Hereunder follows the transcription of the first chapter of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van het eerste hoofdstuk van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
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The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

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ERSTES KAPITEL

HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE


Nur durch den Menschen tritt der
Mensch in das Tageslicht des Lebens ein.
Jean Paul Friedrich Richter

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(Leere Seite)

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Das Menschwerden
    Viel Geistvolles ist gesagt worden, um den Unterschied zwischen Mensch und Tier drastisch zu kennzeichnen; wichtiger, weil eine bedeutungsvollere Erkenntnis anbahnend, dünkt mich die Unterscheidung zwischen Mensch und Mensch. In dem Augenblick, wo der Mensch zum Bewusstsein freischöpferischer Kraft erwacht, überschreitet er einen bestimmten Grenzkreis und zerstört den Bann, der ihn, trotz aller seiner Begabung und trotz allen seinen Leistungen, in engster — auch geistiger — Zugehörigkeit zu den übrigen Lebewesen erscheinen liess. Durch die   K u n s t   tritt ein neues Element, eine neue Daseinsform in den Kosmos ein.
   Mit diesem Ausspruch stelle ich mich auf den selben Boden wie etliche der grössten unter Deutschlands Söhnen. Diese Anschauung von der Bedeutung der   K u n s t   entspricht auch, wenn ich nicht irre, einer spezifischen Anlage des deutschen Geistes, wenigstens dürfte eine so klare, scharfe Formulierung jenes Gedankens, wie wir sie bei Lessing und Winckelmann, bei Schiller und Goethe, bei Hölderlin, Jean Paul und Novalis, bei Beethoven und Richard Wagner finden, bei den anderen Mitgliedern der verwandten indogermanischen Völkergruppe kaum anzutreffen sein. Um dem Gedanken gerecht zu werden, muss man zunächst genau wissen, was hier unter „Kunst“ zu verstehen ist. Wenn Schiller schreibt: „Die Natur hat nur   G e s c h ö p f e,   die Kunst hat   M e n s c h e n   gemacht“, wird man doch nicht glauben, er habe hier das Flötenspielen oder das Verseschreiben im Sinne? Wer Schiller's Schriften (vor allen natürlich seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen) sorgfältig und wiederholt

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Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie.


liest, wird immer mehr einsehen, dass der Begriff „Kunst“ für den Dichter-Philosophen ein sehr lebendiger, ihn gewissermassen durchglühender, dennoch aber ein recht subtiler ist, der sich schwer in eine kurze Definition einzwängen lässt. Nun wer ihn nicht verstanden hat, kann eine derartige  Einsicht überwunden zu haben wähnen. Man höre, was Schiller sagt, denn für den Zweck
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des vorliegenden Kapitels, sowie des ganzen Buches ist ein Verständnis dieses Grundbegriffes unentbehrlich. Er schreibt: „Die Natur fängt mit dem Menschen nicht besser an als mit ihren übrigen Werken: sie handelt für ihn, wo er als freie Intelligenz noch nicht selbst handeln kann. Aber eben das macht ihn zum Menschen, dass er bei dem nicht stille steht, was die blosse Natur aus ihm machte, sondern die Fähigkeit besitzt, die Schritte, welche jene mit ihm anticipierte, durch Vernunft wieder rückwärts zu tun, das Werk der Not in ein Werk seiner freien Wahl umzuschaffen, und die physische Notwendigkeit zu einer moralischen zu erheben.“ Zunächst bezeichnet also das   D r ä n g e n   n a c h   F r e i h e i t   den künstlerischen Zustand für Schiller: der Not kann der Mensch nicht entrinnen, er „schafft sie aber um“; indem er das thut, bewährt er sich als Künstler. Als solcher benutzt er die Elemente, die ihm die Natur bietet, um sich eine neue Welt des Scheins zu errichten; jedoch hieraus ergiebt sich ein Zweites, und gerade dieses Zweite darf unter keiner Bedingung übersehen werden: indem der Mensch „in seinem ästhetischen Stande“ sich gewissermassen „ausser der Welt stellt und sie betrachtet“, findet es sich, dass er diese Welt, die Welt ausser ihm, zum erstenmal deutlich erblickt! Freilich war es ein Wahn gewesen, sich aus dem Schosse der Natur losringen zu wollen, gerade dieser Wahn aber leitet ihn nunmehr dazu, sich der Natur völlig und richtig bewusst zu werden: „denn der Mensch kann den Schein nicht von der Wirklichkeit reinigen, ohne zugleich die Wirklichkeit von dem Scheine frei zu machen.“ Erst wenn er zu   d i c h t e n   begonnen hat, beginnt der Mensch auch bewusst zu   d e n k e n;   erst wenn er selber baut, wird er auf die Architektonik des Weltgebäudes aufmerksam. Wirklichkeit und Schein sind anfangs in seinem Bewusstsein vermengt; die bewusste,

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freischöpferische Beschäftigung mit dem Schein ist der erste Schritt, um zu einer möglichst freien, reinen Erkenntnis der Wirklichkeit zu gelangen.   W a h r e   W i s s e n s c h a f t,   d. h. eine nicht bloss messende, registrierende, sondern eine anschauende, erkennende, entsteht also, nach Schiller, unter dem unmittelbaren Einfluss des künstlerischen Strebens der Menschen. Und jetzt erst kann im Menschengeist auch Philosophie auftreten; denn sie schwebt zwischen beiden Welten. Philosophie fusst zugleich auf Kunst und auf Wissenschaft; sie ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, die neuerliche, künstlerische Bearbeitung jener gesonderten, gereinigten Wirklichkeit. Damit ist aber die
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Bedeutung der Vorstellung „Kunst“ für Schiller noch immer nicht erschöpft. Denn die „Schönheit“ (jene frei umgeschaffene, neue Welt) ist nicht allein ein Gegenstand; in ihr spiegelt sich vielmehr auch „ein   Z u s t a n d   unseres Subjekts“ wieder: „Die Schönheit ist zwar Form, weil wir sie betrachten; zugleich aber ist sie Leben, weil wir sie fühlen. Mit einem Wort: sie ist zugleich unser Zustand und unsere That.“ ¹) Künstlerisch zu empfinden, künstlerisch zu denken bezeichnet also einen besonderen Zustand des Menschen überhaupt; es ist eine Stimmung, oder vielmehr eine Gesinnung.... noch besser vielleicht ein latenter Kraftvorrat, der sich im Leben des einzelnen Menschen wie auch im Leben eines ganzen Volkes überall, auch dort, wo Kunst und Wissenschaft und Philosophie nicht unmittelbar beteiligt sind, „befreiend“, „umschaffend“, „reinigend“ bethätigen muss. Oder auch, um uns dieses Verhältnis von einer anderen Seite aus vorzuführen, können wir — und zwar wiederum mit Schiller ²) — sagen: „Aus einem glücklichen Instrumente wurde der Mensch ein unglücklicher Künstler.“ Das ist jene Tragik, von der ich in den einleitenden Worten sprach.
   Man wird, glaube ich, zugeben müssen, dass diese deutsche Auffassung des „Menschwerdens“ tiefer geht, dass sie mehr um-
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    ¹) Vergl. Ästhetische Erziehung, Bf. 3, 25, 26. Näheres hier, Kap. 9, Abschn. 7.
    ²) Vergl. Etwas über die erste Menschengesellschaft, Abschnitt 1.

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fasst und ein helleres Licht auf die zu erstrebende Zukunft der Menschheit wirft, als jede engwissenschaftliche oder rein utilitaristische. Wie dem auch sei, Eines ist sicher: ob einer solchen Auffassung unbedingte Gültigkeit zukomme, oder nur bedingte, für eine Betrachtung der hellenischen Welt und die sichere Aufdeckung ihres Lebensprinzips thut sie unvergleichliche Dienste; denn, mag sie auch in dieser bewussten Formulierung eine charakteristisch deutsche Auffassung sein, im letzten Grunde führt sie auf hellenische Kunst und auf hellenische Philosophie (welche die Naturwissenschaft umschloss) zurück, sie bezeugt, dass das Hellenentum nicht allein äusserlich und geschichtlich, sondern auch innerlich und Zukunft gestaltend im 19. Jahrhundert noch weiter lebte. ¹)

56 Tier und Mensch
    Nicht jede künstliche Bethätigung ist Kunst. Zahlreiche Tiere führen äusserst kunstvolle Bauten auf; der Gesang der Nachtigall wetteifert erfolgreich mit dem Naturgesang wilder Menschen; willkürliche Nachahmung treffen wir hochentwickelt im Tierreich an, und zwar auf den verschiedensten Gebieten — Nachahmung der Thätigkeit, des Lautes, der Form — wobei noch zu bedenken ist, dass wir bis jetzt so gut wie gar nichts von dem Leben der höheren Affen wissen; ²) die Sprache, d. h. also die Mitteilung
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    ¹) Um Missverständnissen vorzubeugen, will ich erwähnen, dass ich hier am Anfang meines Buches mich des einfacheren Verständnisses halber ohne weitere Kritik an Schiller angeschlossen habe; erst im Schlusskapitel kann ich meine Anschauung begründen, dass bei uns Germanen, im Unterschied von den Hellenen, der Angelpunkt des „Menschwerdens“ nicht in der Kunst, sondern in der   R e l i g i o n   zu suchen ist — was aber nicht eine Abweichung von Schiller's Auffassung von „Kunst“ bedeutet, sondern lediglich eine besondere Schattierung.
    ²) Siehe jedoch die Beobachtungen des J. G. Romanes an einem weiblichen Schimpansen, am ausführlichsten in der Zeitschrift Nature, Band XI., S. 160 ff., zusammengezogen in den Büchern des selben Verfassers. In kurzer Zeit lernte dieser Affe mit unfehlbarer Sicherheit bis sieben zählen. Dagegen vermögen die Bakairi (südamerikanischen Indianer) nur bis sechs, und zwar sehr mühsam, zu zählen! (Siehe Karl von Steinen: Unter den Naturvölkeren Brasiliens.)

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von Empfindungen und Urteilen durch ein Individuum an ein anderes, ist durch das ganze Reich der Animalität weit verbreitet und verfügt oftmals über so unbegreiflich sichere Mittel, dass nicht allein Anthropologen, sondern auch Philologen ¹) die Warnung nicht für überflüssig halten, man dürfte nicht einzig das Erzittern menschlicher Stimmbänder, überhaupt nicht bloss den Laut für Sprache halten; ²) u. s. w. Durch die instinktmässige Zusammenfügung zu staatlichen Organisationen, und seien sie noch so vielästig verwickelt, erzielt das menschliche Geschlecht ebenfalls keinen prinzipiellen Fortschritt über die unendlich komplizierten Tierstaaten; neuere Soziologen bringen sogar die Entstehung der menschlichen Gesellschaft in engorganische Beziehung zu der Entwickelung der sozialen Instinkte im umgeben-
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den Tierreich. ³) Betrachtet man das staatliche Leben der Ameisen und sieht man, durch welche kühne Raffinements die praktische Bewährung des gesellschaftlichen Getriebes und das fehlerlose Ineinandergreifen aller Teile bei ihnen bewirkt wird — als Beispiel will ich einzig die Abschaffung des unheilschwangeren Geschlechtstriebes bei einem grossen Prozentsatz der Bevölkerung nennen, und zwar nicht durch Verstümmelung, wie bei unserem elenden Notbehelf der Kastrierung, sondern
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    ¹) Siehe z. B. Whitney: Das Leben der Sprache (französische Ausgabe, S. 238 f.).
    ²) Vergl. namentlich die lichtvollen Ausführungen von Topinard in seiner Anthropologie S. 159-162. Interessant ist es, festzustellen, dass ein so bedeutender und zugleich so ausserordentlich vorsichter, jeder Phantasterei besonders abholder Naturforscher wie Adolf Bastian den Gliedertieren (mit ihren sich gegenseitig berührenden Fühlhörnern) eine ihrem Wesen nach der unsrigen analoge   S p r a c h e   vindiziert; siehe: Das Beständige in den Menschenrassen, S. VIII des Vorwortes. In Darwin: Descent of Man, Kap. III, findet man eine besonders interessante Zusammenstellung der hierher gehörigen Thatsachen und eine energische Zurückweisung der Paradoxen Max Müller's und Anderer.
    ³) Siehe z. B. des amerikanischen Professors Franklin H. Giddings: Prinzipien der Soziologie (französische Ausgabe 1897, S. 189): les bases de l'empire de l'homme furent posées sur les associations zoogéniques des plus humbles formes de la vie consciente.

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Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie.


durch kluge Manipulation der befruchteten Keime — so muss man gestehen, der staatliche Instinkt steht bei uns auf keiner hohen Stufe; im Verhältnis zu manchen Tiergattungen sind wir politische Pfuscher. ¹) Selbst in der besonderen Bethätigung der Vernunft kann man wohl ein eigenartiges spezifisches Merkmal des Menschen, kaum aber ein grundsätzlich neues Naturphänomen erkennen. Der Mensch im Naturzustand benützt seine überlegene Vernunft genau so wie der Hirsch seine Schnellfüssigkeit, der Tiger seine Kraft, der Elefant seine Schwere: sie ist ihm die vorzüglichste Waffe im Kampf ums Dasein, sie ersetzt ihm Behendigkeit, Körpergrösse und so manches andere, was ihm fehlt. Die Zeiten sind vorbei, wo man den Tieren Vernunft abzusprechen sich erdreistete; nicht allein zeigen Affe, Hund und alle höheren Tiere bewusste Überlegung und treffsicheres Urteil, sondern dasselbe ist bei Insekten experimental nachgewiesen worden: eine Bienenkolonie z. B. in ungewohnte, noch nie dagewesene Verhältnisse versetzt, trifft neue Vorkehrungen, versucht dieses und jenes, bis sie das Richtige gefunden hat. ²) Kein Zweifel, dass,
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    ¹) Siehe Carl Vogt's amüsante: Untersuchungen über Thierstaaten (1851). — In Brehm: Vom Nordpol zum Äquator (1890) findet man sehr bemerkenswerte Mitteilungen über die Kriegsführung der Paviane; ihre Taktik wechselt je nach der Bodenbeschaffenheit, sie verteilen sich in bestimmte Gruppen: Vordertreffen, Hintertreffen u. s. w., mehrere arbeiten zusammen, um einen grossen Felsblock auf den Feind hinabzurollen, und vieles dergleichen mehr. — Vielleicht das staunenswerteste Gesellschaftsleben ist das der   G ä r t n e r a m e i s e n   aus Südamerika, über die zuerst Belt: Naturalist in Nicaragua berichtete, dann der Deutsche Alfred Möller; jetzt kann man diese Tiere im zoologischen Garten in London beobachten, wobei namentlich die Thätigkeit der grossköpfigen „Aufseher“ leicht zu verfolgen ist, wie sie, sobald ein „Arbeiter“ faulenzen will, herzulaufen, und ihn aufrütteln!
    ²) Vergl. Huber: Nouvelles observations sur les Abeilles, II. 198, und das schöne Buch von Maurice Maeterlinck: La vie des Abeilles, 1901. Die beste kürzeste neuere Zusammenfassung der entscheidendsten, hierher gehörigen Thatsachen ist wohl die von J. G. Romanes: Essays on Instinct 1897; auch dieser hervorragende Schüler Darwin's ist freilich immer wieder genötigt, auf die Beobachtungsreihen der beiden Huber als auf die sinnreichsten und zuverlässigsten zurück-

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wenn wir das bis jetzt uns fast gänzlich unbekannte psychische
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zugreifen: allzuwenig bekannt ist jedoch das Werk von J. Traherne Moggridge: Beobachtungen über die Speicherameisen und die Fallthürspinnen (in englischer Sprache, 1873, bei Reeve in London); überhaupt sollten die Psychologen des Tierreichs ihre Aufmerksamkeit den Spinnen mehr widmen, welche unzweifelhaft eigenartig begabt sind. (Siehe jedoch H. C. Mac-Cook: American Spiders, Philadelphia, 1889, und die verschiedenen Bände der köstlichen Souvenirs entomologiques von Fabre). Unter älteren Schriften ist von unvergänglichem Wert Kirby: History, Habits and Instincts of Animals. Von den mehr philosophischen Schriften will ich hier besonders auf Wundt's: Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele und auf Fritz Schultze's: Vergleichende Seelenkunde (zweiter Teil, Die Psychologie der Tiere und Pflanzen, 1897) aufmerksam machen. — In dieser Anmerkung möchte ich zugleich eine ausdrückliche Verwahrung einlegen, nämlich, dass ich hier und im Folgenden die tiefe Kluft zwischen dem Geiste des denkenden Menschen und dem des Tieres durchaus nicht verkenne; es war hohe Zeit, dass ein Wundt mit seiner ganzen Geistesschärfe gegen unsere fast unausrottbare Neigung zu anthropomorphistischen Deutungen auftrat; mich dünkt aber, Wundt selber, und mit ihm Schultze, Lubbock und andere verfallen in den umgekehrten Fehler: gegen die kritiklose Überschätzung des Gedankenlebens der Tiere legen sie gerechte Verwahrung ein, dagegen scheinen diese hochgelehrten, in unaufhörlichem Denken und Spekulieren aufgewachsenen Männer nicht zu ahnen, mit wie unendlich wenig Bewusstsein und Reflexion die   M e n s c h h e i t   in ihrer Gesamtheit lebt und recht gut auskommt; sie sind überhaupt geneigt, dem „Bewusstsein“ und der „Reflexion“ ein übermässiges Gewicht beizulegen; das zeigt sich bei ihren Abhandlungen über die elementaren Zustände der menschlichen Psyche und — vielleicht noch deutlicher — bei ihrer geringen Fähigkeit, die Natur des eigentlichen Aktes schöpferischer Genialität (Kunst und Philosophie) zu deuten. Nachdem der eine Wundt die Schätzung der tierischen Intelligenz auf ihr richtiges Niveau herabgeführt hat, brauchten wir jetzt einen zweiten, der unsere Neigung, uns selber ungeheuer zu überschätzen, aufdeckte. — Auch scheint mir folgender Punkt niemals gehörig betont worden zu sein: dass wir nämlich bei unseren Beobachtungen an Tieren auch beim besten Willen Anthropomorphen bleiben; denn wir können uns ja nicht einmal einen   S i n n   (ich meine ein physisches Werkzeug zur Erkenntnis der umgebenden Welt) vorstellen, wenn wir ihn nicht selber besitzen, und wir müssen notwendigerweise ewig blind und taub für alle Gemüts- und Verstandeäusserungen bleiben, welche in unserem

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Leben der Tiere aus entfernten Klassen näher und einsichtsvoller
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eigenen geistigen Leben kein unmittelbares Echo antreffen. Wundt hat gut warnen vor „schlechten Analogien“: auf diesem ganzen Gebiete sind gar keine Schlüsse ausser Analogieschlüssen möglich. Wie Clifford ausführlich dargethan hat (vergl. Seeing and Thinking), können wir hier weder rein objektiv noch rein subjektiv vorgehen; diese gemischte Art der Erkenntnis hat er deswegen eine „ejektive“ genannt. Wir schätzen diejenigen Tiere als die intelligentesten, deren Intelligenz der unsrigen am ähnlichsten ist und die   w i r   deswegen am besten verstehen; ist das aber einem kosmischen Problem wie demjenigen des Geistes gegenüber nicht unendlich naiv und unüberlegt? Ist das nicht verkappter Anthropomorphismus? Sicherlich. Wenn also Wundt behauptet: „auf diesem Gebiete ist das Experiment in hohem Masse der blossen Beobachtung überlegen“, so kann man ihm nur sehr bedingt beipflichten; denn das Experiment ist von Hans aus ein Reflex unserer rein menschlichen Vorstellungen, wogegen die liebevolle Beobachtung eines gänzlich anders gearteten Wesens in seinen eigenen, möglichst normalen Verhältnissen und zwar mit dem Wunsche, nicht seine Leistungen zu kritisieren, sondern sie — soweit unser menschlicher, engumschränkter geistiger Horizont es erlaubt — zu   b e g r e i f e n,   wohl zu manchen überraschenden Einsichten führen müsste. Darum hat uns auch der alte, blinde Huber über die Bienen weit mehr gelehrt als Lubbock in seinem — trotzdem bewundernswerten — Buche Ants, Bees and Wasps (1883); darum erzielen die rohen „Dresseurs“ solche unglaubliche Erfolge, denn sie verlangen von jedem Tier nur solche Leistungen, welche sie auf Grundlage täglicher Beobachtung seiner Anlagen von ihm erwarten dürfen. Hier, wie anderwärts, steckt unsere heutige Wissenschaft noch tief in helleno-jüdischem Anthropomorphismus, und nicht am wenigsten gerade dort, wo sie davor warnt. — Seitdem obige Bemerkung geschrieben, ist das Aufsehen erregende Buch von Bethe: Dürfen wir Ameisen und Bienen psychische Qualitäten zuschreiben? erschienen, welches in seiner ganzen Argumentation ein geradezu klassisches Beispiel des verkappten Anthropomorphismus ist. Durch sinnreiche (obwohl meiner Ansicht nach durchaus nicht abschliessende) Versuche, hat Bethe die Überzeugung gewonnen, die Ameisen erkennten sich als zum Nest gehörig durch den Geruchsinn, auch ihr Wegefinden beruhe auf der Ausscheidung eines chemischen Stoffes u. s. w. Das ganze sei „Chemoreflex“, das gesamte Leben dieser Tiere „rein mechanisch“. Man staunt über einen solchen Abgrund philosophischer Roheit. Ja, ist denn das gesamt Sinnenleben als solches nicht notwendigerweise mechanisch? Kann ich meinen eigenen Vater ohne Zuhilfe-

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untersuchen, wir überall Ähnliches finden. Die im Verhältnis enorme Entwickelung des menschlichen Gehirns ¹) bildet also für uns doch nur eine relative Überlegenheit. Nicht als ein Gott wandelt der Mensch auf Erden, sondern als ein Geschöpf unter anderen Geschöpfen, vielleicht wäre es kaum Übertreibung, zu
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nahme eines Mechanismus erkennen? Erkennt der Hund seinen Herrn nicht fast lediglich durch den Geruchsinn? Sollen denn Descartes' Automaten immer von neuen aufleben, als hätten Wissenschaft und Philosophie seit 300 Jahren stillgestanden? Hier steckt der wirkliche und unausrottbare Anthropomorphismus. Bei Vertebraten lässt die strenge Analogie mit unserer eigenen Struktur Schlüsse auch auf die psychischen Vorgänge zu; im Insekt dagegen steht ein total fremdes Wesen vor uns, aufgebaut nach einem Plane, der so tief von dem unseres Körpers abweicht, dass wir nicht einmal im Stande sind, die rein mechanische Funktionierung der Sinneswerkzeuge mit Sicherheit zu deuten (siehe Gegenbaur: Vergl. Anatomie) und folglich gar nicht wissen, welche uns Menschen gänzlich verschlossene Welt von Sinneseindrücken, von Mittteilungsmöglichkeiten u. s. w. diese Wesen umgeben mag. Das nicht einzusehen, ist „ameisenmässig“ naiv. — Nachtrag der 3. Aufl. In der Eröffnungsrede des vierten internationalen Zoologenkongresses, am 23. August 1898, griff Sir John Lubbock die Automatentheorie heftig an und sagte u. a.: „Viele Tiere besitzen Sinnesorgane, deren Bedeutung uns Menschen unerforschlich ist. Sie vernehmen Geräusche, die uns unhörbar, sie sehen Dinge, die uns unsichtbar bleiben, sie empfangen Sinneseindrücke, die ausserhalb des Bereiches unserer Vorstellungskraft liegen. Die uns so wohlbekannte umgebende Welt muss für sie eine durchaus andere Physiognomie besitzen.“ Schon Montaigne hatte gemeint: Les bêtes ont plusieurs conditions qui se rapportent aux nôtres; de celles-là, par comparaison, nous pouvons tirer quelque conjecture: mais ce qu'elles ont en particulier, que savons-nous que c'est? Der Psychiater Forel gelangt nach dreissig Jahren fleissiger Beobachtung zu der Überzeugung, die Ameisen besässen Gedächtnis, besässen die Fähigkeit, verschiedene Sinneseindrücke im Hirn zur Einheit zu verknüpfen, und handelten mit bewusster Überlegung. (Rede, gehalten am 13. August 1901 im Zoologenkongress zu Berlin.)
    ¹) Bekanntlich hat Aristoteles sich hier, wie so oft, gründlich geirrt: der Mensch besitzt weder absolut noch relativ (d. h. im Verhältnis zum Körpergewicht) das grösste Gehirn: die Überlegenheit dieses Apparates bei ihm ist in anderen Dingen begründet (siehe Ranke: Der Mensch, zweite Ausgabe I., S. 551 und S. 542 f.).

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sagen, als ein primus inter pares; denn es ist schwer einzusehen, warum höhere Differenzierung, mit ihren zahllosen Nachteilen, ohne weiteres als höhere „Vollkommenheit“ betrachtet werden sollte; die relative Vollkommenheit eines Organismus wäre, dünkt mich, durch seine Angemessenheit für gegebene Verhältnisse zu bestimmen. Durch alle Fasern seines Wesens hängt der Mensch organisch mit seiner Umgebung eng zusammen; das alles ist Blut von seinem Blut; denkt man ihn hinweg aus der Natur, so ist er ein Bruchstück, ein entwurzelter Stamm.
    Was zeichnet nun den Menschen vor den anderen Wesen aus? Mancher wird antworten: seine Erfindungskraft, das   W e r k z e u g   ist es, wodurch er sich als Fürst unter den Tieren dokumentiert. Er bleibt jedoch damit noch immer ein Tier unter Tieren: nicht bloss der Anthropoid, auch der gewöhnliche Affe erfindet einfachere Werkzeuge (worüber Jeder sich in Brehm's Tierleben informieren kann), und der Elefant ist, wenn vielleicht nicht in der Erfindung, so doch im Gebrauch der Werkzeuge ein wahrer Meister (siehe Romanes: Die geistige Entwickelung im Tierreich, S. 389 u. s. w.). Die sinnreichste Dynamomaschine erhebt den Menschen nicht um einen Zoll über die allen Wesen gemeinsame Erdoberfläche; alles derartige bedeutet lediglich eine neue Ansammlung von Kraft in dem Kampf ums Dasein; der Mensch wird dadurch gewissermassen ein höher potenziertes Tier. Er beleuchtet sich mit Talgkerzen oder mit Öl, oder mit Gas, oder elektrisch, anstatt schlafen zu gehen; damit gewinnt er Zeit und das heisst Leistungsfähigkeit; es giebt aber ebenfalls zahllose Tiere, die sich beleuchten, manche durch Phosphorescenz, andere (namentlich die Tiefseefische) elektrisch; ¹)
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    ¹) Emin Pascha und Stanley berichten über Schimpansen, welche nachts mit Facklen auf ihre Raubzüge ausziehen! Mit Romanes wird man gut thun, bis auf weiteres diese Thatsache zu bezweifeln: Stanley hat es nicht selbst gesehen und Emin Pascha war überaus kurzsichtig. Sollten die Affen wirklich die Kunst, das Feuer zu erzeugen, erfunden haben, uns Menschen bliebe doch die Erfindung der Gestalt des Prometheus, und dass dieses, nicht jenes es ist, was den Menschen zum Menschen macht, bildet gerade den Inhalt meiner Ausführungen.

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wir reisen auf dem Zweirad, mit der Eisenbahn, bald vielleicht im Luftschiff, — der Zugvogel und der Meeresbewohner hatten das Reisen schon längst in Mode gebracht, und, genau wie sie, reist der Mensch, um sich Subsistenzmittel zu verschaffen. Die unermessliche Überlegenheit des Menschen zeigt sich freilich darin, dass er das alles   v e r n ü n f t i g   zu erfinden und in fortschreitender „Kumulation“ anzuwenden versteht. Der Nachahmungstrieb und die Assimilationsfähigkeit, die man wohl bei allen Säugetieren antrifft, erreichen bei ihm einen so hohen Grad, dass die selbe Sache gewissermassen doch eine andere  wird; in analoger Weise sehen wir bei chemischen Stoffen, dass häufig der Hinzutritt eines einzigen wesensgleichen Atoms, also ein einfaches numerisches Hinzuthun, die Qualitäten des betreffenden Stoffes gründlich umwandelt; wenn man zu Sauerstoff Sauerstoff hinzuthut, entsteht Ozon, ein neuer Körper (O2+O1=O3). Man übersehe jedoch nicht, dass alle menschlichen Erfindungen dennoch auf Assimilation und Nachahmung beruhen; der Mensch   e r-f i n d e t   das, was da vorliegt und einzig seines Kommens harrte, genau so wie er dasjenige   e n t-d e c k t,   was ihm bisher verschleiert war; die Natur spielt „Versteckens“ und „blinde Kuh“ mit ihm. Quod inventitur, fuit: sagt Tertullian. Dass er das versteht, dass er nach dem Verborgenen sucht und nach und nach so vieles aufdeckt und findet, das bezeugt freilich den Besitz von Gaben ohnegleichen; besässe er sie aber nicht, so wäre er ja das elendeste aller Wesen — den ohne Waffen, ohne Kraft, ohne Flügel, ohne alles steht er da: die bitterste Not ist seine Triebfeder, das Erfindungsvermögen sein Heil.
   Was den Menschen nun zum wahren   M e n s c h e n   macht, zu einem von allen, auch den menschlichen Tieren verschiedenen Wesen, das ist, wenn er dazu gelangt,   o h n e   N o t   z u   e r f i n d e n,   seine unvergleichliche Befähigung nicht im Dienste eines Naturzwanges, sondern frei zu bethätigen, oder — um für das selbe einen tieferen, entsprechenderen Ausdruck zu gebrauchen — wenn die Not, welche ihn zum Erfinden treibt, nicht mehr von aussen, sondern von innen in sein Bewusstsein tritt; wenn das, was sein Heil war, nunmehr sein Heiligtum wird.

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Entscheidend ist der Augenblick, wo die freie Erfindung bewusst
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auftritt, das heisst also der Augenblick, wo der Mensch zum Künstler wird. Beobachtungen in Betreff der umgebenden Natur (z. B. des gestirnten Himmels) können schon weit gediehen und ein mannigfaltiger Götter- und Dämonenkultus entstanden sein, ohne dass damit ein grundsätzlich Neues in die Welt getreten wäre. Das alles bezeugt eine schlummernde Fähigkeit, ist aber seinem Wesen nach nichts weiter als die halbunbewusste Bethätigung eines Instinktes. Erst wenn ein einzelner Mensch, wie Homer, frei nach seinem eigenen Willen, die Götter erdichtet, wie er sie haben will, wenn ein Naturbeobachter, wie Demokrit, aus freier Schöpferkraft die Vorstellung des Atoms erfindet, wenn ein sinnender Seher, wie Plato, mit der Mutwilligkeit des weltüberlegenen Genies die ganze sichtbare Natur über Bord wirft und das menschenerschaffene Reich der Ideen an ihre Stelle setzt, wenn ein erhabenster Lehrer ausruft: „Sehet, das Himmelreich ist inwendig in euch!“: dann erst ist ein durchaus neues Geschöpf geboren, jenes Wesen, von dem Plato sagt: „Er hat Zeugungskraft in der Seele viel mehr als im Leibe“, dann erst enthält der Makrokosmos einen Mikrokosmos. Was Kultur zu heissen einzig verdient, ist die Tochter solcher schöpferischen Freiheit, sagen wir kurz der Kunst, mit welch letzterer Philosophie — echte, schöpferische Philosophie und Wissenschaft — so eng verwandt ist, dass beide als zwei Seiten des selben Wesens erkannt werden müssen; jeder grosse Dichter war Philosoph, jeder geniale Philosoph ist Dichter. Was ausserhalb dieses mikrokosmischen Kulturlebens steht, ist lediglich „Civilisation“, das heisst, ein beständig höher potenziertes, zunehmend emsigeres, bequemeres und unfreieres Ameisenstaatendasein, gewiss reich an Segen und insofern wünschenswert, eine Gabe der Zeiten jedoch, bei welcher es häufig überaus fraglich bleibt, ob das Menschengeschlecht nicht mehr dafür bezahlt als erhält. Civilisation ist an und für sich nichts, denn sie bezeichnet nur ein Relatives; ein höhere Civilisation dürfte nur dann als ein positiver Gewinn (als ein „Fortschritt“) betrachtet werden, wenn sie zu einer zunehmend intensiven geistigen und künstlerischen

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Gestaltung des Lebens und zu einer innerlichen moralischen Klärung führte. Weil ihm das bei uns nicht der Fall zu sein schien, darum durfte Goethe als berufenster Zeuge das melancholische Geständnis machen:   „D i e s e   Zeiten sind schlechter als man denkt.“ Dagegen beruht die unvergängliche Bedeutung des Hellenentums darauf, dass es verstanden hat, sich eine Zeit zu schaffen, besser als wir sie uns irgend vorzustellen vermögen, eine unvergleichlich bessere Zeit, als seine eigene, so sehr rück-
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ständige Civilisation sie verdiente, wenn ich mich so ausdrücken darf. Heutzutage unterscheiden alle Ethnographen und Anthropologen scharf zwischen Moral und Religion und erkennen an, dass beide in einem gewissen Sinne von einander unabhängig sind; es wäre ebenso nützlich, wenn man zwischen Kultur und Civilisation scharf zu unterscheiden lernte. Eine hochentwickelte Civilistation ist mit einer rudimentären Kultur vereinbar: Rom zum Beispiel zeigt eine bewundernswerte Civilisation bei sehr geringer, durchaus unorigineller Kultur. Athen dagegen weist (bei seinen freien Bürgern) eine Kulturstufe auf, gegen welche wir Europäer des 19. Jahrhunderts in mancher Beziehung noch immer Barbaren sind, verbunden mit einer Civilisation, welche wir vollauf berechtigt sind, als eine im Verhältnis zu der unsrigen wirklich barbarische zu bezeichnen. ¹) Verglichen mit allen anderen Erscheinungen der Geschichte, stellt das Griechentum eine überschwänglich reiche Blüte des Menschengeistes dar, und die Ursache davon ist, dass   s e i n e   g e s a m t e   K u l t u r   a u f   e i n e r   k ü n s t l e r i s c h e n   G r u n d l a g e    r u h t.   Das freischöpferische Werk menschlicher Phantasie war bei den
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    ¹) Ein treffliches Beispiel liefern die Indoarier in ihrer Urheimat, wo die Ausbildung einer „alle anderen übertreffenden, vollendet einheitlichen, wunderbar durchgebildeten Sprache“, abgesehen von anderen geistigen Thaten, eine hohe Kultur bedeutete, diese Menschen aber nichtsdestoweniger ein fast nackend einhergehendes Hirtenvolk waren, das weder Städte noch Metall kannte. (Siehe namentlich Jhering: Vorgeschichte der Indoeuropäer, S. 2.) Für eine genaue Unterscheidung zwischen Wissen, Civilisation und Kultur verweise ich auf das neunte Kapitel des vorliegenden Werkes und auf die darin enthaltene Übersichtstafel.

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Hellenen der Ausgangspunkt ihres so unendlich reichen Lebens: Sprache, Religion, Politik, Philosophie, Wissenschaft (selbst Mathematik!) Geschichtsschreibung und Erdkunde, alle Formen der Dichtung in Worten und in Tönen, das ganze öffentliche Leben und das ganze innere Leben des Einzelnen — Alles strahlt von diesem Werk aus, und Alles findet sich in ihm wie in einem zugleich figürlichen und organischen Mittelpunkt wieder, einem Mittelpunkt, der das Fremdartigste an Charakteren, Interessen, Bestrebungen zu einer lebendigen, bewussten Einheit verknüpft. In diesem Mittelpunkt steht   H o m e r.

Homer
    Dass man an dem Dasein des Dichters Homer hat zweifeln können, wird späteren Geschlechtern keine sehr günstige Vorstellung von der geistigen Schärfe unserer Epoche geben. Es
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sind gerade 100 Jahre her, dass F. A. Wolf seine Hypothese in die Welt setzte; seitdem haben unsere Neoalexandriner wacker weiter geschnüffelt und geschaufelt, bis sie herausbekamen, Homer sei lediglich eine pseudomytische Kollektivbezeichnung und Ilias und Odyssee nichts weiter als eine geschickte Zusammenkleisterung und Neuredigierung von allerhand Dichtern — — Von wem zusammengekleistert? und so überaus schön redigiert? Nun, natürlich von gelehrten Philologen, von den Vorfahren der jetzigen! Man wundert sich nur, dass, da wir wieder einmal im Besitze eines so geistvollen Kritikergeschlechts sind, diese Herren sich nicht die Mühe genommen haben, uns Armen eine   n e u e   Ilias zusammenzukleistern: an Liedern fehlt es doch wahrlich nicht, auch nicht an echten, schönen Volksliedern, sollte es vielleicht an Pappe, etwa gar an Gehirnpappe fehlen? — Die kompetentesten Richter in einer derartigen Frage sind offenbar die Dichter, die grossen Dichter; der Philologe klebt an der Schale, welche der Willkür von Jahrhunderten ausgesetzt war; dagegen dringt des Dichters kongenialer Blick bis zum Kern vor und erschaut den individuellen Schaffensprozess. Schiller nun, mit der unfehlbaren Sicherheit seines Instinkts, erklärte sofort die Ansicht, Ilias und Odyssee seien nicht in allen Hauptzügen ihrer Gestaltung das Werk eines einzigen gottbegnadeten Mannes, für „einfach barbarisch“. Ja, in seiner Erregung schiesst er so weit über das

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Ziel hinaus, dass er Wolf einen „dummen Teufel“ nennt! Fast noch interessanter ist das Urteil Goethe's. Seine vielgerühmte Objektivität äusserte sich unter anderem auch darin, dass er sich gern widerstandslos einem Eindruck hingab; Wolf's grosse philologische Verdienste und die Menge des Richtigen, welche seine Ausführungen enthielten, bestrickten den grossen Mann; er fühlte sich überzeugt und erklärte es auch öffentlich. Später aber, als Goethe sich wieder eingehend mit den Homerischen Dichtungen zu beschäftigen die Gelegenheit hatte — und diese Werke nicht mehr vom philologisch-historischen, sondern vom rein dichterischen Standpunkt aus betrachtete — da widerrief er seine voreilige Zustimmung zu dem „subjektiven Krame“ (wie er es nunmehr nannte), denn jetzt wusste er genau: hinter diesen Werken steht eine „herrliche Einheit, ein einziger, höherer Dichtersinn“. ¹) Aber auch die Philologen sind, auf ihren notwendigen
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Umwegen, zu der selben Einsicht gelangt, und Homer tritt grösser als je in das 20. Jahrhundert, in das vierte Jahrtausend seines Ruhmes ein. ²)
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    ¹) Siehe z. B. die kleine Schrift: Homer noch einmal, aus dem Jahre 1826.
    ²) Es muss mir daran liegen, auch den geringsten Schein einer Gelehrsamkeit, die ich nicht besitze, von mir abzuwehren; ein Mann in meiner Lage kann ja nur von den   E r g e b n i s s e n   gelehrter Forschungen Kenntnis nehmen; an diese Ergebnisse hat er aber das Recht und die Pflicht als freier Mann und im Besitze einer vollwertigen Urteilskraft heranzutreten, und zwar muss er vor allem, dünkt mich, seine Urteilskraft in der selben Art benützen, wie ein Monarch, dessen Weisheit sich namentlich in der Wahl seiner Ratgeber zu bewähren hat; über den Wert gelehrter Argumente kann der Laie nicht zu Gericht sitzen, dagegen vermag er es sehr gut, aus Stil, Sprache und Gedankenführung sich ein Urteil über den einzelnen   G e l e h r t e n   zu bilden und zwischen Maurer und Architekten zu unterscheiden. Nicht also im Sinne einer materiellen Beweisführung, sondern lediglich damit der Leser über meine Urteilsfähigkeit im angedeuteten Sinne selber frei zu urteilen vermöge, weise ich hin und wieder in diesen Anmerkungen auf meine „Autoritäten“ hin. Wie im Texte ausgeführt, halte ich es zunächst in dieser Frage mit Sokrates: über Flötenspiel haben Musiker das beste Urteil, über Dichtwerke Dichter. Die Meinung Goethe's ist mir in

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    Denn neben den vielen philologisierenden Insekten hat Deutschland ein unverwüstliches Geschlecht wahrhaft grosser Sprach- und Litteraturforscher hervorgebracht: F. A. Wolf gehörte selber dazu; niemals hat er sich bis zu der späteren wahn-
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Bezug auf Homer mehr wert als die sämtlicher Philologen, die seit Beginn der Welt gelebt haben. Über diese letztere habe ich mich jedoch, so weit das ein Laie kann, orientiert, was namentlich bei einer so ungemein verwickelten Frage sehr vonnöten. Die zusammenfassenden Darstellungen von Niese: Die Entwickelung der Homerischen Poesie, 1882 und von Jebb: Homer, 1888, lassen Einen den Gang der Diskussion bis in die Neuzeit verfolgen; mehr aber auch nicht. Dagegen wandert man mit Bergk: Griechische Litteraturgeschichte, 1872-84, an der Hand eines sicheren Führers. Dass Bergk ein Hellenist allerersten Ranges war, geben alle Fachmänner zu, dem Nichtfachmann fällt ausserdem die umfassende und durchdringende Beschaffenheit seines Wissens auf, gepaart mit einer Mässigkeit, die an Nüchternheit grenzt; Bergk ist nicht ein Feuergeist, er bildet bei der Beurteilung dieser Frage die Ergänzung zur blitzschnellen Intuition eines Schiller. Man lese nicht allein das Kapitel: „Homer eine historische Persönlichkeit“, sondern namentlich auch in dem späteren Abschnitt „Homer bei den Neueren“ die Ausführungen über die Liedertheorie, von der Bergk sagt: „Die allgemeinen Voraussetzungen, von denen die Vertreter der Liedertheorie ausgehen, erweisen sich bei näherer Prüfung, namentlich wenn man die Homerischen Gedichte im Zusammenhange mit der gesamten Entwickelung der epischen Poesie betrachtet, als durchaus unhaltbar. Diese Theorie konnte nur von denen aufgestellt werden, welche das Homerische Epos ganz gesondert von seiner Umgebung und ohne alle Rücksicht auf die Geschichte der griechischen Litteratur ihrer zersetzenden Kritik unterwarfen“ (I, 525). Man lese auch seinen Nachweis, dass der Gebrauch der   S c h r i f t   zu Homer's Zeiten üblich war, und dass sowohl innere wie äussere Gründe dafür zeugen, dass Homer seine Dichtungen auch thatsächlich   s c h r i f t l i c h   hinterlassen hat (I, 527 ff.). — 1905. Inzwischen haben die Entdeckungen auf Kreta gezeigt, dass der Gebrauch der Schrift bei den Hellenen üblich war, schon lange ehe die Achäer bis in den Peloponnes eingedrungen waren. In dem Palast des Minos, dessen jüngste Teile nachweislich nicht später als 1550 Jahre vor Christo entstanden, sind ganze Bibliotheken und Archive aufgefunden worden (vergl. die Veröffentlichungen von A. J. Evans in den letzten Jahrgängen des Annual of the British School at Athens).

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witzigen Vorstellung verstiegen, ein grosses Kunstwerk könnte aus der Zusammenwirkung vieler kleiner Männer oder unmittelbar aus dem dunklen Bewusstsein der Masse hervorgehen, und er wäre der erste, der von dem endlichen Erfolg der langwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen mit Befriedigung Kenntnis nehmen würde. Selbst in dem Falle, ein ebenso grosses Genie
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wie Homer hätte sich mit Reparatur- und Ausschmückungsarbeiten an dessen Werken abgegeben — was eine fast widersinnige Annahme wäre — so lehrt uns die Geschichte aller Kunst, dass echte Persönlichkeit jeder Nachahmung trotzt; je weiter aber die kritischen Untersuchungen des 19. Jahrhunderts gediehen, umsomehr musste jeder fähige Forscher einsehen, dass selbst die bedeutendsten Nachahmer, Ergänzer, Wiederhersteller der Epen des Homer sich alle von ihm dadurch unterschieden, dass kein einziger an sein überragendes Genie auch nur entfernt heranreichte. Verunstaltet durch zahllose Missverständnisse, Schreibfehler, noch mehr durch die vermeintlichen Verbesserungen des unausrottbaren Geschlechtes der Besserwisser und durch die Interpolationen gutmeinender Epigonen, zeugten diese Gedichte, gerade je deutlicher die Buntscheckigkeit ihrer heutigen Gestalt
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durch die Polierarbeit der Forschung hervortrat, immer mehr von der unvergleichlichen, göttlichen Gestaltungskraft des ursprünglichen Bildners. Welche unerhörte Macht der Schönheit musste nicht Werken zu eigen sein, welche Jahrhunderte hindurch wildbewegten sozialen Verhältnissen und während noch längerer Zeit dem entweihenden Ansturm von Beschränktheit, Mittelmässigkeit und Pseudogenialität so erfolgreich trotzen konnten, dass noch heute aus diesen Trümmern der ewig-jugendliche Zauber künstlerischer Vollendung als die gute Fee unserer eigenen Kultur uns entgegentritt! Zugleich führten auch andere Forschungen, die ihren eigenen, unabhängigen Weg gegangen waren — die geschichtlichen und mythologischen Studien — zu dem sichern Ergebnis, Homer müsse eine historische Persönlichkeit gewesen sein. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass sowohl Sage wie Mythe sehr frei und nach bestimmten Prinzipien bewusster künstlerischer Gestaltung in diesen Dichtungen behandelt worden sind.

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Um das Wesentlichste nur zu nennen: Homer war ein   V e r e i n f a c h e r   ohnegleichen, er entwirrte den Knäuel populärer Mythen, und aus dem planlosen Durcheinander volksmässiger Sagen, die von Gau zu Gau anders lauteten, wob er einige wenige bestimmte Gestalten, in denen alle Hellenen sich und ihre Götter erkannten, obwohl gerade diese Darstellung ihnen durchaus neu war. — Was wir jetzt so mühevoll entdeckt haben, wussten die Alten sehr gut; ich erinnere an die merkwürdige Stelle bei   H e r o d o t:   „Von den Pelasgern haben die Hellenen die Götter angenommen. Woher aber ein jeglicher der Götter stammt, und ob sie alle immer da waren und von welcher Gestalt sie sind, das wissen wir Hellenen so zu sagen erst seit gestern. Denn Hesiod und Homer sind es zunächst, welche den Griechen ihr Göttergeschlecht geschaffen, den Göttern ihre Namen gegeben, sowie Ehren und Künste unter sie verteilt und ihre Gestalten bezeichnet haben. Die Dichter aber, welche angeblich vor diesen beiden Männern gelebt haben, sind, nach meiner Meinung wenigstens, erst nach ihnen aufgetreten“ (Buch II, Abschn. 53). Hesiod hat etwa ein Jahrhundert   n a c h   Homer gelebt und stand unter seinem unmittelbaren Einfluss; bis auf diesen geringen Irrtum enthält der einfache naive Satz Herodot's alles, was die kritische Riesenarbeit eines Jahrhunderts ans Licht gefördert hat. Dass die Dichter, welche nach der priesterlichen Tradition   v o r   Homer gelebt haben sollten — wie z. B. Orpheus, Mussaeos, Eumolpos aus dem thrakischen, oder Olen und andere aus dem delischen Kreise — in Wirklichkeit
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n a c h   i h m   lebten, ist erwiesen; ¹) und ebenfalls erwiesen ist es, dass die religiösen Vorstellungen der Griechen aus sehr verschiedenen Quellen gespeist worden sind; den Grundstock bildet die indoeuropäische Erbschaft, dazu kommen aber allerhand bunte, orientalische Einflüsse (wie Herodot das ebenfalls in dem Abschnitt, der dem angeführten vorausgeht, schon dargelegt hatte): in dies Wirrnis greift nun der eine unvergleichliche Mann mit der
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    ¹) Siehe namentlich Flach: Geschichte der griechischen Lyrik nach den Quellen dargestellt, I. S. 45 ff., 90 ff.

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souveränen Machtvollkommenheit des freischöpferischen, dichterischen Genies und gestaltet daraus auf künstlerischem Wege eine neue Welt; wie Herodot sagt:  e r   s c h a f f t   d e n   G r i e c h e n   i h r   G ö t t e r g e s c h l e c h t.
    Man gestatte mir, hier die Worte eines der anerkannt gelehrtesten unter den lebenden Hellenisten, Erwin Rohde's ¹) anzuführen: „Volksdichtung ist das Homerische Epos nur darum zu nennen, weil es so geartet ist, dass das Volk, das gesamte Volk griechischer Zunge es willig aufnahm und in sein Eigentum verwandeln konnte, nicht weil in irgend einer mystischen Weise das 'Volk' bei seiner Hervorbringung beteiligt gewesen wäre. Viele Hände sind an den beiden Gedichten thätig gewesen, alle aber in der Richtung und in dem Sinne, die ihnen nicht das 'Volk' oder die 'Sage', wie man wohl versichern hört, sondern die   G e w a l t   d e s   g r ö s s t e n   D i c h t e r g e n i u s   d e r   G r i e c h e n   u n d   w o h l   d e r   M e n s c h h e i t   a n g a b. — — — In Homer's Spiegel scheint Griechenland einig und einheitlich im Götterglauben, wie im Dialekt, in Verfassungszuständen, in Sitte und Sittlichkeit. In Wirklichkeit kann — das darf man kühn behaupten — diese Einheit nicht vorhanden gewesen sein; die Grundzüge des panhellenischen Wesens waren zweifellos vorhanden, aber gesammelt und verschmolzen zu einem nur vorgestellten Ganzen hat sie   e i n z i g   der   G e n i u s   d e s   D i c h t e r s“   (Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen, S. 35, 36). Bergk, dessen ganzes reiches Gelehrtenleben dem Studium der griechischen Poesie gewidmet war, urteilt: „Homer schöpft wesentlich aus sich selbst, aus dem eigenen Innern; er ist ein wahrhaft origineller Geist, nicht Nachahmer, und er übt seine Kunst mit vollem Bewusstsein“ (a. a. O., S. 527). Auch Duncker, der Historiker, bemerkt, dass, was den Nachfolgern Homer's fehlte — was diesen Einzigen also auszeichnete — „der zusammenschauende   B l i c k   d e s   G e n i u s“
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war (Gesch. des Altertums, V, 566). Und um diese Citate
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    ¹) Inzwischen hat die deutsche Wissenschaft den Tod des ausserordentlichen Mannes zu beklagen gehabt.

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würdig zu schliessen, berufe ich mich noch auf Aristoteles, dem man, was kritische Schärfe anbelangt, doch einige Kompetenz zuerkennen wird. Es ist auffallend und wohlthuend zu sehen, dass auch er in Homer's   B l i c k   das unterscheidende Kennzeichen entdeckt; im 8. Kapitel seiner Poetik (er redet von den Eigenschaften einer dichterischen Handlung) meint er: „Homer aber, wie er sich auch in anderen Dingen unterscheidet, scheint auch hierin   r i c h t i g   g e s e h e n   z u   h a b e n,   entweder durch Kunst, oder durch Natur“. Ein tiefes Wort! welches uns auf der überraschenden Begeisterungsschrei im 23. Kapitel der Poetik vorbereitet: Homer ist vor allen anderen Dichtern   g ö t t l i c h.

Künstlerische Kultur
    Dies musste zunächst, und selbst um den Preis einiger Ausführlichkeit, festgestellt werden: nicht etwa weil es für den Gegenstand dieses Buches von Belang ist zu wissen, ob gerade ein Mann Namens Homer die Ilias geschrieben hat, oder inwiefern die Dichtung, welche heute unter diesem Titel bekannt ist, dem ursprünglichen Gedicht entsprechen mag; nein, der spezielle Nachweis war Nebensache: wesentlich dagegen für mein ganzes Buch ist die Hervorhebung der unvergleichlichen Bedeutung der Persönlichkeit überhaupt; wesentlich ebenfalls die Erkenntnis, dass jedes Werk der Kunst immer und ausnahmslos   e i n e   stark individuelle Persönlichkeit voraussetzt, ein grosses Kunstwerk eine Persönlichkeit allerersten Ranges, ein Genie; wesentlich schliesslich die Einsicht, dass das Geheimnis der hellenischen Zaubergewalt in dem Begriff „Persönlichkeit“ eingeschlossen liegt. Denn in der That, will man verstehen, was hellenische Kunst und hellenisches Denken für das 19. Jahrhundert bedeutet haben, will man das Geheimnis einer so zähen Lebenskraft begreifen, so muss man vor allem sich klar machen, dass, was noch heute aus jener verschwundenen Welt mit Jugendfrische weiterwirkt, die Macht grosser Persönlichkeiten ist.
Höchstes Glück der Erdenkinder
ist nur die   P e r s ö n l i c h k e i t,
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sagt Goethe; dieses höchste Glück besassen die Griechen wie nie ein Volk, und das gerade macht das Sonnige, Strahlende an ihrer Erscheinung aus. Ihre grossen Dichtungen, ihre grossen Gedanken sind nicht das Werk anonymer Aktiengesellschaften, wie die sogenannte Kunst und die sogenannte Weisheit der Ägypt-
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ter, Assyrer, Chinesen e tutti quanti; das Heldentum ist das Lebensprinzip dieses Volkes; der einzelne Mann tritt einzeln hervor, kühn überschreitet er den Bannkreis des allen Gemeinsamen, der instinktiv, unbewusst, nutzlos sich accumulierenden Civilisation, furchtlos haut er sich eine Lichtung in den immer dunkler werdenden Urwald der gehäuften Superstitionen: — er wagt es, Genie zu haben! Und aus diesem Wagestück entsteht ein neuer Begriff des Menschlichen; jetzt erst ist der Mensch „in das Tageslicht des Lebens eingetreten“.
   Der Vereinzelte vermöchte das jedoch nicht. Persönlichkeiten können nur in einer Umgebung von Persönlichkeiten sich als solche bemerkbar machen; Aktion gewinnt erst durch Reaktion ein bewusstes Dasein; das Genie kann einzig in einer Atmosphäre der „Genialität“ atmen. Haben wir uns also unzweifelhaft eine einzige, überragend grosse, unvergleichlich schöpferische Persönlichkeit als das bestimmende und durchaus unerlässliche primum mobile der gesamten griechischen Kultur zu denken, so müssen wir als das zweite charakteristische Moment dieser Kultur die Thatsache erkennen, dass die Umgebung sich einer so ausserordentlichen Persönlichkeit würdig erwies. Das Bleibende am Hellenentum, dasjenige, was es noch heute am Leben erhält und dazu befähigte, so vielen der Besten im 19. Jahrhundert ein leuchtendes Ideal zu sein, ein Trost und eine Hoffnung, das kann man in einem einzigen Wort zusammenfassen: es ist seine   G e n i a l i t ä t.   Was hätte ein Homer in Ägypten oder in Phönizien gefrommt? Die einen hätten ihn unbeachtet gelassen, die anderen ihn gekreuzigt; ja selbst in Rom — — — hier haben wir übrigens den Experimentalbeweis vor Augen. Ist es denn der gesamten griechischen Dichtkunst gelungen, auch nur einen einzigen Funken aus diesen nüchternen, unkünstlerischen Herzen zu schlagen? Giebt es unter den Römern ein einziges wahres

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Dichtergenie?  Ist es nicht ein Jammer, dass unsere Schulmeister dazu verurteilt sind, unsere frischen Kinderjahre durch die obligate Bewunderung dieser rhetorischen, gedrechselten, seelenlosen, erlogenen Nachahmungen echter Poesie zu vergällen? Und — denn auf ein paar Dichter mehr oder weniger kommt es wahrlich nicht an — merkt man nicht an diesem einen Beispiel, wie die gesamte Kultur mit der Kunst zusammenhängt? Was sagt man zu einer Geschichte, die mehr als 1200 Jahre umfasst und nicht einen einzigen Philosophen aufweist, ja, nicht einmal das kleinste Philosöphchen? zu einem Volk, das seine in dieser Beziehung wahrhaftig bescheidenen Ansprüche durch
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den Import der letzten, abgemarterten, blutärmsten Griechen decken muss, die aber nicht einmal Philosophen, sondern lediglich ziemlich platte Moralisten sind? Wie weit muss es mit der Ungenialität gekommen sein, wenn ein guter Kaiser, der in seinen Mussestunden Maximen aufgeschrieben hat, als „Denker“ der Verehrung kommender Geschlechter anempfohlen wird! ¹) Wo ist
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     ¹)   L u c r e t i u s   könnte man allenfalls nennen, sowohl als Denker wie als Dichter gewiss ein bewundernswerter Mann; die Gedanken sind aber überall eingestandenermassen griechische, und auch der poetische Apparat ist ein vorwiegend griechischer. Und dabei liegt doch auf seiner grossen Dichtung der tödliche Schatten jenes Skepticismus, der über kurz oder lang zur Unproduktivität führt, und der sorgfältig zu unterscheiden ist von der tiefen Erkenntnis wahrhaft religiöser Gemüter, die das Bildliche an ihren Vorstellungen gewahr werden, ohne deswegen an der erhabenen Wahrheit des innerlich Geahnten, Unerforschlichen zu zweifeln; wie wenn z. B. der Vedische Weise plötzlich ausruft:
„Von wannen sie entstanden, diese Schöpfung,
Ob sie geschaffen oder nicht geschaffen —
Wer über sie im höchsten Himmel wachet,
Der weiss es wohl! Oder weiss auch er es nicht?“
                                                    (Rigveda X, 129.)
oder wie Herodot in der vor wenigen Seiten angeführten Stelle, wo er meint, der Dichter habe die Götter geschaffen. Und Epikur selber, der „Gottesleugner“, der Mann, den Lucretius als den grössten aller Sterblichen bezeichnet, der Mann, von dem er seine ganze Lehre entnimmt — erfahren wir nicht gerade über Epikur, dass bei ihm „Religiosität gleichsam ein angeborenes Gefühl gewesen sein muss“

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ein grosser, schöpferischer Naturforscher unter den Römern? Doch nicht etwa der fleissige Konversationslexikonsredakteur Plinius? Wo ein Mathematiker von Bedeutung? Wo ein Meteorolog, ein Geograph, ein Astronom? Alles was unter Roms Herrschaft in diesen und anderen Wissenschaften geleistet wurde, alles ohne Ausnahme stammt von Griechen. Der poetische Urborn war aber versiegt, und so versiegte nach und nach auch bei den Griechen des Römertums das schöpferische Denken, die schöpferische Beobachtung. Der belebende Hauch des Genies war verweht; weder in Rom noch in Alexandrien war von dieser Himmelsnahrung des menschlichen Geistes für die noch immer
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aufwärts strebenden Hellenen etwas zu finden; in der einen Stadt erstickte der Nützlichkeitsaberglaube, in der anderen die wissenschaftliche Elephantiasis nach und nach jede Lebensregung. Zwar wurde die Gelehrsamkeit immer grösser, die Anzahl bekannter Thatsachen vermehrte sich unaufhörlich, die treibende Kraft nahm jedoch ab, anstatt zuzunehmen (welch letzteres nötig gewesen wäre), und so erlebte die europäische Welt, bei enormer Steigerung der Civilisation, einen progressiven Niedergang der Kultur — bis zur nackten Bestialität. Nichts dürfte für das Menschengeschlecht gefährlicher sein als Wissenschaft ohne Poesie, Civilisation ohne Kultur. ¹)
    Bei den Hellenen war der Verlauf ein ganz anderer. Solange die Kunst unter ihnen blühte, schlug die Leuchte des Geistes auf allen Gebieten hoch zum Himmel empor. Die Kraft, welche sich in Homer bis zu einer gewaltigsten Individualität durchgerungen hatte, lernte nun an ihm ihre Bestimmung erkennen,
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(siehe die von Goethe empfohlene Lebensskizze Epikur's von K. L. von Knebel)? „Nie“ rief Diokles aus, als er Epikur einstmals im Tempel fand, „nie habe ich Zeus grösser gesehen, als da Epikur zu seinen Füssen lag!“ Der Lateiner glaubte das letzte Wort der Weisheit mit seinem Primus in orbe deos fecit timor gesprochen zu haben; der Grieche dagegen kniete als aufgeklärter Mann noch inbrünstiger als ehedem vor dem herrlichen Gottesbilde nieder, welches Heldenmut sich frei erschaffen hatte, und bezeugte hiermit sein Genie.
    ¹) Vergl. in Kap. 9 die Ausführungen über China u. s. w.

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und zwar zunächst im engeren Sinne der rein künstlerischen Gestaltung einer Welt des Schönen Scheines. Um den strahlenden Mittelpunkt herum entstand ein unabsehbares Heer von Dichtern und ein reiche Skala von Dichtarten. Originalität bildete — gleich von Homer an — das Kennzeichen griechischen Schaffens. Natürlich richteten  sich untergeordnete Kräfte nach den hervorragenderen; es gab aber so viele hervorragende, und diese hatten so unendlich mannigfaltige Gattungen erfunden, dass hierdurch auch die geringere Begabung in die Lage versetzt wurde, das ihr genau Angemessene zu erwählen und ihr Höchstes zu leisten. Ich rede nicht allein von der tonvermählten Wortdichtung, sondern ebenfalls von der unerreichten Blüte der Dichtung für das Auge, welche im engsten Anschluss an jene wie ein vielgeliebtes, jüngeres Geschwister aufwuchs. Architektur, Plastik, Malerei, ebenso wie Epik, Lyrik, Dramatik, wie Hymnendichtung, Dithyrambik, Ode, Roman und Epigramm, sie alle waren Strahlen von jenem selben Licht der Kunstsonne, nur je nach dem einzelnen Auge verschieden gebrochen. Gewiss ist es lächerlich, wenn Schulmänner zwischen Bildung und Ballast nicht zu unterscheiden wissen und uns mit endlosen Aufzählungen unbedeutender griechischer Dichter und Bildhauer belästigen; die Empörung hiergegen, welche am Schluss des 19. Jahrhunderts sich mit wachsender Ungeduld zu rühren begann, soll uns willkommen sein; ehe wir aber die vielen überflüssigen Namen der verdienten Ver-
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gessenheit übergeben, wollen wir doch das Phänomen in seiner Gesamtheit bewundern; es bezeugt eine ewig begehrenswerte Herrschaft des guten Geschmacks, eine Feinheit des Urteils, wie sie bisher nicht wiederkehrte, und einen weitverbreiteten, schöpferischen Drang. Die griechische Kunst war ein wahrhaft lebendiges Wesen, darum lebt sie noch heute: was lebt, ist unsterblich. Sie besass einen festen, organischen Mittelpunkt, und sie gehorchte einem unwillkürlichen und darum unfehlbaren Gestaltungstrieb, der die üppigste Mannigfaltigkeit, sogar die tollsten Auswüchse und die mindest bedeutenden Bruchteile zu einem Ganzen verknüpfte. Kurz — und wenn man mir die scheinbare Tautologie verzeiht — hellenische Kunst war eine künstlerische

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Kunst, etwas was kein Einzelner, auch nicht ein Homer, bewirken kann, sondern was aus der Mitwirkung einer Gesamtheit entsteht. Seither hat sich derartiges nicht wieder ereignet, und deswegen lebt griechische Kunst nicht allein noch jetzt bildend und ermahnend in unserer Mitte, sondern die grössten, unserer Künstler (unserer Dichter in Handlungen, Tönen, Worten, Gestalten) haben, wie in den früheren Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, so auch noch im 19. Jahrhundert sich zu Griechenland hingezogen gefühlt wie zu einer Heimat. Der Mann aus dem Volk weiss allerdings bei uns von griechischer Kunst nur indirekt; für ihn haben die Götter nicht, wie für Epikur, einen noch höheren Olymp bestiegen; von roher asiatischer Skepsis und rohem asiatischen Aberglauben wurden sie herabgestürzt, und sie zerschellten; er begegnet ihnen aber auf unseren Brunnen und Theatervorhängen, im Park, wo er Sonntags frische Luft schöpft, und in den Museen (wo die Plastik auf die Menge immer mehr Anziehung ausübt als die Malerei). Der „Gebildete“ trägt Brocken von dieser Kunst als unverdauten Bildungsstoff im Kopfe: mehr Namen, als lebendige Vorstellungen; jedoch begegnet er ihr zu viel auf Schritt und Tritt, als dass er sie je ganz aus den Augen verlieren könnte; sie hat an dem Aufbau seines Geistesgerüstes oft mehr Anteil als er selber weiss. Der Künstler aber — und hiermit will ich jedes künstlerische Gemüt bezeichnen — kann nicht anders als voller Sehnsucht die Augen auf Griechenland richten, und zwar nicht allein wegen der einzelnen dort entstandenen Werke — seit dem Jahre 1200 ist auch bei uns manches Herrliche geboren: Dante steht allein, Shakespeare ist grösser und reicher als Sophokles, die Kunst eines Bach hat kein Grieche auch nur ahnen können — nein, was der Künstler dort findet und was ihm bei uns fehlt, das ist das   k ü n s t l e r i s c h e
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E l e m e n t,   die künstlerische Kultur. Die Grundlage des europäischen Lebens war seit den Römern eine politische: jetzt geht sie nach und nach in eine wirtschaftliche über. Bei den Griechen durfte kein freier Mann Handel treiben, bei uns ist jeder Künstler ein geborener Sklave: die Kunst ist für uns ein Luxus, ein Reich der Willkür, sie ist unserem Staate kein Bedürfnis und unserem

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öffentlichen Leben nicht der Gesetzgeber eines alles durchdringenden Schönheitsgefühls. Schon in Rom war es die Laune eines einzelnen Maecenas, welche die Blüte der Dichtkunst hervorrief; seither hingen die höchsten Thaten der herrlichsten Geister zumeist von der Baulust eines Papstes, der Eitelkeit eines klassisch gebildeten Fürsten, der Prachtliebe einer prunksüchtigen Kaufmannschaft ab, oder hin und wieder wehte ein belebender Hauch aus höheren Regionen, wie die von dem grossen und heiligen Franz von Assisi versuchte religiöse Wiedergeburt, welche zu unserer neuen Kunst der Malerei den ersten Anstoss gab, oder wie das allmähliche Erwachen des deutschen Gemütes, dem wir die herrliche neue Kunst, die deutsche Musik, verdanken. Was ist aber aus den Bildern geworden? Die Wandgemälde überkalkte man, weil man sie hässlich fand; die Tafelbilder entriss man den geheiligten Stätten der Andacht und hing sie alle nebeneinander an den Wänden der Museen auf; und dann — weil man sonst die „Entwickelung“ bis zu diesen gepriesensten Meisterwerken nicht wissenschaftlich hätte auseinandersetzen können — kratzte man dort den Kalk ab, so gut und so schlecht es ging, warf die frommen Mönche hinaus und machte aus Klöstern und compi santi eine zweite Klasse von Museen. Mit der Musik ging es nicht viel anders; ich habe selber in einer — noch dazu wegen ihres geläuterten Musiksinnes besonders gerühmten — Hauptstadt Europas eine Konzertaufführung von J. S. Bach's Matthäuspassion erlebt, in welcher nach jeder „Nummer“ geklatscht und der Choral „O Haupt voll Blut und Wunden!“ sogar da capo verlangt wurde! Wir haben vieles, was die Griechen nicht hatten, solche Beispiele lassen aber deutlich und schmerzlich empfinden, was uns abgeht und was jene besassen. Man begreift, dass Hölderlin dem heutigen Künstler zurufen konnte:
Stirb! du suchst auf diesem Erdenrunde,
Edler Geist, umsonst dein Element!
Es ist nicht Mangel an innerer Kraft, an Originalität, was des heutigen Künstlers Herz nach Griechenland zieht, wohl aber das
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Bewusstsein und die Erfahrung, dass der Einzelne, Vereinzelte

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gar nicht wirklich original sein   k a n n.   Originalität ist nämlich etwas ganz anderes als Willkür; Originalität ist im Gegenteil die freie Befolgung des von der besonderen Natur der betreffenden Persönlichkeit   u n w i l l k ü r l i c h   ihr vorgezeichneten Weges; gerade die Freiheit hierzu besteht aber für den Künstler nur in dem Element einer durch und durch künstlerischen Kultur; eine solche findet er heute nicht. Zwar wäre es durchaus ungerecht, unserer heutigen europäischen Welt künstlerische Regungen abzusprechen: in dem Interesse für Musik macht sich eine ganz gewaltige Gährung der Geister bemerkbar, und das für moderne Malerei greift zwar nur in bestimmte, aber doch in weite Kreise und erregt eine fast unheimliche Leidenschaftlichkeit; das alles bleibt jedoch ausserhalb des Lebens der Völker, es bildet eine Zugabe, eine Zugabe für Mussestunden und müssige Menschen; daher herrschen Mode und Laune und mannigfaltige Lüge, und die Atmosphäre, die den echten Künstler umgiebt, entbehrt jeglicher Elastizität. Selbst das kräftigste Genie ist bei uns gebunden, gehemmt, von vielen Seiten zurückgestossen. Und so lebt denn hellenische Kunst als ein verlorenes, wieder zu erstrebendes Ideal in unserer Mitte fort.

Das Gestalten
    Unter einem fröhlicheren Stern geniessen hellenische Philosophie und hellenische Naturforschung bei uns Kindern des 19. und 20. Jahrhunderts ein gern und dankbar gewährtes Gastrecht. Auch hier handelt es sich nicht um blosse lares und feiern wir nicht lediglich einen Ahnenkultus; hellenische Philosophie ist im Gegenteil äusserst lebendig unter uns, und hellenische Wissenschaft, so unbeholfen auf der einen Seite und so unbegreiflich intuitionskräftig auf der anderen, nötigt uns nicht allein ein historisches, sondern auch ein gegenwärtiges Interesse ab. Die reine Freude, die wir bei der Betrachtung hellenischen Denkens empfinden, dürfte zum Teil von dem Bewusstsein herkommen, dass wir hier über unsere grossen Vorfahren weiter hinausgeschritten sind. Unsere Philosophie ist philosophischer, unsere Wissenschaft wissenschaftlicher geworden: eine Progression, wie sie auf dem Gebiete der Kunst leider nicht stattgefunden hat. In

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Bezug auf Philosophie und Wissenschaft hat sich unsere neue Kultur ihres hellenischen Ursprunges würdig erwiesen; wir haben ein gutes Gewissen.
    Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier Beziehungen nachzuweisen, die jedem Gebildeten bekannt sein müssen: streng genetische, was die Philosophie anbelangt, da unser Denken erst
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bei der Berührung mit dem griechischen erwachte und sogar die zuletzt gereifte Kraft des Widerspruches und der Selbständigkeit aus ihm sog, — streng genetische ebenfalls, insofern die Grundlage aller exakten Wissenschaft in Betracht gezogen wird, die Mathematik, — minder genetische und in früheren Jahren eher hemmend als fördernd, was die beobachtenden Wissenschaften betrifft. ¹) Mir liegt nur das eine ob, in wenigen Worten zu sagen, welche heimliche Kraft diesen alten Gedanken so zähen Lebensgeist schenkte.
    Wie vieles Seitherige ist inzwischen zu ewiger Vergessenheit untergegangen, während Plato und Aristoteles, Demokrit, Euklid und Archimedes in unserer Mitte anregend und belehrend weiterleben und die halbfabelhafte Gestalt des Pythagoras mit jedem Jahrhundert grösser wird! ²) Und ich meine: was dem Denken eines Demokrit, eines Plato, eines Euklid, eines Aristarch ³) ewige Jugend verleiht, das ist genau der selbe Geist, die selbe Geisteskraft, welche Homer und Phidias unsterblich jung macht: es ist das   S c h ö p f e r i s c h e   und — in einem weitesten Sinne des Wortes — recht eigentlich   K ü n s t l e -
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r i s c h e.   Es kommt nämlich darauf an, dass die Vorstellung, durch welche der Mensch die innere Welt seines Ich's oder die äussere Welt zu bewältigen, sie seinem Wesen zu assimilieren
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    ¹) Zu diesem letzten Punkt muss jedoch bemerkt werden, dass manche glänzendste Leistung des hellenische Geistes auf diesem Gebiete uns bis vor kurzem unbekannt war.
    ²) Was die Rückkehr zu einer früheren Einsicht bedeutet. Als ein Orakel den Römern befohlen hatte, dem Weisesten der Hellenen ein Standbild zu errichten, stellten sie die Statue des Pythagoras auf.   (P l u t a r c h :   Numa, Kap. XI.)
    ³) Aristarch von Samos, der Entdecker des sogenannten Kopernikanischen Weltsystems.

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sucht, fest gezeichnet und durch und durch klar gestaltet werde. Blicken wir auf eine etwa dreitausendjährige Geschichte zurück, so sehen wir, dass der menschliche Geist sich durch die Kenntnis neuer Thatsachen allerdings erweitert hat,  bereichert dagegen einzig durch neue Ideen, d. h. durch neue Vorstellungen. Dies ist jene „schöpferische Kraft“, von der Goethe in den Wanderjahren redet, welche „die Natur verherrlicht“ und ohne welche, wie er meint, „das Äussere kalt und leblos bliebe“. ¹) Dauerhaftes aber schafft sie nur, wenn ihre Gebilde schön und durchsichtig sind, also künstlerisch.
„As imagination bodies forth
The forms of things unknown, the poet's pen
Turns them to shapes.“  (Shakespeare.)
    Auf deutsch: während die Phantasie die Vorstellung unerforschlicher Dinge hinausprojiziert, bildet sie des Dichters Griffel zu Gestalten um. Jene Vorstellungen allein, welche zu   G e s t a l t e n   umgebildet werden, machen einen dauernden Besitz des menschlichen Bewusstseins aus. Der Vorrat an Thatsachen ist ein sehr wechselnder, wodurch auch der Schwerpunkt des Thatsächlichen (wenn ich mich so ausdrücken darf,) einer beständigen Verschiebung unterliegt; ausserdem ist etwa die Hälfte unseres Wissens, oder noch mehr, ein Provisorium: was gestern als wahr galt, ist heute falsch, und an diesem Verhältnis wird auch die Zukunft schwerlich etwas ändern, da die Erweiterung des Wissensmaterials mit der Erweiterung des Wissens Schritt hält. ²) Was dagegen der Mensch als Künstler geformt, die Ge-
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    ¹) Man sieht, nach Goethe bedarf es eines schöpferischen Aktes des Menschengeistes, damit das Leben selber „belebt“ werde!
    ²) Ein allgemeines Lehrbuch der Botanik oder Zoologie aus dem Jahre 1875 ist z. B. heute nicht mehr zu gebrauchen und zwar nicht allein und nicht hauptsächlich wegen des neu hinzugekommenen Materials, sondern weil thatsächliche Verhältnisse anders aufgefasst und exakte Beobachtungen durch noch exaktere umgestossen werden. Man verfolge als Beispiel das Imbibitionsdogma mit seinen endlosen Beobachtungsreihen, von seinem ersten Auftreten, im Jahre 1838, bis zu seiner höchsten Blüte, etwa 1868;

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stalt, der er Lebensatem eingehaucht hat, geht nicht unter. Ich
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muss wiederholen, was ich oben schon sagte: was lebt, stirbt
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dann beginnt bald die Contremine, und im Jahre 1898 erfährt der wissbegierige Schüler gar nichts mehr davon. — Besonders interessant ist es zu beobachten, wie in der Zoologie, in der man am Anfang des 19. Jahrhunderts sehr vereinfachen zu dürfen geglaubt hatte, und wo man unter dem Einfluss Darwin's bestrebt gewesen war, alle Tiergestalten wenn irgend möglich auf einen einzigen Stamm zurückzuführen, jetzt, bei fortschreitender Zunahme der Kenntnisse, eine immer grössere Komplikation des ursprünglichen Typenschemas entdeckt wird. Cuvier glaubte mit vier „allgemeinen Bauplänen“ auszukommen. Bald aber war man gezwungen, sieben verschiedene, auf einander nicht zurückführbare Typen anzuerkennen, und vor etwa dreissig Jahren fand Carl Claus, dass neun Typen das Minimum sei. Dieses Minimum genügt aber nicht. Sobald man nicht einzig die menschliche Bequemlichkeit und die Bedürfnisse des Anfängers ins Auge fasst (wofür Richard Hertwig's bekanntes und sonst vortreffliches Lehrbuch ein klassisches Beispiel bietet), sobald man die strukturellen Unterschiede, ohne Bezug auf Formenreichtum und dergleichen gegen einander abwägt, kommt man bei den heutigen genaueren anatomischen Kenntnissen mit weniger als sechzehn verschiedenen, einander typisch gleichwertigen Gruppen nicht aus. (Siehe namentlich das meisterhafte Lehrbuch der Zoologie von Fleischmann, 1898.) — Zugleich haben sich die Anschauungen in Bezug auf manche grundlegende zoologische Thatsachen durch genaueres Wissen völlig verändert. So galt es z. B. vor zwanzig Jahren, als ich bei Karl Vogt Zoologie hörte, für ausgemacht, dass die Würmer in unmittelbarer genetischer Beziehung zu den Wirbeltieren stünden; selbst so kritisch selbständige Darwinisten wie Vogt hielten diese Thatsache für ausgemacht und wussten gar viel Herrliches über den Wurm zu erzählen, der es bis zum Menschen gebracht habe. Inzwischen haben viel genauere und umfassendere Untersuchungen über die Entwickelung der Tiere im Ei zu der Erkenntnis geführt, dass es innerhalb der „Gewebetiere“ (alle Tiere, heisst das, die nicht aus einfachen, trennbaren Zellen bestehen) zwei grosse Gruppen giebt, deren Entwickelung vom Augenblick der Eibefruchtung an nach einem grundverschiedenen Plane vor sich geht, so dass jede wahre — nicht bloss äusserlich scheinbare — Verwandtschaft zwischen ihnen ausgeschlossen ist, sowohl die von den Evolutionisten vorausgesetzte genetische, wie auch die rein architektonische. Und sieh da: die Würmer gehören zu der einen Gruppe (die ihren Höhepunkt in den Insekten findet), und die Wirbeltiere gehören zu der anderen und dürfen nur mehr von Tinten-

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nicht. Man weiss, dass heute die meisten Zoologen die Unsterblichkeit — die physische Unsterblichkeit — des Keimplasmas lehren; die Kluft zwischen organischer und unorganischer, das heisst zwischen belebter und unbelebter Natur, die man am Anfang des 19. Jahrhunderts überbrückt zu haben wähnte, wird täglich tiefer; ¹) hier ist zu einer Diskussion darüber nicht der
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fischen und Seeigeln abstammen! (Vergl. namentlich Karl Camillo Schneider: Grundzüge der tierischen Organisation in den Preussischen Jahrbüchern 1900, Julinummer, S. 73 fg.) Solche Thatsachen dienen als Belege und als Bestätigungen des S. 85 Behaupteten, und es ist durchaus notwendig, dass der Laie, der stets gewohnt ist, in der Wissenschaft seines Tages einen Gipfel zu vermuten, sie als ein Übergangsstadium zwischen einer vergangenen und einer zukünftigen Theorie erkennen lerne.
    ¹) Siehe z. B. das massgebende Werk des amerikanischen Zoologen E. B. Wilson (Professor in Columbia): The cell in Development and Inheritance, 1896, wo wir lesen: „Die Erforschung der Zellenthätigkeit hat im ganzen die gewaltige Kluft, welche selbst die allerniedrigsten Formen, des Lebens von den Erscheinungen der unorganischen Welt trennt, eher weiter aufgerissen als verengert.“ Die unbedingte Richtigkeit dieser Aussage vom rein naturwissenschaftlichen Standpunkt aus bezeugte mir vor kurzem Herr Hofrat   W i e s n e r.   — Wilson's Buch ist inzwischen (1900) in zweiter, vermehrter Auflage erschienen. Der citierte Satz steht S. 434 unverändert. Das ganze letzte Kapitel, Theories of Inheritance and Development, ist allen Denen zu empfehlen, die statt Phrasen eine wirkliche Einsicht in den augenblicklichen Zustand wissenschaftlicher Erkenntnis in Bezug auf die Grundthatsachen der tierischen Gestalt besitzen wollen. Sie werden ein Chaos finden. Wie der Verfasser (S. 434) sagt: „Die ungeheure Grösse des Problems der Entwickelung, gleichviel ob ontogenetisch oder phylogenetisch, ist unterschätzt worden.“ Jetzt sieht man ein, dass jedes neuentdeckte Phänomen nicht Aufklärung und Vereinfachung, sondern neue Verwirrung und neue Probleme bringt, so dass ein bekannter Embryolog (siehe Vorwort) vor kurzem ausrief: „Jedes Tierei scheint sein eigenes Gesetz in sich zu tragen!“ Rabl kommt in seinen Untersuchungen Über den Bau und die Entwickelung der Linse (1900) zu ähnlichen Ergebnissen; er findet, dass jede Tierart ihre spezifischen Sinnesorgane besitzt, deren Unterschiede schon in der Eizelle bedingt sind. So wird denn durch die Fortschritte der wahren Wissenschaft — und im Gegensatz zu dem Nonsens über Kraft und Stoff, mit dem Generationen von leichtgläubigen Laien verblödet

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Platz; ich führe diese Thatschache nur analogisch an, um mich zu rechtfertigen, wenn ich auch geistigem Gebiete zwischen organisierten und unorganisierten Vorstellungen streng unterscheide, und wenn ich meine Überzeugung ausspreche, dass etwas, was des Dichters Griffel zu einer lebendigen Gestalt geformt hat, noch niemals gestorben ist. Kataklysmen können derartige Gebilde verschütten, sie entsteigen aber nach Jahrhunderten ewig jung dem vermeintlichen Grabe; gar häufig kommt es auch vor, dass die Kinder des Gedankens, wie ihre Geschwister, die marmornen Standbilder, verstümmelt, zerstückelt oder ganz und gar zertrümmert werden; das ist aber eine mechanische Vernichtung, nicht Tod. Und so war denn die mehr als tausend Jahre alte Ideenlehre Plato's ein lebendiger Bestandteil des Geisteslebens des 19. Jahrhunderts, ein „Ursprung“ gar vieler Gedanken; fast jede philosophische Spekulation von Bedeutung hat wohl an einer oder der andern Seite bei ihr angeknüpft. Inzwischen beherrschte Demokrit's Geist die Naturwissenschaft: mag seine geniale Erdichtung der Atome, um dem heutigen Wissensmaterial angepasst zu werden, noch so tiefe Umgestaltungen haben erfahren müssen, er bleibt doch der Erfinder, der Künstler, er ist es, der (um mit Shakespeare zu reden) das Unerforschliche durch die Kraft seiner Phantasie hinausprojiziert und diese Vorstellung dann gestaltet hat.

Plato
    Beispiele der Weise, in welcher hellenische Gestaltungskraft den Gedanken Leben und Wirksamkeit verliehen hat, sind leicht zu nennen. Man nehme Plato's Philosophie. Sein Material ist kein neues; er setzt sich nicht hin, wie etwa Spinoza, um aus den
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Tiefen des eigenen Bewusstseins ein logisches Weltsystem herauszukalkulieren; ebensowenig greift er mit der grossartigen Unbefangenheit (ingenuitas) des Descartes der Natur in die Eingeweide, in dem Wahn, dort als Welterklärung ein Räderwerk
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worden sind — unsere Auffassung des Lebens eine immer „lebendigere“, und der Tag ist wohl nicht mehr fern, wo man einsehen wird, dass es vernünftiger wäre, das Unbelebte vom Standpunkt des Lebendigen aus, als umgekehrt, deuten zu wollen. (Ich verweise auf meinen Immanuel Kant, S. 482 fg.)

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zu entdecken; vielmehr nimmt er hier und dort, was ihm das beste dünkt — bei den Eleaten, bei Heraklit, bei den Pythagoräern, bei Sokrates — und gestaltet daraus kein eigentlich logisches, wohl aber ein künstlerisches Ganzes. Die Stellung Plato's zu den früheren Philosophen Griechenlands ist derjenigen Homer's zu den vorangegangenen und zeitgenössischen Sängern durchaus nicht unähnlich. Auch Homer „erfand“ wahrscheinlich nichts (ebensowenig wie später Shakespeare); er griff aber aus verschiedenen Quellen dasjenige heraus, was zu seinem Zwecke passte, und fügte es zu einem neuen Ganzen zusammen, zu etwas durchaus Individuellem, begabt mit den unvergleichlichen Eigenschaften des lebendigen Individuums, behaftet mit den von dem Wesen des Individuums nicht zu trennenden engen Grenzen, Lücken, Eigenheiten, — denn jegliches Individuum spricht mit dem Gott der ägyptischen Mysterien: „Ich bin, der ich bin,“ und steht als ein neues Unerforschliches, nicht zu Ergründenes da. ¹) Ähnlich Plato's Weltanschauung. Professor Zeller, der berühmte Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie meint: „Plato ist zu sehr Dichter, um ganz Philosoph zu sein.“ Es dürfte schwer fallen, dieser Kritik irgend einen bestimmten Sinn abzugewinnen. Gott weiss, was ein „Philosoph“ in   a b s t r a c t o   sein mag; Plato war er selber, kein andrer; und an ihm erkennen wir, wie ein Geist gestaltet sein musste, um griechisches Denken zu seiner höchsten Blüte zu führen. Er ist der Homer dieses Denkens. Wenn ein Mann, der die nötige Kompetenz besässe, die Lehre Plato's derartig zergliederte, dass man deutlich gewahr würde, welche Bestandteile nicht durch den Vorgang des genialen Wiedergebärens allein, sondern als ganz neue Erfindungen ureigenes Eigentum des grossen Denkers sind, so würde das   D i c h t e r i s c h e   seines Verfahrens gewiss besonders klar werden. Montesquieu nennt Plato denn auch (in seinen Pensées) einen der vier grossen Dichter der Menschheit. Namentlich
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    ¹) „Ein echtes Kunstwerk bleibt wie ein Naturwerk für unsern Verstand immer unendlich; es wird angeschaut, empfunden; es wirkt, es kann aber nicht eigentlich erkannt, viel weniger sein Wesen, sein Verdienst mit Worten ausgesprochen werden.“ (Goethe.)

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würde dasjenige, was man als widerspruchsvoll, als nicht Zusammenzureimendes tadelt, sich als   k ü n s t l e r i s c h e   N o t -
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w e n d i g k e i t   erweisen. Das Leben ist an und für sich ein Widerspruch: „la vie est l'ensemble des fonctions qui résistent à la mort“ sagte der grosse Bichat; jedes Lebendige hat darum zugleich etwas Fragmentarisches und etwas gewissermassen Willkürliches an sich; einzig durch die freie, poetische — doch nur bedingt gültige — Zuthat des Menschen gelingt es, die beiden Enden des magischen Gürtels aneinander zu knüpfen; Kunstwerke bilden keine Ausnahme: Homer's Ilias ist ein grossartiges Beispiel hiervon, Plato's Weltanschauung ein zweites, Demokrit's Welttheorie ein ebenso bedeutendes. Und während die prächtig „logisch“ ausgemeisselten Philosophien und Theorien eine nach der anderen in dem Abgrund der Zeit verschwinden, reihen sich jene alten Ideen noch jugendfrisch an unsere neuesten an. Man sieht: nicht die „objektive Wahrheit“ ist das Ausschlaggebende, sondern die Art der Gestaltung, „l'ensemble des fonctions“, würde Bichat sagen.
   Noch eine Bemerkung in Bezug auf Plato; wiederum nur eine Andeutung — denn zu jeder Ausführung fehlt mir der Raum — genug aber, hoffe ich, damit nichts unklar bleibt. Dass indisches Denken einen geradezu bestimmenden Einfluss auf die griechische Philosophie ausgeübt hat, steht nunmehr fest; unsere Hellenisten und Philosophen haben sich zwar lange mit dem wütenden Eigensinn vorurteilsvoller Gelehrten dagegen gesträubt: alles sollte in Hellas autochton entstanden sein, höchstens die Ägypter und die Semiten hätten bildend gewirkt — wobei allerdings für die Philosophie wenig zu profitieren gewesen wäre; die neueren Indologen haben jedoch das bestätigt gefunden, was die ältesten (namentlich der geniale Sir   W i l l i a m   J o n e s)   sofort vermutet hatten. Insbesondere ist für Pythagoras der Nachweis einer eingehenden Bekanntschaft mit indischen Lehren ausführlich dargebracht worden, ¹) und da Pythagoras immer deutlicher als der
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    ¹) Vergl. hierüber namentlich Schroeder: Pythagoras und die Inder (1884).

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Stammvater des griechischen Denkens hervortritt, ist das schon viel. Ausserdem ist eine unmittelbare Beeinflussung der Eleaten, des Heraklit, des Anaxagoras, des Demokrit u. s. w., höchst wahrscheinlich gemacht worden. ¹) Unter diesen Bedingungen kann es nicht wunder nehmen, wenn ein so hoher Geist wie Plato durch manche irreführende Zugabe hindurchdrang und — namentlich betreffs etlicher Kernpunkte aller echten Metaphysik
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— mit den erhabensten Anschauungen der indischen Denker genau übereinstimmt. ²) Man vergleiche aber Plato und die Inder, seine Werke, und ihre Werke! Da wird man nicht länger im Zweifel sein, warum Plato lebt und wirkt, die indischen Weisen dagegen zwar auch noch leben, ohne aber auf die weite Welt, auf die werdende Menschheit unmittelbar zu wirken. Das indische Denken ist, was Tiefe und umfassende Vielseitigkeit anbelangt, unerreicht; meinte aber Professor Zeller, Plato sei „zu sehr Dichter, um ganz Philosoph zu sein“, so ersehen wir aus dem Beispiel der Inder, was aus einer Weltanschauung wird, wenn ein Denker zu „ganz“ Philosoph ist, um noch zugleich ein bisschen Dichter zu sein. Dieses reine Denken der Inder entbehrt aller Mitteilbarkeit — was einen zugleich naiven und tiefen Ausdruck darin findet, dass nach den indischen Büchern die höchste, letzte Weisheit einzig   d u r c h   S c h w e i g e n   gelehrt werden kann. ³)
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    ¹) Die beste mir bekannte Zusammenstellung aus letzterer Zeit ist die von Garbe in seiner Sâmkhya-Philosophie (1894), S. 85 fg.; dort findet man auch die wichtigste Litteratur erwähnt.
    ²) Für den Vergleich zwischen Plato und den Indern in Bezug auf die Erkenntnis der empirischen Realität und transscendentalen Idealität der Erfahrung siehe namentlich Max Müller: Three lectures on the Vedânta Philosophy (1894), S. 128 fg. Plato's Stellung den Eleaten gegenüber wird hierdurch eigentlich erst ganz klar. Umfassenderes in Deussen's Werken, namentlich in seinem Vortrag: „Über die Philosophie des Vedânta in ihrem Verhältnis zu den metaphysischen Lehren des Westens“, in englischer Sprache gehalten und in Bombay (1893) erschienen. (Eine deutsche Übersetzung aus meiner Feder brachten die Bayreuther Blätter, Jahrgang 1895, S. 125 fg.)
    ³) „Als Bâhva von dem Vâhskâli befragt wurde, da erklärte ihm dieser das Brahman dadurch, dass er schwieg. Und Vâshkâli

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Ganz anders der Grieche! Koste, was es wollte, er muss „die Vorstellung unerforschlicher Dinge hinausprojizieren und gestalten“. Man lese in diesem Zusammenhang die mühsame Auseinandersetzung in Plato's Theaitetos, wo Sokrates zuletzt zugiebt, es könne einer im Besitz der Wahrheit sein, ohne dass er sie zu erklären vermöge, das sei aber noch keine Erkenntnis; was Erkenntnis sei, bleibt allerdings zum Schluss (ein Beweis von Plato's Tiefsinnigkeit) unentschieden; im kulminierenden Punkte des Dialogs jedoch wird sie als „richtige Vorstellung“ bezeichnet, und gesagt, über richtige Vorstellung müsse man „Rede stehen und Erklärung geben können“; ebenfalls hierher gehört die be-
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rühmte Stelle Timäos, wo der Kosmos mit einem „lebendigen Tiere“ verglichen wird. Es   m u s s   vorgestellt und gestaltet werden: das ist das Geheimnis des Griechen, von Homer bis Archimedes. Plato's Ideenlehre verhält sich zur Metaphysik genau ebenso wie Demokrit's Atomenlehre zur physischen Welt: es sind Werke einer freischöpferischen, gestaltenden Kraft und in ihnen quillt, wie in allen echten Kunstwerken, ein unerschöpflicher Born symbolischer Wahrheit. Derartige Schöpfungen verhalten sich zu materiellen Thatsachen wie die Sonne zu den Blumen. Nicht Segen allein empfingen wir von den Hellenen; im Gegenteil, einiges, was von ihnen sich herleitet, bedrückt noch wie ein banger Alp unsere aufstrebende Kultur; was wir aber Gutes von ihnen erbten, war vor allem solch blütentreibender Sonnenschein.

Aristoteles
    Unter dem unmittelbaren Einfluss Plato's schiesst einer der kräftigsten Stämme in die Höhe, welche die Welt jemals erblickte:   A r i s t o t e l e s.   Dass Aristoteles sich in gewissen Beziehungen als Gegensatz zu Plato entwickelte, ist in der Natur seines In-
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sprach: lehre mir, o Ehrwürdiger, das Brahman! Jener aber schwieg stille. Als nun der andere zum zweitenmale oder drittenmale fragte, da sprach er: ich lehre dich es ja, du aber verstehst es nicht; dieses Brahman ist Schweigen.“ (Çankara in den Sûtra's des Vedânta, III, 2, 17). Und in der Taittiriya-Upanishad lesen wir (II. 4): „Vor der Wonne der Erkenntnis kehrt alle Sprache um, auch alles Denken, unfähig sie zu erreichen.“

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tellektes begründet; ohne Plato wäre er überhaupt kein Philosoph, wenigstens kein Metaphysiker geworden. Eine kritische Würdigung dieses grossen Mannes, wenn auch nur in Bezug auf den bestimmten Gegenstand dieses Kapitels, ist mir unmöglich; sie würde zu weit führen. Ich konnte ihn aber nicht ungenannt lassen, und ich darf wohl voraussetzen, dass die Gestaltungskraft, welche in seinem logischen „Organon“, in seiner „Tiergeschichte“, in seiner „Poetik“ u. s. w. sich verkündet und durch alle seitherigen Jahrhunderte bewährt hat, Keinem entgehen kann. Um mir ein Wort des Scotus Erigena anzueignen: die naturalium rerum discretio war das Gebiet, auf dem er Unerreichtes schuf, die fernsten Geschlechter zu Dank verpflichtend. Nicht dass er Recht hatte, war Aristoteles' Grösse — kein Mann ersten Ranges hat sich öfter und flagranter geirrt als er — sondern dass er keine Ruhe kannte, bis er auf allen Gebieten des menschlichen Lebens „gestaltet“ und Ordnung im Chaos geschaffen hatte. ¹) Insofern ist er ein echter Hellene. Freilich haben wir diese „Ordnung“ teuer bezahlt. Aristoteles war weniger Dichter als vielleicht irgend ein anderer unter den bedeutenden Philosophen Griechenlands; Herder sagt von ihm, er sei „vielleicht der trockenste Geist, der je den Griffel geführt“; ²)
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er muss, glaube ich, selbst Herrn Professor Zeller genug „ganz Philosoph“ sein; jedenfalls war er es genug, um — dank seiner hellenischen Gestaltungskraft — mehr hartnäckigen Irrtum in die Welt zu säen, als jemals ein Mann vor ihm oder nach ihm. Die Naturwissenschaften waren bis vor kurzen an allen Ecken und Enden durch ihn gehemmt; die Philosophie, und namentlich die Metaphysik, hat ihn noch nicht abgeschüttelt; unsere Theologie ist — ja, wie soll ich sagen? — sie ist sein uneheliches Kind. Wahrlich, dieses grosse und bedeutende Erbe der alten Welt war ein zweischneidiges Schwert. Ich komme
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    ¹) Eucken sagt in seinem Aufsatz: „Thomas von Aquin und Kant“ (Kantstudien, 1901, VI, S. 12, oder S. 30 des S. A.), die geistige Arbeit Aristoteles' sei „ein künstlerisches, genauer noch ein plastisches Gestalten“.
    ²) Ideen zur Geschichte der Menschheit, Buch XIII, Kap. 5.

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gleich in einem anderen Zusammenhang auf Aristoteles und die griechische Philosophie zurück; hier will ich nur noch hinzufügen, dass die Griechen allerdings eines Aristoteles sehr bedurften, der auf empirische Methoden den Nachdruck legte und in allen Dingen den goldenen Mittelweg empfahl; in ihrem genialen Übermute und Schaffensdrange waren sie geneigt, hinaus und hinauf zu stürmen mit einer leichtfertigen Missachtung des ernsten Bodens der Realität, die mit der Zeit Unheil schaffen musste; charakteristisch ist jedoch, dass Aristoteles, so ganz Hellene er auch war, auf die Entwickelung des griechischen Geisteslebens zunächst von verhältnismässig geringem Einfluss blieb; der gesunde Instinkt eines schaffensfreudigen Volkes empörte sich gegen eine so tödlich heftige Reaktion und empfand vielleicht dunkel, dass dieser angebliche Empiriker als Heilmittel das Gift des Dogmas mit sich führte. Aristoteles war nämlich von Beruf Arzt, — er gab das grosse Beispiel des Arztes, der seinen Patienten umbringt, um ihn zu heilen. Doch jener erste Patient war widerspenstig; er rettete sich lieber in die Arme des neoplatonischen Quacksalbers. Wir armen Spätgeborenen erbten nun Arzt und Quacksalber zugleich, die beide unseren gesunden Körper mit ihren Droguen tränken. Gott stehe uns bei!

Naturwissenschaft
    Ein Wort noch über hellenische Wissenschaft. Es ist nur natürlich, dass die wissenschaftlichen Errungenschaften der Griechen für uns kaum mehr als ein historisches Interesse besitzen; sie sind längst überholt. Was uns jedoch nicht gleichgültig lassen kann, ist die Wahrnehmung des unglaublichen Aufschwunges, den die richtige Deutung der Natur unter dem Einflusse der Entfaltung neuentdeckter künstlerischer Fähigkeiten nahm. Unwillkürlich wird man an Schiller's Behauptung erinnert: man könne den Schein von der Wirklichkeit nicht sondern, ohne zugleich die Wirklichkeit von dem Scheine zu reinigen.
   Wenn es ein Gebiet giebt, auf welchem man weniger als nichts von den Hellenen erwarten würde, so ist es das der