Hereunder follows the transcription of chapter 5 of Houston Stewart Chamberlain's book Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1921. The 1st edition appeared in 1912.

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 5 van Houston Stewart Chamberlain's boek Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.

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Vorworte & Einleitung
Erstes Kapitel. DAS LEBEN
Zweites Kapitel. DIE PERSÖNLICHKEIT
Drittes Kapitel. DER PRAKTISCH TÄTIGE
Viertes Kapitel. DER NATURERFORSCHER
Fünftes Kapitel DER DICHTER
Sechstes Kapitel. DER WEISE
Anhang & Register



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FÜNFTES KAPITEL

DER DICHTER


Poesie ist, rein und echt betrachtet,
weder Rede noch Kunst.    Goethe
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(Leere Seite)
 
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Goethe's Sonderstellung

Um Goethe, den Dichter, in seiner Eigenart deutlich zu erblicken, müssen wir einer zwiefachen Anforderung genügetun: wir müssen lernen, das Auge weit schärfer, als gewöhnlich geschieht, auf den einen Punkt allein zu richten, zugleich aber, es an jeder Ferne zu üben. Den im Chaos der literaturgeschichtlichen Geringfügigkeiten zerstreuten, ermüdeten Blick wollen wir darum in langhaftender Ruhe auf die eine ewige Persönlichkeit einengen, die aus jedem Zeitenstrom hervorgetaucht wäre, äußerlich je nach der Epoche verschieden drapiert, doch im Wesen die gleiche; den Horizont dagegen, der diese Persönlichkeit umgibt, wollen wir so weit ziehen, wie wir es nur irgend vermögen, überzeugt, daß einzig aus einer in ihrer ganzen Länge und Breite aufgerollten Welt- und Geistesgeschichte die Perspektive zur richtigen Erfassung einer solchen Erscheinung gewonnen werden kann, sowie auch Vergleichspunkte, bedeutend genug, um zu aufklärenden Analogien und Kontrasten dienen zu dürfen.
    Unter den Dichtern steht Goethe einsam da; die Geschichte weiß von keinem ähnlichen zu berichten; darum fördert sie uns wenig oder gar nicht, es sei denn, wir greifen weit über das Literarische hinaus. Freilich kann in einem gewissen Sinne von jedem schöpferischen Geiste das gleiche behauptet werden: ein jeder steht auf einem Gipfel, zu dem man hinansteigt, von dem aus jedoch kein Pfad weiterführt; die Epigonen, die mit gigantischer Überanstrengung auf Ossa Pelion zu türmen hoffen, stürzen kopfüber zu Tale; einsam ragt der Große durch die Zeiten empor, sich selber, keinem Anderen gleich. Zu jedem dieser Gipfel pflegt aber ein geschichtlich nachweisbarer, von Anderen mühevoll geebneter Weg hinaufzuführen; bei Goethe nicht. Freilich tritt auch er eine Erbschaft an und weiß sie mit besonderer Energie sich einzuverleiben; als schöpferischer Dichter jedoch baut er von unten auf; Keiner, der ihn wirklich kennt, wird ihn unter die anderen Dichter einzureihen verstehen; er gehört keiner Kategorie an; vielmehr steht er doppelt einsam da: nicht bloß ohne Nachfolger, sondern auch ohne Vorgänger. Das erschwert das Verständnis; denn die sonst vertrauten Worte — Lyriker, Dramatiker usw. — verlieren hier ihre gewohnte Geltung, und wie Goethe

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selber von unten auf baute, müssen auch wir es uns nicht verdrießen lassen, ihm Schritt für Schritt nachzugehen.
    Zu diesem Behufe kommt es zunächst darauf an, die unterscheidenden Grundeigentümlichkeiten aufzudecken, welche Goethe's Sonderstellung unter den anderen Dichtern bedingen. Als erste nenne ich seine leidenschaftliche, lebenswierige Hingabe an die bildende Kunst in ihren verschiedenen Abarten.
    Wer achselzuckend über Goethe's Beschäftigung mit Malerei, Bildhauerei und Architektur spricht, urteilt ohne Kenntnis; denn Goethe hat der bildenden Kunst mehr Denk- und Lern- und Methodisierarbeit gewidmet als der Dichtkunst. Eingestandenermaßen gelang es ihm nie, sich in dem Labyrinth der antiken Versmaße zurechtzufinden; brauchte er sie, so mußte ein Riemer oder ein Knebel sie ihm aufzeichnen; „ich habe das Unglück, dergleichen immer zu vergessen“, schreibt er entschuldigend; bei aller unschöpferischen Technik der Sprachbehandlung versagte sein Gedächnis: seine Orthographie blieb schwankend, und er gesteht, die Interpunktion sei „eine Kunst, die er nie habe lernen können“. „Er achtete weit mehr auf das Technische der Malerei als auf das Technische der Dichtkunst“ und erwarb sich auf diese Weise in den bildenden Künsten wirkliche Gelehrsamkeit, sowohl in Bezug auf das Technische wie auf das Historische, weswegen er sich auf diesem Gebiete ein „verständiges“ und „dauerndes“ Urteil zutraut, während er in der Poesie schwankt und nicht weiß, „ob er wohl tue, das eine aufzunehmen und das andere abzulehnen“. Inwiefern Goethe es in der Malerei und Bildhauerei zu selbständiger Produktion brachte oder nicht, ist hierbei von geringem Belang; wir wissen, daß er auf der Sonnenwende seines Lebensweges eine Krise durchmachte (S. 17) und wollen aus ihr weniger das negative Ergebnis des erkannten Unvermögens als das positive der aus dem Mittelpunkt des Wesens auflodernden Leidenschaft entnehmen. Was die Welt als „ein falsches Streben“ beurteilt, „kann für das Individuum ein ganz unentbehrlicher Umweg zum Ziele sein“, schließt Goethe aus seiner eigenen Erfahrung, und nach wie vor lautet sein Grundsatz: „Schreiben muß man nur wenig, zeichnen viel.“ Und warum dies? Weil Goethe erkannt hatte, bei ihm „helfe das Zeichnen und das Kunststudium dem Dichtungsvermögen auf“. Es besteht also zwischen seinen schöpferischen Instink-

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ten ein enger organischer Zusammenhang; die Hingabe an die bildende Kunst ist bei ihm nicht Liebhaberei, sondern vielmehr angeborenes Bedürfnis; dieser von früher Jugend an bis an die allerletzte Stunde (S. 80) vorhaltende „unwiderstehliche Trieb“ nach der Augenweide schöner Werke des in Linien, Farben, Formen dichtenden menschlichen Gemütes ist ein Bestandteil — ein unabtrennbarer Bestandteil — seines eigenen Dichtens. Wilhelm von Humboldt hat in „unschätzbaren Blättern“ darzutun versucht, die bildnerische Übung (Übung der Hand ist hier Schulung des Auges) sei diesem einen Dichter unter allen durch sein besonderes Verhältnis zur   W i r k l i c h k e i t   aufgenötigt worden. Die bildende Kunst erlaube, sagt er, die Übertragung der Wirklichkeit in ein Ideal auf dem Wege des Versuches zu üben, so daß der Künstler nach und nach, von Versuch zu Versuch, seinem Ziele immer näher komme; wogegen die Möglichkeit einer derartigen Schulung dem Gedanken, dem Worte, dem Rhythmus nicht gegeben sei, da diese unvermittelt aus dem nur in Begriffen und Ideen webenden Inneren hervorbrechen. „Wo die Worte fehlen, spricht die Tat“, sagt Goethe von dem Künstler; wo aber dem Dichter die Worte fehlen, verstummt er; er kann sich nicht an eine Staffelei stellen und das Auge auf dem Wege der Übung den Verstand aufklären lassen. Darum heißt denn die Bildungsmaxime unseres Dichters, sich „wetteifernd mit der Natur“ zu   ü b e n,   bis es gelingt, „etwas geistig Organisches hervorzubringen“: hierzu kann er die bildende Kunst nicht entbehren. Mit der Übung in der Bewältigung der äußeren Gestaltung, des „unmittelbar sichtlich Sinnlichen“, schenkt sie aber noch etwas, was kaum Jemand vorausgesehen hätte, nämlich die Übung, auch das   I n n e r e   zum Ausdruck zu bringen. „Vielleicht“, schreibt Goethe, „überliefert der Poet nicht so unmittelbar seine inneren Zustände als der Maler, der, ohne im mindesten daran zu denken, uns zu seinen Gesellen macht und die Welt durch seine Augen und seinen Sinn anzusehen nötigt.“ Goethe's unvergleichliche Meisterschaft in der Wiedergabe der besonderen Stimmung eines Wirklichen dürfte mindestens zum Teil auf eine geheimnisvolle Weise mit der plastisch-malerischen Ausbildung seines Auges zusammenhängen; an seinem Lebensende erkannte er, sie habe ihn „in seinen eigentlichen, wahren Leistungen auf das reellste gefördert“. So schlingt sich denn Goethe's Dichtkunst an der Kunst des Auges

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empor und ist überall mit dieser verwachsen. Mir ist kein anderer Dichter bekannt, von dem man das Gleiche behaupten dürfte.

    Jedoch, nicht allein zu der Kunst des Auges, auch zu der Kunst des Ohres steht Goethe's Dichten in organischen Beziehungen. Zwar fällt es schwerer, dieses Verhältnis klar zu entwickeln; nennt Goethe seine malende Hand eine „stotternde“, so war er kein stotternder, sondern ein stummer Tonkünstler; die Bedeutung der Kunst des Ohres für sein Dichten ist aber trotzdem keineswegs geringer. In einem Versuche, die indoarische Musik der Vorzeit zu charakterisieren, schreibt ein Zeitgenosse: „Es handelt sich überhaupt hier nicht um eigentliche Kunst, sondern um etwas, was tiefer liegt, um das Element, aus welchem Kunst erst entsteigt; es ist nicht die meergeborene Aphrodite, sondern das Meer selbst“; etwas Ähnliches müßten wir von Goethe's Verhältnis zur Musik sagen: sie war ihm ein Element, aus dem er bei seinem Dichten schöpfte. Von dem Genuß, den Musik ihm gewährt, sagt er, „er kann mit keinem andern verglichen werden“. Als er „über Iphigenien brütet ... läßt er sich Musik kommen, die Seele zu lindern und die Geister zu entbinden“. Wer hätte nicht erschüttert das Buch hingelegt, wenn nach der Szene, wo Mignon, von Weinkrämpfen befallen, in Meister's Armen gelegen hat, plötzlich vor der Türe die Harfe erklingt?

    Ich wiegte Schmerz und Sehnsucht
Und jeden Wunsch mit leisen Tönen ein.
Da wurde Leiden oft Genuß, und selbst
Das traurige Gefühl zur Harmonie.

    Wer so dichtet und spricht, dem muß doch Musik mehr sein als Schmuck, Spiel, Zeitvertreib und, im besten Falle, dienende Stütze des Wortes. Als Goethe aus der bedrohlichen Krankheit des Jahres 1801 wieder zum Leben erwacht, ist „das erste höhere Bedürfnis, was er empfindet, nach Musik“. Vom mehrstimmigen a capella-Gesang meint er, dieser „lasse den Menschen seine Gottähnlichkeit empfinden“. Die alten Volksmelodien ergriffen ihn dermaßen, daß er sie als „von Gott erschaffen“ bezeichnet. Waldhörner, aus der Ferne vernommen, wirken auf ihn „wie ein Balsamduft“; in Weber's Euryanthe „ist ihm zu Mute wie etwa einem Christen im tau-

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sendjährigen Reiche“. „Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik ist mir unwahrscheinlich, wie mich der einfache Gesang angreift!“ so ruft der Jüngling der Wertherzeit aus; der Greis spricht einzig der Musik die Macht zu, „des Menschen Wesen durch und durch zu dringen.“
    Auch theoretisch hat Goethe, wie kein Einziger vor ihm, bis auf den Grund gesehen. Er schreibt: „Wäre die Sprache nicht unstreitig das Höchste, was wir haben, so würde ich   M u s i k   n o c h   h ö h e r   a l s   S p r a c h e   u n d   a l s   g a n z   z u   o b e r s t   s e t z e n.“   Der eigenartige Ausspruch zeigt uns Goethe im Kampfe mit der inneren Überzeugung: es treibt ihn dazu, die Musik „noch höher als die Sprache zu setzen“, d. h. ihr eine Fähigkeit des Ausdruckes zuzugestehen, welche die der Sprache übertrifft, und doch wagt er es nicht, dies klipp und klar auszusprechen; denn er ahnt ein Problem, über das man nicht so flüchtig hinweghuschen dürfe, wie seinerzeit Lessing es getan hatte. Dieser lehrt bekanntlich, die Natur habe Poesie und Musik „zu einer und ebenderselben Kunst bestimmt“, und er erwartet von ihnen „eine gemeinschaftliche Wirkung“; wenn aber auch Goethe Lessing anläßlich seiner ästhetischen Arbeiten als „vortrefflichsten Denker“ preist, so bedeutet trotzdem dieses vielzitierte Wort eher einen gegen die beschränkten Ansichten des Pseudoklassizismus gerichteten Geistesblitz als eine wirkliche Aufklärung. Ungleich tiefer reichte Goethe's Blick und gewahrte infolgedessen nicht bloß das „Gemeinschaftliche“, sondern auch ein nie zu tilgendes Gegensätzliche zwischen Wort und Ton. Das poetische Bedürfnis und somit auch der zu erstrebende poetische Ausdruck, das fühlte Goethe, erfordert beides — Sprache und Musik, doch vielfach wechselnd, je nach dem poetischen Gehalt; daher muß in einer vollendeten poetischen Mitteilung das eine Mal das eine Element, das andere Mal das andere „zu oberst“ thronen; so wird sich denn immer wieder das eine „unstreitig Höchste“ von dem andern „noch Höheren“ überflügelt sehen, und die Frage, ob Sprache oder Musik „das Höhere“ sei, bleibt ewig unentschieden, weil falsch gestellt. Später gewann Goethe für die selbe Erkenntnis einen noch feineren Ausdruck. Dichtkunst und Tonkunst, heißt es in den Wanderjahren, „bedingen sich wechselweise und befreien sich sodann wieder „wechselseitig“; je nach der Inspiration des

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Augenblicks „zeigt sich die Herrschaft der Musik über die Poesie“, oder aber es flößt des Poeten „Zartheit und Kühnheit dem Musiker Ehrfurcht und neue Gefühle ein“. Man beachte die Art, wie in Beethoven's Neunter die Bestimmtheit des Ausdrucks einen Punkt erreicht, wo der schaffende Künstler das Wort nicht länger entbehren kann; wogegen in Goethe's Klassischer Walpurgisnacht der Empfindungsgehalt am Schlusse flutartig heranwächst, bis er in den Gesang „All Aller“ an „Eros, der alles begonnen“, ausbricht. So lernt man Richard Wagner's Ausspruch über die Tonsprache als „Anfang und Ende der Wortsprache“ verstehen. Lessing hatte aus literarischer, kritisch hellgeschliffener Gelehrsamkeit geurteilt, Goethe urteilt aus der Not und der Erfahrung der eigenen nach Gestalt und Ausdruck ringenden Seele.
    Wie man sieht, auch die Kunst der Töne ist mit der Poesie dieses Dichters organisch verwoben; aus ihrer Welt schöpft er wie aus einem geheimnisvollen Borne und fühlt sich von ihr zu Höhen gelockt, zu denen er sehnsuchtsvoll ahnend hinanstrebt. Es ist gewiß berechtigt, wenn wir die auffallende Sonderstellung Goethe's unter den Dichtern als hervorgehend aus dem innigen Verhältnis dieses einen Dichters unter allen zu den Künsten des Auges und des Ohres vermuten. Bedenken wir des Weiteren, daß Goethe gern bei jeder schöpferischen Tätigkeit zwischen dem Bewußten und dem Unbewußten unterscheidet, wir werden geneigt sein, die malerischen und plastischen Forderungen der mehr bewußten, die musikalischen Instinkte der vorwiegend unbewußten Sphäre zuzuschreiben. Hören wir ihn dann bemerken: „Das Bewußtsein des Dichters ist eine schöne Sache, aber die wahre Produktionskraft liegt doch am Ende immer im Bewußtlosen“, so irren wir gewiß nicht, wenn wir vermuten, das musikalische Element in seinem Schaffen hänge vornehmlich mit der ersten Konzeption einer Dichtung zusammen, das bildnerische mit deren Vollendung.
    Kein Wunder, wenn dieser Dichter, der zugleich die lenkenden Stimmungen des Tonkünstlers und die formenden Instinkte des echten Bildners besitzt, von andern Dichtern sich unterscheidet.

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Sinnenkunst und Wahnkunst

    In flüchtigen Umrissen habe ich versucht, eigenartige Verhältnisse anzudeuten; vorläufig sollte nur die Aufmerksamkeit geweckt werden; jetzt wird sie aufgefordert, an der Hand Goethe's die feinere Analyse zu unternehmen, ohne welche ein wahres Verständnis nicht zu gewinnen ist.
    Im Gegensatz zu aller Schulästhetik — den „gespensterhaften Stimmen“, wie er sie nennt — lehrt uns Goethe zwischen zwei völlig verschiedenen Kunstwelten unterscheiden, nämlich zwischen den   S i n n e n k ü n s t e n,   welche — eben weil sie in den Sinnen des Auges und des Ohres wurzeln — immer von einer „Wirklichkeit“ (als Inspiration) ausgehen und zu einer „Wirklichkeit“ (als Werk) hinführen, und der   P o e s i e,   deren Heimat „die Welt des Wahns“ ist, in der alle Wirklichkeit nur als schwebende Geistesvorstellung empfangen wird und jedes Kunstgebilde nur als Wahnvorstellung im Hirne Anderer — nicht als sinnlich Wahrnehmbares — Gestalt erhält. Zwischen diesen beiden Welten, sagt er,   „l i e g t   e i n e   u n g e h e u r e   K l u f t“,   so daß es „schwer, ja fast unmöglich ist, von Poesie und Rhetorik überzugehen“ zu den Künsten der bildenden Sinne. Wo aber eine ungeheure Kluft scheidet, da findet keine Angrenzung statt (die irrtümliche Voraussetzung in Lessing's Laokoon), vielmehr handelt es sich um zwei von Grund aus verschiedene Welten, in denen des Menschen Schöpferkraft sich je nach den verschiedenen Anlagen betätigen kann. Hiermit wird keine abstrakte Ästhetik getrieben, sondern es werden unableugbare Grundtatsachen beobachtet und ein für allemal festgestellt.
    Gewiß war es ein geistvoller Gedanke Voltaire's, den Begriff „Kunst“ für die Gesamtheit dessen einzuführen, was der Mensch gestaltend hervorbringt; seine eingehende Beschäftigung mit Physik, Astronomie und anderen exakten Wissenschaften mag für ihn die bestimmende Veranlassung gewesen sein, der Gesamtvorstellung einer Science die Gesamtvorstellung eines Art entgegenzusetzen; wir begreifen auch, daß Schiller und Goethe es sich angelegen sein ließen, diesen umfassenden Begriff einer „Kunst“ in die deutsche Sprache einzuführen. * Früher sprach man von „Künsten“ in der Mehrzahl und verstand darunter die einzelnen Fertigkeiten, indem

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der Nachdruck auf die Beherrschung einer Technik gelegt wurde; auch der Grieche besaß für Kunst kein anderes Wort als Techne, worunter er das verstand, was die Engländer noch heute handicraft nennen. Nunmehr ist der Begriff „Kunst“ dahin verschoben worden, daß der Nachdruck nicht mehr auf der Geschicklichkeit, sondern auf dem Erfindungsreichtum liegt und das Wort — sobald wir es prägnant verwenden — die Schöpferkraft des Menschen überhaupt im Gegensatz zu jener der Natur bezeichnet. Namentlich an dieser Unterscheidung zwischen Kunst und Natur lag Goethe und Schiller viel; sie erhielt ausschlaggebende Bedeutung in ihrer Weltanschauung; wobei aber der Übelstand nicht zu überwinden war und auch nie überwunden worden ist, daß — wie uns aus dem vorigen Kapitel ausführlich bekannt — der Begriff „Natur“ ein schwankender ist. Selbst die Zwei — Goethe und Schiller — mußten ihrem ganzen Wesen nach in der Auffassung von „Natur“ auseinandergehen; Schiller möchte sein Gemüt „von allem Unrat der Wirklichkeit rein waschen“, um dann „den ganzen ätherischen Teil seines Wesens zusammenzunehmen“; „den poetischen Genius“, meint er, könne „die Wirklichkeit nur beschmutzen“; wogegen Goethe die Natur „die Grundfeste der Kunst“ nennt und uns belehrt, bei ihm „ruhe das Poetische durchaus auf dem Wirklichen“; auch macht er einmal aufmerksam, die Natur sei immer vollkommen, die Kunst „selten oder nie“, denn: „Es ist viel Tradition bei den Kunstwerken, die Naturwerke sind immer wie ein erstausgesprochenes Wort Gottes.“ Doch liegt es außerhalb des Gesichtskreises dieses Buches, auf dergleichen schwankende Begriffsstrukturen näher einzugehen; wer sich dafür interessiert, greift am besten zu Heinrich von Stein's kleinem Buche über die Ästhetik der deutschen Klassiker (Reclam); für unseren Zweck genügt es, wenn wir aufgerüttelt worden sind, über den heute landläufig gewordenen Begriff einer einheitlichen „Kunst“ nachzudenken; denn dieser Begriff wird zu einer neuen Quelle der Verwirrung, wenn wir verlernen, mit den Alten scharf zu unterscheiden zwischen den technischen Sinnenkünsten — die alle, weil sie aus Stoff gestalten, eine manuelle, angelernte Geschicklichkeit voraussetzen — und der aus bloßer Phantasie entstehenden und aus bloßer Phantasie auferbauenden Kunst, die wir Poesie im bestimmteren Sinne des Wortes nennen dürfen.

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    So erkennen wir denn mit Goethe zwei getrennte Kunstwelten: eine Welt der Sinnenkünste und eine Welt der Dichtkunst, oder, wenn wir den abstrakteren Ausdruck vorziehen, eine Welt der Kunstwirklichkeit und eine Welt des Kunstwahnes. Zwischen beiden liegt die „ungeheure Kluft“. Von Grenzen ist keine Rede; diese Kluft bedeutet eine vollkommene Trennung. Dagegen bedeutet sie nicht notwendig einen Widerstreit; vielmehr sind beide Welten aufeinander angewiesen, um ein Ganzes der Kunst auszumachen, womit das Ganze der Menschenseele erfaßt werden könne: aus der hellenischen Dichtung geht die hellenische Plastik hervor und aus dem rhythmischen Gesange ihre Bühnendichtung. Nur ist nicht vorauszusetzen, daß je ein Mensch in beiden Welten vollendeter Meister sein könnte; denn es handelt sich um zwei gänzlich verschieden geartete Begabungen, und auf dem langen Wege zur Meisterschaft entfaltet sich die eine Fähigkeit immer mehr, während die andere verkümmert. So scheidet denn die „ungeheure Kluft“ nicht bloß die zwei Kunstwelten voneinander, sondern auch die Wirklichkeitskünstler von den Wahnkünstlern.
    Was Goethe nun auszeichnet — was ihm vielleicht allein unter allen Dichtern eignet — ist die besondere Stellung, die sein schöpferischer Geist einnimmt, genau mitteninne zwischen beiden Welten, zwischen der Kunst des Poetischen und der Kunst der Sinne. Freilich, sobald er schaffen will, muß auch er sich beschränken; selbst ein Goethe vermag nur in einer der beiden Kunstwelten schöpferisch zu bilden; doch bleibt sein „Sinn“ unabwendbar auf die „Sinne“ gerichtet, seine gestaltende Phantasie auf die künstlerisch geformte Wirklichkeit, und infolgedessen hat seine Poesie unmittelbar teil an Eigenschaften, die sonst nur der Bildnerei und der Tonkunst zukommen; nicht äußerlich teil, nicht als Anlehnung und Nachahmung, wohl aber innerlich, als Eigenart der Empfindung und der Erfindung; und insofern dürfen wir behaupten, seine Poesie stehe zu beiden sonst geschiedenen Kunstwelten in organischer Beziehung.
    Um nun phrasenlos genau zu verstehen, was hiermit ausgesagt wird, dürfen wir nicht zu schnell weiter eilen, sondern müssen uns volle analytische Klarheit über zwei Dinge verschaffen: einerseits über die in sich gespaltene Einheit der beiden Sinnenkünste, die zwar der gleichen Welt angehören, sich aber dennoch gründlich von-

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einander unterscheiden, andrerseits über die von jeder Sinnenkunst völlig unterschiedene Welt der Wahnkunst, d. h. über die Eigenart der in Worten dichtenden Phantasie.
    Unsere Sinne — Aug' und Ohr — stehen auf einer Grenzscheide: sie gehören uns Menschen an und wären ohne jegliche Bedeutung in der Natur, wenn sie nicht einem „Subjekte“ dienten: Wert für das Subjekt erhalten sie aber nur dank der Beziehung zu einer Welt außerhalb des Menschen, zu einer nicht-menschlichen Natur, zu einem „Objekt“. Hören wir Goethe. „Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hülfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seines Gleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte für's Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete.“ Genau das Gleiche gilt offenbar für's Ohr; auch hier ist es die Welt, welche den Sinn „hervorruft“; auch hier „bildet“ sich der Ton am Ton, bis endlich aus der Brust eine „innere Stimme“ der tönereichen umgebenden Welt „entgegentritt“. Was wir empfangen und was wir hervorbringen, beides, beruht also bei den Sinnen immer auf einer lückenlosen Wechselwirkung zwischen Welt und Ich. Die äußere Welt dringt durch die Sinnesorgane ins Innere; bei der künstlerischen Gestaltung hingegen „tritt“ wieder das Innere „dem Äußeren entgegen“ (wie uns Goethe soeben aufmerksam machte) bis hinaus in die Welt des Stoffes, der Elemente, der Naturkräfte. Das Gefüge des Auges, das Gefüge des Ohres, sie bilden die zu Grunde liegende Tatsache; und jeder dieser Sinne ist — wie es im Wesen eines Sinnes notwendig begründet liegt — ebensowohl nach außen wie nach innen gerichtet. Immer findet eine Bewegung von außen nach innen und dann wieder von innen nach außen statt; der Begriff einer rein innerlichen Sinnenkunst ist nicht allein eine contradictio in adjecto, d. h. ein begrifflich sich widersprechender Ausdruck, sondern eine Verhöhnung des jedem Kinde offenliegenden Tatbestandes. Auf Luftschwingungen ist das Gehör gestimmt, auf Bewegungen im Äther das Gesicht; und weil es die objektive Welt ist, was den Eindruck auf diese Sinne unmittelbar hervorbringt, darum schöpft der Mensch aus ihnen die Fähigkeit, jener Welt „entgegenzutreten“ und sie nun nach seinem Willen zu gestalten. Auf diese Weise entstehen die Sinnenkünste, unter denen die Tonkunst genau ebenso konkret, materiell, oder

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wie man es sonst nennen will, wie die anderen ist. Die Luftschwingungen, aus denen der Tonkünstler sein Werk auferbaut, sind dem Marmor, aus welchem Kallikrates den Parthenon errichtet, ihrem Wesen nach verwandt, und die verschiedenen Klangfarben seines Instrumentenchores sind nicht weniger stofflich bedingt als die Farben auf der Palette des Malers. Die Schöpferkraft des Menschen gestaltet also in den Sinnenkünsten immer   S t o f f:   das ist es, was Goethe meint, wenn er von einem „Wirklichen“ der Kunst im Gegensatz zu einem bloß „Poetischen“ spricht. Die Partitur zu einer Symphonie Beethoven's wird tatsächlich vor meinem lauschenden Sinne   v e r w i r k l i c h t;   mag auch diese Wirklichkeit eine künstlerische sein, da sie der Menschengeist nach seinem Willen geformt hat, ihre sinnliche Wirklichkeit ist an und für sich nicht geringer als die des Mont Blanc, von Chamounix aus gesehen. Dagegen besteht eine Ilias ausschließlich aus Vorstellungen im Hirne; dies erlaubt ihr, alle Grenzen und Gesetze zu durchbrechen und zu überfliegen, die einer künstlerischen Wirklichkeit von den streng bedingten Sinnen gezogen sind; dafür bleibt sie selber in die Welt des Wahnes gebannt.
    Das Gebiet der sogenannten Metaphysik der Künste betrete ich in diesem Buche grundsätzlich nicht; es zu tun, käme einem Verstoß wider das Wesen Goethe's gleich, der zwar viel über Theorie und Praxis aller Künste nachdachte, auch wiederholt Aufklärung über seine eigenen Gedanken von Kant sich holte, nichtdestoweniger aber einen ausgesprochenen Widerwillen gegen jeden Versuch empfand, das Wesen dieser so ganz und gar anschaulichen Dinge abstrakt feststellen zu wollen, was nach seinem Dafürhalten immer nur zu anfechtbaren Allegorien führen kann. „Die moderne kombinatorische Mystik richtet jede Art von Anschauung zu Grunde“, sagt er in Bezug auf Kunstlehren; ihr zieht er „eine natürliche Ansicht vor“.
    Ohne daß wir diesen bescheiden begrenzten Boden verlassen, wird es nun für unsere fernere Betrachtung des Dichters Goethe nützlich sein, gleich hier hinzuzufügen, daß, wenn auch Bildkunst und Tonkunst als Sinnenkünste der selben besonderen Kunstwelt angehören, der Welt objektiver Wirklichkeit, sie doch voneinander ebenso abweichen wie die beiden Sinne, in denen und aus denen sie entstehen. Die physische Natur — die „ewig erfindungsreiche“, wie Goethe sie nennt — hat (abgesehen von den andern künstlerisch

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nicht zu verwertenden Sinnen) in Auge und Ohr zwei grundverschiedene Mechanismen zur Vermittelung zwischen Element und Leben hervorgebracht. Dem naturwissenschaftlich unbewanderten Leser kann ich die anatomischen Verhältnisse nicht in der Kürze auseinandersetzen; es genüge die Bemerkung, daß der Gehörsinn dem Kreise des Tastsinnes angehört: in ihm besitzen wir einen zwar wunderbar verwickelt ausgebauten, doch dem Wesen nach einfachen, unmittelbaren Sinn, rein mechanisch in der Anlage und darum dem Elemente, dem Objekt näher verwandt und diese getreuer vermittelnd; wogegen der Gesichtssinn die von der Außenwelt empfangenen Eindrücke nicht in einfacher Symbolik weitergibt, sondern chemisch-physikalische Vorgänge zwischen Außen und Innen einschaltet, weshalb die Wahrnehmungen, die dann das Hirn erreichen, sich nicht mit der selben Unmittelbarkeit auf die Außenwelt beziehen wie beim Ohre, vielmehr bedeutende Umbildungen innerhalb des Menschenkörpers erfahren haben. * Erfüllen also Auge und Ohr die gleiche Funktion, Welt und Mensch in Wechselwirkung miteinander zu bringen, so bewerkstelligen sie es in verschiedener Weise, indem das Ohr die umgebende Natur — das „Objekt“ — reiner nach innen zu widerspiegelt, das Auge hingegen einigermaßen subjektiv befangen bleibt. Aus diesem hier rein anatomisch-physiologisch betrachteten Sachverhalt ergibt sich nun mit Notwendigkeit eine Folge, die zuerst paradox anmutet, in Wirklichkeit aber vollkommen natürlich ist: da uns Menschen das eigene Ich und seine Verrichtungen näher stehen und darum unmittelbarer verständlich sind als die uns umgebende außermenschliche Natur, dünkt uns das Gesicht „der klärere Sinn“ (wie die Alten sagten), das Gehör der geheimnisvollere; wir glauben, mit dem Auge die Welt vollendet deutlich zu erfassen, während der Ton aus dunklen Tiefen des eigenen Inneren aufzusteigen scheint. Das Zeugnis des mehr menschenmäßig färbenden Gesichtssinnes projizieren wir zuversichtlich heiter auf die Umgebung zurück, im Wahne, es handle sich um eine strahlend objektive Wahrnehmung, und saugen inzwischen die Stimme des der unerforschlichen Natur verwandteren Gehörsinns, der auch unseren eigenen Körper wie mit Naturgewalt bannt und zwingt, in unser Innerstes ein, kaum fähig, sie zu deuten und zu gestalten. Darum vergehen Jahrtausende, ehe eine Tonkunst entsteht, würdig, der bilden-

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den Kunst an die Seite gestellt zu werden. Große Denker und große Künstler sind über diese Verhältnisse in tiefes Sinnen versunken, und was sie darüber mitzuteilen wußten, bleibt als Ausdruck ihres Erlebnisses ehrwürdig und unanfechtbar; doch ist die „natürliche Ansicht“, welche Goethen mehr zusagte, keinesfalls zu verschmähen, und er hat für sie Worte gefunden, die das Wesentliche mit der Schlichtheit und der wunderbaren Genauigkeit aussprechen, die ihm allein unter Sterblichen eigen gewesen zu sein scheint. Er sagt: „Der Musikus muß immer in sich selbst gekehrt sein, sein Innerstes auszubilden, um es nach außen zu wenden. Dem Sinne des Auges hat er nicht zu schmeicheln. Das Auge bevorteilt gar leicht das Ohr und lockt den Geist von innen nach außen. Umgekehrt muß der bildende Künstler in der Außenwelt leben und sein Inneres gleichsam unbewußt an und in dem Auswendigen manifestieren.“ Man suche Goethe recht zu verstehen! Der bildende Künstler muß sich mit aller Energie der Außenwelt widmen, weil er „sein Inneres“ dort findet; wogegen der Musikus in sich selbst gekehrt bleiben soll, lauschend und harrend, weil ihm die weit schwierigere Aufgabe zuteil geworden ist, in seinem Innersten „die Welt“ zu finden, die unerforschliche Welt, welche jenseits der Grenzen des Auges und der vom Auge gespeisten Phantasie liegt; darum wird gerade er gemahnt, dieses Innerste „auszubilden“; denn nicht leicht wird eine Menschenseele zu solch' einem Inhalt ausreichen; mehr als irgend ein anderer Künstler bedarf der Tondichter einer großen, zarten, jedem Eindruck gewachsenen Seele, weswegen der seelendürre, formalistische Musiker von allen unerträglichen Kunstgecken der widerwärtigste ist. Von Goethe belehrt, hat Wilhelm von Humboldt das Wort geprägt: die bildende Kunst „versuche von der Brust aus die Welt, die Musik von der Welt aus die Brust zur Unendlichkeit zu erweitern.“ Hier knüpft noch eine beachtenswerte Erwägung an: ist die Musik ihrem Inhalt nach die objektivere der beiden Sinnenkünste, so ist sie es der Form nach nicht minder, weil diese bei ihr auf mathematisch unverrückbaren Weltgesetzen ruht, so daß man behaupten darf, zu dem objektiven Inhalt komme auch die objektive Gestalt hinzu. Weit lockerere Beziehungen weist die bildende Kunst zu logisch-mathematischen Elementarverhältnissen auf und bewährt sich somit auch in formeller Beziehung als dem in der Phantasie willkürlich freiwal-

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tenden Geiste näher verwandt; weswegen Goethe das kühne Wort wagen durfte: „Die Malerei ist für das Auge wahrer als das Wirkliche selbst.“
    Jetzt, wo wir uns über diese Verhältnisse klaren Überblick verschafft haben, wollen wir einem Geständnis Goethe's lauschen, das er einer erdichteten Gestalt in den Mund legt, das aber ohne Frage sein eigenes Erleben schildert. „Mir ist zwar von der Natur eine glückliche Stimme versagt, aber   i n n e r l i c h   s c h e i n t   m i r   o f t   e i n   g e h e i m e r   G e n i u s   e t w a s   R h y t h m i s c h e s   v o r z u f l ü s t e r n,   so daß ich mich beim Wandern jedesmal im Takt bewege und zugleich   l e i s e   T ö n e   z u   v e r n e h m e n   g l a u b e,   wodurch denn irgend ein Lied begleitet wird, das sich mir auf eine oder die andere Weise gefällig vergegenwärtigt.“ So entsteht in Goethe's Seele bei einem von außen oder von innen empfangenen Eindruck als Erstgeburt der geheimnisvollen Schöpferkraft ein von Augenblick zu Augenblick bestimmter werdendes Bewegungsgesetz, welches sich als „Rhythmus“ dem physischen Individuum aufdrängt; gehorcht dieses dem Banne und hat sich erst der Rhythmus des Körpers dem von der Seele gewollten genau angepaßt, dann öffnet sich auch das Ohr der Offenbarung vom Himmel, und der Dichter vernimmt die „leisen Töne“ des noch nie gehörten Gesanges. Hier haben wir die erste und entscheidende Beteiligung des Musikalischen an dem poetischen Schaffen Goethe's. Es ist klar, daß ein Element, welches mit dem Entstehen eines Werkes so innig verwoben ist, auch das weitere Wachsen und Werden begleiten wird, doch mag es — wie das Blut in den Adern — auf immer verborgen im Innersten kreisen, und wir wollen dieses Verborgensein nicht mit verständnisloser Neugier verletzen; häufig aber bemerken wir, daß am entgegengesetzten Ende des künstlerischen Werdens, nämlich am vollendeten Werke, die Musik bei Goethe wieder zum Vorschein kommt. Aus den Liedern, meinte ein Beethoven, entströme die Musik von selbst, man brauche sie nur aufzuschreiben; die Dramen nennt Zelter einmal „ein wahres Konzert“; Faust I wollte Goethe nur als Melodrama aufgeführt wissen, Faust II erfordert von der Phantasie die breiteste Mitwirkung der Tonkunst... Sogar die Dichtungen in Prosa atmen an den Hauptstellen eine Stimmung, die ich einzig als musikalisch zu bezeichnen wüßte; Goethe

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selber sagt, es „finde sich“ in ihnen „eine Art von Unendlichkeit, die sich in verständige und vernünftige Worte nicht durchaus fassen noch einschließen läßt“; dieses aus jeder Fassung — aus jedem kunstvoll geschmiedeten poetischen Gefäß — Überfließende, dem Verstand und der Vernunft Inkommensurable ist der Geist der Musik, d. h. ein Etwas, das nur durch Musik greifbaren Ausdruck erlangen könnte, etwas, was wir als unsichtbar vorhandenen Geist empfinden, nicht aber mit den Sinnen wahrnehmen. Nur wer sich dies alles vergegenwärtigt, wird die Bedeutung des berühmten Wortes verstehen, das meistens mehr angestaunt als wirklich erfaßt wird: „Die Tonkunst (ist) das wahre Element, woher alle Dichtungen entspringen und wohin sie zurückkehren.“ Was sich hier ausspricht, ist eigene Erfahrung. Verbleiben wir aber einstweilen bei jener Schilderung des Entstehens des Kunstwerkes aus Tonkunst zu Bildkunst, zugleich aus Unbewußtsein zu Bewußtsein. Zuerst war es ein bloßer Rhythmus gewesen, vorgeflüstert; dann eine Melodie, leise vernommen; alles geheimnisvoll und innigst. Nun aber findet eine Wandlung statt. Jener Rhythmus, jene Melodie waren von fernher erklungen, wie aus der Nacht einer zeitlosen Welt; doch der Traumversunkene — im Traume, wie die alten Inder es lehrten, mit dem Göttlichen Verkehrende — beginnt zu erwachen; Worte, Gestalten, schweben heran — „irgend ein Lied“; der Rhythmus und die Melodie, die vorhin alles waren, jetzt verblassen sie zu einer bloßen „Begleitung“; denn siehe! der Sonnensinn, das prometheische Gesicht öffnet sich dem Tage und fordert gebieterisch schöne, faßbare „Gegenwart“; schon ist der Maler am Werke; die bloße Stimmung wandelt sich vor den Augen in ein Bild, und dieses wird „auf eine oder die andere Weise gefällig vergegenwärtigt.“
    Ein Beispiel schalte ich behufs vollendeter Verdeutlichung ein.
    „Mitten in den Gebirgen“, auf einer Fußwanderung zum Gotthard begriffen, erhält Goethe die Nachricht von dem Tode der jungen Schauspielerin Christiane Neumann, die er selber für die Bühne ausgebildet hatte und an der er von Herzen hing. An Dichten denkt der Schwerbetroffene nicht; verwundet staut die Seele ins schweigende Innere zurück, mit blinden Augen wandelt der Trauernde mechanisch weiter. Hier greift nun der unbewußt waltende Rhythmus ein; die kaum hörbare Melodie — traumvernommen — be-

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schwichtigt nicht nur, sondern stimmt und richtet das nach und nach zu neuem Leben erwachende Wesen; und als dann der bewußt wahrgenommene Anblick unerbittlich erhabenen Weltendaseins die Gestalt einer bestimmten Gegenwart vorzeichnet, wird sofort, ohne alles Suchen, in der bloßen Phantasie, dieses Bild als „Vergegenwärtigung“ ergriffen, um das, was das verborgene Innere beseelt, in die Erscheinung überzuleiten. Auf diese Weise wird bei Goethe „der Geist des Wirklichen eigentlich das wahre Ideelle“. Mit seinem Rhythmus, mit seiner Melodie hat das Ohr im voraus das Auge zu höherer Wahrnehmung gestimmt; das Bild der Wirklichkeit, das ihm nunmehr „fest vor seiner Stirn“ bleibt, ist keine bloß mechanische Realität, sondern ein an Gedanken und Empfindungen reiches Gemälde.

Auch von des höchsten Gebirgs beeisten zackigen Gipfeln
Schwindet Purpur und Glanz scheidender Sonne hinweg.
Lange verhüllt schon Nacht das Tal und die Pfade des Wandrers,
Der, am tosenden Strom, auf zu der Hütte sich sehnt.

So entsteigt die darauf folgende Erscheinung der Euphrosyne unmittelbar aus der tatsächlich wahrgenommenen Umgebung, wenngleich diese zunächst nicht den entferntesten Bezug auf die zu Besingende aufweist; ebenso werden wir am Schlusse des Gedichtes zu der sichtbaren Umgebung leise bestimmt zurückgeführt:

Wehmut reißt durch die Saiten der Brust; die nächtlichen Tränen
Fließen, und über dem Wald kündet der Morgen sich an.

Man werfe nicht ein, hier handle es sich — wenn auch nur in diesem einen Falle — um einen zufälligen äußeren Rahmen; gerade der Blick auf das Gebirge, die Not des umnachteten Auges und der Schimmer des sich ankündenden Morgens sind in diesem Gedichte die Stellen, an denen die in keiner Zeit befangene, an keinen einzelnen Schmerz gebundene, die ewige Musik aus dem kostbaren Gefäß der Worte überfließt.
    Überdenken wir die genaue Bedeutung des jetzt über Goethe Erfahrenen im Zusammenhang mit den vorangegangenen Erwägungen über die beiden Sinnenkünste.
    Wenn den Dichter bei der Konzeption poetischer Werke zuerst ein geflüsterter Rhythmus, eine leise Melodie durchdrangen, so

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daß er meinte, ein „geheimnisvoller Genius“ leite ihn, so wissen wir, dieser Genius war im letzten Grunde die Natur selbst, die durch die Pforte des Gehörs den ungehinderten Zugang zum Menscheninnern findet und den Auserwählten die Stimme der Allmutter vernehmen läßt. In dem nunmehr genau bestimmten Sinne sind wir zu der Behauptung berechtigt, Goethe's Dichten wurzele in dem Element der Musik; sie ist es, die ihm „Natur“ im tiefsten, dem Auge unerreichbaren Sinne vermittelt. Um Musiker zu sein, hätte Goethe aber dann — nach dem vorhin angeführten Worte — „in sich gekehrt bleiben“ und einstweilen nur „sein Innerstes ausbilden“ müssen: dazu war jedoch der Sinn des Auges zu mächtig entfaltet: bei ihm „bevorteilt das Auge das Ohr und lockt den Geist von innen nach außen“; selbstherrisch reißt der willkürlicher verfahrende Sinn die Leitung an sich und „manifestiert das Innere unbewußt an und in dem Auswendigen“. Zu der ersten Sinnenkunst gesellt sich also die zweite, was — bei der Verschiedenheit der Anlagen, welche diese beiden Instinkte sonst voraussetzen — wahrscheinlich ein einziger Fall sein dürfte. Die Naturkunst des Ohres schlägt in die Menschenkunst des Auges um; der Lauschende verlangt zu erblicken. * Es ist ein leidenschaftliches Bewußtwerden, die Trunkenheit des echten Malers, der, wo und wann er die Augen auch aufmacht, die Natur „als Bild sieht“, mit anderen Worten, die Wirklichkeit als Kunst. Doch beruhigt sich Goethe innerhalb dieses neuen Eindrucks ebensowenig wie innerhalb des ersten. Vielmehr regt die Stärkung, die das Auge seinem Gemüte brachte, zu einer neuerlichen, noch mächtigeren Pendelbewegung an, und zwar diesmal weg von den Sinnenkünsten überhaupt — die das Wirkliche, die reale Welt der Umgebung vermitteln — und hin zu der rein menschlichen Geisteskunst der Phantasie. Bei diesem merkwürdigen salto mortale aus einer Kunstwelt in die andere, über die „ungeheure Kluft“ — welche beide voneinander trennt — hinweg, dient das Auge als Achse, auf welcher die Umschwenkung sich vollzieht. Goethe selber sagt es: „In dem Auge spiegelt sich von außen die Welt, von innen der Mensch. Die Totalität des Inneren und Äußeren wird durchs Auge vollendet.“ Hätte ich diesen Satz (eine kurze Notiz Goethe's, nur zum eigenen Gebrauche) zwei Seiten früher angeführt, kaum wäre es dem

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Leser gelungen, den Sinn zu erraten: jetzt aber hoffe ich das Gegenteil. Weil im Auge das Äußere eine mehr menschlich bedingte Färbung als im Ohre trägt, weil — wie Goethe einmal bemerkt — „des Auges Fassungskraft und Klarheit dem   V e r s t a n d e   eigentlichst angehört“, darum wird das Äußere hier vom Inneren leicht erfaßt, als wie in einem Spiegel: und umgekehrt, weil das Auge nicht, wie das Ohr, die Weltentiefen vermittelt, sondern deren Oberfläche, so eignet sich diese Oberfläche als Spiegel für das Selbst, stellt hin, „was der Mensch sehen möchte“, nicht das eigentliche „Wirkliche selbst“, und „manifestiert sein Inneres gleichsam unbewußt an und in dem Auswendigen“. So genügt denn eine blitzschnelle Bewegung im Gemüte, und das Spiegelbild der Welt wandelt sich bei Goethe in das Spiegelbild seines eigenen Inneren: „in dem Auge spiegelt sich von außen die Welt, von innen der Mensch“.
    An diesem Punkt können wir aber erfassen, wie rein individuell der ganze Vorgang ist, den ich anschaulich zu schildern suche. Denn abgesehen davon, daß es selbst bei allerbedeutendsten Künstlern sehr selten überhaupt zu einer „Totalität des Inneren und Äußeren“ kommt, indem jeder in seiner Welt oder Teilwelt befangen bleibt, brauche ich nur den einen Namen zu nennen, der sich hier aufdrängt — Richard Wagner — damit wir gewahr werden, anstatt des Auges könne das Ohr die Achse darstellen, dank welcher die Doppelspiegelung bewirkt und eine Totalität vollendet wird. * Ja, insofern man die künstlerischen Möglichkeiten allein in Betracht zieht, bricht damit eine vielleicht machtvollere Kombination hervor: denn das Ohr reicht, wie wir erfuhren, weiter hinaus in die Welt und bringt ein reineres Zeugnis; darum: gelingt es, diese Welt zu gestalten, so wird der Mensch sich in einem perspektivisch entfernteren, majestätisch vergrößernden Spiegel erblicken, zugleich die Welt in sich. Dies sei nur kurz bemerkt, damit nicht das Unvergleichliche der einen Persönlichkeit zu irgend einem vermeintlichen allgemeinen Gesetz verwischt werde. Jetzt aber verfolgen wir die Pendelbewegung des schaffenden Genius zurück von den Sinnenkünsten über die „ungeheure Kluft“ hinweg zu der Welt des Wahnes, d. h. zu der Dichtkunst.
    Erhascht man den Augenblick der Umkehr, man gewinnt den Eindruck, als dienten Goethe die beiden Sinnenkünste nur als

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Sprungbrett-Vorstufen, um sich kühn in die Poesie zu stürzen, tiefer hinein als andere Dichter, die sich ängstlich nach „Stoff“ umsehen, während ihm die Überfülle des Stoffes gleichsam im Traume geschenkt wird und er sich jetzt ihrer erwehrt, um mit vollem Bewußtsein als freier Geist schaffen zu können. Ihn, der doch mit beiden Sinnen der Natur so innig wie nur Wenige angehört und im Erlauschen ihrer unaussprechlichen Geheimnisse Wonne findet, ihn überkommt es zu Zeiten wie ein Abstreifenmüssen von lästigen Aufdringlichkeiten, wenn er Aug' und Ohr ungeduldig verschließt und sich einem Taucher gleich in die Tiefen der Traumwelt zurückversenkt. Übermütig, fast spöttisch ruft er aus:

Mag der Grieche seinen Ton
Zu Gestalten drücken,
An der eignen Hände Sohn
Steigern sein Entzücken;

A b e r   u n s   ist wonnereich
In den Euphrat greifen,
Und im flüss'gen Element
Hin und wieder schweifen.

Dieses „flüss'ge Element“ deutet hier allegorisch auf die Welt des Wahns, die Welt, wo — wie im Traume — ein Phantasiebild in das andere verschwimmt, weil kein gesetzmäßig zerlegendes und auferbauendes Sinnenwerkzeug gebietet, an unverrückbare Grenzen gebunden, und kein harter Stoff da ist, der zu unveränderlich beharrender Gestalt „gedrückt“ werden müßte. Seiner Meisterschaft bewußt, fährt der Dichter fort:

Löscht' ich so der Seele Brand,
Lied es wird erschallen;
Schöpft des Dichters reine Hand,
Wasser wird sich ballen.

Eine ganze Ästhetik Goethescher Dichtkunst schließen diese Worte verwegen heiter ein, den bändereichen Pedanten zum Schabernack. Der Seele Brand ist jene aus beiden Sinnen in leidenschaftlicher Bewegung des Nehmens und Gebens entstandene poetische Stimmung, wo ein Eindruck den andern jagte:

426 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Sinnenkunst und Wahnkunst

Wenn ich dich sehe, wünsch' ich taub zu sein,
Wenn ich dich höre, blind!

Nun gebietet der Dichter den im Widerstreit sich steigernden Sinnen Ruhe; in dem ihm heimatlichen Element des Geistes löscht er das Übermaß des Seelenbrandes; es ist dies, was wir im zweiten Kapitel vom rein moralischen Standpunkte aus eingehend zu behandeln hatten (S. 105 ff.) — die Verwandlung einer Freude oder einer Qual in ein Gedicht; der Dichter weiß aus Erfahrung und traut darum mit Zuversicht, das Wasser werde „sich ballen“, das heißt, auch das Fließende und Zerfließende werde Gestalt gewinnen; Bedingung und Gewähr ist   d i e   r e i n e   H a n d.

Schöpft des Dichters reine Hand,
Wasser wird sich ballen.

Was haben wir unter dieser „reinen Hand“ zu verstehen? Hier gerade liegt das Geheimnis von Goethe's Eigenart. Die „reine Hand“ ist die nicht gewaltsame, nicht willkürliche Hand; es ist die Hand, die nicht sucht und versucht, nicht zerstört, um zu bilden, nicht bildet aus Eitelkeit, sondern das Gegebene, Vorhandene gestaltet, das sich dann eben von selber „ballt“; dazu muß aber ein Gegebenes, Vorhandenes da sein, und dies wiederum kann nur dort der Fall sein, wo — wie bei Goethe — die Sinne schon unbewußt das Innere und das Äußere der Gestalt gegeben haben: das Ohr den unausdenkbaren, reinen Naturgehalt, das Auge die menschenmäßige, farbige, sonnige Hülle. Und so darf man denn, ohne in alberne Paradoxie zu verfallen, mit aller Bestimmtheit behaupten, Goethe, der Dichter, gehöre zugleich zu den Sinnen- oder Wirklichkeitskünstlern. Er baut keine Partituren auf und überläßt es dem Griechen, seinen Ton zu drücken, doch die Reinheit seines Dichtens stammt daher, daß er, noch ehe er dichtet, schon wirklich erhört und wirklich erschaut hat, und zwar eine dem Hören und Sehen der Sinnenkünstler durchaus analog gestaltete Wirklichkeit.
    Möchte es mir gelungen sein, wenigstens diese eine Erkenntnis meinem Leser für ewig angeeignet zu haben: Goethe, der Dichter in Worten, beginnt nicht zu dichten, ehe nicht eine innerlich und äußerlich vollkommen kunstverwandte Wirklichkeit sein Gemüt erfüllt hat. Genau in dem Augenblick, wo das Ballen des Wassers

427 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Sinnenkunst und Wahnkunst

in des Dichters reiner Hand stattfindet, ereignet sich jene „unmittelbare Vereinigung von Objekt und Subjekt“, ohne welche bei Goethe „kein lebendiges Kunstwerk zu Stande kommen“ konnte.
    Mit diesen Worten, Objekt und Subjekt, ermahnt uns aber Goethe, uns die Unterscheidung zwischen den beiden Kunstwelten der Sinne und des Wahnes noch lebhafter vorzustellen, wozu einige Züge fehlen.
    Alle Kunst, welche unmittelbar durch die Sinne geht, wollen wir mit Goethe eine „Wirklichkeit“ nennen, weil in ihr stets nicht bloß gedacht und im Geiste gestaltet, sondern außerdem irgend   e t w a s   g e w i r k t   wird — also immer Tat, sichtbare Bewegung dem Zustandekommen vorangeht und sinnfällige Stoffgestaltung am Ergebnis teilhat, gleichviel ob das Werk den Meißel, den Erzguß, den Pinsel oder den Fidelbogen zu seinem Aufbau in Bewegung setzt. Entscheidend ist hier die Tat; dem Sinnenkünstler verwandt ist nur Derjenige, den das Verwirklichen mächtig reizt. Wer, wie Goethe, bei jedem Blick auf die Natur ein „Bild“ erblickt (S. 423), wer als Jüngling von einem erlebten Sonnenuntergang eiligst nach Hause stürzt, um den Eindruck „dämmernd warm“ aufs Papier zu bannen, und vierzig weitere Jahre darauf verwendet, durch eigene Übung genaue Einsicht in die Technik der bildenden Künste zu gewinnen, ist ein Wirklichkeitskünstler der Anlage und der Bildung nach, wenn er auch weder Bild noch Statue hinterlassen hat; seine empfangende Begabung war enorm, zu der Produktion fehlte ihm — nicht die Kenntnis, sondern das Geschick. Dieser Kunstwelt der Wirklichkeit steht nun eine Kunstwelt des Unstofflichen, Ungewirkten gegenüber; mit Goethe zu reden: der „realen Welt“ eine „Welt des Wahns“ (S. 413); sie ist die Welt des Dichters. Dem Worte Wahn eignet bekanntlich eine Reihe von ineinandergleitenden Bedeutungsschattierungen, von dem ursprünglichen Erwarten, Hoffen bis zu geisteskranker Gedankenverirrung; was hier gemeint ist, hat Kant genau definiert: „die bloße Vorstellung einer Sache mit der Sache selbst für gleichgeltend zu halten“. Damit ist zugleich der Begriff des   P o e t i s c h e n,   wie ihn bei dieser Gegenüberstellung Goethe gefaßt wissen will, bestimmt umgrenzt: der Sinnenkünstler stellt die Sache selbst hin, nämlich eine durch Idealisierung und Umformung dem Menschengeiste angeeignete, nichts-

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destoweniger massiv vorhandene „Wirklichkeit“ (eine Niobide, eine Kreuzesabnahme, eine immer wieder vom Augenblick neu zu gebärende Fuge für Clavicembalum), wogegen der Dichter ein Künstler ist, der mit „bloßen Vorstellungen“ arbeitet, der — wie schon Batteux, der Urvater unserer ästhetischen Sintflut, sagte — „nicht das Wahre, was wirklich ist, sondern das Wahre, was sein könnte, vorstellt, als ob es existiere“. Dürer, der Maler, hatte in herrlicher Naivität gemeint: „Wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur; wer sie heraus kann reißen, der hat sie“; so fühlt und denkt der echte Wirklichkeitskünstler; der Dichter aber, wenn er eben so ausschließlich Dichter ist wie Dürer Maler, wäscht mit Schiller alle Wirklichkeit als „Unrat“ von sich ab (S. 414) und gestaltet nun eine neue, „bloß vorgestellte“ Wirklichkeit in Gedanken, „als ob sie existiere“. Das bedingt zwei völlig verschiedene Geistesrichtungen, da schon rein ideell, wie man sieht, der eine Künstler nur durch die Gewalt der Wirklichkeit, der andere nur durch die Gewalt des Wahnes zu wirken hoffen kann. Dazu kommt dann noch der Unterschied des Stoffes, der zur künstlerischen Bildung vorliegt. Dem Dichter stehen ausschließlich   B e g r i f f e   zur Verfügung.

Worte sind des Dichters Waffen.

Selbst für leuchtende Ideen — also für Vorstellungen, die seinen Geistesaugen als Gedankengestalten deutlich vorschweben — muß er nach Worten suchen, nach Tropen, Allegorien, Umschreibungen, nach Reim, Assonanz, Symbolik. Weit entfernt, die Wirklichkeit selbst unmittelbar zu geben, ist das Wort, sagt Goethe, nur „ein Fächer“, zwischen dessen Stäben die Augen blitzen, während das Gesicht verdeckt bleibt. Ja, wohlbetrachtet, führt die ganze Richtung der Sprache zu einer der poetischen Inspiration entgegengesetzten Bewegung:

Die   R e d e   geht herab, denn sie beschreibt:
Der   G e i s t   will aufwärts, wo er ewig bleibt.

Weswegen Goethe an anderer Stelle die Sprache geradezu als   „u n ü b e r w i n d l i c h“   bezeichnet. Und sagte ich soeben, dem Dichter stünden Begriffe zur Verfügung, so muß ich aufmerksam machen, daß Wörter nicht einmal Symbole sind, sondern nur Merkzeichen

429 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Sinnenkunst und Wahnkunst

für Begriffe nach ererbtem, willkürlichem Übereinkommen, und zwar tyrannisch eingeschlossen in ererbte, willkürliche Reihenfolgen und Gliederketten dieser oder jener Sprache — „was ein Volk zusammen sich gestammelt“ — so daß der Eingeborene des diesseitigen Flußufers den jenseitigen Bewohner nicht versteht. An dem Eindruck, den Stein- und Tongebilde hervorrufen, nehmen beide gemeinsam ergriffen Teil; denn Welt ist überall Welt, und nur der Grad der Empfänglichkeit kann Mensch von Mensch hier unterscheiden; bei der Dichtkunst findet dies nicht statt, denn die Kunst des Dichters ist eine künstliche Kunst, ein Gestalten des Ichs an sich selber, aus sich selber, auf sich selber — vielleicht ein erhabenstes Beginnen, nichtsdestoweniger ein babylonisches, dem nicht die unwillkürliche Gegebenheit und unschuldige Unmittelbarkeit der Sinnenkünste eignet. Und während den Wirklichkeitskünstler seine dem Talentlosen unerlernbare Technik in eine stille Welt für ihn und seinesgleichen absondert, wird der Dichter mit fortgerissen in die ungeheuerste und dabei unaufhörlich kreisende Verwickelung menschlicher Konvention, indem die Sprache infolge der beständigen Mitwirkung der Gesamtheit der Unbefugten nie zu Ruhe und Klärung kommt, vielmehr seit jeher in unablässiger, blinder Umwandlung begriffen bleibt. Außerdem erfordert die Sprache zu ihrer wahren Beherrschung einen Reichtum an Kenntnissen, eine Schmiegsamkeit des Geistes, eine Behendigkeit der Bezüge, neben denen die Technik der Sinnenkünstler wie ein Mechanisches erscheint. Ein einziges Liebeslied — wie Goethe's Wiederfinden — kann das Dichten, Denken, Glauben von Jahrtausenden unter verschiedenen Himmelszonen zur Voraussetzung haben.
    An dieser Stelle muß auch aufmerksam gemacht werden, daß der Bühnendichter nicht weniger als ein anderer Dichter Wahnkünstler ist; die eigentlichen Vorgänge — alles, was, künstlerisch gesprochen, hier „Gestalt“ ausmacht — spielen sich nicht weniger als bei jeder anderen Dichtung innerhalb des Hirnkastens des Menschen ab. Was auf der Bühne vorgeht, ist vorgetäuschter Wahn, etwa wie die Perspektive der Dekorationen Häuser und Landschaften vortäuscht; zur sinnlichen Wirklichkeitskunst besitzt das Drama nur scheinbare Beziehungen. Bei einer dramatischen Aufführung ist nichts „wirklich“; im alten Hellas sorgte man dafür, die lebendig

430 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Sinnenkunst und Wahnkunst

beweglichen Gesichtszüge unter der regungslosen Maske, die natürliche Stimme unter dem Schallträger, die natürliche Gestalt, den natürlichen Gang durch den Kothurn unkenntlich zu machen; das war hoher Geschmack; doch auch Schiller nennt jeden Versuch, die Wirklichkeit auf der Bühne vorzutäuschen, „armseligen Gauklerbetrug“, und sagt von Thespis' Wagen:

Nur Schatten und Idole kann er tragen,
Und drängt das rohe Leben sich heran,
So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,
Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.

Zweck der Bühne ist, das Wahnbild eines genialen Kopfes — die flücht'gen Geister — weniger phantasievollen Köpfen so deutlich als möglich zu vermitteln; dramatische Aufführung ist mimisch vervollkommnete Deklamation. Gewiß ist ihr Wert, gerade als solche, hoch einzuschätzen; auch ein lyrisches Gedicht kann, richtig gesprochen, wie eine Offenbarung wirken; doch darf man sich nicht wundern, wenn ein Goethe den Abstand zwischen dem, was Shakespeare dichtete, und dem Besten, was irgend eine Bühne je geleistet hat oder leisten wird, schmerzlich genug empfand, um offen zu gestehen, er finde eine „reinere Freude“ daran, Shakespeare zu lesen als sich ihn von „charakteristisch maskierten Personen“ vortragieren zu lassen. Woraus dann der Dichter des zweiten Teiles des Faust für sich die Berechtigung schöpfte, dieses Werk mit Bewußtsein immer mehr „vom Theater zu entfernen“, dafür im Kopfe die glorreichste Bühne aufzuschlagen, völlig unbekümmert um die „armseligen“ Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Herren Theaterdirektoren.
    Diese letzte Bemerkung bringt uns drastisch zum Bewußtsein, wie tief sich Goethe nach und nach in das Element seiner Meisterschaft als Wahnkünstler — in das „flüss'ge Element“ — versenkt hatte; denn es will etwas heißen, wenn ein Dichter, dessen Anfänge dermaßen mit dem Theater verflochten sind, dazu gelangt, die Bühne mit bewußter Ironie außeracht zu lassen. Ich werde aber bald zu zeigen haben, inwiefern dies keine Abnahme, eher eine Zunahme in der Schätzung der Sinnenkünste einschließt; das Drama, als der kritische Punkt in dem Schaffen des Dichters Goethe, wird ja unsere Aufmerksamkeit später noch fesseln; vorderhand genügt

431 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Gehalt und Form

uns die Wahrnehmung, daß der Poet, der von gehörten Melodien und erschauten Bildern ausgegangen war, dazu gelangt, einen Faust II zu schreiben, wo wir Schritt für Schritt — um die Worte richtig zu verstehen — der Augenvisionen und der Tonoffenbarungen bedürfen, und wo nichtsdestoweniger beides einzig der mitwirkend gedachten Phantasie überlassen wird. Nie hat ein Wahnkünstler in diesem Maße auf die Teilnahme der künstlerisch ausgebildeten Sinne gerechnet, nie ein fein empfindender Kenner der Wirklichkeitskünste sich so kühn auf die Macht der bloßen Phantasie verlassen; es ist Faust, der hinabsteigt zu den „Schemen“ und von dort so überzeugendes „Geisterspiel“ gestaltet heraufbringt, daß er — in dem Augenblick, wo er buchstäblich   a l l e s   der Phantasie überläßt und selbst die Heldin als bloßen Schatten auf der Wand aus dem Hades hinaufbeschwört — siegestrunken ausruft:

Hier fass' ich Fuß! Hier sind es Wirklichkeiten! *

————


Gehalt und Form

    Noch eine letzte vergleichende Erwägung erfordert dieser einleitende Teil, ehe wir Goethe, dem Dichter, unsere ganze Aufmerksamkeit widmen können. Denn die Hauptaufgabe wird sich dann notwendig in zwei Abschnitte gliedern, von denen der erste den Gehalt, der zweite die Form in Goethe's Dichtungen in Betracht zieht; es ist das eine Unterscheidung, auf die er selber immer von neuem hinweist. Wollen wir uns aber nicht in Phrasen oder nebelhaften Vorstellungen bewegen, so müssen wir vorerst genaue Erkundigung einziehen über den besonderen Sinn, der diesen Begriffen, „Gehalt“ und „Form“, bei Goethe zukommt und durch den sie sich vielleicht von dem Sinne unterscheiden, der ihnen bei anderen Dichtern und bei den Sinnenkünstlern zukommt. „Den   S t o f f“,   schreibt Goethe, „sieht Jedermann vor sich; den   G e h a l t   findet nur der, der etwas dazu zu tun hat; und die   F o r m   ist ein Geheimnis den Meisten.“ Den Stoff dürfen wir hier bei Seite lassen; erst durch den Gehalt, der ihm einverleibt, und durch die Form, die ihm aufgeprägt wird, erwächst er zur Würde eines Bestandteils des Kunstwerkes. Da-

432 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Gehalt und Form

gegen dürfen wir keine Mühe scheuen, über Gehalt und Form vollendete Klarheit zu gewinnen.
    Als Leitfaden für alle weiteren Ausführungen soll uns das beachtenswerteste Wort dienen, das Goethe vielleicht jemals über sein eigenes Dichten gesprochen hat. Er selbst empfand nämlich den Vorgang des Schaffens in seinem Busen als dem Wesen nach verschieden von dem anderer Dichter. Diese, sagt er, „suchen das Poetische zu verwirklichen“, wohingegen es seine „unablenkbare Richtung“ sei, „dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben“. Mit mathematischer Genauigkeit bezeichnet Goethe hier den Gehalt seines Dichtens: das Wirkliche. Auch auf das Geheimnis seiner Form wird wenigstens hingewiesen: poetische Gestalt. Und zwar tritt Beides — Gehalt und Form — bei Goethe in genauer Umkehrung und Kontraposition zu dem auf, was bei anderen Dichtern statthat. Was bei Goethe Form ist — das Poetische — ist bei Jenen Gehalt; was bei Goethe den gegebenen Gehalt seines Dichtens ausmacht — das Wirkliche — gilt Jenen als die zu findende Form. Nicht eine poetische Stimmung als solche regt Goethe zum Dichten an, sondern nur ein „Wirkliches“, und dieses Wirkliche ist — wie wir jetzt ausführlich wissen — ein unmittelbar von Gehör und Gesicht Gegebenes, also unmittelbar sinnlich Wahrgenommenes, welches aber schon künstlerische Eigenschaften besitzt, ehe er zu dichten anhebt. Denn ist auch Goethe mit einer eigenen Dichtung nur insofern zufrieden, als „das Poetische durchaus auf dem Wirklichen beruht“, so heißt es doch weiter: „Dieses Wirkliche gilt doch nichts für sich selbst, sondern wird erst dadurch etwas, daß es als Folie durch den poetischen Körper durchscheint.“ Wie er an Schiller schreibt: „Indem Gegenstände bezüglich auf Kunst betrachtet werden, so werden sie durch den menschlichen Geist schon auf der Stelle verändert.“ Dies geschieht nicht bei Goethe aus theoretischer Überlegung, vielmehr erfolgt es aus der Tatsache, daß er alle Anlagen eines mit Aug' und Ohr schaffenden Sinnenkünstlers besitzt und somit die gegebene Wirklichkeit innerlich und äußerlich, unbewußt und bewußt formt und dadurch belebt, bis die betreffenden Gegenstände ihm in einer „gewissen Idealität“ deutlich vorschweben, die dann für ihn den gegebenen   G e h a l t   bildet. Besitzt er erst diesen Gehalt, dann gilt es — wie er

433 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Gehalt und Form

selber einmal sagt — ihn „in ein poetisches Leben einzugeisten“, das heißt, ihn in dem zur Verfügung stehenden Material des Wahnkünstlers, nämlich der bloßen Phantasie, mit Hilfe seines Werkzeuges, nämlich der Sprache, zu formen. Das Poetische (hier im eigentlichen Sinne der Wahn- und Wortkunst) bedeutet also für Goethe's Dichten die Form, nicht den Gehalt; er unternimmt es nicht, eine Idee des Geistes zu verwirklichen, vielmehr das Gegenteil: eine sinnliche Wirklichkeit in Werte des Geistes umzugestalten. Wer alles Vorangegangene aufgenommen hat, darf sich jetzt die anschauliche Formel erlauben: den   G e h a l t   entnimmt Goethe der Welt der Sinnenkünste, die   F o r m   erteilt bei ihm die Kunstwelt des Wahnes.
    Diese Goethes allein eigentümliche Auffassung von Gehalt und Form halte ich für den eigentlichen kritischen Punkt. Goethe sagt: „das Kunstwahre und das Naturwahre sind völlig verschieden“; sein Verfahren scheidet nun alle der Kunst fremden Elemente von vornherein aus und übergibt somit ein Kunstwahres der Sinne an die Phantasie zum Gestalten in ein poetisch Wahres; wenn diese Gestaltung ebenfalls „kunstwahr“ gelingt, so steht die vollendete Schöne einer rein künstlerischen Wirkung zu erwarten. Wogegen bei denjenigen Dichtern, deren Weg sie umgekehrt führt, stets eine Lücke klaffen wird; denn es ist nicht möglich, mit einem poetischen Gehalt aus der Wahnwelt belastet, das Ufer des Naturwahren zu betreten und nun ohne Gewaltsamkeit der Phantasiegestalt ein „Wirkliches“ der Sinne anzupassen. Und in der Tat, wir sehen unsere Dichter entweder das Naturwahre — im Gegensatz zum Kunstwahren — einseitig zu erreichen streben, was ihnen nie gelingen kann, weil die Natur über- und zum großen Teil außermenschlich ist, weswegen dann kein „Kunstwahres“ mehr übrig bleibt und diese Gebilde, je näher sie der Natur kommen, um so weniger als Kunst wirken; oder aber sie werfen sich auf das rein Kunstwahre — l'art pour l'art — das notwendig zu einem Künstlichen auswächst, weil wenig oder gar keine echte Natur mehr übrig bleibt, indem die Welt der Sinne sich Gedanken des bloßen Geistes nicht anbequemen kann und ein Poet darum nie in der selben Bedeutung wie ein Bildner oder Tongestalter Unerhörtes zu „verwirklichen“ vermag. Schon vor zwei Jahrhunderten — denn diese Dinge sind nicht so neu, wie Mancher wähnt — hatte Vauvenargues geurteilt: Un

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Fünftes Kapitel: Der Dichter — Gehalt und Form


ouvrage véritablement barbare, c'est un poème, où l'on n'aperçoit que de l'art. Vor beiden Verirrungen bleibt Goethe bewahrt. Vielleicht erinnert sich der Leser eines im Kapitel über den Naturerforscher angeführten Wortes, das hier erweiterte Bedeutsamkeit erhält. Goethe sagte: „Ich bin nämlich als ein beschauender Mensch ein Stockrealist, so daß ich von allen den Dingen, die sich mir darstellen, nichts davon und dazu zu wünschen imstande bin... Dagegen bin ich bei jeder Art von Tätigkeit ich darf beinah' sagen vollkommen idealistisch: ich frage nach den Gegenständen gar nicht, sondern fordere, daß sich alles nach meinen Vorstellungen bequemen soll.“ Diese schrankenlose Freiheit — die Möglichkeit eines so vollkommenen Idealismus — erwächst unsrem Dichter einzig daraus, daß er mit seinen Sinnen ein Stockrealist ist;   r i n g s h e r u m   idealistisch kann nur die schwebende, bald zerplatzende Seifenblase sein; besitzt Goethe erst jene vollendet künstlerische Wirklichkeit, von der er uns mitteilte (S. 414), seine Poesie „ruhe durchaus darauf“, dann waltet er als Dichter frei, weil der Gehalt — von der unerschöpflichen Natur geliefert — nach allen Seiten überströmt und er nur mit vollen Händen zu schöpfen braucht, um alles nach seinen Vorstellungen zu richten. Wollte man negativ definieren, man könnte sagen: Goethe ist unter allen Dichtern derjenige, der niemals einer Allegorie bedarf.
    Wohlbetrachtet ist Goethe's Verfahren demjenigen der großen Schöpfer unter den Plastikern Griechenlands analog, nur daß diese ihren Gehalt aus der Poesie Homer's entnehmen und ihn nun im Stein gestalten, während Goethe genau umgekehrt den Gehalt in dem Erhört-Erschauten schöpft und dann „eingeistet in poetisches Leben“. Das Prinzip ist identisch: aus beiden sonst völlig geschiedenen Kunstwelten eine Einheit schaffen, die   g a n z   Kunst sei. Wogegen eine Plastik und eine Malerei und eine Musik, die in der Sinnenwelt beschlossen bleiben und Poesie bloß suggerieren, ebenso wie eine Poesie, welche zwar „verwirklichen“ will, es aber doch nur rhetorisch und oratorisch und tropisch vermag, im Verhältnis etwas Künstliches, Unharmonisches an sich haben; das alles sollte man „Literatur“ nennen, auch wenn es in Marmor ausgehauen oder auf der Violine gegeigt wird. Als ein Beispiel völlig abgerundeter Kunst wüßte ich aus unserer Gegenwart nur den einen Namen

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Richard Wagner zu nennen, in dessen Werken wieder wie in Hellas unerschöpflicher poetischer Gehalt in einer Kunst der Sinne ewige Prägung erhalten hat, unvergänglicher als Marmor, weil die Luft (als Element der Musik) von Zeit und Menschenhand nicht vernichtet werden kann, bedingter, insofern die Sprache (und das heißt notwendig eine besondere, vergängliche Sprache) in den Aufbau untrennbar mitverflochten ist. Als reiner Poet bleibt Goethe allein. Den ganzen Weg legt er zurück — wie Phidias, wie Wagner — aus den subtilsten Innerlichkeiten des Geistes in die unerforschlichen Gesetzmäßigkeiten einer Natur jenseits des Auges und des Ohres, und dann wieder zum Geiste zurück; auf diese Weise flicht er alle Teile des Gemüts zu einer Einheit und stellt Schöpfungen hin, welche abgerundet und selbstbewegt sind wie Gottes Erde in ihrem Sonnenumlauf; er aber tut es in einer Richtung, derjenigen der großen Sinnenkünstler alter und neuer Zeit entgegengesetzt. Darum ist Goethe als Dichter eine einzige Erscheinung, außerhalb jeglichen Vergleichs. Wir erblicken ihn jetzt vollkommen deutlich auf seiner einsamen Höhe: ihm gegenüber, auf dem jenseitigen Ufer, die hellenischen Bildner und die Italogermanen (von Giotto bis Beethoven), und abseits von diesen Richard Wagner; er, Goethe, auf seiner Höhe allein.
    Der hellenische Wirklichkeitskünstler wurzelt im hellenischen Wahnkünstler; wäre dieser nicht jenem in seinem künstlerischen Empfinden stammverwandt, trüge nicht hier der Dichter den Bildner im eigenen Busen, schriee nicht sein Werk nach Anschaulichkeit, nie hätten wir die Blütezeit plastischer Kunst erlebt; vielmehr wäre es bei der Fortsetzung der knossischen, mykenischen, ägyptischen Anregungen geblieben; die Befruchtung des bildenden Triebes durch ein Überschwengliches der Poesie liegt zu Grunde. Wer diesen Zusammenhang nicht einsieht, kann das Wesen hellenischer Plastik nie erfassen. Gilt es auch allgemein, daß „mehr als man denkt der bildende Künstler vom Dichter und Schriftsteller abhängt“, so weist Goethe darauf hin, daß in Griechenland die Dichter (im Gegensatz zu anderen Dichtern) „sich am Nächsten, Wahren,   W i r k l i c h e n   festhielten, und selbst ihre Phantasiebilder Knochen und Mark haben.“ Da liegt des Rätsels Lösung. Ein Dichter, der sich ans Wirkliche hält, schafft für bildende Künste, wie sie Hellas hervor-

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brachte. „Das unmittelbar sichtlich Sinnliche dürfen wir nicht verschmähen, sonst fahren wir ohne Ballast“, heißt es an anderer Stelle, in Worten, die als Motto für das Dichten Homer's gelten könnten. Auf diese Weise wurde dort die ungeheure Kluft überbrückt: die leidenschaftliche Hingabe des Dichters an das sichtlich Sinnliche verlieh seiner Dichtung Eigenschaften, die sie zur unmittelbaren Inspiration des Sinnenkünstlers geeignet machten. Die Dichtung Homer's enthält die Verheißung der kommenden Plastik; sie könnte als die Traumbildnerei des noch nicht ausgereiften Stein- und Farbenkünstlers aufgefaßt werden. Als Kontrast blicke man auf Shakespeare. Ist er nicht ein gewaltiger Dichter, wie nur je einer? Und wer hat bemerkt, daß aus seinen Werken eine bildende Kunst entsprungen wäre? Sichtlich Sinnliches stellt eben sein Dichten nicht hin, sondern ausschließlich Charaktere und Handlungen, Geist, Leidenschaft und Politik — zwar gewiß ein Wirkliches, doch nicht „Knochen und Mark“, vielmehr ein Inneres des Geistes allein, wie scharf und plastisch umrissen dieses sich auch kundtun möge. Der Bildner, der etwa hier anknüpft, hat den Geist dort, wo er die Augen haben sollte; denn die Sinnenkünste sind derart mit der außermenschlichen Natur verknüpft, daß sie am Menschen nur dasjenige darzustellen vermögen, was an ihm reine Natur ist, nicht das Wahngezeugte, durch Geschichte, Aberglauben, Übereinkommen tausendfach Bedingte. Für Richard Wagner bildete die Einsicht in dieses Gesetz den Wendepunkt im Schaffen und befähigte ihn, die Brücke zu schlagen zwischen poetischem Gestalten und der Sinnenkunst der Musik. Wie aber mag es Goethe — der in umgekehrter Richtung fortschritt — gelungen sein? Die Antwort hierauf ist bedeutend verwickelter als bei den Griechen und bei Wagner, weil alle Sinnenkünstler einem von der Natur auferlegten Gesetz gehorchen müssen, an das sie durch den Organismus und die Wechselwirkung des betreffenden Sinnes gebunden sind, wogegen der poetische Wahnkünstler keiner solchen Instanz untersteht.
    Die Überwindung des Stoffes, auf die der Wirklichkeitskünstler angewiesen ist, nennen wir seine   T e c h n i k.   Kein Mensch hat den Wert aller Technik höher geschätzt und besser zu würdigen verstanden als Goethe; wenige Menschen von Bedeutung haben so geringe Beanlagung zu ihrer Beherrschung besessen. Über den Wert

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aller Technik schreibt er: „Bei Ausbreitung der Technik hat man keine Sorge; sie hebt nach und nach die Menschheit über sich selbst und bereitet der höchsten Vernunft, dem reinsten Willen höchst zusagende Organe“; hingegen „die Ausbreitung der Künste bewirkt Pfuscherei“. Dieser Hochschätzung entsprach die eigene Anlage nicht. In der Malerei und der Bildhauerei blieb es Goethe trotz unermüdlichen Bestrebens unmöglich, die Technik zu erlernen; alles andere, was Erfolg verspricht, besaß er: Formsinn, Farbensinn, Bildsinn, Leidenschaft, alles. In der Wissenschaft verhält es sich genau ebenso: die bedeutendsten Forscher mußten seine Anlagen bewundern, doch die Technik irgend einer Wissenschaft hat er nie von Grund aus erlernt. „Ich mochte nie das Handwerk einer Sache, die ich treiben wollte oder sollte, lernen.“ Hierher gehört die vielgenannte Abneigung gegen die Mathematik; denn Goethe hat nicht — wie die Märe es will — deswegen geringe Begabung für die Mathematik besessen, weil er ein Künstler war, sondern vielmehr, insofern er kein Künstler war, kein Künstler im alten technischen Sinne des Wortes. Wundervolle Aussprüche besitzen wir von ihm über die unersetzliche Bedeutung der Mathematik, die er, wie wir schon hörten (S. 319), behufs der Vermittelung „reinen Anschauens“, mit „Poesie des Genies“ auf eine Stufe stellt; dennoch mußte er erkennen: die Mathematik ist gleichsam eine reine Technik des Denkens und Anschauens; denn sie sieht vom Stoff ab und gibt die Technik allein; und aus diesem Grunde — also ihrer Technik wegen — war sie ihm unzugänglich und innerlich zuwider, wogegen das Künstlervolk der Hellenen die Mathematik als Grundlage aller Bildung betrachtete. Selbst aber in seiner eigensten Kunst — ich machte gleich zu Beginn dieses Kapitels darauf aufmerksam — stieß sich Goethe an die selbe Begrenzung (S. 408). Es war nicht falsche Bescheidenheit oder geschmacklose Schmeichelei, wenn er zu allen Lebenszeiten die Mitwirkung von Männern wie Herder, Wieland, Voß der Ältere und der Jüngere, Wilhelm von Humboldt, Riemer u. a. suchte, sondern er hat wirklich die Technik der Metrik nie beherrscht, auch nicht die Technik der Grammatik, der Orthographie, der Interpunktion; vielmehr bezog sich seine unvergleichliche Meisterschaft immer auf Geistiges. Das deutet nun auf einen tief innerlichen Zug des ganzen Wesens, und zwar auf einen Zug,

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der Goethe von allen großen Sinnenkünstlern ein für allemal scheidet und uns aufmerksam macht, ihn nicht mit ihnen zu verwechseln. Denn bedeutete das griechische Wort techne zugleich Kunst und Handgeschicklichkeit, so wurzelt dieser Doppelsinn in der Erkenntnis, daß kein Sinnenkünstler möglich ist, der nicht von Hause aus hervorragende Anlage zur Bewältigung eines stofflichen Hindernisses besäße. „Wenn der Künstler nicht zugleich Handwerker ist, so ist er nichts“, schreibt Goethe. Ein Wagner mag ja in sechs Monaten seine Fachstudien — zu denen Andere eben so viele Jahre bedürfen — absolvieren, aber doch nur, weil er von Geburt ein unerhörtes technisches Genie besaß, was er auch sonst bewies. Ohne lückenlos vollkommene Beherrschung der Technik kann in den Sinnenkünsten keine noch so große Begabung etwas von Bedeutung hervorbringen; die technische Meisterschaft muß hier so vollkommen sein, daß der Künstler auch genau zu beurteilen vermag, was mit und aus dem betreffenden Material sich machen läßt, sonst verliert er sich in der Jagd nach dem Unmöglichen. „Derjenige Künstler“, sagt Goethe von den Sinnenkünstlern, „wird in seiner Art immer der trefflichste sein, dessen Erfindungs- und Einbildungskraft sich gleichsam   u n m i t t e l b a r   m i t   d e r   M a t e r i e   v e r b i n d e t,   in welcher er zu arbeiten hat. Dieses ist einer der großen Vorzüge der alten Kunst...“ So wächst bei dem echten Kunsttechniker Stoff und Geist zu einer Einheit zusammen, und die Sinne, denen der bildende Erfinder gebietet, leiten bei dem fertigen Meister von innen nach außen nur noch aufbauende Impulse, die denjenigen genau entsprechen, welche von außen nach innen wirken können und müssen. Hier versagt Goethe. Er versagt darum, weil er   g a n z   P o e t   ist, weil er, heißt das, von dem Augenblick ab, wo er den empfangenen Gehalt gestaltet, rein als Geisteskünstler gestaltet, rein als Bewohner des Wahnlandes, nicht als handfertiger Sinnenkünstler. Die organische Einheit der Menschennatur gestattet die Behauptung: alles Technische ist seinem Wesen nach ein sinnenverwandtes Physische, auch dort noch, wo es Geistiges betrifft; die Metren der gelehrten Poetik beziehen sich im letzten Grunde auf rhythmische Körperbewegungen, die Regeln der Sprachlautverwandlungen lassen sich bis auf fortwirkende physiologische Naturursachen zurückverfolgen, die Gesetzmäßigkeit der Satzgliederung führt auf

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Gesetzlichkeiten, die einer mechanischen Psychologie nicht fernstehen; hingegen wir Goethe vorhin bekennen hörten, sobald er tätig sei — und damit wird gesagt: sobald er formt, sobald er dichtet — lasse er allen Realismus fahren, alles also, was zur physischen Wirklichkeit gehört, auch alle Technik, und verhalte sich „vollkommen idealistisch“, was er des näheren erläutert: „Ich frage nach den Gegenständen gar nicht, sondern fordere, daß sich alles nach meinen Vorstellungen bequemen soll.“ In dieser „idealistischen“ Gemütsverfassung offenbart sich nun das eigentlich und spezifisch   P o e t i s c h e   im Gegensatz zum Technischen, die Geisteskunst im Gegensatz zu den Sinnenkünsten. Zum Wesen der letzteren gehört es, an eine bestimmte „Materie“ gebunden zu sein — Holz, Marmor, Luft, Darmsaiten, Pigmente, gleichviel —, ihnen ist dies Kraft und zugleich Schranke, Wirkungsgewalt und auch Wirkungsgrenze; indes das Wesen des rein Poetischen die Freiheit ist, die Freiheit eines Unstofflichen, aus der Fronkette der Ursächlichkeit, der gebundenen Zeitenfolge, der abgemessenen Raumesgrenze usw. Erlösten.

Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden!
Dagegen weit heran bewege frei
Sich herrliche, verwegene Phantasei.
Mit Augen schaut nun was ihr kühn begehrt,
Unmöglich ist's, drum eben glaubenswert.

Das „Unmögliche“ ist das von aller Technik Freigelöste. Ohne Frage wird die soeben angerufene Einheit der Menschennatur es verbieten, daß je eine Poesie ganz ohne Technik, ganz ohne Bezug auf Naturgesetzlichkeit dem Verstande faßbar werde, ebensowenig wie eine Sinnentechnik gänzlich ohne jede Spur poetischen Geistes als Kunst bestehen könnte; worauf es mir aber hier einzig ankommt, ist die Verdeutlichung folgenden Verhältnisses: Goethe, der von allen uns bekannten Dichtern den Sinnenkünstlern am nächsten steht, ist zugleich unter allen Dichtern vielleicht der reinste „Poet“, im Sinne nämlich eines aller Technik abgewandten Geistes, der seiner Phantasie die ungebundenste Freiheit zu erobern sucht. Und diese Ungebundenheit ist es, was nicht wenige seiner Werke dem nicht Eingeweihten schwer verständlich macht und fast allen eine gewisse Unzugänglichkeit mitteilt.

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    Was sich beim Dichten in Goethe's Geist vollzieht, hat ihn zu folgendem Ausspruch veranlaßt: „Phantasie ist der Natur viel näher als die Sinnlichkeit: diese ist in der Natur, jene schwebt über ihr. Phantasie ist der Natur gewachsen. Sinnlichkeit wird von ihr beherrscht.“ Wie die Sinnlichkeit beherrscht wird, ersahen wir vorhin an dem bildenden Künstler und an dem Musiker, die, um ein Höchstes zu leisten, ihre Erfindungskraft geradezu „mit der Materie verbinden“ müssen; jegliche Technik erkannten wir als ein sich Unterordnen des Menschen unter Naturgesetze; die Phantasie dagegen — und das will heißen die Kunst des freien Wahnkünstlers, der weder vermittelst des Auges noch vermittelst des Ohres schafft, sondern herrlich verwegen dasjenige hervorzaubert, was er kühn begehrt, und es einer ebenso freien, empfangenden Phantasie zu nachschöpferischem Miterleben anvertraut — sie ist „der Natur gewachsen“, sie „beherrscht die Sinnlichkeit“ und ist darum — sie allein — fähig,   r e i n e   Natur zu gebären, Natur, die „realistisch“ und nichtsdestoweniger „vollkommen idealistisch“ ist oder, wie Goethe es einmal ausspricht, „natürlich zugleich und übernatürlich.“
    Wir behaupteten vorhin, den Gehalt seines Dichtens entnehme Goethe der Welt der Sinnenkünste, die Form erteile die Kunstwelt des Wahnes; diese Aussage können wir nunmehr, ohne sie aufzuheben, über die engere Kunstgrenze hinaus erweitern, indem wir sagen: bei Goethe's Dichten ist es die wahrgenommene Natur, die den Gehalt beisteuert, wogegen die Form von der Phantasie herrührt. Das erklärt seine Überzeugung, reine, echte Poesie sei mehr als Rede und auch mehr als Kunst; sie reicht — was die Würde des Daseins betrifft — dicht an Natur heran und ist doch von ihr fast vollkommen losgelöst: mit den Griechen darf man sie ein Gottverwandtes nennen.
    Blicken wir von hier aus noch einmal zurück auf das Problem Gehalt und Form, so fallen uns unwillkürlich Goethe's Worte ein:

Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt:
Den Gehalt in deinem Busen,
Und die Form in deinem Geist.

Das stimmt genau mit unserem Ergebnis. Denn unter dem „Ge-

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halt im Busen“ ist nach dem Texte dieses Gedichtes das „Element“ zu verstehen, also die Sinne und was sie vermitteln, alles, was den Menschen mit der Natur verbindet und ihn zu einem Bestandteil ihrer stempelt — die Vorstellung „Natur“ im weitesten Sinne des Wortes genommen, worunter auch die moralischen Eindrücke als ein von außen Empfangenes und das Schicksal als eine Äußerung des unweigerlich bedingenden Gesetzes einbegriffen sind; dieser Gehalt strömt ununterbrochen in den Busen ein. Ihm gegenüber empfindet Goethe als selbständigen, ergänzenden Gegensatz „die Form im Geist“. Im Geiste walten — nach Goethe's Vorstellung — Vernunft und Phantasie, welche gemeinsam die formgebenden Ideen erzeugen; und dieses Reich empfindet er als ein Reich der Freiheit: „Ich frage nach den Gegenständen gar nicht, sondern fordere, daß sich alles nach meinen Vorstellungen bequemen soll“ (S. 434). Diese Auffassung entspricht Zug für Zug der mittleren Grundüberzeugung Immanuel Kant's von den zwei Welten Natur und Freiheit: was bei dem Philosophen theoretisch begründet und abstrakt vorgetragen wird, das erlebt Goethe als Dichter und setzt es in seinem Wirken sowie in seinen Werken in die Tat um. Schon früh im Leben — noch nicht fünfundzwanzigjährig — weiß er es: „Alles Schreibens Anfang und Ende ist die Reproduktion der   W e l t   u m   m i c h   durch die   i n n e r e   W e l t,   die alles packt, verbindet, neuschafft, knetet und in eigener Form, Manier wieder hinstellt.“ Da haben wir Gehalt und Form, Natur und Phantasie, die Welt um den Menschen herum (alles unentrinnbar Gegebene) und die „neugeschaffene“ Welt des Geistes im Inneren, und damit zugleich noch einmal die aufs schärfste herausgearbeitete Gegenüberstellung der uns jetzt beschäftigenden Dualität von Gehalt und Form. Wie mag es wohl Goethe gelingen, die Kluft zwischen den zwei Welten — die er in so jungen Jahren schon als schroff unterschieden empfindet — erfolgreich zu überbrücken? Denn Jeder begreift jetzt noch deutlicher als vor einigen Minuten, daß in diesem Falle ein verwickelteres Problem vorliegt als bei den hellenischen Bildnern und bei Richard Wagner, für deren Kunstwerke der gegebene Sinnenstoff ein gemeinsames Mittelgebiet schafft, während bei dem reinen Wahnkünstler alle Techne — also alle „Kunst“ im Sinne der Alten — fortfällt und der Gegensatz des Technikers, also der eigentliche   D i l e t t a n t   auf-

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tritt, der Mann, der alles zu Geist wandelt und darum die sonst unmögliche Forderung aufstellen darf, es „solle sich alles nach seinen Vorstellungen bequemen.“ Wie mag es ihm gelingen?
    Das „ewige Geheimnis“ — auf das Goethe an der soeben angeführten Stelle des weiteren hinweist — verletzen wir gewiß nicht, wenn wir sagen: die Einheit wird in diesem Falle einzig durch die Einheitlichkeit des Individuums möglich. Der extreme Realist und der extreme Idealist, der Sinnenkünstler und der Wahnkünstler — sie bilden zusammen einen einzigen Menschen, einen wunderbaren Menschen, in welchem sich Anlagen aus den entgegengesetzten Endpunkten des menschlichen Gemütes zu einer gelebten Einheit verbinden. Hier ist also nicht eine historische Erklärung am Platze, wie bei den Griechen, wo Wirkung und Rückwirkung aus einem Kunstgebiet in das andere verfolgt werden können, noch auch wie bei Richard Wagner, wo natürlich der eine Unvergleichliche nicht minder als Gabe Gottes zu betrachten ist, wo aber — wie Wagner selber es gezeigt hat — die Entwickelung der deutschen Poesie und die der deutschen Musik einen Punkt erreicht hatten, daß sie das neue Worttondrama — das spezifisch „deutsche“ Drama — gebären mußten. In diesen beiden Fällen führt ein Meister zum andern und eine Kunst zur andern auf einem Wege, den ich nur als Notwendigkeit zu bezeichnen weiß. Bei Goethe ist das nicht der Fall. Was ihn bedingt in Zeit und Raum, wirkt alles nur sekundär; im wesentlichen steht er — als Dichter — außerhalb der Geschichte; ich glaube auch nicht, daß von ihm ein literarischer Einfluß ausgeht oder ausgehen kann — alles andere eher: hirnerweiternd, naturoffenbarend, kulturerzeugend.

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Der Gehalt in Goethe's Dichtungen

    Einige Klarheit über Goethe's Sonderstellung unter allen Dichtern haben wir uns verschafft und zugleich einen Standpunkt gewonnen, der uns gestattet, nunmehr sein Dichten dem Gehalt und der Form nach in Betracht zu ziehen mit einiger Hoffnung, anregende Ergebnisse einzuheimsen. Auf eine theoretische „Ästhetik“ kommt es uns keineswegs an, wohl aber auf alles, was dazu bei-

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tragen kann, die Werke dieses einzigen Dichters unserm Leben und Erleben näherzubringen.
    Das Wort von „dem Gehalt in deinem Busen“ ruft jene Schilderung zurück, die ich auf S. 420 anführte. Die den Körper und die Seele bannende rhythmische und melodische Stimmung aus dem Reiche der Tongestaltung, jene darauf folgende Trunkenheit des wonneschlürfenden Auges — sie zeigen uns den Gehalt einer poetischen Inspiration Goethe's in dem Augenblick, wo er aus dem Busen überzuströmen und bereits künstlerische Bedeutung durch Formgebung zu erlangen beginnt. Der eigentliche „Gehalt“ — wenn wir diesen zum Unterschied von aller Form als den poetisch noch ungestalteten Bestandteil des geistigen Besitzes bezeichnen wollen — liegt also weiter zurück; er geht dem genannten schöpferischen Vorgang voran als der wahre Brunnquell aller derartigen künstlerischen Erlebnisse. Goethe lehrt: „Poetischer Gehalt ist Gehalt des eigenen Lebens.“ Wer aber das Wort im Gedächtnis trägt: die Anderen versuchen das Poetische zu verwirklichen, er, Goethe, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben, wird begreifen, daß er mit dieser Definition des poetischen Gehaltes große und ganz besondere Anforderungen an sich selber stellt. Diejenigen, die von poetischen Stimmungen ihren Ausgang nehmen, welche sie nun zu verwirklichen suchen, können manchmal mit recht wenig Gehalt auskommen; sie sind imstande, wie Goethe spottet, „sich bloß durch Einbildung im Flug zu erhalten“: die Einen haben nur von Liebe gesungen, Andere nur von Wein oder von Weltschmerz; die Liebe und den Schmerz findet Jeder im eigenen Herzen und kann darüber nach Belieben phantasieren, auch die unverschämtesten Lügen darüber zu Gedichtchen „verkehren“, an denen noch heute die Deutschen ihren Geschmack, ihr Sprachgefühl, ihre Ehrliebe, ihr poetisches Empfinden vergiften; wer dagegen es unternimmt, „der Wirklichkeit eine poetische Gestalt zu geben“ (S. 432), findet sich in einer anderen Lage: denn die Wirklichkeit ist eine unabsehbar reiche Vorstellung, die nur nach und nach, in ununterbrochener Arbeit angeeignet werden kann. „Der Tag ist lang und die Nacht dazu; man kann nicht immer dichten“, spottet Goethe und fügt hinzu: „Der vorzüglichste Mensch lebt auch nur vom Tage und genießt nur kümmerlichen Unterhalt, wenn er sich zu sehr auf sich selbst zurück-

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wirft und in die Fülle der äußeren Welt zu greifen versäumt, wo er allein Nahrung für sein Wachstum ... finden kann.“ Es kommt, wie er häufig hervorhebt, auf „die genaue Betrachtung einzelner Wirklichkeit“ an; die Phantasie vermag es nicht, irgend eine einzelne Wirklichkeit zu erfinden; unverdrossen müssen wir eine nach der anderen „genau betrachten“; nur auf diese Weise haut sich allmählich eine Vorstellung wahrer Wirklichkeit auf. Wenn also diesem Einen Dichter im Gegensatz zu den anderen allezeit Wirklichkeiten als Gehalt für seine poetischen Stimmungen aus den Tiefen des Unbewußtseins emporstiegen, die er nun bloß zu erfassen brauchte, um sie „in ein poetisches Leben einzugeisten“ (S. 433), so liegt diesem Phänomen seine ununterbrochene, lebhaft bewirkte Einverleibung des Wirklichen zugrunde, und zwar   a l l e s   W i r k l i c h e n.   Schon in sehr jungen Jahren ist ihm bewußt, worauf es ankommt, und ruft er sich zu: „Wie viel Gegenstände bist du imstande so zu fassen, daß sie aus dir wieder neu hervorgeschaffen werden mögen? Das frag' dich; geh' vom Häuslichen aus und verbreite dich, so du kannst, über alle Welt.“ Was bei dem leidenschaftlichen Freund der bildenden Künste in die Augen fällt — die unablässige, bis ins kleinste reichende, ewig wiederholte Betrachtung, Vergleichung, Aneignung der Kunstwerke — das ist nur eine Teilerscheinung, die sich selbst dem flüchtigen Beobachter aufdrängt; Goethe hat sich   a l l e s — nicht bloß Kunstwerke — in dieser selben Weise angeschaut. An der Mühle reitet er nicht vorbei, ohne von seinem Wege abzubiegen, sich die Mahlsteine genau anzusehen und über ihre Herkunft Erkundigung einzuziehen; auch im fernen Lande, wo Kunst und Geschichte alle Aufmerksamkeit zu erfordern scheinen — wie in Sizilien — wird die Qualität des Bodens, die Eigenart der Gebirge und Täler, die Geologie und Mineralogie der Gegend (sofern Hammer und ein stets Beziehungen herstellender Verstand Aufschluß geben können), die Art des Feldbaues, der Zustand der Ernten, die Bauart der Häuser — kurz, alles und jedes beachtet, gesehen, aufgeschrieben, wenn möglich durch Skizzen von eigener oder fremder Hand ergänzt. Aufzählungen wären lästig, denn ich wüßte nicht, was Goethe's Aufmerksamkeit entgangen wäre. Findet er sich in eine größere Stadt eingesperrt, so erschrickt er zuerst über „die millionfache Hydra der Empirie“, welche jede klare Erfassung eines

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einzelnen Wirklichen unmöglich zu machen scheint, und will lieber nach Hause eilen, „aus seinem Innersten Phantome jeder Art hervorzuarbeiten“; doch bald siegt die Macht der Anschauung oder was N> ir weniger abstrakt die Lust zu leben nennen können — wie denn Goethe einmal wörtlich sagt: „am unwandelbaren Verhältnis zum Objekt genießen wir die Freude des Lebens“; die Gegenstände, die einzeln genommen, bedeutungsarm und sinnverwirrend zu wimmeln schienen, verbinden sich vor seinen Augen zu allgemeineren symbolischen Vorstellungen, denen man, wenn auch „keine   p o e t i s c h e   Form geben kann, so doch eine   i d e a 1 e“.   Aus diesem Beispiel ersieht man deutlich, daß Goethe ununterbrochen Gehalt sich aneignet; die Frage, ob ein Gegenstand eine poetische Form vertrage, kommt für ihn in zweiter Reihe; eine   i d e a l e   läßt sich immer abgewinnen, und hierdurch erst — nämlich durch Ideenbildung — wird das Gesehene geschaut und in den Busen als ein „Wirkliches“ zu dauerndem Besitz — als „Gehalt“ — aufgesogen. Das ist, was Goethe einmal „Phantasie für die Wahrheit des Realen“ nennt -ein Wort, das den geheimen Faden aufdeckt, der von dem Gehalt zur Form und wieder zurück von der Form zum Gehalt hin- und herleitet; denn die Wirklichkeit so aufnehmen wie Goethe kann nur ein Geist, dessen Phantasie der Natur gewachsen ist und diese später frei zu gestalten wissen wird; umgekehrt aber ist das gut gesehene Wirkliche der Nährboden aller Phantasie; also: je mehr Phantasie, desto mehr Wirklichkeit, und je reicher die Wirklichkeit, desto reicher die Phantasie. Hiermit ist eine Art organisches perpetuum mobile gegeben, ein Prinzip unbegrenzten Werdens und Wachsens. Goethe empfindet es als Leben, und zwar (wie es an jener Stelle über die zunächst sinnverwirrende Großstadt heißt) „auf   j e d e m   Platz, in   j e d e m   Moment“.
Eine wichtigste Einsicht: Leben ist Gegenwart; Leben ist das was ist, nicht das, was war, nicht das, was sein wird; nur insofern sie Bestandteile der Gegenwart bilden, haben Vergangenheit und Zukunft für das Leben Wert. „Ihr seid nicht gefördert, wenn ihr eine Geliebte, die ihr durch Entfernung, Untreue, Tod verloren habt, immerfort betrauert,“ ruft Goethe den jungen Dichtern zu. „Das ist gar nichts wert, und wenn ihr noch so viel Geschick und Talent dabei aufopfert. Man halte sich ans fortschreitende Leben und
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prüfe sich bei Gelegenheiten; denn da beweist sich's im Augenblick, ob wir lebendig sind, und bei späterer Betrachtung, ob wir lebendig waren.“ Das Gewicht liegt hier auf dem Worte   f o r t s c h r e i t e n d:   man halte sich ans fortschreitende Leben. Jener geflüsterte Rhythmus, den wir an dem geheimnisvollen Entstehen einer Dichtung aus Unbewußtsein zu Bewußtsein entscheidend betätigt sahen, ihn kann nur Einer vernehmen, dem das Schreiten als Lebenselement vertraut ist. „Der junge Dichter spreche nur aus, was lebt   u n d   f o r t w i r k t,   unter welcherlei Gestalt es auch sein möge.“ Ist für Goethe „Wirklichkeit“ der Gehalt seines Daseins und damit auch seines Dichtens, so versteht er unter dieser Wirklichkeit einzig das, was lebt,