Hereunder follows the transcription of the preface of the first part of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations of the 19th century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van de inleiding van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
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The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

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ERSTER TEIL

DIE URSPRÜNGE


Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
Goethe
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(Leere Seite)

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ABSCHNITT I

DAS ERBE DER ALTEN WELT


Das Edelste, was wir besitzen, haben
wir nicht von uns selbst; unser Verstand
mit seinen Kräften, die Form, in welcher
wir denken, handeln und sind, ist auf
uns gleichsam herabgeerbet.
Herder

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(Leere Seite)

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EINLEITENDES

41 Historische Grundsätze
    „Die Welt“, sagt Dr. Martin Luther, „wird von Gott durch etliche wenige Helden und fürtreffliche Leute regieret.“ Die mächtigsten dieser regierenden Helden sind die Geistesfürsten, die Männer, welche ohne Waffengewalt und diplomatische Sanktionen, ohne Gesetzeszwang und Polizei, bestimmend und umbildend auf das Denken und Fühlen zahlreicher Geschlechter wirken; diese Männer, von denen man sagen kann, dass sie um so gewaltiger   s i n d,   je weniger Gewalt sie   h a b e n,   besteigen aber selten, vielleicht nie, ihren Thron während ihres Lebens; ihre Herrschaft währt lange, beginnt aber spät, oft sehr spät, namentlich wenn wir von dem Einfluss, den sie auf Einzelne ausüben, absehen und jenen Augenblick in Betracht ziehen, wo das, was ihr Leben ausmachte, auf das Leben ganzer Völker gestaltend sich zu  bethätigen beginnt. Mehr als zwei Jahrhunderte vergingen, bis die neue Anschauung des Kosmos, welche wir Kopernikus verdanken, und welche tief umgestaltend auf alles menschliche Denken wirken musste, Gemeingut geworden war. So bedeutende Männer unter seinen Zeitgenossen wie Luther, urteilten über Kopernikus, er sei „ein Narr, der die ganze Kunst Astronomiä umkehre“. Trotzdem sein Weltsystem im Altertum schon gelehrt, trotzdem durch die Arbeiten seiner unmittelbaren Vorgänger, Regiomontanus und Anderer, alles vorbereitet worden war, was die neuerliche Entdeckung bedingte, so dass man wohl sagen darf, bis auf den Funken der Inspiration im

46 Das Erbe der alten Welt. Einleitendes.

Gehirn des „Fürtrefflichsten“, lag das Kopernikanische System genau bedingt vor, — trotzdem es sich hier nicht um schwer fassliche metaphysische und moralische Dinge handelte, sondern
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um eine einfache und dazu beweisbare Anschauung, — trotzdem gar kein materielles Interesse durch die neue Lehre bedroht wurde, erforderte es geraume Zeit, bis diese in so mannigfacher und wesentlicher Beziehung umbildende Vorstellung aus dem einen Gehirn in das einzelner anderer bevorzugter Männer hinüberzog und, immer weiter um sich greifend, zuletzt die gesamte Menschheit beherrschte. Wie Voltaire in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts für die Anerkennung der grossen Trias — Kopernikus, Kepler, Newton — kämpfte, ist allbekannt, aber noch im Jahre 1779 sah sich der vortreffliche Georg Christoph Lichtenberg genötigt, im Göttingischen Taschenbuche gegen die „Tychonianer“ zu Felde zu ziehen, und erst im Jahre des Heiles eintausendachthundertundzweiundzwanzig gestattete die Kongregation des Index den Druck von Büchern, welche die Bewegung der Erde lehren!
    Diese Bemerkung schicke ich voraus, um begreiflich zu machen, in welchem Sinne das Jahr 1 zum Ausgangspunkt unserer Zeit hier gewählt wird. Es geschieht nicht zufällig, etwa aus Bequemlichkeitsrücksichten, ebensowenig aber, weil der aüssere Gang der politischen Geschehnisse dieses Jahr zu einem besonders auffälligen gestempelt hätte, sondern weil die einfachste Logik uns nötigt, eine neue Kraft bis auf ihren Ursprung zurückzuverfolgen. Wie schnell oder wie langsam sie zur wirkenden Kraft heranwächst, gehört schon zur „Geschichte“; die lebendige Quelle jeder späteren Wirkung ist und bleibt das thatsächliche Leben des Helden.
    Die Geburt Jesu Christ ist nun das wichtigste Datum der gesamten Geschichte der Menschheit.¹) Keine Schlacht, kein Regierungsantritt, kein Naturphänomen, keine Entdeckung besitzt eine Bedeutung, welche mit dem kurzen Erdenleben des
—————
    ¹) Dass diese Geburt nicht im Jahre 1 stattfand, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach einige Jahre früher, ist für uns hier belanglos.

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Das Erbe der alten Welt. Einleitendes.


Galiläers verglichen werden könnte; eine fast zweitausendjährige Geschichte beweist es, und noch immer haben wir kaum die Schwelle des Christentums betreten. Es ist tief innerlich berechtigt, wenn wir jenes Jahr das   e r s t e   nennen, und wenn wir von ihm aus unsere Zeit rechnen. Ja, in einem gewissen Sinne dürfte man wohl sagen, eigentliche „Geschichte“ beginne erst mit Christi Geburt. Die Völker, die heute noch nicht zum Christentume gehören — die Chinesen, die Inder, die Türken u. s. w. — haben alle noch immer keine wahre Geschichte, sondern kennen
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auf der einen Seite nur eine Chronik von Herrscherhäusern, Metzeleien und dergleichen, auf der anderen nur das stille, ergebene, fast tiermässig glückliche Hinleben ungezählter Millionen, die spurlos in der nacht der Zeiten untergehen. Ob das Reich der Pharaonen im Jahre 3285 vor Christo oder im Jahre 32850 gegründet wurde, ist an und für sich belanglos; Ägypten unter einem Ramses zu kennen, ist das selbe, als kennte man es unter allen 15 Ramessiden. Ebenso verhält es sich mit den anderen vorchristlichen Völkern (mit Ausnahme jener drei, die zu unserer christlichen Epoche in organischer Beziehung stehen, und von denen ich gleich reden werde): ihre Kultur, ihre Kunst, ihre Religion, kurz ihr   Z u s t a n d   mögen uns interessieren, ja, Errungenschaften ihres Geistes oder ihrer Industrie können zu wertvollen Bestandteilen unseres eigenen Lebens geworden sein, wie das z. B. für indisches Denken, babylonische Wissenschaft, und chinesische Methoden der Fall ist; ihrer Geschichte jedoch, rein als solcher, fehlt das Moment der   m o r a l i s c h e n   G r ö s s e,   jenes Moment, heisst das, durch welches der einzelne Mensch veranlasst wird, sich seiner Individualität im Gegensatz zur umgebenden Welt bewusst zu werden, um dann wieder — wie Ebbe und Flut — die Welt, die er in der eigenen Brust entdeckt hat, zur Gestaltung jener äusseren zu verwenden. Der arische Inder z. B., in metaphysischer Beziehung unstreitig der begabteste Mensch, den es je gegeben hat, und allen heutigen Völkern in dieser Beziehung weit überlegen, bleibt bei der inneren Erleuchtung stehen: er gestaltet nicht, er ist nicht Künstler, er ist nicht Reformator, es genügt ihm, ruhig zu leben und erlöst zu sterben

48 Das Erbe der alten Welt. Einleitendes.

— er hat keine Geschichte. Ebensowenig hat sein Antipode, der Chinese, dieses unübertroffene Muster des Positivisten und des Kollektivisten, eine Geschichte; was unsere historischen Werke unter diesem Titel geben, ist weiter nichts als eine Aufzählung der verschiedenen Räuberbanden, von denen das geduldige, kluge und seelenlose Volk, ohne ein Jota von seiner Eigenart preiszugeben, sich hat regieren lassen: das alles ist kriminalistische Statistik, nicht Geschichte, wenigstens für uns nicht: Handlungen, die in unserer Brust kein Echo finden, können wir nicht wirklich beurteilen.
    Ein Beispiel. Während diese Zeilen geschrieben werden, tobt die gesamte gesittete Welt gegen die Türkei; die europäischen Mächte werden durch die Stimme der öffentlichen Meinung gezwungen, zum Schutze der Armenier und Kretenser einzuschreiten; die endgültige Ausrottung der türkischen Macht scheint
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nur noch eine Frage der Zeit. Das hat gewiss seine Berechtigung; es musste so kommen; nichtsdestoweniger ist es eine Thatsache, dass die Türkei das letzte Stückchen von Europa ist, wo eine ganze Bevölkerung in ungestörtem Glück und Wohlbehagen lebt, eine Bevölkerung, die von sozialen Fragen, vom bittern Kampf ums Dasein und dergleichen nichts weiss, wo es keine grossen Vermögen giebt und buchstäblich gar keinen Pauperismus, wo Alle eine einzige brüderliche Familie bilden und Keiner auf Kosten des Anderen nach Reichtum strebt. Ich rede nicht das nach, was Zeitungen und Bücher berichten, sondern ich bezeuge, was ich aus eigener Anschauung weiss. Hätte der Mohammedaner nicht Toleranz zu einer Zeit geübt, wo dieser Begriff im übrigen Europa unbekannt war, es würde jetzt in den Balkanländern und in Kleinasien idyllischer Frieden herrschen. Der Christ ist es, der hier die Hefe des Zwistes hineinwirft; und mit der Grausamkeit einer gedankenlos rückwirkenden Naturmacht erhebt sich der sonst humane Moslemite und vertilgt den Störenfried. Dem Christen behagt eben weder der weise Fatalismus des Mohammedaners, noch der kluge Indifferentismus des Chinesen. „Ich bin nicht gekommen, den Frieden, sondern das Schwert zu senden“, sagte Christus selber. Die christliche Idee kann, in

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einem gewissen Sinne, geradezu als eine antisoziale bezeichnet werden. Zum Bewusstsein einer sonst nie geahnten persönlichen Würde erwacht, genügt dem Christen der einfache tierische Instinkt des Zusammenlebens nicht mehr; er will nicht mehr des Glückes der Bienen und der Ameisen teilhaftig sein. Bezeichnet man das Christentum kurzweg als die Religion der Liebe, so hat man seine Bedeutung für die Geschichte der Menschheit nur oberflächlich gestreift. Das Wesentliche ist hier vielmehr dieses: durch das Christentum erhielt jeder Einzelne einer bisher nie geahnten unmessbaren Wert (sogar die „Haare auf seinem Haupte sind von Gott alle gezählet“, Matth. X., 30); diesem inneren Wert entspricht das äussere Schicksal nicht, hierdurch ist das Leben tragisch geworden, und erst durch die Tragik erhält Geschichte einen rein menschlichen Inhalt. Denn kein Vorgang ist an und für sich historisch-tragisch; er wird es erst durch den Sinn derer, die ihn erleben; sonst bleibt das, was die Menschheit betrifft ebenso erhaben gleichgültig, wie alle anderen Naturphänomene. Auf die christliche Idee komme ich bald zurück. Hier sollte nur angedeutet werden, erstens, wie tief und wie sichtbar das Christentum umgestaltend auf das menschliche Fühlen und Thun wirkt — wofür wir noch die lebendigen Beweise dicht vor unseren Augen haben,¹) zweitens, in welchem Sinne die nichtchristlichen Völker keine wahre Geschichte, sondern lediglich Annalen haben.

Hellas, Rom, Judäa
    Geschichte, im höheren Sinne des Wortes, ist einzig jene Vergangenheit, welche noch gegenwärtig im Bewusstsein des Menschen gestaltend weiterlebt. Aus der vorchristlichen Zeit gewinnt darum Geschichte nur dort ein nicht allein wissenschaft-
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liches, sondern ein allgemein menschliches Interesse, wo sie Völker betrifft, die jener sittlichen Neugeburt, welche wir als
—————
    ¹) Es ist durchaus falsch, wenn man solche Wirkungen  nicht dem erwachten Seelenleben, sondern lediglich der Rasse zuschreiben zu müssen glaubt; der Bosniak rein serbischer Abstammung und der Makedonier aus der hellenischen Verwandtschaft sind, als Mohammedaner, ebenso fatalistisch und antiindividualistisch in ihrer Gesinnung wie nur irgend eine Osmane.

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Christentum bezeichnen, entgegeneilen. Hellas, Rom und Judäa: sie allein von den Völkern des Altertums sind für das lebendige Bewusstsein der Menschen des 19. Jahrhunderts geschichtlich wichtig.
    Vom hellenischen Boden ist uns jeder Zoll heilig, und mit Recht. Drüben, im asiatischen Osten, hatten und haben nicht einmal die Menschen Persönlichkeit, hier, in Hellas, ist jeder Fluss, jeder Stein belebt, individualisiert, die stumme Natur erwacht zum Bewusstsein ihrer selbst. Und die Männer, durch welche dieses Wunder geschah, stehen vor uns, von den halb fabelhaften Zeiten des trojanischen Krieges an bis zu der Herrschaft Roms, ein Jeder mit seiner eigenen, unvergleichlichen Physiognomie: Helden, Herrscher, Krieger, Denker, Dichter, Bildner.   H i e r   w u r d e   d e r   M e n s c h   g e b o r e n:   jener Mensch, fähig ein Christ zu werden. — Rom bildet in mancher Beziehung den grellsten Gegensatz zu Griechenland; es ist nicht allein geographisch, sondern auch seelisch von Asien, d. h. von semitischen, babylonischen und ägyptischen Einflüssen entfernter; es ist nicht so heiter und genügsam, nicht so flatterhaft; besitzen will das Volk, besitzen will der Einzelne. Vom Erhaben-Anschaulichen der Kunst und der Philosophie wendet sich hier der Geist zur Verstandesarbeit der Organisation. Hatte dort ein einzelner Solon, ein einzelner Lykurg, gewissermassen als Dilettant, nämlich aus rein individueller Überzeugung vom Richtigen, Staatsgrundgesetze geschaffen, hatte später ein ganzes Volk von schwatzenden Dilettanten die Herrschaft an sich gerissen, so entstand in Rom ein langlebiges Gemeinwesen von nüchternen, ernsten Gesetzgebern, und während der äussere Horizont — das
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römische Reich und seine Interessen — sich beständig erweiterte, verengerte sich in bedenklichster Weise der Horizont der inneren Interessen. Sittlich jedoch steht Rom in vielen Beziehungen höher als Hellas: der Grieche war von jeher, was er noch heute ist, untreu, unpatriotisch, eigensüchtig; Selbstbeherrschung war ihm fremd, darum hat er es nie verstanden, andere zu beherrschen, noch sich selber mit würdigem Stolze beherrschen zu lassen. Dagegen weist das Wachstum und die zähe Lebensdauer des

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römischen Staates auf den klugen, kraftvollen, bewussten politischen Geist der Bürger hin. Die   F a m i l i e   und das sie schützende   G e s e t z   sind die Schöpfungen Roms. Und zwar gilt das ebensowohl von der Familie im engeren, jede höhere Sittlichkeit begründenden Sinne, wie auch in der erweiterten Bedeutung einer die Gesamtheit der Bürger zu einem festen, widerstandsfähigen Staate verbindenden Gewalt; nur aus der Familie konnte ein dauerhafter Staat entstehen, nur durch den Staat konnte das, was wir heute Civilisation nennen, ein entwickelungsfähiges Prinzip der Gesellschaft werden. Sämtliche Staaten Europas sind Pfropfreiser auf dem römischen Stamme. Und mochte noch so häufig, damals wie heute, Gewalt über Recht siegen, die Idee des Rechtes ward uns fortan zu eigen. — Indes, ebenso wie der Tag die Nacht erfordert (die heilige Nacht, die unserem Auge das Geheimnis anderer Welten enthüllt, Welten über uns am Himmelsgewölbe und Welten in uns selber, in den Tiefen des schweigenden Innern), ebenso erforderte das herrliche positive Werk der Griechen und Römer eine negative Ergänzung; durch Israel wurde sie gegeben. Um die Sterne zu erblicken, muss das Tageslicht gelöscht werden; um   g a n z   gross zu werden, um jene tragische Grösse zu gewinnen, von welcher ich vorhin sagte, dass sie allein der Geschichte einen lebensvollen Inhalt verleihe, musste der Mensch sich nicht allein seiner Kraft, sondern auch seiner Schwäche bewusst werden. Erst durch die klare Erkenntnis und die schonungslose Betonung der Geringfügigkeit alles menschlichen Thuns, der Erbärmlichkeit der himmelanstrebenden Vernunft, der allgemeinen Niederträchtigkeit menschlicher Gesinnungen und staatlicher Motive, fasste das Denken Fuss auf einem durchaus neuen Boden, von wo aus es im Menschenherzen Anlagen und Fähigkeiten entdecken sollte, die es zu der Erkenntnis eines Erhabensten führten; niemals hätten Griechen und Römer auf ihrem Wege dieses Erhabenste erreicht, niemals wäre es ihnen beigekommen, dem Leben des
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einzelnen Individuums eine so hohe Bedeutung beizulegen, mit anderen Worten, sie ihm zu verleihen. Betrachten wir die äussere Geschichte des Volkes Israel, so bietet sie uns beim

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ersten Anblick gewiss wenig Anziehendes; ausser einigen wenigen sympathischen Zügen scheint alle Niederträchtigkeit, deren Menschen fähig sind, in diesem einen Völkchen verdichtet; nicht als wären die Juden im Grunde genommen noch schändlicher als die anderen Menschen gewesen, die Fratze des Lasters aber glotzt einen aus ihrer Geschichte in unverhüllter Nacktheit an: kein grosser politischer Sinn entschuldigt hier das Ungerechte, keine Kunst, keine Philosophie versöhnt mit den Greueln des Kampfes ums dasein. Hier nun entstand die Verneinung der Dinge dieser Welt und damit die Ahnung einer höheren ausserweltlichen Bestimmung des Menschen. Hier wagten es Männer mitten aus dem Volke, die Fürsten dieser Erde als „Diebsgesellen“ zu brandmarken und wehe zu rufen über die Reichen, „die ein Haus an das andere ziehen und einen Acker zum anderen bringen, bis dass sie allein das Land besitzen!“ Das war eine andere Auffassung des Rechtes als die der Römer, denen nichts heiliger dünkte als der Besitz. Der Fluch galt jedoch nicht bloss den Mächtigen, sondern auch „denen, die bei sich selbst weise sind und halten sich selbst für klug“, und ebenfalls den frohen Helden, die „Wein saufen“ und die Welt sich zum Tummelplatz auserkoren haben. So redet bereits im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt ein Jesaia.¹) Diese erste Auflehnung gegen das radikal Böse im Menschen und in der menschlichen Gesellschaft erklingt aber immer mächtiger im Laufe der folgenden Jahrhunderte aus der Seele dieses merkwürdigen Volkes; sie wird immer innerlicher, bis Jeremia ausruft: „Wehe mir, o Mutter, dass du mich geboren hast!“ und bis zuletzt die Verneinung zu einem positiven Lebensgrundsatz wird und ein erhabenster Prophet sich aus Liebe ans Kreuz schlagen lässt. Mag man sich nun auf den Standpunkt eines gläubigen Christen stellen oder einfach auf den des objektiven Historikers, gleichviel, sicher ist, dass man, um die Gestalt Christi deutlich zu erkennen, das Volk kennen muss, das ihn kreuzigte. Freilich muss eines wohl beachtet werden: bei den Griechen und Römern waren die Thaten dieser Völker die positive
—————
    ¹) Siehe Jesaia, Kap. 1 und 5.

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Das Erbe der alten Welt. Einleitendes.


Errungenschaft, dasjenige was weiterlebte; bei den Juden dagegen war die Verneinung der Thaten dieses Volkes die einzige positive Errungenschaft für die Menschheit. Diese Verneinung
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ist aber ebenfalls eine historische, und zwar eine historische gewachsene Thatsache. Selbst wenn Jesus Christus, wie mit grösster Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dem jüdischen Volke nicht entstammt sein sollte, nur der oberflächlichste Parteigeist kann die Thatsache leugnen, dass diese grosse und göttliche Gestalt auf das Unzertrennlichste mit dem historischen Entwickelungsgang jenes Volkes verwoben ist.¹)
    Wer könnte es bezweifeln? Die Geschichte von Hellas, die von Rom und die von Judäa, sie haben gestaltend auf alle Jahrhunderte unserer Zeitrechnung weitergewirkt, sie wirkten lebendig weiter in unserem 19. Jahrhundert. Ja, sie wirkten nicht allein lebendig, sondern auch lebenhemmend, indem sie die freie Aussicht in das rein menschliche Gebiet nach vielen Richtungen hin mit einem mannshohen Zaun umgaben. Das ist des Menschen unentrinnbares Schicksal: was ihn fördert, fesselt ihn zugleich. Darum muss die Geschichte dieser Völker von Demjenigen wohl beachtet werden, der von unserem 19. Jahrhundert zu reden unternimmt.
    In dem vorliegenden Werk nun sind die rein historischen Kenntnisse, die Chronologie der Weltgeschichte, als bekannt vorausgesetzt. Nur eines darf hier versucht werden, nämlich in möglichst gedrängter Kürze zu bestimmen, welches die wesentlichsten, unterscheidenden Merkmale dieses „Erbes der alten Welt“ sind. Das soll in drei Kapiteln geschehen, von denen das erste hellenische Kunst und Philosophie, das zweite römisches Recht und das dritte die Erscheinung Jesu Christi behandelt.

Geschichtsphilosophie
    Ehe ich diese einleitenden Worte beschliesse, noch eine Verwahrung. Der Ausdruck: dieses oder jenes „musste“ geschehen,
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    ¹) Für den Nachweis, dass Christus kein Jude war (im Sinne der Rassenangehörigkeit), sowie für die Darlegung seines innigen Verhältnisses zu dem moralischen Leben des echten jüdischen Volkes, siehe Kap. 3; Näheres über das jüdische Volk bringt dann Kap. 5

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entfuhr oben meiner Feder; vielleicht kehrt er im folgenden wieder. Damit soll keineswegs einem geschichtsphilosophischen Dogmatisieren das Existenzrecht eingeräumt werden. Der Rückblick von der Gegenwart aus auf die Vergangenheit zurück gestattet den logischen Schluss, dass gewisse Vorgänge damals geschehen   m u s s t e n,   damit das heute so würde, wie es geworden ist. Ob der Lauf der Geschichte ein andrer hätte sein können, als er war, diese subtile Frage gehört nicht hierher. Von dem wüsten Lärm einer angeblichen „Wissenschaftlichkeit“ eingeschüchtert,
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sind manche heutige Historiker in dieser Beziehung sehr ängstlich geworden. Und dennoch ist es klar, dass die Gegenwart nur dann einen leuchtenden Sinn erhält, wenn sie sub specie necessitatis betrachtet wird. Vere scire est per causas scire, sagt Bacon; diese Anschauungsweise allein ist eine wissenschaftliche; wie soll sie aber durchgeführt werden, wenn nicht überall die Notwendigkeit anerkannt wird? Das Wort „muss“ bringt die notwendige Verkettung von Ursache und Wirkung zum Ausdruck, weiter nichts; mit derlei Einsichten vergolden wir Menschen die Riegelbalken unseres engumzirkten geistigen Spielraums, ohne uns deswegen einzubilden, wir wären ins Freie hinausgeflogen. Nun beachte man aber noch folgendes: gestaltet die Notwendigkeit, so bilden sich um diesen Mittelpunkt immer weitere Kreise, und Keiner darf uns verwehren — wo unser Ziel es erheischt — den weiten, umständlichen Weg auf einem äussersten Kreis zu vermeiden, um unsern Standpunkt so nahe wie möglich an der bewegenden, selber kaum bewegten Achse einzunehmen, dort wo die scheinbare Willkür mit der nicht abzuleugnenden Notwendigkeit fast verschmilzt.


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Letzte Änderung am / Laatste wijziging / Last update: 7 Mai 2006.