Hereunder
follows the transcription of the preface of the first part of Houston
Stewart
Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations
of the 19th century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G.,
Munich
1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black
with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).
Hieronder
volgt de transcriptie van de inleiding van Houston Stewart
Chamberlain's
Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij
uitgeverij
F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt
overeen
met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
INHALTSÜBERSICHT
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41
ERSTER TEIL
DIE URSPRÜNGE
Und
keine
Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form,
die lebend sich entwickelt.
Goethe
42
(Leere Seite)
43
ABSCHNITT I
DAS ERBE DER ALTEN
WELT
Das
Edelste,
was wir besitzen, haben
wir nicht von uns
selbst;
unser Verstand
mit seinen
Kräften,
die Form, in welcher
wir denken, handeln
und sind, ist auf
uns gleichsam
herabgeerbet.
Herder
44
(Leere Seite)
45
EINLEITENDES
41
Historische Grundsätze
„Die Welt“, sagt
Dr. Martin Luther, „wird von Gott durch etliche wenige Helden und
fürtreffliche
Leute regieret.“ Die mächtigsten dieser regierenden Helden sind
die
Geistesfürsten, die Männer, welche ohne Waffengewalt und
diplomatische
Sanktionen, ohne Gesetzeszwang und Polizei, bestimmend und umbildend
auf
das Denken und Fühlen zahlreicher Geschlechter wirken; diese
Männer,
von denen man sagen kann, dass sie um so gewaltiger s i n
d,
je weniger Gewalt sie h a b e n, besteigen aber
selten, vielleicht nie, ihren Thron während ihres Lebens; ihre
Herrschaft
währt lange, beginnt aber spät, oft sehr spät,
namentlich
wenn wir von dem Einfluss, den sie auf Einzelne ausüben, absehen
und
jenen Augenblick in Betracht ziehen, wo das, was ihr Leben ausmachte,
auf
das Leben ganzer Völker gestaltend sich zu bethätigen
beginnt.
Mehr als zwei Jahrhunderte vergingen, bis die neue Anschauung des
Kosmos,
welche wir Kopernikus verdanken, und welche tief umgestaltend auf alles
menschliche Denken wirken musste, Gemeingut geworden war. So bedeutende
Männer unter seinen Zeitgenossen wie Luther, urteilten über
Kopernikus,
er sei „ein Narr, der die ganze Kunst Astronomiä umkehre“.
Trotzdem
sein Weltsystem im Altertum schon gelehrt, trotzdem durch die Arbeiten
seiner unmittelbaren Vorgänger, Regiomontanus und Anderer, alles
vorbereitet
worden war, was die neuerliche Entdeckung bedingte, so dass man wohl
sagen
darf, bis auf den Funken der Inspiration im
46 Das Erbe
der alten Welt. Einleitendes.
Gehirn des „Fürtrefflichsten“,
lag das Kopernikanische System genau bedingt vor, — trotzdem es sich
hier
nicht um schwer fassliche metaphysische und moralische Dinge handelte,
sondern
42
um eine einfache und dazu beweisbare
Anschauung, — trotzdem gar kein materielles Interesse durch die neue
Lehre
bedroht wurde, erforderte es geraume Zeit, bis diese in so mannigfacher
und wesentlicher Beziehung umbildende Vorstellung aus dem einen Gehirn
in das einzelner anderer bevorzugter Männer hinüberzog und,
immer
weiter um sich greifend, zuletzt die gesamte Menschheit beherrschte.
Wie
Voltaire in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts für die
Anerkennung
der grossen Trias — Kopernikus, Kepler, Newton — kämpfte, ist
allbekannt,
aber noch im Jahre 1779 sah sich der vortreffliche Georg Christoph
Lichtenberg
genötigt, im Göttingischen Taschenbuche gegen die
„Tychonianer“
zu Felde zu ziehen, und erst im Jahre des Heiles
eintausendachthundertundzweiundzwanzig
gestattete die Kongregation des Index den Druck von Büchern,
welche
die Bewegung der Erde lehren!
Diese Bemerkung
schicke
ich voraus, um begreiflich zu machen, in welchem Sinne das Jahr 1 zum
Ausgangspunkt
unserer Zeit hier gewählt wird. Es geschieht nicht zufällig,
etwa aus Bequemlichkeitsrücksichten, ebensowenig aber, weil der
aüssere
Gang der politischen Geschehnisse dieses Jahr zu einem besonders
auffälligen
gestempelt hätte, sondern weil die einfachste Logik uns
nötigt,
eine neue Kraft bis auf ihren Ursprung zurückzuverfolgen. Wie
schnell
oder wie langsam sie zur wirkenden Kraft heranwächst, gehört
schon zur „Geschichte“; die lebendige Quelle jeder späteren
Wirkung
ist und bleibt das thatsächliche Leben des Helden.
Die Geburt Jesu
Christ
ist nun das wichtigste Datum der gesamten Geschichte der
Menschheit.¹)
Keine Schlacht, kein Regierungsantritt, kein Naturphänomen, keine
Entdeckung besitzt eine Bedeutung, welche mit dem kurzen Erdenleben des
—————
¹)
Dass diese Geburt nicht im Jahre 1 stattfand, sondern aller
Wahrscheinlichkeit
nach einige Jahre früher, ist für uns hier belanglos.
47 Das Erbe
der alten Welt. Einleitendes.
Galiläers verglichen werden
könnte;
eine fast zweitausendjährige Geschichte beweist es, und noch immer
haben wir kaum die Schwelle des Christentums betreten. Es ist tief
innerlich
berechtigt, wenn wir jenes Jahr das e r s t e
nennen,
und wenn wir von ihm aus unsere Zeit rechnen. Ja, in einem gewissen
Sinne
dürfte man wohl sagen, eigentliche „Geschichte“ beginne erst mit
Christi
Geburt. Die Völker, die heute noch nicht zum Christentume
gehören
— die Chinesen, die Inder, die Türken u. s. w. — haben alle noch
immer
keine wahre Geschichte, sondern kennen
43
auf der einen Seite nur eine Chronik
von Herrscherhäusern, Metzeleien und dergleichen, auf der anderen
nur das stille, ergebene, fast tiermässig glückliche Hinleben
ungezählter Millionen, die spurlos in der nacht der Zeiten
untergehen.
Ob das Reich der Pharaonen im Jahre 3285 vor Christo oder im Jahre
32850
gegründet wurde, ist an und für sich belanglos; Ägypten
unter einem Ramses zu kennen, ist das selbe, als kennte man es unter
allen
15 Ramessiden. Ebenso verhält es sich mit den anderen
vorchristlichen
Völkern (mit Ausnahme jener drei, die zu unserer christlichen
Epoche
in organischer Beziehung stehen, und von denen ich gleich reden werde):
ihre Kultur, ihre Kunst, ihre Religion, kurz ihr Z u s t a
n d mögen uns interessieren, ja, Errungenschaften
ihres
Geistes oder ihrer Industrie können zu wertvollen Bestandteilen
unseres
eigenen Lebens geworden sein, wie das z. B. für indisches Denken,
babylonische Wissenschaft, und chinesische Methoden der Fall ist; ihrer
Geschichte jedoch, rein als solcher, fehlt das Moment der m
o r a l i s c h e n G r ö s s e, jenes
Moment,
heisst das, durch welches der einzelne Mensch veranlasst wird, sich
seiner
Individualität im Gegensatz zur umgebenden Welt bewusst zu werden,
um dann wieder — wie Ebbe und Flut — die Welt, die er in der eigenen
Brust
entdeckt hat, zur Gestaltung jener äusseren zu verwenden. Der
arische
Inder z. B., in metaphysischer Beziehung unstreitig der begabteste
Mensch,
den es je gegeben hat, und allen heutigen Völkern in dieser
Beziehung
weit überlegen, bleibt bei der inneren Erleuchtung stehen: er
gestaltet
nicht, er ist nicht Künstler, er ist nicht Reformator, es
genügt
ihm, ruhig zu leben und erlöst zu sterben
48
Das Erbe
der alten Welt. Einleitendes.
— er hat keine Geschichte. Ebensowenig
hat sein Antipode, der Chinese, dieses unübertroffene Muster des
Positivisten
und des Kollektivisten, eine Geschichte; was unsere historischen Werke
unter diesem Titel geben, ist weiter nichts als eine Aufzählung
der
verschiedenen Räuberbanden, von denen das geduldige, kluge und
seelenlose
Volk, ohne ein Jota von seiner Eigenart preiszugeben, sich hat regieren
lassen: das alles ist kriminalistische Statistik, nicht Geschichte,
wenigstens
für uns nicht: Handlungen, die in unserer Brust kein Echo finden,
können wir nicht wirklich beurteilen.
Ein Beispiel.
Während
diese Zeilen geschrieben werden, tobt die gesamte gesittete Welt gegen
die Türkei; die europäischen Mächte werden durch die
Stimme
der öffentlichen Meinung gezwungen, zum Schutze der Armenier und
Kretenser
einzuschreiten; die endgültige Ausrottung der türkischen
Macht
scheint
44
nur noch eine Frage der Zeit. Das hat
gewiss seine Berechtigung; es musste so kommen; nichtsdestoweniger ist
es eine Thatsache, dass die Türkei das letzte Stückchen von
Europa
ist, wo eine ganze Bevölkerung in ungestörtem Glück und
Wohlbehagen lebt, eine Bevölkerung, die von sozialen Fragen, vom
bittern
Kampf ums Dasein und dergleichen nichts weiss, wo es keine grossen
Vermögen
giebt und buchstäblich gar keinen Pauperismus, wo Alle eine
einzige
brüderliche Familie bilden und Keiner auf Kosten des Anderen nach
Reichtum strebt. Ich rede nicht das nach, was Zeitungen und Bücher
berichten, sondern ich bezeuge, was ich aus eigener Anschauung weiss.
Hätte
der Mohammedaner nicht Toleranz zu einer Zeit geübt, wo dieser
Begriff
im übrigen Europa unbekannt war, es würde jetzt in den
Balkanländern
und in Kleinasien idyllischer Frieden herrschen. Der Christ ist es, der
hier die Hefe des Zwistes hineinwirft; und mit der Grausamkeit einer
gedankenlos
rückwirkenden Naturmacht erhebt sich der sonst humane Moslemite
und
vertilgt den Störenfried. Dem Christen behagt eben weder der weise
Fatalismus des Mohammedaners, noch der kluge Indifferentismus des
Chinesen.
„Ich bin nicht gekommen, den Frieden, sondern das Schwert zu senden“,
sagte
Christus selber. Die christliche Idee kann, in
49
Das Erbe
der alten Welt. Einleitendes.
einem gewissen Sinne, geradezu als eine
antisoziale bezeichnet werden. Zum Bewusstsein einer sonst nie geahnten
persönlichen Würde erwacht, genügt dem Christen der
einfache
tierische Instinkt des Zusammenlebens nicht mehr; er will nicht mehr
des
Glückes der Bienen und der Ameisen teilhaftig sein. Bezeichnet man
das Christentum kurzweg als die Religion der Liebe, so hat man seine
Bedeutung
für die Geschichte der Menschheit nur oberflächlich
gestreift.
Das Wesentliche ist hier vielmehr dieses: durch das Christentum erhielt
jeder Einzelne einer bisher nie geahnten unmessbaren Wert (sogar die
„Haare
auf seinem Haupte sind von Gott alle gezählet“, Matth. X., 30);
diesem
inneren Wert entspricht das äussere Schicksal nicht, hierdurch ist
das Leben tragisch geworden, und erst durch die Tragik erhält
Geschichte
einen rein menschlichen Inhalt. Denn kein Vorgang ist an und für
sich
historisch-tragisch; er wird es erst durch den Sinn derer, die ihn
erleben;
sonst bleibt das, was die Menschheit betrifft ebenso erhaben
gleichgültig,
wie alle anderen Naturphänomene. Auf die christliche Idee komme
ich
bald zurück. Hier sollte nur angedeutet werden, erstens, wie tief
und wie sichtbar das Christentum umgestaltend auf das menschliche
Fühlen
und Thun wirkt — wofür wir noch die lebendigen Beweise dicht vor
unseren
Augen haben,¹) zweitens, in welchem Sinne die nichtchristlichen
Völker
keine wahre Geschichte, sondern lediglich Annalen haben.
Hellas,
Rom, Judäa
Geschichte, im
höheren
Sinne des Wortes, ist einzig jene Vergangenheit, welche noch
gegenwärtig
im Bewusstsein des Menschen gestaltend weiterlebt. Aus der
vorchristlichen
Zeit gewinnt darum Geschichte nur dort ein nicht allein wissenschaft-
45
liches, sondern ein allgemein
menschliches
Interesse, wo sie Völker betrifft, die jener sittlichen Neugeburt,
welche wir als
—————
¹)
Es ist durchaus falsch, wenn man solche Wirkungen nicht dem
erwachten
Seelenleben, sondern lediglich der Rasse zuschreiben zu müssen
glaubt;
der Bosniak rein serbischer Abstammung und der Makedonier aus der
hellenischen
Verwandtschaft sind, als Mohammedaner, ebenso fatalistisch und
antiindividualistisch
in ihrer Gesinnung wie nur irgend eine Osmane.
50 Das Erbe
der alten Welt. Einleitendes.
Christentum bezeichnen, entgegeneilen.
Hellas, Rom und Judäa: sie allein von den Völkern des
Altertums
sind für das lebendige Bewusstsein der Menschen des 19.
Jahrhunderts
geschichtlich wichtig.
Vom hellenischen
Boden ist uns jeder Zoll heilig, und mit Recht. Drüben, im
asiatischen
Osten, hatten und haben nicht einmal die Menschen Persönlichkeit,
hier, in Hellas, ist jeder Fluss, jeder Stein belebt, individualisiert,
die stumme Natur erwacht zum Bewusstsein ihrer selbst. Und die
Männer,
durch welche dieses Wunder geschah, stehen vor uns, von den halb
fabelhaften
Zeiten des trojanischen Krieges an bis zu der Herrschaft Roms, ein
Jeder
mit seiner eigenen, unvergleichlichen Physiognomie: Helden, Herrscher,
Krieger, Denker, Dichter, Bildner. H i e r w u
r d e d e r M e n s c h g e b o r e
n: jener Mensch, fähig ein Christ zu werden. — Rom
bildet
in mancher Beziehung den grellsten Gegensatz zu Griechenland; es ist
nicht
allein geographisch, sondern auch seelisch von Asien, d. h. von
semitischen,
babylonischen und ägyptischen Einflüssen entfernter; es ist
nicht
so heiter und genügsam, nicht so flatterhaft; besitzen will das
Volk,
besitzen will der Einzelne. Vom Erhaben-Anschaulichen der Kunst und der
Philosophie wendet sich hier der Geist zur Verstandesarbeit der
Organisation.
Hatte dort ein einzelner Solon, ein einzelner Lykurg, gewissermassen
als
Dilettant, nämlich aus rein individueller Überzeugung vom
Richtigen,
Staatsgrundgesetze geschaffen, hatte später ein ganzes Volk von
schwatzenden
Dilettanten die Herrschaft an sich gerissen, so entstand in Rom ein
langlebiges
Gemeinwesen von nüchternen, ernsten Gesetzgebern, und während
der äussere Horizont — das
46
römische Reich und seine Interessen
— sich beständig erweiterte, verengerte sich in bedenklichster
Weise
der Horizont der inneren Interessen. Sittlich jedoch steht Rom in
vielen
Beziehungen höher als Hellas: der Grieche war von jeher, was er
noch
heute ist, untreu, unpatriotisch, eigensüchtig; Selbstbeherrschung
war ihm fremd, darum hat er es nie verstanden, andere zu beherrschen,
noch
sich selber mit würdigem Stolze beherrschen zu lassen. Dagegen
weist
das Wachstum und die zähe Lebensdauer des
51
Das Erbe
der alten Welt. Einleitendes.
römischen Staates auf den klugen,
kraftvollen, bewussten politischen Geist der Bürger hin.
Die
F a m i l i e und das sie schützende G e s
e t z sind die Schöpfungen Roms. Und zwar gilt das
ebensowohl
von der Familie im engeren, jede höhere Sittlichkeit
begründenden
Sinne, wie auch in der erweiterten Bedeutung einer die Gesamtheit der
Bürger
zu einem festen, widerstandsfähigen Staate verbindenden Gewalt;
nur
aus der Familie konnte ein dauerhafter Staat entstehen, nur durch den
Staat
konnte das, was wir heute Civilisation nennen, ein
entwickelungsfähiges
Prinzip der Gesellschaft werden. Sämtliche Staaten Europas sind
Pfropfreiser
auf dem römischen Stamme. Und mochte noch so häufig, damals
wie
heute, Gewalt über Recht siegen, die Idee des Rechtes ward uns
fortan
zu eigen. — Indes, ebenso wie der Tag die Nacht erfordert (die heilige
Nacht, die unserem Auge das Geheimnis anderer Welten enthüllt,
Welten
über uns am Himmelsgewölbe und Welten in uns selber, in den
Tiefen
des schweigenden Innern), ebenso erforderte das herrliche positive Werk
der Griechen und Römer eine negative Ergänzung; durch Israel
wurde sie gegeben. Um die Sterne zu erblicken, muss das Tageslicht
gelöscht
werden; um g a n z gross zu werden, um jene
tragische
Grösse zu gewinnen, von welcher ich vorhin sagte, dass sie allein
der Geschichte einen lebensvollen Inhalt verleihe, musste der Mensch
sich
nicht allein seiner Kraft, sondern auch seiner Schwäche bewusst
werden.
Erst durch die klare Erkenntnis und die schonungslose Betonung der
Geringfügigkeit
alles menschlichen Thuns, der Erbärmlichkeit der
himmelanstrebenden
Vernunft, der allgemeinen Niederträchtigkeit menschlicher
Gesinnungen
und staatlicher Motive, fasste das Denken Fuss auf einem durchaus neuen
Boden, von wo aus es im Menschenherzen Anlagen und Fähigkeiten
entdecken
sollte, die es zu der Erkenntnis eines Erhabensten führten;
niemals
hätten Griechen und Römer auf ihrem Wege dieses Erhabenste
erreicht,
niemals wäre es ihnen beigekommen, dem Leben des
47
einzelnen Individuums eine so hohe
Bedeutung
beizulegen, mit anderen Worten, sie ihm zu verleihen. Betrachten wir
die
äussere Geschichte des Volkes Israel, so bietet sie uns beim
52
Das Erbe
der alten Welt. Einleitendes.
ersten Anblick gewiss wenig Anziehendes;
ausser einigen wenigen sympathischen Zügen scheint alle
Niederträchtigkeit,
deren Menschen fähig sind, in diesem einen Völkchen
verdichtet;
nicht als wären die Juden im Grunde genommen noch
schändlicher
als die anderen Menschen gewesen, die Fratze des Lasters aber glotzt
einen
aus ihrer Geschichte in unverhüllter Nacktheit an: kein grosser
politischer
Sinn entschuldigt hier das Ungerechte, keine Kunst, keine Philosophie
versöhnt
mit den Greueln des Kampfes ums dasein. Hier nun entstand die
Verneinung
der Dinge dieser Welt und damit die Ahnung einer höheren
ausserweltlichen
Bestimmung des Menschen. Hier wagten es Männer mitten aus dem
Volke,
die Fürsten dieser Erde als „Diebsgesellen“ zu brandmarken und
wehe
zu rufen über die Reichen, „die ein Haus an das andere ziehen und
einen Acker zum anderen bringen, bis dass sie allein das Land
besitzen!“
Das war eine andere Auffassung des Rechtes als die der Römer,
denen
nichts heiliger dünkte als der Besitz. Der Fluch galt jedoch nicht
bloss den Mächtigen, sondern auch „denen, die bei sich selbst
weise
sind und halten sich selbst für klug“, und ebenfalls den frohen
Helden,
die „Wein saufen“ und die Welt sich zum Tummelplatz auserkoren haben.
So
redet bereits im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt ein Jesaia.¹)
Diese
erste Auflehnung gegen das radikal Böse im Menschen und in der
menschlichen
Gesellschaft erklingt aber immer mächtiger im Laufe der folgenden
Jahrhunderte aus der Seele dieses merkwürdigen Volkes; sie wird
immer
innerlicher, bis Jeremia ausruft: „Wehe mir, o Mutter, dass du mich
geboren
hast!“ und bis zuletzt die Verneinung zu einem positiven
Lebensgrundsatz
wird und ein erhabenster Prophet sich aus Liebe ans Kreuz schlagen
lässt.
Mag man sich nun auf den Standpunkt eines gläubigen Christen
stellen
oder einfach auf den des objektiven Historikers, gleichviel, sicher
ist,
dass man, um die Gestalt Christi deutlich zu erkennen, das Volk kennen
muss, das ihn kreuzigte. Freilich muss eines wohl beachtet werden: bei
den Griechen und Römern waren die Thaten dieser Völker die
positive
—————
¹)
Siehe
Jesaia, Kap. 1 und 5.
53 Das Erbe
der alten Welt. Einleitendes.
Errungenschaft, dasjenige was
weiterlebte;
bei den Juden dagegen war die Verneinung der Thaten dieses Volkes die
einzige
positive Errungenschaft für die Menschheit. Diese Verneinung
48
ist aber ebenfalls eine historische,
und zwar eine historische gewachsene Thatsache. Selbst wenn Jesus
Christus,
wie mit grösster Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dem
jüdischen
Volke nicht entstammt sein sollte, nur der oberflächlichste
Parteigeist
kann die Thatsache leugnen, dass diese grosse und göttliche
Gestalt
auf das Unzertrennlichste mit dem historischen Entwickelungsgang jenes
Volkes verwoben ist.¹)
Wer könnte es
bezweifeln? Die Geschichte von Hellas, die von Rom und die von
Judäa,
sie haben gestaltend auf alle Jahrhunderte unserer Zeitrechnung
weitergewirkt,
sie wirkten lebendig weiter in unserem 19. Jahrhundert. Ja, sie wirkten
nicht allein lebendig, sondern auch lebenhemmend, indem sie die freie
Aussicht
in das rein menschliche Gebiet nach vielen Richtungen hin mit einem
mannshohen
Zaun umgaben. Das ist des Menschen unentrinnbares Schicksal: was ihn
fördert,
fesselt ihn zugleich. Darum muss die Geschichte dieser Völker von
Demjenigen wohl beachtet werden, der von unserem 19. Jahrhundert zu
reden
unternimmt.
In dem vorliegenden
Werk nun sind die rein historischen Kenntnisse, die Chronologie der
Weltgeschichte,
als bekannt vorausgesetzt. Nur eines darf hier versucht werden,
nämlich
in möglichst gedrängter Kürze zu bestimmen, welches die
wesentlichsten, unterscheidenden Merkmale dieses „Erbes der alten Welt“
sind. Das soll in drei Kapiteln geschehen, von denen das erste hellenische
Kunst und Philosophie, das zweite römisches
Recht und das dritte die
Erscheinung
Jesu Christi behandelt.
Geschichtsphilosophie
Ehe ich diese
einleitenden
Worte beschliesse, noch eine Verwahrung. Der Ausdruck: dieses oder
jenes
„musste“ geschehen,
—————
¹)
Für den Nachweis, dass Christus kein Jude war (im Sinne der
Rassenangehörigkeit),
sowie für die Darlegung seines innigen Verhältnisses zu dem
moralischen
Leben des echten jüdischen Volkes, siehe Kap.
3; Näheres über das jüdische Volk bringt dann Kap.
5
54 Das Erbe
der alten Welt. Einleitendes.
entfuhr oben meiner Feder; vielleicht
kehrt er im folgenden wieder. Damit soll keineswegs einem
geschichtsphilosophischen
Dogmatisieren das Existenzrecht eingeräumt werden. Der
Rückblick
von der Gegenwart aus auf die Vergangenheit zurück gestattet den
logischen
Schluss, dass gewisse Vorgänge damals geschehen m u s
s t e n, damit das heute so würde, wie es geworden
ist.
Ob der Lauf der Geschichte ein andrer hätte sein können, als
er war, diese subtile Frage gehört nicht hierher. Von dem
wüsten
Lärm einer angeblichen „Wissenschaftlichkeit“ eingeschüchtert,
49
sind manche heutige Historiker in dieser
Beziehung sehr ängstlich geworden. Und dennoch ist es klar, dass
die
Gegenwart nur dann einen leuchtenden Sinn erhält, wenn sie sub
specie necessitatis betrachtet wird. Vere scire est per causas
scire,
sagt Bacon; diese Anschauungsweise allein ist eine wissenschaftliche;
wie
soll sie aber durchgeführt werden, wenn nicht überall die
Notwendigkeit
anerkannt wird? Das Wort „muss“ bringt die notwendige Verkettung von
Ursache
und Wirkung zum Ausdruck, weiter nichts; mit derlei Einsichten
vergolden
wir Menschen die Riegelbalken unseres engumzirkten geistigen
Spielraums,
ohne uns deswegen einzubilden, wir wären ins Freie hinausgeflogen.
Nun beachte man aber noch folgendes: gestaltet die Notwendigkeit, so
bilden
sich um diesen Mittelpunkt immer weitere Kreise, und Keiner darf uns
verwehren
— wo unser Ziel es erheischt — den weiten, umständlichen Weg auf
einem
äussersten Kreis zu vermeiden, um unsern Standpunkt so nahe wie
möglich
an der bewegenden, selber kaum bewegten Achse einzunehmen, dort wo die
scheinbare Willkür mit der nicht abzuleugnenden Notwendigkeit fast
verschmilzt.
Seitenende /
Einde
inleiding van deel I / End of preface of part I.
Letzte
Änderung
am / Laatste wijziging / Last update: 7 Mai 2006.