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Hereunder
follows the transcription of chapter 4 of Houston Stewart Chamberlain's
book Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich
1921. The 1st edition appeared in 1912.
Hieronder
volgt de transcriptie van hoofdstuk 4 van Houston Stewart Chamberlain's
boek Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann
A.-G.,
München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.
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253
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VIERTES
KAPITEL
DER
NATURERFORSCHER
—
Das
Genie in seiner höchsten Aus-
bildung fühlt sich selbst und ver-
kennt nicht seinen Wirkungskreis.
Goethe
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254
(Leere Seite)
255
Vorläufige
Verständigung
Für die Bezeichnung dieses
Kapitels habe ich ein besonderes
Wort geprägt; ich rede von Naturerforschung und nenne Goethe einen
Naturerforscher. Mir lag daran, zwei Verhältnisse, die zusammen
eine einzige Tatsache ausmachen, nachdrücklich hervorzuheben: in
einem gewissen Umfang gehört Goethe zu unseren Naturforschern,
zugleich aber unterscheidet er sich grundsätzlich von ihnen; die
Ähnlichkeit und die Unähnlichkeit, beide sollte das neue Wort
andeuten.
Nicht allein in der Auffassung des Poeten:
Sei es mein einziges
Glück, dich zu berühren, Natur!
sondern auch im rein „wissenschaftlichen“ Sinne war alles, was man
Studium der Natur nennen kann, ein lebenslängliches Bedürfnis
des Goetheschen Wesens. Darum bedurfte Goethe für diese Studien
der Anleitung und der Mitarbeiterschaft der Naturforscher von Fach
sowie des andauernden Gedankenaustausches mit ihnen. Der Stoff ist den
Naturforschern und ihm gemeinsam: es handelt sich bei Goethe nicht um
ästhetisch-poetische, den Stimmungen unterworfene
Natureindrücke, vielmehr um wissenschaftlich genau beobachtete
Tatsachenreihen. Auch das Ziel liegt für beide insofern in der
gleichen Richtung, als beiden eine Gestaltung dieses Wissens
vorschwebt. Das Wort Wissenschaft bedeutet „gestaltetes Wissen“; sobald
es im eigenen Sinne verwendet wird, liegt der Nachdruck auf der
Tätigkeit des unterscheidenden, ordnenden, zusammenfügenden,
auferbauenden Gestaltens. Nichtsdestoweniger ist es wichtiger, das
Unterscheidende eher als das Verwandtschaftliche in dem Gestalten des
Wissens zu betonen; ja, man darf behaupten: Keiner wird Goethe's
Leistungen auf diesem Gebiete, als solchen, gerecht werden, Keiner wird
die Bedeutung der Naturstudien in seinem Leben, zugleich ihre
mögliche Bedeutung für eine Kultur der Allgemeinheit richtig
ermessen, solange er sie kurzweg als Naturwissenschaft auffaßt
und sich bei unseren sogenannten „exakten Forschern“ ein
abschließendes Urteil über ihren Wert und Unwert holt. Wohl
ist Goethe's S t o f f der selbe wie der
unserer Naturforscher: er
erblickt ihn aber mit anderen Augen; wohl ist sein Z i e l
ein
analoges, nämlich Ge-
256 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
staltung: seine Auffassung von
„Gestalt“ unterscheidet sich aber so
sehr, daß sie gleichsam einer anderen Welt angehört,
weswegen Goethe mit der Zeit einsehen mußte, sein Ziel „bleibe
den Männern vom Fach unfaßlich, eben weil sie anders
denken“. Dazu kommt noch als Drittes die s i t t l i c h
e T r i e b f
e d e r zu diesen Studien, ein Punkt, den man nicht
übersehen darf
und in Bezug auf den Goethe in toto
von unseren Fachmännern
abweicht.
Einige Worte über diese drei — Stoff, Ziel,
Triebfeder — werden
genügen, damit wir das, was Goethe unterscheidet, in klaren
Umrissen vor Augen erblicken. Aus dieser vorläufigen
Verständigung gewinnen wir sofort einen festen Standpunkt, von wo
aus wir das weitere Studium mit einiger Zuversicht unternehmen
können.
Um mit der sittlichen Triebfeder zu beginnen: es ist
der Stolz der
reinen Wissenschaft, dem Wissen allein gewidmet zu sein,
unbekümmert, ob dieses Wissen nützt oder schadet,
fördert oder hemmt, und namentlich ohne jede Beachtung des
möglichen Rückpralls gegen alles, was Kultur des Gemütes
zu heißen verdient; wogegen Goethe's Liebe dem Menschen
gehört, als geistigem und sittlichem Wesen, und er Schritt
für Schritt sich die Frage vorlegt: was wirkt auf diesen
veredelnd, was nicht? In seinem vierzigsten Jahre schreibt er an einen
Freund: „Es ist mir sehr ernst in allem, was die großen ewigen
Verhältnisse der Natur betrifft“; und gerade in einer rein
naturwissenschaftlichen Schrift bekennt er sich zu der „wachsenden
Überzeugung: daß alles, was durch Menschen geschieht, in
ethischem Sinne betrachtet werden müsse“. Eben so wenig wie an
l'art pour l'art (eine Lehre,
die unter den Romantikern seiner Zeit
schon spukte) glaubt Goethe an die unantastbare Würde einer ihren
Zweck in sich selbst erblickenden Wissenschaft; dazu schätzt er
„den Wert des Lebens“ zu hoch und erkennt zu deutlich „den Unwert einer
überhäuften Empirie“. So viel vorderhand in aller
Flüchtigkeit über den sittlichen und erziehlichen Hintergrund.
Doch auch der Blick, den Goethe auf die Natur wirft
und der ihm zum
Einsammeln seines Stoffes dient, ist ein anderer als der der Fachleute.
Nicht, daß er ihre Leistungen verkennt, er behauptet aber, bei
diesen „Gildemeistern ... verstumpfen die Organe des Anschauens
völlig“, wenn nicht immer, so doch oft; er meint, über der
zum „Geschäft gewordenen Beschäftigung ging das Interesse an
der
257 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
eigentlichen Naturerscheinung
ganz verloren“; die Fachleute
„verunnaturen“ die Natur und bringen es so weit, daß man „vor
lauter Kram die Natur nicht mehr sieht“; ja, in einem Privatbrief macht
er sich mit dem Geständnis Luft: „Einem Gelehrten von Profession
traue ich zu, daß er seine fünf Sinne ableugnet.“ Diese
Sinne rein zu erhalten und „mit eigenen, frischen Augen zu sehen“: das
ist — was die Aufnahme der Naturphänomene anbetrifft — Goethe's
Hauptsorge. Darum sagt er (in einem schon im 2. Kapitel teilweise
angeführten Satze): „Es kommt jetzt besonders auf Ausbildung des
Subjektes an, daß es so r e i n u n
d t i e f a l s m ö g l i c
h d i e
G e g e n s t ä n d e e r g r e i f e und nicht
bei mittleren Vorstellungen stehen
bleibe, oder wohl gar sich mit gemeinen helfe.“ Bei Goethe lernt man
die Sätze Wort für Wort genau erwägen: so „rein“ als
möglich, so „tief“ als möglich. Über die
Bedeutungsfülle des Begriffes „rein“ bei Goethe war schon
wiederholt die Rede; das „tief“ aber deutet darauf hin, daß hier
die Reinheit allein nicht ausreicht; es wäre immerhin noch
möglich — und wir erfahren es täglich — rein zu sehen und
dennoch „bei mittleren Vorstellungen stehen zu bleiben“; zur Reinheit
muß die Tiefe hinzukommen, soll der Mensch es mit der Natur
aufnehmen; denn einzig „der erhöhte leidenschaftliche Sinn“ ist im
Stande, die Natur tief „zu erfassen“; und sein letztes Geheimnis
verrät Goethe erst dann, wenn er von einer „produktiven
Leidenschaft“ redet, die ihn bei seinen Naturstudien „treibe“. Also
rein, tief, erhöht, leidenschaftlich, produktiv: so denkt sich
Goethe die Aufnahme des Stoffes.
Auch hier habe ich nur vorläufig andeuten
wollen; das Nähere
wird sich erst aus genauerer Einsicht ergeben.
Noch gründlicher weicht Goethe's Ziel von dem
unserer
Fachmänner ab. Denn bedeutet auch das Wort Wissenschaft eine
„Gestaltung des Wissens“, so darf man ohne Ungerechtigkeit behaupten,
das Programm unserer exakten Wissenschaft laute: der Höchstzahl an
Tatsachen mit dem Mindestmaß an Gestaltung Herr werden; wogegen
Goethe die Überwindung der Tatsachenüberfülle durch ihre
vollkommene Umwandlung in erschaute Einheit der Gestalt erstrebt. Es
ist der Unterschied zwischen Schema und Architektonik. Da unserer
Wissenschaft — bewußt oder unbewußt — das Ideal einer
absoluten Wahrheit vorschwebt, einer Wahrheit, die da draußen,
258 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
d. h. außerhalb des
Menschenhirns mitten in der Atomenwüste
konkret da säße wie eine ägyptische Sphinx auf ihrem
Postament, so empfindet sie eine begreifliche Scheu vor konstruktiven
Hypothesen und haßt namentlich alle Symbolik. Was ihr aber an
Symbolik und Hypothetik für das Werk der Gestaltung unentbehrlich
ist, muß so abstrakt wie möglich sein; denn der Lebensnerv
aller exakten Wissenschaft ist die Mathematik, und diese kann nur
Quantität handhaben, nicht Qualität, für welche sie ohne
jegliches Organ ist, also nur Zahl und Maß, nicht Eigenschaft.
„Die Naturwissenschaft ist durchgängig eine entweder reine oder
angewandte Bewegungslehre“, belehrt uns Kant. Ein leerer Raum und darin
Bewegung, nicht aber Bewegung von Etwas, sondern Bewegung von Nichts,
nicht einmal von Atomen, sondern nur von mathematischen Punkten ohne
Ausdehnung: dies ist das letzte Ziel aller Zweige unserer
Wissenschaften. * Einige Disziplinen
haben dieses „Ziel aufs innigste zu
wünschen“ schon so ziemlich erreicht, für die anderen
bedeutet es ein Ideal, nach dem gestrebt werden muß. Goethe's
Ideal unterscheidet sich in allen Stücken. Unsere
Fachwissenschaft, meint er, befindet sich in einem Wahne, indem sie
„darauf ausgeht, sich an die Stelle der Natur zu setzen“, wodurch sie
„nach und nach so unbegreiflich als diese selbst wird“. Darum
„müssen die Phänomene ein für allemal aus der
düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen Marterkammer“ unserer
Wissenschaft erlöst werden. An ein absolutes Wissen glaubt Goethe
nicht; dazu ist er ein zu tiefer Denker; er weiß, daß wir
„doch immer im Felde des Unbegreiflichen und Unaussprechlichen
herumwandern“; mit vollem Bewußtsein geht er darauf aus, den
Wissensstoff so zu gestalten, wie es ihm geeignet dünkt, nicht,
immer mehr tote Tatsachen schematisch einzureihen, sondern
Geisteskultur zu bereichern, zu vermannigfaltigen, zu verbreiten; hier,
in diesem Ideal, erblickt er die lebendige Wahrheit, nicht dort, in
jenem Idol.
Was fruchtbar ist, allein ist
wahr!
Ohne Umschweife spricht er es aus: „Wir müssen uns die
Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgend eine
Art von Ganzheit erwarten.“ Wissenschaft ist eben, wie an der selben
Stelle ausgeführt wird und wie wir es alle Tage deutlicher
erkennen, grenzenlos, Kunst dagegen ist diejenige Fähigkeit des
Menschen, ver-
259 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
mittelst welcher er grenzend
abschließt und im Einzelnen das
Ganze erkennen lernt. Dazu muß aber in erster Reihe die
Grundfrage aller unserer exakten Wissenschaft — die nach dem Warum? —
abgewiesen werden, ebenso streng abgewiesen wie die der Theologen nach
dem Wozu? Reines Anschauen fragt nur W a s?
„Hier wird nicht nach
Ursachen gefragt, sondern nach Bedingungen, unter welchen die
Phänomene erscheinen.“ Denn das Warum entspringt einer logischen
Erwägung und verzerrt notwendig die reine Anschauung, indem es sie
anthropomorphisiert, das heißt, im schlechten Sinne vermenscht.
Der Begriff von Ursache und Wirkung „wird in der Anwendung die
Veranlassung zu unzähligen sich immer wiederholenden
Irrtümern“. Wir müssen lernen, dieser zur Gewohnheit
gewordenen Gedankenrichtung zu entsagen, „die Phänomene freier zu
sehen“; unser Anschauen m u ß „gereinigt
werden“; „zur Naturbeobachtung gehört eine gewisse
ruhige R e i n h e i t d e s I n n
e r n“. Von den mathematisch-mechanischen Hypothesen der
Wissenschaft heißt es: „sie hindern alle das Wiederbeschauen, das
Betrachten der Gegenstände, der fraglichen Erscheinungen von allen
Seiten“; wir lernen durch sie viel denken, alles berechnen, verlernen
aber das eigentliche Sehen. Wohingegen Goethe im Gegensatz zu dieser
Geistesrichtung unserer Wissenschaft „sein Heil nur in der Anschauung
findet“ und sich im ausdrücklichen Gegensatz zu den
Naturforschern, „die von unten hinauf leiten wollen“, einen
„Naturschauer“ nennt, „in der Mitte stehend“. Von wissenschaftlichen
Hypothesen will er nur solche gelten lassen, welche die Probleme „dahin
versetzen, wo das Beschauen erleichtert wird“; denn das Ziel ist, „das
Ganze i n d e r A n s c h a u u n g
gewissermaßen zu beherrschen“ (nicht
also in der Berechnung). Zu diesem inkräftigen Erschauen
gehört nun als unerläßliche Bedingung das einzig mit
Hilfe des Verstandes durchführbare Vereinfachen. „Der Mensch
muß die Erscheinungen alle erst bändigen und modifizieren,
um sie sich einigermaßen assimilieren zu können“; dann erst
gelingt es, „das sonst Undarstellbare in ihm darzustellen“. Es gilt
einen Kampf gegen die „millionfache Hydra der Empirie“, gegen die
Gefahr des Sichverlierens „in den Minutien des grenzenlos
Mannigfaltigen“. „Alle Bemühung geht einwärts und
Simplifikation ist der Zweck“, schreibt Goethe in der Zeit seiner
ersten eingehenden Studien der Natur; später berichtet er, er
könne
260 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
nicht ruhen, bis „alles aufs
Einfachste zurückgebracht ist.“ Dann
erst, wenn das Auge gereinigt, befreit, geübt, wenn auch das von
ihm Erschaute vermittelst der das Beschauen erleichternden Begriffe
möglichst vereinfacht worden ist, dann tritt das tätige
Anschauen in sein Recht und g e s t a l t e t.
„Einbildungskraft und Natur
scheinen hier miteinander zu wetteifern.“ Auf dieser Stufe
unterscheidet dann Goethe einen „höheren Sinn“ von dem bisher
allein tätigen „empirischen Sinne“; die „exakte sinnliche
Phantasie“ wird herbeigerufen, jene „plastische Imagination“, die der
bahnbrechende Physiologe des 19. Jahrhunderts Johann Müller als
unvergleichlich bei Goethe preist, und es gilt nunmehr der Grundsatz:
„Auf diesen höheren Stufen kann man nicht w i s s e n,
sondern man
muß t u n.“
Hiermit ist aber der Wendepunkt bezeichnet; denn
sobald der Mensch
nicht länger nur Buch führt und berechnet, nur beobachtet und
verkettet, sondern selbstherrlich schafft und gestaltet, da befinden
wir uns in einem Bereich, wo einzig Genie — mit anderen Worten der
Mensch, der über geniale Befähigung verfügt und
insoweit er über geniale Befähigung verfügt — das Recht
hat, zu reden, oder wenigstens den Anspruch erheben darf, gehört
zu werden. Und da tut sich uns denn plötzlich die Erkenntnis auf,
daß Goethe's Verhalten sowohl der Natur wie der Menschheit
gegenüber trotz der vielen gemeinsamen Interessen in Wirklichkeit
nicht bloß im Einzelnen, sondern durchweg von demjenigen unserer
Naturforschung abweicht: denn dieser ist die geniale Wirkungsweise
geradezu verboten, wogegen die Berechtigung zu Goethe's Verfahren in
ihr wurzelt. Der erstaunliche Aufschwung unserer exakten Wissenschaft
sowie der ihr allernächst verschwisterten Technik im Laufe des 19.
Jahrhunderts ist nicht zum wenigsten der Tatsache zu verdanken,
daß gerade mittlere Begabungen hier am Platze sind. Mangel an
philosophischer und künstlerischer Beanlagung, willige
Einschränkung auf den Bruchteil eines Bruchteils (im Gegensatz zu
Goethe's Ideal eines „Wissens, das ins Ganze strebt“), hingegebene
Emsigkeit: das sind die besten Bedingungen zur Mitarbeit an dem
gemeinsamen Werke des Aufdeckens und Aufstapelns von Tatsachen.
Tausenden den Weg zu weisen, genügt eine sehr kleine Anzahl
größerer Begabungen; sobald ihrer zu viele sind, entsteht
Verwirrung, und der Instinkt der Kollektivität schafft Hilfe,
indem er die Bedeutenderen
261 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
bei Seite schiebt. „Bei uns
Gelehrten kommt es nunmehr viel weniger auf
die Gehirnwindungen an als auf das Sitzfleisch“, sagte mir in den
achtziger Jahren ein Mediziner und Naturforscher, der in seinem Fache
und als Hochschullehrer Vorzügliches geleistet hat. Selbst die
wenigen Naturforscher von unbestreitbar genialen Geistesgaben, denen es
gelang, sich gegen das Heer der sieghaften Mittelmäßigkeit
durchzusetzen — ein Cuvier, ein Agassiz, ein Clerk Maxwell — ragen in
der Geschichte der Wissenschaften nicht in dem Maße hervor, wie
man es nach ihrer unvergleichlichen Geistesleistung erwarten sollte;
ihre genialen Gedanken werden auf die mittlere Wasserebene
heruntergedrückt, ehe ihnen die offizielle Naturkunde Aufnahme
gestattet. Ich bin weit entfernt, die exakte Forschung deswegen
geringer zu schätzen; es leitet sie der richtige Instinkt, die
Natur selbst zu Worte kommen zu lassen im Gegensatz zum einzelnen, wenn
auch noch so begabten, der Natur gegenüber nichtsdestoweniger
unzulänglichen Hirn; welchen reichen Lohn solche weise
Verzichtleistung mit sich führt, das haben die letzten drei
Jahrhunderte gelehrt; doch wäre es töricht, die hier
tyrannisch waltende Einschränkung nicht gewahr zu werden. Goethe,
der mit rührender Dankbarkeit jedes kleinste Verdienst eines
Fachmannes um seine Kenntnisse der Naturphänomene rühmt, war
doch anfänglich erschrocken, als er auf diesen „Starrsinn“
stieß, den er nicht geahnt hatte. „O, mein Freund! w
e r sind die
Gelehrten! und w a s sind sie!“ ruft er in
frühen Jahren aus; und
später: „Man glaubt nicht, wie viel Totes und Tötendes in den
Wissenschaften ist, bis man mit Ernst und Trieb selbst hineinkommt, und
durchaus scheint mir die eigentlichen wissenschaftlichen Menschen mehr
ein sophistischer als ein wahrheitsliebender Geist zu beleben.“ Nach
und nach gewann er einen tieferen Einblick in „die Beschränktheit
der wissenschaftlichen Gilden“ und in ihren „Handwerkssinn“, und konnte
er auch nicht umhin, gegen den von der Wissenschaft großgezogenen
„Obskurantismus mit einem gewissen Unwillen zu verfahren“, der „selbst
gesunden Blicken den reinen Tag und die Fruchtbarkeit des Wahren zu
verkümmern beschäftigt ist“, wettert er auch hin und wieder
gegen „das Pfaffentum, das die Herren errichten“ und mit dem „sie uns
aufdringen wollen, was sie selbst nicht wissen, vielleicht nicht einmal
glauben“, so tritt doch nach und nach die Beruhigung einer Einsicht
ein: er erkennt die
262 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
Notwendigkeit, dieser
großen, einer Naturgewalt gleichen Bewegung
der nüchternen, strengen, demokratisch farblosen Forschung ihren
Lauf zu lassen. Nur darf die noch heute unter uns so viel berufene
„allgemeine Übereinstimmung der Forscher“ sich nie mehr
anmaßen, ihm imponieren zu wollen; er weiß, wie
„herdenmäßig“ es hier zugeht und daß infolgedessen
„ein rein fortschreitender, das Problem ehrender Menschenverstand
allein steht, eh' er sich's versieht“. Da auch ich mit diesen
Ausführungen über Art und Bedeutung von Goethe's
Naturansichten allein stehe und man auch meiner Darstellung das „Urteil
der Wissenschaft“ entgegenhalten wird, als handle es sich um den Spruch
einer obersten Behörde, von der es keine Berufung mehr gebe, so
schalte ich hier einen längeren Ausspruch ein, den ich der
Beachtung jedes ernsten, freien Lesers empfehle: „Das Schrecklichste,
was man hören muß, ist die wiederholte Versicherung: die
sämtlichen Naturforscher seien hierin der selben Überzeugung.
Wer aber die Menschen kennt, der weiß, wie das zugeht: gute,
tüchtige, kühne Köpfe putzen durch Wahrscheinlichkeiten
eine solche Meinung heraus; sie machen sich Anhänger und
Schüler, eine solche Masse gewinnt eine literarische Gewalt, man
steigert die Meinung, übertreibt sie und führt sie mit einer
gewissen leidenschaftlichen Bewegung durch. Hundert und aber Hundert
wohldenkende, vernünftige Männer, die in andern Fächern
arbeiten, die auch ihren Kreis wollen lebendig, wirksam, geehrt und
respektiert sehen, was haben sie Bessers und Klügers zu tun als
jenen ihr Feld zu lassen und ihre Zustimmung zu dem zu geben, was sie
nichts angeht. Das heißt man alsdann: allgemeine
Übereinstimmung der Forscher. — Ich habe dieses, was ich hier
sage, in Concreto an ganz würdigen Männern gesehen; ihre
Sache war: im Felde der Naturlehre ihr Fach, ihr Geschäft, ihre
Erfahrungen und Wissen zu innigen, zu isolieren, zu
vervollständigen und durchzuarbeiten. Hier waren sie vortrefflich,
durch Unterscheiden und Ordnen belehrend, ihr Urteil sicher, genug,
höchst schätzenswert. In andern Fächern aber waren sie
ganz gemein. Was der Tag hatte, was der Tag brachte, was allenfalls in
Kompendien und Zeitschriften stand, das wußten sie, das billigten
sie; nahmen aber auch nicht den geringsten weiteren Teil daran.“
Dem gegenüber ersteht nun von neuem das Prinzip
des genial
Schöpferischen. An reiner Anschauung der Natur so reich wie nur
263 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
irgend ein
zuhöchstbegabter Fachmann, an historischer Kenntnis und
Einsicht, somit namentlich an Urteil über Wesen und Bedürfnis
des Menschengeistes ihnen allen weit überlegen, fordert Goethe im
Namen dieses Prinzips sein Recht, die Wissenschaft als Kunst zu denken,
die „grenzenlose Empirie“ zu durchsichtiger Klarheit zu gestalten — und
zwar nicht für sich allein, denn da bedürfte es keiner
Erlaubnis — sondern sein Recht gehört zu werden, sein Recht, die
gefährdete Kultur aus den Klauen der „atomistischen
Beschränktheit“ zu erretten, sein Recht, die Natur wieder
schön, übersichtlich, faßlich zu gestalten, sein Recht,
die edle, klassische Freiheit gegen die barbarische Neoscholastik der
Schulen zu verfechten und sittliche Größe und
schöpferische Begabung höher zu stellen als die
alleinseligmachenden Lehren der Herren Physiker und Chemiker und als
die maschinellen Triumphe, die weder in Herz noch Hirn einen Funken
schlagen, kurz, das Recht des Genies, das Recht, das die mächtige
Gilde — „ein anderes Papsttum“, wie sie Goethe nennt — ihm durch jede
Gewalt und Tücke zu schmälern sucht und für das wir
heute noch nach hundert Jahren kämpfen müssen, heute, wo die
neueste Taktik des Unverstandes darin besteht, den so lange von der
exakten Wissenschaft anathematisierten Goethe auf die Ebene der
nichtigen Tagesmeinungen herabzuziehen, ihn freundlich patronisierend
zu einem „Vorläufer Darwins“ zu stempeln, seine Farbenlehre als
„nützlich für Künstler“ passieren zu lassen, und was es
sonst noch alles an empörenden Plattheiten gibt. Was diesem
erhabenen Geist aufgegangen war, worauf er fünfzig Jahre seines
Lebens und seiner Leidenschaft verwendet hat, das ist die Einsicht in
ein Neues, in ein Nochnieversuchtes, die Einsicht in eine „Art die
Gegenstände der Natur anzusehen und zu behandeln“, die er
ausdrücklich als derjenigen unserer heutigen Fachwissenschaft
„entgegengesetzt“ und als ein „Loswerden trivialer Vorstellungen und
Begriffe“ bezeichnet. Einzig an Plato weiß er anzuknüpfen,
„um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und
Verwickelung der modernen Naturlehre ins Einfache zu retten“. Nun
heißt es aber, den Weg wandeln, den Plato wies. Als Genie hatte
Plato gestaltet, und es ist nicht genug, wenn man sagt, er sei seiner
Zeit um Jahrhunderte vorausgeeilt, vielmehr ist er aller Zeit
vorausgeeilt; ein solcher Geist steht außerhalb der Zeit und
befruchtet alle Zeiten, wenngleich er
264 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
von keiner einzigen
erschöpfend verstanden wird; ebenso erging es
Goethe, dem Naturerforscher, und wird es ihm in der
heranstürmenden Zukunft ergehen. Völlig naiv hatte er seinen
Weg angetreten; er selber war der Erste, der über das Neue
staunte; 1786 schreibt er über seine botanischen Studien: „Ich bin
so zu sagen über die Mauer gestiegen; so komme ich von neuen
Seiten und auf sonderbaren Wegen zur Erkenntnis“; bald darauf wurde ihm
klar, daß er in dieser „Wendung gegen die Natur, zu der er aus
eigenstem Trieb auf die individuellste Weise hingelenkt worden“, „weder
Meister noch Gesellen finde und selbst für alles stehen
müsse“. Noch ehe er das fünfzigste Jahr erreicht hatte,
begann des Rätsels Lösung ihm deutlich aufzudämmern,
zugleich die Erklärung des tragischen Seelenkampfes, in den seine
„Wendung gegen die Natur“ ihn verwickelt hatte. Dafür zeugt das
folgende Wort, das zu den gewichtigsten gehört, die je seinem
Munde entflossen: „Sind wir im Stande, mit dem Komplex von
Geisteskräften, den man Genie zu nennen pflegt, dem gewissen und
unzweideutigen Genie der hervorbringenden Natur entgegen zu dringen, so
müßte denn doch etwas entstehen, dessen wir uns als Menschen
zu erfreuen hätten.“ Mit diesem Satz ist alles ausgesprochen:
Ziel, Methode, sittlicher Zweck. Wohl nur halb bewußt hat Goethe
an dieser einen Stelle das Geheimnis entschlüpfen lassen: zu der
von ihm erträumten Naturauffassung und Naturdarstellung
gehöre Genie! „Es wird, wenn Sie wollen, eigentlich die Welt des
Auges ... und alles Raisonnement verwandelt sich in eine Art von
Darstellung“, schreibt er in dem selben Jahre 1796 an Schiller. Hier
sehen wir bis in die innersten Gedankenbewegungen des
schöpferischen Geistes: statt der unfruchtbaren
Kausalitätsjägerei, die zuletzt zu phantastisch-nichtigen
Weltentstehungserklärungen entartet, eine S c h u l
e d e s S e h
e n s, bis daß wir die Gegenstände „im Geiste wieder
hervorbringen können“ und sie daher zu gleicher Zeit „im
eigentlichen und im höheren Sinne anschauen.“ Das ist die Tat, die
vorhin an Stelle des Wissens gefordert wurde; das Sichhinaufringen zu
einem „höheren Anschauen“; das ist Wissenschaft, als Kunst zu
„Ganzheit“ und „Einheit“ zusammengefaßt; das ist, was uns nicht
allein als Fachgelehrten, sondern „als Menschen“ Freude schenken kann,
was uns nicht allein Technik und Tatsachenkram spendet, sondern Kultur
des Geistes und des Herzens.
265 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
Nun
muß ich aber nachtragen, daß ich in jenem oben
angeführten unsterblichen Ausspruch über das Genie, das dem
Genie entgegendringt, zwei eingeschobene Sätzchen ausgelassen
habe; ich tat es, um den Sinn des Hauptsatzes zusammengedrängter
wirken zu lassen und auch weil jedes dieser Einschiebsel einen
Gedankengang andeutet, der Erläuterungen benötigt; das eine
bringt eine unentbehrliche Aufklärung über die Methode dieses
genialen Verfahrens, das andere deckt den Ursprung mancher Illusionen
und Enttäuschungen Goethe's auf. Nach den Worten über „den
Komplex von Geisteskräften, den man Genie zu nennen pflegt“, lesen
wir: „der aber oft sehr zweideutige Wirkungen hervorbringt“. Hiermit
weist Goethe — wie an Dutzenden anderer Stellen — alles arrogante
Geniegebaren von sich; er haßt die angeblich „höhere ideelle
Behandlung“, die das Wirkliche geringschätzt und „durch ein
Transscendieren und Mysticisieren, wo das Hohle vom Gehaltvollen nicht
mehr zu unterscheiden ist“, schließlich dahinführt, wo alles
„sich in Traum und Nebel verschweben muß“; zu dem großen
Werk, das er sich vorgesetzt hat, gehört die ausführliche,
genaue Kenntnis der Phänomene; als erste Forderung bei jedem
Versuch, Natur zu gestalten, nennt er: „die Erscheinungen selbst
vollständig kennen zu lernen“. Erzeugt die Beschränkung in
ein Fach „Starrsinn“ (S. 261), so ist der
entgegengesetzte Fehler — das
Dilettieren über Naturgegenstände — noch mehr zu
fürchten: „Das Unzulängliche widerstrebt mehr als man
glauben sollte dem Auslangenden.“ Wir besitzen das Zeugnis von Camper,
Johannes Müller, Alexander von Humboldt, Geoffroy Saint-Hilaire,
Schleiden, Helmholtz, Virchow, Ferdinand Cohn, Wiesner und anderen
Meistern unter den Fachmännern, daß Goethe's Beobachtungen,
Experimente, Darstellungen in verschiedenen Teilgebieten der Tier- und
Pflanzenkunde, der Physik, Geologie, Meteorologie, die er zur
näheren Bearbeitung erwählte, erstaunlich ausführlich,
erfindungsreich, genau, unwiderleglich sind; völlig berechtigt ist
er, sich in dieser Beziehung zu den Naturforschern von Fach zu rechnen
und bewußt auszurufen: „Wir Empiriker und Realisten!“ Dies ein
für allemal festzustellen, ist wichtig: Goethe fordert zwar
für sein besonderes Werk die geniale „Gemütsanlage“ (wie Kant
sich ausdrückt), er weist aber die „oft sehr zweideutigen
Wirkungen“ des nicht genügend unterrichten Genies von
266 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
sich. — Der zweite Relativsatz
ist vor dem Schlußpassus „so
müßte denn doch etwas entstehen“ eingeschaltet und lautet:
„könnten Mehrere in Einem Sinne auf den ungeheuren Gegenstand
loswirken“. Goethe erkennt die Unmöglichkeit, daß ein
Einzelner „die Erscheinungen selbst vollständig kennen lerne“,
sobald nämlich diese Forderung sämtliche Gebiete der
Naturerscheinungen umfassen soll; wie wir im Laufe dieses Kapitels
sehen werden, er selber hat sich aus jeder wissenschaftlichen Disziplin
nur einen beschränkten Bruchteil ausgewählt und es dadurch in
diesem zur Meisterschaft gebracht; es müßten also Mehrere
sich verbinden, Mehrere, von denen Jeder das Genie eines Goethe zur
Erfassung der Natur besäße: dann erst könnte jene
vollendete künstlerische Vereinheitlichung und Durchgestaltung
unseres gesamten Wissens über die Natur gelingen, die ihm
vorschwebte, jenes „Etwas, dessen wir uns als Menschen zu erfreuen
hätten.“ Ich weiß nicht, ob der Leser sich einer kurzen
Ausführung in unserer Einleitung erinnert, in welcher es von
Richard Wagner hieß: „Was er von sich fordert, es scheint
unmöglich, und dennoch, das Genie in ihm leistet es; was er von
der ihn umgebenden Welt fordert, ist (wohlbetrachtet) nichts weniger,
als daß sie ebenfalls Genie besitzen solle, und das ist eine
unerfüllbare Zumutung.“ Hier finden wir nun Goethe in genau der
selben Lage. Daß es „jenes Komplexes von Geisteskräften, den
man Genie zu nennen pflegt“, bedürfe, um „die millionfache Hydra
der Empirie“, nämlich unsere mathematisch-mechanische
Wissenschaft, in „die Welt des Auges“ umzuzaubern, das sagt Goethe
ausdrücklich; im selben Augenblicke aber fordert er „Mehrere, die
in Einem Sinne auf den ungeheuren Gegenstand loswirken“, also ein
Unmögliches; denn nicht nur kommt der Besitz wahrhafter
Genialität selten vor, sondern es ist aussichtslos, Genie gerade
in dem Heer der naturwissenschaftlich Geschulten erhoffen zu wollen,
deren Beschäftigung die grundsätzliche und wohlberechtigte
Negation der genialen Gemütslage bedeutet; außerdem wird
fast jede echt schöpferische Kraft dem gebieterischen Drange zur
Gestaltung ungestüm folgen; wann also dürfen wir auch
nur e i
n e n Mann erwarten, der — außer der genialen Begabung —
in dem
selben Maße wie Goethe die beharrliche Geduld der
Selbstüberwindung besitzt, vorerst unzählige Tatsachen
ausführlich genau kennen zu lernen? Selbst dieser Eine mußte
trotz seiner vorzüglichen
267 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
Leistungen in der empirischen
Beobachtung gerade an diesem Punkte eine
Schwäche seiner geistigen Rüstung zugestehen: er nennt es
„den Widerspruch zwischen seiner Natur und der unmittelbaren
Erfahrung“; er gesteht: „Die Beobachtung des Einzelnen war niemals
meine Stärke“, und: „Mir graut vor der empirischen Weltbreite.“
Einzig die Glut der Begeisterung hat ihm die Kraft verliehen, Tausende
von physikalischen Experimenten anzustellen, Tausende von Beobachtungen
über Steine und Lebensgestalten treu zu sammeln; und nicht der
dumpfe Rausch eines Wissenwollens um des Wissens willen, sondern
vielmehr der unwiderstehliche Drang, aus der Fülle der von der
exakten Forschung neu entdeckten Phänomene einen neuen Kosmos zu
gestalten, den Menschen zur Freude, den Menschen zur Errettung aus dem
Chaos, dem sie im Begriffe sind zu verfallen: das war es, was ihn
hierbei und hierzu beseelte. Woher sollen denn die „mehreren“ Goethes
kommen? Vielmehr glaube ich, das Werk — auch das naturgestaltende,
welches nicht weniger gewaltig ist als irgend ein Größtes,
was er sonst geschaffen — ich glaube, das Werk dieses Weltengenius wird
wie das der anderen Zuhöchstbegabten einsam emporragen, ein
Bruchstück und doch vollendet, eine Schöpfung, an die Keiner
heranzukommen vermag, um sie zu vervollständigen. „Nur ein Bild
des eigenen Geistes“ heißt es in einer von ihm selbst
niedergeschriebenen Aufzeichnung über seine Bestrebungen, unser
Wissen von der Natur zu gestalten, „aber nicht bloß des leer
wirkenden, imaginativen, (sondern) des ausgearbeiteten, gefühlten,
bearbeitenden und bearbeiteten.“ Nirgends, ist Goethe unbewußter,
mehr notgedrungen zu Werke gegangen als bei seinen Naturstudien; er
berichtet darüber: „Es ging mir mit diesen Entwicklungen
natürlicher Phänomene wie mit Gedichten; ich machte sie
nicht, sie machten mich.“ Nicht Carlyle allein, auch Andere haben
über die unheimliche Klarheit geschaudert, die Schiller und Goethe
zur Zeit ihrer Gemeinsamkeit in ihr poetisches Wirken zu bringen
suchten, als wollten sie sich wissenschaftliche Rechenschaft über
jede Regung der Schöpferkraft ertrotzen; dagegen stürmte, vom
Dämonium getrieben, Goethe in seine selbsterfundene Pflicht, die
entseelte, in Atome zerschlagene, der Schönheit beraubte Natur zu
neuem Leben zu wecken, indem er Bezüge aufdeckte — „Bezüge
sind das Leben“ — Organisation schuf, in das Vielfältige
268 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
Einheit hauchte, uns Allen
„die ideelle Denkweise“ (wie er sie im
ausdrücklichen Gegensatz zum „bloßen Beobachten“ nennt)
vertraut machte, hiermit das „reine Phänomen“ an Stelle des
„wissenschaftlichen Phänomens“ setzte und uns „im
Vorübergehenden das Ewige schauen ließ“.
Somit hoffe ich, mit aller wünschenswerten
Deutlichkeit
dargestellt zu haben, inwiefern Goethe zu unserer fachmännisch
betriebenen Naturforschung gehört, inwiefern nicht. Für den
tiefer Schauenden habe ich zugleich auch die Schranken bezeichnet, die
diesem Wirken gezogen sind. Aus dem vorerwähnten Satze entnahmen
wir eine Unterscheidung zwischen dem Genie „als Genie“ und dem Genie
„als nicht Genie“; und in der Tat, ein Mensch, der ganz Genie
wäre, wäre eine des Daseins unfähige
Ungeheuerlichkeit ¹). Wir haben also damit zu rechnen, daß
der
geniale Mann nicht überall, nicht immer, und nicht immer im
gleichen Maße als Genie wirken wird. Wozu aber noch eine tiefere
Erwägung kommt. Denn im Genialen tritt — wie wir seit Kant wissen
— eine unpersönliche Kraft in die Erscheinung, eine Kraft, die
sich besonders beanlagter Individuen bedient, um zum Durchbruch zu
gelangen, wobei aber ein Zwiespalt zwischen dem Persönlichen und
dem Überpersönlichen, zwischen der Beschränkung des
begabtesten Einzelnen und dem „gewissen und unzweideutigen Genie der
hervorbringenden Natur“ unausbleiblich ist, so daß die genial
wirkenden Männer geradezu „privilegiert sind“, Fehler zu begehen
und „Mißgestalten“ an ihrem Werke zu dulden, deren Entfernung
„die Idee schwächen“ würde. Unverzeihlich ist die
nüchterne Exaktheit, wenn sie Falsches lehrt; denn zu ihrem Wesen
gehört es, unbegrenzt zu sein und das heißt, in lauter
Fragezeichen auszulaufen; wohingegen scharfgezogene Umrisse eine
Bedingung jedes genialen Werkes ausmachen und gerade auf dieser
willkürlich-unwillkürlich grenzenden Linie der Gegensatz des
Persönlich-Überpersönlichen, des Zeitlich-Zeitlosen, des
Künstlerisch-Naturwahren Ausdruck gewinnt; das muß auch bei
Goethe's Naturerforschen zutreffen.“ *
Bezeichne ich nun Goethe's besondere Art, sich der
Natur gegenüber
schaffend und gestaltend zu verhalten, mit dem Namen „Natur-
—————
¹) Näheres über Goethe's
Auffassung des Begriffes „Genie“
findet der Leser im sechsten Kapitel,
Abschnitt „Monade,
Gemeinsamkeit“.
269 Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Vorläufige Verständigung
erforschen“, so beabsichtige
ich, durch den Klang die Verwandtschaft zu
betonen, die in wichtigen Beziehungen ihn an unsere fachmännische
Naturforschung angliedert und die nicht ignoriert werden darf, da er
dort ununterbrochen Belehrung empfing und seinerseits dorthin
unerschöpfliche Anregung zurückgab. Goethe ist kein Phantast,
sondern ein wirklicher Forscher. „Wer den Unterschied des
Phantastischen und Ideellen ... nicht zu fassen weiß, der ist als
Naturforscher in einer üblen Lage.“ Wollten wir aber Goethe
kurzweg zu unseren Naturforschern zählen, seine Methode, seine
Ideen, sein Ziel an dem Maßstab der fachgelehrten Wissenschaft
einschätzen, wir würden uns jedes wahre Verständnis
verrammeln und eine einzig dastehende T a t des
schöpferischen
Geistes genialer Gestaltung auf die Ebene einer zwar aller Anerkennung
würdigen, jedoch alltäglichen Leistung herabziehen. Daher die
Betonung des Er-forschens im Gegensatz zum bloßen Forschen; der
Unterschied ist der selbe wie zwischen erfragen und fragen. Goethe
liebte es, durch Voranstellung der Vorsilbe „er“ Worte zu
kräftigerem Leben aufzurufen. Jakob Grimm belehrt uns: „In
diesem
e r liegt die von innen auf einen äußeren Gegenstand
gehende
Wirkung“; Boucke zeigt an der Hand von Beispielen, daß Goethe
besonders noch die Richtung auf ein Höheres, die Andeutung eines
Hebens und Hinanziehens damit verband. Hierdurch wird die Eigenart
dieser Naturdeutung genau bezeichnet: Goethe will tiefer hineingreifen
als unsere heutige Naturforschung, bis hinein in jenes „Innere, nicht
etwa Abstrakte, sondern Urlebendige“, das von unserer Wissenschaft „gar
nicht berührt werden darf“, er will höher hinaus als sie, bis
dahin, wo „nicht ein atomistisches Atom geduldet wird“, wo wir anstatt
der „mechanischen Formeln“, die „das Lebendige in Totes verwandeln“,
das „unzweideutige Genie der Natur“ gewahr werden. Durch diese Tat
wird, sagt er, dasjenige gelingen, was unserer unzugänglichen
Kastengelehrsamkeit und ihrem abstrakt-praktischen Wissensschema zu
bewirken versagt bleibt, es wird nämlich „d i
e N a t u r A l l e n v e r s t ä n
d l i c h
w e r d e n“: in diesen letzten Worten, sieben Tage vor dem Tode
geschrieben, liegt der Kulturgedanke, die Kulturhoffnung Goethe's
eingeschlossen.
—————
270
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
Der Begriff „Natur“
Die genaue Begriffsbestimmung eines bloßen
Wortes hat uns soeben
wesentliche Dienste geleistet; möchte dies den Leser
ermutigen, einer zweiten derartigen Untersuchung seine Aufmerksamkeit
nicht zu versagen; denn liegen auch spitzfindige Definitionen dem
Geiste dieses Buches fern, so gibt es doch Fälle, wo — wie wir es
eben erlebten — die Verständigung über ein Wort zugleich
Aufschluß über weitverzweigte, verwickelte
Gedankengänge gewährt. In diesem Kapitel können wir nun
nicht umhin, immer wieder von „Natur“ zu reden; wie wollen wir zu
unzweideutigen Ergebnissen gelangen, wenn wir nicht eine bestimmte und
unterscheidende Vorstellung davon gewonnen haben, was unter „Natur“
verstanden werden soll? Dieses Wort stellt uns aber einem chaotischen
Durcheinander grundverschiedener Gedankenassociationen gegenüber,
so daß es ohne vorhergegangene Verständigung unmöglich
ist zu wissen, worüber die Rede geht. In dem ersten Abschnitt
hatte ich eine neue Vokabel zu erklären; hier werden wir einem
sehr alten Worte geschichtlich nachgehen müssen; denn die
Vielseitigkeit des Begriffes „Natur“ ist historisch begründet, und
Goethe mußte, wie Jeder es muß, an die Auffassungen
anknüpfen, die er um sich herum antraf.
Das Wort „Natur“ ist ein lateinisches. Ungleich den
Gebilden unseres
angestammten germanischen Gemeinguts — wie Gott, Welt, Mensch —— die in
der Kraft ihres eigenen Innenlebens unausdenkbaren Beziehungsreichtum
und unbegrenzte Wachstumsfähigkeit besitzen, liegt hier ein
fremdes Kunstwort vor, dessen Bedeutung wir nicht erraten und
erfühlen können, sondern erlernen müssen. Noch heute
dürfte schwerlich ein deutscher Bauer das Wort verstehen, und wie
viele Gebildete wären im Stande, genau anzugeben, was sie sich
unter „Natur“ vorstellen? Bei den Eingeborenen Latiums verhielt es sich
in frühen Zeiten anders; für sie war das Wort ein lebendiges
Gebilde, vielseitig an Verwandtes angrenzend, zugleich genau umrissen.
Zunächst bedeutete natura
für sie „die Geburt“; nichts
anderes. Jener urmächtige unter allen Meistern deutscher Sprache,
Martin Luther, hat uns das Wort noch in dieser Bedeutung
überwiesen: „Wiewohl wir von Natur Juden sind“ (Galater 2, 15),
das heißt, von Geburt; ebenfalls: „Wir waren Kinder des
271
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
Zorns von Natur“ (Epheser 2,
3), und ähnlich öfters. Natura
bildet einen Seitenzweig des Zeitwortes nascor, nasci, natus sum:
gezeugt werden, geboren werden. Solange es unverfälscht angewandt
wird, deutet es also auf ein Leben, das aus Leben entsteht und zu Leben
hinführt, niemals auf Lebloses. Diesen ursprünglichen
Vorstellungskreis des Zeugens und Geborenwerdens merke sich der Leser
wohl; denn trotz der vielfachen Schicksale, die des Wortes natura
harrten, behauptete sich dieser ursprüngliche Sinn durch alle
Zeiten unausrottbar und schenkt ihm noch heute den Beigeschmack eines
Lebendigen.
Schwerlich hätte eine vom Ursinn schroff
abbiegende Ausweichung
jemals stattgefunden, wenn nicht infolge der reger werdenden
Beziehungen zu den Hellenen die Aufmerksamkeit einiger begabteren
Römer neben dem griechischen Dichten auch auf das griechische
Forschen und Denken gelenkt worden wäre, das sie in
unvergänglicher Bedeutungsfülle ausgebreitet entdeckten. Die
Römer selber hatten im Laufe ihrer langen Geschichte nie einen
Philosophen und nie einen Naturforscher besessen; nun fanden sie sich
plötzlich einer eifrig gepflegten Mathematik, Astronomie und
Anfängen weiterer Erkundung der Natur, sowie einer völlig
ausgereiften Besinnung gegenüber, die sich im Laufe der
Jahrhunderte eine reich gegliederte Organisation von Vorstellungen
geschaffen hatte mit einer entsprechend ausgebildeten Begriffssprache,
in welcher alle Forscher sich untereinander verständigten,
gleichviel ob zur gegenseitigen Zustimmung und Bekräftigung oder
aber zum Kampfe widerstreitender Meinungen. Sobald es nun dem
höherer Bildung entgegenreifenden einzelnen Lateiner nicht mehr
genügte, sich griechische Geisteskultur für seinen
persönlichen Bedarf griechisch anzueignen, sobald ihn eine edle
Sehnsucht trieb, die Ergebnisse dieser fremden Arbeit seinem eigenen
Volke zu übermitteln, fand er sich vor eine fast unlösbare
Aufgabe gestellt; denn er sollte ein nach und nach folgerichtig
Ausgebautes sowie eine fertige Technik des Denkens und des
Gedankenausdruckes plötzlich in eine weit abliegende Zivilisation
hinüberpflanzen, in welcher die Praxis der sozialen Ausgestaltung,
der Verwaltung, der Jurisprudenz, des Waffenhandwerks bisher alle
Lebensenergie beansprucht und die Sprache demgemäß gemodelt
hatte. Wollte er nicht hellenische Wörter zu einer unver-
272
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
standenen Gelehrtensprache
latinisieren — was der praktische
Popularisierungsgeschmack der römischen Autoren möglichst zu
vermeiden gebot — so blieb ihm nichts übrig, als bekannte
Wörter des bestehenden Sprachschatzes zum Gefäß
für neue Begriffe zu machen. Auf diesem Wege erlitt auch das Wort
natura eine vollkommene
Metamorphose, indem es nunmehr einen Gedanken
der griechischen Philosophen vermitteln sollte, dem es seiner
festgewurzelten herkömmlichen Bedeutung nach nicht entsprach.
Eine der nicht zu umgehenden Vorstellungen, die
für die
hellenischen Forscher aller Richtungen den gleichen, klaren Sinn
besaß, war nämlich der Begriff einer physis. Goethe schreibt
einmal:
Dich im Unendlichen zu finden,
Mußt unterscheiden
und dann verbinden.
Physis war von Haus aus einer
dieser Unterscheidungsbegriffe, erdacht,
aufgestellt und bis zur Deutlichkeit durchgearbeitet, um sich „im
Unendlichen zu finden“. Der naive Mensch denkt nicht ans Unterscheiden;
ohne zu zögern, bezieht er eine Erscheinung auf die andere; auch
bei den Hellenen war es in frühen Zeiten nicht anders zugegangen.
Indem nun ihr großer Forscher und Denker Anaxagoras — als Erster
— sie zwischen dem, was den Sinnen erscheint, und dem, was der
Sinneswahrnehmung nicht unmittelbar zugänglich ist, zu
unterscheiden lehrte, ward er der Begründer zugleich aller exakten
Wissenschaft des Stoffes und aller echten Philosophie des Geistes. Das
Erscheinende nannte er physis
(ein Wort benutzend, das in der
Volkssprache das Äußere, den Habitus an einem Dinge oder an
einer Person bezeichnete), das Nichterscheinende (Gedanke, Traum,
Hoffnung, Gewissen, Spekulation) belegte er mit dem Namen nûs,
einem Wort, das bei Homer bisweilen „Verstand“, bisweilen „Gesinnung“
besagt und das in unseren philosophischen Büchern gewöhnlich
mit „Geist“ übersetzt wird. Will man den Gedankeninhalt auf eine
einfachste Formel zurückführen, man kann sagen: es handelt
sich um die grundlegende Unterscheidung zwischen Stoff und Geist. In
einem Volke, wo schöpferische Gestaltungskraft einen so
empfänglichen Boden fand, blieb eine derartige Leistung
unverlierbar; zwar wurden die Begriffskreise physis und nûs von
verschiedenen Schulen verschieden gegeneinander verschoben, die Unter-
273
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
scheidung selbst jedoch
erkannten alle an; solche Dinge bilden die
Grundlage zu der Möglichkeit eines systematischen Denkens
sowie eines folgerichtigen Beobachtens. Da es nun zum Wesen des
Begriffs physis gehört,
eine methodische U n t e r s c h e i d u n g
auszusprechen, d. h. also, da von einer physis gar nicht gesprochen
werden kann außer im Gegensatz und in Gegenüberstellung zu
irgend etwas, was nicht physis
ist, so liegt es auf der Hand, daß
niemals ein Grieche darauf verfallen konnte, mit einer Betrachtung der
bloßen physis die
Erkenntnis der Welt erschöpfen zu wollen.
Wohl mochte ein Forscher die Alleinheit lehren, diese mußte aber
dann hinter physis und nûs liegen, beide umfassend;
denn wie
immer man die geistigen Phänomene erklären will — und sei es
auch rein materialistisch — ihre Existenz kann der Geist selbst
unmöglich leugnen. Darum gliedert sich bei allen hellenischen
Forschern an die „Physik“ (oder Wissenschaft der physis) eine
„Metaphysik“ (wie man die Wissenschaft des nûs benannt hat).
Dem ihm bisher vollkommen fremden Begriff der physis glaubte nun der
Lateiner mit seinem Worte natura
am besten zum Verständnis zu
verhelfen; alles weitere fließt aus dieser verhängnisvollen
Wahl. Denn nun fand ein Durcheinanderschieben wesentlich verschiedener
Vorstellungsreihen statt, und zwar durch Menschen, die weder das
angeborene Talent noch die anerzogene Schulung besaßen, sich
Rechenschaft über ihr Tun zu geben. Von dem methodologischen
Unterscheidungswerke des Anaxagoras und seiner Nachfolger hatte der
Lateiner nichts begriffen; den Wert dieser Großtat — einer von
jenen, an denen die Menschheit heute, nach 2500 Jahren, zehrt und nach
weiteren 2500 Jahren noch zehren wird — ahnte er nicht; vielmehr hatte
er in den ihm zugänglichen Autoren einzig das eine
Bruchstück erfaßt, nämlich die auf die physis allein
sich beziehende wissenschaftliche Disziplin der Physik, d. h. einzig
die Spekulationen über die Materie, dazu noch die Abhandlungen
über die Ethik; alles übrige bleibt unverstanden und darum
unverdolmetscht; er begreift nicht, was es soll. Man schlage nur das
Wort des Lucretius, De natura rerum,
auf! Seine Fragen und seine
Antworten sind wie die eines Kindes; zu der eigentlichen Besinnung, zu
jener Verwunderung über die Frage selbst, die der griechische
Weise als den ersten Ursprung aller Philosophie erkennt, kommt es nie.
Ebenso-
274
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
wenig erwägt Lucretius,
was in den verschiedenen griechischen
Schulen an einander ergänzenden Widersprüchen gedacht und
errungen worden war: in dem physischen Abschnitt eines der griechischen
Denkerforscher findet er als kühne, geistvolle Kombination die
Hypothese der Atome und des leeren Raumes; auf einmal ist ihm alles
klar: diese Atome kommen durch Fall, Stoß, Druck zufällig
vorübergehend im leeren Raume zusammen und bilden auf diese Weise
vergängliche Körper, die je nach den Bewegungsbedingungen der
Atome belebt oder unbelebt genannt werden, doch völlig gleichen
Wesens sind; wer das weiß, besitzt alle Weisheit; was wir
Empfindung nennen, ist „nur eine Bewegungserscheinung des
Empfindungslosen“, das angebliche Denken ist nichts weiter als „das
Rollen kleiner, glatter, runder Körperchen“ (corporibus parvis et
levibus atque rotundis, lib. 3, Vers 205). So ist denn „des
Lebens
Leben“, wie Goethe es nennt, vollkommen entschwunden, und der Mann, der
sein Gedicht mit der Anrufung der Venus begonnen hatte, „weil sie
allein das Geborenwerden der Dinge lenke“, lehrt uns jetzt: nam corpora
sunt et inane, denn Körper gibt es und leeren Raum; praeter inane
et corpora tertia per se nulla potest rerum in numero natura relinqui,
außer dem leeren Raume und den Körpern verstattet die Natur
nicht irgendeinem Dritten eigenes Dasein. Freilich liegt hier Ohnmacht
des Denkens zu Grunde, der leere Raum befindet sich wie gewöhnlich
zunächst im Kopfe des Philosophen; doch übersehe man nicht
die unheimliche Zauberwandlung, welche durch die Vermählung des
Wortes natura mit dem
Begriffe physis vor sich
gegangen ist; hier fand
etwas statt, wozu ein Lucretius nur den ersten Anstoß gegeben
hat, dessen unabsehbare Wirkung aber der überpersönlichen
Gewalt der Umstände zuzuschreiben ist. Hätte nicht diese
Vokabel natura — die Geburt —
von Hause aus einen solchen Schatz an
Vorstellungen in sich getragen, die alle auf Zeugen und Gezeugtwerden
hinwiesen, so hätte sie sich nie zu einem das All umfassenden
Begriff aufgeschwungen; andrerseits aber hätte aus
dem Vorstellungskreis des Lebendigsten am Leben sich niemals eine
Bezeichnung für die dogmatisch-materialistische, die Eigenart der
Welt des Geistes leugnende Anschauung ergeben, niemals gerade dieses
Wort der Ausdruck für den Kollektivbegriff der Atome und des
leeren Raumes werden können, wenn nicht der griechische
Unterscheidungsbegriff
275
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
der physis als Bezeichnung des
ausschließlich Stofflichen,
mechanisch Bewegten im Gegensatz zum Geistigen, Unmechanischen dem
Worte natura auf- und
eingepfropft worden wäre. Der eine Begriff
lieh seine volksmäßige Kraft, der andere seinen
wissenschaftlichen Inhalt.
Wozu noch eine Erwägung kommt, auf die ich nur
flüchtigst
hindeuten kann: der nie zu überbrückende Gegensatz zwischen
dem Geist der griechischen und dem der lateinischen Sprache. Wie Goethe
bemerkt: im Griechischen wird durch das Wort „nichts bepfählt und
festgesetzt, es ist nur eine Andeutung, um den Gegenstand in der
Einbildungskraft hervorzurufen“; dagegen im Lateinischen „der Begriff
im Wort fertig aufgestellt ist, im Worte erstarrt, mit welchem nun als
einem wirklichen Wesen verfahren wird.“ Das gilt auch hier: die Physis
des Anaxagoras deutet auf eine alle Darstellung in Worten
übertreffende Erwägung des bewußten Nachsinnens; die
Natura der Lateiner ist ein
vorhandenes, tastbares Ding.
Und nun geschah, was vorauszusehen war: die
Atomenlehre griechischer
Philosophen war nicht Jedem zugänglich, das Wort natura dagegen
gewann allgemeine Geltung und verbreitete die Kunde, die Götter
seien abgesetzt, das All bestehe aus eigener Kraft. Sofort entsprangen
hieraus zwei entgegengesetzte Lehren: einerseits der mechanische
Materialismus, der alles Leben leugnet, andrerseits der psychologische
Materialismus, der die Belebtheit jedes Atoms voraussetzt: beide
knüpfen hier an, und beiden entgegengesetzten Ansichten soll das
Wort „Natur“ fortan zur Bezeichnung dienen.
Hinzu kam nun, etwa zur Zeit der ersten
Kirchenväter, eine neue
Auffassung, die sich ebenfalls des Wortes natura bemächtigte. Eine
neue pseudohellenische Philosophie riefen nämlich die asiatischen,
afrikanischen und syreo-jüdischen Mestizen hervor: die
Verballhornung Plato's, genannt „Neoplatonismus“. Sie war teils
christlich, teils antichristlich; nahe verwandt sind ihr die
Geheimlehren der „Gnosis“. Nach dieser Lehre ist die Natur das „Abbild“
des Urbildes, nämlich Gottes; insofern sie als Materie
wahrgenommen wird, ist sie ein eigentlich „Nichtseiendes“, ein Phantom;
nur Seelisches besitzt wirkliches Sein; der Eine, das Urwesen, ist die
alle scheinbaren Arten und Individuen umschließende A
l l s e e l e. Diese Lehre besaß im frühen
Christentum jahrhundertelang großen Einfluß und blühte
von
276
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
neuem auf unter den mystischen
Pietisten, die Goethe's erste Jugend
umgaben, und in der Gruppe Schelling-Hegel, die seinem Mannesalter
nahestand. „Natur“ ist hier ein bloßer, mystisch zu verstehender
Name für das göttliche All.
So vom Wurm des Widerspruches innerlich zerfressen,
bedeutete also
jetzt „Natur“ für die Einen (in Anlehnung an die griechische
Bedeutung von physis) eine
rein wissenschaftlich methodologische
Unterscheidung der Sinnenwelt von der Geisteswelt, für Andere den
Inbegriff des Allbelebten, die „Zeugemutter“ (wie ein braver
Lexikograph des vierzehnten Jahrhunderts das Wort natura zu
verdeutschen suchte), für wieder Andere das Bekenntnis einer
lückenlos mechanischen — Leben, Geist und moralische Weltordnung
leugnenden — Anschauung, schließlich für Manche ein
mystisches Phantom, dem überhaupt keine Wirklichkeit zukommt.
Man könnte meinen, das wäre Verwirrung
genug; der Verlauf der
Geschichte sorgte für weitere. Denn inzwischen hatte sich das
Christentum zur Weltmacht aufgeschwungen, und damit hatte die
Entfesselung der geistig-moralischen Leidenschaftlichkeit
stattgefunden; selbst abstrakte Begriffe konnten nunmehr dem Bannfluch
verfallen; mit besonderer Heftigkeit geschah dies der „Natur“
gegenüber. Gleichviel welche Auffassung der „Natur“ dem
frühen Christen aus den weltlichen Schulen entgegentrat, den
Hoffnungsblick in eine bessere Welt als die, mit welcher das
rohgewaltsame Kaisertum ihn umgab, fand er hier nicht; und so ward die
harmlos-tiefsinnige Erfindung des hellenischen Weisen plötzlich
zum Inbegriff des Feindseligen, des Glückzerstörenden, zur
Vernichterin der Seele, zur Räuberin himmlischer Unschuld, zur
Verführerin in alle Laster, zum Widerdämon. Eine christliche
Sekte, die, reichverzweigt, jahrhundertelang große Verbreitung
genoß und viele Märtyrer gebar, lehrte sogar, die Natur sei
das Werk nicht Gottes, sondern des Teufels. Zwar verwarf die Kirche
diese Lehre als Häresie — hatte sie doch den Gottschöpfer vom
Judentum übernommen — doch schärften alle Kirchenväter
die Abwendung von der Natur als erste Bedingung wahrer
Gottgefälligkeit ein; jede Beschäftigung mit
Naturgegenständen wird von ihnen als Zeitvergeudung und somit als
Sünde gebrandmarkt; Augustinus z. B. will nur soviel Astronomie
gestattet wissen, als nötig ist, um den Ostervollmond mit
Sicherheit zu be-
277
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
stimmen; selbst ein so tiefer
und verhältnismäßig
freier Geist wie Scotus Erigena verbietet als Sünde die
Bewunderung irgend einer Schönheit der Natur, der indigentia Dei,
Armut [oder Leerheit] Gottes, wie sie die Theologie nannte. Ohne
mich nun durch diese Betrachtung, so interessante Ausblicke sie auch
eröffnet, von unserem Gegenstande ableiten zu lassen, will ich
gleich auf eine Tatsache aufmerksam machen, die noch heute bei uns
Allen wirksam ist und die wir in der Hauptsache dem Einfluß der
Kirche zuschreiben müssen. Verlor nämlich diese
frömmelnde Auffassung der Natur nach und nach an
Überzeugungskraft, so daß die Kirche heute, um Fühlung
mit der lebendigen Menschheit zu behalten, Jesuiten zu Naturforschern
kommandieren muß, ein Teil ihres Werkes blieb aufrecht:
die
H y p o s t a s i e r u n g d e r N a t u r,
d. h. die Verdichtung dieses bloßen
Unterscheidungsbegriffes zu einem faßbaren und so zu sagen
„persönlichen“ Wesen. In der physis
der Hellenen hatte das
Ergebnis einer forschenden Besinnung Gestalt gewonnen; es war gleichsam
wie das Aufschlagen eines Buches gewesen, das hinfürder nicht
bloß von außen als verschlossenes Ganze betrachtet, sondern
Seite für Seite gelesen werden sollte; nicht hatte man jedoch
damit die Einheit des Sichtbaren und des Unsichtbaren als Erlebnis
leugnen wollen; im Menschen selber verflossen ja physis und nûs
zum Individuum. Jetzt dagegen war aus dem Unterscheidungs b e g r i f
f
der Forscherdenker ein tatsächlich Unterschiedenes,
Fürsichbestehendes geworden, mochte es von Gott oder vom Teufel
geschaffen worden sein, gleichviel; und der Mensch wurde als zeitweilig
in der Natur, doch als seinem Wesen nach nicht zur Natur gehörig
betrachtet: seines Sündenfalles wegen wandelt er zwar in ihr,
erlöst, wird er ihrer entledigt sein. Natur war also jetzt nicht
länger ein Gegensatz zu Geist (wie bei Anaxagoras physis zu nûs), sondern ein Gegensatz zu
Mensch: hierdurch entstand eine
noch verhängnisvollere Verwirrung als schon durch die Lateiner und
ihren Lucretius. Wie buchstäblich diese Personifizierung einer
für sich bestehenden, außermenschlichen Natur von nun an
aufgefaßt wird, ersehen wir daraus, daß Luther die Natur
kurzweg Frau Hulda nennt, sie also einer heidnischen Göttin
gleichstellt und von ihr schreibt: „Frau Hulda mit der Potznasen, die
Natur, tritt hervor und darf ihrem Gott widerbellen und ihn Lügen
strafen usw.“ Nicht aber von den Frommen allein gilt
278
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
dies, es gilt nicht minder von
den Ungläubigen. Voltaire ruft aus:
Qui est-tu, Nature? Je vis dans toi;
il y a cinquante ans que je te
cherche, et je n'ai pu te trouver encore. Wo also der Grieche
schlicht
und klar gesprochen hatte: es wird förderlich sein, zwischen
physis (Stoff) und nûs (Geist) zu unterscheiden,
denn erst
dadurch werde ich Ordnung in das Studium des bewegten Sichtbaren und
des denkenden Unsichtbaren bringen, schwärmt hier ein freiester
Kopf, der alle Kultur seiner Zeit wie kaum ein Zweiter innehat, von
einer Natur, „in der“ er lebt und die „zu finden“ ihm dennoch nicht
gelinge! Ein solches Dilemma hätte der hellenische Denker kaum zu
verstehen vermocht, und wäre es ihm gelungen, er hätte laut
aufgelacht: diese physis, die
man mit „du“ anredet, als ob das Leblose
Ohren besäße! diese physis,
„in der“ der Geist lebt und die
als Begriff doch erst dadurch entstanden war, daß ein Denker sie
vom Geiste unterschied! diese physis,
die der Mensch „sucht und nicht
findet“, während es ja sein eigenes Besinnen ist, aus dem sie als
Idee erst hervorgegangen war!
Doch wir sind noch nicht ans Ende gelangt. Ein
Wesen, das Haß und
Anzweiflung erfährt, werden Andere der Liebe und des Vertrauens
würdig erachten; hatten die Kirchenväter vor der Natur
gewarnt und die Patarener sie als Teufelswerk verabscheut, so waren
wenige Jahrhunderte später die christlichen Mystiker gekommen, die
in ihrem schwärmerischen Bedürfnis, mit dem Gott der Liebe zu
verschmelzen, sich der von ihm erschaffenen Natur an den Busen warfen
und mehr oder weniger bewußt an die vorhin kurz geschilderten
Auffassungen der Neoplatoniker und der Gnostiker anknüpften.
Franziskus besingt Sonne und Mond, Baum, Bach und Vogel, Kreaturen
Gottes wie er selber, als Brüder und Schwestern; Eckhardt redet
von dem „wonniglichen Wunder“ der Blumen; Jakob Böhme nennt die
Natur „Das Buch Gottes“ und sagt, auf einer Wiese „sehe, rieche und
schmecke man die Kraft Gottes“; Giordano Bruno schreibt: La natura non
è altro che Dio nelle cose; Pascal, der zu Christus
geflüchtete Geometer, spricht den schönen Gedanken aus: La
nature a des perfections, pour montrer qu'elle est l'image de Dieu, et
des défauts, pour montrer qu'elle n'en est que l'image.
So ward
aus dem Teufelswerk das Abbild des allweisen und allgütigen
Schöpfers. Selbst Diejenigen, die nicht soweit gingen, erblickten
zum wenigsten auf
279
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
Schritt und Tritt in der Natur
den Finger Gottes; ich brauche nur an
die zahllosen apologetischen Bücher zu erinnern. Bald aber trat
ein weiterer, unerwarteter Erfolg ein: denn die an Zahl wachsenden
Unkirchlichen hatten es leicht, die Sache umzudrehen und von dieser
ohnehin so göttlich vorgestellten Natur zu behaupten, sie
bedürfe eines Gottes nicht, sie verrichte alles von selbst
vollkommen; zu dieser Verwandlung ins Gegenteil genügte ein
bloßer Wechsel der Worte. Alle die Werke, die im 18. Jahrhundert
über „Das System der Natur“ entstehen, sind offen oder versteckt
gegen den Gottesglauben der Kirchen gerichtet, und der gebotene Ersatz
ist die Anbetung der Natur. Dies ist aller Beachtung wert: die
Vergötterung der sogenannten „Natur“ ist den gläubigsten
aller Seelen und den materialistisch gerichteten Geistern gemeinsam.
Um nun Goethe's Auffassung von „Natur“ genau in den
Brennpunkt zu
bekommen, müssen wir versuchen, in das Chaos, das die Geschichte
vor uns aufgetürmt hat, einige Ordnung zu bringen. Hier wie
anderwärts haben sich im Laufe der Zeiten Hauptströmungen
gebildet, welche die Nebenflüsse aufnahmen und verschlangen, und
es genügt, wenn wir die wesentlich voneinander unterschiedenen
Hauptbedeutungen kennen, die der Begriff „Natur“ in den letzten
Jahrhunderten unserer Zeitepoche gewonnen hat und die auch Goethe, als
er zu denken begann, um sich herum vorfand. Um zum Ziele zu gelangen,
wollen wir frischweg vereinfachen und nur drei durch je eine weite
Kluft voneinander getrennte Denkungsarten unterscheiden. Jede der drei
Grunddenkarten läßt sich mit Hilfe unserer historischen
Skizze auf eine ferne Wurzel oder auf mehrere zurückführen.
Die Einen will ich kurzweg die „Naiven“ nennen: es
sind Diejenigen,
welche sich niemals selber gefragt haben, was sie unter „Natur“
verstehen. Tun wir auch auf diese Weise ein Gewimmel von verschiedenen,
ja von widerstreitenden Meinungen in eine Klasse zusammen, so ist doch
die Charakteristik der mangelnden Besinnung Allen gemeinsam;
Vereinzelte schöpfen in ihr Kraft, die übergroße
Mehrzahl einzig Konfusion. Aus hundert Wurzeln wird hier jede
Verwirrung gespeist: die lebendige Kraft des alten Wortes „Natur“, die
Lehren des Lucretius, die kirchlichen Vorstellungen und
Anathematisierungen, die Vergötterung und die Verteufelung, uralte
280
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
Volksmythen aus
vorchristlicher Zeit und allerneueste Weltanschauungen
für den Frühstückstisch: alles kreist durcheinander. Die
zweite Gruppe ist die der „Dogmatiker“, Männer, die unter „Natur“
sich eine allumfassende Einheit denken, über welche sie
dogmatische Urteile fällen, indem sie behaupten, ihr Wesen
erfaßt zu haben, und uns nunmehr bestimmt ausführlich
darüber unterweisen; ihren Grundlehren nach gliedern sich alle
Dogmatiker der Natur in Spiritualisten und Materialisten; sie
können kirchlich oder antikirchlich sein. Die Hauptwurzel reicht
in diesem Falle zurück auf die altlateinische Vorstellung von
natura, der Allerzeugerin. Die
dritte Klasse bilden die „Methodiker“,
d. h. die besonnen Forschenden. Bewußt oder unbewußt,
knüpfen sie alle bei der physis
der Hellenen an, begreifen,
daß richtiges Unterscheiden jedem Erkennen, jedem folgerechten
Untersuchen und Auferbauen zu Grunde liegt; nicht als dogmatisches
Bekenntnis entsteht bei diesen Männern der Begriff „Natur“,
sondern vielmehr als methodischer Kunstgriff und setzt einen
ergänzenden zweiten Begriff voraus, da die Vorstellung „Natur“
etwas Besonderes aus der Gesamtheit des Gegebenen zwecks näherer
Untersuchung unterscheiden und ausscheiden soll; eine dogmatische
Aussage wäre in diesem Zusammenhang sinnlos.
Einige Worte zur noch genaueren Bestimmung der drei
hier
unterschiedenen Grundauffassungen von „Natur“.
Über die Heerschar der Naiven ist es nicht
nötig; viel zu
sagen: die Hauptsache ist, daß wir klar unterscheiden zwischen
den F r e i e n unter ihnen und den U n
f r e i e n. Für die
Ersteren ist die Naivität eine Kraft, für die Letzteren eine
Schwäche. Die freien Naiven schöpfen in ihrem Verhältnis
zur Natur Vertrauen, Jugend, offene Augen, unverwelkliche Heiterkeit;
die unfreien nehmen eine kirchliche, philosophische oder
wissenschaftliche Lehre an und wandeln dann geschlossenen Auges und
toten Hirnes durchs Leben. Wenn Franziskus den Vögeln im Walde
predigt, liegt darin eine Seelenkraft, die alles hinter sich
läßt, was Denker und Forscher je erreichen können; eine
verwandte Kraft werden wir bald bei Goethe wieder antreffen. Weit
häufiger jedoch ruht die naive Auffassung einfach auf
Verkümmerung des Denkens, sorgfältig unterhalten durch die
Tätigkeit der Pfaffen und der Gegenpfaffen. Für diese
Mehrzahl ist „Natur“ ein personifiziertes Wesen, über das man sich
281
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
den Kopf nicht weiter
zerbricht; sie liegt ja vor Augen, wozu noch
spintisieren? Man könnte die Natur hier definieren als dasjenige
Ding, welches weder Gott noch Mensch ist; sie steht im Gegensatz zu
Gott, der sie erschaffen hat, und im Gegensatz zum Menschen, der in ihr
wohnt. Manche aber streichen in der genannten Trinität von
Gott, Mensch, Natur den einen Faktor „Gott“ und kommen mit den beiden
anderen allein auch aus. Weder sind ihnen die Widersprüche
bekannt, in welche empirische Wissenschaft nach allen Seiten
hinausführt, überall rein metaphysische Probleme aufdeckend,
noch kennen sie die Gedanken, die aus der höheren Besinnung
einzelner Begabtesten, Schöpfer von Ideen, im Laufe der Zeiten
herangereift sind. Diese naiven Materialisten besitzen unter allen die
beschränkteste, armseligste Auffassung von „Natur“; von Lucretius
behalten sie nur die Keckheit und den Unverstand ohne eine Spur jenes
hellenischen Geisteshauches, der seiner Dichtung unvergängliches
Leben sichert, von der Kirche nur die unsinnige Personifizierung eines
Gedankendinges ohne irgend einen Rest des in alle Tiefen des
Menschenwesens dringenden religiösen Lebens. Die Tausende
sogenannter Gebildeten sowie das Heer der zu einem solchen Credo
schwörenden Arbeiterschaft kommen dadurch geistig tief unter jedem
unverdorbenen Naturvolke zu stehen, welches, ohne zu zweifeln, kindlich
vertrauensvoll sich in den Dingen, die Dinge in sich erblickt und auf
diese Weise zu praktisch-poetischer, wahrheitsreicher Anschauung
gelangt.
Wenn es auch manche Berührungen zwischen den
Naiven und den
Dogmatikern gibt, insofern die Naiven es lieben, dogmatisch und
intolerant zu verfahren, so wird doch bei näherer Betrachtung
selten eine Verwechselung stattfinden; denn wenn der Naive
dogmatisiert, dann tut er's naiv, sei es wie Thomas von Aquin, sei es
wie die Herren Büchner und Moleschott; wogegen ich unter
„Dogmatikern“ diejenigen verstehe, die über das Wesen der Natur
philosophisch und wissenschaftlich nachgesonnen haben und darüber
dann apodiktische Behauptungen aufstellen, d. h. Lehren, für die
sie nicht blinden Glauben beanspruchen, sondern die
Überzeugungskraft erwiesener Wahrheiten. Diese Forscher der
vielverzweigten zweiten Gruppe verstehen unter „Natur“ d a
s A l l, die
unvorstellbare, unerfaßliche Idee einer Totalität alles
dessen, was war, ist und sein wird,
282
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
wobei die Welt der sittlichen
Persönlichkeit eben so
eingeschlossen gedacht ist wie die des mechanisch bewegten
Sinnfälligen. Jede dogmatische Aussage über das Wesen der
Natur führt im letzten Ende zum sogenannten Monismus, d. h. zu
einer irgend wie beschaffenen Alleinheitslehre. Alles ist „Natur“,
Natur ist „Alles“.
Hingegen verstehen die Männer der dritten
Gruppe, die Methodiker,
unter „Natur“ immer einen bestimmten Teil, nie ein Allumfassendes;
Natur ist für sie die Gesamtheit des Sichtbaren, genauer
gesprochen des Sinnfälligen, einschließlich des eigenen
menschlichen Leibes und des Hirns als Organs des Denkens, kurz, die
Gesamtheit des Stoffes in seiner gesetzmäßigen Beweglichkeit
erfaßt; dieser „Natur“ gegenüber und ihr mehr oder weniger
entgegengesetzt (mehr oder weniger nämlich je nach der
Geistesrichtung des betreffenden Forschers) wird eine zweite Welt
unterschieden, die nicht sinnfällig und überhaupt nicht
raumerfüllend, insofern also nicht „Natur“ ist: die Welt der
Persönlichkeit, der Freiheit, der sittlichen Verantwortung, der
Religion, der Kunst. Beide Welten treffen im Menschen zusammen (der
aus Sinnfälligem und Nichtsinnfälligem besteht), und nicht im
Menschen allein, sondern überall, wo der Mensch Gestalt erblickt
oder Gesetz erkennt, was immer eine Durchdringung von zweierlei
voraussetzt. Die Nomenklatur, in der diese Auffassung sich kundtut, ist
eine verschiedene: Locke redet von einer nicht-denkenden (incogitative)
und einer denkenden (cogitative) Natur, Descartes unterscheidet
zwischen „Ausgedehntem“ und „Gedachtem“ (l'étendue et la
pensée); auf der höchsten Stufe der Besinnung, zu
der uns
Immanuel Kant hinaufführt, gelangen wir zu der vollendet klaren
Entgegensetzung von „Natur“ und „Freiheit“, zwei Reichen, an denen
beiden der Mensch zugleich teilhat, welche es aber unmöglich ist
und bleibt ineinander so überzuleiten, daß eines in dem
andern enthalten sei oder eines aus dem andern hervorgehe. Wie man nun
die Unterscheidung auch treffen mag, bezeichnend bleibt für alle
Methodiker die Entgegensetzung von zweierlei und die Beschränkung
des Begriffes „Natur“ auf die Bezeichnung des einen Teiles. Und fragt
man, was praktisch hierbei herauskomme, so will ich nur das Eine
erwähnen: ohne diesen methodischen Grundsatz einer reinlichen
Scheidung von Phänomenen, die nicht aufeinander
zurückzuführen sind, wäre unsere Mechanik, damit zu-
283
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
gleich unsere gesamte exakte
Wissenschaft des heutigen Tages
unmöglich gewesen. Die Denkart der Dogmatiker, sowohl in ihrer
spiritualistisch-mystischen wie in ihrer materialistischen Abart, kann
uns als Gedankenleistung Achtung einflößen, doch ist
offenbar diejenige der Methodiker die eigentlich tiefbesonnene; denn
sie geht analytisch-unterscheidend vor, disponiert den
unermeßlichen Gegenstand alles Erforschens nach richtig
unterschiedenen Hauptbestandteilen, schafft dadurch vereinfachende
Klarheit, gibt die Anregung zu weiteren grundlegenden Unterscheidungen,
wie z. B. zu denjenigen zwischen Materie und Form, zwischen
Wirklichkeit und Möglichkeit, zwischen Sinnlichkeit und Verstand
usw., ohne aber über letzte Fragen irgend etwas zu
präjudizieren (wie der Jurist sagt).
Den Unterschied zwischen der dogmatischen und der
methodischen
Auffassung des Begriffes „Natur“ hoffe ich vollkommen deutlich gemacht
zu haben. Jede Definition der Natur als Allzeugende, Allumfassende
enthält nur halb verschleiert ein Dogma; die bloße
Begriffsbestimmung der „Natur“ ist hier schon ein Glaubensbekenntnis.
Und wie es zu geschehen pflegt: aus einem ersten Dogma entsteht
notgedrungen ein zweites, aus diesen beiden ein drittes, und so weiter;
das Gefühl, die vermeintlichen Intuitionen, die kühnen
Versicherungen ex tripode
bekommen das Übergewicht. Und
während bei den Methodikern verschiedene Weltanschauungen
friedlich auf dem Boden der selben Unterscheidung stehen,
bekämpfen sich hier mit erbitterter Leidenschaft Ansichten, die
aus dem selben Grunddogma der allzeugenden Natur hervorgehen und darum
in Wirklichkeit nahe verschwistert sind. So führt z. B. die in der
Begriffsbestimmung „Natur“ vorausgesetzte Einheitlichkeit von Stoff und
Geist zu zwei polar entgegengesetzten dogmatischen Auffassungen, der
materialistischen und der spiritualistisch-mystischen, von denen die
eine genau eben so viel für sich anzuführen hat wie die
andere. Der Materialist deutet nämlich die Einheit zwischen physis
und metaphysis so, daß
er behauptet, aus bewegtem Stoff entstehe
Denken, Fühlen, moralische Tat; wohingegen der Mystiker in der
ganzen Welt des Sinnfälligen Seelenleben und Seelenausdruck
entdeckt und Giordano Bruno uns versichert: Non est lapis sine anima,
kein Stein ermangelt der Seele. Weil aber diese beiden polaren
Gegensätze — des materialistischen Monismus und des spiri-
284
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
tualistischen Monismus — aus
der selben Wurzel entstammen, so schlagen
sie häufig plötzlich ineinander um. Aller konsequente
Materialismus wird, sobald er bis zu letzten Fragen vordringt,
mystisch, und aller konsequente Spiritualismus und Mystizismus zeigt
für den genauer Zuschauenden ausgesprochen materialistische
Färbung; es gibt kein Entrinnen aus dieser Notwendigkeit.
Eine letzte Unterscheidung erheischt noch eine kurze
Betrachtung.
Als Ergänzung unserer bisherigen Versuche, die
Gegenwart aus der
Vergangenheit bis zur Klarheit zu entwirren, bleibt eine Tatsache von
bedeutender Tragweite hervorzuheben, die in der obigen Betrachtung
nicht zum Ausdruck kommen konnte. Jede Darstellung, welche der geraden
Linie der zeitlichen Aufeinanderfolge nachgeht, und auch jeder
Überblick, welcher der Vereinfachung halber nach einem einzigen
Prinzip sich richtet, wird — gleichviel welches der Gegenstand ist —
nur einem Teil der Lebenserscheinungen gerecht werden, denn deren
Mannigfaltigkeit ist supralogisch. Schütteln wir also das soeben
Erworbene vorübergehend von uns ab, und treten wir mit frischen
Augen noch einmal an die Vorstellung „Natur“ heran.
Abgesehen davon, welchen Umfang und welche Deutung
man der Vorstellung
einer physis-Natur zugesteht,
abgesehen davon, ob man zu den Naiven, zu
den Dogmatikern, zu den Methodikern gehört, kommen zwei
Auffassungen vor über das Verhältnis des Menschen zu den
Phänomenen der ihn umgebenden und durchdringenden Welt: die Einen
setzen voraus, der Menschengeist umfasse die Umwelt — sagen wir
einfach, umfasse die physis-Natur
oder sei ihr zumindest gewachsen
(adäquat) —, woraus die Annahme folgt, der Mensch werde sie, wenn
nicht heute, dann morgen lückenlos ausdeuten können; die
Anderen sind dagegen überzeugt, die physis-Natur umfasse den
Menschengeist, überflügele ihn nach allen Richtungen und sei
deswegen nie von ihm auszukennen. Wir können dasselbe zur
Vermehrung der Deutlichkeit noch anders aussprechen. Daß Natur
und Menschengeist sich nicht genau decken, sieht jeder besonnene
Forscher ein: der eine ist nun mehr geneigt, die Natur aus dem
Menschen, der andere, den Menschen aus der Natur zu erklären;
wobei der erste sich eine harmonisch zu vollendende Aufgabe vorstellt,
weil nach seiner Ansicht die Bedingungen zur Lösung
285
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
im Menschen selber gegeben
vorliegen, dahingegen der zweite sich
infolge der eingeborenen Unzulänglichkeit des menschlichen Denkens
von ewig unlösbaren Problemen umgeben sieht. Die erste Anlage ist
spezifisch hellenisch, wenngleich sie auch unter uns vereinzelt
vorkommt; die zweite ist von Anfang an der kennzeichnende, unserer
ganzen neuen Wissenschaft sein Gepräge aufdrückende Zug der
Forschungsmethode der Germanen (worunter ich den Nordeuropäer
aller Nationen, auch Italiens, den Schöpfer unserer heutigen
Zivilisation und Kultur verstehe). Der Hellene, gleichviel welcher
Schule er angehörte, hat nie gezweifelt, der Menschengeist werde
alle Phänomene ausdeuten können; ein Sokrates meint gar, jede
Beobachtung sei überflüssig, und wolle man z. B. wissen, ob
die Erde stillstehe oder sich bewege, so dürfe man nur fragen: was
hält die Menschenvernunft für das angemessenste? dieses
müsse fraglos statthaben. Doch auch unter den beobachtenden
Astronomen und Mathematikern der Hellenen ist jeder überzeugt, die
lückenlose Klarlegung aller Vorgänge der Natur sei nur eine
Frage der technischen und gedanklichen Ausbildung. Im Gegensatz hierzu
bildet eine Grundlage aller germanischen Wissenschaft das
Mißtrauen gegen die Konstruktionen der Menschenvernunft; diese
abwehrende Geistesrichtung wird durch die positive einer
leidenschaftlichen Hingabe an die treue Beobachtung der Natur
ergänzt, einschließlich des Experimentes, das sich zur
Beobachtung wie das Teleskop zum Auge verhält und das
bezeichnenderweise den Hellenen unbekannt blieb; „ihnen fehlt die
Kunst,“ schreibt Goethe, „Versuche anzustellen, ja sogar der Sinn
dazu.“ Was ich hier hervorhebe, hat mit historischer Verkettung nichts
gemein; es liegt auch tiefer eingewurzelt als in jener
Oberflächensphäre, wo der Streit der Schulen tobt; wir gehen
wohl nicht irre, wenn wir darin den Ausdruck einer angeborenen
Rassenanlage erblicken, die sich dann auch den fremdrassigen
Volksgenossen mehr oder weniger aufdrängt.
Wir unterscheiden also eine „hellenische“ Auffassung
des
Verhältnisses zwischen Mensch und Natur (die aber bei uns noch
nachwirkt und bisweilen spontan vorkommt) von einer „germanischen“, die
mancher Nichtgermane sich aneignen mag. Auch diese Unterscheidung wird
uns gute Dienste leisten, namentlich wenn wir uns hüten, sie mit
der früher gemachten zu verwechseln.
286
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Der Begriff „Natur“
Zum
Beschluß dieses Abschnittes und zugleich als Überleitung
in den nächsten möge eine allgemeine Bemerkung dienen, die
das bisher Gesagte zusammengedrängt vorführt und zugleich auf
das Kommende deutet. Ich rede von der unberechenbaren Macht
einer I d e e ¹).
Eine Idee, das zeigt uns die Geschichte des Wortes
„Natur“,
fördert oder hemmt, schenkt Klarheit oder stiftet Verwirrung, hebt
den Menschengeist oder drückt ihn nieder, oft auf Jahrhunderte.
Man denke sich ins vierte Jahrhundert vor Christo zurück. Die Idee
„Natur“ im Sinne der physis
des Anaxagoras, mag sie auch Manchem
abstrakt erscheinen, wirkt auf jede Erforschung, sei es der Dinge, sei
es des Geistes, wie eine Offenbarung; in die Dämmerung, wo die
alten Beobachter und Philosophen der Hellenen herumgetappt hatten mit
ihren angeblichen Weltprinzipien — einmal des Feuers, ein anderes Mal
des Wassers, ein drittes Mal der Zahlen, ein viertes Mal der Liebe und
des Hasses, usw. —, bricht plötzlich der Tag ein. Und in diesem
neuen Tage wirken die Geister aller Richtungen fortan friedlich
nebeneinander, sich gegenseitig im Wettstreite fördernd. Der
Anblick wirkt bestrickend; denn bei allem Widerstreit der Meinungen
weiß man immer, wovon die Rede ist; und man weiß es, weil
der Begriff einer Physis und einer Nicht-Physis Ordnung geschaffen hat
und der Konfusionsbegriff einer „Natur“ noch nicht besteht. Durch
Lucretius wird sofort alles anders; seine Idee engt den Menschengeist
ein, verkrüppelt seinen Flug. Die Atome und der leere Raum,
ursprünglich wissenschaftliche Spekulationen hellenischer Meister
zur Deutung der physis
allein, werden nun so zugerichtet, daß
jeder Flachkopf parva opella
(mit geringer Mühe) Bescheid
über die Natur weiß und mit dieser einen armseligen Idee
alle Weisheit zu besitzen wähnt. Ein bequemstes Vademecum für
Freidenker auf der Gasse! Unser heutiger Tag kennt ähnliche Dinge,
aber noch bedeutend dümmer! Dann kommt die Kirche, der es von
amtswegen zusteht, alles zu wissen, ohne irgend etwas lernen zu
müssen; sie verwirft zwar die Atome, weil sie sie in der Genesis
nicht angeführt findet, doch das greifbare D i n g
—————
¹ Es sei daran erinnert, daß wir
mit
Plato unter „Idee“ alles zu
verstehen haben, was Einheit schafft; jede Idee ist eine Schöpfung
des Menschengeistes: die Idee „Hund“ ebenso wie die Idee
„Gerechtigkeit“.
287
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
des Lucretius, die Idee
„Natur“, behält sie als ausgemachte
Wahrheit, modelt diese Idee nach ihrem Bedürfnis um und
personifiziert sie, sei es zur Exekration, sei es zur Adoration.
Inzwischen stellen die Neoplatoniker die Idee einer „Natur“ auf, die
ein bloßes Phantom ist ... So wird die aus höchster
Besonnenheit geborene Idee physis
durch die zwar aus ihrer Anregung
entstandene, doch durch philosophische Unfähigkeit, religiöse
Voreingenommenheit, schwärmerische Überschwenglichkeit,
hochtrabende Unwissenheit völlig verunstaltete, proteusartige Idee
„Natur“ verdrängt; die Klarheit ist ausgelöscht, die
nächtliche Verwirrung ist eingebrochen.
An diesem Beispiel lernen wir: wer Ideen
aufzustellen unternimmt, die
weder in genialer Anschauungskraft geboren noch in geduldiger,
anschmiegender Besonnenheit gereift sind, begeht ein Verbrechen gegen
den Menschengeist, den sein eigenes Gebilde fortan umnachtet; wer
dagegen der Menschheit eine im Überreichtum des denkenden
Anschauens gezeugte, aus wahrem Notdrang des Geistes hervorgegangene,
wohl-erwogene, genau angemessene, „dem unzweideutigen Genie der Natur“
(S. 264) nahverwandte Idee schenkt, dieser schafft
froher Denkarbeit
und wachsender Anschauungsfülle auf Geschlechter hinaus Luft und
Licht.
—————
Goethe's
Standpunkt
Jetzt wenden wir uns der Frage zu: was verstand
Goethe unter „Natur“?
Und wie verhielt er sich ihr gegenüber? Die eigentliche
Weltanschauungsfrage — Natur im Verhältnis zu Gott usw. — kommt
für uns vorläufig nicht in Betracht; zwar können wir
nicht umhin, sie hin und wieder zu streifen, doch handelt es sich in
diesem Kapitel lediglich um den Erforscher der Natur: w a s
wollte er
erforschen? und w i e wollte er es erforschen?
Wenige Aussprüche Goethe's sind so weit und
breit bekannt wie
folgender: „Ich für mich kann, bei den mannigfaltigen Richtungen
meines Wesens, nicht an e i n e r Denkweise genug
haben; als Dichter
und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist hingegen als
Naturforscher, und eins so entschieden als das andere. Bedarf ich eines
Gottes für meine Persönlichkeit als sittlicher Mensch, so ist
288
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
dafür auch schon
gesorgt.“ So lauten die Worte in dem diktierten
Briefe an Jacobi; der eigenhändige Zettel mit der
ursprünglichen Aufzeichnung des Gedankens dient zur willkommenen
Ergänzung:
„Wir sind
{
|
naturforschend |
|
{
|
dichtend |
|
{
|
sittlich |
| Pantheisten |
|
Polytheisten |
|
Monotheisten.“ |
Es ist interessant zu sehen, daß Goethe dem Freunde
gegenüber — also wo er der Welt sich zuwendet — den Dichter
voranstellt, wie die Welt es von ihm erwartete, bei sich selbst dagegen
sich instinktiv an erster Stelle fragt, was er „naturforschend“
empfinde.
Die bewundernswerte Schärfe, mit der an diesen
beiden Stellen
unterschieden wird, erleichtert unsere Aufgabe. Denn daß ein Mann
von Geist zwischen mehreren „ismen“ hin- und herschwanke, namentlich
wenn es sich um „theismen“ handelt, wäre nicht neu; hier aber wird
unter dem Symbol des Göttlichen auf drei verschiedene
Weltanschauungen hingewiesen, nicht, weil der Geist zögert, zu
welcher er sich bekennen soll, sondern weil, je nach der Tat, die das
Gemüt im Augenblick erfüllt — Forschen, Dichten, Handeln —
das eine Mal die eine, das andere Mal die andere als fraglos einzig
berechtigt empfunden wird. Man beachte vorzüglich das Eine: nicht
theoretisch-philosophische Erwägungen entscheiden, vielmehr
entscheidet einzig die Richtung, nach welcher sich der Geist gerade
bewegt. Nun denke man sich, Goethe schriebe statt an den frommen Jacobi
an einen Naturforscher exakter Tendenz, der, verwirrt durch scheinbar
sich widersprechende Äußerungen, ihn gefragt hätte, was
er sich unter Natur eigentlich vorstelle und wie er sich zu ihr
verhalte. Ohne Zweifel würde die Antwort, ebenso wie die obige in
Bezug auf den Gottesbegriff, nicht nach Art eines eindeutigen Credos,
sondern mehrfach gegliedert ausfallen; auch hier würde es
heißen: „Ich kann nicht an e i n e r
Denkweise genug haben“; auch hier würde Goethe nicht zu einer
willkürlich logischen Vergewaltigung seines eigenen Wesens
greifen, sondern zwischen verschiedenen gleichberechtigten Anschauungen
unterscheiden. Für Goethe war die Wahrhaftigkeit, wie wir im
zweiten Kapitel gesehen haben (vgl. S. 165
fg.), nicht so sehr ein
sittliches Gebot wie ein unentrinnbares Bedürfnis der
Persönlichkeit; darum ließ er sich selbst ge-
289
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
währen, betrachtete sein
eigenes, notwendiges Tun mit reinem
Blicke, belog weder sich noch Andere und entdeckte auf diese Weise,
daß die jeweilige Richtung der als T a t
empfundenen
Geistesarbeit zugleich dem übrigen Denken und Fühlen eine
besondere, unterschiedliche Richtung aufdrängte. Wie Novalis
bemerkt: „Bei Goethe ist alles Tat, wie bei Anderen alles Tendenz nur
ist.“ Wir können also von vornherein sicher sein, bei Goethe nicht
bloß keiner eindeutigen Definition von „Natur“, sondern auch
keinem eindeutigen Verhalten ihr gegenüber zu begegnen;
Auffassungen, die sich nicht minder widersprechen als die des
Pantheisten, Polytheisten und Monotheisten, herrschen gewiß
ebenso ruhig und unerschütterlich hier wie dort nebeneinander.
Darum ist aber auf dem beliebten Wege der nach Willkür
herausgehobenen Anführungen kein Verständnis zu gewinnen.
„Zur Einsicht in den geringsten Teil ist die Übersicht des Ganzen
nötig“, stellt Goethe als allgemeinen Grundsatz auf; nirgends mehr
als bei Betrachtung seiner eigenen Persönlichkeit hat man es
nötig, dessen eingedenk zu bleiben. Aus seinen Schriften kann
Jeder herauslesen, was er will, wenn er nicht zuvörderst einen
Überblick über die gesamte Erscheinung gewonnen hat und nun
ebenso scharf und methodisch unterscheidet, wie der Meister selber bei
seinem Bekenntnis zu drei verschiedenen Arten des Gottesglaubens klar
unterschied. Greifen wir darum zur Analyse: die zwei vorangeschickten
Abschnitte dieses Kapitels geben uns geordnetes Material an die Hand.
Was die Auffassung des Begriffes „Natur“ betrifft,
so hatten wir den
fast unentwirrbar verhedderten Stoff in drei große Gruppen
gegliedert: in die der Naiven, der Dogmatiker, der Methodiker. Nun
hatten wir aber des Weiteren allen Grund gefunden, bei den Naiven zwei
wesentlich verschiedene Gesinnungen nicht miteinander zu verwechseln,
die der Freien und die der Unfreien. Auch unter den Dogmatikern und den
Methodikern entdeckten wir je zwei deutlich getrennte Abteilungen:
für die Einen umfaßte der Menschengeist die Natur, für
die Anderen die Natur den Menschengeist; diese Unterscheidung hat
sowohl beim Dogmatiker wie beim Methodiker statt. Der Dogmatiker, der
den Geist über die Natur setzt, ist Spiritualist (mehr oder
weniger monistisch gefärbt), derjenige, der umgekehrt die Natur
über den Geist setzt, ist Materialist
290
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
(eine Überzeugung, die
ebenfalls eine ganze monistische Skala
umfaßt). Bei den Methodikern — den Männern also, die eine
Physis von einer Nicht-Physis sondern — handelt es sich um eine
feinere, jedoch nicht minder belangreiche Unterscheidung: der unter
ihnen, dem es natürlich ist, dem Menschengeist das
Übergewicht zuzuschreiben, wird eine (nach Analogie der Kunst zu
denkende) Architektonik der Natur erstreben, wer dagegen die
außermenschliche Natur als das Umfassende, den Menschengeist als
das Umfaßte betrachtet, wird notwendig allen Rätseln auf dem
Wege der Mechanik nachgehen, und die Mechanik kann unmöglich eine
andere Methode benützen als die der Mathematik, weil Mathematik
genau an dem Punkt entsteht, wo die beiden Welten der Physis und der
Nicht-Physis sich kreuzen. So erkennen wir also im Ganzen nicht
bloß drei, sondern sechs überall und immer deutlich
voneinander zu unterscheidende Auffassungen der Vorstellung „Natur“.
Eine Tafel wird dieses Ergebnis noch deutlicher vor Augen führen
und außerdem den Vorzug haben, Goethe's Stellung — so
vielfältig und darum verwirrend sie auch erscheint — auf einen
einzigen Blick klar zur Darstellung zu bringen.
| Naive |
|
Dogmatiker |
|
Methodiker |
f r e i
|
unfrei |
|
S p i r i t u a l i s t e n
|
Materialisten |
|
A r c h i t e k t e n
|
Mathematiker |
Was wir von Goethe zu sagen haben, enthüllt
sich nunmehr als
verblüffend einfach: er fußt zugleich in allen drei Gruppen;
jedoch gehört er immer ausgesprochen zu der einen der beiden
Unterabteilungen und verwirft die andere: unter den Naiven ist er ein
freier, unter den Dogmatikern ein Spiritualist, unter den Methodikern
ein Architekt. Hiermit ist Goethe's Auffassung von „Natur“ mit
mathematischer Genauigkeit geschildert. Zwei Dinge fallen zunächst
auf: einerseits das beispiellose Nebeneinanderbestehen dreier
Gemütsarten, die sonst die Geister voneinander unterscheiden,
indem Goethe je nach Tag und Stunde — und das heißt, wie wir
sahen, je nach der T a t, die im Augenblick seinem
Wesen die Richtung
gibt — vollkommen naiv, überzeugt spiritualistisch, oder aber
überlegen methodisch fühlt und denkt; andrerseits die
Tatsache, daß Goethe nicht etwa wie so mancher Eklektiker
überall dippt und nippt, son-
291
Viertes Kapitel: Der
Naturerforscher — Goethe's Standpunkt
dern vielmehr aus jeder dieser
verschiedenen Gesinnungen das ihn
Fördernde mit Leidenschaft aufnimmt, das ihn Hemmende mit
Leidenschaft von sich stößt.
Wissen wir nunmehr auch genau, wo Goethe bei
Betrachtung der Natur
Stellung nimmt, so folgt doch aus der Mannigfaltigkeit seiner
Standpunkte die Nötigung, uns jeden einzelnen bis zur vollkommenen
Klarheit zu vergegenwärtigen. Darum müssen wir jetzt Goethe,
den Naiven, und Goethe, den der Alleinheitslehre Geneigten, kurz
betrachten, dann aber länger bei dem Methodiker Goethe verweilen,
weil erst hier, wo er sich als Ideen-Architekt bewährt, in die
tiefsten Tiefen seiner Auffassung der Natur hineingeleuchtet wird; nur
auf diesem Wege kann eine wirkliche Einsicht in Goethe's Bestrebungen
und Leistungen als Naturerforscher gewonnen werden.
Das, was wir im schönsten, oft an das Erhabene
grenzenden Sinne
„naiv“ nennen dürfen, bildet einen Grundzug seines Wesens und
muß daher im Ganzen eher als im Einzelnen aufgesucht werden. Naiv
tritt Goethe an die Natur heran, naiv nimmt er das Studium dieses und
jenes Zweiges der Wissenschaft auf. „Auf eine kindliche Weise“, sagt
Goethe, sei er zu seinen botanischen Ideen gekommen und habe „mit
kindlicher, ja beinahe kindischer Sorgfalt ihnen nachgehangen“;
über die anatomischen berichtet er ähnlich. Tiefen Einblick
gewährt namentlich ein auf die optischen Studien bezügliches
Wort: „Eine unschuldige, Schritt vor Schritt sich bewegende
Naivität, wie die meinige, spielt vor mir selbst eine wundersame
Rolle.“ Namentlich darin bewährt sich Goethe's Naturerforschung
als naiv, daß sie zunächst weder philosophische
Überlegung noch wissenschaftliche Hypothetik zu Hilfe ruft,
sondern einfach an die Natur herantritt, überzeugt, sie werde auf
vertrauensvolles Anfragen leicht verständliche Antworten erteilen.
Je prétends que les
caractères de la Nature sont tous
lisibles, heißt es in einem von ihm französisch
geschriebenen Briefe; in einem anderen lesen wir: „Wie lesbar mir das
Buch der Natur wird, kann ich dir nicht ausdrücken.“ Diese
Stimmung nennt er einmal die der „Anfrage