Hereunder follows the transcription of chapter 6 of Houston Stewart Chamberlain's book Goethe, 3rd ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1921. The 1st edition appeared in 1912.

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 6 van Houston Stewart Chamberlain's boek Goethe, 3e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1921. De 1e editie verscheen in 1912.

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Vorworte & Einleitung
Erstes Kapitel. DAS LEBEN
Zweites Kapitel. DIE PERSÖNLICHKEIT
Drittes Kapitel. DER PRAKTISCH TÄTIGE
Viertes Kapitel. DER NATURERFORSCHER
Fünftes Kapitel DER DICHTER
Sechstes Kapitel. DER WEISE
Anhang & Register



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SECHSTES KAPITEL
DER WEISE
Wenn die Andern wachend träumen, und von ungeheuren Vorstellungen aus allen ihren Sinnen geängstiget werden, so lebt er den Traum des Lebens als ein Wachender und das seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich Vergangenheit und Zukunft.
Goethe
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Goethe der Weise
Goethe ist, glaube ich, der   w e i s e s t e   Mensch, von dem wir Kunde haben; jedenfalls bildet der Besitz wahrer Weisheit ein hervorragendes Kennzeichen dieses Mannes unter anderen bedeutendsten Männern. Er ist nicht Religionsstifter, nicht Verkünder einer philosophischen Lehre, nicht stupender Gelehrter, noch träumt er von sozialpolitischer Allbeglückung; vielmehr steht er zu allen derartigen Geistesrichtungen in einem Widerspruch, der ihn solchen Männern gegenüber leicht in die Stimmung des Widersachers treibt. Seine Unfähigkeit, einer jener Kategorien anzugehören, ermöglicht es ihm, vollendete Weisheit zu erlangen: denn jede übermäßige Leistung setzt Einseitigkeit voraus, und diese schränkt das Urteil ein, das eigentliche Werkzeug der Weisheit; und was den göttlichen Wahn betrifft, so mögen wir ihn in seinen verschiedenen ~ußerungen noch so hoch stellen, ihn mit Plato als Schöpferkraft besingen, ihn mit Carlyle als Erzeuger des Heroischen preisen, sicher ist, daß mit dem Worte Weisheit eine feste Grenze gegen das Wahnvolle gezogen wird. Weisheit besitzt nach Goethe jener Geist, der „die Zustände mit Freiheit und Klugheit überschaut“; sie ist also zugleich kühn und selbstbeherrscht. Ein Mann, der an den praktischen Aufgaben, die das Leben ihm stellt, allen Hindernissen und Bitternissen zum Trotz freudevoll sein eigenes Können und Sein auferbaut, kann nie mit einem Buddha oder einem Schopenhauer die Verneinung des Willens zum Leben als Weisheit verkünden; vielmehr lautet sein erstes Bekenntnis: „Gedenke zu leben!“ und er macht uns auf die „Wichtigkeit“ jedes noch so gering und flüchtig erscheinenden Lebensgenusses aufmerksam (S. 467). Aller L berspannung der ethischreligiösen Ansprüche gegenüber ruft Goethe aus: „Wie süß ist es, mit einem richtigen, verständigen, klugen Menschen umgehen, der weiß, wie es auf der Welt aussieht und was er will, und der, um dieses Lebens anmutig zu genießen, keine superlunarische Aufschwünge nötig hat, sondern in dem reinen Kreise sittlicher und sinnlicher Reize lebt.“ So kräftig bejahend weiß er den Wahn zu bändigen! Mehr Verbindungsstege scheinen zum Philosophen und zum Gelehrten hinüberzuführen, doch handelt es sich immer nur uni ein bedingtes Nehmen und Geben, begleitet von Abneigung gegen die be-
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sondere Gemütsart, die aus der ausschließlichen Hingabe an das Denken oder an das Wissen zu entspringen pflegt. Zu einer Philosophie, welche die letzten Geheimnisse des Daseins aufzudecken unternimmt, fehlt dem wahrhaft Weisen der Glaube an die hinreichende Befähigung des Menschengeistes; schon in jungen Jahren, nach verschiedenen Irrwanderungen, hatte er „eingesehen, daß es besser sei, den Gedanken von dem Ungeheuren, Unfaßlichen abzuwenden“; gern nennt er sich einen „Menschenverständler“ und verlangt das Spekulative „gleich fürs Haus brauchen zu können“. Zum Gelehrten ist die Leidenschaft zu feurig, der Genius unfähig, auf den Gebrauch seiner Flügel zu verzichten; außerdem lehrt ihn seine Erfahrung, nicht die Pfaffen allein zögen den Obskurantismus groß, vielmehr läge es in der Tendenz aller Gelehrten, „barbarische Obskuranten“ zu werden. Bei der Wissenschaft der Natur schreckt ihn der plumpe Realismus unserer Forscher ab; seine auferbauende Phantasie zersprengt „die Sklavenfessel der — doch nur von Menschen aufoktroyierten — Wirklichkeit“; an Forschern hat er bemerkt, wie gar leicht man dazu gelangt, „zuletzt für lauter Wissenschaft gar nichts zu sehen“; ist doch „eine Wissenschaft, wie jede menschliche Anstalt und Einrichtung, eine ungeheure Contignationl) von Wahrem und Falschem, von Freiwilligem und Notwendigem, von Gesundem und Krankhaftem“. Die selbe Neigung zur Ablehnung bemerken wir auf sozialem Gebiet: die hochfliegenden Weltverbesserungspläne Saint Simon's und Anderer nennt er kurzweg „allgemeine Unverschämtheiten“, und über das noch heute so gepriesene Humanitätsideal seines Freundes Herder spottet er: „Die Welt wird Ein großes Hospital und Einer des Anderen humaner Krankenwärter werden.“ Was die Politik im Allgemeinen betrifft, so weist er sie möglichst von sich ab und bekennt: „Ich mag mich sehr gern regieren und besteuern lassen, wenn man mir nur an der Öffnung meines Fasses die Sonne läßt“, und: „Wenn nur Ordnung gehalten wird, so ist es ganz einerlei, durch welche Mittel.“ Auch hier haben wir also seine Weisheit nicht in theoretischen Doktrinen, in umgestaltenden Regenerationsgedanken und dergleichen zu suchen, noch weniger in dem üblichen Rausch über die herrliche Beschaffenheit unserer Gegenwart und die goldenen Verheißungen der Zukunft; vielmehr kündet
1) Gebälke, Sparrenwerk.
Goethe der Weise
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er von dieser voraus, ihre gerühmten Vorzüge — „die Facilitäten der Kommunikation“, die Ausbreitung von Bildung und Überbildung, die Machtentfaltung der Presse usw. '- würden nur ein „Verharren in der Mittelmäßigkeit“ zur Folge haben, ja, in manchen Stunden glaubte er schon „die Wogen und Brandungen der zu befürchtenden Barbarei“ zu vernehmen.
Von Goethe's Weisheit können wir demnach vorausschicken, sie sei weder historisch noch prophetisch, weder visionär noch schematisch; sie fußt im Erlebnis und lehnt jegliches Dogma ab. Im Gegensatz zu allen Schimären lautet ihre Hauptmaxime: „Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst“; was aber nicht materiell utilitaristisch, vielmehr im Sinne eines „ideellen Utilitariers“ gemeint ist. Wie es an jener Stelle weiter heißt: „Wenn wir n a c h i n n e n das Unsrige getan haben, so wird sich das N a c h a u ß e n von selbst geben.“ Die Grundannahme dieser Weisheit steht uns hiermit schon deutlich vor Augen: die Gegenwart enthalte das Mögliche. Ein Jeder besitzt die Gegenwart; an ihm nur liegt es:
Und jeder Schritt ist Unermeßlichkeit.
Alle Sehnsucht nach früheren oder späteren Zeiten ist Torheit; Vergangenes und Künftiges, beides
Schließt an heute sich rein, an ein Vollendetes, an.
Wissenschaftlich wird die ursächliche Erklärung dessen, was ist, aus dem, was war, abgewiesen, weil sie alles tiefere Erschauen des Gegenwärtigen und dadurch zugleich alle wahre Erkenntnis des Ewigen vernichtet; mythisch-religiös kann der Gott-Schöpfer, der „nur von außen stieße“, nicht zugestanden werden, und der Glaube ist zwar „ein heiliges Gefäß“, nicht aber für ein überkommenes Bekenntnis, vielmehr ein Gefäß, in welches jede Gegenwart und jeder Gegenwärtige eigenes Gefühl, eigenen Verstand, eigene Einbildungskraft zu opfern hat. Es ist genau der gleiche Grundton wie in dem evangelischen Worte von dem Himmelreich, das in dem Acker zu unseren Füßen begraben liegt: Jeder kann ihn heben, heute ebenso wie gestern und morgen. „Es ist immer die selbe Welt, die der Betrachtung offen steht, die immerfort angeschaut oder geahnet wird, und es sind immer die selben Menschen, die im Wahren oder Fal-
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schen leben...“ Und sind wir nur weise, und verhindern es nicht, daß „Leben sich des Lebens freue“:
Dann ist Vergangenheit beständig, Das Künftige voraus lebendig, Der Augenblick ist Ewigkeit.
Daher die Goethen eigene Art von milder Ironie, welche in der selben Weise über religiösen wie über wissenschaftlichen, ästhetischen und politisch-sozialen Wahn lächelt, keinen von allen jedoch unbeachtet und ungenutzt von sich abweist. „Schauen, wissen, ahnen, glauben und wie die Fühlhörner alle heißen, mit denen der Mensch ins Universum tastet, müssen denn doch eigentlich zusammenwirken ...“ Dies ist zugleich Realismus und Mystik: nur ist es der Realismus eines die Wirklichkeit schöpferisch frei gestaltenden Geistes, und es ist die Mystik des offenen, nicht diejenige des geschlossenen Auges; außerdem steht beides im Dienste eines durch und durch praktisch tätigen Gemeinsinns.
Ziel und Methode des Kapitels
Hier nun weiter zu gehen und über Goethe als Weisen Zusammenhängendes vorzubringen, wäre verwegen, gälte es den Versuch einer systematisch abgeschlossenen Darstellung; ein solcher kann für Goethe nie gelingen, ebensowenig wie er jemals für Plato hat gelingen wollen. Die Persönlichkeit Goethe's sowie die lebendige Weisheit, die aus ihr strahlt, leidet unter jeder systematischen Behandlung; es ist genau das selbe, als wenn einem Vogel die Flugsehnen durchschnitten werden, damit man das flüchtige Tier gelassen betrachten möge: der Eingriff bleibt unsichtbar, doch die Kraft ist dahin, und mit ihr der Sinn des Geschöpfes. N i c h t systematisch zu %-erfahren, bildet das kennzeichnende Wesen eines solchen Mannes; ein System schließt ab, er dagegen will Tore öffnen: führt er auch vielerorten Architektonisches in die Höhe, so will er hiermit Anderen nicht Vorschrift, sondern Anregung gegeben haben. „Was Sie mir über Ihr Verhältnis zu meiner Art und Weise sagen, ist mir tröstlich und kräftigend: denn ich bin mir bewußt, daß Sie an dem Gebäude, das ich mir zur Wohnung auferbaute, keinen schroffen Abschluß, sondern, in Hoffnung der Zukunft, gar manche
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angebrachte Verzahnung (pierres d'attente) finden werden, wo Sie, da Ihnen Lokal und Nachbarschaft nicht mißfällt, sich ohne weiteres, auch in Ihrem Sinne, anschließen können.“ Diese Vorstellung der „Verzahnung“ wird Goethe immer vertrauter, je reifere Ausgestaltung seine Erkenntnis gewinnt. Er redet gern von „Wartesteinen“, nimmt sich vor, bei seinen eigenen Werken „nach allen Seiten aus den Mauern Wartesteine genug hervorragen zu lassen, die für ihn oder Andere aufs Fernere deuten“, und beklagt bei einem interessanten Menschen, mit dem er sich sonst nicht im VViderspruche fühlt, „keine Wartesteine in seinem Wesen zu finden, wo er geneigt wäre, auch irgend einen kleinen Anbau zu versuchen.“ Nirgends also findet ein Abschluß statt, nirgends steht ein letztes Wort — außer im Kunstwerke, wo aber nicht eine Lehre vorgetragen, sondern eine Gestalt losgelöst wird ins eigene sphärisch abgeschlossene Dasein.
Letztere Erwägung weckt jedoch eine weitere. Auch außerhalb der Kunst bleibt Goethe Künstler; wie sollte er es nicht? Und wir werden darum, wenn wir flüchtig urteilen, manchen scheinbaren Abschluß finden. Ganz allgemein bekennt er sich zu der Neigung, „sich monographisch zu beschäftigen, und von so einem Punkte aus sich gleichsam wie von einer Warte rings umher umzusehen“; in welchem Maße diese Eigenschaft zu den Grundzügen seines Wesens gehört, sahen wir bei der Betrachtung des Naturerforschers (S. 327 ff.) ; sie ist kunstverwandt. Darum aber müssen wir an allen Orten, wo wir bei ihm den Eindruck eines Abschlusses gewinnen, besonders auf der Hut sein; denn hier spricht wahrscheinlich der Monographist, der Mann, der vorübergehend das Eine in ähnlicher Weise ins Auge faßt, wie wenn er ein Kunstwerk abrundete; daher müssen wir wohl unterscheiden lernen zwischen der Form und dein Gehalt. Dies ist der selbe Mann, den „das Bedürfnis seiner Natur zu einer vermannigfaltigten Tätigkeit zwingt“ und dem es „das größte Vergnügen macht, die Antinomien der Überzeugung zu studieren`; ein anderes Mal wird er die nämlichen Zusammenhänge aus einem andern Standpunkt erblicken, ein drittes Mal aus einem dritten, und immer wieder wird der Künstler in ihm geneigt sein, abzurunden und loszulösen: dies bewirkt sein schöpferischer Instinkt. YWer einem Werke „Stil“ verleiht, „sondert es ab“, belehrt uns Goethe. Außer-
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dem erinnere ich an die Ausführungen im zweiten Kapitel über die hinreißende Gewalt der Anschauung in einem solchen Gemüte (S. 100 ff.) : es gehört zum berechtigten, segenbringenden Wesen aller Leidenschaft, durch Erfassen des Einen es bis zur Durchsichtigkeit zu durchglühen; wie denn Goethe ausdrücklich lehrt, „das Überschwengliche mache die Größe“. Überschwenglich sein bildet also einen Bestandteil der Weisheit Goethe's! Wir dürfen aber nicht das, was im Überschwange gesprochen wird, als abschließende, geklärte Lehre auffassen; damit täten wir der Absicht Unrecht, die nur sichtbar zu machen und dadurch zu wirken und zu wecken, nicht ein Fertiges als These in andere Gemüter überzupflanzen vorhatte. „Was man in Anderen erregt“, schreibt er, „wird immer weit besser sein als das, was man geben kann.“
Wer das einsehen lernt, gelangt auf eine wichtige Stufe der Erkenntnis: Wissen wird gelehrt, zu Weisheit kann man nur hinführen. Darum das bei Goethe oft durchklingende Motiv: er „möchte seine Überzeugungen nicht als Lehre, sondern als Bekenntnis hinlegen.“ Diesen Ton überhöre ja Keiner, der Goethe's Weisheit ergründen und an ihr die eigene auferbauen will: n i c h t L e h r e! Denn hierin bewährt sich die Weisheit dieses Mannes als echte Weisheit: ihm ist bewußt, daß man sie nicht lehren kann. „Der Mensch ist kein lehrendes, er ist ein lebendes, handelndes und wirkendes Wesen. Nur in Wirkung und Gegenwirkung erfreuen wir uns.“ Zwingen kann — wem Machtgebot eigen ist; überreden — wer zum Sophisten Anlage besitzt und an dem Applaus der Urteilslosen sich willig berauscht; dagegen findet wahre Weisheit nur mittelbar Verbreitung, wie man den Boden zu Sämereien bearbeitet, wobei auch dem geschicktesten, geduldigsten Gärtner die eigene Kraft der verschiedenen Samen Richtung und Grenze unwandelbar vorschreibt. Wer wahrhaft weiß, weiß vor allem, was er nicht kann. „Jeder weiß nur für sich, was er weiß, und das muß er geheim halten; wie er es ausspricht, sogleich ist der Widerspruch rege, und wie er sich in Streit einläßt, kommt er in sich selbst aus dem Gleichgewicht und sein Bestes wird, wo nicht vernichtet, doch gestört.“ Denn wie es an andrem Orte heißt: „Es hört doch Jeder nur, was er versteht.“ Es ist also nicht möglich, unmittelbar an die Lehre zu gehen, sondern erst muß der Schüler v e r s t e h e n, eher ist er nicht befähigt
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zu 1 e r n e n. Und so möchten wir von einer unlösbaren Aufgabe entmutigt ablassen, versicherte uns nicht Goethe, daß es eine „besondere Bildung“ gibt, die nach und nach — auf Umwegen — das richtige Hören, das richtige Verstehen anerzieht.
Unsere Aufgabe ist uns also klar vorgezeichnet: nicht die Vermittelung der Weisheit Goethe's, vielmehr die Vermittelung der Bildung, welche zu der Aufnahme dieser Weisheit befähigt, haben wir anzustreben.
In aller Kürze noch ein sofort einleuchtendes Argument gegen jeden Versuch, Goethe's Weisheit unmittelbar vorzutragen. Ein sehr großer Teil dieser Weisheit — vielleicht der größte — geht bei jeder systematischen Behandlung nach den üblichen Fächern, Religion, Philosophie, Politik usw., ganz und gar verloren, weil sie gern auf Grenzen schwebt und Fragen der Haltung, der Methode, der allgemeinen Gemütsstimmung betrifft — immer, wie wir jetzt verstehen, die soeben genannte „besondere Bildung“ im Auge, die von allen Seiten hervorgelockt und gepflegt werden soll — so daß gerade für dieses Grundlegende, das wahre „Hören“ Herbeiführende, in keinem einzelnen Fach sich ein Platz findet.
Holen wir uns Rat bei Goethe, ehe wir fortfahren.
Er schreibt einmal: „Die Franzosen haben das schöne Wort aborder une question; denn gerade dieses A n 1 a n d e n, diese seemännische Klugheit, zu wissen, wo eine schroffe Insel zugänglich ist, halt' ich für das Höchste.“ Einzig einem solchen Versuche des „Anlandens“ soll dieses Kapitel gewidmet sein. Sobald die neue Küste erreicht ist, bleibt das Weitere für jeden Einzelnen ein Lebenswerk; und zwar nicht bloß, insofern Goethe's Weisheit'unerschöpflich ist und mit unserer eigenen zunehmenden Reife wächst und wächst, sondern weil es in dem Wesen einer derartigen, der Platonischen verwandten, unsystematischen Weisheit liegt, zu jedem Individuum neue Beziehungen zu gewinnen. Es handelt sich, wie wir es schon oft in diesem Buche hörten, um Tat mehr als um Lehre, und „Tat“ muß ein jeder Einzelne selber tun.
Gleich sei Keiner dem Anderen; doch gleich sei Jeder dem Höchsten.

Wie das zu machen? Es sei Jeder vollendet in sich.
Dieses „vollendet in sich“ kann uns als Kompaß dienen; es spricht
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sich darin der Gegensatz zu allem Absoluten aus und die Hochachtung vor jeder Gestaltung, in welcher Leben sich äußert. Goethe bezeichnet es als nicht wünschenswert, „daß Andere uns in unserem Tun und Lassen nachahmen“, dagegen sei es „erfreulich, ja erbaulich, wenn sie diejenigen Prinzipien, wornach wir handeln, i n s o — fern sie rein menschlich sind, in sich selbst entdecken, hiernach aber ihre Lebens- und Mitteilungsweise einzurichten geneigt werden“. An Plato preist Goethe „die heilige Scheu, womit er sich der Natur nähert, die Vorsicht, womit er sie gleichsam nur umtastet“; in der gleichen Gemütsstimmung naht er selber seinen Mitmenschen, in der Stimmung der Ehrfurcht und der „stolzen Demut“. Bezeichnet er es doch als „Schlüssel zu Vielem, was an ihm und seinem Leben problematisch erscheinen muß“, daß er „ein weit höheres Bedürfnis fühle, in das innerste Wesen des Menschen und der Dinge einzudringen, als sprechend, überliefernd, lehrend oder handelnd sich zu äußern“. So viel er auch im Laufe seines langen Lebens — unter dem Notzwange des Genius sowie der pflichtgebietenden Gelegenheit (S. 503 ff.) — gesprochen und gelehrt hat, man versuche zu begreifen, daß er stets weit mehr verschwieg als aussprach; denn dieses Gesetz dringt durch bis in jede einzelne Äußerung aus seinem Munde; wir dürfen behaupten: die Kunst des Verschweigens bildet einen wesentlichen Bestandteil seiner unnachahmlichen Kunst der Sprache. Und wie im Einzelnen so im Ganzen. Von seinen Gedichten sagt er: „Ich möchte keinen Vers geschrieben haben, wenn nicht tausend und abertausend Menschen die Produktionen läsen und sich etwas dabei, dazu, heraus oder hinein dächten.“ Selbst also auf dem Gebiete der Kunst handelt es sich für ihn nicht um bloße Mitteilung, sondern um geforderte Mitwirkung; auch hier wird einzig Derjenige ihn richtig „hören“, der dazu herangebildet worden und dessen Hören zugleich ein eigenes Dichten und Denken ist — dabei, dazu, heraus, hinein. Die letzte Tiefe streifen wir, wenn wir Goethe von seinen Ideen sagen hören, er traue ihnen „unendliche Wirksamkeit“ zu, dem logischen Denken aber blieben sie „unerreichbar und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen, doch unaussprechlich“.
Wie der Leser bemerkt, Goethe selber läßt uns über jenes Anlanden nicht ohne Rat und Kompaß. Wir wissen schon genau, wo
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die Insel zugänglich ist; infolgedessen wissen wir auch, welche weiten Gebiete nicht direkt angefahren werden können, sondern erst nach vollbrachter Landung zugänglich sind. Fraglich bleibt noch, welcher Mittel wir uns bedienen sollen, um das klar erkannte Ziel zu erreichen. Hier tritt nun das verantwortliche Vorrecht des Steuermanns in Kraft. Kein Fortschritt der Wissenschaft kann den Steuermann überflüssig machen; wo immer auch Elemente durchschifft werden, es muß Einer sein, der Alleingewalt ausübt; man wähle, wen man will, hat man aber gewählt und führt der Betreffende das Ruder, so lasse man ihn walten, sonst ist die Fahrt gefährdet. In diesem Buche bin ich der Pilot; die vorangegangenen Kapitel bilden meinen Nachen; ohne ihn wäre ich außerstande, meine Leser ans Ziel zu führen; nur selten werde ich auf die Skizzen über die Persönlichkeit, den praktisch Tätigen, den Naturerforscher, den Dichter zurückverweisen, doch setze ich Vertrautsein mit ihnen voraus. Jetzt aber kommt es darauf an, mit unserm Fahrzeug hinauszugelangen, ans Ziel, an die ferne Insel. Kein Schiff kann der Organe entbehren — Ruder, Segel, Schraube — sonst würden es die blinden Elemente umhertreiben; zu jener geforderten „besonderen Bildung“ bedarf es einer Methode. Wieder belehrt uns Goethe. „Wer eine Synthese recht prägnant in sich fühlt, der hat eigentlich das Recht, zu analysieren, weil er am äußeren Einzelnen sein inneres Ganze prüft und legitimiert.“ Im Laufe der Jahre hat sich eine Synthese von Goethe's Weisheit nach und nach in mir ausgebildet; aus ihr entnehme ich das Recht zu analysieren; diese Analyse soll uns die Organe zur Beförderung unseres Nachens liefern, indem sie uns die Organe von Goethe's eigenem Geistesleben entdecken hilft, deren wir uns dann bemächtigen.
Eine verbreitete Tatsache des Menschengemütes hat in Goethe — wie Humboldt und Schiller bemerkten (vgl. Kapitel 2, Anfang) — so eigenartige Ausprägung erhalten, daß sie zu einem individuellen Kennzeichen heranwächst: das Zusammenbestehen von polar entgegengesetzten Instinkten, Forderungen, Leistungen. Nicht allein die Leidenschaft und Gewalt der Persönlichkeit erhöht hier die Bedeutung des Phänomens, namentlich tut es die Weite des Gemütes, aus dessen beiden entferntesten Endpunkten diese organischen Antinomien — sagen wir deutsch: aus dem Leben erzeugten Wider-
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sprüche — entstammen (S. 93 ff.) ; infolgedessen fällt das Gegensätzliche, das wir bei bedeutenden Männern auch sonst gewahren, bei ihm besonders stark in die Augen und wird Verständnis und Urteil immer verwirren, solange man sich nicht entschließt, gerade in diesen scheinbaren Widersprüchen wie die Triebfedern der lebendigen Persönlichkeit so auch die Tragsäulen ihrer Weisheit zu erkennen. Vielleicht gewinnen wir zu jenem erhofften Anlanden die von Goethe gepriesene seemännische Klugheit, wenn es gelingt, die wichtigsten Widersprüche unter einzelne Hauptrubriken einzusammeln, die den leitenden Vorstellungen dieses Geistes entsprechen; es müssen grundlegende Widersprüche allgemeinster Art sein, die uns immer wieder begegnen, gleichviel welchem Gebiete Goethe's Sinnen gilt.
Vier antinomische Paare sind es, die ich als vorwiegend zu erkennen meine: das eine entsteht an jener Grenze, wo Charakter und Intellekt sich eng berühren, so daß die betreffenden Forderungen mit Maximen verwandt erscheinen, ein zweites bezeichnet unablässig tätige Verrichtungen des Verstandes, ein drittes entspringt dauernd vorwaltenden symbolischen Vorstellungen, geeignet, eine große Menge anderer Vorstellungen sich unterzuordnen, das vierte gilt den allumfassenden Ideen der Vernunft. Die entgegengesetzten Maximen sind die Forderung des beschränkenden M a ß e s und die ebenso energische Forderung, stets vom Anfang an ein G a n z e s zu erfassen; die speziellen Verstandesgepflogenheiten sind die des U n — te r s c h e i d e n s und des V erb i n d e n s; die leitenden Symbole sind das der als Persönlichkeit mikrokosmisch in sich abgeschlossenen Monade und das der allbedingenden Gemeinsamkeit; die umfassenden Ideen sind die der N a t u r und G o t t e s.
Vielleicht gräbt sich eine tabellarische Übersicht dem Gedächtnis leichter ein:
Zwei Maximen des Charakters: Beschränkung auf Maß, Erfassung eines Ganzen.
„ Verrichtungen des Verstandes: Unterscheiden, Verbinden.
„ Symbole der Phantasie: Monade, Gemeinsamkeit. „ Ideen der Vernunft: Natur, Gott.
Somit hätten wir die gewünschten triebkräftigen Organe zu
unserer Fahrt gewonnen; jetzt stoßen wir vom Ufer ab.
Die zwei Grundallegorien    591
Die zwei Grundallegorien
Es wird sich als praktisch erweisen, jedes einzelne Paar der aus dem Leben erzeugten Widersprüche der Reihe nach als Wegförderer zu benutzen; so kommen wir schnell und sicher vorwärts. Voran schicke ich aber eine kurze allgemeine Betrachtung, die uns üben soll, mit diesen Organen richtig umzugehen, damit sie nicht Schemen bleiben, sondern zu Werkzeugen tüchtig werden. Zwei der am häufigsten gebrauchten Allegorien Goethe's verhelfen uns hierzu am besten.
Goethe liebte es, die Vorstellung des elektrischen Stromes sowohl im eigentlichen Verstande wie auch bildlich anzuwenden. Welche Einheit auch den elektrischen Erscheinungen zu Grunde liegen mag, eigentümlich bleibt, daß keine Wirkung sich betätigen kann, wenn nicht eine Spaltung in zwei antagonistische Bestandteile statthat; ja, „Spaltung“ ist kaum das richtige Wort, denn eine Entgegensetzung in sich zu tragen — die wir mit Nord und Süd, mit positiv und negativ, mit plus und minus, mit analog und antilog, oder wie uns sonst beliebt, bezeichnen -, gehört zum Wesen elektromagnetischer Erscheinungen, so daß jede Voraussetzung einer ursprünglichen Einheit lediglich eine Hypothese des Verstandes bedeutet. Diese Tatsache bezeichnet man (aus Analogie mit den einander entgegengesetzten und doch untrennbar zu einander gehörigen Erdpolen) als Polarität. Eine ähnliche Polarität glaubt Goethe allenthalben wiederzufinden: in Wärme und Kälte, in Licht und Finsternis, in Geist und Materie, in Sinnlichkeit und Vernunft, in rechts und links, in männlich und weiblich, sogar in Sein und Sehnsucht. Uneingeschränkt gilt für ihn die These: „Der Gegensatz der Extreme, indem er an einer Einheit entsteht, bewirkt eben dadurch die Möglichkeit einer Verbindung“; oder, wie es an anderem Orte heißt: „Identität und Differenz (sind) zu gleicher Zeit gegeben.“ Der iriannigfaltige Sinn dieser Allegorie enthüllt sich dem Unvorbereiteten nicht sofort; ihn müssen wir ergründen, wollen wir die lebendigen Widersprüche verstehen, zu deren Betrachtung wir uns anschicken. Ich nenne sie Widersprüche, weil sie, rein logisch betrachtet, solche sind; organisch betrachtet handelt es sich vielmehr um G e g e n s ä t z e, die sich — ebenso wie die beiden Pole des elek-
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trischen Stromes — zwar abstoßen, nichtsdestoweniger aber einander genau bedingen, mit anderen Worten, einander unbedingt voraussetzen, und die sich nur darum und nur insofern polar entgegengesetzt sind, als sie zusammen eine Einheit bilden und — gerade deswegen — wie Nordpol und Südpol diametral auseinanderzufliehen scheinen, sobald wir dieses Eine fest ins Auge fassen. Denn das Eine kann der Mensch als Einheit wohl e m p f i n d e n, nie aber es durch Vorstellung, Begriff und Wort als Einheit erfassen; vielmehr besteht sein aneignendes Erforschen aus einem Teilen und Wiederteilen, und jede erste Teilung führt zu einer Entgegensetzung von zweierlei, welche erst durch die Reihe weiterer Entgegensetzungen nach und nach gemildert wird, indem die schroffen Antithesen der ursprünglichen Entgegensetzung minder schroffen weichen und auf diese Weise ein Näherrücken stattfindet, bis der geistige Zwischenraum nach und nach ausgefüllt worden ist.
Bei jedem unserer vier Paare entgegengesetzter Thesen liegt nun — nach Goethe's Überzeugung — eine E i n h e i t zu Grunde, und jede der beiden entgegengesetzten Thesen schließt die andere nicht aus, sondern fordert sie vielmehr „polarisch“. Sein Wilhelm Meister preist jede Anregung, „das Entgegengesetzte zu überschauen und in Übereinstimmung zu bringen“, worauf Goethe den weisen Oheim erwidern läßt: „Ganz richtig! Hat doch der vernünftige Mann in seinem ganzen Leben noch keine andere Beschäftigung gehabt.:' Auf allen Gebieten — im Charakter, im Verstand, in der Vernunft, in der Phantasie, in der Praxis, in der Moral — ist es das Gewahrwerden dieses Antinomischen, was Goethe zunächst fesselt; er beobachtet es als Phänomen und empfindet es zugleich als Impuls; denn da er selber seinen Anlagen und seinem Temperament nach in entgegengesetzten Extremen wurzelt, so ist er befähigt, die beiden Seiten der meisten dieser überall hervorsprossenden antinomischen Gleichungen mit fast gleicher Inbrunst zu einer eigenen Überzeugung in Herz und Hirn einzusaugen.
An diese erste Allegorie möchte ich aber sofort, noch ehe wir ihre Bedeutung erschöpft haben, eine zweite angliedern, welche eine willkommene Ergänzung bildet und nicht wenig zur Aufklärung beitragen wird. Gern gebraucht nämlich Goethe, wie schon unsere arischen Altvordern, das Bild von dem Einatmen und Ausatmen, und
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noch lieber, weil es drastischer wirkt, das entsprechende von dem Sichausdehnen und dem Sichzusammenziehen des Herzens; der Physiologe nennt es die D i a s t o 1 e und die S y s t o 1 e. Von der Jugend bis ins Alter begegnen wir bei Goethe dieser Allegorie, welche er „die ewige Formel des Lebens“ nennt. Heute wissen wir, daß, ebenso wie das Gesetz der Polarität alle Materie beherrscht, so jenes Pulsieren, welches in Systole und Diastole zur Wahrnehmung gelangt, das Grundphänomen alles dessen ausmacht, was „Tier“ genannt werden kann, und selbst in den winzigsten einzelligen Wassergeschöpfchen beobachtet wird. Dieses zweite Bild ist darum ebenso reich an Inhalt wie das frühere und erlangt nicht selten s_vmbolischen Wirklichkeitswert. In diesem Falle sind Ausdrücke wie negativ und positiv nicht am Platze, auch trifft die Analogie mit rechts und links, mit männlich und weiblich usw, nicht zu, denn hier besteht nicht beides zugleich (was dort eine unabweisbare Notwendigkeit war) , vielmehr schließt das Dasein des Einen das Dasein des Anderen — im selben Augenblick — aus, ruft es jedoch in der Folge hervor. In der einen Allegorie kommt also die simultane Entgegensetzung, in der anderen die sukzessive zum Ausdruck. Wie die erste, so kommt auch diese zweite bei den vier Paaren organischer Widersprüche, die uns beschäftigen sollen, zum Ausdruck; denn bei jedem beobachten wir die bewußt kraftvoll zusammenziehende, das Einzelne gebärende Systole und die sehnsüchtig erweiternde, das All umfassenwollendeDiastole; es bereichert unsereVorstellung,wenn wir das erste Bild durch dieses zweite ergänzen. Wesentlich bei dem Schlagen des Herzens, welches das Lebensblut durch alle Gewebe des Körpers befruchtend treibt, ist die Unmöglichkeit, eine der beiden Grundrichtungen der anderen vorzuziehen; man kann Rechtshänder oder Linkshänder sein, und man ist auf ewig Mann oder Weib, dagegen bedeuten beharrende Diastole und beharrende Systole, beide, den Tod.
Um nun das Antithetische bei Goethe in seiner organischen Bedeutung richtig zu erfassen, wird es geraten sein, sowohl einen polaren Gegensatz darin zu erblicken, wie auch eine rhythmisch bedingte Aufeinanderfolge, was, wie der Leser verstanden hat, zwei völlig verschiedene Dinge sind. Der polare Gegensatz deutet immer auf ein gleichzeitiges Bestehen von zweierlei, der rhythmische Gegensatz auf das Ablösen des einen durch das andre. Wer positive Elek
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trizität allein beobachten wollte, würde nicht weit kommen; denn bekanntlich stoßen zwei gleichnamig elektrisierte Körper sich gegenseitig ab; wer aber mit positiver und negativer zu Werke geht, entdeckt bald, daß ein „positiv“ elektrisierter Körper nur aus der Berührung mit gewissen Körpern der „positiven“ Ladung teilhaftig wird, wogegen er, gegen andere gehalten, sich „negativ“ verhält, was so weit geht, daß wenn ein einheitlicher, gleichförmiger Körper entzweibricht und man nunmehr die beiden Hälften aneinander reibt, die eine „positiv“, die andere „negativ“ elektrisch wird. So lernen wir denn einsehen, daß gerade bei polarischer Entgegensetzung erstens das Eine immer das gleichzeitige Dasein des Anderen voraussetzt, zweitens an jedem Orte eine Verschiebung des Urteils stattfinden kann, da es sich bei jeder Aussage um ein Verhältnis zwischen zweierlei handeln wird, nicht um eine für sich bestehende, isolierte Wahrheit. Goethe erblickt auf Schritt und Tritt Gott in der Natur; wird ihm aber das Naturgebiet verschlossen — wie es die alten Kirchenväter taten und wie sein Freund Jacobi es erstrebte — mit einem Schlage findet er auch Gott nicht mehr. Daher ein ähnliches Verschieben des polar Entgegengesetzten, wie wir es bei den Elektrizitäten finden: was heute ihm als göttliche Wirkung Verehrung einflößt, kann er morgen als Naturereignis bewundern, und umgekehrt; bezeichnend ist nur, daß er immer b e i d e s zugleich empfindet; gegenstandslos bliebe aber für ihn jeder Versuch, eine unverrückbare Grenzlinie ziehen zu wollen. Nicht minder deutlich gewahren wir in Goethe's Denken den Pulsschlag, der von Schwellen zu Schwinden hinüberleitet, und umgekehrt. Wie eine heftig zusammenschnürende Systole tritt die immer und immer wiederholte Mahnung nach beschränkendem Maße ein, nach peinlichem Unterscheiden, nach unbedingtem Geltenlassen des Individuellen, nach Verständnis dafür, daß die Natur, um ein Geschöpf hervorzubringen, „ihre größte Mannigfaltigkeit in die absoluteste Einheit zusammenschließen müsse“; doch die Diastole bleibt nicht aus, von neuem strömt die „enthusiastische Reflexion“ grenzerweiternd in das Herz ein, und wir werden belehrt, alles aus der maßvollen Beschränkung Geborene bleibe „Stückwerk“, wenn wir nicht „in unserm Sein und Wollen ein Ganzes denken“; das beständige Unterscheiden erzeuge einen „ängstigenden Zudrang grenzenloser Einzelheiten“, wo-
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hingegen „Verbinden mehr als Trennen belehre“; die „Individualität eines Jeden“ sei ein „Hindernis“, denn „nur in der Teilnahme bestehe das wahre Glück“; und während bei der rastlosen Betrachtung der gebärenden Natur „die Organe des Anschauens völlig verstumpfen“, sollten wir uns lieber „an die Schwelle locken“ lassen, „wo wir in den Glanz der Gottheit hineinblicken dürfen, ohne zu erblinden“. Besonders deutlich tritt dieser Pulsschlag bei der Antinomie MonadeGemeinsamkeit, wie sie Goethe versteht, in die Erscheinung: die Monade der Persönlichkeit kann sich vor seinem Blick so weit ausdehnen, daß sie — weltumfassend und weltauslöschend wie der indoarische A t m a n — fast zum Alleins heranwächst; im nächsten Augenblick aber schrumpft sie zu einem Atom zusammen gegenüber der beglückenden Mannigfaltigkeit der einzig lebenspendenden Gemeinsamkeit.
So viel nur vorderhand über diese zwei Allegorien, die Goethe nicht so häufig angewandt haben würde, hätten sie nicht schwer mitteilbaren Gebilden seines Geistes am besten zum Ausdruck verholfen. Eine genaue Vorstellung ihrer Bedeutung zu besitzen, wird sich im weiteren Verlauf dieses Kapitels als unentbehrlich erweisen.


Die vier Grundwidersprüche

I.Beschränkung auf Maß, Erfassung einesGanzen
Es ist keine Redeblume, wenn ich behaupte, in diesem ersten antinomischen Widerstreit zwischen Maß und Ungemessenem, zwischen Schranke und Schrankenlosem, zwischen Teil und Ganzem liege der Grundstein zu Goethe's Weisheit eingemauert.
Vorerst überlege man sich wohl, was man erwartet, wenn man einem Manne „Weisheit“ zutraut und von ihm darin Unterweisung erbittet. W i s s e n und W e i s h e i t sind nicht Synonyma: „vaste Gelehrte“, urteilt Kant auf Grund seiner Erfahrung, können durchaus „beschränkt“ sein; wogegen ein Weiser jedes Wissen, das er etwa besitzen mag, federleicht tragen wird, da es ihm Nebensache ist, nur Mittel, nicht Zweck. Ebensowenig kommt es bei Weisheit auf neue Gedanken an, Gedanken, heißt das, zu denen keine analogen sich auffinden ließen; Wissen muß neu sein, denn die Zeit
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wandelt es in Ignoranz um; Weisheit mutet immer wie ein Uraltes an, wie ein Sicherinnern; darum ruft unser Dichter:
Das Wahre war schon längst gefunden, Hat edle Geisterschaft verbunden, Das alte Wahre — fass' es an!
Weisheit besteht aus einem mannigfaltigen Ganzen von ineinandergreifenden Gedanken, wo jeder jeden anderen ruft und bedingt. Den Wert der Weisheit einer bedeutenden Persönlichkeit machen wesentlich zwei Dinge aus: der Z u s a m m e n h a n g des Ganzen und die F o r m des Ausdrucks im Einzelnen. Der Zusammenhang ist Besitz des Einen, zugleich sein Wesen und sein Werk — die Zeit kann ihn späteren Geschlechtern fernrücken, nicht aber ihn veraltern; durch die Genauigkeit, Kraft und Zartheit des Ausdruckes lebt das „alte Wahre“ wieder auf, das im Munde der Mittelmäßigkeit Wirkung und Überzeugung verloren hatte, und strahlt von neuem, unableugbar, Geistesdunkel zerstreuend, Wege weisend. Gewiß bildet ein äußerst verfeinertes Sprachgefühl ein Symptom bedeutender geistiger Fähigkeit; doch, wie wir von Goethe selber erfahren, die Sprache allein tut es nicht; gerade der Weise — gleichviel ob er als Dichter oder als Denker sprechen will — leidet bitter unter ihrer Beschränkung und hüllt sich manchmal in Schweigen, um „das schlechte Zeug von öden Worten nicht weiter betrüglich auszutauschen“; diese Beschränkung empfindet er mehr als Andere, weil in seinem Inneren ein reicherer Gehalt um Ausdruck ringt; unwillig ruft er: „Was wir mitteilen, was uns überliefert wird, ist immer nur das Gemeinste, der Mühe gar nicht wert“; er aber träumt davon, ein Höchstes mitzuteilen. Darum seine Geringschätzung der Redegewandten: es sei ein Kennzeichen „halbfähiger Menschen“, daß sich bei ihnen „aller Gehalt sehr schnell in Worte verwandelt“. Ich verweise auf das im letzten Kapitel Gesagte zurück (S. 473 ff. u. 531). Wie dort so auch hier drängt sich unwillkürlich eine Äußerung des gewaltsam mit demWort und um das Wort ringenden Martin Luther auf: „Die Sprachen sind die Scheiden, darin dies Messer des Geistes steckt.“ Dem Weisen kommt es darauf an, aus der stumpfen Scheide das scharfe Messer zu ziehen, um vermittelst der Sprache über die Sprache hinaus zu gehen, ebenso wie das der bildende Künstler -
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will er ein Höchstes schaffen — mit seinem Material auch tun muß; was diesem als „ganz unbegreifliche“ Wirkung manchmal gelingt, das bewirkt beim Weisen einzig und allein der Z u s a m m e n — h a n g des Denkens; die Beziehungen von einem Teil zum anderen und von allen Teilen zum Ganzen sind es, woraus seine Sprache die Befähigung schöpft, Unaussprechliches mitzuteilen. Jetzt erst enthüllt auch der zartgenaue Ausdruck des Einzelnen seine wahre, unerschöpfliche Bedeutung. Goethe zitiert gern: Individuum est ineffabile, für die Persönlichkeit gibt es keine Worte, sie übertrifft alle Sprache; sobald aber ein gewaltiger schöpferischer Drang die Persönlichkeit dazu antreibt, baut sie in verborgener prometheischer Arbeit das „ganz Unbegreifliche“ auf, bis es aller Unzulänglichkeit der Ausdrucksmittel zum Trotze gelungen ist, das W e r k zu vollbringen:
Lasset Lied und Bild verhallen,
Doch im Innern ist's g e t a n (S. 530).
Wer sich vorstellen will, was im Geiste eines solchen Mannes in den Stunden schöpferischer Betätigung vorgeht, höre Goethe über Raffael sprechen. Diesen pflegen wir als den Inbegriff des schon bei der Geburt fast Vollendeten, des mühelos Schaffenden zu betrachten, und das leider infolge des Mißbrauches ebenso aufgeblasene wie ausgeblaßte Wort „Genie“ überhebt uns jedes Nachdenkens; Goethe empfand es anders, denn er wußte es anders; und als er vor Werken der reifsten Zeit Raffael's stand, durchschauerte es ihn: „denn wir ahnen die furchtbaren Bedingungen, unter welchen allein sich selbst das entschiedenste Naturell zum Letztmöglichen des Gelingens erheben kann.“ Ähnlich empfindet er bei Homer, den wir als den naiven, arglosen Dichter zu bewundern erzogen sind, wogegen Goethe meint, er „zeichne mit einer Reinheit und Innigkeit, v o r d e r m a n erschrickt.“
Hiermit wollte ich andeuten, was wir von Goethe als „Weisheit“ zu erwarten haben — ich meine, welche Gattung und welchen Grad von Geistesschöpfung, zugleich auch die Stimmung, in der man ihr nahen soll, will man hoffen, fähig zu sein, sie in sich aufzunehmen — die selbe Stimmung, die ihn erfüllte, als er sich Homer und Raffael gegenüber befand. „Die bewundernswürdige Natur, Wahrheit und Leichtigkeit“ an Goethe's Leistungen, meint Schiller,
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„entferne bei dem gemeinen Volk der Beurteiler allen Gedanken an die Schwierigkeit, an die Größe der Kunst.“ Wer die Schwierigkeit — mit anderen Worten die Unmöglichkeit ohne überschwengliche Begabung — nicht empfindet und Goethesche Worte zum Hausgebrauch zitiert, als verstünde sich das alles von selbst, gehört zum „gemeinen Volk“ und ahnt noch nicht, worum sich's handelt; wogegen, wer in die Größe der verborgen gehaltenen Kunst hier und dort einen Einblick gewinnt und vor den „furchtbaren Bedingungen“ einer solchen Leistung „erschrickt“, auf den rechten Weg geraten ist. Der erste Schritt auf diesem Wege zum Verständnis ist nun — ich wiederhole es — die Einsicht, daß dem einzelnen Gedanken, so trefflich er auch sein mag, hier immer nur untergeordnete Bedeutung zukommt, da der Zusammenhang die eigentliche Weisheit ausmacht. Wie viele durch Isolierung entartete, der Absicht unseres Weisen entfremdete Worte schwirren nicht umher! Manche von ihnen als vermeintliche Beglaubigung und Empfehlung sträflich oberflächlicher Scheingedanken und erschwindelter Weltanschauungen! Nie wird jenes Anlanden, von dem Goethe uns sprach, gelingen, wenn wir nicht mit der Anatomie des lebendigen Gebildes dieser Weisheit den Anfang machen und bei jedem Organ uns fragen: welche Bedeutung besitzt es für das Ganze? welche Forderungen an andere Organe werden damit gestellt? und inwiefern empfängt es selbst von anderen grenzende Bedingungen? Und darum ist gerade diese Antinomie zwischen der Forderung, stets Grenzen zu ziehen, und der Forderung, stets vom ideell unbegrenzten Ganzen auszugehen, wie keine andere geeignet, uns die erste Strecke hinauszuführen auf unserem Wege.
Das G a n z e entspricht in Goethe's Weltanschauung der D i a — s t o 1 e, der Herzerweiterung; jede Bewegung des Geistes, welche einer Expansion entspricht, ist für ihn dieser Vorstellung eines „Ganzen“ stammverwandt: das zu verstehen ist als erstes unerläBlich.Und gleich hier kommt die andere Allegorie — die der Polarität — zu Hilfe: denn ob wir das Sonnensystem, vielleicht gar das gesamte Universum in Betracht ziehen oder ein Stäubchen am Meeresstrande, der Unterschied zwischen „positiv“ und „negativ“ bleibt der gleiche; ebenso ist und bleibt die Diastole der Erweiterung Diastole, ob sie die sogenannte Vakuole eines mikroskopischen Aufgußtierchens betrifft oder den weltumspannenden Gedanken eines Plato; Goethe's „Ganzes“
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ist also ein vollkommen bestimmter, zugleich aber ein unbegrenzt verschiebbarer Begriff. Von dem beschränkenden M a ß gilt das selbe: als Bewegung — also als Tat des Einschränkens — aufgefaßt, entspricht es der zusammenziehenden S y s t o 1 e; als polarer Begriff gedacht, ist es an jedem Ort und bei jedem Umfang der genau geforderte Gegensatz zu der Vorstellung und der Tat eines „Ganzen“.
Um diesen weiten Rahmen sofort durch ein Beispiel auszufüllen: an einer Stelle bezeichnet Goethe die „Idee“ als ein Geistesorgan, welches eine Diastole bewirkt, „weit über die Erscheinung hinaus“, aus welcher aber dann der Mensch durch eine Systole, „um sich nicht zu verlieren, wieder an die Wirklichkeit zurückkehrt und wechselsweise wohl so sein ganzes Leben verfährt“: jede Idee ist also ein Ganzes, jede Wirklichkeit ein beschränktes Maß. Ein vergleichendes Werturteil über die Erfassung eines Ganzen und die Beschränkung auf ein Maß wird aber hiermit nicht ausgesprochen; vielmehr bedingen sich beide gegenseitig, und das Verhältnis des einen zum anderen wechselt je nach dem einzelnen Falle. Alles bleibe Stückwerk, hörten wir vorhin (S. 594), wenn nicht ein Ganzes gedacht werde; doch lesen wir ein anderes Mal, „das Einzelne unterrichte vielleicht besser, als es durch eine Behandlung des Ganzen geschähe, wodurch das Besondere gar oft verdunkelt, ja verschlungen wird“. Es heißt sogar, es werde „durch strengste Kenntnis des Einzelnen eine Art von durchdringender Allwissenheit erworben“. So verschieden kann die abgeschränkte Wirklichkeit eingeschätzt werden! Einmal macht sich Goethe, der Denker, Luft in einem Aphorismus, den er in den Druck zu geben sich doch nicht getraute: „Die Erfahrung ist fast immer eine Parodie auf die Idee“; dann aber wieder heißt es: „Das Besonderste, das sich ereignet, tritt immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auf.“ Man sieht, wie Hochschätzung und Geringschätzung wechseln. Einzig entscheidend ist vorderhand diese eine Erkenntnis: die geforderte Beschränkung auf ein Maß kann nur insofern stattfinden, als ein Ganzes, Fertiges, Abgeschlossenes, Insichvollendetes denkend vorausgesetzt und geahnt wird — sonst entstehen nämlich „Halb-Thümer“,
Wo halb und halb kein Ganzes macht.

Die Quelle zu dieser geforderten Vorstellung eines Ganzen fließt
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jedoch nirgends anders als in der richtig erblickten beschränkten Wirklichkeit. „Alles was geschieht ist Symbol, und, indem es vollkommen sich selbst darstellt, deutet es auf das Übrige. In dieser Betrachtung scheint mir die höchste Anmaßung und die höchste Bescheidenheit zu liegen.“ Der Nachdruck liegt hier auf dem Wort „vollkommen“. Das Einzelne (irgend etwas, was geschieht) wird zunächst ein Ver-einzeltes bleiben: „Was ist das Besondere? Millionen Fälle“; der einzelne Fall wird unter Millionen bedeutungsarm verschwinden; stellt er sich aber „vollkommen“ dar, so offenbart er sich als Symbol, deutet infolgedessen „auf alles Übrige“ und wächst somit zu einem Allgemeinen, zu einem Ganzen aus: „Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall.“ Der negative Pol hat den positiven herangezogen; auf die Systole ist die Diastole gefolgt. Die erwähnte „höchste Anmaßung“ bezieht sich auf das Zutrauen, die einzelne Erscheinung, das einzelne Geschehnis im eigenen Busen zu genügend „vollkommener Darstellung“ bringen zu können; die „höchste Bescheidenheit“ deutet darauf, daß in Goethe's Weisheit die Erkenntnis nicht auf mystischen Intuitionen, metaphysischen Dogmen und religiösen Machtworten beruht, sondern von der schlichten Beobachtung und treuen Pflege der wirklich gegebenen, greifbar faßlichen einzelnen Erscheinung ausgeht.
Ein Stückchen Wegs hat uns diese erste Gegenüberstellung geführt: die Idee ist ein Ganzes, die Wirklichkeit ein Beschränktes. Zur weiteren Beförderung rufe ich — wieder ohne weitere Umständlichkeit — ein anderes Beispiel herbei.
Vielleicht hat kein Wort Goethe's größere Verbreitung gefunden als dieses:
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.
Selbst wer nie etwas aus seiner Feder gelesen hat, kennt und zitiert diesen Vers; und doch steht zu bezweifeln, ob selbst die meisten Kenner der Schriften — geschweige die anderen — das Wort richtig verstehen. Gewöhnlich liest man daraus eine ziemlich hausbackene Empfehlung, sich der Mäßigkeit zu befleißigen, was Jeden irremachen müßte, der Goethe's Empfehlung des parteiischen Enthusiasmus, ja, des „unsinnigen Enthusiasmus“, der Überschwenglichkeit usw. gegenwärtig hat; öfters fand ich es von wirklich beschränkten
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Spezialisten als Entschuldigung ihrer Einseitigkeit angeführt, während doch Goethe es für „leichter“ erklärt, alle Wissenschaften zu lernen als eine allein, und einzig den „Umfassenden“ unter den Naturforschern eine weiter reichende Bedeutung einräumt. Es zeigt sich an Goethe's eigenem Werke, daß man, um das Einzelne richtig zu verstehen, vorher das Ganze kennen muß. Goethe hat mit diesem Verse nicht andeuten wollen, wer sich beschränke, werde ein Meister werden, sondern vielmehr, wer ein Meister sei, werde es in der Art, sich zu beschränken, zeigen. „Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig dar; ausgeführt oder nicht, schon ist es vollendet.“ Auch hier geht das Ganze voran; eine Systole kann unmöglich stattfinden, ehe die Diastole Herz und Sinn ausgedehnt hat. Der Nicht-Meisterliche „tastet im Ungewissen, und wie die Ausführung wächst, kommt die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum Vorschein“; zu einem wahrhaft Ganzen gelangt nur, wer von einem Ganzen den Ausgang nahm. Alles Meisterliche entsteht aus Konzentration, d. h. aus jener Zusammenziehung, der eine Erweiterung vorangeht. Je mächtigerer Expansion der Geist fähig war, um so reicher wird der Schatz an lebendiger Kraft sein, den die energische Kontraktion dann aufstapelt. Aus dieser angesammelten Kraft geht die schöpferische Erfindung hervor. Denn das Werk des Künstlers und des Weisen entsteht aus einer neuerlichen Diastole und wirkt auf alle empfänglichen Seelen in der selben herzerweiternden Richtung. In diesem Sinne ist es gemeint, wenn Goethe an einer Stelle die „Fähigkeit zu wirken“ der „Fähigkeit sich zu beschränken“ angliedert: aus dem aktiven Beschränken, also aus der tatkräftigen Systole, entsteht erst die Fähigkeit zu wahrhaft schöpferischer Ausdehnung; wogegen das „Halbvermögen“, wie er sagt, „seine beschränkte Besonderheit“ — also seine passive, nicht gewollte, nicht rhythmisch pulsierende, sondern gegebene, elastizitätslose Beschränkung — „an die Stelle des unbedingten Ganzen zu setzen wünscht“. Der schöpferische Geist kommt von der ahnungsvollen Vorstellung eines Ganzen, faßt Fuß im willensstark umschränkten einzelnen Fall und schwingt sich von dort aus neuerlich empor ins Schrankenlose; wogegen der Halbvermögende uns seine Beschränkung als ein Ganzes aufnötigt. Nur wer ein Ganzes in seiner Seele besitzt, versteht es, sich mit Kraft zu beschränken, und nur wer sich mit Kraft zu be-
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schränken weiß, vermag es, ein Ganzes aus sich und in sich zu gestalten. Goethe selber gießt bei Gelegenheit seinen Hohn aus über „die guten Deutschen, welche wähnen, in der Beschränkung liege die Kraft“, und es nicht verstehen, „die hohe Freiheit eines angebornen und durchgeübten Talents“ gelten zu lassen. Man sieht, wie Not es tut, zwischen Beschränkung und Beschränkung zu unterscheiden, und wie weit von der trivialen Gemeinbedeutung sich das Wort
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister
bewegt; hat man dessen Sinn erst richtig erfaßt, so lernt man einsehen, daß darin eine der polaren Antinomien in Goethe's Weisheit Ausdruck findet.
Hier fügt sich zur notwendigen Ergänzung ein echtes Weisheitswort Goethe's ein: „Um zu tun, muß man erst getan haben.“ Es bildet ein genaues Analogon zu dem Spruche des Heilands: „Wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, das er hat.“ Die Allegorie des Pulsschlages deckt eben den moralisch-intellektuellen Vorgang nur zum Teil auf: beim Herzen gleicht jede Folge von Diastole und Systole jeder anderen an Bedeutung; auf geistigem Gebiete dagegen gibt es eine Hierarchie der richtigen Aufeinanderfolge; fahren auch Diastole und Systole fort, sich abzulösen, ihre Lebensbedeutung wächst — oder aber, wenn die richtige Ordnung verkannt wird, stagniert sie. Die erste Tat muß überall, nach Goethe, die Bezeugung der Achtung sein. Daher die Hervorhebung des „Respektes“ und des „willigsten Gehorsams“ bei allen „angeborenen Talenten“; daher die Lehre, zur Einsicht gelange nur, wer „sich selbst verleugnen, sich den Gegenständen unterordnen könne“; daher der Vergleich der E h r f u r c h C mit einem „höheren Sinne“ (S. 171); daher die Empfehlung der „herzlich wirkenden Beschränkung“, in welcher allein „kräftige Liebe“ entsteht, aus welcher „Einfalt keimt“, bis schließlich aus Einfalt „mächtiges Wirken aufblüht“. „Die größten Menschen, die ich gekannt habe und die Himmel und Erde vor ihrem Blick frei hatten, waren demütig und wußten, was sie stufenweis zu schätzen hatten.“ Das eben sind die Anfänge echter Taten, das sind die Taten, die mart „getan haben muß“: die Ehrfurchtsbezeugung, das Gehorchen, das Sichselbstverleugnen, das Sichbeschränken, das Liebevollsein, die
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Pflege der Einfalt, die Übung des freien Blickes für die Stufenreihe der Würde. Darum nennt Goethe „die Neigung zur Ehrfurcht“ einen „Q u e 11 p u n k t“, der im Menschen „kultiviert“ werden müsse. Ich meine, das geheimnisvolle Wort belebt sich uns schon: „Um zu tun, muß man erst getan haben.“ Habe man erst getan, dann „mache sich alles von selbst“, sagt dort Goethe; im anderen Falle bleibt es bei den Totgeburten, die uns berghoch umgeben, den Horizont einengend.
Volle Deutlichkeit wird diese Parenthese allerdings erst gewinnen, wenn wir eine zweite eingliedern, wie man denn bei aller Betrachtung organischer Gebilde sich immerfort veranlaßt findet, entweder von einer Umgliederung zur nächst höheren oder von einer Eingliederung zur nächst tieferen zu schreiten. Eine von den Erwägungen nämlich, die bei der genannten Hierarchie der einzuhaltenden Tatenreihe besondere Aufmerksamkeit verdient, ist die, daß der Mensch schwerlich folgerechte Taten hervorbringen wird, ehe er sich selbst einigermaßen kennt. „Sich selbst (aber) ist man eigentlich n u r i n d e r T ä t i g k e i t zu beobachten und zu erlauschen im Stande.“ Ein Jeder von uns ist sich eben selber zunächst als ein Ganzes gegeben; über seine eigenen Fähigkeiten weiß er nichts, bis ihn die Beschränkung auf bestimmte Aufgaben geprüft hat. Das Beobachten seiner selbst durch die Tat bildet einen wesentlichen Bestandteil dessen, was man getan haben muß, ehe man zu tun befähigt wird; und gerade über diese eine Erscheinung der vorliegenden Antinomie hat Goethe so viel nachgesonnen und ihr so entscheidendes Gewicht zugeschrieben, daß er ihr eines seiner Hauptwerke gewidmet hat: Wilhelm Meister.
Fern liege es mir, diese unvergängliche Schöpfung auf die Durchführung einer These beschränken zu wollen! Doch, hat man erst das, was Schiller den „Ideen-Inhalt dieses Dichtwerks“ nennt, deutlich erkannt, so ist es wohl gestattet, Andere auf ihn aufmerksam zu machen; und gerade Schiller stellt die Behauptung auf: „Meister's Lehrjahre sind keine bloße blinde Wirkung der Natur, sie sind eine Art von Experiment“; ein Experiment, das er „in allen möglichen Nüancen und Stufen in dem Roman dargestellt“ findet. Heute, wo die Erscheinung Goethe's uns vollendet vor Augen steht und sein Meister durch die erst lange nach Schiller's Tod erschienenen Wanderjahre abgerundet vorliegt, sind wir in der Lage, den
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Ideeninhalt noch schärfer zu erfassen. Im weiteren Verstande kommt die leitende Idee des ganzen zweiteiligen Werkes in einem Satze des ,;Lehrbriefs“ zum Ausdruck: „Der Sinn erweitert, aber lähmt; die Tat belebt, aber beschränkt.“ Wie man sieht: der Satz betont die Polarität von Sinn und Tat, zugleich auch den rhythmischen Puls der Erweiterung und der Zusammenziehung. „Sinn“ steht hier in der eigentlichen, alten, umfassenden Bedeutung des Wortes, wo es überhaupt „das innere Wesen eines Menschen“ (Grimm) bezeichnet, alles, was an ihm die Eindrücke von außen wahrnimmt, aufsaugt, verarbeitet, den Menschen also als Empfangenden; darum heißt es: „Der Sinn erweitert“; denn der Sinn ist die unentbehrliche Diastole; er schafft ein Ganzes. Verhält sich jedoch ein Mensch lediglich empfangend, hält die Diastole dauernd an, dann tritt, sowie im körperlichen so auch im seelischen Leben, die Lähmung und schließlich der Tod ein. „Beleben“ kann nur die Tat; ihre erste Bedingung ist Beschränkung, d. h. die Systole, welche festabgegrenztes Maß schafft. Je energischer die Tat, um so bestimmter wird die Beschränkung durchgeführt werden müssen. Das alles enthalten die tiefsinnigen Worte: „Der Sinn erweitert, aber lähmt; die Tat belebt, aber beschränkt.“ In der Person Meister's erblicken wir nun diesen Widerstreit zwischen Sinn und Tat, der dadurch besonders sichtbar wird, daß diese beiden sich in ihm fast fremd gegenüberstehen; ihm fehlt von Hause aus die befähigende Anlage, Sinn und Tat zu einander in harmonische Wechselwirkung zu setzen; „es sind nur Wenige, die den Sinn haben und zugleich zur Tat fähig sind.“ Und so muß er denn durch das Tun selbst nach und nach erzogen werden; um zu tun, muß man erst getan haben. Wie der Abbé uns belehrt (dadurch zugleich das nähere Thema der Lehrjahre andeutend) : „Der Irrtum kann nur durch das Irren geheilt werden.“ Nach Goethe kommt immer alles auf Tat an: einzig vermittelst der Tat entdeckt der Mensch, was er kann und nicht kann und was er infolgedessen wollen darf und soll. „Nicht vor Irrtum zu bewahren, ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist Weisheit der Lehrer.“ Worte, bei denen wohl Jedem der Vers aus Faust einfällt:
Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand.
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Zuerst stutzt Meister; endlich versteht er: „Von welchem Irrtum kann der Mann sprechen? sagte er zu sich selbst, als von dem, der mich mein ganzes Leben verfolgt hat, daß ich da Bildung suchte, wo keine zu finden war, daß ich mir einbildete, ein Talent erwerben zu können, zu dem ich nicht die geringste Anlage hatte.'* Durch das Puppenspiel seiner Kinderjahre und die Beziehungen zum Theater, die daraus hervorgingen, war Meister in eine bestimmte und dabei falsche Vorstellung von seiner eigenen Persönlichkeit hineingewachsen, so daß, was ihm auch in der Folge begegnete, gleichviel ob es sich als Fördernis oder als Hemmnis des eingebildeten Berufs gab, ihn immer nur weiter in seinem Wahne bestärkte. Wie es in den Wanderjahren heißt: „Der Wahn hat, solange er dauert, eine unüberwindliche Wahrheit, und nur männliche, tüchtige Geister werden durch Erkennen eines Irrtums erhöht und gestärkt. Eine solche Entdeckung hebt sie über sich selbst, sie stehen über sich erhoben und blicken, indem der alte Weg versperrt ist, schnell umher nach einem neuen, um ihn alsofort frisch und mutig anzutreten.“ Einzig d u r c h d a s I r r e n konnte Meister sich selbst kennen lernen. „Wer“, sagt der Abbé, „seinen Irrtum nur kostet, hält lange damit Haus, er freuet sich dessen als eines seltenen Glücks; aber wer ihn ganz erschöpft, der muß ihn kennen lernen, wenn er nicht wahnsinnig ist.“ Darum lobt Goethe an verschiedenen Orten den „kräftigen Irrtum“, lehrt: „Der Irrtum ist r e c h t; u t, solange wir jung sind“: macht aufmerksam: „Aus einem tätigen Irrtum kann etwas Treffliches entstehen“, und warnt: „Es gibt Menschen, die gar nicht irren, weil sie sich nichts Vernünftiges vorsetzen.“ Auch notiert er sich einmal in seinem Tagebuch: „Das Wahre, aber unentwickelt, so daß man es für Irrtum ansprechen könnte“: zwischen Tat und Tatlosigkeit kann immer sicher unterschieden werden, wogegen Wahrheit und Irrtum oft nicht viel mehr als Worte sind.
Jetzt wären wir befähigt, etliche gewichtige Schritte weiter zu tun in der Erkenntnis GoethescherWeisheit; doch damit der Leser den Faden nicht verliere, werfe ich erst den Blick zurück. Die Haupterkenntnis ist und bleibt: B e s c h r ä n k u n g m u ß s e i n. Denn Beschränkung ist die Bedingung der belebenden Tat. Der Sinn muß der Tat Raum lassen. Nun aber gilt das unumgängliche Gesetz: Uni zu tun, muß man erst getan haben. Kräftig zieht sich
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Sechstes Kapitel: Der Weise
das Gemüt auf ein beschränktes Ziel zusammen: wer weiß jedoch, ob die Schranken richtig gezogen sind? Aus der Phantasie allein ist der Mensch unfähig, sich selbst kennen zu lernen; sich selbst ist man nur in der Tätigkeit zu beobachten und zu erlauschen imstande. Da der 'Mensch sich erst d u r c h die Tätigkeit kennen lernt, mag er sich in der Tätigkeit häufig und lange irren. Daran liegt, nach Goethe, nichts; „Torheit ist oft nichts weiter, als Vernunft unter einem anderen Äußern“; nur darauf kommt es an, daß etwas geschehe, und zwar mit reinem Sinne. Denn ebenso wie wir vorhin feststellten, eigentliche Weisheit sei nicht direkt mitteilbar, ebenso ist nach Goethe jeder Versuch, die Menschen von außen — durch Lehre und Vorschrift — zu bilden, ein Wahn; einzig die eigene Tat ist fähig, den Menschen zu belehren. Wiederum redet der Abbé: „Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere bilden; in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden; das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen.“ Auch das Beispiel besitzt nicht immer für die Bildung den Wert, den man ihm gemeiniglich zuspricht, weil eben ein Jeder nur wahr ist, insofern er den eigenen Weg geht. „Selbst vollkommene Vorbilder machen irre, indem sie uns veranlassen, notwendige Bildungsstufen zu überspringen, wodurch wir denn meistens am Ziele vorbei zu einem grenzenlosen Irrtum geführt werden.“ Somit kann, im einzelnen und im allgemeinen, wahre Bildung nur darin bestehen, daß in jedem Menschen die T a t geweckt und auf alle «'eise gefördert werde, gleichviel welche Richtung diese zunächst einschlagen möge: ein Gedanke, der in der Allegorie der „pädagogischen Provinz“ im zweiten Teil von Wilhelm Meister ausführliche Veranschaulichung erfährt. Über das tiefsinnige Beiwerk übersehe man nicht die Grundmethode jener idealen Erziehungsanstalt: die erste Tat, die in jedem jungen Menschen zur „Belebung“ seiner Persönlichkeit geweckt werden soll, ist Tat in ihrer einfachsten Würde, nämlich die Tat der Hände. „Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das H a n d — w e r k vorausgehen, welches nur in der Beschränkung erworben wird.“
An diesen Komplex von Überzeugungen knüpfen sich nun mit organischer Notwendigkeit andere, die ins philosophisch-religiöse Gebiet hinübergreifen und in dem selben Dichtwerke reineren und
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mannigfaltigeren Ausdruck gefunden haben, als dies logisch-theoretisch möglich gewesen wäre. Die Unveränderlichkeit der Persönlichkeit ist ein Lieblingsthema der Philosophen; um nur Deutsche zu nennen; Leibniz hat sie unergründlich tiefsinnig und fein, zugleich phantasievoll entwickelt, Schopenhauer mit der ihm eigenen vereinfachenden und dadurch Viele überzeugenden -Gewaltsamkeit. Diese These lehnt Goethe ab — nicht theoretisch, wohl aber praktisch. Mag das Individuum noch so bestimmt und unabänderlich gegeben sein, Goethe zeigt an fast allen Personen seines Wilhelm — Meister, welche reichen plastischen Möglichkeiten einem Jeden innerhalb seines Wesens gegeben sind; die „Beispiele einer wundersamen Umbildung“ und „der geheimnisvollen Entwickelung angeborener Neigung und Sehnsucht“ werden am Schlusse des Werkes als ein beachtenswertestes Moment hervorgehoben. Es ist ein Jeder fähig, indem er die Beziehungen zwischen sich und den umgebenden Mächten umgestaltet, aus seinem theoretisch gleichbleibenden Ich ein neues Ich zu machen. „Von Natur besitzen wir keinen Fehler, der nicht zur Tugend, keine Tugend, die nicht zum Fehler werden könnte.“ Ein weites Gebiet zur Arbeit an uns selbst steht uns offen. Und die freudige Versicherung ertönt: „Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt“; mit anderen Worten: durch die richtige Beschränkung wird er es dazu bringen, als ein Ganzes zu wirken. „Ich kann mich nur über den Menschen freuen, der weiß, was ihm und Andern nütze ist, und seine Willkür zu beschränken arbeitet.“ Darum wird in den Wanderjahren „der Sonntag gewidmet, unsere Beschränkung zu überdenken.“ Diese kräftige, immer erneute Systole bedeutet ein Atemholen zu neuer energischer Tat. „Derjënige, der sich mit Einsicht für beschränkt erklärt, ist der Vollkommenheit am nächsten.“ Denn diese Einsicht leitet zu bewußter Umbildung und Entwickelung. Jene Lehre der Philosophen von der Unveränderlichkeit hemmt die Tat: darum dürfen wir ihr praktische Geltung nicht zugestehen. Nicht weniger lehnt aber Goethe jene andere Vorstellung ab, schwärmerischen Gemütern zu eigen, nach welcher der Mensch auf Schritt und Tritt von einer höheren Macht, ihm selbst unbewußt, bestimmt wird. Als Nileister einwendet: „So glauben Sie kein Schicksal? keine Macht,
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die über uns waltet und alles zu unserem Besten lenkt?“ erwidert der Abbé: „Es ist hier die Rede nicht von meinem Glauben, noch der Ort auszulegen, wie ich mir Dinge, die uns Allen unbegreiflich sind, einigermaßen denkbar zu machen suche: hier ist nur die Frage, welche Vorstellungsart zu unserem Besten gereicht... Wehe Dem, der sich von Jugend auf gewöhnt, in dem Notwendigen etwas Willkürliches finden zu wollen, der dem Zufälligen eine Art von Vernunft zuschreiben möchte, welcher zu folgen sogar eine Religion sei! Heißt das etwas weiter, als seinem eigenen Verstande entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns ein, fromm zu sein, indem wir ohne Überlegung hinschlendern, uns durch angenehme Zufälle determinieren lassen, und endlich dem Resultate eines solchen schwankenden Lebens den Namen einer göttlichen Führung geben.“ Vielmehr solle „die Vernunft des Menschen“ sich zwischen Notwendigkeit und Zufall stellen und „sie beide zu beherrschen wissen“; „sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins, das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur indem sie (die Vernunft) fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt zu werden.“ Daher das viel mißdeutete Verbot an die „Entsagenden“ der Wanderjahre, jemals über Vergangenes und Künftiges zu sprechen, „nur das Gegenwärtige sollte sie beschäftigen“; denn aller Tat steht immer nur ein einziger Augenblick zur Verfügung: die Gegenwart. Man darf wohl sagen: Tätigsein ist das selbe wie „der Gegenwart gebieten“; gebieten wir ihr nicht, so gebietet sie uns: „Die Gegenwart läßt sich ihr ungeheures Recht nicht rauben.“ Wobei uns auch Eckhart's Wort einfällt: „Gott ist ein Gott der Gegenwart.“ Gerade die Z e i t, die uns als ein anfangs- und endloses Ganzes umgibt, trägt und fortreißt, bedarf der entschlossensten und engsten Einschränkung, soll etwas entstehen: die Svstole muß hier das Herz von der grenzenlosen Unendlichkeit auf den einen unmeßbaren Punkt zusammenziehen; erst dann sind wir befähigt, diesen Augenblick unvergänglich zu machen, indem unsere Tat ihn über alle Zeiten hin erweitert. Noch sechs Monate vor seinem Tode, Tag für Tag, preist Goethe alle die den einfachsten Berufen Ergebenen, deren Tätigkeit rein in der Gegenwart aufgeht, die Holzhauer, Kohlenbrenner, Glas-
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bläser, sie „alle sind heiterer als unsereiner, der gewöhnlich das H e u t e verliert, weil ein G e s t e r n war und ein '.\1 o r g e n sein wird“; daher denn in einem Briefe des selben Jahres Demjenigen, der „tätig sein will“, empfohlen wird, „nur das Gehörige des Au;enblicks zu bedenken.“ In welchem Maße Goethe bestrebt ist, jede Regung des Gemütes zur Beförderung der T a t zu gewinnen, ersieht man aus folgendem Satze, in welchem er von der Hoffnung, die er vielleicht öfter als irgend ein Dichter besungen hat, sagt: „Durch die Tätigkeit, wenn man es genau besieht, wird die Hoffnung in jedem Augenblick r e a 1 i s i e r t.“
Hier aber muß ich eine vergleichende t berlegun; einschalten. Ermahnungen, uns zu beschränken, mäßig zu sein, den „goldenen Mittelweg“ einzuhalten usw., sind nichts weniger als neu: von Cicero und Seneca an bis zu den durch die Zucht des Lebens weise gewordenen Graubärten, denen wir auf unserem Wege begegnen, fanden >ich Manche bereit, gerade dieser Lehre ihre Beredsamkeit zu widmen. Das Evangelium der Toleranz, der Jläßigkeitsscheuklappen und des freiwillig angelegten, von anderen guten Leuten — Priestern, Professoren, Leitartiklern — zu lenkenden Zaums besitzt alle empfehlenswerten Eigenschaften, die man will, nur nicht die der Genialität. Ein wenig besser ist es um jenes andere Evangelium bestellt, von dem wir heute viel hören, das Evangelium des „Arbeitens und nicht Verzagens“. Ich hoffe aber, der Gang, den unsere Darlegung bisher nahm, wird genügt haben, den Leser zu überzeugen, Goethe's Weisheit habe mit allen diesen Dingen nicht ein
a. Lebensatom gemein; wie jener prophetische König von Ägypten fette und magere Kühe selbst im Schlaf noch zu unterscheiden wußte, müssen wir zwischen einer Weisheit aus Dürftigkeit und einer ~Veis
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heit aus Fülle zu unterscheiden lernen. Nicht “,Mäßigkeit, sondern M a ß lehrt Goethe, nicht stupiden Bienenfleiß, sondern T a t k r a f t.
r Beides faßt er zusammen in dem Satze: „Des Mannes Vorzug besteht nicht in gemäßigter, sondern in gebändigter Kraft“ (S. 172). Unter Maß versteht Goethe „Gestalt“ als allgemeingültiges Lebensgesetz gefaßt; Maß ist für ihn diejenige Kraft, die fähig ist, Leben zu erzeugen. Denn Leben entsteht in und aus beschränkendem 'Maße: aus der Beschränkung des Chaos der physischen Möglichkeiten auf fest bestimmte Richtungen, der Beschränkung des flüch
Chamberlain, Goethe    39
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tigen Traums unzählbarer Formen auf je eine unabänderliche Gestalt, der Beschränkung der unbegrenzten Zeit auf eine flüchtige Daseinsfrist. Aus diesem Maße entspringt das Individuum, aus dieser Systole blinder Kraft die Diastole des Lebens. Wie eng die hervorbringende Natur an das Gesetz des bestimmten Maßes gebunden ist, hat Goethe's staunende Aufmerksamkeit stets besonders gefesselt; er nennt es das „Prinzip des Gebens und Entziehens“ und schreibt: „Die Natur kann nur einen Teil auf Unkosten des anderen begünstigen; sie muß also in einem gewissen N1 a ß e bleiben.“') Ja, mehr noch: je verwickelter, je feiner durchgebildet eine Lebensgestalt ist, um so vielfachere Beschränkung muß ihr die Natur auferlegen. „Durch diese Beschränkung wird es ihr allein möglich, ihr vollkommenstes Geschöpf, den Menschen, hervorzubringen.“ Auf dem einzelligen Protoplasmaklümpchen, das im Wasser schwebt, lasten nicht so viele Bedingungen wie auf uns Menschen.
Diese Grenzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie: Denn nur also beschränkt war je das Vollkommene möglich.
Die Gattung Mensch, aus der strengsten Beschränkung hervorgegangen, unterliegt in ihrem eigenen Tun dem selben Gesetz der Natur: je energischer ein Mensch das Maß seines Wollens umgrenzt, um so weiter wird die Wirkung seines Tuns reichen.
So hätten wir denn die eine Seite der Gleichung, die uns in diesem Abschnitt beschäftigt, ziemlich scharf ins Auge gefaßt; es ist an der Zeit, der anderen Seite unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Erst wenn man die Gleichberechtigung der polar entgegengesetzten Forderung begreift, strömt volles Licht aus über diese Weisheit Goethe's, für die der Begriff des G a n z e n nicht geringere Würde besitzt als der des Maßes. Die Ungewohntheit der Vorstellung macht es nötig, sie eingehender zu behandeln.
Wir wurden vorhin belehrt: „Die Tat belebt“; die andauernd einseitige Tat wirkt aber zerstörend. „Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankerott“, sagt Goethe. „Die Menschen werden an sich und Andern irre, weil sie die Mittel als
1) Für diese Tatsache führte Cuvier später, jedoch noch zu Goethe's Lebzeiten, den Begriff der Correlation ein.
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Zweck behandeln, da denn vor lauter Tätigkeit gar nichts geschieht oder vielleicht gar das Widerwärtige.“ Diese Besorgnis empfindet Goethe auf allen Gebieten: denn überall ist Tat am Werke, zum Segen oder zum Verderben. Schon öfters zitierte ich z. B. seine Aussprüche über die Naturforscher, die vor lauter Forschen stumpfsinnig werden, bis sie nicht mehr sehen, was ihnen vor den Augen liegt. Ähnlich überall. Auch im praktischen Leben empfindet Goethe das Bedrohliche des ihn sonst einnehmenden „Übergangs vom Handwerk zum Maschinenwerk“, der künstlich Bedürfnisse züchtet, um überflüssige Arbeit zwecklos tätig zu erhalten. „Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich; es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen“ läßt er in den Wanderjahren sagen. Der Anblick einer großen Stadt erschreckt ihn schon 1797: „Sehr merkwürdig ist mir aufgefallen, wie es eigentlich mit dem Publico einer großen Stadt beschaffen ist. Es lebt in einem beständigen Taumel von Erwerben und Verzehren'), und das, was wir S t i m m u n g nennen, läßt sich weder hervorbringen noch mitteilen. Alle Vergnügungen, selbst die Theater, sollen nur zerstreuen, und die große Neigung des lesenden Publikums zu Journalen und Romanen entsteht eben daher, weil jene immer und diese meist Zerstreuung in die Zerstreuung bringen.“ Das ist die toll gewordene Tätigkeit. Dem allem gegenüber muß nun betont werden, daß jener erweiternde „Sinn“, der Sinn, der überall auf ein Ganzes gerichtet bleibt und von einem Ganzen Atem, Eingebung, Inhalt, Ziel schöpft, leicht für ein Höheres gelten kann als alle Tätigkeit; denn erst durch diesen Sinn und aus diesem Sinn erhält unser Sein und Tun Bedeutung.
Entbehrst du drin Unendlichkeit in Geist und Sinn, So ist dir nicht zu helfen.
Der Sinn ist es, der eine Welt schenkt. Wenn Goethe die germanische Dichtkunst sprechen läßt:
Von euch verlangt man eine Welt zur Welt,
1) In einem anderen, an dem selben Tage abgegangenen Briefe heißt es: „Ihre Zeit ist nur zwischen erwerben und verzehren geteilt.“
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so ist damit dieser erweiternde Sinn gemeint, der sich durch L`bung zu jeder Aufnahmefähigkeit stärken kann. Viele Worte der Erklärung sind hier nicht nötig, insofern die Welt nie ein vollkommeneres Beispiel dieses „Sinnes“, dieser Diastole des offenen Auges, offenen Herzens, offenen Verstandes erlebt hat als in Goethe selbst. „Ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug“, schreibt er, „sogar mein eigenes beschränktes Selbst zu einem Schwedenborgischen Geisteruniversum erweitert zu fühlen.“ Wiederholt hat er auch als Dichter dieser Anlage und Stimmung beredte Worte gewidmet. Werther krankt an der Lähmung, welche die übergroße Erweiterung des Sinnes mit sich bringt: „Die Welt um mich her und der Himmel ruhen ganz in meiner Seele, wie die Gestalt einer Geliebten ... Aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.“ In einer anderen Gestalt stellt sich uns der Antipode zu aller grenzenden Tätigkeit dar, wenn wir Wilhelm Meister durchs Leben begleiten. Dieser saugt inbrünstig die Eindrücke ein, verliert darüber den Trieb zu handeln und erscheint darum dem flüchtigen Beobachter weit lenkbarer als er es in Wirklichkeit ist; denn nicht die Menschen, sondern die Ereignisse sind es, die Bestimmungsgewalt über ihn gewinnen, und zwar darum gewinnen, weil er im höchsten Grade aufnahmefähig ist. Als Mignon zum ersten Male erblickt wird, fällt die seltsame Erscheinung jedem in der Gesellschaft auf, dem einen mehr, dem andern weniger, allen jedoch — wie üblich — flüchtig; Wilhelm Meister dagegen schaut mit einem ahnungsreichen Blick bis auf den Grund jener Seele durch: „Diese Gestalt prägte sich Wilhelm sehr tief ein; er sah sie noch immer an, schwieg und vergaß der Gegenwärtigen über seinen Betrachtungen.“ Eine Frau von besonderem Scharfblick, Aurelie, bemerkt an ihm „eine Vorempfindung der ganzen Welt“, eine Eigenschaft, die sich Goethe selber des öfteren zuschreibt und die mit der zartesten Empfänglichkeit des weit offenen Auges zusammenhängt; denn „Vorempfinden“ besagt nichts anderes als den Besitz einer so unendlich fein gestimmten Seele, daß ein kaum vernehmbarer Ton aus noch so großer Ferne sofort das Echo im Busen weckt. Wiederum anders tritt uns die Herzerweiterung in der Person des Faust entgegen. Für ihn hatten die Beschränkung und die ihr entsprießende Tat in dem fieberhaften Suchen nach Wissen bestanden;
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sobald er diesem entsagt, dehnt sich seine Seele zu einer wonnevollen Diastole aus:
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen, Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, Will ich in meinem innern Selbst genießen,
Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen, Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern ...
Wenn nun Goethe auf allen Gebieten und bei den verschiedensten Gelegenheiten immer wieder ein G a n z e s fordert, wenn er — um aus Dutzenden von Aussagen eine einzige herauszuwählen — sich dahin bekennt: „Daß ohne Ganzheit, ohne das alles zusammenfassende, vereinfachende Herz Niemand dauerhaft, wahrhaft groß sei, glaub' ich von ganzer Seele“, so entsteht in jedem Klarheit liebenden Kopfe als Erstes das Bedürfnis nach einer genaueren Vorstellung dieses Ganzen, da man mit einem solchen Worte — wenn es Wort bleibt — ehe man sich's versieht in nebelhaften Phrasendunst gerät. Goethe bezeichnet einmal seinen Wilhelm Meister als „dieses Ganze ohne Ende“. Schon aus dieser gelegentlichen Äußerung geht hervor, daß er unter einem „Ganzen“ nicht eigentlich eine Totalität, vielmehr irgend ein Unbegrenztes versteht, vielleicht überhaupt weniger ein Dingliches als eine Tat, eine Richtung, die eingeschlagen werden soll, ein geistiges Bestreben, das, was er einmal als „liebevolles Annähern an das Unerreichbare“ schildert und nur für möglich hält „in der höchsten Region des Bewußtseins“. Tiefstes Nachsinnen begleitet eben beständig Goethe's Hinschauen auf Natur und Menschheit; selbst an einen Nichtphilosophen richtet er Worte wie folgende: „Alles, was ist, könnte nicht sein, wenn es nicht unendlich wäre“. In welchen geheimnisvollen Tiefen diese Vorstellung wurzelt, empfinden wir besonders deutlich, wenn er uns rät, uns lieber „aus dem Dunkeln ins Helle“ als „aus dem Hellen ins Dunkle zu bestreben“, und zwar „in der Überzeugung, daß das Klare auf einem tiefen, schwer erforschten G r u n d e ruhe“ und daß man „von diesem immer schwer auszusprechenden Grunde das Mögliche mit heraufzunehmen bedacht“ sein müsse. Dieser „Grund“ ist nichts
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anderes als das geforderte „Ganze“ — jene Unendlichkeit und Unerreichbarkeit und Unerforschlichkeit, ohne welche das Endliche, Erreichbare, Erforschliche nicht sein könnte.
Wie der aufmerksame Leser schon bemerkt, handelt es sich um subtilste Geistesverrichtungen, denen man nie mit schulmäßig abgezirkelten Begriffsbestimmungen beikommen wird. Hier hat uns nun Schiller, der Seher, einen wertvollen Wink gegeben. Ihm war es, noch ehe Goethe sich dessen vollkommen bewußt geworden war, als ein besonderes Merkmal seines Freundes aufgefallen, daß sein „Reichtum“ stets „a 1 s e i n G a n z e s i n i h m 1 i e g e“; außerdem mußte er bei genauerer Kenntnis immer mehr staunen über „die schöne Übereinstimmung“ der tiefsten Geistesanlagen Goethe's mit den „reinsten Resultaten der spekulierenden Vernunft“ Kant's, trotzdem es „beim ersten Anblick zwar scheint, als könnte es keine größeren Opposita geben“. Diesem Winke müssen wir folgen, denn für mich unterliegt es keinem Zweifel, daß einzig der Vergleich zwischen Goethe und Kant und die Entgegenstellung Beider hier wahres Verständnis vermitteln kann. In einem Briefe bezeichnet Kant als die besondere Erschwernis für das Verständnis seiner Weltanschauung, daß „die Darstellung des Ganzen erforderlich ist“, ehe es möglich wird, die einzelnen Teile richtig zu entwickeln. Ebenso wie Goethe geht auch er, wie man sieht, von einem Ganzen aus. In diesem Augenblick handelt es sich für uns nicht um eine Untersuchung der Lehre Kant's, sondern nur um kurze, genaue Bestimmung seiner Denkart — mit anderen Worten, seiner Art zu fragen und zu antworten; woraus wir dann durch Analogie und Kontrast Goethe's Art leicht und mathematisch genau erfassen werden. Damit wird zugleich die Vorstellung eines „Ganzen“, wie er es meint, gewonnen sein.
Gleich beim ersten Schritt pflegen die Menschen hier fehl zu gehen; sie irren sich über das Problem selbst, welchem Kant's Denken galt. Kant hat keine Psychologie schreiben wollen; sein Werk bedeutet nicht „die Kritik der Gehirnfunktionen“, wie so vielfach behauptet wird; wer von dieser falschen Annahme ausgeht, kann niemals zu einem richtigen Urteil über seine Absicht und Leistung gelangen. Nicht das Individuum mit seinem Hirn zieht der Philosoph in Betracht, %ondern die T a t s a c h e d e s G e i s t e s, die
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Tatsache, daß — ebenso unmittelbar wie Materie — auch Geist gegeben ist. Diesem allgemeinen Tatbestand gilt sein Sinnen. Nach Hirnen und Hirnfunktionen fragt er gar nicht, ebensowenig wie er nach vergleichender Anatomie, Chemie, Erdkunde usw. fragt; das alles sind ja „Erscheinungen“, das heißt ein Gewebe von Materie und Geist; der Entwirrung dieses Gewebes, nicht der Untersuchung irgend welcher besonderen Einzelerscheinung ist sein Forschen gewidmet; und sein Zweck geht dahin, einer unerträglichen Verwirrung von Jahrtausenden durch genaue Grenz- und Kompetenzbestimmungen ein Ende zu machen. Da nun die Tatsache des Geistes zwar das dem Bewußtsein zunächst Gegebene ausmacht, nicht jedoch sinnlich wahrnehmbar ist, Kant aber diese Tatsache ebenso rein objektiv untersuchen will wie ein Astronom die Gestirne, so fragt er nicht nach den Ansichten des Herrn A und des Herrn B, sondern er packt das Problem dort an, wo Gesamtleistungen wankenloser Eindeutigkeit vorliegen, wie in der Mathematik, der Logik und den exakten Wissenschaften, dort also, wo Übereinstimmung zwischen den zahllosen Trägern des Geistes offenbar stattfindet. Bei allen Abweichungen im Einzelnen läßt sich auf diesem Wege strenge Gesetzmäßigkeit in den Verrichtungen des Geistes aufzeigen; wäre das nicht der Fall, herrschte hier individuelle Willkür, so gäbe es kein einheitliches Weltbild von zwingender Allgemeingültigkeit. Kant's Kritik scheidet nun — indem sie zunächst das uns aus dem vierten Kapitel wohlbekannte uralte Problem Nûs-Physis von neuem aufnimmt — möglichst sorgfältig Geist von Materie und weist auf diesem Wege eine unsichtbare Welt nach, welche der sichtbaren Welt gegenübersteht und sich Zug für Zug mit ihr verwebt; sie kann keine der beiden aus oder an der anderen „erklären“, sie versucht es auch nicht; sie stellt kein Dogma auf, weder über die eine noch über die andere noch über das Verhältnis zwischen beiden, und gesteht Keinem das Recht zu, dies zu tun; sie ist darum ebensowenig Metaphysik wie Physik, ebensowenig Psychologie wie Kosmologie; sie ist reine Besinnung, weiter nichts. Ebenso wie der Erforscher der Natur die Grundtatsachen — den Stoff, die Kräfte, das Leben — als gegeben annehmen muß und keiner Hypothese über die Entstehung dieser Gegebenheiten Raum lassen kann (außer er ist ein Narr oder ein Betrüger), ebenso findet der Erforscher des im Geiste Geborenen ge-
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gebene Tatsachen vor: zunächst einen der abwechselnden Systole und Diastole analogen Rhythmus, nämlich ein beständiges Hin und Her von der einen Welt zu der anderen und wieder von dieser zu jener zurück; der Geist erweist sich einerseits als „leidend“, nämlich als empfänglich für Eindrücke, andrerseits als „spontan“, nämlich als eigenmächtig rückwirkend, d. h. diese Eindrücke seinen Bedürfnissen gemäß mit instinktiver Notwendigkeit ummodelnd; das Erleiden führt zu dem, was wir Wahrnehmung heißen und uns konkret als Sinnlichkeit vorstellen, das Erschaffen zum Verbinden alles Wahrgenommenen zu einer Einheit im Bewußtsein, eine verwickelte Tätigkeit, die wir unter dem Namen V e r s t a n d zusammenzufassen pflegen. Nun besinnt sich der Geist über sich selbst, wird sich seines Daseins bewußt und empfindet den Drang, das ihm durch Sinnlichkeit und Verstand Gegebene frei zu gestalten; diese neue Funktion, die weder unmittelbares Erleiden noch unmittelbare Rückwirkung ist, nennen wir V e r n u n f t; von ihr aus gesehen, rücken Verstand und Sinnlichkeit wieder nahe zusammen, und was die Vernunft gestaltet, wirkt auf beide zurück. Hierbei ist eine äußerst geschäftige E i n b i 1 d u n g s k r a f t mit tätig, deren „Schwärmen“ Kant für die Entwirrung seines Problems gefährlich dünkt und die er dahin zu bändigen sucht, daß sie nur „unter der strengen Aufsicht der Vernunft dichten soll“. Deutlicher als je zuvor steht seit Kant der Geist als ein besonderes Ganzes vor unserem Bewußtsein da; nicht, wie gesagt, der Geist dieses und jenes Menschen, worüber von diesem Standpunkt aus nichts ausgesagt werden kann, sondern das Geistige als ein gegebenes „Etwas“, und zwar ebenso unmittelbar gegeben wie die sichtbare, hörbare, fühlbare Welt der Physis. Ob es ohne Welt Geist gäbe, ist eine ebenso unlösbare Frage wie die, ob es ohne Geist eine Welt gäbe; jedes von beiden tut sich für uns Menschen ausschließlich in und an dem anderen kund. Menschsein heißt also (wie auch Goethe uns belehrt) „zwei Welten angehören“, und zwar in der Weise angehören, daß man eine jede nur in der anderen widergespiegelt erblickt: der Kosmos bildet nur dann eine deutliche Vorstellung, wenn (und insofern) er geistig verarbeitet, d. h. den Forderungen des Geistes gemäß — und sei es auf Kosten noch so rücksichtsloser Gewaltsamkeit — gestaltet ist; der Geist aber wird nur in und an seinem Verhältnis zum Kosmos erkannt, da er
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einzig an der Gestaltung der Welt sein Dasein offenbart. Der Kosmos ohne Geist wäre Chaos, der Geist ohne Kosmos leeres Nichts. Das ist Kant's Art, sich zu besinnen, und das sind die Grundlinien seiner Ergebnisse.
Im Wesentlichen stimmt nun Goethe genau mit Kant überein, teilweise durch ihn belehrt, mehr aber — und in einem tieferen Sinne — weil, wie er einmal Eckermann sagte, er bei seiner Besinnung über Welt und Mensch „aus eigener Natur einen ähnlichen Weg als Kant gegangen war“. Man höre ihn: „Das Höchste wäre: zu begreifen, daß alles Faktische schon Theorie ist“; ein einziges solches Wort genügt. Denn wir sehen hier Goethe mit aller Deutlichkeit die Doppelwelt Kosmos-Geist aufstellen und die gegenseitige Bedingtheit der beiden Hälften aussprechen. Dieses Wort Goethe's besagt: jedesmal, wenn wir von einer „Tatsache“ reden, reden wir zugleich — auch wenn wir uns dessen nicht bewußt sind — von einer ,.Theorie“; die angebliche Tatsache ist nicht bloß leidendes Wahrnehmen, sondern auch spontane Geistesgestaltung. Goethe's liberzeugung lautet: „Es gibt keine Erfahrung, die nicht produziert, hervorgebracht, erschaffen wird.“ Das ist genau auch Kant's Überzeugung; beiden Denkern schwebt — als Ganzes — die selbe Doppelwelt vor; wie Goethe einmal sagt: „In uns selbst liegt das Rätsel, die wir Ausgeburt zweier Welten sind.“ Jetzt dürfte der Leser genügend vorbereitet sein, um einer subtilen Bemerkung wie die nachstehende folgen zu können: Goethe lehrt, die Steigerung von der rohen Empirie des Ungefähr zu der „zarten Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht“, bedeute in Wirklichkeit die zunehmende Umwandlung des Gegenstands — nicht, wie gemeinhin angenommen, in immer reinere Erfahrung, vielmehr — in immer reinere Theorie und sei nur durch „Steigerung des geistigen Vermögens“ zu erreichen. Also, die Deutlichkeit des Gegenstandes hängt von der Deutlichkeit des Geistes ab, nicht etwa umgekehrt. Und noch ein hierher gehöriger Spruch: „Mit den Ansichten, wenn sie aus der Welt verschwinden, gehen oft die Gegenstände selbst verloren. K a n n man doch im höheren Sinne sagen, daß die Ansicht der Gegenstand sei.“
Nunmehr sind wir befähigt, sowohl den Parallelismus wie das Unterscheidende zwischen Kant und Goethe genau zu bestimmen.
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Beide eint die Erkenntnis, daß alles, was man als „Ganzes“ bezeichnen kann, aus zwei nicht aufeinander zurückführbaren Bestandteilen zusammengesetzt ist. Wer das nicht bedenkt und nicht berücksichtigt, hält, ohne es zu wissen, lauter Bruchstücke in der Hand:
Fehlt leider nur das geistige Band.
Ein Ganzes erfaßt einzig derjenige Mensch, der sich immer von neuem besinnt, daß wir überall mit zwei Welten zu tun haben. Wobei aber Folgendes noch wohl zu beachten ist: das gegenseitige Verhältnis der beiden Welten zueinander wechselt je nach dem Gegenstand. In der Mitte (wenn ich mich allegorisch und zugleich vereinfachend ausdrücken darf) verschmelzen sie ineinander, wogegen an den äußeren Grenzen eine Neigung zu isolierender Selbständigkeit herrscht; der Sinneneindruck führt gern hinaus in erstarrte Materie, die Idee verblaßt zuletzt auf luftdünnen Höhen. Aus dieser Erwägung ergibt sich das charakteristisch Unterscheidende beider Persönlichkeiten. Kant's Lebensarbeit gilt fast lediglich jenem Mittelgebiet, wo Sinnlichkeit und Verstand miteinander verschmelzen, weil hier die Entwirrung im Interesse von Philosophie und Wissenschaft, von Religion und Sittenlehre am nötigsten ist; immer mehr findet er sich in das denkbar schwierigste Unternehmen verwickelt: Wesen und Wirken des Geistes aus seiner Beteiligung am Weltbild — gleichsam also aus doppelter Spiegelung — abzuleiten und somit die bisher unenträtselbar gebliebene „Schlagseite“ des Bildes (wie der Münzpräger sagen würde) zu erforschen und dadurch dem Bewußtsein ausführlich bekannt zu geben. Ihm handelt es sich, in Goethe's Worten, um „das Innere, nicht etwa Abstrakte, sondern Urlebendige“; auf der schärfsten Messerschneide zwischen beiden Welten muß er im Gleichgewicht zu verharren suchen, stets bestrebt, sie sorgsam auseinander zu halten und in ihrer Verschiedenheit aufzuzeigen. Im Gegenteil hierzu empfindet Goethe für die Analyse des Mittelgebietes, wo Verstand und Sinnlichkeit sich vollkommen durchdringen, nur mittelbares Interesse und bekennt, für derlei Erwägungen ebenso wie für die dort heimische Mathematik geringe Anlage zu besitzen; mit Leidenschaft richtet er seinen Sinn auf das Zusammenknüpfen der beiden Welten, dort, wo sie sich gegenseitig fliehen; ihm ist es darum zu tun, die beiden
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äußersten Enden des Gemütes einander anzunähern und durch diese Befruchtung zu neuem Leben zu erwecken: mit anderen Worten, was er erstrebt, ist die Vermählung der möglichst unmittelbaren, noch von keiner schematisierenden Verstandesblässe angekränkelten sinnlichen Wahrnehmung mit dem reingeistigen, phantasiemächtigen Elemente. Was er will, ist die Ausbildung der bewußten schöpferischen Geistesgewalt an dem Stoffe, den das r e i n e E r s c h a u e n liefert. Wir finden also bei dem einen Manne die Gebärde des Auseinanderdrängens, bei dem anderen die des Aneinanderziehens vorwiegend; Kant lehrt unterscheiden, Goethe lehrt verbinden.
Wer diesen Tatbestand erst klar überblickt, wird bei weiterem Nachsinnen mit Staunen entdecken, daß es in mancher Beziehung leichter ist, Kant zu verstehen als Goethe. Kant schreckt ab durch das Ansinnen, über Dinge nachzudenken, die uns fraglos klar gedünkt hatten; Goethe schreckt nur darum nicht ähnlich ab, weil wir uns der Tragweite seiner Forderung überhaupt nicht bewußt werden.
Kant will, wie wir hörten, die Welt des Geistes analytisch durchforschen; anstatt aber wie seine Vorgänger dies durch Introspektion (Selbstbeschauung) zu erstreben, was nur zu subjektiven oder psychologischen Ergebnissen führen kann, wendet er sich an die objektive kosmische Welt, wie die exakte Wissenschaft der letzten Jahrhunderte sie nach und nach uns immer deutlicher zur Vorstellung gebracht hat, und zergliedert nun die einzelnen Vorgänge im Gemüte, vermittelst welcher dieses anschauliche Gedankenbild einer in Raum und in Zeit einheitlichen Welt zustandekommt; Goethe dagegen, der zunächst die wahrnehmbare Welt ins Auge faßt, gelangt auf seinem Wege dahin, von dem Geist eine offenbarende Wirkung zu verlangen, analog derjenigen, welche Kant sich von der sichtbaren Welt holt: ist für Kant der Kosmos in der Gesetzmäßigkeit, welche die Wissenschaft aufgedeckt hat, die Grundtatsache, an der nicht gerüttelt werden darf, so findet Goethe in dem Ideenbilden des Menschengeistes diejenige Kraft, über deren Bedeutung für das Menschsein wir uns nie irre machen lassen dürfen; seine Vorstellungen von allem, was Natur heißen kann, werden infolgedessen immer durchgeistigter und daher immer schwieriger zu fassen. „Indem wir von Ideen ausgehen“, schreibt er, „sprechen wir d i e E i n h e i 1
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des Ganzen schon aus, und es ist gewissermaßen nachher die Sache der Natur, sich in diese Idee zu fügen.“ Goethe kämpft für die Befreiung der Idee sowohl aus rationalistischen wie aus materialistischen Fesseln. „Wenn die Welt nicht ganz und gar verschwinden soll, so muß man sich zu denen halten, welche sie aufzubauen imstande sind.“ Es gibt keine subtileren Vorstellungen als Goethe 's Ideen über Metamorphose, Tppus, Farbengestalt; wer aber hierdurch aufmerksam wurde, findet das selbe bei ihm auf allen Gebieten: es gilt nicht weniger von Kunst, Drama, Politik, Religion; in einer Auseinandersetzung über das Theater heißt es: „Wenn wir von Wirkungen unseres Geistes reden, sind keine Worte zart und subtil genug.“ Hinzu kommt noch seine unnachahmliche Kunst, für die feinsten Schattierungen der Bedeutung den Ausdruck zu finden, und wenn das unmittelbar nicht möglich ist, dann mittelbar. „Da wir das, was in uns vorgeht, nicht geradezu ausdrücken können, sucht der Geist durch Gegensätze zu operieren, die Frage von zwei Seiten zu beantworten und so gleichsam die Sache in die Mitte zu fassen“; wie er denn selber die Absicht kundgibt, „durch die Reflexion dem Unsichtbaren und Unaussprechlichen eine Art von Körper zu leihen.`' Keiner bilde sich ein, er habe mit leichter 'Mühe Goethe bis auf den Grund verstanden! Sinnt Kant, der Denker, über unser. Weltbild nach, so knüpft er Schritt für Schritt an die Tatsachen an, die uns vor Augen liegen; hingegen Goethe, der Schauer, sich nie scheut, Vorstellungen von uns zu verlangen, welche der Sinnlichkeit zuwiderlaufen und darum konkreter Anschaulichkeit entbehren; woraus aber des weiteren folgt, daß die erforderten begleitenden Gedanken nicht eigentlich gedacht werden können. Sowohl der Anschauung wie dem Verstande mutet er, wie man sieht, eine Plastizität zu, auf welche beide nicht vorbereitet zu sein pflegen. So hebt er an einer Stelle, wo er selber diese Unüberwindlichkeit zugesteht, hervor: seine Metamorphosenlehre verlange von uns, daß wir das Gleichzeitige und das Aufeinanderfolgende als ein und das selbe betrachten, `vas insofern nicht extravagant sei, als „die Idee unabhängig ist von Raum und Zeit“. Unsere Anschauung aber und mit ihr unser Verstand sind und bleiben in Raum und Zeit befangen. Wie denn Goethe weiter schreibt: „Eine Naturwirkung, die wir der Idee gemäß als simultan und sukzessiv z u g 1 e i c h denken sollen,
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scheint uns in eine Art Wahnsinn zu versetzen. Der Verstand kann nicht vereinigt denken, was die Sinnlichkeit ihm gesondert überlieferte, und so bleibt der Widerstreit zwischen Aufgefaßtem und Ideirtem immerfort unaufgelöst.“ Mehr als je irgend Einer hat gerade er diesen Widerstreit angefacht, weil er darauf ausgeht, die despotische Gewalt des Geistes und seiner Ideengestalten über Sinnenzeugnis und Denkzwang durchzusetzen. Einmal gesteht er auch: „Ich werde selbst fast des Glaubens, daß es der Dichtkunst vielleicht allein gelingen könne, solche Geheimnisse gewissermaßen auszudrücken, die in Prosa gewöhnlich absurd erscheinen, weil sie sich n u r i n Widersprüchen ausdrücken lassen, welche dem Menschenverstand nicht einwollen.“
Ungern habe ich gerade in diesem Buche bei Erwägungen verweilt, welche alle Kraft der Aufmerksamkeit auf die letzten Abstraktionen des Bewußtseins richten; ich tat es aus der Überzeugung, daß es gar keine andere Möglichkeit gibt, Goethe's umfassendste -- und darum auch richtunggebende — Vorstellung eines „Ganzen“ sich anzueignen, als diese Parallelisierung mit Kant. Außerdem hat unter uns die Märe vom „unphilosophischen Goethe“ axiomatische Bedeutung gewonnen; ihr gegenüber tat es Not, mit aller Energie darauf hinzuweisen, in welchem Grade seine besondere Art zu denken und zu schauen und beides zueinander in Beziehung zu setzen ihn zu einem der eigenartigsten, tiefsten und namentlich subtilsten Denker aller Zeiten stempelt.
Hiermit hoffe ich, dem Leser eine genaue Vorstellung dessen vermittelt zu haben, was Goethe — bewußt und unbewußt — unter einem „Ganzen“ versteht. Denken wir uns als die mittlere Veste unseres Wesens eine aus Verstand und Anschauung zusammengesetzte Doppelwelt, in welcher der Verstandesteil mit Anschauung durchtränkt ist und die Anschauung Zug für Zug am Verstande sich aufbaut, so bemerken wir bei näherer Betrachtung, daß es hüben und drüben noch je ein weites Gebiet gibt, wo auf der einen Seite der Geist und auf der anderen die Physis beinahe autonom walten: auf der einen Seite also Phantasie und ideenbildende Vernunft, mit denen wir alle mehr oder weniger bekannt- sind, auf der anderen ein uns weniger bewußt vertrautes, möglichst gedankenbares Wahrnehmen, mit anderen Worten die Anlage, Eindrücke rein passiv sinn-
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lich aufzunehmen, ohne Berücksichtigung der Verstandesansprüche. Bezeichnend ist für Goethe die Betonung dieser beiden Endgebiete und sein Bestreben, sie mit Umgehung des vermittelnden Zentralgebietes direkt miteinander zu verknüpfen; hierin, mehr als in irgend etwas andrem, zeigt sich die Eigenart seiner Persönlichkeit; und wenn er von einem Ganzen spricht, so ist jederzeit vorauszusetzen, er meine diejenige Gemütsart, welche ihre Fühlhörner weit über die verstandesmächtige Anschauung hinaus in den Schoß eines nur dunkler Wahrnehmung zugänglichen Alls streckt, bis wohin Gedanke und Wort nicht nachkönnen, eine Gemütsart aber, die andrerseits in der eigenen Spontaneität, in der urwüchsigen Kraft reinen, ungebändigten Geistes ein Organ entdeckt, fähig es mit jener geheimnisvollen Welt aufzunehmen.
Das genau zu verstehen, ist umso wichtiger, als Goethe — der an so manchem, was das angehende neunzehnte Jahrhundert Neues brachte, freudig teilnahm oder es geduldig ertrug — sich in Bezug auf diese Grundlage seiner Weltanschauung in unüberbrückbarem Widerspruch zu den herrschend gewordenen Lehren unserer Zeit befindet. Während zwischen Goethe und Kant gegenseitig ergänzende Kontraposition statthat, besteht zwischen ihm und unserer „naturwissenschaftlichen Weltanschauung“ diametraler Gegensatz; es handelt sich um zwei Methoden, die vielleicht nebeneinander Berechtigung erheischen, nicht aber miteinander zusammenwirken können. Denn das Wesen unserer Wissenschaft besteht in der strengen Beschränkung auf das allerengste Mittelgebiet: sie ist blind für jeden sinnlichen Eindruck, der sich nicht ohne Rückstand in logische Gedanken umsetzen läßt, alle derartigen Wirklichkeiten werden von ihr einfach außer acht gelassen; andrerseits läßt sie die Einbildungskraft höchstens als Landstreicherin zur Hintertüre hineinschleichen und verachtet alle Geistestätigkeit, welche sich nicht lediglich auf das durch die Sinne Vermittelte bezieht; für jede Besinnung des Menschen über sich und die unsichtbare Welt, der er zur Hälfte angehört, hat sie (in ihrer bodenlosen Unwissenheit in Bezug auf die Geschichte der menschlichen Kultur und Sprache) den verächtlichen Spitznamen „Mystik“ erfunden; in ihrer Beschränkung wurzelt ohne Frage ihre Meisterschaft, es ist aber, als hätte sie von Goethe's Antinomie nur die eine Hälfte — den einen Pol — über-
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nommen: sie weiß nur vom Maß, nichts vom Ganzen; und wir dürfen besorgt uns fragen, ob nicht unsere gesamte Kultur an dieser dauernden Systole hinsterben wird. Im Gegensatz zu ihr mahnt uns Goethe, bis auf „den tiefen, schwer erforschten, schwer auszusprechenden Grund“ hinabzutauchen (S. 613) und uns andrerseits bis zu einem „gewissen idealen Ganzen“, einer „idealen Einheit“ zu erheben — was er auch die „Erhebung ins Unendliche“ nennt. „Was wäre der Mensch ohne die Idee? Muß sie ihm nicht immer, er richte seine Schritte wohin er will, vorschweben, ohne daß er sie jemals erreicht?“ So verwirft denn Goethe ausdrücklich diejenige Gesinnung, die sich von Francis Bacon herleitet, .dem Haupt aller Philister, und darum auch ihnen so zurecht“, wogegen er selber das Ziel in der Erweiterung des Gemütes nach beiden Seiten hin erblickt, bis wir das nur Geahnte, das uns von allen Seiten umgibt, immer deutlicher erleben, indem wir — wie es vorhin hieß — „dem Unsichtbaren und Unaussprechlichen eine Art von Körper leihen.“ Es ist eine notwendige Voraussetzung von Goethe's Weisheit, daß es nicht bloß ein Unerforschtes, sondern ein U n e r f o r s c hI i c h e s gibt, welches wir „ruhig zu verehren“, nicht dreist abzuleugnen haben. Nach seiner Überzeugung sind wir Menschen, mit unserem auf die vielfach bedingte Anschauung eingeschränkten Verstande, ein für allemal unfähig, jemals „zu wissen, wie wir zur U r f r a g e gelangen sollen“, weit entfernt, daß wir sie zu beantworten ausgerüstet wären. „Weil in der Erfahrung alles zerstückelt erscheint, so glaubt man das Höchste auch aus Stücken zusammensetzen zu können“; das ist ein großer Irrtum; wer von Stücken ausgeht, gelangt nur zu weiterer Zerstückelung; nur wer ein Ganzes in der Idee besitzt, ist befähigt, Beschränktes derart zu gestalten, daß es an den Eigenschaften eines Ganzen teilhabe.
In den Wanderjahren hat uns Goethe so anschaulich wie möglich über seine Vorstellung von Wesen und Wert der Intuition eines „Ganzen“ unterrichtet. Hier zeigt er uns, daß es „wohlbegabten Naturen eigen sei“, weiter vorzudringen, als bis wohin die bloßen Sinne im Bunde mit dem bloßen Verstande sie führen; und zwar, je nach der individuellen Anlage, nach dieser oder jener bestimmten Richtung hin. Gewiß wäre Goethe — der praktische, klare Mann — der letzte, der uns raten möchte, Astronomie bei der edlen Makarie
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und Mineralogie von jenem geheimnisvollen Geschöpf zu lernen, welches die Gegenwart unterirdischer Gewässer und tiefliegender Metalladern körperlich empfand und das verschiedene Gewicht der Mineralien aus dem bloßenAnblick erriet; woran ihm liegt, ist dieBelehrung, daß jede produktive Beziehung zwischen dem Menschen und seinerUmgebung — also jeglichesErlernen, Erfinden, Erschaffen,Erdichten-nur möglich ist, weil und insofern dieAhnung eines Ganzen in ihm vorgebildet liegt, meistens vielseitig und dunkel, bei einzelnen Individuen aber nach dieser oder jenerRichtung „wunderseltsam“ bis zur Helligkeit entwickelt. Hier — und nirgends anders — fließt nach Goethe die einzige Quelle zu allem Wissen und insoweit auch zu aller Wissenschaft, nicht weniger aber zu der Gegenbewegung, die sich in Kunst und Poesie Bahn bricht; die sogenannte Empirie, die vielgelobte Forschung aus •,reiner Erfahrung`, die angeblich „realistische“ Kunst wären unmöglich und hätten niemals auch nur als Absicht erfaßt werden können, wenn nicht „in der Menschennatur etwas Analoges- also die Vorahnung des nach beiden Richtungen hin grenzenlosen Ganzen — von Anfang an „vorhanden“ gewesen wäre. Auch Kant war von der Frage ausgegangen — nicht, ist Erfahrung unsere beste Lehrmeisterin? ist sie zuverlässig? usw. — sondern: w i e i s t E r.fahrung überhaupt möglich? wie kommt der ~fensch dazu, aus der unbegrenzten Mannigfaltigkeit seiner Wahrnehmungen eine ideelle Einheit zu schaffen, die er subjektiv als Erfahrung und objektiv als Welt sich deutet? An dieser Frage geht unsere tonangebende Gegenwart achtlos vorbei; ihr fehlt die Besinnung; Goethen fehlte sie nich t. Kant schuf mit seiner vielgliedrigen kritischen Beantwortung ein ewiges Werk, über jeden Vergleich mit anderen dieser Art erhaben; Goethe, der bis ans Ende tiefste Besinnung mit freiester Naivität verband, hatte ein anderes Leben zu leben und verfuhr darum einfacher: ihm genügt die Allegorie einer oberen und einer unteren Welt, denen wir angehören und die wir .,als verbunden zu betrachten“ haben; aus diesem Bunde des ,.Ideellen“ mit dem „Reellen“ entsteht alles, was Erfahrung heiBt; und jede Theorie, jeder Gedanke, jede praktische Tat, jede freie Schöpfung der Kunst, jede Regung des Herzens und des Gemütes ist Stückwerk, wenn sie jener Ganzheit entbehrt, welche darin besteht, in allem Reellen das ideelle Element „anzuerkennen“, nicht nur als tatsächlich
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vorhanden, sondern als die beschwingende 'Möglichkeit für „eine Erhebung ins Unendliche“, keinem Ideellen aber Raum zu gewähren, das nicht mit tausend Wurzeln aus dem Reellen seine Lebenskraft schöpft und wieder über das Reelle Samen ausstreut neuen Lebens.
Diese Formel für Goethe's Forderung eines „Ganzen“ hätte ich gleich an die Spitze dieser Ausführungen stellen und mir und meinen Lesern alles Weitere sparen können: da wäre sie aber eine Formel geblieben, wogegen jetzt reicher Inhalt sie erfüllt, der umso unerschöpflicher werden wird, je länger und eingehender wir uns mit Goethe's Lebenswerk abgeben.
Mehr zu leisten, liegt mir hier nicht ob: sobald wir „gelandet“ sind, mag ein Jeder gern sich seine eigenen Wege suchen. Ward erst die Aufmerksamkeit geweckt, allüberall wird man bei Goethe diese Forderung eines Ganzen entdecken. Unerwartete Wendungen fesseln den Sinn und führen in den Reichtum dieser großen Seele ein, welche einmal von sich sagt: „Ich kann in e i n z e 1 n e n Sachen irren, a u f s G a n z e werde ich nie fehlen.“ Wie viel z. B. wird nicht unter uns über Bildung hin und her gestritten, als käme es darauf an, Verstand und Anschauung aneinander vollzustopfen, bis keins von beiden sich mehr rühren kann; Goethe dagegen stellt eine einzige Forderung auf: mit welchen Mitteln, auf welchem Wege sie auch angestrebt wird, die Bildung muß ein Ganzes ausmachen; ob dieses Ganze verhältnismäßig umfangreich ausfällt oder beschränkt bleibt, gleichviel, es wird Kultur vermitteln; wogegen jede Bildung aus Stückwerk Barbarei ist, umfasse sie auch enzyklopädisches Wissen. „Es ist ganz einerlei, in welchem Kreise wir unsere Kultur beginnen, es ist ganz gleichgültig, von wo aus wir unsere Bildung ins fernere Leben richten, wenn es nur ein K r e i s , wenn es nur ein W o ist.“ Immer handelt es sich bei Goethe um „ein gewisses ideales Ganze“, das — so gut es irgend gelingen will — im Geiste „vergegenwärtigt“ werden muß. Wer erkennt nicht die gleiche geistige Atmosphäre, wenn es heißt: „Das Vollkommene muß uns erst stimmen, und uns nach und nach zu sich hinaufheben. So erscheinen uns schöne Personen immer schöner, verständige verständiger.“ Über die schöpferische Tätigkeit lesen wir: „Das Bewußtsein des Dichters ist eine schöne Sache, aber die wahre Produktionskraft liegt doch am Ende immer im Bewußtlosen“: dieses Bewußt
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lose ist die ahnende Vorstellung des Ganzen. Daher denn das merkwürdige, leicht zu mißdeutende Wort: „Das Unzulängliche ist produktiv.“ So wichtig nämlich das Wissen und Können sein mag, so hoch gerade Goethe die technische Beherrschung schätzt, der Atem zu schöpferischer Neu- und Hochtat kann nur aus dem lebendigen Gefühl eines Ganzen gesogen werden, weswegen es unter Umständen ratsam sein kann, „lieber ungeschickt und pfuscherhaft eingreifen, als daß man sich meistermäßig verspäten ließe.“ Ein Paradoxon, das uns nicht irremachen darf, sondern nur aufrütteln soll aus unserem heutigen Kultus des Spezialistentums; denn dieses vernichtet zuletzt alle Geistesinitiative. „Die neuere Zeit“, sagt Goethe, „schätzt sich selbst zu hoch, wegen der großen Masse Stoffes, den sie umfaßt“, wohingegen „der Hauptvorzug des Menschen“ nicht hierauf beruht, sondern einzig „darauf, inwiefern er den Stoff zu behandeln und zu beherrschen weiß.“ Hier, in dieser Kraft des Geistes, genannt Beherrschung, wurzelt alles, was Meisterschaft ausmacht. „Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig dar; ausgeführt oder nicht, schon ist es vollendet“ (5.601); ihm schwebt eben ein Ganzes vor. Hypothesen sind bei der Erforschung der Natur aus dem einzigen Grunde zu preisen, weil sie „die Vorstellung des Ganzen erleichtern“, was ebenso hoch zu schätzen ist wie „in der Moral der Glaube an einen Gott“; nur auf diesem Wege der Vorstellung eines Ganzen kann es gelingen, „den Menschen über sich selbst weg zu heben und ihn weiter zu führen, als er ohne diese erhabenen Empfindungen gekommen wäre.“ Hier gewahrt man besonders deutlich, daß es sich nicht um ein stofflich vorhandenes Ganzes, sondern um eine Gemütsstimmung und eine Geistesrichtung handelt. Wie es an der gleichen Stelle heißt: die Hpothese eines Ganzen „erhebt die Seele und gibt ihr die Elastizität wieder, welche ihr einzelne zerstückte Erfahrungen gleichsam rauben.“ Die sittliche Ganzheit findet in folgenden auffallenden Worten Ausdruck: „Der weise Mann wird im Trauerhause Heiterkeit und im Haus der Freude Ernst einzuführen suchen, und auch so eine sittliche Totalität und Lebensgenuß bewirken.“ Im praktischen Leben gebietet das selbe Gesetz: nie entscheidet der Umfang, immer nur die bewußt umschließende Abrundung zu einem Ganzen. „Glückselig Der, dessen Welt innerhalb des Hauses ist!“ „Bei einem fortschreitenden
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Tun und Handeln ist nicht die Frage, was einzeln lobens- oder tadelnswert, bedeutend oder unbedeutend sei? sondern was im G a n — z e n für eine Richtung genommen worden ...“ Dieses Ganze wird bezeichnet als „jenes Innige, was in uns lebt, strebt, sucht, oft ohne Bewußtsein nach langem Tasten und Irren das Rechte findet.“ Selbst der Handwerker verdient sich nur dann das Prädikat eines „besten“, wenn „in dem Einen, was er recht tut, er das Gleichnis von allem sieht, was recht getan wird.“ Auf diesem Wege — im Gegensatz zu unserer heutigen Richtung -„mu$ jede Einseitigkeit, durch und durchgeführt,Vielseitigkeit werden; ist sie lebendig, so anastomisiert sie sich mit Lebendigem.“ So ersehen wir denn zum Schluß aus einem neuen Gesichtswinkel, welche enge Beziehung zwischen dem geforderten Maß und dem geforderten Ganzen statthat. Ein hübsches Beispiel haben wir hierfür in Goethe's Beurteilung des weiblichen Wesens: bleibt dessen Streben auf „ein einzig nah beschränktes Gut“ gerichtet, sein Urteil ist unfehlbar und der weiseste der Männer wird wohltun, bei edlen Frauen anzufragen, „was sich ziemt“; erweitert sich der Horizont, so verlieren gerade die Frauen alles NlaB und werden, verderbensäend, „die Heftigsten, Unversöhnlichsten“. Überall bestätigt es sich uns, daß der Goethesche Begriff eines Ganzen nie auf eine absolute Größe, vielmehr immer auf eine relative geht, auf eine der individuellen Beschränkung angemessene. „Bedenke, daß jeder Menschenkraft ihre Grenzen gegeben sind. Wie viel Gegenstände bist du im Stande so zu fassen, daß sie aus dir wieder neu hervorgeschaffen werden mögen? Das frag' dich. Geh' vom Häuslichen aus und verbreite dich, so du kannst, über alle Welt.“
Hier ließen sich nun beliebig lange Ausführungen anschließen über das „Ganze“ bei dem schöpferischen Dichter und Naturgestalter Goethe; billig bleiben sie dem forschenden Leser selber überlassen. Höchstens möchte ich zum Beschlusse auf das Eine die Aufmerksamkeit richten, daß die unerhörte Knappheit Goethe's, seine Kunst, eine ganze Welt in wenige Worte einzuschlie&szl