur „rein atomistisch“ vorzugehen, „nur sehen,
nicht denken“ (S. 336); es wird auch kein Fachmann
leugnen
können, daß Goethe auf diesem Gebiete durchweg empirisch
verfuhr. Fassen wir die Geologie ins Auge, auf die es vor allem
ankommt, wir sehen diejenigen allgemeinen Ansichten, die er sich aus
nicht bestrittenen empirischen Beobachtungen bildete, zwar von der
fachmännischen Gilde seiner Zeit bekämpft, doch inzwischen
immer mehr Boden gewinnen; manche gelten heute nicht mehr als Theorie,
sondern als Tatsache: so z. B. die Annahme einer wiederholten Eiszeit;
andere finden immer mehr Stütze, je genauer die Erforschung der
Erdkruste wird. So wurde er ein Bahnbrecher der modernen Geologie.
Nichtsdestoweniger wird auch hier Mißverständnis
hineingetragen, was uns allen den Tatbestand klar zu überblicken
erschwert.
Auf zweierlei Arten wird das Urteil
irregeführt: mittelbar und
unmittelbar. Mittelbar geschieht es, indem man viel Wesens von
angeblich grundlegenden Entdeckungen Goethe's auf organischem Gebiete
macht, seinen geologischen Scharfblick dagegen entweder gar nicht
erwähnt oder nur halblächelnd auf seine Abneigung wider den
Vulkanismus hinweist; dies veranlaßt eine Verrückung der
Perspektive, aus der ein verzerrtes Bild hervorgeht. Unmittelbar
geschieht es durch eine gewiß absichtslose, aus Unwissenheit zu
erklärende Unterlassung, indem wenige Menschen ahnen, wie sehr die
Ergebnisse gerade der allerneuesten Geologie und Kosmologie geeignet
sind,
376
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
Goethe's Ansichten über
die Erde zu bekräftigen. Über
beide Punkte müssen wir vorerst zu größerer Klarheit
durchdringen; sobald das geschehen, ist, wird die hohe Bedeutung der
rein ideellen Grundsätze ins Auge fallen, zu denen ein Denker wie
Goethe nicht umhin konnte sich zu erheben, und mochte er sich noch so
sehr auf Empirie zu beschränken gesinnt sein.
Ich gestehe, ich habe es manchmal verwünscht,
daß Goethe das
os intermaxillare, den
sogenannten Zwischenknochen des menschlichen
Oberkiefers, entdeckt hat. Ihm selbst gönnt man zwar die Freude,
bei der „sich ihm alle Eingeweide bewegten“; doch war diese Entdeckung
ein Verhängnis, ein Verhängnis für Goethe selbst und
auch für Alle, die Goethe's Naturerforschung erfassen wollen. Denn
hier wurzelt die ewige Verwechselung zwischen Idee und Erfahrung, jene
Konfusion, die sowohl der empirischen Wissenschaft wie der ideellen
Welt des Auges bis auf den heutigen Tag Schaden verursacht. Die Idee
des einheitlichen Typus, wie ihn Goethe gefaßt hatte, wäre
schon zart und „transscendent“ genug gewesen, um beim
durchschnittlichen (des Denkens und Schauens entwöhnten) Verstand
nicht leicht Eingang zu finden; nun kam die unglückselige
„Entdeckung“ dazu, und sofort war die Idee entschwunden, und es stand
eine nackte Tatsache da, vereinzelt, massiv, unbeflügelt,
katalogisierbar. Für die genauere Kenntnis der Persönlichkeit
Goethe's, der Leidenschaft, mit der er die Natur erfaßte, der
Bedeutung dessen, was er den „reinen Blick“ (S.
123) nennt usw.,
besitzt seine „Entdeckung“ unleugbare Bedeutung, für die
Wissenschaft eine weit geringere und für Goethe's „Welt des Auges“
gar keine. Das, was Goethe's treues Auge als Zwischenknochenspuren
entdeckte, war schon Jahrhunderte früher gesehen und abgebildet
worden; um ihn herum entdeckten es von neuem Zeitgenossen, die von
seiner unveröffentlicht gebliebenen Schrift nichts wußten;
dieses os intermaxillare
gehörte zu den Dingen, auf welche die
nüchternste Wissenschaft mit der Nase stoßen mußte, es
war gar nicht zu umgehen; der Stockblinde stolperte darüber,
sobald die Zeiten reif waren; und es wirkt komisch, wenn man
Prioritätsdispute, wie sie unter Naturforschern üblich sind,
auf einen solchen Geistesheros überträgt. Goethe verstand es,
Rekruten auszuheben, und er verstand es, Knochen zu entdecken; freudig
erkennt man die Allseitigkeit; doch was dem Einen
377
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
als Ruhmestitel dient,
bedeutet im Leben des Anderen eine
geringfügige Episode. Ideen bedürfen eines Schöpfers,
der sie sät, Tatsachen werden gemäht wie Gras mit einer Sense
von jedem hinreichend geübten Bauern. Außerdem muß man
sich gegenwärtig halten, daß Camper, Sömmerring und die
anderen fachmännischen Anatomen vollkommen recht hatten, Goethen
entgegenzuhalten, der Mensch habe keinen Zwischenkieferknochen; denn er
existiert beim normalen Menschen von der Geburt an tatsächlich
niemals; vielmehr handelt es sich nur um Spuren, die „unsern
Schutzengel, den Genius der Analogie“ zu einem kühnen Fluge
ermuntern mögen, ihn aber am letzten Ende in ein Chaos
führen. Wissenschaftlichen Wert gewannen diese Spuren erst, als
die grundlegenden Embryologen — ein Meckel, ein Baer, ein Serres — die
Entwickelung des Menschenschädels vom ersten Keim an zu verfolgen
begannen; mit ihren Arbeiten und denjenigen ihrer Nachfolger aber
eröffnete sich eine Perspektive, von der Goethe nicht hatte
träumen können, indem die Ansätze zu zahlreichen
Knochen, von deren Dasein er nichts wußte, entdeckt wurden,
wodurch die Vergleichung des Schädelbaues der Vertebraten — von
den Säugetieren bis hinunter zu den Fischen — möglich wurde
und je möglicher, um so labyrinthischer. Wie dem auch sei, eine
Tatsache bleibt unbestreitbar: das os
intermaxillare als eine im Keim
gesondert entspringende, später mit anderen verwachsende
Knochenanlage, bedeutet einen Fall unter zahlreichen ähnlichen,
und nur Derjenige hat das Recht, Gewicht auf dergleichen „Entdeckungen“
zu legen, der sie im Zusammenhang durcharbeitet, derart, daß
diese Embryologie (oder Keimeskunde) — gleichviel welche hypothetische
Erklärung man ihrem Tatsachenkomplex unterlegen will — einen
wissenschaftlich verwertbaren Sinn gewinnt. Dies war bei Goethe nicht
der Fall; vielmehr suchte er nach dem Zwischenknochen in genau der
selben Verfassung, in der er im Walde nach der „Urpflanze“ gesucht
hatte; es spielte sich in jenen frühesten Zeiten ab (die
„Entdeckung“ fand am 27. 3. 84 statt), wo er in noch unbesonnener
Naivität zwischen Idee und Erfahrung nicht zu unterscheiden
verstand; und nun geschah das Unglück: denn in diesem Falle
wähnte er seine Idee wirklich empirisch „gefunden“ zu haben! Und
da dieser Vorgang sich gleich am Anfang seiner organischen Studien
zutrug, so brachte er auf Jahre Verwirrung in sie
378
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
hinein; ja, die Verwirrung
wurde nie vollkommen aufgehoben, immer
wieder bricht sie über Goethe ein; auch auf uns Nachkommen wirkt
sie noch heute. Denn, wie wir vorhin belehrt wurden: zum Wesen einer
Idee gehört, daß sie die Möglichkeit der Erfahrung
übersteige, und Goethe selber hat es später klipp und klar
ausgesprochen: „Jede Idee verliert, wenn sie real wird, ihre
Würde“; hier aber glaubte er, in der Erfahrung die Idee konkret
nachgewiesen zu haben, und so war sie denn real geworden und hatte ihre
Würde verloren. Zu dieser ermutigenden ersten „Entdeckung“ kam
bald eine noch unglücklichere, wenn auch ebenso berühmte und
gepriesene zweite hinzu: der angebliche Ursprung des
Wirbeltierschädels aus umgewandelten Wirbelknochen. Als „Idee“ in
dem Kantischen Sinne eines dem Verstande gesteckten Zieles (siehe S.
368) hat die Vorstellung etwas Genialisches, und man begreift,
daß sie, durch Schelling in die Metaphysik, durch Oken und Carus
in die Naturbetrachtung eingeführt, Schule machte; empirisch
aufgefaßt hat sie die Wissenschaft fast ein Jahrhundert lang zum
Narren gehabt. Und ich mache mit aller Eindringlichkeit darauf
aufmerksam, daß Goethe selber auf der Höhe seiner Reife und
in den Augenblicken ruhigen Besinnens (nicht gereizter Gegenwehr) genau
ebenso über diese „Entdeckung“ gedacht hat. Denn er, der manchmal
von ihr als von einer empirisch unleugbaren Leistung spricht und sich
nicht wenig darauf zugut tut, schreibt einmal folgende Worte, die ich
ungekürzt bringe, damit sie entscheidender wirken. Der Titel der
Abhandlung lautet: „Inwiefern von den Wirbelknochen die
Schädelknochen abzuleiten seien und auch Gestalt und Funktion
dorther zu erklären sein möchte“; veröffentlicht ist sie
1820, in dem zweiten Heft der Reihe Zur
Morphologie, S. 248 ff. Hier
sagt Goethe:
„Wir wenden uns nun zu einer Angelegenheit, die,
wenn darin etwas zu
entscheiden w ä r e, großen Einfluß
auf alles
Vorhergesagte ausüben m ü ß t e. Es
entsteht nämlich, da so viel von Gestaltung und Umgestaltung
gesprochen worden, die Frage, ob man denn wirklich die
Schädelknochen aus Wirbelknochen ableiten und ihre
anfängliche Gestalt ohngeachtet so großer und entschiedener
Veränderungen noch anerkennen solle und dürfe. Und da bekenne
ich denn gerne, daß ich seit dreißig Jahren von
dieser g e h e i m e n V e r w a n d t s c h a
f t überzeugt bin, auch Betrachtungen darüber
immer fortge-
379
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
setzt habe. Jedoch ein
dergleichen Aperçu, ein solches
Gewahrwerden, Auffassen, Vorstellen, Begriff, I d e
e, wie man es nennen mag, behält immerfort, man
gebärde sich, wie man will, e i n e e s o
t e r i s c h e E i g e n s c h a f t; im Ganzen
läßt
sich's aussprechen, aber nicht beweisen, im Einzelnen läßt
sich's wohl vorzeigen, doch bringt man es nicht rund und fertig. Auch
würden zwei Personen, die sich von dem Gedanken durchdrungen
hätten, doch über die Anwendung desselben im Einzelnen sich
schwerlich vereinigen; ja, um weiter zu gehen, dürfen wir
behaupten, daß der einzelne, einsame, stille Beobachter und
Naturfreund mit s i c h s e l b s t n i
c h t i m m e r e i n i
g b 1 e i b t und einen Tag um den andern
klärer oder dunkler sich zu dem problematischen Gegenstande
verhält, je nachdem sich die G e i s t e s k r a f
t reiner und vollkommener dabei hervortun kann.“ ¹) In
einem weiteren Absatz heißt es dann: In unserer „bewegten,
ohnehin mit sich selbst beschäftigten Welt“ sei „ein so zartes
geistiges Wesen gar nicht an seinem Platze“. Hiermit wird
unwiderleglich dargetan, daß Goethe mit seinen Lehren über
Metamorphose, Typus, Gestaltung und Umgestaltung usw. eine
I d e e im Sinne hat und das Ganze einer rein ideellen,
architektonischen Naturbetrachtung angehört; denn die exakte
mechanische Wissenschaft kann mit „geheimen Verwandtschaften“,
„esoterischen Eigenschaften“, mit täglich wechselnden, nie genau
mitzuteilenden Ansichten nichts anfangen; eine Idee wie die Goethe's
kann ihr Anregung verschaffen, indem sie ihr für gewisse
Beziehungen die Augen öffnet, wie dies später auch Darwin mit
seinen anthropomorphischen Deutungen tat; doch sie selbst kann, sobald
sie reine Wissenschaft sein will, nur Tatsachen brauchen und scharf
umschriebene, unwandelbar konsequente Theorien; und so hat sie denn
endlich den qualvollen Versuch, dem „zarten, geistigen Wesen“ einen
derben, materiellen Sinn abzugewinnen, aufgegeben; damit ist zugleich
die wahre Idee wieder in ihre Würde eingesetzt. Auch in der
wissenschaftlichen Botanik versteht man jetzt unter Metamorphose nicht
Goethe's Idee, sondern jene Fälle, wo ein werdendes Organ, schon
auf dem Wege zu einem bestimmten Gebilde, eine durch innere oder
äußere Ursachen veranlaßte Ablenkung erleidet, durch
die es eine andere Funktion im Leben des Ganzen erhält und darum
auch in ein anderes Organ, als
—————
¹) Die hier gesperrt gedruckten Worte
sind im
Originaltext nicht gesperrt.
380
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
die erste Anlage voraussehen
ließ, nachträglich umgebildet
wird. * Dies ist reelle, nachweisbare Tatsache; jenes ist Idee.
Unser Urteil über Goethe, den Geologen, leidet
nun, behaupte ich,
unter der steten Betonung seiner anatomischen Entdeckungen, die
freilich unsere Aufmerksamkeit verdienen (unsere „heitere“
Aufmerksamkeit, hätte Goethe gesagt), als wissenschaftliche
Entdeckungen aber nicht annähernd die Bedeutung seines
geologischen Scharfblickes besitzen. Auf dem organischen Gebiete
bildeten eben die Ideen seine große Leistung, auf dem
anorganischen bewährte sich dagegen seine Befähigung, dem
Toten, Ungestalteten dasjenige an ihm, was mit Leben Analogie besitzt —
und das sind seine Umwandlungen —— mit Augengewalt abzugewinnen. Wo
nicht Gestalt herrscht, da ist Geschichte am Platze (S.
360); ein
bedeutender Geolog ist ein Mann, der das stumme Zeugnis der
Vergangenheit zu enträtseln versteht. „Es ist nämlich in der
Geognosie“, schreibt Goethe, „dem menschlichen Geist eine herrliche
Pflegerin fortbildender Anschauung eröffnet, die sich bei manchen
wahrhaft berufenen Beobachtern oft zu einer wundersamen Höhe
steigert und sie in dem naturgemäßesten Sinne fernsehend
macht.“ Hier nun geschieht die weitere Irreführung, die ich vorhin
als die unmittelbare bezeichnete. Die Vorurteile, welche unsere Zeit
befangen halten, verhindern die große Mehrzahl auch der
naturwissenschaftlich Gebildeten, Goethe's Bedeutung als Geolog
gewahrzuwerden; manche Tatsachen fallen nicht ins Auge, weil der
historische Zusammenhang übersehen wird, andere sind unbekannt,
weil alle Schul- und Popularwissenschaft um ein halbes, wenn nicht gar
um ein ganzes Jahrhundert zurückbleibt.
Wie schon erwähnt, hat Goethe eine
E i s z e i
t gelehrt: dies bedeutet geradezu eine erstaunliche
Leistung. Louis Agassiz, der wahrhaft geniale Forscher, gilt allgemein
als Begründer der Einsicht, weite Teile der nördlichen
Welthemisphäre bis hinunter in Gegenden mittlerer Breite
müßten zu einer nicht sehr weit hinter uns liegenden Zeit
beeist gewesen sein; diese Hypothese trug er zum ersten Mal im Jahre
1837 vor, also fünf Jahre nach Goethe's Tod, begründete sie
in später erschienenen Werken des Näheren und verfocht sie
gegen die einstimmige Ablehnung der Fachgeologen. Nun hatten zwar des
öfteren Gelehrte und Ungelehrte den Gedanken gelegentlich hinge-
381
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
worfen, die an vielen Stellen
Europas beobachteten erratischen
Blöcke (d. h. Felsstücke, deren Ursprung in der Gegend, wo
sie heute stehen, unerklärbar ist) möchten durch Eis dahin
getragen worden sein, sei es durch Eisberge oder durch Gletscher;
Agassiz selber aber bezeugt, Goethe allein habe die
zusammenhängende Vorstellung einer lange anhaltenden Epoche
großer Kälte besessen, einer Epoche, in welcher die
Gletscher bis zum Genfersee und noch weiter hinunterreichten. Dieser
Gedanke — im Laufe des 19. Jahrhunderts in seiner unbestreitbaren
Tatsächlichkeit nachgewiesen und für Erdkunde, Lebenskunde,
Menschenkunde unübersehbar fruchtbar — ist keine Idee, sondern ein
empirisches Faktum, von dem „wahrhaft berufenen Beobachter fernsehend“
erschaut. Agassiz' Verdienst ist nicht darum geringer; die
ausführliche, zwingende Begründung brachte er, er und Desor
und die hingebende langjährige Arbeit ihrer Jünger. Doch
daß Goethe, der nie einen längeren Aufenthalt im Gebirge
nahm, der mit seiner Ansicht ganz und gar allein dastand, den
Sachverhalt so genau durchdrang und sich an dem Zeugnis seines Auges
nie irremachen ließ, das gehört zu den auffallendsten
Tatsachen, die man wohl beachten muß, will man die Bedeutung
dieses Auges für die Erkenntnis der Zusammenhänge der Natur
schätzen lernen. „Das Eis spielt eine größere Rolle als
man denkt“, schreibt er still für sich hin, als wieder eine
„Berühmtheit“ bewiesen hat, die erratischen Blöcke seien
vulkanischen Ursprungs, Zeugen ungeheurer Schleuderkräfte, welche
riesige Felsen Hunderte von Meilen weit durch die Lüfte geworfen
hätten. Er beharrt bei seiner Überzeugung, geschöpft aus
dem ersten und einzigen Anblick des Rhonetales im Jahre 1779 und
verstärkt aus allen Berichten über ähnliche
Vorkommnisse, bei seiner Überzeugung „eines hohen Frostzustandes
des Erdbodens“, einer „Epoche großer Kälte“, anstatt zu
„Umhersprengungen die Einbildungskraft zu nötigen“ und zu
„fürchterlich undenkbaren Aufstürzungen aus den tiefsten
Abgründen“. Das eine Mal — denn Goethe kommt öfters auf diese
ihn empörende Kurzsichtigkeit der Fachmänner zurück —
bricht er plötzlich ab und gibt zu Papier: „Die Sache mag sein,
wie sie will, so muß geschrieben stehn, daß ich diese
vermaledeite Polterkammer der neuen Weltschöpfung verfluche!“ Der
Fluch des Weisen ward der Wissenschaft zum Segen.
382
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
Doch
dürften wir dieser wunderbar richtigen Intuition nicht einen
so hohen Wert beilegen, handelte es sich um einen vereinzelten Fall, um
eine „Entdeckung“ nach Art der anatomischen; es handelt sich aber bei
Goethe vielmehr um eine alle Probleme der Erdrindenbildung umfassende
allgemeine und methodische Überzeugung. Und die Geschichte der
Geologie seit Goethe's Tod ist die fortlaufende, wachsende
Bestätigung, daß er richtig gesehen hatte, er allein,
eingekeilt, wie er stand zwischen den beiden heftig sich
bekämpfenden dogmatischen Schulmeinungen der Vulkanisten und der
Neptunisten, unfähig, einer der beiden beizutreten, weil
ohnmächtig, aus dogmatisch-theoretischen Erwägungen dem
Zeugnis seines naturverwandten, das Allgemeine im Einzelnen ihm
offenbarenden Auges zu widersprechen. Diese fortlaufende
Bestätigung zieht sich bis in die ersten Jahre unseres zwanzigsten
Säkulums hin; wir dürfen auf weitere rechnen.
Aus zwei Briefstellen, die sich auf allgemeine
Geologie beziehen, lernt
man die Grundstimmung und zugleich die Grundeinsicht kennen. In der
einen heißt es: „Die Natur, wie sie still wirkt, und wie ich sie
liebe“; in der anderen: „Der Natur in ihrem großen Tun traue ich
einfachere und grandiosere Mittel zu.“ In diesen drei Worten — still,
einfach, grandios — liegt ein vollkommenes Programm zu einer Deutung
der Geschichte unserer Erdrinde, ein Programm, dessen wissenschaftliche
Durchführung noch vor Goethe's Tod von Charles Lyell systematisch
in Angriff genommen wurde. ¹) Lyell's Principles of Geology will, so
belehrt uns das Vorwort, nachweisen, „die geologischen Phänomene
können gedeutet werden, ohne plötzliche, allgemeine
Katastrophen oder Umwälzungen vorauszusetzen“: das ist Goethe's
Stille und Einfachheit; vor ihm hatte kein Geolog daran gedacht. Denn
zwei Dinge schränkten zu seiner Zeit die Vorstellungskraft der
Fachmänner ein: erstens, die feststehende Annahme, die Erde sei
nicht alt, zweitens, die Unfähigkeit, zu erfassen, über
welche grandios einfachen, still doch unüberwindlich wirkenden
Mittel die Natur verfüge. Die vorausgesetzte knappe
Beschränktheit des Zeitlaufes zwang bei der gewaltigen
Größe und der Mannigfaltigkeit der Begebenheiten, an
plötzliche Vorgänge unge-
—————
¹) Der erste Band der Principles
erschien in erster Auflage 1830, der
zweite und letzte 1832. *
383
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
heuerster Art, dazu in
schneller Aufeinanderfolge zu denken; gleichviel
ob Neptunisten oder Vulkanisten das Wort führten, alles ging
katastrophös her; dies wiederum nötigte zu der Annahme, die
Erdrinde selbst sei erst vor kurzer Frist
verhältnismäßig ruhig und damit bewohnbar geworden,
wogegen sie bis dahin „zugleich von unten und von oben“
unaufhörlich von allen Elementen um-, unter- und zerwühlt
gewesen sei. Goethe dagegen blickte um sich und gewann die
Überzeugung: „Die Natur vermag ruhig und langsam wirkend
Außerordentliches“; nur müsse man „einer freiwirkenden
Natur“ auch zu relativ geringfügigen Wirkungen „Jahrtausende Zeit
lassen“. Warum der Natur die Zeit beschränken? Weder kirchliche
noch wissenschaftliche Dogmen gewannen jemals über Goethe
Einfluß. Beliebig viel Zeit, und in dieser die sich
anhäufende Wirkung von Vorgängen, die der kurzlebende Mensch
kaum wahrnimmt, wenn nicht sein Auge erzogen worden ist darauf zu
achten: dies bildet den Kern von Goethe's geologischem Bekenntnis, wie
es der von Lyell's Geologie — der nicht mehr bestrittenen Geologie der
Gegenwart — wurde. Womit aber der Dichterdenker noch eine weitere
Vorstellung verbindet, die schon ins Ideelle hinüberspielt und
darum schwerer in Worte zu fassen ist: denn wer nur das Wort hört,
versteht nicht Goethe's Sinn, sondern im Geiste muß sich eine
Vorstellung aufbauen, die zugleich sinnlich-konkret und
moralisch-vernunftvoll wirkt. Die Stille der Natur verstehen wir nach
ihm erst, wenn wir in ihren Vorgängen, gleichviel welche
Dimensionen sie annehmen, niemals G e w a l t
erblicken, Gewalt im Sinne von „Gewaltsamkeit“ genommen. Ihm
persönlich ist „Abscheu vor gewaltsamen Erklärungen“
eingeboren, gleichviel ob der also Deutende „reichliche Erdbeben und
Vulkane“ oder aber „Wasserfluten und andere titanische Ereignisse
geltend zu machen sucht“; Goethe bleibt überzeugt, „der Natur
seien die ruhigen Wirkungen die allergemäßesten“. Dabei darf
man nicht übersehen, daß er die Vulkane aus eigener
Anschauung kennt, sowie aus jahrelangem, genauestem Studium die
heißen Quellen; von dem Erdbeben zu Lissabon hat er aus seiner
Kindheit einen nie verloschenen Entsetzenseindruck behalten, neu
geweckt später durch den Aufenthalt in dem durch das Erdbeben von
1784 gänzlich zerstörten Messina; er leugnet auch nicht das
Dasein gewisser Erdbildungen, bei denen die Vorstellung
384
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
„gewaltsamer Revolution zu
Hülfe gerufen“ werden müsse;
worauf er aber allen Nachdruck legt, ist die Tatsache, der Mensch solle
sich hüten, die Natur und ihre Wirkungsweise an dem Maßstabe
seiner eigenen Beschränkung und Schwäche zu messen und
diejenigen Phänomene, die ihm Schrecken oder selbst Vernichtung
bringen, darum für ungeheuer, maßlos, tumultuarisch, wild
und willkürlich zu halten (vergl. S. 331);
vielmehr solle er in
allem Gesetz, Ordnung, Ruhe — jenes Stille, Einfache, Grandiose —
erblicken lernen. „In der Ferne heben sich tobende Vulkane in die
Höhe, sie scheinen der Welt den Untergang zu drohen, jedoch
unerschüttert bleibt die Grundfeste, auf der ich noch sicher ruhe,
indeß die Bewohner der fernen Ufer und Inseln unter dem untreuen
Boden begraben werden.“ Genau so wie die höhere Mechanik —
widergespiegelt im gewaltigen Hirn eines Leibniz — uns lehrte, die Ruhe
als einen besonderen Fall innerhalb der Bewegungserscheinungen und
infolgedessen als in den allgemeinen Gesetzen der Bewegung
eingeschlossen zu betrachten, lehrt uns hier Goethe umgekehrt, die
scheinbar tumultuarische Bewegung als die Ruhe einer langsam, stetig
und folgerichtig wirkenden Natur aufzufassen. Darum, als in
der k l a s s i s c h e n W a l p u r g i s n a
c h t Anaxagoras von einem plötzlich entstandenen
Berge spricht, wirft ihm Thales dazwischen:
Was wird dadurch nun weiter
fortgesetzt?
Wer nur die eine, scheinbar isolierte Gewaltsamkeit erblickt, sieht
freilich, ü b e r sieht aber nicht. Die menschliche
Beschränktheit allein verhindert uns, die Erde als ein Ganzes
wahrzunehmen und das, was hier oder dort dem Achtlosen als Katastrophe
die Besinnung raubt, als die vorüberrauschende Offenkündigung
stetiger, unermeßbar langsamer Vorgänge zu erkennen, die von
Jahrtausenden herkommen und in Jahrtausende hinausweisen. In diesem
Sinne ist es gemeint, wenn an jener Stelle Thales sagt:
Sie bildet regelnd jegliche
Gestalt,
Und selbst im
Großen ist es nicht Gewalt.
Diese Forderung Goethe's — auch in der anorganischen Natur Gestalt und
nicht Gewalt zu erblicken — ist eine ideelle. Eine Natur,
385
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
die Chaos wäre,
könnten wir Menschen nicht erkennen; mag sie
an sich sein, was sie will, für uns m u
ß sie Kosmos werden; an
uns liegt es, wie dort die Ruhe als Bewegung, so hier die Bewegung als
Ruhe aufzufassen.
Wie man sieht: wenn auch Goethe uns lehrte, beim
Anorganischen
zunächst „rein atomistisch“ vorzugehen, „nur sehen, nicht denken“,
im weiteren Verfolg konnte er sich nicht enthalten, zu den gestaltenden
Ideen aufzusteigen, und er hat uns dadurch im voraus die tiefere
Begründung unserer modernen geologischen Methoden gegeben. Hierbei
kam ihm nun zugute, daß er im Gegensatz zu den meisten Fachleuten
seiner und unserer Zeit die Frage nach ersten Ursprüngen
grundsätzlich verwarf. Sein eigenes Bekenntnis legt er Faust in
den Mund:
Gebirgesmasse bleibt mir
edel-stumm;
Ich frage nicht Woher?
und nicht Warum?
Wir besitzen es auch in Prosa: „Mein Geist hat keine Flügel, um
sich in die Uranfänge emporzuschwingen.“ In dem Aufsatz, oder
vielmehr den Fragmenten zu einem Aufsatz, wo dieses Wort vorkommt,
lehnt Goethe die beiden Dogmen ab, die seine Zeit beherrschten und
entzweiten: die des Feuerursprungs und die des Wasserursprungs; alle
derartigen Vorstellungen sind ihm der Natur gegenüber zu eng und
stubengemäß. In einem Gutachten vom 10. Januar 1810
über den Ankauf einer Steinsammlung für das Museum in Jena
scherzt Goethe erst mit liebenswürdiger Ironie über den
vulkanistischen Sammler, dann aber in weit schärferem Tone
über den neptunistischen Museumsdirektor Lenz, der „in seinem
Wassereifer weder Maß noch Ziel kennt, wenn er gegen jene Ketzer
zu Felde zieht.“ Die übliche Darstellung unserer
Goethebücher, als sei Goethe ein Verfechter des Neptunismus
gewesen, gehört zu den geheiligten Trivialitäten, deren Dauer
aus der zähen Widerstandskraft leerer Hohlkörper zu
erklären ist. Goethe's Sinnen bewegte sich auf einer anderen
geistigen Höhe. „Im Ganzen denkt kein Mensch, daß wir als
sehr beschränkte, schwache Personen uns um's Ungeheure
beschäftigen, ohne zu fragen, wie man ihm gewachsen sei.“ Darum
gewannen ihm auch die „gegen hundert verschiedenen Theorien der
Erdentstehung“, welche er zusammenzählte, kein In-
386
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
teresse ab. „Es sind
bloß Worte, schlechte Worte, die weder
Begriff noch Bild geben“, lautet das Urteil in Prosa; in Versen:
Mit solchem Streit verliert
man Zeit und Weile
Und führt doch nur
geduldig Volk am Seile.
In dieser tiefen und wiederum ideellen Einsicht wurzelt eine Kraft,
welche Goethe vor allen Fachmännern voraus hatte und dank welcher
er uns Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts als Geolog durchaus
„modern“ erscheint, während Astrophysiker und Geologen, die noch
gestern autoritative Entscheidungen über Geschichte und Dauer der
Erde abgaben, bereits veraltet sind. Als nämlich in Lyell's
Gefolge den Geologen die Vorstellung ungeheurer Zeiträume nicht
nur immer geläufiger, sondern immer unabweisbarer geworden war,
entstand plötzlich ein Hindernis: die Physiker und Kosmologen (ein
Kelvin, ein Helmholtz u. A.) brachten den (vermeintlichen)
mathematischen Nachweis, die Erde könne nicht entfernt so alt
sein, als die Geologen es annahmen, was um so niederschmetternder auf
diese wirkte, als sie keine Handhabe besaßen, um auch nur
annähernd nach Jahren zu messen, sondern bloß einerseits auf
die gewaltige Höhe der im Wasser langsam abgelagerten Felsen,
andrerseits auf die Aufeinanderfolge der verschiedenen Gestalten des
Lebens hinweisen konnten, wogegen die genannten Physiker mit
Berechnungen kamen, die sich entweder auf das Zusammenschrumpfen der
Sonne oder auf Änderungen im Jahreslauf der Erde oder aber auf
allgemeinen Energieverlust innerhalb unseres Sternensystems usw.
bezogen, Berechnungen, die zwar zu recht abweichenden Ergebnissen
führten, jedoch zahlenmäßig und insofern grenzziehend
ausfielen. Dem redlichen Darwin verursachte diese formidable objection
ein nicht minder formidables Kopfzerbrechen (Origin, ch. X) und er
wußte sich nicht anders zu helfen als mit dem Verzicht auf seine
Überzeugung der allmählichen, unmerklichen Veränderungen
der Lebensgestalten, indem er nunmehr voraussetzte, diese
Veränderungen seien früher reißend und gewaltsam (rapid
and violent) vor sich gegangen, wodurch seine Hauptlehre sich
als ein
vorübergehender Zufall der gegenwärtigen Weltlage entpuppt,
nicht als aufgeschlossenes Naturgesetz. Da war denn die „Gewalt“ zur
Hintertüre von neuem eingeschlichen, und zwar dar-
387
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
um, weil unsere mechanischen
Forscher ohne ein Bewußtsein von der
Tragweite unserer gestaltenden Ideen empirisch tastend vorgehen. Wer
wollte der Physik, der exaktesten aller Wissenschaften, widersprechen,
sobald diese die nötige Frist zu stillen, einfachen, grandiosen
Umbildungen verweigerte? Paläontologen und Geologen, alle
mußten sie, genau so wie zu Goethe's Lebzeiten, zu bizarren,
barocken Notvorstellungen greifen, die jedoch noch verwickelter und
ungereimter waren, weil eine Unmasse neuer Tatsachen sich dem Notzwange
fügen mußte. Diese Dinge hatte Goethe vorausgesagt; für
den Sehenden genügt ein Wink, außerdem weiß er, wie
alles Menschliche sich wiederholt; und so hatte er uns ermahnt, uns
„gegen diese ungeheuren Allgemeinheiten“, wie er es tat,
„abzuschließen“. Wie sollte eine Berechnung, wie sollte irgend
eine
dem Menschengeist völlig unangemessene Allgemeinheit die Tugend in
sich tragen, das unmittelbare Zeugnis meines äußern und
innern Auges zu widerlegen? „Das mittlere Wirken der Welt-Genese sehen
wir leidlich klar und vertragen uns ziemlich darüber; Anfang und
Ende dagegen ... werden uns ewig problematisch bleiben.“ Woran sich die
allgemein gültige Weisheitslehre schließt: „Wie wir
Menschen in allem Praktischen auf ein gewisses Mittlere gewiesen sind,
so ist es auch im Erkennen. Die Mitte, von da aus gerechnet, wo wir
stehen, erlaubt wohl, auf- und abwärts mit Blick und Handeln uns
zu bewegen, nur Anfang und Ende erreichen wir nie, weder mit Gedanken
noch Tun, daher es rätlich ist, sich zeitig davon loszusagen.“ Wir
sehen hier Goethe, den Naturerforscher, dank seiner sicher
erfaßten Ideen unbeirrbar bleiben, wogegen die Naturforscher von
Fach alle in die Irre gehen — Physiker, Geologen, Zoologen. Und was an
und für sich gewiß nicht höhere Bewunderung fordert,
wohl aber zunächst auf die Meisten mehr Eindruck machen wird, ist
die Tatsache, daß Goethe — mit einem aus Wunderbare streifenden
Hellblick — uns im voraus auf jenen Weg aufmerksam machte, der ein
Jahrhundert später zur Lösung dieses erst nach seinem Tode
entstandenen Dilemmas führen sollte. Das tat er, indem er immer
wieder auf das C h e m i s c h e wies und den
Kosmologen einen Vorwurf
daraus machte, vorwiegend rein mechanisch zu denken, ohne sich zu
überlegen, welche unbekannten chemischen Vorgänge in Rechnung
zu ziehen seien. So heißt es in einem Ent-
388
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
wurf über die Bildung der
Erde aus frühen Jahren: „Chemische
Wirkung vorwaltend“; später: „Die chemischen Kräfte der Natur
nehmen keineswegs ab. Sie zeigen sich vielmehr jederzeit, wo sie freies
Spiel haben.“ In einem Aufsatz in Leonhard's „Geologischem Taschenbuch“
für das Jahr 1808 schreibt er: „Meine Erklärungsart neigt
sich mehr zur chemischen als zur mechanischen hin.“ Hiermit nicht
genug, nennt Goethe eine Wissenschaft, die zu seiner Zeit noch gar
nicht bestand, und sagt, wir sollten „den herrlichen e l e
k t r o c h e m i s c h e n g e i s t i g e n
L e i t f a d e n nie verlassen“; denn er glaubt an
„fortwährend vorgehende, elektrisch-chemische Prozesse“. Und nun
kommt das Merkwürdigste, nämlich eine Vorahnung der
Radiologie, so deutlich, wie sie bei den damaligen geringen Kenntnissen
nur möglich war, darum aber auch für Goethe's gelehrte
Zeitgenossen gänzlich unverständlich: „Elektrische,
galvanische — nicht Schläge — sondern E n t w i c k e
l u n g e n a
u s e i n e m I n n e r e n, dessen
Trennung und Suchen bei der
Solideszenz zu einem abermaligen Trennen und Suchen aufgefordert
wird.
Z u d i e s e m A n s c h a u e n m
ü s s e n w i r u n s e r h e
b e n, welches bei der
gegenwärtigen Lage der physischen Chemie gar nicht einmal schwer
werden darf.“ Das schrieb Goethe am 18. September 1817. Beides sah er
voraus: daß die Menschen die unerschöpfliche Zeit, sowie
auch daß sie die unerschöpflich mannigfaltigen Wirkungsarten
der Natur würden beschränken wollen; er kannte sie ja, er
kannte ihren engen, gewaltsamen Sinn und wußte, wie wenig sie
geneigt sind, „der Natur einfache und grandiose Mittel zuzutrauen“. Und
nun kam es, wie er vorausgesehen hatte. Denn während die
Ignoranten unter unseren Gelehrten und unsere sämtlichen
Ungelehrten noch heute sich an Kindermärchen „Vom Nebelfleck bis
zum Menschen“ erlaben, hat der Gang der echt wissenschaftlichen
Geologie andere Wege geführt. Eisepochen z. B. sind jetzt aus fast
allen geologischen Perioden bekannt; zur sogenannten Kohlenzeit — wo
nach unseren Phantasten die gesamte Erde unter einer warmen
Wolkenhülle erstickte — war Indien halb bedeckt mit Eis, ebenso
Australien, Südafrika, Südamerika! Ja, man hat die Wirkung
von Gletschern bis zum 31.° nördlicher Breite hinunter (Cairo
liegt genau unter dem 30.°) bei Formationen nachgewiesen, die
unterhalb der ältesten Trilobiten tragenden Cambrischen Schichten
liegen! Andrerseits ist
389
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Das Anorganische
nachgewiesen, daß mitten
in der Kohlenzeit selbst, wie auch in
Zeiten, die ihr um Jahrmillionen vorangingen, weite Strecken der Erde
trockene Wüsteneien bildeten, über denen selten eine Wolke
aufgestiegen sein kann. So wenig entspricht die wahre Geschichte
unserer Erde dem afterwissenschaftlichen Modegeschwätz!
Ebensowenig kann aus empirischer Beobachtung irgend ein Argument
für die Behauptung vorgebracht werden, es hätten früher
die Meere die Erdoberfläche ganz oder fast ganz bedeckt; im
Gegenteil, das Vorhandensein weiter Landstrecken kann von den
ältesten Zeiten an nachgewiesen werden, und, wenn man dem Urteil
der besten Sachkenner trauen darf, es scheint das Verhältnis von
Land und Wasser im großen und ganzen zu allen Zeiten, von denen
wir aus dem Zeugnis der Erdrinde irgend eine Kunde erschließen
können, trotz vielfacher Verschiebungen, dem jetzigen entsprochen
zu haben. Schon seit Jahren verliert die Kant-Laplacesche
Nebelhypothese täglich mehr an Wahrscheinlichkeit, oder jedenfalls
an zwingender Kraft; andere Vorstellungen über die Entstehung der
Erde, von denen der Laie so gut wie nichts erfährt, ersetzten sie;
und nun kam die Entdeckung der radioaktiven Vorgänge und mit ihr
die Verlängerung der Zeiten in unermeßliche Jahrmilliarden
der Vergangenheit und der Zukunft; alle die exakten Beweise der
Physiker über kurzvergangene Glut, über schnell
hereinbrechende Kältenacht usw. usw. fielen ins Wasser; für
Denker und denkende Forscher sind nunmehr Anfang und Ende der Erde
endgültig aus dem Rahmen des vernünftiger Spekulation
Zugänglichen ausgeschieden, und wir dürfen endlich in Ruhe
darangehen, „das mittlere Wirken der Welt-Genese“ zu studieren.
So sind wir denn nach einem vollen Jahrhundert auf
dem
dumm-zufälligen Wege empirischen Herumtastens und dank dem
Glücksfalle, daß eine begabte polnische Dame als solche der
professoralen Fachgilde nicht angehörte und infolgedessen mit
einiger Freiheit forschen durfte, so sind wir jetzt dort angekommen, wo
Goethe stand. Damit dies aber nicht ein vorübergehender Zufall
bleibe, täten wir gut daran, uns dessen bewußt zu werden,
indem wir zum Anschauungsgenie in die Lehre gingen.
—————
390
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
Zusammenfassung
Goethe's Art, die Natur anschaulich und gedanklich
zu erfassen, stellt
hohe Ansprüche an unsere Aufmerksamkeit, an unsere Denkkraft und
an unsere Phantasie: das habe ich nicht verhehlt; jetzt aber, wo diese
neue Art uns konkret vor Augen steht, möchte ich aufmerksam
machen, daß die Schwierigkeit, die von Manchem als besonders
groß, ja, als entmutigend empfunden wird, zum nicht geringen Teil
einfach in unserer gedankenlosen Gewöhnung an andere Vorstellungen
wurzelt, die nicht eine Spur minder verwickelt und minder zweideutig
sind, nur überkommen wir sie als fertige Begriffe und denken
niemals darüber nach. Goethe schreibt einmal über seine
Beiträge zur Naturkunde: „Ich weiß, daß diese
sonderbaren Erzeugnisse eines sonderbaren Menschen sich nicht leicht in
einem anderen Geiste völlig zusammenhängend nach der
ursprünglichen Reihenfolge wieder abspiegeln können“; da
haben wir gleich das erste große Hindernis: es handelt sich nicht
um ein Überkommenes, Schulgemäßes, es handelt sich um
ein
Erlebtes; und was der „sonderbare Mensch“ erlebte, muß sich —
sollen wir es wirklich verstehen — in allen seinen Teilen, wie sie sich
gegenseitig rufen und bedingen, in unserem Geiste wieder abspiegeln.
Alle Ideen waren aber ursprünglich schöpferische Erzeugnisse
sonderbarer Menschen: „Jede Idee tritt immer als ein fremder Gast in
die Erscheinung und ist, wie sie sich zu realisieren beginnt, kaum von
der Phantasie und Phantasterei zu unterscheiden.“ Und des Weiteren:
„Die Idee ist in der Erfahrung nicht darzustellen, kaum nachzuweisen;
wer sie nicht besitzt, wird sie in der Erscheinung nirgends gewahr.“
Die Vorstellungen „Gattung“ und „Art“, „Atom“, „Äther“ sind nicht
greifbare Dinge, auch nicht in irgend einem Sinne notwendige,
unvermeidliche Vorstellungen, sondern Schöpfungen bestimmter
Individuen, hervorgegangen aus deren eigenem Bedürfnis, sich durch
Nachgestalten die Phänomene faßlich vorzustellen; alle
traten sie als „fremde Gäste“ auf und wurden erst im Laufe von
Jahrhunderten heimisch. Nun aber ererben wir diese altehrwürdigen
Ideen — die zur Zeit ihrer Entstehung nur einzelnen Genialbegabten
verständlich waren, Vielen fragwürdig dünkten, Anderen
albern erschienen — als fertige Vorstellungen von kaum geringerem
Wirklichkeitsgehalt als Sonne, Mond und Erde
391
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
überliefert. Was also ein
künstlicher Spiegel zur
Veranschaulichung des unmittelbar nicht Wahrzunehmenden sein sollte,
das hat sich nach und nach für uns verdinglicht und steht nun als
massive Allegorie undurchsichtig vor den Erscheinungen, sie eher
maskierend als offenbarend. Was Goethe einmal von dem reichen Mann in
seinem Verhältnis zur göttlichen Kunst sagt:
Und er besitzt dich nicht, er
hat dich nur,
genau das Gleiche gilt von uns Armen, so reich an „einer Art von
unnatürlichem wissenschaftlichem Hunger“; wir „haben“ Ideen und
„besitzen“ sie nicht. Denn wir empfinden nicht mehr die Gewaltsamkeit,
mit der jede echt konstruktive Idee sich der widerstrebenden
Wahrnehmung selbstherrlich aufdrängt; vielmehr nehmen wir alle
diese Vorstellungen des Menschengeistes noch passiver auf als die
Eindrücke unserer Sinnesorgane, und damit verliert die Idee allen
Lebenswert. Die echte Idee wird, wie Goethe einmal sagt, „erdreistet“
und kann uns, sobald wir sie allzu fest ins Auge fassen, „in eine Art
Wahnsinn versetzen“; dies gehört zum Wesen der Idee, und wo es
nicht mehr zutrifft, ist die Idee ein bloßes Wort geworden, eine
Art Spielmarke, die einen konventionellen Wert besitzt. Schon die rein
methodischen Ideen enthalten ein so willkürlich menschliches
Element, daß jeder Gegenstand in ein Prokrustesbett zu liegen
kommt; und nun gar die anschaulichen Ideen! Ein erster lebender
Analytiker und Kosmolog beschreibt unsere heutige Physik als „ein
Biegen und Beugen der Natur, bis sie den Ansprüchen des
Menschengeistes sich fügt“; nicht ein Naturforscher unter tausend
hat aber eine Ahnung, daß er die Natur biegt und beugt. Und doch,
betrachte man einmal die Idee „Atom“! Undenkbarer und weniger
augengerecht wurde nie eine Vorstellung ersonnen: eine
tatsächliche, wägbare, ausgedehnte Größe, die
nicht weiter teilbar sein soll! Oder aber — denn so will's der
mathematische Physiker (S. 258) — ein
ausdehnungsloser, nur mit dem
Geist zu fassender Punkt, woraus mit Notwendigkeit folgt, „Stoff“ sei
nur ein Hirngespinst! Nichtsdestoweniger hat der mechanischen
Wissenschaft keine Idee größere Dienste geleistet als diese
geniale Erfindung, die trotz aller Modifikationen immer noch
authentisch von Demokrit herstammt. Bei der Idee „Äther“, die
unserer Physik ebenfalls unentbehrlich geworden
392
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
ist, liegen die
Verhältnisse insofern noch verwickelter, als zu
der Undenkbarkeit und Unvorstellbarkeit noch die Notlage hinzukommt,
einer und der selben Substanz einander unmittelbar widersprechende
Eigenschaften beizulegen; von diesem Äther, von dem wir noch vor
wenigen Jahren uns merken mußten, er wiege 15trillionenmal
weniger als die Luft, hat inzwischen Lord Kelvin (in Bestätigung
von Kant's Behauptung) nachgewiesen, er besitze überhaupt gar kein
Gewicht; zugleich ist aber (von J. J. Thomson) unwiderleglich dargetan
worden, er müsse 2000millionenmal dichter als Blei sein, sonst
bliebe die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der strahlenden Energie
unerklärlich; der Äther ist das absolut Unbewegliche, den
gesamten Raum massiv Ausfüllende und alle Bewegung (welche
Eigenschaft dem „Stoff“ allein zukommt) Erzeugende, zugleich aber
bewegt er sich in einem ununterbrochenen Wirbel mit der Geschwindigkeit
des Lichtes. Neuerdings soll er sogar nach der Meinung einiger Forscher
überhaupt nicht einer Wirklichkeit entsprechen, sondern eine
bloße Allegorie sein für diejenigen Bewegungserscheinungen,
welche der Newtonschen Mechanik nicht entsprechen. Usw. Dazu kommen die
vielen und meist sehr vergänglichen Hilfshypothesen, die Goethe
als „schlechte Dichtungen“ bezeichnet, „die man will gelten machen,
daß man sie für wahr ausgibt“. Wohl hatte er recht,
auszurufen: „Mir ist es indessen sehr merkwürdig, daß die
Wissenschaft, die, in ihrem eingehüllten Ursprunge, erst ein
Geheimnis ist, wieder, in ihrer unendlichen Entfaltung, zum Geheimnis
werden muß.“ Das wäre an und für sich kein
Unglück, sondern ein Gesetz des Daseins, mit welchem ein für
allemal zu rechnen wäre; die heillose Verwirrung unseres Tages
entsteht aber daraus, daß wir diesen elementaren Sachverhalt aus
den Augen verloren haben und wirklich glauben, unsere Wissenschaft, die
so viel zu berechnen versteht, gebe uns auch tatsächliche
„Erklärungen“. Im Altertum und im schmählich verkannten
Mittelalter besaß man weit subtilere und richtigere Vorstellungen
von dem Wesen dessen, was irgend eine Wissenschaft leisten kann: syxein
ta phainomena, salvare apparentias, salvar le apparentie, sauver les
apparences, „die Erscheinungen retten“, mit anderen Worten, eine
für die Vernunft annehmbare Deutung erfinden: so bezeichnete man
die Aufgabe der exaktesten aller Wissenschaften, der Sternkunde, die
nach damaliger Überzeugung immer nur zu einer
393
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
möglichen Deutung des
Beobachteten, nie zu einer Erklärung
führen konnte. Keiner der großen Astronomen hielt die
Epizyklen, die exzentrischen Kreise usw. für tatsächlich
vorhandene Sachen; vielmehr handelte es sich für sie lediglich um
„Modelle“, durch welche alle Bewegungen der Gestirne dargestellt und
der Berechnung zugänglich gemacht werden konnten; verschiedene
Systeme bestanden nebeneinander, indem die Gelehrten sich nur fragten:
welches ist das praktisch brauchbarste? Noch Kopernikus hatte in seinem
Widmungsbrief an Paul III. sein System den anderen astronomischen
Systemen dem Wesen nach gleichgestellt als einen Versuch, salvare
apparentias; auch Descartes behauptete, keinen Wert auf die
materielle
Wahrheit des heliozentrischen Systems zu legen, ihm genügte die
Hypothese als solche. Dies ist ganz genau Goethe's Standpunkt, der von
den Hypothesen der Physik sagt, „er sehe sie für nichts weiter an
als bequeme Bilder, sich die Vorstellung des Ganzen zu erleichtern“.
Die Materialisierung des Denkens, und das heißt sein
Stumpfwerden, scheint mit Galilei begonnen zu haben. Denn, um die
Wahrheit des Kopernikanischen Systems darzutun, bediente sich Dieser
des rein mathematischen Argumentes ad
absurdum, wo nämlich der
Beweis, daß eine Behauptung unsinnige Folgerungen nach sich
zieht, zu dem Schluß berechtigt, deren kontradiktorischer
Gegensatz müsse wahr sein. Wie unzulässig es ist, solch'
einen rein menschlich logischen Satz auf die Natur anwenden zu wollen,
da er der Unendlichkeit des Möglichen gegenüber ohne jede
zwingende Kraft bleibt, liegt auf der Hand, und jetzt, nach drei
Jahrhunderten, erklärt die mathematische Kosmologie, alle
angeblichen exakten Beweise für die Erddrehung beruhten auf
sophistischen Annahmen und man dürfe nur behaupten: „Es ist
bequemer, sich die Sache so vorzustellen, als ob sich die Erde drehte“
— eine Behauptung, welcher seinerzeit weder Melanchthon noch Urban
VIII. widersprochen hätten. Galilei dagegen bestand auf dem
buchstäblichen Sinn und gab mit seinem hartnäckigen eppur si
muove die Losung für die neue materialistische
Wissenschaft. Denn
nun geschah folgendes: die Drehung der Erde um ihre Achse, ihr
Umkreisen der Sonne, außerdem alle sekundäre Bewegungen,
denen sie unterworfen ist, nehmen wir sozusagen mit Augen wahr,
desgleichen bei Mond und Wandelsternen, woraus alles weitere durch
Analogie folgt; mag diese
394
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
Vorstellung streng genommen
nur eine „bequeme“ sein, nicht eine streng
beweisbare, es handelt sich um eine konkrete, widerspruchslose
Vorstellung, um eine jener Ideen, die fast ganz „Tatsache“ sind; war
aber diese eine Vorstellung materialisiert, sofort gliederten sich eine
Menge anderer daran, die durchaus ideeller Natur sind: ich erinnere nur
an die Anziehungskraft, von der Jeder spricht, ohne daß irgend
Einer sich etwas dabei vorzustellen vermag; und nun wurden alle die
alten spekulativen Ideen — die Atome, der Äther, die Strahlen, die
Wellen — in den hundert Variationen, zu denen die verschiedenen
Spezialzweige der Forschung ihre Zuflucht nehmen mußten, alle
wurden sie nach Galilei's Vorgang des eppur
materialisiert und für
bare Münze gehalten, bis zuletzt, in der Mitte des 19.
Jahrhunderts, das Denken als eine den Sekreten anzugleichende
Ausscheidung erklärt wurde und Tausende von Menschen, die in
sonstigen Beziehungen nicht Idioten waren, diesen blühenden Unsinn
für eine ihren Geistesbedürfnissen angemessene Deutung
hielten. Etwas so Barockes wie die zusammengestoppelte Mythologie, in
welcher unsere Naturwissenschaft und mit ihr (zum mindesten in ihrer
geistigen Atmosphäre) fast unser gesamtes Denken und Forschen
heute lebt und webt, hat es wohl nie in einer früheren Epoche
gegeben. Die Absurdität beruht darauf, daß wir an die
materielle Tatsächlichkeit (nicht an die bloße methodische
Nützlichkeit) von unvorstellbaren Vorstellungen und von
undenkbaren Gedanken zu glauben aufgefordert werden. Wohl möchte
Einer behaupten, diese Geistesverrohung sei aus der jahrhundertelangen
Gewöhnung an vernunftwidrige Kirchendogmatik hervorgegangen;
dagegen wäre aber zu erinnern, daß sowohl die bedeutenderen
Kirchenväter (namentlich Augustinus) wie auch ein großer
Teil der Scholastiker die Vernunftwidrigkeit der Dogmen zugaben,
während wir Heutigen noch hinter das credo quia absurdum des
tatkräftig naiven Tertullian zurückgegangen sind und
hartnäckig behaupten, das Vernunftwidrige sei zugleich das
Vernunftgemäße. Das ist, was Goethe „die barbarische Art,
sich aus der Barbarei zu retten“, nennt. Freilich gibt es denkende
Forscher exaktester Richtung, die das alles einsehen und
verwünschen; sie befinden sich aber in genau der gleichen Lage wie
diejenigen römisch-katholischen Geistlichen, welche die
Notre-Dame-de-Lourdes und ähnliche Mißbräuche
aufrichtig
beklagen; sie sind
395
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
ohne Macht, kein Mensch
hört auf sie; denn das Übel liegt im
System selbst: Materialismus gebiert Materialismus, ob in der Religion
oder in der Wissenschaft.
Während ich diese Zeilen schreibe, spielt mir
der Zufall einen
vortrefflichen Beleg in die Hand. Ich erhalte ein Werk, De la
méthode dans les sciences (Alcan, 1910), in welchem eine
Reihe
französischer Fachmänner anerkannter Bedeutung die
Forschungsmethoden je eines Zweiges der exakten Wissenschaften
abhandelt; gleich der erste, Emile Picard, Professor der Physik am
Institut, schreibt: „Von der
Wissenschaft erwarten, sie solle die
Rätsel der Natur lösen, heißt in einer starken Illusion
befangen sein. Unter den Gelehrten scheint die Zahl solcher
Wahnbetörten in der Abnahme; dagegen nimmt sie wohl bei Denjenigen
zu, für welche die Wissenschaft vor allem den Stoff zu
Büchern abgeben soll und welche darauf ausgehen, den alten
Götzen einen neuen Götzen entgegenzustellen“ (S. 20). Aus
reichstem, genauestem Wissen spricht ein solcher Vereinzelter; doch wer
hört auf ihn? Keiner. Denn auch ihm selber fehlt der Resonanzboden
einer umfassenden Weltanschauung. Es ist als wenn Einer auf einer
gespannten Darmsaite, ohne Resonanzhohlkörper, die Fiedel spielen
wollte. In dem selben Buche schreibt ein tüchtiger Chemiker, A.
Job, über die seiner Wissenschaft zugrundeliegenden Ideen einen
wahrhaft meisterlichen Aufsatz und kommt zu dem Schlusse (S. 195), zwei
Ideen seien es — die Gruppierung von Atomen zu spezifischen Molekeln
und die Umbildung dieser vermittelst Wandelbarkeit der Energie —,
welche bewußt oder unbewußt alles Suchen und Finden der
Chemiker gestalteten; es sei aber um so weniger zulässig, in
diesen zwei Ideen den Ausdruck tatsächlicher Wirklichkeiten finden
zu wollen, als die Wissenschaft es nicht vermöge, die eine mit der
anderen in Einklang zu bringen: so liegen denn einer erfolgreichen
Wissenschaft zwei disparate, einander widerstrebende Gedankenelemente
zugrunde, entsprechend den beiden Ursprüngen dieser
Grunddisziplin, die zwischen Stoff und Form, zwischen Quantität
und Qualität, zwischen Beharrlichkeit und Versatilität,
zwischen Masse und Bewegung ihr Forschungsgebiet sich abgesteckt hat.
Ich gebe nun zu bedenken, ob wirklich Goethe's
Ideen, sowie
überhaupt seine Methode einer ideellen Architektonik, dem
Verständnis größere Schwierigkeiten bieten als die
Methoden und Ideen un-
396
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
serer exakten, technischen
Wissenschaft der Natur? Ich gebe des
weiteren zu bedenken, ob es nicht eine verdienstliche Tat wäre,
wenn dem großen Dichter nichts weiter gelungen wäre, als uns
aus der geistigen Lethargie aufzurütteln und uns über Wesen
und Inhalt und Tragweite derjenigen Naturideen die Augen zu
öffnen, in denen wir leben und von denen wir täglich reden,
ohne sie zu verstehen? Doch hat Goethe auf alle Fälle mehr
geleistet: denn er hat das Verdienst gehabt, uns überhaupt auf die
Beschränkungen und Gefahren der noch so erfolgreichen
mathematisch-mechanischen Methode aufmerksam zu machen. Was diese
Methode vermag, wissen wir, denn wir erfahren es seit mehr als
dreihundert Jahren; wer ihre Leistungen nicht kennt und deren Eigenart
nicht begreift, ist zu beklagen, wer sie leugnet, ist der Gegenrede
nicht wert; wir haben aber darüber vergessen, was sie
n i c h t
vermag; wir haben die diktatorisch gebietende Beschränkung, in
welcher ihre unerhörte Leistungsfähigkeit wurzelt, aus dem
Auge verloren; wir haben fast durchweg das Bewußtsein verloren,
daß sie, zur Alleinherrschaft gelangt, eine Vernichterin von
vielem wird, ohne das es nicht wert ist Mensch zu sein. Der Kampf, den
Goethe aufnimmt, ist also — selbst wenn man andere Methoden als die
seinen vorschlagen wollte — auf alle Fälle ein Kampf um die
Geisteskultur, ein Weckruf, dem wir Menschen des zwanzigsten
Jahrhunderts allen Grund haben mit besorgtester Aufmerksamkeit zu
lauschen. Er selber schreibt einmal: „Die höchste Kultur, welche
diesen letzten Zeiten gegönnt sein möchte, erwiese sich wohl
darin: daß alles Würdige, dem Menschen eigentlich Werte, in
verschiedenen Formen nebeneinander müßte bestehen
können und daß daher verschiedene Denkweisen, ohne sich
verdrängen zu wollen, in einer und derselben Region ruhig
nebeneinander fortwandelten.“ Es handelt sich also nicht um einen
Kampf
f ü r Goethe und g e g e n die exakte
Mechanik, sondern um einen
Kampf für das Daseinsrecht anderer Weltanschauungen neben der
mechanischen, welche heute bereits fast alles Denken und Handeln
überschattet, indem auch bei politischen, sozialen,
religiösen Fragen ihre angeblichen „Ergebnisse“ entscheidende
Argumente abzugeben pflegen, als besäße keine andere
Denkweise Wert und Würde. Das Genie Goethe's hat weder die Macht
noch den Wunsch gehabt, unsere Wissenschaft zu verdrängen; ihm
hätte es genügt,
397
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
wenn man dem „Würdigen“,
was er brachte, zum ruhigen Fortwandeln
Raum gelassen hätte. Es kam aber anders. Zwar hat unsere
Wissenschaft in der Person ihrer bedeutendsten Männer stets
Sympathie für Goethe gezeigt; sie hat einzelne Leistungen,
einzelne Gedanken, auch den Scharfblick, die Darstellungsgabe, die
vielfache Förderung verdienter Naturforscher aufs Höchste
gepriesen; * ich kann mich aber nicht
erinnern, das vollkommen Neue an
seiner Naturerforschung jemals von dieser Seite begriffen, geschweige
gewürdigt gesehen zu haben. Die Schuld an dem dauernden
Mißverstehen der Ziele und Leistungen Goethe's des
Naturerforschers möchte ich jedoch nicht den Männern der
exakten Wissenschaft zuschreiben; es hieße zu viel verlangen,
wollte man von ihnen die gerechte Beurteilung einer grundsätzlich
abweichenden Auffassung erwarten; vielmehr trifft die Schuld den
wimmelnden Haufen der Literatoren, Menschen, die über Goethe
schreiben, ihn, sein Leben, sein Werk schildern zu können meinen,
ohne irgend welche Kenntnisse auf dem Felde der Natur zu besitzen;
während er doch selber sagt, „seine Kultur hätte er sich von
einer anderen Seite her schwerlich verschafft“, und von seinen
Naturstudien bekennt, sie seien es, die ihn „nahe an die Schwelle
gelockt, wo wir in den Glanz der Gottheit hineinblicken dürfen,
ohne erblindet zu werden.“ Unter diesen Leuten erstehen dann auch die
übertriebenen Lobpreiser seiner Entdeckung des
Zwischenkieferknochens, seiner angeblichen „Entdeckung“ der
Metamorphose des Blattes usw., die mit ihren maßlosen
Behauptungen den Widerspruch aller ernsten Forscher hervorrufen
müssen, wobei sie aber gegen die Hauptsache, gegen die wahre
Leistung Goethe's, gegen die Wiedergebärung der Ideenarchitektur,
ahnungslos blind bleiben. Leidenschaftlich streitet man für und
wider seine Farbenlehre, doch Keiner fragt, ob nicht
mathematisch-analytische Optik und organisch-architektonische
Farbenlehre „ruhig nebeneinander fortwandeln“ können. Die
Wissenschaft verwirft Goethe's Farbenlehre, hieß es früher
von allen Seiten; jetzt heißt es: die Wissenschaft verwirft nur
einen Teil, nimmt einen anderen Teil an, läßt einen dritten
gelten; Niemand fand sich, der Silentium!
gerufen und begreiflich
gemacht hätte, daß die Wissenschaft gar nicht gefragt wird
noch werden soll, da es sich bei Goethe's Farbenlehre um eine
unmechanische und antiatomistische
398
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
Auffassung der Natur handelt
und wir zu diesem Versuch nicht der
Erlaubnis der berufsmäßigen Mechaniker und Atomisten
bedürfen. Wahrhaftig, an Keckheit fehlt es unseren Zeitgenossen
nicht; schonungswürdig ist ihnen nichts mehr, unantastbar nichts
mehr, heilig nichts mehr: nichts — außer der „Wissenschaft“.
Diese ist, wie die Presse, zu einer anonymen Macht ausgewachsen;
früher sprach sie durch den Mund bedeutender
Persönlichkeiten, heute dringt deren Stimme kaum bis zu uns; denn
das Heer der Mittelmäßigen verwaltet und entscheidet, wie es
ihren Interessen und den Bedürfnissen mittelmäßiger
Hirne entspricht. An uns liegt es — an uns Allen, auch an uns
mechanischen Naturforschern, insofern wir außerdem noch gebildete
Menschen, Künstler, Denker, Arier sind — uns von dieser Tyrannei
freizusagen; es ist an der Zeit. Und was ich behaupte, ist: wenn auch
Goethe's Ideen und Lehren über die Natur sich auf die Dauer nicht
bewährten, ihm bliebe nichtsdestoweniger Verdienst und Ruhm, uns
auf die Todesgefahr, in der wir schweben, aufmerksam gemacht und uns
als ein „neuer Luther“ gegen „ein anderes Papsttum“ (wie er selbst
einmal von sich sagt) den Weg der Befreiung gewiesen zu haben.
Eine letzte Frage mag Beantwortung erheischen, die
Frage nach dem
absoluten Wert von Goethe's Leistungen, insofern sie die Erforschung
der Natur rein als solche betreffen. Meiner Meinung nach
läßt sie keine einfache, allgemein gültige Antwort zu;
denn da Goethe's Methode auf lebendige Ausbildung, Stärkung,
Entwickelung, Hebung der Sinne und des Geistes zielt, so wird der
Erfolg bei jedem Einzelnen ein anderer sein und, wie der Mathematiker
sagt, von Null bis Unendlich variieren. Der Wert ist durch die
Bewährung bedingt. Und das erste große Hindernis einer
schnell sich verbreitenden Bewährung bildet gerade dasjenige, was
die Kraft dieser Methode ausmacht: die Tatsache nämlich, daß
hier alles Gestalt ist.
Doch red' ich in die
Lüfte; denn das Wort bemüht
Sich nur umsonst
Gestalten schöpferisch aufzubaun.
Wer nicht selber sieht, selber nachgestaltet, selber „tut“ (wie es
Goethe's immer wiederholtes Lieblingswort ausdrückt), der kann
hier nie bis zum Verständnis durchdringen. Was unsere mechanische
Wissenschaft sei es direkt als Tatsache feststellt, sei es in-
399
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
direkt als Maschine erfindet,
ist und bleibt Tatsache und Maschine; wer
es nicht weiß, kann es erfahren, und wer es nicht versteht, kann
es verstehen lernen. Wer dagegen „a n“ Ideen „zu“
Ideen bilden, wer
eine „Welt des Auges“ erschaffen will, eine Welt, die „flutend
strömt gesteigerte Gestalten“, stellt andere Forderungen sowohl an
den Meister wie an den Schüler. „Mit dem Positiven“, schreibt
der Meister, „muß man es nicht ernsthaft nehmen, sondern sich
durch Ironie darüber erheben und ihm dadurch die Eigenschaft des
Problems erhalten“; und von dem Schüler fordert er: „eine
vorbereitete Seele“. Ironie und Seele! beide besitzen in der Welt der
exakten Wissenschaft kein Recht auf Dasein (vgl. hierzu S.
344 ff.). Und
man merke namentlich das Wort: d i e E i g e n s c h
a f t d e s P r o
b l e m s e r h a 1 t e n. Dies ist (vom Verstand aus
betrachtet) das
eigentliche Kennzeichen der Goetheschen Naturerforschung, ihr
springender Punkt. Diejenigen Hypothesen preist er, „die man gleichkam
schalkhaft aufstellt, um sich von der ernsthaften Natur widerlegen zu
lassen.“ Beachtenswert ist auch folgender Ausspruch: „Jede Idee hat das
Recht, sich an der Erfahrung zu prüfen; aber es ist zu
wünschen, daß solches nicht streng dogmatisch und in Form
scharfen Beweises geschehe.“ Von seiner Metamorphosenidee sagt er am
Lebensende: „Man wird durch sie in dem ganzen labyrinthischen Kreise
des Begreiflichen glücklich umher geleitet und bis an die Grenze
des Unbegreiflichen geführt, wo man sich denn nach großem
Gewinn gar wohl bescheiden kann.“ Für die eigentliche Kultur des
Menschengeistes geben die erfahrenen Phänomene nur den Rohstoff
ab; Wert erhalten sie einzig durch Umwandlung in einen dem Geiste
verwandten Edelstoff. „Das Erkennen der vorliegenden
Weltgegenstände, vom Fixstern bis zum kleinsten lebendigen
Lebepunkt, kann immer deutlicher und ausführlicher werden, die
wahre Einsicht in die Natur dieser Dinge jedoch in sich selbst
gehindert sein“, bemerkt Goethe. Hierbei fällt mir ein Wort
Montaigne's in den Sinn: J'aime
mieux forger mon âme que la
meubler; diesem Seelenschmieden dient die Kraft Goethe's; nichts
Edleres können wir der Mutter Natur abgewinnen, als daß sie
uns hierbei unterstütze.
Goethe's Leistung mit der Elle des exakten Forschers
messen zu wollen,
ist darum offenbar sinnwidrig; dasjenige, worauf es bei
400
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
seiner Bildung von Ideen in
Wirklichkeit ankommt, rückt dabei gar
nicht ins Sehfeld; und was die beabsichtigte Wirkung anbetrifft —
nämlich die Erweiterung der Sinne und des Geistes, das Umschmieden
der Seele — so besitzt die Wissenschaft kein Organ, um von dergleichen
überhaupt Kenntnis zu nehmen. Mit dieser Frage finden wir uns
darum auf ihn und auf unsere eigene Erfahrung verwiesen. Wir
müssen uns fragen, ob Goethe selber an seinen Naturstudien
gewachsen ist oder nicht; wir müssen uns fragen, ob es uns wie
Alexander von Humboldt ergangen ist, der sich durch die Berührung
mit Goethe's Naturerforschung „gewissermaßen mit neuen Organen
ausgestattet“ fühlte (S. 374); wir müssen
uns fragen. ob wir
auch den tieferen Sinn von Goethe's Empörung gegen den Atomismus
erfassen und würdigen, deren Bedeutung für die Zukunft der
Kultur alle Streitfragen über Rechthaben und Unrechthaben in den
einzelnen Problemen der Farbenlehre, Morphologie, Geologie usw.
geringfügig erscheinen läßt.
Hiermit will ich die Frage nur deutlich formuliert
haben; wer
fähig ist, die ganze Lage zu überblicken, wird um die Antwort
nicht verlegen sein. In dem vorliegenden Buche befassen wir uns nicht
mit Zensuren, sondern mit der Persönlichkeit Goethe's; diese hat
unbedingt das Recht, so zu sein, wie sie ist, und kann nur von
Demjenigen verstanden werden, der ihr dieses Recht zugesteht und sie
aus dem Mittelpunkt eines notwendigen Daseins zu begreifen strebt.
Darum wende ich zum Schluß den Blick auf den Eingang des zweiten
Kapitels zurück, wo wir den Versuch unternommen hatten, den
Mittelpunkt der Persönlichkeit bei Goethe zu bestimmen.
Gestützt auf Aussprüche Wilhelm von
Humboldt's und Schiller's
war es uns gelungen, bis tief ins Innere zu greifen. Was wir fanden,
war, was Humboldt „eine Hemmung“ und Schiller „eine Arbeit mehr“
nannte: eine Anlage und ein Bedürfnis des Geistes, aus denen etwas
hervorgeht, was zunächst wie ein Zwiespältiges wirkt, dann
aber als ein Zwiefältiges erkannt wird. Ich weiß nicht, ob
es mir an jener Stelle gelungen ist, die tiefsinnigen Bemerkungen
Humboldt's und Schiller's so zu verdolmetschen, daß der Leser
eine vollkommen deutliche Vorstellung des Gemeinten gewonnen hat.
Abstrakt vorgetragen, sind solche Verhältnisse nicht leicht zu
erfassen; jetzt aber, hoffe ich, begreift ein Jeder genau, was jene
401
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
beiden seltenen Männer
mit ihren einigermaßen sibyllinischen
Worten sagen wollten; denn treffen wir auch das selbe Phänomen
überall bei Goethe an, beim Denker, beim Dichter, ja, in allem
Handeln und Wandeln seines Lebens, nirgends liegt doch das, was ich
wohl den M e c h a n i s m u s des Vorganges
nennen darf, so klar zu Tage wie bei seiner Erforschung der Natur;
nirgends können wir es, so wie hier, gleichsam auseinandernehmen
und wieder zusammensetzen; darum kennt Keiner Goethe, der sich nicht
mit den Motiven, den Methoden, den Ergebnissen seiner Naturerforschung
vertraut gemacht hat. Insofern kann dieses ganze vierte Kapitel als ein
ausführlicher Kommentar zu jener Bestimmung des Mittelpunktes der
Persönlichkeit im zweiten Kapitel betrachtet werden. Überall
sahen wir Goethe mit Leidenschaft die Fülle des Anschaulichen in
sich aufnehmen, bald aber, von der empirischen Fülle wie
geängstigt, einhalten: „Ich weiß nicht, wie ich mich
entwirren soll“ (S. 366); der Denker ist es, der so
ruft, denn der
bloß anschauende Naturforscher hat noch nie über die Masse
des Empirischen geklagt; dieser Denker aber theoretisiert nicht
über Gedanken, sondern sein Stoff ist jene Fülle des
Angeschauten, und das Werkzeug zur Entwirrung liefert ihm die
überquillende Fülle der „exakten sinnlichen Phantasie“ (S.
260); darum ist das jetzt von innen nach außen
zurückwandernde Ergebnis ein Anschauliches, ein enorm
lichtkräftiges Anschauliche, welches sich zwar mit dem
Angeschauten nirgends genau deckt, es aber sonnenmäßig
aufhellt, durchleuchtet, transfiguriert, weil nunmehr zu den Augen des
Körpers die Augen des Geistes hinzugekommen sind und diese die
Gabe besitzen, im Vielen das Eine und im Einzelnen das Allgemeine zu
erblicken, mit anderen Worten, die Gabe, zu vereinfachen und zugleich
zu erweitern. Auf jedem Felde, auf dem Goethe eingehend die Natur
studierte, bemerkten wir diesen selben Vorgang. Manchmal mochte (wie in
der Geologie) die Empirie vorwiegen; doch welche durchdringenden Ideen
stiegen im Hintergrunde auf, gestaltend und vorverkündend! Ein
anderes Mal standen die Ideen (wie bei der Metamorphose) im
Vordergrunde, und das empirisch Angeschaute entschwand fast vor dem
Glanz des Gedankens. Oder wiederum, das Gleichgewicht zwischen
Anschauen und Denken, Empirie und Idee schien fast vollkommen: das traf
bei der Farbenlehre zu. Doch der Gesamt-
402
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
erscheinung gegenüber
sind das alles nur pendelartige
Schwingungen, veranlaßt durch den besonderen Gegenstand; das
Gesetz der Persönlichkeit bleibt immer das gleiche; immer hat
Goethe daran gearbeitet, die beiden entferntesten Endpunkte des
Menschengeistes zueinander in übereinstimmende Beziehungen zu
setzen. Dies alles ist jetzt vollkommen anschaulich geworden, und wir
genießen den Vorzug, nicht mehr von Zwiespalt oder Zwiefalt reden
zu müssen, sondern den Mittelpunkt der Persönlichkeit
wirklich als einen P u n k t, als punctum vitae,
erfassen zu
können, genau mitteninne zwischen Außenwelt und Innenwelt,
zwischen Anschauen und Denken, zwischen Beobachtung und Phantasie.
In nur sieben Wörtern — wenn man sie recht zu
lesen versteht — hat
einmal Goethe selber mit absoluter Genauigkeit diesen Mittelpunkt
seiner Persönlichkeit bezeichnet, den Schiller und Humboldt nur
annähernd und allegorisch zu erfassen vermochten. Er schreibt:
„Meine Tendenz ist die Verkörperung der Ideen.“ Hiermit ist alles
gesagt, sogar das Übermäßige klar angedeutet und
insofern der verneinenden Kritik der Weg gewiesen. Denn eine reine Idee
läßt sich nicht verkörpern. Wie Kant in einem Werk, das
Goethe wiederholt gründlich studiert hat, ihn und uns belehrt:
„Buchstäblich genommen und logisch betrachtet, können Ideen
nicht dargestellt werden.“ Doch ist die Richtung dahin, das
leidenschaftliche Bestreben, Ideen so hinzustellen, daß die
Anschauung sie als körperliche Tatsachen erfaßt, die
spezifische Tendenz des Goetheschen Geistes. Und dies setzt, wie wir
jetzt zur Genüge wissen, zweierlei voraus. Denn der Brunnquell zu
jeder architektonischen Idee schöpft aus einer Überfülle
des sinnlich Geschauten; soll aber eine Idee einen Körper
erhalten, so muß dasjenige stattfinden, was Schiller als
„rückwärtige Bewegung“ empfand: das im Geiste Geborene
muß in ein Sinnliches „umgesetzt“, „verwandelt“ werden. Die ganze
Doppelbewegung von außen nach innen und wieder von innen nach
außen liegt also schon eingeschlossen in dem Wort: Meine Tendenz
ist die Verkörperung der Ideen. Auf welche Weise nun diesem ewig
unerreichbaren, nichtsdestoweniger aber ewig erstrebenswerten Ziele
nach und nach immer näher zu kommen sei, hat Kant's Analyse des
Menschengeistes im selben Augenblick entdeckt, als Goethe es — dem
eigenen dunklen Drange folgend — für die Betrachtung der Natur
403
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher —
Zusammenfassung
auszuführen begann
¹): wir müssen, sagt Kant, „unser
empirisches Vermögen für die Anschauung der Natur
e r w e i t e r n“,
worauf dann „eine B e s t r e b u n g d e
s G e m ü t e s“ eintritt, darauf
gerichtet, „die Vorstellung der Sinne diesen Ideen angemessen zu
machen.“ Hiermit wird genau diejenige allgemeine Steigerung bezeichnet,
die Goethe, der Naturerforscher, bezweckt und an sich selber rastlos in
die Tat umsetzt: an dem einen Ende des Lebensorganismus die Erweiterung
des empirischen Anschauungsvermögens durch unablässige
Übung der Sinne, auf daß sie „freier“ und „reiner“ erschauen
(S. 257), an dem anderen Ende die immer
tätigere Entfaltung des
ideenbildenden Gemütes durch planmäßige „Ausbildung des
Subjektes“ (S. 307).
Schon in den beiden ersten Kapiteln wies ich auf
einen Umstand hin,
dessen Bedeutung zunehmend an Klarheit gewinnt, je genauer wir Goethe
erblicken. Diese aus dem lebendigen Mittelpunkt der Persönlichkeit
entspringende Tendenz zur Verkörperung der Ideen erhält
nirgends beachtenswertere Gestalt als bei der heilig ernsten
„Bestrebung des Gemütes“, in sich selbst, in seinem eigenen Leben
und Tun eine Idee zu verkörpern. Nun bildet aber Goethe's
Verhältnis zur Natur einen lebendigen Bestandteil dieses mittleren
Bestrebens; daher wir bekennen müssen: leistet uns die Betrachtung
des naturerforschenden Goethe sehr wesentliche Dienste zur
Enträtselung des innersten Getriebes dieses wunderbaren Geistes,
so hat er andrerseits in seiner Naturerforschung so viel von sich, von
seinem eigenen, der Natur entgegendringenden Genie „verkörpert“,
daß, wie er in ihr, auch sie erst in ihm vollkommen
verständlich wird. Die Wissenschaft ist unpersönlich;
Goethe's Welt des Auges, steht sie auch Allen offen, ist Goethe's
eigene Welt.
—————
—————
¹) Die Kritik der Urteilskraft
und Der Versuch,
die Metamorphose der Pflanzen zu erklären sind beide im
Jahre 1790
erschienen.
404
(Leere Seite)
Letzte
Änderung
am 19. Juli 2008