HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
GOETHE

FÜNFTES KAPITEL

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Vorworte & Einleitung
Erstes Kapitel. DAS LEBEN
Zweites Kapitel. DIE PERSÖNLICHKEIT
Drittes Kapitel. DER PRAKTISCH TÄTIGE
Viertes Kapitel. DER NATURERFORSCHER
Fünftes Kapitel DER DICHTER
Sechstes Kapitel. DER WEISE
Anhang & Register





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FÜNFTES KAPITEL

DER DICHTER


Poesie ist, rein und echt betrachtet,
weder Rede noch Kunst.    Goethe
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(Leere Seite)
 
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Goethe's Sonderstellung

Um Goethe, den Dichter, in seiner Eigenart deutlich zu erblicken, müssen wir einer zwiefachen Anforderung genügetun: wir müssen lernen, das Auge weit schärfer, als gewöhnlich geschieht, auf den einen Punkt allein zu richten, zugleich aber, es an jeder Ferne zu üben. Den im Chaos der literaturgeschichtlichen Geringfügigkeiten zerstreuten, ermüdeten Blick wollen wir darum in langhaftender Ruhe auf die eine ewige Persönlichkeit einengen, die aus jedem Zeitenstrom hervorgetaucht wäre, äußerlich je nach der Epoche verschieden drapiert, doch im Wesen die gleiche; den Horizont dagegen, der diese Persönlichkeit umgibt, wollen wir so weit ziehen, wie wir es nur irgend vermögen, überzeugt, daß einzig aus einer in ihrer ganzen Länge und Breite aufgerollten Welt- und Geistesgeschichte die Perspektive zur richtigen Erfassung einer solchen Erscheinung gewonnen werden kann, sowie auch Vergleichspunkte, bedeutend genug, um zu aufklärenden Analogien und Kontrasten dienen zu dürfen.
    Unter den Dichtern steht Goethe einsam da; die Geschichte weiß von keinem ähnlichen zu berichten; darum fördert sie uns wenig oder gar nicht, es sei denn, wir greifen weit über das Literarische hinaus. Freilich kann in einem gewissen Sinne von jedem schöpferischen Geiste das gleiche behauptet werden: ein jeder steht auf einem Gipfel, zu dem man hinansteigt, von dem aus jedoch kein Pfad weiterführt; die Epigonen, die mit gigantischer Überanstrengung auf Ossa Pelion zu türmen hoffen, stürzen kopfüber zu Tale; einsam ragt der Große durch die Zeiten empor, sich selber, keinem Anderen gleich. Zu jedem dieser Gipfel pflegt aber ein geschichtlich nachweisbarer, von Anderen mühevoll geebneter Weg hinaufzuführen; bei Goethe nicht. Freilich tritt auch er eine Erbschaft an und weiß sie mit besonderer Energie sich einzuverleiben; als schöpferischer Dichter jedoch baut er von unten auf; Keiner, der ihn wirklich kennt, wird ihn unter die anderen Dichter einzureihen verstehen; er gehört keiner Kategorie an; vielmehr steht er doppelt einsam da: nicht bloß ohne Nachfolger, sondern auch ohne Vorgänger. Das erschwert das Verständnis; denn die sonst vertrauten Worte — Lyriker, Dramatiker usw. — verlieren hier ihre gewohnte Geltung, und wie Goethe

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selber von unten auf baute, müssen auch wir es uns nicht verdrießen lassen, ihm Schritt für Schritt nachzugehen.
    Zu diesem Behufe kommt es zunächst darauf an, die unterscheidenden Grundeigentümlichkeiten aufzudecken, welche Goethe's Sonderstellung unter den anderen Dichtern bedingen. Als erste nenne ich seine leidenschaftliche, lebenswierige Hingabe an die bildende Kunst in ihren verschiedenen Abarten.
    Wer achselzuckend über Goethe's Beschäftigung mit Malerei, Bildhauerei und Architektur spricht, urteilt ohne Kenntnis; denn Goethe hat der bildenden Kunst mehr Denk- und Lern- und Methodisierarbeit gewidmet als der Dichtkunst. Eingestandenermaßen gelang es ihm nie, sich in dem Labyrinth der antiken Versmaße zurechtzufinden; brauchte er sie, so mußte ein Riemer oder ein Knebel sie ihm aufzeichnen; „ich habe das Unglück, dergleichen immer zu vergessen“, schreibt er entschuldigend; bei aller unschöpferischen Technik der Sprachbehandlung versagte sein Gedächnis: seine Orthographie blieb schwankend, und er gesteht, die Interpunktion sei „eine Kunst, die er nie habe lernen können“. „Er achtete weit mehr auf das Technische der Malerei als auf das Technische der Dichtkunst“ und erwarb sich auf diese Weise in den bildenden Künsten wirkliche Gelehrsamkeit, sowohl in Bezug auf das Technische wie auf das Historische, weswegen er sich auf diesem Gebiete ein „verständiges“ und „dauerndes“ Urteil zutraut, während er in der Poesie schwankt und nicht weiß, „ob er wohl tue, das eine aufzunehmen und das andere abzulehnen“. Inwiefern Goethe es in der Malerei und Bildhauerei zu selbständiger Produktion brachte oder nicht, ist hierbei von geringem Belang; wir wissen, daß er auf der Sonnenwende seines Lebensweges eine Krise durchmachte (S. 17) und wollen aus ihr weniger das negative Ergebnis des erkannten Unvermögens als das positive der aus dem Mittelpunkt des Wesens auflodernden Leidenschaft entnehmen. Was die Welt als „ein falsches Streben“ beurteilt, „kann für das Individuum ein ganz unentbehrlicher Umweg zum Ziele sein“, schließt Goethe aus seiner eigenen Erfahrung, und nach wie vor lautet sein Grundsatz: „Schreiben muß man nur wenig, zeichnen viel.“ Und warum dies? Weil Goethe erkannt hatte, bei ihm „helfe das Zeichnen und das Kunststudium dem Dichtungsvermögen auf“. Es besteht also zwischen seinen schöpferischen Instink-

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ten ein enger organischer Zusammenhang; die Hingabe an die bildende Kunst ist bei ihm nicht Liebhaberei, sondern vielmehr angeborenes Bedürfnis; dieser von früher Jugend an bis an die allerletzte Stunde (S. 80) vorhaltende „unwiderstehliche Trieb“ nach der Augenweide schöner Werke des in Linien, Farben, Formen dichtenden menschlichen Gemütes ist ein Bestandteil — ein unabtrennbarer Bestandteil — seines eigenen Dichtens. Wilhelm von Humboldt hat in „unschätzbaren Blättern“ darzutun versucht, die bildnerische Übung (Übung der Hand ist hier Schulung des Auges) sei diesem einen Dichter unter allen durch sein besonderes Verhältnis zur   W i r k l i c h k e i t   aufgenötigt worden. Die bildende Kunst erlaube, sagt er, die Übertragung der Wirklichkeit in ein Ideal auf dem Wege des Versuches zu üben, so daß der Künstler nach und nach, von Versuch zu Versuch, seinem Ziele immer näher komme; wogegen die Möglichkeit einer derartigen Schulung dem Gedanken, dem Worte, dem Rhythmus nicht gegeben sei, da diese unvermittelt aus dem nur in Begriffen und Ideen webenden Inneren hervorbrechen. „Wo die Worte fehlen, spricht die Tat“, sagt Goethe von dem Künstler; wo aber dem Dichter die Worte fehlen, verstummt er; er kann sich nicht an eine Staffelei stellen und das Auge auf dem Wege der Übung den Verstand aufklären lassen. Darum heißt denn die Bildungsmaxime unseres Dichters, sich „wetteifernd mit der Natur“ zu   ü b e n,   bis es gelingt, „etwas geistig Organisches hervorzubringen“: hierzu kann er die bildende Kunst nicht entbehren. Mit der Übung in der Bewältigung der äußeren Gestaltung, des „unmittelbar sichtlich Sinnlichen“, schenkt sie aber noch etwas, was kaum Jemand vorausgesehen hätte, nämlich die Übung, auch das   I n n e r e   zum Ausdruck zu bringen. „Vielleicht“, schreibt Goethe, „überliefert der Poet nicht so unmittelbar seine inneren Zustände als der Maler, der, ohne im mindesten daran zu denken, uns zu seinen Gesellen macht und die Welt durch seine Augen und seinen Sinn anzusehen nötigt.“ Goethe's unvergleichliche Meisterschaft in der Wiedergabe der besonderen Stimmung eines Wirklichen dürfte mindestens zum Teil auf eine geheimnisvolle Weise mit der plastisch-malerischen Ausbildung seines Auges zusammenhängen; an seinem Lebensende erkannte er, sie habe ihn „in seinen eigentlichen, wahren Leistungen auf das reellste gefördert“. So schlingt sich denn Goethe's Dichtkunst an der Kunst des Auges

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empor und ist überall mit dieser verwachsen. Mir ist kein anderer Dichter bekannt, von dem man das Gleiche behaupten dürfte.

    Jedoch, nicht allein zu der Kunst des Auges, auch zu der Kunst des Ohres steht Goethe's Dichten in organischen Beziehungen. Zwar fällt es schwerer, dieses Verhältnis klar zu entwickeln; nennt Goethe seine malende Hand eine „stotternde“, so war er kein stotternder, sondern ein stummer Tonkünstler; die Bedeutung der Kunst des Ohres für sein Dichten ist aber trotzdem keineswegs geringer. In einem Versuche, die indoarische Musik der Vorzeit zu charakterisieren, schreibt ein Zeitgenosse: „Es handelt sich überhaupt hier nicht um eigentliche Kunst, sondern um etwas, was tiefer liegt, um das Element, aus welchem Kunst erst entsteigt; es ist nicht die meergeborene Aphrodite, sondern das Meer selbst“; etwas Ähnliches müßten wir von Goethe's Verhältnis zur Musik sagen: sie war ihm ein Element, aus dem er bei seinem Dichten schöpfte. Von dem Genuß, den Musik ihm gewährt, sagt er, „er kann mit keinem andern verglichen werden“. Als er „über Iphigenien brütet ... läßt er sich Musik kommen, die Seele zu lindern und die Geister zu entbinden“. Wer hätte nicht erschüttert das Buch hingelegt, wenn nach der Szene, wo Mignon, von Weinkrämpfen befallen, in Meister's Armen gelegen hat, plötzlich vor der Türe die Harfe erklingt?

    Ich wiegte Schmerz und Sehnsucht
Und jeden Wunsch mit leisen Tönen ein.
Da wurde Leiden oft Genuß, und selbst
Das traurige Gefühl zur Harmonie.

    Wer so dichtet und spricht, dem muß doch Musik mehr sein als Schmuck, Spiel, Zeitvertreib und, im besten Falle, dienende Stütze des Wortes. Als Goethe aus der bedrohlichen Krankheit des Jahres 1801 wieder zum Leben erwacht, ist „das erste höhere Bedürfnis, was er empfindet, nach Musik“. Vom mehrstimmigen a capella-Gesang meint er, dieser „lasse den Menschen seine Gottähnlichkeit empfinden“. Die alten Volksmelodien ergriffen ihn dermaßen, daß er sie als „von Gott erschaffen“ bezeichnet. Waldhörner, aus der Ferne vernommen, wirken auf ihn „wie ein Balsamduft“; in Weber's Euryanthe „ist ihm zu Mute wie etwa einem Christen im tau-

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sendjährigen Reiche“. „Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik ist mir unwahrscheinlich, wie mich der einfache Gesang angreift!“ so ruft der Jüngling der Wertherzeit aus; der Greis spricht einzig der Musik die Macht zu, „des Menschen Wesen durch und durch zu dringen.“
    Auch theoretisch hat Goethe, wie kein Einziger vor ihm, bis auf den Grund gesehen. Er schreibt: „Wäre die Sprache nicht unstreitig das Höchste, was wir haben, so würde ich   M u s i k   n o c h   h ö h e r   a l s   S p r a c h e   u n d   a l s   g a n z   z u   o b e r s t   s e t z e n.“   Der eigenartige Ausspruch zeigt uns Goethe im Kampfe mit der inneren Überzeugung: es treibt ihn dazu, die Musik „noch höher als die Sprache zu setzen“, d. h. ihr eine Fähigkeit des Ausdruckes zuzugestehen, welche die der Sprache übertrifft, und doch wagt er es nicht, dies klipp und klar auszusprechen; denn er ahnt ein Problem, über das man nicht so flüchtig hinweghuschen dürfe, wie seinerzeit Lessing es getan hatte. Dieser lehrt bekanntlich, die Natur habe Poesie und Musik „zu einer und ebenderselben Kunst bestimmt“, und er erwartet von ihnen „eine gemeinschaftliche Wirkung“; wenn aber auch Goethe Lessing anläßlich seiner ästhetischen Arbeiten als „vortrefflichsten Denker“ preist, so bedeutet trotzdem dieses vielzitierte Wort eher einen gegen die beschränkten Ansichten des Pseudoklassizismus gerichteten Geistesblitz als eine wirkliche Aufklärung. Ungleich tiefer reichte Goethe's Blick und gewahrte infolgedessen nicht bloß das „Gemeinschaftliche“, sondern auch ein nie zu tilgendes Gegensätzliche zwischen Wort und Ton. Das poetische Bedürfnis und somit auch der zu erstrebende poetische Ausdruck, das fühlte Goethe, erfordert beides — Sprache und Musik, doch vielfach wechselnd, je nach dem poetischen Gehalt; daher muß in einer vollendeten poetischen Mitteilung das eine Mal das eine Element, das andere Mal das andere „zu oberst“ thronen; so wird sich denn immer wieder das eine „unstreitig Höchste“ von dem andern „noch Höheren“ überflügelt sehen, und die Frage, ob Sprache oder Musik „das Höhere“ sei, bleibt ewig unentschieden, weil falsch gestellt. Später gewann Goethe für die selbe Erkenntnis einen noch feineren Ausdruck. Dichtkunst und Tonkunst, heißt es in den Wanderjahren, „bedingen sich wechselweise und befreien sich sodann wieder „wechselseitig“; je nach der Inspiration des

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Augenblicks „zeigt sich die Herrschaft der Musik über die Poesie“, oder aber es flößt des Poeten „Zartheit und Kühnheit dem Musiker Ehrfurcht und neue Gefühle ein“. Man beachte die Art, wie in Beethoven's Neunter die Bestimmtheit des Ausdrucks einen Punkt erreicht, wo der schaffende Künstler das Wort nicht länger entbehren kann; wogegen in Goethe's Klassischer Walpurgisnacht der Empfindungsgehalt am Schlusse flutartig heranwächst, bis er in den Gesang „All Aller“ an „Eros, der alles begonnen“, ausbricht. So lernt man Richard Wagner's Ausspruch über die Tonsprache als „Anfang und Ende der Wortsprache“ verstehen. Lessing hatte aus literarischer, kritisch hellgeschliffener Gelehrsamkeit geurteilt, Goethe urteilt aus der Not und der Erfahrung der eigenen nach Gestalt und Ausdruck ringenden Seele.
    Wie man sieht, auch die Kunst der Töne ist mit der Poesie dieses Dichters organisch verwoben; aus ihrer Welt schöpft er wie aus einem geheimnisvollen Borne und fühlt sich von ihr zu Höhen gelockt, zu denen er sehnsuchtsvoll ahnend hinanstrebt. Es ist gewiß berechtigt, wenn wir die auffallende Sonderstellung Goethe's unter den Dichtern als hervorgehend aus dem innigen Verhältnis dieses einen Dichters unter allen zu den Künsten des Auges und des Ohres vermuten. Bedenken wir des Weiteren, daß Goethe gern bei jeder schöpferischen Tätigkeit zwischen dem Bewußten und dem Unbewußten unterscheidet, wir werden geneigt sein, die malerischen und plastischen Forderungen der mehr bewußten, die musikalischen Instinkte der vorwiegend unbewußten Sphäre zuzuschreiben. Hören wir ihn dann bemerken: „Das Bewußtsein des Dichters ist eine schöne Sache, aber die wahre Produktionskraft liegt doch am Ende immer im Bewußtlosen“, so irren wir gewiß nicht, wenn wir vermuten, das musikalische Element in seinem Schaffen hänge vornehmlich mit der ersten Konzeption einer Dichtung zusammen, das bildnerische mit deren Vollendung.
    Kein Wunder, wenn dieser Dichter, der zugleich die lenkenden Stimmungen des Tonkünstlers und die formenden Instinkte des echten Bildners besitzt, von andern Dichtern sich unterscheidet.

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Sinnenkunst und Wahnkunst

    In flüchtigen Umrissen habe ich versucht, eigenartige Verhältnisse anzudeuten; vorläufig sollte nur die Aufmerksamkeit geweckt werden; jetzt wird sie aufgefordert, an der Hand Goethe's die feinere Analyse zu unternehmen, ohne welche ein wahres Verständnis nicht zu gewinnen ist.
    Im Gegensatz zu aller Schulästhetik — den „gespensterhaften Stimmen“, wie er sie nennt — lehrt uns Goethe zwischen zwei völlig verschiedenen Kunstwelten unterscheiden, nämlich zwischen den   S i n n e n k ü n s t e n,   welche — eben weil sie in den Sinnen des Auges und des Ohres wurzeln — immer von einer „Wirklichkeit“ (als Inspiration) ausgehen und zu einer „Wirklichkeit“ (als Werk) hinführen, und der   P o e s i e,   deren Heimat „die Welt des Wahns“ ist, in der alle Wirklichkeit nur als schwebende Geistesvorstellung empfangen wird und jedes Kunstgebilde nur als Wahnvorstellung im Hirne Anderer — nicht als sinnlich Wahrnehmbares — Gestalt erhält. Zwischen diesen beiden Welten, sagt er,   „l i e g t   e i n e   u n g e h e u r e   K l u f t“,   so daß es „schwer, ja fast unmöglich ist, von Poesie und Rhetorik überzugehen“ zu den Künsten der bildenden Sinne. Wo aber eine ungeheure Kluft scheidet, da findet keine Angrenzung statt (die irrtümliche Voraussetzung in Lessing's Laokoon), vielmehr handelt es sich um zwei von Grund aus verschiedene Welten, in denen des Menschen Schöpferkraft sich je nach den verschiedenen Anlagen betätigen kann. Hiermit wird keine abstrakte Ästhetik getrieben, sondern es werden unableugbare Grundtatsachen beobachtet und ein für allemal festgestellt.
    Gewiß war es ein geistvoller Gedanke Voltaire's, den Begriff „Kunst“ für die Gesamtheit dessen einzuführen, was der Mensch gestaltend hervorbringt; seine eingehende Beschäftigung mit Physik, Astronomie und anderen exakten Wissenschaften mag für ihn die bestimmende Veranlassung gewesen sein, der Gesamtvorstellung einer Science die Gesamtvorstellung eines Art entgegenzusetzen; wir begreifen auch, daß Schiller und Goethe es sich angelegen sein ließen, diesen umfassenden Begriff einer „Kunst“ in die deutsche Sprache einzuführen. * Früher sprach man von „Künsten“ in der Mehrzahl und verstand darunter die einzelnen Fertigkeiten, indem

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der Nachdruck auf die Beherrschung einer Technik gelegt wurde; auch der Grieche besaß für Kunst kein anderes Wort als Techne, worunter er das verstand, was die Engländer noch heute handicraft nennen. Nunmehr ist der Begriff „Kunst“ dahin verschoben worden, daß der Nachdruck nicht mehr auf der Geschicklichkeit, sondern auf dem Erfindungsreichtum liegt und das Wort — sobald wir es prägnant verwenden — die Schöpferkraft des Menschen überhaupt im Gegensatz zu jener der Natur bezeichnet. Namentlich an dieser Unterscheidung zwischen Kunst und Natur lag Goethe und Schiller viel; sie erhielt ausschlaggebende Bedeutung in ihrer Weltanschauung; wobei aber der Übelstand nicht zu überwinden war und auch nie überwunden worden ist, daß — wie uns aus dem vorigen Kapitel ausführlich bekannt — der Begriff „Natur“ ein schwankender ist. Selbst die Zwei — Goethe und Schiller — mußten ihrem ganzen Wesen nach in der Auffassung von „Natur“ auseinandergehen; Schiller möchte sein Gemüt „von allem Unrat der Wirklichkeit rein waschen“, um dann „den ganzen ätherischen Teil seines Wesens zusammenzunehmen“; „den poetischen Genius“, meint er, könne „die Wirklichkeit nur beschmutzen“; wogegen Goethe die Natur „die Grundfeste der Kunst“ nennt und uns belehrt, bei ihm „ruhe das Poetische durchaus auf dem Wirklichen“; auch macht er einmal aufmerksam, die Natur sei immer vollkommen, die Kunst „selten oder nie“, denn: „Es ist viel Tradition bei den Kunstwerken, die Naturwerke sind immer wie ein erstausgesprochenes Wort Gottes.“ Doch liegt es außerhalb des Gesichtskreises dieses Buches, auf dergleichen schwankende Begriffsstrukturen näher einzugehen; wer sich dafür interessiert, greift am besten zu Heinrich von Stein's kleinem Buche über die Ästhetik der deutschen Klassiker (Reclam); für unseren Zweck genügt es, wenn wir aufgerüttelt worden sind, über den heute landläufig gewordenen Begriff einer einheitlichen „Kunst“ nachzudenken; denn dieser Begriff wird zu einer neuen Quelle der Verwirrung, wenn wir verlernen, mit den Alten scharf zu unterscheiden zwischen den technischen Sinnenkünsten — die alle, weil sie aus Stoff gestalten, eine manuelle, angelernte Geschicklichkeit voraussetzen — und der aus bloßer Phantasie entstehenden und aus bloßer Phantasie auferbauenden Kunst, die wir Poesie im bestimmteren Sinne des Wortes nennen dürfen.

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    So erkennen wir denn mit Goethe zwei getrennte Kunstwelten: eine Welt der Sinnenkünste und eine Welt der Dichtkunst, oder, wenn wir den abstrakteren Ausdruck vorziehen, eine Welt der Kunstwirklichkeit und eine Welt des Kunstwahnes. Zwischen beiden liegt die „ungeheure Kluft“. Von Grenzen ist keine Rede; diese Kluft bedeutet eine vollkommene Trennung. Dagegen bedeutet sie nicht notwendig einen Widerstreit; vielmehr sind beide Welten aufeinander angewiesen, um ein Ganzes der Kunst auszumachen, womit das Ganze der Menschenseele erfaßt werden könne: aus der hellenischen Dichtung geht die hellenische Plastik hervor und aus dem rhythmischen Gesange ihre Bühnendichtung. Nur ist nicht vorauszusetzen, daß je ein Mensch in beiden Welten vollendeter Meister sein könnte; denn es handelt sich um zwei gänzlich verschieden geartete Begabungen, und auf dem langen Wege zur Meisterschaft entfaltet sich die eine Fähigkeit immer mehr, während die andere verkümmert. So scheidet denn die „ungeheure Kluft“ nicht bloß die zwei Kunstwelten voneinander, sondern auch die Wirklichkeitskünstler von den Wahnkünstlern.
    Was Goethe nun auszeichnet — was ihm vielleicht allein unter allen Dichtern eignet — ist die besondere Stellung, die sein schöpferischer Geist einnimmt, genau mitteninne zwischen beiden Welten, zwischen der Kunst des Poetischen und der Kunst der Sinne. Freilich, sobald er schaffen will, muß auch er sich beschränken; selbst ein Goethe vermag nur in einer der beiden Kunstwelten schöpferisch zu bilden; doch bleibt sein „Sinn“ unabwendbar auf die „Sinne“ gerichtet, seine gestaltende Phantasie auf die künstlerisch geformte Wirklichkeit, und infolgedessen hat seine Poesie unmittelbar teil an Eigenschaften, die sonst nur der Bildnerei und der Tonkunst zukommen; nicht äußerlich teil, nicht als Anlehnung und Nachahmung, wohl aber innerlich, als Eigenart der Empfindung und der Erfindung; und insofern dürfen wir behaupten, seine Poesie stehe zu beiden sonst geschiedenen Kunstwelten in organischer Beziehung.
    Um nun phrasenlos genau zu verstehen, was hiermit ausgesagt wird, dürfen wir nicht zu schnell weiter eilen, sondern müssen uns volle analytische Klarheit über zwei Dinge verschaffen: einerseits über die in sich gespaltene Einheit der beiden Sinnenkünste, die zwar der gleichen Welt angehören, sich aber dennoch gründlich von-

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einander unterscheiden, andrerseits über die von jeder Sinnenkunst völlig unterschiedene Welt der Wahnkunst, d. h. über die Eigenart der in Worten dichtenden Phantasie.
    Unsere Sinne — Aug' und Ohr — stehen auf einer Grenzscheide: sie gehören uns Menschen an und wären ohne jegliche Bedeutung in der Natur, wenn sie nicht einem „Subjekte“ dienten: Wert für das Subjekt erhalten sie aber nur dank der Beziehung zu einer Welt außerhalb des Menschen, zu einer nicht-menschlichen Natur, zu einem „Objekt“. Hören wir Goethe. „Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hülfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seines Gleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte für's Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete.“ Genau das Gleiche gilt offenbar für's Ohr; auch hier ist es die Welt, welche den Sinn „hervorruft“; auch hier „bildet“ sich der Ton am Ton, bis endlich aus der Brust eine „innere Stimme“ der tönereichen umgebenden Welt „entgegentritt“. Was wir empfangen und was wir hervorbringen, beides, beruht also bei den Sinnen immer auf einer lückenlosen Wechselwirkung zwischen Welt und Ich. Die äußere Welt dringt durch die Sinnesorgane ins Innere; bei der künstlerischen Gestaltung hingegen „tritt“ wieder das Innere „dem Äußeren entgegen“ (wie uns Goethe soeben aufmerksam machte) bis hinaus in die Welt des Stoffes, der Elemente, der Naturkräfte. Das Gefüge des Auges, das Gefüge des Ohres, sie bilden die zu Grunde liegende Tatsache; und jeder dieser Sinne ist — wie es im Wesen eines Sinnes notwendig begründet liegt — ebensowohl nach außen wie nach innen gerichtet. Immer findet eine Bewegung von außen nach innen und dann wieder von innen nach außen statt; der Begriff einer rein innerlichen Sinnenkunst ist nicht allein eine contradictio in adjecto, d. h. ein begrifflich sich widersprechender Ausdruck, sondern eine Verhöhnung des jedem Kinde offenliegenden Tatbestandes. Auf Luftschwingungen ist das Gehör gestimmt, auf Bewegungen im Äther das Gesicht; und weil es die objektive Welt ist, was den Eindruck auf diese Sinne unmittelbar hervorbringt, darum schöpft der Mensch aus ihnen die Fähigkeit, jener Welt „entgegenzutreten“ und sie nun nach seinem Willen zu gestalten. Auf diese Weise entstehen die Sinnenkünste, unter denen die Tonkunst genau ebenso konkret, materiell, oder

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wie man es sonst nennen will, wie die anderen ist. Die Luftschwingungen, aus denen der Tonkünstler sein Werk auferbaut, sind dem Marmor, aus welchem Kallikrates den Parthenon errichtet, ihrem Wesen nach verwandt, und die verschiedenen Klangfarben seines Instrumentenchores sind nicht weniger stofflich bedingt als die Farben auf der Palette des Malers. Die Schöpferkraft des Menschen gestaltet also in den Sinnenkünsten immer   S t o f f:   das ist es, was Goethe meint, wenn er von einem „Wirklichen“ der Kunst im Gegensatz zu einem bloß „Poetischen“ spricht. Die Partitur zu einer Symphonie Beethoven's wird tatsächlich vor meinem lauschenden Sinne   v e r w i r k l i c h t;   mag auch diese Wirklichkeit eine künstlerische sein, da sie der Menschengeist nach seinem Willen geformt hat, ihre sinnliche Wirklichkeit ist an und für sich nicht geringer als die des Mont Blanc, von Chamounix aus gesehen. Dagegen besteht eine Ilias ausschließlich aus Vorstellungen im Hirne; dies erlaubt ihr, alle Grenzen und Gesetze zu durchbrechen und zu überfliegen, die einer künstlerischen Wirklichkeit von den streng bedingten Sinnen gezogen sind; dafür bleibt sie selber in die Welt des Wahnes gebannt.
    Das Gebiet der sogenannten Metaphysik der Künste betrete ich in diesem Buche grundsätzlich nicht; es zu tun, käme einem Verstoß wider das Wesen Goethe's gleich, der zwar viel über Theorie und Praxis aller Künste nachdachte, auch wiederholt Aufklärung über seine eigenen Gedanken von Kant sich holte, nichtdestoweniger aber einen ausgesprochenen Widerwillen gegen jeden Versuch empfand, das Wesen dieser so ganz und gar anschaulichen Dinge abstrakt feststellen zu wollen, was nach seinem Dafürhalten immer nur zu anfechtbaren Allegorien führen kann. „Die moderne kombinatorische Mystik richtet jede Art von Anschauung zu Grunde“, sagt er in Bezug auf Kunstlehren; ihr zieht er „eine natürliche Ansicht vor“.
    Ohne daß wir diesen bescheiden begrenzten Boden verlassen, wird es nun für unsere fernere Betrachtung des Dichters Goethe nützlich sein, gleich hier hinzuzufügen, daß, wenn auch Bildkunst und Tonkunst als Sinnenkünste der selben besonderen Kunstwelt angehören, der Welt objektiver Wirklichkeit, sie doch voneinander ebenso abweichen wie die beiden Sinne, in denen und aus denen sie entstehen. Die physische Natur — die „ewig erfindungsreiche“, wie Goethe sie nennt — hat (abgesehen von den andern künstlerisch

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nicht zu verwertenden Sinnen) in Auge und Ohr zwei grundverschiedene Mechanismen zur Vermittelung zwischen Element und Leben hervorgebracht. Dem naturwissenschaftlich unbewanderten Leser kann ich die anatomischen Verhältnisse nicht in der Kürze auseinandersetzen; es genüge die Bemerkung, daß der Gehörsinn dem Kreise des Tastsinnes angehört: in ihm besitzen wir einen zwar wunderbar verwickelt ausgebauten, doch dem Wesen nach einfachen, unmittelbaren Sinn, rein mechanisch in der Anlage und darum dem Elemente, dem Objekt näher verwandt und diese getreuer vermittelnd; wogegen der Gesichtssinn die von der Außenwelt empfangenen Eindrücke nicht in einfacher Symbolik weitergibt, sondern chemisch-physikalische Vorgänge zwischen Außen und Innen einschaltet, weshalb die Wahrnehmungen, die dann das Hirn erreichen, sich nicht mit der selben Unmittelbarkeit auf die Außenwelt beziehen wie beim Ohre, vielmehr bedeutende Umbildungen innerhalb des Menschenkörpers erfahren haben. * Erfüllen also Auge und Ohr die gleiche Funktion, Welt und Mensch in Wechselwirkung miteinander zu bringen, so bewerkstelligen sie es in verschiedener Weise, indem das Ohr die umgebende Natur — das „Objekt“ — reiner nach innen zu widerspiegelt, das Auge hingegen einigermaßen subjektiv befangen bleibt. Aus diesem hier rein anatomisch-physiologisch betrachteten Sachverhalt ergibt sich nun mit Notwendigkeit eine Folge, die zuerst paradox anmutet, in Wirklichkeit aber vollkommen natürlich ist: da uns Menschen das eigene Ich und seine Verrichtungen näher stehen und darum unmittelbarer verständlich sind als die uns umgebende außermenschliche Natur, dünkt uns das Gesicht „der klärere Sinn“ (wie die Alten sagten), das Gehör der geheimnisvollere; wir glauben, mit dem Auge die Welt vollendet deutlich zu erfassen, während der Ton aus dunklen Tiefen des eigenen Inneren aufzusteigen scheint. Das Zeugnis des mehr menschenmäßig färbenden Gesichtssinnes projizieren wir zuversichtlich heiter auf die Umgebung zurück, im Wahne, es handle sich um eine strahlend objektive Wahrnehmung, und saugen inzwischen die Stimme des der unerforschlichen Natur verwandteren Gehörsinns, der auch unseren eigenen Körper wie mit Naturgewalt bannt und zwingt, in unser Innerstes ein, kaum fähig, sie zu deuten und zu gestalten. Darum vergehen Jahrtausende, ehe eine Tonkunst entsteht, würdig, der bilden-

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den Kunst an die Seite gestellt zu werden. Große Denker und große Künstler sind über diese Verhältnisse in tiefes Sinnen versunken, und was sie darüber mitzuteilen wußten, bleibt als Ausdruck ihres Erlebnisses ehrwürdig und unanfechtbar; doch ist die „natürliche Ansicht“, welche Goethen mehr zusagte, keinesfalls zu verschmähen, und er hat für sie Worte gefunden, die das Wesentliche mit der Schlichtheit und der wunderbaren Genauigkeit aussprechen, die ihm allein unter Sterblichen eigen gewesen zu sein scheint. Er sagt: „Der Musikus muß immer in sich selbst gekehrt sein, sein Innerstes auszubilden, um es nach außen zu wenden. Dem Sinne des Auges hat er nicht zu schmeicheln. Das Auge bevorteilt gar leicht das Ohr und lockt den Geist von innen nach außen. Umgekehrt muß der bildende Künstler in der Außenwelt leben und sein Inneres gleichsam unbewußt an und in dem Auswendigen manifestieren.“ Man suche Goethe recht zu verstehen! Der bildende Künstler muß sich mit aller Energie der Außenwelt widmen, weil er „sein Inneres“ dort findet; wogegen der Musikus in sich selbst gekehrt bleiben soll, lauschend und harrend, weil ihm die weit schwierigere Aufgabe zuteil geworden ist, in seinem Innersten „die Welt“ zu finden, die unerforschliche Welt, welche jenseits der Grenzen des Auges und der vom Auge gespeisten Phantasie liegt; darum wird gerade er gemahnt, dieses Innerste „auszubilden“; denn nicht leicht wird eine Menschenseele zu solch' einem Inhalt ausreichen; mehr als irgend ein anderer Künstler bedarf der Tondichter einer großen, zarten, jedem Eindruck gewachsenen Seele, weswegen der seelendürre, formalistische Musiker von allen unerträglichen Kunstgecken der widerwärtigste ist. Von Goethe belehrt, hat Wilhelm von Humboldt das Wort geprägt: die bildende Kunst „versuche von der Brust aus die Welt, die Musik von der Welt aus die Brust zur Unendlichkeit zu erweitern.“ Hier knüpft noch eine beachtenswerte Erwägung an: ist die Musik ihrem Inhalt nach die objektivere der beiden Sinnenkünste, so ist sie es der Form nach nicht minder, weil diese bei ihr auf mathematisch unverrückbaren Weltgesetzen ruht, so daß man behaupten darf, zu dem objektiven Inhalt komme auch die objektive Gestalt hinzu. Weit lockerere Beziehungen weist die bildende Kunst zu logisch-mathematischen Elementarverhältnissen auf und bewährt sich somit auch in formeller Beziehung als dem in der Phantasie willkürlich freiwal-

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tenden Geiste näher verwandt; weswegen Goethe das kühne Wort wagen durfte: „Die Malerei ist für das Auge wahrer als das Wirkliche selbst.“
    Jetzt, wo wir uns über diese Verhältnisse klaren Überblick verschafft haben, wollen wir einem Geständnis Goethe's lauschen, das er einer erdichteten Gestalt in den Mund legt, das aber ohne Frage sein eigenes Erleben schildert. „Mir ist zwar von der Natur eine glückliche Stimme versagt, aber   i n n e r l i c h   s c h e i n t   m i r   o f t   e i n   g e h e i m e r   G e n i u s   e t w a s   R h y t h m i s c h e s   v o r z u f l ü s t e r n,   so daß ich mich beim Wandern jedesmal im Takt bewege und zugleich   l e i s e   T ö n e   z u   v e r n e h m e n   g l a u b e,   wodurch denn irgend ein Lied begleitet wird, das sich mir auf eine oder die andere Weise gefällig vergegenwärtigt.“ So entsteht in Goethe's Seele bei einem von außen oder von innen empfangenen Eindruck als Erstgeburt der geheimnisvollen Schöpferkraft ein von Augenblick zu Augenblick bestimmter werdendes Bewegungsgesetz, welches sich als „Rhythmus“ dem physischen Individuum aufdrängt; gehorcht dieses dem Banne und hat sich erst der Rhythmus des Körpers dem von der Seele gewollten genau angepaßt, dann öffnet sich auch das Ohr der Offenbarung vom Himmel, und der Dichter vernimmt die „leisen Töne“ des noch nie gehörten Gesanges. Hier haben wir die erste und entscheidende Beteiligung des Musikalischen an dem poetischen Schaffen Goethe's. Es ist klar, daß ein Element, welches mit dem Entstehen eines Werkes so innig verwoben ist, auch das weitere Wachsen und Werden begleiten wird, doch mag es — wie das Blut in den Adern — auf immer verborgen im Innersten kreisen, und wir wollen dieses Verborgensein nicht mit verständnisloser Neugier verletzen; häufig aber bemerken wir, daß am entgegengesetzten Ende des künstlerischen Werdens, nämlich am vollendeten Werke, die Musik bei Goethe wieder zum Vorschein kommt. Aus den Liedern, meinte ein Beethoven, entströme die Musik von selbst, man brauche sie nur aufzuschreiben; die Dramen nennt Zelter einmal „ein wahres Konzert“; Faust I wollte Goethe nur als Melodrama aufgeführt wissen, Faust II erfordert von der Phantasie die breiteste Mitwirkung der Tonkunst... Sogar die Dichtungen in Prosa atmen an den Hauptstellen eine Stimmung, die ich einzig als musikalisch zu bezeichnen wüßte; Goethe

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selber sagt, es „finde sich“ in ihnen „eine Art von Unendlichkeit, die sich in verständige und vernünftige Worte nicht durchaus fassen noch einschließen läßt“; dieses aus jeder Fassung — aus jedem kunstvoll geschmiedeten poetischen Gefäß — Überfließende, dem Verstand und der Vernunft Inkommensurable ist der Geist der Musik, d. h. ein Etwas, das nur durch Musik greifbaren Ausdruck erlangen könnte, etwas, was wir als unsichtbar vorhandenen Geist empfinden, nicht aber mit den Sinnen wahrnehmen. Nur wer sich dies alles vergegenwärtigt, wird die Bedeutung des berühmten Wortes verstehen, das meistens mehr angestaunt als wirklich erfaßt wird: „Die Tonkunst (ist) das wahre Element, woher alle Dichtungen entspringen und wohin sie zurückkehren.“ Was sich hier ausspricht, ist eigene Erfahrung. Verbleiben wir aber einstweilen bei jener Schilderung des Entstehens des Kunstwerkes aus Tonkunst zu Bildkunst, zugleich aus Unbewußtsein zu Bewußtsein. Zuerst war es ein bloßer Rhythmus gewesen, vorgeflüstert; dann eine Melodie, leise vernommen; alles geheimnisvoll und innigst. Nun aber findet eine Wandlung statt. Jener Rhythmus, jene Melodie waren von fernher erklungen, wie aus der Nacht einer zeitlosen Welt; doch der Traumversunkene — im Traume, wie die alten Inder es lehrten, mit dem Göttlichen Verkehrende — beginnt zu erwachen; Worte, Gestalten, schweben heran — „irgend ein Lied“; der Rhythmus und die Melodie, die vorhin alles waren, jetzt verblassen sie zu einer bloßen „Begleitung“; denn siehe! der Sonnensinn, das prometheische Gesicht öffnet sich dem Tage und fordert gebieterisch schöne, faßbare „Gegenwart“; schon ist der Maler am Werke; die bloße Stimmung wandelt sich vor den Augen in ein Bild, und dieses wird „auf eine oder die andere Weise gefällig vergegenwärtigt.“
    Ein Beispiel schalte ich behufs vollendeter Verdeutlichung ein.
    „Mitten in den Gebirgen“, auf einer Fußwanderung zum Gotthard begriffen, erhält Goethe die Nachricht von dem Tode der jungen Schauspielerin Christiane Neumann, die er selber für die Bühne ausgebildet hatte und an der er von Herzen hing. An Dichten denkt der Schwerbetroffene nicht; verwundet staut die Seele ins schweigende Innere zurück, mit blinden Augen wandelt der Trauernde mechanisch weiter. Hier greift nun der unbewußt waltende Rhythmus ein; die kaum hörbare Melodie — traumvernommen — be-

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schwichtigt nicht nur, sondern stimmt und richtet das nach und nach zu neuem Leben erwachende Wesen; und als dann der bewußt wahrgenommene Anblick unerbittlich erhabenen Weltendaseins die Gestalt einer bestimmten Gegenwart vorzeichnet, wird sofort, ohne alles Suchen, in der bloßen Phantasie, dieses Bild als „Vergegenwärtigung“ ergriffen, um das, was das verborgene Innere beseelt, in die Erscheinung überzuleiten. Auf diese Weise wird bei Goethe „der Geist des Wirklichen eigentlich das wahre Ideelle“. Mit seinem Rhythmus, mit seiner Melodie hat das Ohr im voraus das Auge zu höherer Wahrnehmung gestimmt; das Bild der Wirklichkeit, das ihm nunmehr „fest vor seiner Stirn“ bleibt, ist keine bloß mechanische Realität, sondern ein an Gedanken und Empfindungen reiches Gemälde.

Auch von des höchsten Gebirgs beeisten zackigen Gipfeln
Schwindet Purpur und Glanz scheidender Sonne hinweg.
Lange verhüllt schon Nacht das Tal und die Pfade des Wandrers,
Der, am tosenden Strom, auf zu der Hütte sich sehnt.

So entsteigt die darauf folgende Erscheinung der Euphrosyne unmittelbar aus der tatsächlich wahrgenommenen Umgebung, wenngleich diese zunächst nicht den entferntesten Bezug auf die zu Besingende aufweist; ebenso werden wir am Schlusse des Gedichtes zu der sichtbaren Umgebung leise bestimmt zurückgeführt:

Wehmut reißt durch die Saiten der Brust; die nächtlichen Tränen
Fließen, und über dem Wald kündet der Morgen sich an.

Man werfe nicht ein, hier handle es sich — wenn auch nur in diesem einen Falle — um einen zufälligen äußeren Rahmen; gerade der Blick auf das Gebirge, die Not des umnachteten Auges und der Schimmer des sich ankündenden Morgens sind in diesem Gedichte die Stellen, an denen die in keiner Zeit befangene, an keinen einzelnen Schmerz gebundene, die ewige Musik aus dem kostbaren Gefäß der Worte überfließt.
    Überdenken wir die genaue Bedeutung des jetzt über Goethe Erfahrenen im Zusammenhang mit den vorangegangenen Erwägungen über die beiden Sinnenkünste.
    Wenn den Dichter bei der Konzeption poetischer Werke zuerst ein geflüsterter Rhythmus, eine leise Melodie durchdrangen, so

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daß er meinte, ein „geheimnisvoller Genius“ leite ihn, so wissen wir, dieser Genius war im letzten Grunde die Natur selbst, die durch die Pforte des Gehörs den ungehinderten Zugang zum Menscheninnern findet und den Auserwählten die Stimme der Allmutter vernehmen läßt. In dem nunmehr genau bestimmten Sinne sind wir zu der Behauptung berechtigt, Goethe's Dichten wurzele in dem Element der Musik; sie ist es, die ihm „Natur“ im tiefsten, dem Auge unerreichbaren Sinne vermittelt. Um Musiker zu sein, hätte Goethe aber dann — nach dem vorhin angeführten Worte — „in sich gekehrt bleiben“ und einstweilen nur „sein Innerstes ausbilden“ müssen: dazu war jedoch der Sinn des Auges zu mächtig entfaltet: bei ihm „bevorteilt das Auge das Ohr und lockt den Geist von innen nach außen“; selbstherrisch reißt der willkürlicher verfahrende Sinn die Leitung an sich und „manifestiert das Innere unbewußt an und in dem Auswendigen“. Zu der ersten Sinnenkunst gesellt sich also die zweite, was — bei der Verschiedenheit der Anlagen, welche diese beiden Instinkte sonst voraussetzen — wahrscheinlich ein einziger Fall sein dürfte. Die Naturkunst des Ohres schlägt in die Menschenkunst des Auges um; der Lauschende verlangt zu erblicken. * Es ist ein leidenschaftliches Bewußtwerden, die Trunkenheit des echten Malers, der, wo und wann er die Augen auch aufmacht, die Natur „als Bild sieht“, mit anderen Worten, die Wirklichkeit als Kunst. Doch beruhigt sich Goethe innerhalb dieses neuen Eindrucks ebensowenig wie innerhalb des ersten. Vielmehr regt die Stärkung, die das Auge seinem Gemüte brachte, zu einer neuerlichen, noch mächtigeren Pendelbewegung an, und zwar diesmal weg von den Sinnenkünsten überhaupt — die das Wirkliche, die reale Welt der Umgebung vermitteln — und hin zu der rein menschlichen Geisteskunst der Phantasie. Bei diesem merkwürdigen salto mortale aus einer Kunstwelt in die andere, über die „ungeheure Kluft“ — welche beide voneinander trennt — hinweg, dient das Auge als Achse, auf welcher die Umschwenkung sich vollzieht. Goethe selber sagt es: „In dem Auge spiegelt sich von außen die Welt, von innen der Mensch. Die Totalität des Inneren und Äußeren wird durchs Auge vollendet.“ Hätte ich diesen Satz (eine kurze Notiz Goethe's, nur zum eigenen Gebrauche) zwei Seiten früher angeführt, kaum wäre es dem

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Leser gelungen, den Sinn zu erraten: jetzt aber hoffe ich das Gegenteil. Weil im Auge das Äußere eine mehr menschlich bedingte Färbung als im Ohre trägt, weil — wie Goethe einmal bemerkt — „des Auges Fassungskraft und Klarheit dem   V e r s t a n d e   eigentlichst angehört“, darum wird das Äußere hier vom Inneren leicht erfaßt, als wie in einem Spiegel: und umgekehrt, weil das Auge nicht, wie das Ohr, die Weltentiefen vermittelt, sondern deren Oberfläche, so eignet sich diese Oberfläche als Spiegel für das Selbst, stellt hin, „was der Mensch sehen möchte“, nicht das eigentliche „Wirkliche selbst“, und „manifestiert sein Inneres gleichsam unbewußt an und in dem Auswendigen“. So genügt denn eine blitzschnelle Bewegung im Gemüte, und das Spiegelbild der Welt wandelt sich bei Goethe in das Spiegelbild seines eigenen Inneren: „in dem Auge spiegelt sich von außen die Welt, von innen der Mensch“.
    An diesem Punkt können wir aber erfassen, wie rein individuell der ganze Vorgang ist, den ich anschaulich zu schildern suche. Denn abgesehen davon, daß es selbst bei allerbedeutendsten Künstlern sehr selten überhaupt zu einer „Totalität des Inneren und Äußeren“ kommt, indem jeder in seiner Welt oder Teilwelt befangen bleibt, brauche ich nur den einen Namen zu nennen, der sich hier aufdrängt — Richard Wagner — damit wir gewahr werden, anstatt des Auges könne das Ohr die Achse darstellen, dank welcher die Doppelspiegelung bewirkt und eine Totalität vollendet wird. * Ja, insofern man die künstlerischen Möglichkeiten allein in Betracht zieht, bricht damit eine vielleicht machtvollere Kombination hervor: denn das Ohr reicht, wie wir erfuhren, weiter hinaus in die Welt und bringt ein reineres Zeugnis; darum: gelingt es, diese Welt zu gestalten, so wird der Mensch sich in einem perspektivisch entfernteren, majestätisch vergrößernden Spiegel erblicken, zugleich die Welt in sich. Dies sei nur kurz bemerkt, damit nicht das Unvergleichliche der einen Persönlichkeit zu irgend einem vermeintlichen allgemeinen Gesetz verwischt werde. Jetzt aber verfolgen wir die Pendelbewegung des schaffenden Genius zurück von den Sinnenkünsten über die „ungeheure Kluft“ hinweg zu der Welt des Wahnes, d. h. zu der Dichtkunst.
    Erhascht man den Augenblick der Umkehr, man gewinnt den Eindruck, als dienten Goethe die beiden Sinnenkünste nur als

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Sprungbrett-Vorstufen, um sich kühn in die Poesie zu stürzen, tiefer hinein als andere Dichter, die sich ängstlich nach „Stoff“ umsehen, während ihm die Überfülle des Stoffes gleichsam im Traume geschenkt wird und er sich jetzt ihrer erwehrt, um mit vollem Bewußtsein als freier Geist schaffen zu können. Ihn, der doch mit beiden Sinnen der Natur so innig wie nur Wenige angehört und im Erlauschen ihrer unaussprechlichen Geheimnisse Wonne findet, ihn überkommt es zu Zeiten wie ein Abstreifenmüssen von lästigen Aufdringlichkeiten, wenn er Aug' und Ohr ungeduldig verschließt und sich einem Taucher gleich in die Tiefen der Traumwelt zurückversenkt. Übermütig, fast spöttisch ruft er aus:

Mag der Grieche seinen Ton
Zu Gestalten drücken,
An der eignen Hände Sohn
Steigern sein Entzücken;

A b e r   u n s   ist wonnereich
In den Euphrat greifen,
Und im flüss'gen Element
Hin und wieder schweifen.

Dieses „flüss'ge Element“ deutet hier allegorisch auf die Welt des Wahns, die Welt, wo — wie im Traume — ein Phantasiebild in das andere verschwimmt, weil kein gesetzmäßig zerlegendes und auferbauendes Sinnenwerkzeug gebietet, an unverrückbare Grenzen gebunden, und kein harter Stoff da ist, der zu unveränderlich beharrender Gestalt „gedrückt“ werden müßte. Seiner Meisterschaft bewußt, fährt der Dichter fort:

Löscht' ich so der Seele Brand,
Lied es wird erschallen;
Schöpft des Dichters reine Hand,
Wasser wird sich ballen.

Eine ganze Ästhetik Goethescher Dichtkunst schließen diese Worte verwegen heiter ein, den bändereichen Pedanten zum Schabernack. Der Seele Brand ist jene aus beiden Sinnen in leidenschaftlicher Bewegung des Nehmens und Gebens entstandene poetische Stimmung, wo ein Eindruck den andern jagte:

426 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Sinnenkunst und Wahnkunst

Wenn ich dich sehe, wünsch' ich taub zu sein,
Wenn ich dich höre, blind!

Nun gebietet der Dichter den im Widerstreit sich steigernden Sinnen Ruhe; in dem ihm heimatlichen Element des Geistes löscht er das Übermaß des Seelenbrandes; es ist dies, was wir im zweiten Kapitel vom rein moralischen Standpunkte aus eingehend zu behandeln hatten (S. 105 ff.) — die Verwandlung einer Freude oder einer Qual in ein Gedicht; der Dichter weiß aus Erfahrung und traut darum mit Zuversicht, das Wasser werde „sich ballen“, das heißt, auch das Fließende und Zerfließende werde Gestalt gewinnen; Bedingung und Gewähr ist   d i e   r e i n e   H a n d.

Schöpft des Dichters reine Hand,
Wasser wird sich ballen.

Was haben wir unter dieser „reinen Hand“ zu verstehen? Hier gerade liegt das Geheimnis von Goethe's Eigenart. Die „reine Hand“ ist die nicht gewaltsame, nicht willkürliche Hand; es ist die Hand, die nicht sucht und versucht, nicht zerstört, um zu bilden, nicht bildet aus Eitelkeit, sondern das Gegebene, Vorhandene gestaltet, das sich dann eben von selber „ballt“; dazu muß aber ein Gegebenes, Vorhandenes da sein, und dies wiederum kann nur dort der Fall sein, wo — wie bei Goethe — die Sinne schon unbewußt das Innere und das Äußere der Gestalt gegeben haben: das Ohr den unausdenkbaren, reinen Naturgehalt, das Auge die menschenmäßige, farbige, sonnige Hülle. Und so darf man denn, ohne in alberne Paradoxie zu verfallen, mit aller Bestimmtheit behaupten, Goethe, der Dichter, gehöre zugleich zu den Sinnen- oder Wirklichkeitskünstlern. Er baut keine Partituren auf und überläßt es dem Griechen, seinen Ton zu drücken, doch die Reinheit seines Dichtens stammt daher, daß er, noch ehe er dichtet, schon wirklich erhört und wirklich erschaut hat, und zwar eine dem Hören und Sehen der Sinnenkünstler durchaus analog gestaltete Wirklichkeit.
    Möchte es mir gelungen sein, wenigstens diese eine Erkenntnis meinem Leser für ewig angeeignet zu haben: Goethe, der Dichter in Worten, beginnt nicht zu dichten, ehe nicht eine innerlich und äußerlich vollkommen kunstverwandte Wirklichkeit sein Gemüt erfüllt hat. Genau in dem Augenblick, wo das Ballen des Wassers

427 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Sinnenkunst und Wahnkunst

in des Dichters reiner Hand stattfindet, ereignet sich jene „unmittelbare Vereinigung von Objekt und Subjekt“, ohne welche bei Goethe „kein lebendiges Kunstwerk zu Stande kommen“ konnte.
    Mit diesen Worten, Objekt und Subjekt, ermahnt uns aber Goethe, uns die Unterscheidung zwischen den beiden Kunstwelten der Sinne und des Wahnes noch lebhafter vorzustellen, wozu einige Züge fehlen.
    Alle Kunst, welche unmittelbar durch die Sinne geht, wollen wir mit Goethe eine „Wirklichkeit“ nennen, weil in ihr stets nicht bloß gedacht und im Geiste gestaltet, sondern außerdem irgend   e t w a s   g e w i r k t   wird — also immer Tat, sichtbare Bewegung dem Zustandekommen vorangeht und sinnfällige Stoffgestaltung am Ergebnis teilhat, gleichviel ob das Werk den Meißel, den Erzguß, den Pinsel oder den Fidelbogen zu seinem Aufbau in Bewegung setzt. Entscheidend ist hier die Tat; dem Sinnenkünstler verwandt ist nur Derjenige, den das Verwirklichen mächtig reizt. Wer, wie Goethe, bei jedem Blick auf die Natur ein „Bild“ erblickt (S. 423), wer als Jüngling von einem erlebten Sonnenuntergang eiligst nach Hause stürzt, um den Eindruck „dämmernd warm“ aufs Papier zu bannen, und vierzig weitere Jahre darauf verwendet, durch eigene Übung genaue Einsicht in die Technik der bildenden Künste zu gewinnen, ist ein Wirklichkeitskünstler der Anlage und der Bildung nach, wenn er auch weder Bild noch Statue hinterlassen hat; seine empfangende Begabung war enorm, zu der Produktion fehlte ihm — nicht die Kenntnis, sondern das Geschick. Dieser Kunstwelt der Wirklichkeit steht nun eine Kunstwelt des Unstofflichen, Ungewirkten gegenüber; mit Goethe zu reden: der „realen Welt“ eine „Welt des Wahns“ (S. 413); sie ist die Welt des Dichters. Dem Worte Wahn eignet bekanntlich eine Reihe von ineinandergleitenden Bedeutungsschattierungen, von dem ursprünglichen Erwarten, Hoffen bis zu geisteskranker Gedankenverirrung; was hier gemeint ist, hat Kant genau definiert: „die bloße Vorstellung einer Sache mit der Sache selbst für gleichgeltend zu halten“. Damit ist zugleich der Begriff des   P o e t i s c h e n,   wie ihn bei dieser Gegenüberstellung Goethe gefaßt wissen will, bestimmt umgrenzt: der Sinnenkünstler stellt die Sache selbst hin, nämlich eine durch Idealisierung und Umformung dem Menschengeiste angeeignete, nichts-

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destoweniger massiv vorhandene „Wirklichkeit“ (eine Niobide, eine Kreuzesabnahme, eine immer wieder vom Augenblick neu zu gebärende Fuge für Clavicembalum), wogegen der Dichter ein Künstler ist, der mit „bloßen Vorstellungen“ arbeitet, der — wie schon Batteux, der Urvater unserer ästhetischen Sintflut, sagte — „nicht das Wahre, was wirklich ist, sondern das Wahre, was sein könnte, vorstellt, als ob es existiere“. Dürer, der Maler, hatte in herrlicher Naivität gemeint: „Wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur; wer sie heraus kann reißen, der hat sie“; so fühlt und denkt der echte Wirklichkeitskünstler; der Dichter aber, wenn er eben so ausschließlich Dichter ist wie Dürer Maler, wäscht mit Schiller alle Wirklichkeit als „Unrat“ von sich ab (S. 414) und gestaltet nun eine neue, „bloß vorgestellte“ Wirklichkeit in Gedanken, „als ob sie existiere“. Das bedingt zwei völlig verschiedene Geistesrichtungen, da schon rein ideell, wie man sieht, der eine Künstler nur durch die Gewalt der Wirklichkeit, der andere nur durch die Gewalt des Wahnes zu wirken hoffen kann. Dazu kommt dann noch der Unterschied des Stoffes, der zur künstlerischen Bildung vorliegt. Dem Dichter stehen ausschließlich   B e g r i f f e   zur Verfügung.

Worte sind des Dichters Waffen.

Selbst für leuchtende Ideen — also für Vorstellungen, die seinen Geistesaugen als Gedankengestalten deutlich vorschweben — muß er nach Worten suchen, nach Tropen, Allegorien, Umschreibungen, nach Reim, Assonanz, Symbolik. Weit entfernt, die Wirklichkeit selbst unmittelbar zu geben, ist das Wort, sagt Goethe, nur „ein Fächer“, zwischen dessen Stäben die Augen blitzen, während das Gesicht verdeckt bleibt. Ja, wohlbetrachtet, führt die ganze Richtung der Sprache zu einer der poetischen Inspiration entgegengesetzten Bewegung:

Die   R e d e   geht herab, denn sie beschreibt:
Der   G e i s t   will aufwärts, wo er ewig bleibt.

Weswegen Goethe an anderer Stelle die Sprache geradezu als   „u n ü b e r w i n d l i c h“   bezeichnet. Und sagte ich soeben, dem Dichter stünden Begriffe zur Verfügung, so muß ich aufmerksam machen, daß Wörter nicht einmal Symbole sind, sondern nur Merkzeichen

429 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Sinnenkunst und Wahnkunst

für Begriffe nach ererbtem, willkürlichem Übereinkommen, und zwar tyrannisch eingeschlossen in ererbte, willkürliche Reihenfolgen und Gliederketten dieser oder jener Sprache — „was ein Volk zusammen sich gestammelt“ — so daß der Eingeborene des diesseitigen Flußufers den jenseitigen Bewohner nicht versteht. An dem Eindruck, den Stein- und Tongebilde hervorrufen, nehmen beide gemeinsam ergriffen Teil; denn Welt ist überall Welt, und nur der Grad der Empfänglichkeit kann Mensch von Mensch hier unterscheiden; bei der Dichtkunst findet dies nicht statt, denn die Kunst des Dichters ist eine künstliche Kunst, ein Gestalten des Ichs an sich selber, aus sich selber, auf sich selber — vielleicht ein erhabenstes Beginnen, nichtsdestoweniger ein babylonisches, dem nicht die unwillkürliche Gegebenheit und unschuldige Unmittelbarkeit der Sinnenkünste eignet. Und während den Wirklichkeitskünstler seine dem Talentlosen unerlernbare Technik in eine stille Welt für ihn und seinesgleichen absondert, wird der Dichter mit fortgerissen in die ungeheuerste und dabei unaufhörlich kreisende Verwickelung menschlicher Konvention, indem die Sprache infolge der beständigen Mitwirkung der Gesamtheit der Unbefugten nie zu Ruhe und Klärung kommt, vielmehr seit jeher in unablässiger, blinder Umwandlung begriffen bleibt. Außerdem erfordert die Sprache zu ihrer wahren Beherrschung einen Reichtum an Kenntnissen, eine Schmiegsamkeit des Geistes, eine Behendigkeit der Bezüge, neben denen die Technik der Sinnenkünstler wie ein Mechanisches erscheint. Ein einziges Liebeslied — wie Goethe's Wiederfinden — kann das Dichten, Denken, Glauben von Jahrtausenden unter verschiedenen Himmelszonen zur Voraussetzung haben.
    An dieser Stelle muß auch aufmerksam gemacht werden, daß der Bühnendichter nicht weniger als ein anderer Dichter Wahnkünstler ist; die eigentlichen Vorgänge — alles, was, künstlerisch gesprochen, hier „Gestalt“ ausmacht — spielen sich nicht weniger als bei jeder anderen Dichtung innerhalb des Hirnkastens des Menschen ab. Was auf der Bühne vorgeht, ist vorgetäuschter Wahn, etwa wie die Perspektive der Dekorationen Häuser und Landschaften vortäuscht; zur sinnlichen Wirklichkeitskunst besitzt das Drama nur scheinbare Beziehungen. Bei einer dramatischen Aufführung ist nichts „wirklich“; im alten Hellas sorgte man dafür, die lebendig

430 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Sinnenkunst und Wahnkunst

beweglichen Gesichtszüge unter der regungslosen Maske, die natürliche Stimme unter dem Schallträger, die natürliche Gestalt, den natürlichen Gang durch den Kothurn unkenntlich zu machen; das war hoher Geschmack; doch auch Schiller nennt jeden Versuch, die Wirklichkeit auf der Bühne vorzutäuschen, „armseligen Gauklerbetrug“, und sagt von Thespis' Wagen:

Nur Schatten und Idole kann er tragen,
Und drängt das rohe Leben sich heran,
So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,
Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.

Zweck der Bühne ist, das Wahnbild eines genialen Kopfes — die flücht'gen Geister — weniger phantasievollen Köpfen so deutlich als möglich zu vermitteln; dramatische Aufführung ist mimisch vervollkommnete Deklamation. Gewiß ist ihr Wert, gerade als solche, hoch einzuschätzen; auch ein lyrisches Gedicht kann, richtig gesprochen, wie eine Offenbarung wirken; doch darf man sich nicht wundern, wenn ein Goethe den Abstand zwischen dem, was Shakespeare dichtete, und dem Besten, was irgend eine Bühne je geleistet hat oder leisten wird, schmerzlich genug empfand, um offen zu gestehen, er finde eine „reinere Freude“ daran, Shakespeare zu lesen als sich ihn von „charakteristisch maskierten Personen“ vortragieren zu lassen. Woraus dann der Dichter des zweiten Teiles des Faust für sich die Berechtigung schöpfte, dieses Werk mit Bewußtsein immer mehr „vom Theater zu entfernen“, dafür im Kopfe die glorreichste Bühne aufzuschlagen, völlig unbekümmert um die „armseligen“ Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Herren Theaterdirektoren.
    Diese letzte Bemerkung bringt uns drastisch zum Bewußtsein, wie tief sich Goethe nach und nach in das Element seiner Meisterschaft als Wahnkünstler — in das „flüss'ge Element“ — versenkt hatte; denn es will etwas heißen, wenn ein Dichter, dessen Anfänge dermaßen mit dem Theater verflochten sind, dazu gelangt, die Bühne mit bewußter Ironie außeracht zu lassen. Ich werde aber bald zu zeigen haben, inwiefern dies keine Abnahme, eher eine Zunahme in der Schätzung der Sinnenkünste einschließt; das Drama, als der kritische Punkt in dem Schaffen des Dichters Goethe, wird ja unsere Aufmerksamkeit später noch fesseln; vorderhand genügt

431 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Gehalt und Form

uns die Wahrnehmung, daß der Poet, der von gehörten Melodien und erschauten Bildern ausgegangen war, dazu gelangt, einen Faust II zu schreiben, wo wir Schritt für Schritt — um die Worte richtig zu verstehen — der Augenvisionen und der Tonoffenbarungen bedürfen, und wo nichtsdestoweniger beides einzig der mitwirkend gedachten Phantasie überlassen wird. Nie hat ein Wahnkünstler in diesem Maße auf die Teilnahme der künstlerisch ausgebildeten Sinne gerechnet, nie ein fein empfindender Kenner der Wirklichkeitskünste sich so kühn auf die Macht der bloßen Phantasie verlassen; es ist Faust, der hinabsteigt zu den „Schemen“ und von dort so überzeugendes „Geisterspiel“ gestaltet heraufbringt, daß er — in dem Augenblick, wo er buchstäblich   a l l e s   der Phantasie überläßt und selbst die Heldin als bloßen Schatten auf der Wand aus dem Hades hinaufbeschwört — siegestrunken ausruft:

Hier fass' ich Fuß! Hier sind es Wirklichkeiten! *

————


Gehalt und Form

    Noch eine letzte vergleichende Erwägung erfordert dieser einleitende Teil, ehe wir Goethe, dem Dichter, unsere ganze Aufmerksamkeit widmen können. Denn die Hauptaufgabe wird sich dann notwendig in zwei Abschnitte gliedern, von denen der erste den Gehalt, der zweite die Form in Goethe's Dichtungen in Betracht zieht; es ist das eine Unterscheidung, auf die er selber immer von neuem hinweist. Wollen wir uns aber nicht in Phrasen oder nebelhaften Vorstellungen bewegen, so müssen wir vorerst genaue Erkundigung einziehen über den besonderen Sinn, der diesen Begriffen, „Gehalt“ und „Form“, bei Goethe zukommt und durch den sie sich vielleicht von dem Sinne unterscheiden, der ihnen bei anderen Dichtern und bei den Sinnenkünstlern zukommt. „Den   S t o f f“,   schreibt Goethe, „sieht Jedermann vor sich; den   G e h a l t   findet nur der, der etwas dazu zu tun hat; und die   F o r m   ist ein Geheimnis den Meisten.“ Den Stoff dürfen wir hier bei Seite lassen; erst durch den Gehalt, der ihm einverleibt, und durch die Form, die ihm aufgeprägt wird, erwächst er zur Würde eines Bestandteils des Kunstwerkes. Da-

432 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Gehalt und Form

gegen dürfen wir keine Mühe scheuen, über Gehalt und Form vollendete Klarheit zu gewinnen.
    Als Leitfaden für alle weiteren Ausführungen soll uns das beachtenswerteste Wort dienen, das Goethe vielleicht jemals über sein eigenes Dichten gesprochen hat. Er selbst empfand nämlich den Vorgang des Schaffens in seinem Busen als dem Wesen nach verschieden von dem anderer Dichter. Diese, sagt er, „suchen das Poetische zu verwirklichen“, wohingegen es seine „unablenkbare Richtung“ sei, „dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben“. Mit mathematischer Genauigkeit bezeichnet Goethe hier den Gehalt seines Dichtens: das Wirkliche. Auch auf das Geheimnis seiner Form wird wenigstens hingewiesen: poetische Gestalt. Und zwar tritt Beides — Gehalt und Form — bei Goethe in genauer Umkehrung und Kontraposition zu dem auf, was bei anderen Dichtern statthat. Was bei Goethe Form ist — das Poetische — ist bei Jenen Gehalt; was bei Goethe den gegebenen Gehalt seines Dichtens ausmacht — das Wirkliche — gilt Jenen als die zu findende Form. Nicht eine poetische Stimmung als solche regt Goethe zum Dichten an, sondern nur ein „Wirkliches“, und dieses Wirkliche ist — wie wir jetzt ausführlich wissen — ein unmittelbar von Gehör und Gesicht Gegebenes, also unmittelbar sinnlich Wahrgenommenes, welches aber schon künstlerische Eigenschaften besitzt, ehe er zu dichten anhebt. Denn ist auch Goethe mit einer eigenen Dichtung nur insofern zufrieden, als „das Poetische durchaus auf dem Wirklichen beruht“, so heißt es doch weiter: „Dieses Wirkliche gilt doch nichts für sich selbst, sondern wird erst dadurch etwas, daß es als Folie durch den poetischen Körper durchscheint.“ Wie er an Schiller schreibt: „Indem Gegenstände bezüglich auf Kunst betrachtet werden, so werden sie durch den menschlichen Geist schon auf der Stelle verändert.“ Dies geschieht nicht bei Goethe aus theoretischer Überlegung, vielmehr erfolgt es aus der Tatsache, daß er alle Anlagen eines mit Aug' und Ohr schaffenden Sinnenkünstlers besitzt und somit die gegebene Wirklichkeit innerlich und äußerlich, unbewußt und bewußt formt und dadurch belebt, bis die betreffenden Gegenstände ihm in einer „gewissen Idealität“ deutlich vorschweben, die dann für ihn den gegebenen   G e h a l t   bildet. Besitzt er erst diesen Gehalt, dann gilt es — wie er

433 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Gehalt und Form

selber einmal sagt — ihn „in ein poetisches Leben einzugeisten“, das heißt, ihn in dem zur Verfügung stehenden Material des Wahnkünstlers, nämlich der bloßen Phantasie, mit Hilfe seines Werkzeuges, nämlich der Sprache, zu formen. Das Poetische (hier im eigentlichen Sinne der Wahn- und Wortkunst) bedeutet also für Goethe's Dichten die Form, nicht den Gehalt; er unternimmt es nicht, eine Idee des Geistes zu verwirklichen, vielmehr das Gegenteil: eine sinnliche Wirklichkeit in Werte des Geistes umzugestalten. Wer alles Vorangegangene aufgenommen hat, darf sich jetzt die anschauliche Formel erlauben: den   G e h a l t   entnimmt Goethe der Welt der Sinnenkünste, die   F o r m   erteilt bei ihm die Kunstwelt des Wahnes.
    Diese Goethes allein eigentümliche Auffassung von Gehalt und Form halte ich für den eigentlichen kritischen Punkt. Goethe sagt: „das Kunstwahre und das Naturwahre sind völlig verschieden“; sein Verfahren scheidet nun alle der Kunst fremden Elemente von vornherein aus und übergibt somit ein Kunstwahres der Sinne an die Phantasie zum Gestalten in ein poetisch Wahres; wenn diese Gestaltung ebenfalls „kunstwahr“ gelingt, so steht die vollendete Schöne einer rein künstlerischen Wirkung zu erwarten. Wogegen bei denjenigen Dichtern, deren Weg sie umgekehrt führt, stets eine Lücke klaffen wird; denn es ist nicht möglich, mit einem poetischen Gehalt aus der Wahnwelt belastet, das Ufer des Naturwahren zu betreten und nun ohne Gewaltsamkeit der Phantasiegestalt ein „Wirkliches“ der Sinne anzupassen. Und in der Tat, wir sehen unsere Dichter entweder das Naturwahre — im Gegensatz zum Kunstwahren — einseitig zu erreichen streben, was ihnen nie gelingen kann, weil die Natur über- und zum großen Teil außermenschlich ist, weswegen dann kein „Kunstwahres“ mehr übrig bleibt und diese Gebilde, je näher sie der Natur kommen, um so weniger als Kunst wirken; oder aber sie werfen sich auf das rein Kunstwahre — l'art pour l'art — das notwendig zu einem Künstlichen auswächst, weil wenig oder gar keine echte Natur mehr übrig bleibt, indem die Welt der Sinne sich Gedanken des bloßen Geistes nicht anbequemen kann und ein Poet darum nie in der selben Bedeutung wie ein Bildner oder Tongestalter Unerhörtes zu „verwirklichen“ vermag. Schon vor zwei Jahrhunderten — denn diese Dinge sind nicht so neu, wie Mancher wähnt — hatte Vauvenargues geurteilt: Un

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Fünftes Kapitel: Der Dichter — Gehalt und Form


ouvrage véritablement barbare, c'est un poème, où l'on n'aperçoit que de l'art. Vor beiden Verirrungen bleibt Goethe bewahrt. Vielleicht erinnert sich der Leser eines im Kapitel über den Naturerforscher angeführten Wortes, das hier erweiterte Bedeutsamkeit erhält. Goethe sagte: „Ich bin nämlich als ein beschauender Mensch ein Stockrealist, so daß ich von allen den Dingen, die sich mir darstellen, nichts davon und dazu zu wünschen imstande bin... Dagegen bin ich bei jeder Art von Tätigkeit ich darf beinah' sagen vollkommen idealistisch: ich frage nach den Gegenständen gar nicht, sondern fordere, daß sich alles nach meinen Vorstellungen bequemen soll.“ Diese schrankenlose Freiheit — die Möglichkeit eines so vollkommenen Idealismus — erwächst unsrem Dichter einzig daraus, daß er mit seinen Sinnen ein Stockrealist ist;   r i n g s h e r u m   idealistisch kann nur die schwebende, bald zerplatzende Seifenblase sein; besitzt Goethe erst jene vollendet künstlerische Wirklichkeit, von der er uns mitteilte (S. 414), seine Poesie „ruhe durchaus darauf“, dann waltet er als Dichter frei, weil der Gehalt — von der unerschöpflichen Natur geliefert — nach allen Seiten überströmt und er nur mit vollen Händen zu schöpfen braucht, um alles nach seinen Vorstellungen zu richten. Wollte man negativ definieren, man könnte sagen: Goethe ist unter allen Dichtern derjenige, der niemals einer Allegorie bedarf.
    Wohlbetrachtet ist Goethe's Verfahren demjenigen der großen Schöpfer unter den Plastikern Griechenlands analog, nur daß diese ihren Gehalt aus der Poesie Homer's entnehmen und ihn nun im Stein gestalten, während Goethe genau umgekehrt den Gehalt in dem Erhört-Erschauten schöpft und dann „eingeistet in poetisches Leben“. Das Prinzip ist identisch: aus beiden sonst völlig geschiedenen Kunstwelten eine Einheit schaffen, die   g a n z   Kunst sei. Wogegen eine Plastik und eine Malerei und eine Musik, die in der Sinnenwelt beschlossen bleiben und Poesie bloß suggerieren, ebenso wie eine Poesie, welche zwar „verwirklichen“ will, es aber doch nur rhetorisch und oratorisch und tropisch vermag, im Verhältnis etwas Künstliches, Unharmonisches an sich haben; das alles sollte man „Literatur“ nennen, auch wenn es in Marmor ausgehauen oder auf der Violine gegeigt wird. Als ein Beispiel völlig abgerundeter Kunst wüßte ich aus unserer Gegenwart nur den einen Namen

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Richard Wagner zu nennen, in dessen Werken wieder wie in Hellas unerschöpflicher poetischer Gehalt in einer Kunst der Sinne ewige Prägung erhalten hat, unvergänglicher als Marmor, weil die Luft (als Element der Musik) von Zeit und Menschenhand nicht vernichtet werden kann, bedingter, insofern die Sprache (und das heißt notwendig eine besondere, vergängliche Sprache) in den Aufbau untrennbar mitverflochten ist. Als reiner Poet bleibt Goethe allein. Den ganzen Weg legt er zurück — wie Phidias, wie Wagner — aus den subtilsten Innerlichkeiten des Geistes in die unerforschlichen Gesetzmäßigkeiten einer Natur jenseits des Auges und des Ohres, und dann wieder zum Geiste zurück; auf diese Weise flicht er alle Teile des Gemüts zu einer Einheit und stellt Schöpfungen hin, welche abgerundet und selbstbewegt sind wie Gottes Erde in ihrem Sonnenumlauf; er aber tut es in einer Richtung, derjenigen der großen Sinnenkünstler alter und neuer Zeit entgegengesetzt. Darum ist Goethe als Dichter eine einzige Erscheinung, außerhalb jeglichen Vergleichs. Wir erblicken ihn jetzt vollkommen deutlich auf seiner einsamen Höhe: ihm gegenüber, auf dem jenseitigen Ufer, die hellenischen Bildner und die Italogermanen (von Giotto bis Beethoven), und abseits von diesen Richard Wagner; er, Goethe, auf seiner Höhe allein.
    Der hellenische Wirklichkeitskünstler wurzelt im hellenischen Wahnkünstler; wäre dieser nicht jenem in seinem künstlerischen Empfinden stammverwandt, trüge nicht hier der Dichter den Bildner im eigenen Busen, schriee nicht sein Werk nach Anschaulichkeit, nie hätten wir die Blütezeit plastischer Kunst erlebt; vielmehr wäre es bei der Fortsetzung der knossischen, mykenischen, ägyptischen Anregungen geblieben; die Befruchtung des bildenden Triebes durch ein Überschwengliches der Poesie liegt zu Grunde. Wer diesen Zusammenhang nicht einsieht, kann das Wesen hellenischer Plastik nie erfassen. Gilt es auch allgemein, daß „mehr als man denkt der bildende Künstler vom Dichter und Schriftsteller abhängt“, so weist Goethe darauf hin, daß in Griechenland die Dichter (im Gegensatz zu anderen Dichtern) „sich am Nächsten, Wahren,   W i r k l i c h e n   festhielten, und selbst ihre Phantasiebilder Knochen und Mark haben.“ Da liegt des Rätsels Lösung. Ein Dichter, der sich ans Wirkliche hält, schafft für bildende Künste, wie sie Hellas hervor-

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brachte. „Das unmittelbar sichtlich Sinnliche dürfen wir nicht verschmähen, sonst fahren wir ohne Ballast“, heißt es an anderer Stelle, in Worten, die als Motto für das Dichten Homer's gelten könnten. Auf diese Weise wurde dort die ungeheure Kluft überbrückt: die leidenschaftliche Hingabe des Dichters an das sichtlich Sinnliche verlieh seiner Dichtung Eigenschaften, die sie zur unmittelbaren Inspiration des Sinnenkünstlers geeignet machten. Die Dichtung Homer's enthält die Verheißung der kommenden Plastik; sie könnte als die Traumbildnerei des noch nicht ausgereiften Stein- und Farbenkünstlers aufgefaßt werden. Als Kontrast blicke man auf Shakespeare. Ist er nicht ein gewaltiger Dichter, wie nur je einer? Und wer hat bemerkt, daß aus seinen Werken eine bildende Kunst entsprungen wäre? Sichtlich Sinnliches stellt eben sein Dichten nicht hin, sondern ausschließlich Charaktere und Handlungen, Geist, Leidenschaft und Politik — zwar gewiß ein Wirkliches, doch nicht „Knochen und Mark“, vielmehr ein Inneres des Geistes allein, wie scharf und plastisch umrissen dieses sich auch kundtun möge. Der Bildner, der etwa hier anknüpft, hat den Geist dort, wo er die Augen haben sollte; denn die Sinnenkünste sind derart mit der außermenschlichen Natur verknüpft, daß sie am Menschen nur dasjenige darzustellen vermögen, was an ihm reine Natur ist, nicht das Wahngezeugte, durch Geschichte, Aberglauben, Übereinkommen tausendfach Bedingte. Für Richard Wagner bildete die Einsicht in dieses Gesetz den Wendepunkt im Schaffen und befähigte ihn, die Brücke zu schlagen zwischen poetischem Gestalten und der Sinnenkunst der Musik. Wie aber mag es Goethe — der in umgekehrter Richtung fortschritt — gelungen sein? Die Antwort hierauf ist bedeutend verwickelter als bei den Griechen und bei Wagner, weil alle Sinnenkünstler einem von der Natur auferlegten Gesetz gehorchen müssen, an das sie durch den Organismus und die Wechselwirkung des betreffenden Sinnes gebunden sind, wogegen der poetische Wahnkünstler keiner solchen Instanz untersteht.
    Die Überwindung des Stoffes, auf die der Wirklichkeitskünstler angewiesen ist, nennen wir seine   T e c h n i k.   Kein Mensch hat den Wert aller Technik höher geschätzt und besser zu würdigen verstanden als Goethe; wenige Menschen von Bedeutung haben so geringe Beanlagung zu ihrer Beherrschung besessen. Über den Wert

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aller Technik schreibt er: „Bei Ausbreitung der Technik hat man keine Sorge; sie hebt nach und nach die Menschheit über sich selbst und bereitet der höchsten Vernunft, dem reinsten Willen höchst zusagende Organe“; hingegen „die Ausbreitung der Künste bewirkt Pfuscherei“. Dieser Hochschätzung entsprach die eigene Anlage nicht. In der Malerei und der Bildhauerei blieb es Goethe trotz unermüdlichen Bestrebens unmöglich, die Technik zu erlernen; alles andere, was Erfolg verspricht, besaß er: Formsinn, Farbensinn, Bildsinn, Leidenschaft, alles. In der Wissenschaft verhält es sich genau ebenso: die bedeutendsten Forscher mußten seine Anlagen bewundern, doch die Technik irgend einer Wissenschaft hat er nie von Grund aus erlernt. „Ich mochte nie das Handwerk einer Sache, die ich treiben wollte oder sollte, lernen.“ Hierher gehört die vielgenannte Abneigung gegen die Mathematik; denn Goethe hat nicht — wie die Märe es will — deswegen geringe Begabung für die Mathematik besessen, weil er ein Künstler war, sondern vielmehr, insofern er kein Künstler war, kein Künstler im alten technischen Sinne des Wortes. Wundervolle Aussprüche besitzen wir von ihm über die unersetzliche Bedeutung der Mathematik, die er, wie wir schon hörten (S. 319), behufs der Vermittelung „reinen Anschauens“, mit „Poesie des Genies“ auf eine Stufe stellt; dennoch mußte er erkennen: die Mathematik ist gleichsam eine reine Technik des Denkens und Anschauens; denn sie sieht vom Stoff ab und gibt die Technik allein; und aus diesem Grunde — also ihrer Technik wegen — war sie ihm unzugänglich und innerlich zuwider, wogegen das Künstlervolk der Hellenen die Mathematik als Grundlage aller Bildung betrachtete. Selbst aber in seiner eigensten Kunst — ich machte gleich zu Beginn dieses Kapitels darauf aufmerksam — stieß sich Goethe an die selbe Begrenzung (S. 408). Es war nicht falsche Bescheidenheit oder geschmacklose Schmeichelei, wenn er zu allen Lebenszeiten die Mitwirkung von Männern wie Herder, Wieland, Voß der Ältere und der Jüngere, Wilhelm von Humboldt, Riemer u. a. suchte, sondern er hat wirklich die Technik der Metrik nie beherrscht, auch nicht die Technik der Grammatik, der Orthographie, der Interpunktion; vielmehr bezog sich seine unvergleichliche Meisterschaft immer auf Geistiges. Das deutet nun auf einen tief innerlichen Zug des ganzen Wesens, und zwar auf einen Zug,

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der Goethe von allen großen Sinnenkünstlern ein für allemal scheidet und uns aufmerksam macht, ihn nicht mit ihnen zu verwechseln. Denn bedeutete das griechische Wort techne zugleich Kunst und Handgeschicklichkeit, so wurzelt dieser Doppelsinn in der Erkenntnis, daß kein Sinnenkünstler möglich ist, der nicht von Hause aus hervorragende Anlage zur Bewältigung eines stofflichen Hindernisses besäße. „Wenn der Künstler nicht zugleich Handwerker ist, so ist er nichts“, schreibt Goethe. Ein Wagner mag ja in sechs Monaten seine Fachstudien — zu denen Andere eben so viele Jahre bedürfen — absolvieren, aber doch nur, weil er von Geburt ein unerhörtes technisches Genie besaß, was er auch sonst bewies. Ohne lückenlos vollkommene Beherrschung der Technik kann in den Sinnenkünsten keine noch so große Begabung etwas von Bedeutung hervorbringen; die technische Meisterschaft muß hier so vollkommen sein, daß der Künstler auch genau zu beurteilen vermag, was mit und aus dem betreffenden Material sich machen läßt, sonst verliert er sich in der Jagd nach dem Unmöglichen. „Derjenige Künstler“, sagt Goethe von den Sinnenkünstlern, „wird in seiner Art immer der trefflichste sein, dessen Erfindungs- und Einbildungskraft sich gleichsam   u n m i t t e l b a r   m i t   d e r   M a t e r i e   v e r b i n d e t,   in welcher er zu arbeiten hat. Dieses ist einer der großen Vorzüge der alten Kunst...“ So wächst bei dem echten Kunsttechniker Stoff und Geist zu einer Einheit zusammen, und die Sinne, denen der bildende Erfinder gebietet, leiten bei dem fertigen Meister von innen nach außen nur noch aufbauende Impulse, die denjenigen genau entsprechen, welche von außen nach innen wirken können und müssen. Hier versagt Goethe. Er versagt darum, weil er   g a n z   P o e t   ist, weil er, heißt das, von dem Augenblick ab, wo er den empfangenen Gehalt gestaltet, rein als Geisteskünstler gestaltet, rein als Bewohner des Wahnlandes, nicht als handfertiger Sinnenkünstler. Die organische Einheit der Menschennatur gestattet die Behauptung: alles Technische ist seinem Wesen nach ein sinnenverwandtes Physische, auch dort noch, wo es Geistiges betrifft; die Metren der gelehrten Poetik beziehen sich im letzten Grunde auf rhythmische Körperbewegungen, die Regeln der Sprachlautverwandlungen lassen sich bis auf fortwirkende physiologische Naturursachen zurückverfolgen, die Gesetzmäßigkeit der Satzgliederung führt auf

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Gesetzlichkeiten, die einer mechanischen Psychologie nicht fernstehen; hingegen wir Goethe vorhin bekennen hörten, sobald er tätig sei — und damit wird gesagt: sobald er formt, sobald er dichtet — lasse er allen Realismus fahren, alles also, was zur physischen Wirklichkeit gehört, auch alle Technik, und verhalte sich „vollkommen idealistisch“, was er des näheren erläutert: „Ich frage nach den Gegenständen gar nicht, sondern fordere, daß sich alles nach meinen Vorstellungen bequemen soll.“ In dieser „idealistischen“ Gemütsverfassung offenbart sich nun das eigentlich und spezifisch   P o e t i s c h e   im Gegensatz zum Technischen, die Geisteskunst im Gegensatz zu den Sinnenkünsten. Zum Wesen der letzteren gehört es, an eine bestimmte „Materie“ gebunden zu sein — Holz, Marmor, Luft, Darmsaiten, Pigmente, gleichviel —, ihnen ist dies Kraft und zugleich Schranke, Wirkungsgewalt und auch Wirkungsgrenze; indes das Wesen des rein Poetischen die Freiheit ist, die Freiheit eines Unstofflichen, aus der Fronkette der Ursächlichkeit, der gebundenen Zeitenfolge, der abgemessenen Raumesgrenze usw. Erlösten.

Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden!
Dagegen weit heran bewege frei
Sich herrliche, verwegene Phantasei.
Mit Augen schaut nun was ihr kühn begehrt,
Unmöglich ist's, drum eben glaubenswert.

Das „Unmögliche“ ist das von aller Technik Freigelöste. Ohne Frage wird die soeben angerufene Einheit der Menschennatur es verbieten, daß je eine Poesie ganz ohne Technik, ganz ohne Bezug auf Naturgesetzlichkeit dem Verstande faßbar werde, ebensowenig wie eine Sinnentechnik gänzlich ohne jede Spur poetischen Geistes als Kunst bestehen könnte; worauf es mir aber hier einzig ankommt, ist die Verdeutlichung folgenden Verhältnisses: Goethe, der von allen uns bekannten Dichtern den Sinnenkünstlern am nächsten steht, ist zugleich unter allen Dichtern vielleicht der reinste „Poet“, im Sinne nämlich eines aller Technik abgewandten Geistes, der seiner Phantasie die ungebundenste Freiheit zu erobern sucht. Und diese Ungebundenheit ist es, was nicht wenige seiner Werke dem nicht Eingeweihten schwer verständlich macht und fast allen eine gewisse Unzugänglichkeit mitteilt.

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    Was sich beim Dichten in Goethe's Geist vollzieht, hat ihn zu folgendem Ausspruch veranlaßt: „Phantasie ist der Natur viel näher als die Sinnlichkeit: diese ist in der Natur, jene schwebt über ihr. Phantasie ist der Natur gewachsen. Sinnlichkeit wird von ihr beherrscht.“ Wie die Sinnlichkeit beherrscht wird, ersahen wir vorhin an dem bildenden Künstler und an dem Musiker, die, um ein Höchstes zu leisten, ihre Erfindungskraft geradezu „mit der Materie verbinden“ müssen; jegliche Technik erkannten wir als ein sich Unterordnen des Menschen unter Naturgesetze; die Phantasie dagegen — und das will heißen die Kunst des freien Wahnkünstlers, der weder vermittelst des Auges noch vermittelst des Ohres schafft, sondern herrlich verwegen dasjenige hervorzaubert, was er kühn begehrt, und es einer ebenso freien, empfangenden Phantasie zu nachschöpferischem Miterleben anvertraut — sie ist „der Natur gewachsen“, sie „beherrscht die Sinnlichkeit“ und ist darum — sie allein — fähig,   r e i n e   Natur zu gebären, Natur, die „realistisch“ und nichtsdestoweniger „vollkommen idealistisch“ ist oder, wie Goethe es einmal ausspricht, „natürlich zugleich und übernatürlich.“
    Wir behaupteten vorhin, den Gehalt seines Dichtens entnehme Goethe der Welt der Sinnenkünste, die Form erteile die Kunstwelt des Wahnes; diese Aussage können wir nunmehr, ohne sie aufzuheben, über die engere Kunstgrenze hinaus erweitern, indem wir sagen: bei Goethe's Dichten ist es die wahrgenommene Natur, die den Gehalt beisteuert, wogegen die Form von der Phantasie herrührt. Das erklärt seine Überzeugung, reine, echte Poesie sei mehr als Rede und auch mehr als Kunst; sie reicht — was die Würde des Daseins betrifft — dicht an Natur heran und ist doch von ihr fast vollkommen losgelöst: mit den Griechen darf man sie ein Gottverwandtes nennen.
    Blicken wir von hier aus noch einmal zurück auf das Problem Gehalt und Form, so fallen uns unwillkürlich Goethe's Worte ein:

Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt:
Den Gehalt in deinem Busen,
Und die Form in deinem Geist.

Das stimmt genau mit unserem Ergebnis. Denn unter dem „Ge-

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halt im Busen“ ist nach dem Texte dieses Gedichtes das „Element“ zu verstehen, also die Sinne und was sie vermitteln, alles, was den Menschen mit der Natur verbindet und ihn zu einem Bestandteil ihrer stempelt — die Vorstellung „Natur“ im weitesten Sinne des Wortes genommen, worunter auch die moralischen Eindrücke als ein von außen Empfangenes und das Schicksal als eine Äußerung des unweigerlich bedingenden Gesetzes einbegriffen sind; dieser Gehalt strömt ununterbrochen in den Busen ein. Ihm gegenüber empfindet Goethe als selbständigen, ergänzenden Gegensatz „die Form im Geist“. Im Geiste walten — nach Goethe's Vorstellung — Vernunft und Phantasie, welche gemeinsam die formgebenden Ideen erzeugen; und dieses Reich empfindet er als ein Reich der Freiheit: „Ich frage nach den Gegenständen gar nicht, sondern fordere, daß sich alles nach meinen Vorstellungen bequemen soll“ (S. 434). Diese Auffassung entspricht Zug für Zug der mittleren Grundüberzeugung Immanuel Kant's von den zwei Welten Natur und Freiheit: was bei dem Philosophen theoretisch begründet und abstrakt vorgetragen wird, das erlebt Goethe als Dichter und setzt es in seinem Wirken sowie in seinen Werken in die Tat um. Schon früh im Leben — noch nicht fünfundzwanzigjährig — weiß er es: „Alles Schreibens Anfang und Ende ist die Reproduktion der   W e l t   u m   m i c h   durch die   i n n e r e   W e l t,   die alles packt, verbindet, neuschafft, knetet und in eigener Form, Manier wieder hinstellt.“ Da haben wir Gehalt und Form, Natur und Phantasie, die Welt um den Menschen herum (alles unentrinnbar Gegebene) und die „neugeschaffene“ Welt des Geistes im Inneren, und damit zugleich noch einmal die aufs schärfste herausgearbeitete Gegenüberstellung der uns jetzt beschäftigenden Dualität von Gehalt und Form. Wie mag es wohl Goethe gelingen, die Kluft zwischen den zwei Welten — die er in so jungen Jahren schon als schroff unterschieden empfindet — erfolgreich zu überbrücken? Denn Jeder begreift jetzt noch deutlicher als vor einigen Minuten, daß in diesem Falle ein verwickelteres Problem vorliegt als bei den hellenischen Bildnern und bei Richard Wagner, für deren Kunstwerke der gegebene Sinnenstoff ein gemeinsames Mittelgebiet schafft, während bei dem reinen Wahnkünstler alle Techne — also alle „Kunst“ im Sinne der Alten — fortfällt und der Gegensatz des Technikers, also der eigentliche   D i l e t t a n t   auf-

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tritt, der Mann, der alles zu Geist wandelt und darum die sonst unmögliche Forderung aufstellen darf, es „solle sich alles nach seinen Vorstellungen bequemen.“ Wie mag es ihm gelingen?
    Das „ewige Geheimnis“ — auf das Goethe an der soeben angeführten Stelle des weiteren hinweist — verletzen wir gewiß nicht, wenn wir sagen: die Einheit wird in diesem Falle einzig durch die Einheitlichkeit des Individuums möglich. Der extreme Realist und der extreme Idealist, der Sinnenkünstler und der Wahnkünstler — sie bilden zusammen einen einzigen Menschen, einen wunderbaren Menschen, in welchem sich Anlagen aus den entgegengesetzten Endpunkten des menschlichen Gemütes zu einer gelebten Einheit verbinden. Hier ist also nicht eine historische Erklärung am Platze, wie bei den Griechen, wo Wirkung und Rückwirkung aus einem Kunstgebiet in das andere verfolgt werden können, noch auch wie bei Richard Wagner, wo natürlich der eine Unvergleichliche nicht minder als Gabe Gottes zu betrachten ist, wo aber — wie Wagner selber es gezeigt hat — die Entwickelung der deutschen Poesie und die der deutschen Musik einen Punkt erreicht hatten, daß sie das neue Worttondrama — das spezifisch „deutsche“ Drama — gebären mußten. In diesen beiden Fällen führt ein Meister zum andern und eine Kunst zur andern auf einem Wege, den ich nur als Notwendigkeit zu bezeichnen weiß. Bei Goethe ist das nicht der Fall. Was ihn bedingt in Zeit und Raum, wirkt alles nur sekundär; im wesentlichen steht er — als Dichter — außerhalb der Geschichte; ich glaube auch nicht, daß von ihm ein literarischer Einfluß ausgeht oder ausgehen kann — alles andere eher: hirnerweiternd, naturoffenbarend, kulturerzeugend.

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Der Gehalt in Goethe's Dichtungen

    Einige Klarheit über Goethe's Sonderstellung unter allen Dichtern haben wir uns verschafft und zugleich einen Standpunkt gewonnen, der uns gestattet, nunmehr sein Dichten dem Gehalt und der Form nach in Betracht zu ziehen mit einiger Hoffnung, anregende Ergebnisse einzuheimsen. Auf eine theoretische „Ästhetik“ kommt es uns keineswegs an, wohl aber auf alles, was dazu bei-

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tragen kann, die Werke dieses einzigen Dichters unserm Leben und Erleben näherzubringen.
    Das Wort von „dem Gehalt in deinem Busen“ ruft jene Schilderung zurück, die ich auf S. 420 anführte. Die den Körper und die Seele bannende rhythmische und melodische Stimmung aus dem Reiche der Tongestaltung, jene darauf folgende Trunkenheit des wonneschlürfenden Auges — sie zeigen uns den Gehalt einer poetischen Inspiration Goethe's in dem Augenblick, wo er aus dem Busen überzuströmen und bereits künstlerische Bedeutung durch Formgebung zu erlangen beginnt. Der eigentliche „Gehalt“ — wenn wir diesen zum Unterschied von aller Form als den poetisch noch ungestalteten Bestandteil des geistigen Besitzes bezeichnen wollen — liegt also weiter zurück; er geht dem genannten schöpferischen Vorgang voran als der wahre Brunnquell aller derartigen künstlerischen Erlebnisse. Goethe lehrt: „Poetischer Gehalt ist Gehalt des eigenen Lebens.“ Wer aber das Wort im Gedächtnis trägt: die Anderen versuchen das Poetische zu verwirklichen, er, Goethe, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben, wird begreifen, daß er mit dieser Definition des poetischen Gehaltes große und ganz besondere Anforderungen an sich selber stellt. Diejenigen, die von poetischen Stimmungen ihren Ausgang nehmen, welche sie nun zu verwirklichen suchen, können manchmal mit recht wenig Gehalt auskommen; sie sind imstande, wie Goethe spottet, „sich bloß durch Einbildung im Flug zu erhalten“: die Einen haben nur von Liebe gesungen, Andere nur von Wein oder von Weltschmerz; die Liebe und den Schmerz findet Jeder im eigenen Herzen und kann darüber nach Belieben phantasieren, auch die unverschämtesten Lügen darüber zu Gedichtchen „verkehren“, an denen noch heute die Deutschen ihren Geschmack, ihr Sprachgefühl, ihre Ehrliebe, ihr poetisches Empfinden vergiften; wer dagegen es unternimmt, „der Wirklichkeit eine poetische Gestalt zu geben“ (S. 432), findet sich in einer anderen Lage: denn die Wirklichkeit ist eine unabsehbar reiche Vorstellung, die nur nach und nach, in ununterbrochener Arbeit angeeignet werden kann. „Der Tag ist lang und die Nacht dazu; man kann nicht immer dichten“, spottet Goethe und fügt hinzu: „Der vorzüglichste Mensch lebt auch nur vom Tage und genießt nur kümmerlichen Unterhalt, wenn er sich zu sehr auf sich selbst zurück-

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wirft und in die Fülle der äußeren Welt zu greifen versäumt, wo er allein Nahrung für sein Wachstum ... finden kann.“ Es kommt, wie er häufig hervorhebt, auf „die genaue Betrachtung einzelner Wirklichkeit“ an; die Phantasie vermag es nicht, irgend eine einzelne Wirklichkeit zu erfinden; unverdrossen müssen wir eine nach der anderen „genau betrachten“; nur auf diese Weise haut sich allmählich eine Vorstellung wahrer Wirklichkeit auf. Wenn also diesem Einen Dichter im Gegensatz zu den anderen allezeit Wirklichkeiten als Gehalt für seine poetischen Stimmungen aus den Tiefen des Unbewußtseins emporstiegen, die er nun bloß zu erfassen brauchte, um sie „in ein poetisches Leben einzugeisten“ (S. 433), so liegt diesem Phänomen seine ununterbrochene, lebhaft bewirkte Einverleibung des Wirklichen zugrunde, und zwar   a l l e s   W i r k l i c h e n.   Schon in sehr jungen Jahren ist ihm bewußt, worauf es ankommt, und ruft er sich zu: „Wie viel Gegenstände bist du imstande so zu fassen, daß sie aus dir wieder neu hervorgeschaffen werden mögen? Das frag' dich; geh' vom Häuslichen aus und verbreite dich, so du kannst, über alle Welt.“ Was bei dem leidenschaftlichen Freund der bildenden Künste in die Augen fällt — die unablässige, bis ins kleinste reichende, ewig wiederholte Betrachtung, Vergleichung, Aneignung der Kunstwerke — das ist nur eine Teilerscheinung, die sich selbst dem flüchtigen Beobachter aufdrängt; Goethe hat sich   a l l e s — nicht bloß Kunstwerke — in dieser selben Weise angeschaut. An der Mühle reitet er nicht vorbei, ohne von seinem Wege abzubiegen, sich die Mahlsteine genau anzusehen und über ihre Herkunft Erkundigung einzuziehen; auch im fernen Lande, wo Kunst und Geschichte alle Aufmerksamkeit zu erfordern scheinen — wie in Sizilien — wird die Qualität des Bodens, die Eigenart der Gebirge und Täler, die Geologie und Mineralogie der Gegend (sofern Hammer und ein stets Beziehungen herstellender Verstand Aufschluß geben können), die Art des Feldbaues, der Zustand der Ernten, die Bauart der Häuser — kurz, alles und jedes beachtet, gesehen, aufgeschrieben, wenn möglich durch Skizzen von eigener oder fremder Hand ergänzt. Aufzählungen wären lästig, denn ich wüßte nicht, was Goethe's Aufmerksamkeit entgangen wäre. Findet er sich in eine größere Stadt eingesperrt, so erschrickt er zuerst über „die millionfache Hydra der Empirie“, welche jede klare Erfassung eines

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einzelnen Wirklichen unmöglich zu machen scheint, und will lieber nach Hause eilen, „aus seinem Innersten Phantome jeder Art hervorzuarbeiten“; doch bald siegt die Macht der Anschauung oder was wir weniger abstrakt die Lust zu leben nennen können — wie denn Goethe einmal wörtlich sagt: „am unwandelbaren Verhältnis zum Objekt genießen wir die Freude des Lebens“; die Gegenstände, die einzeln genommen, bedeutungsarm und sinnverwirrend zu wimmeln schienen, verbinden sich vor seinen Augen zu allgemeineren symbolischen Vorstellungen, denen man, wenn auch „keine   p o e t i s c h e   Form geben kann, so doch eine   i d e a 1 e“.   Aus diesem Beispiel ersieht man deutlich, daß Goethe ununterbrochen Gehalt sich aneignet; die Frage, ob ein Gegenstand eine poetische Form vertrage, kommt für ihn in zweiter Reihe; eine   i d e a l e   läßt sich immer abgewinnen, und hierdurch erst — nämlich durch Ideenbildung — wird das Gesehene geschaut und in den Busen als ein „Wirkliches“ zu dauerndem Besitz — als „Gehalt“ — aufgesogen. Das ist, was Goethe einmal „Phantasie für die Wahrheit des Realen“ nennt — ein Wort, das den geheimen Faden aufdeckt, der von dem Gehalt zur Form und wieder zurück von der Form zum Gehalt hin- und herleitet; denn die Wirklichkeit so aufnehmen wie Goethe kann nur ein Geist, dessen Phantasie der Natur gewachsen ist und diese später frei zu gestalten wissen wird; umgekehrt aber ist das gut gesehene Wirkliche der Nährboden aller Phantasie; also: je mehr Phantasie, desto mehr Wirklichkeit, und je reicher die Wirklichkeit, desto reicher die Phantasie. Hiermit ist eine Art organisches perpetuum mobile gegeben, ein Prinzip unbegrenzten Werdens und Wachsens. Goethe empfindet es als Leben, und zwar (wie es an jener Stelle über die zunächst sinnverwirrende Großstadt heißt) „auf   j e d e m   Platz, in   j e d e m   Moment“.
    Eine wichtigste Einsicht: Leben ist Gegenwart; Leben ist das was ist, nicht das, was war, nicht das, was sein wird; nur insofern sie Bestandteile der Gegenwart bilden, haben Vergangenheit und Zukunft für das Leben Wert. „Ihr seid nicht gefördert, wenn ihr eine Geliebte, die ihr durch Entfernung, Untreue, Tod verloren habt, immerfort betrauert,“ ruft Goethe den jungen Dichtern zu. „Das ist gar nichts wert, und wenn ihr noch so viel Geschick und Talent dabei aufopfert. Man halte sich ans fortschreitende Leben und

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prüfe sich bei Gelegenheiten; denn da beweist sich's im Augenblick, ob wir lebendig sind, und bei späterer Betrachtung, ob wir lebendig waren.“ Das Gewicht liegt hier auf dem Worte   f o r t s c h r e i t e n d:   man halte sich ans fortschreitende Leben. Jener geflüsterte Rhythmus, den wir an dem geheimnisvollen Entstehen einer Dichtung aus Unbewußtsein zu Bewußtsein entscheidend betätigt sahen, ihn kann nur Einer vernehmen, dem das Schreiten als Lebenselement vertraut ist. „Der junge Dichter spreche nur aus, was lebt   u n d   f o r t w i r k t,   unter welcherlei Gestalt es auch sein möge.“ Ist für Goethe „Wirklichkeit“ der Gehalt seines Daseins und damit auch seines Dichtens, so versteht er unter dieser Wirklichkeit einzig das, was lebt, und nur dasjenige lebt, welches fortschreitet, fortwirkt, kurz,   s i c h   b e w e g t.   Die Gegenwart ist nämlich nur dann Gegenwart, wenn sie einen unermeßlich kurzen Augenblick zwischen zwei Ewigkeiten darstellt; Gegenwart ist ein nur ideal zu fassender Moment, der stets ein Anheben bedeutet, vom Ursprung schon losgelöst, dem Ziele noch nicht vermählt. Diese Wirklichkeit allein — nicht die massige, klotzige, unverrückbar endlose, nicht die dem Nichts verwandte „plumpe Welt“ — kann von der Vernunft zur Idee gewandelt und von der Phantasie als Dichtung zu Geist geläutert werden. Das ist der Sinn von „auf jedem Platz, in jedem Moment“. Gelebte Gegenwart verbindet Natur und Mensch, Körper und Geist; sie erzeugt Einheit. Und hier erfassen wir es, wie durch und durch   k ü n s t l e r i s c h   Goethe's Verhältnis zum Leben überhaupt ist; denn, wie wir sehen, die Idealisierung jeglicher Gegenwart, um sie zu einem Gehalt im Busen umzuwandeln, ist bei ihm eine Tat fast jeden Augenblicks — zum mindesten gibt es nicht einen Tag in seinem Leben, wo dieser Gehalt nicht um ein weniges gewachsen wäre; und gerade diese Tat: die Umwandlung der als absolut flüchtig ergriffenen Gegenwart in einen unvergänglichen Geistesbesitz außerhalb der Zeit macht das Wesen aller bildenden Kunst aus, einschließlich der Musik. Mag ein Michelangelo oder ein Rubens in einem Letzten Gericht Hunderte von bewegten Figuren darstellen, niederstürzend und emporsteigend, verzweifelt ringend und ekstatisch vergehend — es handelt sich um einen unmeßbar kurzen Augenblick, um eine gelebte Gegenwart, die hier für immer in der Phantasie festgehalten wurde, „ein fixierter Blitz“, wie Goethe einmal sagt. Musik ist

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zwar genötigt, sich zeitlich auszubreiten, was Leonardo als einen Beweis ihres untergeordneteren Wertes betrachtete; doch wo sie erhaben wird, vernichtet gerade sie die Zeit und wird zu allausfüllender Gegenwart; Goethe setzt sogar einmal „Ton“ und „Augenblick“ als gleichwertige Ausdrücke. Er ist sich dieses Verhältnisses so klar bewußt, daß er von den Sinnenkünsten fordert, sie sollen die flüchtige Gegenwart durch alle Mittel kürzen. „Der höchste pathetische Ausdruck, den die bildende Kunst darstellen kann, schwebt auf dem Übergange eines Zustandes in den anderen“, sagt er und gibt dann Beispiele, wie der Künstler diese Wirkung erreichen könne. „So würde z. B. Eurydice, die, im Moment, da sie mit gesammelten Blumen fröhlich über die Wiese geht, von einer getretenen Schlange in die Ferse gebissen wird, eine sehr pathetische Statue machen, wenn nicht allein durch die herabfallenden Blumen, sondern durch die Richtung aller Glieder und das Schwanken der Falten der doppelte Zustand des fröhlichen Vorschreitens und des schmerzlichen Anhaltens ausgedrückt werden könnte“. Solche Augenblicke bezeichnet Goethe am selben Ort als diejenigen, wo der geistige und der physische Mensch in vollkommenem Gleichklang miteinander stehen; denn was als Empfindung in die Seele dringt, „teilt sich wie ein elektrischer Schlag allen Gliedern mit.“ Erst bei einer solchen allerfassenden   E n e r g i e   d e r   A u f n a h m e — gleichviel ob es sich um das Bildnis der tödlich getroffenen Eurydice oder um einen erblickten Mühlstein handelt, ein jedes dem Grade und der Art seiner Wirkung angemessen — erfolgt ein bleibendes Erleben und bereichert sich infolgedessen jener Schatz, auf den Goethe die Dichter mit den Worten verwies: „Poetischer Gehalt ist Gehalt des eigenen Lebens.“ Nicht das, wovon wir heutzutage so viel hören als „leben“, „erleben“, „ausleben“ usw., liefert einen Wirklichkeitsgehalt, wie Goethe ihn meint, sondern nur das kunstverwandte Umwandeln aller durch Sinne, Verstand und Vernunft eingedrungenen Erfahrungen, in dem kritischen Augenblick, wo sie zu blitzkurzem Gegenwartswert heranwachsen, in bleibende Ideen. Aus diesem unvergänglichen Schatz schöpft Goethe:

Mir schien, als wäre nichts mir, nichts entgangen,
Als hätt' ich alles, was ich je genossen.

448 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Der Gehalt in Goethe's Dichtungen

    Auf diese Weise entsteht nun das bemerkenswerte Phänomen, daß Goethe's Ideal immer eine Wirklichkeit widerspiegelt. Manche großen Männer haben in unsterblichen Werken — z. B. Plato in seinem Staat, Schiller in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung — uns Ideale vorgehalten, die, mögen wir sie auch als Geistestat hoch einschätzen, nicht „Wirklichkeiten“ sind; eine solche Eigenschaft des Geistes hängt aber gewiß mit der ganzen Persönlichkeit zusammen und wird sich bis in die letzten Gedanken, bis in das kleinste Gedicht hinein verfolgen lassen. Hingegen Goethe's Weltweisheit, sein Naturerforschen, seine sozialen Gedanken, sein Dichten mit der Wirklichkeit ebenso untrennbar verflochten sind wie Kette mit Einschlag; er bindet sich an die Wirklichkeit, denn in ihr findet er — nach einem schon früher angeführten Worte (S. 422) — „das wahre Ideelle“.
    Hier, wo wir sehen, einerseits, wie ohne Unterlaß Wirklichkeit als „Gehalt“ eingesammelt und aufgespeichert wird, andrerseits, wie dieser Gehalt ununterbrochen hinüberstrebt zu einer nur dem Geiste eigenen, nur durch Umprägung zu geistiger Gestalt möglichen Form, drängt sich eine Zwischenbetrachtung unabweislich auf, eine Betrachtung über die enge Zusammengehörigkeit des Naturerforschers und des Dichters innerhalb der Persönlichkeit Goethe's.
    Durch den Mund Werther's verkündet schon der Jüngling „seinen Vorsatz, sich künftig allein an die Natur zu halten. Sie allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den großen Künstler“. Fast sechzig Jahre später „wiederholt“ der Greis „aber- und abermals“, der Künstler müsse sich „zuerst an der kräftigen Wirklichkeit vollkommen durchüben, um das Ideelle daraus zu entwickeln, ja, zum Religiosen endlich aufzusteigen“. Zunächst ist es wichtig, diese eine Tatsache einfach hinzustellen: Goethe's Überzeugung, große Kunst sei von fortgesetztem, genauestem Studium der Natur in ihrer „kräftigen Wirklichkeit“ bedingt und ohne diese Übung unmöglich. Es ist darum wichtig, weil unsere Ästheten in dieser Beziehung viel Verwirrung angestiftet haben. Im Laufe seines Lebens erlitt nämlich Goethe manche Zorneswallung über konfuse Künstler, Literaten, Theoretiker, von denen die Einen ein naturfernes, womöglich naturfeindliches Kunstideal lehrten, während andere eine angebliche „Natur“ im ausdrücklichen Gegensatz zu aller großen

449 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Der Gehalt in Goethe's Dichtungen

Kunst der Vergangenheit als einzigen Maßstab für echte Kunst aufzustellen die Keckheit hatten; und so fielen auch scharfe Worte aus seinem Munde, die — einzeln angeführt und ohne jede nähere Kenntnis der Persönlichkeit — eine arg verzerrte Vorstellung von seinen Ansichten geben. Gereizt durch eine verfahrene Denkmalsfrage ruft er z. B. einmal aus: „Die ewige Lüge von Verbindung der Natur und Kunst macht alle Menschen irre“, entschuldigt sich aber gleich darauf wegen dieser „extemporierten Litanei“; denn die Quelle seines Mißvergnügens fließt nicht etwa aus der Überzeugung, diese Leute huldigten zu ausschließlich der Natur, sondern vielmehr aus der Einsicht, sie hätten keine Ahnung, was „Natur“ ist. „Das Gemeine ist's eigentlich, was den Herren Natur heißt!“ Und so verstehen diese „Herren“ nicht, daß gerade die hohe Kunst der Hellenen „zur natürlichsten Natur gehört“, und wollen uns verbieten, sie zu studieren! Darüber — über diesen beschränkten, dummen „Naturalismus“ — eine begreifliche Wut, die sich in Spott und Geißelung Luft macht. Doch wie Goethe es in Wirklichkeit meinte, zeigt nicht nur sein Ausdruck, die Natur sei „die Grundfeste der Kunst“ (S. 414), sondern noch ausführlicher folgender Satz eines Briefentwurfes aus 1827: „Wenn Sie die Natur recht fassen und greifen und mit einem sich nach und nach ausbildenden Talent den Gestalten einen edlern, freiern Anstand zu geben wissen, so begreift kein Mensch, wo Sie es her haben und Jedermann schwört, Sie hätten's von der Antike genommen“. Will Goethe einer Komposition Raffael's das höchste Lob erteilen, er vergleicht sie „dem Organismus der Natur“.
    Dieses Wenige zur bloßen Abwehr. Was von Goethe's eigener Künstlerschaft gilt, hat er in einem kurzen Satz erschöpfend ausgesprochen: „Natur und Idee läßt sich nicht trennen, ohne daß die Kunst sowie das Leben zerstört werde.“ Die genaue Bedeutung dieser Worte — inwiefern die Natur, als Inbegriff aller Wirklichkeit, und die Idee, als Umwandlung dieser Wirklichkeit in bleibenden Gehalt im Menschenbusen, ohne einander nicht zu denken sind, so daß ihre Trennung Goethe's Kunst, ja, Goethe's ganzes Leben zerstören würde — das verstehen wir nunmehr in jener Ausführlichkeit, die Goethe fordert: „Ich will nicht mehr ruhen, bis mir nichts mehr Wort und Tradition, sondern lebendiger Begriff ist.“

450 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Der Gehalt in Goethe's Dichtungen

Vielleicht fühlt aber der Leser doch besser jetzt, wo der Dichter ihm vor Augen steht, als im vergangenen Kapitel, da uns der Naturerforscher allein fesselte, welches zwingende Lebensbedürfnis Goethe dazu treiben mußte, die Natur immer eingehender zu erforschen, als Inbegriff des gegenständlich Vorhandenen, alles dessen, was einem Geist überhaupt Gehalt liefert. Nicht kunstwidriger Instinkt gebietet, vielmehr gebietet der unabweisbare Gestaltungsdrang des Künstlers. Goethe's Dichten, wie wir hörten, bedarf als Ausgangspunkt eines Wirklichen; folglich muß der Dichter an Wirklichkeit reich sein. Andrerseits aber werden wir uns hüten, die Grenze des „Dichtens“ eng zu ziehen: bei Goethe's ununterbrochenem Ideenbilden ist es in der Tat unmöglich zu sagen, wo für ihn Poesie endet, wo Natur- und Gedankengestaltung beginnen. „Die Art, wie ich die Naturerfahrungen behandelte, schien die übrigen Seelenkräfte sämtlich für sich zu fordern“, schreibt er. Zwei entgegengesetzte Forderungen wirken bei diesem intensiven Befassen mit Naturstudien gleich unabweisbar ein: das Bedürfnis, im Einzelnen genaue Kenntnisse zu besitzen, damit das Auge überhaupt sehen lerne, und das Bedürfnis, die allgemeinen Zusammenhänge zu erfassen, ebenfalls, damit überhaupt gesehen werde. Tatsache ist nämlich, daß der Mensch ohne Kenntnis der Einzelheiten den Gegenstand nicht gut sieht; Tatsache ist aber nicht minder, daß er ohne Besitz von allgemeinen, ordnenden Ideen, welche die Gegenstände zueinander in Beziehung setzen, ohne Ahnung des „lebendigen Kreises“, in welchem Entferntes sich gegenseitig „aufklärt“ und „die zartesten Bezüge dem forschenden Geiste darlegt“, überhaupt nicht sieht, was ihm vor Augen liegt. Wer keine Ahnung von Botanik hat, kann auf dem Wege durch ein Frühlingsfeld weder vergleichen noch unterscheiden, am allerwenigsten „bemerken“; denn weder erblickt er das charakteristische Einzelne, noch die zusammenfügenden Beziehungen. Darum, als Goethe den jungen Künstlern ein genaues Studium der Anatomie und der Physiologie des menschlichen Körpers empfiehlt, dazu auch der vergleichenden Anatomie und — wenigstens in Hauptzügen — der unorganischen Wissenschaften, ermahnt er sie: „Was man   w e i ß,   sieht man erst!“ Manche Künstler verspotten das Wissen und dessen Methode, die Wissenschaft; und doch ist Wissen die Vorschule des Sehens und Sehen die Vorschule

451 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Der Gehalt in Goethe's Dichtungen

aller Kunst. Wer ein solches Lebensbedürfnis zu sehen empfand wie Goethe,   k o n n t e   deswegen nicht anders als früh sich in die Werkstätte der Wissenschaften begeben. Um die Natur zu sehen, mußte er so viel wie möglich über sie wissen; und nur dort fand er die Lehrer des Wissens, deren er bedurfte; denn erst die Arbeit von Jahrhunderten hat dem Menschen ein Wissen von der Natur verschafft. „Es ist gar zu angenehm, auf einem solchen Meere des Wissens, nach allen Gegenden ... mit Leichtigkeit hinsegeln zu können“, schreibt er beglückt nach einem fünfwöchentlichen Aufenthalt an der Universität Göttingen. In dem selben Verhältnis aber, in dem sein Wissen und damit Hand in Hand sein Sehen zunahm, mußte auch das andere Bedürfnis wachsen: die zahllosen, durch genaues Erblicken lebendig gewordenen Wirklichkeiten — die Fülle des Gehalts im Busen — unter umfassendere Ideen einzuordnen. Wenn Wissen nicht gestaltet wird — und das gerade ist es, was das Wort Wissen-schaft verheißt — erstickt es an der Überfülle; ebenso erblinden die Augen an dem Zuviel des Gesehenen. Dem Durste dieser Augen aber und dem Drange dieses Ideenbildens war keine andere Grenze bekannt und möglich als die des bis aufs äußerste ausgedehnten eigenen Vermögens; Goethe schreibt an Schiller, da er nicht die Totalität aller Tatsachen kennen könne, wolle er „wenigstens eine   S a t t h e i t   d e r   E m p i r i e   empfinden“. Er mußte sich nicht allein veranlaßt, sondern   v e r p f l i c h t e t   finden, der Naturwirklichkeit gegenüber eine neue Ideenwelt zu errichten, eine Naturarchitektonik (S. 321 ff.), die „weder der Natur noch dem Geiste Gewalt antäte, sondern beide durch gelinden Wechseleinfluß miteinander in's Gleichgewicht setzte“.
    Worauf es mir nun an dieser Stelle ankommt, ist, die innig nahe Verwandtschaft zwischen dem allbekannten Poeten und dem weniger bekannten Schöpfer einer neuen Ideenwelt hervorzuheben. Goethe selber empfindet beide Tätigkeiten in seinem Geiste als einheitliches Walten und Wirken und redet von „dem alten poetisch-wissenschaftlichen Wesen“, an dem er „fortfahre auszubilden“. Bei anderen Dichtern sind Poesie und Wissenschaft entgegengesetzte Begriffe, die sich zueinander wie freie Einbildungskraft zu treuem Beobachtungsfleiß verhalten und sich insofern gegenseitig ausschließen; bei Goethe ist das nicht der Fall. Denn seine Poesie gilt nicht

452 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Der Gehalt in Goethe's Dichtungen

weniger als seine Wissenschaft der Wirklichkeit; der   G e h a l t   ist bei beiden genau der gleiche. Es ist das selbe Erschauen und das selbe Umbilden zu Ideen; ja, mehr als das, es ist die selbe Macht der Phantasie, welche sich „der Natur gewachsen“ fühlt (S. 440) und sie frei nach Bedürfnissen des Geistes zu gestalten unternimmt. Suchten wir nach geistreichen Wendungen, wir könnten sagen: der Naturerfahrene dichtet, und der Dichter ist es, der über die Natur Theorien aufstellt. Nie wird man Goethe, den Dichter, sein Ich am Ich darstellen sehen, sondern immer an der Welt (dies bewirkt die vielberufene „Gegenständlichkeit“ seines Dichtens); dafür aber erforscht er nie die Welt an der Welt (wie die empirische Wissenschaft es tut), sondern stets am Ich, am unmittelbaren Eindruck, den sie auf den durch seine Sinne empfangenden, durch seine Vernunft erfassenden Menschen macht (dies bewirkt die vielbeklagte „Subjektivität“ seiner Ideen über die Natur). Darum gibt es aber einen Standpunkt, von wo aus der Naturerforscher Goethe subjektiver und insofern genialer zu schaffen scheint als der Dichter, dessen Leistung, gerade ihrer Objektivität wegen, vom Unaufmerksamen oft nicht gewürdigt wird. Man denke nur an die Farbenlehre, wo Goethe ausschließlich die Eindrücke auf Sinn und Hirn des Menschen als das Bereich seiner Untersuchungen ringsum abgrenzt und seine Aufgabe für gelöst betrachtet, sobald er hier Übereinstimmung bewirkt hat, wogegen er jedes Erschließen des Objektes als törichtes Vorhaben von sich weist; man denke an die Lehre von der Metamorphose, die eingestandenermaßen von Raum und Zeit absieht! Und nun vergleiche man mit diesen beiden Dichtung und Wahrheit, wo er — um sein eigenes Leben zu erzählen — vor unseren Augen eine wimmelnde Welt entstehen läßt, in welcher wir die Städte, die Landschaften, die Zeiten, die Volksstimmungen, die wissenschaftlichen, religiösen, literarischen Bewegungen erblicken, dazu Dutzende von vollendet perspektivisch abgestuften Einzelpersönlichkeiten, wie sie leben, weben, streben, eine jede so genau aus ihrem eigenen Mittelpunkt heraus dargestellt, daß wir sie voll Teilnahme begleiten, im Gefühle, sie habe das Recht, so zu sein, wie sie ist; in welcher Welt nun der Eine still und — wie er von sich sagt — „planlos“ wandelt, niemals selbstgefällig, emphatisch, wichtig, manchmal sich leise ironisierend, immer sich nur in und an den

453 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Andern oder an Vorgängen, an Natur- und Kunsteindrücken widerspiegelnd! Ein Blick auf jenes andere autobiographische Fragment — Jean Jacques Rousseau's Confessions, gewiß ein unsterbliches Buch unter Büchern, in welchem ebenfalls eine Zeit, eine Nation, namentlich auch Landschaften für alle Zukunft vor Augen gebannt sind, doch alles um des Einen willen, alle Strahlen einzig auf ihn zulaufend — genügt zu belehren, welch unerhörtes Meisterwerk reinster Objektivität Goethe hier geschaffen hat, hier, wo eingestandenermaßen die Darstellung der eigenen Persönlichkeit Zweck und Inhalt bildet.
    Der Unterschied zwischen Goethe's Dichten und seinem Naturerforschen liegt wesentlich nur in der Form, nämlich in dem, was die Phantasie im Bunde mit der lenkenden Vernunft aus dem gleichen gegebenen Wirklichkeitsgehalte macht. Über diese Formgebung, soweit sie die Auffassung der Natur betrifft, habe ich im letzten Kapitel gehandelt; ich gelange zu dem Hauptgegenstand dieses Kapitels: zu der Formgebung beim Dichter.

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Die Form in Goethe's Dichtungen

    Beschränken wir uns — wie es das Wesen dieses Buches gebietet — auf jene Züge allein, welche unterscheidenden Wert besitzen, so ist es geraten, den ungeheuren Stoff durch Gliederung zu vereinfachen, indem wir einerseits die großen, gestaltumreißenden, äußeren Linien, andrerseits die allerinnersten Verhältnisse der künstlerischen Organisation ins Auge fassen. Die grenzziehenden äußeren Linien entspringen bei Goethe aus dem Widerspiel zweier einander entgegenwirkenden und zugleich sich gegenseitig ergänzenden Instinkte: der eine, zu schlichter   N a t u r t r e u e,   der andere, zu ungezügelter   F r e i h e i t   d e r   P h a n t a s i e.   Im innersten Getriebe entsteht ebenfalls ein polarer Gegensatz der Gestaltungsprinzipien: es ist der uns bekannte zwischen den beiden künstlerischen Welten der   S i n n e   und des   W a h n e s,   insofern jede der beiden eigene Wünsche und Forderungen geltend macht. Dieser Aufbau aus dem Spiel und Widerspiel des Doppelpaares von je zwei sich entgegenstrebenden und zugleich sich fördernden Gestaltungskräften

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wird zu einem Quellbrunn unerschöpflicher Mannigfaltigkeit. In dem umfassenden äußeren Paare stehen der treue Beobachter jeglicher Wirklichkeit und der absolute, aller Technik abgeneigte Poet (S. 441) einander gegenüber; es spitzt sich manchmal auf einen Konflikt zu zwischen dem Trieb, einfach dem „unzweideutigen Genie der Natur“ (S. 263) gestaltend nachzueifern, und der übermütigen Kraft einer Phantasie, die sich fähig fühlt, alle Gegenstände nach ihren Vorstellungen umgeformt neuzugebären. Insofern darf man sagen, die „Form“ kämpft hier öfters um die eigene Existenz, und es können Gebilde entstehen, wo der Gehalt sie überwuchert, oder aber, im Gegenteil, wo die ungefesselte Phantasie den Gehalt vergewaltigt. Bei dem engeren Paare einander entgegengesetzter Kräfte, die im Innersten des formenden Geistes walten, betrifft der Widerstreit weniger die allgemeine Konzeption als die Ausführung des Kunstwerkes im Einzelnen, zu dem die bildenden Künste des Auges und des Ohres strenge Gesetze der Gestaltung mitbringen, wogegen der Wahn sich in seiner Willkür gar häufig auflehnt, so daß manchmal kaum zu lösende Rätsel geschaffen werden.
    Wer mir von Anfang an bis hierher gefolgt ist, empfindet gewiß, wie in jeder einzelnen dieser gegensätzlichen Neigungen der eine unteilbare Goethe in aller Kraft seiner Individualität sich Bahn zu brechen sucht und — je nach der Gelegenheit — sich einmal hier und ein anderes Mal dort mit Leidenschaftlichkeit durchsetzt. Des weiteren wird man auch dieses leicht verstehen: zwischen dem inneren und dem äußeren Kreise gestaltender Impulse können gelegentlich Wirkungen und Gegenwirkungen stattfinden, die zu entwirren schwer bis zur Unmöglichkeit ist. Befleißige ich mich im Folgenden möglichster Einfachheit, so wolle man also nicht naive Verkennung der buchstäblich unerschöpflichen Mannigfaltigkeit der Form bei Goethe darin erblicken. Ich will Goethe nicht über andere größte Dichter stellen; unstreitig bleibt aber das Eine: an Mannigfaltigkeit der künstlerischen Leistung kommt ihm kein Mensch, von dem wir Kunde besitzen, gleich, selbst dann nicht, wenn wir unberücksichtigt lassen wollten, daß sein ganzes Naturerforschen und sein ganzes eigenes Leben diesem Gebiete ideeller, kunstverwandter Formgebung angehören, und uns auf das beschränkten, was im umfassenden Sinne des Wortes „Dichtung“ genannt werden darf. Wer

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einen solchen Gehalt im Busen trägt, dessen Geist ist reicher an Formgebilden als irgend ein Anderer zu fassen vermag.

a)   D i e   N a t u r t r e u e

    Ziehen wir nun zunächst die zwei mehr allgemein bestimmenden Tendenzen der Formgebung in Betracht, so liegt es nahe, zuerst die   N a t u r t r e u e   hervorzuheben, weil diese es ist, bei der die Anknüpfung zwischen Gehalt und Form vorzüglich statthat. Diese Naturtreue des Dichters ist auf jedem Blatte zu beobachten; sie wirkt in ihrer schlichten Strenge wie ein religiöses Prinzip. „Ich hatte die Maxime ergriffen, mich so viel als möglich zu verleugnen und das Objekt so rein als nur zu tun wäre in mich aufzunehmen.“ Goethe nennt sich einmal den „demütigsten“ aller Menschen: es liegt Kraft der Demut in dieser herben Beschränkung auf das Gegebene, in dieser Überzeugung, „das Ideelle sei im Reellen anzuerkennen“, zugleich aber eine unerschöpfliche Begeisterung für die Natur als Quelle aller Erfindung. Die Natur bedarf nicht unseres Schmuckes, unserer vermeintlichen Steigerungen; man sehe sie nur genau, wie sie ist — wenn man dieses Schwierigste erst vermag (S. 186) — und erbitte sich von Gott die Gabe, sie so hinzustellen, wie man sie dann erblickt. Schlagen wir irgend ein Gedicht Goethe's auf, z. B. folgende Abendstimmung:

Dämmrung senkte sich von oben,
Schon ist alle Nähe fern;
Doch zuerst emporgehoben
Holden Lichts der Abendstern!
Alles schwankt ins Ungewisse,
Nebel schleichen in die Höh';
Schwarzvertiefte Finsternisse
Widerspiegelnd ruht der See.

Die Schilderung ist rein gegenständlich. Die acht Verse enthalten nur zwei Eigenschaftswörter — hold und schwarzvertieft — den Kontrast zwischen Licht und Finsternis leise und bestimmt betonend, sonst nur Hauptwörter und Zeitwörter sowie die einfachsten der unentbehrlichen Bindewörter. Nichts ist für Goethe's Dichten bezeichnender als gerade diese Sparsamkeit; jedes Eigenschafts-

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wort bedeutet eine Verallgemeinerung, eine menschliche Abstraktion; wir ziehen von einem Gegenstand einen Teil seines Wesens in Gedanken ab und nennen ihn sodann eine „Eigenschaft“; die Natur dagegen kennt nur Dinge, nicht Attribute; die Dinge sind, wie sie sind; wer gut zu sehen wüßte und zugleich einen reichen, genau unterscheidenden Wortschatz besäße, müßte mit dem Namen eines Dinges immer alles gesagt haben. Und doch bestehen neun Zehntel aller Dichtung aus dem Anhäufen von Attributen. Zum Vergleich schlage ich aufs Geratewohl den alten Haller auf, den Immanuel Kant und auch Goethe's vortreffliche Mutter hoch schätzten; einen „Abend“ entdecke ich nicht, doch ein „Morgen“ ist zur Hand:

Durchs rote Morgentor der heitern Sternenbühne
Naht das verklärte Licht der Welt;
Die falben Wolken glühn von blitzendem Rubine,
Und brennend Gold bedeckt das Feld.

In vier Versen spendet der Dichter sechs Eigenschaftswörter, außerdem zwei als Adjektiva verwendete Hauptwörter, also acht schildernde Attribute: das Morgentor ist rot, die Sternenbühne heiter, die Wolken falb und zugleich Rubine-blitzend usw. Daß der Dichter unserem Auge durch diese Anhäufung mehr zeige als Goethe, wird kaum Jemand finden; denn immer wieder muß das zusammenknüpfende Denken eingreifen, um das Eigending und die Eigenschaft zu verbinden, um die Tropen (Tor, Bühne usw.) zu deuten und um die weit auseinanderliegenden Vorstellungen zueinander in Beziehung zu setzen. Doch gleichviel; ich führe den guten Haller nicht an, um ihn durch den erdrückenden Vergleich herabzusetzen, sondern nur, um auf Goethe's abweichende Art, die Natur zu schildern, aufmerksam zu machen. Als Ergänzung will ich auf einen Dichter hinweisen, den England — reicher an bedeutenden Lyrikern als irgend ein anderes Land — zu seinen ersten zählt und namentlich als Naturschilderer über alle preist, auf Wordsworth. Betrachten wir die ersten vier Verse seines viel bewunderten Sonetts über einen Abend am Meere:

It is a beauteous evening, calm and free,
The holy time is quiet as a Nun
Breathless with adoration: the broad sun
Is sinking down in its tranquillity.

457 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Hier wird gleich im ersten Vers der Abend durch drei Eigenschaftswörter geschildert: schön, still, frei; im zweiten Vers erhält „die Stunde“ — das ist also wieder der Abend — die weiteren Bestimmungen: heilig, ruhig, einer Nonne gleich; und im dritten Vers wird diese Nonne als „atemlos in Anbetung“ (atemlos, so viel wie „kaum eratmend“) bezeichnet; jetzt erst sind wir mit den Attributen des Abends fertig, und der Dichter geht zur Sonne über, welche niedersinkt „in seiner Ruhe“ — also nochmals die „Ruhe“ des Abends. Acht Eigenschaftswörter oder ihnen entsprechende Redewendungen werden, wie man sieht, erfordert, um den Abend zu schildern, für den Goethe nur das eine, sogar artikellose und gedrungen kurz buchstabierte Hauptwort „Dämmrung“ beansprucht. Außerdem ist die Art beachtenswert, wie der englische Dichter, um uns nur ja zu überzeugen, der Abend sei ein ruhiger, dies innerhalb vier Versen sechs Mal wiederholt: still, ruhig, nonnengleich, atemlos, anbetend, in Ruhe; wogegen Goethe in jenen acht Versen zwar das Inbild der lautlosen Dämmerungsstunde vor unsere Augen zaubert, jedoch nur ein einziges Mal von Ruhe spricht, wozu er aber weder Hauptwort noch Eigenschaftswort verwendet, sondern das Zeitwort „ruht“. Bei Wordsworth ist in Wirklichkeit nicht von der Natur die Rede, wie sie unsere Sinne erblicken, vielmehr nimmt der Dichter seinen Ausgang von dem Eindruck, den diese Natur auf das Gemüt gemacht hat; was er bietet, ist die Natur, im gedankenvollen Betrachten widergespiegelt; kein einziger Zug gehört dem Auge als künstlerischem Organ an: „schön“ ist ein ästhetisches Urteil, „frei“ ein moralisches, „still“ (calm) könnte besagen sollen, das Meer sei unbewegt, doch erfahren wir gleich darauf, es „donnere unaufhörlich“, also ist auch diese Stille eine seelische des Dichters, nicht das aktive „ruht der See“ des Goetheschen Gedichtes. Bei der Nonne aber langen wir dort an, wo Goethe die Dichter sah, sich abmühend, „ein Poetisches zu verwirklichen“, was er als „ungeheure Differenz“ von der ihm eigenen Art, „dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben“, empfand (S. 432). Wordsworth   z e i g t   uns im Grunde gar nichts, vielmehr will er uns zu einer ähnlichen Stimmung, wie er sie erfuhr,   ü b e r r e d e n;   und da wir abstrakten Menschen der Oratorik mit Vorliebe zugänglich sind, gelingt es ihm, hiermit auf weite Kreise Eindruck zu machen; Goethe dagegen stellt das Erleb-

458 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

nis eben so schlicht hin, wie ein Maler es täte, und überläßt es unserer mitwirkenden Phantasie, zu sehen, was er sah, und — ein Jeder nach dem Maßstab seiner Seele — zu empfinden, was er empfand. Ohne nun bei diesen Vergleichen zu verweilen, will ich sie benutzen, das Eine festzustellen: die Bildkraft Goethe's ruht vor allem auf der grundsätzlichen Beschränkung aller Zutat, auf der rein gegenständlichen Schilderung der Dinge, wie sie das Auge erblickt. Diese Beschränkung entsteht aus dem Gebot der Treue gegen die Natur. Haller erblickt Rubine in den Wolken und Gold auf dem Acker, wandelt also die Farben des Morgens in menschliche Wertvorstellungen um; Goethe — in der früher angeführten Euphrosyne (S. 422) — beschränkt sich auf die Wirklichkeit: Purpur und Glanz. Wordsworth — wo er über den Abend nicht bloß urteilen, sondern ihn schildern will — träumt von einer Nonne, betend auf den Knieen, Goethe nennt (ohne es eigentlich zu beschreiben) Zug für Zug, was in der Natur abends wirklich vorgeht. Womit wir aber auf das zweite Geheimnis in diesem Dichten aufmerksam werden. Goethe's Naturtreue lehrt ihn alles als Vorgang, als Bewegung erfassen: er sagt nicht wie die anderen: der Abend „ist“ ruhig, sondern der See „ruht“; auch das Ruhen ist bei ihm ein Tun; und zwar ruht nicht die schwebende, unbegrenzbare, menschliche Vorstellung „Abend“, sondern, was ruht, ist der konkret vorhandene, mit Augen erblickte See. Was ist denn jede Tageszeit, wenn nicht ein Übergang zwischen zwei anderen? Der Morgen führt hinüber von der Nacht zum Tage, die Sonne steht keinen Augenblick still, die Abenddämmerung leitet wieder allmählich zur Nacht über; nichts bleibt unbeweglich für den, der zu sehen weiß. Und so faßt denn der naturtreue Dichter, trotzdem seine Schilderung den Inbegriff des Dämmerungsfriedens in unsere Seele gießt, jeden einzelnen Zug des Erschauten als Bewegung auf und bewirkt gerade hierdurch die unmittelbare Gegenwart des Bildes; jeder Bestandteil der Landschaft lebt auf. Nicht von einem dauernden Sein gehen wir hier aus — „Es ist ein schöner Abend“ — sondern von oben   s e n k t   sich die Dämmerung auf die Erde herab; inzwischen   f e r n e n   sich die nahen Gegenstände in die wachsende Weite und entschwinden allmählich dem Auge; und siehe da! am Himmel wird von einem unsichtbar waltenden Gotte der Abendstern   e m p o r g e h o b e n.   So gewahren wir schon die Haupt-

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bewegungen, durch welche eine Dämmerung zustande kommt: ein Sinken nach unten, ein Entfliehen in die Ferne, ein Emporheben nach oben. Nun aber sucht das Auge sich im einzelnen zurecht zufinden: doch alles — selbst das Scharfumrissene der Nähe — gerät ins   S c h w a n k e n,   so daß der Blick es nicht festzuhalten vermag; denn die Nebel   s c h l e i c h e n   heran; nur der See   r u h t   und bildet den einzigen regungslosen Fleck in der Landschaft. Dem Dichter genügt es aber nicht, diese Ruhe durch den Gebrauch des Zeitworts als eine Handlung aufzufassen, vielmehr versteht er es, auch aus der anscheinenden Regungslosigkeit Bewegung herauszuempfinden. „Aller Schatten wird Reflex“ lobt Goethe gelegentlich an den Werken eines griechischen Dichters; dies führt er selber hier im buchstäblichen Sinne aus. Nächtiger als die dunkle Umgebung ruht nämlich der See; das weit geöffnete Poetenauge befreundet sich der Nacht und lernt das Verborgene durchschauen: wie am Tage, so auch jetzt noch   s p i e g e l t   die Wasserfläche wider; nur sind es nicht Lichtstrahlen, sondern — eine letzte Bewegung! — es sind   v e r t i e f t e,   „schwarzvertiefte“ Finsternisse, die sie widerspiegelt. So reichlich entschädigt uns der Dichter für die fehlenden Eigenschaftswörter: in acht Versen nicht weniger als acht Bewegung schildernde Zeitwörter.
    Immer, bei Goethe, wird man diesem selben Gesetz der Naturtreue begegnen, immer genau bezeichnende Hauptwörter, immer Bewegung vorzaubernde Zeitwörter finden, nicht also Zustände eines seinen Eindrücken Erliegenden, sondern Vorgänge, das heißt Taten der Natur, die dann auch den Dichter selber — als Teil eines alles umfassenden Ganzen — ergreifen und mit sich reißen.

Wie im Morgenglanze
Du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter!

Nicht „glüht“ der Frühling, sondern er „glüht mich an“; es ist keine bloße Wahrnehmung, sondern ein in die Seele eindringendes Erlebnis: „Poetischer Gehalt ist Gehalt des eigenen Lebens.“ (S. 440). Man schlage zum Vergleich Schiller auf:

Ist der holde Lenz erschienen?
Hat die Erde sich verjüngt?

460 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Die besonnten Hügel grünen,
Und des Eises Rinde springt!
Aus der Ströme blauem Spiegel
Lacht der unbewölkte Zeus,
Milder wehen Zephyrs Flügel,
Augen treibt das junge Reis.

Und dann schlage man noch auf, wen man will: Milton, Klopstock, Ovid, Victor Hugo ... die Natur, durch Goethe's Dichterauge gesehen, wird man nirgends finden. So z. B. handelt es sich ihm einmal darum, die Begegnung mit einem weltflüchtigen Misanthropen zu schildern, als Episode, mitten in einem längeren Gedichte; wie viele Strophen hätte jeder Andere dazu erfordert! Goethe stellt die Situation in sechs Versen erschöpfend und erschütternd hin:

Aber abseits wer ist's?
In's Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.

Das ist der Unterschied zwischen Naturerschauen und Naturempfinden: letzteres gelingt jeder zart beanlagten Seele, ersteres müssen wir von Goethe erlernen. Diese Stelle ziehe ich deswegen heran, weil — im Gegensatz zu dem Dämmrung-Gedicht — nicht ein Hervorzaubern der gesehenen Natur, sondern vielmehr ein Gleichnis vorliegt für einen rein seelischen Vorgang. Da nun aber Goethe's Gleichnisse aus wirklichem Erschauen schöpfen, leben auch sie auf und werden „Ereignis“. Kein einziges malendes, moralisierendes, sentimentales Wort; eben so treu wie vorhin die Dämmrung erblickt jetzt Goethe dieses Menschenschicksal und stellt das Erblickte eben so schlicht hin; jede Redefloskel wird verschmäht, die Natur soll für sich sprechen. Wie er dort die Nebel in die Höhe schleichen und alles ins Ungewisse schwanken sah, eben so sieht er hier den Unglücklichen,

Der sich Menschenhaß
Aus der Fülle der Liebe trank,

461 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

„abseits sich verlieren“, hinter ihm die Sträuche, die das Gebiet der quellenden Lebensfreude umhegen, zusammenschlagen und die Gräser die Spuren seiner Schritte auswischen. Der Liebelose entschwindet als wäre er nie gewesen. Auch im bloßen Bilde ist alles Bewegung: der Pfad, dem das Auge folgt, bis er sich ins Gebüsch verliert, das (nicht ausgesprochene, doch vorauszusetzende) hastige Auseinanderdrängen der widerstrebenden Sträuche, welche dann gewaltsam zurückprallen, das Sichwiederaufrichten des niedergetretenen Grases. In anderem Zusammenhang komme ich auf dieses Gedicht zurück: hier wollte ich nur auf die Treue, die Schmucklosigkeit und die nie fehlende Bewegung aufmerksam machen. Und da ich zwar flüchtig sein muß, doch nicht oberflächlich sein will, bitte ich um die Erlaubnis, zu diesem wichtigen Thema der Naturtreue noch einige Beispiele der eingehenden Betrachtung empfehlen zu dürfen.
    Der Leser wolle ein Gedicht aufschlagen, das ursprünglich den Titel Im Herbst 1775 trug und später Herbstgefühl genannt wurde; es umfaßt im ganzen fünfzig Wörter und lautet:

Fetter grüne, du Laub,
Am Rebengeländer
Hier mein Fenster herauf!
Gedrängter quellet,
Zwillingsbeeren, und reifet
Schneller und glänzend voller!
Euch brütet der Mutter Sonne
Scheideblick; euch umsäuselt
Des holden Himmels
Fruchtende Fülle;
Euch kühlet des Mondes
Freundlicher Zauberhauch,
Und euch betauen, ach!
Aus diesen Augen
Der ewig belebenden Liebe
Vollschwellende Tränen.

Nicht einem Vorgang schauen wir zu, wie bei der hereinbrechenden Dämmrung, vielmehr handelt es sich um einen allgemeinen Zustand

462 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

zu einer besonderen Jahreszeit — Zustand der Natur um uns herum, Zustand der Natur in unserer eigenen, herbstlich gestimmten Seele; nichtsdestoweniger wird alles Leben, alles Gegenwart (S. 445 ff.), indem es als Tat, als Bewegung empfunden und dargestellt wird. Kein Mensch kann abgeneigter sein als ich, ein Gedicht statistisch zu zergliedern; dennoch möchte ich dieses eine Mal den Leser dazu auffordern. Zunächst fällt die Abwesenheit jedes Hilfszeitwortes auf; Goethe haßte sie; wie aber sie ganz umgehen? Hier ist es gelungen. Begann Schiller sein oben angeführtes Gedicht:

I s t   der holde Lenz erschienen?
H a t   die Erde sich verjüngt?

so bringt es Goethe fertig, ganze Gedichte zu gestalten, ohne ein einziges Mal aus der Unmittelbarkeit der Anschauung in die logische Hirnanalyse des Habens und des Seins und des Werdens zu verfallen. Nicht minder der Beachtung würdig dünkt mich die Sparsamkeit in der Verwendung jenes anderen menschlich-abstrakten Kittes — der Verhältniswörter und Bindewörter; im ganzen Gedicht kommen ihrer nur sechs vor, dazu die eine Ausrufsilbe „ach!“, in dem Moment, als die Betrachtung sich von außen nach innen bahnbricht. Rechnen wir noch vier Artikel und ein Adverb ab, so bleiben von den fünfzig Wörtern achtunddreißig eigenlebendige übrig (also fast drei Viertel), von denen ein jedes eine bestimmte Vorstellung vermittelt! Ein unerhörter Prozentsatz, wie jeder Blick auf andere Dichter zeigen wird. Hierin liegt auch die verhältnismäßige Schwierigkeit begründet, die selbst ein solches kleinstes Goethesches Lied trägen, am Heineschen Leierkasten entnervten Gemütern entgegenstellt: von je vier Wörtern fordern drei eine tatsächliche Anschauung, also jene „Mitwirkung“, auf die Goethe (wie später Wagner) entscheidendes Gewicht legt. „Wenn der Mensch nicht   m i t w i r k e n d   genießt, müssen bald Hunger und Ekel, die zwei feindlichsten Triebe, sich vereinigen...“ Streichen wir aber sechs Fürwörter, die hauptsächlich der Wiederholung dienen, und sechs Eigenschaftswörter, die nur ergänzende Vorstellungen vermitteln: es bleiben noch sechsundzwanzig Wörter, von denen ein jedes vollkommen selbständig dasteht und entweder ein bestimmtes Ding oder einen bestimmten Vorgang bezeichnet; von diesen sind vier-

463 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

zehn Dingwörter, zwölf Zeitwörter, welch' letztere zum Teil die bewegende Tat unmittelbar aussprechen, zum Teil in der Form von Partizipialwendungen mittelbar darauf hindeuten. Es wird nicht uninteressant sein, diese Wörter einzeln aufzuzählen. An Dingvorstellungen finden wir folgende: Laub, Rebengeländer, Fenster, Zwillingsbeeren, Mutter, Sonne, Scheideblick, Himmel, Fülle, Mond, Zauberhauch, Augen, Liebe, Tränen; an Bewegungsvorstellungen folgende: heraufgrünen, drängen, quellen, reifen, glänzen, brüten, umsäuseln, fruchten, kühlen, betauen, beleben, vollschwellen. Namentlich diese Reihe der tatanzeigenden Wörter macht Eindruck; ein jedes so unbedingt, so frei von der üblichen Einhegung durch sein, haben, werden, mögen, lassen, sollen, können, dürfen usw. Zählen auch einzelne, wie reifen und schwellen, nach den Regeln der Grammatiker zu den Intransitiven, sie drücken nicht weniger drängende, quillende Lebensbewegung aus. In dem Anblick des stillen Herbstbildes, der jedem Anderen lediglich Regungslosigkeit, Abwarten, Hinsinken geboten hätte, ergreift das naturtreue Auge Goethe's allseitiges, unaufhörliches Tun und Treiben. Gewahrt er keine anderen sich regenden Kräfte, so faßt er den Eindruck auf den Gesichtssinn als eine Bewegung auf. Selbst wo ein Berg regungslos in den Himmel ragt, weiß er dessen Umriß äußerlich und zugleich innerlich in Tat umzuwandeln:

Lenkt sich hin des Gipfels Bogen,
Bis er sich dem Tal versöhnet.

In einem Brief lesen wir: „Auch bei trübem Himmel versagen die ... Reviere nicht, unsern Augen ihr helles Gelbgrün   e n t g e g e n z u s c h i c k e n“,   und bei einer Frühlingslandschaft, als das Laub hervortritt, heißt es: „Der Baum   d r ä n g t   s i c h   u n s   a l s   e i n e   G e s t a l t   e n t g e g e n.“   Hier, in dem   H e r b s t g e f ü h l,   erblickt Goethe ebenfalls die Natur ihrem Ziele Tag und Nacht entgegeneilend. Den Stämmen ist zwar die Frühlingslust, die sie in die Höhe trieb, erloschen; doch noch immer entfalten sich letzte Blätter, und das durchsichtige Laub wird jetzt fett, als wollte es selber zu Frucht reifen; inzwischen verdrängen sich die wachsenden Beeren; denn alle Tageszeiten fördern die große Absicht der Natur: die herbstlich scheidende Sonne „brütet“ über den Millionen Früchten der Erde,

464 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

des Himmels Schatz an Tau und Nebel dringt in sie „fruchtend“ ein, des Mondes Zauberhauch bringt die nötige Kühlung, daß nicht die geheimnisvollen Umlagerungen des inneren Bildungsstoffes übereilt vonstatten gehen; und noch eine Macht ist am Werke, allgegenwärtig, allsorgend, wir wissen kaum, wenn wir hinausschauen auf die Welt, wie wir sie nennen sollen, doch aus dem Inneren drängt ein Tau, dem vergleichbar, der aus der „fruchtenden Fülle“ des Himmels tropft, und daran erkennen wir — außen die „Ewige Liebe“ am Werke, innen die fruchtende Bedeutung des Schmerzes: mögen die vollschwellenden Tränen nur fließen: die Natur, der wir angehören, sammelt sie ein in ihren Schatz, zur „Belebung“ des kommenden Frühlings. Diese unserem Dichter eigene Auffassung der Natur als rastlosen Tuns — „im Anfang war die Tat!“ — entspricht offenbar einem der beiden Grundzüge in Goethe's Charakter, dem unbändigen Trieb zur Tätigkeit, über den wir im zweiten Kapitel ausführlich handelten (S. 176 ff.); die Beschränkung auf die schlichte Darstellung des Tatbestandes aber nicht weniger dem anderen Grundzug eines gebietenden Dranges nach reiner Wahrhaftigkeit (S. 169 ff.). Wir sehen, wie genau die poetische Begabung mit den Willensimpulsen übereinstimmt.
    Nun müssen wir aber bedenken, daß Goethe unter „Natur“ nicht bloß die   U m g e b u n g   des Menschen versteht — also nicht bloß die außermenschliche Welt und ihren Einfluß auf das Menscheninnere sowie ihre allegorische Verwendung zur Schilderung der Vorgänge in diesem Inneren —, sondern auch den Menschen selbst, insofern er sich sinnlich kundtut, d. h. also, sein ganzes Gebaren mitsamt seinem Schicksal; das alles, sobald wir es als lückenlos bedingt betrachten, ist „Natur“ (siehe S. 277). Auch bei der Schilderung dieser menschlichen Natur — die noch mehr als die andere zu Gefühlsübertreibungen verleitet — zeigt sich Goethe ebenso schlicht wahr wie anderen Orts, ebenso rein auf die Wirklichkeit beschränkt, die bewegende Tat als dasjenige Moment betonend, auf das es ankommt, um das Wesentliche zu fassen. Ich nannte vorhin Dichtung und Wahrheit (S. 452); man nehme dazu die Italienische Reise. Was hat für einen anderen Dichter ein römischer Karneval zu bedeuten? Und wenn schon darüber ein Aufsatz geliefert werden müßte, wie würde jeder Virtuos der Feder sich das eine Ziel setzen, leicht und

465 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

prickelnd zu schreiben, Farben und Bewegung auf das Papier zu bannen und somit flüchtige Erscheinungen schimmernd flüchtig an den Augen vorüberhuschen zu lassen! Ich will einen solchen darob auch nicht tadeln. Dem Geisteskünstler schwebt eben sofort sein eigenes Geistesprodukt vor, wogegen die Sache selbst, die überall wirkende Natur, ihm von dem Augenblick an, wo er die Feder ins Tintenfaß taucht, ferner und immer ferner rückt. Bei Goethe geht's anders zu. Als er das erste Mal diese „gewaltsame Narretei“ mitmachen muß, bleibt er am Schlusse erschöpft und mißmutig: „Das Karneval in Rom muß man gesehen haben, um den Wunsch völlig los zu werden, es je wieder zu sehen. Zu schreiben ist davon gar nichts. ... An den letzten Tagen war ein unglaublicher Lärm, aber keine Herzensfreude. Der Himmel, so unendlich rein und schön, blickte so edel und unschuldig auf diese Possen.“ Der erste aller Schreibgewaltigen wäre also unfähig gewesen, über diesen Vorgang den flüchtigsten Aufsatz zu liefern. Nun fügt es aber das Schicksal, daß er im Jahr darauf den Karneval wieder erleben muß, und jetzt lesen wir: „Es war das zweite Mal, daß ich das Karneval sah, und es mußte mir bald auffallen, daß dieses Volksfest, wie ein anderes wiederkehrendes Leben und Weben, seinen   e n t s c h i e d e n e n   V e r l a u f   hatte. Dadurch ward ich nun mit dem Getümmel   v e r s ö h n t;   ich sah es an als ein anderes bedeutendes   N a t u r e r z e u g n i s   und Nationalereignis; ich interessierte mich dafür in diesem Sinne,   b e m e r k t e   g e n a u   den Gang der Torheiten und wie das alles doch in einer gewissen Form und Schicklichkeit ablief. Hierauf   n o t i e r t e   i c h   mir die einzelnen Vorkommnisse der Reihe nach usw.“ Ich kenne kein merkwürdigeres Beispiel für die Art, wie Goethe es verstand, selbst aus der tollen Willkür ziellos lärmender Menschen „Natur“ herauszulesen. Er entdeckt den „entschiedenen Verlauf“; dies versöhnt ihn mit der ihm im Herzen unerträglichen Vorstellung des Chaotischen (S. 295); wo Gesetz ist, ist Natur; jetzt ist ihm der römische Karneval genau so viel wert wie jedes „andere bedeutende Naturerzeugnis“; die Natur wirkt in diesem Fall unter der Form eines bestimmten Menschenschlags, verbunden zu einer besonderen Nation; jeder Römer wähnt, frei zu handeln, und jeder tut in Wirklichkeit genau das, was ihm die Natur vorschreibt; „in diesem Sinne“ gewinnt das Getümmel Goethen Interesse ab; dieser

466 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Sinn erfordert aber „genaues Bemerken“ und peinliches Aufnotieren „der Reihe nach“. Jetzt ist die Narrheit Gehalt geworden, Gehalt des eigenen Lebens; und sobald etwas „Gehalt in seinem Busen“ geworden ist, vermag Goethe — er, der vorher unfähig war, eine Zeile darüber zu schreiben — die entsprechende „Form in seinem Geist“ dafür zu finden; so auch hier, wo er das inzwischen entschwundene Fest für alle Zeiten durch seine Schilderung lebendig erhält. Er selber sagt: „So ist denn ein ausschweifendes Fest wie ein Traum, wie ein Märchen vorüber, und es bleibt dem Teilnehmer vielleicht weniger davon in der Seele zurück als unseren Lesern, vor deren Einbildungskraft und Verstand wir das Ganze in seinem Zusammenhange gebracht haben.“ Dies eben ist Dichters Sache, Magie der Formgebung: Einbildungskraft und Verstand so auszufüllen und so zu bestimmen, daß das bloß im Geist Empfangene deutlicher erblickt wird und fester haftet als das mit Sinnen Wahrgenommene:

Und einzig veredelt die Form den Gehalt,
Verleiht ihm, verleiht sich die höchste Gewalt.

Und das erste — ich sage nicht das einzige, aber das erste — Geheimnis dieser Form ist auch in diesem Falle die schlichte Genauigkeit und treue Ausführlichkeit, fern von aller Sentimentalität, von allem Haschen nach Geistreichtun, von allem Witz, von aller Scheelsucht; die Verfolgung des einen Zieles, der Naturtreue. Aus dieser Beschränkung ergibt sich dann wie von selbst die Erweiterung; sie bricht hervor. So sehen wir Goethe im Verlaufe seiner fast pedantisch gewissenhaften Aufzeichnungen sich nach und nach zu höchsten Höhen der Weltbetrachtung erheben; überall knüpft eben Natur an Natur; gleichviel innerhalb welchen Kreises wir zu beobachten anheben, geschieht es nur treu, so bildet sich ein Kreis um den anderen, weiter und immer weiter; denn an Stelle der Allegorie für einen Gedanken — worauf jeder Dichter angewiesen ist, der von der poetischen Stimmung ausgeht, um sie zu verwirklichen — gewinnt derjenige, der von der Wirklichkeit ausgeht, ein lebendiges Symbol, da jede Wirklichkeit als Symbol einer anderen gelten und somit den Dichter und den Denker so weit führen kann, wie er immer nur gehen mag: „Wer das Besondere lebendig faßt, erhält zugleich das Allgemeine mit.“ Es ist vielleicht nicht überflüssig,

467 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

wenn ich als Illustration die zwei letzten Absätze des Römischen Karnevals anführe.
    „Dürfen wir fortfahren ernsthafter zu sprechen, als es der Gegenstand zu erlauben scheint, so bemerken wir: daß die lebhaftesten und höchsten Vergnügen, wie die vorbeifliegenden Pferde, nur einen Augenblick uns erscheinen, uns rühren, und kaum eine Spur in der Seele zurücklassen, daß Freiheit und Gleichheit nur in dem Taumel des Wahnsinns genossen werden können, und daß die größte Lust nur dann am höchsten reizt, wenn sie sich ganz nahe an die Gefahr drängt und lüstern ängstlich-süße Empfindungen in ihrer Nähe genießet.
    Und so hätten wir, ohne selbst daran zu denken, auch unser Karneval mit einer Aschermittwochsbetrachtung geschlossen, wodurch wir keinen unserer Leser traurig zu machen fürchten. Vielmehr wünschen wir, daß Jeder mit uns, da das Leben im Ganzen, wie das Römische Karneval, unübersehlich, ungenießbar, ja bedenklich bleibt, durch diese unbekümmerte Maskengesellschaft an die Wichtigkeit jedes augenblicklichen, oft geringscheinenden Lebensgenusses erinnert werden möge.“

b)   D i e   F r e i h e i t   d e r   P h a n t a s i e

    Mit dieser Anführung sind wir aus dem Bereich der einen der beiden allgemein gestaltenden Tendenzen bei der Formgebung des Goetheschen Dichtens — aus dem Bereich der reinen Naturtreue — in das der anderen Haupttendenz hinübergeschritten; denn es gehört eine geniale   F r e i h e i t   d e r   P h a n t a s i e   dazu, aus der bunt chaotischen Trivialität des römischen „Taumels“ den Anlaß zu so erhabenen Betrachtungen zu gewinnen. Gern führe ich den Leser unvermittelt aus der einen Betrachtung in die antipodisch entgegengesetzte; bildet die unvergleichlich genaue Naturtreue eine unterscheidende Eigenschaft an Goethe's Dichten, so unterscheidet sie nicht minder der Widerpart zu der Naturtreue, nämlich die Freiheit des Grenzen kaum anerkennenden phantasiemächtigen Geistes, dank welcher Goethe kleinere und größere Dichtungen schafft, die jeder logischen Analyse trotzen, da sie — um das früher zitierte Wort über die Phantasie in Erinnerung zu rufen (S. 440)   „ü b e r   der Natur schweben“.

468 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

    Stellten wir vorhin den Naturerforscher mit dem Dichter in Parallele, so ist es hier geraten, den   D e n k e r   zum Vergleich heranzurufen. Wer in Goethe's Dichten einzig die Naturtreue hervorheben wollte, würde genau ebenso in die Irre geraten wie die Vielen es tun, die einzig die Gegenständlichkeit seines Denkens betonen und nicht begreifen, daß diese Gegenständlichkeit die ergänzende Anlage zu einer nicht minder beachtenswerten ungewöhnlichen metaphysischen Tiefe und Gestaltungskraft bildet. Freilich lag es dem Naturerforscher und Wirklichkeitsdichter fern, sein Denken von abstrakten Erwägungen anzuheben; Gegenstände mußten es sein, Wirklichkeiten, an die er anknüpfte und über die er in jenes „Grübeln“ verfiel, von welchem Wilhelm von Humboldt uns berichtete (S. 91); doch bis zu welchen Tiefen metaphysischer Besinnung Goethe's Denken reichte, bezeugt uns sein enger Anschluß an die grundlegenden Entdeckungen Kant's; die Kühnheit dieses Denkens kennt in Wahrheit ebensowenig Grenzen wie diejenige Plato's; er selber fordert uns auf, die spekulativen Probleme nicht zu scheuen, welche „je tiefer man ernstlich eindringt“, desto schwieriger „sich hervortun“. „Wer sie nicht fürchtet, sondern kühn darauf losgeht, fühlt sich, indem er weiter gedeiht, höher gebildet und behaglicher.“ Die unerträglich triviale Frage nach dem Nutzen der Philosophie verachtet also Goethe: Denken bildet und erhöht, das kann genügen. Und dieser Denker ist unser Dichter! Ja, mehr noch: das Dichten ist das Gebiet, wo er die völlig ungebundene Freiheit gewinnt; hier verschmelzen Künstler und Weiser und teilen sich dadurch gegenseitig eine Freiheit mit, die jeder von ihnen allein zu erringen unfähig gewesen wäre. „Eine Erdichtung, die nicht mehr sagt als vor Augen steht, ist immer abgeschmackt“, urteilt der Jüngling, und der Greis stellt einen Faust, zweiten Teil, hin, „ein offenbares Rätsel, (das) die Menschen fort und fort ergötze und ihnen zu schaffen mache.“ Und der selbe Mann, der uns erzählt, „die äußere Natur“ sei „der Gegenstand seines dichterischen Talentes“, schreibt fast zu gleicher Zeit: „Meine meisten Arbeiten sind eine Ausgeburt des Schattens und der Kühle, denen die heiße Zone der hellen Lichtwelt nicht recht gemäß ist“ — Worte, die auf die mystische Tiefe fast aller seiner Dichtungen und Schriften hinweisen. Je längere Zeit man sich mit ihnen vertraut macht, um so unergründlicher er-

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scheinen sie nach Form und nach Gedankengehalt. Dies bewirkt der Flügelschlag des freien, phantasiemächtigen Geistes, dessen Naturtreue nicht pedantisch-ängstlichen Genauigkeitsskrupeln oder gar wissenschaftlicher Schulung entspringt, sondern vielmehr der tiefsinnigen Intuition, gerade jene äußere Natur sei der allerinnersten verwandt, so daß, wer ihre Worte, ohne keck zu verbrämen und auszudeuten, treu gehorsam nachbuchstabiert, die reine Sprache Gottes erlauscht. Bildet also, wie ich früher hervorhob, die Naturtreue in Goethe's Dichten die Vermittelung zwischen dem Gehalt im Busen und der Form im Geist, so bildet sie andrerseits eine Grundvoraussetzung für jene Freiheit der Phantasie, welche ihren Wagemut und ihre Zuversicht aus der Überzeugung schöpft, schlichte Treue leihe einer höheren Wahrheit und Weisheit Ausdruck, als sie des Menschen Vernunft auszuforschen vermöge. „Wäre ich auch ein anerkannter Nachtwandler, so will ich doch nicht aufgeweckt sein“: so redet der Mann, über dessen „Gegenständlichkeit“ wir mehr als billig zu hören bekommen.
    In diesem Buche kommt es nun vor allem auf Veranschaulichung an, damit nichts bloß Wort bleibe; in gar manchen Beziehungen kann aber die Freiheit der Phantasie nicht eher erblickt werden, als bis sie gedanklich erfaßt worden ist, weswegen ich wohl einige Augenblicke um vertiefte Aufmerksamkeit bitten darf. Der Vereinfachung wegen will ich zunächst an etwas anknüpfen, was uns bei der Betrachtung von Goethe's Art, die Natur poetisch darzustellen, schon vertraut wurde.
    Wir sahen, daß in Goethe's Darstellungen alles fortschreitend aufgefaßt wird; selbst die Ruhe weiß er aktiv zu deuten und ihr Elemente der Bewegung abzugewinnen oder anzudichten: der See „spiegelte“ das nächtige Dunkel, das Grünen des Laubes war ein „Heraufgrünen“, der Herbstwald „schickte“ seine goldenen Töne „den Augen entgegen“; nichts blieb regungslos. Hier schon greift die Phantasie, die sich „der Natur gewachsen“ fühlt, mit ihren Forderungen ein; buchstäblich ist in diesen Fällen die Naturtreue nicht; eine „Spiegelung“ von schwarzvertieften Finsternissen ist materiell unmöglich, ebenso unmöglich wie die „lichten Finsternisse“, von denen uns ein anderes Gedicht zu erzählen weiß; nur der Geist nimmt dergleichen wahr, der Geist des Nachtwandlers.

470 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Wie das alles zu erklären,
Dürft ihr euer Tiefstes fragen.

Steigen wir beherzt in die Tiefe, gehen wir „kühn darauf los“.
    Ein Sein anzunehmen — im Gegensatz zu dem ewigen Flusse eines daher auch ewig unfaßbaren Werdens — ist die Grundfiktion nicht nur aller echten Wissenschaft, sondern auch alles instinktiven, realen Lebens. Wollten wir Heraklit's panta rhei, alles fließt, buchstäblich nehmen, weder Gesellschaft noch Wissen wäre möglich; selbst da, wo die Sinne den Wechsel unmittelbar gewahr werden, setzen wir instinktiv voraus, es gebe ein bestimmtes, undefinierbares, bleibendes Etwas (die Philosophen nennen es „Substanz“),   a n   d e m   die Veränderungen stattfänden. Ohne diese Voraussetzung wäre ein menschliches Individuum weder zu erkennen noch irgendwie zu beurteilen; ohne diese Voraussetzung könnten unsere fanatischen Evolutionisten nicht zu Worte kommen; denn wenn wir nicht erst „Arten“ als Vorstellungen eines genau bestimmten, bleibenden Seins aufstellten, wäre es unmöglich, von ihrem Ursprung und ihren Veränderungen zu reden: — ohne Linné und Cuvier mußten Lamarck und Darwin ungeboren bleiben. Es handelt sich um ein unentrinnbares Gesetz unseres menschlichen Gemeindenkens, gegen das der Grübelnde wohl hin und wieder mit jenem alten Griechen Einspruch erheben mag, doch dem er selber ebenso unterliegt wie jeder Kuhhirt. Und da wir Menschen nie wahrnehmen, ohne zu denken, und selbst das Wort Dummheit eher einen Mangel an bewußtem Sehen als einen Mangel an unbewußter Abstraktionsfähigkeit bezeichnet, so ergibt sich mit einer Notwendigkeit, die Jeden bindet, daß das Denken das Anschauen tyrannisiert und wir überall „Dinge“ erblicken, fest, massiv, unverrückbar, an denen nur „Eigenschaften“ — die wir aber in unseren Gedanken ebenso dringlich festnageln und dadurch gleichsam zu Dingen zweiter Ordnung stempeln — auf und ab huschen, hinzufliegen und wiederum abfallen. So bauen wir, indem wir recht „gegenständlich“ und matter-of-fact vorzugehen wähnen, eine Welt von aufeinandergetürmten Abstraktionen auf. Was nun Goethe unter allen Dichtern zu dem größten Denker stempelt, ist die Tatsache, daß sein Geist diese Fiktion durchschaut und, weil er sie durchschaut, den genauen Unterschied zwischen Werden

471 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

und Sein entdeckt; er, der Eine, weiß: alles Sichtbare ist ein Werden, einzig das Geisterzeugte ist ein unvergängliches Sein. Goethe's vielgenannte Gegenständlichkeit bewährt sich gerade darin, daß er das   N i c h t s e i n   d e r   G e g e n s t ä n d e   erkennt und alle angeblichen „Dinge“ als ein Fließendes — „gestaltet umgestaltet“ — erblickt.

Du nun selbst! Was felsenfeste
Sich vor dir hervorgetan,
Mauern siehst du, siehst Paläste
Stets mit andern Augen an.
Weggeschwunden ist die Lippe,
Die im Kusse sonst genas,
Jener Fuß, der an der Klippe
Sich mit Gemsenfreche maß,
Jene Hand, die gern und milde
Sich bewegte wohlzutun,
Das gegliederte Gebilde,
Alles ist ein andres nun.
Und was sich an jener Stelle
Nun mit deinem Namen nennt,
Kam herbei wie eine Welle
Und so eilt's zum Element.

Unvergänglich sind dagegen die „gesteigerten Gestalten“, dasjenige, was der Geist zu „Gehalt“ und zu „Form“ gewandelt hat, woher das herrliche paradoxe Wort Goethe's, das sogenannte „Feste“ — d. h. die Welt der Dinge — müsse   „z u   G e i s t   v e r r i n n e n“,   damit es dann als „Geisterzeugtes fest bewahrt“ bleiben könne, sonst zerfließe es zu nichts. Auf der einen Seite umflutet uns also ein nie ruhendes Werden, auf der anderen ragt ein ewig verharrendes Sein. Erst aus der Freiheit dieses von Formeln entbundenen, die Wahrheit mit tiefster Denkerklarheit erfassenden Geistes schöpft Goethe's Anschauen die Fähigkeit, nicht schemenhaft, sondern „naturtreu“ zu sehen und daher auch in der Natur alles im Werden, nichts regungslos zu erblicken. Und was wir hier bei dem Dichter bewundern, ist das selbe Prinzip, das wir bei dem Naturerforscher am Werke sahen: die Farben faßte Goethe als den Ausdruck einer be-

472 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

ständigen Bewegung auf (S. 416 ff.); der Grundgedanke der Metamorphosenlehre war die Vorstellung einer ideellen Urgestalt, die, durch zahllose Umbildungen hindurch, sich nach allen Richtungen hin bewegt (S. 366); in der Erdgeschichte weigerte er sich, Ruhe, unterbrochen durch Kataklysmen, anzunehmen, und forderte statt dessen unaufhörliche, unwahrnehmbare Bewegung (S. 382 ff.). Nicht allein ist also bei Goethe überhaupt die „Form im Geiste“ sehr wesentlich am „Gehalt im Busen“ beteiligt, sondern innerhalb der Form besteht die denkbar engste Verbindung zwischen jenen scheinbar widersprechenden Haupttendenzen, einerseits zu ungebundener Freiheit eines Geistes, der sich nicht einmal an die feststehenden Annahmen des ganzen Menschengeschlechtes binden läßt, andrerseits zu strenger, schlichter Naturtreue. Weil dieser Geist frei ist, darum kann er treu sein; und weil er treu ist, darum ist er (wie wir sahen) bestrebt, die Dinge zweiter Ordnung — die sogenannten „Eigenschaften“ — möglichst auszuscheiden und die übrigen Dinge, so weit irgend tunlich, aus Abstraktion zu Bewegung, aus ihrer menschlichen Dinglichkeit zu göttlichem Allleben aufzuerwecken.
    Hier liegt nun die Erklärung eines scheinbaren Widerspruchs, in den man sich bei der Besprechung Goethescher Dichtkunst leicht verwickelt. Denn rühmten wir vorhin die unvergleichliche Genauigkeit in seinen Naturdarstellungen, hörten wir ihn selbst oft auf das Wirkliche, sogar auf die genaue Betrachtung des „einzelnen Wirklichen“ als Quelle seiner Dichtkunst hinweisen, so lautet nichtsdestoweniger ein eigenes Bekenntnis, „die Natur habe ihn nicht zu einem descriptiven Dichter bestimmt“, Worte, die jeder Kenner bestätigen wird. Beschreiben kann man nämlich nur, was ist, nicht was wird; und Goethe greift sehr tief, wenn er an jener Stelle hinzufügt: „Ebensowenig wollte mir die Natur die Fähigkeit eines Zeichners fürs Einzelne verleihen.“ Wir besitzen viele beschreibende Dichter; doch sobald Goethe beschreiben will oder muß — was man so eigentlich beschreiben nennt — kommt eine Art umständliche Unbeholfenheit über ihn; zur Beschreibung gehört ein Maß an Künstlichkeit, das seinem Wahrheitsdrang wehtut, und ein Grad von Abstraktion (und dadurch zugleich von Materialisation), der seinem so durch und durch ideenbildenden Anschauen widerspricht. Er hat recht: darum konnte er auch nicht malen; darum konnte er auch

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nie lernen, Pflanzenarten, Mineralien usw. zu bestimmen: dies alles, nicht, weil er schlecht sah, sondern weil er nicht künstlich genug, nicht schematisch genug dachte. Wir müssen lernen, zwischen einem   s c h a r f e n   Sehen und einem   r e i n e n   Sehen zu unterscheiden. Das scharfe Sehen ist bedingt durch eine besondere Entfaltung des rechnenden, schematisierenden, das Erblickte nach menschlichem Maße — Maße des Körpers und des Geistes — beugenden, brechenden, bestimmenden Sinnes, wie wir ihn bei Leonardo und Dürer so erstaunlich ausgebildet finden und wie er aller hellenischen Kunst (so wie auch aller hellenischen Wissenschaft) zu Grunde liegt; das reine Sehen ist dagegen in einem gewissen Sinne ebenso unkünstlerisch (nämlich antitechnisch) wie unwissenschaftlich (weil antimathematisch); dafür entspringt es den tiefsten Anlagen eines erhabenen Gemütes; denn es entspringt der Verleugnung aller Selbstigkeit, dem Drange, das „Andere“, das Nichtmenschliche — ebenso wie auch das Nichtlogische, Nichtschematische, Unausdenkbare im Menschen — unverfälscht treu zu gewahren; und dies wiederum weist auf einen Grad der Objektivität, des Wahrheitsdranges und der Freiheit der schöpferischen Phantasie hin, wie man sie einem künftigen Menschengeschlecht anwünschen möchte, doch nimmermehr im jetzigen anzutreffen erwartet hätte.
    Freilich, wir sind wieder dort angelangt, wo wir schon einmal in diesem Kapitel Halt machen mußten: es handelt sich — sobald man diese Forderung nach Geistesfreiheit als ein Absolutes auffassen wollte — um ein Unmögliches. Darum die vielen bitteren Aussprüche über die „Worte“:

Denn das Wort bemüht
Sich nur umsonst Gestalten schöpferisch aufzubaun.

Die Betonung liegt auf „schöpferisch“. Gleichviel ob es sich um Gedanken oder um Augenvisionen handelt, wir bleiben auf Worte angewiesen, die zugleich begrenzt und unbestimmt sind, so daß, wie Goethe einmal sagt, „nichts dadurch bepfählt wird“; das eigentlich schöpferisch Neue muß immer gleichsam aus doppeltem Reflex erraten werden, und zwar aus roh geschliffenen Spiegeln. Bei dem „Loslösen aus meinem Innern durch Worte scheint mir die eigentliche reine Gestaltung zu verlieren“, schreibt der Dichter über eines

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seiner schönsten Gedichte. Wer aber andächtig genau betrachten wollte, würde bei jeder höchsten Leistung menschlicher Schöpferkraft das Gleiche entdecken; stets handelt es sich um ein unerfüllbares Ideal. Deswegen kann ein vom „innewohnenden Genie“ (wie sich Goethe ausdrückt) getriebener Mensch auch nie Schule machen; denn er erreicht selber nicht wirklich das, was er wollte, sondern reißt nur Tore auf, durch die wir in ein Unerreichbares hinüberblicken. Aus dem überschwenglichen Wollen des Unmöglichen entspringt eine magische Gewalt, „Magie der Weisen“, wie es in Faust heißt; es handelt sich um ein Übermäßiges: Zeitalter dunklen Aberglaubens sprachen von einem Pakt mit dem Teufel, frohe Epochen glaubten an die Mitwirkung göttlicher Begünstigung; wer aber daraus System und Lehre zieht, verwickelt sich in unentwirrbare Widersprüche. Je nach Gestaltungstat und Schöpfergeist kann dieses Element des Unmöglichen mehr oder weniger auffallen; bei einigen gipfelnden Schöpfungen wird man es kaum gewahr, weil die „höchste Kunst“ im Bunde mit dem Naturgesetz der Sinne vollendete Form schuf — ich will die hellenischen Plastiker und Johann Sebastian Bach als reinste Beispiele nennen; dagegen ist es an dem im Reiche jenseitiger Phantasie schaffenden Wahnkünstler Goethe geradezu als eine positive Eigenschaft zu schätzen, daß er Vollendung nicht vortäuscht, sondern vielmehr die Andeutung, den Hinweis, das Aperçu (wie er es selber oft nennt) bevorzugt, sowohl im ganzen wie in den einzelnen Teilen seiner Werke, auch das Befremdende, Hindernisbildende nicht scheut, wenn es dient, aufmerksam zu machen und den Weg vom Gegenstand zum Geist zu weisen. Das Abschließen, Abrunden fiel ihm immer schwer; weder Anfang noch Ende sagt ihm zu: der Geist ist seinem Wesen nach raumlos und außerzeitlich; Anfang und Ende sind Konventionen, von Denen erfunden, die erst eine poetische oder philosophische Idee im Sinne haben — poetische Gerechtigkeit oder sonstige Theorien und Moralitäten — und sie dann zu verwirklichen suchen. Wiederum ist die Analogie mit dem reinsten Geisteskünstler, Plato, auffallend; auch bei Diesem finden wir kein System, kein Vorangehendes und Nachfolgendes, nirgends eine Einführung, nirgends einen Abschluß, nirgends „Ergebnisse“; alles wird überall vorausgesetzt, und an dieses unausgesprochen Vorausgesetzte knüpft — wie es die Gelegenheit bietet

475 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

die Betrachtung eines Besonderen an, die meistens andauernd bei der peinlich genauen Untersuchung des Einzelnen verharrt, plötzlich weltumfassende Ausblicke eröffnet, und dann mehr oder weniger unversehens abbricht. Es waltet der Eine selbstherrlich frei, und wir erfahren aus den Werken Plato's und Goethe's, in welcher Weise der Geist, hat er sich erst aus Schemen, Schranken, Gesetzen einer sinnlich und logisch festgenagelten Natur und Vorstellung losgelöst, zu schaffen liebt. Kritik der Form dürfte hier nur üben, wer einem solchen Geiste gewachsen ist.

Aber ihr wollt besser wissen,
Was ich weiß, der ich bedachte,
Was Natur, für mich beflissen,
Schon zu meinem Eigen machte.

Fühlt ihr auch dergleichen Stärke?
Nun, so fördert eure Sachen!
Seht ihr aber meine Werke,
Lernet erst: so wollt' er's machen.

Indem solche Männer mit magischer Gewalt ein — buchstäblich genommen — Unmögliches erstreben, erzeugen sie Werke, welche unerschöpfliche, allseitige Anregung spenden und dennoch voller Rätsel und — für die Platten — voller Bedenklichkeiten bleiben, weil sie nie „verstanden“ werden können im eigentlichen Sinne dieses Wortes, indem sie an vielen Stellen nicht bis an jene Grenze hinausreichen, wo das beginnt, was wir Verständnis und Wissenschaft nennen, sondern in einer Art kindlicher Unschuld manches abweisen und ignorieren, was wir zu besitzen glauben, an anderen Stellen aber so weit über die jenseitige Grenze unseres Verständnisses hinausfliegen, daß wir nur ahnend folgen können und Jahrhunderte damit zu tun haben, den Sinn der neuen Erkenntnisse zu enträtseln. Bei Plato liegt das heute offen zutage, bei Goethe wird's die Zeit erweisen.
    Ohne nun die hohe Bedeutung dieser Erkenntnis für die Beurteilung der Weltanschauung Goethe's an dieser Stelle weiter zu verfolgen, will ich ein vorhin nur Angedeutetes jetzt bestimmter hervorheben: was uns bei Goethe stark auffällt, ist in einem gewissen Maße aller reinen Geisteskunst im Gegensatz zur Sinnenkunst

476 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

eigen. Jene Vollendung der Form, als deren Vertreter wir soeben die hellenischen Plastiker und Johann Sebastian Bach nannten, hängt mit dem zu gestaltenden Stoff und dem zu diesem in unverrückbar genau bestimmten Wechselbeziehungen stehenden Sinnenmechanismus bedingend-bedingt zusammen. Denn der Begriff der Vollendung setzt Grenzen voraus, erreichbare Grenzen; wo solche gegeben sind, ist Vollendung möglich; wo nicht, nicht. Der freie Geist kennt keine Grenzen:

Denn im Kopf hat das keine Schranken.

Darum ist aber bei den Werken des echten Wahnkünstlers niemals jene Vollendung zu erwarten, die wir bei den Sinnenkünstlern hin und wieder erlebt haben. Der Sinnenkünstler kann den Eindruck absoluter Harmonie zwischen Absicht und Leistung wecken, der Geistes- oder Wahnkünstler kann es nicht; ihm fehlt der begrenzende Sinnenstoff, es fehlt der gesetzliche Maßstab; er wird sich künstlich beschränken, aber dann empfinden wir die Gewaltsamkeit; wogegen die Niobide zu Mailand und der dritte Akt Parsifal so unbedingt und mühelos vollendet vor Aug' und Ohr sich erheben, als hätte sie Gott erschaffen. Man glaube nicht, es fehle bei den höchsten Meisterwerken der Sinnenkünste das menschliche Element des Ringens nach einem Unmöglichen: es bleibt da verhüllt im Gehalt, wo nur Wenige es entdecken; wie Goethe uns schon belehrte (S. 432): „den Gehalt findet nur Der, der etwas dazu zu tun hat“; ein Michelangelo hat die Begrenzung seines titanischen Wollens durch die harten Gesetze des Stoffes schmerzlich empfunden:

Negli anni molti e nelle molte prove
Cercando, il saggio al buon concetto arriva
D'una immagine viva —
Vecchio e già presso a morte — in pietra dura. ¹)

Immerhin fällt es aber bei Betrachtung seiner Werke schwer, die Verzweiflung über die Unzulänglichkeit aller Kunst zu verstehen, die sein Alter ausfüllt. Hingegen Jeder, der mit Rücksicht auf diese
————
¹) Nach langen Jahren, nah den Lebensmarken,
Wird es dem weisen Meister erst gelingen,
Mit Mühen und mit Ringen,
Das inn're Bild treu in den Stein zu prägen.


477 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Frage die Werke der bedeutendsten Wahnkünstler, von Homer bis Shakespeare, betrachten wollte, sicherlich überall sowohl Unvollendung wie Künstlichkeit und Gewaltsamkeit leicht würde nachweisen können. Die meisten Dichter werden — genau ebenso wie ihre Verwandten, die aufbauenden Denker — lieber gewaltsam sein als unvollendet scheinen (dies läßt sich an dem innersten Mechanismus aller Dramen, von Sophokles bis Schiller, nachweisen): jedoch ein Homer beginnt und endet unvermittelt, verzichtet also von vornherein auf logische Vollendung. In Goethe nun besitzen wir einen so ausgesprochen freien Geistesdichter, so entschlossen, naturtreu — nicht schemenhaft — zu sehen, wahr zu denken — nicht konventionell, der Phantasie — nicht dem Herkommen — gemäß zu gestalten, daß er — wie ich mich früher ausdrückte — Poet in einem extremeren Sinn als irgend ein Anderer genannt werden muß. Ohne „Wirkliches“ als Gehalt dichtet er allerdings gar nichts; sonst wäre er ja wie die Anderen an den „Stoff“ ausgeliefert; will er aber ein Wirkliches in Poesie „eingeisten“ (S. 433), so stellt er als echter Wahnkünstler sein Gebilde hin, wie sein Geist es fordert, ohne jegliche Rücksicht auf Andere: an Diesen ist es, durch eine entsprechende Erhebung und Richtung des eigenen Geistes das Gebotene zu erfassen.
    Hierbei entstehen für das Verständnis verschiedenartige Schwierigkeiten, die bald das Ganze einer Dichtung, bald nur Teile, dann wieder nur einzelne Wendungen betreffen. Manchmal handelt es sich um einen Gedankenblitz: wie der Blitz aus Wolken bleibt auch er von gar manchen Standorten aus unsichtbar, von anderen erblickt man das weithinreichende, widergespiegelte Aufleuchten, gestaltungslos, richtungslos, weiter nichts; nur von einer einzigen Stelle aus erkennt man die scharfen Umrisse der Feuerschrift, wie sie aus dein Meistergeiste zuckte; uns an diesen einen bestimmten Punkt hin zu begeben   z w i n g t   uns Goethe, sonst weigert er die Offenbarung. Bei anderen Werken Goethe's sollen wir lernen, in dem unbegrenzten All einer schönen Welt — der Natur und des Geistes — zu atmen und zu wandern; eine Zeitlang führt uns der Poet an der Hand, weist uns eindringlich liebevoll auf dieses und auf jenes hin und entschwebt dann, uns unseren eigenen Kräften überlassend. In einer später gestrichenen „Zwischenrede“ der ersten

478 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Ausgabe der Wanderjahre stand das kostbare Geständnis, die „eilende Gestalt“ bezwecke, daß „der Leser nicht nur fühle, daß hier etwas ermangelt, sondern daß er von dem Mangelnden näher unterrichtet sei   u n d   s i c h   d a s j e n i g e   s e l b s t   a u s b i l d e,   was ... nicht vollkommen ausgebildet ... ihm entgegen treten kann“; an anderer Stelle heißt es, der Schreiber breche ab, um dem Leser „einen Stachel ins Herz zu senken“. Solche Geständnisse, deren man mehrere vorweisen könnte, pflegte Goethe später zu streichen, weil es ihm nicht behagte, öffentlich von sich und seiner Art zu reden; auch poetisch hat er uns aber eins hinterlassen; Hafis dient ihm als Maske, und „Unbegrenzt“ betitelt er das Werk des also Dichtenden:

Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß,
Und daß du nie beginnst, das ist dein Los.
Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe,
Anfang und Ende immerfort das selbe,
Und was die Mitte bringt, ist offenbar
Das was zu Ende bleibt und Anfangs war.

Ein anderes Mal hatte ein Fragender sich so „schön und zart“ geäußert, daß Goethe ihm brieflichen Aufschluß über einzelne Worte im Helena-Akt nicht versagt und nun hinzufügt: „Auch wegen anderer dunkler Stellen in früheren und späteren Gedichten möchte ich Folgendes zu bedenken geben: Da sich gar manches unserer Erfahrungen nicht rund aussprechen und direkt mitteilen läßt, so habe ich seit langem das Mittel gewählt, durch einander gegenüber gestellte und sich gleichsam in einander abspiegelnde Gebilde den geheimeren Sinn dem Aufmerkenden zu offenbaren.“ Häufig aber „wählt“ nicht Goethe, sondern unbewußt drängt ihm sein Genius die Form auf; und in diesem Falle kann es vorkommen, daß alle Logik außer Acht gelassen und selbst die Forderungen der Satzaussage ignoriert werden.

Um Mitternacht ging ich, nicht eben gerne,
Klein, kleiner Knabe, jenen Kirchhof hin
Zu Vaters Haus, des Pfarrers, Stern am Sterne
Sie leuchteten doch alle gar zu schön;
     Um Mitternacht.

479 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Wenn ich dann ferner in des Lebens Weite
Zur Liebsten mußte, mußte weil sie zog,
Gestirn und Nordschein über mir im Streite,
Ich gehend, kommend Seligkeiten sog;
     Um Mitternacht.

Bis dann zuletzt des vollen Mondes Helle
So klar und deutlich mir ins Finstere drang,
Auch der Gedanke willig, sinnig, schnelle
Sich um's Vergangne wie um's Künftige schlang;
     Um Mitternacht.

Über diese Dichtung — „eine seiner liebsten Produktionen“ — schreibt Goethe: „Ein wundersamer Zustand bei hehrem Mondschein brachte mir das Lied Um Mitternacht, welches mir desto lieber und werter ist, da ich nicht sagen könnte, woher es kam und wohin es wollte.“ Kein empfindender Geist wird dem Zauber dieser Schöpfung widerstehen können; es gehört zu jenen Dingen, die Einen durch's Leben begleiten, wie es auch Goethe nach dem Abend des 13. Februar 1818 begleitete; und doch handelt es sich um ein Unanalysierbares und, wie Goethe sagt, „Unberechenbares“; der Geist steht hier in seiner Formgebung als Gegensatz zur Technik.
    Gern habe ich an dieser Stelle Worte von Goethe selber angeführt, weil sie uns zeigen, wie ein Element des Geheimnisvollen, Unvollendeten, Anfangs- und Endlosen, Formzersprengenden in seiner Dichtkunst durch die Eigenart seines Geistes bedingt und notwendig, nicht — wie Schwätzer behauptet haben — willkürlich und grillenhaft ist. Alles trifft zusammen, um Rätsel hervorzurufen: unausdenkbar reicher Gehalt und eine Phantasie, die für das Unsagbare neue, unbedingt zutreffende Verknüpfungen, Bilder, Reize erfindet. Geheimnistuerei kennen wir bei anderen Dichtern; Goethen liegt sie fern; unter allen ist er der Klare, der Schlichte, der Durchsichtige, der an Bekanntes, an Sichtbares Anknüpfende; tritt er uns dennoch nicht selten als ein Unergründlicher, Rätselvoller entgegen, so können wir immer sicher sein: diese Form dient einem notwendigen Ausdruck, sie ist von dem freien Geiste zu diesem Zwecke — bewußt oder unbewußt — erfunden worden. Doch muß allerdings in diesem Zusammenhang noch ein Charakterzug der Vollständigkeit

480
Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen


halber Erwähnung finden: Goethe hat in seine Werke manches auch absichtlich „hineingeheimnißt“; gesteht er's doch selber mehr als einmal. Dies gehört zu seiner lebenslänglichen Flucht vor jeder Berührung mit dem Trivialen, Alltäglichen. In seiner Münzsammlung lag eine besonders herrliche Medaille; einem Freunde schreibt er darüber: „Das Verhältnis (ist) so schön und rein gedacht, so vollkommen genugtuend und liebenswürdig ausgedrückt, daß ich das Bild geheim halte, um, wenn ich es erlebe, dasselbe einem Würdigen anzueignen.“ So hielt er auch vieles Kostbare aus seinem himmlischen Geistesschatze „geheim“ und schloß es für „Würdige“ in Schreine ein, die nicht einem Jeden, der müßig vorbeieilt, offenstehen.

    Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet!

    Zum Beschlusse dieser Andeutungen (welche helfen sollen, dem Zartesten am Seelenwerke des Dichters in der rechten Geistesverfassung zu nahen) noch ein letztes Zitat, aus dem wir Leben und Dichten — wie oben angegeben — „sich in einander abspiegeln“ sehen, manches Geheime „offenbarend“. Kommt uns irgend ein Leben folgerichtig, geradlinig, abgeschlossen vor, so ist es dasjenige Goethe's; und dennoch bekennt er bei Gelegenheit seines letzten Geburtstages und der ihn peinigenden Huldigungen: „Je älter ich werde, seh' ich mein Leben immer lückenhafter, indem es Andere als ein Ganzes zu behandeln belieben und sich daran ergötzen.“ Was wußten die „Anderen“ von Goethe's Leben? Von einem Zeitgenossen weiß man nie etwas. Seine Werke waren es, aus denen sie die „ergötzende“ Vorstellung eines seltenen „Ganzen“ gewannen. Wer nun über diese Worte Goethe's nachsinnt und in ihrem Spiegelbild die rätselhaftesten unter seinen Lebensgedichten — namentlich den Faust — zu erblicken versteht, wird vielleicht entdecken, daß diese Dichtungen — angeblich fragmentarisch, inkonsequent, schwer verständlich — in Wahrheit lückenloser sind als das Leben des Dichters, folgerichtiger, vollendeter, dem Verständnis, der Deutung, dem reinen Genusse nähergerückt. „Den Autor erkennt man viel deutlicher aus der Schrift als aus dem Leben“, schreibt einmal Goethe. Indem wir mit seinen Schöpfungen im Laufe der Jahre vertrauter

481 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

werden, entschwindet — zwar nicht das Geheimnisvolle, wohl aber das Rätselhafte; wir begreifen die frühere Frage nicht mehr; das, was Bruchstück schien, fügt sich in ein Ganzes, das, was unvollendet dünkte, rundet sich ab zu einem harmonisch erträumten Gemälde. Auch hier fordert Goethe vor allem eine   T a t;   wie mit seiner Wissenschaft so auch mit seiner Poesie will er nicht belehren — „ich bin in meinen Arbeiten nicht leicht didaktisch geworden“ — vielmehr aus Lethargie, aus Schematismus aufrütteln und, wenn es sein muß, aufschrecken. Weist er den „titanisch-gigantischen, himmelstürmenden Sinn“ von sich, so ist es trotzdem für ihn bezeichnend, daß er nichts fürchtet und „die Obergewalt zwar anerkennt, aber sich ihr gleichsetzen möchte.“

Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?

    Deutete ich bei der Betrachtung der Naturtreue in Goethe's Dichtungen darauf hin, daß wir erst von ihm sehen lernen müssen, so füge ich jetzt hinzu: wir müssen von ihm denken, empfinden, gestalten, sprechen lernen. Nicht in dem kleinlichen Sinne sklavischer Nachfolge — jener Mißgeburt einer pedantisch unheroischen Zeit — sondern um ihn zu verstehen und aus seinen Werken Glück und Kraft zu schöpfen. Den frei gestaltenden Geist, die souverän waltende Phantasie kann nur ein aus den Sklavenbanden der Jahrtausende entfesselter Geist richtig erfassen und damit auch das viele Rätselhafte an der Formgebung dieser Dichtungen als eine Geburt der Wahrheit begreifen lernen.
    Daß die gewünschte Veranschaulichung den Weg über den Verstand nehmen mußte, war durch den Gegenstand geboten — handelt es sich doch um das Gebiet des denkenden Geistes; jetzt dürfen wir es wagen, ein Beispiel ausführlicher durchzuarbeiten, um daran die Methode der frei formenden Phantasie am Werke zu zeigen.
    Ohne Frage gehört unter den kürzeren Dichtungen die   H a r z r e i s e   i m   W i n t e r   zu denjenigen, die dem Uneingeweihten am schwersten verständlich sind. Schon zu Goethe's Lebzeiten rief sie Kommentare hervor; der eine rührte ihn in seiner treuherzigen Unzulänglichkeit so, daß er sich selber gütig herbeiließ, Aufklärungen zu veröffentlichen. Doch wird Keinem, der zwischen den Zeilen zu

482 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

lesen versteht (wozu uns Goethe selber wiederholt ermahnt), * die lächelnde Ironie und absichtliche Verschwiegenheit dieser Selbstbesprechung entgehen. Indem der Dichter gerade hier bemerkt, „das Reelle beschränke das Ideelle“, und uns empfiehlt, anstatt „die Poesie zur Prosa herabzuziehen“, lieber „den inneren, höheren, faßlicheren Sinn vorwalten zu lassen“, weist er über seinen eigenen Kommentar hinaus. An anderer Stelle sagt er es ja: „Da alles, was von mir mitgeteilt worden, auf Lebenserfahrung beruht, so darf ich wohl andeuten und hoffen, daß man meine Dichtungen auch wieder   e r l e b e n   wolle und werde.“ Dieses Erleben (von Goethe selber unterstrichen) deutet aber auf etwas anderes als die klatschhafte Chronik, welche Biographen und Philologen zur angeblichen „Erklärung“ von Goethe's Gedichten zusammentragen; tatsächliche Vorgänge in der Seele können nur dann Verständnis finden, wenn sie in befreundeter Seele lebendig werden und ähnliche   B e w e g u n g   in ihr hervorrufen. Gewiß ist es nicht ausgeschlossen, daß — wie in diesem Falle — die Kenntnis der begleitenden Ereignisse (die Goethe hier skizzenhaft mitteilt) zum Verständnis der Dichtung wesentlich beiträgt, doch nur, wenn wir äußerst zart und vorsichtig zu Werke gehen und „sachte aber entschieden“ das Lebendige vom Leblosen, das Ewige vom Zufälligen zu trennen verstehen. Diese Kenntnis geschichtlicher Einzelheiten kann im besten Falle Verständnis vermitteln, nie aber geben, vielmehr leicht zuschütten.
    Schon oben, bei der Besprechung der Naturtreue, zogen wir Verse aus dieser herrlichen Schöpfung in Betracht (S. 460), andere im zweiten Kapitel (S. 140). Die Harzreise im Winter kann als ein vollendetes Beispiel für Goethe's Art gelten, Poesie auf Grund von Erlebnissen, die zugleich äußerliche und innerliche sind, aus seinem Herzen unmittelbar auszuströmen, ohne jeden Bedacht auf etwaige Leser und daher als schlackenlos reine Poesie, die um ihrer selbst willen da ist, als ein so vollkommen dem fortschreitenden, blutheißen Leben Angehörendes, daß vorerst zu jener Künstlichkeit und kühlen Berechnung, welche die Vorstellungen des Aufschreibens, Druckenlassens, Gelesenwerdens wecken, nicht der geringste Raum übrigbleibt. Im Sattel, während das treue Pferd den Weg über die Schneefelder suchte, ist diese Dichtung entstanden — zugleich Wirklichkeit und Wahn, empirischer Gehalt und Geistesform, religiös genaue, un-

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geschminkte Naturtreue und schrankenlose Ungebundenheit der Phantasie. Ein Zufall ist es, wenn uns aus der unaufhörlichen Gestaltung zu Idee, welche diese Intelligenz Tag für Tag beschäftigte — beschäftigte als Arbeit an   s i c h,   für   s i c h — einige Zeugnisse geblieben sind, und unter ihnen diese Harzreise im Winter. Die Erlebnisse (äußerliche und innerliche) wurden zu Ideen, die Ideen suchten nach Gestaltung — der „Stoff“ wollte „zu Geist verrinnen“ — und so entstanden aus Rhythmus, Melodie und Augenweide (S. 420 ff.) Verse, Strophen, ein kleineres oder größeres Ganzes, das sich der Geist dann — gewiß in hundert Variationen — wieder und wieder vorsang, dem Augenblick Ewigkeitswert aufprägend. Das war keine Literatur; es wurde nicht einmal zu Papier gebracht; es war Goethe's Seele im Rat mit sich selber. Wuchs jedoch der eine oder der andere dieser vielen verschwiegenen Gesänge dem Dichter besonders ans Herz, so führte wohl der Zufall eine mitteilsame Stunde heran, wo Freundesnähe ihm das Geheimnis entlockte. Ohne Herder und Frau von Stein besäßen wir von den älteren Dichtungen dieser Art wenig oder nichts; die einzige Handschrift Goethe's von der Harzreise im Winter ist eine Abschrift, die er, als er zu seiner heimlich beschlossenen Reise nach Italien Geld brauchte und darum die erste Gesamtausgabe seiner Schriften vorbereitete, aus den Sammlungen dieser stets aufmerkenden Freunde anfertigte. Auch seinem vertrauten Merck muß er zur Zeit der Entstehung diese Dichtung mitgeteilt haben, denn wir besitzen den begleitenden Brief; nach einem flüchtigen Bericht über die Reise selbst schreibt er ihm: „Von den tausend Gedanken in der Einsamkeit findest Du auf beiliegendem Blatt fliegende Streifen.“ Da haben wir das eigentliche Programm: „Gedanken in der Einsamkeit“! Nicht aber äußerlich zu einer Einheit abgerundet, sondern als „fliegende Streifen“; die Einheit entsteht aus dem phantasiemächtigen Abrunden zu einem zusammenhängenden „Erlebnis“, wodurch die kurze Reise, die — wie alles, was das Leben bringt — in Wirklichkeit aus lauter Fragmenten bestanden hatte, zu einer geschlossenen Vorstellung zusammenwuchs, unausdenkbar reich an Gedanken, Beziehungen, Bildern, und aller Logik ebenso „unberechenbar“ wie das kleine Lied Um Mitternacht. Man erinnert sich des Goetheschen Wortes über die „Richtung“, die ihn trieb, „dasjenige, was ihn erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein

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Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit sich selbst abzuschließen, um sowohl seine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als sich im Inneren deshalb zu beruhigen“ (S. 105 ff.); hier, in der Harzreise, sieht man ihn am Werke. Was ihn in jenen Tagen zugleich erfreute und quälte, war das heiße Bestreben, aus Dumpfheit und Verworrenheit und Planlosigkeit (die nach seinem Geständnis wie Wolken seinen Geist umnebelten) zu klaren, ein für allemal richtigen Begriffen durchzudringen; über sich selber und sein Schicksal war er ins Schwanken geraten; auch die Liebe, an die er sich mit so leidenschaftlichem Eigensinn anklammerte, brachte ihm nicht den ersehnten Frieden; einzig die ertrotzte Gelegenheit, seine eigene Lage ungestört zu überdenken und durch die Verklärung zu Schönheit in irgend einer bleibenden Gestalt sich vor Augen zu führen, vermochte es, „ihn im Inneren deshalb zu beruhigen“. Gerade an dem Morgen seiner Abreise, im Begriff, das Pferd zu besteigen, schreibt er: „Ich hin in wunderbar dunkler Verwirrung meiner Gedanken“. In den darauf folgenden vierzehn Tagen der Einsamkeit entwirrte sich innerlich Vieles.
    Hiernach ist nun die Form einer solchen Dichtung zu beurteilen. Ihre Angemessenheit kann einzig auf Goethe's eigenes Geistesbedürfnis bezogen werden. Da keine Vorstellung eines etwaigen fremden Lesers vorschwebte, so wird auch keine Rücksicht auf einen solchen genommen. Darum ist es aber auch unmöglich, dieses Gedicht bloß ästhetisch zu genießen; vielmehr muß es — wie Goethe es vorhin forderte — „erlebt“ werden; wir müssen uns Mühe geben, müssen dem Dichter entgegengehen, oder aber auf Verständigung verzichten.
    Mit sicherer Kühnheit verknüpft er in den ersten Versen das Lauern des Dichter-Denkers auf faßbare Ideen aus der Mitte der „wunderbar dunklen Verwirrung“ mit dem ersten Erlebnis bei seinem Fortreiten am frühen Wintermorgen:

Dem Geier gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittig ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied. *

Der Seelenzustand eines Denkenden ist hier genau geschildert; denn

485 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

— wie Goethe einmal bemerkt — „alles Denken hilft zum Denken nichts“; zu jeder schöpferischen Betätigung der Geisteskräfte gehört eine Art Passivität, ein geduldiges Harren, „mit sanftem Fittig ruhend“. Der Jäger, der mit Hunden und Treibern durch die Büsche stöbert, gäbe für diese Gemütsverfassung kein Bild; der Geier dagegen ruht, hoch oben, wolkenumflossen, bis die Beute sich zeigt, um dann wie der Blitz auf sie hinabzustürzen — was genau der Geistestat des Schaffenden gleicht. Nicht hat der Dichter nach einer Allegorie gesucht; den Geier erblickte er mit Augen, als er früh morgens sich fortstahl, ehe die Jagdgenossen erwacht waren, und er nun allen Augen entschwand, um unter angenommenem Namen, unerkannt, frei wie ein Vogel der Lüfte durch das wilde, wintrige Gebirg zu wandern. „Im düstern und von Norden her sich heranwälzenden Schneegewölk schwebte hoch ein Geier über mir“, erzählte er später. Was hätte ein anderer Dichter mit einem Geier anzufangen gewußt? Höchstens hätte er ihm zur Versinnbildlichung von Raub- und Mordgedanken gedient; Goethe dagegen — der völlig Unsentimentale, durch keine moralischen Fiktionen Geblendete — sieht die Natur überall schön, wie ein großer Maler, und staunt bewundernd das (noch heute dem Mechaniker unerklärliche) „Ruhen“ des schweren Vogels an, der die Flügel kaum bewegt, als wäre er leichter als die Wolken und ruhte sanft getragen auf ihnen. ... Nichts entgeht dem Auge des reinsten aller Seher! Schon ist aber diese genau beobachtete Wirklichkeit zu einer symbolischen Idee „eingegeistet“ (S. 433); schnell zieht sich ein Kreis um den anderen; zuletzt ist er es selber, der Poet, es ist sein Lied, das Lied seines in tausend sinnenden Gedanken verlorenen Hirnes, welches schwebend ihm — dem einsam Wandernden — hinaufwinkt. Nährt er doch die verwegene, Allen verschwiegene Hoffnung, das, was noch keinem Menschen gelungen war, zu vollbringen und den Gipfel des Brockens — der im Winter bisher nur dem Geier zugänglich war — trotz Schneegestöber und Eispanzer zu erklimmen.
    Auf jenen einleitenden Akkord von dem Geier und dem schwebenden Lied folgen zehn Strophen; jede ist einem jener „tausend Gedanken in der Einsamkeit“ gewidmet als ein „fliegender Streifen“ zu ewigem Angedenken; und immer wieder knüpft der Barde an die gegebene Wirklichkeit seiner Reise an, als wolle er, um sich nicht

486 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

sinnend zu verlieren, von neuem auf Erden Fuß fassen. Die zweite Strophe veranschaulicht das Bild, das sich dem Auge des Reiters bietet, als er, von Stunde zu Stunde höher hinansteigend, auf den sich erweiternden Horizont der zurückgelassenen Ebene hinabblickt; ebenso wie der hochschwebende Geier die Welt unter sich, so überschaut jetzt der Sinnende — sonst vom Tagesschicksal eingeengt und verwirrt — das Dasein der erdgebundenen Menschen, die da unten sich plagen und mühen, ein jeder die ihm vom Schicksal unerbittlich vorgezeichnete Bahn zu Glück oder Unglück eilend.

Denn ein Gott hat
Jedem seine Bahn
Vorgezeichnet,
Die der Glückliche
Rasch zum freudigen
Ziele rennt:
Wem aber Unglück
Das Herz zusammenzog,
Er sträubt vergebens
Sich gegen die Schranken
Des ehernen Fadens,
Den die doch bittre Schere
Nur einmal lös't.

In der dritten Strophe weckt das Gewahrwerden des in seinem rauhen Winterpelz nach kümmerlicher Nahrung suchenden Gebirgswildes den Gedanken an die trivialen Sperlinge, die ihr Los mit den Reichen gewählt haben und sich lieber mit diesen in die städtischen Sümpfe einschließen als in der schneidenden Höhenluft die Freiheit der Natur genießen.

In Dickichts-Schauer
Drängt sich das rauhe Wild,
Und mit den Sperlingen
Haben längst die Reichen
In ihre Sümpfe sich gesenkt.

Eine Erwägung, die des Dichters Sinnen in der vierten Strophe auf sich selber, auf seine eigene Lebenswahl, sein eigenes Schicksal zurückführt; hat er doch — er, an dessen Wesen Herder von Jugend

487 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

an etwas „Spatzenmäßiges“ zu bemerken glaubte (S. 25) — sich in den Dienst eines Fürsten begeben, statt der ihm von Hause aus eigenen Ungebundenheit weiter zu genießen.

Leicht ist's folgen dem Wagen,
Den Fortuna führt,
Wie der gemächliche Troß
Auf gebesserten Wegen
Hinter des Fürsten Einzug.

Bei diesen bitteren Worten wird uns zu Mute, als blitzte schon der trotzige Gedanke der Flucht nach Italien in seinen Augen vorübergehend auf. Doch der Mensch ist nicht wie das Wild, dessen scheues Einsamkeitsbedürfnis in dem „Dickichtsschauer“ des verschneiten Hochgebirges mit des Dichters eigener heiliger Sehnsucht nach Einsamkeit harmonierte; der Mensch, der auch die eigene Persönlichkeit nur in den Wechselbeziehungen zu Anderen entwickeln kann, ist und bleibt ein geselliges Wesen. Goethe erblickt ihn, umgeben von Liebe, Balsam, Freuden, Musik. ... Da steigt plötzlich das Bild des armen menschenscheuen Mannes auf, den er auf dem Wege zum Brocken unerkannt aufsuchen will, um seine Rettung aus Schwersinn anzubahnen. Und so folgen sich die göttlichen Strophen fünf, sechs, sieben, eine jede einen neuen Ton beisteuernd, wie um dem Armen, der die Gesellschaft der Sperlinge und der Reichen verschmähte und zu stolz war, einem gemächlichen Fürstentroß sich anzuschließen, die Augen zu öffnen, ihn zu überreden, sogar die Welt der Menschen sei schön. Goethe wird nie gegen das Unglück hart; wie bei Krafft (S. 143 ff.) so auch hier, bei Plessing, urteilt er mit Milde und macht dem Unseligen einzig seine „ungenügende Selbstsucht“ zum Vorwurf (S. 140).

Ach, wer heilet die Schmerzen
Deß, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhaß
Aus der Fülle der Liebe trank?
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ung'nügender Selbstsucht.

488 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Und der Mann, der vorhin als Denker auf die Gefilde der Sterblichen hinabblickte und mit losgelöster Erkenntnisweisheit Jeden seinem unerbittlichen Schicksal überließ, hebt jetzt die Augen zu Gott hinauf in inbrünstigem Gebet:

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste!

Worte, die um so ergreifender wirken, als in dem besonderen Falle der „Vater der Liebe“ das Gebet erhörte; es gelang Goethe, den Armen aus Elend und Wahnsinn zu Arbeit und Glück zu erretten. In der achten Strophe folgt ein Übergang, der gewiß schon Manchen an die Formgebung Beethoven's gemahnt hat, wenn auf ein alle Tiefen bewegendes Adagio ein übermütiges Scherzo unmittelbar mit attaca subito einsetzt. So hier die „fröhliche Mordsucht“ der „Brüder der Jagd“, die der langen Unbill des armen, von Wildschweinen geplagten, auf seinen bloßen Knüttel angewiesenen, seiner Erntefrucht beraubten Bauern ein Ende machen soll. Jedoch — wiederum wie bei dem Beethoven der letzten Zeit — plötzlich kehrt das Adagio zurück, diesmal aber in veränderter Gestalt; wieder hat das schwebende Lied einen „Einsamen“ erfaßt, nicht aber denjenigen,

Der sich Menschenhaß
Aus der Fülle der Liebe trank,

sondern im Gegenteil den „Dichter der Liebe“. Nicht das tiefste Unglück allein, auch das höchste Glück der Schöpferkraft und der Liebe führt in die Einsamkeit. Wie es in Faust heißt:

Nur wo du klar in's holde Klare schaust,
Dir angehörst und dir allein vertraust,
Dorthin, wo Schönes, Gutes nur gefällt,
Zur Einsamkeit! Da schaffe deine Welt!

489 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Doch welch eine andere Einsamkeit ist dies als diejenige des verachteten Verächters!

Aber den Einsamen hüll'
In deine Goldwolken!
Umgib mit Wintergrün,
Bis die Rose wieder heranreift,
Die feuchten Haare,
O Liebe, deines Dichters!

Und immer weiter hinauf geht's mit dem beglückt Einsamen, über „Klippen, wo ihn Götter und Menschen nicht gesucht hätten“; der Gott, der die Glücklichen stets rasch zum freudigen Ziele führt, leitet den verwegen kühn Reisenden — „seinen Dichter“ — auf den ersehnten Gipfel hinauf, den Gipfel des Brockens, jeden künftigen Gipfelsieg ihm hiermit symbolisch verheißend.

Mit der dämmernden Fackel
Leuchtest du ihm
Durch die Furten bei Nacht,
Über grundlose Wege
Auf öden Gefilden;
Mit dem tausendfarbigen Morgen
Lachst du in's Herz ihm;
Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor;
Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen,
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangner Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahndende Völker.

Nun steht er oben, der Dichter; und hatte er zu Anfang von dem Geier zu singen gewähnt, den sein Auge hoch oben in den Wolken erblickte, während er doch in Wirklichkeit von seinem eigenen Liede sang, so glaubt er jetzt, in der letzten Strophe, den Berg zu preisen, und stellt sich unbewußt selber hin:

490 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt.

Das ist Goethe. Wollte man, früherer Gepflogenheit eingedenk, unter einem eindrucksvollen Bildnis des Unvergleichlichen einen Spruch im lapidaren Geschmacke der Alten aufdrucken lassen, ich wüßte keinen, der sein Wesen so genau zum Ausdruck brächte wie diese zwei Worte:   g e h e i m n i s v o l l   o f f e n b a r.   Goethe ist vollendet aufrichtig und einfach, er ist ohne alle Künstelei; „Nichts ist groß als das Natürliche“, sagt er; nichtsdestoweniger gehört seine Seele zu den geheimnisvollsten weil unergründlichsten. So steht er jetzt auf dem beeisten Gipfel, „mit unerforschtem Busen geheimnisvoll offenbar über der erstaunten Welt“. Welche hohe Bedeutung er diesem Unternehmen der Besteigung des Brockens beimaß, wissen wir aus Briefen und Tagebuch. Am Abend, im Torfhaus, sofort nach dem Abstieg, schreibt er an Charlotte von Stein: „Was soll ich vom Herrn sagen mit Federspulen? was für ein Lied soll ich von ihm singen im Augenblick, wo mir alle Prose zur Poesie und alle Poesie zur Prose wird? Es ist schon nicht möglich, mit der Lippe zu sagen, was mir widerfahren ist; wie soll ich's mit dem spitzen Ding hervorbringen? Liebe Frau, mit mir verfährt Gott wie mit seinen alten Heiligen und ich weiß nicht, woher mir's kommt. Wenn ich zum Befestigungszeichen bitte, daß möge das Fell trocken sein und die Tenne naß, so ist's so, und umgekehrt auch; und mehr als alles, die übermütterliche Leitung zu meinen Wünschen! Das Ziel meines Verlangens ist erreicht; es hängt an vielen Fäden, und viele Fäden hingen davon: Sie   w i s s e n,   w i e   s y m b o l i s c h   m e i n   D a s e i n   i s t.“ *   So feierlich war ihm zu Mute; und aus diesem feierlichen Augenblick stammen die unwillkürlich prophetischen Worte, die das Gedicht krönen:

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt,
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reiche und Herrlichkeit,
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.

491 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Das gerade — wie ich schon in der allgemeinen Einleitung hervorhob — ist das Bezeichnende für Goethe unter allen gipfelnden Begabungen, daß seine Wirksamkeit auf die Menschen eine unermeßlich große, zugleich aber geheimnisvolle ist; Abertausende gelangen durch den Segen seines Erdenwallens zu höherer Erkenntnis und edlerer Lebensauffassung, ohne sich seines Einflusses bewußt zu werden; vielmehr teilt sich der Reichtum, den sein Wirken ausschüttet, in zahllose Äste, fließt durch alle Bereiche menschlicher Geistesbetätigung — durch die Adern der Brüder — oftmals unbemerkt, nicht anerkannt, heftig bestritten, dennoch aber unwiderstehlich, gleich einer stillen Naturgewalt, die um Zustimmung und Ablehnung sich nicht sorgt, die nicht eilt und nicht poltert, dennoch aber eine Welt ihrem Sinne gemäß langsam umgestaltet.
    Noch ein letztes Element, aus dem die freie Formgebung des Gedichtes herstammt, darf nicht unerwähnt bleiben. Es läßt sich aus Tagebuch und Briefen nachweisen, diese Schöpfung habe Goethe auf seiner ganzen Reise begleitet, indem sie nach und nach aus den besonderen Eindrücken der aufeinanderfolgenden Tage entstand, also nicht eine Rückerinnerung bedeutet, sondern eine Art geistige Quintessenz der Reise, welche die tausend Gedanken in der Einsamkeit eines jeden Tages zu wenigen Worten zusammenfaßt, Worten, die dem Einen ewig Hieroglyphen bleiben, während sie dem Anderen als ein heiliges Blatt zu unerschöpflichem Genuß eigen werden. Gleich am 1. Dezember (dem Tag der Abreise) finden wir die Eintragung: „Dem Geier gleich“, kein Wort mehr; das Leitmotiv — der Blick in die Höhe — ist gegeben. Bald darauf: „Die Götter wissen allein, was sie wollen und was sie mit uns wollen; ihr Wille geschehe“: die Schicksalsstrophe. Den Eindruck der Stadt — woraus die Verse über die Reichen und die Sperlinge sich herleiten — erraten wir aus einigen Worten, zugleich die Freude über die urwüchsigen Menschen in den einsamen Landorten: „Da sind doch alle Tugenden beisammen, Beschränktheit, Genügsamkeit, grader Sinn, Treue, Freude über das leidlichste Gut, Harmlosigkeit, Dulden, Ausharren...“ Der Spaziergang mit dem armen Plessing wird erwähnt, und Goethe bezeugt in seinen Erinnerungen, die auf ihn bezüglichen Strophen habe er „mit ganz frischem Sinn“ konzipiert. Den Dichter selbst dagegen, in der Einsamkeit des Ge-

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birges, „umgibt eine reine Ruhe und Sicherheit“; es ist „kurios die Tage her in der freiwilligen Entäußerung, was da für Lieblichkeit, für Glück drinne steckt“; durch die entsetzlichen Winterstürme reist er sorglos dahin, „in Goldwolken gehüllt“. Auch die einzelnen Beschwerlichkeiten der Reise: die grundlosen Wege — „im dreckigen Jerusalem Swedenborg's ist's nicht gröber“ — die nächtlich über Furten leuchtende Laterne, den „beizenden Sturm“, alles findet man als Tatsachen angeführt. Diese Dichtung wäre also gewissermaßen als ein Tagebuch zu betrachten, als ein Tagebuch, in welchem die materiellen Tatsachen der kleinen Reise zu Geist umgewandelt sind, mit anderen Worten, wo das Wirkliche eine poetische Gestalt erhalten hat. Nur muß offenbar die Form einer auf diese Weise entstandenen Dichtung von allem Hergebrachten weit abweichen; Mancher will gar keine Form darin anerkennen; die unvermittelten Übergänge — der schwebende Geier, die Schicksalsbetrachtungen, die mit dem Reichen verbundenen Sperlinge, die Brüder der Jagd usw. — erregen den Eindruck eines aus willkürlichen Bruchstücken zusammengestoppelten Ganzen, das kein wirkliches Ganze sei, weil es organisch weder Anfang, Mitte noch Ende habe. Dazu die Unverständlichkeiten. Wer ist es, der sich abseits verliert? Das Gedicht gibt keine Antwort. Wie soll man es verstehen, daß ein Lied „nach Beute schaut“? Was wollen die beknüttelten Bauern? Usw. Und doch hoffe ich, die vorangehende Analyse wird überzeugt haben, diese Dichtung sei nichts weniger als formlos, wenn auch ihre Form ein Beispiel ist für jene fast völlig ungebundene Freiheit der Formgebung, von welcher Goethe zeugt, wenn er sagt, sobald er produktiv sei, frage er nach den Gegenständen gar nicht, sondern fordere, daß sich alles nach seinen Vorstellungen bequemen solle (S. 434).
    Die Einheit besteht hier in der widergespiegelten Einheitlichkeit der empfangenden Seele, die sich in einer schweren Krisis befindet und mit diesem Abenteuer eine entscheidende Frage an das Schicksal bezweckt. Goethe war damals etwa anderthalb Jahre im Dienste seines Fürsten; die Tragweite des Entschlusses, in Weimar zu bleiben, auf die Gestaltung seines ganzen ferneren Lebens ging ihm erst nach und nach auf; ihn zu bestimmen, war ein moralischer Zwang ausgeübt worden, dem sein Instinkt für das Richtige zu Hilfe kam; doch sobald das Los gefallen war und der Druck der reellen Verhältnisse

493 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

ihn bleischwer zu belasten begann, geriet Goethe in eine manchmal an Verzweiflung grenzende Stimmung. Die schwerste Zeit in Weimar war für ihn der Anfang seiner amtlichen Tätigkeit. Wer die lakonischen Tagebücher und die oft rätselhaften Briefe an Charlotte von Stein aufmerksam studiert, wird wahre Seelenqualen beobachten, die bis an Todessehnsucht grenzen. „Über die Armut des Hoftreibens, überhaupt der Societät“ in Weimar gießt er kurz vor der Harzreise Knebel gegenüber sein Herz aus; zwischen sich und den Menschen findet er „kein Vehikulum“; von Gott erbittet er sich das Eine: „Ruhe vor den Menschen, mit denen er doch nichts zu teilen habe.“ „Heiliges Schicksal“, heißt es einen Monat vor dem Ausritt zum Brocken, „...ich war vergnügt in meiner Armut unter meinem halbfaulen Dache; ich bat dich mir's zu lassen; aber du hast mir Dach und Beschränktheit vom Haupte gezogen wie eine Nachtmütze.“ Man beachte das: „ich bat dich mir's zu lassen“. Es war eben die „vorgezeichnete Bahn“ unserer Dichtung, nicht der eigene Wille, welche Goethe dem Amte gewidmet hatte; und mit aller Gewalt ersehnt er „Ruhe vor den Menschen“. Daher der Spott über die Sperlinge in ihren Stadtsümpfen und über den Troß, der hinter Fürsten bequem durchs Leben einherzieht. Sobald wir aber diese Stimmung bedenken, gewinnt auch die Episode mit Plessing — eingestandenermaßen ein Hauptziel seiner Reise — neue Bedeutung: das leidenschaftliche Interesse für den scheuen Weltflüchtling wurzelt in den Schmerzen der eigenen Seele; zwischen ihm und Jenem — zwei Gegenpolen der Begabung und des Charakters — herrscht eine gewisse Verwandtschaft. In Plessing erblickt Goethe gleichsam, was er selbst hätte werden können, wenn er jenen mächtigen Lockungen in Abgeschiedenheit, Erlösung von den Menschen, Ruhe, Tod gefolgt wäre; aus dieser Erfahrung an Plessing schöpft er Beruhigung über seine jetzige drangvolle Lage, sowie Kraft, ihr die Stirn zu bieten. Bald nach der Reise heißt es: „Stille, und Vorahndung der Weisheit ... Fortdauernde reine Entfremdung von den Menschen; Stille und Bestimmtheit im Leben und Handeln. In mir viel fröhliche, bunte Imagination.“ Das ist der Anfang einer vorläufigen Klärung des Gemütes. Daher auch die leidenschaftliche und schließlich erfolgreiche Anstrengung, den Verlorenen zu erretten und ihn der Menschheit zurückzugeben. Zu der ersten symbolischen Erfahrung gesellt

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sich nun die zweite; Goethe bittet um „ein Befestigungszeichen“ durch die Gewährung der noch nie geleisteten Ersteigung des Brockens im Winter; denn diese Leistung faßt er nicht als eine eigener Energie zu verdankende Tat auf, vielmehr (wie er am selben Abend schreibt) betrachtet er sie mit jener „Demut, die sich die Götter zu verherrlichen einen Spaß machen, und der Hingebenheit von Augenblick zu Augenblick, die ich habe“. Daher auch, sobald sein Gemüt sich beruhigt hat, die Rückkehr der Gedanken zu den ihm häufig unerträglichen, aber doch harmlosen, guten Jagdgenossen, die in diesem Augenblick im Dienste der braven Landbevölkerung sich nützlich erweisen. Daher — vor allem — die Rückkehr zu der allzeugenden Liebe, zu der fröhlichen, bunten Imagination; selbst in dem harten Winter gefühllos frostiger Lebensprosa umgibt sie ihn mit Laub. Und nun — in den zwei letzten Strophen — wird der eigentliche Berggipfel erstiegen, ein höherer Berg als der Brocken, der Lebensgipfel! Wir denken an die „Lebenspyramide“ zurück, von der im zweiten Kapitel ausführlich die Rede war (S. 108), und an Goethe's Worte: „Die Begierde, sie so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andere und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu... Wenn ich lebe, sollen — will's Gott — die Kräfte bis hinauf reichen.“
    Somit wären wir jetzt bis auf das Geheimnis der   F o r m   in dieser Dichtung durchgedrungen. Dem Leben droht Gefahr; böse innere Dämonen suchen die Persönlichkeit vom rechten Wege abzulocken; da führt die Reise in den Harz — die Tage der Einsamkeit, der Anblick Plessing's, die Besteigung des Brockens — die entscheidende Wendung herbei; in einem „geheimnisvoll offenbaren“ Gebilde verleiht der Dichter den seelischen Ereignissen Gestalt, indem er die materiell greifbaren Vorgänge jener Reisetage als Form dazu benutzt. Hierdurch kommt in die Form ein Element des Zufalles, was aller Architektonik, wie sie die Sinnenkünste unbedingt erfordern, widerspricht: gerade darin bewährt sich jedoch Goethe als reiner Wahnkünstler; er weigert sich, die Gesetze jener anderen Welt in der seinigen anzuerkennen.

Alles weg, was Deinen Lauf stört!

ruft er fast vierzig Jahre später heftig aus. Die „Wirklichkeit“ einer solchen Dichtung ist das Leben selbst, das innere und äußere Leben:

495 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Eh' er singt und eh' er aufhört,
Muß der Dichter leben!

Sein Leben war nun in jenem Augenblick schwankend, hin- und hergeworfen zwischen widersprechenden Eindrücken und Wünschen, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Vertrauen in seinen guten Genius und Besorgnis, sein Lebensschiff auf eine Klippe gesteuert zu haben. Diesen Zustand spiegelt das Gedicht wider, und zwar so meisterhaft, daß es unerschöpflich wie die Gedanken und Gefühle der großen Seele in jenen entscheidenden Tagen ist; wer es während eines Lebens in Zwischenräumen immer wieder liest, wird stets Neues darin entdecken. Dies kann einzig Vollendung der Form bewirken, ohne welche der Gehalt nicht zu einer so eindringlichen Wirkung heranwachsen könnte. Wer die Form bemängelt, stellt Anforderungen der Sinnenkünste an die reine Geisteskunst und begreift noch nicht, daß in dieser Kunst der Geist die selbe „autonome Freiheit“ genießt, die Kant dem „selbständigen Gewissen“ zuspricht, und sich, je nach dem Gehalt, jedesmal eigene Gesetze gibt — Gesetze von so vollkommener Freiheit, daß der an sein Material gebundene Augen- und Ohrkünstler keine Vorstellung davon hat.
    Die Schwierigkeit des Verständnisses kann für kein Geisteserzeugnis ein Kriterion abgeben. „Es ist nicht nötig, daß Jedermann Metaphysik studiere ... denn es gibt manches Talent, dem es ... nicht gelingen will“, sagt Kant; es ist auch nicht nötig, daß Jedermann die Harzreise im Winter bewundere. Von einem als besonders dunkel empfundenen Gedicht im Divan schreibt Goethe: „Freilich, mein Teuerster, ist es eine starke Aufgabe, wenn wir dem guten Tagemenschen zumuten, solche Gedichte zu singen und etwas dabei zu denken. Forderte man von mir einen Kommentar, so würde ich mich erbieten, ein anderes Gedicht zu schreiben desselben Inhalts und Gehalts, aber faßlich und dem Verstande zugänglich“ (d. h. also, dem Verstande des „Tagemenschen“, des Menschen, der in seinem Tage befangen bleibt und daher nichts Ungewohntes zu begreifen vermag). „Alsdann“, sagt Goethe, würde er „die Aufgabe aussprechen, man möge sich in diesem Sinne jenes Abstruse zu verdeutlichen und zuzueignen suchen.“ Er   w i l l   eben, daß der Leser sich Mühe gebe. Als er seine Pandora einem sehr begabten Freunde zuschickt, meint er, selbst ihm werde es wegen des „wunderbaren Inhalts und der

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seltsamen Form ... einige Mühe kosten, sich hineinzulesen, die aber nicht ganz ohne Frucht bleiben wird“. Ja, die Mühe allein wird auch nicht hinreichen; es gibt keine lehrbare Methode, Unaussprechliches, vom Geiste in einem Augenblick himmlischer Eingebung zu Form geprägt, jedem ersten Besten in jedem ersten besten Augenblick auf Kosten einiger Mühe zu offenbaren; vielmehr muß ein Entgegenkommen stattfinden:

Hier fordert man euch auf zu eignem Dichten,
Von euch verlangt man eine Welt zur Welt!

Und zu diesem Entgegenkommen gehört nebst Begabung und Bemühung noch die hundertfältig bedingte Gunst des Augenblicks. Goethe wünscht, seine Sachen könnten Freunden „zur besten Stunde zufällig in die Hände kommen“, in einem jener seltenen Augenblicke, von denen es in Faust heißt:

Empfangt mit Ehrfurcht sterngegönnte Stunden!

„Tausend Lebensmomente sind in einem solchen Hefte fixiert; wie sollen sie sich gerade loslösen und dem Leser glücklich begegnen, der die Blätter aufschlägt? Auch hab' ich gefunden, daß sie erst Jahre hinterdrein empfunden und genossen werden.“
    Es bliebe noch viel auszuführen; doch möge das Gesagte genügen: wir sollen suchen, wir sollen uns Mühe geben, wir sollen eine Welt unser eigen nennen, ehe wir in die Welt echter Geisteskunst einzudringen wagen („den Gehalt findet nur der, der etwas dazu zu tun hat“, S. 431 ff.), wir sollen den „Stern der Stunde“ mit Ehrfurcht erwarten, sollen Jahre darauf verwenden, den vollendeten Genuß einzuernten. Und wer stellt alle diese Forderungen?   D i e   F r e i h e i t   d e r   F o r m g e b u n g,   wie sie dem echten Wahnkünstler eigen ist. Wer das verstanden hat, wird wohl nie mehr in Versuchung geraten, die gut deutsche Gefühlsseligkeit oder gar das jüdische esprit der für Tagemenschen Verse schmiedenden „Lyriker“ mit den erhabenen Offenbarungen eines der gewaltigsten Originalgeister aller Zeiten in eine Reihe zu stellen.

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt!

497 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

    Dieses eine ausführlich behandelte Beispiel muß statt vieler stehen. Fast jedes Werk Goethe's stellt uns vor neue Probleme und neue Lösungen der Formgebung; es herrscht eben der gebietend freie und wahrhaftige Geist, allen Schablonen ebenso abhold wie allen Phrasen. Sein Gottfried von Berlichingen schlug in ganz Deutschland ein; doch nie hat er ein zweites Drama in diesem Stile geschaffen und nur notgedrungen, auf Schiller's energische Vorstellungen hin, hat er dreißig Jahre später halb widerwillig ihn für die Bühne bearbeitet. Das selbe gilt aber von dem Intrigenstück Clavigo, von dem Lustspiel Die Mitschuldigen, von der romantischen Handlung Stella und der klassisch geklärten Iphigenie, von jedem der beiden Seelendramen Egmont und Tasso und von dem formvollendeten Torso Eugenie; die kleinen Revolutionsstücke bilden eine Gruppe für sich, welche an nichts anderes erinnert; jedes der Vorspiele, jeder Maskenzug ist die Andeutung einer neuen Möglichkeit, solcher erhabenen Einfälle wie Pandora gar nicht erst zu gedenken. Gräf weiß an hundert dramatische Entwürfe Goethe's anzuführen, von denen etwa die Hälfte ganz oder teilweise ausgeführt wurde: sie umfassen alle denkbaren Gattungen, von Puppenspiel und Posse bis zur „großen orientalischen Oper“ und bis zu der sehnsüchtig deutlichsten Ahnung des kommenden Dramas aus dem Geiste der Musik. Und nun, vor all diesem, neben ihm, nach ihm, der Faust! Wie man auch sonst über Goethe's Werke urteilen mag, Jeder muß zugeben, die Geschichte hat nie einen solchen Proteus der Formgebung im Geiste gekannt, sie hat überhaupt nichts auch nur entfernt Ähnliches aufzuweisen. Man denke an die vier Romane Werther, Lehrjahre, Wahlverwandtschaften, Wanderjahre. Bis in die Einzelheiten des Aufbaues und der Sprachbildung sind es vier verschiedene Welten; und man frage sich, ob es mit den Epen — Hermann und Dorothea, Achilleis, Reinecke Fuchs — anders steht? Man versenke sich tief genug, um vergleichen zu können, in die großen Schöpfungen der Grenzgebiete, Dichtung und Wahrheit, die Italienische Reise, die Campagne, die Geschichte der Farbenlehre! Man vergegenwärtige sich die absolute Originalität der Formgebung und ihre künstlerische Vollendung in der Darstellung der Farbenlehre, in den Beiträgen zur Botanik, zur Knochenkunde, zur Erdgeschichte, in den Besprechungen von Kunstwerken, in der Anzeige und der Kritik von Schriften!

498 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Alles dies gehört zu der Rubrik „Freiheit der Phantasie bei der Formung des Gehaltes im Busen“. Und von der fast unübersehbaren Welt, die man unter dem alles und nichts sagenden Namen „Lyrik“ zusammenzufassen pflegt, habe ich bei dieser flüchtigen Zählung noch kein Wort gesagt: sie reicht von Volksliedern, die erst unter Goethes Feder eine solche Vollendung der Schlichtheit erreichten, wie sie selbst echtes „Volk“ nie zustandegebracht hat, bis zu den von den Persern betretenen Gipfeln, wo zarteste Gedanken und übermütigste Ironie auserlesen gebildeten Menschengeistes sich mit der zarten Hingabe einer geläuterten und dennoch glühend leidenschaftlichen Sinnlichkeit vermählen; sie reicht von wuchtigen Allgesängen beim schäumenden Becher bis zu symbolischen, religiös-geheimnisvollen Hymnen, von Liebesliedern der raschen Jugend bis zu Liebespäanen des Greisenalters, das sich gerüstet fühlt, das Leben zu vollem Genuß von neuem zu beginnen, von verwegenen Elegien im antiken Geschmack bis zu erhabenen mystischen Spekulationen über die letzten Fragen des Weltendaseins und des Menschenschicksals, von leicht gereimten Szenen und Erzählungen, wie der Augenblick — angeregt durch französische oder italienische Beispiele — sie eingab, bis zu Balladen, die vierzig Jahre im Gemüte des Dichters reiften und nunmehr wie die massiven Figuren des Erzgießers dastehen, von vielen Hunderten kleiner Gedenk- und Widmungsverse bis zu ebenso vielen pfeilgespitzten Epigrammen, Weisheitssprüchen, ironisch-launigen Kernworten.... Wer Goethe's Lebenswerk noch so kurz aufzählen und charakterisieren wollte, hätte lange zu tun! Und das, worauf ich hier aufmerksam zu machen mich bestrebe, ist, daß dieser schier unübersehbaren Mannigfaltigkeit des Gehaltes eine ebenso unübersehbare Mannigfaltigkeit der Formgebung entspricht. Gerade die Beherrschung des Gehalts ist es, was die Phantasie freiläßt, so zu walten, wie es ihren Zwecken — den Zwecken des Wort- und Wahnkünstlers — am besten entspricht. Sind dem Sinnenkünstler durch den Stoff, aus dem er aufbaut, verhältnismäßig enge Grenzen gezogen, die er nicht überschreiten kann, ohne entweder seinen Gegenstand oder sein Sinnenwerkzeug aus der Gewalt zu verlieren, so entschädigt sich der Poet für die mangelnde Unmittelbarkeit der Wirkung durch den Besitz eines „grenz-unbewußten“ Gebietes der Phantasie, wo er jedem Gehalt gerecht werden kann, wenn nur sein

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Geist mächtig ist, die genau entsprechende Form zu entdecken. Diese genaue Anpassung der Gestalt an den Gehalt reicht bei Goethe von der Wahl des einzelnen Wortes bis zu den Grundprinzipien der jeweiligen Architektonik; oder vielmehr, der Geist wird bei diesem unvergleichlichen Manne so empfindlich genau durch den Gehalt gestimmt, daß er nichts denken, entwerfen, in Worte prägen kann, was nicht den entsprechenden unterscheidenden Charakter trüge.
    Wieder einmal berühren wir jenen Mittelpunkt der Persönlichkeit, den wir am Beginn des zweiten Kapitels genau zu bestimmen suchten. Dort hieß es (S. 96): „Goethe arbeitet unaufhörlich daran, die beiden entferntesten Endpunkte des Menschengemütes zueinander in übereinstimmende Beziehungen zu setzen“; in diesem Falle heißen die beiden Endpunkte:

Der Gehalt in meinem Busen
Und die Form in meinem Geist (S. 440).

Weil Goethe an den beiden entferntesten Endpunkten des Menschengemütes gleichmäßig zu Hause ist, weil die leidenschaftliche Aneignung an beiden stattfindet und er nur dann zu innerer Beruhigung gelangen kann, wenn er sie in seinem Inneren zu einer gelebten Einheit verschmolzen hat,   d a r u m   muß er immerfort Gehalt zu Form prägen und kann er Form nur anerkennen, wenn sie unmittelbar als Gehalt wirkt. Zu seinem Faust notiert er sich einmal: „Gehalt bringt die Form mit; Form ist nie ohne Gehalt“; diese Worte bezeichnen genau diejenige Eigenart, die ihn von allen Menschen unterscheidet. Und führte ich vor nicht langem aus, er sei der „reinste Poet“, von dem wir Kunde besitzen (S. 439), so wiederhole ich das hier in diesem inzwischen genauer, ausführlicher bestimmten Sinne. Es kommt nicht darauf an, ob Goethe Verse oder Prosa schreibt, Dramen oder Metamorphosenlehren, Liebeslieder oder Reisebeschreibungen, Elegien oder Kritiken: immer ist die erste seiner literarischen Eigenschaften die Formgebung. Die Formgebung umfaßt hier jegliches Wahrgenommene, Empfundene, Gedachte. Auf diese Weise wandelt Goethe alles zu Geist und bereichert die Menschheit um ein Ideal des „Dichters“, von dem sie vor ihm keine Vorstellung besaß. Schiller urteilt (er spricht von einem einzelnen Werke, es gilt aber von allen): Goethe „behandelt den Stoff so, daß alles Stoffartige ver-

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tilgt ist“; diesen Vorgang hörten wir Goethe selber als „eingeisten“ bezeichnen. Der Sinnenkünstler verklärt den Stoff, indem er ihn in den Dienst des Geistes zwingt; der Wahnkünstler dagegen — wenn er den Stoff so genau beherrscht wie Goethe — gelangt durch das Geheimnis der Form dazu, den Stoff überhaupt zu „vertilgen“; was bleibt, ist — wie Schiller am selben Orte sagt — „ganz Kunst“. Wir denken an Goethe's Wort zurück, einzig die Phantasie sei der Natur gewachsen, nicht seien es die Sinne (S. 440), und begreifen, daß „ganz Kunst“ das selbe besagt wie „ganz Phantasie“ und auch wie „ganz Form“. Mußten wir Goethe die Technik absprechen, insofern darunter die sinnengemäße Beherrschung eines konkret vorhandenen Stoffes verstanden wird (S. 436), so entdecken wir jetzt, daß er nichtsdestoweniger ein einziger Meister der Form ist. Die Harzreise im Winter, die uns zuerst formlos, fast aufreizend willkürlich oder, wie Goethe selber ironisch sagt, „abstrus“ erschien, bleibt in Wirklichkeit nur darum zunächst unzugänglich, weil diese Dichtung   g a n z   F o r m   ist; wäre sie stoffartig behandelt, sie böte dem Verständnis nicht die geringste Schwierigkeit. Zwar fanden wir in ihr die Naturtreue buchstäblich beachtet; doch wird der Knoten zwischen „den beiden entferntesten Endpunkten“ jedesmal sofort geschlungen: kaum erblickt, verschmilzt schon der schwebende Geier mit dem Lied des geängstigten Herzens; ebenso wecken die Felder zu Füßen des Berges unmittelbar die Vorstellung von dem unerbittlichen Schicksal der sie beackernden Menschen und ruft das Wild im rauhen Winterpelz als Gegensatz das traurige Bild der entnervenden Zivilisation hervor ... alles nur angedeutet: denn es handelt sich durchaus nicht um Allegorien, sondern kaum hat die Anschauung den Gegenstand — wie der Geier seine Beute — ergriffen, und schon hat die Umwandlung zu Symbol und Idee stattgefunden. Alles Stoffartige ist infolgedessen — wie Schiller es ausspricht — vertilgt, nämlich vermittelst Phantasie zu Geist umgeformt.
    Hiermit hängt aber eine weitere esoterische, den Unvorbereiteten befremdende Eigenschaft an Goethe's Dichtungen zusammen. In ihnen wird die Empfindung womöglich noch leiser angedeutet als der Stoff, an dem sie sich kundtut. Über diese Eigentümlichkeit wurde sich Goethe erst im Verkehr mit Schiller klar. Schiller hatte an eine bloße Lässigkeit geglaubt und wollte den Freund aufrütteln;

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mit gewohnter Bescheidenheit gab Goethe den angeblichen „Fehler“ zu, bekannte sich aber unfähig, ihn abzulegen; in Wirklichkeit ist er ein unerläßlicher Instinkt seiner angeborenen Meisterschaft. Es handelt sich um eine Keuschheit sowohl des Herzens wie des Geschmackes: Goethe kann und will das Letzte, Innerste, Heiligste nicht aussprechen; überall in seinen Dichtungen finden wir das, was er später im Leben als religiös-pädagogisches Prinzip aufstellte: die Ehrfurcht vor sich selber, vor dem eigenen Geheimnis, vor dem Unbegrenzten, das im Herzen, wie ein Heiltum im engen Schrein, eingeschlossen liegt. „Es ist keine Frage, daß die scheinbaren, von mir ausgesprochenen Resultate viel beschränkter sind als der Inhalt des Werks, und ich komme mir vor wie Einer, der, nachdem er viele und große Zahlen übereinander gestellt, endlich mutwillig selbst Additionsfehler machte, um die letzte Summe, Gott weiß aus was für einer Grille, zu verringern.“ So schreibt er an Schiller und gesteht, „die letzten bedeutenden Worte wollen mir nicht aus der Brust,“ denn, „durch die sonderbarste Naturnotwendigkeit gebunden, vermag ich nicht, sie auszusprechen“. Ohne nun die moralische Bedeutung dieses Instinktes in Betracht zu ziehen, muß ich aufmerksam machen, inwiefern auch hier Goethe's Besorgnis die vollendete Reinheit der Form betrifft. Genau ebenso wie der Stoff jeden Augenblick die Form zu zerstören droht, wenn nicht die Phantasie das „exakt sinnlich“ Aufgenommene ergreift und zu geistigem Gehalt wandelt, ebenso ergeht es mit dem   G e f ü h l,   welches nichts anderes ist als subjektiver „Stoff“; auch dieses muß so vollkommen als möglich zu Form — zu „Form im Geiste“ — gestaltet werden. Wiederum ist es Schiller, welcher urteilt, Goethe „stehe auf einem solchen Punkte, wo er das Höchste von sich fordern müsse“, und dieses Höchste in die Formel zusammenfaßt: „Objektives und Subjektives muß absolut in Eins verfließen“, Worte, die umso mehr Beachtung verdienen, als sie aus dem Munde eines Dramatikers kommen, gewohnt, Subjekt an Subjekt und Subjekt an Objekt anprallen zu lassen. Die als ein Höchstes erstrebte Einheit kann unmöglich anders erreicht werden als durch die bändigende, formende Tätigkeit des als Herrscher befehlenden Geistes. An allen bisher behandelten Beispielen — man denke nur an das Dämmrungslied — ersahen wir, wie streng sich Goethe bei Schilderung der äußeren Welt beschränkt,

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wie er zwar von dem Worte Genauigkeit fordert, sich im übrigen aber damit begnügt, die Richtungslinien der Bewegungen anzudeuten, aus denen, uns unbewußt, das Bild in der Natur seine besonderen Eigenschaften gewinnt. Genau auf die selbe Art verfährt er mit der inneren Welt: die sentimentale Dichtung liegt ihm ebenso fern wie die descriptive und die didaktische; er malt nicht den Inhalt aus, sondern zeichnet mit wenigen Strichen die Form hin, gibt dem geistigen Auge die Richtungen an — kein Wort weiter. Mancher lobt dies als weises Maßhalten, Andere tadeln es als marmorne Kälte; ich bewundere es einfach als Vollendung der Form in der Kunstwelt des Geistes. Die Sinnenkünste sind geradezu auf Wirkungen angewiesen, welche Goethe und Schiller nach der Sprachgewohnheit ihrer Zeit „pathologische“ zu nennen pflegten, d. h. auf Erregungen, die den Körper erfassen, um zur Seele zu gelangen; die Musik, die den Krieger zur Schlacht begeistert, begeistert auch sein feuriges Pferd; alles, was durch die Sinne eindringt, wirkt auf das Nervensystem, noch ehe es den Sitz des Bewußtseins erreicht hat; Natur wirkt hier auf Natur. Hingegen hat — nach Goethe's Überzeugung — vollendete Geisteskunst derartige Wirkungen zu meiden; „alles Stoffartige vertilgen“: das ist, wie Schiller aus dem Erfolge urteilte, Goethe's bewußtes Ziel. Er ist kein Freund gemischter Kunstgattungen, sondern möchte vielmehr „Kunstwerk von Kunstwerk durch undurchdringliche Zauberkreise sondern, jedes bei seiner Eigenschaft und seinen Eigenheiten erhalten“. Und die Eigenschaft und Eigenheit der unsinnlichen Geisteskunst ist, alles vermittelst der unübersehbaren Möglichkeiten einer schrankenlos freien Phantasie zu reiner Geistesform zu gestalten, sowohl allen äußeren Stoff wie allen inneren Stoff, sowohl, heißt das, alle Wahrnehmungen der Sinne wie auch alle Stimmungen und Leidenschaften. Das Eingeisten ist ein Verklären, es ist ein „Erheben zu höheren Sphären“ — was denn auch als die Formel für Goethe's Erdenwirken überhaupt dienen könnte, für „den ewig inneren Flammenruf des Herzens, der zum Allerhöchsten treibt“. Natürlich wird die Leidenschaft an sich ebensowenig tatsächlich vertilgt, wie das Stoffartige vertilgt wird; wir sahen Goethe, den Dichter, von der Wirklichkeit ausgehen und jegliche — auch die geringfügigste Wirklichkeit, selbst jeden Stein am Wege — verehrend beachten, betrachten; sollten die Wirklichkeiten von Herz und Seele

503 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

ihm weniger nahe und heilig sein? Vielmehr wissen wir, daß gerade bei Goethe — ich erinnere nur an die Schlußszene von Faust I — so grausam herzzerwühlende Augenblicke vorkommen, daß sie kaum zu ertragen sind, und manche andere gibt es — in den Geschwistern, Tasso, Götz, Wahlverwandtschaften usw. —, wo kein fühlender Mensch die Tränen zurückhalten kann; doch immer ist es die Situation, welche diesen Eindruck hervorbringt, und im Bunde mit ihr die schlichte Nacktheit des Wortes. Nie hat ein so unoratorischer Sprachgewaltiger gelebt; und das besagt: nie hat ein Dichter die stoffartige Wirkung des Wortes so streng gemieden, ebenso wie die pathologische Wirkung der Rede, über die Goethe spottet, es sei leicht überreden und schwer überzeugen. Wohingegen er einzig und allein durch die Form — durch die Gestalt also, in welcher der reine Geist alle Wahrnehmungen und Gefühle widerspiegelt — wirken wollte und wirkt. So spiegelt sich die Reinheit seines Wesens in seinem Dichten.
    Dieser Reinheit nahe verwandt ist eine gewisse Ergebenheit, dank welcher er selbst beim Dichten nicht leicht aus Willkür etwas unternimmt, sondern nur dann dichtet, wenn von innen oder von außen unabweisbare Forderungen an ihn herantreten. Einmal schreibt er, er sei nicht wie Andere „aus Wahl und Vorsatz“ Dichter geworden, vielmehr „aus Trieb und Schicksal“. Gleich im ersten Kapitel (S. 40 ff.) machte ich darauf aufmerksam, Goethe dürfe nie als Literat betrachtet und beurteilt werden, nie; er ist dem eigentlichen Schriftsteller und dem berufsmäßigen Dichter antipodisch entgegengesetzt. Daß sein Vermächtnis an die Welt gegen einhundertdreißig Bände Geschriebenes ausmacht, muß — von Goethe's eigenem Standpunkt aus — als eine Ironie des Schicksals aufgefaßt werden. Er selber erzählt: „In meiner besten Zeit sagten mir öfters Freunde, die mich freilich kennen mußten: was ich lebte, sei besser als was ich spreche, dieses besser als was ich schreibe, und das Geschriebene besser als das Gedruckte.“ Hierbei mag ein gut Teil Täuschung mitspielen, da Goethe genauer als diese Freunde wußte, welche Form das Dichten sub specie aeternitatis fordert; für uns bleibt aber das Wichtige, das   L e b e n   immer als den Brunnquell alles Schaffens von Goethe empfunden zu sehen. Die Literaten von Fach bedauern, daß Goethe so viel Zeit auf Wissenschaft, Verwaltung, Verkehr, bildende Kunst verwendet habe; sie träumen von

504 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

dreihundert Bänden, die er zum Rezensieren, Kommentieren, Editieren hätte hinterlassen können; ich kann mir im Gegenteil mehr als ein Schicksal vorstellen, bei dem Goethe seine gestaltende Kraft anderweitig so vollauf und beglückend zu betätigen Anlaß gefunden hätte, daß ihm fürs Reimen und Fabulieren noch weniger Muße geblieben wäre. Auch ohne zu schreiben, war Goethe immer Dichter und wäre es auf alle Fälle immer gewesen — das haben wir jetzt ausführlich erkannt; fand sich aber sein unwiderstehlicher Gestaltungstrieb vorwiegend aufs Papier verwiesen, so war das Schicksal — Schicksal der Stunde, die ihn auf die Welt brachte, der Verhältnisse, in denen er aufwuchs. Vielleicht könnte kein einziger Literat des neunzehnten Jahrhunderts das selbe von sich sagen. Darin liegt eine unvergleichliche Kraft: Goethe dichtet nicht, weil er will und mag, sondern er dichtet, weil er muß, weil der innere Lebenstrieb bei ihm so beschaffen ist, daß er nicht atmen, denken, schaffen, reden kann, ohne zu gestalten, wobei nicht der Schatten eines Gedankens an Andere diese reine Betätigung des ureigenen, heiligen Lebenstriebes trübt; und Goethe dichtet dann — aber erst in zweiter Reihe — auch für Andere, weil das Schicksal es von ihm verlangt, weil dem inneren Müssen — dem es einzig und allein auf   G e s t a l t e n   ankommt — das äußere Müssen diese besondere   A r t   d e r   G e s t a l t u n g   vorzüglich abfordert. Schon der Jüngling schreibt Gedichte hauptsächlich auf Anregung von Kameraden und Freunden; er selber legt keinen Wert auf den Besitz, er gibt alles hin; später sehen wir ihn immer nur notgedrungen, verdrossen, halb unwillig Ausgaben seiner Schriften vorbereiten und durchführen; Andere müssen helfen, mahnen, drängen — ein Herder, ein Schiller, ein Boisserée, ein August Goethe. Mit den Verlegern liegt er beständig im Streite und weiht die guten Männer, die seine Werke der Welt vermitteln, einer „eigenen Hölle“! Auch hat ihm Veröffentlichung fast nie Freude gebracht, außer der Freude „ganz im Stillen mit Denjenigen, die uns Neigung und Einsicht endlich am reinsten nähert“. Immer und immer kehrt es bei ihm wieder: „Die Welt gibt nicht, sondern nimmt“; seinen Faust, zweiten Teil, läßt er versiegelt bis nach seinem Tode ruhen, um diese „redlichen, lange verfolgten Bemühungen“ nicht „an den Strand getrieben, wie ein Wrack in Trümmern daliegen“ zu sehen.

505 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

    Mit dem nicht aus Wahl und Vorsatz Dichten hängt nun ein Umstand zusammen, von dem zwar häufig die Rede ist, der aber nicht leicht in seiner ganzen Tiefe erfaßt wird; ich meine den Umstand, daß Goethe das Gelegenheitsgedicht „die echteste aller Dichtarten“ nennt und nachdrücklich betont, er selber sei ein Gelegenheitsdichter. Ich suche eine Reihe von Werken durch und finde nirgends ein gründliches Wort hierüber; überall lese ich, Goethe habe „auch geniale Gelegenheitsgedichte“ geschrieben, woraus man nur entnehmen kann, der große Poet habe sich manchmal zu der nicht besonders hoch eingeschätzten Kategorie der Sonntagsreiter auf dem Pegasus herabgelassen. Wogegen Goethe selber damit gesagt haben will, er sei   n u r   G e l e g e n h e i t s d i c h t e r   gewesen; gerade hierin spricht sich der Gegensatz zu allen Dichtern „aus Wahl und Vorsatz“ aus. Wer nicht vorsätzlich dichtet, dichtet nur, wenn der Augenblick es von seiner Unwillkür fordert. Wir hörten vorhin, Goethe dichte „aus Trieb und Schicksal“: was Goethe unter „Gelegenheit“ verstanden wissen will, entsteht an dem Punkte, wo Trieb und Schicksal sich kreuzen, wo die innere und die äußere Notwendigkeit ineinander münden. „Ich hoffe, man wird nach und nach das Gelegenheitsgedicht ehren lernen, an dem die Unwissenden, die sich einbilden, es gäbe ein unabhängiges Gedicht, noch immer nirgeln und nisseln.“ Wir haben es also schwarz auf weiß: der siebzigjährige Greis kannte aus der Erfahrung seines eigenen Dichtens gar kein unabhängiges Gedicht; von jedem hätte er sagen können, welche Umstände es von ihm gefordert hatten. „Und so bemerkt man an meinen Liedern, daß jedem etwas Eigenes zum Grunde liegt, daß ein gewisser Kern einer mehr oder weniger bedeutenden Frucht einwohne.“ Bei dem Gelegenheitsgedicht, wie es Goethe versteht, „gibt die Wirklichkeit die Veranlassung und den Stoff“ — jene Wirklichkeit, aus welcher allein ein tatsächlicher „Gehalt im Busen“ entspringt: dies ist der innere Trieb; dazu muß nun aber — soll das Gedichtete ausgebildet und aufbewahrt werden — außerdem das Schicksal kommen: der Freund, die Geliebte, ein fürstlicher Auftrag, die Bitte um Beiträge zu Zeitschriften, des Verlegers Verlangen nach Stoff ... sonst ist das Gebilde bald verrückt, umgewandelt, entschwunden. Wie man sieht, dieses Gelegenheitsgedicht — also jede Dichtung Goethe's — kann auf zweierlei Weise entstehen: entweder

506 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

gebiert der innere Trieb eine Gestaltung, die uns dann — will's der Himmel — das als Zufall verkleidete Schicksal aufbewahrt, oder das Schicksal stellt eine Forderung, und der innere Trieb erfaßt sie als einen gegebenen, wirklichen Stoff. In einem Gespräch, dessen Wortlaut gewiß nicht, dessen Sinn aber unzweifelhaft genau berichtet ist, läßt Eckermann Goethe sagen: „Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte: sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden. Von Gedichten aus der Luft gegriffen halte ich nichts.“
    In diesem Begriff des Gelegenheitsdichters liegt nun für die Erkenntnis der Persönlichkeit Goethe's, insbesondere aber für das Verständnis seiner endlos mannigfaltigen Formgebung und ihrer oft nicht leicht enträtselbaren Eigenart ein reicher Quell der Belehrung, der aufgedeckt werden muß. Dem Gelegenheitsdichter im Sinne Goethe's ist nichts zu klein und nichts zu groß; jegliche Wirklichkeit dünkt ihm interessant, ja, verehrungswürdig, „jedes Besondere   i r g e n d e i n e s   Zustandes“ ist imstande, ihn zu einem Gelegenheitsgedicht anzuregen; nicht auf einen   U m f a n g   kommt es ihm an, sondern auf einen   G r a d;   der geringfügigste Vorgang kann durch den Sinn des ihn Betrachtenden Bedeutung und dadurch zugleich symbolischen Wert, Ewigkeitsgehalt, poetische Würde gewinnen; andrerseits wird kein Vorwurf zu phantastisch und ungeheuer sein, als daß sich Goethe nicht getraute, die rechte Form dafür zu entdecken; „Gehalt bringt die Form mit“, hörten wir, und Gelegenheit ist Wirklichkeit, also Gehalt; nach Zeit fragt er nicht; der Dichter aus Wahl und Vorsatz schafft an dem Werk, das er gewählt und sich vorgesetzt hat, bis er den Schlußstrich zieht, und kommt auf diese Weise hurtig vorwärts, wogegen der Dichter aus Gelegenheit keine Sorge hat, ob er heute oder in zwanzig Jahren fertig wird — oder auch nie, wenn nur jeder Augenblick das seinige erhält. Wir gedenken dabei des Wortes an Schiller: „Auf jedem Platze, in jedem Moment in die Tiefe gehen!“ (S. 109). Bei Besprechung der besonders schlichten, Manchem fast hausbacken erscheinenden   E p i s t e l n   Goethe's (über das Bücherlesen und -schreiben, die Erziehung junger Mädchen usw.), macht A. W. von Schlegel aufmerksam: „Jeder schmeichelt sich, dergleichen selbst hervorbringen zu können; erst bei dem Versuche würde er gewahr werden, daß ihm die unlernbare Gabe der Verwandlung fehlt, wodurch das aus dem gewöhnlichen

507 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Leben Aufgegriffene so sehr geadelt wird“; und wir umfassen die ganze Breite der angedeuteten Möglichkeiten, wenn wir diese Dichtung zu Ehren des „Nähens und Flickens, Waschens und Biegelns“ aus der Hand legen und nun begreifen lernen, in welchem Sinne auch Faust unter Goethe's Begriff der Gelegenheitsdichtung fällt. Hundert andere Dichter haben einen Faust geschrieben; es handelte sich für sie um einen gegebenen Stoff, geeignet, zu der Verwirklichung vieles poetisch Empfundenen zu dienen, geeignet, eine gute Erzählung oder ein wirksames Theaterstück abzugeben; als solchen übernahm ihn ursprünglich auch Goethe; das Charakteristische ist aber, daß er sich unfähig erwies, ihn als solchen durchzuführen. Was Einer   n i c h t   kann, belehrt uns manchmal über seine Eigenart mehr als manches, was er kann. Wohl schreibt er als Student in Straßburg die wenigen Szenen, „deren poetische Gestalt“ zu erfinden die erfahrene „Wirklichkeit“ ihm die Anregung gab; dann stockte die Dichtung. Nach zehn, nach zwanzig, nach dreißig, nach vierzig Jahren nahm er sie wieder auf, schrieb ein Weniges und stockte wieder. Nun wird kein Mensch des Jünglings Befähigung anzweifeln, Mannesreife und Greisenalter zu „antizipieren“ (wie Goethe es nennt und von sich öfters berichtet); warum sollte der junge Mann, der hier Mephisto und Gretchen mit vollendeter Meisterschaft hingestellt hatte und gleich darauf den wackeren Götz, den listigen Bamberg, den unrein-schwachen Weislingen und Dutzende anderer Charaktere für alle Zeiten bannte, warum sollte er nicht fähig gewesen sein, den Faust des Helena-Aktes sowie den hundertjährigen Greis zu zeichnen? Man werfe nicht ein, er habe das eigene Wesen noch nicht genügend gekannt. Niemals hat sich Goethe selber porträtiert; gerade für ihn — unter allen Dichtern — war dies ein Ding der Unmöglichkeit; wie sollte er über sein eigenes Selbst „abschließen“ (S. 106); es wäre Selbstmord gewesen. Überhaupt entspringen alle die Identifikationen, die an seinen Dichtungen vorgenommen werden und einen Hauptbestandteil unserer Goethebiographien ausmachen, einem frevelhaft oberflächlichen, sinnlosen, plump - dumm - philisterhaften Mißverstehen; ich kann darüber nicht reden, denn es erstickt mich jedesmal der Zorn über solch bodenlos prosaischen, zugleich roh zerstörenden Unverstand ¹). Was aber bei Faust vorlag, was seine Vollendung
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    ¹) Man vergleiche Kap. 2, S. 109, und die Ausführung zu jener Stelle im Anhang.

508 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

an die sechzig Jahre hinzog, war folgendes: wo Phantasie und Wirklichkeit in einem so engen Wechselverkehr der gegenseitigen Bedingnis liegen, wie das für Goethe sich uns zeigte, da wird, je phantastischer das Gebilde ist, das der Dichter aufzurichten träumt, um desto reicher der Schatz an Wirklichkeit sein müssen; das Gleichgewicht des eigenen, die beiden entferntesten Endpunkte des Menschengemütes verknüpfenden Wesens fordert dies; um Faust zu verwirklichen, wie er ihn „als ein inneres Märchen seit so vielen Jahren mit sich herumtrug“, um aus dem zweiten Teil jenes Wunderwerk phantasiemächtiger Geisteskunst zu gestalten, als welches es vollendet vor uns liegt, dazu bedurfte es der unaufhaltsamen Bereicherung des eigenen Busens an Wirklichkeitsgehalt während eines langen Lebens. Schiller, der Seher, hatte das längst vorausgesagt: „Was mich daran ängstigt, ist, daß mir der Faust seiner Anlage nach auch eine Totalität   d e r   M a t e r i e   n a c h   zu erfordern scheint, wenn am Ende die Idee ausgeführt erscheinen soll....“ Ohne diese Totalität der Materie hätte ja alles imaginiert (wie Goethe verächtlich zu sagen pflegt) oder — wie es vorhin hieß — „aus der Luft gegriffen“ sein müssen, was freilich keinem anderen Dichter ein Hindernis gewesen wäre, wohl aber demjenigen, der nur aus Trieb und Schicksal dichtete. Schiller fährt an jener Stelle fort: „Für eine so hochaufquellende Masse finde ich keinen poetischen Reif, der sie zusammenhält. Nun, Sie werden sich schon zu helfen wissen.“ Den Reifen — mit anderen Worten die frei zu erfindende Form — konnte nur die Phantasie schmieden, nicht aber willkürlich, sondern einzig im Bündnis mit Schicksal-Natur. In welcher Weise Goethe auch hier die Gelegenheit abwarten mußte, wissen wir heute aus einer Reihe von Briefen. Daß er den zweiten Teil „seit fünfzig Jahren in seinen Zwecken und Motiven durchgedacht“ bei sich trug, bezeugt er wörtlich im Jahre 1831, und selbst der dünnste aller Pedanten ist nicht fähig, sich an diesem Worte vorbeizudrücken. Den „ungeheuren Plan“ kannten ja Schiller und Wilhelm von Humboldt schon in den neunziger Jahren. Manches war zwar nach und nach ausgeführt worden, je nachdem den Dichter dieses oder jenes „von Zeit zu Zeit näher anmutete“, mit anderen Worten, je nachdem es die Gelegenheit mit sich brachte; doch wie sollte — selbst jetzt, wo der Greis den größten Reichtum an lebendiger Wirklichkeit, den je ein Mensch sein eigen nannte, besaß

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und dazu die letzte Stufe der „geregelten Steigerung seiner natürlichen Anlagen“ erklommen hatte — wie sollte eine „Gelegenheit“ zustandekommen, fähig, so mächtig zu zünden, daß selbst den unerhörtesten Forderungen dieses Werkes Genüge geleistet werden konnte? Denn es handelte sich darum, ungefesselte Phantasie mit lückenloser Wirklichkeit in einer Weise zu vermählen, welche den höchsten „Forderungen“ und „Rechten“ des Verstandes genügte (das betont Goethe mehrere Male), und nichtsdestoweniger diesen Verstand dermaßen durch die Zaubergewalt der Poesie mit fortzureißen, daß er sich von dem „Nachtwandler“ (S. 469) an tiefsten Abgründen entlang und auf bloßen Mond- und Sternenstrahlenbrücken über sie hinüber leiten lasse. „Die Phantasie hat ihre eigenen Gesetze, denen der Verstand nicht beikommen kann und soll“: so oder ähnlich sprach Goethe zu Eckermann. Wird auch gewiß die Phantasie erst durch die Wirklichkeit entbunden und dadurch „frei“ im Sinne Goethe's, es gehört eine gigantische Kraft dazu, eine solche Last an Wirklichkeit — eine solche „Totalität der Materie“ — zu tragen und in einem und dem selben Augenblick den Geist der frei gestaltenden Phantasie willig biegsam zu überantworten. Denn im letzten Grunde heißt dies: höchstes Wollen mit gänzlicher Verneinung des Willens, vollendetes Bewußtsein mit zartester Empfänglichkeit für alles Unbewußte zu gleicher Zeit betätigen. „Hier trat nun die große Schwierigkeit ein“, schreibt Goethe nach vollbrachter Tat, „dasjenige durch Vorsatz und Charakter zu bezwecken, was eigentlich der freiwillig tätigen Natur allein zukommen sollte“. Gewiß war der einzige Goethe fähig, eine solche Aufgabe als Ideal zu erfassen; doch gerade weil er dazu fähig war, empfand er auch dieses Hindernis, das jeder Unfähige übersehen hätte. Wie sollte — jetzt, wo er sich im hohen Greisenalter endlich an Wirklichkeitsbesitz und Phantasiegewalt reif wußte, die vor fast sechzig Jahren vorgestellte Schöpfung zu gebären — wie sollte ihm jetzt die „Gelegenheit“ dazu aus dem Leben erwachsen? Willkürlich hatte er nie geschrieben; welche Erschütterung konnte auf den, unter munteren Enkeln hauptsächlich naturerforschenden Interessen friedsam abseits lebenden Mann mit so elementarer Kraft wirken, daß die freiwillig tätige Natur sich des bewußten „Vorsatzes“ annähme und dadurch die „Wahl“ — welche Goethe ohnmächtig ließ — in „Trieb und Schicksal“ umwandelte?

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Nicht mit leichter Hand griffen die himmlischen Mächte ein: jäh entriß ihm der Tod den einzigen Sohn; er hatte ihn geliebt, denn es war sein Kind; außerdem hatte er ihm — dem in praktischen Dingen durchaus bewanderten Verwaltungsbeamten — nach und nach jede Sorge für das Tägliche übergeben; nun traf ihn zugleich mit der Herzensnot des Verlustes die Qual, mit aller Prosa der Welt und ihren „tausend Lebensfratzen“ von neuem anbinden zu müssen. „Allein kann der große Begriff der Pflicht uns aufrecht erhalten“, schreibt er an seinen wackeren Zelter und rafft sich auf zu dem ingrimmig heroischen Ausruf: „So über Gräber vorwärts!“ Doch der Körper wankte; unwillkürlich gedenkt man des leidenschaftlichen Ausbruchs seines Wilhelm Meister, als die Phantasie ihm des Sohnes Leben bedroht vorspiegelt: „Wäre es möglich, daß dieser beste Teil von mir selbst vor mir zerstört, daß dieses Herz von meinem Herzen gerissen werden könnte, so lebe wohl, Verstand und Vernunft, lebe wohl, jede Sorgfalt und Vorsicht, verschwinde, du Trieb zur Erhaltung!“ Ein Blutsturz brachte den heldenhaft Duldenden dem Tode nahe; „seit einiger Zeit trau' ich dem Landfrieden nicht und befleißige mich, das Haus zu bestellen“; dabei winkt ihm „die Poesie, das glückliche Asyl der Menschheit“, zu; auch hier hat er ein Höchstes, Letztes zu bestellen, ein Werk, das wohl nur angesichts des Grabes zu Ende geführt werden konnte; bald darauf „bekennt“ er in Zeilen an den trauten alten Freund Heinrich Meyer, er „habe seinen Egoismus ins Innerste der Produktion zurückgezogen“; einem Fernerstehenden gegenüber knüpft er unmittelbar an den Tod seines Sohnes an und erzählt, wie er „in widerwärtigen Situationen“ den Abschluß des Dr. Faustus vorgenommen habe. „Ich durfte nicht hinter mir selbst bleiben und mußte also über mich selbst hinausgehen und mich in einen Zustand versetzen und erhalten, wo der Tag mit seinen Seiten mir ganz niederträchtig erschien.“ Da haben wir die Steigerung, das Übermaß, die Exazerbation (wie unsere Ärzte sagen würden): ich   m u ß t e   über mich selbst hinausgehen. Ohne die gewaltsame Erschütterung durch das Schicksal, ohne die letzte Loslösung von jedem Befangensein in dem Tag und dessen Niedertracht wäre dieser Augenblick nie eingetreten. Schon von dem kurz vorher einzeln erschienenen Helena-Akt hatte Goethe gestanden: „Ich habe mich bei der Ausarbeitung ganz gehen lassen, ohne an irgend ein

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Publikum noch an einen einzelnen Leser zu denken....“ Noch durchdringender mußte diese Stimmung jetzt herrschen, bis zur völligen Verachtung jedes Publikums; der Meister mußte sich allein wissen; hinter ihm die Niederträchtigkeit des Tages und seiner Forderungen, vor ihm die nahe Erlösung. Nach der Vollendung schreibt er an den einzigen unter seinen Freunden, fähig, diese Worte zu verstehen, Wilhelm von Humboldt: „Durch eine geheime psychologische Wendung, welche vielleicht näher studiert zu werden verdiente, glaube ich mich zu einer Art von Produktion erhoben zu haben, welche bei völligem Bewußtsein dasjenige hervorbrachte, was ich jetzt noch selbst billige, ohne vielleicht jemals in diesem Flusse wieder schwimmen zu können, ja, was Aristoteles und andere Prosaisten   e i n e r   A r t   v o n   W a h n s i n n   zuschreiben würden.“
    Tastend versuche ich zu einer Erkenntnis hinanzuleiten, deren Besitz für die nachschöpferische Aneignung der Werke dieses Dichters unentbehrlich ist, auf die aber mit Worten nur wie von ferne hingedeutet werden kann. Wer sich zu tieferem Ergreifen angeregt fühlt, erinnere sich, wenn er dann wieder zu denjenigen Gedichten Goethe's greift, die gewöhnlich als Gelegenheitsgedichte bezeichnet werden — zu den Maskenzügen, den Festspielen, den Widmungsblättern u. dgl. — daß, Der sie schrieb, auch Faust's zweiten Teil erst dann auszugestalten sich fähig fand, als die freiwillig tätige Natur seinem Triebe die Gelegenheit geschaffen hatte. Jede Dichtung Goethe's hängt mit dem Leben zusammen; nicht in dem unerträglich prosaischen Sinne unserer Gelehrten, die nach Porträten und Parallelismen suchen, wohl aber in dem Sinne von Wirkung und Gegenwirkung, in dem Sinne jener „doppelten Welt“, von der Goethe spricht, die „aus Reflexen entsteht“, wie „z. E. die Götter im Homer nur ein Reflex der Helden“ sind, einer Welt, „die allein „Lieblichkeit hat, wie denn auch die Liebe einen solchen Reflex bildet“. Nicht, daß wir behaupten dürften, alle Dichtungen Goethe's seien gleich bedeutend an Inhalt und Schönheit; vielmehr ist es als eine der Eigenschaften dieser Poesie zu betrachten, daß der Dichter lieber den Bettlermantel, mit Sternen bestickt (S. 134), umnimmt, als daß er lügen und künsteln und oratorisch blenden sollte, und auch einen Zipfel über den inneren Spiegel zu werfen weiß, wo (wie bei Hoffestlichkeiten) es Sünde wäre, das göttlich Hohe zu entweihen. Gerade hier-

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durch wird dieses gesamte Dichtwerk zu einer Schule der Wahrheit. Gelegenheitsgedichte, sagt Goethe, „nähern“ den Geist „der wirklichen wahrhaften Natur“; sein ganzes Dichten bedeutet für ihn ein schrittweises Annähern an die Wahrheit. Sein Grundsatz lautet: stets „die Sache selbst mit allen ihren Teilen ausdrücken — oder gar schweigen“. Auf diese Weise ringt sich denn auch die Freiheit der Form aus den übernommenen Konventionen los; „alles Imaginative muß sich auf dem Wirklichen gründen und alles Ideelle auf ihm sich niederlassen“. Letzten Endes erweist sich also die Freiheit in der Formgebung als eine Vermittlerin zwischen außen und innen, zwischen Natur und Mensch, zwischen Umgebung und Ich: die Phantasie beschränkt sich auf die Wirklichkeit, die Wirklichkeit erkennt dafür die unbeschränkten Rechte der Phantasie. Und wenn Goethe in den Briefstellen, die ich über den zweiten Teil Faust anführte, von der Gattung zwischen Vorsatz und Natur, zwischen Vernunft und Wahnsinn sprach, wozu noch der abschließende Satz kommt: „Bewußtsein und Bewußtlosigkeit werden sich verhalten wie Zettel und Einschlag“ — so dürfen wir zur weiteren Klärung unserer Vorstellungen sagen: der Gehalt (also die Wirklichkeit) trägt vorzüglich das bewußte Element zur Dichtung bei, die Form enthält viel Unbewußtes, rein Geniales, nicht Auszudeutendes, nicht logisch zu Rechtfertigendes. Der Künstler, den wir als Wahnkünstler dem Sinnenkünstler entgegenzustellen gelernt haben, bedarf des Wahn-Sinnes; dieser Wahn-Sinn ist es, der das in seinem Kunstwerk fehlende sinnliche Element ersetzt. Eine analoge Befähigung zu „Wahn“ muß aber offenbar auch in Demjenigen vorausgesetzt werden, der ein derartiges Kunstwerk aufnehmen soll. „Hier fordert man Euch auf zu eignem Dichten. Von Euch verlangt man eine Welt zur Welt.“ Wer ohne die Beanlagung, zu „Wahn“ Fühlung zu gewinnen, an Goethe's Dichtungen herantritt, gleicht einem Blinden, der durch Abtasten sich ein Urteil über Michelangelo's Statuen bilden wollte: etwas kann auch für Diesen abfallen, etwa die Erkenntnis von der Beherrschung des Stoffes, doch nicht die Offenbarung der eigentlichen „Schöpfungskraft im Künstler“.
    Noch eines bleibe in diesem Zusammenhang des Gelegenheitsdichters nicht ungesagt. Da sich Goethe bei seinem Dichten durch die gemeinsame Wirkung von Trieb und Schicksal bestimmen ließ

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und, wenn auch nichts gegen den inneren Trieb, doch auch kaum etwas ohne die Veranlassung des äußeren Schicksals unternahm, so ergibt sich ein bemerkenswerter organischer Zusammenhang zwischen seinem poetischen Schaffen und seiner jeweiligen Lebenslage. In Frankfurt, wo sein Dasein chaotisch verläuft, ist auch sein Dichten chaotisch vielfältig, indem er auf alle verschiedenen Anregungen unmittelbar reagiert — wie sich das bei Götz, Werther, Clavigo usw. nachweisen läßt; hierbei wäre er bald zu Grunde gegangen (vgl. S. 37); in seinem Charakter lag es, nach Bestimmtwerden zu lechzen; und so sehen wir ihn sich in Weimar sofort den Forderungen der dortigen Gegebenheiten anpassen: Singspiele, Opern, Maskenzüge, Dramen... in allem leitet das Schicksal den Trieb; ohne Weimar wären weder Iphigenie noch Tasso entstanden. Mit der Emanzipation aus den bestimmenden Einflüssen dieser Sphäre — wie sie die Flucht nach Italien veranschaulicht — kommt sofort ein neuer Zug in Goethe's Schaffen: die poetischen Beziehungen zu Weimar werden rein äußerlich; die Römischen Elegien, die Venezianischen Epigramme, die Metamorphosen-Gedichte deuten auf eine verwandelte Welt der den Ausdruck bestimmenden Eindrücke. Äußerst charakteristisch hebt sich die Epoche mit Schiller dichterisch ab: die Lehrjahre, Hermann und Dorothea, die Natürliche Tochter, dazu die Elegien und die Balladen, daneben die Propyläen; es ist eine Welt für sich, ungleich dem, was voranging, ungleich dem, was nachher kam; ich habe im ersten Kapitel einige Worte darüber gesagt (S. 67 ff.). Auch die darauffolgende zwanzigjährige Epoche besitzt eine so ausgesprochen eigene Farbe, daß ein genau Vertrauter fast jeden herausgerissenen Satz mit Bestimmtheit als aus ihr stammend erkennen würde: es ist die Zeit der großen Memoiren — Dichtung und Wahrheit, Annalen, Italienische Reise, Campagne in Frankreich und anderes, eingeleitet durch Pandora und die Wahlverwandtschaften, gekrönt durch den Divan und die Urworte, bereichert durch die Prägung von Sprüchen, die nach Hunderten zählen, hinanführend bis zu den Wanderjahren in der ersten weniger kühn-freien Fassung, auslautend in der göttlich reinen Marienbader Elegie. Von den letzten Jahren läßt sich schwerer durch bloße Titel eine ausreichende Vorstellung des Stiles geben: denn neben den Wanderjahren und Faust II, neben den letzten vier Büchern von Dichtung und Wahrheit und dem Zweiten römischen

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Aufenthalt, entstehen weniger bekannte und doch köstlichste lyrische Gedichte, wie die Chinesisch-deutschen Jahres- und Tageszeiten, Dem aufgehenden Vollmond, Vermächtnis usw, sowie ungezählte Denk- und Sendverse.
    Das alles als bloße flüchtige Andeutung; denn um ein wirkliches Verständnis der Geistesstimmung zu gewinnen, die sich bei Goethe als Reaktion auf die Einwirkung der besonderen Lebensumstände jedesmal einstellt, müßte der Überblick sein gesamtes geistiges Tun umfassen, und das würde den Zusammenhang dieses Kapitels zerreißen; es muß mir genügen, wenn der Leser einsieht, daß der Begriff „Gelegenheitsdichter“, wie ihn Goethe versteht, Kreis um Kreis zieht, von der buchstäblich „gelegentlichen“ Aufforderung oder Anregung, das und jenes zu dichten, bis zu dem lebendigen Komplex gegebener, stillwirkender Daseinsbedingungen; wobei entscheidend charakteristisch bleibt, daß Goethe nicht, wie andere gewaltige Dichter — ich denke an Shakespeare, an Wagner, an Beethoven — gegen die Einwirkungen von außen in seinem Schaffen unempfindlich bleibt, sondern vielmehr sich stets zu ihnen — zu dieser „Forderung der Welt“, wie er sie einmal bezeichnet — in ein gewisses Gleichgewicht setzt, was wiederum aus dem unbewußt leitenden Instinkt hervorgeht, niemals die Fühlung mit der umgebenden Wirklichkeit zu verlieren; und das wiederum ist Gesetz demjenigen Manne, der bestimmt ist, der Phantasie fast jede Fessel zu lösen, so daß die „Prosaisten“ gerade die erhabensten seiner Werke als einen Ausfluß des Wahnsinnes verdammen möchten. Wie die deutsche Literaturgeschichte und Ästhetik Faust's zweiten Teil aufgenommen hat, wie sie es gewagt hat, über dieses Wunderwerk aller Wahnkunst zu reden, zu urteilen, zu höhnen, ja, wie sie es heute noch wagt, das bildet ein unaustilgbares Schandblatt in der Geschichte der deutschen Hochschulen, ein Zeugnis geistiger Armut, wahnwitziger Selbstüberschätzung und mangelnder Ehrfurcht, das mit der Zeit zurückwirken muß und wird. Goethe wußte wohl, warum er sein Manuskript versiegelte: um nicht erleben zu müssen, daß es, „an den Strand getrieben, wie ein Wrack in Trümmern daliege und von dem Dünenschutt der Stunden zunächst überschüttet werde.“ „Verwirrende Lehre zu verwirrtem Handel waltet über die Welt“, fährt er an jener Stelle, fünf Tage vor seinem Tode, fort, „und ich habe

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nichts angelegentlicher zu tun als dasjenige was an mir ist und geblieben ist wo möglich zu steigern...“
    Möchte es doch gelingen, den Menschen die Augen darüber zu öffnen, wo „individuelle Keimkraft“ und wo gildenhafte Unfruchtbarkeit, wo Wahrheit und wo Lüge, wo Freiheit und wo Geistesknechtung, wo Hochflug des Genies und wo wurmmäßige Verbohrtheit am Werke sind! Die Freiheit in der Formgebung, die Goethe wie nie ein anderer Dichter besessen und ohne jede Rücksicht auf einen wimmelnden Menschen- und Gelehrtenhaufen in hundert Schöpfungen vollkommen wahrhaftig betätigt hat, ist ja nur eine Erscheinung unter anderen seines gewaltigen allgemeinen Strebens nach innerer Befreiung des Menschengeistes aus den Ketten, die dieser sich selbst geschmiedet hat — eines Strebens, an dem unter allen seinen Zeitgenossen einzig Immanuel Kant ebenso elementar teilhatte.

Also das wäre Verbrechen...
Daß ich Natur und Kunst zu schaun mich treulich bestrebe,
    Daß kein Name mich täuscht, daß mich kein Dogma beschränkt?
Daß nicht des Lebens bedingender Drang mich, den Menschen, verändert,
    Daß ich der Heuchelei dürftige Maske verschmäht?
Solcher Fehler, die du, o Muse, so emsig gepfleget,
    Zeihet der Pöbel mich; Pöbel nur sieht er in mir.
Ja, sogar der Bessere selbst, gutmütig und bieder,
Will mich anders; doch du, Muse, befiehlst mir allein.


c)   D i e   S i n n e n k ü n s t e

Als wir die Betrachtung der   F o r m   in Goethe's Dichten in Angriff nahmen, schlug ich vor, zwischen zwei umfassenden allgemeineren Tendenzen der Formgebung und zwei inneren, mehr das Einzelne betreffenden zu unterscheiden. Die allgemeineren waren einerseits die   N a t u r t r e u e,   andrerseits die   F r e i h e i t   d e r   P h a n t a s i e,   zwei einander scheinbar widerstrebende, in Wirklichkeit

516 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

aber sich polar ergänzende Prinzipien; beide sind mit einiger Ausführlichkeit behandelt worden; jetzt ist es an der Zeit, die zwei mehr innerlichen Gestaltungsprinzipien näher ins Auge zu fassen. Diesen inneren Kreis antipodischer Tendenzen in der Formgebung glaubte ich auf die Beteiligung der beiden grundverschiedenen Kunstwelten — nämlich der Sinnenkunst und der Wahnkunst — an dem dichterischen Leben dieses Poeten zurückführen zu können. Mit dieser Frage geraten wir in die eigentliche Technik der dichterischen Formgebung und wollen darum recht vorsichtig verfahren. Als Erscheinung gehört Goethe's Dichten ganz und gar der Welt des Wahnes an, d. h. Worte sind sein alleiniges Werkzeug; nichtsdestoweniger wirken bei der Entstehung seiner Dichtungen Anregungen aus der künstlerisch gestaltenden Welt der Sinne unabweisbar bestimmend mit. Im Anfang des Kapitels haben wir diese Tatsache ausführlich erörtert (S. 408 bis S. 412), so daß ich für das Allgemeine nicht mehr darauf zurückzukommen brauche. Jetzt stellen wir uns aber eine andere, genau umschränkte Frage, indem wir lediglich untersuchen, in welcher Weise die Empfänglichkeit für die Kunst der Sinne auf die Formgebung des Wahnkünstlers gewirkt haben mag.
    Von der richtigen Erfassung des springenden Punktes hängt alles weitere Verständnis ab. Wer nur weiß, daß der Dichter Goethe stets aus der Wirklichkeit seine Eingebung schöpft, nicht von einer Wahnvorstellung aus, besitzt nur eine halbe Einsicht, und das kann schlimmer verwirren als gar keine. Entscheidend ist vielmehr, daß Goethe das unmittelbar gegebene Wirkliche, nämlich das Chaos der beliebigen empirischen Wirklichkeit für sein Dichten   a b l e h n t   und ausschließlich an eine künstlerisch geformte Wirklichkeit anknüpft. Alles Weitere — a l l e s — ist eine Folge dieser unverrückbar beharrenden ureigenen Richtung. „Die echte Kunst ... hat ein reales Fundament, aber sie ist nicht realistisch.“ Diese Formel, die Goethe für die bildende Kunst aufstellt, weist den Weg zu einer scharfen Definition seines Dichtens: Goethe's Dichten besitzt zwar ein reales Fundament; dieses Fundament ist aber nicht realistisch. Indessen, die Formel selbst bliebe ein bloßer Wortschwall, wenn wir nicht die Begriffe „reales“ und „nicht realistisches“ mit durchaus konkreten, sie streng unterscheidenden Vorstellungen verbänden: das reale

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Fundament ist die zufällig gegebene, vom Menschengeiste noch nicht seinen Bedürfnissen gemäß umgeformte Natur; „nicht realistisch“ besagt, daß diese Natur durch die — halb der Natur, halb dem Menschen — angehörigen Sinne des Ohres und des Auges eine erste Gestaltung erfahren hat, ehe sie der Dichter zu seinem Zwecke ergreift. Goethe's Dichten geht also auf die Natur zurück, jedoch auf die von ihm künstlerisch gestaltete Natur. Hiermit wird keine ästhetische Theorie angebahnt, sondern eine Tatsache festgestellt. Jetzt wollen wir weitere Tatsachen aufdecken.
    Alle Sinnenkunst ist Grenzkunst. Auf die Mittelstellung unserer Sinnesorgane habe ich früher hingewiesen (S. 416); Goethe mußte sie mehr als ein Andrer empfinden und nennt darum die Tonkunst ein beiden Sphären gemeinsames Element, „ein herrliches Kunst- und Natur-Element“; desgleichen übt er sich mit dem Gesichtssinn beständig, „die Natur mit den Augen dieses oder jenes Künstlers zu sehen“ und, umgekehrt, in den Werken der bildenden Künstler „die Natur zu sehen“. Das ist die Grenze, von der aus Goethe, der Wahnkünstler, seinen dichterischen Flug nimmt. Eine weitere und ganz einzige Bedeutung gewinnt aber dieser Umstand aus der Tatsache, daß Goethe nicht bloß Dichter, sondern mit gleicher Leidenschaft Naturerforscher ist. Infolgedessen besitzt er wie nie ein Dichter die Übung, Kunstwirklichkeit von Naturwirklichkeit scharf zu unterscheiden. „Mein durch die Natur geschärfter Blick warf sich wieder auf die Kunstbeschauung“, berichtet er. Weil Goethe Erforscher der Natur ist, darum greift er mit unbeirrbarer Sicherheit auf den „idealen Ursprung“ aller Kunst zurück. Und wollen wir dieses Verfahren näher schildern, so müssen wir, ich wiederhole es, sagen: seine Poesie unterscheidet sich von jeder anderen nicht allein dadurch, daß sie die Wirklichkeit und nicht die Phantasie zugrunde legt, sondern namentlich dadurch, daß sein Dichterauge nicht die elementare, sondern die menschenmäßig geformte Natur erblickt, und zwar in einer Weise, wie dies sonst einzig der zur Meisterschaft gereifte bildende Künstler vermag.
    Um nun genau zu erfassen, was hierdurch bewirkt wird, mache ich auf ein Wort Goethe's aufmerksam, bei welchem er zunächst die Sinnenkünste allein im Auge hat: „Die Natur ist schön — bis an eine gewisse Grenze. Die Kunst ist schön — durch ein gewisses Maß.

518 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Die Naturschönheit ist den Gesetzen der Notwendigkeit unterworfen, die Kunstschönheit den Gesetzen des höchstgebildeten menschlichen Geistes; jene erscheint uns darum gleichsam gebunden, diese gleichsam frei.“ Wie aus dieser Betrachtung erhellt, gewinnt der Dichter Goethe zu seinen Geistesschöpfungen als unentbehrliches reales Fundament statt eines gebundenen Schönen ein freies Schönes. Also, ehe er zu dichten beginnt, ist er schon entfesselt! Entfesselt aus den schwerfälligen Banden des Realen, aus den Banden der bloßen Natur. Bei ihm gestaltet Geist nicht allein   f ü r   Geist, sondern auch   a n   Geist; und zwar ergibt sich dieser unvergleichliche Standpunkt aus dem eng verschwisternden Verhältnis zu den Sinnenkünsten und wäre auf keinem anderen Wege zu erreichen. Auf diesem Gipfel steht Goethe allein. Wohl mögen andere Dichter — manchmal, nicht immer — Bewunderer der bildenden und tönenden Künste sein; doch ist es damit nicht getan; es kommt auf die Kunst als Kunst an, auf jenes „Geheimnis der Form“, von dem wir Goethe reden hörten S. 432) und das nur durch angeborene Gaben im Bunde mit nicht erlahmender technischer Übung zu erforschen ist. Mit welchem heiligen Ernst und Kraftaufwand Goethe zu allen Lebenszeiten die bildende Kunst und das Geheimnis ihrer Form bis auf den letzten Grund sich klar zu machen bestrebt war, ist hier und anderwärts genügend erörtert worden; doch auch um die Technik der Musik hat er sich viel eingehender bemüht, als die Meisten ahnen. Aus eigener Praxis kannte er das Clavicembalo und das Violoncell; noch 1774 wird bewundernd gemeldet: Goethe accompagne le clavecin de Madame (Maximiliane Brentano) avec la basse; und seine ausgesprochene Vorliebe für Streichquartette beweist den Besitz eines feingebildeten Gehörs. * Namentlich beschäftigte ihn in „vieljährigen Studien“ das Nachsinnen über die Art und Weise, wie der Mensch durch Einführung der sogenannten temperierten Stimmung es fertig brachte, die starre Natur zu überwinden und ihr das aufzuzwingen, was sie aus sich heraus nicht vermag und wodurch eine eigentliche „Kunst“ der Musik erst möglich wurde. Solche Gedanken können nur aus einer genauen Sachkenntnis entstehen, wie sie selbst viele Fachmusiker nicht besitzen. Auch andere Grundfragen der musikalischen Formgebung, z. B. das Verhältnis von Moll zu Dur und das „Abrunden und Nebulistisieren der Töne“ behufs enharmonischer

519 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Modulation aus einer Tonart in die andere sind seinem Geiste oft gegenwärtig, desgleichen Gedanken über „die einsichtige Gewalt, die erfordert wird, um einen solchen Körper zusammenzuhalten“. Ist also Goethe — wie wir uns überzeugten (S. 441) — in einem gewissen, sehr tiefen Sinne der genaue Gegensatz zu einem   T e c h n i k e r,   so bleibt es nichtsdestoweniger aller Beachtung wert, daß er gerade in den Sinnenkünsten, wo ihm der schöpferische Genius (im Gegensatz zum bloß empfangenden) abging, technisch und theoretisch vollkommen heimisch war; denn die Tragweite dieser Tatsache umspannt sein ganzes Dichten, indem sie zur Folge hat, daß die Natur auf seine Sinne nicht bloß sentimental und die Werke großer Bildner und Musiker nicht bloß ästhetisch und moralisch auf ihn wirken, sondern vielmehr vorwiegend rein künstlerisches Interesse, künstlerischen Genuß, künstlerisches Sinnen bei ihm wecken und das „Geheimnis der Form“ immerfort die Achse all seines Denkens und Arbeitens und Wachsens bleibt. Hierdurch gewinnt er nun als Dichter Anteil an jener   B e f r e i u n g   der Sinnenkünstler, von der vorhin die Rede war. Wollen andere Dichter ihre poetischen Einfälle „verwirklichen“, so wenden sie sich unmittelbar an die empirisch gegebene Welt: an Berg und Tal, Morgenröte und Sternennacht, an Menschengestalt, Tier, Pflanze, an Geschichte, Abenteuer, Mythos, an Liebe und jegliche Leidenschaft... und eine gewaltsame Vermählung findet statt zwischen Wahn und Wirklichkeit, was beiden manche Einbuße kosten muß; Goethe dagegen, der erst das Element des Tones um seine Seele rauschen hört, Mensch und Natur geheimnisvoll unwiderlegbar verschwisternd, dann, einem Maler und einem Plastiker gleich, sich das Auge mit vollendeter Kunstschönheit anfüllt,   e h e   der Geisteskünstler in ihm an die Gestaltung herangeht, Goethe greift mit seinem Dichten nicht ins Reale hinüber, wenigstens nicht — um seine eigenen Worte zu gebrauchen — in das realistische Reale, sondern in das idealistische, bereits kunstverklärte und hat darum Teil an jener „gleichsamen“ Befreiung der Sinnenkünste aus Naturgebundenheit. Eine gar kostbare Freiheit, da sie die Entfesselung aus logischen Gängelbanden in sich schließt.
    Von der Musik sagt Goethe, sie „leitet die Bewegungen des Körpers und gibt ihnen Leben“; das gleiche tut sie für Rhythmus

520 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

und Sprache; noch in seinem siebzigsten Lebensjahre spricht Goethe von seinem „fortwährenden Eifer, seine Lieder dem Lebens- und Kunstkreise des Musikers anzunähern.“ Hiermit wird aber zugleich auf das Höchste angespielt: die Musik belebt nicht nur den Körper, sondern beschwingt auch die Seele und erschließt dadurch dem Dichter Horizonte, die dem Erdgebundenen verborgen bleiben. „Der Gesang hebt wie ein Genius gen Himmel und reizt das bessere Ich in uns an, ihn zu begleiten.“ Wer also die Bedeutung des innigen Verhältnisses zur Musik für Goethe's Dichten sich klarmachen will, darf sich nicht mit den Einzelheiten der Form begnügen, sondern muß die Einsicht gewinnen, daß Goethe sich immer wieder Aufgaben stellt, Vorwürfe wählt, Situationen herbeiführt, Empfindungen weckt, welche — aus jenem ihm heimischen Elemente geboren — wiederum Musik voraussetzen und herbeirufen. „Musik“, schreibt Goethe, „füllt den Augenblick am entschiedensten“; aus dieser Fülle kommt er selber her, wenn er zu dichten beginnt, zu ihr muß er sich mit seinem Werke zurücksehnen. Sind eingestandenermaßen alle seine lyrischen Gedichte als Gesang gedacht, und gilt daher von ihnen:

Ton und Klang jedoch entwindet
Sich dem Worte selbstverständlich,

so gibt es auch nur wenige größere Dichtungen von ihm, die nicht musikalische Voraussetzungen bergen; manche fordern die Phantasie ausdrücklich auf, sich Musik hinzuzudenken. So z. B. als von der Eifersucht des Menelaus die Rede ist, erschallen schon die sein Nahen kündenden Trompeten, schreckerregend, und Phorkyas spricht:

Wie scharf der Trompete Schmettern Ohr und Eingeweid'
Zerreißend anfaßt, also krallt sich Eifersucht
Im Busen fest des Mannes ...

Doch auch in frühen Bühnenwerken lesen wir szenische Anweisungen wie folgende: „Die Musik wage es, die Gefühle dieser Pause auszudrücken.“ Zwei Liebende haben sich wieder gefunden: „Du bist's! Ich bin's!“ Die Sprache verstummt; einzig die Musik kann hier „dichten“; Goethe traut ihr jede Ausdrucksfähigkeit zu, wenn

521 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

sie es nur „wagt“. Und ich habe hier mit Absicht ein möglichst naheliegendes, Jedem sofort verständliches Beispiel ausgewählt; nun suche man aber weiter, und man wird auf Schritt und Tritt in Goethe's Dichtungen, auch dort, wo von einer Mitwirkung keine Rede ist, Musik antreffen, nämlich Dinge, wie sie aus dem Geist des Musikers allein entsprießen und welche, um richtig aufgefaßt zu werden, wenn auch nicht die Mitwirkung der Tonkunst, so doch eine Stimmung in dem Empfangenden erfordern, welche sonst nur Musik gebiert. Ist nicht z. B. folgendes Gedicht ganz Musik, so daß es für jenen „Verräter am Menschenwesen“ (wie Shakespeare den unmusikalischen Menschen nennt) in seinem tieferen Gehalt unzugänglich bleiben muß?

Ziehn die Schafe von der Wiese,
Liegt sie da, ein reines Grün,
Aber bald zum Paradiese
Wird sie bunt geblümt erblühn.

Hoffnung breitet leichte Schleier
Nebelhaft vor unsern Blick:
Wunscherfüllung, Sonnenfeier,
Wolkenteilung bring' uns Glück.

Goethe selber spricht gern von seinen Werken in musikalischen Ausdrücken und sagt z. B. von Egmont: „O wir wissen genug, daß wir eine so große Komposition schwer ganz rein stimmen können...“ Der Kunst der Musik traute er dagegen eine magische Gewalt des Stimmens zu. „Der Musikus kann alles! Das Höchste und Tiefste kann, darf und muß er verbinden“: so belehrt Goethe einen schüchternen Komponisten. Diese Kraft fühlte er in sich selber; diese Kraft, die er ein anderes Mal als die besondere Fähigkeit der Musik bezeichnet, „aus dem Ganzen und in das Ganze hinein zu arbeiten.“ Da haben wir gleich zwei wichtigste Befreiungen: das Verbinden des einander Entfernten und das Hinstellen des Ganzen, ehe noch die Teile da sind. Der Logik zum Trotze werden vermittelst der Musik scheinbar disparate Teile durch unmittelbare Gemütsbestimmung zur Einheit   v e r b u n d e n;   und wenn auch gewiß „innere Wahrheit“ stets „aus der Konsequenz eines Kunstwerkes entspringt“, so gibt es, dank der Belehrung durch die

522 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Sinnenkünste, auch für den Dichter noch andere Mittel, ein solches konsequentes   G a n z e   zustande zu bringen, als die konsequente Reihenfolge bloßer Gedanken. Die Welt ist weiter als das Hirn; die Sinne schauen in sie hinaus; was sie zeugen, kann nicht Lüge sein, auch wenn der Verstand es nicht eindeutig aufzulösen weiß; „die Sinne trügen nicht, das Urteil trügt“, sagt Goethe; auf diese Weise kommt der Sinnenkünstler dazu, Werke zu erfinden, welche innere und äußere Wahrheit vereinen und doch nicht auf logischem Wege glaubwürdig gemacht werden können. Ähnliche Schöpfungen stellt nun Goethe hin in seiner Kunstwelt des Geistes, Schöpfungen, in deren innere Wahrheit, in deren Konsequenz, Ganzheit, Einheit nur Derjenige Einblick erhält, der diese Erweiterung des Gebietes des Wortdichters über die Gebiete des Tonkünstlers und des Augenkünstlers ergriffen miterlebt.
    Ich brauche nur auf die Harzreise im Winter zu verweisen: was hier ein Ganzes aus einem Gebilde macht, welches sonst den bloßen Verstand als ein zerstückeltes Aneinanderreihen abschrecken könnte, ist ein halb unbewußt empfundener Mitklang aus dem Elemente der Musik; schon bei der Analyse wies ich für einiges auf Beethoven hin; das Werk stellt, wie wir sahen, in seiner wesentlichsten Absicht die künstlerische Widerspiegelung eines verwickelten Seelenkampfes dar, der nun — in einer tatsächlich erlebten, nicht phantastisch erdachten — Symbolik aus den Sümpfen der Lebensniederungen gewöhnlicher Schicksale zu den Gipfeln einsamer Höhe emporführt: das Ganze ein typischer Vorwurf für einen tonmächtigen Symphoniker. Doch der Augenkünstler gesellt sich dazu: fast jede einzelne Strophe ist ein Bild, ein Bild, wie es der Maler erblickt. Eine solche Leistung schließt die entsprechenden Forderungen in sich; denn der Leser soll sich zu der allverbindenden symphonischen Stimmung aufgefordert fühlen, sonst geht die Einheit und damit auch die „innere Wahrheit“ verloren; und er soll aus den mit höchster Absichtlichkeit äußerst knapp gehaltenen Worten einer jeden Strophe das Bild, das dem Dichter vorschwebte, sich vor Augen zaubern.
    Hier aber drängt sich eine ergänzende Bemerkung auf. Von den Sinnenkünsten hörten wir vorhin, nicht bloß, sie seien „gleichsam frei“, sondern auch, sie seien schön „durch ein gewisses Maß“

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(S. 517); an andrer Stelle heißt es von diesem Maße, es „sammle und regele die Einbildungskraft“. Auch die Musik hebt nicht bloß „wie ein Genius zum Himmel“, sondern erteilt Maß und bändigt Einbildungskraft. Musik ist verwandt mit Mathematik; ist diese im letzten Grunde die reine Form aller menschlichen Logik, so hat die Musik etwas an sich, was man Logik des Alls nennen könnte, wodurch sie zwingend wirkt und das Gefühl ebenso despotisch bestimmt wie die Mathematik den Verstand. Die Musik greift — wie wir sahen (S. 418 und 423) — weiter hinaus als die Augenkunst; sie bringt dunklere, aber reinere Kunde von der Natur, d. h. von allem, was Mensch und Nichtmensch zu einem einzigen Ganzen, jenseits der Vernunft, vereint. Beim Anhören der Werke Johann Sebastian Bach's, des „Großmeisters“, wie er ihn nennt, war Goethe zu Mute, „als wenn die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhielte, wie sich's etwa in Gottes Busen, kurz vor der Weltschöpfung, möchte zugetragen haben. So bewegte sich's auch in meinem Innern und es war mir als wenn ich weder Ohren, am wenigsten Augen, und weiter keine übrigen Sinne besäße noch brauchte.“ Damit diese Gewalt auch in seinen Werken walte, mußte der Dichter über eine Technik verfügen, welche dem Geist der Musik zu gehorchen versteht. Und wie schwer es auch ist, darüber zu sprechen, wir gehen gewiß nicht fehl, wenn wir das eigentliche „Geheimnis der Form“ bei Goethe als   M u s i k   bezeichnen — eine Musik, die nicht wie die Tonkunst zu den Ohren spricht, die aber dort webt und gebiert, wo Goethe es schildert, nämlich in seinem Inneren, jenseits aller Sinneneindrücke, und nun wiederum in unserem Innern weben und gebären muß, sollen wir an dieser Kunst vollen Anteil nehmen.
    Nicht weniger macht sich aber die Beeinflussung durch die bildende Kunst im Stile Goethe's bemerkbar. Er sagt uns ausdrücklich, wenn er von „Kunst“ spreche, so verstehe er zunächst Skulptur und Malerei darunter, und immer gehe er von diesen beiden aus, wenn er sich frage, was überhaupt „der Künstler zu tun habe“, damit man „endlich doch das Ganze sehe und ausrufe: Es ist schön!“ Namentlich tut sich dieser Einfluß in einer Richtung kund, wo diese Kunst ein heilsames Gegengewicht gegen die Erbsünde aller Musik — die Weitschweifigkeit — bildet. Von einer seiner vollendetsten

524 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Schöpfungen, Hermann und Dorothea, sagt Goethe: „Diejenigen Vorteile, deren ich mich in meinem letzten Gedicht bediente, habe ich alle von der bildenden Kunst gelernt. Denn bei einem gleichzeitigen, sinnlich vor Augen stehenden Werke ist das Überflüssige weit auffallender, als bei einem, das in der Succession vor den Augen des Geistes vorbeigeht.“ Diese gefährliche „Succession“ ist dem Wortdichter mit dem Tondichter gemeinsam. Namentlich ist es also die   V e r e i n f a c h u n g   des Stils, die Goethe dem Einfluß der bildenden Kunst zuschreibt; sie ist es, die ihn gelehrt hat, alles „Überflüssige“ — alles nämlich, was bloß rhetorisch, oratorisch, deskriptiv, sentimental wirkt, jede Wiederholung, Betonung, Einschränkung, Ausmalung, Überredung ... alles Dinge, die dem Wortkünstler naheliegen — zu unterdrücken und dafür die Tatsachen der Natur oder des Gemütes einfach hinzustellen, wie ein Maler, wie ein Bildhauer sie hinstellen müßte, stumm, einzig der einen Kraft der Gestaltung, d. h. der Kunstschönheit, für alle Wirkung vertrauend. Beispiele der äußerst möglichen Einschränkung auf die nötigsten Worte allein fanden wir in den beiden Gedichten Dämmrung und Herbstgefühl, auf die ich darum, als Beispiele aus der Lyrik, zurückverweise; fast jedes Gedicht und jede Prosaschrift kann ähnliche beitragen. Zeilen wie:

Der König sprach's, der Page lief;
Der Knabe kam, der König rief:
Laßt mir herein den Alten!

sind ein Nieerreichtes knapper Erzählungskunst. Und wer — seit Simonides — hätte Weisheitssprüche so kurz wie folgenden gefaßt, den ich unter hunderten wähle?

Ursprünglich eignen Sinn
Lass' dir nicht rauben!
Woran die Menge glaubt,
Ist leicht zu glauben.

Natürlich mit Verstand
Sei du beflissen;
Was der Gescheidte weiß,
Ist schwer zu wissen.

525 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Wer hätte je in neun kurze Zeilen so viel zum Andenken an einen edlen Mann hineingeheimnist wie in folgendem Beispiel?

Das Gute zu bewirken ungeduldig,
Reiner Vernunft, nüchternen Sinns,
Selbstüberwindung ihm der höchste Sieg.
Nur kunstbemüht zu bergen seinen Wert,
Festhaltend nur dem Edlen Eigenes,
Ein unberührt selbständiges Gemüt.
So fest wie sanft, so streng und so gelinde,
Der Himmel nahm ihn als geprüftes Gold.
So steigt der Heil'ge, wenn der Irdisch' ruht.

Fast noch unerhörter ist ein Gebilde wie Urworte. Orphisch, * wo es gelungen ist, in fünf achtzeiligen Strophen des Menschen ganzes Schicksal in Worten vollendeter Schönheit zu umspannen. Bei dieser Art zu dichten mußte die technische Methode des bildenden Künstlers — das Tastende, Versuchende, Tilgende, Hinzutuende — reichlich zur Anwendung kommen, so daß Humboldt, der Goethe am Werke beobachten durfte, nichts an ihm mehr verehrte als „die Sorgfalt“ seines Verfahrens, als die unnachlässige Arbeit bei der Hervorbringung dessen, „was, wenn es hervorgebracht ist, bloß eine unfreiwillige Gabe des Genies scheint“. In jungen Jahren gesteht Goethe, er „künstele am Stile, daß er recht natürlich werde“, und auf der höchsten Höhe seiner Meisterschaft hören wir ihn über eine Prosaschrift erzählen: „Das Rochusfest, abermals durchgearbeitet und nochmals abgeschrieben, hat an Bestimmtheit und Glanz gewonnen. Wenn man es nicht macht wie die Maler, die jemehr sie ausführen, destomehr sie auch wieder lasieren, um die Gegenstände auseinander und wieder zusammenzubringen, so kann aus solchen Dingen nichts werden.“ Aus derartiger, mühereicher Arbeit entringt sich ihm einmal fast eine Klage: „Es hat doch im Grunde Niemand einen rechten Begriff von der Schwierigkeit der Kunst als der Künstler selbst.“
    Nur episodenhaft flüchtig, immerhin aber zu unentbehrlicher Belehrung möchte ich hier aufmerksam machen, wie wenig die landläufige Vorstellung von der Kürze der Zeit, in der Goethe's dichterische Werke entstanden seien, der Wirklichkeit entspricht. Er selber mag in einzelnen allbekannten Äußerungen einigen Anlaß zu

526 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

diesem Mißverständnis gegeben haben, das jetzt der Lüderlichkeit mancher Verseschmierer zur Rechtfertigung dienen muß; in Wirklichkeit bezieht sich jenes „unwillkürliche“ Hervorbrechen dichterischer Offenbarungen, von dem Goethe im 16. Buche von Dichtung und Wahrheit redet, nur auf eine Erscheinung der genialen Schöpfungsweise unter anderen Erscheinungen, die nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. Denn an dieser Stelle verschweigt er das vorangegangene Bebrüten, das oft Monate oder Jahre umfaßte, und verschweigt die nachträgliche „Sorgfalt“, ohne welche „aus solchen Dingen nichts wird“. Kaum Ein kleinstes lyrisches Gedicht dürfte es geben, wo Lasieren und Feilen nicht nachweisbar oder vorauszusetzen wären. Im übrigen sind immer Tatsachen die beredtesten Überzeugungsmittel. Wer würde nicht wenigstens Werther's Leiden für eine feurige Jünglingsinspiration halten, halb unbewußt hingeworfen, so schnell die Feder nur laufen wollte? Die Voraussetzung stimmt keineswegs. Anfang September 1772 erfolgt Goethe's plötzliche Abreise aus Wetzlar: der Keim zu dem „Roman in Briefen“, nach Richardson's und Rousseau's Beispiel, ist damit in die Phantasie eingesenkt; Ende Oktober des selben Jahres erfährt er von Jerusalem's Selbstmord: hiermit war Höhepunkt und Lösung gegeben. Im November erhält er von Kestner den schleunigst erbetenen ausführlichen Bericht, dem das Buch manches Wort für Wort entnahm. Dann aber vergeht ein volles Jahr, ohne daß wir irgend etwas von dem beabsichtigten Roman, außer gelegentlichen Erwähnungen, vernehmen. Im März des zweiten Jahres — also 1774 — ist immer „noch nichts producibel“, und der Fünfundzwanzigjährige spricht weise: „Ein Bißgen früher oder später tut doch in der Welt nichts.“ Zu Ostern hatte dann doch die Arbeit fertig werden sollen, „ist aber in Brunnen gefallen“; einen Monat später ist noch immer „nichts zum Druck bereit“; erst Mitte Juni 1774 heißt es, Goethe habe seinen Werther zum Druck geschickt, und erst Mitte September — also genau nach zwei Jahren — können Exemplare vorgelegt werden. Hiermit ist jedoch nicht genug gesagt. Denn zehn Jahre später, als Goethe die erste authentische Gesamtausgabe seiner Werke vorbereitete, nahm er seinen Werther nicht nur stilistisch Satz für Satz durch, sondern führte Änderungen ein, die poetisch große Bedeutung besitzen. So z. B. kam die Episode des dem Liebeswahn

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verfallenen Bauernknechtes neu hinzu, und das Verhältnis zwischen Albert und Lotte, dadurch zugleich die Herzenslage beider gegen Werther, erhielt eine so merklich abweichende Darstellung, daß der zur Katastrophe führende Teil den Wert einer neuen Schöpfung gewann. Diese Änderungen beschäftigen des Dichters Phantasie zwei Jahre lang; Herder, mit dem immer wieder darüber beraten wird, „findet genau heraus, wo es mit der Komposition nicht just ist“, und so wird erst im September 1786 — nach nicht weniger als vierzehn Jahren — die Dichtung in jener Form vollendet, in der wir sie heute besitzen. Einzelne wenig umfangreiche Gebilde, wie die Novelle und Paria, trägt der Dichter gar ein halbes Jahrhundert sinnend und sie um- und umgestaltend im Kopfe, ehe die Stunde schlägt, welche die endgültige Gestaltung bringt; er selber nennt es „das Entgegenreifen einer reineren Form, einer entschiedeneren Darstellung“ und spottet:

Jahre lang bildet der Meister und kann sich nimmer genug tun,
Dem genialen Geschlecht wird es im Traume beschert!

Dazu nun das Zeugnis der vielen Umarbeitungen und Fragmente: Götz wurde zweimal von A bis Z umgeschrieben, bevor er im Druck erschien, dann 1786 revidiert und 1804 für die Bühne vollkommen umgearbeitet; von Iphigenie gab es zwei verschiedene Fassungen in Prosa und drei verschiedene in Versen; Egmont hat vierzehn und Tasso neun Jahre lang Umarbeitung über Umarbeitung erlitten, ehe ein jedes die jetzige Gestalt erhielt; zwischen den ersten Skizzen zu Wilhelm Meisters Lehrjahren und der Vollendung des Manuskriptes in seiner endgültigen Gestalt vergehen mehr als achtzehn Jahre; das Werden des Faust umspannt bekanntlich sechzig Jahre. Von hundert dramatischen Plänen, die Gräf aufzuzählen weiß, sind fünfzig unausgeführt oder fragmentarisch geblieben.... Dieses Wenige genügt, zu veranschaulichen, wie anders Goethe arbeitet als z. B. ein Shakespeare und ein Schiller, anders auch als ein Cervantes, ein Byron und sie alle; hingegen empfinden wir viele Berührungspunkte mit den Arbeitsmethoden eines Leonardo oder eines Michelangelo. Die Art des Sinnenkünstlers, Skizzen anzuhäufen, Entwürfe, Pläne, Fragmente, der plötzliche Einfall und dessen langsame Ausführung, das Hinzutun und Hinwegnehmen, bis die Harmonie der Gestalt vollendet ist und weder Lücke noch Wiederholung das Auge verletzt

528 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

oder belastet ... das alles sind Gewohnheiten und Methoden, die auf innige Verwandtschaft hinweisen.

d)   D i e   W a h n k u n s t

    Inwiefern wir die Formgebung des Sinnenkünstlers in Goethe's Werken wiederfinden, ist jetzt gesagt worden; inwiefern nicht, bleibt noch zu untersuchen. Hiermit verlassen wir die Welt der Sinnenkünste, überschreiten die „kaum überbrückbare Kluft“ (S. 413) und gelangen in die Welt der   W a h n k u n s t.
    Goethe sagt einmal: „Die innere Form begreift alle Formen in sich“; die   i n n e r e   Form war eben die Welt seiner Meisterschaft; schöpferisch zu gestalten vermochte er einzig in der Kunstwelt des Geistes. Mochte seine Seele noch so verwachsen sein mit der Welt der Sinne und ihren Künsten, sobald er selber reden wollte, mußte er zu Worten greifen: weder Stift, Farben, Marmor noch das Reich der Töne standen ihm zur Verfügung. Wie immer bei höchsten Begabungen — man denke nur an Leonardo — türmte das Übermäßige unübersteigliche Grenzwälle auf, höhere und rauhere als bei gewöhnlichen Sterblichen; auf seine eigene Bahn zurückblickend, bemerkt einmal Goethe: „dem Genie traut man alles zu, da es doch nur ein Gewisses vermag“. Wo ein so gewaltiges Können lebendig vorhanden ist, wirkt das Nichtkönnen tragisch. Hatte Goethe in der Jugend den Pinsel „mit Beugung, Andacht und Hoffnung in die Hand genommen“ und gemeint, „das Schicksal seines Lebens“ hänge von dem Erfolg ab, so mußte er sich später von dieser Kunst bekennen: „Ich bin immer so nah und so weit, wie Einer, der vor einer verschlossenen Türe steht.“ Namentlich aber wirkt wie eine verzweiflungsvolle Ohnmacht Goethe's Verhältnis zur ausübenden Tonkunst: die jahrelang eigensinnig fortgesetzten Versuche, Musiker als Mitarbeiter an seinen Plänen zu gewinnen, Musiker, die er auf seine Kosten höher ausbilden ließ und die er in zahllosen Briefen zu leiten suchte — alles umsonst, da er auf Dinge zielte, zu denen die Zeiten nicht reif waren. Später der unlösbare Widerstreit: auf der einen Seite die „ungeheure Gewalt der Musik auf ihn“, sie „faltet ihn auseinander, wie man eine geballte Faust freundlich flach läßt“, ihm ist bei ihr zu Mute, „als ob er den Staub und die Asche des Jahrhunderts vom Haupte schüttelte“ und „einen Vorschmack der Selig-

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keit“ genösse; auf der anderen Seite das Schicksal, das ihn mit talentlosen Stümpern oder armseligen Talenten umgibt, so daß er am Schlusse seines Lebens die Gegenwart des leidenschaftslos flachen Mendelssohn noch als Himmelsgabe preisen muß. „Ein Drittel des Lebens“, meint er, habe ihm durch die Ermangelung der Musik gefehlt, und, „verstünde er sich nicht besonders auf's Verzweifeln“, diese Einsicht „würde ihn sehr unglücklich machen“. Wäre jene von ihm geträumte Vermählung mit einer gleichgestimmten Tonkünstlerseele geglückt, die dann auf ihn neuanregend und leitend zurückgewirkt hätte, wir besäßen wohl Werke, die keine Phantasie sich auszumalen fähig ist. Doch wären wir wahnbetört, wollten wir bei solchen unmöglichen Möglichkeiten verweilen.

Unmaß in der Beschränkung hat zuletzt
Die Herrlichsten dem Übel ausgesetzt.

Wogegen das Genie im Menschen sich nirgends bewunderswerter zeigt als in der Art, wie es Maß übt, wie es die eigene Grenze zum Stützpunkt benützt, um ein Nochniedagewesenes zu errichten. Goethe, der nicht malen und nicht komponieren konnte, schuf sich in der Sprache ein Organ, fähig, dieser einzigen, an Sinnenkunst orientierten Dichterstimmung und Gestaltungssehnsucht zum Ausdruck zu verhelfen. Das Können ist an dem Nichtkönnen gewachsen. Die eigenartige Vollendung, jenes unsagbare Etwas, das uns aus Goethe's Sprache (in Prosa und in Versen) anweht und dessen Zauber uns mit den Jahren immer mächtiger entzückt, beruht ohne Frage auf der Tatsache, daß hier die zwei wesensverschiedenen Kunstwelten eine Vereinigung erleben und somit kaum eine Spur der rohen Naturschlacke und des Verstandesschematismus zurückbleibt, die wir sonst bewußt oder unbewußt, so gut es gehen will, verarbeiten und ausscheiden müssen. Diese schon früher in anderem Zusammenhang gewonnene Erkenntnis drängt sich wieder auf, sobald wir Goethe's Sprache näher ins Auge fassen und uns fragen, worin ihre unnahbar schlichte Meisterschaft besteht und warum sie den Eingeführten ewig neu begeistert, während sie gegen den Fernerstehenden eine schwer zu überwindende Unzugänglichkeit aufrichtet.
    Über Goethe's Sprache im allgemeinen sagte ich schon im zweiten Kapitel einige Worte (S. 185 ff.), die ich hier nur wiederholen

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könnte, und auch in diesem Kapitel fand Verschiedenes Erwähnung, wie es die Gelegenheit brachte. Goethe's auffallendes und andauerndes Mißtrauen gegen Worte wurzelt in seinem Verhältnis zur realen Wirklichkeit, wobei es sich aber nicht allein um Dinge der äußeren Welt, sondern auch um solche der inneren handelt, also nicht bloß um Anschauung, sondern auch um Empfindung. Wie soll das Wort dazu gebracht werden, nicht allgemein, sondern bestimmt, sondern genau individualisierend zu sein? Ausdrücklich sagt Goethe z. B. von einer seiner Dichtungen, Liebeschmerzlicher Zwiegesang unmittelbar nach dem Scheiden (später Äolsharfen genannt), * es kämen darin seelische Wirklichkeiten vor, die „dem Begriff und selbst der Einbildungskraft fremd bleiben“, so daß er einzig der Musik, „die dem Gefühle alles anzunähern vermag“, eine unmittelbare Verdolmetschung zutraue; ¹) und doch hat er sie ohne Musik durch die magische Gewalt der durch Begriffe geweckten Empfindungen und Vorstellungen anzudeuten gewußt und kann geruhig wie an andrem Orte, sprechen:

Lasset Lied und Bild verhallen,
Doch im Innern ist's getan.

Wie immer bei Goethe: auf eine   T a t   kommt es an; nicht aufzählen sollen seine Worte, sondern wirken, nicht überzeugen, vielmehr zeugen. Gleich Samen benutzt er die Worte, senkt sie ins Innere ein, wo sie dann nach und nach aufkeimen und in der Zeiten Fülle so reiche, reife Frucht tragen, daß sich keine logische Erklärung geben läßt, auf welche Weise es der Dichter angefangen hat, aus einem starren, in seinem Bedeutungskreis festgepfählten Worte, aus einem schlichten Satzgefüge Unaussprechliches hervorzuzaubern. Häufig gelingt ihm genau das, was er von den Sinnenkünsten erhofft: „eine Art Symbolik“, durch welche der Gegenstand „weder nachgeahmt noch gemalt, sondern in der Imagination auf eine ganz eigene und unbegreifliche Weise hervorgebracht wird, indem das Bezeichnete mit dem Bezeichnenden in fast gar keinem Verhältnisse zu stehen scheint“. Geben wir uns ja nicht dem Wahngedanken hin, es werde
—————
    ¹) Das Gedicht Liebeschmerzlicher Zwiegesang findet der Leser im Anhang abgedruckt.

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jemals möglich sein, den Zauber von Goethe's Sprache durch Analyse zu ergründen! Gerade an diesem Punkte findet das eigentliche Wunder statt, das Wunder, das sich uns äußerlich als das eine, nie wiederkehrende Individuum darstellt und von dessen Wirkung wir nur aus unserm eigenen Innern heraus bezeugen können:

Das Unbeschreibliche,
Hier ist es   g e t a n.

Gefördert werden wir aber immerhin, wenn wir richtige Vorstellungen darüber besitzen, inwiefern das Unvergleichliche an dieser Sprache einerseits in dem besonderen Verhältnis zwischen Phantasie und Wirklichkeit, d. h. zwischen Poet und Naturerforscher, andrerseits zwischen Geist und Sinnlichkeit, d. h. zwischen Wortkünstler und Sinnenkünstler wurzelt, und förderlich ist es auch, sich zu überzeugen, daß nie nachlassende Arbeit und Sorgfalt an der erreichten Vollendung beteiligt sind. „Gerade da, wo man sich am tüchtigsten auszusprechen wünschte, fangen an die Worte zu fehlen“, gesteht der Sprachgewaltige: während es so Vielen in unseren Tagen der Parlamentarier an Worten niemals fehlt! Worte sind „nicht ein Bild, sie sind ein Schatten“: so spricht der Mann, der mit Bewußtsein Wahn und Wirklichkeit scheidet. „Die Sprache ist nicht auf alles eingerichtet“: so urteilt der Meister, der von der Sprache das Äußerste, was sie nur zu leisten vermag, gefordert und gewonnen hat. Nie erlahmt dieser lebenslange Kampf, und fünf Monate vor seinem Tode tröstet sich der noch immer einzig die Tat Hochschätzende: „Es ist erlaubt, ja verdienstlich, für das Unaussprechliche einen wörtlichen Ausdruck zu versuchen.“ Auch bei Anderen lobt er jedes Bestreben, „durch eine genaue Schätzung der Worte“ eine „gefaßte Sprache“ zu gewinnen, welche dann, selbst wo sie als Prosa auftritt, „sich unmerklich in die höheren Regionen erhebt und daselbst poetisch für sich zu schalten vermögend ist“, d. h. schöpferisch.
    Wenn nun an Goethe's Stil manches fremd und befremdend auffällt — als künstlich, gespreizt, gesucht, gewaltsam — so rührt das in Wahrheit einzig daher, daß unser Hirn, von hergebrachten Phrasen und leeren Worten angefüllt, die Fähigkeit verloren hat, eine schöpferisch neue Sprachgestaltung und Sprachanwendung zu wür-

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digen. Goethe hatte es auch im gewöhnlichen Leben für eine erste moralische Pflicht erachtet, „sich vor nichts so sehr als vor leeren Worten zu hüten“; eine Phrase zu machen „schien ihm unmöglich“. Inzwischen haben die Fluten fehlervoller, farbloser Sprache, die in diesen Tagen der Vielschreiberei und der Schnellpresse um uns hochgehen, eine nachweisbare Entkräftigung des Sprachgefühls zur Folge gehabt; statt einer frohen Gegenwirkung des dankbaren Aneignens lehnen wir das Ungewohnte träge ab. Goethe schreibt einmal: „Jede Form, auch die gefühlteste, hat etwas Unwahres; allein sie ist einfür allemal das Glas, wodurch wir die heiligen Strahlen der verbreiteten Natur an das Herz der Menschen zum Feuerblick sammeln.“ Schon vor 2300 Jahren hatte Plato den Menschen begreiflich machen wollen, wie jede neue Gedankengestalt aus einer Art Gewaltsamkeit des Geistes entstehe; alle Schöpfertat bricht und verknetet manches Vorhandene, um es zu neuer Gestalt in neuer Bedeutungsfülle aufzurichten. Das tut auch Goethe mit seinem künstlerischen Stoff, der Sprache. Zwar ist es für seine Art bezeichnend, daß er mit äußerster Rücksicht gegen das Bestehende verfährt; ihm lag nichts an Neubildungen, wie sie bei einigen seiner Zeitgenossen mit üppiger Willkür hervorsproßten: sein Sinn war auf ein anderes gerichtet: auf die mühsam vorsorgliche Verfertigung jenes Glases, fähig, die heiligen Strahlen an das Herz der Menschen zum Feuerblick zu sammeln. Häufig ist es gerade die Einfachheit seiner Sprache, mehr als irgend eine ungewohnte Wortfügung oder Satzbildung, was befremdet; das völlig Ungesuchte wirkt nicht selten atemraubend; das Neue daran und dessen Bedeutung liegt meistens vor profanen Augen versteckt. Jedoch, wo es sein Zweck benötigte, da schreckte ihn nichts und ließ er sich durch keine Rücksicht auf terminologische und syntaktische Schulregeln fesseln. Ein leeres Wort — wir hörten's soeben — war ihm die größte Sünde; ein ungenaues galt als zweitgrößte. Und sage ich „Wort“, so will ich damit zugleich alles Sprachliche bezeichnet haben, auch wenn das Geistesgefüge einen Satz, eine Periode, vielleicht ein ganzes Gebilde umfassen sollte. Goethe kam es allein auf die Absicht an; sie sollte verwirklicht werden; die Sprache mußte ihm dazu dienen. Wie Luther von dem bahnbrechenden Tonkünstler Josquin de Prés sagt: „Andere haben tun müssen, wie die Noten wollten, aber Josquin ist ein Meister der Noten, die müssen tun, wie

533 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

er will“, ebenso könnte man von Goethe mit Bezug auf die Wörter sagen.
    Hier nun entsteht eine große Gefahr; denn mit einer Vermessenheit, die einzig in dem Mangel an wahrem Verständnis für das Geleistete ihre Erklärung finden kann, ist ein Heer von Philologen und Ästheten erstanden, naiv vermeinend, Goethe's Sprache gehöre in das von ihnen beherrschte Gebiet; von gelehrten Zeitschriften und Dissertationen aus dringt das Gift in so ziemlich alle Aufsätze und Bücher über Goethe ein und — wie die das gelbe Fieber verbreitenden Mückenstiche — zerstören diese teils beschränkten, teils boshaften Nörgeleien, Spöttereien, Zurechtweisereien in weiten Schichten der Gebildeten eine erst jetzt aufdämmernde Ahnung dessen, was Goethe in dieser Beziehung geleistet hat und was neben seiner rein dichterisch-sprachlichen Bedeutung ein neues Kunstideal (wie dieses Kapitel gezeigt hat) birgt, ein Ideal, das ebenso wie das des Naturerforschers Goethe — und gerade in der Sprache und durch sie vermittelt — ein neues Kulturideal als Keim in den Menschengeist einzusenken berufen war und ist. Ob je Einer fähig sein wird, die selben Wege schöpferisch zu wandeln, darnach haben wir nicht zu fragen; Goethe's Werke sind da, nun sollen sie wirken können; ihre Wirkung wird aber wesentlich beeinträchtigt durch jene Kritiker und Verneiner. Wie immer in diesem Buche, kann ich auch hier nur durch Andeutungen zu leiten hoffen; die Sache ist aber zu wichtig, um unerörtert zu bleiben; ein einziges Beispiel, genügend deutlich entwickelt, wird gewiß hinreichen, Überzeugung zu geben und mit ihr die Fähigkeit, alles Fehlende selbständig zu ergänzen.
    Ein angehender junger Dichter wendet sich an Goethe, Urteil und Ermutigung erbittend; dieser liest seine Versuche und erteilt ihm darauf den Rat: „Hüten Sie sich vor allen Negationen ... ferner vor allen Übertreibungen, welches indirekte Negationen sind. Beide geben weder Bild, noch Empfindung, noch Gedanken. Im Gegenteil, suchen Sie sich immer einen gehaltvollen Gegenstand.“ Also immer wieder: der Wert des Gedichtes ist zunächst von dem Reichtum des wahren, erlebten Gehalts abhängig, über dessen Mangel keine angebliche Formschönheit hinweghelfen kann; nun aber gilt es, diesen „gehaltvollen Gegenstand“ positiv und schlicht zu bringen. Aus Verneinungen läßt sich nichts aufbauen; die Natur kennt nur

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Positives, wogegen in der Negation lediglich eine logische Funktion unseres Verstandes zum Ausdruck kommt. Ebensowenig kennt die Natur einen Superlativ; vielmehr steht jedes Wesen und jedes Ding gleichberechtigt da. Diese zwei Regeln lassen sich zusammenfassen: weder absprechen noch in Steigerungen sprechen. Nun aber kommt das auf Gänsekielen reitende wilde Heer herangesaust — das Heer „der Fratzen und litterar'schen Katzen“, wie sie Goethe nennt — und hält ihm in Büchern, Broschüren und Vorträgen vor, er selber handle gegen seine eigenen Grundsätze, woraus hervorgeht, er müsse ein recht mittelmäßiger Dichter und inkonsequenter Denker sein. Schauen wir uns den Vorwurf näher an! Denn es handelt sich nicht um philologische Geheimwissenschaft, sondern um faßbare Behauptungen, über die jeder gebildete Mann urteilen kann.
    Zuerst die Verneinungen. Diese zählen sie ihm nach, Werk für Werk, Szene für Szene, Strophe für Strophe! Und doch darf man voraussetzen, jeder gradgesinnte Volksschullehrer könnte die gelehrten Herren darüber aufklären, daß Goethe mit jenem Gesetz nicht den rein logischen Teil der Form im Sinne gehabt haben kann, sondern vielmehr den naturtreu widerzuspiegelnden Wirklichkeitsgehalt. Die Sprache muß unbeschränkt frei walten; ihr Nein kann ein Ja bedeuten; der Gehalt aber, der soll und muß aus lauter positiven Zügen aufgebaut, nicht das Hingezeichnete wieder verwischt werden; „Realität ist Etwas, Negation ist Nichts“, wie Kant sagt. Worauf er hier hinauswill, hat Goethe an andrem Orte unzweideutig ausgesprochen: „Der junge Dichter beseitige streng allen Widergeist, alles ... was nur verneinen kann; denn dabei kommt nichts heraus“; die Gemütsneigung beseitige er, die verneinende, diese den Deutschen im besonderen angeborene Unart, „nichts Positives anzuerkennen“ und alles aus dem Standpunkt eines „Widerdämons“ (wie Mephistopheles zornig gescholten wird) anzusehen und hinzustellen; damit zerstört man bloß und baut niemals auf. Hingegen sprachlich die Verneinung zu der kräftigsten Hervorhebung einer positiven, leidenschaftlich bejahten Tatsache dienen kann. So z. B. wenn in Goethe's Achilleis Pallas Athene hinuntereilt zur Erde, daß nicht ihr Liebling Achill in Unmut sein Leben beende, sondern ihm als Glücklichsten „der Stunde Hand die Fülle des Ewigen reiche“, so ist in diesem Augenblick die Göttliche für alles andere blind, ihn allein sieht sie:

535 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

    N i c h t   blickte sie erst nach der Veste der Stadt hin,
N i c h t   in das ruhige Feld, das zwischen des heiligen Xanthos
Immer fließendem Schmuck und des Simois steinigem, breitem,
Trockenem Bette, hinab nach dem kiesigen Ufer sich strecket.
N i c h t   durchlief ihr Blick die Reihen der Schiffe, der Zelte,
Spähete   n i c h t   im Gewimmel herum des geschäftigen Lagers;
Meerwärts wandte die Göttliche sich, der Sigeische Hügel
Füllt' ihr das Auge: sie sah den rüstigen Peleionen
Seinem geschäftigen Volke der Myrmidonen gebietend.

Diese Stelle erinnere ich mich, von einem angesehenen Fachgelehrten als Bestätigung jener philologischen These, Goethe schwelge in Verneinungen, angeführt gesehen zu haben — diese Stelle, welche uns in Wirklichkeit eine von Vers zu Vers sich steigernde Bejahung gibt, als Bild, als Empfindung, als Gedanken. Denn sie deutet auf all das reiche Leben, das unter der herabschwebenden Athene ausgebreitet lag — Flüsse, Felder, Vesten, Zelte, Schiffe, Menschengewimmel ... und wir staunen zu vernehmen, sie habe von alledem nichts gesehen; dadurch erst — durch die umständliche Aufzählung dessen, was unbemerkt blieb — lernen wir empfinden, wie ganz nur die Eine Gestalt, der „fürstliche Mann, so nötig auf Erden“, ihr „das Auge   f ü l l t“.   Im Schatten steht er, „im Grunde des Bechers“; so hingegeben aber ist sie dem einzigen Gedanken, daß sie, für alles Sonnenbeschienene mit Blindheit geschlagen, einzig Achill erblickt. Das ist doch keine Negation, Gott des Erbarmens!
    Nicht anders verhält es sich mit der weisen Mahnung vor Übertreibungen. Auch hier zählen die Ästheten Goethe's Superlative auf und machen mit Entsetzen auf eigenartige, überkühne Bildungen aufmerksam. So z. B. ereifern sie sich seit Generationen über die Form „letzteste“, die Goethe in den ewigen Versen anwendet:

Wie zum Empfang sie an den Pforten weilte
Und mich von dannauf stufenweis beglückte;
Selbst nach dem letzten Kuß mich noch ereilte,
Den letztesten mir auf die Lippen drückte....

Da sieht man, wie recht Goethe hat: „Poetischer Gehalt ist Gehalt des eigenen Lebens“ (S. 443); wer sein Leben lang am Schreibtisch

536 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

gebückt saß, der kann sich freilich unmöglich vorstellen, was das heißt, „stufenweis“ beglückt und „nach dem letzten Kuß“ noch vom „letztesten“ ereilt zu werden. Man glaubt, den seligen Geheimrat Professor Doktor Wagner in seinem Laboratorium, umgeben von „weitläufigen unbehülflichen Apparaten“, zu hören, wenn im Tone des heiligsten „wissenschaftlichen“ Ernstes doziert wird, Goethe hätte „allerletzter Kuß“ schreiben müssen! Ja, meine Herren, ein Goethe   z ä h l t   nicht Küsse, wie ihr ihm seine Negationen und Superlative nachzählt und tabellarisiert, kann darum auch nicht sagen, ob de summa nihil decedet, ob die fälligen Küsse alle beisammen sind; bei der Begegnung zweier heroisch Liebenden gibt es jedoch einen Begriff, dem eine herzzerwühlende Wirklichkeit — jenseits aller Zahlenvorstellungen — entspricht: der letzte Kuß; dieser kann nicht durch irgend eine grammatikalisch gestattete Kollektivbildung „gesteigert“ werden, am wenigsten durch eine, die an die Plakate unserer Herren Zirkusbesitzer gemahnt; er ist der „letzte“ — oder vielmehr er war es; denn sein Wesen ist, nie wiederzukehren; und von dieser Vorstellung umnachtet, taumelt, im Schmerzenswahnsinn, der Geliebte aus dem „Himmelstor“...

Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist,
Fliehe mit abegewendetem Blick!

Da ereilt sie ihn und drückt — mit „gabeseligem Munde“ — noch einmal diesen „letzten“ auf seine Lippen: „den letztesten“. Sagte ich einmal in Anlehnung an Goethe (S. 456), es würde ein Ideal der Sprache sein, wenn eine Erscheinung mit einem einzigen Worte erschöpfend ausgesprochen werden könnte, so ist das hier dem Sprachkünstler gelungen.

Da bleibt kein Rat, als grenzenlose Tränen!

    Mit diesem Doppelbeispiel hoffe ich, dem Leser kräftige Anregung gegeben zu haben, und zwar positive und auch negative; denn man kann das positiv Geleistete gar nicht zu energisch rückhaltlos bejahen und das negativ Zerstörende gar nicht zu unbedingt verneinen. Die rechte, produktive Liebe schließt notwendig den Haß in sich, den Haß gegen das, was Goethe „gemeines Räsonnieren“ nennt. Gott und Mammon ist nicht der einzige kontradiktorische

537 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Gegensatz, der feigen Seelen keine Fußbreite zum Lavieren läßt; Schritt für Schritt findet sich jeder Lebendige und Aufrichtige vor ähnlich entscheidende Dilemmen gestellt; wohl Dem, bei dem die „urgebotne Liebe“ keiner zögernden Wahl im Herzen Raum läßt. Luther meinte, wer eine Sprache richtig reden wolle, müsse „dem gemeinen Mann auf dem Markt auf das Maul sehen“; nicht empfiehlt er, die abgezogenen Bücherregeln zu Rate zu ziehen;   n u n   tritt ein Dichter auf, nicht bloß königlich begabt, sondern von originellster Geistesanlage, dank welcher er berufen ist, neue Bezüge aufzudecken — zwischen Anschauen und Denken, zwischen sinnlicher Wirklichkeit und Poesie, zwischen Natur und Menschengemüt — ein Dichter, der hierzu als Organ einzig die Sprache gebrauchen kann; anstatt nun ihm gegenüber so zu handeln wie ein Luther gegen jeden Bauern, und die Sprache von Dem zu erlernen, der etwas zu sagen hat, kommen unsere Philologen, zerpflücken Goethe's Prosa und Poesie, als handle es sich um Schüleraufsätze, und dozieren: dies ist richtig gesagt, jenes falsch, das dort inkonsequent, ein anderes abzulehnen usw. Das ist doch eine verkehrte Welt!
    Wenden wir uns nun in der sonnigen Stimmung befruchtender Bejahung zu Goethe's Sprache zurück, so finden wir uns vor einem Unübersehbaren; jahrelang hätten wir zu schaffen, wollten wir uns gründlich darin umtun. Nur kurz sei der Leser auf einiges aufmerksam gemacht, geeignet ihn weiter hinauszuführen. Der Vereinfachung wegen schlage ich vor, unser allgemeines Schema der Form in Goethe's Dichten mit seinen vier Abteilungen hier auf das innerste Getriebe der letzten Abteilung anzuwenden, um uns darüber klar zu werden, inwiefern die allgemeinen Eigenschaften der Formgebung sich im einzelnen Wortausdruck widerspiegeln. Wir wollen nacheinander den Einfluß der Naturtreue, der frei gestaltenden Phantasie und der Sinnenkünste auf die Elementarteile der Rede in Betracht ziehen, zuletzt dann dasjenige, was wir die rein sprachliche Behandlung der Sprache nennen können, das eigentlich Sprachtechnische.
    Zunächst gewöhne man sich daran, in Goethe's Sprache stets die   N a t u r t r e u e   zu beachten; es gehört Aufmerksamkeit dazu, die aber reichlich Belohnung findet. Aus einer verlockenden Menge interessanter Fälle greife ich folgenden heraus. Das Wort „zweig-

538 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

haft“ kommt einmal bei Goethe vor; ein — ich weiß nicht warum — mit einer Art fürstlicher Autorität belehnter Aesthet tut das gute Wort (mit anderen verwandten Bildungen Goethe's auf „haft“) in Acht und Bann; ein Philologe — zitternd vor dem Schatten, nicht Goethe's, wohl aber des gewaltigen Verfassers der vielbändigen Ästhetik — entschuldigt zaghaft den Dichter, er habe „zweigig“ sagen wollen und sich dabei vergriffen; ein Dritter belehrt uns, „zweighaft“ bedeute „mit vielen Zweigen“; ein Vierter sagt, nein, ganz im Gegenteil, „zweigig“ deute auf viele Zweige, „zweighaft“ dagegen auf wenigere ... Nun wollen wir uns aber das Wort dort ansehen, wo es organisch verwendet wird. Es geschieht in der unsterblichen Schilderung von Arkadien im Helena-Akt von Faust II. Unfern dem Meere — wie die Worte „ringsum von Wellen angehüpft“ zeigen — erblicken wir steilabfallendes Gebirge, denn wir hören:

Verteilt, vorsichtig abgemessen schreitet
Gehörntes Rind hinan zum jähen Rand.

An diesen „Felsenwänden“ nun,

... sehnsuchtsvoll nach höheren Regionen,
Erhebt sich zweighaft Baum gedrängt an Baum.

Wer je im Süden war, wer in der sogenannten Macchia an der italienischen Meeresküste gewandert ist, versteht sofort, was hiermit naturgetreu vor das Auge gezaubert werden soll; namentlich, da die Schilderung durch die folgende Strophe ergänzt und vervollkommnet wird:

Alt-Wälder sind's! Die Eiche starret mächtig
Und eigensinnig zackt sich Ast an Ast;
Der Ahorn mild, von süßem Safte trächtig,
Steigt rein empor und spielt mit seiner Last.

Es handelt sich um die Steineiche und um die Korkeiche, beide knorrig und winklig, unter denen der mehr vereinzelte Ahorn „rein emporsteigt“, dem blauen Himmel sein helleres, beweglicheres Grün entgegenstreckend. Freilich sind Worte unvermögend, Demjenigen, der dieses bezaubernden Anblickes nie teilhaftig wurde, ein ebenso

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lebhaftes Bild davon vor Augen zu rufen, wie es durch Goethe's wenige — nicht deskriptive, wohl aber malermäßige — Striche jedem Beglückten zuteil wird; doch, wollten die Menschen die Kritik an Goethe künftigen Jahrhunderten überlassen und vorderhand sich begnügen, ihn lesen zu lernen, sie würden bald begreifen, daß, wenn er das Wort „zweighaft“ hier in die Sprache einführt, er damit der sinnenden Phantasie etwas übermitteln will, wozu kein einziges anderes Wort in dem deutschen Schatze getaugt hätte. Sprechen wir Nordländer von Wäldern, so steigt uns zuvörderst das traute und zugleich feierliche Bild vor Augen, Stamm neben Stamm emporstrebend; mit bewundernswerter Bestimmtheit bezeichnet der Ausdruck „zweighaft Baum gedrängt an Baum“ das vollkommen verschiedene Bild an den steilen Felswänden einer mittelländischen Küste, wo selbst die Nadelhölzer — die bei uns wie Kerzenflammen nebeneinander am Abhang stehen — mit ihren weitausgreifenden Kronen ein jedes mit reichem Gezweige den Stamm seines höher stehenden Nachbarn verdeckt, so daß die ganze Wand von einer üppigen Wildnis von Baumkronen über Baumkronen verkleidet erscheint, und nur selten ein Stamm von unten bis oben dem Blicke sich bietet. „Zweigig“ würde nichts weiter besagen, als daß an diesen Bäumen Zweige wachsen — was, wo von Ahorn und Eiche die Rede ist, einem dreijährigen Kinde gegenüber keiner Versicherung bedürfte; „zweigig“ wäre an dieser Stelle ein Musterbeispiel jener „leeren Worte“, vor denen Goethe eine so heilige Scheu empfand; hingegen „zweighaft“ mit Energie die Aufmerksamkeit auf die Zweige im Gegensatz zu den Stämmen ruft. Das Suffix „haft“ deutet zugleich auf ein Haben und auf ein Haften (siehe Kluge); das „ig“ entsteht durch eine Verallgemeinerung im Verstande, das „haft“ besitzt konkrete Kraft, wie in den Worten „herzhaft“, „nahrhaft“ usw. So bildet z. B. Goethe die Form „geizhaft“, nicht — wie wiederum „interpretiert“ worden ist — um ein Mehr oder Minder gegen „geizig“ auszudrücken, was eine blasse Gedankenstruktur wäre, sondern um die konkrete Vorstellung des fest Haftenden zu wecken. In dem betreffenden Gedicht soll die jegliches Hindernis überwindende Macht des Betruges geschildert werden:

Freigebiger wird betrogen,
Geizhafter ausgesogen,

540 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Verständiger irregeleitet,
Vernünftiger leer geweitet,
Der Harte wird umgangen,
Der Gimpel wird gefangen.

Hier ist jedes Wort beachtenswert; denn für jeden einzelnen Fall wird genau gezeigt, auf welche Weise der Betrügende verfährt, um zum Ziele zu gelangen. Den Harten kann er nicht direkt anbohren, er muß ihn umgehen; den Vernünftigen lockt er mittelst seiner geliebten Dialektik hinaus in die leeren Weiten; den Verstandesmächtigen weiß er anzulügen, so daß dieser aus lauter Verstand eigensinnig irren wird; denjenigen aber, dem der Geiz fest, seinem ganzen Wesen eingewoben, anhaftet, ihn wird er nach und nach aussaugen, gleich wie die weiche Spinne, die keine Kau- noch Beißwerkzeuge besitzt, ihrer Beute langsam die Lebenssäfte aussaugt, mag diese noch so fest und hart gebaut sein. „Geizig“ wäre eine rein moralische Vorstellung, „geizhaft“ ruft — durch die Vorstellung des Haftens, überwunden durch das Aussaugen — ein Bild vor Augen. Solche Schattierungen lernt man bei Goethe beachten, bei Goethe, der wie Maler und Bildhauer alles faßbar hinstellt und darum von dem Homunculus im Fläschchen sagt, nicht, es fehle ihm am Tüchtigen — denn daran fehlt es ihm nicht — sondern — zum dauernden Entsetzen unserer Philologen — es fehle ihm am „Tüchtighaften“, und zwar — damit es in noch zweifelloserer Konkretheit vor uns stehe — „am greiflich Tüchtighaften“:

Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.

Das heißt: seine Tüchtigkeit ist ausschließlich abstrakt. Genau in der selben Weise wäre die zweigige Eiche ein bloßes Schema: wogegen die übereinander getürmten, üppig gedrängt sich in einander zackenden Äste der „zweighaft“ an der jähen Wand sich erhebenden Bäume dem im künstlerischen Sehen geübten Auge ein bestimmtes Bild vorzaubern, ein Bild, welches, weiter ausgebaut, der weltabgeschiedenen Liebe von Faust und Helena eine undurchdringlich umfriedete Heimstätte in unserer Phantasie schafft, wie sie keine Sinnenkunst der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erreichen kann. Wir müssen nur lernen, Goethe zu lesen.

541 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Gelockt auf sel'gem Grund zu wohnen,
Du flüchtetest in's heiterste Geschick!
Zur Laube wandeln sich die Thronen,
Arkadisch frei sei unser Glück!

Zum Schutze dieses arkadisch freien Glücks dient das zweighafte Gedränge.
    Nun kommt es aber dem Dichter Goethe, wie wir hinreichend belehrt sind, durchaus nicht allein auf Naturtreue an, sondern nicht minder auf die möglichst unbeschränkte Freiheit der Phantasie. In seiner Polemik gegen Diderot fordert er sogar vom Maler, er solle vor allem „nicht sowohl gewissenhaft gegen die Natur“, vielmehr „gewissenhaft gegen die Kunst sein“, und sagt: „Durch die treueste Nachahmung der Natur entsteht noch kein Kunstwerk, aber in einem Kunstwerke kann fast alle Natur erloschen sein, und es kann noch immer Lob verdienen.“ Freilich beeilt sich Goethe hinzuzufügen, ein solches Paradoxon sei ihm nur durch Diderot's Paradoxie abgerungen worden; wir aber sind durch dieses Kapitel genau belehrt, wie er es meinte, und namentlich, was er für seine eigene Kunst als Gesetz erkannt hatte. Mehr als die Sinnlichkeit ist die Phantasie der Natur gewachsen (S. 440); jedoch, damit dies gelte, muß sie frei sein; wir sahen auch, in welcher Weise sich Wirklichkeit und Phantasie gegenseitig steigern (S. 445), was eine zunehmende Befreiung der Phantasie herbeiführt. Was aber ist es, was die Phantasie fesselt? Die Technik. Auch diesen Gegensatz lernten wir kennen (S. 439 ff.) und lernten das Antitechnische in Goethe's Verhältnis zu Sprache und Dichtkunst in seinem Ursprung und in seiner berechtigten Notwendigkeit einsehen. Denn Technik ist immer im letzten Grunde Sinnlichkeit (S. 438), wogegen es sich hier nicht darum handelt, Schritt für Schritt mit der Phantasie der Sinnlichkeit zu folgen — wie manche unserer heutigen Versvirtuosen in Frankreich, in England und auch in Deutschland es belieben — sondern vielmehr, eine eigene Welt der Phantasie der Naturwelt gegenüber zu errichten.

Welcher Unsterblichen
Soll der höchste Preis sein?
Mit niemand streit' ich,

542 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Aber ich geb' ihn
Der ewig beweglichen,
Immer neuen,
Seltsamen Tochter Jovis,
Seinem Schoßkinde,
Der Phantasie.

Diese Eigenschaft der Goetheschen Poesie läßt sich leicht aufzeigen; ich wählte dazu die Harzreise im Winter und hätte von dort aus bis zum zweiten Teil Faust fortfahren können. Es liegt aber auf der Hand, daß es schwerer sein wird, sie im einzelnen Wort-Ausdruck nachzuweisen; eine so reine und trotzdem nicht phantastische Phantasie, wie sie Goethe auszeichnet, eine so geregelte, stets auf Gleichgewicht mit der Wirklichkeit bedachte und nichtsdestoweniger so kühne, wirkt allüberall, dessen sei man überzeugt, ja, bis in die letzte Silbe hinein; doch Shakespeare's Wort gilt auch hier:

Such shaping fantasies apprehend
More than cool reason ever comprehends. ¹)

Der kühlen Vernunft fehlen die Flügel.
    Am besten vielleicht, da es sich um ein kaum Faßbares handelt, wir erhaschen diese der Natur gewachsene Phantasie in dem Augenblick, wo sie sich am Werke zeigt, d. h. in dem Augenblick, wo unser Dichter sich selber verbessert, indem er herkömmliche Redensart oder knapp anliegende Naturtreue oder grammatikalische Zaghaftigkeit oder rhythmischen Zwang beseitigt. Dazu bietet die Entstehungsgeschichte Goethescher Gedichte und Prosawerke viele Belege. Greifen wir zuerst weit zurück zu einem einfachsten Fabelliedchen, wie der erste Druck es nennt. Da lesen wir:

Es sah ein Knab' ein Röslein stehn,
Ein Röslein auf der Heiden.
Er sah, es war so frisch und schön,
Und blieb stehn, es anzusehen
Und stand in süßen Freuden.
—————
    ¹) So bildungsreicher Phantasie, die wahrnimmt,
        Was nie die kühlere Vernunft begreift.


543 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Goethe und Herder werden wohl an dieser Fassung, die sie eingestandenermaßen „aus der mündlichen Sage“ erhielten, kaum ein Wort geändert haben. Bei dem zweiten Druck aber, sechs Jahre später, lautet das jetzt Röschen auf der Heide genannte Gedicht:

Es sah ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden:
Sah, es war so frisch und schön,
Und blieb stehn es anzusehn,
Und stand in süßen Freuden.

Wie viel Leben ist durch Streichung von nur zwei Wörtern hineingekommen! Das Röslein tritt uns jetzt im zweiten Vers ohne das fatale „ein“ wie ein Individuum aus dem Einerlei der Heide entgegen; und die Tilgung des nur logisch geforderten „er“ — „sah, es war“ statt „er sah, es war“ — schenkt dem Blicke des Knaben eine merkwürdige Unmittelbarkeit; und doch ist wenigstens diese zweite Änderung gewiß grammatikalisch nicht unanfechtbar. Nun aber emanzipiert sich Goethe vollends von Herders Mitwirkung und dichtet das Liedchen so um, daß er es als eigenes Heidenröslein in die erste Ausgabe seiner Werke aufnehmen darf.

Sah ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden.

An einem einfachsten Beispiel haben wir hier die Metamorphose aus einem lieblichen „Naturwerk“ menschlicher Dichtung in ein vollendetes „Kunstwerk“, und zwar vermittelst der Befreiung der Phantasie. Das „war“ im dritten Vers bezöge sich nach den Regeln aller Grammatik auf den Knaben; doch wird wohl nie ein Leser auch nur einen Augenblick bezweifelt haben, die Rose sei gemeint; wir aber verfolgten die Entstehungsgeschichte: erst das erbarmungslos logisch ausführliche „er sah, es war“; dann, schon wesentlich entlastet von Verstandesballast, „sah, es, war“; jetzt kommt das Genie und sagt „war“! Es trägt auch kein Bedenken, den folgenden Vers mit einem „lief“ zu beginnen, das ebenfalls

544 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

sprachlich — wenigstens vorübergehend — in der Schwebe bleibt; denn da das „er“ und das „und“ gefallen sind und „war“ sich auf das Röslein beziehen soll, so wäre nach den Regeln der Logik vorauszusetzen, „lief“ bezöge sich auch auf das Röslein; erst das Fürwort „er“ deckt grammatikalisch die Rückkehr zum ersten Satzsubjekt auf. Die Phantasie setzt sich über die Grammatik hinweg: mit welchem Erfolg, das sage sich ein Jeder beim Vergleich. Und nun der Einfall, das Stehenbleiben in ein Hinlaufen umzuwandeln! Wie klein und harmlos das Gebilde auch ist, man muß doch sagen, dieses

Lief er schnell es nah zu sehn

gleicht dem „Es werde Licht!“ der Schöpfungsgeschichte. Mit einem Schlag ist alles Bewegung; und Bewegung ist Leben. Nicht bloß erhalten wir hierdurch die Ferne und die Nähe, das Schlendern und das Laufen, also Raum und Zeit — die Perspektive eines Geschehnisses, sondern namentlich kommt die innere Bewegung jetzt erst zur Geltung. Stehenbleiben in süßen Freuden, weil man an eine schöne Rose zufällig geraten ist, das bringt jedes träge Durchschnittswesen fertig, wogegen Hinlaufen, ja, „schnell“ Hinlaufen, weil der Seele nach der Anschauung des Schönen gelüstet, weil das Schöne wie ein Magnet auf die Seele wirkt, weil jeder Eindruck Willen erweckt und jede Willensregung sofort in Tat umschlägt: das zeigt uns einen regen, feurigen Knaben. Da kann der Poet ruhig die weichliche Redensart „süße Freuden“ aufgeben und durch das schlichte „viele Freuden“ ersetzen; denn jetzt haben wir die Freude erlebt und bedürfen keiner überschwenglichen Versicherungen. Und nun die von Goethe's auserwählter Schutzgöttin ihm eingegebene Umgestaltung von „es war so frisch und schön“ in

War so jung und morgenschön!

Frisch ist nur ein Gegensatz zu verwelkt; es ist Naturtreue, nicht Geistespoesie; „jung“ zaubert die Anmut der Natur, wie sie die Seele ewig von neuem entzückt, in das Herz. Und „morgenschön“! Nichts finde ich bezeichnender für Goethe als die Sparsamkeit in der Anwendung solcher Eingebungen; nur für diesen einen Fall erfand und gebrauchte er das herrliche Wort; nie wieder sprach er

545 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

es aus; dem Heidenröslein gehört es auf ewig. Derartige Neubildungen sind bei ihm nicht Münzen, die er in Umlauf setzt, sondern geprägte Kunstformen, die der einen Gestaltung ihr Dasein verdanken und nun mit dem einen einzigen Werk als organische Bestandteile verknüpft bleiben. Das ist Phantasie, Phantasie, die der Natur gewachsen ist.
    Noch sei auf die Umdichtung in der dritten Strophe aufmerksam gemacht. Ursprünglich las man:

Das Röslein wehrte sich und stach,
Aber er vergaß darnach
Beim Genuß das Leiden.

„Er“ ist der Knabe. Eine recht nüchterne, hausbackene Moral, würdig des stehenbleibenden Knaben. Wogegen der wahre Poet dichtet:

Röslein wehrte sich und stach,
Half ihr doch kein Weh und Ach,
Mußte es eben leiden. *

Eine Wendung, die in ihrer unsentimentalen Tragik etwas Hellenisches an sich hat.
    Vom Heidenröslein, am Anfang der Bahn, springen wir beherzt hinüber zu Faust's zweitem Teil, an deren Ende. Auch hier fragen wir nur nach Wortgebilden oder Satzwendungen, und zwar in dem Augenblick, wo die Phantasie schon vorhandene ergreift, uni sie nach ihrem Sinne freier umzuformen. Die ersten zweihundertundfünfzig Verse des Helena-Aktes besitzen wir in einer Fassung aus dem Jahre 1800; die endgültige Fassung — die „Eindichtung“, wie Goethe sie nennt — entstammt dem Jahre 1826; Ideengang und Reihenfolge blieben bis auf Ergänzungen wesentlich unverändert, so daß wörtliche Übereinstimmung vorwaltet; das Vierteljahrhundert hat jedoch der gestaltenden Phantasie immer weitere Befreiung geschenkt; und diese Befreiung äußert sich nach beiden Seiten: die Worte geben mehr Natur, d. h. wirksamer oder inhaltreicher erschaute Natur, zugleich aber mehr Seelengehalt, mehr Seelengewalt; es ist dies jene gegenseitige Steigerung, an die ich vorhin wieder erinnerte und die im letzten Grunde aus dem Mittelpunkte der Goetheschen Persönlichkeit hervorgeht, deren einheitliche Zwiespältigkeit uns so oft vor Augen trat.

546 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

    Ein sehr einfaches Beispiel zur Einführung. In der ersten Fassung schrieb der Dichter:

Schon manchmal hob das schwere Beil der Opfernde
Nach des gebeugten Tieres Nacken weihend auf...

in der zweiten:

Schon manchmal hob das schwere Beil der Opfernde
Zu des erdgebeugten Tieres Nacken weihend auf...

Die Tyrannei des technisch vorgeschriebenen Versmaßes ist gebrochen; dafür hat nicht allein das Auge das vollkommen gegenwärtige, rührende Bild des zur Erde hinabgedrückten Kopfes des armen Opfertieres gewonnen, sondern das Wort „Erde“ weckt tausend Assoziationen, auf Entstehen und Vergehen, auf Leben und Tod bezüglich, eine Umwandlung, welche die Seele ähnlich stimmt, wie eine Modulation aus Dur zu Moll. Auch beachte man, ehe weitere Beispiele die Aufmerksamkeit beanspruchen, die feinsinnige Ersetzung des „nach“ durch „zu“ in dem Vers, der das assonierende Wort „Nacken“ bringt.
    Jetzt greifen wir Bedeutenderes heraus.
    Nichts ist auffallender als die Sorgfalt, mit welcher die möglichste Auslöschung alles Abstrakten (dieses unaustilgbaren Elements unserer modernen Sprachen) erstrebt wird. So z. B. verwandeln sich folgende Verse:

Was seh' ich, Schwestern! Schreitet nicht die Königin
Mit heftiger Bewegung wieder zu uns her?

mit Ausscheidung des unbestimmten, verallgemeinernden Begriffes „Bewegung“ in:

Was seh' ich, Schwestern? Kehret nicht die Königin
Mit heftigen Schrittes Regung wieder zu uns her?

Der Dichter fürchtet jetzt nicht mehr das Aufbrechen des regelmäßigen Trimeters, vielmehr gewinnt er gerade durch diese Störung des Maßes zugleich den musikalischen Rhythmus für das atemlose Heraneilen der Königin; und statt des grauen Abstraktums „heftige Bewegung“ hat er jetzt die erwünschte grelle Farbe des „mit heftigen Schrittes Regung“. Analog ist folgende Umwandlung:

Als ich des königlichen Hauses Tiefe nun,
Der nächsten Pflicht gedenkend, feierlich betrat,
Erstaunt' ich ob dem öden, weiten Hallenraum.

547 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

So lesen wir in der ersten Fassung. Es bedarf eines Goethe, aufmerksam zu werden, daß „königlich“ eine abstrakte Verallgemeinerung und darum auch Verblassung gegenüber der konkreten Vorstellung „König“ bedeutet. Und dann „des Hauses Tiefe“! Wiederum ein volltönendes, rhetorisch wirksames Wortgefüge, doch an konkretem Vorstellungsinhalt, und das heißt an eigentlicher Naturtreue nicht genau genug, um reich zu sein, und darum — das merke man wohl — darum auch seelisch von geringer Wirkung. Nun beachte man die zweite Fassung. Sie hebt an:

Als ich des Königs-Hauses ernsten Binnenraum usw.

Also, statt „königliches Haus“,   K ö n i g s - H a u s   und statt „Tiefe“,   e r n s t e n   B i n n e n r a u m;   außerdem Ausscheidung des überflüssigen Füllwortes „nun“. Durch die herrliche Eingebung des „Binnenraums“, der uns sofort das antike und orientalische Haus, wie es war und noch heute ist, vor Augen ruft, wird der „Hallenraum“ der ersten Niederschrift überflüssig, und das Ganze lautet jetzt:

Als ich des Königs-Hauses ernsten Binnenraum,
Der nächsten Pflicht gedenkend, feierlich betrat,
Erstaunt' ich ob der öden Gänge Schweigsamkeit.

So viel gedrängter ist alles geworden! Indem wir für die unbestimmte, rhetorische Figur der „Tiefe“ gleich im ersten Vers den weiten Binnenraum des Hauses eines wirklichen Königs erhalten, ist jetzt Platz gewonnen für die Vorstellung der „Gänge“, die ringsherum um den großen Innenhof laufen und die, anstatt von dienendem Volke zu wimmeln, unheimlich schweigen. Das Bild, indem es konkreter wurde, wurde zugleich reicher und auch richtiger; denn im Süden geht Keiner über den Hof, der es vermeiden kann, sondern die gedeckten Gänge ringsumher sind es, die dem Verkehr dienen. Diese Gänge erfaßt nun die allbelebende Phantasie als lebendige, vielstimmige Organe des Königs-Hauses und erschrickt vor ihrer „Verödung“ und „Schweigsamkeit“.
    Die Sorgfalt, Unbestimmtes durch Vorstellungsreiches zu ersetzen, dadurch aber das Bild zugleich kräftiger und inhaltsreicher zu gestalten, erstreckt sich auf jeden einzelnen Ausdruck, sofern er irgend eine Handhabe dazu bietet: aus „Schönheit“ wird „Schön-

548 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

gestalt“, aus „der Woge schaukelndem Bewegen“ jetzt „des Gewoges regsames Geschaukel“, aus dem „befruchtenden Ufer“ das „fruchtbegabte Ufer“; anstatt „gleich einem Fremden zu scheiden“, weicht Helena jetzt „entlass'nem Gaste gleich“. Ja, diese Sorgfalt dehnt sich bis auf die geringfügigsten Verhältniswörter und dergleichen aus. So z. B. ist von dem Königsbett die Rede, von „den Stufen, auf denen sich der Thalamos erhebt“; dem reiferen Goethe erschien das „auf denen sich“ zu mechanisch, zu rein grammatikalisch; er ersetzte es durch: „worauf empor der Thalamos sich hebt“ und schenkte damit zugleich die Vorstellung des mächtig Lastenden und des in reicher Pracht Aufgetürmten.
    Aus allen diesen Beispielen ergibt sich aber auch noch eine Erkenntnis, und zwar eine, die auf eine früher gewonnene zurückführt, nämlich auf die der   B e w e g u n g   als obersten Grundsatzes alles Goetheschen Denkens und Dichtens (S. 445 ff., 458 ff.). Es liegt mehr Bewegung in dem „erdgebeugten“ als in dem bloß „gebeugten“ Nacken; es liegt mehr Bewegung in „heftigen Schrittes Regung“ als in „heftiger Bewegung“; „Schweigsamkeit“ schenkt die Vorstellung eines beweglichen Lebens, denn schweigen kann nur, wer Stimme hat zu reden, wogegen „öder, weiter Raum“ keine derartige Kraft in sich barg. Welch eine andere Welt, wenn wir statt „alles bleibe hinter mir, was mich bisher und Andere verworren hat“ nunmehr lesen:

        ...alles bleibe hinter mir,
Was mich   u m s t ü r m t e   bis hieher, verhängnisvoll.

Und welch einen Blick in die wortbildende, bewegtes Leben schenkende Kraft der Phantasie tun wir, wenn von „der ehrnen Pforte Flügeln“ an dem Palast zu Sparta einmal ihr „weit einladendes Eröffnen“, das nächste Mal aber ihr „gastlich ladendes Weiteröffnen“ gerühmt wird! Schon die erste Fassung ist schön, die zweite aber hinreißend. Sie gemahnt an das nie zu vergessende Wort von dem Hoffen, welches

Erfüllungspforten findet flügeloffen.

    Daß die Phantasie an allen Eigenschaften des poetischen Stils beteiligt ist, versteht sich wohl von selbst; auch „zweighaft“, „geizhaft“ usw. entstanden auf ihr Geheiß; bei näherem Überlegen wird

549 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

aber der Leser unterscheiden lernen zwischen einem Versuch, der Natur nahe zu kommen, wie ihm die Erfindung des Wortes „zweighaft“ dient, und einem Ausdruck wie „gastlich ladendes Weiteröffnen“, womit nicht die Pforte selbst klarer vor Augen gestellt wird, sondern einzig die Bedeutung der offenen Pforte für die Phantasie des auf sie Zuschreitenden. Ebenso in all den jetzt behandelten Beispielen.
    So viel — oder, richtiger gesprochen, so wenig nur — über den Einfluß der Phantasie des nach rein geistiger Gestaltung Strebenden auf die Wort- und Satzbildung. Nunmehr fassen wir einen anderen Kreis ins Auge: den Einfluß der Sinnenkünste auf Goethe's Sprache.
    Hier wird das Ergebnis vorwiegend ein negatives sein: Goethe ahmt weder dem Musiker noch dem Maler nach. Wo seine Verse ausgesprochen musikalisch im gewöhnlichen Sinne dieses Wortes anmuten, wie z. B. in den Schmiedegesängen in Pandora:

Zündet das Feuer an!
Feuer ist oben an.
Höchstes, er hat's getan,
Der es geraubt usw.

oder in der Schlußszene des zweiten Teiles Faust, handelt es sich um die unverhohlene Absicht, sie einer wirklich oder in der Phantasie — gleichviel — ertönenden Musik ein- und womöglich unterzuordnen. In den Liedern kommt der musikalische Anklang völlig naiv vor, wie z. B. bei dem Kehrreim des Zigeunerlieds:

Wille wau wau wau!
Wille wo wo wo!
Wito hu!

Auch dies ist zum Gesang bestimmt, ebenso wie das:

Und so trink' ich! Trinke, trinke!
Stoßet an ihr! Tinke, tinke!

Das sind spielend hingeworfene Geringfügigkeiten, die keinen sprachlichen Gestaltungsprinzipien entstammen. Mehr hat es zu bedeuten, wenn in dem Zauber, der Helena und Paris vor Kaiser und Hof emporruft, das ganze Wahnbild zugleich als Musik empfunden wird:

550 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

So wie sie wandeln machen sie Musik.
Aus luft'gen Tönen quillt ein Weißnichtwie,
Indem sie ziehn wird alles Melodie.
Der Säulenschaft, auch die Triglyphe klingt,
Ich glaube gar der ganze Tempel singt.

Auf die Wortsprache übt aber diese Musik, wie man sieht, keinen Einfluß aus; eher sinkt diese ein wenig ins logisch Alltägliche zurück. Genau das Gleiche gilt von der bildenden Kunst. Zwar treffen wir Amor als Landschaftsmaler an, besitzen in stattlicher Zahl schöne Gedichte über Maler und Malerei und hören von der „malerisch-entzückten Schau“; dicht an die Malerei grenzen solche Stellen wie die Schilderung der Pandora durch Prometheus mit seiner beständigen Berufung auf die Kunst und den Künstler, die den Schmuck verfertigten; bezeichnend ist aber die Art, wie Epimetheus die technisch eingehende Kunstbetrachtung des hier als Schmied gedachten Bruders immer wieder ungeduldig unterbricht, bis er im Schmerzensparoxysmus abwehrt:

O! rufe mir nicht jene Hüllepracht hervor!

Die ganze Stelle dient der poetischen Ausgestaltung des Kontrastes zwischen dem der Tat um ihrer selbst willen hingegebenen Menschen,

Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat,

und demjenigen Manne, der in dem Besitze eines gegenwärtig Lebendigen Götterglück genoß und nunmehr, der geliebten Alleinzigen verlustig, fortlebt, „entgegen ewig verwaister Zeit“.

Und glich sie wohl Athenens Hand an Kunstgeschick?

so fragt, der Entschwebten gedenkend, Prometheus, der sinnenmächtige Bildner; Epimetheus, der in der Phantasie Lebende, erwidert:

Ich weiß es nicht; nur liebekosend kannt' ich sie.

Weder hier noch anderwärts wird es gelingen, jene Beeinflussung der Sprache in Prosa oder Versen durch die Technik der Malerei aufzuweisen, die wir z. B. bei Baudelaire und bei den Brüdern de Goncourt finden. Es handelt sich bei Goethe um ein grundverschiedenes Verhältnis zwischen Phantasie und Sinnenwelt; er ist

551 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

— was jene talentvollen Männer nicht sind — ein wahrhaft schöpferischer Poet, und als solcher wandelt er alles zu Geist um, denn dies ist das Gebiet des reinen Wahnkünstlers. Freilich ist das Bild, das seine Phantasie speist, dem des Malers verwandt, seine Gestaltungsmethoden sind aber andere. Schon in unseren ersten Beispielen, Dämmrung und Herbstgefühl, bemerkten wir das naturgetreue und auch das bildmäßige Sehen, insofern also gewiß eine wahre Verwandtschaft zur bildenden Kunst in dem aufnehmenden Gemüte; schöpferisch jedoch trat ein polarer Gegensatz zu jeder bildenden Darstellung scharf hervor: denn Goethe faßte alles als Bewegung auf. Und so heben sich bei ihm die beiden Sinnenkünste — insofern sie den Sprachausdruck beeinflussen könnten — gegenseitig auf: denn die Bewegung ist Musik, ihr aber widerspricht die große abgeschlossene Bildkraft aller Schöpfungen Goethe's, welche bewirkt, daß wir immer Gemälde bei ihm sehen, jede Situation, jede Gestalt fest gebannt, wie von einem Bildhauer oder Maler. Da haben wir wieder bei Goethe die Ruhe und die Leidenschaft in einem und demselben Augenblick! Und wir verstehen, warum Goethe's Sprache — außer wenn ein besonderer Zweck vorübergehend sie äußerlich beeinflußt — weder monumental noch musikalisch ist, sondern durchaus geistig. Keine Poesie und keine Prosa der Welt gibt so viel zu denken wie die Goethe's, desjenigen Dichters, der in der Wirklichkeitswelt und der Sinnenkunst wurzelte.
    Es bleibt uns eine letzte Betrachtung über die Einzelheiten in der Behandlung der Sprache bei Goethe: diejenige, welche die Technik der Sprache betrifft. Insofern diese Frage rein philologischer Natur ist, gehört sie weder in meine Zuständigkeit noch in meine Absicht; mehrere wissenschaftliche Bücher und zahlreiche Aufsätze sind ihrer Beantwortung gewidmet; auf sie sei der Leser verwiesen, doch mit nochmaliger Betonung des auf S. 533 Gesagten. Bei der Aufdeckung und Abwehr der philologischen Übergriffe haben wir schon einiges Hierhergehörige besprochen — die Verneinungen und die Superlative. Der Gegenstand ist grenzenlos, und schwerlich wird Jemand zu interessanten Ergebnissen gelangen, außer er nimmt zum Ausgangspunkt die Überzeugung, Goethe habe immer genau gewußt, was er wollte, habe sich seine Absicht mit unermüdlicher Ausdauer bis zur durchsichtigen Klarheit überlegt

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und habe dann mit unzweifelhafter Genialität diese Absicht zu Gestalt gewandelt — oder aber als Skizze oder Fragment liegen lassen, lieber als sie unvollkommen ausgeführt. Nur die Kenntnis und das Erwägen der jeweiligen   A b s i c h t   des Künstlers — im Ganzen und im Einzelnen — kann zu einem urteilenden Verständnis seiner Mittel befähigen; darum erntet man selbst aus einem so tüchtigen grammatikalisch-syntaktischen Fachwerk wie Lehmann's Buch Goethe's Sprache und ihr Geist verhältnismäßig wenig; denn die systematische Untersuchung der verschiedenen Satzformen, Satzteile, Wortbildungen usw. reißt jedes Einzelne aus allem Zusammenhang: was bleibt, mag für den Philologen Interesse bieten, uns Männern des Lebens ist es nicht einmal ein Gerippe, sondern nur dessen Schatten. Wie immer, Ein Beispiel nur aus Dutzenden, und zwar ein leicht verständliches.
    In Lehmann's Abschnitt über „Goethe's Abkürzungen in der Bildung der Wörter“ (§ 59) lesen wir, Goethe sage   E i n u n g   statt „Einigung“ und ebenso   E i n u n g s k ü n s t l e r   statt „Einigungskünstler“. Und schlagen wir dann ein beliebiges gutes Wörterbuch auf, wir finden überall: „Einung so viel wie Einigung, siehe dieses“; selbst Grimm gibt uns nicht viel mehr. Alle verweisen dabei auf die einzige Stelle, wo Goethe diese Ausdrücke gebraucht, indem sie Band und Seitenzahl dieser oder jener Ausgabe angeben, die die meisten Leser nicht zur Hand haben, so daß sie nicht einmal ahnen können, welche Schrift Goethe's wohl gemeint sein mag. Nun schlagen wir selber nach und können nicht anders als staunen über diese Oberflächlichkeit der gelehrten Gründlichkeit. Es handelt sich nämlich um jene Stelle in den Wahlverwandtschaften, wo der Hauptmann und Eduard Charlotten den chemischen Fachausdruck „Wahlverwandtschaft“ zu erklären unternehmen. Die Ausdrücke Einigkeit, Vereinigen, Vereinigung, Verbindung kommen alle vor; es bleibt aber noch eine Vorstellung mitsamt dem sie vermittelnden Begriffe, für die kein deutsches Wort zur Hand ist. Grimm weiß keine einzige Stelle anzuführen, wo dem Worte „einigen“ der Sinn zukäme, etwas bilde einen einzigen, gleichartigen Körper; vielmehr setzt das Wort geradezu eine Zweiheit voraus und besagt, daß die beiden Verschiedenartigen „einig“ werden — wie Liebende, Gläubige usw. oder auch wie zwei chemisch verschiedene Körper, die eine Verbindung

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eingehen und hinfürder einen neuen, dritten Körper bilden. Auch „Einigung“ bedeutet Bündnis zwischen getrennten Einheiten. Goethe kam es nun darauf an, eine durchaus verschiedene Vorstellung zu wecken; denn an der Stelle, wo er das Wort „Einung“ einführt, ist   n i c h t   von dem Zusammentreten zweier verschiedener Elemente zur Bildung eines neuen Körpers die Rede, sondern von dem inneren Zustand eines einzelnen, selbständigen Körpers. Der Hauptmann hatte nämlich bei seinem Versuch, den Begriff der chemischen Wahlverwandtschaft zu erläutern, die paradoxe, aber tiefsinnige Idee, zunächst nicht die Verschmelzung zweier verschiedener Körper, vielmehr die gewaltige innere Bindekraft eines einheitlichen Körpers voranzuschicken, dank welcher ein solcher Körper seine Teile fest aneinanderhält und gleichsam sein eigenes Dasein gegen die Versuche, es zu zerstören, verteidigt. „Und so begann der Hauptmann: An allen Naturwesen, die wir gewahr werden, bemerken wir zuerst, daß sie einen Bezug   a u f   s i c h   s e l b s t   haben.“ Diesem Bezug auf sich selbst — dem Widerstand gegen das Auseinandergerissen werden — gilt nun das neue Wort. Die Stelle lautet: „Diese Einung verlassen die Teile nicht, außer durch Gewalt oder sonstige Bestimmung. Ist diese beseitigt, so treten sie gleich wieder zusammen.“ Es ist nicht zuviel gesagt, wenn wir das Wort Einung in der Absicht des Hauptmanns als den diametralen   G e g e n s a t z   z u   Einigung deuten. Einung bezieht sich auf einen Körper in seinem als rein und ursprünglich betrachteten Zustand, Einigung deutet immer auf eine Umbildung. Nun wird aber weiter aufgebaut. Ein durch und durch gleichartiger, einheitlicher Körper — z. B. Gyps — bei dem nicht eine bloße „Vereinigung“ stattfindet, wie dies bei einer Vermischung von Wein mit Wasser der Fall ist (dieses Beispiel wird gegeben), sondern vielmehr eine wahre „Einung“ statthat, kann dennoch durch Anwendung geeigneter chemischer Gewaltmittel aufgebrochen und zerstört werden, so daß der frühere Körper — trotz aller die Teile aneinanderbindenden Kraft der Einung — entschwunden ist und einer oder mehrere andere, neue seinen Platz genommen haben. Daher, erläutert Eduard, hieß der Chemiker auf Deutsch „Scheidekünstler“; denn er verstehe es, nicht bloß das Verbundene, Geeinigte, sondern sogar dasjenige, welches eine absolute Einheit bildet, in Teile zu scheiden; worauf aber

554 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

Charlotte vorschlägt, da der Chemiker zugleich doch neue Körper schaffe, welche wiederum den mächtigen „Bezug auf sich selbst haben“, ihn lieber „Einungskünstler“ zu nennen ... Und nun frage ich jeden vernünftigen Menschen: wovon hat er mehr — von der philologischen Nörgelei über eine angeblich unstatthafte und jedenfalls unnötige „Abkürzung“, indem Einung genau dasselbe wie Einigung bedeuten soll? oder von dem unbedingten Vertrauen in Goethe's Versicherung, er gebrauche keine „leeren Worte“ (S. 185), und dem geduldigen Sichbefragen, was der große Denker hier mit dem ungebräuchlichen Worte beabsichtigt habe? Wobei noch wohl zu beachten ist, daß Goethe nur dieses eine Mal — aus dem Bedürfnis der einen Situation — das betreffende Wort gebraucht hat und daß er es nicht in einer wissenschaftlichen Schrift tut, sondern lebhaft plaudernden, nach Deutlichmachen eines verwickelten Vorganges suchenden Weltleuten in den Mund legt. Diese ergänzende Betrachtung ist nicht ohne Wert: denn wir lernen neben der Sicherheit und Gehaltfülle der Erfindung auch die weise Beschränkung eines solchen Meisters der Sprache kennen.
    Stünden mir Zeit und Raum zur Verfügung, ich wollte mich anheischig machen, jedes einzelne beanstandete Wort Goethe's in ähnlicher Weise aus dem lebendigen Zusammenhang als den Ausdruck einer bestimmten Absicht und daher als unersetzlich nachzuweisen. So sprachen wir z. B. vorhin von den Superlativen (S. 535 ff.). Welche Unverschämtheiten seitens angeblicher „Berühmtheiten“ darüber zu Papier gegeben worden sind, könnte sich der Laie nie vorstellen und braucht es gottlob nicht zu erfahren; und doch läge es nahe, da uns Allen Goethe als der gemessene Mann — Manchen fast zu selbstbeherrscht gemessen — bekannt ist, und da seine wiederholten Warnungen gegen den Gebrauch der Steigerungen wenigstens den Kennern vertraut sein müssen, es läge nahe, sage ich, uns allererstens zu fragen, wo, in welchen Werken der Dichter seinem eigenen Grundsatz untreu wurde, und ob vielleicht nicht Untreue, Willkür, Altersschwäche, sondern ganz einfach bestimmte, wohl erwogene poetische Absicht vorliegt, wie sie aus einer gegebenen Situation mit Notwendigkeit erwachsen mußte. Und in der Tat, was finden wir? Diese übermäßigen Steigerungen kommen zumeist in Pandora vor, die Goethe schrieb, als er noch nicht sechzig Jahre alt

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war, dann in einzelnen Gedichten des Divan, schließlich in einigen Teilen von Faust II: ausschließlich dort also, wo Überschwenglichkeit am Platze sein kann. Epimetheus, die Hauptperson von Pandora, ist gleichsam ein verkörperter Superlativ. Wie er sich der Göttlichen ungeteilt hingegeben, in ihr allein alles Glück des Daseins gefunden hatte, ebenso ungeteilt lebt er nunmehr seinem Schmerze und weint — zum Entsetzen unserer gelehrten Philister — „quellweis“. In seinem Gedächtnis steigt die Verlorene auf, verklärter infolge ihrer Abwesenheit; „allschönst und allbegabtest regt sie sich hehr dem Staunenden entgegen“, wie an dem ersten Tage; auch andere Frauen mögen die Bezeichnung schönste und begabteste verdienen; diese göttliche aber stand über jeden denkbaren Vergleich erhaben, eine einzige Erscheinung, wie sie nie auf Erden war und niemals wiederkehrt.

Vergleich' ihr das Beste; du hältst es für schlecht.

Man braucht nur jene beiden Worte richtig zu betonen — nämlich mit enthusiastischer Hervorhebung des „all“ —, um ihre Angemessenheit und Schönheit im Munde des Liebeverlorenen zu empfinden. Dann wieder ist von ihrem Antlitz die Rede, das „neu verherrlicht leuchtete“, sobald sie um den „göttlichen Gliederbau“ den Schleier geworfen hatte:

Ihr Antlitz, angeschaut allein, höchst schöner war's,
Dem sonst des Körpers Wohlgestalt wetteiferte.

Wie matt wär's, welcher Verrat an der Persönlichkeit des Epimetheus, wenn Goethe bloß „schöner“ gesagt hätte! Epimetheus ringt ja fortwährend mit den Worten, weil keine dem Übermaß seiner Empfindungen genügen, während sie dem Prometheus ruhig und richtig entströmen; übermäßig zu sein, ist sein Wesen, wie umgekehrt es das Wesen so Vieler ist, unter dem Maße der Menschenleidenschaft und Menschenbegabung zurückzubleiben. Wer sich jenes „höchst schöner“ zugleich traumversunken und ekstatisch ausgerufen denkt, wird schon verstehen, daß es an dieser Einen Stelle stehen mußte, wie auch nur der eine heroisch maßvolle Dichter das Recht sich erworben hatte, der Sprache einen so unharmonischen Ausdruck aufzuzwingen. Auch Shakespeare läßt sich die Freiheit nicht verbieten zu schreiben: „I love thee best, o most best!

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    Hierher gehören die Verbindungen mit „all“, von denen wir soeben zwei hörten und worin Goethe — dem Geiste der deutschen Sprache urverwachsen — unerschöpflich ist; schon aus früheren Jahrhunderten weiß Grimm Verbindungen wie „dein allschönlieber Leib“ anzuführen, und alle deutschen Dichter von Bedeutung — Klopstock, Lessing, Herder, Wieland, Bürger — haben da weiter ausgebaut; schöne Formen verdanken wir auch Kant, dem genial sicheren Präger von Wörtern, die das Denken erheischte und hinfürder nicht entbehren kann. Einmal nun macht sich Hafis-Goethe den Scherz, im Anschluß an die üblichen neunundneunzig Lobpreisungen Allah's als Allherrscher, Allerbarmer, Allunfehlbarer usw., an die Geliebte eine Art Liebeslitanei auf „All“ zu richten; voran geht eine Strophe, in der es am Schlusse heißt:

Heut ist mir alles herrlich; wenn's nur bliebe!
Ich sehe heut durch's Augenglas der Liebe.

Und nun folgt — reich an bezaubernden Zügen, die sich nach und nach im Laufe der Jahre uns enthüllen — das Lied, in welchem die Allerliebste als Allschöngewachsene, Allschmeichelhafte, Allspielende, Allmannigfalt'ge, Allbuntbesternte, Allumklammernde, Allerheiternde, Allherzerweiternde, Allbelehrende gepriesen wird. Ich will nun nicht zu verstehen geben, Goethe bedürfe meiner Erklärung und Entschuldigung wegen eines unsterblichen Gebildes wie folgende Strophe:

Wenn am Gebirg der Morgen sich entzündet,
Gleich, Allerheiternde, begrüß' ich dich;
Dann über mir der Himmel rein sich ründet,
Allherzerweiternde, dann atm' ich dich!

Darauf muß ich aber doch aufmerksam machen, wie mannigfaltig, wie klar — sobald man sich die Mühe gibt, den Zusammenhang ins Auge zu fassen — und wie unausweichbar bestimmt die bedingenden Anlässe sind, jedes Mal, wenn Goethe ein Übermäßiges im Sprachausdruck bringt; für den Feinfühlenden ist stets der Horizont des besonderen Falles sichtbar, wie hier durch jenen vorangeschickten Vers:

Ich sehe heut durch's Augenglas der Liebe.

Denn während unsere Pedanten weder die Blickesweite noch den Humor noch die Stimmung auf das Überschwengliche besitzen —

557 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Die Form in Goethe's Dichtungen

ohne welches nach Goethe überhaupt nichts Großes geleistet werden kann — gewahren wir andrerseits ein Heer von Poetastern (in Versen und in Prosa), die auf Goethe sich stützen zu können wähnen, um sich in Sprachungeheuerlichkeiten herumzutummeln, was ein fast noch ärgeres Mißverstehen bedeutet als das erstere; denn jenes ist bloße Beschränktheit, dieses ist Perversität. Wie wir nunmehr für immer gelernt haben: poetischer Gehalt ist Gehalt des eigenen Lebens; es gehört eingeborene und gereifte Seelengröße dazu, ehe man eine Strophe wie die jetzt angeführte schreiben   d a r f   und so schreiben   k a n n,   daß sie ewige Bedeutung besitzt. Ein Blick auf Goethe's Schriften belehrt uns, wie wenig er geneigt war, durch Übermaß oder gar durch Wort- und Satzverrenkungen und sonstige sprachliche Wunderlichkeiten zu wirken; wer es tut, verleugnet Goethe's Stilprinzipien. Wir haben vorhin den vielbesprochenen Fall des „letztesten“ betrachtet (S. 535 ff.); dort sagte ich aber noch nicht alles; ich muß aufmerksam machen, daß dieser dem letzten Kuß noch krönend aufgedrückte „letzteste“ sich in der Tat auf den letzten Liebeskuß bezieht, den Goethe in seinem Leben empfangen sollte, was er mit der Hellsichtigkeit einer allerhöchsten Begabung in dem Augenblicke empfand, als der unschuldsvoll gegebene empfangen worden, die geliebte Gestalt seinen Augen entrückt und nunmehr aus seinem Dasein das höchste Gegenwartsglück dieser Erde auf ewig entschwunden war. Er selbst, wie wir erfuhren (S. 75 ff.), hat an diesem Bewußtsein fast den Tod gefunden. Ein solches Wort sollte unantastbar heilig bleiben, dem Einen im Andenken an den Einen Augenblick zu eigen.
    Ziehen wir die bedingenden Anlässe zu dem Übermäßigen in Goethe's Sprache in Betracht, so dürfen wir Faust II nicht unerwähnt lassen. Ich möchte wirklich erfahren, wo in der gesamten Geschichte der Dichtkunst, wenn nicht hier, jeder Übermut, jedes Übermaß, jeder Überschwang am Platze gewesen wäre? Es gehört ja geradezu zum Stoffe, zum Gehalt; und wie wir hörten: „Gehalt bringt die Form mit“ (S. 499). Schon als Student hat Goethe in Anlehnung an das Volksbuch — welches bekanntlich auch die Erscheinung der Helena bringt — den ganzen Faust klar umrissen konzipiert; später kam er wiederholt darauf zurück; was die Ausführung so lange hinausschob — ich machte bereits darauf auf-

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merksam (S. 508 ff.) — war die Unerläßlichkeit, diesen ungeheuren Stoff als „Gehalt des eigenen Lebens“ wirklich zu besitzen; dazu gesellte sich aber die Unerläßlichkeit einer Meisterschaft der Formgebung, deren phantastisches Übermaß wir aus der einen Erwägung entnehmen können, daß es in diesem Falle darauf ankam,   v e r m i t t e l s t   der bloßen Phantasie,   i n   der bloßen Phantasie,   d u r c h   und   f ü r   die bloße Phantasie Vorgänge hinzuzaubern, zu deren Darstellung alle Entfaltung der Sinnenkünste des Malers, des Bildhauers und des Tonkünstlers in ihrem höchsten Können erforderlich wären, im Bunde außerdem mit einer dramatischen Darstellung, wie sie selbst eine künstlerische Kultur kaum je erreichen wird. Die platten Gesellen, welche die Vergötterung der deutschen Gelehrtenwelt genießen, reden von „Altersschwäche“; in Wirklichkeit handelt es sich um einen solchen Paroxysmus an Schöpferkraft, daß selbst ein Goethe zur Durchführung dieses Werkes des angesammelten Vermögens bedurfte, das während eines langen Lebens emsigster Arbeit Tag für Tag aufgespeichert worden war, dazu aber noch der letzten Entfesselung des Geistes durch die Anhäufung gewaltiger Seelenerschütterungen. Fünfundzwanzig Jahre alt war Goethe, als er von sich — in der dritten Person — schrieb: „Weder rechts noch links fragt er, was von dem gehalten werde, was er machte; weil er arbeitend immer gleich eine Stufe höher steigt, weil er nach keinem Ideale springen, sondern seine Gefühle sich zu Fähigkeiten, kämpfend und spielend, entwickeln lassen will.“ Diese langsam-sichere Entwickelung zu wirklichen Fähigkeiten ging ein weiteres halbes Jahrhundert lang fort, ehe er an die ungeheure Aufgabe ernstlich heranzutreten wagte; und es läßt sich — wie ich schon früher andeutete (S. 509 ff.) — leicht biographisch nachweisen, daß jeder schöpferisch gelungene Anstoß zu Fortsetzung und Vollendung nur in Augenblicken gelang, wo auf überwältigenden Schmerz eine Art erhabene Loslösung von der Welt des Tages erfolgt war, begleitet von jener reinen Heiterkeit, die bei hohen Geistern dem Leide entkeimt, und auch von einer — Goethe besonders eigenen — halb bitteren, halb übermütigen Ironie; er selber erzählt einmal von „jener ironischen Gesinnung, die sich über die Gegenstände, über Glück und Unglück, Gutes und Böses, Tod und Leben erhebt, und so zum Besitz einer wahrhaft poetischen

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Welt gelangt“. Der letzteste Kuß wurde der eine mächtige Hebel, der zur Wiederaufnahme des fast vergessenen Vorhabens führte (1823); die aber an den übermäßigen Ansprüchen nach und nach wiederum erschlafften Nerven gewannen von neuem die nötige Spannung erst nach dem jähen Tode Carl August's (1827), durch welchen „eine ungeheure Lücke in Goethe's Leben gerissen worden“; zuletzt kam noch das Entsetzliche dazu — den letzten Faden, der noch an das Zeitliche band, durchschneidend — der Tod des einzigen Sohnes (1830). Es wirkt vollendet komisch, wenn die Worte, die Eckermann von Goethe gehört haben will: „Am zweiten Teil meines Faust kann ich nur in den frühen Stunden des Tages arbeiten, wo ich mich vom Schlaf erquickt und gestärkt fühle und die Fratzen des täglichen Lebens mich noch nicht verwirrt haben“, von den Auslegern als Beweis mangelnder Produktionskraft angeführt werden, da sie doch nur die Unmöglichkeit beweisen, ein derartiges Werk zu schreiben, außer in Augenblicken, wo die Phantasie ungestört herrschte. Wie Goethe während der Arbeit an dem zweiten Akt einmal schreibt: „Wenn dies Ding nicht fortgesetzt auf einen übermütigen Zustand hindeutet ... so ist es nichts wert.“ Das Wort „fortgesetzt“ hat Goethe dem Diktat eigenhändig über der Zeile eingefügt und damit das Problem genau bezeichnet: Faust II ist von Anfang bis zu Ende den natürlichen Bedingungen des Lebens entrückt; auch die Zauberei ist — im Gegensatz zu der im ersten Teil waltenden, die sich an gegebenen Aberglauben anschließt — außernatürlich; das Ganze ist Spuk, ist Traumbild; es stellt gleichsam — um mich allegorisch, aber faßlich auszudrücken — die Vision eines Sterbenden dar, vor dessen innerem Auge (wie wir wissen) in einem Nu eine unermeßliche Reihe von Vorgängen gemächlich sich entrollen kann; alles ist transponiert in die reine Phantasie, alles: Ereignis, Empfindung, Idee; nirgends dürfen wir den spröden Boden der sinnlich bedingten Wirklichkeit betreten, auch nicht auf eine Sekunde, sonst wäre sofort der Zauber vernichtet; und die Bühne, auf welcher diese „Phantasmagorie“ (so bezeichnet sie Goethe) spielt, ist das Hirn eines als außerordentlich vorgestellten Mannes, eines Mannes, „welcher in den allgemeinen Erdenschranken sich ungeduldig und unbehaglich fühlend, den Besitz des höchsten Wissens, den Genuß der schönsten Güter für unzulänglich achtet, seine Sehn-

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sucht auch nur im mindesten zu befriedigen“, und welcher — durch Zeitläufte und besondere Anlagen gefördert — sich leidenschaftlich dem Wahne von Geheimkräften, von Verbindungen mit Geistern und überirdischen Dämonen hingegeben hat. Dieser träumt nun, was einzig ein solcher träumen   k a n n;   wohl sind dabei die Sinne aufs äußerste in Tätigkeit gesetzt — alles ist erschaut, alles wird gehört, Augenweide und Ohrenzauber erfüllen jede einzelne Szene — a b e r:   hier sind die Sinne rein von innen aus produktiv; die Phantasie ist es, was sie reizt und regiert; Faust's Auge „schickt“ * die Gestalten dorthin, wo es sie erblickt; aus jeder sich bewegenden Gestalt steigt Melodie empor, und die Gebäude selbst sind zugleich Musik (vergl. S. 549 ff.); alles dies bewirkt der freiwaltende, unsinnliche Geist, alles ist Spiel seiner Phantasie. Wie schon früher bemerkt, bei dem reinen Wahnkünstler bildet sich ein eigener   W a h n - S i n n   als Ersatz oder Stellvertreter des fehlenden sinnlichen Elements in der Darstellung, wogegen dann die Sinne und ihre Künste von aller Mitwirkung ausgeschlossen bleiben. Der Maler, der sich heranwagt, scheitert notwendig: dahinauf kann kein sichtbarer Stoff, kann keine greiflich faßbare Gestalt vergeistigt werden; der Musiker, der, betört, dem Zauberworte mit seinen Tongebilden nachzuhelfen wähnt, scheitert notwendig: er, der sonst (wie Goethe sagt) alles verklärt, was er berührt, wirkt hier umgekehrt, er materialisiert, und zwar notwendig, da Goethe durch das Wort schon alles geleistet hat und er, der Komponist, nun herzutritt und vermittelst eines sinnlichen Eindruckes verwirklichen will, was ausschließlich in der Phantasie existiert und durch noch so zarte sinnliche Berührung sofort vernichtet wird. Jeder Kompositionsversuch an Teilen von Faust II ist eine totgeborene Verirrung. Das ist es, was man wissen muß, um in der richtigen Geistesverfassung an diese unvergleichliche Dichtung heranzutreten — das allein; wogegen die tausendundein angeblichen Deutungen nicht das Papier wert sind, das sie beschwärzen; denn da die Phantasie — sobald sie rein auftritt — auf einem anderen Plane sich bewegt als die Logik, so kann diese ihr Gebiet der Breite und Länge nach absuchen, ohne ein einziges Mal den wirklichen Gegenstand zu ergreifen. Die Deuter tun dem Verständnis noch mehr Abbruch als die Maler und die Tondichter. Dagegen hat Goethe selber in aller Einfachheit ausgesprochen, was er von seinen Lesern fordert; es

561 Fünftes Kapitel: Der Dichter — Bekenntnis und Rückblick

steht in dem Satze, von dem ich oben ein Bruchstück anführte und der ungekürzt lautet: „Wenn dies Ding nicht fortgesetzt auf einen übermütigen Zustand hindeutet, wenn es den Leser nicht auch nötigt, sich über sich selber hinauszumuten, so ist es nichts wert.“ Goethe hat es also ausdrücklich gesagt, sein Faust II sei nicht für nüchtern gelaunte Leser gemeint, sondern nur für jene Stimmungen, die den Menschen über sein gewöhnliches Maß an schöpferischer Aufnahmefähigkeit hinaustreiben; ein neues Wort hat er zu diesem Behufe geprägt: sich über sich selber   h i n a u s m u t e n.   Faust II ist nicht für Hirn- und Herzfeiglinge geschrieben, nicht für die Vielen, die jene Altersschwäche, mit der sie selbst auf die Welt gekommen sind, an dem titanischen Greise wahrzunehmen glauben; um diese Dichtung wirklich in sich aufzunehmen, dazu gehört Mut, ja, eine neue Art von Mut: der Mut, sich über die dem Menschengeiste sonst weise gezogenen Schranken hinauszuwagen. Hier will uns der Dichter bis an die alleräußersten Grenzen führen, welche die menschliche Phantasie erreichen kann, ohne den letzten Zusammenhang mit dem Verstande zu verlieren. Der extreme Poet ist es, der uns zeigt, bis wohin sein Machtbereich sich ausdehnen läßt, dem dies aber nur insofern gelingen kann, als sein Werk uns   „n ö t i g t,   uns über uns selber hinauszumuten.“ Wer diese Nötigung nicht empfindet, für den ist überhaupt Goethe's Faust II nicht vorhanden, und er sollte — durch den Verfasser selbst gewarnt — das Werk in Ruhe lassen; wer sie aber empfindet, wird gewiß an seltsamen Wortbildungen und grammatikalischen Gewaltsamkeiten nicht Anstoß nehmen, sondern einzig bestrebt sein, ihren Sinn, und das heißt ihren Gedanken- und Gefühlswert in dieser Welt der Phantasie immer genauer nachzuempfinden. Unter den ungewohnten Bildungen in Faust II lautet die eine „All-Einzeln“; das Wort bezeichnet dort Sparta's Königin, die — so träumt sich's Faust — alle anderen Fürsten „überthronen“ soll; wir dürfen das Epitheton auf Goethe's Faust anwenden: „alleinzeln“ ist dieses Werk und wird es bleiben.

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Bekenntnis und Rückblick.

    Jede ästhetisch-kritische Besprechung der poetischen Werke Goethe's leidet an dem Mangel eines Maßstabes. „All-Einzeln“ steht dieser Dichter da. Seine ganze Persönlichkeit entfernt ihn aus dem

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Kreise sonstiger Dichter; Ursprung und Richtung seiner Poesie — sobald man näher zusieht — nicht weniger. Im Dichten Goethe's ist alles ihm eigentümlich. Und so fand ich mich veranlaßt, dieses Kapitel der einen einzigen Frage zu widmen: worin besteht die Eigentümlichkeit? Mich dünkte, wenn es mir gelänge, den innersten Organismus von Goethe's Dichten klarzulegen, so wäre damit Nützlicheres und Entscheidenderes geleistet, als wenn von einem Werke nach dem anderen die Rede gewesen wäre, ohne erst festgestellt zu haben, wer Goethe, der Dichter, war, was er wollte und wollen mußte, was er nicht wollte und nicht wollen konnte. Und da es sich um ein Organisches handelt, mußte die Antwort organisch ausfallen, und das heißt vielverzweigt, Teil gegen Teil abgewogen, in Widerwirkung sich gegenseitig ergänzend, manche Linien zusammenlaufend, andere auseinander ... Wer einen Mechanismus erklärt, kann vollständig sein; wer über Lebenserscheinungen eigene Theorien vorträgt, kann kurz und einfach sein; wer dagegen Organisierung aufdecken will, darf nicht eine logische Einfachheit vortäuschen, die niemals bei Lebendigem statthat, er muß — wenigstens von fern — den Verwickelungen alles organisch Wirkenden folgen, wozu Breite und anhaltende Aufmerksamkeit erforderlich sind; was Vollständigkeit anbetrifft, so ist diese ausgeschlossen und kann darum nicht angestrebt werden. Eigentlich handelt es sich um ein Stück „Naturerforschung“. So viel über Entstehung und Richtlinien dieses Kapitels.
    Wir gingen von einfachen Beobachtungen aus: von Goethe's auffallender Hingabe an die bildenden Künste, von seinem weniger in die Augen fallenden, doch innigen Verhältnis zur Musik; das Verhältnis zu den Sinnen deckte ein diesem Dichter allein eigentümliches Verhältnis zu der naturgegebenen Wirklichkeit auf, welches Goethe selber dahin faßte, andere Dichter verwirklichten poetische Eingebungen, er poetisiere die Wirklichkeit. Außerdem machte er uns auf die „fast unüberbrückbare Kluft“ aufmerksam, welche die Sinnenkünste, als Kunst der Wirklichkeit, von der Poesie, als Kunst des Wahns, scheidet; wer nur Poet oder aber nur Bildner, nur Musiker ist, wird sie meistens nicht gewahr, wer aber in Sinnenkunst wurzelt und in Wahnkunst schafft, muß sie jeden Augenblick empfinden. Darum sahen wir uns veranlaßt, an der Hand Goethe's diese zwei ver-

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schiedenen Kunstwelten in dem, was sie voneinander unterscheidet, genau zu untersuchen und Goethe's Verhältnis zu jeder von ihnen einer eingehenden Analyse zu unterwerfen, wobei sich dann herausstellte, daß Goethe — in der Hauptsache — den Gehalt seines Dichtens aus einer Auffassung der Wirklichkeit schöpft, derjenigen des Sinnenkünstlers nahe verwandt, wogegen er in Bezug auf die Form ein extremer Poet ist, indem er die Phantasie allein für fähig hält, mit der Natur zu wetteifern, während die Sinnlichkeit ihr untertan bleibt; Goethe's geringe Veranlagung für alle Technik fand hier ihre organische Erklärung. Nach Gewinnung dieser grundlegenden Einsichten gingen wir dann an die umständlichere Aufgabe, den Gehalt und die Form in Goethe's Dichten genauer zu zergliedern, damit unser Verständnis für die Leistung reicher und sicherer würde. Die Untersuchung des Gehaltes nötigte zu einer besonderen Betrachtung des organischen Verhältnisses zwischen dem Naturerforscher Goethe und dem Dichter Goethe. Am ausführlichsten aber mußte die Analyse der dichterischen Formgebung behandelt werden: nacheinander beschäftigten uns die Naturtreue, die Freiheit der Phantasie, der Einfluß der Sinnenkünste, die Sprache; die beiden ersten mehr in Bezug auf die ganze Erfindung und Anlage einer Dichtung, die beiden letzten mehr in Bezug auf das Einzelne der Ausführung; doch ließen sich scharfe Grenzen nicht ziehen, denn die Naturtreue z. B. spiegelt sich in jedem Worte wider und nötigte zu einigen peinlich genauen Wortbetrachtungen, sogar zu Wortzählungen, hingegen das Studium der Eigentümlichkeiten der Sprache uns zuletzt zu einer Untersuchung des tiefsten Wesens von Goethe's gewaltigstem Dichtwerk führte. „Alles ist einfacher, als man denken kann, zugleich verschränkter, als zu begreifen ist“: mit diesem Wort wird alles Leben bezeichnet, von der einzelligen Alge an bis zu der schöpferischen Betätigung eines gewaltigsten Geistes; wo wir nicht einfach sehen, sehen wir gewiß noch nicht auf den Grund, wo die erblickten Tatsachen sich nicht ineinander verschränken, haben wir gewiß nicht die Lebensgestalt, sondern nur ihre logisch-willkürliche Allegorisierung vor Augen. Das eigentlich   E i n f a c h e   kann in dem erkennenden Geiste immer nur ein Erstes und ein Letztes sein: eine Ahnung am Anfang, eine Intuition am Ende; sobald wir dagegen Teile behufs eingehenderer Befassung unterscheiden, sind wir, wenn nicht ein

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jeder Teil von allen anderen bedingt erkannt wird, auf falscher Fährte, und zerbröckeln nur, indem wir zu unterscheiden wähnen; der letzte Zweck ist, die   V e r s c h r ä n k u n g,   wenn nicht zu begreifen, was unsere Fähigkeit übersteigt, doch mit einiger Deutlichkeit zu gewahren, woraus dann eine neuerliche Erfassung des Einfachen, diesmal auf höherer Stufe des sinnenden Bewußtseins, erfolgen soll. So viel zur wiederholenden Zusammenfassung unserer Ergebnisse und zur allgemeinsten Bestimmung ihrer Bedeutung.
    Dafür dürfen wir jetzt die herrlichen Werke — von Willkür und Theorie, von überflüssigen Analysen und trivialen Kommentaren unangetastet — dem reinen Genusse aufbewahren. Habe ich das Verständnis des Lesers für die Eigenart Goetheschen Dichtens erweitert und vertieft, dadurch auch einen Beitrag zur ausführlich genauen Erfassung seiner Persönlichkeit geliefert, so kann das billig genügen; denn es wird ihm bei jedem Befassen mit dem Dichter und seinen Werken zugute kommen.

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Goethe und das Drama

    Einen einzigen Gegenstand will ich noch — gleichsam als Probe auf die Ergiebigkeit und Echtheit der gewonnenen Einsichten — anhangsweise kurz besprechen:   G o e t h e 's   V e r h ä l t n i s   z u m   D r a m a.   An diesem Prüfstein versagen, soweit meine Kenntnisse reichen, alle Darsteller seines Schaffens; unseren Ergebnissen traue ich die Fähigkeit zu, tieferen Einblick zu vermitteln.
    Das Epische in Goethe's Wesen fällt Jedem auf; Werke wie Hermann und Dorothea und wie die verschiedenen Teile von Aus meinem Leben ruhen gleichsam in ihrer Vollendung, unantastbar. Nicht ebenso verhält es sich mit Goethe's Dramen: von Götz bis Faust, ein jedes hat etwas Problematisches an sich und weckt widersprechende Anschauungen und Beurteilungen, auch wird keines recht heimisch auf unseren Bühnen. Dazu die verwirrenden Unterschiede im Stil, dank welchen eine Kritik, die allenfalls auf ein Werk paßt, bei anderen jeder Anwendung ermangelt. Wer einfach urteilt: Goethe war kein Dramatiker, macht sich die Sache zu leicht; damit wird das vorliegende Problem nicht gelöst, sondern umgangen. Denn

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erstens — wie Goethe öfters hervorhebt — sind „dramatisch“ und „theatralisch“ nicht kurzweg identisch; einmal bezeichnet er ein Werk als „vollkommen dramatisch, ganz untheatralisch“; ja, er unterscheidet sogar weiter zwischen „theatralisch“ und „bretterhaft“; außerdem aber ist keine Kunstwirkung so tausendfach beschränkt und bedingt wie gerade die des Theaters einer jeden Zeitepoche; nirgends findet sich der Künstler so beengt in seiner eigenen Eingebung und so genötigt, den Gesetzen einer herrschenden Konvention sich zu fügen; jeder Theaterdichter von origineller Kraft müßte sich seine eigene Bühne aus dem Boden stampfen; und sicher ist, daß unsere heutigen Theater sehr selten fähig sein werden, jene „zarte Bedeutung“ zu verstehen und zur Darstellung zu bringen, welche das wesentliche Kennzeichen Goethescher Dichtart ausma