Hereunder follows the transcription of chapter 4 of Houston Stewart Chamberlain's book Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1921. The 1st edition appeared in 1912.

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 4 van Houston Stewart Chamberlain's boek Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.

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Vorworte & Einleitung
Erstes Kapitel. DAS LEBEN
Zweites Kapitel. DIE PERSÖNLICHKEIT
Drittes Kapitel. DER PRAKTISCH TÄTIGE
Viertes Kapitel. DER NATURERFORSCHER
Fünftes Kapitel DER DICHTER
Sechstes Kapitel. DER WEISE
Anhang & Register





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VIERTES KAPITEL

DER NATURERFORSCHER

Das Genie in seiner höchsten Aus-
bildung fühlt sich selbst und ver-
kennt nicht seinen Wirkungskreis.
Goethe
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(Leere Seite)

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Vorläufige Verständigung

F
ür die Bezeichnung dieses Kapitels habe ich ein besonderes Wort geprägt; ich rede von Naturerforschung und nenne Goethe einen Naturerforscher. Mir lag daran, zwei Verhältnisse, die zusammen eine einzige Tatsache ausmachen, nachdrücklich hervorzuheben: in einem gewissen Umfang gehört Goethe zu unseren Naturforschern, zugleich aber unterscheidet er sich grundsätzlich von ihnen; die Ähnlichkeit und die Unähnlichkeit, beide sollte das neue Wort andeuten.
    Nicht allein in der Auffassung des Poeten:

Sei es mein einziges Glück, dich zu berühren, Natur!

sondern auch im rein „wissenschaftlichen“ Sinne war alles, was man Studium der Natur nennen kann, ein lebenslängliches Bedürfnis des Goetheschen Wesens. Darum bedurfte Goethe für diese Studien der Anleitung und der Mitarbeiterschaft der Naturforscher von Fach sowie des andauernden Gedankenaustausches mit ihnen. Der Stoff ist den Naturforschern und ihm gemeinsam: es handelt sich bei Goethe nicht um ästhetisch-poetische, den Stimmungen unterworfene Natureindrücke, vielmehr um wissenschaftlich genau beobachtete Tatsachenreihen. Auch das Ziel liegt für beide insofern in der gleichen Richtung, als beiden eine Gestaltung dieses Wissens vorschwebt. Das Wort Wissenschaft bedeutet „gestaltetes Wissen“; sobald es im eigenen Sinne verwendet wird, liegt der Nachdruck auf der Tätigkeit des unterscheidenden, ordnenden, zusammenfügenden, auferbauenden Gestaltens. Nichtsdestoweniger ist es wichtiger, das Unterscheidende eher als das Verwandtschaftliche in dem Gestalten des Wissens zu betonen; ja, man darf behaupten: Keiner wird Goethe's Leistungen auf diesem Gebiete, als solchen, gerecht werden, Keiner wird die Bedeutung der Naturstudien in seinem Leben, zugleich ihre mögliche Bedeutung für eine Kultur der Allgemeinheit richtig ermessen, solange er sie kurzweg als Naturwissenschaft auffaßt und sich bei unseren sogenannten „exakten Forschern“ ein abschließendes Urteil über ihren Wert und Unwert holt. Wohl ist Goethe's   S t o f f   der selbe wie der unserer Naturforscher: er erblickt ihn aber mit anderen Augen; wohl ist sein   Z i e l   ein analoges, nämlich Ge-

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staltung: seine Auffassung von „Gestalt“ unterscheidet sich aber so sehr, daß sie gleichsam einer anderen Welt angehört, weswegen Goethe mit der Zeit einsehen mußte, sein Ziel „bleibe den Männern vom Fach unfaßlich, eben weil sie anders denken“. Dazu kommt noch als Drittes die   s i t t l i c h e   T r i e b f e d e r   zu diesen Studien, ein Punkt, den man nicht übersehen darf und in Bezug auf den Goethe in toto von unseren Fachmännern abweicht.
    Einige Worte über diese drei — Stoff, Ziel, Triebfeder — werden genügen, damit wir das, was Goethe unterscheidet, in klaren Umrissen vor Augen erblicken. Aus dieser vorläufigen Verständigung gewinnen wir sofort einen festen Standpunkt, von wo aus wir das weitere Studium mit einiger Zuversicht unternehmen können.
    Um mit der sittlichen Triebfeder zu beginnen: es ist der Stolz der reinen Wissenschaft, dem Wissen allein gewidmet zu sein, unbekümmert, ob dieses Wissen nützt oder schadet, fördert oder hemmt, und namentlich ohne jede Beachtung des möglichen Rückpralls gegen alles, was Kultur des Gemütes zu heißen verdient; wogegen Goethe's Liebe dem Menschen gehört, als geistigem und sittlichem Wesen, und er Schritt für Schritt sich die Frage vorlegt: was wirkt auf diesen veredelnd, was nicht? In seinem vierzigsten Jahre schreibt er an einen Freund: „Es ist mir sehr ernst in allem, was die großen ewigen Verhältnisse der Natur betrifft“; und gerade in einer rein naturwissenschaftlichen Schrift bekennt er sich zu der „wachsenden Überzeugung: daß alles, was durch Menschen geschieht, in ethischem Sinne betrachtet werden müsse“. Eben so wenig wie an l'art pour l'art (eine Lehre, die unter den Romantikern seiner Zeit schon spukte) glaubt Goethe an die unantastbare Würde einer ihren Zweck in sich selbst erblickenden Wissenschaft; dazu schätzt er „den Wert des Lebens“ zu hoch und erkennt zu deutlich „den Unwert einer überhäuften Empirie“. So viel vorderhand in aller Flüchtigkeit über den sittlichen und erziehlichen Hintergrund.
    Doch auch der Blick, den Goethe auf die Natur wirft und der ihm zum Einsammeln seines Stoffes dient, ist ein anderer als der der Fachleute. Nicht, daß er ihre Leistungen verkennt, er behauptet aber, bei diesen „Gildemeistern ... verstumpfen die Organe des Anschauens völlig“, wenn nicht immer, so doch oft; er meint, über der zum „Geschäft gewordenen Beschäftigung ging das Interesse an der

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eigentlichen Naturerscheinung ganz verloren“; die Fachleute „verunnaturen“ die Natur und bringen es so weit, daß man „vor lauter Kram die Natur nicht mehr sieht“; ja, in einem Privatbrief macht er sich mit dem Geständnis Luft: „Einem Gelehrten von Profession traue ich zu, daß er seine fünf Sinne ableugnet.“ Diese Sinne rein zu erhalten und „mit eigenen, frischen Augen zu sehen“: das ist — was die Aufnahme der Naturphänomene anbetrifft — Goethe's Hauptsorge. Darum sagt er (in einem schon im 2. Kapitel teilweise angeführten Satze): „Es kommt jetzt besonders auf Ausbildung des Subjektes an, daß es so   r e i n   u n d   t i e f   a l s   m ö g l i c h   d i e   G e g e n s t ä n d e   e r g r e i f e   und nicht bei mittleren Vorstellungen stehen bleibe, oder wohl gar sich mit gemeinen helfe.“ Bei Goethe lernt man die Sätze Wort für Wort genau erwägen: so „rein“ als möglich, so „tief“ als möglich. Über die Bedeutungsfülle des Begriffes „rein“ bei Goethe war schon wiederholt die Rede; das „tief“ aber deutet darauf hin, daß hier die Reinheit allein nicht ausreicht; es wäre immerhin noch möglich — und wir erfahren es täglich — rein zu sehen und dennoch „bei mittleren Vorstellungen stehen zu bleiben“; zur Reinheit muß die Tiefe hinzukommen, soll der Mensch es mit der Natur aufnehmen; denn einzig „der erhöhte leidenschaftliche Sinn“ ist im Stande, die Natur tief „zu erfassen“; und sein letztes Geheimnis verrät Goethe erst dann, wenn er von einer „produktiven Leidenschaft“ redet, die ihn bei seinen Naturstudien „treibe“. Also rein, tief, erhöht, leidenschaftlich, produktiv: so denkt sich Goethe die Aufnahme des Stoffes.
    Auch hier habe ich nur vorläufig andeuten wollen; das Nähere wird sich erst aus genauerer Einsicht ergeben.
    Noch gründlicher weicht Goethe's Ziel von dem unserer Fachmänner ab. Denn bedeutet auch das Wort Wissenschaft eine „Gestaltung des Wissens“, so darf man ohne Ungerechtigkeit behaupten, das Programm unserer exakten Wissenschaft laute: der Höchstzahl an Tatsachen mit dem Mindestmaß an Gestaltung Herr werden; wogegen Goethe die Überwindung der Tatsachenüberfülle durch ihre vollkommene Umwandlung in erschaute Einheit der Gestalt erstrebt. Es ist der Unterschied zwischen Schema und Architektonik. Da unserer Wissenschaft — bewußt oder unbewußt — das Ideal einer absoluten Wahrheit vorschwebt, einer Wahrheit, die da draußen,

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d. h. außerhalb des Menschenhirns mitten in der Atomenwüste konkret da säße wie eine ägyptische Sphinx auf ihrem Postament, so empfindet sie eine begreifliche Scheu vor konstruktiven Hypothesen und haßt namentlich alle Symbolik. Was ihr aber an Symbolik und Hypothetik für das Werk der Gestaltung unentbehrlich ist, muß so abstrakt wie möglich sein; denn der Lebensnerv aller exakten Wissenschaft ist die Mathematik, und diese kann nur Quantität handhaben, nicht Qualität, für welche sie ohne jegliches Organ ist, also nur Zahl und Maß, nicht Eigenschaft. „Die Naturwissenschaft ist durchgängig eine entweder reine oder angewandte Bewegungslehre“, belehrt uns Kant. Ein leerer Raum und darin Bewegung, nicht aber Bewegung von Etwas, sondern Bewegung von Nichts, nicht einmal von Atomen, sondern nur von mathematischen Punkten ohne Ausdehnung: dies ist das letzte Ziel aller Zweige unserer Wissenschaften. * Einige Disziplinen haben dieses „Ziel aufs innigste zu wünschen“ schon so ziemlich erreicht, für die anderen bedeutet es ein Ideal, nach dem gestrebt werden muß. Goethe's Ideal unterscheidet sich in allen Stücken. Unsere Fachwissenschaft, meint er, befindet sich in einem Wahne, indem sie „darauf ausgeht, sich an die Stelle der Natur zu setzen“, wodurch sie „nach und nach so unbegreiflich als diese selbst wird“. Darum „müssen die Phänomene ein für allemal aus der düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen Marterkammer“ unserer Wissenschaft erlöst werden. An ein absolutes Wissen glaubt Goethe nicht; dazu ist er ein zu tiefer Denker; er weiß, daß wir „doch immer im Felde des Unbegreiflichen und Unaussprechlichen herumwandern“; mit vollem Bewußtsein geht er darauf aus, den Wissensstoff so zu gestalten, wie es ihm geeignet dünkt, nicht, immer mehr tote Tatsachen schematisch einzureihen, sondern Geisteskultur zu bereichern, zu vermannigfaltigen, zu verbreiten; hier, in diesem Ideal, erblickt er die lebendige Wahrheit, nicht dort, in jenem Idol.

Was fruchtbar ist, allein ist wahr!

Ohne Umschweife spricht er es aus: „Wir müssen uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgend eine Art von Ganzheit erwarten.“ Wissenschaft ist eben, wie an der selben Stelle ausgeführt wird und wie wir es alle Tage deutlicher erkennen, grenzenlos, Kunst dagegen ist diejenige Fähigkeit des Menschen, ver-

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mittelst welcher er grenzend abschließt und im Einzelnen das Ganze erkennen lernt. Dazu muß aber in erster Reihe die Grundfrage aller unserer exakten Wissenschaft — die nach dem Warum? — abgewiesen werden, ebenso streng abgewiesen wie die der Theologen nach dem Wozu? Reines Anschauen fragt nur   W a s?   „Hier wird nicht nach Ursachen gefragt, sondern nach Bedingungen, unter welchen die Phänomene erscheinen.“ Denn das Warum entspringt einer logischen Erwägung und verzerrt notwendig die reine Anschauung, indem es sie anthropomorphisiert, das heißt, im schlechten Sinne vermenscht. Der Begriff von Ursache und Wirkung „wird in der Anwendung die Veranlassung zu unzähligen sich immer wiederholenden Irrtümern“. Wir müssen lernen, dieser zur Gewohnheit gewordenen Gedankenrichtung zu entsagen, „die Phänomene freier zu sehen“; unser Anschauen   m u ß   „gereinigt werden“; „zur Naturbeobachtung gehört eine gewisse ruhige   R e i n h e i t   d e s   I n n e r n“.   Von den mathematisch-mechanischen Hypothesen der Wissenschaft heißt es: „sie hindern alle das Wiederbeschauen, das Betrachten der Gegenstände, der fraglichen Erscheinungen von allen Seiten“; wir lernen durch sie viel denken, alles berechnen, verlernen aber das eigentliche Sehen. Wohingegen Goethe im Gegensatz zu dieser Geistesrichtung unserer Wissenschaft „sein Heil nur in der Anschauung findet“ und sich im ausdrücklichen Gegensatz zu den Naturforschern, „die von unten hinauf leiten wollen“, einen „Naturschauer“ nennt, „in der Mitte stehend“. Von wissenschaftlichen Hypothesen will er nur solche gelten lassen, welche die Probleme „dahin versetzen, wo das Beschauen erleichtert wird“; denn das Ziel ist, „das Ganze   i n   d e r   A n s c h a u u n g   gewissermaßen zu beherrschen“ (nicht also in der Berechnung). Zu diesem inkräftigen Erschauen gehört nun als unerläßliche Bedingung das einzig mit Hilfe des Verstandes durchführbare Vereinfachen. „Der Mensch muß die Erscheinungen alle erst bändigen und modifizieren, um sie sich einigermaßen assimilieren zu können“; dann erst gelingt es, „das sonst Undarstellbare in ihm darzustellen“. Es gilt einen Kampf gegen die „millionfache Hydra der Empirie“, gegen die Gefahr des Sichverlierens „in den Minutien des grenzenlos Mannigfaltigen“. „Alle Bemühung geht einwärts und Simplifikation ist der Zweck“, schreibt Goethe in der Zeit seiner ersten eingehenden Studien der Natur; später berichtet er, er könne

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nicht ruhen, bis „alles aufs Einfachste zurückgebracht ist.“ Dann erst, wenn das Auge gereinigt, befreit, geübt, wenn auch das von ihm Erschaute vermittelst der das Beschauen erleichternden Begriffe möglichst vereinfacht worden ist, dann tritt das tätige Anschauen in sein Recht und   g e s t a l t e t.   „Einbildungskraft und Natur scheinen hier miteinander zu wetteifern.“ Auf dieser Stufe unterscheidet dann Goethe einen „höheren Sinn“ von dem bisher allein tätigen „empirischen Sinne“; die „exakte sinnliche Phantasie“ wird herbeigerufen, jene „plastische Imagination“, die der bahnbrechende Physiologe des 19. Jahrhunderts Johann Müller als unvergleichlich bei Goethe preist, und es gilt nunmehr der Grundsatz: „Auf diesen höheren Stufen kann man nicht   w i s s e n,   sondern man muß   t u n.“
    Hiermit ist aber der Wendepunkt bezeichnet; denn sobald der Mensch nicht länger nur Buch führt und berechnet, nur beobachtet und verkettet, sondern selbstherrlich schafft und gestaltet, da befinden wir uns in einem Bereich, wo einzig Genie — mit anderen Worten der Mensch, der über geniale Befähigung verfügt und insoweit er über geniale Befähigung verfügt — das Recht hat, zu reden, oder wenigstens den Anspruch erheben darf, gehört zu werden. Und da tut sich uns denn plötzlich die Erkenntnis auf, daß Goethe's Verhalten sowohl der Natur wie der Menschheit gegenüber trotz der vielen gemeinsamen Interessen in Wirklichkeit nicht bloß im Einzelnen, sondern durchweg von demjenigen unserer Naturforschung abweicht: denn dieser ist die geniale Wirkungsweise geradezu verboten, wogegen die Berechtigung zu Goethe's Verfahren in ihr wurzelt. Der erstaunliche Aufschwung unserer exakten Wissenschaft sowie der ihr allernächst verschwisterten Technik im Laufe des 19. Jahrhunderts ist nicht zum wenigsten der Tatsache zu verdanken, daß gerade mittlere Begabungen hier am Platze sind. Mangel an philosophischer und künstlerischer Beanlagung, willige Einschränkung auf den Bruchteil eines Bruchteils (im Gegensatz zu Goethe's Ideal eines „Wissens, das ins Ganze strebt“), hingegebene Emsigkeit: das sind die besten Bedingungen zur Mitarbeit an dem gemeinsamen Werke des Aufdeckens und Aufstapelns von Tatsachen. Tausenden den Weg zu weisen, genügt eine sehr kleine Anzahl größerer Begabungen; sobald ihrer zu viele sind, entsteht Verwirrung, und der Instinkt der Kollektivität schafft Hilfe, indem er die Bedeutenderen

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bei Seite schiebt. „Bei uns Gelehrten kommt es nunmehr viel weniger auf die Gehirnwindungen an als auf das Sitzfleisch“, sagte mir in den achtziger Jahren ein Mediziner und Naturforscher, der in seinem Fache und als Hochschullehrer Vorzügliches geleistet hat. Selbst die wenigen Naturforscher von unbestreitbar genialen Geistesgaben, denen es gelang, sich gegen das Heer der sieghaften Mittelmäßigkeit durchzusetzen — ein Cuvier, ein Agassiz, ein Clerk Maxwell — ragen in der Geschichte der Wissenschaften nicht in dem Maße hervor, wie man es nach ihrer unvergleichlichen Geistesleistung erwarten sollte; ihre genialen Gedanken werden auf die mittlere Wasserebene heruntergedrückt, ehe ihnen die offizielle Naturkunde Aufnahme gestattet. Ich bin weit entfernt, die exakte Forschung deswegen geringer zu schätzen; es leitet sie der richtige Instinkt, die Natur selbst zu Worte kommen zu lassen im Gegensatz zum einzelnen, wenn auch noch so begabten, der Natur gegenüber nichtsdestoweniger unzulänglichen Hirn; welchen reichen Lohn solche weise Verzichtleistung mit sich führt, das haben die letzten drei Jahrhunderte gelehrt; doch wäre es töricht, die hier tyrannisch waltende Einschränkung nicht gewahr zu werden. Goethe, der mit rührender Dankbarkeit jedes kleinste Verdienst eines Fachmannes um seine Kenntnisse der Naturphänomene rühmt, war doch anfänglich erschrocken, als er auf diesen „Starrsinn“ stieß, den er nicht geahnt hatte. „O, mein Freund!   w e r   sind die Gelehrten! und   w a s   sind sie!“ ruft er in frühen Jahren aus; und später: „Man glaubt nicht, wie viel Totes und Tötendes in den Wissenschaften ist, bis man mit Ernst und Trieb selbst hineinkommt, und durchaus scheint mir die eigentlichen wissenschaftlichen Menschen mehr ein sophistischer als ein wahrheitsliebender Geist zu beleben.“ Nach und nach gewann er einen tieferen Einblick in „die Beschränktheit der wissenschaftlichen Gilden“ und in ihren „Handwerkssinn“, und konnte er auch nicht umhin, gegen den von der Wissenschaft großgezogenen „Obskurantismus mit einem gewissen Unwillen zu verfahren“, der „selbst gesunden Blicken den reinen Tag und die Fruchtbarkeit des Wahren zu verkümmern beschäftigt ist“, wettert er auch hin und wieder gegen „das Pfaffentum, das die Herren errichten“ und mit dem „sie uns aufdringen wollen, was sie selbst nicht wissen, vielleicht nicht einmal glauben“, so tritt doch nach und nach die Beruhigung einer Einsicht ein: er erkennt die

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Notwendigkeit, dieser großen, einer Naturgewalt gleichen Bewegung der nüchternen, strengen, demokratisch farblosen Forschung ihren Lauf zu lassen. Nur darf die noch heute unter uns so viel berufene „allgemeine Übereinstimmung der Forscher“ sich nie mehr anmaßen, ihm imponieren zu wollen; er weiß, wie „herdenmäßig“ es hier zugeht und daß infolgedessen „ein rein fortschreitender, das Problem ehrender Menschenverstand allein steht, eh' er sich's versieht“. Da auch ich mit diesen Ausführungen über Art und Bedeutung von Goethe's Naturansichten allein stehe und man auch meiner Darstellung das „Urteil der Wissenschaft“ entgegenhalten wird, als handle es sich um den Spruch einer obersten Behörde, von der es keine Berufung mehr gebe, so schalte ich hier einen längeren Ausspruch ein, den ich der Beachtung jedes ernsten, freien Lesers empfehle: „Das Schrecklichste, was man hören muß, ist die wiederholte Versicherung: die sämtlichen Naturforscher seien hierin der selben Überzeugung. Wer aber die Menschen kennt, der weiß, wie das zugeht: gute, tüchtige, kühne Köpfe putzen durch Wahrscheinlichkeiten eine solche Meinung heraus; sie machen sich Anhänger und Schüler, eine solche Masse gewinnt eine literarische Gewalt, man steigert die Meinung, übertreibt sie und führt sie mit einer gewissen leidenschaftlichen Bewegung durch. Hundert und aber Hundert wohldenkende, vernünftige Männer, die in andern Fächern arbeiten, die auch ihren Kreis wollen lebendig, wirksam, geehrt und respektiert sehen, was haben sie Bessers und Klügers zu tun als jenen ihr Feld zu lassen und ihre Zustimmung zu dem zu geben, was sie nichts angeht. Das heißt man alsdann: allgemeine Übereinstimmung der Forscher. — Ich habe dieses, was ich hier sage, in Concreto an ganz würdigen Männern gesehen; ihre Sache war: im Felde der Naturlehre ihr Fach, ihr Geschäft, ihre Erfahrungen und Wissen zu innigen, zu isolieren, zu vervollständigen und durchzuarbeiten. Hier waren sie vortrefflich, durch Unterscheiden und Ordnen belehrend, ihr Urteil sicher, genug, höchst schätzenswert. In andern Fächern aber waren sie ganz gemein. Was der Tag hatte, was der Tag brachte, was allenfalls in Kompendien und Zeitschriften stand, das wußten sie, das billigten sie; nahmen aber auch nicht den geringsten weiteren Teil daran.“
    Dem gegenüber ersteht nun von neuem das Prinzip des genial Schöpferischen. An reiner Anschauung der Natur so reich wie nur

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irgend ein zuhöchstbegabter Fachmann, an historischer Kenntnis und Einsicht, somit namentlich an Urteil über Wesen und Bedürfnis des Menschengeistes ihnen allen weit überlegen, fordert Goethe im Namen dieses Prinzips sein Recht, die Wissenschaft als Kunst zu denken, die „grenzenlose Empirie“ zu durchsichtiger Klarheit zu gestalten — und zwar nicht für sich allein, denn da bedürfte es keiner Erlaubnis — sondern sein Recht gehört zu werden, sein Recht, die gefährdete Kultur aus den Klauen der „atomistischen Beschränktheit“ zu erretten, sein Recht, die Natur wieder schön, übersichtlich, faßlich zu gestalten, sein Recht, die edle, klassische Freiheit gegen die barbarische Neoscholastik der Schulen zu verfechten und sittliche Größe und schöpferische Begabung höher zu stellen als die alleinseligmachenden Lehren der Herren Physiker und Chemiker und als die maschinellen Triumphe, die weder in Herz noch Hirn einen Funken schlagen, kurz, das Recht des Genies, das Recht, das die mächtige Gilde — „ein anderes Papsttum“, wie sie Goethe nennt — ihm durch jede Gewalt und Tücke zu schmälern sucht und für das wir heute noch nach hundert Jahren kämpfen müssen, heute, wo die neueste Taktik des Unverstandes darin besteht, den so lange von der exakten Wissenschaft anathematisierten Goethe auf die Ebene der nichtigen Tagesmeinungen herabzuziehen, ihn freundlich patronisierend zu einem „Vorläufer Darwins“ zu stempeln, seine Farbenlehre als „nützlich für Künstler“ passieren zu lassen, und was es sonst noch alles an empörenden Plattheiten gibt. Was diesem erhabenen Geist aufgegangen war, worauf er fünfzig Jahre seines Lebens und seiner Leidenschaft verwendet hat, das ist die Einsicht in ein Neues, in ein Nochnieversuchtes, die Einsicht in eine „Art die Gegenstände der Natur anzusehen und zu behandeln“, die er ausdrücklich als derjenigen unserer heutigen Fachwissenschaft „entgegengesetzt“ und als ein „Loswerden trivialer Vorstellungen und Begriffe“ bezeichnet. Einzig an Plato weiß er anzuknüpfen, „um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und Verwickelung der modernen Naturlehre ins Einfache zu retten“. Nun heißt es aber, den Weg wandeln, den Plato wies. Als Genie hatte Plato gestaltet, und es ist nicht genug, wenn man sagt, er sei seiner Zeit um Jahrhunderte vorausgeeilt, vielmehr ist er aller Zeit vorausgeeilt; ein solcher Geist steht außerhalb der Zeit und befruchtet alle Zeiten, wenngleich er

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von keiner einzigen erschöpfend verstanden wird; ebenso erging es Goethe, dem Naturerforscher, und wird es ihm in der heranstürmenden Zukunft ergehen. Völlig naiv hatte er seinen Weg angetreten; er selber war der Erste, der über das Neue staunte; 1786 schreibt er über seine botanischen Studien: „Ich bin so zu sagen über die Mauer gestiegen; so komme ich von neuen Seiten und auf sonderbaren Wegen zur Erkenntnis“; bald darauf wurde ihm klar, daß er in dieser „Wendung gegen die Natur, zu der er aus eigenstem Trieb auf die individuellste Weise hingelenkt worden“, „weder Meister noch Gesellen finde und selbst für alles stehen müsse“. Noch ehe er das fünfzigste Jahr erreicht hatte, begann des Rätsels Lösung ihm deutlich aufzudämmern, zugleich die Erklärung des tragischen Seelenkampfes, in den seine „Wendung gegen die Natur“ ihn verwickelt hatte. Dafür zeugt das folgende Wort, das zu den gewichtigsten gehört, die je seinem Munde entflossen: „Sind wir im Stande, mit dem Komplex von Geisteskräften, den man Genie zu nennen pflegt, dem gewissen und unzweideutigen Genie der hervorbringenden Natur entgegen zu dringen, so müßte denn doch etwas entstehen, dessen wir uns als Menschen zu erfreuen hätten.“ Mit diesem Satz ist alles ausgesprochen: Ziel, Methode, sittlicher Zweck. Wohl nur halb bewußt hat Goethe an dieser einen Stelle das Geheimnis entschlüpfen lassen: zu der von ihm erträumten Naturauffassung und Naturdarstellung gehöre Genie! „Es wird, wenn Sie wollen, eigentlich die Welt des Auges ... und alles Raisonnement verwandelt sich in eine Art von Darstellung“, schreibt er in dem selben Jahre 1796 an Schiller. Hier sehen wir bis in die innersten Gedankenbewegungen des schöpferischen Geistes: statt der unfruchtbaren Kausalitätsjägerei, die zuletzt zu phantastisch-nichtigen Weltentstehungserklärungen entartet, eine   S c h u l e   d e s   S e h e n s,   bis daß wir die Gegenstände „im Geiste wieder hervorbringen können“ und sie daher zu gleicher Zeit „im eigentlichen und im höheren Sinne anschauen.“ Das ist die Tat, die vorhin an Stelle des Wissens gefordert wurde; das Sichhinaufringen zu einem „höheren Anschauen“; das ist Wissenschaft, als Kunst zu „Ganzheit“ und „Einheit“ zusammengefaßt; das ist, was uns nicht allein als Fachgelehrten, sondern „als Menschen“ Freude schenken kann, was uns nicht allein Technik und Tatsachenkram spendet, sondern Kultur des Geistes und des Herzens.

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    Nun muß ich aber nachtragen, daß ich in jenem oben angeführten unsterblichen Ausspruch über das Genie, das dem Genie entgegendringt, zwei eingeschobene Sätzchen ausgelassen habe; ich tat es, um den Sinn des Hauptsatzes zusammengedrängter wirken zu lassen und auch weil jedes dieser Einschiebsel einen Gedankengang andeutet, der Erläuterungen benötigt; das eine bringt eine unentbehrliche Aufklärung über die Methode dieses genialen Verfahrens, das andere deckt den Ursprung mancher Illusionen und Enttäuschungen Goethe's auf. Nach den Worten über „den Komplex von Geisteskräften, den man Genie zu nennen pflegt“, lesen wir: „der aber oft sehr zweideutige Wirkungen hervorbringt“. Hiermit weist Goethe — wie an Dutzenden anderer Stellen — alles arrogante Geniegebaren von sich; er haßt die angeblich „höhere ideelle Behandlung“, die das Wirkliche geringschätzt und „durch ein Transscendieren und Mysticisieren, wo das Hohle vom Gehaltvollen nicht mehr zu unterscheiden ist“, schließlich dahinführt, wo alles „sich in Traum und Nebel verschweben muß“; zu dem großen Werk, das er sich vorgesetzt hat, gehört die ausführliche, genaue Kenntnis der Phänomene; als erste Forderung bei jedem Versuch, Natur zu gestalten, nennt er: „die Erscheinungen selbst vollständig kennen zu lernen“. Erzeugt die Beschränkung in ein Fach „Starrsinn“ (S. 261), so ist der entgegengesetzte Fehler — das Dilettieren über Naturgegenstände — noch mehr zu fürchten: „Das Unzulängliche widerstrebt mehr als man glauben sollte dem Auslangenden.“ Wir besitzen das Zeugnis von Camper, Johannes Müller, Alexander von Humboldt, Geoffroy Saint-Hilaire, Schleiden, Helmholtz, Virchow, Ferdinand Cohn, Wiesner und anderen Meistern unter den Fachmännern, daß Goethe's Beobachtungen, Experimente, Darstellungen in verschiedenen Teilgebieten der Tier- und Pflanzenkunde, der Physik, Geologie, Meteorologie, die er zur näheren Bearbeitung erwählte, erstaunlich ausführlich, erfindungsreich, genau, unwiderleglich sind; völlig berechtigt ist er, sich in dieser Beziehung zu den Naturforschern von Fach zu rechnen und bewußt auszurufen: „Wir Empiriker und Realisten!“ Dies ein für allemal festzustellen, ist wichtig: Goethe fordert zwar für sein besonderes Werk die geniale „Gemütsanlage“ (wie Kant sich ausdrückt), er weist aber die „oft sehr zweideutigen Wirkungen“ des nicht genügend unterrichten Genies von

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sich. — Der zweite Relativsatz ist vor dem Schlußpassus „so müßte denn doch etwas entstehen“ eingeschaltet und lautet: „könnten Mehrere in Einem Sinne auf den ungeheuren Gegenstand loswirken“. Goethe erkennt die Unmöglichkeit, daß ein Einzelner „die Erscheinungen selbst vollständig kennen lerne“, sobald nämlich diese Forderung sämtliche Gebiete der Naturerscheinungen umfassen soll; wie wir im Laufe dieses Kapitels sehen werden, er selber hat sich aus jeder wissenschaftlichen Disziplin nur einen beschränkten Bruchteil ausgewählt und es dadurch in diesem zur Meisterschaft gebracht; es müßten also Mehrere sich verbinden, Mehrere, von denen Jeder das Genie eines Goethe zur Erfassung der Natur besäße: dann erst könnte jene vollendete künstlerische Vereinheitlichung und Durchgestaltung unseres gesamten Wissens über die Natur gelingen, die ihm vorschwebte, jenes „Etwas, dessen wir uns als Menschen zu erfreuen hätten.“ Ich weiß nicht, ob der Leser sich einer kurzen Ausführung in unserer Einleitung erinnert, in welcher es von Richard Wagner hieß: „Was er von sich fordert, es scheint unmöglich, und dennoch, das Genie in ihm leistet es; was er von der ihn umgebenden Welt fordert, ist (wohlbetrachtet) nichts weniger, als daß sie ebenfalls Genie besitzen solle, und das ist eine unerfüllbare Zumutung.“ Hier finden wir nun Goethe in genau der selben Lage. Daß es „jenes Komplexes von Geisteskräften, den man Genie zu nennen pflegt“, bedürfe, um „die millionfache Hydra der Empirie“, nämlich unsere mathematisch-mechanische Wissenschaft, in „die Welt des Auges“ umzuzaubern, das sagt Goethe ausdrücklich; im selben Augenblicke aber fordert er „Mehrere, die in Einem Sinne auf den ungeheuren Gegenstand loswirken“, also ein Unmögliches; denn nicht nur kommt der Besitz wahrhafter Genialität selten vor, sondern es ist aussichtslos, Genie gerade in dem Heer der naturwissenschaftlich Geschulten erhoffen zu wollen, deren Beschäftigung die grundsätzliche und wohlberechtigte Negation der genialen Gemütslage bedeutet; außerdem wird fast jede echt schöpferische Kraft dem gebieterischen Drange zur Gestaltung ungestüm folgen; wann also dürfen wir auch nur   e i n e n   Mann erwarten, der — außer der genialen Begabung — in dem selben Maße wie Goethe die beharrliche Geduld der Selbstüberwindung besitzt, vorerst unzählige Tatsachen ausführlich genau kennen zu lernen? Selbst dieser Eine mußte trotz seiner vorzüglichen

267 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Vorläufige Verständigung

Leistungen in der empirischen Beobachtung gerade an diesem Punkte eine Schwäche seiner geistigen Rüstung zugestehen: er nennt es „den Widerspruch zwischen seiner Natur und der unmittelbaren Erfahrung“; er gesteht: „Die Beobachtung des Einzelnen war niemals meine Stärke“, und: „Mir graut vor der empirischen Weltbreite.“ Einzig die Glut der Begeisterung hat ihm die Kraft verliehen, Tausende von physikalischen Experimenten anzustellen, Tausende von Beobachtungen über Steine und Lebensgestalten treu zu sammeln; und nicht der dumpfe Rausch eines Wissenwollens um des Wissens willen, sondern vielmehr der unwiderstehliche Drang, aus der Fülle der von der exakten Forschung neu entdeckten Phänomene einen neuen Kosmos zu gestalten, den Menschen zur Freude, den Menschen zur Errettung aus dem Chaos, dem sie im Begriffe sind zu verfallen: das war es, was ihn hierbei und hierzu beseelte. Woher sollen denn die „mehreren“ Goethes kommen? Vielmehr glaube ich, das Werk — auch das naturgestaltende, welches nicht weniger gewaltig ist als irgend ein Größtes, was er sonst geschaffen — ich glaube, das Werk dieses Weltengenius wird wie das der anderen Zuhöchstbegabten einsam emporragen, ein Bruchstück und doch vollendet, eine Schöpfung, an die Keiner heranzukommen vermag, um sie zu vervollständigen. „Nur ein Bild des eigenen Geistes“ heißt es in einer von ihm selbst niedergeschriebenen Aufzeichnung über seine Bestrebungen, unser Wissen von der Natur zu gestalten, „aber nicht bloß des leer wirkenden, imaginativen, (sondern) des ausgearbeiteten, gefühlten, bearbeitenden und bearbeiteten.“ Nirgends, ist Goethe unbewußter, mehr notgedrungen zu Werke gegangen als bei seinen Naturstudien; er berichtet darüber: „Es ging mir mit diesen Entwicklungen natürlicher Phänomene wie mit Gedichten; ich machte sie nicht, sie machten mich.“ Nicht Carlyle allein, auch Andere haben über die unheimliche Klarheit geschaudert, die Schiller und Goethe zur Zeit ihrer Gemeinsamkeit in ihr poetisches Wirken zu bringen suchten, als wollten sie sich wissenschaftliche Rechenschaft über jede Regung der Schöpferkraft ertrotzen; dagegen stürmte, vom Dämonium getrieben, Goethe in seine selbsterfundene Pflicht, die entseelte, in Atome zerschlagene, der Schönheit beraubte Natur zu neuem Leben zu wecken, indem er Bezüge aufdeckte — „Bezüge sind das Leben“ — Organisation schuf, in das Vielfältige

268 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Vorläufige Verständigung

Einheit hauchte, uns Allen „die ideelle Denkweise“ (wie er sie im ausdrücklichen Gegensatz zum „bloßen Beobachten“ nennt) vertraut machte, hiermit das „reine Phänomen“ an Stelle des „wissenschaftlichen Phänomens“ setzte und uns „im Vorübergehenden das Ewige schauen ließ“.
    Somit hoffe ich, mit aller wünschenswerten Deutlichkeit dargestellt zu haben, inwiefern Goethe zu unserer fachmännisch betriebenen Naturforschung gehört, inwiefern nicht. Für den tiefer Schauenden habe ich zugleich auch die Schranken bezeichnet, die diesem Wirken gezogen sind. Aus dem vorerwähnten Satze entnahmen wir eine Unterscheidung zwischen dem Genie „als Genie“ und dem Genie „als nicht Genie“; und in der Tat, ein Mensch, der ganz Genie wäre, wäre eine des Daseins unfähige Ungeheuerlichkeit ¹). Wir haben also damit zu rechnen, daß der geniale Mann nicht überall, nicht immer, und nicht immer im gleichen Maße als Genie wirken wird. Wozu aber noch eine tiefere Erwägung kommt. Denn im Genialen tritt — wie wir seit Kant wissen — eine unpersönliche Kraft in die Erscheinung, eine Kraft, die sich besonders beanlagter Individuen bedient, um zum Durchbruch zu gelangen, wobei aber ein Zwiespalt zwischen dem Persönlichen und dem Überpersönlichen, zwischen der Beschränkung des begabtesten Einzelnen und dem „gewissen und unzweideutigen Genie der hervorbringenden Natur“ unausbleiblich ist, so daß die genial wirkenden Männer geradezu „privilegiert sind“, Fehler zu begehen und „Mißgestalten“ an ihrem Werke zu dulden, deren Entfernung „die Idee schwächen“ würde. Unverzeihlich ist die nüchterne Exaktheit, wenn sie Falsches lehrt; denn zu ihrem Wesen gehört es, unbegrenzt zu sein und das heißt, in lauter Fragezeichen auszulaufen; wohingegen scharfgezogene Umrisse eine Bedingung jedes genialen Werkes ausmachen und gerade auf dieser willkürlich-unwillkürlich grenzenden Linie der Gegensatz des Persönlich-Überpersönlichen, des Zeitlich-Zeitlosen, des Künstlerisch-Naturwahren Ausdruck gewinnt; das muß auch bei Goethe's Naturerforschen zutreffen.“ *
    Bezeichne ich nun Goethe's besondere Art, sich der Natur gegenüber schaffend und gestaltend zu verhalten, mit dem Namen „Natur-
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    ¹) Näheres über Goethe's Auffassung des Begriffes „Genie“ findet der Leser im sechsten Kapitel, Abschnitt „Monade, Gemeinsamkeit“.

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Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Vorläufige Verständigung

erforschen“, so beabsichtige ich, durch den Klang die Verwandtschaft zu betonen, die in wichtigen Beziehungen ihn an unsere fachmännische Naturforschung angliedert und die nicht ignoriert werden darf, da er dort ununterbrochen Belehrung empfing und seinerseits dorthin unerschöpfliche Anregung zurückgab. Goethe ist kein Phantast, sondern ein wirklicher Forscher. „Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen ... nicht zu fassen weiß, der ist als Naturforscher in einer üblen Lage.“ Wollten wir aber Goethe kurzweg zu unseren Naturforschern zählen, seine Methode, seine Ideen, sein Ziel an dem Maßstab der fachgelehrten Wissenschaft einschätzen, wir würden uns jedes wahre Verständnis verrammeln und eine einzig dastehende   T a t   des schöpferischen Geistes genialer Gestaltung auf die Ebene einer zwar aller Anerkennung würdigen, jedoch alltäglichen Leistung herabziehen. Daher die Betonung des Er-forschens im Gegensatz zum bloßen Forschen; der Unterschied ist der selbe wie zwischen erfragen und fragen. Goethe liebte es, durch Voranstellung der Vorsilbe „er“ Worte zu kräftigerem Leben aufzurufen. Jakob Grimm belehrt uns: „In diesem   e r   liegt die von innen auf einen äußeren Gegenstand gehende Wirkung“; Boucke zeigt an der Hand von Beispielen, daß Goethe besonders noch die Richtung auf ein Höheres, die Andeutung eines Hebens und Hinanziehens damit verband. Hierdurch wird die Eigenart dieser Naturdeutung genau bezeichnet: Goethe will tiefer hineingreifen als unsere heutige Naturforschung, bis hinein in jenes „Innere, nicht etwa Abstrakte, sondern Urlebendige“, das von unserer Wissenschaft „gar nicht berührt werden darf“, er will höher hinaus als sie, bis dahin, wo „nicht ein atomistisches Atom geduldet wird“, wo wir anstatt der „mechanischen Formeln“, die „das Lebendige in Totes verwandeln“, das „unzweideutige Genie der Natur“ gewahr werden. Durch diese Tat wird, sagt er, dasjenige gelingen, was unserer unzugänglichen Kastengelehrsamkeit und ihrem abstrakt-praktischen Wissensschema zu bewirken versagt bleibt, es wird nämlich   „d i e   N a t u r   A l l e n   v e r s t ä n d l i c h   w e r d e n“:   in diesen letzten Worten, sieben Tage vor dem Tode geschrieben, liegt der Kulturgedanke, die Kulturhoffnung Goethe's eingeschlossen.

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Der Begriff „Natur“

    Die genaue Begriffsbestimmung eines bloßen Wortes hat uns soeben wesentliche Dienste geleistet; möchte dies den Leser ermutigen, einer zweiten derartigen Untersuchung seine Aufmerksamkeit nicht zu versagen; denn liegen auch spitzfindige Definitionen dem Geiste dieses Buches fern, so gibt es doch Fälle, wo — wie wir es eben erlebten — die Verständigung über ein Wort zugleich Aufschluß über weitverzweigte, verwickelte Gedankengänge gewährt. In diesem Kapitel können wir nun nicht umhin, immer wieder von „Natur“ zu reden; wie wollen wir zu unzweideutigen Ergebnissen gelangen, wenn wir nicht eine bestimmte und unterscheidende Vorstellung davon gewonnen haben, was unter „Natur“ verstanden werden soll? Dieses Wort stellt uns aber einem chaotischen Durcheinander grundverschiedener Gedankenassociationen gegenüber, so daß es ohne vorhergegangene Verständigung unmöglich ist zu wissen, worüber die Rede geht. In dem ersten Abschnitt hatte ich eine neue Vokabel zu erklären; hier werden wir einem sehr alten Worte geschichtlich nachgehen müssen; denn die Vielseitigkeit des Begriffes „Natur“ ist historisch begründet, und Goethe mußte, wie Jeder es muß, an die Auffassungen anknüpfen, die er um sich herum antraf.
    Das Wort „Natur“ ist ein lateinisches. Ungleich den Gebilden unseres angestammten germanischen Gemeinguts — wie Gott, Welt, Mensch —— die in der Kraft ihres eigenen Innenlebens unausdenkbaren Beziehungsreichtum und unbegrenzte Wachstumsfähigkeit besitzen, liegt hier ein fremdes Kunstwort vor, dessen Bedeutung wir nicht erraten und erfühlen können, sondern erlernen müssen. Noch heute dürfte schwerlich ein deutscher Bauer das Wort verstehen, und wie viele Gebildete wären im Stande, genau anzugeben, was sie sich unter „Natur“ vorstellen? Bei den Eingeborenen Latiums verhielt es sich in frühen Zeiten anders; für sie war das Wort ein lebendiges Gebilde, vielseitig an Verwandtes angrenzend, zugleich genau umrissen. Zunächst bedeutete natura für sie „die Geburt“; nichts anderes. Jener urmächtige unter allen Meistern deutscher Sprache, Martin Luther, hat uns das Wort noch in dieser Bedeutung überwiesen: „Wiewohl wir von Natur Juden sind“ (Galater 2, 15), das heißt, von Geburt; ebenfalls: „Wir waren Kinder des

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Zorns von Natur“ (Epheser 2, 3), und ähnlich öfters. Natura bildet einen Seitenzweig des Zeitwortes nascor, nasci, natus sum: gezeugt werden, geboren werden. Solange es unverfälscht angewandt wird, deutet es also auf ein Leben, das aus Leben entsteht und zu Leben hinführt, niemals auf Lebloses. Diesen ursprünglichen Vorstellungskreis des Zeugens und Geborenwerdens merke sich der Leser wohl; denn trotz der vielfachen Schicksale, die des Wortes natura harrten, behauptete sich dieser ursprüngliche Sinn durch alle Zeiten unausrottbar und schenkt ihm noch heute den Beigeschmack eines Lebendigen.
    Schwerlich hätte eine vom Ursinn schroff abbiegende Ausweichung jemals stattgefunden, wenn nicht infolge der reger werdenden Beziehungen zu den Hellenen die Aufmerksamkeit einiger begabteren Römer neben dem griechischen Dichten auch auf das griechische Forschen und Denken gelenkt worden wäre, das sie in unvergänglicher Bedeutungsfülle ausgebreitet entdeckten. Die Römer selber hatten im Laufe ihrer langen Geschichte nie einen Philosophen und nie einen Naturforscher besessen; nun fanden sie sich plötzlich einer eifrig gepflegten Mathematik, Astronomie und Anfängen weiterer Erkundung der Natur, sowie einer völlig ausgereiften Besinnung gegenüber, die sich im Laufe der Jahrhunderte eine reich gegliederte Organisation von Vorstellungen geschaffen hatte mit einer entsprechend ausgebildeten Begriffssprache, in welcher alle Forscher sich untereinander verständigten, gleichviel ob zur gegenseitigen Zustimmung und Bekräftigung oder aber zum Kampfe widerstreitender Meinungen. Sobald es nun dem höherer Bildung entgegenreifenden einzelnen Lateiner nicht mehr genügte, sich griechische Geisteskultur für seinen persönlichen Bedarf griechisch anzueignen, sobald ihn eine edle Sehnsucht trieb, die Ergebnisse dieser fremden Arbeit seinem eigenen Volke zu übermitteln, fand er sich vor eine fast unlösbare Aufgabe gestellt; denn er sollte ein nach und nach folgerichtig Ausgebautes sowie eine fertige Technik des Denkens und des Gedankenausdruckes plötzlich in eine weit abliegende Zivilisation hinüberpflanzen, in welcher die Praxis der sozialen Ausgestaltung, der Verwaltung, der Jurisprudenz, des Waffenhandwerks bisher alle Lebensenergie beansprucht und die Sprache demgemäß gemodelt hatte. Wollte er nicht hellenische Wörter zu einer unver-

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standenen Gelehrtensprache latinisieren — was der praktische Popularisierungsgeschmack der römischen Autoren möglichst zu vermeiden gebot — so blieb ihm nichts übrig, als bekannte Wörter des bestehenden Sprachschatzes zum Gefäß für neue Begriffe zu machen. Auf diesem Wege erlitt auch das Wort natura eine vollkommene Metamorphose, indem es nunmehr einen Gedanken der griechischen Philosophen vermitteln sollte, dem es seiner festgewurzelten herkömmlichen Bedeutung nach nicht entsprach.
    Eine der nicht zu umgehenden Vorstellungen, die für die hellenischen Forscher aller Richtungen den gleichen, klaren Sinn besaß, war nämlich der Begriff einer physis. Goethe schreibt einmal:

Dich im Unendlichen zu finden,
Mußt unterscheiden und dann verbinden.

Physis war von Haus aus einer dieser Unterscheidungsbegriffe, erdacht, aufgestellt und bis zur Deutlichkeit durchgearbeitet, um sich „im Unendlichen zu finden“. Der naive Mensch denkt nicht ans Unterscheiden; ohne zu zögern, bezieht er eine Erscheinung auf die andere; auch bei den Hellenen war es in frühen Zeiten nicht anders zugegangen. Indem nun ihr großer Forscher und Denker Anaxagoras — als Erster — sie zwischen dem, was den Sinnen erscheint, und dem, was der Sinneswahrnehmung nicht unmittelbar zugänglich ist, zu unterscheiden lehrte, ward er der Begründer zugleich aller exakten Wissenschaft des Stoffes und aller echten Philosophie des Geistes. Das Erscheinende nannte er physis (ein Wort benutzend, das in der Volkssprache das Äußere, den Habitus an einem Dinge oder an einer Person bezeichnete), das Nichterscheinende (Gedanke, Traum, Hoffnung, Gewissen, Spekulation) belegte er mit dem Namen nûs, einem Wort, das bei Homer bisweilen „Verstand“, bisweilen „Gesinnung“ besagt und das in unseren philosophischen Büchern gewöhnlich mit „Geist“ übersetzt wird. Will man den Gedankeninhalt auf eine einfachste Formel zurückführen, man kann sagen: es handelt sich um die grundlegende Unterscheidung zwischen Stoff und Geist. In einem Volke, wo schöpferische Gestaltungskraft einen so empfänglichen Boden fand, blieb eine derartige Leistung unverlierbar; zwar wurden die Begriffskreise physis und nûs von verschiedenen Schulen verschieden gegeneinander verschoben, die Unter-

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scheidung selbst jedoch erkannten alle an; solche Dinge bilden die Grundlage zu der Möglichkeit eines systematischen Denkens sowie eines folgerichtigen Beobachtens. Da es nun zum Wesen des Begriffs physis gehört, eine methodische   U n t e r s c h e i d u n g   auszusprechen, d. h. also, da von einer physis gar nicht gesprochen werden kann außer im Gegensatz und in Gegenüberstellung zu irgend etwas, was nicht physis ist, so liegt es auf der Hand, daß niemals ein Grieche darauf verfallen konnte, mit einer Betrachtung der bloßen physis die Erkenntnis der Welt erschöpfen zu wollen. Wohl mochte ein Forscher die Alleinheit lehren, diese mußte aber dann hinter physis und nûs liegen, beide umfassend; denn wie immer man die geistigen Phänomene erklären will — und sei es auch rein materialistisch — ihre Existenz kann der Geist selbst unmöglich leugnen. Darum gliedert sich bei allen hellenischen Forschern an die „Physik“ (oder Wissenschaft der physis) eine „Metaphysik“ (wie man die Wissenschaft des nûs benannt hat).
    Dem ihm bisher vollkommen fremden Begriff der physis glaubte nun der Lateiner mit seinem Worte natura am besten zum Verständnis zu verhelfen; alles weitere fließt aus dieser verhängnisvollen Wahl. Denn nun fand ein Durcheinanderschieben wesentlich verschiedener Vorstellungsreihen statt, und zwar durch Menschen, die weder das angeborene Talent noch die anerzogene Schulung besaßen, sich Rechenschaft über ihr Tun zu geben. Von dem methodologischen Unterscheidungswerke des Anaxagoras und seiner Nachfolger hatte der Lateiner nichts begriffen; den Wert dieser Großtat — einer von jenen, an denen die Menschheit heute, nach 2500 Jahren, zehrt und nach weiteren 2500 Jahren noch zehren wird — ahnte er nicht; vielmehr hatte er in den ihm zugänglichen Autoren einzig das eine Bruchstück erfaßt, nämlich die auf die physis allein sich beziehende wissenschaftliche Disziplin der Physik, d. h. einzig die Spekulationen über die Materie, dazu noch die Abhandlungen über die Ethik; alles übrige bleibt unverstanden und darum unverdolmetscht; er begreift nicht, was es soll. Man schlage nur das Wort des Lucretius, De natura rerum, auf! Seine Fragen und seine Antworten sind wie die eines Kindes; zu der eigentlichen Besinnung, zu jener Verwunderung über die Frage selbst, die der griechische Weise als den ersten Ursprung aller Philosophie erkennt, kommt es nie. Ebenso-

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wenig erwägt Lucretius, was in den verschiedenen griechischen Schulen an einander ergänzenden Widersprüchen gedacht und errungen worden war: in dem physischen Abschnitt eines der griechischen Denkerforscher findet er als kühne, geistvolle Kombination die Hypothese der Atome und des leeren Raumes; auf einmal ist ihm alles klar: diese Atome kommen durch Fall, Stoß, Druck zufällig vorübergehend im leeren Raume zusammen und bilden auf diese Weise vergängliche Körper, die je nach den Bewegungsbedingungen der Atome belebt oder unbelebt genannt werden, doch völlig gleichen Wesens sind; wer das weiß, besitzt alle Weisheit; was wir Empfindung nennen, ist „nur eine Bewegungserscheinung des Empfindungslosen“, das angebliche Denken ist nichts weiter als „das Rollen kleiner, glatter, runder Körperchen“ (corporibus parvis et levibus atque rotundis, lib. 3, Vers 205). So ist denn „des Lebens Leben“, wie Goethe es nennt, vollkommen entschwunden, und der Mann, der sein Gedicht mit der Anrufung der Venus begonnen hatte, „weil sie allein das Geborenwerden der Dinge lenke“, lehrt uns jetzt: nam corpora sunt et inane, denn Körper gibt es und leeren Raum; praeter inane et corpora tertia per se nulla potest rerum in numero natura relinqui, außer dem leeren Raume und den Körpern verstattet die Natur nicht irgendeinem Dritten eigenes Dasein. Freilich liegt hier Ohnmacht des Denkens zu Grunde, der leere Raum befindet sich wie gewöhnlich zunächst im Kopfe des Philosophen; doch übersehe man nicht die unheimliche Zauberwandlung, welche durch die Vermählung des Wortes natura mit dem Begriffe physis vor sich gegangen ist; hier fand etwas statt, wozu ein Lucretius nur den ersten Anstoß gegeben hat, dessen unabsehbare Wirkung aber der überpersönlichen Gewalt der Umstände zuzuschreiben ist. Hätte nicht diese Vokabel natura — die Geburt — von Hause aus einen solchen Schatz an Vorstellungen in sich getragen, die alle auf Zeugen und Gezeugtwerden hinwiesen, so hätte sie sich nie zu einem das All umfassenden Begriff aufgeschwungen; andrerseits aber hätte aus dem Vorstellungskreis des Lebendigsten am Leben sich niemals eine Bezeichnung für die dogmatisch-materialistische, die Eigenart der Welt des Geistes leugnende Anschauung ergeben, niemals gerade dieses Wort der Ausdruck für den Kollektivbegriff der Atome und des leeren Raumes werden können, wenn nicht der griechische Unterscheidungsbegriff

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der physis als Bezeichnung des ausschließlich Stofflichen, mechanisch Bewegten im Gegensatz zum Geistigen, Unmechanischen dem Worte natura auf- und eingepfropft worden wäre. Der eine Begriff lieh seine volksmäßige Kraft, der andere seinen wissenschaftlichen Inhalt.
    Wozu noch eine Erwägung kommt, auf die ich nur flüchtigst hindeuten kann: der nie zu überbrückende Gegensatz zwischen dem Geist der griechischen und dem der lateinischen Sprache. Wie Goethe bemerkt: im Griechischen wird durch das Wort „nichts bepfählt und festgesetzt, es ist nur eine Andeutung, um den Gegenstand in der Einbildungskraft hervorzurufen“; dagegen im Lateinischen „der Begriff im Wort fertig aufgestellt ist, im Worte erstarrt, mit welchem nun als einem wirklichen Wesen verfahren wird.“ Das gilt auch hier: die Physis des Anaxagoras deutet auf eine alle Darstellung in Worten übertreffende Erwägung des bewußten Nachsinnens; die Natura der Lateiner ist ein vorhandenes, tastbares Ding.
    Und nun geschah, was vorauszusehen war: die Atomenlehre griechischer Philosophen war nicht Jedem zugänglich, das Wort natura dagegen gewann allgemeine Geltung und verbreitete die Kunde, die Götter seien abgesetzt, das All bestehe aus eigener Kraft. Sofort entsprangen hieraus zwei entgegengesetzte Lehren: einerseits der mechanische Materialismus, der alles Leben leugnet, andrerseits der psychologische Materialismus, der die Belebtheit jedes Atoms voraussetzt: beide knüpfen hier an, und beiden entgegengesetzten Ansichten soll das Wort „Natur“ fortan zur Bezeichnung dienen.
    Hinzu kam nun, etwa zur Zeit der ersten Kirchenväter, eine neue Auffassung, die sich ebenfalls des Wortes natura bemächtigte. Eine neue pseudohellenische Philosophie riefen nämlich die asiatischen, afrikanischen und syreo-jüdischen Mestizen hervor: die Verballhornung Plato's, genannt „Neoplatonismus“. Sie war teils christlich, teils antichristlich; nahe verwandt sind ihr die Geheimlehren der „Gnosis“. Nach dieser Lehre ist die Natur das „Abbild“ des Urbildes, nämlich Gottes; insofern sie als Materie wahrgenommen wird, ist sie ein eigentlich „Nichtseiendes“, ein Phantom; nur Seelisches besitzt wirkliches Sein; der Eine, das Urwesen, ist die alle scheinbaren Arten und Individuen umschließende   A l l s e e l e.   Diese Lehre besaß im frühen Christentum jahrhundertelang großen Einfluß und blühte von

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neuem auf unter den mystischen Pietisten, die Goethe's erste Jugend umgaben, und in der Gruppe Schelling-Hegel, die seinem Mannesalter nahestand. „Natur“ ist hier ein bloßer, mystisch zu verstehender Name für das göttliche All.
    So vom Wurm des Widerspruches innerlich zerfressen, bedeutete also jetzt „Natur“ für die Einen (in Anlehnung an die griechische Bedeutung von physis) eine rein wissenschaftlich methodologische Unterscheidung der Sinnenwelt von der Geisteswelt, für Andere den Inbegriff des Allbelebten, die „Zeugemutter“ (wie ein braver Lexikograph des vierzehnten Jahrhunderts das Wort natura zu verdeutschen suchte), für wieder Andere das Bekenntnis einer lückenlos mechanischen — Leben, Geist und moralische Weltordnung leugnenden — Anschauung, schließlich für Manche ein mystisches Phantom, dem überhaupt keine Wirklichkeit zukommt.
    Man könnte meinen, das wäre Verwirrung genug; der Verlauf der Geschichte sorgte für weitere. Denn inzwischen hatte sich das Christentum zur Weltmacht aufgeschwungen, und damit hatte die Entfesselung der geistig-moralischen Leidenschaftlichkeit stattgefunden; selbst abstrakte Begriffe konnten nunmehr dem Bannfluch verfallen; mit besonderer Heftigkeit geschah dies der „Natur“ gegenüber. Gleichviel welche Auffassung der „Natur“ dem frühen Christen aus den weltlichen Schulen entgegentrat, den Hoffnungsblick in eine bessere Welt als die, mit welcher das rohgewaltsame Kaisertum ihn umgab, fand er hier nicht; und so ward die harmlos-tiefsinnige Erfindung des hellenischen Weisen plötzlich zum Inbegriff des Feindseligen, des Glückzerstörenden, zur Vernichterin der Seele, zur Räuberin himmlischer Unschuld, zur Verführerin in alle Laster, zum Widerdämon. Eine christliche Sekte, die, reichverzweigt, jahrhundertelang große Verbreitung genoß und viele Märtyrer gebar, lehrte sogar, die Natur sei das Werk nicht Gottes, sondern des Teufels. Zwar verwarf die Kirche diese Lehre als Häresie — hatte sie doch den Gottschöpfer vom Judentum übernommen — doch schärften alle Kirchenväter die Abwendung von der Natur als erste Bedingung wahrer Gottgefälligkeit ein; jede Beschäftigung mit Naturgegenständen wird von ihnen als Zeitvergeudung und somit als Sünde gebrandmarkt; Augustinus z. B. will nur soviel Astronomie gestattet wissen, als nötig ist, um den Ostervollmond mit Sicherheit zu be-

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stimmen; selbst ein so tiefer und verhältnismäßig freier Geist wie Scotus Erigena verbietet als Sünde die Bewunderung irgend einer Schönheit der Natur, der indigentia Dei, Armut [oder Leerheit] Gottes, wie sie die Theologie nannte. Ohne mich nun durch diese Betrachtung, so interessante Ausblicke sie auch eröffnet, von unserem Gegenstande ableiten zu lassen, will ich gleich auf eine Tatsache aufmerksam machen, die noch heute bei uns Allen wirksam ist und die wir in der Hauptsache dem Einfluß der Kirche zuschreiben müssen. Verlor nämlich diese frömmelnde Auffassung der Natur nach und nach an Überzeugungskraft, so daß die Kirche heute, um Fühlung mit der lebendigen Menschheit zu behalten, Jesuiten zu Naturforschern kommandieren muß, ein Teil ihres Werkes blieb aufrecht: die   H y p o s t a s i e r u n g   d e r   N a t u r,   d. h. die Verdichtung dieses bloßen Unterscheidungsbegriffes zu einem faßbaren und so zu sagen „persönlichen“ Wesen. In der physis der Hellenen hatte das Ergebnis einer forschenden Besinnung Gestalt gewonnen; es war gleichsam wie das Aufschlagen eines Buches gewesen, das hinfürder nicht bloß von außen als verschlossenes Ganze betrachtet, sondern Seite für Seite gelesen werden sollte; nicht hatte man jedoch damit die Einheit des Sichtbaren und des Unsichtbaren als Erlebnis leugnen wollen; im Menschen selber verflossen ja physis und nûs zum Individuum. Jetzt dagegen war aus dem Unterscheidungs b e g r i f f   der Forscherdenker ein tatsächlich Unterschiedenes, Fürsichbestehendes geworden, mochte es von Gott oder vom Teufel geschaffen worden sein, gleichviel; und der Mensch wurde als zeitweilig in der Natur, doch als seinem Wesen nach nicht zur Natur gehörig betrachtet: seines Sündenfalles wegen wandelt er zwar in ihr, erlöst, wird er ihrer entledigt sein. Natur war also jetzt nicht länger ein Gegensatz zu Geist (wie bei Anaxagoras physis zu nûs), sondern ein Gegensatz zu Mensch: hierdurch entstand eine noch verhängnisvollere Verwirrung als schon durch die Lateiner und ihren Lucretius. Wie buchstäblich diese Personifizierung einer für sich bestehenden, außermenschlichen Natur von nun an aufgefaßt wird, ersehen wir daraus, daß Luther die Natur kurzweg Frau Hulda nennt, sie also einer heidnischen Göttin gleichstellt und von ihr schreibt: „Frau Hulda mit der Potznasen, die Natur, tritt hervor und darf ihrem Gott widerbellen und ihn Lügen strafen usw.“ Nicht aber von den Frommen allein gilt

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dies, es gilt nicht minder von den Ungläubigen. Voltaire ruft aus: Qui est-tu, Nature? Je vis dans toi; il y a cinquante ans que je te cherche, et je n'ai pu te trouver encore. Wo also der Grieche schlicht und klar gesprochen hatte: es wird förderlich sein, zwischen physis (Stoff) und nûs (Geist) zu unterscheiden, denn erst dadurch werde ich Ordnung in das Studium des bewegten Sichtbaren und des denkenden Unsichtbaren bringen, schwärmt hier ein freiester Kopf, der alle Kultur seiner Zeit wie kaum ein Zweiter innehat, von einer Natur, „in der“ er lebt und die „zu finden“ ihm dennoch nicht gelinge! Ein solches Dilemma hätte der hellenische Denker kaum zu verstehen vermocht, und wäre es ihm gelungen, er hätte laut aufgelacht: diese physis, die man mit „du“ anredet, als ob das Leblose Ohren besäße! diese physis, „in der“ der Geist lebt und die als Begriff doch erst dadurch entstanden war, daß ein Denker sie vom Geiste unterschied! diese physis, die der Mensch „sucht und nicht findet“, während es ja sein eigenes Besinnen ist, aus dem sie als Idee erst hervorgegangen war!
    Doch wir sind noch nicht ans Ende gelangt. Ein Wesen, das Haß und Anzweiflung erfährt, werden Andere der Liebe und des Vertrauens würdig erachten; hatten die Kirchenväter vor der Natur gewarnt und die Patarener sie als Teufelswerk verabscheut, so waren wenige Jahrhunderte später die christlichen Mystiker gekommen, die in ihrem schwärmerischen Bedürfnis, mit dem Gott der Liebe zu verschmelzen, sich der von ihm erschaffenen Natur an den Busen warfen und mehr oder weniger bewußt an die vorhin kurz geschilderten Auffassungen der Neoplatoniker und der Gnostiker anknüpften. Franziskus besingt Sonne und Mond, Baum, Bach und Vogel, Kreaturen Gottes wie er selber, als Brüder und Schwestern; Eckhardt redet von dem „wonniglichen Wunder“ der Blumen; Jakob Böhme nennt die Natur „Das Buch Gottes“ und sagt, auf einer Wiese „sehe, rieche und schmecke man die Kraft Gottes“; Giordano Bruno schreibt: La natura non è altro che Dio nelle cose; Pascal, der zu Christus geflüchtete Geometer, spricht den schönen Gedanken aus: La nature a des perfections, pour montrer qu'elle est l'image de Dieu, et des défauts, pour montrer qu'elle n'en est que l'image. So ward aus dem Teufelswerk das Abbild des allweisen und allgütigen Schöpfers. Selbst Diejenigen, die nicht soweit gingen, erblickten zum wenigsten auf

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Schritt und Tritt in der Natur den Finger Gottes; ich brauche nur an die zahllosen apologetischen Bücher zu erinnern. Bald aber trat ein weiterer, unerwarteter Erfolg ein: denn die an Zahl wachsenden Unkirchlichen hatten es leicht, die Sache umzudrehen und von dieser ohnehin so göttlich vorgestellten Natur zu behaupten, sie bedürfe eines Gottes nicht, sie verrichte alles von selbst vollkommen; zu dieser Verwandlung ins Gegenteil genügte ein bloßer Wechsel der Worte. Alle die Werke, die im 18. Jahrhundert über „Das System der Natur“ entstehen, sind offen oder versteckt gegen den Gottesglauben der Kirchen gerichtet, und der gebotene Ersatz ist die Anbetung der Natur. Dies ist aller Beachtung wert: die Vergötterung der sogenannten „Natur“ ist den gläubigsten aller Seelen und den materialistisch gerichteten Geistern gemeinsam.
    Um nun Goethe's Auffassung von „Natur“ genau in den Brennpunkt zu bekommen, müssen wir versuchen, in das Chaos, das die Geschichte vor uns aufgetürmt hat, einige Ordnung zu bringen. Hier wie anderwärts haben sich im Laufe der Zeiten Hauptströmungen gebildet, welche die Nebenflüsse aufnahmen und verschlangen, und es genügt, wenn wir die wesentlich voneinander unterschiedenen Hauptbedeutungen kennen, die der Begriff „Natur“ in den letzten Jahrhunderten unserer Zeitepoche gewonnen hat und die auch Goethe, als er zu denken begann, um sich herum vorfand. Um zum Ziele zu gelangen, wollen wir frischweg vereinfachen und nur drei durch je eine weite Kluft voneinander getrennte Denkungsarten unterscheiden. Jede der drei Grunddenkarten läßt sich mit Hilfe unserer historischen Skizze auf eine ferne Wurzel oder auf mehrere zurückführen.
    Die Einen will ich kurzweg die „Naiven“ nennen: es sind Diejenigen, welche sich niemals selber gefragt haben, was sie unter „Natur“ verstehen. Tun wir auch auf diese Weise ein Gewimmel von verschiedenen, ja von widerstreitenden Meinungen in eine Klasse zusammen, so ist doch die Charakteristik der mangelnden Besinnung Allen gemeinsam; Vereinzelte schöpfen in ihr Kraft, die übergroße Mehrzahl einzig Konfusion. Aus hundert Wurzeln wird hier jede Verwirrung gespeist: die lebendige Kraft des alten Wortes „Natur“, die Lehren des Lucretius, die kirchlichen Vorstellungen und Anathematisierungen, die Vergötterung und die Verteufelung, uralte

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Volksmythen aus vorchristlicher Zeit und allerneueste Weltanschauungen für den Frühstückstisch: alles kreist durcheinander. Die zweite Gruppe ist die der „Dogmatiker“, Männer, die unter „Natur“ sich eine allumfassende Einheit denken, über welche sie dogmatische Urteile fällen, indem sie behaupten, ihr Wesen erfaßt zu haben, und uns nunmehr bestimmt ausführlich darüber unterweisen; ihren Grundlehren nach gliedern sich alle Dogmatiker der Natur in Spiritualisten und Materialisten; sie können kirchlich oder antikirchlich sein. Die Hauptwurzel reicht in diesem Falle zurück auf die altlateinische Vorstellung von natura, der Allerzeugerin. Die dritte Klasse bilden die „Methodiker“, d. h. die besonnen Forschenden. Bewußt oder unbewußt, knüpfen sie alle bei der physis der Hellenen an, begreifen, daß richtiges Unterscheiden jedem Erkennen, jedem folgerechten Untersuchen und Auferbauen zu Grunde liegt; nicht als dogmatisches Bekenntnis entsteht bei diesen Männern der Begriff „Natur“, sondern vielmehr als methodischer Kunstgriff und setzt einen ergänzenden zweiten Begriff voraus, da die Vorstellung „Natur“ etwas Besonderes aus der Gesamtheit des Gegebenen zwecks näherer Untersuchung unterscheiden und ausscheiden soll; eine dogmatische Aussage wäre in diesem Zusammenhang sinnlos.
    Einige Worte zur noch genaueren Bestimmung der drei hier unterschiedenen Grundauffassungen von „Natur“.
    Über die Heerschar der Naiven ist es nicht nötig; viel zu sagen: die Hauptsache ist, daß wir klar unterscheiden zwischen den   F r e i e n   unter ihnen und den   U n f r e i e n.   Für die Ersteren ist die Naivität eine Kraft, für die Letzteren eine Schwäche. Die freien Naiven schöpfen in ihrem Verhältnis zur Natur Vertrauen, Jugend, offene Augen, unverwelkliche Heiterkeit; die unfreien nehmen eine kirchliche, philosophische oder wissenschaftliche Lehre an und wandeln dann geschlossenen Auges und toten Hirnes durchs Leben. Wenn Franziskus den Vögeln im Walde predigt, liegt darin eine Seelenkraft, die alles hinter sich läßt, was Denker und Forscher je erreichen können; eine verwandte Kraft werden wir bald bei Goethe wieder antreffen. Weit häufiger jedoch ruht die naive Auffassung einfach auf Verkümmerung des Denkens, sorgfältig unterhalten durch die Tätigkeit der Pfaffen und der Gegenpfaffen. Für diese Mehrzahl ist „Natur“ ein personifiziertes Wesen, über das man sich

281 Viertes Kapitel: Der Naturerforscher — Der Begriff „Natur“

den Kopf nicht weiter zerbricht; sie liegt ja vor Augen, wozu noch spintisieren? Man könnte die Natur hier definieren als dasjenige Ding, welches weder Gott noch Mensch ist; sie steht im Gegensatz zu Gott, der sie erschaffen hat, und im Gegensatz zum Menschen, der in ihr wohnt. Manche aber streichen in der genannten Trinität von Gott, Mensch, Natur den einen Faktor „Gott“ und kommen mit den beiden anderen allein auch aus. Weder sind ihnen die Widersprüche bekannt, in welche empirische Wissenschaft nach allen Seiten hinausführt, überall rein metaphysische Probleme aufdeckend, noch kennen sie die Gedanken, die aus der höheren Besinnung einzelner Begabtesten, Schöpfer von Ideen, im Laufe der Zeiten herangereift sind. Diese naiven Materialisten besitzen unter allen die beschränkteste, armseligste Auffassung von „Natur“; von Lucretius behalten sie nur die Keckheit und den Unverstand ohne eine Spur jenes hellenischen Geisteshauches, der seiner Dichtung unvergängliches Leben sichert, von der Kirche nur die unsinnige Personifizierung eines Gedankendinges ohne irgend einen Rest des in alle Tiefen des Menschenwesens dringenden religiösen Lebens. Die Tausende sogenannter Gebildeten sowie das Heer der zu einem solchen Credo schwörenden Arbeiterschaft kommen dadurch geistig tief unter jedem unverdorbenen Naturvolke zu stehen, welches, ohne zu zweifeln, kindlich vertrauensvoll sich in den Dingen, die Dinge in sich erblickt und auf diese Weise zu praktisch-poetischer, wahrheitsreicher Anschauung gelangt.
    Wenn es auch manche Berührungen zwischen den Naiven und den Dogmatikern gibt, insofern die Naiven es lieben, dogmatisch und intolerant zu verfahren, so wird doch bei näherer Betrachtung selten eine Verwechselung stattfinden; denn wenn der Naive dogmatisiert, dann tut er's naiv, sei es wie Thomas von Aquin, sei es wie die Herren Büchner und Moleschott; wogegen ich unter „Dogmatikern“ diejenigen verstehe, die über das Wesen der Natur philosophisch und wissenschaftlich nachgesonnen haben und darüber dann apodiktische Behauptungen aufstellen, d. h. Lehren, für die sie nicht blinden Glauben beanspruchen, sondern die Überzeugungskraft erwiesener Wahrheiten. Diese Forscher der vielverzweigten zweiten Gruppe verstehen unter „Natur“   d a s   A l l,   die unvorstellbare, unerfaßliche Idee einer Totalität alles dessen, was war, ist und sein wird,

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wobei die Welt der sittlichen Persönlichkeit eben so eingeschlossen gedacht ist wie die des mechanisch bewegten Sinnfälligen. Jede dogmatische Aussage über das Wesen der Natur führt im letzten Ende zum sogenannten Monismus, d. h. zu einer irgend wie beschaffenen Alleinheitslehre. Alles ist „Natur“, Natur ist „Alles“.
    Hingegen verstehen die Männer der dritten Gruppe, die Methodiker, unter „Natur“ immer einen bestimmten Teil, nie ein Allumfassendes; Natur ist für sie die Gesamtheit des Sichtbaren, genauer gesprochen des Sinnfälligen, einschließlich des eigenen menschlichen Leibes und des Hirns als Organs des Denkens, kurz, die Gesamtheit des Stoffes in seiner gesetzmäßigen Beweglichkeit erfaßt; dieser „Natur“ gegenüber und ihr mehr oder weniger entgegengesetzt (mehr oder weniger nämlich je nach der Geistesrichtung des betreffenden Forschers) wird eine zweite Welt unterschieden, die nicht sinnfällig und überhaupt nicht raumerfüllend, insofern also nicht „Natur“ ist: die Welt der Persönlichkeit, der Freiheit, der sittlichen Verantwortung, der Religion, der Kunst. Beide Welten treffen im Menschen zusammen (der aus Sinnfälligem und Nichtsinnfälligem besteht), und nicht im Menschen allein, sondern überall, wo der Mensch Gestalt erblickt oder Gesetz erkennt, was immer eine Durchdringung von zweierlei voraussetzt. Die Nomenklatur, in der diese Auffassung sich kundtut, ist eine verschiedene: Locke redet von einer nicht-denkenden (incogitative) und einer denkenden (cogitative) Natur, Descartes unterscheidet zwischen „Ausgedehntem“ und „Gedachtem“ (l'étendue et la pensée); auf der höchsten Stufe der Besinnung, zu der uns Immanuel Kant hinaufführt, gelangen wir zu der vollendet klaren Entgegensetzung von „Natur“ und „Freiheit“, zwei Reichen, an denen beiden der Mensch zugleich teilhat, welche es aber unmöglich ist und bleibt ineinander so überzuleiten, daß eines in dem andern enthalten sei oder eines aus dem andern hervorgehe. Wie man nun die Unterscheidung auch treffen mag, bezeichnend bleibt für alle Methodiker die Entgegensetzung von zweierlei und die Beschränkung des Begriffes „Natur“ auf die Bezeichnung des einen Teiles. Und fragt man, was praktisch hierbei herauskomme, so will ich nur das Eine erwähnen: ohne diesen methodischen Grundsatz einer reinlichen Scheidung von Phänomenen, die nicht aufeinander zurückzuführen sind, wäre unsere Mechanik, damit zu-

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gleich unsere gesamte exakte Wissenschaft des heutigen Tages unmöglich gewesen. Die Denkart der Dogmatiker, sowohl in ihrer spiritualistisch-mystischen wie in ihrer materialistischen Abart, kann uns als Gedankenleistung Achtung einflößen, doch ist offenbar diejenige der Methodiker die eigentlich tiefbesonnene; denn sie geht analytisch-unterscheidend vor, disponiert den unermeßlichen Gegenstand alles Erforschens nach richtig unterschiedenen Hauptbestandteilen, schafft dadurch vereinfachende Klarheit, gibt die Anregung zu weiteren grundlegenden Unterscheidungen, wie z. B. zu denjenigen zwischen Materie und Form, zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, zwischen Sinnlichkeit und Verstand usw., ohne aber über letzte Fragen irgend etwas zu präjudizieren (wie der Jurist sagt).
    Den Unterschied zwischen der dogmatischen und der methodischen Auffassung des Begriffes „Natur“ hoffe ich vollkommen deutlich gemacht zu haben. Jede Definition der Natur als Allzeugende, Allumfassende enthält nur halb verschleiert ein Dogma; die bloße Begriffsbestimmung der „Natur“ ist hier schon ein Glaubensbekenntnis. Und wie es zu geschehen pflegt: aus einem ersten Dogma entsteht notgedrungen ein zweites, aus diesen beiden ein drittes, und so weiter; das Gefühl, die vermeintlichen Intuitionen, die kühnen Versicherungen ex tripode bekommen das Übergewicht. Und während bei den Methodikern verschiedene Weltanschauungen friedlich auf dem Boden der selben Unterscheidung stehen, bekämpfen sich hier mit erbitterter Leidenschaft Ansichten, die aus dem selben Grunddogma der allzeugenden Natur hervorgehen und darum in Wirklichkeit nahe verschwistert sind. So führt z. B. die in der Begriffsbestimmung „Natur“ vorausgesetzte Einheitlichkeit von Stoff und Geist zu zwei polar entgegengesetzten dogmatischen Auffassungen, der materialistischen und der spiritualistisch-mystischen, von denen die eine genau eben so viel für sich anzuführen hat wie die andere. Der Materialist deutet nämlich die Einheit zwischen physis und metaphysis so, daß er behauptet, aus bewegtem Stoff entstehe Denken, Fühlen, moralische Tat; wohingegen der Mystiker in der ganzen Welt des Sinnfälligen Seelenleben und Seelenausdruck entdeckt und Giordano Bruno uns versichert: Non est lapis sine anima, kein Stein ermangelt der Seele. Weil aber diese beiden polaren Gegensätze — des materialistischen Monismus und des spiri-

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tualistischen Monismus — aus der selben Wurzel entstammen, so schlagen sie häufig plötzlich ineinander um. Aller konsequente Materialismus wird, sobald er bis zu letzten Fragen vordringt, mystisch, und aller konsequente Spiritualismus und Mystizismus zeigt für den genauer Zuschauenden ausgesprochen materialistische Färbung; es gibt kein Entrinnen aus dieser Notwendigkeit.
    Eine letzte Unterscheidung erheischt noch eine kurze Betrachtung.
    Als Ergänzung unserer bisherigen Versuche, die Gegenwart aus der Vergangenheit bis zur Klarheit zu entwirren, bleibt eine Tatsache von bedeutender Tragweite hervorzuheben, die in der obigen Betrachtung nicht zum Ausdruck kommen konnte. Jede Darstellung, welche der geraden Linie der zeitlichen Aufeinanderfolge nachgeht, und auch jeder Überblick, welcher der Vereinfachung halber nach einem einzigen Prinzip sich richtet, wird — gleichviel welches der Gegenstand ist — nur einem Teil der Lebenserscheinungen gerecht werden, denn deren Mannigfaltigkeit ist supralogisch. Schütteln wir also das soeben Erworbene vorübergehend von uns ab, und treten wir mit frischen Augen noch einmal an die Vorstellung „Natur“ heran.
    Abgesehen davon, welchen Umfang und welche Deutung man der Vorstellung einer physis-Natur zugesteht, abgesehen davon, ob man zu den Naiven, zu den Dogmatikern, zu den Methodikern gehört, kommen zwei Auffassungen vor über das Verhältnis des Menschen zu den Phänomenen der ihn umgebenden und durchdringenden Welt: die Einen setzen voraus, der Menschengeist umfasse die Umwelt — sagen wir einfach, umfasse die physis-Natur oder sei ihr zumindest gewachsen (adäquat) —, woraus die Annahme folgt, der Mensch werde sie, wenn nicht heute, dann morgen lückenlos ausdeuten können; die Anderen sind dagegen überzeugt, die physis-Natur umfasse den Menschengeist, überflügele ihn nach allen Richtungen und sei deswegen nie von ihm auszukennen. Wir können dasselbe zur Vermehrung der Deutlichkeit noch anders aussprechen. Daß Natur und Menschengeist sich nicht genau decken, sieht jeder besonnene Forscher ein: der eine ist nun mehr geneigt, die Natur aus dem Menschen, der andere, den Menschen aus der Natur zu erklären; wobei der erste sich eine harmonisch zu vollendende Aufgabe vorstellt, weil nach seiner Ansicht die Bedingungen zur Lösung

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im Menschen selber gegeben vorliegen, dahingegen der zweite sich infolge der eingeborenen Unzulänglichkeit des menschlichen Denkens von ewig unlösbaren Problemen umgeben sieht. Die erste Anlage ist spezifisch hellenisch, wenngleich sie auch unter uns vereinzelt vorkommt; die zweite ist von Anfang an der kennzeichnende, unserer ganzen neuen Wissenschaft sein Gepräge aufdrückende Zug der Forschungsmethode der Germanen (worunter ich den Nordeuropäer aller Nationen, auch Italiens, den Schöpfer unserer heutigen Zivilisation und Kultur verstehe). Der Hellene, gleichviel welcher Schule er angehörte, hat nie gezweifelt, der Menschengeist werde alle Phänomene ausdeuten können; ein Sokrates meint gar, jede Beobachtung sei überflüssig, und wolle man z. B. wissen, ob die Erde stillstehe oder sich bewege, so dürfe man nur fragen: was hält die Menschenvernunft für das angemessenste? dieses müsse fraglos statthaben. Doch auch unter den beobachtenden Astronomen und Mathematikern der Hellenen ist jeder überzeugt, die lückenlose Klarlegung aller Vorgänge der Natur sei nur eine Frage der technischen und gedanklichen Ausbildung. Im Gegensatz hierzu bildet eine Grundlage aller germanischen Wissenschaft das Mißtrauen gegen die Konstruktionen der Menschenvernunft; diese abwehrende Geistesrichtung wird durch die positive einer leidenschaftlichen Hingabe an die treue Beobachtung der Natur ergänzt, einschließlich des Experimentes, das sich zur Beobachtung wie das Teleskop zum Auge verhält und das bezeichnenderweise den Hellenen unbekannt blieb; „ihnen fehlt die Kunst,“ schreibt Goethe, „Versuche anzustellen, ja sogar der Sinn dazu.“ Was ich hier hervorhebe, hat mit historischer Verkettung nichts gemein; es liegt auch tiefer eingewurzelt als in jener Oberflächensphäre, wo der Streit der Schulen tobt; wir gehen wohl nicht irre, wenn wir darin den Ausdruck einer angeborenen Rassenanlage erblicken, die sich dann auch den fremdrassigen Volksgenossen mehr oder weniger aufdrängt.
    Wir unterscheiden also eine „hellenische“ Auffassung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur (die aber bei uns noch nachwirkt und bisweilen spontan vorkommt) von einer „germanischen“, die mancher Nichtgermane sich aneignen mag. Auch diese Unterscheidung wird uns gute Dienste leisten, namentlich wenn wir uns hüten, sie mit der früher gemachten zu verwechseln.

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    Zum Beschluß dieses Abschnittes und zugleich als Überleitung in den nächsten möge eine allgemeine Bemerkung dienen, die das bisher Gesagte zusammengedrängt vorführt und zugleich auf das Kommende deutet. Ich rede von der unberechenbaren Macht einer   I d e e ¹).
    Eine Idee, das zeigt uns die Geschichte des Wortes „Natur“, fördert oder hemmt, schenkt Klarheit oder stiftet Verwirrung, hebt den Menschengeist oder drückt ihn nieder, oft auf Jahrhunderte. Man denke sich ins vierte Jahrhundert vor Christo zurück. Die Idee „Natur“ im Sinne der physis des Anaxagoras, mag sie auch Manchem abstrakt erscheinen, wirkt auf jede Erforschung, sei es der Dinge, sei es des Geistes, wie eine Offenbarung; in die Dämmerung, wo die alten Beobachter und Philosophen der Hellenen herumgetappt hatten mit ihren angeblichen Weltprinzipien — einmal des Feuers, ein anderes Mal des Wassers, ein drittes Mal der Zahlen, ein viertes Mal der Liebe und des Hasses, usw. —, bricht plötzlich der Tag ein. Und in diesem neuen Tage wirken die Geister aller Richtungen fortan friedlich nebeneinander, sich gegenseitig im Wettstreite fördernd. Der Anblick wirkt bestrickend; denn bei allem Widerstreit der Meinungen weiß man immer, wovon die Rede ist; und man weiß es, weil der Begriff einer Physis und einer Nicht-Physis Ordnung geschaffen hat und der Konfusionsbegriff einer „Natur“ noch nicht besteht. Durch Lucretius wird sofort alles anders; seine Idee engt den Menschengeist ein, verkrüppelt seinen Flug. Die Atome und der leere Raum, ursprünglich wissenschaftliche Spekulationen hellenischer Meister zur Deutung der physis allein, werden nun so zugerichtet, daß jeder Flachkopf parva opella (mit geringer Mühe) Bescheid über die Natur weiß und mit dieser einen armseligen Idee alle Weisheit zu besitzen wähnt. Ein bequemstes Vademecum für Freidenker auf der Gasse! Unser heutiger Tag kennt ähnliche Dinge, aber noch bedeutend dümmer! Dann kommt die Kirche, der es von amtswegen zusteht, alles zu wissen, ohne irgend etwas lernen zu müssen; sie verwirft zwar die Atome, weil sie sie in der Genesis nicht angeführt findet, doch das greifbare   D i n g
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    ¹ Es sei daran erinnert, daß wir mit Plato unter „Idee“ alles zu verstehen haben, was Einheit schafft; jede Idee ist eine Schöpfung des Menschengeistes: die Idee „Hund“ ebenso wie die Idee „Gerechtigkeit“.

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des Lucretius, die Idee „Natur“, behält sie als ausgemachte Wahrheit, modelt diese Idee nach ihrem Bedürfnis um und personifiziert sie, sei es zur Exekration, sei es zur Adoration. Inzwischen stellen die Neoplatoniker die Idee einer „Natur“ auf, die ein bloßes Phantom ist ... So wird die aus höchster Besonnenheit geborene Idee physis durch die zwar aus ihrer Anregung entstandene, doch durch philosophische Unfähigkeit, religiöse Voreingenommenheit, schwärmerische Überschwenglichkeit, hochtrabende Unwissenheit völlig verunstaltete, proteusartige Idee „Natur“ verdrängt; die Klarheit ist ausgelöscht, die nächtliche Verwirrung ist eingebrochen.
    An diesem Beispiel lernen wir: wer Ideen aufzustellen unternimmt, die weder in genialer Anschauungskraft geboren noch in geduldiger, anschmiegender Besonnenheit gereift sind, begeht ein Verbrechen gegen den Menschengeist, den sein eigenes Gebilde fortan umnachtet; wer dagegen der Menschheit eine im Überreichtum des denkenden Anschauens gezeugte, aus wahrem Notdrang des Geistes hervorgegangene, wohl-erwogene, genau angemessene, „dem unzweideutigen Genie der Natur“ (S. 264) nahverwandte Idee schenkt, dieser schafft froher Denkarbeit und wachsender Anschauungsfülle auf Geschlechter hinaus Luft und Licht.

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Goethe's Standpunkt

    Jetzt wenden wir uns der Frage zu: was verstand Goethe unter „Natur“? Und wie verhielt er sich ihr gegenüber? Die eigentliche Weltanschauungsfrage — Natur im Verhältnis zu Gott usw. — kommt für uns vorläufig nicht in Betracht; zwar können wir nicht umhin, sie hin und wieder zu streifen, doch handelt es sich in diesem Kapitel lediglich um den Erforscher der Natur:   w a s   wollte er erforschen? und   w i e   wollte er es erforschen?
    Wenige Aussprüche Goethe's sind so weit und breit bekannt wie folgender: „Ich für mich kann, bei den mannigfaltigen Richtungen meines Wesens, nicht an   e i n e r   Denkweise genug haben; als Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist hingegen als Naturforscher, und eins so entschieden als das andere. Bedarf ich eines Gottes für meine Persönlichkeit als sittlicher Mensch, so ist

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dafür auch schon gesorgt.“ So lauten die Worte in dem diktierten Briefe an Jacobi; der eigenhändige Zettel mit der ursprünglichen Aufzeichnung des Gedankens dient zur willkommenen Ergänzung:

„Wir sind
{
naturforschend
{
dichtend
{
sittlich
Pantheisten
Polytheisten
Monotheisten.“

Es ist interessant zu sehen, daß Goethe dem Freunde gegenüber — also wo er der Welt sich zuwendet — den Dichter voranstellt, wie die Welt es von ihm erwartete, bei sich selbst dagegen sich instinktiv an erster Stelle fragt, was er „naturforschend“ empfinde.
    Die bewundernswerte Schärfe, mit der an diesen beiden Stellen unterschieden wird, erleichtert unsere Aufgabe. Denn daß ein Mann von Geist zwischen mehreren „ismen“ hin- und herschwanke, namentlich wenn es sich um „theismen“ handelt, wäre nicht neu; hier aber wird unter dem Symbol des Göttlichen auf drei verschiedene Weltanschauungen hingewiesen, nicht, weil der Geist zögert, zu welcher er sich bekennen soll, sondern weil, je nach der Tat, die das Gemüt im Augenblick erfüllt — Forschen, Dichten, Handeln — das eine Mal die eine, das andere Mal die andere als fraglos einzig berechtigt empfunden wird. Man beachte vorzüglich das Eine: nicht theoretisch-philosophische Erwägungen entscheiden, vielmehr entscheidet einzig die Richtung, nach welcher sich der Geist gerade bewegt. Nun denke man sich, Goethe schriebe statt an den frommen Jacobi an einen Naturforscher exakter Tendenz, der, verwirrt durch scheinbar sich widersprechende Äußerungen, ihn gefragt hätte, was er sich unter Natur eigentlich vorstelle und wie er sich zu ihr verhalte. Ohne Zweifel würde die Antwort, ebenso wie die obige in Bezug auf den Gottesbegriff, nicht nach Art eines eindeutigen Credos, sondern mehrfach gegliedert ausfallen; auch hier würde es heißen: „Ich kann nicht an   e i n e r   Denkweise genug haben“; auch hier würde Goethe nicht zu einer willkürlich logischen Vergewaltigung seines eigenen Wesens greifen, sondern zwischen verschiedenen gleichberechtigten Anschauungen unterscheiden. Für Goethe war die Wahrhaftigkeit, wie wir im zweiten Kapitel gesehen haben (vgl. S. 165 fg.), nicht so sehr ein sittliches Gebot wie ein unentrinnbares Bedürfnis der Persönlichkeit; darum ließ er sich selbst ge-

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währen, betrachtete sein eigenes, notwendiges Tun mit reinem Blicke, belog weder sich noch Andere und entdeckte auf diese Weise, daß die jeweilige Richtung der als   T a t   empfundenen Geistesarbeit zugleich dem übrigen Denken und Fühlen eine besondere, unterschiedliche Richtung aufdrängte. Wie Novalis bemerkt: „Bei Goethe ist alles Tat, wie bei Anderen alles Tendenz nur ist.“ Wir können also von vornherein sicher sein, bei Goethe nicht bloß keiner eindeutigen Definition von „Natur“, sondern auch keinem eindeutigen Verhalten ihr gegenüber zu begegnen; Auffassungen, die sich nicht minder widersprechen als die des Pantheisten, Polytheisten und Monotheisten, herrschen gewiß ebenso ruhig und unerschütterlich hier wie dort nebeneinander. Darum ist aber auf dem beliebten Wege der nach Willkür herausgehobenen Anführungen kein Verständnis zu gewinnen. „Zur Einsicht in den geringsten Teil ist die Übersicht des Ganzen nötig“, stellt Goethe als allgemeinen Grundsatz auf; nirgends mehr als bei Betrachtung seiner eigenen Persönlichkeit hat man es nötig, dessen eingedenk zu bleiben. Aus seinen Schriften kann Jeder herauslesen, was er will, wenn er nicht zuvörderst einen Überblick über die gesamte Erscheinung gewonnen hat und nun ebenso scharf und methodisch unterscheidet, wie der Meister selber bei seinem Bekenntnis zu drei verschiedenen Arten des Gottesglaubens klar unterschied. Greifen wir darum zur Analyse: die zwei vorangeschickten Abschnitte dieses Kapitels geben uns geordnetes Material an die Hand.
    Was die Auffassung des Begriffes „Natur“ betrifft, so hatten wir den fast unentwirrbar verhedderten Stoff in drei große Gruppen gegliedert: in die der Naiven, der Dogmatiker, der Methodiker. Nun hatten wir aber des Weiteren allen Grund gefunden, bei den Naiven zwei wesentlich verschiedene Gesinnungen nicht miteinander zu verwechseln, die der Freien und die der Unfreien. Auch unter den Dogmatikern und den Methodikern entdeckten wir je zwei deutlich getrennte Abteilungen: für die Einen umfaßte der Menschengeist die Natur, für die Anderen die Natur den Menschengeist; diese Unterscheidung hat sowohl beim Dogmatiker wie beim Methodiker statt. Der Dogmatiker, der den Geist über die Natur setzt, ist Spiritualist (mehr oder weniger monistisch gefärbt), derjenige, der umgekehrt die Natur über den Geist setzt, ist Materialist

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(eine Überzeugung, die ebenfalls eine ganze monistische Skala umfaßt). Bei den Methodikern — den Männern also, die eine Physis von einer Nicht-Physis sondern — handelt es sich um eine feinere, jedoch nicht minder belangreiche Unterscheidung: der unter ihnen, dem es natürlich ist, dem Menschengeist das Übergewicht zuzuschreiben, wird eine (nach Analogie der Kunst zu denkende) Architektonik der Natur erstreben, wer dagegen die außermenschliche Natur als das Umfassende, den Menschengeist als das Umfaßte betrachtet, wird notwendig allen Rätseln auf dem Wege der Mechanik nachgehen, und die Mechanik kann unmöglich eine andere Methode benützen als die der Mathematik, weil Mathematik genau an dem Punkt entsteht, wo die beiden Welten der Physis und der Nicht-Physis sich kreuzen. So erkennen wir also im Ganzen nicht bloß drei, sondern sechs überall und immer deutlich voneinander zu unterscheidende Auffassungen der Vorstellung „Natur“. Eine Tafel wird dieses Ergebnis noch deutlicher vor Augen führen und außerdem den Vorzug haben, Goethe's Stellung — so vielfältig und darum verwirrend sie auch erscheint — auf einen einzigen Blick klar zur Darstellung zu bringen.

Naive     
Dogmatiker     
Methodiker
f r e i
unfrei
S p i r i t u a l i s t e n
Materialisten
A r c h i t e k t e n
Mathematiker

    Was wir von Goethe zu sagen haben, enthüllt sich nunmehr als verblüffend einfach: er fußt zugleich in allen drei Gruppen; jedoch gehört er immer ausgesprochen zu der einen der beiden Unterabteilungen und verwirft die andere: unter den Naiven ist er ein freier, unter den Dogmatikern ein Spiritualist, unter den Methodikern ein Architekt. Hiermit ist Goethe's Auffassung von „Natur“ mit mathematischer Genauigkeit geschildert. Zwei Dinge fallen zunächst auf: einerseits das beispiellose Nebeneinanderbestehen dreier Gemütsarten, die sonst die Geister voneinander unterscheiden, indem Goethe je nach Tag und Stunde — und das heißt, wie wir sahen, je nach der   T a t,   die im Augenblick seinem Wesen die Richtung gibt — vollkommen naiv, überzeugt spiritualistisch, oder aber überlegen methodisch fühlt und denkt; andrerseits die Tatsache, daß Goethe nicht etwa wie so mancher Eklektiker überall dippt und nippt, son-

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dern vielmehr aus jeder dieser verschiedenen Gesinnungen das ihn Fördernde mit Leidenschaft aufnimmt, das ihn Hemmende mit Leidenschaft von sich stößt.
    Wissen wir nunmehr auch genau, wo Goethe bei Betrachtung der Natur Stellung nimmt, so folgt doch aus der Mannigfaltigkeit seiner Standpunkte die Nötigung, uns jeden einzelnen bis zur vollkommenen Klarheit zu vergegenwärtigen. Darum müssen wir jetzt Goethe, den Naiven, und Goethe, den der Alleinheitslehre Geneigten, kurz betrachten, dann aber länger bei dem Methodiker Goethe verweilen, weil erst hier, wo er sich als Ideen-Architekt bewährt, in die tiefsten Tiefen seiner Auffassung der Natur hineingeleuchtet wird; nur auf diesem Wege kann eine wirkliche Einsicht in Goethe's Bestrebungen und Leistungen als Naturerforscher gewonnen werden.
    Das, was wir im schönsten, oft an das Erhabene grenzenden Sinne „naiv“ nennen dürfen, bildet einen Grundzug seines Wesens und muß daher im Ganzen eher als im Einzelnen aufgesucht werden. Naiv tritt Goethe an die Natur heran, naiv nimmt er das Studium dieses und jenes Zweiges der Wissenschaft auf. „Auf eine kindliche Weise“, sagt Goethe, sei er zu seinen botanischen Ideen gekommen und habe „mit kindlicher, ja beinahe kindischer Sorgfalt ihnen nachgehangen“; über die anatomischen berichtet er ähnlich. Tiefen Einblick gewährt namentlich ein auf die optischen Studien bezügliches Wort: „Eine unschuldige, Schritt vor Schritt sich bewegende Naivität, wie die meinige, spielt vor mir selbst eine wundersame Rolle.“ Namentlich darin bewährt sich Goethe's Naturerforschung als naiv, daß sie zunächst weder philosophische Überlegung noch wissenschaftliche Hypothetik zu Hilfe ruft, sondern einfach an die Natur herantritt, überzeugt, sie werde auf vertrauensvolles Anfragen leicht verständliche Antworten erteilen. Je prétends que les caractères de la Nature sont tous lisibles, heißt es in einem von ihm französisch geschriebenen Briefe; in einem anderen lesen wir: „Wie lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich dir nicht ausdrücken.“ Diese Stimmung nennt er einmal die der „Anfrage