Hereunder follows the transcription of chapter 4 of Houston Stewart Chamberlain's book Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1921. The 1st edition appeared in 1912.

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 4 van Houston Stewart Chamberlain's boek Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.

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Vorworte & Einleitung
Erstes Kapitel. DAS LEBEN
Zweites Kapitel. DIE PERSÖNLICHKEIT
Drittes Kapitel. DER PRAKTISCH TÄTIGE
Viertes Kapitel. DER NATURERFORSCHER
Fünftes Kapitel DER DICHTER
Sechstes Kapitel. DER WEISE
Anhang & Register





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VIERTES KAPITEL

DER NATURERFORSCHER

Das Genie in seiner höchsten Aus-
bildung fühlt sich selbst und ver-
kennt nicht seinen Wirkungskreis.
Goethe
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(Leere Seite)

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Vorläufige Verständigung

F
ür die Bezeichnung dieses Kapitels habe ich ein besonderes Wort geprägt; ich rede von Naturerforschung und nenne Goethe einen Naturerforscher. Mir lag daran, zwei Verhältnisse, die zusammen eine einzige Tatsache ausmachen, nachdrücklich hervorzuheben: in einem gewissen Umfang gehört Goethe zu unseren Naturforschern, zugleich aber unterscheidet er sich grundsätzlich von ihnen; die Ähnlichkeit und die Unähnlichkeit, beide sollte das neue Wort andeuten.
    Nicht allein in der Auffassung des Poeten:

Sei es mein einziges Glück, dich zu berühren, Natur!

sondern auch im rein „wissenschaftlichen“ Sinne war alles, was man Studium der Natur nennen kann, ein lebenslängliches Bedürfnis des Goetheschen Wesens. Darum bedurfte Goethe für diese Studien der Anleitung und der Mitarbeiterschaft der Naturforscher von Fach sowie des andauernden Gedankenaustausches mit ihnen. Der Stoff ist den Naturforschern und ihm gemeinsam: es handelt sich bei Goethe nicht um ästhetisch-poetische, den Stimmungen unterworfene Natureindrücke, vielmehr um wissenschaftlich genau beobachtete Tatsachenreihen. Auch das Ziel liegt für beide insofern in der gleichen Richtung, als beiden eine Gestaltung dieses Wissens vorschwebt. Das Wort Wissenschaft bedeutet „gestaltetes Wissen“; sobald es im eigenen Sinne verwendet wird, liegt der Nachdruck auf der Tätigkeit des unterscheidenden, ordnenden, zusammenfügenden, auferbauenden Gestaltens. Nichtsdestoweniger ist es wichtiger, das Unterscheidende eher als das Verwandtschaftliche in dem Gestalten des Wissens zu betonen; ja, man darf behaupten: Keiner wird Goethe's Leistungen auf diesem Gebiete, als solchen, gerecht werden, Keiner wird die Bedeutung der Naturstudien in seinem Leben, zugleich ihre mögliche Bedeutung für eine Kultur der Allgemeinheit richtig ermessen, solange er sie kurzweg als Naturwissenschaft auffaßt und sich bei unseren sogenannten „exakten Forschern“ ein abschließendes Urteil über ihren Wert und Unwert holt. Wohl ist Goethe's   S t o f f   der selbe wie der unserer Naturforscher: er erblickt ihn aber mit anderen Augen; wohl ist sein   Z i e l   ein analoges, nämlich Ge-

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staltung: seine Auffassung von „Gestalt“ unterscheidet sich aber so sehr, daß sie gleichsam einer anderen Welt angehört, weswegen Goethe mit der Zeit einsehen mußte, sein Ziel „bleibe den Männern vom Fach unfaßlich, eben weil sie anders denken“. Dazu kommt noch als Drittes die   s i t t l i c h e   T r i e b f e d e r   zu diesen Studien, ein Punkt, den man nicht übersehen darf und in Bezug auf den Goethe in toto von unseren Fachmännern abweicht.
    Einige Worte über diese drei — Stoff, Ziel, Triebfeder — werden genügen, damit wir das, was Goethe unterscheidet, in klaren Umrissen vor Augen erblicken. Aus dieser vorläufigen Verständigung gewinnen wir sofort einen festen Standpunkt, von wo aus wir das weitere Studium mit einiger Zuversicht unternehmen können.
    Um mit der sittlichen Triebfeder zu beginnen: es ist der Stolz der reinen Wissenschaft, dem Wissen allein gewidmet zu sein, unbekümmert, ob dieses Wissen nützt oder schadet, fördert oder hemmt, und namentlich ohne jede Beachtung des möglichen Rückpralls gegen alles, was Kultur des Gemütes zu heißen verdient; wogegen Goethe's Liebe dem Menschen gehört, als geistigem und sittlichem Wesen, und er Schritt für Schritt sich die Frage vorlegt: was wirkt auf diesen veredelnd, was nicht? In seinem vierzigsten Jahre schreibt er an einen Freund: „Es ist mir sehr ernst in allem, was die großen ewigen Verhältnisse der Natur betrifft“; und gerade in einer rein naturwissenschaftlichen Schrift bekennt er sich zu der „wachsenden Überzeugung: daß alles, was durch Menschen geschieht, in ethischem Sinne betrachtet werden müsse“. Eben so wenig wie an l'art pour l'art (eine Lehre, die unter den Romantikern seiner Zeit schon spukte) glaubt Goethe an die unantastbare Würde einer ihren Zweck in sich selbst erblickenden Wissenschaft; dazu schätzt er „den Wert des Lebens“ zu hoch und erkennt zu deutlich „den Unwert einer überhäuften Empirie“. So viel vorderhand in aller Flüchtigkeit über den sittlichen und erziehlichen Hintergrund.
    Doch auch der Blick, den Goethe auf die Natur wirft und der ihm zum Einsammeln seines Stoffes dient, ist ein anderer als der der Fachleute. Nicht, daß er ihre Leistungen verkennt, er behauptet aber, bei diesen „Gildemeistern ... verstumpfen die Organe des Anschauens völlig“, wenn nicht immer, so doch oft; er meint, über der zum „Geschäft gewordenen Beschäftigung ging das Interesse an der

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eigentlichen Naturerscheinung ganz verloren“; die Fachleute „verunnaturen“ die Natur und bringen es so weit, daß man „vor lauter Kram die Natur nicht mehr sieht“; ja, in einem Privatbrief macht er sich mit dem Geständnis Luft: „Einem Gelehrten von Profession traue ich zu, daß er seine fünf Sinne ableugnet.“ Diese Sinne rein zu erhalten und „mit eigenen, frischen Augen zu sehen“: das ist — was die Aufnahme der Naturphänomene anbetrifft — Goethe's Hauptsorge. Darum sagt er (in einem schon im 2. Kapitel teilweise angeführten Satze): „Es kommt jetzt besonders auf Ausbildung des Subjektes an, daß es so   r e i n   u n d   t i e f   a l s   m ö g l i c h   d i e   G e g e n s t ä n d e   e r g r e i f e   und nicht bei mittleren Vorstellungen stehen bleibe, oder wohl gar sich mit gemeinen helfe.“ Bei Goethe lernt man die Sätze Wort für Wort genau erwägen: so „rein“ als möglich, so „tief“ als möglich. Über die Bedeutungsfülle des Begriffes „rein“ bei Goethe war schon wiederholt die Rede; das „tief“ aber deutet darauf hin, daß hier die Reinheit allein nicht ausreicht; es wäre immerhin noch möglich — und wir erfahren es täglich — rein zu sehen und dennoch „bei mittleren Vorstellungen stehen zu bleiben“; zur Reinheit muß die Tiefe hinzukommen, soll der Mensch es mit der Natur aufnehmen; denn einzig „der erhöhte leidenschaftliche Sinn“ ist im Stande, die Natur tief „zu erfassen“; und sein letztes Geheimnis verrät Goethe erst dann, wenn er von einer „produktiven Leidenschaft“ redet, die ihn bei seinen Naturstudien „treibe“. Also rein, tief, erhöht, leidenschaftlich, produktiv: so denkt sich Goethe die Aufnahme des Stoffes.
    Auch hier habe ich nur vorläufig andeuten wollen; das Nähere wird sich erst aus genauerer Einsicht ergeben.
    Noch gründlicher weicht Goethe's Ziel von dem unserer Fachmänner ab. Denn bedeutet auch das Wort Wissenschaft eine „Gestaltung des Wissens“, so darf man ohne Ungerechtigkeit behaupten, das Programm unserer exakten Wissenschaft laute: der Höchstzahl an Tatsachen mit dem Mindestmaß an Gestaltung Herr werden; wogegen Goethe die Überwindung der Tatsachenüberfülle durch ihre vollkommene Umwandlung in erschaute Einheit der Gestalt erstrebt. Es ist der Unterschied zwischen Schema und Architektonik. Da unserer Wissenschaft — bewußt oder unbewußt — das Ideal einer absoluten Wahrheit vorschwebt, einer Wahrheit, die da draußen,

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d. h. außerhalb des Menschenhirns mitten in der Atomenwüste konkret da säße wie eine ägyptische Sphinx auf ihrem Postament, so empfindet sie eine begreifliche Scheu vor konstruktiven Hypothesen und haßt namentlich alle Symbolik. Was ihr aber an Symbolik und Hypothetik für das Werk der Gestaltung unentbehrlich ist, muß so abstrakt wie möglich sein; denn der Lebensnerv aller exakten Wissenschaft ist die Mathematik, und diese kann nur Quantität handhaben, nicht Qualität, für welche sie ohne jegliches Organ ist, also nur Zahl und Maß, nicht Eigenschaft. „Die Naturwissenschaft ist durchgängig eine entweder reine oder angewandte Bewegungslehre“, belehrt uns Kant. Ein leerer Raum und darin Bewegung, nicht aber Bewegung von Etwas, sondern Bewegung von Nichts, nicht einmal von Atomen, sondern nur von mathematischen Punkten ohne Ausdehnung: dies ist das letzte Ziel aller Zweige unserer Wissenschaften. * Einige Disziplinen haben dieses „Ziel aufs innigste zu wünschen“ schon so ziemlich erreicht, für die anderen bedeutet es ein Ideal, nach dem gestrebt werden muß. Goethe's Ideal unterscheidet sich in allen Stücken. Unsere Fachwissenschaft, meint er, befindet sich in einem Wahne, indem sie „darauf ausgeht, sich an die Stelle der Natur zu setzen“, wodurch sie „nach und nach so unbegreiflich als diese selbst wird“. Darum „müssen die Phänomene ein für allemal aus der düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen Marterkammer“ unserer Wissenschaft erlöst werden. An ein absolutes Wissen glaubt Goethe nicht; dazu ist er ein zu tiefer Denker; er weiß, daß wir „doch immer im Felde des Unbegreiflichen und Unaussprechlichen herumwandern“; mit vollem Bewußtsein geht er darauf aus, den Wissensstoff so zu gestalten, wie es ihm geeignet dünkt, nicht, immer mehr tote Tatsachen schematisch einzureihen, sondern Geisteskultur zu bereichern, zu vermannigfaltigen, zu verbreiten; hier, in diesem Ideal, erblickt er die lebendige Wahrheit, nicht dort, in jenem Idol.

Was fruchtbar ist, allein ist wahr!

Ohne Umschweife spricht er es aus: „Wir müssen uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgend eine Art von Ganzheit erwarten.“ Wissenschaft ist eben, wie an der selben Stelle ausgeführt wird und wie wir es alle Tage deutlicher erkennen, grenzenlos, Kunst dagegen ist diejenige Fähigkeit des Menschen, ver-

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mittelst welcher er grenzend abschließt und im Einzelnen das Ganze erkennen lernt. Dazu muß aber in erster Reihe die Grundfrage aller unserer exakten Wissenschaft — die nach dem Warum? — abgewiesen werden, ebenso streng abgewiesen wie die der Theologen nach dem Wozu? Reines Anschauen fragt nur   W a s?   „Hier wird nicht nach Ursachen gefragt, sondern nach Bedingungen, unter welchen die Phänomene erscheinen.“ Denn das Warum entspringt einer logischen Erwägung und verzerrt notwendig die reine Anschauung, indem es sie anthropomorphisiert, das heißt, im schlechten Sinne vermenscht. Der Begriff von Ursache und Wirkung „wird in der Anwendung die Veranlassung zu unzähligen sich immer wiederholenden Irrtümern“. Wir müssen lernen, dieser zur Gewohnheit gewordenen Gedankenrichtung zu entsagen, „die Phänomene freier zu sehen“; unser Anschauen   m u ß   „gereinigt werden“; „zur Naturbeobachtung gehört eine gewisse ruhige   R e i n h e i t   d e s   I n n e r n“.   Von den mathematisch-mechanischen Hypothesen der Wissenschaft heißt es: „sie hindern alle das Wiederbeschauen, das Betrachten der Gegenstände, der fraglichen Erscheinungen von allen Seiten“; wir lernen durch sie viel denken, alles berechnen, verlernen aber das eigentliche Sehen. Wohingegen Goethe im Gegensatz zu dieser Geistesrichtung unserer Wissenschaft „sein Heil nur in der Anschauung findet“ und sich im ausdrücklichen Gegensatz zu den Naturforschern, „die von unten hinauf leiten wollen“, einen „Naturschauer“ nennt, „in der Mitte stehend“. Von wissenschaftlichen Hypothesen will er nur solche gelten lassen, welche die Probleme „dahin versetzen, wo das Beschauen erleichtert wird“; denn das Ziel ist, „das Ganze   i n   d e r   A n s c h a u u n g   gewissermaßen zu beherrschen“ (nicht also in der Berechnung). Zu diesem inkräftigen Erschauen gehört nun als unerläßliche Bedingung das einzig mit Hilfe des Verstandes durchführbare Vereinfachen. „Der Mensch muß die Erscheinungen alle erst bändigen und modifizieren, um sie sich einigermaßen assimilieren zu können“; dann erst gelingt es, „das sonst Undarstellbare in ihm darzustellen“. Es gilt einen Kampf gegen die „millionfache Hydra der Empirie“, gegen die Gefahr des Sichverlierens „in den Minutien des grenzenlos Mannigfaltigen“. „Alle Bemühung geht einwärts und Simplifikation ist der Zweck“, schreibt Goethe in der Zeit seiner ersten eingehenden Studien der Natur; später berichtet er, er könne

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nicht ruhen, bis „alles aufs Einfachste zurückgebracht ist.“ Dann erst, wenn das Auge gereinigt, befreit, geübt, wenn auch das von ihm Erschaute vermittelst der das Beschauen erleichternden Begriffe möglichst vereinfacht worden ist, dann tritt das tätige Anschauen in sein Recht und   g e s t a l t e t.   „Einbildungskraft und Natur scheinen hier miteinander zu wetteifern.“ Auf dieser Stufe unterscheidet dann Goethe einen „höheren Sinn“ von dem bisher allein tätigen „empirischen Sinne“; die „exakte sinnliche Phantasie“ wird herbeigerufen, jene „plastische Imagination“, die der bahnbrechende Physiologe des 19. Jahrhunderts Johann Müller als unvergleichlich bei Goethe preist, und es gilt nunmehr der Grundsatz: „Auf diesen höheren Stufen kann man nicht   w i s s e n,   sondern man muß   t u n.“
    Hiermit ist aber der Wendepunkt bezeichnet; denn sobald der Mensch nicht länger nur Buch führt und berechnet, nur beobachtet und verkettet, sondern selbstherrlich schafft und gestaltet, da befinden wir uns in einem Bereich, wo einzig Genie — mit anderen Worten der Mensch, der über geniale Befähigung verfügt und insoweit er über geniale Befähigung verfügt — das Recht hat, zu reden, oder wenigstens den Anspruch erheben darf, gehört zu werden. Und da tut sich uns denn plötzlich die Erkenntnis auf, daß Goethe's Verhalten sowohl der Natur wie der Menschheit gegenüber trotz der vielen gemeinsamen Interessen in Wirklichkeit nicht bloß im Einzelnen, sondern durchweg von demjenigen unserer Naturforschung abweicht: denn dieser ist die geniale Wirkungsweise geradezu verboten, wogegen die Berechtigung zu Goethe's Verfahren in ihr wurzelt. Der erstaunliche Aufschwung unserer exakten Wissenschaft sowie der ihr allernächst verschwisterten Technik im Laufe des 19. Jahrhunderts ist nicht zum wenigsten der Tatsache zu verdanken, daß gerade mittlere Begabungen hier am Platze sind. Mangel an philosophischer und künstlerischer Beanlagung, willige Einschränkung auf den Bruchteil eines Bruchteils (im Gegensatz zu Goethe's Ideal eines „Wissens, das ins Ganze strebt“), hingegebene Emsigkeit: das sind die besten Bedingungen zur Mitarbeit an dem gemeinsamen Werke des Aufdeckens und Aufstapelns von Tatsachen. Tausenden den Weg zu weisen, genügt eine sehr kleine Anzahl größerer Begabungen; sobald ihrer zu viele sind, entsteht Verwirrung, und der Instinkt der Kollektivität schafft Hilfe, indem er die Bedeutenderen

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bei Seite schiebt. „Bei uns Gelehrten kommt es nunmehr viel weniger auf die Gehirnwindungen an als auf das Sitzfleisch“, sagte mir in den achtziger Jahren ein Mediziner und Naturforscher, der in seinem Fache und als Hochschullehrer Vorzügliches geleistet hat. Selbst die wenigen Naturforscher von unbestreitbar genialen Geistesgaben, denen es gelang, sich gegen das Heer der sieghaften Mittelmäßigkeit durchzusetzen — ein Cuvier, ein Agassiz, ein Clerk Maxwell — ragen in der Geschichte der Wissenschaften nicht in dem Maße hervor, wie man es nach ihrer unvergleichlichen Geistesleistung erwarten sollte; ihre genialen Gedanken werden auf die mittlere Wasserebene heruntergedrückt, ehe ihnen die offizielle Naturkunde Aufnahme gestattet. Ich bin weit entfernt, die exakte Forschung deswegen geringer zu schätzen; es leitet sie der richtige Instinkt, die Natur selbst zu Worte kommen zu lassen im Gegensatz zum einzelnen, wenn auch noch so begabten, der Natur gegenüber nichtsdestoweniger unzulänglichen Hirn; welchen reichen Lohn solche weise Verzichtleistung mit sich führt, das haben die letzten drei Jahrhunderte gelehrt; doch wäre es töricht, die hier tyrannisch waltende Einschränkung nicht gewahr zu werden. Goethe, der mit rührender Dankbarkeit jedes kleinste Verdienst eines Fachmannes um seine Kenntnisse der Naturphänomene rühmt, war doch anfänglich erschrocken, als er auf diesen „Starrsinn“ stieß, den er nicht geahnt hatte. „O, mein Freund!   w e r   sind die Gelehrten! und   w a s   sind sie!“ ruft er in frühen Jahren aus; und später: „Man glaubt nicht, wie viel Totes und Tötendes in den Wissenschaften ist, bis man mit Ernst und Trieb selbst hineinkommt, und durchaus scheint mir die eigentlichen wissenschaftlichen Menschen mehr ein sophistischer als ein wahrheitsliebender Geist zu beleben.“ Nach und nach gewann er einen tieferen Einblick in „die Beschränktheit der wissenschaftlichen Gilden“ und in ihren „Handwerkssinn“, und konnte er auch nicht umhin, gegen den von der Wissenschaft großgezogenen „Obskurantismus mit einem gewissen Unwillen zu verfahren“, der „selbst gesunden Blicken den reinen Tag und die Fruchtbarkeit des Wahren zu verkümmern beschäftigt ist“, wettert er auch hin und wieder gegen „das Pfaffentum, das die Herren errichten“ und mit dem „sie uns aufdringen wollen, was sie selbst nicht wissen, vielleicht nicht einmal glauben“, so tritt doch nach und nach die Beruhigung einer Einsicht ein: er erkennt die

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Notwendigkeit, dieser großen, einer Naturgewalt gleichen Bewegung der nüchternen, strengen, demokratisch farblosen Forschung ihren Lauf zu lassen. Nur darf die noch heute unter uns so viel berufene „allgemeine Übereinstimmung der Forscher“ sich nie mehr anmaßen, ihm imponieren zu wollen; er weiß, wie „herdenmäßig“ es hier zugeht und daß infolgedessen „ein rein fortschreitender, das Problem ehrender Menschenverstand allein steht, eh' er sich's versieht“. Da auch ich mit diesen Ausführungen über Art und Bedeutung von Goethe's Naturansichten allein stehe und man auch meiner Darstellung das „Urteil der Wissenschaft“ entgegenhalten wird, als handle es sich um den Spruch einer obersten Behörde, von der es keine Berufung mehr gebe, so schalte ich hier einen längeren Ausspruch ein, den ich der Beachtung jedes ernsten, freien Lesers empfehle: „Das Schrecklichste, was man hören muß, ist die wiederholte Versicherung: die sämtlichen Naturforscher seien hierin der selben Überzeugung. Wer aber die Menschen kennt, der weiß, wie das zugeht: gute, tüchtige, kühne Köpfe putzen durch Wahrscheinlichkeiten eine solche Meinung heraus; sie machen sich Anhänger und Schüler, eine solche Masse gewinnt eine literarische Gewalt, man steigert die Meinung, übertreibt sie und führt sie mit einer gewissen leidenschaftlichen Bewegung durch. Hundert und aber Hundert wohldenkende, vernünftige Männer, die in andern Fächern arbeiten, die auch ihren Kreis wollen lebendig, wirksam, geehrt und respektiert sehen, was haben sie Bessers und Klügers zu tun als jenen ihr Feld zu lassen und ihre Zustimmung zu dem zu geben, was sie nichts angeht. Das heißt man alsdann: allgemeine Übereinstimmung der Forscher. — Ich habe dieses, was ich hier sage, in Concreto an ganz würdigen Männern gesehen; ihre Sache war: im Felde der Naturlehre ihr Fach, ihr Geschäft, ihre Erfahrungen und Wissen zu innigen, zu isolieren, zu vervollständigen und durchzuarbeiten. Hier waren sie vortrefflich, durch Unterscheiden und Ordnen belehrend, ihr Urteil sicher, genug, höchst schätzenswert. In andern Fächern aber waren sie ganz gemein. Was der Tag hatte, was der Tag brachte, was allenfalls in Kompendien und Zeitschriften stand, das wußten sie, das billigten sie; nahmen aber auch nicht den geringsten weiteren Teil daran.“
    Dem gegenüber ersteht nun von neuem das Prinzip des genial Schöpferischen. An reiner Anschauung der Natur so reich wie nur

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irgend ein zuhöchstbegabter Fachmann, an historischer Kenntnis und Einsicht, somit namentlich an Urteil über Wesen und Bedürfnis des Menschengeistes ihnen allen weit überlegen, fordert Goethe im Namen dieses Prinzips sein Recht, die Wissenschaft als Kunst zu denken, die „grenzenlose Empirie“ zu durchsichtiger Klarheit zu gestalten — und zwar nicht für sich allein, denn da bedürfte es keiner Erlaubnis — sondern sein Recht gehört zu werden, sein Recht, die gefährdete Kultur aus den Klauen der „atomistischen Beschränktheit“ zu erretten, sein Recht, die Natur wieder schön, übersichtlich, faßlich zu gestalten, sein Recht, die edle, klassische Freiheit gegen die barbarische Neoscholastik der Schulen zu verfechten und sittliche Größe und schöpferische Begabung höher zu stellen als die alleinseligmachenden Lehren der Herren Physiker und Chemiker und als die maschinellen Triumphe, die weder in Herz noch Hirn einen Funken schlagen, kurz, das Recht des Genies, das Recht, das die mächtige Gilde — „ein anderes Papsttum“, wie sie Goethe nennt — ihm durch jede Gewalt und Tücke zu schmälern sucht und für das wir heute noch nach hundert Jahren kämpfen müssen, heute, wo die neueste Taktik des Unverstandes darin besteht, den so lange von der exakten Wissenschaft anathematisierten Goethe auf die Ebene der nichtigen Tagesmeinungen herabzuziehen, ihn freundlich patronisierend zu einem „Vorläufer Darwins“ zu stempeln, seine Farbenlehre als „nützlich für Künstler“ passieren zu lassen, und was es sonst noch alles an empörenden Plattheiten gibt. Was diesem erhabenen Geist aufgegangen war, worauf er fünfzig Jahre seines Lebens und seiner Leidenschaft verwendet hat, das ist die Einsicht in ein Neues, in ein Nochnieversuchtes, die Einsicht in eine „Art die Gegenstände der Natur anzusehen und zu behandeln“, die er ausdrücklich als derjenigen unserer heutigen Fachwissenschaft „entgegengesetzt“ und als ein „Loswerden trivialer Vorstellungen und Begriffe“ bezeichnet. Einzig an Plato weiß er anzuknüpfen, „um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und Verwickelung der modernen Naturlehre ins Einfache zu retten“. Nun heißt es aber, den Weg wandeln, den Plato wies. Als Genie hatte Plato gestaltet, und es ist nicht genug, wenn man sagt, er sei seiner Zeit um Jahrhunderte vorausgeeilt, vielmehr ist er aller Zeit vorausgeeilt; ein solcher Geist steht außerhalb der Zeit und befruchtet alle Zeiten, wenngleich er

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von keiner einzigen erschöpfend verstanden wird; ebenso erging es Goethe, dem Naturerforscher, und wird es ihm in der heranstürmenden Zukunft ergehen. Völlig naiv hatte er seinen Weg angetreten; er selber war der Erste, der über das Neue staunte; 1786 schreibt er über seine botanischen Studien: „Ich bin so zu sagen über die Mauer gestiegen; so komme ich von neuen Seiten und auf sonderbaren Wegen zur Erkenntnis“; bald darauf wurde ihm klar, daß er in dieser „Wendung gegen die Natur, zu der er aus eigenstem Trieb auf die individuellste Weise hingelenkt worden“, „weder Meister noch Gesellen finde und selbst für alles stehen müsse“. Noch ehe er das fünfzigste Jahr erreicht hatte, begann des Rätsels Lösung ihm deutlich aufzudämmern, zugleich die Erklärung des tragischen Seelenkampfes, in den seine „Wendung gegen die Natur“ ihn verwickelt hatte. Dafür zeugt das folgende Wort, das zu den gewichtigsten gehört, die je seinem Munde entflossen: „Sind wir im Stande, mit dem Komplex von Geisteskräften, den man Genie zu nennen pflegt, dem gewissen und unzweideutigen Genie der hervorbringenden Natur entgegen zu dringen, so müßte denn doch etwas entstehen, dessen wir uns als Menschen zu erfreuen hätten.“ Mit diesem Satz ist alles ausgesprochen: Ziel, Methode, sittlicher Zweck. Wohl nur halb bewußt hat Goethe an dieser einen Stelle das Geheimnis entschlüpfen lassen: zu der von ihm erträumten Naturauffassung und Naturdarstellung gehöre Genie! „Es wird, wenn Sie wollen, eigentlich die Welt des Auges ... und alles Raisonnement verwandelt sich in eine Art von Darstellung“, schreibt er in dem selben Jahre 1796 an Schiller. Hier sehen wir bis in die innersten Gedankenbewegungen des schöpferischen Geistes: statt der unfruchtbaren Kausalitätsjägerei, die zuletzt zu phantastisch-nichtigen Weltentstehungserklärungen entartet, eine   S c h u l e   d e s   S e h e n s,   bis daß wir die Gegenstände „im Geiste wieder hervorbringen können“ und sie daher zu gleicher Zeit „im eigentlichen und im höheren Sinne anschauen.“ Das ist die Tat, die vorhin an Stelle des Wissens gefordert wurde; das Sichhinaufringen zu einem „höheren Anschauen“; das ist Wissenschaft, als Kunst zu „Ganzheit“ und „Einheit“ zusammengefaßt; das ist, was uns nicht allein als Fachgelehrten, sondern „als Menschen“ Freude schenken kann, was uns nicht allein Technik und Tatsachenkram spendet, sondern Kultur des Geistes und des Herzens.

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    Nun muß ich aber nachtragen, daß ich in jenem oben angeführten unsterblichen Ausspruch über das Genie, das dem Genie entgegendringt, zwei eingeschobene Sätzchen ausgelassen habe; ich tat es, um den Sinn des Hauptsatzes zusammengedrängter wirken zu lassen und auch weil jedes dieser Einschiebsel einen Gedankengang andeutet, der Erläuterungen benötigt; das eine bringt eine unentbehrliche Aufklärung über die Methode dieses genialen Verfahrens, das andere deckt den Ursprung mancher Illusionen und Enttäuschungen Goethe's auf. Nach den Worten über „den Komplex von Geisteskräften, den man Genie zu nennen pflegt“, lesen wir: „der aber oft sehr zweideutige Wirkungen hervorbringt“. Hiermit weist Goethe — wie an Dutzenden anderer Stellen — alles arrogante Geniegebaren von sich; er haßt die angeblich „höhere ideelle Behandlung“, die das Wirkliche geringschätzt und „durch ein Transscendieren und Mysticisieren, wo das Hohle vom Gehaltvollen nicht mehr zu unterscheiden ist“, schließlich dahinführt, wo alles „sich in Traum und Nebel verschweben muß“; zu dem großen Werk, das er sich vorgesetzt hat, gehört die ausführliche, genaue Kenntnis der Phänomene; als erste Forderung bei jedem Versuch, Natur zu gestalten, nennt er: „die Erscheinungen selbst vollständig kennen zu lernen“. Erzeugt die Beschränkung in ein Fach „Starrsinn“ (S. 261), so ist der entgegengesetzte Fehler — das Dilettieren über Naturgegenstände — noch mehr zu fürchten: „Das Unzulängliche widerstrebt mehr als man glauben sollte dem Auslangenden.“ Wir besitzen das Zeugnis von Camper, Johannes Müller, Alexander von Humboldt, Geoffroy Saint-Hilaire, Schleiden, Helmholtz, Virchow, Ferdinand Cohn, Wiesner und anderen Meistern unter den Fachmännern, daß Goethe's Beobachtungen, Experimente, Darstellungen in verschiedenen Teilgebieten der Tier- und Pflanzenkunde, der Physik, Geologie, Meteorologie, die er zur näheren Bearbeitung erwählte, erstaunlich ausführlich, erfindungsreich, genau, unwiderleglich sind; völlig berechtigt ist er, sich in dieser Beziehung zu den Naturforschern von Fach zu rechnen und bewußt auszurufen: „Wir Empiriker und Realisten!“ Dies ein für allemal festzustellen, ist wichtig: Goethe fordert zwar für sein besonderes Werk die geniale „Gemütsanlage“ (wie Kant sich ausdrückt), er weist aber die „oft sehr zweideutigen Wirkungen“ des nicht genügend unterrichten Genies von

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sich. — Der zweite Relativsatz ist vor dem Schlußpassus „so müßte denn doch etwas entstehen“ eingeschaltet und lautet: „könnten Mehrere in Einem Sinne auf den ungeheuren Gegenstand loswirken“. Goethe erkennt die Unmöglichkeit, daß ein Einzelner „die Erscheinungen selbst vollständig kennen lerne“, sobald nämlich diese Forderung sämtliche Gebiete der Naturerscheinungen umfassen soll; wie wir im Laufe dieses Kapitels sehen werden, er selber hat sich aus jeder wissenschaftlichen Disziplin nur einen beschränkten Bruchteil ausgewählt und es dadurch in diesem zur Meisterschaft gebracht; es müßten also Mehrere sich verbinden, Mehrere, von denen Jeder das Genie eines Goethe zur Erfassung der Natur besäße: dann erst könnte jene vollendete künstlerische Vereinheitlichung und Durchgestaltung unseres gesamten Wissens über die Natur gelingen, die ihm vorschwebte, jenes „Etwas, dessen wir uns als Menschen zu erfreuen hätten.“ Ich weiß nicht, ob der Leser sich einer kurzen Ausführung in unserer Einleitung erinnert, in welcher es von Richard Wagner hieß: „Was er von sich fordert, es scheint unmöglich, und dennoch, das Genie in ihm leistet es; was er von der ihn umgebenden Welt fordert, ist (wohlbetrachtet) nichts weniger, als daß sie ebenfalls Genie besitzen solle, und das ist eine unerfüllbare Zumutung.“ Hier finden wir nun Goethe in genau der selben Lage. Daß es „jenes Komplexes von Geisteskräften, den man Genie zu nennen pflegt“, bedürfe, um „die millionfache Hydra der Empirie“, nämlich unsere mathematisch-mechanische Wissenschaft, in „die Welt des Auges“ umzuzaubern, das sagt Goethe ausdrücklich; im selben Augenblicke aber fordert er „Mehrere, die in Einem Sinne auf den ungeheuren Gegenstand loswirken“, also ein Unmögliches; denn nicht nur kommt der Besitz wahrhafter Genialität selten vor, sondern es ist aussichtslos, Genie gerade in dem Heer der naturwissenschaftlich Geschulten erhoffen zu wollen, deren Beschäftigung die grundsätzliche und wohlberechtigte Negation der genialen Gemütslage bedeutet; außerdem wird fast jede echt schöpferische Kraft dem gebieterischen Drange zur Gestaltung ungestüm folgen; wann also dürfen wir auch nur   e i n e n   Mann erwarten, der — außer der genialen Begabung — in dem selben Maße wie Goethe die beharrliche Geduld der Selbstüberwindung besitzt, vorerst unzählige Tatsachen ausführlich genau kennen zu lernen? Selbst dieser Eine mußte trotz seiner vorzüglichen

267 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Vorläufige Verständigung

Leistungen in der empirischen Beobachtung gerade an diesem Punkte eine Schwäche seiner geistigen Rüstung zugestehen: er nennt es „den Widerspruch zwischen seiner Natur und der unmittelbaren Erfahrung“; er gesteht: „Die Beobachtung des Einzelnen war niemals meine Stärke“, und: „Mir graut vor der empirischen Weltbreite.“ Einzig die Glut der Begeisterung hat ihm die Kraft verliehen, Tausende von physikalischen Experimenten anzustellen, Tausende von Beobachtungen über Steine und Lebensgestalten treu zu sammeln; und nicht der dumpfe Rausch eines Wissenwollens um des Wissens willen, sondern vielmehr der unwiderstehliche Drang, aus der Fülle der von der exakten Forschung neu entdeckten Phänomene einen neuen Kosmos zu gestalten, den Menschen zur Freude, den Menschen zur Errettung aus dem Chaos, dem sie im Begriffe sind zu verfallen: das war es, was ihn hierbei und hierzu beseelte. Woher sollen denn die „mehreren“ Goethes kommen? Vielmehr glaube ich, das Werk — auch das naturgestaltende, welches nicht weniger gewaltig ist als irgend ein Größtes, was er sonst geschaffen — ich glaube, das Werk dieses Weltengenius wird wie das der anderen Zuhöchstbegabten einsam emporragen, ein Bruchstück und doch vollendet, eine Schöpfung, an die Keiner heranzukommen vermag, um sie zu vervollständigen. „Nur ein Bild des eigenen Geistes“ heißt es in einer von ihm selbst niedergeschriebenen Aufzeichnung über seine Bestrebungen, unser Wissen von der Natur zu gestalten, „aber nicht bloß des leer wirkenden, imaginativen, (sondern) des ausgearbeiteten, gefühlten, bearbeitenden und bearbeiteten.“ Nirgends, ist Goethe unbewußter, mehr notgedrungen zu Werke gegangen als bei seinen Naturstudien; er berichtet darüber: „Es ging mir mit diesen Entwicklungen natürlicher Phänomene wie mit Gedichten; ich machte sie nicht, sie machten mich.“ Nicht Carlyle allein, auch Andere haben über die unheimliche Klarheit geschaudert, die Schiller und Goethe zur Zeit ihrer Gemeinsamkeit in ihr poetisches Wirken zu bringen suchten, als wollten sie sich wissenschaftliche Rechenschaft über jede Regung der Schöpferkraft ertrotzen; dagegen stürmte, vom Dämonium getrieben, Goethe in seine selbsterfundene Pflicht, die entseelte, in Atome zerschlagene, der Schönheit beraubte Natur zu neuem Leben zu wecken, indem er Bezüge aufdeckte — „Bezüge sind das Leben“ — Organisation schuf, in das Vielfältige

268 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Vorläufige Verständigung

Einheit hauchte, uns Allen „die ideelle Denkweise“ (wie er sie im ausdrücklichen Gegensatz zum „bloßen Beobachten“ nennt) vertraut machte, hiermit das „reine Phänomen“ an Stelle des „wissenschaftlichen Phänomens“ setzte und uns „im Vorübergehenden das Ewige schauen ließ“.
    Somit hoffe ich, mit aller wünschenswerten Deutlichkeit dargestellt zu haben, inwiefern Goethe zu unserer fachmännisch betriebenen Naturforschung gehört, inwiefern nicht. Für den tiefer Schauenden habe ich zugleich auch die Schranken bezeichnet, die diesem Wirken gezogen sind. Aus dem vorerwähnten Satze entnahmen wir eine Unterscheidung zwischen dem Genie „als Genie“ und dem Genie „als nicht Genie“; und in der Tat, ein Mensch, der ganz Genie wäre, wäre eine des Daseins unfähige Ungeheuerlichkeit ¹). Wir haben also damit zu rechnen, daß der geniale Mann nicht überall, nicht immer, und nicht immer im gleichen Maße als Genie wirken wird. Wozu aber noch eine tiefere Erwägung kommt. Denn im Genialen tritt — wie wir seit Kant wissen — eine unpersönliche Kraft in die Erscheinung, eine Kraft, die sich besonders beanlagter Individuen bedient, um zum Durchbruch zu gelangen, wobei aber ein Zwiespalt zwischen dem Persönlichen und dem Überpersönlichen, zwischen der Beschränkung des begabtesten Einzelnen und dem „gewissen und unzweideutigen Genie der hervorbringenden Natur“ unausbleiblich ist, so daß die genial wirkenden Männer geradezu „privilegiert sind“, Fehler zu begehen und „Mißgestalten“ an ihrem Werke zu dulden, deren Entfernung „die Idee schwächen“ würde. Unverzeihlich ist die nüchterne Exaktheit, wenn sie Falsches lehrt; denn zu ihrem Wesen gehört es, unbegrenzt zu sein und das heißt, in lauter Fragezeichen auszulaufen; wohingegen scharfgezogene Umrisse eine Bedingung jedes genialen Werkes ausmachen und gerade auf dieser willkürlich-unwillkürlich grenzenden Linie der Gegensatz des Persönlich-Überpersönlichen, des Zeitlich-Zeitlosen, des Künstlerisch-Naturwahren Ausdruck gewinnt; das muß auch bei Goethe's Naturerforschen zutreffen.“ *
    Bezeichne ich nun Goethe's besondere Art, sich der Natur gegenüber schaffend und gestaltend zu verhalten, mit dem Namen „Natur-
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    ¹) Näheres über Goethe's Auffassung des Begriffes „Genie“ findet der Leser im sechsten Kapitel, Abschnitt „Monade, Gemeinsamkeit“.

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Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Vorläufige Verständigung

erforschen“, so beabsichtige ich, durch den Klang die Verwandtschaft zu betonen, die in wichtigen Beziehungen ihn an unsere fachmännische Naturforschung angliedert und die nicht ignoriert werden darf, da er dort ununterbrochen Belehrung empfing und seinerseits dorthin unerschöpfliche Anregung zurückgab. Goethe ist kein Phantast, sondern ein wirklicher Forscher. „Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen ... nicht zu fassen weiß, der ist als Naturforscher in einer üblen Lage.“ Wollten wir aber Goethe kurzweg zu unseren Naturforschern zählen, seine Methode, seine Ideen, sein Ziel an dem Maßstab der fachgelehrten Wissenschaft einschätzen, wir würden uns jedes wahre Verständnis verrammeln und eine einzig dastehende   T a t   des schöpferischen Geistes genialer Gestaltung auf die Ebene einer zwar aller Anerkennung würdigen, jedoch alltäglichen Leistung herabziehen. Daher die Betonung des Er-forschens im Gegensatz zum bloßen Forschen; der Unterschied ist der selbe wie zwischen erfragen und fragen. Goethe liebte es, durch Voranstellung der Vorsilbe „er“ Worte zu kräftigerem Leben aufzurufen. Jakob Grimm belehrt uns: „In diesem   e r   liegt die von innen auf einen äußeren Gegenstand gehende Wirkung“; Boucke zeigt an der Hand von Beispielen, daß Goethe besonders noch die Richtung auf ein Höheres, die Andeutung eines Hebens und Hinanziehens damit verband. Hierdurch wird die Eigenart dieser Naturdeutung genau bezeichnet: Goethe will tiefer hineingreifen als unsere heutige Naturforschung, bis hinein in jenes „Innere, nicht etwa Abstrakte, sondern Urlebendige“, das von unserer Wissenschaft „gar nicht berührt werden darf“, er will höher hinaus als sie, bis dahin, wo „nicht ein atomistisches Atom geduldet wird“, wo wir anstatt der „mechanischen Formeln“, die „das Lebendige in Totes verwandeln“, das „unzweideutige Genie der Natur“ gewahr werden. Durch diese Tat wird, sagt er, dasjenige gelingen, was unserer unzugänglichen Kastengelehrsamkeit und ihrem abstrakt-praktischen Wissensschema zu bewirken versagt bleibt, es wird nämlich   „d i e   N a t u r   A l l e n   v e r s t ä n d l i c h   w e r d e n“:   in diesen letzten Worten, sieben Tage vor dem Tode geschrieben, liegt der Kulturgedanke, die Kulturhoffnung Goethe's eingeschlossen.

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Der Begriff „Natur“

    Die genaue Begriffsbestimmung eines bloßen Wortes hat uns soeben wesentliche Dienste geleistet; möchte dies den Leser ermutigen, einer zweiten derartigen Untersuchung seine Aufmerksamkeit nicht zu versagen; denn liegen auch spitzfindige Definitionen dem Geiste dieses Buches fern, so gibt es doch Fälle, wo — wie wir es eben erlebten — die Verständigung über ein Wort zugleich Aufschluß über weitverzweigte, verwickelte Gedankengänge gewährt. In diesem Kapitel können wir nun nicht umhin, immer wieder von „Natur“ zu reden; wie wollen wir zu unzweideutigen Ergebnissen gelangen, wenn wir nicht eine bestimmte und unterscheidende Vorstellung davon gewonnen haben, was unter „Natur“ verstanden werden soll? Dieses Wort stellt uns aber einem chaotischen Durcheinander grundverschiedener Gedankenassociationen gegenüber, so daß es ohne vorhergegangene Verständigung unmöglich ist zu wissen, worüber die Rede geht. In dem ersten Abschnitt hatte ich eine neue Vokabel zu erklären; hier werden wir einem sehr alten Worte geschichtlich nachgehen müssen; denn die Vielseitigkeit des Begriffes „Natur“ ist historisch begründet, und Goethe mußte, wie Jeder es muß, an die Auffassungen anknüpfen, die er um sich herum antraf.
    Das Wort „Natur“ ist ein lateinisches. Ungleich den Gebilden unseres angestammten germanischen Gemeinguts — wie Gott, Welt, Mensch —— die in der Kraft ihres eigenen Innenlebens unausdenkbaren Beziehungsreichtum und unbegrenzte Wachstumsfähigkeit besitzen, liegt hier ein fremdes Kunstwort vor, dessen Bedeutung wir nicht erraten und erfühlen können, sondern erlernen müssen. Noch heute dürfte schwerlich ein deutscher Bauer das Wort verstehen, und wie viele Gebildete wären im Stande, genau anzugeben, was sie sich unter „Natur“ vorstellen? Bei den Eingeborenen Latiums verhielt es sich in frühen Zeiten anders; für sie war das Wort ein lebendiges Gebilde, vielseitig an Verwandtes angrenzend, zugleich genau umrissen. Zunächst bedeutete natura für sie „die Geburt“; nichts anderes. Jener urmächtige unter allen Meistern deutscher Sprache, Martin Luther, hat uns das Wort noch in dieser Bedeutung überwiesen: „Wiewohl wir von Natur Juden sind“ (Galater 2, 15), das heißt, von Geburt; ebenfalls: „Wir waren Kinder des

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Zorns von Natur“ (Epheser 2, 3), und ähnlich öfters. Natura bildet einen Seitenzweig des Zeitwortes nascor, nasci, natus sum: gezeugt werden, geboren werden. Solange es unverfälscht angewandt wird, deutet es also auf ein Leben, das aus Leben entsteht und zu Leben hinführt, niemals auf Lebloses. Diesen ursprünglichen Vorstellungskreis des Zeugens und Geborenwerdens merke sich der Leser wohl; denn trotz der vielfachen Schicksale, die des Wortes natura harrten, behauptete sich dieser ursprüngliche Sinn durch alle Zeiten unausrottbar und schenkt ihm noch heute den Beigeschmack eines Lebendigen.
    Schwerlich hätte eine vom Ursinn schroff abbiegende Ausweichung jemals stattgefunden, wenn nicht infolge der reger werdenden Beziehungen zu den Hellenen die Aufmerksamkeit einiger begabteren Römer neben dem griechischen Dichten auch auf das griechische Forschen und Denken gelenkt worden wäre, das sie in unvergänglicher Bedeutungsfülle ausgebreitet entdeckten. Die Römer selber hatten im Laufe ihrer langen Geschichte nie einen Philosophen und nie einen Naturforscher besessen; nun fanden sie sich plötzlich einer eifrig gepflegten Mathematik, Astronomie und Anfängen weiterer Erkundung der Natur, sowie einer völlig ausgereiften Besinnung gegenüber, die sich im Laufe der Jahrhunderte eine reich gegliederte Organisation von Vorstellungen geschaffen hatte mit einer entsprechend ausgebildeten Begriffssprache, in welcher alle Forscher sich untereinander verständigten, gleichviel ob zur gegenseitigen Zustimmung und Bekräftigung oder aber zum Kampfe widerstreitender Meinungen. Sobald es nun dem höherer Bildung entgegenreifenden einzelnen Lateiner nicht mehr genügte, sich griechische Geisteskultur für seinen persönlichen Bedarf griechisch anzueignen, sobald ihn eine edle Sehnsucht trieb, die Ergebnisse dieser fremden Arbeit seinem eigenen Volke zu übermitteln, fand er sich vor eine fast unlösbare Aufgabe gestellt; denn er sollte ein nach und nach folgerichtig Ausgebautes sowie eine fertige Technik des Denkens und des Gedankenausdruckes plötzlich in eine weit abliegende Zivilisation hinüberpflanzen, in welcher die Praxis der sozialen Ausgestaltung, der Verwaltung, der Jurisprudenz, des Waffenhandwerks bisher alle Lebensenergie beansprucht und die Sprache demgemäß gemodelt hatte. Wollte er nicht hellenische Wörter zu einer unver-

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standenen Gelehrtensprache latinisieren — was der praktische Popularisierungsgeschmack der römischen Autoren möglichst zu vermeiden gebot — so blieb ihm nichts übrig, als bekannte Wörter des bestehenden Sprachschatzes zum Gefäß für neue Begriffe zu machen. Auf diesem Wege erlitt auch das Wort natura eine vollkommene Metamorphose, indem es nunmehr einen Gedanken der griechischen Philosophen vermitteln sollte, dem es seiner festgewurzelten herkömmlichen Bedeutung nach nicht entsprach.
    Eine der nicht zu umgehenden Vorstellungen, die für die hellenischen Forscher aller Richtungen den gleichen, klaren Sinn besaß, war nämlich der Begriff einer physis. Goethe schreibt einmal:

Dich im Unendlichen zu finden,
Mußt unterscheiden und dann verbinden.

Physis war von Haus aus einer dieser Unterscheidungsbegriffe, erdacht, aufgestellt und bis zur Deutlichkeit durchgearbeitet, um sich „im Unendlichen zu finden“. Der naive Mensch denkt nicht ans Unterscheiden; ohne zu zögern, bezieht er eine Erscheinung auf die andere; auch bei den Hellenen war es in frühen Zeiten nicht anders zugegangen. Indem nun ihr großer Forscher und Denker Anaxagoras — als Erster — sie zwischen dem, was den Sinnen erscheint, und dem, was der Sinneswahrnehmung nicht unmittelbar zugänglich ist, zu unterscheiden lehrte, ward er der Begründer zugleich aller exakten Wissenschaft des Stoffes und aller echten Philosophie des Geistes. Das Erscheinende nannte er physis (ein Wort benutzend, das in der Volkssprache das Äußere, den Habitus an einem Dinge oder an einer Person bezeichnete), das Nichterscheinende (Gedanke, Traum, Hoffnung, Gewissen, Spekulation) belegte er mit dem Namen nûs, einem Wort, das bei Homer bisweilen „Verstand“, bisweilen „Gesinnung“ besagt und das in unseren philosophischen Büchern gewöhnlich mit „Geist“ übersetzt wird. Will man den Gedankeninhalt auf eine einfachste Formel zurückführen, man kann sagen: es handelt sich um die grundlegende Unterscheidung zwischen Stoff und Geist. In einem Volke, wo schöpferische Gestaltungskraft einen so empfänglichen Boden fand, blieb eine derartige Leistung unverlierbar; zwar wurden die Begriffskreise physis und nûs von verschiedenen Schulen verschieden gegeneinander verschoben, die Unter-

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scheidung selbst jedoch erkannten alle an; solche Dinge bilden die Grundlage zu der Möglichkeit eines systematischen Denkens sowie eines folgerichtigen Beobachtens. Da es nun zum Wesen des Begriffs physis gehört, eine methodische   U n t e r s c h e i d u n g   auszusprechen, d. h. also, da von einer physis gar nicht gesprochen werden kann außer im Gegensatz und in Gegenüberstellung zu irgend etwas, was nicht physis ist, so liegt es auf der Hand, daß niemals ein Grieche darauf verfallen konnte, mit einer Betrachtung der bloßen physis die Erkenntnis der Welt erschöpfen zu wollen. Wohl mochte ein Forscher die Alleinheit lehren, diese mußte aber dann hinter physis und nûs liegen, beide umfassend; denn wie immer man die geistigen Phänomene erklären will — und sei es auch rein materialistisch — ihre Existenz kann der Geist selbst unmöglich leugnen. Darum gliedert sich bei allen hellenischen Forschern an die „Physik“ (oder Wissenschaft der physis) eine „Metaphysik“ (wie man die Wissenschaft des nûs benannt hat).
    Dem ihm bisher vollkommen fremden Begriff der physis glaubte nun der Lateiner mit seinem Worte natura am besten zum Verständnis zu verhelfen; alles weitere fließt aus dieser verhängnisvollen Wahl. Denn nun fand ein Durcheinanderschieben wesentlich verschiedener Vorstellungsreihen statt, und zwar durch Menschen, die weder das angeborene Talent noch die anerzogene Schulung besaßen, sich Rechenschaft über ihr Tun zu geben. Von dem methodologischen Unterscheidungswerke des Anaxagoras und seiner Nachfolger hatte der Lateiner nichts begriffen; den Wert dieser Großtat — einer von jenen, an denen die Menschheit heute, nach 2500 Jahren, zehrt und nach weiteren 2500 Jahren noch zehren wird — ahnte er nicht; vielmehr hatte er in den ihm zugänglichen Autoren einzig das eine Bruchstück erfaßt, nämlich die auf die physis allein sich beziehende wissenschaftliche Disziplin der Physik, d. h. einzig die Spekulationen über die Materie, dazu noch die Abhandlungen über die Ethik; alles übrige bleibt unverstanden und darum unverdolmetscht; er begreift nicht, was es soll. Man schlage nur das Wort des Lucretius, De natura rerum, auf! Seine Fragen und seine Antworten sind wie die eines Kindes; zu der eigentlichen Besinnung, zu jener Verwunderung über die Frage selbst, die der griechische Weise als den ersten Ursprung aller Philosophie erkennt, kommt es nie. Ebenso-

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wenig erwägt Lucretius, was in den verschiedenen griechischen Schulen an einander ergänzenden Widersprüchen gedacht und errungen worden war: in dem physischen Abschnitt eines der griechischen Denkerforscher findet er als kühne, geistvolle Kombination die Hypothese der Atome und des leeren Raumes; auf einmal ist ihm alles klar: diese Atome kommen durch Fall, Stoß, Druck zufällig vorübergehend im leeren Raume zusammen und bilden auf diese Weise vergängliche Körper, die je nach den Bewegungsbedingungen der Atome belebt oder unbelebt genannt werden, doch völlig gleichen Wesens sind; wer das weiß, besitzt alle Weisheit; was wir Empfindung nennen, ist „nur eine Bewegungserscheinung des Empfindungslosen“, das angebliche Denken ist nichts weiter als „das Rollen kleiner, glatter, runder Körperchen“ (corporibus parvis et levibus atque rotundis, lib. 3, Vers 205). So ist denn „des Lebens Leben“, wie Goethe es nennt, vollkommen entschwunden, und der Mann, der sein Gedicht mit der Anrufung der Venus begonnen hatte, „weil sie allein das Geborenwerden der Dinge lenke“, lehrt uns jetzt: nam corpora sunt et inane, denn Körper gibt es und leeren Raum; praeter inane et corpora tertia per se nulla potest rerum in numero natura relinqui, außer dem leeren Raume und den Körpern verstattet die Natur nicht irgendeinem Dritten eigenes Dasein. Freilich liegt hier Ohnmacht des Denkens zu Grunde, der leere Raum befindet sich wie gewöhnlich zunächst im Kopfe des Philosophen; doch übersehe man nicht die unheimliche Zauberwandlung, welche durch die Vermählung des Wortes natura mit dem Begriffe physis vor sich gegangen ist; hier fand etwas statt, wozu ein Lucretius nur den ersten Anstoß gegeben hat, dessen unabsehbare Wirkung aber der überpersönlichen Gewalt der Umstände zuzuschreiben ist. Hätte nicht diese Vokabel natura — die Geburt — von Hause aus einen solchen Schatz an Vorstellungen in sich getragen, die alle auf Zeugen und Gezeugtwerden hinwiesen, so hätte sie sich nie zu einem das All umfassenden Begriff aufgeschwungen; andrerseits aber hätte aus dem Vorstellungskreis des Lebendigsten am Leben sich niemals eine Bezeichnung für die dogmatisch-materialistische, die Eigenart der Welt des Geistes leugnende Anschauung ergeben, niemals gerade dieses Wort der Ausdruck für den Kollektivbegriff der Atome und des leeren Raumes werden können, wenn nicht der griechische Unterscheidungsbegriff

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der physis als Bezeichnung des ausschließlich Stofflichen, mechanisch Bewegten im Gegensatz zum Geistigen, Unmechanischen dem Worte natura auf- und eingepfropft worden wäre. Der eine Begriff lieh seine volksmäßige Kraft, der andere seinen wissenschaftlichen Inhalt.
    Wozu noch eine Erwägung kommt, auf die ich nur flüchtigst hindeuten kann: der nie zu überbrückende Gegensatz zwischen dem Geist der griechischen und dem der lateinischen Sprache. Wie Goethe bemerkt: im Griechischen wird durch das Wort „nichts bepfählt und festgesetzt, es ist nur eine Andeutung, um den Gegenstand in der Einbildungskraft hervorzurufen“; dagegen im Lateinischen „der Begriff im Wort fertig aufgestellt ist, im Worte erstarrt, mit welchem nun als einem wirklichen Wesen verfahren wird.“ Das gilt auch hier: die Physis des Anaxagoras deutet auf eine alle Darstellung in Worten übertreffende Erwägung des bewußten Nachsinnens; die Natura der Lateiner ist ein vorhandenes, tastbares Ding.
    Und nun geschah, was vorauszusehen war: die Atomenlehre griechischer Philosophen war nicht Jedem zugänglich, das Wort natura dagegen gewann allgemeine Geltung und verbreitete die Kunde, die Götter seien abgesetzt, das All bestehe aus eigener Kraft. Sofort entsprangen hieraus zwei entgegengesetzte Lehren: einerseits der mechanische Materialismus, der alles Leben leugnet, andrerseits der psychologische Materialismus, der die Belebtheit jedes Atoms voraussetzt: beide knüpfen hier an, und beiden entgegengesetzten Ansichten soll das Wort „Natur“ fortan zur Bezeichnung dienen.
    Hinzu kam nun, etwa zur Zeit der ersten Kirchenväter, eine neue Auffassung, die sich ebenfalls des Wortes natura bemächtigte. Eine neue pseudohellenische Philosophie riefen nämlich die asiatischen, afrikanischen und syreo-jüdischen Mestizen hervor: die Verballhornung Plato's, genannt „Neoplatonismus“. Sie war teils christlich, teils antichristlich; nahe verwandt sind ihr die Geheimlehren der „Gnosis“. Nach dieser Lehre ist die Natur das „Abbild“ des Urbildes, nämlich Gottes; insofern sie als Materie wahrgenommen wird, ist sie ein eigentlich „Nichtseiendes“, ein Phantom; nur Seelisches besitzt wirkliches Sein; der Eine, das Urwesen, ist die alle scheinbaren Arten und Individuen umschließende   A l l s e e l e.   Diese Lehre besaß im frühen Christentum jahrhundertelang großen Einfluß und blühte von

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neuem auf unter den mystischen Pietisten, die Goethe's erste Jugend umgaben, und in der Gruppe Schelling-Hegel, die seinem Mannesalter nahestand. „Natur“ ist hier ein bloßer, mystisch zu verstehender Name für das göttliche All.
    So vom Wurm des Widerspruches innerlich zerfressen, bedeutete also jetzt „Natur“ für die Einen (in Anlehnung an die griechische Bedeutung von physis) eine rein wissenschaftlich methodologische Unterscheidung der Sinnenwelt von der Geisteswelt, für Andere den Inbegriff des Allbelebten, die „Zeugemutter“ (wie ein braver Lexikograph des vierzehnten Jahrhunderts das Wort natura zu verdeutschen suchte), für wieder Andere das Bekenntnis einer lückenlos mechanischen — Leben, Geist und moralische Weltordnung leugnenden — Anschauung, schließlich für Manche ein mystisches Phantom, dem überhaupt keine Wirklichkeit zukommt.
    Man könnte meinen, das wäre Verwirrung genug; der Verlauf der Geschichte sorgte für weitere. Denn inzwischen hatte sich das Christentum zur Weltmacht aufgeschwungen, und damit hatte die Entfesselung der geistig-moralischen Leidenschaftlichkeit stattgefunden; selbst abstrakte Begriffe konnten nunmehr dem Bannfluch verfallen; mit besonderer Heftigkeit geschah dies der „Natur“ gegenüber. Gleichviel welche Auffassung der „Natur“ dem frühen Christen aus den weltlichen Schulen entgegentrat, den Hoffnungsblick in eine bessere Welt als die, mit welcher das rohgewaltsame Kaisertum ihn umgab, fand er hier nicht; und so ward die harmlos-tiefsinnige Erfindung des hellenischen Weisen plötzlich zum Inbegriff des Feindseligen, des Glückzerstörenden, zur Vernichterin der Seele, zur Räuberin himmlischer Unschuld, zur Verführerin in alle Laster, zum Widerdämon. Eine christliche Sekte, die, reichverzweigt, jahrhundertelang große Verbreitung genoß und viele Märtyrer gebar, lehrte sogar, die Natur sei das Werk nicht Gottes, sondern des Teufels. Zwar verwarf die Kirche diese Lehre als Häresie — hatte sie doch den Gottschöpfer vom Judentum übernommen — doch schärften alle Kirchenväter die Abwendung von der Natur als erste Bedingung wahrer Gottgefälligkeit ein; jede Beschäftigung mit Naturgegenständen wird von ihnen als Zeitvergeudung und somit als Sünde gebrandmarkt; Augustinus z. B. will nur soviel Astronomie gestattet wissen, als nötig ist, um den Ostervollmond mit Sicherheit zu be-

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stimmen; selbst ein so tiefer und verhältnismäßig freier Geist wie Scotus Erigena verbietet als Sünde die Bewunderung irgend einer Schönheit der Natur, der indigentia Dei, Armut [oder Leerheit] Gottes, wie sie die Theologie nannte. Ohne mich nun durch diese Betrachtung, so interessante Ausblicke sie auch eröffnet, von unserem Gegenstande ableiten zu lassen, will ich gleich auf eine Tatsache aufmerksam machen, die noch heute bei uns Allen wirksam ist und die wir in der Hauptsache dem Einfluß der Kirche zuschreiben müssen. Verlor nämlich diese frömmelnde Auffassung der Natur nach und nach an Überzeugungskraft, so daß die Kirche heute, um Fühlung mit der lebendigen Menschheit zu behalten, Jesuiten zu Naturforschern kommandieren muß, ein Teil ihres Werkes blieb aufrecht: die   H y p o s t a s i e r u n g   d e r   N a t u r,   d. h. die Verdichtung dieses bloßen Unterscheidungsbegriffes zu einem faßbaren und so zu sagen „persönlichen“ Wesen. In der physis der Hellenen hatte das Ergebnis einer forschenden Besinnung Gestalt gewonnen; es war gleichsam wie das Aufschlagen eines Buches gewesen, das hinfürder nicht bloß von außen als verschlossenes Ganze betrachtet, sondern Seite für Seite gelesen werden sollte; nicht hatte man jedoch damit die Einheit des Sichtbaren und des Unsichtbaren als Erlebnis leugnen wollen; im Menschen selber verflossen ja physis und nûs zum Individuum. Jetzt dagegen war aus dem Unterscheidungs b e g r i f f   der Forscherdenker ein tatsächlich Unterschiedenes, Fürsichbestehendes geworden, mochte es von Gott oder vom Teufel geschaffen worden sein, gleichviel; und der Mensch wurde als zeitweilig in der Natur, doch als seinem Wesen nach nicht zur Natur gehörig betrachtet: seines Sündenfalles wegen wandelt er zwar in ihr, erlöst, wird er ihrer entledigt sein. Natur war also jetzt nicht länger ein Gegensatz zu Geist (wie bei Anaxagoras physis zu nûs), sondern ein Gegensatz zu Mensch: hierdurch entstand eine noch verhängnisvollere Verwirrung als schon durch die Lateiner und ihren Lucretius. Wie buchstäblich diese Personifizierung einer für sich bestehenden, außermenschlichen Natur von nun an aufgefaßt wird, ersehen wir daraus, daß Luther die Natur kurzweg Frau Hulda nennt, sie also einer heidnischen Göttin gleichstellt und von ihr schreibt: „Frau Hulda mit der Potznasen, die Natur, tritt hervor und darf ihrem Gott widerbellen und ihn Lügen strafen usw.“ Nicht aber von den Frommen allein gilt

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dies, es gilt nicht minder von den Ungläubigen. Voltaire ruft aus: Qui est-tu, Nature? Je vis dans toi; il y a cinquante ans que je te cherche, et je n'ai pu te trouver encore. Wo also der Grieche schlicht und klar gesprochen hatte: es wird förderlich sein, zwischen physis (Stoff) und nûs (Geist) zu unterscheiden, denn erst dadurch werde ich Ordnung in das Studium des bewegten Sichtbaren und des denkenden Unsichtbaren bringen, schwärmt hier ein freiester Kopf, der alle Kultur seiner Zeit wie kaum ein Zweiter innehat, von einer Natur, „in der“ er lebt und die „zu finden“ ihm dennoch nicht gelinge! Ein solches Dilemma hätte der hellenische Denker kaum zu verstehen vermocht, und wäre es ihm gelungen, er hätte laut aufgelacht: diese physis, die man mit „du“ anredet, als ob das Leblose Ohren besäße! diese physis, „in der“ der Geist lebt und die als Begriff doch erst dadurch entstanden war, daß ein Denker sie vom Geiste unterschied! diese physis, die der Mensch „sucht und nicht findet“, während es ja sein eigenes Besinnen ist, aus dem sie als Idee erst hervorgegangen war!
    Doch wir sind noch nicht ans Ende gelangt. Ein Wesen, das Haß und Anzweiflung erfährt, werden Andere der Liebe und des Vertrauens würdig erachten; hatten die Kirchenväter vor der Natur gewarnt und die Patarener sie als Teufelswerk verabscheut, so waren wenige Jahrhunderte später die christlichen Mystiker gekommen, die in ihrem schwärmerischen Bedürfnis, mit dem Gott der Liebe zu verschmelzen, sich der von ihm erschaffenen Natur an den Busen warfen und mehr oder weniger bewußt an die vorhin kurz geschilderten Auffassungen der Neoplatoniker und der Gnostiker anknüpften. Franziskus besingt Sonne und Mond, Baum, Bach und Vogel, Kreaturen Gottes wie er selber, als Brüder und Schwestern; Eckhardt redet von dem „wonniglichen Wunder“ der Blumen; Jakob Böhme nennt die Natur „Das Buch Gottes“ und sagt, auf einer Wiese „sehe, rieche und schmecke man die Kraft Gottes“; Giordano Bruno schreibt: La natura non è altro che Dio nelle cose; Pascal, der zu Christus geflüchtete Geometer, spricht den schönen Gedanken aus: La nature a des perfections, pour montrer qu'elle est l'image de Dieu, et des défauts, pour montrer qu'elle n'en est que l'image. So ward aus dem Teufelswerk das Abbild des allweisen und allgütigen Schöpfers. Selbst Diejenigen, die nicht soweit gingen, erblickten zum wenigsten auf

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Schritt und Tritt in der Natur den Finger Gottes; ich brauche nur an die zahllosen apologetischen Bücher zu erinnern. Bald aber trat ein weiterer, unerwarteter Erfolg ein: denn die an Zahl wachsenden Unkirchlichen hatten es leicht, die Sache umzudrehen und von dieser ohnehin so göttlich vorgestellten Natur zu behaupten, sie bedürfe eines Gottes nicht, sie verrichte alles von selbst vollkommen; zu dieser Verwandlung ins Gegenteil genügte ein bloßer Wechsel der Worte. Alle die Werke, die im 18. Jahrhundert über „Das System der Natur“ entstehen, sind offen oder versteckt gegen den Gottesglauben der Kirchen gerichtet, und der gebotene Ersatz ist die Anbetung der Natur. Dies ist aller Beachtung wert: die Vergötterung der sogenannten „Natur“ ist den gläubigsten aller Seelen und den materialistisch gerichteten Geistern gemeinsam.
    Um nun Goethe's Auffassung von „Natur“ genau in den Brennpunkt zu bekommen, müssen wir versuchen, in das Chaos, das die Geschichte vor uns aufgetürmt hat, einige Ordnung zu bringen. Hier wie anderwärts haben sich im Laufe der Zeiten Hauptströmungen gebildet, welche die Nebenflüsse aufnahmen und verschlangen, und es genügt, wenn wir die wesentlich voneinander unterschiedenen Hauptbedeutungen kennen, die der Begriff „Natur“ in den letzten Jahrhunderten unserer Zeitepoche gewonnen hat und die auch Goethe, als er zu denken begann, um sich herum vorfand. Um zum Ziele zu gelangen, wollen wir frischweg vereinfachen und nur drei durch je eine weite Kluft voneinander getrennte Denkungsarten unterscheiden. Jede der drei Grunddenkarten läßt sich mit Hilfe unserer historischen Skizze auf eine ferne Wurzel oder auf mehrere zurückführen.
    Die Einen will ich kurzweg die „Naiven“ nennen: es sind Diejenigen, welche sich niemals selber gefragt haben, was sie unter „Natur“ verstehen. Tun wir auch auf diese Weise ein Gewimmel von verschiedenen, ja von widerstreitenden Meinungen in eine Klasse zusammen, so ist doch die Charakteristik der mangelnden Besinnung Allen gemeinsam; Vereinzelte schöpfen in ihr Kraft, die übergroße Mehrzahl einzig Konfusion. Aus hundert Wurzeln wird hier jede Verwirrung gespeist: die lebendige Kraft des alten Wortes „Natur“, die Lehren des Lucretius, die kirchlichen Vorstellungen und Anathematisierungen, die Vergötterung und die Verteufelung, uralte

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Volksmythen aus vorchristlicher Zeit und allerneueste Weltanschauungen für den Frühstückstisch: alles kreist durcheinander. Die zweite Gruppe ist die der „Dogmatiker“, Männer, die unter „Natur“ sich eine allumfassende Einheit denken, über welche sie dogmatische Urteile fällen, indem sie behaupten, ihr Wesen erfaßt zu haben, und uns nunmehr bestimmt ausführlich darüber unterweisen; ihren Grundlehren nach gliedern sich alle Dogmatiker der Natur in Spiritualisten und Materialisten; sie können kirchlich oder antikirchlich sein. Die Hauptwurzel reicht in diesem Falle zurück auf die altlateinische Vorstellung von natura, der Allerzeugerin. Die dritte Klasse bilden die „Methodiker“, d. h. die besonnen Forschenden. Bewußt oder unbewußt, knüpfen sie alle bei der physis der Hellenen an, begreifen, daß richtiges Unterscheiden jedem Erkennen, jedem folgerechten Untersuchen und Auferbauen zu Grunde liegt; nicht als dogmatisches Bekenntnis entsteht bei diesen Männern der Begriff „Natur“, sondern vielmehr als methodischer Kunstgriff und setzt einen ergänzenden zweiten Begriff voraus, da die Vorstellung „Natur“ etwas Besonderes aus der Gesamtheit des Gegebenen zwecks näherer Untersuchung unterscheiden und ausscheiden soll; eine dogmatische Aussage wäre in diesem Zusammenhang sinnlos.
    Einige Worte zur noch genaueren Bestimmung der drei hier unterschiedenen Grundauffassungen von „Natur“.
    Über die Heerschar der Naiven ist es nicht nötig; viel zu sagen: die Hauptsache ist, daß wir klar unterscheiden zwischen den   F r e i e n   unter ihnen und den   U n f r e i e n.   Für die Ersteren ist die Naivität eine Kraft, für die Letzteren eine Schwäche. Die freien Naiven schöpfen in ihrem Verhältnis zur Natur Vertrauen, Jugend, offene Augen, unverwelkliche Heiterkeit; die unfreien nehmen eine kirchliche, philosophische oder wissenschaftliche Lehre an und wandeln dann geschlossenen Auges und toten Hirnes durchs Leben. Wenn Franziskus den Vögeln im Walde predigt, liegt darin eine Seelenkraft, die alles hinter sich läßt, was Denker und Forscher je erreichen können; eine verwandte Kraft werden wir bald bei Goethe wieder antreffen. Weit häufiger jedoch ruht die naive Auffassung einfach auf Verkümmerung des Denkens, sorgfältig unterhalten durch die Tätigkeit der Pfaffen und der Gegenpfaffen. Für diese Mehrzahl ist „Natur“ ein personifiziertes Wesen, über das man sich

281 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Der Begriff „Natur“

den Kopf nicht weiter zerbricht; sie liegt ja vor Augen, wozu noch spintisieren? Man könnte die Natur hier definieren als dasjenige Ding, welches weder Gott noch Mensch ist; sie steht im Gegensatz zu Gott, der sie erschaffen hat, und im Gegensatz zum Menschen, der in ihr wohnt. Manche aber streichen in der genannten Trinität von Gott, Mensch, Natur den einen Faktor „Gott“ und kommen mit den beiden anderen allein auch aus. Weder sind ihnen die Widersprüche bekannt, in welche empirische Wissenschaft nach allen Seiten hinausführt, überall rein metaphysische Probleme aufdeckend, noch kennen sie die Gedanken, die aus der höheren Besinnung einzelner Begabtesten, Schöpfer von Ideen, im Laufe der Zeiten herangereift sind. Diese naiven Materialisten besitzen unter allen die beschränkteste, armseligste Auffassung von „Natur“; von Lucretius behalten sie nur die Keckheit und den Unverstand ohne eine Spur jenes hellenischen Geisteshauches, der seiner Dichtung unvergängliches Leben sichert, von der Kirche nur die unsinnige Personifizierung eines Gedankendinges ohne irgend einen Rest des in alle Tiefen des Menschenwesens dringenden religiösen Lebens. Die Tausende sogenannter Gebildeten sowie das Heer der zu einem solchen Credo schwörenden Arbeiterschaft kommen dadurch geistig tief unter jedem unverdorbenen Naturvolke zu stehen, welches, ohne zu zweifeln, kindlich vertrauensvoll sich in den Dingen, die Dinge in sich erblickt und auf diese Weise zu praktisch-poetischer, wahrheitsreicher Anschauung gelangt.
    Wenn es auch manche Berührungen zwischen den Naiven und den Dogmatikern gibt, insofern die Naiven es lieben, dogmatisch und intolerant zu verfahren, so wird doch bei näherer Betrachtung selten eine Verwechselung stattfinden; denn wenn der Naive dogmatisiert, dann tut er's naiv, sei es wie Thomas von Aquin, sei es wie die Herren Büchner und Moleschott; wogegen ich unter „Dogmatikern“ diejenigen verstehe, die über das Wesen der Natur philosophisch und wissenschaftlich nachgesonnen haben und darüber dann apodiktische Behauptungen aufstellen, d. h. Lehren, für die sie nicht blinden Glauben beanspruchen, sondern die Überzeugungskraft erwiesener Wahrheiten. Diese Forscher der vielverzweigten zweiten Gruppe verstehen unter „Natur“   d a s   A l l,   die unvorstellbare, unerfaßliche Idee einer Totalität alles dessen, was war, ist und sein wird,

282 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Der Begriff „Natur“

wobei die Welt der sittlichen Persönlichkeit eben so eingeschlossen gedacht ist wie die des mechanisch bewegten Sinnfälligen. Jede dogmatische Aussage über das Wesen der Natur führt im letzten Ende zum sogenannten Monismus, d. h. zu einer irgend wie beschaffenen Alleinheitslehre. Alles ist „Natur“, Natur ist „Alles“.
    Hingegen verstehen die Männer der dritten Gruppe, die Methodiker, unter „Natur“ immer einen bestimmten Teil, nie ein Allumfassendes; Natur ist für sie die Gesamtheit des Sichtbaren, genauer gesprochen des Sinnfälligen, einschließlich des eigenen menschlichen Leibes und des Hirns als Organs des Denkens, kurz, die Gesamtheit des Stoffes in seiner gesetzmäßigen Beweglichkeit erfaßt; dieser „Natur“ gegenüber und ihr mehr oder weniger entgegengesetzt (mehr oder weniger nämlich je nach der Geistesrichtung des betreffenden Forschers) wird eine zweite Welt unterschieden, die nicht sinnfällig und überhaupt nicht raumerfüllend, insofern also nicht „Natur“ ist: die Welt der Persönlichkeit, der Freiheit, der sittlichen Verantwortung, der Religion, der Kunst. Beide Welten treffen im Menschen zusammen (der aus Sinnfälligem und Nichtsinnfälligem besteht), und nicht im Menschen allein, sondern überall, wo der Mensch Gestalt erblickt oder Gesetz erkennt, was immer eine Durchdringung von zweierlei voraussetzt. Die Nomenklatur, in der diese Auffassung sich kundtut, ist eine verschiedene: Locke redet von einer nicht-denkenden (incogitative) und einer denkenden (cogitative) Natur, Descartes unterscheidet zwischen „Ausgedehntem“ und „Gedachtem“ (l'étendue et la pensée); auf der höchsten Stufe der Besinnung, zu der uns Immanuel Kant hinaufführt, gelangen wir zu der vollendet klaren Entgegensetzung von „Natur“ und „Freiheit“, zwei Reichen, an denen beiden der Mensch zugleich teilhat, welche es aber unmöglich ist und bleibt ineinander so überzuleiten, daß eines in dem andern enthalten sei oder eines aus dem andern hervorgehe. Wie man nun die Unterscheidung auch treffen mag, bezeichnend bleibt für alle Methodiker die Entgegensetzung von zweierlei und die Beschränkung des Begriffes „Natur“ auf die Bezeichnung des einen Teiles. Und fragt man, was praktisch hierbei herauskomme, so will ich nur das Eine erwähnen: ohne diesen methodischen Grundsatz einer reinlichen Scheidung von Phänomenen, die nicht aufeinander zurückzuführen sind, wäre unsere Mechanik, damit zu-

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gleich unsere gesamte exakte Wissenschaft des heutigen Tages unmöglich gewesen. Die Denkart der Dogmatiker, sowohl in ihrer spiritualistisch-mystischen wie in ihrer materialistischen Abart, kann uns als Gedankenleistung Achtung einflößen, doch ist offenbar diejenige der Methodiker die eigentlich tiefbesonnene; denn sie geht analytisch-unterscheidend vor, disponiert den unermeßlichen Gegenstand alles Erforschens nach richtig unterschiedenen Hauptbestandteilen, schafft dadurch vereinfachende Klarheit, gibt die Anregung zu weiteren grundlegenden Unterscheidungen, wie z. B. zu denjenigen zwischen Materie und Form, zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, zwischen Sinnlichkeit und Verstand usw., ohne aber über letzte Fragen irgend etwas zu präjudizieren (wie der Jurist sagt).
    Den Unterschied zwischen der dogmatischen und der methodischen Auffassung des Begriffes „Natur“ hoffe ich vollkommen deutlich gemacht zu haben. Jede Definition der Natur als Allzeugende, Allumfassende enthält nur halb verschleiert ein Dogma; die bloße Begriffsbestimmung der „Natur“ ist hier schon ein Glaubensbekenntnis. Und wie es zu geschehen pflegt: aus einem ersten Dogma entsteht notgedrungen ein zweites, aus diesen beiden ein drittes, und so weiter; das Gefühl, die vermeintlichen Intuitionen, die kühnen Versicherungen ex tripode bekommen das Übergewicht. Und während bei den Methodikern verschiedene Weltanschauungen friedlich auf dem Boden der selben Unterscheidung stehen, bekämpfen sich hier mit erbitterter Leidenschaft Ansichten, die aus dem selben Grunddogma der allzeugenden Natur hervorgehen und darum in Wirklichkeit nahe verschwistert sind. So führt z. B. die in der Begriffsbestimmung „Natur“ vorausgesetzte Einheitlichkeit von Stoff und Geist zu zwei polar entgegengesetzten dogmatischen Auffassungen, der materialistischen und der spiritualistisch-mystischen, von denen die eine genau eben so viel für sich anzuführen hat wie die andere. Der Materialist deutet nämlich die Einheit zwischen physis und metaphysis so, daß er behauptet, aus bewegtem Stoff entstehe Denken, Fühlen, moralische Tat; wohingegen der Mystiker in der ganzen Welt des Sinnfälligen Seelenleben und Seelenausdruck entdeckt und Giordano Bruno uns versichert: Non est lapis sine anima, kein Stein ermangelt der Seele. Weil aber diese beiden polaren Gegensätze — des materialistischen Monismus und des spiri-

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tualistischen Monismus — aus der selben Wurzel entstammen, so schlagen sie häufig plötzlich ineinander um. Aller konsequente Materialismus wird, sobald er bis zu letzten Fragen vordringt, mystisch, und aller konsequente Spiritualismus und Mystizismus zeigt für den genauer Zuschauenden ausgesprochen materialistische Färbung; es gibt kein Entrinnen aus dieser Notwendigkeit.
    Eine letzte Unterscheidung erheischt noch eine kurze Betrachtung.
    Als Ergänzung unserer bisherigen Versuche, die Gegenwart aus der Vergangenheit bis zur Klarheit zu entwirren, bleibt eine Tatsache von bedeutender Tragweite hervorzuheben, die in der obigen Betrachtung nicht zum Ausdruck kommen konnte. Jede Darstellung, welche der geraden Linie der zeitlichen Aufeinanderfolge nachgeht, und auch jeder Überblick, welcher der Vereinfachung halber nach einem einzigen Prinzip sich richtet, wird — gleichviel welches der Gegenstand ist — nur einem Teil der Lebenserscheinungen gerecht werden, denn deren Mannigfaltigkeit ist supralogisch. Schütteln wir also das soeben Erworbene vorübergehend von uns ab, und treten wir mit frischen Augen noch einmal an die Vorstellung „Natur“ heran.
    Abgesehen davon, welchen Umfang und welche Deutung man der Vorstellung einer physis-Natur zugesteht, abgesehen davon, ob man zu den Naiven, zu den Dogmatikern, zu den Methodikern gehört, kommen zwei Auffassungen vor über das Verhältnis des Menschen zu den Phänomenen der ihn umgebenden und durchdringenden Welt: die Einen setzen voraus, der Menschengeist umfasse die Umwelt — sagen wir einfach, umfasse die physis-Natur oder sei ihr zumindest gewachsen (adäquat) —, woraus die Annahme folgt, der Mensch werde sie, wenn nicht heute, dann morgen lückenlos ausdeuten können; die Anderen sind dagegen überzeugt, die physis-Natur umfasse den Menschengeist, überflügele ihn nach allen Richtungen und sei deswegen nie von ihm auszukennen. Wir können dasselbe zur Vermehrung der Deutlichkeit noch anders aussprechen. Daß Natur und Menschengeist sich nicht genau decken, sieht jeder besonnene Forscher ein: der eine ist nun mehr geneigt, die Natur aus dem Menschen, der andere, den Menschen aus der Natur zu erklären; wobei der erste sich eine harmonisch zu vollendende Aufgabe vorstellt, weil nach seiner Ansicht die Bedingungen zur Lösung

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im Menschen selber gegeben vorliegen, dahingegen der zweite sich infolge der eingeborenen Unzulänglichkeit des menschlichen Denkens von ewig unlösbaren Problemen umgeben sieht. Die erste Anlage ist spezifisch hellenisch, wenngleich sie auch unter uns vereinzelt vorkommt; die zweite ist von Anfang an der kennzeichnende, unserer ganzen neuen Wissenschaft sein Gepräge aufdrückende Zug der Forschungsmethode der Germanen (worunter ich den Nordeuropäer aller Nationen, auch Italiens, den Schöpfer unserer heutigen Zivilisation und Kultur verstehe). Der Hellene, gleichviel welcher Schule er angehörte, hat nie gezweifelt, der Menschengeist werde alle Phänomene ausdeuten können; ein Sokrates meint gar, jede Beobachtung sei überflüssig, und wolle man z. B. wissen, ob die Erde stillstehe oder sich bewege, so dürfe man nur fragen: was hält die Menschenvernunft für das angemessenste? dieses müsse fraglos statthaben. Doch auch unter den beobachtenden Astronomen und Mathematikern der Hellenen ist jeder überzeugt, die lückenlose Klarlegung aller Vorgänge der Natur sei nur eine Frage der technischen und gedanklichen Ausbildung. Im Gegensatz hierzu bildet eine Grundlage aller germanischen Wissenschaft das Mißtrauen gegen die Konstruktionen der Menschenvernunft; diese abwehrende Geistesrichtung wird durch die positive einer leidenschaftlichen Hingabe an die treue Beobachtung der Natur ergänzt, einschließlich des Experimentes, das sich zur Beobachtung wie das Teleskop zum Auge verhält und das bezeichnenderweise den Hellenen unbekannt blieb; „ihnen fehlt die Kunst,“ schreibt Goethe, „Versuche anzustellen, ja sogar der Sinn dazu.“ Was ich hier hervorhebe, hat mit historischer Verkettung nichts gemein; es liegt auch tiefer eingewurzelt als in jener Oberflächensphäre, wo der Streit der Schulen tobt; wir gehen wohl nicht irre, wenn wir darin den Ausdruck einer angeborenen Rassenanlage erblicken, die sich dann auch den fremdrassigen Volksgenossen mehr oder weniger aufdrängt.
    Wir unterscheiden also eine „hellenische“ Auffassung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur (die aber bei uns noch nachwirkt und bisweilen spontan vorkommt) von einer „germanischen“, die mancher Nichtgermane sich aneignen mag. Auch diese Unterscheidung wird uns gute Dienste leisten, namentlich wenn wir uns hüten, sie mit der früher gemachten zu verwechseln.

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    Zum Beschluß dieses Abschnittes und zugleich als Überleitung in den nächsten möge eine allgemeine Bemerkung dienen, die das bisher Gesagte zusammengedrängt vorführt und zugleich auf das Kommende deutet. Ich rede von der unberechenbaren Macht einer   I d e e ¹).
    Eine Idee, das zeigt uns die Geschichte des Wortes „Natur“, fördert oder hemmt, schenkt Klarheit oder stiftet Verwirrung, hebt den Menschengeist oder drückt ihn nieder, oft auf Jahrhunderte. Man denke sich ins vierte Jahrhundert vor Christo zurück. Die Idee „Natur“ im Sinne der physis des Anaxagoras, mag sie auch Manchem abstrakt erscheinen, wirkt auf jede Erforschung, sei es der Dinge, sei es des Geistes, wie eine Offenbarung; in die Dämmerung, wo die alten Beobachter und Philosophen der Hellenen herumgetappt hatten mit ihren angeblichen Weltprinzipien — einmal des Feuers, ein anderes Mal des Wassers, ein drittes Mal der Zahlen, ein viertes Mal der Liebe und des Hasses, usw. —, bricht plötzlich der Tag ein. Und in diesem neuen Tage wirken die Geister aller Richtungen fortan friedlich nebeneinander, sich gegenseitig im Wettstreite fördernd. Der Anblick wirkt bestrickend; denn bei allem Widerstreit der Meinungen weiß man immer, wovon die Rede ist; und man weiß es, weil der Begriff einer Physis und einer Nicht-Physis Ordnung geschaffen hat und der Konfusionsbegriff einer „Natur“ noch nicht besteht. Durch Lucretius wird sofort alles anders; seine Idee engt den Menschengeist ein, verkrüppelt seinen Flug. Die Atome und der leere Raum, ursprünglich wissenschaftliche Spekulationen hellenischer Meister zur Deutung der physis allein, werden nun so zugerichtet, daß jeder Flachkopf parva opella (mit geringer Mühe) Bescheid über die Natur weiß und mit dieser einen armseligen Idee alle Weisheit zu besitzen wähnt. Ein bequemstes Vademecum für Freidenker auf der Gasse! Unser heutiger Tag kennt ähnliche Dinge, aber noch bedeutend dümmer! Dann kommt die Kirche, der es von amtswegen zusteht, alles zu wissen, ohne irgend etwas lernen zu müssen; sie verwirft zwar die Atome, weil sie sie in der Genesis nicht angeführt findet, doch das greifbare   D i n g
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    ¹ Es sei daran erinnert, daß wir mit Plato unter „Idee“ alles zu verstehen haben, was Einheit schafft; jede Idee ist eine Schöpfung des Menschengeistes: die Idee „Hund“ ebenso wie die Idee „Gerechtigkeit“.

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des Lucretius, die Idee „Natur“, behält sie als ausgemachte Wahrheit, modelt diese Idee nach ihrem Bedürfnis um und personifiziert sie, sei es zur Exekration, sei es zur Adoration. Inzwischen stellen die Neoplatoniker die Idee einer „Natur“ auf, die ein bloßes Phantom ist ... So wird die aus höchster Besonnenheit geborene Idee physis durch die zwar aus ihrer Anregung entstandene, doch durch philosophische Unfähigkeit, religiöse Voreingenommenheit, schwärmerische Überschwenglichkeit, hochtrabende Unwissenheit völlig verunstaltete, proteusartige Idee „Natur“ verdrängt; die Klarheit ist ausgelöscht, die nächtliche Verwirrung ist eingebrochen.
    An diesem Beispiel lernen wir: wer Ideen aufzustellen unternimmt, die weder in genialer Anschauungskraft geboren noch in geduldiger, anschmiegender Besonnenheit gereift sind, begeht ein Verbrechen gegen den Menschengeist, den sein eigenes Gebilde fortan umnachtet; wer dagegen der Menschheit eine im Überreichtum des denkenden Anschauens gezeugte, aus wahrem Notdrang des Geistes hervorgegangene, wohl-erwogene, genau angemessene, „dem unzweideutigen Genie der Natur“ (S. 264) nahverwandte Idee schenkt, dieser schafft froher Denkarbeit und wachsender Anschauungsfülle auf Geschlechter hinaus Luft und Licht.

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Goethe's Standpunkt

    Jetzt wenden wir uns der Frage zu: was verstand Goethe unter „Natur“? Und wie verhielt er sich ihr gegenüber? Die eigentliche Weltanschauungsfrage — Natur im Verhältnis zu Gott usw. — kommt für uns vorläufig nicht in Betracht; zwar können wir nicht umhin, sie hin und wieder zu streifen, doch handelt es sich in diesem Kapitel lediglich um den Erforscher der Natur:   w a s   wollte er erforschen? und   w i e   wollte er es erforschen?
    Wenige Aussprüche Goethe's sind so weit und breit bekannt wie folgender: „Ich für mich kann, bei den mannigfaltigen Richtungen meines Wesens, nicht an   e i n e r   Denkweise genug haben; als Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist hingegen als Naturforscher, und eins so entschieden als das andere. Bedarf ich eines Gottes für meine Persönlichkeit als sittlicher Mensch, so ist

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dafür auch schon gesorgt.“ So lauten die Worte in dem diktierten Briefe an Jacobi; der eigenhändige Zettel mit der ursprünglichen Aufzeichnung des Gedankens dient zur willkommenen Ergänzung:

„Wir sind
{
naturforschend
{
dichtend
{
sittlich
Pantheisten
Polytheisten
Monotheisten.“

Es ist interessant zu sehen, daß Goethe dem Freunde gegenüber — also wo er der Welt sich zuwendet — den Dichter voranstellt, wie die Welt es von ihm erwartete, bei sich selbst dagegen sich instinktiv an erster Stelle fragt, was er „naturforschend“ empfinde.
    Die bewundernswerte Schärfe, mit der an diesen beiden Stellen unterschieden wird, erleichtert unsere Aufgabe. Denn daß ein Mann von Geist zwischen mehreren „ismen“ hin- und herschwanke, namentlich wenn es sich um „theismen“ handelt, wäre nicht neu; hier aber wird unter dem Symbol des Göttlichen auf drei verschiedene Weltanschauungen hingewiesen, nicht, weil der Geist zögert, zu welcher er sich bekennen soll, sondern weil, je nach der Tat, die das Gemüt im Augenblick erfüllt — Forschen, Dichten, Handeln — das eine Mal die eine, das andere Mal die andere als fraglos einzig berechtigt empfunden wird. Man beachte vorzüglich das Eine: nicht theoretisch-philosophische Erwägungen entscheiden, vielmehr entscheidet einzig die Richtung, nach welcher sich der Geist gerade bewegt. Nun denke man sich, Goethe schriebe statt an den frommen Jacobi an einen Naturforscher exakter Tendenz, der, verwirrt durch scheinbar sich widersprechende Äußerungen, ihn gefragt hätte, was er sich unter Natur eigentlich vorstelle und wie er sich zu ihr verhalte. Ohne Zweifel würde die Antwort, ebenso wie die obige in Bezug auf den Gottesbegriff, nicht nach Art eines eindeutigen Credos, sondern mehrfach gegliedert ausfallen; auch hier würde es heißen: „Ich kann nicht an   e i n e r   Denkweise genug haben“; auch hier würde Goethe nicht zu einer willkürlich logischen Vergewaltigung seines eigenen Wesens greifen, sondern zwischen verschiedenen gleichberechtigten Anschauungen unterscheiden. Für Goethe war die Wahrhaftigkeit, wie wir im zweiten Kapitel gesehen haben (vgl. S. 165 fg.), nicht so sehr ein sittliches Gebot wie ein unentrinnbares Bedürfnis der Persönlichkeit; darum ließ er sich selbst ge-

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währen, betrachtete sein eigenes, notwendiges Tun mit reinem Blicke, belog weder sich noch Andere und entdeckte auf diese Weise, daß die jeweilige Richtung der als   T a t   empfundenen Geistesarbeit zugleich dem übrigen Denken und Fühlen eine besondere, unterschiedliche Richtung aufdrängte. Wie Novalis bemerkt: „Bei Goethe ist alles Tat, wie bei Anderen alles Tendenz nur ist.“ Wir können also von vornherein sicher sein, bei Goethe nicht bloß keiner eindeutigen Definition von „Natur“, sondern auch keinem eindeutigen Verhalten ihr gegenüber zu begegnen; Auffassungen, die sich nicht minder widersprechen als die des Pantheisten, Polytheisten und Monotheisten, herrschen gewiß ebenso ruhig und unerschütterlich hier wie dort nebeneinander. Darum ist aber auf dem beliebten Wege der nach Willkür herausgehobenen Anführungen kein Verständnis zu gewinnen. „Zur Einsicht in den geringsten Teil ist die Übersicht des Ganzen nötig“, stellt Goethe als allgemeinen Grundsatz auf; nirgends mehr als bei Betrachtung seiner eigenen Persönlichkeit hat man es nötig, dessen eingedenk zu bleiben. Aus seinen Schriften kann Jeder herauslesen, was er will, wenn er nicht zuvörderst einen Überblick über die gesamte Erscheinung gewonnen hat und nun ebenso scharf und methodisch unterscheidet, wie der Meister selber bei seinem Bekenntnis zu drei verschiedenen Arten des Gottesglaubens klar unterschied. Greifen wir darum zur Analyse: die zwei vorangeschickten Abschnitte dieses Kapitels geben uns geordnetes Material an die Hand.
    Was die Auffassung des Begriffes „Natur“ betrifft, so hatten wir den fast unentwirrbar verhedderten Stoff in drei große Gruppen gegliedert: in die der Naiven, der Dogmatiker, der Methodiker. Nun hatten wir aber des Weiteren allen Grund gefunden, bei den Naiven zwei wesentlich verschiedene Gesinnungen nicht miteinander zu verwechseln, die der Freien und die der Unfreien. Auch unter den Dogmatikern und den Methodikern entdeckten wir je zwei deutlich getrennte Abteilungen: für die Einen umfaßte der Menschengeist die Natur, für die Anderen die Natur den Menschengeist; diese Unterscheidung hat sowohl beim Dogmatiker wie beim Methodiker statt. Der Dogmatiker, der den Geist über die Natur setzt, ist Spiritualist (mehr oder weniger monistisch gefärbt), derjenige, der umgekehrt die Natur über den Geist setzt, ist Materialist

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(eine Überzeugung, die ebenfalls eine ganze monistische Skala umfaßt). Bei den Methodikern — den Männern also, die eine Physis von einer Nicht-Physis sondern — handelt es sich um eine feinere, jedoch nicht minder belangreiche Unterscheidung: der unter ihnen, dem es natürlich ist, dem Menschengeist das Übergewicht zuzuschreiben, wird eine (nach Analogie der Kunst zu denkende) Architektonik der Natur erstreben, wer dagegen die außermenschliche Natur als das Umfassende, den Menschengeist als das Umfaßte betrachtet, wird notwendig allen Rätseln auf dem Wege der Mechanik nachgehen, und die Mechanik kann unmöglich eine andere Methode benützen als die der Mathematik, weil Mathematik genau an dem Punkt entsteht, wo die beiden Welten der Physis und der Nicht-Physis sich kreuzen. So erkennen wir also im Ganzen nicht bloß drei, sondern sechs überall und immer deutlich voneinander zu unterscheidende Auffassungen der Vorstellung „Natur“. Eine Tafel wird dieses Ergebnis noch deutlicher vor Augen führen und außerdem den Vorzug haben, Goethe's Stellung — so vielfältig und darum verwirrend sie auch erscheint — auf einen einzigen Blick klar zur Darstellung zu bringen.

Naive     
Dogmatiker     
Methodiker
f r e i
unfrei
S p i r i t u a l i s t e n
Materialisten
A r c h i t e k t e n
Mathematiker

    Was wir von Goethe zu sagen haben, enthüllt sich nunmehr als verblüffend einfach: er fußt zugleich in allen drei Gruppen; jedoch gehört er immer ausgesprochen zu der einen der beiden Unterabteilungen und verwirft die andere: unter den Naiven ist er ein freier, unter den Dogmatikern ein Spiritualist, unter den Methodikern ein Architekt. Hiermit ist Goethe's Auffassung von „Natur“ mit mathematischer Genauigkeit geschildert. Zwei Dinge fallen zunächst auf: einerseits das beispiellose Nebeneinanderbestehen dreier Gemütsarten, die sonst die Geister voneinander unterscheiden, indem Goethe je nach Tag und Stunde — und das heißt, wie wir sahen, je nach der   T a t,   die im Augenblick seinem Wesen die Richtung gibt — vollkommen naiv, überzeugt spiritualistisch, oder aber überlegen methodisch fühlt und denkt; andrerseits die Tatsache, daß Goethe nicht etwa wie so mancher Eklektiker überall dippt und nippt, son-

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dern vielmehr aus jeder dieser verschiedenen Gesinnungen das ihn Fördernde mit Leidenschaft aufnimmt, das ihn Hemmende mit Leidenschaft von sich stößt.
    Wissen wir nunmehr auch genau, wo Goethe bei Betrachtung der Natur Stellung nimmt, so folgt doch aus der Mannigfaltigkeit seiner Standpunkte die Nötigung, uns jeden einzelnen bis zur vollkommenen Klarheit zu vergegenwärtigen. Darum müssen wir jetzt Goethe, den Naiven, und Goethe, den der Alleinheitslehre Geneigten, kurz betrachten, dann aber länger bei dem Methodiker Goethe verweilen, weil erst hier, wo er sich als Ideen-Architekt bewährt, in die tiefsten Tiefen seiner Auffassung der Natur hineingeleuchtet wird; nur auf diesem Wege kann eine wirkliche Einsicht in Goethe's Bestrebungen und Leistungen als Naturerforscher gewonnen werden.
    Das, was wir im schönsten, oft an das Erhabene grenzenden Sinne „naiv“ nennen dürfen, bildet einen Grundzug seines Wesens und muß daher im Ganzen eher als im Einzelnen aufgesucht werden. Naiv tritt Goethe an die Natur heran, naiv nimmt er das Studium dieses und jenes Zweiges der Wissenschaft auf. „Auf eine kindliche Weise“, sagt Goethe, sei er zu seinen botanischen Ideen gekommen und habe „mit kindlicher, ja beinahe kindischer Sorgfalt ihnen nachgehangen“; über die anatomischen berichtet er ähnlich. Tiefen Einblick gewährt namentlich ein auf die optischen Studien bezügliches Wort: „Eine unschuldige, Schritt vor Schritt sich bewegende Naivität, wie die meinige, spielt vor mir selbst eine wundersame Rolle.“ Namentlich darin bewährt sich Goethe's Naturerforschung als naiv, daß sie zunächst weder philosophische Überlegung noch wissenschaftliche Hypothetik zu Hilfe ruft, sondern einfach an die Natur herantritt, überzeugt, sie werde auf vertrauensvolles Anfragen leicht verständliche Antworten erteilen. Je prétends que les caractères de la Nature sont tous lisibles, heißt es in einem von ihm französisch geschriebenen Briefe; in einem anderen lesen wir: „Wie lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich dir nicht ausdrücken.“ Diese Stimmung nennt er einmal die der „Anfrage an die Natur“. Wie sicher er in jungen Jahren, ehe er die Last der Studien auf sich genommen hatte, sich in dieser „ganz eigenen Art von Forschung“ fühlte, zeigt ein gereimter Brief an seinen vertrauten Merck, wo es heißt:

292 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Goethe's Standpunkt

Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig,
Unverstanden, doch nicht unverständlich.

Am darauffolgenden Tage greift er gleich wieder zur Feder, um es ihm noch einmal zu beteuern:

Ich fühl', ich kenne dich, Natur,
Und so   m u ß   ich dich fassen!

Bei einem Mann von Goethe's Gaben konnte eine derartig naive Stimmung nicht vorherrschend bleiben; doch verschwand sie niemals völlig, vielmehr lebte sie wie eine unzerstörbare Unschuld immer wieder auf: das gehört zu den großen Zügen in Goethe's Persönlichkeit. Heute pflegt man alles in den Gesichtswinkel der Entwickelung zu rücken, ein Standpunkt, der den Nachteil hat, das Bleibende unsichtbar zu machen; und so würde man auch hier die Naivität gewiß als eine erste Stufe auffassen, die vor späterer Aufklärung entwichen sei, eine Deutung indessen, die nicht stimmt, da vielmehr diese Unschuld, dieses Vertrauen ein immerwährender Grundzug des Wesens bleibt, der überall hervorlugt zu nicht geringer Verwirrung der Oberflächlichen, den tiefer Schauenden jedoch als ein Ariadnefaden durch das Labyrinth scheinbarer Widersprüche dient. Hier ist es — in der „kindlichen Weise“ —, wo der Poet in Goethe, wo das „unzweideutige Genie der Natur“ wurzelt. Eine gewaltige Arbeit an wissenschaftlicher Beobachtung und an philosophischer Überlegung häuft sich im Laufe des langen Lebens an, doch den Grund von Goethe's Leistungen auf dem Gebiete der Naturlehre bilden nach wie vor naive Eingebungen. Einmal spricht er von dem „ihm eigentümlichen Hinstarren auf die Natur“ und sagt: „Zu gewissen Stunden wünscht man sich mehr Augen, damit man nur alles recht einnehmen könne“; dieses hinstarrende Auge ist weder Monist noch Dualist, weder Dogmatiker noch Methodiker: es ist ein ebenso großartig naives und mächtig schöpferisches Auge wie das der Mythenbildner der Urzeiten. Gehört also Goethe unstreitig bei seiner Auffassung von „Natur“ zu der Gruppe der Naiven, zu Denjenigen, die (um seine eigenen Worte anzuwenden) „eine gewisse gutmütige, ins Reale verliebte Beschränktheit“ besitzen, so haben wir allen Grund, diesem einen Gesichtspunkt besondere Aufmerksamkeit zu schenken. „Man   m u ß   an die Einfalt, an das Einfache, an das urständig Produktive

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glauben“, spricht der Meister, „wenn man den rechten Weg gewinnen will. Das ist aber nicht Jedem gegeben; wir werden in einem künstlichen Zustande geboren, und es ist durchaus leichter, diesen immer mehr zu bekünsteln als zu dem Einfachen zurückzukehren.“
    Kaum ist es nötig hinzuzufügen, daß Goethe zu den „Freien“ zu zählen ist, die niemals ein Befangen geduldet haben in irgend einem der tausendfachen Gebilde der unfreien Naivität, seien sie frommer, unfrommer oder gemeiner Gattung. Goethe macht aufmerksam, daß manche Lehre, die uns Menschen frei zu lassen scheint und Freiheit sogar auf ihre Fahne schreibt, dafür die Natur selbst in Ketten schlägt; dies verbietet sich der freie Naive; ihm imponiert der wissenschaftliche Dogmatiker ebenso wenig wie jeder andere; die „Rechte der Natur“ will er den maßlos beanspruchten „Menschenrechten“ gegenüber gewahrt wissen: „Nur da, wo die Natur frei ist, wird der Naturforscher frei sein, da, wo man sie mit Menschensatzungen bindet, wird auch er gefesselt werden.“
    Dieser urkräftigen Naivität unbeschadet empfindet Goethe die Anziehungskraft jeder Alleinheitsvorstellung, gleichviel ob sie auf Gott oder auf Natur den Nachdruck lege. Schon in früher Jugend kommt er in Berührung mit der religiösen Schwärmerei. Die engen Beziehungen des Jünglings zu den Herrenhutern und ähnlichen frommen Sekten sind Allen aus Dichtung und Wahrheit bekannt, auch aus den „Bekenntnissen einer schönen Seele“ in Wilhelm Meister; seine eigene Sehnsucht nach Religion zog ihn mächtig in diese Richtung, die Bekenner selbst waren es, deren Wesen ihn abstieß. Von den „frommen Leuten“ schreibt er an die engelsgute Katharina von Klettenberg: „Sie sind so von Herzen langweilig, wenn sie anfangen, daß es meine Lebhaftigkeit nicht aushalten konnte. Lauter Leute von mäßigem Verstande, die mit der ersten Religionsempfindung auch den ersten vernünftigen Gedanken dachten, und nun meinen, das wäre alles, weil sie sonst von nichts wissen.“ Doch kaum war die Frömmigkeit abgeschüttelt, so regte Herder an zur Kenntnisnahme der neoplatonischen Alleinheitslehre, der mittelalterlichen Mystik, der Spekulationen Bruno's und Spinoza's, gipfelnd schließlich in eifrig betriebener Alchymie, so daß man es bewundern muß, wenn Goethe sich die Naivität seines gesunden Realismus trotzdem kräftig erhielt. Auch hier urteile man aber nicht schnell, sondern bedenke

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Goethe's Rat, stets „in die Tiefe zu gehen“ (S. 109). Tut man das, so entdeckt man zweierlei: nämlich, inwiefern Goethe der Alleinheitslehre zugetan ist, inwiefern er sie verwirft. Der kirchlich angehauchten, süßlichen Mystik und dem spekulativen Humbug gestattet er niemals den geringsten Einfluß auf seine Denkart; sorgfältig dagegen bewahrt er die Anregung, die sein Innerstes traf: „Das Wehen des All-liebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält.“ Ebenso wie das naive Kraftbewußtsein hält auch diese Gemütsstimmung bis ans Ende vor. Sagt er doch einmal im Übermut, er sei „zur Identitätsschule geboren“, und nennt das Gefühl, „als seien wir mit der Natur eins“, eine ihm „ursprüngliche Empfindung“, weswegen er alles begrüßt, was geeignet ist, diese Stimmung zu „erhöhen, sichern, und in ein tiefes, ruhiges Anschauen zu verwandeln“. Ich bitte aber, jenen Ausdruck — „als seien wir“ — recht zu beachten; denn hier liegt der kritische Punkt. Im Gegensatz zu den Monisten   g l a u b t   Goethe an das Alleinheitsdogma nicht! Nicht um eine philosophische Überzeugung handelt es sich für ihn, nicht also um eine zu verfechtende, alles aufklärende Weltdeutung, vielmehr lediglich um eine Stimmung des Gemütes, um eine Atmosphäre, die ihn produktiv anregt. In dieser Atmosphäre atmet nun auch seine Erforschung der Natur. Jener oben bezeichnete Haß gegen die „millionfache Empirie“, jene Unfähigkeit, „ein Einzelnes zu zählen“ (S. 267), gehört negativ schon hierher; es handelt sich um eine Beschaffenheit des Geistes, in welcher zugleich eine eingestandene Unzulänglichkeit Zuflucht findet. „Das Einzelne verwirrt“, schreibt Goethe; „desto angenehmer ist's, wenn unser Bestreben, die Gegenstände in einem gewissen Zusammenhange zu sehen, einigermaßen gefördert wird.“ Gerade aus solchen gelegentlichen Äußerungen fühlt man die Ungeduld, die Qual dieses in weitläufige empirische Untersuchungen verstrickten Verstandes und das erlöste Aufatmen, sobald der ertrotzte „Zusammenhang“ ein wirkliches „Sehen“ verheißt. Daher das unablässige Streben, die Erscheinungen auf vereinfachende   E i n h e i t   zurückzuführen: Einheit soll die Idee der Metamorphose in die unübersichtliche Menge der Pflanzengestalten bringen, Einheit die vergleichende Anatomie in den ins Endlose variierenden Knochenbau der Wirbeltiere, Einheit soll in die Geologie durch das Prinzip der Stetigkeit eingeführt werden, Einheit in die konfuse Me-

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teorologie durch die Erkenntnis eines organischen Zusammenhanges zwischen Atmosphäre und Erde, Einheit des Farbenphänomens soll Goethe's Lehre den Menschen verkünden. Das alles hindert aber nicht, daß er unter ausdrücklichem Hinweis auf die Einheitslehre uns warnt vor „dem bequemen Mystizismus, der seine Armut gern in einer respektablen Dunkelheit verbirgt“.
    Auch hier wieder wäre nicht genug getan, hätten wir nur Bedeutung und Wert dieser Stimmung für Goethe's Naturerforschung einsehen gelernt; plastisch wird unsere Einsicht erst, wenn wir sie durch die kräftige Verneinung ergänzen, mit welcher er die eine große Alleinheitsschule allezeit von sich wies. Goethe spottet über „die materiell atomistisch mechanischen Vorstellungen, deren Absurdität sich wechselsweise bekämpft“, über die „Lächerlichkeit“ einer „Empirie, die sich mit der Empirie herumschlägt“, über die Vorstellung: „Eine Welt soll sich zufällig aus schwirrenden Elementen zusammensetzen!“ * Schon in der Jugend, umringt von einer Welt, die dem Materialismus eines Condillac, Holbach usw. zujauchzte, verwirft er mit aller Entschiedenheit deren angebliches Système de la nature, eine Lehre, die „dasjenige, was höher als die Natur, oder als höhere Natur in der Natur erscheint, zur materiellen, schweren, zwar bewegten aber doch richtungs- und gestaltlosen Natur verwandelt, und dadurch recht viel gewonnen zu haben glaubt.“ Der Grund dieser leidenschaftlichen Abwehr liegt auf der Hand: die materialistische Weltanschauung zerstört alle   G e s t a l t u n g;   ebenso wie sie in der Politik mit unabweisbarer Logik zur Anarchie führt (von der Goethe sagt: „Mir ist von Jugend auf Anarchie verdrießlicher gewesen als der Tod selbst“), ebenso führt sie überall im letzten Ende zu Chaos, auch in der Auffassung der Natur. Hiervor schauderte Goethe zurück, und hier wurzelt der Konflikt zwischen ihm und der exakten Wissenschaft, der nie beigelegt werden konnte; denn zwar wird diese, solange sie rein wissenschaftlich verfährt, nie dogmatische, geschweige monistische Schlüsse ziehen, sie ist aber genötigt, ihre gesamte Symbolik den materialistischen Vorstellungen zu entnehmen, weil sie als einzigen Gegenstand den Stoff und als einziges Deutungsgebiet die Bewegung zugewiesen erhielt; weswegen sie sich notwendig einer materialistischen Sprache bedienen muß und ein frommgläubiger Newton sich als Naturforscher nicht anders aus-

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drückt als jeder dogmatische Materialist. So groß war nun Goethe's Abneigung gegen alles, was Gestalt vernichtet, daß er die Berechtigung dieser Sprache nicht zugeben wollte, selbst da nicht, wo doch lediglich eine Methode darin zum Ausdruck kommt. Bewegung, methodisch gedeutet, ist   M e c h a n i k;   Mechanik auf die letzten, nicht mehr wahrnehmbaren, also nur noch gedachten Teile zurückgeführt, ist   A t o m i s t i k.   Diesen beiden widerstrebt daher Goethe's Geist auf das heftigste. Selbst in der Geologie, deren Gebiet vom Kampf und Spiel der Elemente angefüllt ist, gönnt er ihnen ungern Raum und verlangt, „daß man das Atomistische und Mechanische, welches in gewissen Momenten freilich sich wirksam erweist, solange als möglich zurückdränge“; „mechanische Formeln“, sagt er, „behalten immer etwas Rohes“ und sprechen darum „zu dem gemeinen Sinne“. Wie unerträglich ihm vollends derartige Anschauungsmethoden bei der Betrachtung lebender Wesen sein mußten, läßt sich denken; von diesen heißt es daher: „Der Haupt-Begriff, welcher, wie mich dünkt, bei jeder Betrachtung eines lebendigen Wesens zum Grunde liegen muß, von dem man nicht abweichen darf, ist, daß ... n i c h t s   M e c h a n i s c h e s   g l e i c h s a m   v o n   a u ß e n   g e b a u e t   u n d   h e r v o r g e b r a c h t   w e r d e,   obgleich Teile nach außen zu wirken und von außen Bestimmung annehmen.“
    Wir gelangen zum dritten und letzten Standpunkt Goethe's, zu demjenigen des wissenschaftlichen Methodikers.
    Wie hoch Goethe den Wert der wissenschaftlichen Methodik schätzte, kann aus manchen Aussprüchen belegt werden. So schreibt er über „seine Art, die Naturgegenstände zu behandeln“: „Es ist hier die Rede nicht von einer durchzusetzenden Meinung, sondern von einer mitzuteilenden   M e t h o d e“;   und selbst von seinem Schmerzenskinde, der Farbenlehre, heißt es: „Es freut mich gar sehr, daß Sie meine Farbenlehre hauptsächlich um der   M e t h o d e   willen studieren; denn ich leugne nicht, daß mich diese Arbeit zuletzt mehr wegen der Form als wegen des Gehalts interessierte.“ Freilich Goethe's Methode ist eine andere als die unserer exakten Wissenschaft; es ist nicht die mathematisch-mechanische, sondern die architektonische; aber es ist Methode, und zwar eine in exakter Empirie fußende Methode: dies ist das Entscheidende. Grundlage aller Methodik ist nun das einsichtsvolle Sondern, d. h. die klare Erkenntnis

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fundamentaler Unterschiede; wo dieses Sondern die Erforschung des Menschen und seiner Welt betrifft, wird wissenschaftliche Methodik immer wieder — sei es historisch, sei es aus eigener Erwägung — bei Anaxagoras anknüpfen und zwischen „Geist“ und „Natur“ unterscheiden; dadurch angeregt wird sie aber auf eine weitere Reihe von Unterscheidungen aufmerksam, die Goethe — weil sie sich vor dem Geübten überall auftun — als „Dualismus der Natur“ bezeichnet. Einmal auf diesem Geleise, kommt man immer weiter hinweg von der mystischen Alleinheit, und so gelangt auch Goethe dazu, Mensch und Natur einander als wesensfremd entgegenzustellen:

Und wer durch alle die Elemente,
Feuer, Luft, Wasser und Erde rennte,
Der wird zuletzt sich überzeugen,
Er sei kein Wesen ihres Gleichen.

    Für Goethe's methodische Erforschung der Natur erweisen sich nun namentlich zwei jener dualistischen Unterscheidungen als von ausschlaggebender Bedeutung: die erste ist die zwischen Objekt und Subjekt, die zweite die zwischen Erfahrung und Idee. Jeder Forscher ist gezwungen, sie bewußt oder unbewußt anzuerkennen; denn sein Forschen nötigt ihn, immer von neuem den kritischen Punkt zu betreten. Wer hier ohne philosophische Überlegung handelt, gerät in einen Sumpf, aus welchem einzig das Dogma errettet; doch auch dieses nur in der selben Art, wie es dem Herrn von Münchhausen gelang, sich und sein Pferd an dem eigenen Zopfe herauszuziehen. Wogegen Goethe, weit entfernt, diese Diagnose als spitzfindig geringzuschätzen, ihr entscheidende Bedeutung beilegt. Er, der angebliche Nicht-Philosoph, bezeichnet „die Region, wo Metaphysik und Naturwissenschaft übereinandergreifen“, als diejenige, „wo der ernste treue Forscher am liebsten verweilt“, und meint: „Man kann in der Naturwissenschaft über manche Probleme nicht gehörig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Hilfe ruft.“ Wie wollen wir seine Naturwissenschaft verstehen, wenn wir die Region vermeiden, wo er selber am liebsten verweilte, und die Metaphysik grundsätzlich außeracht lassen, ohne die man überhaupt nicht gehörig sprechen kann? Goethe's    N a c h d e n k e n   über die Natur findet den Mittelpunkt in der bewußten Gegenüberstellung von Objekt und Subjekt, sein   E r-

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s c h a f f e n   im Dienste der „Welt des Auges“ in der nicht immer bewußten, doch nicht minder tatsächlichen Gegenüberstellung von Erfahrung und Idee. Die eine Gegenüberstellung kommt nämlich besonders bei der Aufnahme von Eindrücken, die andere bei dem Neugestalten des Empfangenen in Betracht. Wer hierüber bis zur Klarheit durchdringt, erreicht schließlich den Punkt, wo sich mit aller Genauigkeit aufzeigen läßt, was Goethe's architektonische Methode mit der mathematischen Methode der exakten Wissenschaft gemein hat und was die beiden voneinander scheidet. Reden wir zuerst von der einen, dann von der anderen Gegenüberstellung.
    Weil unsere Wissenschaft der Natur den selbständigen Kombinationen des Subjektes mißtraut, predigt sie Beobachtung des Objekts: so weit geht Goethe mit; er erkennt „die Disproportion unseres Verstandes zu der Natur der Dinge“ und „nimmt sich in Acht, sich und seinesgleichen an die Stelle des zu Erforschenden zu setzen“. Nun aber geschieht, was uns Menschen überall zu geschehen pflegt: die starre Konsequenz führt unsere Wissenschaft zum Gegenteil des ursprünglich Bezweckten. In der Sorge, alles Subjektive zu entfernen, bemüht sie sich, das Sinnenzeugnis nach Tunlichkeit auf ein Mindestmaß zurückzuführen; infolgedessen wird sie — die doch ursprünglich darauf ausging, das Konkrete zu erforschen — mit jedem Tage abstrakter, unfaßlicher. Dies ist die unentrinnbare Folge ihrer einseitigen Betonung des Objektes. Indem ich nun für Weiteres auf den ersten Abschnitt dieses Kapitels zurückverweise (S. 258 ff.), will ich eine dort nur bruchstückweise gebrachte Äußerung Goethe's hier ungekürzt mitteilen; sie zeigt uns genau, wie er über diesen Mißstand dachte: „Die Wissenschaft, anstatt sich in die Mitte zu stellen zwischen Natur und Subjekt, geht darauf aus, sich an die Stelle der Natur zu setzen und wird nach und nach so unbegreiflich als diese selbst.“ Diese Worte können als Leitfaden dienen zur klaren Entwirrung von Goethe's Auffassung des Verhältnisses zwischen Objekt und Subjekt bei seiner Naturerforschung; denn sie sagen uns genau: erstens, was Goethe an der Wissenschaft aussetzt — ihre Unbegreiflichkeit; zweitens, woher er diesen Fehler ableitet — aus dem fehlerhaften Standpunkt; drittens, was er selber dagegen beabsichtigt — einen anderen Standpunkt einzunehmen, nämlich, sich genau in die Mitte zu stellen zwischen Objekt und Subjekt. Wer diese drei Dinge

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— die Kritik, die Analyse, das Vorhaben — so versteht, wie Goethe sie meinte, weiß Bescheid.
    Um genau zu verstehen, wohin Goethe's Vorwurf gegen die exakte Wissenschaft zielt, lese man an jener Stelle über die Unbegreiflichkeit der exakten Wissenschaft den unmittelbar anschließenden Satz: „Will nun der unbewußte Mensch hier sich in Worten aussprechen, so haben wir den traurigen Mystizismus, der das Labyrinth verwirrt.“ Indem also Goethe die Unbegreiflichkeit der Wissenschaft tadelt, welche daraus entsteht, daß sie sich ins Objekt verliert, warnt er zugleich vor der Gefahr, uns etwa — im Gefolge einer Gegenwirkung — ins Subjekt zu verlieren und dadurch der ebenso traurigen Mystik in die Arme zu fallen. Ja, mehr noch als das; die objektive Wissenschaft ist für diese zweite Verwirrung verantwortlich! Sie ist es — darauf macht uns Goethe hier aufmerksam — deren Unbegreiflichkeit die Menschen in den „traurigen Mystizismus“ mit Gewalt hineintreibt. Die Wissenschaft wollte Aufklärung bringen und zeugt nun Obskurantismus. Das ist ein Urteil, dessen Richtigkeit heute dem besonnen Beobachtenden offenliegt. Wir leben in einer Zeit des geistigen Verfalles: kirchlicher Aberglaube rohester Art, den man, als Goethe jene prophetischen Worte sprach, ausgerottet glaubte auf ewig, schießt wieder auf allen Seiten üppig empor bis in die Kreise der Hochgebildeten; die Naturphilosophie — jene Mißgeburt, die um Goethe herum grassiert hatte, die aber seitdem unter der Geringschätzung aller denkenden Menschen entschwunden war — treibt von neuem ihr Unwesen; der naiv dumme, angeblich „wissenschaftliche“ materialistische Evolutionismus hat die Arbeiterklassen und die Mehrzahl der Halbgebildeten (unter die ein großer Prozentsatz der in den Naturwissenschaften Tätigen mitzurechnen ist) derart durchseucht, daß diese nach Millionen Zählenden jede Fähigkeit, einen wirklichen Gedanken nachzudenken, verloren haben; unter den Gebildeteren oder Denkfähigeren aber breitet sich immer mehr die mystische Alleinheitslehre in allerhand spiritualistischen und materialistischen Abarten aus und beginnt sogar von dort aus die Wissenschaft zu verseuchen; voran schreitet der kleine, aber wachsende Haufe der Theosophen. Die Schuld an diesem Verfall trägt unsere angeblich „siegreiche“ Wissenschaft. Sobald nämlich Wissenschaft auch für den denkfähigen, gebildeten Laien „unbegreif-

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lich“ geworden ist, sobald sie, wie Goethe des öfteren hervorhebt, nur noch eine „Technik“ für Spezialforscher darstellt, die dem einen Zweige — um sich darin auszukennen — ihr ganzes Leben widmen müssen, da hat sie jeden geistbildenden und geistrichtenden Wert verloren. Wir sehen wohl Ergebnisse, insofern diese und jene wissenschaftliche Entdeckung technische Bedeutung erlangt und industriell ausgebeutet wird, doch auf welche Weise das zugeht, weiß einzig der betreffende Techniker; denn es handelt sich um ein Unmitteilbares; vom hohen Katheder aus werden freilich „populäre“ Schriften verbreitet, in denen staunenden „Laien“ gleich alten Kindern angebliche Errungenschaften der gelehrten Forschung zum Angaffen hingehalten werden, zugleich als Anregung zu einer demutsvollen und gläubigen Bewunderung der Herren Fachwissenschaftler, die „es zuletzt so herrlich weit gebracht“; doch der Geist geht leer aus oder hat im besten Falle sein Gedächtnis noch weiter belastet. Diese Sachlage hängt nun mit der erwähnten wachsenden   A b s t r a k t i o n   in dem Verfahren der Wissenschaft zusammen; das eine folgt aus dem anderen, die Unbegreiflichkeit aus der einseitigen Objektivität. In einem kürzlich aus den Vereinigten Staaten von zuständigster Seite hervorgegangenen Plan zur methodischen internationalen Organisierung aller astronomischen Studien wird nicht nur die vollkommene Trennung der verschiedenen Beobachtungszweige der Sternkunde in besonderen Observatorien befürwortet, so daß dann jeder Gelehrte — wie der Uhrfabrikarbeiter von seinem besonderen Rädchen — sein ganzes Leben lang nur von einer Gattung von Phänomenen Kenntnis erlangen wird, sondern es ist ein größeres Zentralinstitut vorgesehen, in welchem Hunderte von fachmännisch erzogenen Kräften einzig der Berechnung sich widmen sollen und aus welchem sorglich jeder Beobachtungsapparat verbannt bleibt, damit die Versuchung, die Dinge zu sehen, nicht aufkomme; eine „Sternwarte“ für blinde Forscher! Und man werfe nicht ein, die Wissenschaften des Lebens gingen andere Wege. Leben ist — sobald es rein mechanisch gedeutet werden soll — Physik und Chemie, Physik und Chemie sind aber Mechanik; auch hier steht als Ideal am Ende der Bahn die mathematische Formel: ein leerer Raum und darin die Bewegung von abstrakten Punkten; denn nach der heutigen Mechanik ist das „Uratom“ unstofflich, und

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daher auch ausdehnungslos und unteilbar. Und gerade bei den Lebensproblemen pflegt dann urplötzlich die Unbegreiflichkeit in eine Überbegreiflichkeit umzuschlagen, in eine Weltdeutung, die ich als Aftermystik bezeichnen möchte. In der   R e v u e   d e s   I d é e s   vom 15. Oktober 1909, S. 272, widmet einer der zuhöchst anerkannten Physiologen und experimentellen Biologen der Gegenwart eine zusammenfassende Studie den „Tropismen“ (d. h. den physikalisch verursachten Bewegungen lebender Wesen), wobei er die Auffassung vertritt, daß, wenn ein Mann sein Leben für ein Ideal aufopfert — für Vaterland, Glauben, Ehre — hier lediglich „eine chemische Reaktion“ zu Grunde liege; diese Reaktion betrachtet der Gelehrte als eine Krankheitserscheinung, hervorgebracht durch vermehrte Reizbarkeit gewisser Gewebe; infolge der schädlichen Reaktion wird der von dieser Erkrankung befallene Mensch zum Sklaven eines Wahnes und geht in den Tod. Hinkünftig wird ohne Zweifel (dies füge ich hinzu) eine geeignete Serum-Einspritzung die an dieser Krankheit leidenden Männer kurieren. Das ist kein Spaß; vielmehr ist es der notwendige und unentrinnbare Zielpunkt der exakten Wissenschaft des Lebens. Ich gebe Herrn Professor Jacques Loeb tausendmal recht; die Wissenschaft kann und darf nicht anders denken; nur gebe ich Goethe nicht minder recht, wenn er dergleichen als „chemische Philistergesetze“ an den Platz hinstellt, wohin es gehört, und ausruft: „Jeder Freund der Naturlehre hat stündlich zu rufen und zu seufzen: wer errettet mich aus dem Leibe dieses Todes!“ Es wäre an der Zeit, daß wir Anderen — wir Gesamtheit der strebenden, hoffenden, denkenden, leidenden Menschheit — aus dem hypnotischen Schlafe erwachten, der uns in einem schlimmeren Wahne willenlos befangen hält als derjenige, für eine bloße Idee sein Leben hinzugeben, in dem Wahne, die exakte, mathematische, „philisterhafte“ Wissenschaft der Natur befördere Kultur, während sie diese in Wirklichkeit notwendig zerstört; notwendig nämlich, sobald sie in ihrer heutigen Suprematie herrscht, anstatt bloß in ihrer bestimmt beschränkten Geltung als ausgezeichnetes, untergeordnetes Glied einem gesetzgebenden Ganzen zu dienen, das nach höheren Prinzipien organisiert ist, als die Wissenschaft sie zu geben vermag. Diese lehrt heute, um nur aus ihrer Unbegreiflichkeit ein begreifbares Ergebnis aufzuweisen, der Menschengeist sei ein zufälliges, vorübergehendes Erzeugnis der Natur, hervorgegangen

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aus dem Kampf ums Leben, wie irgend ein Elephantenrüssel oder Ichthyosaurusschwanz, nur sekundär und künstlich nutzlos dein Denken und Dichten zugewendet, da die Wesen, denen Verstand auf einige Tage verliehen ist, in Wirklichkeit nicht mehr Freiheit, nicht mehr Sittlichkeit, nicht mehr Genie besitzen als jeder aus einem Vulkan ausgespiene Stein. Über die angebliche Beschränktheit der Alten pflegen wir zu lächeln; vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, wo das, was heute Vielen als „wissenschaftliche Weltanschauung“ gilt, unter dem empörten Lachen aller denkfähigen Menschen auf immer verschwindet. Was Goethe behauptet, ist, daß Mystizismus und Aftermystizismus, beide, aus der Unbegreiflichkeit der Wissenschaft notwendig entsprießen.
    Jetzt, wo wir den Vorwurf kennen, den Goethe gegen unsere Wissenschaft erhebt, wollen wir sehen, wie er es erklärt, daß ein richtiger Gedanke zu so verhängnisvoller Ausartung führen konnte.
    Methode muß sein, sonst gibt es keine Wissenschaft; und Methode ist Unterscheidung; ward aber erst unterschieden, bin ich mir bewußt geworden, daß Objekt und Subjekt einander gegenüberstehen und sich nie genau decken können: dann hängt der weitere Verlauf bis in fernste Zeiten — und mit ihm vielleicht die ganze Zukunft der Geisteskultur — von einer kleinen Verschiebung des Standpunktes ab, der mir zum Ausgang dient, einer Verschiebung, die im Anfange so klein ist, daß der Ungeübte sie kaum gewahr wird und an überflüssige Haarspalterei glaubt. Der Hellene neigte dazu, das Hauptgewicht auf das Subjekt zu legen, und es entstanden infolgedessen Strukturen, deren Lebensfähigkeit unvertilgbar ist; noch heute wäre unsere exakte Wissenschaft ohne Anaxagoras, Plato, Aristoteles, Demokrit nicht zu denken. Denn ohne die Vorstellungen Art und Gattung, Erfahrung, Begriff, Idee, Wirklichkeit, Möglichkeit, Energie, Stoff, Geist, ohne die Symbole Element, Atom, Äther usw. vermöchte sie keinen Schritt zu machen. Das alles sind nicht „Dinge“, auch nicht Gedanken, die sich einem Jeden von selbst aufdrängen, sondern sind menschliche Erfindungen, sind Erzeugnisse des geübten, geschulten, methodisch und zugleich kühn auferbauenden Ideenarchitekten. Und so hat in der Tat die hellenische Methode, mochte sie auch vielfach Phantastisches und Unzulängliches gebären, die ganze   S p r a c h e   erschaffen, die unsere Wissenschaft

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heute noch spricht, die Sprache, heißt das, nicht allein der Gedanken und Worte, sondern auch die Sprache der Vorstellungen, in denen selbst unsere rabiatesten Materialisten leben. Plato nennt dies: „in der Seele erzeugen“; wir alle zehren täglich an diesen Gebilden genialster Schöpferkraft. Nun kam der Germane, und als er nach etlichen Jahrhunderten Ruhe dazu fand, die Natur ernstlich ins Auge zu fassen, war das erste, was er tat, den Schwerpunkt der Fragestellung zu verschieben, nämlich vom Subjekt hinweg aufs Objekt zu. Es war die Tat großer Geister, welche sofort sahen, was der Grieche   n i c h t   geleistet hatte, noch auf seinem Wege jemals hätte leisten können: ein Roger Bacon ging voran, Descartes, Pascal, Galilei, Locke folgten, die Übertreibung bis zur Karikatur brachte Francis Bacon, „das Haupt aller Philister, und darum ihnen so auch zu Rechte“, soll Goethe gesagt haben. Hatte Plato „sich mit heiliger Scheu der Natur genähert“, jetzt war es hiermit vorbei; ohne Scheu, aber auch ohne Furcht und ohne Falsch ward bis in die Eingeweide der Natur gegriffen. Das Programm war fortan in jedem Punkte ein anderes; es hieß: nicht bauen, sondern beobachten, nicht Systeme aufstellen, sondern sammeln, nicht erfinden, sondern experimentieren, nicht Ideen des Geistes suchen, sondern technische Ideen (d. h. Instrumente) zusammenstellen. Was diese Methode gefruchtet hat, wissen wir; Goethe wußte es auch. Über die Unzulänglichkeiten der hellenischen Methode urteilte er, wie nur irgend ein philosophisch gebildeter Naturforscher es tut; die Art, wie die Griechen aus einigen „zerstreuten Fällen, aus der gemeinen Empirie aufgegriffen“, sogleich ins „Räsonnement“ übergehen und nun Begriffe auf Begriffe türmen, ohne irgend eine ausreichende Kenntnis der Tatsachen zu besitzen, ihr gänzlicher Mangel an Beanlagung zum Experiment (vgl. S. 285): alles das war ihm genau bekannt; fordert er doch selber im Gegensatz hierzu die „ausführliche Kenntnis des Einzelnen“ und daß „der Forscher nicht ablasse, alle Seiten und Modifikationen einer einzigen Erfahrung, eines einzigen Versuches nach aller Möglichkeit durchzuforschen und durchzuarbeiten.“ Über die hellenischen Naturforscher schreibt er: sie „finden sich in einer Art von Zirkel und jagen das Unerklärliche immer vor sich her im Kreise herum.“ Hier wie auf allen Gebieten entdecken wir in Goethe, sobald wir genauer hinsehen, den entschiedenen   N i c h t g r i e c h e n

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und den ausgesprochenen   G e r m a n e n.   Wunderbar ist aber, daß, während andere Männer nur durch Einseitigkeit Großes leisten und ein Descartes es gewiß nicht vermocht hätte, uns loszureißen von der tödlich erstarrten aristotelischen Dogmatik, wenn ihm nicht eine blinde Verkennung der wissenschaftlichen Leistungen des hellenischen Altertums eigen gewesen wäre, Goethe's Auge fast göttlich gerecht auf Erscheinungen ruht, die aus entgegengesetzten Prinzipien hervorgingen. So erblickt er nicht allein die Unzulänglichkeiten der hellenischen, sondern auch die Unzulänglichkeiten der germanischen Methode. Haarscharf genau — wie bei ihm üblich — bezeichnet er den schwachen Punkt: sobald der Mensch die Gegenstände nicht in Bezug auf sich, Mensch, sondern rein objektiv und in ihren Verhältnissen untereinander zu beobachten strebt,   „v e r m i ß t   e r   b a l d   d e n   M a ß s t a b,   d e r   i h m   z u   H i l f e   k a m.“   Der Maßstab ist verloren, der Maßstab des rein Menschlichen, „die ganz natürliche Art die Sachen anzusehen und zu beurteilen“, der einzige allgemein verständliche, allgemein gültige Maßstab; dadurch ist zugleich alle Gestalt verloren. * Unsere durch die exakte Wissenschaft beeinflußte Weltanschauung irrt im Ungeheuren herum: im ungeheuer Großen, im ungeheuer Kleinen, im ungeheuer Verwickelten; Zahlen, bei denen Keiner sich etwas vorzustellen vermag, weil sie kein Verhältnis zu dem Maßstab unseres eigenen Wesens und Daseins, zu den uns Menschen angewiesenen Tagen und Jahren besitzen, häufen sich um uns und sollen Eindruck auf uns machen. Hierbei üben die sonst aller Bewunderung würdigen Instrumente — Teleskop, Mikroskop usw. — „wodurch wir unseren Sinnen zu Hilfe kommen, keine sittlich günstige Wirkung auf den Menschen aus ... der äußere Sinn wird dadurch mit der inneren Urteilsfähigkeit außer Gleichgewicht gesetzt.“ Inzwischen hat — Hand in Hand mit dieser widernatürlichen Erweiterung des Horizontes — das Subjekt nach und nach immer mehr an Bedeutung verloren: erst ward es äußerlich immer nichtiger und nichtiger; der Mensch ward ein Wurm auf einem obskuren Wandelsterne, welcher durch die Finsternis des Weltenraumes ziellos dahinrast; dann ward der Stern selber immer kleiner, bis er jetzt mit dem Atom in dem Molekül eines chemischen Körpers verglichen wird, denn zwischen solchen Atomen sollen ähnliche Verhältnisse obwalten wie zwischen den Gliedern

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eines Sonnensystems. „Und so werden wir um das Hohe gebracht, was wir genießen können, um die Einheit, die uns in vollem Maße zur Mitempfindung des Unendlichen erhebt, wogegen wir bei vermehrter Kenntnis immer kleiner werden.“ Doch wozu auch nach „Hohem“ verlangen? Denn auf die äußere Vernichtung war mit Notwendigkeit die innerliche Vernichtung gefolgt: die chemische Gewebeserkrankung, welche einen Narren treibt, fürs Vaterland zu sterben, kann doch für sich keine höhere Würde beanspruchen als die gesunde Blutzusammensetzung, welche dem Schelm eingibt, fein zu Hause zu bleiben; es sind halt zwei Tatsachen; als solche sind sie in letzter Instanz auf Zahlen zurückzuführen, und wenn E die bei der Geburt potentiell vorhandene Gesamtenergie der betreffenden Menschenmade bezeichnet, V die als Vaterlandsliebe bekannte Krankheitsdisposition, M den Mut, W den „Wahn-Koeffizienten“, r den Willensfaktor aus ererbter Rassentüchtigkeit, μ die seit der Geburt durch Laster usw. angehäufte Menge der Schwächungskeime, so dürfte die Gleichung für die wahrscheinliche Lebensdauer (L) etwa lauten:
E - V
M + ½W
——————
√r + μ³
= L;
womit die Sache erledigt ist. Vor dem Sturz in diesen Höllenschlund will uns Goethe retten; er tut es, indem er uns wieder auf den Maßstab — den verlorenen Maßstab — des dem Menschen Angemessenen aufmerksam macht. *
    So wissen wir nunmehr, erstens,   w a s   Goethe tadelt, zweitens,   w o r a u s   er den Fehler herleitet: nämlich, aus der Tatsache, daß das Subjekt mit seinen Forderungen und Rechten, vor allem mit der einzigen Würde seiner grenzenden Gestalt dem chaotischen, uferlosen Objekt unentrinnbar verfiel. Jetzt wollen wir sehen, wie Goethe selber vorzugehen gedenkt, um das Unzulängliche durch ein Kulturförderndes zu ergänzen.
    Hierzu erfindet er eine neue Lösung des Problems Objekt-Subjekt und somit, wohlbetrachtet,   e i n e   n e u e   A u f f a s s u n g   v o n   „N a t u r“.   Eine kleine Verschiebung des Standpunktes genügt. Weder ins Subjekt, wie der Hellene, noch ins Objekt, wie der Germane, verirrt er sich, sondern genau mitteninne zwischen Objekt und Subjekt, da nimmt er Stellung, von dort aus erblickt er die Natur. Dies wenigstens ist sein Ziel und begründet die Originalität seines

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Versuches. Er ist sich der zuerst instinktiv befolgten Methode nach und nach vollkommen bewußt geworden: „Das Subjekt in genauer Erwägung seiner auffassenden und erkennenden Organe, das Objekt als ein allenfalls Erkennbares gegenüber, die Erscheinung ... in der Mitte; wodurch denn   e i n e   g a n z   e i g e n e   A r t   v o n   F o r s c h u n g   bereitet wurde.“ Mögen auch fernerhin einzelne schöpferisch-intuitive Geister sich mit aller Wucht auf das vorwiegend Subjektive werfen, während nach wie vor Tausende von fleißigen Arbeitern sich dem Dienste des einseitig Objektiven widmen: das kann nur förderlich sein; wir Menschheit aber, wir Wesen, deren Organe alle zusammen erst „die himmlischen und irdischen Dinge zu erfassen vermögen“, wir, denen Goethe angehören wollte und denen er sich mit aller Leidenschaft widmete, wir sollen auf der Hut sein, sowohl vor einer fast nur subjektiv gedachten Naturerkenntnis, die immer wieder, wie ehedem, entweder in den rein logischen Dogmatismus der aristotelischen Kirchenscholastik oder in die verschwommene Mystik des Neoplatonismus umschlagen wird, wie auch auf der Hut vor dem Wahn des objektiven Wissens, des Wissens um Millionen von Tatsachen, deren fressender Schwarm zuletzt das Tageslicht löscht, bis schließlich mitten in diesem vorgeblichen Siegeslauf des Menschen eine Nacht der allgemeinen, starrkrampfartigen Unwissenheit und Urteilslosigkeit anbricht, da das eigentliche Wissen nur Eingeweihten zugänglich ist und selbst für diese immer fragmentarischer und inhaltsleerer wird. Die Kirche, mochte auch ihre angebliche Allwissenheit armselig beschaffen sein, pflegte ein großes Erbe, spendete Millionen Leitung, Kraft, Trost, Freude; die neue Kirche, die neue Scholastik, das neue Heer unduldsamer Pfaffen und Aftermystiker spendet ... Tatsachen und Maschinen. La peste de l'homme, c'est l'opinion de savoir, sagt der freie, kluge Montaigne. Goethe versuchte zwischen Scylla und Charybdis zu steuern, beide Gefahren im Auge, beiden ausweichend.
    Als den seiner Auffassung von „Natur“ angemessensten Standpunkt erwählt er, wie gesagt, denjenigen genau mitteninne zwischen Subjekt und Objekt. Da nun aber die Kenntnis des Objektes in den letzten drei Jahrhunderten enorme Fortschritte gemacht hat, wogegen die Kultur des Subjektes brachliegt, so verstehen wir, daß er trotz des erwählten mittleren Standpunktes als Erstes betonen

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mußte: „Jetzt kommt es besonders auf Ausbildung des Subjektes an.“ Nicht handelt es sich hierbei um ein Bekenntnis zu Subjektivismus oder zu Naturphilosophie, Spiritualismus, Monismus und wie die Ismen alle heißen; vielmehr liegt die Sache genau umgekehrt: weil das angeblich rein objektive Sehen, welches heute dominiert, in Wirklichkeit ein rohes, unkritisches Sehen ist und diesem Übelstande einzig durch bewußte Ausbildung des Subjektes, durch grundsätzliche „Durcharbeitung des armen Ichs“ gesteuert werden kann, darum kommt es ihm vor allem auf diese Ausbildung, auf diese Durcharbeitung an.
    Unser objektives Sehen — heute so hoch gepriesen — ist in Wirklichkeit, solange es unergänzt bleibt, ein mangelhaftes Sehen. Warum? Goethe gibt die Antwort: „Ohne mit   A u g e n   d e s   G e i s t e s   zu sehen, tasten wir, wie überall, so besonders auch in der Naturforschung blind umher.“ Dieser Ausdruck, „mit den Augen des Geistes sehen“, kehrt bei Goethe häufig wieder, nicht aber, wie bei Bruno und Berkeley, um anzudeuten, die Augen des Leibes besäßen geringere Würde, sondern weil nach seiner Ansicht weder die Augen des Leibes noch die Augen des Geistes   a l l e i n   richtig und treu sehen: die einen sehen dann „gemein“, die anderen „phantastisch“, und das nennt er beides „blind“. Man vergesse doch nicht, daß es ein rein objektives Sehen in Wirklichkeit gar nicht gibt; der Menschengeist, wie Goethe sagt, „nimmt nichts auf, ohne sich's durch eigene Zutat anzueignen“. Darum heißt es von seiner Farbenlehre im Gegensatz zu derjenigen der exakten Wissenschaft: „Hier werden nicht Redensarten überliefert, die man hundertmal wiederholen kann, ohne etwas dabei zu denken, noch jemanden etwas dadurch denken zu machen; sondern es ist von   E r s c h e i n u n g e n   die Rede, die man   v o r   d e n   A u g e n   d e s   L e i b e s   u n d   d e s   G e i s t e s   gegenwärtig haben muß, um ihre Abkunft, ihre Herleitung sich und Anderen mit Klarheit entwickeln zu können.“ Das erst ist wirkliches Sehen, wenn beide — die Augen des Leibes und die Augen des Geistes — sehen, mit anderen Worten: wo das Objekt dem Subjekt und das Subjekt dem Objekt sich genau angepaßt hat. Allerdings gibt es ein Feld, wo das Auge des Leibes vorwiegend oder allein tätig ist, nicht minder kommt es aber auf Schritt und Tritt vor, daß tatsächlich konkrete Gestaltsverhältnisse „unserem Auge entrückt und nur

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dem Verstande sichtbar bleiben“, welcher dann durch die Aneinanderreihung dessen, was das Auge des Leibes und dessen, was das andere Auge erblickt, „den geistigen Punkt der Vergleichung“ für die ganze Reihe des leiblich und geistig Erblickten entdeckt. So z. B. „sehen wir in geistiger Anschauung“, daß „die fünf Finger bei dem Pferde in einen Huf geschlossen sind“ (auch wenn keine monströsen Gebilde uns davon überzeugten). Es gilt, ohne daß dadurch der Empirie irgendeine Gewalt angetan wird, die Einsicht zu gewinnen, daß Francis Bacon in einem Irrtum befangen war, als er das Innere leugnete; wohl gibt es ein Inneres, ein höchst wichtiges, ein ganz unentbehrliches Inneres, welches nicht etwa „das Abstrakte“, vielmehr „das   U r l e b e n d i g e“   ist. An Einen, der mit einer mechanischen Erklärung — wie sie die Augen des Leibes eingeben — „geschwind“ alles abgetan zu haben wähnte, schreibt Goethe mahnend: „Die Art zu sein der Dinge ist auf eine unglaubliche und geheimnisvolle Weise bestimmt und umschrieben“. Wie bereits Roger Bacon erkannt hatte: „Die Natur verbirgt dem bloß sinnlichen Menschen Vieles.“ In den eigentlichen „Geist der Natur“ (wenn der paradoxe Ausdruck gestattet wird) dringt einzig der Geist, das heißt also das Subjekt. Noch sehr jung an Jahren, in Straßburg, hatte Goethe es schon gewußt: „Der Leichnam ist nicht das ganze Tier; es gehört noch etwas dazu, noch ein Hauptstück ... ein sehr hauptsächliches Hauptstück: das Leben, der Geist, der alles schön macht.“ Leben, Geist, Schönheit! Wer soll diese zu unserer Erkenntnis der geheimnisvollen Natur beisteuern, wenn nicht das Subjekt, belehrt durch das, was die Augen des Geistes ihm aufzeigen? Wer von Atomen allein ausgeht, findet am letzten Ende auch nur Atome; denn stets bestimmt der Ausgangspunkt den Endpunkt; er wird darum das Leben der Natur, den Geist der Natur, die Schönheit der Natur, das Geheimnisvolle der Natur nicht finden; wie erfolgreich sein Werk auch sei, es ist und bleibt Stückwerk. Wogegen Goethe ein Ganzes zu erreichen sich vornimmt, indem er das Subjekt vom Objekt aus bestimmt, das Objekt aber vom Subjekt aus betrachtet.
    Ich hoffe, der Leser hat sich nicht durch die ihm vielleicht wenig geläufige Art dieser Untersuchung abschrecken lassen; ganz zu vermeiden war die Abstraktion nicht, doch tat ich mein Bestes aufzuzeigen, wie durchaus gegenständlich und praktisch alle diese Dinge

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bei Goethe gedacht sind. Wer nicht die Geduld besitzt, den grundsätzlichen Standpunkt eingehend zu analysieren, wird niemals befähigt sein, Goethe's Leistungen auf diesem Gebiete unabhängig zu beurteilen und zu würdigen; sobald ausführliche Genauigkeit des Verständnisses fehlt, herrscht das Vorurteil oder die Phrase, zwei Dinge, die man im Umgang mit Goethe verabscheuen lernt.
    Besitzen wir nun vollkommen klare Vorstellungen über Goethe's Verhalten gegen Objekt und Subjekt und treten näher heran, um das dem unzweideutigen Genie der Natur entgegendringende Genie an der Arbeit zu betrachten, sofort finden wir uns vor einem zweiten allgemeinen Problem, an dem wir ebenfalls nicht ohne Erörterung vorübereilen dürfen, da wir sonst bei jedem einzelnen Naturgebiet, dem Goethe seine forschende Aufmerksamkeit schenkt, auf stets neue, unerwartete Weise stutzig werden müßten. Es handelt sich um die Entgegensetzung von Erfahrung und Idee. Im Grunde genommen herrscht strikter Parallelismus mit dem Problem Objekt-Subjekt; ohne Anaxagoras und die Methode der   D i a i r e s i s   oder „Inzweitrennung“ (wie sie Plato nannte) wäre von einem Problem hier wie dort nicht die Rede; der naive Mensch unterscheidet weder zwischen Natur und sich selbst, noch zwischen Objekt und Subjekt; und was die Ideen betrifft, so bildet er sie zwar — täte er es nicht, er wäre unfähig, etwas zu „erfahren“ — doch findet das bei ihm instinktiv, unbewußt statt. Ein solcher naiver Mensch war auch Goethe einstens. In seinem schöpferischen Gemüte entstand z. B. aus schnell sich vermannigfaltigenden Erfahrungen die Idee einer „Urpflanze“ (vergl. S. 103), und dann ging er in den Wald hinaus und suchte sie; kein Kind könnte naiver sein; daß Erfahrung und Idee zweierlei sei, ahnte er zu jener Zeit nicht. „Ich suchte damals die Urpflanze, bewußtlos, daß ich die   I d e e,   den Begriff suchte, wonach wir sie uns ausbilden könnten“; das gesteht später Goethe selber. Derjenige Leser aber, der über diese Dinge noch nicht nachgedacht hat, möge daraus entnehmen, wie wichtig eine derartige Überlegung für Jeden ist; über den von Genie Besessenen wacht ein guter Engel, der ihn auch bewußtlos Großes finden und erfinden läßt; dagegen ein gewöhnlicher Mensch „bewußtlos“ nur widerspruchsvolle, verwirrte Vorstellungen findet, weiter nichts. Schiller war es, der in dem berühmten Abendgespräch vom 14. Juli 1794 Goethe auf die Unerläß-

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lichkeit einer klaren Unterscheidung zwischen Erfahrung und Idee aufmerksam machte; fortan, bis an seinen Tod, also nahe an vierzig Jahre, hat dieses Problem Goethe's Denken ununterbrochen beschäftigt; immer von neuem kehrte er zu seinem erkorenen Meister, Immanuel Kant, zurück, um in dessen   K r i t i k   d e r   r e i n e n   V e r n u n f t   und   K r i t i k   d e r   U r t e i l s k r a f t   sich tiefere Aufklärung zu holen; im Laufe langer Jahre hat er so viel darüber geschrieben und gesprochen, daß die ausführliche Darlegung eine umfangreiche Abhandlung erfordern würde. Kein Wunder: denn mit dieser Gegenüberstellung von Idee und Erfahrung war nicht nur zugleich die Kernfrage aller Naturerforschung (was Plato vor 2500 Jahren erkannt hatte) sowie die Kernfrage aller Philosophie getroffen (diese Frage bildet z. B. den eigentlichen Hintergrund von Kants   K r i t i k   d e r   r e i n e n   V e r n u n f t),   sondern mit dieser Gegenüberstellung war auch der   K e r n   v o n   G o e t h e 's   e i g e n e r   P e r s ö n l i c h k e i t   b l o ß g e 1 e g t.   Der unstillbare Durst nach Erfahrung, einem Ozean gleich, der an allen Tag und Nacht hineinströmenden Flüssen der Welt nie sich satt trinkt: das ist das erste Kennzeichen dieses Mannes, und wir sahen schon im ersten und zweiten Kapitel, wie sehr dieser eine Zug sein Leben bis in die geheimnisvollsten Triebe hinein bestimmt:

Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt.

Doch das zweite Kennzeichen ist die Gabe, Ideen zu erfinden und in diesen Ideen zu leben. Seiner Idee einer Urpflanze nahe verwandt ist jene Idee von sich selbst, von welcher in früheren Abschnitten dieses Buches eingehend die Rede war; auch von ihr hätte er sagen können: ich erfaßte sie, bewußtlos, daß ich die Idee suchte, wonach ich mich selbst ausbilden sollte.
    Nimmt Goethe's Name von Jahr zu Jahr an Ansehen zu, so gibt es hierfür eine überwiegende Ursache: die lebenzeugende Gewalt seiner Ideengestaltung. Einzig die Analogie mit Plato kann hier historisch aufklärend wirken; denn von sämtlichen Menschen, von denen wir Kunde besitzen, kann keiner sich mit Plato an dauernder Beeinflussung des menschlichen Denkens und Vorstellens vergleichen, und die unvertilgbare Kraft dieses Einzigen beruht auf der

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S c h ö p f u n g   v o n   I d e e n.   Während der scharfsinnige Schulfuchs Aristoteles über das erratische Umherschweifen seines Lehrers spottete, hatte die unbewußte Genialität der Namenlosen — Menschen, die zum großen Teile nie eine Zeile von Platos Hand gelesen hatten und nicht fähig gewesen wären, seiner Dialektik zu folgen — jene Zeugungskraft so mächtig empfunden, daß sie diesen Einen mit dem indischen Bacchus, dem Schöpfer des Weinbaus, verglichen und Münzen sowie Standbilder zu Ehren des   D i o n y s o s p l a t o   verfertigten, ahnend, es habe ein Göttliches unter ihnen gewandelt. Durch seine Einführung der nach oben und nach unten hin verschiebbaren Skala von Gattung und Art (gleichviel ob abstrakte Begriffe oder empirische Gegenstände in Frage stehen), durch seine Einsicht in das Wesen des „Sprungbrettes“ der Hypothese, durch seine Entdekkung, daß Wahrgenommenes und Wahrnehmendes im selben Augenblicke und gleichsam aneinander entstehen (wie der Funken, den zwei Steine schlagen), im besonderen durch seinen Nachweis, daß alles, was wir Menschen uns vorstellen, was wir sind und denken — kurz, die Welt im umfassendsten Sinne — an, in und aus Ideen entsteht, daß das „Zusammenschauen zur Einheit“ ebenso wie das „Auseinanderschauen in Einheiten“ das Werk unseres Geistes ist, woraus hervorgeht, wir Menschen seien an der Welt, die uns erschafft, als Schöpfer beteiligt, nämlich als Gestalter des Kosmos der Anschauung aus dem Chaos der Wahrnehmungen, und es somit an uns liege, sie reich oder arm, schön oder häßlich, edel oder gemein zu bilden ... durch alles dieses hat Plato dem menschlichen Denken, Erleben, Erstreben eine neue Atmosphäre erschaffen, und mochten wir ihn verkennen, mochten wir seine Gedanken verballhornen, mochte sein Werk Jahrhunderte lang verschüttet liegen, diese Kraft hatte sich an dem reichen Saft des Lebensbaumes genährt, wie er unmittelbar aus der Wurzel aufquillt, und infolgedessen zu intensiv und plastisch wahr gestaltet, als daß ihre Gebilde hätten, wie die anderer Denker, von der Zeiten Nebel nach und nach aufgelöst werden können. An einer solchen Kraft lassen sich zwei Bestandteile unterscheiden: die Fähigkeit, zu erfahren und die Fähigkeit, das Erfahrene zu Ideen zu gestalten; wäre die Erfahrung nicht ungewöhnlich reich und durchdringend wahr, so könnten die Ideen, die aus ihr hervorsprießen, nicht reich sein und wahr; die reichste Erfahrung

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aber bliebe dunkel und nutzlos, wenn ihr nicht menschlich faßbare Gestaltung zuteil würde; die Bausteine dieser Gestaltung heißen Ideen. Goethe's intellektuelle Eigenart ist nun derjenigen Plato's näher vielleicht als der irgend eines anderen Mannes verwandt, wenigstens in einigen entscheidenden Beziehungen, und darum ist sein Lebenswerk und der Einfluß seines Lebenswerkes zunächst am ehesten aus der Analogie mit dem Denken und Schaffen des Dichters des Gastmahles zu verstehen. Gerade diese Parallelisierung schärft aber den Blick für die wesentlichen Unterschiede, wie sie die Geistesepochen und wie sie die Geistesanlagen bedingten. Einem Durcheinander von fragmentarischen, unsystematisch eingesammelten, zufälligen Erfahrungen gegenüber fand Plato die Ideenbildung der Menschen tastend unsicher und namentlich dem neuen Material keineswegs gewachsen; hier also, nicht dort, hatte er alle Kräfte anzuwenden; denn das eben ist das Wesen dieses einheitlichen Zwiespalts: nur mit Hilfe von Ideen, von richtigen, klaren, gut organisierten Ideen ist es möglich, Tatsachen der Erfahrung systematisch zu sammeln und im Geiste aufzustapeln, sonst bleiben sie ungestaltete Wahrnehmungen, kaum erblickt, schon verschwommen; diese Ideen zu vermitteln, war Plato's Werk; erst Plato, der Schöpfer der Ideen, machte Aristoteles möglich, den großen vorläufigen Ordner — und dadurch zugleich Aufbewahrer — der den Menschen jener Zeit bekannt gewordenen Gedanken und Tatsachen. Man sieht, welche unentrinnbare Notwendigkeit Plato zwang, dem Subjekt, nicht dem Objekt seine Aufmerksamkeit vorwiegend zu widmen, und begreift, warum der Mann, der als gekrönter Tragödiendichter begonnen hatte, in Regionen metaphysischer Besinnung enden mußte, wohin nur Einzelne ihm zu folgen vermocht haben; denn für manche Gedanken Plato's ist das Menschenhirn noch immer nicht zu genügender Zartheit und Schärfe gereift. Goethe dagegen ward in einer anderen Umgebung geboren. Plato hatte Brücken vom Subjekt zum Objekt hinübergeschlagen; Goethe fand sich vor die Aufgabe gestellt, Brücken zu bauen, die vom Objekt zum Subjekt leiteten. Indem unsere Wissenschaft in der oben schon wiederholt bezeichneten Weise den Standpunkt verschob, nicht mehr architektonisch, sondern nur mechanisch und rechnerisch gestaltete, nicht mehr Ebenmaß, Lükkenlosigkeit, Schönheit, einheitliche Weltanschauung, sondern einzig das möglichst nahe Herantasten an die Tatsachen der Natur als aus-

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schlaggebend betrachtete, gelangte sie nach und nach zu einer unerhörten Virtuosität in der Einsammlung von „Erfahrung“; das Altertum hat nicht die entfernteste Vorstellung solcher Möglichkeiten gekannt. Hätte nun Goethe nicht den leidenschaftlichen Trieb besessen, sich diese neuentdeckte Erfahrungsmasse anzueignen, wäre er ein bloßer Künstler gewesen, das Gemüt von Phantasie ausgefüllt, er hätte nicht der Plato unseres Zeitalters werden können; sein Verhältnis zu unserer Naturwissenschaft mußte ein überzeugt bejahendes sein, genau so wie dasjenige Plato's zu der Mathematik und Kosmologie seiner Epoche es gewesen war; doch nötigte der Gesamtzustand des Denkens und Forschens den deutschen Plato, andere Wege zu gehen. Der Hellene hatte Ideen erfinden müssen, geeignet, die methodische Einsammlung von Erfahrungstatsachen zu fördern; Goethe dagegen fand eine solche Überfülle angesammelter Tatsachen vor, daß der Himmel davon verdunkelt und die Natur den Blicken der Menschen entrückt zu werden begann; darum mußte seine Kraft vor allem dem Objekte, nicht, wie bei Plato, dem Subjekte gelten; das Objekt, die erfahrene Natur, mußte er ordnen, lichten, architektonisch gliedern, damit sie wieder in den Sehwinkel des normalen Menschen falle und damit dieses nach und nach armselig abstrakt gewordene Wesen wieder sehen, hören, genießen lerne, und zwar inmitten einer durch die rastlose Tätigkeit von Generationen von Forschern nach allen Richtungen hin erweiterten und unendlich vermannigfaltigten Naturvorstellung. Ein Jeder wird bemerken, in welcher Weise hier das Eine in das Andere übergreift. Das Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit zwischen Erfahrung und Idee ist nämlich ein so engbedingtes, daß Plato, indem er alle Geistesgewalt auf die Bereicherung der Mittel des Subjektes wandte, die Aufschließung der objektiven Welt, die Erforschung der Natur, möglich gemacht hat, wogegen Goethe, indem er nur neue Gruppierungen und Deutungen der objektiven Tatsachen (also der Erfahrung) einzuführen schien, gerade deswegen „der Ausbildung des Subjektes“ (S. 307) seine besondere Aufmerksamkeit widmen mußte, und im letzten Grunde mehr noch vielleicht der allgemeinen Kultur als der Wissenschaft diente, der Kultur des Menschengeistes und des Menschengemütes, also der subjektiven Welt. Nur wer beide Seiten dieser Gleichung erfaßt, hat verstanden.

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    Als nun Goethe die Urkraft seiner angeborenen Naivität so weit durch Übung methodischen Denkens und Schaffens gebändigt hatte, daß ihm vollkommene Klarheit über sein eigenes Verfahren zuteil geworden war, machte er sich davon folgendes Bild. Zuerst mußte er die Erfahrung vor sich ausgebreitet sehen, die „Naturphänomene in einer gewissen Folge der Entwickelung betrachten und die Übergänge vor- und rückwärts aufmerksam begleiten“; wobei er die feinste Skala der Unterscheidungen aufstellt: Ansehen, Anschauen, Betrachten, Sinnen, Verknüpfen. Aus dieser genauen Betrachtung der Phänomene sucht er sich eine so „lebendige Übersicht“ zu verschaffen, daß „aus ihr sich   e i n   B e g r i f f   bilde“. Also erst die empirischen Tatsachen in aller Breite des Vor- und Rückwärts vor sich ausgebreitet; dann aber — wie man aus einer aromatischen Flüssigkeit durch anhaltende Destillation die Essenz gewinnt — ebenso aus dieser empirischen Breite durch tiefes Nachdenken einen konzentrierten Begriff ausgezogen. Dies alles stellt sich Goethe als einen Vorgang „in aufsteigender Linie“ vor. Ich möchte zur aufklärenden Analogie auf das, was Goethe „die Pyramide seines Daseins“ nannte (S. 108), verweisen; ähnlich spitzt sich hier die breite Masse der Wahrnehmungen nach oben zu in einen Gipfel, der den „Begriff“ ausmacht und den Goethe einmal als „Summe der Erfahrung“ bezeichnet. Dies ist die erste Hälfte des Vorganges, die eigentliche Erfahrung; nun folgt die zweite Hälfte, die Ideenbildung. Der Begriff, als „Summe der Erfahrung“, ruft die Idee, als   „R e s u l t a t   d e r   E r f a h r u n g“,   hervor: der in aufsteigender Linie sich zuspitzende Begriff „begegnet der Idee“, die sich von oben herabsenkt. Erst war das Objekt dem Subjekt entgegengewachsen, nun strebt das Subjekt dem Objekt entgegen. „Wir finden uns genötigt, der Erfahrung gewisse Ideen   a u f z u d r i n g e n“,   lautet an einer Stelle das energische Bekenntnis, und an einer anderen nicht minder unzweideutig: „Ich schreibe immer der Natur etwas vor.“ Was die Wirklichkeit dieser Ideen betrifft, so lesen wir: „Beim Anschauen der Natur werden   I d e e n   geweckt, denen wir eine gleiche Gewißheit als ihr selbst, ja eine größere zuschreiben, von denen wir uns dürfen leiten lassen, sowohl wenn wir suchen, als wenn wir das Gefundne ordnen.“ Die Phrase von der „bloßen Erfahrung“ als Prinzip der Naturforschung, gegen die Goethe sich ereifert, wird noch heute unter

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uns mit priesterlicher Arroganz von leitenden Naturforschern verkündet, als sei hiermit ein Höhepunkt erreicht, von wo aus sie, mitleidig überlegen, alles Streben, Irren und Hoffen der Menschheit zu ihren Füßen erblickten; und doch drückt dieses Wort nichts weiter aus als eine bedauerliche Unfähigkeit zu besonnenem Denken, als die Philisterei philosophisch unzulänglicher Menschen, und ist in Wirklichkeit ein sinnloses Silbengeklapper, neben welchem jedes Credo eines Kongonegers Verehrung verdient. „Alle die ausschließlich die Erfahrung anpreisen, bedenken nicht, daß die Erfahrung nur die Hälfte der Erfahrung ist“; wahnwitzig ist die Voraussetzung, „man könne das Neuzuerfahrende durch bloße Erfahrung in seine Gewalt bekommen“; „die Erscheinung ist vom Beobachter nicht losgelöst, vielmehr in die Individualität desselben verschlungen und verwickelt“: so und ähnlich belehrt uns Goethe, der große Denker, der, gerade weil er ein Anschauer ohnegleichen und außerdem ein schöpferischer Ideenbildner war, mit der Zeit genau einsehen lernte, wie leer Ideen ohne Erfahrung und wie ganz und gar unmöglich Erfahrungen ohne Ideen sind.
    Noch ein letzter Schritt! und wir haben uns eine ausreichende Erkenntnis des vorliegenden Problems erworben.
    Während unsere empirische Wissenschaft die ihr vorgezeichnete Bahn verfolgte, hatten die philosophischer beanlagten Naturforscher und die naturkundigen unter unseren Philosophen etwas entdeckt, was den Hellenen unbekannt geblieben war, wenn auch die Indoarier (die metaphysisch begabtesten Menschen der Welt) es schon lange wußten, etwas, wodurch eine neue, höhere Stufe der Erkenntnis erstiegen ward: sie entdeckten, daß die zwei Hälften jeder solchen methodischen Auseinanderlegung (Natur und Geist, Objekt und Subjekt, Erfahrung und Idee) sich nie genau decken. Die Methodik hat nicht, wie sie selber glaubte, eine Einheit nach Belieben in zwei Hälften zerschnitten, sondern sie hat zwei Bestandteile eines in der Praxis einheitlich wirkenden Ganzen voneinander zu lösen gelehrt, und nun stellt es sich bei genauerem Vergleich heraus, daß diese zwei Hälften asymmetrisch sind, d. h. sich nicht genau ineinander fügen. Bis dahin hatte man argwöhnen können, jede solche Unterscheidung sei zwar praktisch, immerhin aber willkürlich; jetzt mußte jeder Denkfähige einsehen, dem sei nicht so. Indem die Methodik nur der

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Sicherheit der Forschung wegen die großen Unterscheidungen eingeführt hatte, fand es sich, sie habe hiermit zugleich eine Grundtatsache des Menschengemütes aufgedeckt, eine urangeborene   D u a l i t ä t,   welche zu verkleistern alle die verworrenen Machtsprüche der Monisten niemals vermögen werden, ebensowenig wie es je gelingen wird, durch einen Ukas den rechten Handschuh der linken Hand anzupassen. Auch hier hat Goethe auf den Grund gesehen. „Keine Idee kongruiert völlig der Erfahrung“, spricht er dem Philosophen nach und ergänzt diese Aussage plastisch bildsam: „Hier treffen wir nun auf die eigene Schwierigkeit, die nicht immer klar in's Bewußtsein tritt, daß zwischen Idee und Erfahrung eine gewisse Kluft befestigt scheint, die zu überschreiten unsere ganze Kraft sich vergeblich bemüht. Demungeachtet bleibt unser ewiges Bestreben, diesen Hiatus mit Vernunft, Verstand, Einbildungskraft, Glauben, Gefühl, Wahn und, wenn wir sonst nichts vermögen, mit Albernheit zu überwinden.“ Weshalb es denn ein anderes Mal heißt: „Idee und Erfahrung werden in der Mitte nie zusammentreffen; zu vereinigen sind sie nur durch Kunst und Tat“. Vielleicht hat neben dem einzigen Immanuel Kant unter allen Menschen Goethe am lebhaftesten die Bedeutung dieser neuen Erkenntnis eingesehen. Man kann sie als eine Rückkehr zu Plato auf einer höheren Stufe des Wissens betrachten; denn die selbständige Bedeutung der Ideen steht von nun an außer Frage. Was uns heute als „Idee“ geläufig ist, hatte Plato unter allerhand verschiedenen Namen und in zwanzig verschiedenen Fassungen — symbolisch und allegorisch — verständlich mitzuteilen sich alle Mühe gegeben; Aristoteles und sein vielhundertjähriger Anhang schalten ihn dafür einen Phantasten; jetzt stellte es sich heraus, nicht bloß, daß keine Erfahrung ohne Idee statthaben kann, sondern daß die Idee — wenngleich sie durch Erfahrung geweckt werden muß — doch nicht etwa ein bloßes Gegenbild ihrer ist, vielmehr einen eigenartigen, selbständigen, von der bloßen Empirie unterschiedenen und sich nie mit ihr genau deckenden Bestandteil unserer Erkenntnis bildet. Was Plato als Seher geahnt hatte, steht also jetzt als nachweisbare Wahrheit vor uns: der Mensch ist nicht bloß Geschöpf, sondern auch Schöpfer. Zwar in einer gegebenen, ihn allseitig bestimmenden Welt zum Bewußtsein erwachend, verhält er sich doch nicht allein leidend und aufnehmend, vielmehr auch tätig und schaffend.

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„Der Mensch, wo er bedeutend auftritt, verhält sich gesetzgebend“, sagt Goethe; er ist Erfinder und Gestalter, und zwar auf Schritt und Tritt; denn keinen Eindruck kann er sich einverleiben, wenn er ihn nicht seinem eigenen Wesen gemäß gestaltet hat. Insofern ist, wie man sieht, die Welt des Menschen Schöpfung, und hiermit steht für alle Zeiten das Primat des Geistes fest. Wird aber die Idee nicht aus der Erfahrung als einfaches Ergebnis gefolgert, ist sie vielmehr ein eigenes Erzeugnis des Menschengeistes, dann folgt ohne weiteres, der Wert einer Idee hänge von dem geistigen Wert ihres Schöpfers ab. Keine Gabe und keine Kraft ist seltener als die, Ideen zu erfinden. Unsere Auffassung der Welt und unseres eigenen Selbst, alle die Vorstellungen und Gedanken, in denen wir leben und weben, sind eben so sehr das Werk einzelner hervorragendsten Männer, wie die Zerlegung in physis und nûs die geschichtlich nachweisbare Tat eines bestimmten Mannes an einem bestimmten Tage war. Nur vermittelst Ideen wird die Natur verstanden; Ideen aber entstammen, wenn sie Wert besitzen sollen, der Zeugungskraft genial begabter Männer. „Die Umfassenden, die man in einem stolzeren Sinne die Erschaffenden nennen könnte, verhalten sich im höchsten Grade produktiv; indem sie nämlich von Ideen ausgehen, sprechen sie die Einheit des Ganzen [ein gewisses ideales Ganze] schon aus, und es ist gewissermaßen nachher die Sache der Natur, sich in diese Idee zu fügen“: so übermütig bewußt spricht sich Goethe einmal aus und schöpft aus dieser Überzeugung folgende klare Formel: „Was man Idee nennt, tritt uns als   G e s e t z   aller Erscheinungen entgegen.“ Doch wer ist „umfassend“? Hier entsteht die Gefahr, und für diese Gefahr hatte Goethe ein scharfes Auge. Sie entlockt dem um die Zukunft unserer Kultur Besorgten die mahnenden Worte: „Ein großes Übel in den Wissenschaften, ja überall, entsteht daher, daß Menschen, die kein Ideenvermögen haben, zu theoretisieren sich vermessen, weil sie nicht begreifen, daß noch so vieles Wissen hierzu nicht berechtigt“; Worte, die man in großen Lettern über den Eingang zu jeder Universität eingraben möchte. Noch so vieles Wissen berechtigt nicht, sondern einzig das seltene, angeborene, gottgegebene Vermögen, Ideen zu bilden, welche der Natur angemessen sind! Bei naiv geformten Ideen, die unser tägliches Leben gestalten, genügt Goethe's Forderung: „Wenn man fragt, wie ist Idee und Erfahrung am besten zu verbin-

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den? so würde ich antworten:   p r a k t i s c h!“;   anders verhält es sich, sobald jene große Zahl der Vielwissenden, Wenigvermögenden darangehen, sich Ideen zu bilden über neuentdeckte, dem Menschenleben nicht angehörende Tatsachen, wie sie die Naturforschung täglich massenhafter an den Tag fördert; da stellt es sich heraus, daß Ideen von sehr „verschiedenem Werte“ sein können. Um die Kluft zu stopfen, deren Dasein der Empiriker sich selbst und erst recht dem unwissenschaftlichen Laien nur ungern gesteht, müssen auch Wahn und Albernheit herhalten. Infolge der mangelhaften Ausbildung des Denkvermögens sind die meisten Naturforscher unfähig, zwischen Erfahrung und Idee klar zu unterscheiden: „Erst stecken sie mitten in dem Realen; auf einmal erheben sie sich zu einer idealen Vorstellungsart, und fallen dann wieder ins Reale zurück. Daher entstehen die wunderlichsten Vorstellungs- und Erklärungsweisen, denen man einen gewissen Gehalt nicht absprechen kann, deren Form aber einen inneren Widerspruch mit sich führt.“ Oder aber sie versteifen sich um jeden Preis darauf, „alles im Gegenstande zu suchen und aus ihm zu entwickeln“, woraus „wortreiche und sinnlose Hypothesen immer entstehen müssen“. Wogegen Goethe's Bekenntnis lautet, es sei „gleich schädlich ausschließlich der Erfahrung als unbedingt der Idee zu gehorchen“, und er auf die Anerkennung der Unentbehrlichkeit und des Eigenwertes beider Teile dringt. „Daß die Erfahrung, wie in allem, was der Mensch unternimmt, so auch in der Naturlehre ... den größten Einfluß habe und haben solle, wird Niemand leugnen, so wenig als man den Seelenkräften, in welchen diese Erfahrungen aufgefaßt, zusammengenommen, geordnet und ausgebildet werden, ihre hohe und gleichsam schöpferisch unabhängige Kraft absprechen wird.“ Offenbar befindet sich Goethe, der mit bewußter Überlegung den Standpunkt mitteninne zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Erfahrung und Idee einnimmt, in einer weit günstigeren Lage als eine Wissenschaft, die sich verpflichtet fühlt, einzig das Objekt, lediglich die Erfahrung reden zu lassen. Eine solche Einseitigkeit mag Großes leisten, doch die Fähigkeit, zu urteilen, muß ihr abgesprochen werden.
    Eine weitere Erläuterung ist aber hier unentbehrlich.
    Hat unsere exakte Forschung Großes geleistet, so kann das nicht an dem Unzulänglichen in der Methode liegen; dafür muß es eine

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positive Begründung geben; mag sie heute neben ihren technischen Leistungen noch so viele bedauerlich unzulängliche Gedanken verbreiten, nichtsdestoweniger muß ein richtiger Instinkt sie — namentlich aber ihre bedeutenderen Heerführer — geleitet haben, sonst wären ihre Erfolge unmöglich gewesen; außerdem sehen wir immer wieder — wie bei Galilei und Clerk Maxwell — die Ideen, welche Generationen von Forschern die Richtung geben, spontan, unbewußt, dem Schöpfer selber unerklärlich entspringen. * Auch hier herrscht eben Zurückführung auf die vom Menschengeist geforderte   E i n h e i t,   auch hier ist diese Einheit notwendig   I d e e;   denn ideenlose Erfahrung gäbe nie Einheit, immer nur Mannigfaltigkeit; es fragt sich also: was für eine Gattung von Ideen hat in diesem Falle Geltung? Kant gibt uns die Antwort, indem er uns lehrt, zwischen zwei Arten von Einheit-schaffenden Ideen zu unterscheiden: die einen geben   t e c h n i s c h e   E i n h e i t,   die anderen gründen   a r c h i t e k t o n i s c h e   E i n h e i t.   Hat Goethe recht, sich über die Albernheit der vielen unvermögenden Ideenschmiede zu entrüsten, hat er auch recht, uns zu warnen, das Ideal der heutigen Wissenschaft wandle alle Weltanschauung in eine riesige Maschinenhalle und erniedrige uns selber zu entseelten Rädern an der schönheits- und gütebaren, dummen, zwecklosen Universalmaschine, so ist es dennoch eine Schwäche an seiner Erkenntnis, daß er die Eigenart und die Berechtigung des exakt-mechanischen Standpunktes und seiner auf „technische Einheit“ gerichteten Ideen nie recht eigentlich eingesehen und anerkannt, vielmehr diesen Standpunkt und diese Ideen auf ihrem eigensten Gebiete bekämpft hat. Dies wurde die Ursache endloser Verwirrung, die noch heute nachwirkt. Denn wenn auch Goethe Worte der Wahrheit spricht, indem er sagt: „Diejenige Kultur, welche die Mathematik dem Geiste gibt, ist äußerst einseitig und beschränkt,“ wofür er sich auf Voltaire beruft: J'ai toujours remarqué que la Géometrie laisse l'esprit ou elle le trouve, so fällt hier die Perspicacität des Franzosen auf, der zwar den Kulturwert der Mathematik geringschätzt, nichtsdestoweniger aber einen bedeutenden Teil seiner Lebenskraft dem Kampf um die allgemeine Anerkennung der mathematisch-mechanischen Methode in den Wissenschaften widmet. Die Mathematik gibt freilich nicht Kultur, wohl aber bietet sie dem Geiste wunderbar stärkende Gymnastik, weswegen Plato keinem

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„Nichtgeometer“ den Einlaß zu seinem philosophischen Unterrichte gestattete. Nichts, was wir Menschen zu wissen imstande sind, ist gewisser als die Berechtigung der mechanischen Naturforschung. Kant, auf den Goethe sich gern beruft, hat gezeigt, daß hinter dem mechanischen Gesetz der Verknüpfung von Ursache und Wirkung ein Gesetz des menschlichen Verstandes liegt, daher es „unter keinem Vorwande erlaubt“ ist, „irgend eine Erscheinung davon auszunehmen“, da diese dadurch zu einem „bloßen Gedankending“ und „Hirngespinst“ gemacht würde. Zur Überzeugung genügt aber auch der Gang der wissenschaftlichen Entdeckungen; wie spottet nicht Goethe über die von dem „guten Fraunhofer“ im Spektrum entdeckten Linien und „lehnt seine Bemühungen ab“, bis zuletzt ungläubig, daß es sich um mehr als „einen Hokuspokus“ handle, und welche erstaunliche Fülle von Tatsachen — verborgen in dem Staub unter unseren Füßen, und von da bis zu den fernsten Nebelgestirnen — hat nicht die Spektralanalyse uns im Laufe von noch nicht einhundert Jahren offenbart! Eine Diskussion hierüber ist nicht möglich; an diesem Punkte hat Goethe geirrt. Er hat sogar gegen sein besseres Wissen geirrt; denn er selber ist es, der den Wert der Mathematik behufs Vermittelung „reinen Anschauens“ so hoch schätzt, daß er sie auf eine Stufe mit „Poesie des Genies“ stellt. Hätte er bloß die enge Beschränkung der Geltung jener Methode aufgezeigt, welche mit Hilfe technischer, nicht architektonischer Ideen Einheit schafft; hätte er bloß auf die große Gefahr aufmerksam gemacht, die aller Geisteskultur erwächst, sobald diese Methode die ihr gewiesenen praktischen Grenzen übersteigt, wie das heute auf allen Gebieten geschieht; hätte er sich begnügt, das Daseinsrecht und die ungleich höhere Würde und allgemeinere Bedeutung der Methode zu verfechten, welche uns architektonische Einheit der Naturerkenntnis schenkt: man hätte nicht das Geringste dagegen einwenden können. So aber hat mancher auf Irrtum beruhende Angriff die siegreiche Kraft seines eigenen Standpunktes nicht unerheblich geschwächt. Fügen wir hinzu: Goethe durfte in seiner Beurteilung irren, denn er kämpfte und schuf; eine spätere Zeit kann nicht entschuldigt werden, wenn sie, wo die Leistungen vorliegen, zwischen technischen Ideen und architektonischen Ideen nicht zu unterscheiden und beiden ihr Recht widerfahren zu lassen weiß.

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    Wenn also Goethe von seiner Morphologie sagt: „Der Geist trachtet da seine eigene Wahrheit in die Naturwahrheit zu verkörpern“, so müssen wir wohl verstehen, daß dies nicht bloß von seinen architektonischen Ideen, sondern ebenfalls von den „technischen“ Ideen der Wissenschaft gilt; auch in diesen verkörpert sich Geisteswahrheit. Eine Wahrheit, die buchstäblich   n u r   „Naturwahrheit“ zum Ausdruck brächte, wäre für uns Menschen unverständlich und daher bedeutungslos. Diesem offenbaren Gesetze kann die mechanische Wissenschaft sich nicht entziehen: jede einzelne Naturtatsache muß sie zu einer „Menschenwahrheit“ umwandeln; gleich auf der ersten Seite seiner Prinzipien der Mechanik setzt der Physiker Heinrich Hertz „naturnotwendig“ gleich „denknotwendig“; wie Goethe sagt: „Alle Erscheinungen sind unaussprechlich“, ein Wissen besitzen wir nur von unserem Denken über sie. Das Geheimnis unserer erfolgreichen empirischen Wissenschaft ist, daß sie es verstanden hat, einzig und allein die   f o r m e l l e n   Ansprüche des Menschengeistes geltend zu machen, auf alle anderen dagegen grundsätzlich zu verzichten; es ist das ihre Kraft und zugleich ihre Schwäche; in ihr feiert die Abstraktion ihren höchsten Triumph. Hier lockt mich ein Bild, das zwar nur mathematisch Vorbereitete ganz verstehen, dessen Bedeutsamkeit aber auch Unmathematische fühlen werden: das unendlich Große und das Nichts stehen in gewissen Kapiteln der Zahl- und Raumlehre in so enger „Korrelation“ (wie man es nennt) zueinander, daß das eine in das andere leicht umschlägt; es kommt manchmal auf das selbe heraus, ob ich ∞, das Zeichen für Unendlich, oder 0, das Zeichen für Null, ansetze; ähnlich verhält es sich mit unserer exakten Naturwissenschaft: die Summe ihres Wissens wächst ins Ungeheure, täglich näher wird sie dem „Alles“ kommen, täglich mehr aber als bloßes „Nichts“ in der Hand Derjenigen bleiben, die mit ihrer Hilfe etwas zu fassen wähnten, was Vorstellbarkeit, geistige Bedeutung, Lebenswert, Gemütsnahrung besäße. Hier setzt nun Goethe ein, indem er eine neue Methode einführt, eine neue — zum Teil aus dem Altertum erneute — Methode für den Geist, seine eigene Wahrheit in die Naturwahrheit zu verkörpern: nämlich durch architektonische, Sinnlichkeit und Phantasie befruchtende Ideen anstatt durch technisch-formelle, jedes sinnlich faßbaren Inhaltes ledige. Nur wird man wohl tun zu beachten, daß die architektonische Idee

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nicht bloß anders geartet ist als die technische Idee, sondern daß ihr auch ein anderer Wirkungskreis eigen ist. Die technische Idee ist beschränkt und formal, besitzt aber eindeutigen Sinn und zwingende Kraft; die architektonische Idee schenkt, wie ein Werk der Kunst, unerschöpfliche Anregung, erfordert jedoch Empfänglichkeit und spiegelt sich in jedem Gemüte anders, da sie nicht bloß verstanden, sondern nachgelebt werden muß. Newton's Idee der Anziehung zweier Körper im geraden Verhältnis ihrer Massen und im umgekehrten des Quadrates ihrer Entfernung ist eine technische Idee, bar jedes sinnlichen oder geistigen Inhaltes, erstarrte Natur, gleich geronnenem Blute, das nie mehr in Umlauf geraten kann, dafür aber eindeutig und unvergänglich; wogegen die Idee des Äthers, die Idee der Metamorphose architektonische Strukturen sind, welche „unaussprechlichen Erscheinungen“ durch Mitwirkung der „exakten sinnlichen Phantasie“ (S. 260) und der „schöpferisch unabhängigen Kraft“ (S. 318) des Menschengeistes Ausdruck, Verständnis oder wenigstens Ahnung wecken wollen. Goethe schreibt einmal: „Eine Idee über Gegenstände der Erfahrung ist gleichsam ein Organ, dessen ich mich bediene, um diese zu fassen, um sie mir eigen zu machen. Die Idee kann mir bequem sein, ich kann anderen zeigen, daß sie es ihnen auch sein werde: aber es läßt sich nach meiner Vorstellungsart nur sehr schwer und vielleicht gar nicht beweisen, daß sie wirklich mit den Objekten übereinkommen und mit ihnen zusammentreffen müsse.“
    Soviel nur über Erfahrung und Idee bei Goethe: an und für sich unzulänglich und fragmentarisch, nicht aber für den Zweck dieses Buches unzulänglich, wenn es zu eigenem Nachsinnen kräftig anregt. Als Nachtrag zu dieser Untersuchung über den Standpunkt, den Goethe der Natur gegenüber einnahm, noch zwei aufklärende Bemerkungen, die dem unvorbereiteten Leser Goethescher Schriften Schwierigkeiten aus dem Wege räumen sollen.
    Nicht selten redet Goethe von   S y m b o l.   „Nach meiner Art zu forschen, zu wissen und zu genießen, darf ich mich nur an Symbole halten.“ Das „Symbol“ ist bei ihm das sinnliche Bild, in das sich jener abstrakte Begriff umwandelt, von dem wir als „Summe der Erfahrung“ hörten; zusammen mit diesem vermittelt es zwischen Erfahrung und Idee. Auch die exakte Wissenschaft kann der Sym-

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bole nicht entbehren; ihre Symbole sind aber alle rein formal, es sind mathematische Formeln und logische Schemen; in Goethe's Welt des Auges muß dagegen ein jeder Schritt Anschaulichkeit bieten; bei ihm muß — um ein Wort seines philosophischen Meisters Kant anzuwenden — „die Idee eine Analogie von einem Schema der Sinnlichkeit sein“; und darum sucht der aus den vielen Erfahrungen abgezogene Begriff nach einem anschaulichen Symbol, an das die herbeigerufene Idee anzuknüpfen vermag; das Symbol dient dann der Idee als „Schema der Sinnlichkeit“. So z. B. hatte Goethe sämtliche Seitenorgane der Pflanzen auf einen einzigen Begriff zurückgeführt, der ihm zuerst als „abstrakte Einheit“ vorschwebte; da verfiel er auf das Symbol „Blatt“ als anschauliches Gegenbild des unfaßbaren Begriffes, und nun erst konnte die Idee der Metamorphose Gestalt gewinnen. In Goethe's Lehre von der Pflanzenmetamorphose darf man sich unter „Blatt“ nämlich nicht ein wirkliches Blatt vorstellen, sondern vielmehr das Symbol für einen so rein abgezogenen Begriff aller möglichen Seitenorgane, daß er ohne „Schema der Sinnlichkeit“ der Anschauung gar keine Handhabe böte. Damit dieses Verhältnis ganz klar werde, möchte ich an Stelle der stets mehr oder weniger unkörperlich wirkenden Fremdwörter deutsche Ausdrücke vorschlagen: das Symbol würde ich ein   S i n n b i l d   nennen, hingegen die sich aus den Höhen des schöpferischen Menschengemütes herabsenkende Idee ein   I n b i l d.   Hierdurch würde auch das verschlungene Verhältnis deutlicher hervortreten. Das Sinnbild knüpft an die Sinneseindrücke an und erteilt dem sonst unfaßbar abstrakten Einheitsgedanken faßbare Gegenständlichkeit; das Inbild stammt unmittelbar aus dem Innern des Menschengeistes. Das Sinnbild ist der letzte, verklärteste Ausdruck für das, was wir als physis, Objekt, Erfahrung unterscheiden lernten; ein wenig weiter, und die „gefährlichste Stelle“ wäre erreicht, „wo die sinnlichen Dinge uns verschwinden“. Das Inbild stammt aus einer verborgenen Vernunftwelt, erwacht als Gegenwirkung der eindringenden Außenwelt, wächst unter Anlehnung an das Sinnbild zu einer Gedankengestalt aus und kann dann — in dem naiven und genialen Geist eines Mannes wie Goethe — eine solche greifbare Plastizität gewinnen, daß es — das Inbild — als   A u ß e n b i l d   wirkt und man, wie Goethe gegen Schiller bemerkte, es „mit Augen sieht“. So wäre es denn gelungen,

324 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Goethe's Standpunkt

die Naturwahrheit — nicht das blasse mathematische Schema, nicht die leere Litanei von Ursache und Wirkung — sondern die farbige, tönende, duftende, berauschende, Verwunderung und Bewunderung erregende, allverwandte Naturwahrheit bis in den Menschengeist hineinzuführen, und dieser hätte sich dann mit jener vermählt, das männliche Prinzip dem weiblichen, nicht, indem die beiden sich gleicher Art wähnten, im Gegenteil, indem sie sich als verschieden erkannten und indem der Menschengeist seine eigene Wahrheit in die Naturwahrheit zu verkörpern trachtete. Was hierbei entsteht, mag wohl, wie ein Kind, beiden Eltern in gewissen Zügen ähnlich und unähnlich sein; in Wirklichkeit ist es ein Neues, voll jugendlichen Lebens.
    Hier knüpft nun die zweite Schlußbemerkung an, die zugleich auf eine Erörterung in dem ersten Abschnitt dieses Kapitels zurückgreift: das Wort   W a h r h e i t   trägt für Goethe nicht den Sinn, den unsere Wissenschaft ihm beilegt. Nach dem Warum fragt er niemals, vielmehr warnt er: „Lebhafte Frage nach der Ursache ... ist von großer, nicht zu entwickelnder Schädlichkeit.“ In diesem Punkte berührt sich Goethe unmittelbar mit den Indoariern und Urgermanen, soweit sie uns aus Mythologie und Denken bekannt sind; ein geistesmächtiger Franzose des vorigen Jahrhunderts faßte den gleichen Gedanken in den Kernspruch: Du moment que vous prouvez, vous mentez; diese Überzeugung bedeutet zugleich die Ablehnung jener jüdischen Weltanschauung, die, durch den Kirchenglauben eingebürgert, längst in jede Lebenssphäre übergegangen ist und, in unserer Naturwissenschaft genau ebenso heimisch wie in den Zellen frommer Mönche, unseren Geist wie ein Knochenfraß in seinen tragenden Elementen zerstört. Neben Goethe steht Kant, welcher nachgewiesen hat, die Ursächlichkeit sei zwar eine formelle Bedingung des Verstandes, habe aber nur für Dinge   a l s   E r s c h e i n u n g e n   Geltung, nicht für Dinge, wie sie an sich sein mögen. ¹) Wir haben ja soeben gehört, wie freimütig Goethe bekennt, ihm liege wenig daran, ob seine gestaltenden Organideen „wirklich mit den Objekten über-
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    ¹) Welche Welt hier Goethe von Spinoza trennt, der mit der obersten Ursache — causa sui — Gott anfängt, um dann auf mathematischem Wege, more geometrico, alles hieraus abzuleiten, müßte selbst dem Blindesten auffallen. Die astronomische Entfernungseinheit der Weite zwischen Sonne und Erde genügt nicht, den Abstand auszudrücken.

325 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Goethe's Standpunkt

einkommen“. Was ist denn Wahrheit? „Ich habe bemerkt, daß ich   d e n   Gedanken für wahr halte, der für mich fruchtbar ist.“ Also haben wir auf der einen Seite das Verbot, nach letzten Ursachen zu forschen, weil dieser Wahn höchst schädlich wirke, und auf der anderen das Gebot, das für wahr zu halten, was sich fruchtbar erweist. Auch diesen Punkt darf man bei Beurteilung von Goethe's Naturideen nie aus den Augen lassen:   e r k l ä r e n,   wie es unsere Atomisten und Darwinianer verstehen, hat für ihn gar keinen Sinn; ist es doch nichts weiter als eine aus Denkunvermögen entsprossene Manie oder ein Rest jüdischen materialistischen Aberglaubens. „Erklärung der Phänomene: eigentlich Behandlung der Phänomene nach menschlicher Art“, so urteilt Goethe und meint: „Eine frohe Bewunderung läßt die Lust zu erklären nicht aufkommen, und ein geordneter, im Kreise sich abschließender Vortrag macht eine jede Hypothese verdächtig und entfernt.“ Alles, was wir Menschen gestalten, muß scharfe, sichtbare Grenzen aufweisen, soll es Bedeutung für unser Geistesleben gewinnen; der regressus in infinitum unserer Wissenschaft ist darum für Goethe's Welt des Auges ausgeschlossen. „Wir können hoffen, daß die Naturgeschichte nach und nach sich in eine Ableitung der Naturerscheinungen aus höheren Phänomenen umbilden wird“; so bezeichnet Goethe die abschließende Peripherie seines Systems. Weiter als bis dahin, wo sinnlich Faßbares gerade noch wahrgenommen werden kann, soll der Mensch nicht trachten: „Der Naturforscher lasse die   U r p h ä n o m e n e   in ihrer ewigen Ruhe und Herrlichkeit dastehen.“ Goethe weiß, daß, sobald wir einen Schritt weitergehen, alles in Abstraktionen und Hirngespinste aufgelöst wird. Wer Naturwissenschaft gründlich studiert, entdeckt zu seinem Staunen, daß hinter all den herrlichen „Ergebnissen“ viele innere Widersprüche, Ungeheuerlichkeiten, Absurditäten sich verbergen. „Wen werden wir überzeugen“, schreibt einer der bedeutendsten Physiker unserer Zeit, Heinrich Hertz, über die höhere Physik unserer Tage, „daß wir noch von wirklichen Dingen reden und nicht von Gebilden einer ausschweifenden Einbildungskraft?“ Dies will Goethe vermieden wissen. Ein Urphänomen (oder eine   G r u n d e r f a h r u n g,   wie es gelegentlich auch heißt) definiert er als das, was „unmittelbar an der Idee steht“; weiter zurück wollen, hieße ja die Idee, die aus unserem eigenen Innern stammt, wieder zurück-

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stoßen ins Reich des Unwahrnehmbaren. Und was sollte diesem Bestreben für ein Wert innewohnen, da wir unseren „beim Anschauen der Natur geweckten Ideen eine gleiche Gewißheit als ihr selbst, ja eine größere zuschreiben?“ Nur Eines könnte und kann hier weiterführen: eine Steigerung unseres eigenen Inneren, eine Steigerung aller Fähigkeiten des Menschengeistes; wächst das Subjekt, so wird auch das Objekt an Bedeutung gewinnen; wogegen wir jetzt, der mathematischen Wissenschaft blind hingegeben, indem wir uns die Natur durch ein unablässig erweitertes Wissen zu unterwerfen wähnen, unserem eigenen Sklaven, wie das stets geschah, nach und nach erliegen. Dieser Entartung und Unterjochung Einhalt zu tun, indem er wahrer, höherer Kultur die Bahn brach: das schwebte dem erhabenen Genius bei seiner Erforschung der Natur als Ziel vor.
    Wie ich in der allgemeinen Einleitung zu diesem Buche schrieb: In Goethe erklimmt der Menschengeist vollbedächtig eine höhere Stufe und legt dort dauernde Grundlagen, auf daß wir alle höher zu stehen kommen; seine Gestaltung der Natur gehört als Tat und als Beispiel zu dem Bedeutendsten, was er in dieser Beziehung schuf; sie sollte alle unsere Fähigkeiten zu höherer Entfaltung anregen. „Um aber einer solchen Forderung sich zu nähern, so müßte man keine der menschlichen Kräfte bei wissenschaftlicher Tätigkeit ausschließen. Die Abgründe der Ahndung, ein sicheres Anschauen der Gegenwart, mathematische Tiefe, physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft, Schärfe des Verstandes, bewegliche, sehnsuchtsvolle Phantasie, liebevolle Freude am Sinnlichen, nichts kann entbehrt werden zum lebhaften fruchtbaren Ergreifen des Augenblicks...“

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Goethe's Forschungsmethode

    Eine kritische Erläuterung der einzelnen Leistungen Goethe's als Naturerforscher kann in diesem Werke nicht unternommen werden; das Kapitel würde zu einem Buch anwachsen; darum beschränke ich mich in folgender Weise: zuerst mache ich auf allgemeine Gesichtspunkte aufmerksam, die einen orientierenden Überblick gewähren, sodann bringe ich über jedes der drei Hauptgebiete — Farbenlehre, organische Studien, anorganische Studien — einiges vor, was als Anleitung zu ernstem Studium dienen mag und vorder-

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hand jene Grundsätze und Ergebnisse kurz zusammenfaßt, die ein Jeder kennen muß, der über die Persönlichkeit, das Werk und die Weisheit Goethe's sich ein Urteil bilden will. Wen Neigung und Kenntnisse dazu befähigen, möge dann an der Hand Goethe's weiterschreiten; er wird nicht bald ausgelernt haben. *
    Was zunächst bei Goethe's Naturerforschung auffällt, ist ihre Vielseitigkeit: die Meisten staunen sie an, manche Fachleute schütteln dagegen den Kopf und meinen, der Dichter würde es in den Wissenschaften weiter gebracht haben, wenn er sich zu beschränken verstanden hätte. Beide Urteile haften an der Oberfläche und betrachten nicht einmal diese genau. Denn die „Vielseitigkeit“ des Naturerforschers Goethe, gleichviel ob gerühmt oder gescholten, ist eine bloße Phrase, wenn man die energische Begrenzung nicht beachtet, die ihr zum Gegengewicht dient. Für mein Empfinden bewährt sich Goethe's eigenes Wort:

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister

nirgends meisterlicher als in der Art, wie er sich ein Ganzes des Naturerkennens durch strenge Beschränkung auf Bruchteile einzelner Disziplinen zu schaffen verstand; hier hat ein hoher Instinkt gewaltet. Selbst von Jemand, der nicht auf Fachgelehrsamkeit ausgehen, sondern auf ideelle Gestaltungszwecke gerichtet bleiben wollte, hätte jede einzelne naturwissenschaftliche Disziplin, sobald sie in allen ihren Teilen hätte umfaßt werden sollen, die Hingabe eines ganzen Lebens erfordert; Goethe's Ziel wies ihm andere Wege: nicht alles lernen, was andere erforscht haben, sondern durch weise Beschränkung Hellsichtigkeit gewinnen, „durch strengste Kenntnis des Einzelnen sich eine Art von durchdringender Allwissenheit erwerben.“ Darum zog er sich ein zwiefaches Netz von Grenzlinien: zunächst eine Begrenzung des Stoffes auf je einen Bruchteil des in Frage kommenden Gebietes, sodann eine weitere Begrenzung, diejenige nämlich der bezweckten Leistung. Infolgedessen findet bei Goethe's Naturstudien keine Wiederholung statt, sondern an jedem Orte faßt er etwas ins Auge, was keine Analogie zu dem von ihm anderwärts Betrachteten bietet, und an jedem Orte findet eine neue, eigenartige Anpassung zwischen Erfahrung und Idee statt. Überall lernt er Neues und überall erschafft er Neues. Hier also müssen

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wir ansetzen, nicht dort, bei der Vielseitigkeit; und zwar betrachten wir in erster Reihe die rein stoffliche Beschränkung, sodann die bestimmte Beschränkung der Leistung.
    Zunächst strich er einzelne weite Gebiete ganz; einige allgemeine Kenntnisse hat er allerdings auch dort erworben, doch nie versucht, sie seiner gestaltenden Wirksamkeit zu unterwerfen; als Beispiel nenne ich die Chemie. Heute wissen wir, warum er das mußte. Keinem noch so genialen Manne hätte es gelingen können, die „grenzenlosen Einzelheiten“ der damaligen Chemie ideell zu überwinden, alles Tatsächliche lag in einem kreißenden Chaos von Widersprüchen; und so begnügte sich Goethe, als Mineralog den gestalteten Aspekt dieser gestaltlosesten Wissenschaft im Auge zu behalten; außerdem gelang es ihm, einen der tüchtigsten Fachmänner seiner Zeit an sich zu fesseln, Döbereiner, und somit von einer Warte aus der Entwickelung zuzusehen, deren Fortschritte er „unter die glücklichsten Ereignisse, die ihm begegnen konnten, rechnete“, ohne aber sich selber dabei zu betätigen.
    Wie verfuhr er nun bei denjenigen Gebieten, denen er sich widmete?
    Im   P f l a n z e n r e i c h   beschränkt sich Goethe dadurch stofflich, daß er aus der Menge der verschiedenen Grundformen nur eine einzige in Betracht zieht: einzig unsere blühenden Pflanzen (Phanerogamen) sind Gegenstand seiner Untersuchungen. Und zwar von diesen fast nur die einjährigen Kräuter. Außerdem begnügt er sich mit denen, die er in Europa wild oder in Gärten blühend antrifft, und macht keinen Versuch, eine eingehendere Kenntnis der exotischen Floren zu gewinnen. Was aber die unerschöpflich reiche Welt der nichtblühenden Pflanzen (Kryptogamen) betrifft, die an Verschiedenheit der Grundformen und der Lebensentwickelung diejenige der blühenden weit hinter sich läßt, so hat er sich kaum ein- oder zweimal flüchtig damit abgegeben und läßt dieses Wunderreich abseits liegen mit der Begründung: „Als Freund faßlicher Gestalten empfand ich beinahe einen Widerwillen gegen diese schwer zu unterscheidenden Geschöpfe.“ Von dem in dieser Weise zur Betrachtung abgesonderten Bruchteil eines Bruchteils beachtet er nun weder die Anatomie (d. h. den inneren Aufbau) noch die Physiologie (d. h. die Funktionen des Lebens, wie Nahrung, Atmung usw.), ja, nicht einmal die

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eigentliche Systematik (d. h. die genaue Kenntnis der Gattungen und Arten); zwar nahm er zu allen diesen Dingen Anläufe, doch ließ er sie stets wieder nach wenigen Tagen liegen; es hatte sich nur um eine Übung gehandelt, damit er befähigt sei, der Tätigkeit Anderer mit Verständnis von fern zu folgen. Ihn fesselt hier einzig und allein der allgemeine Habitus und die wechselnde Form der äußerlich sichtbaren Organe: seine Botanik ist ausschließlich allgemeine   G e s t a l t e n l e h r e   oder „Morphologie“, um das von ihm erfundene und in die Wissenschaft übergegangene Wort zu gebrauchen, und zwar, wie gesagt, die Morphologie der in Europa wachsenden, zu den blühenden Pflanzen gehörigen Kräuter. So fest zieht er um sich herum den Kreis, der seinen Horizont begrenzt, und läßt sich nicht darüber hinaus entführen.
    Bei der Beschäftigung mit dem   T i e r r e i c h   finden wir eine analoge, doch wesentlich anders geartete Beschränkung: auch hier wird von den verschiedenen Grundformen eine einzige eingehend und andauernd in Betracht gezogen, andere nur gelegentlich und ohne Folge; die erwählte ist die der Wirbeltiere (Vertebrata), und zwar fast ausschließlich die Unterabteilung der Säugetiere. Anstatt aber die Aufmerksamkeit, wie bei den Pflanzen, der äußeren Gestalt zu widmen, richtet Goethe sie hier auf den inneren Knochenbau allein; für ihn handelt es sich bei seinen diesbezüglichen Studien einzig und allein um   v e r g l e i c h e n d e   A n a t o m i e,   und zwar um vergleichende Anatomie des Skelettes (und des Gebisses), ohne irgend welche Berücksichtigung der übrigen Gewebe. Weder eigentliche Morphologie (wie in seiner Botanik) noch Zoologie (also allgemeine Tierlehre) noch Physiologie wird ins Auge gefaßt, noch auch kümmert er sich um die Lebensbedingungen (Biologie), außer wo und insofern diese den Knochenbau auffallend beeinflussen.
    Dagegen könnte man in einem freilich nicht üblichen, doch bedeutungsreichen Sinne des Wortes seine   F a r b e n l e h r e   einen mustergültigen Versuch nennen, in der   B i o l o g i e   den Weg zu weisen. Denn Goethe erfaßt das Phänomen des Lichtes genau in dem Augenblick, wo es zum Leben in Beziehung tritt und dadurch „Licht“ wird; weder greift er hinaus ins Bereich der physischen Elementarvorgänge noch hinein in die Physiologie der Sinne. Die Beschränkung ist hier eine besonders interessante, ja, für die Be-

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trachtung und Deutung der Natur bahnbrechende, und nur daß man sie nicht beachtet, führt zu der babylonischen Verwirrung in der Beurteilung der Leistungen Goethe's auf diesem Gebiete. Nicht eigentlich stofflich, sondern vielmehr rein zeitlich ist in diesem Falle die Beschränkung, in dem genial richtigen Gefühl, daß, wo nicht eine Gestalt, sondern ein Vorgang betrachtet werden sollte, an diesem selbst nichts ausgeschieden werden durfte, wohl aber, so viel es beliebte, an dem Vorher der Zeit mit seiner endlosen Kette von aneinander gegliederten Ursachen und an dem Nachher der Zeit mit seinen ins dunkle Innere des Nervennetzes und Hirnes sich verlierenden hypothetischen Folgen. Goethe's Farbenlehre beschränkt sich auf den einen einzigen Augenblick, in welchem Objekt und Subjekt aneinander geraten und den Funken des Daseins entzünden.
    Wiederum einem anderen Einschränkungsgesetz gehorcht Goethe bei seinen mit so großem, andauerndem Eifer betriebenen   g e o l o g i s c h e n   Studien. Hier fehlt die unmittelbare Beziehung aufs Subjekt. „Die Vernunft hat nur über das Lebendige Herrschaft; die entstandene Welt, mit der sich die Geognosie abgiebt, ist tot.“ Ein wichtiges Wort, das wir erläutern dürfen: Leben ist Gestalt; was dagegen den Elementen verfiel, hat die Eigenbestimmung — jedes notwendige Verhältnis von Teil zu Teil und vom Teil zum Ganzen — verloren, dadurch auch die bestimmende Grenze. Goethe lehnt also die Geognosie ab, insofern sie eine Wissenschaft von dem Bau der Erde zu sein vorgibt; denn an die Möglichkeit einer eigentlichen „Wissenschaft“, d. h. an die Zurückführung auf gesetzgebende Ideen der Gestaltung, glaubt er auf diesem Felde nicht. Einzig fesselt ihn darum das historische   W e r d e n;   nirgendwo kommt Goethe dem Gedankengang der Evolution (wie man heute das Wort versteht) so nahe wie bei seinen Erwägungen über die Erdkruste; hier dünkt ihm „die genetische Betrachtung wünschenswert“; wo nicht Gestalt herrscht, da ist Geschichte am Platze. In die eigentliche Mineralogie (außer als Sammler und insofern bestimmte Mineralien seinen Ansichten über die Entstehung gewisser Felsarten zur Stütze dienen) vertieft er sich nicht, da sie Kenntnisse in der „grenzenlos unübersehbaren“ Chemie voraussetzt, die Kristallographie lehnt er ab, die Physiographie der Gesteine beachtet er gar nicht, die Stratigraphie (oder Schichtenlehre) verfolgt er sehr genau innerhalb enggezogener Gren-

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zen, doch an ihrem umfassenden Ausbau auf Grund des paläontologischen Zeugnisses (der Versteinerungen) nahm er keinen Teil, trotzdem er vielleicht der erste unter Allen war, der den Wert dieses Zeugnisses vorhersagte (siehe Brief an Merck vom 27. 10. 82). Dagegen sucht er immer „die kleinsten Abweichungen und Schattierungen, die eine Gesteinsart der anderen näher bringen und die das Kreuz der Systematiker und Sammler sind...“ zusammenzutragen, widmet sich also dem unendlichen Detail, dem er bei Pflanzen und Tieren grundsätzlich aus dem Wege ging. Und zwar tat er dies, weil sein Bestreben dem Versuche gilt, dieses Chaotische, Gesetz- und Maßlose sich möglichst als „stetig“ und „gebändigt“ vorzustellen, aus langsamen, allmählichen, nicht gar zu „tumultuarischen“ Veränderungen nach und nach hervorgegangen, die auch jetzt noch „in einer Folge“ wirken. Darum das unablässig eifrige Sammeln von „Zwischenstufen“, die als Argumente gegen plötzliche, unerhörte und als Zeugnisse für „gesetzmäßig-bedingte“ Vorgänge gelten können; darum auch der unablässige Kampf gegen die Vulkanisten und andere Kataklysten; denn der künstlerisch schaffende Genius weigert sich, „einen solchen wilden willkürlichen Erdboden zu bewohnen“, und ist entschlossen, ihn „wenigstens nicht zu betrachten“. Wo also Goethe am meisten empirisches Detail sammelt, da gerade geht er auch am unbedingtesten subjektiv vor! Wie dies zusammenhängt, werden wir bald einsehen lernen.
    Der   P h y s i o l o g i e   (oder Lehre von den Lebensfunktionen) kommt Goethe merkwürdigerweise am nächsten in seiner   M e t e o r o l o g i e.   Mit Eifer benutzt der Greis (welcher der wissenschaftlichen Sternkunde niemals Interesse entgegengebracht hat) eine Vakanz, um das astronomische Observatorium zu Jena so weit möglich in ein meteorologisches umzuwandeln; doch die rein physikalischen und namentlich die mathematischen Interessen, ohne welche es auf diesen Gebieten schwer fällt, die Tatsachen überhaupt zu ordnen, werden ausgeschieden; Gestalt wird gesucht, wo sie sich nur halbwegs konstruieren läßt; von den Wolken heißt es:

Was sich nicht halten, nicht erreichen läßt,
Er faßt es an, er hält zuerst es fest,
Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein.

332 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode

Und auf den Kurven der Barometerschwankungen, zu denen Goethe allerorten einer der ersten Anreger ist, verfolgt er das Anschwellen und Einsinken der graphischen Darstellung und gewinnt daraus die Vorstellung eines „Aus- und Einatmens“ oder eines wechselnden Pulsschlages. Nicht etwa, als ob eine schwärmerische Neigung walte, die Erde als lebendiges Wesen zu deuten; wir hörten sie als „tot“ bezeichnen; wohl ist aber, genau so wie bei der Geologie, das unabweisbare Bedürfnis des Geistes am Werke, die ungefesselten Elemente, welche „die Willkür selbst zu nennen sind“, und die „immerhin den Trieb haben, ihren eigenen wilden wüsten Gang zu nehmen“, möglichst als gebändigt, als in ihrem „ungezügelten, gesetzlosen Wesen“ einigermaßen geregelt aufzufassen und darzustellen.
    Jedem, der aufmerksam gemacht ward, muß es, glaube ich, auffallen, mit welchem merkwürdigen Geschick Goethe durch diese Reihe von genau bestimmten, genau verteilten verschiedenen Beschränkungen seiner Studien es verstanden hat, einen vielumfassenden Überblick über die Phänomene der Natur zu gewinnen, dem es trotzdem an der nötigen Fundierung in Bezug auf empirische Reichhaltigkeit und Genauigkeit nicht fehlte. Wenige Tage vor seinem Tode meinte Goethe, rückblickend auf den Gang seiner Naturstudien, sie seien „in ihrem Vorschreiten immer desultorisch“ gewesen, nichtsdestoweniger aber „immer zusammenhängend“; das Gefüge des Ganzen gleicht dem kunstvollsten Bau. Freilich, sobald von den Organen lebender Wesen die Rede war und von der Art, wie sie, um den äußeren Bedingungen standzuhalten und sie auszunützen, sich gestalten und umgestalten, so besaß er eingehende Kenntnisse aus hinlänglichem eigenen Anschauen und Vergleichen nur auf dem einen bezeichneten Gebiete der Pflanzenkunde; diese waren aber so reich und genau, daß ihm die Methode des Schauens und Urteilens auch auf weit abliegenden Gebieten zugute kam; ebenso waren ihm für den inneren Bau, der dem äußeren als Grundlage dient, nur die Verhältnisse des einen Gewebes einer einzigen Unterabteilung des Tierreiches ausführlich bekannt. Welch' eine herrlich geniale Eingebung, Pflanzenreich und Tierreich gerade auf diese Weise sich gegenseitig ergänzen zu lassen: die Unbeweglichen in der unerschöpflich biegsamen Beweglichkeit ihrer Gestaltung, die rast-

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los Beweglichen in der unverrückbaren Beharrlichkeit ihres Strukturplans durch alle Lebensbedingungen, Epochen und Jahrmillionen hindurch! Aus diesem beschränkten, nichtsdestoweniger aber genauen und reichen Wissen gingen Dinge hervor, die ein Johannes Müller als „fernes Ideal der Naturgeschichte“ bezeichnete, so gute Früchte trug die von Goethe erfundene Methode der Spezialisierung innerhalb der Universalität. Dann wieder beachte man die Art, wie die zwei großen Grundprobleme aller Naturforschung — das Leben und das Unbelebte, kontradiktorische Gegensätze und doch in unserem Bewußtsein unzertrennbar — kühn dort (bei Licht und Farbe) angefaßt werden, wo sie ein einziges Problem bilden und jedes der beiden Unerforschbaren im anderen sich widerspiegelt, blitzartig aufgehellt! Auf die Fruchtbarkeit dieser Gedankentat komme ich gleich zurück. Wie weise, anstatt sich in das pfadlose Labyrinth der erst werdenden Chemie zu verlieren, gleich an die Urstätte aller Stofflehre zu gehen, an unseren Planeten; weder den Lockungen zu den Elementen hinunter noch denen hinauf in die Sterne nachgebend, sondern hier sich verankernd, auf dem einmal gegebenen Muttergestirne, wo das empirische Wissen seine Interessen nach allen Seiten hin erstreckt und nebst dem Theoretischen und Hypothetischen auch für Phantasie und Praxis täglich frische Nahrung herbeischafft. Nur aus diesem lebendigen Bunde genauer Einzelkenntnisse mit allumfassendem, sinnendem Schauen läßt es sich erklären, daß Goethe auch dort, wo er am wenigsten heimisch schien, dem empirischen Forscher um ein Jahrhundert vorauseilte: so z. B. mit seiner Divination, Licht sei „eines und desselben   E n t i s   (Wesens)“ wie Magnetismus, Elektrizität und Chemismus; was unsere ersten Physiker heute, im zwanzigsten Jahrhundert, als ein Neues, von Clerk Maxwell nur Vorgeahntes beschäftigt, hat Goethe vor hundert Jahren (1806) ausgesprochen, und zwar als eine Überzeugung, an der er „gar nicht zweifle“ und durch deren empirischen Nachweis „die ganze Naturforschung für immer geborgen wäre“. Ein einziger solcher bis auf den tiefsten Grund durchdringender Blick sollte Goethe für alle Zeiten vor dem Vorwurf schützen, in der Physik ohne Urteil gewesen zu sein; freilich, die Form der Mathematik lag ihm fern, doch in das Wesen auch der elementaren Vorgänge schaute er so tief wie nur Wenige. Hätte er es doch erlebt, wie die ihm so verhaßten

334 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode

angeblichen „Strahlen“ des Lichtes bis auf die letzte Spur verschwanden, so daß sie heute nur noch für die dümmeren Studenten der ersten Semester sowie für Feuilletonisten und deren Leser dienen!
    So sehen wir denn die systematische Begrenzung des Stoffes der Entwickelung des Urteils zu wahrhafter Förderung dienen. Nun muß ich aber noch auf jene andere Begrenzung hinweisen, die ich vorhin als Begrenzung der Leistung bezeichnete: innerhalb eines jeden Gebietes findet Goethe eine bestimmte Aufgabe zu lösen, ihr widmet er sich und läßt sich nicht durch andere Dinge ablenken und irremachen.
    Schon bei unserer Übersicht der rein stofflichen Beschränkung erkannten wir klar den lebendigen Mittelpunkt in Goethe's Erforschung der Natur: es ist seine Farbenlehre. Äußerlich läßt sich leicht feststellen, daß er diesen Untersuchungen am meisten Zeit gewidmet hat; denn seine diesbezüglichen Veröffentlichungen und Manuskripte füllen sechs Bände der Weimarer Ausgabe in der Stärke von je vier- bis fünfhundert Seiten, was mehr ausmacht als alle übrigen Arbeiten zur Naturerforschung zusammen. Wie teuer ihm gerade diese Arbeit war, ersehen wir aus folgender Episode: als im Oktober 1806 nach der Schlacht bei Jena die Gefahr, alles zu verlieren, plötzlich über ihn hereinbrach, dachte er nicht etwa an die Rettung von Dichtungen, Tagebüchern u. dgl., sondern einzig an die seiner Papiere zur Farbenlehre. Die innere Veranlassung zu dieser Bevorzugung erkennen wir, sobald wir uns die grundsätzlichen Ausführungen über Objekt und Subjekt, über Erfahrung und Idee zurückrufen. Dort hörten wir Goethe als den idealen Standpunkt für die Naturerforschung denjenigen bezeichnen, der genau mitteninne zwischen Objekt und Subjekt gelegen wäre: hier — bei seinen Untersuchungen über das Wesen der Farbe — ist es ihm gelungen, diesen Standpunkt genau einzunehmen und mit nur geringen Schwankungen zu behaupten. Darum war nicht bloß ihm selber besonders wohl und sicher und sieghaft auf diesem Gebiete zu Mute, sondern es ist unwidersprechlich sicher, daß wir hier am ehesten lernen können, worauf es ankommt, um Goethe's Ziel zu verstehen und uns von ihm in seine neue Methode einführen zu lassen; außerdem wird es schon trotz aller Verwirrung des irregeleiteten Urteiles täglich deutlicher, in welchem Maße mit dieser großen Leistung sowohl der

335 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode

Erkenntnis der Natur wie der Kultur des Geistes dauernd gedient worden ist. Rechts und links von diesem Mittelpunkt — den wir vielleicht noch besser als   B r e n n p u n k t   des auf Erforschung der Natur gerichteten Geistes bezeichnen könnten — erblicken wir je eine Gruppe von zwei eifrig gepflegten Naturstudien: die eine betrifft das gestaltete Leben (Pflanzen- und Tierreich), die andere das Reich der Elemente (die Erde und ihre Lufthülle); die erste Gruppe gehört, wie Goethe uns vorhin belehrte, zur „Herrschaft der Vernunft“, neigt also dem Subjekte zu, die andere ist dem Geiste unverwandt, folglich ganz und gar Objekt, so daß hier das Subjekt Gewaltsamkeit anwenden muß, um sie seinem Gestaltungsbedürfnis zu unterwerfen. Man stelle sich also fünf Hauptaugenpunkte vor (wie die fünf Finger einer Hand): in der Mitte die Farben, links davon das Pflanzenreich (in seinen Blattformen veranschaulicht) und das Tierreich (an seinem Skelette erfaßt), rechts davon die Erdrinde (als geschichtlich aufgestapeltes Zeugnis langsamen Werdens) und die nach Elementenfreiheit hinwegstrebende, doch gefesselte Lufthülle. Nun aber tritt ein doppelt-gekreuztes Verhältnis ein, zu jenen gehörig, die Goethe als „überquer“ zu bezeichnen pflegte. Wie stark subjektiv er Geologie und Meteorologie behandelte, habe ich soeben hervorgehoben; streng objektiv ging er dagegen bei der Morphologie und der vergleichenden Anatomie vor; kein Fachmann könnte härtere empirische Forderungen an sich stellen, als Goethe es hier tat (man sehe nur seine Arbeiten über Blattgestalten und seine Tabellen zu Knochenstudien). Seinem leitenden Grundsatz der Mittelstellung zwischen Objekt und Subjekt blieb er also dadurch treu, daß er bei Erscheinungen, die dem Subjekte näher stehen, die Objektivität in ihren strengsten Forderungen, dagegen bei Erscheinungen, die an und für sich fast rein objektiver Natur sind, die Subjektivität freier walten ließ. Bis hierher erfaßt man den Zusammenhang leicht; nun aber stoßen wir erst auf das eigentliche Überquere, und dieses merkwürdige Verhältnis scheint mir geeignet, zu noch tieferem Nachdenken anzuregen. Denn gerade unser Wissen von den Lebensgestalten, bei deren Erforschung sich Goethe so strenger Objektivität befleißigte, hat er weniger durch neue Tatsachen als durch neue architektonische Ideen bereichert, Ideen, die auch auf die exakte Naturforschung ungemein anregend gewirkt haben; wogegen auf jenen

336 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Goethe's Forschungsmethode

Gebieten, wo Goethe rücksichtslos subjektiv vorging (ich habe namentlich die Geologie im Auge), er weniger Gestaltungskraft seinen Ideen mitzuteilen wußte, dafür aber eine Reihe von empirisch wohlbegründeten Entdeckungen machte, um die ihn jeder Fachmann beneiden könnte.
    Aus der Wahrnehmung dieses eigentümlichen Verhältnisses — der subjektiv Verfahrende entdeckt (wie durch ein zweites Gesicht) empirische Tatsachen, der objektiv Erforschende bereichert den Geist durch neue schöpferische Ideen — erhalten wir eine solche Fülle von Belehrung sowohl über die Natur des Menschengeistes überhaupt wie auch namentlich über das innerste Gefüge dieser reichen Persönlichkeit, daß der Redende gern schweigt, um Jedem Raum zu eigenem Sinnen zu lassen. In dieser Intelligenz bleibt nichts Fläche; durch das beständige Nebeneinanderbestehen des Antithetischen wächst jeder Teil der Persönlichkeit zu einem Körperhaften aus, und es kann nie gelingen, Goethe in irgend einer seiner Begabungen und Tätigkeiten von einem einzigen Standpunkt aus zu übersehen und zu beurteilen, immer wird man es verstehen müssen, sich ringsherum den Weg zu bahnen.
    Wir wenden uns zu den einzelnen Gebieten. Und zwar fassen wir alle Arbeiten Goethe's unter drei Rubriken zusammen: das Zwischengebiet der Farbenlehre, das Gebiet des Organischen, das Gebiet des Anorganischen. Warum die Farbenlehre vorangeschickt werden soll, erhellt zur Genüge aus den bisherigen Ausführungen: hier, auf der Grenzscheide zwischen organischer Lebenstat und anorganischer Kräfteverschiebung, lernen wir Goethe's Standpunkt am besten kennen. Was seine Beobachtungen und Gedanken über Pflanzen und Tiere anbelangt, so ergänzen sie sich gegenseitig: beide betreffen das große Reich des dem Subjekt verwandten Organischen, und man versteht besser, worauf er hinaus will, wenn man sie vorerst als Teilbestrebungen innerhalb einer größeren Einheit behandelt. Dagegen hebt sich das Anorganische als Einheit anderer Art scharf von dem Organischen ab. Goethe selber hat die grundsätzliche Unterscheidung anerkannt und ausgesprochen, indem er betont, man müsse auf den beiden Gebieten verschieden verfahren: beim Anorganischen „anfangs rein atomistisch, nur sehen, nicht denken“, beim Organischen dagegen „erst die Ideen in uns erwecken und beleben“.

337 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Die Farbenlehre

Beim Anorganischen ist es nicht möglich, etwas zu denken, ehe man nicht sehr viel gesehen hat, beim Organischen bleiben die wichtigsten Beziehungen Demjenigen ebenso wie einem Blinden verborgen, dessen Geist nicht von vornherein wie die straffgespannten Saiten eines Streichinstrumentes vorbereitet ist, die empfangenen Eindrücke in eine höhere, mehr vermögende Gedankensphäre zu erheben. Aus diesen Erwägungen ergibt sich die vorgeschlagene Dreiteilung.

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Die Farbenlehre

    Goethe's Briefe an Jacobi sind eine wahre Fundgrube für Den, der nach Aufschluß über seine tiefsten Gedanken sucht; auch hier wieder bieten sie uns die genaue, unterscheidende Kennzeichnung. Von seiner Arbeit über die Farben schreibt er an den Freund: „Sie hat mir große Vorteile gebracht, indem ich dabei genötigt war, sowohl gegen Erfahrung als Theorie face zu machen, und mich also nach beiden Seiten gleich auszubilden suchen mußte.“ Bei seinen anderen Naturstudien hatte er es insofern leichter gehabt, als er dort in der Hauptsache nur entweder gegen die von der Wissenschaft angenommene Erfahrungsmasse oder gegen ihre leitenden Theorien, nicht aber gegen beide zugleich in Widerspruch trat; wogegen er sich bei seiner Erforschung der Farben genötigt sah, „sowohl gegen Erfahrung als Theorie face zu machen“, d. h. also, sowohl den Stoff wie die Lehre neu zu gestalten. Die Tatsachen selbst, welche der Wissenschaft als Grundlage dienten, schienen ihm — insofern nicht das Licht, sondern die Farben in Betracht kamen — teils falsch, teils bedeutungslos; hier hat er also nicht bloß, wie bei den organischen Wesen, in eine unbestritten bleibende empirische Hauptmasse neue Einblicke und auf bisher wenig beachtete Tatsachenreihen neue Ausblicke eröffnet, sondern er hat den gesamten empirischen Tatbestand in wesentlichen Punkten neu aufzubauen, beziehentlich aufzudecken unternommen, wobei er noch das gesamte technische und künstlerische Schaffen der historischen Menschheit und alle Gedanken der Menschen über die Farben als einen Bestandteil seines empirischen Materials zum ersten Mal einsammelte, durchforschte und darstellte. Das Alles betraf „die Erfahrung“, wie er es im obigen Satze nennt; nun aber die „Theorie“. Es steht von vornherein nicht anders zu

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erwarten, als daß die neue Lehre mit der in grundsätzlich verschiedenen Voraussetzungen wurzelnden und ein anderes Material bearbeitenden physikalisch-optischen Lehre der Wissenschaft kaum einige Berührungspunkte aufweisen wird. Hier steht Goethe also allein. Und kostet es auch deswegen Mühe, ihn wirklich zu verstehen — denn man muß sich entschließen, wie ein Kind in die Schule zu gehen und das Abc zu lernen —, so entschädigt dafür der Vorzug, daß jenes halbe Verständnis nicht leicht aufkommen kann, welches Goethe's Leistung auf rein organischem und rein anorganischem Gebiete als die eines durchwegs schöpferischen Naturerforschers noch immer verdunkelt, Schlimmeres damit anrichtend als ein grobehrliches Mißverstehen. Mag also der um die Kenntnis Goethe's Beflissene an das Studium dieser Farbenlehre, in welcher Stimmung es auch sei, herantreten, mag er, in aller Einseitigkeit unserer Zeit festverwoben, entschlossen sein, diese Lehre als unbegründet zu verwerfen, das Eine muß er zugeben und festhalten: es handelt sich um ein Neues, um ein Ganzes, um ein Eigenes, in welchem Goethe „sowohl gegen Erfahrung als Theorie face zu machen genötigt ist“. In diesem Zusammenhang verdient es gewiß Beachtung, wenn Goethe hier — und hier allein — immer wieder von dem „Genius“ spricht, dem er gehorchen müsse. „Ich bin ... vom Genius dahin geführt worden, wo ich nicht hinwollte“; „ich habe mir durch das optische Studium eine große Last aufgeladen oder vielmehr der Genius hat's getan“ usw. Es ist einfach unerträglich, wenn über eine derartige Geistesleistung nach den Schuster- und Schneiderusancen der gangbaren Wissenschaft abgeurteilt wird; wie Goethe gesagt hat: „Ich wünsche, daß ein aufgeweckter, guter, besonders aber liberaler Kopf zur Sache greife“, wobei er weiter definiert: „Liberal aber heiß' ich, von beschränkendem Egoismus frei, von dem selbstsüchtigen Gefühl, das weder mit guter Art zu nehmen noch zu geben weiß.“
    Daß Goethe selber nicht unbeträchtlich zu der unter seinen Zeitgenossen und noch unter uns herrschenden Wirrnis beigetragen hat, soll nicht geleugnet werden; entscheidend ist aber die Tatsache, daß er von Anfang an gewußt hat, seine   F a r b e n l e h r e   und die   m a t h e m a t i s c h e   O p t i k   seien zwei unverwandte Bestrebungen des Menschengeistes; schon während seiner frühesten Arbeiten über die Farben sagt er, es werde „auf seinem Wege nach der mathe-

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matischen Theorie gar nicht gefragt“; er hat es nur hin und wieder in der begreiflichen Erbitterung über die „niederträchtigste Behandlung, die er von seinen Zeitgenossen erduldete“, vergessen oder übersehen. Nicht also liegt hier eine Gegnerschaft vor, eine Leugnung der Berechtigung und der Leistungen der mathematischen Methode, sondern, sobald und solange man Goethe's Standpunkt einnimmt, fällt jene nicht in den Gesichtskreis. Von der mathematischen Physik erklärt er, „sie möge in ihrem Kreis vor wie nach ihr Wesen treiben“, und ausdrücklich gibt er zu, „die übrige Optik“ könne „der Meßkunst nicht entbehren“; einzig von den Farben behauptet er, man dürfe sie „von der Meßkunst ganz abgesondert betrachten“. Denn, so heißt es an anderem Orte: „Der Regenbogen, sowie die prismatischen Erscheinungen sind nur einzelne Fälle der viel weiter ausgebreiteten, mehr umfassenden, tiefer zu begründenden harmonischen Farbenerscheinungen.“ Die mathematische Optik, und mögen ihre Leistungen noch so glänzende sein, behandelt nur einen Spezialfall unter hundert anderen, bei denen Farbe wahrgenommen wird. Darum hat Goethe es sehr bald bedauert, seine ersten kurzen Veröffentlichungen auf diesem Gebiete Beiträge zur Optik genannt zu haben, und meinte: „Hätte ich Chromatik gesagt, so wäre es unverfänglicher gewesen.“ Später hat er stets nur von „Farbenlehre“ gesprochen und ist so fern davon, der Wissenschaft auf ihrem Felde einen Kampf liefern zu wollen, daß er in der Einleitung zu seinem Entwurf einer Farbenlehre schreibt: „Diese Art, sich die Sache vorzustellen, können wir Niemand aufdringen. Wer sie bequem findet wie wir, wird sie gern in sich aufnehmen. Ebenso wenig haben wir Lust, sie künftig durch Kampf und Streit zu verteidigen.“
    Worin besteht nun der Gegensatz des Standpunktes zwischen der mathematischen Optik und Goethe's Farbenlehre? In früheren Abschnitten des Kapitels wurde diese Frage (eingeschlossen in der weiteren Frage über das Wesen von Goethe's Naturerforschung) sowohl von der hohen Warte der allgemeinen Interessen einer Menschheitskultur aus wie auch aus metaphysischer Vertiefung beantwortet; jetzt, wo ein bestimmt beschränktes Feld vorliegt, will ich es bündig und handgreiflich tun: die Optik hat zum Gegenstand das   L i c h t,   die Farbenlehre hat zum Gegenstand die   F a r b e n.   Licht und Farbe sind so grundverschiedene Vorstellungen, daß wir, je nach

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dem das eine oder das andere von beiden uns zum Ausgangspunkt dient, in völlig getrennte Erfahrungs- und Gedankengebiete geraten. „Farbe“ ist eine ganz und gar konkrete, unmittelbare, sichere, jedem Bauern ebenso genau wie dem größten Gelehrten bekannte Wahrnehmung; „Licht“ dagegen — wie die Wissenschaft das Wort versteht — ist ein Begriff, der sich aus einer Reihe von Abstraktionen ergibt und fast ebenso sehr Gedanke genannt werden muß wie der Begriff „Natur“. Gleich von vornherein haben wir also die Gegenüberstellung eines Abstrakten und eines Konkreten: das Abstrakte vertritt die exakte Wissenschaft, das Konkrete Goethe.
    Hier wie überall geht die exakte Wissenschaft in der Weise vor, daß sie so viel als möglich aus der sinnlichen Erfahrung — also die wahren Eigenschaften der Phänomene — tunlichst bald abstreift, um ein mechanisches Symbol zu erreichen (die „technische Idee“, von der vorhin die Rede war, S. 319), wo dann die unmittelbare Verknüpfung mit dem einzig unfehlbaren Organ der Meßkunst stattfinden kann. Ist das Licht wirklich eine Wesenheit für sich? Kann man es erfassen wie irgend einen materiellen Gegenstand, isolieren, analysieren? Diese Annahme ist schon eine Hypothese, eine „Art von Abstraktum“. Goethe's Prometheus sagt von dem Geschlecht der Menschen, es sei:

Bestimmt Erleuchtetes zu sehen, nicht das Licht!

Das Erleuchtete ist überall Farbe, wogegen der Begriff Licht — ähnlich wie der Begriff Schall — für den naiven Menschen bloß die Tätigkeit eines seiner Sinne objektiviert zusammenfaßt und nicht ohne weiteres den Schluß auf eine außermenschliche Wesenheit zuläßt. Das „Licht“ ist, jenachdem man es nimmt,   g a n z   objektiv, oder   g a n z   subjektiv; die Farbe dagegen bezeichnet immer eine Relation zwischen dem lebendigen Wesen und der umgebenden Natur. Goethe meint: „Die Natur des Lichts wird nie ein Sterblicher aussprechen; und sollte er es können, so würde er von Niemandem, so wenig wie das Licht, verstanden werden“, doch neigt er, wie wir schon hörten (S. 333), zu der Ansicht, der Name „Licht“ bezeichne nur das Bruchstück eines allgemeineren Phänomens, welches unter sich manches befasse, was wir als Magnetismus und als chemische oder physikalische Wirkung deuten. Heute urteilt die Physik genau so wie Goethe und versteht unter Licht

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eine beschränkte Teilerscheinung innerhalb eines großen Komplexes von Phänomenen, die keine Beziehung auf unseren Gesichtssinn erkennen lassen. Goethe hat also ohne Frage schon hier, bei der Grundauffassung, gegen Newton recht behalten. Denn dieser große Mathematiker war von der kindlichen Vorstellung ausgegangen, das Licht sei wirklich ein besonderes, getrenntes, für sich bestehendes „Ding“, eine eigenartige Materie, lauter kleine Kügelchen, welche von der Sonne gegen die Erde geschleudert würden. Um Goethe herum hielt noch die Mehrzahl an dieser Vorstellung fest, wenngleich schon damals für alle mathematisch höher Gebildeten die Kügelchen längst den Wellen des Äthers gewichen waren, wie sie Descartes, der schöpferische Denker, vor Newton's Geburt ersonnen und Huyghens, der Mathematiker, plausibel gemacht hatte; nunmehr aber sind die Wellen dort, wo zu Goethe's Zeiten die Kügelchen waren, d. h. sie tun Dienste in den Köpfen der beschränkt Begabten oder verkrüppelt Gebildeten, wogegen sie in der eigentlichen Wissenschaft längst zu nicht näher definierbaren „Schwingungen“ umgewandelt werden mußten und in guten Lehrbüchern nur noch als Hilfsvorstellung Verwendung finden. Noch vor wenigen Jahren wurde Jeder, der für Goethe's Lehre Interesse faßte, auf Dove's Darstellung der Farbenlehre (1853), ein im übrigen vortreffliches Buch, verwiesen, in welchem der tatsächliche Beweis ad oculos der Wellen als endgültige Widerlegung Goethe's aufgefaßt wurde; heute sagt Poincaré, der erste Analytiker unserer Tage, von der Hypothese der Wellenschwingungen, sie sei nicht bloß keine nachweisbare Wahrheit, sondern nicht einmal „interessant“! Der Physiker behauptet jetzt nur: innerhalb des undefinierbaren, weil undenkbaren Äthers gibt es einen beständigen Wechsel von Plus und Minus, einen Tausch und Umtausch der Richtungen, ein Hin und Her von Energie innerhalb eines weltumfassenden Kraftfeldes, und dieser Wechsel läßt sowohl einen räumlichen wie einen zeitlichen periodischen Ausdruck zu; eine Vorstellung, gegen die Goethe um so weniger einzuwenden hätte, als sie mit seinen oft ausgesprochenen Vermutungen genau übereinstimmt. Die Vorstellung „Licht“ ist — innerhalb der streng exakten Wissenschaft — eine so schwankende geworden, daß ein anerkannt allererster Physiker unserer Zeit, Lord Kelvin, keine andere Definition zu geben weiß als: „Licht ist Licht, wenn Du es als Licht

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siehst; es ist nicht Licht, wenn Du es nicht siehst“. Unbefriedigt nimmt Kelvin noch einen Anlauf und sagt: „Licht definieren wir als dasjenige, was wir mit Bewußtsein als Licht wahrnehmen.“ * Die logischen Leistungen unserer führenden Naturforscher könnten einem neuen Molière zu einem unsterblichen Lustspiel Stoff geben. Außerdem stimmt die Definition des edlen Lords nicht mehr; ein hervorragender englischer Physiker veröffentlichte unlängst ein Buch Light visible and invisible; es werden also von der heutigen Physik auch Phänomene, die zu keiner sinnlichen Wahrnehmung gelangen, als „Licht“ bezeichnet. Wer denkt nicht an das soeben gehörte Wort Goethe's zurück: „Die Natur des Lichtes wird nie ein Sterblicher aussprechen“? * Wenn nun die theoretischen Vorstellungen der exakten Wissenschaft über das Wesen des Lichtes eine nach der anderen als nichtig erkannt wurden, warum erlitt der Siegeslauf der Entdeckungen auf optischem Gebiete nicht einen Tag Aufenthalt? Weil die Berechnungen blieben. Die symbolischen Vorstellungen konnten kommen und gehen wie sie wollten; die kindlichen unter ihnen genügten kindlichen Geistern, die vertrackt absurden waren und sind der Neoscholastik unserer Neopfaffen ebenso teuer wie die entsprechenden logischen Seiltänzereien ihren Vorgängern in der Kutte vor etlichen Jahrhunderten; doch was richtig berechnet war, blieb richtig berechnet und führte außerdem zu weiteren richtigen Berechnungen. „Des Mathematikers Formel“, bemerkt Goethe, „bleibt immer noch richtig, wenn auch die Unterlage nicht zu ihr paßt, auf die sie angewendet worden“. Nirgends enthüllt sich das rein abstrakte Wesen unserer exakten Wissenschaft deutlicher als gerade hier. Der eigentliche Geist des Menschen, dessen Nahrung einzig aus sinnlichen Vorstellungen besteht, geht leer aus: es ist nichts zu sehen, nichts zu denken, kein Tüttelchen Inhalt mehr zu Traum, Dichtung, Sehnsucht, Tat; aber — die Rechnung stimmt.
    Dem gegenüber ersteht nun Goethe, der konkrete. Ihm fällt es nicht ein, über das angebliche Wesen des angeblichen Lichtes etwas auszumachen; von diesem „Abstrakten, für sich Bestehenden, sich selbst Bedingenden“ will er nichts wissen; vielmehr blickt er um sich als freier, künstlerischer, naturverwandter Mann und gewahrt zwei Dinge, durch welche die „Welt des Auges erschöpft wird: Gestalt und Farbe“. Über Gestalt redet er an anderem Orte, hier erforscht er Farbe.

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    Die Welt des Auges! Dieses Wort — uns aus anderen Äußerungen Goethe's schon bekannt (S. 264) — weist einen bestimmten Weg, der nicht der Weg der mathematischen Wissenschaft ist, einen Weg, auf dem man „sich vor der Abstraktion fürchtet“, einen Weg, auf dem die Naturbetrachtung „unmittelbar ins Leben übergeht“. Mit entzückender Schlichtheit nennt Goethe als „Hauptabsicht“ seines Farbenwerkes, „die Natursprache zu bereichern, zu erweitern und so die Mitteilung höherer Anschauungen unter den Freunden der Natur zu erleichtern“. Zur wirklichen Bereicherung einer Sprache kann nur die Bereicherung unserer Vorstellungen führen; die neuen Anschauungen bedingen die Spracherweiterung. Goethe will sehen lehren, will in die Welt des Auges einführen; als einen Hauptfehler unserer Zeit bezeichnet er den „Mangel der Anerkennung des eigentlichen Wertes der Anschauung“; an Stelle „des Atomistischen der Newtonschen Vorstellungsart“, an Stelle der Linien, Winkel, Punkte, Buchstaben, Berechnungen, welche die Wissenschaft als „Lichtlehre“ uns darbietet, will Goethe die Freunde der Natur lehren,   d i e   F a r b e n   z u   s e h e n,   ihr kaum je beachtetes unaufhörliches Wechselspiel bewußt zu erleben und dadurch zugleich die Sinne zu schärfen; sind diese erst geschärft, so tritt das Bedürfnis nach neuen Begriffen, nach neuen Begriffsverknüpfungen, schließlich nach neuen Ideen auf. In diesem Wechselspiel zwischen Geist und Sinnlichkeit soll sich der Mensch steigern, und aus dieser Steigerung geht das Organ seines geistigen Daseins, die Sprache, bereichert, erweitert hervor. Da sind wir freilich weit von der Weisheit: „Licht ist das, was Du als Licht wahrnimmst.“ Doch ohne eine Theorie kann auch Goethe nicht auskommen. In folgendem Absatz seines Vorworts hat er in jener Vollkommenheit des Ausdrucks darüber gesprochen, die sein ganzes Farbenbuch zu einem ewigen Meisterwerk menschlicher Mitteilungskunst erhebt; in diesem Buche besitzen wir eben das erste Ergebnis des genannten Parallelismus zwischen Steigerung der Anschauung und der Sprache.
    „Hier aber ist zu bemerken, daß, ob man sich gleich überall an die Erfahrungen gehalten, sie überall zum Grunde gelegt, doch die theoretische Ansicht nicht verschwiegen werden konnte, welche den Anlaß zu jener Aufstellung und Anordnung gegeben. Ist es doch eine höchst wunderliche Forderung, die wohl manchmal gemacht,

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aber auch selbst von Denen, die sie machen, nicht erfüllt wird: Erfahrungen solle man ohne irgend ein theoretisches Band vortragen und dem Leser, dem Schüler überlassen, sich selbst nach Belieben irgend eine Überzeugung zu bilden. Denn das bloße Anblicken einer Sache kann uns nicht fördern. Jedes Ansehen geht über in ein Betrachten, jedes Betrachten in ein Sinnen, jedes Sinnen in ein Verknüpfen, und so kann man sagen, daß wir schon bei jedem aufmerksamen Blick in die Welt theoretisieren. Dieses aber mit Bewußtsein, mit Selbstkenntnis, mit Freiheit und, um uns eines gewagten Wortes zu bedienen, mit Ironie zu tun und vorzunehmen, eine solche Gewandtheit ist nötig, wenn die Abstraktion, vor der wir uns fürchten, unschädlich, und das Erfahrungsresultat, das wir hoffen, recht lebendig und nützlich werden soll.“
    Möchte der Leser diese Sätze wiederholt Wort für Wort überdenken, bis er ihren Sinn, der zu reich ist, um sofort in seinem vollen Umfang erfaßt zu werden, ganz in sich aufgenommen hat! Dann frage er sich, wie groß wohl die Wahrscheinlichkeit sein mag, daß irgend einer selbst unserer bedeutendsten exakten Forscher jemals einer Lehre gerecht werden könnte, die in   F r e i h e i t   und   I r o n i e   wurzelt? Kaum einer von ihnen wird auch nur die Aufforderung hierzu verstehen. Es ist genau so, als wollte man mit einem Jesuitenpater von Freiheit des Gewissens und Ironie des Glaubens reden; wer die Wahrheit in concreto zu besitzen wähnt, hat für das, was Goethe „recht lebendige Erfahrung“ nennt, keinen Sinn. Goethe anerkennt als Kriterion einzig die Fruchtbarkeit: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr!“ (S. 258). Fruchtbar für eine organische Weiterentwickelung der Menschenkultur ist nicht eine angebliche Wahrheit, die auf lauter Berechnungen hinausläuft, welche einzig der mathematische Fachmann versteht und einzig der Mechaniker anwendet, vielmehr etwas, was auf allen Gebieten des Lebens Bedeutung besitzt, was die Sinne schärft und den Geist nährt, wie denn Goethe mit seiner Farbenlehre „Gefälliges und Nützliches zu erzeigen denkt“ den Philosophen, Ärzten, praktischen Chemikern, Technikern, Fabrikanten, Künstlern und Anderen und den Wunsch ausspricht, auf den von der Theorie „nur angedeuteten Grundzügen“ solle sich „die Tat lebendig ergehen“. Wie wir am Anfang dieses Kapitels vernahmen: „Auf diesen höheren Stufen kann man nicht

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w i s s e n,   sondern man muß   t u n“   (S. 260). Dies aber, diese allgemeine Steigerung der geistigen Kultur, kann nicht den Menschen von oben herab, aus gelehrter Gnade, in Worten, die dem Ungelehrten unbegreiflicher sind als die Mysterien der Religionen, gespendet werden, sondern nur durch eine Auffassung der Natur, in welcher „alles Raisonnement sich in eine Art von Darstellung verwandelt“ (S. 264), mit anderen Worten, durch eine konkrete, sinnliche, sichtbare Lehre, eine Lehre, durch welche „die Natur Allen verständlich wird“ (S. 269).
    Mit Absicht habe ich wieder in die allgemeinen Betrachtungen des einleitenden Abschnittes dieses Kapitels zurückgegriffen; denn wenn Goethe einmal mit Bezug auf seine Farbenlehre klagt: „Niemand kennt und versteht meine Prämissen“, so müssen wir vor allem bemerken: diese Prämissen sind nicht bloß technischer Art, sie betreffen nicht bloß die Benutzung oder Nichtbenutzung der Rechenkunst, nicht bloß die gereizte Gegnerschaft gegen Newton und was es dergleichen noch gibt, vielmehr umfassen sie eine Weltanschauung. Bei der technischen Ausführung der Experimente, bei der Deutung der Phänomene muß sich natürlich Goethe oft mit der Wissenschaft berühren, wie auch oft sich von ihr entfernen; da handelt es sich um ein Geben und Nehmen; keiner aber, der nicht begriffen hat, in welcher Weise die rein menschlichen Voraussetzungen — das Woher und das Wohin — völlig voneinander abweichen, wird je sich ein Urteil bilden können über das, was Goethe hier geleistet hat. Versteht dagegen der Leser, inwiefern der oben hervorgehobene Gegensatz zwischen der Erforschung des Lichtes und der Erforschung der Farbe bereits den Gegensatz zweier Weltanschauungen umfaßt, dann ist er auf dem Wege, Goethe's Farbenlehre auch bis ins Einzelne hinein, als Tat, als Schöpfung, als Kulturelement, begreifen zu können. Alles hält sich: das Ganze und dessen Teile. Wer das Licht erforscht, geht, wie wir gesehen haben, von einem abgezogenen Begriff aus und endet in Gleichungen; daß man in gewissen Kapiteln der Optik doch von „Farben“ redet, ist nur eine schlechte Angewohnheit; denn weitaus der größte Teil der Schwingungen, Vibrationen oder, wie man es nennen will, des Äthers ist überhaupt unsichtbar, sie liegen unter- oder oberhalb der Grenzen, die unserer Augentätigkeit gezogen sind. Was aber jene Vorgänge

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betrifft, die man allegorisch als „Schwingungen“ bezeichnen kann, deren Frequenz zwischen vierhundert und achthundert Billionen in der Sekunde beträgt und die das Menschenauge wahrnimmt, so verfährt der Physiker weit praktischer, wenn er von Zahlen, als wenn er von Farben redet; denn erstens gibt es Farbenblinde, sodann kommen alle erdenklichen Grade von verschieden feiner Empfänglichkeit vor (Newton z. B. hat haarsträubend ungenau die Farben unterschieden, wogegen Goethe es durch Natur und ununterbrochene künstlerische Weiterbildung bis zu der zartesten Unterscheidungsfähigkeit brachte). In Wahrheit ist jede Lebensfunktion, welche sie auch sei, ein dem Physiker verbotenes Gebiet. Der selbe Lord Kelvin, den ich vorhin anführte und dessen Autorität kein exakter Forscher abweisen kann, sagt, der Physiker überschreite seine Kompetenz, „sobald er bei Nerven ankommt“, und fügt hinzu: „Die Physik betrifft leblosen Stoff allein; sobald ich von einem lebendigen Körper rede, bin ich außerhalb meines Gegenstandes.“ Sobald also unsere mathematische Optik von Farbe und von Farben redet, besitzen diese Vorstellungen nicht konkreten, sondern nur allegorischen Wert; das sogenannte „Licht“ der Physik existiert ja ohne das Menschenauge, überhaupt ohne alles Leben; treibt hier und da zufällig ein Auge sein Wesen, so hat das auf die optischen Phänomene, wie wir sie heute auffassen und berechnen, gar keinen Bezug; finden wir armen Menschen uns auf unseren Gesichtssinn angewiesen, um gleichsam tastend zu Phänomenenreihen zu gelangen, die unserer unmittelbaren Wahrnehmung unzugänglich bleiben, so bedeutet das von diesem Standpunkt aus nicht eine Göttergabe, vielmehr nur das Bewußtwerden einer Beschränkung. Wie anders stellt sich die Sache für den Mann dar, der seinen Ausgangspunkt von der Farbe nimmt und seine Untersuchung einzig der Farbe widmet! Farbe ist eine ausschließlich sinnliche Wahrnehmung; keinen Worten, geschweige Zahlen, kann es gelingen, an sie auch nur heranzukommen; der Verstand ist unfähig, einen Punkt zu entdecken, wo er anbinden könnte. Rot oder Grün liegen jenseits aller Definierkunst; der Farbenblinde kann sie sich ebenso wenig wie der ganz Blinde vorstellen; wogegen der Ungelehrteste sich in dieser „Natur“, sobald er gute Augen besitzt, nicht weniger genau auskennt als der Gelehrteste. Und doch, selbst der Farbenblinde stellt sich Farbe noch besser als der

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Mathematiker vor; denn aus der Wahrnehmung von Helligkeit und Dunkelheit (die er besonders zart empfindet) entnimmt er, daß das Wesen aller Farbe auf Kontrast beruht, auf Gegensatz, und damit auf abgeschlossener, in sich selbst begründeter Vollständigkeit; Gelb und Blau, Grün und Rot verhalten sich zueinander wie Männliches und Weibliches, wie Pflanzenreich und Tierreich: das eine setzt das andere als Ergänzung voraus; dahingegen zwischen fünfhundert Billionen und sechshundert Billionen weder Kontrast noch Gegensatz noch Ergänzung stattfindet, sondern einfach eine lineare Zunahme in der selben Richtung, wodurch das eine vom anderen einzig progressiv und relativ unterschieden wird, was allein zur Überzeugung genügen müßte, daß unsere Farbenempfindung den Lehrsätzen der mathematischen Optik völlig wesensfremd ist.
    Nun wirft vielleicht Jemand ein, Goethe habe sich eben mit Physiologie, nicht mit Physik abgegeben; auch im reinwissenschaftlichen Lager mehren sich die Stimmen Derjenigen, welche Goethe's Verdienste um die Physiologie des Gesichtssinnes anerkennen; Helmholtz ging schüchtern voran, und heute, wo seine eigene spezielle Farbenlehre, weil grundfalsch, schon im Grabe der Vergessenheit ruht, während Goethe's Beobachtungen und Auffassungen neuesten Theorien als Grundlage oder Stütze dienen, heute sind die Physiologen geneigt, Goethe einen Ehrenplatz anzuweisen, jedoch auf Kosten dessen, was sie seine falsche physikalische Deutung nennen. * Hier müssen wir energisch Einspruch erheben. Denn möge Goethe recht haben oder nicht: was kein unparteiischer Mensch leugnen kann, das ist die genial organische   E i n h e i t l i c h k e i t   von Goethe's Farbenlehre; jeder einzelne Teil trägt die anderen und wird von ihnen getragen; jedes Bedingende ist selber bedingt, und aus jedem Bedingten sprießt neue Bedingnis hervor. Goethe ist eben so wenig Physiolog wie Physiker; vielmehr steht er, wie wir schon feststellten, auf einem Punkte mitteninne zwischen beiden; Kant hätte es den „transscendentalen Punkt“ genannt; es ist derjenige, wo Objekt und Subjekt, beide, ins Dasein springen. Ohne Frage hat die exakte Wissenschaft das Recht, sich in Goethe das zu holen, was sie gebrauchen kann, und das übrige zu verwerfen; das ist ihre Sache; ich leugne aber, daß damit irgend etwas über die Richtigkeit, über die aus der Fruchtbarkeit sich ergebende Wahrheit von Goethe's

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Farbenlehre ausgemacht sei. Unsere Physiologie der Sinne ist ein äußerst schwankes Rohr, und zwar ist sie es, weil sie sich verpflichtet fühlt, unmittelbar an die Physik anzuknüpfen und unmittelbar in die Psychologie hinüberzuleiten, und dies heißt, das Leben durch das Leblose und den nûs durch die physis erklären: eine zwiefache Unmöglichkeit. Wogegen Goethe, wenn er auch die eigenen Beschränkungen seines besonderen Standpunktes erdulden muß, doch die Beschränkungen des im Wahn einer reinen Objektivität forschenden Physikers sowie die noch bedenklicheren Ungereimtheiten des Psycho-Physiologen, der das Subjektive objektiv untersuchen will, überwindet. Goethe stellt keine physikalische Theorie auf, liegt somit (wenn man es wohl beachtet) in keinem Widerstreit mit unseren Physikern: der Äther, die Kügelchen, die Schwingungen, die Wellen ... alle diese Dinge samt den damit zusammenhängenden Berechnungen fechten ihn nichts an; ebensowenig gibt er sich mit der Anatomie des Auges ab und quält er sich mit der hoffnungslosen Frage, wie es wohl zustande komme, daß blinde Nervenden ein Sehen vermitteln, mit anderen Worten, wie Leben „Leben“ werde, was das uferlose Geschäft unserer Physiologen ausmacht. Goethe beschränkt seine Untersuchung auf die Farben allein, „die man mehr Tätigkeiten als Gegenstände nennen kann“. Seine erste Sorge ist, wie gesagt, uns überhaupt die Farben   s e h e n   z u   l e h r e n:   das zu bewirken, würde ihm allein schon das Wichtigste dünken; es gehört zu jener „Durcharbeitung des armen Ichs“, dessen „Aufmerksamkeit, Genauigkeit, Vollständigkeit, Vielseitigkeit“ mit und an seiner Kenntnis der Phänomene wachsen soll. Selbst der mit Lob kargende Helmholtz gesteht, es sei „ein Verdienst Goethe's, die Aufmerksamkeit der deutschen Naturforscher auf die Wichtigkeit dieser Kenntnis hingeleitet zu haben“; es war also, nach diesem Geständnis, unsern braven Physikern vorher nicht eingefallen, daß man die Farbenerscheinungen kennen müsse, ehe man darüber theoretisierte! Zu dieser Lehre des Sehens — der Grundlehre auf allen Gebieten der „Welt des Auges“, die Goethe im Sinne hat — gesellt sich das Aufsuchen der   B e d i n g u n g e n,   unter denen die betreffenden Erscheinungen gesehen werden. Hierzu werden die Hunderte von wohlausgedachten Versuchen durchgeführt, deren unanfechtbare Richtigkeit Helmholtz bezeugt.*

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    Doch unterbreche ich mich, um den Leser aufmerksam zu machen, daß, indem wir jetzt Goethe an der Arbeit erblicken, wir schon zwei ihn und seine Naturerforschung grundsätzlich unterscheidende Züge deutlich gewahr werden. Wir sollen als Erstes genau und vollständig   s e h e n;   wir sollen als Zweites die   B e d i n g u n g e n   dessen, was wir zu sehen gelernt haben, erforschen. Keiner, der Newton's Leistungen kennt, wird sein Genie leugnen, dem Goethe, wie nur er es vermochte, alle Anerkennung gezollt hat; doch fassen wir hier den Grundunterschied zwischen ihm und Goethe: Newton hat nach der Fülle der Phänomene, die ihm ebenso zugänglich gewesen wären wie seinem großen „Widersacher“, gar nicht gefragt. Die sogenannten „subjektiven Farben“, die durch Kontrast im Auge entstehen und die schon hellenischen Forschern auffielen, waren ihm unbekannt; die farbigen Schatten ebenso; selbst die Farben, die sein geliebtes Prisma auf die Wand warf, sah er unvollständig, ungenau, unaufmerksam und beharrte eigensinnig bei nachweisbar unrichtigen Behauptungen, sobald sie von seinen theoretischen Ansichten gefordert schienen; der Geniale geht mit Notwendigkeit seinen Weg, und Newton hatte auf dem ihm gewiesenen genug zu tun, „im abstraktesten Sinn ... seine innere Welt aufzubauen und die äußere zu gewältigen“. Im Gegensatz hierzu will Goethe's Farbenlehre vor allem dazu anleiten,   a l l e   Farbenphänomene zu beachten, und zwar genau: das ist das Sehenlernen, als Erstes. Doch das Zweite ist nicht minder wichtig: wir sollen Bedingungen — nicht Ursachen — erforschen. Newton, und mit ihm unsere ganze exakte Wissenschaft, springt gleich von einem Phänomen auf dessen Ursache. Ohne sich um die Gesamtheit der Farbenerscheinungen im geringsten gekümmert zu haben, folgert Newton aus der Tatsache, daß (unter gewissen Bedingungen) bei der Brechung des Lichtes Farben sichtbar werden, die Brechung sei „die Ursache“ der Farben, woraus dann weiter folgt, das „weiße Licht“ enthalte die Farben gleichsam eingekapselt, usw. Das Bekannte wird also durch das Unbekannte, das Konkrete durch das Abstrakte, die Farben durch das Licht „erklärt“. Hierbei läuft noch das höchst Bedauerliche mit unter, daß ganze Kategorien von Phänomenen — so z. B. die Kontrasterscheinungen — entweder geleugnet oder vergewaltigt werden müssen, während andere — z. B. alles, was auf Ästhetisches Bezug hat — für immer

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aus der Betrachtung ausgeschlossen bleiben. Mit ungleich größerer Besonnenheit geht Goethe zu Werke; denn erstens sammelt er ein hundertfach so großes und namentlich weit mannigfaltigeres Material als Newton an, und daraus schließt er dann unwidersprechlich: die Brechung ist nicht „die Ursache“ der Farben, sondern vielmehr bloß eine der vielen „Gelegenheiten“, bei denen Farbenerscheinungen auftreten können. Wer alle diese „Gelegenheiten“ genau kennt, der weiß Bescheid um die Farben, denn er kennt Bedingendes und Bedingtes; nach Ursachen wird nicht gefragt. Hierin kommt also ein radikaler Gegensatz der Weltanschauungen zum Ausdruck. Und aus diesem radikalen Gegensatz ergeben sich für die Betrachtung der Natur zwei ebenso radikal verschiedene Methoden, die ich in einem früheren Teil des Kapitels in abstrakterer Sprache als architektonisch und mathematisch voneinander unterschied und die wir jetzt den Vorzug haben am Werke beobachten zu können. Goethe hat vollkommen recht, wenn er sagt, mit Newton werde man „die Farbe fürs ganze Leben los“; denn sobald wir eine Ursache aufstellen, ist die Erscheinung vernichtet, was sich am besten daran zeigt, daß, wer die Ursache zu kennen wähnt, wie hier Newton, sich tatsächlich um die Kenntnis der Erscheinungen nicht mehr bekümmert; die Brechungen fesseln Newton's Aufmerksamkeit, der darin die Grundlage zu einer ergebnisreichen mathematischen Wissenschaft richtig ahnt, doch die Farben, Wesen, in denen keine Art von Berechnungen Fuß fassen kann, schafft er dadurch zugleich aus der Welt. Und so ist es immer und überall: für die Biologie der Tiere, d. h. für die Kenntnis ihres Lebens, und dies bedeutet im letzten Ende, für die Erkenntnis der lebendig-gegenwärtigen Bedeutung ihrer Gestalt, gibt es an keiner deutschen Universität einen Stuhl, niemand kümmert sich um das wirklich existierende Individuum und um die lebendigen Bezüge zwischen Gestalt und Dasein; aber von der als „Ursache“ der Gestalt aufgefaßten Abstammung, d. h. von einem abstrakten, logischen und zugleich entsetzlich oberflächlichen Gedanken sind alle Köpfe voll. Farbe und Gestalt: die beiden, welche, nach Goethe, die Welt des Auges erschöpfen (siehe S. 342), sind aus unserer exakten Wissenschaft verbannt. Auf Goethe's Wege dagegen ist die Anschauung selbst die Lehre; denn das aufmerksame, genaue, vollständige, vielseitige Anschauen umfaßt nebst den konkreten

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Wahrnehmungen (als Grundlage zu allem, worin der Menschengeist wahre Nahrung finden kann) die sorgfältige Prüfung der Bedingungen dieser Wahrnehmungen; so fördern sich denn Verstand und Sinne gegenseitig.
    Viel zu wenig beachtet wird folgende einfache Tatsache: Goethe's Farbenlehre ist die erste und einzige umfassende „Farbenlehre“, die es überhaupt gibt. Nur Theophrast und Boyle könnten als Vorgänger genannt werden, und auffallend ist die Art, wie Beide sich in wesentlichen Punkten mit ihm berühren; doch handelt es sich bei ihnen um so Unzulängliches (was Beide auch zugeben), daß sie mit Goethe nicht in eine Reihe gestellt werden können; sonst aber haben Physiker die Phänomene des Äthers untersucht und nebenbei die Farben abgehandelt und abgetan, oder Physiologen und physiologische Psychologen das Auge und das Nervensystem studiert, wobei der bloße Mechanismus der Farbenempfindung auch zur Sprache kam, oder es haben über Farben Farbentechniker gehandelt, denen aber einzig die empirische Erzeugung der sogenannten „chemischen Farben“ Interesse bot; Goethe's Versuch steht allein. Wer alle Dogmen von sich schüttelt und als freier Mann an die Lehre herantritt, wird gewiß Goethe's Zuversicht teilen: „Weil rein und redlich gemeint, muß sie von der Natur auf ewige Zeiten begünstigt werden.“ Sie ist vollendet organisch, weswegen man behaupten darf, sie erschöpfe jeden möglichen Fall: das Farbenleben der verschiedenen Arten von „Farbenblinden“ ist darin ebenso enthalten wie dasjenige, welches wir als „normal“ zu bezeichnen pflegen; sie liefert aber zugleich das Paradigma für jedes andere System der Farbenempfindung irgend welcher Sehorgane, wie solche wahrscheinlich in Hunderten von Abarten im Reiche des Lebens vorkommen.
    Wer Goethe's Prämissen kennt, weiß, in welcher Geistesverfassung er an das Studium dieser Lehre herantreten muß, an der eine der gewaltigsten Intelligenzen aller Zeiten vierzig Jahre lang gearbeitet hat. Hiermit hätte ich alles geleistet, was ich in dem Zusammenhang dieses Kapitels für das Verständnis der Farbenlehre leisten kann; nur das tatsächliche Erblicken der Phänomene unter Goethe's Leitung kann das Übrige bewirken. Eine warnende Mahnung möchte ich jedoch noch hinzufügen.
    Wiederholt macht Goethe darauf aufmerksam, seine Lehre,

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wenngleich sie dem ungelehrten Menschen durchaus zugänglich sei, da sie kein anderes Erfordernis stelle, als die Augen zu öffnen und richtig sehen zu lernen, koste dennoch — und eigentlich deswegen — bedeutend mehr Mühe als die physikalische; wer einige Schulung in der Elementarmathematik genossen hat, kann im Laufe einer Stunde alle Grundlagen der physikalischen Optik kennen lernen; dazu genügt ein schwarzes Brett, ein Stück Kreide und ein Lehrer, der die Theorie innehat. Bei Goethe dagegen kommt es auf ein   T u n,   nicht auf ein Lernen an; die Erziehung zum Sehen fordert eine Erziehung zum Beobachten, Beziehen, Denken, und zwar bei Goethe eine weit eingreifendere als in den Laboratorien der Physiker; denn bei diesen wird zwar auch gesehen, beobachtet, bezogen usw., doch stets an Instrumenten, welche neue Phänomene, bisher unzugängliche, außerdem bestimmt beschränkte, an den Tag fördern, und diese fallen selbst dem Stumpfsinnigsten auf, während Goethe uns lehrt, in der uns umgebenden Natur tausend Dinge zu bemerken, für die wir bisher sozusagen keine Augen hatten; und dies erfordert weit mehr Aufmerksamkeit, weit mehr Selbstzucht als die wissenschaftlich-technischen Beobachtungen, die man im Verfolg einer besonderen, vorgefaßten Meinung ausführt und bei denen man alles unbeachtet läßt, was zu dem leitenden Gedanken nicht gehört oder sich ihm nicht einfügt. Sind die Arbeitsstunden vorbei, so ruht der Forscher aus; Goethe aber lehrt, jeden Augenblick aufmerksam sein: lustwandelnd im Garten, bei Tische, mitten im lebhaften Gespräche, in der Stille der Nacht ... überall und immer achtet sein Auge auf die Farben. Denn wenn auch, wie wir sahen, Goethe dem Versuche Wert beilegt, er mißtraut doch der wissenschaftlichen Methode, immer von einem abstrakten Gedanken aus die Experimente anzustellen, wobei der Physiker dann findet, was er vorausgesetzt hat; Goethe's Methode ist, stets auf der Lauer zu bleiben, offenen Sinnes; erhascht er dann Neues, so ist er unermüdlich, das ihm auf diese Weise Geoffenbarte von allen Seiten zu erforschen, bis er möglichst viele „Bedingungen“, unter denen das Phänomen auftritt, entdeckt hat. Darum kostet es Arbeit, kostet es Lebenskraft, sich in Goethe's Farbenlehre heimisch zu machen.
    Damit hängt aber noch ein Weiteres zusammen, was uns abstrakten, anschauungsarmen Menschen manche Schwierigkeit be-

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reitet oder wenigstens Schulung kostet. Wer so vorgeht, wie Goethe es tut, und sei er auch der Sprachkünstler, der gerade dieser ist, wird nicht leicht   W o r t e   finden, um unmittelbar das auszudrücken, was er mitzuteilen hat; wie Kant sagt: „Worte können nicht die ganze Idee ausdrücken“; deswegen muß ein Goethe an unserem Geiste arbeiten, wie der Bildhauer den Ton bearbeitet, um diesem nach und nach, durch Druck, Stoß, Abtragen, Aufsetzen, jene Gestalt mitzuteilen, die er im Sinne hat. Es erfordert also Vertrauen, Ausdauer, Biegsamkeit des Gemütes, soll man als Schlußergebnis erschauen, was Goethe erschaute. Zwar ist es seine Absicht, „alles aufs Einfachste zurückzubringen“; von den Farben insbesondere betont er dies am Anfang seiner Studien und jubelt über das „weite Feld der Beobachtung und Erforschung, welches alsdann eröffnet“ werden wird; nichts aber fällt uns schwerer als einfache Anschauungen und einfache Gedanken.
    Ich will das hier Gesagte an einem Beispiel erörtern.
    Gewohnt, wie wir es sind, immer von Begriffen und Zahlen auszugehen, enthält jeder Bericht über Goethe's Farbenlehre, gewöhnlich bald am Anfang, eine Erörterung der Frage: wie viele Grundfarben hat Goethe angenommen? Während nämlich die Physiker in der glücklichen Lage sind, alle Farbenempfindung als einen überwundenen Standpunkt geringzuschätzen, mußten die Physiologen bald bemerken, daß hier ein verwickeltes System notwendiger Beziehungen vorliegt, und es entstand ein lebhafter Streit — der noch heute andauert — ob man eine gerade oder eine ungerade Zahl von Farben, aus denen alle anderen durch Mischung, Steigerung, Abschwächung usw. abgeleitet werden könnten, als zu Grunde liegend zu betrachten habe. Diese Frage besitzt jedoch innerhalb der Goetheschen Anschauung keinen rechten Sinn. Man sehe die musterhafte Inhaltsübersicht der Farbenlehre durch; wo findet man den Begriff „Grundfarbe“? Und doch, wenn diesem Begriff Bedeutung zukäme, müßte er in einem besonderen Abschnitt zur Sprache kommen; das ist aber nicht der Fall; vielmehr taucht das Wort nur gelegentlich auf: „Der Maler hat Ursache, drei Grundfarben anzunehmen, indem er aus diesen die übrigen sämtlich zusammensetzt. Der Physiker hingegen nimmt nur zwei Grundfarben an, aus denen er die übrigen entwickelt und zusammensetzt.“ Goethe selber ist


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weder der Maler noch der Physiker; sein Verfahren kennt nicht derartige Begriffe, sondern schreitet von Anschauung zu Anschauung. Und da findet er als elementarste Anschauung nicht bestimmte Farben, sondern die polare Gegenüberstellung von Finsternis und Helligkeit. „Die sichtbare Welt, die wir für eine Einheit halten, ist aus jenen beiden Uranfängen auf das Freundlichste zusammengebaut.“ Des weiteren entdeckt sein genau beobachtendes Auge, daß Farben sich nicht aus dem bloßen Lichte „entwickeln“ (wie die Physiker es behaupten), sondern stets zweierlei voraussetzen, indem zur Erzeugung jeglicher Farbe „Helles und Dunkles oder, wenn man sich einer allgemeineren Formel bedienen will, Licht und Nichtlicht, gefordert werde“. „Alle Farben haben die Eigenschaft, daß sie dunkler als Weiß und heller als Schwarz sind.“ Zwischen Helligkeit (von Goethe auch Licht genannt) und Finsternis liegt nun alles eingeschlossen, was dem Auge Farbenempfindung spendet, und zwar „entsteht uns ¹) zunächst am Licht eine Farbe, die wir Gelb nennen, eine andere zunächst an der Finsternis, die wir mit dem Worte Blau bezeichnen.“ Vorerst haben wir also eine polare Entgegensetzung von zwei Farben, die der in anschauungsbarem Ursachenwahn erzogene Mensch geneigt ist, sich als „Urfarben“ oder „Grundfarben“ zu denken, wogegen sie Goethe als ein lebendig Bewegliches auffaßt, als ein Entgegenstreben von Finsternis und Licht. Goethe sagt von den Farben: „Sie stehen einander entgegen, wie alle uns bekannte entgegengesetzte Dinge oder Eigenschaften. Die reine Existenz der einen schließt die reine Existenz der anderen völlig aus. Dennoch haben sie eine Neigung gegeneinander als zwei entgegengesetzte, aber nicht widersprechende Wesen.“ Dieser Neigung gibt nun die Natur nach, und wiederum empfindet es Goethe als eine   B e w e g u n g,   und zwar als eine Bewegung mit verschiedenen Richtungen; geradeaus können Blau und Gelb nicht ineinander übergehen, sind sie doch polar entgegengesetzt; darum biegen sie sich nach unten oder nach oben; begegnen sie sich unten, also mehr im Schatten, in der Schwäche, in der Abspannung, mehr durch Nach-
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    ¹) Ich bitte, auf die Genauigkeit jedes Goetheschen Satzes aufzupassen; die Farbe entsteht „uns“, uns Menschen; der völlig sinnlosen Vorstellung einer Farbe, die ohne wahrnehmendes Auge „Farbe“ wäre, (Helmholtz z. B. redet von „rotempfindenden Strahlen“, nicht etwa von rot empfundenen!) begegnet man bei Goethe nicht.

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geben und Einbuße der Farbenempfindung, so entsteht das Grün; begegnen sie sich durch Verdichtung, Verstärkung, Steigerung, also nach der Seite der Kraft und des Lichtes zu, so entsteht das Rot. Insofern kann man — oder könnte man — sowohl das Grün wie das Rot als Mischfarben, im Gegensatz zu den „Grundfarben“ Blau und Gelb, betrachten; man fände in den früheren Arbeiten Goethe's für diese Auffassung scheinbare Belege; z. B.: „Das Grün ist die Wirkung der beiden vermischten, aber nicht vereinigten Farben“, und: „Rot nehmen wir also vorerst als keine eigene Farbe an, sondern kennen es als eine Eigenschaft, welche dem Gelben und Blauen zukommen kann.“ Doch wird Keiner, der in Goethe zu lesen geübt ist, an dem „also vorerst“ achtlos vorübergehen. Eine logisch-mathematische Wissenschaftslehre wird sofort klipp und klar mitgeteilt und wirkt noch unmittelbarer als ein Kirchendogma; wogegen es bei Goethe's Methode auf ein unbegrenztes Wachstum des erkennenden Anschauens abgesehen ist. Hier soll nicht eine vermeintliche objektive Wahrheit, die irgendwo draußen im leeren Raume haust, als Idol angebetet (S. 257), sondern es soll der Menschengeist zu zarterem, wacherem Leben aufgeweckt werden; das Staunen des Kindes, das täglich Neues entdeckt, soll auch dem Manne angehören; an seinen Erfahrungen soll er Tag um Tag wachsen, und das kann er nur, wenn seine Innenwelt und seine Außenwelt in einem unaufhörlichen Wechselspiel von Geben und Nehmen verbleiben, so daß der erweiterten Seele von Heute, wie beim Kinde, die Wahrheit von Gestern zwar bedeutungsreich, doch nicht ausreichend erscheint und als Wegweiser zu neuen Einsichten dient. Dies ist ja der Pfad, der zu Goethe's Auffassung von der Unsterblichkeit führt. Ähnlich schritt sein Geist, immer im Bunde mit seinem Auge, auch hier, bei der Erforschung der Farben, weiter. Von dem Rot, das er „vorerst als keine eigene Farbe angenommen hatte“, gelangte er zu der Einsicht, der er in folgenden Worten Ausdruck gab: „Wer die prismatische Entstehung des Roten kennt, der wird nicht paradox finden, wenn wir behaupten, daß diese Farbe teils actu teils potentia alle anderen Farben enthalte.“ Man braucht also nur die Phänomene genauer zu beobachten und den Standpunkt ein wenig zu verschieben, so erkennt man in jener Farbe, die vorhin aus der Steigerung von Blau und Gelb hervorging und „keine eigene Farbe“ war, die

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zeugende Mutter aller Farben. Nach dieser Auffassung gäbe es also nur   e i n e   Grundfarbe. Bei der durchgängigen Polarität aller Farbenerscheinungen muß aber vom Grün alles das gelten, was vom Rot gesagt wird, nur umgekehrt, und so würde es sicher beschränkt sein, das Grün nur als entstanden aus der Mischung von Gelb und Blau zu betrachten (wie der Färber es erzeugt), vielmehr wird es auch als Residium aus allen Farben „von dem geistigen Auge“ (S. 307 ff.) erblickt werden können. Jedenfalls findet der theoretisch nach „Grundfarben“ bei Goethe forschende Gelehrte eine Auslese von Antworten:   e i n e   Grundfarbe,   z w e i   Grundfarben,   d r e i   Grundfarben,   v i e r   Grundfarben (dies am häufigsten, denn das als Errungenschaft der allermodernsten, nachhelmholtzischen Forschung geltende Farbenkreuz findet sich bei Goethe schon 1794), und auch   s e c h s   Grundfarben. In Wahrheit hat aber Goethe mit derartigen logisch-schematischen Willkürlichkeiten nichts zu tun und erklärt: „Hier kann nicht von Zahl, sondern von einem unendlich lebendigen Spiel die Rede sein.“ * Jede Farbe ist eine Grundfarbe, und die Zahl der Farben läßt sich durch keine Ziffer angeben. Sobald die Farben, aus „ihrem gleichsam abstrakten Zustande“ erlöst, sich „in der Wirklichkeit manifestieren ... entspringt eine Individualisierung bis ins Grenzenlose, wohin keine Sprache, ja alle Sprachen der Welt zusammengenommen nicht nachreichen.“ Darum macht Goethe aufmerksam, weder Versuche noch Pigmente seien imstande, „den vollständigen Farbenkreis“ uns vor Augen zu führen, vielmehr geschehe das „am besten durch die Idee“. Heute wissen wir, wie genau auch hier Goethe's Auge beobachtete. Denn stellte einer der am peinlichsten genau arbeitenden Physiker, König, fest, im Spektrum ließen sich höchstens 160 Farbenabstufungen unterscheiden, so war damit nur die völlige Unzulänglichkeit der prismatischen Erscheinungen der Farbenwelt gegenüber erwiesen; darum wurde auf internationale Veranlassung eine Farbenskala behufs Verständigung ausgeführt, die beinahe 1000 unterschiedliche Töne aufweist; hiermit galt die Sache für abgetan, und das Tafelwerk des Herrn Professor Radde war an allen Universitäten der Welt in Gebrauch. Nun aber trat der Fall ein, daß einer der wenigen Forscher, die sich mit dem Leben des Lebens abgeben, der Botaniker Julius Wiesner, das Grün der verschiedenen Laubblätter mit größtmöglichster Genauigkeit zu

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bestimmen Veranlassung fand; er hatte nämlich entdeckt, daß das Grün einer jeden Pflanzenart (bei vollendeter Entwickelung) unwandelbar individualisiert ist; ihm kam es darauf an, dieses Grün zu bezeichnen; natürlich verwies man ihn an die berühmte „Raddesche Skala“, die alle „möglichen“ Farben enthalte; doch es kam anders; die Natur spottet der exakt sein wollenden Wissenschaft; auf der Tafel waren 280 Schattierungen von Grün unterschieden; das scheint übermäßig, erweist sich aber dem Leben gegenüber fast lächerlich unzulänglich, und Wiesner mußte zu dem Notbehelf greifen, die Zwischenräume zwischen je zwei Tönen der Raddeschen Tafel gedanklich noch weiter einzuteilen. Bei der selben Gelegenheit entdeckte er, daß kein Maler imstande ist, durch Mischung auf seiner Palette das Grün irgend einer Pflanze genau hervorzubringen. Hieraus erhellt nun deutlich, in welchem Sinne selbst die Worte Blau, Gelb, Rot usw. nur ungefähre Bezeichnungen für etwas sind, was — wie alles Leben — zu beweglich und mannigfaltig ist, um durch ein Wort festgenagelt werden zu können; das Wort ist immer nur ein Wegweiser, und kein Begriff deckt genau ein Naturphänomen.
    Wie viel weiter als mit solchen abstrakten Begriffen wie Grundfarben und dergleichen führte uns Goethe mit seiner Entdeckung, jede Farbe (sei deren Zahl auch unendlich) bedinge stets eine polar entgegenstehende, setze sie voraus, rufe sie hervor! Es ist dies die Lehre von den „antagonistischen“ oder „komplementären“ Farben, den großen Malern von jeher unbewußt bekannt, für welche aber in unserer mathematischen, Newtonschen Optik kein Schlupfloch gefunden werden kann, trotzdem es die eine große, allbedingende Grundtatsache aller Farbenerscheinung ausmacht. Wie das Helle das Dunkle fordert und umgekehrt, so fordert jede Farbe eine bestimmte andere, sie ergänzende. Der für Rot Blinde kann auch kein Grün sehen, doch seinem Blau entspricht ebenso wie beim Normalsichtigen das Gelb; denn das eine setzt das andere; alle Farben sind nur lebendige Steigerungen des Kontrastes zwischen Tag und Nacht, und (trotz des menschlich beschränkten Wortes „farbenblind“) ist ihr Kreis immer vollendet, ob klein oder groß. Das aber ist „die ewige Formel des Lebens“, wie Goethe es nennt: Einheit ist nicht die Zahl Eins, sondern eine Einheit kann einzig dasjenige heißen, was aus Teilen besteht, die sich gegenseitig bedingen; wo aber wesentlich

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Unterschiedenes sich derartig bedingt, daß das eine das andere voraussetzt und beide zusammen als „Teile“ eine Einheit ausmachen, da reden wir von „Gestalt“ und bezeichnen mit diesem Worte die sinnlich faßbare Erscheinung eines Lebendigen. Was Goethe uns lehrt, ist nicht der Firlefanz von einer Grundfarbe oder zwei Grundfarben oder drei Grundfarben usw., sondern die Einsicht, daß „Farbe“ — im Gegensatz zum „Licht“ der Physiker — ein Phänomen ist, welches ausschließlich dem   L e b e n   angehört und als solches, führe es zu noch so unübersehbar mannigfaltigen Erscheinungen, eine organische Einheit, eine einheitliche Gestalt ausmacht. „So setzt das Einatmen schon das Ausatmen voraus und umgekehrt, so jede Systole ihre Diastole... Wie dem Auge das Dunkle geboten wird, so fordert es das Helle; es fordert Dunkel, wenn man ihm Hell entgegenbringt, und zeigt eben dadurch seine Lebendigkeit, sein Recht, das Objekt zu fassen, indem es etwas, das dem Objekt entgegengesetzt ist, aus sich selbst hervorbringt.“
    Hiermit habe ich eine warnende Mahnung an den Leser richten wollen: die Mahnung, nicht zu glauben, er könne sich zu Goethe's Farbenlehre so hinsetzen wie etwa zu einem Lehrbuch der physikalischen Optik oder zu einer Abhandlung über die Physiologie unserer Sinnesorgane, sie durchstudieren, da und dort „excerpieren“, sich einen Überblick verschaffen und sodann ein Urteil fällen; vielmehr soll durch Goethe der Mensch neu sehen und neu denken lernen; die Probleme sind andere, und die Lösungen sind darum auch andere, als wir sie sonst gewohnt sind; hier kommt es darauf an, ein „ewig bewegliches, werdend wirksames Wesen“ eben so beweglich, so werdend und so wirksam zu erschauen, in Gedanken zu erfassen und in Ideen menschenmäßig und anschaulich wiederzugebären; dazu muß eine neue Sprache erfunden werden; und wenn auch Goethe gezwungen ist, sich der alten Sprache zu bedienen, so vergesse man nie die oben angeführte Stelle aus dem Vorwort zu Goethe's Farbenlehre (S. 343), er wolle die Sprache „durch die Farbenlehre“ bereichern und erweitern, um so „die Mitteilung höherer Anschauungen“ zu ermöglichen. Wie er einmal unwidersprechlich richtig bemerkt, schon seit Demokrit „wird das Gesehene in ein Getastetes umgewandelt, der schärfste Sinn in den stumpfsten aufgelöst“, damit er uns „begreiflicher werde“. Hingegen schwebt ihm,

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Goethe, vor, „b e i   d e r   V e r w a n d t s c h a f t   d e r   S i n n e   n a c h   e i n e m   i d e e l l e n   S i n n   a u f z u b l i c k e n,   i n   d e m   s i c h   a l l e  v e r e i n i g t e n.“   Ein jedes derartige Bestreben, die Schneidepunkte verschiedener Vorstellungsreihen zu entdecken und aufzuzeigen, bedeutet ein Bestreben zu gestalten, mit anderen Worten, die Gestaltungsprinzipien der Natur durch eigene Gestaltung wahrnehmbar zu machen. Es handelt sich hier um ein Höheres also, und nur Derjenige darf hoffen, diesem Höheren gerecht zu werden, der die Hingabe besitzt, sich dahin leiten zu lassen; wozu außerdem gewisse geistige und sittliche Eigenschaften vonnöten sind, „die geistigen: das Vermögen der An- und Durchschauung; die sittlichen: daß er die bösen Dämonen ablehne, die ihn hindern könnten, der Wahrheit die Ehre zu geben“.

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Das Organische

    „Die Natur ... setzt dem   G e s t a l t l o s e n   [der Elemente] ein   g e s t a l t e t e s   L e b e n   entgegen.“ In diesen Worten liegen zwei verschiedene grundlegende Erkenntnisse eingeschlossen: erstens, die Elemente (als Welt des Anorganischen) sind dem Leben (der Welt des Organischen) „entgegengesetzt“; zweitens, das Anorganische ist „gestaltlos“, das Leben ist „Gestalt“. Wohlbetrachtet umschließt diese Doppelerkenntnis eine dritte: die beiden einander entgegengesetzten Erzeugnisse der Natur mögen einander bedingen, mögen sich ineinander unentwirrbar verflechten, nie aber wird es möglich sein, die Tatsache ihres Gegensatzes aus der Welt zu schaffen und das eine der beiden durch das andere oder aus dem anderen zu „erklären“ oder in irgend einem Sinne „abzuleiten“; denn es gehört zum Wesen des einen, gestaltlos zu sein, zum Wesen des anderen, gestaltet zu sein. Auch hier wieder stoßen wir gleich bei den ersten Prinzipien auf einen Fundamentalgegensatz zwischen Goethe's Weltanschauung und der Weltanschauung unserer exakten Wissenschaft; denn Goethe unterscheidet, wie man sieht, zwei diametral entgegengesetzte Gebiete, wogegen es ein Grunddogma der modernen Wissenschaft ist, nur Ein Gebiet anzuerkennen und das Gestaltete als aus dem Gestaltlosen, das Leben aus dem Leblosen hervorgegangen zu betrachten. Nun hat aber Kant ein für allemal nachgewiesen, der For-

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scher finde als letztes Ergebnis stets diejenigen Elemente, die er „hineingelegt hatte“; auch Goethe erkannte: „Genau besehen findet sich immer, daß der Mensch dasjenige voraussetzt, was er gefunden hat, und dasjenige findet, was er voraussetzt“. Wer Atome voraussetzt, wird Atome überall finden. Wer das Gestaltete aus dem Gestaltlosen um jeden Preis „erklären“ will, kann es tun: nur wird er zuletzt dort ankommen, wo wir vorhin einen tonangebenden Physiologen unserer Tage fanden, der die Vaterlandsliebe als eine chemische Erkrankung der Gewebe auffaßt. Goethe's Stellung ist nicht zweifelhaft; und hatte schon Kant erklärt: „Ich meinerseits leite alle Organisierung von organischen Wesen ab“, so ruft Goethe:

Leben erst muß Leben geben!

Auch war er sich des Gegensatzes zu den Methoden der mathematischen Wissenschaft so genau bewußt, daß er schon 1795 an Alexander von Humboldt schreibt: „Ihre Beobachtungen gehen vom   E l e m e n t,   die meinigen von der   G e s t a l t   aus.“
    Nun entsteht aber eine Frage: zwei Methoden der Forschung sehen wir einander gegenüberstehen; in der Natur stehen sich aber ebenfalls zwei Phänomenenreihen gegenüber, das Gestaltlose und das Gestaltete; sollten nicht vielleicht beide Forschungsmethoden Vorzüge und Beschränkungen aufweisen, je nach den Phänomenen, denen die Untersuchung gilt? So meinte wohl Goethe, der in jenem Briefe die Hoffnung auf eine „Begegnung in der Mitte“ ausspricht. In der Tat! diejenige Forschungsmethode, die vom „Element“ ausgeht, fördert vortreffliche Ergebnisse zu Tage bei allen Phänomenen, welche dem Elementar-Gestaltlosen angehören; dagegen ist ihre Zuständigkeit innerhalb des Reiches des gestalteten Lebens beschränkt, weil sie an der Gestalt einzig das Nichtgestaltete begreift; dogmatisch weitergeführt, zerschlägt sie schließlich ihrem Dogma zulieb unsere Erkenntnis der Gestalt, gerade so wie in der Wirklichkeit die „zwecklose Kraft“ der Elemente die Gestalt des Lebens ewig zu zerbrechen strebt; und was sie dann lehrt, ist nicht nur ungenau und unvollständig, sondern falsch und geistzerstörend. Einzig diejenige Forschung, deren Ausgangspunkt die „Gestalt“ ist, hat die Fähigkeit, den Phänomenen des Lebens gerecht zu werden. Es verdient alle Beachtung, daß gerade unter Physikern, die auf der reinsten Höhe des

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Wissens stehen (Männern wie Kelvin, Kirchhoff u. A.), und auch bei einigen besonders begabten Forschern auf organischem Gebiete (ich nenne den genialen amerikanischen Zoologen und Paläontologen Cope * und den bahnbrechenden Biologen Uexküll *) Goethe's Überzeugung, Gestalt könne nur durch Gestalt, nicht durch Ungestalt gedeutet werden, vollkommene Zustimmung findet; doch dringt wenig von diesen reinen Einsichten auserlesener Geister hinab in die emsigen Faktoreien des mußelosen Wissenschaftsgetriebes und gar nichts ins große Publikum. Das Kriterion der Vortrefflichkeit wird nun für den Forscher, der von der Gestalt (im Gegensatz zum Atom) den Ausgang nimmt, nicht eine mathematisch-mechanische Formel sein, sondern die Offenbarung von gegenseitig sich bedingenden Zusammenhängen, ein Sehenlernen, das zugleich ein Denkenlernen und ein Tunlernen ist; denn hier wird es sich nie um eine bloße Zunahme des sogenannten Wissens handeln, sondern um eine Steigerung des gesamten sinnlich-geistigen Lebens durch neue Gedankengestalten. Und wie die Elementenforschung das Recht hat, bis zu einer gewissen Grenze ins Leben hinüberzugreifen, da Stoff und Kraft immerwährend in den Dienst des Lebens gebannt werden, so darf auch die Gestaltenerforschung bis zu einer gewissen Grenze ins Elementare eindringen, bis zu jenem Punkte nämlich, wo das Leben das Elementare ergreift, um es umzubilden; dringt sie aber verwegen noch weiter vor, so entstehen bloße Phantasmagorien, die alles wahren Gehalts ebenso entbehren wie Herrn Jacques Loeb's Chemie des Heldentums.
    Somit wissen wir, wo Goethe stand und in welcher Verfassung; wir begreifen, daß er — von Gestalt erfüllt — nicht immer die ihm gezogene Begrenzung beachtete; es gab Augenblicke, wo er gar keine „tote Materie“ zugeben wollte und gegen jede mechanische Ansicht „unempfänglich, ja unleidsam“ war; warum sollte er nicht hin und wieder in den Übertretungsfehler verfallen, dessen die Mechanisten sich tagtäglich schuldig machen? Wichtig ist nur, daß er von seinem Standpunkt einer architektonischen Methodik aus neue Ideen über die organische Welt schuf, über deren Wert und Unwert nicht die entgegengesetzte Methode, sondern nur ein beiden gerechtwerdender höherer Standpunkt zu urteilen befähigt sein kann.
    Inwiefern die Farbenlehre hierher zu zählen ist, wissen wir schon; was wir darüber wissen, schenkt uns für das übrige Klarheit.

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    Von dem Augenblick an, wo Goethe ein aufmerksames Auge auf die umgebende Welt der Pflanzen und der Tiere warf, erfaßte ihn eine Leidenschaft, die ihn nie mehr verließ; es bedeutet dies ein erlösendes Erlebnis in seinem Dasein. Bis dahin wandelt er wie in einem Irrgarten, zwischen Erzeugnissen seiner Phantasie — die einem Bühnendichter (wie Schiller), einem bloßen Poeten (wie so Manche), nicht aber ihm volle Befriedigung gewähren konnten — und einem Leben ohne Ziel von Tag zu Tag, mit Leidenschaften, die, kaum erfaßt, zu Ideen verflüchtigten, Arbeiten, die spielend leicht, doch ohne innere Anteilnahme Erledigung fanden, Träumen, die nie greifbare Gestalt gewannen. Fesselte nun Carl August als „heiliges Schicksal“ den zerstreuenden Dämon des hin- und herflackernden Lebenslaufes, so war es die Erforschung der Natur, die den innen wühlenden Feind — die überreiche Begabung, die Zersplitterung, Unentschlossenheit, Maßlosigkeit — für immer bändigte. Hier schlug der Geist Wurzeln; hier blieb er bis ans Lebensende verankert; Frieden, Reichtum, Erfüllung schenkte ihm der Verkehr mit der Natur. Von der „Naturlehre“ schreibt der Fünfunddreißigjährige: „Sie ist sicher, wahr, mannigfaltig, lebendig, man mag viel oder wenig in ihr tun, sich an einen Teil halten oder aufs Ganze ausgehen, leicht oder tief, zum Scherz oder Ernst sie treiben, immer ist sie befriedigend und bleibt doch immer unendlich. Der Beobachter und Denker, der Ruhige und Strebende: jeder findet seine Nahrung.“ Hier hatte Goethe entdeckt, was die Welt nie gibt, weil sie es unter keinen noch so günstigen Bedingungen zu geben fähig ist: Beständigkeit des Erworbenen, verbunden mit der ewigen Jugend des Unerwarteten. „Die Natur ist immer neu und wird immer tiefer“, schreibt der Achtzigjährige und nennt sich „einen alten Schiffer, der sein ganzes Leben auf dem Ozean der Natur ... zugebracht“.
    Es tut gut, unsere theoretischen Streifzüge durch diese Erinnerungen zu unterbrechen, weil uns sonst leichtlich der eine Bestandteil in Goethe's Naturerforschung aus dem Sinne schwinden könnte: ihre Leidenschaftlichkeit und ihre Innigkeit, ihre Bedeutung für sein Leben und die Bedeutung, die er ihr infolgedessen für das Leben aller Höherbeanlagten zumaß; wie er denn auch meint: „Zarte, sittliche Gemüter sind für Naturerscheinungen die offensten.“ Dessen eingedenk zu bleiben hat nun Derjenige allen Grund, der an das Stu-

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dium von Goethe's Beiträgen zur organischen Naturerforschung herangeht; denn hier hat die Leidenschaft einem nach Gedankengestaltung Lechzenden zu einem kühnsten Sprung die Kraft verliehen, der Leidenschaftslose wird ihm schwerlich nachkommen. Bei der Farbenlehre gab es außer dem Organischen auch ein Anorganisches, wo es also galt, „nur sehen, nicht denken“, und dieses Anorganische vermittelte gleichsam die gestaltende Idee des Ganzen, welche sonst, da die Farbe ausschließlich das Subjekt betrifft, kaum begreiflich zu machen gewesen wäre; sobald aber Goethe die Gestalten der Pflanzen und Tiere seinem Verständnis und dem Verständnis Anderer nahe zu bringen unternimmt, dabei aber doch von allem absieht, was an diesen Gestalten physisch und chemisch sein mag, da steht ein   r e i n   Organisches vor seinem Auge, also Gestalt nur als Gestalt, und das heißt — nach seiner unmathematischen, unmechanischen Anschauungsweise — als etwas, was nur von innen heraus, aus dem Leben, aus dem Gedanken begriffen und der Vorstellung zugänglich gemacht werden kann, indem die uns schon bekannte Forderung gilt,   „z u e r s t   die Ideen erwecken und beleben“ (S. 336) und erst wenn das geschehen ist, dann den unendlichen Stoff durch diese Ideen und vermittelst ihrer bewältigen. Der Neophyt soll sich also darüber klar sein, daß Goethe bei seinen organischen Beiträgen zwar das aufgestapelte Material der Wissenschaft benutzt, daß aber die   I d e e n,   die er selber beisteuert, nicht im eigentlichen Sinne als ein Ergebnis aus diesem Material zu betrachten sind (wie das bei wissenschaftlichen Theorien der Fall ist), sondern vielmehr als selbständige organisatorische Gedanken, hervorgegangen aus dem zwingenden Bedürfnis, das wegen seiner Massenhaftigkeit undeutlich Gesehene in ein deutlich zu Übersehendes umzuformen. „Das ungeheure Reich simplifiziert sich mir in der Seele“, schreibt Goethe, als seine Idee der Pflanzenmetamorphose deutliche Gestalt zu gewinnen beginnt. Jene „Welt des Auges“, von der Goethe zu Schiller sprach (S. 264), ist immer das Ziel.
    Der organisatorische Gedanke nun, aus dem alle Ideen Goethe's über die lebendige Natur hervorgehen, entstammt der Überzeugung, „im Mannigfaltigen verberge sich das Einfache“. Wie aber sollen wir zu diesem verborgenen Einfachen gelangen? Dadurch, daß wir lernen, „im Besonderen das Allgemeine zu schauen“. Kurz und

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nichtsdestoweniger erschöpfend hat Goethe es einmal ausgesprochen: „Das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das Allgemeine repräsentiert, nicht als Traum und Schatten, sondern als lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen.“ Ich bitte den Leser, diese zwei entgegengesetzten, sich aber harmonisch ergänzenden Grundsätze in aller Deutlichkeit zu erfassen:

i m   M a n n i g f a l t i g e n   d a s   E i n f a c h e   e r b l i c k e n

und

i m   B e s o n d e r e n   d a s   A l l g e m e i n e   e r s c h a u e n.

Zum vollen Verständnis gehört noch eine Entwirrung. Sowohl das Mannigfaltige wie das Besondere ist ein sinnlich Gegebenes, wogegen das Einfache und das Allgemeine dem Geiste angehören. Hierbei muß folgende Stufenleiter beachtet werden. Unmittelbar den Sinnen gegeben ist nur Mannigfaltigkeit; auf ein Besonderes die Aufmerksamkeit zu konzentrieren, das deutet schon auf eine richtunggebende Beteiligung des Verstandes; in diesem Besonderen den Stellvertreter eines Allgemeinen erkennen — gleichviel ob wir konkret an allgemeine Gestaltsbeziehungen oder abstrakt an allgemeine Gesetzmäßigkeit denken — zeigt Walten der Ideenbildung; eine weitere Steigerung des Ideellen, und zwar im Interesse des Menschengeistes, findet statt, wenn wir dieses Allgemeine auf möglichst einfache Vorstellungen zurückführen. Bildlich gesprochen findet also eine stufenartige Steigerung statt:




das Einfache


das Allgemeine


das Besondere


das Mannigfaltige








Nie ist es möglich, das Einfache unmittelbar im Mannigfaltigen zu erblicken, wo es, nach Goethe's Wort, „sich verbirgt“; vielmehr müssen zuvörderst Sinne und Verstand gemeinsam ein „Besonderes“ in den Brennpunkt ihrer Aufmerksamkeit bringen, bis sich dessen allgemeine Bedeutung „lebendig augenblicklich offenbart“; ist erst auf diesem Wege die Vereinfachung eingeleitet, so liegt es in der Natur unserer Vernunft, sie durch Ideenbildung zu vollenden. Die selbe

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Erkenntnis kann auch folgendermaßen ausgesprochen werden: sobald es gelingt, aus der Fülle des Mannigfaltigen ein Besonderes zu sinnbildlicher Bedeutung zu erheben, wird dadurch die zerstreute Vielfältigkeit zu einer einzigen umfassenden Allgemeinheit geklärt, womit die Möglichkeit der Zurückführung auf ein einfaches Prinzip gegeben ist.
    Ein Beispiel soll zur Verdeutlichung dienen.
    In seinen Universitätsjahren hatte Goethe „kalt zu seinem Zeitvertreib“ botanisiert, wie das Andere auch tun; später, in Weimar, erfaßte ihn das heilige Feuer; das Reich der Pflanzen „raste in seinem Gemüte“, er wollte es beherrschen, besitzen, d. h. in allen seinen Teilen im Auge tragen. Gerade nun, weil Goethe's Auge alles in sich einsog und sich aneignete, ermüdete es eher als manches andere bei Aufgaben, die das Auge mehr als Präzisionsinstrument denn als lebendiges Organ beanspruchen. „Kein eigentlich scharfes Gesicht“, berichtet er über sich, und ein anderes Mal: „Die Beobachtung des Einzelnen war niemals meine Stärke“; womit besagt wird, ihm — dem (wie Plato) „Zusammenschauenden“ — bereite das analytische, zergliedernde, „auseinanderschauende“ Sehen des Empirikers physische Qual. Darum stieß er bald anfangs an ein Hindernis seiner botanischen Studien; „unauflösbar schien ihm die Aufgabe, Genera mit Sicherheit zu bezeichnen“, geschweige denn Arten; er sah sich gezwungen, hierzu fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen (S. 118). Ihn aber erfüllte inzwischen ein anderes Problem und, wir dürfen wohl sagen, ein höheres, viel weniger künstliches, der lebendigen Natur näher verwandtes. Während seine gutmütigen Mentoren noch beschäftigt waren, ihn Staubfäden zählen und Familiencharaktere unterscheiden zu lehren, „bemächtigte sich“ Goethe in der ihm eigenen Weise jeder „neben sich bemerkten Pflanze“ und strebte schon, seiner Erfahrung voraneilend, die gesamte vegetabilische Welt in ihrem unterscheidenden Wesen zu umfassen. Wenn „es in den ungeübtesten Sinn fällt, eine Pflanze von einem anderen Gegenstand der Natur unterscheiden zu können“, was Jeder zugeben muß, „worin besteht denn eigentlich die innige Verwandtschaft dieser Wesen?“ So lautet die erste Frage. Was die Anderen können, kann Goethe nicht; wo aber die Anderen an dem größten Wunder — dem Wunder nämlich der Beziehungen zwischen Natur und Geist,

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zwischen Objekt und Subjekt — achtlos vorübergehen, dort bleibt er, der Schauende unter allen Denkern und der Denkende unter allen die Natur so emsig Beschauenden, verwundert stehen; zu zählen versteht er nicht, er versteht aber zu fragen. Diese Frage — worin besteht die Verwandtschaft? — ist eine Frage nach Gestalt. Und darum ruft er, als er in Italien anlangt und im botanischen Garten von Padua ungeahnte Fülle noch nie gesehener Gestalten vor seinen Augen ausgebreitet findet, wie erschrocken aus: „Ich sehe noch nicht, wie ich mich entwirren will!“ Doch bald beginnt die   I d e e   zu dämmern; denn so verschieden die Pflanzen auch sind, ein gemeinsames Gestaltungsprinzip eignet ihnen gewiß allen. Mit bestrickender Naivität heißt es: „Woran würde ich sonst erkennen, daß dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären?“ Hier bemerken wir eine organisatorische Idee in dem ersten Stadium ihres Entstehens: im Mannigfaltigen „verbirgt sich“ das Einfache; das Ziel wird zuerst erfaßt, die Methode noch nicht; und als erster Ausdruck des Zieles schwebt das Muster, der Typus, die „Urpflanze“ vor. Über diese berühmte Urpflanze ist viel Papier geschwärzt worden; darum bekümmern wir uns nicht, denn wir verstehen ohne weiteres, daß, da Goethe „von der Gestalt ausgeht“ und auf Gestalt hinzielt, er als Erstes eine vollkommene Gestalt, ein Muster sich vorstellen muß: die einfachste aller Pflanzen, da sie ledig aller Sonderlichkeiten bleibt, doch zugleich die vollendetste, insofern sie in sich die befähigende Anlage zu jeglicher Mannigfaltigkeit birgt. Wohl ist es naiv, zugleich aber herrlich genial, wenn Goethe diese seine Urpflanze in Wald und Garten tatsächlich sucht; es liegt darin genau die selbe Kraft konkreter schöpferischer Anschauung wie wir, frühzeitig Geschwächte sie an unseren Kindern voll Neid bewundern; aus solcher Kraft sind die Mythen der Aroinder, Hellenen, Keltogermanen entsprungen. Doch blieb Goethe nicht dabei stehen. Tauchte der Begriff des Typus später hin und wieder auf, wie in dem berühmten Gespräch mit Schiller, so war nicht mehr von einer „Urpflanze“, sondern von einer „symbolischen Pflanze“ die Rede, nicht mehr also von einer mythologischen Gestalt, sondern von einer konstruktiven Idee des Menschengeistes; und — was entscheidend ist — in dem (bereits 1790 gedruckten)   V e r s u c h   d i e   M e t a m o r p h o s e   d e r

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P f l a n z e n   z u   e r k 1 ä r e n   wird an keiner einzigen Stelle weder eine Urpflanze noch eine symbolische Pflanze genannt. Denn schon in Italien hatte Goethe den entscheidenden zweiten Schritt getan und zu dem Ziele die Methode erfunden. Nicht im Mannigfaltigen des Lebens dürfe man das Einfache   m a t e r i a l i t e r  suchen, als eine individuell irgendwo vorkommende Erscheinung, vielmehr müsse man es mit Waffen des Geistes erfassen, indem man lerne, „im Besonderen das Allgemeine zu erschauen“, also in dem überall gegebenen, überall dem Blicke sich bietenden Besonderen. Er berichtet darüber: „Ich erhob mich von dem beschränkten Begriff einer Urpflanze zum Begriff und wenn man will zur   I d e e   einer gesetzlichen — wenn schon nicht gleichgestalteten — Bildung und Umbildung des Pflanzenlebens von der Wurzel bis zum Samen.“ Also an Stelle der kindlichen Vorstellung einer vollendeten Urpflanze, von welcher alle vorhandenen Pflanzen gleichsam verschiedenartige monströse Abweichungen wären, die hohe Idee, alles, was wir Menschen Pflanze nennen, sei darum und dadurch „Pflanze“ und werde von uns unter diesem vereinheitlichenden Begriff zusammengefaßt, weil — bei aller Verschiedenheit in der Erscheinung — jede Pflanze einem gleichen Gesetz der Bildung und Umbildung gehorche, einem Gesetz, das für andere Lebensgestalten keine Geltung besitze. Jetzt haben wir, was wir brauchen! Eine Urpflanze wäre eine Idee im Sinne eines Phantasiegebildes, wogegen die Vorstellung eines allen Pflanzen gemeinsamen Bildungsgesetzes eine organisatorische Idee bedeutet. Man könnte auch sagen: nunmehr hat Goethe die Urpflanze tatsächlich gefunden. In der Tat, jegliche Pflanze, sobald wir sie in ihrem Wachstum und Gedeihen rein und innig erschauen, kann uns jenes gemeinsame Gesetz, durch welches Pflanze „Pflanze“ ist, verkünden; jetzt erschauen wir in jedem Besonderen das Allgemeine. Gelingt dies, so wäre das Wort zur Tat geworden: „Das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das Allgemeine repräsentiert, nicht als Traum und Schatten, sondern als lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen.“ Zugleich aber lernen wir aus diesem Vorgang genau verstehen, was Goethe meint, wenn er Schiller versichert, es gebe außer der üblichen „zerstückelten Art“ noch „eine andere Weise die Natur vorzunehmen,... sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend, darzustellen.“ Denn

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wir sehen, wie Goethe hier aus einem ihn geradezu beängstigenden, dunklen Gefühl des   G a n z e n   die ordnende Idee gebiert, welche dann Licht über die Teile wirft; von dem peinlichen Studium des Einzelnen aus hätte kein Weg dahin geführt.
    Nun aber heißt es, diese Idee einer allen Pflanzen gemeinsamen gesetzlichen Bildung und Umbildung weiter verfolgen. Jede organische Idee ist unerschöpflich und kann sowohl umfassenderen Ideen eingegliedert wie auch in engere Ideen auseinandergegliedert werden. Beides hat Goethe getan. Denn er hat sich überlegt, es müsse die Idee eines noch höheren Bildungsgesetzes vorhanden sein, welches „die sämtlichen organischen Geschöpfe“ — also nicht die Pflanzen allein — umfasse; andrerseits aber hat er sich bei den Pflanzen in seinem Versuch, die Idee ihrer allgemeinen gesetzlichen Bildung und Umbildung näher zu bestimmen, auf dasjenige Bruchstück des Pflanzenreichs beschränkt, das er aus Anschauung gut kannte; ich habe dessen schon früher Erwähnung getan (S. 328), muß aber nochmals daran erinnern, damit man von Goethe's Idee der Metamorphose des Blattes nicht mehr fordere, als sie zu geben unternimmt. Außerdem ist es nötig, mit aller Genauigkeit auf den Wortlaut jenes vorhin angeführten Satzes zu achten: es heißt nicht: „ich entdeckte ein Gesetz der Bildung und Umbildung“, sondern „ich erhob mich zur   I d e e   einer gesetzlichen Bildung und Umbildung.“ Goethe's Metamorphosenlehre — gleichviel ob er sie so allgemein faßt, daß die gesamte organische Welt darunter begriffen ist, oder so eng, daß nur ein Teil des einen Reiches der lebendigen Schöpfung in Betracht kommt — will also nicht ein empirisches Gesetz formulieren, vielmehr   d i e   I d e e   e i n e s   G e s e t z e s   dem Geiste schenken: zwei sehr verschiedene Dinge, wie der aufmerksame Leser dieses Kapitels weiß. Hat er außerdem das Glück, Kant zu kennen, so weiß er, daß Ideen niemals Erfahrungstatsachen einfach wiedergeben, da es zu ihrem Wesen gehört, „die Möglichkeit der Erfahrung zu übersteigen“, daß ihnen aber nichtsdestoweniger „ein vortrefflicher und unentbehrlicher Gebrauch“ zufällt, indem sie dem Verstand „ein gewisses Ziel“ stecken, was seiner erfassenden Gedankentätigkeit „die größte Einheit neben der größten Ausbreitung verschafft.“ Diese Worte bezeichnen genau, was Goethe's Metamorphosenlehre soll und was sie nicht soll. Zwar muß Goethe, als er

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die Sammlung seiner morphologischen Studien später bevorwortet, klagen: „Wie Wenige fühlen sich von dem begeistert, was eigentlich nur dem Geist erscheint!“ Wer ohne Geist sein Genüge findet, möge Goethe's Naturerforschung lieber bei Seite liegen lassen; denn zu der Welt des Auges, die ihr als Ziel vorschwebt, führt nur ein Weg: der Menschengeist; auf dessen Kultur ist es überhaupt bei dieser Naturerforschung abgesehen, auf dessen „unendliche Ausbildung, indem er seine Empfänglichkeit sowohl als sein Urteil immer zu neuen Formen des Aufnehmens und Gegenwirkens geschickt macht“.
    Als Goethe nun jene Gruppe von Pflanzen ins Auge faßte, die ihm am besten bekannt war, die blühenden Pflanzen (Phanerogamen) Mitteleuropas, und zwar vorzüglich die einjährigen, und er sich fragte, wie er innerhalb dieses bestimmt umgrenzten Gebietes der Idee jener gesetzlichen Bildung und Umbildung, wodurch Pflanze „Pflanze“ ist, anschaulichen Ausdruck verschaffen könnte, mußte er sich wieder nach einem „Besonderen“ umschauen, worin das „Allgemeine“ offenbar wird; da erfand er folgende Vorstellung: das Besondere ist das Blatt; alle verschiedenartigen Seitenorgane dieser Lebensgebilde können als Umwandlungen des Blattes aufgefaßt werden. Doch hiermit greife ich der Vereinfachung halber vor, veranlaßt durch die Tatsache, daß alle Welt diese Vorstellung Goethe's — an der Pflanze sei alles Blatt — wenigstens dem Namen nach kennt; um die Idee in ihrer Reinheit zu erfassen, werden wir gut tun, von unserer angeblichen Kenntnis abzusehen und Schritt für Schritt zu verfahren.
    Am Beginn seines   V e r s u c h e s   aus dem Jahre 1790 führt Goethe aus, die „verschiedenen äußeren Pflanzenteile“ (darunter versteht er alle Teile außer Wurzel und Stamm) seien durch „geheime Verwandtschaft“ miteinander verbunden, indem „die Natur die verschiedensten Gestalten durch Modifikation eines einzigen Organes darstellt“. Schon hier ist Verweilen geboten, wollen wir nachdenken, was Goethe uns vordachte, und nicht an Stelle des zartesten Ideengewebes einen rohen Scheingedanken klotzweise hinstellen. Von „Blatt“ ist, wie man sieht, gar noch die Rede nicht, sondern von „geheimer Verwandtschaft“ und von einem „einzigen Organ“ ohne Namen. Diejenigen Pflanzen, die Goethe im Sinne hat, tragen als „äußere Teile“ sehr verschieden geformte Organe: Keimblätter, untere und

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obere Stengelblätter, Nebenblätter, Hüllblätter, Kelch, Krone, Nektarien, Staubwerkzeuge, Griffel, Samenkapsel usw.; wir sollen die Vorstellung fassen, alle diese (den verschiedensten Lebensfunktionen dienenden) Organe stünden miteinander in „geheimer Verwandtschaft“, indem sie ideell die „Umwandlung eines einzigen Organs“ darstellen. Dies ist Idee, nicht empirische Tatsache, und es liegt nicht die allerentfernteste deszendenz-theoretische Absicht vor, wie das verständnislose Ausleger manchmal behaupten; Goethe pflegt das, was er meint, genau auszusprechen; hätte er andeuten wollen, das Blatt sei das historische „Urorgan“, aus welchem die anderen Organe nach und nach hervorgegangen seien, so wäre es ihm nicht schwer gefallen, diesen plumpen Gedanken deutlich in Worte zu kleiden. Er tut es aber nicht; vielmehr schreibt er gegen Schluß des selben   V e r s u c h e s:   „Wir können ebenso gut sagen, ein Staubwerkzeug sei ein zusammengezogenes Blumenblatt, als wir von dem Blumenblatt sagen können, es sei ein Staubgefäß im Zustande der Ausdehnung; ein Kelchblatt sei ein zusammengezogenes Stengelblatt, als wir von einem Stengelblatt sagen können, es sei ein ausgedehntes Kelchblatt.“ Nicht also das ist die Absicht, zu behaupten, alle Organe der Pflanze seien umgewandelte Blätter, sondern vielmehr, wie es in des Verfassers eigenen Worten im selben Absatz heißt: „daß wir uns gewöhnen, die Erscheinungen vorwärts und rückwärts gegeneinander zu halten“. In der Natur kommen Fälle vor, wo an die Stelle von Staubwerkzeugen halbe oder ganze Kronenblätter treten, wo farbige Kronen zu grünen Blättern umgewandelt erscheinen; hieran sollen wir uns üben, um uns im Geiste ein ideelles Organ zu denken, welches einmal als Staubwerkzeug, ein anderes Mal als Kronenblatt, ein drittes Mal als Laubblatt erscheint usw. „Metamorphose im höheren Sinne“ definiert Goethe später einmal als „Nehmen und Geben, Gewinnen und Verlieren“; damit an Stelle eines Kronenblattes ein Staubwerkzeug entstehe, muß das ideelle Grundorgan manches verlieren, hingeben — Entfaltung, Farbenpracht usw. — dafür vieles nehmen, gewinnen, an eigenartiger Ausbildung der Gewebe und an Bedeutung für das kommende Geschlecht. Bei diesem Gegeneinanderhalten scheinbar unverwandter Erscheinungen liegt die allgemeine Idee aller „Metamorphose“ zu Grunde, wie sie Goethe für das gesamte Reich des Lebens dreißig Jahre später aus-

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sprach: „Daß nun das, was der Idee nach gleich ist, in der Erfahrung entweder als gleich oder als ähnlich, ja sogar als völlig ungleich und unähnlich erscheinen kann, darin besteht eigentlich das bewegliche Leben der Natur.“ Goethe selber macht aufmerksam, diese Vorstellung „widerspreche unseren Sinnen wie das Kopernikanische System“; dafür leistet sie unserem Geiste kopernikanische Dienste. Wir bleiben also nicht zögernd bei der Frage stehen: was soll das bedeuten, wenn behauptet wird, das männliche Befruchtungsorgan (das Staubwerkzeug) der Pflanze sei die Umbildung eines ideell „einzigen“ Organs, welches in einer anderen Umbildung die luftige Pappuskrone eines fliegenden Samens, in einer anderen die geheimnisvolle Vielgestalt einer Orchideenblüte und in wieder einer anderen das breite Assimilationsorgan des wahren Blattes darstellt, sondern wir begreifen den Vorteil, der für den Geist aus der Gewöhnung entsteht, die Erscheinungen vorwärts und rückwärts gegeneinander zu halten, und wir empfinden im voraus die Fruchtbarkeit des Gedankens, das in der Erscheinung „völlig Ungleiche“ könne in der Idee ein Gleiches sein. Alles dies sind Schritte auf dem Wege, der dahin führt, das Einfache aufzudecken, welches nach Goethe's oben angeführten Worten im Mannigfaltigen „verborgen“ anzunehmen ist.
    Wie sollen wir nun das ideelle Organ, welches unserem in der Überfülle der Wahrnehmungen sich verwirrenden Geiste Einheit und Einfachheit schenkt, in diesem Falle benennen? Darüber war Goethe geraume Zeit im Ungewissen. In seinem Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, sagt er: „Es versteht sich hier von selbst, daß wir ein allgemeines Wort haben müßten, wodurch wir dieses in so verschiedene Gestalten metamorphosierte Organ bezeichnen und alle Erscheinungen seiner Gestalt damit vergleichen könnten.“ Für ihn verstand sich das von selbst; von Denen, die über seine Metamorphose geschrieben haben, verstand es fast Keiner. Und nun fährt er an jener Stelle fort: da wir dieses „allgemeine Wort“ nicht haben, so „müssen wir uns gegenwärtig damit begnügen, daß wir uns gewöhnen, die Erscheinungen vorwärts und rückwärts gegeneinander zu halten“. An den verschiedensten Orten begegnen wir dieser Empfehlung des „vorwärts und rückwärts“, was man als die Umsetzung der Metamorphosenidee in die Praxis bezeichnen könnte: so z. B. in den Wanderjahren, wo der „plastische

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Anatom“ Wilhelmen „ein auffallend schönes Beispiel gab, wie auf diese Weise vorwärts und rückwärts zu arbeiten sei“. Auch hier wieder handelt es sich, wie bei aller Naturerforschung Goethe's, um eine Tat, um eine Bewegung, um eine Übung des Geistes, nicht um eine Lehre mit eins, zwei, drei. Unentbehrlich bleibt aber nichtsdestoweniger ein benennendes Wort; für das Unaussprechliche muß ein Symbol gefunden werden; in seiner Verzweiflung über das ewige Mißverstandenwerden hat Goethe sogar einmal „große abstrakte Einheit“ gesagt, doch war das ein aus vorübergehender Erbitterung entsprungener lapsus calami; „abstrakt“ sind wahrlich Goethes Ideen nicht, wenngleich sie alle Worte übersteigen; konkret müssen seine Symbole sein; und so war es für ihn gewiß ein glücklicher Tag, als er hastig mit Bleistift auf einen Zettel schrieb: „Hypothese: Alles ist Blatt, und durch diese Einfachheit wird die größte Mannigfaltigkeit möglich.“ Höchst charakteristisch ist es für Goethe, wie er, der das Einfache im Mannigfaltigen verborgen empfand und mit fieberhafter Ungeduld danach suchte, jetzt, wo er es zu halten glaubt, sofort die Sache umkehrt und das Einfache als „Ermöglichung“ des Mannigfaltigen auffaßt: wiederum die Umsetzung eines Gedankens in die Vorstellung einer Tätigkeit. Im ersten Augenblick überkam ihn eine Art Taumel, und er meinte: „ein Blatt, das nur Feuchtigkeit unter der Erde einsaugt, nennen wir Wurzel... ein Blatt, das sich gleich [gleichmäßig] ausdehnt, einen Stiel, Stengel“; doch ehe seine erste Veröffentlichung reif war, hatte er schon längst dieser Übertreibung, welche die Idee in ein Nichts aufgelöst hätte, entsagt; es wirkt ergötzlich naiv, wenn er dann versichert, der Stengel sei „eigentlich keiner Betrachtung wert“, doch war diese Beschränkung geboten; durch sie rettete er seine ideelle Vorstellung, die sich von nun an ausschließlich auf die Seitenorgane der einjährigen blühenden Pflanzen bezog. Dank der Weimarer Ausgabe sind wir in der Lage, die Art, wie sich dieses Symbol des Blattes nach und nach der Vorstellung empfahl, an der Hand der tagtäglichen Gedankennotizen zu verfolgen. Im „empirischen Sinne“, heißt es einmal, sei zwar das Blatt „ein   b e s t i m m t e s   Organ“, dagegen sei es „im höheren Sinne“ ein   „b e s t i m m b a r e s   Organ“. Man kann nicht feiner die methodische Ideenbildung des die Natur architektonisch Auffassenden bezeichnen! Der Mechaniker gewahrt in der Natur nur

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bestimmende Kräfte und trägen Stoff und bemerkt darum keinen Unterschied zwischen Leblosem und Lebendigem: dagegen erblickt der Architektoniker eine bleibende Gestaltenidee, die in abertausend Umbildungen sich dennoch behauptet und kraft deren „Bestimmbarkeit“ das unzerstörliche Eigenwesen über die äußeren Kräfte siegt. Nunmehr ist dem Sehenden das Blatt auf einmal „der wahre Proteus“ geworden, „der sich in allen Gestaltungen verstecken und offenbaren kann“. Und jene uns in der später entstandenen Hauptschrift empfohlene Gewöhnung, „die Erscheinungen vorwärts und rückwärts gegeneinander zu halten“, übt der Erfinder der erst werdenden Idee, indem er sich gewöhnt, in den Pflanzen „rückwärts und vorwärts immer nur Blatt“ zu sehen. Dazwischen vernehmen wir den Stoßseufzer: „Einen solchen Begriff zu fassen, zu ertragen, ihn in der Natur aufzusuchen ist eine Aufgabe!“ Wie Goethe die Metamorphose des Blattes gemeint hat, kann keinen Augenblick zweifelhaft sein, zumal er später von seinem ideellen Blatt schreibt: „Den Trivialbegriff haben wir beinahe verloren, haben einen transscendentellen Begriff erreicht.“ Hier wie überall steht eben Goethe in der Mitte und wird sowohl der physis wie dem nûs, der Natur wie dem Menschengeiste, dem Anschauen wie dem Denken gerecht. Handelt es sich um Anschauung allein, dann sollen wir uns — bei der Metamorphosenlehre — an die unserem Auge so wohlvertraute Vorstellung „Blatt“ halten; denken wir jedoch tiefer darüber nach, so begreifen wir bald, daß wir „das Blatt in seinem transscendentellsten Sinne“ nehmen, da es sich nicht um ein Blatt, wie es die Erfahrung uns bietet, sondern um die   I d e e   eines einzigen Grundorgans handelt, für das wir leider kein „allgemeines Wort“ besitzen und als dessen verbreitetste, am häufigsten und eindringlichsten in die Sinne fallende Modifikation alle diejenigen Formen gelten müssen, die wir im gewöhnlichen Leben unter dem Namen „Blatt“ begreifen.
    Wenn ich nun noch ausführen und nachweisen müßte, was mit dieser Aufstellung der Idee der Metamorphose — der wir jetzt in einem engumzirkten Gebiete nachgegangen sind, die aber in Goethe's Geist weitere und immer weitere Kreise zieht, bis sie alles Lebendige umfaßt — für das Verhältnis zwischen Geist und Natur gewonnen ist, so müßte ich mir gestehen, dieses ganze Kapitel umsonst geschrieben zu haben. Dagegen möchte ich nicht unterlassen, darauf

374 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Das Organische

hinzuweisen, wie bewußt bescheiden Goethe seine Leistung eingeschätzt hat und wie lebhaft er die Berechtigung anderer Methoden anerkannte. Seine Pflanzenmetamorphose nennt er „einen Versuch, wie man die Gesetze der Pflanzenbildung sich geistreich vorzustellen habe“, und berichtet: „Da es, wie man zu sagen pflegt, viele Wege ins Holz gibt, so habe ich den Weg der Metamorphose sehr vorteilhaft gefunden; die Ansicht ist geistig genug, und da man die Idee immer durch die Ausführung alsogleich ausfüllen und bewähren kann, so hat mir diese Vorstellungsart immer viel Zufriedenheit gegeben.“ Alexander von Humboldt sagt, durch die Berührung mit Goethe's Naturansichten sei er „gewissermaßen mit neuen Organen ausgestattet worden.“ Dieses ohne jede theoretische Präoccupation gesprochene Wort trifft genau das Richtige; Goethe's Naturerforschung begabt uns — d. h. die Unvoreingenommenen und geistig Regen unter uns — mit neuen Organen, mit jenen „geistigen Augen“, von denen oben öfters die Rede war. Gegen Kanzler von Müller bemerkte einmal Goethe: „Man darf die Grundmaxime der Metamorphose nicht allzubreit erklären wollen; wenn man sagt, sie sei reich und produktiv wie eine Idee, ist es das beste.“

    Wäre Vollständigkeit bezweckt, ich müßte hier auf die Metamorphosenidee, wie sie Goethe auf das Skelett der Wirbeltiere anwandte, eingehen, doch wer die Lehre von der Metamorphose der Pflanzen in ihrem Wesen erfaßt hat, ist befähigt, sie auf anderen Einzelgebieten und auch im Organismus der gesamten Weltanschauung richtig zu verstehen. Was Polemik betrifft — wozu die vielen empörend falschen Darstellungen stark anreizen — so stehe ich davon ab: wer das Richtige hinstellt, hat stillschweigend das Falsche widerlegt. Nur möge keine Begeisterung für die große Tat Goethe's zu einer Mißachtung ihrer begrenzten Anwendung führen; weswegen ich seine eigene Mahnung hinzufüge: „Der Mißbrauch dieses Begriffes (der Metamorphose) führt auf ganz falsche Wege und bringt uns in der Wissenschaft eher rück- als vorwärts.“ Demnach bliebe in diesem Zusammenhang des Organischen nur noch die eine Erörterung unentbehrlich, nämlich die des Verhältnisses der Ideen Goethe's über die Natur zu den Evolutionsdogmen Darwin's und seiner Nachfolger; doch wird diese besser am Platze sein in dem Kapitel über den

375 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Das Anorganische

Weisen, dort wo wir die zu Grunde liegenden allgemeinen Anschauungen in Betracht ziehen, wogegen es in diesem Kapitel nur gilt, dem um die Kenntnis des Naturerforschers Goethe redlich Bemühten eine leitende Freundeshand zu reichen, auf daß er die Hindernisse schneller überwinde, die unsere Zeit sowie die fein gewobene Eigenheit dieser neuen Art zu schauen dem Anfänger in den Weg stellt.

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Das Anorganische

    Hätte Goethe nur über das Anorganische geschrieben, seine Leistungen als Erforscher der Natur würden kaum bestritten werden. Denn hier stellt er sich, soweit es seinem Wesen und seiner Weltanschauung möglich ist, auf den Boden der exakten Wissenschaft. Wie wir uns erinnern, rät er, bei der Betrachtung der anorganischen Natur „rein atomistisch“ vorzugehen, „nur sehen, nicht denken“ (S. 336); es wird auch kein Fachmann leugnen können, daß Goethe auf diesem Gebiete durchweg empirisch verfuhr. Fassen wir die Geologie ins Auge, auf die es vor allem ankommt, wir sehen diejenigen allgemeinen Ansichten, die er sich aus nicht bestrittenen empirischen Beobachtungen bildete, zwar von der fachmännischen Gilde seiner Zeit bekämpft, doch inzwischen immer mehr Boden gewinnen; manche gelten heute nicht mehr als Theorie, sondern als Tatsache: so z. B. die Annahme einer wiederholten Eiszeit; andere finden immer mehr Stütze, je genauer die Erforschung der Erdkruste wird. So wurde er ein Bahnbrecher der modernen Geologie. Nichtsdestoweniger wird auch hier Mißverständnis hineingetragen, was uns allen den Tatbestand klar zu überblicken erschwert.
    Auf zweierlei Arten wird das Urteil irregeführt: mittelbar und unmittelbar. Mittelbar geschieht es, indem man viel Wesens von angeblich grundlegenden Entdeckungen Goethe's auf organischem Gebiete macht, seinen geologischen Scharfblick dagegen entweder gar nicht erwähnt oder nur halblächelnd auf seine Abneigung wider den Vulkanismus hinweist; dies veranlaßt eine Verrückung der Perspektive, aus der ein verzerrtes Bild hervorgeht. Unmittelbar geschieht es durch eine gewiß absichtslose, aus Unwissenheit zu erklärende Unterlassung, indem wenige Menschen ahnen, wie sehr die Ergebnisse gerade der allerneuesten Geologie und Kosmologie geeignet sind,

376 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Das Anorganische

Goethe's Ansichten über die Erde zu bekräftigen. Über beide Punkte müssen wir vorerst zu größerer Klarheit durchdringen; sobald das geschehen, ist, wird die hohe Bedeutung der rein ideellen Grundsätze ins Auge fallen, zu denen ein Denker wie Goethe nicht umhin konnte sich zu erheben, und mochte er sich noch so sehr auf Empirie zu beschränken gesinnt sein.
    Ich gestehe, ich habe es manchmal verwünscht, daß Goethe das os intermaxillare, den sogenannten Zwischenknochen des menschlichen Oberkiefers, entdeckt hat. Ihm selbst gönnt man zwar die Freude, bei der „sich ihm alle Eingeweide bewegten“; doch war diese Entdeckung ein Verhängnis, ein Verhängnis für Goethe selbst und auch für Alle, die Goethe's Naturerforschung erfassen wollen. Denn hier wurzelt die ewige Verwechselung zwischen Idee und Erfahrung, jene Konfusion, die sowohl der empirischen Wissenschaft wie der ideellen Welt des Auges bis auf den heutigen Tag Schaden verursacht. Die Idee des einheitlichen Typus, wie ihn Goethe gefaßt hatte, wäre schon zart und „transscendent“ genug gewesen, um beim durchschnittlichen (des Denkens und Schauens entwöhnten) Verstand nicht leicht Eingang zu finden; nun kam die unglückselige „Entdeckung“ dazu, und sofort war die Idee entschwunden, und es stand eine nackte Tatsache da, vereinzelt, massiv, unbeflügelt, katalogisierbar. Für die genauere Kenntnis der Persönlichkeit Goethe's, der Leidenschaft, mit der er die Natur erfaßte, der Bedeutung dessen, was er den „reinen Blick“ (S. 123) nennt usw., besitzt seine „Entdeckung“ unleugbare Bedeutung, für die Wissenschaft eine weit geringere und für Goethe's „Welt des Auges“ gar keine. Das, was Goethe's treues Auge als Zwischenknochenspuren entdeckte, war schon Jahrhunderte früher gesehen und abgebildet worden; um ihn herum entdeckten es von neuem Zeitgenossen, die von seiner unveröffentlicht gebliebenen Schrift nichts wußten; dieses os intermaxillare gehörte zu den Dingen, auf welche die nüchternste Wissenschaft mit der Nase stoßen mußte, es war gar nicht zu umgehen; der Stockblinde stolperte darüber, sobald die Zeiten reif waren; und es wirkt komisch, wenn man Prioritätsdispute, wie sie unter Naturforschern üblich sind, auf einen solchen Geistesheros überträgt. Goethe verstand es, Rekruten auszuheben, und er verstand es, Knochen zu entdecken; freudig erkennt man die Allseitigkeit; doch was dem Einen

377 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Das Anorganische

als Ruhmestitel dient, bedeutet im Leben des Anderen eine geringfügige Episode. Ideen bedürfen eines Schöpfers, der sie sät, Tatsachen werden gemäht wie Gras mit einer Sense von jedem hinreichend geübten Bauern. Außerdem muß man sich gegenwärtig halten, daß Camper, Sömmerring und die anderen fachmännischen Anatomen vollkommen recht hatten, Goethen entgegenzuhalten, der Mensch habe keinen Zwischenkieferknochen; denn er existiert beim normalen Menschen von der Geburt an tatsächlich niemals; vielmehr handelt es sich nur um Spuren, die „unsern Schutzengel, den Genius der Analogie“ zu einem kühnen Fluge ermuntern mögen, ihn aber am letzten Ende in ein Chaos führen. Wissenschaftlichen Wert gewannen diese Spuren erst, als die grundlegenden Embryologen — ein Meckel, ein Baer, ein Serres — die Entwickelung des Menschenschädels vom ersten Keim an zu verfolgen begannen; mit ihren Arbeiten und denjenigen ihrer Nachfolger aber eröffnete sich eine Perspektive, von der Goethe nicht hatte träumen können, indem die Ansätze zu zahlreichen Knochen, von deren Dasein er nichts wußte, entdeckt wurden, wodurch die Vergleichung des Schädelbaues der Vertebraten — von den Säugetieren bis hinunter zu den Fischen — möglich wurde und je möglicher, um so labyrinthischer. Wie dem auch sei, eine Tatsache bleibt unbestreitbar: das os intermaxillare als eine im Keim gesondert entspringende, später mit anderen verwachsende Knochenanlage, bedeutet einen Fall unter zahlreichen ähnlichen, und nur Derjenige hat das Recht, Gewicht auf dergleichen „Entdeckungen“ zu legen, der sie im Zusammenhang durcharbeitet, derart, daß diese Embryologie (oder Keimeskunde) — gleichviel welche hypothetische Erklärung man ihrem Tatsachenkomplex unterlegen will — einen wissenschaftlich verwertbaren Sinn gewinnt. Dies war bei Goethe nicht der Fall; vielmehr suchte er nach dem Zwischenknochen in genau der selben Verfassung, in der er im Walde nach der „Urpflanze“ gesucht hatte; es spielte sich in jenen frühesten Zeiten ab (die „Entdeckung“ fand am 27. 3. 84 statt), wo er in noch unbesonnener Naivität zwischen Idee und Erfahrung nicht zu unterscheiden verstand; und nun geschah das Unglück: denn in diesem Falle wähnte er seine Idee wirklich empirisch „gefunden“ zu haben! Und da dieser Vorgang sich gleich am Anfang seiner organischen Studien zutrug, so brachte er auf Jahre Verwirrung in sie

378 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Das Anorganische

hinein; ja, die Verwirrung wurde nie vollkommen aufgehoben, immer wieder bricht sie über Goethe ein; auch auf uns Nachkommen wirkt sie noch heute. Denn, wie wir vorhin belehrt wurden: zum Wesen einer Idee gehört, daß sie die Möglichkeit der Erfahrung übersteige, und Goethe selber hat es später klipp und klar ausgesprochen: „Jede Idee verliert, wenn sie real wird, ihre Würde“; hier aber glaubte er, in der Erfahrung die Idee konkret nachgewiesen zu haben, und so war sie denn real geworden und hatte ihre Würde verloren. Zu dieser ermutigenden ersten „Entdeckung“ kam bald eine noch unglücklichere, wenn auch ebenso berühmte und gepriesene zweite hinzu: der angebliche Ursprung des Wirbeltierschädels aus umgewandelten Wirbelknochen. Als „Idee“ in dem Kantischen Sinne eines dem Verstande gesteckten Zieles (siehe S. 368) hat die Vorstellung etwas Genialisches, und man begreift, daß sie, durch Schelling in die Metaphysik, durch Oken und Carus in die Naturbetrachtung eingeführt, Schule machte; empirisch aufgefaßt hat sie die Wissenschaft fast ein Jahrhundert lang zum Narren gehabt. Und ich mache mit aller Eindringlichkeit darauf aufmerksam, daß Goethe selber auf der Höhe seiner Reife und in den Augenblicken ruhigen Besinnens (nicht gereizter Gegenwehr) genau ebenso über diese „Entdeckung“ gedacht hat. Denn er, der manchmal von ihr als von einer empirisch unleugbaren Leistung spricht und sich nicht wenig darauf zugut tut, schreibt einmal folgende Worte, die ich ungekürzt bringe, damit sie entscheidender wirken. Der Titel der Abhandlung lautet: „Inwiefern von den Wirbelknochen die Schädelknochen abzuleiten seien und auch Gestalt und Funktion dorther zu erklären sein möchte“; veröffentlicht ist sie 1820, in dem zweiten Heft der Reihe Zur Morphologie, S. 248 ff. Hier sagt Goethe:
    „Wir wenden uns nun zu einer Angelegenheit, die, wenn darin etwas zu entscheiden   w ä r e,   großen Einfluß auf alles Vorhergesagte ausüben   m ü ß t e.   Es entsteht nämlich, da so viel von Gestaltung und Umgestaltung gesprochen worden, die Frage, ob man denn wirklich die Schädelknochen aus Wirbelknochen ableiten und ihre anfängliche Gestalt ohngeachtet so großer und entschiedener Veränderungen noch anerkennen solle und dürfe. Und da bekenne ich denn gerne, daß ich seit dreißig Jahren von dieser   g e h e i m e n   V e r w a n d t s c h a f t   überzeugt bin, auch Betrachtungen darüber immer fortge-

379 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Das Anorganische

setzt habe. Jedoch ein dergleichen Aperçu, ein solches Gewahrwerden, Auffassen, Vorstellen, Begriff,   I d e e,   wie man es nennen mag, behält immerfort, man gebärde sich, wie man will,   e i n e   e s o t e r i s c h e   E i g e n s c h a f t;   im Ganzen läßt sich's aussprechen, aber nicht beweisen, im Einzelnen läßt sich's wohl vorzeigen, doch bringt man es nicht rund und fertig. Auch würden zwei Personen, die sich von dem Gedanken durchdrungen hätten, doch über die Anwendung desselben im Einzelnen sich schwerlich vereinigen; ja, um weiter zu gehen, dürfen wir behaupten, daß der einzelne, einsame, stille Beobachter und Naturfreund mit   s i c h   s e l b s t   n i c h t   i m m e r   e i n i g   b 1 e i b t   und einen Tag um den andern klärer oder dunkler sich zu dem problematischen Gegenstande verhält, je nachdem sich die   G e i s t e s k r a f t   reiner und vollkommener dabei hervortun kann.“ ¹) In einem weiteren Absatz heißt es dann: In unserer „bewegten, ohnehin mit sich selbst beschäftigten Welt“ sei „ein so zartes geistiges Wesen gar nicht an seinem Platze“. Hiermit wird unwiderleglich dargetan, daß Goethe mit seinen Lehren über Metamorphose, Typus, Gestaltung und Umgestaltung usw. eine   I d e e   im Sinne hat und das Ganze einer rein ideellen, architektonischen Naturbetrachtung angehört; denn die exakte mechanische Wissenschaft kann mit „geheimen Verwandtschaften“, „esoterischen Eigenschaften“, mit täglich wechselnden, nie genau mitzuteilenden Ansichten nichts anfangen; eine Idee wie die Goethe's kann ihr Anregung verschaffen, indem sie ihr für gewisse Beziehungen die Augen öffnet, wie dies später auch Darwin mit seinen anthropomorphischen Deutungen tat; doch sie selbst kann, sobald sie reine Wissenschaft sein will, nur Tatsachen brauchen und scharf umschriebene, unwandelbar konsequente Theorien; und so hat sie denn endlich den qualvollen Versuch, dem „zarten, geistigen Wesen“ einen derben, materiellen Sinn abzugewinnen, aufgegeben; damit ist zugleich die wahre Idee wieder in ihre Würde eingesetzt. Auch in der wissenschaftlichen Botanik versteht man jetzt unter Metamorphose nicht Goethe's Idee, sondern jene Fälle, wo ein werdendes Organ, schon auf dem Wege zu einem bestimmten Gebilde, eine durch innere oder äußere Ursachen veranlaßte Ablenkung erleidet, durch die es eine andere Funktion im Leben des Ganzen erhält und darum auch in ein anderes Organ, als
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    ¹) Die hier gesperrt gedruckten Worte sind im Originaltext nicht gesperrt.

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die erste Anlage voraussehen ließ, nachträglich umgebildet wird. * Dies ist reelle, nachweisbare Tatsache; jenes ist Idee.
    Unser Urteil über Goethe, den Geologen, leidet nun, behaupte ich, unter der steten Betonung seiner anatomischen Entdeckungen, die freilich unsere Aufmerksamkeit verdienen (unsere „heitere“ Aufmerksamkeit, hätte Goethe gesagt), als wissenschaftliche Entdeckungen aber nicht annähernd die Bedeutung seines geologischen Scharfblickes besitzen. Auf dem organischen Gebiete bildeten eben die Ideen seine große Leistung, auf dem anorganischen bewährte sich dagegen seine Befähigung, dem Toten, Ungestalteten dasjenige an ihm, was mit Leben Analogie besitzt — und das sind seine Umwandlungen —— mit Augengewalt abzugewinnen. Wo nicht Gestalt herrscht, da ist Geschichte am Platze (S. 360); ein bedeutender Geolog ist ein Mann, der das stumme Zeugnis der Vergangenheit zu enträtseln versteht. „Es ist nämlich in der Geognosie“, schreibt Goethe, „dem menschlichen Geist eine herrliche Pflegerin fortbildender Anschauung eröffnet, die sich bei manchen wahrhaft berufenen Beobachtern oft zu einer wundersamen Höhe steigert und sie in dem naturgemäßesten Sinne fernsehend macht.“ Hier nun geschieht die weitere Irreführung, die ich vorhin als die unmittelbare bezeichnete. Die Vorurteile, welche unsere Zeit befangen halten, verhindern die große Mehrzahl auch der naturwissenschaftlich Gebildeten, Goethe's Bedeutung als Geolog gewahrzuwerden; manche Tatsachen fallen nicht ins Auge, weil der historische Zusammenhang übersehen wird, andere sind unbekannt, weil alle Schul- und Popularwissenschaft um ein halbes, wenn nicht gar um ein ganzes Jahrhundert zurückbleibt.
    Wie schon erwähnt, hat Goethe eine   E i s z e i t   gelehrt: dies bedeutet geradezu eine erstaunliche Leistung. Louis Agassiz, der wahrhaft geniale Forscher, gilt allgemein als Begründer der Einsicht, weite Teile der nördlichen Welthemisphäre bis hinunter in Gegenden mittlerer Breite müßten zu einer nicht sehr weit hinter uns liegenden Zeit beeist gewesen sein; diese Hypothese trug er zum ersten Mal im Jahre 1837 vor, also fünf Jahre nach Goethe's Tod, begründete sie in später erschienenen Werken des Näheren und verfocht sie gegen die einstimmige Ablehnung der Fachgeologen. Nun hatten zwar des öfteren Gelehrte und Ungelehrte den Gedanken gelegentlich hinge-

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worfen, die an vielen Stellen Europas beobachteten erratischen Blöcke (d. h. Felsstücke, deren Ursprung in der Gegend, wo sie heute stehen, unerklärbar ist) möchten durch Eis dahin getragen worden sein, sei es durch Eisberge oder durch Gletscher; Agassiz selber aber bezeugt, Goethe allein habe die zusammenhängende Vorstellung einer lange anhaltenden Epoche großer Kälte besessen, einer Epoche, in welcher die Gletscher bis zum Genfersee und noch weiter hinunterreichten. Dieser Gedanke — im Laufe des 19. Jahrhunderts in seiner unbestreitbaren Tatsächlichkeit nachgewiesen und für Erdkunde, Lebenskunde, Menschenkunde unübersehbar fruchtbar — ist keine Idee, sondern ein empirisches Faktum, von dem „wahrhaft berufenen Beobachter fernsehend“ erschaut. Agassiz' Verdienst ist nicht darum geringer; die ausführliche, zwingende Begründung brachte er, er und Desor und die hingebende langjährige Arbeit ihrer Jünger. Doch daß Goethe, der nie einen längeren Aufenthalt im Gebirge nahm, der mit seiner Ansicht ganz und gar allein dastand, den Sachverhalt so genau durchdrang und sich an dem Zeugnis seines Auges nie irremachen ließ, das gehört zu den auffallendsten Tatsachen, die man wohl beachten muß, will man die Bedeutung dieses Auges für die Erkenntnis der Zusammenhänge der Natur schätzen lernen. „Das Eis spielt eine größere Rolle als man denkt“, schreibt er still für sich hin, als wieder eine „Berühmtheit“ bewiesen hat, die erratischen Blöcke seien vulkanischen Ursprungs, Zeugen ungeheurer Schleuderkräfte, welche riesige Felsen Hunderte von Meilen weit durch die Lüfte geworfen hätten. Er beharrt bei seiner Überzeugung, geschöpft aus dem ersten und einzigen Anblick des Rhonetales im Jahre 1779 und verstärkt aus allen Berichten über ähnliche Vorkommnisse, bei seiner Überzeugung „eines hohen Frostzustandes des Erdbodens“, einer „Epoche großer Kälte“, anstatt zu „Umhersprengungen die Einbildungskraft zu nötigen“ und zu „fürchterlich undenkbaren Aufstürzungen aus den tiefsten Abgründen“. Das eine Mal — denn Goethe kommt öfters auf diese ihn empörende Kurzsichtigkeit der Fachmänner zurück — bricht er plötzlich ab und gibt zu Papier: „Die Sache mag sein, wie sie will, so muß geschrieben stehn, daß ich diese vermaledeite Polterkammer der neuen Weltschöpfung verfluche!“ Der Fluch des Weisen ward der Wissenschaft zum Segen.

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    Doch dürften wir dieser wunderbar richtigen Intuition nicht einen so hohen Wert beilegen, handelte es sich um einen vereinzelten Fall, um eine „Entdeckung“ nach Art der anatomischen; es handelt sich aber bei Goethe vielmehr um eine alle Probleme der Erdrindenbildung umfassende allgemeine und methodische Überzeugung. Und die Geschichte der Geologie seit Goethe's Tod ist die fortlaufende, wachsende Bestätigung, daß er richtig gesehen hatte, er allein, eingekeilt, wie er stand zwischen den beiden heftig sich bekämpfenden dogmatischen Schulmeinungen der Vulkanisten und der Neptunisten, unfähig, einer der beiden beizutreten, weil ohnmächtig, aus dogmatisch-theoretischen Erwägungen dem Zeugnis seines naturverwandten, das Allgemeine im Einzelnen ihm offenbarenden Auges zu widersprechen. Diese fortlaufende Bestätigung zieht sich bis in die ersten Jahre unseres zwanzigsten Säkulums hin; wir dürfen auf weitere rechnen.
    Aus zwei Briefstellen, die sich auf allgemeine Geologie beziehen, lernt man die Grundstimmung und zugleich die Grundeinsicht kennen. In der einen heißt es: „Die Natur, wie sie still wirkt, und wie ich sie liebe“; in der anderen: „Der Natur in ihrem großen Tun traue ich einfachere und grandiosere Mittel zu.“ In diesen drei Worten — still, einfach, grandios — liegt ein vollkommenes Programm zu einer Deutung der Geschichte unserer Erdrinde, ein Programm, dessen wissenschaftliche Durchführung noch vor Goethe's Tod von Charles Lyell systematisch in Angriff genommen wurde. ¹) Lyell's Principles of Geology will, so belehrt uns das Vorwort, nachweisen, „die geologischen Phänomene können gedeutet werden, ohne plötzliche, allgemeine Katastrophen oder Umwälzungen vorauszusetzen“: das ist Goethe's Stille und Einfachheit; vor ihm hatte kein Geolog daran gedacht. Denn zwei Dinge schränkten zu seiner Zeit die Vorstellungskraft der Fachmänner ein: erstens, die feststehende Annahme, die Erde sei nicht alt, zweitens, die Unfähigkeit, zu erfassen, über welche grandios einfachen, still doch unüberwindlich wirkenden Mittel die Natur verfüge. Die vorausgesetzte knappe Beschränktheit des Zeitlaufes zwang bei der gewaltigen Größe und der Mannigfaltigkeit der Begebenheiten, an plötzliche Vorgänge unge-
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    ¹) Der erste Band der Principles erschien in erster Auflage 1830, der zweite und letzte 1832. *

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heuerster Art, dazu in schneller Aufeinanderfolge zu denken; gleichviel ob Neptunisten oder Vulkanisten das Wort führten, alles ging katastrophös her; dies wiederum nötigte zu der Annahme, die Erdrinde selbst sei erst vor kurzer Frist verhältnismäßig ruhig und damit bewohnbar geworden, wogegen sie bis dahin „zugleich von unten und von oben“ unaufhörlich von allen Elementen um-, unter- und zerwühlt gewesen sei. Goethe dagegen blickte um sich und gewann die Überzeugung: „Die Natur vermag ruhig und langsam wirkend Außerordentliches“; nur müsse man „einer freiwirkenden Natur“ auch zu relativ geringfügigen Wirkungen „Jahrtausende Zeit lassen“. Warum der Natur die Zeit beschränken? Weder kirchliche noch wissenschaftliche Dogmen gewannen jemals über Goethe Einfluß. Beliebig viel Zeit, und in dieser die sich anhäufende Wirkung von Vorgängen, die der kurzlebende Mensch kaum wahrnimmt, wenn nicht sein Auge erzogen worden ist darauf zu achten: dies bildet den Kern von Goethe's geologischem Bekenntnis, wie es der von Lyell's Geologie — der nicht mehr bestrittenen Geologie der Gegenwart — wurde. Womit aber der Dichterdenker noch eine weitere Vorstellung verbindet, die schon ins Ideelle hinüberspielt und darum schwerer in Worte zu fassen ist: denn wer nur das Wort hört, versteht nicht Goethe's Sinn, sondern im Geiste muß sich eine Vorstellung aufbauen, die zugleich sinnlich-konkret und moralisch-vernunftvoll wirkt. Die Stille der Natur verstehen wir nach ihm erst, wenn wir in ihren Vorgängen, gleichviel welche Dimensionen sie annehmen, niemals   G e w a l t   erblicken, Gewalt im Sinne von „Gewaltsamkeit“ genommen. Ihm persönlich ist „Abscheu vor gewaltsamen Erklärungen“ eingeboren, gleichviel ob der also Deutende „reichliche Erdbeben und Vulkane“ oder aber „Wasserfluten und andere titanische Ereignisse geltend zu machen sucht“; Goethe bleibt überzeugt, „der Natur seien die ruhigen Wirkungen die allergemäßesten“. Dabei darf man nicht übersehen, daß er die Vulkane aus eigener Anschauung kennt, sowie aus jahrelangem, genauestem Studium die heißen Quellen; von dem Erdbeben zu Lissabon hat er aus seiner Kindheit einen nie verloschenen Entsetzenseindruck behalten, neu geweckt später durch den Aufenthalt in dem durch das Erdbeben von 1784 gänzlich zerstörten Messina; er leugnet auch nicht das Dasein gewisser Erdbildungen, bei denen die Vorstellung

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„gewaltsamer Revolution zu Hülfe gerufen“ werden müsse; worauf er aber allen Nachdruck legt, ist die Tatsache, der Mensch solle sich hüten, die Natur und ihre Wirkungsweise an dem Maßstabe seiner eigenen Beschränkung und Schwäche zu messen und diejenigen Phänomene, die ihm Schrecken oder selbst Vernichtung bringen, darum für ungeheuer, maßlos, tumultuarisch, wild und willkürlich zu halten (vergl. S. 331); vielmehr solle er in allem Gesetz, Ordnung, Ruhe — jenes Stille, Einfache, Grandiose — erblicken lernen. „In der Ferne heben sich tobende Vulkane in die Höhe, sie scheinen der Welt den Untergang zu drohen, jedoch unerschüttert bleibt die Grundfeste, auf der ich noch sicher ruhe, indeß die Bewohner der fernen Ufer und Inseln unter dem untreuen Boden begraben werden.“ Genau so wie die höhere Mechanik — widergespiegelt im gewaltigen Hirn eines Leibniz — uns lehrte, die Ruhe als einen besonderen Fall innerhalb der Bewegungserscheinungen und infolgedessen als in den allgemeinen Gesetzen der Bewegung eingeschlossen zu betrachten, lehrt uns hier Goethe umgekehrt, die scheinbar tumultuarische Bewegung als die Ruhe einer langsam, stetig und folgerichtig wirkenden Natur aufzufassen. Darum, als in der   k l a s s i s c h e n   W a l p u r g i s n a c h t   Anaxagoras von einem plötzlich entstandenen Berge spricht, wirft ihm Thales dazwischen:

Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt?

Wer nur die eine, scheinbar isolierte Gewaltsamkeit erblickt, sieht freilich,   ü b e r sieht aber nicht. Die menschliche Beschränktheit allein verhindert uns, die Erde als ein Ganzes wahrzunehmen und das, was hier oder dort dem Achtlosen als Katastrophe die Besinnung raubt, als die vorüberrauschende Offenkündigung stetiger, unermeßbar langsamer Vorgänge zu erkennen, die von Jahrtausenden herkommen und in Jahrtausende hinausweisen. In diesem Sinne ist es gemeint, wenn an jener Stelle Thales sagt:

Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.

Diese Forderung Goethe's — auch in der anorganischen Natur Gestalt und nicht Gewalt zu erblicken — ist eine ideelle. Eine Natur,

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die Chaos wäre, könnten wir Menschen nicht erkennen; mag sie an sich sein, was sie will, für uns   m u ß   sie Kosmos werden; an uns liegt es, wie dort die Ruhe als Bewegung, so hier die Bewegung als Ruhe aufzufassen.
    Wie man sieht: wenn auch Goethe uns lehrte, beim Anorganischen zunächst „rein atomistisch“ vorzugehen, „nur sehen, nicht denken“, im weiteren Verfolg konnte er sich nicht enthalten, zu den gestaltenden Ideen aufzusteigen, und er hat uns dadurch im voraus die tiefere Begründung unserer modernen geologischen Methoden gegeben. Hierbei kam ihm nun zugute, daß er im Gegensatz zu den meisten Fachleuten seiner und unserer Zeit die Frage nach ersten Ursprüngen grundsätzlich verwarf. Sein eigenes Bekenntnis legt er Faust in den Mund:

Gebirgesmasse bleibt mir edel-stumm;
Ich frage nicht Woher? und nicht Warum?

Wir besitzen es auch in Prosa: „Mein Geist hat keine Flügel, um sich in die Uranfänge emporzuschwingen.“ In dem Aufsatz, oder vielmehr den Fragmenten zu einem Aufsatz, wo dieses Wort vorkommt, lehnt Goethe die beiden Dogmen ab, die seine Zeit beherrschten und entzweiten: die des Feuerursprungs und die des Wasserursprungs; alle derartigen Vorstellungen sind ihm der Natur gegenüber zu eng und stubengemäß. In einem Gutachten vom 10. Januar 1810 über den Ankauf einer Steinsammlung für das Museum in Jena scherzt Goethe erst mit liebenswürdiger Ironie über den vulkanistischen Sammler, dann aber in weit schärferem Tone über den neptunistischen Museumsdirektor Lenz, der „in seinem Wassereifer weder Maß noch Ziel kennt, wenn er gegen jene Ketzer zu Felde zieht.“ Die übliche Darstellung unserer Goethebücher, als sei Goethe ein Verfechter des Neptunismus gewesen, gehört zu den geheiligten Trivialitäten, deren Dauer aus der zähen Widerstandskraft leerer Hohlkörper zu erklären ist. Goethe's Sinnen bewegte sich auf einer anderen geistigen Höhe. „Im Ganzen denkt kein Mensch, daß wir als sehr beschränkte, schwache Personen uns um's Ungeheure beschäftigen, ohne zu fragen, wie man ihm gewachsen sei.“ Darum gewannen ihm auch die „gegen hundert verschiedenen Theorien der Erdentstehung“, welche er zusammenzählte, kein In-

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teresse ab. „Es sind bloß Worte, schlechte Worte, die weder Begriff noch Bild geben“, lautet das Urteil in Prosa; in Versen:

Mit solchem Streit verliert man Zeit und Weile
Und führt doch nur geduldig Volk am Seile.

In dieser tiefen und wiederum ideellen Einsicht wurzelt eine Kraft, welche Goethe vor allen Fachmännern voraus hatte und dank welcher er uns Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts als Geolog durchaus „modern“ erscheint, während Astrophysiker und Geologen, die noch gestern autoritative Entscheidungen über Geschichte und Dauer der Erde abgaben, bereits veraltet sind. Als nämlich in Lyell's Gefolge den Geologen die Vorstellung ungeheurer Zeiträume nicht nur immer geläufiger, sondern immer unabweisbarer geworden war, entstand plötzlich ein Hindernis: die Physiker und Kosmologen (ein Kelvin, ein Helmholtz u. A.) brachten den (vermeintlichen) mathematischen Nachweis, die Erde könne nicht entfernt so alt sein, als die Geologen es annahmen, was um so niederschmetternder auf diese wirkte, als sie keine Handhabe besaßen, um auch nur annähernd nach Jahren zu messen, sondern bloß einerseits auf die gewaltige Höhe der im Wasser langsam abgelagerten Felsen, andrerseits auf die Aufeinanderfolge der verschiedenen Gestalten des Lebens hinweisen konnten, wogegen die genannten Physiker mit Berechnungen kamen, die sich entweder auf das Zusammenschrumpfen der Sonne oder auf Änderungen im Jahreslauf der Erde oder aber auf allgemeinen Energieverlust innerhalb unseres Sternensystems usw. bezogen, Berechnungen, die zwar zu recht abweichenden Ergebnissen führten, jedoch zahlenmäßig und insofern grenzziehend ausfielen. Dem redlichen Darwin verursachte diese formidable objection ein nicht minder formidables Kopfzerbrechen (Origin, ch. X) und er wußte sich nicht anders zu helfen als mit dem Verzicht auf seine Überzeugung der allmählichen, unmerklichen Veränderungen der Lebensgestalten, indem er nunmehr voraussetzte, diese Veränderungen seien früher reißend und gewaltsam (rapid and violent) vor sich gegangen, wodurch seine Hauptlehre sich als ein vorübergehender Zufall der gegenwärtigen Weltlage entpuppt, nicht als aufgeschlossenes Naturgesetz. Da war denn die „Gewalt“ zur Hintertüre von neuem eingeschlichen, und zwar dar-

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um, weil unsere mechanischen Forscher ohne ein Bewußtsein von der Tragweite unserer gestaltenden Ideen empirisch tastend vorgehen. Wer wollte der Physik, der exaktesten aller Wissenschaften, widersprechen, sobald diese die nötige Frist zu stillen, einfachen, grandiosen Umbildungen verweigerte? Paläontologen und Geologen, alle mußten sie, genau so wie zu Goethe's Lebzeiten, zu bizarren, barocken Notvorstellungen greifen, die jedoch noch verwickelter und ungereimter waren, weil eine Unmasse neuer Tatsachen sich dem Notzwange fügen mußte. Diese Dinge hatte Goethe vorausgesagt; für den Sehenden genügt ein Wink, außerdem weiß er, wie alles Menschliche sich wiederholt; und so hatte er uns ermahnt, uns „gegen diese ungeheuren Allgemeinheiten“, wie er es tat, „abzuschließen“. Wie sollte eine Berechnung, wie sollte irgend eine dem Menschengeist völlig unangemessene Allgemeinheit die Tugend in sich tragen, das unmittelbare Zeugnis meines äußern und innern Auges zu widerlegen? „Das mittlere Wirken der Welt-Genese sehen wir leidlich klar und vertragen uns ziemlich darüber; Anfang und Ende dagegen ... werden uns ewig problematisch bleiben.“ Woran sich die allgemein gültige Weisheitslehre schließt: „Wie wir Menschen in allem Praktischen auf ein gewisses Mittlere gewiesen sind, so ist es auch im Erkennen. Die Mitte, von da aus gerechnet, wo wir stehen, erlaubt wohl, auf- und abwärts mit Blick und Handeln uns zu bewegen, nur Anfang und Ende erreichen wir nie, weder mit Gedanken noch Tun, daher es rätlich ist, sich zeitig davon loszusagen.“ Wir sehen hier Goethe, den Naturerforscher, dank seiner sicher erfaßten Ideen unbeirrbar bleiben, wogegen die Naturforscher von Fach alle in die Irre gehen — Physiker, Geologen, Zoologen. Und was an und für sich gewiß nicht höhere Bewunderung fordert, wohl aber zunächst auf die Meisten mehr Eindruck machen wird, ist die Tatsache, daß Goethe — mit einem aus Wunderbare streifenden Hellblick — uns im voraus auf jenen Weg aufmerksam machte, der ein Jahrhundert später zur Lösung dieses erst nach seinem Tode entstandenen Dilemmas führen sollte. Das tat er, indem er immer wieder auf das   C h e m i s c h e   wies und den Kosmologen einen Vorwurf daraus machte, vorwiegend rein mechanisch zu denken, ohne sich zu überlegen, welche unbekannten chemischen Vorgänge in Rechnung zu ziehen seien. So heißt es in einem Ent-

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wurf über die Bildung der Erde aus frühen Jahren: „Chemische Wirkung vorwaltend“; später: „Die chemischen Kräfte der Natur nehmen keineswegs ab. Sie zeigen sich vielmehr jederzeit, wo sie freies Spiel haben.“ In einem Aufsatz in Leonhard's „Geologischem Taschenbuch“ für das Jahr 1808 schreibt er: „Meine Erklärungsart neigt sich mehr zur chemischen als zur mechanischen hin.“ Hiermit nicht genug, nennt Goethe eine Wissenschaft, die zu seiner Zeit noch gar nicht bestand, und sagt, wir sollten „den herrlichen   e l e k t r o  c h e m i s c h e n   g e i s t i g e n   L e i t f a d e n   nie verlassen“; denn er glaubt an „fortwährend vorgehende, elektrisch-chemische Prozesse“. Und nun kommt das Merkwürdigste, nämlich eine Vorahnung der Radiologie, so deutlich, wie sie bei den damaligen geringen Kenntnissen nur möglich war, darum aber auch für Goethe's gelehrte Zeitgenossen gänzlich unverständlich: „Elektrische, galvanische — nicht Schläge — sondern   E n t w i c k e l u n g e n   a u s   e i n e m   I n n e r e n,   dessen Trennung und Suchen bei der Solideszenz zu einem abermaligen Trennen und Suchen aufgefordert wird.   Z u   d i e s e m   A n s c h a u e n   m ü s s e n   w i r   u n s   e r h e b e n,   welches bei der gegenwärtigen Lage der physischen Chemie gar nicht einmal schwer werden darf.“ Das schrieb Goethe am 18. September 1817. Beides sah er voraus: daß die Menschen die unerschöpfliche Zeit, sowie auch daß sie die unerschöpflich mannigfaltigen Wirkungsarten der Natur würden beschränken wollen; er kannte sie ja, er kannte ihren engen, gewaltsamen Sinn und wußte, wie wenig sie geneigt sind, „der Natur einfache und grandiose Mittel zuzutrauen“. Und nun kam es, wie er vorausgesehen hatte. Denn während die Ignoranten unter unseren Gelehrten und unsere sämtlichen Ungelehrten noch heute sich an Kindermärchen „Vom Nebelfleck bis zum Menschen“ erlaben, hat der Gang der echt wissenschaftlichen Geologie andere Wege geführt. Eisepochen z. B. sind jetzt aus fast allen geologischen Perioden bekannt; zur sogenannten Kohlenzeit — wo nach unseren Phantasten die gesamte Erde unter einer warmen Wolkenhülle erstickte — war Indien halb bedeckt mit Eis, ebenso Australien, Südafrika, Südamerika! Ja, man hat die Wirkung von Gletschern bis zum 31.° nördlicher Breite hinunter (Cairo liegt genau unter dem 30.°) bei Formationen nachgewiesen, die unterhalb der ältesten Trilobiten tragenden Cambrischen Schichten liegen! Andrerseits ist

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nachgewiesen, daß mitten in der Kohlenzeit selbst, wie auch in Zeiten, die ihr um Jahrmillionen vorangingen, weite Strecken der Erde trockene Wüsteneien bildeten, über denen selten eine Wolke aufgestiegen sein kann. So wenig entspricht die wahre Geschichte unserer Erde dem afterwissenschaftlichen Modegeschwätz! Ebensowenig kann aus empirischer Beobachtung irgend ein Argument für die Behauptung vorgebracht werden, es hätten früher die Meere die Erdoberfläche ganz oder fast ganz bedeckt; im Gegenteil, das Vorhandensein weiter Landstrecken kann von den ältesten Zeiten an nachgewiesen werden, und, wenn man dem Urteil der besten Sachkenner trauen darf, es scheint das Verhältnis von Land und Wasser im großen und ganzen zu allen Zeiten, von denen wir aus dem Zeugnis der Erdrinde irgend eine Kunde erschließen können, trotz vielfacher Verschiebungen, dem jetzigen entsprochen zu haben. Schon seit Jahren verliert die Kant-Laplacesche Nebelhypothese täglich mehr an Wahrscheinlichkeit, oder jedenfalls an zwingender Kraft; andere Vorstellungen über die Entstehung der Erde, von denen der Laie so gut wie nichts erfährt, ersetzten sie; und nun kam die Entdeckung der radioaktiven Vorgänge und mit ihr die Verlängerung der Zeiten in unermeßliche Jahrmilliarden der Vergangenheit und der Zukunft; alle die exakten Beweise der Physiker über kurzvergangene Glut, über schnell hereinbrechende Kältenacht usw. usw. fielen ins Wasser; für Denker und denkende Forscher sind nunmehr Anfang und Ende der Erde endgültig aus dem Rahmen des vernünftiger Spekulation Zugänglichen ausgeschieden, und wir dürfen endlich in Ruhe darangehen, „das mittlere Wirken der Welt-Genese“ zu studieren.
    So sind wir denn nach einem vollen Jahrhundert auf dem dumm-zufälligen Wege empirischen Herumtastens und dank dem Glücksfalle, daß eine begabte polnische Dame als solche der professoralen Fachgilde nicht angehörte und infolgedessen mit einiger Freiheit forschen durfte, so sind wir jetzt dort angekommen, wo Goethe stand. Damit dies aber nicht ein vorübergehender Zufall bleibe, täten wir gut daran, uns dessen bewußt zu werden, indem wir zum Anschauungsgenie in die Lehre gingen.

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Zusammenfassung

    Goethe's Art, die Natur anschaulich und gedanklich zu erfassen, stellt hohe Ansprüche an unsere Aufmerksamkeit, an unsere Denkkraft und an unsere Phantasie: das habe ich nicht verhehlt; jetzt aber, wo diese neue Art uns konkret vor Augen steht, möchte ich aufmerksam machen, daß die Schwierigkeit, die von Manchem als besonders groß, ja, als entmutigend empfunden wird, zum nicht geringen Teil einfach in unserer gedankenlosen Gewöhnung an andere Vorstellungen wurzelt, die nicht eine Spur minder verwickelt und minder zweideutig sind, nur überkommen wir sie als fertige Begriffe und denken niemals darüber nach. Goethe schreibt einmal über seine Beiträge zur Naturkunde: „Ich weiß, daß diese sonderbaren Erzeugnisse eines sonderbaren Menschen sich nicht leicht in einem anderen Geiste völlig zusammenhängend nach der ursprünglichen Reihenfolge wieder abspiegeln können“; da haben wir gleich das erste große Hindernis: es handelt sich nicht um ein Überkommenes, Schulgemäßes, es handelt sich um ein Erlebtes; und was der „sonderbare Mensch“ erlebte, muß sich — sollen wir es wirklich verstehen — in allen seinen Teilen, wie sie sich gegenseitig rufen und bedingen, in unserem Geiste wieder abspiegeln. Alle Ideen waren aber ursprünglich schöpferische Erzeugnisse sonderbarer Menschen: „Jede Idee tritt immer als ein fremder Gast in die Erscheinung und ist, wie sie sich zu realisieren beginnt, kaum von der Phantasie und Phantasterei zu unterscheiden.“ Und des Weiteren: „Die Idee ist in der Erfahrung nicht darzustellen, kaum nachzuweisen; wer sie nicht besitzt, wird sie in der Erscheinung nirgends gewahr.“ Die Vorstellungen „Gattung“ und „Art“, „Atom“, „Äther“ sind nicht greifbare Dinge, auch nicht in irgend einem Sinne notwendige, unvermeidliche Vorstellungen, sondern Schöpfungen bestimmter Individuen, hervorgegangen aus deren eigenem Bedürfnis, sich durch Nachgestalten die Phänomene faßlich vorzustellen; alle traten sie als „fremde Gäste“ auf und wurden erst im Laufe von Jahrhunderten heimisch. Nun aber ererben wir diese altehrwürdigen Ideen — die zur Zeit ihrer Entstehung nur einzelnen Genialbegabten verständlich waren, Vielen fragwürdig dünkten, Anderen albern erschienen — als fertige Vorstellungen von kaum geringerem Wirklichkeitsgehalt als Sonne, Mond und Erde

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überliefert. Was also ein künstlicher Spiegel zur Veranschaulichung des unmittelbar nicht Wahrzunehmenden sein sollte, das hat sich nach und nach für uns verdinglicht und steht nun als massive Allegorie undurchsichtig vor den Erscheinungen, sie eher maskierend als offenbarend. Was Goethe einmal von dem reichen Mann in seinem Verhältnis zur göttlichen Kunst sagt:

Und er besitzt dich nicht, er hat dich nur,

genau das Gleiche gilt von uns Armen, so reich an „einer Art von unnatürlichem wissenschaftlichem Hunger“; wir „haben“ Ideen und „besitzen“ sie nicht. Denn wir empfinden nicht mehr die Gewaltsamkeit, mit der jede echt konstruktive Idee sich der widerstrebenden Wahrnehmung selbstherrlich aufdrängt; vielmehr nehmen wir alle diese Vorstellungen des Menschengeistes noch passiver auf als die Eindrücke unserer Sinnesorgane, und damit verliert die Idee allen Lebenswert. Die echte Idee wird, wie Goethe einmal sagt, „erdreistet“ und kann uns, sobald wir sie allzu fest ins Auge fassen, „in eine Art Wahnsinn versetzen“; dies gehört zum Wesen der Idee, und wo es nicht mehr zutrifft, ist die Idee ein bloßes Wort geworden, eine Art Spielmarke, die einen konventionellen Wert besitzt. Schon die rein methodischen Ideen enthalten ein so willkürlich menschliches Element, daß jeder Gegenstand in ein Prokrustesbett zu liegen kommt; und nun gar die anschaulichen Ideen! Ein erster lebender Analytiker und Kosmolog beschreibt unsere heutige Physik als „ein Biegen und Beugen der Natur, bis sie den Ansprüchen des Menschengeistes sich fügt“; nicht ein Naturforscher unter tausend hat aber eine Ahnung, daß er die Natur biegt und beugt. Und doch, betrachte man einmal die Idee „Atom“! Undenkbarer und weniger augengerecht wurde nie eine Vorstellung ersonnen: eine tatsächliche, wägbare, ausgedehnte Größe, die nicht weiter teilbar sein soll! Oder aber — denn so will's der mathematische Physiker (S. 258) — ein ausdehnungsloser, nur mit dem Geist zu fassender Punkt, woraus mit Notwendigkeit folgt, „Stoff“ sei nur ein Hirngespinst! Nichtsdestoweniger hat der mechanischen Wissenschaft keine Idee größere Dienste geleistet als diese geniale Erfindung, die trotz aller Modifikationen immer noch authentisch von Demokrit herstammt. Bei der Idee „Äther“, die unserer Physik ebenfalls unentbehrlich geworden

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ist, liegen die Verhältnisse insofern noch verwickelter, als zu der Undenkbarkeit und Unvorstellbarkeit noch die Notlage hinzukommt, einer und der selben Substanz einander unmittelbar widersprechende Eigenschaften beizulegen; von diesem Äther, von dem wir noch vor wenigen Jahren uns merken mußten, er wiege 15trillionenmal weniger als die Luft, hat inzwischen Lord Kelvin (in Bestätigung von Kant's Behauptung) nachgewiesen, er besitze überhaupt gar kein Gewicht; zugleich ist aber (von J. J. Thomson) unwiderleglich dargetan worden, er müsse 2000millionenmal dichter als Blei sein, sonst bliebe die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der strahlenden Energie unerklärlich; der Äther ist das absolut Unbewegliche, den gesamten Raum massiv Ausfüllende und alle Bewegung (welche Eigenschaft dem „Stoff“ allein zukommt) Erzeugende, zugleich aber bewegt er sich in einem ununterbrochenen Wirbel mit der Geschwindigkeit des Lichtes. Neuerdings soll er sogar nach der Meinung einiger Forscher überhaupt nicht einer Wirklichkeit entsprechen, sondern eine bloße Allegorie sein für diejenigen Bewegungserscheinungen, welche der Newtonschen Mechanik nicht entsprechen. Usw. Dazu kommen die vielen und meist sehr vergänglichen Hilfshypothesen, die Goethe als „schlechte Dichtungen“ bezeichnet, „die man will gelten machen, daß man sie für wahr ausgibt“. Wohl hatte er recht, auszurufen: „Mir ist es indessen sehr merkwürdig, daß die Wissenschaft, die, in ihrem eingehüllten Ursprunge, erst ein Geheimnis ist, wieder, in ihrer unendlichen Entfaltung, zum Geheimnis werden muß.“ Das wäre an und für sich kein Unglück, sondern ein Gesetz des Daseins, mit welchem ein für allemal zu rechnen wäre; die heillose Verwirrung unseres Tages entsteht aber daraus, daß wir diesen elementaren Sachverhalt aus den Augen verloren haben und wirklich glauben, unsere Wissenschaft, die so viel zu berechnen versteht, gebe uns auch tatsächliche „Erklärungen“. Im Altertum und im schmählich verkannten Mittelalter besaß man weit subtilere und richtigere Vorstellungen von dem Wesen dessen, was irgend eine Wissenschaft leisten kann: syxein ta phainomena, salvare apparentias, salvar le apparentie, sauver les apparences, „die Erscheinungen retten“, mit anderen Worten, eine für die Vernunft annehmbare Deutung erfinden: so bezeichnete man die Aufgabe der exaktesten aller Wissenschaften, der Sternkunde, die nach damaliger Überzeugung immer nur zu einer

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möglichen Deutung des Beobachteten, nie zu einer Erklärung führen konnte. Keiner der großen Astronomen hielt die Epizyklen, die exzentrischen Kreise usw. für tatsächlich vorhandene Sachen; vielmehr handelte es sich für sie lediglich um „Modelle“, durch welche alle Bewegungen der Gestirne dargestellt und der Berechnung zugänglich gemacht werden konnten; verschiedene Systeme bestanden nebeneinander, indem die Gelehrten sich nur fragten: welches ist das praktisch brauchbarste? Noch Kopernikus hatte in seinem Widmungsbrief an Paul III. sein System den anderen astronomischen Systemen dem Wesen nach gleichgestellt als einen Versuch, salvare apparentias; auch Descartes behauptete, keinen Wert auf die materielle Wahrheit des heliozentrischen Systems zu legen, ihm genügte die Hypothese als solche. Dies ist ganz genau Goethe's Standpunkt, der von den Hypothesen der Physik sagt, „er sehe sie für nichts weiter an als bequeme Bilder, sich die Vorstellung des Ganzen zu erleichtern“. Die Materialisierung des Denkens, und das heißt sein Stumpfwerden, scheint mit Galilei begonnen zu haben. Denn, um die Wahrheit des Kopernikanischen Systems darzutun, bediente sich Dieser des rein mathematischen Argumentes ad absurdum, wo nämlich der Beweis, daß eine Behauptung unsinnige Folgerungen nach sich zieht, zu dem Schluß berechtigt, deren kontradiktorischer Gegensatz müsse wahr sein. Wie unzulässig es ist, solch' einen rein menschlich logischen Satz auf die Natur anwenden zu wollen, da er der Unendlichkeit des Möglichen gegenüber ohne jede zwingende Kraft bleibt, liegt auf der Hand, und jetzt, nach drei Jahrhunderten, erklärt die mathematische Kosmologie, alle angeblichen exakten Beweise für die Erddrehung beruhten auf sophistischen Annahmen und man dürfe nur behaupten: „Es ist bequemer, sich die Sache so vorzustellen, als ob sich die Erde drehte“ — eine Behauptung, welcher seinerzeit weder Melanchthon noch Urban VIII. widersprochen hätten. Galilei dagegen bestand auf dem buchstäblichen Sinn und gab mit seinem hartnäckigen eppur si muove die Losung für die neue materialistische Wissenschaft. Denn nun geschah folgendes: die Drehung der Erde um ihre Achse, ihr Umkreisen der Sonne, außerdem alle sekundäre Bewegungen, denen sie unterworfen ist, nehmen wir sozusagen mit Augen wahr, desgleichen bei Mond und Wandelsternen, woraus alles weitere durch Analogie folgt; mag diese

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Vorstellung streng genommen nur eine „bequeme“ sein, nicht eine streng beweisbare, es handelt sich um eine konkrete, widerspruchslose Vorstellung, um eine jener Ideen, die fast ganz „Tatsache“ sind; war aber diese eine Vorstellung materialisiert, sofort gliederten sich eine Menge anderer daran, die durchaus ideeller Natur sind: ich erinnere nur an die Anziehungskraft, von der Jeder spricht, ohne daß irgend Einer sich etwas dabei vorzustellen vermag; und nun wurden alle die alten spekulativen Ideen — die Atome, der Äther, die Strahlen, die Wellen — in den hundert Variationen, zu denen die verschiedenen Spezialzweige der Forschung ihre Zuflucht nehmen mußten, alle wurden sie nach Galilei's Vorgang des eppur materialisiert und für bare Münze gehalten, bis zuletzt, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, das Denken als eine den Sekreten anzugleichende Ausscheidung erklärt wurde und Tausende von Menschen, die in sonstigen Beziehungen nicht Idioten waren, diesen blühenden Unsinn für eine ihren Geistesbedürfnissen angemessene Deutung hielten. Etwas so Barockes wie die zusammengestoppelte Mythologie, in welcher unsere Naturwissenschaft und mit ihr (zum mindesten in ihrer geistigen Atmosphäre) fast unser gesamtes Denken und Forschen heute lebt und webt, hat es wohl nie in einer früheren Epoche gegeben. Die Absurdität beruht darauf, daß wir an die materielle Tatsächlichkeit (nicht an die bloße methodische Nützlichkeit) von unvorstellbaren Vorstellungen und von undenkbaren Gedanken zu glauben aufgefordert werden. Wohl möchte Einer behaupten, diese Geistesverrohung sei aus der jahrhundertelangen Gewöhnung an vernunftwidrige Kirchendogmatik hervorgegangen; dagegen wäre aber zu erinnern, daß sowohl die bedeutenderen Kirchenväter (namentlich Augustinus) wie auch ein großer Teil der Scholastiker die Vernunftwidrigkeit der Dogmen zugaben, während wir Heutigen noch hinter das credo quia absurdum des tatkräftig naiven Tertullian zurückgegangen sind und hartnäckig behaupten, das Vernunftwidrige sei zugleich das Vernunftgemäße. Das ist, was Goethe „die barbarische Art, sich aus der Barbarei zu retten“, nennt. Freilich gibt es denkende Forscher exaktester Richtung, die das alles einsehen und verwünschen; sie befinden sich aber in genau der gleichen Lage wie diejenigen römisch-katholischen Geistlichen, welche die Notre-Dame-de-Lourdes und ähnliche Mißbräuche aufrichtig beklagen; sie sind

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ohne Macht, kein Mensch hört auf sie; denn das Übel liegt im System selbst: Materialismus gebiert Materialismus, ob in der Religion oder in der Wissenschaft.
    Während ich diese Zeilen schreibe, spielt mir der Zufall einen vortrefflichen Beleg in die Hand. Ich erhalte ein Werk, De la méthode dans les sciences (Alcan, 1910), in welchem eine Reihe französischer Fachmänner anerkannter Bedeutung die Forschungsmethoden je eines Zweiges der exakten Wissenschaften abhandelt; gleich der erste, Emile Picard, Professor der Physik am Institut, schreibt: „Von der Wissenschaft erwarten, sie solle die Rätsel der Natur lösen, heißt in einer starken Illusion befangen sein. Unter den Gelehrten scheint die Zahl solcher Wahnbetörten in der Abnahme; dagegen nimmt sie wohl bei Denjenigen zu, für welche die Wissenschaft vor allem den Stoff zu Büchern abgeben soll und welche darauf ausgehen, den alten Götzen einen neuen Götzen entgegenzustellen“ (S. 20). Aus reichstem, genauestem Wissen spricht ein solcher Vereinzelter; doch wer hört auf ihn? Keiner. Denn auch ihm selber fehlt der Resonanzboden einer umfassenden Weltanschauung. Es ist als wenn Einer auf einer gespannten Darmsaite, ohne Resonanzhohlkörper, die Fiedel spielen wollte. In dem selben Buche schreibt ein tüchtiger Chemiker, A. Job, über die seiner Wissenschaft zugrundeliegenden Ideen einen wahrhaft meisterlichen Aufsatz und kommt zu dem Schlusse (S. 195), zwei Ideen seien es — die Gruppierung von Atomen zu spezifischen Molekeln und die Umbildung dieser vermittelst Wandelbarkeit der Energie —, welche bewußt oder unbewußt alles Suchen und Finden der Chemiker gestalteten; es sei aber um so weniger zulässig, in diesen zwei Ideen den Ausdruck tatsächlicher Wirklichkeiten finden zu wollen, als die Wissenschaft es nicht vermöge, die eine mit der anderen in Einklang zu bringen: so liegen denn einer erfolgreichen Wissenschaft zwei disparate, einander widerstrebende Gedankenelemente zugrunde, entsprechend den beiden Ursprüngen dieser Grunddisziplin, die zwischen Stoff und Form, zwischen Quantität und Qualität, zwischen Beharrlichkeit und Versatilität, zwischen Masse und Bewegung ihr Forschungsgebiet sich abgesteckt hat.
    Ich gebe nun zu bedenken, ob wirklich Goethe's Ideen, sowie überhaupt seine Methode einer ideellen Architektonik, dem Verständnis größere Schwierigkeiten bieten als die Methoden und Ideen un-

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serer exakten, technischen Wissenschaft der Natur? Ich gebe des weiteren zu bedenken, ob es nicht eine verdienstliche Tat wäre, wenn dem großen Dichter nichts weiter gelungen wäre, als uns aus der geistigen Lethargie aufzurütteln und uns über Wesen und Inhalt und Tragweite derjenigen Naturideen die Augen zu öffnen, in denen wir leben und von denen wir täglich reden, ohne sie zu verstehen? Doch hat Goethe auf alle Fälle mehr geleistet: denn er hat das Verdienst gehabt, uns überhaupt auf die Beschränkungen und Gefahren der noch so erfolgreichen mathematisch-mechanischen Methode aufmerksam zu machen. Was diese Methode vermag, wissen wir, denn wir erfahren es seit mehr als dreihundert Jahren; wer ihre Leistungen nicht kennt und deren Eigenart nicht begreift, ist zu beklagen, wer sie leugnet, ist der Gegenrede nicht wert; wir haben aber darüber vergessen, was sie   n i c h t   vermag; wir haben die diktatorisch gebietende Beschränkung, in welcher ihre unerhörte Leistungsfähigkeit wurzelt, aus dem Auge verloren; wir haben fast durchweg das Bewußtsein verloren, daß sie, zur Alleinherrschaft gelangt, eine Vernichterin von vielem wird, ohne das es nicht wert ist Mensch zu sein. Der Kampf, den Goethe aufnimmt, ist also — selbst wenn man andere Methoden als die seinen vorschlagen wollte — auf alle Fälle ein Kampf um die Geisteskultur, ein Weckruf, dem wir Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts allen Grund haben mit besorgtester Aufmerksamkeit zu lauschen. Er selber schreibt einmal: „Die höchste Kultur, welche diesen letzten Zeiten gegönnt sein möchte, erwiese sich wohl darin: daß alles Würdige, dem Menschen eigentlich Werte, in verschiedenen Formen nebeneinander müßte bestehen können und daß daher verschiedene Denkweisen, ohne sich verdrängen zu wollen, in einer und derselben Region ruhig nebeneinander fortwandelten.“ Es handelt sich also nicht um einen Kampf   f ü r   Goethe und   g e g e n   die exakte Mechanik, sondern um einen Kampf für das Daseinsrecht anderer Weltanschauungen neben der mechanischen, welche heute bereits fast alles Denken und Handeln überschattet, indem auch bei politischen, sozialen, religiösen Fragen ihre angeblichen „Ergebnisse“ entscheidende Argumente abzugeben pflegen, als besäße keine andere Denkweise Wert und Würde. Das Genie Goethe's hat weder die Macht noch den Wunsch gehabt, unsere Wissenschaft zu verdrängen; ihm hätte es genügt,

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wenn man dem „Würdigen“, was er brachte, zum ruhigen Fortwandeln Raum gelassen hätte. Es kam aber anders. Zwar hat unsere Wissenschaft in der Person ihrer bedeutendsten Männer stets Sympathie für Goethe gezeigt; sie hat einzelne Leistungen, einzelne Gedanken, auch den Scharfblick, die Darstellungsgabe, die vielfache Förderung verdienter Naturforscher aufs Höchste gepriesen; * ich kann mich aber nicht erinnern, das vollkommen Neue an seiner Naturerforschung jemals von dieser Seite begriffen, geschweige gewürdigt gesehen zu haben. Die Schuld an dem dauernden Mißverstehen der Ziele und Leistungen Goethe's des Naturerforschers möchte ich jedoch nicht den Männern der exakten Wissenschaft zuschreiben; es hieße zu viel verlangen, wollte man von ihnen die gerechte Beurteilung einer grundsätzlich abweichenden Auffassung erwarten; vielmehr trifft die Schuld den wimmelnden Haufen der Literatoren, Menschen, die über Goethe schreiben, ihn, sein Leben, sein Werk schildern zu können meinen, ohne irgend welche Kenntnisse auf dem Felde der Natur zu besitzen; während er doch selber sagt, „seine Kultur hätte er sich von einer anderen Seite her schwerlich verschafft“, und von seinen Naturstudien bekennt, sie seien es, die ihn „nahe an die Schwelle gelockt, wo wir in den Glanz der Gottheit hineinblicken dürfen, ohne erblindet zu werden.“ Unter diesen Leuten erstehen dann auch die übertriebenen Lobpreiser seiner Entdeckung des Zwischenkieferknochens, seiner angeblichen „Entdeckung“ der Metamorphose des Blattes usw., die mit ihren maßlosen Behauptungen den Widerspruch aller ernsten Forscher hervorrufen müssen, wobei sie aber gegen die Hauptsache, gegen die wahre Leistung Goethe's, gegen die Wiedergebärung der Ideenarchitektur, ahnungslos blind bleiben. Leidenschaftlich streitet man für und wider seine Farbenlehre, doch Keiner fragt, ob nicht mathematisch-analytische Optik und organisch-architektonische Farbenlehre „ruhig nebeneinander fortwandeln“ können. Die Wissenschaft verwirft Goethe's Farbenlehre, hieß es früher von allen Seiten; jetzt heißt es: die Wissenschaft verwirft nur einen Teil, nimmt einen anderen Teil an, läßt einen dritten gelten; Niemand fand sich, der Silentium! gerufen und begreiflich gemacht hätte, daß die Wissenschaft gar nicht gefragt wird noch werden soll, da es sich bei Goethe's Farbenlehre um eine unmechanische und antiatomistische

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Auffassung der Natur handelt und wir zu diesem Versuch nicht der Erlaubnis der berufsmäßigen Mechaniker und Atomisten bedürfen. Wahrhaftig, an Keckheit fehlt es unseren Zeitgenossen nicht; schonungswürdig ist ihnen nichts mehr, unantastbar nichts mehr, heilig nichts mehr: nichts — außer der „Wissenschaft“. Diese ist, wie die Presse, zu einer anonymen Macht ausgewachsen; früher sprach sie durch den Mund bedeutender Persönlichkeiten, heute dringt deren Stimme kaum bis zu uns; denn das Heer der Mittelmäßigen verwaltet und entscheidet, wie es ihren Interessen und den Bedürfnissen mittelmäßiger Hirne entspricht. An uns liegt es — an uns Allen, auch an uns mechanischen Naturforschern, insofern wir außerdem noch gebildete Menschen, Künstler, Denker, Arier sind — uns von dieser Tyrannei freizusagen; es ist an der Zeit. Und was ich behaupte, ist: wenn auch Goethe's Ideen und Lehren über die Natur sich auf die Dauer nicht bewährten, ihm bliebe nichtsdestoweniger Verdienst und Ruhm, uns auf die Todesgefahr, in der wir schweben, aufmerksam gemacht und uns als ein „neuer Luther“ gegen „ein anderes Papsttum“ (wie er selbst einmal von sich sagt) den Weg der Befreiung gewiesen zu haben.
    Eine letzte Frage mag Beantwortung erheischen, die Frage nach dem absoluten Wert von Goethe's Leistungen, insofern sie die Erforschung der Natur rein als solche betreffen. Meiner Meinung nach läßt sie keine einfache, allgemein gültige Antwort zu; denn da Goethe's Methode auf lebendige Ausbildung, Stärkung, Entwickelung, Hebung der Sinne und des Geistes zielt, so wird der Erfolg bei jedem Einzelnen ein anderer sein und, wie der Mathematiker sagt, von Null bis Unendlich variieren. Der Wert ist durch die Bewährung bedingt. Und das erste große Hindernis einer schnell sich verbreitenden Bewährung bildet gerade dasjenige, was die Kraft dieser Methode ausmacht: die Tatsache nämlich, daß hier alles Gestalt ist.

Doch red' ich in die Lüfte; denn das Wort bemüht
Sich nur umsonst Gestalten schöpferisch aufzubaun.

Wer nicht selber sieht, selber nachgestaltet, selber „tut“ (wie es Goethe's immer wiederholtes Lieblingswort ausdrückt), der kann hier nie bis zum Verständnis durchdringen. Was unsere mechanische Wissenschaft sei es direkt als Tatsache feststellt, sei es in-

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direkt als Maschine erfindet, ist und bleibt Tatsache und Maschine; wer es nicht weiß, kann es erfahren, und wer es nicht versteht, kann es verstehen lernen. Wer dagegen   „a n“   Ideen „zu“ Ideen bilden, wer eine „Welt des Auges“ erschaffen will, eine Welt, die „flutend strömt gesteigerte Gestalten“, stellt andere Forderungen sowohl an den Meister wie an den Schüler. „Mit dem Positiven“, schreibt der Meister, „muß man es nicht ernsthaft nehmen, sondern sich durch Ironie darüber erheben und ihm dadurch die Eigenschaft des Problems erhalten“; und von dem Schüler fordert er: „eine vorbereitete Seele“. Ironie und Seele! beide besitzen in der Welt der exakten Wissenschaft kein Recht auf Dasein (vgl. hierzu S. 344 ff.). Und man merke namentlich das Wort:   d i e   E i g e n s c h a f t   d e s   P r o b l e m s   e r h a 1 t e n.   Dies ist (vom Verstand aus betrachtet) das eigentliche Kennzeichen der Goetheschen Naturerforschung, ihr springender Punkt. Diejenigen Hypothesen preist er, „die man gleichkam schalkhaft aufstellt, um sich von der ernsthaften Natur widerlegen zu lassen.“ Beachtenswert ist auch folgender Ausspruch: „Jede Idee hat das Recht, sich an der Erfahrung zu prüfen; aber es ist zu wünschen, daß solches nicht streng dogmatisch und in Form scharfen Beweises geschehe.“ Von seiner Metamorphosenidee sagt er am Lebensende: „Man wird durch sie in dem ganzen labyrinthischen Kreise des Begreiflichen glücklich umher geleitet und bis an die Grenze des Unbegreiflichen geführt, wo man sich denn nach großem Gewinn gar wohl bescheiden kann.“ Für die eigentliche Kultur des Menschengeistes geben die erfahrenen Phänomene nur den Rohstoff ab; Wert erhalten sie einzig durch Umwandlung in einen dem Geiste verwandten Edelstoff. „Das Erkennen der vorliegenden Weltgegenstände, vom Fixstern bis zum kleinsten lebendigen Lebepunkt, kann immer deutlicher und ausführlicher werden, die wahre Einsicht in die Natur dieser Dinge jedoch in sich selbst gehindert sein“, bemerkt Goethe. Hierbei fällt mir ein Wort Montaigne's in den Sinn: J'aime mieux forger mon âme que la meubler; diesem Seelenschmieden dient die Kraft Goethe's; nichts Edleres können wir der Mutter Natur abgewinnen, als daß sie uns hierbei unterstütze.
    Goethe's Leistung mit der Elle des exakten Forschers messen zu wollen, ist darum offenbar sinnwidrig; dasjenige, worauf es bei

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seiner Bildung von Ideen in Wirklichkeit ankommt, rückt dabei gar nicht ins Sehfeld; und was die beabsichtigte Wirkung anbetrifft — nämlich die Erweiterung der Sinne und des Geistes, das Umschmieden der Seele — so besitzt die Wissenschaft kein Organ, um von dergleichen überhaupt Kenntnis zu nehmen. Mit dieser Frage finden wir uns darum auf ihn und auf unsere eigene Erfahrung verwiesen. Wir müssen uns fragen, ob Goethe selber an seinen Naturstudien gewachsen ist oder nicht; wir müssen uns fragen, ob es uns wie Alexander von Humboldt ergangen ist, der sich durch die Berührung mit Goethe's Naturerforschung „gewissermaßen mit neuen Organen ausgestattet“ fühlte (S. 374); wir müssen uns fragen. ob wir auch den tieferen Sinn von Goethe's Empörung gegen den Atomismus erfassen und würdigen, deren Bedeutung für die Zukunft der Kultur alle Streitfragen über Rechthaben und Unrechthaben in den einzelnen Problemen der Farbenlehre, Morphologie, Geologie usw. geringfügig erscheinen läßt.
    Hiermit will ich die Frage nur deutlich formuliert haben; wer fähig ist, die ganze Lage zu überblicken, wird um die Antwort nicht verlegen sein. In dem vorliegenden Buche befassen wir uns nicht mit Zensuren, sondern mit der Persönlichkeit Goethe's; diese hat unbedingt das Recht, so zu sein, wie sie ist, und kann nur von Demjenigen verstanden werden, der ihr dieses Recht zugesteht und sie aus dem Mittelpunkt eines notwendigen Daseins zu begreifen strebt. Darum wende ich zum Schluß den Blick auf den Eingang des zweiten Kapitels zurück, wo wir den Versuch unternommen hatten, den Mittelpunkt der Persönlichkeit bei Goethe zu bestimmen.
    Gestützt auf Aussprüche Wilhelm von Humboldt's und Schiller's war es uns gelungen, bis tief ins Innere zu greifen. Was wir fanden, war, was Humboldt „eine Hemmung“ und Schiller „eine Arbeit mehr“ nannte: eine Anlage und ein Bedürfnis des Geistes, aus denen etwas hervorgeht, was zunächst wie ein Zwiespältiges wirkt, dann aber als ein Zwiefältiges erkannt wird. Ich weiß nicht, ob es mir an jener Stelle gelungen ist, die tiefsinnigen Bemerkungen Humboldt's und Schiller's so zu verdolmetschen, daß der Leser eine vollkommen deutliche Vorstellung des Gemeinten gewonnen hat. Abstrakt vorgetragen, sind solche Verhältnisse nicht leicht zu erfassen; jetzt aber, hoffe ich, begreift ein Jeder genau, was jene

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beiden seltenen Männer mit ihren einigermaßen sibyllinischen Worten sagen wollten; denn treffen wir auch das selbe Phänomen überall bei Goethe an, beim Denker, beim Dichter, ja, in allem Handeln und Wandeln seines Lebens, nirgends liegt doch das, was ich wohl den   M e c h a n i s m u s   des Vorganges nennen darf, so klar zu Tage wie bei seiner Erforschung der Natur; nirgends können wir es, so wie hier, gleichsam auseinandernehmen und wieder zusammensetzen; darum kennt Keiner Goethe, der sich nicht mit den Motiven, den Methoden, den Ergebnissen seiner Naturerforschung vertraut gemacht hat. Insofern kann dieses ganze vierte Kapitel als ein ausführlicher Kommentar zu jener Bestimmung des Mittelpunktes der Persönlichkeit im zweiten Kapitel betrachtet werden. Überall sahen wir Goethe mit Leidenschaft die Fülle des Anschaulichen in sich aufnehmen, bald aber, von der empirischen Fülle wie geängstigt, einhalten: „Ich weiß nicht, wie ich mich entwirren soll“ (S. 366); der Denker ist es, der so ruft, denn der bloß anschauende Naturforscher hat noch nie über die Masse des Empirischen geklagt; dieser Denker aber theoretisiert nicht über Gedanken, sondern sein Stoff ist jene Fülle des Angeschauten, und das Werkzeug zur Entwirrung liefert ihm die überquillende Fülle der „exakten sinnlichen Phantasie“ (S. 260); darum ist das jetzt von innen nach außen zurückwandernde Ergebnis ein Anschauliches, ein enorm lichtkräftiges Anschauliche, welches sich zwar mit dem Angeschauten nirgends genau deckt, es aber sonnenmäßig aufhellt, durchleuchtet, transfiguriert, weil nunmehr zu den Augen des Körpers die Augen des Geistes hinzugekommen sind und diese die Gabe besitzen, im Vielen das Eine und im Einzelnen das Allgemeine zu erblicken, mit anderen Worten, die Gabe, zu vereinfachen und zugleich zu erweitern. Auf jedem Felde, auf dem Goethe eingehend die Natur studierte, bemerkten wir diesen selben Vorgang. Manchmal mochte (wie in der Geologie) die Empirie vorwiegen; doch welche durchdringenden Ideen stiegen im Hintergrunde auf, gestaltend und vorverkündend! Ein anderes Mal standen die Ideen (wie bei der Metamorphose) im Vordergrunde, und das empirisch Angeschaute entschwand fast vor dem Glanz des Gedankens. Oder wiederum, das Gleichgewicht zwischen Anschauen und Denken, Empirie und Idee schien fast vollkommen: das traf bei der Farbenlehre zu. Doch der Gesamt-

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erscheinung gegenüber sind das alles nur pendelartige Schwingungen, veranlaßt durch den besonderen Gegenstand; das Gesetz der Persönlichkeit bleibt immer das gleiche; immer hat Goethe daran gearbeitet, die beiden entferntesten Endpunkte des Menschengeistes zueinander in übereinstimmende Beziehungen zu setzen. Dies alles ist jetzt vollkommen anschaulich geworden, und wir genießen den Vorzug, nicht mehr von Zwiespalt oder Zwiefalt reden zu müssen, sondern den Mittelpunkt der Persönlichkeit wirklich als einen   P u n k t,   als punctum vitae, erfassen zu können, genau mitteninne zwischen Außenwelt und Innenwelt, zwischen Anschauen und Denken, zwischen Beobachtung und Phantasie.
    In nur sieben Wörtern — wenn man sie recht zu lesen versteht — hat einmal Goethe selber mit absoluter Genauigkeit diesen Mittelpunkt seiner Persönlichkeit bezeichnet, den Schiller und Humboldt nur annähernd und allegorisch zu erfassen vermochten. Er schreibt: „Meine Tendenz ist die Verkörperung der Ideen.“ Hiermit ist alles gesagt, sogar das Übermäßige klar angedeutet und insofern der verneinenden Kritik der Weg gewiesen. Denn eine reine Idee läßt sich nicht verkörpern. Wie Kant in einem Werk, das Goethe wiederholt gründlich studiert hat, ihn und uns belehrt: „Buchstäblich genommen und logisch betrachtet, können Ideen nicht dargestellt werden.“ Doch ist die Richtung dahin, das leidenschaftliche Bestreben, Ideen so hinzustellen, daß die Anschauung sie als körperliche Tatsachen erfaßt, die spezifische Tendenz des Goetheschen Geistes. Und dies setzt, wie wir jetzt zur Genüge wissen, zweierlei voraus. Denn der Brunnquell zu jeder architektonischen Idee schöpft aus einer Überfülle des sinnlich Geschauten; soll aber eine Idee einen Körper erhalten, so muß dasjenige stattfinden, was Schiller als „rückwärtige Bewegung“ empfand: das im Geiste Geborene muß in ein Sinnliches „umgesetzt“, „verwandelt“ werden. Die ganze Doppelbewegung von außen nach innen und wieder von innen nach außen liegt also schon eingeschlossen in dem Wort: Meine Tendenz ist die Verkörperung der Ideen. Auf welche Weise nun diesem ewig unerreichbaren, nichtsdestoweniger aber ewig erstrebenswerten Ziele nach und nach immer näher zu kommen sei, hat Kant's Analyse des Menschengeistes im selben Augenblick entdeckt, als Goethe es — dem eigenen dunklen Drange folgend — für die Betrachtung der Natur

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auszuführen begann ¹): wir müssen, sagt Kant, „unser empirisches Vermögen für die Anschauung der Natur   e r w e i t e r n“,   worauf dann „eine   B e s t r e b u n g   d e s   G e m ü t e s“   eintritt, darauf gerichtet, „die Vorstellung der Sinne diesen Ideen angemessen zu machen.“ Hiermit wird genau diejenige allgemeine Steigerung bezeichnet, die Goethe, der Naturerforscher, bezweckt und an sich selber rastlos in die Tat umsetzt: an dem einen Ende des Lebensorganismus die Erweiterung des empirischen Anschauungsvermögens durch unablässige Übung der Sinne, auf daß sie „freier“ und „reiner“ erschauen (S. 257), an dem anderen Ende die immer tätigere Entfaltung des ideenbildenden Gemütes durch planmäßige „Ausbildung des Subjektes“ (S. 307).
    Schon in den beiden ersten Kapiteln wies ich auf einen Umstand hin, dessen Bedeutung zunehmend an Klarheit gewinnt, je genauer wir Goethe erblicken. Diese aus dem lebendigen Mittelpunkt der Persönlichkeit entspringende Tendenz zur Verkörperung der Ideen erhält nirgends beachtenswertere Gestalt als bei der heilig ernsten „Bestrebung des Gemütes“, in sich selbst, in seinem eigenen Leben und Tun eine Idee zu verkörpern. Nun bildet aber Goethe's Verhältnis zur Natur einen lebendigen Bestandteil dieses mittleren Bestrebens; daher wir bekennen müssen: leistet uns die Betrachtung des naturerforschenden Goethe sehr wesentliche Dienste zur Enträtselung des innersten Getriebes dieses wunderbaren Geistes, so hat er andrerseits in seiner Naturerforschung so viel von sich, von seinem eigenen, der Natur entgegendringenden Genie „verkörpert“, daß, wie er in ihr, auch sie erst in ihm vollkommen verständlich wird. Die Wissenschaft ist unpersönlich; Goethe's Welt des Auges, steht sie auch Allen offen, ist Goethe's eigene Welt.

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    ¹) Die Kritik der Urteilskraft und Der Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären sind beide im Jahre 1790 erschienen.

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Letzte Änderung am 19. Juli 2008