HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

DIE GRUNDLAGEN DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS

Allgemeine Einleitung, Seite 3—40

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The Foundations of the Nineteenth Century
La Genèse du Dixneuvième Siècle
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005




ALLGEMEINE EINLEITUNG

 

Alles beruht auf Inhalt, Gehalt und
Tüchtigkeit eines zuerst aufgestellten
Grundsatzes und auf der Reinheit des
Vorsatzes.
Goethe

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(Leere Seite)

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Plan des Werkes
    Da das Werk, dessen erstes Buch hier vorliegt, nicht aus aneinandergereihten Bruchstücken bestehen soll, sondern gleich anfangs als eine organische Einheit concipiert und in allen seinen Teilen ausführlich entworfen wurde, muss es die vorzüglichste Aufgabe dieser allgemeinen Einleitung sein, Aufschluss über den Plan des vollständigen Werkes zu geben. Zwar bildet dieses erste Buch ein abgeschlossenes Ganzes, doch wäre dieses Ganze nicht das, was es ist, wenn es nicht als Teil eines besonderen grösseren Gedankens entstanden wäre. Dieser Gedanke muss also „dem Teil, der anfangs alles ist“, vorausgeschickt werden.
    Welche Beschränkungen dem Einzelnen auferlegt werden, wenn er einer unübersehbaren Welt von Thatsachen allein entgegentritt, das bedarf nicht erst ausführlicher Erörterung. Wissenschaftlich lässt sich die Bewältigung einer derartigen Aufgabe gar nicht versuchen; einzig künstlerische Gestaltung vermag hier (im glücklichen Falle), getragen von jenen geheimen Parallelismen zwischen dem Geschauten und dem Gedachten, von jenem Gewebe, welches  — äthergleich — die Welt nach jeder Richtung allverbindend durchzieht, ein Ganzes hervorzubringen, und zwar, trotzdem nur einiges Wenige, nur Bruchstücke verwendet werden. Gelingt dies dem Künstler, so war sein Werk nicht überflüssig; denn ein Unübersehbares ist nunmehr übersichtlich geworden, ein Ungestaltetes hat Gestalt gewonnen. Für diesen Zweck ist nun der Vereinzelte gegenüber einer Vereinigung selbsttüchtiger Männer insofern im Vorteil, als nur der Einzelne einheitlich formen kann. Diesen seinen einzigen Vorteil muss er

2 Allgemeine Einleitung.

zu benutzen wissen. — Kunst   k a n n   nur als Ganzes, Abgeschlossenes in die Erscheinung treten; Wissenschaft dagegen ist notwendigerweise Bruchstück. Kunst vereint, Wissenschaft trennt. Kunst gestaltet, Wissenschaft zergliedert Gestalten. Der Mann der Wissenschaft steht gewissermassen auf einem archimedischen Punkte ausserhalb der Welt: das ist seine Grösse, seine sogenannte „Objektivität“; das bildet aber auch
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seine offenbare Schwäche; denn sobald er das Gebiet des thatsächlich Beobachteten verlässt, um die Mannigfaltigkeit der Erfahrung zur Einheit der Vorstellung und des Begriffes zu reduzieren, hängt er in Wahrheit an Fäden der Abstraktion im leeren Raume. Dagegen steht der Künstler im Mittelpunkt der Welt (das heisst also seiner Welt), und so weit seine Sinne reichen, so weit reicht auch seine Gestaltungskraft; denn diese ist ja die Bethätigung seines individuellen Daseins in lebendiger Wechselwirkung mit der Umgebung. Deswegen darf man ihm aber auch aus seiner „Subjektivität“ keinen Vorwurf machen, denn sie ist die Grundbedingung seines Schaffens. — Nun handelt es sich aber im vorliegenden Falle um einen historisch genau umschriebenen und ewig festgebannten Gegenstand. Unwahrheit wäre lächerlich, Willkür unerträglich; der Verfasser darf also nicht mit Michelangelo sprechen: in dieses Blatt, in diesen Stein kommt kein Inhalt, den   i c h   nicht hineinlege:
in petra od in candido foglio
Che nulla ha dentro, et evvi ci ch'io voglio!
Im Gegenteil, unbedingte Achtung vor den Thatsachen muss sein Leitstern sein. Er darf nicht Künstler im Sinne des freischöpferischen Genies sein, sondern nur in dem beschränkten Verstande eines an die Methoden der Kunst sich Anlehnenden. Gestalten soll er, doch nur das, was da ist, nicht das, was seine Phantasie ihm etwa vorspiegelt. Geschichtsphilosophie ist eine Wüste, Geschichtsphantasie ein Narrenhaus. Darum müssen wir von jenem künstlerischen Gestalter eine durchaus positive Geistesrichtung und ein streng wissenschaftliches Gewissen fordern. Ehe er meint, muss er wissen; ehe er gestaltet, muss er prüfen.

3 Allgemeine Einleitung.

Er darf sich nicht Herr wähnen, er ist Diener: Diener der Wahrheit.
    Obige Bemerkungen reichen wohl hin, um über die allgemeinen Grundsätze zu orientieren, welche bei dem Entwurf des vorliegenden Werkes massgebend waren. Jetzt wollen wir aus den luftigen Höhen der philosophischen Betrachtungen zur Erde niedersteigen. Ist die Gestaltung des vorhandenen Materials in allen derartigen Fällen die einzige Aufgabe, die der Einzelne sich zutrauen darf, wie hat er hier, in diesem besonderen Falle, die Gestaltung zu versuchen?
    Das   n e u n z e h n t e   J a h r h u n d e r t !   Das Thema dünkt unerschöpflich; ist es auch. Nur dadurch konnte es „gebändigt“ werden, dass es weiter gefasst wurde. Das scheint paradox, ist
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aber wahr. Sobald der Blick lange und liebend auf der Vergangenheit geruht hat, aus der unter so vielen Schmerzen die Gegenwart hervorgegangen ist, sobald das lebhafte Empfinden der grossen geschichtlichen Grundthatsachen heftig widerstreitende Gefühle im Herzen in Bezug auf den heutigen Tag erregt hat: Furcht und Hoffnung, Empörung und Begeisterung, alle in eine Zukunft hinausweisend, deren Gestaltung   u n s e r   Werk sein muss und der wir nunmehr mit sehnsuchtsvoller Ungeduld entgegensehen, entgegenarbeiten — da schrumpft das grosse unübersehbare neunzehnte Jahrhundert auf ein verhältnismässig Geringes zusammen; wir haben gar nicht mehr die Zeit, uns bei Einzelheiten aufzuhalten, nur die grossen Züge wollen wir fest und klar vor Augen haben, damit wir wissen, wer wir sind und wohin
unser Weg geht. Nunmehr ist die Perspektive für das gesteckte Ziel günstig; nunmehr kann der Einzelne sich heranwagen. Der Grundriss seines Werkes ist ihm so deutlich vorgezeichnet, dass er ihn nur getreulich nachzuzeichnen braucht.
    Der Grundriss meines Werkes ist nun folgender. In dem hier vorliegenden Buch behandle ich die vorangegangenen achtzehn Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, wobei mancher Blick auch auf ferner zurückliegende Zeiten fällt; doch handelt es sich hierbei keineswegs um eine Geschichte der Vergangenheit, sondern einfach um jene Vergangenheit, welche heute noch lebendig

4 Allgemeine Einleitung.

ist; und zwar ist das so viel und die genaue, kritische Kenntnis davon ist für jedes Urteil über die Gegenwart so unentbehrlich, dass ich das Studium dieser „Grundlagen“ des 11. Säculums fast für das wichtigste Geschäft des ganzen Unternehmens halten möchte. Ein zweites Buch wäre diesem Jahrhundert selbst gewidmet; natürlich könnte es sich in einem derartigen Werk nur um die grossen leitenden Ideen handeln, und zwar wäre diese Aufgabe durch das vorangegangene erste Buch, in welchem das Auge immer wieder auf das 19. Jahrhundert gerichtet worden war, unendlich vereinfacht und erleichtert. Ein Anhang würde dem Versuch gelten, die Bedeutung des Jahrhunderts annähernd zu bestimmen; dies kann nur durch den Vergleich geschehen, wozu wieder das erste Buch den Boden bereitet hätte; hierdurch
entsteht aber ausserdem eine Art Ahnung der Zukunft, kein willkürliches Phantasiebild, sondern gleichsam ein Schatten, den die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit wirft. Jetzt erst stünde das Jahrhundert ganz plastisch vor unseren Augen — nicht in Gestalt einer Chronik oder eines Lexikons, sondern als ein lebendiges „körperhaftes“ Gebilde.
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    Soviel über den allgemeinen Grundriss. Damit er aber selber nicht so schattenhaft bleibe wie die Zukunft, muss ich jetzt einiges Nähere über die Ausführung mitteilen. Was allerdings die besonderen Ergebnisse meiner Methode anbelangt, so glaube ich sie nicht schon hier vorweg nehmen zu sollen, da sie nur im Zusammenhang der ungekürzten Darlegung überzeugend wirken können.

Die Grundlagen
    In diesem ersten Buch musste ich also die   G r u n d l a g e n   aufzufinden suchen, auf welchen das 19. Jahrhundert ruht; dies dünkte mich, wie gesagt, die schwerste und wichtigste Pflicht des ganzen Vorhabens; darum widmete ich diesem Teil einen Doppelband. Denn in der Geschichte heisst Verstehen: die Gegenwart aus der Vergangenheit sich entwickeln sehen; selbst wo wir vor einem weiter nicht zu Erklärenden stehen, was bei jeder hervorragenden Persönlichkeit, bei jeder neu eintretenden Volksindividualität der Fall ist, sehen wir diese an Vorangegangenes an-

5 Allgemeine Einleitung.

knüpfen und finden dann selber auch nur dort den unentbehrlichen Anknüpfungspunkt für unser Urteil. Ziehen wir eine imaginäre Grenze zwischen dem 19. Jahrhundert und den vorangegangenen, so schwindet mit einem Schlage jede Möglichkeit eines kritischen Verständnisses. Das neunzehnte Jahrhundert ist nämlich nicht das Kind der früheren — denn ein Kind fängt das Leben von Neuem an — vielmehr ist es ihr unmittelbares Erzeugnis: mathematisch betrachtet eine Summe, physiologisch eine Alterstufe. Wir erbten eine Summe von Kenntnissen, Fertigkeiten, Gedanken u. s. w., wir erbten eine bestimmte Verteilung der wirtschaftlichen Kräfte, wir erbten Irrtümmer und Wahrheiten, Vorstellungen, Ideale, Aberglauben: manches so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir wähnen, es könne nicht anders sein, manches verkümmert, was früher viel verhiess, manches so urplötzlich in die Höhe geschossen, dass es den Zusammenhang mit dem Gesamtleben fast eingebüsst hat, und, während die Wurzeln dieser neuen Blumen in vergessene Jahrhunderte hinunterreichen, die phantastischen Blütenrispen für unerhört Neues gehalten werden. Vor Allem erbten wir das Blut und den Leib, durch die und in denen wir leben. Wer die Mahnung   „E r k e n n e   d i c h   s e l b s t“   ernst nimmt, wird bald zur Erkenntnis gelangen, dass sein Sein mindestens zu neun Zehnteln ihm nicht selber angehört. Und das gilt ebenso von dem Geist eines ganzen Jahrhunderts. Ja, der hervorragende Einzelne, der vermag es, indem er über seine physische Stellung in der Menschheit sich klar wird
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und sein geistiges Erbe analytisch zergliedert, zu einer relativen Freiheit durchzudringen; so wird er sich seiner Bedingtheit wenigstens bewusst, und, kann er sich auch selber nicht umwandeln, er kann wenigstens auf die Richtung der Weiterentwickelung Einfluss gewinnen; ein ganzes Jahrhundert dagegen eilt unbewusst wie es das Schicksal treibt: sein Menschenmaterial ist die Frucht dahingeschwundener Generationen, sein geistiger Schatz — Korn und Spreu, Gold, Silber, Erz und Thon — ist ein ererbter, seine Richtungen und Schwankungen ergeben sich mit mathematischer Notwendigkeit aus den vorhergegangenen Bewegungen. Nicht allein also der Vergleich, nicht allein die Feststellung der

6 Allgemeine Einleitung.

charakteristischen Merkmale, der besonderen Eigenschaften und Leistungen unseres Jahrhunderts ist ohne Kenntnis der vorangegangenen unmöglich, sondern wir vermögen es auch nicht, irgend etwas über dieses Jahrhundert an und für sich auszusagen, wenn wir nicht zunächst Klarheit erlangt haben über das   M a t e r i a l,   aus welchem wir leiblich und geistig aufgebaut sind. Dies ist, ich wiederhole es, das allerwichtigste Geschäft.

Der Angelpunkt
    Da ich nun in diesem Buche an die Vergangenheit anknüpfe, war ich gezwungen, ein historisches Zeitschema zu entwerfen. Doch, insofern meine Geschichte einem unmessbaren Augenblick — der Gegenwart — gilt, der keinen bestimmten zeitlichen Abschluss gestattet, bedarf sie ebensowenig eines zeitlich bestimmten Anfangs. Das 19. Jahrhundert weist hinaus in die Zukunft, es weist auch zurück in die Vergangenheit: in beiden Fällen ist eine Begrenzung nur der Bequemlichkeit halber zulässig, doch nicht in den Thatsachen gegeben. Im Allgemeinen habe ich das Jahr 1 der christlichen Zeitrechnung als den Anfang unserer Geschichte betrachtet und habe diese Auffassung in den einleitenden Worten zum ersten Abschnitt näher begründet; doch wird man sehen, dass ich mich nicht sklavisch an dieses Schema gehalten habe. Sollten wir jemals wirkliche Christen werden, dann allerdings wäre dasjenige, was hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden konnte, eine historische Wirklichkeit, denn das würde die Geburt eines neuen Geslechtes bedeuten: vielleicht wird das vierundzwanzigste Jahrhundert, bis zu welchem etwa die Schatten des neunzehnten in schmalen Streifen sich erstrecken, klarere Umrisse zeichnen können? Musste ich nun Anfang und Ende in eine unbegrenzte penombra sich verlaufen lassen, umso unumgänglicher bedurfte ich eines scharfgezogenen Mittelstriches, und zwar konnte ein beliebiges Datum hier nicht
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genügen, sondern es kam darauf an, den Angelpunkt der Geschichte Europas zu bestimmen. Das Erwachen der Germanen zu ihrer welthistorischen Bestimmung als Begründer einer durchaus neuen Civilisation und einer durchaus neuen Kultur bildet diesen Angelpunkt; das Jahr 1200 kann als der mittlere Augenblick dieses Erwachens bezeichnet werden.

7 Allgemeine Einleitung.

    Dass die nördlichen Europäer die Träger der Weltgeschichte geworden sind, wird wohl kaum jemand zu leugnen sich vermessen. Zwar standen sie zu keiner Zeit allein, weder früher noch heute; im Gegenteil, von Anfang an entwickelte sich ihre Eigenart im Kampfe gegen fremde Art, zunächst gegen das Völkerchaos des verfallenen römischen Imperiums, nach und nach gegen alle Rassen der Welt; es haben also auch Andere Einfluss — sogar grossen Einfluss — auf die Geschicke der Menschheit gewonnen, doch dann immer nur als Widersacher der Männer aus dem Norden. Was mit dem Schwert in der Hand ausgefochten wurde, war das Wenigste; der wahre Kampf war der   K a m p f   u m   d i e   I d e e n,   wie ich das in den Kapiteln 7 und 8 dieses Werkes zu zeigen versucht habe; dieser Kampf dauert noch heute fort. Waren aber die Germanen bei der Gestaltung der Geschichte nicht die Einzigen, so waren sie doch die Unvergleichlichen: alle Männer, die vom 6. Jahrhundert ab als wahre   G e s t a l t e r   der Geschicke der Menschheit auftreten, sei es als Staatenbildner, sei es als Erfinder neuer Gedanken und origineller Kunst, gehören ihnen an. Was die Araber gründen, ist von kurzer Dauer; die Mongolen zerstören, aber schaffen nichts; die grossen Italiener des rinascimento stammen alle aus dem mit lombardischem, gotischem und fränkischem Blute durchsetzten Norden oder aus dem germano-hellenischen äussersten Süden; in Spanien bilden die Westgoten das Lebenselement; die Juden erleben ihre heutige „Wiedergeburt“, indem sie sich auf jedem Gebiete möglichst genau an germanische Muster anschmiegen. Von dem Augenblick ab, wo der Germane erwacht, ist also eine neue Welt im Entstehen, eine Welt, die allerdings nicht rein germanisch wird genannt werden können, eine Welt, in welcher gerade im 19. Jahrhundert neue Elemente aufgetreten sind, oder wenigstens Elemente, die früher bei dem Entwickelungsprozess weniger beteiligt waren, so z. B. die früher reingermanischen, nunmehr durch Blutmischungen fast durchwegs „entgermanisierten“ Slaven und die Juden, eine Welt, die vielleicht noch grosse Rassenkomplexe sich assimilieren und mithin entsprechende, abweichende Einflüsse in sich aufnehmen

9 8 Allgemeine Einleitung.

wird, jedenfalls aber eine   n e u e   Welt und eine   n e u e   Civilisation, grundverschieden von der helleno-römischen, der turanischen, der ägyptischen, der chinesischen und allen anderen früheren oder zeitgenössischen. — Als den Anfang dieser neuen Civilisation, d. h. als den Augenblick, wo sie begann, der Welt ihren besonderen Stempel aufzudrücken, können wir, glaube ich, das 13. Jahrhundert bestimmen. Zwar hatten Einzelne schon weit früher germanische Eigenart in kultureller Thätigkeit bewährt — wie König Alfred, Karl der Grosse, Scotus Erigena u. s. w. — doch nicht Einzelne, sondern Gesamtheiten machen Geschichte; diese Einzelnen waren nur Vorbereiter gewesen; um eine civilisatorische Gewalt zu werden, musste der Germane in breiten Schichten zur Bethätigung seines Eigenwillens im Gegensatz zu dem ihm aufgedrungenen fremden Willen erwachen und  erstarken. Das geschah nicht auf einmal, es geschah auch nicht auf allen Lebensgebieten zugleich; insofern ist die Wahl des Jahres 1200 als Grenze eine willkürliche, doch glaube ich sie in folgendem rechtfertigen zu können und habe alles gewonnen, wenn es mir hierdurch gelingt, jene beiden Undinge — die Begriffe eines   M i t t e l a l t e r s   und einer   R e n a i s s a n c e   — zu beseitigen, durch welche mehr als durch irgend etwas anderes das Verständnis unserer Gegenwart nicht allein verdunkelt, sondern geradezu unmöglich gemacht wird. An die Stelle dieser Schemen, welche Irrtümer ohne Ende erzeugen, wird dann die einfache und klare Erkenntnis treten, dass unsere gesamte heutige Civilisation und Kultur das Werk einer bestimmten Menschenart ist: des   G e r m a n e n. ¹)   Es ist unwahr, dass der germanische Barbar die sogenannte „Nacht des Mittelalters“ heraufbeschwor; vielmehr folgte diese Nacht auf den intellektuellen und moralischen Bankrott des durch das untergehende römische Imperium grossgezogenen rassenlosen Menschenchaos; ohne den Germanen
—————
    ¹) Unter diesem Namen fasse ich die verschiedenen Glieder der einen grossen nordeuropäischen Rasse zusammen, gleichviel ob Germanen im engeren, taciteischen Sinne des Wortes oder Kelten oder echte Slaven — worüber alles Nähere im sechsten Kapitel nachzusehen ist.

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Allgemeine Einleitung.


hätte sich ewige Nacht über die Welt gesenkt; ohne den unaufhörlichen Widerstand der Nichtgermanen, ohne den unablässigen Krieg, der heute noch aus dem Herzen des nie ausgetilgten Völkerchaos gegen alles Germanische geführt wird, hätten wir eine ganz andere Kulturstufe erreicht, als diejenige, deren Zeuge das 19. Jahrhundert war. Ebenso unwahr ist es, dass unsere Kultur eine Wiedergeburt der hellenischen und der römischen
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ist: erst durch die Geburt der Germanen wurde die Wiedergeburt vergangener Grossthaten möglich, nicht umgekehrt; und dieser rinascimento, dem wir ohne Frage für die Bereicherung unseres Lebens ewigen Dank schuldig sind, wirkte dennoch mindestens ebenso hemmend wie fördernd und warf uns auf lange Zeit aus unserer gesunden Bahn heraus. Die mächtigsten Schöpfer jener Epoche — ein Shakespeare, ein Michelangelo — können kein Wort griechisch oder lateinisch. Die wirtschaftliche Entwickelung — die Grundlage unserer Civilisation — findet im Gegensatz zu klassischen Traditionen und im blutigen Kampfe gegen imperiale Irrlehren statt. Der grösste aller Irrtümer ist aber die Annahme, dass unsere Civilisation und Kultur der Ausdruck eines allgemeinen   F o r t s c h r i t t e s   d e r   M e n s c h h e i t   s e i ;   es zeugt keine einzige Thatsache der Geschichte für diese so beliebte Deutung (wie ich das im neunten Kapitel dieses Buches unwiderleglich dargethan zu haben glaube); inzwischen schlägt uns diese hohle Phrase mit Blindheit und wir sehen nicht ein — was doch klar vor Aller Augen liegt — dass unsere Civilisation und Kultur, wie jede frühere und jede andere zeitgenössische, das Werk einer bestimmten, individuellen Menschenart ist, einer Menschenart, die hohe Gaben, doch auch enge, unübersteigbare Schranken, wie alles Individuelle, besitzt. Und so schwärmen unsere Gedanken in einem Grenzenlosen, in einer hypothetischen „Menschheit“ herum, achten aber dabei des konkret Gegebenen und des in der Geschichte einzig Wirksamen, nämlich des bestimmten Individuums, gar nicht. Daher die Unklarheit unserer geschichtlichen Gliederungen. Denn, zieht man einen Strich durch das Jahr 500, einen zweiten durch das Jahr 1500, und nennt diese tausend Jahre das Mittelalter, so hat man den organischen Körper der Ge-

10 Allgemeine Einleitung.

schichte nicht zerlegt wie ein kundiger Anatom, sondern zerhackt wie ein Fleischer. Die Einnahme Roms durch Odoaker und durch Dietrich von Bern sind nur Episoden in jenem Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte, der ein Jahrtausend gewährt hat; das Entscheidende, nämlich die Idee des unnationalen Weltimperiums, hörte hiermit so wenig auf zu sein, dass sie im Gegenteil aus der Dazwischenkunft der Germanen auf lange hinaus neues Leben schöpfte. Während also das Jahr 1, als (ungefähres) Geburtsjahr Christi, ein für die Geschichte des Menschengeschlechts und auch für die blosse Historie ewig denkwürdiges Datum festhält, besagt das Jahr 500 gar nichts. Noch schlimmer steht es um das Jahr 1500; denn ziehen wir hier einen Strich, so ziehen wir ihn mitten durch alle bewussten und unbewussten
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Bestrebungen und Entwickelungen — wirtschaftliche, politische, künstlerische, wissenschaftliche — die auch heute unser Leben ausfüllen und einem noch fernen Ziele zueilen. Will man durchaus den Begriff „Mittelalter“ festhalten, so lässt sich leicht Rat schaffen: dazu genügt die Einsicht, dass wir Germanen selber, mitsamt unserem stolzen 19. Jahrhundert, in einer „mittleren Zeit“ (wie die alten Historiker zu schreiben pflegten), ja, in einem echten Mittelalter mittendrin stecken. Denn das Vorwalten des Provisorischen, des Übergangsstadiums, der fast gänzliche Mangel an Definitivem, Vollendetem, Ausgeglichenem ist ein Kennzeichen unserer Zeit; wir sind in der „Mitte“ einer Entwickelung, fern schon vom Anfangspunkte, vermutlich noch fern vom Endpunkte.
    Einstweilen möge das Gesagt zur Abweisung anderer Einteilungen, genügen; die Überzeugung, dass hier nicht willkürliches Gutdünken, sondern die Anerkennung der einen, grossen, grundlegenden Thatsache aller neueren Geschichte vorliegt, wird sich aus dem Studium des ganzen Werkes ergeben. Doch kann ich nicht umhin, meine Wahl des Jahres 1200 als eines mittleren bequemen Datums noch kurz zu motivieren.

Das Jahr 1200
    Fragen wir uns nämlich, wo die ersten sicheren Anzeichen sich merkbar machen, dass etwas Neues im Entstehen begriffen ist, eine neue Gestalt der Welt an Stelle der alten, zer-

11 Allgemeine Einleitung.

trümmerten und an Stelle des herrschenden Chaos, so werden wir sagen müssen, diese charakteristischen Anzeichen sind schon vielerorten im 12. Jahrhundert (in Norditalien bereits im 11.) anzutreffen, sie mehren sich schnell im 13. — dem „glorreichen Jahrhundert“, wie es Fiske nennt — erreichen im 14. und 15. eine herrliche Frühblüte auf dem sozialen und industriellen Gebiete, in der Kunst im 15. und 16., in der Wissenschaft im 16. und 17., in der Philosophie im 17. und 18. Jahrhundert. Diese Bewegung geht nicht gradlinig; in Staat und Kirche bekämpfen sich die grundlegenden Prinzipien, und auf den anderen Gebieten des Lebens herrscht viel zu viel Unbewusstsein, als dass nicht die Menschen oft in die Irre laufen sollten; doch der grundsätzliche Unterschied besteht darin, ob nur Interessen aufeinander stossen, oder ob ideale, durch bestimmte Eigenart eingegebene Ziele der Menschheit vorschweben: diese Ziele besitzen wir nun seit dem 13. Jahrhundert (etwa); wir haben sie aber immer noch nicht erreicht, sie schweben in weiter Ferne vor uns, und darauf beruht die Empfindung, dass wir des moralischen Gleichgewichts und der ästhetischen Harmonie der Alten noch so sehr ermangeln, zu-
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gleich aber auch die Hoffnung auf Besseres. Der Blick zurück berechtigt in der That zu grossen Hoffnungen. Und, ich wiederhole es, forscht dieser Blick, wo der erste Schimmer jener Hoffnungsstrahlen deutlich bemerkbar wird, so findet er die Zeit um das Jahr 1200 herum. In Italien hatte schon im 11. Jahrhundert die städtische Bewegung begonnen, jene Bewegung, welche zugleich die Hebung von Handel und Industrie und die Gewährung weitgehender Freiheitsrechte an ganze Klassen der Bevölkerung, die bisher unter der zwiefachen Knechtschaft von Kirche und Staat geschmachtet hatten, erstrebte; im 12. Jahrhundert war dieses Erstarken des Kernes der europäischen Bevölkerung an Ausdehnung und Kraft dermassen gewachsen, dass zu Beginn des 13. die mächtige Hansa und der rheinische Städtebund gegründet werden konnten. Über diese Bewegung schreibt Ranke (Weltgeschichte IV, 238): „Es ist eine prächtige, lebensvolle Entwickelung, die sich damit anbahnt — — — — die Städte konstituieren eine Weltmacht, an welche die bürgerliche Freiheit

12 Allgemeine Einleitung.

und die grossen Staatsbildungen anknüpfen.“ Noch vor der endgültigen Gründung der Hansa war aber in England, im Jahre 1215, die   M a g n a   C h a r t a   erlassen worden, eine feierliche Verkündigung der Unantastbarkeit des grossen Grundsatzes der persönlichen Freiheit und der persönlichen Sicherheit. „Keiner darf verurteilt werden anders als den Gesetzen des Landes gemäss. Recht und Gerechtigkeit dürfen nicht verkauft und nicht verweigert werden.“ In einigen Ländern Europas ist diese erste Bürgschaft für die Würde des Menschen noch heute nicht Gesetz; seit jenem 15. Juni 1215 ist aber nach und nach daraus ein allgemeines Gewissensgesetz geworden, und wer dagegen verstösst, ist ein Verbrecher, trüge er auch eine Krone. Und noch ein Wichtiges, wodurch die germanische Civilisation sich als von allen anderen dem Wesen nach verschieden erwies: im Verlauf des 13. Jahrhunderts schwand die   S k l a v e r e i   und der Sklavenhandel aus Europa (mit Ausnahme von Spanien). Im 13. Jahrhundert beginnt der Übergang von der Naturalienwirtschaft zur Geldwirtschaft; fast genau im Jahre 1200 beginnt in Europa die Fabrikation des Papiers — ohne Frage die folgenschwerste Errungenschaft der Industrie bis zur Erfindung der Lokomotive. Man würde aber weit fehl gehen, wollte man allein in dem Aufschwung des Handels und in der Regung freiheitlicher Triebe die Dämmerung eines neuen Tages erblicken.
Vielleicht ist die grosse Bewegung des religiösen Gemütes, welche in   F r a n z   v o n   A s s i s i   (geb. 1181) ihren mächtigsten Ausdruck
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gewinnt, ein Faktor von noch tiefer eingreifender Wirksamkeit; hierin tritt eine unverfälscht demokratische Regung zu Tage; der Glaube und das Leben solcher Menschen verleugnen sowohl die Despotie der Kirche wie die Despotie des Staates, und sie vernichten die Despotie des Geldes. „Diese Bewegung“, schreibt einer der genauesten Kenner des Franz von Assisi, ¹) „schenkt der Menschheit die erste Vorahnung allgemeiner Denkfreiheit.“ Im selben Augenblick erwuchs zum erstenmal im westlichen Europa eine ausgesprochen antirömische Bewegung, die der Albigenser,
—————
    ¹) Thode: Franz von Assisi, S. 4.

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Allgemeine Einleitung.


zu drohender Bedeutung. Auch wurden zu gleicher Zeit auf einem anderen Gebiete des religiösen Lebens einige ebenso folgenschwere Schritte gethan: nachdem   P e t e r   A b ä l a r d   († 1142), namentlich durch seine Betonung der   B i l d l i c h k e i t   aller religiösen Vorstellungen, die indoeuropäische Auffassung der Religion gegen die semitische unbewusst verfochten hatte, machten im 13. Jahrhundert zwei orthodoxe Scholastiker,   T h o m a s   v o n   A q u i n   und   D u n s   S c o t u s   ein für das Kirchendogma ebenso gefährliches Geständnis, indem sie, sonst Gegner, beide übereinstimmend einer von der Theologie unterschiedenen   P h i l o s o p h i e   das Recht des Daseins einräumten. Und während hier das theoretische Denken sich zu regen begann, legten andere Gelehrte, unter denen vor allem   A l b e r t u s   M a g n u s   (geb. 1193) und   R o g e r   B a c o n   (geb. 1214) hervorragen, die Fundamente der modernen Naturwissenschaft, indem sie die Aufmerksamkeit der Menschen von den Vernunftstreitigkeiten hinweg auf Mathematik, Physik, Astronomie und Chemie lenkten. Cantor (Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, 2. Aufl., II, 3) sagt, im 13. Jahrhundert habe „ein neuer Zeitabschnitt in der Geschichte der mathematischen Wissenschaft“ begonnen; dies war namentlich das Werk des Leonardo von Pisa, der als Erster die indischen (fälschlich arabisch genannten) Zahlenzeichen bei uns einführte, und des Jordanus Saxo, aus dem Geschlecht der Grafen von Eberstein, der uns mit der (ebenfalls ursprünglich von den Indern erfundenen) Buchstabenrechnung bekannt machte. Die erste Sezierung einer menschlichen Leiche — und damit zugleich der erste Schritt zu einer wissenschaftlichen Medizin — fand gegen Schluss des 13. Jahrhunderts statt, nach einer Unterbrechung von eintausendsechshundert Jahren, und zwar wurde sie von dem Norditaliener Mondino de' Luzzi ausgeführt. Auch   D a n t e,   ebenfalls ein Kind des 13. Jahrhunderts, ist hier zu nennen, und zwar in hervorragender Weise. „Nel mezzo del cammin di nostra vita“, heisst der erste Vers seiner grossen Dichtung, und er selber, das erste künstlerische Weltgenie der neuen, germanischen Kulturepoche, ist die typische Gestalt für diesen Wendepunkt

14 Allgemeine Einleitung.

der Geschichte, für den Punkt, wo sie „die Hälfte ihres Weges“ zurückgelegt und nunmehr, nachdem sie jahrhundertelang in rasender Eile bergab geführt hatte, sich anschickte, den steilen schwierigen Weg auf der gegenüberliegenden Bergwand zu betreten. Manche Anschauungen Dante's in seiner Divina Commedia und in seinem Tractatus de monarchia muten uns an wie der sehnsuchtsvolle Blick eines vielerfahrenen Mannes aus dem gesellschaftlichen und politischen Chaos, das ihn umgab, hinaus in eine harmonische gestaltete Welt; dass dieser
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Blick gethan werden konnte, ist ein deutliches Zeichen der schon begonnenen Bewegung; das Auge des Genies leuchtet den Anderen voran. ¹) Doch, lange vor Dante — das übersehe man nicht — hatte im Herzen des echtesten Germanentums, im Norden, eine poetische Schöpferkraft sich kundgethan, welche allein schon beweist, wie wenig wir einer klassischen Renaissance bedurften, um künstlerisch Unvergleichliches zu leisten: in dem Jahre 1200 dichteten   C h r e s t i e n   d e   T r o y e s,   H a r t m a n n   v o n   A u e,   W o l f r a m   v o n   E s c h e n b a c h,   W a l t h e r   v o n   d e r   V o g e l w e i d e,   G o t t f r i e d   v o n   S t r a s s b u r g !   und ich nenne nur einige der bekanntesten Namen, denn, wie Gottfried sagt: „der Nachtigallen sind noch viel“. Und noch hatte die bedenkliche Scheidung zwischen Dichtkunst und Tonkunst (hervorgegangen aus dem Kultus der toten Buchstaben) nicht stattgefunden: der Dichter war zugleich Sänger; erfand er das „Wort“, so erfand er dazu den eigenen „Ton“ und die eigene
—————
    ¹) Ich habe hier nicht das Einzelne seiner scholastisch gefärbten Beweisführungen im Sinne, sondern solche Dinge wie seine Betrachtungen über das Verhältnis der Menschen zueinander (Monarchia, Buch I, Kap. 3 u. 4) oder über die Föderation der Staaten, von denen ein jeder seine eigene Individualität, seine eigene Gesetzgebung beibehalten, der Kaiser aber als „Friedensstifter“ und als Richter über das „allen Gemeinsame, allen Gebührende“ das einigende Band herstellen soll (Buch I, Kap. 14). Im Übrigen ist gerade Dante, als echte „Mittelgestallt“, sehr befangen in den Vorstellungen seiner Zeit und in dichterischen Utopien, worüber im siebenten und namentlich in der Einleitung zum achten Kapitel dieses Buches manches Nähere zu finden ist.

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Allgemeine Einleitung.


„Weise“. Und so sehen wir denn auch die   M u s i k,   die ureigenste Kunst der neuen Kultur, zugleich mit den ersten Anzeichen des besonderen Wesens dieser Kultur in durchaus neuer Gestalt, als vielstimmige, harmonische Kunst entstehen. Der erste Meister von Bedeutung in der Behandlung des Kontrapunktes ist der Dichter und Dramatiker   A d a m   d e   l a   H a l l e,   geboren 1240. Mit ihm — also mit einem echt germanischen Wort- und Tondichter — beginnt die Entwickelung der eigentlichen Tonkunst, so dass der Musikgelehrte   G e v a e r t   schreiben kann: „Désormais l'on peut considérer ce XIIIe siècle, si décrié jadis, comme le siècle initiateur de tout l'art moderne“. Ebenfalls im dreizehnten Jahrhundert entfalteten jene begnadeten Künstler —   N i c c o l o   P i s a n o,   C i m a b u e,   G i o t t o   — ihre Talente, denen wir in erster Reihe nicht allein die „Wiedergeburt“ der bildenden Künste, sondern vor allem die Geburt einer durchaus neuen Kunst, der modernen Malerei, verdanken. Gerade im 13. Jahrhundert kam auch die gotische Architektur auf (der „ger-
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manische Stil“, wie ihn Rumohr mit Recht benennen wollte): fast alle Meisterwerke der Kirchenbaukunst, deren unvergleichliche Schönheit wir heute nur anstaunen, nicht nachahmen können, stammen aus jenem einem Säculum. Inzwischen war (kurz vor dem Jahre 1200) in Bologna die erste rein weltliche Universität entstanden, an der nur Jurisprudenz, Philosophie und Medizin gelehrt wurden. ¹) — — — — Man sieht, in wie mannigfaltiger Weise sich ein neues Leben um das Jahr 1200 herum kundzuthun begann. Ein paar Namen würden nichts beweisen; dass aber eine Bewegung alle Länder und alle Kreise erfasst, dass die widersprechendsten Erscheinungen alle auf eine ähnliche Ursache zurück-, und auf ein gemeinsames Ziel hinweisen, das gerade zeigt, dass es sich hier nicht um Zufälliges und Individuelles, sondern um einen grossen, allgemeinen, mit unbewusster Notwendigkeit sich vollziehenden Vorgang im innersten Herzen der Gesellschaft handelt. Auch jener eigentümliche „Verfall des historischen
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    ¹) Die theologische Fakultät wurde erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts errichtet   (S a v i g n y).

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Allgemeine Einleitung.


Sinnes und geschichtlichen Verständnisses um die Mitte des 13. Jahrhunderts“, auf den verschiedene Gelehrte mit Verwunderung aufmerksam machen, ¹) scheint mir hierher zu gehören: die Menschheit hat eben unter Führung der Germanen ein neues Leben begonnen, sie ist gewissermassen auf ihrem Wege um eine Ecke gebogen und verliert plötzlich selbst die letzte Vergangenheit aus den Augen; nunmehr gehört sie der Zukunft an.
    Höchst überraschend ist es festzustellen, dass gerade in diesem Augenblick, wo die neue europäische Welt aus dem Chaos zu entstehen begann, auch jene Entdeckung der übrigen Erde ihren Anfang nahm, ohne welche unsere aufblühende germanische Kultur die einzig ihr eigentümliche Expansionskraft niemals hätte entwickeln können: in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts führte   M a r c o   P o l o   seine Entdeckungsreisen aus und legte dadurch den Grund zu der noch nicht ganz vollendeten Kenntnis der Oberfläche unseres Planeten. Was hiermit gewonnen wird, ist zunächst, und abgesehen von der Erweiterung des Gesichtskreises, die Fähigkeit der Ausdehnung; jedoch diese bedeutet nur etwas Relatives; das Entscheidende ist, dass europäische Kraft die gesamte Erde in absehbarer Zeit zu umspannen hoffen darf und somit den alles dahinraffenden Einfällen ungeahnter
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und ungebändigter Barbarenkräfte nicht, wie frühere Civilisationen, unterworfen sein wird.
    Soviel zur Begründung meiner Wahl des 13. Jahrhunderts als Grenzscheide.
    Dass einer derartigen Wahl dennoch etwas Künstliches anhaftet, habe ich gleich anfangs eingestanden und wiederhole es jetzt; namentlich darf man nicht glauben, dass ich dem Jahre 1200 irgend eine besondere fatidistische Bedeutung zuerkenne: die Gährung der ersten zwölf Jahrhunderte unserer Zeitrechnung hat ja noch heute nicht aufgehört, sie trübt noch tausende und abertausende von Gehirnen, und andrerseits darf man getrost behaupten, dass die neue harmonische Welt in einzelnen Köpfen
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    ¹) Siehe z. B. Döllinger: Das Kaisertum Karl's des Grossen (Akad. Vorträge III, 156).

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Allgemeine Einleitung.


schon lange vor 1200 zu dämmern begann. Die Richtigkeit oder Unrichtigkeit eines derartigen Schemas zeigt sich erst beim Gebrauche. Wie Goethe sagt: „Alles kommt auf das Grundwahre an, dessen Entwickelung sich nicht so leicht in der Spekulation als in der Praxis zeigt: denn diese ist der Prüfstein des vom Geist Empfangenen.“

Zweiteilung der Grundlagen
    Infolge dieser Bestimmung des Angelpunktes unserer Geschichte zerfällt dieses die Zeit bis zum Jahre 1800 behandelnde
Buch naturgemäss in zwei Teile: der eine behandelt die Zeit   v o r   dem Jahre 1200, der andere die Zeit   n a c h   diesem Jahre.
    In dem ersten Teil —   D i e   U r s p r ü n g e   — habe ich zuerst das Erbe der alten Welt, sodann die Erben, zuletzt den
Kampf der Erben um das Erbe besprochen. Da jedes Neue an ein schon Vorhandenes, Älteres anknüpft, ist die erste der grundlegenden Fragen: welche Bestandteile unseres geistigen Kapitals sind ererbt? Die zweite, nicht minder wichtige Grundfrage lautet: wer sind „wir“? Führt uns auch die Beantwortung dieser Fragen in ferne Vergangenheit zurück, das Interesse bleibt stets ein gegenwärtiges, da sowohl bei der Gesamtanlage jedes Kapitels wie auch bei jeder Einzelheit der Besprechung die eine einzige Rücksicht auf das 19. Jahrhundert bestimmend bleibt. Das Erbe der alten Welt bildet noch immer einen bedeutenden — oft recht unverdauten — Bestandteil der allerneuesten Welt; die verschieden gearteten Erben stehen einander noch immer gegenüber wie vor tausend Jahren; der Kampf ist heute ebenso erbittert, dabei ebenso konfus wie je: diese Untersuchung der Vergangenheit bedeutet also zugleich eine Sichtung des überreichen Stoffes
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der Gegenwart. Nur darf Niemand in meinen Betrachtungen über hellenische Kunst und Philosophie, über römische Geschichte und römisches Recht, über die Lehre Christi, oder wiederum über Germanen und Juden u. s. w.  selbständige akademische Abhandlungen erblicken und den entsprechenden Massstab an sie anlegen wollen. Nicht als Gelehrter bin ich an diese Gegenstände herangetreten, sondern als ein Kind der Gegenwart, das seine lebendige Gegenwart verstehen lernen will; und nicht aus dem Wolkenkuckucksheim einer übermenschlichen Objektivität habe ich

18 Allgemeine Einleitung.

meine Urteile gefasst, sondern von dem Standpunkt eines bewussten Germanen, den Goethe nicht umsonst gewarnt hat:
Was euch nicht angehört,
Müsset ihr meiden;
Was euch das Inn're stört,
Dürft ihr nicht leiden!
Vor Gott mögen alle Menschen, ja alle Wesen gleich sein: doch das göttliche Gesetz des Einzelnen ist, seine Eigenart zu wahren und zu wehren. Den Begriff des Germanentums habe ich so weit, und das heisst in diesem Falle so weitherzig wie nur möglich gefasst und keinem irgendwie gearteten Partikularismus das Wort geredet; dagegen bin ich überall dem Ungermanischen scharf zu Leibe gerückt, doch — wie ich hoffe — nirgends in unritterlicher Weise.
    Eine Erläuterung erfordert vielleicht der Umstand, dass das Kapitel über den Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte so stark geworden ist. Für den Gegenstand dieses Buches wäre eine so breite Behandlung nicht nötig gewesen; die hervorragende Stellung der Juden im neunzehnten Jahrhundert aber, sowie die grosse Bedeutung der philo- und der antisemitischen Strömungen und Kontroversen für die Geschichte unserer Zeit erforderten unbedingt eine Beantwortung der Frage: wer ist der Jude? Ich fand nirgends eine klare, erschöpfende Beantwortung dieser Frage und war deshalb gezwungen, sie selber zu suchen und zu geben. Der Kernpunkt ist hier die Frage nach der   R e l i g i o n;   darum habe ich gerade diesen Punkt nicht allein hier im fünften, sondern auch im dritten und im siebenten Kapitel eingehend behandelt. Denn ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die übliche Behandlung der „Judenfrage“ sich durchwegs an der Oberfläche bewegt; der Jude ist kein Feind germanischer Civilisation und Kultur; Herder mag wohl mit seiner Behauptung Recht haben, der Jude sei uns ewig fremd, und folglich wir ihm ebenfalls, und Niemand wird leugnen, dass hieraus grosse Schädigung unseres Kulturwerkes stattfinden kann; doch
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glaube ich, dass wir geneigt sind, unsere eigenen Kräfte in dieser

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Beziehung sehr zu unterschätzen und den jüdischen Einfluss sehr zu überschätzen. Hand in Hand damit geht die geradezu lächerliche und empörende Neigung, den Juden zum allgemeinen Sündenbock für alle Laster unserer Zeit zu machen. In Wahrheit liegt die „jüdische Gefahr“ viel tiefer; der Jude trägt keine Verantwortung für sie; wir haben sie selbst erzeugt und müssen sie selbst überwinden. Keine Seelen dürsten mehr nach Religion als die der Slaven, der Kelten und der Teutonen: ihre Geschichte beweist es; an dem Mangel einer wahren Religion krankt unsere ganze germanische Kultur (wie ich das im neunten Kapitel zeige), daran wird sie noch, wenn nicht beizeiten Hilfe kommt, zu Grunde gehen. Den in unserem eigenen Herzen sprudelnden Quell haben wir verstopft und uns abhängig gemacht von dem spärlichen, brackigen Wasser, das die Wüstenbeduinen aus ihren Brunnen ziehen. Keine Menschen der Welt sind so bettelarm an echter Religion, wie die Semiten und ihre Halbbrüder, die Juden; und wir, die wir auserkoren waren, die tiefste und erhabenste religiöse Weltanschauung als Licht und Leben und atemgebende Luft unserer gesamten Kultur zu entwickeln, wir haben uns mit eigenen Händen die Lebensader unterbunden und hinken als verkrüppelte Judenknechte hinter Jahve's Bundeslade her! Daher die Ausführlichkeit meines Kapitels über die Juden; es handelte sich darum, eine breite und sichere Grundlage für diese folgenschwere Erkenntnis zu gewinnen.
    Der zweite Teil —   D i e   a l l m ä h l i c h e   E n t s t e h u n g   e i n e r   n e u e n   W e l t   — hat in diesen „Grundlagen“ nur ein einziges Kapitel: „Vom Jahre 1200 bis zum Jahre 1800“. Hier befand ich mich auf einem selbst dem ungelehrten Leser ziemlich geläufigen Gebiete, und es wäre durchaus überflüssig gewesen, aus politischen Geschichten und Kulturgeschichten, die Jedem zugänglich sind, abzuschreiben. Meine Aufgabe beschränkte sich also darauf, den so überreichlich vorhandenen Stoff, den ich — eben als „Stoff“ — als bekannt voraussetzen durfte, übersichtlicher zu gestalten, als dies gewöhnlich geschieht, und zwar natürlich wiederum mit einziger Berücksichtigung des Gegenstandes dieses Werkes, nämlich des 19. Jahrhunderts. Dieses

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Kapitel steht auf der Grenze zwischen den beiden geplanten Werken: Manches, was in den vorangehenden Kapiteln nur angedeutet, nicht systematisch ausgeführt werden konnte, so z. B. die prinzipielle Bedeutung des Germanentums für unsere neue Welt und der Wert der Vorstellungen des Fortschritts und der
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Entartung für das Verständnis der Geschichte findet hier eine abschliessende Besprechung; dagegen eilt die kurze Skizze der Entwickelung auf den verschiedenen Gebieten des Lebens dem 19. Jahrhundert zu, und die Übersichtstafel über Wissen, Civilisation und Kultur und ihre verschiedenen Elemente deutet bereits auf das Vergleichungswerk des geplanten Anhangs hin und giebt auch jetzt schon zu mancher belehrenden Parallele Anlass: im selben Augenblick, wo wir den Germanen in seiner vollen Kraft aufblühen sehen, als sei ihm nichts verwehrt, als eile er einem Grenzenlosen entgegen, erblicken wir hierdurch zugleich seine Beschränkungen; und das ist sehr wichtig, denn erst durch diese letzten Züge erhält unsere Vorstellung von ihm volle Individualität.
    Gewissen Voreingenommenheiten gegenüber werde ich mich wohl dafür rechtfertigen müssen, dass ich in diesem Kapitel Staat und Kirche nur als Nebensache behandelt habe — richtiger gesagt, nur als eine Erscheinung unter anderen, und nicht als die wichtigste. Staat und Kirche bilden nunmehr gewissermassen nur den Knochenbau: die Kirche ist ein inneres Knochengerüst, in welchem, wie üblich, mit zunehmendem Alter eine immer stärkere Disposition zu chronischer Ankylosis sich zeigt; der Staat entwickelt sich mehr und mehr zu jenem in der Zoologie wohl bekannten peripherischen Knochenpanzer, dem sogenannten Dermoskelett, seine Struktur wird immer massiger, er dehnt sich immer mehr über die „Weichteile“ aus, bis er zuletzt, im 19. Jahrhundert, zu wahrhaft megalotherischen Dimensionen angewachsen, einen bisher unerhört grossen Prozentsatz der wirksamen Kräfte der Menschheit als Militär- und Civilbeambte aus dem eigentlichen Lebensprozess ausscheidet und, wenn ich so sagen darf, „verknöchert“. Das soll nicht eine Kritik sein; die knochen- und wirbellosen Tiere haben es bekanntlich in der Welt

21 Allgemeine Einleitung.

nicht weit gebracht; es liegt mir überhaupt fern, in diesem Buche moralisieren zu wollen, ich musste nur erklären, warum ich mich in der zweiten Abteilung nicht bemüssigt fand, ein besonderes Gewicht auf die fernere Entwickelung von Staat und Kirche zu legen. Der Impuls zu ihrer seitherigen Entwickelung war ja schon im 13. Jahrhundert vollständig ausgebildet; der Nationalismus hatte über den Imperialismus gesiegt, dieser brütete auf Wiedergewinnung des Verlorenen; grundsätzlich Neues kam nicht mehr hinzu; auch die Bewegungen gegen die überhandnehmende Vergewaltigung der individuellen Freiheit durch Kirche und Staat hatten damals bereits begonnen, sich sehr häufig und energisch
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fühlbar zu machen. Kirche und Staat geben, wie gesagt, von nun ab das — hin und wieder an Bein- und Armbrüchen leidende, jedoch feste — Skelett ab, haben aber an der allmählichen Entstehung einer neuen Welt verhältnismässig wenig Anteil; fortan folgen sie mehr als dass sie führen. Dagegen entsteht in allen Ländern Europas auf den verschiedensten Gebieten freier menschlicher Thätigkeit von etwa dem Jahre 1200 an eine wirklich neuschöpferische Bewegung. Das kirchliche Schisma und die Auflehnung gegen staatliche Verordnungen sind eigentlich mehr nur die mechanische Seite dieser Bewegung; sie entspringen aus dem Lebensbedürfnis der neu sich regenden Kräfte, sich Raum zu schaffen; das eigentlich Schöpferische ist an anderen Orten zu suchen. Wo, habe ich schon oben angedeutet, als ich meine Wahl des Jahres 1200 als Grenzpfahl zu rechtfertigen suchte: das Aufblühen von Technik und Industrie, die Begründung des Grosshandels auf der echt germanischen Grundlage makelloser Ehrenhaftigkeit, das Emporkommen emsiger Städte, die Entdeckung der Erde (wie wir kühn sagen dürfen), die schüchtern beginnende, bald aber ihren Horizont über den gesamten Kosmos ausdehnende Naturforschung, der Gang in die tiefsten Tiefen des menschlichen Denkens, von Roger Bacon bis Kant, das Himmelwärtsstreben des Geistes, von Dante bis Beethoven: das alles ist es, worin wir eine neue Welt im Entstehen erkennen dürfen.

Die Fortsetzung
    Mit dieser Betrachtung des allmählichen Entstehens einer neuen Welt, etwa vom Jahre 1200 bis zum Jahre 1800, schliessen

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diese „Grundlagen“. Der ausführliche Entwurf zum „19. Jahrhundert“ liegt vor mir. In ihm weiche ich jeder künstlichen Schematisierung, auch jedem Versuch, in tendenziöser Weise an den vorangehenden Teil anzuknüpfen, sorgfältig aus. Es genügt nämlich fürs erste vollkommen, dass die erläuternde Untersuchung der ersten achtzehnhundert Jahre vorausgeschickt wurde; ohne dass ich häufig ausdrücklich darauf zurückzukommen brauche, wird sie sich als unerlässliche Einführung bewähren; die vergleichende Wertschätzung und Parallelisierung folgt dann im Anhang. Hier begnüge ich mich also damit, die verschiedenen wichtigsten Erscheinungen des Jahrhunderts nacheinander zu betrachten: die Hauptzüge der politischen, religiösen und sozialen Gestaltung, den Entwickelungsgang der Technik, der Industrie und des Handels, die Fortschritte der Naturwissenschaft und der Humanitäten, zuletzt die Geschichte des menschlichen Geistes in seinem Denken und Schaffen, indem überall natürlich nur die Hauptströmungen hervorgehoben und einzig die Gipfelpunkte berührt werden.
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    Ein Kapitel schickte ich jedoch diesen Betrachtungen voraus, ein Kapitel über die „neuen Kräfte“, welche sich in diesem Jahrhundert geltend gemacht und ihm seine charakteristische Physiognomie verliehen haben, die aber in dem Rahmen eines der allgemeinen Kapitel nicht zur rechten Geltung kommen können.   D i e   P r e s s e   zum Beispiel ist zugleich eine politische und eine soziale Macht allerersten Ranges; ihre riesige Entwickelung im neunzehnten Jahrhundert hängt jedoch auf das allerengste mit Industrie und Technik zusammen, nicht so sehr, meine ich, in Bezug auf die Herstellung der Zeitungen durch schnell arbeitende Maschinen u. s. w., als vielmehr durch die elektrische Telegraphie, welche den Blättern die Nachrichten bringt, und die Eisenbahnen, welche die gedruckte Nachricht überallhin verbreiten; die Presse ist der mächtigste Bundesgenosse des Kapitalismus; auf Kunst, Philosophie und Wissenschaft kann sie zwar nicht im letzten Grund bestimmenden Einfluss ausüben, sie vermag es aber auch hier, beschleunigend oder verzögernd und somit auf die Zeit in hohem Masse gestaltend zu wirken. Es ist dies eine Kraft, welche die früheren Jahrhunderte nicht gekannt haben. Gleicherweise

23 Allgemeine Einleitung.

hat eine neue Technik, die Erfindung und Vervollkommnung der   E i s e n b a h n   und des   D a m p f s c h i f f e s,   sowie der elektrischen   T e l e g r a p h i e   einen schwer abzuschätzenden Einfluss auf alle Gebiete menschlicher Thätigkeit ausgeübt und die Physiognomie und Lebensbedingungen unserer Erde tief umgestaltet: ganz direkt ist hier die Wirkung auf die Strategik und dadurch auf die gesamte Politik, sowie auch auf den Handel und auf die Industrie, indirekt werden aber sogar Wissenschaft und Kunst davon betroffen: mit leichter Mühe begeben sich die Astronomen aller Länder an das Nordkap oder nach den Fidschiinseln, um eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten, und die deutschen Bühnenfestspiele in Bayreuth sind gegen Schluss des Jahrhunderts, Dank der Eisenbahn und dem Dampfschiff, zu einem lebendigen Mittelpunkt der dramatischen Kunst für die ganze Welt geworden. Ebenfalls hierzu rechne ich die   E m a n z i p a t i o n   d e r   J u d e n.   Wie jede neu entfesselte Kraft, wie die Presse und der Schnellverkehr, hat wohl dieser plötzliche Einbruch der Juden in das Leben der die Weltgeschichte tragenden europäischen Völker nicht bloss Gutes im Gefolge gehabt; die sogenannte klassische Renaissance war doch bloss eine Wiedergeburt von Ideen, die jüdische Renaissance ist dagegen die Wiederauferstehung eines längst totgeglaubten Lazarus, welcher Sitten und
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Denkarten der orientalischen Welt in die germanische hineinträgt und dabei einen ähnlichen Aufschwung nimmt wie einst die Reblaus, die in Amerika das wenig beachtete Dasein eines unschuldigen Käferchens geführt hatte, nach Europa übergeführt jedoch plötzlich zu einem nicht ganz unbedenklichen Weltruhme gelangte. Wir dürfen aber wohl hoffen und glauben, dass die Juden, wie die Amerikaner, uns nicht bloss ein neue Laus, sondern auch eine neue Rebe mitgebracht haben. Gewiss ist, dass sie unserer Zeit ein besonderes Gepräge aufgedrückt haben, und dass die im Entstehen begriffene „neue Welt“ für das Werk der Assimilation dieses Stückes „alter Welt“ einen bedeutenden Kraftaufwand benötigen wird. Es giebt noch andere „neue Kräfte“, die an Ort und Stelle zu behandeln sein werden, so z. B. ward die Begründung der modernen   C h e m i e   der

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Ausgangspunkt für eine neue Naturwissenschaft, und die Vollendung einer neuen künstlerischen Sprache durch   B e e t h o v e n   ist ohne  Frage eine der folgenreichsten Thaten auf dem Gebiete der Kunst seit den Tagen Homer's: sie schenkte dem Menschen ein neues Sprachorgan, d. h. eine neue Kraft.
    Der Anhang soll, wie gesagt, dem   V e r g l e i c h u n g s w e r k   zwischen dem ersten und dem zweiten Buche dienen. Diese  Parallelisierung führe ich Punkt für Punkt, mit Benützung des Schemas des ersten Teils, in mehreren Kapiteln durch; man wird, glaube ich, finden, dass diese Betrachtungsweise zu vielen und interessanten Anregungen und Einsichten führt. Ausserdem bereitet sie ganz vorzüglich auf den etwas gewagten, aber unentbehrlichen   B l i c k   i n   d i e   Z u k u n f t   vor, ohne welchen die Volle Plastizität der Vorstellung nicht zu erwirken wäre; erst dann kann man auch hoffen, das 19. Jahrhundert mit der nötigen, vollkommenen Objektivität beurteilen, und, sozusagen, aus der Vogelperspektive erschauen zu können, womit zugleich meine Aufgabe zu Ende geführt sein wird.
    Dies also die höchst einfache, ungekünstelte Anlage der Fortsetzung. Es handelt sich da um ein Vorhaben, dessen Ausführung ich vielleicht nicht erleben werde, doch musste ich es hier erwähnen, da es die Gestaltung des vorliegenden Buches wesentlich beeinflusst hat.

Anonyme Kräfte
    Über einige prinzipiell wichtige Punkte muss ich mich noch hier in der allgemeinen Einleitung kurz aussprechen, damit wir
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nicht später, an unpassendem Orte, durch theoretische Erörterungen aufgehalten werden.
    Fast alle Menschen sind von Natur „Heldenverehrer“; gegen diesen gesunden Instinkt lässt sich nichts Stichhaltiges einwenden. Einmal ist die Vereinfachung ein unabweisliches Bedürfnis des Menschengeistes, so dass wir unwillkürlich dazu gedrängt werden, an die Stelle der vielen Namen, welche Träger irgend einer Bewegung waren, einen einzigen Namen zu setzen; weiterhin ist die Person etwas Gegebenes, Individuelles, Abgegrenztes, während alles, was weiter liegt, bereits eine Abstraktion und

25 Allgemeine Einleitung.

einen Begriffskreis von schwankendem Umfang bedeutet. Man könnte darum die Geschichte eines Jahrhunderts aus lauter Namen zusammensetzen: ich weiss aber nicht, ob ein anderes Verfahren nicht geeigneter ist, das wahrhaft Wesentliche zum Ausdruck zu bringen. Es ist nämlich auffallend, wie unendlich wenig die einzelnen Individualitäten sich im Allgemeinen voneinander abheben. Die Menschen bilden innerhalb ihrer verschiedenen Rassenindividualitäten eine atomistische, nichtsdestoweniger aber sehr homogene Masse. Neigte sich ein grosser Geist von den Sternen aus beschaulich über unsere Erde, und wäre er im Stande, nicht nur unsere Körper, sondern auch unsere Seelen zu erblicken, so würde ihm sicherlich die Menschheit irgend eines Weltteiles so einförmig dünken, wie uns ein Ameisenhaufen: er würde wohl Krieger, Arbeiter, Faulenzer und Monarchen unterscheiden, er würde bemerken, dass die einen hierin, die anderen dorthin rennen, im Grossen und Ganzen aber würde er doch den Eindruck erhalten, dass sämtliche Individuen einem gemeinsamen, unpersönlichen Impuls gehorchen und gehorchen müssen. Nicht nur der Willkür, sondern ebenfalls dem Einfluss der grossen Persönlichkeit sind äusserst enge Schranken gesetzt. Alle grossen und dauernden Umwälzungen im Leben der Gesellschaft haben „blind“ stattgefunden. Eine ausserordentliche Persönlichkeit, wie z. B. die Napoleon's, kann hierüber irreführen, und doch erscheint gerade sie, bei näherer Betrachtung, als ein blind waltendes Fatum. Ihre Möglichkeit entsteht aus früheren Vorgängen: ohne Richelieu, ohne Ludwig XIV., ohne Ludwig XV., ohne Voltaire und Rousseau, ohne französische Revolution kein Napoleon! Wie eng verwachsen ist ausserdem die Lebensthat eines solchen Mannes mit dem Nationalcharakter des gesamten Volkes, mit seinen Eigenschaften und seinen Fehlern: ohne ein französisches Volk kein Napoleon! Die Thätigkeit dieses Feldherrn ist aber vor allem eine Thätigkeit nach aussen, und da müssen wir wieder sagen: ohne die Unschlüssigkeit Friedrich Wilhelm's III., ohne die Gesinnungslosigkeit des Hauses Habsburg, ohne die Wirren in Spanien, ohne das vorangegangene Verbrechen gegen Polen

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kein Napoleon! Und suchen wir nun, um vollends über diesen Punkt klar zu werden, in den Lebensschilderungen und in der Korrespondenz Napoleon's, was er gewollt und erträumt hat, so sehen wir, dass er nichts davon erreichte, und dass er in die ununterschiedliche, homogene Masse zurücksank, wie Wolken nach einem Gewitter sich auflösen, sobald die Gesamtheit sich gegen das Vorherrschen individuellen Wollens erhob. Dagegen hat die gründliche, durch keine Gewalt der Erde rückgängig zu machende Verwandlung unserer gesamten wirtschaftlichen Lebensverhältnisse, der Übergang eines bedeutenden Teiles des Vermögens der Nationen in neue Hände, und ausserdem die durchgreifendste Umbildung des Verhältnisses aller Erdteile und somit auch aller Menschen zueinander, von der die Weltgeschichte zu erzählen weiss, im Laufe des 19. Jahrhunderts durch eine Reihe von technischen Erfindungen auf dem Gebiete des Schnellverkehrs und der Industrie stattgefunden, ohne dass irgend jemand die Bedeutung dieser Neuerungen auch nur geahnt hätte. Man lese nur in Bezug hierauf die meisterliche Darlegung im fünften Band von Treitschke's Deutscher Geschichte. Die Entwertung des Grundbesitzes, die progressive Verarmung des Bauern, der Aufschwung der Industrie, die Entstehung eines unabsehbaren Heeres von gewerblichen Proletariern und somit auch einer neuen Gestaltung des Sozialismus, eine tiefgreifende Umwälzung aller politischen Verhältnisse: alles das ist eine Folge der veränderten Verkehrsbedingungen und alles das ist, wenn ich so sagen darf,   a n o n y m   geschehen, wie der Bau eines Ameisennestes, bei welchem jede Ameise nur die einzelnen Körnchen sieht, die sie mühsam herbeischleppt. — Ähnliches gilt aber auch von Ideen: sie ergreifen die Menschheit mit gebieterischer Macht, sie umspannen das Denken wie ein Raubvogel seine Beute, Keiner kann sich ihrer erwehren; solange eine solche besondere Vorstellung herrscht, kann nichts Erfolgreiches ausserhalb ihres Bannkreises geleistet werden; wer nicht in dieser Weise zu empfinden vermag, ist zur Sterilität verdammt, und sei er noch so begabt. So ging es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Entwickelungstheorie Darwin's. Schon im 18. Jahrhundert dämmerte diese Idee auf,

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als natürliche Reaktion gegen die alte, durch Linnäus zur formellen Vollendung gelangte Anschauung von der Unveränderlichkeit der Arten. Bei Herder, bei Kant und bei Goethe treffen wir den Evolutionsgedanken in charakteristischer Färbung an; es ist ein Abschütteln des Dogmas seitens hervorragender Geister: seitens des einen, weil er, dem Zuge germanischer Weltanschau-
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ung folgend, die Entwickelung des Begriffes „Natur“ zu einem den Menschen umfassenden Ganzen erstrebte, seitens des anderen, weil er als Metaphysiker und Moralist sich die Vorstellung der Perfektibilität nicht konnte rauben lassen, während der Dritte mit dem Auge des Poeten auf allen Seiten Züge entdeckte, die ihm auf Wesensverwandtschaft aller lebenden Organismen zu weisen schienen, und er fürchten musste, seine Einsicht in ein abstraktes Nichts sich verflüchtigen zu sehen, sobald diese Verwandtschaft nicht als eine auf unmittelbarer Abstammung beruhende aufgefasst würde. Das sind die Anfänge solcher Gedanken. In Geistern so phänomenalen Umfanges wie Goethe, Herder und Kant ist für sehr verschiedene Anschauungen nebeneinander Platz; sie sind dem Gotte Spinoza's zu vergleichen, dessen eine Substanz sich zu gleicher Zeit in verschiedenen Formen äussert; in ihren Ideen über Metamorphose, Homologien und Entwickelung kann ich keinen Widerspruch mit anderen Einsichten finden und ich glaube, sie hätten unser heutiges Evolutionsdogma ebenso verworfen, wie dasjenige der Unabänderlichkeit. ¹) Ich komme an anderem Orte hierauf zurück. Die
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    ¹) Man vergleiche hierzu die klassisch vollendete Ausführung Kant's, welche den Schlussabsatz des Abschnittes „Von dem regulativen Gebrauche der Ideen der reinen Vernunft“ in der Kritik der reinen Vernunft bildet. Der grosse Denker weist hier darauf hin, wie die Annahme einer „kontinuierlichen Stufenleiter der Geschöpfe“ aus einem   I n t e r e s s e   d e r  V e r n u n f t,   doch nie und nimmer aus der Beobachtung hervorgehe. „Die Sprossen einer solchen Leiter, so wie sie uns Erfahrung angeben kann, stehen viel zu weit auseinander, und   u n s e r e   v e r m e i n t l i c h   k l e i n e n   U n t e r s c h i e d e   s i n d   g e m e i n i g l i c h   i n   d e r   N a t u r   s e l b s t   s o   w e i t e   K l ü f t e ,   dass auf solche Beobachtungen (vornehmlich bei einer grossen Mannigfaltigkeit von Dingen, da es immer leicht sein

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Allgemeine Einleitung.


überwiegende Mehrzahl der ameisenartig emsigen Menschen ist nun gänzlich unfähig, sich zu solcher genialen Anschauungsweise zu erheben; produktive Kraft kann in weiten Schichten nur durch die Einfachheit gesunder Einseitigkeit erzeugt werden. Ein handgreiflich unhaltbares System wie dasjenige Darwin's übt eine weit kräftigere Wirkung aus als die tiefsten Spekulationen, und zwar gerade seiner „Handgreiflichkeit“ wegen. Und so haben wir den Entwickelungsgedanken sich selbst „entwickeln“ sehen, bis er sich von der Biologie und Geologie aus auf alle Gebiete des
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Denkens und des Forschens erstreckt hat und, von seinen Erfolgen berauscht, eine derartige Tyrannei ausübte, dass, wer nicht bedingungslos zu ihm schwor, als totgeboren zu erachten war. — Die Philosophie aller dieser Erscheinungen geht mich hier nichts an; ich zweifle nicht, dass der Geist der Gesamtheit sich in zweckmässiger Weise äussert. Ich darf aber Goethe's Wort mir zu eigen machen: „Was sich mir vor Allem aufdringt, ist das Volk, eine grosse Masse, ein notwendiges, unwillkürliches Dasein“, und hierdurch meine Überzeugung begründen und erklären, dass grosse Männer wohl die   B l ü t e n   der Geschichte sind, jedoch nicht ihre   W u r z e l n.   Darum halte ich es für geboten, ein Jahrhundert weniger durch die Aufzählung seiner bedeutendsten Männer, als durch Hervorhebung der anonymen Strömungen zu schildern, welche ihm auf den verschiedensten Gebieten des sozialen, des industriellen und des wissenschaftlichen Lebens ein besonderes, eigenartiges Gepräge verliehen haben.

Das Genie
    Jedoch es giebt eine Ausnahme. Sobald nicht mehr die bloss beobachtende, vergleichende, berechnende, oder die bloss erfindende, industrielle, den Kampf ums Leben führende Geistesthätigkeit, sondern die rein schöpferische in Betracht kommt, da
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muss, gewisse Ähnlichkeiten und Annäherungen zu finden), als Absichten der Natur   g a r   n i c h t s   z u   rechnen ist“ u. s. w. In seinen Recensionen über Herder wirft er der Evolutionshypothese vor, sie sei eine jener Ideen, „bei denen sich gar nichts denken lässt“. Kant, den selbst ein Haeckel „den bedeutendsten Vorläufer“ Darwin's nennt, hatte also zugleich das Antidot gegen den dogmatischen Missbrauch einer derartigen Hypothese gereicht.

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Allgemeine Einleitung.


gilt die Persönlichkeit allein. Die Geschichte der Kunst und der Philosophie ist die Geschichte einzelner Männer, nämlich der wirklich schöpferischen   G e n i e s.   Alles übrige zählt hier nicht. Was innerhalb des Rahmens der Philosophie sonst geleistet wird, und es wird da Vieles und Bedeutendes geleistet, gehört zur „Wissenschaft“; in der Kunst gehört es zum Kunstgewerbe, also zur Industrie.
    Ich lege umsomehr Gewicht hierauf, als eine bedauerliche Konfusion heute gerade in dieser Beziehung herrscht. Der Begriff und damit auch das Wort Genie kamen im achtzehnten Jahrhundert auf; sie entsprangen aus dem Bedürfnis, für die spezifisch   s c h ö p f e r i s c h e n   Geister einen besonderen, kennzeichnenden Ausdruck zu besitzen. Nun macht aber kein geringerer als Kant darauf aufmerksam, dass „der grösste Erfinder im Wissenschaftlichen sich nur dem Grade nach vom gewöhnlichen Menschen unterscheidet, das Genie dagegen spezifisch“. Diese Bemerkung Kant's ist zweifellos richtig, unter dem einen Vorbehalt, dass wir — was auch unerlässlich ist — den Begriff des Genialen auf jede Schöpfung ausdehnen, in welcher die Phantasie eine gestaltende, vorwiegende Rolle spielt, und in dieser Beziehung verdient das philosophische Genie denselben Platz wie das dichterische oder plastische; wobei ich das Wort Philosophie in
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seiner alten, weiten Bedeutung verstanden wissen will, welche nicht allein die abstrakte Vernunftphilosophie, sondern die Naturphilosophie, die Religionsphilosophie und jedes andere zu der Höhe einer Weltanschauung sich erhebende Denken begriff. Soll das Wort Genie einen Sinn behalten, so dürfen wir es nur auf Männer anwenden, die unser geistiges Besitztum durch schöpferische Erfindungen ihrer Phantasie dauernd bereichert haben; dafür aber alle solche. Nicht allein die Ilias und der gefesselte Prometheus, nicht allein die Andacht zum Kreuze und Hamlet, auch Plato's Ideenwelt und Demokrit's Welt der Atome, das tat-twam-asi der Upanishaden und das System des Himmels des Kopernikus sind Werke des unvergänglichen Genies; denn eben so unzerstörbar wie Stoff und wie Kraft sind die Blitzstrahlen, welche aus dem Gehirn der mit Schöpferkraft

30 Allgemeine Einleitung.

begabten Männer hervorleuchten; die Generationen und die Völker spiegeln sie sich fortwährend gegenseitig zu, und, verblassen sie auch manchmal vorübergehend, von Neuem leuchten sie hell auf, sobald sie wieder auf ein schöpferisches Auge fallen. In den letzten Jahren hat man entdeckt, dass es in jenen Meerestiefen, zu denen das Sonnenlicht nicht dringt, Fische giebt, welche diese nächtige Welt auf elektrischem Wege erleuchten; ebenso wird die dunkle Nacht unserer menschlichen Erkenntnis durch die Fackel des Genies erhellt. Goethe zündete uns mit seinem Faust eine Fackel an, Kant eine andere durch seine Vorstellung von der transscendentalen Idealität von Zeit und Raum: beide waren phantasiemächtige Schöpfer, beide Genies. Der Schulstreit über den Königsberger Denker, die Schlachten zwischen Kantianern und Antikantianern dünken mich ebenso belangreich wie der Eifer der Faustkritiker: was sollen hier die logischen Tüfteleien? was bedeutet hier „Recht haben“? Selig diejenigen, welche Augen zum Sehen und Ohren zum Hören haben! Erfüllt uns das Studium des Gesteines, des Mooses, des mikroskopischen Infusoriums mit staunender Bewunderung, mit welcher Ehrfurcht müssen wir da nicht zu jenem höchsten Phänomen hinaufblicken, welches die Natur uns darbietet, zum Genie!

Verallgemeinerungen
    Noch eine prinzipiell nicht unwichtige Bemerkung muss ich hier anknüpfen. Sollen uns auch die allgemeinen Tendenzen, nicht die Ereignisse und die Personen vorzüglich beschäftigen, so darf dabei die Gefahr zu weit gehender Verallgemeinerungen nicht aus dem Auge verloren werden. Zu einem voreiligen Summieren sind wir nur allzu geneigt. Das zeigt sich in der Art und Weise, wie man dem 19. Jahrhundert eine Etikette um den Hals zu hängen
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pflegt, während es doch gewiss unmöglich ist, durch ein einziges Wort uns selber und der Vergangenheit gerecht zu werden. Eine derartige fixe Idee genügt, um das Verständnis des geschichtlichen Werdens unmöglich zu machen.
    Ganz allgemein wird z. B. das 19. Jahrhundert das   „J a h r h u n d e r t   d e r   N a t u r w i s s e n s c h a f t“   genannt. Wer sich nun vergegenwärtigt, was das 16., 17 und 18. Jahrhundert gerade auf diesem Gebiete geleistet haben, wird sich wohl be-

31 Allgemeine Einleitung.

denken, ehe er so ohne Weiteres dem 19. den Titel: „das naturwissenschaftliche Jahrhundert“ verleiht. Wir haben nur weiter ausgebaut und durch Fleiss gar vieles entdeckt; ob wir aber auf einen Kopernikus und einen Galilei, auf einen Kepler und einen Newton, auf einen Lavoisier und einen Bichat ¹) hinweisen können, erscheint mir mindestens zweifelhaft. Cuvier's Thätigkeit erreicht freilich die Würde philosophischer Bedeutung, und die Beobachtungs- und Erfindungsgabe von Männern wie Bunsen (der Chemiker) und Pasteur streift an das Geniale; von unvergänglicher Bedeutung sind Louis Agassiz, Michael Faraday, Julius Robert Mayer, Heinrich Hertz und vielleicht noch einige andere; man wird aber mindestens zugeben müssen, dass ihre Leistungen die ihrer Vorgänger nicht übertreffen. Vor etlichen Jahren sagte mir ein sowohl durch theoretische wie durch praktische Arbeiten rümlichst bekannter Hochschullehrer der medizinischen Fakultät: „Bei uns Gelehrten kommt es nunmehr viel weniger auf die Gehirnwindungen an als auf das   S i t z f l e i s c h.“   Es hiesse nun wirklich zu bescheiden sein und den Nachdruck auf das Nebensächliche legen, wenn wir das 19. Jahrhundert als das   J a h r h u n d e r t   d e s   S i t z f l e i s c h e s   bezeichnen wollten! Um so mehr, als die Benennung als   J a h r h u n d e r t   d e s   r o l l e n d e n   R a d e s   jedenfalls mindestens ebenso berechtigt wäre für ein Zeit, welche die Eisenbahn und das Zweirad hervorgebracht hat. Besser wäre jedenfalls der allgemein gehaltene Name:  J a h r h u n d e r t   d e r   W i s s e n s c h a f t,   worunter man zu verstehen hätte, dass der Geist exakter Forschung, von Roger Bacon zuerst kategorisch gefordert, nunmehr alle Disziplinen unterjocht hat. Dieser Geist hat aber, wohl betrachtet, zu weniger überraschenden Resultaten auf dem Gebiete der Naturwissenschaft geführt, wo ja seit uralten Zeiten die exakte Beobachtung der Gestirne die Grundlage alles Wissens bildete, als auf anderen Gebieten, wo bisher die Willkür ziemlich unumschränkt geherrscht hatte. Vielleicht hiesse es etwas Wahres, für das 19. Jahrhundert besonders Kennzeichnendes
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    ¹) Er starb 1802.

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Allgemeine Einleitung.


sagen, zugleich etwas den meisten Gebildeten wenig Bekanntes, wenn man von einem   J a h r h u n d e r t   d e r   P h i l o -
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l o g i e    spräche. Gegen schluss des 18. Jahrhunderts, von solchen Männern wie Jones, Anquetil du Perron, den Gebrüdern Schlegel und Grimm, Karadžič und anderen zuerst ins Leben gerufen, hat die vergleichenden Philologie im Laufe eines einzigen Jahrhunderts eine unvergleichliche Bahn durchschritten. Den Organismus und die Geschichte der Sprache ergründen heisst nicht allein Licht auf Anthropologie, Ethnologie und Geschichte werfen, sondern geradezu das menschliche Denken zu neuen Thaten stärken. Und während so die Philologie des 19. Jahrhunderts für die Zukunft arbeitete, hob sie verschüttete Schätze der Vergangenheit, die fortan zu den kostbarsten Gütern der Menschheit gehören. Man braucht nicht Sympathie für den pseudobuddhistischen Sport halbgebildeter Müssiggänger zu empfinden, um klar zu erkennen, dass die Entdeckung der altindischen Erkenntnis-Theologie eine der grössten Thaten des 19. Jahrhunderts ist, bestimmt, eine nachhaltige Wirkung auf ferne Zeiten auszuüben. Dazu kam die Kenntnis altgermanischer Dichtung und Mythologie. Jede Kräftigung der echten Eigenart ist ein wahrer Rettungsanker. Die glänzende Reihe der Germanisten und ebenso die der Indologen hat, halb unbewusst, eine grosse That im rechten Augenblick vollbracht; jetzt besitzen auch wir unsere   „h e i l i g e n   B ü c h e r“,   und was sie lehren, ist schöner und edler als was das alte Testament berichtet. Der   G l a u b e   an unsere Kraft, den wir aus der Geschichte von 19. Jahrhunderten schöpfen, hat eine unermesslich wertvolle Bereicherung durch diese Entdeckung unserer selbständigen Fähigkeit zu vielem Höchsten erfahren, in Bezug auf welches wir bisher in einer Art Lehnverhältnis standen: namentlich ist die Fabel von der besonderen Befähigung der Juden für die   R e l i g i o n   endgültig vernichtet; hierfür werden spätere Geschlechter jenem Jahrhundert dankbar sein. Diese Thatsache ist eine der grossen, weitestreichenden Erfolge unserer Zeit, daher hätte die Benennung Jahrhundert der Philologie eine gewisse Berechtigung. Hiermit haben wir nun auch eine andere der charakteristischen Erscheinungen

33 Allgemeine Einleitung.

des 19. Jahrhunderts erwähnt. Ranke hatte vorausgesagt, unser Jahrhundert werde ein   J a h r h u n d e r t   d e r   N a t i o n a l i t ä t   sein; das war ein zutreffendes politisches Prognistikon, denn niemals zuvor haben sich die Nationen so sehr als fest abgeschlossene, feindliche Einheiten einander gegenüber gestanden. Es ist aber auch ein   J a h r h u n d e r t   d e r   R a s s e n   geworden, und zwar ist das zunächst eine notwendige und unmittelbare Folge der Wissenschaft und des wissenschaftlichen Denkens.
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Ich habe schon zu Beginn dieser Einleitung behauptet, die Wissenschaft eine nicht, sondern zergliedere; das hat sich auch hier bewährt. Die wissenschaftliche Anatomie hat die Existenz von physischen unterscheidenden Merkmalen zwischen den Rassen erwiesen, sodass sie nicht mehr geleugnet werden können, die wissenschaftliche Philologie hat zwischen den verschiedenen Sprachen prinzipielle Abweichungen aufgedeckt, die nicht zu überbrücken sind, die wissenschaftliche Geschichtsforschung hat in ihren verschiedenen Zweigen zu ähnlichen Resultaten geführt, namentlich durch die genaue Feststellung der Religionsgeschichte einer jeden Rasse, wo nur die allerallgemeinsten Ideen den täuschenden Schein der Gleichmässigkeit erwecken, die Weiterentwickelung aber stets nach bestimmten, scharf voneinander abweichenden Richtungen stattgefunden hat und noch immer stattfindet. Die sogenannte „Einheit der menschlichen Rasse“ bleibt zwar als Hypothese noch in Ehren, jedoch nur als eine jeder materiellen Grundlage entbehrende, persönliche, subjektive Überzeugung. Im Gegensatz zu den gewiss sehr edlen, aus reinster Sentimentalität hervorgequollenen Weltverbrüderungsideen des 18. Jahrhunderts, in welchen die Sozialisten als Hintertreffen noch heute nachhinken, hat sich allmählich die starre Wirklichkeit als notwendiges Ergebnis der Ereignisse und der Forschungen unserer Zeit erhoben. Manche andere Benennung könnte vieles zu ihrer Rechtfertigung anführen: Rousseau hatte schon prophetisch von einem „Siècle des Révolutions“ gesprochen, Andere reden wohl von einem Jahrhundert der Judenemanzipation, Jahrhundert der Elektrizität, Jahrhundert der Volksarmeen, Jahrhundert der Kolonien, Jahrhundert der Musik, Jahr-

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hundert der Reklame, Jahrhundert der Unfehlbarkeitserklärung. — — — Kürzlich fand ich in einem englischen Buche das 19. Jahrhundert als the religious century bezeichnet und konnte dem Manne nicht ganz unrecht geben; für Beer, den Verfasser der Geschichte des Welthandels, ist das 19. Jahrhundert „das ökonomische“, wogegen Prof. Paulsen es in seiner Geschichte des gelehrten Unterrichts (2. Aufl. II, 206), das saeculum historicum im Gegensatz zu dem vorausgegangenen saeculum philosophicum nennt, und Goethe's Ausdruck „ein aberweises Jahrhundert“ sich auf das 19. ebenso gut wie auf das 18. anwenden liesse. Einen ernstlichen Wert besitzt gar keine solche Verallgemeinerung.

Das 19. Jahrhundert
    Hiermit gelange ich zum Schlusse dieser allgemeinen Einleitung. Ehe ich aber den Schlussstrich ziehe, möchte ich mich noch, einer alten Gewohnheit gemäss, unter den Schutz hoch-
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verehrter Männer stellen.
    Lessing schreibt in seinen Briefen, die neueste Litteratur betreffend, die Geschichte solle sich „nicht bei unwichtigen Thatsachen aufhalten, nicht das Gedächtnis beschweren, sondern   d e n   V e r s t a n d   e r l e u c h t e n“.   In dieser Allgemeinheit besagt wohl der Satz zu viel. Für ein Buch aber, welches sich nicht an Historiker, sondern an die gebildete Laienwelt wendet, gilt er uneingeschränkt. Den Verstand erleuchten, nicht eigentlich belehren, sondern anregend wirken, Gedanken und Entschlüsse wecken, das wäre es, wie ich gern leisten möchte.
   Goethe fasst die Aufgabe der Geschichtsschreibung etwas abweichend von Lessing auf, er sagt: „Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der   E n t h u s i a s m u s,   den sie erregt.“ Auch dieser Worte bin ich bei meiner Arbeit eingedenk geblieben, denn ich bin der Überzeugung, dass Verstand, und sei er noch so hell erleuchtet, wenig ausrichtet, ist er nicht mit Enthusiasmus gepaart. Der Verstand ist die Maschine; je vollkommener jede Einzelheit an ihr, je zielbewusster alle Teile ineinander greifen, um so leistungsfähiger wird sie sein, — aber doch nur virtualiter, denn, um getrieben zu werden, bedarf sie

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noch der treibenden Kraft, und diese ist die Begeisterung. Es dürfte nun zunächst schwer fallen, dem Winke Goethe's folgend, sich für das 19. Jahrhundert besonderes zu erwärmen, schon deswegen, weil die Eigenliebe etwas so Verächtliches ist; wir wollen uns streng prüfen und uns lieber unter- als überschätzen; mag die Zukunft milder urteilen. Ich finde es auch deswegen schwer, mich dafür zu begeistern, weil das Stoffliche in diesem Jahrhundert so sehr vorwiegt. Genau so wie unsere Schlachten zumeist nicht mehr durch die persönliche Vortrefflichkeit Einzelner, sondern durch die Zahl der Soldaten, oder noch einfacher gesagt, durch die Menge des Kanonenfutters gewonnen worden sind, genau ebenso hat man Schätze an Gold und Wissen und Erfindungen zusammengetragen. Alles ist immer zahlreicher, massiger, vollständiger, unübersichtlicher geworden, man hat gesammelt, aber nicht gesichtet; d. h. es ist dies die allgemeine Tendenz gewesen. Das 19. Jahrhundert ist wesentlich ein Jahrhundert des Anhäufens von Material, des Durchgangsstadiums, des Provisorischen; in anderen Beziehungen ist es weder Fisch noch Fleisch; es pendelt zwischen Empirismus und Spiritismus, zwischen dem Liberalismus vulgaris, wie man ihn witzig genannt hat, und den impotenten
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Versuchen seniler Reaktionsgelüste, zwischen Autokratie und Anarchismus, zwischen Unfehlbarkeitserklärungen und stupidestem Materialismus, zwischen Judenanbetung und Antisemitismus, zwischen Millionärwirtschaft und Proletarierpolitik. Nicht die Ideen sind im 19. Jahrhundert das Charakteristische, sondern die materiellen Errungenschaften. Die grossen Gedanken, die hier und da sich geregt haben, die gewaltigen Kunstschöpfungen, die von Faust's zweitem Teil bis Parsifal dem deutschen Volk zu ewigem Ruhme entstanden sind, strebten hinaus in künftige Zeiten. Nach grossen, sozialen Umwälzungen und nach bedeutenden geistigen Errungenschaften (am Abend des 18. und am frühen Morgen des 19. Jahrhunderts) musste wieder Stoff gesammelt werden zu weiterer Entwickelung. Hierbei — bei dieser vorwiegenden Befangenheit im Stofflichen — schwand das   S c h ö n e   aus unserem Leben fast ganz; es existiert vielleicht in diesem Augenblick kein wildes, jedenfalls kein halbcivilisiertes

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Volk, welches nicht mehr Schönes in seiner Umgebung und mehr Harmonie in seinem Gesamtdasein besässe, als die grosse Masse der sogenannten kultivierten Europäer. In der enthusiastischen Bewunderung des 19. Jahrhunderts ist es darum, glaube ich, geboten, Mass zu halten. Leicht ist es dagegen, den von Goethe empfohlenen Enthusiasmus zu empfinden, sobald der Blick nicht auf dem einen Jahrhundert allein ruhen bleibt, sondern die gesamte Entwickelung der seit einigen Jahrhunderten im Entstehen begriffenen „neuen Welt“ umfasst. Gewiss ist der landläufige Begriff des „Fortschrittes“ kein philosophisch wohl begründeter; unter dieser Flagge segelt fast die ganze Bafelware unserer Zeit; Goethe, der nicht müde wird, auf die Begeisterung als das treibende Element in unserer Natur hinzuweisen, spricht es nichtsdestoweniger als seine Überzeugung aus: „Klüger und einsichtiger werden die Menschen, aber besser, glücklicher und thatkräftiger   n i c h t,   oder nur auf Epochen.“ ¹) Was für ein erhebenderes Gefühl kann es aber geben, als das, mit Bewusstsein einer solchen Epoche entgegenzuarbeiten, in welcher, wenn auch nur vorübergehend, die Menschen besser, glücklicher und thatkräftiger sein werden? Und wenn man das 19. Jahrhundert nicht isoliert betrachtet, sondern als einen Bestandteil eines weit grösseren Zeitlaufs, so entdeckt man bald, dass aus der Barbarei, welche auf den Zusammensturz der alten Welt folgte, und aus
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der wilden Gährung, die der Zusammenstoss einander widerstrebender Kräfte hervorrief, sich vor etlichen Jahrhunderten eine vollkommen neue Gestaltung der menschlichen Gesellschaft zu entwickeln begann, und dass unsere heutige Welt — weit entfernt den Gipfel dieser Evolution zu bedeuten — einfach ein Durchgangsstadium, eine „mittlere Zeit“, auf dem weiten und mühsamen Wege darstellt. Wäre das 19. Jahrhundert wirklich ein Gipfelpunkt, dann wäre die pessimistische Ansicht die einzige berechtigte: nach allen grossen Errungenschaften auf geistigem und materiellem Gebiete die bestialische Bosheit noch so verbreitet und das Elend vertausendfacht zu sehen, das könnte uns nur ver-
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    ¹) Eckermann: 23. Oktober 1828.

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Allgemeine Einleitung.


anlassen, Jean Jacques Rousseau's Gebet nachzusprechen: „Allmächtiger Gott, erlöse uns von den Wissenschaften und verderbenbringenden Künsten unserer Väter! gieb uns die Unwissenheit, die Unschuld und die Armut wieder als die einzigen Güter, aus welchen uns Glück entstehen kann, und welche vor deinem Angesichte Wert besitzen!“ Erblicken wir dagegen, wie gesagt, im 19. Jahrhundert nur eine Etappe, lassen wir uns ausserdem von keinen Wahnbildern „goldener Zeitalter“, ebensowenig von Zukunfts- wie von Vergangenheitswahnbildern, blenden, noch von utopischen Vorstellungen einer fortschreitenden Besserung der gesamten Menschheit und ideal funktionierender Staatsmaschinen in unserem gesunden Urteile irreführen, dann dürfen wir wohl hoffen und zu erkennen glauben, dass wir Germanen und die Völker, die unter unserem Einfluss stehen, einer neuen harmonischen Kultur entgegenreifen, unvergleichlich schöner als irgend eine der früheren, von denen die Geschichte zu erzählen weiss, einer Kultur, in der die Menschen wirklich „besser und glücklicher“ sein werden, als sie es jetzt sind. Vielleicht ist die Tendenz der modernen Schulbildung, den Blick so beständig auf die Vergangenheit zu richten, eine bedauerliche: sie hat aber insofern ihr Gutes, als man kein Schiller zu sein braucht, um mit diesem zu empfinden, dass „kein einzelner Neuerer mit dem einzelnen Athenienser um den Preis der Menschheit streiten“ könne; ¹) darum richten wir nun unseren Blick auf die Zukunft, auf jene Zukunft, deren Gestaltung wir aus dem Bewusstsein dessen, was die Gegenwart der letzten siebenhundert Jahre zu bedeuten hat, allmählich zu ahnen beginnen. Wir   w o l l e n   es mit dem
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Athenienser aufnehmen! Wir   w o l l e n   eine Welt gestalten, in welcher die Schönheit und die Harmonie des Daseins nicht wie bei Jenen auf Sklaven-, Eunuchen- und Kemenaten-Wirtschaft ruht! Wir dürfen es zuversichtlich wollen, denn wir sehen diese Welt langsam und mühevoll um unsere kurze Spanne Lebens
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    ¹) Dieser berühmte Satz ist nur sehr bedingt wahr; ich habe ihn im Schlusskapitel einer gründlichen Kritik unterzogen, worauf ich zur Vermeidung von Missverständnissen hier verweise.

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Allgemeine Einleitung.


entstehen. Und dass sie unbewusst entsteht, thut nichts zur Sache; schon der halb fabelhafte phönizische Geschichtsschreiber Sanchuniathon meldet im ersten Absatz seines ersten Buches, wo er von der Weltschöpfung spricht: „Die Dinge selbst aber wussten nichts von ihrem eigenen Entstehen“; auch in dieser Beziehung ist Alles beim Alten geblieben; die Geschichte bildet ein unerschöpfliches Illustrationsmaterial zu Mephisto's: „Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben.“ Darum empfinden wir, wenn wir auf das 19. Jahrhundert zurückblicken, welches sicherlich mehr geschoben wurde, als es selbst schob, welches bezüglich der allermeisten Dinge in fast lächerlicher Weise auf ganz andere Wege geriet, als es einzuschlagen gedacht hatte, doch einen Schauer der aufrichtigen Bewunderung, fast der Begeisterung. In diesem Jahrhundert ist enorm   g e a r b e i t e t   worden, und das ist die Grundlage alles „Besser- und Glücklicherwerdens“; es war das die „Moralität“ unserer Zeit, wenn ich mich so ausdrücken darf. Und während die Werkstätte der grossen, gestaltenden Ideen ruhte, wurden die   M e t h o d e n   der Arbeit in bisher ungeahnter Weise vervollkommnet.
    Das 19. Jahrhundert ist der Triumph der Methodik. Hierin mehr als in irgend einer politischen Gestaltung ist ein Sieg des demokratischen Prinzips zu erblicken. Die Gesamtheit rückte hierdurch höher hinauf, sie wurde leistungsfähiger. In früheren Jahrhunderten konnten nur geniale Menschen, später nur zumindest hochbegabte Wertvolles leisten; jetzt kann es ein Jeder, dank der Methode! Durch den obligatorischen Schulunterricht, gefolgt vom obligatorischen Kampf ums Dasein, besitzen heute Tausende die „Methode“, um ohne jede besondere Begabung oder Veranlagung als Techniker, Industrielle, Naturforscher, Philologen, Historiker, Mathematiker, Psychologen u. s. w. an der gemeinsamen Arbeit des Menschengeschlechts teilzunehmen. Sonst wäre die Bewältigung eines so kolossalen Materials in einem so kurzen Zeitraum gar nicht denkbar. Man vergegenwärtige sich nur, was vor hundert Jahren unter „Philologie“ verstanden wurde! Man fragte sich, ob es wahre „Geschichtsforschung“ gab! Genau diesem selben Geist begegnen wir aber auf Gebieten,

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die von der Wissenschaft weit abliegen: die Volksarmeen sind die universellste, einfachste Anwendung der Methodik und die
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Hohenzollern insofern die tonangebenden Demokraten des 19. Jahrhunderts: Methodik der Arm- und Beinbewegungen, zugleich aber Methodik der Willenserziehung, des Gehorsams, der Pflicht, der Verantwortlichkeit. Die Geschicklichkeit und die Gewissenhaftigkeit haben infolgedessen — leider nicht überall, aber doch auf weiten Gebieten des Lebens — entschieden sehr zugenommen: man fordert mehr von sich und von Anderen als zuvor; es hat gewissermassen eine allgemeine   t e c h n i s c h e   Vervollkommnung stattgefunden, die bis in die Denkgewohnheiten der Menschen sich erstreckt. Diese Vervollkommnung kann aber schwer ohne Rückwirkung auf das  Reinmoralische bleiben: die Abschaffung des menschlichen Sklaventums auch ausserhalb Europas, wenigstens in seiner offiziell anerkannten Gültigkeit, und der Beginn einer Bewegung zum Schutze der tierischen Sklaven sind vielbedeutende Anzeichen.
   Und so glaube ich, dass trotz aller Bedenken eine gerechte und liebevolle Betrachtung des 19. Jahrhunderts sowohl zur „Erleuchtung des Verstandes“, wie auch zur „Erweckung des Enthusiasmus“ führen muss. Vorderhand ziehen wir nur seine „Grundlagen“ in Betracht, d. h. also die Summe des Vorangegangenen, aus der das 19. Jahrhundert sich mehr oder weniger mühsam und mehr oder weniger glücklich herauszuwinden wusste.

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