Here under follows the transcription of the third chapter of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations of the 19th century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van het derde hoofdstuk van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
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The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

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DRITTES KAPITEL

DIE ERSCHEINUNG CHRISTI

 

Durch   E i n e s   Tugend sind Alle zum
wahren Heile gekommen.
Mahâbhârata

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(Leere Seite)

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Einleitendes
    Vor unseren Augen steht eine bestimmte unvergleichliche Erscheinung; dieses erschaute Bild ist das Erbe, das wir von unseren Vätern überkommen haben. Die historische Bedeutung des Christentums kann man ohne die genaue Kenntnis dieser Erscheinung nicht ermessen und richtig beurteilen; dagegen gilt das Umgekehrte nicht, und die Gestalt Jesu Christi Ist heute durch die geschichtliche Entwickelung der Kirchen eher verdunkelt und ferngerückt als unserem klarschauenden Auge enthüllt. Einzig durch eine örtlich und zeitlich beschränkte Kirchenlehre diese Gestalt erblicken, heisst sich freiwillig Scheuklappen aufbinden und sich die Aussicht auf das göttlich Ewige auf ein kleines Mass beschränken. Durch die Kirchendogmen wird ohnehin gerade die Erscheinung Christi kaum berührt; sie alle sind so abstrakt, dass sie weder dem Verstand noch dem Gefühl einen Anhaltspunkt bieten; es gilt von ihnen im Allgemeinen, was ein unverfänglicher Zeuge, der heilige Augustinus, von dem Dogma der Dreieinigkeit sagt: „Wir reden also von drei Personen, nicht weil wir wähnen, hiermit etwas ausgesagt zu haben, sondern lediglich, weil wir nicht schweigen können.“¹) Gewiss ist es keine Verletzung der schuldigen Ehrfurcht, wenn wir sagen: nicht die Kirchen bilden die Macht des Christentums, sondern diese bildet einzig und allein jener Quell, aus dem die Kirchen selber alle Kraft schöpfen: der Anblick des gekreuzigten Menschensohnes.
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    ¹) „Dictum est tamen tres personae, non ut aliquid diceretur, sed ne taceretur.“ De Trinitate, lib. V, c. 9.

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


    Trennen wir also die Erscheinung Christi auf Erden von allem historischen Christentum.
    Was sind denn auch unsere 19 Jahrhunderte für die bewusste Aufnahme eines derartigen Erlebnisses, für die alle Schichten der Menschheit durchdringende Umwandlung durch eine von Grund aus neue Weltanschauung? Man bedenke doch, dass es über
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zwei Jahrtausende gewährt hat, ehe die mathematisch beweisbare, sinnfällig vorstellbare Struktur des Kosmos ein fester, allgemeiner Besitz des menschlichen Wissens wurde!¹) Ist nicht der Verstand mit seinen Augen und mit seinem unfehlbaren Brevier von 2 mal 2 ist 4 leichter zu modeln, als das blinde, ewig durch Eigensucht bethörte Herz? Nun wird ein Mann geboren und lebt ein Leben, durch welches die Auffassung von der sittlichen Bedeutung des Menschen, die gesamte „moralische Weltanschauung“ eine völlige Umwandlung erleiden — wodurch zugleich das Verhältnis des Individuums zu sich selbst, sein Verhältnis zu Anderen und sein Verhältnis zur umgebenden Natur eine früher ungeahnte Beleuchtung erfahren muss, so dass alle Handlungsmotive und Ideale, alle Herzensbegehr und Hoffnung nunmehr umzugestalten und vom Fundament aus neu aufzubauen sind! Und man glaubt, das könne das Werk einiger Jahrhunderte sein? Man glaubt, das könne durch Missverständnisse und Lügen, durch politische Intriguen und ökumenische Konzilien, durch den Befehl ehrgeiztoller Könige und habgieriger Pfaffen, durch dreitausend Bände scholastischer Beweisführung, durch den Glaubensfanatismus beschränkter Bauernseelen und den edlen Eifer vereinzelter „Fürtrefflichsten“, durch Krieg, Mord und Scheiterhaufen, durch bürgerliche Gesetzbücher und gesellschaftliche Intoleranz bewirkt werden? Ich für mein Teil glaube es nicht. Ich glaube vielmehr, dass wir noch fern, sehr fern von dem Moment sind, wo die umbildende Macht der Erscheinung Christi sich in ihrem vollen Umfang auf die gesittete Menschheit geltend machen wird. Sollten unsere Kirchen in ihrer bisherigen Gestalt auch zu Grunde gehen, die christliche Idee wird nur umso machtvoller
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    ¹) Siehe S. 86.

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


hervortreten. Im 9. Kapitel werde ich zeigen, wie unsere neue germanische Weltanschauung dahin drängt. Das Christentum geht noch auf Kinderfüssen, kaum dämmert seine Mannesreife unserem blöden Blicke. Wer weiss, ob nicht ein Tag kommt, wo man die blutige Kirchengeschichte der ersten 18 christlichen Jahrhunderte als die Geschichte der bösen Kinderkrankheiten des Christentums betrachtet?
    Lassen wir uns also bei der Betrachtung der Erscheinung Christi durch keinerlei historische Vorspiegelungen und ebensowenig durch die vorübergehenden Ansichten des 19. Jahrhunderts das Urteil trüben. Seien wir überzeugt, dass wir gerade von dieser einen Erbschaft bis heute nur den kleinsten Teil angetreten
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haben; und, wollen wir wissen, was sie für uns Alle zu bedeuten hat — gleichviel, ob wir Christen oder Juden, Gläubige oder Ungläubige, gleichviel, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht — so verstopfen wir uns vorläufig die Ohren gegen das Chaos der Glaubensbekenntnisse und der die Menschheit schändenden Blasphemieen, und richten wir zunächst den Blick hinauf zu der unvergleichlichsten Erscheinung aller Zeiten.
    In diesem Abschnitt werde ich nicht umhin können, Manches, was die „Verstandesgrundlage“ verschiedener Religionen bildet, kritisch prüfend zu betrachten. Da ich aber das, was ich selber als Heiligtum im Herzen berge, unangetastet lasse, so hoffe ich auch keinem andren vernünftigen Menschen verletzend nahe zu treten. Die historische   E r s c h e i n u n g   J e s u   C h r i s t i   kann man ebenso gut von jeder ihr innewohnenden, übernatürlichen Bedeutung trennen, wie man Physik auf rein materialistischer Grundlage treiben kann und muss, ohne darum zu wähnen, man habe die Metaphysik von ihrem Throne gestürzt. Von Christus freilich kann man schwerlich reden, ohne hin und wieder das jenseitige Gebiet zu streifen; jedoch der Glaube, als solcher, braucht nicht berührt zu werden, und wenn ich als Historiker logisch und überzeugend verfahre, so lasse ich mir gern die einzelnen Widerlegungen gefallen, die der Leser nicht aus seinem Verstand, sondern aus seinem Gemüt schöpft. In diesem Be-

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


wusstsein werde ich im folgenden Abschnitt ebenso freimütig reden, wie in den vorangegangenen.

Die Religion der Erfahrung
    Der religiöse Glaube von mehr als zwei Dritteln der gesamten Bewohner der Erde knüpft heute an das irdische Dasein zweier Männer an: Christus und Buddha; Männer, die vor nur wenigen Jahrhunderten lebten und von denen es historisch nachgewiesen ist, dass sie thatsächlich gelebt haben, und dass die Traditionen, die von ihnen berichten — wie viel sie auch an Erdichtetem, Schwankendem, Unklarem, Widersprechendem enthalten mögen — dennoch die Hauptzüge ihres wirklichen Lebens getreu wiedergeben. Auch ohne dieses sichere Ergebnis der wissenschaftlichen Forschungen des 19. Jahrhunderts¹) werden gesund und
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scharfsinnig urteilende Männer niemals an dem wirklichen Dasein dieser grossen moralischen Helden gezweifelt haben: denn ist das historisch-chronologische Material über sie auch äusserst dürftig und lückenhaft, so steht doch ihre sittliche und geistige Individualität so leuchtend klar vor Augen, und diese Individualität ist eine so unvergleichliche, dass sie nicht erfunden werden konnte. Die Erfindungsgabe des Menschen ist eng beschränkt; das schöpferische Gemüt kann nur mit Gegebenem arbeiten: Homer muss   M e n s c h e n   auf dem Olympos inthronisieren, denn was er sah und erlebte, zieht seiner Gestaltungskraft die unübersteigbare Grenze; dass er seine Götter so ganz menschlich darstellt, dass er seiner Phantasie nicht gestattet, sich ins Ungeheuerliche, Unvorstellbare (weil nie Gesehene) zu verirren, dass er sie vielmehr bändigt, um ihre ungeteilte Kraft zu einer sichtbaren Dichtung zu verwerten, das ist ein Beweis unter Tausenden, und nicht der geringste, von seiner geistigen Überlegenheit. Wir vermögen es nicht einmal, eine Pflanzen- oder eine Tiergestalt zu erfinden; höchstens stellen wir bei derartigen Versuchen eine aus Bruchteilen allerhand bekannter Wesen zusam-
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    ¹) Die Existenz Christi war nämlich bereits im 2. Jahrhundert unserer Aera geleugnet worden, und Buddha wurde bis vor 25 Jahren von vielen Fachgelehrten für eine mythische Gestalt gehalten. Siehe z. B. die Bücher von Sénart und Kern.

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


mengestoppelte Monstrosität zusammen. Die Natur dagegen, die unerschöpflich erfindungsreiche, zeigt uns Neues, wann es ihr beliebt; und dieses Neue ist nunmehr für unser Bewusstsein ebenso unvertilgbar wie es ehedem unerfindbar war. Einen Buddha, geschweige einen Jesus Christus, konnte keine dichterische Menschenkraft, weder die eines Einzelnen, noch die eines Volkes, erfinden; nirgends entdecken wir auch nur den geringsten Ansatz dazu. Weder Dichter, noch Philosophen, noch Propheten haben sich ein derartiges Phänomen erträumen können. Oft redet man freilich, anknüpfend an Jesus Christus, von Plato; ganze Bücher giebt es über das angebliche Verhältnis zwischen diesen beiden; es sei nämlich der griechische Philosoph ein Vorverkündiger der neuen Heilslehre gewesen. In Wahrheit ist aber der grosse Plato ein ganz unreligiöses Genie, ein Metaphysiker und Politiker, ein Forscher und Aristokrat. Und nun gar So-
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krates! Der kluge Urheber der Grammatik und der Logik, der biedere Verkünder einer Philistermoral, der edle Schwätzer der atheniensischen Gymnasien, ist er nicht in allem der Gegenpart zu dem göttlichen Verkünder eines Himmelreichs der „Armen an Geist“? Ebensowenig hat man in Indien die Gestalt eines Buddha im Voraus geahnt oder durch die Sehnsucht herbeigezaubert. Alle solche Behauptungen gehören dem weiten Gebiete des nachträglich konstruierenden, geschichtsphilosophischen Irrwahnes an. Wären Christus und das Christentum eine historische Notwendigkeit gewesen, wie der Neoscholastiker Hegel behauptet und ein Pfleiderer und Andere uns heute glauben machen möchten, so hätten wir nicht einen Christus, sondern tausend entstehen sehen müssen; ich möchte wirklich wissen, in welchem Jahrhundert ein Jesus nicht ebenso „notwendig“ gewesen wäre wie das liebe Brot?¹) Verwerfen wir also solche von Gedanken-
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    ¹) Über Christus schreibt Hegel (Philosophie der Geschichte, Th. III, A. 3‚ Kap. 2): „Er wurde als ein   d i e s e r   Mensch geboren, in abstrakter Subjektivität, aber so, dass umgekehrt die Endlichkeit nur die Form seiner Erscheinung ist, deren Wesen und Inhalt vielmehr die Unendlichkeit, das absolute Fürsichsein ausmacht. — — Die Natur Gottes, reiner Geist zu sein, wird dem Menschen in der

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


blässe angekränkelte Betrachtungen, die alle den einzigen Erfolg haben, das allein Ausschlaggebende und Produktive, nämlich die Bedeutung der lebendigen, individuellen, unvergleichlichen   P e r s ö n l i c h k e i t   zu verwischen. Immer wieder muss man Goethe's grosses Wort anführen:
Höchstes Glück der Erdenkinder
Ist   n u r   die Persönlichkeit!
Wohl wird die Umgebung der Persönlichkeit, die Kenntnis ihrer allgemeinen Bedingtheit in Zeit und Raum wertvolle Beiträge liefern zu ihrer klaren Erkenntnis; durch ein solches Wissen werden wir Wichtiges von Unwichtigem, charakteristisch Individuelles von örtlich Konventionellem unterscheiden lernen: das heisst also, wir werden die Persönlichkeit immer klarer erblicken. Sie jedoch erklären, sie als eine logische Notwendigkeit

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darthun wollen, ist ein müssiges, albernes Beginnen; jede Gestalt — auch die eines Käfers — ist für den Menschenverstand ein „Wunder“; die menschliche Persönlichkeit aber ist das mysterium magnum des Daseins, und je mehr die Kritik eine grosse Persönlichkeit von den Zuthaten der Legendenbildung reinigt, je mehr es ihr gelingt, fast einen jeden ihrer Schritte als ein Bedingtes, als ein gewissermassen durch die Natur der Dinge Gebotenes hinzustellen, umso unbegreiflicher wird das Wunder. Das ist auch das Endresultat der Kritik, welche im 19. Jahrhundert am Leben Jesu geübt wurde. Man nennt dies Jahrhundert ein unreligiöses; noch niemals jedoch (seit den ersten christlichen Jahrhunderten) hat sich das Interesse der Menschen in so leidenschaftlicher Weise auf die Person Jesu Christi konzentriert, wie
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christlichen Religion offenbar. Was ist aber der Geist? Er ist das Eine, sich selbst gleiche Unendliche, die reine Identität, welche zweitens sich von sich trennt, als das Andere ihrer selbst, als das Fürsich- und Insichsein gegen das Allgemeine. Diese Trennung ist aber dadurch aufgehoben, dass die atomistische Subjektivität, als die einfache Beziehung auf sich, selbst das Allgemeine, mit sich Identische ist.“ — Was wohl zukünftige Jahrhunderte zu diesem Wortschwall sagen werden? Während zwei Drittel des 19. wurde er für höchste Weisheit gehalten.

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


in den letzten 70 Jahren; die Werke Darwin's, wie weit verbreitet sie auch waren, wurden nicht ein Zehntel soviel gekauft, wie die von Strauss und Renan. Und das Endergebnis ist, dass das thatsächliche Erdenleben Jesu Christi eine immer konkretere Gestalt gewonnen und man immer deutlicher hat einsehen müssen, die Entstehung der christlichen Religion sei im letzten Grunde auf den schier beispiellosen Eindruck zurückzuführen, den diese eine Persönlichkeit auf ihre Umgebung gemacht und hinterlassen hatte. Bestimmter als je, und darum auch unergründlicher als je, steht heute diese Erscheinung vor unseren Augen.
    Das musste zunächst festgestellt werden. Die ganze Richtung unserer Zeit bringt es mit sich, dass wir uns nur für das Konkrete, Lebendige erwärmen können. Am Beginn des 19. Jahrhunderts war es anders; die Romantik warf ihre Schatten nach allen Seiten, und so war es auch Mode geworden, Alles und Jedes „mythisch“ zu erklären. Im Jahre 1835 folgte David Strauss dem ihm von allen Seiten gegebenen Beispiel und bot als „Schlüssel“ (!) der Evangelien „den Begriff des Mythus“!¹) Heute sieht ein
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    ¹) Siehe erste Ausgabe I, 72 fg. und Volksausgabe, 9. Aufl., S. 191 fg. — Dass Strauss niemals geahnt hat, was ein Mythus ist, was Mythologie bedeutet, wie aus seinem Durcheinanderwerfen von Volksmythen, von Dichtungen und von Legenden hervorgeht, das ist wieder eine Sache für sich. Eine spätere Zeit wird überhaupt den Erfolg solcher öden, zwar gelehrten, doch jeder tieferen Einsichtskraft, jedes schöpferischen Hauches baren Produkte wie die eines Strauss nicht begreifen können. Es scheint als ob, ähnlich wie die Bienen und Ameisen ganzer Kohorten geschlechtsloser Arbeiter in ihren Staaten bedürfen, auch wir Menschen ohne den Fleiss und die auf kurze Zeit weit hinreichende Wirkung solcher mit dem Stempel der Sterilität gezeichneten Geister (wie sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts so üppig blühten) nicht auskommen könnten. Der Fortgang der historisch-kritischen Untersuchungen auf der einen Seite, auf der anderen die zunehmende Neigung, das Augenmerk nicht auf das Theologische und Nebensächliche, sondern auf das Lebendige und Bestimmende zu richten, lässt heute den Strauss'schen mythologischen Standpunkt als einen so totgeborenen empfinden, dass man in den Schriften dieses ehrlichen Mannes nicht blättern kann, ohne laut zu gähnen. Und doch muss man zugeben, dass solche Männer, wie er und wie Renan (zwei Hohlspiegel, der eine alle

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Jeder ein, dass dieser angebliche Schlüssel nichts weiter war, als eine neue, nebelhafte Umschreibung des ungelöst bleibenden Problems, und dass nicht ein „Begriff“, sondern einzig ein thatsächlich gelebtes Wesen, einzig der mit nichts zu vergleichende Eindruck einer Persönlichkeit, wie sie die Welt noch niemals erlebt hatte, den „Schlüssel“ giebt zur Entstehung des Christentums. Je mehr Ballast aufgedeckt wurde, einerseits in Gestalt pseudo-mythischer (richtiger gesprochen pseudo-historischer) Legendenbildung, andererseits in der Form philosophisch-dogmatischer Spekulation, umsomehr Lebenskraft und Widerstandsfähigkeit musste dem ursprünglichen, treibenden und gestaltenden Moment zuerkannt werden. Die allerneueste, streng-philologische Kritik hat das ungeahnt hohe Alter der Evangelien und die weitreichende Authenticität der uns vorliegenden Handschriften nachgewiesen; es ist nunmehr gelungen, gerade die allerfrüheste Geschichte des Christentums streng historisch, fast Schritt für Schritt zu verfolgen; ¹) doch ist das Alles vom allgemein menschlichen Standpunkt aus betrachtet weit weniger belangreich als die eine Thatsache, dass in Folge dieser Ergebnisse die Erscheinung des einen göttlichen Mannes in den Vordergrund gerückt worden ist, so dass Ungläubige sowohl wie Gläubige nicht mehr umhin können, sie als Mittelpunkt und Quelle des Christentums (dies Wort in dem denkbar umfassendsten Sinne genommen) anzuerkennen.

Buddha und Christus
    Buddha und Christus wurden von mir vorhin zusammengestellt. Der Kern religiöser Vorstellungen bei allen begabteren Menschenrassen (mit einziger Ausnahme der kleinen Familie der Juden auf der einen Seite und ihrer Antipoden, der Brahmanischen Inder, auf der andern) beruht seit den letzten Jahrtausenden nicht auf dem Bedürfnis einer Welterklärung, auch nicht auf mytho-
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Linien in die Länge, der andere in die Fläche verzerrend) ein wichtiges Werk vollbracht haben, indem sie die Aufmerksamkeit von Tausenden auf das grosse Wunder der Erscheinung Christi richteten und somit für gründlichere Denker und einsichtsvollere Männer eine Zuhörerschaft bereiteten.
    ¹) Später tritt eine noch unaufgeklärte dunkle Periode ein.

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


logischer Natursymbolik, noch auf grübelndem Transscendentismus, sondern auf der   E r f a h r u n g   grosser Charaktere. Wohl
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spukt noch unter uns das Wahngebilde eitler „vernünftigen Religion“, auch war manchmal in den letzten Jahren von einem „Ersatz der Religion durch Höheres“ die Rede, und auf den Bergesspitzen gewisser deutscher Gaue opferten zur Zeit der Sonnenwende neuerstandene „Wotansanbeter“; keiner dieser Bewegungen eignete jedoch bisher die geringste weltgestaltende Kraft. Ideen sind eben unsterblich — ich sagte es schon öfters und werde es immer wiederholen müssen — und in solchen Gestalten wie Buddha und Christus erreicht eine Idee —- nämlich eine bestimmte Vorstellung des Menschendaseins — eine so lebendige Verkörperung, diese Idee wird so vollkommen durchgelebt, so klar vor Aller Augen hingestellt, dass sie nie mehr aus dem menschlichen Bewusstsein entschwinden kann. Mancher mag den Gekreuzigten niemals erblickt haben, mancher kann an dieser Erscheinung stets gänzlich achtlos vorübergegangen sein, Tausenden von Menschen, auch unter uns, fehlt das, was man den inneren Sinn nennen könnte, um ihrer überhaupt gewahr zu werden; dagegen kann man nicht Jesum einmal erblickt haben, auch nur mit halbverschleierten Augen, und ihn dann wieder vergessen; es liegt nicht in unserer Macht, Erfahrenes aus unserer Vorstellung auszurotten. Man ist nicht Christ, weil man in dieser oder jener Kirche auferzogen wurde, weil man Christ sein   w i l l,   sondern   i s t   man Christ, so ist man es, weil man es sein   m u s s,   weil kein Chaos des Weltgetriebes, kein Delirium der Eigensucht, keine Dressur des Denkens die einmal gesehene Gestalt des Schmerzensreichen auszulöschen vermag. Christus, am Vorabend seines Todes von seinen Jüngern über die Bedeutung einer seiner Handlungen befragt, antwortete:   „E i n   B e i s p i e l   habe ich Euch gegeben.“ Das ist die Bedeutung nicht bloss der einen Handlung, sondern seines ganzen Lebens und Sterbens. Selbst ein so streng kirchlicher Mann wie Martin Luther schreibt: „Des Herrn Christi   B e i s p i e l   ist zugleich ein Sakrament, es ist in uns kräftig und lehret nicht allein, wie die Exempel der Väter thun, sondern   w i r k e t   auch das, so es lehret, giebt das Leben,

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


die Auferstehung und Erlösung vom Tode.“ In Ähnlichem liegt die Weltmacht Buddha's begründet. Der wahre Quell aller Religion ist, ich wiederhole es, bei der überwiegenden Mehrzahl aller jetzt lebenden Menschen nicht eine   L e h r e,   sondern ein   L e b e n.   In wiefern wir im Stande sind, dem Beispiel mit schwachen Kräften zu folgen, in wiefern nicht, das ist eine ganz andere Frage; das Ideal ist da, deutlich, unverkennbar, und es wirkt seit Jahrhunderten mit einer Gewalt ohnegleichen auf die Gedanken und Handlungen der Menschen, auch der ungläubigen.
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Hierauf komme ich in einem anderen Zusammenhange später zurück. Wenn ich nun an dieser Stelle, wo einzig die Erscheinung Christi mich beschäftigt, Buddha herangezogen habe, so geschah das besonders deswegen, weil nichts eine Gestalt so deutlich hervortreten lässt, wie der Vergleich. Nur darf der Vergleich kein ungereimter sein, und ich wüsste nicht, wen die Weltgeschichte ausser Buddha als geeignet zu einem Vergleich mit Christus bietet. Beiden gemeinsam ist der göttliche Ernst; beiden gemeinsam ist die Sehnsucht, der ganzen Menschheit den Weg der Erlösung zu weisen; beiden ist eine unerhörte Macht der Persönlichkeit eigen. Und dennoch, stellt man diese beiden Gestalten nebeneinander, so kann es nicht sein, um eine Parallele zwischen ihnen zu ziehen, sondern nur um den Kontrast zu betonen. Christus und Buddha sind Gegensätze. Was sie einigt, ist die Erhabenheit der Gesinnung; aus dieser ging ein Leben ohnegleichen hervor, und aus dem Leben eine weitreichende Wirkung, wie sie die Welt noch nicht erfahren hatte. Sonst aber trennt sie fast alles, und der Neobuddhismus, der sich in den letzten Jahren in gewissen Gesellschaftsschichten Europas — angeblich im engsten Anschluss an das Christentum und über dieses hinausschreitend — breitmacht, ist nur ein neuer Beweis von der weitverbreiteten Oberflächlichkeit im Denken. Buddha's Denken und Leben bildet nämlich das genaue Gegenteil von Christi Denken und Leben, das, was der Logiker die Antithese, der Physiker den Gegenpol nennt.

Buddha
    Buddha bedeutet den greisenhaften Ausgang einer an der Grenze ihres Könnens angelangten Kultur. Ein hochgebildeter,

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


mit reicher Machtfülle begabter Fürst erkennt die Nichtigkeit seiner Bildung und seiner Macht; was Allen das Höchste dünkt, besitzt er, doch vor dem Blick des Wahrhaftigen schmilzt dieser Besitz zu einem Nichts zusammen. Die indische Kultur, aus der nachdenklichen Beschaulichkeit eines Hirtenlebens hervorgegangen, hatte sich mit aller Wucht einer hohen Begabung auf die Ausbildung der einen menschlichen Anlage, der kombinierenden Vernunft, geworfen; dabei verkümmerte die Verbindung mit der umgebenden Welt — die kindliche Beobachtung, die praktischgeschäftige Nutzbarmachung — wenigstens bei den Gebildeteren, fast völlig; Alles war systematisch auf die Entwickelung des Denkvermögens angelegt; jeder gebildete Jüngling wusste auswendig, Wort für Wort, eine ganze Litteratür von so subtilem Gedankengehalt, dass wenige Europäer heutzutage überhaupt fähig sind, ihm zu folgen; selbst die abstrakteste Vorstellungsart der
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konkreten Welt, die Geometrie, war den Indern zu handgreiflich, und sie schwelgten dafür in einer Arithmetik, welche über alle Vorstellbarkeit hinausgeht; wer hier im Ernste sich über seinen Lebenszweck befragte, wem es von Natur gegeben war, einem höchsten Ziele nachzustreben, der fand auf der einen Seite ein religiöses System, in welchem die Symbolik zu so wahnsinnigen Dimensionen angewachsen war, dass man etwa 30 Jahre brauchte, um sich darin zurecht zu finden, auf der andern, eine Philosophie, die zu so schwindligen Höhen emporführte, dass, wer die letzten Sprossen dieser Himmelsleiter erklettern wollte, sich auf ewig aus der Welt in die Tiefen des lautlosen Urwaldes zurückziehen musste. Hier hatten offenbar das Auge und das Herz keine Rechte mehr. Wie ein sengender Wüstenwind hatte der Geist der Abstraktion über alle andern Anlagen der reichen Menschennatur, alles verdorrend, hinweggeweht. Sinne gab es freilich noch, tropisch heisse Gelüste; auf der andern Seite aber die Verleugnung der ganzen Sinnenwelt; dazwischen nichts, kein Ausgleich, nur Krieg, — Krieg zwischen menschlicher Erkenntnis und menschlicher Natur, zwischen Denken und Sein. Und so musste Buddha hassen, was er liebte: Kinder, Eltern, Weib, alles Schöne und Freudenvolle, denn das waren lauter Schleier vor der Erkenntnis,

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


Schlingen, die ihn an ein erträumtes, lügenhaftes Mayaleben ketteten. Und was sollte ihm die ganze Brahmanische Weisheit? Opferzeremonien, die kein Mensch verstand und die die Priester selber als lediglich symbolisch, für den Wissenden nichtig erklärten; dazu eine „Erlösung durch Erkenntnis“, die kaum Einem in Hunderttausend zugänglich war? So warf denn Buddha nicht allein sein Reich und sein Wissen von sich, alles riss er sich aus dem Herzen, was ihn noch als Menschen unter Menschen fesselte, alle Liebe, alles Hoffen, zugleich zertrümmerte er den Glauben seiner Väter, entgötterte das Weltgebäude und verwarf als müssiges Wahngebilde selbst jenen höchsten Gedanken indischer Metaphysik, den an einen all-einigen Gott, unbeschreibbar, unvorstellbar, raumlos, zeitlos, dem Denken folglich unzugänglich, doch von ihm geahnt. Nichts giebt es — dies war Buddha's Erlebnis und folglich auch seine Lehre — nichts giebt es im Leben ausser „dem   L e i d e n“;   das einzig Erstrebenswerte ist   „d i e   E r l ö s u n g   vom   L e i d e n“;   diese Erlösung ist der Tod, das Eingehen in das Nichts. Nun glaubte aber jeder Inder wie an eine offenkundige, nicht erst in Frage zu ziehende Sache, an die Seelenwanderung, d. h. an die unaufhörliche Neu-
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geburt der selben Individuen. Die „Erlösung“ also spendet nicht der gewöhnliche Tod, sondern nur derjenige Tod, auf den keine Neugeburt folgt; und dieser erlösende Tod kann einzig dadurch gewonnen werden, dass der Mensch schon im Leben, also aus freien Stücken, stirbt; d. h., dass er alles, was ihn an das Leben fesselt, alle Liebe, alles Hoffen, alles Wünschen, alles Haben abschneidet und vernichtet, kurz, wie wir heute mit Schopenhauer sagen würden, dass er den Willen zum Leben verneint. Lebt der Mensch auf diese Weise, macht er sich selbst zur wandelnden Leiche ehe er stirbt, dann erntet der Schnitter Tod keinen Samen zur Neugeburt. Lebend sterben: das ist die Essenz des Buddhismus. Man kann Buddha's Leben als den   g e l e b t e n   S e l b s t m o r d   bezeichnen. Es ist der Selbstmord in seiner denkbar höchsten Potenz: denn Buddha lebt einzig und allein, um zu   s t e r b e n,   um endgültig und ohne Widerruf tot zu sein, um einzugehen in das Nirwana, das Nichts.

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


Christus
    Welchen grösseren Gegensatz kann es zu dieser Erscheinung geben, als diejenige Christi, dessen Tod den Eingang ins ewige   L e b e n   bedeutet? In der ganzen Welt erblickt Christus göttliche Vorsehung; kein Sperling fällt zur Erde, kein Haar auf eines Menschen Haupt kann gekrümmt werden, ohne dass der himmlische Vater es erlaubt. Und weit entfernt, dass dieses irdische Dasein, gelebt durch den Willen und unter dem Auge Gottes, ihm verhasst sei, preist es Christus als den Eingang in die Ewigkeit, als die enge Pforte, durch die wir in's Reich Gottes eintreten. Und dieses Reich Gottes, was ist es? ein Nirwana? ein erträumtes Paradies? eine zu erkaufende zukünftige Belohnung für hienieden vollbrachte Werke? Die Antwort giebt Christus in einem Wort, welches uns unzweifelhaft authentisch aufbewahrt worden ist, denn es war noch niemals gesprochen worden, und es wurde offenbar von keinem seiner Jünger verstanden, vielweniger erfunden, ja, es eilte der langsamen Entfaltung der menschlichen Erkenntnis mit so mächtigem Flügelschlag voraus, dass es bis heute nur Wenigen seinen Sinn enthüllt — — — ich sagte es schon, unser Christentum geht noch auf Kinderfüssen — Christus antwortet: „Das Reich Gottes   k o m m t   n i c h t   m i t   ä u s s e r l i c h e n   G e b e r d e n.   Man wird auch nicht sagen: Siehe, hier oder da ist es. Denn sehet,   d a s   R e i c h   G o t t e s   i s t   i n w e n d i g   i n   e u c h.“   Dies ist, was Christus selber „das Geheimnis“ nennt; es lässt sich nicht in Worte fassen, es lässt sich nicht begrifflich darthun; und immer wieder sucht der Heiland diese seine grosse Heilsbotschaft durch Gleichnisse seinen Zuhörern nahezulegen: das Reich Gottes ist
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wie ein Senfkorn auf dem Acker, „das kleinste unter allen Samen“, wird es aber vom Landmann gepflegt, so wächst es aus zu einem Baume, „dass die Vögel unter dem Himmel kommen, und wohnen unter seinen Zweigen“; das Reich Gottes ist wie der Sauerteig unter dem Mehl, nimmt das Weib auch nur ein wenig, es durchsetzt das Ganze; am deutlichsten jedoch redet folgendes Bild: „das Reich Gottes ist gleich einem verborgenen Schatz im Acker.“¹) Dass der Acker die Welt bedeutet, sagt Christus aus-
—————
    ¹) Der Ausdruck   U r a n o s   oder „Reich der Himmel“ kommt

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Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi.


drücklich (siehe Matthäus XIII, 38); in dieser Welt, d. h. also in diesem Leben, liegt der Schatz verborgen; vergraben ist das Reich Gottes inwendig in uns! Das ist „das Geheimnis des Reiches Gottes“, wie Christus sagt; zugleich ist es das Geheimnis seines eigenen Lebens, das Geheimnis seiner Persönlichkeit. Eine Abwendung vom Leben (wie bei Buddha) findet bei Christus durchaus nicht statt, dagegen eine   U m k e h r u n g   der Lebensrichtung, wenn ich so sagen darf; wie denn Christus zu seinen Jüngern spricht: „Wahrlich, ich sage euch, es sei denn, dass ihr euch   u m k e h r e t,   so werdet ihr nicht in das Reich Gottes kommen.“¹) Später erhielt dann — vielleicht von fremder Hand — diese so handgreiflich fassliche „Umkehrung“ den mehr mystischen Ausdruck: „Es sei denn, dass Jemand von Neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Auf den Wortlaut kommt es nicht an, sondern einzig auf die zu Grunde liegende Vorstellung, und diese Vorstellung steht leuchtend klar vor uns, denn sie gestaltet das ganze Leben Christi. Hier finden wir nicht (wie bei Buddha) eine Lehre mit eins, zwei, drei, logisch auseinander entwickelt; noch findet, wie die Oberflächlichkeit so häufig behauptet hat, irgend eine organische Berührung mit jüdischer Weisheit statt: man lese nur Jesus Sirach, den am häufigsten zum Vergleich herangezogenen, und frage sich, ob das Geist vom selben Geiste ist? Bei Sirach redet ein jüdischer Marc Aurel, und selbst seine schönsten Sprüche, wie: „Strebe nach der Wahrheit bis zum Tode, und Gott wird für dich kämpfen“, oder: „Das Herz des Narren liegt ihm auf der Zunge,
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nur bei Matthäus vor und ist sicher nicht die richtige Übersetzung ins Griechische irgend eines von Christus gebrauchten Ausdruckes. Die andern Evangelisten sagen immer „Reich Gottes“. (Man vergl. meine Sammlung der Worte Christi, grosse Ausg. S. 260, kleine Ausg. S. 279 und für die nähere, gelehrte Ausführung H. H. Wendt's Lehre Jesu, 1886, S. 48 und 58).
    ¹) Der Nachdruck liegt offenbar nicht auf dem Nachsatz „und werdet wie die Kinder“; vielmehr ist dies eine Erläuterung zur Umkehr. Was zeichnet denn die Kinder aus? Die unbedingte Lebenslust und die ungeschmälerte Kraft, das Leben durch eigene Gesinnung zu verklären.

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doch des Weisen Zunge wohnet ihm im Herzen“ — klingen wie aus einer anderen Welt, wenn man sie neben die Sprüche Christi hält: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen; selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden
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Gott schauen; nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ — — — So hatte noch Keiner gesprochen; so sprach seitdem Keiner mehr. Diese Reden Christi haben aber, wie man sieht, nie den Charakter einer Lehre, sondern, so wie der Ton einer Stimme das, was wir aus den Gesichtszügen und den Handlungen eines Menschen über ihn wissen, durch ein geheimnisvoll Unsagbares, durch das Persönlichste seiner Persönlichkeit ergänzt, so meinen wir in diesen Reden Christi seine   S t i m m e   zu hören; was er genau sagte, wissen wir nicht, doch ein unmissverständlicher, unvergesslicher   T o n   schlägt an unser Ohr und dringt von dort aus in das Herz. Und da schlagen wir die Augen auf und erblicken diese Gestalt, dieses Leben. Ober die Jahrtausende hinweg vernehmen wir die Worte: „Lernet von mir!“ und verstehen jetzt, was das heissen soll: sein wie Christus war, leben wie Christus lebte, sterben wie Christus starb, das   i s t   das Reich Gottes, das   i s t   das ewige Leben.
    Im 19. Jahrhundert, wo die Begriffe Pessimismus und Verneinung des Willens sehr geläufig geworden sind, hat man sie vielfach auf Christus angewandt; sie passen aber nur für Buddha und für gewisse Erscheinungen der christlichen Kirchen und ihrer Dogmen, Christi Leben ist ihre Verleugnung. Wenn das Reich Gottes in uns wohnt, wenn es wie ein verborgener Schatz in diesem Leben einbegriffen liegt, was soll der Pessimisrnus?¹) Wie kann der Mensch ein elendes, nur zu Jammer geborenes Wesen sein, wenn seine Brust das Göttliche birgt? wie diese Welt die schlechteste, die noch gerade möglich war (siehe
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    ¹) Ich brauche wohl kaum zu sagen, dass ich hier den so vieler Auffassungen fähigen Begriff des Pessimismus in dem populären, oberflächlichen Sinn nehme, welcher nicht eine philosophische Erkenntnis, sondern eine moralische Stimmung bezeichnet.

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Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 2, Kap. 46), wenn sie den Himmel einschliesst? Für Christus waren das alles Trugschlüsse; wehe rief er über die Gelehrten: „die ihr das Reich Gottes zuschliesst vor den Menschen; ihr kommt nicht hinein, und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen“, und er pries Gott, dass er „den Unmündigen geoffenbart, was er den Weisen und Klugen verborgen habe“. Christus, wie einer der grössten Männer des 19. Jahrhunderts gesagt hat, war „nicht
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weise, sondern göttlich“;¹) das ist ein gewaltiger Unterschied; und weil er göttlich war, wandte sich Christus nicht hinweg vom Leben, sondern zum Leben hin. Dies findet ein beredtes Zeugnis in dem Eindruck, den Christus auf seine Umgebung zurückliess; sie nennt ihn: den Baum des Lebens, das Brot des Lebens, das Wasser des Lebens, das Licht des Lebens, das Licht der Welt, ein Licht von oben, denen als Leuchte gesandt, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes; Christus ist für sie der Fels, der Grund, auf welchem wir unser Leben aufbauen sollen u. s. w., u. s. w. Alles positiv, alles konstruktiv, alles bejahend. Ob Christus die Toten wirklich auferweckte, mag Jeder bezweifeln, der will; umso höher muss er jedoch dann den lebenspendenden Eindruck anschlagen, der von dieser Erscheinung ausstrahlte, denn wo Christus ging,   g l a u b t e   man die Toten auferstehen, die Kranken geheilt von ihrem Lager sich erheben zu sehen. Überall suchte er die Leidenden, die Armen, die Schmerzbeladenen auf, rief ihnen zu: „Weinet nicht!“, und schenkte ihnen Worte des Lebens. — Aus Innerasien kommend, wo es der Buddhismus zwar nicht erfunden, ihm aber den gewaltigsten Vorschub geleistet hatte, war das Ideal des weitflüchtigen Klosterlebens (wie es später das Christentum mit genauer Befolgung ägyptischer Muster nachahmte) bereits bis in die unmittelbare Nähe des Galiläers vorgedrungen; wo sieht man aber, dass Christus monastische, weltfeindliche Lehren gepredigt
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    ¹) Auch Diderot, dem man Rechtgläubigkeit nicht beimessen kann, sagt in der Encyclopédie: „Christ ne fut point un philosophe, ce fut un Dieu.“

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hätte? Viele Religionsstifter haben in der Nahrung sich und ihren Jüngern Kasteiungen auferlegt; Christus nicht; er betont sogar ausdrücklich, dass er nicht wie Johannes gefastet, sondern so gelebt habe, dass ihn die Menschen „einen Fresser und einen Säufer“ nannten. Alle folgenden, uns aus der Bibel so geläufigen Ausdrücke: die Gedanken der Menschen sind eitel, des Menschen Leben ist Eitelkeit, es fährt dahin wie ein Schatten, des Menschen Wirken ist eitel, es ist alles ganz eitel — — — sie stammen aus dem alten, nicht aus dem neuen Testament. Ja, solche Worte wie z. B. die des Predigers Salomo: „Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt, die Erde aber bleibt ewiglich“, entstammen einer Weltanschauung, die derjenigen Christi direkt widerspricht; denn für diese sind Himmel und Erde durchaus vergänglich, während die Menschenbrust in ihrer Tiefe das einzige Ewige birgt. Zwar giebt uns Jesus Christus das Beispiel einer absoluten Abwendung von Vielem, was das Leben der Meisten ausfüllt; es geschieht aber um des   L e b e n s   willen; diese Abwendung ist jene „Umkehr“, von der gesagt wurde, sie führe ins Gottes-
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reich, und sie ist durchaus keine äussere, sondern eine rein innere. Was Buddha lehrt, ist gewissermassen ein physischer Vorgang, es ist die thatsächliche Abtötung des leiblichen und geistigen Menschen; wer erlöst werden will, muss die drei Gelübde der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams ablegen. Bei Christus finden wir nichts Ähnliches: er wohnt Hochzeitsfesten bei, die Ehe erklärt er für eine heilige Stiftung Gottes, und auch die Verirrungen des Fleisches beurteilt er so nachsichtig, dass er selbst für die Ehebrecherin kein Wort der Verdammung hat; zwar bezeichnet er Reichtum als einen erschwerenden Umstand für jene   U m k e h r   der Willensrichtung, der Reiche, sagt er, wird schwerer in jenes Reich Gottes, welches inwendig in uns liegt, hineingelangen, als ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, fügt aber sofort hinzu — und dies ist das Charakteristische und Entscheidende — „was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“. Dies ist wieder eine jener Stellen, die nicht erfunden sein können, denn nirgends in der ganzen Welt finden wir Ähnliches. Diatriben gegen den Reichtum hatte es schon früher in Hülle und Fülle

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gegeben (man lese nur die jüdischen Propheten), sie wurden später wiederholt (man lese z. B. die Epistel Jacobi, Kap. II); für Christus dagegen ist Reichtum etwas ganz Äusserliches, sein Besitz kann hinderlich sein, oder auch nicht: ihm kommt es einzig und allein auf eine innere Umwandlung an, was gerade
für diesen Fall der weitaus bedeutendste Apostel später so schön ausführt: denn hatte Christus dem reichen Jüngling geraten, „verkaufe, was du hast, und gieb es den Armen“, so ergänzt Paulus diesen Ausspruch durch die Bemerkung: „und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und hätte der Liebe nicht, so wäre mir es nichts nütze.“ Wer auf den Tod lossteuert, mag sich mit Armut, Keuschheit und Gehorsam begnügen, wer das Leben erwählt, hat andere Dinge im Sinne.
    Und da ist es nötig, auf noch einen Punkt aufmerksam zu machen, in welchem das Lebensvolle an Christi Erscheinung und Beispiel frisch und überzeugend sich kund thut; ich meine die Kampfeslust. Die Sprüche Christi über die Demut, die Geduld, seine Ermahnung, unsere Feinde zu lieben und diejenigen zu segnen, die uns fluchen, finden fast gleichwertige Gegenstücke bei Buddha; sie entspringen jedoch einem durchaus anderen Motiv. Für Buddha ist jedes erduldete Unrecht eine Abtötung, für Christus ein Mittel, um die neue Anschauung des Lebens zu befördern: „Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn
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das Reich Gottes ist ihr“ (jenes Reich, welches wie ein Schatz im Lebensacker vergraben liegt). Treten wir aber auf das innere Gebiet über, wird jene einzige Fundamentalfrage der Willensrichtung aufgeworfen, da vernehmen wir ganz andere Worte: „Meinet ihr, dass ich hergekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht! Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei wider zwei, und zwei wider drei. — — Denn ich bin gekommen den Menschen zu erregen wider seinen Vater, und die Tochter wider ihre Mutter, und die Schnur wider ihre Schwieger; und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.“ Nicht Frieden, sondern das Schwert: das ist ein Ton, den man nicht überhören darf, will man die Erscheinung Christi begreifen. Das

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Leben Jesu Christi ist eine offene Kriegserklärung, nicht gegen die Formen der Civilisation, der Kultur und der Religion, die er um sich her fand — er beobachtet das jüdische Religionsgesetz und lehrt: gebet Caesar was Caesar's ist — wohl aber gegen den inneren Geist der Menschen, gegen die Beweggründe, aus welchen ihre Handlungen hervorgehen, gegen das Ziel (auch das jenseitige), welches sie sich stecken. Die Erscheinung Jesu Christi bedeutet, vom welthistorischen Standpunkt aus, die   E r s c h e i n u n g   e i n e r   n e u e n   M e n s c h e n a r t.   Linnaeus unterschied so viele Menschenarten als es Hautfärbungen giebt; eine neue Färbung des Willens greift wahrlich tiefer in den Organismus ein, als ein Unterschied im Pigment der Epidermis! Und der Herr dieser Menschenart, der „neue Adam“, wie ihn die Schrift so treffend nennt, will nichts von Paktieren wissen; er stellt die
Wahl: Gott oder Mammon. Wer die Umkehr erwählt, wer Christi Mahnung vernimmt: „folget mir nach!“, der muss auch, wenn es notthut, Vater und Mutter, Weib und Kind verlassen; nicht aber wie Buddha's Jünger verlässt er sie, um den Tod, sondern um das Leben zu finden. An diesem Punkte hört das Mitleid gänzlich auf; wer verloren ist, ist verloren; und mit der antiken Härte heldenhafter Gesinnung wird den Verlorenen keine Thräne nachgeweint: „lasset die Toten ihre Toten begraben.“ Nicht Jeder ist fähig, das Wort Christi zu verstehen, er sagt es ja: „viele sind berufen, aber wenige sind auserwählet,“ und auch hier wieder hat Paulus dieser Erkenntnis drastischen Ausdruck verliehen: „Das Wort vom Kreuz ist eine Thorheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gottes-Kraft.“ Äusserlich nimmt Christus mit jeder vorhandenen Form fürlieb, was aber die Willensrichtung anbelangt, ob sie auf
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das Ewige oder auf das Zeitliche gerichtet ist, ob sie die Entfaltung der unermesslichen Lebensmacht in des Menschen Innern fördert oder hemmt, ob sie auf Verlebendigung jenes „Reich Gottes inwendig in uns“ hinzielt, oder im Gegenteil diesen einzigen Schatz „derjenigen, die erwählet sind“, auf ewig zuschüttet
— da ist bei ihm von Duldsamkeit keine Rede, und kann auch keine sein. Gerade in dieser Beziehung ist seit dem 18. Jahr-

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hundert viel geschehen, um das hohe Antlitz des Menschensohnes aller kraftvollen Züge zu berauben. Man hat, ich weiss nicht welches Trugbild einer unbeschränkten Duldsamkeit, einer allgemein wohlwollenden Passivität uns als Christentum hingemalt, so eine Milch- und Wasserreligion; in den allerletzten Jahren erlebten wir sogar „interkonfessionelle Religionskongresse“, wo alle Pfaffen der Welt sich brüderlich die Hand reichten, und viele Christen begrüssten das als besonders „christlich“. Kirchlich mag es sein, es mag auch recht und gut sein, Christus aber hätte zu einem derartigen Kongress keinen Apostel entsandt. Entweder ist das Wort vom Kreuz eine Thorheit oder es ist eine Gottes-Kraft; zwischen beiden hat Christus selber die gähnende Kluft der „Zwietracht“ aufgerissen, und, um jede Überbrückung zu vereiteln, das flammende „Schwert“ gezogen. Wer die Erscheinung Christi begreift, kann sich darüber nicht wundern. Die Duldsamkeit Christi ist die eines Geistes, der himmelhoch über allen Formen schwebt, welche die Welt trennen; eine Verschmelzung dieser Formen könnte für ihn nicht die geringste Bedeutung haben — sie wäre einfach die Entstehung einer neuen Form; ihm dagegen kommt es einzig auf den „Geist und die Wahrheit“ an. Und wenn Christus lehrt: „so dir Jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar; und so Jemand deinen Rock nimmt, dem lass auch deinen Mantel“ — eine Lehre, der sein Beispiel am Kreuze ewig Bedeutung gab —‚ wer sieht nicht ein, dass dies eng mit dem Folgenden zusammenhängt: „Liebet eure Feinde, thut wohl denen, die euch hassen“, und dass hier jene innerliche „Umkehr“ zum Ausdruck kommt, nicht aber passiv, sondern in der denkbar höchsten Form des lebendigen Handelns? Biete ich dem frechen Schläger meinen linken Backen, so geschieht es nicht seinetwegen; liebe ich meinen Feind und erweise ich ihm Wohlthaten, so geschicht es nicht seinetwegen; nach der Umkehr des Willens ist es mir nicht anders möglich, darum thue ich es. Das alte Gesetz: Aug' um Auge, Hass um Hass ist eine ebenso natürliche Reflexbewegung, wie die, welche die Beine selbst eines schon toten
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Frosches beim Anreizen der Nerven zum Ausschlagen bringt.

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Wahrlich, es muss ein „neuer Adam“ sein, der so Herr seines „alten Adam“ geworden ist, dass er diesem Zwange nicht gehorcht. Blosse Selbstbeherrschung ist es jedoch nicht — denn bildet Buddha den einen Gegenpol zu Christus, so bildet der Stoiker den anderen; jene Umkehr des Willens aber, jener Eintritt in das verborgene Reich Gottes, jenes von Neuem geboren werden, welches die Summe von Christi Beispiel ausmacht, bedingt ohne Weiteres eine völlige Umkehr der Empfindungen. Das   i s t   eben das Neue. Bis auf Christus war die Blutrache das heilige Gesetz aller Menschen der verschiedensten Rassen; der Gekreuzigte aber rief: „Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!“ Wer nun hier die göttliche Stimme des Mitleids für schwächlichen Humanitarismus nimmt, der hat keinen einzigen Zug an der Erscheinung Christi verstanden. Die Stimme, die hier redet, ertönt aus jenem Reich Gottes inwendig in uns; Schmerz und Tod haben die Gewalt über sie verloren; sie reichen ebensowenig an einen Wiedergeborenen heran, wie jener Backenstreich und jene diebische Entblössung; an diesem Willen bricht sich wie eitler Meeresschaum an einem granitnen Felsen alles, was den menschlichen Halbaffen treibt und drängt und nötigt: die Selbstsucht, der Aberglaube, das Vorurteil, der Neid, der Hass; im Angesicht des Todes (d. h. für diesen Göttlichen der Ewigkeit) achtet Christus kaum des eigenen Schmerzes und der Angst, er sieht nur, dass die Menschen das Göttliche in ihnen ans Kreuz schlagen, dass sie den Samen des Gottesreichs zertreten, den Schatz im Acker verschütten, und voll Mitleid ruft er: sie wissen nicht was sie thun! Man durchsuche die Weltgeschichte und sehe, ob man ein Wort finde, das diesem gleichkäme an hochsinnigern Stolz. Hier redet eine Erkenntnis, die weiter geschaut hat, als die indische, zugleich redet hier der stärkste Wille, das sicherste Selbstbewusstsein.
    Ähnlich wie wir Letztgeborene eine Kraft, welche nur von Zeit zu Zeit in flüchtigen Wolken als Blitz aufzuckte, nunmehr in der ganzen Welt entdeckt haben, verborgen, unsichtbar, von keinem Sinne wahrgenommen, durch keine Hypothese zu erklären, doch allgegenwärtig und allgewaltig, und wie wir nunmehr im

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Begriff sind, von dieser Kraft die völlige Umgestaltung unserer äusseren Lebensbedingungen herzuleiten, — so wies Christus auf eine verborgene Kraft hin, drinnen in der unerforschten und unerforschlichen Welt des Menscheninnern, eine Kraft, fähig, den Menschen selber völlig umzugestalten, fähig, aus einem elenden,
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leidbedrückten Wesen ein mächtiges, seliges zu machen. Der Blitz war sonst lediglich ein Zerstörer gewesen, die Kraft, die er uns entdecken lehrte, dient nunmehr der friedlichen Arbeit und dem Wohlbehagen; ebenso war der menschliche Wille von jeher die Saat alles Unheils und Elends, das über das Menschengeschlecht niederging, — jetzt sollte er zur Wiedergeburt dieses Geschlechtes dienen, zur Entstehung einer neuen Menschenart. Daher, wie ich bereits in der Einleitung zu diesem Buche ausführte, die unvergleichliche weltgeschichtliche Bedeutung des Lebens Christi. Keine politische Revolution kann dieser gleichkommen.
    Weltgeschichtlich aufgefasst haben wir allen Grund, die That Christi mit den Thaten der Hellenen in Parallele zu stellen. Ich habe im ersten Kapitel ausgeführt, inwiefern Homer, Demokrit, Plato u. s. w. als wirkliche „Schöpfer“ zu betrachten sind, und ich fügte hinzu: „dann erst ist ein durchaus neues Geschöpf geboren, dann erst enthält der Makrokosmos einen Mikrokosmos. Was Kultur zu heissen einzig verdient, ist die Tochter solcher schöpferischen Freiheit“.¹) Was das Griechentum für den Intellekt, das that Christus für das sittliche Leben: eine   s i t t l i c h e   K u l t u r   hat die Menschheit erst durch ihn gewonnen. Vielmehr müsste ich sagen: die   M ö g l i c h k e i t   einer sittlichen Kultur; denn das kulturelle Moment ist jener innere, schöpferische Vorgang, die freiwillige, herrische Umkehr des Willens, und gerade dieses Moment blieb mit wenigen Ausnahmen gänzlich unbeachtet; das Christentum wurde eine durchaus   h i s t o r i s c h e   Religion, und an den Altären seiner Kirchen fanden alle Aberglauben des Altertums und des Judentums eine geweihte Zufluchtsstätte. Dennoch bleibt die Erscheinung Christi
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    ¹) Siehe S. 62.

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die alleinzige Grundlage aller sittlichen Kultur, und in dem Masse, in welchem diese Erscheinung mehr oder weniger deutlich hindurchzudringen vermag, ist auch die sittliche Kultur unserer Nationen eine grössere oder geringere.
    Gerade in diesem Zusammenhange können wir nun mit Recht behaupten, die Erscheinung Christi auf Erden habe die Menschheit in zwei Klassen gespalten. Sie erst schuf wahren   A d e l,   und zwar echten Geburtsadel, denn nur, wer erwählt ist, kann Christ sein. Sie senkte aber zugleich in die Herzen ihrer Auserwählten den Keim zu neuem, bitterem Leid: sie schied sie von Vater und Mutter, sie liess sie einsam wandeln unter Menschen, die sie nicht verstanden, sie stempelte sie zu Märtyrern. Und
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wer ist denn ganz Herr? wer hat seine Sklaveninstinkte ganz überwunden? Die Zwietracht zerriss fortan die eigene Seele. Und während dem Einzelnen, der bisher im Taumel des Lebenskampfes kaum zum Bewusstsein seines „Ich“ gekommen war, eine ungeahnt hohe Vorstellung seiner Würde, seiner inneren Bedeutung und Machtfülle vorgehalten wurde, wie oft musste er nicht innerlich zusammenstürzen in dem Gefühl seiner Schwäche und seiner Unwürde? Jetzt erst wurde das Leben wahrhaft tragisch. Die freie That des Menschen, der sich gegen seine eigene animalische Natur erhob, hatte das vollbracht. „Aus einem vollkommenen Zögling der Natur wurde der Mensch ein unvollkommenes moralisches Wesen, aus einem glücklichen Instrumente ein unglücklicher Künstler“, sagt Schiller. Der Mensch   w i l l   aber nicht mehr ein Instrument sein; und hatte Immer sich Götter geschaffen, wie er sie wollte, so empörte sich jetzt der Mensch gegen die moralische Tyrannei der Natur und schuf sich eine erhabene Moral, wie er sie wollte; nicht mehr den blinden Trieben, und wären sie noch so schön durch Gesetzesparagraphen eingedämmt und eingezwängt, will er gehorchen, sondern einzig seinem eigenen Sittengesetz. In Christus erwacht der Mensch zum Bewusstsein seines moralischen Berufs, dadurch aber zugleich zur Notwendigkeit eines nach Jahrtausenden zählenden inneren Krieges. Im Abschnitt „Weltanschauung“ des neunten Kapitels werde ich zeigen, dass wir endlich, mit Kant, genau die

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selbe Bahn betreten haben nach vielhundertjährige antichristlicher Unterbrechung. „Rückkehr zur Natur“, meinten die christoabgewandten, humanitären Deisten des achtzehnten Jahrhunderts: o nein! Emanzipierung von der Natur, ohne die wir zwar nichts können, die wir aber entschlossen sind, uns zu unterwerfen. In Kunst und Philosophie wird sich der Mensch als intellektuelles Wesen, in der Ehe und im Recht als gesellschaftliches Wesen, in Christus als sittliches Wesen seiner selbst im Gegensatz zur Natur bewusst. Er nimmt einen Kampf auf. Und da genügt nicht die Demut; wer Christo folgen will, braucht vor allem Mut, Mut in seiner geläutertsten Form, jenen täglich von Neuem geglühten und gehärteten inneren Mut, der nicht allein im sinnenberauschenden Schlachtgetöse sich bewährt, sondern im Dulden und Tragen, und in dem wortlosen, lautlosen Kampf jeder Stunde gegen die Sklaveninstinkte in der eigenen Brust. Das Beispiel ist gegeben. Denn in der Erscheinung Christi finden wir das hehrste Beispiel des Heldenmutes. Die moralische Heldenhaftigkeit ist hier so erhaben, dass wir fast achtlos an dem sonst bei Helden so viel gepriesenen physischen Mute vorübergehen; gewisslich können
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nur Heldengemüter Christen im wahren Sinne des Wortes sein, nur „Herren“. Und sagt Christus, „ich bin sanftmütig“, so verstehen wir wohl, das ist die Sanftmut des siegessicheren Helden; und sagt er, „ich bin von Herzen demütig“, so wissen wir, dass das nicht die Demut des Sklaven ist, sondern die Demut des Herrn, der aus der Fülle seiner Kraft sich hinabbeugt zu den Schwachen.
    Als Jesus einmal nicht einfach als Herr oder Meister, sondern als „guter Meister“ angerufen wurde, wies er die Bezeichnung zurück: „Was heissest du mich gut; Niemand ist gut.“ Das sollte wohl zu denken geben und sollte uns überzeugen, dass jede Darstellung Christi eine verfehlte ist, wo die himmlische Güte und die Demut und die Langmut in den Vordergrund des Charakters gedrängt werden; sie bilden nicht dessen Grundlage, sondern sind wie duftende Blumen an einem starken Baume. Was begründete die Weltmacht Buddha's? Nicht seine Lehre, sondern sein Beispiel, seine heldenmütige That; diese war es,

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diese Kundgebung einer schier übermenschlichen Willenskraft, welche Millionen bannte und noch bis heute bannt. In Christus jedoch offenbarte sich ein noch höherer Wille; er brauchte nicht vor der Welt zu flüchten, das Schöne mied er nicht, den Gebrauch des Kostbaren — das seine Jünger „Unrat“ hiessen — lobte er; nicht in die Wüste zog er sich zurück, sondern aus der Wüste heraus trat er in das Leben ein, ein Sieger, der eine   f r o h e   Botschaft zu verkünden hatte — nicht Tod, sondern Erlösung! Ich sagte, Buddha bedeute den greisenhaften Ausgang einer ausgelebten, auf Irrwege geratenen Kultur: Christus dagegen bedeutet den Morgen eines neuen Tages; er gewann der alten Menschheit eine neue Jugend ab, und so wurde er auch der Gott der jungen, lebensfrischen Indoeuropäer, und unter dem Zeichen seines Kreuzes richtete sich auf den Trümmern der alten Welt eine neue Kultur langsam auf, an der wir noch lange zu arbeiten haben, soll sie einmal in einer fernen Zukunft den Namen „christlich“ verdienen.

Die Galiläer
    Dürfte ich dem eigenen Herzensdrange folgen, ich zöge hier den Schlussstrich zu diesem Kapitel. Doch ist es im Interesse vieler späterer Ausführungen geboten, die Erscheinung Christi nicht allein in ihrer aus aller Umgebung losgelösten Reine zu betrachten, sondern auch in ihrem Verhältnis zu dieser Umgebung. Viele wichtige Erscheinungen aus Vergangenheit und Gegenwart
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bleiben sonst unverständlich. Es ist durchaus nicht gleichgültig, ob wir durch eine scharfe Analyse genaue Begriffe davon bekommen haben, was in dieser Gestalt jüdisch ist, was nicht. Hierüber herrscht von den Anfängen der christlichen Ära bis zum heutigen Tage und von den Niederungen der intellektuellen Welt bis zu ihren höchsten Höhen eine heillose Konfusion. Nicht allein war eine so hohe Gestalt für keinen Menschen leicht zu erfassen und in ihren organischen Beziehungen zur Mitwelt zu überblicken, sondern es traf alles zusammen, um ihre wahren Züge zu verwischen und zu fälschen: jüdische religiöse Eigenart, syrischer

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Mysticismus, ägyptische Askese, hellenische Metaphysik, bald auch römische Staats- und Pontifikaltraditionen, dazu die Aberglauben der Barbaren; jeder Missverstand und jeder Unverstand beteiligten sich an dem Werke. Im neunzehnten Jahrhundert hat man sich nun viel mit der Entwirrung dieser Frage abgegeben, doch, so viel mir bekannt, ohne dass es irgend Einem gelungen wäre, die wenigen Hauptpunkte aus der Thatsachenmasse herauszuscheiden und vor Aller Augen klar hinzustellen. Gegen Vorurteil und Voreingenommenheit schützt eben selbst ehrliche Gelehrsamkeit nicht. Wir wollen hier versuchen, zwar leider ohne Fachkenntnisse, doch auch ohne Vorurteil, zu erforschen, inwiefern Christus zu seiner Umgebung gehörte und ihrer Anschauungsformen sich bediente. in wiefern er sich von ihr unterschied und sich himmelhoch über sie erhob; nur auf diese Art kann es gelingen, die Persönlichkeit in ihrer vollen autonomen Würde aus allen Zufälligkeiten herauszulösen.
    Fragen wir uns also zunächst: war Christus ein Jude der Stammesangehörigkeit nach?
    Diese Frage hat im ersten Augenblick etwas Kleinliches. Vor einer derartigen Erscheinung schrumpfen die Eigentümlichkeiten der Rassen zu einem Nichts zusammen. Ein Jesaia, ja! wie sehr er seine Zeitgenossen auch überragen mag, Jude bleibt er durch und durch; kein Wort, das nicht aus der Geschichte und aus dem Geiste seines Volkes hervorquölle; auch dort, wo er das charakteristisch Jüdische erbarmungslos blosslegt und verdammt, bewährt er sich — gerade darin — als Jude: bei Christus ist hiervon keine Spur. Oder wieder ein Homer! Dieser erweckt als erster das hellenische Volk zum Bewusstsein seiner selbst; um das zu können, musste er die Quintessenz alles Griechentums im eigenen Busen bergen. Wo aber ist das Volk, welches von Christus zum Leben erweckt, sich dadurch das kostbare Recht erworben hätte — und wohnte es auch an den Antipoden —
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Christum als den Seinigen zu bezeichnen? Jedenfalls nicht in Judäa! — Für den Gläubigen ist Jesus der   S o h n   G o t t e s,   nicht eines Menschen; für den Ungläubigen wird es schwer werden, eine Formel zu finden, welche die vorliegende   T h a t-

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s a c h e   dieser unvergleichlichen Persönlichkeit in ihrer Unerklärlichkeit so knapp und vielsagend bezeichnet. Es giebt eben Erscheinungen, die in den Vorstellungskomplex des Verstandes gar nicht ohne Symbol eingereiht werden können. Soviel über die prinzipielle Frage und um jeden Verdacht von mir abzuwehren, als segelte ich im Schlepptau jener flachen „historischen“ Schule, welche das Unerklärliche zu erklären unternimmt. Ein anderes ist es, uns über die historisch gewordene Umgebung der Persönlichkeit zu belehren, lediglich damit wir diese noch deutlicher erschauen. Thun wir das, so ist die Antwort auf die Frage: war Christus ein Jude? keinesfalls eine einfache. Der Religion und der Erziehung nach war er es unzweifelhaft; der Rasse nach — im engeren und eigentlichen Sinne des Wortes „Jude“ — höchst wahrscheinlich nicht.
    Der Name Galiläa (von Gelil haggoyim) bedeutet „Heidengau“. Es scheint, als ob dieser Landesteil, so sehr entfernt vom geistigen Mittelpunkt, sich nie ganz rein erhalten hätte, selbst in den alten Zeiten nicht, als Israel noch stark und einig dastand, und er den Stämmen Naphtali und Sebulon als Heimat diente. Vom Stamme Naphtali wird gemeldet, er sei von Hause aus „sehr gemischter Herkunft“, und blieb auch die nicht-israelitische Urbevölkerung im ganzen Bereich Palästina's bestehen, so geschah das „nirgendswo in so starken Massen wie in den nördlichen Marken.“¹) Dazu kam noch ein fernerer Umstand. Während das übrige Palästina durch seine geographische Lage von der Welt gleichsam abgesondert ist, führte schon, als die Israeliten das Land besetzten, eine Strasse vom See Genezareth nach Damaskus, und Tyrus und Sidon waren schneller als Jerusalem von dorther zu erreichen. So sehen wir denn auch Salomo ein beträchtliches Stück dieses Heidengaues (wie er schon damals hiess, I Könige IX, 11) mit zwanzig Städten dem König von Tyrus als Bezahlung für seine Lieferungen an Cedern und Tannen-
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    ¹) Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte, 3. Ausg. 1897, S. 16 u. 74. Vergl. ausserdem Richter I, 30 und 33 und hier weiter unten, Kap. 5.

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bäumen und für die 120 Zentner Gold abtreten, die jener für den Tempelbau geliefert hatte; so wenig lag dieses halb von Fremden
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bewohnte Land dem König Judäa's am Herzen. Der tyrische König Hiram muss es überhaupt wenig bevölkert gefunden haben, da er die Gelegenheit benutzte, um verschiedene fremde Völkerschaften in Galiläa anzusiedeln.¹) Dann kam, wie Jeder weiss, die Scheidung in zwei Reiche, und seit jener Zeit, d. h. seit   t a u s e n d   Jahren vor Christus (!) hat nur vorübergehend, hin und wieder, eine innigere, politische Verbindung zwischen Galiläa und Judäa überhaupt stattgefunden, und diese allein, nicht eine Gemeinsamkeit des religiösen Glaubens, fördert eine Verschmelzung der Völker. Auch zu Christi Zeiten war Galiläa von Judäa politisch gänzlich getrennt, so dass es zu diesem „im Verhältnis des Auslands“ stand.²) Inzwischen war aber etwas geschehen, was den israelitischen Charakter dieses nördlichen Landstrichs auf alle Zeiten fast ganz vertilgt haben muss: 720 Jahre vor Christo (also etwa anderthalb Jahrhunderte vor der babylonischen Gefangenschaft der Juden) wurde das nördliche Reich Israel von den Assyriern verwüstet und seine Bevölkerung — angeblich in ihrer Gesamtheit, jedenfalls zum grossen Teile — deportiert, und zwar in verschiedene und entfernte Teile des Reiches, wo sie in kurzer Zeit mit den übrigen Einwohnern verschmolz und in Folge dessen gänzlich verschwand.³) Zugleich
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    ¹) Graetz: Volkstümliche Geschichte der Juden, I, 88.
    ²) Graetz: a. a. O., I, 567. Galiläa und Peräa hatten zusammen einen eigenen, selbständig regierenden Tetrarchen, während Judäa, Samaria und Idumäa einem römischen Prokurator unterstanden. Graetz fügt an dieser Stelle hinzu: „Durch die Feindseligkeit der Samaritaner, deren Land als Keil zwischen Judäa und Galiläa mitten um (sic) lag, war der Verkehr zwischen beiden losgetrennten Landesteilen noch mehr gehemmt.“ — Dass man ausserdem kein Recht hat, die echten „Israeliten“ des Nordens mit den eigentlichen „Juden“ des Südens zu identifizieren, habe ich der Einfachheit halber hier unerwähnt gelassen; vergl. jedoch Kap. 5.
    ³) So gänzlich verschwand, dass manche Theologen, die über Musse verfügten, sieh auch im neunzehnten Jahrhundert den Kopf darüber zerbrachen, was aus den Israeliten geworden sei, da sie nicht annehmen konnten, fünf Sechstel des Volkes, dem Jahve die ganze

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wurden aus entlegenen Gegenden fremde Stämme zur Ansiedlung
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nach Palästina übergeführt. Die Gelehrten vermuten freilich (ohne Gewähr dafür geben zu können), dass ein bedeutender Bruchteil der früher gemischt-israelitischen Bevölkerung im Lande verblieben war; jedenfalls hielt sich aber dieser Rest nicht von den Fremden getrennt, sondern ging in ihrer gemischten Volksart auf.¹) Das Schicksal dieser Länder war also ein ganz anderes als das Judäas. Denn als später auch die Judäer weggeführt wurden, blieb ihr Land sozusagen leer, nämlich nur von wenigen, dazu heimischen Bauern bewohnt, so dass bei der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft, in welcher sie ausserdem ihre Stammesreinheit bewahrt hatten, die Judäer diese Reinheit unschwer auch weiter aufrecht erhalten konnten. Galiläa dagegen und die angrenzenden Länder waren, wie gesagt, von den Assyriern systematisch   k o l o n i s i e r t   worden, und, wie es nach dem biblischen Berichte scheint, aus sehr verschiedenen Teilen des riesigen Reiches, unter anderm aus dem nördlichen gebirgigen Syrien. In den Jahrhunderten vor Christi Geburt sind nun ausserdem viele Phönicier und auch viele Griechen eingewandert.²) Es ist nach dieser letzten Thatsache anzunehmen dass auch reinarisches Blut dorthin verpflanzt wurde; sicher ist eher, dass ein kunterbuntes Durcheinander der verschiedensten
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Erde versprochen hatte, sollten einfach verschwunden sein. Ein findiger Kopf brachte sogar heraus, die verloren geglaubten zehn Stämme seien die heutigen Engländer! Er war auch um die Moral dieser Entdeckung nicht verlegen: daher gehören den Briten von Rechts wegen fünf Sechstel der gesamten Erdoberfläche; das übrige Sechstel den Juden. Vergl. H. L.: Lost Israel, where are they to be found? (Edinburgh, 6. Aufl. 1877). In dieser Broschüre wird ein anderes Werk genannt, Wilson: Our Israelitish Origin. Es giebt sogar, nach diesen Autoritäten, brave Angelsachsen, die ihre Genealogie bis auf Moses zurückgeführt haben!
    ¹) Wie sehr „der unterscheidende Charakter der israelitischen Nation verloren war“ berichtet Robertson Smith: The prophets of Israel (1895), p. 153.
    ²) Albert Réville: Jésus de Nazareth I, 416. Man vergesse auch nicht, dass Alexander der Grosse nach der Empörung des Jahres 311 das nahe Samarien mit Macedoniern bevölkert hatte.

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Rassen stattfand, und dass die Ausländer sich am zahlreichsten in dem zugänglicheren und dazu fruchtbareren Galiläa niedergelassen haben werden. Das Alte Testament selbst erzählt mit bestrickender Naivetät, wie diese Fremden ursprünglich dazu kamen, den Kultus Jahve's kennen zu lernen (II. Kön. XVII, 24 fg.): in dem entvölkerten Lande vermehrten sich die Raubtiere; man hielt diese Plage für eine Rache des vernachlässigten „Landesgottes“ (Vers 26); es war aber Niemand da, der gewusst hätte, wie dieser verehrt werden wolle; und so sandten die Kolonisten zum König von Assyrien und baten sich einen israelitischen Priester aus der Gefangenschaft aus, und dieser kam und „lehrte sie die Weise des Landesgottes“. Auf diese Art wurden die Bewohner des nördlichen Palästina, von Samaria ab, Juden dem Glauben nach, auch diejenigen unter ihnen, die keinen Tropfen israelitischen Blutes in den Adern
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hatten. — In späteren Zeiten mögen sich allerdings manche echte Juden dort niedergelassen haben; aber wohl doch nur als Fremde in den grösseren Städten, denn eine der bewundernswertesten Eigenschaften der Juden — namentlich seit ihrer Rückkehr aus der Gefangenschaft, wo auch zuerst der scharf umschriebene Begriff „Jude“ als Bezeichnung für eine Religion auftritt (siehe Zacharias VIII, 23) — war ihre Sorge, die Rasse rein zu erhalten; eine Ehe zwischen Jude und Galiläer war undenkbar. Jedoch, auch diese jüdischen Bestandteile inmitten der fremden Bevölkerung wurden aus Galiläa nicht sehr lange vor Christi Geburt gänzlich ausgeschieden! Simon Tharsi, einer der Makkabäer, war es, der, nach einem erfolgreichen Feldzug in Galiläa gegen die Syrier: „die dort wohnenden Juden sammelte und sie bestimmte, auszuwandern und sich   s a m t   u n d   s o n d e r s   i n   J u d ä a   n i e d e r z u l a s s e n.“¹) Das Vorurteil gegen Galiläa blieb denn auch so gross bei den Juden, dass, als Herodes Antipas während der Jugend Christi die Stadt Tiberias gebaut hatte und auch Juden veranlassen wollte, sich dort niederzulassen, ihm
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    ¹) Graetz a, a. O. 1, 400. Siehe auch I Makkabäer V, 23.

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dies weder durch Versprechungen noch durch Gewalt gelang.¹) — Es liegt also, wie man sieht, nicht die geringste Veranlassung zu der Annahme vor, die Eltern Jesu Christi seien, der Rasse nach, Juden gewesen.
    Im ferneren Lauf der historischen Entwickelung fand nun etwas statt, wofür man manche Analogie in der Geschichte aufweisen könnte: bei den Bewohnern des südlicher gelegenen, unmittelbar an Judäa anstossenden Samaria, die ohne Frage durch Blut und Verkehr den eigentlichen Juden viel näher standen als die Galiläer, erhielt sich die Tradition des nordisraelitischen Widerwillens und der Eifersucht gegen die Juden; die Samaritaner erkannten die kirchliche Suprematie Jerusalems nicht an und waren daher den Juden als „Irrgläubige“ so verhasst, dass keinerlei Verkehr mit ihnen gestattet war: nicht ein Stück Brot durfte der Rechtgläubige aus ihren Händen nehmen, dies galt, als hätte er Schweinefleisch gegessen.²) Die Galiläer dagegen, die den Juden ohne weiteres als „Ausländer“ galten und als solche allerdings verachtet und von manchen religiösen Handlungen ausgeschlossen blieben, waren dennoch streng rechtgläubige und häufig sogar fanatische „Juden“. Darin einen Beweis ihrer Abstammung erblicken zu wollen, ist töricht. Es ist ganz genau das selbe, als wollte man die unverfälscht slavische Bevölkerung
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Bosniens oder die reinsten Indoarier Afghanistans ethnologisch mit den „Türken“ identifizieren, weil sie strenggläubige Mohammedaner sind, viel frommer und viel fanatischer als die echten Osmanen. Der Ausdruck Jude bezeichnet eine bestimmte, erstaunlich rein erhaltene Menschenrasse, nur in zweiter Reihe und uneigentlich die Bekenner einer Religion. Es geht auch durchaus nicht an, den Begriff „Jude“, wie das in letzterer Zeit viel geschieht, mit dem Begriff „Semit“, gleichzustellen; der Nationalcharakter der Araber z. B. ist ein durchaus anderer als der der Juden. Darauf komme ich im fünften Kapitel zurück; einstweilen
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    ¹) Graetz a. a. O. I, 568. Vergl. Josephus, Buch XVIII, Kap. 3.
    ²) Aus der Mischnah citiert von Renan: Vie de Jésus, 23. Aufl., S. 242.

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mache ich darauf aufmerksam, dass auch der Nationalcharakter der Galiläer wesentlich von dem der Juden abstach. Man schlage welche Geschichte der Juden man will auf, Ewald's oder Graetzens oder Renan's, überall wird man finden, dass die Galiläer durch ihren Charakter sich von den anderen Bewohnern Palästinas unterschieden; sie werden als   H i t z k ö p f e   bezeichnet, als energische Idealisten, als Männer der That. In den langen Wirren mit Rom, vor und nach Christi Zeit, sind Galiläer meistens das treibende Element und dasjenige, welches der Tod allein besiegte. Während die grossen Kolonien unverfälschter Juden in Rom und Alexandrien auf vorzüglichem Fuss mit dem heidnischen Kaiserreich lebten, wo sie als Traumdeuter,¹) Trödler, Hausierer, Geldleiher, Schauspieler, Rechtsberater, Handelsherren, Gelehrte u. s. w. es sich gut gehen liessen, wagte es im fernen Galiläa, noch zu Lebzeiten Caesar's, Ezekia der Galiläer, die Fahne der religiösen Empörung zu erheben. Auf ihn folgte der berühmte Judas der Galiläer, mit dem Spruch: „Gott allein ist Herr, der Tod gleichgültig, die Freiheit eines und alles!“²) Dann bildete sich in Galiläa die Partei der Sicarier (d. h. Messermänner), den heutigen indischen Thugs nicht unähnlich; ihr bedeutendster Führer, der Galiläer Menahem, vernichtete zu Nero's Zeiten die römische Garnison Jerusalems und wurde zum Dank, unter dem Vorwand, er habe sich für den Messias ausgeben wollen, von den Juden selbst hingerichtet; auch die Söhne des Judas wurden als staatsgefährliche Aufwiegler ans Kreuz geschlagen (und zwar von einem jüdischen Prokurator); Johannes von Gischala, einer Stadt an der äussersten Nordgrenze Galiläas, leitete die verzweifelte Verteidigung Jerusalems gegen Titus
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— — — und die Reihe der galiläischen Helden wurde durch Eleaser geschlossen, der noch Jahre lang nach der Zerstörung Jerusalems mit einer kleinen Truppe im Gebirge sich verschanzt
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    ¹) Juvenal erzählt:
Aere minuto
Qualiacunque voles Judaei somnia vendunt.............
    ²) Mommsen: Römische Geschichte V, 515.

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hielt, wo er und seine Anhänger, als die letzte Hoffnung verloren war, erst ihre Frauen und Kinder, dann sich selbst töteten.¹) in diesen Dingen tritt, das wird wohl Jeder zugeben, ein besonderer, unterschiedlicher Nationalcharakter zu Tage. Vielfach wird auch über die Frauen Galiläas berichtet, sie hätten eine nur ihnen eigentümliche Schönheit besessen; die Christen der ersten Jahrhunderte erzählen ausserdem von ihrer grossen Güte und ihrem Entgegenkommen Andersgläubigen gegenüber, im Gegensatz zu der hochmütig verachtungsvollen Behandlung, die ihnen von den echten Jüdinnen zu Teil wurde. Dieser besondere Nationalcharakter fand aber noch einen anderen, unfehlbaren Ausdruck: die   S p r a c h e.   In Judäa und den angrenzenden Ländern redete man zu den Zeiten Christi aramäisch; das Hebräische war bereits eine tote Sprache, die einzig in den heiligen Schriften weiterlebte. Es wird nun berichtet, die Galiläer hätten einen so eigentümlichen, fremdartigen gesprochen, dass man sie gleich am ersten Worte erkannte; „deine Sprache verrät dich“, rufen die Diener des Hohenpriesters dem Petrus zu.²) Das Hebräische sollen sie überhaupt nicht im Stande gewesen sein zu erlernen, namentlich die Kehllaute bildeten für sie ein unübersteigbares Hindernis, so dass man Galiläer z. B. zum Vorbeten nicht zulassen konnte, da „ihre verwahrloste Aussprache Lachen erregte“.³) Diese Thatsache beweist eine physische Abweichung im Bau des Kehlkopfes und liesse allein
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    ¹) Auch später noch bildeten die Bewohner Galiläas eine besondere, durch Kraft und Mut ausgezeichnete Rasse, wie das ihre Teilnahme an dem Feldzug unter dem Perser Scharbarza und an der Einnahme Jerusalems beweist, im Jahre 614.
    ²) Es liessen sich überhaupt genügend Zeugnisse über die Unterscheidung zwischen den Galiläern und den eigentlichen Juden aus den Evangelien zusammenstellen. Namentlich bei Johannes wird immer von „den Juden“ wie von etwas Fremdem gesprochen, und die Juden ihrerseits erklären: „aus Galiläa stehet kein Prophet auf“ (7, 52).
    ³) Vergl. z. B. Graetz a. a. O., I, 575. Über die Eigentümlichkeit der Sprache der Galiläer und deren Unfähigkeit, die semitischen Kehllaute richtig auszusprechen, vergl. namentlich Renan: Langues sémitiques, 5e éd., p. 230.

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schon vermuten, dass eine starke Beimischung nicht-semitischen Blutes stattgefunden habe; denn der Reichtum an Kehllauten und die Virtuosität in ihrer Behandlung ist ein allen Semiten gemeinsamer Zug.¹)
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    Auf diese Frage — war Christus ein Jude der Rasse nach? — habe ich geglaubt, mit einiger Ausführlichkeit eingehen zu müssen, weil ich in keinem einzigen Werke die hierhergehörigen Thatsachen klar zusammengetragen gefunden habe. Selbst in einem objektiv-wissenschaftlichen, von keinen theologischen Absichten beeinflussten Werke, wie das Albert Réville's,²) des bekannten Professors der vergleichenden Religionsforschung am Collège de France, wird das Wort Jude bisweilen für die jüdische Rasse, bisweilen für die jüdische Religion gebraucht. Wir lesen z. B. (I. 416): „Galiläa war zum grössten Teil von   J u d e n   bewohnt, doch gab es auch syrische, phönizische und griechische   H e i d e n.“   Hier also bedeutet Jude Einen, der den Landesgott Judäas verehrt, gleichviel, welcher Abstammung er sich rühmt. Auf der nächstfolgenden Seite ist jedoch von einer „ansehen Rasse“ die Rede, als Gegensatz zu einer „jüdischen Nation“; hier bezeichnet folglich Jude einen bestimmten, engbegrenzten, seit Jahrhunderten rein erhaltenen Menschenstamm. Und nun folgt die tiefsinnige Bemerkung: „Die Frage, ob Christus arischer Herkunft sei, ist müssig. Ein Mann gehört der Nation an, in deren Mitte
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    ¹) Man sehe z. B. die vergleichende Tafel bei Max Müller: Science of Language, 9. Aufl., S. 169 und in jedem einzelnen Bande der Sacred Books of the East. Die Sanskritsprache kennt nur sechs echte „Gutturales“, die hebräische zehn; am auffallendsten ist jedoch der Unterschied bei dem gutturalen Hauchlaut, dem h, für welches die indogermanischen Sprachen seit jeher nur einen einzigen Laut gekannt haben, die semitischen dagegen   f ü n f   v e r s c h i e d e n e.   Dagegen findet man im Sanskrit sieben verschiedene Zungenlaute, im Hebräischen nur zwei. Wie ungeheuer schwer es ist, solche vererbte sprachliche Rassenmerkmale ganz zu verwischen, ist uns Allen durch das Beispiel der unter uns lebenden Juden gut bekannt; die vollkommen fehlerlose Beherrschung unserer Zungenlaute ist ihnen ebenso unmöglich, wie uns die Meisterschaft der Kehllaute.
    ²) Jésus de Nazareth, études critiques sur les antécédents de l'histoire évangélique et la vie de Jésus, 2. vol. 1897.

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er aufgewachsen ist.“ Das nannte man „Wissenschaft“ im Jahre des Heils 1896! Am Schlusse des 19. Jahrhunderts durfte ein Gelehrter noch nicht wissen, dass die Form des Kopfes und die Struktur des Gehirns auf die Form und Struktur der Gedanken von ganz entscheidendem Einfluss sind, so dass der Einfluss der Umgebung, wenn er noch so gross angeschlagen wird, doch durch diese Initialthatsache der physischen Anlagen an bestimmte Fähigkeiten und Möglichkeiten gebunden, mit anderen Worten, bestimmte Wege gewiesen wird; er durfte nicht wissen, dass gerade die Gestalt des Schädels zu jenen Charakteren gehört, welche mit unausrottbarer Hartnäckigkeit vererbt werden, so dass durch kraniologische Messungen Rassen unterschieden und aus gemischten noch nach Jahrhunderten die atavistisch auftretenden ursprünglichen Bestandteile dem Forscher offenbar werden; er durfte glauben, dass die sogenannte Seele ausserhalb
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des Körpers ihren Sitz habe, und ihn wie eine Puppe an der Nase herumführe! O Mittelalter! wann wird deine Nacht von uns weichen? Wann werden die Menschen es begreifen, dass   G e s t a l t   nicht ein gleichgültiger Zufall ist, sondern ein Ausdruck des innersten Wesens? dass gerade hier, an diesem Punkte, die zwei Welten des Inneren und des Äusseren, des Sichtbaren und des Unsichtbaren sich berühren? Ich nannte die menschliche Persönlichkeit das mysterium magnum des Daseins; in ihrer sichtbaren Gestalt stellt sich nun dieses unergründliche Wunder dem Auge und dem forschenden Verstande dar. Und genau so wie die möglichen Gestalten eines Gebäudes durch die Natur des Baumateriales in wesentlichen Punkten bestimmt und beschränkt sind, ebenso ist die mögliche Gestalt eines Menschen, seine innere und seine äussere, durch die vererbten Bausteine, aus denen diese neue Persönlichkeit zusammengestellt wird, in Punkten von durchgreifender Wesentlichkeit bestimmt. Gewiss kann es vorkommen, dass man auf den Begriff der Rasse zu viel Gewicht legt: damit thut man der Autonomie der Persönlichkeit Abbruch und läuft Gefahr, die grosse Macht der   I d e e n   zu unterschätzen; ausserdem ist diese ganze Frage der Rassen unendlich viel verwickelter als der Laie glaubt, sie gehört ganz und

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gar in das Gebiet der anatomischen Anthropologie und kann durch keine Dikta der Sprach- und Geschichtsforscher gelöst werden. Es geht aber dennoch nicht an, die Rasse als quantité négligeable einfach bei Seite zu lassen; noch weniger geht es an, etwas direkt Falsches über die Rasse auszusagen und eine derartige Geschichtslüge zu einem unbestreitbaren Dogma sich auskrystallisieren zu lassen. Wer die Behauptung aufstellt Christus sei ein Jude gewesen, ist entweder unwissend oder unwahr: unwissend, wenn er Religion und Rasse durcheinanderwirft, unwahr, wenn er die Geschichte Galiläas kennt und den höchst verwickelten Thatbestand zu Gunsten seiner religiösen Vorurteile oder gar, um sich dem mächtigen Judentum gefällig zu erzeigen, halb verschweigt, halb entstellt.¹) Die Wahrschein-
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lichkeit, dass Christus kein Jude war, dass er keinen Tropfen echt jüdischen Blutes in den Adern hatte, ist so gross, dass sie einer Gewissheit fast gleichkommt. Welcher Rasse gehörte er an? Darauf lässt sich gar keine Antwort geben. Da das Land zwischen Phönizien und dem in seinem südwestlichen Teile mit semitischem Blute durchtränkten Syrien lag, dazu vielleicht von seiner früheren gemischt-israelitischen (doch zu keiner Zeit jüdischen) Bevölkerung nicht ganz gesäubert war, ist die Wahrschein-
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    ¹) Wie soll man es z. B. erklären, dass Renan, der in seinem 1863 erschienenen Vie de Jésus sagt, es sei unmöglich, auch nur Vermutungen aufzustellen über die Rasse, der Christus durch sein Blut angehörte (siehe Kap. II), in dem 1891 vollendeten fünften Band seiner Histoire du Peuple d'Israël die kategorische Behauptung aufstellt: „Jésus était un Juif“, und mit ungewohnter Heftigkeit über die Leute herfällt, die das zu bezweifeln wagen? Sollte nicht die Alliance Israélite, mit der Renan in seinen letzten Lebensjahren in so eifrigem Verkehr stand, hier ein Wort mitgeredet haben? Im neunzehnten Jahrhundert haben wir so viel Schönes über die Freiheit der Rede, die Freiheit der Wissenschaft u. s. w. gehört; in Wahrheit sind wir aber ärger geknechtet gewesen, als im 18. Jahrhundert; denn zu den früheren Gewalthabern, die nie in Wirklichkeit entwaffneten, kamen neue, schlimmere hinzu. Der frühere Zwang konnte, bei allem bittern Unrecht, den Charakter stärken, der neue, der nur von Geld ausgeht und nur auf Geld hinzielt, entwürdigt zur niedrigsten Sklaverei.

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lichkeit eines vorwiegend semitischen Stammbaumes gross. Wer aber nur den geringsten Einblick in das Rassenbabel des assyrischen Reiches gethan hat,¹) und wer dann erfährt, dass aus den verschiedensten Teilen dieses Reiches Kolonisten in jene frühere Heimstatt Israels übersiedelten, wird nicht schnell bei der Hand mit einer Antwort sein. Es ist ja möglich, dass in einigen dieser Kolonistengruppen eine Tradition herrschte, untereinander zu heiraten, wodurch dann ein Stamm sich rein erhalten hätte; dass aber das über ein halbes Jahrtausend durchgeführt worden sei, ist fast undenkbar; gerade durch den Übertritt zum jüdischen Kultus verwischten sich nach und nach die Stammesunterschiede, die zuerst (II Könige XVII, 29) durch heimatliche Religionsgebräuche aufrecht erhalten worden waren. In späteren Zeiten wanderten nun ausserdem, wie wir hören, Griechen ein; jedenfalls gehörten sie zu den ärmsten Klassen, und nahmen natürlich sofort den „Landesgott“ an! — Nur eine Behauptung können wir also auf gesunder historischer Grundlage aufstellen: in jenem ganzen Weltteile gab es eine einzige   r e i n e   R a s s e,   eine Rasse, die durch peinliche Vorschriften sich vor jeder Vermengung mit anderen Völkerschaften schützte — die jüdische; dass Jesus Christus ihr   n i c h t  angehörte, kann als sicher betrachtet werden. Jede weitere Behauptung ist hypothetisch.
    Dieses Ergebnis, wenngleich rein negativ, ist von grossem Werte; es bedeutet einen wichtigen Beitrag zur richtigen Erkenntnis der Erscheinung Christi, somit auch zum Verständnis ihrer Wirksamkeit bis auf den heutigen Tag und zur Entwirrung
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des wild verhedderten Knäuels widersprechender Begriffe und falscher Vorstellungen, das sich um die einfache, durchsichtige Wahrheit geschlungen hat. Nunmehr jedoch müssen wir tiefer greifen. Die äussere Zusammengehörigkeit ist weniger wichtig als die innere; jetzt erst langen wir bei der entscheidenden Frage an: inwiefern gehört Christus als   m o r a l i s c h e   Erscheinung zum Judentum, inwiefern nicht? Um das ein für alle Mal festzustellen, werden wir eine Reihe wichtiger Unterscheidungen
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    ¹) Vergl. Hugo Winckler: Die Völker Vorderasiens, 1900.

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durchführen müssen, für die ich mir die vollste Aufmerksamkeit des Lesers erbitte.

Religion
    Ganz allgemein, ja, vielleicht ohne Ausnahme, wird das Verhältnis so dargestellt, als sei Christus der Vollender des Judentums, das heisst also, der religiösen Ideen der Juden.¹) Selbst die orthodoxen Juden, wenn sie in ihm auch nicht gerade den Vollender verehren können, sehen doch in ihm einen Seitenast an ihrem Baume und betrachten mit Stolz das ganze Christentum als einen Anhang des Judentums. Das ist ein Irrtum, dessen bin ich tief überzeugt; es ist eine angeerbte Wahnvorstellung, eine von den Meinungen, die wir mit der Muttermilch einsaugen und über die in Folge dessen der Freidenkende eben so wenig zur Besinnung kommt, wie der orthodox kirchlich Gesinnte. Gewiss stand Christus in einem unmittelbaren Verhältnis zum Judentum, und der Einfluss des Judentums, zunächst auf die Gestaltung seiner Persönlichkeit, in noch weit höherem Masse auf die Entstehung und die Geschichte des Christentums ist ein so grosser, bestimmter und wesentlicher, dass jeder Versuch, ihn abzuleugnen, zu Widersinnigkeiten führen müsste;   d i e s e r   E i n f l u s s   i s t   j e d o c h   n u r   z u m   k l e i n s t e n   T e i l e   e i n   r e l i g i ö s e r.   Da liegt des Irrtums Kern.
    Wir sind gewohnt, das jüdische Volk als das religiöse Volk par excellence zu betrachten: in Wahrheit ist es ein (im Verhältnis zu den indoeuropäischen Rassen) religiös durchaus verkümmertes. In dieser Beziehung hat bei den Juden das stattgefunden, was Darwin „arrest of development“nennt, eine Verkümmerung der Anlagen, ein Absterben in der Knospe. Übrigens,
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waren alle Zweige des semitischen Stammes, sonst in mancher Beziehung reich begabt, von jeher erstaunlich arm an religiösem
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    ¹) Eine rühmliche Ausnahme macht der grosse Rechtslehres Jhering, der in seiner Vorgeschichte der Indoeuropäer, S. 300, schreibt: „Dem Boden seines Volkes war Christi Lehre nicht entsprossen, das Christentum bezeichnet im Gegenteil eine   Ü b e r w i n d u n g   d e s   J u d e n t u m s,   es steckt bereits bei seinem ersten Ursprung etwas vom Arier in ihm.“

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Instinkt; es ist das jene „Hartherzigkeit“, über welche die bedeutenderen Männer unter ihnen stets klagen.¹) Wie anders der Arier! Schon nach dem Zeugnis der ältesten Urkunden (die weit über alle jüdischen zurückreichen) sehen wir ihn beschäftigt, einem dunkeln Drange zu folgen, der ihn antreibt, im eigenen Herzen zu forschen. Dieser Mensch ist lustig, lebenstoll, ehrgeizig, leichtsinnig, er trinkt und er spielt, er jagt und er raubt; plötzlich aber besinnt er sich: das grosse Rätsel des Daseins nimmt ihn ganz gefangen, nicht jedoch als ein rein rationalistisches Problem — woher ist diese Welt? woher stamme ich? — worauf eine rein logische (und darum unzureichende) Antwort zu geben wäre, sondern als ein unmittelbares, zwingendes Lebensbedürfnis. Nicht   v e r s t e h e n,   sondern   s e i n:   das ist, wohin es ihn drängt. Nicht die Vergangenheit mit ihrer Litanei von Ursache und Wirkung, sondern die Gegenwart, die ewigwährende Gegenwart fesselt sein staunendes Sinnen. Und nur, das fühlt er, wenn er zu allem, was ihn umgiebt, Brücken hinüber geschlagen hat, wenn er   s i c h — das einzige, was er unmittelbar weiss — in jedem Phänomen wieder erkennt, jedes Phänomen in sich wieder findet, nur wenn er, so zu sagen, sich und die Welt in Einklang gesetzt hat, dann darf er hoffen, das Weben des ewigen Werkes mit eigenem Ohre zu belauschen, die geheimnisvolle Musik des Daseins im eigenen Herzen zu vernehmen. Und damit er diesen Einklang finde, singt er selber hinaus, versucht es in allen Tönen, übt sich in allen Weisen; dann lauscht er andächtig. Nicht unbeantwortet bleibt sein Ruf: geheimnisvolle Stimmen vernimmt er; die ganze Natur belebt sich, überall regt sich in ihr das Menschenverwandte. Anbetend sinkt er auf die Kniee, wähnt nicht, dass er weise sei, glaubt nicht, den Ursprung und den Endzweck der Welt zu kennen, ahnt aber eine höhere Bestimmung, entdeckt in sich den Keim zu unermesslichen Geschicken, „den Samen der Unsterblichkeit“.
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    ¹) „Die Semiten haben viel Aberglauben, doch wenig Religion“, bezeugt eine der grössten Autoritäten, Robertson Smith: The Prophets of Israel, p. 33.

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Dies ist jedoch keine blosse Träumerei, sondern eine lebendige Überzeugung, ein   G l a u b e,   und, wie alles Lebende, erzeugt es wieder Leben. Die Helden seines Stammes und seine heiligen Männer erblickt er als „Übermenschen“ (wie Goethe sagt) hoch über der Erde schweben; ihnen will er gleichen, denn auch ihn
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zieht es hinan, und jetzt weiss er, aus welch‘ tief innerem Brunnen sie die Kraft schöpften, gross zu sein — — — Dieser Blick in die unerforschlichen Tiefen des eigenen Innern, diese Sehnsucht nach oben: das ist Religion. Religion hat zunächst weder mit Aberglauben noch mit Moral etwas zu thun; sie ist ein Zustand des Gemütes. Und weil der religiöse Mensch in unmittelbarem Kontakt mit einer Welt jenseits der Vernunft steht, so ist er Dichter und Denker: er tritt bewusst schöpferisch auf; ohne Ende arbeitet er an dem edlen Sisyphus-Werke, das Unsichtbare sichtbar, das Undenkbare denkbar zu gestalten;¹) nie finden wir bei ihm eine abgeschlossene, chronologische Kosmogonie und Theogonie, dazu erbte er eine zu lebendige Empfindung des Unendlichen; seine Vorstellungen bleiben im Flusse, erstarren niemals; alte werden durch neue ersetzt; Götter, in einem Jahrhundert hochgeehrt, sind im andern kaum dem Namen nach gekannt. Und doch bleiben die grossen