HOUSTON
STEWART CHAMBERLAIN
DIE
GRUNDLAGEN DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
Kapitel 4, Das
Völkerchaos,
Seite 307—378

INHALTSÜBERSICHT
307
VIERTES KAPITEL
DAS
VÖLKERCHAOS
So viel ist wohl mit
Wahrscheinlichkeit
zu urteilen: dass die
Vermischung der
Stämme, welche nach
und nach die
Charaktere
auslöscht,
dem Menschen-
geschlecht, alles
vorgeblichen
Philanthro-
pismus ungeachtet, nicht
zuträglich sei.
Immanuel Kant
308
(Leere Seite)
263
309
Wissenschaftliche
Wirrnis
Zur allgemeinen
Einführung
in dieses Kapitel über das Völkerchaos des untergehenden
römischen
Imperiums werden die Worte genügen, die ich dem Gegenstand in der
Einleitung zu diesem zweiten Abschnitt gewidmet habe; sie
erklären,
was ich räumlich und zeitlich als Völkerchaos bezeichne. Die
historischen Kenntnisse setze ich, mindestens in den allgemeinen
Umrissen,
hier wie überall, voraus, und da ich nun ausserdem in diesem
ganzen
Buche keine Zeile schreiben möchte, die nicht aus dem
Bedürfnis
entspränge, das 19. Jahrhundert besser zu begreifen und zu
beurteilen,
so glaube ich den vorliegenden Gegenstand vor Allem zu der Prüfung
und Beantwortung der wichtigen Frage benützen zu sollen: ist
Nation,
ist Rasse ein blosses Wort? Soll, wie der Ethnograph Ratzel es
beteuert,
die V e r s c h m e l z u n g a l l e
r
M e n s c h e n in eine Einheit als „Ziel und Aufgabe,
Hoffnung
und Wunsch“ uns vorschweben? Oder entnehmen wir nicht vielmehr aus dem
Beispiel, einerseits von Hellas und Rom, anderseits vom
pseudorömischen
Imperium, sowie aus manchen anderen Beispielen der Geschichte, dass nur
innerhalb jener Abgrenzungen, in denen scharf ausgeprägte,
individuelle
Volkscharaktere entstehen, der Mensch sein höchstes Mass erreicht?
Ist wirklich unser jetziger Zustand in Europa mit seinen vielen,
durchgebildeten
Idiomen, ein jedes mit einer eigenen, eigenartigen Poesie und
Litteratur,
ein jedes der Ausdruck einer bestimmten, charakteristischen Volksseele,
ist dieser Zustand ein Rückschritt gegenüber der Zeit, wo
Lateinisch
und Griechisch als eine Art Zwillingsvolapük die vaterlandslosen
römischen
Unterthanen alle
310 Die
Erben. Das Völkerchaos.
miteinander verbanden? Ist
Blutgemeinschaft
nichts? Kann Gemeinsamkeit der Erinnerung und des Glaubens durch
abstrakte
Ideale ersetzt werden? Vor allem, handelt es sich um eine Sache des
persönlichen
Gutdünkens, und liegt kein deutlich erkennbares Naturgesetz vor,
nach
welchem unser Urteil sich richten m u s s ?
Lehren
uns nicht die biologischen Wissenschaften, dass im gesamten Tier- und
Pflanzenreich
ausnehmend edle Geschlechter
264
— das heisst also, Geschlechter mit
ungewöhnlichen Leibes- und Geisteskräften begabt — nur unter
bestimmten, die Zeugung neuer Individuen beschränkenden
Bedingungen
entstehen? Ist es nicht unter Berücksichtigung dieser
sämtlichen,
menschlichen und aussermenschlichen, Phänomene möglich, eine
klare Antwort auf die Frage zu erhalten: W a s
i s t R a s s e ? Und wird sich nicht aus dem
Bewusstsein
dessen, was Rasse ist, dann ohne Weiteres ergeben, was das Fehlen
bestimmter
Rassen für die Geschichte bedeuten muss? Zu allen diesen Fragen
regt
der Anblick jener unmittelbaren Erben des grossen Vermächtnisses
lebhaft
an. Fragen wir zunächst nach Rassen ganz im Allgemeinen; daran
erst
wird sich eine nutzbringende Betrachtung der hier speziell vorliegenden
Verhältnisse und ihrer Bedeutung im Gange der Geschichte, somit
auch
für das 19. Jahrhundert knüpfen.
Vielleicht giebt
es keine Frage, über die selbst bei hochgebildeten, ja gelehrten
Männern
eine so mitternächtliche Unwissenheit herrscht, wie über das
Wesen und die Bedeutung des Begriffes „R a s s
e“.
Was sind reine Rassen? Woher kommen sie? Haben sie geschichtlich etwas
zu bedeuten? Ist der Begriff weit oder eng zu nehmen? Weiss man etwas
darüber,
oder nicht? Wie verhalten sich die Begriffe Rasse und Nation zu
einander?
Ich gestehe, mein Leben lang über alle diese Dinge lauter
Unzusammenhängendes,
Widerspruchsvolles gehört und gelesen zu haben, ausser von einigen
Specialisten unter den Naturforschern, die aber nur in den seltensten
Fällen
ihr klares, ausführliches Wissen auf das Menschengeschlecht
anwenden.
Kein Jahr vergeht, ohne dass uns auf internationalen Kongressen von
tonangebenden
Nationalökonomen, Ministern, Bischöfen, Natur-
311 Die
Erben. Das Völkerchaos.
forschern versichert werde, es gebe
zwischen den Völkern keinen Unterschied, keine Ungleichheit.
Germanen,
die auf das Moment der Rassenverwandtschaft Nachdruck legen, Juden, die
unter uns sich fremd fühlen und sich in ihre asiatische Heimat
zurücksehnen,
pflegen gerade von Männern der Wissenschaft mit Tadel und Hohn
überschüttet
zu werden. Professor Virchow zum Beispiel sagt¹) von den Regungen
des Stammesbewusstseins unter uns, sie seien nur durch den „Verlust des
gesunden Menschenverstandes“ zu erklären; im Übrigen
stünde
man „ratlos vor
265
einem Rätsel, von dem Niemand
weiss,
was es eigentlich soll in dieser Zeit der Rechtsgleichheit.“
Nichtsdestoweniger
schliesst der gelehrte Mann seinen Vortrag mit dem Wunsche nach „in
sich
selbst ruhenden, schönen Persönlichkeiten.“ Als ob die
gesamte
Geschichte nicht da wäre, um uns zu zeigen, wie
Persönlichkeit
und Rasse auf das Engste zusammenhängen, wie die Art der
Persönlichkeit
durch die Art ihrer Rasse bestimmt wird und die Macht der
Persönlichkeit
an gewisse Bedingungen ihres Blutes geknüpft ist! Und als ob die
wissenschaftliche
Tier- und Pflanzenzüchtung uns nicht ein ungeheuer reiches und
zuverlässiges
Material böte, an dem wir sowohl die Bedingungen, wie auch die
Bedeutung
von „Rasse“ kennen lernen! Entstehen die sogenannten (und mit Recht so
genannten) „edlen“ Tierrassen, die Zugpferde vom Limousin, die
amerikanischen
Traber, die irischen Renner, die absolut zuverlässigen Jagdhunde
durch
Zufall und Promiskuität? Entstehen sie, indem man den Tieren
Rechtsgleichheit
gewährt, ihnen das selbe Futter vorwirft und über sie die
nämliche
Rute schwingt? Nein, sie entstehen durch geschlechtliche Zuchtwahl und
durch strenge Reinhaltung der Rasse. Und zwar bieten uns die Pferde,
namentlich
aber die Hunde jede Gelegenheit zu der Beobachtung, dass die geistigen
Gaben Hand in Hand mit den
—————
¹)
Der
Übergang aus dem philosophischen in das naturwissenschaftliche
Zeitalter,
Rektoratsrede 1893, S. 30 fg. — Ich wähle dieses eine Beispiel aus
hunderten, weil Virchow als einer der fleissigsten Anthropologen und
Ethnographen
des 19. Jahrhunderts, auch sonst ein vielerfahrener und gelehrter Mann,
hier eigentlich hätte Bescheid wissen müssen.
312 Die
Erben. Das Völkerchaos.
physischen gehen; speziell gilt dies
von den m o r a l i s c h e n Anlagen. Ein
Bastardhund
ist nicht selten sehr klug, jedoch niemals zuverlässig, sittlich
ist
er stets ein Lump. Andauernde Promiskuität unter zwei
hervorragenden
Tierrassen führt ausnahmslos zur V e r n i c h t u n
g
d e r h e r v o r r a g e n d e n M e r k m a l
e v o n b e i d e n ! ¹) Warum
sollte die Menschheit eine Ausnahme bilden? Ein Kirchenvater mochte das
wohl wähnen; steht es aber einem hochangesehenen Naturforscher gut
an, das Gewicht seines grossen Einflusses in die Wagschale
mittelalterlichen
Aberglaubens und Unwissens zu werfen? Wahrlich, man möchte unseren
philosophisch so verwahrlosten naturwissenschaftlichen Autoritäten
einen logischen Kursus bei Thomas von Aquin wünschen; er
könnte
ihnen nur heilsam sein. In Wahrheit sind die Menschenrassen, trotz des
breiten, gemeinsamen Untergrundes, von einander in Bezug auf Charakter,
auf Anlagen, und vor Allem in Bezug auf den Grad der einzelnen
Befähigungen
so verschieden wie Windhund, Bulldogge, Pudel und Neufund-
266
länder. Die Ungleichheit ist ein
Zustand, auf den die Natur überall hinarbeitet; nichts
Ausserordentliches
entsteht ohne „Specialisierung“; beim Menschen, genau so wie beim Tier,
ist es die Specialisierung, welche edle Rassen hervorbringt; die
Geschichte
und die Ethnologie sind da, um dem blödesten Auge dieses Geheimnis
zu enthüllen. Hat nicht jede echte Rasse ihre eigene Physiognomie,
herrlich, unvergleichlich? Wie wäre hellenische Kunst ohne
Hellenen
entstanden? Wie bald hat nicht die eifersüchtige Feindschaft
zwischen
den einzelnen Städten des kleinen Griechenland jedem Teilchen
seine
eigene scharf ausgeprägte Individualität innerhalb des
eigenen
Familientypus gespendet! Wie schnell ward sie wieder verwischt, als
Makedonier
und Römer mit ihrer nivellierenden Hand über das Land
hinwegführen!
Und wie entfloh nach und nach alles, was dem Wort „hellenisch“
—————
¹)
Siehe namentlich Darwin Animals
and Plants under Domestication,
Kap. XV
und XIX.
„Free
crossing obliterates characters.“ Über „die
abergläubische
Sorgfalt, mit welcher die Araber ihre Pferderasse rein erhalten“,
findet
man interessante Angaben in Gibbon's Roman Empire, Kap. 50.
Siehe
auch Burton's Meccah. Kap. 29.
313 Die
Erben. Das Völkerchaos.
ewigen Sinn verliehen hatte, als von
Norden, von Osten und von Westen immer neue Scharen unverwandter
Völker
ins Land zogen und mit echten Hellenen sich vermengten! Die Gleichheit,
vor der Professor Virchow seinen Bonzendienst verrichtet, war jetzt da,
alle Wälle waren geschleift, alle Grenzen bedeutungslos; auch war
die Philosophie, gegen die sich Virchow in dem selben Vortrag so sehr
ereifert,
ausgetilgt und durch den allergesündesten „Menschenverstand“
ersetzt;
die schöne hellenische Persönlichkeit jedoch, ohne die wir
alle
noch heute nur mehr oder weniger civilisierte Barbaren wären, —
sie
war verschwunden, auf ewig verschwunden. „Crossing obliterates
characters.“
Wenn nun die
Männer,
die über Wesen und Bedeutung der Rassen am genauesten Bescheid
wissen
sollten, einen so unglaublichen Mangel an Urteil an den Tag legen, wenn
sie dort, wo reichste Anschauung sicherste Erkenntnis giebt, ihr hohle
politische Phrasen entgegenstellen, wer soll sich da noch wundern, dass
ungelehrte Menschen viel Unsinn reden, selbst dann, wenn ihr Instinkt
sie
den richtigen Weg weist? Denn das Interesse für diesen Gegenstand
ist in weiten Schichten geweckt, und da der Gelehrte kläglich
versagt,
sucht der Ungelehrte sich allein zu helfen. Als Graf Gobineau in den
fünfziger
Jahren sein geniales Werk über die Ungleichheit der menschlichen
Rassen
veröffentlichte, blieb es unbeachtet; kein Mensch wusste, was eine
solche Betrachtung sollte; man stand, wie der arme Virchow, „ratlos vor
einem Rätsel“. Seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts ist es anders
geworden: der leidenschaftlichere, treibende Teil der Nationen schenkt
jetzt gerade dieser Frage viel Aufmerksamkeit. Aber in welchem Wirrwarr
von Widersprüchen, von Irrtümern, von
267
Wahngebilden bewegt sich die
öffentliche
Meinung! Man sehe doch, wie Gobineau seine Darlegung — so erstaunlich
reich
an später bestätigten intuitiven Ahnungen und an historischem
Wissen — auf die dogmatische Annahme gründet, die Welt sei von
Sem,
Ham und Japhet bevölkert worden; e i n
solch'
klaffender Riss in dem Urteilsvermögen genügt, um ein
derartiges
Werk, trotz aller dokumentarischen Begründung, in die hybride
Gattung
der „wissenschaftlichen Phantasmagorieen“ zu verweisen. Hiermit
314 Die
Erben. Das Völkerchaos.
hängt Gobineau's weitere
Wahnvorstellung
zusammen: die von Hause aus „reinen“, edlen Rassen vermischten sich im
Verlauf der Geschichte und würden mit jeder Vermischung
unwiederbringlich
unreiner und unedler, woraus sich dann notwendigerweise eine trostlos
pessimistische
Ansicht über die Zukunft des Menschengeschlechtes ergeben muss.
Die
erwähnte Annahme beruht jedoch auf einer gänzlichen
Unkenntnis
der physiologischen Bedeutung dessen, was man unter „Rasse“ zu
verstehen
hat. Eine edle Rasse fällt nicht vom Himmel herab, sondern
sie
w i r d nach und nach edel, genau so wie die
Obstbäume,
und dieser Werdeprozess kann jeden Augenblick von Neuem beginnen,
sobald
ein geographisch-historischer Zufall oder ein fester Plan (wie bei den
Juden) die Bedingungen schafft. Ähnlichen Widersinnigkeiten
begegnen
wir überall auf Schritt an Tritt. Wir haben z. B. eine
mächtige
„antisemitische“ Bewegung: ja, sind denn die Juden und die übrigen
Semiten identisch? Haben sich nicht die Juden gerade durch ihre
Entwickelung
zu einer besonderen, reinen Rasse tief differenziert? Ist es sicher,
dass
der Entstehung dieses Volkes nicht eine wichtige Kreuzung voranging?
Und
was ist ein A r i e r ? Wir hören so
Vieles
und Bestimmtes darüber aussagen. Dem Semiten, unter dem wir im
gewöhnlichen
Leben lediglich den Juden verstehen (was doch wenigstens eine durchaus
konkrete, auf Erfahrung beruhende Vorstellung bedeutet) stellen wir den
Arier entgegen. Was ist das aber für ein Mensch? Welcher konkreten
Vorstellung entspricht er? Nur wer nichts von Ethnographie weiss, kann
eine bestimmte Antwort auf diese Frage wagen. Sobald man diesen
Ausdruck
nicht auf die zweifelsohne miteinander verwandten Indo-Eranier
beschränkt,
gerät man in das Gebiet der ungewissen
268
Hypothesen.¹) Physisch weichen
die Völker, die wir unter dem
—————
¹)
Selbst mit dieser so sehr eingeschränkten Behauptung, die ich aus
den besten mir bekannten Büchern schöpfte, scheine ich mehr
vorausgesetzt
zu haben, als die Wissenschaft mit Sicherheit behaupten kann; denn ich
lese in einer Specialarbeit: Les Aryens au nord et au sud de
l'Hindou-Kousch
von Charles de Ujfalvi (Paris 1896, S. 15) : „Le terme d'aryen est
de
pure convention; les peuples
315 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Namen „Arier“ zusammenzufassen
gelernt
haben, weit von einander ab; sie weisen den verschiedensten
Schädelbau
auf, auch verschiedene Farbe der Haut, der Augen und des Haares; und
gesetzt,
es habe eine gemeinsame indoeuropäische Urrasse gegeben, was kann
man gegen das sich täglich anhäufende Material anführen,
welches wahrscheinlich macht, dass auch andere, ganz unverwandte Typen
von jeher in unseren heutigen sog. arischen Nationen reichlich
vertreten
sind, wonach man höchstens von einzelnen Individuen, nimmer von
einem
ganzen Volke sagen dürfte, es sei „arisch“? Sprachliche
Verwandtschaft
liefert keinen zwingenden Beweis für Gemeinschaft des Blutes; die
auf sehr geringe Indizien hin vorausgesetzte Einwanderung der
sogenannten
Indoeuropäer aus Asien stösst auf die grosse Schwierigkeit,
dass
die Forschung immer mehr Gründe zu der Annahme findet, die
Bevölkerung,
welche wir als europäische Arier zu bezeichnen pflegen, sei seit
undenklichen
Zeiten in Europa ansässig;¹) für die umgekehrte
Hypothese
einer Kolonisation Indiens von Europa aus finden sich nicht die
geringsten
Anhaltspunkte... kurz, es ist diese Frage das, was die Bergleute ein
„schwimmendes
Land“ nennen; wer die Gefahr kennt, wagt sich möglichst wenig
darauf.
Je mehr man sich bei den Fachmännern erkundigt, um so weniger
kennt
man sich aus. Ursprünglich waren es die Sprachforscher, die den
Kollektivbegriff
„Arier“ aufstellten. Dann
—————
éraniens au
nord et les tribus hindoues au sud du Caucasc indien diffèrent
absolument
comme type et descendent, sans aucun doute de deux races
différentes.“
¹)
G. Schrader (Sprachvergleichung und Urgeschichte), der die Frage
mehr vom rein linguistischen Standpunkt aus studiert hat, gelangt zu
dem
Schluss: „Die uralte Ansässigkeit der Indogermanen in Europa ist
erwiesen“;
Johannes Ranke (Der Mensch) meint, es sei nunmehr erhärtet,
dass wenigstens ein grosser Teil der Bevölkerung Europas schon zur
Steinzeit „Arier gewesen sind“; und Virchow, dessen Autorität auf
anthropologischem Gebiete um so grösser ist, als er unbedingten
Respekt
vor Thatsachen beweist und nicht wie Huxley und manche Andere
darwinistische
Luftschlösser aufbaut, Virchow meint, man könne nach dem
anatomischen
Befund die Behauptung aufstellen: „Die ältesten Troglodyten
Europas
seien vom arischen Stamme gewesen!“ (nach Ranke: Der Mensch,
II,
578 citiert).
316 Die
Erben. Das Völkerchaos.
kamen die anatomischen
Anthropologen;
die Unzulässigkeit der Schlüsse aus blosser Sprachenkunde
wurde
dargethan, und nun ging es ans Schädelmessen; die Craniometrie
wurde
ein Beruf, sie lieferte auch eine Menge enorm interessanten Materials;
neuerdings aber ereilt diese sog. „somatische Anthropologie“
269
das selbe Schicksal wie seiner Zeit
die Linguistik: die Ethnographen haben zu reisen und
wissenschaftlich-planmässige
Beobachtungen am l e b e n d e n Menschen zu
unternehmen
begonnen und dabei dargethan, dass der Knochenmessung durchaus nicht
die
Wichtigkeit zukommt, die man ihr beizulegen pflegte; einer der
bedeutendsten
Schüler Virchow's ist zu der Überzeugung gelangt: der
Gedanke,
durch Schädelmessungen Probleme der Völkerkunde zu
lösen,
sei unfruchtbar. ¹) Diese ganze Entwickelung hat in der zweiten
Hälfte
des 19. Jahrhunderts stattgefunden; wer weiss, was man im Jahre 1950
über
den „Arier“ lehrt? Heute jedenfalls, ich wiederhole es, kann der Laie
nur
schweigen. ²) Schlägt er aber bei einem der bekannten
Fachmänner
nach, so wird er belehrt, die Arier „seien eine Erfindung der
Studierstube
und kein Urvolk“, ³) erkundigt er sich bei einem anderen, so wird
ihm
geantwortet, die gemeinsamen Merkmale der Indoeuropäer, vom
Atlantischen
Ozean bis nach Indien, seien genügend, um die thatsächliche
Blutsverwandt
s c h a f t ausser allen Zweifel zu stellen. 4)
—————
¹)
Ehrenreich: Anthropologische Studien über die Urbewohner
Brasiliens
(1897).
²)
Wenn ich in diesem Buche das Wort Arier gebrauche, so thue ich es in
dem
Sinne des ursprünglichen Sanskritwortes ârya = „zu den
Freunden
gehörig“, ohne mich zu irgend einer Hypothese zu verpflichten. Die
Verwandtschaft im Denken und im Fühlen bedeutet auf alle
Fälle
eine Zusammengehörigkeit. (Vgl. das S.
121, Anmerk. 1 Gesagte).
³)
R. Hartmann: Die Negritier (1876) S. 185. Ähnlich Luschan
und
viele Forscher. Salomon Reinach z. B. (L'origine des Aryens,
1892,
S. 90) schreibt: „Parler d'une race aryenne d'il y a trois mille
ans,
c'est émettre une hypothèse gratuite: en parler comme si
elle existait encore aujourd'hui, c'est dire tout simplement une
absurdité.“
4)
Friedrich Ratzel, Johannes Ranke, Paul Ehrenreich u. s. w.,
317 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Ich hoffe, in
diesen
zwei Absätzen die grosse Konfusion veranschaulicht zu haben,
welche
unter uns heute in Bezug auf den Begriff „Rasse“ besteht. Diese
Konfusion
ist nicht nötig, d. h., bei
270
uns praktischen, handelnden, dem Leben
angehörigen Männern nicht. Und zwar darum nicht, weil wir, um
die Lehren der Geschichte zu deuten und um, im Zusammenhang hiermit,
unsere
Gegenwart zu begreifen, gar nicht nach verborgenen Ursprüngen und
Ursachen zu forschen brauchen. Schon im vorigen Abschnitt habe ich
Goethe's
Worte angeführt: „Lebhafte Frage nach der Ursache ist von grosser
Schädlichkeit.“ Was klar vor Aller Augen liegt, genügt schon,
wenn nicht für die Wissenschaft, so doch für das Leben. Die
Wissenschaft
freilich muss ihren dornigen, doch ewig reizvollen Weg weiterwandeln;
sie
gleicht
—————
überhaupt die
neueren,
vielgereisten Ethnographen. Jedoch geschieht das mit vielen
Schwankungen,
da die Verwandtschaft nicht notwendigerweise auf gemeinsamem Ursprung
beruht,
sondern auch durch Kreuzung entstanden sein könnte. Ratzel z. B.,
der an einer Stelle die Einheitlichkeit der gesamten
indoeuropäischen
Rasse positiv behauptet (siehe Litterarisches Centralblatt,
1897,
S. 1295) sagt an einer anderen (Völkerkunde, 1895, II.,
731):
„die Annahme, dass alle diese Völker einerlei Ursprungs seien, ist
nicht notwendig oder wahrscheinlich.“ — Sehr bemerkenswert ist es, dass
auch die Leugner der arischen Rasse nichtsdestoweniger immerfort von
ihr
sprechen; als „working hypothesis“ können sie sie nicht
entbehren.
Selbst Reinach redet, nachdem er nachgewiesen hat, eine arische Rasse
habe
es niemals gegeben, später doch in einem unvorsichtigen Augenblick
von dem „gemeinsamen Ursprung der Semiten und der Arier“ (a. a. O., S.
98). — Der oben angeführte Ujfalvi ist infolge eingehenderer
Studien
später zu dem entgegengesetzten Schlusse gekommen und glaubt an
eine
grande
famille aryenne. Überhaupt können Anthropologen,
Ethnologen
und selbst Historiker, Religionsforscher, Philologen, Rechtsgelehrte
des
Begriffes „Arier“ von Jahr zu Jahr weniger entraten. Und dennoch wird
Unsereiner,
wenn er noch so vorsichtigen und streng umschränkten Gebrauch von
dieser Vorstellung macht, von akademischen Skribenten und namenlosen
Zeitungsreferenten
verhöhnt und verunglimpft. Möge der Leser dieses Buches der
Wissenschaft
mehr trauen als den offiziellen Verflachern und Nivellierern und als
den
berufsmässigen antiarischen Konfusionsmachern. Würde auch
bewiesen,
dass es in der Vergangenheit nie eine arische Rasse gegeben hat, so
wollen
wir, dass es in der Zukunft eine gebe; für Männer der That
ist
dies der entscheidende Gesichtspunkt.
318 Die
Erben. Das Völkerchaos.
einem Bergsteiger, der jeden
Augenblick
die höchste Kuppe zu erreichen wähnt, dahinter aber alsbald
eine
noch höhere entdeckt. Doch ist das Leben an diesen wechselnden
Hypothesen
nur ganz indirekt beteiligt. Eine der verhängnisvollsten
Verirrungen
unserer Zeit ist die, welche uns dazu treibt, den sogenannten
„Ergebnissen“
der Wissenschaft ein Übergewicht in unseren Urteilen
einzuräumen.
Gewiss kann Wissen aufklärend wirken, das ist aber nicht immer der
Fall, namentlich deswegen nicht, weil dieses Wissen ewig auf schwanken
Füssen steht. Wie können denn einsichtsvolle Menschen
bezweifeln,
dass vieles, was wir heute zu wissen wähnen, in 100, 200, 500
Jahren
als krasse Ignoranz belächelt werden wird? Manche Thatsachen
mögen
freilich schon heute als endgültig sichergestellt betrachtet
werden;
neues Wissen rückt aber die selben Thatsachen in ein völlig
neues
Licht, verbindet sie zu früher nicht geahnten Figuren,
verrückt
sie in der Perspektive; das Urteil nach dem jeweiligen Stand der
Wissenschaft
richten, ist das selbe, als wenn ein Maler die Welt durch ein
durchsichtiges,
ewig wechselndes Kaleidoskop statt mit dem blossen Auge betrachten
wollte.
Reine Wissenschaft (im Gegensatz zur industriellen) ist ein edles
Spielzeug;
ihr grosser geistiger und sittlicher Wert beruht zum nicht geringen
Teil
gerade darauf, dass sie nichts „nützt“; in dieser Beziehung ist
sie
der Kunst durchaus analog, sie bedeutet das nach aussen gewandte
Sinnen;
und da die Natur unerschöpflich reich ist, führt sie dadurch
dem Inneren immer neues Material zu, bereichert dessen Inventar an
Vorstellungen
und bereitet der Phantasie eine neue Traumwelt als Ersatz für die
allmählich ver-
271
blassende alte.¹) Das Leben
dagegen,
rein als solches, ist ein anderes Wesen als das systematische Wissen,
ein
weit stabileres, fester gegründetes, umfassenderes; es ist eben
der
Inbegriff aller Wirklichkeit, während selbst die präziseste
Wissenschaft
schon
—————
¹)
In ähnlicher Weise äussert sich der Physiker Lichtenberg:
„Die
Naturlehre ist, für mich wenigstens, eine Art von sinking fund
(Tilgungsfond) für die Religion, wenn die vorwitzige Vernunft
Schulden
macht.“ (Fragmentarische Bemerkungen über physikalische
Gegenstände,
15.)
319 Die
Erben. Das Völkerchaos.
das verdünnte,
verallgemeinerte,
nicht mehr unmittelbare Wirkliche darstellt. Ich verstehe hier unter
Leben,
was man sonst wohl auch „Natur“ nennt, wie wenn zum Beispiel die
moderne
Medizin lehrt: durch das Fieber befördert die N a t u
r den Stoffwechsel und verteidigt den Menschen gegen die
Krankheit,
die ihn beschlichen hat. Die Natur ist eben, was man „selbstwirkend“
nennt;
ihre Wurzeln reichen weit tiefer hinunter, als bis wohin das Wissen
wird
jemals gelangen können. Und so meine ich nun, dass wir — die wir
als
denkende, vielwissende, kühn träumende und forschende Wesen
doch
gewiss eben solche integrierende Bestandteile der Natur sind wie alle
anderen
Wesen und Dinge und wie unser eigener Leib — mit grosser Zuversicht uns
dieser Natur, diesem Leben anvertrauen dürfen. Wenn auch die
Wissenschaft
uns an gar vielen Stellen im Stiche lässt, wenn sie,
wetterwendisch
wie ein moderner Parlamentspolitiker, heute verlacht, was sie gestern
als
ewige Wahrheit lehrte, das darf uns nicht beirren; so viel wir zum
Leben
brauchen, werden wir schon erfahren. Überhaupt ist die
Wissenschaft
eine zwar herrliche, doch nicht ungefährliche Freundin; sie ist
eine
grosse Gauklerin und verführt den Geist leicht zu toller
Schwärmerei;
Wissenschaft und Kunst sind wie die Rosse an Plato's Seelenwagen; der
„gesunde
Menschenverstand“ (um dessen Verlust Professor Virchow klagte)
bewährt
sich nicht zum wenigsten darin, dass er die Zügel straff spannt
und
diesen edlen Tieren nicht gestattet, mit seinem natürlichen,
gesunden
Urteil durchzugehen. Einfach vermöge unserer Eigenschaft als
lebendige
Wesen steckt in uns eine unendlich reiche und sichere Fähigkeit,
dort,
wo es Not thut, auch ohne Gelehrsamkeit das Richtige zu treffen. Wer
unbefangen
und mit lauterem Sinn die Natur befragt — „die Mütter“, wie sie
die
alten Mythen nannten — kann sicher sein, eine Antwort zu erhalten, wie
sie eine Mutter ihrem Sohne giebt, nicht immer logisch untadelhaft,
doch
wesentlich richtig, verständlich und auf das Beste des Sohnes mit
sicherem Instinkte gerichtet. So auch in der Frage, was R a
s s e zu bedeuten habe: eine der wichtigsten, vielleicht
die
allerwichtigste Lebensfrage, die an den Menschen herantreten kann.
320 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Bedeutung
von Rasse
Unmittelbar
überzeugend
wie nichts anderes ist der Besitz von „R a s s
e“
im e i g e n e n Bewusstsein. Wer einer ausge-
272
sprochenen, reinen Rasse angehört,
empfindet es täglich. Die Tyche seines Stammes weicht nicht von
seiner
Seite: sie trägt ihn, wo sein Fuss wankt, sie warnt ihn, wie der
Sokratische
Daimon, wo er im Begriffe steht, auf Irrwege zu geraten, sie fordert
Gehorsam
und zwingt ihn oft zu Handlungen, die er, weil er ihre Möglichkeit
nicht begriff, niemals zu unternehmen gewagt hätte. Schwach und
fehlervoll
wie alles Menschliche, erkennt dennoch ein solcher Mann sich selbst
(und
wird von guten Beobachtern erkannt) an der S i c h e r h e
i t seines Charakters, sowie daran, dass seinem Thun eine
einfache
Grösse zu eigen ist, die in dem bestimmt Typischen,
Überpersönlichen
ihre Erklärung findet. Rasse hebt eben einen Menschen über
sich
selbst hinaus, sie verleiht ihm ausserordentliche, fast möchte ich
sagen übernatürliche Fähigkeiten, so sehr zeichnet sie
ihn
vor dem aus einem chaotischen Mischmasch von allerhand Völkern
hervorgegangenen
Individuum aus; und ist nun dieser edelgezüchtete Mensch
zufällig
ungewöhnlich begabt, so stärkt und hebt ihn die
Rassenangehörigkeit
von allen Seiten, und er wird ein die gesamte Menschheit
überragendes
Genie, nicht weil er wie ein flammendes Meteor durch eine Laune der
Natur
auf die Erde herabgeworfen wurde, sondern weil er wie ein aus tausend
und
abertausend Wurzeln genährter Baum stark, schlank und gerade zum
Himmel
emporwächst — kein vereinzeltes Individuum, sondern die lebendige
Summe ungezählter, gleichgerichteter Seelen. Wer ein offenes Auge
besitzt, erkennt ja bei Tieren „Rasse“ sofort. Sie zeigt sich an dem
ganzen
Habitus und bekundet sich in hundert Einzelheiten, die sich der Analyse
entziehen; ausserdem bewährt sie sich in den Leistungen, denn ihr
Besitz führt immer zu etwas Excessivem, Ungewöhnlichem, ja,
wenn
man will, zu Übertriebenem und Einseitigem. Man kennt Goethe's
Behauptung,
einzig das Überschwängliche mache die Grösse; ¹)
das
ist es, was
—————
¹)
Materialien
zur Geschichte der Farbenlehre, Abschnitt über Newton's
Persönlichkeit.
321 Die
Erben. Das Völkerchaos.
eine aus vorzüglichem Material
gezüchtete Rasse den Individuen verleiht: ein
Überschwängliches.
Und wahrlich, was jedes Rennpferd, jeder rein gezüchtete
Fuchsterrier,
jedes Cochinchinahuhn uns lehrt, das lehrt uns die Geschichte unseres
eigenen
Geschlechtes mit beredter Zunge! Ist nicht die Blüte des
hellenischen
Volkes ein Überschwängliches sondergleichen? Und sehen wir
dieses
Überschwängliche nicht erst entstehen, als die Zuzüge
273
aus dem Norden aufgehört haben
und die verschiedenen kräftigen Stämme auf der Halbinsel
nunmehr
abgeschlossen zu einer neuen Rasse verschmelzen, reicher und
schillernder
dort, wo das verwandte Blut aus verschiedenen Quellen zusammenfloss,
wie
in Athen, einfacher und widerstandsfähiger, wo selbst dieser
Vermischung
ein Riegel vorgeschoben worden war, wie in Lakedämon? Wird die
Rasse
nicht wie ausgelöscht, sobald das Schicksal das Land aus seiner
stolzen
Exklusivität losreisst und es einem grösseren Ganzen
einverleibt?¹)
Lehrt nicht Rom das selbe? Sehen wir nicht auch hier aus einer
besonderen
Blut-
—————
¹)
Dass dieses Auslöschen nur allmählich geschah, und zwar trotz
einer politischen Situation, die eigentlich, wenn hier nicht
Rassenanlagen
bestimmend gewesen wären, das Hellenische sofort hätte aus
der
Welt austilgen müssen, ist bekannt. Bis weit in die christliche
Zeit
hinein blieb Athen der Mittelpunkt des geistigen Lebens der Menschheit;
Alexandrien machte zwar mehr von sich reden, dafür sorgte das
starke
semitische Kontingent; wer aber ernstlich studieren wollte, reiste nach
Athen, bis christliche Beschränktheit im Jahre 529 die dortigen
Schulen
auf immer schloss, und wir erfahren, dass noch damals selbst der Mann
aus
dem Volke sich in Athen „durch die Lebhaftigkeit seines Geistes, die
Korrektheit
der Sprache und die Sicherheit des Geschmackes auszeichnete“. (Gibbon,
Kap. 40.) Eine ausführliche und in ihrer Klarheit höchst
fesselnde
Darlegung der allmählichen Vernichtung der hellenischen Rasse
durch
fremde Einwanderung findet man in George Finlay: Medieval Greece,
ch. 1. Nacheinander waren römische Soldatenkolonien aus allen
Teilen
des Imperiums, dann Kelten, Germanen, Slavonier, Bulgaren, Wallachen,
Albanesen
u. s. w. in das Land gezogen und hatten sich mit der
ursprünglichen
Bevölkerung vermischt. Die Zakonen, die noch im 15. Jahrhundert
zahlreich
waren, jetzt aber fast ganz ausgestorben sind, sollen die einzigen
reinen
Hellenen sein.
322 Die
Erben. Das Völkerchaos.
mischung ¹) eine durchaus neue
Rasse
hervorgehen, keiner späteren in Anlagen und Fähigkeiten
ähnlich,
mit überschwänglicher Kraft begabt? Und vollbringt nicht hier
der Sieg, was dort die Niederlage vollbrachte, nur noch viel schneller?
Wie ein Katarakt stürzt das fremde Blut in das fast
entvölkerte
Rom, und alsbald haben die Römer aufgehört zu sein. Wäre
von allen Semiten ein einziges winziges Völkchen zu einer die Welt
umspannenden Macht geworden, wenn nicht die Reinheit der Rasse sein
unerschütterliches
Grundgesetz gebildet hätte? In Tagen, wo so viel Unsinn über
diese Frage geredet wird, lasse man sich von Disraeli belehren, dass
die
ganze Bedeutung des Judentums in der Reinheit seiner Rasse liege, diese
allein verleihe ihm Kraft und Bestand, und wie es die Völker des
Altertums
überlebt habe, so
274
werde es, dank seiner Kenntnis dieses
Naturgesetzes, die sich ewig vermischenden Stämme der Gegenwart
überleben. ²)
Was sollen uns die
weitläufigen wissenschaftlichen Untersuchungen, ob es
unterschiedliche
Rassen gebe? ob Rasse einen Wert habe? wie das möglich sei und so
weiter? Wir kehren den Spiess um und sagen: dass es welche giebt, ist
evident;
dass die Qualität der Rasse entscheidende Wichtigkeit besitzt, ist
eine Thatsache der unmittelbaren Erfahrung; Euch kommt nur zu, das Wie
und das Warum zu erforschen, nicht Eurer Unwissenheit zuliebe die
Thatsachen
selbst abzuleugnen. Einer der bedeutendsten Ethnologen des heutigen
Tages,
Adolf Bastian, bezeugt: „Was wir in der Geschichte bemerken, ist keine
Umwandlung, kein Übergehen der Rassen ineinander, sondern es
sind
n e u e u n d v o l l k o m m e n e
S c h ö p f u n g e n, die die ewig junge
Produktionskraft
der Natur aus dem Unsichtbaren des Hades hervortreten
lässt.“ ³)
Wer die kleine Strecke von
—————
¹)
Vergl. S. 135, Anm.
²)
Siehe die Romane Tancred und Coningsby. In letzterem sagt
Sidonia:
„Rasse ist alles; es giebt keine andere Wahrheit. Und jede Rasse muss
zu
Grunde gehen, die ihr Blut sorglos Vermischungen hingiebt.“
³)
Das
Beständige in den Menschenrassen und die Spielweite ihrer
Veränderlichkeit,
1868, S. 26.
323 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Calais nach Dover zurückgelegt
hat, glaubt sich auf einem anderen Gestirn angekommen, so tief ist der
Unterschied zwischen den doch so vielfach verwandten Engländern
und
Franzosen. Zugleich kann der Beobachter an diesem Beispiel den Wert der
reineren „Inzüchtung“ kennen lernen. England ist durch seine
Insellage
so gut wie abgeschnitten; die letzte (nicht sehr zahlreiche) Invasion
fand
vor 800 Jahren statt, seitdem sind nur einige Tausend
Niederländer,
später einige Tausend Hugenotten hinübergesiedelt (alles
Stammesverwandte),
und so ist die augenblicklich unzweifelhaft s t ä r k
s t e Rasse Europas gezüchtet worden. ¹)
Die unmittelbare
Erfahrung bietet uns aber eine Reihe ganz andersgearteter Beobachtungen
über Rasse, durch die wir nach und nach unser Wissen erweitern und
bestimmter gestalten
275
können. Im Gegensatz zu der neuen,
werdenden, angelsächsischen Rasse sehe man sich zum Beispiel die
Sephardim
an, die sogenannten „spanischen Juden“; hier erfährt man, wie eine
echte Rasse sich durch Reinheit Jahrhunderte, ja Jahrtausende hindurch
edel erhalten kann, zugleich aber, wie sehr es not thut, zwischen den
wirklich
edel gezüchteten Teilen eines Volkes und den übrigen zu
unterscheiden.
In England, Holland und Italien giebt es noch echte Sephardim, wenige
aber,
da sie der Vermengung mit den Aschkenazim (den sogenannten „deutschen
Juden“)
kaum mehr ausweichen können. So haben zum Beispiel die Montefiores
der jetzigen Generation alle ohne Ausnahme deutsche Jüdinnen
geheiratet.
Jeder aber, der im Osten von Europa gereist ist, wo die
unverfälschten
Sephardim noch heute jeglichem Verkehr mit deutschen Juden, vor denen
sie
einen fast
—————
¹)
Hier wäre auch Japan zu nennen, wo ebenfalls eine glückliche
Vermischung und nachher inselhafte Abgeschiedenheit zur Bildung einer
sehr
merkwürdigen Rasse geführt hat, viel stärker und
(innerhalb
der mongoloiden Möglichkeitssphäre) viel tiefer beanlagt als
die meisten Europäer es ahnen. Vielleicht die einzigen
Bücher,
in denen man die japanische Seele kennen lernt, sind die
des
L a f c a d i o H e a r n: Kokoro, hints
and
echoes of Japanese inner life; Gleanings in Buddha fields; u. A.
324 Die
Erben. Das Völkerchaos.
komischen Abscheu an den Tag legen,
möglichst aus dem Wege gehen, wird mir beistimmen, wenn ich sage,
dass man erst durch den Anblick und den Verkehr mit diesen Männern
die Bedeutung des Judentums in der Weltgeschichte begreifen lernt. Das
ist Adel im vollsten Sinne des Wortes, echter Rassenadel! Schöne
Gestalten,
edle Köpfe, Würde im Reden und Gebahren. Der Typus ist
„semitisch“
in dem selben Sinne wie der gewisser vornehmer syrischer oder
arabischer
Männer. Dass aus solcher Leute Mitte Propheten und Psalmisten
hervorgehen
konnten, das verstand ich beim ersten Anblick, was mir, aufrichtig
gestanden,
selbst bei der genauesten Betrachtung der vielen hundert Bochers in der
Friedrichstrasse zu Berlin nie hatte gelingen wollen. Wenn wir in den
heiligen
Büchern der Juden Umschau halten, so sehen wir auch, dass die
Umbildung
des Monopolytheismus dieses Volkes zu der immerhin grossartigen (wenn
auch
für unser Gefühl zu mechanisch-materialistischen) Vorstellung
eines wirkliche kosmischen Monotheismus das Werk nicht der Gesamtheit,
sondern eines ganz kleinen Bruchteiles der Bevölkerung ist; ja,
diese
Minorität hat einen unaufhörlichen Kampf gegen jene
Majorität
zu führen, und sie muss ihr die edlere Lebensauffassung mit Macht
aufzwingen, d. h. mit der höchsten menschlichen Gewalt, der Macht
der Persönlichkeit. Die übrige Bevölkerung macht den
Eindruck
einer ungewöhnlich gemeinen, jeder höheren Regung baren
Masse,
die Reichen hart und ungläubig, die Armen wankelhaft und stets
voll
der Sehnsucht, sich dem erbärmlichsten schmutzigsten
Götzendienst
in die Arme zu werfen — oder es müssten die Propheten stark
übertrieben
haben. Der Gang der
276
jüdischen Geschichte hat nun
für
eine eigentümliche Zuchtwahl der moralisch höher Stehenden
gesorgt:
durch die Exile, durch die fortwährende Ausscheidung in die
Diaspora,
welche eine Folge der Armut des Landes und der bedrängten Lage
war,
blieben (von den besseren Klassen) nur die gesinnungstreuesten
zurück,
und diese perhorrescierten jegliche eheliche Verbindung — auch mit
Juden!
— in welcher nicht beide Teile die ungetrübt reine Abstammung aus
einem der Stämme Israels darthun konnten und deren strenge
Orthodoxie
nicht über jeden Zweifel erhaben
325 Die
Erben. Das Völkerchaos.
war. ¹) Da blieb denn keine
sehr
grosse Auswahl; denn die nächsten Nachbarn, die Samaritaner, waren
heteredox, und in den ferneren Landesteilen war, ausser bei den
getrennt
sich haltenden Leviten, die Bevölkerung vielfach stark gemischt.
Auf
diese Art wurde dort Rasse gezüchtet. Und als nun die endliche
Zerstreuung
kam, wurden diese einzigen echten Juden alle, oder fast alle, nach
Spanien
übergeführt. Da die klugen Römer nämlich sehr wohl
zu unterscheiden wussten, versetzten sie diese gefährlichen
Fanatiker,
diese stolzen Männer, deren blosser Blick Gehorsam von der Menge
erzwang,
aus ihrer östlichen Heimat in den fernsten Westen,²) wogegen
sie das jüdische Volk ausserhalb des engeren Judäa nicht mehr
belästigten als die Juden der Diaspora.³) — Da haben wir nun
wieder einen höchst interessanten Anschauungsunterricht über
Entstehung und Wert einer „Rasse“! Denn von allen den Menschen, die wir
gewohnt sind als J u d e n zu bezeichnen,
stammen
verhältnismässig wenige von jenen echten, grossen
Hebräern,
vielmehr sind es die Nachkommen der Juden aus der Diaspora, Juden, die
nicht die letzten grossen Kämpfe, ja, zum grossen Teil nicht
einmal
die Makkabäerzeit mitgemacht hatten; diese und dann das arme, in
Palästina
zurückgebliebene Landvolk, das später in christlichen Zeiten
vertrieben wurde oder flüchtete, das sind die Leute, von denen
„unsere
Juden“ abstammen. Wer nun durch den Augenschein kennen lernen will, was
edle Rasse ist und was nicht, der lasse
—————
¹)
Uneheliche Kinder werden bei gläubigen Juden gar nicht in die
Gemeinde
aufgenommen. Bei den heutigen Sephardim im Osten Europas wird ein
Mädchen,
von welchem es ruchbar wird, dass sie gefehlt hat, sofort von
Bevollmächtigten
der Gemeinde in irgend ein fremdes Land geführt und dort
untergebracht;
weder sie noch ihr Kind darf je wieder etwas von sich hören
lassen,
sie gelten als gestorben. Auf diese Art wird dafür gesorgt, dass
auch
die blinde Liebe nicht fremdes Blut in den Stamm hineinbringe.
²)
Siehe z. B. Graetz a. a. O., Kap. 9, „Der diasporische Zeitraum“.
³)
In Tiberias z. B. bestand Jahrhunderte lang eine tonangebende
Rabbinerschule.
(Über die Veredlung der Sephardim durch Gotenblut, siehe weiter
unten.)
277 326
Die Erben. Das Völkerchaos.
sich aus Salonichi oder Sarajevo den
ärmsten der Sephardim holen (grosse Reichtümer sind unter
diesen
Leuten sehr selten, denn sie sind makellos ehrenhaft) und stelle ihn
neben
einen beliebigen Baron Rothschild oder Hirsch hin: dann wird er den
Unterschied
gewahr werden zwischen dem durch Rasse verliehenen Adel und dem von
einem
Monarchen oktroyierten. ¹)
Die
fünf Grundgesetze
Weitere Beispiele
liessen sich in HülIe und Fülle beibringen Ich glaube aber,
wir
haben schon jetzt alles beisammen, was nötig ist, um unser Wissen
über Rasse systematisch zu analysieren und so die Grundprinzipien
zu einem bewussten, sachgemässen Urteil zu gewinnen. Wir
schliessen
hier nicht von hypothetischen Urzuständen auf mögliche
Folgen,
sondern wir schreiten von sicheren Thatsachen auf ihre unmittelbaren
Ursachen
zurück. Die Ungleichheit der Anlagen selbst zwischen offenbar nahe
verwandten Stämmen ist evident; ausserdem ist aber für Jeden,
der genauer beobachtet, ebenso evident, dass hier und dort,
während
längerer oder kürzerer Zeit, ein Stamm sich nicht allein von
den anderen unterscheidet, sondern sie mächtig überragt, weil
in ihm ein Überschwängliches an Begabung und
Leistungsfähigkeit
sich kundgiebt. Dass dies auf Rassenzüchtung beruht, habe ich
durch
die vorangehenden Beispiele anschaulich zu machen versucht. Was sich
aus
diesen Beispielen (die jeder beliebig vermehren mag) ergiebt, gestattet
nun, die Entstehung solcher edler Rassen als von fünf
Naturgesetzen
abhängig zu erkennen.
1. Die erste,
grundlegende
Bedingung ist unstreitig das Vor-
—————
¹)
Die Goten, die später in hellen Scharen zum Mohammedanismus
übertraten,
dessen edelste und fanatischeste Verfechter sie wurden, sollen
früher
in grossen Zahlen das Judentum angenommen haben, und ein gelehrter
Fachmann
der Wiener Universität versichert mir, die moralische und
intellektuelle,
sowie auch die physische Überlegenheit der sog. „spanischen“ und
„portugiesischen“
Juden sei eher aus diesem reichlichen Zufluss echt germanischen Blutes
zu erklären, als aus jener Züchtung, die ich einzig
hervorgehoben
habe, und deren Bedeutung er übrigens auch nicht unterschätzt
wissen wollte. Ob diese Ansicht Berechtigung besitzt, möge
dahingestellt
bleiben.
327 Die
Erben. Das Völkerchaos.
handensein v o r t r e f
f l i c h e n Materials. Wo es nichts giebt, verliert der
König
seine Rechte. Wenn Jemand aber fragt, woher kommt dieses Material? so
antworte
ich, ich weiss es nicht, ich bin in dieser Beziehung ebenso ignorant
als
wäre ich der grösste aller Gelehrten, und ich verweise den
Frager
auf die Worte des erhabenen Weltweisen des 19. Jahrhunderts, Goethe:
„Was
nicht mehr entsteht, können wir uns als entstehend nicht denken.
Das
Entstandene begreifen wir nicht“. Soweit unser Blick zurückreicht,
sehen wir Menschen, sehen, dass sie grundverschieden in ihrer Anlage
sind,
und sehen, dass Einige kräftigere Wachstumskeime zeigen, als
andere.
Nur Eines kann man, ohne den Boden historischer Beobachtung zu
verlassen,
behaupten: hohe Vortrefflichkeit tritt nur durch die Veranlassung
besonderer
Umstände nach und nach in die Erscheinung, sie wächst durch
erzwungene
Bethätigung; andere Umstände können sie gänzlich
verkümmern
lassen. Der Kampf, an dem ein von Hause aus
278
schwaches Menschenmaterial zu Grunde
geht, stählt das starke; ausserdem stärkt der Kampf ums Leben
dieses Starke durch Ausscheidung der schwächeren Elemente. Die
Kindheit
grosser Rassen sehen wir stets von Krieg umtobt, selbst die der
metaphysischen
Inder.
2. Das Vorhandensein
wackerer Menschen giebt jedoch noch lange kein
Überschwängliches;
solche Rassen wie die Griechen, die Römer, die Franken, die
Schwaben,
die Italiener und Spanier der Glanzzeit, die Mauren, die
Engländer,
solche abnorme Erscheinungen wie die arischen Inder und die Juden
entstehen
nur durch fortgesetzte I n z u c h t. Sie
entstehen
und sie vergehen vor unseren Augen. Inzucht nennt man die Erzeugung von
Nachkommenschaft ausschliesslich im Kreise der engeren Stammesgenossen
mit Vermeidung jeder fremden Blutmischung. Schlagende Beispiele habe
ich
schon oben genannt.
3. Jedoch die Inzucht
pure
et simple reicht zu dem Werke nicht hin; mit der Inzucht muss
Auswahl
oder, wie die Fachmänner sagen, „Z u c h t w a h
l“
Hand in Hand gehen. Am besten begreift man dieses Gesetz, wenn man die
Prinzipien der künstlichen Züchtung im Pflanzen- und
Tierreich
studiert; das möchte
328 Die
Erben. Das Völkerchaos.
ich auch Jedem anempfehlen, denn es
giebt wenige Dinge, welche unsere Vorstellungen von den plastischen
Möglichkeiten
des Lebens so bereichern. ¹) Hat man nun einsehen gelernt, welche
Wunder
die Wahl vollbringt, wie ein Rennpferd oder ein Dachshund oder ein
„überschwängliches“
Chrysanthemum nach und nach durch sorgfältige Ausscheidung alles
Minderwertigen
erzeugt wird, dann wird man das selbe Phänomen auch im
Menschengeschlecht
als wirksam erkennen, wenngleich es hier natürlich nie mit der
Klarheit
und Bestimmtheit wie dort auftreten kann. Als Beispiel führte ich
vorhin die Juden an; das Aussetzen schwächlicher Kinder ist ein
weiteres
und war jedenfalls eines der segenvollsten Gesetze der Griechen,
Römer
und Germanen; harte Zeiten, welche nur der stämmige Mann, das
ausdauernde
Weib überlebt, wirken in ähnlichem Sinne. ²)
279
4. Wenig beachtet
wurde bisher ein weiteres Grundgesetz, welches mir mit voller
Sicherheit
aus der Geschichte hervorzugehen scheint, ebenso wie es eine
Erfahrungsthatsache
der Tierzüchtung ist: dem Entstehen ausserordentlicher Rassen geht
ausnahmslos eine B l u t m i s c h u n g
voraus.
Wie der scharfsinnige Denker, Emerson, sagt: „We are piqued with
pure
descent, but nature loves inoculation.“ Von den arischen Indern
können
wir freilich in dieser Beziehung nichts aussagen, ihre Vorgeschichte
verliert
sich in zu nebelhaften Fernen; dagegen liegen betreffs der Juden,
Hellenen
und Römer die Thatsachen vollkommen klar vor Augen, nicht minder
klar
in Betreff aller Nationen Europas, die sich durch Gesamtleistungen und
durch die Hervorbringung einer grossen Zahl „überschwänglich“
begabter Individuen ausgezeichnet haben. Bezüglich der Juden
—————
¹)
Die Litteratur ist enorm; wegen der Einfachheit, Verständlichkeit
und umfassenden Vielseitigkeit sei jedem Laien vor Allem Darwin's Animals
and Plants under Domestication empfohlen. Im Origin of
Species
ist über das selbe Thema etwas zu kurz und tendenziös
berichtet.
²)
Dass zum Beispiel die viele Jahrhunderte umfassende Epoche der
Wanderung
im Sinne einer zunehmend veredelnden Zuchtwahl auf die Germanen hat
wirken
müssen, veranschaulicht Jhering mit besonderer Klarheit (Vorgeschichte,
S. 462 fg.).
329 Die
Erben. Das Völkerchaos.
verweise ich auf das
folgende Kapitel, bezüglich der Griechen, der Römer und
der
Engländer habe ich schon öfters auf diese Thatsache
hingedeutet;¹)
jedoch, ich möchte den Leser ersuchen, sich die Mühe nicht
verdriessen
zu lassen, in Curtius und in Mommsen jene Kapitel am Anfang, die man
wegen
der vielen Namen und des wirren Durcheinanders gewöhnlich mehr
durchblättert
als studiert, einmal aufmerksam zu lesen. Nie hat eine so
gründliche
und günstige Vermischung stattgefunden, wie in Griechenland: aus
einem
gemeinsamen Urstock hervorgegangen, bilden sich in Ebenen, die durch
Berge
oder Meere getrennt sind, charakteristisch unterschiedene Stämme,
jagende, friedlich Ackerbau treibende, seefahrende u. s. w.; und nun
findet
unter diesen differenzierten Bestandteilen ein Durcheinanderschieben,
eine
Vermengung statt, wie sie ein künstlich züchtender Verstand
sich
nicht vollkommener ausgerechnet haben könnte. Wir haben
zunächst
Wanderungen von Osten nach Westen, später umgekehrt von Westen
nach
Osten über das Ägäische Meer hinüber; inzwischen
sind
aber die Stämme des äussersten Nordens (in erster Reihe die
Dorier)
bis nach dem äussersten Süden vorgedrungen, wobei sie viele
der
Edelsten, die sich nicht unterjochen lassen wollten, aus diesem
Süden
nach jenem Norden, aus dem sie selbst eben gekommen waren, oder auch
über
das Meer auf die Inseln und nach der hellenischen Küste Asiens
hinüberdrängten.
Eine jede dieser Verschiebungen bedingte aber Blutmischung. So zogen
zum
Beispiel die Dorier nicht alle nach dem Peloponnes,
280
sondern Teile von ihnen blieben an jeder
Station ihrer langsamen Wanderungen haften und verschmolzen dort mit
den
früheren Einwohnern. Ja, diese ursprünglichen Dorier selber,
die uns als ein besonderes einheitliches Ganzes vorschweben, wussten in
alter Zeit, dass sie aus drei verschiedenen Stämmen
zusammengesetzt
waren, von denen der eine ausserdem der Stamm der P a m p h
y l e n hiess, d. h. „der Stamm der Leute von allerlei
Herkunft“.
Wo die glücklichste Mischung vor sich ging, da entstand die
überschwänglichste
Begabung: in Neu-Ionien und in
—————
¹)
Siehe namentlich S. 135,273
und weiter unten S. 286 u.
292.
330 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Attika. In Neu-Ionien „kamen
Griechen
zu Griechen, es kamen Ionier in ihre alte Heimat, aber sie kamen so
umgewandelt,
dass aus der neuen Vereinigung des ursprünglich Verwandten eine
durchaus
nationale, aber zugleich ungemein gesteigerte, reiche und in ihrem
Ergebnisse
vollständig neue Entwickelung in dem alten Ionierlande anhob“. Am
lehrreichsten ist aber die Entstehungsgeschichte des attischen,
speziell
des atheniensischen Volkes. Gerade in Attika (wie sonst einzig in
Arkadien)
blieb die ursprüngliche pelasgische Bevölkerung festhaften,
„sie
wurde niemals von fremder Gewalt ausgetrieben“. Das zum Inselmeer
gehörige
Küstenland lud aber zur Einwanderung; diese kam auch von allen
Seiten;
und während die fremden Phönicier nur auf den benachbarten
Inseln
Handelsstationen gründeten, drangen die stammverwandten Griechen
von
diesseits und jenseits des Meeres ins Innere ein und vermischten sich
nach
und nach mit den früheren Einwohnern. Nun kam die Zeit der vorhin
erwähnten dorischen Völkerwanderung und der grossen,
langanhaltenden
Umwälzungen; Attika allein blieb verschont; und da flüchteten
neuerdings aus allen Himmelsrichtungen viele dorthin, aus Böotien,
Achaja und Messenien, aus Argos und Ägina u. s. w.; diese neuen
Einwanderer
stellten aber nicht ganze Bevölkerungen dar, sondern waren in der
überwiegenden Mehrzahl ausgewählte Männer, Männer
aus
erlauchtem, oft königlichem Geschlecht. Durch sie fand eine
ungewöhnliche
Bereicherung des einen kleinen Landes an echtem, gezüchtetem
Rassenadel
statt. Dann erst, also erst aus einer bunten Vermischung, entstand
jenes
Athen, welchem die Menschheit mehr verdankt als je auszurechnen
wäre. ¹)
—
281
Die geringste Überlegung wird nun
zeigen, wie das selbe Gesetz sich bei Deutschen, Franzosen, Italienern
und Spaniern bewährt.
—————
¹)
Siehe Curtius: Griechische Geschichte, Buch I, Kap. 4 und Buch
II,
Kap. 1 und 2. — Dass Graf Gobineau lehrt, die ausserordentliche
geistige
und namentlich künstlerische Begabung der Griechen sei auf eine
Infiltration
semitischen Blutes zurückzuführen, zeigt, zu welchen
unsinnigen
Annahmen man durch falsche, künstliche, der Geschichte und der
Naturbeobachtung
widersprechende Grundhypothesen gedrängt wird.
331 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Die einzelnen germanischen
Stämme
zum Beispiel sind wie eine rein brutale Naturkraft, bis sie sich
miteinander
zu vermengen beginnen; man sehe, wie das an bedeutenden Männern
reiche
Burgund durch ein inniges Gemisch des germanischen mit dem romanischen
Element seine ihm eigentümliche Bevölkerung erhält und
in
Folge der lang anhaltenden politischen Isolierung zur
charakteristischen
Individualität ausbildet;¹) die Franken erwachsen zur vollen
Kraft und schenken der Welt einen neuen Typus des Menschlichen dort, wo
sie mit den vorangegangenen germanischen
Stämmen und mit
Galloromanen
verschmelzen, oder aber dort, wo sie, wie in Franken, gerade den
Vereinigungspunkt
der verschiedensten deutschen und slavischen Elemente bilden; Schwaben,
das Vaterland Mozart's und Schiller's, ist von einem halbkeltischen
Stamme
bewohnt; Sachsen, welches dem deutschen Volke so viele seiner
grössten
Männer geschenkt hat, enthält eine fast durchwegs mit
slavischem
Blute verquickte Bevölkerung; und hat Europa es nicht innerhalb
der
letzten drei Jahrhunderte erlebt, dass eine erst neu entstandene
Nation,
bei welcher die Blutmischung eine noch viel gründlichere war, die
preussische, sich durch ihre hervorragende Kraft zum Führer des
gesamten
deutschen Reiches aufgeschwungen hat? — Es kann natürlich an
diesem
Orte nicht meine Aufgabe sein, das hier Angedeutete ausführlich zu
begründen; da ich jedoch gerade die hohe Bedeutung von
reingezüchteten
Rassen verfechte, so muss es mir besonders am Herzen liegen, die
Notwendigkeit,
oder zum
—————
¹)
Diese innige Vermischung fand dadurch statt, dass die Burgunder im
ganzen
Lande einzeln angesiedelt und jeder von ihnen der „Hospes“
eines
früheren Einwohners wurde, von dessen bebautem Land er zwei
Drittel,
von dessen Hof und Garten er die Hälfte zu eigen erhielt,
während
Wälder und Weideplätze gemeinschaftlich blieben. Mochte nun
zunächst
gewiss keine grosse Sympathie zwischen dem Eingedrungenen und seinem
Wirt
bestehen, sie lebten doch Thür an Thür und waren miteinander
solidarisch bei Grenzstreitigkeiten und ähnlichen auf den Besitz
sich
beziehenden Rechtsfragen; da konnte die Verschmelzung nicht lange
ausbleiben.
Vergl. namentlich Savigny: Geschichte des römischen Rechts im
Mittelalter,
Kap. 5, Abschn. 1.)
332 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Mindesten Nützlichkeit der
Blutmischung
zu betonen, und zwar nicht allein um dem Vorwurf der Einseitigkeit und
der apriorischen Voreingenommenheit zu begegnen, sondern weil ich
glaube,
die Vertreter dieser Sache haben ihr gerade durch die Verkennung
282
des wichtigen Gesetzes der Vermischung
sehr geschadet. Sie geraten dann auf den mystischen Begriff einer an
und
für sich „reinen Rasse“, welcher ein luftiges Gedankending ist
und,
anstatt zu fördern, nur hemmt. Weder die Geschichte, noch die
Experimentalbiologie
spricht zu Gunsten einer derartigen Auffassung. Die Rasse der
englischen
Vollblutpferde ist durch die Kreuzung arabischer Hengste mit
gewöhnlichen
(natürlich ausgesuchten) englischen Stuten erzeugt worden, gefolgt
von Inzucht, jedoch so, dass neuerliche Kreuzung zwischen
Varietäten
von geringer Abweichung, oder auch mit Arabern, von Zeit zu Zeit ratsam
ist; eines der edelsten Wesen, welches die Natur überhaupt
aufweisen
kann, der sogenannte „echte“ Neufundländer, ist ursprünglich
aus der Kreuzung zwischen dem Eskimohund und einem französischen
Hetzhund
entstanden, sodann, in Folge der abgeschiedenen Lage Neufundlands,
durch
andauernde Inzucht fest und „rein“ geworden, zuletzt, als Exemplare
dieser
Rasse von Liebhabern nach Europa gebracht wurden, durch Zuchtwahl zur
höchsten
Veredelung ausgebildet worden. — Vielleicht lächelt mancher Leser,
wenn ich immer wieder von Tierzüchtung spreche? Sicherlich sind
aber
die Gesetze des Lebens grosse, einfache Gesetze, welche alles Lebende
umfassen
und gestalten; wir haben nicht die geringste Veranlassung, das
Menschengeschlecht
als eine Ausnahme zu betrachten; und da wir gerade in Bezug auf
Rassenzüchtung
leider nicht in der Lage sind, Experimente mit Menschen anzustellen, so
müssen wir die an Tieren und Pflanzen gemachten Versuche zu Rate
ziehen.
— Ich darf jedoch die Besprechung des vierten Gesetzes nicht
abschliessen,
ohne eine andere Seite dieses Vermischungsgesetzes hervorgehoben zu
haben;
fortgesetzte Inzucht innerhalb eines sehr kleinen Kreises, das, was man
„Engzucht“ nennen könnte, führt mit der Zeit zur Entartung
und
namentlich zur Sterilität. Zahllose Erfahrungen der Tierzucht
beweisen
das. Es genügt dann bisweilen eine
333 Die
Erben. Das Völkerchaos.
einzige Kreuzung, nur an einzelnen
Mitgliedern
einer Meute zum Beispiel vorgenommen, damit die geschwächte Rasse
wieder aufblühe und die geschlechtliche Fruchtbarkeit sich wieder
einstelle. Bei Menschen sorgt schon der Schalk Eros so ausgiebig
für
diese Auffrischung, dass wir nur in hochadeligen Kreisen und bei
einigen
königlichen Familien ¹) zunehmenden Verfall der geisti-
283
gen und physischen Anlagen in Folge
von „Engzucht“ beobachten können. ²) Die geringste Entfernung
im Verwandtschaftsgrade der sich ehelich Verbindenden (auch innerhalb
genau
des selben Typus) genügt, um die hohen Vorzüge der Inzucht
mit
Ausschluss dieser Nachteile zu sichern. Doch sieht Jeder, dass hier
sich
irgend ein geheimnisvolles Lebensgesetz kund thut, ein so dringendes
Lebensgesetz,
dass im Pflanzenreich — wo die Befruchtung innerhalb einer und der
selben
Blüte auf den ersten Blick das Natürliche und Unvermeidliche
dünkt — meistens die kompliziertesten Einrichtungen vorhanden
sind,
um dies zu verhindern und um zugleich dafür zu sorgen, dass, wenn
der männliche Pollenstaub nicht im Winde fliegt, er durch Insekten
von einem Individuum zum anderen getragen werde.³) Die Einsicht
—————
¹)
Siehe die Angaben bei Haeckel: Natürliche
Schöpfungsgeschichte
(Vorl. 8). Weit ausführlichere Angaben in einem Buche von P.
Jacoby:
Études
sur la sélection dans ses rapports avec
l'hérédité
chez l'homme, das ich leider nicht vor Augen habe.
²)
Hierher gehören allerdings auch die allbekannten schlimmen Folgen
der Ehen zwischen Nächstverwandten; die Sinnesorgane (sowie
überhaupt
das Nervensystem) und die Geschlechtsorgane haben am häufigsten
darunter
zu leiden. (Siehe George H. Darwin's Vorträge: Die Ehen
zwischen
Geschwisterkindern und ihre Folgen, Leipzig 1876.)
³)
Die leider noch zahlreichen Menschen, die der Naturforschung
fernstehen,
mache ich auf Christian Konrad Sprengel's: Das entdeckte Geheimnis
der
Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen, 1793, aufmerksam.
Dieses
Werk sollte ein Stolz der ganzen deutschen Nation sein; es liegt seit
1893
in einem Facsimiledruck (Berlin bei Mayer & Müller) vor und
kann
vom Ungelehrtesten gelesen werden. Von neueren Publikationen ist
namentlich
Hermann Müller's: Alpenblumen, ihre Befruchtung durch Insekten
und ihre Anpassungen an dieselben (Engelmann 1881) anregend, durch
die vielen Illustrationen anschaulich, auch vollständig.
334 Die
Erben. Das Völkerchaos.
in ein offenbar so grundlegendes
Naturgesetz
lässt vermuten, dass die Entstehung ausgezeichneter Rassen aus
einer
ursprünglichen Durchdringung verschiedener Stämme, wie wir
sie
in der Geschichte beobachteten, nicht ein Zufall war; vielmehr bilden
die
historischen Thatsachen weitere Belege dafür, dass Blutvermischung
für die Entstehung edler Rassen besonders günstige
physiologische
Bedingungen schafft. ¹)
5. Noch ein
fünftes
Gesetz muss namhaft gemacht werden,
284
wenngleich es mehr einschränkend
und erläuternd ist, als dass es ein neues Element zur Rassenfrage
beibrächte. N u r g a n z b e
s t i m m t e, b e s c h r ä n k t e B l u
t m i s c h u n g e n sind für die Veredelung einer
Rasse,
resp. für die Entstehung einer neuen, förderlich. Auch hier
wieder
liefert uns die Tierzüchtung die klarsten, unzweideutigsten
Beispiele.
Die Blutmischung muss zeitlich streng beschränkt, ausserdem muss
sie
eine zweckmässige sein; nicht alle beliebigen Vermischungen,
sondern
nur bestimmte können die Grundlage zur Veredelung abgeben. Mit
zeitlicher
Beschränkung will ich sagen, dass die Zufuhr neuen Blutes
möglichst
schnell vor sich gehen und dann aufhören muss; fortdauernde
Blutmischung
richtet die stärkste Rasse zu Grunde. Um ein extremes Beispiel zu
nehmen, die berühmteste Windhundmeute Englands wurde
ein
e i n z i g e s Mal mit Bulldoggen gekreuzt, wodurch sie an
Mut und Ausdauer gewann; dagegen
—————
Zusammenfassend und die
aussereuropäischen Pflanzen berücksichtigend ist des selben
Verfassers:
Blumen
und Insekten in der Trewendt'schen Encyklopädie der
Naturwissenschaften.
Es giebt wohl wenige Betrachtungen, die uns auf so kurzem Wege
unmittelbar
in die geheimnisvollsten Wunder der Natur hineinführen, wie diese
Aufdeckung der gegenseitigen Lebensbeziehungen zwischen Pflanzen- und
Tierwelt.
Was heisst unser Wissen, was bedeuten unsere Hypothesen solchen
Erscheinungen
gegenüber? Diese lehren uns treu beobachten und uns im Kreise des
Erreichbaren bescheiden. (Während der Drucklegung dieses Buches
begann
Knuth's: Handbuch der Blütenbiologie bei Engelmann zu
erscheinen.)
¹)
Zu dieser Frage der für die Entstehung ausserordentlich
leistungsfähiger
Rassen unentbehrlichen Blutmischung ist namentlich Reibmayr: Inzucht
und Vermischung beim Menschen, 1897, zu Rate zu ziehen.
335 Die
Erben. Das Völkerchaos.
lehren weitere Experimente, dass bei
Fortsetzung einer derartigen Kreuzung die Charaktere beider Rassen
verschwinden
und gänzlich charakterlose Bastarde übrig bleiben. ¹) Crossing
obliterates characters. Die bestimmt zweckmässige
Beschränkung
bezieht sich darauf, dass nur g e w i s s e
Kreuzungen,
nicht alle, veredeln. Es giebt Mischungen, die, weit entfernt veredelnd
zu wirken, beide Rassen verderben, und es kommt ausserdem recht
häufig
vor, dass die bestimmten, wertvollen Charaktere zweier verschiedener
Typen
sich gar nicht miteinander zu verschmelzen vermögen; im letzteren
Falle richtet sich ein Teil der Nachkommenschaft nach dem einen
Elternteil,
der andere nach dem anderen, aber natürlich mit vermischten
Zügen,
oder aber es kommen die eigentlichen echten Bastarde zum Vorschein,
Wesen,
deren Körper den Eindruck macht, als sei er aus
unzusammengehörigen
Teilen zusammengeschraubt, und deren geistige Beschaffenheit der
körperlichen
entspricht. ²) Wobei noch ausserdem zu bemerken ist, dass die
Verbindung
von Bastard mit Bastard den vollkommenen Niedergang aller und jeder
hervorragenden
Rasseneigenschaft mit rasender Schnelligkeit vollbringt. Man darf also
durchaus nicht glauben, dass Blutvermischung zwischen verschiedenen
Stämmen
die Rasse unter allen Umständen veredelt und als Bereicherung
ihrer
Anlagen durch fremde Anlagen wirkt. Das ist nur unter seltenen,
bestimmten
Bedingungen und strengen Einschränkungen der Fall; als Regel
führt
Blutvermischung zur Entartung. Es zeigt sich namentlich das Eine recht
285
deutlich: dass Vermischung zweier sehr
fremdartiger Wesen nur dann zur Bildung einer edlen Rasse führt,
wenn
sie höchst selten stattfindet und von strenger Inzucht gefolgt
wird
(wie beim englischen Vollblutpferd und beim Neufundländer),
dagegen
sonst Vermischung nur wo sie zwischen nahen Verwandten, zwischen
Angehörigen
des selben Grundtypus vorkommt, von Erfolg ist. — Auch hier wiederum
kann
Keiner, der die ausführlichen Ergebnisse
—————
¹)
Darwin: Animals
and Plants, Kap. 15.
²)
Auch hierfür findet man bei Darwin zahlreiche Beispiele. Was
speziell
die Hunde betrifft, so sind Beispiele Jedem gegenwärtig.
336 Die
Erben. Das Völkerchaos.
der Tierzucht kennt, im Zweifel
sein,
dass die Menschengeschichte vor uns und um uns herum dem selben Gesetze
gehorcht. Natürlich tritt es hier zunächst nicht mit der
gleichen
Deutlichkeit auf wie dort; wir sind nicht in der Lage, eine Anzahl
Menschen
einzuhegen und durch etliche Generationen hindurch Versuche mit ihnen
anzustellen;
ausserdem, was dem Pferde die Schnelligkeit, was dem Hunde die
merkwürdig
plastisch bewegliche Gestalt ist, das ist dem Menschen der Geist: hier
drängt bei ihm alle Lebenskraft hin, hier konzentriert sich darum
seine Variabilität, und gerade diese Unterschiede in Charakter und
Intelligenz sind dem Auge nicht sichtbar.¹) Doch hat die
Geschichte
Experimente im grossen Stil durchgeführt, und Jeder, dessen Auge
nicht
an Einzelheiten kleben bleibt, sondern grosse Komplexe zu
übersehen
gelernt hat, Jeder, der das Seelenleben der Völker verfolgt, wird
Bestätigungen für das hier genannte Gesetz in Hülle und
Fülle entdecken. Entstehen z. B. die überschwänglich
begabte
attische und die unerhört kluge und starke römische Rasse
durch
die Vermengung mehrerer Stämme, so sind dies miteinander nahe
verwandte
und edle, reine Stämme, und diese Elemente werden durch die
Staatenbildung
dann Jahrhunderte lang von aussen abgeschlossen, so dass sie Zeit
haben,
sich zu einem neuen festen Gebilde zu amalgamieren; als dagegen diese
Staaten
jedem Fremden aufgerissen werden, geht die Rasse zu Grunde, und zwar in
Athen langsam, weil dort in Folge der politischen Lage nichts
Besonderes
zu holen war, die Vermengung folglich
—————
¹)
Nur darf nicht übersehen werden, dass, wenn man in der Lage
wäre,
künstliche Menschenzüchtungen anzustellen, man sicherlich
auch
körperlich die ungeheuersten Unterschiede erzielen würde in
Bezug
auf Grösse, Behaarung, Proportionen u. s. w. Man stelle nur einen
Zwerg aus den Urwäldern am mittleren Congo, wenig über einen
Meter hoch, den ganzen Körper mit Haarflaum bedeckt, neben einen
preussischen
Gardegrenadier: man wird sehen, welche plastische Möglichkeiten in
der menschlichen Körperbildung schlummern. — Was den Hund
anbelangt,
so ist noch daran zu erinnern, dass seine verschiedenen Rassen
„sicherlich
von mehr als einer wilden Stammart herzuleiten sind“ (Claus: Zoologie,
4. Aufl., II, 458); daher seine fast beängstigende Polymorphie.
286
337
Die Erben. Das Völkerchaos.
nur nach und nach und dann noch zum
grössten Teil mit Indoeuropäischen Völkern
stattfand,¹)
in Rom mit furchtbarer Schnelligkeit, nachdem Marius und Sulla die
Blüte
der echten Römer ermordet, den Urquell edlen Blutes also
eingedämmt
und im selben Augenblick durch die Freisprechung der Sklaven wahre
Fluten
afrikanischen und asiatischen Blutes ins Volk gebracht hatten und bald
darauf Rom das Stelldichein aller Mestizen der Welt, die cloaca
gentium,
geworden war.²) Ähnliches bemerken wir auf allen Seiten. Wir
sehen die Engländer aus einer gegenseitigen Durchdringung
getrennter,
doch nahe verwandter germanischer Stämme hervorgehen; die
normannische
Invasion giebt hier gewissermassen die letzte Würze, den letzten
Glanz;
dagegen haben es die historisch-geographischen Bedingungen mit sich
gebracht,
dass die verwandtschaftlich etwas ferner stehenden Kelten bei Seite
blieben
und selbst noch heute nur nach und nach mit der herrschenden Rasse
verschmelzen.
Wie offenbar anregend und auffrischend wirkt auf die Bevölkerung
Berlins
(noch bis heute) die Einwanderung der französischen Hugenotten,
fremd
genug, um das Leben durch Neues zu bereichern, freund genug, um mit
ihren
preussischen Wirten nicht zusammengeschraubte Bastarde, sondern
charakterstarke
Männer von seltener Begabung zu zeugen. Um das Entgegengesetzte zu
erblicken, brauchen wir nur nach Südamerika hinüberzuschauen.
Giebt es einen jammervolleren Anblick als den der
südamerikanischen
Mestizenstaaten? Die sogenannten Wilden von Zentralaustralien
führen
ein weit harmonischeres, menschenwürdigeres, sagen wir ein
„heiligeres“
Dasein, als diese unseligen Peruaner, Para-
—————
¹)
Wogegen die Beobachtung höchst lehrreich ist, dass in Ionien der
Hellene,
den buntesten Bastardierungen ausgesetzt, viel schneller verschwand.
²)
Lange vor mir hatte Gibbon die Ursachen des Untergangs des
römischen
Reiches in der physischen Verschlechterung der Rasse erkannt; jetzt
wird
das selbe in ausführlicher Weise von O. Seeck in seiner Geschichte
des Unterganges der antiken Welt dargethan. Nur die Einwanderung
der
kraftstrotzenden Germanen hat das chaotische Reich noch künstlich
ein paar Jahrhunderte länger am Leben erhalten.
338 Die
Erben. Das Völkerchaos.
guayaner u. s. w., Blendlinge aus
zwei
(und oft aus mehr) unvereinbaren Rassen, aus zwei Kulturen, denen
nichts
gemeinsam war, aus zwei Entwickelungsstufen, zu verschieden an Alter
und
Gestalt, um eine Ehe eingehen zu können, Kinder einer
naturwidrigen
Unzucht. Wer sich ernstlich über die Bedeutung von Rasse belehren
will, kann recht viel an diesen Staaten lernen; nehme nur die
Statistiken
zur Hand; er wird die verschiedensten Verhältnisse finden zwischen
der rein europäischen resp. rein indianischen Bevölkerung und
der halbschlächtigen, und er wird sehen, dass die relative
Entartung
mit der Blutvermischung genau Schritt hält. Ich nehme die zwei
extremen
Fälle, Chile und Peru. In Chile, dem einzigen dieser
Staaten,¹)
der einigen, bescheidenen Anspruch auf wahre Kultur erheben kann und der
287
auch verhältnismässig
geordnete
politische Zustände aufweist, sind gegen 30 Prozent der Bewohner
noch
rein spanischer Herkunft, und dieses Drittel genügt schon, um die
moralische Auflösung hintanzuhalten;²) dagegen giebt es in
Peru,
das bekanntlich den anderen Republiken mit dem Beispiel des totalen
moralischen
und materiellen Bankerotts vorangegangen ist, fast gar keine
Indoeuropäer
reiner Rasse mehr; mit Ausnahme der noch uncivilisierten Indianer des
Innern
besteht dort die gesamte Bevölkerung aus Cholos, Musties, Fusties,
Terceronen, Quarteronen u. s. w., Kreuzungen zwischen Indianern und
Spaniern,
zwischen Indianern und Negern, Spaniern und Negern, weiter zwischen den
verschiedenen Rassen und jenen Mestizen oder Kreuzungen der
Mestizenarten
untereinander; in letzterer Zeit sind viele Tausende von Chinesen
hinzugekommen...
Da sehen wir die von Virchow und Ratzel ersehnte Promiskuität am
Werke,
und wir sehen, was dabei herauskommt! Freilich ist es ein sehr extremes
Beispiel, aber um so lehrreicher. Wenn nicht die enorme Macht der
umgebenden
Civilisation einen solchen Staat von allen Seiten
—————
¹)
Im portugiesischen Brasilien herrschen wesentlich andere
Verhältnisse.
²)
Nach Albrecht Wirth: Volkstum und Weltmacht in der Geschichte,
1901,
S. 159, kommt den Chilenen noch zugute, dass ihre Indianer — die
Araukaner
— einer besonders edlen Rasse angehören.
339 Die
Erben. Das Völkerchaos.
künstlich unterstützte,
wenn
er z. B. durch einen Zufall abgeschnitten und sich selbst
überlassen
bliebe, er würde in kurzer Zeit in völlige Barbarei
verfallen,
nicht
in eine menschliche, nein, in eine bestialische Barbarei. Einem
ähnlichen
Schicksal gehen alle diese Staaten entgegen.¹) — Auch hier
überlasse
ich dem Leser das weitere Nachdenken und Belegesammeln bezüglich
dieses
fünften Naturgesetzes, welches uns zeigt, dass jede Blutmischung
eine
gefährliche Sache ist und nur unter Beobachtung bestimmter
Kautelen
zur Veredelung der Rasse beitragen kann, sowie dass viele mögliche
Kreuzungen unbedingt schädlich und zerstörend wirken; sind
dem
Leser die Augen erst geöffnet, so wird er für dieses Gesetz
wie
für die anderen vier in Gegenwart und Vergangenheit überall
Belege
finden. ²)
Das sind also die
fünf Prinzipien, die mir grundlegend erscheinen: die Qualität
des Materials, die Inzucht, die Zuchtwahl, die Notwendigkeit von
Blutmischungen,
die Notwendigkeit, dass diese Blutmischungen in der Wahl und in der
Zeit
streng beschränkt seien. Aus diesen Prinzipien ergiebt sich dann
des
Weiteren als Folgesatz, dass die Entstehung einer hochedlen
288
Menschenrasse unter Anderem auch von
bestimmten h i s t o r i s c h - g e o g r a p h i s c h e
n B e d i n g u n g e n abhängt; diese
sind
es, welche die Veredelung des Grundmaterials, sowie die Inzucht und die
Zuchtwahl unbewusst vollbringen, sie auch — wenn ein guter Stern
über
der Geburtsstätte eines neuen
—————
¹)
Bekanntlich herrschen sehr ähnliche Verhältnisse in den
spanischen
Kolonien. Eine einzige Ausnahme bildet die Insel Porto-Rico; hier
wurden
nämlich die eingeborenen Kariben gänzlich ausgerottet, und
die
Folge ist eine rein indoeuropäische Bevölkerung, welche sich
durch Fleiss, Klugheit und Ordnungssinn auszeichnet: ein eklatantes
Beispiel
von der Bedeutung von Rasse!
²)
Heinrich Schurtz kommt in seinem Werk Altersklassen und
Männerbünde
(S. 32) zu dem Schluss: „Erfolgreiche Kreuzungen sind nur innerhalb
einer
gewissen Verwandtschaftssphäre möglich und vorteilhaft. Ist
die
Verwandtschaft zu eng, wirklich nahe Blutsverwandtschaft, dann werden
krankhafte
Neigungen nicht kompensiert, sondern gesteigert; ist sie zu weit, dann
ist keine günstige Mischung der Eigenschaften mehr
möglich...“.
340 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Volkes waltet — führen die
glücklichen
Stammesehen herbei und wenden die Prostitution des Edlen in den Armen
des
Unedlen ab. Dass es im 19. Jahrhundert eine Zeit gab, wo gelehrte
Forscher
(Buckle an der Spitze) lehren konnten, die geographischen
Verhältnisse
e r z e u g t e n die Rassen, des dürfen wir heute
füglich
mit der kargen Ehre einer Paralipse gedenken; jene Lehre bedeutet einen
Schlag ins Gesicht aller Geschichte und aller Beobachtung. Dagegen
lässt
jedes einzelne der aufgezählten Gesetze, dazu namentlich die
Beispiele
aus Rom, Griechenland, England, Judäa und Südamerika so
deutlich
begreifen, inwiefern die historisch-geographischen Bedingungen zu dem
Entstehen
und zu dem Vergehen eines Stammes nicht nur beitragen, sondern geradezu
ein entscheidendes Moment dabei bilden, dass ich hier von weiteren
Ausführungen
absehen kann. ¹)
Andere
Einflüsse
Ist hiermit die Rassenfrage
erschöpft?
Weit entfernt davon! Diese biologischen Probleme sind ganz
ausserordentlich
verwickelt. Sie umfassen z. B. die noch so geheimnisvolle Thatsache der
Vererbung, über deren Grundprinzipien die bedeutendsten Fachleute
alle Tage uneiniger werden. ²) Ausserdem wären noch allerhand
andere Umstände in Betracht zu ziehen, die ein eingehendes Studium
zu Tage fördert. Die Natur ist eben ein Unerschöpfliches; wir
mögen das Lotblei noch so tief senken, den Boden erreichen wir
niemals.
Wer über diese Dinge nachdenken will, wird z. B. nicht
übersehen
dürfen, dass geringe
—————
¹)
Wäre z. B., wie man häufig behauptet, das K l i m
a von Attika das Ausschlaggebende gewesen, so wäre
nicht
einzusehen, warum die Genialität seiner Einwohner nur unter
gewissen
Rassenbedingungen entstand und nach ihrer Aufhebung auf ewig
verschwand;
ganz klar wird dagegen die Bedeutung der historisch-geographischen
Verhältnisse,
sobald wir gewahr werden, dass sie Attika während Jahrhunderte von
den endlosen Umwälzungen der Völkerwanderung abschieden,
zugleich
aber dazu dienten, ihr eine ausgewählte edle Bevölkerung aus
verschiedenen, doch stammverwandten Volkszweigen zuzuführen, die
nun
miteinander zu einer neuen Rasse verschmolzen.
²)
Eine interessante Zusammenfassung der verschiedenen Meinungen aus
neuester
Zeit findet der Leser in Friedrich Rohde's Entstehung und Vererbung
individueller Eigenschaften, 1895.
341 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Zahlen fremder Elemente von einer
starken
Rasse in kurzer Zeit
289
ganz und gar absorbiert zu werden
pflegen,
dass es aber hierfür, wie die Chemiker sagen, eine bestimmte
Kapazität,
das heisst, ein bestimmtes Aufnahmevermögen giebt, über
welches
hinaus das Blut getrübt wird, was durch die Abnahme des
Charakteristischen
sich kundthut. Italien, in welchem die stolzleidenschaftlichen,
überaus
genialen Geschlechter kraftvoller Germanen, welche bis ins 14.
Jahrhundert
ihr Blut rein erhalten hatten, sich später, nach und nach, mit
gründlich
bastardierten Italikern und Italioten vermengten und so aus der Welt
verschwanden,
liefert ein Beispiel (siehe Kap. 6 und 9): crossing obliterates
characters.
Der sorgfältig Beobachtende wird ferner entdecken, dass bei
Kreuzungen
zwischen Menschenstämmen, die miteinander nicht
nächstverwandt
sind, die relative Zeugungskraft ein Faktor ist, der noch nach
Jahrhunderten
durchdringen und den Niedergang des edleren Bestandteiles eines
gemischten
Volkes nach und nach herbeiführen kann, weil nämlich die
relative
Zeugungskraft häufig im umgekehrten Verhältnis zum Rassenadel
steht. ¹) Hierfür er-
—————
¹)
Professor August Forel, der bekannte Psychiater, hat in den Vereinigten
Staaten und auf den Westindischen Inseln interessante Studien über
den Sieg gemacht, den geistig niedrige Rassen über
höherstehende
durch ihre grössere Zeugungsfähigkeit davontragen. „Ist das
Gehirn
des Negers schwächer als das der Weissen, so sind seine
Fortpflanzungskraft
und das Überwiegen seiner Eigenschaften bei den Nachkommen um so
mehr
denjenigen der Weissen überlegen. Immer strenger sondert sich
(darum)
die weisse Rasse, nicht nur in sexueller, sondern in allen Beziehungen,
von ihnen ab, weil sie endlich erkannt hat, dass d i
e
M i s c h u n g i h r U n t e r g a n
g i
s t.“ Forel zeigt an zahlreichen Beispielen, wie
unmöglich
es dem Neger ist, unsere Civilisation mehr als hauttief zu assimilieren
und wie er überall „der totalsten urafrikanischen Wildheit
anheimfällt“,
sobald er sich selbst überlassen bleibt. (Zu näherer
Belehrung
hierüber ist namentlich das interessante Buch von Hesketh
Prichard:
Where
black rules white, Hayti, 1900, zu empfehlen; wer in den
Phrasen
von
der Gleichheit aller Menschen u. s. w. erzogen ist, wird schaudern,
wenn
er erfährt, wie es in Wirklichkeit zugeht, sobald in einem Staate
die Neger das Heft in der Hand halten.) Und Forel, der als
Naturforscher
in dem Dogma der einen, überall gleichen „Menschheit“ auferzogen
ist,
kommt zu dem Schlusse: „Zu ihrem
342 Die
Erben. Das Völkerchaos.
leben wir ein Beispiel im heutigen
Europa,
wo die kurzen runden Schädel immerwährend an Zahl zunehmen
und
somit langsam die schmalen „Dolichocephalen“ verdrängen, aus
denen,
nach übereinstimmenden Gräberbefunden, fast die Gesamtzahl
der
echten alten Germanen, Slaven und Kelten bestand; man erblickt darin
das
Überhandnehmen einer von den Indogermanen besiegten fremdartigen
Rasse
(heute meistens als „turanische“ bezeichnet), welche durch animalische
Kraft den geistig Überlegeneren allmählich
überwindet.¹)
Hierher gehört vielleicht auch die eigentümliche Thatsache
des
zunehmenden Übergewichtes der dunklen Augen vor den grauen und
blauen,
indem bei Ehen zwischen Menschen mit verschieden gefärbten Augen
die
dunklen fast
—————
eigenen Wohl sogar
müssen
die Schwarzen als das, was sie sind, als eine durchaus untergeordnete,
minderwertige, in sich selbst kulturunfähige Menschenunterart
behandelt
werden. Das muss einmal deutlich und ohne Scheu erklärt werden.“
(Man
sehe den Reisebericht in Harden's Zukunft vom 17. Februar
1900.)
— Über diese Frage der Rassenmischungen und des beständigen
Sieges
der niedriger stehenden Rasse über die höher stehende,
vergleiche
man auch die an Thatsachen und Einsichten gleich reiche Arbeit
Ferdinand
Hueppe's: Über die modernen Kolonisationsbestrebungen und die
Anpassungsmöglichkeit
der Europäer an die Tropen (Berliner klinische Wochenschrift,
1901). In Australien z. B. findet in aller Stille, aber mit grosser
Schnelligkeit,
eine Auslese statt, durch welche der hochgewachsene blonde Germane — so
stark vertreten im englischen Blute — verschwindet, wogegen das
beigemengte
Element des Homo alpinus die Oberhand gewinnt.
¹)
Eine klare, leichtverständliche Zusammenfassung bei Johannes
Ranke:
Der
Mensch II, 296 fg. Gründlicher, aber darum auch viel
schwieriger,
ist die Besprechung aller dieser Fragen im zweiten Teil von Topinard's
L'Anthropologie.
Merkwürdig ist bei letzterem nur die Anwendung des Wortes „Rasse“
für eine hypothetische Wesenheit, deren thatsächliches Dasein
zu keiner Zeit nachgewiesen werden kann. „II n'y a plus de races
pures“;
wer beweist, dass es in diesem apriorischen Sinne anthropologischer
Voraussetzungen
jemals welche gab? Reine Tierrassen werden nur durch Züchtung und
mit Zugrundelegung von Blutmischungen erzielt; warum sollte beim
Menschen
das Umgekehrte gelten? — Übrigens ist diese ganze „turanische“
Hypothese,
wie alle diese Dinge, ein noch sehr luftiges Gedankenbild. Näheres
über diese Fragen weiter unten, im Kap.
6.
343 Die
Erben. Das Völkerchaos.
ausnahmslos weit zahlreicher in der
Nachkommenschaft vertreten sind. ¹)
290
Wollte ich hier
fortfahren,
wir kämen in eines der dornigsten Gebiete der heutigen
Wissenschaft
hinein. Es ist aber für meinen Zweck durchaus unnötig. Ohne
mich
um eine Definition zu kümmern, habe ich Rasse im eigenen Busen, in
den Hochthaten der Genies, auf den glänzendsten Blättern der
Menschengeschichte am Werke gezeigt; dann habe ich auf die wichtigsten
Bedingungen aufmerksam gemacht, welche die wissenschaftliche
Beobachtung
als grundlegend für die Entstehung edler Rassen erhärtet.
Dass
aus dem Eintritt entgegengesetzter Bedingungen Entartung oder zum
Mindesten
die Hintanhaltung in der Ausbildung edler Anlagen folgen m
u s s, scheint höchst wahrscheinlich und dürfte
durch
Vergangenheit und Gegenwart vielfach belegt werden. Ich war absichtlich
vorsichtig und zurückhaltend; durch solche labyrinthisch
verwickelte
Fragen führt der engste Pfad am sichersten: mir lag einzig daran,
eine recht lebhafte Vorstellung davon zu wecken, was
reingezüchtete
Rasse ist, was sie für das Menschengeschlecht bedeutet hat und
noch
heute bedeutet.
Die Nation
Eine sehr wichtige
Einsicht habe ich noch nicht ausdrücklich formuliert; sie ergiebt
sich aus allem Gesagten von selbst: der Begriff Rasse hat nur dann
einen
Inhalt, wenn wir Ihn nicht möglichst weit, sondern möglichst
eng nehmen; folgen wir dem herrschenden Gebrauch und bezeichnen wir mit
diesem Worte möglichst weit zurückliegende, hypothetische
Geschlechter,
so wird es zuletzt kaum mehr als ein blasses Synonym für
„Menschheit“
überhaupt, womöglich mit Einschluss der lang- und der
kurzschwänzigen
Affen; Rasse heisst nur dann etwas, wenn es sich auf Erfahrungen der
Vergangenheit
und auf Erlebnisse der Gegenwart bezieht.
Hier lernen wir nun
einsehen, was N a t i o n für Rasse zu
bedeuten
hat. Fast immer ist es die Nation, als politisches Gebilde, welche die
Bedingungen zur Rassenbildung schafft oder
—————
¹)
Alphonse De Candolle: Histoire des sciences et des savants depuis
deus
siècles, 2e éd.;
pag. 576.
344 Die
Erben. Das Völkerchaos.
wenigstens zu den höchsten,
individuellsten
Bethätigungen der Rasse führt. Wo, wie in Indien, die Bildung
von Nationen ausbleibt, da verkümmert der durch Rasse angesammelte
Kraftvorrat. Die Konfusion aber, welche unter uns in Bezug auf den
Begriff
Rasse herrscht, verhindert selbst die Gelehrtesten, diese hohe
Bedeutung
der Nationen einzusehen, wodurch zugleich das Verständnis für
die grundlegenden Thatsachen der Geschichte verschlossen bleibt. Denn
in
der That, was lehren uns unsere heutigen Historiker über das
Verhältnis
zwischen Rasse und Nation?
Ich nehme ein
beliebiges
Buch zur Hand — Renan's Rede „Was ist eine Nation?“ In
Hunderten
von anderen begegnet
291
man den gleichen Lehren. Die These ist
bei Renan deutlich formuliert: „Die Thatsache der Rasse“, schreibt er,
„ursprünglich von entscheidender Wichtigkeit, verliert
täglich
an Bedeutung.“¹) Wie wird diese Behauptung begründet? Durch
den
Hinweis auf die Thatsache, dass die tüchtigsten Nationen Europas
aus
gemischtem Blute entstanden sind. Welch eine Menge Trugschlüsse
birgt
nicht dieser eine Satz, welche Unfähigkeit, sich durch Anschauung
belehren zu lassen! Die Natur und die Geschichte zeigen uns kein
einziges
Beispiel hervorragend edler, physiognomisch individueller Rassen,
welche
nicht aus einer Vermischung hervorgegangen wären; und jetzt soll
eine
Nation von so ausgesprochener Individualität wie die englische
keine
Rasse darstellen, weil sie „aus der Vermengung von Angelsachsen,
Dänen
und Normannen“ (noch dazu eng verwandte Stämme) hervorgegangen
ist!
Die klarste Evidenz, die mir den Engländer als ein mindestens
ebenso
ausgeprägtes Sonderwesen wie den Griechen und den Römer der
Glanzepochen
zeigt, muss ich leugnen, leugnen zu Gunsten eines willkürlichen,
in
alle Ewigkeit unbeweisbaren Gedankendinges, zu Gunsten der
vorausgesetzten,
ursprünglichen „reinen Rasse“. Zwei Seiten früher hatte Renan
selber auf
—————
¹)
Renan: Discours et Conférences, 3eéd.,
p. 297: „Le fait de la race, capital à l'origine, va donc
toujours
perdant de son importance.“
345 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Grund der anthropologischen Befunde
festgestellt, dass bei den ältesten Ariern, Semiten, Turaniern („les
groupes aryen primitif, sémitiqtue primitif, touranien primitif“)
man Menschen von sehr verschiedenem Körperbau antrifft,
langschädelige
und kurzschädelige, also auch sie hätten keine „gemeinsame
„physiologische
Einheit“ besessen. Gott, welche Wahngebilde entstehen nicht, sobald der
Mensch nach angeblichen „Ursprüngen“ forscht! Immer wieder muss
ich
Goethe's grosses Wort anführen: „Lebhafte Frage nach der Ursache
ist
von grosser Schädlichkeit.“ Anstatt das Gegebene, das Erforschbare
so zu nehmen wie es ist und uns mit der Erkenntnis der nächsten,
nachweisbaren
Bedingungen zu begnügen, glauben wir immer wieder von
möglichst
weit zurückliegenden, gänzlich hypothetischen Ursachen und
Annahmen
ausgehen zu müssen, denen wir das Gegenwärtige, Zweifellose
ohne
Scheu opfern. So sind unsere „Empiriker“ beschaffen. Dass sie nicht
weiter
als ihre eigene Nase sehen, das glauben wir ihnen gern aufs blosse
Wort,
leider sehen sie aber nicht einmal so weit, sondern rennen mit besagter
Nase gegen faustdicke Thatsachen an und klagen dann über die be-
292
treffenden Thatsachen, nicht über
ihre eigene Kurzsichtigkeit. Was für ein Ding ist denn diese
ursprünglich
„physiologisch einheitliche Rasse“, von der Renan redet? Vermutlich ein
naher Verwandter von Haeckel's Menschenaffen. Und dieser hypothetischen
Bestie zuliebe soll ich leugnen, dass das englische Volk, das
preussische
Volk, das spanische Volk einen bestimmten, ganz und gar individuellen
Charakter
besitzt! Herr Renan vermisst die physiologische Einheit: ja, sieht er
denn
nicht ein, dass die physiologische Einheit durch die Ehe
herbeigeführt
wird? Wer sagt ihm denn, dass die hypothetischen Urarier nicht
auch
g e w o r d e n waren! Wir wissen allesamt nichts davon:
was
wir aber wissen, lässt es analogisch vermuten. Es gab unter ihnen
schmale Köpfe und breite Köpfe: wer weiss, ob diese Mischung
nicht nötig war, um eine edelste Rasse hervorzubringen? Das
gemeine
englische Pferd und das (zweifellos ursprünglich selber aus einer
Mischung hervorgegangene) arabische Pferd waren „physiologisch“
ebenfalls
sehr verschieden, und
346 Die
Erben. Das Völkerchaos.
aus ihrer Verbindung erzeugte sich
doch
im Laufe der Zeit die physiologisch einheitlichste und edelste
Tierrasse
der Welt, das englische Vollblut. Nun sieht der grosse Gelehrte Renan
das
englische Menschenvollblut gewissermassen vor seinen Augen,
nämlich
die historischen Zeiten, entstehen. Was folgert er daraus? Er sagt: da
der heutige Engländer weder der Kelte aus Caesar's Zeiten, noch
der
Angelsachse des Hengist, noch der Däne des Knut, noch der Normanne
des Eroberers, sondern das Ergebnis einer Durchdringung aller vier sei,
so könne man von einer englischen Rasse überhaupt nicht
sprechen.
Also, weil die englische Rasse eine geschichtlich gewordene ist (wie
alle,
von denen wir sichere Kunde besitzen), weil sie etwas durchaus neues,
eigenartiges
ist: darum existiert sie gar nicht! Wahrhaftig, es geht nichts
über
Gelehrtenlogik!
- „Was ihr nicht rechnet,
- Glaubt ihr, sei nicht wahr.“
Wir werden über die Bedeutung der
Nationen
für Rassenbildung ganz anders urteilen. Das römische Reich in
seiner lmperiumzeit war die Verkörperung des a n t i n
a t i o n a l e n Prinzips; dieses Prinzip führte zur
Rassenlosigkeit und zugleich zum geistigen und moralischen Chaos; die
Errettung
aus dem Chaos geschah durch die zunehmend scharfe Ausbildung des
entgegengesetzten
293
Prinzips der N a t i o n
e n.¹) Nicht immer hat die politische
Nationalität
bei der Erzeugung individueller Rassen die selbe Rolle gespielt wie in
unserer neueren Kultur; ich brauche nur auf Indien, Griechenland und
auf
die Israeliten zu verweisen; jedoch schöner, folgenreicher und,
wie
es scheint, dauerhafter wurde das Problem nie gelöst als bei uns
Germanen.
Als hätte man sie aus dem Boden gestampft, ist in diesem kleinen
europäischen
Weltteil eine Reihe durchaus neuer, unterschiedener Gebilde
hervorgegangen.
Renan meint, nur in der alten P o l i s
hätte
es Rasse gegeben, weil allein dort die numerische Beschränktheit
Blutgemeinschaft
gestattet habe; das ist ganz
—————
¹)
Dies bildet den Gegenstand des achten
Kapitels.
347 Die
Erben. Das Völkerchaos.
falsch; man braucht nur wenige
Jahrhunderte
zurückzurechnen, und jeder Mensch zählt Hunderttausende von
Voreltern;
was also in dem engen Gebiet Athens in verhältnismässig
kurzer
Zeit geschah, die physiologische Aneinanderknüpfung, das geschah
bei
uns im Laufe etlicher Jahrhunderte und setzt sich heute noch fort. Weit
entfernt, dass die Bildung der Rasse in unseren Nationen abnähme,
nimmt sie notwendiger Weise täglich zu. Je länger ein
bestimmter
Länderkomplex politisch vereinigt bleibt, umso inniger wird jene
geforderte
„physiologische Einheit“, um so schneller und gründlicher saugt
sie
fremde Elemente auf. Unsere Anthropologen und Historiker setzen ohne
weiteres
voraus, in ihren hypothetischen Urrassen seien die spezifischen,
unterscheidenden
Charakteristika hoch entwickelt gewesen, jetzt jedoch befänden sie
sich in progressiver Abnahme; es fände also ein Fortgang aus
ursprünglicher
Mannigfaltigkeit zu zunehmender Einfältigkeit statt. Diese Annahme
widerspricht aller Erfahrung, welche uns vielmehr lehrt, dass
Individualisierung
eine Frucht wachsender Differenzierung und Absonderung ist. Gegen die
Voraussetzung,
ein organisches Wesen trete zuerst mit scharf ausgesprochenen
Kennzeichen
auf, die sich dann allmählich verwischen, spricht die gesamte
biologische
Wissenschaft; diese zwingt uns geradezu die umgekehrte Hypothese auf:
dass
das frühe Menschengeschlecht ein bewegliches,
verhältnismässig
farbloses Aggregat war, aus welchem heraus die einzelnen Typen in
zunehmender
Divergenz und zunehmend scharfer Individualität hervorgewachsen
sind;
eine Hypothese, welche durch alle Geschichte bestätigt wird. Nicht
also aus Rassentum zur Rassenlosigkeit ist der normale, gesunde
Entwickelungsgang
der Menschheit, sondern im Gegenteil, aus der Rassenlosigkeit zur immer
schärferen Ausprägung der Rasse. Die Bereicherung des Lebens
durch neue Individualitäten scheint überall ein höchstes
Gesetz
294
der unerforschlichen Natur zu sein.
Hier spielt nun bei uns Menschen die Nation, welche fast immer
Vermischung,
gefolgt von Inzucht bewirkt, eine ausschlaggebende Rolle. Ganz Europa
beweist
es. Renan zeigt, wie viele Slaven mit den Germanen verschmolzen sind,
und
stellt ziemlich hämisch die Frage, ob man
348 Die
Erben. Das Völkerchaos.
überhaupt berechtigt sei, die
heutigen
Deutschen „Germanen“ zu nennen: nun, mich dünkt, über Namen
braucht
man in solchen Fällen nicht zu streiten, — was die heutigen
Deutschen
s i n d, hat Herr Renan im Jahre 1870 erfahren können;
er erfuhr es ausserdem durch die Gelehrten, deren Fleiss er neun
Zehntel
seines Wissens verdankt. Das ist der Erfolg von Rassenerzeugung durch
Nationenbildung.
Und da Rasse nicht bloss ein Wort ist, sondern ein organisches
lebendiges
Wesen, so folgt ohne weiteres, dass sie nie stehen bleibt: sie veredelt
sich, oder sie entartet, sie entwickelt sich nach dieser oder jener
Richtung
und lässt andere Anlagen verkümmern. Das ist ein Gesetz alles
individuellen Lebens. Der feste nationale Verband ist aber das
sicherste
Schutzmittel gegen Verirrung: er bedeutet gemeinsame Erinnerung,
gemeinsame
Hoffnung, gemeinsame geistige Nahrung; er festet das bestehende
Blutband
und treibt an, es immer enger zu schliessen.
Der Held
Ebenso wichtig wie
die klare Erkenntnis des organischen Verhältnisses zwischen Rasse
und Nation, ist die des organischen Verhältnisses zwischen der
Rasse
und ihrer Quintessenz, dem H e l d e n, oder
Genie.
Gemeiniglich glauben wir wählen zu müssen zwischen
Heldenanbetung
und Heldengeringschätzung. Beides zeugt von ungenügender
Einsicht.
Was ich schon in der allgemeinen Einleitung ausgeführt habe,
braucht
nicht wiederholt zu werden; hier aber, wo die Rassenfrage im
Vordergrunde
steht, tritt uns dieses Problem in einer besonders klaren Fassung
entgegen,
und bei einiger Kraft der Anschauung müssen wir doch einsehen: der
Einfluss der geistig hervorragenden Individuen in einem Geschlecht, wie
das menschliche, dessen Eigenheit auf der Ausbildung seiner geistigen
Fähigkeiten
beruht, ist unermesslich, zum Guten und auch zum Bösen; diese
Individuen
sind die tragenden Füsse, die bildenden Hände jedes Volkes,
sie
sind das Antlitz, welches wir Andere erblicken, sie sind das Auge,
welches
selber die übrige Welt in einer bestimmten Weise erschaut und dem
übrigen Organismus mitteilt. Hervorgebracht werden sie jedoch vom
gesamten Körper; nur durch dessen Lebensthätigkeit
können
sie entstehen, nur an ihm und in ihm gewinnen sie Bedeutung.
349 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Was soll mir die Hand, wenn sie
nicht
aus einem kräftigen Arm
295
als ein Stück, ein Teil davon
herauswächst?
Was soll mir das Auge, wenn die strahlenden Gestalten, die es
erschaute,
sich nicht weiterspiegeln in einer dahinter liegenden dunklen, fast
amorphen
Gehirnmasse? Erscheinungen erhalten erst dadurch Bedeutung, dass sie
mit
anderen Erscheinungen in Verbindung stehen. Je reicher das Blut
unsichtbar
in den Adern kreist, umso üppiger werden die Blüten des
Lebens
hervorsprossen. Die Behauptung, Homer habe Griechenland geschaffen,
spricht
zwar buchstäbliche Wahrheit aus, bleibt aber einseitig und
irreleitend,
solange nicht hinzugefügt wird: nur ein unvergleichliches Volk,
nur
eine ganz bestimmte, geadelte Rasse k o n n t e
diesen
Mann hervorbringen, nur eine Rasse, bei der das sehende und gestaltende
Auge in überschwänglichster Weise zur Ausbildung gelangt
war.¹)
Ohne Homer wäre Griechenland nicht Griechenland geworden, ohne
Hellenen
wäre Homer nie geboren. Die Rasse, die den grossen Seher der
Gestalten
gebar, gebar auch den erfindungsreichen Seher der Figuren, Euklid, den
luchsäugigen Ordner der Begriffe, Aristoteles, den Mann, der das
System
des Kosmos zuerst durchschaute, Aristarchos u. s. w. ad infinitum.
Die Natur ist nicht so einfach, wie die Schulweisheit es sich
träumt:
ist grosse Persönlichkeit unser „höchstes Glück“, so ist
doch gemeinschaftliche Grösse der einzige Boden, auf dem sie
erwachsen
kann. Die ganze Rasse z. B. ist es, welche die Sprache schafft, damit
zugleich
bestimmte künstlerische, philosophische, religiöse, ja sogar
praktische Möglichkeiten, aber auch unübersteigliche
Schranken.
Auf hebräischem Boden konnte niemals ein Philosoph entstehen, weil
der Geist der hebräischen Sprache die Verdolmetschung
metaphysischer
Gedanken absolut unmöglich macht; aus dem selben Grunde konnte
kein
semitisches Volk eine Mythologie im gleichen Sinne wie die Inder und die
—————
¹)
Wer von der ungeheueren Kraft dieser Geschlechter, fähig einem
Homer
als Grundlage zu dienen, sich eine lebendige Vorstellung machen will,
der
lese die Beschreibung der Burgen von Tiryns und Mykenä aus
atridischer
Zeit, wie sie heute noch, nach Jahrtausenden, dastehen.
350 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Germanen besitzen. Man sieht, welche
bestimmte Wege auch die grössten Männer durch die gemeinsamen
Leistungen der ganzen Rasse gewiesen werden. ¹) Die Sprache ist es
aber nicht
296
allein. Homer musste die Mythen
vorfinden,
um sie gestalten zu können; Shakespeare brachte auf die Bühne
die Geschichte, die das englische Volk gelebt hatte; Bach und Beethoven
entspriessen Stämmen, die schon den Alten durch ihr Singen auf
gefallen
waren. Und Mohammed? Hätte er die Araber zu einer Weltmacht
erheben
können, wenn sie nicht als eine der reinst gezüchteten Rassen
der Erde bestimmte „überschwängliche“ Eigenschaften besessen
hätten? Hätte ohne den neuen Stamm der Preussen der Grosse
Kurfürst
das Gebäude begründen, der grosse Friedrich ausbauen, der
grosse
Wilhelm vollenden können, welches jetzt Deutschland umfasst?
Das
rassenlose Chaos
Hiermit ist unsere
erste Aufgabe in diesem Kapitel erledigt: wir haben eine
deutliche,
konkrete Vorstellung davon bekommen, was Rasse ist und was sie für
das Menschengeschlecht zu bedeuten hat; wir haben auch an einigen
Beispielen
der Gegenwart gesehen, wie verhängnisvoll die Abwesenheit von
Rasse,
d. h. also das Chaos unindividualisierter, artenloser
Menschenagglomerate
wirkt. Wer das nun alles einsieht und darüber nachsinnt, wird
allmählich
erkennen lernen, was es für unsere germanische Kultur bedeuten
mag,
dass die auf sie herabgeerbte Kultur des Altertums, welche an wichtigen
Punkten noch immer nicht allein ihre Grundlage, sondern auch ihr
Gemäuer
bildet, ihr nicht durch ein bestimmtes Volk vermittelt wurde, sondern
durch
ein nationloses, physiognomiebares Gemenge, in welchem die Bastarde das
grosse Wort führten, nämlich durch das Völkerchaos des
untergehenden
römischen Imperiums. Unsere gesamte geistige Entwickelung steht
noch
heute unter dem Fluche dieser unseligen Zwischenstufe; sie ist es,
welche
noch im 19. Jahrhundert den
—————
¹)
Nach Renan (Israël, I, 102) vermag die hebräische
Sprache
weder einen philosophischen Gedanken, noch eine mythologische
Vorstellung,
noch das Gefühl des Unendlichen, noch die Regungen des
menschlichen
Innern, noch die reine Naturbetrachtung überhaupt zum Ausdruck zu
bringen.
351 Die
Erben. Das Völkerchaos.
antinationalen, rassenfeindlichen
Mächten
die Waffen in die Hand gab.
Schon vor Julius
Cäsar beginnt das Chaos zu entstehen; durch Caracalla wird es zum
offiziellen Prinzip des römischen Reiches erhoben.¹) So weit
das Imperium reichte, so weit hat gründliche Blutvermischung
stattgefunden,
doch so, dass die eigentliche Bastardierung, das heisst, wie wir jetzt
wissen, die Kreuzung zwischen unverwandten oder zwischen edlen und
unedlen
Rassen fast ausschliesslich im südlichsten und im östlichsten
Teil vorkam, dort, wo die Semiten mit den Indoeuropäern
zusammentrafen
— also in den Hauptstädten Rom und Konstantinopel, dann an der
Nordküste
Afrikas ganz entlang (sowie auch an den Küsten Spaniens und
Galliens),
vor Allem in Ägypten, Syrien und Kleinasien.
297
Es ist ebenso leicht
als wichtig, sich den Umfang dieses Länderkomplexes vorzustellen.
Die Donau und der Rhein treffen an ihrem Ursprung fast zusammen; die
beiden
Flussgebiete greifen so genau ineinander über, dass es in der
Nähe
des Albulapasses einen kleinen See giebt, der bei hohem Wasserstande,
so
wird versichert, auf der einen Seite in die Albula und den Rhein, auf
der
anderen in den Inn und die Donau abfliesst. Verfolgt man nun den Lauf
dieser
Flüsse von der Mündung des Alten Rheins in die Nordsee, bei
Leyden,
den Rhein hinauf und die Donau hinunter bis zu ihrer Mündung in
das
Schwarze Meer, so erhält man eine ununterbrochene Linie, welche
den
europäischen Kontinent in der Richtung von Nordwesten nach
Südosten
durchkreuzt; sie bildet die durchschnittliche Nordgrenze des
römischen
Reiches während langer Zeit; ausser in Teilen von Dacien (im
heutigen
Rumänien) haben sich die Römer niemals nördlich und
östlich
von dieser Grenze dauernd behauptet. ²) Diese Linie teilt
—————
¹)
Siehe S. 147.
²)
Das römische Grenzwallsystem schnitt allerdings ein ziemliches
Stück
nördlich von der Donau und östlich vom Rhein ab, indem der
Limes
oberhalb Regensburgs nach Westen abzweigte, bis in die Nähe von
Stuttgart,
von dort wieder nach Norden, bis er westlich von Würzburg den Main
traf. Doch wurde dieses sog. „Zehnt-
352 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Europa (wenn man den asiatischen und
afrikanischen Besitz Roms dazurechnet) in fast zwei gleiche Teile. In
dem
südlichen Teile hat nun die grosse Bluttransfusion (wie die
Ärzte
die Einspritzung fremden Blutes in einen Organismus nennen)
stattgefunden.
Betitelt Maspero in seiner Geschichte der Völker der
klassischen
Orients den einen Band „das erste Durcheinander der Völker“,
so
könnte man hier von einem zweiten Durcheinander reden. In
Britannien,
sowie in Rhätien, im allernördlichsten Gallien u. s. w.
scheint
es freilich trotz der römischen Herrschaft zu keiner eigentlichen
Durchdringung gekommen zu sein; auch im übrigen Gallien, sowie in
Hispanien hatten wenigstens die aus Rom importierten neuen Elemente
etliche
Jahrhunderte verhältnismässiger Abgeschiedenheit zur
Verschmelzung
mit den früheren Einwohnern, ehe andere nachkamen, ein Umstand,
welcher
die Ausbildung einer neuen, sehr charakteristischen Rasse, der
gallo-römischen,
ermöglichte. Im Südosten dagegen, und namentlich an allen
Kulturzentren
(die, wie bereits hervorgehoben, einzig im Süden und Osten lagen)
ergab sich ein um so gründlicheres, verderblicheres Durcheinander,
als die aus dem Orient Hinzuströmenden selbst lauter
halbschlächtige
Menschen waren. Unter da-
298
maligen Syriern z. B. darf man sich
nicht eine bestimmte Nation, irgend ein Volk, eine Rasse vorstellen,
sondern
vielmehr ein bunte Agglomeration pseudohethitischer, pseudosemitischer,
pseudohellenischer, pseudopersischer, pseudoskythischer Bankerte.
Leichte
Begabung, oft auch eigentümliche Schönheit, das, was die
Franzosen
un
charme troublant nennen, ist Bastarden häufig zu eigen; man
kann
dies heutzutage in Städten, wo, wie in Wien, die verschiedensten
Völker
sich begegnen, täglich beobachten; zugleich aber kann man auch die
eigentümliche Haltlosigkeit, die geringe Widerstandskraft, den
Mangel
an Charakter, kurz, die moralische Entartung solcher Menschen
wahrnehmen.
Den Syrier mache ich darum namhaft, weil ich nicht durch wortreiche
—————
land“ nicht von Italern,
sondern, wie Tacitus erzählt, von „den Leichtfertigsten der
Gallier“
bezogen. (Vgl. Wietersheim: Völkerwanderung I, 161 ff.)
353 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Aufzählungen, sondern durch
Beispiele
reden möchte; er aber war das Muster des aus allem völkischen
Zusammenhang losgerissenen Bastards; gerade deswegen hat er bis zum
Einbruch
der Germanen (und noch darüber hinaus) eine grosse Rolle gespielt.
Wir finden Syrier auf dem kaiserlichen Throne; Caracalla gehört zu
ihnen, und das in Seide und Gold gekleidete, wie eine Tänzerin
geschmückte
Monstrum Heliogabalus wurde direkt aus Syrien importiert; wir finden
sie
in allen Verwaltungen und Präfekturen; sie, sowie ihr
Seitenstück,
die afrikanischen Bastarde, reden ein grosses Wort mit bei der
Kodifikation
des Rechtes und ein geradezu ausschlaggebendes bei der Ausbildung der
römischen
Universalkirche. Schauen wir uns einen dieser Männer näher
an;
wir bekommen dadurch sofort ein lebhaftes Bild des damaligen
civilisierten
Bruchteils Europas und seiner geschäftigen Kulturträger und
erhalten
somit einen Einblick in die Seele des Völkerchaos.
Lucian
Der Schriftsteller
Lucian ist wohl Jedem, wenigstens dem Namen nach, bekannt; seine
hervorstechende
Begabung zieht unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf ihn. Geboren
an
den Ufern des Euphrats, unfern der ersten Ausläufer des taurischen
Gebirges in denen noch energische Stämme indoeuropäischer
Herkunft
wohnten) lernt der Knabe neben der syrischen Landessprache auch
griechisch
radebrechen. Er zeigt Talent für Zeichnen und Bildhauerei und wird
zu einem Bildhauer in die Lehre gegeben, doch erst, nachdem ein
Familienconcilium
stattgefunden hat, um zu beraten, wie der Junge am schnellsten zu recht
viel Geld kommen könne. Diese Sorge ums Geld bleibt fortan das
ganze
Leben hindurch, trotz der später angehäuften Reichtümer,
der Leitstern — — — nein, das wäre zu schön gesagt, der
treibende
Impuls dieses begabten Syriers; in seiner Schrift Nigrinus
gesteht
er mit beneidenswerter Offenheit, das Liebste auf der Welt sei
299
ihm Geld und Ruhm, und noch als alter
Mann schreibt er ausdrücklich, er nehme die ihm von Commodus (dem
Gladiatorenkaiser) angebotene hohe Beamtenstelle des Geldes wegen an.
Doch
mit der Kunst wird's nichts. In einer hochberühmten, aber meines
Wissens
bisher von keinem Historiker nach ihrem wahren
354 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Inhalt gewürdigten Schrift, „der
Traum“, ¹) sagt uns Lucian, weswegen er die Kunst aufgab und
es
vorzog, Jurist und Litterat zu werden. Im Traume waren ihm zwei Weiber
erschienen; die eine „sah nach Arbeit aus“, hatte schwielige
Hände,
das Gewand über und über von Gips befleckt; die andere war
elegant
angezogen und stand gelassen da; die eine war die Kunst, andere... wer
es nicht schon weiss, wird es nie erraten, andere war — die
B i l d u n g. ²) Die arme Kunst bemüht sich,
durch
das Beispiel von Phidias und Polyklet, Myron und Praxiteles ihren neuen
Jünger anzueifern, doch vergeblich; denn die Bildung thut
überzeugend
dar, die Kunst sei eine „unedle Beschäftigung“; den ganzen Tag
bleibe
der Künstler in einem schmutzigen Kittel über seine Arbeit
gebückt,
wie ein Sklave; selbst Phidias sei nur „ein gemeiner Handwerker“
gewesen,
der „von seiner Hände Arbeit lebte“; — wer dagegen statt Kunst die
„Bildung“ erwähle, dem stünden Reichtum und hohe Ämter
in
Aussicht, und wenn er auf der Strasse spazieren gehe, dann würden
sich die Leute anstossen und sagen: „Schau', da geht der berühmte
Mann !“³) Schnell entschlossen springt Lucian auf: „das
unschöne,
arbeitsvolle Leben verliess ich und trat zur Bildung über.“ Heute
Bildhauer, morgen Advokat; wer ohne Bestimmung geboren ist, kann alles
erwählen;4) wer nach Geld und
Ruhm
geht, braucht nicht in die Höhe zu schauen und riskiert also
nicht,
wie der Held des deutschen Kindermärchens, in den
—————
¹)
Nicht mit dem „Traum des Schusters Micyllus“ zu verwechseln.
²)
So wird, und wohl mit Recht, das griechische Wort παιδεία von den besten
Übersetzern hier verdeutscht; um Kindererziehung
handelt
es sich nicht und „Wissenschaft“ würde zu viel besagen. Dem
etwaigen
Einwurf, dass die erste Frau sich zunächst nicht als die „Kunst“
kurzweg,
sondern als „die Kunst, Hermen zu schnitzen vorstellt, ist zu
entgegnen,
dass sie doch später einfach als Τέχνη
bezeichnet wird, und dass die Berufung auf Phidias und andere
Künstler
keinem Zweifel über die Absicht Raum lässt.
³)
Das leise Echo vernahmen wir im 19. Jahrhundert: „Nennt man die besten
Namen, so wird auch der meine genannt!“
4)
Vergl. S. 244.
355 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Brunnen zu fallen. Man glaube nicht,
jener „Traum“ sei etwa
300
eine Satire; als Rede gab ihn Lucian
in seiner Vaterstadt zum Besten, als er sie später einmal, mit
Gold
und Lorbeeren bedeckt, besuchte; der Jugend von Samosata hielt er — er
selber sagt es — seinen Lebenslauf als Beispiel vor. Welche bittere
Satire
ihr ganzes Schicksal auf das Leben der wahrhaft Grossen bedeutet,
verstehen
solche Menschen, sonst so geistvoll, niemals; wie hätte sonst ein
Heine sich in eine Linie mit einem Goethe stellen können? Nun,
Lucian
hatte die Bildung erwählt; um sie zu erwerben, begab er sich nach
Antiochien. Athen war freilich noch immer die wahre hohe Schule des
Wissens
und des Geschmackes, galt aber für altmodisch; das syrische
Antiochien
und das angeblich hellenische, doch bereits im 2. Jahrhundert mit
fremden
Elementen durch und durch getränkte Ephesus übten eine weit
stärkere
Anziehung auf die internationale Jugend des römischen Reiches aus.
Dort studierte Lucian das Recht und die Beredsamkeit. Doch als
intelligenter
Mensch empfand er peinlich die Misshandlung der griechischen Sprache
seitens
seiner Lehrer; er erriet den Wert eines reinen Stiles und setzte nach
Athen
hinüber. Bezeichnend ist es, dass er nach kurzen Studien daselbst
als Anwalt und Redner aufzutreten sich erkühnte; alles hatte er
inzwischen
gelernt, nur nicht, was sich schickt; die Athener brachten es ihm bei,
sie lachten über den „Barbaren“ mit seinen angelernten Fetzen
fremder
Bildung und gaben ihm damit einen Wink vom Himmel; er entwich nach
einem
Ort, wo man es mit dem Geschmack nicht so genau nahm, nach Massilia.
Diese
phönizisch-diasporische Hafenstadt hatte soeben durch die Ankunft
Tausender von palästinischen Juden ein so ausgesprochenes
Gepräge
erhalten, dass sie einfach „d i e J u d e n s t
a d t“ hiess; doch kamen hier Gallier, Römer, Spanier,
Ligurier, alles Erdenkliche zusammen. Hier, in Neuathen, wie ihre
Einwohner
mit zarter Anerkennung ihres eigenen Geisteswertes Massilia zu nennen
beliebten,
lebte Lucian viele Jahre und wurde ein reicher Mann; die Advokatur gab
er auf, dazu hätte er Lateinisch gründlich studieren
müssen,
ausserdem war die Konkurrenz gross, und schon in Antiochien hatte er
als
Jurist keinen besonderen
356 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Erfolg gehabt; was diese reich
gewordenen
Kaufleute am nötigsten brauchten, war Bildung, „moderne“ Bildung
und
Anstandslehre. War nicht gerade „Bildung“ Lucian's Ideal, sein Traum
gewesen?
Hatte er nicht in Antiochien studiert und sogar in Athen
„öffentlich
geredet“? Er hielt also Vorträge; die Zuhörer verhöhnten
ihn aber nicht, wie in Athen, sondern zahlten jedes Honorar, das er
301
zu fordern beliebte. Ausserdem reiste
er in ganz Gallien als bestellter Prunkredner herum, damals ein sehr
einträgliches
Geschäft: heute die Tugenden eines Verblichenen feiernd, den man
niemals
im Leben sah, morgen zur Verherrlichung eines religiösen Festes
beitragend,
das zu Ehren irgend einer lokalen gallorömischen Divinität
gegeben
wurde, deren Namen ein Syrier nicht einmal aussprechen konnte. Wer sich
von dieser Rednerei eine Vorstellung machen will, sehe sich die Florida
des gleichzeitigen, aber afrikanischen Mestizen Apulejus an;¹) es
ist dies eine Sammlung kürzerer und längerer oratorischer
Effektstücke,
geeignet in Jede beliebige Rede eingeschoben zu werden, um dann, als
scheinbar
plötzliche Eingebung, die ganze Versammlung durch den Reichtum des
Wissens, den Witz, die Empfindungstiefe des Redners zu verblüffen
und hinzureissen; es liegt da alles nebeneinander „auf Lager“: das
Gedankentiefe,
das fein Pointierte, die geistreiche Anekdote, das devot
Unterthänige,
das von Freiheitsgelüsten Strotzende, ja, die Entschuldigung,
nichts
vorbereitet zu haben, und der Dank für die Standbilder, mit
welchen
man den Redner überraschen könnte! Gerade solche Dinge malen
einen Menschen, und ihn nicht allein, sondern eine ganze Kultur, oder,
um mit Lucian zu sprechen, eine ganze „Bildung“. Wer den Fürsten
Bismarck
in einer seiner grossen Reden hat mühsam nach dem Worte ringen
gehört,
wird mich schon verstehen. — Mit 40 Jahren kehrt Lucian Gallien den
Rücken;
sich in einem bestimmten Orte niederlassen, sein Geschick mit dem
irgend
eines Landes dauernd verbinden, das kommt ihm nicht bei; Nationen
—————
¹)
Apulejus rühmt sich ausdrücklich seiner gemischten Herkunft.
Übrigens hat auch er in Syrien und Ägypten studiert und ist
in
Griechenland gereist, hat also ungefähr den selben Bildungsgang
wie
Lucian gehabt.
357 Die
Erben. Das Völkerchaos.
gab es ausserdem keine; kehrt Lucian
jetzt vorübergehend in seine Heimat zurück, so geschieht das
ebenfalls nicht aus einem Herzensbedürfnis, sondern, wie er selber
aufrichtig gesteht, „um sich denen, die ihn arm gekannt hatten, reich
und
schön gekleidet zu zeigen.“ ¹) Dann richtet er sich auf
längere
Zeit in Athen ein, schweigt aber diesesmal still und studiert fleissig
Philosophie und Wissenschaft in dem redlichen Bemühen, endlich
herauszufinden,
302
was sich wohl hinter dieser ganzen
vielgerühmten
hellenischen Kultur verberge. Dass dieser Mann, der 20 Jahre lang
„hellenische
Bildung“ gelehrt und dabei Reichtum und Ehren eingeheimst hat,
plötzlich
merkt, er habe niemals auch nur das erste Wort von dieser Bildung
verstanden,
das ist ein fast rührender Zug und ein Beweis ungewöhnlicher
Begabung. Daher habe ich gerade ihn herausgewählt. In seinen
Schriften
findet man auch neben den Wortwitzeleien und den vielen guten
Spässen
und ausser dem Talent, flott zu erzählen, manche scharfe,
bisweilen
schmerzdurchzuckte Bemerkung. Was konnte aber bei diesem Studium
herauskommen?
Wenig oder nichts. Wir Menschen sind eben nicht Brettsteine; man wurde
in Athen ebensowenig ein Anderer durch gelehrten Unterricht, als man
heute
in Berlin, wie es Professor Virchow von dem Einfluss der dortigen
Universität
erhofft, eine „schöne Persönlichkeit“ wird, wenn man nicht
bei
der Immatrikulation schon eine war. Das Wissen des Menschen ist an
nichts
so eng geknüpft wie an sein Sein, mit anderen Worten, an seine
bestimmte
Art zu sein, seine bestimmte Organisation. Plato meinte: Wissen sei
Erinnerung;
die heutige Biologie deutet dieses Wort ein wenig um, giebt dem
Philosophen
jedoch Recht. In einem durchaus inhaltreichen Sinne darf man behaupten,
jeder Mensch kann nur w i s s e n, was
er
i s t. Lucian empfand selber,
—————
¹)
Die Fliegenden Blätter 1896 haben ein Bild, welches einen
Kommerzienrat
und seine Frau, soeben in ihren Wagen eingestiegen, zeigt:
- S i e:
Wo fahren
wir denn heute hin?
- E r:
Na, natürlich
durch die Stadt; lassen uns von den Leuten beneiden!
Das ist genau die
nämliche
Kulturstufe.
358 Die
Erben. Das Völkerchaos.
alles, was er bisher gelernt und
gelehrt
hatte, sei blosses Flitterwerk; That-sachen, nicht die Seele, aus
welcher
diese Thaten erwachsen; die Hülle, doch ohne den Leib; die Schale,
doch ohne den Kern. Und als er nun endlich das einsah und die Schale
aufbrach,
was fand er? Nichts. Natürlich nichts. Erst bringt die Natur den
Kern
hervor, die Schale ist eine spätere Accrescenz; erst wird der Leib
geboren, dann hüllt man ihn ein; erst schlägt ein Heldenherz,
dann werden die Heldenthaten vollbracht. Lucian konnte als Kern nur
sich
selbst finden; sobald er sich die Fetzen römischen Rechtes und
hellenischer
Poesie vom Leibe riss, entdeckte er einen begabten syrischen Mestizen,
einen Bastard aus fünfzig ungeklärten Blutmischungen, den
selben,
der mit dem sichern Instinkt der Jugend Phidias als einen Handwerker
verachtet
und für sich das erwählt hatte, was bei möglichst wenig
Mühe möglichst viel Geld und die Bewunderung des gemeine
Trosses
einbrächte. Alle Philologen der Welt mögen mir versichern,
Lucian's
Bemerkungen über Religion und Philosophie seien tief, er sei ein
kühner
Kämpfer gegen Aberglauben u. s. w., nie werde ich es ihnen
glauben.
Lucian war ja unfähig zu wissen,
303
was Religion, was Philosophie
überhaupt
ist. In vielen seiner Schriften führt er alle möglichen
„Systeme“
nacheinander auf, z. B. im Ikaromenippus, im Verkauf der
philosophischen
Charactere, u. s. w.; immer ist es nur das Alleräusserlichste,
was er begreift, das formelle Moment, ohne welches die Kundgebung eines
Gedankens nicht möglich ist, das aber wahrlich mit dem Gedanken
selber
nicht verwechselt werden darf. Ebenso in Betreff der Religion.
Aristophanes
hatte gespottet wie später Voltaire; bei diesen beiden
Männern
ging aber die Satire aus einem positiven, konstruktiven Gedanken
hervor,
und überall leuchtet die fanatische Liebe zur eigenen Volksart
durch,
zu dieser festen, bestimmten Blutgemeinde, die einen Jeden von ihnen
mit
ihren Traditionen, ihrem Glauben, ihren grossen Männern umfing und
trug; Lucian dagegen spottet wie Heine, ¹) es ist kein edles Ziel,
—————
¹)
Nur hinkt dieser zweite Vergleich einigermassen, da Heine doch einem
bestimmten
Volk angehörte und in Folge dessen eine bestimmtere Physiognomie
besass.
359 Die
Erben. Das Völkerchaos.
keine tiefe Überzeugung, kein
gründliches
Verstehen vorhanden; wie ein Wrak auf dem Ocean treibt er ziellos
herum,
nirgends daheim, nicht ohne edle Regung, doch ohne einen Gegenstand,
dem
er sich hätte opfern können, hochgelehrt, doch ein Muster
jener
Bildungsungeheuer, von denen Calderon sagt, dass sie
- Alles wissen, nichts erfahren.
Eines aber verstand er, und das macht
auch
seinen ganzen Wert als Schriftsteller für uns aus: er verstand den
Geist, dem er glich, nämlich die ganze bastardierte, verkommene,
entartete
Welt um ihn herum; er schildert sie und geisselt sie, wie das nur einer
konnte, der selber dazu gehörte, der ihre Motive und ihre Methoden
aus eigener Erfahrung kannte. H i e r fehlte
der
Kern nicht. Daher die köstlichen Satiren auf die Homerkritiker,
auf
den bis auf das Mark der Knochen verderbten Gelehrtenstand, auf die
religiösen
Schwindler, auf die aufgeblasenen roh-ignoranten Millionäre, auf
die
ärztlichen Quacksalber u. s. w. Hier wirkten sein Talent und seine
Welterfahrung zusammen, um Ausserordentliches zu stande zu bringen. —
Und
damit meine Schilderung nicht unvollendet bleibe, will ich noch
hinzufügen,
dass jener zweite Aufenthalt in Athen, wenn er den Lucian auch nicht
lehrte,
was Mythologie und Metaphysik, noch was heldenhafte Gesinnung sei, doch
für ihn die Quelle neuer Einnahmen wurde. Dort wandte er sich
nämlich
fleissig der Schriftstellerei zu, schrieb seine
Göttergespräche,
seine Totengespräche, wahr-
304
scheinlich überhaupt die meisten
seiner besten Sachen. Er erfand eine leichte dialogische Form
(wofür
er sich den Ehrentitel „Prometheus der Schriftsteller“ beilegte!); im
Grunde
genommen sind es gute Feuilletons, von der Art wie der Philister sie
früh
zum Kaffee noch jetzt gern liest. Sie brachten ihm, als er sich nun
wieder
auf Reisen begab und sie öffentlich vortrug, Unsummen ein. Doch
auch
diese Mode ging vorbei, oder vielleicht hatte der ältere Mann das
Nomadisieren satt. Er liess das eine Erbe, hellenische Kunst und
Philosophie,
liegen, und wandte sich zum andern, zum römischen Recht; er wurde
Staatsanwalt (sagen die Einen), Gerichtspräsident (sagen die
Andern)
in Ägypten und starb in diesem Amte.
360 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Ich glaube, eine
einzige solche Laufbahn führt uns das seelische Chaos, welches
damals
unter dem einförmigen Gewand des streng verwaltenden
römischen
Imperiums verborgen lag, deutlicher zu Gemüt, als manche gelehrte
Auseinandersetzung. Man kann von einem Mann wie Lucian nicht sagen, er
sei unmoralisch gewesen, nein, was man an einem solchen Beispiel
einsehen
lernt, ist, dass Moral und Willkür zwei sich widersprechende
Begriffe
sind. Menschen, die nicht mit ihrem Blute bestimmte Ideale erben, sind
weder moralisch noch unmoralisch, sondern einfach „amoralisch“. Wenn
ich
mir ein Modewort für meinen Zweck zurechtlegen darf: sie sind
diesseits
von gut und böse. Sie sind auch diesseits von schön und
hässlich,
diesseits von tief und flach. Der Einzelne vermag es eben nicht, sich
ein
Lebensideal und ein moralisches Gesetz zu erschaffen; gerade diese
Dinge
können nur bestehen, wenn sie g e w a c h s e
n
sind. Darum war es auch sehr weise von Lucian, dass er es trotz seines
Talentes zeitig aufgab, dem Phidias nachzueifern. Ein Schönredner
für die Marseilleser konnte er werden, auch ein
Gerichtspräsident
für die Ägypter, ja, selbst ein Feuilletonist für alle
Zeiten,
ein Künstler aber nie, ein Denker ebensowenig.
Augustinus
Nun könnte man
freilich einwerfen, es seien aus dem damaligen Völkerchaos sehr
bedeutende
Männer hervorgegangen, die in einem tiefer eindringenden Sinne als
Lucian auf die zukünftigen Geschlechter bis heute hinab gewirkt
haben.
Hierdurch wird die unwiderlegbare Erkenntnis von der Bedeutung der
Rasse
für das Menschengeschlecht durchaus nicht aufgehoben. Mitten in
einem
Chaos können einzelne Individuen noch ganz reiner Rasse sein,
oder,
wenn das nicht, doch vorwiegend einer bestimmten Rasse angehören.
Ein solcher Mann, wie Ambrosius z. B., ist ganz
305
gewiss aus echtem, edlem Stamme, aus
jener starken Rasse, die Roms Grösse gemacht hatte; zwar kann ich
es nicht beweisen, denn in jener chaotischen Zeit weiss die Geschichte
von keinem bedeutenden Manne genau anzugeben, woher er stammte; es kann
aber auch Niemand das Gegenteil beweisen, und so muss seine
Persönlichkeit
entscheiden. Ausserdem darf nicht übersehen werden, dass, wenn die
planlose Vermischung nicht ganz
361 Die
Erben. Das Völkerchaos.
wild vor sich geht, die Vorzüge
einer prädominierenden Rasse noch während Generationen
vorhalten,
wenn auch noch so geschwächt, und dass sie in einzelnen Individuen
atavistisch von Neuem aufflammen können. Dafür bietet die
Tierzüchterei
experimentelle Beweise in grosser Anzahl. Man nehme ein Stück
Papier
und zeichne sich einen Stammbaum; man wird sehen, dass, wenn man nur
vier
Generationen zurücksteigt, ein Individuum schon dreissig Voreltern
zählt, dreissig Menschen, deren Blut in seinen Adern fliesst.
Nimmt
man nun zwei Rassen, A und B, an, so wird eine solche Tafel deutlich
machen,
wie verschiedengradige Bastardierung bei einer Völkermischung
vorkommen
muss, von dem direkt aus A und B zusammengesetzten Vollbastard, bis zu
dem Individuum, bei welchem nur einer der sechzehn Urahnen ein Bastard
war u. s. w. Ausserdem entstehen gerade durch Kreuzung, wie es die
Erfahrung
täglich lehrt, häufig ungewöhnlich schöne und
begabte
Menschen; es kommt aber, wie ich gesagt habe, nicht allein auf das
Individuum
an, sondern auf dessen Verhältnis zu anderen Individuen, zu einem
einheitlichen Komplex; kommt dieser einzelne Bastard in eine bestimmte
Rassenumgebung hinein, so kann er sehr auffrischend auf sie wirken,
gerät
er in einen Menschen h a u f e n, so ist er,
wie
Lucian, ein Span unter Spänen, nicht ein Zweig an einem lebendigen
Baume. Auch die unermessliche M a c h t d e
r
I d e e n muss in Anschlag gebracht werden. Zwar werden sie
von unechten Erben missdeutet, misshandelt, missbraucht — wie wir das
beim
pseudorömischen Recht und bei der platonischen Philosophie sahen —
doch wirken sie gestaltend weiter. Was hielt denn diese
Völkeragglomeration
noch zusammen bis zur erlösenden Ankunft des starken Dietrich von
Bern, wenn nicht die Agonie des alten, echten Imperiumgedankens? Woraus
schöpften jene Menschen des Völkerchaos Gedanken und
Religion?
Aus sich selbst nicht, nur von Juden und Hellenen. Und so war denn
alles
Bindende, Leben-erhaltende der Erbschaft grosser Rassen entnommen. —
Man
nehme irgend einen der Grössten aus dem Völkerchaos, z. B.
den
ehrwürdigen, durch Temperament und
306
Gaben gleich ausgezeichneten
A u g u s t i n u s. Um ohne Vor-
362 Die
Erben. Das Völkerchaos.
eingenommenheit zu urteilen, wolle
man
vom eigenen reinreligiösen Standpunkt absehen, und dann frage man
sich, ob es in diesem so eminenten Kopfe nicht heillos chaotisch
zuging?
Jüdischer Jahveglaube, hellenische Mythologie, alexandrinischer
Neoplatonismus,
römische Hieratik, paulinische Theophanie, der Blick auf den
Gekreuzigten...
alles das ist in seiner Vorstellungswelt durcheinander geworfen. Manche
ungleich höherstehenden — weil eben reinen, rassenechten —
religiösen
Gedanken eines Origenes muss Augustinus des hebräischen
Materialismus
wegen verwerfen, zugleich führt aber gerade er die urarische
Vorstellung
der Notwendigkeit als Prädestination in die Theologie ein, wodurch
das Urdogma alles Judentums, die unbedingte Willkür des Willens,
in
die Brüche geht. ¹) Zwölf Jahre schreibt er an einem
Buche
gegen die heidnischen Götter, glaubt jedoch selber an ihre
Existenz
in einem so handgreiflichen, fetischistischen Sinne wie seit tausend
Jahren
vor ihm kein kultivierter Grieche; er hält sie nämlich
für
Dämonen und als solche für Geschöpfe Gottes, man
dürfe
nur nicht, meint er, sie für Schöpfer halten („immundos
spiritus
esse et perniciosa daemonia, vel certe creaturas non Creatorem, veritas
christiana convincit“). In seinem Hauptwerk De civitate Dei
streitet Augustinus Kapitel lang mit seinem Landsmann Apulejus
über
die Natur der Dämonen und sonstiger guter und schlechter Geister,
bestrebt, sie, wenn auch nicht zu leugnen, so doch zu einem
geringfügigen
einflusslosen
—————
¹)
Zwar ist Augustinus so vorsichtig wie nur möglich; so sagt er z.
B.
von dem Vorherwissen Gottes und dem dieser Annahme widersprechenden
freien
Willen des Menschen: „Wir umarmen beide Überzeugungen, wir
bekennen
uns zu beiden, treu und wahrhaftig; zu jener, damit wir
rechtgläubig
seien, zu dieser, damit wir tugendhaft leben“ (illud, ut bene
credamus;
hoc, ut bene vivamus); vergl. De
civitate Dei V. 10. Hiermit hängt dann jene weitere Frage
eng zusammen, ob Gott selber „frei“ sei oder unter dem Gesetze stehe;
der
Intellekt neigt bei Augustinus offenbar zu letzterer Annahme, sein
dogmatisches
Glaubensbekenntnis zu ersterer. Ist eine Handlung schlecht, weil Gott
sie
verboten hat, oder musste sie Gott verbieten, weil sie schlecht ist? In
seinem Contra mendacium, c. 15, spricht sich Augustinus
für
die zweite Alternative aus; in anderen Schriften für die erste.
363 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Element herabzudrücken und
somit
wüsten Aberglauben durch echte Religion zu ersetzen;
nichtsdestoweniger
neigt er allen Ernstes zu der Ansicht, Apulejus selber sei durch die
Salbe
der thessalischen Hexe in einen Esel verwandelt worden, was um so
komischer
wirkt, als Apulejus zwar Manches über Dämonen geschrieben,
niemals
aber daran gedacht hatte, diese Verwandlung für eine wahre
Begebenheit
auszugeben, als er seinen Roman:
307
Die Metamorphosen oder der Goldene
Esel verfasste. ¹) Auf diesen Gegenstand kann ich mich
natürlich
hier nicht näher einlassen, das würde mich viel zu weit
führen;
er verdiente ein ganzes Buch für sich; und doch wäre die
ausführliche
Kennzeichnung des geistigen Zustandes der Edlen unter diesen
Söhnen
des Chaos die rechte Ergänzung zu der Skizze des leichtsinnigen
Lucian.²)
Man würde sehen, dass überall das Gleichgewicht gestört
ist; hier, bei Lucian, redet der entfesselte Intellekt das grosse Wort
und der Mangel an moralischer Kraft richtet die schönsten
Anlägen
zu Grunde, dort, bei Augustinus, ringt der Charakter in einem
verzweifelten
Kampfe und ruht nicht eher, als bis er sein Denken zu Boden geworfen
und
in Fesseln geschlagen hat.
So sahen die Menschen
aus, durch welche uns Neueren das Erbe des Altertums übermacht
wurde.
„Wie Schiffbrüchige sind wir, die eine wilde Brandung ans Ufer
geworfen
hat“, ruft Ambrosius schmerzerfüllt aus. Durch die Hände
dieser
Schiffbrüchigen gingen Philosophie und Recht, die Begriffe
über
Staat, Freiheit, Menschenwürde; sie waren es, welche den
früher
nur im ignorantesten Abschaum der Bevölkerung lebenden Aberglauben
(Dämonenglauben, Hexenwesen u. s. w.) zu der Würde aner-
—————
¹)
Diese Erzählung scheint damals kursiert zu haben; denn auch Lucian
hat einen: Lucius oder der bezauberte Esel, der allerdings so
aussieht,
als wäre er aus Bruchstücken des Apulejischen übersetzt.
Augustinus meint von der Verwandlung „aut finxit, aut indicavit“,
neigt aber offenbar zu letzterer Annahme.
²)
Über die unvereinbaren Widersprüche im religiösen Denken
und Fühlen des Augustinus habe ich im 7.
Kapitel ausführlich gesprochen und somit die hier
gefühlte
Lücke einigermassen ausgefüllt.
364 Die
Erben. Das Völkerchaos.
kannter Dogmen erhoben; sie waren
es,
welche aus den disparatesten Elementen eine neue Religion
zusammenschmiedeten
und welche die Welt mit der römischen Kirche beschenkten, einer
Art
Wechselbalg des römischen Imperiumgedankens; zugleich waren sie
es,
die mit der Wut der Schwachen alles Schöne aus der Vergangenheit,
wo sie nur die Hand darauf legen konnten, jede Erinnerung an grosse
Geschlechter
zerstörten. Hass und Verachtung wurde gegen jede Errungenschaft
der
reinen Rassen gelehrt; ein Lucian verspottet die grossen Denker, ein
Augustinus
schmäht die Heiden aus Roms heroischer Zeit, ein Tertullian
schimpft
Homer „einen Lügner“. Sobald die orthodoxen Kaiser Constantius,
Theodosius
u. s. w. auf den Thron kommen (ohne Ausnahme Rassenbastarde, der grosse
Diocletian war der letzte Kaiser aus reinem Blute) ¹) wird mit der
systematischen Vernichtung aller Monumente des Altertums begonnen.
Zugleich
308
wird die bewusste L ü
g e zur angeblichen Beförderung der Wahrheit
eingeführt:
so bedeutende Kirchenväter wie Hieronymus und Chrysostomus
ermutigen
die „pia fraus“, den frommen Betrug; bald darauf kommt die
Begründung
von Macht und Recht des römischen Stuhles anstatt durch Mannesmut
und Sieg durch grossartig betriebene Dokumentenfälschung; ein so
ehrwürdiger
Historiker wie Eusebius hat die einer besseren Sache würdige
Naivetät,
einzugestehen, er modele Geschichte um, überall, wo dadurch der
„guten
Sache“ Vorschub geleistet werde. Fürwahr, dieses aus der
Rassenvermischung
und dem antinationalen Universalwahn hervorgegangene Chaos ist ein
grauenvoller
Anblick!
Asketischer
Wahn
Vielleicht hat man
noch nie — ich wenigstens wüsste nicht wo — darauf hingewiesen,
dass
die plötzlich über die damalige Welt hereingebrochene
Epidemie
der Asketik unmittelbar mit dem Ekel vor jener entsetzlichen Welt
zusammenhing;
Einige wollen darin einen unerhörten religiösen Aufschwung,
Andere
eine religiöse Krankheit erblicken; das heisst aber die Thatsachen
Allegorisch deuten, denn Religion und Askese hängen nicht not-
—————
¹)
Vergl. auch das S.
150 fg. Ausgeführte.
365 Die
Erben. Das Völkerchaos.
wendig zusammen. Nichts in dem
Beispiel
Christi konnte zur Askese anregen; den frühen echten Christen war
sie gänzlich unbekannt; noch 200 Jahre nach Christus schrieb
Tertullian:
„Wir Christen gleichen nicht den Brahmanen und Gymnosophisten Indiens,
wir leben nicht in Wäldern, noch verbannt aus der Gesellschaft der
Menschen: wir fühlen, dass wir Gott, dem Herrn und Schöpfer,
für Alles Dank schulden, und von keinem seiner Werke verbieten wir
den Genuss; nur mässigen wir uns, damit wir dieser Dinge nicht
mehr
als zuträglich geniessen oder einen schlechten Gebrauch davon
machen“
(Apologeticus, Kap. 42). Warum drang nun auf einmal
unchristliche
Askese in das Christentum ein? Ich meinesteils glaube, hier liegen
physische
Ursachen zu Grunde. Aus dem durch und durch bastardierten Ägypten
und Syrien war die Askese schon vor der Geburt Christi hervorgegangen;
überall dort, wo das Blut am gemischtesten war, hatte sie Fuss
gefasst.
Pachomius, der Gründer des ersten christlichen Klosters, der
Urheber
der ersten Mönchsregel, ist ein oberägptischer Serapisdiener,
der das, was er in den Genossenschaften der fastenden und sich
kasteienden
Serapisasketen gelernt hatte, ins Christliche übertrug.¹) Wer
in jener Welt des unnationalen Chaos noch einen Funken edler Regung
besass,
musste eben vor sich selber Widerwillen emp-
309
finden. Nirgends, wo gesunde
Verhältnisse
herrschten, ist die unbedingte Keuschheit gepredigt worden; im
Gegenteil,
die alten Völker — Arier, Semiten, Mongolen — durch einen
wunderbaren
Instinkt geleitet, stimmen in diesem einen Punkte überein, dass
sie
das Erzeugen von Kindern als eine der heiligsten Pflichten betrachten;
wer ohne Sohn starb, war ein Fluchbeladener. Freilich kannte das alte
Indien
Asketen; diese durften aber nicht eher in die Einsamkeit der
Wälder
scheiden, als bis des Sohnes Sohn geboren war; was hier als Idee und
Absicht
zu Grunde liegt, Ist also der syrisch-christlichen Asketik fast
diametral
entgegengesetzt. Heute verstehen wir das; denn wir sehen, dass nur eins
zur Veredelung des Menschen führt: die Zeugung reiner Rassen,
—————
¹)
Vergl. Otto Zöckler: Askese und Mönchtum, 1897, I.
193
fg.
366 Die
Erben. Das Völkerchaos.
die Begründung bestimmter
Nationen.
Söhne zu zeugen, die r e c h t e n S
ö
h n e, ist also unfraglich die heiligste Pflicht des
Individuums
der Gesellschaft gegenüber; was er auch sonst leisten mag, nichts
wird von so dauerndem, unauslöschbarem Einfluss sein wie der
Beitrag
zur zunehmenden Veredelung der Rasse. Von dem beschränkten,
falschen
Standpunkt Gobineau's aus ist es allerdings ziemlich gleichgültig,
denn wir können nur schneller oder langsamer zu Grunde gehen; noch
weniger Recht haben Diejenigen, welche ihm zu widersprechen scheinen,
dabei
aber die selbe hypothetische Annahme ursprünglich reiner Rassen
machen;
wer aber belehrt ist, wie edle Rasse in Wahrheit entsteht, weiss, dass
sie jeden Augenblick von Neuem entstehen kann; das hängt von uns
ab;
hier hat die Natur uns eine hohe Pflicht deutlich gewiesen. Jene
Männer
aus dem Chaos also, welche die Zeugung für eine Sünde und die
gänzliche Enthaltung von ihr für die höchste aller
Tugenden
hielten, sie begingen ein Verbrechen gegen das heiligste Gesetz der
Natur,
sie suchten durchzusetzen, dass alle guten, edlen Männer und
Frauen
ohne Nachkommenschaft blieben und nur die bösen sich vermehrten,
d.
h. sie thaten, was an ihnen lag, um die V e r s c h l e c h
t e r u n g des Menschengeschlechtes herbeizuführen.
Ein
Schopenhauer mag die Aussprüche gegen die Ehe aus den
Kirchenvätern
freudig zusammentragen und darin eine Bestätigung seines
Pessimismus
erblicken; für mich ist der Zusammenhang ein ganz anderer: dieser
plötzliche Abscheu gegen die natürlichsten Triebe des
Menschen,
ihre Umwandlung aus heiligster Pflicht in schmählichste
Sünde,
hat eine tiefere Begründung in jenen unerforschlichen Urquellen
unseres
Wesens, wo das Physische und das Metaphysische noch nicht auseinander
getreten
sind. Nach Kriegen und Pesten, sagt die Statistik, mehren sich die
Geburten
in anormaler Weise — die Natur hilft sich selber; in jenem
310
Chaos, welches aller Kultur mit ewigem
Niedergange drohte, mussten die Geburten möglichst hintangehalten
werden; mit Abscheu wandten sich die Edlen von jener Lasterwelt hinweg,
vergruben sich in die Wüsteneien, verbargen sich in die
Felsenhöhlen,
stellten sich hinauf auf hohe Säulen, kasteiten sich und
367 Die
Erben. Das Völkerchaos.
thaten Busse. Kinderlos schwanden
sie
dahin. ¹) Selbst wo die menschliche Gesellschaft in Auflösung
begriffen ist, sehen wir eben einen grossen Zusammenhang; was der
Einzelne
denkt und thut, lässt allemal eine zweifache Deutung zu: die
individuelle
und die Deutung in Bezug auf das Allgemeine.
Heiligkeit
reiner Rasse
Hier berühren wir nun eine tiefe
Erkenntnis; wir sind nahe daran, das gewichtigste Geheimnis aller
menschlichen
Geschichte zu erschliessen. Dass der Mensch nur im Zusammenhang mit dem
Menschen im wahren Sinne des Wortes überhaupt „Mensch“ wird, das
sieht
wohl Jeder ein. Manche haben auch das tiefe Wort Jean Paul's, das ich
einem
früheren Kapitel als Motto voranstellte, begriffen: „Nur durch den
Menschen tritt der Mensch in das T a g e s l i c h
t
des Lebens ein“; Wenige aber sind bisher zu der Erkenntnis
vorgedrungen,
dass dieses Menschwerden und dieses „ins Tageslicht des Lebens
eintreten“
dem Grade nach von bestimmten organischen Bedingungen abhängt,
Bedingungen,
die früher vom Instinkt unbewusst geachtet wurden, die es aber
jetzt
— wo durch die Vermehrung des Wissens und die Ausbildung des Denkens
die
instinktiven Regungen an Kraft verloren haben — an uns wäre,
bewusst
anzuerkennen und zu achten. Aus dieser Betrachtung des römischen
Völkerchaos
ersehen wir nämlich, dass R a s s e — und die die
Rassenbildung
ermöglichende Nation — nicht allein eine physisch-geistige,
sondern
auch eine moralische Bedeutung besitzt. Hier liegt etwas vor, was man
als
h e i l i g e s G e s e t z bezeichnen kann,
das
heilige Gesetz des Menschwerdens: ein „Gesetz“, da es in der ganzen
Natur
angetroffen wird, „heilig“, insofern es bei uns Menschen unserem freien
Willen anheimgegeben bleibt, ob wir uns veredeln oder
—————
¹)
Im vierten Jahrhundert zählte das römische Imperium
Hunderttausende
von Mönchen und Nonnen. Dass ein Abt 10 000 Mönche in einem
Kloster
vereinigte, war nicht selten, und im Jahre 373 zählte die eine
einzige
ägyptische Stadt Oxyrynchus 20 000 Nonnen und 10 000 Mönche!
Nun bedenke man die damaligen Gesamtbevölkerungszahlen, und man
wird
sehen, welchen grossen Einfluss diese asketische Epidemie auf das
Nichtvermehren
der Bastardengeschlechter haben musste. (Nähere Angaben siehe bei
Lecky: History of European Morals, 11th edition II, 105 fg.)
311 368
Die Erben. Das Völkerchaos.
entarten wollen. Dieses Gesetz lehrt
uns nun die p h y s i s c h e Beschaffenheit
als
die Grundlage jeder Veredelung erkennen. Was ist denn auch ein vom
Physischen
getrenntes Moralisches? Was wäre eine Seele ohne Leib? Ich weiss
es
nicht. Birgt unser Busen ein unsterbliches Teil, reichen wir Menschen
mit
unseren Gedanken bis an ein Transscendentes, welches wir, wie ein
Blinder,
mit sehnsuchtsvollen Händen betasten, ohne es je erschauen zu
können,
ist unser Herz der Kampfplatz zwischen dem Endlichen und dem
Unendlichen,
so muss auch die Beschaffenheit dieses Leibes — der Busen, das Hirn,
das
Herz — von unermesslicher Tragweite sein. „Wie auch immer der gewaltige
dunkle Hintergrund der Dinge in Wahrheit beschaffen sein mag, der
Zugang
zu ihm steht uns einzig in eben diesem unserem armen Leben offen, und
also
schliesst auch unser vergängliches Thun diese ernste, tiefe und
unentrinnbare
Bedeutung ein“, sagt Solon in dem schönen Dialog Heinrich's von
Stein. ¹)
„Einzig in diesem Leben!“ Womit leben wir aber, wenn nicht mit unserem
Leibe? Ja, hier brauchen wir gar nicht in irgend ein Jenseits, (welches
Manchem problematisch erscheinen wird) hinüberzuschauen, wie es
Stein's
Solon in der angeführten Stelle thut: der Zugang auch zu diesem
irdischen
Leben steht uns doch offenbar einzig und allein durch unsern Leib
offen,
und dieses Leben wird für uns arm oder reich, hässlich oder
schön,
schal oder kostbar sein, je nach der Beschaffenheit dieses unseres
einzigen
allumfassenden Lebensorganes. Nun habe ich aber oben an Beispielen aus
der methodischen Tierzüchtung, sowie an Beispielen aus der
menschlichen
Geschichte deutlich gemacht, wie R a s s e
entsteht
und progressiv veredelt wird, auch wie sie andrerseits vergeht; was ist
nun diese Rasse, wenn nicht ein Kollektivbegriff für eine Reihe
einzelner
Leiber? Es ist jedoch kein willkürlicher Begriff, kein
Gedankending,
sondern diese Individualitäten sind durch eine unsichtbare, dabei
aber durchaus reelle, auf materiellen Thatsachen beruhende Macht
miteinander
verkettet. Freilich besteht die Rasse aus Individuen; doch das
Individuum
selbst kann nur
—————
¹)
Helden
und Welt: dramatische Bilder (Chemnitz 1883).
369 Die
Erben. Das Völkerchaos.
innerhalb bestimmter Bedingungen,
welche
in das Wort „Rasse“ zusammengefasst werden, zu der vollen, edelsten
Entfaltung
seiner Anlagen gelangen. Zu Grunde liegt zwar ein einfaches Gesetz, das
jedoch nach zwei Seiten zugleich hindeutet. Die gesamte organische
Natur,
die vegetabilische sowohl wie die animalische, beweist, dass die Wahl
der
miteinander Zeugenden von ent-
312
scheidendstem Einfluss auf das
neugezeugte
Individuum ist; ausserdem beweist sie aber, dass d a
s
h i e r w a l t e n d e P r i n z i
p
e i n k o l l e k t i v e s und p r
o g r e s s i v e s ist, indem zuerst ein gemeinsamer
Grundstock
nach und nach gebildet werden muss, woraus dann, ebenfalls nach und
nach,
Individuen von durchschnittlich höherem Werte hervorgehen als es
ausserhalb
eines solchen Verbandes der Fall ist, und unter diesen wieder
zahlreiche
Individuen mit geradezu „überschwänglichen“ Eigenschaften
entstehen.
Das ist eine Thatsache der Natur, genau in dem selben Sinne wie irgend
eine andere, nur sind wir hier, wie bei allen Phänomenen des
Lebens,
weit entfernt, sie analysieren und ausdeuten zu können. Was man
nun
beim Menschengeschlecht nicht übersehen darf, ist der Umstand,
dass
hier das Schwergewicht auf das Moralische und Geistige fällt.
Darum
bedeutet für uns Menschen der Mangel an organischem
Rassenzusammenhang
vor allem moralische und geistige Zerfahrenheit. Wer nirgends herkommt,
geht auch nirgends hin. Das einzelne Leben ist zu kurz, um ein Ziel ins
Auge zu fassen und zu erreichen. Das Leben eines ganzen Volkes
wäre
ebenfalls zu kurz, wenn nicht Rasseneinheit ihm einen bestimmten,
beschränkten
Charakter aufprägte, wenn nicht die überschwänglichste
Blüte
vielseitiger und abweichender Begabungen doch durch Stammeseinheit
zusammengefasst
würde, was ein allmähliches Reifen, eine allmähliche
Ausbildung
nach bestimmten Richtungen gestattet, und wodurch das begabteste
Individuum
schliesslich doch einem überindividuellen Zwecke lebt.
Man könnte die
Rasse, wie sie in Zeit und Raum entsteht und besteht, mit dem
sogenannten
K r a f t f e l d eines Magneten vergleichen. Nähert
man
einen Magnet einem Haufen von Eisenfeilspänen, so nehmen diese
bestimmte
Richtungen an, so dass
370 Die
Erben. Das Völkerchaos.
eine Figur entsteht, mit einem
deutlich
markierten Mittelpunkt, von wo aus nach allen Richtungen Linien
ausstrahlen;
je näher man den Magneten rückt, um so fester und
mathematischer
erscheint die Zeichnung; nur wenige Spänchen haben sich in genau
die
gleiche Richtung gelagert, alle aber sind durch den Besitz des
gemeinsamen
Mittelpunktes und dadurch, dass die relative Lage jedes Individuums zu
allen anderen keine willkürliche, sondern eine gesetzmässige
ist, zu einer thatsächlichen und zugleich zu einer idealischen
Einheit
verknüpft. Das ist jetzt kein Haufen mehr, sondern eine Gestalt.
So
unterscheidet sich eine Menschenrasse, eine echte N a t i o
n von einem Menschenhaufen. Dem Näherrücken des
Magneten
gleicht der durch reine Zucht immer fester sich ausprägende
Rassencharakter.
Die einzelnen
313
Mitglieder der Nation mögen noch
so verschieden beanlagt sein, nach noch so verschiedenen Richtungen in
ihren Bethätigungen auseinanderstrahlen, zusammen bilden sie eine
gestaltete Einheit, und die Kraft — oder sagen wir lieber die Bedeutung
— jedes Einzelnen ist durch seinen organischen Zusammenhang mit
zahllosen
anderen vertausendfacht.
Wir sahen vorhin
den hochbegabten Lucian sein Leben schier vergeuden; wir sahen den
edlen
Augustinus zwischen den erhabensten Gedanken und dem krassesten,
dümmsten
Aberglauben ratlos hin- und herpendeln: solche, aus aller notwendigen
Angehörigkeit
losgerissene Menschen, solche arme Bastarde unter Bastarden befinden
sich
in einer fast ebenso naturwidrigen Lage, wie eine unselige Ameise, die
man zehn Meilen weit von ihre Neste trüge und dort hinsetzte.
Diese
wäre doch wenigstens nur durch äussere Verhältnisse
verunglückt,
jene aber sind durch ihre eigene innere Beschaffenheit aus jeder echten
Zusammengehörigkeit verbannt. Man lernt eben bei dieser
Betrachtung
einsehen, dass, was man auch über die causa finalis des
Daseins
denken mag, das menschliche Individuum jedenfalls nicht als
vereinzeltes
Individuum, nicht als beliebig austauschbarer Brettstein, sondern nur
als
Teil eines organischen Ganzen, eines besonderen Geschlechtes seine
höchste
Bestimmung erfüllen kann.¹)
—————
¹)
„Die Individuen und die Gesamtheit sind identisch“, hatten
371 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Die
Germanen
Kein Zweifel! das
rassen- und nationalitätlose Völkerchaos des
spätrömischen
Imperiums bedeutete einen unheilvollen, Verderbnis bringenden Zustand,
eine Versündigung gegen die Natur. Nur e i
n
Lichtstrahl glänzte über jene entartete Welt. Er kam aus dem
Norden. Ex septentrione Lux! Nimmt man eine Karte zur Hand, so
scheint
freilich auf den ersten Blick das Europa des 4. Jahrhunderts auch
nördlich
der Imperium-Grenzen ziemlich chaotisch; gar viele Völker stehen
da
nebeneinander und verschieben sich unaufhörlich: die Alemannen,
die
Marcomannen, die Sachsen, die Franken, die Burgunder, die Goten, die
Vandalen,
die Slaven, die Hunnen und noch manche andere. Chaotisch sind jedoch
dort
nur die p o l i t i s c h e n
Verhältnisse;
die Völker sind echte, reingezüchtete Rassen, Männer,
die
ihren Adel als einzige Habe dorthintragen, wohin das Schicksal sie
treibt.
In einem der nächsten Kapitel werde ich von ihnen zu reden haben.
Den weniger Belesenen möchte ich vorläufig nur warnen, dass
er
sich die Sache nicht etwa so vorstelle, als seien die „Bar-
314
baren“ plötzlich in das
hochcivilisierte
römische Reich „eingebrochen“. Diese in weiten Schichten der
oberflächlich
Gebildeten verbreitete Vorstellung entspricht den Thatsachen ebenso
wenig
wie die fernere, dass dann in Folge dieses Einbruches die „Nacht des
Mittelalters“
herabgesunken sei. Durch diese Geschichtslüge wird uns die
vernichtende
Wirkung jener nationlosen Zeit verhüllt, und aus dem Erretter, aus
dem Töter des nächtlichen Wurms ein Zerstörer gemacht.
Während
Jahrhunderte waren schon die Germanen ins römische Reich
eingedrungen,
und wenn auch manchmal mit feindlicher Gewalt, so doch im Ganzen als
das
einzige Prinzip des Lebens und der Kraft. Ihr allmähliches
Eindringen
in das Imperium, ihr allmähliches Aufsteigen zu einer
ausschlaggebenden
Macht hatte seitdem nach und nach stattgefunden, ebenso wie ihre
allmähliche
Civilisierung;¹) bereits im
—————
die indischen Denker
gelehrt
(siehe Garbe's Sâmkhya-Philosophie, S. 158).
¹)
Hermann ist ein römischer Kavalier, spricht fliessend lateinisch
und
hat römische Verwaltungskunst eingehend studiert. Ähnlich die
meisten anderen Germanenfürsten. Auch ihre Truppen
372 Die
Erben. Das Völkerchaos.
4. Jahrhundert zählte man
zahlreiche
Soldatenkolonien aus den verschiedensten germanischen Stämmen
(Batavier,
Franken, Suevier u. s. w.) im ganzen europäischen Bereich des
römischen
Imperiums;¹) in Spanien, in Gallien, in Italien, in Thracien, ja,
selbst oft in Kleinasien sind es der Hauptsache nach zuletzt Germanen,
die gegen Germanen die Schlachten schlagen. Germanen waren es, welche
immer
wieder die asiatische Gefahr vom östlichen Reiche heldenmütig
abwehrten; Germanen retteten vor hunnischer Verwüstung auf den
catalaunischen
Gefilden das westliche Reich. Schon früh im 3. Jahrhundert war ein
kühner gotischer Hirt zum Imperator ausgerufen worden. Man braucht
nur eine Karte vom Ausgang des 5. Jahrhunderts anzuschauen, um sofort
zu
erblicken, welche einzig segensvolle Kraft der Gestaltung hier
einzugreifen
begonnen hatte. Sehr auffallend ist ebenfalls der Unterschied, der sich
hier in hundert Dingen kundthut zwischen dem angeborenen Anstand, dem
Geschmack,
der Intuition rauher aber reiner, edler Rassen und der Seelenbarbarei
der
civilisierten Mestizen. Theodosius, seine Helfershelfer (die
christlichen
Fanatiker) und seine Nachfolger hatten ihr Möglichstes gethan, um
die Monumente der Kunst zu vernichten; dagegen war
315
die erste Sorge Theodorich's, des
Ostgoten,
umfassende Massregeln zum Schutz und zur Ausbesserung der
römischen
Denkmäler zu treffen. Dieser Mann konnte nicht schreiben, seine
Unterschrift
musste er durch eine Metallschablone durchzeichnen — das Schöne
aber,
an welchem die einzig mit ihrer „Bildung“, ihrer Jagd nach Ämtern
und Auszeichnungen, ihrer Goldgier beschäftigten Bastardseelen
achtlos
vorübergingen, das Schöne, welches den edleren Geistern des
Völkerchaos
als ein Werk des Teufels verhasst war, der Gote verstand sofort es zu
schätzen;
die Bildwerke Roms erregten dermassen seine Bewunderung, dass er einen
besonderen Beamten zu ihrem Schutze ernannte. Auch
—————
waren im ganzen
römischen
Imperium zu Hause und dadurch mit den Sitten sog. civilisierter
Menschen
bekannt, lange ehe sie mit Kind und Kegel in diese Länder einzogen.
¹)
Zusammenfassung bei Gobineau: Ungleichheit der menschlichen Rassen,
Buch VI, Kap. 4.
373 Die
Erben. Das Völkerchaos.
die religiöse Toleranz blitzte
vorübergehend überall dort auf, wo der noch unverdorbene
Germane
Herr wurde. Bald traten auch die grossen christlichen Bekehrer auf,
alles
Männer aus dem hohen Norden, Männer, die nicht durch „fromme
Lügen“, sondern durch die Reinheit ihrer Herzen überzeugten.
Lediglich der falsche
Begriff eines Mittelalters ist es, im Bunde mit der Unwissenheit in
Bezug
auf die Bedeutung von Rasse, der zu der bedauerlichen Vorstellung
führt:
der Eintritt der rauhen Germanen bedeute das Einbrechen einer tiefen
Nacht
über Europa. Es ist unbegreiflich, wie solche Hallucinationen so
lange
vorhalten können. Will man wissen, wohin die imperiale Afterkultur
noch hätte führen können, so schaue man sich um in der
Geschichte,
in der Litteratur und in der Wissenschaft des späteren Byzanz, an
denen unsere Historiker gerade heute mit einer Ausdauer arbeiten, einer
besseren Sache würdig. Es ist ein jämmerliches Schauspiel.
Dagegen
wirkt die Besitznahme des weströmischen Reiches durch die Barbaren
wie das Es werde Licht! der Bibel. Freilich musste ihr Wirken
zunächst
der p o l i t i s c h e n, nicht der
civilisatorischen
Gestaltung gelten, und das war ein schwieriges Werk, welches heute noch
nicht ganz beendet ist. War das aber ein Geringes? Wodurch hat denn
Europa
Physiognomie und Bedeutung, wodurch seine geistig-moralische
Präponderanz
erhalten, wenn nicht durch die Begründung und Ausbildung
von
N a t i o n e n? Gerade dieses Werk war die Erlösung
aus
dem Chaos. Wenn wir heute etwas sind, wenn wir hoffen dürfen,
vielleicht
noch etwas mehr zu werden, so verdanken wir es in erster Reihe jener
politischen
Umgestaltung, die im 5. Jahrhundert (nach langen Vorbereitungen)
begann,
und aus der im Laufe der Zeit neue grosse Volksrassen, herrliche neue
Sprachen,
eine neue, zu den kühnsten Hoffnungen berechtigende Kultur
entsprangen.
Dietrich von Bern,
316
der starke und weise, der ungelehrte
Freund von Kunst und Wissenschaft, der tolerante Vertreter der
Gewissensfreiheit
inmitten einer Welt, wo Christen wie Hyänen sich gegenseitig
zerfleischten,
ist uns wie ein erstes Pfand, dass es doch wieder einmal Tag werden
könne
auf dieser armen Erde. Und wenn in der
374 Die
Erben. Das Völkerchaos.
nun folgenden Zeit des wilden
Kampfes,
in jenem Fieber, durch welches allein die europäische Menschheit
genesen
und aus dem bösen Traum der entarteten, fluchbeladenen
Jahrhunderte
des scheinbar geordneten Chaos zu frischem, gesundem, stürmisch
pulsierendem,
nationalem Leben erwachen sollte, wenn da Gelehrsamkeit und Kunst,
sowie
auch das Flitterwerk angeblicher Civilisation unbeachtet, fast
vergessen
blieben, so bedeutet das, bei Gott, keine Nacht, sondern den Anbruch
des
Tages. Ich weiss nicht, woher die Herren vom Gänsekiel die
Berechtigung
nehmen, nur ihre eigenen Waffen zu ehren; unsere europäische Welt
ist zunächst und zuvörderst das Werk — nicht von Philosophen
und Bücherschreibern und Bildermalern — sondern sie ist das Werk
der
grossen germanischen Fürsten, das Werk der Krieger und
Staatsmänner.
Derjenige Entwickelungsgang, aus dem unsere heutigen Nationen
hervorgegangen
sind — und das ist doch offenbar der politische — ist der grundlegende,
entscheidende. Man übersehe jedoch nicht, dass wir auch alles
andere,
was zu besitzen wert war, diesen echten, edlen Menschen verdanken.
Jedes
jener Jahrhunderte, das 7., das 8., das 9., hat grosse Gelehrte; wer
sie
beschützt und ermutigt, sind die Fürsten. Man pflegt zu
sagen,
die Kirche sei die Retterin des Wissens, der Kultur gewesen: das ist
nur
in einem sehr bedingten Sinne wahr. Man muss — was ich im folgenden
Abschnitte
dieses ersten Teiles zeigen werde — lernen, die frühe christliche
Kirche nicht als einen einfachen, einheitlichen Organismus zu
betrachten,
selbst nicht innerhalb des westeuropäischen römischen
Verbandes;
die Zentralisierung und der blinde Gehorsam gegen Rom, die wir heute
erleben,
waren in früheren Jahrhunderten gänzlich unbekannt. Freilich
gehörte fast jede Gelehrsamkeit und Kunst der Kirche an; ihre
Klöster
und Schulen waren die Schutz- und Pflegestätten, wohin friedliche
Gedankenarbeit in jenen rauhen Zeiten sich flüchtete; doch
bedeutete
damals der Eintritt in die Kirche als Mönch oder Weltgeistlicher
kaum
mehr als die Aufnahme in einen privilegierten, besonderen Schutz
geniessenden
Stand, welche den so Bevorzugten keine nennenswerten Verpflichtungen
als
Gegenleistung auferlegte. Jeder gebildete Mensch,
375 Die
Erben. Das Völkerchaos.
jeder Lehrer und Student, jeder Arzt
und Rechtskundige gehörte
317
bis zum 13. Jahrhundert der Klerisei
an; es handelt sich aber hierbei um eine rein formelle Sache, die ihren
Grund lediglich in gewissen Rechtsverhältnissen findet; und gerade
aus diesem Stand heraus, das heisst aus der Mitte jener Männer,
welche
die Kirche genau kannten, ist alle Empörung gegen sie
hervorgegangen,
gerade die Universitäten wurden die Hochschulen der Befreiung der
Nationen. Die Fürsten haben die Kirche beschützt, wogegen die
gelehrten Kleriker sie befehdet haben. Deswegen hat aber auch die
Kirche
ununterbrochen g e g e n die grossen Geister,
die
sich, um in Ruhe zu arbeiten, in ihren Schutz begeben hatten, Krieg
geführt;
hätte es an ihr gelegen, so wären Wissen und Kultur nie
wieder
flügge geworden! Doch die selben Fürsten, welche die Kirche
beschützten,
beschützten die von ihr verfolgten Gelehrten. Schon im 9.
Jahrhundert
taucht im fernen Norden (aus den schon damals an bedeutenden
Männern
reichen Schulen Englands hervorgegangen) der grosse Scotus Erigena auf:
die Kirche that, was sie konnte, um dieses hellglänzende Licht
auszulöschen;
doch Karl der Kahle (der selbe, welcher angeblich dem römischen
Papste
grosse Schenkungen gemacht hatte) streckte seine fürstliche Hand
über
Scotus aus; als dieser Schutz nicht mehr hinreichte, lud ihn Alfred
nach
England ein, wo er die Schule von Oxford zu hoher Blüte trieb, bis
er im Auftrag der kirchlichen Zentralgewalt von Mönchen erdolcht
wurde.
Vom 9. bis zum 19. Jahrhundert — von der Ermordung des Scotus bis zum
Erlass
des Syllabus — blieb das Verhältnis unverändert. In letzter
Instanz
ist die geistige Wiedergeburt das Werk der Rasse im Gegensatz zur
rassenlosen
Universalkirche, das Werk germanischen Wissensdurstes und germanischen,
nationalen Freiheitsdranges. Aus dem Schosse der katholischen Religion
sind ununterbrochen grosse Männer hervorgegangen: Männer,
welche,
wie man anerkennen muss, der spezifisch katholische Gedanke mit seiner
umfassenden Grösse, seinem harmonischen Aufbau, seiner
symbolischen
Reichhaltigkeit und Schönheit getragen und grösser gemacht
hat,
als sie ohne ihn geworden wären; die römische Kirche aber,
rein
als solche, d. h. als organi-
376 Die
Erben. Das Völkerchaos.
sierte, weltliche Theokratie, hat
stets
als Tochter des verfallenen Imperiums, als letzte Vertreterin des
universalen,
antinationalen Prinzips gehandelt. Mehr als alle Mönche der Welt
hat
der eine Karl der Grosse für die Verbreitung von Unterricht und
Wissen
gethan. Er hatte eine vollständige Sammlung der Nationalpoesie der
Germanen anlegen lassen: die Kirche vernichtete sie. Ich nannte auch
vorhin
Alfred. Wo hat ein Kirchenfürst,
318
wo hat ein Scholastiker für die
Erweckung neuer Geisteskräfte, für die Klärung lebender
Idiome, für die damals doch einzig dringende Förderung
nationalen
Bewusstseins so viel gethan, wie dieser eine Fürst? Der
bedeutendste
neuere Historiker Englands hat die Persönlichkeit dieses grossen
Germanen
in das eine Wort zusammengefasst: „er war ein echter K
ü
n s t l e r.“ ¹) Von wem aus dem Völkerchaos
könnte
man das selbe sagen? In jenen angeblich dunklen Jahrhunderten sehen wir
ein um so regeres geistiges Leben, je weiter wir nach Norden gehen, d.
h. je mehr wir uns von dem Herd der verderblichen „Bildung“ entfernen,
und je ungemischter die Rassen sind, die uns entgegentreten. Die
grossartigste
Litteratur entfaltet sich — nebst menschenwürdiger Freiheit und
Ordnung
— vom 9. bis zum 13. Jahrhundert in der fernen Republik Island; ebenso
finden wir im abseits gelegenen England im 7., 8. und 9. Jahrhundert
eine
Blüte echter Volkspoesie, wie seither nur selten. ²) Die
leidenschaftliche
Liebe zur Musik, die hier zu Tage tritt, berührt uns, als
vernähmen
wir den Flügelschlag eines vom Himmel sich langsam herabsenkenden
Schutzengels, eines Engels, der künftige Zeiten verkündet;
hören
wir König Alfred in seinem auserwählten Sängerchor
selber
mitsingen, sehen wir ein Jahrhundert später den
wildleidenschaftlichen
Gelehrten und Staatsmann Dunstan niemals, weder auf dem Pferde noch im
Rate, die Harfe aus der Hand geben, dann gedenken wir dessen, dass auch
bei den Griechen H a r m o n i a die Tochter
des
Kriegsgottes Ares war. Krieg an Stelle scheinbarer Ordnung brachten
unsere
rauhen
—————
¹)
Green: History
of the English People, Buch I, Kap. 3.
²)
Oliver F. Emerson: History of the English Language, S. 54.
377 Die
Erben. Das Völkerchaos.
Väter, zugleich aber
Schöpferkraft
an Stelle öder Sterilität. Und in der That, in allen
bedeutenderen
Fürsten jener Zeit begegnen wir einer eigentümlich
ausgebildeten
Vorstellungskraft; sie sind eben Gestalter. Man hätte alles Recht,
was Karl der Grosse an der Grenze des 8. und 9. Jahrhunderts war und
that,
mit dem zu vergleichen, was Goethe an der Grenze des 18. und 19. war
und
that. Beide waren Ritter im Kampfe gegen die Mächte des Chaos,
beide
Gestalter; beide „bekannten sich zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkeln
ins Helle strebt“.
Nein und tausendmal
nein! Die Vernichtung jenes Undinges eines unnationalen Staates, jener
Form ohne Inhalt, jenes seelenlosen Menschenhaufens, jener Vereinigung
der nur durch gleiche Steuern und gleichen Aberglauben, nicht durch
gleiche
Herkunft
319
und gleichen Herzschlag
aneinandergeknüpften
Bastarde, jener Versündigung an dem Geschlechte der Menschen, die
wir in das Wort Völkerchaos zusammengefasst haben — sie bedeutete
nicht das Niedersinken der Nacht, sondern das Entreissen eines grossen
Erbes aus unwürdigen Händen, das Anbrechen eines neuen Tages.
Doch bis heute ist
es uns noch nicht gelungen, alle Gifte jenes Chaos aus unserem Blute zu
entfernen. Auf weiten Gebieten behielt schliesslich das Chaos doch die
Oberhand. Überall, wo der Germane nicht zahlreich genug auftrat,
um
physisch die übrigen Einwohner durch Assimilation zu
überwinden,
also namentlich im Süden, machte sich das chaotische Element immer
mehr geltend. Ein Blick auf unseren heutigen Zustand zeigt, wo Kraft
ist,
wo nicht, und wie dies von der Zusammensetzung der Rassen abhängt.
Ich weiss nicht, ob man schon bemerkt hat, wie eigentümlich genau
die heutige Grenze der römischen Universalkirche mit der
früher
bezeichneten durchschnittlichen Grenze des römischen Imperiums
zusammenfällt,
also mit der Grenze der chaotischen Bastardierung? So ist z. B. der
Oude
Rijn heute nur noch ein schmaler Kanal; trotzdem bildet dieses
frühere
Flussbett noch immer die Religionsgrenze zwischen Katholiken und
Protestanten.
Der östliche Teil fällt freilich weg, weil hier (in Serbien,
Bosnien u. s. w.) die slavischen Einwanderer des 8. Jahr-
378 Die
Erben. Das Völkerchaos.
hunderts und die Bulgaren alles
Fremde
niedermachten; in wenigen Gegenden des heutigen Europa ist die Rasse so
ungemischt, und r e i n e Slaven haben niemals
die römische Kirche angenommen. Auch an anderen Stellen giebt es
hier
und da ein Hinüber- und ein Herübergreifen über die
frühere
Grenzlinie, doch nur um ein Weniges, was überdies leicht durch
politische
Verhältnisse zu erklären wäre. Im Ganzen ist die
Übereinstimmung
auffallend genug, um zu ernsten Gedanken anzuregen: Hispanien, Italien,
Gallien, die Rheingegenden, die Länder südlich von der Donau!
Noch ist es erst Morgen und immer wieder strecken die Mächte der
Finsternis
ihre Polypenarme aus, saugen sich an hundert Orten an uns fest und
suchen
uns in das Dunkel, aus dem wir hinausstrebten, zurückzuziehen. Ein
Urteil über diese scheinbar höchst verwickelten, in Wahrheit
durchsichtigen Verhältnisse erlangen wir weniger durch
ausführliches
chronistisches Detailwissen, als durch die klare Erkenntnis der in
diesem
Kapitel vorgetragenen geschichtlichen Grundthatsachen.
Letzte
Änderung
am / Last update 12. Juni 2004.