Hereunder follows the transcription of the first chapter of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van het eerste hoofdstuk van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
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The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

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ERSTES KAPITEL

HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE


Nur durch den Menschen tritt der
Mensch in das Tageslicht des Lebens ein.
Jean Paul Friedrich Richter

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(Leere Seite)

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Das Menschwerden
    Viel Geistvolles ist gesagt worden, um den Unterschied zwischen Mensch und Tier drastisch zu kennzeichnen; wichtiger, weil eine bedeutungsvollere Erkenntnis anbahnend, dünkt mich die Unterscheidung zwischen Mensch und Mensch. In dem Augenblick, wo der Mensch zum Bewusstsein freischöpferischer Kraft erwacht, überschreitet er einen bestimmten Grenzkreis und zerstört den Bann, der ihn, trotz aller seiner Begabung und trotz allen seinen Leistungen, in engster — auch geistiger — Zugehörigkeit zu den übrigen Lebewesen erscheinen liess. Durch die   K u n s t   tritt ein neues Element, eine neue Daseinsform in den Kosmos ein.
   Mit diesem Ausspruch stelle ich mich auf den selben Boden wie etliche der grössten unter Deutschlands Söhnen. Diese Anschauung von der Bedeutung der   K u n s t   entspricht auch, wenn ich nicht irre, einer spezifischen Anlage des deutschen Geistes, wenigstens dürfte eine so klare, scharfe Formulierung jenes Gedankens, wie wir sie bei Lessing und Winckelmann, bei Schiller und Goethe, bei Hölderlin, Jean Paul und Novalis, bei Beethoven und Richard Wagner finden, bei den anderen Mitgliedern der verwandten indogermanischen Völkergruppe kaum anzutreffen sein. Um dem Gedanken gerecht zu werden, muss man zunächst genau wissen, was hier unter „Kunst“ zu verstehen ist. Wenn Schiller schreibt: „Die Natur hat nur   G e s c h ö p f e,   die Kunst hat   M e n s c h e n   gemacht“, wird man doch nicht glauben, er habe hier das Flötenspielen oder das Verseschreiben im Sinne? Wer Schiller's Schriften (vor allen natürlich seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen) sorgfältig und wiederholt

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Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie.


liest, wird immer mehr einsehen, dass der Begriff „Kunst“ für den Dichter-Philosophen ein sehr lebendiger, ihn gewissermassen durchglühender, dennoch aber ein recht subtiler ist, der sich schwer in eine kurze Definition einzwängen lässt. Nun wer ihn nicht verstanden hat, kann eine derartige  Einsicht überwunden zu haben wähnen. Man höre, was Schiller sagt, denn für den Zweck
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des vorliegenden Kapitels, sowie des ganzen Buches ist ein Verständnis dieses Grundbegriffes unentbehrlich. Er schreibt: „Die Natur fängt mit dem Menschen nicht besser an als mit ihren übrigen Werken: sie handelt für ihn, wo er als freie Intelligenz noch nicht selbst handeln kann. Aber eben das macht ihn zum Menschen, dass er bei dem nicht stille steht, was die blosse Natur aus ihm machte, sondern die Fähigkeit besitzt, die Schritte, welche jene mit ihm anticipierte, durch Vernunft wieder rückwärts zu tun, das Werk der Not in ein Werk seiner freien Wahl umzuschaffen, und die physische Notwendigkeit zu einer moralischen zu erheben.“ Zunächst bezeichnet also das   D r ä n g e n   n a c h   F r e i h e i t   den künstlerischen Zustand für Schiller: der Not kann der Mensch nicht entrinnen, er „schafft sie aber um“; indem er das thut, bewährt er sich als Künstler. Als solcher benutzt er die Elemente, die ihm die Natur bietet, um sich eine neue Welt des Scheins zu errichten; jedoch hieraus ergiebt sich ein Zweites, und gerade dieses Zweite darf unter keiner Bedingung übersehen werden: indem der Mensch „in seinem ästhetischen Stande“ sich gewissermassen „ausser der Welt stellt und sie betrachtet“, findet es sich, dass er diese Welt, die Welt ausser ihm, zum erstenmal deutlich erblickt! Freilich war es ein Wahn gewesen, sich aus dem Schosse der Natur losringen zu wollen, gerade dieser Wahn aber leitet ihn nunmehr dazu, sich der Natur völlig und richtig bewusst zu werden: „denn der Mensch kann den Schein nicht von der Wirklichkeit reinigen, ohne zugleich die Wirklichkeit von dem Scheine frei zu machen.“ Erst wenn er zu   d i c h t e n   begonnen hat, beginnt der Mensch auch bewusst zu   d e n k e n;   erst wenn er selber baut, wird er auf die Architektonik des Weltgebäudes aufmerksam. Wirklichkeit und Schein sind anfangs in seinem Bewusstsein vermengt; die bewusste,

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freischöpferische Beschäftigung mit dem Schein ist der erste Schritt, um zu einer möglichst freien, reinen Erkenntnis der Wirklichkeit zu gelangen.   W a h r e   W i s s e n s c h a f t,   d. h. eine nicht bloss messende, registrierende, sondern eine anschauende, erkennende, entsteht also, nach Schiller, unter dem unmittelbaren Einfluss des künstlerischen Strebens der Menschen. Und jetzt erst kann im Menschengeist auch Philosophie auftreten; denn sie schwebt zwischen beiden Welten. Philosophie fusst zugleich auf Kunst und auf Wissenschaft; sie ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, die neuerliche, künstlerische Bearbeitung jener gesonderten, gereinigten Wirklichkeit. Damit ist aber die
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Bedeutung der Vorstellung „Kunst“ für Schiller noch immer nicht erschöpft. Denn die „Schönheit“ (jene frei umgeschaffene, neue Welt) ist nicht allein ein Gegenstand; in ihr spiegelt sich vielmehr auch „ein   Z u s t a n d   unseres Subjekts“ wieder: „Die Schönheit ist zwar Form, weil wir sie betrachten; zugleich aber ist sie Leben, weil wir sie fühlen. Mit einem Wort: sie ist zugleich unser Zustand und unsere That.“ ¹) Künstlerisch zu empfinden, künstlerisch zu denken bezeichnet also einen besonderen Zustand des Menschen überhaupt; es ist eine Stimmung, oder vielmehr eine Gesinnung.... noch besser vielleicht ein latenter Kraftvorrat, der sich im Leben des einzelnen Menschen wie auch im Leben eines ganzen Volkes überall, auch dort, wo Kunst und Wissenschaft und Philosophie nicht unmittelbar beteiligt sind, „befreiend“, „umschaffend“, „reinigend“ bethätigen muss. Oder auch, um uns dieses Verhältnis von einer anderen Seite aus vorzuführen, können wir — und zwar wiederum mit Schiller ²) — sagen: „Aus einem glücklichen Instrumente wurde der Mensch ein unglücklicher Künstler.“ Das ist jene Tragik, von der ich in den einleitenden Worten sprach.
   Man wird, glaube ich, zugeben müssen, dass diese deutsche Auffassung des „Menschwerdens“ tiefer geht, dass sie mehr um-
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    ¹) Vergl. Ästhetische Erziehung, Bf. 3, 25, 26. Näheres hier, Kap. 9, Abschn. 7.
    ²) Vergl. Etwas über die erste Menschengesellschaft, Abschnitt 1.

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fasst und ein helleres Licht auf die zu erstrebende Zukunft der Menschheit wirft, als jede engwissenschaftliche oder rein utilitaristische. Wie dem auch sei, Eines ist sicher: ob einer solchen Auffassung unbedingte Gültigkeit zukomme, oder nur bedingte, für eine Betrachtung der hellenischen Welt und die sichere Aufdeckung ihres Lebensprinzips thut sie unvergleichliche Dienste; denn, mag sie auch in dieser bewussten Formulierung eine charakteristisch deutsche Auffassung sein, im letzten Grunde führt sie auf hellenische Kunst und auf hellenische Philosophie (welche die Naturwissenschaft umschloss) zurück, sie bezeugt, dass das Hellenentum nicht allein äusserlich und geschichtlich, sondern auch innerlich und Zukunft gestaltend im 19. Jahrhundert noch weiter lebte. ¹)

56 Tier und Mensch
    Nicht jede künstliche Bethätigung ist Kunst. Zahlreiche Tiere führen äusserst kunstvolle Bauten auf; der Gesang der Nachtigall wetteifert erfolgreich mit dem Naturgesang wilder Menschen; willkürliche Nachahmung treffen wir hochentwickelt im Tierreich an, und zwar auf den verschiedensten Gebieten — Nachahmung der Thätigkeit, des Lautes, der Form — wobei noch zu bedenken ist, dass wir bis jetzt so gut wie gar nichts von dem Leben der höheren Affen wissen; ²) die Sprache, d. h. also die Mitteilung
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    ¹) Um Missverständnissen vorzubeugen, will ich erwähnen, dass ich hier am Anfang meines Buches mich des einfacheren Verständnisses halber ohne weitere Kritik an Schiller angeschlossen habe; erst im Schlusskapitel kann ich meine Anschauung begründen, dass bei uns Germanen, im Unterschied von den Hellenen, der Angelpunkt des „Menschwerdens“ nicht in der Kunst, sondern in der   R e l i g i o n   zu suchen ist — was aber nicht eine Abweichung von Schiller's Auffassung von „Kunst“ bedeutet, sondern lediglich eine besondere Schattierung.
    ²) Siehe jedoch die Beobachtungen des J. G. Romanes an einem weiblichen Schimpansen, am ausführlichsten in der Zeitschrift Nature, Band XI., S. 160 ff., zusammengezogen in den Büchern des selben Verfassers. In kurzer Zeit lernte dieser Affe mit unfehlbarer Sicherheit bis sieben zählen. Dagegen vermögen die Bakairi (südamerikanischen Indianer) nur bis sechs, und zwar sehr mühsam, zu zählen! (Siehe Karl von Steinen: Unter den Naturvölkeren Brasiliens.)

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von Empfindungen und Urteilen durch ein Individuum an ein anderes, ist durch das ganze Reich der Animalität weit verbreitet und verfügt oftmals über so unbegreiflich sichere Mittel, dass nicht allein Anthropologen, sondern auch Philologen ¹) die Warnung nicht für überflüssig halten, man dürfte nicht einzig das Erzittern menschlicher Stimmbänder, überhaupt nicht bloss den Laut für Sprache halten; ²) u. s. w. Durch die instinktmässige Zusammenfügung zu staatlichen Organisationen, und seien sie noch so vielästig verwickelt, erzielt das menschliche Geschlecht ebenfalls keinen prinzipiellen Fortschritt über die unendlich komplizierten Tierstaaten; neuere Soziologen bringen sogar die Entstehung der menschlichen Gesellschaft in engorganische Beziehung zu der Entwickelung der sozialen Instinkte im umgeben-
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den Tierreich. ³) Betrachtet man das staatliche Leben der Ameisen und sieht man, durch welche kühne Raffinements die praktische Bewährung des gesellschaftlichen Getriebes und das fehlerlose Ineinandergreifen aller Teile bei ihnen bewirkt wird — als Beispiel will ich einzig die Abschaffung des unheilschwangeren Geschlechtstriebes bei einem grossen Prozentsatz der Bevölkerung nennen, und zwar nicht durch Verstümmelung, wie bei unserem elenden Notbehelf der Kastrierung, sondern
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    ¹) Siehe z. B. Whitney: Das Leben der Sprache (französische Ausgabe, S. 238 f.).
    ²) Vergl. namentlich die lichtvollen Ausführungen von Topinard in seiner Anthropologie S. 159-162. Interessant ist es, festzustellen, dass ein so bedeutender und zugleich so ausserordentlich vorsichter, jeder Phantasterei besonders abholder Naturforscher wie Adolf Bastian den Gliedertieren (mit ihren sich gegenseitig berührenden Fühlhörnern) eine ihrem Wesen nach der unsrigen analoge   S p r a c h e   vindiziert; siehe: Das Beständige in den Menschenrassen, S. VIII des Vorwortes. In Darwin: Descent of Man, Kap. III, findet man eine besonders interessante Zusammenstellung der hierher gehörigen Thatsachen und eine energische Zurückweisung der Paradoxen Max Müller's und Anderer.
    ³) Siehe z. B. des amerikanischen Professors Franklin H. Giddings: Prinzipien der Soziologie (französische Ausgabe 1897, S. 189): les bases de l'empire de l'homme furent posées sur les associations zoogéniques des plus humbles formes de la vie consciente.

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Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie.


durch kluge Manipulation der befruchteten Keime — so muss man gestehen, der staatliche Instinkt steht bei uns auf keiner hohen Stufe; im Verhältnis zu manchen Tiergattungen sind wir politische Pfuscher. ¹) Selbst in der besonderen Bethätigung der Vernunft kann man wohl ein eigenartiges spezifisches Merkmal des Menschen, kaum aber ein grundsätzlich neues Naturphänomen erkennen. Der Mensch im Naturzustand benützt seine überlegene Vernunft genau so wie der Hirsch seine Schnellfüssigkeit, der Tiger seine Kraft, der Elefant seine Schwere: sie ist ihm die vorzüglichste Waffe im Kampf ums Dasein, sie ersetzt ihm Behendigkeit, Körpergrösse und so manches andere, was ihm fehlt. Die Zeiten sind vorbei, wo man den Tieren Vernunft abzusprechen sich erdreistete; nicht allein zeigen Affe, Hund und alle höheren Tiere bewusste Überlegung und treffsicheres Urteil, sondern dasselbe ist bei Insekten experimental nachgewiesen worden: eine Bienenkolonie z. B. in ungewohnte, noch nie dagewesene Verhältnisse versetzt, trifft neue Vorkehrungen, versucht dieses und jenes, bis sie das Richtige gefunden hat. ²) Kein Zweifel, dass,
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    ¹) Siehe Carl Vogt's amüsante: Untersuchungen über Thierstaaten (1851). — In Brehm: Vom Nordpol zum Äquator (1890) findet man sehr bemerkenswerte Mitteilungen über die Kriegsführung der Paviane; ihre Taktik wechselt je nach der Bodenbeschaffenheit, sie verteilen sich in bestimmte Gruppen: Vordertreffen, Hintertreffen u. s. w., mehrere arbeiten zusammen, um einen grossen Felsblock auf den Feind hinabzurollen, und vieles dergleichen mehr. — Vielleicht das staunenswerteste Gesellschaftsleben ist das der   G ä r t n e r a m e i s e n   aus Südamerika, über die zuerst Belt: Naturalist in Nicaragua berichtete, dann der Deutsche Alfred Möller; jetzt kann man diese Tiere im zoologischen Garten in London beobachten, wobei namentlich die Thätigkeit der grossköpfigen „Aufseher“ leicht zu verfolgen ist, wie sie, sobald ein „Arbeiter“ faulenzen will, herzulaufen, und ihn aufrütteln!
    ²) Vergl. Huber: Nouvelles observations sur les Abeilles, II. 198, und das schöne Buch von Maurice Maeterlinck: La vie des Abeilles, 1901. Die beste kürzeste neuere Zusammenfassung der entscheidendsten, hierher gehörigen Thatsachen ist wohl die von J. G. Romanes: Essays on Instinct 1897; auch dieser hervorragende Schüler Darwin's ist freilich immer wieder genötigt, auf die Beobachtungsreihen der beiden Huber als auf die sinnreichsten und zuverlässigsten zurück-

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wenn wir das bis jetzt uns fast gänzlich unbekannte psychische
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zugreifen: allzuwenig bekannt ist jedoch das Werk von J. Traherne Moggridge: Beobachtungen über die Speicherameisen und die Fallthürspinnen (in englischer Sprache, 1873, bei Reeve in London); überhaupt sollten die Psychologen des Tierreichs ihre Aufmerksamkeit den Spinnen mehr widmen, welche unzweifelhaft eigenartig begabt sind. (Siehe jedoch H. C. Mac-Cook: American Spiders, Philadelphia, 1889, und die verschiedenen Bände der köstlichen Souvenirs entomologiques von Fabre). Unter älteren Schriften ist von unvergänglichem Wert Kirby: History, Habits and Instincts of Animals. Von den mehr philosophischen Schriften will ich hier besonders auf Wundt's: Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele und auf Fritz Schultze's: Vergleichende Seelenkunde (zweiter Teil, Die Psychologie der Tiere und Pflanzen, 1897) aufmerksam machen. — In dieser Anmerkung möchte ich zugleich eine ausdrückliche Verwahrung einlegen, nämlich, dass ich hier und im Folgenden die tiefe Kluft zwischen dem Geiste des denkenden Menschen und dem des Tieres durchaus nicht verkenne; es war hohe Zeit, dass ein Wundt mit seiner ganzen Geistesschärfe gegen unsere fast unausrottbare Neigung zu anthropomorphistischen Deutungen auftrat; mich dünkt aber, Wundt selber, und mit ihm Schultze, Lubbock und andere verfallen in den umgekehrten Fehler: gegen die kritiklose Überschätzung des Gedankenlebens der Tiere legen sie gerechte Verwahrung ein, dagegen scheinen diese hochgelehrten, in unaufhörlichem Denken und Spekulieren aufgewachsenen Männer nicht zu ahnen, mit wie unendlich wenig Bewusstsein und Reflexion die   M e n s c h h e i t   in ihrer Gesamtheit lebt und recht gut auskommt; sie sind überhaupt geneigt, dem „Bewusstsein“ und der „Reflexion“ ein übermässiges Gewicht beizulegen; das zeigt sich bei ihren Abhandlungen über die elementaren Zustände der menschlichen Psyche und — vielleicht noch deutlicher — bei ihrer geringen Fähigkeit, die Natur des eigentlichen Aktes schöpferischer Genialität (Kunst und Philosophie) zu deuten. Nachdem der eine Wundt die Schätzung der tierischen Intelligenz auf ihr richtiges Niveau herabgeführt hat, brauchten wir jetzt einen zweiten, der unsere Neigung, uns selber ungeheuer zu überschätzen, aufdeckte. — Auch scheint mir folgender Punkt niemals gehörig betont worden zu sein: dass wir nämlich bei unseren Beobachtungen an Tieren auch beim besten Willen Anthropomorphen bleiben; denn wir können uns ja nicht einmal einen   S i n n   (ich meine ein physisches Werkzeug zur Erkenntnis der umgebenden Welt) vorstellen, wenn wir ihn nicht selber besitzen, und wir müssen notwendigerweise ewig blind und taub für alle Gemüts- und Verstandeäusserungen bleiben, welche in unserem

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Leben der Tiere aus entfernten Klassen näher und einsichtsvoller
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eigenen geistigen Leben kein unmittelbares Echo antreffen. Wundt hat gut warnen vor „schlechten Analogien“: auf diesem ganzen Gebiete sind gar keine Schlüsse ausser Analogieschlüssen möglich. Wie Clifford ausführlich dargethan hat (vergl. Seeing and Thinking), können wir hier weder rein objektiv noch rein subjektiv vorgehen; diese gemischte Art der Erkenntnis hat er deswegen eine „ejektive“ genannt. Wir schätzen diejenigen Tiere als die intelligentesten, deren Intelligenz der unsrigen am ähnlichsten ist und die   w i r   deswegen am besten verstehen; ist das aber einem kosmischen Problem wie demjenigen des Geistes gegenüber nicht unendlich naiv und unüberlegt? Ist das nicht verkappter Anthropomorphismus? Sicherlich. Wenn also Wundt behauptet: „auf diesem Gebiete ist das Experiment in hohem Masse der blossen Beobachtung überlegen“, so kann man ihm nur sehr bedingt beipflichten; denn das Experiment ist von Hans aus ein Reflex unserer rein menschlichen Vorstellungen, wogegen die liebevolle Beobachtung eines gänzlich anders gearteten Wesens in seinen eigenen, möglichst normalen Verhältnissen und zwar mit dem Wunsche, nicht seine Leistungen zu kritisieren, sondern sie — soweit unser menschlicher, engumschränkter geistiger Horizont es erlaubt — zu   b e g r e i f e n,   wohl zu manchen überraschenden Einsichten führen müsste. Darum hat uns auch der alte, blinde Huber über die Bienen weit mehr gelehrt als Lubbock in seinem — trotzdem bewundernswerten — Buche Ants, Bees and Wasps (1883); darum erzielen die rohen „Dresseurs“ solche unglaubliche Erfolge, denn sie verlangen von jedem Tier nur solche Leistungen, welche sie auf Grundlage täglicher Beobachtung seiner Anlagen von ihm erwarten dürfen. Hier, wie anderwärts, steckt unsere heutige Wissenschaft noch tief in helleno-jüdischem Anthropomorphismus, und nicht am wenigsten gerade dort, wo sie davor warnt. — Seitdem obige Bemerkung geschrieben, ist das Aufsehen erregende Buch von Bethe: Dürfen wir Ameisen und Bienen psychische Qualitäten zuschreiben? erschienen, welches in seiner ganzen Argumentation ein geradezu klassisches Beispiel des verkappten Anthropomorphismus ist. Durch sinnreiche (obwohl meiner Ansicht nach durchaus nicht abschliessende) Versuche, hat Bethe die Überzeugung gewonnen, die Ameisen erkennten sich als zum Nest gehörig durch den Geruchsinn, auch ihr Wegefinden beruhe auf der Ausscheidung eines chemischen Stoffes u. s. w. Das ganze sei „Chemoreflex“, das gesamte Leben dieser Tiere „rein mechanisch“. Man staunt über einen solchen Abgrund philosophischer Roheit. Ja, ist denn das gesamt Sinnenleben als solches nicht notwendigerweise mechanisch? Kann ich meinen eigenen Vater ohne Zuhilfe-

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untersuchen, wir überall Ähnliches finden. Die im Verhältnis enorme Entwickelung des menschlichen Gehirns ¹) bildet also für uns doch nur eine relative Überlegenheit. Nicht als ein Gott wandelt der Mensch auf Erden, sondern als ein Geschöpf unter anderen Geschöpfen, vielleicht wäre es kaum Übertreibung, zu
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nahme eines Mechanismus erkennen? Erkennt der Hund seinen Herrn nicht fast lediglich durch den Geruchsinn? Sollen denn Descartes' Automaten immer von neuen aufleben, als hätten Wissenschaft und Philosophie seit 300 Jahren stillgestanden? Hier steckt der wirkliche und unausrottbare Anthropomorphismus. Bei Vertebraten lässt die strenge Analogie mit unserer eigenen Struktur Schlüsse auch auf die psychischen Vorgänge zu; im Insekt dagegen steht ein total fremdes Wesen vor uns, aufgebaut nach einem Plane, der so tief von dem unseres Körpers abweicht, dass wir nicht einmal im Stande sind, die rein mechanische Funktionierung der Sinneswerkzeuge mit Sicherheit zu deuten (siehe Gegenbaur: Vergl. Anatomie) und folglich gar nicht wissen, welche uns Menschen gänzlich verschlossene Welt von Sinneseindrücken, von Mittteilungsmöglichkeiten u. s. w. diese Wesen umgeben mag. Das nicht einzusehen, ist „ameisenmässig“ naiv. — Nachtrag der 3. Aufl. In der Eröffnungsrede des vierten internationalen Zoologenkongresses, am 23. August 1898, griff Sir John Lubbock die Automatentheorie heftig an und sagte u. a.: „Viele Tiere besitzen Sinnesorgane, deren Bedeutung uns Menschen unerforschlich ist. Sie vernehmen Geräusche, die uns unhörbar, sie sehen Dinge, die uns unsichtbar bleiben, sie empfangen Sinneseindrücke, die ausserhalb des Bereiches unserer Vorstellungskraft liegen. Die uns so wohlbekannte umgebende Welt muss für sie eine durchaus andere Physiognomie besitzen.“ Schon Montaigne hatte gemeint: Les bêtes ont plusieurs conditions qui se rapportent aux nôtres; de celles-là, par comparaison, nous pouvons tirer quelque conjecture: mais ce qu'elles ont en particulier, que savons-nous que c'est? Der Psychiater Forel gelangt nach dreissig Jahren fleissiger Beobachtung zu der Überzeugung, die Ameisen besässen Gedächtnis, besässen die Fähigkeit, verschiedene Sinneseindrücke im Hirn zur Einheit zu verknüpfen, und handelten mit bewusster Überlegung. (Rede, gehalten am 13. August 1901 im Zoologenkongress zu Berlin.)
    ¹) Bekanntlich hat Aristoteles sich hier, wie so oft, gründlich geirrt: der Mensch besitzt weder absolut noch relativ (d. h. im Verhältnis zum Körpergewicht) das grösste Gehirn: die Überlegenheit dieses Apparates bei ihm ist in anderen Dingen begründet (siehe Ranke: Der Mensch, zweite Ausgabe I., S. 551 und S. 542 f.).

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sagen, als ein primus inter pares; denn es ist schwer einzusehen, warum höhere Differenzierung, mit ihren zahllosen Nachteilen, ohne weiteres als höhere „Vollkommenheit“ betrachtet werden sollte; die relative Vollkommenheit eines Organismus wäre, dünkt mich, durch seine Angemessenheit für gegebene Verhältnisse zu bestimmen. Durch alle Fasern seines Wesens hängt der Mensch organisch mit seiner Umgebung eng zusammen; das alles ist Blut von seinem Blut; denkt man ihn hinweg aus der Natur, so ist er ein Bruchstück, ein entwurzelter Stamm.
    Was zeichnet nun den Menschen vor den anderen Wesen aus? Mancher wird antworten: seine Erfindungskraft, das   W e r k z e u g   ist es, wodurch er sich als Fürst unter den Tieren dokumentiert. Er bleibt jedoch damit noch immer ein Tier unter Tieren: nicht bloss der Anthropoid, auch der gewöhnliche Affe erfindet einfachere Werkzeuge (worüber Jeder sich in Brehm's Tierleben informieren kann), und der Elefant ist, wenn vielleicht nicht in der Erfindung, so doch im Gebrauch der Werkzeuge ein wahrer Meister (siehe Romanes: Die geistige Entwickelung im Tierreich, S. 389 u. s. w.). Die sinnreichste Dynamomaschine erhebt den Menschen nicht um einen Zoll über die allen Wesen gemeinsame Erdoberfläche; alles derartige bedeutet lediglich eine neue Ansammlung von Kraft in dem Kampf ums Dasein; der Mensch wird dadurch gewissermassen ein höher potenziertes Tier. Er beleuchtet sich mit Talgkerzen oder mit Öl, oder mit Gas, oder elektrisch, anstatt schlafen zu gehen; damit gewinnt er Zeit und das heisst Leistungsfähigkeit; es giebt aber ebenfalls zahllose Tiere, die sich beleuchten, manche durch Phosphorescenz, andere (namentlich die Tiefseefische) elektrisch; ¹)
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    ¹) Emin Pascha und Stanley berichten über Schimpansen, welche nachts mit Facklen auf ihre Raubzüge ausziehen! Mit Romanes wird man gut thun, bis auf weiteres diese Thatsache zu bezweifeln: Stanley hat es nicht selbst gesehen und Emin Pascha war überaus kurzsichtig. Sollten die Affen wirklich die Kunst, das Feuer zu erzeugen, erfunden haben, uns Menschen bliebe doch die Erfindung der Gestalt des Prometheus, und dass dieses, nicht jenes es ist, was den Menschen zum Menschen macht, bildet gerade den Inhalt meiner Ausführungen.

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wir reisen auf dem Zweirad, mit der Eisenbahn, bald vielleicht im Luftschiff, — der Zugvogel und der Meeresbewohner hatten das Reisen schon längst in Mode gebracht, und, genau wie sie, reist der Mensch, um sich Subsistenzmittel zu verschaffen. Die unermessliche Überlegenheit des Menschen zeigt sich freilich darin, dass er das alles   v e r n ü n f t i g   zu erfinden und in fortschreitender „Kumulation“ anzuwenden versteht. Der Nachahmungstrieb und die Assimilationsfähigkeit, die man wohl bei allen Säugetieren antrifft, erreichen bei ihm einen so hohen Grad, dass die selbe Sache gewissermassen doch eine andere  wird; in analoger Weise sehen wir bei chemischen Stoffen, dass häufig der Hinzutritt eines einzigen wesensgleichen Atoms, also ein einfaches numerisches Hinzuthun, die Qualitäten des betreffenden Stoffes gründlich umwandelt; wenn man zu Sauerstoff Sauerstoff hinzuthut, entsteht Ozon, ein neuer Körper (O2+O1=O3). Man übersehe jedoch nicht, dass alle menschlichen Erfindungen dennoch auf Assimilation und Nachahmung beruhen; der Mensch   e r-f i n d e t   das, was da vorliegt und einzig seines Kommens harrte, genau so wie er dasjenige   e n t-d e c k t,   was ihm bisher verschleiert war; die Natur spielt „Versteckens“ und „blinde Kuh“ mit ihm. Quod inventitur, fuit: sagt Tertullian. Dass er das versteht, dass er nach dem Verborgenen sucht und nach und nach so vieles aufdeckt und findet, das bezeugt freilich den Besitz von Gaben ohnegleichen; besässe er sie aber nicht, so wäre er ja das elendeste aller Wesen — den ohne Waffen, ohne Kraft, ohne Flügel, ohne alles steht er da: die bitterste Not ist seine Triebfeder, das Erfindungsvermögen sein Heil.
   Was den Menschen nun zum wahren   M e n s c h e n   macht, zu einem von allen, auch den menschlichen Tieren verschiedenen Wesen, das ist, wenn er dazu gelangt,   o h n e   N o t   z u   e r f i n d e n,   seine unvergleichliche Befähigung nicht im Dienste eines Naturzwanges, sondern frei zu bethätigen, oder — um für das selbe einen tieferen, entsprechenderen Ausdruck zu gebrauchen — wenn die Not, welche ihn zum Erfinden treibt, nicht mehr von aussen, sondern von innen in sein Bewusstsein tritt; wenn das, was sein Heil war, nunmehr sein Heiligtum wird.

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Entscheidend ist der Augenblick, wo die freie Erfindung bewusst
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auftritt, das heisst also der Augenblick, wo der Mensch zum Künstler wird. Beobachtungen in Betreff der umgebenden Natur (z. B. des gestirnten Himmels) können schon weit gediehen und ein mannigfaltiger Götter- und Dämonenkultus entstanden sein, ohne dass damit ein grundsätzlich Neues in die Welt getreten wäre. Das alles bezeugt eine schlummernde Fähigkeit, ist aber seinem Wesen nach nichts weiter als die halbunbewusste Bethätigung eines Instinktes. Erst wenn ein einzelner Mensch, wie Homer, frei nach seinem eigenen Willen, die Götter erdichtet, wie er sie haben will, wenn ein Naturbeobachter, wie Demokrit, aus freier Schöpferkraft die Vorstellung des Atoms erfindet, wenn ein sinnender Seher, wie Plato, mit der Mutwilligkeit des weltüberlegenen Genies die ganze sichtbare Natur über Bord wirft und das menschenerschaffene Reich der Ideen an ihre Stelle setzt, wenn ein erhabenster Lehrer ausruft: „Sehet, das Himmelreich ist inwendig in euch!“: dann erst ist ein durchaus neues Geschöpf geboren, jenes Wesen, von dem Plato sagt: „Er hat Zeugungskraft in der Seele viel mehr als im Leibe“, dann erst enthält der Makrokosmos einen Mikrokosmos. Was Kultur zu heissen einzig verdient, ist die Tochter solcher schöpferischen Freiheit, sagen wir kurz der Kunst, mit welch letzterer Philosophie — echte, schöpferische Philosophie und Wissenschaft — so eng verwandt ist, dass beide als zwei Seiten des selben Wesens erkannt werden müssen; jeder grosse Dichter war Philosoph, jeder geniale Philosoph ist Dichter. Was ausserhalb dieses mikrokosmischen Kulturlebens steht, ist lediglich „Civilisation“, das heisst, ein beständig höher potenziertes, zunehmend emsigeres, bequemeres und unfreieres Ameisenstaatendasein, gewiss reich an Segen und insofern wünschenswert, eine Gabe der Zeiten jedoch, bei welcher es häufig überaus fraglich bleibt, ob das Menschengeschlecht nicht mehr dafür bezahlt als erhält. Civilisation ist an und für sich nichts, denn sie bezeichnet nur ein Relatives; ein höhere Civilisation dürfte nur dann als ein positiver Gewinn (als ein „Fortschritt“) betrachtet werden, wenn sie zu einer zunehmend intensiven geistigen und künstlerischen

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Gestaltung des Lebens und zu einer innerlichen moralischen Klärung führte. Weil ihm das bei uns nicht der Fall zu sein schien, darum durfte Goethe als berufenster Zeuge das melancholische Geständnis machen:   „D i e s e   Zeiten sind schlechter als man denkt.“ Dagegen beruht die unvergängliche Bedeutung des Hellenentums darauf, dass es verstanden hat, sich eine Zeit zu schaffen, besser als wir sie uns irgend vorzustellen vermögen, eine unvergleichlich bessere Zeit, als seine eigene, so sehr rück-
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ständige Civilisation sie verdiente, wenn ich mich so ausdrücken darf. Heutzutage unterscheiden alle Ethnographen und Anthropologen scharf zwischen Moral und Religion und erkennen an, dass beide in einem gewissen Sinne von einander unabhängig sind; es wäre ebenso nützlich, wenn man zwischen Kultur und Civilisation scharf zu unterscheiden lernte. Eine hochentwickelte Civilistation ist mit einer rudimentären Kultur vereinbar: Rom zum Beispiel zeigt eine bewundernswerte Civilisation bei sehr geringer, durchaus unorigineller Kultur. Athen dagegen weist (bei seinen freien Bürgern) eine Kulturstufe auf, gegen welche wir Europäer des 19. Jahrhunderts in mancher Beziehung noch immer Barbaren sind, verbunden mit einer Civilisation, welche wir vollauf berechtigt sind, als eine im Verhältnis zu der unsrigen wirklich barbarische zu bezeichnen. ¹) Verglichen mit allen anderen Erscheinungen der Geschichte, stellt das Griechentum eine überschwänglich reiche Blüte des Menschengeistes dar, und die Ursache davon ist, dass   s e i n e   g e s a m t e   K u l t u r   a u f   e i n e r   k ü n s t l e r i s c h e n   G r u n d l a g e    r u h t.   Das freischöpferische Werk menschlicher Phantasie war bei den
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    ¹) Ein treffliches Beispiel liefern die Indoarier in ihrer Urheimat, wo die Ausbildung einer „alle anderen übertreffenden, vollendet einheitlichen, wunderbar durchgebildeten Sprache“, abgesehen von anderen geistigen Thaten, eine hohe Kultur bedeutete, diese Menschen aber nichtsdestoweniger ein fast nackend einhergehendes Hirtenvolk waren, das weder Städte noch Metall kannte. (Siehe namentlich Jhering: Vorgeschichte der Indoeuropäer, S. 2.) Für eine genaue Unterscheidung zwischen Wissen, Civilisation und Kultur verweise ich auf das neunte Kapitel des vorliegenden Werkes und auf die darin enthaltene Übersichtstafel.

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Hellenen der Ausgangspunkt ihres so unendlich reichen Lebens: Sprache, Religion, Politik, Philosophie, Wissenschaft (selbst Mathematik!) Geschichtsschreibung und Erdkunde, alle Formen der Dichtung in Worten und in Tönen, das ganze öffentliche Leben und das ganze innere Leben des Einzelnen — Alles strahlt von diesem Werk aus, und Alles findet sich in ihm wie in einem zugleich figürlichen und organischen Mittelpunkt wieder, einem Mittelpunkt, der das Fremdartigste an Charakteren, Interessen, Bestrebungen zu einer lebendigen, bewussten Einheit verknüpft. In diesem Mittelpunkt steht   H o m e r.

Homer
    Dass man an dem Dasein des Dichters Homer hat zweifeln können, wird späteren Geschlechtern keine sehr günstige Vorstellung von der geistigen Schärfe unserer Epoche geben. Es
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sind gerade 100 Jahre her, dass F. A. Wolf seine Hypothese in die Welt setzte; seitdem haben unsere Neoalexandriner wacker weiter geschnüffelt und geschaufelt, bis sie herausbekamen, Homer sei lediglich eine pseudomytische Kollektivbezeichnung und Ilias und Odyssee nichts weiter als eine geschickte Zusammenkleisterung und Neuredigierung von allerhand Dichtern — — Von wem zusammengekleistert? und so überaus schön redigiert? Nun, natürlich von gelehrten Philologen, von den Vorfahren der jetzigen! Man wundert sich nur, dass, da wir wieder einmal im Besitze eines so geistvollen Kritikergeschlechts sind, diese Herren sich nicht die Mühe genommen haben, uns Armen eine   n e u e   Ilias zusammenzukleistern: an Liedern fehlt es doch wahrlich nicht, auch nicht an echten, schönen Volksliedern, sollte es vielleicht an Pappe, etwa gar an Gehirnpappe fehlen? — Die kompetentesten Richter in einer derartigen Frage sind offenbar die Dichter, die grossen Dichter; der Philologe klebt an der Schale, welche der Willkür von Jahrhunderten ausgesetzt war; dagegen dringt des Dichters kongenialer Blick bis zum Kern vor und erschaut den individuellen Schaffensprozess. Schiller nun, mit der unfehlbaren Sicherheit seines Instinkts, erklärte sofort die Ansicht, Ilias und Odyssee seien nicht in allen Hauptzügen ihrer Gestaltung das Werk eines einzigen gottbegnadeten Mannes, für „einfach barbarisch“. Ja, in seiner Erregung schiesst er so weit über das

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Ziel hinaus, dass er Wolf einen „dummen Teufel“ nennt! Fast noch interessanter ist das Urteil Goethe's. Seine vielgerühmte Objektivität äusserte sich unter anderem auch darin, dass er sich gern widerstandslos einem Eindruck hingab; Wolf's grosse philologische Verdienste und die Menge des Richtigen, welche seine Ausführungen enthielten, bestrickten den grossen Mann; er fühlte sich überzeugt und erklärte es auch öffentlich. Später aber, als Goethe sich wieder eingehend mit den Homerischen Dichtungen zu beschäftigen die Gelegenheit hatte — und diese Werke nicht mehr vom philologisch-historischen, sondern vom rein dichterischen Standpunkt aus betrachtete — da widerrief er seine voreilige Zustimmung zu dem „subjektiven Krame“ (wie er es nunmehr nannte), denn jetzt wusste er genau: hinter diesen Werken steht eine „herrliche Einheit, ein einziger, höherer Dichtersinn“. ¹) Aber auch die Philologen sind, auf ihren notwendigen
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Umwegen, zu der selben Einsicht gelangt, und Homer tritt grösser als je in das 20. Jahrhundert, in das vierte Jahrtausend seines Ruhmes ein. ²)
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    ¹) Siehe z. B. die kleine Schrift: Homer noch einmal, aus dem Jahre 1826.
    ²) Es muss mir daran liegen, auch den geringsten Schein einer Gelehrsamkeit, die ich nicht besitze, von mir abzuwehren; ein Mann in meiner Lage kann ja nur von den   E r g e b n i s s e n   gelehrter Forschungen Kenntnis nehmen; an diese Ergebnisse hat er aber das Recht und die Pflicht als freier Mann und im Besitze einer vollwertigen Urteilskraft heranzutreten, und zwar muss er vor allem, dünkt mich, seine Urteilskraft in der selben Art benützen, wie ein Monarch, dessen Weisheit sich namentlich in der Wahl seiner Ratgeber zu bewähren hat; über den Wert gelehrter Argumente kann der Laie nicht zu Gericht sitzen, dagegen vermag er es sehr gut, aus Stil, Sprache und Gedankenführung sich ein Urteil über den einzelnen   G e l e h r t e n   zu bilden und zwischen Maurer und Architekten zu unterscheiden. Nicht also im Sinne einer materiellen Beweisführung, sondern lediglich damit der Leser über meine Urteilsfähigkeit im angedeuteten Sinne selber frei zu urteilen vermöge, weise ich hin und wieder in diesen Anmerkungen auf meine „Autoritäten“ hin. Wie im Texte ausgeführt, halte ich es zunächst in dieser Frage mit Sokrates: über Flötenspiel haben Musiker das beste Urteil, über Dichtwerke Dichter. Die Meinung Goethe's ist mir in

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    Denn neben den vielen philologisierenden Insekten hat Deutschland ein unverwüstliches Geschlecht wahrhaft grosser Sprach- und Litteraturforscher hervorgebracht: F. A. Wolf gehörte selber dazu; niemals hat er sich bis zu der späteren wahn-
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Bezug auf Homer mehr wert als die sämtlicher Philologen, die seit Beginn der Welt gelebt haben. Über diese letztere habe ich mich jedoch, so weit das ein Laie kann, orientiert, was namentlich bei einer so ungemein verwickelten Frage sehr vonnöten. Die zusammenfassenden Darstellungen von Niese: Die Entwickelung der Homerischen Poesie, 1882 und von Jebb: Homer, 1888, lassen Einen den Gang der Diskussion bis in die Neuzeit verfolgen; mehr aber auch nicht. Dagegen wandert man mit Bergk: Griechische Litteraturgeschichte, 1872-84, an der Hand eines sicheren Führers. Dass Bergk ein Hellenist allerersten Ranges war, geben alle Fachmänner zu, dem Nichtfachmann fällt ausserdem die umfassende und durchdringende Beschaffenheit seines Wissens auf, gepaart mit einer Mässigkeit, die an Nüchternheit grenzt; Bergk ist nicht ein Feuergeist, er bildet bei der Beurteilung dieser Frage die Ergänzung zur blitzschnellen Intuition eines Schiller. Man lese nicht allein das Kapitel: „Homer eine historische Persönlichkeit“, sondern namentlich auch in dem späteren Abschnitt „Homer bei den Neueren“ die Ausführungen über die Liedertheorie, von der Bergk sagt: „Die allgemeinen Voraussetzungen, von denen die Vertreter der Liedertheorie ausgehen, erweisen sich bei näherer Prüfung, namentlich wenn man die Homerischen Gedichte im Zusammenhange mit der gesamten Entwickelung der epischen Poesie betrachtet, als durchaus unhaltbar. Diese Theorie konnte nur von denen aufgestellt werden, welche das Homerische Epos ganz gesondert von seiner Umgebung und ohne alle Rücksicht auf die Geschichte der griechischen Litteratur ihrer zersetzenden Kritik unterwarfen“ (I, 525). Man lese auch seinen Nachweis, dass der Gebrauch der   S c h r i f t   zu Homer's Zeiten üblich war, und dass sowohl innere wie äussere Gründe dafür zeugen, dass Homer seine Dichtungen auch thatsächlich   s c h r i f t l i c h   hinterlassen hat (I, 527 ff.). — 1905. Inzwischen haben die Entdeckungen auf Kreta gezeigt, dass der Gebrauch der Schrift bei den Hellenen üblich war, schon lange ehe die Achäer bis in den Peloponnes eingedrungen waren. In dem Palast des Minos, dessen jüngste Teile nachweislich nicht später als 1550 Jahre vor Christo entstanden, sind ganze Bibliotheken und Archive aufgefunden worden (vergl. die Veröffentlichungen von A. J. Evans in den letzten Jahrgängen des Annual of the British School at Athens).

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witzigen Vorstellung verstiegen, ein grosses Kunstwerk könnte aus der Zusammenwirkung vieler kleiner Männer oder unmittelbar aus dem dunklen Bewusstsein der Masse hervorgehen, und er wäre der erste, der von dem endlichen Erfolg der langwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen mit Befriedigung Kenntnis nehmen würde. Selbst in dem Falle, ein ebenso grosses Genie
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wie Homer hätte sich mit Reparatur- und Ausschmückungsarbeiten an dessen Werken abgegeben — was eine fast widersinnige Annahme wäre — so lehrt uns die Geschichte aller Kunst, dass echte Persönlichkeit jeder Nachahmung trotzt; je weiter aber die kritischen Untersuchungen des 19. Jahrhunderts gediehen, umsomehr musste jeder fähige Forscher einsehen, dass selbst die bedeutendsten Nachahmer, Ergänzer, Wiederhersteller der Epen des Homer sich alle von ihm dadurch unterschieden, dass kein einziger an sein überragendes Genie auch nur entfernt heranreichte. Verunstaltet durch zahllose Missverständnisse, Schreibfehler, noch mehr durch die vermeintlichen Verbesserungen des unausrottbaren Geschlechtes der Besserwisser und durch die Interpolationen gutmeinender Epigonen, zeugten diese Gedichte, gerade je deutlicher die Buntscheckigkeit ihrer heutigen Gestalt
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durch die Polierarbeit der Forschung hervortrat, immer mehr von der unvergleichlichen, göttlichen Gestaltungskraft des ursprünglichen Bildners. Welche unerhörte Macht der Schönheit musste nicht Werken zu eigen sein, welche Jahrhunderte hindurch wildbewegten sozialen Verhältnissen und während noch längerer Zeit dem entweihenden Ansturm von Beschränktheit, Mittelmässigkeit und Pseudogenialität so erfolgreich trotzen konnten, dass noch heute aus diesen Trümmern der ewig-jugendliche Zauber künstlerischer Vollendung als die gute Fee unserer eigenen Kultur uns entgegentritt! Zugleich führten auch andere Forschungen, die ihren eigenen, unabhängigen Weg gegangen waren — die geschichtlichen und mythologischen Studien — zu dem sichern Ergebnis, Homer müsse eine historische Persönlichkeit gewesen sein. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass sowohl Sage wie Mythe sehr frei und nach bestimmten Prinzipien bewusster künstlerischer Gestaltung in diesen Dichtungen behandelt worden sind.

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Um das Wesentlichste nur zu nennen: Homer war ein   V e r e i n f a c h e r   ohnegleichen, er entwirrte den Knäuel populärer Mythen, und aus dem planlosen Durcheinander volksmässiger Sagen, die von Gau zu Gau anders lauteten, wob er einige wenige bestimmte Gestalten, in denen alle Hellenen sich und ihre Götter erkannten, obwohl gerade diese Darstellung ihnen durchaus neu war. — Was wir jetzt so mühevoll entdeckt haben, wussten die Alten sehr gut; ich erinnere an die merkwürdige Stelle bei   H e r o d o t:   „Von den Pelasgern haben die Hellenen die Götter angenommen. Woher aber ein jeglicher der Götter stammt, und ob sie alle immer da waren und von welcher Gestalt sie sind, das wissen wir Hellenen so zu sagen erst seit gestern. Denn Hesiod und Homer sind es zunächst, welche den Griechen ihr Göttergeschlecht geschaffen, den Göttern ihre Namen gegeben, sowie Ehren und Künste unter sie verteilt und ihre Gestalten bezeichnet haben. Die Dichter aber, welche angeblich vor diesen beiden Männern gelebt haben, sind, nach meiner Meinung wenigstens, erst nach ihnen aufgetreten“ (Buch II, Abschn. 53). Hesiod hat etwa ein Jahrhundert   n a c h   Homer gelebt und stand unter seinem unmittelbaren Einfluss; bis auf diesen geringen Irrtum enthält der einfache naive Satz Herodot's alles, was die kritische Riesenarbeit eines Jahrhunderts ans Licht gefördert hat. Dass die Dichter, welche nach der priesterlichen Tradition   v o r   Homer gelebt haben sollten — wie z. B. Orpheus, Mussaeos, Eumolpos aus dem thrakischen, oder Olen und andere aus dem delischen Kreise — in Wirklichkeit
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n a c h   i h m   lebten, ist erwiesen; ¹) und ebenfalls erwiesen ist es, dass die religiösen Vorstellungen der Griechen aus sehr verschiedenen Quellen gespeist worden sind; den Grundstock bildet die indoeuropäische Erbschaft, dazu kommen aber allerhand bunte, orientalische Einflüsse (wie Herodot das ebenfalls in dem Abschnitt, der dem angeführten vorausgeht, schon dargelegt hatte): in dies Wirrnis greift nun der eine unvergleichliche Mann mit der
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    ¹) Siehe namentlich Flach: Geschichte der griechischen Lyrik nach den Quellen dargestellt, I. S. 45 ff., 90 ff.

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souveränen Machtvollkommenheit des freischöpferischen, dichterischen Genies und gestaltet daraus auf künstlerischem Wege eine neue Welt; wie Herodot sagt:  e r   s c h a f f t   d e n   G r i e c h e n   i h r   G ö t t e r g e s c h l e c h t.
    Man gestatte mir, hier die Worte eines der anerkannt gelehrtesten unter den lebenden Hellenisten, Erwin Rohde's ¹) anzuführen: „Volksdichtung ist das Homerische Epos nur darum zu nennen, weil es so geartet ist, dass das Volk, das gesamte Volk griechischer Zunge es willig aufnahm und in sein Eigentum verwandeln konnte, nicht weil in irgend einer mystischen Weise das 'Volk' bei seiner Hervorbringung beteiligt gewesen wäre. Viele Hände sind an den beiden Gedichten thätig gewesen, alle aber in der Richtung und in dem Sinne, die ihnen nicht das 'Volk' oder die 'Sage', wie man wohl versichern hört, sondern die   G e w a l t   d e s   g r ö s s t e n   D i c h t e r g e n i u s   d e r   G r i e c h e n   u n d   w o h l   d e r   M e n s c h h e i t   a n g a b. — — — In Homer's Spiegel scheint Griechenland einig und einheitlich im Götterglauben, wie im Dialekt, in Verfassungszuständen, in Sitte und Sittlichkeit. In Wirklichkeit kann — das darf man kühn behaupten — diese Einheit nicht vorhanden gewesen sein; die Grundzüge des panhellenischen Wesens waren zweifellos vorhanden, aber gesammelt und verschmolzen zu einem nur vorgestellten Ganzen hat sie   e i n z i g   der   G e n i u s   d e s   D i c h t e r s“   (Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen, S. 35, 36). Bergk, dessen ganzes reiches Gelehrtenleben dem Studium der griechischen Poesie gewidmet war, urteilt: „Homer schöpft wesentlich aus sich selbst, aus dem eigenen Innern; er ist ein wahrhaft origineller Geist, nicht Nachahmer, und er übt seine Kunst mit vollem Bewusstsein“ (a. a. O., S. 527). Auch Duncker, der Historiker, bemerkt, dass, was den Nachfolgern Homer's fehlte — was diesen Einzigen also auszeichnete — „der zusammenschauende   B l i c k   d e s   G e n i u s“
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war (Gesch. des Altertums, V, 566). Und um diese Citate
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    ¹) Inzwischen hat die deutsche Wissenschaft den Tod des ausserordentlichen Mannes zu beklagen gehabt.

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würdig zu schliessen, berufe ich mich noch auf Aristoteles, dem man, was kritische Schärfe anbelangt, doch einige Kompetenz zuerkennen wird. Es ist auffallend und wohlthuend zu sehen, dass auch er in Homer's   B l i c k   das unterscheidende Kennzeichen entdeckt; im 8. Kapitel seiner Poetik (er redet von den Eigenschaften einer dichterischen Handlung) meint er: „Homer aber, wie er sich auch in anderen Dingen unterscheidet, scheint auch hierin   r i c h t i g   g e s e h e n   z u   h a b e n,   entweder durch Kunst, oder durch Natur“. Ein tiefes Wort! welches uns auf der überraschenden Begeisterungsschrei im 23. Kapitel der Poetik vorbereitet: Homer ist vor allen anderen Dichtern   g ö t t l i c h.

Künstlerische Kultur
    Dies musste zunächst, und selbst um den Preis einiger Ausführlichkeit, festgestellt werden: nicht etwa weil es für den Gegenstand dieses Buches von Belang ist zu wissen, ob gerade ein Mann Namens Homer die Ilias geschrieben hat, oder inwiefern die Dichtung, welche heute unter diesem Titel bekannt ist, dem ursprünglichen Gedicht entsprechen mag; nein, der spezielle Nachweis war Nebensache: wesentlich dagegen für mein ganzes Buch ist die Hervorhebung der unvergleichlichen Bedeutung der Persönlichkeit überhaupt; wesentlich ebenfalls die Erkenntnis, dass jedes Werk der Kunst immer und ausnahmslos   e i n e   stark individuelle Persönlichkeit voraussetzt, ein grosses Kunstwerk eine Persönlichkeit allerersten Ranges, ein Genie; wesentlich schliesslich die Einsicht, dass das Geheimnis der hellenischen Zaubergewalt in dem Begriff „Persönlichkeit“ eingeschlossen liegt. Denn in der That, will man verstehen, was hellenische Kunst und hellenisches Denken für das 19. Jahrhundert bedeutet haben, will man das Geheimnis einer so zähen Lebenskraft begreifen, so muss man vor allem sich klar machen, dass, was noch heute aus jener verschwundenen Welt mit Jugendfrische weiterwirkt, die Macht grosser Persönlichkeiten ist.
Höchstes Glück der Erdenkinder
ist nur die   P e r s ö n l i c h k e i t,
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sagt Goethe; dieses höchste Glück besassen die Griechen wie nie ein Volk, und das gerade macht das Sonnige, Strahlende an ihrer Erscheinung aus. Ihre grossen Dichtungen, ihre grossen Gedanken sind nicht das Werk anonymer Aktiengesellschaften, wie die sogenannte Kunst und die sogenannte Weisheit der Ägypt-
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ter, Assyrer, Chinesen e tutti quanti; das Heldentum ist das Lebensprinzip dieses Volkes; der einzelne Mann tritt einzeln hervor, kühn überschreitet er den Bannkreis des allen Gemeinsamen, der instinktiv, unbewusst, nutzlos sich accumulierenden Civilisation, furchtlos haut er sich eine Lichtung in den immer dunkler werdenden Urwald der gehäuften Superstitionen: — er wagt es, Genie zu haben! Und aus diesem Wagestück entsteht ein neuer Begriff des Menschlichen; jetzt erst ist der Mensch „in das Tageslicht des Lebens eingetreten“.
   Der Vereinzelte vermöchte das jedoch nicht. Persönlichkeiten können nur in einer Umgebung von Persönlichkeiten sich als solche bemerkbar machen; Aktion gewinnt erst durch Reaktion ein bewusstes Dasein; das Genie kann einzig in einer Atmosphäre der „Genialität“ atmen. Haben wir uns also unzweifelhaft eine einzige, überragend grosse, unvergleichlich schöpferische Persönlichkeit als das bestimmende und durchaus unerlässliche primum mobile der gesamten griechischen Kultur zu denken, so müssen wir als das zweite charakteristische Moment dieser Kultur die Thatsache erkennen, dass die Umgebung sich einer so ausserordentlichen Persönlichkeit würdig erwies. Das Bleibende am Hellenentum, dasjenige, was es noch heute am Leben erhält und dazu befähigte, so vielen der Besten im 19. Jahrhundert ein leuchtendes Ideal zu sein, ein Trost und eine Hoffnung, das kann man in einem einzigen Wort zusammenfassen: es ist seine   G e n i a l i t ä t.   Was hätte ein Homer in Ägypten oder in Phönizien gefrommt? Die einen hätten ihn unbeachtet gelassen, die anderen ihn gekreuzigt; ja selbst in Rom — — — hier haben wir übrigens den Experimentalbeweis vor Augen. Ist es denn der gesamten griechischen Dichtkunst gelungen, auch nur einen einzigen Funken aus diesen nüchternen, unkünstlerischen Herzen zu schlagen? Giebt es unter den Römern ein einziges wahres

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Dichtergenie?  Ist es nicht ein Jammer, dass unsere Schulmeister dazu verurteilt sind, unsere frischen Kinderjahre durch die obligate Bewunderung dieser rhetorischen, gedrechselten, seelenlosen, erlogenen Nachahmungen echter Poesie zu vergällen? Und — denn auf ein paar Dichter mehr oder weniger kommt es wahrlich nicht an — merkt man nicht an diesem einen Beispiel, wie die gesamte Kultur mit der Kunst zusammenhängt? Was sagt man zu einer Geschichte, die mehr als 1200 Jahre umfasst und nicht einen einzigen Philosophen aufweist, ja, nicht einmal das kleinste Philosöphchen? zu einem Volk, das seine in dieser Beziehung wahrhaftig bescheidenen Ansprüche durch
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den Import der letzten, abgemarterten, blutärmsten Griechen decken muss, die aber nicht einmal Philosophen, sondern lediglich ziemlich platte Moralisten sind? Wie weit muss es mit der Ungenialität gekommen sein, wenn ein guter Kaiser, der in seinen Mussestunden Maximen aufgeschrieben hat, als „Denker“ der Verehrung kommender Geschlechter anempfohlen wird! ¹) Wo ist
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     ¹)   L u c r e t i u s   könnte man allenfalls nennen, sowohl als Denker wie als Dichter gewiss ein bewundernswerter Mann; die Gedanken sind aber überall eingestandenermassen griechische, und auch der poetische Apparat ist ein vorwiegend griechischer. Und dabei liegt doch auf seiner grossen Dichtung der tödliche Schatten jenes Skepticismus, der über kurz oder lang zur Unproduktivität führt, und der sorgfältig zu unterscheiden ist von der tiefen Erkenntnis wahrhaft religiöser Gemüter, die das Bildliche an ihren Vorstellungen gewahr werden, ohne deswegen an der erhabenen Wahrheit des innerlich Geahnten, Unerforschlichen zu zweifeln; wie wenn z. B. der Vedische Weise plötzlich ausruft:
„Von wannen sie entstanden, diese Schöpfung,
Ob sie geschaffen oder nicht geschaffen —
Wer über sie im höchsten Himmel wachet,
Der weiss es wohl! Oder weiss auch er es nicht?“
                                                    (Rigveda X, 129.)
oder wie Herodot in der vor wenigen Seiten angeführten Stelle, wo er meint, der Dichter habe die Götter geschaffen. Und Epikur selber, der „Gottesleugner“, der Mann, den Lucretius als den grössten aller Sterblichen bezeichnet, der Mann, von dem er seine ganze Lehre entnimmt — erfahren wir nicht gerade über Epikur, dass bei ihm „Religiosität gleichsam ein angeborenes Gefühl gewesen sein muss“

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ein grosser, schöpferischer Naturforscher unter den Römern? Doch nicht etwa der fleissige Konversationslexikonsredakteur Plinius? Wo ein Mathematiker von Bedeutung? Wo ein Meteorolog, ein Geograph, ein Astronom? Alles was unter Roms Herrschaft in diesen und anderen Wissenschaften geleistet wurde, alles ohne Ausnahme stammt von Griechen. Der poetische Urborn war aber versiegt, und so versiegte nach und nach auch bei den Griechen des Römertums das schöpferische Denken, die schöpferische Beobachtung. Der belebende Hauch des Genies war verweht; weder in Rom noch in Alexandrien war von dieser Himmelsnahrung des menschlichen Geistes für die noch immer
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aufwärts strebenden Hellenen etwas zu finden; in der einen Stadt erstickte der Nützlichkeitsaberglaube, in der anderen die wissenschaftliche Elephantiasis nach und nach jede Lebensregung. Zwar wurde die Gelehrsamkeit immer grösser, die Anzahl bekannter Thatsachen vermehrte sich unaufhörlich, die treibende Kraft nahm jedoch ab, anstatt zuzunehmen (welch letzteres nötig gewesen wäre), und so erlebte die europäische Welt, bei enormer Steigerung der Civilisation, einen progressiven Niedergang der Kultur — bis zur nackten Bestialität. Nichts dürfte für das Menschengeschlecht gefährlicher sein als Wissenschaft ohne Poesie, Civilisation ohne Kultur. ¹)
    Bei den Hellenen war der Verlauf ein ganz anderer. Solange die Kunst unter ihnen blühte, schlug die Leuchte des Geistes auf allen Gebieten hoch zum Himmel empor. Die Kraft, welche sich in Homer bis zu einer gewaltigsten Individualität durchgerungen hatte, lernte nun an ihm ihre Bestimmung erkennen,
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(siehe die von Goethe empfohlene Lebensskizze Epikur's von K. L. von Knebel)? „Nie“ rief Diokles aus, als er Epikur einstmals im Tempel fand, „nie habe ich Zeus grösser gesehen, als da Epikur zu seinen Füssen lag!“ Der Lateiner glaubte das letzte Wort der Weisheit mit seinem Primus in orbe deos fecit timor gesprochen zu haben; der Grieche dagegen kniete als aufgeklärter Mann noch inbrünstiger als ehedem vor dem herrlichen Gottesbilde nieder, welches Heldenmut sich frei erschaffen hatte, und bezeugte hiermit sein Genie.
    ¹) Vergl. in Kap. 9 die Ausführungen über China u. s. w.

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und zwar zunächst im engeren Sinne der rein künstlerischen Gestaltung einer Welt des Schönen Scheines. Um den strahlenden Mittelpunkt herum entstand ein unabsehbares Heer von Dichtern und ein reiche Skala von Dichtarten. Originalität bildete — gleich von Homer an — das Kennzeichen griechischen Schaffens. Natürlich richteten  sich untergeordnete Kräfte nach den hervorragenderen; es gab aber so viele hervorragende, und diese hatten so unendlich mannigfaltige Gattungen erfunden, dass hierdurch auch die geringere Begabung in die Lage versetzt wurde, das ihr genau Angemessene zu erwählen und ihr Höchstes zu leisten. Ich rede nicht allein von der tonvermählten Wortdichtung, sondern ebenfalls von der unerreichten Blüte der Dichtung für das Auge, welche im engsten Anschluss an jene wie ein vielgeliebtes, jüngeres Geschwister aufwuchs. Architektur, Plastik, Malerei, ebenso wie Epik, Lyrik, Dramatik, wie Hymnendichtung, Dithyrambik, Ode, Roman und Epigramm, sie alle waren Strahlen von jenem selben Licht der Kunstsonne, nur je nach dem einzelnen Auge verschieden gebrochen. Gewiss ist es lächerlich, wenn Schulmänner zwischen Bildung und Ballast nicht zu unterscheiden wissen und uns mit endlosen Aufzählungen unbedeutender griechischer Dichter und Bildhauer belästigen; die Empörung hiergegen, welche am Schluss des 19. Jahrhunderts sich mit wachsender Ungeduld zu rühren begann, soll uns willkommen sein; ehe wir aber die vielen überflüssigen Namen der verdienten Ver-
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gessenheit übergeben, wollen wir doch das Phänomen in seiner Gesamtheit bewundern; es bezeugt eine ewig begehrenswerte Herrschaft des guten Geschmacks, eine Feinheit des Urteils, wie sie bisher nicht wiederkehrte, und einen weitverbreiteten, schöpferischen Drang. Die griechische Kunst war ein wahrhaft lebendiges Wesen, darum lebt sie noch heute: was lebt, ist unsterblich. Sie besass einen festen, organischen Mittelpunkt, und sie gehorchte einem unwillkürlichen und darum unfehlbaren Gestaltungstrieb, der die üppigste Mannigfaltigkeit, sogar die tollsten Auswüchse und die mindest bedeutenden Bruchteile zu einem Ganzen verknüpfte. Kurz — und wenn man mir die scheinbare Tautologie verzeiht — hellenische Kunst war eine künstlerische

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Kunst, etwas was kein Einzelner, auch nicht ein Homer, bewirken kann, sondern was aus der Mitwirkung einer Gesamtheit entsteht. Seither hat sich derartiges nicht wieder ereignet, und deswegen lebt griechische Kunst nicht allein noch jetzt bildend und ermahnend in unserer Mitte, sondern die grössten, unserer Künstler (unserer Dichter in Handlungen, Tönen, Worten, Gestalten) haben, wie in den früheren Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, so auch noch im 19. Jahrhundert sich zu Griechenland hingezogen gefühlt wie zu einer Heimat. Der Mann aus dem Volk weiss allerdings bei uns von griechischer Kunst nur indirekt; für ihn haben die Götter nicht, wie für Epikur, einen noch höheren Olymp bestiegen; von roher asiatischer Skepsis und rohem asiatischen Aberglauben wurden sie herabgestürzt, und sie zerschellten; er begegnet ihnen aber auf unseren Brunnen und Theatervorhängen, im Park, wo er Sonntags frische Luft schöpft, und in den Museen (wo die Plastik auf die Menge immer mehr Anziehung ausübt als die Malerei). Der „Gebildete“ trägt Brocken von dieser Kunst als unverdauten Bildungsstoff im Kopfe: mehr Namen, als lebendige Vorstellungen; jedoch begegnet er ihr zu viel auf Schritt und Tritt, als dass er sie je ganz aus den Augen verlieren könnte; sie hat an dem Aufbau seines Geistesgerüstes oft mehr Anteil als er selber weiss. Der Künstler aber — und hiermit will ich jedes künstlerische Gemüt bezeichnen — kann nicht anders als voller Sehnsucht die Augen auf Griechenland richten, und zwar nicht allein wegen der einzelnen dort entstandenen Werke — seit dem Jahre 1200 ist auch bei uns manches Herrliche geboren: Dante steht allein, Shakespeare ist grösser und reicher als Sophokles, die Kunst eines Bach hat kein Grieche auch nur ahnen können — nein, was der Künstler dort findet und was ihm bei uns fehlt, das ist das   k ü n s t l e r i s c h e
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E l e m e n t,   die künstlerische Kultur. Die Grundlage des europäischen Lebens war seit den Römern eine politische: jetzt geht sie nach und nach in eine wirtschaftliche über. Bei den Griechen durfte kein freier Mann Handel treiben, bei uns ist jeder Künstler ein geborener Sklave: die Kunst ist für uns ein Luxus, ein Reich der Willkür, sie ist unserem Staate kein Bedürfnis und unserem

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öffentlichen Leben nicht der Gesetzgeber eines alles durchdringenden Schönheitsgefühls. Schon in Rom war es die Laune eines einzelnen Maecenas, welche die Blüte der Dichtkunst hervorrief; seither hingen die höchsten Thaten der herrlichsten Geister zumeist von der Baulust eines Papstes, der Eitelkeit eines klassisch gebildeten Fürsten, der Prachtliebe einer prunksüchtigen Kaufmannschaft ab, oder hin und wieder wehte ein belebender Hauch aus höheren Regionen, wie die von dem grossen und heiligen Franz von Assisi versuchte religiöse Wiedergeburt, welche zu unserer neuen Kunst der Malerei den ersten Anstoss gab, oder wie das allmähliche Erwachen des deutschen Gemütes, dem wir die herrliche neue Kunst, die deutsche Musik, verdanken. Was ist aber aus den Bildern geworden? Die Wandgemälde überkalkte man, weil man sie hässlich fand; die Tafelbilder entriss man den geheiligten Stätten der Andacht und hing sie alle nebeneinander an den Wänden der Museen auf; und dann — weil man sonst die „Entwickelung“ bis zu diesen gepriesensten Meisterwerken nicht wissenschaftlich hätte auseinandersetzen können — kratzte man dort den Kalk ab, so gut und so schlecht es ging, warf die frommen Mönche hinaus und machte aus Klöstern und compi santi eine zweite Klasse von Museen. Mit der Musik ging es nicht viel anders; ich habe selber in einer — noch dazu wegen ihres geläuterten Musiksinnes besonders gerühmten — Hauptstadt Europas eine Konzertaufführung von J. S. Bach's Matthäuspassion erlebt, in welcher nach jeder „Nummer“ geklatscht und der Choral „O Haupt voll Blut und Wunden!“ sogar da capo verlangt wurde! Wir haben vieles, was die Griechen nicht hatten, solche Beispiele lassen aber deutlich und schmerzlich empfinden, was uns abgeht und was jene besassen. Man begreift, dass Hölderlin dem heutigen Künstler zurufen konnte:
Stirb! du suchst auf diesem Erdenrunde,
Edler Geist, umsonst dein Element!
Es ist nicht Mangel an innerer Kraft, an Originalität, was des heutigen Künstlers Herz nach Griechenland zieht, wohl aber das
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Bewusstsein und die Erfahrung, dass der Einzelne, Vereinzelte

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gar nicht wirklich original sein   k a n n.   Originalität ist nämlich etwas ganz anderes als Willkür; Originalität ist im Gegenteil die freie Befolgung des von der besonderen Natur der betreffenden Persönlichkeit   u n w i l l k ü r l i c h   ihr vorgezeichneten Weges; gerade die Freiheit hierzu besteht aber für den Künstler nur in dem Element einer durch und durch künstlerischen Kultur; eine solche findet er heute nicht. Zwar wäre es durchaus ungerecht, unserer heutigen europäischen Welt künstlerische Regungen abzusprechen: in dem Interesse für Musik macht sich eine ganz gewaltige Gährung der Geister bemerkbar, und das für moderne Malerei greift zwar nur in bestimmte, aber doch in weite Kreise und erregt eine fast unheimliche Leidenschaftlichkeit; das alles bleibt jedoch ausserhalb des Lebens der Völker, es bildet eine Zugabe, eine Zugabe für Mussestunden und müssige Menschen; daher herrschen Mode und Laune und mannigfaltige Lüge, und die Atmosphäre, die den echten Künstler umgiebt, entbehrt jeglicher Elastizität. Selbst das kräftigste Genie ist bei uns gebunden, gehemmt, von vielen Seiten zurückgestossen. Und so lebt denn hellenische Kunst als ein verlorenes, wieder zu erstrebendes Ideal in unserer Mitte fort.

Das Gestalten
    Unter einem fröhlicheren Stern geniessen hellenische Philosophie und hellenische Naturforschung bei uns Kindern des 19. und 20. Jahrhunderts ein gern und dankbar gewährtes Gastrecht. Auch hier handelt es sich nicht um blosse lares und feiern wir nicht lediglich einen Ahnenkultus; hellenische Philosophie ist im Gegenteil äusserst lebendig unter uns, und hellenische Wissenschaft, so unbeholfen auf der einen Seite und so unbegreiflich intuitionskräftig auf der anderen, nötigt uns nicht allein ein historisches, sondern auch ein gegenwärtiges Interesse ab. Die reine Freude, die wir bei der Betrachtung hellenischen Denkens empfinden, dürfte zum Teil von dem Bewusstsein herkommen, dass wir hier über unsere grossen Vorfahren weiter hinausgeschritten sind. Unsere Philosophie ist philosophischer, unsere Wissenschaft wissenschaftlicher geworden: eine Progression, wie sie auf dem Gebiete der Kunst leider nicht stattgefunden hat. In

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Bezug auf Philosophie und Wissenschaft hat sich unsere neue Kultur ihres hellenischen Ursprunges würdig erwiesen; wir haben ein gutes Gewissen.
    Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier Beziehungen nachzuweisen, die jedem Gebildeten bekannt sein müssen: streng genetische, was die Philosophie anbelangt, da unser Denken erst
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bei der Berührung mit dem griechischen erwachte und sogar die zuletzt gereifte Kraft des Widerspruches und der Selbständigkeit aus ihm sog, — streng genetische ebenfalls, insofern die Grundlage aller exakten Wissenschaft in Betracht gezogen wird, die Mathematik, — minder genetische und in früheren Jahren eher hemmend als fördernd, was die beobachtenden Wissenschaften betrifft. ¹) Mir liegt nur das eine ob, in wenigen Worten zu sagen, welche heimliche Kraft diesen alten Gedanken so zähen Lebensgeist schenkte.
    Wie vieles Seitherige ist inzwischen zu ewiger Vergessenheit untergegangen, während Plato und Aristoteles, Demokrit, Euklid und Archimedes in unserer Mitte anregend und belehrend weiterleben und die halbfabelhafte Gestalt des Pythagoras mit jedem Jahrhundert grösser wird! ²) Und ich meine: was dem Denken eines Demokrit, eines Plato, eines Euklid, eines Aristarch ³) ewige Jugend verleiht, das ist genau der selbe Geist, die selbe Geisteskraft, welche Homer und Phidias unsterblich jung macht: es ist das   S c h ö p f e r i s c h e   und — in einem weitesten Sinne des Wortes — recht eigentlich   K ü n s t l e -
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r i s c h e.   Es kommt nämlich darauf an, dass die Vorstellung, durch welche der Mensch die innere Welt seines Ich's oder die äussere Welt zu bewältigen, sie seinem Wesen zu assimilieren
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    ¹) Zu diesem letzten Punkt muss jedoch bemerkt werden, dass manche glänzendste Leistung des hellenische Geistes auf diesem Gebiete uns bis vor kurzem unbekannt war.
    ²) Was die Rückkehr zu einer früheren Einsicht bedeutet. Als ein Orakel den Römern befohlen hatte, dem Weisesten der Hellenen ein Standbild zu errichten, stellten sie die Statue des Pythagoras auf.   (P l u t a r c h :   Numa, Kap. XI.)
    ³) Aristarch von Samos, der Entdecker des sogenannten Kopernikanischen Weltsystems.

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sucht, fest gezeichnet und durch und durch klar gestaltet werde. Blicken wir auf eine etwa dreitausendjährige Geschichte zurück, so sehen wir, dass der menschliche Geist sich durch die Kenntnis neuer Thatsachen allerdings erweitert hat,  bereichert dagegen einzig durch neue Ideen, d. h. durch neue Vorstellungen. Dies ist jene „schöpferische Kraft“, von der Goethe in den Wanderjahren redet, welche „die Natur verherrlicht“ und ohne welche, wie er meint, „das Äussere kalt und leblos bliebe“. ¹) Dauerhaftes aber schafft sie nur, wenn ihre Gebilde schön und durchsichtig sind, also künstlerisch.
„As imagination bodies forth
The forms of things unknown, the poet's pen
Turns them to shapes.“  (Shakespeare.)
    Auf deutsch: während die Phantasie die Vorstellung unerforschlicher Dinge hinausprojiziert, bildet sie des Dichters Griffel zu Gestalten um. Jene Vorstellungen allein, welche zu   G e s t a l t e n   umgebildet werden, machen einen dauernden Besitz des menschlichen Bewusstseins aus. Der Vorrat an Thatsachen ist ein sehr wechselnder, wodurch auch der Schwerpunkt des Thatsächlichen (wenn ich mich so ausdrücken darf,) einer beständigen Verschiebung unterliegt; ausserdem ist etwa die Hälfte unseres Wissens, oder noch mehr, ein Provisorium: was gestern als wahr galt, ist heute falsch, und an diesem Verhältnis wird auch die Zukunft schwerlich etwas ändern, da die Erweiterung des Wissensmaterials mit der Erweiterung des Wissens Schritt hält. ²) Was dagegen der Mensch als Künstler geformt, die Ge-
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    ¹) Man sieht, nach Goethe bedarf es eines schöpferischen Aktes des Menschengeistes, damit das Leben selber „belebt“ werde!
    ²) Ein allgemeines Lehrbuch der Botanik oder Zoologie aus dem Jahre 1875 ist z. B. heute nicht mehr zu gebrauchen und zwar nicht allein und nicht hauptsächlich wegen des neu hinzugekommenen Materials, sondern weil thatsächliche Verhältnisse anders aufgefasst und exakte Beobachtungen durch noch exaktere umgestossen werden. Man verfolge als Beispiel das Imbibitionsdogma mit seinen endlosen Beobachtungsreihen, von seinem ersten Auftreten, im Jahre 1838, bis zu seiner höchsten Blüte, etwa 1868;

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stalt, der er Lebensatem eingehaucht hat, geht nicht unter. Ich
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muss wiederholen, was ich oben schon sagte: was lebt, stirbt
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dann beginnt bald die Contremine, und im Jahre 1898 erfährt der wissbegierige Schüler gar nichts mehr davon. — Besonders interessant ist es zu beobachten, wie in der Zoologie, in der man am Anfang des 19. Jahrhunderts sehr vereinfachen zu dürfen geglaubt hatte, und wo man unter dem Einfluss Darwin's bestrebt gewesen war, alle Tiergestalten wenn irgend möglich auf einen einzigen Stamm zurückzuführen, jetzt, bei fortschreitender Zunahme der Kenntnisse, eine immer grössere Komplikation des ursprünglichen Typenschemas entdeckt wird. Cuvier glaubte mit vier „allgemeinen Bauplänen“ auszukommen. Bald aber war man gezwungen, sieben verschiedene, auf einander nicht zurückführbare Typen anzuerkennen, und vor etwa dreissig Jahren fand Carl Claus, dass neun Typen das Minimum sei. Dieses Minimum genügt aber nicht. Sobald man nicht einzig die menschliche Bequemlichkeit und die Bedürfnisse des Anfängers ins Auge fasst (wofür Richard Hertwig's bekanntes und sonst vortreffliches Lehrbuch ein klassisches Beispiel bietet), sobald man die strukturellen Unterschiede, ohne Bezug auf Formenreichtum und dergleichen gegen einander abwägt, kommt man bei den heutigen genaueren anatomischen Kenntnissen mit weniger als sechzehn verschiedenen, einander typisch gleichwertigen Gruppen nicht aus. (Siehe namentlich das meisterhafte Lehrbuch der Zoologie von Fleischmann, 1898.) — Zugleich haben sich die Anschauungen in Bezug auf manche grundlegende zoologische Thatsachen durch genaueres Wissen völlig verändert. So galt es z. B. vor zwanzig Jahren, als ich bei Karl Vogt Zoologie hörte, für ausgemacht, dass die Würmer in unmittelbarer genetischer Beziehung zu den Wirbeltieren stünden; selbst so kritisch selbständige Darwinisten wie Vogt hielten diese Thatsache für ausgemacht und wussten gar viel Herrliches über den Wurm zu erzählen, der es bis zum Menschen gebracht habe. Inzwischen haben viel genauere und umfassendere Untersuchungen über die Entwickelung der Tiere im Ei zu der Erkenntnis geführt, dass es innerhalb der „Gewebetiere“ (alle Tiere, heisst das, die nicht aus einfachen, trennbaren Zellen bestehen) zwei grosse Gruppen giebt, deren Entwickelung vom Augenblick der Eibefruchtung an nach einem grundverschiedenen Plane vor sich geht, so dass jede wahre — nicht bloss äusserlich scheinbare — Verwandtschaft zwischen ihnen ausgeschlossen ist, sowohl die von den Evolutionisten vorausgesetzte genetische, wie auch die rein architektonische. Und sieh da: die Würmer gehören zu der einen Gruppe (die ihren Höhepunkt in den Insekten findet), und die Wirbeltiere gehören zu der anderen und dürfen nur mehr von Tinten-

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nicht. Man weiss, dass heute die meisten Zoologen die Unsterblichkeit — die physische Unsterblichkeit — des Keimplasmas lehren; die Kluft zwischen organischer und unorganischer, das heisst zwischen belebter und unbelebter Natur, die man am Anfang des 19. Jahrhunderts überbrückt zu haben wähnte, wird täglich tiefer; ¹) hier ist zu einer Diskussion darüber nicht der
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fischen und Seeigeln abstammen! (Vergl. namentlich Karl Camillo Schneider: Grundzüge der tierischen Organisation in den Preussischen Jahrbüchern 1900, Julinummer, S. 73 fg.) Solche Thatsachen dienen als Belege und als Bestätigungen des S. 85 Behaupteten, und es ist durchaus notwendig, dass der Laie, der stets gewohnt ist, in der Wissenschaft seines Tages einen Gipfel zu vermuten, sie als ein Übergangsstadium zwischen einer vergangenen und einer zukünftigen Theorie erkennen lerne.
    ¹) Siehe z. B. das massgebende Werk des amerikanischen Zoologen E. B. Wilson (Professor in Columbia): The cell in Development and Inheritance, 1896, wo wir lesen: „Die Erforschung der Zellenthätigkeit hat im ganzen die gewaltige Kluft, welche selbst die allerniedrigsten Formen, des Lebens von den Erscheinungen der unorganischen Welt trennt, eher weiter aufgerissen als verengert.“ Die unbedingte Richtigkeit dieser Aussage vom rein naturwissenschaftlichen Standpunkt aus bezeugte mir vor kurzem Herr Hofrat   W i e s n e r.   — Wilson's Buch ist inzwischen (1900) in zweiter, vermehrter Auflage erschienen. Der citierte Satz steht S. 434 unverändert. Das ganze letzte Kapitel, Theories of Inheritance and Development, ist allen Denen zu empfehlen, die statt Phrasen eine wirkliche Einsicht in den augenblicklichen Zustand wissenschaftlicher Erkenntnis in Bezug auf die Grundthatsachen der tierischen Gestalt besitzen wollen. Sie werden ein Chaos finden. Wie der Verfasser (S. 434) sagt: „Die ungeheure Grösse des Problems der Entwickelung, gleichviel ob ontogenetisch oder phylogenetisch, ist unterschätzt worden.“ Jetzt sieht man ein, dass jedes neuentdeckte Phänomen nicht Aufklärung und Vereinfachung, sondern neue Verwirrung und neue Probleme bringt, so dass ein bekannter Embryolog (siehe Vorwort) vor kurzem ausrief: „Jedes Tierei scheint sein eigenes Gesetz in sich zu tragen!“ Rabl kommt in seinen Untersuchungen Über den Bau und die Entwickelung der Linse (1900) zu ähnlichen Ergebnissen; er findet, dass jede Tierart ihre spezifischen Sinnesorgane besitzt, deren Unterschiede schon in der Eizelle bedingt sind. So wird denn durch die Fortschritte der wahren Wissenschaft — und im Gegensatz zu dem Nonsens über Kraft und Stoff, mit dem Generationen von leichtgläubigen Laien verblödet

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Platz; ich führe diese Thatschache nur analogisch an, um mich zu rechtfertigen, wenn ich auch geistigem Gebiete zwischen organisierten und unorganisierten Vorstellungen streng unterscheide, und wenn ich meine Überzeugung ausspreche, dass etwas, was des Dichters Griffel zu einer lebendigen Gestalt geformt hat, noch niemals gestorben ist. Kataklysmen können derartige Gebilde verschütten, sie entsteigen aber nach Jahrhunderten ewig jung dem vermeintlichen Grabe; gar häufig kommt es auch vor, dass die Kinder des Gedankens, wie ihre Geschwister, die marmornen Standbilder, verstümmelt, zerstückelt oder ganz und gar zertrümmert werden; das ist aber eine mechanische Vernichtung, nicht Tod. Und so war denn die mehr als tausend Jahre alte Ideenlehre Plato's ein lebendiger Bestandteil des Geisteslebens des 19. Jahrhunderts, ein „Ursprung“ gar vieler Gedanken; fast jede philosophische Spekulation von Bedeutung hat wohl an einer oder der andern Seite bei ihr angeknüpft. Inzwischen beherrschte Demokrit's Geist die Naturwissenschaft: mag seine geniale Erdichtung der Atome, um dem heutigen Wissensmaterial angepasst zu werden, noch so tiefe Umgestaltungen haben erfahren müssen, er bleibt doch der Erfinder, der Künstler, er ist es, der (um mit Shakespeare zu reden) das Unerforschliche durch die Kraft seiner Phantasie hinausprojiziert und diese Vorstellung dann gestaltet hat.

Plato
    Beispiele der Weise, in welcher hellenische Gestaltungskraft den Gedanken Leben und Wirksamkeit verliehen hat, sind leicht zu nennen. Man nehme Plato's Philosophie. Sein Material ist kein neues; er setzt sich nicht hin, wie etwa Spinoza, um aus den
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Tiefen des eigenen Bewusstseins ein logisches Weltsystem herauszukalkulieren; ebensowenig greift er mit der grossartigen Unbefangenheit (ingenuitas) des Descartes der Natur in die Eingeweide, in dem Wahn, dort als Welterklärung ein Räderwerk
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worden sind — unsere Auffassung des Lebens eine immer „lebendigere“, und der Tag ist wohl nicht mehr fern, wo man einsehen wird, dass es vernünftiger wäre, das Unbelebte vom Standpunkt des Lebendigen aus, als umgekehrt, deuten zu wollen. (Ich verweise auf meinen Immanuel Kant, S. 482 fg.)

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zu entdecken; vielmehr nimmt er hier und dort, was ihm das beste dünkt — bei den Eleaten, bei Heraklit, bei den Pythagoräern, bei Sokrates — und gestaltet daraus kein eigentlich logisches, wohl aber ein künstlerisches Ganzes. Die Stellung Plato's zu den früheren Philosophen Griechenlands ist derjenigen Homer's zu den vorangegangenen und zeitgenössischen Sängern durchaus nicht unähnlich. Auch Homer „erfand“ wahrscheinlich nichts (ebensowenig wie später Shakespeare); er griff aber aus verschiedenen Quellen dasjenige heraus, was zu seinem Zwecke passte, und fügte es zu einem neuen Ganzen zusammen, zu etwas durchaus Individuellem, begabt mit den unvergleichlichen Eigenschaften des lebendigen Individuums, behaftet mit den von dem Wesen des Individuums nicht zu trennenden engen Grenzen, Lücken, Eigenheiten, — denn jegliches Individuum spricht mit dem Gott der ägyptischen Mysterien: „Ich bin, der ich bin,“ und steht als ein neues Unerforschliches, nicht zu Ergründenes da. ¹) Ähnlich Plato's Weltanschauung. Professor Zeller, der berühmte Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie meint: „Plato ist zu sehr Dichter, um ganz Philosoph zu sein.“ Es dürfte schwer fallen, dieser Kritik irgend einen bestimmten Sinn abzugewinnen. Gott weiss, was ein „Philosoph“ in   a b s t r a c t o   sein mag; Plato war er selber, kein andrer; und an ihm erkennen wir, wie ein Geist gestaltet sein musste, um griechisches Denken zu seiner höchsten Blüte zu führen. Er ist der Homer dieses Denkens. Wenn ein Mann, der die nötige Kompetenz besässe, die Lehre Plato's derartig zergliederte, dass man deutlich gewahr würde, welche Bestandteile nicht durch den Vorgang des genialen Wiedergebärens allein, sondern als ganz neue Erfindungen ureigenes Eigentum des grossen Denkers sind, so würde das   D i c h t e r i s c h e   seines Verfahrens gewiss besonders klar werden. Montesquieu nennt Plato denn auch (in seinen Pensées) einen der vier grossen Dichter der Menschheit. Namentlich
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    ¹) „Ein echtes Kunstwerk bleibt wie ein Naturwerk für unsern Verstand immer unendlich; es wird angeschaut, empfunden; es wirkt, es kann aber nicht eigentlich erkannt, viel weniger sein Wesen, sein Verdienst mit Worten ausgesprochen werden.“ (Goethe.)

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würde dasjenige, was man als widerspruchsvoll, als nicht Zusammenzureimendes tadelt, sich als   k ü n s t l e r i s c h e   N o t -
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w e n d i g k e i t   erweisen. Das Leben ist an und für sich ein Widerspruch: „la vie est l'ensemble des fonctions qui résistent à la mort“ sagte der grosse Bichat; jedes Lebendige hat darum zugleich etwas Fragmentarisches und etwas gewissermassen Willkürliches an sich; einzig durch die freie, poetische — doch nur bedingt gültige — Zuthat des Menschen gelingt es, die beiden Enden des magischen Gürtels aneinander zu knüpfen; Kunstwerke bilden keine Ausnahme: Homer's Ilias ist ein grossartiges Beispiel hiervon, Plato's Weltanschauung ein zweites, Demokrit's Welttheorie ein ebenso bedeutendes. Und während die prächtig „logisch“ ausgemeisselten Philosophien und Theorien eine nach der anderen in dem Abgrund der Zeit verschwinden, reihen sich jene alten Ideen noch jugendfrisch an unsere neuesten an. Man sieht: nicht die „objektive Wahrheit“ ist das Ausschlaggebende, sondern die Art der Gestaltung, „l'ensemble des fonctions“, würde Bichat sagen.
   Noch eine Bemerkung in Bezug auf Plato; wiederum nur eine Andeutung — denn zu jeder Ausführung fehlt mir der Raum — genug aber, hoffe ich, damit nichts unklar bleibt. Dass indisches Denken einen geradezu bestimmenden Einfluss auf die griechische Philosophie ausgeübt hat, steht nunmehr fest; unsere Hellenisten und Philosophen haben sich zwar lange mit dem wütenden Eigensinn vorurteilsvoller Gelehrten dagegen gesträubt: alles sollte in Hellas autochton entstanden sein, höchstens die Ägypter und die Semiten hätten bildend gewirkt — wobei allerdings für die Philosophie wenig zu profitieren gewesen wäre; die neueren Indologen haben jedoch das bestätigt gefunden, was die ältesten (namentlich der geniale Sir   W i l l i a m   J o n e s)   sofort vermutet hatten. Insbesondere ist für Pythagoras der Nachweis einer eingehenden Bekanntschaft mit indischen Lehren ausführlich dargebracht worden, ¹) und da Pythagoras immer deutlicher als der
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    ¹) Vergl. hierüber namentlich Schroeder: Pythagoras und die Inder (1884).

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Stammvater des griechischen Denkens hervortritt, ist das schon viel. Ausserdem ist eine unmittelbare Beeinflussung der Eleaten, des Heraklit, des Anaxagoras, des Demokrit u. s. w., höchst wahrscheinlich gemacht worden. ¹) Unter diesen Bedingungen kann es nicht wunder nehmen, wenn ein so hoher Geist wie Plato durch manche irreführende Zugabe hindurchdrang und — namentlich betreffs etlicher Kernpunkte aller echten Metaphysik
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— mit den erhabensten Anschauungen der indischen Denker genau übereinstimmt. ²) Man vergleiche aber Plato und die Inder, seine Werke, und ihre Werke! Da wird man nicht länger im Zweifel sein, warum Plato lebt und wirkt, die indischen Weisen dagegen zwar auch noch leben, ohne aber auf die weite Welt, auf die werdende Menschheit unmittelbar zu wirken. Das indische Denken ist, was Tiefe und umfassende Vielseitigkeit anbelangt, unerreicht; meinte aber Professor Zeller, Plato sei „zu sehr Dichter, um ganz Philosoph zu sein“, so ersehen wir aus dem Beispiel der Inder, was aus einer Weltanschauung wird, wenn ein Denker zu „ganz“ Philosoph ist, um noch zugleich ein bisschen Dichter zu sein. Dieses reine Denken der Inder entbehrt aller Mitteilbarkeit — was einen zugleich naiven und tiefen Ausdruck darin findet, dass nach den indischen Büchern die höchste, letzte Weisheit einzig   d u r c h   S c h w e i g e n   gelehrt werden kann. ³)
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    ¹) Die beste mir bekannte Zusammenstellung aus letzterer Zeit ist die von Garbe in seiner Sâmkhya-Philosophie (1894), S. 85 fg.; dort findet man auch die wichtigste Litteratur erwähnt.
    ²) Für den Vergleich zwischen Plato und den Indern in Bezug auf die Erkenntnis der empirischen Realität und transscendentalen Idealität der Erfahrung siehe namentlich Max Müller: Three lectures on the Vedânta Philosophy (1894), S. 128 fg. Plato's Stellung den Eleaten gegenüber wird hierdurch eigentlich erst ganz klar. Umfassenderes in Deussen's Werken, namentlich in seinem Vortrag: „Über die Philosophie des Vedânta in ihrem Verhältnis zu den metaphysischen Lehren des Westens“, in englischer Sprache gehalten und in Bombay (1893) erschienen. (Eine deutsche Übersetzung aus meiner Feder brachten die Bayreuther Blätter, Jahrgang 1895, S. 125 fg.)
    ³) „Als Bâhva von dem Vâhskâli befragt wurde, da erklärte ihm dieser das Brahman dadurch, dass er schwieg. Und Vâshkâli

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Ganz anders der Grieche! Koste, was es wollte, er muss „die Vorstellung unerforschlicher Dinge hinausprojizieren und gestalten“. Man lese in diesem Zusammenhang die mühsame Auseinandersetzung in Plato's Theaitetos, wo Sokrates zuletzt zugiebt, es könne einer im Besitz der Wahrheit sein, ohne dass er sie zu erklären vermöge, das sei aber noch keine Erkenntnis; was Erkenntnis sei, bleibt allerdings zum Schluss (ein Beweis von Plato's Tiefsinnigkeit) unentschieden; im kulminierenden Punkte des Dialogs jedoch wird sie als „richtige Vorstellung“ bezeichnet, und gesagt, über richtige Vorstellung müsse man „Rede stehen und Erklärung geben können“; ebenfalls hierher gehört die be-
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rühmte Stelle Timäos, wo der Kosmos mit einem „lebendigen Tiere“ verglichen wird. Es   m u s s   vorgestellt und gestaltet werden: das ist das Geheimnis des Griechen, von Homer bis Archimedes. Plato's Ideenlehre verhält sich zur Metaphysik genau ebenso wie Demokrit's Atomenlehre zur physischen Welt: es sind Werke einer freischöpferischen, gestaltenden Kraft und in ihnen quillt, wie in allen echten Kunstwerken, ein unerschöpflicher Born symbolischer Wahrheit. Derartige Schöpfungen verhalten sich zu materiellen Thatsachen wie die Sonne zu den Blumen. Nicht Segen allein empfingen wir von den Hellenen; im Gegenteil, einiges, was von ihnen sich herleitet, bedrückt noch wie ein banger Alp unsere aufstrebende Kultur; was wir aber Gutes von ihnen erbten, war vor allem solch blütentreibender Sonnenschein.

Aristoteles
    Unter dem unmittelbaren Einfluss Plato's schiesst einer der kräftigsten Stämme in die Höhe, welche die Welt jemals erblickte:   A r i s t o t e l e s.   Dass Aristoteles sich in gewissen Beziehungen als Gegensatz zu Plato entwickelte, ist in der Natur seines In-
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sprach: lehre mir, o Ehrwürdiger, das Brahman! Jener aber schwieg stille. Als nun der andere zum zweitenmale oder drittenmale fragte, da sprach er: ich lehre dich es ja, du aber verstehst es nicht; dieses Brahman ist Schweigen.“ (Çankara in den Sûtra's des Vedânta, III, 2, 17). Und in der Taittiriya-Upanishad lesen wir (II. 4): „Vor der Wonne der Erkenntnis kehrt alle Sprache um, auch alles Denken, unfähig sie zu erreichen.“

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tellektes begründet; ohne Plato wäre er überhaupt kein Philosoph, wenigstens kein Metaphysiker geworden. Eine kritische Würdigung dieses grossen Mannes, wenn auch nur in Bezug auf den bestimmten Gegenstand dieses Kapitels, ist mir unmöglich; sie würde zu weit führen. Ich konnte ihn aber nicht ungenannt lassen, und ich darf wohl voraussetzen, dass die Gestaltungskraft, welche in seinem logischen „Organon“, in seiner „Tiergeschichte“, in seiner „Poetik“ u. s. w. sich verkündet und durch alle seitherigen Jahrhunderte bewährt hat, Keinem entgehen kann. Um mir ein Wort des Scotus Erigena anzueignen: die naturalium rerum discretio war das Gebiet, auf dem er Unerreichtes schuf, die fernsten Geschlechter zu Dank verpflichtend. Nicht dass er Recht hatte, war Aristoteles' Grösse — kein Mann ersten Ranges hat sich öfter und flagranter geirrt als er — sondern dass er keine Ruhe kannte, bis er auf allen Gebieten des menschlichen Lebens „gestaltet“ und Ordnung im Chaos geschaffen hatte. ¹) Insofern ist er ein echter Hellene. Freilich haben wir diese „Ordnung“ teuer bezahlt. Aristoteles war weniger Dichter als vielleicht irgend ein anderer unter den bedeutenden Philosophen Griechenlands; Herder sagt von ihm, er sei „vielleicht der trockenste Geist, der je den Griffel geführt“; ²)
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er muss, glaube ich, selbst Herrn Professor Zeller genug „ganz Philosoph“ sein; jedenfalls war er es genug, um — dank seiner hellenischen Gestaltungskraft — mehr hartnäckigen Irrtum in die Welt zu säen, als jemals ein Mann vor ihm oder nach ihm. Die Naturwissenschaften waren bis vor kurzen an allen Ecken und Enden durch ihn gehemmt; die Philosophie, und namentlich die Metaphysik, hat ihn noch nicht abgeschüttelt; unsere Theologie ist — ja, wie soll ich sagen? — sie ist sein uneheliches Kind. Wahrlich, dieses grosse und bedeutende Erbe der alten Welt war ein zweischneidiges Schwert. Ich komme
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    ¹) Eucken sagt in seinem Aufsatz: „Thomas von Aquin und Kant“ (Kantstudien, 1901, VI, S. 12, oder S. 30 des S. A.), die geistige Arbeit Aristoteles' sei „ein künstlerisches, genauer noch ein plastisches Gestalten“.
    ²) Ideen zur Geschichte der Menschheit, Buch XIII, Kap. 5.

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gleich in einem anderen Zusammenhang auf Aristoteles und die griechische Philosophie zurück; hier will ich nur noch hinzufügen, dass die Griechen allerdings eines Aristoteles sehr bedurften, der auf empirische Methoden den Nachdruck legte und in allen Dingen den goldenen Mittelweg empfahl; in ihrem genialen Übermute und Schaffensdrange waren sie geneigt, hinaus und hinauf zu stürmen mit einer leichtfertigen Missachtung des ernsten Bodens der Realität, die mit der Zeit Unheil schaffen musste; charakteristisch ist jedoch, dass Aristoteles, so ganz Hellene er auch war, auf die Entwickelung des griechischen Geisteslebens zunächst von verhältnismässig geringem Einfluss blieb; der gesunde Instinkt eines schaffensfreudigen Volkes empörte sich gegen eine so tödlich heftige Reaktion und empfand vielleicht dunkel, dass dieser angebliche Empiriker als Heilmittel das Gift des Dogmas mit sich führte. Aristoteles war nämlich von Beruf Arzt, — er gab das grosse Beispiel des Arztes, der seinen Patienten umbringt, um ihn zu heilen. Doch jener erste Patient war widerspenstig; er rettete sich lieber in die Arme des neoplatonischen Quacksalbers. Wir armen Spätgeborenen erbten nun Arzt und Quacksalber zugleich, die beide unseren gesunden Körper mit ihren Droguen tränken. Gott stehe uns bei!

Naturwissenschaft
    Ein Wort noch über hellenische Wissenschaft. Es ist nur natürlich, dass die wissenschaftlichen Errungenschaften der Griechen für uns kaum mehr als ein historisches Interesse besitzen; sie sind längst überholt. Was uns jedoch nicht gleichgültig lassen kann, ist die Wahrnehmung des unglaublichen Aufschwunges, den die richtige Deutung der Natur unter dem Einflusse der Entfaltung neuentdeckter künstlerischer Fähigkeiten nahm. Unwillkürlich wird man an Schiller's Behauptung erinnert: man könne den Schein von der Wirklichkeit nicht sondern, ohne zugleich die Wirklichkeit von dem Scheine zu reinigen.
   Wenn es ein Gebiet giebt, auf welchem man weniger als nichts von den Hellenen erwarten würde, so ist es das der
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E r d k u n d e.   Was wir in ihren Dichtungen gelesen zu haben uns erinnern — die Irrfahrten des Odysseus und der Io u. s. w. — schien gar verwirrt und wurde durch die sich widersprechen-

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den Kommentare nur noch verwirrter. Bis zu Alexander's Zeiten sind die Griechen ausserdem nicht weit in der Welt herumgekommen. Man nehme aber Dr. Hugo Berger's: Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen zur Hand, ein streng wissenschaftliches Werk, und man wird aus dem Staunen nicht herauskommen. Auf der Schule erfahren wir zumeist nur von Ptolemäus etwas, und seine geographische Karte mutet uns fast ebenso sonderbar an, wie seine ineinander geschachtelten Himmelsphären; das ist jedoch alles das Ergebnis einer Zeit des Verfalles einer zwar unendlich vervollkommneten, dabei aber intuitionsschwach geworden Wissenschaft, der Wissenschaft eines rassenlosen Völkerchaos; dagegen lasse man sich über die geographischen Vorstellungen der echten Griechen unterrichten, von Anaximander an bis zu Erathostenes, und dann wird man Berger's Behauptung verstehen: „Die Leistungen des wunderbar begabten Griechenvolkes auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Erdkunde sind der Arbeit wahrlich wert. Noch heute begegnen wir ihren Spuren auf Schritt und Tritt und können die von ihnen geschaffenen   G r u n d l a g e n   nicht entbehren“ (I, S. VI.). Besonders auffallend sind die verhältnismässig ausgebreiteten Kenntnisse und die gesunde Vorstellungskraft der alten Ionier. Später erfolgten bedenkliche Rückschritte und zwar vornehmlich durch den Einfluss „der Verächter der Physik, Meteorologie und Mathematik, durch die   v o r s i c h t i g e n   L e u t e,   die nur dem eigenen Auge. oder der von Augenzeugen eigens erworbenen, glaubhaften Kunde trauen wollten“ (I, 139). Noch später gesellten sich dann so kräftige wissenschaftliche Vorurteile dazu, dass die Reisen des „ersten Nordpolfahrers“, Pytheas (ein Zeitgenosse des Aristoteles) mit ihren genauen Beschreibungen der Küsten Galliens und Britanniens, ihren Erzählungen vom Eismeer, ihren so entscheidenden Beobachtungen über die Tag- und Nachtlänge in nördlichen Breiten von allen Gelehrten des Altertums für   L ü g e n   erklärt wurden (III, 7, dazu das heutige Urteil III, 36). Philipp Paulitschke macht ebenfalls in seinem Werke: Die geographische Erforschung des afrikanischen Kontinents (zweite Ausgabe S. 9) darauf aufmerksam, dass Herodot eine weit rich-

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tigere Vorstellung der Umrisse von Afrika besessen habe als Ptolemäus. Dieser galt aber als „Autorität“. Es hat ein eigenes Bewenden mit diesen allverehrten „Autoritäten“; und mit auf-
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richtigem Bedauern stelle ich fest, dass wir von den Hellenen nicht allein die Ergebnisse ihrer — nach Berger — „wunderbaren Begabung“, sondern auch ihre Autoritätenzüchtung und ihren Autoritätenglauben geerbt haben. — Eigentümlich lehrreich ist in dieser Beziehung die Geschichte der Petrefaktenkunde. Mit der vollen Naivetät der unverdorbenen Anschauungskraft hatten die alten Griechen lange vor Plato und Aristoteles die Muscheln auf den Bergesspitzen und sogar die Abdrücke von Fischen für das erkannt, was sie sind; Männer wie Xenophanes und Empedokles hatten darauf entwickelungsgeschichtliche und geocyklische Lehren gegründet. Die Autoritäten erklärten jedoch diese Annahme für unsinnig; als die Thatsachen sich häuften, wurden sie durch die herrliche Theorie der vis plastica aus der Welt geschafft; ¹) und erst im Jahre 1517 wagte es ein Mann, die alte Meinung wieder auszusprechen, die Bergesspitzen hätten einst auf dem Meeresboden gelegen: „Im Jahre der Reformation war man also, nach anderthalb Jahrtausenden, wieder auf dem Punkte des klassischen Altertums angekommen.“ ²) Fracastorius blieb aber mit seiner Anschauung ziemlich vereinzelt, und, will man ermessen — was heute nach den Fortschritten der Wissenschaften wirklich sehr schwer fällt — eine wie grosse, verehrungswürdige Kraft der Wahrheit in dem Auge dieser alten Poeten lag (Xenophanes und Empedokles waren beide in erster Reihe Dichter und Sänger), so empfehle ich, in den Schriften des Freigeistes Voltaire nachzulesen und zu sehen, mit welchem Spott die Paläontologen noch im Jahre 1768 von ihm überhäuft werden. ³) Ebenso belustigend sind die krampfhaften Versuche
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    ¹) Nach Quenstedt stammt diese Hypothese von Avicenna; sie ist aber auf Aristoteles zurückzuführen und wurde von Theophrast ausdrücklich gelehrt (siehe Lyell: Principles of Geology, 12 Ausg., I, 20).
    ²) Quenstedt: Handbuch der Petrefaktenkunde, 2. Aufl., S. 2.
    ³) Siehe: Des singularités de la Nature, Kap. XII bis XVIII,

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seines Skepticismus, sich gegen die Evidenz zu wehren. Man hatte Austern auf dem Mont Cenis gefunden: Voltaire meint, sie seien von den Hüten der Rompilger abgefallen! Hippopotamusknochen waren unweit Paris aufgegraben worden: Voltaire meint, un curieux a eu autrefois dans son cabinet le squelette d'un hippopotame! Man sieht, die Skepsis genügt nicht,
scharfsichtig zu machen. ¹) Dagegen liefern uns die ältesten
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Dichtungen Beispiele eines eigentümlichen Scharfblickes. Schon in der Ilias z. B. heisst Poseidon der „Erderschütterer“; dieser Gott, d. h. also das Wasser und namentlich das Meer, wird immer als Ursache der Erdbeben genannt: das stimmt mit den Ergebnissen der modernsten Wissenschaft genau überein. Jedoch will ich auf solche Züge nur als Kontrast zu der Beschränktheit jener Helden einer angeblichen „Aufklärung“ hingewiesen haben. — Weit auffallenderen Beispielen der Reinigung der Wirklichkeit von dem Scheine begegnen wir auf dem Gebiete der Astrophysik, namentlich in der Schule des Pythagoras. Die Lehre von Kugelgestalt der Erde findet sich schon bei den frühesten Adepten, und selbst das viele Phantastische, was den Vorstellungen dieser Älteren noch anhaftete, ist äusserst lehrreich, weil es das zukünftige Richtige gewissermassen in nuce enthält. ²) Und so gesellte sich denn bei den Pythagoreern mit der
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und L'homme aux quarante écus, Kap. VI., beide Schriften aus dem Jahre 1768. Ähnliches in seinen Briefen (siehe namentlich: Lettre sur un écrit anonyme, 19. 4. 1772.)
    ¹) Dieser selbe Voltaire scheute sich nicht, die grossartigen astronomischen Spekulationen der Pythagoreer als „galimatias“ zu bezeichnen, wozu der berühmte Astronom Schiaparelli mit Recht bemerkt: „Solche Männer sind nicht wert zu verstehen, welche gewaltige spekulative Kraft nötig war, um zu der Idee von der Kugelgestalt der Erde, ihres freien Schwebens im Raume und ihrer Beweglichkeit zu gelangen: Ideen, ohne welche wir weder einen Kopernikus, noch einen Kepler, einen Galilei, einen Newton gehabt hätten“ (im unten citierten Werke, S. 16).
    ²) Zeller: Die Philosophie der Griechen, 5. Aufl. T. 1., S. 414 fg. Mehr technisch, aber ungemein lichtvoll auseinandergesetzt in der Schrift von Schiaparelli: Die Vorläufer des Kopernikus im Altertum (nach dem italienischen Original ins Deutsche übertragen

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Zeit zu der Lehre von der Kugelgestalt der Erde und von der Neigung der Erdbahn auch die der Achsendrehung sowie der Bewegung um einen Mittelpunkt im Raume, — verbürgt von Philolaus an, einem Zeitgenossen des Demokrit; eine Generation nachher war auch das hypothetische „Centralfeuer“ durch die Sonne ersetzt. Nicht als Philosoph freilich, sondern als Astronom hat dann später (etwa 250 v. Chr.)   A r i s t a r c h   das heliozentrische System klar begründet, die Entfernung von Sonne und Mond zu berechnen unternommen und in der Sonne (1900 Jahre vor Giordano Bruno) einen der zahllosen Fixsterne
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erkannt. ¹) Welche Kraft der Phantasie, des Shakespeareschen
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vom Verfasser und M. Curtze, erschienen in der Altpreussischen Monatsschrift, Jahrgang 1876). „Wir sind in der Lage, konstatieren zu können, dass die Entwickelung der physischen Prinzipien dieser Schule durch logische Verkettung der Ideen zur Theorie der Bewegung der Erde führen   m u s s t e“   (S. 5 fg.). Weit Ausführlicheres über „die geradezu revolutionäre Anschauung, dass nicht die Erde den Mittelpunkt des Universums einnehme“, in dem vor kurzem erschienenen Buch von Wilhelm Bauer: Der ältere Pythagoreismus (1897), S. 54 fg., 64 fg. u. s. w. (Lesenswert ist noch heute der Aufsatz von Ludwig Ideler: Über das Verhältnis des Kopernikus zum Altertum, in dem von Fr. Aug. Wolf herausg. Museum für Altertumswissenschaft, Jahrg. 1810, S. 391 fg.)
    ¹) „Aristarch stellt die Sonne unter die Zahl der Fixsterne und lässt die Erde sich durch den Sonnenkreis (d. h. die Ekliptik) bewegen und sagt, sie werde je nach ihrer Neigung beschattet“, berichtet Plutarch. Für dieses und die anderen Zeugnisse in Bezug auf Aristarch vergl. die genannte Schrift des Schiaparelli (S. 121 fg. und 219). Übrigens ist dieser Astronom überzeugt, dass Aristarch nur lehrte, was schon zu Lebzeiten des Aristoteles entdeckt war (S. 117), und auch hier zeigt er, wie auf dem von den Pythagoreern eingeschlagenen Wege das Richtige herauskommen m u s s t e.   Ohne Aristoteles und ohne den Neoplatonismus wäre das heliozentrische System schon bei der Geburt Christi allgemein als wahr anerkannt gewesen; wahrlich, der Stagyrit hat seine Stellung als offizieller Philosoph der orthodoxen Kirche redlich verdient! Dagegen hat sich die Märe, dass schon die Ägypter irgend etwas zu der Lösung des astrophysischen Problems beigetragen hätten, wie so manche andere ägyptische Märe, als gänzlich unhaltbar erwiesen (Schiaparelli, S. 105-6). Übrigens meldet Kopernikus selber in seiner Vorrede an Papst Paul III: „Ich fand zuerst bei Cicero, dass Nicetus

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„Hinausprojizierens“, dies voraussetzt, hat die Folge gezeigt: Bruno büsste seine Vorstellungskraft mit dem Leben, Galilei mit der Freiheit; erst im Jahre 1822 (2000 Jahre nach Aristarch) hat die römische Kirche das Werk des Kopernikus aus dem Index gestrichen und den Druck von Büchern, welche die Bewegung der Erde lehren, gestattet, ohne aber die Bullen aufzuheben, in denen verboten wird, an die Bewegung der Erde zu glauben, noch ihre Geltung irgendwie einzuschränken. ¹) Auch darf nie übersehen werden, dass diese geniale Reinigung der Wirklichkeit vom Scheine von den als Mystagogen verschrieenen Pythagoreern ausging und an dem Idealisten Plato, namentlich gegen Schlüss seines Lebens, eine Stütze fand, während der Verkünder der alleinseligmachenden Induktion, Aristoteles, mit der ganzen Wucht seiner Empirie gegen die Lehre von einer Bewegung der Erde herzog. „Die Pythagoreer“, schreibt er mit Bezug auf die von ihm geleugnete Achsendrehung der Erde, „leiten Gründe und Ursachen nicht aus den beobachteten Erscheinungen ab, sondern sind bestrebt, die Erscheinungen mit etlichen eigenen Ansichten und Voraussetzungen zu vereinigen; auf diese Art versuchen sie in die Weltbildung einzugreifen“ (De coelo, II, 13). Diese Gegenüberstellung sollte wohl manchem Sohne unserer Zeit zu denken geben; denn an aristotelisierenden Naturforschern fehlt es uns nicht, und in unseren neuesten wissenschaftlichen Lehren steckt nicht weniger halsstarriger Dogmatikus als in denen der aristotelico-semito-christ-
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lichen Kirche. ²) — Ein ganz anders geartetes Beispiel des leben-
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geglaubt habe, die Erde bewege sich. Nachher fand ich auch bei Plutarch, dass einige andere ebenfalls dieser Meinung gewesen seien. Hiervon also Veranlassung nehmend, fing auch ich an, über die Beweglichkeit der Erde nachzudenken....“
    ¹) Vergl. Franz Xaver Kraus in der Deutschen Litteraturzeitung, 1900, Nr. 1.
    ²) Was der englische Physiker John Tyndall in seiner bekannten Rede in Belfast, 1874, sagte: „Aristoteles setzte Worte an die Stelle der Dinge; er predigte Induktion, ohne sie auszuüben“, wird eine spätere Zeit von manchem Ernst Haeckel des 19. Jahrhunderts als ebenso zutreffend erachten. — Nebenbei verdient erwähnt zu werden, dass auch das System des Tycho de Brahe hellenischen Ur-

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spendenden Einflusses griechischer Gestaltungskraft geben uns die Fortschritte der Mathematik, speziell der Geometrie. Pythagoras ist der Begründer der wissenschaftlichen Mathematik in Europa; dass er seine Kenntnisse, namentlich den sogenannten „Pythagoreischen Lehrsatz“, den Begriff der irrationalen Grössen, und — höchst wahrscheinlich — auch seine Arithmetik den Indern verdankt, ist allerdings erwiesen, ¹) und von der abstrakten Zahlenrechnung, deren angeblich „arabische Ziffern“ wir den arischen Indern verdanken, sagt Cantor: „Die Algebra entwickelte sich bei den Indern zu einer Höhe, die sie in Griechenland niemals zu erreichen vermocht hat.“ ²) Man sehe aber, zu welcher durchsichtigen Vollkommenheit die Griechen die Mathematik der Anschauung, die Geometrie gebracht haben! In der Schule Plato's war jener Euklid gebildet, dessen „Elemente der Geometrie“ ein so vollkommenes Kunstwerk sind, dass er wirklich sehr zu bedauern wäre, wenn die Einführung neuerer erleichterter Lehrmethoden einen solchen Edelstein aus dem Gesichtskreis der meisten Gebildeten entfernen sollte. Vielleicht gäbe ich meiner Vorliebe für Mathematik einen zu naiven Ausdruck, wenn ich gestünde, Euklid's Elemente dünken mich fast eben so schön wie Homer's Ilias? Jedenfalls darf ich es als keinen Zufall betrachten, wenn der unvergleichliche Geometer zugleich ein begeisterter Tonkünstler war, dessen „Elemente der Musik“, wenn wir sie in der ursprünglichen Gestalt besässen, vielleicht ein würdiges Gegenstück zu seinen „Elementen der Geometrie“ bilden würden. Und ich darf hierin den stammverwandten poetischen Geist erkennen, jene Kraft des Hinausprojizierens und des künstlerischen Gestaltens der Vorstellungen. Auch dieser Sonnenstrahl wird nicht bald erlöschen. — In Beziehung hierauf kann man noch eine für unseren Gegenstand höchst wichtige Bemerkung
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sprungs ist, worüber das Nähere bei Schiaparelli (a. a. O., S. 107 fg. und namentlich S. 115²); dem Reichtum dieser Phantasie entging eben keine mögliche Kombination.
    ¹) Siehe Leopold von Schroeder: Pythagoras und die Inder, S. 39 fg.
    ²) Cantor: Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, I, 511. (Citiert nach Schroeder S. 56.)

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machen: reine, ja fast rein   p o e t i s c h e   Zahlentheorie und Geometrie waren es, welche die Griechen später dahin führten, die   B e g r ü n d e r   d e r   w i s s e n s c h a f t l i c h e n   M e c h a n i k   zu werden. Wie bei allem Hellenischen hat auch hier das
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Sinnen von Vielen in dem Lebenswerk eines einzelnen über mächtigen Genius Gestalt und Lebenskraft gewonnen: das „mechanische Jahrhundert“ hätte allen Grund, in Archimedes seinen Vater zu verehren.

Öffentliches Leben
    Da die Leistungen und die Eigenart der Griechen mich hier nur insofern angehen, als sie wichtige Faktoren unserer neuen Kultur und lebendige Bestandteile des 19. Jahrhunderts waren, muss manches übergangen werden, was sonst verlockend gewesen wäre, im Anschluss an das Gesagte näher auszuführen. Wie die schöpferische Kunst das einigende Moment für ganz Hellas wurde, sagte uns oben Rohde. Dann sahen wir die Kunst — allmählich zu Philosophie und Wissenschaft sich erweiternd — die Fundamente einer Harmonie des Denkens und des Empfindens und des Erkennens begründen. Das dehnte sich denn auch auf das Gebiet des öffentlichen Lebens aus. Die unendliche Sorgfalt, welche auf die Ausbildung schöner, kräftiger Körper verwendet wurde, gehorchte künstlerischen Normen; der Dichter hatte die Ideale geschaffen, nach deren Verwirklichung man nunmehr strebte. Welche Bedeutung der Tonkunst für die Erziehung beigelegt wurde, ist bekannt; selbst in dem rauhen Sparta wurde Musik hochgeehrt und gepflegt. Die grossen Staatsmänner stehen alle in unmittelbarer Beziehung zur Kunst oder zur Philosophie: Thales, der Politiker, der Mann der Praxis, wird zugleich als der früheste Philosoph, als der erste Mathematiker und Astronom gerühmt; Empedokles, der kühne Revolutionär, welcher die Herrschaft der Aristokratie in seiner Vaterstadt bricht, der Erfinder der öffentlichen Redekunst (wie Aristoteles berichtet) ist Dichter, Mystiker, Philosoph, Naturforscher, Entwickelungstheoretiker; Solon ist von Hause aus Dichter und Sänger, Lykurg sammelte die homerischen Dichtungen als erster und zwar „im Interesse des Staates und der Sitten“, ¹) Pisistratus that ein Gleiches, der
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    ¹) Nach Plutarch: Leben Lykurg's, Kap. 4.

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Schöpfer der Ideenlehre ist Staatsmann und Reformator, Cimon verschafft dem Polygnot den entsprechenden Wirkungskreis, Perikles dem Phidias. In dem Worte Hesiod's: „Das Recht (Dike) ist die jungfräuliche Tochter des Zeus“, ¹) kommt eine bestimmte, alle staatlichen Verhältnisse umfassende Weltanschauung zum Ausdruck und zwar eine, wenn auch religiöse, so doch vor allem künstlerische Anschauung; hiervon zeugen auch alle Schriften, selbst die abstrusesten des Aristoteles, und auch
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solche Äusserungen wie die des Xenophanes (allerdings tadelnd gemeint): die Griechen pflegten ihre ganze Bildung aus dem Homer zu schöpfen. ²) In Ägypten, in Judäa, später in Rom sehen wir den Gesetzgeber die Normen der Religion und des Kultus feststellen, bei den Germanen dekretiert der König, was sein Volk glauben soll; ³) in Hellas ist es umgekehrt: der Dichter, welcher „das Göttergeschlecht erschafft“, der dichterische Philosoph (Anaxagoras, Plato u. s. w.), ist es, der zu gedankentiefen Auffassungen des Göttlichen und des Sittlichen hinzuleiten versteht. Und diejenigen Männer, welche dem Lande — zu seiner Blütezeit — Gesetze geben, sind in der Schule jener Dichter und Philosophen erzogen worden. Wenn Herodot jedes einzelne Buch seiner Historie mit dem Namen einer Muse belegt, wenn Plato den Sokrates seine schönsten Reden nur an dem schönsten, von Nymphen bewohnten Orte halten und dialektische Auseinandersetzungen mit einer Anrufung des Pan beschliessen lässt — „O! verleihet mir, schön zu sein im Innern, und dass, was ich Äusseres habe, dem Inneren befreundet sei!“ — wenn das Orakel zu Thespiä Denjenigen „ein von Früchten strotzendes Ackerland“ verheisst, die den landwirtschaftlichen „Lehren des Dichters Hesiod gehorchen“ 4) — — — so deuten solche Züge,
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    ¹) Werke und Tage, 256.
    ²) Fragment 4 (nach Flach: Geschichte der griechischen Lyrik, II, 419).
    ³) Der zur Zeit der Reformation eingeführte Grundsatz „cujus est regio, illius est religio“ bringt eigentlich nur einen von alters her bestehenden Rechtszustand zum Ausdruck.
    4) Französische Ausgrabung des Jahres 1890 (siehe Peppmüller:

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denen wir auf Schritt und Tritt begegnen, auf eine das ganze Leben durchdringende künstlerische Atmosphäre: die Erinnerung daran erbte sich auf uns herab und färbte manches Ideal unserer Zeit.

Geschichtslügen
    Bisher habe ich fast nur von einer positiven, förderlichen Erbschaft geredet. Es wäre jedoch durchaus einseitig und wahrheitswidrig, wollte ich es dabei bewenden lassen. Unser Leben ist durchdrungen von hellenischen Anregungen und Ergebnissen, und ich fürchte, wir haben uns das Unheilvolle mehr angeeignet als das Heilbringende. Sind wir durch griechische Geistesthaten in das Tageslicht des menschlichen Lebens eingetreten, so haben wiederum gerade griechische Thaten — Dank vielleicht der künstlerischen Gestaltungskraft dieses merkwürdigen Volkes — viel dazu beigetragen, das Tageslicht wieder abzudämpfen und
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unseren Himmel dauernd mit sonnenfeindlichen Wolken zu überziehen. Auf Einiges, was wir von der hellenischen Erbschaft im 19. Jahrhundert noch mitschleppten und was wir gut und gern hätten entbehren können, wäre erst bei einer Betrachtung der Gegenwart einzugehen; einiges Andere muss gleich hier erörtert werden. Zunächst, was an der Oberfläche des griechischen Lebens liegt.
    Dass wir z. B. heute noch, wo so viel Grosses und Wichtiges unsere Aufmerksamkeit vollauf beanspruchen müsste, wo sich inzwischen endlose Schätze des Denkens, des Dichtens und vor allem des Wissens aufgestapelt haben, von welchen die weisesten Hellenen nicht das Geringste ahnten und an welchen teilzunehmen das angeborene Recht jedes Kindes sein müsste — dass wir da noch immer verpflichtet werden, kostbare Zeit auf die Erlernung aller Einzelheiten der erbärmlichen Geschichte der Griechen zu verwenden, unser armes Gehirn mit endlosen Namenregistern ruhmrediger Herren auf ades, atos, enes, eiton, u. s. w. vollzupfropfen und uns womöglich für die politischen Schicksale
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Hesiodos 1896, S. 152). Man beachte auch solche Stellen wie Aristophanes: Die Frösche, Vers 1037 fg.

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dieser grausamen, kurzsichtigen, von Selbstliebe geblendeten, auf Sklavenwirtschaft und Müssiggängerei beruhenden Demokratien zu begeistern — das ist ein hartes Schicksal, an dem jedoch, wohl überlegt, nicht die Griechen die Schuld tragen, sondern unsere eigene Borniertheit. ¹) Gewiss gaben die Hellenen
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    ¹) Ich sagte „grausam“, und in der That ist dieser Zug einer der am meisten charakteristischen für die Hellenen, ihnen mit den Semiten gemeinsam. Humanität, Milde, Vergebung war ihnen ebenso unbekannt wie Wahrheitsliebe. Als sie bei den Persen zum erstenmal diesen Tugenden begegnen, berichten die griechischen Historiker erstaunt und fast verlegen darüber: Gefangene schonen, einen besiegten Fürsten königlich aufnehmen, Gesandte des Feindes bewirten und beschenken, anstatt sie (wie die Lakedämonier und die Athener, siehe Herodot VII, 133) zu töten, Nachsicht gegen Verbrecher, Grossmut sogar gegen Spione, die Zumutung, die erste Pflicht eines jeden Menschen sei es, die Wahrheit zu reden, die Undankbarkeit ein vom Staat bestraftes Verbrechen, das alles dünkt einem Herodot, einem Xenophon u. s. w. fast eben so lächerlich wie die persische Sitte, nicht in Gegenwart anderer zu spucken, sowie sonstige auf den Anstand bezügliche Vorschriften (siehe z. B. Herodot I, 133 und 138). Wie ist es nun im Angesicht einer solchen Masse von unbezweifelbaren Thatsachen möglich, dass unsere Historiker unentwegt fortfahren dürfen, Geschichte grundsätzlich zu falschen? Leopold von Ranke zum Beispiel erzählt in seiner Weltgeschichte (Text-Ausgabe I, 129) die bekannte Anekdote von der schmachvollen Behandlung der Leiche des Leonidas, und wie Pausanias den Vorschlag abwies, sich durch eine ähnliche Versündigung an der Leiche des persischen Feldherrn Mardonius zu rächen, und fährt dann fort: „Eine Welt von Gedanken knüpft sich an diese Weigerung. Der Gegensatz zwischen Orient und Occident spricht sich darin auf eine Weise aus, wie er fortan geltend bleiben sollte“. Und dabei erfüllt doch die Verstümmelung nicht allein von Leichen, sondern auch von Lebendigen, die Folterung, sowie jegliche Grausamkeit, jede Lüge, jeder Verrat die ganze griechische Geschichte. Also, um tönende, hohle Phrase anzubringen, um der alten abgeschmackten Redensart eines Gegensatzes zwischen Orient und Occident (wie lächerlich auf einer sphärischen Welt!) treu zu bleiben, um nur ja die erbgesessenen Vorurteile festzuhalten und noch fester einzubohren, werden von einem ersten Historiker des 19. Jahrhunderts sämtliche Thatsachen der Geschichte einfach beiseite geschoben — Thatsachen, über die selbst der Ungelehrteste sich bei Duncker: Geschichte des Altertums, Gobineau: Histoire des Perses, Maspero: Les premières

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häufig — häufig allerdings auch nicht — das Beispiel des Heldenmutes; Mut ist aber die verbreitetste aller menschlichen Tugenden, und die Konstitution eines Staates wie des lakedämonischen liesse eher darauf schliessen, dass die Hellenen zum Mute   g e z w u n g e n   werden mussten, als dass sie von Natur die stolze Todesverachtung besessen hätten, die jeden gallischen Zirkusfechter, jeden spanischen Toreador, jeden türkischen Baschi-Bosuk auszeichnet. ¹) „Die griechische Geschichte“, sagt Goethe, „bietet wenig Erfreuliches — — — zudem ist die unsere eigenen Tage durchaus gross und bedeutend; die Schlachten von Leipzig und Waterloo ragen so gewaltig hervor, dass jene von Marathon und ähnliche andere nachgerade verdunkelt werden. Auch sind unsere eigenen Helden nicht zurückgeblieben: die französischen Marschälle und Blücher und Wellington sind denen des Altertums völlig an die Seite zu setzen.“ ²) Damit hat Goethe aber lange nicht genug gesagt. Die traditionelle griechische Geschichte ist, in manchen Stücken, eine ungeheure Mystifikation: das sieht man täglich deutlicher ein; und zwar haben unsere
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modernen Lehrer — unter dem Einflusse einer ihre Ehrlichkeit vollkommen lahmlegenden Suggestion — sie ärger gefälscht als
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Mêlées des  peuples u. s. w. unterrichten kann — und dem glaubensseligen Wissbegierigen wird, auf Grundlage einer zweifelhaften Anekdote, eine offenbares  f a l s u m   betreffs des moralischen Charakters der verschiedenen Menschenstämme aufgenötigt. Eine so gewissenlose Perfidie kann bei einem solchen Manne einzig durch die Annahme einer das Urteil lahmlegenden „Suggestion“ erklärt werden. Aus Indien und Persien stammt die eine Gattung der Menschlichkeit und der Milde und der Wahrheitsliebe, aus Judäa und Arabien die andere (aus Reaktion entstandene), — keine aber aus Griechenland, noch aus Rom, d. h. also, keine aus dem „Occident“. Wie erhaben steht Herodot neben solcher tendenziös entstellenden Geschichtsmethode! denn, als er von der Verstümmelung des Leonidas erzählt hat, fährt er fort: „eine derartige Behandlung ist sonst bei den Persen  n i c h t   S i t t e,   bei ihnen,   m e h r   a l s   b e i   a l l e n   a n d e r e n   V ö l k e r n,   pflegt man tapfere Kriegsmänner zu ehren“ (VII, 238).
    ¹) Feinsinnig bemerkt Helvétius (De l'Esprit, éd. 1772, II, 52): „La législation de Lycurgue métamorphosait les hommes en héros“.
    ²) Gespräch mit Eckermann, 24. November 1824.

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die Griechen selber. Von der Schlacht bei Marathon z. B. giebt Herodot ganz redlich zu, dass die Griechen dort, wo Perser nicht Hellenen ihnen gegenüberstanden, in die Flucht geschlagen wurden (VI, 113); wie wird diese Thatsache bei uns immer wegerklärt! Und mit welcher kindlich frommen Glaubensseligkeit — obwohl wir sonst recht gut wissen, wie durchaus unzuverlässig griechische   Z a h l e n   sind — schreiben fast alle unsere Geschichtsschreiber noch heutigen Tages aus den alten Mären die 6400 Perserleichen und 192 tapfer gefallenen Hopliten ab, verschweigen aber, dass Herodot im selben Kapitel (VI, 117) mit seiner unnachahmlichen Naivetät erzählt, wie ein Athener in jener Schlacht vor Furcht blind wurde. In Wahrheit war dieser „glorreiche Sieg“ ein belangloses Scharmützel, bei welchem die Griechen eher im Nachteil als im Vorteil blieben. ¹) Die Perser, die nicht aus eigenem Antriebe, sondern von Griechen gerufen, auf ionischen Schiffen hergekommen waren, kehrten, da diese stets wankelmütigen Bundesgenossen den Augenblick für ungünstig hielten, mit mehreren tausend Gefangenen und reicher Beute (siehe Herodot VI, 118) in aller Seelenruhe nach Ionien zurück. ²) In gleicher Weise ist auch die ganze Darstellung des späteren Kampfes zwischen Hellas und dem persischen Reiche gefälscht, ³) was man den Griechen eigentlich gar nicht so sehr
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    ¹) Seitdem diese Zeilen geschrieben wurden, bekam ich des bekannten englischen Hellenisten Professor Mahaffy's: A survey of Greek Civilisation (1897) zu Gesicht, worin er die Schlacht bei Marathon „a very unimportant skirmish“ nennt.
    ²) Siehe Gobineau: Histoire des Perses II, 138-142.
    ³) Namentlich die berühmte Schlacht bei Salamis, von der man eine erfrischende Darstellung in dem genannten Werk des Grafen Gobineau findet (II, 205-211). „C'est quand les derniers bataillons de l'arrière-garde de Xerxès eurent disparu dans la direction de la Béotie et que toute sa flotte fut partie, que les Grecs prirent d'eux-mêmes et de ce qu'ils venaient de faire et de ce qu'ils pouvaient en dire l'opinion que la poésie a si heureusement mise en oeuvre. Encore fallut-il que les alliés apprisent que la flotte ennemie ne s'était pas arrêtée à Phalère pour qu'ils osassent se mettre en mouvement. Ne sachant où elle allait — — — ils restaient comme éperdus. Ils se hasardèrent enfin à sortir de la baie de Salamine, et se risquèrent

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übel nehmen kann, da die selbe Neigung sich stets bei allen
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Nationen bethätigt hat und noch heute sich bethätigt. ¹) Jedoch, soll hellenische Geschichte wirklich den Geist und das Urteil bilden, so möchte man glauben, dies müsste eine wahre, gerechte, die Begebenheiten aus ihren tiefsten Wurzeln erfassende, den organischen Zusammenhang aufdeckende Darstellung bewirken, nicht die Verewigung von halberdichteten Anekdoten und von Urteilen, welche einzig die Bitterkeit des Kampfes ums Dasein und die krasse Unwissenheit und Verblendung der Hellenen entschuldigen konnte. Herrlich ist die dichterische Kraft, mit welcher dort auserlesene Männer einem wankelmütigen, treulosen, käuflichen, zu panischem Schrecken geneigten Volke Vaterlandsliebe und Heldenhaftigkeit einzuflössen suchten und — wo die Zucht streng genug war, wie in Sparta — auch thatsächlich einflössten. Auch hier wieder sehen wir die   K u n s t   als belebendes, treibendes
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jusqu'à la hauteur d' Andros. C'est ce qu'ils appelèrent plus tard avoir poursuivi les Perses! Ils se gardèrent cependant d'essayer de les joindre, et rebroussant chemin, ils retournèrent chacun dans leurs patries respectives“ (p. 208). An einer andern Stelle (II, 360) bezeichnet Gobineau die griechische Geschichte als: „la plus élaborée des fictions du plus artiste des peuples.“
    ¹) Die Hauptsache ist offenbar nicht, was in gelehrten Büchern steht, sondern was in der   S c h u l e   gelehrt wird, und da kann ich aus Erfahrung sprechen, denn ich war zuerst in einem französischen „Lycée“, dann in einem englischen „college“, später erhielt ich Unterricht von den Lehrkräften einer Schweizer Privatschule, zuletzt von einem gelehrten Preussen. Ich bezeuge, dass in diesen verschiedenen Ländern selbst die best verbürgte Geschichte, die der letzten drei Jahrhunderte (seit der Reformation) so gänzlich verschieden dargestellt wird, dass ich ohne Übertreibung behaupten darf, das Prinzip des geschichtlichen Unterrichtes ist noch heute überall bei uns in Europa die systematische Entstellung. Indem die eigenen Leistungen immer hervorgehoben, die Errungenschaften der Anderen verschwiegen oder vertuscht, gewisse Dinge immer ins hellste Licht gestellt, andere im tiefsten Schatten gelassen werden, entsteht ein Gesamtbild, welches in manchen Teilen nur für das subtilste Auge von der nackten Lüge sich unterscheidet. Die Grundlage aller echten Wahrheit: die gänzlich uninteressierte Gerechtigkeitsliebe fehlt fast überall; daraus kann man erkennen, dass wir noch Barbaren sind.

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Element. Dass wir aber die patriotischen Lügen der Griechen unseren Kindern als Wahrheit einpfropfen, und nicht allein unseren Kindern, sondern — in Werken wie Grote's — dem Urteil gesunder Männer als Dogmen aufzwingen und sie sogar zu einem massgebenden Faktor in der Politik unseres neunzehnten Jahrhunderts werden liessen, das ist doch ein arger Missbrauch der hellenischen Erbschaft, eintausendachthundert Jahre, nachdem schon Juvenal gespottet hatte: „creditur quidquid   G r a e c i a   m e n d a x   audet in historia.“ — Noch schlimmer dünkt mich jedoch die uns aufgenötigte Bewunderung für politische Verhältnisse, die eher als abschreckendes Beispiel zu dienen hätten. Ich habe hier nicht Partei zu nehmen, weder für Grossgriechenland noch für Kleingriechenland, weder für Sparta noch für Athen, weder (mit Mitford und Curtius) für den Adel, noch (mit Grote) für
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den Demos; wo die politischen   C h a r a k t e r e,   sowohl einzeln wie in Klassen betrachtet, so jämmerlich sind, da kann gewiss keine grosse Politik geblüht haben. Dass wir gar den Begriff der   F r e i h e i t   von den Hellenen geerbt haben sollen, das ist ein untergeschobenes Wahnbild; denn zur Freiheit gehört vor allem Vaterlandsliebe, Würde, Pflichtgefühl, Aufopferungsfähigkeit, — dagegen hören die hellenischen Staaten, vom Beginn ihrer Geschichte an bis zu ihrer Unterdrückung durch Rom, niemals auf, die Feinde ihres gemeinsamen Vaterlandes gegen die eigenen Brüder herbeizurufen, ja, innerhalb der einzelnen Stadtregierungen, sobald ein Staatsmann gestürzt ist, eilt er fort, sei es zu anderen Hellenen, sei es zu Persen oder Ägyptern, später zu den Römern, um mit ihrer Hilfe seine eigene Stadt zu Grunde zu richten. Man klagt vielfach, das Alte Testament sei unmoralisch; mich dünkt die Geschichte Griechenlands reichlich ebenso unmoralisch; denn bei den Israeliten finden wir, selbst im Verbrechen, Charakter und Beharrlichkeit, sowie Treue gegen das eigene Volk, hier nicht. Sogar ein Solon geht zuletzt zu Pisistratus über, dass Werk seines Lebens verleugnend, und ein Themistokles, der „Held von Salamis“, verhandelt kurz vor der Schlacht über den Preis, für den er Athen verraten würde, und lebt später thatsächlich am Hofe des Artaxerxes als „erklärter Feind der Griechen“, von den

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Persern jedoch mit Recht als „listige griechische Slange“ gering geschätzt; bei Alcibiades war Verrat so sehr Lebensprinzip geworden, dass Plutarch lächelnd von ihm behaupten kann, er habe die Farbe „schneller als ein Chamäleon“ gewechselt. Das war alles bei den Hellenen so selbstverständlich, dass ihre Historiker sich gar nicht darüber empören, wie denn auch Herodot mit grösster Seelenruhe erzählt, Miltiades habe die Schlacht bei Marathon dadurch erzwungen, dass er den Oberbefehlshaber darauf aufmerksam machte, die athenischen Truppen seien gewillt, zu den Persern überzugehen, man müsse daher schleunigst angreifen, damit dieser „schlimme Gedanke“ nicht Zeit habe, in die That umgesetzt zu werden: eine halbe Stunde später, und die „Helden von Marathon“ wären mit den Persern zusammen gen Athen marschiert. Mir ist Ähnliches aus der jüdischen Geschichte nicht erinnerlich. Auf einem derartigen Boden konnte offenbar kein bewunderungswürdiges Staatensystem aufblühen. „Die Griechen“, sagt wiederum Goethe, „waren Freunde der Freiheit, ja! aber ein jeder nur seiner eigenen; daher stak in jedem Griechen ein Tyrannos.“ Wer durch den Urwald der im Laufe von Jahrhunderten üppig aufgewucherten Vorurteile und
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Phrasen und Lügen sich ins Licht durcharbeiten will, dem empfehle ich dringend das Studium des monumentalen Werkes von Julius Schvarcz: Die Demokratie von Athen, wo ein sowohl theoretisch wie praktisch gebildeter Staatsmann, der zugleich Philologe ist, ein für allemal dargethan hat, was von dieser Legende zu halten ist. Die Schlussworte dieser ausführlichen, streng wissenschaftlichen Darlegung lauten: „Die induktive Staatswissenschaft muss schon heute erkennen, dass der Demokratie von Athen nicht die Stelle gebührt, welche der Wahn der Jahrhunderte derselben in der Geschichte der Menschheit einzuräumen beliebte“ (S. 589¹).
    Ein einziger Zug genügt übrigens, um die gesamte staatliche Wirtschaft der Griechen zu charakterisieren: dass nämlich So-
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    ¹) Es ist der (1877 erschienene) erste Teil eines grösseren Werkes: Die Demokratie, dessen zweiter Teil unter dem Titel Die Römische Massenherrschaft in zwei Bänden 1891 und 1898 erschien.

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krates sich veranlasst sah, des Weiten und des Breiten nachzuweisen, um ein Staatsmann zu sein, müsse man auch etwas von Staatsgeschäften verstehen. Weil er diese einfache Elementarwahrheit predigte, wurde er zum Tode verurteilt. „Der Giftbecher ward einzig und allein dem politischen   R e f o r m e r   gereicht“, ¹) nicht dem Götterleugner. Diese ewig schwatzenden Athener vereinigten eben in sich den schlimmsten Dünkel eines ahnenstolzen Junkertums mit der leidenschaftlichen Gehässigkeit eines unwissenden frechen Pöbels, Zugleich besassen sie die Flatterhaftigkeit eines orientalischen Despoten. Als kurz nach dem Tode des Sokrates, so erzählt man, das Trauerspiel „Palamedes“ aufgeführt wurde, brachen die versammelten Zuschauer in Thränen aus wegen der Hinrichtung des edlen, weisen Helden; das tyrannische Volk beweinte seinen niedrigen Racheakt. ²) Es horchte aber deswegen nicht um ein Jota mehr auf Aristoteles und andere weise Männer, sondern verbannte sie. Und diese weisen Männer! Aristoteles ist erstaunlich scharfsinnig und als Staats p h i l o s o p h   gewiss ebenso bewundernswert, wie die grossen Hellenen es überall sind, sobald sie zu künstlerisch-philosophischer Anschauung sich erheben; als Staats m a n n   trat er jedoch gar nicht erst auf, sondern erlebte gelassen und zufrieden
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die Philippinischen Thaten, die sein Vaterland zu Grunde richteten, ihm aber die Skelette und Häute seltener Tiere verschafften; Plato erntete als Staatsmann den Erfolg, den man nach seinen abenteuerlichen Konstruktionen erwarten musste. Und auch die wirklichen Staatsmänner — ein Drako, ein Solon, ein Lykurg, ja, selbst ein Perikles — dünken mich, wie ich schon in den einleitenden Worten zu diesem Kapitel sagte, eher geistvolle Dilettanten, als irgendwie grundlegende Politiker. Schiller bezeichnet irgendwo den Drako als einen „Anfänger“ und die Verfassung Lykurg's als „schülerhaft“. Entscheidender ist das Urteil des
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    ¹) Schvarcz: a. a. O., 394 fg.
    ²) Nach Gomperz: Griechische Denker, II, 95, ist diese Anekdote „leere Fabelei“; doch liegt in allen solchen Erfindungen, wie in dem eppur si muove u. s. w., ein Kern höherer Wahrheit; sie sind das gerade Gegenteil von „leer“.

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grossen Lehrers der vergleichenden Rechtsgeschichte, B. W. Leist: „Der Grieche glaubte, ohne Verständnis für die das Völkerleben beherrschenden historischen Mächte, völliger Herr der Gegenwart zu sein. Die Gegenwart des Staates hielt man im edelsten Streben für ein Objekt, an dem der Weise frei seine Theorie verwirklichen könne, in das er von dem historische Gegebenen nur das in diese Theorie Passende aufzunehmen brauche.“ ¹) Es fehlt bei den Griechen auf diesem Gebiete alle Konsequenz, alle Selbstbeherrschung; kein Mensch ist massloser als dieser die Mässigkeit (Sophrosyne) und den „goldenen Mittelweg“ predigende Hellene; wir sehen seine verschiedenen Staaten hin- und herpendeln zwischen hyperphantastischen Vollkommenheits-Systemen und der blödsichtigen Befangenheit in den Interessen des unmittelbar gegenwärtigen Augenblickes. Schon Anacharsis klagte: „Bei den Beratungen der Griechen sind es die Narren, welche entscheiden.“ Und so ersehen wir, dass unsere Bewunderung und Nacheiferung in Wahrheit nicht der griechischen Geschichte, sondern den griechischen Geschichts s c h r e i b e r n,   nicht den griechischen Heldenthaten — die überall ihresgleichen finden — sondern der   k ü n s t l e r i s c h e n   V e r h e r r l i c h u n g   dieser Thaten gelten sollte. Es ist durchaus nicht nötig, von Orient und Occident zu faseln, als könnte der „Mensch“ nur auf einem bestimmten Längengrade entstehen; die Griechen standen mit einem Fusse in Asien, mit dem andern in Europa; die meisten ihrer grossen Männer sind Ionier oder Sicilianer; es ist lächerlich, ihre Fiktionen mit den Waffen ernster Wissenschaftlichkeit verfechten und unsere Kinder mit Phrasen erziehen zu wollen; dagegen werden wir in Herodot ewig Grazie und Natürlichkeit, eine höhere Wahrhaftigkeit und den siegenden Blick des echten Künstlers bewundern und anstreben lernen. Die
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Griechen gingen unter, ihre erbärmlichen Eigenschaften richteten sie zu Grunde, das moralische Wesen an ihnen war schon zu alt, zu raffiniert und zu verdorben, um  mit der Erleuchterung ihres Geistes Schritt zu halten; der hellenische Geist jedoch errang einen Sieg,
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    ¹) Graeco-italische Rechtsgeschichte, S. 589, 595 u. s. w.

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wie nie ein anderer; durch ihn — und erst durch ihn — „trat der Mensch in das Tageslicht des Lebens ein“; die Freiheit, die der Grieche hierdurch dem Menschengeschlecht erfocht, war nicht die politische — er war und blieb ein Tyrann und ein Sklavenhändler — es war die Freiheit der nicht bloss instinktiven, sondern der schöpferischen Gestaltung, die Freiheit zu dichten. Das ist jene Freiheit, von der Schiller sprach, ein kostbares Geschenk, für welches den Hellenen ewige Dankbarkeit gebührt, würdig einer weit höheren Civilisation als der ihrigen und einer weit lautereren als der unsrigen.
    Dies Alles nur als nicht zu entbehrende Andeutung, welche uns zu einer letzten Betrachtung hinübergeleiten soll.

Verfall der Religion
    Erkennen wir deutlich, dass der Schulmann die Macht besitzt, Leichen wieder zu beleben und einem rührigen, arbeitsamen Jahrhundert Mumien als Muster aufzudrängen, so müssen wir bei genauerem Untersuchen gewahr werden, dass Andere das in noch höherem Masse vermögen, da zu den lebendigsten Stücken der hellenischen Erbschaft ein recht bedeutender Teil unseres  kirchlichen Glaubens gehört, nicht jedoch die Lichtseitige, sondern der tiefe Schatten krausen und krassen Aberglaubens, sowie der dürre, aller Blätter und Blüten der Poesie entkleidete Dornenstrauch scholastischer Vernünftelei. Die Engel und die Teufel, die grause Vorstellung der Hölle, die Gespenster der Abgeschiedenen (die gerade in dem angeblich aufgeklärten 19. Jahrhundert die Tische mit Klopfen und Drehen so viel in Bewegung setzten), den ekstatisch-religiösen Wahnsinn, die Hypostasen des Demiurgos und des Logos, die Definition des Göttlichen, die Vorstellung von der Trinität, überhaupt den ganzen Untergrund unserer Dogmatik verdanken wir zum grossen Teil den Hellenen oder wenigstens ihrer Vermittlung; zugleich verdanken wir ihnen die spitzfindige Behandlung dieser Dinge: Aristoteles mit seiner Seelen- und Gottlehre ist der erste und der grösste aller Scholastiker; sein Prophet, Thomas von Aquin, wurde gegen Schluss des neunzehnten Jahrhunderts (1879) vom unfehlbaren Papste zum offiziellen Philosophen der katholischen Kirche ernannt; zugleich griff auf Aristoteles ein grosser Teil der logisierenden Frei-

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geister zurück, der Feinde aller Metaphysik und Verkünder einer „Vernunftreligion“, wie John Stuart Mill und David Strauss.
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Hier handelt es sich, wie man sieht, um eine recht lebendige Erbschaft, und sie mahnt uns, von den Fortschritten unserer Zeit nur Demut zu reden.
    Der Gegenstand ist ein ungemein verwickelter; habe ich mich in diesem ganzen Kapitel mit blossen Andeutungen begnügen müssen, so werde ich mich hier auf das Andeuten von Andeutungen zu beschränken haben. Und doch ist gerade hier auf Verhältnisse hinzuweisen, die meines Wissens noch niemals in ihrem richtigen Zusammenhange aufgedeckt worden sind. Das möge denn in aller Bescheidenheit, gleichwohl mit voller Bestimmtheit geschehen.
    Ganz allgemein wird die religiöse Entwickelung der Hellenen so dargestellt, als ob ein volksmässiger Götterwahnglaube sich nach und nach in dem Bewusstsein einzelner hervorragender Männer zu einem immer reineren, immer mehr vergeistigten Glauben an einen einzigen Gott verklärt habe: so sei der Menschengeist aus der Finsternis in immer helleres Licht geschritten. Unsere Vernunft liebt die Vereinfachungen: dieses langsame Emporsteigen des griechischen Geistes, bis er dann reif war für eine höhere Offenbarung, kommt der angeborenen Gedankenträgheit sehr zu statten. In Wahrheit ist diese Vorstellung eine durch und durch falsche und gefälschte: der Götterglaube, wie wir ihm bei Homer begegnen, ist die erhabenste und geläutertste Erscheinung griechischer Religion; vielseitig bedingt und beschränkt (wie alles Menschliche), dem Wissen, Denken und Empfinden einer bestimmten Civilisationsstufe angepasst, dürfte diese religiöse Weltanschauung doch so schön, so edel, so frei gewesen sein, wie nur irgend eine, von welcher wir Kunde besitzen. Das Kennzeichnende des homerischen Glaubens ist seine geistige und moralische   F r e i h e i t   — ja, wie Rohde sagt, „fast Freigeistigkeit“; diese Religion ist der durch künstlerische Intuition und Analogie (also auf rein genialem Wege) gewonnen Glaube an einen Kosmos, d. h. an eine „Weltordnung“, die überall wahrgenommen wird, ohne jemals ausgedacht, ohne jemals umfasst werden zu können, weil wir doch selber Bestandteile dieses Kosmos sind, — eine

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Ordnung, die sich aber notwendigerweise in Allem wiederspiegelt, und die darum im Kunstwerk anschaulich und unmittelbar überzeugend wird. Die im Volke vorhandenen Vorstellungen, hervorgegangen aus der poetischen, symbolisierenden Anlage jedes einfachen, noch nicht bis zur Dialektik herangereiften Gemütes, sind hier zur unmittelbarsten Anschaulichkeit verdichtet, und zwar von hohen Geistern, die noch gläubig genug sind, um die wärmste
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Innigkeit zu besitzen, und zugleich frei genug, um nach eigenem souverän-künstlerischen Urteil zu gestalten. Diese Religion ist jeglichem Spuk- und Gespensterglauben, jeglichem pfäffischen Formelwesen abhold; alles, was in Ilias und Odyssee vom populären Seelenkult und dergleichen vorkommt, ist wunderbar geklärt, des Schreckhaften entkleidet, zur ewigen Wahrheit eines Symbolischen geadelt; ebenso feind ist diese Religion aller Vernünftelei, allen müssigen Fragen nach Ursache und Zweck, jener rationalistischen Richtung also, welche sich in der Folge als die blosse Kehrseite des Aberglaubens entpuppt hat. So lange jene Vorstellungen, welche in Homer und einigen anderen grossen Dichtern ihren vollendetsten Ausdruck gefunden hatten, im Volke noch wirklich lebten, und insofern sie noch lebten, hat die griechische Religion ein ideales Element besessen; später (namentlich in Alexandrien und Rom) war sie ein Amalgam von phyrrhonischer, spöttischer Universalskepsis, krassem Zauber-Aberglauben und spitzfindigem Scholasticismus. Untergraben wurde das schöne Gebäude von zwei verschiedenen Richtungen aus, von Männern, die wenig Gemeinsames zu besitzen schienen, die sich später aber doch brüderlich die Hand reichten, als der homerische Parthenon (d. h. „Tempel der Jungfrau“) ein Trümmerhaufe geworden und darinnen eine philologische Steinschleiferei errichtet worden war: diese zwei Parteien waren die, welche bei Homer keine Gnade gefunden hatten: der pfäffische Aberglaube und die vernünftelnde Kausalitätsjägerei. ¹)
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    ¹) Dass es zu Homer's Zeiten keine „Philosophen“ gegeben haben mag, ist ohne Belang; die Thatsache, dass bei ihm nichts „erklärt“ wird, dass nicht der geringste Versuch einer Kosmogonie vorliegt, deutet die Richtung seines Geistes genügend an. Hesiod ist schon

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    Die Ergebnisse der Anthropologie und Ethnographie erlauben es, glaube ich, zwischen Aberglauben und Religion zu unterscheiden. Den Aberglauben finden wir überall, auf der ganzen Erde, und zwar in bestimmten, in allen Orten und bei den verschiedensten Menschenstämmen sehr ähnlichen, einem nachweisbaren Entwickelungsgesetze unterworfenen Formen; im Grunde genommen ist er unausrottbar. Die Religion dagegen, als ein der Phantasie vorschwebendes Gesamtbild der Weltordnung, wechselt unendlich mit den Zeiten und den Völkern; manche Stämme (z. B. die Chinesen) haben wenig oder gar kein religiöses Bedürfnis, andere ein sehr ausgesprochenes; die Religion kann metaphysisch, materialistisch, symbolistisch sein, immer — auch
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wo ihre Elemente alle erborgt sind — tritt sie, je nach Zeit und Land, in einer durchaus neuen, individuellen Erscheinung auf, und eine jede ihrer Erscheinungen ist, wie die Geschichte lehrt, durchaus vergänglich. Die Religion hat etwas Passives an sich, sie spiegelt (so lange sie lebendig ist) einen Kulturzustand wieder; zugleich enthält sie willkürliche Momente von unabsehbarer Tragweite; wie viel Freiheit bekundeten die hellenischen Poeten in ihrer Behandlung des Glaubensstoffes! Wie sehr hingen die Beschlüsse des Tridentinischen Konzils über das, was die Christenheit glauben oder nicht glauben sollte, von diplomatischen Schachzügen und von Waffenglück ab! Von dem Aberglauben kann das nicht behauptet werden; an seiner Gewalt bricht sich die Gewalt des Papstes und der Poeten; er schleicht auf tausend verborgenen Wegen, schlummert unbewusst in jeder Brust und ist alle Augenblicke bereit, aufzuflammen; er besitzt, wie Lippert sagt: „eine Lebenszähigkeit, die er vor jeder Religion voraus hat“; ¹) er ist zugleich ein Kitt für jede neue Religion und ein stets lauernder Feind jeder alten. An seiner Religion zweifelt
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ein offenbarer Rückschritt, noch immer aber zu grossartig symbolisch, um bei irgend einem Rationalisten Gnade zu finden.
    ¹) Christentum, Volksglaube und Volksbrauch, S. 379. In dem zweiten teil dieses Buches findet man eine lehrreiche Zusammenstellung der in Europa noch bestehenden Gebräuche und Aberglauben aus vorchristlicher Zeit.

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fast jeder Mensch, an seinem Aberglauben Keiner; herausgedrängt aus dem unmittelbaren Bewusstsein der sogenannten „gebildeten“ Menschen, nistet er sich in den innersten Falten ihres Gehirns ein und treibt dort umso ausgelassener seinen Schabernack, als er in der Vermummung authentischer Gelehrsamkeit oder de spektakulösesten Freisinns hervortritt. Dies alles zu beobachten, haben wir in unserem Jahrhundert der Notre-Dame-de-Lourdes, der „Shakers“, der Phrenologie, des Ods, der spiritistischen Photographien, des wissenschaftlichen Materialismus, des „medizinischen Pfaffentums“ ¹) u. s. w. reichlich Gelegenheit gehabt. ²) Um die hellenische Erbschaft recht zu begreifen, müssen wir auch dort unterscheiden lernen. Thun wir das, so werden wir gewahr werden, dass in Hellas auch zur Blütezeit der herrlichen kunstbeseelten Religion ein Unterstrom ganz und gar anders gearteter Aberglauben und Kulte niemals zu fliessen aufgehört
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hatte, der dann später, als der griechische Geist zur Neige ging und der Götterglaube nur noch Formelwesen war, mächtig angeschwollen hervorbrach und sich mit dem inzwischen aus verschiedenen Quellen reichlich gespeisten rationalistischen Scholasticismus vereinte, um schliesslich im pseudosemitischen Neoplatonismus das grinsende Zerrbild hoher, freier Geistesthaten zu geben. Jener Strom des Volksglaubens, gebändigt in dem durch die Tragödie zur höchsten künstlerischen Vollkommenheit gelangten Dionysischen Kult, floss unterirdisch weiter über Delphi und Eleusis; seine erste, reichste Quelle bildete der uralte Seelenkult, das furchtsame und ehrfürchtige Gedenken an die Toten; daran knüpfte sich, durch eine unvermeidliche Progression nach und nach (und in verschiedenen Formen) der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Zweifellos hatten die Hellenen den Grundstock zu ihren verschiedenen Aberglauben aus der früheren Heimat mitgebracht; neue Elemente kamen aber immer wieder
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    ¹) F. A. Lange gebraucht den Ausdruck irgendwo in seiner Geschichte des Materialismus.
    ²) „Selbst die civilisiertesten Nationen schütteln den Glauben an Zauberei nicht leicht ab“, bezeugte Sir John Lubbock: Die vorgeschichtliche Zeit, deutsche Ausg., II., 278.

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hinzu, teils als semitische Einfuhr von den kleinasiatischen Küsten und Inseln, ¹) noch nachhaltiger und aufwühlender jedoch aus jenem Norden, den die Griechen zu verachten wähnten. Nicht Dichter waren die Verkünder dieser heiligen „erlösenden“ Mysterien, sondern Sibyllen, Bakiden, pytische Orakelsprecherinnen; der ekstatische Wahnsinn ergriff oft einen Gau nach dem anderen, ganze Bevölkerungen wurden toll, die Söhne der Helden, die vor Troja gekämpft hatten, schwangen sich im Kreise herum, wie die heutigen Derwische, Mütter erwürgten mit eigenen Händen ihre Kinder.   D i e s e   Leute aber waren es, welche den eigentlichen Seelenglauben grosszogen, und auch der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele drang sie aus Thrakien in Griechenland ein. ²) Im bacchantischen Wirbeltanz hatte sich
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    ¹) Es scheint nicht, dass die semitischen Völker in alter Zeit an die Unsterblichkeit der individuellen Seele geglaubt hätten; ihre Kulte boten aber für den Hellenen, sobald er jenen Gedanken erfasste, wichtige Anregungen. Das phönizische Göttersystem der Kabirim (d. h. der sieben Gewaltigen) fanden z. B. die Griechen auf Lemnos, Rhodos und anderen Inseln vor, und Duncker schreibt darüber (Geschichte des Altertums, I4, 279): „Der Mythos von Melkart und der Astarte, die in den Kreis dieser Götter aufgenommen war, Melkart, der die verschwundene Mondgöttin im Lande der Dunkelheit wiederfindet und aus diesem mit ihr zu neuem Licht und Leben zurückkehrt — — — gewährte den Griechen Anlass, die Vorstellungen vom Leben nach dem Tode, welche sich seit dem Anfang des 6. Jahrhunderts bei ihnen ausbildeten, auch an den Geheimdienst der Kabiren zu knüpfen.“
    ²) Dass dieser Glaube (nach Herodot IV, 93) im indoeuropäischen Stamme der Geten lebendig war und von dort aus nach Griechenland eindrang, ist nicht zu verwundern; es war altes Stammgut; sehr auffallend ist dagegen, dass der Hellene in der Blütezeit seiner Kraft diesen Glauben verloren hatte, oder vielmehr sich vollkommen indifferent dagegen verhielt. „Ein endloses Weiterleben der Seele wird auf diesem (homerischen) Standpunkte weder behauptet noch geleugnet; dieser Gedanke fällt hier überhaupt gar nicht in den Kreis der Betrachtung“ (Rohde, Psyche, S. 195); eine merkwürdige Bestätigung für Schiller's Behauptung, dass der ästhetische Mensch, d. h. Derjenige, in dem das Sinnliche und Moralische einander nicht feindlich entgegen streben, „keine Unsterblichkeit brauche, um sich zu stützen und zu halten“ (Brief an Goethe vom

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also (für das Volk der Hellenen) zum erstenmale die Seele vom Körper losgetrennt, jene selbe Seele, über die dann Aristoteles aus der Stille seiner Studierstube so viel Erbauliches zu melden wusste; in der dionysischen Verzücktheit fühlte sich der Mensch   e i n s   mit den unsterblichen Göttern und folgerte daraus, dass auch seine individuelle, menschliche Seele unsterblich sein müsse, was dann wiederum später Aristoteles und andere scharfsinnig zu begründen suchten. ¹) Mich dünkt, uns wirbelt's noch immer ein wenig im Kopf herum! Darum wollen wir versuchen, über diese uns so zäh anhaftende Erbschaft zur Besinnung zu kommen.
    Zu diesem Seelenglauben hat die hellenische    D i c h t k u n s t   als solche nichts beigetragen; sie schickte sich ehrfurchtsvoll in das Übliche — die feierliche Bestattung des Patroklos, z. B., der sonst zur letzten Ruhe nicht eingehen konnte, die Vollführung der nötigen Weiheakte durch Antigone an der Leiche ihres Bruders — weiter nichts. Dem Unsterblichkeitsglauben hat sie allerdings unbewusst Vorschub geleistet, indem sie die Götter zwar nicht als unerschaffen, doch aber zu ihrer grösseren Verherrlichung als unsterblich auffassen zu müssen glaubte — was z. B. bei den arischen Indern nicht der Fall war. ²) Der Begriff
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9. 7. 1796). Ob die Geten Goten und folglich Germanen waren, wie Jakob Grimm behauptete, oder nicht, kann uns hier gleichgültig sein; eine erschöpfende Diskussion dieser übrigens sehr interessanten Frage findet man in Weitersheim-Dahn: Geschichte der Völkerwanderung, I, 597 fg.; das Ergebnis fällt gegen Grimm's Ansicht aus. — Die Märe, dass der Getenkönig Zalmoxis die Unsterblichkeitslehre von Pythagoras gelernt habe, bezeichnet Rohde als „eine absurde pragmatisierende Fabel“ (Psyche, S. 320).
    ¹) Über diesen äusserst wichtigen Punkt, die Genese des Unsterblichkeitsglaubens bei den Griechen betreffend, vergl. namentlich Rohde: Psyche, S. 296.
    ²) In einem alten Vedalied, das ich schon oben (S. 71) citierte, lautet ein Vers: „die Götter sind   d i e s s e i t s   der Schöpfung entstanden“; in ihrer Eigenschaft als Individuen können sie aber nach indischer Überzeugung die „Sempiternität“ ebenfalls nicht besitzen, und Çankara sagt in den Vendânta Sûtra's von den einzelnen Göttern redend: „Solche Worte wie Indra u. s. w. bedeuten, ähnlich wie z. B. das Wort 'General', nur das Innehaben eines bestimmten Postens. Wer also gerade der betreffenden Posten be-

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der   S e m p i t e r n i t ä t,   d. h. der Unsterblichkeit eines in der Zeit entstandenen Individuums, war in Folge dessen den Griechen als eine Eigenschaft ihrer Götter geläufig; die Dichtkunst hat ihn wahrscheinlich schon vorgefunden, jedenfalls aber durch die Macht der poetischen Vorstellungskraft zu einer bestimmten Wirklichkeit erst erhoben. Weiter reicht die Beteiligung der Kunst nicht. Vielmehr ist sie bestrebt, jenen „überall als ursprünglich vorauszusetzenden Dämonenglauben“, ¹) die Vorstellung einer „Unterwelt“, die Erzählung von „Inseln der Seligen“ — kurz, alle jene Elemente, welche aus dem Untergrund des Aberglaubens aufwachsend, sich der menschlichen Phantasie   a u f z w i n g e n,   möglichst zu entfernen, zu mildern, auf ein Geringes zurückzuführen, um für die gegebenen   T h a t s a c h e n   der Welt und des Lebens und für ihre poetisch-religiöse, schöpferische Bearbeitung freies, offenes Feld zu gewinnen. Anders der Volksglaube, der, wie wir soeben sahen, an einer so hohen künstlerischen Religion nicht Genüge fand und sich lieber von rohen Thrakiern unterweisen liess. Anders auch die Philosophie, welche neben einer solchen Poesie ein Untergeordnetes blieb, bis der Tag kam, wo sie sich im Stande wähnte, der Fabel Geschichte, dem Symbol ausführliche Erkenntnis entgegenzustellen: die Anregung jedoch hierzu schöpfte die Philosophie nicht aus sich selbst, auch nicht aus den Ergebnissen der empirischen Wissenschaft, die nirgends auf Seelen, Entelechieen, Unsterblichkeit u. s. w. gestossen war, sondern sie erhielt sie aus dem Volke, teilweise aus Asien (durch Pythagoras), teilweise aus dem nördlichen Europa (als orphischen, resp. dionysischen Kult). Die Lehre von einer vom lebendigen Körper ablösbaren, mehr oder weniger unabhängigen Seele, die daraus leicht gefolgerte Lehre von körperlosen und doch lebendigen Seelen weiterlebend, sowie auch von einem „seelenhaften“ göttlichen Prinzip (ganz analog dem Nus
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kleidet, der führt den Titel Indra“ (I, 3, 28; 170 der Übersetzung Deussen's).
    ¹) Deussen: Allgemeine Geschichte der Philosophie, I, 39; siehe auch Tylor.

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des Anaxagoras, d. h. der vom Stoff unterschiedenen Kraft), ferner die Lehre von der Unsterblichkeit dieser Seele: das sind also zunächst nicht Ergebnisse eines gesteigerten philosophischen Denkens, ebensowenig bilden sie in irgend einem Sinne eine evolutive Fortentwickelung, eine Verklärung jener hellenischen Nationreligion, die in den Dichtern ihren höchsten Ausdruck gefunden hatte; vielmehr stellen sich hier Volk und Denker in Gegensatz zu Dichter und Religion. Und gehorchen sie auch ver-
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schiedenen Impulsen, so arbeiten Volk und Denker doch einander in die Hand; zusammen richteten sie denn auch Dichtkunst und Religion zu Grunde. Und als die hierdurch hervorgerufene Krise vorbei war, fand es sich, dass jetzt die Philosophen als Religionsverkünder an die Stelle der Künstler getreten waren. Im Grunde hatten ja beide, Dichter und Philosophen, ihr Material im Volke geschöpft; wer aber von beiden, frage ich, hat es besser verwaltet und weiser? Wer hat die Wege zu Freiheit und Schönheit, wer dagegen die zu Knechtschaft und Unschönheit gewiesen? Wer hat gesunde, empirische Wissenschaft angebahnt, und wer Wissenschaft fast zwei Jahrtausende gehemmt? Wenn nicht inzwischen aus einer ganz anderen Himmelsrichtung her, aus der Mitte eines Volkes, das weder Kunst noch Philosophie besass, eine religiöse Macht in die Welt getreten wäre, so stark, dass sie den zum Vernunftsystem erhobenen Wirbeltanzwahnsinn tragen konnte, ohne zusammenzubrechen, so lichtvoll, dass selbst die finstere Macht der anschauungsbaren Logik ihren Glanz niemals ganz zu löschen vermochte, eine religiöse Macht schon durch ihren Ursprung berufen, eher civilisatorisch als kulturell zu wirken, — wenn das nicht gewesen wäre, dann wäre dieses angebliche Emporsteigen zu höheren Idealen gar jämmerlich zu Schanden geworden, oder vielmehr, seine thatsächliche Jämmerlichkeit wäre niemals verdeckt geblieben. Wer dies bezweifelt, der sehe sich in der Litteratur der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung um, wo die vom Staate besoldeten, antichristlichen Philosophen ihre Wissenschaftslehre „Theologie“ betitelten (Plotin, Proklos u. s. w.), er sehe, wie diese Herren in den Mussestunden, die ihnen nach den Zerpflücken des Homer,

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dem Kommentieren des Aristoteles, dem Aufbauen von Trinitäten, der Diskussion darüber, ob Gott ausser dem Sein auch das Leben zukomme, und über weitere dergleichen subtile Fragen übrig blieben, er sehe, wie sie in ihren Mussestunden von einem Ort zum andern wandern, um sich in Mysterien einweihen oder von orphischen Genossenschaften als Hierophanten aufnehmen zu lassen — die ersten Denker dem krassesten Zauberglauben ergeben. Oder, wen eine derartige Lektüre erschreckt, der nehme den witzigen Heinrich Heine des zweiten Jahrhunderts,   L u c i a n,   zur Hand, und ergänze seine Mitteilungen durch die ernsteren und ebenso unterhaltenden Schriften seines Zeitgenossen   A p u -
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l e j u s, ¹) —   und sage dann, wo mehr Religion und wo mehr Aberglaube, wo freie, gesunde, schöpferische Menschenkraft und wo unfruchtbare, unsaubere, im Kreise sich herumdrehende Tretmühlerei anzutreffen ist. Und doch dünken uns die Männer, die in jenem homerischen Kreise stehen, kindlich fromm und abergläubisch, diese dagegen aufgeklärte Denker! ²)
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    Noch ein Beispiel. Wir pflegen nach alten Herkommen Aristoteles für nichts wärmer zu beloben als für seine teleologische Begründung des Weltalls, wogegen wir Homer seinen Anthropomorphismus vorwerfen. Litten wir nicht an künstlich anerzogener Gehirnstarre, wir müssten die Absurdität solcher Urteile einsehen. Die Teleologie, d. i. die Zweckmässigkeitslehre nach Massgabe der menschlichen Vernunft, ist Anthropomorphismus in seiner gesteigertsten Potenz. Wenn der Mensch den Plan des Kosmos fassen, wenn er sagen kann, woher die Welt kommt, wohin sie geht und die Zweckmässigkeit eines jeden
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    ¹) Siehe namentlich im 11. Buch des Goldenen Esels die Einweihung in die Mysterien der Isis, des Osiris, des Serapis und die Aufnahme in das Kollegium der Pastophori. Man lese auch die Schrift Plutarch's: Über Isis und Osiris.
    ²) Bussell: The School of Plato, 1896, S. 345, schreibt von dieser philosophischen Periode: „Die Dämonen monopolisieren eine Andacht, die einer blossen Idee nicht gewidmet werden kann, und die Philosophie haucht ihre Seele aus an den Stufen rauchender Opferaltäre und unter den Beschwörungsformeln und Wahngebilden der Wahrsagung und der Zauberei.“

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Dingen ist ihm offenbar, so ist er eigentlich selber Gott und die gesamte Welt ist „menschlich“; das sagen auch ausdrücklich die Orphiker und — Aristoteles. Ganz anders der Poet. Man citiert überall, schon zu den Zeiten Heraklit's und von da an bis auf Ranke, den Vorwurf des Xenophanes gegen Homer: er bilde die Götter wie Hellenen, die Neger würden aber einen schwarzen Zeus erdichten und die Pferde die Götter sich als Pferde denken. Verständnisloser und oberflächlicher kann man gar nicht sein. ¹) Der Vorwurf ist nicht einmal faktisch richtig, da die Götter bei Homer in allen möglichen Gestalten vorkommen. Wie K. Lehrs in seinem schönen, leider fast vergessenen Buche Ethik und Religion der Griechen (S. 136/7) sagt: „Die griechischen Götter sind gar nicht Nachbilder der Menschen, sondern Gegenbilder. Sie sind keine kosmischen Potenzen (was sie erst für die Philosophen wurden), ebensowenig erhöhte Menschen! Häufig kommen sie in Tiergestalt vor und tragen nur die menschliche für gewöhnlich als die schönste und edelste und geeignetste, aber an und für sich ist ihnen jede andere Gestalt eben so natürlich.“ Unvergleichlich wichtiger ist jedoch die Thatsache, dass bei Homer und den anderen grossen Poeten jegliche Teleologie fehlt; denn erst mit diesem Begriff tritt unleugbarer Anthropomorphismus auf. Warum soll ich die Götter nicht in Menschengestalt   d a r s t e l l e n?   Soll ich sie etwa als Schafe oder Mistkäfer in mein Gedicht einführen? Haben Raffael und Michelangelo es nicht genau so gehalten wie Homer? Hat die christ-
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liche Religion nicht angenommen, Gott sei in Menschengestalt erschienen? Ist der Jahve der Israeliten nicht ein Prototyp des edlen und dabei doch zank- und rachsüchtigen Juden? Es wäre wohl doch nicht ratsam, die aristotelische „Wesenheit ohne Grösse, die das Gedachte denkt“ der künstlerischen Anschauung zu empfehlen. Dagegen erkühnt sich die poetische Religion der
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    ¹) Schon Giordano Bruno schreibt zornerfüllt über dieses grundverkehrte, philisterhaft beschränkte Urteil: nur insensate bestie et veri bruti seien imstande, derartiges vorzubringen (Italienische Schriften, ed. Lagarde, S. 534). Man vergl. auch M. W. Visser: Die nicht menschengestaltigen Götter der Griechen, Leiden, 1903.

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Griechen nicht über „Unerschaffenes“ Auskunft zu geben und Zukünftiges „vernunftgemäss zu erklären“. Sie giebt ein Bild der Welt wie in einem Hohlspiegel und glaubt dadurch den Menschengeist zu erquicken und zu läutern; weiter nichts. Lehrs führt in dem genannten Buche aus, wie der Begriff der Teleologie durch die Philosophen, von Sokrates bis Cicero, eingeführt worden sei, dagegen in hellenischer Poesie keinen Eingang gefunden habe. „Der Begriff der schönen Ordnung“, sagt er (S. 117), „der Harmonie, des Kosmos, der tief die griechische Religion durchzieht, ist ein viel höherer als jener der Teleologie, der in jeder Beziehung etwas Kümmerliches hat.“ — Um die Sache uns recht nahe zu bringen, frage ich: wer ist der Anthropomorphist, Homer oder Byron? Homer, an dessen persönlichem Dasein man hat zweifeln können, oder Byron, der so mächtig in die Saiten griff und die Poesie unseres Jahrhunderts auf die Tonart stimmte, in welcher Alpen und Ocean, Vergangenheit und Gegenwart des Menschengeschlechtes nur dazu dienen, das eigene Ich wiederzuspiegeln und einzurahmen? Es dürfte vielleicht für jeden modernen Menschen unmöglich sein, sich menschlichen Handlungen gegenüber, und von der Ahnung einer Weltordnung durchdrungen, so wenig anthropomorphistich, so sehr „objektiv“ zu verhalten wie Homer.

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    Nun muss man allerdings zwischen Philosophie und Philosophie unterscheiden, und ich glaube oben meiner Bewunderung für die hellenische Philosophie der grossen Epoche warmen Ausdruck verliehen zu haben, namentlich insofern sie als eine der Dichtkunst stammverwandte, schöpferische Bethätigung des Menschengeistes auftrat — in welchem Bezug Plato's Ideenlehre und Demokrit's atomistische Hypothese alles überstrahlt, während Aristoteles mir als Analytiker und Methodiker unvergleichlich gross, als Philosoph aber, im angegebenen Sinne, der eigentliche Urheber der décadence des hellenischen Geistes erscheint. Hier wie anderwärts muss man sich jedoch vor zu weit gehender Vereinfachung hüten; man darf nicht einem einzigen Manne zuschreiben, was seinem Volke eigentümlich war und in ihm nur den bestimmtesten Ausdruck fand. In Wahrheit steckt in der

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griechischen Philosophie von allem Anfang an der Keim zu ihrer späteren verhängnisvollen Entwickelung; die Erbschaft, die noch immer schwer auf uns lastest, reicht fasst bis auf die Zeit Homer's zurück. Denn die alten Hylozoisten zeigen sich, wohl überlegt, den Neoplatonikern stammverwandt: wer mit Thales die Welt so ohne Weiteres als aus dem Wasser entstanden „erklärt“, der wird später auch Gott zu „erklären“ wissen; sein nächster Nachfolger, Anaximander, stellt als Prinzip „das Unendliche“ (das Apeiron), das „in allen Veränderungen Unveränderliche“ auf: da stecken wir eigentlich schon im unverfälschten Scholasticismus mitten drin und können gelassen warten, bis das Rad der Zeit Ramon Lull und Thomas von Aquin auf der Erdoberfläche abgesetzt hat. Dass diese ältesten unter den bekannten griechischen Denkern an die Gegenwart zahlloser Dämonen glaubten, dabei
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aber von Anfang an ¹) über die Götter der Volksreligion und über die Dichter herzogen — den Homer hätte Heraklit gern „mit Ruten gepeitscht“ ²) — dient nur, das Bild zu vervollständigen. Noch eins muss aber gesagt werden: ein Mann wie Anaximander, so untergeordnet als Denker, war ein Naturforscher und Theoretiker allerersten Ranges, ein Begründer der wissenschaftlichen Geographie, ein Förderer der Astronomie;   u n s   werden alle diese Leute als Philosophen vorgeführt, in Wahrheit war aber das Philosophieren für sie eine Nebensache; man würde doch wohl den Agnosticismus des Charles Darwin oder das Glaubensbekenntnis des Claude Bernard nicht zu den   p h i l o s o p h i s c h e n   Leistungen unseres Jahrhunderts rechnen? Das ist so eine von den vielen traditionellen, geheiligten Konfusionen; den Namen eines Çankara, (jedenfalls einer der grössten Metaphysiker, die je gelebt) finden wir in keiner Geschichte der Philosophie, dagegen muss der brave Olivenbauer Thales als „erster Philosoph“ unausgesetzt herhalten. Und, genau besehen, befinden sich alle,
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    ¹) Verbürgt wenigstens von Xenophanes und Heraklit an.
    ²) Ich citiere nach Gomperz: Griechische Denker I, 50; nach Zeller's Darstellung schiene eine so heftige Äusserung unwahrscheinlich. Wenn ich mich recht entsinne, ist es Xenophanes, der diese Worte dem Heraklit in den Mund legt.

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oder fast alle sogenannte Philosophen der hellenischen Blütezeit in einer ähnlichen Lage: Pythagoras gründet — so weit man aus widersprechenden Nachrichten schliessen kann — nicht eine philosophische Schule, sondern einen politischen, sozialen, diätetischen und religiösen Bund; Plato selber, der Metaphysiker,  ist Staatsmann, Moralist, praktischer Reformator; Aristoteles ist Methodolog und Encyklopädist, und die Einheit seiner Weltanschauung liegt viel mehr in seinem Charakter als in seiner forcierten, halbüberkommenen, widerspruchsvollen Metaphysik begründet. Ohne also die Grossthaten der griechischen Denker irgendwie zu verkennen, werden wir wohl doch, um der Konfusion ein Ende zu machen, behaupten dürfen: diese Männer haben unserer Wissenschaft (einschliesslich der Logik und der Ethik) vorgearbeitet, sie haben unserer Theologie vorgearbeitet, ihr poetisch-schöpferisches Genie hat Ströme von Licht über die Wege ausgegossen, die spätere Spekulation und Geistesforschung wandeln sollte, als Metaphysiker im eigentlichen engeren Sinne des Wortes waren sie (wenn man einzig Plato ausnimmt) von verhältnismässig weit geringerer Bedeutung.
    Damit bei einer so wichtigen, in die Tiefen unseres heutigen Lebens eingreifenden Erkenntnis nichts unklar bleibe, möchte ich
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kurz darauf hindeuten, dass wir in der Person des grossen Leonardo da Vinci ein unserem heutigen Denken und Fühlen nahe verwandtes Beispiel der tiefen Kluft besitzen, welche poetische Erkenntnis von abstrakter Erkenntnis trennt, Religion von theologisierender Philosophie. Leonardo brandmarkt die Geisteswissenschaften als „lügnerische“ (le bugiarde scientie mentali); „alles Wissen“, sagt er, „ist eitel und voller Irrtümer, das nicht von der Sinneserfahrung, der Mutter aller Gewissheit, zur Welt gebracht wird“; besonders zuwider sind ihm die Dispute und Nachweise über die Wesenheit Gottes und der Seele; er meint, gegen diese Vorstellungen „lehnen sich unsere Sinne auf“, deswegen sollen wir uns nicht bethören lassen: „wo Vernunftsgründe und klares Recht fehlen, vertritt Geschrei deren Stelle; bei sicheren Dingen kommt dies dagegen nicht vor“; und somit gelangt er zu dem Schluss: „dove si grida non è vera scientia“, wo man

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Geschrei macht, da ist kein wahrhaftiges Wissen (Libro di pittura, I. Teil, Abschnitt 33, Ausgabe von Heinrich Ludwig). Das ist Leonardo's Theologie! Dieser selbe Mann ist es jedoch, der — wohl einzig unter allen, die grössten nicht ausgenommen — einen Christus malt, der einer Offenbarung gleichkommt, „ganz Gott und zugleich ganz Mensch“ (wie es im Athanasischen Glaubensbekenntnis heisst). Hier liegt tiefe Wesensverwandtschaft mit Homer vor: alles Wissen aus Sinneserfahrung geschöpft, und hieraus dann das Göttliche nicht durch Vernunftserwägungen nachgewiesen, sondern unter Zugrundelegung des Volksglaubens freischöpferisch gestaltet: ein ewig Wahres. Gerade diese Anlage war nun in Griechenland, dank besonderen Umständen und besonderen Begabungen, dank vor allem dem Auftreten der einzig Leben spendenden grossen Genies, zu einer so intensiven Ausbildung gelangt, dass die Erfahrungswissenschaften (wie später bei uns durch Leonardo) eine früher noch nicht dagewesene Anregung erhielten, wogegen die Reaktion der philosophierenden Abstraktion sich niemals frei und natürlich zu entwickeln vermochte, sondern entweder in Scholasticismus oder in Phantasterei verfiel. Der hellenische Künstler erwachte zum Leben in einem Element, welches ihm zugleich persönliche Freiheit und das erhebende Bewusstsein, von Allen verstanden zu werden, schenkte; der hellenische Philosoph (sobald er den Weg der logischen Abstraktion wandelte) nicht; dieser war im Gegenteil von allen Seiten gehemmt, äusserlich durch Sitte, Glauben und Staatseinrichtungen, innerlich durch seine ganze eigene, vorwiegend künst-
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lerische Bildung, durch alles was ihn sein Leben lang umgab, durch alle Eindrücke, die Auge und Ohr ihm übermittelten; er war nicht frei; in Folge seiner grossen Begabung leistete er gewiss Grosses, nichts aber, was — wie seine Kunst — höchsten Anforderungen der Harmonie, der Wahrheit, der Allgemeingültigkeit entspräche. Bei der griechischen Kunst wirkt das   N a t i o n a l e   wie Schwingen, welche den Geist zu Höhen emportragen, wo „alle Menschen Brüder werden“, wo das Trennende der Zeiten und Völker den Reiz eher erhöht als abstumpft; hellenische Philosophie ist im Gegenteil im beengenden Sinne des Wortes

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an ein bestimmtes nationales Leben gekettet und dadurch allseitig beschränkt. ¹)
    Ungemein schwer ist es, mit einer solchen Einsicht gegen das Vorurteil von Jahrhunderten aufzukommen. Selbst ein solcher Mann wie Rohde nennt die Griechen „das gedankenreichste der Völker“ und behauptet, ihre Philosophen hätten „der ganzen Menschheit vorgedacht“ (Psyche, S. 104); Leopold von Ranke, der für die homerische Religion kein anderes Epitheton kennt als „Götzendienst“ (!), schreibt: „Was Aristoteles über den Unterschied der thätigen und leidenden Vernunft ausspricht, von denen jedoch nur die erste die wahre ist, autonom und gottverwandt, also auch unsterblich, möchte ich für das Beste erklären, was über den menschlichen Geist gesagt werden konnte, vorbehalten die Offenbarung. Dasselbe darf man, wenn ich nicht irre, von der Seelenlehre Plato's sagen.“ ²) Ranke belehrt uns weiter, die Aufgabe der griechischen Philosophie sei es gewesen: „den alten Glauben von dem götzendienerischen Element zu reinigen, rationelle und religiöse Wahrheit zu vereinbaren“; die Demokratie aber habe dieses edle Bestreben vereitelt, denn sie „hielt an dem Götzendienste fest“ (I, 230) ³). Diese Beispiele mögen genügen: man könnte zahlreiche anführen. Nach meiner Überzeugung ist
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das Alles Illusion, und zwar verderbliche Illusion, und in wesentlichen Hauptstücken das genaue Gegenteil von der Wahrheit. Es ist nicht wahr, dass die Griechen der ganzen Welt vorgedacht
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    ¹) Vergl. weiter unten, namentlich S. 760 und 996.
    ²) Weltgeschichte (Text-Ausgabe) I, 230. Dieser Weisheitsspruch erinnert bedenklich an die bekannte Anekdote aus der Kinderstube: „Wen liebst du am meisten, Papa oder Mama? Beide!“ Denn wenn auch Aristoteles von Plato ausgegangen ist, etwas von Grund aus Verschiedeneres als ihre Seelenlehre (sowie ihre ganze Metaphysik) lässt sich kaum denken. Wie können denn beide zugleich „das Beste“ gesagt haben? Schopenhauer hat richtig und bündig geurteilt: „der radikale   G e g e n s a t z   des Aristoteles ist Plato“.
    ³) O vierundzwanzigstes Jahrhundert! was sagst du dazu? Ich für mein Teil schweige — wenigstens über Persönlichkeiten — und folge dem Beispiele des weisen Sokrates, indem ich den Götzen meines Jahrhunderts einen Hahn opfere!

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haben; vor ihnen, neben ihnen, nach ihnen hat man tiefer, schärfer, richtiger gedacht. Es ist nicht wahr, dass die geheimrätliche Theologie des Aristoteles ad usum der Stützen der Gesellschaft das Beste ist, was gesagt werden konnte: diese jesuitische, scholastische Sophisterei ist die schwarze Pest der Philosophie geworden. Es ist nicht wahr, dass die griechischen Denker die alte Religion gereinigt haben: vielmehr haben sie gerade dasjenige an ihr angegriffen, was ewige Bewunderung verdiente, nämlich ihre freie, rein künstlerische Schönheit; und indem sie vorgaben, rationelle Wahrheit an die Stelle der symbolischen zu setzen, griffen sie in Wirklichkeit nur zum Volksaberglauben und setzten diesen, in logische Lumpen gehüllt, auf den Thron, von dem sie — im Verein mit dem Pöbel — die (ein ewig Wahres verkündende) Poesie herabgestürzt hatten.
    Was das angebliche „Vordenken“ anbelangt, so genügt es, auf zwei Umstände aufmerksam zu machen, um die Irrtümlichkeit dieser Behauptung darzuthun: erstens haben die Inder früher als die Griechen zu denken begonnen, sie haben tiefer und konsequenter gedacht, und sie haben in ihren verschiedenen Systemen mehr Möglichkeiten erschöpft als die Griechen, zweitens hat unser eigenes westeuropäisches Denken erst an dem Tage begonnen, als ein grosser Mann gesagt hatte: „man muss zugeben, die Philosophie, die wir von den Griechen überkommen haben, ist kindisch, oder mindestens eher eine Beförderin des Schwatzens als schöpferisch anregend.“ ¹) Behaupten zu wollen, dass Locke, Gassendi, Hume, Descartes, Kant u. s. w. Wiederkäuer griechischer Philosophie seien, ist eine arge Versündigung hellenistischen Grössenwahnsinns gegen unsere neue Kultur. Ein schlagendes Beispiel in Bezug auf das hellenische Denken bietet uns gleich Pythagoras, ihr erster grosser Weiser. Von seinem Orientreisen
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    ¹) Bacon von Verulam: Instauratio Magna, Vorwort. „Et de utilitate aperte dicendum est: sapientiam istam, quam a Graecis potissimum hausimus, pueritiam quandam scientiae videri, atque habere quod proprium est puerorum; ut ad garriendum prompta, ad generandum invalida et immatura sit. Controversiarum enim ferax, operum effoeta est.“

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brachte er allerhand zurück, grosses und kleines, von dem Begriffe der Erlösung an bis zu der Vorstellung des Äthers und bis zu dem Verbot des Bohnenessens: es war alles indisches Erbgut.
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E i n e   Lehre insbesondere wurde nun der Mittelpunkt des Pythagoreismus, sein religiöser Hebel, wenn ich so sagen darf: es war dies die geheim gehaltene Lehre von der   S e e l e n w a n d e r u n g.   Durch Plato wurde sie dann später des geheimnisvollen Nimbus entkleidet und in die öffentliche Philosophie hineingetragen. Nun bildete bei den Indern (schon lange vor Pythagoras) der Glaube an die Seelenwanderung die Grundlage der ganzen Ethik; politisch, religiös, philosophisch vielfach geteilt und in offener Gegnerschaft lebend, war dort das ganze Volk in dem Glauben an die endlose Reihe der Wiedergeburten einig. „Ob eine Wanderung der Seele stattfindet, wird (in Indien) nirgends gefragt; sie wird allgemein und unumstösslich geglaubt.“ ¹) Aber es gab dort doch eine Klasse, eine kleine, welche an die Seelenwanderung insofern nicht glaubte, als sie diese Vorstellung für eine symbolische hielt, für eine Vorstellung, welche den im Weltenwahn Befangenen eine höhere, nur durch tiefes metaphysisches Denken richtiger zu erfassende Wahrheit allegorisch vermittelt: diese kleine Klasse war (und ist noch heute) die der Philosophen. „Das Wandrersein der Seele beruht auf dem Nichtwissen, während die Seele im Sinne der höchsten Realität keine wandernde ist“, lehrt der indische Denker. ²) Eine eigentliche „Geheimlehre“, wie sie die Griechen
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    ¹) Schroeder: Indiens Litteratur und Kultur, S. 252.
    ²) Çankara: Sûtra's des Vedânta I, 2, 11. Zwar hat Çankara selber viel später als Pythagoras gelebt (etwa im 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung), seine Lehre ist aber streng orthodox, er wagt keine Behauptung, die sich nicht auf alte, kanonische Upanishaden stützt. Dass eine thatsächliche „Wanderung“ schon nach den ältesten Upanishaden für den wahrhaft Erkennenden eine nur populären Zwecken dienende Vorstellung war, ist offenbar. Weitere hierauf bezügliche Nachweise findet man bei Çankara in der Einleitung zu den Sûtra's und in I, 1, 4, vor allem aber in der herrlichen Stelle II, 1, 22, wo der Samsâra, mitsamt der ganzen Schöpfung, als eine Täuschung bezeichnet wird, „welche ebenso wie der Wahn der Spaltungen und Trennungen durch Geburt und Tod im Sinne der höchsten Realität nicht existiert“.

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nach ägyptischer Muster so liebten, haben die Inder nie gekannt, Männer aus allen Kasten, auch Weiber konnten zur höchsten Erkenntnis vordringen; nur wussten diese tiefsinnigen Weisen sehr gut, dass metaphysisches Denken besondere Anlagen und besondere Ausbildung dieser Anlagen erfordert; daher liessen sie das Bildliche bestehen. Und dieses Bildliche, diese grossartige, für die Moral vielleicht unersetzliche, im Grunde genommen aber doch nur volksmässige Vorstellung der Seelenwanderung, welche in Indien für das gesamte Volk, von oben bis unten,   m i t   e i n-
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z i g e r   A u s n a h m e   d e r   D e n k e r   galt, das wurde in   G r i e c h e n l a n d   die erhabenste „Geheimlehre“ ihres ersten grossen Philosophen, verschwand auch niemals wieder ganz aus den höchsten Regionen ihrer philosophischen Anschauungen und gewann durch Plato den bestrickenden Reiz poetischer Gestaltung. Das sind die Leute, die uns Allen angeblich vorgedacht haben sollen, „das gedankenreichste der Völker“! Nein, die Griechen waren keine grossen Metaphysiker.

Theologie
    Sie waren aber ebensowenig grosse Moralisten und Theologen. Auch hier nur ein Beispiel statt vieler. Der Dämonenglaube findet sich allerorten; die Vorstellung eines besonderen Zwischenreiches der Dämonen (zwischen den Göttern im Himmel und den Menschen auf Erden) haben die Griechen höchst wahrscheinlich ebenfalls aus Indien (über Persien) entnommen, ¹) das bleibt sich jedoch gleich; in der Philosophie, oder wenn man will, in der „rationellen Religion“, fanden diese Gebilde des Aberglaubens erst durch Plato Aufnahme. Rohde schreibt: ²) „Plato zuerst, als Vorgänger vieler Anderen, redet von einem ganzen Zwischenreich von Dämonen, denen alles zugetraut wird, was an Wirkungen unsichtbarer Mächte der hohen Götter unwürdig erscheint. So wird die Gottheit selbst alles Bösen und Niederziehenden entlastet.“ Also mit vollem Bewusstsein und aus dem „rationellen“, flagrant anthropomorphischen Grunde, Gott dessen,
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    ¹) Colebrooke; Miscellaneous Essays, p. 442.
    ²) In einer kleinen zusammenfassenden Schrift Die Religion der Griechen, erschienen 1895 in den Bayreuther Blättern (1902 auch einzeln veröffentlicht).

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was uns Menschen böse dünkt, zu „entlasten“, wird derjenige Aberglaube, der den Hellenen mit Buschmännern und Australnegern gemeinsam war, mit einer philosophischen und theologischen Aureole geschmückt, den edelsten Geistern von einem edelsten Geist empfohlen und allen künftigen Jahrhunderten als Erbschaft vermacht. Die glücklichen Inder hatten ihren Dämonenglauben schon längst abgeschüttelt; er galt nur für das gänzlich unkultivierte Volk; der Philosoph war bei ihnen sogar zu keinerlei religiöser Handlung mehr verpflichtet; denn ohne sie zu leugnen, wie der flache Xenophanes, hatte er die Götter als Symbole einer höheren, von den Sinnen nicht zu fassenden Wahrheit erkennen gelernt, — was sollten Dämonen noch solchen Leuten? Homer war aber auf dem selben Wege gewesen, das merke man wohl. Freilich hemmt die Hand der Athene den voreilig erhobenen Arm des Achilleus, und flösst Here dem schwankenden Diomedes Mut ein: so göttlich frei deutet der Dichter, alle Zeiten zu poetischen
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Gedanken anregend; der wahre   A b e r g l a u b e   spielt jedoch bei ihm eine sehr untergeordnete Rolle und wird durch „göttliche“ Deutung dem Bereiche des eigentlichen Dämonentums enthoben; sein Weg war sonniger, schöner als der des Indoariers; anstatt wie dieser in grübelnder Metaphysik sich zu ergehen, heiligte er die empirische Welt und führte dadurch den Menschen einer herrlichen Bestimmung entgegen. ¹) Da kam der alte abergläubische, von pythischen Orakeln beratene, von Priesterinnen
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    ¹) Siehe z. B. im XXIV. Gesang der Ilias (Vers 300 fg.) die Erscheinung des Gutes vorbedeutenden Adlers „rechts einher“. Äusserst bezeichnend sind im selben Gesang die Worte des Priamos über ein ihm zu Teil gewordenes Gesicht (Vers 220 fg.):
„Hätt' es ein Anderer mir der Erdenbewohner geboten,
Etwa ein Zeichendeuter, ein Opferprophet und ein Priester,
Lug wohl nennten wir solches, und wendeten uns mit Verachtung.“
Prächtig ist ebenfalls bei Hesiod, wiewohl er dem Volksaberglauben viel näher steht als Homer, die Auffassung der „Geister“: (Werke und Tage, 124 fg.)
„Und sie wahren das Recht und wehren frevelnden Werken:
Überall über die Erde hinwandelnd, in Nebel gehüllet,
Spenden sie Segen; dies ist das Königsamt, das sie erhielten.“
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belehrte, von Dämonen besessene Sokrates, und nach ihm Plato und die anderen. O Hellenen! wäret ihr doch der Religion des Homer und durch sie begründeten künstlerischen Kultur treu geblieben! Hättet ihr auf eure Heraklit und Xenophanes und Sokrates und Plato, und wie sie alle noch heissen, nicht gehört, sondern euren göttlichen Dichtern vertraut! Wehe uns, die wir durch diesen zur geheiligten Orthodoxie erhobenen Dämonenglauben Jahrhunderte hindurch unsäglichen Jammer gelitten haben, die wir durch ihn in unserer gesamten geistigen Entwickelung gehindert wurden, und die wir noch heute wähnen müssen, von thrakischen Bauern umringt zu leben! ¹)

Scholastik
    Nicht eine Spur besser steht es um jenes hellenische Denken, welches nicht mystische Wege wandelt, noch poetischen Eingebungen folgt, sondern eingestandenermassen an Naturwissenschaft anknüpft und es mit Hilfe der Philosophie und der rationellen Psychologie unternimmt, den grossen Problemen des Daseins beizukommen. Da schlägt der griechische Geist sofort in Scholasticismus um, wie schon oben angedeutet. „Worte, Worte, nichts als Worte!“ Hier würden nähere Auseinandersetzungen leider über den Rahmen dieses Buches hinausführen. Wer aber
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vor höherer Philosophie sich scheut, der nehme einen Katechismus zur Hand, es steckt viel Aristoteles darin. Wenn man mit einem solchen unphilosophischen Manne von der Gottheit spricht und ihm sagt, sie sei: „ungeworden, unerschaffen, von je bestehend, unvergänglich“, so wird er glauben, man recitiere ein ökumenisches Glaubensbekenntnis, es ist aber ein Citat aus Aristoteles! Und wenn man ihm ferner sagt, Gott sei: „eine ewige, vollkommene, unbedingte Wesenheit, mit Dasein begabt, jedoch ohne Grösse, die in ewiger Aktualität sich selbst denkt, denn (dies dient zur Erklärung) das Denken wird sich gegenständlich durch Denken des Gedachten, so dass Denken und Gedachtes identisch werden“, so wird der arme Mann glauben, man
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    ¹) Döllinger nennt den „systematischen Dämonenglauben“ eins der „Danaer-Geschenke griechischen Wahnes“ (Akad. Vorträge, I, 182).

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Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie.


lese ihm aus Thomas von Aquin oder allenfalls aus Georg Wilhelm Friedrich Hegel vor, wiederum ist es aber ein Citat aus Aristoteles. ¹) Die vernunftgemässe Lehre von Gott, die vernunftgemässe Lehre von der Seele, vor allem dann noch die Lehre von einer der menschlichen Vernunft gemässen Zweckordnung der Welt, oder Teleologie (durch welche Aristoteles, nebenbei gesagt, so groteske Irrtümer in seine Naturwissenschaft einführte): das war auf diesem Gebiete die Erbschaft! Wie viele Jahrhunderte hat es gedauert, bis ein mutiger Mann kam, der diesen Ballast über Bord warf und darthat, man könne das Dasein Gottes nicht beweisen, wie Aristoteles es zwei Jahrtausenden vorgegaukelt hatte? bis ein Mann kam, der es wagte, die Worte zu schreiben: „Wir sind weder durch Erfahrung, noch durch Schlüsse der Vernunft hinreichend darüber belehrt, ob der Mensch eine   S e e l e   (als in ihm wohnende, vom Körper unterschiedene und von diesem unabhängig zu denken vermögende d. i. geistige Substanz) enthalte, oder ob nicht vielmehr das Leben eine Eigenschaft der Materie sein möge.“ ²)
    Doch genug. Ich glaube mit ausreichender Deutlichkeit dargethan zu haben, dass hellenische Philosophie nur dann wahrhaft gross ist, wenn man das Wort im weitesten Sinne nimmt, etwa dem englischen Sprachgebrauch gemäss, nach welchem ein Newton und ein Cuvier, oder wieder ein Jean Jacques Rousseau und ein Goethe „Philosophen“ heissen. Sobald der Grieche das Gebiet der Anschaulichkeit verliess — und zwar gleich von
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Thales an — wurde er verhängnisvoll; er wurde um so verhängnisvoller, als er dann seine unvergleichliche Gestaltungskraft (welche dem metaphysischen Inder so auffallend fehlt) zur verführerisch klaren Gestaltung schattenhafter Trugbilder und zur Verflachung und Verballhornung tiefer Einsichten und Ahnungen, welche jeder   A n a l y s e   unzugänglich sind, benützte. Nicht dass er mystische Anlagen und ein ausgesprochenes metaphysi-
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    ¹) Metaphysik, Buch XII. Kap. 7.
    ²) Kant: Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, T. 1., Ethische Elementarlehre, § 4.

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Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie.


sches Bedürfnis besass, mache ich ihm zum Vorwurf, wohl aber, dass er Mystik anders als künstlerisch-mythisch zu gestalten suchte, und dass er an dem Kernpunkt aller Metaphysik stets (immer natürlich mit Ausnahme Plato's!) blind vorbeiging und die Lösung transscendenter Fragen auf platt-empirischem Wege versuchte. Hätte der Grieche auf der einen Seite rein poetisch, auf der anderen rein empirisch seine Anlagen weiter entwickelt, dann wäre er für die Menschheit ein ungeteilter, unsagbarer Segen geworden; so aber wurde jener selbe Grieche, der in Poesie und Wissenschaft das Beispiel der frei-schöpferischen Gestaltung und somit des eigentlichen Menschwerdens gegeben hatte, später vielfach ein erstarrendes, hemmendes Element in der Entwickelung des Menschengeistes.

Schlusswort
    Vielleicht habe ich mit diesen letzten Ausführungen ein wenig in das Bereich eines späteren Teiles dieses Buches übergegriffen. Ich wusste mir nicht anders zu helfen; denn, spielte die hellenische Erbschaft eine grosse Rolle in unserem Jahrhundert, wie in allen vorangegangenen, so herrschte doch in Bezug auf sie eine heillose Konfusion und ein hochgradiges „Unbewusstsein“, und diese Geistesverfassung der   E r b e n   musste im Interesse alles Folgen-
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den ebenso klar hervorgehoben werden, wie die vielseitige, verwickelte Eigenart der Erbschaft selber.
    Vor einer Zusammenfassung scheue ich zurück. Was ich über unsere reiche, in unser geistiges Leben so tief eingreifende hellenische Erbschaft vorgebracht habe, ist ja schon an und für sich ein blosser Auszug, eine blosse Andeutung; wird ein derartiges Verfahren noch weiter getrieben, so wird zuletzt jeder konkrete Inhalt sublimiert, die geschwungenen Linien des Lebens schrumpfen zu Graden zusammen, es bleibt eine geometrische Figur zurück, eine Konstruktion des Geistes, nicht ein Abbild der mannigfaltigen, alle Widersprüche in sich vereinigenden Wahrheit. Die Geschichtsphilosophie selbst der bedeutendsten Männer — als Beispiel will ich einzig Herder nennen — regt immer eher zu Widerspruch als zu richtigen Erkenntnissen an.

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Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie.


Ausserdem ist diesem werke ein näheres Ziel gesteckt: nicht das Hellenentum sollte hier beurteilt oder geschichtlich erklärt werden, sondern es genügte, unserem Bewusstsein nahezubringen, wie unendlich viel von ihm auf uns übergegangen ist und noch heute gestaltend auf unser Dichten, Denken, Glauben, Forschen wirkt. In Ermangelung von Vollständigkeit suchte ich Lebendigkeit und Wahrheit. Ich kann dem Leser jedoch die Mühe nicht ersparen, meine Ausführungen von Anfang bis Ende durchzulesen.

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