HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
GOETHE

SECHSTES KAPITEL

Zurück zur Hauptseite / Back to main page


Vorworte & Einleitung
Erstes Kapitel. DAS LEBEN
Zweites Kapitel. DIE PERSÖNLICHKEIT
Drittes Kapitel. DER PRAKTISCH TÄTIGE
Viertes Kapitel. DER NATURERFORSCHER
Fünftes Kapitel DER DICHTER
Sechstes Kapitel. DER WEISE
Anhang & Register



Nota Bene: This is raw scanning material, it hasn't been proof-read and corrected yet, and therefore it will contain scanning errors.

 
579


SECHSTES KAPITEL

DER WEISE

Wenn die Andern wachend träumen, und
 von ungeheuren Vorstellungen aus allen
 ihren Sinnen geängstiget werden, so lebt er
 den Traum des Lebens als ein Wachender
 und das seltenste, was geschieht, ist ihm
 zugleich Vergangenheit und Zukunft.
Goethe
580

(Leere Seite)

581


Goethe der Weise

G
oethe ist, glaube ich, der   w e i s e s t e   Mensch, von dem wir Kunde haben; jedenfalls bildet der Besitz wahrer Weisheit ein hervorragendes Kennzeichen dieses Mannes unter anderen bedeutendsten Männern. Er ist nicht Religionsstifter, nicht Verkünder einer philosophischen Lehre, nicht stupender Gelehrter, noch träumt er von sozialpolitischer Allbeglückung; vielmehr steht er zu allen derartigen Geistesrichtungen in einem Widerspruch, der ihn solchen Männern gegenüber leicht in die Stimmung des Widersachers treibt. Seine Unfähigkeit, einer jener Kategorien anzugehören, ermöglicht es ihm, vollendete Weisheit zu erlangen: denn jede übermäßige Leistung setzt Einseitigkeit voraus, und diese schränkt das Urteil ein, das eigentliche Werkzeug der Weisheit; und was den göttlichen Wahn betrifft, so mögen wir ihn in seinen verschiedenen Äußerungen noch so hoch stellen, ihn mit Plato als Schöpferkraft besingen, ihn mit Carlyle als Erzeuger des Heroischen preisen, sicher ist, daß mit dem Worte Weisheit eine feste Grenze gegen das Wahnvolle gezogen wird. Weisheit besitzt nach Goethe jener Geist, der „die Zustände mit Freiheit und Klugheit überschaut“; sie ist also zugleich kühn und selbstbeherrscht. Ein Mann, der an den praktischen Aufgaben, die das Leben ihm stellt, allen Hindernissen und Bitternissen zum Trotz freudevoll sein eigenes Können und Sein auferbaut, kann nie mit einem Buddha oder einem Schopenhauer die Verneinung des Willens zum Leben als Weisheit verkünden; vielmehr lautet sein erstes Bekenntnis: „Gedenke zu leben!“ und er macht uns auf die „Wichtigkeit“ jedes noch so gering und flüchtig erscheinenden Lebensgenusses aufmerksam (S. 467). Aller Überspannung der ethisch-religiösen Ansprüche gegenüber ruft Goethe aus: „Wie süß ist es, mit einem richtigen, verständigen, klugen Menschen umgehen, der weiß, wie es auf der Welt aussieht und was er will, und der, um dieses Lebens anmutig zu genießen, keine superlunarische Aufschwünge nötig hat, sondern in dem reinen Kreise sittlicher und sinnlicher Reize lebt.“ So kräftig bejahend weiß er den Wahn zu bändigen! Mehr Verbindungsstege scheinen zum Philosophen und zum Gelehrten hinüberzuführen, doch handelt es sich immer nur um ein bedingtes Nehmen und Geben, begleitet von Abneigung gegen die be-

582 Der Weise — Goethe der Weise

sondere Gemütsart, die aus der ausschließlichen Hingabe an das Denken oder an das Wissen zu entspringen pflegt. Zu einer Philosophie, welche die letzten Geheimnisse des Daseins aufzudecken unternimmt, fehlt dem wahrhaft Weisen der Glaube an die hinreichende Befähigung des Menschengeistes; schon in jungen Jahren, nach verschiedenen Irrwanderungen, hatte er „eingesehen, daß es besser sei, den Gedanken von dem Ungeheuren, Unfaßlichen abzuwenden“; gern nennt er sich einen „Menschenverständler“ und verlangt das Spekulative „gleich fürs Haus brauchen zu können“. Zum Gelehrten ist die Leidenschaft zu feurig, der Genius unfähig, auf den Gebrauch seiner Flügel zu verzichten; außerdem lehrt ihn seine Erfahrung, nicht die Pfaffen allein zögen den Obskurantismus groß, vielmehr läge es in der Tendenz aller Gelehrten, „barbarische Obskuranten“ zu werden. Bei der Wissenschaft der Natur schreckt ihn der plumpe Realismus unserer Forscher ab; seine auferbauende Phantasie zersprengt „die Sklavenfessel der — doch nur von Menschen aufoktroyierten — Wirklichkeit“; an Forschern hat er bemerkt, wie gar leicht man dazu gelangt, „zuletzt für lauter Wissenschaft gar nichts zu sehen“; ist doch „eine Wissenschaft, wie jede menschliche Anstalt und Einrichtung, eine ungeheure Contignation ¹) von Wahrem und Falschem, von Freiwilligem und Notwendigem, von Gesundem und Krankhaftem“. Die selbe Neigung zur Ablehnung bemerken wir auf sozialem Gebiet: die hochfliegenden Weltverbesserungspläne Saint Simon's und Anderer nennt er kurzweg „allgemeine Unverschämtheiten“, und über das noch heute so gepriesene Humanitätsideal seines Freundes Herder spottet er: „Die Welt wird Ein großes Hospital und Einer des Anderen humaner Krankenwärter werden.“ Was die Politik im Allgemeinen betrifft, so weist er sie möglichst von sich ab und bekennt: „Ich mag mich sehr gern regieren und besteuern lassen, wenn man mir nur an der Öffnung meines Fasses die Sonne läßt“, und: „Wenn nur Ordnung gehalten wird, so ist es ganz einerlei, durch welche Mittel.“ Auch hier haben wir also seine Weisheit nicht in theoretischen Doktrinen, in umgestaltenden Regenerationsgedanken und dergleichen zu suchen, noch weniger in dem üblichen Rausch über die herrliche Beschaffenheit unserer Gegenwart und die goldenen Verheißungen der Zukunft; vielmehr kündet
—————
    ¹) Gebälke, Sparrenwerk.

583 Der Weise — Goethe der Weise

er von dieser voraus, ihre gerühmten Vorzüge — „die Facilitäten der Kommunikation“, die Ausbreitung von Bildung und Überbildung, die Machtentfaltung der Presse usw. — würden nur ein „Verharren in der Mittelmäßigkeit“ zur Folge haben, ja, in manchen Stunden glaubte er schon „die Wogen und Brandungen der zu befürchtenden Barbarei“ zu vernehmen.
    Von Goethe's Weisheit können wir demnach vorausschicken, sie sei weder historisch noch prophetisch, weder visionär noch schematisch; sie fußt im Erlebnis und lehnt jegliches Dogma ab. Im Gegensatz zu allen Schimären lautet ihre Hauptmaxime: „Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst“; was aber nicht materiell utilitaristisch, vielmehr im Sinne eines „ideellen Utilitariers“ gemeint ist. Wie es an jener Stelle weiter heißt: „Wenn wir   n a c h   i n n e n   das Unsrige getan haben, so wird sich das   N a c h   a u ß e n   von selbst geben.“ Die Grundannahme dieser Weisheit steht uns hiermit schon deutlich vor Augen: die Gegenwart enthalte das Mögliche. Ein Jeder besitzt die Gegenwart; an ihm nur liegt es:

Und jeder Schritt ist Unermeßlichkeit.

Alle Sehnsucht nach früheren oder späteren Zeiten ist Torheit; Vergangenes und Künftiges, beides

Schließt an heute sich rein, an ein Vollendetes, an.

Wissenschaftlich wird die ursächliche Erklärung dessen, was ist, aus dem, was war, abgewiesen, weil sie alles tiefere Erschauen des Gegenwärtigen und dadurch zugleich alle wahre Erkenntnis des Ewigen vernichtet; mythisch-religiös kann der Gott-Schöpfer, der „nur von außen stieße“, nicht zugestanden werden, und der Glaube ist zwar „ein heiliges Gefäß“, nicht aber für ein überkommenes Bekenntnis, vielmehr ein Gefäß, in welches jede Gegenwart und jeder Gegenwärtige eigenes Gefühl, eigenen Verstand, eigene Einbildungskraft zu opfern hat. Es ist genau der gleiche Grundton wie in dem evangelischen Worte von dem Himmelreich, das in dem Acker zu unseren Füßen begraben liegt: Jeder kann ihn heben, heute ebenso wie gestern und morgen. „Es ist immer die selbe Welt, die der Betrachtung offen steht, die immerfort angeschaut oder geahnet wird, und es sind immer die selben Menschen, die im Wahren oder Fal-

584 Der Weise — Ziel und Methode des Kapitels
schen leben...“ Und sind wir nur weise, und verhindern es nicht, daß „Leben sich des Lebens freue“:

Dann ist Vergangenheit beständig,
Das Künftige voraus lebendig,
Der Augenblick ist Ewigkeit.

Daher die Goethen eigene Art von milder Ironie, welche in der selben Weise über religiösen wie über wissenschaftlichen, ästhetischen und politisch-sozialen Wahn lächelt, keinen von allen jedoch unbeachtet und ungenutzt von sich abweist. „Schauen, wissen, ahnen, glauben und wie die Fühlhörner alle heißen, mit denen der Mensch ins Universum tastet, müssen denn doch eigentlich zusammenwirken...“ Dies ist zugleich Realismus und Mystik: nur ist es der Realismus eines die Wirklichkeit schöpferisch frei gestaltenden Geistes, und es ist die Mystik des offenen, nicht diejenige des geschlossenen Auges; außerdem steht beides im Dienste eines durch und durch praktisch tätigen Gemeinsinns.

—————

Ziel und Methode des Kapitels

    Hier nun weiter zu gehen und über Goethe als Weisen Zusammenhängendes vorzubringen, wäre verwegen, gälte es den Versuch einer systematisch abgeschlossenen Darstellung; ein solcher kann für Goethe nie gelingen, ebensowenig wie er jemals für Plato hat gelingen wollen. Die Persönlichkeit Goethe's sowie die lebendige Weisheit, die aus ihr strahlt, leidet unter jeder systematischen Behandlung; es ist genau das selbe, als wenn einem Vogel die Flugsehnen durchschnitten werden, damit man das flüchtige Tier gelassen betrachten möge: der Eingriff bleibt unsichtbar, doch die Kraft ist dahin, und mit ihr der Sinn des Geschöpfes.   N i c h t   systematisch zu verfahren, bildet das kennzeichnende Wesen eines solchen Mannes; ein System schließt ab, er dagegen will Tore öffnen: führt er auch vielerorten Architektonisches in die Höhe, so will er hiermit Anderen nicht Vorschrift, sondern Anregung gegeben haben. „Was Sie mir über Ihr Verhältnis zu meiner Art und Weise sagen, ist mir tröstlich und kräftigend: denn ich bin mir bewußt, daß Sie an dem Gebäude, das ich mir zur Wohnung auferbaute, keinen schroffen Abschluß, sondern, in Hoffnung der Zukunft, gar manche

585 Der Weise — Ziel und Methode des Kapitels

angebrachte Verzahnung (pierres d'attente) finden werden, wo Sie, da Ihnen Lokal und Nachbarschaft nicht mißfällt, sich ohne weiteres, auch in Ihrem Sinne, anschließen können.“ Diese Vorstellung der „Verzahnung“ wird Goethe immer vertrauter, je reifere Ausgestaltung seine Erkenntnis gewinnt. Er redet gern von „Wartesteinen“, nimmt sich vor, bei seinen eigenen Werken „nach allen Seiten aus den Mauern Wartesteine genug hervorragen zu lassen, die für ihn oder Andere aufs Fernere deuten“, und beklagt bei einem interessanten Menschen, mit dem er sich sonst nicht im Widerspruche fühlt, „keine Wartesteine in seinem Wesen zu finden, wo er geneigt wäre, auch irgend einen kleinen Anbau zu versuchen.“ Nirgends also findet ein Abschluß statt, nirgends steht ein letztes Wort — außer im Kunstwerke, wo aber nicht eine Lehre vorgetragen, sondern eine Gestalt losgelöst wird ins eigene sphärisch abgeschlossene Dasein.
    Letztere Erwägung weckt jedoch eine weitere. Auch außerhalb der Kunst bleibt Goethe Künstler; wie sollte er es nicht? Und wir werden darum, wenn wir flüchtig urteilen, manchen scheinbaren Abschluß finden. Ganz allgemein bekennt er sich zu der Neigung, „sich monographisch zu beschäftigen, und von so einem Punkte aus sich gleichsam wie von einer Warte rings umher umzusehen“; in welchem Maße diese Eigenschaft zu den Grundzügen seines Wesens gehört, sahen wir bei der Betrachtung des Naturerforschers (S. 327 ff.); sie ist kunstverwandt. Darum aber müssen wir an allen Orten, wo wir bei ihm den Eindruck eines Abschlusses gewinnen, besonders auf der Hut sein; denn hier spricht wahrscheinlich der Monographist, der Mann, der vorübergehend das Eine in ähnlicher Weise ins Auge faßt, wie wenn er ein Kunstwerk abrundete; daher müssen wir wohl unterscheiden lernen zwischen der Form und dem Gehalt. Dies ist der selbe Mann, den „das Bedürfnis seiner Natur zu einer vermannigfaltigten Tätigkeit zwingt“ und dem es „das größte Vergnügen macht, die Antinomien der Überzeugung zu studieren“; ein anderes Mal wird er die nämlichen Zusammenhänge aus einem andern Standpunkt erblicken, ein drittes Mal aus einem dritten, und immer wieder wird der Künstler in ihm geneigt sein, abzurunden und loszulösen: dies bewirkt sein schöpferischer Instinkt. * Wer einem Werke „Stil“ verleiht, „sondert es ab“, belehrt uns Goethe. Außer-

586 Der Weise — Ziel und Methode des Kapitels

dem erinnere ich an die Ausführungen im zweiten Kapitel über die hinreißende Gewalt der Anschauung in einem solchen Gemüte (S. 100 ff.): es gehört zum berechtigten, segenbringenden Wesen aller Leidenschaft, durch Erfassen des Einen es bis zur Durchsichtigkeit zu durchglühen; wie denn Goethe ausdrücklich lehrt, „das Überschwengliche mache die Größe“. Überschwenglich sein bildet also einen Bestandteil der Weisheit Goethe's! Wir dürfen aber nicht das, was im Überschwange gesprochen wird, als abschließende, geklärte Lehre auffassen; damit täten wir der Absicht Unrecht, die nur sichtbar zu machen und dadurch zu wirken und zu wecken, nicht ein Fertiges als These in andere Gemüter überzupflanzen vorhatte. „Was man in Anderen erregt“, schreibt er, „wird immer weit besser sein als das, was man geben kann.“
    Wer das einsehen lernt, gelangt auf eine wichtige Stufe der Erkenntnis: Wissen wird gelehrt, zu Weisheit kann man nur hinführen. Darum das bei Goethe oft durchklingende Motiv: er „möchte seine Überzeugungen nicht als Lehre, sondern als Bekenntnis hinlegen.“ Diesen Ton überhöre ja Keiner, der Goethe's Weisheit ergründen und an ihr die eigene auferbauen will:   n i c h t   L e h r e!   Denn hierin bewährt sich die Weisheit dieses Mannes als echte Weisheit: ihm ist bewußt, daß man sie nicht lehren kann. „Der Mensch ist kein lehrendes, er ist ein lebendes, handelndes und wirkendes Wesen. Nur in Wirkung und Gegenwirkung erfreuen wir uns.“ Zwingen kann — wem Machtgebot eigen ist; überreden — wer zum Sophisten Anlage besitzt und an dem Applaus der Urteilslosen sich willig berauscht; dagegen findet wahre Weisheit nur mittelbar Verbreitung, wie man den Boden zu Sämereien bearbeitet, wobei auch dem geschicktesten, geduldigsten Gärtner die eigene Kraft der verschiedenen Samen Richtung und Grenze unwandelbar vorschreibt. Wer wahrhaft weiß, weiß vor allem, was er nicht kann. „Jeder weiß nur für sich, was er weiß, und das   m u ß   e r   g e h e i m   h a l t e n;   wie er es ausspricht, sogleich ist der Widerspruch rege, und wie er sich in Streit einläßt, kommt er in sich selbst aus dem Gleichgewicht und sein Bestes wird, wo nicht vernichtet, doch gestört.“ Denn wie es an andrem Orte heißt: „Es hört doch Jeder nur, was er versteht.“ Es ist also nicht möglich, unmittelbar an die Lehre zu gehen, sondern erst muß der Schüler   v e r s t e h e n,   eher ist er nicht befähigt

587 Der Weise — Ziel und Methode des Kapitels

zu   l e r n e n.   Und so möchten wir von einer unlösbaren Aufgabe entmutigt ablassen, versicherte uns nicht Goethe, daß es eine „besondere Bildung“ gibt, die nach und nach — auf Umwegen — das richtige Hören, das richtige Verstehen anerzieht.
    Unsere Aufgabe ist uns also klar vorgezeichnet: nicht die Vermittelung der Weisheit Goethe's, vielmehr die Vermittelung der Bildung, welche zu der Aufnahme dieser Weisheit befähigt, haben wir anzustreben.
    In aller Kürze noch ein sofort einleuchtendes Argument gegen jeden Versuch, Goethe's Weisheit unmittelbar vorzutragen. Ein sehr großer Teil dieser Weisheit — vielleicht der größte — geht bei jeder systematischen Behandlung nach den üblichen Fächern, Religion, Philosophie, Politik usw., ganz und gar verloren, weil sie gern auf Grenzen schwebt und Fragen der Haltung, der Methode, der allgemeinen Gemütsstimmung betrifft — immer, wie wir jetzt verstehen, die soeben genannte „besondere Bildung“ im Auge, die von allen Seiten hervorgelockt und gepflegt werden soll — so daß gerade für dieses Grundlegende, das wahre „Hören“ Herbeiführende, in keinem einzelnen Fach sich ein Platz findet.
    Holen wir uns Rat bei Goethe, ehe wir fortfahren.
    Er schreibt einmal: „Die Franzosen haben das schöne Wort aborder une question; denn gerade dieses   A n l a n d e n,   diese seemännische Klugheit, zu wissen, wo eine schroffe Insel zugänglich ist, halt' ich für das Höchste.“ Einzig einem solchen Versuche des „Anlandens“ soll dieses Kapitel gewidmet sein. Sobald die neue Küste erreicht ist, bleibt das Weitere für jeden Einzelnen ein Lebenswerk; und zwar nicht bloß, insofern Goethe's Weisheit unerschöpflich ist und mit unserer eigenen zunehmenden Reife wächst und wächst, sondern weil es in dem Wesen einer derartigen, der Platonischen verwandten, unsystematischen Weisheit liegt, zu jedem Individuum neue Beziehungen zu gewinnen. Es handelt sich, wie wir es schon oft in diesem Buche hörten, um Tat mehr als um Lehre, und „Tat“ muß ein jeder Einzelne selber tun.

Gleich sei Keiner dem Anderen; doch gleich sei Jeder dem Höchsten.
Wie das zu machen? Es sei Jeder vollendet in sich.

Dieses „vollendet in sich“ kann uns als Kompaß dienen; es spricht

588 Der Weise — Ziel und Methode des Kapitels

sich darin der Gegensatz zu allem Absoluten aus und die Hochachtung vor jeder Gestaltung, in welcher Leben sich äußert. Goethe bezeichnet es als nicht wünschenswert, „daß Andere uns in unserem Tun und Lassen nachahmen“, dagegen sei es „erfreulich, ja erbaulich, wenn sie diejenigen Prinzipien, wornach wir handeln,   i n s o f e r n   s i e   r e i n   m e n s c h l i c h   s i n d,   in sich selbst entdecken, hiernach aber ihre Lebens- und Mitteilungsweise einzurichten geneigt werden“. An Plato preist Goethe „die heilige Scheu, womit er sich der Natur nähert, die Vorsicht, womit er sie gleichsam nur umtastet“; in der gleichen Gemütsstimmung naht er selber seinen Mitmenschen, in der Stimmung der Ehrfurcht und der „stolzen Demut“. Bezeichnet er es doch als „Schlüssel zu Vielem, was an ihm und seinem Leben problematisch erscheinen muß“, daß er „ein weit höheres Bedürfnis fühle, in das innerste Wesen des Menschen und der Dinge einzudringen, als sprechend, überliefernd, lehrend oder handelnd sich zu äußern“. So viel er auch im Laufe seines langen Lebens — unter dem Notzwange des Genius sowie der pflichtgebietenden Gelegenheit (S. 503 ff.) — gesprochen und gelehrt hat, man versuche zu begreifen, daß er stets weit mehr verschwieg als aussprach; denn dieses Gesetz dringt durch bis in jede einzelne Äußerung aus seinem Munde; wir dürfen behaupten: die Kunst des Verschweigens bildet einen wesentlichen Bestandteil seiner unnachahmlichen Kunst der Sprache. Und wie im Einzelnen so im Ganzen. Von seinen Gedichten sagt er: „Ich möchte keinen Vers geschrieben haben, wenn nicht tausend und abertausend Menschen die Produktionen läsen und sich etwas   d a b e i,   d a z u,   h e r a u s   oder   h i n e i n   dächten.“ Selbst also auf dem Gebiete der Kunst handelt es sich für ihn nicht um bloße Mitteilung, sondern um geforderte Mitwirkung; auch hier wird einzig Derjenige ihn richtig „hören“, der dazu herangebildet worden und dessen Hören zugleich ein eigenes Dichten und Denken ist — dabei, dazu, heraus, hinein. Die letzte Tiefe streifen wir, wenn wir Goethe von seinen Ideen sagen hören, er traue ihnen „unendliche Wirksamkeit“ zu, dem logischen Denken aber blieben sie „unerreichbar und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen, doch unaussprechlich“.
    Wie der Leser bemerkt, Goethe selber läßt uns über jenes Anlanden nicht ohne Rat und Kompaß. Wir wissen schon genau, wo

589 Der Weise — Ziel und Methode des Kapitels

die Insel zugänglich ist; infolgedessen wissen wir auch, welche weiten Gebiete nicht direkt angefahren werden können, sondern erst nach vollbrachter Landung zugänglich sind. Fraglich bleibt noch, welcher Mittel wir uns bedienen sollen, um das klar erkannte Ziel zu erreichen. Hier tritt nun das verantwortliche Vorrecht des Steuermanns in Kraft. Kein Fortschritt der Wissenschaft kann den Steuermann überflüssig machen; wo immer auch Elemente durchschifft werden, es muß Einer sein, der Alleingewalt ausübt; man wähle, wen man will, hat man aber gewählt und führt der Betreffende das Ruder, so lasse man ihn walten, sonst ist die Fahrt gefährdet. In diesem Buche bin ich der Pilot; die vorangegangenen Kapitel bilden meinen Nachen; ohne ihn wäre ich außerstande, meine Leser ans Ziel zu führen; nur selten werde ich auf die Skizzen über die Persönlichkeit, den praktisch Tätigen, den Naturerforscher, den Dichter zurückverweisen, doch setze ich Vertrautsein mit ihnen voraus. Jetzt aber kommt es darauf an, mit unserm Fahrzeug hinauszugelangen, ans Ziel, an die ferne Insel. Kein Schiff kann der Organe entbehren — Ruder, Segel, Schraube — sonst würden es die blinden Elemente umhertreiben; zu jener geforderten „besonderen Bildung“ bedarf es einer Methode. Wieder belehrt uns Goethe. „Wer eine Synthese recht prägnant in sich fühlt, der hat eigentlich das Recht, zu analysieren, weil er am äußeren Einzelnen sein inneres Ganze prüft und legitimiert.“ Im Laufe der Jahre hat sich eine Synthese von Goethe's Weisheit nach und nach in mir ausgebildet; aus ihr entnehme ich das Recht zu analysieren; diese Analyse soll uns die Organe zur Beförderung unseres Nachens liefern, indem sie uns die Organe von Goethe's eigenem Geistesleben entdecken hilft, deren wir uns dann bemächtigen.
    Eine verbreitete Tatsache des Menschengemütes hat in Goethe — wie Humboldt und Schiller bemerkten (vgl. Kapitel 2, Anfang) — so eigenartige Ausprägung erhalten, daß sie zu einem individuellen Kennzeichen heranwächst: das Zusammenbestehen von polar entgegengesetzten Instinkten, Forderungen, Leistungen. Nicht allein die Leidenschaft und Gewalt der Persönlichkeit erhöht hier die Bedeutung des Phänomens, namentlich tut es die Weite des Gemütes, aus dessen beiden entferntesten Endpunkten diese organischen Antinomien — sagen wir deutsch: aus dem Leben erzeugten Wider-

590 Der Weise — Ziel und Methode des Kapitels

sprüche — entstammen (S. 93 ff.); infolgedessen fällt das Gegensätzliche, das wir bei bedeutenden Männern auch sonst gewahren, bei ihm besonders stark in die Augen und wird Verständnis und Urteil immer verwirren, solange man sich nicht entschließt, gerade in diesen scheinbaren Widersprüchen wie die Triebfedern der lebendigen Persönlichkeit so auch die Tragsäulen ihrer Weisheit zu erkennen. Vielleicht gewinnen wir zu jenem erhofften Anlanden die von Goethe gepriesene seemännische Klugheit, wenn es gelingt, die wichtigsten Widersprüche unter einzelne Hauptrubriken einzusammeln, die den leitenden Vorstellungen dieses Geistes entsprechen; es müssen grundlegende Widersprüche allgemeinster Art sein, die uns immer wieder begegnen, gleichviel welchem Gebiete Goethe's Sinnen gilt.
    Vier antinomische Paare sind es, die ich als vorwiegend zu erkennen meine: das eine entsteht an jener Grenze, wo Charakter und Intellekt sich eng berühren, so daß die betreffenden Forderungen mit Maximen verwandt erscheinen, ein zweites bezeichnet unablässig tätige Verrichtungen des Verstandes, ein drittes entspringt dauernd vorwaltenden symbolischen Vorstellungen, geeignet, eine große Menge anderer Vorstellungen sich unterzuordnen, das vierte gilt den allumfassenden Ideen der Vernunft. Die entgegengesetzten Maximen sind die Forderung des beschränkenden   M a ß e s   und die ebenso energische Forderung, stets vom Anfang an ein   G a n z e s   zu erfassen; die speziellen Verstandesgepflogenheiten sind die des   U n t e r s c h e i d e n s   und des   V e r b i n d e n s;   die leitenden Symbole sind das der als Persönlichkeit mikrokosmisch in sich abgeschlossenen   M o n a d e   und das der allbedingenden   G e m e i n s a m k e i t;   die umfassenden Ideen sind die der   N a t u r   und   G o t t e s.
    Vielleicht gräbt sich eine tabellarische Übersicht dem Gedächtnis leichter ein:

Zwei Maximen des Charakters: Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen.
Zwei Verrichtungen des Verstandes: Unterscheiden, Verbinden.
Zwei Symbole der Phantasie: Monade, Gemeinsamkeit.
Zwei Ideen der Vernunft: Natur, Gott.

    Somit hätten wir die gewünschten triebkräftigen Organe zu unserer Fahrt gewonnen; jetzt stoßen wir vom Ufer ab.

591 Der Weise —  Die zwei Grundallegorien


Die zwei Grundallegorien

    Es wird sich als praktisch erweisen, jedes einzelne Paar der aus dem Leben erzeugten Widersprüche der Reihe nach als Wegförderer zu benutzen; so kommen wir schnell und sicher vorwärts. Voran schicke ich aber eine kurze allgemeine Betrachtung, die uns üben soll, mit diesen Organen richtig umzugehen, damit sie nicht Schemen bleiben, sondern zu Werkzeugen tüchtig werden. Zwei der am häufigsten gebrauchten Allegorien Goethe's verhelfen uns hierzu am besten.
    Goethe liebte es, die Vorstellung des elektrischen Stromes sowohl im eigentlichen Verstande wie auch bildlich anzuwenden. Welche Einheit auch den elektrischen Erscheinungen zu Grunde liegen mag, eigentümlich bleibt, daß keine Wirkung sich betätigen kann, wenn nicht eine Spaltung in zwei antagonistische Bestandteile statthat; ja, „Spaltung“ ist kaum das richtige Wort, denn eine Entgegensetzung in sich zu tragen — die wir mit Nord und Süd, mit positiv und negativ, mit plus und minus, mit analog und antilog, oder wie uns sonst beliebt, bezeichnen —, gehört zum Wesen elektromagnetischer Erscheinungen, so daß jede Voraussetzung einer ursprünglichen Einheit lediglich eine Hypothese des Verstandes bedeutet. Diese Tatsache bezeichnet man (aus Analogie mit den einander entgegengesetzten und doch untrennbar zu einander gehörigen Erdpolen) als   P o l a r i t ä t.   Eine ähnliche   P o l a r i t ä t   glaubt Goethe allenthalben wiederzufinden: in Wärme und Kälte, in Licht und Finsternis, in Geist und Materie, in Sinnlichkeit und Vernunft, in rechts und links, in männlich und weiblich, sogar in Sein und Sehnsucht. Uneingeschränkt gilt für ihn die These: „Der Gegensatz der Extreme, indem er an einer Einheit entsteht, bewirkt eben dadurch die Möglichkeit einer Verbindung“; oder, wie es an anderem Orte heißt: „Identität und Differenz (sind) zu gleicher Zeit gegeben.“ Der mannigfaltige Sinn dieser Allegorie enthüllt sich dem Unvorbereiteten nicht sofort; ihn müssen wir ergründen, wollen wir die lebendigen Widersprüche verstehen, zu deren Betrachtung wir uns anschicken. Ich nenne sie Widersprüche, weil sie, rein logisch betrachtet, solche sind; organisch betrachtet handelt es sich vielmehr um   G e g e n s ä t z e,   die sich — ebenso wie die beiden Pole des elek-

592 Der Weise —  Die zwei Grundallegorien

trischen Stromes — zwar abstoßen, nichtsdestoweniger aber einander genau bedingen, mit anderen Worten, einander unbedingt voraussetzen, und die sich nur darum und nur insofern polar entgegengesetzt sind, als sie zusammen eine Einheit bilden und — gerade deswegen — wie Nordpol und Südpol diametral auseinanderzufliehen scheinen, sobald wir dieses Eine fest ins Auge fassen. Denn das Eine kann der Mensch als Einheit wohl   e m p f i n d e n,   nie aber es durch Vorstellung, Begriff und Wort als Einheit erfassen; vielmehr besteht sein aneignendes Erforschen aus einem Teilen und Wiederteilen, und jede erste Teilung führt zu einer Entgegensetzung von zweierlei, welche erst durch die Reihe weiterer Entgegensetzungen nach und nach gemildert wird, indem die schroffen Antithesen der ursprünglichen Entgegensetzung minder schroffen weichen und auf diese Weise ein Näherrücken stattfindet, bis der geistige Zwischenraum nach und nach ausgefüllt worden ist.
    Bei jedem unserer vier Paare entgegengesetzter Thesen liegt nun — nach Goethe's Überzeugung — eine   E i n h e i t   zu Grunde, und jede der beiden entgegengesetzten Thesen schließt die andere nicht aus, sondern fordert sie vielmehr „polarisch“. Sein Wilhelm Meister preist jede Anregung, „das Entgegengesetzte zu überschauen und in Übereinstimmung zu bringen“, worauf Goethe den weisen Oheim erwidern läßt: „Ganz richtig! Hat doch der vernünftige Mann in seinem ganzen Leben noch keine andere Beschäftigung gehabt.“ Auf allen Gebieten — im Charakter, im Verstand, in der Vernunft, in der Phantasie, in der Praxis, in der Moral — ist es das Gewahrwerden dieses Antinomischen, was Goethe zunächst fesselt; er beobachtet es als Phänomen und empfindet es zugleich als Impuls; denn da er selber seinen Anlagen und seinem Temperament nach in entgegengesetzten Extremen wurzelt, so ist er befähigt, die beiden Seiten der meisten dieser überall hervorsprossenden antinomischen Gleichungen mit fast gleicher Inbrunst zu einer eigenen Überzeugung in Herz und Hirn einzusaugen.
    An diese erste Allegorie möchte ich aber sofort, noch ehe wir ihre Bedeutung erschöpft haben, eine zweite angliedern, welche eine willkommene Ergänzung bildet und nicht wenig zur Aufklärung beitragen wird. Gern gebraucht nämlich Goethe, wie schon unsere arischen Altvordern, das Bild von dem Einatmen und Ausatmen, und

593 Der Weise —  Die zwei Grundallegorien

noch lieber, weil es drastischer wirkt, das entsprechende von dem Sichausdehnen und dem Sichzusammenziehen des Herzens; der Physiologe nennt es die   D i a s t o l e   und die   S y s t o l e.   Von der Jugend bis ins Alter begegnen wir bei Goethe dieser Allegorie, welche er „die ewige Formel des Lebens“ nennt. Heute wissen wir, daß, ebenso wie das Gesetz der Polarität alle Materie beherrscht, so jenes Pulsieren, welches in Systole und Diastole zur Wahrnehmung gelangt, das Grundphänomen alles dessen ausmacht, was „Tier“ genannt werden kann, und selbst in den winzigsten einzelligen Wassergeschöpfchen beobachtet wird. Dieses zweite Bild ist darum ebenso reich an Inhalt wie das frühere und erlangt nicht selten symbolischen Wirklichkeitswert. In diesem Falle sind Ausdrücke wie negativ und positiv nicht am Platze, auch trifft die Analogie mit rechts und links, mit männlich und weiblich usw, nicht zu, denn hier besteht nicht beides zugleich (was dort eine unabweisbare Notwendigkeit war) , vielmehr schließt das Dasein des Einen das Dasein des Anderen — im selben Augenblick — aus, ruft es jedoch in der Folge hervor. In der einen Allegorie kommt also die simultane Entgegensetzung, in der anderen die sukzessive zum Ausdruck. Wie die erste, so kommt auch diese zweite bei den vier Paaren organischer Widersprüche, die uns beschäftigen sollen, zum Ausdruck; denn bei jedem beobachten wir die bewußt kraftvoll zusammenziehende, das Einzelne gebärende Systole und die sehnsüchtig erweiternde, das All umfassenwollende Diastole; es bereichert unsere Vorstellung, wenn wir das erste Bild durch dieses zweite ergänzen. Wesentlich bei dem Schlagen des Herzens, welches das Lebensblut durch alle Gewebe des Körpers befruchtend treibt, ist die Unmöglichkeit, eine der beiden Grundrichtungen der anderen vorzuziehen; man kann Rechtshänder oder Linkshänder sein, und man ist auf ewig Mann oder Weib, dagegen bedeuten beharrende Diastole und beharrende Systole, beide, den Tod.
    Um nun das Antithetische bei Goethe in seiner organischen Bedeutung richtig zu erfassen, wird es geraten sein, sowohl einen polaren Gegensatz darin zu erblicken, wie auch eine rhythmisch bedingte Aufeinanderfolge, was, wie der Leser verstanden hat, zwei völlig verschiedene Dinge sind. Der polare Gegensatz deutet immer auf ein gleichzeitiges Bestehen von zweierlei, der rhythmische Gegensatz auf das Ablösen des einen durch das andre. Wer positive Elek-

594 Der Weise —  Die zwei Grundallegorien

trizität allein beobachten wollte, würde nicht weit kommen; denn bekanntlich stoßen zwei gleichnamig elektrisierte Körper sich gegenseitig ab; wer aber mit positiver und negativer zu Werke geht, entdeckt bald, daß ein „positiv“ elektrisierter Körper nur aus der Berührung mit gewissen Körpern der „positiven“ Ladung teilhaftig wird, wogegen er, gegen andere gehalten, sich „negativ“ verhält, was so weit geht, daß wenn ein einheitlicher, gleichförmiger Körper entzweibricht und man nunmehr die beiden Hälften aneinander reibt, die eine „positiv“, die andere „negativ“ elektrisch wird. So lernen wir denn einsehen, daß gerade bei polarischer Entgegensetzung erstens das Eine immer das gleichzeitige Dasein des Anderen voraussetzt, zweitens an jedem Orte eine Verschiebung des Urteils stattfinden kann, da es sich bei jeder Aussage um ein   V e r h ä l t n i s   zwischen zweierlei handeln wird, nicht um eine für sich bestehende, isolierte Wahrheit. Goethe erblickt auf Schritt und Tritt Gott in der Natur; wird ihm aber das Naturgebiet verschlossen — wie es die alten Kirchenväter taten und wie sein Freund Jacobi es erstrebte — mit einem Schlage findet er auch Gott nicht mehr. Daher ein ähnliches Verschieben des polar Entgegengesetzten, wie wir es bei den Elektrizitäten finden: was heute ihm als göttliche Wirkung Verehrung einflößt, kann er morgen als Naturereignis bewundern, und umgekehrt; bezeichnend ist nur, daß er immer   b e i d e s   zugleich empfindet; gegenstandslos bliebe aber für ihn jeder Versuch, eine unverrückbare Grenzlinie ziehen zu wollen. Nicht minder deutlich gewahren wir in Goethe's Denken den Pulsschlag, der von Schwellen zu Schwinden hinüberleitet, und umgekehrt. Wie eine heftig zusammenschnürende Systole tritt die immer und immer wiederholte Mahnung nach beschränkendem Maße ein, nach peinlichem Unterscheiden, nach unbedingtem Geltenlassen des Individuellen, nach Verständnis dafür, daß die Natur, um ein Geschöpf hervorzubringen, „ihre größte Mannigfaltigkeit in die absoluteste Einheit zusammenschließen müsse“; doch die Diastole bleibt nicht aus, von neuem strömt die „enthusiastische Reflexion“ grenzerweiternd in das Herz ein, und wir werden belehrt, alles aus der maßvollen Beschränkung Geborene bleibe „Stückwerk“, wenn wir nicht „in unserm Sein und Wollen ein Ganzes denken“; das beständige Unterscheiden erzeuge einen „ängstigenden Zudrang grenzenloser Einzelheiten“, wo-

595 Der Weise — Die vier Grundwidersprüche

hingegen „Verbinden mehr als Trennen belehre“; die „Individualität eines Jeden“ sei ein „Hindernis“, denn „nur in der Teilnahme bestehe das wahre Glück“; und während bei der rastlosen Betrachtung der gebärenden Natur „die Organe des Anschauens völlig verstumpfen“, sollten wir uns lieber „an die Schwelle locken“ lassen, „wo wir in den Glanz der Gottheit hineinblicken dürfen, ohne zu erblinden“. Besonders deutlich tritt dieser Pulsschlag bei der Antinomie Monade-Gemeinsamkeit, wie sie Goethe versteht, in die Erscheinung: die Monade der Persönlichkeit kann sich vor seinem Blick so weit ausdehnen, daß sie — weltumfassend und weltauslöschend wie der indoarische   A t m a n — fast zum Alleins heranwächst; im nächsten Augenblick aber schrumpft sie zu einem Atom zusammen gegenüber der beglückenden Mannigfaltigkeit der einzig lebenspendenden Gemeinsamkeit.
    So viel nur vorderhand über diese zwei Allegorien, die Goethe nicht so häufig angewandt haben würde, hätten sie nicht schwer mitteilbaren Gebilden seines Geistes am besten zum Ausdruck verholfen. Eine genaue Vorstellung ihrer Bedeutung zu besitzen, wird sich im weiteren Verlauf dieses Kapitels als unentbehrlich erweisen.

—————

Die vier Grundwidersprüche

I.  B e s c h r ä n k u n g   a u f   M a ß,   E r f a s s u n g   e i n e s   G a n z e n

    Es ist keine Redeblume, wenn ich behaupte, in diesem ersten antinomischen Widerstreit zwischen Maß und Ungemessenem, zwischen Schranke und Schrankenlosem, zwischen Teil und Ganzem liege der Grundstein zu Goethe's Weisheit eingemauert.
    Vorerst überlege man sich wohl, was man erwartet, wenn man einem Manne „Weisheit“ zutraut und von ihm darin Unterweisung erbittet.   W i s s e n   und   W e i s h e i t   sind nicht Synonyma: „vaste Gelehrte“, urteilt Kant auf Grund seiner Erfahrung, können durchaus „beschränkt“ sein; wogegen ein Weiser jedes Wissen, das er etwa besitzen mag, federleicht tragen wird, da es ihm Nebensache ist, nur Mittel, nicht Zweck. Ebensowenig kommt es bei Weisheit auf neue Gedanken an, Gedanken, heißt das, zu denen keine analogen sich auffinden ließen; Wissen muß neu sein, denn die Zeit

596 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen
wandelt es in Ignoranz um; Weisheit mutet immer wie ein Uraltes an, wie ein Sicherinnern; darum ruft unser Dichter:

Das Wahre war schon längst gefunden,
Hat edle Geisterschaft verbunden,
Das alte Wahre — fass' es an!

Weisheit besteht aus einem mannigfaltigen Ganzen von ineinandergreifenden Gedanken, wo jeder jeden anderen ruft und bedingt. Den Wert der Weisheit einer bedeutenden Persönlichkeit machen wesentlich zwei Dinge aus: der   Z u s a m m e n h a n g   des Ganzen und die   F o r m   des Ausdrucks im Einzelnen. Der Zusammenhang ist Besitz des Einen, zugleich sein Wesen und sein Werk — die Zeit kann ihn späteren Geschlechtern fernrücken, nicht aber ihn veraltern; durch die Genauigkeit, Kraft und Zartheit des Ausdruckes lebt das „alte Wahre“ wieder auf, das im Munde der Mittelmäßigkeit Wirkung und Überzeugung verloren hatte, und strahlt von neuem, unableugbar, Geistesdunkel zerstreuend, Wege weisend. Gewiß bildet ein äußerst verfeinertes Sprachgefühl ein Symptom bedeutender geistiger Fähigkeit; doch, wie wir von Goethe selber erfahren, die Sprache allein tut es nicht; gerade der Weise — gleichviel ob er als Dichter oder als Denker sprechen will — leidet bitter unter ihrer Beschränkung und hüllt sich manchmal in Schweigen, um „das schlechte Zeug von öden Worten nicht weiter betrüglich auszutauschen“; diese Beschränkung empfindet er mehr als Andere, weil in seinem Inneren ein reicherer Gehalt um Ausdruck ringt; unwillig ruft er: „Was wir mitteilen, was uns überliefert wird, ist immer nur das Gemeinste, der Mühe gar nicht wert“; er aber träumt davon, ein Höchstes mitzuteilen. Darum seine Geringschätzung der Redegewandten: es sei ein Kennzeichen „halbfähiger Menschen“, daß sich bei ihnen „aller Gehalt sehr schnell in Worte verwandelt“. Ich verweise auf das im letzten Kapitel Gesagte zurück (S. 473 ff. u. 531). Wie dort so auch hier drängt sich unwillkürlich eine Äußerung des gewaltsam mit dem Wort und um das Wort ringenden Martin Luther auf: „Die Sprachen sind die Scheiden, darin dies Messer des Geistes steckt.“ Dem Weisen kommt es darauf an, aus der stumpfen Scheide das scharfe Messer zu ziehen, um vermittelst der Sprache über die Sprache hinaus zu gehen, ebenso wie das der bildende Künstler —

597 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

will er ein Höchstes schaffen — mit seinem Material auch tun muß; was diesem als „ganz unbegreifliche“ Wirkung manchmal gelingt, das bewirkt beim Weisen einzig und allein der   Z u s a m m e n h a n g   des Denkens; die Beziehungen von einem Teil zum anderen und von allen Teilen zum Ganzen sind es, woraus seine Sprache die Befähigung schöpft, Unaussprechliches mitzuteilen. Jetzt erst enthüllt auch der zartgenaue Ausdruck des Einzelnen seine wahre, unerschöpfliche Bedeutung. Goethe zitiert gern: Individuum est ineffabile, für die Persönlichkeit gibt es keine Worte, sie übertrifft alle Sprache; sobald aber ein gewaltiger schöpferischer Drang die Persönlichkeit dazu antreibt, baut sie in verborgener prometheischer Arbeit das „ganz Unbegreifliche“ auf, bis es aller Unzulänglichkeit der Ausdrucksmittel zum Trotze gelungen ist, das   W e r k   zu vollbringen:

Lasset Lied und Bild verhallen,
Doch im Innern ist's   g e t a n   (S. 530).

Wer sich vorstellen will, was im Geiste eines solchen Mannes in den Stunden schöpferischer Betätigung vorgeht, höre Goethe über Raffael sprechen. Diesen pflegen wir als den Inbegriff des schon bei der Geburt fast Vollendeten, des mühelos Schaffenden zu betrachten, und das leider infolge des Mißbrauches ebenso aufgeblasene wie ausgeblaßte Wort „Genie“ überhebt uns jedes Nachdenkens; Goethe empfand es anders, denn er wußte es anders; und als er vor Werken der reifsten Zeit Raffael's stand, durchschauerte es ihn: „denn wir ahnen die   f u r c h t b a r e n   B e d i n g u n g e n,   unter welchen allein sich selbst das entschiedenste Naturell zum Letztmöglichen des Gelingens erheben kann.“ Ähnlich empfindet er bei Homer, den wir als den naiven, arglosen Dichter zu bewundern erzogen sind, wogegen Goethe meint, er „zeichne mit einer Reinheit und Innigkeit,   v o r   d e r   m a n   erschrickt.“
    Hiermit wollte ich andeuten, was wir von Goethe als „Weisheit“ zu erwarten haben — ich meine, welche Gattung und welchen Grad von Geistesschöpfung, zugleich auch die Stimmung, in der man ihr nahen soll, will man hoffen, fähig zu sein, sie in sich aufzunehmen — die selbe Stimmung, die ihn erfüllte, als er sich Homer und Raffael gegenüber befand. „Die bewundernswürdige Natur, Wahrheit und Leichtigkeit“ an Goethe's Leistungen, meint Schiller,

598 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

„entferne bei dem gemeinen Volk der Beurteiler allen Gedanken an die Schwierigkeit, an die Größe der Kunst.“ Wer die Schwierigkeit — mit anderen Worten die Unmöglichkeit ohne überschwengliche Begabung — nicht empfindet und Goethesche Worte zum Hausgebrauch zitiert, als verstünde sich das alles von selbst, gehört zum „gemeinen Volk“ und ahnt noch nicht, worum sich's handelt; wogegen, wer in die Größe der verborgen gehaltenen Kunst hier und dort einen Einblick gewinnt und vor den „furchtbaren Bedingungen“ einer solchen Leistung „erschrickt“, auf den rechten Weg geraten ist. Der erste Schritt auf diesem Wege zum Verständnis ist nun — ich wiederhole es — die Einsicht, daß dem einzelnen Gedanken, so trefflich er auch sein mag, hier immer nur untergeordnete Bedeutung zukommt, da der Zusammenhang die eigentliche Weisheit ausmacht. Wie viele durch Isolierung entartete, der Absicht unseres Weisen entfremdete Worte schwirren nicht umher! Manche von ihnen als vermeintliche Beglaubigung und Empfehlung sträflich oberflächlicher Scheingedanken und erschwindelter Weltanschauungen! Nie wird jenes Anlanden, von dem Goethe uns sprach, gelingen, wenn wir nicht mit der Anatomie des lebendigen Gebildes dieser Weisheit den Anfang machen und bei jedem Organ uns fragen: welche Bedeutung besitzt es für das Ganze? welche Forderungen an andere Organe werden damit gestellt? und inwiefern empfängt es selbst von anderen grenzende Bedingungen? Und darum ist gerade diese Antinomie zwischen der Forderung, stets Grenzen zu ziehen, und der Forderung, stets vom ideell unbegrenzten Ganzen auszugehen, wie keine andere geeignet, uns die erste Strecke hinauszuführen auf unserem Wege.
    Das   G a n z e   entspricht in Goethe's Weltanschauung der   D i a s t o l e,   der Herzerweiterung; jede Bewegung des Geistes, welche einer Expansion entspricht, ist für ihn dieser Vorstellung eines „Ganzen“ stammverwandt: das zu verstehen ist als erstes unerläßlich. Und gleich hier kommt die andere Allegorie — die der Polarität — zu Hilfe: denn ob wir das Sonnensystem, vielleicht gar das gesamte Universum in Betracht ziehen oder ein Stäubchen am Meeresstrande, der Unterschied zwischen „positiv“ und „negativ“ bleibt der gleiche; ebenso ist und bleibt die Diastole der Erweiterung Diastole, ob sie die sogenannte Vakuole eines mikroskopischen Aufgußtierchens betrifft oder den weltumspannenden Gedanken eines Plato; Goethe's „Ganzes“

599 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

ist also ein vollkommen bestimmter, zugleich aber ein unbegrenzt verschiebbarer Begriff. Von dem beschränkenden   M a ß   gilt das selbe: als Bewegung — also als Tat des Einschränkens — aufgefaßt, entspricht es der zusammenziehenden   S y s t o l e;   als polarer Begriff gedacht, ist es an jedem Ort und bei jedem Umfang der genau geforderte Gegensatz zu der Vorstellung und der Tat eines „Ganzen“.
    Um diesen weiten Rahmen sofort durch ein Beispiel auszufüllen: an einer Stelle bezeichnet Goethe die „Idee“ als ein Geistesorgan, welches eine Diastole bewirkt, „weit über die Erscheinung hinaus“, aus welcher aber dann der Mensch durch eine Systole, „um sich nicht zu verlieren, wieder an die Wirklichkeit zurückkehrt und wechselsweise wohl so sein ganzes Leben verfährt“: jede Idee ist also ein Ganzes, jede Wirklichkeit ein beschränktes Maß. Ein vergleichendes Werturteil über die Erfassung eines Ganzen und die Beschränkung auf ein Maß wird aber hiermit nicht ausgesprochen; vielmehr bedingen sich beide gegenseitig, und das Verhältnis des einen zum anderen wechselt je nach dem einzelnen Falle. Alles bleibe Stückwerk, hörten wir vorhin (S. 594), wenn nicht ein Ganzes gedacht werde; doch lesen wir ein anderes Mal, „das Einzelne unterrichte vielleicht besser, als es durch eine Behandlung des Ganzen geschähe, wodurch das Besondere gar oft verdunkelt, ja verschlungen wird“. Es heißt sogar, es werde „durch strengste Kenntnis des Einzelnen eine Art von durchdringender Allwissenheit erworben“. So verschieden kann die abgeschränkte Wirklichkeit eingeschätzt werden! Einmal macht sich Goethe, der Denker, Luft in einem Aphorismus, den er in den Druck zu geben sich doch nicht getraute: „Die Erfahrung ist fast immer eine Parodie auf die Idee“; dann aber wieder heißt es: „Das Besonderste, das sich ereignet, tritt immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auf.“ Man sieht, wie Hochschätzung und Geringschätzung wechseln. Einzig entscheidend ist vorderhand diese eine Erkenntnis: die geforderte Beschränkung auf ein Maß kann nur insofern stattfinden, als ein Ganzes, Fertiges, Abgeschlossenes, Insichvollendetes denkend vorausgesetzt und geahnt wird — sonst entstehen nämlich „Halb-Thümer“,

Wo halb und halb kein Ganzes macht.

Die Quelle zu dieser geforderten Vorstellung eines Ganzen fließt

600 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

jedoch nirgends anders als in der richtig erblickten beschränkten Wirklichkeit. „Alles was geschieht ist Symbol, und, indem es vollkommen sich selbst darstellt, deutet es auf das Übrige. In dieser Betrachtung scheint mir die höchste Anmaßung und die höchste Bescheidenheit zu liegen.“ Der Nachdruck liegt hier auf dem Wort „vollkommen“. Das Einzelne (irgend etwas, was geschieht) wird zunächst ein Ver-einzeltes bleiben: „Was ist das Besondere? Millionen Fälle“; der einzelne Fall wird unter Millionen bedeutungsarm verschwinden; stellt er sich aber „vollkommen“ dar, so offenbart er sich als Symbol, deutet infolgedessen „auf alles Übrige“ und wächst somit zu einem Allgemeinen, zu einem Ganzen aus: „Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall.“ Der negative Pol hat den positiven herangezogen; auf die Systole ist die Diastole gefolgt. Die erwähnte „höchste Anmaßung“ bezieht sich auf das Zutrauen, die einzelne Erscheinung, das einzelne Geschehnis im eigenen Busen zu genügend „vollkommener Darstellung“ bringen zu können; die „höchste Bescheidenheit“ deutet darauf, daß in Goethe's Weisheit die Erkenntnis nicht auf mystischen Intuitionen, metaphysischen Dogmen und religiösen Machtworten beruht, sondern von der schlichten Beobachtung und treuen Pflege der wirklich gegebenen, greifbar faßlichen einzelnen Erscheinung ausgeht.
    Ein Stückchen Wegs hat uns diese erste Gegenüberstellung geführt: die Idee ist ein Ganzes, die Wirklichkeit ein Beschränktes. Zur weiteren Beförderung rufe ich — wieder ohne weitere Umständlichkeit — ein anderes Beispiel herbei.
    Vielleicht hat kein Wort Goethe's größere Verbreitung gefunden als dieses:

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.

Selbst wer nie etwas aus seiner Feder gelesen hat, kennt und zitiert diesen Vers; und doch steht zu bezweifeln, ob selbst die meisten Kenner der Schriften — geschweige die anderen — das Wort richtig verstehen. Gewöhnlich liest man daraus eine ziemlich hausbackene Empfehlung, sich der Mäßigkeit zu befleißigen, was Jeden irremachen müßte, der Goethe's Empfehlung des parteiischen Enthusiasmus, ja, des „unsinnigen Enthusiasmus“, der Überschwenglichkeit usw. gegenwärtig hat; öfters fand ich es von wirklich beschränkten

601 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

Spezialisten als Entschuldigung ihrer Einseitigkeit angeführt, während doch Goethe es für „leichter“ erklärt, alle Wissenschaften zu lernen als eine allein, und einzig den „Umfassenden“ unter den Naturforschern eine weiter reichende Bedeutung einräumt. Es zeigt sich an Goethe's eigenem Werke, daß man, um das Einzelne richtig zu verstehen, vorher das Ganze kennen muß. Goethe hat mit diesem Verse nicht andeuten wollen, wer sich beschränke, werde ein Meister werden, sondern vielmehr, wer ein Meister sei, werde es in der Art, sich zu beschränken, zeigen. „Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig dar; ausgeführt oder nicht, schon ist es vollendet.“ Auch hier geht das Ganze voran; eine Systole kann unmöglich stattfinden, ehe die Diastole Herz und Sinn ausgedehnt hat. Der Nicht-Meisterliche „tastet im Ungewissen, und wie die Ausführung wächst, kommt die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum Vorschein“; zu einem wahrhaft Ganzen gelangt nur, wer von einem Ganzen den Ausgang nahm. Alles Meisterliche entsteht aus Konzentration, d. h. aus jener Zusammenziehung, der eine Erweiterung vorangeht. Je mächtigerer Expansion der Geist fähig war, um so reicher wird der Schatz an lebendiger Kraft sein, den die energische Kontraktion dann aufstapelt. Aus dieser angesammelten Kraft geht die schöpferische Erfindung hervor. Denn das Werk des Künstlers und des Weisen entsteht aus einer neuerlichen Diastole und wirkt auf alle empfänglichen Seelen in der selben herzerweiternden Richtung. In diesem Sinne ist es gemeint, wenn Goethe an einer Stelle die „Fähigkeit zu wirken“ der „Fähigkeit sich zu beschränken“ angliedert: aus dem aktiven Beschränken, also aus der tatkräftigen Systole, entsteht erst die Fähigkeit zu wahrhaft schöpferischer Ausdehnung; wogegen das „Halbvermögen“, wie er sagt, „seine beschränkte Besonderheit“ — also seine passive, nicht gewollte, nicht rhythmisch pulsierende, sondern gegebene, elastizitätslose Beschränkung — „an die Stelle des unbedingten Ganzen zu setzen wünscht“. Der schöpferische Geist kommt von der ahnungsvollen Vorstellung eines Ganzen, faßt Fuß im willensstark umschränkten einzelnen Fall und schwingt sich von dort aus neuerlich empor ins Schrankenlose; wogegen der Halbvermögende uns seine Beschränkung als ein Ganzes aufnötigt. Nur wer ein Ganzes in seiner Seele besitzt, versteht es, sich mit Kraft zu beschränken, und nur wer sich mit Kraft zu be-

602 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

schränken weiß, vermag es, ein Ganzes aus sich und in sich zu gestalten. Goethe selber gießt bei Gelegenheit seinen Hohn aus über „die guten Deutschen, welche wähnen, in der Beschränkung liege die Kraft“, und es nicht verstehen, „die hohe Freiheit eines angebornen und durchgeübten Talents“ gelten zu lassen. Man sieht, wie Not es tut, zwischen Beschränkung und Beschränkung zu unterscheiden, und wie weit von der trivialen Gemeinbedeutung sich das Wort

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister

bewegt; hat man dessen Sinn erst richtig erfaßt, so lernt man einsehen, daß darin eine der polaren Antinomien in Goethe's Weisheit Ausdruck findet.
    Hier fügt sich zur notwendigen Ergänzung ein echtes Weisheitswort Goethe's ein: „Um zu tun, muß man erst getan haben.“ Es bildet ein genaues Analogon zu dem Spruche des Heilands: „Wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, das er hat.“ Die Allegorie des Pulsschlages deckt eben den moralisch-intellektuellen Vorgang nur zum Teil auf: beim Herzen gleicht jede Folge von Diastole und Systole jeder anderen an Bedeutung; auf geistigem Gebiete dagegen gibt es eine Hierarchie der richtigen Aufeinanderfolge; fahren auch Diastole und Systole fort, sich abzulösen, ihre Lebensbedeutung wächst — oder aber, wenn die richtige Ordnung verkannt wird, stagniert sie. Die erste Tat muß überall, nach Goethe, die Bezeugung der Achtung sein. Daher die Hervorhebung des „Respektes“ und des „willigsten Gehorsams“ bei allen „angeborenen Talenten“; daher die Lehre, zur Einsicht gelange nur, wer „sich selbst verleugnen, sich den Gegenständen unterordnen könne“; daher der Vergleich der   E h r f u r c h t   mit einem „höheren Sinne“ (S. 171); daher die Empfehlung der „herzlich wirkenden Beschränkung“, in welcher allein „kräftige Liebe“ entsteht, aus welcher „Einfalt keimt“, bis schließlich aus Einfalt „mächtiges Wirken aufblüht“. „Die größten Menschen, die ich gekannt habe und die Himmel und Erde vor ihrem Blick frei hatten, waren demütig und wußten, was sie stufenweis zu schätzen hatten.“ Das eben sind die Anfänge echter Taten, das sind die Taten, die man „getan haben muß“: die Ehrfurchtsbezeugung, das Gehorchen, das Sichselbstverleugnen, das Sichbeschränken, das Liebevollsein, die

603 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

Pflege der Einfalt, die Übung des freien Blickes für die Stufenreihe der Würde. Darum nennt Goethe „die Neigung zur Ehrfurcht“ einen   „Q u e l l p u n k t“,   der im Menschen „kultiviert“ werden müsse. Ich meine, das geheimnisvolle Wort belebt sich uns schon: „Um zu tun, muß man erst getan haben.“ Habe man erst getan, dann „mache sich alles von selbst“, sagt dort Goethe; im anderen Falle bleibt es bei den Totgeburten, die uns berghoch umgeben, den Horizont einengend.
    Volle Deutlichkeit wird diese Parenthese allerdings erst gewinnen, wenn wir eine zweite eingliedern, wie man denn bei aller Betrachtung organischer Gebilde sich immerfort veranlaßt findet, entweder von einer Umgliederung zur nächst höheren oder von einer Eingliederung zur nächst tieferen zu schreiten. Eine von den Erwägungen nämlich, die bei der genannten Hierarchie der einzuhaltenden Tatenreihe besondere Aufmerksamkeit verdient, ist die, daß der Mensch schwerlich folgerechte Taten hervorbringen wird, ehe er sich selbst einigermaßen kennt. „Sich selbst (aber) ist man eigentlich   n u r   i n   d e r   T ä t i g k e i t   zu beobachten und zu erlauschen im Stande.“ Ein Jeder von uns ist sich eben selber zunächst als ein Ganzes gegeben; über seine eigenen Fähigkeiten weiß er nichts, bis ihn die Beschränkung auf bestimmte Aufgaben geprüft hat. Das Beobachten seiner selbst durch die Tat bildet einen wesentlichen Bestandteil dessen, was man getan haben muß, ehe man zu tun befähigt wird; und gerade über diese eine Erscheinung der vorliegenden Antinomie hat Goethe so viel nachgesonnen und ihr so entscheidendes Gewicht zugeschrieben, daß er ihr eines seiner Hauptwerke gewidmet hat: Wilhelm Meister.
    Fern liege es mir, diese unvergängliche Schöpfung auf die Durchführung einer These beschränken zu wollen! Doch, hat man erst das, was Schiller den „Ideen-Inhalt dieses Dichtwerks“ nennt, deutlich erkannt, so ist es wohl gestattet, Andere auf ihn aufmerksam zu machen; und gerade Schiller stellt die Behauptung auf: „Meister's Lehrjahre sind keine bloße blinde Wirkung der Natur, sie sind eine Art von Experiment“; ein Experiment, das er „in allen möglichen Nüancen und Stufen in dem Roman dargestellt“ findet. Heute, wo die Erscheinung Goethe's uns vollendet vor Augen steht und sein Meister durch die erst lange nach Schiller's Tod erschienenen Wanderjahre abgerundet vorliegt, sind wir in der Lage, den

604 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

Ideeninhalt noch schärfer zu erfassen. Im weiteren Verstande kommt die leitende Idee des ganzen zweiteiligen Werkes in einem Satze des „Lehrbriefs“ zum Ausdruck: „Der Sinn erweitert, aber lähmt; die Tat belebt, aber beschränkt.“ Wie man sieht: der Satz betont die Polarität von Sinn und Tat, zugleich auch den rhythmischen Puls der Erweiterung und der Zusammenziehung. „Sinn“ steht hier in der eigentlichen, alten, umfassenden Bedeutung des Wortes, wo es überhaupt „das innere Wesen eines Menschen“ (Grimm) bezeichnet, alles, was an ihm die Eindrücke von außen wahrnimmt, aufsaugt, verarbeitet, den Menschen also als Empfangenden; darum heißt es: „Der Sinn erweitert“; denn der Sinn ist die unentbehrliche Diastole; er schafft ein Ganzes. Verhält sich jedoch ein Mensch lediglich empfangend, hält die Diastole dauernd an, dann tritt, sowie im körperlichen so auch im seelischen Leben, die Lähmung und schließlich der Tod ein. „Beleben“ kann nur die Tat; ihre erste Bedingung ist Beschränkung, d. h. die Systole, welche festabgegrenztes Maß schafft. Je energischer die Tat, um so bestimmter wird die Beschränkung durchgeführt werden müssen. Das alles enthalten die tiefsinnigen Worte: „Der Sinn erweitert, aber lähmt; die Tat belebt, aber beschränkt.“ In der Person Meister's erblicken wir nun diesen Widerstreit zwischen Sinn und Tat, der dadurch besonders sichtbar wird, daß diese beiden sich in ihm fast fremd gegenüberstehen; ihm fehlt von Hause aus die befähigende Anlage, Sinn und Tat zu einander in harmonische Wechselwirkung zu setzen; „es sind nur Wenige, die den Sinn haben und zugleich zur Tat fähig sind.“ Und so muß er denn durch das Tun selbst nach und nach erzogen werden; um zu tun, muß man erst getan haben. Wie der Abbé uns belehrt (dadurch zugleich das nähere Thema der Lehrjahre andeutend): „Der Irrtum kann nur durch das Irren geheilt werden.“ Nach Goethe kommt immer alles auf Tat an: einzig vermittelst der Tat entdeckt der Mensch, was er kann und nicht kann und was er infolgedessen wollen darf und soll. „Nicht vor Irrtum zu bewahren, ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist Weisheit der Lehrer.“ Worte, bei denen wohl Jedem der Vers aus Faust einfällt:

Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand.

605 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

Zuerst stutzt Meister; endlich versteht er: „Von welchem Irrtum kann der Mann sprechen? sagte er zu sich selbst, als von dem, der mich mein ganzes Leben verfolgt hat, daß ich da Bildung suchte, wo keine zu finden war, daß ich mir einbildete, ein Talent erwerben zu können, zu dem ich nicht die geringste Anlage hatte.“ Durch das Puppenspiel seiner Kinderjahre und die Beziehungen zum Theater, die daraus hervorgingen, war Meister in eine bestimmte und dabei falsche Vorstellung von seiner eigenen Persönlichkeit hineingewachsen, so daß, was ihm auch in der Folge begegnete, gleichviel ob es sich als Fördernis oder als Hemmnis des eingebildeten Berufs gab, ihn immer nur weiter in seinem Wahne bestärkte. Wie es in den Wanderjahren heißt: „Der Wahn hat, solange er dauert, eine unüberwindliche Wahrheit, und nur männliche, tüchtige Geister werden durch Erkennen eines Irrtums erhöht und gestärkt. Eine solche Entdeckung hebt sie über sich selbst, sie stehen über sich erhoben und blicken, indem der alte Weg versperrt ist, schnell umher nach einem neuen, um ihn alsofort frisch und mutig anzutreten.“ Einzig   d u r c h   d a s   I r r e n   konnte Meister sich selbst kennen lernen. „Wer“, sagt der Abbé, „seinen Irrtum nur kostet, hält lange damit Haus, er freuet sich dessen als eines seltenen Glücks; aber wer ihn ganz erschöpft, der muß ihn kennen lernen, wenn er nicht wahnsinnig ist.“ Darum lobt Goethe an verschiedenen Orten den „kräftigen Irrtum“, lehrt: „Der Irrtum ist   r e c h t   g u t,   solange wir jung sind“: macht aufmerksam: „Aus einem tätigen Irrtum kann etwas Treffliches entstehen“, und warnt: „Es gibt Menschen, die gar nicht irren, weil sie sich nichts Vernünftiges vorsetzen.“ Auch notiert er sich einmal in seinem Tagebuch: „Das Wahre, aber unentwickelt, so daß man es für Irrtum ansprechen könnte“: zwischen Tat und Tatlosigkeit kann immer sicher unterschieden werden, wogegen Wahrheit und Irrtum oft nicht viel mehr als Worte sind.
    Jetzt wären wir befähigt, etliche gewichtige Schritte weiter zu tun in der Erkenntnis Goethescher Weisheit; doch damit der Leser den Faden nicht verliere, werfe ich erst den Blick zurück. Die Haupterkenntnis ist und bleibt:   B e s c h r ä n k u n g   m u ß   s e i n.   Denn Beschränkung ist die Bedingung der belebenden Tat. Der Sinn muß der Tat Raum lassen. Nun aber gilt das unumgängliche Gesetz: Um zu tun, muß man erst getan haben. Kräftig zieht sich

606 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

das Gemüt auf ein beschränktes Ziel zusammen: wer weiß jedoch, ob die Schranken richtig gezogen sind? Aus der Phantasie allein ist der Mensch unfähig, sich selbst kennen zu lernen; sich selbst ist man nur in der Tätigkeit zu beobachten und zu erlauschen imstande. Da der Mensch sich erst   d u r c h   die Tätigkeit kennen lernt, mag er sich in der Tätigkeit häufig und lange irren. Daran liegt, nach Goethe, nichts; „Torheit ist oft nichts weiter, als Vernunft unter einem anderen Äußern“; nur darauf kommt es an, daß etwas geschehe, und zwar mit reinem Sinne. Denn ebenso wie wir vorhin feststellten, eigentliche Weisheit sei nicht direkt mitteilbar, ebenso ist nach Goethe jeder Versuch, die Menschen von außen — durch Lehre und Vorschrift — zu bilden, ein Wahn; einzig die eigene Tat ist fähig, den Menschen zu belehren. Wiederum redet der Abbé: „Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere bilden; in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden; das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen.“ Auch das Beispiel besitzt nicht immer für die Bildung den Wert, den man ihm gemeiniglich zuspricht, weil eben ein Jeder nur wahr ist, insofern er den eigenen Weg geht. „Selbst vollkommene Vorbilder machen irre, indem sie uns veranlassen, notwendige Bildungsstufen zu überspringen, wodurch wir denn meistens am Ziele vorbei zu einem grenzenlosen Irrtum geführt werden.“ Somit kann, im einzelnen und im allgemeinen, wahre Bildung nur darin bestehen, daß in jedem Menschen die   T a t   geweckt und auf alle Weise gefördert werde, gleichviel welche Richtung diese zunächst einschlagen möge: ein Gedanke, der in der Allegorie der „pädagogischen Provinz“ im zweiten Teil von Wilhelm Meister ausführliche Veranschaulichung erfährt. Über das tiefsinnige Beiwerk übersehe man nicht die Grundmethode jener idealen Erziehungsanstalt: die erste Tat, die in jedem jungen Menschen zur „Belebung“ seiner Persönlichkeit geweckt werden soll, ist Tat in ihrer einfachsten Würde, nämlich die Tat der Hände. „Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das   H a n d w e r k   vorausgehen, welches nur in der Beschränkung erworben wird.“
    An diesen Komplex von Überzeugungen knüpfen sich nun mit organischer Notwendigkeit andere, die ins philosophisch-religiöse Gebiet hinübergreifen und in dem selben Dichtwerke reineren und

607 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

mannigfaltigeren Ausdruck gefunden haben, als dies logisch-theoretisch möglich gewesen wäre. Die Unveränderlichkeit der Persönlichkeit ist ein Lieblingsthema der Philosophen; um nur Deutsche zu nennen; Leibniz hat sie unergründlich tiefsinnig und fein, zugleich phantasievoll entwickelt, Schopenhauer mit der ihm eigenen vereinfachenden und dadurch Viele überzeugenden Gewaltsamkeit. Diese These lehnt Goethe ab — nicht theoretisch, wohl aber praktisch. Mag das Individuum noch so bestimmt und unabänderlich gegeben sein, Goethe zeigt an fast allen Personen seines Wilhelm Meister, welche reichen plastischen Möglichkeiten einem Jeden innerhalb seines Wesens gegeben sind; die „Beispiele einer wundersamen Umbildung“ und „der geheimnisvollen Entwickelung angeborener Neigung und Sehnsucht“ werden am Schlusse des Werkes als ein beachtenswertestes Moment hervorgehoben. Es ist ein Jeder fähig, indem er die Beziehungen zwischen sich und den umgebenden Mächten umgestaltet, aus seinem theoretisch gleichbleibenden Ich ein neues Ich zu machen. „Von Natur besitzen wir keinen Fehler, der nicht zur Tugend, keine Tugend, die nicht zum Fehler werden könnte.“ Ein weites Gebiet zur Arbeit an uns selbst steht uns offen. Und die freudige Versicherung ertönt: „Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt“; mit anderen Worten: durch die richtige Beschränkung wird er es dazu bringen, als ein Ganzes zu wirken. „Ich kann mich nur über   d e n   Menschen freuen, der weiß, was ihm und Andern nütze ist, und seine Willkür zu beschränken arbeitet.“ Darum wird in den Wanderjahren „der Sonntag gewidmet, unsere Beschränkung zu überdenken.“ Diese kräftige, immer erneute Systole bedeutet ein Atemholen zu neuer energischer Tat. „Derjenige, der sich mit Einsicht für beschränkt erklärt, ist der Vollkommenheit am nächsten.“ Denn diese Einsicht leitet zu bewußter Umbildung und Entwickelung. Jene Lehre der Philosophen von der Unveränderlichkeit hemmt die Tat: darum dürfen wir ihr praktische Geltung nicht zugestehen. Nicht weniger lehnt aber Goethe jene andere Vorstellung ab, schwärmerischen Gemütern zu eigen, nach welcher der Mensch auf Schritt und Tritt von einer höheren Macht, ihm selbst unbewußt, bestimmt wird. Als Meister einwendet: „So glauben Sie kein Schicksal? keine Macht,

608 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

die über uns waltet und alles zu unserem Besten lenkt?“ erwidert der Abbé: „Es ist hier die Rede nicht von meinem Glauben, noch der Ort auszulegen, wie ich mir Dinge, die uns Allen unbegreiflich sind, einigermaßen denkbar zu machen suche:   h i e r   i s t   n u r   d i e   F r a g e,   w e l c h e   V o r s t e l l u n g s a r t   z u   u n s e r e m   B e s t e n   g e r e i c h t . . .   Wehe Dem, der sich von Jugend auf gewöhnt, in dem Notwendigen etwas Willkürliches finden zu wollen, der dem Zufälligen eine Art von Vernunft zuschreiben möchte, welcher zu folgen sogar eine Religion sei! Heißt das etwas weiter, als seinem eigenen Verstande entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns ein, fromm zu sein, indem wir ohne Überlegung hinschlendern, uns durch angenehme Zufälle determinieren lassen, und endlich dem Resultate eines solchen schwankenden Lebens den Namen einer göttlichen Führung geben.“ Vielmehr solle „die Vernunft des Menschen“ sich zwischen Notwendigkeit und Zufall stellen und „sie beide zu beherrschen wissen“; „sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins, das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur indem sie (die Vernunft) fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt zu werden.“ Daher das viel mißdeutete Verbot an die „Entsagenden“ der Wanderjahre, jemals über Vergangenes und Künftiges zu sprechen, „nur das Gegenwärtige sollte sie beschäftigen“; denn aller Tat steht immer nur ein einziger Augenblick zur Verfügung: die Gegenwart. Man darf wohl sagen: Tätigsein ist das selbe wie „der Gegenwart gebieten“; gebieten wir ihr nicht, so gebietet sie uns: „Die Gegenwart läßt sich ihr ungeheures Recht nicht rauben.“ Wobei uns auch Eckhart's Wort einfällt: „Gott ist ein Gott der Gegenwart.“ Gerade die   Z e i t,   die uns als ein anfangs- und endloses Ganzes umgibt, trägt und fortreißt, bedarf der entschlossensten und engsten Einschränkung, soll etwas entstehen: die Systole muß hier das Herz von der grenzenlosen Unendlichkeit auf den einen unmeßbaren Punkt zusammenziehen; erst dann sind wir befähigt, diesen Augenblick unvergänglich zu machen, indem unsere Tat ihn über alle Zeiten hin erweitert. Noch sechs Monate vor seinem Tode, Tag für Tag, preist Goethe alle die den einfachsten Berufen Ergebenen, deren Tätigkeit rein in der Gegenwart aufgeht, die Holzhauer, Kohlenbrenner, Glas-

609 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

bläser, sie „alle sind heiterer als unsereiner, der gewöhnlich das   H e u t e   verliert, weil ein   G e s t e r n   war und ein   M o r g e n   sein wird“; daher denn in einem Briefe des selben Jahres Demjenigen, der „tätig sein will“, empfohlen wird, „nur das Gehörige des Augenblicks zu bedenken.“ In welchem Maße Goethe bestrebt ist, jede Regung des Gemütes zur Beförderung der   T a t   zu gewinnen, ersieht man aus folgendem Satze, in welchem er von der Hoffnung, die er vielleicht öfter als irgend ein Dichter besungen hat, sagt: „Durch die Tätigkeit, wenn man es genau besieht, wird die Hoffnung in jedem Augenblick   r e a l i s i e r t.“
    Hier aber muß ich eine vergleichende Überlegung einschalten. Ermahnungen, uns zu beschränken, mäßig zu sein, den „goldenen Mittelweg“ einzuhalten usw., sind nichts weniger als neu: von Cicero und Seneca an bis zu den durch die Zucht des Lebens weise gewordenen Graubärten, denen wir auf unserem Wege begegnen, fanden sich Manche bereit, gerade dieser Lehre ihre Beredsamkeit zu widmen. Das Evangelium der Toleranz, der Mäßigkeitsscheuklappen und des freiwillig angelegten, von anderen guten Leuten — Priestern, Professoren, Leitartiklern — zu lenkenden Zaums besitzt alle empfehlenswerten Eigenschaften, die man will, nur nicht die der Genialität. Ein wenig besser ist es um jenes andere Evangelium bestellt, von dem wir heute viel hören, das Evangelium des „Arbeitens und nicht Verzagens“. Ich hoffe aber, der Gang, den unsere Darlegung bisher nahm, wird genügt haben, den Leser zu überzeugen, Goethe's Weisheit habe mit allen diesen Dingen nicht ein Lebensatom gemein; wie jener prophetische König von Ägypten fette und magere Kühe selbst im Schlaf noch zu unterscheiden wußte, müssen wir zwischen einer Weisheit aus Dürftigkeit und einer Weisheit aus Fülle zu unterscheiden lernen. Nicht Mäßigkeit, sondern   M a ß   lehrt Goethe, nicht stupiden Bienenfleiß, sondern   T a t k r a f t.   Beides faßt er zusammen in dem Satze: „Des Mannes Vorzug besteht nicht in gemäßigter, sondern in gebändigter Kraft“ (S. 172). Unter Maß versteht Goethe „Gestalt“ als allgemeingültiges Lebensgesetz gefaßt; Maß ist für ihn diejenige Kraft, die fähig ist, Leben zu erzeugen. Denn Leben entsteht in und aus beschränkendem Maße: aus der Beschränkung des Chaos der physischen Möglichkeiten auf fest bestimmte Richtungen, der Beschränkung des flüch-

610 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

tigen Traums unzählbarer Formen auf je eine unabänderliche Gestalt, der Beschränkung der unbegrenzten Zeit auf eine flüchtige Daseinsfrist. Aus diesem Maße entspringt das Individuum, aus dieser Systole blinder Kraft die Diastole des Lebens. Wie eng die hervorbringende Natur an das Gesetz des bestimmten Maßes gebunden ist, hat Goethe's staunende Aufmerksamkeit stets besonders gefesselt; er nennt es das „Prinzip des Gebens und Entziehens“ und schreibt: „Die Natur kann nur einen Teil auf Unkosten des anderen begünstigen; sie muß also in einem gewissen   M a ß e   bleiben.“ ¹) Ja, mehr noch: je verwickelter, je feiner durchgebildet eine Lebensgestalt ist, um so vielfachere Beschränkung muß ihr die Natur auferlegen. „Durch diese Beschränkung wird es ihr allein möglich, ihr vollkommenstes Geschöpf, den Menschen, hervorzubringen.“ Auf dem einzelligen Protoplasmaklümpchen, das im Wasser schwebt, lasten nicht so viele Bedingungen wie auf uns Menschen.

Diese Grenzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie:
Denn nur also beschränkt war je das Vollkommene möglich.

Die Gattung Mensch, aus der strengsten Beschränkung hervorgegangen, unterliegt in ihrem eigenen Tun dem selben Gesetz der Natur: je energischer ein Mensch das Maß seines Wollens umgrenzt, um so weiter wird die Wirkung seines Tuns reichen.
    So hätten wir denn die eine Seite der Gleichung, die uns in diesem Abschnitt beschäftigt, ziemlich scharf ins Auge gefaßt; es ist an der Zeit, der anderen Seite unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Erst wenn man die Gleichberechtigung der polar entgegengesetzten Forderung begreift, strömt volles Licht aus über diese Weisheit Goethe's, für die der Begriff des   G a n z e n   nicht geringere Würde besitzt als der des Maßes. Die Ungewohntheit der Vorstellung macht es nötig, sie eingehender zu behandeln.
    Wir wurden vorhin belehrt: „Die Tat belebt“; die andauernd einseitige Tat wirkt aber zerstörend. „Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankerott“, sagt Goethe. „Die Menschen werden an sich und Andern irre, weil sie die Mittel als
—————
    ¹) Für diese Tatsache führte Cuvier später, jedoch noch zu Goethe's Lebzeiten, den Begriff der Correlation ein.

611 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

Zweck behandeln, da denn vor lauter Tätigkeit gar nichts geschieht oder vielleicht gar das Widerwärtige.“ Diese Besorgnis empfindet Goethe auf allen Gebieten: denn überall ist Tat am Werke, zum Segen oder zum Verderben. Schon öfters zitierte ich z. B. seine Aussprüche über die Naturforscher, die vor lauter Forschen stumpfsinnig werden, bis sie nicht mehr sehen, was ihnen vor den Augen liegt. Ähnlich überall. Auch im praktischen Leben empfindet Goethe das Bedrohliche des ihn sonst einnehmenden „Übergangs vom   H a n d w e r k   zum   M a s c h i n e n w e r k“,   der künstlich Bedürfnisse züchtet, um überflüssige Arbeit zwecklos tätig zu erhalten. „Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich; es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen“ läßt er in den Wanderjahren sagen. Der Anblick einer großen Stadt erschreckt ihn schon 1797: „Sehr merkwürdig ist mir aufgefallen, wie es eigentlich mit dem Publico einer großen Stadt beschaffen ist. Es lebt in einem beständigen Taumel von Erwerben und Verzehren ¹), und das, was wir   S t i m m u n g   nennen, läßt sich weder hervorbringen noch mitteilen. Alle Vergnügungen, selbst die Theater, sollen nur zerstreuen, und die große Neigung des lesenden Publikums zu Journalen und Romanen entsteht eben daher, weil jene immer und diese meist Zerstreuung in die Zerstreuung bringen.“ Das ist die toll gewordene Tätigkeit. Dem allem gegenüber muß nun betont werden, daß jener erweiternde „Sinn“, der Sinn, der überall auf ein Ganzes gerichtet bleibt und von einem Ganzen Atem, Eingebung, Inhalt, Ziel schöpft, leicht für ein Höheres gelten kann als alle Tätigkeit; denn erst durch diesen Sinn und aus diesem Sinn erhält unser Sein und Tun Bedeutung.

    Entbehrst du drin
Unendlichkeit in Geist und Sinn,
So ist dir nicht zu helfen.

Der Sinn ist es, der eine Welt schenkt. Wenn Goethe die germanische Dichtkunst sprechen läßt:

Von euch verlangt man eine Welt zur Welt,
—————
    ¹) In einem anderen, an dem selben Tage abgegangenen Briefe heißt es: „Ihre Zeit ist nur zwischen erwerben und verzehren geteilt.“

612 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

so ist damit dieser erweiternde Sinn gemeint, der sich durch Übung zu jeder Aufnahmefähigkeit stärken kann. Viele Worte der Erklärung sind hier nicht nötig, insofern die Welt nie ein vollkommeneres Beispiel dieses „Sinnes“, dieser Diastole des offenen Auges, offenen Herzens, offenen Verstandes erlebt hat als in Goethe selbst. „Ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug“, schreibt er, „sogar mein eigenes beschränktes Selbst zu einem Schwedenborgischen Geisteruniversum erweitert zu fühlen.“ Wiederholt hat er auch als Dichter dieser Anlage und Stimmung beredte Worte gewidmet. Werther krankt an der Lähmung, welche die übergroße Erweiterung des Sinnes mit sich bringt: „Die Welt um mich her und der Himmel ruhen ganz in meiner Seele, wie die Gestalt einer Geliebten... Aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.“ In einer anderen Gestalt stellt sich uns der Antipode zu aller grenzenden Tätigkeit dar, wenn wir Wilhelm Meister durchs Leben begleiten. Dieser saugt inbrünstig die Eindrücke ein, verliert darüber den Trieb zu handeln und erscheint darum dem flüchtigen Beobachter weit lenkbarer als er es in Wirklichkeit ist; denn nicht die Menschen, sondern die Ereignisse sind es, die Bestimmungsgewalt über ihn gewinnen, und zwar darum gewinnen, weil er im höchsten Grade aufnahmefähig ist. Als Mignon zum ersten Male erblickt wird, fällt die seltsame Erscheinung jedem in der Gesellschaft auf, dem einen mehr, dem andern weniger, allen jedoch — wie üblich — flüchtig; Wilhelm Meister dagegen schaut mit einem ahnungsreichen Blick bis auf den Grund jener Seele durch: „Diese Gestalt prägte sich Wilhelm sehr tief ein; er sah sie noch immer an, schwieg und vergaß der Gegenwärtigen über seinen Betrachtungen.“ Eine Frau von besonderem Scharfblick, Aurelie, bemerkt an ihm „eine Vorempfindung der ganzen Welt“, eine Eigenschaft, die sich Goethe selber des öfteren zuschreibt und die mit der zartesten Empfänglichkeit des weit offenen Auges zusammenhängt; denn „Vorempfinden“ besagt nichts anderes als den Besitz einer so unendlich fein gestimmten Seele, daß ein kaum vernehmbarer Ton aus noch so großer Ferne sofort das Echo im Busen weckt. Wiederum anders tritt uns die Herzerweiterung in der Person des Faust entgegen. Für ihn hatten die Beschränkung und die ihr entsprießende Tat in dem fieberhaften Suchen nach Wissen bestanden;

613 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

sobald er diesem entsagt, dehnt sich seine Seele zu einer wonnevollen Diastole aus:

Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen,
Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,
Will ich in meinem innern Selbst genießen,
Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen,
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern ...

    Wenn nun Goethe auf allen Gebieten und bei den verschiedensten Gelegenheiten immer wieder ein   G a n z e s   fordert, wenn er — um aus Dutzenden von Aussagen eine einzige herauszuwählen — sich dahin bekennt: „Daß ohne Ganzheit, ohne das alles zusammenfassende, vereinfachende Herz Niemand dauerhaft, wahrhaft groß sei, glaub' ich von ganzer Seele“, so entsteht in jedem Klarheit liebenden Kopfe als Erstes das Bedürfnis nach einer genaueren Vorstellung dieses Ganzen, da man mit einem solchen Worte — wenn es Wort bleibt — ehe man sich's versieht in nebelhaften Phrasendunst gerät. Goethe bezeichnet einmal seinen Wilhelm Meister als „dieses Ganze ohne Ende“. Schon aus dieser gelegentlichen Äußerung geht hervor, daß er unter einem „Ganzen“ nicht eigentlich eine Totalität, vielmehr irgend ein Unbegrenztes versteht, vielleicht überhaupt weniger ein Dingliches als eine Tat, eine Richtung, die eingeschlagen werden soll, ein geistiges Bestreben, das, was er einmal als „liebevolles Annähern an das Unerreichbare“ schildert und nur für möglich hält „in der höchsten Region des Bewußtseins“. Tiefstes Nachsinnen begleitet eben beständig Goethe's Hinschauen auf Natur und Menschheit; selbst an einen Nichtphilosophen richtet er Worte wie folgende: „Alles, was ist, könnte nicht sein, wenn es nicht unendlich wäre“. In welchen geheimnisvollen Tiefen diese Vorstellung wurzelt, empfinden wir besonders deutlich, wenn er uns rät, uns lieber „aus dem Dunkeln ins Helle“ als „aus dem Hellen ins Dunkle zu bestreben“, und zwar „in der Überzeugung, daß das Klare auf einem tiefen, schwer erforschten   G r u n d e   ruhe“ und daß man „von diesem immer schwer auszusprechenden Grunde das Mögliche mit heraufzunehmen bedacht“ sein müsse. Dieser „Grund“ ist nichts

614 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

anderes als das geforderte „Ganze“ — jene Unendlichkeit und Unerreichbarkeit und Unerforschlichkeit, ohne welche das Endliche, Erreichbare, Erforschliche nicht sein könnte.
    Wie der aufmerksame Leser schon bemerkt, handelt es sich um subtilste Geistesverrichtungen, denen man nie mit schulmäßig abgezirkelten Begriffsbestimmungen beikommen wird. Hier hat uns nun Schiller, der Seher, einen wertvollen Wink gegeben. Ihm war es, noch ehe Goethe sich dessen vollkommen bewußt geworden war, als ein besonderes Merkmal seines Freundes aufgefallen, daß sein „Reichtum“ stets   „a l s   e i n   G a n z e s   i n   i h m   l i e g e“;   außerdem mußte er bei genauerer Kenntnis immer mehr staunen über „die schöne Übereinstimmung“ der tiefsten Geistesanlagen Goethe's mit den „reinsten Resultaten der spekulierenden Vernunft“ Kant's, trotzdem es „beim ersten Anblick zwar scheint, als könnte es keine größeren Opposita geben“. Diesem Winke müssen wir folgen, denn für mich unterliegt es keinem Zweifel, daß einzig der Vergleich zwischen Goethe und Kant und die Entgegenstellung Beider hier wahres Verständnis vermitteln kann. In einem Briefe bezeichnet Kant als die besondere Erschwernis für das Verständnis seiner Weltanschauung, daß   „d i e   D a r s t e l l u n g   d e s   G a n z e n   erforderlich ist“, ehe es möglich wird, die einzelnen Teile richtig zu entwickeln. Ebenso wie Goethe geht auch er, wie man sieht, von einem Ganzen aus. In diesem Augenblick handelt es sich für uns nicht um eine Untersuchung der Lehre Kant's, sondern nur um kurze, genaue Bestimmung seiner Denkart — mit anderen Worten, seiner Art zu fragen und zu antworten; woraus wir dann durch Analogie und Kontrast Goethe's Art leicht und mathematisch genau erfassen werden. Damit wird zugleich die Vorstellung eines „Ganzen“, wie er es meint, gewonnen sein.
    Gleich beim ersten Schritt pflegen die Menschen hier fehl zu gehen; sie irren sich über das Problem selbst, welchem Kant's Denken galt. Kant hat keine Psychologie schreiben wollen; sein Werk bedeutet nicht „die Kritik der Gehirnfunktionen“, wie so vielfach behauptet wird; wer von dieser falschen Annahme ausgeht, kann niemals zu einem richtigen Urteil über seine Absicht und Leistung gelangen. Nicht das Individuum mit seinem Hirn zieht der Philosoph in Betracht, sondern die   T a t s a c h e   d e s   G e i s t e s,   die

615 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

Tatsache, daß — ebenso unmittelbar wie Materie — auch Geist gegeben ist. Diesem allgemeinen Tatbestand gilt sein Sinnen. Nach Hirnen und Hirnfunktionen fragt er gar nicht, ebensowenig wie er nach vergleichender Anatomie, Chemie, Erdkunde usw. fragt; das alles sind ja „Erscheinungen“, das heißt ein Gewebe von Materie und Geist; der Entwirrung dieses Gewebes, nicht der Untersuchung irgend welcher besonderen Einzelerscheinung ist sein Forschen gewidmet; und sein Zweck geht dahin, einer unerträglichen Verwirrung von Jahrtausenden durch genaue Grenz- und Kompetenzbestimmungen ein Ende zu machen. Da nun die Tatsache des Geistes zwar das dem Bewußtsein zunächst Gegebene ausmacht, nicht jedoch sinnlich wahrnehmbar ist, Kant aber diese Tatsache ebenso rein objektiv untersuchen will wie ein Astronom die Gestirne, so fragt er nicht nach den Ansichten des Herrn A und des Herrn B, sondern er packt das Problem dort an, wo Gesamtleistungen wankenloser Eindeutigkeit vorliegen, wie in der Mathematik, der Logik und den exakten Wissenschaften, dort also, wo Übereinstimmung zwischen den zahllosen Trägern des Geistes offenbar stattfindet. Bei allen Abweichungen im Einzelnen läßt sich auf diesem Wege strenge Gesetzmäßigkeit in den Verrichtungen des Geistes aufzeigen; wäre das nicht der Fall, herrschte hier individuelle Willkür, so gäbe es kein einheitliches Weltbild von zwingender Allgemeingültigkeit. Kant's Kritik scheidet nun — indem sie zunächst das uns aus dem vierten Kapitel wohlbekannte uralte Problem Nûs-Physis von neuem aufnimmt — möglichst sorgfältig Geist von Materie und weist auf diesem Wege eine unsichtbare Welt nach, welche der sichtbaren Welt gegenübersteht und sich Zug für Zug mit ihr verwebt; sie kann keine der beiden aus oder an der anderen „erklären“, sie versucht es auch nicht; sie stellt kein Dogma auf, weder über die eine noch über die andere noch über das Verhältnis zwischen beiden, und gesteht Keinem das Recht zu, dies zu tun; sie ist darum ebensowenig Metaphysik wie Physik, ebensowenig Psychologie wie Kosmologie; sie ist reine Besinnung, weiter nichts. Ebenso wie der Erforscher der Natur die Grundtatsachen — den Stoff, die Kräfte, das Leben — als gegeben annehmen muß und keiner Hypothese über die Entstehung dieser Gegebenheiten Raum lassen kann (außer er ist ein Narr oder ein Betrüger), ebenso findet der Erforscher des im Geiste Geborenen ge-

616 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

gebene Tatsachen vor: zunächst einen der abwechselnden Systole und Diastole analogen Rhythmus, nämlich ein beständiges Hin und Her von der einen Welt zu der anderen und wieder von dieser zu jener zurück; der Geist erweist sich einerseits als „leidend“, nämlich als empfänglich für Eindrücke, andrerseits als „spontan“, nämlich als eigenmächtig rückwirkend, d. h. diese Eindrücke seinen Bedürfnissen gemäß mit instinktiver Notwendigkeit ummodelnd; das Erleiden führt zu dem, was wir Wahrnehmung heißen und uns konkret als   S i n n l i c h k e i t   vorstellen, das Erschaffen zum Verbinden alles Wahrgenommenen zu einer Einheit im Bewußtsein, eine verwickelte Tätigkeit, die wir unter dem Namen   V e r s t a n d   zusammenzufassen pflegen. Nun besinnt sich der Geist über sich selbst, wird sich seines Daseins bewußt und empfindet den Drang, das ihm durch Sinnlichkeit und Verstand Gegebene frei zu gestalten; diese neue Funktion, die weder unmittelbares Erleiden noch unmittelbare Rückwirkung ist, nennen wir   V e r n u n f t;   von ihr aus gesehen, rücken Verstand und Sinnlichkeit wieder nahe zusammen, und was die Vernunft gestaltet, wirkt auf beide zurück. Hierbei ist eine äußerst geschäftige   E i n b i l d u n g s k r a f t   mit tätig, deren „Schwärmen“ Kant für die Entwirrung seines Problems gefährlich dünkt und die er dahin zu bändigen sucht, daß sie nur „unter der strengen Aufsicht der Vernunft dichten soll“. Deutlicher als je zuvor steht seit Kant der Geist als ein besonderes Ganzes vor unserem Bewußtsein da; nicht, wie gesagt, der Geist dieses und jenes Menschen, worüber von diesem Standpunkt aus nichts ausgesagt werden kann, sondern das Geistige als ein gegebenes „Etwas“, und zwar ebenso unmittelbar gegeben wie die sichtbare, hörbare, fühlbare Welt der Physis. Ob es ohne Welt Geist gäbe, ist eine ebenso unlösbare Frage wie die, ob es ohne Geist eine Welt gäbe; jedes von beiden tut sich für uns Menschen ausschließlich in und an dem anderen kund. Menschsein heißt also (wie auch Goethe uns belehrt) „zwei Welten angehören“, und zwar in der Weise angehören, daß man eine jede nur in der anderen widergespiegelt erblickt: der Kosmos bildet nur dann eine deutliche Vorstellung, wenn (und insofern) er geistig verarbeitet, d. h. den Forderungen des Geistes gemäß — und sei es auf Kosten noch so rücksichtsloser Gewaltsamkeit — gestaltet ist; der Geist aber wird nur in und an seinem Verhältnis zum Kosmos erkannt, da er

617 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

einzig an der Gestaltung der Welt sein Dasein offenbart. Der Kosmos ohne Geist wäre Chaos, der Geist ohne Kosmos leeres Nichts. Das ist Kant's Art, sich zu besinnen, und das sind die Grundlinien seiner Ergebnisse.
    Im Wesentlichen stimmt nun Goethe genau mit Kant überein, teilweise durch ihn belehrt, mehr aber — und in einem tieferen Sinne — weil, wie er einmal Eckermann sagte, er bei seiner Besinnung über Welt und Mensch „aus eigener Natur einen ähnlichen Weg als Kant gegangen war“. Man höre ihn: „Das Höchste wäre: zu begreifen, daß alles Faktische schon Theorie ist“; ein einziges solches Wort genügt. Denn wir sehen hier Goethe mit aller Deutlichkeit die Doppelwelt Kosmos-Geist aufstellen und die gegenseitige Bedingtheit der beiden Hälften aussprechen. Dieses Wort Goethe's besagt: jedesmal, wenn wir von einer „Tatsache“ reden, reden wir zugleich — auch wenn wir uns dessen nicht bewußt sind — von einer „Theorie“; die angebliche Tatsache ist nicht bloß leidendes Wahrnehmen, sondern auch spontane Geistesgestaltung. Goethe's Überzeugung lautet: „Es gibt keine Erfahrung, die nicht produziert, hervorgebracht, erschaffen wird.“ Das ist genau auch Kant's Überzeugung; beiden Denkern schwebt — als Ganzes — die selbe Doppelwelt vor; wie Goethe einmal sagt: „In uns selbst liegt das Rätsel, die wir Ausgeburt zweier Welten sind.“ Jetzt dürfte der Leser genügend vorbereitet sein, um einer subtilen Bemerkung wie die nachstehende folgen zu können: Goethe lehrt, die Steigerung von der rohen Empirie des Ungefähr zu der „zarten Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht“, bedeute in Wirklichkeit die zunehmende Umwandlung des Gegenstands — nicht, wie gemeinhin angenommen, in immer reinere Erfahrung, vielmehr — in immer reinere Theorie und sei nur durch „Steigerung des geistigen Vermögens“ zu erreichen. Also, die Deutlichkeit des Gegenstandes hängt von der Deutlichkeit des Geistes ab, nicht etwa umgekehrt. Und noch ein hierher gehöriger Spruch: „Mit den Ansichten, wenn sie aus der Welt verschwinden, gehen oft die Gegenstände selbst verloren.   K a n n   m a n   d o c h   i m   h ö h e r e n   S i n n e   s a g e n,   d a ß   d i e   A n s i c h t   d e r   G e g e n s t a n d   s e i.“
    Nunmehr sind wir befähigt, sowohl den Parallelismus wie das Unterscheidende zwischen Kant und Goethe genau zu bestimmen.

618 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

Beide eint die Erkenntnis, daß alles, was man als „Ganzes“ bezeichnen kann, aus zwei nicht aufeinander zurückführbaren Bestandteilen zusammengesetzt ist. Wer das nicht bedenkt und nicht berücksichtigt, hält, ohne es zu wissen, lauter Bruchstücke in der Hand:

Fehlt leider nur das geistige Band.

Ein Ganzes erfaßt einzig derjenige Mensch, der sich immer von neuem besinnt, daß wir überall mit zwei Welten zu tun haben. Wobei aber Folgendes noch wohl zu beachten ist: das gegenseitige Verhältnis der beiden Welten zueinander wechselt je nach dem Gegenstand. In der Mitte (wenn ich mich allegorisch und zugleich vereinfachend ausdrücken darf) verschmelzen sie ineinander, wogegen an den äußeren Grenzen eine Neigung zu isolierender Selbständigkeit herrscht; der Sinneneindruck führt gern hinaus in erstarrte Materie, die Idee verblaßt zuletzt auf luftdünnen Höhen. Aus dieser Erwägung ergibt sich das charakteristisch Unterscheidende beider Persönlichkeiten. Kant's Lebensarbeit gilt fast lediglich jenem Mittelgebiet, wo Sinnlichkeit und Verstand miteinander verschmelzen, weil hier die Entwirrung im Interesse von Philosophie und Wissenschaft, von Religion und Sittenlehre am nötigsten ist; immer mehr findet er sich in das denkbar schwierigste Unternehmen verwickelt: Wesen und Wirken des Geistes aus seiner Beteiligung am Weltbild — gleichsam also aus doppelter Spiegelung — abzuleiten und somit die bisher unenträtselbar gebliebene „Schlagseite“ des Bildes (wie der Münzpräger sagen würde) zu erforschen und dadurch dem Bewußtsein ausführlich bekannt zu geben. Ihm handelt es sich, in Goethe's Worten, um „das Innere, nicht etwa Abstrakte, sondern Urlebendige“; auf der schärfsten Messerschneide zwischen beiden Welten muß er im Gleichgewicht zu verharren suchen, stets bestrebt, sie sorgsam auseinander zu halten und in ihrer Verschiedenheit aufzuzeigen. Im Gegenteil hierzu empfindet Goethe für die Analyse des Mittelgebietes, wo Verstand und Sinnlichkeit sich vollkommen durchdringen, nur mittelbares Interesse und bekennt, für derlei Erwägungen ebenso wie für die dort heimische Mathematik geringe Anlage zu besitzen; mit Leidenschaft richtet er seinen Sinn auf das Zusammenknüpfen der beiden Welten, dort, wo sie sich gegenseitig fliehen; ihm ist es darum zu tun, die beiden

619 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

äußersten Enden des Gemütes einander anzunähern und durch diese Befruchtung zu neuem Leben zu erwecken: mit anderen Worten, was er erstrebt, ist die Vermählung der möglichst unmittelbaren, noch von keiner schematisierenden Verstandesblässe angekränkelten sinnlichen Wahrnehmung mit dem reingeistigen, phantasiemächtigen Elemente. Was er will, ist die Ausbildung der   b e w u ß t e n   s c h ö p f e r i s c h e n   G e i s t e s g e w a l t   an dem Stoffe, den das   r e i n e   E r s c h a u e n   liefert. Wir finden also bei dem einen Manne die Gebärde des Auseinanderdrängens, bei dem anderen die des Aneinanderziehens vorwiegend; Kant lehrt unterscheiden, Goethe lehrt verbinden.
    Wer diesen Tatbestand erst klar überblickt, wird bei weiterem Nachsinnen mit Staunen entdecken, daß es in mancher Beziehung leichter ist, Kant zu verstehen als Goethe. Kant schreckt ab durch das Ansinnen, über Dinge nachzudenken, die uns fraglos klar gedünkt hatten; Goethe schreckt nur darum nicht ähnlich ab, weil wir uns der Tragweite seiner Forderung überhaupt nicht bewußt werden.
    Kant will, wie wir hörten, die Welt des Geistes analytisch durchforschen; anstatt aber wie seine Vorgänger dies durch Introspektion (Selbstbeschauung) zu erstreben, was nur zu subjektiven oder psychologischen Ergebnissen führen kann, wendet er sich an die objektive kosmische Welt, wie die exakte Wissenschaft der letzten Jahrhunderte sie nach und nach uns immer deutlicher zur Vorstellung gebracht hat, und zergliedert nun die einzelnen Vorgänge im Gemüte, vermittelst welcher dieses anschauliche Gedankenbild einer in Raum und in Zeit einheitlichen Welt zustandekommt; Goethe dagegen, der zunächst die wahrnehmbare Welt ins Auge faßt, gelangt auf seinem Wege dahin, von dem Geist eine offenbarende Wirkung zu verlangen, analog derjenigen, welche Kant sich von der sichtbaren Welt holt: ist für Kant der Kosmos in der Gesetzmäßigkeit, welche die Wissenschaft aufgedeckt hat, die Grundtatsache, an der nicht gerüttelt werden darf, so findet Goethe in dem Ideenbilden des Menschengeistes diejenige Kraft, über deren Bedeutung für das Menschsein wir uns nie irre machen lassen dürfen; seine Vorstellungen von allem, was Natur heißen kann, werden infolgedessen immer durchgeistigter und daher immer schwieriger zu fassen. „Indem wir von Ideen ausgehen“, schreibt er, „sprechen wir   d i e   E i n h e i t

620 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

d e s   G a n z e n   schon aus, und es ist gewissermaßen nachher die Sache der Natur, sich in diese Idee zu fügen.“ Goethe kämpft für die Befreiung der Idee sowohl aus rationalistischen wie aus materialistischen Fesseln. „Wenn die Welt nicht ganz und gar verschwinden soll, so muß man sich zu denen halten, welche sie aufzubauen imstande sind.“ Es gibt keine subtileren Vorstellungen als Goethe 's Ideen über Metamorphose, Typus, Farbengestalt; wer aber hierdurch aufmerksam wurde, findet das selbe bei ihm auf allen Gebieten: es gilt nicht weniger von Kunst, Drama, Politik, Religion; in einer Auseinandersetzung über das Theater heißt es: „Wenn wir von Wirkungen unseres Geistes reden, sind keine Worte zart und subtil genug.“ Hinzu kommt noch seine unnachahmliche Kunst, für die feinsten Schattierungen der Bedeutung den Ausdruck zu finden, und wenn das unmittelbar nicht möglich ist, dann mittelbar. „Da wir das, was in uns vorgeht, nicht geradezu ausdrücken können, sucht der Geist durch Gegensätze zu operieren, die Frage von zwei Seiten zu beantworten und so gleichsam die Sache in die Mitte zu fassen“; wie er denn selber die Absicht kundgibt, „durch die Reflexion dem Unsichtbaren und Unaussprechlichen eine Art von Körper zu leihen.“ Keiner bilde sich ein, er habe mit leichter Mühe Goethe bis auf den Grund verstanden! Sinnt Kant, der Denker, über unser Weltbild nach, so knüpft er Schritt für Schritt an die Tatsachen an, die uns vor Augen liegen; hingegen Goethe, der Schauer, sich nie scheut, Vorstellungen von uns zu verlangen, welche der Sinnlichkeit zuwiderlaufen und darum konkreter Anschaulichkeit entbehren; woraus aber des weiteren folgt, daß die erforderten begleitenden Gedanken nicht eigentlich gedacht werden können. Sowohl der Anschauung wie dem Verstande mutet er, wie man sieht, eine Plastizität zu, auf welche beide nicht vorbereitet zu sein pflegen. So hebt er an einer Stelle, wo er selber diese Unüberwindlichkeit zugesteht, hervor: seine Metamorphosenlehre verlange von uns, daß wir das Gleichzeitige und das Aufeinanderfolgende als ein und das selbe betrachten, was insofern nicht extravagant sei, als „die Idee unabhängig ist von Raum und Zeit“. Unsere Anschauung aber und mit ihr unser Verstand sind und bleiben in Raum und Zeit befangen. Wie denn Goethe weiter schreibt: „Eine Naturwirkung, die wir der Idee gemäß als simultan und sukzessiv   z u g l e i c h   denken sollen,

621 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

scheint uns in eine Art Wahnsinn zu versetzen. Der Verstand kann nicht vereinigt denken, was die Sinnlichkeit ihm gesondert überlieferte, und so bleibt der Widerstreit zwischen Aufgefaßtem und Ideirtem immerfort unaufgelöst.“ Mehr als je irgend Einer hat gerade er diesen Widerstreit angefacht, weil er darauf ausgeht, die despotische Gewalt des Geistes und seiner Ideengestalten über Sinnenzeugnis und Denkzwang durchzusetzen. Einmal gesteht er auch: „Ich werde selbst fast des Glaubens, daß es der Dichtkunst vielleicht allein gelingen könne, solche Geheimnisse gewissermaßen auszudrücken, die in Prosa gewöhnlich absurd erscheinen, weil sie sich   n u r   i n   W i d e r s p r ü c h e n   a u s d r ü c k e n   l a s s e n,   w e l c h e   d e m   M e n s c h e n v e r s t a n d   n i c h t   e i n w o l l e n.“
    Ungern habe ich gerade in diesem Buche bei Erwägungen verweilt, welche alle Kraft der Aufmerksamkeit auf die letzten Abstraktionen des Bewußtseins richten; ich tat es aus der Überzeugung, daß es gar keine andere Möglichkeit gibt, Goethe's umfassendste — und darum auch richtunggebende — Vorstellung eines „Ganzen“ sich anzueignen, als diese Parallelisierung mit Kant. Außerdem hat unter uns die Märe vom „unphilosophischen Goethe“ axiomatische Bedeutung gewonnen; ihr gegenüber tat es Not, mit aller Energie darauf hinzuweisen, in welchem Grade seine besondere Art zu denken und zu schauen und beides zueinander in Beziehung zu setzen ihn zu einem der eigenartigsten, tiefsten und namentlich subtilsten Denker aller Zeiten stempelt.
    Hiermit hoffe ich, dem Leser eine genaue Vorstellung dessen vermittelt zu haben, was Goethe — bewußt und unbewußt — unter einem „Ganzen“ versteht. Denken wir uns als die mittlere Veste unseres Wesens eine aus Verstand und Anschauung zusammengesetzte Doppelwelt, in welcher der Verstandesteil mit Anschauung durchtränkt ist und die Anschauung Zug für Zug am Verstande sich aufbaut, so bemerken wir bei näherer Betrachtung, daß es hüben und drüben noch je ein weites Gebiet gibt, wo auf der einen Seite der Geist und auf der anderen die Physis beinahe autonom walten: auf der einen Seite also Phantasie und ideenbildende Vernunft, mit denen wir alle mehr oder weniger bekannt sind, auf der anderen ein uns weniger bewußt vertrautes, möglichst gedankenbares Wahrnehmen, mit anderen Worten die Anlage, Eindrücke rein passiv sinn-

622 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

lich aufzunehmen, ohne Berücksichtigung der Verstandesansprüche. Bezeichnend ist für Goethe die Betonung dieser beiden Endgebiete und sein Bestreben, sie mit Umgehung des vermittelnden Zentralgebietes direkt miteinander zu verknüpfen; hierin, mehr als in irgend etwas andrem, zeigt sich die Eigenart seiner Persönlichkeit; und wenn er von einem Ganzen spricht, so ist jederzeit vorauszusetzen, er meine diejenige Gemütsart, welche ihre Fühlhörner weit über die verstandesmächtige Anschauung hinaus in den Schoß eines nur dunkler Wahrnehmung zugänglichen Alls streckt, bis wohin Gedanke und Wort nicht nachkönnen, eine Gemütsart aber, die andrerseits in der eigenen Spontaneität, in der urwüchsigen Kraft reinen, ungebändigten Geistes ein Organ entdeckt, fähig es mit jener geheimnisvollen Welt aufzunehmen.
    Das genau zu verstehen, ist umso wichtiger, als Goethe — der an so manchem, was das angehende neunzehnte Jahrhundert Neues brachte, freudig teilnahm oder es geduldig ertrug — sich in Bezug auf diese Grundlage seiner Weltanschauung in unüberbrückbarem Widerspruch zu den herrschend gewordenen Lehren unserer Zeit befindet. Während zwischen Goethe und Kant gegenseitig ergänzende Kontraposition statthat, besteht zwischen ihm und unserer „naturwissenschaftlichen Weltanschauung“ diametraler Gegensatz; es handelt sich um zwei Methoden, die vielleicht nebeneinander Berechtigung erheischen, nicht aber miteinander zusammenwirken können. Denn das Wesen unserer Wissenschaft besteht in der strengen Beschränkung auf das allerengste Mittelgebiet: sie ist blind für jeden sinnlichen Eindruck, der sich nicht ohne Rückstand in logische Gedanken umsetzen läßt, alle derartigen Wirklichkeiten werden von ihr einfach außer acht gelassen; andrerseits läßt sie die Einbildungskraft höchstens als Landstreicherin zur Hintertüre hineinschleichen und verachtet alle Geistestätigkeit, welche sich nicht lediglich auf das durch die Sinne Vermittelte bezieht; für jede Besinnung des Menschen über sich und die unsichtbare Welt, der er zur Hälfte angehört, hat sie (in ihrer bodenlosen Unwissenheit in Bezug auf die Geschichte der menschlichen Kultur und Sprache) den verächtlichen Spitznamen „Mystik“ erfunden; in ihrer Beschränkung wurzelt ohne Frage ihre Meisterschaft, es ist aber, als hätte sie von Goethe's Antinomie nur die eine Hälfte — den einen Pol — über-

623 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

nommen: sie weiß nur vom Maß, nichts vom Ganzen; und wir dürfen besorgt uns fragen, ob nicht unsere gesamte Kultur an dieser dauernden Systole hinsterben wird. Im Gegensatz zu ihr mahnt uns Goethe, bis auf „den tiefen, schwer erforschten, schwer auszusprechenden Grund“ hinabzutauchen (S. 613) und uns andrerseits bis zu einem „gewissen idealen Ganzen“, einer „idealen Einheit“ zu erheben — was er auch die „Erhebung ins Unendliche“ nennt. „Was wäre der Mensch ohne die Idee? Muß sie ihm nicht immer, er richte seine Schritte wohin er will, vorschweben, ohne daß er sie jemals erreicht?“ So verwirft denn Goethe ausdrücklich diejenige Gesinnung, die sich von Francis Bacon herleitet, „dem Haupt aller Philister, und darum auch ihnen so zurecht“, wogegen er selber das Ziel in der Erweiterung des Gemütes nach beiden Seiten hin erblickt, bis wir das nur Geahnte, das uns von allen Seiten umgibt, immer deutlicher erleben, indem wir — wie es vorhin hieß — „dem Unsichtbaren und Unaussprechlichen eine Art von Körper leihen.“ Es ist eine notwendige Voraussetzung von Goethe's Weisheit, daß es nicht bloß ein Unerforschtes, sondern ein   U n e r f o r s c h l i c h e s   gibt, welches wir „ruhig zu verehren“, nicht dreist abzuleugnen haben. Nach seiner Überzeugung sind wir Menschen, mit unserem auf die vielfach bedingte Anschauung eingeschränkten Verstande, ein für allemal unfähig, jemals „zu wissen, wie wir zur   U r f r a g e   gelangen sollen“, weit entfernt, daß wir sie zu beantworten ausgerüstet wären. „Weil in der Erfahrung alles zerstückelt erscheint, so glaubt man das Höchste auch aus Stücken zusammensetzen zu können“; das ist ein großer Irrtum; wer von Stücken ausgeht, gelangt nur zu weiterer Zerstückelung; nur wer ein Ganzes in der Idee besitzt, ist befähigt, Beschränktes derart zu gestalten, daß es an den Eigenschaften eines Ganzen teilhabe.
    In den Wanderjahren hat uns Goethe so anschaulich wie möglich über seine Vorstellung von Wesen und Wert der Intuition eines „Ganzen“ unterrichtet. Hier zeigt er uns, daß es „wohlbegabten Naturen eigen sei“, weiter vorzudringen, als bis wohin die bloßen Sinne im Bunde mit dem bloßen Verstande sie führen; und zwar, je nach der individuellen Anlage, nach dieser oder jener bestimmten Richtung hin. Gewiß wäre Goethe — der praktische, klare Mann — der letzte, der uns raten möchte, Astronomie bei der edlen Makarie

624 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

und Mineralogie von jenem geheimnisvollen Geschöpf zu lernen, welches die Gegenwart unterirdischer Gewässer und tiefliegender Metalladern körperlich empfand und das verschiedene Gewicht der Mineralien aus dem bloßen Anblick erriet; woran ihm liegt, ist die Belehrung, daß jede produktive Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umgebung — also jegliches Erlernen, Erfinden, Erschaffen, Erdichten — nur möglich ist, weil und insofern die Ahnung eines   G a n z e n   in ihm vorgebildet liegt, meistens vielseitig und dunkel, bei einzelnen Individuen aber nach dieser oder jener Richtung „wunderseltsam“ bis zur Helligkeit entwickelt. Hier — und nirgends anders — fließt nach Goethe die einzige Quelle zu allem Wissen und insoweit auch zu aller Wissenschaft, nicht weniger aber zu der Gegenbewegung, die sich in Kunst und Poesie Bahn bricht; die sogenannte Empirie, die vielgelobte Forschung aus „reiner Erfahrung“, die angeblich „realistische“ Kunst wären unmöglich und hätten niemals auch nur als Absicht erfaßt werden können, wenn nicht „in der Menschennatur etwas Analoges — also die Vorahnung des nach beiden Richtungen hin grenzenlosen Ganzen — von Anfang an „vorhanden“ gewesen wäre. Auch Kant war von der Frage ausgegangen — nicht, ist Erfahrung unsere beste Lehrmeisterin? ist sie zuverlässig? usw. — sondern:   w i e   i s t   E r f a h r u n g   ü b e r h a u p t   m ö g l i c h?   wie kommt der Mensch dazu, aus der unbegrenzten Mannigfaltigkeit seiner Wahrnehmungen eine ideelle Einheit zu schaffen, die er subjektiv als Erfahrung und objektiv als Welt sich deutet? An dieser Frage geht unsere tonangebende Gegenwart achtlos vorbei; ihr fehlt die Besinnung; Goethen fehlte sie nicht. Kant schuf mit seiner vielgliedrigen kritischen Beantwortung ein ewiges Werk, über jeden Vergleich mit anderen dieser Art erhaben; Goethe, der bis ans Ende tiefste Besinnung mit freiester Naivität verband, hatte ein anderes Leben zu leben und verfuhr darum einfacher: ihm genügt die Allegorie einer oberen und einer unteren Welt, denen wir angehören und die wir „als verbunden zu betrachten“ haben; aus diesem Bunde des „Ideellen“ mit dem „Reellen“ entsteht alles, was Erfahrung heißt; und jede Theorie, jeder Gedanke, jede praktische Tat, jede freie Schöpfung der Kunst, jede Regung des Herzens und des Gemütes ist Stückwerk, wenn sie jener Ganzheit entbehrt, welche darin besteht, in allem Reellen das ideelle Element „anzuerkennen“, nicht nur als tatsächlich

625 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

vorhanden, sondern als die beschwingende Möglichkeit für „eine Erhebung ins Unendliche“, keinem Ideellen aber Raum zu gewähren, das nicht mit tausend Wurzeln aus dem Reellen seine Lebenskraft schöpft und wieder über das Reelle Samen ausstreut neuen Lebens.
    Diese Formel für Goethe's Forderung eines „Ganzen“ hätte ich gleich an die Spitze dieser Ausführungen stellen und mir und meinen Lesern alles Weitere sparen können: da wäre sie aber eine Formel geblieben, wogegen jetzt reicher Inhalt sie erfüllt, der umso unerschöpflicher werden wird, je länger und eingehender wir uns mit Goethe's Lebenswerk abgeben.
    Mehr zu leisten, liegt mir hier nicht ob: sobald wir „gelandet“ sind, mag ein Jeder gern sich seine eigenen Wege suchen. Ward erst die Aufmerksamkeit geweckt, allüberall wird man bei Goethe diese Forderung eines Ganzen entdecken. Unerwartete Wendungen fesseln den Sinn und führen in den Reichtum dieser großen Seele ein, welche einmal von sich sagt: „Ich kann in   e i n z e l n e n   Sachen irren,   a u f s   G a n z e   werde ich nie fehlen.“ Wie viel z. B. wird nicht unter uns über Bildung hin und her gestritten, als käme es darauf an, Verstand und Anschauung aneinander vollzustopfen, bis keins von beiden sich mehr rühren kann; Goethe dagegen stellt eine einzige Forderung auf: mit welchen Mitteln, auf welchem Wege sie auch angestrebt wird, die Bildung muß ein Ganzes ausmachen; ob dieses Ganze verhältnismäßig umfangreich ausfällt oder beschränkt bleibt, gleichviel, es wird Kultur vermitteln; wogegen jede Bildung aus Stückwerk Barbarei ist, umfasse sie auch enzyklopädisches Wissen. „Es ist ganz einerlei, in welchem Kreise wir unsere Kultur beginnen, es ist ganz gleichgültig, von wo aus wir unsere Bildung ins fernere Leben richten, wenn es nur ein   K r e i s,   wenn es nur ein   W o   ist.“ Immer handelt es sich bei Goethe um „ein gewisses ideales Ganze“, das — so gut es irgend gelingen will — im Geiste „vergegenwärtigt“ werden muß. Wer erkennt nicht die gleiche geistige Atmosphäre, wenn es heißt: „Das Vollkommene muß uns erst stimmen, und uns nach und nach zu sich hinaufheben. So erscheinen uns schöne Personen immer schöner, verständige verständiger.“ Über die schöpferische Tätigkeit lesen wir: „Das Bewußtsein des Dichters ist eine schöne Sache, aber die wahre Produktionskraft liegt doch am Ende immer im Bewußtlosen“: dieses Bewußt-

626 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

lose ist die ahnende Vorstellung des Ganzen. Daher denn das merkwürdige, leicht zu mißdeutende Wort: „Das Unzulängliche ist produktiv.“ So wichtig nämlich das Wissen und Können sein mag, so hoch gerade Goethe die technische Beherrschung schätzt, der Atem zu schöpferischer Neu- und Hochtat kann nur aus dem lebendigen Gefühl eines Ganzen gesogen werden, weswegen es unter Umständen ratsam sein kann, „lieber ungeschickt und pfuscherhaft eingreifen, als daß man sich meistermäßig verspäten ließe.“ Ein Paradoxon, das uns nicht irremachen darf, sondern nur aufrütteln soll aus unserem heutigen Kultus des Spezialistentums; denn dieses vernichtet zuletzt alle Geistesinitiative. „Die neuere Zeit“, sagt Goethe, „schätzt sich selbst zu hoch, wegen der großen Masse Stoffes, den sie umfaßt“, wohingegen „der Hauptvorzug des Menschen“ nicht hierauf beruht, sondern einzig „darauf, inwiefern er den Stoff zu behandeln und zu beherrschen weiß.“ Hier, in dieser Kraft des Geistes, genannt Beherrschung, wurzelt alles, was Meisterschaft ausmacht. „Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig dar; ausgeführt oder nicht, schon ist es vollendet“ (S. 601); ihm schwebt eben ein Ganzes vor. Hypothesen sind bei der Erforschung der Natur aus dem einzigen Grunde zu preisen, weil sie „die Vorstellung des Ganzen erleichtern“, was ebenso hoch zu schätzen ist wie „in der Moral der Glaube an einen Gott“; nur auf diesem Wege der Vorstellung eines Ganzen kann es gelingen, „den Menschen über sich selbst weg zu heben und ihn weiter zu führen, als er ohne diese erhabenen Empfindungen gekommen wäre.“ Hier gewahrt man besonders deutlich, daß es sich nicht um ein stofflich vorhandenes Ganzes, sondern um eine Gemütsstimmung und eine Geistesrichtung handelt. Wie es an der gleichen Stelle heißt: die Hypothese eines Ganzen „erhebt die Seele und gibt ihr die Elastizität wieder, welche ihr einzelne zerstückte Erfahrungen gleichsam rauben.“ Die sittliche Ganzheit findet in folgenden auffallenden Worten Ausdruck: „Der weise Mann wird im Trauerhause Heiterkeit und im Haus der Freude Ernst einzuführen suchen, und auch so eine sittliche Totalität und Lebensgenuß bewirken.“ Im praktischen Leben gebietet das selbe Gesetz: nie entscheidet der Umfang, immer nur die bewußt umschließende Abrundung zu einem Ganzen. „Glückselig Der, dessen Welt innerhalb des Hauses ist!“ „Bei einem fortschreitenden

627 Der Weise — Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen

Tun und Handeln ist nicht die Frage, was einzeln lobens- oder tadelnswert, bedeutend oder unbedeutend sei? sondern was im   G a n z e n   für eine Richtung genommen worden...“ Dieses Ganze wird bezeichnet als „jenes Innige, was in uns lebt, strebt, sucht, oft ohne Bewußtsein nach langem Tasten und Irren das Rechte findet.“ Selbst der Handwerker verdient sich nur dann das Prädikat eines „besten“, wenn „in dem Einen, was er recht tut, er das Gleichnis von allem sieht, was recht getan wird.“ Auf diesem Wege — im Gegensatz zu unserer heutigen Richtung — „muß jede Einseitigkeit, durch und durchgeführt, Vielseitigkeit werden; ist sie lebendig, so anastomisiert sie sich mit Lebendigem.“ So ersehen wir denn zum Schluß aus einem neuen Gesichtswinkel, welche enge Beziehung zwischen dem geforderten Maß und dem geforderten Ganzen statthat. Ein hübsches Beispiel haben wir hierfür in Goethe's Beurteilung des weiblichen Wesens: bleibt dessen Streben auf „ein einzig nah beschränktes Gut“ gerichtet, sein Urteil ist unfehlbar und der weiseste der Männer wird wohltun, bei edlen Frauen anzufragen, „was sich ziemt“; erweitert sich der Horizont, so verlieren gerade die Frauen alles Maß und werden, verderbensäend, „die Heftigsten, Unversöhnlichsten“. Überall bestätigt es sich uns, daß der Goethesche Begriff eines Ganzen nie auf eine absolute Größe, vielmehr immer auf eine relative geht, auf eine der individuellen Beschränkung angemessene. „Bedenke, daß jeder Menschenkraft ihre Grenzen gegeben sind. Wie viel Gegenstände bist du im Stande so zu fassen, daß sie aus dir wieder neu hervorgeschaffen werden mögen? Das frag' dich. Geh' vom Häuslichen aus und verbreite dich, so du kannst, über alle Welt.“
    Hier ließen sich nun beliebig lange Ausführungen anschließen über das „Ganze“ bei dem schöpferischen Dichter und Naturgestalter Goethe; billig bleiben sie dem forschenden Leser selber überlassen. Höchstens möchte ich zum Beschlusse auf das Eine die Aufmerksamkeit richten, daß die unerhörte Knappheit Goethe's, seine Kunst, eine ganze Welt in wenige Worte einzuschließen, auch in das Bereich dieser Erwägungen gehört. Mit Staunen hatte schon Schiller bemerkt, wie Goethe es verstehe, „das Geheimnis des Herzens in einem einzigen Worte auf einmal und ganz“ auszusprechen. Er gibt als Beispiel das Wörtchen „Ewig“, von Dora leise geflüstert; kein weiteres kommt über ihre Lippen: „Dieses einzige Wort, an

628 Der Weise — Unterscheiden, Verbinden
dieser Stelle, ist statt einer ganzen langen Liebesgeschichte, und nun stehen die zwei Liebenden so gegeneinander, als wenn das Verhältnis schon Jahre lang existiert hätte.“ Beispiele zu häufen, wäre überflüssig; es genügt, wenn ich auf alle Gretchenszenen in Faust verweise; oder auch zurück auf die im fünften Kapitel behandelten Gedichte: Harzreise im Winter, Dämmrung senkte sich, Herbstgefühl, sowie auf die dort betrachteten Wörter „letztester“, „zweighaft“, „morgenschön“, „erdgebeugt“ usw. In der beispiellosen Gedrungenheit des Ausdrucks, in der unausdenkbaren Fülle — „dem unendlichen Gefolge“, wie Schiller sich dort ausdrückt — die Goethe in ein einzelnes Wort aufzuspeichern versteht, erblicken wir die aus Ahnung, Theorie und Praxis gewonnene Lehre des „Ganzen“ in die   T a t   umgewandelt. Denn es bedeutet einen Gipfel schöpferischer Kunst, wenn es gelingt, wenige Worte, vielleicht gar eine einzelne Vokabel zum Gefäß für eine Welt zu gestalten. Nunmehr bildet auch das Wort „einen Kreis“, wie Goethe es vorhin von aller Bildung verlangte; um das zu können, muß es zugleich plastisch bestimmt und symbolisch unerschöpflich sein; in welcher Forderung wir jetzt die beiden Elemente des Goetheschen „Ganzen“ wiedererkennen: den konkreten, wahrnehmbaren Gehalt, tief verankert in jenem „Grunde“, auf welchem (wie wir hörten) „das Klare ruht“ (S. 613), und die selbstherrisch aneignende, beflügelte Idee des gestaltenden Geistes, dank welcher der Mensch von seinem eigenen Gebilde bekennen darf:

So bist du teilhaft des Unendlichen,
Des Ewigen und bist auf ewig mein.


II.   U n t e r s c h e i d e n,   V e r b i n d e n

    Wenn Goethe mahnt:

Dich im Unendlichen zu finden,
Mußt unterscheiden und dann verbinden,

so dünken uns diese Worte zunächst leicht faßbar; steigen auch bei näherem Überlegen manche heiklen Fragezeichen auf, immerhin scheint der angekündigte Widerstreit zwischen der Diastole des Un-

629 Der Weise — Unterscheiden, Verbinden

terscheidens und der Systole des Verbindens geringere Ansprüche an unsere kritischen Fähigkeiten zu stellen als der vorangegangene zwischen Maßhalten und Umfassung eines Ganzen, und zwar schon deshalb, weil beide Forderungen den Verstand betreffen und daher nicht wieder — so sollte man wähnen — die äußersten Grenzgebiete der Sinnlichkeit und der Vernunft oder gar noch den Charakter in Mitleidenschaft ziehen. In Wirklichkeit stellt Goethe hier kaum minder als dort Forderungen subtilster Natur. Dieses Unterscheiden — wie er es meint — betrifft nicht ein bloß duldendes Auseinanderhalten dessen, was in der Natur unzweideutig als individualisiert verschieden erkannt wird, vielmehr handelt es sich um schöpferische Geistestat: um seiner selbst willen soll der Mensch sich im Unterscheiden üben und hiermit eine Steigerung der sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit erstreben, die zugleich alle Kräfte der Vernunft beansprucht. Nicht minder hoch zielt Goethe mit dem Verbinden: er geht von den sinnlich faßbaren Erscheinungen der Natur aus — von Steinen und Pflanzen — und erhebt sich von dort aus bis in die Bewegungen des Gemütes, von denen es heißt: „Die Synthese der Neigung ist es eigentlich, die alles lebendig macht.“
Wie nicht anders zu erwarten da, wo der Verstand im Mittelpunkt steht, ist es das U r t e i 1, das bei dieser Antinomie vor allem in Anspruch genommen wird; und man kann nicht behaupten, die heutige Bildung sei dazu angetan, ein sicheres, kühnes Urteilen in uns großzuziehen. „Zwei Behandlungsarten“, schreibt Goethe, „sind zu Hindernis und Verspätung die traurigsten Werkzeuge: entweder man nähert und verknüpft himmelweit entfernte Dinge in düsterer Phantasie und witziger Mystik; oder man vereinzelt das Zusammengehörige durch zersplitternden Unverstand ...“ Hier müßte der urteilende Verstand im Tageslicht des vollen Bewußtseins walten. Ihn am Werke beobachten wir bei jedem unserer Versuche, die Gestalten des Lebens behufs Übersicht und genauerer Erforschung zu klassifizieren. Jede Aufstellung von Reihen und Verzweigungen, jede Unternehmung, Organismen für „verwandt“ zu erkennen und dementsprechend zusammenzustellen, weniger verwandte voneinander angemessen zu entfernen, unverwandte in Gedanken völlig zu trennen, beruht auf Unterscheiden und auf Verbinden und entspringt, wie Goethe sagt, aus „des eigenen Bildens Kraft“. Die aus Plato's
630    Sechstes Kapitel: Der Weise .
Schöpfergewalt im Laufe der Jahrhunderte langsam herausgereifte Aufstellung des Begriffes der „Arten“ — eine Tat, durch welche erst eine Wissenschaft der Lebensgestalten möglich wurde — liefert ein augenfälliges Beispiel für den Wert des Unterscheidens; denn wer nicht den Mut hat, die Legionen Individuen in Artbegriffen auseinanderzuhalten, gelangt in uferloses Chaos. Hand in Hand hiermit geht das Verbinden; wer nicht kühn über kleine Abweichungen hinwegsieht, um mannigfaltig gestaltete Individuen dennoch zu der Idee einer bestimmten „Art“ zu verbinden, wird niemals der Architektonik der Natur auf die Spur kommen. Noch unerschrockener geht Goethe zu Werke. Seine Metamorphosenidee und die ihr verschwisterte vergleichende Anatomie zeigen uns das schöpferischeVerbinden in großem Stile am Werke, indem das, was den Sinnen völlig verschiedenartig erscheint, zu einer Einheit „zusammengeschaut“, zugleich aber scheinbar Nahestehendes unterschieden und ausgeschieden wird. Schon Francis Bacon hatte die abweichende Beanlagung der Forscher in dieser Beziehung bemerkt, indem er die einen eher zum Unterscheiden, die anderen zum Verbinden tauglich fand: Alia ingenia sunt fortiora et aptiora ad notandas rerum differentias, alia, ad notandas rerum similitudines. Doch ist mit diesem Weisheitsspruch nicht so viel gesagt, wie man zuerst glauben möchte; Bacon's weiter Blick eröffnet Perspektiven, selten führt er in Tiefen; Unterscheiden und Verbinden — wie schon bemerkt — bedingen sich so genau als polar entgegengesetzte Ergänzungen, daß wer gut unterscheidet, eo ipso gut verbindet, und umgekehrt. Goethe gelangt schließlich zu der Einsicht: „Das ganze Dasein ist ein ewiges Trennen und Verbinden“; all unser Denken, all unser Fühlen, all unser Tun unterliegt diesem Gesetz. „Derjenige nur allein vermag zu denken“, schreibt Goethe, „der genugsam getrennt hat, um zu verbinden, genugsam verbunden hat, um wieder trennen zu mögen.“ Man darf behaupten: der träge Geist verbindet wenig und unterscheidet wenig; je größer die Begabung und je feuriger der Lebenstrieb, um so sicherer unterscheidet und um so kühner verbindet der Mensch.
Daher lautet die Frage, vor welche wir uns in diesem Buche gestellt finden, nicht: war Goethe ein vorwiegend unterscheidender oder ein vorwiegend verbindender Geist? Dies würde uns nur wieder in die altbeliebte Phrasendreschmühle von „Goethe, dem

Unterscheiden, Verbinden    631
Synthetiker“ usw., führen. Vielmehr müssen wir fragen: welche besondere Art zu unterscheiden war Goethe aus angeborener Anlage natürlich? und welche besondere Art zu verbinden mußte seiner Persönlichkeit naheliegen? Auf diese Fragen erhalten wir eine ebenso einfache wie belehrende Antwort: Goethe's Unterscheidungsdrang wurzelt in seiner kräftigen, ewig wachen Sinnlichkeit; sein Bedürfnis nach Verbinden zur Einheit folgt mit Notwendigkeit aus dem genialen Trieb, Ideen zu bilden. Hiermit wird uns der Weg zur richtigen Analyse unmißverständlich gewiesen. Denn wenn auch Unterscheiden und Verbinden, beide, vornehmlich eine urteilende Tätigkeit des Verstandes voraussetzen, so erhält nichtsdestoweniger, wie man sieht, diese Verstandestätigkeit bei Goethe ihre besondere Färbung aus zwei entgegengesetzten Enden des Gemütes, das eine Mal aus der Lebhaftigkeit der Sinne, das andere Mal aus dem Gestaltungsdrang der Vernunft; die Nichtbeachtung dieser Tatsache führt zu zahlreichen schiefen Urteilen über Goethe. Wie wir sahen, war er z. B. wenig geschickt, die Arten der Mineralien, der Gesteine, der Pflanzen usw. voneinander sicher zu unterscheiden (S. 118 ff.); dies hängt mit seinem reinen — nämlich rein sinnlichen — Sehen zusammen: ihm fielen die Unterschiede zwischen je zwei Individuen so stark auf — mit anderen Worten, er erblickte sie so unabweisbar deutlich — daß sein Auge für das gedachte Gemeinsame wenig Aufmerksamkeit übrig behielt. Er beruhigte sich nicht, wie der echte Systematiker, mit dem Besitz einiger charakteristischen Stufen eines bestimmten Granits, im Gegenteil, was ihn fesselte, war die Ansammlung einer möglichst vollständigen Reihe von fast unmerklichen Zwischenstufen, wodurch dieses eine bestimmte und bestimmt benannte Gestein nach zwei oder mehr Richtungen hin in andere, von den Fachleuten unterschiedene und unterscheidend benannte Gesteine überging (S. 331 ff.). Sein Auge betätigte sich zunächst als rein sinnliches Organ, und daher empfand er das Künstliche an aller Klassifikation und konnte sich nur widerstrebend in diese gewaltsame Verbindung ungleicher Dinge finden. Kaum bedarf es der Erwähnung, daß das, was hier an Naturgegenständen veranschaulicht wird, bei Goethe allerorts am Werke ist, bis zu jenen Höhen, wo menschliche Persönlichkeit schätzend betrachtet wird. Eindringlich und mit liebereicher Zart-

632    Sechstes Kapitel: Der Weise
heit empfiehlt er die Beachtung jener „1 e i s e n Z ü g e, die den Menschen bezeichnen, ohne daß gerade merkwürdige Begebenheiten daraus entspringen . . .“; ihn schmerzen „die nivellierenden Naturen“, die „das Gemeine heraufheben und das Vorzügliche herunterziehen“. Vereinen darf hier, und soll, die Liebe:
Das Alles ist ein Turm zu Babel, Wenn es die Liebe nicht vereint;
der Verstand dagegen soll sich am Unterscheiden üben. „Das Unterscheiden“, sagt Goethe, „ist schwerer, mühsamer, als das Ähnlichfinden. ... Fängt man damit an, die Sachen gleich oder ähnlich zu finden, so kommt man leicht in den Fall, seiner Hypothese oder seiner Vorstellungsart zulieb Bestimmungen zu übersehen, wodurch sich die Dinge sehr voneinander unterscheiden.“ Ja, er geht so weit — und das ist höchst beachtenswert — sogar künstlich gewaltsame Unterscheidung „einem bequemen b-lystizismus~“, der überall vereinheitlichen will, vorzuziehen: der weise Mensch, sagt er, „wird mit Strenge, ja mit Pedantismus darauf halten, daß die großen eingeschlagenen Merkpfähle nicht verrückt werden, welche, — wenn sie auch nur willkürlich eingeschlagen waren, ihm doch dazu helfen müssen, das Land zu messen und auf das genaueste zu kennen“. Hier sieht man nun, wie aus dem Unterscheiden ein Verbinden notwendig erfolgt: „Wenn man recht gut unterschieden hat, so vergleichen sich alsdann die Gegenstände von selbst.“ Selbst mitten in der Welt der sinnlichen Wahrnehmung bilden diese mehr oder weniger willkürlich eingeschlagenen Merkpfähle einigende Versammlungspunkte, und sobald der Standort — mit Ûberspringung des weiten, Goethen unsympathischen Mittelgebietes — in den entgegengesetzten geistigen umschlägt, da heißt es gleich: „Ich bin zur Identitätsschule geboren.“ Reine Vernunft kennt eben nur ein Streben: Einheit schaffen. „Von den Göttern ein Geschenk an das Geschlecht der Menschen: so schätze ich die Gabe, im Vielen das Eine zu erblicken!“ ruft Plato aus; im Vielen das Eine erblicken heißt das Viele zu einer Idee verbinden. Ideenbilden und Verbinden sind Synonyma. Das bearbeitete Material wird vom Verstande geliefert, und der Verstand muß auch — soll die Idee Bestand haben — wie ein Richter sein zustimmendes Urteil bekräftigend beisteuern,
Unterscheiden, Verbinden    633
doch der Antrieb zum Vereinigen sinnlich ungleicher Erscheinungen stammt von einem Punkte jenseits des Verstandes, den wir mit Kant als „Vernunft“ bezeichnen wollen. Allen Ideen kommt nun die Eigenschaft zu, sich leicht immer weiter und weiter mit anderen Ideen zu Einheiten höherer Ordnung verknüpfen zu lassen; mit der ersten Idee ist potentiell schon die letzte gegeben — nämlich diejenige Idee, welche alle Ideen einer Reihe zur Einheit zusammenfaßt. Und jener vielangeführte, für endlose Mißverständnisse verantwortliche Satz: „Ich bin zur Identitätsschule geboren“ bedeutet im Munde Goethe's nicht ein Bekenntnis zum dogmatischen Monismus, sondern einfach: Ich bin in hohem Grade Ideenbildner; ich fühle in mir den Wagemut, meine Ideen immer weiter und weiter zu verknüpfen. Dagegen hörten wir ihn soeben den „bequemen Mystizismus“ der Alleinslehre spöttisch verwerfen; denn der beständige Kontakt mit der Sinnlichkeit mußte ihn belehren, je höher eine Idee in der Reihenfolge des Zusammenfassens stehe, um so leerer sei sie an konkretem Inhalt. Plato, der größte Schöpfer von Ideen, erklärt, Alleinheit sei nur ein anderes Wort für Chaos; Kant macht aufmerksam, alle Vorstellung von Wirklichkeit entstehe „nur durch Einschränkung“, woraus folgt, der Begriff eines „Alls“ sei überhaupt inhaltsleer; ihnen schließt sich Goethe an und spricht in der ihm eigentümlichen Art: „Durch die Alleinigkeitslehre wird soviel gewonnen als verloren, und zuletzt bleibt das so tröstliche als untröstliche Z e r o übrig.“ Nicht also handelt es sich bei diesem Verbinden Goethe's um eine abstrakte Theorie, am allerwenigsten um öden Monismus irgend einer Schattierung, sondern um eine architektonische Verrichtung des Geistes, welche einzig in ihrer Wechselwirkung mit dem ebenso unerläßlichen Unterscheiden richtig verstanden werden kann. Physiologisch aufgefaßt, wäre das Verbinden der zusammenziehenden Systole, das Unterscheiden der ausweitenden Diastole anzugleichen; architektonisch betrachtet, stellt das Unterscheiden die Sichtung des Materials dar, das Verbinden die Errichtung des Weltanschauungsgebäudes, nicht als eines Luftschlosses, sondern aus diesem gegebenen, wahrhaftig vorhandenen und in seiner unbegrenzten Mannigfaltigkeit erkannten Stoffe. Mit diesem Vergleich soll deutlich gemacht werden, daß Goethe's großartig waltendes Verbinden immer und überall das ihm eigentümliche, un-
634    Sechstes Kapitel: Der Weise
ablässige Unterscheiden zur Voraussetzung hat. Wer nur den einen der beiden Teile dieser organischen Gleichung erblickt, macht sich ein verzerrtes und daher grundfalsches Bild der Weltanschauung Goethe's.
Zur letzten Aufklärung über das Ineinandergreifen dieser inneren Verrichtungen tut es wohl, noch auf ein tiefes Wort Giordano Bruno's hinzuweisen; denn hatte Goethe gemeint, einzig die   P h a n t a s i e   sei der Natur gewachsen (S. 440 ff.), so bemerkt Jener, die Vernunft strebe jederzeit auf eine Einheit hin, die Phantasie dagegen erfinde unaufhörlich Vielheit: la mente sempre iniende uno, come l'imaginatione sempre vassi fingendo varie imagini. Hieraus entnehmen wir die Belehrung, es müsse wohl die Phantasie sein, welche bei Goethe als Vermittlerin zwischen seinem hartnäckigen Unterscheidungsdrang und seinem herrischen Verbindungstrieb wirkt; sie ist es, welche zwischen den beiden äußersten Enden des Menschenwesens, in denen allein er sich heimisch fühlt, die kühne Brücke schlägt. Mehr als die vielfach gehemmte Sinnlichkeit ist diese „ewig bewegliche, immer neue, seltsame Tochter Jovis“ imstande, es mit der unerschöpflichen Erfindungskraft der Natur aufzunehmen, und hierdurch wird unaufhörlich die Umwandlung aus Stoff in Geist, aus Empirie in Gedankengestalt bewirkt, wo dann die Vernunft — die ideenbildende, allverbindende — das Material vorbereitet findet, mit dem sie nach eigenem Bedürfnis walten kann, zur Aufstellung von Metamorphosenlehren, zur Verklärung vergänglicher Liebesleidenschaften in ewige Symbole, zur Erschaffung naturtreuer Poesie ...
Ich glaube, der Leser beginnt jetzt zu begreifen, welche besonderen Schwierigkeiten auch hier vorliegen. Denn handelt es sich zunächst und eigentlich bei allem Unterscheiden und Verbinden um spezielle Funktionen des urteilenden Verstandes, so kommt doch nicht weniger als alles darauf an, in welcher Weise dieser Verstand wirkt und gegenwirkt. Schränkt er sich — wie das beim typischen exakten Forscher unserer Tage der Fall ist — möglichst auf sich selbst ein, das heißt, zwingt er dem sinnlich Wahrgenommenen tyrannische Denkgesetze auf, während er die Vernunft unter das Joch der bloßen Sinnlichkeit fesselt, und behandelt er die Phantasie weniger als „Jovis' Schoßkind“ denn als geringgeschätzte, unter-
Unterscheiden, Verbinden    635
drückte Magd, dann entsteht aus Unterscheiden und Verbinden ein niedriges, massives, leicht übersichtliches Gefüge: alles sinnlich Wahrgenommene wird zugleich gedacht, alles Denken bezieht sich ausschließlich auf das sinnlich Wahrgenommene. Herrscht dagegen ein genau umgekehrtes Prinzip, wird das mittlere Organ — der Verstand — zwar hochgeachtet, ausgebildet, geübt, jedoch als das eigentlich dienende, höheren Zwecken beigeordnete Werkzeug aufgefaßt, das möglichst elastisch und offen und fügsam bleiben soll für alle Eindrücke, welche die Sinne ihm aus der unerforschlichen Natur übermitteln, und ebenso empfänglich für alle geheimnisvollen Regungen, welche aus den Gegentiefen der Vernunft an es gelangen, so steht eine ungleich verwickeltere, schwer zu übersehende Geistesstruktur zu erwarten. Selbst wenn eine derartige Weltanschauung — dank gewissen Eigenschaften der Persönlichkeit -großartig einfache Linien aufwiese, der Unterschied bliebe immer der selbe wie der zwischen einer Lokomotive und einem Parthenon. In dem einen Falle ist alle Sinnlichkeit und alle Vernunft in Verstand gewandelt: nur wer den Gedanken zu denken gelernt hat, erblickt die Gestalt (für jeden Anderen bleibt das Gebild eine Ungestalt), und nur wer mit Augen die Gestalt zu sehen sich befähigt hat, vermag es, den Gedanken zu denken, da dieser nicht ein Millimeter weiter reicht als zur Erschaffung einer Lokomotive und sonst völlig bedeutungsleer ist, ohne jeglichen weiteren Bezug; wogegen eine Schöpfung wie der Parthenon das Menschengemüt nach beiden Seiten hin erweitert, indem sie ebenso sehr eine Steigerung der Materie — wie sie in der Sinnlichkeit und durch die Sinnlichkeit sich kundtut — bedeutet wie eine Steigerung des Geistes, welcher diesen Tempel sich erbaute; weswegen es keine mathematische Erklärung dafür gibt, warum der Stoff so und nicht anders disponiert werden durfte, und ebensowenig eine „stoffliche“ Rechtfertigung der Geistestat des schaffenden Architekten. Goethe's Verstand wirkt nun — unterscheidend und verbindend — ähnlich wie der des Erbauers des Parthenons, d. h. er dient jenem „Doppelreich“, von dem einmal in Faust II die Rede ist; wozu noch kommt, daß eine Weltanschauung wie diejenige Goethe's unvergleichlich verwickelter angelegt ist als ein griechischer Tempel, daher also eine eingehende Analyse erfordert, soll ihre Struktur begriffen werden.
636    Sechstes Kapitel: Der Weise
Auch hier weiß ich keinen Weg aufzufinden, der in die Tiefen dieses Geistes führte, als den des Vergleiches mit einem Denker, der ihm in gewissen Beziehungen verwandt ist, dasjenige aber ausdenkt und ausspricht, was Goethe nur selten und fragmentarisch in Worte kleidet, weil er mehr der Notwendigkeit seines Wesens unbeirrt folgt, als daß er sich ausführliche Rechenschaft über sein Denken gäbe. Leibniz ist es, den ich diesmal im Sinne habe, und zwar weil seine Spekulationen über das Unterscheiden und Verbinden — die zu dem Tiefsinnigsten gehören, was je von einem Menschenhirn gedacht wurde — sich den Intuitionen Goethe's nahe verwandt zeigen.
Kant, der von der Mathematik aus in die akademische Laufbahn eintrat, zeigt sich uns von Anfang an — auch in seinen rein mathematischen Schriften — als ein spezifischer   P h i l o s o p h,   dem die Mathematik nur als willkommenes Sprungbrett dient; Leibniz dagegen — der bahnbrechende Erfinder der Infinitesimalrechnung — war ein philosophierender   M a t h e m a t i k e r,   und Keiner kann ihm gerecht werden, der dies außeracht läßt; denn der Mathematiker erblickt Probleme, die dem gewöhnlichen Menschen in seiner kindlichen Naivität verborgen bleiben, und findet Lösungen, die nur aus dieser Anlage und dieser Schulung hervorgehen konnten. Gewiß ist es unserer besonderen Beachtung wert, wenn wir Goethe — den angeblichen Unmathematiker oder gar Antimathematiker — in gewissen Grundüberzeugungen dem bedeutendsten Mathematiker unter den Philosophen nahe verwandt finden. In Wahrheit ist Goethe weit mehr Mathematiker, als es die Eckermann, Riemer, Müller — die so viel Gegenteiliges berichten — zu ahnen vermochten. In keiner übermäßigen Begabung wird das Mathematische fehlen; wo es nicht — wie bei den Griechen, bei Leonardo, bei Dürer und Kant — bewußt auftritt, da waltet es unbewußt: die untrügliche Sicherheit der Formgebung kann nicht anders denn als Analogie zur Intuition der Verhältnisse im Raume aufgefaßt werden, während die blitzschnelle Erfassung entferntester Bezüge, die Fähigkeit, aus Ungleichlautendem einheitliche Gebilde zu schweißen, unwillkürlich an die Leistungen der genialen Entdecker unerweisbarer Gleichungen nach Art des Clerk Maxwell gemahnt. Selbst wer nur die Oberfläche ins Auge faßt, wird, sobald er diese gewissenhaft prüft, mehr Bekenntnisse zur Mathematik bei Goethe
Unterscheiden, Verbinden    637
finden, als die trivialisierende Fama es wissen will. So ist es z. B. auffallend, daß Goethe in seinen eigenen handschriftlichen Notizen — wenn auch vielleicht nicht in seinen gedruckten Schriften — den Begriff der Parallaxe, der alle Nichtmathematiker zu erschrecken pflegt, mit besonderer Betonung erwähnt. „Parallaxe. Wenn zwei Gegenstände sich decken und sich also zu berühren scheinen, muß man sich nur zur Seite bewegen, um ihre Entfernung zu erkennen. Diesen großen Kunstkniff zum Entdecken und Erfinden haben Wenige ausgeübt, noch Wenigere eingesehen.“ Es ist nicht möglich, die Probleme der vergleichenden Anatomie — denn auf sie bezieht sich das Fragment — mehr rein geometrisch ins Auge zu fassen, als hier geschieht. Sehr auffallend ist es ebenfalls, wenn Goethe das Zählen als eine „ideelle Unternehmung des Menschen“ bezeichnet; jeder Nichtmathematiker hält das Zählen für einen ebenso konkreten, fraglosen, natürlichen Vorgang wie Wachen und Schlafen; daß es sich um eine Erfindung des Menschen handelt, um eine phantasiemächtige Schöpfertat, um eine ideelle Unternehmung, das kann nur ein zu höherem mathematischen Denken Befähigter begreifen. Daher das herrliche Wort an den verdutzten Kanzler von Müller, über welches jeder Zahlentheoretiker sich freuen muß: „Zweimal zwei ist nicht vier, sondern es ist eben zweimal zwei.“ Als alter Mann nennt sich Goethe geradezu einen „ethisch-ästhetischen Mathematiker“, der „immer auf die letzten Formeln hindringe“. Man lese nur ja nicht flüchtig über ein solches Wort hinweg; es macht uns auf ein ausgesprochen mathematisches Element in Goethe's Wesen aufmerksam, das von der Jugend bis ins höchste Alter vorhielt: die Liebe zu vollendeten Formeln. Mathematik — sobald wir sie in ihrer umfassendsten Allgemeinheit betrachten — hat mit Rechnen nur mittelbar zu tun: sie ist die Kunst, die Beziehungen zwischen gleichartigen und ungleichartigen Begriffen lückenlos übersichtlich und vollendet richtig zu formulieren. Auf irgendeinem Gebiete vollendete Exaktheit erstreben, heißt nach Art des Mathematikers verfahren; und das ist genau, was Goethe sein Leben lang mit den Worten getan hat. Er selber lehrt: „Selbst da, wo wir uns keiner Rechnung bedienen, müssen wir immer so zu Werke gehen, als wenn wir dem strengsten Geometer Rechenschaft zu geben schuldig wären.“ Was den Uneingeweihten in Goethe's Sprache als
638    Sechstes Kapitel: Der Weise
kalt berührt, würde ich ohne Bedenken das Mathematische daran nennen; die Genauigkeit schätzt er so hoch, daß sie, als erstes aller Erfordernisse, keiner anderen Rücksicht weichen darf. Man höre folgende Strophe:
Dir zu eröffnen
Mein Herz, verlangt mich; Hört' ich von deinem, Darnach verlangt mich; Wie blickt so traurig Die Welt mich an!
In ihrer herben, wortkargen Schlichtheit gemahnt sie an eine Proposition des tonmächtigen Geometers Euklid. Wer aber erst aufmerksam wurde, dem werden auf Schritt und Tritt Zeugnisse der ethisch-ästhetischen Mathematik bei Goethe auffallen. So entspringt es z. B. einem durchaus mathematischen Instinkte, wenn er „Trost in der inneren Regelmäßigkeit und Konsequenz der Natur“ findet: die Regelmäßigkeit kann nur aus anschaulicher, die Konsequenz nur aus abstrakter Betrachtung ewig waltender Beziehungen erschlossen werden — und dies gehört zum Amt der Mathematik. Goethe sagt es einmal ohne Umschweife, dem Geometer sei „die Quelle alles Denkens aufgeschlossen“, „der Grund alles Denkens aufgegangen“. So wundern wir uns jetzt weniger, wenn wir gerade in eigenhandschriftlichen Vorarbeiten über die vergleichende Gestaltenlehre, wo der nach Darstellung einer Idee Ringende von Ausdehnen, Zusammenziehen, Verändern usw. redet, plötzlich dem Satze begegnen: „Besser wäre es, ihr (dieser Kraft) ein x oder y nach algebraischer Weise zu geben, denn die Worte Ausdehnung und Zusammenziehung drücken diese Wirkung nicht in ihrem ganzen Umfange aus. Sie zieht zusammen, dehnt aus, bildet aus ... und nur allein wenn wir alle ihre verschiedenen Wirkungen in Einem sehen, dann können wir das anschaulicher kennen, was ich durch diese vielen Worte zu erklären und auseinanderzusetzen gedacht habe.“ Hier schwebt mit unmißverständlicher Deutlichkeit der mathematische Begriff einer   F u n k t i o n   vor; für eine veränderliche Bewegung, die sowohl aus Zunehmen wie aus Abnehmen bestehen und außerdem zu den verschiedensten Figuren führen kann, soll
Unterscheiden, Verbinden    639
ein einheitlicher, alle möglichen Fälle umfassender Ausdruck gefunden werden; der Dichter hat recht: nicht viele Worte, sondern einzig mathemhtische Symbolik vermag es, Veränderungen — sobald sie irgend einer Art Konsequenz nicht entbehren — auf eine ruhende und insofern anschauliche, alle Fälle umfassende Formel zurückzuführen. Im selben Absatz gelangt Goethe zu dem Begriff des Infinitesimalen; denn von jener in Worte nicht zu fassenden „x-Kraft“ (wie er jene Funktion nennt) heißt es: „Sie tut das alles so stückweise, so sacht, so unmerklich, daß sie zuletzt uns vor unseren Augen einen Körper in den anderen verwandelt, ohne daß wir es gewahr werden.“ Die Funktion wird also deutlich als Differentialfunktion empfunden; und wir müssen uns sagen: wenn Goethe das Glück genossen hätte, den Bestimmer des Begriffes einer Funktion und den Erfinder der Infinitesimalrechnung, Leibniz, zeitlich und örtlich in seiner Nähe zu besitzen, seine Ideen über Metamorphose und vergleichende Morphologie hätten vielleicht klareren und dadurch auch wirksameren Ausdruck gefunden. Für Goethe's vielbesprochene Abneigung gegen Mathematik gewinnen wir ein anderes Verständnis, sobald wir begreifen, daß dieser Gereiztheit Sehnsucht und Bedürfnis beigemischt ist. Kaum weniger als der Musik hätte Goethe sein Leben lang der Mathematik bedurft; weder hinreichende Vorbildung noch natürliche Leichtigkeit besaß er zu diesen beiden, und doch gehörten sie zu den tragenden Elementen seines Wesens; einer bedeutenden Veranlagung entspricht in beiden Fällen ein gähnendes Unvermögen; der Mann, der sonst so viel kann, erlahmt hier plötzlich und ist nicht allein unfähig, schöpferisch zu gestalten, sondern kaum im Stande, das, was ihn erfüllt, irgendwie zum Ausdruck zu bringen. Wer aber tiefer schaut, wird mit der Zeit aufmerksam, und ebenso wie die Entdeckung des „musikalischen“ Goethe den Schlüssel zu so vielem im Dichter gibt, ebenso tut es die Entdeckung des „mathematischen“ Goethe für den Denker. Das Nichtkönnen — wie schon früher bemerkt (S. 528) — ist nur die Kehrseite eines einzigen Könnens: hätte Goethe komponiert, er wäre nie der Schöpfer des zweiten Teiles Faust geworden, und wäre er zum Rechner ausgebildet worden, wir besäßen nicht die übermathematische Weltanschauung, unter tausend Schmerzen geboren, wie das die Entstehung jedes beispiellos Neuen bedingt. Leibniz selber schreibt: Il r~ a un calcul plus im-

640    Sechstes Kapitel: Der Weise
portant que ceux de l'Arithmétique et de la Géométrie, et qui dépend de l'analyse des Idées. In Wirklichkeit steht Goethe den großen Mathematikern näher als den Anatomen, Physiologen, Systematikern usw.; denn er begreift, daß der Menschengeist wohl befähigt sein mag, zu einem Ganzen Fühlung zu bekommen, nie aber die Fähigkeit erlangen kann, sich im Chaos des Einzelnen zurecht zu finden, wo er, von Irrung zu Irrung geworfen, schließlich erlahmt hinsiechen muß. „Das ewig tätige Leben in Ruhe gedacht“ bedeutet ein Programm der Naturerforschung, das einzig ein mathematisch angelegtes Hirn zu erfassen im Stande ist; der eigentliche Naturalist begreift nicht die Aufforderung, Bewegung als Ruhe zu denken.
Vielleicht gibt es nun kein Gebiet, wo man einen so sicher belehrenden Blick in das mathematisch Reine, Abgewogene und Erschöpfende an Goethe's Unterscheiden und Verbinden tun kann, wie auf demjenigen der Lebensgestalten. Es wäre aber sehr schwer, sich darüber zu verständigen, nähme man nicht Leibniz zu Hilfe, der nicht allein auf das Denken des 18. Jahrhunderts lenkend wirkte, sondern, abgesehen hiervon, sich in nicht wenigen Beziehungen Goethen nahe verwandt zeigt. Einen einzigen Winkel seines Denkens ziehe ich in Betracht; es wird genügen, unseren Gegenstand zu beleuchten.
Ein wichtigster — und in der Form, die er ihm gab, durchaus origineller — Gedanke Leibnizens ist derjenige, den er als lex continui oder loi de la continuité zu bezeichnen liebte, dessen Inhalt der Laie aus der üblichen Verdeutschung „Gesetz der Stetigkeit“ kaum erraten wird. Am schnellsten begreift man den Gedanken vielleicht, wenn man ihn als die Empörung gegen die Tyrannei des Unterscheidens auffaßt, das schließlich zu unbegrenzter Zerbröckelung führt. Aus der Fülle des Wahrgenommenen schuf der Menschenverstand die einzelnen „Dinge“; wie die Hand nur eine bestimmte Masse zu umfassen vermag, ebenso strebte seit Jahrtausenden der Menschengeist darnach, sich die Welt seinen Fähigkeiten gemäß in greifbare — und dadurch begreifliche — Einzeldinge zu zerstücken; nicht allein die lebenden Wesen dünkten uns „Individuen“ (d. h. unteilbare Eigenwesen), was ihre Abgeschlossenheit und Losgelöstheit zu verbürgen schien, sondern auch mit der ununterbrochenen Welt des Unbelebten verfuhren wir tunlichst in der gleichen Weise, d. h. wir
Unterscheiden, Verbinden    641
schufen uns in Gedanken — durch Unterscheidung — einzelne Gegenstände: einzelne Gebirgszüge, einzelne Berge, einzelne Gesteine, einzelne Mineralien, einzelne chemische Elemente, einzelne ~tolekeln, zuletzt einzelne Atome, die unter den Augen der Heutigen noch weiter in einzelne Elektrone usw. zerlegt werden. Wie man sieht, im Konkreten und im bloß Imaginierten, das Verfahren bleibt das gleiche: wir unterscheiden, fassen aber sofort das Unterschiedene als Wesen sut generis auf, d. h. als bestimmtes Ding, als Individuum. Das eben sind die „eingeschlagenen Merkpfähle“, von denen wir vorhin (S. 632) hörten, die „dazu helfen müssen, das Land zu messen“. Der philosophierende Mathematiker überlegt sich nun, daß diese Neigungg des Menschengeistes, so berechtigt sie auch sein mag, nichtsdestoweniger lediglich praktisch-methodischen Wert besitze, nicht dogmatische Gültigkeit, und daß sie eine nicht unbedenkliche Erstarrung der naturgegebenen Biegsamkeit und Dehnbarkeit seiner Vorstellungswelt herbeiführe. Befähigt wie der Mathematiker allein es ist, greift er bis auf den Grund, deckt (las Kiinstlich-Konventionelle in der Erfindung des Zahlensystems auf und weist seine Unzulänglichkeit nach, die großen Phänomene der Natur genau zum Ausdruck zu bringen. Ebenso wie die von uns unterschiedenen Einzelgestalten — Kreis, Ellipse, Parabol usw. — in Wirklichkeit unmerkbar ineinander übergehen und unsere Unterscheidung hier offenbar nur Methode des Wissens und nicht Anerkennung geschiedener Individualitäten bedeutet, ebenso verhält es sich mit den Zahlen, die zu schroff und dingmäßig vor unserer Einbildung stehen, wogegen es in der Natur — deren Inbegriff die Bewegung ist — eine Unendlichkeit der Übergänge von einer Zahl zur nächsten gibt: selbst den einfachsten Verhältnissen gegenüber, wie z. B. demjenigen des Durchmessers zum Umkreise, versagt unser konventionelles Zahlensystem vollkommen; man könnte tausend Jahre lang an dem Bruche Tag und Nacht schreiben, der Ausdruck würde noch nicht genau stimmen, ebenso wie es nicht möglich ist, einen zahlenmäßig genauen Ausdruck für die Beschleunigung zu finden, die mein Federhalter erfährt, während er aus meiner Hand zum Boden fällt. * Die Algebra, als reine Begriffsmathematik, und die Geometrie, als reine Anschauungsmathematik, sobald sie ihr eigenes Wesen erfaßt und sich als die beiden Aspekte von Geist-Natur ineinander zu fügen gelernt
Chamberlain. Goethe
41
642    Sechstes Kapitel: Der Weise
haben, befreien den Geist von den Zahlen, die nur noch — wie Bojen — im anfangs- und endlosen Elemente der ununterscheidbar stetig zu- und abnehmenden Bewegung verankert, den einzelnen konkreten Fragen als Wegweiser zum Hafen dienen. Auf diesem Wege gelang es Leibniz, den Begriff der stetigen Bewegung (lex continui) — wie sie uns in der tatsächlich wahrgnommenen Welt überall umgibt — in die Welt der Logik einzuführen, auf diesem Wege enthüllte sich ihm der Begriff der „lebendigen hraft`' und dessen mathematischer Ausdruck, woraus er auch sofort — einhundertfünfzig Jahre vor Mayer und Joule — das Gesetz von der Erhaltung der Energie folgerte, auf diesem Wege gelangte er dazu, den Begriff der Unendlichkeit mathematisch richtig zu bestimmen usw. Auf diesem selben Wege gelangte aber Leibniz noch weiter und sagte mit aller Bestimmtheit voraus, auf j e d e in Gebiete unserer Erfahrung würden wir Menschen diese selbe lex corttinui vorfinden, auch z. B. bei den Gestalten des Lebens. Tout va par degrés dans la nature, et rien par saut. Nie würden wir in das uferlose Chaos geraten sein, in welches uns die Evolutionssysteme des 19. Jahrhunderts geworfen haben, erfunden, wie sie waren, von geschichtlich unwissenden, philosophisch unzulänglichen Nlenschen, die von falschen Voraussetzungen und unbesonnen gestellten Fragen den Ausgang nahmen, hätten wir auf Leibniz gehört; denn dieser war sich über die Bedeutung des Begriffes einer „Art“ vollkommen klar, wußte, daß er nicht minder schöpferische Bedeutung besitze als der Begriff der Zahlen, wußte aber, daß auch er der Einschränkung bedürfe. Die Idee der Art ist eine Notwendigkeit, und die Natur kommt uns dabei zu Hilfe; denn da wir nur durch unterschiedene Begriffe (perceptions distinguées) zu Wissen gelangen können, so greifen wir mit Recht nach den apparences de sauts et pour ainsi dire des chutes de musique dans les phénomènes, nach den scheinbaren Sprüngen der Natur, gleich Tonfolgen in der Musik. Wer D und Dis als geschiedene, aneinander grenzende Tonindividualitäten anzuerkennen sich weigert, weil es viele Zwischenstufen zwischen beiden gibt, wird in der Musik nicht viel leisten. In Wirklichkeit schafft auf allen Gebieten die Natur mehr infinitesimale Übergänge als je das Menschenhirn zu fassen vermöchte: sich hierbei aufhalten bedeutet darum ein zweckloses Beginnen. La réduction des choses en espèces se rapporte uniquement
Unterscheiden, Verbinden    643
aux Idées, que nous en avons, et qui suffit pour les distinguer par des noms; mais si nous supposons que cette distinction est fondée sur leur constitution réelle et intérieure et que la Nature distingue les choses qui existent en autant d'espèces par leurs essences réelles, de la même manière que nous les distinguons nous-mêmes en espèces par telles ou telles dénominations, nous serons sujets à de grands mécomptes. Die Vorstellung der „Art“ ist also zugleich unentbehrlich und doch reine Idee; „jede unserer Artbestimmungen besitzt provisorische Geltung nur und ihr Wert ist bedingt durch den Grad unserer Kenntnisse.“ Jetzt verstehen wir Goethe's Warnung, nicht dürften wir „die Erfahrung der Idee entgegensetzen“, vielmehr sollten wir uns gewöhnen, „die Idee in der Erfahrung aufzusuchen.“ Das heißt die Methode der reinen Mathematik anempfehlen, und zwar im Gegensatz zur Tyrannei der Empirie. Von diesem Standpunkt aus gibt es auf die Frage nach der „Entstehung der Arten“ einzig eine erkenntnistheoretische Antwort; denn entstanden sind die Arten im Menschengeiste, und der Streit unserer Empiriker über die Frage,   o b   es Arten gebe, gleicht einem Streite darüber, ob die Zahlen 6 und 7 und 8 existieren, worauf man zugleich ja und nein antworten müßte. Nun kommt aber jene plastische Ergänzung, welche dem Denken hervorragender Männer im Gegensatz zur Gedankenfläche der Durchschnittsbegabungen Körperlichkeit verleiht. Nachdem Leibniz uns erkennen gelehrt hat, welchen Anteil die reine Ideenbildung an dem — für alle praktische Kenntnis und alle Wissenschaft unentbehrlichen — Artbegriff nimmt, nachdem er uns aufmerksam gemacht hat, „streng mathematisch betrachtet, würde der geringste Unterschied zwischen zwei Individuen eine Artunterscheidung zwischen ihnen begründen“, so daß es schließlich ebenso viele Arten wie Individuen gäbe, deckt er auf einmal die andere Seite der gewaltigen Gleichung auf und zeigt, daß diese Grenzenlosigkeit alles Unterscheidens eine Systole des Verbindens herbeiführt, so mächtig, wie sie noch niemals vor ihm erkannt worden war. Von vornherein ist er überzeugt, es müsse zwischen allen von uns unterschiedenen Gestalten des Lebens unzählige Zwischenstufen geben, wie die zahllosen Schattierungen, die Farbe mit Farbe verbinden (vgl. S. 356) und von denen Goethe sagt: „Keine Sprache, ja alle Sprachen der Welt zusammengenommen, reichen nicht nach.“ Wohl möchten die
41*
644    Sechstes Kapitel: Der Weise
gegenwärtigen Verhältnisse unserer Erde nicht jeder Zwischenstufe Dasein gönnen oder je gegönnt haben und so jene chutes de musique hervorrufen, an die unsere ordnende Wißbegier sich hält; doch könnten wir die fehlenden Zwischenstufen dann auf anderen Planeten oder innerhalb anderer Sonnensysteme vermuten, und wenn wir sie auch da nicht fänden, so sollten wir uns sagen: „Dem Inbegriff einer Natur muß auch alles das zugerechnet werden, was nur m ö g 1 i c h wäre.“ Auch im Reiche des Lebendigen bewährt sich also die lex continui; auch in ihm gibt es keine schroffen Grenzen. Nicht einmal das sogenannte Individuum ist — insofern es der Natur angehört — ein Abgelöstes, sondern es ist die in Raum und Zeit allseitig genau bedingte Einzelerscheinung eines anfang- und endlos wogenden Ganzen; denn auf der letzten Höhe dieses durchdringenden Erkennens gelangen wir zur Einsicht: omnia existentia inter se commercium habent, alles, was Dasein hat, steht untereinander in Wechselwirkung, und hiermit zu der Vorstellung einer nicht mystischen, sondern durchaus realen E i n h e i t a 11 e s L e — b e n s.
Jeder, der sich ein wenig eingehend mit Biologie abgegeben hat, weiß, wie schwer, ja unmöglich es ist, den scheinbar so einfachen Begriff eines „Individuums“ auf das Reich des Lebens folgerecht anzuwenden. Die Botanik allein besitzt eine ganze Bibliothek über diese Frage. Einer der begabtesten Pflanzenforscher des 19. Jahrhunderts kommt zu dem Schluß: „Wir können diesen verwirrten Knoten nur dadurch zerhauen, daß wir ... uns entschließen, jeden Zweig, so sehr auch der Anschein dagegen sein mag, als Individuum gelten zu lassen“; was genau der Deutung Goethe's entspricht, der geschrieben hatte: „Die Seitenzweige also, welche aus den Knoten der Pflanzen entspringen, lassen sich als besondere Pflänzchen, welche eben so auf dem Mutterkörper stehen wie dieser an der Erde befestigt ist, betrachten.“ Wir besitzen ja Bäume, die seit Jahrtausenden einzig aus Schößlingen vermehrt werder&: sollen wir alle diese über die Welt verbreiteten Wesen als Ein Individuum ansehen? Warum aber gerade den Zweig als letzte Einheit fassen? Das ist Willkür. Goethe selber studierte in späten Lebensjahren den Bryophyllum calycinum, bei dem jedes Blatt, eigentlich jede einzelne Blattzelle (aus einer bestimmten Schicht), in die richtigen Bedingun-
Unterscheiden, Verbinden    64,5
gen gebracht, eine neue, mit sämtlichen Organen versehene Pflanze hervorbringt. Faßt man aber die einzelne Zelle als das Individuum auf, so stellt eine Eiche nicht ein individuelles Wesen dar, sondern einen Staat mit Millionen von Individuen. Und die Frage wird erst recht verworren, wenn wir zu den Tieren übergehen, denn unter ihnen kennen wir Wesen (Röhrenquallen usw.), die in der Jugend zahlreich im Wasser umherschwärmen und die nachher zu einem einzigen „Individuum“ zusammenwachsen; während also dort Organe des angeblich Unteilbaren (denn dies bedeutet das Wort Individuum) sich als neue Individuen loslösen, verschmelzen hier selbständige Individuen zu bloßen Organen einer neuen verwickelteren Einheit, die früher nicht existierte. Dazu die vielen Erscheinungen des Generationswechsels (ist Schmetterling und Raupe dasselbe Individuum?), der Regeneration verlorener Organe (ist ein Wurmstück mit frisch angewachsenem Kopfende ein neues Individuum oder eine Fortsetzung des nunmehr verdoppelten ursprünglichen?) usw. usw. Außerdem die Unmöglichkeit, Geburt und Tod zeitlich festzustellen, da die Keimzelle lange vor Befruchtung und Loslösung lebt und der angeblich Gestorbene in den Erzeugnissen seines Leibes buchstäblich weiterlebt (Weismann's „Unsterblichkeit des Plasmas“). Mit diesem wenigen will ich nichts weiter als leise andeuten. Selbst der Laie wird es aber verstehen, wenn ein Meister unter den Zoologen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts lehren konnte, dieser Begriff eines „Individuums“ sei von unseren Erfahrungen „an höheren Tieren entlehnt“ und „lasse uns“ den Gesamterscheinungen des Lebens gegenüber „im Stich“, und wenn ein noch lebender Meister schreiben muß: „Bei dem heutigen Stand unserer Kenntnisse ist der Begriff der Individualität äußerst konfus.“ Leibniz nun hat vor zwei Jahrhunderten den Zusammenhang deutlicher erblickt, und zwar dank seiner Einsicht in die lex continui. Unteilbarkeit kann nur uneigentlich von irgend einer materiellen Erscheinung ausgesagt werden; nicht einmal ein Stückchen leblosen Stoffes kann je wahrhaft einförmig sein, immer ist es „eine Ansammlung“ und kann weiter in eine „unendliche Welt“ zerlegt werden; dieser Begriff der Unteilbarkeit gehört dem Geiste allein an, indem er zugleich dessen Wesen und dessen Tat ausdrückt. D e r Geist ist Einheit und schafft Einheit; in der Natur
646    Sechstes Kapitel: Der Weise
dagegen steht alles zu allem in Wechselwirkung, fließt jedes scheinbar Einzelne in andere scheinbar Einzelne hinüber; die Teilbarkeit — das Unterscheiden — ist hier unbegrenzt, und es ist praktische Willkür, wenn wir bei irgend einem Artbegriff stehen bleiben. Sobald wir jedoch den Blick in die entgegengesetzte Richtung wenden, schießt all dieses mechanisch Geschiedene sofort zu einem unzertrennlich einheitlichen Ganzen zusammen, zu einem mathematischen Kontinuum. „Ich darf also wohl mit gutem Grund annehmen, daß all die versiedenen Klassen von Wesen . nur ebensoviele Koordinaten ein und der selben Kurve sind ... Die Menschen stehen also mit den Tieren, die Tiere mit den Pflanzen, und diese wiederum mit den Fossilien in nahem Zusammenhang . . . Das Gesetz der Kontinuität fordert, daß, wenn die wesentlichen Bestimmungsstücke eines Wesens sich denen eines anderen nähern, auch alle sonstigen Eigenschaften des ersteren sich stetig denen des letzteren nähern müssen. So bilden notwendig alle Ordnungen der natürlichen Wesen eine einzige Kette, in der die verschiedenen Klassen, wie ebensoviele Ringe, so eng ineinander haften, daß es für die Sinne und die Einbildung unmöglich ist, genau den Punkt anzugeben, wo die eine anfängt und die andere endigt: denn die Grenzarten, d. h. alle Arten, die gleichsam rings um die Wende- und Schnittpunkte herum liegen, müssen eine doppelte Deutung zulassen und sich durch Merkmale auszeichnen, die man mit gleichem Rechte auf die eine oder die andere der benachbarten Arten beziehen kann . . . Die zwingende Kraft des Kontinuitätsprinzips steht für mich so fest, daß ich nicht im geringsten über die Entdeckung von Mittelwesen erstaunt wäre, welche in manchen Eigentümlichkeiten, etwa in ihrer Ernährung, und Fortpflanzung, mit ebenso großem Rechte als Pflanzen wie als Tiere gelten können und welche so die gewöhnlichen Regeln umstoßen würden, die auf der Voraussetzung einer vollständigen und unbedingten Trennung der verschiedenen Ordnungen der Wesen, die gleichzeitig das Universum erfüllen, aufgebaut sind. Ja, ich würde darüber, wiederhole ich, nicht nur nicht erstaunt sein, sondern ich bin sogar davon überzeugt, daß es solche Wesen geben muß . . .“ In dieser bedeutenden Aussage finden wir beides: das unbeschränkte Unterscheiden und das ebenso unbeschränkte Verbinden; das eine bedeutet Zahl ohne Ende, und damit die Auslöschung
Unterscheiden, Verbinden    647
alles dogmatischen Individualitätswahnes, das andere bedeutet Einheit, und das heißt zusammenhängende Allbewegung im Gegensatz zu jeglicher Deutung aus einzelnen atomistischen Vorgängen.
Diese beiden Verrichtungen des Unterscheidens und des Verbindens sind es nun, die wir für Goethe's Verstandestätigkeit überhaupt bezeichnend finden; an seiner Auffassung der organischen Natur läßt sich das vorzüglich zeigen. Wie schwer es ihm fiel, sich bei dem Unterscheiden Grenzen zu setzen, habe ich schon öfters zu erwähnen Gelegenheit gehabt; darum konnte er nie Systematiker werden; denn für ihn löste sich jede Art, je anhaltender er sie betrachtete,- in Unterarten auf; gerade auf d i e s e m Wege aber gelangte er dahin, das Scheidende auszulöschen und die große lebendige Einheit herzustellen. Subjektives Bedürfnis wirkte mit objektiver Erkenntnis gemeinsam: wir sahen es bei seiner Beschäftigung mit den Pflanzen, deren Formenfülle ihn zunehmend verwirrte, bis er sich durch seinen Begriff der Metamorphose aus dem Chaos Einheit schuf. „Der Mensch muß, um zu erkennen, dasjenige sondern, was nicht gesondert werden sollte; und hier ist kein ander Mittel, als das, was die Natur gesondert unserer Kenntnis vorgelegt hat, wieder zu verbinden, wieder zu Einem zu machen, wenn wir Acht haben, wie eine Gestalt sachte in die andere übergeht und zuletzt von der folgenden Gestalt gänzlich verschlungen wird.“ Man sieht, das Paradoxon des großen Leibniz steht buchstäblich da: weil der Mensch nicht anders kann als sondern, darum bleibt ihm nichts anderes übrig als zur Einheit wieder zu verbinden. Auch in der Mathematik ist die Zahl 1 das einzige mögliche Symbol für jede Unendlichkeit. So gelangt Goethe dazu, „das ganze Pflanzenreich als Ein ungeheures Meer“ und wiederum „die ganze tierische Welt als Ein großes Element anzusehen“, schließlich aber überhaupt „die organisierte Welt als E i n e n Z u s a m m e n h a n g von vielen Elementen.“ Dies ist das Kontinuum Leibnizens, die Anerkennung seiner lex continui.
Als Schiller in Bezug auf die Lehrjahre einwirft, er fasse wohl die Stetigkeit, nicht aber die Einheit dieses Werkes, erwidert Goethe, in der „fortschreitenden Stetigkeit“ bestehe eben die Einheit des Buches; und wenige Tage darauf, zu seinem geliebten Naturstudium zurückgekehrt, schreibt er dem Freunde: „In meinen Be-
648
Sechstes Kapitel: Der Weise
obachtungen über Pflanzen und Insekten habe ich fortgefahren und bin ganz glücklich darinne gewesen. Ich finde, daß, wenn man den Grundsatz der Stetigkeit recht gefaßt hat und sich dessen mit Leichtigkeit zu bedienen weiß, man weder zum Entdecken noch zum Vortrag bei organischen Naturen etwas weiter braucht.“ Entzückend fein kommt durch den Zusammenhang dieser zwei benachbarten Stellen der Unterschied heraus zwischen einer formellen Einheit und einer organischen Einheit; die organische Einheit steht ebenso außerhalb aller Zahlen, wie die höhere Mathematik außerhalb ihrer steht; Einheit ist hier immer Vielheit und Vielheit immer Einheit. Bei Goethe durchdringt diese Erkenntnis der organischen Stetigkeit alle Gedanken, so daß er es bitter beklagt, unverstanden zu bleiben, da „die Menschen überhaupt gewöhnlich nur den Begriff vom Neben- und Miteinander, nicht das Gefühl vom In- und . Durcheinander haben.“ Darauf weist Schiller, indem er aufmerksam macht, Goethe's Art, die Natur zu betrachten, bilde einen Gegensatz zu der Art der anderen Forscher: „Sie (Goethe) suchen das Notwendige der Natur, aber Sie suchen es auf dem schwersten Wege, vor welchem jede schwächere Kraft sich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf.“ Das ist vollkommen die Art des Leibniz. Wie denn Goethe auch die großartige Konsequenz besitzt, die Existenz eines Individuums — innerhalb der Welt sinn • licher Erscheinung — rundweg abzuleugnen. „Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine Mehrheit; selbst insofern es uns als Individuum erscheint, bleibt es doch eine Versammlung von lebendigen selbständigen Wesen, die der Idee, der Anlage nach, gleich sind, in der Erscheinung aber gleich oder ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können.“ Und an anderer Stelle: „Unser ganzes Geschäft ist nun, die einfachste Erscheinung als die mannigfaltigste, die Einheit als Vielheit zu denken. Schon früher sprachen wir getrost den Satz aus: alles Lebendige als ein solches ist schon ein Vieles, und mit diesen Worten glauben wir der Grundforderung des Denkens über diese Gegenstände genug zu tun.“ Hiermit wird nicht etwa die Unerläßlichkeit der festen Artbegrenzung geleugnet; auf allen Gebieten — nicht bloß innerhalb der Wissenschaft der Lebensgestalten
Unterscheiden, Verbinden
649
- ist sie die erste Bedingung zu jedem aufbauenden Denken; wir sollen aber erkennen, daß diese Artbegrenzung eine Schöpfertat des Menschengeistes bedeutet. Wie es in Faust heißt:
Wenn aller Wesen unharmon'sche Menge Verdrießlich durch einander klingt,
Wer teilt die fließend immer gleiche Reihe Belebend ab, daß sie sich rhythmisch regt? -------------Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart.
Gleichviel wo wir unserem Unterscheiden eine Grenze ziehen — bis hierher und nicht weiter! — zeigt sich unsere eigene Kraft am Werke; dem Rhythmus, dem Leben zulieb geschieht es — unserem eigenen Geistesleben zulieb. Sobald wir dagegen die Natur als solche erkennen wollen, da zeigt uns schon der erste Blick, daß wir „in der Natur nie etwas als Einzelheit sehen, sondern alles in Verbindung mit etwas anderem“, und je tiefer dieser Blick von der Oberfläche aus ins Innere eindringt, um so unabweisbarer wird die Forderung, jeglichem Atomismus zu entsagen und- den Grundsatz der Stetigkeit anzuerkennen, indem wir begreifen lernen, daß „alle Wesen miteinander in Kommunikation stehen“, „daß es kein Erstes und Letztes gibt, sondern daß alles, in einem lebendigen Kreise eingeschlossen, anstatt sich zu widersprechen, sich aufklärt und die zartesten Bezüge dem forschenden Geiste darlegt.“
Es ist nun von entscheidender Wichtigkeit, diese tiefwurzelnde Doppelüberzeugung Goethe's in ihrem grundsätzlichen Eigenwesen zu erfassen, weil wir erst hierdurch den Standpunkt gewinnen, von wo aus seine Art, die organische Natur zu erblicken, nacherlebt werden kann, womit auch seine übrige Weltanschauung erst ins richtige Licht rückt. Um eine wie zart-lebendige Einsicht es sich handelt, zeigen zwei Tagebuchstellen: die eine betrifft das Unterscheiden, die andere das Verbinden, beide als selbständige Taten des Geistes aufgefaßt. In der ersten heißt es: „Die Sachen haben kein Detail, sondern jeder Mensch macht sich drin sein eignes.“ In der zweiten Stelle lesen wir: „Den Punkt der Vereinigung des Mannigfaltigen zu finden, bleibt immer ein Geheimnis, weil die Individualität eines Jeden darin besonders zu Rate gehen muß und Niemanden an-

650    Sechstes Kapitel: Der Weise
hören darf.“ So stark empfand Goethe sein Unterscheiden und sein Verbinden als ein eigenes schöpferisches Werk! Mit den Worten: „Eine tiefumfassende Synthesis begreift nicht leicht Jemand“, ist, wie man sieht, insofern noch nicht genug gesagt, als nicht die Synthesis allein, vielmehr auch die Analysis eigenem Bedürfnis und eigenem Gestaltungstrieb entspringt.
Schon diese eine Erkenntnis zeigt zur Genüge, wie unsinnig es ist, Goethe zu einem Evolutionisten im heutigen Sinne des Wortes zu stempeln, zu einem Vorläufer Darwin's, und was sonst noch Keckheit mit Unwissenheit gepaart für widersinnige Behauptungen erzeugt. Sie bedeuten eine geradezu widersinnige Verballhornung der Denkweise Goethe's. Wohl lehrt unser Weiser: „Gestaltungslehre ist Verwandlungslehre“, bekennt: „Wir glauben an die ewige Mobilität aller Formen in der Erscheinung“ und ruft aus: „Nicht gedacht kann werden Unveränderlichkeit der Gestalt“; doch heißt es an letzterer Stelle in unmittelbarer Fortsetzung: „Noch ein Unabhängiges vom universellen Leben“; er bezeichnet es als seinen Zweck„Im Vorübergehenden   d a s   E w i g e   schauen zu lassen“, wählt sich als Problem „das ewig tätige Leben   i n   R u h e   g e d a c h t“   (vgl. S. 640); erklärt: „Wohl ist alles in der Natur Wechsel, aber hinter dem Wechselnden   r u h t   e i n   E w i g e s“,   und macht aufmerksam, daß sein Lieblingsbegriff des   U m g e s t a l t e n s   nicht zu verwechseln sei mit der Vorstellung eines   S i c h v e r ä n d e r n s.   Mit achtzig Jahren, rückblickend auf ein halbes Jahrhundert des Schauens und Sinnens, faßt er seine Überzeugungen in Bezug auf die Lebenserscheinungen in den denkwürdigen Satz zusammen: „Ein Typus sollte anerkannt werden,   e i n   G e s e t z,   von dem in der Erscheinung nur Ausnahmen aufzuweisen sind.“ Es wäre wohl unmöglich, einen schärferen Gegensatz zu unseren atomistischen Erfahrungsempirikern — den „gemeinen Wissenschaftlern“, wie Goethe sich ausdrückt — aufzufinden: sämtliche Erscheinungen des Lebens, die doch für Diese Quelle und Summe alles Wissens und Deutens ausmachen, als bloße „Ausnahmen“ von einem nur im Geiste zu erfassenden Gesetze betrachtet! Man vergesse doch nie, daß Goethe seine Ideen über die organischen Gebilde als „unabhängig von Raum und Zeit“ bezeichnet; wie sollten sie denn mit einer historischen Evolutionsauffassung vereinbar sein, die ganz und gar auf Zeit ruht
Unterscheiden, Verbinden    651
und im Raume sich ausbreitet? Bei seinen vergleichend anatomi

schen Studien schreibt Goethe, dort „schließe sich die Grundgestalt

am wunderbarsten auf“, wo sie „dem Auge ganz verschwindet und

mir vom Geiste verfolgt werden kann.“ Was hat eine solche Idee

mit den klotzigen Werdevorstellungen unserer Materialisten zu tun?

Eine einzige grundsätzliche Erwägung sollte hier zum Unter

scheiden genügen: wer das Sein als ein Werden auffaßt, treibt Ge

schichte, wer das Werden als ein Sein zu begreifen sucht, bewährt

sich als Philosoph. Alle wahre Wissenschaft ist philosophisch, denn sie
Sucht den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht.
Sobald sie dagegen das Werden nicht als ein auf einen ruhenden Pol zurückzuführendes Phänomen, sondern vielmehr als die Erklärung der zu deutenden Phänomene auffaßt, sobald, heißt das, Wissenschaft Geschichte wird, hat sie aufgehört, Wissenschaft zu sein, und wird von Tag zu Tag phantasmagorischer, chaotischer, willkürlicher. Evolutionslehren hat es seit den allerältesten Zeiten, von denen wir Kunde besitzen, gegeben; den Priestern Babylons waren sie gemäß; daß eine Gestalt sich aus einer anderen, grundverschiedenen herausbilde, ist dem naiven, unerfahrenen, ungeübten Hirn eine ebenso naheliegende Annahme, wie daß die Sonne sich um die Erde drehe. Bei der „Erklärung der Phänomene“, so notiert sich Goethe einmal, „sind die Vorstellungsarten des Nützlichen und des Ursprungs beide praktisch und gewöhnlich“, wogegen „die Vorstellungsart des B e s t e h e n s theoretisch und seltener ist.“ Darwin kennt nur die gewöhnliche Vorstellungsart; für ihn, wie für Moses, kommt es nicht darauf an, zu entwirren, was ist, sondern einen angeblichen „Ursprung“ aus dem Werden aufzudecken; hiermit — und unter Zuziehung der zweiten „gewöhnlichen Vorstellungsart“, nämlich des Nutzens — gelingt es ihm, alles zu „erklären“. Diese Auffassung bedeutet die Atomisierung der Lebensgestalten und den Verzicht auf alle wahre Wissenschaft. Jedes Individuum steht für sich da und kämpft; die Natur ist ein Chaos, und das wunderbarste ihrer Werke — die Lebensgestalt — besteht nicht durch allwirkende Notwendigkeit und allbildendes Gesetz, sondern entsteht aus Zufall, sie weiß selbst nicht wie, ein einziges Mal, und entwickelt sich dann happy-go-lucky (wie der Engländer sagt) dank dem Segen beson-
652    Sechstes Kapitel: Der Weise
derer Zauberkräfte, welche Vererbung, Anpassung, Auslese usw. heißen — eine ganze unbeholfene Mythologie für entkultivierte, Maschinen gewordene Neobarbaren. Jene mittlere Tatsache aller Erscheinungen des Lebens, welche von jeher — und in den letzten Jahrhunderten, bei zunehmendem Wissen, in wachsendem Maße -die staunende Bewunderung der Weisen hervorgerufen hatte, nämlich die Einheitlichkeit im Bau und Betrieb der Organismen, Kreis um Kreis umfassend durch alle Räume und alle Zeiten, wird jetzt zu einem Ergebnis des Zufalls herabgesetzt. Ein Geoffroy SaintHilaire hatte zu behaupten gewagt: Une vérité constante pour l'homme qui a observé un grand nombre des productions du globe, c'est qu'il existe entre toutes les parties une grande harmonie et des r a p p o r t s n é c e s s a ires; c'est qu'il semble que la nature se soit renfermée dans de certaines limites, et n'ait formé tous les êtres vivants que sur un plan unique, essentiellement le même dans son principe, mais qu'elle a varié de mille manières dans toutes ses parties accessoires; und Goethe seinerseits hatte diese Erkenntnis in die Worte gekleidet: „Eine innere und ursprüngliche Gemeinschaft aller Organisation liegt zum Grunde“. Das Problem war deutlich gefaßt, der rechte Weg betreten, um der ewigen Gesetzlichkeit der Natur neue Erkenntnisse abzugewinnen. Doch auf einmal brachen die Barbaren in das Gebiet der „zarten Empirie“ ein und zerhieben gordisch dieses mittlere Problem aller Wissenschaft des Lebens: „Nach meiner Theorie wird die Einheitlichkeit des Typus durch die Einheit der Abstammung erklärt“; so lautete fortan das Dogma. Man schämt sich, Zeitgenosse eines solchen geistigen Tiefstandes zu sein. Nicht ein Jahrhundert mehr wird es noch dauern, bis man mit Spott und Staunen auf diesen Wahnsinn unserer Zeit zurückblicken wird. Als mildernder Umstand mag wohl gelten, daß zwar alle Welt von Darwin's „Ursprung der Arten“ spricht, Wenige aber das Werk von Anfang bis zu Ende lesen. Sonst würden sich die Menschen wundern, ein fünfzehntes Kapitel zu finden, dessen Argumentation jedem Mönch im Mittelalter Ehre gemacht hätte und wo des alten — durch Voltaire's Spott unsterblich gewordenen — französischen Philosophen Maupertuis sogenanntes „Axiom des kleinsten Kraftaufwandes“ die zwin;ende Wahrscheinlichkeit abgeben soll für die Abstammung aller organischen Gebilde (zunächst innerhalb jeder großen Klasse, nach
Unterscheiden, Verbinden    653
späterer Auffassung aber sämtlicher Lebewesen) aus einem einzigen Keim! Die verschwenderische Natur, welche die Sonnen nach Billionen schafft und jedes einzelne Heringsweibchen im Frühjahr einhunderttausend Eier legen läßt, als streng sparsame Hausmutter aufgefaßt, gehört in eine Posse, „Der Philister als Naturforscher“, doch wahrlich nicht in die Rüstkammer der Menschheit an auferbauenden Gedanken. Zwei Seiten weiter, gestärkt durch die aus Maupertuis eingesogene Zuversich~6 heißt es dann mit aller Bestimmtheit, wir besäßen distinct evidence — augenscheinliche Beweise — daß sämtliche Insekten und sämtliche Wirbeltiere von je einem ein — zigenVorvater (single progenitor) abstammen ... Und so geht's weiter.
Mit dieser Naturdeutung hat unser großer Goethe nicht einen einzigen Zug gemein; man kann sie im besten Falle — bei einem so lauteren Charakter wie Darwin — kindlich nennen; auch ihre Kraft hat sie einzig aus ihrer unschuldigen Arglosigkeit geschöpft, wogegen Goethe auf einem höchsten Gipfel der Besinnung steht; er darf ihn selber als eine „letzte Stufe“ bezeichnen und uns auffordern, ihn an seiner dargereichten Hand zu ersteigen.
Daß die Lebensgestalt nur in der Umgestaltung sich Dauer bewahren kann, ist keine Entdeckung Goethe's; man darf sie Gemeingut seiner Zeit nennen. Alle Forscher und Denker des 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts — die großen und die kleinen — glaubten an die Umwandlung der Gestalten. Balzac macht in dem AvantPropos zu seiner Comédie Humaine, geschrieben 1842, darauf aufmerksam und faßt die Lehre der „vorangegangenen zwei Jahrhunderte“ dahin zusammen, alle lebenden Wesen seien aus einem einz;gen Bauplan (patron) abzuleiten; die Unterschiede der Gestalt — alles, was les espèces zoologiques ausmacht — müßten als Ergebnis der umgebenden Daseinsbedingungen gedeutet werden. Leibniz lehrt, es gehöre zum Wesen aller Substanz (er redet von Tieren), „beständigem Wechsel unterworfen zu sein“; Buffon hätte Darwin's Fragestellung überhaupt nicht verstanden, denn er hat nie gezweifelt, das Wort „Art“ sei „ein abgezogener Begriff“ und die Vorstellung von „natürlichen Familien“ sei „unser Werk, entstanden zur Entlastung unseres Geistes“: Buffon hat auch, hundert Jahre vor Darwin, ausreichende Studien über die durch künstliche Auswahl erzielte Veränderlichkeit der vom Menschen domestizierten Tiere gemacht und
654    Sechstes Kapitel: Der Weise
die Überzeugung gewonnen, nicht allein stammten alle unsere Tauben von der einen wilden Taube ab, sondern es würde möglich sein, aus jeder einzelnen Art „tausend verschiedene Gestalten“ zu züchten; Linnàeus neigte zu der Ansicht, es seien — wenigstens bei manchen Gattungen — alle sogenannten Arten aus einer einzigen hervorgegangen, was er aber nicht historisch-dogmatisch, sondern auf dem Wege streng wissenschaftlicher Versuche entschieden sehen wollte; er ja ist es, der das Wort llutatioib — das man heute De Vries zuschreibt — zuerst aufbrachte (in der Form transmutatio), und zwar für genau den selben Begriff, da er es für nicht unwahrscheinlich hielt, neue Arten könnten durch plötzliche Umwandlung ans anderen entstehen. * Um Goethe herum war alles voll von Entwickelungsideen; nicht bloß erwähnt er selber noch Benoit Maillet, den großen Evolutionstheoretiker (1656-1738), der den Menschen durch Vermittelung der Waltiere vom Fisch ableitet, sondern er hat in Genf persönlich mit Bonnet verkehrt, welcher schon das inzwischen durch Haeckel's Aneignung berühmt und berüchtigt gewordene „biogenetische Grundgesetz“ lehrte — die Entwickelung des Keimes wiederhole die verschiedenen Stufen, welche die ausgewachsenen Individuen im Verfluß der Zeiten durchlaufen haben; Diderot's Schriften kannte Goethe besonders gut, und hier begegnet man des öfteren dem Gedanken, die Gestalten des Lebens hätten sich im Laufe der Jahrmillionen auseinander entwickelt: Qui sait les races d'animaux qui nous ont précédés? qui sait les races d'animaux qui succéderont aux nôtres? Tout change, tout passe; il n'y a que le Tout qui reste; Lamarck (1744-1829) war Goethe's Zeitgenosse im engsten Sinne des Wortes; auch Kielmeyer, der Lehrer Cuvier's, glaubte an „die Entwickelung der Organisationen“; Schelling — mit dem Goethe Jahre hindurch viel verkehrte — ist der eigentliche Begründer der neueren Auffassung des Wortes „Evolution“ (das im 18. Jahrhundert einen anderen Sinn trug): „daß die Stufenfolge aller organischen Wesen durch allmähliche Entwickelung einer und derselben Organisation sich gebildet habe“... Ich nenne nur wenige Namen. In welchem Maße diese überall erörterten Gedanken auch die der Wissenschaft ferner stehenden Kreise damals durchdrangen, mag ein einziger Satz Charlotte von Stein's veranschaulichen, geschrieben aus Weimar zur Zeit, als Goethe in Italien weilte. Der Major von
Unterscheiden, Verbinden    655
Knebel war eifrig mit dilettantischen N aturstudien beschäftigt und scheint ihr in seinen Briefen darüber berichtet zu haben; Charlotte antwortet ihm: „Von den langnäsigen Affen müssen Sie mir noch mehr erzählen. Mir kommt's alle Tage wahrscheinlicher vor, daß wir gewiß durch's Tierreich herauf'estiegen sind.“ Der Leser sieht also: wenn Goethe weiter nichts getan hätte als lehren: „Wir glauben an die ewige Mobilität aller Formen in der Erscheinung“ (S. 650) , so würde dies keinen Anspruch auf Originalität begründen; im Gegenteil, man müßte einfach gestehen, Goethe habe mit im Strome seiner Zeit geschwommen und das geglaubt, woran alle glaubten, vom Naturforscher und Philosophen bis zum Offizier ün Ruhestand und bis zur Hofdame; nennt es doch Goethe selber einmal die „allgemeine Denkweise“ und spottet über die unter seinen Mitlebenden verbreitete Annahme, „Bären, wenn sie sich eine Zeitlang aufrecht hielten, könnten zu Menschen werden.“
Goethe ist nun diesen Annahmen unbeirrt entgegengetreten, aber mit einer so beispiellosen Kraft des allumfassenden Blickes ausgerüstet und auf einer so hohen Stufe der Besinnung, daß es einer ernst anhaltenden Vertiefung bedarf (wie sie Einem z. B. aus dem Umgang mit Leibniz vertraut wird), ehe man die Befähigung gewinnt, dem hohen Weisen zu folgen. Goethe war eben doch nicht der Prediger in der Wüste, der das Kommen Ernst Haeckel's verkündete, sondern er hat auch in Bezug auf die Auffassung der Gestalten des Lebens ein ganz und gar ihm eigenes Werk entworfen und vollbracht, das, was er selber eine „unmittelbare originelle Ansicht der Natur“ nennt, welche sowohl in ihren bestimmten Beschränk~ungen wie in der innewohnenden Gewalt, über sich selbst hinauszuweisen und unerschöpfliche Anregung zu gewähren, sich einem Werke der Kunst verwandt zeigt; in Goethe spiegelt sich die Natur, die er so innig liebte und so inbrünstig erforschte, und in seinem Werke spiegelt sich uns nun wieder, mitsamt dem Spiegelbilde, Goethe. Wollte man den Einwurf machen, dieses Bild sei dann   n u r   G o e t h e,   mir läge nichts daran, es zu bestreiten; denn mit diesen zwei Worten „nur Goethe“ ist viel gesagt. Und kein Mensch wird dieses Werk Goethe's begreifen, der, von der historischen Seuche angesteckt, es geschichtlich an hundert andere Erscheinungen anfädelt und anleimt, was nie ohne Beschneiden, Verdecken, Hinzutun, Ver-

656    Sechstes Kapitel: Der Weise
zerren gelingen kann; nicht umsonst soll uns Goethe gewarnt haben: „Geschichte ist das undankbarste und gefährlichste Fach.“
Ein erster für Goethe grundbezeichnender Zug ist die Ablehnung aller Fragen nach   U r s p r ü n g e n:   schon damit allein stößt er die Afterweisheit unserer Welträtselenthüller für immer von sich. In der frühesten Jugend leitet ihn ein untrüglicher Instinkt, über die „schönen Geister“ zu höhnen, die „aus protoplastischen Märchen Prinzipien erdrechseln“; diese frivole Neigung nennt er einen „bösen Genius“, welcher „echte Menschen im Vorhof der Geheimnisse ermordet“; später heißt es: „Mein Geist hat keine Flügel, um sich in die Uranfänge emporzuschwingen“; dann reift die allgemein gültige Überzeugung: „Der Begriff vom Entstehen ist uns ganz und gar versagt“. Diese Worte sprechen einen altarischen Grundsatz aus — „selbst Götter vermögen nicht Ursprünge zu ergründen“ — welcher Denkart von Denkart ein für allemal scheidet. Mit diesem Grundsatz hängt nun der weitere zusammen, niemals überhaupt nach U r — s a c h e n zu fragen. „Das Zurückführen der Wirkung auf die Ursache ist bloß ein historisches Verfahren“, ruft Goethe unmutig aus; auf diesem Weg darf man nicht hoffen, sich das ewige Sein der Natur deutlicher vor Augen zu führen; Historie ist das Gegenteil von Erkenntnis des Ewigen. In einem kurzen Aufsatz, in welchem Goethe im Jahre 1798 sich betreffs der Überzeugungen, die ihn bei seinen Naturstudien leiteten, klar zu werden suchte, schreibt er: „Hier wird nicht nach Ursachen gefragt, sondern nach Bedingungen, unter welchen die Phänomene erscheinen.“ Woraus dann später die feierliche Mahnung entsprang: „Lebhafte Frage nach der Ursache ... ist von großer, nicht zu entwickelnder Schädlichkeit.“ Namentlich dasjenige, was alle unsere heutigen Evolutionstheoretiker tun, bleibt Goethe verhaßt: ,,. . . um das Unbekannte zu erklären, zu unbekanntesten Regionen seine Zuflucht nehmen.“ „Wenn man von Uranfängen spricht, man glaubt erklärt zu haben und hat das Problem nur weiter hinausgeschoben.“ „Es ist nun einmal mir idiosynkratisch, daß ich nicht leiden kann, wenn man die Erklärung eines Phänomens in die Weite und Ferne schiebt.“ Was hätte der arme große Mann zu unseren heutigen Wissenschaftlern gesagt, deren Um und Auf das Hinausschieben, weiter und immer weiter, bildet? Im Gegensatz zti ihnen verbannt Goethe aus aller ernst zu nehmenden Erforschung

Unterscheiden, Verbinden    657
der Natur die Frage nach Ursprüngen und die Frage nach Ursachen!
Ein zweiter für Goethe bezeichnender Zug ist die Überzeugung: Aller „Organisation liegt eine innere und ursprüngliche Gemeinschaft zum Grunde“: diese unwandelbare Einheit bildet für ihn die Grundtatsache alles Lebens. Was Goethe unter Gemeinschaft versteht, ist aber r e i n i d e e 11 — mit anderen Worten, als Ausdruck eines unwandelbaren Naturgesetzes — zu denken, nicht materiell als Verwandtschaft des Blutes. Goethe glaubt ja — es sind seine eigenen Worte — an „eine immer fortdauernde Schöpfung“ und dieser zufolge an „eine ursprüngliche, gleichzeitige Verschiedenheit“. Der grundlegenden Erkenntnis der Gemeinschaft gliedert sich eine weitere an als aufklärende Ergänzung: jede Lebensgestalt ist in „unaufhaltsam fortschreitender Umbildung“ begriffen, „die Gottheit erfreut sich am Wechsel der Gestalten“, im Wechsel betätigt sich das Beharren. Was Goethe nun auf Grund dieser einheitlichen Doppelerkenntnis — beharrliche Organisation, wechselnde Gestaltung — an den einzelnen Erscheinungen des Lebens darstellt, „f l i e ß t a u s d e r I d e e und gibt uns Erfahrungsbelege zu dem, was wir mit dem höchsten Begriff kaum zu erfassen getrauen“; „Es ist nichts Geistiges, was nicht in diesen Bereich fiele“; „in geistiger Anschauung“ werden wir allsehend. Gleichsam als vermittelndes Glied zwischen diesem Begriff des herrschenden Geistes und dem Zeugnis der Sinne taucht dann als veranschaulichendes Symbol die Vorstellung eines „allgemeinen Typus“ auf:
Und die seltenste Form bewahrt im Geheimen das Urbild.
Auch „idealer Urkörper“ wird der Typus genannt oder „Muster“ oder — mit besonderer Eindringlichkeit — „geheimes und unbezwingliches Vorbild`). Sobald dieses Symbol des Typus, des Musters, des Urkörpers, des Vorbildes als tätig gedacht wird, bedeutet es ein Grundgesetz der Natur, „ein allgemeines Bildungsgesetz“. Das Naturgesetz, auf welchem die sogenannte Verwandtschaft der lebenden Wesen untereinander beruht, muß man sich aus der Analogie
') In frühen Jahren der Unklarheit hatte Goethe von „Urtier“ und „Urpflanze`° gesprochen; doch begriff er seinen eigenen Gedanken bald besser und gestand, er habe damit „die Idee des Tiers“ „die sinnliche Form einer übersinnlichen Urpflanze“ gemeint.
Chamberlain, Goethe    42
658
Sechstes Kapitel: Der Weise
mit dem Gravitationsgesetz vorzustellen lernen; die lebenden Wesen auf einem den Sirius umkreisenden Planeten würden ohne Frage denjenigen unserer Erde durchaus „verwandt“ gefunden werden: denn Gesetz, nicht Zufall, gebietet, und die Historie der verschiedenen Umbildungen besitzt nur sehr untergeordneten Wert und artet bald in pseudowissenschaftliche Spielerei aus. Alle Ideen haben nun -- wie schon früher bemerkt — die Eigenschaft, unbegrenzt in sich zerlegbar und unbegrenzt miteinander vereinbar zu sein; immer bedeutet Idee Einheit; Einheit läßt aber engere und weitere Fassung zu; es handelt sich um eine gleitende Skala mit infinitesimalen Abständen; hier erst — in der Idee, im Gegensatz zu der Erfahrung — geschieht das Unterscheiden und das Verbinden rein und ungehemmt; und so kann denn auch diese „ursprüngliche Gemeinschaft“, dieses bestimmende „Urbild“, dieses „allgemeine Bildungsgesetz“ je nach der Perspektive, die in einem gegebenen Augenblick dem Forschenden sich bietet, kleinere oder größere Gruppen oder gar die Gesamtheit des Lebens auf Erden umfassen; der gestaltende Gedanke bleibt der selbe. Zunächst dämmert die Ahnung: „Einander h ö c h s t ä h n 1 i c h e Geschöpfe müssen aus einerlei Bildungsprincipio hervorgebracht sein“; später gewinnt die durch fortgesetztes Anschauen und Denken gestärkte Überzeugung den Mut „zu einem allgemeinen Bilde, worin die Gestalten sämtlicher Tiere, der Möglichkeit nach, enthalten wären“; zuletzt vermag der Geist a 11 e s L e b e n d i g e unter einer Idee zu erblicken und dieser Idee eine solche formende Kraft zuzusprechen, daß das gesamte Leben als Einheit erfaßt wird, somit „in der lebendigen Natur nichts geschieht, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe.“ Nicht aber ist die empirische Erfahrung imstande das zu leisten, vielmehr „muß die Idee über dem Ganzen walten“. Es kommt auf die Erkenntnis an, daß „jede Kreatur nur ein Ton, eine Schattierung einer großen Harmonie ist, die man auch im Ganzen und Großen studieren muß, sonst ist jedes Einzelne ein toter Buchstabe“. Denn der treibende Kern von Goethe's Deutung der Lebensgestalten ist „die Überzeugung, daß die Natur nach Ideen verfahre“ und daß die Erforscher der Natur demgemäß „d a s I d e e 11 e i m R e e 11 e n anzuerkennen und ihr jeweiliges Mißbehagen mit dem Endlichen durch Erhebung in's Unendliche zu beschwichtigen“ haben. Er sagt es ja an der selben Stelle ausdrücklich, sein Zweck sei, „den
Unterscheiden, Verbinden    659
Zudrang grenzenloser Einzelnheiten“, durch den wir „geängstigt“ werden, abzuwehren und dank dem „hohen Einfluß der einfachsten Idee . . . Klarheit und Ordnung dem Vielfältigen zu verleihen“. Mag Goethe wohl früher, einzig der Tat hingegeben, sich kein ganz klares Bild der eigenen Geistesverfassung gemacht und demgemäß nicht selten Worte gesprochen haben, die den Flüchtigen irreführen können, an seinem Lebensende verhielt es sich anders; die drei zuletzt angeführten Stellen sind wahrscheinlich aus dem Jahre 1830 oder gar 1831, und wir lesen in dem gleichen Zusammenhang noch: „Hier aber werden wir vor allen Dingen bekennen und aussprechen, daß wir mit   B e w u ß t s e i n   uns in der Region befinden, wo Metaphysik und Naturgeschichte übereinander grei'f en, also da, wo der ernste, treue Forscher am liebsten verweilt.“ Bedarf es der Versicherung, daß diese Region nicht einen Fußbreit gemein hat mit derjenigen, auf der unsere heutigen Evolutionslehren stehen?
Für Goethe handelt es sich darum, die geliebte, „sich ewig immer gleiche Natur“ Tag um Tag mit Sinnen und mit Geist, mit forschendem Verstand und mit nacherschaffender Vernunft vollkommener zu erfassen — zarter, wahrer, angemessener, „bis ins Innerste göttlich, lebendig“, das Vielfältige nicht mehr als Beängstigung, sondern als jubelnde Freude empfunden, die erhabene Einheit nicht als dunkle Mystik, vielmehr als sonnenklare Idee. „An der Mannigfaltigkeit der Welterscheinungen freut sich der Lebemensch, an der Einheit dieser Mannigfaltigkeit der höhere Forscher“, spricht der an allem Menschlichen teilnehmende Weise. Hier wie überall schwebt ihm bewußt und unbewußt das Bedürfnis des Gemütes als bestimmend vor. Was soll uns das Technische? Nichts auf der Welt ist unnützer als der bloße Nutzen; nicht einmal Kurzweil gewährt er. Und was soll man von den pomphaften „wissenschaftlichen“ Weltdeutungen sagen? Kindern und Wilden sollte es überlassen bleiben, aus vermeintlichen Ursachen sich vermeintliche Wirkungen ztt „erklären“ und hierin Beruhigung zu finden. Die Weltenträtselung einer Eintagsfliege! Anders verhält es sich hingegen mit allem, was unser Inneres entfaltet, bereichert, stärkt; dies bedeutet wahren Gewinn, es bedeutet tatsächliche innere „Entwickelung“ im Gegensatz zu dem Geschwätz über vermeintlichen äußeren Fortschritt. „Im Leben be-

660    Sechstes Kapitel: Der Weise
harrt kein Abgeschlossenes, sondern ein Unendliches ist in Bewegung“: hieran müssen wir „durch immer neuen Zuwachs erinnert werden“; denn wenn wir nicht zunehmen, nehmen wir ab. Wahren, dauernden Zuwachs erfährt aber unser Inneres einzig durch leuchtende Ideen. Eine solche ist z. B. folgender Satz und Grundsatz Goethe's: „Jedes Geschöpf ist Zweck seiner selbst; und weil alle seine Teile in der unmittelbarsten Wechselwirkung stehen, ein Verhältnis gegeneinander haben und dadurch den Kreis des Lebens immer erneuern, so ist auch jedes Tier als physiologisch vollkommen anzusehen. Kein Teil desselben ist, von innen betrachtet, unnütz . . .“ Das ist eine Idee, eine Idee, die uns lehren soll, besser zu sehen. Man könnte sie philosophisch ausdrücken: Lebensgestalt ist das Walten vollendeter Zweckmäßigkeit. Die Evolutionisten denken Wunder was geleistet zu haben, wenn sie das „allmähliche Entstehen“ des zweckmäßigen Baues im Laufe der Jahrmillionen „erklären“: einer der hohlsten Ungedanken, den jemals ein Homo simiolus gedacht hat und woraus des weiteren folgt, daß noch heute die Natur ihre Kreaturen recht stümperhaft zusammenstückele, angefüllt, wie sie sein sollen, von rudimentären Organen, die ihnen nichts mehr nützen oder ihnen erst später einmal, so die Göttin Auslese es weiter gesegnet, etwas nützen werden. Wohlbetrachtet umfaßt Goethe's entgegengesetzte Lehre der Vollkommenheit jedes lebendigen Wesens und der absoluten Zweckmäßigkeit aller seiner Organe die früher genannte Idee des „geheimen und unbezwinglichen Vorbildes“ alles Lebens, des „allgemeinen Typus“: denn vollendete Zweckmäßigkeit des Baues dürfte genügen, Analogien der Gestalt und der Funktionen zu bedingen — sowohl in den engeren, augenscheinlich ähnlichen Bezirken wie auch (wenn ein Blick erst so weit reicht wie bei einem Geoffroy Saint-Hilaire) in dein Gesamtumkreis des Lebens. Nicht also erblickt Goethe ein Darwinistisches Chaos, worin jedes einzelne Wesen im Kampfe mit allen anderen Einzelwesen, hier gefördert, dort gehemmt, zufällige Richtungen einer angeblichen „Entwickelung“ einschlägt, sondern im Leben (nicht minder als auf anderen Gebieten) herrscht ewiges Gesetz, dazu noch eine organische Gemeinsamkeit, die nur im Leben statthaben konnte; die „ewigen Normen“, nach denen sich die „tausend, abertausend Formen“ regen, stehen von je auf je, und wie mächtig
Unterscheiden, Verbinden    661

auch die Gewalt der äußeren Umstände wirkt — denn die Gestalten werden, was Goethe erkannte, „von Umständen zu Umständen gebildet“ — es behauptet sich nichtsdestoweniger in allen Einflüssen und gegen alle Einflüsse „das geheimnisvoll unbezwingliche Vorbild“. Seit alters kannte der Mensch die „ewige Mobilität“ aller Lebensformen; daß aber inmitten dieser strömenden Umgestaltung die Gestalt — das Bildungsgesetz — b e h a r r t:   dies ist das Neue, dies ist die Idee, welche Goethe begeistert und dank welcher ihm das Verbinden des grenzenlos Unterschiedenen gelingt. Wo auch Leben west, es ist an die ewigen Normen gebunden, in der Ähnlichkeit der Geschöpfe — der engeren und der weiteren — kommt nicht zufällige Genealogie zum Ausdruck, vielmehr notwendiges Naturgesetz.
Zum Schluß möchte ich auf die Verschwisterung zwischen dem Grundsatz des Verbindens und der Maxime des Beschränkens hinweisen.
Doch im Innern befindet die Kraft der edlern Geschöpfe Sich im heiligen Kreise lebendiger Bildung beschlossen. Diese Grenzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie: Denn nur also beschränkt war je das Vollkommene möglich.
Hatten wir im vorigen Abschnitt die Beschränkung hauptsächlich als moralische Forderung betrachtet, hier entdecken wir sie als verpflichtendes Gesetz für alle Erscheinungen des Lebens; sie ist es, welche das unerfaßlich vielgestaltige Leben zu einer einheitlichen Vorstellung verbindet. Woraus aber noch allerhand folgt. Den Fachmännern seiner Zeit entgegen sprach Goethe, wie wir hörten, der Erde ungezählte Jahrmillionen zu und fand es absurd, aus kümmerlich fragmentarischem Wissen und kindisch unzulänglichem Berechnen heraus der Natur in dieser Beziehung Grenzen ziehen zu wollen; anders verhält es sich aber mit der anthropomorphischen Auffassung — die heute durch die Evolutionslehren herrschend geworden ist — als habe die Natur Zeit in dem selben Sinne nötig wie der Mensch, als bringe sie es nur nach und nach zu ordentlichen Schöpfungen, tastend, versuchend, mühsam auferbauend. In Tiefen der ihm angeborenen, dem ewigen Sein angemessenen Naturerkenntnis führt uns Goethe, wenn er berichtet: „Ein Gefühl, das bei mir gewaltig überhand nahm, war die Empfindung der Vergangenheit und

662    Sechstes Kapitel: Der Weise
Gegenwart in Eins.“ Was kann denn Vergangenheit und Zukunft für die Natur bedeuten? Solche Vorstellungen ergeben sich aus der Perspektive flüchtiger Lebewesen; Natur und Gott sind, was sie waren und was sie sein werden. Freilich kann die Natur mit der Zeit, wie mit allem anderen, verschwenderisch umgehen; was in einem Blitzesnu zu leisten ihr ein Leichtes wäre, mag sie aus Jahrmilliarden langsam hervorgehen lassen; nicht aber gehorcht sie der Zeit, sondern sie gebietet ihr. Goethe sagt einmal: „Die Natur spielt mit sich selbst und wir sehen ihr über die Schultern ins Brett.“ Zu diesem Spiel gehört auch, was Goethe Steigerung nennt; das ist jenes Zu- und Abnehmen, von dem vorhin die Rede war; seinem eigenen ewig strebenden Wesen — stets auf die Zuspitzung der Pyramide bedacht (S. 108 usw.) — waren solche Beobachtungen die liebsten: „Wir landen da, wo uns am meisten zugesagt ist: gesteigerte Gliederung, successive gegliederte Steigerung.“ Hiermit wird nicht behauptet, die Natur könne heute, was ihr gestern noch nicht möglich war; „Steigerung“ ist nur eine Intensivbildung zu „Mobilität“ und kann sowohl auf gesteigerte Einfachheit als auf gesteigerte Verwickeltheit, auf gesteigerte Bewegung und Initiative als auf gesteigerte Regungslosigkeit und Passivität Anwendung finden: Steigerung des Raubvogels ist Zunahme an Flügelspanne, Augenfeuer, Krallenschärfe, Steigerung des Leibhöhlenparasiten besteht in dem Zurücksinken auf ein Mindestmaß an Gestaltung und Sinnentätigkeit. Beides schafft die unbegrenzt üppige Natur, und jedes steht zu jedem in Bezug. Von der ältesten aller aus Versteinerungen bekannten Tierwelten urteilt einer ihrer besten fachmäßigen Kenner: „Weit entfernt, in diesen Formen die einfachen, unspezialisierten Vorfahren der heutigen Tiere zu finden, erblicken wir eine, zoologisch gesprochen, intensiv moderne Fauna, die genau der gleichen Naturordnung angehört wie die heute herrschende.“ Goethe, der von diesen Ergebnissen empirischer Forschung noch nichts wissen konnte, hatte sie dank seinem naturverwandten Auge vorweggenommen: ist jedes Tier „physiologisch vollkommen“, so ist alle Mobilität und Steigerung nur „Spiel der Natur“; empört ruft er den Entwickelungstheoretikern zu:
Das hat sie nicht zusammengebettelt, Sie hat's von Ewigkeit angezetteltl *
Monade, Gemeinsamkeit    663
Jene Beschränkung der Natur, von der Goethe in den angeführten Versen als Bedingung des Vollkommenen spricht, möchte ich eine Beschränkung auf Allmacht nennen, zugleich ein Verbinden aller so überflüssig reichlich unterschiedenen Zeiten zu einem einzigen sich ewig gleichen Tag.
Doch ich breche ab. Wer den Ausführungen des vorliegenden Buches von Anfang an gefolgt ist, wird die Anwendung des in diesem Abschnitt Veranschaulichten auf alle Gebiete von Goethe's Denken, Dichten, Schaffen leicht finden; wenige Einsichten wirken so anregend.
III. Monade, Gemeinsamkeit

Im ersten Augenblick könnte man meinen, dieser organische Gegensatz hätte sich zu „Unterscheiden, Verbinden“ zählen lassen, doch ist dem nicht so. Denn das Unterscheiden und das Verbinden, von denen Goethe sprach, beziehen sich wesentlich auf das Verhältnis des Menschen zu seiner nichtmenschlichen Umgebung und nur mittelbar auf den Menschen selbst als Erscheinung unter anderen Erscheinungen; wogegen Monade und Gemeinsamkeit ausschließlich das Menschliche und zudem das ausschließlich Menschliche betreffen. Bei ihnen ist eigentlich nur von Geist die Rede; führt auch die Gemeinsamkeit gewöhnlich eine Last an Nichtgeistigem mit sich, und weiß auch der Einzelne nicht zu sagen, was er wäre, wenn nicht ein Körper vermittelnde Sinnentore auf eine außer ihm liegende Natur öffnete, so handelt es sich doch für Goethe einerseits um die Bedeutung der in sich zusammengezogenen, abgerundeten und in einem gewissen Sinne isolierten Persönlichkeit, andrerseits um die Unentbehrlichkeit der Wirkung, Gegenwirkung und Mitwirkung der verschiedengearteten Persönlichkeiten untereinander. Bei „Verbinden“ bedeutet die Idee einer Einheit immer eine letzte, schwer zu erklimmende Stufe, die reiche Erfahrung und tiefe Überlegung erfordert, da zunächst, gleichviel wohin wir uns in der Natur wenden, einzig Mannigfaltigkeit vorliegt; hier ist dagegen das unteilbare Ich, an dessen Einheit und unbedingter Einzigkeit alle Argumente der Psy-
664
Sechstes Kapitel: Der Weise
chologen in Wirklichkeit noch keinen Menschen irregemacht haben, die unmittelbarste aller Gegebenheiten; was schwer fällt, ist eher die lebendige Auffassung der Gemeinsamkeit, wie sie Goethe eigen ist. Es wird darum nötig sein, uns von neuem zu rüsten, auf daß wir auch diesmal am rechten Landungsort anfahren.
Vor allem: wir wollen einfach bleiben und das Philosophische nur vorsichtig streifen, nur dort, wo Goethe uns dazu zwingt; in Wirklichkeit handelt es sich für ihn um Lebenserfahrung und um tiefes — aber nicht abstraktes — Sinnen darüber; es handelt sich für ihn um moralische, intellektuelle und auch praktische Förderung, nicht um metaphysische Spekulation. Wenn Goethe Worte wie Monade, Entelechie usw. gebraucht, habe ich immer das Gefühl, als gebe er nicht das Tiefste von sich, als ziehe er vielmehr einen Schleier vor eine als unzulänglich oder unzugänglich empfundene Einsicht; gar so fremd klingt diese Sprache in seinem Munde, fast wie eine weltmännisch höfliche Herablassung gegen seine jungen Freunde Schelling und Hegel. Er selber bittet um Verzeihung, als der Ausdruck „entelechische Monade“ ihm entschlüpft, und meint, er gehöre für „solche Regionen, wo die Vernunft nicht hinreicht und man doch die Unvernunft nicht will walten lassen“. Auch hätte ich vielleicht statt Monade „Persönlichkeit“ gesagt, wenn nicht dieses Wort in Deutschland im Laufe des letzten Vieteljahrhunderts so entwertet worden wäre, daß es fast ein Synonym für „arroganter Judenbengel“ geworden ist, wogegen die Monas verschont blieb, geschmückt mit den unerschöpflich reichen Gedanken Leibnizens. Lassen wir es also bei Monade; das Wort, welches — im griechischen monas -schlechtweg Einheit bedeutet, besitzt im Gegensatz zu Persönlichkeit den Vorzug, die Aufmerksamkeit zunächst auf die Konzentrierung nach innen, nicht auf die Behauptung nach außen zu lenken. Es liegt viel daran, die zerstreuten Kräfte auf das Bewußtsein dieser Einheit zurückzuführen: „Gott hat den Menschen einfach gemacht, aber wie er gewickelt wird und sich verwickelt ist schwer zu sagen.“
Um nun ein unzweideutiges Verständnis für Goethe's Vorstellung des Menschenindividuums als Monade zu gewinnen, wollen wir an ein kurz vor Schluß des letzten Abschnittes gehörtes Wort anknüpfen. Goethe sagte uns, jedes Geschöpf sei als „physiologisch vollkommen anzusehen“ (S. 660); in dieser Überzeugung, welche sich
Monade, Gemeinsamkeit    665
zunächst nur auf den tatsächlichen Bau und die Verrichtungen des Körpers bezieht, wurzelt Goethe's Auffassung auch des geistigen Wesens. So schreibt er denn einmal: „Das geringste Produkt der Natur hat den Kreis seiner Vollkommenheit in sich, und ich darf nur Augen haben um zu sehen, so kann ich die Verhältnisse entdecken, ich bin sicher, daß innerhalb eines kleinen Zirkels eine ganze wahre Existenz beschlossen ist.“ Hiermit ist uns wahrlich mehr gegeben als mit dem vielzitierten Satz über „die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst“! Der Einzelne besitzt „den Kreis seiner Vollkommenheit in sich“; woher sollte der Geist ihn auch sonst erhalten? Ist doch seine ganze wahre Existenz in einem „kleinen Zirkel“ beschlossen; alles, was   f ü r   ihn lebt, muß auch   d u r c h   ihn leben; der „Menschengeist“ ist es, der erst „alles belebt“; den Maßstab bringt darum er mit, die Empfänglichkeit, den Grad der Gegenwirkung; alles, was er werden kann, muß in ihm vorhanden liegen; „wem's nicht gegeben wird, wird's nicht erjagen“; und die Vollkommenheit, von der Goethe spricht, betrifft nur ihn — den Einzelnen — und den kleinen Kreis, der ihn umzirkt. Mag auch Leibnizens erhabene Vorstellung zutreffen, jede Monade spiegele als Mikrokosmos den Makrokosmos wider, die Verhältnisse dieses Spiegels können verzweifelt beschränkte sein.
Wie vieles ist denn dein?
Der Kreis, den meine Wirksamkeit erfüllt! Nichts drunter und nichts drüber!
Von diesem Standpunkt aus verschmelzen Sein und Haben; geistig ist der Besitz des Menschen durch die ihm innewohnende Kraft begrenzt; was er ist, hat er, oder kann er erwerben. „Man mag sich noch so sehr zum Allgemeinen ausbilden, so bleibt man immer ein Individuum, dessen Natur, indem sie gewisse Eigenschaften besitzt, andere notwendig ausschließt.“ Für Goethe, wie man sieht, umfaßt die Vorstellung der „Monade“ beides: einerseits die Möglichkeit für jedes Individuum, einen reinen Kreis seines Seins und Wollens und Könnens um sich zu ziehen, der in seiner naturgegebenen Abgeschlossenheit die Bezeichnung „Vollkommenheit“ verdient, und andrerseits die notwendige Beschränkung auf diesen Ich-Kreis als Bedingung jener Vollkommenheit. „Der geringste Mensch kann kom-
666    Sechstes Kapitel: Der Weise
plett sein, wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt; aber selbst schöne Vorzüge werden verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn jenes unerläßlich geforderte Ebenmaß abgeht.“ Zu einem Vergleiche stellt er einmal Elefant und Ameise nebeneinander: „Warum man aber doch von beiden zugleich reden darf, ist, daß jedes, sich selbst gleich, sich in seinem Charakter organisch abschließt, ungeheuer und winzig.“ Ebenso schätzt Goethe beim Menschen die Bedeutung der Monade nicht nach dem Umfang, sondern nach der Gestalt und der organischen Abgeschlossenheit; das Ebenmaß bedingt den Wert. Und da die Ausbildung dieses Ebenmaßes wesentlich von dem Individuum selbst abhängt, so ertönt unaufhörlich die Mahnung, sich „nicht von der Welt bestimmen zu lassen“; wie denn Goethe, vom fünfundsiebzigsten Jahre aus sein Leben überblickend, vor allem das Eine darin preiswürdig findet: daß er „von jeher seine Radien am Mittelpunkt festgehalten habe“.
Ich glaube, schon dieses Wenige genügt, uns die Vorstellung „Monade“ in Goethe's Weltanschauung menschlich nahe zu bringen. Ohne nun vorläufig eingehender dabei zu verweilen, wollen wir uns sofort um eine ähnliche allgemeine Orientierung in Bezug auf die ergänzende Gegenvorstellung der „Gemeinschaft“ bemühen. Denn wie bei den andern organischen Widersprüchen so auch bei diesem findet in Goethe's Vorstellungskraft ununterbrochen ein Hin und Her statt, von Pol zu Pol. Seinen Werther läßt Goethe unter den Eindrücken der umgebenden Menschen nach und nach stumm werden und stumpf; sobald er dagegen „in sich selbst zurückkehrt, findet er eine Welt“. Noch dreißig Jahre später fühlt sich Goethe selber manchmal „wie eine Monade auf sich selbst zurückgewiesen“ und in verschiedenen Wendungen bittet er um „Ruhe vor den Menschen, mit denen er doch nichts zu teilen habe“. Nichtsdestoweniger trieb es ihn zu Menschen; die Wilhelm Meister-Stimmung war bei ihm anhaltender als die Werther-Stimmung. Im zweiten Kapitel haben wir Goethe's Bedürfnis nach gemeinsamem Streben, Suchen, Lernen, Handeln eingehend erörtert; ich weise darauf zurück (S. 114 ff.). Schon dort machte ich aufmerksam, es handle sich durchaus nicht bloß um ein subjektives Stimmungsbedürfnis oder um eine praktische Arbeitsmaxime, vielmehr komme darin eine grundlegende
Monade, Gemeinsamkeit    667
Überzeugung in Betreff des Menschenwesens und des Menschengeschlechtes zum Ausdruck. Weshalb wir in einer entscheidenden Äußerung gemahnt werden, es sei uns Menschen   P f l i c h t,   „uns zu erheben und die Absichten der Gottheit dadurch zu erfüllen, daß wir, indem wir von einer Seite uns zu verselbsten genötigt sind, von der andern in regelmäßigen Pulsen uns zu entselbstigen nicht versäumen“. Die Berufung auf die Gottheit ist aller Beachtung wert; denn in der Tat, genau an diesem Punkte tritt in die Weltanschauung dasjenige ein, was Goethe als   R e l i g i o n   empfand. Die Vorstellung der Natur als einer Einheit kann eine mathematisch-architektonische Überzeugung bleiben; dagegen führt die Überzeugung von einer gebotenen Gemeinsamkeit der doch so ganz auf sich selbst an- und zurückgewiesenen Monaden notwendig zu sittlichen Vorstellungen; denn sobald jede Monade auf die anderen angewiesen ist und umgekehrt, so entsteht ein System gegenseitiger Pflichten; wie Kant gesagt hat: „Der Mensch ist zwar unheilig genug, aber die Menschheit in seiner Person muß ihm heilig sein.“ Das ist es, was Goethe unter „Absichten der Gottheit“ versteht. Die Systole der energischen Zusammenziehung in die gegebene Monade ist Gesetz des Lebens; die Diastole der Hingabe an die Gemeinsamkeit ist Pflicht gegen den nur geahnten Willen Gottes. Es liegt nämlich in dem abgrundtiefen Denken der Aroinder und Schopenhauer's — so sehr es auch unsere ehrfurchtsvolle Beachtung erheischen mag — eine bedenkliche Einseitigkeit: denn wohl besehen ist diese Philosophie eine Philosophie des Ich, d. h. der Monade, und eine solche k a n n nicht anders als zur unbedingten Verneinung führen; ist der A t m a n (das Ich, „so klein wie ein Senfkorn, so groß wie der Himmel“) das All, so gibt es für ihn nur eine Erlösung: das Nichtsein. Je bedeutender das Individuum, um so unerträglicher wird die Nichtigkeit und Ziellosigkeit seines Daseins es drücken. Auf einem eigentümlichen Mißverständnis beruht es, wenn man ein solches Denken den Lehren Christi verwandt wähnt. Dagegen bewährt sich hier Goethe — der eingestandenermaßen an kein einziges Dogma unserer Kirchen glaubte — als jesusverwandt. Denn hatte der Aroinder nur die Monade und das klassische Altertum nur die Gemeinsamkeit geschätzt, so lehrte Christus — der „durch alle Himmel Gegoss'ne“, wie ihn unser Dichter nennt — den absoluten Wert des Einzelnen, wurzelnd in dem ab-_
668
Sechstes Kapitel: Der Weise
soluten, gottgewollten Wert der Gesamtheit. Auf diesem Standpunkt steht Goethe: nicht theologisch, auch nicht abstrakt philosophisch, aber in der gelebten Tat seines eigenen Daseins und in der Weisheit, die er uns spendet. Selbst als Faust den Giftbecher an den Mund setzt, heißt es:
Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele
Als festlich hoher Gruß d e m M o r g e n zugebracht!
Aus dem Leben zu scheiden, ist er bereit, nicht aber es zu verneinen. Von dem Pessimisten meint Goethe, er müsse „von allem Lebensgefühl ganz verlassen sein“, um „das ganze Leben und Wesen der Sterblichen für ein Nichts, für ein kummervolles und staubgleiches Dasein zu erklären“, und er ruft ihm zu: „Regten sich lebendig in deiner Seele die Gestalten wirkender Menschen, wärmte deine Brust ein teilnehmendes Feuer, verbreitete sich über deine ganze Gestalt die Stimmung, die aus dem Innersten kommt, wären die Töne deiner Kehle, die Worte deiner Lippen lieblich anzuhören, fühltest du dich genug in dir selbst, so würdest du dir gewiß Ort und Gelegenheit aufsuchen, dich in Andern fühlen zu können.“ Aus diesem tiefen Worte geht hervor, daß die Monade sich nur dann genügen kann, wenn sie das Wirken Andrer teilnehmend in sich aufgesogen hat — nicht Mitleiden allein, sondern Mittun, Mitleben, Mitemporflammen ist die Lehre Goethe's. Wie er dieses gegenseitige Verhältnis des absoluten Wertes des Einzelnen und des absoluten Wertes der Gesamtheit empfindet, hatte er einmal Gelegenheit in folgenden Worten auszusprechen: „Betrachten wir uns in jeder Lage des Lebens, so finden wir, daß wir äußerlich bedingt sind, vom ersten Atemzug bis zum letzten; daß uns aber jedoch die höchste Freiheit übrig geblieben ist, uns innerhalb unsrer selbst dergestalt auszubilden, daß wir uns mit der sittlichen Weltordnung in Einklang setzen und, was auch für Hindernisse sich hervortun, dadurch mit uns selbst zum Frieden gelangen können.“ Die Heiligkeit der Monade besteht in dem Besitze „höchster Freiheit“; die Heiligkeit der sie überall bedingenden, auch hemmenden, vielleicht zerstörenden Gemeinsamkeit besteht darin, daß sie als „sittliche Weltordnung“ empfunden und gedacht wird, wo dann auch Hindernisse und Tod den „Frieden mit uns selbst“ nicht mehr zu trüben vermögen.
Monade, Gemeinsamkeit    669
Alle Tag' und alle 'Nächte
Rühm' ich so des Menschen Los.
Denkt er ewig sich ins Rechte,
Ist er ewig schön und groß.
Die Unveränderlichkeit des Individuums ist von Leibniz an bis zu Schopenhauer von allen unseren großen Denkern betont worden. Goethe bleibt nicht zurück. In jüngeren Jahren schreibt er: „Kein Mensch kann eine Faser seines Wesens ändern, ob er gleich vieles an sich bilden kann“; später bekennt er sich zu der Überzeugung, „ein lebendiges Wesen sei in allem seinem Handeln und Betragen vollkommen übereinstimmend mit sich selbst, und jede in die Wirklichkeit hervorgetretene Monas erzeige sich in vollkommener Einheit ihrer Eigentümlichkeiten“. Wer nun mit Schopenhauer hierbei verbleibt, wird in buchstäblichem Widerspruch mit Goethe's oben angeführten Worten urteilen: „Hieraus ergibt sich, daß die Individualitit keine Vollkommenheit, sondern eine Beschränkung ist“; Leibniz und Goethe (lenken anders. Denn für sie bleibt die Gemeinsamkeit das höhere Prinzip; Bedeutung und Wert der Monade kann nach ihnen nicht aus dieser selbst, sondern erst aus ihrer Beziehung zur Gemeinsamkeit geschlossen werden; und da ist — nach Goethe wie nach Christo — jede einzelne Monade dazu berufen, einen „Kreis der Vollkommenheit“ darzustellen. Für Schopenhauer schließt Beschränkung Vollkommenheit aus, für Goethe ist sie deren Bedingung. Genau ebenso wie wir bei einem Lebewesen jedes Organ — und sei es noch so einseitig beschränkt — vollkommen heißen, sobald es sein ihm zugewiesenes Amt erfüllt, ebenso urteilt Goethe: ,.der geringste Mensch kann komplett sein“: Begrenzung und Ebeniuaß genügen, damit dies zutreffe. Halb ernst, halb ironisch bemerkt er einmal, der Einsame steigere seinen Begriff des Vollkommenen „zu hoch“, wogegen „wer für Menschen arbeitet, sieht, daß eine relative Volkommenheit wirkender ist“. Redete ich vorhin von Goethe's Religion, so erblickt man hier deutlich den Einfluß einer lebenslänglichen Vertrautheit mit der Natur. Diese mißt nach einem anderen Maßstab als das abstrakte Hirn; und kennt sie auch kein Mitleid — da das Individuum nicht sich, sondern dem Ganzen angehört — so kennt sie auch keine Geringschätzung; sie ist die ewige Bejahung; und die Bejahung der Monade besteht nicht — wie unsere heutigen
670    Sechstes Kapitel: Der Weise
Persönlichkeits-Apostel lehren — in der rücksichtslosen Behauptung des eigenen Ich, sondern vielmehr in der Hingabe an die Gemeinsamkeit. „Alles Vorzügliche kann nur für einen unendlichen Kreis arbeiten.“
Gerade diese Auffassung der Bejahung — mit anderen Worten, diese Überzeugung der besonderen Beziehungen zwischen Monade und Gemeinsamkeit — bildet einen der am meisten charakteristischen Züge für Goethe's Eigenart. Als Greis bezeugt er, „er habe das Leben zugebracht, sein innerliches auszubilden, mit dem Wunsche, auch nach außen genießbar und nützlich zu werden“. Aus dieser Gesinnung heraus erklärt er sich's dann, wenn er selbst in Augenblicken, wo dieser Wunsch verblaßt war und „wo er als Einsiedler Gedanken und Empfindungen niederzuschreiben sich beschied, (er) grade da in das Allgemeinere der besseren Gemüter einzuwirken das Glück gehabt“. Zu tragischer Größe steigert sich diese Bejahung aber, wenn sie in Worten wie folgende aus dem verborgenen Innern hervorbricht: „So viel kann ich Sie versichern, daß ich mitten im Glück in einem anhaltenden Entsagen lebe, und täglich bei aller Mühe und Arbeit sehe, daß nicht mein Wille, sondern der Wille einer höheren Macht geschieht, deren Gedanken nicht meine Gedanken sind.“ Da erblicken wir die vorhin erwähnten „Absichten der Gottheit“ am Werke.
Wollten wir uns jedoch mit diesen Betrachtungen begnügen, so hieße das nicht in Goethe's Sinne handeln; wie wir schon aus den früheren Fällen wissen: bei diesen organischen Gegensätzen liegen immer recht verwickelte Verhältnisse vor; da genügen nicht Gesinnung und Begeisterung; solche Dinge wollen außerdem durchdacht werden.
Es ist nicht leicht, das Verhältnis zwischen Monade und Gemeinsamkeit zu entwirren; von beiden Seiten findet ein Nehmen und ein Geben statt, und — fast wie in der Liebe — bedeutet das Nehmen oft zugleich ein Geben und das Geben ein Nehmen. Darum wird es keinem Kenner der Briefe und Schriften und Gespräche schwer werden, widersprechende Äußerungen Goethe's zu häufen. Manchmal hat es den Anschein, als bekäme die Monade alles von außen geschenkt: Goethe schildert das Individuum als „in ein Unendliches hineingesetzt“ und kennt für sein Teil „kein anderes Be-
Monade, Gemeinsamkeit    671
streben als sich selbst, nach seiner Weise, so viel als möglich auszubilden“, damit er fähig werde, an diesem Unendlichen „Anteil zu nehmen“. Diese Anteilnahme ist aber nur unter reichster Hinzuziehung anderer Individuen möglich; denn „die ganze Menschheit ist kaum hinreichend, sich aus sich selbst aufzuerbauen“; woraus folgt: „Was der Mensch auch ergreife und handhabe, der Einzelne ist sich nicht hinreichend; Gesellschaft bleibt eines wackern Mannes höchstes Bedürfnis. Alle brauchbaren Menschen sollen in Bezug untereinander stehen . . .“ Wie es denn auch heißt:
... die allerhöchste Freude
Gewähren jene Güter, die uns Allen
Gemein sind, die wir nicht veräußern, nicht Vertauschen können, die uns Niemand raubt, An die uns eine gütige Natur Ein gleiches Recht gegeben, und dies Recht Mit stiller Macht und Allgewalt bewahrt.
Ganz im Gegensatz jedoch zu dieser Auffassung, daß die höchsten Güter Allen gemein seien, redet Goethe häufig von „einer Gemeinschaft der Heiligen, zu der er sich bekenne“, und gesteht einem vertrauten Freunde, er „halte sich lichte Punkte und lichte Menschen fest, das Übrige mag quirlen wie es will und kann“. Dem selben vapoleonischen Diplomaten, Grafen Reinhard, dem er besonderes Verständnis für solche verborgenen Seelentatsachen zugetraut haben muß, sagt er ein anderes Mal: „Im Innersten interessiert mich eigentlich nur das Individuelle in seiner schärfsten Bestimmung.“ So überrascht es uns denn nicht so sehr, an Stelle von Schiller's „Seid umschlungen, Millionen“ von Goethe zu vernehmen: „Mit sich selbst und mit Wenigen einig zu werden ist ein sehr stolzer Wunsch, und also will ich schon zufrieden sein, wenn er mir im Leben nur einigermaßen in Erfüllung geht“; sowie der leidenschaftlichen Apostrophe an diese Wenigen zu begegnen: „Könnt' ich euch malen, wie leer die Welt ist, man würde sich aneinander klammern und nicht voneinander lassen.“ Schon in der Stimmung erleben wir, wie man sieht, bedeutenden Wechsel. Dieser entbehrt nicht einer erkenntniskritischen Begründung. Denn was die Gemeinsamkeit der Monade zu schenken befähigt ist, darf nicht überschätzt werden. Im Grunde
672    Sechstes Kapitel: Der Weise
genommen wird der Einzelne nur desjenigen „außer sich gewahr“, was „in seinem Innern verborgen liegt“. Selbst vom reinen Sinnenzeugnis gilt dies. Werther, glücklich, öffnet die Augen über die Welt, und er fühlt sie „in seiner Seele ruhend, wie die Gestalt einer Geliebten“; Werther, unglücklich, erblickt im selben Tale „den Abgrund des ewig offenen Grabes“. Ergreifend wirkt auch die Entgegenstellung in der Natürlichen Tochter. Im ersten Akte heißt es:
Wenn wir, in raschen, mutigen Momenten,
Auf unsern Füßen stehen, strack und kühn Als eigner Stütze froh uns selbst vertraun, Dann scheint uns Welt und Himmel zu gehören.
Im vierten Aufzug spricht die selbe Eugenie:
Da steh' ich nun und schaue weit hinaus,
Und enger scheint mich's, enger zu umschließen. O Gott, wie schränkt sich Welt und Himmel ein, Wenn unser Herz in seinen Schranken banget.
So genau bedingt ist jeder von außen empfangene Eindruck durch die — dauernde oder vorübergehende — innere Beschaffenheit der Alonade. Wie viel mehr wird dies nicht von Mensch zu Mensch der Fall sein! „Wie will ein Mensch den andern begreifen?“ fragt Goethe den alleswissenwollenden Lavater. Die „beschränkte Selhstigkeit“, wie er sie nennt, verschließt gleichsam die Monade gegen andere Monaden, wogegen die „Herzenssagacität“ sie lehrt, aus dunkel gehaltenen Tiefen die Strahlen aufzufangen; schweben der Seele „trübe Phantome“ vor, so löschen diese selbst die „klare Wirklichkeit“ aus. Daraus folgt aber, daß Welt und Umgebung, welche auf die Monade wirken und sie anfüllen sollen, zunächst von der Monade selbst ihren Charakter erhalten; demnach bestimmt in wesentlichen Punkten das Innere das Äußere. Und so kommt es denn zuvörderst auf die Ausbildung der Monade an, da die Bedeutung der Gemeinsamkeit — so unermeßlich groß für die Monade — in erster Reihe von der steigenden oder sinkenden Bedeutung der einzelnen Monaden bedingt wird.
Die erste aller Forderungen an die Monade ist R e i n h e i t; nur auf Den, dessen „Auge und Seele rein sind ... wirken die Gegen-
Monade, Gemeinsamkeit    673
stände, was sie sollen.“ Wir denken an Heinrich Meyer; mögen unsere Ästheten dozieren, was sie wollen, wir verehren den Mann mit reinem Auge und reiner Seele und begreifen es, wenn Goethe sagt, ihn möchte er nicht überleben. Welchen Wert besitzt das angebliche Rechthaben? Wogegen „jedes reine Bemühen ein Lebendiges ist, Z w e c k s e i n s e 1 b s t, fördernd ohne Ziel, nützend wie man es nicht voraussehen konnte.“ Das von Goethe selbst unterstrichene „Zweck sein selbst“ ist buchstäblich seine eigene Definition des lebendigen Organismus überhaupt; Reinheit ist Leben, Unreinheit ist gelebter Tod. Und wie alles Leben (wir sahen es) Beschränkung gebietet, so wird auch der Monade die Reinheit Beschränkung gebieten. „Wer allgemein sein will, wird nichts; die Einschränkung ist ... Jedem notwendig, der aus sich was Bedeutendes bilden will.“ Das dünkt mich in seiner erfrischenden Paradoxie ein höchst bemerkenswertes Gesetz: um zu der Außenwelt richtige Fühlung zu gewinnen, die ja nur durch die Gemeinsamkeit — nämlich durch die Gesamtheit der Menschen — vermittelt wird, darf die Monade es sich nicht beikommen lassen, selber „allgemein“ zu werden: wer allgemein sein will, wird nichts. Die Monade „kann und soll ihre Eigenschaften weder ablegen noch verleugnen; aber ... (jetzt kommt die positive Ergänzung des Paradoxons) aber sie kann sie bilden und ihnen eine Richtung geben.“ Die Monade muß sich selbst als Gegebenheit hinnehmen, sie darf nicht seufzen über ihre Unvollkommenheit, vielmehr soll sie das, was dem Grübler als Schranke an ihr erscheint, als Organ aufzufassen verstehen, als den von Gott verliehenen Hebel, mit Hilfe dessen sie über sich selber hinaus kommen kann. Jetzt erst erhellt der richtige Sinn der manchmal falsch gedeuteten Klage: „Niemand hat einen Begriff, daß ein Individuum sich resignieren müsse, wenn es zu etwas kommen soll.“ Denn es handelt sich hier nicht um Pessimismus, sondern um die grundlegende Erkenntnis, daß der richtige Weg aus dem Innern der Persönlichkeit in die sie bereichernde und an Pflichten zu Stärke und Würde erhebende Umwelt nicht der nach außen zu, sondern der nach innen zu führende ist. Die schwerste von allen Entsagungen, zugleich aber unter allen die entscheidende ist die des Individuums
„auf den Wahn, mehr oder anders sein zu wollen, als es ist; das Individuum „muß sich resignieren“; nur dann wirkt seine Kraft rein.
Chamberlain, Goethe    43
674    Sechstes Kapitel: Der Weise
Sobald wir den weiteren Zusammenhang fassen, enthüllt sich diese gebotene Einschränkung als ein Gesetz der Gemeinsamkeit: an dem Gemeinbesitz soll jede Monade emporwachsen. Neue Vorstellungen, lehrt Goethe, „gewinnen erst durch mächtige Geister Realität“ und damit die Fähigkeit, „sich uns als positiv auszudrücken“. Es handelt sich um die alte — auch in diesem Buche öfters genannte — Platonische Überzeugung, alle Wirklichkeit sei Menschenwerk; nicht etwa in dem Sinne, als sei die Welt Phantom; sie ist aber zunächst für die Monade Chaos. Zu glauben, wir könnten durch bloßes Beobachten Fühlung mit der Umgebung gewinnen (das Dogma der heutigen Naturforscher), ist nach Goethe's Überzeugung genau ebenso absurd wie der phantastische Traum, der Mensch könne ohne Beobachtung aus den Intuitionen seines Innern irgend etwas erkennen. „Kein Mensch will begreifen, daß die höchste und einzige Operation der Natur und Kunst die Gestaltung sei.“ Was Paracelsus vom Makrokosmos und Mikrokosmos noch ungelenk in mittelalterlicher scholastischer Sprache und mystisch geheimnisvoll vorgebracht hatte, verkündet Goethe als klare, unleugbare Tatsache: mag die Natur sein was sie will, die Kraft, ihr durch Gestaltung auf die Spur zu kommen, besitzt die Monade einzig innerhalb ihrer selber, und daher bildet die Pflege der Monade — die Kräftigung und Erweiterung ihres Anschauens, Denkens, Urteilens, ihrer Phantasie, ihres Geschmacks, ihres Erfindens, ihres Bewußtseins dessen, was sie beschränkt, und ihres ehrfurchtsvollen Anerkennens dessen, was sie übertrifft — die Grundlage aller Kultur; wogegen die Menschheit in Barbarei verfällt, sobald der Schwerpunkt hinausgelegt wird und die Monade, ohne Kraft und Saft, entweder aufgebläht als Luftballon zu windigen Höhen steigt, oder vollgestopft als Bleikugel in die Tiefe rollt. Hier stehen nun Gemeinsamkeit und Monade offenbar in Wechselwirkung; denn die Kräfte der Monaden sind verschieden; dank der Gemeinsamkeit aber gesellt sich Gestaltungskraft zu Gestaltungskraft und bauen sich die Monaden aneinander auf. Wenn Goethe aus Rom schreibt: „Auf Michelangelo schmeckt mir nicht einmal die Natur, da ich sie doch nicht mit so großen Augen wie er sehen kann“, dann verstehen wir, was er meint mit der „Realität“, die erst aus dem Gestaltungswerk mächtiger Geister nach und nach entstehe und in der allein alle Kultur der Gemeinsamkeit wurzele. Wie Wer-
Monade, Gemeinsamkeit    675
ther und Eugenie an verschiedenen Tagen die Welt verschieden erblickten, ebenso und noch weit mehr unterscheidet sich Monade von Monade; an einem Michelangelo lernen wir die Menschengestalt, an einem Rembrandt das Licht der Welt, an einem Beethoven die Kraft der Seele „mit großen Augen sehen“, und so entsteht jene „Steigerung“, von der vorhin die Rede war (S. 662); jetzt aber innerhalb der „über sich selbst erhabenen“ Monade und von dort aus — so es Gott gesegnet — innerhalb einer Gemeinsamkeit, wo dann das Ganze die Teile und die Teile das Ganze immer höher heben.
An dieser Stelle tun sich nun, wie von selbst, zwei Fragen auf, denen wir einige Aufmerksamkeit widmen müssen: die Frage nach dem Genialen und die Frage nach der Religion. Denn es läge nahe, das Genie einfach als eine Erscheinung der Monade in höchster Potenz und die Religion kurzweg als den Inbegriff der Gemeinsamkeit aufzufassen. Doch ist Goethe, wie wir wissen, der letzte, sich bei geistvollen Sentenzen zu beruhigen; beides — Genie und Religion — war ihm unmittelbares Erlebnis, und gerade weil es zu seinem Leben gehörte, nie aber für ihn Gegenstand einer systematisch vorgetragenen Doktrin wurde, spaltete die prismatisch wirkende Zeit die eine Erkenntnis in hundert verschieden gefärbte Strahlen, deren Einheitlichkeit sich nicht aus vereinzelten Äußerungen überblicken läßt.

Zunächst muß ich aufmerksam machen, daß der Ausdruck „Genie“ nicht zu dem „individuellen Wortschatz“ Goethe's gehört, wie die treuen Erforscher seiner Sprache jene zahlreichen alten und neuen Bildungen bezeichnen, die der große Meister des Wortes bevorzugte und denen er unvergänglichen Lebensodem eingehaucht hat. Zwar läßt er sich aus den sechzig Jahren schriftstellernder Betätigung oftmals bei ihm belegen, doch äußerst selten in einem prägnanten Sinne, d. h. mit unzweifelhafter Betonung einer bestimmten bedeutungsvollen Absicht, oder gar damit dieses Wort — wie so manches andere — das Gefäß für eine neue, auferbauende Idee werde. Vielmehr kennt Goethe zahlreiche Synonyma zu Genie — wie „Talent“, „großes Talent“, „gesteigertes Talent“, „angeborenes Talent“, „reine Anschauung“, „großer Geist“, „heiliger Geist“,

676    Sechstes Kapitel: Der Weise
„lebendig begabter Geist“, „bedeutender Mensch“, „außerordentlicher Mensch“, „höhere Menschheit“; alle diese Ausdrücke und noch andere gebraucht er in einem Zusammenhang, der ihre Identität mit Genie zweifellos macht. Als Goethe seine hohe Bewunderung für Dante aussprechen will und das Wort Talent ihm nicht mehr genügt, greift er als Steigerung zu „Natur“, womit — erzählt Eckermann — „er ein Umfassenderes, Ahnungsvolleres, tiefer und weiter um sich Blickendes ausdrücken zu wollen schien“; das Wort Genie vermeidet er. In Bezug auf Shakespeare redet er in einem Brief von seinem „Genie“ und dann wieder in einem anderen Brief, der dem gleichen Zusammenhang gilt, von seinem „Talent“; auch anderwärts gebraucht er die Wendung „Shakespeare's großes Talent“, während er den Zaren Peter „ein großes Original-Genie“ nennt. In den Bemerkungen zu Diderot's Versuch über die Malerei — der beste Ort, um die Anwendung des Begriffes auf schaffende Künstler in irgend einer grundsätzlichen Bedeutung zu entdecken — gebraucht er ohne Unterscheidung die Worte Genie und Talent. Erzürnt lodert er auf, als Lavater mit Nachdruck Wieland „Talent“ zuspricht, „als wenn es der Gegensatz von Genie wäre, wo nicht gar — doch wenigstens etwas sehr — subordiniertes.“ Wozu Goethe bemerkt: „Wir sollten aber bedenken, daß das eigentliche Talent nichts sein kann als die Sprache des Genies“; und dann warnt er noch eindringlich gegen unsere Neigung, „mit allgemeinen Worten freigebig zu sein“. Für diese geringe Neigung Goethe's, das Wort Genie anzuwenden, glaube ich mehrfache Gründe anführen zu können. Es ist ein ganz und gar undeutsches Wort; es ist ein seiner ursprünglichen Bedeutung (im Lateinischen) gewaltsam entfremdetes Wort; in die deutsche Sprache drang es ausschließlich auf dem Umwege über England ein, später noch durch französische Einflüsse verstärkt, und zwar als terminus technicus von Ästheten und Dichterlingen begünstigt, denen man eine besondere Kompetenz in der Entwirrung letzter geistiger Fragen nicht zugetraut hätte; wie aber die in Amerika harmlose Reblaus, nach Europa verschleppt, Verheerungen anrichtete, so entstand bekanntlich um Goethe's Jugend herum eine Epidemie förmlichen Wahnsinns aus dem bloßen Wort „Genie“; später, als jener Sturmwind vorüber und Schiller und Goethe in ihrem gemeinsamen Nachsinnen auf diese Vokabel des öfteren wieder zurückzugreifen sich ge-
Monade, Gemeinsamkeit    677
nötigt fanden, da war sie schon den Romantikern in die Hände gefallen. * Jean Paul ist es (unterstützt von Friedrich Schlegel und bald darauf, 1802, von Schelling in seiner Philosophie der Kunst), der im wesentlichen die Definition und auch die eingehende Analyse des Begriffes „Genie“ schuf, wie er dann, von Schopenhauer architektonisch in das Gebäude seiner Lehre eingefügt, zum Gemeingut wurde; Jean Paul ist es, der die Trennung (fast bis zur Gegensätzlichkeit) zwischen Talent und Genie aufstellt, welche Goethe, wie wir sahen, leidenschaftlich verwirft, Jean Paul, der die tiefsinnige Diagnose der Objektivität, der Besonnenheit, des Unbewußtseins, des Nachtwandlertums usw. ersann, während Schlegel — wiederum im Gegensatz zu Goethe, doch in folgerichtiger Anlehnung an Jean Paul — das Dogma aufstellte: „Genie kann man eigentlich nie haben, nur sein“; Goethe, der dieser letzten Entwickelung aus der Nähe zusah, schwieg darüber und beharrte bei seiner Auffassung.
Diese Bemerkungen verbergen keine kritische Nebenabsicht; sie sollen nur den Leser aufmerksam machen, auf daß er nicht mit dem Gorgonenblick auskristallisierter Begriffskonstruktionen an eine Vorstellung trete, die unserm Weisen noch lebensvoll flüssig vorschwebte, weswegen sie ihn ebensowohl zu dein Gebrauche verschiedener Wörter für den annähernd gleichen Begriff wie auch zu Darstellungen und Urteilen aus sehr verschiedener Persepktive führte. Wer sich der lohnenden Mühe unterzieht, in Grimm's Wörterbuch den Artikel „Genie“ nachzuschlagen, wird erfahren, daß es an der Grenze des 18. und 19. Jahrhunderts dreizehn verschiedene Bedeutungskreise nebst zahlreichen Schattierungen für das Wort gab, so daß selbst jene gedrängte Darstellung vierundfünfzig enggedruckte Spalten erfordert! Das ist die Atmosphäre, in der es Goethe entgegentrat. Herder, der in seiner Jugend einer der einflußreichsten Verbreiter des Wortes gewesen war, hätte es an seinem Lebensende fast verwünscht. Besser als irgend ein Andrer kann gerade Herder dazu dienen, uns in den Kreis einzuführen, innerhalb dessen sich auch Goethe's Ansichten bewegten.
„Die Alten“, führt Herder aus, „sprachen vom Genie weniger, ehrten aber und kultivierten es vielleicht mehr als wir. Die   h ö h e r e   M a c h t,   die einen Menschen zu Hervorbringung seines Werkes be-
678    Sechstes Kapitel: Der Weise
lebt, das wir als unnachahmlich, als unerreichbar erkennen, aber mächtig oder sanft auf uns wirkend fühlen, diese auszeichnende Himmelsgabe nannten sie Geist = Genius. Ein mit uns geborener Geist, daimon, vis animi divinior, von dem sie Kultur, Kunst, Fleiß so wenig ausschlossen, daß sie vielmehr Ihn als Vater, Stifter, Beleber und Schutzgott aller Kultur und Menschenbelebung anerkannten, priesen, verehrten.“ Des weiteren bestimmt Herder seine Vorstellung dahin: Genie ist Genie „im Augenblick des Erschaffens“, in der „genialischen Stunde“ (nicht außerhalb ihrer), Genie ist Naturgeist und daher „werden wir   m i t   g e n i a 1 i s c h   mit ihm, fühlen uns seiner Art, er bildet in uns seine Empfindungen, seine Gedanken.“ „Unglücklich, wenn hierzu nur Bildhauerei und Dichtkunst, Redner- und Malerei gehörte, als ob diese Werke des Namens   G e n i e   allein wert wären. Was irgend durch menschliche Natur genialisch hervorgebracht oder bewirkt werden kann — Wissenschaft und Kunst, Einrichtung oder Handlung — ist Werk des Genius, der   j e d e   Anlage der Menschheit zu erwecken und zu ihrem Zweck zu fördern eben Genius ist ... Idole zu werden, ist weder der Wunsch der Genien, noch ihr Beruf; vollends mit sich, mit dem Werk eines Einzelnen, das Geschäft des Gesamtgenius beschlossen zu halten, ist ihnen undenkbar: denn es ist eng und eitel und antigenialisch.“
Hiermit ist nun für den aufmerksam Lesenden etwas angedeutet, worauf es mir im Augenblick in erster Reihe ankommen muß. Wer streng spricht, darf — nach dieser Auffassung — nicht eine einzelne Monade kurzweg „Genie“ nennen; denn Genie deutet auf eine höhere, allgemeine geistige Kraft — den Gesamtgenius, wie Herder sagt — an welcher der Einzelne nur teilhat: so versteht es Goethe, der darum „einen Mann   v o n   Genie“ oder   „m i t   Genie“ sagt und von dem „innewohnenden“ oder dem „einwohnenden Genie*' spricht. In dieser Auffassung wurzelt bei ihm die Idee jenes über sich selbst Hinauskommens, das er von sich als poetischem Schöpfer und von den andern als „mitgenialischen“ Nachschöpfern fordert (S. 561). Wohl finden sich auch Stellen, in denen er mit dem Ausdruck „das Genie“ einen bestimmten Menschen bezeichnet, doch dann immer nur uneigentlich und abgeleitet, ähnlich wie man von einer bedeutenden Persönlichkeit sagt: sie ist „die Kraft“, die das oder jenes
Monade, Gemeinsamkeit    679
bewirkt hat; hingegen der Jean Paul-Schlegel-Schopenhauersche Begriff eines Genies als Bezeichnung für bestimmte anatomisch-physiologisch ausgezeichnete Individuen, begabt mit außergewöhnlicher Hirnentfaltung, die dann kurzweg und ein für allemal und in jeder Beziehung „Genie“ sind, während Andere an dem Genialen weder unmittelbar noch mittelbar teilnehmen können — diese Vorstellung bleibt der Sprache Goethe's vollkommen fremd; wer irgend einen Ausspruch Goethe's in jenem Sinne deutet, mißdeutet ihn. Ich könnte dies ausführlich nachweisen; um Zeit zu sparen, will ich einen der feinsten und genauesten Kenner — von den sehr wenigen wirklichen Kennern vielleicht der allerfeinste und am allerausführlichsten beschlagene — herbeirufen, Rudolf Hildebrand, der zu dem Schlusse kommt, Goethe habe „das Genie wieder als schaffenden G e i s t f ü r sich, auch außer und über dem Menschengeiste, gedacht...“ Hierfür beruft sich Hildebrand namentlich auf Goethe's Gebrauch des Ausdruckes creator spiritus in einem Brief an Schiller: „Wir müssen den creator spiritus wohl zum Freunde haben, wenn wir das nächste Jahr nicht zurück, sondern vorwärts treten wollen.“ Die Kraft von Hildeband's Schlußfolgerung würdigt man aber erst als zwingend, wenn man sich des Spruches erinnert: „Der herrliche Kirchengesang Veni Creator Spiritus ist ganz eigentlich ein Appell ans Genie; deswegen er auch geist- und kraftreiche Menschen gewaltig anspricht“; außerdem sollte Goethe's Übersetzung Einem gegenwärtig sein:
Komm' heil'ger Geist, du Schaffender, Und alle Seelen suche heim!
Noch überzeugender wirkt jedoch der Zusammenhang aller anderen Stellen. Denn, wie gesagt, Goethe schränkt sich nicht ein in künstliche Definitionen und läßt sich ebensowenig die Worte verbieten, wie er sich durch Worte Vorstellungen aufzwingen läßt, die in seine Weltanschauung nicht hineinpassen; und so wirkt eine Stelle wie folgende vielleicht belehrender als der creator spiritus. Goethe spricht: „Die besten Meister, in ihren glücklichsten Augenblicken, nähern sich der höchsten Kunst, wo die Individualität verschwindet und das, was durchaus recht ist, hervorgebracht wird.“ Auf der einen Seite wird also der heilige schaffende Geist angerufen, auf der
680    Sechstes Kapitel: Der Weise
anderen betont, die Individualität verschwinde, wo ein Höchstes geleistet wird.
Alle Schöpfung ist Werk der Natur. Von Jupiter's Throne
Zuckt der allmächtige Strahl, nährt und erschüttert die Welt. Pflanzet über die Häuser die leitenden Spitzen und Ketten,
Über die ganze Natur wirkt die allmächtige Kraft.
So belehrt uns Goethe. Genie bedeutet demnach für ihn nicht eine höchste Potenz der Monade als Monade, sondern ein Durchsichtigwerden der Monade zu Gunsten eines Höheren. Und zwar gelingt dies nicht allein vermöge der innewohnenden Kraft der betreffenden Monade, vielmehr ist das E m p f a n g e n hier das eigentlich Entscheidende, und darum muß sich zu der Kraft die Demut gesellen. Wobei noch besonders zu beachten ist, daß, ehe „das Genie auf dem Gipfel sich frei und fröhlich bewege“, Generationen von fähigen Menschen „sich Jahrhunderte lang hinaufarbeiten“ müssen, alle „die beschwerlichen Stufen des Mechanismus und des Handwerks“, eine nach der andern, erst überwindend. Wo wir also einen Einzelnen zu erblicken wähnen, türmt sich in Wirklichkeit das Werk Ungezählter empor; der tiefer Blickende erkennt in dem Ganzen das Werk des überpersönlichen ewigen Geistes. „Unbedingt“, lehrt Goethe, ist nur das Ganze, nie das Individuum; das „Halbvermögen“ wünscht nun, an die Stelle dieses gottgegebenen Ganzen „seine beschränkte Besonderheit zu setzen ... unter Vorwand einer unbezwinglichen Originalität und Selbständigkeit“, wogegen „gerade das Genie, das angeborene Talent ... den willigsten Gehorsam leistet.“ Aus diesem Zusammenhang wird es begreiflich, wenn Goethe den Respekt „vor dem, was man k o n v e n t i o n e 11 nennen könnte“, als ein Symptom echter genialer Anlage betrachtet. Und nun erst versteht man auch, was Goethe meint, wenn er zwischen dem Genie „als Genie“ und (folglich) dem Genie als nicht Genie unterscheidet und wenn er bemerkt: „Dem Genie traut man alles zu, da es doch nur ein Gewisses vermag“ und sich über die herrschende Marotte beklagt, „immer alles dem guten Genie zuzuschieben.“ Denn die Monade bleibt Monade, und das heißt — wie wir vorhin belehrt wurden — von der ersten bis zur letzten Stunde bedingt; es ist, schreibt Goethe, ein Irrtum, irgend einen Menschen so zu beurteilen,
Monade, Gemeinsamkeit    681
als wäre er fähig, „unbedingt zu wirken“. „Nicht alles, was der Vortreffliche tut, geschieht auf die vortrefflichste Weise.“ Das Wesen der genialen Betätigung bildet die Wirkung nach außen, und somit ist sie von vornherein „durch Stoff und Zeit vielfach bedingt, und an beiden muß sie notwendig irre werden.“ In einer Betrachtung, die ich besonderer Aufmerksamkeit empfehlen möchte, stellt Goethe „das, was wir mit dem Namen Genie bezeichnen“, auf eine Stufe mit „Vernunft und dem ihr verwandten Gewissen“: diese drei, sagt er, besitzen „eine ungeheure Autorität“, und zwar im Gegensatz zum Verstand, „dem man gar keine Autorität zuschreiben kann, denn er bringt nur immer Seinesgleichen hervor.“ Aus diesen wenigen Worten entnehmen wir, daß Vernunft und Gewissen, beide, als schöpferisch hochgehalten werden — was jedenfalls in bewußter Anlehnung an Kant geschieht; auch Vernunft und Gewissen sind gar ungleich unter die Monaden verteilt, doch kaum irgend einer ganz und gar abzusprechen. Demnach liegt Genie ebenso wie Vernunft und Gewissen bei uns Menschen überall latent vor, flimmert mancherorten und flammt hier und dort mächtig empor. Bedeutet nun das Genie für die Monade ein Durchdrungenwerden von einer höheren Kraft, so sieht man sich um nach der Quelle dieser Kraft; genau bezeichnet finden wir sie an einer Stelle, von der ich im Eingang des Kapitels über den Naturerforscher ausgiebigen Gebrauch zu machen Gelegenheit hatte (S. 264 ff.) : es ist das „gewisse und unzweideutige Genie der hervorbringenden Natur“, im ausdrücklichen Gegensatz zu jenem „Komplex von Geisteskräften, den man (beim Menschen) Genie zu nennen pflegt, der aber oft sehr zweideutige Wirkungen hervorbringt“. *
Aus dieser Auffassung Goethe's ergibt sich eine Erweiterung ttnd zugleich eine Beschränkung: seine Vorstellung von Genie ist weit umfassender, allgemeiner, schwerer zu umschreiben als diejenige der Romantik; dagegen zieht sie in jedem einzelnen Falle engere Grenzen. Während jene das Genie als physiologisches Hirnphänomen auffaßt und Schopenhauer es geradezu monstrum nennt, d. h. auf Deutsch „widernatürliches Ungeheuer“, sieht Goethe im Genie eine allgemeine kosmische Kraft, einen überall um uns herum schaffenden Gottessegen, an dem sämtliche geistbegabte Wesen teilhaben, nur daß dieser Segen nicht allerorten deutlich sichtbar her-
682    Sechstes Kapitel: Der Weise
vortritt und es — um Goethe's Worte mir anzueignen — „eine scharf-zarte Bemerkungsgabe“ erfordert, ihm, wo er versteckt wirkt, auf die Spur zu kommen. Für Goethe bedeutet eben Genie die Äußerung einer über- und außerpersönlichen Gewalt — nenne man sie Naturkraft oder Gotteskraft — die der einzelnen Monade sich   b e d i e n t,   insofern sie sich dazu tauglich erweist, und sei sie im Übrigen, wie sie wolle; darum kann sich nach seiner Überzeugung Genie in einem Menschen mehr oder weniger Bahn brechen, einseitig tmd anhaltend oder vielseitig und sporadisch, zu unsterblichen Schöpfertaten heranführend oder zu bloßen ingeniösen Handlungen, Erfindungen, Einfällen, Beziehungen. So behauptet er z. B., „Geist“ — wo und wie er sich äußere — „könne und müsse auch überall genialisch genannt werden“; und warum? Etwa weil aus ihm ewige Werke hervorgegangen seien? Durchaus nicht; da wären wir wieder auf dem Wege zu der Auffassung als eines Monstrums; vielmehr weil der Mensch von Geist nicht selbstsüchtig und nicht selbstgefällig ist und sich hierin — in dieser Loslösung aus der Selbstigkeit — ein überpersönliches Element äußert, also ein Widerschein von jenem „gewissen und unzweideutigen Genie der Natur“. In einem manifestartigen Entwurf fordert Goethe alle bildenden Künstler auf, „sich mit Genie, Geist und Kraft an die Alten fest anzuschließen“, und die Lehrer in der pädagogischen Provinz erzählen Wilhelm: „Mit dem Genie haben wir am liebsten zu tun. ..“ So weitherzig faßt er die segensvolle Wirkung des creator spiritus auf! Beachtenswert ist auch die Fortsetzung: „Denn dieses wird eben von dem guten Geiste beseelt, bald zu erkennen, was ihm nutz ist“, was uns sofort den Spruch ins Gedächtnis ruft: „Der lebendig begabte Geist, sich in praktischer Absicht ans Allernächste haltend, ist das Vorzüglichste auf Erden.“ Ohne Zweifel ist Goethe der Ansicht, daß in einem solchen praktisch sich bewährenden Geiste „Genie“ am Werke sei. Darum will er nichts davon hören, als man dem poetisch mittelmäßigen, doch als Lehrer weithin wirkenden Gellert „jeden Funken von Genie“ abspricht, und die Arbeiten des geschickten Zeichners dekorativer Leisten, Neureuther, begeistern ihn zu dem Ruf: „Ich habe diesmal wie nicht oft das Vergnügen gehabt zu sehen, wie das eigentliche Genie dasjenige überflügelt, was der Dilettant mit dem besten Willen in seiner Verständigkeit auszudenken weiß.“
Monade, Gemeinsamkeit
683
Man achte auf die Worte genau und rufe sich die vorhin angeführte Stelle ins Gedächtnis: der Verstand „bringt nur immer Seinesgleichen hervor“; Neureuther dagegen hat Neues erfunden; mögen es auch nur Zierleisten sein, Goethe begrüßt hier „das eigentliche Genie“. Es liegt auf der Hand, daß mit den Worten „das eigentliche Genie“ nicht die Monade Neureuther, auch nicht irgend eine anatomischphysiologische übermäßige Entwickelung dieses Gehirnes gemeint ist, sondern lediglich diese eine bestimmte Leistung Neureuther's.
Damit hängt aber nun das Zweite zusammen, die entschiedene Begrenzung: Goethe, der auch in bescheidenen Geistern „Genie“ entdeckt, kann nicht zugeben, daß irgend ein noch so bedeutender Mann ohne Rest „Genie“ sei. In der Architektonik seiner Weltanschauung bilden Genie und Individuum zwei verschiedene Kreise, die sich wohl schneiden, aber nie decken können. „Objektiv irrt sich das Genie oft“, sagt Goethe kurz und klar. Ein merkwürdiges Wort besitzen wir von ihm aus seiner frühen Jugend, in welchem die zarte Besorgnis seiner aufknospenden Seele verehrungswürdigen Ausdruck findet: „Wenn man anders als große Geister denkt, so ist es gemeiniglich das Zeichen eines kleinen Geistes. Ich mag nicht gerne eins und das andere sein. Ein großer Geist irrt sich so gut wie ein kleiner: jener, weil er keine Schranken kennt, und dieser, weil er seinen Horizont für die Welt nimmt. O, meine Freundin, das Licht ist die Wahrheit, doch die Sonne ist nicht die Wahrheit, von der doch das Licht quillt.“ Hier haben wir im zwanzigsten Lebensjahre die spätere Auffassung des Genies im Keime schon vollständig ausgebildet: Genie ist das Licht; die einzelne Monade kann im günstigsten Fall eine Sonne sein, der Lichtverbreitung dienend, doch nicht selber das Licht und nicht selber die Wahrheit. Wiederholt macht Goethe aufmerksam, dem Manne von Genie eigne ein bedenklicher Trieb, „über die Gegenstände zu gebieten, sie sich zuzueignen, sie seiner Art zu denken und zu sein zu unterwerfen“; er „subordiniere sich die Sachen, nicht ihnen sich“, er „entschließe sich schwer, den Gegenständen ihre Würde einzuräumen“; kurz, wenn auch die Wahrhaftigkeit „das Erste und Letzte ist, was vom Genie gefordert wird“, so folgt aus dieser subjektiven Wahrhaftigkeit keineswegs die objektive Gültigkeit alles dessen, was ein Mann von genialer Begabung aufstellt; denn nicht nur wird sein Genie notwendig
684
Sechstes Kapitel: Der Weise
immer bedingt und begrenzt sein, so daß hier sorgfältige Unterscheidung am Platze ist, sondern außerdem wird er gerade dort, wo er „große Wirkung hervorzubringen berufen ist“, rücksichtslos subjektiv vorgehen. Chamfort hatte gesagt: Le génie ne préserve pas des écarts du génie; er hätte sagen können: Le génie exige ces écarts. Wiegt aber diese Neigung zum Übermaße vor, so kann es geschehen, daß Goethe von einem „verworrenen und ungeläuterten Genie“ spricht und im Gegensatz zu einem solchen „einen geringen, aber richtigen Verstand“ lobt. Im Übrigen gilt ihm — auch den Größten gegenüber — der Grundsatz: „Wenn wir die Vorzüge eines bedeutenden Individuums anerkennen, so lassen wir das, was wir an ihm problematisch finden, auf sich beruhen ... denn jeder Einzelne muß ja in seiner Eigentümlichkeit betrachtet werden“; ist doch die Eigentümlichkeit nicht allein die Schranke, sondern zugleich das organische Werkzeug des Einzelnen. In einem Briefe an Schiller macht er aufmerksam, welche „ungeheure Tiefe“ bei der Beurteilung solcher Gestalten wie diejenigen Michelangelo's und Raffael's gewonnen werde, sobald man sich entschließe, „diese außerordentlichen Menschen   i n   i h r e r   B e s c h r ä n k t h e i t   zu betrachten“, womit er den Gegensatz zu dem Sichberauschen an dem in Wirklichkeit leeren Begriff eines vorgeblich unbeschränkten Vermögens empfohlen haben will; er meint, diese außerordentlichen Männer blieben trotz ihrer unumgänglichen Beschränktheit nichtsdestoweniger „doch Könige“.
Zum Schluß noch eine richtigstellende Aufklärung. Denn hörten wir mehr als einmal von dem unzweideutigen Genie der Natur sprechen, so muß jetzt bemerkt werden, daß hiermit nur eine erste Stufe der Erkenntnis erstiegen wird; auf einer höheren gewinnen wir die Einsicht, daß der creator spiritus zwar in der Natur sich offenbart, nicht aber im eigentlichen Sinne des Wortes „Natur“ ist. Genie ist nicht nur eine überindividuelle, sondern auch eine übernatürliche Kraft, „etwas Magisches, das wir weder selbst noch seine Wirkungen einem Begriffe unterordnen können.“ Die Monade, welche diese Kraft vermittelt, weiß nicht, wie es damit zugeht; „ich glaube, daß alles, was das Genie als Genie tut, unbewußt geschehe“; sie dient einer höheren Gewalt. Das „durchaus Genialische“ ist alles, was „ohne Vorsatz und Selbstbewußtsein“ geleistet wird; das Be-
Monade, Gemeinsamkeit    68-3
wußtsein ihres eigenen Tuns, das Vorherrschen eines richtenden Eigenwillens lähmt die Monade, schließt sie gegen den creator spiritus ab; darum „bleiben treffliche Menschen hinter sich selbst zurück“, wogegen diejenige begabte Monade, die den Eigenwillen bewältigt, dem einströmenden Genie sich öffnet und infolgedessen „über sich selbst hinausgeht“. Nun aber entsteht der unvermeidliche Konflikt: denn um zu dienen, um zu vermitteln, muß die Monade von Hause aus und auch durch Ausbildung und Übung außerordentliche Tüchtigkeit besitzen; ist sie nicht leistungsfähig, wie sollte sie einem Höchsten als Gefäß dienen; und so muß diese unbewußt schaffende zugleich ein reges Bewußtsein besitzen; soll die Monade unbewußt Höchstes leisten, so muß sie sich durch bewußte Arbeit dazu fähig gemacht haben. Diese Auffassung Goethe's ist — allem genialen Gebaren gegenüber — sehr beachtenswert; er leugnet nicht die angeborenen Gaben, leugnet aber die Fähigkeit irgend einer Monade, „heiligen Geist“ ohne andauernde Arbeit an sich selber zu übermitteln: „Kein Werk des Genies kann durch Reflexion und ihre nächsten Folgen verbessert, von seinen Fehlern befreit werden; aber das Genie kann sich durch Reflexion und Tat nach und nach dergestalt hinaufheben, daß es endlich musterhafte Werke hervorbringt.“ Noch im letzten Lebensjahre wollte Goethe einem jungen Dichter dieses Verhältnis auseinanderlegen, verzweifelte aber an dessen Fähigkeit, das zarte Gedankengespinst zu erfassen, und so besitzen wir nur die ausgestrichenen Worte im Briefkonzept: „Das Bewußtsein des Dichters ist eine schöne Sache, aber die wahre Produktionskraft liegt doch amEnde immer im Bewußtlosen, und wenn das Talent noch so gebildet ist — freilich alsdann desto besser.“
Die Antinomie ist hier genau die selbe wie bei Maß und Ganzem und wie bei Unterscheiden und Verbinden: die Schranke ist der einzige Weg zum Unbeschränkten, das Unterscheiden zum Verbinden, das Individuum zum allumfassenden überindividuellen Geiste. Je strenger die Schranke, um so unbegrenzter das Ganze; je konsequenter — bis ins Unendliche — das Unterscheiden, um so zwingender die Überzeugung der organisch unauflöslichen Einheit; je kräftiger und reicher die Monade, um so geeigneter, dem unpersönlichen, unzweideutigen Genie des unerforschlichen Ganzen — dem creator spiritus — zum Ausdruck zu verhelfen.
686    Sechstes Kapitel: Der Weise
Vereinfachend zusammengefaßt: Genie ist für Goethe immer das Unindividuelle an einer Persönlichkeit, Talent das Individuelle und darum zugleich Schranke und Befähigung. Talent ist „die Sprache des Genies“ (S. 676 ff.); ohne Talent bleibt das Genie stumm. Andrerseits kann ein Mann von unleugbar großem Talente ohne alle merkbar echte Genialität sein. Die Wirkung nach außen wird also von dem Verhältnis zwischen Genie und Talent abhängen. Neureuther's Talent vermittelte Genie, reichte aber nur für Zierleisten; auch Dlichelankelo's Talent mußte — weil dies zum Wesen des vermittelnden Talents gehört — von grenzenden Schranken umgeben sein, reichte aber hin, dem Genie ein Königreich zu erobern. Beides liegt tief in Goethe's Wesen begründet: das Genie überall, auch verborgen, auch fast stumm am Werke entdecken zu wollen, und zugleich die überschwengliche Anerkennung höchster Leistungen. Die zarte Ehrfurcht vor jeder Persönlichkeit, auch vor der eigenen, hängt mit der Überzeugung von dem allerorten verborgen wirkenden Genie zusammen. „Ich habe öfters an Lebenden ... bemerkt, daß der Mensch das, was an ihm das Größte und Trefflichste ist, selten kennt. ... Es fällt ihm mehr auf, was ihm fehlt, als das, was er besitzt ... denn in allen angenehmen und guten Zuständen verliert die Seele das Bewußtsein ihrer selbst.“ Und so bleibt denn die eigene Monade — „meiner Enge reingezogener Kreis“ — ein heilig zu hütendes Unerforschliches: „jenes Innige, was in uns lebt, strebt, sucht, oft ohne Bewußtsein nach langem Tasten und Irren das Rechte findet, eben jenes unbegreifliche   W i r.“   Schiller sagt in seinem schönen Gedicht: Der Genius:

Du nur merkst nicht den Gott, der dir im Busen gebeut.

Goethe's Wirken auf jedem Felde — in und an sich, für und um Andere — läßt sich zusammenfassen als der Versuch, uns — uns einzelne Monaden — auf diesen Gott aufmerksam zu machen, an den wir nur zu glauben brauchten, damit er aus einem Jeden — stark oder schwach, je nach der Befähigung, doch immer vernehmlich — redete.
Hiermit hoffe ich den Übergang deutlich gemacht zu haben, der bei Goethe — sozusagen mit einem einzigen Schritte — von „Genie“ zu „Religion“ führt; das eine schlägt in das andere um, und plötz-
Monade, Gemeinsamkeit    687
lieh steht an Stelle von „Monade“ „Gemeinsamkeit“ vor uns. Der springende Punkt ist derjenige, wo das innerste Dasein des Einzelnen sich eng verflochten findet mit dem Tun und Lassen der Gemeinsamkeit. „Es darf sich Einer nur für frei erklären, so fühlt er sich den Augenblick als bedingt. Wagt er es, sich für bedingt zu erklären, so fühlt er sich frei.“ Hier weilte des Weisen Sinnen häufig mit wahrer Inbrunst der Betrachtung. In diesem Falle kann der Widerstreit nicht wie bei „Maß-Ganzes“ durch den Verstand geschlichtet werden, da er supralogisch ist, auch nicht unmittelbar durch die ideenbildende Vernunft, wie bei „Unterscheiden-Verbinden“, da es auf Tun und Erleben ankommt; und doch muß er Lösung finden, allem Verstand, aller Vernunft zum Trotz. Die scheue Monade verdorrt in ihrer Einsamkeit; die ungenügend abgepanzerte wird wie eine Seifenblase von jedem Winde getrieben, bis sie in ein allgemeines Nichts zerplatzt; den richtigen Weg mitteninne zwischen Selbstbehauptung und Teilnahme weist uns jenes übernatürliche Phänomen, das sich uns als Genie offenbart. Und genau an diesem Punkt entsteht, was Goethe als „Religion“ empfindet; wie er denn in seinen Versuchen, die „stetige Folge der möglichen Wirkungsarten“ aufzuzählen, „religiös“ unmittelbar an „genial“ angliedert.
Mit antiker Naivität sagt Goethe einmal: „Wozu dient alle der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewußt seines Daseins erfreut?“ Dieser glückliche Mensch ist der höchste Zweck, den wir irgend uns erdenken können; sämtliche Milchstraßen sind nutzloser Staub gegen den Hoffnungsstrahl eines einzigen frohen Kinderauges; und froh wird dieses Menschenkind nicht durch Erkennen und von Erkennen, sondern diese Frohheit ist ihm eingeboren, und welche Gemütsrichtung fähig ist, sie ihm als innerlichen Besitz durchs Leben zu bewahren und es mit Zuversicht dem Tode entgegengehen zu lassen, diese ist die Krone aller Weisheit und aller Wohltat: sie heißt Religion.
Wie schaal und abgeschmackt ist solch' ein Leben, Wenn alles Regen, alles Treiben stets Zu neuem Regen, neuem Treiben führt Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt.

688
Sechstes Kapitel: Der Weise
Diesen Zweck zeigt uns Goethe: der glückliche Mensch. „Glücklich“ umfaßt für ihn alles Produktive, alles was Tat und Zuversicht weckt und trägt. Als er einmal gefragt wird, ob er glücklich sei, antwortet er, ja, denn in ihm „wohne all das tiefe Gefühl von Freud und Leid; nichts außer ihm störe, schiere, hindere ihn“. Freud und Leid: beides kann Glück sein, wenn nur ein tragendes Element die Monade umgibt, durchsichtig und nachgiebig. Nun folgt noch ein gewichtiger Nachsatz: „Aber ich bin wie ein klein Kind, weiß Gott!“ Um anschaulich zu reden, könnte man vielleicht sagen: Religion ist für Goethe das, was den Menschen kindlich erhält. Hierbei stehen zwei Empfindungen im Vordergrunde: die Liebe und die staunende Ehrfurcht. Wessen Herz nicht mehr liebt, wessen Geist sich nicht von Wundern umgeben weiß, die auf die Allgegenwart eines Erhabenen deuten: für den gibt es kein Wachsen mehr, er ist an seinem Ende angelangt, ein welkes Gebilde am Baume des Lebens. Religion ist Jugend: so meint es Goethe. Nur Demjenigen ist die Liebe Illusion, dem sie nicht dank flammender Lebenskraft verzehrende Wirklichkeit bedeutet; nur Derjenige staunt nicht mit den großen offenen Kinderaugen eines Goethe, eines Kant, eines Faraday in die Welt hinaus, der von der hohen Stufe, wo der Mensch zur Kindlichkeit und dadurch zur Gottähnlichkeit erwachte, zurückgesunken ist zu der Dumpfheit des klugen, beschränkten, alles instinktiv richtig treffenden Tieres. Denn darüber täusche man sich nicht: die Allwissenheit unserer Wissenschaft — sofern sie sich als bloße, seelenlose Wissenschaft gibt — ist dem Zustand der Bestie näher verwandt als die Gemütsart von Völkern, welche Mythen gebären oder für einen Glauben in den Tod gehen.
In welchem Sinne Goethe die „ewige Liebe“ als die eine der beiden Wurzeln alles Seins erkannte, davon war im ersten und im zweiten Kapitel die Rede (S. 79 ff. und 112 ff.); jetzt erblicken wir das gleiche aus einer anderen Perspektive. Es kommt der Tag, wo die Monade — die bisher sich selbst genügende — mit Naturgewalt belehrt wird, sie könne ohne Gemeinsamkeit nicht bestehen; jetzt will sie lieber sterben als unvereinigt mit einer anderen weiterleben. Im Geschlechtsleben tritt die Gemeinsamkeit gebieterisch auf; alle weitere Gemeinschaft wurzelt in ihm, alle Kultur, alle Poesie, alle Religion. Charakteristisch für Goethe ist die Unmittelbarkeit, mit

Monade, Gemeinsamkeit    689
der er Liebe im menschlichsten Sinne mit der Liebe zu Gott verkettet. Suleika spricht:

Vor Gott muß alles ewig stehn,
In mir liebt Ihn für diesen Augenblick.

Und der Dichter meint, „in Liebchens Augen gebe sich ihm Gott im Gleichnis.“ Tiefer greift er in der Marienbader Elegie, wenn er „dem Frieden Gottes der Liebe heitern Frieden vergleicht“ und fort fährt:

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen's: fromm sein! Solcher seligen Höhe
Fühl' ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

Man sieht, wie eigenartig Liebe, Frömmigkeit, Gottesgefühl, Ehrfurcht sich in Goethe's Gemüt miteinander verweben. Unwillig wehrt er die Vorwürfe kirchlich Gesinnter ab, die ihm '.Mangel an Frömmigkeit zur Last legen; den Dichter Hafis lobt er:
Der du, ohne fromm zu sein, selig bist!
und sagt von sich: „Ich stelle mich nicht fromm, ich bin es am rechten Orte; mir fällt nicht schwer, mit einem klaren, unschuldigen Blick alle Zustände zu beachten und sie wieder auch eben so rein darzustellen.“ Der unschuldige Blick: das ist das Kindlichel Und dieses Kindliche ist die religiöse Gemütsart. Daher es an benachbarter Stelle der selben Schrift heißt: „Jede Verehrung eines würdigen Gegenstandes ist immer von einem religiösen Gefühl begleitet.“ Schon aus diesen Anführungen ersehen wir aber, daß zu der Liebe noch ein weiteres Element hinzutritt: immer wieder ist von „würdigen“ Gegenständen, von „Verehrung“, von „einem Höheren“, von „Gott“ die Rede. „Nicht genug kann man sich ans Würdige und Ehrwürdige anklammern!“ Diese Überzeugung bildet die zweite Tragsäule von Goethe's Religionsbegriff. In einer dem Studium rein geologischer Fragen — also anschaulicher Wissenschaft der Natur — gewidmeten Schrift legt uns Goethe den Glauben an einen Gott und an die Unsterblichkeit der Seele ans Herz: „Diese erhabenen

690    Sechstes Kapitel: Der Weise
Empfindungen“, sagt er, „verbinden in sich alles, was übrigens gut in dem Menschen ist, heben ihn über sich selbst weg und führen ihn weiter, als er ohne sie gekommen wäre.“ Auch hier, wie man bemerkt, wird nur nach der Tat gefragt: was den Menschen über sich selbst weghebt und ihn weiterführt, das ist zu verehren. Und Goethe folgert aus seiner Lebenserfahrung: der gläubige Mensch, der Mensch mit Religion ist leistungsfähiger als ein anderer. Als sein Wilhelm Meister — der inzwischen Dichtkunst und Theater an den Nagel gehängt hat, um Arzt und Naturforscher zu werden — bis zur vollen Reife des Urteils herangewachsen ist, was lehrt er als Inbegriff der Weisheit? „Jedes Ereignis mit Ehrfurcht betrachten.“ In diesen fünf Worten — wenn man sie bis auf den Grund versteht — liegt die Summe alles dessen, was Goethe, der Weise, uns als heiliges Vermächtnis hinterlassen hat. Im weiteren Zusammenhang lautet die Stelle: „Fahrt fort in unmittelbarer Beachtung der Pflicht des Tages und prüft dabei die Reinheit eures Herzens und die Sicherheit eures Geistes. Wenn ihr sodann in freier Stunde aufatmet und euch zu erheben Raum findet, so gewinnt ihr auch gewiß eine richtige Stellung gegen das Erhabene, dem wir uns auf jede Weise verehrend hinzugeben, jedes Ereignis mit Ehrfurcht zu betrachten und eine höhere Leitung darin zu erkennen haben.“ Der Nachdruck liegt, wie man sieht und wie zudem die Skizzen zu dieser Stelle zeigen, auf den Worten: „eine richtige Stellung gegen das Erhabene“; denn wie sollen wir uns „verehrend hingeben“, wenn wir uns nicht bewußt sind, einem Erhabenen gegenüber zu stehen? Was aber ist erhaben? Antwort: jedes Ereignis. Die trockene Beobachtung, die Beobachtungsmethode der exakten Wissenschaft, wie wir sie im viertenKapitel kennen lernten,führt nur hauttief in dieErkenntnis von Natur und Leben ein; außerdem, da sie „vom Erkennen zu viel verlangt“, bringt sie es dahin, „die größten Schätze der Menschheit für nichts zu achten“. Zu den fünf Sinnen muß eben noch ein sechster hinzukommen: die Ehrfurcht (S. 171). Und da will ich den Leser gleich auf eine andere, weitentlegene Stelle aufmerksam machen, wo es heißt: „Das Erhabene, durch Kenntnis nach und nach zerpflückt, tritt vor unsrem Geist nicht leicht wieder zusammen, und so werden wir um das Hohe gebracht, was wir genießen können, um die Einheit, die uns in vollem Maße zur Mitempfindung des Unendlichen er-
Monade, Gemeinsamkeit    691
hebt, wogegen wir bei vermehrter Kenntnis immer kleiner werden.“ Wenn ein Heutiger das sagte, er würde sofort von unserer Presse als Obskurant denunziert und schadlos gemacht werden; zum Glück aber sagt es Goethe, dessen Namen unsere angeblichen Freigeister auf ihre Fahne schreiben. Er ist es, der gegen jeglichen Schritt warnt, welcher uns das Erhabene aus dem Sinn und damit zugleich die Ehrfurcht aus dem Herzen löscht; einmal zerstört, „tritt es vor unsrem Geist nicht leicht wieder zusammen“; dauernd entkräftet bleiben wir armen Monaden. Denn — das merke man wohl — jene Ehrfurcht vor dem Erhabenen entspringt aus den selben Wurzeln wie die Liebe und gleicht ihr an Gemeinsamkeit fördernder Zeugungsgewalt; wogegen Kenntnissen nur monadische Bedeutung zukommt, so daß aus ihnen keine elementare Kraft entsprießt. Religion bildet das Gegengewicht gegen das ewig nur relative Wissen, sie ist die Wahrerin der Ehrfurcht. Darum ist sie im Leben der Gemeinschaft nicht zu entbehren; denn hier bildet die Ehrfurcht den „Quellpunkt“ alles Guten: „Sie (die Ehrfurcht) würde, wenn sie durch ein Wunder augenblicklich in allen Menschen hervorträte, die Erde von allen den Übeln heilen, an denen sie gegenwärtig und vielleicht unheilbar krank liegt.“
Von allen Seiten drängt es Goethe, wie man sieht, zur Religion. Er erkennt aber — wie sollte er es nicht? — daß es „dem (vereinzelten) Menschen unmöglich ist, das religiöse Gefühl in sich allein zu verarbeiten“; das Element der Religion ist Gemeinsamkeit oder vielmehr: sie selbst macht das Element der Gemeinsamkeit aus; Religion wirkt auf seelischem Gebiete wie Gravitation auf materiellem: ohne sie zerfällt jeder Zusammenhang, welcher Monade an Monade zu wahrer geistiger Einheit knüpft, und es tritt der seelenlose Staubwolkenzustand durcheinander wirbelnder Atome ein. „Aller Verstandes-Unterricht führt zur Anarchie“, erklärt Goethe kategorisch. Wohl wird jeder vernünftige Mensch Schopenhauer's heftige Abneigung gegen das Wort Seele teilen; als bloßer angeblicher Gegensatz zu Körper gehört dieser Begriff zu den traurig leeren; einen wirklichen Inhalt erhält er jedoch, sobald wir mit dem Namen Seele diejenige Kraft bezeichnen, die dem Einzelnen durch die gemeinsame Religion zuteil wird; ohne sie ist er seelenlos, und mag er noch so geistvoll sein; durch sie wird er „beseelt“. Diese Kraft
sa•

692    Sechstes Kapitel: Der Weise
ist allem, was Genie zu heißen verdient, wesensverwandt. Durch Religion und in Religion kann Jeder teilhaben an der unbewußten, unerklärlichen Zaubergewalt, die sich in Genie offenbart. Und weil dies das Wichtigste ist, was es für Menschen geben kann, darum rät Goethe dringend davon ab, die Überlieferungen, welche es vermitteln, mutwillig zu zerstören. Wilhelm Meister war längere Zeit in einer Gegend tätig gewesen, wo er sich recht innerlich mit den Bewohnern befreundet hatte; einer von diesen erzählt später davon: „Da bemerkt er (Meister) denn gar bald in unserer Denkweise in Absicht auf die göttlichen Dinge etwas Schwankendes. Die religiösen Ausdrücke waren uns trivial geworden, der Kern, den sie enthalten sollten, war uns entfallen. Da ließ er uns die Gefahr unseres Zustandes bemerken; wie bedenklich die Entfernung vom Überlieferten sein müsse, an welches von Jugend auf sich soviel angeschlossen; sie sei höchst gefährlich bei der Unvollständigkeit besonders des eignen Innern.“ Das Triviale ist das Gegenteil von Ehrfurcht; ins Triviale verfallen wir, zur Ehrfurcht erheben wir uns; trivial gewordene Religion ist keine Religion mehr. Wie bemerkenswert aber, daß Goethe diese den Leuten trivial gewordene Religion nicht verwirft, nicht etwa durch einen „Ersatz“ (von dem wir in unseren Tagen so viel hörten) überflüssig zu machen sucht, nicht höheres Wissen und ausgebildetere Gedanken zur Schaffung eines Neuen benutzt, sondern vielmehr mit Bestimmtheit die Beibehaltung des Alten empfiehlt, indem er auf die „Unvollständigkeit des eignen Innern“ aufmerksam macht! Religion läßt sich ebensowenig erfinden wie Genie; ebensowenig läßt sich daran tüfteln. Michelangelo's Deckengemälde der Siatina „ist“; da gilt keine Zensur, kein Mehr und Minder; ein Jeder gewinne sich daraus fürs Leben, was er vermag; analog ist die Wirklichkeitsgewalt — zugleich sinnlich und übersinnlich —, mit welcher Religion dasteht für Den, der glaubt; neben dieser Lebensbedeutung schrumpfen die Diskussionen der Theologen zu Nichtigkeiten. Alles kommt hier auf die Gesinnung an. „Jede Überzeugung“, sagt Goethe, „ist doch zuletzt ein Akt des Willens.“ „Der Glaube ist ein heiliges Gefäß, in welches ein Jeder sein Gefühl, seinen Verstand, seine Einbildungskraft, so gut als er vermag, zu opfern bereit steht.“ Mit diesen Worten bezeichnet Goethe das Uropfer aller Religion. Um wahre Gemeinschaft zu schaffen — „das corpus mysti-

Monade, Gemeinsamkeit    693
cum der vernünftigen Wesen“, wie es Kant nennt — muß jede Monade bereit sein, von ihrem eigenen Wesen etwas zum Opfer zu bringen, betreffe es auch Gefühl und Verstand und Einbildungskraft: das äußere Leben der Gemeinschaft fordert von der Monade äußere Opfer, das innere Leben innere Opfer. An einer Stelle, die er selber ausdrücklich als eine Paradoxie seiner Jugendjahre bezeichnet, sagt Goethe, es „komme alles darauf an,   d a ß   man glaube;   w a s   man glaube, sei völlig gleichgültig“; diese Worte sprechen die Grundlage aller Religion aus, nämlich eine besondere Stimmung des Gemüts und eine bestimmte Bewegungsrichtung des Willens: die Stimmung ist die der demütigen Ehrfurcht, die Richtung geht auf die Willigkeit, jedes Opfer zu bringen, auf daß uns eine Seele zuteil werde. Wie hoch unser Weiser die Demut preist, davon war schon früher die Rede (S. 174) ; über das Opfer aber, welches der Glaube vielleicht auch von Verstand und Einbildungskraft fordert, schreibt er in späteren Jahren: „Es ist gut an etwas Unwahrscheinlichem vorüberzugehen'), um auf eine höhere Region zu kommen.“ Hier spricht nicht ein durch Glaubenslehren Verblendeter, der dem Forschen Hindernisse in den Weg stellen will, sondern ein Weltweiser, der den Wert jener Gemeinsamkeit kennt, die wir Religion nennen, und sie für „den größten Schatz der Menschheit“, für die einzige Kraft, fähig, den Menschen „über sich selbst weg zu heben“, erachtet (S. 688 und 689).
Über Goethe's persönliche Religion ist viel geschrieben worden. Ich habe hier nicht das im Sinne, was man sein praktisches Christentum der Tat nennen kann, dessen schlichte Größe wir im zweiten Kapitel kennen lernten (S. 140 ff.), sondern seine religiösen Überzeugungen. Ganze Bücher sind diesem Gegenstand gewidmet; nichts von dem, was ich kennen lernte, hat mir Befriedigung gewährt; man redet von Religion, ohne sich erst von Goethe belehren zu lassen, was er unter Religion versteht, und häuft, ohne einen Maßstab für den vergleichenden Wert zu besitzen, Zitate von Worten, die, manchmal polemisch oder ironisch gemeint, im Laufe eines langen Lebens aus den verschiedensten Anlässen und Stimmungen hervorsprudelten. Der Leser des vorliegenden Abschnittes wird, glaube ich, Goethe's
') „Vorübergehen“ heißt hier, den Weg wählen, der zu dem Unwahrschein: lichen und dann darüber hinaus führt.
694    Sechstes Kapitel: Der Weise
Schriften hinfürder mit anderen Augen lesen. Zu seinen Nachforschungen brauche ich an dieser Stelle nur noch einige wenige Leitsprüche mitzugeben.
Schon das Obige genügt, von der tiefen Religiosität Goethe's zu überzeugen; aus der zwingenden Gewalt des ganzen Zusammenhangs der Anschauung erhellt sie weit mehr als aus irgend welchen einzelnen Worten. Für die wichtigste aller Stellen über den Glauben erachte ich folgende: „Der Aberglaube ist ein Erbteil energischer, großtätiger, fortschreitender Naturen; der Unglaube das Eigentum schwacher, kleingesinnter, zurückschreitender, auf sich selbst beschränkter Menschen.“ Goethe greift hier kühn zu dem Scheltwort „Aberglaube“, indem er sich sagt, jeder Glaube wird von irgend Jemandem als Aberglaube geringgeschätzt: daß er es tut, verleiht diesem Ausspruch seine unbedingte Großartigkeit. Man beachte den Wortlaut: „auf sich selbst beschränkte Menschen“; wer nicht religiös gesinnt ist, schrumpft auf seine bloße Monadenhaftigkeit zusammen. Goethe fährt fort: „Jene (nämlich die Energischen, Großtätigen, Fortschreitenden) lieben das Erstaunen, weil das Gefühl des Erhabenen dadurch 2n ihnen erregt wird, dessen ihre Seele fähig ist ... eine ohnmächtige Generation aber wird durch's Erhabene zerstört. .. Nach diesem Worte zweifeln wir nicht an der Richtigkeit des von Riemer gemeldeten Ausspruches: „Die Menschen sind nur so lange produktiv, als sie noch religiös sind“; wodurch ein für allemal die Möglichkeit irgend einer genialen Betätigung ohne die erweiternde Kraft religiösen Lebens geleugnet wird. „Jeder echte Künstler“, schreibt Goethe, „ist als Einer anzusehen, der ein anerkanntes H e i 1 i g e bewahren und mit Ernst und Bedacht fortpflanzen will.“ Genie und Religion weisen aufeinander wie Systole und Diastole. Und das von mir oft angeführte Wort — Was fruchtbar ist, allein ist wahr — darf gefaßt werden: Alles, was Religion zerstört, entspringt dem Geist der Lüge. Wenn nun Goethe an Shakespeare preist, „daß einem wahren Naturfrommen die Freiheit blieb, sein reines Innere, ohne Bezug auf irgend eine bestimmte Religion, religios zu entwickeln“, so empfinden wir die warme Zustimmung eines sich in dieser Beziehung verwandt fühlenden Mannes. Sowohl die „Naturfrömmigkeit“ wie die „Freiheit“ und die „Reinheit“ sind nie fehlende Züge an Goethe's Religion. Dagegen liegt es auf der Hand, wie es auch
Monade, Gemeinsamkeit    695
der Zusammenhang dartut, daß die Worte „ohne Bezug auf irgend eine bestimmte Religion“ sich auf die Konfessionsstreitigkeiten innerhalb der christlichen Kirche beziehen; Shakespeare's religiöse Entwickelung hat sich eben so sehr und ebenso ausschließlich in Anlehnung an den christlichen Glauben vollzogen, wie Goethe's eigene; es soll nur besagt werden, er habe in einem Augenblick gelebt, „wo der bigotte Wahn eine Zeitlang schwieg“ und er infolgedessen Christ sein durfte, ohne sich für und wider die verschiedenen Tyranneien zu erhitzen, gleichviel ob sie katholisch, anglikanisch oder puritanisch sich nannten. Goethe hat das Wort „bestimmte“ nachträglich am Rande eingeführt, damit man ihn nur ja nicht dahin mißverstehe, er habe die horrend unrichtige Behauptung aufstellen wollen, Shakespeare's religiöse Entwickelung habe „ohne Bezug auf irgend eine Religion“ stattgefunden; im Übrigen rühmt er ihn an benachbarter Stelle als Protestanten und meint, „es sei für den größten Lebensvorteil, welchen Shakespeare genoß, zu achten, daß er als Protestant geboren und erzogen worden.“ Alles dieses dürfen wir nun als eine Überzeugung Goethe's in Bezug auf seinen eigenen Entwickelungsgang deuten; nur ein religiöser Mensch, nur ein Christ, nur ein Protestant konnte über Shakespeare so urteilen. Aus Goethe's ausführlichen Schilderungen wissen wir, daß er durch und durch christlich — und zwar biblisch und gläubig — erzogen wurde; seine Mutter hatte schon als junges Mädchen dem intensiv frommen Kreise angehört, der uns durch die Bekenntnisse einer schönen Seele vertraut geworden ist; infolgedessen kam Goethe von Jugend auf in diese Kreise und besaß werte Freunde darin, die bedeutenden Einfluß auf seine Entwickelung gewannen. Seine leidenschaftliche Hingabe an die Bibel alten und neuen Testamentes ist bekannt; unter uns dürfte es wenige Laien geben, die das Werk so eingehend studiert und es sich für's Leben angeeignet haben; die Sonntagspredigten pflegte er, ehe er die Universität bezog, aus dem Gedächtnis ungekürzt aufzuschreiben. Im Jünglingsalter hat „seine Neigung zu der Brüdergemeine, die sich unter der Siegesfahne Christi versammelte, immer zugenommen“; hier erfuhr er dasWaltenvon „Gemeinschaft“ in edelster Betätigung, und es hatte für ihn „etwas Magisches“. Verließ er nun doch in der Folge diese „Gemeine“, so beachte man vor allem: nicht verließ er sie aus Skepsis, vielmehr aus Glaubensgebot! „Daß
696    Sechstes Kapitel: Der Weise
ich mich aber nach und nach immer mehr von jenem Bekenntnis entfernte, kam daher, weil ich dasselbe mit allzu großem Ernst, mit leidenschaftlicher Liebe zu ergreifen gesucht hatte.“ Also nicht Gleichgültigkeit und noch weniger Abwendung vom Christentum liegt vor. Der Riß geschah über eine Glaubensfrage: Goethe konnte und wollte die gänzliche Verderbnis des Menschen durch den Sündenfall nicht zugeben, sondern war „von der Überzeugung auf's innigste durchdrungen“, inwendig im Menschen liege ein guter Keim, „welcher, durch göttliche Gnade belebt, zu einem frohen Baume geistiger Glückseligkeit emporwachsen könne.“ Von dieser Überzeugung hat Goethe sein Leben lang nie lassen wollen; sie allein genügte, ihn von unseren Kirchen zu entfernen. Damit wir Laien uns schnell verständigen, können wir zwischen einem Christentum der Bergpredigt und einem Paulinischen Christentum unterscheiden: Goethe gehörte dem ersteren an und lehnte das zweite ab. Dadurch fand er sich dogmatisch genau ebenso sehr von den Protestanten wie von den Katholiken geschieden; von den ersten in theologischer Beziehung fast noch mehr; denn Luther's Theologie der Erlösung durch den Glauben ist eine gesteigert paulinische, wogegen Goethe — wie bei seinem Standpunkte nicht anders möglich — bis an seinen Tod eine Vorliebe für die Lehre der erlösenden Wirksamkeit guter Werke bekannte und eine ausgesprochene Abneigung gegen die Überspannung der Glaubensforderung an den Tag legte. „Sobald die guten Werke und das Verdienstliche derselben aufhören, sogleich tritt die Sentimentalität dafür ein, bei den Protestanten.“ Goethe spricht von Sentimentalität, wenn „der Bezug nur auf's Innere geht“; und da bei ihm die Religion ihre Bedeutung aus der Gemeinsamkeit schöpft, so hegt er Mißtrauen gegen eine Theologie, welche die Erlösung in das Herz der einzelnen Monade verlegt. Das Antipaulinische tritt namentlich dann stark hervor, wenn Goethe urteilt: „Christi Wandel ist für den edlen Teil der Menschheit noch belehrender und fruchtbarer als sein Tod“, und uns an einem Charfreitag empfiehlt, uns „an dem heiligen Leben mehr als am heiligen Grabe zu erbauen.“ ¹) Die theologische Lehre vom Sühne- und Opfertode Christi findet also in Goethe's Vorstellungen keinen Platz, vielmehr gesteht er: „Mein Christus hatte auch
—————
    ¹) Hier kann möglicherweise das Leben der Natur gemeint sein; nichtsdestoweniger bleibt der Satz bemerkenswert.

Monade, Gemeinsamkeit    697
seine eigene Gestalt nach meinem Sinne angenommen.“ Nichts war imstande, so berichtet er als Fünfundsechzigjähriger, „seine Neigung zu den heiligen Schriften so wie zu dem Stifter und den früheren Bekennern ihm zu rauben“; nie verlor er, wie man sieht, den Zusammenhang mit der Religion seiner Kindheit, aber „er bildete sich ein Christentum zu seinem Privatgebrauch.“ Dieses Christentum steht nun in ausdrücklichem Gegensatz nicht nur zu einer unserer Kirchen, sondern zu allen. Selbst seinem wackeren Pastor legt er die Worte in den Mund: „Laßt uns unser Gewissen nicht beflecken; daß wir an jenem Tage rein sein mögen, wenn an das Licht kommen wird, daß die Lehre von Christo nirgends gedrückter war, als in der christlichen Kirche.“ Er selber geht weiter und scheidet aus allen unseren Kirchen, indem er nicht ein einziges ihrer Dogmen glaubt, nicht ein einziges; diese unbestreitbar sichere Tatsache kann durch keine Flausen ins Wanken gebracht werden. Das ist es, was er sein „entschiedenes Heidentum“ nennt. „Die Lehre von Christo“, sagt er, und meint damit die gesamte theologische Lehre aller Kirchen, „ist so ein Scheinding, das mich rasend macht“; und kommt nun gar der wundergläubige, feuerspeiende Fanatiker Lavater und läßt ihm mit Bekehrungsversuchen keine Ruhe, so kann es geschehen, daß er ihn kurz abfertigt: „Ich bin zwar kein Widerchrist, kein Unchrist, aber doch ein dezidierter Nichtchrist“; das heißt, ein dezidiert keiner Kirche angehöriger Christ; denn sich selbst, in Bezug auf sein Inneres, nennt er sonst immer Christ und Protestant, ebenso wie er in Bezug auf sein Verhältnis zur Natur sich immer Heide nennt.
Da ich hier nur auf leitende Richtungen aufmerksam zu machen habe, möchte ich einen bestimmten Punkt als Ausgang wählen, um von da aus das verwickelte Verhältnis des doch so einfach und rein glaubenden Goethe inmitten der wichtigsten Erscheinungsformen des Christentums bis in einige Tiefen aufzuhellen.
Ich sagte soeben, Goethe lasse sich auf die kirchliche Lehre vom Sühne- und Opfertod Christi nicht ein; ihm genügt das Leben „des hohenWundermanns“, des „Einzelnen, Unvergleichbaren“, des „göttlichen Mannes“, bei dem „jedes Auftreten, jede seiner Äußerungen dahin gehen, das Höhere anschaulich zu machen“; im Gegensatz zu Weltgeschichte und Weltreligion lebt Jesus „ein Privatleben“ außerhalb aller Geschichte, und seine Lehre betrifft dasjenige, „was dem
698    Sechstes Kapitel: Der Weise
Einzelnen innerlich begegnet“, es „gehört zur zweiten Religion, zur Religion der Weisen“. Eine derartige Auffassung schließt offenbar die Paulinische, allen christlichen Kirchen in einer oder der anderen Form gemeinsame Lehre von dem heiligen Abendmahl aus; Goethe sagt auch mehr als einmal, „sein Zerebralsystem habe keinen Raum für die Transsubstantiation“. Nun aber sehe man genauer zu, vertiefe man sich aufmerksam in die Werke dieses Weisen, und man wird eine so poetische, eine so echt religiöse Versenkung in — und Verständnis für — den Wert alles Sakramentalen finden, daß man ohne die Kenntnis des Antinomischen in Goethe's Geist, das wir in diesem Kapitel zu ergründen suchen, das Nebeneinanderbestehen zweier sich so unmittelbar widersprechender Thesen nicht begreifen könnte. In einer berühmten Stelle des siebenten Buches von Dichtung und Wahrheit schreibt er: „Die Sakramente sind das Höchste der Religion, das sinnliche Symbol einer außerordentlichen göttlichen Gunst und Gnade.“ Immer bleibe ein Sakrament „eine heilige große Handlung, welche sich in der Wirklichkeit an die Stelle des Möglichen oder Unmöglichen, an die Stelle desjenigen setzt, was der Mensch weder erlangen noch entbehren kann“. Nun folgt jene berückende Schilderung der verschiedenen Mysterien, wie sie in die frühe christliche Kirche eindrangen und in der katholischen noch heute geübt werden, gipfelnd in der Weihe des Priesters, als „höchstem dieser Symbole“, in welchem „alles zusammengefaßt ist, was nötig ist, um diejenigen heiligen Handlungen wirksam zu begehen, wodurch die Menge begünstigt wird, ohne daß sie irgend eine andere Tätigkeit dabei nötig hätte, als die des Glaubens und des unbedingten Zutrauens. Und so tritt der Priester in der Reihe seiner Vorfahren und Nachfolger, in dem Kreise seiner Mitgesalbten, den höchsten Segnenden darstellend, um so herrlicher auf, als es nicht er ist, den wir verehren, sondern sein Amt, nicht sein Wink, vor dem wir die Kniee beugen, sondern der Segen, den er erteilt, und der um desto heiliger, unmittelbarer vom Himmel zu kommen scheint, weil ihn das irdische Werkzeug nicht einmal durch sündhaftes, ja lasterhaftes Wesen schwächen oder gar entkräften könnte.“ Es ist also nicht leichthin ausgesprochen, sondern tief in seinem Gefühl und seinem eigenen Bedürfnis begründet, wenn Goethe den Vorwurf erhebt: „Der Protestant hat zu wenig Sakramente, ja er hat nur Eins.
Monade, Gemeinsamkeit    699
bei dem er sich tätig erweist, das Abendmahl“; hierdurch werde der „geistige Zusammenhang“ des Sakramentalen „zersplittert“ und der eigentlichen Bedeutung fürs Leben beraubt; denn wenn nicht   „d e r   s y m b o l i s c h e   o d e r   s a k r a m e n t a l e   S i n n“   im Menschen durch Übung „genährt“ werde, so gewinne er nicht die Fähigkeit, „es mit wahrer Freude, wozu es gegeben ist, zu genießen“. Darum möchte Goethe die Zahl der Sakramente eher vermehrt als vermindert wissen und möchte die vollkommene Einheit der inneren Religion des Herzens und der äußeren Kirche anerkannt sehen „als das große allgemeine Sakrament, das sich wieder in so viel andere zergliedert und diesen Teilen seine Heiligkeit, Ünzerstörlichkeit und Ewigkeit mitteilt“. Es ist um so wichtiger, dieser Stelle Aufmerksamkeit zu schenken, als wir aus ihr — sowie aus anderen, verwandten — den dauernd siegreichen Einfluß altchristlicher Vorstellungen auf Goethe's Gemüt kennen lernen. Wir besitzen in einer Schrift aus dem ersten Jahrhundert eine Schilderung des mystischen Mahles, wo die Gemeinde, ein Jeder Brot und Wein vor sich, um den Tisch sitzt und die Worte spricht: „Wir danken dir, Vater, für das Leben und die Erkenntnis, die du uns kund getan hast durch deinen Diener Jesus; dir sei Ehre in Ewigkeit.“ Lebhaft stellt man sich Goethe an einer solchen Feier beteiligt vor. Und schauen wir uns dann weiter um, erblicken wir an der Grenze des vierten und fünften Jahrhunderts gleichsam als letzte Blüte des entschwindenden Urchristentums Augustinus'   S t a d t   G o t t e s   mit dem Idealbild eines schon auf Erden zu errichtenden Reiches Christi, in welchem jeder Beruf, jede mögliche Tätigkeit des Menschen als umfaßt und geheiligt durch die alles leitende, alles segnende Kirche gedacht wird, so muß uns die nahe Verwandtschaft mit Goethe's Ideal des Lebens als eines großen allgemeinen Sakramentes auffallen, in welchem „durch einen glänzenden Zirkel gleichwürdig heiliger Handlungen ... Wiege und Grab, sie mögen zufällig noch so weit auseinander gerückt liegen, in einem stetigen Kreise verbunden sind“. Religion, als höchste, heiligste Verkörperung der Gemeinschaft aufgefaßt, führt notwendig zu derartigen Vorstellungen; gerade im Sakramente teilt sich dann das Genie, der creator spiritus, als überpersönliche Geisteskraft an Alle mit. Hier fühlt Goethe stets einen starken Zug zur katholischen — ich will nicht sagen Kirche,
700    Sechstes Kapitel: Der Weise
wohl aber Denkweise. Außer dem Sakramentalen befriedigt ihn im Katholizismus „die Fülle und Konsequenz“ der daraus hervorgehenden zeremoniellen Kundgebungen und nicht minder die vielseitige Verwurzelung in Volk und Natur und Mythos, „der Himmel ganz reich und voll“ — alles dasjenige, was man am Katholizismus, hoffentlich ohne berechtigten Anstoß zu erregen, das Heidnische nennen kann. Gelangt er wandernd an eine Wallfahrtskirche mit altem Heiligenbild, er spottet nicht, noch philosophiert er, sondern gibt sich ergriffen der Wahrnehmung hin, „daß ein einzelner Funke von Sittlichkeit und Gottesfurcht hier ein immer brennendes leuchtendes Flämmchen angezündet, zu welchem gläubige Scharen mit großer Beschwerlichkeit heranpilgern sollten, um an dieser heiligen Flamme auch ihr Kerzlein anzuzünden. Wie dem auch sei, so deutet es auf ein grenzenloses Bedürfnis der Menschheit nach gleichem Licht, gleicher Wärme, wie es jener Erste im tiefsten Gefühl und sicherster Überzeugung gehegt und genossen“. Die Anschaulichkeit, die derartige Gepflogenheiten ins religiöse Leben bringen, berührt Goethe's Wesen sympathisch. Wohingegen der Protestantismus in manchen Beziehungen die Bedeutung der Gemeinsamkeit schwächt, indem er — durch die Lehre des Glaubens als Religionskern — das Schwergewicht in die einzelne Monade hineinlegt, die entscheidende Bedeutung der Kultushandlungen herabsetzt und im Übrigen „sich an die moralische Ausbildung des Individuums hält“, so daß „Tugend sein erstes und letztes ist“; hieraus folgt nun nach Goethe notwendig die Lockerung der Gemeinde und die Tatsache, daß viele Glieder „ohne kirchlichen Zusammenhang nebeneinander geruhig ihr bürgerliches Wesen treiben“. Wir dürfen sagen: das Abstrakte am Protestantismus ist es, was Goethe's sinnlich-künstlerischem Wesen nicht genügen will und ihn z. B. zwingt, für die Schlußszene seines Faust den „reichen, vollen Himmel“ sich zu borgen. Nennt er sich einmal einem Katholiken gegenüber „einen rein protestantischen Heiden“, so ist die Stelle ungefähr so aufzufassen, als hätte er gesagt: rein protestantischer Katholik; der Katholizismus, wie er ihn auffaßt, liefert den ihm unentbehrlichen heidnischen Beisatz.
Dagegen ist und bleibt Goethe als Denker und als sittliche Persönlichkeit der extreme Protestant seiner Jugendjahre. Denn, fand
Monade, Gemeinsamkeit    701
er auch kein Genügen an kahler Abstraktion, kein Mensch war weniger geneigt als er, auf die Vernunft zu verzichten. Jeder kennt die Worte des Geistes des Bösen in Faust:
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, Des Menschen allerhöchste Kraft, Laß nur in Blend- und Zauberwerken Dich von dem Lügengeist bestärken, So hab' ich dich schon unbedingt!
Vom Protestantismus — der gerade deswegen „mit dem Papsttum nie vereinigt werden kann“ — rühmt er, er „widerstrebe der reinen Vernunft nicht, sobald diese sich entschließt, die Bibel als Weltspiegel zu betrachten, welches ihr eigentlich nicht schwer fallen sollte“. Daß diese Worte ebenso bedingte Geltung besitzen wie die Angleichung des katholischen Himmels an den Olymp, steht außer Frage: Luther's Theologie ist ebensowenig mit den Erfordernissen einer reinen Vernunft zu vereinigen wie der Katholizismus mit den Vorstellungen der Polytheisten; man lasse sich darüber von Kant 1)elehren; doch ist das hier nebensächlich; wir fragen nur nach Goethe's Art, die Dinge zu sehen, und er — dessen Gedanken bei Religion viel, bei Theologie nie weilten — erblickte die Verhältnisse, wie sie aus reinmenschlicher Perspektive sich darstellen. Im Katholizismus bleibt für die „sittliche Selbstbildung“ kein Platz: das ist für Goethe das allerbedenklichste. Während der Protestant sich im inneren Kampfe stählt, gleich Jakob, der mit dem Engel Gottes eigenhändig ringt, sorgt für den Katholiken die Kirche und ihr Vertreter, der Beichtvater, und so „braucht er sich nicht mit sich selbst herumzuschlagen, eine empfundene Entzweiung nicht selbst zu vereinen und in's Ganze herzustellen“. Hierbei erschlafft notwendig die Monade. Darum wird die Kirche Roms, wie sie nun einmal dasteht und wirkt, als ein „seelenbedrückendes Wesen“ von Goethe empfunden, dem gegenüber der Protestantismus als „wahrhaft großer Gewinn“ bezeichnet werden darf, so daß, auch innerhalb des Katholizismus, „sich dem Protestantismus zu nähern die Tendenz aller Derer ist, die sich vom Pöbel unterscheiden wollen“. Und während Goethe die Jesuiten „Gespenster und Unholden“ nennt, „die man nicht los wird“, preist er die Reformation als „das Beispiel, wie tüchtige Men-
702    Sechstes Kapitel: Der Weise
schen, gleichwie in sittlichen und religiösen, auch so in allen Dingen wahr zu sein sich verpflichtet fühlten“. Wir gehen nicht fehl, wenn wir urteilen: Goethe bewunderte im Katholizismus die Schönheit, im Protestantismus die Tüchtigkeit; im Katholizismus fesselte ihn die umfassende Symbolik, welche Natur und Sinnlichkeit zu Seele und Gott, Zeit zu Ewigkeit in andauernde unmittelbare Beziehung setzt, dazu die tiefe Kenntnis der menschlichen Schwächen und die Fähigkeit, ihnen hilfreich beizustehen, im Protestantismus erblickte er die Hochburg einer auf unbedingter Wahrhaftigkeit ruhenden Kultur. Wenn wir an Goethe's auffallende Unterscheidung zwischen Sinn und Tat zurückdenken (S. 604 ff.), so dürfen wir sagen: die Idee des Katholizismus entsprach seinem „Sinn“, d. h. dem Aufnahmebedürfnis seiner sehnsüchtigen Natur, die Wirklichkeit des Protestantismus seiner „Tat“, d. h. seinem männlichen, wirkenden Wesen. Daher er sich denn trotz aller der schönen Stellen über katholische Ideen und Gebräuche einmal über das andere als „eifriger Protestant“ bekennt und freudig versichert, „er gehöre unter Diejenigen, die das Jubiläum der Evangelischen Kirche am herzlichsten feiern“. Erst die Reformation, meint er, habe „das Christentum verdeutscht“, zugleich seien durch Luther „die Deutschen erst ein Volk geworden“; das sind die herrlichen Früchte einer Religion der Wahrhaftigkeit und der Tüchtigkeit. Wogegen die katholische Kirche, aus schönen Idealen entsprungen, im Besitze herrlicher Mittel, heute so entnervend, entsittlichend wirkt, daß Goethe Johann Heinrich Voß nur loben kann, wenn er gegen sie entrüstet loszieht: „gegen Vernunft verfinsternde, den Verstand beschränkende Satzungen, Macht- und Bannsprüche, gegen Verketzerer, Baalspriester, Hierarchen, Pfaffengezücht, und gegen ihren Urahn, den leibhaftigen Teufel“. Deutlicher hat Dr. Martin vor vier Jahrhunderten auch nicht gesprochen. Und redet man von Toleranz gegen diese Kirche, so ruft er entschlossen aus: „Dreist genug fordert man, wahre Toleranz müsse auch gegen Intoleranz tolerant sein. Keineswegs! Intoleranz ist immer handelnd und wirkend, ihr kann auch nur durch intolerantes Handeln und Wirken gesteuert werden.“ Darum die bekannten feurigen Verse zum Reformationstag:

Was auch der Pfaffe sinnt und schleicht,
Der Prediger steht zur Wache,

Monade, Gemeinsamkeit    703

Und daß der Erbfeind nichts erreicht
Ist aller Deutschen Sache.

Vielleicht dienen diese Winke dem Leser, daß er sich nach und nach ein Bild von Goethe's Religion gewinne. Trifft er auf Stellen, die ihn stutzig machen, so verliere er Goethe's Bekenntnis nie aus dem Gedächtnis: der „scheinbare liberale Indifferentismus“, den er in Religionsfragen manchmal bekunde, sei in Wirklichkeit „doch nur eine Maske, hinter der er sich gegen Pedanterie und Dünkel zu schützen suche“. Er weicht gern jedem Streit über Religionsfragen aus: „Alles, was sich aufs Ewige bezieht und uns im Erdenleben als Bild und Gleichnis des Unvergänglichen vorschwebt, sollte sich von rechtswegen außer Streit setzen ...“ Einen schmerzlichen Widerspruch wird man freilich gewahren: denn als Gemeinsamkeit empfindet Goethe Religion und sehnt er sie herbei, die Zeitumstände aber nötigen ihn, sich „ein Christentum zum Privatgebrauch herzurichten“ (S. 697). Für diese Verderbnis der Religion hält Goethe in erster Reihe die Priester aller Konfessionen verantwortlich:

Unsterblich ist die Pfaffenlist!

In der Hitze der Jugend macht er sich einmal über sie Luft: „Die Teufel, welches sind die schändlichen Menschen, die nichts genießen denn Spreu der Eitelkeit, und Götzenlust in ihrem Herzen haben, und Götzendienst predigen, und hemmen gute Natur, und übertreiben und verderben die Kräfte ... Hole sie der Teufel, ihr Bruder!“ Ihre Werkzeuge und mit ihnen zusammen die Vergifter wahrer Geineinsamkeit der Religion sind die sogenannten frommen Leute. „Die Frömmler habe er von jeher verwünscht“, gesteht Goethe in seinem letzten Lebensjahre. Wir alle, als „Söhne Gottes“, sollten „Gott in uns selbst und allen seinen Kindern anbeten“, denn dieser Glaube ist „ein eherner bestehender Fels der Menschheit“, den die Lehren der Pfaffen „vielleicht einmal übersprudeln, aber weder überströmen noch in seinen Tiefen erschüttern können“; statt dessen stellen die verschiedenen Kirchen verschiedene „Märchen von Christus“ auf: „Nun gehen die Generationen durcheinander, das Individuum ist ein armes Ding, es erkläre sich für welche Partei es wolle, das   G a n z e   ist nie ein   G a n z e s,   und so schwankt das Menschengeschlecht in einer Lumperei hin und wieder ...“
704    Sechstes Kapitel: Der Weise
Glaubt nicht, daß ich fasele, daß ich dichte, Geht hin und findet andere Gestalt! Es ist die ganze Kirchengeschichte Mischmasch von Irrtum und von Gewalt.
Und man höre noch folgenden Reim:

Mit Kirchengeschichte, was hab' ich zu schaffen?
Ich sehe weiter nichts als Pfaffen;
Wie's um die Christen steht, die Gemeinen,
Davon will mir gar nichts erscheinen.

Daher kommt es denn, daß selbst Luthertum — Luther zum Trotz — „ruhige Bildung zurückdrängt“ und schließlich auswächst zu „einem verworrenen Quark, wie er uns noch täglich zur Last fällt“. Eine unleugbare Schwierigkeit entsteht aus der traurigen Tatsache, „daß ein reiner Kultus jeder Art, sobald er an Orte beschränkt und durch die Zeit bedingt ist, eine gewisse Heuchelei niemals ganz ablehnen kann“. Und so sehen wir Goethe's Religionsbedürfnis ihn zu einer doppelten Bewegung veranlassen: einerseits unerschütterlich und verschwiegen in die heilige Einsamkeit der eigenen Monade zurück, andrerseits aber weitherzig allumfassend über Völker und Zeiten.
Ein Wort von ihm — zusammengestellt aus Anfang und Ende einer längeren Ausführung — gewährt so tiefen Einblick und gibt auch so viel zu denken, daß es sich als Abschluß zu diesen Betrachtungen eignen mag. Von der Religion, die er im Sinne trägt, meint er, sie „bedürfe eigentlich keines Glaubens“, dagegen „gehöre zu ihr viel Zartheit der Gesinnung“. Hier lehrt uns Goethe — wie schon Kant vor ihm — zwischen Glauben und Glauben unterscheiden. Wie hoch er den Glauben schätzt, sahen wir vorhin (S. 693), und an andrem Orte heißt es:
Denn etwas Gut's zu machen und zu tun, Muß man erst an das Gute glauben.
Was Goethe, ebenso wie Kant, verwirft, ist der historische, maberialistische Glaube, welchen wir zu unserem Verhängnis aus dem Judentum übernommen haben und dank welchem, wie Goethe selber betont, unser kirchliches Christentum „eine Art von heidnischem
Natur, Gott    705
Judentum ist, das noch bis auf den heutigen Tag lebt und webt“. In dem heiligen Prinzip der lebensvollen, ewig jungen Gemeinsamkeit, deren unabweisbares Komplement die freie Abrundung zu immer neuen, nationalindividuellen Gruppen ausmacht, wurzelt alles, woraus Kultur nach und nach aufgebaut wurde; hingegen bedeutet die jüdische Auffassung des Glaubens wie die Vernichtung aller Gemeinsamkeit so auch notwendig die Vernichtung jeglicher wahren Kultur und Religion; an diesem Gifte versiechen alle unsere Kirchen. Im genauen Gegensatz zu der Gedankenarmut und Gemütsroheit dieser Wüstengottverehrung erfordert Religion, wie Goethe in unbewußtem Anschluß an unsere arische Eigenart und Vergangenheit sie sich denkt, „viel Zartheit der Gesinnung“. Und sagt er auch: „Das Zarte spricht sich nicht in Worten aus“, so daß wir ihn gerade an diesem Punkte verstummen sehen, so pflegte er doch, sobald er das Bedürfnis eines Namens fühlte, diese seine Religion Christentum zu nennen, weil er sie als eine Annäherung an Christus empfand — die „göttliche Liebe, die vor so vielen hundert Jahren ... eine kleine Zeit als Mensch herumzog“.
IV. Natur, Gott
Wer über diesen letzten grundlegenden Gegensatz spintisieren wollte, fände bei Goethe unübersehbaren Stoff dazu; beide Worte — Natur und Gott — sind ihm besonders geläufig, und bei beiden wechselt der Begriffskreis nicht bloß in Bezug auf Weite und Enge, sondern auch in Bezug auf das, was man wohl Bild- oder Klangfarbe nennen müßte. Weder der Philosoph noch der Theolog — sobald er die Forderungen seiner Methode erhebt — kann je über Goethe's Gott und Goethe's Natur zu einer befriedigenden Vorstellung gelangen. Der Theolog sagt mit Luther: „Gott ist unbegreiflich und unsichtbar; was man aber begreifen und sehen kann, ist nicht Gott“; wogegen Goethe ausdrücklich beteuert, er „erkenne ein göttliches Wesen nur in und aus den rebus singularibus“ (den einzelnen Dingen) und seinen Mahomet sprechen läßt: „Siehst du ihn nicht? An jeder stillen Quelle, unter jedem blühenden Baum begegnet er mir in der Wärme seiner Liebe.“ Der Philosoph — Kant, von dem er sonst so vertrauensvoll Belehrung annimmt — hatte nachgewiesen: „Der

706    Sechstes Kapitel: Der Weise
Begriff eines Gottes in der Natur ist kontradiktorisch“; Goethe nennt es „seine reine, tiefe, angeborne und geübte Anschauungsweise, Gott in der Natur, die Natur in Gott zu sehen.“ Über Jacobi gerät Goethe in Entrüstung, weil jener gesagt hatte, „die Natur verberge Gott“; wörtlich genau das gleiche sagt aber Goethe, und zwar des öfteren; es genügt eben eine Verschiebung seines Standpunktes, damit auch für ihn die Natur Gott verberge. In einer fast programmatisch sorgfältig ausgearbeiteten Darlegung spricht er seine Überzeugung aus, „ein großes, hervorbringendes, ordnendes und leitendes Wesen verberge sich gleichsam hinter der Natur“. Einmal auf diesem Wege aber, führt die deutliche Trennung leicht noch weiter, und wir hören ihn die Natur geradezu als Zerstörerin des göttlichen Schöpfungswillens bezeichnen:

Warum verbirgst du hinter düstern Teppichen
Dein Antlitz, deiner Sterne strahlende Heiterkeit?
Ist es dein ew'ger Wille? Sind es der Natur
Unbänd'ge taube Kräfte, die im Widerstreit,
Dein Werk zerstörend, uns zerknirschen?

Also das eine Mal empfindet Goethe, „sein Gott verschlinge sich immer mehr in die Welt“, ja, der eine Begriff kann so vollkommen in den andern aufgehen, daß nunmehr einfach „die Gott-Natur“ gesagt wird; und dann wiederum stehen sich Gott und Natur antagonistisch gegenüber. In nicht mindere Geistesverwirrung gerät, wer Goethe's Verhältnis zu der Lehre einer göttlichen Alleinheit theoretisch-dogmatisch darzustellen unternimmt. Wie stark das Bedürfnis nach Vereinheitlichung in Goethe waltete, haben wir schon öfters festgestellt (S. 294, 623), und wir staunen nicht über Ausdrücke wie: „Alles muß aus Einem entspringen und zu Einem zurückkehren“; doch er selber ist es, welcher warnt: „Allein wir verkürzen uns an der anderen Seite wieder, wenn wir das Formende und die höhere Form selbst in eine vor unserm äußern und innern Sinn verschwindende Einheit zurückdrängen.“ Hiermit wird jeder Monismus ein für allemal abgewiesen. Gewiß erinnert sich der Leser des Ausspruchs Goethe's, er sei „als Naturforscher“ Pantheist (S. 287 ff.); als ihn jedoch Einer des Pantheismus zeiht, als ob er sich zu dieser Lehre bekenne, „versichert ihm Goethe mit großer Einfalt: daß ihm
Natur, Gott    707
noch Niemand vorgekommen sei, der wisse, was das Wort heiße“. Von der Natur vernehmen wir das eine Mal, sie sei „überflüssig und verschwenderisch“, das andere Mal aber, sie bleibe streng gebunden „an ein vorgeschriebenes Budget“; in einem und dem selben Werke lesen wir: „Die Natur wirkt nach ewigen, notwendigen, dergestalt göttlichen Gesetzen, daß die Gottheit selbst daran nichts ändern könnte“; und dann wieder: „Von allen Seiten behauptet die Natur ihre schrankenlose Willkür.“ Man sieht, alle solche Ausdrücke sind in Goethe's Munde nur spielend und allegorisch, oft auch ironisch, im besten Falle wegeandeutend, nie dogmatisch gemeint.
Diese unüberwindlichen Dilemmas entschwinden nun mit einem Schlage oder werden höchstens noch als logisch-systematische Phantome am fernen Horizont erblickt, sobald wir uns in unvoreingenommener Naivität auf den Standpunkt Goethe's stellen, der mit den Worten „Gott“ und „Natur“ zwei einander bedingende, einander suchende und fliehende polareGegensätze bezeichnenwollte, beide seinem Geiste ebenso rhythmisch dauernd vertraut wie seinem Körpers das Einatmen und das Ausatmen und ebenso in Abwechselung vorherrschend wie die Diastole und die Systole des Herzens. In allen diesen organischen Widersprüchen — wie wir jetzt in überzeugender Ausführlichkeit einsehen lernten — kommt eine T a t d e s G e i s t e s zum Ausdruck; für eine solche läßt sich eine erschöpfende Benennung in einem einzigen Worte nicht finden; das Wort vermag zunächst nur anzudeuten; verstanden wird es erst — aber dann allerdings fraglos und unerschöpflich — wenn wir in geduldiger Schulung nacherlebt haben, was Goethe erlebte. Wer das Wesentliche an den Antinomien Maß und Ganzes, Unterscheiden und Verbinden, Monade und Gemeinsamkeit in sich aufgenommen hat, befindet sich auf dem besten Wege, Natur und Gott so zu erfassen, wie Goethe diese wechselnden Begriffe faßte. Gott besitzt für ihn Analogie mit seinem so eigenartigen Begriff eines Ganzen, mit Verbinden (zu einer höchsten Potenz gesteigert) und mit einer ideal vollendeten Allgemeinsamkeit; wogegen er in der Natur vorzüglich das beschränkende Gesetz sowie das ruhelose Unterscheiden gewahrt und der Geist ihm gerade in seiner -Monadenhaftigkeit — d. h. insofern er „Monade“ ist — die Zugehörigkeit zur Natur und das Unterworfensein ihrem grenzenziehenden Gesetze offen

708    Sechstes Kapitel: Der Weise
bart. Nur muß man begreifen, daß es sich bei dieser polaren Entgegensetzung ebenso wie bei den anderen um eine gleitende Skala handelt: Goethe's Gottesbegriff kann bei Gelegenheit weit hinabreichen, die Natur durchdringend, seine Vorstellung von Natur hingegen ein anderes Mal sich vorübergehend bis zur Gottähnlichkeit erheben; wir hörten ihn ja soeben von Gott-Natur reden. Worte, die ich in dem einleitenden Teile dieses Kapitels schrieb (S. 594), muß ich ins Gedächtnis zurückrufen, jetzt, wo sie gewiß eingehenderem Verständnis begegnen werden: Goethe erblickt Gott auf Schritt und Tritt in der Natur; wird ihm aber das Naturgebiet verschlossen, mit einem Schlage findet er Gott nicht mehr. Was heute ihm als göttliche Wirkung Verehrung einflößt, kann er morgen als Naturereignis bewundern, und umgekehrt; bezeichnend für seine Anschauungsweise ist, daß er   b e i d e s   immer gewahrt; gegenstandslos bliebe dagegen für ihn jeder Versuch, eine unverrückbare Grenzlinie zwischen ihnen ziehen zu wollen.
Ein vergleichender Blick auf die letzte Antinomie, Monade und Gemeinsamkeit, wird uns zu weiterem Eindringen Anregung gewähren. Denn ein eigenartiger Kontrast macht sich zwischen beiden Paaren geltend: Monade und Gemeinsamkeit scheinen sich gegenseitig fast auszuschließen und das eine nur auf Kosten des anderen gedeihen zu können, umgekehrt scheinen Natur und Gott sich „einzuschließen“, so daß das eine leicht aus dem Gesichtskreis schwindet, fast zu einer überflüssigen Idee verblassend, solange das andere vorwiegend die Aufmerksamkeit beansprucht. Hier wie dort jedoch beruhen derartige Auffassungen auf mangelnder Einsicht in das Wesen dieser Weltanschauung. In Wirklichkeit, wie wir sahen, wächst die Monade an der Gemeinsamkeit und schrumpft ohne sie zu einem leeren Nichts ein, während andrerseits die Bedeutung der Gemeinsamkeit offenbar stets in genauem Verhältnis zu der Tüchtigkeit der Monaden stehen wird und zu der Bedeutung der Genie vermittelnden Einzelnen unter ihnen. Gott nun, weit entfernt die Natur in sich aufsaugen und mit sich selber identifizieren zu können, ist — gerade für Goethe's Weltanschauung — nur „Gott“, weil und insofern er sich in einer Natur, die nicht Gott ist, offenbart. „Ich glaube einen Gottl dies ist ein schönes, löbliches Wort; aber Gott   a n e r k e n n e n,   wo und wie er sich offenbare, das ist

Natur, Gott    709
eigentlich die Seligkeit auf Erden.“ Gott offenbart sich für Goethe „an“ etwas, sonst bliebe er unerkannt, und dieses Etwas nennt er Natur. In der Natur erblickt eben Goethe nicht bloß materialiter „Natur“, wie wir sonst das Wort verstehen, sondern immer und überall die wirkende Gegenwart von etwas, was nicht Natur ist: „Das liebe Ding, das sie Gott heißen, oder wie's heißt.“ Daß Kant alle logischen Beweise für das Dasein Gottes vernichtet habe, läßt er gelten, fügt aber hinzu: „Was nicht als Beweis gilt, soll uns als Gefühl gelten. ... Sollten wir im Blitz, Donner und Sturm nicht die Nähe einer übergewaltigen Macht, in Blütenduft und lauem Luftsäuseln nicht ein liebevoll sich annäherndes Wesen empfinden dürfen?“ Die Natur selbst — wir hörten es vorhin — ist blind, taub, willkürlich, zwecklos, unbändig; an ihr tut sich aber eine Gestaltungskraft und eine Liebe kund, die ihr an und für sich vollkommen fremd sind: dieses „Nichtnatur“ heißt Gott. Darum ist es falsch, wenn man behauptet, Goethe bete das eine Mal Gott, das andere Mal die Natur an; noch weniger ist es wahr, daß er sich zu Spinoza's deus sive natura (Allgott o d e r Allnatur) bekenne; vielmehr ist die Philosophie Spinoza's der konträre Gegensatz zu Goethe's Anschauung; denn bei dieser handelt es sich um eine polare Bedingnis, in welcher die eine Vorstellung die zweite unabweis. lieh fordert, wogegen bei Spinoza die eine in die andere aufgeht. Hierdurch — ich wiederhole es — unterscheidet sich Goethe ein ,für allemal nicht bloß von Spinoza, sondern von sämtlichen vergangenen und gegenwärtigen Monisten, gleichviel ob spiritualistischer oder materialistischer Richtung. Daß die Vorstellung Gott oder die Vorstellung Natur bei Gelegenheit vorwiegt und die andere fast zu verschlingen scheint, bedeutet nur eine vorübergehende Episode in Goethe's leidenschaftlich pulsierendem Geistesleben. Er selber spricht von der „Systole und Diastole des Weltgeistes“; wir gewahren nicht minder deutlich die Systole und Diastole seines eigenen Geistes. Scheint uns Goethe manchmal die Natur zu vergöttern, so vergesse man nicht, daß er sie nicht als ein Mechanisches, sondern als ein Zeugnis „heiligen Lebens“ betrachtet, in das man nicht anders als „mit allen liebenden, verehrenden, frommen Kräften einzudringen suchen“ darf, weil eben sich in ihr Gott, der All-liebende, kundtut. Statt einer stupiden Anbetung der Natur, wie sie von un-
710    Sechstes Kapitel: Der Weise
seren neuesten Moloch-Monisten gelehrt wird, finden wir bei Goethe in aller kraftvollen Naivität des ewig kindlich staunenden Genies den Glauben an eine von Gott herrührende   m o r a 1 i s c h e   B e d e u t u n g   dieser Natur — wie wir das schon im vorigen Abschnitt dieses Kapitels erfuhren — und darum versichert er, sie „nicht genug verehren zu können“. Die Natur ist ihm ebenso überzeugend göttlich, wie Gott ihm die natürlichste, nämlich augenscheinlichste aller Tatsachen erscheint, deren Verehrung „aus dem Wechselgespräch mit der Natur in unserem Busen entspringt“. Die Gegenseitigkeit könnte gar nicht vollkommener ausgesprochen werden. Mögen Andere denken und schließen, was sie wollen, für Goethe würde Gott ohne Natur nicht gedacht werden können und bedingt die Vorstellung Natur die Vorstellung Gott.
An dieser Auseinandersetzung lassen wir's uns vorerst genügen; es hieße durchaus ungoethesch verfahren, wollten wir über die zwei Ideen Gott und Natur weitere dialektische Untersuchungen :unstellen. „Vergib mir, daß ich so gerne schweige, wenn von einem göttlichen Wesen die Rede ist ...“, ruft Goethe einem frommen Freunde zu und erinnert uns damit an die mahnenden Worte des Erzengels:

Solicit not thy thoughts with matters hid!

Die angeblich mystische Erkenntnis Gottes lehnt er entschieden ab als „oft hohl und stets dünkelhaft“, und für einen rationalistisch erschlossenen Logos-Gott hat er nur die sarkastischen Worte:

Als gäb's einen Gott so im Gehirn,
Da! hinter des Menschen alberner Stirn,
Der sei viel herrlicher als das Wesen
An dem wir die Breite der Gottheit lesen.

Auch darf man nicht — nach Goethe ebensowenig wie nach Kant — den Gottesglauben kurzweg mit „Religion“ identifizieren; bei allen Menschen aus der arischen Bluts- oder Gesinnungsgemeinschaft gehören die Vorstellungen des Göttlichen in den Mythos, schwebend wandelbar, und die Erörterungen über Gott ins Bereich der hin und her erwägenden Philosophie; so gab es z. B. im brahmanischen Altindien sechs verschiedene Lehren hierüber, die alle als orthodox
Natur, Gott    711
galten, die eine ebenso wie die andere; wogegen der historische Gottschöpfer dem semitischen Geiste entspringt und von ihm das Kernwort unseres herrlichen Schiller gilt: „Sobald ich an einen Gott glaube, gebe ich den Schöpfer auf.“ Aus der Betrachtung über die Antinomie Unterscheiden-Verbinden ist uns bekannt, daß Goethe überhaupt jede Frage nach   U r s a c h e n   abwies (S. 656): Jahve, der ruhm- und rachsüchtige Schutzdämon der Israeliten, hat mit seiner Vorstellung „Gott“ nichts gemein. Das wußte Goethe; denn hing auch gerade er an den alten in die Bibel hineinverirrten Mythen mit inniger Freude, so urteilt er nichtsdestoweniger: „Das Christentum steht mit dem Judentum in einem weit stärkeren Gegensatz als mit dem Heidentum.“ Ehe man erfassen kann, was Goethe unter Gott sich denkt, muß jede Spur des jüdisch-christlichen Weltschöpfers aus dem Kopfe gelöscht sein. Darum wurde „Religion“ von uns an anderer Stelle besprochen; denn Religion betrifft die Erhebung der Monade zu der Würde der Gemeinsamkeit und ist Pflicht gegen diese, wogegen die Auffassung von Gott genau bedingt ist durch den Wert der einzelnen Monade. Darüber spricht sich Goethe unzweideutig aus:

Wie Einer ist, so ist sein Gott,
Darum ward Gott so oft zum Spott.

Und an anderer Stelle: „Gott, wenn wir hoch stehen, ist alles; stehen wir niedrig, so ist er ein Supplement unserer Armseligkeit.“ Das Verhältnis entspricht genau dem zur Natur, welche vor den Augen des Einen unerschöpflich reich sich ausbreitet, zu ewig neuem Staunen anregend, wogegen der Andere sie kaum gewahr wird und sie alltäglich, bar aller Wunder findet. „Seine Verwandtschaft mit der Gottheit vermag der Einzelne nur dadurch zu betätigen, daß er sich unterwirft und anbetet“, sagt Goethe; seine Verwandtschaft mit der Natur, fügen wir in seinem Sinne hinzu, nur dadurch, daß er schaut, staunt und jubelt. Da nun aber Goethe überall Natur und überall Gott erblickt, so gewinnen wir die Freiheit, ewig unfruchtbaren Wortstreitigkeiten aus dem Wege zu gehen, uns unbefangen umzusehen und unsere Blicke auf denjenigen Punkten ruhen zu lassen, die unserem bestimmten Zwecke einer Anlandung auf der Insel dieser herrlichen Monade förderlich sein können. Eine Alle-

712    Sechstes Kapitel: Der Weise
gorie Goethe's soll uns den Übergang aus den Windungen des bloßen Hirnes in das gelebte Leben vermitteln.
Mit breitem Wohlbehagen knüpft Goethe an eine Vorstellung aus den allerersten Zeiten des Christentums an, die um so ehrwürdiger ist, als sie ein erstes Auflehnen gegen semitische historische Verflachung aller Mythen darstellt. Nach ihr wäre die Welt vom Teufel, nicht von Gott erschaffen. Diese alte Vorstellung baut nun der Dichter in seiner Weise aus. Luzifer, den Sinn nach innen, auf sich selbst allein gerichtet, verursacht durch diese Stimmung eine „Konzentration“, eine Systole, aus welcher „alles das entsprang, was wir unter der Gestalt der Materie gewahr werden, was wir uns als schwer, fest und finster vorstellen“ und was „eben so unbedingt mächtig und ewig ist“ als Luzifer selber. Diese Natur ist also das schlechthin Dunkle, Seelenlose. „Alles, was durch Konzentration gewonnen wird, besaß sie, aber es fehlte ihr alles, was durch Expansion allein bewirkt werden kann.“ Hier greift nun die eigentliche Gottheit ein — die Goethe in dieser Erzählung abwechselnd in der Ein- und in der Mehrzahl nennt. „Die Elohim (hebräisch für Götter) gaben dem unendlichen Sein die Fähigkeit sich auszudehnen, sich gegen sie zu bewegen; der eigentliche Puls des Lebens war wieder hergestellt und Luzifer selbst konnte sich dieser Einwirkung nicht entziehen. Dieses ist die Epoche, wo dasjenige hervortrat, was wir als   L i c h t   kennen, und wo dasjenige begann, was wir mit dem Worte Schöpfung zu bezeichnen pflegen.“ Schließlich, um „die ursprüngliche Verbindung mit der Gottheit wiederherzustellen“, wird der Mensch hervorgebracht, der aber, zu Luzifer's Welt gehörig, deren Schicksal teilt, „zugleich unbedingt und beschränkt zu sein, und da dieser Widerspruch durch alle Kategorien des Daseins sich an ihm manifestieren und ein vollkommenes Bewußtsein so wie ein entschiedener Wille seine Zustände begleiten sollte, so war vorauszusehen, daß er zugleich das vollkommenste und unvollkommenste, das glücklichste und unglücklichste Geschöpf werden müsse“. Wie nahe tritt uns doch dieser Denker, wie verständlich wird er uns, sobald er dichtetl Überall in der Natur gewahrt er einen Zwiespalt; nichts von dem, was wir erblicken, erleben, sind, ist homogen; was uns sittlich als schlecht und gut so innig vertraut ist, dessen Analogon findet sich allüberall; nicht hat
Natur, Gott    713
es einen Sinn, wenn gesagt wird, die Natur sei göttlich, oder gar, sie sei Gott; wohl aber ist überall an ihr ein göttlicher Wille, ein göttlicher Segen am Werke; und zwar liegt in dem Begriff „Gott“ die Anerkennung des Gegensatzes zu der eigentlichen „Natur“, welche einzig lastendes Gewicht, versperrende Undurchdringlichkeit und leere Nacht kennt; Gott schafft das Auge: wodurch mit einem Schlage die Diastole der Bewegung nach außen, des Entschwebens, des Suchens und Findens gegeben ist.

Und mit eiligem Bestreben
Sucht sich, was sich angehört;
Und zu ungemess'nem Leben
Ist Gefühl und Blick gekehrt.
Sei's Ergreifen, sei es Raffen,
Wenn es nur sich faßt und hält!
Allah braucht nicht mehr zu schaffen,
Wir erschaffen seine Welt.

Luzifer's Schöpfung — die eigentliche „Natur“ — ist der Tod; Gottes Schöpfung ist das Leben. Hier, nebenbei gesagt, liegt der tiefste Grund für Goethe's unversöhnlichen Haß gegen die Auffassung des Lichtes als Materie, während es doch göttliche Lebensbetätigung ist. Der Tod stellt, wie man sieht, gleichsam den Leib des Lebens dar; der „Puls des Lebens“ zwingt die dunkle Welt Luzifer's in seinen Dienst, vertausendfacht, vermillionenfacht sich in Lebensmonaden, deren Dasein aber die ewig beschränkende Materie durch Nacht und Schlaf, durch Krankheit und Dummheit tunlichst verkürzt und verkrüppelt, bis die Widerdämonen schließlich die Oberhand behalten und die flüchtige Verkörperung des Gottverwandten auslöschen: inzwischen hat aber die Gemeinsamkeit neue Funken aus dem Gottgegebenen geschlagen:

Denn das Leben ist die Liebe,
Und des Lebens Leben Geist!

Wie Plato sagt: „Die Einen, um unsterblich zu sein, erzeugen Kinder; Andere erzeugen Werke des Geistes.“
Wie weit man nun diese Allegorie verfolgen will, hängt vom persönlichen Belieben ab; man käme zuletzt auf die ehrwürdigen Ormuzd und Ahriman indoiranischen Angedenkens, die sich noch
714    Sechstes Kapitel: Der Weise
weiter auf urarische mythische Weltbilder zurückführen lassen. Für uns handelt es sich in erster Reihe um die Erkenntnis, daß jenes Spiel und Widerspiel organischer Gegensätze, welches uns bisher vielleicht eher als helfendes Organ des Goetheschen Denkens, Fühlens, Schaffens erschien, hier aufgedeckt wird als der Mittelpunkt seiner Weltanschauung. Was uns im Anfang des zweiten Kapitels, da wir die Persönlichkeit ins Auge zu fassen unternahmen, sofort als das subjektiv Auszeichnende an ihr auffiel (S. 85 ff.), das finden wir jetzt — wie nicht anders zu erwarten war — objektiv über die gesamte Vorstellung von der sichtbaren und unsichtbaren Weit projiziert. Der Kampf in der eigenen Brust gewinnt nunmehr die Gestalt eines ewigen Kampfes alles Daseienden. Dank seinem Gradsinn und seiner Selbstbeherrschung war es Goethe gelungen, den gefährlichen Widerstreit seiner den entferntesten Endpunkten des Menschenwesens entstammenden Anlagen und Instinkte zu einer zwar pulsierenden, ringenden, jedoch mächtig-einheitlichen Persönlichkeit zusammenzuknüpfen; hier nun ebenfalls besitzt er — oder erobert er sich — die Fähigkeit, sich in den Anblick des allgemeinen, die ganze Natur umfassenden Widerstreites heiter zuversichtlich zu vertiefen, ihn zwar als tragisch, nicht aber als verzweifelt zu deuten. Und dieses wiederum wäre ihm bei der Klarheit und Tiefe seines wahrhaftigen, alle Selbsttäuschung verschmähenden Blickes nicht gelungen, hätte nicht diese Monade als einen Bestandteil ihrer Gesundheit den Instinkt besessen, sich selbst zu schützen, sich in sich selbst zurückzuziehen, sobald die Gewalt der Eindrücke sie zu vernichten drohte. Wer es vor seinem sprachlichen Gewissen zu vertreten wagt, möge dies Egoismus nennen (vgl. übrigens S. 141 ff.). Was es schützte, war seine Reinheit; er schützte sie nicht allein gegen alles Verflachende, Herabziehende, Luziferische, das in unserer Gemeinsamkeit wimmelt, sondern er schützte sie auch gegen den eigenen Tiefblick, indem er dort, wo der Verstand ihm nicht mehr zu glauben und zu hoffen erlauben wollte, die Schranke des Eigenwesens empfand und sich sagte: hier bin ich blind, hier will ich auf Gott mein Vertrauen setzen und will aller Erkenntnis zu Trotz dennoch glauben, lieben, hoffen.
Man bemerkt, wir bewegen uns in diesem Augenblick an jener Grenze, wo Kultur und Religion sich berühren, und mehr als
Natur, Gott    715
das, wo sie sich notwendig ergänzen, so daß eine ohne die andere in irgend welcher Reinigkeit nicht gedacht werden kann: die Religion (wie Goethe sie versteht) ist gleichsam das subjektive Element an der Kultur, das, was jede einzelne Monade im Innern ergreift und somit alle aneinander bindet, die Kultur (wie Goethe sie versteht) stellt die objektive Verwirklichung in Leben, Kunst, Wissenschaft, Sitte, Denkart, Gewohnheiten dessen dar, was die Religion als Gefühl und Ahnung in Allegorien und Symbolen überzeugend und bestimmend darzustellen und unantastbar heilig festzuhalten sucht. Und da ist es ohne Frage andauernder Beachtung wert, daß Goethe genau an diesem Punkte den über allen Vergleich erhabenen Wert des Christentums hervorhebt. Überall liegen Gott und Luzifer im Streite miteinander; mitten durch das Herz eines jeden von uns vollkommensten und unvollkommensten, glücklichsten und unglücklichsten Geschöpfen geht das zähe Ringen der Finsternis gegen das Licht. ,.Auch durch das Reich der heiteren Vernunftfreiheit ziehen die Spuren trüber leidenschaftlicher Notwendigkeit sich unaufhaltsam hindurch, die nur durch eine höhere Hand, und vielleicht auch nicht in diesem Leben, völlig auszulöschen sind.“ Und was ist es, das allein das Christentum rein übermittelt? Welche Gaben schätzt der unkirchliche Mann so einzig hoch? Glaube, Liebe, Hoffnung. Goethe würde gewiB nicht den Wert der anderen Religionen geringschätzen: die einen aber kennen die Liebe nicht, andere nicht die Hoffnung oder nicht den Glauben. „Gar anmutig“ ist daher, unter allen, diese eine Lehre. Und darum heißt es: „An dieser Religion halten wir fest.“

Diese Bejahung des Christentums schließt nun eine Verneinung des Unchristlichen oder gar Widerchristlichen in sich, die mit aller Klarheit und Energie hervorzuheben ist.
An dem selben Orte, wo wir die Worte lesen: „An dieser Religion halten wir fest“, steht ein folgenschwerer Satz, den ich jedem einzelnen Deutschen auf der ganzen Welt unter die Augen gebracht sehen möchte: „In diesem Sinne“ — nämlich der Erziehung aller Kinder zum Christentum — „dulden wir keinen Juden unter uns; denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet?“ DieseWorte-
716    Sechstes Kapitel: Der Weise
beweisen zunächst, wie unzertrennlich für Goethe Kultur und Religion zusammengehören. Eine unreligiöse Kultur ist für ihn ein Nonsens, eine contradictio in ad jecto; eine solche Kultur verdient nicht den Namen Kultur. Außerdem folgert er hieraus — „vielleicht pedantisch aber doch folgerecht“, wie er selber sagt — daß eine Kultur, da sie auf einer Religion ruht, gar keinen Anteil an ihrem Leben denjenigen Menschen gönnen sollte, welche diese Religion ablehnen und historisch einer ganz und gar andersgearteten angehören. Religion muß und wird immer die Seele einer Kultur sein; entweder es ist die eine Religion oder es ist die andere; liefern wir unsere christliche Kultur den Feinden des Christentums aus, so legen wir damit selber die Axt an unsere Kultur. Goethe hat an dieser Stelle zunächst die Lehrer im Sinne: kein Lehrer der Jugend, auf irgend einer Stufe, darf Jude sein. Aber er geht weiter und verbietet den Juden sogar jeglichen „Anteil“ an unserer Kultur. Auch sein Bund der Auswandernden „hütet sich vor ihnen“, da sie „die Ruhenden zu überlisten und die Mitwandernden zu überschreiten verstehen.“ Wir dürften also nicht bloß keinen jüdischen Professor an unseren Universitäten, sondern keinen jüdischen Künstler, Dichter, Naturforscher, Politiker, Offizier, Richter, Beamten, Literaten, Journalisten, nach Goethe's Überzeugung, unter uns dulden; mögen die Juden an ihrer eigenen Kultur arbeiten; das wäre ersprießlich; an unserer Kultur, welche das Prädikat einer „höchsten“ wegen ihrer Religionsseele verdient, dürften wir ihnen keinen „Anteil vergönnen“. Die Zahl tut's nicht; keinem einzigen darf der Eintritt in unser Heiligtum gewährt werden. „Es bedarf nur e i n e s Betteljuden, um einen Gott am Kreuze zu verhöhnen,“ bemerkt Goethe.
Nebenbei gesagt, hat gerade dieser Satz ein lehrreiches Schicksal erlebt; denn die beiden Enkel Goethe's, dem Zeitstrome folgend, hatten geglaubt, nicht besser tun zu können, als den Briefwechsel zwischen ihrem Großvater und Knebel, in welchem er vorkommt, dem jüdischen Gelehrten Guhrauer zur Herausgabe anzuvertrauen; dieser nun, der sich in seinem Vorworte die üblichen hebräischen Impertinenzen über Goethe's langjährige, zuverlässige Freunde, Riemer und Kanzler von Müller erlaubt und der uns versichert — woran wir nicht zweifeln — er habe die „Urschriften“ vor Augen, streicht einfach den ganzen Absatz, der jenen wichtigen Ausspruch
Natur, Gott    717
enthältl Er streicht auch in Knebel's vorangegangenem Brief den Namen des Juden, von dem die Rede war! Damit ist dieser Fall aber noch nicht erledigt. Denn als nun die Weimarer Ausgabe zu dem Brief an Knebel vom 12. Januar 1814 kam, fand sie es allerdings mit ihren Grundsätzen unvereinbar, dem Beispiel des in unsere christliche Kultur so sehr gegen den Willen Goethe's eingedrungenen Herrn Professor Guhrauer zu folgen; sie stellte den Text — wie überall so ohne Zweifel auch hier — intakt wieder her und deckte damit die Fälschung auf; a b e r sie, die in ihrem bewundernswerten „Apparat“ am Schlusse eines jeden Bandes mit peinlichster Genauigkeit jede kleinste Abweichung früherer Texte (so z. B. bei den Briefen an Schiller und an Zelter) bucht, verschweigt hier die Lücke in Guhrauer's Ausgabe und stellt die infolge ihres Verschweigens falsche Behauptung auf: „Gedruckt: Briefwechsel 11, 125“.
Diese Episode paßt äußerlich wenig in den Text meines Buches, soll aber als Beispiel für das dienen, was uns jetzt umgibt und unsere Kultur im Kleinen und im Großen fälscht, bis einstens das eigentlich Deutsche — in Denken, Fühlen, Schaffen, Sein — wie das Sumero-Akkadische im alten Babylon, unter berghohem Wüstensand syrosemitischer Ahnungslosigkeit und Herzensdürre und Geistesarmut erstickt, zertrümmert und begraben, nur noch als archäologische Kuriosität gemischtrassigen Gelehrten zu umständlichen Ausgrabungen und Wiederaufrichtungsversuchen dienen wird. Goethe, so human, so weitherzig er auch war, so bereit, das Können einzelner Juden zu preisen und namentlich so überschwenglich in seiner Wertschätzung der — zwar nicht von ihnen verfaßten, doch uns durch sie übermittelten — Bücher, * urteilte hierin, wie in anderen Dingen, mit unbeirrbarer Objektivität. Gerade der Kontrast zwischen den vermeintlichen „Ahnherren“, die uns im Alten Testament entgegentreten, und dem „in der Gegenwart“ uns bekannten Juden „macht uns irre und verstimmt uns.“ Weswegen er jeden Dichter und Musiker gegen die biblischen Stoffe warnt: „Es ist kein Widerwille, der erregt wird, aber es ist gar kein Wille; keine Abneigung, aber eine Unneigung.“ Vom Juden sagt Goethe ohne irgend eine schonende Umschreibung, wie wir sie sonst bei ihm gewohnt sind, kurzweg, er „fühle keine Liebe.“ Die Juden sind „hartnäckig“, ihre Religion bildet das Rückgrat ihres „starren Eigensinns“; ihnen fehlt jegliche
718    Sechstes Kapitel: Der. Weise
Weite des Geisteshorizonts, denn bei ihnen ist alles auf „unmittelbare Zwecke“ gerichtet, auf „Irdisches, Zeitliches, Augenblickliches“. Mit dieser Rasse ist die Natur „in eine Sackgasse geraten“, wo „sie nicht wieder zurückkann“; dieses Volk „hat niemals viel getaugt“, „es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker“; und das hat sich nicht etwa im Laufe der Zeiten gebessert, im Gegenteil, heute entdeckt man an ihnen die „Gegenwart aller früheren Fehler“ zugleich „mit Ermangelung aller alten Tugenden“. Er spottet über die „Humanitätssalbader“, die für ein künftiges verklärtes Judentum schwärmen, denn er ist überzeugt, wie es war und ist, so „wird es noch eine Weile bleiben.“ Als Bettina Brentano, aus syrosemitischer Bastardfamilie, ihn im Interesse der mächtigen Judenbewegung bombardiert, antwortet er, wie immer, liebenswürdig und halb spöttisch; doch Anderen gegenüber sagt er es frank heraus: „Ich enthalte mich aller Teilnahme an Juden und Judengenossen.“ Mit echt Goethescher Geduld läßt er die „diesem Geschlechte eigene Zudringlichkeit“ über sich ergehen, und als ein Jude ihn hatte betrügen wollen, meint er lächelnd, dieser habe „als ein wahrer Jude“ gehandelt. Auch der so gerühmten moralischen Geklärtheit eines Moses Mendelssohn gelingt es nicht, ihn zu blenden; zwar bekennt er des öfteren seine Unfähigkeit, diese öden jüdischen Platitüden durchzulesen (siehe z. B. die Briefe vom 20. Februar 1786 an Herder und an Charlotte von Stein), doch worauf es in Wirklichkeit mit all dieser hohen Philosophiererei hinaus soll, ist seinem Tiefblick nicht entgangen. An Jacobi schreibt er: „Was hast du zu den Morgenstunden gesagt? Und zu den jüdischen Pfiffen, mit denen der neue Sokrates zu Werke geht? Wie klug er Spinoza und Lessing eingeführt hat. O, du armer Christe! wie schlimm wird dir es ergehen, wenn er deine schnurrenden Flüglein nach und nach umsponnen haben wird!“ Man bedenke, daß diese Worte Goethe's den Schriften eines scheinbar völlig harmlosen Moralisten gelten; so genau wußte er, daß, gleichviel was ein Jude auch tun mag, stets die Interessen seiner Rasse Beweggrund und Ziel bilden und daß diese die Vernichtung der Interessen der anderen Rasse erfordern. Und wieder weist Goethe unbeirrbar sicher auf den Kern hin, nämlich auf die Religion: O, du armer Christe! Heute, wo die Vernichtung der christlichen Religion die nicht mehr geleugnete Absicht der uns beherrschenden Juden,
Natur, Gott    719
Judenbastarde und Judengenossen ist, wäre es wohl an der Zeit, die Bedeutung von Goethe's Erkenntnis, Religion bilde den Kern der Kultur, endlich zu erfassen. Hier, bei der Ablehnung des Judentums, bei der strengen Verweigerung, diesem irgend einen Anteil an unserer germanischen Kultur zu vergönnen, findet der allgemeine Grundsatz seinen schärfsten Ausdruck, nicht weil diese jüdische Gefahr die einzige ist, sondern weil sie uns am unmittelbarsten bedroht, indem der Todfeind, wie ein innerer Parasit, uns im Busen nistet. Darum hat Goethe, der sich sonst selten über legislative Maßnahmen äußert, die furchtbare Gefahr der Aufnahme der Juden ins Gemeinwesen öfters betont. Schon in früherer Zeit hatte er erkannt, die freudig zu begrüßende und zu befördernde Duldsamkeit der christlichen Konfessionen untereinander stehe nicht auf einem Plane mit der „Bedrohung der bürgerlichen Verfassung“, welche „Duldsamkeit gegen die Juden“ heraufbeschwöre. Noch 1816 preist er als „löbliche Anordnung“ das Gesetz, wonach kein Jude in Jena übernachten durfte, und hofft, es werde „künftighin besser als bisher aufrecht erhalten werden“. Gerade infolge seiner genauen Kenntnis der jüdischen Geschichte sah er eben hier bis auf den Grund.

Und dieses schlaue Volk sieht Einen Weg nur offen:
So lang die Ordnung steht, so lang hat's nichts zu hoffen.

Man soll ein solches Wort, das den Kern aller jüdischen Tätigkeit in der Politik aufdeckt, nicht darum für einen bloßen Scherz halten, weil es in einem Puppenspiel steht. Ebensowenig wie die Behauptung:

Sie haben einen Glauben,
Der sie berechtiget, die Fremden zu berauben,

da dies einfach von genauer Kenntnis zeugt; Leviticus, Kap. 19, Vers 11 bestätigt ausdrücklich, die Gebote „Ihr sollt nicht stehlen, noch lügen, noch fälschlich handeln“ seien? nur für die Israeliten „Einer mit dem Andern“ verbindlich.') In einem Werk, das zu keinen Späßen Raum läßt — die Geschichte der Farbenlehre — spricht Goethe mit Schaudern von „dem neuesten Schacher und
—————
    ¹) Die Rabbiner gehen im Talmud noch weiter und behaupten, das Gebot „du sollst nicht stehlen“ bezöge sich „nur auf Menschendiebstahl“ (vgl. Sanhedrin, f. 86a); im übrigen ist also der Jude frei, nach Herzenslust zu übervorteilen.

720    Sechstes Kapitel: Der Weise
Wucherbetrieb der Nachkommen Abrahams“. Denn infolge seiner nahen Beziehungen zur Regierung von Sachsen-Weimar, die ihm manche Einsicht in die Geheimnisse der Politik gewährten, mehr aber noch infolge des tief dringenden Blickes, der während eines langen Lebens auf den Menschen geruht hatte, blieb er für die neueste Entwickelung der sozialen Verhältnisse in Europa nicht blind; er wußte ganz genau, wie die Dinge jetzt gemacht werden und daß der Jude, der in wenigen Monaten durch die Ausplünderung von Millionen von Christen und um den Preis von Blut und Schmerzen zahlloser Opfer ungeheures, unermeßliches Vermögen sich zusammengerafft hatte, nunmehr diesen Einfluß zur Zerstörung der Rasse, der Religion, der Regierung seiner Gastgeber verwende. Schon 1807 sieht er die Juden geschäftig, aus den Napoleonischen Wirrnissen Kapital zu schlagen. Sechzehn Jahre später, als er von dem Gesetz erfuhr, das die Mischehen gestattete, da hat er sich vor Empörung über dieses Verbrechen nicht zu halten gewußt und sofort jüdische Bestechung gewittert. Der knappste und zuverlässigste aller Berichterstatter, Kanzler von Müller, erzählt vom 23. September 1823: „Ich war kaum gegen 6 Uhr in Goethe's Zimmer getreten, zunächst um Professor Umbreit für morgen anzumelden, als der alte Herr seinen leidenschaftlichen Zorn über unser neues Judengesetz, welches die Heirat zwischen beiden Glaubensverwandten gestattet, ausgoß. Er ahnte die schlimmsten und grellsten Folgen davon, behauptete, wenn der Generalsuperintendent Charakter habe, müsse er lieber seine Stelle niederlegen, als eine Jüdin in der Kirche im Namen der heiligen Dreifaltigkeit trauen. Alle sittlichen Gefühle in den Familien, die doch durchaus auf den religiösen ruhten, würden durch ein solch skandalöses Gesetz untergraben; überdies wolle er nur sehen, wie man verhindern wolle, daß einmal eine Jüdin Oberhofmeisterin werde. Das Ausland müsse durchaus an Bestechung glauben, um die Adoption dieses Gesetzes begreiflich zu finden; wer wisse, ob nicht der allmächtige Rothschild dahinter stecke.“ Mit richtigem Urteil fügt Müller hinzu: „Was in seinem Judeneifer recht merkwürdig war, ist die tiefe Achtung vor der positiven Religion, vor den bestehenden Staatseinrichtungen, die trotz seiner Freidenkerei überall durchblickte.“ Damit ist auch wirklich der Kern getroffen. Religion bildet nach Goethe — wie wir sahen — den Mittelpunkt aller Kultur; und
Natur, Gott    721
zwar die besondere, bestimmte Religion den Kern der besonderen Kultur. „Sie wissen, wie ich das Christentum achte“, ruft Goethe aus, „oder Sie wissen es vielleicht auch nicht. Wer ist denn noch heutzutage ein Christ, wie Christus ihn haben wollte? Ich allein vielleicht, ob Ihr mich gleich für einen Heiden haltet!“ Mag er sich auch jederzeit ohne Hehl als unorthodox und unkirchlich bekennen, er empfindet sich nichtsdestoweniger bis zuletzt als lebendiges Glied seiner Gemeinde und ergreift gern die Gelegenheit, sich- „als einen treuen und anhänglich Gewidmeten der protestantischen Kirche zu beweisen und darzustellen“. Von den vielen aufreizenden Oberflächlichkeiten, die über Goethe im Umlauf sind, wirkt keine aufreizender als die, welche ihn als unreligiös oder gar als Gegner des Christentums hinstellt. Wie anders hatte doch Carlyle Goethe verstanden! Den Neophyten warnt er, über den angeblichen „Heiden“ Goethe doch nicht den „Christen“ Goethe zu übersehen, dem eine „weit höhere Bedeutung“ zukomme, und das Lebenswerk Goethe's glaubt er nicht besser charakterisieren zu können, denn als das Heranrücken „eines Zeitalters neuer Vergeistigung und n e u e n G 1 a u — b e n s inmitten des alten Zweifelns und Leugnens; ... wodurch Ehrfurcht wieder mit Wissen versöhnt wird, und Kunst mit Religion zu einer Einheit verschmilzt“. Bei jenem Mißverständnis wirkt neben mancher perfiden Absichtlichkeit die angeborene Unfähigkeit jüdischer Literaturprofessoren zu „-erstehen, was „Reli~,lion“ für uns Nichtjuden bedeutet. Des Juden Religion ist ein konkreter historischer Glaube; die Kraft ihres Glaubens ist es, was Goethe an den Urvätern mit Bewunderung preist; im Augenblick, wo der Jude diesen nicht unedlen, wenn auch vollkommen materialistischen Glauben verliert, bleibt ihm gar nichts; er ist zur Seelenlosigkeit herabgesetzt und steht außerhalb jeder — auch orientalischer — Kultur. Hingegen ist der Glaube aller Derer aus der arischen (gleichviel ob leiblichen oder nur geistigen) Gemeinschaft durchaus anderer Art, nämlich mythisch. Schon früher erwähnte ich die sechs verschiedenen Weltdeutungen, welche im arischen Indien nebeneinander bestanden und eine wie die andere für orthodox galten. Der unerschöpfliche Reichtum an wachsenden, wechselnden, sich verdrängenden Mythen bei wesentlich gleichbleibender religiöser Lebensüberzeugung und Sitte und Idealgesinnung findet sich in Hellas
Chamberlain, Goethe    46
722    Sechstes Kapitel: Der Weise
ebenso wie in Iranien und in Indien und nicht weniger im altgermanischen Norden. Auf die christlichen Kirchen wirkte das verhängnisvolle Erbe aus dem Judentum — „die engherzigen, schrekkenvollen Begriffe“ — wie ein erstarrendes Gorgonenhaupt; und dennoch, welch' eine Mythologie war in wenigen Jahrhunderten diesem scheinbar verdorrten Boden entsprossen! Und wie sehr ist die wahre Seelengeschichte der christlichen Kirchen eine Geschichte der zu allen Zeiten, an allen Orten aus Glaubensüberfülle hervorbrechenden Häresien! Manche orthodox Kirchlichen mochten arm an Glauben sein; christliche Häretiker wurzelten immer in Glaubenskraft. Fände sich Einer, der vollkommen objektiv die Geschichte des Christentums darstellte, nicht von irgend einem kirchlichen oder widerkirchlichen Standpunkt aus, sondern rein als Geschichte der von der Person Jesu Christi nach allen Richtungen ausgestrahlten Glaubenskraft und Tatenfülle, es würde ein über alle Begriffe erhabenes Gemälde sich offenbaren: das, was Goethe oben „höchste Kultur“ nannte, nämlich ein Emporheben des Wesens „Mensch“ zu Gedanken, Taten, Schöpfungen, die, wenn sie auch vielleicht an einiges nicht heranreichen, was Hellas zu leisten vermochte, auch an einiges nicht, was Indien in fast krankhafter Einseitigkeit zu ewigem Staunen züchtete, doch als Ganzes — in Bezug auf Dauer, Umfang, Treue, Opferfähigkeit, innerliche Kräftigung, Heroismus, Gliederreichtum, gesellschaftliche Befreiung, sittliche Vertiefung, Ringen um Menschenwürde — alles weit überragt, wovon wir sonst aus der Geschichte unseres Geschlechtes irgend Kunde besitzen. Auch alle die mächtigen Einzelnen entfalten sich, wachsen und schaffen in dem von diesem unvergleichlichen Lichte besonnten Kreise: die großen Lenker der Völkergeschicke, von Theodosius und Karl bis Cromwell und Bismarck, die zaubergewaltigen Beherrscher der Phantasie, von Dante bis Shakespeare und Wagner, die geduldigen Ausgestalter des sinnenden Denkens, von Origenes bis Kant, die von Liebe begeisterten Sucher nach Heiligung der Gesellschaft, von Augustinus bis Herder, die schöpferischen Bildner, von jenen aus dem lebendig-toten Imperium unbeholfen ihre Sehnsucht stammelnden Byzantinern an bis zu der freien, naturverwandten und naturbeherrschenden Meisterkunst eines Michelangelo und eines Rembrandt, die ganze Musik, von der ergreifenden Klagegewalt ihrer liturgischen
Natur, Gott    723
Anfänge bis zu den letzten Offenbarungen der von Goethe gepriesenen Gottesverwandtschaft in Bach und Beethoven, die Erforschung der Natur, von dem ehrwürdigen Tasten der Dominikaner und Franziskaner bis zu der zwei Weltepochen sondernden — dem Papst und seiner Kirche gewidmeten — Entdeckung des Kopernikus, bis zu Newton, dem frommen Ausleger der Apokalypse, und bis zu dem Begründer der ganzen neuen Wissenschaft der strahlenden Energie (Elektrizität usw.) Faraday, einem den Evangelien in unerschütterlichem, kindlichem Glauben Ergebenen. ... Wohl hat sich die Civitas Dei nicht in den Schemen verwirklicht, die dem gewaltsamen Wollen des afrikanischen Mestizen inmitten des gesellschaftlichen und sittlichen Chaos des fünften Jahrhunderts als erstrebenswert vorschwebten; wer aber — ich wiederhole es — großherzig genug wäre, Verfolger und Verfolgte, Schismenmacher und Schismenbrecher, Fromme und Freie, Gütige und Grausame, Heilige und Ehrgeiztolle, Wissensdurstige und Weisheitfliehende, Träumer und Tatenmächtige mit gleicher Liebe zu umfassen, er würde die Einheit in der 1liannigfaltigkeit dieser Kultur entdecken und würde entdecken, daß ihr eine Richtung „gegen Gott zu“ (wie es in Goethe's Allegorie hieß) eigen war, indem selbst böser Wille und üble Tat letzten Endes dem Segen dienen mußten, der von Christus ausstrahlt. Diesem also erfaßten Christentum gehört Goethe an. Heide ist er in der Ablehnung alles Orientalischen am Christentum, wie das echte, freie Germanen meist waren, von Leo dem Isaurier an bis zu dem großen Friedrich, Christ aber in dem Bekenntnis sowie in der organischen Zugehörigkeit jeder Faser seines Wesens zu der Gesamterscheinung der christlichen Kultur. Das Herz dieser Kultur bildet nach Goethe's unerschütterlicher Überzeugung die Religion — und mag man diesen Begriff noch so kirchlich unbeengt und dogmenfrei sich denken; sobald das Herz zu schlagen aufhört, wird diese Kultur sterben. Darum verbannt Goethe aus ihrem Umkreis die Verleugner des Christentums; und als vollendeter Typus dieser Verleugner gelten ihm die Juden.
    In aller Kürze sei hinzugefügt: die Rassenfrage war zu Goethe's Zeiten für die Erörterung nicht reif, wenngleich ein so kenntnisreicher Ethnolog wie Immanuel Kant schon damals die Überzeugung aussprechen durfte: „So viel ist wohl mit Wahrscheinlichkeit zu

724    Sechstes Kapitel: Der Weise
urteilen: daß die Vermischung der Stämme, welche nach und nach die Charaktere auslöscht, dem Menschengeschlecht, alles vorgeblichen Philanthropismus ungeachtet, nicht zuträglich sei.“ Diese Meinung mag Goethe vielleicht gekannt haben; doch selbst sie widersprach nicht eigentlich dem geltenden Dogma des einheitlichen Ursprungs der Menschheit, noch weniger der angenommenen Einheitlichkeit einer erträumten „kaukasischen Rasse“, welche die verschiedenen Stämme Kleinasiens mit den Nordeuropäern zu verschmelzen unternahm. Um so mehr hat es darum zu bedeuten, wenn Goethe, ohne weiter nach Theorien zu fragen und ohne die Bestätigung durch Geschichte und Anthropologie abzuwarten, auf Grund seiner Menschenerfahrung die Überzeugung äußert, zwischen dem Juden und dem echten Europäer bestehe sicher gar keine Spur von Blutsverwandtschaft. „Dem auserwählten Volke wollen wir die Ehre seiner Abstammung von Adam keineswegs streitig machen. Wir Andern aber ... hatten gewiß auch andere Urväter.“
Knüpfen wir nun nochmals bei Goethe's Allegorie an (S. 712 ff.), nach welcher der Mensch erschaffen worden war, die Verbindung mit der Gottheit wieder herzustellen, so darf zunächst das Eine ja nicht übersehen werden: daß nämlich, insofern die Welt eigentlich Luzifer's Welt ist, die Angehörigkeit zu Luzifer eine entschiedene Kraft bedeuten muß. Es ist logischer, es ist folgerichtiger, diese Welt voni Standpunkt des Teufels aus zu betrachten als vom Standpunkt einer Macht aus, welche diese Welt — wie sie nun einmal ist — nicht gewollt hatte. Fehlt auch der Welt Luzifer's, wie Goethe sagt, „die bessere Hälfte“, ihr können doch, da sie, „wenn auch nicht unmittelbar, doch durch Filiation vom göttlichen Wesen herstammt“, unbedingte Größe, Macht, Ewigkeit nicht abgesprochen werden. Diese „Natur“ (wenn wir sie kurzweg im Gegensatz zum Göttlichen so nennen wollen) steht ungleich höher als jeder schwächliche Versuch, sie unbeachtet zu lassen oder zu überwinden; einzig gottzugewandte Gesinnung kann ihr gewachsen sein; dagegen behält sie recht gegen Jeden, der in ihr befangen bleibt. „Alles, was durch Konzentration gewonnen wird“, besitzt sie ja; insofern ist sie vollendet. baher die Verehrung und die völlige Unsentimentalität, mit der Goethe die uns umgebende Natur betrachtet, ohne sich durch ihre

Natur, Gott    725
Grausamkeit, Unerbittlichkeit usw. jemals irremachen zu lassen. Während die Apologeten unter den Theologen seit jeher Sophismen über Sophismen türmen, um uns zu überreden, die Natur sei gütig, barmherzig, zartfühlend, tugendhaft, und was weiß ich noch alles, gibt sie Goethe ohne Bedenken preis: sie ist groß, überschwenglich reich, unerschöpflich phantasievoll, sie strotzt von Kraftfülle, überall verkündet sie das Walten „unbedingten Genies“ (S. 264), und selbst wo sie unser Gefühl empört oder uns selber martert und unser Leben zu einer langen Todesqual gestaltet, überall trägt sie den Stempel der göttlichen Verwandtschaft; was will man mehr? Ohne Zaudern greift Goethe den Menschen selbst heraus und stellt ihn uns bar aller Sentimentalität vor Augen, wie er ist, sobald er bloße Natur ist, Natur in ihrer ganzen Kraft: Mephistopheles!
Mephistopheles: so sind wir Menschen, wenn wir das Göttliche an unserem Doppelwesen verleugnen und bloß noch Kinder Luzifer's zu sein erwählen. Mephistopheles ist nicht, wie unsere Zwerghirne vermeinen, irgend ein armer Mossieu Kriegsrat Merck oder sonstiger Mossieu; er ist die Natur als Mensch, die reine Luziferische Natur, die Natur in der Systole, wo sie dem Göttlichen den Rücken kehrt, das völlig seelenlose und darum — soweit Naturverhältnisse in Betracht kommen — das unbeirrbare Wesen, welches alles Gemeine — als ihm wesensverwandt — sofort bis auf den Grund durchschaut. Man erinnere sich der Goetheschen Definition: „Das Wirkliche ohne sittlichen Bezug nennen wir gemein.“ Das Wirkliche ohne sittlichen Bezug stellt eben bloße Natur dar, Luziferische Natur, Mephistopheles. Ist der Mensch nur „wirklich“, nicht ideal, ist an ihm alles nur auf das Dasein „konzentriert“, „fehlt ihm alles, was durch Expansion allein bewirkt werden kann“, so ist er kurzweg   d a s   G e m e i n e.   Und zwar ist er allein gemein; wogegen die unbelebte Natur und die Natur ohne Vernunft nie gemein sein können, da keine sittlichen Forderungen an sie gestellt werden; darum empört sich Goethe über nichts, was sie betrifft, sondern erblickt vielmehr an ihnen lediglich blinde Kraft, durch welche hindurch göttliche Schönheit unverkennbar schimmert. Der Mensch aber wurde hervorgebracht, „in allem der Gottheit ähnlich, ja gleich zu sein“, mit anderen Worten: ihm sollte als Hauptrichtung die Bewegung hinweg von der Wirklichkeit „auf die Gottheit zu“ innewohnen; to
726    Sechstes Kapitel: Der Weise
look Godwards, wie schon der alte Chaucer sagte. Die Fähigkeit, Niephistopheles so darzustellen, wie ihn Goethe dargestellt hat, konnte nur gewinnen, wer in so unmittelbarer Beziehung zur Natur stand, wer sie so reinen Auges erblickte; hier gestaltet der Mann, der in den Gestalten des Lebens alle Mannigfaltigkeit und alle Einheit zu erfassen weiß. Weder Haß noch Liebe, weder Tendenz noch Moral: nur das leidenschaftliche Interesse des Erschauers und die staunende Ehrfurcht vor j e d e r Erscheinung der Natur. So ist der Mensch — so denkt er und handelt er, so erblickt er alle Verhältnisse, und diese Wege wählt sein Wille — insofern er Natur, nur Natur ist. Hier steht nicht Ein Mensch vor uns, wie bei Shakespeare oder Schiller, auch nicht Ein Typus, wie bei Sophokles, sondern das Wesen selbst der Menschheit, wie das ewige Gesetz der bloßen Natur, in die sie hineingepflanzt ist, es will. Was mildernd wirkt, ist die Reinheit der Darstellung: es liegt Größe in der Art, wie Natur nichts Einzelnes hochschätzt, nur das Ganze.
Man sieht, daß er an nichts keinen Anteil nimmt; Es steht ihm an der Stirn geschrieben, Daß er nicht mag eine Seele lieben.
Für die Natur genügt die instinktive Lust, die ein Geschlecht dem anderen zuführt; Liebe ist ein Göttliches, sie gehört zu jener „Fähigkeit, sich auszudehnen“, zu der Diastole hinweg von der bloßen Natur, von welcher Goethe's Allegorie spricht. So rein luziferisch wie Mephistopheles kann freilich nie ein Mensch sein; dem Verworfensten — Shakespeare zeigt es uns — ist mehr als ein Funken göttlichen Sehnens beigemischt; daher der ewige Kampf; Mephistopheles kennt keinen inneren Kampf. Wer jedoch das Wesen dieser Figur nach der Absicht des Dichters erfaßt, wird vor der Unerbittlichkeit der Gestaltung nicht weniger erschaudern als bei Gretchen im Gefängnis. Wie Kant darauf ausgegangen war, die Vernunft in ihrer Reine bloßzulegen, ohne jede Beimengung, so hat Goethe hier gezeigt, was der Mensch ist, sobald sein Verstand nur Verstand, seine Vernunft nur Vernunft, sein Urteil nur Urteil, seine Klugheit nur Klugheit, seine Wissenschaft nur Wissenschaft ist. Und glänzend und geistsprühend hat er ihn gestaltet, daß er nicht etwa als platte Moralität wirke, sondern überzeugend in seiner Sicherheit und ver-
Natur, Gott    727
führerisch durch seine Meisterschaft. Das Ergebnis hat er Mephistopheles selbst in dem Augenblick, als Faust tot hinsinkt, aussprechen lassen:
Was soll uns denn das ew'ge Schaffen! Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen! Da ist's vorbei! Was ist daran zu lesen? Es ist so gut, als wär' es nicht gewesen,
Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre. Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.
Die große Lüge unserer Zeit ist die Behauptung, der Mensch sei nur Natur. Aus harmlosen, ja, aus idealen Bestrebungen des 17. und 18. Jahrhunderts ursprünglich hervorgegangen, hat diese Ansicht durch mißverstandene Ergebnisse der Naturwissenschaft ein Gewicht erlangt, das ihr bei Millionen dogmatische Geltung verschafft. Daß der Mensch nicht nur in Bezug auf den Bau seines Körpers den übrigen Wesen verwandt erscheint, was wohl, da er den selben gestaltenden Bedingungen unterliegt wie alle anderen Bewohner dieser Erde, nicht besonders verwunderlich zu dünken brauchte, sondern daß er buchstäblich genau das selbe i st wie sie und nur relativ, durch gewisse spät und zufällig erworbene einseitige Organentwickelungen, von ihnen sich unterscheidet: das ist die Überzeugung der Meisten, selbst innerhalb der Kirchen. Und da nun das Leben überhaupt nichts weiter sein soll als eine durch eine besondere chemische Mischung hervorgerufene, wesentlich vorübergehende Erscheinung, der im Gesamtsystem des Kosmos nicht die geringste Bedeutung zukommt, so gelangen wir unausweichlich, sobald wir nur ein klein wenig logisch und folgerichtig denken, auf eine Weltanschauung wie die, welche uns im vierten Kapitel beschäftigte, als wir einen ersten lebenden Biologen den Entschluß zum Heldentod fürs Vaterland auf eine chemische Erkrankung der Gewebe zurückführen sahen. Mephistopheles würde mit Herrn Professor Jacques Loeb als Vertreter unserer ganzen luziferischen Wissenschaft und luziferischen Auffassung des Menschenwesens vollkommen zufrieden sein; für alles, was darüber hinauslangt, hat er nur das höhnische:

Und kurz und gut, ich gönn' Ihm das Vergnügen,
Gelegentlich sich etwas vorzulügen.

728
Sechstes Kapitel: Der Weise
Nur besitzt Mephistopheles — im Gegensatz zu den Verkündern einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung — Geist genug, nicht im selben Atem von Glück, Fortschritt, Humanität usw. zu schwärmen, sondern erkennt und bekennt, ein Menschenleben sei „so gut, als wär' es nicht gewesen“, und stößt den pessimistischen Seufzer aus:
Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.
Für Goethe nun ist diese ganze Anschauung nichts weiter als ein trugvolles Flächenbild, gewonnen durch die grundsätzliche Einseitigkeit, welche die Systole „Natur“ allein ins Auge faßt und im Menschenwesen die „bessere Hälfte“ unbeachtet läßt. Selbst die Luziferische Natur — wie wir gesehen haben — könnte nicht sein, wäre sie nicht Abglanz der Gottheit; der Mensch aber ist nicht bloß Natur, sondern ist auch göttlich. Daß er zwei verschiedenen Welten, Impulsen, Gesetzen — oder wie man es nennen will — z u g l e i c h   angehört, daß ein Riß mitten durch sein Wesen geht, hierdurch unterscheidet sich der Mensch völlig von jedem andern mit Tierleib begabten Dasein und überhaupt von allem, was bloße Natur ist. Die Antinomie (der organische Widerstreit) ergreift hier das ganze Wesen und läßt des Menschen Schicksal — zwischen Glück und Unglück, zwischen Vollkommenheit und Unvollkommenheit hin- und hergeworfen — zu einem tragischen auswachsen. Ist der Mensch bloß Natur, so mögen Eltern ruhig ihre Kinder am Spieße braten, wenn sie ihnen nur gut schmecken; was kann denn an dieser chemischen Verbindung „Menschenfleisch“ viel liegen? Hat dagegen der Mensch am göttlichen Wesen teil — wie Eckhart es mit erhabener Demut ausspricht, Gott liebe den Menschen nicht als Kreatur, sondern „als Gott“ — dann wandelt sich mit einem Schlage die Zeit in ein Sinnbild der Zeitlosigkeit:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis,

und jede Tat, jedes Wort, das ganze, sonst so armselige Leben gewinnt unvergängliche Bedeutung. Die ewige Liebe bildet den kontradiktorischen Gegensatz zu der ewigen Leere; sie allein, wie wir schon früher sahen (S. 577), vermag es, den geistigen Raum zu füllen. Genau so wie bei den anderen Gegensätzen in Goethe's Denken und Fühlen, so auch bei diesem findet eine Kontraposition statt, eine Um-

Natur, Gott    729
stellung aller Beziehungen ins Entgegengesetzte, dasjenige, was ein frivol ersonnenes Modewort eine Umwertung aller `Verte nennt. Darum wird in dieser Gotteswelt, wie sich Goethe sie vorstellt, nach dem Umfang des Vollbrachten gar nicht gefragt, sondern einzig nach der Gesinnung:
Das Unzulängliche Hier wird's Ereignis.
„Hier“ muß betont werden und bedeutet die Diastole der „Bewegung gegen Gott zu“; Ereignis, ein Wort, das Goethe gern zu intensiver Bedeutungskraft erhebt, besagt in seinem echten, entwickelungsfähigen Kerne: vor Augen stellen, er-äugen (Grimm). Die Tat, die vom Standpunkt einer bloßen Natur aus lächerlich unzulänglich erschien, hier — in der Welt, die nicht Natur, sondern (wie Kant und mit ihm auch Goethe es nennt) Freiheit ist, nämlich in der sittlichen Lichtwelt Gottes — hier wird ihr Wesen offenbart; die Absieht, der gute Wille erhalten sichtbare Gestalt. Wie Schiller gelehrt hatte: in einer rein moralischen Welt „ist die Richtung zugleich die Vollendung, und der Weg ist zurückgelegt, sobald er eingeschlagen ist.“ Buchstäblich genau das Gleiche besagen Goethe's Worte:
Das Unzulängliche Hier wird's Ereignis.
Das Eigenartige an Goethe besteht nun darin, daß er Natur und Gott, die beiden entgegengesetzten Pole, mit gleicher Kraft in sich empfindet. Viele Menschen gibt es, die fast nur noch Natur und fast gar nicht mehr Gott gewahr werden; zu allen Zeiten gab es aber unter uns Ariern auch Viele, die sich Gott allein widmeten und mit allen Mitteln die Natur zu überwinden trachteten. Dazu dann das Heer der Philister, des Aristoteles goldene Mittelstraße bequem dahinschlendernd: genugsam Natur zu sich nehmend, daß das arme Fleisch nicht leide, dazu aber einiges Göttliche mischend, damit etwas Seelenähnliches ihr Tun und Lassen umschmeichele. Goethe dagegen fühlt sich mit verzehrender Leidenschaft der Natur und mit heiliger Inbrunst Gott angehörig; erkennt er sie auch als polar sich fliehend, im eigenen Busen empfindet er sie doch einander so nahe wie das Einatmen und das Ausatmen. Was uns am Beginn des zweiten Ka-
730
Sechstes Kapitel: Der Weise
pitels als subjektive Anlage auffiel, finden wir jetzt zur Weltanschauung objektiviert. Und was dort Wilhelm von Humboldt als „Hindernis“ und Schiller als „eine Arbeit mehr“ entdeckt hatte, das bildet hier für Alle, die nicht auf den Grund gehen, ein „Hindernis“ bei dem Versuch, Goethe's Weltanschauung überhaupt zu verstehen; die „Arbeit mehr“ müssen in diesem Falle wir selber leisten. Beides ist nämlich schwer zu verstehen: die Art, wie Goethe, angefüllt von Gottesgedanken, der Natur sich nähert, sie empirisch zu erforschen; und die Art, wie er, durch und durch Natur — und insofern mephistophelisch weltklug, besonnen staatsmännisch, unbeirrbar bis zur Kälte, antipfäffisch bis zum Hasse — der Welt des Göttlichen, der „Expansion“, des Lichtes, des Glaubens mit allen Kräften seines Daseins angehört. Selbst bei rein naturwissenschaftlichen Arbeiten sahen wir ihn alle Kräfte der Besinnung aufbieten, um „sich in die Mitte des Reiches der Natur und der Freiheit zu stellen“; er erkannte eben — er allein unter Allen — daß eine Naturwissenschaft, welche den Menschen nach und nach mit der Vorstellung vertraut macht, er selber sei bloße Natur, zwar gerade infolge ihrer kraftvollen Einseitigkeit Erstaunliches leisten, zugleich aber den Menschen als Menschen vernichten muß; weswegen er sich nie irremachen ließ in seinem heroisch einsamen Bestreben, die Naturforschung der Vielen durch seine Natur-Erforschung des Genies zu ergänzen, deren Grundsatz es ist, das Reich der Freiheit — das heißt die Bedürfnisse des Menschen als eines gottverwandten Wesens — im Auge zu behalten. Er weigert sich, die Natur bloß als Tod, wie sie Luzifer geschaffen hatte, zu betrachten; er will den „eigentlichen Puls des Lebens“ (wie es in der Allegorie heißt) entdecken und aufweisen und auf diesem Wege schon in den elementaren Ereignissen das Gottgezeugte unserm Empfinden nahebringen. Einmal definiert er geradezu Wissenschaft als den „B e z u g a u f s G ö t t 1 i c h e, insofern es durch die Sinne auf Kenntnis wirkt.“
Jetzt aber begreifen wir endlich mit überzeugender Genauigkeit, daß dieses Erblicken Gottes in herbis et lapidibus nicht einen einzigen Zug gemein hat mit Pantheismus, Spinozismus, Monismus; denn zu Grunde liegt bei Goethe die U n t e r s c h e i d u n g zwischen Gott und Natur, die Empfindung ihrer polaren E n t g e g e n — s e t z u n g; erst hieraus ergibt sich die Möglichkeit, daß das eine
Natur, Gott    731
für's andere zeuge. Unendlich zart deutet dies Goethe einmal in einer nachts aufs Papier geworfenen Eingebung, der himmlische „Vater“ sei für uns „ungreiflich aber berührlich“. Kein einziges Ding, das wir mit Händen oder Gedanken erfassen, ist Gott; überall aber — wenn wir's nur wüßten — könnten wir an Ihn herantasten. Spricht z. B. Goethe in seiner Allegorie von „demjenigen, was wir als Licht kennen“, so will er damit auf den gottgeschenkten Gesichtssinn weisen; ohne Auge ist das Licht eben so dunkel wie jede andere Bewegung der toten Natur; „Licht“ besagt also, daß über die Finsternis der Natur ein Auge geöffnet wurde, dessen Strahl in alle Ferne aufleuchtend drang. Mögen die Sinne für die Tiere ein mechanisches Hilfsmittel sein, für uns Menschen bedeuten sie „die Fähigkeit, sich auszudehnen, sich gegen die Gottheit zu bewegen“. Wohin wir auch die Fühler tastend hinstrecken, wir g r e i f e n Natur und b e r ü h r e n zugleich Gott. Wiederum muß ich aber warnend ausrufen: man wittere hierin keine Mystik — weder als Preis noch als Tadel! Nennt Goethe seine Naturerforschung einen „Bezug aufs Göttliche“, so versichert er uns wiederholt ausdrücklich, er „sondere höchst streng von ihr alles ab, was ins Mystische und Unbestimmte führt“, und ironisch fügt er hinzu: „Die Kabiren machen mich gleich verwirrt und ich muß gleich in meinen Garten schauen, um mich an der Rose und anderen ihr untergeordneten Blumen wieder gesund zu sehen.“ Ihm ist Gott in der Natur ein offenkundiges Wahrnehmbarsein. Bei den Mystikern und auch bei den naturwissenschaftlichen Monisten (nach Art des Fechner) wird die Natur selbst zuletzt als „psychophysisches Allwesen, Gott“ aufgefaßt: beide Begriffe — Gott und Natur — schweben und schillern durcheinander: Gott kaum mehr als ein bloßer mystischer Ausdruck für Natur, Natur kaum mehr als die sichtbare Allegorie des ihr innewohnenden Göttlichen. Balzac, der urgewaltige Seher, läßt die Predigt eines gelehrten theologischen Mystikers im Paris des 13. Jahrhunderts vor uns erstehen: La Bible à la main, après avoir spiritualisé la Matière et matérialisé l'Esprit ... il admettait la possibilité de parvenir par la foi d'une sphère à une autre. Bei Goethe dagegen — wie schon früher bemerkt — setzt die Natur Gott als ein konträr Entgegengesetztes voraus, und nur weil und insofern dies zutrifft, zeugt überall Natur
732    Sechstes Kapitel: Der Weise
für Gott. Erst wer diese gegenseitige Bezugnahme begriffen hat, versteht es, die vielangeführten Worte richtig zu deuten: „Meine reine, tiefe, angeborne und geübte Anschauungsweise hatte mich Gott in der Natur, die Natur in Gott zu sehen unverbrüchlich gelehrt, so daß diese Vorstellungsart den Grund meiner ganzen Existenz machte . . .“ *
In diesem Zusammenhang bedarf nun auch die Kunst einer Erwähnung. Der Kunst ist die Fähigkeit erteilt und dadurch auch das Ziel gesetzt, dem Menschengeist eine neue Natur zu schaffen, die näher ans Göttliche herangerückt ist; ihr ist gegeben, uns kraft der Phantasie aus luziferischen Schranken zu befreien. Schon dadurch, daß sie die Zeit vernichtet, „so daß wir das Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige zugleich erblicken, werden wir in einen überirdischen Zustand versetzt“. Hier wurzelt, nach Goethe, die Verwandtschaft zwischen Religion und Kunst; beide führen zum Erleben des Göttlichen. Darum ist höchste Kunst berufen, gemeinsam mit Religion zu wirken. Und wenn Goethe die griechischen Künstler über alle stellt, so geschieht das namentlich, weil es ihr „Sinn und Bestreben ist, den Menschen zu vergöttern, nicht die Gottheit zu vermenschen“. Die Richtung auf Gott zu, der „Bezug aufs Göttliche“ ist überall für Goethe entscheidend. „Den Triumph der Kunst“ bedeutet es für ihn, wenn sie, die doch zunächst nur auf die Sinne wirken, also nur Natur darstellen kann, es fertig bringt, „die gemeine Sinnlichkeit in eine höhere zu verwandeln, so daß von jener kaum eine Spur mehr zu finden ist“. Auf diesem Wege gelangen wir zu immer innigerer Berührung mit dem „Ungreiflichen“. Darum möchte Goethe unser ganzes Leben und unser Wissen in die von der Kunst vorgezeichnete Richtung überführen. Als ein „hohes philosophisches Ziel“ bezeichnet er es, in uns Menschen zwischen einem „Tierischen“ und einem „Göttlichen“ sorgfältig unterscheiden zu lernen, um dann „das göttlich   B e l e b e n d e   mit dem tierisch   B e l e b t e n   auf das Unschuldigste verbunden gewahr zu werden“. Das tierisch Belebte ist das Gebiet, wo Herr Jacques Loeb und die ganze jüdisch angehauchte Wissenschaft der Gegenwart heimisch sind, indem sie vermeinen, aus Eiweißverbindungen, Kohlehydraten, Enzymen, Tropismen usw. das Wesen des Menschen erklären zu können; selbst rein luziferisch werden sie da-
i
Natur, Gott    733
mit nie auskommen, weil das Leben Stoff und Kraft entgegengesetzt ist und nicht   a u s   ihnen, sondern   g e g e n   sie besteht; doch dem sei wie ihm wolle, von ihrem Standpunkt aus wird das göttlich Belebende überhaupt nicht wahrgenommen: und auf dieses kam es Goethe vor allem an.
Gewiß versteht man jetzt einen Lieblingsausdruck seiner letzten Jahre: wie Eckhart zwischen einem „Abenderkennen“ und einem „Morgenerkennen“ unterschieden hatte, so unterscheidet jetzt Goethe zwischen einer „Tagesansicht“ und einer „Nachtansicht“, zwischen einer „Nachtseite“ jeder Betrachtung und einer „Tagseite“. Die Tagesansicht entspringt — um bei unseren Symbolen zu bleiben — aus der herzerweiternden Diastole unseres Wesens, die Nachtansicht ist — wie Schlaf und Tod — die uns bedingten Menschen unerläßliche, uns einengende Systole. „Im Wissenschaftlichen“, bemerkt er, „wie in allem Irdischen ist die Nacht mächtiger als der Tag.“ Was Goetle unterscheidet, ist, daß er statt des üblichen Kampfes, die Versöhnung, beide Ansichten ebenso „auf das Unschuldigste verbunden“ will, wie es das Belebte und das Belebende in der Wirklichkeit sind. Er, der in seinem Innern einen so beständigen Kampf der Instinkte zu ertragen hatte, entdeckte, daß der ewige Kampf zwischen den Anhängern des Naturgemäßen und den Protagonisten des Gottverwandten, zwischen Realisten und Idealisten usw. aus einem gewaltigen Mißverständnis entspringt; denn es handelt sich um eine polare Entgegensetzung, und das eine auf Kosten des andern allein bevorzugen, ist genau das selbe, als wollte man positive Elektrizität sammeln und negative verbannen oder gar ihre Existenz in Abrede stellen. „Mag der Eine sich mehr gegen das Natürliche, der Andere mehr gegen das Ideale neigen, bedenke man doch, daß Natur und Ideal nicht miteinander im Streit liegen, daß sie vielmehr beide in der großen lebendigen Einheit innig verbunden sind, nach der wir so wunderbar streben,-indem wir sie vielleicht schon besitzen.“ Diese Einheit ist kein abstrakter Gedanke und keine verworrene schwebende Ahnung, vielmehr handelt es sich um eine in der Brust   b e w i r k t e   Einheit, welche nunmehr harmonisch über das Mannigfaltige zurückstrahlt.
Wenn ein aufmerksamer Leser es bei dieser unsrer vierten Gegenüberstellung nicht sofort bis zu dem von Goethe erwünschten
734    Sechstes Kapitel: Der Weise
„Anlanden“ (S. 587) bringt, so darf er nicht deswegen den Mut verlieren. Goethe's Gedanken werden nicht dadurch leichter, sondern im Gegenteil schwerer, daß er nicht abstrakt, sondern — wie er es nennt — „gegenständlich“ denkt. Denn, wie Kant uns belehrt: „Das Denken, für sich genommen,   i s t   b l o ß   die logische Funktion“; verfährt also bei Goethe das Denken nicht bloß logisch, so ist sein Denken mehr als Denken, und es wird mehr als bloßes Denken vom Andern erfordern, soll dieser es verstehen. Zu diesem „mehr als denken“, zu diesem supralogischen Erleben dessen, was Goethe erlebte, habe ich anzuleiten versucht.
Wollte man in ähnlicher Weise fortfahren, man fände der feinen Unterscheidungen kein Ende. Wir aber ziehen es vor, geradeaus auf den Schluß unserer Bemühungen hinzusteuern, nämlich auf den Punkt, wo wir bei den praktischen Folgerungen anlanden können, die Goethe aus seiner Auffassung von Natur und Gott für die Beurteilung des menschlichen Lebens sowie für die Maximen des eigenen Handelns zog. Zu diesem Behufe mache ich zunächst auf folgendes Paradoxon aufmerksam.
Häufig betont Goethe die „schrankenlose Willkür der Natur“; nicht seltener aber preist er „die Konsequenz der Natur“. An und für sich ist sie Willkür und Zufall — „das irdische Willenlose“, wie es einmal heißt; doch um sie erkennen zu können, wandelt sie des Menschen Geist zu „Gesetz“ um, wo dann „die Konsequenz der Natur schön tröstet über die Inkonsequenz der Menschen“, so daß ihm (Goethen) „nichts ein so reines befriedigendes Gefühl von Dauer gibt als die Konsequenz der Natur“. Darum dringt Goethe — im Gegensatz zu allem Atomistischen — auf die Erkenntnis eines „Gesetzmäßig-Bedingten“. Er würde nun sagen: das Zufällige, Willkürliche, Schrankenlose an der Natur ist die Natur als „bloße Natur“, wie sie in der Allegorie Luzifer geschaffen hatte; das Gesetz, die Bedingung, der Zusammenhang sind Zutat Gottes. Luzifer schuf Chaos, Gott wandelte es in Kosmos. Goethe stellt an uns Menschen ausdrücklich die Forderung, „über die Natur hinauszudenken“; das Göttliche an unserem Wesen, das Lichtverwandte ist es, wodurch die Natur für uns Menschen Gestalt erhält: nur weil er gottverwandt ist, erkennt der Mensch in der Natur Gott. Auf diese fast unentwirrbare Verflechtung von Natur und Gott im
Natur, Gott    735
Gemüte des Menschen zielt nun ein tiefes Wort Goethe's, das ich eigenem langen Nachsinnen anempfehlen muß: „In der Natur ist alles, was im Subjekt ist, und etwas drüber; im Subjekt ist alles, was in der Natur ist, und etwas drüber“; daher wir denn „auf doppelte Weise verloren oder geborgen sind: dem Objekt sein Mehr zuzugestehen und auf unser subjektives Mehr zu verzichten, das Subjekt mit seinem Mehr zu erhöhen und jenes Mehr nicht anerkennen“. Verloren — wie sich Goethe ausdrückt — sind wir, wenn wir auf unser subjektives „Mehr“ verzichten, denn dann bleibt unsere Naturerkenntnis materialistisches Stümperwerk, und zugleich kastrieren wir gleichsam unser Selbst um alle göttliche Zeugungsfähigkeit; wie es in der Allegorie heißt: der Abfall Luzifer's ward im Menschen „zum zweitenmal eminent“. Verloren sind wir aber ebenfalls, wenn wir das „Mehr“ in der Natur nicht anerkennen, d. h. wenn wir uns Menschen behandeln wollen, als wären wir reine Geisteswesen, und nicht beachten, daß wir der Natur, auch über alles Denken hinaus, angehören und daß infolgedessen die Empörung wider die Natur Selbstmord bedeutet. In allen Fragen des Lebens ist Goethe's Standpunkt durch diese Gegenüberstellung haarscharf bezeichnet: keine der vielgerühmten Erfolge der Wissenschaft sind imstande, ihn über den Besitz seines subjektiven Mehr irrezuführen; keine Religionsschwärmerei vermag es, ihn von dem Boden einer gesunden, unverhohlenen Naturangehörigkeit loszulösen. Von diesem Standpunkt aus allein kann es gelingen, Goethe's Ideen über   d e n   Menschen und über   d i e   Menschen zu verstehen, wie auch sein Verhalten im Leben richtig zu beurteilen. Die Ausführung dieser Erkenntnis an den hundertsiebenunddreißig Bänden Goethescher Schriften gäbe Stoff zu einem umfangreichen Buche. Hier nur einige Winke, als Anleitung zu eigenen Studien.
Die Natur ist zugleich Notwendigkeit und schrankenlose Willkür; das Göttliche ist zugleich Freiheit und Gesetz. Deuten wollen wir an diesen Tatsachen jetzt nicht weiter: so erblickt Goethe die Welt; das mag uns genügen, da wir daraus das richtige Schema zur Analyse seines Denkens gewinnen. Denn aus der Vierteilung — notwendige Natur, willkürliche Natur, göttliche Freiheit, göttliches Gesetz — ergeben sich auch für alles Menschliche verschiedene Linien des Wandelns und Umwandelns, und man wird bei gar manchen
736    Sechstes Kapitel: Der Weise

Fragen Goethe's wahre Meinung und die Motivierung seines Tuns und Lassens falsch beurteilen, wenn man diese Linien nicht klar unterscheidet. Werfen wir erst einen schnellen Rundblick auf die vier Richtungen des Geschehens, damit sie uns kräftig umrissen vor Augen stehen,um dann nachher bei jeder einzelnen eingehender zuverweilen.
Die Notwendigkeit der menschlichen Natur — als Natur — bringt in jeder menschlichen Gesellschaft eine unaufhörliche sozial-ökonomische Entwickelung aus einem Zustand in einen neuen und wiederum in einen anderen hervor, gegen welche keine Macht der Welt aufzukommen fähig ist: in dieser Beziehung ist Geschichte reine Naturnotwendigkeit und sollte auch als solche aufgefaßt und dargestellt werden. Kein Caesar und kein Napoleon vermag da mehr als ein wenig beeilen oder ein wenig zurückhalten: „Die Großen dieser Erde ... können, bei aller Gewalt, die ihnen erteilt ist, den Lauf des Jahrhunderts nicht ändern und müssen oft beschützen, was sie selbst nicht billigen.“ Höchstens ein Mohammed. indem er das Innere umwandelt, paralysiert den äußeren Fortgang: aufbauen kann er nicht, nur zerstören. Der schrankenlosen Willkür der Natur entspricht dasjenige im Menschenleben, was wir   P o l i t i k   zu nennen belieben: diese ist und bleibt ein Spiel, manchmal ein grausames, bisweilen ein interessantes, zumeist ein langweiliges, dem wir alle viel zu viel Beachtung schenken. In die Geschichte als notwendige Natur vertieft sich Goethe gern, verliert dagegen alle Geduld bei der Wichtigtuerei der Geschichte als Politik, die nie etwas aiideres ist als die Geschichte willkürlichen Wollens und Tuns und einer klugen oder unklugen Behandlung des Zufälligen. Außer diesen zwei Wegen der Natur gibt es zwei Wege des Göttlichen im Menschen. Diese Wege des Göttlichen sind und bleiben von jenen der Natur ganz und gar getrennt; eine Tendenz moderner Historiker, das seinem Wesen nach Ewige mit dem seinem Wesen nach Zeitlichen zu verweben, vermeinend, nun erst werde Geschichte lebendig inhaltreich, beruht auf gründlich verirrtem Urteil. So hat Kunst z. B. mit politischer Geschichte rein gar nichts zu tun; diese kann sie wohl zufällig hemmen oder fördern, wodurch aber ein rein mechanisches Moment — nicht ein Zusammenhang — sich kundtut. Ebenso umfaßt und überdauert eine Religion alle politischen und sozialökonomischen Zustände und Umwälzungen — man denke nur an
Natur, Gott    737
das Christentum; und andrerseits vermag es keine Gewalt, einen Glauben, der hundert Geschlechter beherrschte, weiter zu erhalten, sobald er einmal verblaßt — man denke an die großartigen Kirchen Babyloniens und Ägyptens, welche Dynastien, Völker, Revolutionen, Zivilisationsepochen jahrtausendelang miterlebten und überlebten, um dann spurlos von der Erde zu verschwinden; plötzlich erlischt das Licht, und dafür brennt ein anderes, bisher unbeachtetes, helllichterloh, vertilgt viele geheiligte soziale Konventionen und löst in einem einzigen Tag Zwangsverhältnisse, unter denen Jahrhunderte sich gebeugt hatten. Beim Göttlichen muß also zum wenigsten Historie nach andrem Maße gemessen werden als bei sonstiger Geschichte. Hier haben wir mit Goethe Freiheit und Gesetz zu unterscheiden gelernt. Aus der göttlichen Freiheit geht das hervor, was man wohl am besten als   M y t h o s   bezeichnet und worunter ich, dem Winke unseres Weisen folgend, alles umfaßt wissen möchte, was Kunst und was Wissenschaft genannt werden kann (nicht Handwerk und nicht Technik), und darüber hinaus alle diejenigen schöpferischen Ideen (Weltanschauungen), aus welchen unsere — im Laufe der Zeiten so sehr wechselnden — Vorstellungen von Welt und Mensch aufgebaut sind; Kunst und Wissenschaft und Philosophie sind viel enger an den herrschenden Mythos gebunden und ihm untertan, als sich der jeweilige Mensch in seiner Gegenwart dessen bewußt wird; in einer Beziehung machen sie den Mythos aus, in einer anderen werden sie von ihm gemacht. Das ist der wahre Sinn des allzuberühmten, weil — wie so vieles von Goethe — auf das Niveau platter Philisterhirne heruntergefälschten Wortes:

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion;
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion!

Wer Kunst und Wissenschaft wirklich „besitzt“, der besitzt eben den ganzen göttlichen Mythos; er ist in Religion getränkt und braucht nicht erst von ihr zu reden, denn sie ist die Luft, die er atmet. Kunst und Wissenschaft bewegen sich genau mitteninne zwischen der Religion in Herz und Hirn und dem Mythos in den Sinnen und dem Sin
Chamberlain, Goethe    47
738    Sechstes Kapitel: Der Weise
neu; sie leiten ununterbrochen zu dem einen oder zu dem anderen, und, wenn richtig gepflegt, von dem einen zu dem anderen. Das war Goethe's Erfahrung. Wie Viele werden aber mit ihm behaupten können, sie „besäßen“ Kunst und Wissenschaft? Es handelt sich doch nicht um armseliges Wissen und um armselige Liebhaberei, sondern um ein das ganze Wesen durchdringendes, das Wollen und Tun gestaltendes Erleben. Wir haben Goethe von der Jugend bis ins Alter die Natur erforschen sehen, erforschen und zu plastischem Ideengehalt gestalten; zugleich aber seine Sinne — Aug' und Ohr — tagtäglich die Nahrung aller edelsten Kunst einsaugen: wer so lebt, lebt in Gott; wer nicht so lebt, wer nicht mitten im lebendigen Mythos denkt und schafft, sondern in der öden, inhaltlosen Prosa des Tags, der tue sich um nach einer Religion, nach irgend einer, denn die der nackten Botokuden wird besser sein als die gähnende Ode im Herzen von Millionen elektrisch beleuchteter, in Automobilen aus einer Seelenleere in die andere herumrasender Kosmopoliten des heutigen Tages. Soviel nur vorläufig über den der göttlichen Freiheit entsprießenden Mythos. Aus dem göttlichen Gesetz entspringt das, was als   S i t t e n g e b o t   ebenfalls politische Revolutionen überlebt und die Europäer des zwanzigsten Jahrhunderts Hammurabi nahe rückt. In dieser Beziehung, wie in so mancher anderen, schloß sich Goethe's angeborene Anschauung eng an diejenige an, die er bei seinem großen Zeitgenossen Kant ausführlich begründet kennen lernte. „Das Gewissen“, schreibt Goethe, „bedarf keines Ahnherrn, mit ihm ist alles gegeben; es hat nur mit der innern eigenen Welt zu tun.“ Die Taten wechseln wohl mit den einer jeden Epoche eigenen Vorstellungen und Gegebenheiten, doch der sittliche Kern bleibt der selbe; sittlich unterscheiden sich die Raubritter des heutigen Tages von den viel geschmähten Raubrittern des Mittelalters (abgesehen davon, daß sie in ungleich größerem Maßstabe rauben) einzig dadurch, daß sie bar aller ritterlichen Tugenden sind. Erstaunt über die hohe Sittlichkeit in uralten Werken, fragte Eckermann, wie das Sittliche in die Welt gekommen sei. „Durch Gott selber,“ erwiderte Goethe, „wie alles andere Gute. Es ist kein Produkt menschlicher Reflexion, sondern es ist angeschaffene und angeborene schöne Natur.“ Daß Eckermann gut gehört hat, dafür zeugen die Verse:

Natur, Gott    '    739

Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust,
Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an,
Was zu ergreifen ist und was zu fliehn.

Mit größerer philosophischer Schärfe spricht die bekannte Strophe das Gleiche aus:

Sofort nun wende dich nach innen,
Das Zentrum findest du dadrinnen,
Woran kein Edler zweifeln mag.
Wirst keine Regel da vermissen:
Denn das selbständige Gewissen
Ist Sonne deinem Sittentag.

Ob wir diesem Gebot des Gewissens — dem kategorischen Imperativ, wie Kant es nannte — folgen oder nicht, ist eine andere Frage; darauf kann Erziehung, Umgebung, Religion usw. bedeutenden Einfluß üben; wesentlich ist aber für Goethe — wie für Kant — die Überzeugung, Sittengebot und Religion seien zwei völlig getrennte geistige Funktionen; das Sittengebot entsteht „dadrinnen im Zentrum“, es bildet den Mittelpunkt der einzelnen Monade, hingegen Religion wesentlich mit dem Mythos zusammenhängt und ihre ganze Bedeutung in der Bildung, Pflege und Heiligung der Gemeinsamkeit findet. Das Sittengebot ist das einzige Absolute, was wir Menschen besitzen. „Der Mensch lerne sich ohne dauernden äußeren Bezug zu denken, er suche das Folgerechte nicht an den Umständen, sondern in sich selbst; dort wird er's finden, mit Liebe hegen und pflegen.“ So lehrt Goethe das Bewußtsein des Gewissens großziehen; kein Vorfall, keine Begebenheit kann als Entschuldigung dienen für Mißachtung der ganz leisen, ganz vernehmlichen Stimme im Innern. „Man kann das Gewissen belügen, aber nicht täuschen.“ Goethe kennt keine Grenzen bei seiner Schätzung des Gewissens; in allem und jedem forscht er zuerst nach der Gewissenhaftigkeit. „Gewissen ist das höchste, das würdigste Erbteil des Menschen: eine inkommensurable, bis ins feinste wirkende, sich selber spaltende und wieder verbindende Tätigkeit. Und Gewissen ist's vom höchsten bis ins geringste. Gewissen ist's, wer das kleinste Gedicht gut und vortrefflich macht.“ Hingegen die Religion immer ein Schwebendes, Kreis um Kreis, enger und weiter Gewobenes ist, da „das Göttliche sich

740    Sechstes Kapitel: Der Weise
niemals von uns direkt erkennen läßt“ und wir es nur „im Abglanz, im Beispiel, Symbol schauen“:

Ungehemmt mit heißem Triebe
Läßt sich da kein Ende finden,
Bis im Anschaun ew'ger Liebe
Wir verschweben, wir verschwinden.

Man wird wohl daran tun, bei Goethe's Urteilen, Lehren, Ratschlägen sich immer zu fragen, ob er sie aus dem Kreise des Sozialökonomischen, des Politischen, des Mythischen oder des Sittlichen fällt und erteilt. Wer die hier skizzierte, zwiefach verzweigte Betrachtungsart Goethe's kennt und dauernd beachtet, wird manches bei ihm verstehen lernen, was ihm bisher unentwirrbar erschienen war.
So z. B. ist es Goethe's beständige Tendenz, jede Berührung mit der Politik, wenn irgend tunlich, zu vermeiden. „Politisch sein“ bildet für ihn den Gegensatz zu „vernünftig sein“. Diese Herrschaft schrankenloser Willkür ist ihm verhaßt. „Wenn nur Ordnung gehalten wird, so ist es ganz einerlei, durch welche Mittel“: das ist Goethe's Grundbekenntnis in politischer Beziehung. Er ergänzt es einmal durch das launige: „Ich mag mich sehr gern regieren und besteuern lassen, wenn man mir nur an der Öffnung meines Fasses die Sonne läßt.“ Goethen ist in Wirklichkeit jede Regierungsform vollkommen gleichgültig. „In allen Regierungsformen, wie sie auch heißen, existieren Freiheit und Knechtschaft zugleich polarisch“; das ist Naturgesetz und daher durch keine Argumente und Doktrinen zu überwinden. Eine gewisse Vorliebe verhehlt Goethe nicht für Despotie, weil sie nach seiner Überzeugung „große Charaktere schafft“; denn sie „fördert die Autokratie eines Jeden, indem sie von oben bis unten die Verantwortlichkeit dem Individuum zumutet und so den höchsten Grad von Tätigkeit hervorbringt“; doch tritt hier wieder die Willkür des Einzelnen verheerend ein, wie Goethe es an Napoleon erlebte und im Epimenides geißelt. Wird aber, wie er es ausdrückt, „die Masse absolut“, dann tritt die entgegengesetzte Wirkung ein, die Vernichtung der Persönlichkeiten; „Revolutionär und Sklav“ sind zusammengehörige Begriffe. Am wenigsten gelingt es irgend einem Menschen, Goethe zu überzeugen, die „verworrene Willkür“ parlamentarischer Regierung sei vorzuziehen, weil man sie
Natur, Gott    741
mit dem schönen Namen Freiheit zu etikettieren beliebt. Wie ich schon im dritten Kapitel auszuführen Gelegenheit hatte, Goethe schätzt die   G l e i c h h e i t   über alles — nicht den äußeren Schein, wohl aber die innere Gelegenheit zur Entwickelung des Individuums nach der ihm zuträglichen Richtung, und diese wird durch sozialökonomische Verhältnisse gegeben; ihr direkt antagonistisch wirkt nach ihm die Lehre der politischen Freiheit, und „einzig Charlatans“ behaupten das Gegenteil (S. 214). Wahre Freiheit ist nur dort, wo „alle Rechte geschätzt werden“. Goethe's unüberwindliche Abneigung gegen Oratorik und Parteiwesen genügt, unsere modernen Regierungssysteme ihm verhaßt zu machen. Er will lieber von einzelnen Menschen regiert werden, deren Beruf es ist zu regieren und deren Interesse an Bestand und Folge gebunden ist: hierdurch, meint er, wird das unvermeidliche Element der Willkür auf ein Mindestmaß zurückgeführt und das erste aller Bedürfnisse für das Gemeinwesen — die Dauer — gesichert. Hingegen „führt jede Einmischung der Einzelnen ins Regiment mit löblichen Anfängen zu unabsehbar unglücklichen Folgen“. Wächst dies nun gar zu entscheidend mächtigen Volksvertretungen aus, so erblickt Goethe mit nicht zu täuschender Klarheit die Folgen. „Die Chorführer der Menge sind gar aufmerksame Leute; ohne sich beredet zu haben, handeln sie zu gemeinsamem Vorteil.“ Und welches Mittels bedienen sich die Chorführer, um zu ihrer Machtstellun; zu gelan;en? Der Redekunst, von welcher Goethe sagt, „Anfang, Mittel und Ende dieser Kunst sei durchaus Verstellung“. Und nun setzt die Herrschaft der sogenannten Majorität ein, über welche Goethe die prächtigen Worte gesprochen hat: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität; denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkomodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.“ * Wenn aber nun die Menge durch das allgemeine Stimmrecht die Herrschaft an sich gerissen hat, was soll man da machen? Goethe rät, sie gewähren zu lassen; er liebt nicht Gewalt; das uns Heutige tyrannisierende Dogma von der politischen Weisheit der Majorität „läßt er im notwendigen Weltlauf gelten, hat aber im höhern Sinne nicht viel Zutrauen auf sie.“ Gute Politik ist nur diejenige, welche die Zukunft gegen die Übergriffe der Gegen-
742    Sechstes Kapitel: Der Weise
wart schützt, auch künftiger Gegenwart die Wege vorausblickend bahnt; damit ist jede Demokratie gerichtet, weil sie nicht, wie die Fürstenfamilie, an irgend einer Fortdauer Interesse hat. „Die Philister sind aber Legion, und man muß sie gewähren lassen, allenfalls nur sie hänseln, wie ich's von Zeit zu Zeit auch getan habe. Würdest du dich wohl über Kinder ärgern, die lieber in einem Kirschgarten herumnaschen, wo ihnen die Beeren ins Maul hängen, als in einem jungen Fichtendickicht spazieren, das erst in hundert Jahren Enkeln und Urenkeln Vorteil und Freude bringen soll?“ Und so läßt sich Goethe selber in den Landtag schicken und begnügt sich damit, nicht hineinzugehen:

Warum denn aber bei unsern Sitzen
Bist du so selten gegenwärtig?
Mag nicht für Langerweile schwitzen,
Der Mehrheit bin ich immer gewärtig.

Man solle, meint er, „es wirklich ernster in sich und für sich selbst nehmen, indem man die liebe leidige Welt in ihrem vieltausendjährigen Narrenleben in Gottesnamen fortwandeln läßt. Es ist schrecklich, wie sich das ein- über das andere Mal wieder in seinen Irrtümern brüstet!“
So wendet sich denn Goethe gern von dieser politischen Hexenküche hinweg dem Walten ewiger Gesetze zu, gleichviel ob diese Heil bringen oder unabwendbares Unheil drohen. „Möge die neue heftige Aufregung der Kinder dieser Welt“, schreibt er bei der Revolution des Jahres 1830, „uns Andere in stiller Betrachtung nicht allzu sehr schüttelnd und rüttelnd verhindern.“ Diese stille Betrachtung gilt, wie immer bei Goethe, der lautlos unüberwindlich fortschreitenden „Natur als Notwendigkeit“, das heißt hier der sozial-kulturellen Entwickelung im Gegensatz zur Tagespolitik. Es will etwas heißen, wenn ein anno 1832 Verstorbener den Einfluß von Eisenbahnen, Dampfschiff und Telegraph auf die Gestaltung Europas und der Welt vorausverkündet, wenn er das aufdämmernde Maschinenwesen in seiner umwälzenden Gewalt geahnt und beschrieben hat (S. 611). Auch in das moderne Großstadtleben, ihm aus Erfahrung unbekannt,' drang das Auge des alles miterlebenden Poeten:

Natur, Gott    743

Zu dieser Wildnis frechen Städtelebens,
Zu diesem Wust verfeinerter Verbrechen,
Zu diesem Pfuhl der Selbstigkeit gewendet!

Als Mephistopheles die erregte Schilderung einer neueren Hauptstadt gegeben und seiner Freude

Am lärmigen Hin- und Widerrutschen,
Am ewigen Hin- und Widerlaufen
Zerstreuter Ameis-Wimmelhaufen

und dann der stolzen Pracht des außerhalb der Tore „grandios“ lebenden reichen Mannes gedacht hat, faßt Faust seine Geringschätzung in die vier Worte zusammen:

Schlecht und modern! Sardanapal!

Und dennoch zieht es Goethe manchmal dahin, wo so unerschöpfliche Belehrung und Anregung geboten wird; immer wieder äußert sich diese Sehnsucht gegen den in Berlin wirkenden und genießenden Freund Zelter. Am Horizonte verfolgt er die stetig aufsteigende Wissenschaft der Natur sowie die unter den neuen Bedingungen des Lebens ins Dasein tretende Weltliteratur, reicher an gutem Willen als an Vermögen, den neuen Aufgaben sich gewachsen zu zeigen; „was der Menge zusagt, wird sich grenzenlos ausbreiten und, wie wir jetzt schon sehen, sich in allen Zonen und Gegenden empfehlen; dies wird aber dem Ernsten und eigentlich Tüchtigen weniger gelingen“. Andrerseits werden aber bei den „velociferisch“ sich gestaltenden „Facilitäten der Kommunikation“ die Beziehungen zwischen den einzelnen Ausgewählten zunehmende Erleichterung finden, wodurch eine neue Aristokratie inmitten der plebejischen Sturmflut vorbereitet wird. Mit tiefer Besorgnis erlebt Goethe die unbeachtet, gleichsam unbewußt vor sich gehenden sozialen Umwälzungen, wie die verhängnisvolle Zulassung der Juden zu Bürgerrechten und Mischehen (S. 720), freut sich dagegen über die wachsenden Bildungsmöglichkeiten, über seiner Freunde — der beiden Humboldt — Organisierung der Berliner Universität usw. ad infinitum. Alle diese Dinge waren es, im Gegensatz zur leidigen Politik, die seine Aufmerksamkeit gefangen hielten. Und wenn er lehrt: „Jeder soll nur sein Handwerk ernsthaft treiben und das Übrige alles
744    Sechstes Kapitel: Der Weise
lustig nehmen“, so darf man nur ja nicht das Wort „ernsthaft“ überhören, denn da gerade liegt der moralische Kern, den so Mancher bei Goethe zu beachten versäumt.
Zusammenfassend: an die Politik glaubte Goethe nicht, auch nicht an die deutsche Politik, auch nicht an die Politik der Freiheitskriege, deren bedenkliche Folgen er aus seinem bevorzugten Winkel vorauszusehen genügend unterrichtet war. „Durch Anstrengungen viel geringerer Kraft hätten wir unsere Integrität erhalten können“, klagt er, der den jämmerlichen Feldzug von 1792 mitgemacht hatte; und was die Fürsten in „dem großen Hexenkessel“ des Wiener Kongresses brauen würden, das wußte er nur zu gut und prägte im voraus darauf das Distichon:

Sind Könige je zusammengekommen,
So hat man immer nur Unheil vernommen.
Dem Unpolitischen dagegen war er hingebend gewidmet:
Da wo wir lieben, Ist Vaterland!

Goethe gegen den Vorwurf mangelnder Vaterlandsliebe in Schutz zu nehmen, darf wohl heute, endlich, als überflüssig gelten. Von den vielen Dummheiten, die jahrelang über ihn Geltung besaßen, war diese wohl die bodenlos dümmste. Derjenige Mann, „der nicht anders als   d e u t s c h   sein konnte“, der „wahrhaft vaterländisch gesinnte Mann“, der mehr als irgend ein anderer Einzelner das DeutschbewuBtsein aus Tod zu Leben geweckt hat, sollte selber ein schlechter Deutscher gewesen sein! Ludwig Tieck, dem man weder Urteilsfähigkeit ab- noch parteiische Voreingenommenheit für Goethe zusprechen wird, erzählt: Deutschlands Eigentümlichkeit und Tüchtigkeit war verschwunden.... „So wie Goethe nur die Augen auftat und sie Andern wieder öffnete, war Deutschland unmittelbar auch da.... Denn nicht das Talent und die Vollendung ist es allein, die Goethe, mit dem also nach meiner Einsicht die neue deutsche Poesie anhebt, charakterisiert, sondern die   d e u t s c h e   Gesinnung, die Verklärung des Volkes und Vaterlandes, das durch ihn gleichsam im Bewußtsein erst entstand und entdeckt wurde. “Wie flammt Goethe
Natur, Gott
745
in den neunziger Jahren auf, als ein deutscher Thersites — so geißelt er ihn — über die Armseligkeit der deutschen Literatur klagtl Im neueren Deutschland (im Gegensatz zu anderen Ländern) sind es ja die Schriftgewaltigen, die das nationale Bewußtsein nach und nach wachgerufen haben; von innen nahm die Einigung ihren Weg; der Geist hatte sie vollbracht, lange ehe Schwert und Politik das ihrige zu der Vollendung beitrugen. Der deutsche Schriftsteller, schreibt Goethe, „seufzte oft genug nach Gelegenheit, die Eigenheiten seines originellen Genius einer allgemeinen Nationalkultur, die er leider nicht vorfand, zu unterwerfen. Denn die Bildung der höheren Klassen durch fremde Sitten und ausländische Literatur, so viel Vorteil sie uns auch gebracht hat, hinderte doch den Deutschen als Deutschen sich früher zu entwickeln“. Und dann zeigt er die Sorgfalt auf — ja, die „Religion“ — mit welcher die Geistesmächtigen gearbeitet hatten, um den Deutschen eine deutsche Gedanken- und Gefühlsatmosphäre erst zu schaffen, wodurch nach und nach „eine Art von unsichtbarer Schule entstand“ — die Schule des Deutschseins! „Wenn ich aussprechen soll, was ich den Deutschen überhaupt ... geworden bin, so darf ich mich wohl ihren   B e f r e i e r   nennen“: ein ebenso gerechtes wie stolzes Bekenntnis, für das er ein anderes Mal die heiteren Verse fand:
Ihr könnt mir immer ungescheut, Wie Blüchern, Denkmal setzen; Von Franzen hat er euch befreit, Ich von Philister-Netzen.
Kem Anderer hat, wie Goethe in Götz, dem Deutschen ein zugleich naiv realistisches und erhaben idealisches Bild seines Rittertums vor Augen gehalten, die ewige Belehrung über das, was Adel und Freiheit und Treue heißt; Keiner hat, wie er in seinem Hermann, den deutschen Bauern so wahr und zugleich so verklärt hingestellt: noch nach Jahrtausenden wird diese Dichtung von dem Besten, was deutsches Wesen barg, Völkern erzählen, die vielleicht nur dieses eine des Aufbewahrens wert halten werden; wollen sie aber aus den verworrenen Annalen Europas ein Stück Geschichte als Bild des Lebens unserer Epoche hinüberretten, so wird es gewiß Dichtung und Wahrheit sein, welches, wie kein anderes Werk, von dem wir Kunde be-
746    Sechstes Kapitel: Der Weise
sitzen, ein Volk, einen Ort, eine Zeit, den wimmelnden Menschenhaufen, Typen aus allen Gesellschaftsklassen bis in die letzte Einzelheit schildert und darum überzeugend wahr, zugleich aber so kühn und sicher umrissen, das Überflüssige durch den Rahmen der Erzählung abgeschnitten, daß alles sich der Phantasie als Bild einprägt. Von diesem Buche, entstanden während der Freiheitskriege, urteilt der Dichter selber, es zu schreiben, sei „der größte Dienst, den er glaube seinem Vaterlande leisten zu können“. Freilich reichte Goethes Wirken weit über das Vaterländische hinaus; in mehr als einer Beziehung könnte man seinen Faust als das dichterische Symbol des Menschenwesens überhaupt bezeichnen — gleichsam das ungeheuer gesteigerte Gegenstück zu jener einfachen Allegorie der Jugendjahre, die ich in diesem Abschnitt der Verdeutlichung wegen heranzog; wie Mephisto aus einer Verneinung zur anderen gegen Luzifer zu sich bewegt, ebenso Faust aus einer Bejahung in die andere „gegen Gott zu“. Auch ein solches Phänomen wie seine schöpferische Behandlung der Sprache kann als Wasserlinie gelten, bis wohin die höchste Flut nicht bloß deutscher, sondern menschlicher Begabung es in der Handhabung dieses Werkzeuges bringen kann. Immerhin bleibt es für die Hingabe an seine Heimat bemerkenswert, daß alles unter seinen Händen spezifisch deutsch wird; nur in frühen Knabenjahren hat Goethe je sich durch seine große Begabung verlocken lassen, seine Sprachbeherrschung anderen Idiomen zu widmen. Faust ist wohl Mensch im umfassendsten Sinne, trägt aber den unverkennbaren Charakter des deutschen Menschen; seiner Iphigenie hat man das ungriechische, aus deutschem Empfinden hervorgegangene Wesen zum Vorwurf gemacht; am Tasso ist wenig außer der Landschaft italienisch; seine französische Eugenie ist deutsch von Kopf zu Fuß. Daher führte der heißbegehrte und glühend genossene Aufenthalt unter dem Himmel und der Kunst Italiens zu der Erkenntnis: „Ich kann nicht außerhalb des Vaterlandes leben“; wie äußerlich, so galt dies auch innerlich. „Der Verlust, den wir alle mehr oder weniger erlitten haben“, schreibt er 1815, „kann nur verschmerzt werden, wenn wir uns immer treuer aneinander schließen, und der Deutsche immer mehr einsehen lernt, daß nirgends für ihn Heil zu finden sei, als bei seinen Landsleuten.“ Denn verhielt sich Goethe in jenen Jahren der Erregung stiller, als
Natur, Gott    747
Mancher damals wie heute es wünschen mochte, so dürfte man nicht Alter und andere negative entschuldigende Gründe dafür vorbringen, sondern positive, entscheidende: „Sowie ein Dichter politisch wirken will, muß er sich einer Partei hingeben, und sowie er dieses tut, ist er als Poet verloren; er muß seinem freien Geiste, seinem unbefangenen Überblick Lebewohl sagen und dagegen die Kappe der Borniertheit und des blinden Hasses über die Ohren ziehen.“ Lange ehe irgend Einer in deutschen Landen sich regte, hatte Goethe im vierten Gesang von Heilmann und Dorothea den flammenden Ruf gedichtet:
Wahrlich, wäre die Kraft der deutschen Jugend beisammen, An der Grenze, verbündet, nicht nachzugeben den Fremden, O, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten ...!
Jetzt aber, er wußte es wohl, war ihm eine Aufgabe zugefallen, der er allein unter den Lebenden gerecht werden konnte: auf eine Zeit übermäßiger völkischer Erregung und Leistung folgt immer Ernüchterung, Wirrnis, Zweifel — die Männer meiner Generation haben es wieder einmal erlebt; ein Deutschland ging zu Grabe, ein neues war im Entstehen; Krieg und Kongreß bilden die Grenze; wer wagt zu behaupten, das neue Deutschland — das Deutschland, fähig, Männern von der geistigen und moralischen Qualität eines Börne und eines Heine Bewunderung zu zollen und Einfluß einzuräumen — sei dem früheren ebenbürtig? Während nach außen hin die Flammen so hoch schlugen, wäre leicht auf dem heiligen Herd des echten deutschen Heimes das Feuer bis auf den letzten Funken für immer erloschen; es „unter der Asche“ wach zu halten, da es „die nächste Generation so nötig haben wird“, empfand Goethe als seinen Beruf; ihm lag es ob, die   R e i n h e i t   des deutschen Empfindens zu wahren. Leise gesteht er sich's:
Tadle nicht der Götter Willen Wenn du manches Jahr gewannst: Sie bewahrten dich im Stillen, Daß du rein empfinden kannst.
Dazu war es nötig, daß er abseits stehen blieb; nicht auf vergängliche Ereignisse durfte seine göttliche Kraft verschwendet werden. Jüdische
748    Sechstes Kapitel: Der Weise
Goethe-Philologen — eifrig bestrebt, den „alten Goethe“ unter lauter Bücklingen zurTüre hinauszukomplimentieren — geraten in deutschpatriotische Entrüstung über sein Verhalten und reden mit Geringschätzung von den „ungeschickten Anwälten, die ihn zu verteidigen suchen“; der erste dieser Anwälte war er selber:
Weltverwirrung zu betrachten, Herzensirrung zu beachten, Dazu war der Freund berufen.
Gleich nach den Kriegen stand das neue Gesindeldeutschland fertig da, auf allen Gebieten nach Kräften Verwirrung stiftend, die Guten konfus, die Schwachen abwendig, die Charakterlosen zu seinen Handlangern machend; auf geistigem Gebiete bildete die gründliche Irreführung und heillose Verderbnis des Geschmacks das erste Ziel. Diesem mit rücksichtsloser Keckheit unternommenen Ansturm wider alles echt Deutsche stand — an sich allein eine Weltmacht — der eine Goethe entgegen. Zu keiner Zeit war sein Wirken von weiter tragender Bedeutung als in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens. Zu der vollendeten Meisterschaft gesellte sich das klare Zielbewußtsein; Diejenigen, die uns den „alten Goethe“ verdächtig machen ,%i•ollen, wissen schon, warum. Denn als die vielbesungene Erhebung stattgefunden hatte, was fand der Herrliche in seinem geliebten Deutschland, dort, wo früher Biedersinn, Ernst, weitverzweigte Freundschaft unter allen Tüchtigen bestanden hatte? Er fand „Unglauben“, „Unwillen“, „Zerstörung des wechselseitigen Glaubens und Lösung so vieler vertraulicher Bande“, er fand „Verkennung, MiBachtung, Hinderung, Verspätung, Verfolgung und Beschädigung“, er fand das „einander ewig Widerstreben“ und „die neidische Apprehension untereinander“; der Liebereiche, jede wahre Begabung unterstützend Fördernde weiß jetzt den edelsten Deutschen nur das Eine zu raten, jeder möge sich auf seine umfriedete „Burg“ zurückziehen, denn „verwirrende Lehre zu verwirrtem Handel walte über die Welt“; sein eigenes erhabenstes Werk wagt er nicht mehr der Öffentlichkeit zu übergebenl Viktor Hehn meint, am Morgen des 22. März 1832, als Goethe die Augen schloß, da „begann das jüdische Zeitalter, in dem wir jetzt leben“; und in der Tat, der freche Schuft Börne, dem Goethe's Vaterstadt schamlos ein Standbild errichtet hat,
Natur, Gott    749
wieherte freudetrunken über die „Befreiung Deutschlands“ auf, als er die Nachricht von dem Tode des größten aller Deutschen erhielt, ein Lachen, das jedem Germanen als Mahnruf in den Ohren weiterhallen sollte; denn für wen als für verratsinnende Schandbuben konnte der ewige Schlaf dieses Einen „Freiheit“ bedeuten? Doch der Verrat war, wie wir sahen, schon lange im Anzuge und dem alles durchdringenden Auge nicht verborgen geblieben; und was der Große damals zu Schutz und Abwehr wirkte, wirkt gottlob noch heute fort und gehört zu den wenigen Quellen der Hoffnung;-denn nur im Sinne einer Prophezeiung können wir die Worte auffassen:

So rissen wir uns rings herum
Von fremden Banden los.
Nun sind wir Deutsche wiederum,
Nun sind wir wieder groß.
So waren wir und sind es auch
Das edelste Geschlecht,
Von biederm Sinn und reinem Hauch
Und in der Taten Recht.

Glaubt Jemand wirklich, diese Worte könnten sich auf das Deutschland Heine's und Börne's und ihrer heutigen Nachfolger beziehen? Glaubt wirklich irgend ein redlicher Deutscher, wir seien jetzt der fremden Bande los? und wagt es, frohgemut zu singen:

Nun sind wir   D e u t s c h e   wiederum?

Doch, wenn wir noch Hoffnung hegen auf ein Erwachen Deutschlands aus seiner Schmach — und Goethe's Geist ist eine wahre Pflanzschule der Hoffnung — so ist von den Säulen, auf denen diese Zuversicht ruht, keine tragfähiger als das Lebenswerk dieses Einen. Hat doch gerade er gesungen:
Doch, was dem Abgrund kühn entstiegen, Kann durch ein ehernes Geschick Den halben Weltkreis übersiegen, Zum Abgrund muß es doch zurück!
Goethe's Deutschtum deckt wie das Himmelsgewölbe liebend die ganze Heimat dessen, was deutsch ist, sowohl geographisch wie ideell, sowohl die Zukunft wie die Vergangenheit.
750    Sechstes Kapitel: Der Weise
Was nun die göttlichen Wege betrifft, die zu wandeln unserem Geschlecht gegönnt ist, so habe ich über Wissenschaft und Kunst in vorangegangenen Kapiteln zu viel gesagt, als daß ich meinen Lesern zumuten möchte, noch einmal darauf zurückzukommen. Nur über das göttliche Sittengebot und über die mit ihm zusammenhängende Lebensweisheit möchte ich noch einige Worte zur vorläufigen Leitung hinzufügen.
Goethe — wie Schiller — erblickt den gottgegebenen Weg des Gebotes mit dem gottgegebenen der Freiheit, wenn nicht als parallel laufend, doch als von einem und dem selben Punkte ausstrahlend. „Die sittliche Bildung ist mit der ästhetischen nah verwandt, ja ihr verkörpert, und eine kann ohne die andere zu wechselseitiger Vollkommenheit nicht gedacht werden.“ Denn liegt auch das Gebot eingeboren auf dem Grund des Herzens, so daß „das Gemut uber das Zulässige und Unzulässige weit sicherer richtet als der Verstand“, so wirkt doch das Leben nicht ruhend, sondern fortschreitend, und „erst durch die Kunst erfahren wir, was der Mensch sei und was er sein könne“, d. h. erst durch sie „erkennen wir das Maß, nach dem und zu dem unser Innerstes gebildet ist“. So stellt denn die göttliche Kunst zwar nicht unmittelbar eine moralische Anstalt dar — gegen dieses philisterhafte Mißverständnis empört sich Goethe wie jeder wahre Künstler — doch indem sie dem Menschen das sonst nur geahnte Göttliche seines Wesens unmittelbar vor Augen stellt, schenkt sie ihm eine hohe Meinung von sich und steigert hierdurch gewaltig die sittliche Forderung. In den verschiedensten Umbildungen kehrt diese Gedankenverkettung immer wieder. So z. B. hat das Sittengebot mit Kunst die notwendige Emanzipation aus dem bloßen Naturgesetz gemein. „Indem der Mensch seine Freiheit behaupten will, muß er sich der Natur entgegensetzen; indem er sich zu Gott zu erheben strebt, muß er sie hinter sich lassen.“ Nach Goethe — wie nach Kant — haben wir Menschen in Bezug auf das Sittliche eigentlich alle am Genie teil: hier greift jede Monade durch die eng umschließendeSchale hindurch, errätBeziehungen, die sie sonst nicht ahnt, und erkennt sich — mehr oder weniger plastisch, je nach der Begabung, aber immerhin deutlich — als Mitglied eines rein geistigen Reiches, dessen Gebote nicht mit den Gesetzen der Natur übereinstimmen. Und noch eins ist göttlichem Gebot und göttlicher Frei-
Natur, Gott    751
heit gemein: ihre Unmittelbarkeit. Nicht um künftige Dinge — etwa um Lohn und Strafe im Jenseits — handelt es sich bei wahrer Sittlichkeit (im Gegensatz zu konventioneller, eingetrichterter Moralität) sondern um das Allergegenwärtigste der Gegenwart. „Wehe jeder Art von Bildung“, läßt Goethe seinen Wilhelm Meister ausrufen, „welche die wirksamsten Mittel wahrer Bildung zerstört und uns auf das Ende hinweist, anstatt uns auf dem Weg selbst zu beglücken!“ In diesem selben Werke ewiger Weisheit stehen auch die beiden anderen Worte, die als die tragenden Flügel von Goethe's Sittenlehre betrachtet werden können: „Gedenke zu leben!“ und „Wage es, glücklich zu sein!“
Der Aufmerksame wird bemerken, in welchem Maße Goethe's Auffassung des Sittengebotes alles bejahend, auferbauend hinstellt. Die erste Schöpfertat findet „im Sittlichen statt durch Anerkennung der Pflicht“. Schöpfersinn heißt etwas in sich selber — nicht außer sich — finden; „schaffen“ führt auf den gleichen Ursprung zurück wie „schöpfen“, auf die urdeutsche Wurzel skap, „in sich fassen“ (Kluge). Das Sittengebot finden wir in uns selbst, in dem 72ÛS, auf den uns Anaxagoras aufmerksam machte (S. 272); es lebt aber erst auf, wenn wir „bedeutend auftreten“, und das heißt „gesetzgebend“, mit anderen Worten, wenn wir die innere Tatsache zum Gestalter des Äußeren machen. Nach Goethe ist es daher Pflicht zu leben, Pflicht, in der Gegenwart zu leben, Pflicht, glücklich zu sein; das erst ist die Verwirklichung des Sittengebotes. Goethe's Weltanschauung und praktische Sittenlehre bildet demnach den diametralen Gegensatz zu der Lehre des Pessimismus und der Verneinung des Willens zum Leben. „Unsere Schuldigkeit ist es“, sagt er, „nicht immer wie der Advokat des bösen Geistes nur auf die Blößen und Schwächen unserer Natur zu sehen, sondern eher alle Vollkommenheiten aufzusuchen, wodurch wir die Ansprüche unserer Gottähnlichkeit bestätigen können“, Freilich lassen sich Augenblicke abgründlicher Verzweiflung über die Menschen bei Goethe nachweisen; gesteht er doch Schiller gegenüber seinen „radikalen Unglauben an sie“; an solchen Stellen kommt aber nur Stimmung zum Ausdruck, und bald siegt der Glaube an Gott über die Verzweiflung an der Natur. Wie seinen Wilhelm so könnte er auch sich selber nennen „den alten Hoffer“.
752    Sechstes Kapitel: Der Weise
Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei:
Allein die Guten bringen sie zurück; ...
Und war sie je, so war sie nur gewiß,
Wie sie uns immer wieder werden kann.

Als Mephistopheles einmal die pessimistische These vorträgt, unterbricht ihn Faust mit einem kurzen:

Allein ich will!

Ebenso steht Goethe da: die stundstündliche Bejahung des Willens zum Leben. Sogar der skeptische Teufel hält mit einer gewissen Achtung inne und kann nicht anders als gestehen:

Das läßt sich hören!

Überall bei Goethe begegnen wir diesem Tone. Oft hat man z. B. dem Dichter zu große Nachsicht vorgeworfen; es ist eben bei ihm Grundsatz — wo nicht Unreinheit oder Scharlatanerie vorliegt — zu bejahen; das Verneinen macht, nach ihm, blind, Er redet von dem „heiteren Himmel des Wohlwollens“ und sagt: „Guter Wille ist die beste Augensalbe, Mißwollen ist eine falsche Brille, welche die Gegenstände entstellt und die Sehkraft verdirbt.“ Dieses Bejahen bedeutet eine Bewegung, ein „Sichhinstrecken nach vorne“, wie es der Apostel Paulus nennt; ihn dürstet nach Tat. Selbst der sittliche, glückliche Mensch erregt bei Goethe „Neigung und Liebe nur insofern, als er   S e h n s u c h t   an ihm gewahr wird“, also die hinstrebende Bewegung des Wünschens und Hoffens. Trifft uns „der größte Verlust“, so heißt es: „sogleich uns umherschauen, was uns zu erhalten und zu leisten übrig bleibt“. Sogar vom Liebesgram verkündet der Willensstarke:

Wer sich entschließen kann, besiegt den Schmerz.

Liegt Faust von Schuld und Schmerz vernichtet da, so raunen gute Geister seinem Fieberschlafe zu:

Fühl es vor! Du wirst gesunden;
Traue neuem Tagesblick! ...
Alles kann der Edle leisten,
Der versteht und rasch ergreift.

Natur, Gott
753
Denn wie anderen Ortes geschrieben steht: „Seelenleiden, in die wir durch Unglück oder eigne Fehler geraten, sie zu heilen vermag der Verstand nichts, die Vernunft wenig, die Zeit viel, entschlossene Tätigkeit hingegen alles.“ Den Gegensatz zu Pessimismus bildet in Goethe's Weltanschauung nicht irgend eine ausgeführte optimistische Theorie, sondern einfach der Wille zur Arbeit. Als Zelter seinen Sohn verliert, schreibt ihm Goethe einen so hinreißenden Brief, daß Jener erwidern mußte: „So habe ich gewonnen, indem ich verlor und den Verlust kaum zu verwinden glaubte; so regt sich das Leben gewaltsam menschlich in mir wieder auf und, ich will's gern gestehen: ich habe mich wieder gefreut!“ Und erleidet Gocibe, der Greis, den furchtbaren Schicksalsschlag, seinen Sohn, sein einziges Kind zu verlieren, was schreibt er? „Über Gräber vorwärts!“ und „Der Körper muß, der Geist will, und wer seinem Wollen die notwendigste Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu besinnen.“
Insofern also Goethe sich gesetzgebend im Sittlichen verhält, geschieht es, uln die Bejahung als erstes Gesetz zu verkünden: Gedenke zu leben! wage es, glücklich zu sein! Dazu die beiden sich ergänzenden Worte: „Im Anfang war die Tat!“ und: „Die Tat ist alles!“
Wollten wir aber — wie häufig geschieht — nur dieses Bejahende, auch Sünde und Reue durch die Freude an neuer Tat eherwindende hervorheben, wir bekämen wieder ein Flächenbild, und das heißt einen bloßen Schatten der körperlichen Gestalt, an dem die lebendigen Beziehungen der Teile nicht zu erraten sind. Die rastlos bejahende Tat könnte man den Leib dieses Willens nennen: seine Seele bildet die kräftige, bewußte, Besinnung einleitende Rückkehr in sich selbst, das, was man vielleicht am besten als aktive Passivität beschreibt, das Lauschen bei angehaltenem Atem, genannt   E h r f u r c h t;   von Jugend auf bis ins höchste Alter, ohne jede Untreue — trotz wechselnder Schicksale — bleibt diese Seele dem Göttlichen zugewandt. „Mein Gemüt war von Natur zur Ehrerbietung geneigt, und es gehörte eine große Erschütterung dazu, um meinen Glauben an irgend ein Ehrwürdiges wanken zu machen.“ Ebenso häufig wie der Bejahung der Tat begegnen wir bei Goethe dieser grundlegenden Bejahung der Ehrerbietung, der Ehrfurcht, die er auch manchmal
Chamberlain, Goethe    48
754    Sechstes Kapitel: Der Weise

noch weiter bekräftigt als   D e m u t;   sich nennt er „den demütigsten“ aller Menschen. Ich hatte so oft Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß es weiterer Belege an dieser Stelle nicht bedarf. Ein Jeder kennt Goethe's Lehre von den drei Ehrfurchten: vor dem, was über, vor dem, was neben und vor dem, was unter uns ist, gipfelnd dann in der die anderen drei umfassenden vierten Ehrfurcht, der Ehrfurcht vor sich selbst.
Nun liebt der Mensch der Ehrfurcht hehre Bande, Er fühlt sich frei, wenn er gebändigt lebt.
Die Freiheit gesegneten Tuns schöpft der Mensch nach Goethe aus der Kraft seiner Ehrfurcht. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn wir die   E h r f u r c h t,   welche in Goethe's subjektivem Innern die Atmosphäre ausmacht, in der er lebt und webt, objektiv als den Kern seiner Weltanschauung bezeichnen.
In dieser — sofern sie den Menschen als sittliche Persönlichkeit betrachtet — bilden zwei Begriffe die bewegenden Prinzipien alles anderen, und das sind die Begriffe der Reinheit und der Pflicht. Diese zwei wurzeln bei Goethe in seiner Ehrfurcht, und das heißt soviel als in seinem Gefühl einer göttlichen Allgegenwart. „Nichts ist zu groß oder zu klein, wornach ich mich nicht umsehe“, sagt er von sich; und bei allem empfindet er Ehrfurcht. Nicht zu Theorien, vielmehr zu Taten wandelt er diesen Grundinstinkt. Wie kann ein Mann mit Ehrfurchtsschauern in sein eigenes Selbst blicken und nicht fleckenlose   R e i n h e i t   als die einzig erträgliche Beschaffenheit der Seele für eine solche Stimmung empfinden? „Möge die Idee des Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den ich in Mund nehme, immer lichter in mir werden.“ Und wie wäre es möglich, daß diese Stimmung, dieses immer strenger gebietende Bedürfnis nicht auch bestimmte Taten forderte, die als   P f l i c h t   gedacht werden? Reinheit und Pflicht sind soz,tsagen der innere und der äußere Aspekt von Goethe's Seele oder das passive und das aktive Prinzip oder subjektives Bedürfnis und objektives Müssen ... Auf die Benennung kommt es nicht an, wohl aber auf die Einsicht in die Zusammengehörigkeit dieser beiden, wie sie der Eine erlebte und uns Übrigen vorlebte. Als seine Amtspflichten ihn nötigten, Verbrecher zu sehen und zu befragen, macht er Seelenqualen durch, denn -
Natur, Gott
755
schreibt er „ich fliehe das Unreine“. Was edle Frauen als einen Schutzwall ihres Wesens hegen, das war auch ihm eigen; entlockt ihm hin und wieder der Übermut, namentlich die Empörung, manchmal auch die Ironie ein derbes, züchtigendes Wort, schrickt auch seine Phantasie vor keiner Kühnheit in der Schilderung der Natur zurück — Goethe's Werke bilden nichtsdestoweniger eine hohe Schule des Zartsinns ohnegleichen, die umso höheren Wert für die Menschheit besitzt, als es sich bei ihm nicht um Ziererei und Zimperlichkeit handelt, sondern um das Zartgefühl einer durchaus reinen Seele, die für alles Menschliche, und sei es noch so verwegen, zugänglich bleibt, verschlossen aber gegen alles Gemeine; und gemein ist, nach Goethe, wie wir schon hörten, alles, was „ohne sittlichen Bezug“ geschieht (S. 725). Vier Fünftel, mindestens, von dem, was unsre heutige Großstadtzivilisation ausmacht (Theater, bildende Kunst, Literatur, Musik, Leben) würde Goethe, weil alles sittlichen Bezuges entbehrend, als „gemein“ von jeder Beachtung ausschließen.
Nicht minder als die Reinheit ist das aktive, objektive, männliche Prinzip des Pflichtgefühles in seiner Weltanschauung entwickelt. Mit Ehrfurcht redet er von „dem großen Begriff der Pflicht“; droht alles um einen Menschen zusammenzustürzen, so meint er, dieser Begriff allein vermöge es, „ihn aufrecht zu erhalten“. Nichts Schlimmeres kann einen Mann treffen, als durch Gewalt oder Wahn an Pflichterfüllung verhindert zu werden:

Und was kann gräßlicher dem Edlen heißen
Als ein Entschluß, der Pflicht sich zu entreißen.

Wie die Reinheit so ist auch die Pflichterfüllung für Goethe ein unbedingtes Gebot; kein Kompromiß darf jemals geduldet werden. Das Gebot ist ein inneres, das heißt, Pflicht, wie Goethe sie versteht, ist immer Pflicht gegen sich selbst, mit anderen Worten gegen jene leise vernehmliche Stimme Gottes (S. 739); hingegen die Einhaltung eines gegenseitig bindenden Vertrages, wie sie Rechtszustände bedingt, mit Sittlichkeit nichts zu tun hat. Darum wird auch nicht gefragt, was außen, sondern nur was innen geschieht: „Dem tätigen Menschen kommt es darauf an, daß er das Rechte tue; ob das Rechte geschehe, soll ihn nicht kümmern.“ Häufig betont Goethe, der Mensch solle tun, was er wolle, und sei es auch nur „wenig“, immer
48*
756    Sechstes Kapitel: Der Weise
aber möge es ein „Tüchtiges“ sein; dann „lasse man es wirken nach Zeit und Umständen.“ Hier empfindet man, in welche ausgesprochen männliche Sphäre dieser Goethesche Pflichtbegriff führt: jedes Begehren schweigt; man tut um seiner selbst und der Tat willen; die Vorstellung der Zeit ist wie ausgelöscht. Zur Pflicht gehört nach Goethe — genau wie nach den Lehren der Evangelien — die Beschränkung auf „die Forderung des Tages“ und auch die Beschränkung auf das gegebene Wirkliche, nicht Phantastische: „In allein habe ich das Nächste gesucht und in dem Unläugbaren Fuß zu fassen getrachtet.“ Ein schlimmer Fehler ist es, daß „wir viel zu viel vorarbeitenden Aufwand aufs Leben machen“; daher kommt es, daß wir „in Tätigkeit so hesirebsam, auf Genuß so begierig, gar selten die angebotenen Einzelheiten des Augenblicks zu schätzen lind festzuhalten wissen.“ Immer wieder, wenn ich Goethe lese, kommt mir das Gleichnis Jesu Christi in den Sinn von dem Reich Gottes als einem Schatze, verborgen — und geborgen — in dem Acker uns zu Füßen. Wenn Faust ausruft -
Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm. Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen? Was er erkennt, läßt sich ergreifen -
so kann nur frevelhafte Oberflächlichkeit und Unkenntnis dieseWorte materialistisch deuten; vielmehr wiederholen sie einfach Goethe's beständige Lehre, daß es Pflicht aller Pflichten sei, ungesäumt die Gegenwart -wie sie auch sich geben mag — mit der Tat zu beleben; und zwar. weil die Gegenwart die Ewigkeit enthält, die einzig in ihr „ergriffen“ werden kann. Fast zur selben Zeit, als jene Verse entstanden, schreibt Goethe an einen Freund, die Leute schweiften alle über das Gegebene hinweg, auch über ihr eigenes Vermögen, und er „kenne keine andere Pädagogik als den Menschen auf den eigentlichen Punkt zurückzuführen, wo er praktisch wirken kann und soll.“ So liegt die eine Begrenzung in der anderen; wir begrenzen das Gegebene auf die Gegenwart und unser Wollen auf unser Können; nur auf diese Weise kann Pflicht erfüllt werden. „Hierin liegt das wahre Verdienst um die Menschheit, das wir alle zu erwerben suchen sollen, ohne uns um den Wirrwarr zu bekümmern, der fern oder nah die Stunde auf die unseligste Weise verdirbt.“ Wurden
Natur, Gott    757
wir oben gewarnt, nicht in die Ewigkeit zu schweifen, so hier, nicht in den Wirrwarr der Gegenwart zu schweifen; beides ist vom Übel, beides vernichtet Tüchtigkeit.
Es muß nun aufmerksam gemacht werden, daß dieses Betonen der Pflicht als des mittleren -von_ Reinheit umgebenen, in Ehrfurcht wurzelnden — Sittengebotes einen Gegensatz bildet zu jener Weltanschauung, welche das Mitleid als Prinzip aller Sittlichkeit lehrt. Um eine Polemik handelt es sich für uns keineswegs, sondern nur um eine Klarlegung, die natürlich vom Standpunkt Goethe's aus stattzufinden hat. Der Einwurf: Mitleid ist eben Pflicht, wäre ein sehr oberflächlicher; weder in Indien noch bei Schopenhar.er wird das Mitleiden als „Pflicht“ gelehrt, sondern vielmehr im ausdrücklichen Gegensatz zu diesem Begriff. Nach Schopenhauer ist der Begriff der Pflicht „sinnleer“ und kann höchstens die „Schuldigkeit“ gegen einen Anderen bedeuten, niemals ein inneres Gesetz gegen sich selber. Hat der Bramahne die vollendete Einsicht in das tat-tuam-asi erlangt, so ist er von jeglicher Verpflichtung frei, so daß fortan für ihn zwischen guten Taten und schlechten Taten kein Unterschied obwaltet. Dieses Mitleiden ist nicht identisch mit der christlichen Bejahung der Liebe, vielmehr entspringt es aus der metaphysischen Erkenntnis von der Nichtigkeit des Daseins und ist von der Verneinung des Willens zum Leben untrennbar: wer nicht auf den Grund geht, pflegt diesen Tatbestand zu übersehen und gerät in Sentimentalitäten, für die der Philosoph keine Verantwortung trägt. Hier stehen nun zwei diametral entgegengesetzte Weltanschauungen einander gegenüber, was Schopenhauer in seiner drastischen Weise hervorhebt, indem er höhnt, das unbedingte Gebot der Pflicht solle man nur ruhig „Fitzliputzli“ betiteln! Hingegen — Goethe     ebenso wie Kant — jene selbe Stimme „ganz leise, ganz vernehmlich“ in seinem Innern hört, die aus Christi `Mund sprach: „Liebet ihr mich, so haltet meine G e b o t e.“ Offenbar ist der stolze Begriff der Pflicht — uns Germanen seit jeher eigen und heilig — ein durch und durch männlicher Gedanke, eine gestaltende Idee, die Idee der reinen Tat. Mag die Pflicht auch nur eine Idee sein — wir haben von Goethe (manche von uns auch von Plato und Kant) die schöpferischen Ideen als ein Höchstes zu schätzen gelernt; sie entspringen dem Ewigmännlichen. Schopenhauer nennt die Pflicht einen Fetisch
758    Sechstes Kapitel: Der Weise
- es sei darum! wir verachten die Fetische nicht, in denen, je genauer die Forschungsergebnisse werden, um so deutlicher die Symbole tiefer Ahnungen über das Walten von Natur und Gott erkennbar werden; er sagt, diese Vorstellung sei aus der Theologie herübergenommen: Ehre dann der Theologie! Die deutschen Helden, die 1870 bei Spichern, Bazeilles, Le Mans fielen, gaben ihr Blut nicht aus Mitleid, sondern aus Pflicht hin — aus der heiligsten Pflicht gegen sich selbst, einer Pflicht, die in jener Ehrfurcht vor sich selbst wurzelt und aus ihr entsprießt. Und so mag es denn begreiflich erscheinen — selbst wenn damit gegen tiefe metaphysische Erkenntnis verstoßen würde — daß mannhafte Männer sich nicht entschließen können, das Schicksal ihres Geschlechtes ausschließlich dem Ewigweiblichen des Mitleids anzuvertrauen. Goethe namentlich war keineswegs dazu geneigt. Wir hörten ihn vorhin über das Weltlazarett spotten, das um uns entstehe, wie vor ihm Schiller über die „Ehrung der Menschheit im Neger“ nach dem Prinzip des tat-tvamasi gespottet hatte, während „der Denker in Europa“ unbeachtet bleibe. Goethe gehört so leidenschaftlich dem Leben an, und Leben wird so einzig von Tat ausgefüllt, daß er einem Napoleon fast alles nachsieht, weil unter seinem Willensimpulse wenigstens etwas geschieht; Faust's Aeonenruhm beruht darauf, daß er Sümpfe trocken gelegt hat. Nicht bitter und schreckenvoll dünkt Goethe der Krieg, sondern mutbildend und kraftübend:

Drum faßt euch wacker! Eines Vaters Kinder ihr,
Wer falle? stehe? kann ihm wenig Sorge sein.

Ja, Goethe geht in seiner Angst vor Verweichlichung noch weiter, und mit der Subtilität, die wir eingehend an ihm zu würdigen lernten, macht er aufmerksam, selbst der Sinn für Gerechtigkeit könne leicht überspannt werden, gerade „in schönen Seelen“ zu einem „zarten, ja kranken Gefühl“ entarten, und aus der von ihnen leidenschaftsvoll erstrebten Beseitigung wirklicher oder eingebildeter Ungerechtigkeiten ergäben sich für das Gemeinwesen „unabsehbar unglückliche Folgen“. Auch hier also die männliche Auffassung: die Gemeinsamkeit geht voran, der Einzelne muß bereit sein, jedes Opfer zu bringen — nicht aus Mitleid, denn was hätte das Wort hier für einen Sinn? wohl aber aus Pflicht.
Natur, Gott    759
Pflicht und Persönlichkeit sind nicht zu trennen. Das tat-tvamasi der Mitleidslehre führt eingestandenermaßen in letzter Reihe zur Aufhebung der Persönlichkeit; „das bist auch du“ ist so viel wie „du bist auch das“; wie Goethe selber singt: in der seligen Liebe „verschweben und verschwinden wir“ (S. 740); hingegen erfordert die Pflicht, als Idee, scharfe und individuelle Gestaltung; das wußten die Alten, wenn sie immer wieder das Gute von dem Wissen abhängig machten. Buchstäblich das Gleiche lehrt Goethe, der, als ihm das gute Herz und der treffliche Charakter eines Mannes gerühmt werden, dessen Tätigkeit er für verwirrt, übereilt und verhängnisvoll hält, mit ruhiger Überzeugung erwidert: „Was das gute Herz, den trefflichen Charakter betrifft, so sage ich nur so viel: wir handeln eigentlich nur gut, insofern wir mit uns selbst bekannt sind; Dunkelheit über uns selbst läßt uns nicht leicht zu, das Gute recht zu tun, und so ist es denn eben so viel, als wenn das Gute nicht gut wäre.“ Im ganzen Goethe gibt es vielleicht keine zweite Stelle, die so deutlich zeigte, wie konkret er sich die Pflicht als ein bewußt und planvoll Gewolltes denkt — vergleichbar dem, was Kant eine Maxime nennt. Zugleich erblicken wir die Pflicht im allerengsten Zusammenhang mit der Persönlichkeit, mit jener Pyramide seines Daseins, an deren Zuspitzung immer höher nach oben zu Goethe alle Tage seines Lebens arbeiten zu wollen sich versprach (S. 111 usw.). Gar zu oft pflegt man das Wort anzuführen:

„Erkenne dich!“
Was hab' ich da für Lohn?
Erkenn' ich mich,
So muß ich gleich davon.

Diese heitere Ironie ist eigentlich nur gegen die Grübler gerichtet, gegen die Selbstquäler und Selbstverherrlicher. An andrem Orte heißt es dagegen: „Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche Deine Pflicht zu tun, und Du weißt gleich, was an Dir ist“; und Goethe sagt, „jeder tüchtige Mensch wisse und erfahre, was das Erkenne dich selbst heißen solle“, und es „gedeihe einem Jeden praktisch zum größten Vorteil“. Es wäre wohl schwer, einen Menschen zu nennen, der so unentwegt und so männlich unparteiisch daran gearbeitet
760    Sechstes Kapitel: Der Weise
hätte, mit sich selbst bekannt zu werden, um dann befähigt zu sein, seine Pflicht nicht nur im Einverständnis mit sich, aus Instinkt, sondern auch wider seine Neigung, aus vernunftvoller Überzeugung, erfüllen zu können, womit erst erreicht wird, daß das Gute auch gut sei.
Hiermit glaube ich dem Leser einige nützliche Winke für die nähere Erforschung von Goethe's Ethik mit auf den Weg gegeben zu haben. Nicht weit braueben wir die Versöhnung z-~„-ischen den beiden arischen Weltanschauungen, dem männlichen und dem weiblichen Sittenprinzip, zu suchen; denn bezeichnet Goethe an einer allbekannten Stelle ~'eruunftundW issenschaftalsdesMensehen allerhöchste Kraft, so lehrt er an einer weniger geläufigen:
Vernunft u n d Liebe hegen jedes Glück'
Wobei zu bemerken ist: «-ic dort die ..Kraft`' des Menschen eigene Schöpfung ist, so hier das ,.Glück“:
Der eignen Schöpfung hünmliscli Erdenlflück.
Das Schöpferische trägt jedesmal die Vernunft bei, denn sie ist die Ideenbildnerin, daher allein fähig, Gestalt zu schaffen; wogegen dic Liebe an und für sich, ebenso wie die leidenschaftliche Aneignun:; des Wissens an und für sich, zwar den Stoff und die Glut liefert, Gestalt aber auflöst, wenn nicht die bildende Vernunft bewußt prometheisch eingreift. Als alter Mann spricht Goethe von seinem „vorstrebend heitren Sinne“. `Vo ein Andrer über die Last des Tages seufzt, fühlt er sich
Von froher “Mühe recht erquickt und schön.
Gelangt der Philosoph mit der Analyse seines Innern zu trüben Ergebnissen, so wendet sich Goethe ab mit einer anerkennenden Verbeugung, „um am unwandelbaren Verhältnis zum Objekt die Freude des Lebens zu genießen“. Mit Recht hat man die Religion der Indoarier zu der Zeit ihrer Reinigkeit (und man könnte hinzufügen, wie sie jetzt in Schopenhauer wieder aufgeblüht ist) als eine Religion de4 Erkennens bezeichnet, diejenige des Christentunis dagegen, Nvie sie ir Männern wie Paulus, Augustinus, Franziskus, Luther lebendiä ward, als eine Religion des Glaubens; womit nicht etwa gesagt werden soll, jene hätte des Glaubens und diese des Erkennens entbehri : es lag aber nach dortiger Lehre der Kern der Erlösung in der inne-
Natur, Gott    761
ren Umwandlung durch tiefstes Erkennen, hier in der Verklärung durch Glaubenskraft: an diesem Maßstabe gemessen ist Goethe Christ, nicht Inder; seine Kraft ist die Kraft des Glaubens. Und ebensowenig wie der Pessimist, der den Pflichtbegriff verwirft, es darum versäumt, seine Schuldigkeit edel zu tun, ebensowenig ermangelt Goethe — dem die Pflicht Mittelpunkt der sittlichen Persönlichkeit bedeutet — des Mitleidens. Ich verweise hier auf das zweite Kapitel zurück, auf das Verhalten gegen Plessing und Krafft. Mit einer erquicklichen Unsentimentalität, mit der pedantischen Vorsicht eines erfahrenen Weltmannes, aber voll Aufopferung, Treue und verhaltener Leidenschaft der Willensbejahung des Guten half er, wo er nur konnte, und er konnte viel. „Uns rührt die Erzählung jeder guten Tat, uns rührt das Anschauen jedes harmonischen Gegenstandes; wir fühlen dabei, daB wir nicht ganz in der Fremde sind, wir wähnen, einer Heimat näher zu sein, nach der unser Bestes, Innerstes ungeduldig hinstrebt.“
Eine beträchtliche Sammlung von Aussprüchen zur Lebensweisheit hatte ich meinen Lesern zulieb angelegt: gar herrliche befinden sich darunter; doch paßt die bunte Reihe hier in den Rahmen nicht; und ist mir mein Vorhaben gelungen, so sind wir jetzt auf unserm vierfachen Wege bis an die Insel gelangt und dort — wie Goethe es wollte (S. 617) — angelandet. Nur bis dahin sollte ich als Pilot dienen; jetzt sucht sich ein Jeder seinen eignen Weg und mag bald des Lotsen vergessen haben. So will ich mich begnü